Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil

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Rudolf Steiner

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rudolf steiner ges amt ausg abe 

vortrAge 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Band I Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos 
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls 
16 Vortrage, Dornach 9. April bis 16. Mai 1920. Bibl.-Nr. 201 

Band II Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen 
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der gottlichen 
Sophia 

16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920. 

Bibl-Nr. 202 

Band III Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung 
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten 
und der Sternenwelt 

18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, 1. Januar bis 1. April 1921. 

Bibl.-Nr. 203 

Band IV Perspektiven der Menschheitsentwickelung 

17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 1921. Bibl.-Nr. 204 

Band V Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Erster Teil: Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit 
in seinem Verhaltnis zur Welt 

13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921. 

Bibl.-Nr. 205 

Band VI Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Zweiter Teil: Der Mensch als geistiges Wesen im historischen 
Werdegang 

11 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 1921. Bibl.-Nr. 206 

Band VII Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil: 

Wesensziige des Menschen im irdischen und kosmischen 
Bereich 

11 Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921. Bibl.-Nr. 207 

Band VIII Anthroposophie als Kosmosophie — Zweiter Teil: 

Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer 
Wirkungen 

11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921. Bibl.-Nr. 208 

Band IX Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse 
Das Fest der Erscheinung Christi 

11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezember 
1921. Bibl.-Nr. 209 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Siebenter Band 



RUDOLF STEINER 

Anthroposophie als Kosmosophie 

Erster Teil 

Wesensziige des Menschen im irdischen 
und kosmischen Bereich 

Elf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 23. September bis 16. Oktober 1921 



1990 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Hendrik Knobel und Johann Waeger 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1972 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1981 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 



Einzelausgaben siehe Seite 187. 



Bibliographie-Nr. 207 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 187) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schiiler AG, Biel 

ISBN 3-7274-2070-7 



Zu den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver- 
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl- 
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder 
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte ursprunglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht 
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un- 
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit die- 
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestim- 
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und 
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf 
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften 
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom- 
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen 
sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch 
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- 
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 23. September 1921 

Dstliche und westliche Kultur in geistiger Beleuchtung — Liebe und 
Furcht - Welterkenntnis und Selbsterkenntnis - Ober die westlichen 
Mysterien (Irland) — Bulwer-Lytton und sein Roman «2anoni» - 
Das Innere des Menschen als Spiegelungsapparat - Der Zerstorungs- 
herd im Menschen als Vorbedingung des selbstandig denkenden 
Menschen - Das Entstehen der Furcht in der westlichen Kultur - 
Das Geheimnis des Bosen - Ostliche und westliche Gegensatzlich- 
keit des Blutes - Die Washmgtoner Konferenz - Ausspruch des 
General Smuts 

Zweiter Vortrag, 24. September 1921 

Erfullung des inneren Zerstorungsherdes mit moralischen Idealen - 
Das Jupiterdasein der Erde - Das gewohnliche Bewufksein als die 
Welt des Vatergottes - Adolf Harnack als Vertreter des Vatergottes - 
Die Unterscheidung von Vatergott und Sohnesgott bei Wladimir 
Solowjow - Das innere Wort - Untergehende und auf gehende Welt - 
Regenbogen und Inkarnat — Das Christentum als Auferstehungs- 
religion - Die Welt des Mondes und der Sonne als die Welt des 
Vaters und des Sohnes - Das Christwerden des Menschen 

Dritter Vortrag, 30. September 1921 

Grundlinien einer okkulten Psychologie an Hand der imaginativen 
Erkenntnis - Einschlafen und Aufwachen in der hoheren Erkennt- 
nis - Die Welt der objektiv flutenden Gedanken und der subjektiven 
Gedanken - Gefuhle als untergetauchte Traume - Der Wille als 
Schlafenserlebnis, unabhangig vom Leibe - Denken, Fuhlen und 
Wollen in den Zwischenraumen von physischem Leib, Atherleib, 
Astralleib und Ich - Vergangenes und werdendes Karma 

Vierter Vortrag, 1. Oktober 1921 

Das Traumbewufitsein des tierischen Seelenlebens - Pf lanzenbewufit- 
sein im Sommer und Winter — Mineralisches Bewufitsein als Bewufit- 
sein unserer Handlungen - Das Verhaltnis des Menschen zu den Hier- 
archien in Imagination, Inspiration und Intuition - Metamorphosen 
der Gedanken- und Willenswelt im Leben nach dem Tode - Der 
Mensch zwischen den Reichen der hoheren Hierarchien und den 
Naturreichen 



Funfter Vortrag, 2. Oktober 1921 

Die Gedankenwelt im Bereiche der Smnesorganisation - Das Gefiihl 
als subjektive Entitat - Die Gemiitsstimmung Goethes im Jahre 
1790 - Die Begegnung von Vergangenheit und Zukunft in der Ge- 
miitsstimmung - Der Wille als Kampffeld der moralischen Ideale 
mit den Instinkten und Trieben des Menschen - Die Vorbereitung 
der Zukunft aus dem Wesen des Willens - Das Gewissen — Kosmische 
Kalte und irdische Warme in der Konstituierung des Menschen 

Sechster Vortrag, 7. Oktober 1921 

Anthroposophie als Kosmosophie - Der Geist des Menschen und 
das Leben nach dem Tode - Tingierung des mineralischen Bewufk- 
seins durch moralisches Empfinden — Die Beziehung des Menschen 
zum Engel und Erzengel. Volkstum. - Auftreten des pflanzlichen 
Bewufitseins in der Mitternachtsstunde des Daseins - Abstieg durch 
das tierische Bewufitsein im Bereiche der Archai — Der Tierkreis — 
Der Mensch als erlebte Umwelt - Eintritt in die Planetensphare - 
Die Durchseelung der tierischen Organisation — Die Bedeutung der 
seelisch-geistigen Umwelt - Selbsterkenntnis und Welterkenntnis 

Siebenter Vortrag, 8. Oktober 1921 . . 

Der Mensch im Leben nach dem Tode - Mineralisches Bewufksein 
und pflanzliches Bewufitsein - Charakterisierung Goethes gegeniiber 
Shakespeare - Das tierische Bewufitsein — Das Verhaltms des Men- 
schen zu den Gruppenseelen der Tiere und die Organbildung - Vor- 
bereitung des Atherleibes in der Planetenwelt — Der irdische Keim als 
Chaos - Astralische Erdenfrucht und atherisch-kosmische Frucht - 
Das Hereinwirken des Karma - Das Ein- und Ausatmen des Kos- 
mos im Menschen 

Achter Vortrag, 9. Oktober 1921 

Die Vergangenheit hoherer Wesenheiten und der Geist des Men- 
schen - Das Pflanzen-Mineralreich und das Tier-Pflanzenreich als 
Naturreiche der Zukunft - Das Menschen-Tierreich - Das Seelen- 
Menschenreich - Die Offenbarung des Inneren des Menschen im 
aufieren Physischen auf dem Jupiterplaneten - Friedrich Nietzsche 
und der Obermensch - Die Leibesglieder des Menschen als Keim 
kunftiger Welten - Weltenvergangenheit und Erdenzukunft 

Neunter Vortrag, 14. Oktober 1921 

Geisteswissenschaftliche Darstellung des heutigen intellektuellen 
Menschen - Die Geisteswissenschaf t als Spenderin von Lebenskraft — 
Zitierung und Charakterisierung eines modernen Menschen der 
Gegenwart (Gottfried Benn ohne Namensnennung) und die Not- 
wendigkeit der Geisteswissenschaf t fiir ihn 



Zehnter Vortrag, 15. Oktober 1921 155 

Dumpfes ichhaftes Willensleben und wache Gedankenschatten- 
bilder - Die Erweckung des dumpfen Ich durch den Sinnesschein - 
Die Verbindung mit den Verstorbenen durch konkrete Vorstellun- 
gen, nicht durch abstrakte Gedanken - Umkehrung des Sinneserleb- 
nisses im Leben nach dem Tode - Der Philosoph Feuerbach und 
seine Lehre - Richard Wagner - Die Totalitat der Sinneswahr- 
nehmungen: Warme, Licht, chemische Wirkungen, Leben - Die 
Widerlegung der Relativitat der Grofie - Das Problem der geistigen 
Schwere - Das Verlieren des eigenen Wesens im Intellektualismus 
und seine Wiedergewinnung im Handeln aus dem reinen Denken 

Elfter Vortrag, 16. Oktober 1 921 171 

Das Anschauen des Mysteriums von Golgatha im Zeitalter der Frei- 
heit - Der Sinnenschein als Vorbedingung zur Freiheit - Die heutige 
Unfreiheit des Menschen im Leben nach dem Tode - Ihre Ober- 
windung durch das Erleben der Freiheit im Erdenleben - Das mo- 
derne Weltbild ohne Anfang und Ende - Das fruhere Weltbild 
zwischen Kosmogonie und Jungstem Gericht - Die Rottecksche 
Weltgeschichte - Die Sinnlosigkeit der modernen Geschichte — Hin- 
weis auf Arthur Schopenhauer - Das Mysterium von Golgatha als 
sinngebende Mitte im geschichtlichen Geschehen - Die Geistes- 
wissenschaft und die Evangelien - Christus als Geistsonnenwesen - 
Overbeck und die moderne Theologie - Unterschied zwischen alterer 
Theosophie und Anthroposophie 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 1 87 

Hinweise zum Text 188 

Namenregister 191 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 193 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 195 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 23. September 1921 



Ich werde am Sonntag in dem Vortrage, den ich dann zu halten habe, 
Ihnen hier an dieser Stelle eine Obersicht geben iiber das, was sich 
durch den Stuttgarter Kongrefi und sonst auf dem Gebiete der an- 
throposophischen Bewegung innerhalb Deutschlands in den letzten 
Wochen zugetragen hat. Heute wollen wir einiges durchsprechen, was 
sich an mancherlei anschliefit, was wir hier schon betrachtet haben, 
und wodurch wir den Zusammenhang herstellen konnen zwischen den 
folgenden Tagen und demjenigen, was wir hier behandelt haben, be- 
vor ich nach Deutschland abgereist bin. 

Wenn ein orientalischer Weiser alter Zeit - wir mufiten, um das- 
jenige zu betrachten, was ich hier sagen will, allerdings in sehr alte 
Zeiten der orientalischen Kultur zuriickgehen -, wenn ein solcher 
orientalischer Weiser, der eingeweiht war in die Mysterien des alten 
Morgenlandes, seinen Blick wenden wiirde auf die heutige abendlan- 
dische, die westliche Zivilisation iiberhaupt, so wiirde er, diese Zivili- 
sation beurteilend, vielleicht zu den Angehorigen dieser westlichen 
Zivilisation sagen: Ihr lebt eigentlich ganz von der Furcht. Eure ganze 
Seelenverfassung ist von der Furcht beherrscht. Alles, was ihr tut, aber 
auch alles, was ihr empfindet, ist durchtrankt in den wichtigsten Augen- 
blicken des Lebens und in seinen Auswirkungen durch die Furcht, und 
da die Furcht aufierordentlich verwandt ist mit dem Hafi, so spielt 
der Hafi eine grofie Rolle in eurer ganzen Zivilisation. 

Verstehen wir uns recht, meine lieben Freunde. Ich meine, so wiirde, 
wenn er heute wiederum mit demselben Bildungsgrad, mit derselben 
Seelenverfassung unter den westlichen Menschen stehen wiirde, ein 
Weiser der alten orientalischen Kulturwelt sprechen, und er wiirde be- 
merklich machen, wenn er auf diese Dinge zu reden kame, dafi aller- 
dings in seinen Zeiten und auf seinem Territorium aus ganz anderen 
Untergriinden heraus die Zivilisation begrundet worden ist. Er wiirde 
wahrscheinlich sagen: Zu meinen Zeiten spielte die Furcht im Zivili- 
sationsleben eigentlich keine Rolle. Zu meiner Zeit - wenn es sich 



darum handelte, eine Weltanschauung herauszutragen in die Welt und 
daraus Tat und soziales Leben zu machen - spielte die Hauptsache die 
Lust, die sich steigern konnte zur volligen Hingabe an die Welt, die 
sich steigern konnte zur Liebe. 

Das wiirde er so empfinden, und dadurch wiirde er von seinem 
Standpunkte aus hinweisen, wenn er richtig verstanden wiirde, auf 
allerwichtigste Ingredienzien, auf allerwichtigste Impulse in dem heuti- 
gen Zivilisationsleben. Und verstiinden wir es, ihn in richtiger Weise 
zu horen, dann wiirde uns dadurch vieles gegeben sein, was wir eigent- 
lich brauchen, um den Punkt zu finden, von dem ausgegangen wer- 
den mufi in der Erfassung des Lebens der Gegenwart. 

Im Grunde ist es doch so, dafi driiben in Asien, wenn auch starke 
europaische Einflusse in das religiose, in das asthetische, in das wis- 
senschaftliche, in das soziale Leben aufgenommen worden sind, der 
Nachklang herrscht der alten Zivilisation. Diese alte Zivilisation ist 
ja in Dekadenz, im Niedergange, und wenn der alte orientalische 
Weise sagt: Die Liebe war die Grundkraft der alten orientalischen Zi- 
vilisation so mufi allerdings gesagt werden: Davon ist ja in der Ge- 
genwart unmittelbar wenig zu bemerken. Aber wer zu sehen vermag, 
sieht selbst in den Niedergangserscheinungen der asiatischen Kultur 
durchaus diesen Einschlag eines ursprunglichen Elementes der Lust, 
der Freude, der Liebe an der Welt und zur Welt. 

Es gab im Oriente wenig von dem in alten Zeiten, was dann von 
den Menschen gefordert worden ist, seit ihnen erklungen ist das Wort, 
das am radikalsten zum Vorschein kam durch den griechischen Spruch: 
«Erkenne dich selbst!» Dieses «Erkenne dich selbst!», es trat eigent- 
lich erst in der Zeit, als die altere griechische Kulturentwickelung da 
war, in das menschliche geschichtliche Leben ein. Die umfassende, 
lichtvolle altorientalische Weltanschauung, sie war noch nicht durch- 
drungen von einer solchen Art von Menschenerkenntnis; sie war iiber- 
haupt nicht eigentlich darauf gerichtet, den Blick nach dem Inneren 
des Menschen zu wenden. Der Mensch ist ja in dieser Beziehung ab- 
hangig von den Verhaltnissen, die in seiner Umwelt herrschen. Die 
altorientalische Kultur wurde einfach begriindet unter einer anderen 
Wirkung des Sonnenlichtes auf die Erde, unter einer anderen Einwir- 



kung der irdischen Verhaltnisse selbst als die spatere westliche Kultur. 
Der innere Blick des Menschen wurde im alten Oriente, man mochte 
sagen, gefangengenommen von dem, was den Menschen als Welt um- 
gab, und er hatte besondere Veranlassung, sich mit seinem ganzen Inne- 
ren hinzugeben an die Welt. Welterkenntnis war es, was in der alten 
orientalischen Weisheit und in der Auff assung der Welt durch diese alt- 
orientalische Weisheit bliihte. Und auch in dem, was im alten Oriente 
in den Mysterien selbst lebte - Sie konnen das entnehmen aus alledem, 
was seit vielen Jahren nach dieser Richtung zu Ihnen gesprochen wor- 
den ist -, war nicht enthalten eine eigentliche Befolgung der Forderung 
«Erkenne dich selbst! ». Richte den Blick in die Welt, versuche, an dich 
herankommen zu lassen, was in den Tiefen der Welterscheinungen ver- 
borgen ist! - das wiirde man viel eher als eine Forderung der altorienta- 
lischen Kultur aufstellen konnen. Aber genotigt wurden die Mysterien- 
lehrer und Mysterienschuler, den Blick nach dem Inneren des Men- 
schen zu lenken, als die asiatische Zivilisation sich mehr nach dem 
Westen hin ausbreitete. Schon als die Mysterienkolonien in Agypten 
durch Nordafrika hindurch begriindet wurden, aber namentlich als 
dann die Mysterien mehr nach dem Westen hin - eine besondere Statte 
war ja das alte Irland - in Mysterienkolonien sich entfalteten, da trat 
an die Mysterienlehrer und die Mysterienschuler, die von Asien her- 
uberkamen, einfach durch die geographischen Verhaltnisse des Westens 
und damit durch die ganz andere elementarische Ausgestaltung der 
westlichen Welt die Notwendigkeit heran nach der Selbsterkenntnis des 
Menschen, nach einer wirklichen Innenschau. Und durch das, was sich 
diese Mysterienschuler in Asien schon erobert hatten an aufierer Welt- 
erkenntnis, an Erkenntnis der geistigen Tatsachen und Wesenheiten, 
die der aufieren Welt zugrunde liegen, einfach dadurch konnten sie 
nunmehr tief eindringen in dasjenige, was eigentlich im Inneren des 
Menschen vorhanden ist. 

Man hatte das in Asien driiben gar nicht beobachten konnen. Es 
wiirde gewissermafien der nach innen gerichtete Blick gelahmt wor- 
den sein. Aber mit dem, was man durch den nach aufien gerichteten 
Blick, der in die geistige Welt hineindrang, mitbrachte nach den west- 
lichen Mysterienkolonien, konnte man nun hineinschauen in das 



menschliche Innere. Und eigentlich nur die starksten Seelen konnten 
wirklich, man mochte sagen, zunachst aushalten, was da im mensch- 
lichen Inneren zu erblicken war. Menschliche innere Wesenheit kam 
eigentlich zunachst zum Bewufitsein der Menschheit in diesen vom 
Oriente ausgehenden und in westlichen Gebieten begriindeten Myste- 
rienkolonien. Man merkt eigentlich, was diese Selbsterkenntnis des 
Menschen fur einen Eindruck machte auf diese orientalischen Myste- 
rienlehrer und Mysterienschiiler, wenn man ein Wort wiederholt, das 
immer wieder von den Lehrern, die schon diesen Blick nach dem Inne- 
ren des Menschen gehabt hatten, an die Schiller gerichtet worden ist und 
durch das ihnen klargemacht werden sollte, in welcher Art von Seelen- 
verfassung menschliche Selbsterkenntnis eigentlich aufzufassen ist. 

Das Wort, das ich meine, wird viel zitiert. Es wurde aber nur mit 
seinem vollen Gewichte in den alteren Mysterienkolonien Agyptens, 
Nordaf rikas, Irlands ausgesprochen zur Vorbereitung fiir den Schiiler, 
zur Beachtung fiir den Eingeweihten iiberhaupt gegeniiber den inner- 
menschlichen Erlebnissen. Das Wort, das da ausgesprochen wurde, das 
ist: Keiner, der nicht eingeweiht ist in die heiligen Mysterien, sollte die 
Geheimnisse des Menscheninneren erfahren, denn vor einem Uneinge- 
weihten diese Geheimnisse auszusprechen, ist unstatthaft; es macht sich 
dann der Mund siindhaft, der diese Geheimnisse ausspricht, und es 
wird siindhaft das Ohr, das diese Geheimnisse hort! 

Oftmals ist dieses Wort ausgesprochen worden aus innerem Erleben 
heraus, aus dem, was eben ein durch orientalische Weisheit vorbereite- 
ter Mensch erfahren konnte, wenn er durch die irdischen Verhaltnisse 
des Westens zur Menschenerkenntnis vordrang. Der Tradition nach 
hat sich dieses Wort erhalten, und heute wird es - allerdings in seinem 
innersten Wesen unverstanden - in den Geheimorden und Geheimge- 
sellschaften des Westens, die aber nach aufien hin eigentlich einen gro- 
fien Einf lufi haben, immer wiederholt. Aber es wird eben aus der Tra- 
dition heraus wiederholt. Es wird nicht mit dem notigen Gewichte aus- 
gesprochen, denn man weifi eigentlich nicht, was man damit sagen soil. 
Aber auch jetzt ist es durchaus so, dafi in den Geheimorden des Westens, 
von denen ich oftmals gerade an dieser Statte gesprochen habe, dieses 
Wort wie eine Devise gebraucht wird: Es gibt Geheimnisse iiber das 



menschliche Innere, die diirfen nur innerhalb der Geheimgesellschaf- 
ten dem Menschen mitgeteilt werden, denn es ist sonst eben siindhaft 
der Mund, der sie ausspricht, siindhaft das Ohr, das sie hort. 

Man mufi ja sagen : So, wie sich die Zeiten entwickelt haben, so lernen 
manche Menschen — nicht der mitteleuropaischen, aber der westlichen 
Lander - in ihren Geheimgesellschaften mancherlei, was als Tradition 
sich aus alien Weisheitsforschungen erhalten hat. Es wird unverstan- 
den aufgenommen, obwohl es eigentlich vielfach als ein Impuls ins 
Handeln hineindringt. Es war ja durchaus so, dafi in den neueren Jahr- 
hunderten, eigentlich schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, die 
^Constitution des Menschen eine solche wurde, die wiederum unmoglich 
machte, diese Dinge in ihrer urspriinglichen Gestalt zu sehen. Man 
konnte sie nur intellektuell aufnehmen. Man konnte Begriffe davon 
bekommen, aber man konnte nicht zu dem eigentlichen Erleben vor- 
dringen. Nur Ahnungen haben einzelne Menschen gehabt. Durch 
Ahnungen allerdings sind dann manche Menschen in jene Regionen des 
Erlebens eingedrungen, um die es sich da handelt. Und solche Men- 
schen haben manchmal sonderbare aufiere Lebensformen angenommen, 
wie zum Beispiel Lord Bulwer y der den «Zanoni» geschrieben hat. So 
wie er in seinen spateren Lebensjahren geworden ist, das ist ja nur zu 
begreifen, wenn man weifi, wie er zunachst die Tradition der mensch- 
lichen Selbsterkenntnis aufgenommen hat, wie er aber durchaus durch 
seine besondere individuelle Konstitution fahig war, schon in gewisse 
Mysterien einzudringen. Dadurch aber entfernte er sich von der Na- 
turgemafiheit des Lebens. Gerade an ihm kann man sehen, wie der 
Mensch dem Leben gegeniiber sich dann verhalt, wenn er im Inneren 
eben diese andersgeartete geistige Welt nicht blofi in Begriffen auf- 
nimmt, sondern in die ganze Seelenverfassung, eben in das innere Er- 
leben. Man mufi dann manches anders beurteilen, als es nach dem Mafi- 
stabe der gewohnlichen Philisterei geschehen kann. Es ist ja natiirlich 
etwas Ungeheuerliches, wenn Bulwer herumgezogen ist so, dafi er mit 
einer gewissen Emphase seine inneren Erlebnisse ausgesprochen hat, 
dann aber bei sich hatte eine jiingere weibliche Gestalt, die ein harfen- 
artiges Instrument spielte, und immer dieses Spiel des harfenartigen 
Instrumentes zwischen den einzelnen Passagen seiner Rede brauchte. 



Er erschien da oder dort in den Gesellschaf ten, in denen es ja sonst for- 
mell ganz philisterhaft herging; er erschien aber niemals allein. Da er- 
schien er in seiner etwas absonderlichen Tracht, setzte sich, und vor 
seinen Knien safi dann gewissermafien sein Harfenmadchen, und wenn 
er sprach, dann sprach er einige Satze, dann wiederum spielte das Mad- 
chen, dann setzte er fort, dann spielte das Madchen wieder. So stellte 
er etwas in einem hoheren Sinne Kokettes - so mufi man es zunachst 
aussprechen - in die gewdhnliche Welt des menschlichen Philisteriums 
hinein, jenes Philisteriums, in das die Menschheit ja immer mehr hin- 
einwuchs, besonders seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. 

Es weifi die Menschheit von dem Grade der Philistrositat, in den 
sie hineingewachsen ist, nicht viel, und immer weniger weifl sie davon, 
weil diese ein Naturgem'afies wird. Man sieht nur das als verniinftig 
an, wie man sich nun eben jetzt «benimmt». Aber die Dinge im Leben 
hangen zusammen, und die moderne Trockenheit und Schlafrigkeit, 
die moderne Art, von Mensch zu Mensch sich zu verhalten, gehort als 
Folge zu der intellektualistischen Entwickelung der letzten Jahrhun- 
derte. Beide Dinge gehoren zusammen. Solch ein Mensch wie Bulwer 
pafit da natiirlich an sich nicht hinein. Man kann es sich ja durchaus 
als ein Mogliches vorstellen, dafi die alteren Menschen in der Welt 
herumgehen und von den jiingeren mit einer angenehmen Musik be- 
gleitet werden. Man mufi nur den Abstand der einen Seelenverfassung 
von der anderen im richtigen Lichte sehen, dann wird einem so etwas 
doch audi im richtigen Lichte erscheinen konnen. Aber es war bei 
Bulwer so, weil in ihm etwas auf leuchtete, was so unmittelbar nicht da 
sein konnte in der modernen intellektualistischen Zeit, sondern nur als 
Tradition. 

Aber kennenlernen mufi man wiederum, was Menschenerkenntnis 
war. in den Mysterienkolonien, auf die ich hingewiesen habe. Der ge- 
wohnliche Mensch der heutigen Zeit sieht um sich herum die Welt 
durch die aufieren physischen Sinneseindriicke. Er kombiniert das, was 
er sieht, mit seinem Verstande. Und er sieht dann auch in sein Inneres 
hinein. Im Grunde genommen ist das die Welt, die der Mensch iiber- 
schaut, und aus der heraus er auch handelt. Die Sinneseindriicke, die 
er von aufien empfangt, das, was er aus diesen Sinneseindriicken als 



Vorstellungen entwickelt, das, was dann von diesen Vorstellungen nach 
dera Inneren hinein durch Gefiihlsimpulse, Willensimpulse umgewan- 
delt wird und was dann wiederum als Erinnerungen des Lebens zurtick- 
strahlt in das Bewufksein, das ist der Inhalt der Seelenverfassung, der 
Inhalt des Lebens, in dem der Mensch in der Gegenwart webt, aus dem 
heraus er handelt. Der Mensch der Gegenwart fragt eigentlich hoch- 
stens mit falscher Mystik: Was ist da eigentlich in dem Inneren drin- 
nen? Was ergibt sich der Selbsterkenntnis? - Indem er eine solche Frage 
aufwirft, will er sich die Antwort geben aus seinem gewohnlichen Be- 
wufksein heraus. Aber aus diesem gewohnlichen BewuiStsein kommt 
nichts anderes, als was eigentlich aus den aufieren Sinneseindriicken 
entstanden und durch Gefuhl und Wille umgewandelt ist. Die Ref lexe, 
die Spiegelbilder des aufieren Lebens findet man, wenn man auf die 
Weise des gewohnlichen Bewufitseins nach dem Inneren hineinschaut. 
Und wenn auch die aufieren Eindriicke durch Gefuhl und Wille um- 
gewandelt sind - der Mensch weifi ja nicht, wie Gefuhl und Wille ei- 
gentlich wirken, und so sieht er sehr haufig das, was er da in seinem 
Inneren sieht, weil es umgewandelt ist, nicht an als das Spiegelbild der 
aufieren Welt, sondern als eine besondere Verkiindigung einer gott- 
lichen Welt, einer ewigen Welt und dergleichen. Das ist es aber nicht. 
Es ist das, was dem gewohnlichen Bewufitsein fur den heutigen Men- 
schen als Selbsterkenntnis erscheint, nur die umgewandelte Aufienwelt, 
die aus seinem eigenen Inneren in sein Bewufitsein hinein sich spiegelt. 
Wiirde der Mensch in sein Inneres wirklich hineinschauen wollen, dann 
miifke er - ich habe das Bild schon ofter hier gebraucht — das, was der 
innere Spiegel ist, zerbrechen. 

Unser Inneres ist ja wirklich wie ein Spiegel. Wir schauen die Aufien- 
welt an. Hier sind die aufieren Sinneseindriicke. Daran kniipfen wir, 
Vorstellungen. Dann werden diese Vorstellungen von dem Inneren ge- 
spiegelt. Wir kommen, indem wir nach dem Inneren hineinschauen, 
nur zu diesem Spiegel im Inneren (siehe Zeichnung Seite 20, rot). Wir Tafel 1* 
sehen das, was in dem Erinnerungsspiegel zuriickgeworfen wird (rote 
Pfeile). Wir konnen mit diesem gewohnlichen Bewufitsein geradeso- 
wenig in das Innere des Menschen hineinschauen, wie man, ohne ihn zu 
zerbrechen, hinter den Spiegel schauen kann. 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 187. 



19 



Tafel 1 




Das aber war gerade bewirkt worden durch die Vorbereitung im 
alten orientalischen Weisheitswesen, dafi diese Lehrer und Schiiler der 
nach dem Westen hin getragenen Mysterienkolonien scharf hinter die 
Erinnerungen in das Innere des Menschen hineinschauen konnten. Und 
aus dem heraus, was sie da erblickten, sprachen sie diese Worte, die 
darauf hindeuteten, dafi sie eigentlich begreiflich machen wollten, wie 
man, insbesondere in jenen alten Zeiten, gut vorbereitet sein mufite, 
wenn man den Blick in dieses Innere des Menschen richten wollte. 

Was sieht man denn da im Inneren des Menschen? Da sieht man, 
wie da allerdings von der Kraft des Wahrnehmens und Denkens, die 
sich entwickelt vor dem Erinnerungsspiegel, etwas hineindringt bis 
unter den Erinnerungsspiegel. Die Gedanken dringen unter diesen Er- 
innerungsspiegel hinunter und wirken in dem menschlichen Atherleib, 
in demjenigen Teil des menschlichen Atherleibes, der dem Wachstum, 
der aber auch der Entstehung der Willenskrafte zugrunde liegt. Indem 
wir hinausblicken in den sonnendurchhellten Raum, indem wir iiber- 
blicken alles das, was uns aus den Sinneseindriicken kommt, strahlt 
etwas in unser Inneres, das ja allerdings auf der einen Seite zu den 
Erinnerungsvorstellungen wird, das aber doch durchsickert durch den 



Erinnerungsspiegel; was uns ebenso durchdringt, wie uns durchdringen, 
sagen wir, die Vorgange der Ernahrung, des "Wachstums und so weiter. 
Die Gedankenkrafte durchdringen ja zunachst den Atherleib, und die- 
ser von den Gedankenkraften durchdrungene Atherleib, der wirkt in 
einer ganz besonderen Weise nun auf den physischen Leib. Da entsteht 
im physischen Leib eine vollstandige Umwandelung des materiellen 
Daseins, das im physischen Leib des Menschen ist. In der Aufienwelt 
wird Materie nirgends vollstandig zerstort. Daher sprechen die neuere 
Philosophic und Naturwissenschaft fur die Auftenwelt von der Er- 
haltung der Materie. Aber dieses Gesetz der Erhaltung der Materie gilt 
nur fiir die Aufienwelt. Im Inneren des Menschen wird Materie voll- 
standig zuriickverwandelt in das Nichts. Vollstandig wird die Materie 
da in ihrem Wesen zerstort. Unsere Menschennatur beruht gerade dar- 
auf, dafi wir in der Lage sind, tiefer als die Erinnerung in ihr gespie- 
gelt wird, die Materie in das Chaos zuriickzuwerfen, die Materie voll- 
standig zu zerstoren. 

Das war es, worauf der Mysterienschuler gewiesen wurde, der vom 
Oriente in die Mysterienkolonien namentlich Irlands und des Westens 
uberhaupt gefiihrt worden ist: In deinem Inneren, unter dem Erinne- 
rungsvermogen, da tragst du als Mensch etwas in dir, was auf Zersto- 
rung ausgeht, und hattest du das nicht in dir, so hattest du dein Den- 
ken nicht entwickeln konnen, denn du mufit dein Denken dadurch ent- 
wickeln, dafi die Denkkrafte den Atherleib durchdringen. Aber ein 
Atherleib, der von den Gedankenkraften durchdrungen wird, wirkt 
auf den physischen Leib so, dafi er dessen Materie in das Chaos zu- 
riickwirft, zerstort. 

Wenn der Mensch daher mit derselben Gesinnung, mit der er bis zur 
Erinnerung vordringt, sich einlaik auf dieses menschliche Innere, dann 
tritt er ein in die Region, wo das Menschenwesen zerstoren will, wo das 
Menschenwesen ausloschen will, was da ist. Wir alle tragen unter un- 
serem Erinnerungsspiegel, gerade zum Behufe der Entwickelung des 
menschlichen gedankenvollen Ich, die Zerstorungswut, die Auflo- 
sungswut der Materie gegemiber. Es gibt keine menschliche Selbster- 
kenntnis, die nicht auf dieses innere menschliche Faktum in aller In- 
tensitat hinweist. 



Daher mufi derjenige, welcher hingewiesen werden soli auf diesen 
im Inneren des Menschen befindlichen Zerstorungsherd, Interesse ha- 
ben an der Entwickelung des Geistes. Er mufi sich mit aller Intensitat 
sagen konnen: Der Geist mufi bestehen, und um des Bestandes des Gei- 
stes willen darf das Materielle ausgeloscht werden. - Erst nachdem 
zur Menschheit jahrelang wiederum von den Interessen gesprochen 
wird, die mit dem geisteswissenschaftlichen Forschen zusammenhan- 
gen, kann aufmerksam gemacht werden auf das, was sich eigentlich im 
Inneren des Menschen befindet. Aber es mufi auch heute darauf auf- 
merksam gemacht werden, denn ohne das wiirde sich der Mensch im- 
mer fur etwas anderes halten, als er gerade innerhalb der westlichen 
Zivilisation ist. Der Mensch ist innerhalb der westlichen Zivilisation 
die Umhullung eines Zerstorungsherdes, und eigentlich konnen die 
Niedergangskrafte in die Aufgangskrafte nur ubergefiihrt werden, 
wenn der Mensch sich bewufit wird, dafi er die Umhullung eines Zer- 
storungsherdes ist. 

"Was wiirde geschehen, wenn der Mensch durch Geisteswissenschaft 
nicht auf dieses Bewufitsein hingefuhrt wiirde? Nun, wir sehen bereits 
in der Entwickelung der heutigen Zeit, was geschehen wiirde. Das, 
was gewissermafien isoliert, abgesondert im Menschen ist und nur im 
Menschen wirken sollte, diese einzige Stelle haben sollte, wo Materie 
in ihr Chaos zuriickgeworfen wird, das dringt heraus, das dringt in 
die aufieren menschlichen Instinkte. Das wird uberhaupt westliche und 
Erdenzivilisation werden. Das zeigt sich in alledem, was an zersto- 
rungswiitigen Kraften heute zum Beispiel im Osten Europas und so 
weiter auftritt. Das ist die aus dem Inneren in das Aufiere hineinge- 
worfene Zerstorungswut, und der Mensch kann sich in der Zukunft 
gegeniiber dem, was da eigentlich in seinen Instinkt iibergeht, nur zu- 
rechtfinden durch etwas, was in ihm sein mufi, wenn wiederum wirk- 
liche Menschenerkenntnis eintritt, wenn wir wiederum aufmerksam 
gemacht werden auf diesen menschlichen Zerstorungsherd im Inneren, 
der aber da sein mufi um der Entwickelung des menschlichen Denkens 
willen. Denn jene Starke des Denkens, die der Mensch haben mufi, da- 
mit der Mensch seine der heutigen Zeit angemessene Weltanschauung 
haben kann, diese Starke des Denkens, die da vor dem Erinnerungs- 



spiegel sein mufi, die bewirkt die Fortsetzung des Denkens in den 
Atherleib hinein, und dieser vom Denken durchdrungene Atherleib, 
der wirkt eben in dieser Weise zerstorend auf den physischen Leib. Es 
ist einmal in dem modernen Menschen des Westens dieser Zerstorungs- 
herd. Die Erkenntnis macht nur darauf aufmerksam. Und viel schlim- 
mer ist es, wenn der Herd da ist, ohne daft der Mensch mit seinem Be- 
wufitsein darauf hinweisen kann, als wenn der Mensch mit vollem 
Bewufttsein von diesem Zerstorungsherd Kenntnis nimmt und sich von 
diesem Gesichtspunkte aus in die moderne Zivilisationsentwickelung 
hineinbegibt. 

Was die Schiiler, die von diesen Geheimnissen zuerst gehort haben 
in diesen Mysterienkolonien, von denen ich gesprochen habe, zuerst 
befallen hat, war Furcht. Die haben sie griindlich kennengelernt. 
Griindlich kennengelernt haben sie die Empf indung, daft in das mensch- 
liche Innere hineinzuschauen - nicht unehrlich im Sinne einer nebu- 
losen Mystik, sondern ehrlich hineinzuschauen -Furcht einfldften mufi, 
furchterregend ist. Und diese Furcht, sie wurde bei den alten Mysterien- 
schiilern des Westens nur dadurch vertrieben, daft man diese Schiiler 
auf das ganze Gewicht der Tatsachen hingewiesen hat. Dann haben 
sie das, was da als Furcht entstehen muft, durch das Bewufttsein iiber- 
wunden. 

Als dann die intellektualistische Zeit heraufkam, da wurde diese 
Furcht unbewufit, und als solche unbewuftte Furcht wirkt sie weiter. 
In alien moglichen Maskierungen wirkt sie im aufteren Leben. Es war 
aber einfach angemessen der modernen Zeit, in das menschliche Innere 
hineinzuschauen. «Erkenne dich selbst!», wurde eine richtige Forde- 
rung. Die Mysterienschiiler wurden geradezu durch das Heraufrufen 
der Furcht, auf das dann die Uberwindung dieser Furcht folgen konnte, 
in der richtigen Weise auf die Selbsterkenntnis gewiesen. Die intellek- 
tualistische Zeit triibte den Blick fiir das, was im menschlichen Inneren 
ist; aber sie konnte nicht die Furcht fortschaffen. Und so kam es, daft 
der Mensch selbst bis zu dem Grade unter dem Eindrucke dieser un- 
bewufiten Furcht stand und steht, daft er sagte und sagt: Es gibt iiber- 
haupt nichts im Menschen, was hinausliegt iiber Geburt und Tod. - 
Er fiirchtet sich, tiefer hinunterzuschauen als in dieses Erinnerungs- 



leben, in dieses gewohnliche Gedankenleben, das ja seine Gesetzmafiig- 
keit nur zwischen Geburt und Tod hat. Er fiirchtet sich, hinunterzu- 
blicken in das eigentliche Ewige der Menschenseele, und aus dieser 
Furcht heraus begrundet er die Lehre: Es gibt iiberhaupt nichts als 
dieses Leben zwischen Geburt und Tod. - Der moderne Materialismus 
ist aus der Furcht entstanden, ohne dafi er im geringsten eine Ahnung 
davon hat. Ein Furcht- und Angstprodukt selbst ist diese moderne ma- 
terialistische Weltanschauung. 

So lebt diese Furcht in den aufieren Handlungen der Menschen, in 
der sozialen Gestaltung, im geschichtHchen Werden seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts, so lebt sie insbesondere im 19. Jahrhundert in der 
materialistischen Weltanschauung. Warum wurden die Leute Materia- 
listen, das heifit, wollten nur gelten lassen das Auftere, im materiellen 
Dasein Gegebene? Weil sie sich furchteten, in die Untergriinde des 
Menschen hinunterzusteigen. 

Das hatte aus seiner Erkenntnis heraus der alte orientalische Weise 
ausdrucken wollen, indem er gesagt hatte: Ihr Abendlander der Ge- 
genwart lebt ja ganz aus der Furcht heraus. Ihr begrundet eure sozialen 
Ordnungen aus der Furcht heraus, ihr treibt eure Kiinste aus der 
Furcht heraus. Ihr habt eure materialistische Weltanschauung aus der 
Furcht heraus geboren. Ihr und die Nachfolger derjenigen, wenn sie 
auch in die Dekadenz gekommen sind, die einstmals zu meiner Zeit die 
altorientalische Weltanschauung begrundet haben, ihr und diese Men- 
schen Asiens, ihr werdet euch niemals verstehen konnen, denn bei den 
Asiaten ist doch schliefilich alles aus der Liebe entsprungen; bei euch 
entsteht alles aus der Furcht, die mit dem Hafi verwandt ist. 

Gewifi, solches klingt radikal, aber ich versuche es eben dadurch 
vorzubringen, dafi ich es gerade einem altorientalischen Weisen in den 
Mund lege. Man wird vielleicht glauben, dafi er so sprechen konnte, 
wenn er wieder aufstehen wiirde, wahrend man vielleicht den Men- 
schen der Gegenwart fur narrisch ansehen wiirde, wenn er so radikal 
diese Dinge hinstellen wiirde. Aber lernen kann man doch gerade aus 
der radikalen Charakterisierung dieser Dinge, was wir heute fur den 
gesunden Fortgang der Zivilisation eben lernen miissen. Die Mensch- 
heit wird wieder wissen miissen, dafi das, was gerade die hochste Er- 



rungenschaft der neueren Zeit bildet, das verstandesmafiige Denken, 
gar nicht da sein konnte, wenn nicht das Vorstellungsleben im Inneren 
aus einem Zerstorungsherd aufstiege, den man erkennen mufi, damit 
man ihn im Inneren halt, damit er nicht in die aufieren Instinkte iiber- 
geht und zu sozialen Impulsen werde. 

Man kann da schon tief in die Zusammenhange des Lebens der neue- 
ren Zeit hineinsehen, wenn man diese Dinge iiberschaut. Die Welt also, 
die sich als ein solcher Zerstorungsherd ankiindigt, sie liegt im Inneren 
jenseits des Erinnerungsspiegels. Aber das Leben des gegenwartigen 
Menschen verlauft zwischen demjenigen, was dieser Erinnerungsspie- 
gel gibt, und dem aufieren Sinneswahrnehmen. Und ebensowenig wie 
der Mensch hinunterblicken kann in sein eigenes Inneres bis jenseits 
des Erinnerungsspiegels, ebensowenig kann er das durchstoflen, was 
sich da aufien ausbreitet als Sinneswahrnehmungen. Er dichtet eine ma- 
terielle atomistische Welt hinzu, die eben eine phantastische Welt ist, 
weil er nicht durchstofien kann durch diese Sinnesvorstellungen. 

Aber der Mensch ist nicht fremd dieser Welt jenseits der aufieren 
Sinnesvorstellungen. Er dringt jede Nacht zwischen dem Einschlafen 
und Aufwachen in diese Welt hinein. Wenn Sie schlafen, sind Sie in 
dieser Welt drinnen. Was Sie da erleben, das ist jenseits der Sinnesvor- 
stellungen, nicht die von den Phantasten der Naturwissenschaft auf- 
gestellte atomistische Welt. Aber was da jenseits der Sinnessphare ist, 
das erlebte wiederum gerade der altorientalische Weise in seinen Myste- 
rien. Das aber kann man nur erleben, wenn man Hingabe hat an die 
Welt, wenn man den Drang und den Trieb hat, sich ganz hinzugeben 
an die Welt. Da mufi Liebe in der Erkenntnis walten, wenn man hinter 
die Sinneseindrucke kommen will. 

Diese Liebe in der Erkenntnis hatte insbesondere die alte orienta- 
lische Zivilisation. Und warum mull man diese Hingabe haben? Man 
mufi diese Hingabe haben, weil, wenn man mit dem gewohnlichen 
menschlichen Ich hineinkommen wollte in die Welt jenseits der Sinne, 
man Schaden nehmen wiirde. Man mufi sein Ich, wie man es gewdhn- 
lich hat, auf geben, wenn man in diese Welt jenseits der Sinne eindringen 
will. Dieses Ich, wodurch entsteht es? Dadurch, dafi das Menschenwesen 
in ein Chaos der Zerstorung eintauchen kann, bildet sich dieses Ich. 



Dieses Ich mufi gestahlt und erhartet werden in derjenigen Welt, die 
im Inneren des Menschen als die Welt eines Zerstorungsherdes ist. Mit 
diesem Ich kann man nicht jenseits der Sphare der aufieren Sinneswek 
leben. 

Stellen wir uns schematisch den Zerstorungsherd im Inneren des 
Menschen vor (siehe Zeichnung, rot). Er ist iiber den ganzen mensch- 
lichen Organismus ausgebreitet. Was ich da schildere, ist intensiv, nicht 
extensiv auf zufassen, aber ich werde es schematisch zeichnen. Da ist 



« 



Tafel 2 




der Zerstorungsherd, da ist die menschliche Hiille. Wenn das, was im 
Inneren ist, iiber die ganze Welt verbreitet wiirde, was wiirde in der 
Welt leben durch den Menschen? Das Bose! Das Bose ist nichts anderes, 
als das nach aufien geworfene, im Inneren des Menschen notwendige 
Chaos. Und in diesem Chaos, in dem, was im Menschen sein mufi, aber 
auch in ihm bleiben mufi als ein Herd des Bosen, in dem mufi das 
menschliche Ich, die menschliche Egoitat erhartet werden. Diese 
menschliche Egoitat kann nicht jenseits der menschlichen Sinnessphare 
in der Aufienwelt leben. Daher verschwindet das Ich-Bewulksein im 
Schlafe, und wenn es auftritt in den Traumen, so erscheint es sich of t- 
mals fremd oder geschwacht. Das Ich, das da in dem Herd des Bosen 



im Inneren eigentlich erhartet wird, das kann da nicht hinein jenseits 
der Sphare der Sinneserscheinungen. Daher die Anschauung des alt- 
orientalischen Weisen, dafi man nur durch Hingabe, durch Liebe, durch 
Aufgabe des Ich da eindringen kann, und dafi, wenn man ganz ein- 
dringt, man nicht lebt in einer Welt des Vana, des Webens in dem Ge- 
wohnten, sondern in der Welt, wo dieses gewohnte Dasein verweht ist, 
Nirvana ist. Auf diese Auffassung des Nirvana, des hochstgesteigerten 
Hingebens des Ich, wie es im Schlafe vorhanden ist, wie es in vollbe- 
wufiter Erkenntnis vorhanden war f iir die Schiiler der altorientalischen 
Zivilisation, wiirde anspielen solch ein altorientalischer Weiser, wie ich 
ihn sprechend hypothetisch vor Ihre Seele hingestellt habe. Und er 
wiirde eben sagen: Bei euch ist alles, weil ihr die Egoitat ausbilden 
mufitet, auf die Furcht gegriindet. Bei uns, weil wir die Egoitat unter- 
driicken mulken, war alles auf Liebe gegriindet. Bei euch spricht das 
Ich, das sich geltend machen will. Bei uns sprach das Nirvana, indem 
das Ich sich in die ganze Welt liebend ausgofi. 

Fafit man diese Dinge in Begriffe, so sind sie da in einer gewissen 
Weise konserviert, aber sie leben in der Welt der Menschheit als Emp- 
findungen, als Gefiihle fluktuierend, und sie durchdringen das mensch- 
liche Dasein. Und in solchen Gefiihlen und Empfindungen machen sie 
das aus, was auf der einen Seite heute im Oriente, was auf der anderen 
Seite im Okzident lebt. Im Okzident haben die Menschen ein Blut, ha- 
ben die Menschen einen Lymphsaft, der durchtrankt ist von der Egoi- 
tat, die erhartet ist in dem inneren Herde des Bosen. Im Orient haben 
die Menschen ein Blut, eine Lymphe, in denen die Nachklange leben des 
Nirvanasehnens . 

In ihrem Bewufitsein gehen die Menschen des Orients und des Okzi- 
dents im groben heutigen Vorstellen iiber diese Dinge hinweg, denn 
das Vorstellen des Intellekts hat etwas Grobes. Das Vorstellen des In- 
tellekts drangt darnach, irgendwie dem lebendigen Organismus Blut 
abzuzapfen, es zum Praparat zu machen, das dann unter die Lupe zu 
nehmen und dann anzuschauen, da sich Vorstellungen zu machen. Die 
Vorstellungen, die man dadurch bekommt, sie sind schon fur das ge- 
wohnliche Erleben unendlich grob. Das ist es, was man da auf diese 
Weise iiberhaupt sagen kann. Glauben Sie, dafi das die f einnuancierten 



Unterschiede zwischen den Menschen trifft, die, sich benachbart, hier 
nebeneinander sitzen? Das Mikroskop gibt naturlich nur grobe Begrif f e 
von Blut, von Lymphe. Feinnuancierte Unterschiede sind schon vor- 
handen unter den Menschen, die aus denselben Milieuverhaltnissen 
heraus entstanden sind. Aber diese Nuancierungen sind naturlich in in- 
tensivster Weise vorhanden zwischen den Menschen des Orients und 
des Okzidents, was heute der Verstand ja nur ganz grob vorstellen 
kann. 

So lebt es in den Leibern der Menschen Asiens, Europas und Ame- 
rikas und wie sie sich zueinander verhalten, so lebt es im aufieren so- 
zialen Leben sich aus. Mit jenem groben Verstande, der in den letzten 
Jahrhunderten dazu dienlich war, die auftere Natur zu erkennen, wer- 
den wir die Anforderungen des neueren sozialen Lebens nicht bezwin- 
gen konnen, werden wir insbesondere nicht den Ausgleich finden kon- 
nen zwischen dem Orient und dem Okzident. Aber der mufi gefunden 
werden. 

Im Spatherbst gehen die Menschen zur "Washingtoner Konferenz, 
und da soil uber dasjenige verhandelt werden, was, ich mochte sagen, 
aus einer instinktiven Genialitat heraus der General Smuts, der Siid- 
afrikaminister Englands, gesagt hat: Es ist einmal die Entwickelung 
der neueren Menschhek dadurch charakterisiert, dafi der Ausgangs- 
punkt der Kulturinteressen, der bisher in der Nordsee und im Atlan- 
tischen Ozean war, ubertragen wird nach dem Stillen Ozean. Aus der 
Kultur der um die Nordsee herum liegenden Gebiete, die sich allmah- 
lich im Westen ausgedehnt hat, wird eine Weltkultur. Der Schwer- 
punkt dieser Weltkultur wird aus der Nordsee nach dem Stillen Ozean 
fortgetragen. 

Vor dieser Veranderung steht die Menschhek. Aber die Menschen 
reden heute noch so, dafi dieses Reden aus den alten groben Begrif fen 
heraus erfolgt und kein Wesenhaf tes getroffen wird, das aber getroffen 
werden mufi, wenn wir wirklich vorwartskommen wollen. Die Zeichen 
der Zeit stehen bedrohlich und bedeutsam vor uns und sagen uns: Bis- 
her brauchte man nur ein eingeschranktes Vertrauen zwischen Men- 
schen, die sich eigentlich alle voreinander im geheimen furchteten. 
Diese Furcht maskierte sich nur in allerlei andere Gefiihle. Aber nun- 



mehr brauchen wir eine Seelenverfassung, die eine Weltkultur wird 
umspannen konnen. Wir brauchen ein Vertrauen, das die Gegensatze 
zwischen Orient und Okzident ausgleichen kann. Da eroffnen sich be- 
deutsame Perspektiven; die brauchen wir. Die Menschen glauben heute 
nur iiber wirtschaftliche Fragen verhandeln zu diirfen, iiber die Stel- 
lung, die Japan im Stillen Ozean haben wird, iiber die Art und Weise, 
wie man China wird gestalten miissen, damit ein offenes Tor fur alle 
ubrigen kommerziellen, Handel treibenden Volker der Erde geschaf- 
fen werde und so weiter. 

Meine lieben Freunde, diese Fragen werden auf keiner Konferenz 
der Erde entschieden, bevor den Menschen nicht bewufit wird, daft 
zum Wirtschaf ten Vertrauen von einem Menschen zum anderen gehort. 
Und dieses Vertrauen, es wird in der Zukunft nur auf geistige Art er- 
rungen werden konnen. Die aufiere Kultur wird die geistige Vertie- 
fung brauchen. Ich wollte heute auf das, was in dieser Richtung hier 
oftmals geltend gemacht worden ist, wiederum von einer anderen Seite 
hindeuten. Wir werden morgen in diesem Sinne dann weiter sprechen. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 24. September 1921 



Ich habe gestern davon gesprochen, daft wir im Inneren des Menschen 
eine Art Herd der Zerstorung finden. Wenn wir im gewohnlichen Be- 
wufitsein verharren, so kommen wir ja eigentlich innerhalb dieses Be- 
wufitseins, sagte ich, nur dahin, von den Eindriicken der Welt die Er- 
innerungen zu bewahren. Wir machen an der Welt unsere Erfahrungen, 
haben an ihr unsere Erlebnisse durch die Sinne, durch den Verstand, 
durch die Wirkungen auf unser Seelenleben iiberhaupt. Spater konnen 
wir aus unserer Erinnerung die Nachbilder desjenigen, was wir erlebt 
haben, wiederum hervorholen. Wir tragen als unser Innenleben in uns 
die Nachbilder der Sinneserlebnisse. Und es ist schon so, wie wenn ein 
Spiegel in uns ware, der nur anders wirkt als ein gewohnlicher raum- 
licher Spiegel. Ein gewohnlicher raumlicher Spiegel strahlt zuriick, 
was vor ihm ist. Jener lebendige Spiegel, den wir in uns tragen, strahlt 
anders zuriick. Die Sinneseindriicke, die wir aufnehmen, die strahlt er 
im Laufe der Zeit, veranlafit durch dies oder jenes, wiederum in unser 
Bewufitsein zuriick und wir haben die Erinnerungen an unsere Erleb- 
nisse. Wenn wir einen raumlichen Spiegel zerschlagen, so sehen wir hin- 
ter den Spiegel. Wir sehen dann ein Gebiet, das wir eben gerade nicht 
sehen, wenn der Spiegel intakt ist. Wenn wir in der entsprechenden 
Weise innerlich uben, dann kommen wir, wie ich ofter erwahnt habe, 
zu etwas wie zu einem Zerbrechen des inneren Spiegels. Die Erinne- 
rungen konnen gewissermafien fiir kurze Zeit - das mufi alles in unserer 
Willkiir stehen — aufhoren, und wir sehen tiefer in unser Inneres hinein. 
Und dann eben, wenn wir tiefer in unser Inneres hineinsehen, wenn wir 
hinter den Erinnerungsspiegel sehen, dann erblicken wir das, was ich 
gestern charakterisierte als eine Art Zerstorungsherd. 

Ein solcher Zerstorungsherd mufi ja in uns sein, denn nur in einem 
solchen kann eigentlich das Ich des Menschen sich verfestigen. Da ist 
eigentlich auch der Herd zur Befestigung, zur Erhartung des Ich. Ich 
sagte gestern: Wenn diese Ich-Erhartung, diese Egoitat nach aufien ins 



soziale Leben getragen wird, so entsteht eben gerade dadurch das Bose, 
das Bose im sozialen Leben, im Wirken des Menschen. 

Sie sehen daraus, wie kompliziert eigentlich das Leben, in das der 
Mensch hineingestellt ist, eingerichtet ist. Was im Inneren des Men- 
schen seine gute Aufgabe hat, ohne das wir unser Ich nicht ausbilden 
konnen, das darf gar nicht nach aufien getragen werden. Der schlechte, 
der bose Mensch tragt es nach aufien, der gute Mensch behalt es in sei- 
nem Inneren. Wenn es nach aufien getragen wird, wird es Verbrechen, 
wird es das Bose. Wenn es im Inneren bewahrt bleibt, ist es das, was wir 
brauchen, damit das menschliche Ich die richtige Starke erhalte. Es 
gibt eben nichts in der Welt, was nicht an seinem Orte seine segens- 
reiche Bedeutung haben wiirde. Wir wiirden gedankenlose, unbeson- 
nene Menschen sein, wenn wir nicht in uns diesen Herd hatten. Denn 
dieser Herd aufiert sich ja so, dafi wir in ihm etwas erleben, was wir 
in der aufieren Welt niemals erleben konnen. In der aufleren Welt 
sehen wir die Dinge materiell. Alles, was wir da sehen, sehen wir ma- 
teriell, und wir sprechen dann nach den Gewohnheiten der heutigen 
Wissenschaft von der Erhaltung der Materie, von der Unzerstorbar- 
keit des eigentlichen Materiellen. 

In diesem Zerstorungsherd, von dem ich gestern gesprochen habe, 
wird die Materie wirklich vernichtet. Sie wird in ihr Nichts zuriickge- 
worf en. Und dann konnen wir innerhalb dieses Nichts, das da entsteht, 
das Gute entstehen lassen, wenn wir statt unserer Instinkte, unserer 
Triebe, die nur zur Ausbildung der Egoitat wirken miissen, durch eine 
moralische Seelenverfassung alles das hineingieften in diesen Zersto- 
rungsherd, was moralische, was ethische Ideale sind. Dann entsteht ein 
Neues. Dann entstehen eben gerade in diesem Zerstorungsherde die 
Keime fur kiinftige Welten. Da also nehmen wir als Menschen teil an 
entstehen den Welten. Und wenn wir, wie man das aus meiner «Ge- 
heimwissenschaft im UmriJR» ersehen kann, da von sprechen, dafi ein- 
mal unsere Erde der Vernichtung entgegengehen und sich durch aller- 
lei Umwandlungszustande das Jupiterdasein entwickeln wird, so miis- 
sen wir sagen: In diesem Jupiterdasein wird nur dasjenige sein, was sich 
heute schon in den Menschen innerhalb dieses Zerstorungsherdes als 
Neubildung gestaltet aus den moralischen Idealen heraus - allerdings 



auch aus den antimoralischen Impulsen heraus, aus demjenigen, was 
eben gera.de als das Bose aus der Egoitat heraus wirkt. Und so wird 
das Jupiterdasein eben ein Kampf sein zwischen dem, was die Men- 
schen auf der Erde schon zustande bringen dadurch, dafi sie in ihr in- 
neres Chaos hineinbringen ihre moralischen Ideale, und dem, was sie 
auch hineinbringen als das, was mit der Ausbildung der Egoitat als das 
Unmoralische, als das Widermoralische entsteht. So also schauen wir 
auf ein Gebiet, wo Materie in ihr Nichts zuriickgeworfen wird, indem 
wir in unser tiefstes Inneres hineinblicken. 

Ich habe dann darauf hingedeutet, wie es sich auf der anderen Seite 
des menschlichen Daseins verhalt, auf der Seite, wo die Sinneserschei- 
nungen um uns herum ausgebreket sind. Wir blicken hin auf diese Sin- 
neserscheinungen: Wie ein Teppich sind sie ausgebreitet, und wir wen- 
den dann unseren kombinierenden Verstand an, um innerhalb dieserSin- 
neserscheinungen Gesetze zu finden, die wir die Naturgesetze nennen. 
Aber mit dem gewohnlichen Bewufitsein kommt man nicht durch die- 
sen Sinnesteppich durch. Geradesowenig wie man mit dem gewohn- 
lichen Bewufitsein nach innen durch den Erinnerungsspiegel durch- 
kommt, geradesowenig kommt man nach aufien durch mit dem ge- 
wohnlichen Bewufitsein durch den Teppich der Sinneseindrucke. Mit 
dem entwickelten Bewufitsein kommt man durch, und mit einem in- 
stinktiv schauenden Bewufitsein kamen die Menschen der alten orien- 
talischen Weisheit durch. Und dann erblickten sie diejenige Welt, in 
der zunachst die Egoitat im Bewufitsein sich nicht geltend machen 
kann. Wir treten jedesmal beim Einschlafen in diese Welt ein. Da 
wird die Egoitat herabgedampft, weil eben jenseits des Sinnesteppichs 
die Welt liegt, wo zunachst die fur das Menschendasein sich entwik- 
kelnde Ich-Gewalt keinen Platz hat. Daher sprach diejenige Weltan- 
schauung, die als die alte orientalische eine besondere Sehnsucht ent- 
wickelte, hinter den Sinneserscheinungen zu leben, von dem Nirvana, 
von dem Verwehen der Egoitat. 

Wir haben dann gestern hingewiesen auf den grofien Gegensatz, 
der da lebt zwischen Orient und Okzident. Der Orient hat einstmals 
ausgebildet alles das, was der Mensch ersehnt zu schauen hinter den 
Sinneserscheinungen, und er bildete da das Schauen fur eine geistige 



Welt aus, fur diejenige Welt, die nicht aus Atomen und Molekiilen, 
wohl aber aus geistigen Wesenheiten sich zusammengliedert, und die 
fur die alte orientalische Weltanschauung einfach als die schaubare 
Wirklichkeit da war. Jetzt lebt der Orient, jetzt lebt Asien und leben 
andere Glieder der Welt in den dekadenten Entwickelungsstadien dieses 
Sich-Sehnens nach der Welt hinter den Sinneserscheinungen, wahrend 
der Okzident ausgebildet hat die Egoitat, ausgebildet hat alles das, 
was im Menscheninneren sich erhartet und verfestigt innerhalb des 
Zerstorungsherdes, den wir charakterisiert haben. 

Damit hat man aber auch zu gleicher Zeit auf alles das hingedeutet, 
was notwendigerweise heute und in der nachsten Zukunft wird ein- 
ziehen miissen in das Bewufitsein der Menschen. Denn wiirde weiter 
bleiben, was sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts als der blofie In- 
tellektualismus heraufentwickelt hat, so wiirde die Menschheit voll- 
standig in den Niedergang verf alien, denn mit Hilf e des Intellektualis- 
mus gelangt man niemals weder hinter den Erinnerungsspiegel noch 
hinter den vor unseren Sinnen ausgebreiteten Sinnesteppich. Der 
Mensch mufi aber wieder ein Bewufitsein von diesen Welten erlahgen. 
Er mufi ein Bewufitsein von diesen Welten erlangen schon aus dem 
Grunde, damit fur ihn das Christentum wiederum eine Wahrheit wer- 
den konne; denn das Christentum ist eigentlich heute fur ihn keine 
Wahrheit. Wir sehen das am besten an der neuzeitlichen Ausbildung 
der Christus-Vorstellung, wenn man iiberhaupt von einer solchen Aus- 
bildung sprechen kann. Es ist schon einmal so fur den modernen Men- 
schen in dem gegenwartigen Entwickelungsstadium, dafi er zu einer 
Christus-Vorstellung gar nicht kommen kann aus denjenigen Begriffen 
und Ideen heraus, die sich seit dem 15. Jahrhundert als die naturwis- 
senschaftlichen ausgebildet haben. Und man ist auch im 19. Jahrhun- 
dert und im Beginne des 20. Jahrhunderts zu keiner Christus-Vorstel- 
lung fahig gewesen. 

Diese Dinge mufi man in der folgenden Weise ansehen. Wenn der 
Mensch so, wie er nun einmal sein heutiges Bewufitsein hat, sich die 
Welt ringsherum anschaut, so bildet er sich mit dem kombinierenden 
Verstande Naturgesetze. Dadurch kommt er ja auf eine Weise, die 
durchaus dem heutigen Bewufitsein schon moglich ist, dazu, zu sagen: 



Diese Welt ist von Gedanken durchsetzt, denn die Naturgesetze sind 
in Gedanken erfafibar und sind eigentlich selbst die Weltgedanken. - 
Man kommt dann dazu - namentlich, wenn man die Naturgesetze ver- 
folgt bis zu derjenigen Stufe, wo sie angewendet werden miissen auf 
das eigene Entstehen des Menschen als physisches Wesen sich zu sa- 
gen: Innerhalb derjenigen Welt, die wir mit unserem gewohnlichen Be- 
wufksein uberschauen, von der Sinneswahrnehmung bis zum Erinne- 
rungsspiegel, lebt ein Geistiges. - Man mufi eigentlich schon als Mensch 
krank sein, pathologisch sein, wenn man wie der gewohnliche atheisti- 
sche Materialist dieses Geistige nicht anerkennen will. Wir stehen ja in 
dieser Welt, die dem gewohnlichen Bewufltsein gegeben ist, so darinnen, 
dafi wir aus ihr als physischer Mensch durch die physische Konzeption 
und die physische Geburt selber hervorgehen. Was da beobachtbar ist 
innerhalb der physischen Welt, das mufi namlich notwendigerweise 
unvollstandig betrachtet werden, wenn man nicht eine allgemeine gei- 
stige Wesenheit zugrunde legt. Wir werden als physische Wesen auf 
physische Art geboren. Wir sind eigentlich, wenn wir als kleines Kind 
geboren werden, fur die aufiere physische Anschauung ziemlich ahn- 
lich einem Naturwesen. Und aus diesem Naturwesen, das im Grunde 
genommen in einer Art von schlafendem Zustand ist, entwickeln sich 
die inneren geistigen Fahigkeiten heraus. Diese inneren geistigen Fa- 
higkeiten entstehen ja erst im Lauf e der kiinftigen Entwickelung. Man 
mufi sich ganz notwendigerweise dazu bequemen, das, was da im Men- 
schen entsteht als die geistigen Fahigkeiten, ebenso zuriickzuverfolgen 
hinter Geburt und Konzeption, wie man das Wachsen der Glieder 
verfolgt. Dann aber kommt man eben dazu, sich auch das iebendig 
geistig zu denken, was man sonst an der aufieren Natur sich nur als 
die abstrakten Naturgesetze bildet. Und dann kommt man, mit ande- 
ren Worten, zum Konstatieren dessen, was man den Vatergott nennen 
kann- 

Es ist schon bedeutsam, dafi die Scholastik im Mittelalter angenom- 
men hat, dafi unter denjenigen Erkenntnisergebnissen, die man haben 
kann aus der gewohnlichen Beobachtung der Welt durch die gewohn- 
liche menschliche Vernunft, die Erkenntnis des Vatergottes ist. Man 
kann schon sagen, wie ich es ofters ausgedriickt habe: Wer sich wirk- 



lich darauf einlafit, diese Welt, die dem gewohnlichen Bewufksein ge- 
geben ist, zu zergliedern und dann nicht dazu kommt, die Naturgesetze 
zuletzt zusammenzufassen in demjenigen, was man den Vatergott 
nennt, der mufi eigentlich irgendwie krank sein, pathologisch sein. 
Atheist sein, heifit krank sein - so sprach ich das hier einmal aus. 

Aber man kommt mit diesem gewohnlichen Bewufitsein eben nicht 
weiter als bis zu diesem Vatergotte. Bis zu ihm kann man kommen 
mit dem gewohnlichen Bewufitsein, aber eben nicht weiter. Und da- 
her ist es charakteristisch, dafi einer, der als ein ganz bedeutender 
Theologe der neuesten Zeit gilt, Adolf von Harnack, davon gesprochen 
hat, dafi eigentlich Christus, der Sohn, in die Evangelien gar nicht hin- 
eingehore, dafi in die Evangelien die Botschaft vom Vater gehore, dafi 
Christus Jesus eigentlich nur insoweit in die Evangelien gehore, als er 
die Botschaft von dem Vatergott gebracht hat. Sie konnen da ganz 
deutlich sehen, daft dieses moderne Denken auch in der modernen 
Theologie mit einer gewissen Konsequenz dazu fuhrt, nur den Vater- 
gott anzuerkennen und die Evangelien selber so aufzufassen, dafi in 
ihnen nur enthalten ist die Botschaft von dem Vatergotte. Man wollte 
also im Sinne dieser Theologie den Christus als Wesenheit nur insofern 
gelten lassen, als er einmal in der Welt aufgetreten ist und den Men- 
schen die richtige Lehre vom Vatergotte beigebracht habe. 

Darin ruht zweierlei: erstens der Glaube, als ob die Botschaft vom 
Vatergotte nicht durch die gewohnliche V/eltbetrachtung gefunden 
werden konnte. Die Scholastik hat das noch angenommen, hat nicht 
angenommen, dafi die Evangelien dazu da seien, um von dem Vater- 
gotte zu sprechen, sondern sie hat angenommen, dafi die Evangelien 
dazu da seien, um von dem Sohnesgotte zu sprechen. Dafi so die Mei- 
nung auftreten konnte, es solle eigentlich nur vom Vatergotte gespro- 
chen werden, das bezeugt, dafi auch die Theologie eingelaufen ist in 
die Denkweise, die sich eben als die okzidentale ausgebildet hat. Denn 
bis etwa ins 3., 4. nachchristliche Jahrhundert, wo noch viel von orien- 
talischer Weisheit im Christentum da war, da beschaftigte die Men- 
schen innig die Frage nach dem Unterschiede zwischen dem Vater- 
gotte und dem Sohnesgotte. Man mochte sagen: Diese feinen Unter- 
scheidungen zwischen dem Vater- und dem Sohnesgotte, die die ersten 



christlichen Jahrhunderte unter dem Einflufi der orientalischen Weis- 
heit noch beschaftigt haben, die haben eigentlich gar keinen Inhalt 
mehr fiir den modernen Menschen, fiir jenen modernen Menschen, der 
unter solchen Einf liissen, wie ich es gestern dargesteilt habe, die Egoitat 
ausgebildet hat. 

Und so kommt denn eine gewisse Unwahrheit in das moderne reli- 
giose Bewufksein hinein. Das, was der Mensch innerlich erlebt, wozu 
er kommt durch seine Weltzergliederung und "Weltsynthese, das ist der 
Vatergott. Aus der Tradition, aus der Oberlieferung hat er dann Gott 
den Sohn. Die Evangelien sprechen ihm da von, die Tradition spricht 
ihm davon: Er hat den Christus; er will sich zum Christus bekennen - 
aber aus dem inneren Erleben heraus hat er eigentlich den Christus 
nicht. Und so iibertragt er das, was er eigentlich nur anwenden sollte 
auf den Vatergott, auf den Christus-Gott. Die moderne Theologie hat 
eigentlich gar nicht den Christus, sie hat nur den Vater, aber sie nennt 
den Vater «Christus», weil es nun schon einmal so ist, dafi die Christus- 
Wesenheit aus der Geschichte iiberliefert ist und man Christ sein will. 
Man diirf te sich, wenn man wahr ware, gar nicht Christ nennen in der 
neueren Zeit! 

Das wird allerdings anders, wenn wir weiter nach dem Osten hin- 
ubergehen. Schon im europaischen Osten wird es anders. Wenn Sie den 
hier auch schon ofters erwahnten russischen Philosophen Solowjow 
nehmen, so haben Sie ja wiederum eine Seelenverfassung, zur Philo- 
sophic geworden, die mit einem vollen Rechte, namlich mit einem in- 
nerlichen Rechte spricht von einem Unterschied zwischen dem Vater 
und dem Sohn, weil beides, der Vater und Christus, fiir Solowjow Er- 
lebnisse sind. Der westliche Mensch unterscheidet nicht zwischen Gott 
dem Vater und Christus. Wenn Sie innerlich ehrlich sind, werden Sie 
es selber fiihlen, wie Ihnen sogleich, wenn Sie eine Unterscheidung tref- 
f en wollen zwischen dem Vatergott und dem Christus, beide durchein- 
anderfliefien. Das ist bei Solowjow unmoglich. Solowjow erlebt beide 
getrennt, und er hat daher auch noch einen Sinn fiir die Kampfe, die 
Geisteskampf e, die in den ersten christlichen Jahrhunderten ausgefoch- 
ten worden sind, um fiir das menschliche Bewufitsein den Unterschied 
zwischen dem Vatergotte und dem Sohnesgotte zu vergegenwartigen. 



Das ist es aber, wozu der moderne Mensch wiederum kommen 
mufi. Es mufi doch eine Wahrheit darinnenstecken, wenn man sich 
Christ nennt. Es darf doch nicht so sein, dafi man eigentlich den Chri- 
stus zu verehren vorgibt und ihm nur die Eigenschaften des Vater- 
gottes beilegt! Man wird aber nur dadurch, dafi man solche Wahr- 
heiten vorbringt, wie diejenigen sind, auf die ich gestern aufmerksam 
gemacht habe, dazu kommen, die beiden Erlebnisse, das Vatererlebnis 
und das Sohneserlebnis, zu haben. 

Aber allerdings, es wird dazu notwendig sein, daft die ganze ab- 
strakte Form des Bewufitseins, in der der moderne Mensch aufwachst 
und die eigentlich nichts zulalk als die Anerkennung des Vatergottes, 
durch ein viel konkreteres Bewufitseinsleben ersetzt werde. Natiirlich, 
so wie ich Ihnen die Dinge gestern dargestellt habe, kann man sie heute 
nicht ganz allgemein in der Welt darstellen, die nicht gemigend vorbe- 
reitet ist durch die anderen Gebiete der Geisteswissenschaft, der An- 
throposophie. Aber es gibt immerhin Moglichkeiten, auch den moder- 
nen Menschen ebenso darauf hinzuweisen, wie in seinem Inneren ein 
Zerstorungsherd ist, und wie in der Aufienwelt dasjenige ist, wo das 
Ich gewissermafien ertrinkt, wo es sich nicht befestigt halten kann - 
wie man in alten Zeiten vom Sxindenfall und ahnlichem gesprochen 
hat. Man mufi nur die Form finden, wie diese Dinge ebenso in das ge- 
wohnliche Bewufitsein iibergehen konnen, wie friiher die Lehre vom 
Siindenfall die Lehre von einer geistigen Grundlage der Welt gegeben 
hat, die anders gewaltet hat als unsere Vatergott-Lehre. 

Unsere Wissenschaft wird sich eben durchdringen mttssen mit sol- 
chen Anschauungen, wie ich sie gestern geltend gemacht habe. Unsere 
Wissenschaft will nur anerkennen die Naturgesetze im Inneren des 
Menschen. Aber gerade in diesem Zerstorungsherde, von dem ich jetzt 
schon ofter hier gesprochen habe, da vereinigen sich die Naturgesetze 
mit den Moralgesetzen, da werden Naturgesetze und moralische Ge- 
setze eines. In unserem Inneren wird eben die Materie, und damit alle 
Naturgesetze, vernichtet. Das materielle Leben mit alien Naturge- 
setzen wird ins Chaos zuruckgeworfen, und aus dem Chaos vermag 
aufzusteigen eine neue Natur, durchtrankt von den Moralimpulsen, 
die wir in unserem Inneren in sie hineinlegen. Und wir haben gesagt: 



Alles das, was da als Zerstorungsherd sich geltend macht, ist unter- 
halb unseres Erinnerungsspiegels. Wenn wir also schauend hinunter- 
dringen unter diesen Erinnerungsspiegel, so bemerken wir das, was 
eigentlich immer im Menschen ist. Durch die Erkenntnis wird ja der 
Mensch nicht anders. Er erkennt nur das, wie er ist, wie er sonst immer 
ist. Der Mensch mufi zur Besinnung kommen uber das, was er ist und 
wie er ist. 

Aber indem wir so hinunterdringen, wir konnten sagen^in das in- 
nere Bose im Menschen und dann auch ein Bewufitsein davon bekom- 
men, wie da in dieses innere Bose, wo die Materie zerstort wird, wo die 
Materie in ihr Chaos zuriickgeworfen wird, die moralischen Impulse 
hineinwehen, dann haben wir den Anfang des geistigen Seins in uns 
selbst. Wir nehmen dann in uns selber den schaffenden Geist wahr. 
Denn indem die moralischen Gesetze an der Materie wirken, die eins 
geworden, ins Chaos zuriickgeworfen ist, haben wir in uns ein auf 
naturhafte Weise geistig Wirksames. Wir werden uns bewufit des kon- 
kreten geistig Wirksamen, das in uns ist und das der Keim fiir kiinf tige 
Welten ist. 

Womit konnen wir das, was sich da in unserem Inneren ankiindigt, 
vergleichen? Wir konnen es jetzt nicht vergleichen mit demjenigeri, was 
unsere Sinne zunachst von der aufieren Natur uns mitteilen. Wir kon- 
nen es nur vergleichen mit dem, was uns etwa ein anderer Mensch mit- 
teilt, wenn er zu uns spricht. Deshalb ist es mehr als ein Vergleich, 
wenn wir sagen: Was da im Inneren sich vollzieht, indem die morali- 
schen oder auch unmoralischen Impulse sich mit dem Chaos in uns ver- 
binden, das spricht zu uns. Das ist in der Tat etwas, was in uns spricht. 
Und man kommt da in einer Weise, die nicht etwa Allegorie oder Sym- 
bol ist, sondern die durchaus real ist, man kommt darauf , wie das, was 
wir aufierlich durch unsere Ohren horen konnen, eine fiir die Erdenwelt 
abgeschwachte Sprache ist, wahrend in unserem Inneren eine Sprache 
gesprochen wird, die tiber die Erde hinausgeht, weil sie aus dem heraus 
spricht, was die Keime fiir kiinftige Welten enthalt. Wir dringen da 
wirklich vor zu dem, was das «innere Wort» genannt werden mufi. 
Allerdings so, dalS in dem abgeschwachten Worte, das wir sprechen 
oder horen im Verkehr mit unseren Mitmenschen, ja Horen und Spre- 



chen getrennt ist, wahrend wir in unserem Inneren, wenn wir unter 
den Erinnerungsspiegel hinuntertauchen in das innere Chaos, eine We- 
senhaf tigkeit haben, wo in unserem Inneren selber gesprochen wird und 
zu gleicher Zeit gehort wird. Horen und Sprechen vereinigen sich da 
wiederum. Das innere Wort spricht in uns, das innere Wort wird in 
uns gehort. 

Aber wir sind da zugleich in ein Gebiet hineingekommen, wo es kei- 
nen Sinn mehr hat, von Subjektivem und Objektivem zu sprechen. 
Wenn Sie den anderen Menschen horen, wenn er zu Ihnen Worte 
spricht, die Sie mit ihrem Gehorsinn wahrnehmen, dann wissen Sie, 
diese Wesenheit des anderen Menschen ist aufier Ihnen, aber Sie miis- 
sen gewissermafien sich aufgeben, sich an sie hingeben, damit Sie im 
Gehorten die Wesenheit des anderen Menschen wahrnehmen. Und wie- 
derum, wenn Sie sprechen: Sie wissen, das, was wirklich Wort wird, 
horbares Wort, ist nicht blofi etwas Subjektives, das ist etwas, was in 
die Welt hineingestellt wird. Also auch in dem Abgeschwachten, das 
wir im Verkehr mit anderen Menschen horen als Wort und das wir zu 
ihnen sprechen als Wort, da hat die Unterscheidung zwischen Subjek- 
tivitat und Objektivitat keinen Sinn. Wir stehen mit unserer Subjekti- 
vitat in der Objektivitat drinnen, und die Objektivitat wirkt in uns und 
mit uns, indem wir wahrnehmen. So wird es auch, indem wir hinunter- 
steigen zu dem inneren Wort. Es ist nicht blofi ein inneres Wort, es ist 
zu gleicher Zeit etwas Objektives. Es spricht nicht unser Inneres, es 
spricht, blofi auf dem Schauplatz unseres Inneren, die Welt. 

Daher ist es auch fiir den, der nun eine Einsicht hat, wie hinter dem 
Sinnesteppich eine geistige Welt ist, wie da die geistigen Wesenheiten 
der hoheren Hierarchien walten und weben, fiir den ist es so, dafi er 
zunachst durch eine Imagination wahrnimmt diese Wesenheiten; aber 
sie werden fiir ihn, fiir sein Schauen von innerlichem Leben durch- 
drungen, indem er nun, scheinbar durch sich, aber in Wirklichkeit aus 
der Welt, das Wort vernimmt. 

Der Mensch dringt also durch Hingabe, durch Liebe ein in die Welt 
jenseits des Sinnesteppichs, und er dringt dazu vor, die Wesenheiten, die 
sich ihm da bei voller Hingabe seines eigenen Wesens of fenbaren, wahr- 
zunehmen durch das, was er in seinem Inneren als das innere Wort 



gelten lassen mufi. Wir wachsen zusammen mit der Aufienwelt. Die 
Auftenwelt wird gewissermafien weltentonend, wenn das innere Wort 
erweckt ist. 

Nun, das, was ich Ihnen da schildere, das ist ja bei jedem Menschen 
der Gegenwart da. Er hat nur keine Erkenntnis, daher keine Beson- 
nenheit, kein Bewufitsein da von; und er mufi erst hinein wachsen in 
eine solche Erkenntnis, in eine solche Besonnenheit. Wenn wir mit dem 
gewohnlichen Bewufitsein, das uns die intellektualistischen Begriffe 
liefert, die Welt erkennen, so erkennen wir eigentlich nur das Verge- 
hende, nur die Vergangenheit. Und wenn wir dann recht anschauen, 
was uns unser Intellekt liefern kann, so ist es im Grunde genommen 
der Riickblick auf die vergehende Welt. Aber wir konnen mit dem, 
was ich angedeutet habe, den Vatergott finden. Welches Bewufitsein 
entwickeln wir also dem Vatergotte gegenuber? Das Bewufitsein, dafi 
der Vatergott einer Welt zugrunde liegt, deren Vergehen sich in unse- 
rer Intellektualitat ankiindigt. 

Ja, es ist so: Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hat der Mensch eine 
besondere Fahigkeit in seiner Intellektualitat entwickelt, das Unter- 
gehende der Welt zu betrachten. Den Weltenleichnam analysieren wir 
und priifen wir mit unseren intellektualistischen Wissenschaftserkennt- 
nissen. Und solche Theologen, wie Adolf Harnack, die nur am Vater- 
gotte festhalten, sind eigentlich fiir die Welt Schilderer des Unterge- 
henden, dessen, was mit der Erde vollends untergehen wird, was mit 
der Erde vollends verschwinden wird. Es sind nach riickwarts weisende 
Geister. 

Aber schliefilich, wie ist es denn fiir den Menschen, der sich so ganz 
einlebt in das, was ihm von Kindheit auf als moderne naturwissen- 
schaftliche Denkweise eingepfropft wird? Es ist so, dafi er lernt: Da 
in der Welt entstehen und vergehen zwar die aufieren Phanomene, aber 
die Materie bleibt, die Materie ist das Unzerstorbare, und wenn auch 
die Erde einmal an ihrem Ende angekommen sein wird, die Materie 
wird nicht zerstort sein. Gewifi, es wird ein grofier Friedhof kommen, 
aber dieser grofie Friedhof wird dieselben Atome und Molekiile oder 
wenigstens dieselben Atome bergen, die heute schon da sind. — Man 
wendet den Blick nur hin auf dieses Untergehende, und man studiert 



auch in dem Aufgehenden im Grunde genommen nur das, was vom 
Untergehenden in das Aufgehende hineinspielt. 

Das wiirde einem Orientalen nie moglich sein mitzumachen, und 
in dem abgedampften philosophischen Fuhlen Solowjows zeigt sich das 
sclion im europaischen Orient, im Osten von Europa. Wenn er es auch 
nicht deutlich ausspricht - wenigstens nicht so deutlich, als es in der 
Zukunft ausgesprochen werden miifite im allgemeinen Bewufitsein -, 
so mufi man doch sagen: Solch ein Geist wie Solowjow hat noch so viel 
vom Orientalen, dafi er iiberall sieht, wie das Untergehende der Welt 
da ist, das sich Zerbrockelnde, das sich Auflosende, das nach dem 
Chaos Strebende und da$ doch auch wiederum das Aufgehende, das 
Zukiinftige da ist. Aber man mull das dann so sehen, wenn man es der 
Realitat, der Wirklichkeit nach sehen will, dafi wir all das haben, was 
wir mit unseren Sinnen sehen, auch von dem anderen Menschen zu- 
nachst mit unseren Sinnen sehen: das, all das wird einmal nicht sein. 
Was sich unseren Augen zeigt, was sich unseren Ohren weist und so 
weiter, das wird einmal nicht sein. Himmel und Erde werden ver- 
gehen - denn auch das, was wir von den Sternen durch unsere Sinne 
sehen, gehort zu diesem Verganglichen — , Himmel und Erde werden 
vergehen; das aber, was sich als das innere Wort in dem inneren Chaos 
des Menschen, in dem Zerstorungsherde bildet, das wird, nachdem 
Himmel und Erde vergangen sind, so fortleben, wie der Keim der 
Pflanze des gegenwartigen Jahres im nachsten Jahr in der Pflanze 
weiterleben wird. In dem Inneren der Menschen sind die Keime von 
Weltenzukiinften. Und nehmen die Menschen in diesen Keimen den 
Christus auf , dann konnen Himmel und Erde vergehen, aber der Logos, 
der Christus, kann nicht vergehen. Der Mensch tragt gewissermafien 
in seinem Inneren, was einmal sein wird, wenn alles das nicht mehr 
sein wird, was er um sich sieht. 

Und er mufi sich sagen konnen: Ich blicke zum Vatergotte. Der Va- 
tergott liegt der Welt zugrunde, die ich durch die Sinne sehen kann. Sie 
ist seine Offenbarung. Aber sie ist eine untergehende Welt, und sie 
wird in diesen Untergang auch den Menschen mitreifien, wenn der 
Mensch *anz aufgehen wiirde in ihr, wenn nur das Bewufttsein des 
Vatergottes entwickelt werden konnte. Der Mensch wiirde zuriick- 



kehren zum Vatergotte; er wiirde keine For tent wickelung haben kon- 
nen. Da ist aber eine aufgehende Welt, die zunachst eben gerade durch 
den Menschen da ist. Adelt der Mensch seine sittlichen Ideale durch 
das Christus-Bewufitsein, durch den Christus-Impuls, gestaltet er seine 
sittlichen Ideale so, dafi sie sind, wie sie sein sollten dadurch, dafi der 
Christus auf die Erde gekommen ist, dann lebt in seinem Chaos kei- 
mend in die Zukunft hinein, was nun nicht eine untergehende, was eine 
aufgehende Welt ist. 

Man mufi diese starke Empfindung haben fur die untergehende 
und fur die aufgehende Welt. Man mufi in der Natur schon empfinden, 
wie in ihr ein immerwahrendes Sterben ist. Und durch dieses Sterben 
wird die Natur gewissermafien tingiert. Daftir aber ist in der Natur 
auch ein fortwahrendes Aufgehen, ein fortwahrendes Geborenwerden. 
Das tingiert die Natur nicht mit demjenigen, was dann unseren Sinnen 
sichtbar wird, aber das ist doch in der Natur empfindbar, wenn wir 
nur mit offenem Herzen uns dieser Natur hingeben. 

Wir sehen draufien in der Natur, sagen wir, die Farben, die Farben 
im Sinne des Farbenspektrums, von dem aufiersten Rot bis zu dem 
aufiersten Violett, mit den Zwischennuancen. Wenn wir nun in einer 
gewissen Weise diese Farben durcheinander tingieren wiirden, dann 
wiirden sie Leben annehmen. Dann werden sie gerade zu dem, was als 
die menschliche sogenannte Fleischfarbe, das Inkarnat, aus dem Men- 
schen herausdringt. Wo wir in die Natur hineinblicken, erblicken wir 
gewissermafien den ausgebreiteten Regenbogen als das Zeichen des 
Vatergottes. Blicken wir aber auf den Menschen: Das Inkarnat, es 
spricht aus des Menschen Inneren heraus, indem sich alle Farben durch- 
dringen, aber Leben annehmen, lebendig werden in ihrem Sich-Durch- 
dringen. Fort ist dasjenige, was da Leben annimmt, wenn wir nur den 
Leichnam ansehen. Da wird wiederum zuriickgeworfen in den Regen- 
bogen, in die Schopfung des Vatergottes, was der Mensch ist. Aber der 
Mensch mufi in seinem Inneren auch die Quelle des Farbigen, das, was 
den Regenbogen zum Inkarnat, was den Regenbogen zu einer leben- 
digen Einheit macht - er mufi dieses in seinem Inneren erblicken. 

Ich habe Sie in einer vielleicht komplizierten Weise gestern und 
heute auf dieses Innere gefuhrt in seiner eigentlichen Bedeutung: wie 



durch dieses die Materie, das, was aufierlich ist, in das Nichts, in das 
Chaos zuriickgeworfen wird, damit der Geist neu schopferisch werden 
kann. Wenn man bis zu diesem Neuschopferischen blickt, dann sagt 
man sich: Der Vatergott wirkt bis zu der Materie in ihrer Vollendet- 
heit (siehe Zeichnung, hell). Sie tritt uns in der aufieren Welt in der 
verschiedensten Weise entgegen, so dafi sie fiir uns sichtbar ist. Aber 
in unserem eigenen Inneren wird diese Materie in ihr Nichts zuriick- 




Tafel 3 



geworfen, wird durchdrungen von dem rein geistigen Wesen, von 
unseren moralischen Idealen oder auch antimoralischen Idealen (rot). 
Da spriefit dann neues Leben auf. Die Welt mufi uns in dieser ihrer 
Doppelgestalt erscheinen: Der Vatergott, wie er das, was aufierlich 
sichtbar ist, schafft, wie es an seinem Ende angelangt ist im Menschen- 
inneren, wo es ins Chaos zuriickgeworfen wird. Wir miissen das Ende 
dieser Welt stark fuhlen, die die Welt des Vatergottes ist, und wir wer- 
den sehen, wie wir dadurch zu einem innerlichen Verstehen des Myste- 
riums von Golgatha kommen, zu jenem innerlichen Verstehen, durch 
das uns anschaulich wird, wie das, was im Sinne der Vatergott-Schop- 
fung an ein Ende kommt, wie das durch den Sohnesgott wiederum auf- 
lebt, wie ein neuer Anf ang gemacht wird. 

Man kann im Grunde genommen iiberall in der abendlandischen 
Welt sehen, wie seit dem 15. Jahrhundert hintendiert worden ist, nur 



das Untergehende, nur das Leichnammaftige, das allein dem Intellekt 
zuganglich ist, zu durchdringen, wie alle sogenannte Bildung nur ge- 
staltet worden ist unter dem Einflusse einer solchen auf das Tote ge- 
richteten Wissenschaf tlichkeit. Sie ist dem wirklichen Christentum ent- 
gegengesetzt. Das wirkliche Christentum mufi Empfindung haben fur 
das Lebendige, aber auch trennen konnen diese Empfindung des Auf- 
lebenden von dem Niedergehenden. Daher ist schon die wichtigste 
Vorstellung, die sich ankniipfen mufi an das Mysterium von Golgatha, 
die des auferstandenen Christus, des Christus, der den Tod besiegt hat. 
Darauf kommt es an, einzusehen, dafi die wichtigste Vorstellung die des 
durch den Tod gegangenen und auferstandenen Christus ist. Das Chri- 
stentum ist eben nicht blofi eine Erlosungsreligion - das waren die 
orientalischen Religionen auch -, das Christentum ist eine Auferste- 
hungsreligion, eine Wiedererweckungsreligion fur dasjenige, was sonst 
eben die sich zerbrockelnde Materie ist. 

Kosmisch haben wir vorhanden das Zerbrockelnde der Materie im 
Monde, dasjenige, was immer neu und frisch entsteht, im Sonnenhaf- 
ten. Geistig gesehen, durch geistiges Schauen gesehen, wird der Mond, 
schon wenn man hinauskommt aus der gewohnlichen sinnlichen An- 




schauung bis dahin, wo die Imagination wirkt, etwas, was in einem 
fortwahrenden Prozefi ist: Es zersplittert sich fortwahrend (Mitte der 
Zeichnung a, S. 44). Da, wo der Mond sitzt, zersplittert sich die Mate- 
rie des Mondes und staubt in die Welt hinaus, sammelt sich von der Um- 
gebung wiederum, zersplittert sich (Umkreiszeichnung a, S. 44). Man 
hat, indem man den Mond - schon in der Imagination - anschaut, ein 
fortwahrendes Zusammenkommen von Materie, die sich zersplittert da, 
wo der Mond ist, und hinausstaubt in die Welt. Der Mond ist eigent- 
lich so zu sehen: Kreis, engerer Kreis, mehr zusammen also, engerer 
Kreis; jetzt aber wird es Mond selber. Da lost es sich auf, zersplit- 
tert. Da splittert es hinaus in alle Welt. Es ertragt im Monde die Ma- 
terie nicht den Mittelpunkt, nicht das Zentrum. Es konzentriert sich 
die Materie nach dem Mondenzentrum hin, ertragt aber das Zentrum 
nicht, macht halt, splittert als Weltenstaub hinaus. Nur der gewohn- 
lichen sinnlichen Anschauung erscheint der Mond als ruhend. Er ist 
nicht ruhend. Es prefit sich fortwahrend Materie zusammen und split- 
tert hinaus (Zeichnung b, S. 44). 

Anders ist es bei der Sonne. Schon in der Imagination, da sehen wir, 
wie nicht in dieser Weise Materie zusammensplittert, sondern wie in 
der Tat Materie auch sich dem Zentrum zwar nahert, aber nun an- 
fangt, in den Strahlen im Hinausdringen Lebendigkeit zu bekommen. 




Tafel 4 



Das zersplittert nicht, das bekommt Lebendigkeit, das breitet Leben 
von dem Mittelpunkt nach alien Seiten aus. Und mit diesem Leben 
entwickelt sich Astralitat. Da, beim Mond, ist nichts; da wird die 
Astralitat zerstort. Da, bei der Sonne, verbindet sich Astralitat mit dem 
Strahlenden. Die Sonne ist in Wahrheit etwas, was von innerlichem 
Leben durchdrungen ist, wo nicht der Mittelpunkt nicht ertragen wird, 
sondern wo er gerade wirkt wie etwas Befruchtendes. Im Mittelpunkte 
der Sonne lebt das kosmisch Befruchtende. Man hat in der Tat auch 
kosmisch in dem Gegensatze von Sonne und Mond das In-das-Chaos- 
geworf en-Werden der Materie, und das Auf gehende, Sprossende, Sprie- 
fiende der Materie. 

Wenn wir in unser Inneres hinuntertauchen - wir blicken in unser 
inneres Chaos, in unser Mondenhaftes. Da ist der innere Mond. Die 
Materie wird zerstort, wie es aufierlich in der Welt nur da geschieht, 
wo der Mond eben ist. Aber dann dringt durch unsere Sinne das Son- 
nenhafte ein in uns, dann geht das Sonnenhafte bei uns in das Mon- 
denhafte hinein. Die Materie, die sich innerlich zerstaubt, wird ersetzt 
durch das Sonnenhafte. Hier stofit fortwahrend im Inneren die Ma- 
terie in das Mondenhafte hinein, und da saugt der Mensch durch seine 
Sinne fortwahrend das Sonnenhafte ein (es wird auf die Zeichnung 
verwiesen). So stehen wir mit dem Kosmos in Beziehung, und so mufi 
man Wahrnehmungsvermogen haben fiir das Mondenhafte, das Sich- 
Zersplitternde, das in den Weltenstaub Laufende, und fiir das Bele- 
bende im Sonnenhaften. 

Durch diese beiden Erlebnisse erblickt man in dem sich Zersplit- 
ternden, Zerstaubenden, die Welt des Vatergottes, die da sein mufite, 
bis sich die Welt in die Welt des Sohnesgottes wandelte, die im Grunde 
genommen physisch gegeben ist durch das Sonnenhafte der Welt. 
Mondenhaftes und Sonnenhaftes, sie verhalten sich wie Vatergottheit 
zu Sohnesgottheit. 

Das war instinktiv geschaut in den ersten christlichen Jahrhunder- 
ten. Das mufi wiederum mit voller Besonnenheit erkannt werden, wenn 
der Mensch wieder in ehrlicher Weise von sich wird wollen sagen kon- 
nen: Ich bin ein Christ. 

Das ist es, was ich Ihnen heute darlegen wollte. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 30. September 1921 



Wir wollen in den Betrachtungen etwas fortfahren, die wir letzten 
Freitag und Sonnabend hier gepflogen haben, und ich mochte heute 
im besonderen Ihren Blick wenden auf eine Betrachtung des seelischen 
Lebens, wie sie sich ergibt, wenn man dieses seelische Leben ins Auge 
fafit von dem Gesichtspunkte der imaginativen Erkenntnis aus, den 
Sie ja kennen aus meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?». Sie wissen, wir unterscheiden, aufsteigend von un- 
serem gewohnlichen Bewufitsein aus, vier Erkenntnisstufen: diejenige 
Erkenntnisstufe, die uns eignet im heutigen gewohnlichen Leben und 
in der heutigen gewohnlichen Wissenschaft, jene Erkenntnisstufe, die 
das eigentliche Zeitbewufitsein ausmacht und die ja genannt wird im 
Sinne dieser Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?» das gegenstandliche Erkennen, und dann kommt man hinein in 
das Gebiet des Obersinnlichen durch die Erkenntnisstufen der Imagi- 
nation, der Inspiration, der Intuition. Im gewohnlichen gegenstand- 
lichen Erkennen ist es unmoglich, das Seelische zu betrachten. Das See- 
lische wird erlebt, und indem man es erlebt, entwickelt man die gegen- 
standliche Erkenntnis. Aber eine eigentliche Erkenntnis kann ja nur 
gewonnen werden, wenn man das zu Erkennende objektiv vor sich hin- 
stellen kann. Das kann man im gewohnlichen Bewufitsein mit dem see- 
lischen Leben nicht. Man muft sich gewissermaften um eine Stufe hin- 
ter das seelische Leben zuriickziehen, damit es aufierhalb von uns zu 
stehen kommt; dann kann man es betrachten. Das aber ergibt sich eben 
durch die imaginative Erkenntnis. Und zwar mochte ich Ihnen heute 
einfach schildern, was sich da fur die Betrachtung herausstellt. 

Sie wissen, wir unterscheiden, indem wir den Menschen iiberblicken, 
den physischen Leib, den atherischen oder Bildekrafteleib, der eigent- 
lich eine Summe von Tatigkeiten ist, den astralischen Leib und das 
Ich zun'achst, wenn wir bei dem stehenbleiben, was im gegenw'artigen 
Menschen west. Wenn wir nun das seelische Erleben heraufbringen 
nicht zur Erkenntnis, aber zum Bewufitsein, so unterscheiden wir es ja, 



indem wir es gewissermafien im fluktuierenden Leben erfassen, in Den- 
ken, in Fiihlen, in Wollen. Es ist das schon so, daft Denken, Fiihlen und 
Wollen im gewohnlichen Seelenleben ineinanderspielen. Sie konnen 
sich keinen Gedankenverlauf vorstellen, ohne dafi Sie sich das Hin- 
einspielen des Willens in den Gedankenverlauf mit vorstellen. Wie wir 
einen Gedanken zu dem anderen hinzufugen, wie wir einen Gedan- 
ken von dem anderen trennen, das ist durchaus eine in das Denkleben 
hineinstrebende Willenstatigkeit. Und wiederum, wenn auch zunachst, 
wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, der Vorgang dunkel bleibt: 
wir wissen doch, daft, wenn wir als Menschen wollend sind, in unser 
"Wollen als Impulse unsere Gedanken hineinspielen, so daft wir auch im 
gewohnlichen Seelenleben durchaus nicht ein Wollen abgesondert fur 
sich haben, sondern ein gedankendurchsetztes Wollen. Und erst recht 
fluten ineinander Gedanken, Willensimpulse und die eigentlichen Ge- 
fiihle im Fiihlen. Wir haben also durchaus das Seelenleben als ineinan- 
derflutend, aber doch so, daft wir gedrangt sind durch Dinge, die wir 
heute immer aufter acht lassen wollen, innerhalb dieses flutenden See- 
lenlebens zu unterscheiden Denken, Fiihlen, Wollen. Wenn Sie meine 
«Philosophie der Freiheit» in die Hand nehmen, werden Sie sehen, wie 
man genotigt ist, das Denken reinlich loszulosen vom Fiihlen und 
Wollen, aus dem Grunde, weil man nur durch eine Betrachtung des 
losgelosten Denkens zu einer Anschauung iiber die menschliche Frei- 
heit kommt. 

Also indem wir einfach, ich mochte sagen, lebendig erfassen Den- 
ken, Fiihlen, Wollen, erfassen wir zugleich das flutende, das webende 
Seelenleben. Und wenn wir das dann, was wir da in unmittelbarer Le- 
bendigkeit erfassen, zusammenhalten mit demjenigen, was uns an- 
throposophische Geisteswissenschaft erkennen lehrt iiber den Zusam- 
menhang der einzelnen Glieder des Menschen, physischer Leib, Ather- 
leib, astralischer Leib und Ich, dann ergibt sich eben fur ein imagina- 
tives Erkennen das Folgende. 

Wir wissen ja, dafi wir wahrend des wachen Lebens, vom Aufwa- 
chen bis zum Einschlafen, in einem gewissen innigen Zusammenhange 
haben physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und Ich. Wir wis- 
sen ferner, dafl wir im schlafenden Zustande getrennt haben physischen 



Leib und Xtherleib auf der einen Seite, astralischen Leib und Ich auf 
der anderen Seite. Wenn auch die Ausdrucksweise durchaus nur ap- 
proximativ richtig ist, dafi man sagt: Ich und astralischer Leib tren- 
nen sich vom physischen Leibe und Atherleibe - man kommt zunachst 
zu einer durchaus giiltigen Vorstellung, wenn man eben diese Aus- 
drucksweise gebraucht. Das Ich mit dem astralischen Leibe ist vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen aulkr dem physischen Leibe und dem 
Atherleibe. 

Sobald der Mensch nun zum imaginativen Erkennen vorriickt, wird 
er immer mehr und mehr in die Lage versetzt, genau ins Seelenauge, ins 
innere Anschauen zu fassen, was sich erleben lafit, ich mochte sagen, 
wie voriibergehend, im Status nascendi. Man hat es und mufi es rasch 
erfassen, aber man kann es erfassen. Man hat vor sich, was in dem Mo- 
mente des Aufwachens und Einschlafens besonders scharf beobachtet 
werden kann. Diese Momente des Einschlafens und Aufwachens kon- 
nen beobachtet werden fur ein imaginatives Erkennen. Sie wissen ja, 
da$ unter den Vorbereitungen, welche notwendig sind, um zu hoheren 
Erkenntnissen zu kommen, von mir in dem vorhin angefiihrten Buche 
erwahnt worden ist die Heranerziehung einer gewissen Geistesgegen- 
wart. Die Menschen reden ja im gewohnlichen Leben so wenig von 
den Beobachtungen, die sich von der geistigen Welt her machen las- 
sen, weil ihnen diese Geistesgegenwart fehlt. WUrde diese Geistesgegen- 
wart in ausgiebigerem Sinne bei den Menschen heranerzogen, so wiir- 
den heute schon alle Menschen reden konnen von geistig-ubersinnlichen 
Impressionen, denn sie drangen sich eigentlich im eminentesten Mafie 
auf beim Einschlafen und Aufwachen, insbesondere beim Aufwachen. 
Nur weil so wenig heranerzogen wird, was Geistesgegenwart ist, des- 
halb bemerken die Menschen das nicht. Im Momente des Aufwachens 
tritt ja vor der Seele eine ganze Welt auf. Aber im Entstehen vergeht sie 
schon wiederum, und ehe sich die Menschen darauf besinnen, sie zu er- 
fassen, ist sie fort. Daher konnen sie so wenig reden von dieser ganzen 
Welt, die da vor die Seele sich hinstellt und die wahrhaftig zum Be- 
greifen des inneren Menschen von ganz besonderer Bedeutung ist. 

Was sich da vor die Seele hinstellt, wenn man wirklich dazu kommt, 
in Geistesgegenwart den Aufwachemoment zu ergreifen, das ist eine 



ganze Welt von flutenden Gedanken. Nichts Phantastisches braucht 
dabei zu sein. So wie man im chemischen Laboratorium beobachtet, mit 
derselben Seelenruhe und Besonnenheit kann man sie beobachten. Und 
dennoch ist diese flutende Gedankenwelt, die sehr genau zu unter- 
scheiden ist vom blofien Traumen, da. Das blofie Traumen spielt sich 
so ab, dafi es erfiillt ist von Lebensreminiszenzen. Was sich da abspielt 
im Momente des Aufwachens, das sind nicht Lebensreminiszenzen. Sie 
sind sehr gut zu unterscheiden von Lebensreminiszenzen, diese fluten- 
den Gedanken. Man kann sie sich in die Sprache des gewohnlichen Be- 
wufttseins ubersetzen, aber es sind im Grunde genommen fremdartige 
Gedanken, Gedanken, die wir sonst nicht erfahren konnen, wenn wir 
sie nicht in dem Momente, der entweder durch geisteswissenschaftliche 
Schulung in uns moglich gemacht ist, oder eben in diesem Momente des 
Aufwachens erfassen. 

Was erfassen wir da eigentlich? Nun, wir sind mit unserem Ich und 
unserem astralischen Leibe eingedrungen in den Atherleib und in den 
physischen Leib. Was im Atherleibe erlebt wird, wird allerdings so er- 
lebt, dafi es traumhaft ist. Und man lernt, indem man dieses, wie ich 
es angedeutet habe, subtil in Geistesgegenwart beobachten lernt, man 
lernt wohl unterscheiden dieses Hindurchgehen durch den Atherleib, 
in dem die Lebensreminiszenzen traumhaft auftreten, und dann, vor 
dem vollen Erwachen, vor den Eindrticken, die die Sinne nun haben 
nach dem Erwachen, das Hineingestelltsein in eine Welt, die durchaus 
eine Welt von webenden Gedanken ist, die aber nicht so erlebt wird wie 
dieTraumgedanken,bei denen man genau weifi,man hat sie subjektivin 
sich. Die Gedanken, die ich jetzt meine, sie stellen sich wie ganz objek- 
tiv dar gegeniiber dem eindringenden Ich und astralischen Menschen, 
und man merkt ganz genau: man mufi passieren den Atherleib; denn 
solange man den Atherleib passiert, bleibt alles traumhaft. Man mulS 
aber auch passieren den Abgrund, den Zwischenraum - mikhte ich sa- 
gen, wenn ich mich recht uneigentlich, aber dadurch vielleicht deut- 
licher ausdriicke -, den Zwischenraum zwischen Atherleib und phy- 
sischem Leib, und schliipft dann in das voile Atherisch-Physische hin- 
ein, indem man aufwacht und die aufieren physischen Eindriicke der 
Sinne da sind. Sobald man in den physischen Leib hineingeschliipft ist, 



sind eben die aufieren physischen Sinneseindriicke da. Was wir da an 
Gedankenweben objektiver Art erleben, spielt sich also durchaus zwi- 
schen dem Atherleib und dem physischen Leib ab- Wir miissen in ihm 
also sehen eine Wechselwirkung des Atherleibes und des physischen 
Leibes. So dafi wir sagen konnen, wenn wir schematisch zeichnen: 
Wenn etwa das den physischen Leib darstellt (orange), das den Ather- 
leib (grim), so haben wir das lebendige Weben von physischem Leib 
und Atherleib in den Gedanken, die wir da erfassen, und man kommt 
dann auf dem Wege einer solchen Beobachtung zu der Erkenntnis, dafi 



sich zwischen unserem physischen und unserem Atherleib, gleichgiiltig 
ob wir wachen, ob wir schlafen, immerzu Vorgange abspielen, die 
eigentlich im webenden Gedankensein bestehen, die webendes Gedan- 
kensein zwischen unserem physischen Leib und unserem Atherleib sind 
(gelb). So dafi wir jetzt das erste Element des seelischen Lebens ver- 
objektiviert erfafit haben. Wir sehen in ihm ein Weben zwischen dem 
Atherleib und dem physischen Leib. 

Dieses webende Gedankenleben kommt eigentlich so, wie es ist, im 
Wachzustande nicht zu unserem Bewufitsein. Es muli eben auf die 
Art, wie ich es geschildert habe, erfafit werden. Wenn wir namlich 




Tafel 5 



auf gewacht sind, schlupfen wir mit unserem Ich und mit unserem astra- 
lischen Leib in unseren physischen Leib hinein. Ich und astralischer 
Leib in unserem mit dem Atherleib durchdrungenen physischen Leib 
nehmen teil an dem Sinneswahrnehmungsleben. Sie werden, indem Sie 
das Sinneswahrnehmungsleben in sich haben, mit den auiSeren Welten- 
gedanken, die Sie sich bilden konnen an den Sinneswahrnehmungen, 
durchdrungen und haben dann die Starke, dieses objektive Gedanken- 
weben zu iibertonen. An der Stelle, wo sonst die objektiven Gedanken 
weben, bilden wir also gewissermafien aus der Substanz dieses Ge- 
dankenwebens heraus unsere alltaglichen Gedanken, die wir uns im 
Verkehre mit der Sinneswelt auf die eben angedeutete Weise ausbil- 
den. Und ich kann sagen: In dieses objektive Gedankenweben hinein 
spielt dasjenige, was nun das subjektive Gedankenweben ist (hell), das 
das andere iibertont, das sich aber auch abspielt zwischen dem Ather- 
leib und dem physischen Leib. Wir leben in der Tat in diesem - wie ich 
schon sagte: uneigentlich, aber deshalb doch verstandlich, mufi ich es 
als Zwischenraum zwischen Atherleib und physischem Leib bezeich- 
nen - wir leben in diesem Zwischenraum zwischen Atherleib und phy- 
sischem Leib, wenn wir mit der Seele selber Gedanken weben. Wir 
iibertonen die objektiven Gedanken, die im schlafenden und wachen- 
den Zustand immer vorhanden sind, mit unserem subjektiven Gedan- 
kenweben. Aber gewissermafien in derselben Region unseres mensch- 
lichen Wesens ist beides vorhanden: das objektive Gedankenweben 
und das subjektive Gedankenweben. 

Was hat das objektive Gedankenweben fur eine Bedeutung? Das 
objektive Gedankenweben, wenn es wahrgenommen wird, wenn wirk- 
lich eintritt, was ich geschildert habe als das geistesgegenwartige Er- 
greifen des Momentes des Aufwachens, dieses objektive Gedankenwe- 
ben wird nicht als blofies Gedankliches erfafit, sondern es wird er- 
fafit als dasjenige, was in uns lebt als die Kraf te des Wachstums, als die 
Krafte des Lebens iiberhaupt. Diese Krafte des Lebens sind verbunden 
mit dem Gedankenweben. Sie durchsetzen dann den Ather- oder Le- 
bensleib nach innen; sie konfigurieren nach aufien den physischen Leib. 
Wir nehmen das, was wir als objektives Gedankenweben da wahrneh- 
men im geistesgegenwartigen Erfassen des Aufwachemomentes, durch- 



aus wahr als Gedankenweben nach der einen Seite und als Wachstums-, 
als Ernahrungstatigkeit auf der anderen Seite. Was in dieser Art in 
uns ist, wir nehmen es als ein innerliches Weben wahr, das aber durch- 
aus ein Lebendiges darstellt. Das Denken verliert gewissermafSen seine 
Bildhaftigkeit und Abstraktheit. Es verliert auch alles das, was scharfe 
Konturen sind. Es wird fluktuierendes Denken, aber es ist deutlich 
als Denken zu erkennen. Das Weltendenken webt in uns, und wir er- 
fahren, wie das Weltendenken in uns webt und wie wir mit unserem 
subjektiven Denken untertauchen in dieses Weltendenken. So haben 
wir das Seelische in einem gewissen Gebiete erfafit. 

Gehen wir jetzt weiter im geistesgegenwartigen Erfassen des Auf- 
wachemomentes, so finden wir das Folgende. Wir konnen, wenn wir 
in der Lage sind, Traumhaftes zu erleben beim Passieren des Ather- 
leibes, wenn wir also mit dem Ich und dem astralischen Leibe den 
Atherleib passieren, wir konnen dann bildhaft das Traumhafte uns 
vergegenwartigen. Die Bilder des Traumes miissen aufhoren in dem 
Augenblicke, wo wir aufwachen, sonst wiirden wir den Traum in 
das gewohnliche bewufite Wacherleben hineinnehmen und wachende 
Traumer sein, wodurch wir ja die Besonnenheit verlieren wiirden. Die 
Traume als solche miissen aufhoren. Aber wer mit Bewufitsein die 
Traume erlebt, wer also jene Geistesgegenwart bis zuriick zum Erleben 
der Traume hat - denn das gewohnliche Erleben der Traume ist ein 
Reminiszenzerleben, ist eigentlich ein Nachher-Erinnern an die Trau- 
me; das ist ja das gewohnliche Gewahrwerden des Traumes, dafi 
man ihn eigentlich erst wie eine Reminiszenz erfafit, wenn er abge- 
laufen ist -, also wenn der Traum erlebt wird beim Durchfluten des 
Atherleibes, nicht erst nachher im Erinnern, wo er in Kurze erfafit 
werden kann, wie er gewohnlich erfafit wird, wenn man ihn also er- 
fafit wahrend er ist, also gerade beim Durchdringen durch den Ather- 
leib, dann erweist er sich wie etwas Regsames, wie etwas, das man so 
erlebt wie Wesenhaftes, in dem man sich fiihlt. Das Bildhafte hort auf, 
blofi Bildhaftes zu sein. Man bekommt das Erlebnis, dafi man im Bilde 
drinnen ist. Dadurch aber, dafi man dieses Erlebnis bekommt, dafS man 
im Bilde drinnen ist, dal5 man also mit dem Seelischen sich regt, wie 
man sonst im wachen Leben mit dem Korperlichen in der Beinbewe- 



gung, in der Handbewegung sich regt - so wird namlich der Traum: er 
wird aktiv, er wird so, dafi man ihn erlebt, wie man eben Arm- und 
Beinbewegungen oder Kopfbewegungen und dergleichen erlebt - wenn 
man das erlebt, wenn man dieses Erfassen des Traumhaften wie etwas 
Wesenhaftes erlebt, dann schliefit sich gerade beim weiteren Fortgang, 
beim Aufwachen, an dieses Erlebnis ein weiteres an: dafi diese Regsam- 
keit, die man da im Traume erlebt, in der man nunmehr drinnensteht 
als in etwas Gegenwartigem, dafi diese untertaucht in unsere Leiblich- 
keit. Geradeso wie wir beim Denken fuhlen: Wir dringen bis zu der 
Grenze unseres physischen Leibes, wo die Sinnesorgane sind, und neh- 
men die Sinneseindriicke auf mit dem Denken, so fuhlen wir, wie wir in 
uns untertauchen mit demjenigen, was im Traume als innerliche Reg- 
samkeit erlebt wird. Was man da erlebt im Momente des Auf wachens - 
oder eigentlich vor dem Momente des Aufwachens, wenn man im 
Traume drinnen ist, wenn man durchaus noch aufier seinem physischen 
Leibe, aber schon im Atherleib ist, beziehungsweise gerade hineingeht 
in seinen Atherleib das taucht unter in unsere Organisation. Und ist 
man so weit, dafi man dieses Untertauchen als Erlebnis vor sich hat, 
dann weifi man auch, was nun wird mit dem Untergetauchten: das Un- 
tergetauchte strahlt wieder zuriick in unser waches Bewufksein, und 
zwar strahlt es zuriick als Gefiihl, als Fuhlen. Die Gefiihle sind in un- 
sere Organisation untergetauchte Traume. 

Wenn wir das, was webend ist in der Aufienwelt, in diesem traum- 
webhaften Zustande wahrnehmen, sind es Traume. Wenn die Traume 
untertauchen in unsere Organisation und von innen heraus bewufit 
werden, erleben wir sie als Gefiihle. Wir erleben also die Gefiihle da- 
durch, dafi dasjenige in uns, was in unserem astralischen Leib ist, un- 
tertaucht in unseren Atherleib und dann weiter in unsere physische 
Organisation, nicht bis zu den Sinnen hin, nicht also bis zu der Peri- 
pherie der Organisation, sondern nur in die innere Organisation hinein. 
Dann, wenn man dies erfafit hat, zunachst durch imaginative Erkennt- 
nis besonders deutlich erschaut hat im Momente des Aufwachens, dann 
bekommt man auch die innere Kraft, es fortwahrend zu schauen. Wir 
traumen namlich wahrend des wachen Lebens fortwahrend. Wir tiber- 
leuchten nur das Traumen mit unserem denkenden Bewufitsein, mit 



dem Vorstellungsleben. Wer unter die Oberflache des Vorstellungsle- 
bens blicken kann - und man schult sich zu diesem Blicken dadurch, 
dafi man eben geistesgegenwartig erfafit den Moment des Traumens 
selber -, wer sich so geschult hat, dafi er das beim Aufwachen erfassen 
kann, was ich bezeichnet habe, der kann dann auch unter der Ober- 
flache des lichtvollen Vorstellungslebens das den ganzen Tag hindurch 
dauernde Traumen erleben, das aber nicht als Traumen erlebt wird, 
sondern das immer sofort untertaucht in unsere Organisation und als 
Gefiihlswelt zuriickstrahlt. Und er weifl dann: Was das Fiihlen ist, 
es spielt sich ab zwischen dem astralischen Leib, den ich hier schema- 
tisch so zeichne (Zeichnung S. 51, hell), und dem Atherleib. Es driickt Tafel 5 
sich natiirlich im physischen Leib aus (orange). So dafi der eigentliche 
Ursprung des Fiihlens zwischen dem astralischen Leib und dem Ather- 
leib liegt (rot). So wie der physische Leib und der Atherleib in leben- 
diger Wechselwirkung ineinanderwirken miissen zum Gedankenleben, 
so miissen atherischer Leib und astralischer Leib in lebendiger Wechsel- 
wirkung sein zum Gefuhlsleben. Wenn wir wachend sind, erleben wir 
dieses lebendige Wechselspiel unseres ineinandergedrangten Atherlei- 
bes und astralischen Leibes als unser Fiihlen. Wenn wir schlafen, er- 
leben wir, was der nunmehr aufien lebende astralische Leib in der aufie- 
ren Atherwelt erlebt, als die Bilder des Traumes, die nun wahrend des 
ganzen Schlafens vorhanden sind, aber eben nicht wahrgenommen wer- 
den im gewohnlichen Bewufitsein, sondern nur eben reminiszenzenhaft 
in jenen Fragmenten, die das gewohnliche Traumleben bilden. 

Sie sehen daraus, dafi wir, wenn wir das Seelenleben erfassen wol- 
len, noch zwischen die Glieder der menschlichen Organisation hinein- 
blicken miissen. Wir denken uns das Seelenleben als f lutendes Denken, 
Fiihlen, Wollen. Von letzterem wollen wir gleich sprechen. Aber wir 
erfassen es objektiv, indem wir gewissermafien in die Zwischenraume 
zwischen diese vier Glieder hineinschauen, zwischen den physischen 
Leib und Atherleib, und Atherleib und astralischen Leib. 

Was sich im Wollen ausdriickt, das entzieht sich ja, wie ich ofters 
von anderen Gesichtspunkten aus hier ausgefiihrt habe, durchaus der 
Betrachtung des gewohnlichen Wachlebens, des gewohnlichen Bewufit- 
seins. In diesem gewohnlichen Bewufitsein sind vorhanden die Vor- 



stellungen, nach denen wir unser Wollen orientieren, die Gefiihle, die 
wir entwickeln in Anlehnung an die Vorstellungen als Motive fiir un- 
ser Wollen; aber wie das, was da als der Vorstellungsinhalt unseres 
Wollens klar in unserem Bewufitsein liegt, hinunterspielt, wenn ich 
nur die Arme bewege zum Wollen, was da eigentlich vorgeht, das wird 
uns im gewohnlichen Bewufitsein nicht gegeben. In dem Augen- 
blicke, wo der Geistesforscher die Imagination in sich heranzieht und 
dazu kommt, die Natur des Denkens, des Fiihlens so anzusehen, wie 
ich gesagt habe, dann kann er auch dahin gelangen, als etwas in das Be- 
wufitsein Hereinfallendes die menschlichen Erlebnisse zu haben, die 
zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen sich abspielen. Denn 
in den Ubungen zur Imagination werden Ich und astralischer Leib 
erkraftet. Sie werden in sich starker, sie lernen sich erleben. Im ge- 
wohnlichen Bewufitsein hat man eben nicht das wirkliche Ich. Wie hat 
man das Ich im gewohnlichen Bewufitsein? Sehen Sie, immer wiederum 
mufi ich diesen Vergleich machen: Wenn man das Leben in der Erinne- 
rung zuriick anschaut, so stellt es sich scheinbar als eine geschlossene 
Stromung dar. Die ist es aber doch nicht, sondern wir miifiten eigent- 
lich, indem wir jetzt leben, den heutigen Tag iiberblicken bis zum Auf- 
wachen, haben dann eine leere Stelle, daran schliefit sich der Bewufit- 
seinsinhalt des gestrigen Tages und so weiter fort. Was wir da in der 
Riickerinnerung beobachten, das tragt allerdings in sich auch diejeni- 
gen Zustande, die wir nicht bewufit durchlebt haben, die also in dem 
prasenten Inhalt des Bewufitseins nicht drinnen sind. Aber sie sind auf 
andere Art drinnen. Ein Mensch, der gar nicht schlafen wiirde - wenn 
ich das hypothetisch anfuhren darf -, der wiirde eine ganz zerstorte 
Riickerinnerung haben. Die Riickerinnerung wiirde ihn gewisserma- 
fien blenden. Er wiirde alles das, was er in der Riickerinnerung vor sein 
Bewufitsein hinstellt, als etwas ihm ganz Fremdes, blendend Glanzen- 
des erleben. Er wiirde iiberwaltigt sein davon, und er wiirde sich voll- 
standig ausschalten miissen. Er kame gar nicht dazu, sich selber in sich 
zu erfiihlen. Nur dadurch, dafi sich die Schlafzustande hineinstellen in 
die Riickerinnerung, wird die Riickerinnerung abgeblendet. Wir sind in 
der Lage, sie auszuhalten. Denn dadurch wird es moglich, dafi wir 
uns selbst behaupten gegeniiber unserer Erinnerung. Lediglich dem 



Umstande, daft wir schlafen, haben wir unsere Selbstbehauptung in der 
Erinnerung zu verdanken. Was ich jetzt sage, konnte schon durch em- 
pirische Beobachtung der menschlichen Lebenslaufe in vergleichender 
Weise gut konstatiert werden. 

Aber geradeso wie wir da die innere Aktivitat erfiihlen in der Riick- 
erinnerung, so erfiihlen wir ja eigentlich unser Ich. aus unserem gesam- 
ten Organismus heraus. Wir erfiihlen es so, wie wir die Schlafzustande 
als, ich mochte sagen, die finsteren Raume im Erinnemngsfortgang 
wahrnehmen. Wir nehmen das Ich nicht direkt wahr fiir das gewohn- 
liche Bewufksein, sondern wir nehmen es nur wahr, wie wir die Schlaf- 
zustande wahrnehmen. Aber indem wir das imaginative Bewufksein 
erwerben, tritt dieses Ich wirklich auf, und es ist willensartiger Natur. 
Und wir merken: Was in uns ein Gefiihl, das in sich schliefit, mit der 
Welt sympathisch oder antipathisch zu fiihlen, was das in uns aktiviert 
zum Wollen, das spielt sich in einem ahnlichen Prozesse ab, wie er sich 
abspielt zwischen dem Wachen und dem Hineinkommen in das Schla- 
fen. Man kann das wiederum geistesgegenwartig beobachten, wenn 
man ebenso wie fiir das Aufwachen fiir das Einschlafen dieselben Ei- 
genschaften entwickelt, von denen ich gesprochen habe. Da merkt 
man beim Einschlafen, dafi man hineintragt in den Schlafzustand, was 
ausstrahlt, als Aktivitat ausstrahlt aus unserem Gefiihlsleben, und was 
hineinstrahlt in die Auflenwelt, und man lernt dann erkennen, wie 
man jedesmal, wenn man sich wirklich willensmafiig entwickelt, un- 
tertaucht jetzt in einen ahnlichen Zustand, wie man untertaucht in den 
Schlafzustand. In ein inneres Schlafen taucht man ein. Was einmal 
vorgeht beim Einschlafen, wo dann das Ich mit dem astralischen Leib 
herausriickt aus physischem Leib und Atherleib, das tritt jedesmal in- 
nerlich ein beim Wollen. 

Natiirlich miissen Sie sich dariiber klar sein, dafi das, was ich Ihnen 
da schildere, viel schwieriger zu ergreifen ist als das, was ich vorhin 
geschildert habe, denn der Moment des Einschlafens ist eben geistes- 
gegenwartig meistens noch schwieriger zu erfassen als der des Auf- 
wachens. Nach dem Aufwachen sind wir wach; da haben wir wenig- 
stens die Anlehnung an die Reminiszenzen. Beim Einschlafen miissen 
wir den Wachzustand noch in das Schlafen hinein fortsetzen, wenn 



wir zu einer Beobachtung kommen wollen. Aber der Mensch schlaft 
eben meistens ein; er sendet nicht hinein in das Einschlafen die Akti- 
vitat des FUhlens. Kann er sie aber da hinein fortsetzen, was eben durch 
Schulung in imaginativer Erkenntnis geschieht, dann merkt er, daft 
tatsachlich im Wollen ein Untertauchen in dasselbe Element ist, in das 
wir untertauchen, wenn wir einschlafen. Wir werden tatsachlich im 
Wollen von unserer Organisation frei. Wir verbinden uns mit der 
realen Objektivitat. So wie wir beim Aufwachen durch unseren Ather- 
leib einziehen, durch unseren physischen Leib und bis in die Sinnes- 
region, also bis an die Peripherie des Leibes kommen, gewissermafien 
von dem ganzen Leib Besitz ergreifen, den ganzen Leib durchtranken, 
so senden wir wiederum im Fiihlen in den Leib zuriick, indem wir in- 

Tafel 6 nerlich untertauchen, unsere Traume; sie werden eben Gefiihle. Aber 
wenn wir jetzt nicht im Leibe bleiben, sondern, ohne dafi wir an die 
Peripherie des Leibes gehen, innerlich geistig aus dem Leibe heraus- 
gehen, dann kommen wir zum Wollen. So dafi sich das Wollen tat- 
sachlich eigentlich unabhangig vom Leibe vollzieht. Ich weifi, dafi da- 
mit viel gesagt wird, aber ich mufi das auch darstellen, weil es eine 
Realitat ist. Und in dem Erfassen dessen kommen wir dazu, nun ein- 
zusehen, dafi - wenn wir nun hier das Ich haben (siehe Zeichnung 

Tafel 5 Seite 51, blau) — das Wollen sich abspielt zwischen dem astralischen 
Leib und dem Ich (lila). 

Wir konnen also sagen: Wir gliedern den Menschen in physischen 
Leib, in Atherleib oder Bildekrafteleib, in astralischen Leib und in Ich. 
Zwischen dem physischen Leib und dem Atherleib spielt sich seelisch 
das Denken ab. Zwischen dem Atherleib und dem astralischen Leib 
spielt sich seelisch das Fiihlen ab. Zwischen dem astralischen Leib und 
dem Ich spielt sich seelisch das Wollen ab. Indem wir an die Peri- 
pherie des physischen Leibes kommen, haben wir die Sinneswahrneh- 
mung. Indem wir auf dem Wege durch unser Ich herauskommen aus 
uns, unsere ganze Organisation in die Aufienwelt hineinstellen, wird 
das Wollen zur Handlung, dem anderen Pol der Sinneswahrnehmung 

Tafel 6 (siehe Schema Seite 62). 

Auf diese Weise gelangt man zu einem objektiven Erfassen dessen, 
was subjektiv im flutenden Denken, Fiihlen und Wollen erlebt wird. 



So verwandelt sich das Erleben in das Erkennen. Alle Psychologie, 
welche das flutende Denken, Fiihlen und Wollen sonst auf eine an- 
dere Weise erf assen will, bleibt formal, weil sie nicht an die Realitat 
herandringt. An die Realitat kann fur das seelische Erleben nur die 
imaginative Erkenntnis herandringen. 

Fassen wir jetzt einmal ins Auge, was sich uns gewissermafien wie 
eine Begleiterscheinung unserer ganzen Betrachtungen ergeben hat. 
Wir sagten: Man kann durch geistesgegenwartige Betrachtung im Mo- 
ment des Aufwachens, wenn man durchgeschlupft ist durch den Ather- 
leib, Gedankenweben, das objektiver Art ist, sehen. Man nimmt dieses 
objektive Gedankenweben zunachst wahr. Ich sagte, man kann es von 
den Traumen und auch vom alltaglichen Gedankenleben, vom subjek- 
tiven Gedankenleben ganz gut unterscheiden, denn es ist verbunden 
mit dem Wachstum, mit dem Werden. Es ist eigentlich eine reale Orga- 
nisation. Fafit man es aber auf, was da webt, was man, wenn man es 
durchschaut, als Gedankenweben wahrnimmt, wenn man es, ich mochte 
sagen, anfiihlt, innerlich antastet, so nimmt man es als Wachstums- 
kraft, als Ernahrungskraft und so weiter, als den werdenden Men- 
schen wahr. Es ist etwas, was zunachst fremd ist, aber Gedankenwelt 
ist. Wenn man es nun genauer studieren kann, so ist es ja das innerliche 
Weben von Gedanken an uns selbst. Wir erfassen es an der Peripherie 
unseres physischen Leibes; bevor wir an das Sinneswahrnehmen heran- 
kommen, erfassen wir es. Wenn wir es genauer verstehen lernen, wenn 
wir uns in seine Fremdheit gegeniiber unserem subjektiven Denken 
einleben, dann erkennen wir es, dann erkennen wir es als das, was wir 
mitgebracht haben durch unsere Geburt aus fruheren Erlebnissen, aus 
vorgeburtlichen respektive vor der Konzeption liegenden Erlebnissen. 
Und es wird fur uns etwas objektiv Gegenstandliches das Geistige, das 
unseren ganzen Organismus zusammenbringt. Der Praexistenzgedanke 
gewinnt Objektivitat, wird zum objektiven Anschauen. Wir konnen 
mit innerem Erfassen sagen: Wir sind aus der Welt des Geistes heraus 
durch Gedanken gewoben. Die subjektiven Gedanken, die wir dazu- 
fugen, sie stehen im Bereiche unserer Freiheit. Diejenigen Gedanken, 
die wir da erblicken, sie bilden uns, sie bauen unseren Leib aus dem 
Gedankenweben heraus auf. Sie sind unser vergangenes Karma (siehe 



Tafel 6 Schema Seite 62), Also: Ehe wir an die Sinneswahrnehmungen her- 
ankommen, nehmen wir unser vergangenes Karma wahr. 

Und wenn wir einschlafen, so hat dieses Einschlafen fur denjenigen, 
der in objektiver Erkenntnis lebt, etwas Ahnliches mit dem Wollen. 
Wenn das Wollen zur vollstandigen Bewufitheit gebracht wird, merkt 
man ganz deutlich: Man schlaft in den eigenen Organismus hinein. 
So wie sonst die Traume hinuntergehen, gehen in unsere Organisation 
die Wollensmotive hinein. Man schlaft in den Organismus hinein. Man 
lernt unterscheiden dieses Hineinschlafen in den Organismus, das sich 
zunachst auslebt in unseren gewohnlichen Handlungen - die sind eben 
aufierlich sich vollziehend, wir vollziehen sie zwischen dem Aufwachen 
und Einschlafen -; aber nicht alles das, was in unserem Gefiihlsleben 
drinnen lebt, lebt sich in diese Handlungen hinein. Wir vollbringen ja 
auch das Leben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Und was 
wir sonst in die Handlungen hineindrangen wiirden, drangen wir ja 
aus uns durch denselben Vorgang im Einschlafen hinaus. Eine ganze 
Summe von Willensimpulsen drangen wir hinaus in die rein geistige 
Welt, in der wir uns befinden zwischen dem Einschlafen und Auf- 
wachen. Willensimpulse, die in unser geistiges Sein iibergehen, die 
wir nur hegen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen: lernen wir 
sie durch imaginative Erkenntnis beobachten, so nehmen wir in ihnen 
wahr, was an Handlungsorientierung vorhanden bleibt iiber den Tod 
hinaus, was mit uns geht iiber den Tod hinaus. 

Zwischen dem astralischen Leib und dem Ich entwickelt sich das 
Wollen. Das Wollen wird Handlung, indem es so weit nach der Aufien- 
welt geht, bis es an den Ort kommt, woher sonst die Sinneseindriicke 
kommen. Aber im Einschlafen geht ja eine ganze Menge hinaus, was 
wie Handlung werden will, aber eben nicht Handlung wird, sondern 
mit dem Ich verbunden bleibt, indem das Ich durch den Tod in die 
geistige Welt ubergeht. 

Sie sehen, wir erleben hier auf der anderen Seite unser werdendes 

Tafel 6 Karma (siehe Schema Seite 62). Zwischen dem Wollen und der 
Handlung erleben wir unser werdendes Karma. Beide schliefien sich 
dann im imaginativen Bewulksein zusammen: das vergangene und das 
werdende Karma, das, was in uns webt und lebt und so sich gibt, dafi 



es weiterwebt unter der Schwelle, iiber welcher unsere freien Hand- 
lungen liegen, die wir ausleben konnen zwischen Geburt und Tod. 
Zwischen Geburt und Tod leben wir in der Freiheit. Aber es webt und 
lebt unter dieser Region des freien Willens, Wollens, die eigentlich nur 
ein Dasein hat zwischen Geburt und Tod, das Karma, dessen aus der 
Vergangenheit kommende Wirkungen wir wahrnehmen, wenn wir uns 
aufhalten konnen mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe im 
Atherleib gerade beim Durchbrechen bis zum physischen Leibe hin. 
Und wiederum auf der anderen Seite nehmen wir unser werdendes 
Karma wahr, wenn wir uns aufhalten konnen in der Region, die ge- 
rade liegt zwischen dem Wollen und dem Handeln, und wenn wir so- 
viel Selbstzucht durch Ubung entwickeln konnen, dafi wir innerlich 
uns ebenso aktivieren konnen in einem Gefiihl, wie wir uns, ich mochte 
sagen, indem wir den Leib zu Hilfe nehmen, aktivieren in der Hand- 
lung; wenn wir uns im Geiste aktivieren konnen im Gefiihl, wenn wir 
also eine Handlung festhalten im Ich. 

Stellen Sie sich das lebhaft vor: Man kann so enthusiasmiert sein, so 
innerlich eingenommen sein fur irgend etwas, was aus dem Gefuhle 
spriefit, wie das, was sonst in die Handlung iibergeht; aber man mufi 
es zuriickhalten: dann leuchtet es auf in der Imagination als das wer- 
dende Karma. 

Was ich Ihnen hier geschildert habe, ist natiirlich im Menschen 
immer vorhanden. Der Mensch passiert mit jedem Aufwachen, jeden 
Morgen beim Aufwachen die Region seines vergangenen Karmas; er 
passiert jeden Abend beim Einschlafen die Region seines werdenden 
Karmas. Der Mensch kann durch eine gewisse Aufmerksamkeit auch 
ohne besondere Schulung in Geistesgegenwartigkeit erfassen das ver- 
gangene Objektive, ohne dafi er es freilich so deutlich erkennt, wie ich 
es jetzt geschildert habe. Er kann es aber wahrnehmen; es ist da. Und 
es ist dann da alles das, was er in seinen sittlichen Impulsen in sich 
tragt im Guten und im Schlechten. Durch dieses lernt sich eigentlich 
der Mensch besser kennen, als wenn er im Momente des Aufwachens 
dieses Gedankenweben, das ihn selbst bildet, gewahr wird. 

Aber schon schreckhafter ist das Wahrnehmen dessen, was zwischen 
dem Wollen und der Handlung liegt, was man zuriickhalten kann. Da 



lernt man sich kennen insoweit, als man sich selber gemacht hat wah- 
rend dieses Lebens. Da lernt man kennen, was man als innere Artung 
durch den Tod hinaustragt als werdendes Karma. 

Ich wollte Ihnen heute zeigen, wie man iiber diese Dinge in leben- 
diger Erfassung reden kann, wie durchaus Anthroposophie sich nicht 
erschopft in einer Schematik, sondern wie die Dinge lebendig geschil- 
dert werden konnen, und werde morgen dann in dieser Betrachtung 
weiter fortfahren, indem ich iibergehen werde zu einer noch tieferen 
Erfassung der menschlichen Wesenheit auf Grundlage des heute Aus- 
gefiihrten. 



6 





3cK 




VIERTER VORTRAG 
Dornach, 1. Oktober 1921 



Wir haben gestern darauf hinweisen konnen, wie der Mensch in sei- 
nem Bewufitsein gewissermafien nach zwei Seiten hin an die Welt 
herankommt: wenn er sich nach innen und wenn er sich nach aufien 
betatigt. Fur das gewohnliche Bewufitsein allerdings wird das, was 
im Menschen da lebt, nicht erfafibar, weil das Bewufitsein gerade 
daran anstofit. Aber wir haben eben doch gesehen, wie das Karma im 
Menschen auch zwischen Geburt und Tod nach zwei Seiten hin lebt: 
auf der einen Seite, wenn der Mensch beim Aufwachen untertaucht 
in seinen Atherleib, wo er, wahrend er untertaucht, auch im gewohn- 
lichen Bewufitsein die Reminiszenzen der Traume haben kann. Dann 
passiert er gewissermafien den Zwischenraum zwischen Atherleib und 
physischem Leib - im physischen Leib ist er ja erst, wenn er die voile 
Sinneswahrnehmung hat - und geht da durch die Region der in ihm 
befindlichen lebendig wirksamen Gedanken. Das sind dieselben Ge- 
danken, die eigentlich an dem Aufbau seines Organismus teilgenommen 
haben, die er durch die Geburt ins Dasein mitgebracht hat und die, 
mit anderen Worten, sein verflossenes, sein fertiges Karma ausmachen. 
Dann aber stofit der Mensch beim Einschlafen an dasjenige, was nicht 
Handlung werden kann. Was aus unseren Gemuts- und Willensimpul- 
sen in die Handlungen eintritt, das wird ja ausgelebt im Leben. Aber 
es bleibt immer etwas zuriick, und das nimmt der Mensch in den Schlaf 
hinein. Das ist aber auch sonst vorhanden. Alles das, was aus dem 
Seelenleben nicht in die Handlung hineingeht, was gewissermafien vor 
der Handlung stehenbleibt, ist das werdende Karma, das sich bildet 
und das wir dann weiter durch den Tod tragen. Kurz, ich habe gestern 
darauf hinweisen wollen, wie im Menschen die Krafte des Karma 
leben. 

Wir werden heute nun, damit wir morgen dem Ganzen eine Art 
von Abschlufi geben konnen, etwas die menschliche Umgebung betrach- 
ten, um zu zeigen, wie der Mensch nun eigentlich in der Welt drinnen- 
steht. Wir haben uns gestern bemuht, das menschliche Seelenleben 



selber objektiv zu betrachten, haben also gefunden, dafi das Denken 
sich entwickelt in derjenigen Region, welche ja eben diese objektive 
Gedankenregion ist zwischen dem physischen Leib und dem Ather- 
leib; dafi dann das Fiihlen sich entwickelt zwischen dem Atherleib und 
dem Astralleib, und dafi das Wollen sich entwickelt zwischen dem 
Astralleib und dem Ich. So dafi also - ich sagte schon gestern, der Aus- 
druck ist ungeeignet, aber er ist doch verstandlich - gewissermafien in 
den Zwischenraumen, die wir annehmen miissen zwischen den vier 
Gliedern der menschlichen Natur, zwischen physischem Leib, Ather- 
leib, astralischem Leib und Ich, diese eigentliche seelische Betatigung 
sich entwickelt. Wollen wir sie objektiv anschauen, dann sind sie 
Wechseltatigkeiten zwischen den Gliedern der menschlichen Wesenheit. 



Nun wollen wir heute etwas die menschliche Umgebung anschauen. 
Vergegenwartigen wir uns da so recht, wie der Mensch in einem ganz 
lebendigen Traumleben ist, wie der Mensch Bilder durch das Traum- 
leben schweifend hat. Ich habe nun gestern gesagt: Es kann das ima- 
ginative Bewufitsein wahrnehmen, wie diese Bilder in die Organi- 
sation hinuntergehen und wie das in diesen Bildern Wirkende un- 
sere Gefuhle zustande bringt. Unsere Gefuhle sind also das, was eigent- 
lich ergriffen wiirde, wenn man defer in das Innere des Menschen hin- 
einschauen wiirde, fur die Anschauung in Traumbildern. Gefuhle sind 
die Wellen, die aus dem Tagestraumleben in unser Bewufitsein herauf- 
schiefien. Wir traumen, sagte ich gestern, unter der Oberflache des 
Vorstellungslebens fortwahrend fort, und dieses Traumleben, das lebt 
sich aus in den Gefiihlen. 



Tafel 7 




Wenn wir nun in die Umgebung des Menschen schauen, zunachst 
zur Tierwelt, dann haben wir in der Tierwelt ein Bewulksein, welches 
nicht bis zu dem Denken,bis zu demGedankenleben heraufkommt, son- 
dern welches sich eigentlich ausgestaltet in einer Art lebendigen Traum- 
lebens. Wir konnen uns durch das Studium unseres eigenen Traumle- 
bens eine Vorstellung davon bilden, wie es eigentlich im Seelenleben 
des Tieres aussieht. Es ist das Seelenleben des Tieres eben durchaus ein 
Traumen. Daher ist das Seelenleben des Tieres viel mehr tatig am Or- 
ganismus als das Seelenleben des Menschen, das vom Organismus durch 
die Helligkeit des Vorstellungslebens viel mehr emanzipiert ist. Das 
Tier traumt eigentlich. Und so wie unsere Traumbilder, die Traum- 
bilder, die wir uns bilden wahrend des wachen Bewufitseins, als Ge- 
fiihle her aufstr omen, so ist ein solches gefuhlsartiges Seelenleben das- 
jenige, was beim Tiere hauptsachlich zugrunde liegt. Ein vom hellen 
Gedankenlichte durchzogenes Seelenleben hat eigentlich das Tier nicht. 
Was also bei uns vorgeht zwischen dem Atherleib und dem astralischen 
Leib, das ist das Wesentliche, was im Tiere vorgeht; das bildet das tie- 
rische Seelenleben. Und wir konnen das tierische Leben verstehen, 
wenn wir es also aus dem Seelenleben hervorgehend vorstellen. 

Es ist wichtig, dafi man sich eine gewisse Vorstellung verschafft 
von diesen Verhaltnissen, denn man wird dann begreifen, was eigent- 
lich vorgeht, sagen wir, wenn das Tier verdaut. Man wende nur ein- 
mal den Blick auf eine Herde, die in der Verdauung auf einer Weide 
liegt. Die ganze Stimmung, die in den Tieren ist, die kiindigt ja an, was 
da durch Geistesforschung zutage tritt: dafi tatsachlich die erregte Ta- 
tigkeit, die sich im wesentlichen abspielt zwischen Atherleib und Astral- 
leib des Tieres, in einem lebendigen Fiihlen heraufdringt, und dafi das 
Tier in diesem Fiihlen lebt. Eine Steigerung und Herabminderung die- 
ses Fuhlens, das ist das Wesentliche des tierischen Erlebens, und das 
Teilnehmen an seinen Traumbildern, wenn es eben das Fiihlen etwas 
dampft und mehr das Bild an die Stelle des Fuhlens tritt. Wir konnen 
also sagen: Das Tier lebt in einem Bewufksein, das unserem Traum- 
bewufitsein ahnlich ist. 

Wenn wir bei ihm das Bewufitsein suchen, das wir selber als Men- 
schen, als hier auf der Erde herumgehende Menschen haben, dann kon- 



nen wir es nicht innerhalb des Tieres suchen, dann miissen wir es suchen 
bei Wesen, die nicht zu einem unmittelbar physischen Dasein kommen. 
Wir nennen sie die tierischen Gattungsseelen, Seelen, die als solche nicht 
eine physische Korperlichkeit haben, sondern die sich durch die Tiere 
ausleben. Wir konnen sagen, dafi alle Lowen zusammen eine solche 
Gattungsseele haben, die ein geistiges Dasein hat. Die hat dann ein sol- 
ches Bewufitsein, wie wir Menschen es haben, nicht das einzelne Tier. 

Gehen wir nun herunter in die Pflanzenwelt, dann haben wir nicht 
ein solches Bewufitsein wie bei den Tieren, sondern wir haben in der 
Pflanzenwelt selber ein solches Bewufitsein, wie wir es haben vom 
Einschlafen bis zum Aufwachen. Die Pflanze ist ein schlafendes We- 
sen. Wir entwickeln dieses Bewufitsein aber auch zwischen dem astra- 
lischen Leib und dem Ich im Wollen. Was da in der Pflanzenwelt ta- 
tig ist, das ist im wesentlichen gleichgeartet mit demjenigen, was in 
unserem Wollen lebt. In unserem Wollen schlafen wir eigentlich auch 
dann, wenn wir wach sind. Dieselbe Tatigkeit, die in unserem Wollen 
waltet, die waltet eigentlich iiber die ganze Pflanzenwelt hin. 

Das Bewufitsein, das wir entwickeln als Schlafbewufitsein, das ist 
ja etwas, was sich eigentlich fortwahrend als Unbewufites einschiebt 
in unser Bewufites, was Liicken bildet, wie ich gestern sagte, in unserer 
Erinnerung. Aber geradeso wie unser Bewufitsein dumpf ist, fur die 
meisten Menschen uberhaupt ausgeloscht ist wahrend des Schlafens, so 
ist das Pflanzenbewufitsein. 

Wenn wir dann auf suchen, was beim Pflanzenleben so ist wie beim 
tierischen Leben, dann konnen wir das nicht in der einzelnen Pflanze 
suchen, sondern dann miissen wir es eigentlich in der ganzen Erden- 
seele suchen. Die ganze Erdenseele fuhrt ein traumendes Bewufitsein 
und schlaft sich hinein in das Pflanzenbewufitsein. Und nur insoferne 
die Erde teilnimmt an dem kosmischen Werden, f lackert sie so auf, dafi 
sie solch ein volliges Bewufitsein entwickeln kann, wie wir Menschen es 
haben zwischen Geburt und Tod im wachenden Zustande. Das ist aber 
vorzugsweise dann der Fall, wenn die Winterszeit da ist: das ist eine 
Art Aufwachen der Erde, wahrenddem das dumpfe Traumbewufitsein 
wahrend der Sommerszeit, wahrend der warmen Zeit vorhanden ist. 
Es ist eben durchaus ein Fehlschlufi, wie ich auch in friiheren Vortra- 



gen schon auseinandergesetzt habe, zu glauben, dafi die Erde etwa im 
Sommer wacht und im Winter schlaft. Das Umgekehrte ist der Fall. In 
der regen vegetativen Tatigkeit, die entwickelt wird wahrend des Som- 
mers, wahrend der warmen Jahreszeit, ist gerade ein Schlafzustand der 
Erde, eigentlich ein Traumzustand der Erde vorhanden, wahrenddem 
ein Wachzustand der Erde vorhanden ist in der kalten Jahreszeit. 

Wenn wir aber nun zum mineralischen Reich hinuntersteigen, dann 
kommen wir dazu, uns sagen zu miissen: ein noch tieferes Bewufitsein 
ist da vorhanden als dasjenige unseres Schlafes, ein Bewuiksein, das 
unserer gewohnlichen menschlichen Erfahrung durchaus schon feme 
liegt, das also hinausgehen wiirde iiber das Wollen. Aber eigentlich liegt 
das, was da in den Mineralien lebt als Bewufitseinszustand, uns Men- 
schen nur scheinbar, nur fur das gewohnliche Bewufitsein feme. In 
Wirklichkeit liegt es uns gar nicht so feme. Wenn wir namlich iiber- 
gehen vom Wollen zum wirklichen Tun, wenn wir etwas ausfiihren, 
dann sondert sich ja unser Wollen von uns ab. Und das, in dem wir 
dann, ich mochte sagen, drinnen schwimmen, in dem wir weben und 
leben, indem wir die Handlung ausfiihren, die wir ja nur vorstellen - 
wir stecken ja mit unserem Bewufitsein nicht drinnen in der Handlung, 
wir stellen sie nur vor -, aber das, was in der Handlung selber drin- 
nensteckt, der Inhalt der Handlung, das ist schliefilich dasselbe, was da 
jenseits der Oberflache der Mineralien im Mineralischen drinnensteckt 
und das mineralische Bewufitsein konstituiert. Wir wiirden eigentlich, 
wenn wir noch tiefer hinuntersinken konnten in die Unbewufitheit, da 
ankommen, wo das mineralische Bewufitsein webt. Aber wir wiirden 
uns in keinen anderen Zustand hineinfinden als in denjenigen, in dem 
auch unser Tun selber sich vollzieht. Daher liegt uns das mineralische 
Bewufitsein gewissermafien jenseits dessen, was wir als Menschen noch 
erleben konnen. Aber auch unser eigenes Handeln liegt jenseits des- 
sen, was da von uns Menschen erlebt werden kann. Insofern also unser 
Handeln nicht von uns abhangt, nicht im Gebiete dessen liegt, was in- 
nerhalb unserer Freiheit eingeschlossen ist, ist unser Handeln genau 
ebenso Weltgeschehen wie das, was in den Mineralien drinnen geschieht. 
Wir gliedern unser Handeln in dieses Geschehen ein, und damit haben 
wir eigentlich die Beziehung des Menschen zu seiner Umgebung schon 



bis zu demjenigen getragen, wo dann der Mensch mit seinem Handeln 
sogar jenseits seines Schlafbewufitseins himiberkommt. Indem der 
Mensch die Mineralwelt um sich herum gewahr wird, gerat er, indem er 
die Mineralien von aufien anschaut, an dasjenige heran, was jenseits 
seines Erlebens liegt. Wir konnen sagen: Wenn das der Umkreis dessen 
sei, was wir innerhalb des Menschenreiches, des Tierreiches, des Pflan- 
zenreiches sehen, und dann hier an das Mineralreich herankommen, so 
ist da das Mineralreich, indem es auf unsere Sinne wirkt, uns zuwei- 
send seine aufiere Seite; aber jenseits, da wo wir nicht mehr hineinkom- 
men, da entwickelt das Mineralreich dann, gewissermafien abgewendet 
von uns, sein Bewufltsein (siehe Zeichnung, rot). Und dieses Bewufit- 



sein, das da entwickelt wird, das ist dasjenige, von dem auch aufge- 
nommen werden die inneren Inhalte unserer Handlungen, die dann 
weiterwirken im Verlaufe unseres Karma. 

Und jetzt gehen wir zu Wesen, welche nun nicht unter den Men- 
schen stehen in der Reihe der Naturreiche, sondern die iiber dem Men- 
schen stehen. Wie konnen wir von diesen Wesen eine gewisse Vorstel- 
lung bekommen? Wie bildet sich iiberhaupt auch fur das Bewufitsein, 
das wir begriinden miissen durch Geistesforschung, durch Anthroposo- 



1 8 




it 



phie, wie bildet sich da eine Vorstellung von solchen hoheren Wesen? 
Nun, Sie wissen aus der Darstellung meines Buches «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten?» und aus dem, was ich uber den- 
selben Gegenstand in mundlichen Vortragen gegeben habe, dafi wir 
von dem Tagesbewufitsein, das wir das gegenstandliche Bewufitsein 
nennen, aufwartssteigen konnen zum imaginativen Bewufitsein. Wenn 
wir in gesunder Weise zum imaginativen Bewufitsein aufsteigen, dann 
werden wir ja zunachst von unserer Leiblichkeit frei. Wir weben im 
Atherleben. Dadurch werden unsere Vorstellungen nicht scharf kon- 
turiert sein, sie werden ineinanderfliefiende Imaginationen sein, aber 
sie werden eben so sein, dafi sie demjenigen Gedankenleben ahneln, das 
ich gestern charakterisierte, das wir beim Aufwachen finden zwischen 
Atherleib und physischem Leib. Wir leben uns schon in ein solches 
Gedankenleben ein. Es ist nicht so, dieses Gedankenleben, in das wir 
uns in der Imagination einleben, dafi wir in freier Willkiir einen Ge- 
danken zu dem anderen hinzugliedern, sondern die Gedanken glie- 
dern sich selber ineinander. Es ist ein Gedankenorganismus, ein bild- 
hafter Gedankenorganismus, in den wir uns hineinleben. Aber dieser 
bildhafte Gedankenorganismus hat Lebenskraft in sich. Er stellt sich 
uns so dar, dafi er gedankenwesenhaft ist, aber dafi er eigentlich lebt, 
daft er Eigenleben in sich hat; nicht das Eigenleben, das die physisch- 
irdischen Dinge haben, aber ein Eigenleben, das im Grunde genommen 
alles durchwebt und durchlebt. Wir leben uns hinein in eine Welt, die 
im Imaginieren lebt, deren Tatigkeit das Imaginieren ist. 

Das ist die Welt, die wir zunachst iiber dem Menschen erleben: 
diese webende, sich imaginierende Welt. Und nur wie ein Stuck, wie 
etwas, was herausgeschnitten ist aus dieser webenden, sich imaginie- 
renden Welt finden wir dasjenige, was in uns selber eingesponnen ist 
zwischen unserem Atherleib und unserem physischen Leib, das wir 
beim Aufwachen finden konnen und das wir identisch wissen mit dem- 
jenigen, was hereinkommt durch Konzeption und Geburt aus der gei- 
stigen Welt in diese physische Welt, wenn wir eben in diese physische 
Welt hereintreten. Diejenige Welt, welche die sich imaginierende Welt 
ist, sie entlafit uns gewissermafien zuletzt, und sie arbeitet dann nach 
unserer Geburt noch weiter in unserem physischen Leib. Ein Gedan- 



kenweben, unabhangig von unserem eigenen subjektiven Gedanken- 
weben f indet da statt. Dieses Gedankenweben f indet in unserem Wachs- 
tum statt. Dieses Gedankenweben ist auch tatig in unserer Ernahrung. 
Dieses Gedankenweben ist herausgebildet aus dem allgemeinen Gedan- 
kenweben des Kosmos. 



Wir konnen nicht unseren Atherleib verstehen, wenn wir ihn nicht 
so verstehen, dafi wir haben das allgemeine Gedankenweben der Welt 
siehe Zeichnung, hell), und unser eigener Atherleib ist gewissermafien 
herausgewoben durch unsere Geburt aus diesem Gedankenweben 
der Welt. Das Gedankenweben der Welt webt in uns hinein, bildet 
die Krafte, die unserem Atherleib zugrunde liegen und die eigentlich 
sich zeigen in dem Zwischenraum zwischen Atherleib und physischem 
Leib. Durch den physischen Leib werden sie gewissermaflen hereinge- 
tragen, abgesondert von der aufieren Welt und wirken dann in uns mit 
Hilfe des Atherleibes, des eigentHchen Bildekrafteleibes (unten). 

So konnen wir uns eine Vorstellung machen von dem, was hinter 
unserer Welt ist. Unsere nachste Erkenntnis ist die imaginative, und 
das nachste Wesenhafte, das in unserer Umgebung ist, ist das Sich-Ima- 
ginierende, das sich in lebendigen Bildern Auslebende. Und unserer 
eigenen Organisation liegt ein solches sich in lebendigen Bildern Aus- 
lebendes zugrunde. Wir sind unserem Atherleib nach durchaus aus 
dem Kosmos herausgebildet, herausgestaltet. Wie wir also, indem wir 



Tafel 7 




in das Reich hinuntergehen, das unter uns liegt, unser Bewufitsein, wie 
wir es im Traume haben, dem Tiere zuzuschreiben haben, so haben wir, 
indem wir iiber uns hinaufgehen, das, was wir dann subjektiv erhalten 
in der Imagination. Was wir innerlich ausbilden als ein Gewebe von 
Imaginationen, das haben wir aufierlich vorhanden, das schauen wir 
gewissermafien von aufien an. Wir imaginieren nach innen. Die nach- 
sten Wesen iiber dem Menschen imaginieren sich nach aufien, offen- 
baren sich durch die nach aufien getriebene Imagination, und wir selbst 
sind aus dieser Welt herausgegliedert durch eine solche nach aufien 
getriebene Imagination. So dafi unserer Welt tatsachlich ein Gedan- 
kenweben, ein Bildgedankenweben zugrunde liegt, dafi wir finden, in- 
dem wir die geistige Welt suchen, ein Bildgedankenweben. 

Sie wissen, dafi dann als nachste Stufe die Stufe der Inspiration in 
der Entwickelung unserer Erkenntnisvermogen dasteht. Wir konnen 
die Imagination von innen erleben als einen Erkenntnisvorgang. Aber 
die nachste Welt nach der sich imaginierenden ist diejenige, die gewis- 
sermafien in demselben Elemente webt und lebt, in das wir geraten 
bei der Inspiration. Nur ist es fur diese Welt eine Exspiration, ein ge- 
wissermafien aus sich Herausbreiten. Wir inspirieren uns beim Erken- 
nen. Dasjenige aber, was die nachste Welt tut, das ist: sie exspiriert 
sich, sie treibt das nach aufien, was wir nach innen treiben im inspi- 
rierten Erkennen. 

So also gelangen wir, indem wir gewissermafien das, was wir im 
Inspirieren von innen erleben, von der umgekehrten Seite anschauen, 
an die Objektivitat der nachsthoheren Wesen heran. Und ebenso ist 
es beim Intuitieren, beim intuitiven Erkennen. Aber ich mufi vorher 
noch sagen: Wenn wir als Mensch gewissermafien blofi aus dem Ge- 
dankenweben der Welt herausgesponnen waren, dann wurden wir 
nicht mitbringen in dieses Leben unser Seelisches, das sich durchgelebt 
hat durch das Leben vom letzten Tode bis zu dieser Geburt; denn was 
da herausgesponnen wird aus dem allgemeinen Gedankenweben der 
Welt, das ist eben aus dem Kosmos herausgesponnen, das ist uns zuteil 
geworden durch den Kosmos. Da hinein mufi dann erst das Seelische 
kommen. Und dieses Seelische kommt da hinein durch eine solche Ex- 
spirationstatigkeit, durch eine zu der Inspiration umgekehrten Tatig- 



keit. Wir sind also gewissermafien herausexspiriert aus dem seelisch- 
geistigen Weltenall. Indem uns der Kosmos mit seinem Gedankenweben 
umspinnt, durchdringt uns die geistig-seelische Welt exspirierend mit 
dem Seelischen. Aber sie mufi dieses Seelische ja zuerst aufnehmen. 
Und da kommen wir an das heran, was nun wiederum nur vom Men- 
schen aus richtig begriffen werden kann. 

Sehen Sie, indem wir als Menschen zwischen Geburt und Tod in 
der Welt leben, nehmen wir fortwahrend durch unsere Sinneswahr- 
nehmungen die Eindriicke von der Aufienwelt auf. Wir bilden uns 
Vorstellungen davon, wir durchdringen diese Vorstellungen mit un- 
seren Gefiihlen. Wir gehen iiber zu unseren Willensimpulsen. Wir 
durchdringen das alles. Aber das bildet in uns eine Art abstrakten Le- 
bens, eine Art Bildlebens zunachst. Und wenn Sie, ich mochte sagen, 
nach innen schauen, zu demjenigen, was sich da von den Sinnesorganen 
nach innen als seelisches Erleben der Aufienwelt innerlich bildet, so 
ist das ja Ihr seelischer Inhalt. Es ist der seelische Inhalt des Menschen, 
der im hoheren Wachbewufitsein darstellt zwischen Geburt und Tod, 
was ihm die Aufienwelt gibt. Sein Inneres nimmt das gewissermafien 
auf. Wenn ich schematisch dieses Innere so zeichne: Dann wird im 
Tafel 7 Wahrnehmen die Welt gewissermafien hereingeschickt (Zeichnung 
recks g 73^ rot ^ unc j w { rc | von Gefiihls- und Willenskraften innerlich durch- 

zogene Welt, die sich da drinnen prefit in dem menschlichen Organis- 
mus. Wir tragen eigentlich eine Anschauung der Welt in uns; aber wir 
tragen eine Anschauung der Welt in uns dadurch, dafi die Wirkungen, 
die Eindriicke der Welt in uns sich pressen. Und wir konnen im ge- 
wohnlichen Bewufksein das Schicksal dessen, was da eigentlich mit 
den Eindriicken der Welt in uns vorgeht, gar nicht vollig durchschauen. 
Was da in uns hineindringt und was in uns so lebt, dafi es - in gewissen 
Grenzen - ein Bild des Kosmos ist, das ist so, dafi es durchtrankt wird 
nicht nur von den Gefiihlen und den innerlichen Willensimpulsen, die 
uns ins Bewufitsein kommen, sondern es wird iiberhaupt von alldem, 
was da im Menschen drinnen lebt, durchpulst. Dadurch bekommt es 
eine gewisse Tendenz. Es wird, solange wir leben bis zum Tode hin, 
zusammengehalten vom Leibe. Indem es durch die Pforte des Todes 
dringt, nimmt es vom Leibe mit, was man nennen kann einen Wunsch, 




Tafel 7 
rechts 



fortzusetzen, was es im Leibe geworden ist: den Wunsch, Menschen- 
wesenheit anzunehmen. Wenn wir unser inneres Seelenleben durch den 
Tod tragen, bekommt es den Wunsch, Menschenwesenheit anzunehmen. 

Das ist es, was unser Seelenleben durch den Tod tragt: die Sehn- 
sucht nach Menschenwesenheit. Und diese Sehnsucht nach Menschen- 
wesenheit, die ist insbesondere scharf ausgepragt in alledem, was wie 
traumend und schlafend in den Untergriinden unseres seelischen Lebens 
ist, was in unserem Willen ist. Unser Wille, wie er sich eingliedert dem 
Seelenleben, das aus den Eindriicken der Auflenwelt entsteht, der tragt, 
indem er durch den Tod geht, in sich die tiefste Sehnsucht, nun in einer 
geistigen Welt, in einem geistigen Weltweben Mensch zu werden. 

Unsere Gedankenwelt dagegen, diejenige Welt, die zum Beispiel in 
unseren Erinnerungen geschaut werden kann, die aus uns selber zu- 
riickgestrahlt ist in unser Bewufitsein hinein, die tragt die umgekehrte 
Sehnsucht in sich. Die ist ja eine Verwandtschaft eingegangen mit un- 
serem Menschenwesen. Unsere Gedanken gehen eine starke Verwandt- 
schaft ein mit unserem Menschenwesen. Die tragen dann, indem sie 
durch den Tod gehen, die eminenteste Sehnsucht in sich, sich auszubrei- 
ten in die Welt, Welt zu werden (siehe Zeichnung Seite 68). 

Wir konnen also sagen: Indem wir Menschen durch den Tod gehen, 
tragen die Gedanken in sich die Sehnsucht, Welt zu werden. Der Wille 
dagegen, den wir entwickeln im Leben, er tragt in sich die Sehnsucht, 
Mensch zu werden. 



Gedanken: Sehnsucht, Welt zu werden 
Wille: Sehnsucht, Mensch zu werden 



Tafel 8 



Das ist dasjenige, womit wir durch den Tod gehen. Alles das, was in 
den Tiefen unseres Wesens waltet als Wille, es tragt im tiefsten Inneren 
die Sehnsucht in sich, Mensch zu werden. Man kann das beobachten 
mit dem imaginativen Bewufitsein, wenn man den schlafenden Men- 
schen beobachtet, der den Willen ja aufler sich hat, in dem Ich den 
Willen aufier sich hat. Da driickt sich schon deutlich in dem aufier- 
halb des Menschenleibes Befindlichen die Sehnsucht aus, beim Auf- 
wachen wiederum zurtickzukehren, urn menschenahnlich sich zu ge- 
stalten in der Ausbreitung des menschlichen physischen Leibes selbst. 
Aber diese Sehnsucht bleibt uber den Tod hinaus. Was willensartiger 
Natur ist, das will Mensch werden, wahrenddem das, was gedan- 
kenhafter Natur ist und was sich verbinden mufi gerade mit den 
Gedanken, die dem physischen Leben so nahe sind, mit den Gedanken, 
die eigentlich unser menschliches Gewebe bilden, die unsere mensch- 
liche Figur zwischen Geburt und Tod haben das nimmt die Sehn- 
sucht an, sich wiederum zu zerstreuen, sich wiederum zu zerfluten, 
"Welt zu werden. Und das dauert dann bis ungefahr in die Mitte der 
Zeit, die wir zubringen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 

Da ist das Gedankenhafte in seiner Sehnsucht, "Welt zu werden, 
gewissermafien bis ans Ende gekommen. Es hat sich eingegliedert in 
den ganzen Kosmos. Die Sehnsucht Welt zu werden, ist erreicht, und 
es findet eine Umkehr statt. In der Mitte zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt verwandelt sich diese Sehnsucht der Gedanken, Welt zu 
werden, langsam in die Sehnsucht, wiederum Mensch zu werden, wie- 
derum sich so zu verweben, wie das dann wird, wenn es eben unser 
Gedankengewebe wird, das wir beim Aufwachen gegen den Leib hin 
wahrnehmen konnen. So dafi wir sagen konnen - ich nenne ja das, was 
da in der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegt, wie Sie 
aus meinen Mysteriendramen wissen, die Mitternachtsstunde des Da- 
seins -, dafi wir in dieser Mitternachtsstunde des Daseins eine rhyth- 
mische Umkehrung haben von der Gedankensehnsucht unseres Wesens, 
Welt zu werden, nachdem sie erfiillt ist, in die Sehnsucht, wiederum 
Mensch zu werden, nach und nach herunterzusteigen, urn wiederum 
Mensch zu werden. 

In demselben Augenblicke, wo die Gedanken die Sehnsucht bekom- 



men, wiederum Mensch zu werden, tritt bei dem Willen das Umge- 
kehrte ein. Der Wille entwickelt ja zunachst die Sehnsucht, Mensch zu 
werden in dem geistigen Elemente, das wir durchleben zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt. Diese Sehnsucht ist es, die den Willen 
am meisten erfiillt. Es hat da draufien zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt gewissermafien ein geistiges Abbild des Menschen er- 
lebt; darinnen entsteht jetzt die lebhaf teste Sehnsucht, wieder Welt zu 
werden. Gewissermafien breitet sich der Wille aus; er wird Welt, er 
wird kosmisch. Dadurch, dafi er sich ausbreitet, gelangt er auch eben 
in die Nahe derjenigen Naturstromung, die dann durch die Verer- 
bungslinie gebildet wird im Fortgang der Generationen. So daiS das, 
was als Wille wirkt im geistig-physischen Kosmos, was als Wille be- 
ginnt, um die Mitternachtsstunde des Daseins die Sehnsucht zu haben, 
Welt zu werden, dafi das eigentlich schon in der Generationenfolge 
lebt. Wenn wir dann in der anderen Stromung, die die Sehnsucht hat, 
Mensch zu werden, uns einkorpern, ist uns vorangegangen der Wille 
im Weltwerden. Er lebt schon in der Fortpflanzung der Generation, 
in die wir dann untertauchen. In dem, was wir von den Vorfahren be- 
kommen, lebt schon der Wille, der da Welt werden wollte von der 
Mitternachtsstunde des Daseins an, und mit diesem Welt- werden- Wol- 
lenden Willen kommen wir zusammen, indem das, was seit der Mitter- 
nachtsstunde des Daseins in den Gedanken von uns Mensch werden 
will, sich dann in das eingliedert. 

Gedanken: Tafel 8 

Sehnsucht, Welt zu werden - Sehnsucht, Mensch zu werden 

Wille: 

Sehnsucht, Mensch zu werden - Sehnsucht, Welt zu werden 

Sie sehen also, wenn wir so mit geistigem Blick verf olgen, was auf der 
einen Seite im Physischen lebt, was auf der anderen Seite im Geistigen 
lebt, dann stellt sich uns das Bild des Menschenwerdens wirklich vor 
die Seele hin. Wir sind aber auch, indem wir durch das Gedanken- 
gewebe, das die Sehnsucht hat, Mensch zu werden, sich zu unserem 



physischeti Dasein herunterzuneigen, wir sind da verwandt mit all den 
Wesen, die in der nachsten Sphare iiber den Menschen leben, die sich 
imaginieren. Wir passieren gewissermafien die Sphare der sich imagi- 
nierenden Wesen. Und gerade in dem Augenblicke, wo diese Umkeh- 
rung stattfindet, da findet auch unsere Ich-durchdrungene Seele die 
Moglichkeit, nun fortzuleben in den beiden Stromungen, die ja diver- 
gieren, aber mit denen die Seele lebt, kosmisch lebt, bis sie sich wie- 
derum nach der vollen Erfiillung der Menschwerde-Sehnsucht einkor- 
pert und eben ein einzelner Mensch wird. Die Seele lebt im Grunde 
genommen sehr kompliziert, und hier in der Mitternachtsstunde des 
Daseins geht sie iiber den Abgrund. Sie wird gewissermafien aus un- 
serer Vergangenheit selber, jener Vergangenheit zunachst, die zwischen 
unserem letzten Tode und der Mitternachtsstunde des Daseins liegt, her- 
eininspiriert. Die Mitternachtsstunde des Daseins passieren wir durch 
eine Tatigkeit, die dem Inspirieren, wenn man es innerlich erlebt, ahn- 
lich ist, und die aufierlich ein Exspirieren ist, herriihrend aus friiherem 
Dasein. Ist die Seele iiber die Mitternachtsstunde des Daseins hinweg, 
da kommen wir zusammen mit denjenigen Wesen, die in zweiter Stufe 
iiber dem Menschen stehen und die im Exspirieren leben, wie ich ge- 
sagt habe. 

Aber als dritte Stufe haben wir im hoheren Erkennen die intuitive 
Erkenntnis. Erleben wir sie nach innen, dann haben wir sie gewisser- 
mafien von der einen Seite, erleben wir sie von aufien, so haben wir 
ein Intuitieren, ein Sich-Hingeben, ein richtiges Sich-Hingeben. Dieses 
Sich-Hingeben, dieses sich in die AuSenwelt-ErgiefSen, das ist das We- 
sen derjenigen Hierarchie, die als dritte Stufe iiber dem Menschen 
steht, das Intuitieren. Und dieses Intuitieren ist jene Tatigkeit, durch 
die der Inhalt unserer friiheren Erdenleben heriiber intuitiert wird 
in unser gegenwartiges Erdenleben, heriiberstromt, sich heriiberergiefit 
in unser gegenwartiges Erdenleben. Diese Tatigkeit iiben wir allerdings 
f ortwahrend aus, sowohl auf dem Wege bis zur Mitternachtsstunde des 
Daseins wie auch weiter dariiber hinaus. Diese Tatigkeit durchdringt 
alles andere, und wir sind durch sie, also indem wir durch die wieder- 
holten Erdenleben gehen, Teilnehmer an jener Welt, in welcher die im 
realen Intuitieren lebenden Wesen sind, die sich hingebenden Wesen 



sind. Wir geben uns ja auch eben an jedes folgende Erdendasein hin aus 
unserem fruheren Erdenleben heraus. 

So konnen wir auch Vorstellungen gewinnen, wie nun unser Leben 
verlauft zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in der Umgebung 
dieser drei Welten. 

Wie wir hier zwischen Geburt und Tod in der Umgebung der tie- 
rischen, der pflanzlichen und der mineralischen Welt leben, so leben 
wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in derjenigen Welt, 
wo das, was wir sonst in der Imagination erfassen, in Bildern gestaltet 
nach aufien lebt. Dasjenige also, was wir aus dem geistigen Kosmos in 
unsere Leibgestaltung hineintragen, das konnen wir daher auch durch 
Imagination erfassen. Das, was wir von unserem Seelischen durch die 
Mitternachtsstunde des Daseins hindurchtragen, was in uns dann vor- 
zugsweise als Gefiihlstatigkeit lebt, aber ins Traumhafte eben abge- 
stumpft, das konnen wir erfassen durch inspirierende Erkenntnis, und 
das ist auch, wenn es auftritt als unser Gefiihlsleben, durchsetzt von 
solchen Wesenheiten. 

Wir leben namlich als Menschen in Wahrheit nur vollig in unse- 
rer aufieren Sinneswahrnehmung. Schon wenn wir zum Denken vor- 
dringen, dann ist objektiv dieses Denken etwas, was fur die Imagi- 
nation gegeben wird, was in einem Bildgestalten besteht. Wir heben 
nur die abstrakten Gedanken in unserem Bewufitsein aus dem Bildge- 
stalten heraus. Hinter unserem Bewufitsein liegt dann gleich das Bild- 
weben der Gedanken. Dadurch, dafi wir die abstrakten Gedanken 
herausheben konnen aus diesem Bildweben, kommen wir als Menschen 
zwischen Geburt und Tod zur Freiheit. Die Welt der imaginativen 
Notwendigkeit liegt dahinter. Da sind wir aber auch nicht mehr in 
derselben Weise allein wie hier. Da sind wir verwoben mit den sich 
durch Imagination offenbarenden Wesen, so wie wir dann in unserem 
Fiihlen verwoben sind mit den durch Exspiration, mit den das Inspi- 
rieren nach aufien offenbarenden Wesen. Und indem wir von Erden- 
leben zu Erdenleben gehen, sind wir verwoben mit denjenigen Wesen- 
heiten, die im Intuitieren leben. 

Unser menschliches Leben reicht also hinunter in die drei Reiche 
der Natur und reicht hinauf in die drei Reiche des gdttlich-geistig- 



seelischen Dasein. Das zeigt uns, daft wir ja hier im Anschauen des 
Menschen nur die Aufienseite des Menschen haben. In dem Augen- 
blicke, wo wir nach dem Inneren schauen, setzt sich uns der Mensch 
fort nach den hoheren Welten hinauf, verrat er uns, offenbart er uns 
seinen Zusammenhang nach den hoheren "Welten hinauf, und wir le- 
ben uns durch Imagination, Inspiration und Intuition in diese hoheren 
Welten hinein. 

Damit haben wir einmal einen Blick geworfen auf die menschliche 
Umgebung. Wir haben aber damit zu gleicher Zeit diejenige Welt ent- 
deckt, die als eine Welt geistiger Notwendigkeiten hinter der Welt 
physischer Notwendigkeiten steht, und wir lernen dann urn so mehr 
das, was in der Mitte drinnen liegt, wiirdigen: die Welt unseres ge- 
wohnlichen Bewufitseins, das wir durchmachen in wachendem Zu- 
stande zwischen der Geburt und dem Tode. Da einverleiben wir un- 
serem eigentlichen menschlichen Wesen das, was in der Freiheit leben 
kann. Unter uns und iiber uns ist nicht Freiheit. Freiheit tragen wir 
durch die Todespforte dadurch, daft wir mitnehmen den wesentlich- 
sten Inhalt des Bewufitseins, den wir da haben zwischen der Geburt 
und dem Tode. Der Mensch verdankt eben dem Erdendasein die Er- 
oberung dessen, was in ihm das Freiheitsleben ist. Dann allerdings 
kann es ihm nicht mehr genommen werden, wenn er es sich erobert hat 
dadurch, daft er das Leben zwischen Geburt und Tod durchgemacht 
hat, dann kann es ihm nicht mehr genommen werden, wenn er dieses 
Leben weitertragt in die Welt der geistigen Notwendigkeiten hinein. 
Dieses Erdenleben bekommt gerade seinen tiefen Sinn dadurch, daft 
wir es hineinzustellen vermogen zwischen das, was unter uns und iiber 
uns liegt. Und so leben wir uns hinauf zu der Erfassung dessen, was im 
Menschen als das Geistige erfaftt werden kann. 

Wenn wir das Seelische erkennen wollen, so miissen wir gewisser- 
maften in die Zwischenraume zwischen physischem Leib, Atherleib, 
Astralleib und Ich hineinschauen; dann miissen wir in das hinein- 
schauen, was da webt zwischen den Gliedern unserer menschlichen 
Wesenheit. Wenn wir den Menschen als geistiges Wesen kennenlernen 
wollen, dann miissen wir danach fragen, was der Mensch erlebt mit 
sich imaginierenden Wesenheiten, mit Wesenheiten, die sich auften 



durch Inspiration oder eigentlich Exspiration of fenbaren, mit Wesen- 
heiten, die sich durch Intuitieren offenbaren. Wie wir also gewisser- 
mal5en aufsuchen miissen, was unsere menschlichen Wesensglieder mit- 
einander fiir Wechseltatigkeit entwickeln, wenn wir das Seelenleben 
priifen wollen, so miissen wir den Verkehr mit den Wesenheiten der 
hoheren Hierarchien aufsuchen, wenn wir den Menschen als geistiges 
Wesen betrachten wollen. 

Wenn wir hinunterschauen in die Natur und den Menschen voll- 
standig anschauen wollen, dann enthiillt sich uns dieser Mensch fiir 
das geistige Anschauen in dem Augenblicke, wo wir aus innerer Er- 
kenntnis heraus sagen konnen: Der Mensch, so wie er heute ist, tragt 
in sich physischen Leib, Xtherleib, astralischen Leib und Ich. - Jetzt 
hat man erkennen gelernt, was der Mensch innerhalb der Natur ist. 
Nun werden wir gewahr, zunachst auf subjektive Art durch inneres 
Erleben, das Seelenweben. Wir schauen es ja nicht an, wir stehen dar- 
innen. Indem wir uns zur Anschauung aufschwingen, miissen wir es 
suchen zwischen den Gliedern, die wir also als die Wesensglieder des 
Menschen im naturlichen Dasein entdeckt haben. Was diese Glieder 
miteinander tun nach innen hin, das enthiillt sich uns als die objek- 
tive Anschauung des Seelenlebens. 

Dann aber miissen wir weitergehen und miissen nun nicht nur die 
Wesensglieder des Menschen und die Wirksamkeit dieser Wesensglieder 
aufeinander suchen, sondern wir miissen den ganzen Menschen nehmen 
und ihn in Wechseltatigkeit mit demjenigen sehen, was in seiner im 
weitesten Umfange aufgefafiten Weltenumgebung lebt: unter ihm und 
iiber ihm. Da entdecken wir, wie unter ihm dasjenige lebt, was gegen- 
iiber dem, was iiber ihm ist und was sich als die eigentliche Geistigkeit 
des Menschen erweist - Geistigkeit als Erlebnis unserer Tatigkeit mit 
den Wesen der hoheren Hierarchien — , wie schlafend ist. Das, was sich 
als die eigentliche Geistigkeit da oben erlebt und das, was unten in der 
Natur erlebt wird, wird wie ein Wechseln, ein rhythmisches Wechseln 
zwischen Wachen und Schlafen erlebt. Gehen wir vom menschlichen 
Bewufitsein, das das wachende Bewufitsein ist, hinunter zum tierischen 
Bewufitsein, das das traumende Bewufitsein ist, gehen wir bis zum 
Pflanzenreich: schlafend; gehen wir noch tiefer hinunter: tiefer als das 



Schlafen; gehen wir hinauf: wir finden zunachst das Imaginieren als 
Realitat erfiillt. Also ein weiteres Aufwachen ergibt sich gegeniiber 
unserem gewohnlichen Bewufitsein, ein noch weiteres Aufwachen bei 
den hoheren Wesen, durch Inspiration; ein volliges Erwachtsein im 
Intuitieren, ein solches Erwachtsein, dafi es ein Hingeben ist an die 



Und jetzt verfolgen Sie bitte das, was ich nun hier schematisch 
zeichne, was aber zura Welt- und Menschenverstandnis von grofiter 
Bedeutung ist. Nehmen Sie hier gewissermafien als den Zentralpunkt 
das gewohnliche menschliche Bewufitsein. Es geht zunachst herunter, 
findet das tierische Traumbewufksein; geht weiter herunter, findet das 
pflanzliche Schlafbewufitsein; geht weiter herunter und findet das 
mineralische Tiefschlafbewufitsein. 



Nun aber geht der Mensch iiber sich hinauf, findet die Wesenheiten, 
welche in Imaginationen sich offenbaren; geht weiter hinauf, findet 
die Wesenheiten, welche in Inspirationen sich offenbaren, eigentlich 
durch ein exspirierendes Wesen; findet endlich die Wesenheiten, welche 
sich durch Intuitieren offenbaren, die sich ausgiefien. 



Welt. 



Tafel 7 




Wohin ergiefien sie sich? Das hochste Bewufttsein ergiefit sich in das 
Tiefschlafbewufitsein des Mineralreiches hinein. Das Mineralreich ist 
urn uns herum ausgebreitet, zeigt uns seine eine Seite. Wiirden Sie, in- 
dem Sie an diese eine Seite des Mineralreiches herankommen, nicht 
durch Zerbrockeln bis in die Atome, sondern wirklich durchkonnen, 
so wiirden Sie auf der anderen Seite sich entgegenstrahien finden das- 
jenige, was im intuitierenden Bewufltsein in das Tiefschlafbewufitsein 
des Mineralreiches hineinstromt. Und diesen Prozefi, den wir da im Tafel 8 
Raume finden konnen, wir machen ihn als Menschen selbst im Werde- 
gang durch die verschiedenen Erdenleben in der Zeit durch. 

Nun, wir wollen morgen iiber diese Verhaltnisse weiter sprechen. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 2. Oktober 1921 



Ich mochte noch einmal, damit der Zusammenhang gewahrt wird, 
kurz rekapitulieren, was in den letzten Tagen vor unsere Seele getre- 
ten ist in bezug auf die Erkenntnis des seelischen und geistigen Lebens 
des Menschen. Insbesondere demjenigen, was fiir einen gewissen vor- 
laufigen Abschlufi dieser Betrachtungen noch nachzutragen sein wird, 
mochte ich das Notige vom Vorangegangenen vorausschicken. Ich will 
heute mehr von den Resultaten sprechen; den Gang der Beobachtung 
habe ich ja in den letzten Tagen auseinandergesetzt. 

Wir haben gesehen, daft vorhanden ist gewissermafien in dem Zwi- 
schenraum zwischen dem atherischen Leib und dem physischen Leib, 
sagen wir, ein Gewebe von lebendigen Gedanken. Dieses Gewebe von 
lebendigen Gedanken, was ist es denn eigentlich? Es ist dasjenige, was 
wir durch die Geburt aus der geistig-seelischen Welt hereintragen in 
die irdische Welt. Es ist notwendig, dafi man sich vorstelle, dafi das, 
was wir innerhalb unserer Denktatigkeit nur im Bilde haben, was also 
innerhalb unserer Denktatigkeit nur etwas abbildet, dafi das ein selb- 
standiges Leben fiir sich habe, aber dann eben nicht darinnen ist, was 
wir erfiihlen, indem wir Gedanken haben, sondern dafi das Gedan- 
kengewebe durchzogen ist von objektiver Wesenheit, also ein wirken- 
des, webendes, tatiges Gedankengewebe ist. Das ist beim Menschen ja 
so, dafi es mitwirkt bei seiner Gestaltung, dafi es mitwirkt durch das 
ganze Leben zwischen der Geburt und dem Tode. 

Was ich da zuletzt sagte, bitte ich voll ins Auge zu fassen. Man 
kann nicht etwa sagen, dafi beim Menschen dieses Gedankengewebe 
ihn ganz bilde, dafi also der Mensch ganz herausgewoben ware aus 
demjenigen, was man nennen kann Weltgedanken. Das ist nicht der 
Fall, wenigstens nicht in bezug auf dieses zwischen dem atherischen 
und dem physischen Leibe befindliche Gedankengewebe. Der Mensch 
wird durchaus auch aus anderem konstituiert, das aus dem allgemei- 
nen Kosmos heraus an ihn herankommt, und nur mitwebend ist das- 
jenige, was ich da als Gedankengewebe beschrieben habe. Aber wir 



finden es gewissermafien an derjenigen Stelle, wo unser subjektives 
Denken auch liegt, denn die subjektiven Gedanken weben wir in dieses 
Gedankengewebe hinein. Die objektiven erscheinen ja dem gewohn- 
lichen Bewufksein gar nicht, aber indem sich die subjektiven, an der 
Aufienwelt entziindeten Gedanken in dieses Gewebe hineinleben, 
kommt das, was unser Gedankeninhalt ist, fur unser Bewufitsein zu- 
stande. 

Das ist also gewisserrnafien der Mensch nach der einen Seite hin. Es 
ist der Mensch nach der Seite seiner Haut hin, insofern in die Haut ja 
im Grunde genommen die Summe der Sinne eingestaltet ist. Sobald wir 
aber heute an die Sinneswelt selber herangehen, so ist die Sache so, dafi 
wir gewissermalSen nicht bis zu den Sinnen kommen, indem wir so das- 
jenige betrachten, was der Mensch eingegliedert bekommen hat, indem 
er durch die Geburt ins Dasein getreten ist. Wir miissen die Sache sche- 



matisch so zeichnen, dafi wir sagen: Wenn dieses das Gedankengewebe 
zwischen dem Atherleib und dem physischen Leibe ist (siehe Zeich- 
nung, hell), so schlingt sich um dieses Gedankengewebe nach aufien alles 
das, was (rot) in die Haut eingegliedertes Sinnesleben ist. Das ist also ge- 
wissermafien aus dem Kosmos herausgebildet und ist dem Menschen an- 
gegliedert. Das ist es also, was der Mensch vom Kosmos gewissermafien 
geschenkt erhalt, wenn er, durch die Geburt ankommend, das herein- 
tragt, was zunachst in seinem Gedankengewebe ist. Und eigentlich, 




Tafel 9 



wenn man von dem Menschen spricht als sich hindurchentwickelnd 
durch Saturnentwickelung, Sonnenentwickelung, Mondenentwicke- 
lung, Erdenentwickelung, wie ich es beschrieben habe In meiner «Ge- 
heimwissenschaft im Umrifi», so finden wir zunachst hauptsachlich 
diese aufiere Entwickelung, vom Saturn angefangen, gerade in der 
Konfiguration der Sinnesorgane ausgedriickt. Das setzt sich dann aller- 
dings durch Prozesse nach innen ins Driisensystem, Nervensystem und 
so weiter fort, aber von den Sinnen geht dasjenige aus, was der Mensch 
als seine Organisation aus dem Kosmos hereinbekommt. Das aber, was 
ich hier gezeichnet habe als Gedankengewebe, ist eben durchaus etwas, 
was dem individuellen Menschen angehort, was allerdmgs herausge- 
gliedert wird aus der Atherwelt, indem der Mensch durch die Geburt 
ins Dasein tritt, was aber durchaus doch dem individuellen Menschen 
angehort, das heifit, mit der individuell irdischen Entwickelung des 
Menschen zu tun hat. So dafi man sagen kann: Diese objektive Gedan- 
kenorganisation, sie arbeitet wahrend unseres Embryonallebens und 
wahrend unseres ganzen spateren Lebens zwischen Geburt und Tod 
an uns, aber sie ist nicht etwa alles, was die ganze Wesenheit des Men- 
schen aus sich heraussetzt. 

Auf der anderen Seite haben wir gef unden, was willensartiger Natur 
ist. Und wir konnen sagen: Was willensartiger Natur ist, entwickelt sich 
zwischen dem Astralleib und dem Ich. Das Ich ist eigentlich so wie es 
der Mensch als Mensch hat, ganz und gar willensartiger Natur. Es ent- 
wickelt sich aber so, dafi, wie ich angedeutet habe, zunachst wahrend 
des Lebens zwischen Geburt und Tod die Impulse des Wollens in die 
Handlungen des Menschen ubergehen, aber nicht vollstandig; es blei- 
ben Dinge zuriick. Und was da zuriickbleibt von Willensartigem, das 
geht in das werdende Karma iiber. So dafi wir also, wenn wir den 
Menschen nach seinem physischen Leibe hin betrachten, in dem Ge- 
dankengewebe nach dem vergangenen Karma kommen, und indem wir 
den Menschen betrachten nach seinem Ich - das Ich ist es ja, das eigent- 
lich in seinen Handlungen lebt; dessen mufi man sich nur vollstandig 
bewufit sein, dafi das Ich eigentlich vollig erst in den Handlungen lebt, 
eigentlich erst erwacht an dem Handeln des Menschen -, wird das, 
was das Ich gewissermafien da zuriickbehalt in sich, dann durch die 



Pforte des Todes getragen und geht in das Zukunftskarma, in das wer- 
dende Karma iiber. 

Da finden wir also, gewissermaften objektiv betrachtend, was sonst 
subjektiv als Seelenleben in uns ist. Wir finden es objektiviert, Wir fin- 
den es so, dafi wir es objektiv betrachten konnen. Aber wir finden, 
wenn wir nach der Verwandtschaft hinschauen mit dem Subjektiven, 
dafi wir nach der einen Seite Gedankengebilde haben, nach der anderen 
Seite ein Willensgebilde haben. In der Mitte drinnen steht fur das sub- 
jektive Erleben das Fiihlen. 

Dieses Fiihlen, man kommt auf seine eigentliche Wesenheit nur, 
wenn man sich klar dariiber ist, dafi eigentlich jedes Gefiihl, das der 
Mensch als einzelnes hegen kann, verwoben ist in das ganze Gefiihls- 
leben des Menschen. Und das Gefiihlsleben des Menschen lafit sich 
eigentlich wiederum nur betrachten, wenn wir es so auffassen, daft 
wir sagen: In einem Lebensaugenblicke sind wir durchstromt, durch- 
setzt von der Gesamtheit unseres Gefuhlslebens. Wir konnten auch 
sagen: Wir sind in einer gewissen Gefuhlsstimmung; in jedem Augen- 
blicke unseres Lebens sind wir in einer gewissen Gefuhlsstimmung. 
Diese Gefuhlsstimmung, versuchen wir es einmal - jeder kann es ja 
eigentlich zunachst nur individuell tun diese Gefuhlsstimmung uns 
zum Bewufitsein zu bringen. Versuchen wir uns zum Bewuiksein zu 
bringen,wieder Mensch in irgendeinem Augenblicke seines Erdenlebens 
in einer gewissen Gefuhlsstimmung ist. Sie wissen ja: diese Gefuhlsstim- 
mung ist eine unendlich mannigfaltige. Sie ist so, dafi sie bei dem einen 
ausarten kann in eine, ich mochte sagen, Oberfrohlichkeit, dafi also 
der eine im Ubermafie frohlich gestimmt ist, der andere unter Depres- 
sionen leidet, der dritte wieder mehr im Gleichmafie gestimmt ist. Wir 
brauchen, wenn wir blofi auf diese Gefuhlsstimmung in irgendeinem 
Lebensaugenblicke unseren Blick hinrichten wollen, dabei gar nicht 
auf die Ursachen dieser Gefuhlsstimmungen einzugehen, sondern brau- 
chen nur die besondere Schattierung, die besondere Nuance dieser Ge- 
fuhlsstimmung ins Auge zu fassen: wie sie bei dem einen bis zur tiefsten 
Depression kommen kann, bei dem anderen im Gleichmafi sein kann, 
bei dem dritten wieder bis zum Frohsinn, bis zur aufiersten Frohlich- 
keit gehen kann; wie tausenderlei Zwischenstufen vorliegen konnen. 



Bei jedem Menschen ist eigentlich diese Gefiihlsstimmung eine andere. 
Und nun, wenn man sich durch eine Art von Selbsterkenntnis nach die- 
ser Gefiihlsstimmung erkundigt, so findet man ja eigentlich zunachst 
nichts anderes als subjektives Erleben in dieser Gefiihlsstimmung, sub- 
jektives Erleben, das in allerlei Weise nuanciert ist eben durch die 
aufieren Erfahrungen, durch die aufieren Erlebnisse; aber eben sub- 
jektives Erleben findet man. 

Man kann, wenn man in diesem subjektiven Erleben, also im eigent- 
lichen inneren Seelenweben bleibt, ohne auf das Anschauen einzugehen, 
also darauf einzugehen, dafi einem diese Dinge objektiv werden, man 
kann sich da nicht iiber das Wesen, sagen wir, dieser gefiihlsmafiigen 
Seelenstimmung in irgendeinem Augenblicke aufklaren. Aber man 
kann doch schon im gewohnlichen Leben darauf kommen, was diese 
Stimmung, diese ganz und gar in Gefiihlen lebende Stimmung eigent- 
lich ist. Dazu mufi man allerdings die Fahigkeit des psychologischen 
Betrachtens haben. Man mufi die Mogiichkeit haben, besonders pra- 
gnante Personlichkeiten vielleicht einmal auf ihren Gefiihlsgehalt zu 
priifen. Und da konnen Sie die f olgende Erf ahrung machen. Allerdings, 
es wird die aufiere Beobachtung nur ein Annaherndes an die eigent- 
liche Wahrheit geben konnen, aber eben dieses Annahernde ist schon 
aulSerordentlich viel wert. 

Wir konnen uns zum Beispiel die Aufgabe Stellen, Goethe zu stu- 
dieren, den man ja gut verf olgen kann nach seinen Tagebiichern, Brie- 
fen, nach demjenigen, was gerade in seine bezeichnendsten Werke ge- 
flossen ist, wo wir immer, da wir ihn biographisch manchmal von Tag 
zu Tag, manchmal vom Vormittag zum Nachmittag verf olgen konnen, 
gerade bei ihm gut sehen konnen, wie die Gemiitsstimmungen sind. 
Man kann sich zum Beispiel die Aufgabe vorsetzen, in feiner psycho- 
logischer Weise die Gemiitsstimmung, die Goethe zu irgendemer Zeit, 
sagen wir, 1790 hatte, zu studieren. Man wird zunachst versuchen, 
sie moglichst genau zu beschreiben. Man kann das, man kann diese 
Gemiitsstimmung moglichst genau beschreiben. Und indem man das 
tut, wird man aber allerdings nach zwei Richtungen hingewiesen - und 
das ist aufierordentlich wichtig, sich einmal vor die Seele zu stellen 
man wird nach zwei Richtungen hingewiesen: man wird auf Goethes 



Leben vor 1790 gewiesen und auf das, was nach 1790 von Goethe 
durchlebt worden ist. Und wenn man dann mit einem psychologischen 
Blicke gleichsam zusammenschaut alles das, was auf Goethes Seele 
eingedrungen ist vor 1790, mit demjenigen, was dann bis zu seinem 
Tode auf seine Seele gewirkt hat - wenn man sich also vergegenwar- 
tigt das vorhergehende und nachfolgende Leben — , da stellt sich das 
Wunderbare heraus, dafi jeder Gemiitsstimmungsaugenblick im Men- 
schen ein Zusammenwirken darstellt zwischen dem, was vorangegan- 
gen ist, das der Mensch kennt, das schon in seinem Leben bewufit vor- 
handen ist, und dem, was erst kommt, demjenigen also, was noch nicht 
seiner zunachst bewufken Erfahrung gegeben ist. Das dem eigenen 
Bewufttsein zunachst noch Unbekannte lebt aber schon in der allge- 
meinen Gefuhlsstimmung. Man kann es schon so biographisch, mochte 
ich sagen, herausbekommen, dieses Geheimnis der Gemiitsstimmung 
eines Augenblickes. Und man grenzt mit dem schon durchaus an die- 
jenigen Gebiete der menschlichen Betrachtung, die gern von den Men- 
schen, die gedankenlos dahinleben, aufier acht gelassen werden. Was 
geht den Menschen die Zukunf t an, er weifi sie ja noch nicht - so meint 
er. In seinem Gefiihlsleben weifi er sie. 

Und wenn man dann weitergeht und weiter pruft, priift zum Bei- 
spiel die Gemiitsstimmung irgendeines Menschen, den man genau ge- 
kannt hat und von dem man erfahren hat, dafi er, sagen wir, ein paar 
Jahre, nachdem man diese Gemiitsstimmung aufgefafit hat, gestorben 
ist, so kann man ganz genau sehen, wie der nahende Tod mit alledem, 
was mit ihm zusammenhangt, durchaus schon sein Licht zuriickgewor- 
fen hat auf die Gemiitsstimmung. So dafi man also wirklich, wenn 
man auf diese Dinge eingeht, sehen kann zunachst des Menschen Ver- 
gangenheit aus dem Leben zwischen Geburt und Tod, und die Zukunft 
bis zum Tode hineinspielen in demjenigen, was im Gemiite gefiihls- 
mafiig zusammen lebt. Daher hat das Gemiitsleben etwas fur den Men- 
schen selbst so Unerklarliches. Daher stellt es sich herein in das Leben 
wie etwas Elementares, weil es durchaus als Gefiihl schon tingiert ist 
von demjenigen, was wir erst erleben werden. 

Diese Sache mufite ja durchaus schon berucksichtigt werden in der 
Zeit, in der ich meine «Philosophie der Freiheit» abfafke. Warum 



mufite ich denn darauf dringen, dafi die f reie Handlung nur hervor- 
gehen darf aus dem reinen Denken? Nun, weil, wenn die Handlung 
auf das Gefiihl gebaut ist, ja die Zukunft schon hineinspielt, also aus 
dem Gefiihl heraus niemals eine wirklich freie Handlung kommen 
konnte! Die kann nur aus dem wirklich im reinen Denken erfafiten 
Impuls heraus kommen. Und wenn Sie sich erinnern an das, was ich 
an den zwei verflossenen Tagen dargestellt habe, so werden Sie die 
Sache noch mehr an Ihre Seele heranbringen konnen. Ich habe gesagt: 
So wie uns das Gefiihl erscheint, so ist es ja zunachst so, dafi das, was 
in uns eigentlich geschieht, was in unserer Menschenwesenheit vorgeht, 
im Gefiihl zuriick-, heraufstrahlt in unser Bewulksein. Wenn ich sche- 
matisch zeichne, so kann ich sagen: Im Gefiihl stromt nach oben in das 
Bewulksein herein, was eben das Erlebnis des Gefuhles ist; nach unten 
aber stromt, was von dem imaginativen Bewufitsein den Traumbildern 
Tafel 9 gleich erlebt werden kann (siehe Zeichnung Seite 89), was also durch- 
aus in Imaginationen sich abspielt. So dafi das Gefiihlsleben eigentlich 
fur den Gesamtmenschen so verlauft, dafi nach oben stromt, was uns 
als Gefiihl bewufit wird (blau), dafi aber in die menschliche Organisa- 
tion hinunter- und hineinstromt, was eigentlich Bild ist, was wirklich 
dann, wenn es durch das imaginative Bewufitsein geschaut wird, eben 
als Bild geschaut wird (rot, innen). Das stromt fur das gewohnliche Be- 
wufitsein als ein Unbewufites hinunter in die ganze menschliche We- 
senheit. Zwar nicht in den einzelnen Ereignissen, denn die miissen 
eigentlich erst herankommen - ich bitte, das wohl aufzufassen -, aber 
in der Gesamtstimmung des Lebens lebt in dem Menschen durchaus 
auch wie, ich mochte sagen, in einem Grundton das Ergebnis seiner zu- 
kunftigen Erlebnisse. Nicht als ob da die Bilder lebten von dem, was 
geschieht; aber die Eindriicke davon, die leben in den Bildern. 

Also diese Bilder, die da hinunterstromen, miissen Sie sich nicht 
vorstellen als so etwas, wie wenn kinematographisch die Zukunft ab- 
liefe, sondern Sie miissen sie sich vorstellen als das Ergebnis der Ein- 
driicke. Nur bei gewissen Leuten, die atavistisch hellseherisch sind, bei 
denen konnen die Bilder, die sich dann iibersetzen in die Bilder von 
gewissen Tatsachen, zum Vorschein kommen, und dann kann ein gewis- 
ses Schauen in die nachste Zukunft ja stattfinden. Uns soli aber heute 



vorzugsweise das interessieren, dafi zunachst in den Menschen hinunter- 
geschickt wird in bildhafter Weise, was sich als seine Gefuhlswelt 
auslebt. 

Indem wir nun vom Gefuhl zum Willen iibergehen, dringt das, was 
so, wie ich es Ihnen dargestellt habe, nun hier in den Menschen hin- 
eingeht, nach aufien und wird zu seinem werdenden Karma, zu seinem 
Zukunftskarma (rot, aufien). So dafi, was im Menschen entsteht durch 
seine Gefiihle, gewissermafien etwas zu tun hat mit seinem Karma bis 
zu seinem Tode hin; das aber, was aus dem Willen entsteht, hat zu tun 
mit seinem Karma uber den Tod hinaus. 

Es ist also durchaus moglich, diese Dinge alle in den Einzelheiten 
zu verfolgen und zu studieren. Man redet, indem man immer weiter- 
riickt in bezug auf die Ausgestaltung anthroposophischer Geisteswis- 
senschaft, durchaus nicht in schematischer Weise von blofien Begrif- 
fen, sondern man redet von dem Konkreten, das im Menschen lebt und 




Tafel 9 



das, indem es der Mensch zu seinem Bewufitsein bringt, ihm erst die 
Aufklarung gibt iiber das, was er eigentlich ist. Aber Sie mussen ein 
starkes Gefiihl davon bekommen, wie der Wille, der sich anlehnt an 
das Gefiihlsleben, eigentlich in die Zukunft, iiber den Tod hinaus 
wirkt, wie der Wille der Erzeuger des werdenden Karma ist. 



Wenn wir uns noch einmal nach der anderen Seite wenden, nach 
jenem Gedankengewebe, das wir gefunden haben und das wirklich 
zwischen dem Atherleib und dem physischen Leibe im Menschen lebt, 
dann mussen wir uns ja klar sein, dafi, indem wir durch die Sinnes- 
eindriicke etwas von der Welt erfahren, uns also eine sinnliche Welt- 
anschauung bilden, wir dann diese Sinneseindriicke gedanklich ver- 
arbeiten, und indem wir sie gedanklich verarbeiten, weben wir eigent- 
lich mit unserer Subjektivitat in diesem Gedankengewebe darinnen. 
Wir verbinden, was wir infolge der Sinneseindriicke in unserer Seele 
erleben, einerseits mit dem, was uns als ein Gedankengewebe durch die 
Geburt hindurch eingegliedert wird; aber das eine, das objektive Ge- 
dankengewebe bleibt unbewufit, und nur das, was wir hineinweben, 
was wir gewissermafien hineindrangen aus unserer inneren Gedanken- 
tatigkeit heraus, das kommt uns zum Bewufitsein. Es ist tatsachlich so, 
als ob das Gedankengewebe da ware, die subjektiven Gedanken an- 
schlagen, da hineinschlagen in dieses Gedankengewebe und dieses Ge- 
dankengewebe dann zuriickspiegelt unsere subjektiven Gedanken, in- 
dem es ihnen allerdings allerlei Richtungen gibt und uns dadurch un- 
sere subjektiven Gedanken zum Bewufitsein kommen (siehe Zeichnung 
Tafel 10 Seite 93). Ich sage, indem es ihnen allerlei Richtungen gibt. 

Sehen Sie, wenn wir, sagen wir, irgendeinen aufieren Gegenstand 
wahrnehmen - ich will Ihnen den Vorgang ganz genau schildern -, 
Tafel 9 zum Beispiel also einen Wiirfel, einen Kristallwurfel: wir sehen ihn 
zunachst. Wir bleiben beim Sehen nicht stehen. Wir denken iiber ihn. 
Aber dieser Gedanke leitet sich bis zu dem Gedankengewebe fort, und 
das Gedankengewebe, das uns eingegliedert ist durch die Geburt, mit 
dem wir uns also behaftet haben, als wir im Kosmos waren, das wir 
ja durch den Kosmos auch bekommen haben, dieses Gedankengewebe 
ist so beschaffen, dafi wir nun anfangen, aus gewissen Voraussetzun- 
gen heraus uns kristallographische Ideen zu bilden, die wir uns aus 
dem Inneren heraus bilden. Indem wir uns zum Beispiel bilden die Ge- 
danken des tesseralen Systems, des tetragonalen Systems, des rhombi- 
schen Systems, des monoklinen Systems, des triklinen Systems, des 
hexagonalen Systems, also indem wir ausdenken in einer mathema- 
tisch-geometrischen Art Kristallsysteme, dann finden wir, wir konnen 



die Kristallsysteme ausdenken. In das tesserale System, das wir da in 
unserem Inneren ausgebildet haben, da pafit dieser Wiirfel hinein. In- 
dem wir so etwas wie zum Beispiel den Gedanken des Wiirfels einglie- 
dern in das, was gewissermafien Apriori-Gedanken sind, die wir aus 
unserem Inneren herausnehmen, sind wir in diesem Augenblicke, wo 
uns subjektive Gedanken aufstofien, auf das objektive Gedankenge- 
biet hingelenkt. Denn was wir als Geometrisches, als rein geometrisch- 
mechanische Physik und so weiter ausbilden, das holen wir aus die- 
sem Gedankengewebe, das uns mit der Geburt eingegliedert ist, her- 
aus, und das einzelne Individuelle, das wir eingliedern diesen Ge- 
danken, die wir iiber die aufieren sinnlichen Anschauungen und Ein- 
driicke entwickeln, die sind diejenigen, iiber die wir uns aufklaren, 
indem wir sie uns zuriickreflektieren kssen, aber durchsetzen lassen 
mit dem gewissermafien ewig in uns lebenden gestaltenden Gedan- 
kengewebe, dem Prozesse nach wenigstens ewig, wenn auch nicht in 
den einzelnen Formen, denn die andern sich von Inkarnation zu In- 
karnation. 

Wir leben also, indem wir denken und indem wir das Gedankliche 
so eingliedern in unser inneres Gedankenleben, dafi wir es verstehen, 
wir leben so, dafi wir auch fur unser subjektives Denken heraufholen, 
was in diesem Gedankengewebe darinnen ist. 

Nun, das, was ich jetzt gesagt habe, das ist ja etwas, was im Men- 
schen fortwahrend vorgeht, was sich fortwahrend im Menschen ab- 
spielt. Aber zu gleicher Zeit werden Sie sehen: Auf der einen Seite, in- 
dem wir beim Gefuhl beginnen, fassen wir ins Auge, was vom Ge- 
fiihl aus in den Organismus hineingeht, zum Willen iibergeht. Das, 
was vom Willen gewissermafien im Ich still stehen bleibendes, werden- 
des Karma wird, das alles bringt uns in die Richtung der Menschen- 
zukunft. Wenn wir zur entgegengesetzten Seite, nach dem Gedanken- 
gewebe hin sehen, nach welcher auch unsere subjektiven Gedanken lau- 
fen, das bringt uns durchaus in die Stromung nach der menschlichen 
Vergangenheit hin. Daher ist auf diesem Wege auch unser vergangenes, 
unser vollendetes Karma zu suchen. Im Gefuhle begegnen sich wirk- 
lich im eminentesten Sinne Vergangenheit und Zukunft im Menschen. 
Der Mensch wird also gewissermafien aus den Gedanken heraus ge- 



boren. Er lebt sich durchs Gefiihl hindurch und webt in seinen Willen, 
was mit ihm durch die Pforte des Todes geht. 

Indem wir diese Wbrte aussprechen, deutenwir eigentlich hin auf das, 
was wir subjektiv im Seelenleben haben in der Zeit zwischen der Geburt 
und dem Tode. Aber wir konnen noch weitergehen. Wir konnen das 
Folgende ins Auge fassen. Wir konnen uns fragen: Wie ist es denn nun 
eigentlich, wenn sich diese subjektiven Gedanken, die wir an die aufie- 
ren Eindriicke ankniipfen, mit demjenigen, was ganz gewifl nur Ver- 
gangenes ist, zusammenfiigen, so wie ich das eben beschrieben habe? 
Sehen Sie, der subjektive Gedanke, er wird uns zunachst bewufit als 
Gedanke. Als Gedanke hat er einen gewissen Vorstellungsinhalt. Wir 
denken einen Inhalt, wenn wir iiber den Wiirfel denken. Aber Sie 
werden sich durchaus iiber das klar werden, was ich schon vorgestern 
angedeutet habe: Wir konnen im Seelenleben nicht ohne weiteres Den- 
ken, Fiihlen und Wollen trennen. 

Im Wollen leben alle Motive unserer moralischen Gedanken. Aber 
auch im Denken, im subjektiven Denken sind wir uns bewufit, dafl 
wir nicht nur einen Gedankeninhalt haben. Wir reihen einen Gedan- 
ken an den anderen an, und wir sind uns der Tatigkeit bewufit, die 
einen Gedanken an den anderen anreiht. Was lebt denn da im Denken? 
Nun, es lebt auf eine feine Weise im Denken, namentlich im subjek- 
tiven Denken, schon der Wille. Wir miissen uns also klar sein: Indem 
wir denken, lebt auf der einen Seite der Gedankeninhalt, auf der an- 
deren Seite die Willenstatigkeit im Denken. Wenn nun die Gedanken 
Tafel 10 hier anstoflen (siehe Zeichnung) - sie werden uns allerdings als Ge- 
danken zuriickreflektiert, aber in den Gedanken, in diesen subjektiven 
Gedanken, die wir gewissermafien hineinprojizieren, hineinstofien nach 
dem Gedankengewebe, lebt ja auch Wille. Diesen Willen konnen wir 
eigentlich im gewohnlichen Bewufltsein nicht brauchen. Fiihlen Sie 
nur, wenn diese Tatigkeit, die ich Ihnen hier angedeutet habe, ganz klar 
zum Ausdruck kame in der Erinnerung: in der Erinnerung mufi der 
Wille schon geschwunden sein! Er mufi noch tatig sein; aber wenn die 
Erinnerung fertig ist, wenn der erinnerte Gedanke da ist - die Erinne- 
rung wiirde ja nicht rein sein, sie wiirde nicht klar abbiiden, was sie ab- 
bilden soli als ein vergangenes Erlebnis, wenn sie vom Willen durch- 




Tafel 10 



stromt ware! Man kann ja natiirlich, wenn Sie sich an das erinnern, 
was Sie gestern gegessen haben, nicht mehr die Suppe andern; da ist 
der Wille schon heraufien, nicht wahr. Es soli der reine Gedanken- 
inhalt zutage treten. Der Wille mufi also im Reflektieren abgestreift 
werden. Wo kommt er denn hin? 

Nun, wenn ich dieselbe Zeichnung (S. 89) mache, wenn ich hier das 
Gedankengewebe habe und da reflektiert wird, so geht einfach der 
Gedankengehalt ins Bewufitsein. Der Willensgehalt der Gedanken, er 
geht hinunter und vereinigt sich mit dem anderen Willens- und Ge- 
miitsgehalt und geht ein in das werdende Karma, wird also ein Be- 
standteil des werdenden Karma (siehe Zeichnung Seite 94, hellschraf- 
fiert; dunkelschraffierter Pfeil nach unten). 

Auf der anderen Seite: Unsere Willensimpulse, sie sind ja wie der 
schlafende Teil auch wahrend unseres Wachlebens. Wir sehen nicht 
hinunter bis in diejenigen Regionen, wo der Wille eigentlich lebt. Wir 
haben zuerst den Gedanken des Willensimpulses. Der geht dann gewis- 
sermafien in unbewufiter Weise iiber in das Wollen, und erst, wenn das 
Wollen sich nach aufien aufiert, so betrachten wir wiederum das, was 
durch uns geschieht, das, was wir im gewohnlichen Bewufitsein erleben 
beim Wollen. Beim Handeln erleben wir eigentlich alles im Vorstel- 
lungsleben, traumen davon im Gefuhlsleben, schlafen aber dariiber in 
bezug auf das eigentliche Willensleben. 




Aber es sind eben Gedanken, die wir hineinleiten in dieses Willens- 
leben. "Wann aber nur? Nur dann, wenn wir uns nicht unseren Instink- 
ten, unseren Trieben, wenn wir uns also nicht blofi der sogenannten 
niederen Menschennatur hingeben, denn die ist schon da unten, die 
treibt uns dann zum Wollen und zum Handeln. Dann aber bekommen 
wir unseren Willen herein in dasjenige, was unser subjektives Erleben 
ausmacht, wenn wir ihn beherrschen mit unseren reinen Gedanken, die 
nach dem Wollen sich hinrichten, das heifit, wenn wir ihn beherrschen 
mit unseren intuitiv erfafiten moralischen Idealen. Diese intuitiv er- 
fafiten moralischen Ideale konnen wir dem Gedankenwillen mit auf 
den Weg geben hinunter nach der Willensregion. Dadurch wird unser 
Wille durchsetzt von unserer Moralitat, und im Inneren des Menschen 
findet daher fortwahrend dieser Kampf statt zwischen demjenigen, 
was der Mensch hinunterschickt aus seinen moralischen Intuitionen in 
die Willensregion, und demjenigen, was da unten wuhlt und brodelt 
in seinem instinktiv-traumhaften Leben. Das ist alles das, was im 
Menschen vorgeht. Aber das, was da unten im Menschen vorgeht, ist 
zu gleicher Zeit dasjenige, in dem sich vorbereitet seine Menschenzu- 



kunft iiber den Tod hinaus. Es schlagt herauf in die Gefiihlsregion. Es 
lebt eigentlich im Willen diese Zukunft. Sie schlagt herauf in die Ge- 
fiihlsregion, und mehr webt sich noch in das Fuhlen hinein als nur das- 
jenige, was ich vorhin als die Gefuhlsstimmung, die eine Bedeutung hat 
fiir das Leben zwischen Geburt und Tod, geschildert habe. In der ge- 
wohnlichen Gefiihlsverfassung, die ich geschildert habe als sich aus- 
dehnend von der aufiersten Depression zu der volligen Ausgelassen- 
heit, zu der Oberfrohlichkeit, da kann sich abspielen all das, worinnen 
zusammenspielt Menschenzukunft und Menschenvergangenheit in dem 
Leben zwischen Geburt und Tod. Aber auch das, was iiber den Tod 
hinausgeht, dringt ein in dasjenige, was da von unten heraufkommt. 
Und was lebt da? Da lebt nun etwas - weil es aus den Regionen her- 
aufkommt, wo das Bewufitsein nicht mehr mitmacht, empfinden wir 
es als etwas Objektives. Es ist auch etwas Objektives, denn es hat mit 
den Gesetzmafiigkeiten zu tun, durch die wir uns als moralische Men- 
schenwesen durch den Tod tragen. Was da zuriickstrahlt, das ist dann 
das Gewissen. Und psychologisch erfafit, ist dies der eigentliche Ur- 
sprung des Gewissens. Wollte sich die psychologische Wissenschaft 
wirklich an diese Dinge heranmachen, dann miifke sie nun die Einzel- 
heiten des Seelenlebens nach diesen Richtlinien hin priifen, und sie 
wiirde bis in die minuziosesten Einzelheiten des Seelenlebens uberall die 
Bestatigung dessen finden, was von anthroposophischer Geisteswissen- 
schaft als solche Richtlinien gegeben wird. 

Wir sehen also: Unsere Gefuhle stromen unseren Gedanken entge- 
gen. Sie stromen zunachst entgegen und beleben unsere subjektiven Ge- 
danken; aber sie schlagen gewissermafien auch nach dem objektiven 
Gedankennetz hin, und in diesem erleben wir uns selbst als gegeben, 
als ein Wesen, welches sich durch die Geburt ins irdische Dasein her- 
eingelebt hat. Nach der anderen Seite konnen wir uns erleben als das 
Wesen, das durch den Tod geht. Man braucht nur das menschliche In- 
nere wirklich zu studieren, und man kommt durchaus auf das, was 
im menschlichen Inneren sich schon als solches ankiindigt, dafi es iiber 
den Menschen, das heifit iiber Geburt und Tod hinausweist, dafi es also 
hinausweist in diejenige Welt, die nicht innerhalb des Sinnlichen be- 
schlossen ist. Denn diese Welt, die nicht innerhalb des Sinnlichen be- 



schlossen ist, gibt uns ja zunachst das, was in unserem Inneren eigent- 
lich vorhanden ist. Insbesondere das ware von einer grofien Wichtig- 
keit, dafi man wirklich in einer realen Psychologie - denn das, was 
heute als Psychologie gilt, ist ja nur eine Summe von Formalismen - 
eben untersuchte die Gemiitsstimmung des Menschen in einem Augen- 
blick, wo Vergangenheit und Zukunft ineinanderfliefien. Man wiirde 
dadurch vieles Ratselhafte im Menschenleben finden, und man wiirde 
sich uberzeugen, dafi ein Einwand, der aufierordentlich naheliegt, eben 
nicht gilt. Der Einwand, der aufierordentlich naheliegt, ist der: Ja, was 
wiirde denn eigentlich aus dem Menschen, wenn er sich so durch- 
schauen wiirde, wenn er also gewissermafien fortwahrend in sein In- 
neres hineinblicken wiirde, um seine subjektive Gemiitsstimmung auf 
das hin zu priif en, was gewissermafien in seiner Zukunft liegt? - Dieser 
Einwand liegt nahe, aber es ist nur der Einwand, den die Einbildung 
macht. Man stellt sich vor, dafi eben die Art, wie die Zukunft er- 
scheint, so ist, wie sie dann in der Anschauung, in der Erf ahrung erlebt 
wird. So wird ja nicht die Zukunft abgebildet, wie sie dann erlebt 
wird! Erlebt wird sie im Verkehre mit der Aufienwelt, im Zusammen- 
stofien mit der Aufienwelt. Was da innerlich vor sich geht, das ist das- 
jenige, was im Menscheninneren sich als das Ausstrahlende kundgibt, 
und das ist etwas, was, wenn es der Mensch noch so genau kennt, ihn 
durchaus nicht in seinem Lebenswege beirren kann. Wie iiberhaupt die 
Einwande gegen Menschenkenntnis aus der Furcht entstehen, die ganz 
und gar wurzelt in Illusionen, die man sich macht, weil man eben blofi 
nach dem Leben des gewohnlichen Bewufitseins urteilt, weil man sich 
nicht aufschwingen will zu der Anschauung, dafi, sobald das Bewufit- 
sein hinaufsteigt in hohere Regionen, es eben vollig Neues erlebt. 

Nun aber habe ich Ihnen ja gestern gezeigt, wie, wenn der Mensch 
durch die Pforte des Todes kommt, er sich entwickelt mit zwei Sehn- 
suchten, die auf der einen Seite vom Gedankenleben, auf der anderen 
Seite vom Willensleben ausgehen: wie das Gedankenleben sich sehnt 
nach Weltensein, das Willensleben, indem es durch den Tod geht, sich 
sehnt nach Menschensein; wie das dauert bis zu dem, was ich genannt 
habe die Mitternachtsstunde des Daseins; wie dann eine rhythmische 
Umkehr stattfindet: wie das Gedankliche sich anfangt zu sehnen nach 



dem Menschlichen, und das Willentliche sich anfangt zu sehnen nach 
dem Ausgiefien in den Kosmos, so dafi das Willensmafiige dann in den 
vererbten Eigenschaften lebt. Das Gedankliche aber lebt in dem Indi- 
viduellen, das sich eingliedert in das neue Erdenleben. Das Willens- 
mafiige umgibt uns gewissermafien in dem, was wir von den Vorfah- 
ren - aufierlich angeschaut: in den vererbten Eigenschaften und ver- 
erbten Substanzen - haben. Das Gedankliche ist das, was sich in uns 
eingliedert, und wahrend des Lebens verbinden wir wieder mit diesem 
Gedankenleben alles das, was wir aus den Tiefen des Gemuts- und 
Willenslebens heraufholen. Zunachst wird uns das Gedankenleben ein- 
gegliedert als etwas, was zunachst nicht warm und lebendig ist wie 
unser Innenleben uberhaupt. Wiirden wir so bleiben mit dem Gedan- 
kenleben, wie wir geboren werden, wir wiirden gewissermafien Ge- 
dankenautomaten werden voller innerer Kalte. Aber im Momente der 
Geburt beginnt das individuelle Innere aus dem Willen und aus dem 
Gemiite heraus sich zu regen, mit Warme und Leben zu durchsetzen 
das, was zunachst kalt geworden ist auf dem Wege von dem Tode bis 
zur Geburt; und dadurch haben wir eben als Mensch die Moglichkeit, 
mit dem individuell Warmen zu durchsetzen, was uns aus dem weiten 
Weltenall in Kalte konstituieren mufi. 

So gliedert sich der Mensch ein in das Raumliche und in den Wer- 
degang der Welt. So steht er darinnen. Diese Dinge werden von dem 
heutigen naturwissenschaftlichen Denken ganz zugedeckt. Das heu- 
tige naturwissenschaftliche Denken will nicht heran an eine wirkliche 
Menschenerkenntnis. Daher erlebt sich der Mensch heute - und er 
wird sich immer mehr und mehr so erleben -, indem er vieles in der 
Umwelt erkennt, so, dafi er sich in seiner eigentlichen Wesenheit nicht 
erkennen kann. Der Mensch lebt sich heute gerade durch die gegen- 
wartige Wissens- und sonstige Bildung so herein, dafi er von seiner 
eigenen Wesenheit im Grunde genommen nichts ergreift. Und immer 
mehr und mehr wird dieses zunehmen. Und wenn vollstandig erfullt 
werden konnte, was gewissermafien dem Menschen direkt wird durch 
die einseitige naturwissenschaftliche Erkenntnis, so wiirde der Mensch 
seiner selbst vollig entfremdet werden. Sein inneres Individuelles wiirde 
sich heraufleben wollen, wiirde schmelzen wollen durch seine Warme 



die Eismassen, die wir durch die Geburt ins irdische Dasein hereinge- 
tragen haben. Der Mensch wiirde seelisch zugrunde gehen an diesem 
Prozesse, der ihn innerlich tiberwaltigt, der ja audi geschieht, wenn 
er ihn nicht erkennt, den er aber im Grunde genommen auf die Dauer 
nur ertragen kann, indem er ihn erkennt. Alle Zeichen der Zeit spre- 
chen dafur, dafi der Mensch zu solcher hier charakterisierter Selbst- 
erkenntnis wirklich kommen mufi. Und es ist einfach die Aufgabe des 
gegenwartigen Geisteslebens in seinem Hinleben gegen die nachste 
Zukunft, diese Dinge der Kulturentwickelung wirklich einzuverleiben. 

Aber die bisherige Bildung hat grofie Massen von Furcht, grofie 
Massen von Antipathie aufgewendet gegen die Geltendmachung des- 
sen, was der Menschheit so notwendig ist, wenn sie nicht im Unter- 
gang versinken will, sondern zu einem neuen Aufgang kommen will. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 7. Oktober 1921 



Wir haben gesehen, wie uns die Betrachtungen der seelischen Verhalt- 
nisse des Menschen gewissermafien in die Zwischenraume zwischen 
physischem Leib, Atherleib, astralischem Leib und Ich fuhrten, wie 
uns aber die Betrachtungen der geistigen Verhaltnisse im Menschen 
gewissermafien aus der Erscheinung des Menschen hier, wie er sie hat 
in seinem Leben zwischen Geburt und Tod, hinausfiihren in das weite 
geistige Weltenall. Insofern der Mensch - so konnte man sagen - Geist 
ist, steht er durchaus in Beziehungen zu dem ganzen geistigen Welten- 
all. Und daher kann man das, was sich im Menschen als geistige Ge- 
schehnisse abspielt, auch nur sachgemafi in diesem Zusammenhang mit 
dem gesamten Weltenall betrachten. Das Seelische ist ja sozusagen des 
Menschen intimes Innenleben. Es spielt sich in einer dreifachen Ge- 
stalt ab, so ab, dafi das Gedankliche gelegen ist zwischen physischem 
Leib und Atherleib, das Gefuhlsmafiige zwischen Atherleib und Astral- 
leib, und das Willensmafiige zwischen dem Astralleib und dem Ich. 
Da also bleiben wir in der Betrachtung des Seelischen durchaus inner- 
halb des Menschen stehen. Sobald wir aber an wirkliche geistige Ge- 
schehnisse herantreten, mussen wir aus dem Menschen, wie er zunachst 
uns als geschlossenes Wesen gegeniibersteht in der Welt zwischen Ge- 
burt und Tod, heraustreten. 

Nun wissen wir ja - und wir haben es gerade vor acht Tagen von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus wiederum besprochen -, dafi wir, 
wenn wir zunachst in das Geistige hinaufsteigen, zu Wesenheiten kom- 
men, die in ahnlicher Weise iiber dem Menschen sich anordnen, wie das 
tierische, pflanzliche und mineralische Reich unter dem Menschen sich 
anordnen. Wir bekommen also dann, aufsteigend - Namen tun nichts 
zur Sache -, die Wesenheiten Angeloi, Engelwesenheiten; Archangeloi, 
Erzengelwesenheiten; und Archai, Urwesenheiten, Zeitgeister. Wir ha- 
ben ja auch schon von verschiedensten Gesichtspunkten aus diese We- 
senheiten, welche gewissermafien die Reiche ausmachen, die wir an- 
treffen, wenn wir nach dem Geistigen hin die Stellung des Menschen 



ansehen, charakterisiert. Diejenigen Wesenheiten, die als Angeloi oder 
Engel bezeichnet werden, sie sind diejenigen, die die starkste Bezie- 
hung zu dem individuellen, zu dem einzelnen Menschen haben. Der 
einzelne Mensch hat ja in der Tat eine solche Beziehung zur ersten iiber 
ihm stehenden Hierarchie, so dafi er gewissermafien — es ist das nicht 
ganz genau ausgedriickt, aber man kann so sagen, wie es oftmals popu- 
lar ausgedriickt wird - eine gewisse Beziehung zu einem solchen En- 
gelwesen entwickelt. 

Diejenigen, die dann die zweite Hierarchie iiber ihm ausmachen, 
sind die Archangeloi. Wir konnen von ihnen so sprechen, dafi wir ihnen 
zunachst in ihren Funktionen das zuteilen, was als Volksgeister wirkt, 
was also Menschengruppen, die volksmafiig zusammengehoren, um- 
fafit, obwohl es da alle moglichen Abstufungen gibt. 

Wenn wir endlich zu den hoheren Archai aufsteigen, so haben wir 
gewissermafien die fuhrenden Wesenheiten durch gewisse Zeitepochen 
hindurch, iiber die Differenzierungen des Volksmafiigen hinweg. Das 
ist gewifi nicht die einzige, sagen wir, Funktlon dieser Wesenheiten, 
aber wir bekommen zunachst gewisse Vorstellungen, wenn wir uns an 
diese ja auch bei ihnen sich findende Funktion halten. 

Tafel 11 Archai, Urwesenheiten, Zeitgeister 

Archangeloi, Erzengelwesenheiten 
Angeloi, Engel wesenheiten. 

Wie wir nun des Menschen physisches Leben auf der Erde dadurch 
uns begreiflich machen konnen, dafi wir uns fragen: Was hat er fur 
Beziehungen zur tierischen Organisation, zur pflanzlichen Organisa- 
tion, zur mineralischen Organisation? -, so miissen wir uns fragen: 
Was hat er fur Beziehungen zu diesen ins Geistige hineinragenden We- 
sensstuf en? um ihn eben als geistiges Wesen kennenzulernen. 

Dazu miissen wir in der folgenden Weise vorgehen. Stellen wir uns 
einmal vor nach gewissen Gesichtspunkten, wie der Mensch durch die 
Pforte des Todes geht. Wir wissen, dafi so, wie wir nun einmal jetzt 
in diesem Zeitraume der Erdenentwickelung, der sehr viele Jahre um- 
fafit, als Menschen leben, dem gewohnlichen Bewufitsein gegenwartig 



werden solche Gesetzmafiigkeiten, die dem mineralischen Reiche zu- 
grunde liegen. Der Mensch fiillt sich sozusagen von seiner Geburt bis 
zu seinem Tode mit alldem an, was ihm das mineralische Reich in einem 
gewissen Sinne begreiflich macht, und er hat ein Gefiihl davon, dafi 
er mit den ihm zur Verfiigung stehenden Begriffen und Ideen das mi- 
neralische Reich begreiflich finden kann. 

Nicht so ist es gegeniiber dem Pflanzenreiche. Sie wissen ja, dafi 
die Wissenschaft vor dem Pflanzenreiche halt macht, hochstens das 
Ideal aufstellt, dafi die komplizierte Zusammensetzung der Pflanzen- 
zellen, der lebenden Zellen iiberhaupt, einmal erklarlich werden in 
ihrer Struktur, was, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, ein vollig 
verkehrtes Beginnen ist, weil ja die Struktur der Pflanze oder der le- 
benden Zellen iiberhaupt sich nicht durch eine besonders komplizierte 
Struktur auszeichnet, sondern durch ein Hineingehen der chemischen 
Struktur ins Chaotische. Der Mensch kommt aber eben uber diese Be- 
griffe des Mineralischen nicht hinaus. Noch weniger kommt er mit 
seinen, wenn ich so sagen darf, mineralischen Begriffen in das Tieri- 
sche hinein, oder gar zur Selbsterkenntnis. Das alles mufi ja durch gei- 
steswissenschaftliche Forschungen gegeben werden. Der Mensch eignet 
sich also an ein - nennen wir es so - mineralisches, das heifit fur das 
Mineralische geeignetes Bewufitsein. 

Dieses Bewufitsein, das ja gewoben wird zwischen der Geburt und 
dem Tode, tragt er in seinen Folgen durch den Tod hindurch. Mit dem 
also, was aus diesem Bewufitsein werden kann, wenn er die Pforte des 
Todes durchschreitet und im geistigen Reiche selber lebt, mit dem hat 
er dann sein wei teres Dasein zu durch wandern. 

Aber es schlagt in dieses Bewufitsein noch wesentlich ein anderes 
herauf. Was sich in dieses mineralische Bewufitsein hereinerstreckt, 
trotzdem es durchaus nicht zu ihm gehort, was es tingiert, das ist das 
moralische Bewufitsein; das ist dasjenige, was da kommt aus all den 
Bewufitseinsvorgangen, die sich an unsere Willensimpulse, an unsere 
Handlungsweise anschliefien. Was wir da empfinden als unsere Be- 
f riedigung uber dieses oder jenes, was wir als unsere Gewissensbisse, als 
unsere Vorwiirfe und dergleichen empfinden, das alles farbt gewisser- 
mafien unser mineralisches Bewufitsein, und das ist etwas, was der 



Mensch ebenso mitnimmt durch die Pforte des Todes. Man kann also 
sagen: Mit einem mineralischen Bewufitsein, tingiert durch das mora- 
lische Erleben, tritt der Mensch durch die Pforte des Todes; und mit 
dem, was sich als Folge davon ergeben kann, lebt er dann im geistigen 
Reiche weiter. 

Nun ist es so, daft der Mensch durch dieses mineralische Bewufit- 
sein nicht nur hier die mineralische Welt versteht, sondern daft er 
durch dieses mineralische Bewufttsein eben gerade seine Beziehung 
entwickelt zu dem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, also zu dem- 
jenigen Wesen, an das er sich wenden will als das seiner individuellen 
Entwickelung am nachsten stehende. Und wenn der Mensch nun durch 
die Pforte des Todes gegangen ist, so handelt es sich darum, inwiefern 
er durch die Folgen seines mineralischen Bewufitseins gewissermafien 
die Beziehung zu diesem Engelwesen aufrechterhalten kann. Er kann 
es nur nach Maftgabe dessen, was von der moralischen Seite her dieses 
mineralische Bewufitsein tingiert hat. Denn dieses mineralische Be- 
wulksein strebt nach dem Tode gewissermaften zur Ausbreitung in die 
Welt. Es strebt dazu, kosmisch zu werden, dem Welten
…[truncated]