Die Philosophie der Freiheit Grundzüge einer modernen Weltanschauung

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Steiner

Rudolf Steiner

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Die 


der  Freiheit 


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Rudolf  Steiner 


HARVARD  COLLEGE  LIBR\RY 


FROM  THE 

SchiiivimmJacksoTi 

FUND 


EOR  TH£  PUR.CHASE  OF  BOOKS  ON 

Social  WfeLFARE  &  Moral  Philosophy 

OVEN  IN  HONOR  OF  HIS  PARENTS.THEIR  SIMPUCITY 
SINCERITY  AND  FEARLESSNESS 


i 


DIE 

'  PHILOSOPHIE  DER  FRÜHBT. 


ORUMDZÜGE 

EINER 

MODKßNEN  WELTANSCHAUUNG 

VON       '       .  ■  ' 

DR  RUDOLF  STEINER. 


Beobachtungs-Kesultate  nachi  naiox^ ' 
wi«««nichaftlieher  Uethode. 


1-, 


BERLIN. 

VERLAG  VON  EMIL  FKLBER. 

1894. 


I 


.  ^    .d  by  Googl 


DIE 


PHILOSOPHIE  DER  FREIHEIT. 


GRUNDZÜGE 
EIKEB 

MODERNEN  WELTANSCHAUUNG. 

VON 

D"*  RUDOLF  STEINER. 

Beobachtujags-ResulUto  nach  natur. 
wisaenseliafllidher  Method«. 


BERLIN. 
V£RLAG  VON  EMIL  F£LB£B. 

1894. 


HARVARD  COLLEGE  LIBKAHIT 
JACKSON  FUNO  ^ 


Alle  Jtechte  Torbelulten. 


Inhalt. 


Wissenschaft  der  Freiheit.  Seite 

Die  Zifle  alles  Wissens  ,  ,  ,  ,  ,  ,  .  ,  ,  ,  .  ,  3 

T)as  hftwnfwtft  mpTiRchlif^ha  Handeln  .  .  .  ,  ,  .  .  .  :  9 

Der  Grtmdtrieb  zur  Wissen sdiaft  22 

Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffassung  31 

Die  Welt  als  Wahrnehmung  52 

Das  Erkennen  der  Welt  .  .  .  ,  ._  ,  ,  ,  ,  ;  ,  ,  77 

Die  mensehlichft  Tndividualititt   .  .  .  .  ,  .  :  ,  .  ,  ,  100 

Giebt  e«  Grenzen  de«  Erkennen«?  .  .  .  ,  .  .  ,  .  .  »  IßS 

Die  Wirklichkeit  der  Treilielt. 

Die  Fakt/^ren  t\pR  T.ehen«    .  .  .  .  .  .  ,  ,  .  ,  .  .  ^  129 

Die  Idee  der  Freiheit,  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  ,  ^  .  .  lÜß 

Freiheitsphilosophie  und  Monismus  I^j2 

Weltzweck  und  Lebenszweck  (Bestimmung  des  Menschen)  .  170 
Die  moralische  Phantasie  (Darwinismus  und  Sittlichkeit)  ♦  .  177 
Der  Wert  des  Lebens  (Pessimismus  und  Optimismus)  .  .  .  191 
Individualität  und  Gattung  224 


Die  letzten  Fragen. 

Die  Konsequenzen  des  Monismus  233 


j    .d  by  Google 


Wissenschaft  der  Freiheit. 


Steiner,  Fliilosophio  der  Freiheit. 


1 


Die  ^eie  alles  Wissens. 


Ich  glaube  einen  Grundzug  unseres  Zeitalters 
richtig  zu  treffen,  wenn  ich  sage:  der  Kultus  des  mensch- 
lichen Individuums  strebt  gegenwärtig  dahin,  Mittel- 
punkt aller  Lebensinteressen  zu  werden.  Mit  Energie 
wird  die  Überwindung  jeder  wie  immer  gearteten  Autori- 
tät erstrebt.  Was  gelten  soll,  mufs  seinen  Ursprung 
in  den  Wurseln  der  Individualität  haben.  Abgewiesen 
wird  alles  ^  was  die  volle  Entfaltung  der  Kräfte  des 
Einzelnen  hemmt.  „Ein  jeglicher  mufs  seinen  Helden 
wählen,  dem  er  die  Wege  zum  Olymp  hinauf  sich 
nacharbeitet,"  gilt  nicht  mehr  für  uns.  Wir  lassen 
uns  keine  Ideale  aufdrängen;  wir  sind  überzeugt,  dafs 
in  jedem  von  uns  etwas  lebt,  das  edel  ist  und  wert, 
sur  Entwicklung  zu  kommen,  wenn  wir  nur  tief  ge* 
nug,  bis  in  den  Grund  unseres  Wesens,  hinabzusteigen 
vermögen.  Wir  glauben  nicht  mehr  daran,  dafs  es 
einen  Nonnalmenschen  giebt,  zu  dem  alle  hinstreben 
sollen.  Unsere  Anschauung  von  der  VoUkommenlieit 
des  Ganzen  ist  die,  dafs  es  auf  der  besonderen  Voll- 
kommenheit jedes  einzelnen  Individuums  beruht.  Nicht 


4 


I.  Die  Ziele  «lief  WiMens. 


das,  was  jeder  andere  auch  kann,  wollen  wir  hervor- 
bringen, sondern,  was  nach  der  Eigentümlichkeit  un- 
seres Wesens  nur  uns  möglich  ist,  soll  als  unser 
Scherflein  der  Weltentwicklung  einverleibt  werden. 
Niemals  wollten  die  Künstler  woniger  wissen  von 
Nonnen  und  Regeln  der  Kunst  als  heute.  Jeder  be- 
lumptet ein  Recht  zu  haben,  das  künstlerisch  zu  ge- 
stalten, was  ihm  ei^en  ist.  Es  giebt  Dramatiker,  die 
lieber  im  Dialekt  schreiben,  als  in  einer  von  der 
Grammatik  geforderten  Normalsprache. 

Keinen  besseren  Ausdruck  kann  ich  finden  für 
diese  Erscheinungen  als  den:  sie  gehen  hervor  aus 
dem  bis  aufs  Höchste  gesteigerten  Freiheitsdrang  des 
Individuums.  Wir  wollen  nach  keiner  Richtung  ab- 
hängig sein;  und  wo  Abiiängigkeit  sein  mufs,  da 
erti^agen  wir  sie  nur,  wenn  sie  mit  einem  Lebensinter- 
esse unseres  Individuums  zusammen^Ut. 

Ein  solches  Zeitalter  kann  auch  die  Wahrheit 
nur  aus  der  Tiefe  des  menschlichen  Wesens  schöpfen 
wollen.   Von  Schillers  bekannten  zwei  Wegen: 

„Wahrheit  .suchen  wir  beide,  du  aiifüen  im  Leben,  ich  inneu 
In  dem  Herzen,  und  so  findet  sie  jeder  pewif». 

Ist  das  Auge  gesund,  so  beo-eirnet  es  n  iisf n  dem  Schöpforj 
Ist  es  das  Herz,  dann  gewils  spiegelt  es  innoa  die  Welt" 

wird  der  Gegenwart  YOrztt^ch  der  zweite  frommen. 
Eine  Wahrheit,  die  uns  von  aufsen  kommt,  trügt 
immer  den  Stempel  der  Unsicheiiiert  an  sich«  Hur 
was  einem  jeden  von  uns  in  seinem  eigenen  Inaerii 

als  Wahrheit  erscheint,  daran  mögen  wir  glauben. 

Nur  die  Wahrheit  kann  uns  Sicherheit  bringen 
im  Entwickeln  unserer  individueilcn  Kräfte.  Wer  von 
Zweifein  gequält  ist,  dessen  Kräfte  sind  gdähmi.  In 


I.  Die  Ziele  alles  Wissens. 


einer  Welt,  die  ihm  rätselhaft  ist;  kann  er  kein  Ziel 

seines  Schaffens  finden. 

Wir  wollen  nicht  mehr  glauben:  wir  wollen 
wissen.  Der  Glaube  fordert  Anerkennung  von  Wahr- 
heiten^ die  wir  nicht  ganz  durchschauen.  Was  wir 
aber  nicht  durchschauen ,  widerstrebt  dem  Indivi- 
duellen; das  alles  mit  seinem  tiefsten  Innern  durch- 
leben will.  Nur  das  Wissen  befriedigt  uns,  das 
keiner  äufseren  Norm  sich  unterwirft,  sondern  aus 
dem  Innenleben  der  Persönlichkeit  ent8}>ringt. 

Wir  wollen  auch  kein  solches  Wissen,  das  in  ein- 
gefrornen  Schuiregehi  sich  ein-  fUr  allemal  aus- 
gestaltet hat,  und  in,  für  alle  Zeiten  gültigen  Kom- 
pendien aufbewahrt  ist.  Wir  halten  uns  jeder  be- 
rechtigt, von  seinen  nächsten  Erfahrungen,  seinen 
unmittelbaren  Erlebnissen  auszugelien,  und  von  da  aus 
zur  Erkenntnis  des  ganzen  Universums  aufzusteigen. 
Wir  erstreben  ein  sicheres  Wissen,  aber  jeder  auf 
seine  eigene  Art 

Unsere  wissenschaftlichen  Lehren  sollen  auch 
nicht  mehr  eine  solche  Gestalt  annehmen ;  als  wenn 
ihre  Anerkennung  Sache  eines  unbedingten  Zwanges 
wäre.  Keiner  von  uns  möchte  einer  wissenschaltliclien 
Schrift  einen  Titel  geben,  wie  einst  Fi  cht e:  „Sonnen- 
klarer Bericht  an  das  gröfsere  Publikum  Uber  das 
eigentliche  Wesen  der  neuesten  Philosophie.  £in 
Versuch,  die  Leser  zum  Verstehen  su 
zwingen."  Heute  soll  niemand  zum  Verstehen  ge- 
zwungen werden.  Wen  nicht  ein  besonderes,  indi- 
viduelles Bedürfnis  zu  einer  Anschauung  treibt,  von 
dem  fordern  wir  keine  Anerkennung.  Auch  dem  noch 
unreifen  Menschen,  dem  Kinde,  wollen  wir  gegen- 


G 


I.  Die  Ziele  alles  Wls<(iis. 


wärtig  keine  firkenntniBse  eintrichtern,  sondern  wir 

suchen  seine  Fähigkeiten  zu  entwickeln,  damit  e8 
nicht  mehr  zum  Verstehen  gezwungen  zu  werden 
braucht,  »ondern  verstehen  will. 

Ich  gebe  mich  keiner  Illusion  hin  in  Bezug  auf 
diese  Charakteristik  meines  Zeitalters.  Ich  weifs,  wie 
viel  individualitätloses  Schablonentum  lebt  und  sich 
breit  macht.  Aber  ich  weils  ebenso  gut,  dafa  viele 
meiner  Zeitgenossen  im  Sinne  der  angedeuteten  Rich- 
tung ihr  Leben  einzurichten  suchen.  Ihnen  möchte 
ich  diese  Schrift  widmen.  soll  nicht  „den  einzig 

mögliclun"  Weg  zur  Wahrheit  führen,  aber  sie  soll 
von  demjenigen  erzählen^  den  einer  eingeschlagen 
hat,  dem  es  um  Wahrheit  zu  thun  ist. 

Die  Schrift  führt  zuerst  in  abstraktere  Oebiete, 
wo  der  Gedanke  scharfe  Contouren  ziehen  mufs,  um 
zu  sichern  Punkten  zu  kommen.  Aber  der  Leser  wird 
aus  den  dürren  Begriffen  heraus  auch  in  das  konkrete 
Le>)on  gefuhrt.  Ich  bin  eben  durchaus  der  Ansicht, 
dafs  man  auch  in  das  Atherreich  der  Abstraktion  sich 
erheben  mufs,  wenn  man  das  Dasein  nach  allen  Rich- 
tungen durchleben  will.  Wer  nur  mit  den  Sinnen  zu 
geniefsen  versteht,  der  kennt  die  Leckerbissen  des 
Lebens  nicht.  Die  orientalischen  Gelehrten  lassen  die 
Lernenden  erst  Jahre  eines  entsagenden  und  asketischen 
Lebens  verbringen,  bevor  sie  ihnen  mitteilen,  was  sie 
selbst  wissen*  Das  Abendland  fordert  zur  Wissenschaft 
keine  frommen  Übungen  und  keine  Askese  mehr, 
aber  es  verlangt  dafür  den  guten  Willen ,  kurze  Zeit 
sich  den  unmittelbaren  Eindrücken  des  Lebens  zai 
entziehen,  und  in  das  Gebiet  der  reinen  Gedankenwelt 
sich  zu  begeben. 


T.   Die  Ziele  alles  Wissens. 


7 


Der  Gebiete  des  Lebens  sind  viele.  Für  jedes 
einzelne  entwickeln  sieb  besondere  Wissenschaften. 

Das  Leben  selbst  aber  ist  eine  Einheit,  und  Je  mehr 
die  Wissenschaften  bestrebt  sind,  sich  in  die  einzelnen 
Gebiete  zu  vertiefen,  desto  mehr  entfernen  sie  sich  von 
der  Anschauung  des  lebendigen  Weltganzen.  Es  mufs 
ein  Wissen  geben,  das  in  den  einzelnen  Wissenschaften 
die  Elemente  sucht ,  lun  den  Menscben  zum  vollen 
Leben  wieder  zurückzufübren.  Der  wissenschaftlicbe 
Spezialforscher  will  sich  durch  seine  Erkenntnisse  ein 
Bewnfstseiu  von  der  Welt  und  ihren  Wirkungen 
erwerben;  in  dieser  Schrift  ist  das  Ziel  ein  philoso- 
pbiscbes :  die  Wissenschaft  soll  selbst  organisch-lebendig 
werden.  Die  Einzelwissenschaften  sind  Vorstufen  der 
hier  angestrebten  Wissenschaft  Ein  ahnliches  Verhältnis 
herrscht  in  den  Künsten.  Der  Komponist  arbeitet  auf 
Grund  der  Kompositionslehre.  Die  letztere  ist  eine 
Hümme  von  Kennlnissen,  deren  üesitz  eine  notwendige 
Vorbedingung  des  Komponierens  ist.  Im  Komponieren 
dienen  die  Gesetze  der  Kompoldtionslehre  dem  Leben, 
der  realen  Wirklichkeit  Genau  in  demselben  Sinne 
ist  die  Philosophie  eine  Kunst.  Alle  wirklichen 
Philosophen  waren  Begriffskünstler.  Für  sie 
wurden  die  menschlichen  Ideen  zum  Kunstmateriale 
lind  die  wissenschaftliche  Methode  zur  künstlerischen 
Technik.  Das  abstrakte  Denken  gewinnt  dadurch  kon- 
kretesy  individuelles  Leben.  Die  Ideen  werden  Lebens- 
mächte.  Wir  haben  dann  nicht  blofs  ein  Wissen  von 
den  Dingen,  sondern  wir  haben  das  Wissen  zum  realen, 
sich  selbst  beherrschenden  Organismus  gemacht;  unser 
wirkliches,  thätiges  Bewufstsein  hat  sich  über  ein  blofs 
passives  Aufnehmen  von  Wahrheiten  gestellt 


8 


I.  Die  Ziele  alles  Wissens. 


Wie  sich  die  Philosophie  als  Kunst  zur  Freiheit 

des  Menschen  verhält,  was  die  letztere  ist,  und  ob 
wir  ihrer  teilhaftig  sind  oder  es  werden  können:  das 
ist  die  Hauptfrage  meiner  Schrift.  Alle  anderen 
wissenschaftlichen  Ausführungen  stehen  hier  nur,  weil 
sie  zuletzt  Aufklärung  geben  Uber  jene,  meiner  Mei- 
nung nach,  den  Menschen  am  nttchsten  liegenden 
Fragen.  Eine  „Philosophie  der  Freiheit*  soll 
in  diesen  lUilttern  gegeben  werden. 

Alle  Wissenschaft  wäre  nur  Befriedierung'  müfsiger 
Neugierde,  wenn  sie  nicht  auf  die  Erhöhung  des 
Dasein s wertes  der  menschlichen  Persön- 
lichkeit hinstrebte.  Den  wahren  Wert  erhalten  die 
Wissenschaften  erst  durch  eine  Darstellung  der  mensch- 
lichen Bedeutung  ihrer  Resultate.  Nicht  die  Veredlung 
eines  einzelnen  Seelenverniögens  kann  Endzweck  des 
Individuums  sein,  sondern  die  Entwicklung  aller  in 
uns  schlummernden  Fähigkeiten.  Das  Wissen  hat 
nur  dadurch  Wert,  dafs  es  einen  Beitrag  liefert  zur 
allseitigen  Entfaltung  der  ganzen  Menschennatur« 

Diese  Schrift  fafst  deshalb  die  Beziehung  zwischen 
Wissenschaft  und  Leben  nicht  so  auf,  dafs  der  Mensch 
sich  der  Idee  zu  beugen  hat  und  seine  Kräfte  ilirem 
Dienst  weihen  soll,  sondern  in  dem  Sinne,  dafs  er 
sich  der  Ideenwelt  bemächtigt,  um  sie  zu  seinen 
menschlichen  Zielen,  die  über  die  blofs  wissen- 
schaftlichen hinausgehen,  zu  gebrauchen. 

Man  mufs  sich  der  Idee  als  Herr  gegenfiberstellen, 
sonst  gerät  man  unter  ihre  Knechtschaft 


s 


II. 

Das  bewufäte  menschliclie  Handeln. 

Ist  der  Mensch  in  seinem  Denken  und  Handeln 

frei,  oder  steht  er  unter  dem  Zwange  einer  ehernen 
Notwendigkeit?  Auf  wenige  Fragen  ist  soviel  Seliarf- 
sinn  gewendet  worden,  als  auf  diese.  Die  Idee  der 
Freiheit  hat  warme  Anhänger  wie  hartnäckige  Gegner 
in  reicher  Zahl  gefunden.  Es  giebt  Menschen,  die  in 
ihrem  sittlichen  Pathos  jeden  für  einen  beschrttnkten 
Gteist  erklttren,  der  eine  so  offenkundige  Thatsache 
wie  die  Freiheit  zu  leugnen  vermag.  Ihnen  stehen 
andere  gegenüber,  die  darin  den  Gipfel  der  Unwissen- 
schaftlichkeit erblicken,  wenn  jemand  die  Gesetz- 
mafsigkeit  der  Natur  auf  dem  Gebiete  des  menschlichen 
Handelns  und  Denkens  unterbrochen  glaubt  Ein  und 
dasselbe  Ding  wird  hier  gleich  oft  für  das  kostbarste 
Gut  der  Menschheit  wie  für  die  ärgste  Illusion  erklärt. 
Unendliche  Spitzfindigkeit  wurde  aufgewendet,  um 
zu  erklären,  Avic  sich  die  menschliche  Freiheit  mit 
dem  Wirken  in  der  Natur,  der  doch  auch  der  Mensch 
angehört,  verträgt.  Nicht  geringer  ist  die  Mühe,  mit 
der  Ton  anderer  Seite  begreiflich  zu  machen  gesucht 


10 


IL  Das  bewufste  menschliche  Handdn. 


wurde,  wie  eine  solche  Wahnidee  hat  entstehen  können. 
Daffl  man  es  hier  mit  einer  der  wichtigsten  Fragen 

des  Lebeiiö,  der  Religion,  der  Praxis  und  der  Wissen- 
schaft zu  thun  hat,  das  fühlt  jeder,  bei  dem  nicht 
das  Gegenteil  von  Gründlichkeit  der  hervorstechendste 
Zug  seines  Charakters  ist.  Und  es  gehört  zu  den 
traurigen  Zeichen  der  OberfllU^iilichkeit  gegenwärtigen 
Denkens,  dals  ein  Buch,  das  aus  den  Ergebnissen 
neuerer  Naturforschung  einen  „neuen  Glauben**  prägen 
will  (Dav.  i'ried.  Strauss:  „Der  alte  und  neue  Glaube"  ), 
über  diese  Frage  nicfits  enthält  als  die  Worte:  „Auf 
die  h  ra^e  nach  der  Freiheit  des  menschlichen  Willens 
haben  wir  uns  hierbei  nicht  einzulassen.  Die  ver- 
meintlich indifferente  Wahlfreiheit  ist  von  jeder 
Philosophie,  die  des  Namens  wert  war,  immer  aü  ein 
leeres  Phantom  erkannt  worden;  die  sittliche  Wert- 
bejstiinmung  der  menschlichen  Handlangen  und  Ge- 
sinnungen aber  bleibt  von  jener  Frage  unberührt." 
Nicht  weil  ich  glaube,  dafs  das  l^uch,  in  dem  sie  steht, 
eine  besondere  Bedeutung  hat,  führe  ich  diese  Stelle 
hier  an,  sondern  weil  sie  mir  die  Meinung  auszu- 
sprechen scheint,  bis  zu  der  sich  in  der  fraglichen 
Angelegenheit  die  Mehrzahl  unserer  denkenden  Zeit- 
genossen aufzuschwingen  vermag.  Dals  die  Freiheit 
darin  nicht  bestehen  könne,  von  zwei  möglichen 
Uandiungen  ganz  nach  Belieben  die  eine  oder  die 
andere  zu  wählen,  scheint  heute  jeder  zu  wissen,  der 
darauf  Anspruch  macht,  den  wissenschaftlichen  Kinder^ 
schuhen  entwachsen  zu  sein.  £s  ist  immer,  so  be- 
hauptet man,  ein  ganz  bestimmter  Grund  vorhanden, 
warum  man  von  mehreren  möglichen  Handlungen 
gerade  eine  bestimmte  zur  Ausfuhrung  bringt. 


II.  Das  bewufBte  ineuBchlicfae  Handeln. 


11 


Das  scheint  mnleachtend.    Trotzdem  richten  sieb 

bib  zum  heutigen  Tage  die  Hauptangriffe  der  Frei- 
Leitsii<'L;iier  nur  gegen  die  WahltVeiheit.  Sagt  doch 
sogar  Herbert  8  peucer,  dessen  Ansichten  mit  jedem 
Tage  an  Verbreitung  gewinnen  (Die  Prinzipien  der 
Psychologie,  von  Herbert  Spencer,  deutsche  Aus- 
gabe vonDr.B.  Vetter,  Stuttgart  1882):  „Dafs  aber 
jedermann  auch  nach  Belieben  begehren 
oder  n  i  c  h  t  b  c  g  e  Ii  r  e  n  k  ö  ii  ii  e ,  wuä  der  eigentliche, 
im  Dogma  vom  freien  Willen  liegende  Satz  ist,  das 
wird  treiiicb  ebensosehr  durch  die  Analyse  des 
Bewufstseins,  als  durch  den  Inhalt  der  vorhergehenden 
Kapitel  (der  Psychologie)  Terneint.*^  Von  demselben 
Gesichtspunkte  gehen  auch  andere  aus,  wenn  sie  den 
Begriff  des  freien  Willens  bekämpfen.  Im  Keime 
finden  sich  alle  diesbezüglichen  Ausführungen  schon 
bei  Spinoza.  Was  dieser  klar  und  einfach  gegen 
die  Idee  der  Freiheit  vorbrachte,  das  wurde  seitdem 
unzählige  Male  wiederholt,  nur  eingehüllt  zumeist  in 
die  spitzfindigsten  theoretischen  Lehren,  sodafs  es 
schwer  wird,  den  schlichten  Gedankengang,  auf  den  es 
allein  ankommt,  zu  erkennen.  Spinoza  sehreibt  in 
einem  Briefe  vom  Oktober  oder  November  1674:  „Ich 
nenne  nämlich  die  Sache  frei,  die  aus  der  blofsen 
Notwendigkeit  ihrer  Natur  besteht  und  handelt,  und 
gezwungen  nenne  ich  die,  welche  von  etwas 
.  anderem  zum  Dasein  und  Wirken  in  genauer  und  fester 
Weise  bestimmt  wird.  So  besteht  z.  B.  Gtott,  obgleich 
notwendig,  doch  frei,  weil  er  nur  aus  der  Notwendigkeit 
seiner  Natur  allein  besteht.  Ebenso  erkennt  Gott  sich 
selbst  und  alles  andere  frei,  weil  es  aus  der  Not- 
wendigkeit seiner  Natur  allein  folgt,  dals  er  alles 


12 


II.    Das  bewufste  menschliche  Handeln. 


erkennt  Sie  sehen  also,  dafs  ich  die  Freiheit  nicht 
in  ein  freies  Beschliefsen ,  sondern  in  eine  freie  Not- 
wendigkeit setze. 

„Doch  wir  Wullen  zu  den  erschaffenen  Dingen 
herabsteigen,  welche  sämtlich  von  äulseren  Ursachen 
bestimmt  werden  ^  in  fester  und  genauer  Weise  zu 
bestehen  und  zu  wirken.  Um  dies  deaüieher  einzu* 
sehen,  wollen  wir  uns  eine  ganz  einfache  Sache  vor- 
stellen. So  erhält  z.  B.  ein  Stein  von  einer  äufseren, 
iliii  ötofsenden  Ursache  eine  gewisse  Menge  von  Be- 
wegung, mit  der  er  nachher,  wenn  der  8tofs  der 
äulseren  Ursache  aufgehört  hat,  notwendig  fortfährt, 
sich  zu  bewegen.  Dieses  Beharren  des  Steines  in 
seiner  Bewegung  ist  deshalb  ein  erzwungenes  und  kein 
notwendiges,  weil  es  durch  den  Stoss  einer  äufseren 
Ursache  definiert  werden  mufs.  Was  hier  von  dem 
Stein  giltj  gilt  von  jeder  anderen  einzelnen  Sache,  und 
mag  sie  noch  so  zusammengesetzt  und  zu  vielem 
geeignet  sein,  nämlich,  dafs  jede  Sache  notwendig  von 
einer  äufseren  Ursache  bestimmt  wird,  in  fester  und 
genauer  Weise  zu  bestehen  und  zu  wirken. 

„Nehmen  Sie  nun,  ich  bitte,  an,  dafs 
der  Stein,  während  er  sich  bewegt,  denkt 
und  w ei f  8 ,  e r  b  e  s t  r  e  b  e  s  i  e h ,  soviel  er  kann, 
indem  B  e w  e g  e  n  f  o  r  t  z  u  f  a  h  r  cn.  D  i  e  s  e  r  S  t  e  i  li , 
der  nur  »eines  Strebens  sich  bewufst  ist 
und  keineswegs  gleichgültig  sich  verhält, 
wird  glauben,  dafs  er  ganz  frei  sei  und  dafs 
er  aus  keinem  anderen  Grunde  in  seiner 
Bewegung  fortfahre,  als  weil  er  es  wolle. 
Dies  ist  aber  jene  menschliche  1'  r  c  i  h  e  i  t , 
die  alle  zu  besitz  en  behaupten  und  die  nur 


n.  Du  bewufste  menseblielie  Haadelia* 


13 


darin  besteht,  dafs  die  Menschen  ihres  Be- 
gehrens sich  bewufst  sind,  aber  die  Ur- 
sachen^  von  denen  sie  bestimmt  werden» 
nicht  kennen.  So  glaubt  das  Kind,  dafs  es  die 
Milch  frei  begehre,  and  der  zornige  Knabe,  dafs  er  frei 
die  Rache  Terlange^  und  der  Furchtsame  die  Flucht. 
Ferner  ja^laubt  der  Betrunkene,  dafs  er  nach  freiem 
Entschlul.s  dies  spreche,  was  er,  wenn  er  nüchtern 
geworden,  gern  nicht  gesprochen  hätte,  und  da  dieses 
Vorurteil  allen  Menschen  angeboren  ist,  so  kann 
man  sich  nicht  leicht  daTon  befreie.  Denn  wenn 
auch  die  Erlahmng  genttgend  lehrt,  dafs  die  Menschen 
am  wenigsten  ihr  Begehren  mäfsigen  können  und  dals 
sie,  von  entgegengesetzten  Leidenschaften  bewegt,  das 
Bessere  einsehen  und  dfis  Schlechtere  thun,  so  lialten 
sie  sich  doch  für  frei  und  zwar,  weil  sie  manches 
weniger  stark  begehren  und  manches  Begehren  leicht 
durch  die  Erinnerung  an  anderes,  dessen  man  sich 
oft  entsinnt,  gdiemmt  werden  kann/ 

Weil  hier  eine  klar  und  bestimmt  ausgesprochene 
Ansicht  vorliegt,  wird  es  auch  leicht,  den  Gruiidin  tum, 
der  darin  steckt,  aufzudecken.  So  notwendig  wie  der 
Stein  auf  einen  Anstofs  hin  eine  bestimmte  Bewegung 
ausführt,  ebenso  notwendig  soll  der  Mensch  eine 
Handlang  ausftlhrra,  wenn  er  durch  irgend  einen 
Ghfund  daeu  getrieben  wird.  Nur  weil  der  Mensch  ein 
Bemrufetsein  ron  seiner  Handlung  hat,  httit  er  sich  Mr 
den  freien  Veranlasser  derselben.  Er  übersieht  dabei 
aber,  dafs  eine  Ursache  ihn  treibt,  der  er  unbedingt 
folgen  mufs.  Der  Irrtum  in  diesem  Gedankengange 
ist  bald  gefunden.  Spinoza  und  alle,  die  denken  wie 
er,  übersehen,  dafs  der  Mensch  nieht  nur  ein  BewuOstsein 


14 


II.  Das  bewafete  menscMiche  Handeln. 


von  seiner  Handlung  hat,  sondern  es  auch  von  den 
Ursachen  haben  kann ,  von  denen  er  geleitet  wird. 
Niemand  wird  es  bestreiten,  dafs  das  Kind  unfrei 
ist,  wenn  es  die  Milch  begehrt,  dafs  der  Betrunkene 
es  ist,  wenn  er  Dinge  spricht,  die  er  später  bereut. 
Beide  wissen  nichts  von  den  Ursachen,  die  in  den 
Tiefen:  ihres  Organismus  thätig  sind,  und  unter  deren 
unwiderstehlichem  Zwange  sie  stehen.  Aber  ist  es 
berechtigt,  Handlungen  dieser  Art  in  einen  Topf  zu 
werfen  mit  solchen,  bei  denen  sich  der  Mensch  nicht 
nur  seines  Handelns  bewufst  ist,  sondern  auch  der 
GrfUidey  die  ihn  YeranlatMo?  8ind  die  Handlangen  der 
Menschen  denn  von  einerlei  Art?  Darf  die  That  des 
Kriegers  auf  dem  Schlachtfelde,  die  des  wissenschaft- 
lichen Forschers  im  Laboratorium,  des  Staatsmannes 
in  verwickeisten  diplomatisclien  Angelegenheiten  wissen- 
schaftlich auf  gleiche  Stufe  gestellt  werden  mit  der 
des  Kindes,  wenn  es  nach  Milch  begehrt?  Wohl  ist  es 
wahr,  dafs  man  die  Lösung  einer  Aufgabe  da  am  besten 
versucht,  wo  die  Sache  am  ein&chsten  ist.  Aber  oft 
schon  hat  der  Mangel  an  Unterscheidungs vermögen 
endlose  Verwirrung  gebracht.  Und  ein  tiefgreifender 
Unterschied  ist  es  doch,  ob  ich  weils,  warum  ich  etwas 
thue,  oder  ob  das  nicht  der  Fall  ist.  Zunächst  scheint 
das  eine  ganz  selbstverständliche  Wahrheit  zu  sein.  Und 
doch  wird  von  den  G^^em  der  Freiheit  nie  darnach 
gefragt:  ob  denn  ein  Beweggrund  meines  Handelns, 
den  ich  erkenne  und  durchschaue,  für  mich  in  gleichem 
8inne  einen  Zwang  bedeutet,  wie  der  organische  Prozefs, 
der  das  Kind  veranlafst,  nach  Milch  zu  schreien. 

Eduard  von  llartmann  behauptet  in  seiner 
„Phänomenologie  des  sittlichen  Bewufstseins^  (8.  45 1), 


n.  Bas  bewufiite  menschliche  Handeln. 


15 


das  menschliche  Wollen  hänge  von  zwei  Hauptfaktoren 
ab :  von  den  Beweggründen  und  von  dem  (Jharakter. 
Betrachtet  man  die  Menschen  alle  ak  gleich,  oder 
doch  ihre  Verschiedenheiten  als  unerheblich,  so  er- 
scheint ihr  Wollen  von  anfsen  ab  bestimmt;  nämlich 
dnrcli  die  Umstände,  die  an  sie  herantreten.  Erwägt 
man  aber,  dafs  Terschiedene  Menschen  eine  Vorstellung 
erst  dann  zum  Beweggrund  ihres  Handelns  machen, 
wenn  ihr  Charakter  ein  solcher  ist,  der  durch  die  ent- 
sprechende Vorstellung  zu  einer  Begehrung  veranlafst 
wirdy  so  erscheint  der  Mensch  von  innen  bestimmt 
und  nicht  von  aufsen.  Der  Mensch  glaubt  nun, 
weil  er»  gemäfs  seinem  Charakter,  eine  ihm  von  auTsen 
aufgedrängte  Vorstellung  erst  zum  Beweggrund  machen 
mufs!  er  sei  frei,  d.  h.  unabhängig  von  äufseren 
Beweggründen.  iJie  Wahrheit  aber  ist,  nach  Eduard 
von  Hartmann,  dafs:  „wenn  wir  auch  selbst  die  Vor- 
stellungen erst  zu  Motiven  erheben,  so  thun  wir  dies 
doch  nicht  willktlrlich,  sondern  nach  der  Notwendigkeit 
unserer charakterologischen  Veranl- igung,  also  nichts 
weniger  als  frei."  Auch  hier  bleibt  der  Umstand 
ohne  alle  Berücksichtigung: ,  der  besteht  zwischen 
Beweggründen,  die  ich  erst  auf  mich  wirken  lasse, 
nachdem  ich  sie  mit  meinem  Bewufstsein  durchdrungen 
habe,  und  solchen,  denen  ich  folge,  ohne  dafs  ich  ein 
klares  Wissen  von  ihnen  besitze. 

Und  dies  führt  unmittelbar  auf  den  Standpunkt, 
von  dem  aus  hier  die  Sache  angesehen  werden  soll. 
Darf  die  Frage  nach  der  Freiheit  unseres  ^^'illens 
überhaupt  einseitig  für  sich  versucht  werden?  Und 
wenn  nicht:  mit  welcher  andern  mufs  sie  notwendig 
verknüpft  werden? 


16  II.  Das  bewufste  momofaliche  Handeln. 


Ist  ein  Unterschied  zwischen  einem  bewufsten 
Beweggrund  meines  Handelns  und  einem  unbewufsten, 
dann  wird  der  erstere  auch  eine  Hantlhin^-  nacli  sich 
ziehen^  die  anders  beurteilt  werden  mufs,  als  eine  solche 
aus  blindem  Drange.  Die  Frage  nach  diesem  Unter- 
schied wird  also  die  erste  sein.  Und  was  sie  ergiebig 
davon  wird  es  erst  abhängen  ^  wie  wir  uns  zu  der 
eigentlichen  Freiheitsfrage  zu  stellen  haben. 

Was  heifst  es,  ein  Wissen  von  den  Gründen 
seines  Handelns  liaben?  Man  hat  diese  i"'rage  zu  wenig 
berücksichtigt,  weil  mau  leider  immer  in  zwei  Teile 
zerrissen  hat^  was  ein  untrennbares  Ganze  ist:  den 
Menschen,  Den  Handelnden  und  den  Erkennenden 
unterschied  man,  und  leer  ausgegangen  ist  dabei  nur 
der,  auf  den  es  vor  allen  andern  Dingen  ankommt: 
der  aus  Erkenntnis  Handelnde. 

Man  sagt:  frei  sei  der  Mensch,  wenn  er  nur  unter 
der  Herrschaft  seiner  Vernunft  stehe  und  nicht  unter 
der  der  animalischen  Begierden.  Oder  auch :  Freihat 
bedeute,  sein  Leben  und  Handeln  nach  Zwecken  und 
Entschlüssen  bestimmen  za  kennen. 

Mit  Behauptungen  solcher  Art  ist  aber  gar  nichts 
gewunnen.  Denn  das  ist  ja  eben  die  Frage,  ob  die 
Vernunft,  ob  Zwecke  und  Entschlüsse  in  gleicher 
Weise  auf  den  Menschen  einen  Zwang  ausüben  wie 
animalische  Begierden.  Wenn  ohne  mein  Zuthun  ein 
vemünflüger  Entschlufs  in  mir  auftaucht,  gerade  mit 
derselben  Notwendigkeit  wie  Hunger  und  Durst,  dann 
kann  ich  ihm  nur  notgedrungen  folgen,  und  meine 
Freiheit  ist  eine  Illusion. 

Eine  andere  Redensart  lautet :  Freisein  heifst :  nicht 
wollen  künnen,  was  man  will,  sondern  thun  können^ 


iX.  Das  bewuDste  menschliche  Handeln. 


17 


was  man  will.  Diesem  Gedanken  hat  der  Dichter- 
Philosoph  Robert  Harne rling  in  semer  „Atomistik 
des  Willens"  einen  seharfumrissenen  Ausdruck  gegeben. 
„Der  Mensch  kann  allerdings  thun,  was  er  will  —  aber 
er  kann  nicht  wollen,  was  er  will,  weil  sein  Wille 
durch  Motive  bestimmt  ist!  —  Er  kann  nicht  wollen 
was  er  will?  Sehe  man  sich  diese  Worte  doch 
einmal  näher  an.  Ist  ein  vernünftiger  Sinn  darin? 
Freiheit  des  Wollens  mUfste  also  darin  bestehen,  dafs 
man  ohne  Grund,  ohne  Motiv  etwas  wollen  könnte? 
Aber  was  heifst  denn  Wollen  anders,  als  einen 
Grund  haben^  dies  lieber  zu  thun  oder  anzustreben 
als  jenes  V  Ohne  Grund,  ohne  Motiv  etwas  wollen, 
hiefse  etwas  wollen,  ohne  es  zu  wollen.  Mit  dem 
Begriffe  des  WoUens  ist  der  des  Motivs  unzertrennlich 
verkntlpfL  Ohne  ein  bestimmendes  Motiv  ist  der 
Wille  ein  leeres  Vermögen:  erst  durch  das  Motiv 
wird  er  thätig  und  reell.  Es  ist  also  ganz  richtig, 
dafs  der  menscliliche  Wille  insofern  nicht  „tVei"^  ist, 
als  seine  Richtung  immer  durch  das  stärkste  der 
Motive  bestimmt  ist.  Aber  es  mufs  andererseits  zu- 
gegeben werden,  daOs  es  absurd  ist,  dieser  „Unfreiheit^ 
gegentlber  von  einer  denkbaren  „Freiheit*  des  Willens 
zu  reden,  welche  dahin  ginge,  wollen  zu  können,  was 
man  nicht  will."    (Atomistik  des  ^^'iliens  8.  213  f.) 

Auch  hier  wird  nur  von  Motiven  im  allgemeinen 
gesprochen,  ohne  auf  den  Unterschied  zwischen 
unbewufsten  und  bewufsten  KUcksicht  zu  nehmen. 
Wenn  ein  Motiv  auf  mich  wirkt  und  ich  gezwungen 
bin,  ihm  zu  folgen,  weil  es  sich  als  das  „stärkste** 
unter  seinesgleichen  erweist,  dann  hört  der  Gedanke 
an  Freiheit  auf,  einen  Sinn  zu  luiben.    Wie  soll  es 

Steiner,  Philosophie  dyr  Freiheit.  2 


18 


II.  Das  bevufste  menschliche  Handeln« 


für  mich  eine  Bedeutung  haben,  ob  ich  etwas  thun 

kann  oder  nicht,  wenn  ich  von  dem  Motive  gezwungen 
es  zu  thun?  Nicht  darauf  kommt  es  zunächst 
an:  ob  ich  dann,  wenn  das  Motiv  auf  mich  gewirkt 
hat,  etwas  thun  kann  oder  nicht,  sondern  ob  es  nur 
solche  Motive  giebt,  die  mit  zwingender  Notwendigkeit 
wirken.  Wenn  ich  etwas  wollen  mufs,  dann  ist  es 
mir  unter  Umständen  höchst  gleichgültig,  ob  ich  es 
Äuch  thun  kann.  Wenn  mir  wegen  meines  Charakters 
und  wegen  der  in  meiner  Umgebung  herrschenden 
Umstände  ein  Motiv  autgedrängt  wird,  das  sich  meinem 
Denken  gegenilber  als  unvernünftig  erweist,  dann 
müTste  ich  sogar  froh  sein,  wenn  ich  nicht  könnte, 
was  ich  will. 

Nicht  darauf  kommt  es  an,  ob  ich  einen  gefafsten 
Entschlufs  zur  Ausführung  bringen  kann,  sondern  wie 
der  Entschlufs  in  mir  entsteht. 

Was  dt^n  Mensciieii  von  allen  andern  organischen 
Wesen  unterscheidet,  ist  sein  vernünftiges  Denken. 
Thätig  zu  sein,  hat  er  mit  anderen  Organismen  gemein. 
Nichts  ist  damit  gewonnen,  wenn  man  zur  Aufhellung 
des  Freiheitsbegriffes  für  das  Handeln  des  Menschen 
nach  Analogieen  im  Tierreiche  sucht.  Die  moderne 
Naturwissenschaft  liebt  solche  Analogieen.  Und  wenn 
es  ilir  gelungen  ist,  bei  den  Tieren  etwas  dem  mensch- 
lichen Verhalten  Ahnliches  gefunden  zu  haben,  glaubt 
sie,  die  wichtigste  Frage  der  Wissenschaft  vom  Menschen 
berührt  zu  haben.  Zu  welchen  Miisyerständnissen 
diese  Meinung  führt,  zeigt  sich  z.  B.  in  dem  Buche: 
„Die  Illusion  der  Willensfreiheit  von  P.  Ree,  1885,"  der 
(S.  5)  über  die  Freiheit  folgendes  sagt:  „Dafs  es  uns 
so  scheint,  als  ob  die  Bewegung  des  iSteines  notwendigi 


IL  Dbb  Iwwut^te  menschUche  Handeln.  19 


des  Esels  Wollen  nicht  notwendig  wäre,  ist  leicht 
erklärlich.  Die  Ursachen,  welche  den  Stein  bewegen, 
sind  ja  draufsen  und  sichtbar.  Die  Ursachen  abei> 
vermöge  deren  der  Esel  will,  sind  drinnen  und 
unsichtbar:  zwischen  uns  und  der  Sttttte  ihrer  Wirk- 
samkeit befindet  sich  die  Hirnschale  des  E^eb  

Man  sieht  die  kausale  Bedin^heit  nicht,  und  meint 
daher,  sie  sei  nicht  vorhanden.  J  >:us  Wollen,  erklärt 
man,  sei  zwar  die  Ursache  der  Umdrehung  [dan  Eselü], 
selbst  aber  sei  es  unbedingt ;  es  sei  ein  absoluter  Au^ftug."^ 
Also  .auch  hier  wieder  wird  über  Handlungen  des 
Menschen,  bei  denen  er  ein  Bewufstsein  von  den 
Gründen  seines  Handelns  hat,  einfach  hinweggegangen, 
denn  R^e  erklärt:  „zwischen uns  und  der  SlÄtte  ihrer 
Wirksamkeit  befindet  sich  die  Hirnschale  des  Esel«". 
Dafs  es,  zwar  nicht  Handlungen  des  Esels,  wohl  aber 
solche  der  Menschen  giebt,  bei  denen  zwischen  uns 
und  der  Handlung  das  bewuTst  gewordene  Motiv 
li^t,  davon  hat,  schon  nach  diesen  Worten,  keine 
Ahnung.  Er  beweist  das  einige  Seiten  später  auch 
noch  durch  die  Worte:  „Wir  nehmen  die  Ursachen 
nicht  wahr,  durch  welche  unser  Wollen  bedingt  wird, 
daher  meinen  wir,  es  sei  überhaupt  nicht  ursachlich 
bedingt." 

Doch  genug  der  Beispiele,  welche  beweisen,  daTs 
viele  gegen  die  FVeiheit  kämpfen,  ohne  zu  wissen,  was 
Freiheit  überhaupt  ist 

Dafs  eine  Handlung  nicht  frei  sein  kann,  von 

der  der  Thäter  nicht  weifs,  warum  er  sie  vollbringt, 

ist  ganz  selbstverständlich.    Wie  verhält  es  sich  aber 

mit  einer  solchen,  tlber  deren  Gründe  gedacht  wird? 

Das  fuhrt  uns  auf  die  Frage :  welches  ist  der  Ursprung 

2* 


20 


II.  Du  bewafste  menscMiche  Handeln. 


und  die  Bedeutung  des  Denkens?  Wenn  wir  wissen» 
was  Denken  im  allgemeinen  bedeutet,  dann  wird  es 
auch  leicht  sein,  klar  darüber  zu  werden,  was  für  eine 
liolle  das  Denken  beim  menschlichen  Handeln  spielt. 
„Das  Denken  macht  die  Seele ,  womit  auch  das  Tier 
begabt  ist,  erst  zum  Geiste^,  sagt  H^gel  mit  Recht» 
und  deshalb  wird  das  Denken  auch  dem  menschlichen 
Handeln  sein  eigen tümliciies  Gepräge  geben. 

Keiuesweg.s  soll  behauptet  werden,  dafs  all  unser 
Handeln  nur  aus  der  nüchternen  Überlegung  unseres- 
Verstandes  fliefse.  Nur  diejenigen  Handlungen  als  im 
höchsten  Sinne  menschlich  hinzustellen,  die  aus 
dem  abstrakten  Urteil  hervoigehen,  liegt  mir  ganz  fem. 
Aber  sobald  sich  unser  Handeln  heranf^rhebt  aus  dem 
Gebiete  der  Befriedigung  rein  animalischer  Begierden^ 
sind  unsere  Beweggründe  immer  von  Gedanken  durch- 
setzt.   Liebe,  Mitleid,  Patriotismus  sind  Triebfedern 
des  Handelns,  die  sich  nicht  in  kalte  Verstandesbegriffe 
auflösen  lassen.    Man  sagt:  das  Herz,  das  Gemttt 
treten  da  in  ihre  Rechte.    Ohne  Zweifel.    Aber  das 
Herz  und  das  Gemüt  schaffen  keine  Beweggründe  des 
Handelns.    Sie  setzen  dieselben  voraus.    In  meinem 
Herzen  stellt  sieh  das  Mitleid  ein,  wenn  in  meinem 
Bewufötsein  die   Vorstellung  einer  mitleiderregenden 
Person  aufgetreten  ist  Der  Weg  zum  Herzen  geht  durch 
den  Kopf.    Davon  macht  auch  die  Liebe  keine  Aus- 
nahme.   Wenn  sie  nicht  die  blofse  Äufserung  dea 
niedrigen  Geschlechtstriebes  ist,  dann  beruht  sie  auf 
den  Vorstellungen,  die  wir  uns  von  dem  geliebten  Wesen 
machen.   Und  je  idealistischer  diese  Vorstellungen  sind^ 
desto  beseligender  ist  die  Liebe.    Auch  hier  ist  der 
Gedanke  der  Vater  des  Gefühles.  Man  sagt:  die  Liebe 


II.  Das  bewufste  menscblidie  Handela. 


21 


uiaelic  blind  inr  die  Sclnväohen  des  geliebten  Wesens. 
Die  Sache  kann  auch  nragekehrt  angefafst  werden  und 
behauptet:  die  Liebe  öffae  gerade  für  die  Vorzüge  das 
Auge.  Viele  gehen  ahnungslos  an  diesen  Vorzügen  vor- 
bei, ohne  sie  zu  bemerken.  Der  eine  sieht  sie^  und 
eben  deswegen  erwacht  die  Liebe  in  seiner  Seele. 
Was  hat  er  anderes  gethan:  als  von  dem  sich  eine 
Vorstellung  gemacht,  wovon  hundert  andere  keine 
liaben.  Sie  habon  die  Liebe  nicht,  weil  ihnen  die 
Vorstellung  mangelt. 

Wir  mögen  die  Sache  anfassen^  wie  wir  wollen: 
immer  klarer  mufs  es  werden,  dafs  die  Frage  nach 
dem  Wesen  des  menschlichen  Handelns  die  andere  Tor- 
aussetzt  nach  dem  Urspi-unge  des  Denkens.  Ich 
wende  mich  daher  zunächst  dieser  Frage  zu. 


III. 

Der  Grnndtrleb  zur  Wissensehaft. 


j^Zwei  Seelen  wohnen,  ach!  in  meiiier  Brost, 

Die  eine  will  sich  von  der  andern  trennen; 
Die  eine  hält,  in  derber  Liebeslust, 
Sich  an  die  Welt  mit  klammernden  Oi^anen; 
Die  andre  hebt  gewaltsam  sich  vom  Dost 
Zu  den  Gefilden  hoher  Ahnen." 

(Faust  I,  1112—1117.) 

Mit  diesen  Worten  spricht  Goethe  einen  tief  in 
der  menschlichen  Natur  hegrttndeten  Charakterzug 
aus.    Kein  einheitlich  organisiertes  Wesen  ist  der 

Mensch.  Er  verlangt  stets  mehr,  als  die  Welt  ihm 
freiwillig  giebt.  Bedürfnisse  hat  die  Natur  uns  ge- 
geben, und  die  Befriedigung  überläfst  sie  unserer 
eigenen  Thätigkeit.  Reichlich  sind  die  Gaben,  die 
uns  zugeteilt,  aber  noch  reichlicher  ist  unser  Begehren. 
Wir  scheinen  zur  Unzufriedenheit  geboren.  Nur  ein 
besonderer  Fall  dieser  Unzufriedenheit  ist  unser  Er- 
kenntnisdrang. Wir  blicken  einen  Baum  zweimal  an. 
Wir  sehen  das  eine  Mal  seine  Aste  in  Ruhe,  das 
andere  Mal  in  Bewegung.  Wir  geben  uns  mit  dieser 
Beobachtung  nicht  zufrieden.  Warum  stellt  sich  uns 
der  Baum  das  eine  Mal  ruhend,  das  andere  Mal  in 


Illr   Der  Grundtrieb  zur  Wissenschaft. 


23 


Bewegung  dar?  So  fragen  wir.  Jeder  Blick  in  die 
Natur  erzeugt  in  uns  eine  Summe  von  Fragen.  Mit 
jeder  Eröcheinung,  die  uns  entgegentritt,  ist  uns  eine 
Aufgabe  mitgegeben.  Jedes  Erlebnis  wird  uns  zum 
Rätsel.  Wir  sehen  aus  dem  Ei  ein  dem  Muttertiere 
ähnliches  Wesen  hervoi^ehen;  wir  fragen  nach  dem 
Grunde  dieser  Ähnlichkeit  Wir  beobachten  an  einem 
Lebewesen  Wachstum  und  Entwicklung  bis  zu  einem 
bestimmten  Grade  der  Vollkommenheit:  wir  suchen 
nach  den  Bedingungen  dieser  Erfahrung.  Nirgends 
sind  wir  mit  dem  zufrieden,  was  die  Natur  vor  unseren 
Sinnen  ausbreitet.  Wir  suchen  überall  nach  dem, 
was  wir  Erklärung  der  Thatsachen  nennen. 

Der  Überschufs  dessen,  was  wir  in  den  Dingen 
suchen,  über  das,  was  uns  in  ihnen  unmittelbar  ge- 
geben ist,  spaltet  unser  ganzes  Wesen  in  zwei  Teile; 
wir  werden  uns  unseres  Gegensatzes  zur  Welt  be- 
wufst.  Wir  stellen  uns  als  ein  selbständiges  Wesen  der 
Welt  gegenüber.  Das  Univ(Tsum  erscheint  uns  in  den 
zwei  Gegensätzen:  Ich  und  Welt 

Diese  Scheidewand  zwischen  uns  und  der  Welt 
errichten  wir,  sobald  das  Bewufstsein  in  uns  auf- 
leuchtet. Aber  niemals  verlieren  wir  das  Gefühl,  dafi 
wir  doch  zur  Welt  gehören,  dafs  ein  Band  besteht, 
das  uns  verbindet,  dals  wir  nicht  ein  Wesen  aufs  er- 
halb, sondern  innerhalb  des  Universums  sind. 

Dieses  GefUhl  erzeugt  das  Streben,  den  Gegen- 
satz zu  überbrücken.  Und  in  der  Überbrückung 
dieses  Gegensatzes  besteht  im  letzten  Grunde  das 
ganze  geistige  iStreben  der  Menschheit.  Die  Geschichte 
des  geistigen  Lebens  ist  ein  fortwährendes  Suchen  der 
Einheit  zwischen  uns  und  der  Welt    Religion,  Kumst 


24 


HL   Der  Ornndtrieb  zur  Wissenschaft. 


und  Wissenschaft  verfolgen  gleiclierinafseii  di^sps  Ziel. 
Der  lieligiÖs-Glfiubige  sucht  in  der  Otfenbaruiig-,  die 
ihm  Gott  zuteil  werden  lälst,  die  Lösung  der  Welt- 
rätsel)  die  ilim  sein  mit  der  blofsen  Erscheinungs- 
welt unzufriedenes  Ichaufgieht.  DerKttnstier  sucht  dem 
Stoffe  die  Ideen  seines  Ich  einzubilden^  um  das  in  seinem 
Innern  Lebende  mit  der  Aufsenwelt  zu  versöhnen.  Auch 
er  fühlt  sich  unbefriedigt  von  der  blofsen  Erscheinungs- 
welt und  sucht  ihr  jenes  Mehr  einzuformen,  das  sein 
Ich,  über  sie  hinausgehend^  birgt.  Der  Denker  sucht 
nach  den  Gesetzen  der  Erscheinungen,  er  strebt 
denkend  zu  durchdringen,  was  er  beobachtend  erföhrt 
Erst  wenn  wir  den  Weltinhalt  zu  unserem  Ge* 
lUiu  ke  ni  nhal  t  gemaclit  haben  ,  erst  dann  linden 
Avir  den  Zusammenhang  wieder,  aus  dem  wir  uns  selbst 
gelöst  haben.  Wir  werden  sp&ter  sehen,  dals  dieses 
Ziel  nur  erreicht  wird,  wenn  die  Aufgabe  des  wissen- 
schaftlichen Forschers  allerdings  viel  tiefer  aufgeMst 
wird,  als  dies  oft  geschieht.  Das  ganze  Verhältnis, 
das  ich  hier  dargelegt  habe,  tritt  uns  in  einer  welt- 
geschichtlichen Erscheiuuug  entgingen  :  in  dem  Gegen- 
batze der  einheitlichen  Weltauffassung  oder  des  Monis- 
mus und  der  Zweiwelten theorie  oder  des  D  ualismus. 
Der  Dualismus  richtet  den  Blick  nur  auf  die  von  dem 
Bewufstsein  des  Menschen  vollzogene  Trennung  zwischen 
Ich  und  Welt.  Sein  ganzes  Streben  ist  ein  ohnmttch- 
tiges  Ringen  nach  der  Versöhnung  dieser  Gegensätze, 
die  er  bald  Geist  luid  Materie,  bald  S  u  b  j  e  k  t  und 
Objekt,  bald  Denken  und  Erscheinung  nennt. 
Er  hat  ein  Gefühl,  dafs  es  eine  Brücke  geben  mufs 
zwischen  den  beiden  Welten,  aber  er  ist  nicht  im- 
stande, sie  zu  finden.    Der  Monismus  richtet  den 


III.    Der  Grundtrieb  zttr  Wiaseuachaft.  2& 

Blick  allein  auf  die  Einheit  und  sucht  die  einmal  vor- 
handenen Gegensätze  zu  leugnen  oder  zu  verwischen. 

Keine  von  den  beiden  Anschauungen  kann  befriedigen, 
denn  sie  werden  d»_'n  Thauachen  nicht  gereclit.  Der 
Dualismus  sieht  Geist  (ich)  und  Materie  (Welt)  als 
zwei  grundverschiedene  Wesenheiten  an,  und  kann 
deshalb  nicht  begreifen,  wie  beide  aufeinander  wirken 
können.  Wie  soll  der  Geist  wissen,  was  in  der  Materie 
vorgeht,  wenn  ihm  deren  eigentümliche  Natur  ganz 
fremd  ist?  Oder  wie  soll  er  unter  diesen  Umständen 
auf  sie  wirken,  so  dafs  sich  seine  Absichten  in  Thaten 
umsetzen?  Die  widersinnigsten  Hypothesen  wurden 
aufgestellt,  um  diese  Fragen  zu  lösen.  Aber  auch  mit 
dem  Monismus  steht  es  bis  heute  nicht  viel  besser. 
Er  hat  sich  bis  jetzt  in  einer  dreifachen  Art  zu  helfen 
gesucht:  entweder  er  leugnet  den  Geist  und  wird 
zum  Materialismus;  oder  er  leug"net  die  Materie,  um 
im  Spiritualismus  sein  Heil  zu  suchen;  oder  aber  er 
behauptet,  dafs  auch  schon  in  dem  einfachsten  Welt- 
wesen Materie  und  Geist  untrennbar  verbunden  sind, 
wesw^en  man  gar  nicht  erstaunt  zu  sein  brauchte, 
wenn  in  dem  Menschen  diese  zwei  Daseinsweisen  auf- 
treten, die  ja  nirgends  getrennt  sind. 

Der  Materialismus  kann  niemals  eine  be- 
friedigende Welterklärung  liefern.  Denn  jeder  Versuch 
einer  Erklärung  mufs  damit  beginnen,  dafs  man  sich 
Oedanken  über  die  Welterscheinungen  bildet.  Der 
Materialismus  macht  deshalb  den  Anfang  mit  dem 
Gedanken  der  Materie  oder  der  materiellen  Vorgänge. 
Damit  hat  er  bereits  zwei  verschiedene  Thatsachen- 
gebiete  vor  sich;  die  materielle  Welt  und  die  Gedanken 
über  sie.  Er  sucht  die  letzteren  dadurch  zu  begreifen, 


26 


III.    Der  Grundtrieb  zur  VV  isseiischait. 


dafs  er  sie  als  einen  rein  materiellen  Prozefs  autialst. 
Er  glaubt,  dafs  das  Denken  im  Gehirne  etwa  so  zu* 
Stande  komme^  wie  die  Verdauung  in  den  animalischen 
Organen.  So  wie  er  der  Materie  mechanische,  chemische 

und  orjnfanische  Wirkungen  zuschreibt,  so  legt  er  ihr 
auch  die  1  Eiligkeit  bei,  unter  bestimmten  Bedinp^ungen 
zu  denken.  Er  verglfst,  dafs  er  nun  das  Problem  nur 
an  einen  andern  Ort  verlegt  hat.  Statt  sich  selbst, 
schreibt  er  die  Fähigkeit  des  Denkens  der  Materie 
zu.  Und  damit  ist  er  wieder  an  seinem  Ausgangs- 
punkte. Wie  kommt  die  Materie  dazu,  über  ihr 
eigenes  Wesen  nachzudenken?  Warurt  ist  sie  nicht 
einfach  mit  sich  zufrieden  und  nimmt  ihr  Dasein  hin? 
Von  dem  bestimmten  Subjekt,  von  unserem  eij^enen 
Ich  hat  er  den  Blick  abgewandt  und  auf  ein  un- 
hestimmteSy  nebelhaftes  Gebilde  ist  er  gekommen.  Und 
hier  tritt  ihm  dasselbe  Rätsel  entgegen.  Die  materiali- 
stische Anschauung  vermag  das  Problem  nicht  zu 
lösen,  sondern  nur  zu  verschieben. 

Wie  steht  es  mit  der  spiritualistlsclien  ?  Der 
Spiritual  ist  leugnet  die  Materie  (die  Welt)  und  fafst 
sie  nur  als  ein  Produkt  des  Geistes  (des  Ich)  auf. 
Er  stellt  sich  vor,  dafs  die  ganze  Erscheinungswelt 
nur  ein  aus  dem  Geiste  herausgesponnenes  Wesen  sei. 
Diese  Weltanschauung  sieht  sich  sofort  in  die  Enge 
getrieben,  wenn  sie  den  Versuch  macht,  irgend  eine 
konkrete  Erseheinung  aus  dem  Geiste  heraus  zu  ent- 
wickeln. Sie  kann  es  weder  im  Erkennen  noch  im 
Handeln.  Will  man  die  Aussenwelt  wirklich  er- 
kennen, so  mufs  man  den  Blick  nach  aufsen  wenden  und 
eine  Anleihe  bei  der  Erfahrung  machen.  Ohne  dieses 
kann  unser  Geist  zu  keinem  Inhalt  kommen.  Ebenso 


III.   Der  Gnmdtrieb  zur  Wissenschaft. 


27 


müssen  wir,  wenn  'wir  ans  Handeln  gehen,  unsere 
Absichten  mit  Hülfe  der  materiellen  Stoffe  und  Kräfte 
in  Wirklichkeit  umsetzen.    Wir  sind  also  auf  die 

Aufsenwelt  angewiesen.  Der  extremste  Spiritual  ist, 
oder  wenn  m<an  will.  Idealist,  ist  Johann  Gottlieb 
Fichte.  Er  versuchte  das  ganze  Weltgebäude  aus 
>dem  «Ich''  abzuleiten.  Was  ihm  dabei  wirklich  ge- 
lungen ist,  ist  ein  grofsartiges  Gedankenbild  der 
Welt,  ohne  allen  £rfahrungsinhalt  So  wenig  es  dem 
Materialisten  möglich  ist,  den  Geist,  ebensowenig  ist 
es  dem  Idealisten  möglich,  die  materielle  Auiöenwelt 
wegzudekretioren. 

Eine  merkwürdige  Abart  des  Idealismus  ist  die 
Anschauung  Fried.  Alb.  Langes,  wie  er  sie  in  seiner 
vielgelesenen  „Geschichte  des  Materialismus**  vertreten 
hat.  Er  nimmt  an,  dafs  der  Materialismus  ganz  recht 
hat,  wenn  er  alle  Welterscheinungen,  einschliefslich 
unseres  Denkens,  lür  das  Produkt  rein  stofflicher 
Vorgänge  erklärt;  nur  sei  um^?ekelirt  die  Materie  und 
ihre  Vorgänge  selbst  wieder  ein  Produkt  unseres 
Denkens.  „Die  Sinne  geben  uns  Wirkungen  der 
Dinge,  nicht  getreue  Bilder,  oder  gar  die  Dinge  selbst. 
Zu  diesen  blofsen  Wirkungen  gehören  aber  auch  die 
Sinne  selbst  samt  dem  Hirn  und  den  in  ihm  gedachten 
Molecularschwiiigiaigon."  D.  h.  unser  Denken  wird 
von  den  materiellen  Prozessen  erzeugt  und  diese  von 
unserem  Denken.  Langes  Philosophie  ist  somit  nichts 
anderes,  als  die  in  Begriffe  umgesetzte  Geschichte  des 
wackeren  Münchhausen,  der  sich  an  seinem  eigenen 
Haarschopf  frei  in  der  Lufik  festhält. 

Die  dritte  Form  des  Monismus  ist  die,  welche  in 
dem  einfachsten  Wesen  (Atom)  bereits  die  beiden 


28 


Iii.  Der  Grund  trieb  zur  Wisseuschaft. 


Wesenheiten,  Materie  und  Geist,  vereinigt  sieht.  Dbt 
mit  ist  aber  auch  nichts  erreicht,  als  dafs  die  Frage^ 
die  eigentlich  in  unserem  Bewußtsein  entsteht,  auf 
einen  anderen  Schauplatz  versetzt  wird.   Wie  kommt 

das  einfache  We^en  dazu,  sich  in  einer  zweifachen 
W  eise  zu  äufsern,  wenn  es  eine  ungetrennte  Ein- 
heit ist? 

Allen  diesen  Standpunkten  gegenüber  mult>  geltend 
gemacht  werden,  das  uns  der  Grund-  und  Urgegen- 
satz  zuerst  in  unserem  eigenen  Bewufstsein  entgegen- 
tritt. Wir  sind  es  selbst,  die  wir  uns  von  dem 
Mutterboden  der  Natur  loslösen,  und  uns  als  »Ich** 
der  „Welt"  gegenüberstellen.  Klassisch  spricht  das 
Goethe  in  seinem  Aufsatz  „Die  Natur"  aus:  „Wir 
leben  mitten  in  ihr  (der  Natur)  und  sind  ihr  fremde. 
Sie  spricht  unaufhörlich  mit  uns,  und  verrät  uns  ihr 
Geheimnis  nicht."  Aber  auch  die  Kehrseite  kennt 
Goethe:  „Die  Menschen  sind  alle  in  ihr  und  sie  in 
allen.** 

So  wahr  es  ist,  dafs  wir  uns  der  Natur  entfremdet 
haben,  so  wahr  ist  es,  dafs  wir  fühlen:  wir  sind  in 
ihr  und  gehören  zu  ihr.  Es  kann  nur  ihr  eigenes 
Wirken  sein,  das  auch  in  uns  lebt 

Wir  müssen  den  Weg  zu  ihr  zurück  wieder  finden. 
Eine  einfache  Überlegung  kann  uns  diesen  Weg 
weisen.  Wir  haben  uns  zwar  losgerissen  von  der 
Natur;  aber  wir  müssen  doch  etwas  mit  herüber- 
genommen haben  in  unser  eigenes  ^^'esen.  Dieses 
Naturweseu  in  uns  müssen  wir  aufsuchen,  dann  werden 
wir  den  Zusammenhang  auch  wieder  finden.  Das 
versftumt  der  Dualismus.  £r  hfilt  das  menschliche 
Innere  für  ein  der  Natur  ganz  fremdes  Ckistwesen 


III.  Der  Gnindtrieb  mt  WiMenschaft 


29 


und  sucht  dieses  an  die  Natur  anzukoppeln.  Kein 
W  Liuder,  dafs  er  das  Bindeglied  nicht  finden  kann. 
Wir  können  die  Natur  aufser  uns  nur  ündeu,  wenn 
wir  sie  in  uns  erst  kennen.  Das  ihr  Gleiche  in  unserem 
eigenen  Innern  wird  uns  der  Führer  sein.  Damit  ist 
uns  unsere  Bahn  vorgezeiehnet.  Wir  wollen  keine 
Spekulationen  anstellen  tlber  die  Wechselwirkung  von 
Natur  und  Geeist.  Wir  wollen  aber  hinuntcrsteigen  in 
die  Tiefen  unseres  eigenen  \\  c^ens,  um  da  jene  Kie- 
mente zu  finden,  die  wir  lier Ubergerettet  haben  bei 
unserer  Flucht  aus  der  Natur. 

Die  Erforschung  unseres  Wesens  muTs  uns  die 
Lösung  des  Rätsels  bringen.  Wir  müssen  an  einen 
Punkt  kommen,  wo  wir  uns  sagen  können:  hier  sind 
wir  nicht  mehr  blofs  „Ich",  hier  liegt  etwas,  was  mehr 
als  „Ich"  ist. 

Ich  bin  darauf  gefafst,  dafs  manclier,  der  bis  hierher 
gelesen  hat,  meine  Ausführungen  nicht  „dem  gegen- 
wärtigen Stande  der  Wissenschaff^  gemäfs  findet 
Ich  kann  dem  gegenüber  nur  erwidern,  dafs  ich  es 
bisher  mit  keinerlei  wissenschaftlichen  Besultaten  zu 
thun  haben  wollte,  sondern  mit  der  einfachen  Be- 
sclireibung  dessen,  was  jedermann  in  seinem  eigenen 
Bewufstsein  erlebt.  Dafs  dabei  auch  einzelne  Sätze 
über  Versöhnungsversuche  des  Bewufstseins  mit  der 
Welt  eingeflossen  sind,  hat  nur  den  Zweck,  die  eigent- 
lichen Thatsachen  zu  verdeutlicben.  Ich  habe  des- 
halb auch  keinen  Wert  darauf  gelegt,  die  einzelnen 
Ausdrücke,  wie  „Ich",  „(Jelst",  „^^'ek  ,  „Natur"  u.s.  w. 
in  der  priicisen  Weise  zu  gebrauchen,  wie  es  in  der 
Psychologie  und  Philosophie  üblich  ist.  Das  alltäg- 
liche Bewufstsein  kennt  die  scharfen  Unterschiede  der 


30 


in.  Der  Grandtrieb  cur  WisMiucbaft. 


Wissenschaft  nicht,  und  um  (3ine  Aufnahme  dcb  alltäg- 
lichen Tliatbestandes  handelte  es  sich  bisher  blofs.  Der 
Einwand,  dafs  meine  bisherigen  Ausführungen  der 
Wissenschaft  nicht  entsprecbenf  gliche  etwa  dem,  der 
jemand  gemacht  würde,  wenn  er  ein  Gedicht  zunächst 
recitierte  und  nicht  gleich  bei  jeder  Zeile  eine  ästhe- 
tisch-wissenschaftliche Kritik  gäbe.  Nicht  wie  die 
Wissenschaft  hislier  das  Bewufstseiii  interpretiert  hat, 
geht  mich  an,  sondern  wie  sich  dasselbe  stündlich 
darlebt 


IV. 


Das  Denken  im  Dienste  der  Weitauffassang. 


Wenn  ich  beobachte,  wie  eine  Billardkugel,  die 
gestufseu  wird,  iliro  Bewegung  auf  eine  andere  Uber- 
trägt, öo  bleibe  ich  auf  den  Verlauf  diesjes  beobachteten 
Vorganges  ganz  ohne  Einflufs.  Die  Bewegungsrichtung 
und  Schnelligkeit  der  zweiten  Kugel  ist  durch  die. 
Richtung  und  Schnelligkeit  iler  ersten  bestinuni  So 
lange  ich  mich  blofs  als  Beobachter  Y^halte,  weifs  ich 
über  die  Bewe^^ung  der  zweiten  Kugel  erst  dann  etwas 
zu  «agen ,  wenn  dieselbe  eingetreten  ist.  Anders  ist 
die  Sache,  wenn  icli  über  den  Inhalt  meiner  Beobach- 
tung nachzudenken  beginne.  Mein  Nachdenken  hat 
den  Zweck,  von  dem  Vorgange  Begriffe  zu  bilden. 
Ich  bringe  den  Begriff  einer  ehistischen  Kugel  in  Ver^ 
bindung  mit  gewissen  anderen  Begriffen  der  Mechanik 
und  ziehe  die  besonderen  Umstände  in  Erwägung,  die 
in  dem  vorkommenden  Falle  obwalten.  Ich  suche  also 
zu  dem  Vorgange,  der  sich  ohne  mein  Zuthun  abspielt, 
einen  zweiten  hinzuzufügen,  der  sich  in  der  begriff- 
lichen Sphäre  YoUzieht.  Der  letztere  ist  Ton  mir  ab- 
hängig.   Das  zeigt  sich  dadurch,  dafis  ich  mich  mit 


32 


IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffassnng. 


der  Beobachtung  begnügen  und  aui  alles  Begriffe- 
snchen  verzichten  kann,  A\emi  ich  kein  Berliirt'nis 
darnach  habe.  Wenn  dieses  Bedürfnis  aber  vorhanden 
ist,  dann  bernhigc  ich  mich  erst,  wenn  ich  die  Be- 
griffe: Kugel,  Eiasticitäty  Bew^uDg,  Störs,  Geschwin- 
digkeit u.  8.  w.  in  eine  gewisse  Verbindung  gebracht 
habe,  8U  welcher  der  beobachtete  Vorgang  in  einem 
bestimmten  Verhältnisse  steht.  So  gewifs  es  nun  ist, 
dafs  sich  der  Vorgang  unabhängig  von  mir  vollzieht, 
so  gewifs  ist  es,  dai's  sich  der  begrifiliche  Frozeis  ohne 
mein  Zuthun  nicht  abspielen  kann. 

Ob  diese  meine  Thätigkeit  wirklich  der  Ausflufs 
meines  selbstundigen  Wesens  ist^  oder  ob  die  modernen 
Physiologen  Recht  haben,  welche  sagen,  dafs  wir  nicht 
denken  können,  wie  wir  >vollen ,  sondern  denken 
mtissen,  wie  es  die  gerade  in  un'^erem  Bewulstsein 
vorhandenen  Gedanken  und  Gedankenverbindungen 
bestimmen  (vergl.  Ziehen,  Leitfaden  der  physio- 
logischen Psychologie,  Jena  1898,  S.  171),  wird 
Gegenstand  einer  späteren  Auseinandersetzung  sein* 
Vorläufig  wollen  wir  blofs  die  Thatsache  feststellen, 
dafs  wir  uns  fortwährend  gezwungen  fühlen,  zu  den 
ohne  unser  Zuthun  uns  gegebenen  Gegenständen  und 
Vorgängen  Begriffe  und  Begriffsverbindungen  zu 
suchen,  die  zu  jenen  in  einer  gewissen  Beziehung 
stehen.  Ob  dies  Thun  in  Wahrheit  unser  Thun  ist 
oder  ob  wir  es  einer  unabänderlichen  Notwendigkeit 
gemäfs  vollziehen,  lassen  wir  vorläufig  dahin  gestellt. 
Dafs  es  uns  ziuuichst  als  das  unserige  erscheint,  ist 
ohne  Frage.  Wir  wissen  ganz  genau,  dafs  uns  mit 
den  Gegenständen  nicht  zugleich  deren  Begriffe  mit- 
gegeben werden.   Dafs  ich  selbst  der  Thätige  bin^  mag 


IV.   D&8  Denken  im  Dienste  der  "Weltauffassung.  33 


auf  einem  Schein  beruhen ;  der  unmittelbaren  Beobach- 
tung stellt  sich  die  Sache  jedenfalls  so  dar.  Die  Frage 
ist  nun:  was  gewinnen  wir  dadurch,  dafs  wir  zu 
einem  Vorgange  ein  begrifFliches  Gegenstück  hinzu- 
finden ? 

Es  ist  ein  tiefgreifender  Untcrsciiied  zwischen  der 
Art;  wie  sich  für  mich  die  Teile  eines  Vorganges  zu 
einander  verhalten  vor  und  nach  der  Auffindung  der 
entsprechenden  Begriffe.  Die  blofse  Beobachtung  kann 
die  Teile  eines  gegc^benen  Vorganges  in  ihrem  Ver- 
laufe verfolgen;  ihr  Zusammenhang  bleibt  aber  vor 
der  Zuhilienahrae  von  Begriffen  dunkeh  Ich  sehe  die 
erste  Billardkugel  in  einer  gewissen  Richtung  und  mit 
einer  bestimmten  Geschwindigkeit  gegen  die  zweite 
sich  bew^n;  was  nach  erfolgtem  Stöfs  geschieht, 
mufs  ich  abwarten  und  kann  es  dann  auch  wieder  nur 
mit  den  Augen  verfolgen.  Nehmen  wir  an,  es  ver- 
decke mir  im  Augenblicke  des  Stofscs  jemand  das 
Feld,  auf  dem  der  Vorgang  sich  abspielt,  so  bin  ich 
—  als  blofser  Beobachter  —  ohne  Kenntnis,  was  nach- 
her geschieht.  Anders  ist  das,  wenn  ich  fllr  die  Kon- 
stellation der  Verhältnisse  vor  dem  Verdecken  die 
entsprechenden  Begriffe  gefunden  habe.  In  diesem 
Falle  kann  ich  angeben,  was  geschieht,  auch  wenn  die 
Möglichkeit  der  Beobachtung  aufhört.  Ein  blofs  be- 
obachteter Vorgang  oder  Gegenstand  ergiebt  aus  sich 
selbst  nichts  über  seinen  Zusammenhang  mit  anderen 
Voigängen  oder  Gegenständen.  Dieser  Zusammenhang 
wird  erst  ersichtlich ,  wenn  sich  die  Beobachtung  mit 
dem  Denken  verbindet. 

Beobachtung  und  Denken  sind  die  beiden 
Ausgangspunkte  für  alles  geistige  Streben  des  Men- 

Steiner,  Plülosophie  der  Freiiieit.  8 


34  Denken  im.  Dienste  der  Weltauffasson^. 


Bchen,  insoferne  er  sich  eines  solchen  bewuCst  ist  Die 
Verrichtungen  des  gemeinen  Menschenverstandes  und 

die  Verwickeltesten  wissenschattlichen  Forschungen 
ruhen  auf  diesen  beiden  Grundjjäuleii  unseres  Geistes. 
Die  Philosophen  sind  von  verschiedenen  Urgegensätzen 
ausgegangen:  Idee  und  Wirklichkeit,  Subjekt  und 
Objekt,  Erscheinung-  und  Ding  an  sich,  Ich  und  Nicht- 
Ich,  Idee  und  Wille,  Begriff  und  Materie,  Kraft  und 
Stoff,  Bewufstes  und  UnbewuTstes.  Es  läfst  sich  aber 
leicht  zeigen,  dufs  allen  diesen  Gegcnsiitzen  der  von 
Beobachtung  und  Denken,  als  der  für  den  Men- 
schen wichtigste,  vorangehen  mufs. 

Was  für  ein  Prinzip  wir  auch  aufstellen  mögen: 
wir  mttssen  es  irgendwo  als  von  uns  beobachtet  nach- 
weisen, oder  in  Form  eines  klaren  Gedankens,  der 
▼on  jedem  anderen  nachgedacht  werden  kann,  aus- 
sprechen. Jeder  Philosoph ,  der  cinfängt  über  seine 
Urprinzipien  zu  sprechen,  mufs  sich  dor  begrifflichen 
form,  und  dainit  des  Denkens  bedi  in  n.  Er  giebt 
daniit  indirekt  zu,  dafs  er  zu  seiner  Bethätigung  das 
Denken  bereits  voraussetzt.  Ob  das  Denken  oder 
irgend  etwas  anderes  Hauptelement  der  Weltentwick* 
lung  ist,  darüber  werde  hier  noch  nichts  ausgemacht. 
jJal's  aber  der  Pliiloso])h  ohne  das  Denken  kein  Wissen 
darüber  gewinnen  kann,  das  ist  von  voriilierein  klar. 
Beim  Zustandekommen  der  Welterscheinungen  mag 
das  Denken  eine  Nebenrolle  spielen,  beim  Zustande- 
kommen einer  Ansicht  darüber  kommt  ihm  aber  sicher 
eine  Hauptrolle  zu. 

Was  nun  die  Beobachtung  betriff!,  so  liegt  es  in 
unserer  Organisation,  dafs  wir  derselben  bedürfen. 
Unser  Denken  über  ein  Pferd  und  der  Gegenstand 


IV,  D»«  Denken  im  Dienste  der  Weltauflfassung.  35 

Pferd  sind  zwei  Dinge,  die  fttr  uns  getrennt  auftreten. 
Und  dieser  Gegenstand  ist  uns  nur  durch  Beobachtung 

zugilnglich.  So  wenig  wir  durch  das  blofse  Anstarren 
eines  Pferdes  uns  einen  Begriff  von  demselben  machen 
können,  ebensowenig  sind  wir  im  Stande,  durch  blofses 
Denken  einen  entsprechenden  Gegenstand  hervorzu- 
bringen. 

Zeitlich  geht  die  Beobachtung  sogar  dem  Denken 
voraus.    Denn  auch  das  Denken  mttssen  wir  erst 

durch  Beobachtung  kennen  lernen.  Es  war  wesenth'ch 
die  Beschreibung  einer  Beobachtung",  als  wir  am  Ein- 
gange dieses  Kapitels  darstellten,  wie  sich  das  Denken 
an  einem  Vorgange  entzündet  und  über  das  ohne  sein 
Zuthun  Gregebene  hinausgeht.  Alles  was  in  den  Kreis 
unserer  Erlebnisse  eintritt,  werden  wir  durch  die  Be- 
obachtung erst  gewahr.  Der  Inhalt  von  Empfindungen, 
Wahnielimungen,  Anschauungen,  die  Gefühle,  Willens- 
akte, Traum-  und  Phantasiegebilde,  Vorstellungen, 
Begriffe  und  Ideen,  sämtliche  Illusionen  und  Haliu- 
cinationen  werden  uns  durch  die  Beobachtung 
gegeben. 

Nur  unterscheidet  sich  das  Denken  als  Beobach- 
tungsobjekt doch  wesentlich  von  allen  andern  Dingen. 

Die  l^eobachtun<i^  eines  Tisclies,  eines  Baumes  tritt  bei 
mir  ein.  sobald  diese  Gegenstände  auf  dem  Horizonte 
meiner  Erlebnisse  auttauchen.  J}m  Denken  aber  über 
diese  Gegenstände  beobachte  ich  nicht  gleichzeitig. 
Den  Tisch  beobachte  ich,  das  Denken  über  den  Tisch 
fllhre  ich  aus,  aber  ich  beobachte  es  nicht  in  dem- 
selben Augenblicke.  Ich  mufs  mich  erst  auf  einen 
Standpunkt  aui-crhalb  meiner  eigenen  Thätigkeit  ver- 
setzen, wenn  ich  neben  dem  Tische  auch  mein  Denken 

3* 


36 


VI.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffassong. 


über  den  Tisch  beobachten  will.  Während  das  Be- 
obachten der  Gegenstände  und  Vorgänge  und  das 
Denken  darüber  ganz  alltägliche,  mein  fortlaufendes 
Leben  ausfüllende  Zustände  sind,  ist  die  Beobachtung 
de«  Denkens  eine  Art  Ausnahmezustand.  Diese  That- 
sache  mufs  in  entsprechender  Weise  berücksichtigt 
werden,  wenn  es  sieh  daram  handelt ,  das  Verhältnis 
des  Denkens  zu  allen  anderen  Beobachtungsinhalten 
zu  bestimmen.  Man  raufs  sich  klar  darüber  sein,  dafs 
man  bei  der  Beobachtung  des  Denkens  auf  dieses  ein 
Verfahren  anwendet  j  das  für  die  Betrachtung  des 
ganzen  übrigen  Weltinhaltes  den  normalen  Zustand 
bildet,  das  aber  im  Verfolge  dieses  normalen  Zostandes 
für  das  Denken  selbst  nicht  eintritt' 

Es  könnte  jemand  den  Einwand  machen ,  dafs 
das  gieiehe,  was  icli  hier  von  dem  Denken  bemerkt 
habe,  auch  von  dem  Fühlen  und  den  übrigen  geistigen 
Tbätigkeiten  gelte.  Wenn  wir  z.  B,  das  Gefühl  der 
Lust  haben ,  so  entzünde  sich  das  auch  an  einem 
Gegenstände^  und  ich  beobachte  zwar  diesen  Gegen- 
stand, nicht  aber  das  Gefühl  der  Lust  Dieser  Ein- 
wand beruht  aber  auf  einem  Irrtum.  Die  Lust  steht 
durchaus  nicht  in  demselben  Verhältnisse  zu  ihrem 
Gegenstande  wie  der  Be.ü^riff,  den  das  Denken  bildet. 
Ich  bin  mir  auf  das  bestimmteste  bewufst,  dafs  der 
Begriff  einer  Sache  durch  meine  Thätigkeit  gebildet 
wird,  während  die  Lust  in  mir  auf  ähnliche  Art  durch 
einen  Gegenstand  erzeugt  wird,  wie  z.  B.  die  Ver^ 
änderung,  die  ein  fallender  Stein  in  einem  Gegen- 
stande bewirkt,  auf  den  er  auffällt.  Für  die  Beobach- 
tung ist  die  Lust  in  ^onau  derselben  Weise  gegeben, 
wie  der  sie  veranlassende  Vorgang.  Edn  Gleiches  gilt 


iV.  Das  Denken  im  Dienste  der  WeltanfiEassung. 


37 


nicht  vom  Begriffe.  Ich  kann  fragen :  warom  erzeugt 
ein  bestimmter  Vorgang  bei  mir  das  GefOhl  der  Lust? 
Aber  ich  kann  durchaus  nicht  fragen :  warum  erzeugt 
ein  Vorgang  bei  mir  eine  bestimmte  Summe  von  ]>e- 
griffen?  Das  hatte  einfach  keinen  Sinn.  Bei  dem 
l^achdenken  über  einen  Vorgang  handelt  es  sich  gar 
nicht  um  eine  Wirkung  auf  mich.  Ich  kann  dadurch 
nichts  iXher  mich  erfahren,  dafs  ich  fUr  die  beobachtete 
Veränderung,  die  ein  gegen  eine  Fensterscheibe  ge- 
worfener Stein  in  dieser  bewirkt,  die  entsprechenden 
Begriffe  kenne.  Aber  ich  erfahre  sehr  wohl  etwas 
über  meine  Persönlichkeit,  wenn  ich  das  Gefühl  kenne, 
das  ein  bestimmter  Vorgang  in  mir  erweckt.  Wenn 
Ich  einem  beobachteten  Gegenstand  gegenüber  sage: 
dies  ist  eine  Rose,  so  sage  ich  über  mich  selbst  nicht 
das  Geringste  aus;  wenn  ich  aber  von  demselben  Dinge 
sage :  es  bereitet  mir  das  Gef)ih]  der  Lust,  so  habe  ich 
nicht  nur  die  Ii  ose,  sondern  auch  mich  selbst  in  meinem 
Verhältnis  znr  Rose  charakterisiert. 

Von  einer  Gleichstellung  des  Denkens  mit  dem 
Fühlen  der  Beobachtung  gegenüber  kann  also  nicht 
die  Bede  sein.  Dasselbe  liefse  sich  leicht  auch  für 
die  andern  Thätigkeiten  des  menschlichen  Geistes  ab- 
leiten. Sie  gehören  dem  Denken  gegenüber  in  eine 
Reihe  mit  anderen  beobachteten  (regenständen  nnd 
Vorgangen.  Es  gehört  eben  zu  der  (M^^entinnlicljen 
Natur  des  Denkens,  dafs  es  eine  Thätigkeit  ist,  die 
blofs  auf  den  beobachteten  Gegenstand  gelenkt  ist  und 
nicht  auf  die  denkende  Persdnlichkeit  Das  spricht 
sich  schon  in  der  Art  aus,  wie  wir  unsere  Gedanken 
über  eine  Sache  zum  Ausdruck  bringen  im  Gegensatz 
zu  unseren  Gefühlen  oder  Willeusakten.    Wenn  ich 


38         1^  •         Deukeu  im  Dieu.ste  der  \Veltau£faüäuug. 


einen  Gegenstand  sehe  und  diesen  als  einen  l'isch  er- 
kenne, werde  ich  im  allgemeinen  nicht  sagen:  ich 
denke  über  einen  Tisch,  sondern:  dies  ist  ein  Tisch. 
Wohl  aber  werde  ich  sagen :  ich  freue  mich  über  den 
Tisch.  Im  ersteren  Falle  kommt  es  mir  eben  gar 
nicht  darauf  an,  auszusprechen,  dafs  ich  zu  dem  Tisch 
in  ein  Verhältnis  trete*,  in  dem  zweiten  Falle  handelt 
es  sich  aber  gerade  um  dieses  Verhältnis.  Mit  dem 
Ausspruch:  ich  denke  über  einen  Tisch,  trete  ich  be- 
reits in  den  oben  charakterisierten  Ausnahmezustand 
ein,  wo  etwas  zum  G^enstand  der  Beobachtung  ge- 
macht wird,  was  in  unserer  geistigen  Thätigkeit 
immer  mitenthalten  ist,  aber  nicht  als  beobachtetes 
Objekt. 

Das  ist  die  eigentüuiliciic  Natur  des  JJenkens, 
dafs  der  Denkende  das  Denken  vergisst,  während  er 
es  ausübt  Nicht  das  Denken  beschäftigt  ihn,  sondern 
der  Gegenstand  des  Denkens,  den  er  beobachtet 

Die  erste  Beobachtung,  die  wir  über  das  Denken 
machen,  ist  also  die,  dafs  es  das  unbeobachtete  Ele- 
ment unseres  gewöhnlichen  Geisteslebens  ist. 

Der  Grund,  warum  wir  das  Denken  im  alltäg- 
lichen Geistesleben  nicht  beobachten,  ist  kein  anderer 
als  der,  dad  es  auf  unserer  eigenen  Thätigkeit  beruht 
Was  ich  nicht  selbst  hervorbringe,  tritt  als  ein  gegen- 
ständliches in  mein  Beobachtungsfeld  ein.  Ich  sehe 
mich  ihm  als  einem  ohne  mich  zustande  Gekommenen 
gegenüber;  es  tritt  an  mich  heran;  ich  mufs  es  als  die 
Voraussetzung  meines  Denkprozesses  hinnehmen.  Wäh- 
rend ich  über  den  Gegenstand  nachdenke,  bin  ich  mit 
diesem  beschäftigt,  mein  Blick  ist  ihm  zugewandt 
Diese  Beschäftigung  ist  eben  die  denkende  Betrachtung. 


lY.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltanfhasun^. 


"Nicht  auf  meine  Tluitigkeit,  sondern  auf  das  Objekt 
dieser  Tiiätigkeit  ist  meine  Aufmerksamkeit  gerichtet. 
Mit  anderen  Worten:  während  ich  denke,  sehe  ich 
nicht  auf  mein  Denken,  das  ich  selbst  henrorbringe, 
sondern  auf  das  Objekt  des  Denkens,  das  ich  nicht 
hervorbringe. 

Ich  bin  sogar  in  demselben  Fall,  wenn  ich  den 
Ausnahmszustand  eintreten  lasse,  und  über  mein 
Denken  selbst  nachdenke.  Ich  kann  mein  gegen- 
wärtiges Denken  nie  beobachten;  sondern  nur  die  Er- 
fahrungen, die  ich  Uber  meinen  Denkprozefs  gemacht 
habe,  kann  ich  nachher  zum  Objekt  des  Denkens 
machen.  Ich  mllfste  mich  in  zwei  Persönlichkeiten 
spalten:  in  eine,  die  denkt,  und  in  die  andere,  welche 
sich  bei  diesem  Denken  selbst  zusieht,  wenn  ich  mein 
gegenwäi  tiges  Denken  beobachten  wollte.  Das  kann 
ich  nicht.  Ich  kann  das  nur  in  zwei  getrennten 
Akten  ausführen.  Das  Denken,  das  beobachtet  wer- 
den soll,  ist  nie  das  dabei  in  Thätigkeit  befindliche, 
sondern  ein  anderes.  Ob  ich  zu  diesem  Zwecke  meine 
Beobachtungen  an  meinem  eigenen  frukcren  Denken 
mache,  oder  ob  ich  den  CTcdankenprozefs  einer  an- 
deren Person  verfolge,  oder  endlich,  ob  ich,  wie  im 
obigen  Falle  mit  der  Bewegung  der  Billardkugeln, 
einen  fingierten  Gedankenprozefs  roraussetze,  darauf 
kommt  es  nicht  an. 

Zwei  Dinge  vertragen  sich  nicht:  thätiges  Hervor- 
bringen und  beschauliches  Gegenüberstellen.  D{is 
weiis  schon  das  1.  Buch  Moses.  An  den  ersten  sechs 
Welttagen  läfst  es  Gott  die  Welt  hervorbringen,  und  ei'st 
als  sie  da  ist,  ist  die  Möglichkeit  vorhanden,  sie  zu 
beschauen:  «Und  Gott  sähe  an  alles,  was  er  gemacht 


40        IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  WeltanfEusun^. 


hatte;  und  siehe  da,  es  war  sehr  gut."  So  ist  es  auch 
mit  unserem  Denken.  Es  mufs  erst  da  sein,  wenn  wir 
es  beobacliten  wollen. 

Der  Grund,  der  es  uns  unmöglich  macht,  das 
Denken  in  seinem  jeweilig  gegenwärtigen  Verlauf  zu 
beobachten,  ist  der  gleiche  wie  der,  der  es  uns  un- 
mittelbarer und  intimer  erkennen  l&fst  als  jeden  an- 
dern Prozefs  der  Welt.  Eben  weil  wir  es  selbst  her- 
vorbringen, kennen  wir  das  Charakteristische  seines 
Verlaufs,  die  Art,  wie  sich  das  dabei  in  Betracht 
kommende  Geschehen  vollzieht.  Was  in  den  übrigen 
Beobachtungssphären  nur  auf  mittelbare  Weise  gefun- 
den werden  kann:  der  sachlich-entsprechende .  Zu- 
sammenhang und  das  Verhältnis  der  einzelnen  Gegen- 
stände, das  wissen  wir  beim  Denken  auf  ganz  un- 
mittelbare Weise.  Warum  für  meine  Beobachtung:  der 
Donner  auf  den  Blitz  folgt,  weifs  ich  nicht  ohne  weiteres ; 
warum  mein  Denken  den  Begriff  Donner  mit  dem 
des  Blitzes  verbindet,  weiXs  ich  unmittelbar  aus  den 
Inhalten  der  beiden  Begriffe.  Es  kommt  natürlich 
gar  nicht  darauf  an,  ob  ich  die  richtigen  Begriffe  von 
Blitz  und  Donner  habe.  Der  Zusammenhang  derer, 
die  ich  habe,  ist  mir  klar  uikI  zwar  durch  sie  selbst. 

Diese  durchsichtige  Klarheit  in  Bezug  auf  den 
Denkprozefs  ist  ganz  unabhängig  von  unserer  Kennt- 
nis der  physiologischen  Grundlagen  des  Denkens.  Ich 
spreche  hier  von  dem  Denken,  insoferne  es  sich  aus 
der  Beobachtung  unserer  geistigen  Thätigkeit  ergiebt. 
Wie  ein  materieller  Voriii^an^"  meines  Gehirns  einen 
andern  veranlafst  oder  Ix  iutiulst,  während  ich  eine 
Gedankenoperation  ausiühre,  kommt  dabei  gar  nicht 
in  Betracht.  Was  ich  am  Denken  beobachte  ist  nicht : 


IV.  Dii,Ä  Denken  im  I>ienätc  der  Weltauffassung.  41 

welcher  Vorgang  in  meinem  Gehirne  den  Bep-iff  des 
Blitzes  mit  dem  des  Donners  verbindet^  sondern,  waa 
mich  veranlafsty  die  beiden  Begriffe  in  ein  bestimmtes 
Verhältnis  zu  bringen.  Meine  Beobachtung  ergiebt, 
dafs  ich  mich  in  meinen  Gedankenverbindangen  nach 
dem  Inhalte  meiner  Gedanken  richte,  nicht  nach  den 
materiellen  Vorgängen  in  meinem  Gehirn.  Für  ein 
weniger  materialistisches  Zeitalter,  als  das  uusrige, 
wäre  diese  Bemerkung  nattlrlich  vollständig  überflüssig. 
Gegenwärtig  aber,  wo  es  Leute  giebt,  die  glauben: 
wenn  wir  wissen^  was  Materie  ist^  werden  wir  auch 
wissen,  wie  die  Materie  denkt,  mufs  doch  gesagt  wer- 
den, dafs  man  vom  Denken  reden  kann,  ohne  sogleich 
mit  der  Gehiniphysiologie  in  Kollision  zu  treten.  Es 
wird  heute  sehr  vielen  Menschen  schwer,  den  Begriff 
des  Denkens  in  seiner  Reinheit  zu  fassen.  Wer  der 
Vorstellungi  die  ich  hier  yom  Denken  entwickelt  habe, 
sogleich  den  Satz  des  Cabanis  entgegensetzt:  ^^Das 
Gehirn  sondert  Gedanken  ab  wie  die  Leber  Galle,  die 
Speicheldrüse  Speichel  u.  s.  w.",  der  weifs  einfach 
nicht,  wovon  ich  rede.  Er  sucht  das  Denken  durch 
einen  blolsenBeobachtungsprüzers  zu  Huden  in  derselben 
Art,  wie  wir  bei  anderen  Gegenständen  des  Weltinhaltes 
verfahren.  £r  kann  es  aber  auf  diesem  Wege  nicht 
finden,  weil  es  sich,  wie  ich  nachgewiesen  habe,  ge- 
rade da  der  normalen  Beobachtung  entzieht.  Wer  den 
Materialismus  nicht  überwinden  kann,  dem  telilt  die 
Fähigkeit,  ])oi  sich  den  ßreseliilderten  Ausnahmezustand 
herbeizuführen,  der  ihm  zum  Bewufötsein  bringt,  was 
bei  aller  andern  Geistesthätigkeit  unbewufst  bleibt. 
W^er  den  guten  Willen  nicht  hat,  sich  in  diesen  Stand- 
punkt zu  versetzen,  mit  dem  könnte  man  aber  das 


42 


IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weitau^assung. 


Denken  so  wenig  wie  mit  dem  .Blinden  über  die 
Farbe  sprechen.  Er  möge  nur  aber  nicht  glauben, 
da£«  wir  physiologiBche  Prozesse  fOr  Denken  halten.  Er 
erklärt  das  Denken  nicht,  weil  er  es  überhaupt  nicht 
sieht. 

Für  jeden  aber,  der  die  Fähigkeit  hat,  das  Denken 
zu  beobachten  —  und  bei  gutem  W  illen  hat  sie  jeder 
normal  organisierte  Mensch  —  ist  diese  Beobachtung  die 
all  er  wichtigste  y  die  er  machen  kann.  Denn  er  he- 
obachtet  etwas,  dessen  Hervorbringer  er  selbst  ist; 
er  sieht  sich  nicht  einem  zunächst  fremden  Gegen- 
stände, sondern  seiner  eigenen  Thätigkeit  gegenüber. 
Er  weifs,  wie  das  zustande  kommt,  was  er  beobachtet 
Er  durchschaut  die  Verhältnisse  und  Beziehungen. 
Es  ist  ein  fester  Punkt  gewonnen,  von  dem  aus  man 
mit  begründeter  Hoffnung  nach  der  Erklärung  der 
übrigen  Welterscheinungen  suchen  kann. 

Daa  G-efÜhly  einen  solchen  festen  Punkt  zu  haben^ 
veranlafste  den  Begründer  der  neueren  Philosophie, 
Renatus  Cartesius,  das  ganze  menschh'elie  Wissen  auf 
den  Satz  zu  gründen:  Ich  denke,  also  bin  ich. 
Alle  andern  Dinge ,  alles  andere  Geschehen  ist  ohne 
mich  da;  ich  weifs  nicht,  ob  als  Wahrheil^  ob  als 
Gaukelspiel  und  Traum.  Nur  eines  weifs  ich  ganz  un- 
bedingt sicher,  denn  ich  bringe  es  selbst  zu  seinem 
sichern  Dasein:  mein  Denken.  Mag  es  noch  einen 
aiidcra  Ursprung  seines  Daseins  haben,  mag  es  von 
Gott  oder  anderswoher  kommen ;  dafs  es  in  dem  Sinne 
da  ist,  in  dem  ich  es  selbst  hervorbringe,  dessen  bin 
ich  gewifs.  Einen  andern  Sinn  seinem  Satze  unterzu- 
legen hatte  Cartesius  zunächst  keine  Berechtigung. 
Nur  dafs  ich  mich  innerhalb  des  Weltinhaltes  in 


IV.  Dbb  Denken  im  Dienste  der  Weltauffawang. 


43 


memem  Denken  als  in  meiner  ureigensten  Thätigkett  er- 
fasse, konnte  er  behaupten.  Was  das  darangehängte : 
also  bin  ich  heifsen  soll,  darüber  ist  viel  gestritten 

worden.  Einen  Sinn  kann  es  aber  mir  unter  einer 
einzigen  Bedingung  haben.  Die  einfachste  Aussage, 
die  ich  von  einem  Dinge  machen  kann,  ist  die,  dals 
es  ist,  dafs  es  existiert.  Wie  dann  dieses  Dasein 
nOh^r  2u  bestimmen  ist,  das  ist  bei  keinem  Dinge,  das 
in  den  Horizont  meiner  Bbrlebnisse  eintritt,  sogleich  im 
Augenblicke  zu  sagen.  Es  wird  jeder  Gegenstand  erst 
in  seinem  Verhältnisse  zu  andern  zu  untersuchen  sein, 
um  bestimmen  zu  kihmen,  in  welchem  Sinne  von  ihm 
als  einem  existierenden  gesprochen  werden  kann.  Ein 
erlebter  Vorgang  kann  eine  Summe  von  Wahrneh- 
mungen, aber  auch  ein  Traum,  eine  Hallucination  u.  s«  w. 
sein.  Kurz,  ich  kann  nicht  sagen,  in  weichem  Sinne 
er  existiert  Das  werde  ich  dem  Vorgange  selbst 
nicht  entnehmen  können,  sondern  ich  werde  es  erfahren, 
wenn  ich  ihn  im  Verhältnisse  zu  andern  Dingen  be- 
trachte. Da  kann  ich  aber  wieder  nicht  mehr  wissen, 
als  wie  er  im  Verhältnisse  zu  diesen  Dingen  steht. 
Mein  Suchen  kommt  erst  auf  einen  festen  Grund, 
wenn  ich  ein  Objekt  finde,  bei  dem  ich  den  Sinn 
seines  Daseins  aus  ihm  selbst  schöpfen  kann.  Das 
bin  ich  aber  selbst  als  Denkender,  denn  ich  gebe 
meinem  Dasein  den  bestimmten,  in  sich  beruhenden 
Inhalt  der  denkenden  Thätigkeit.  Nun  kann  ich  von 
da  ausgehen  und  firagen :  existieren  die  andern  Dinge 
in  dem  gleichen  oder  in  einem  andern  Sinne? 

Wenn  man  das  Denken  zum  Objekt  der  Beob- 
achtung  macht,  fügt  man  zu  dem  übrigen  beobachteten 
Weltinhalte  etwas  hinzu,  was  sonst  der  Aufmerksam- 


44  Denken  im  Dienste  der  Weltauf^MSttiig. 


keit  entgeht ;  man  ändert  aber  nicht  die  Art,  wie  sich 
der  Mensch  auch  den  andern  Dingen  gegenüber  ver^ 
hält.  Man  vennehrt  die  Zahl  der  Beobachtungs- 
objekte ,  fiber  niclit  die  Mtithode  des  Beobachtens. 
Witlirend  wir  die  andern  Dinge  beobachtenj  mischt 
sich  in  das  Weltgeschehen  —  zu  dein  ich  jetzt  das 
Beobachten  mitzähle  —  ein  Frosefs^  der  übersehen  wird. 
Es  ist  etwas  von  allem  andern  Geschehen  verschiedenes 
vorhanden,  das  nicht  mitberttcksichtigt  wird.  Wenn 
ich  aber  mein  Denken  betrachte^  so  ist  kein  solches 
unberücksichtigtes  Element  vorhanden.  Denn  was 
jetzt  im  Hintergrunde  schwebt,  ist  selbst  wieder  nur 
das  Denken.  Der  beobachtete  Gegenstand  ist  quali- 
tativ derselbe  wie  die  Thätigkeit,  die  sich  auf  ihn 
richtet.  Und  das  ist  wieder  eine  charakteristische 
Eigentümlichkeit  des  Denkens.  Wenn  wir  es  zum  Be- 
trachtungsobjekt machen,  sehen  wir  uns  nicht  ge- 
zwungen, dies  mit  Hilfe  eines  (Qualitativ-Verschiedenen 
zu  thun,  sondern  wir  können  in  demselben  Element 
verbleiben. 

Wenn  ich  einen  ohne  mein  Zuthun  gegebenen 
Gegenstand  in  mein  Denken  einspinne,  so  gehe  ich 
tiber  meine  Beobachtung  hinaus,  und  es  wird  sich 
darum  handeln :  was  giebt  mir  ein  Recht  dazu  ?  Warum 
lasse  ich  den  Gegenstand  nicht  einfach  auf  mich 
einwirken?  Auf  welche  Weise  ist  es  möglich,  dafs 
mein  Denken  einen  Bezug  zu  dem  G^enstande  hat? 
Das  sind  Fragen,  die  sich  jeder  stellen  mufs,  der  über 
seine  eigenen  Gedankenprozefse  nachdenkt.  Sie  fallen 
weg,  wenn  man  über  das  Deid^en  selbst  nachdenkt. 
Wir  fugen  zu  dem  Denken  nichts  ihm  Fremdes  hinzu, 


IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffasäung. 


45 


haben  ans  also  auch  Uber  ein  solches  Hinzufügen  nicht 
zu  rechtfertigen. 

Schelling  sagt :  »Die  Natur  erkennen^  heifst  die 
Natur  schaffen."    Wer  diese  Worte  des  tollkühnen 

xsatiirphilos<)})hen  wörtlich  niiiuiit,  wird  wohl  zeit- 
lebens auf  alles  Natiirerkennen  verzichten  mUstsen. 
Denn  die  Natur  i»t  eimuai  da,  und  um  sie  ein  zweites 
Mal  zu  schaffen,  mufs  man  die  Prinzipien  erkennen, 
nach  denen  sie  entstanden  ist.  Für  die  Natur,  die 
man  erst  schaffen  wollte,  mfifste  man  der  bereits  be- 
stehenden die  Bedingungen  ihres  Daseins  abgucken. 
Dieses  Abgucken,  das  dem  iScliaÖeu  vorausgehen 
müfste,  wäre  aber  das  Erkennen  der  Natur,  und  zwar 
auch  dann,  wenn  nach  erfolgtem  Abgucken  das 
8chafT(  n  ganz  unterbhebe.  Nur  eine  noch  nicht  vor- 
handene Natur  könnte  man  schaffen,  ohne  sie  vorher 
zu  erkennen. 

Was  bei  der  Natur  unmöglich  ist:  das  Schaffen 
vor  dem  Erkennen ;  beim  Denken  vollbringen  wir  es. 
Wollton  wir  mit  dem  Denken  warten,  bis  wir  es  er- 
kamit  haben,  dann  kämen  wir  nie  dazu.  Wir  müssen 
resolut  darauf  losdcnken,  um  hinterher  mittels  der  Be* 
obachtung  des  Selbstgethanen  zu  seiner  Erkenntnis 
zu  kommen.  Der  Beobachtung  des  Denkens  schaffen 
wir  selbst  erst  ein  Objekt.  Für  das  Vorhandensein 
aller  anderen  Objekte  ist  ohne  unser  Zuthun  gesorgt 
worden. 

Leicht  könnte  jemand  meinem  Satze:  wir  müssen 
denken,  bevor  wir  das  Denken  betrachten  können, 
den  andern  als  gleichberechtigt  entgegenstellen:  wir 

können  auch  fiiit  dem  Verdauen  nicht  warten,  bis  wir 


46         iV.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltaufifassung, 


den  Vorgang  des  Verdauens  beobachtet  haben.  Das 
wäre  ein  Einwand  ähnlich  dem,  den  Pascal  dem  Cartesius 
machte^  indem  er  behauptete,  man  könne  auch  sagen : 
ich  gehe  spazieren ,  also  bin  ich.  Ganz  gewifs  mufe 
ich  auch  resolut  verdauen,  bevor  ich  den  physio* 
logischen  Prozefs  der  Verdauung  studiert  habe.  Aber 
mit  (b  r  Betrachtung  des  Denkens  liefse  sich  das  nur 
vergleichen ,  wenn  ich  die  Verdauung  hinterher  nicht 
denkend  betrachte»,  sondern  essen  und  verdauen  wollte. 
Das  ist  doch  eben  auch  nicht  ohne  Grund,  dafs  das 
Verdauen  zwar  nicht  Gegenstand  des  Verdauens,  das 
Denken  aber  sehr  wohl  Gegenstand  des  Denkens  wer- 
den kann. 

Es  ist  also  zweifellos :  in  dem  Denken  halten  wir 
das  Weltgeschehen  an  einem  Zipfel,  wo  wir  dabei 
sein  müssen,  wenn  etwas  zustande  kommen  solL  Und 
das  ist  doch  gerade  das,  worauf  ea  ankommt  Das  ist 
gerade  der  Grund,  warum  mir  die  Dinge  so  rätselhaft 
gegenüberstehen:  dafs  ich  an  ihrem  Zustandekommen 
so  unbeteiligt  bin.  Ich  tindc  sie  einfach  vor;  beim 
Denken  aber  weifs  ich,  wie  es  gemacht  wird.  Daher 
giebt  es  keinen  ursprünglicheren  Ausgangspunkt  für 
das  Betrachten  alles  Weltgeschehens  als  das  Denken« 

Ich  möchte  nun  einen  weitverbreiteten  Irrtum 
noch  erwähnen,  der  in  Bezug  auf  das  Denken  herrscht 
Er  besteht  dann,  dafs  man  sagt:  das  Denken,  so 
wie  es  an  sich  selbst  ist,  ist  uns  nirgends  gegeben. 
Das  Denken,  das  die  Beobachtungen  unserer  Erfah- 
rungen verbindet  und  mit  einem  Netz  von  Begriffen 
durchspinnt,  sei  durchaus  nicht  dasselbe  wie  dasjenige, 
das  wir  hinterher  wieder  von  den  Gegenständen  der 
Beobachtung  herausschälen  und  zum  Gegenstände 


IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffassoug. 


47 


unserer  Betrachtung  machen.    Was  wir  erst  unbe- 
wnfst  in  die  Dinge  hineinweben,  sei  ein  ganss  anderes, 
als  was  wir  dann  mit  Bewafstsein  wieder  herauslösen. 
Wer  80  schliefst,  der  begreift  nicht,  daÜB  es  ihm 

gar  nicht  mögh'ch  ist,  dem  Denken  zu  entschlüpfen.  Ick 
kann  aus  dem  Denken  gar  nicht  herauskommen, 
wenn  ich  das  Denken  betrachten  wilL  Wenn  man 
das  vorbewuTste  Denken.  v<m  dem  nachher  bewufsten 
Denken  iinteEsdieidet,  so  soUte  man  doch  nicht  yer- 
gessea-,  dafs  diese  Unterscheidung  eine  ganz  äufserliche 
ist,  die  mit  der  Sache  selbst  gar  nichts  zu  thun  hat. 
Ich  mache  eine  Sache  dadurch  überhau})t  nicht  zu 
einer  andern ,  dafs  ich  sie  denkend  betrachte.  Ich 
kann  mir  denken,  dafs  ein  Wesen  mit  ganz  anders 
gearteten  Sinnesorganen  und  mit  einer  anders  funk- 
tionierenden Intelligenz  Yon  einem  Pferde  eine  ganz 
andere  Vorstellung  hat  als  ich,  aber  ich  kann  mir  nicht 
denken,  dafs  mein  eigenes  Denken  dadurch  ein  anderes 
wird,  dafs  ich  es  beobachte.  Icli  beobachte  selbst, 
was  ich  selbst  vollbringe.  Wie  mein  Denken  sich  für 
eine  andere  Intelligenz  ausnimmt  als  die  meine,  davon 
ist  jetzt  nicht  die  Rede ;  sondern  davon,  wie  es  sich 
für  mich  ausnimmt.  Jedenfalls  aber  kann  das  Bild 
meines  Denkens  in  einer  andern  Intelligenz  nicht  ein 
wahreres  sein  als  mein  eigenes.  Nur  wenn  ich  nicht 
selbst  das  denkende  Wesen  wäre,  sondern  das  Denken 
mir  als  Thatigkeit  eines  mir  fremdartigen  Wesens  gegen- 
iiberträte,  könnte  ich  davon  sprechen,  dafs  mein  Bild 
des  Denlvcns  zwar  auf  eine  bestimmte  Weise  auftrete; 
wie  das  Denken  des  Wesens  aber  an  sich  selber  sei, 
das  könne  ich  nicht  wissen. 

Mein  eigenes  Denken  von  einem  anderen  Stand- 


48         IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  WelUiuffassung. 


punkte  aus  anzusehen ,  liegt  aber  vorläufig  für  mich 
nicht  die  geringste  Veranlassung  vor.  Ich  betrachte 
ja  die  ganze  übrige  Welt  mit  Hilfe  des  Denkens. 
Wie  sollte  ich  bei  meinem  Denken  hiervon  eine  Aus- 
nahme machen. 

Damit  betrachte  ich  für  genügend  gerechtfertigt, 
wenn  ich  in  meiner  Weltbetrae htung  von  dem  Denken 
ausgehe.  Als  Areliiniedes  den  liebel  erfunden  hatte, 
da  glaubte  er  mit  seiner  Hilfe  den  ganzen  Kosmos  aus 
den  Angeln  heben  zu  können,  wenn  er  nur  einen 
Punkt  feinde,  wo  er  sein  Instrument  aufstützen  könnte. 
Er  brauchte  etwas,  was  durch  sich  selbst,  nicht  durch 
anderes  getragen  wird.  Im  Denken  haben  wir  ein 
Prinzip,  das  durch  sich  selbst  besteht.  Von  hier  aus 
sei  es  versucht,  die  Welt  zu  begreifen.  Das  Denken 
können  wir  durch  es  selbst  erfassen.  Die  Frage  ist 
nur,  ob  wir  durch  dasselbe  auch  noch  etwas  anderes 
ei^eifen  können. 

Ich  habe  bisher  von  dem  Denken  gesprochen, 
ohne  auf  seinen  Träger,  das  menschliche  Bewufstsein, 
Rücksicht  zu  nehmen.  Die  meisten  Philosophen  der 
Gegenwart  werden  mir  einwenden:  bevor  es  ein 
Denken  giebt,  mufs  es  ein  Bewufstsein  geben.  Des- 
halb sei  vom  Bewufstsein  und  nicht  vom  Denken  aus- 
zugehen. Es  gebe  kein  Denken  ohne  Bewufstsein. 
Ich  mufs  dem  gegenüber  erwidern :  Wenn  ich  darüber 
Aufklärung  haben  will,  welches  Verhältnis  zwischen 
Denken  und  Bewufstsein  besteht,  so  mufs  ich  darüber 
nachdenken.  leh  setze  das  Denken  damit  voraus. 
Nun  kann  man  darauf  allerdings  antworten:  Wenn 
der  Philosoph  das  Bewufstsein  begreifen  will,  dann 
bedient  er  sich  des  Denkens;  er  setzt  es  insofeme 


IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffassung.  49 


Toraas;  im  gewöhnlichen  Verlaufe  des  Lehens  aber 
entsteht  das  Denken  innerhalb  des  Bewofstseins  und 
setzt  also  dieses  voraus.  Wenn  diese  Antwort  dem 
Weltschöpfer  gegeben  würde,  der  das  Denken  schaffen 
will,  so  wäre  sie  ohne  Zweifel  berechtigt.  Man  kann 
natürlich  das  Denken  nicht  entstehen  lassen^  ohne  vor- 
her das  Bewufstsein  zustande  za  bringen.  Dem  Phi- 
losophen aber  handelt  es  sich  nicht  um  die  Welt- 
schöpfung, sondern  um  das  Begreifen  derselben.  Er 
hat  daher  auch  nicht  die  Ausgangspunkte  für  das 
Schaffen ,  sondern  für  das  Begreifen  der  Welt  zu 
suchen.  Ich  £nde  es  ganz  sonderbar,  wenn  man  dem 
Philosophen  vorwirft,  da£s  er  sich  vor  allen  andern  Dingen 
um  die  Bichtigkeit  seiner  Prinzipien,  nicht  aber  so- 
gleich um  die  Gegenstttnde  bekt&mmert^  die  er  begreifen 
will.  Der  Weltschöpfer  mufste  vor  allem  wissen,  wie 
er  einen  Träger  für  das  Denken  findet  der  Philosoph 
aber  muis  nach  einer  sichern  Grundlage  suchen,  von 
der  aus  er  das  Vorhandene  begreifen  kann.  Was 
frommt  es  uns,  wenn  wir  vom  BewuTstsein  ausgehen 
und  es  der  denkenden  Betrachtung  unterwerfen,  wenn 
wir  vorher  ttber  die  Mdglichkeit,  durch  denkende 
Betrachtung  Aufschlufs  über  die  Dinge  zu  bekommen, 
nichts  wissen? 

Wir  müssen  erst  das  Denken  ganz  neutral,  ohne 
Beziehung  auf  ein  denkendes  Subjekt  oder  ein  ge- 
dachtes Objekt  betrachten.  Denn  in  Subjekt  und  Ob- 
jekt haben  wir  bereits  Begriffe,  die  durch  das  Denken 
gebildet  sind.  EjS  ist  nicht  zu  leugnen:  ehe  anderes 
b e g r  i i  f  e n  werden  kann,  m  u Ts  es  d  a s  Denken 
werden.  Wer  es  leugnet,  der  übersieht,  dafs  er  als 
Mensch  nicht  ein  Aiifangsglied  der  Schöpf ung,  sondern 

Steiner,  Fhilosoplüe  d«r  Freiheit.  4 


50         ^V.  Das  Denken  im  Dienste  der  Weltauffassong. 


deren  Endglied  ist.  Man  kann  desw^en  behufs  £r* 
klärung  der  Welt  durch  B^iffe  nicht  von  den  zeit- 
lich ersten  Elementen  des  Daseins  ausgehen,  sondern 

von  (lern,  was  uns  als  das  Nächste ,  als  das 
Intimste  i^egeben  ist.  Wir  können  uns  nicht  mit 
einem  iSprunge  an  den  Anfang  der  Welt  versetzen, 
um  da  unsere  Betrachtung  anzufangen^  sondern  vir 
mttssen  von  dem  g^enwärtigen  Augenblick  ausgehen, 
und  sehen,  ob  wir  von  dem  Späteren  zu  dem  Frttheren 
aufsteigen  können.  So  lange  die  Geologie  von  erdich- 
teten Revolutionen  gesprochen  hat,  um  den  gegen- 
wärtigen Zustand  der  Erde  zu  erklären,  so  lange  tappte 
sie  in  der  Finsternis.  i£rst  als  sie  ihreu  Anfang  damit 
machte;  zu  untersuchen,  welche  Voi^nge  gegenwärtig 
noch  auf  der  Erde  sich  abspielen  und  von  diesen  zurttck- 
schlofs  auf  das  Vergangene  y  hatte  sie  einen  sicheren 
Boden  gewonnen.  So  lange  die  Philosophie  alle  mög- 
lichen Prinzipien  annehmen  wird,  wie  Aluiiij  Be- 
wegung, Materie^  Wille,  Unbewuistes,  wird  sie  in  der 
Luft  schweben.  Erst  wenn  der  Philosoph  das  absolut 
letzte  ab  sein  erstes  ansehen  wird,  kann  er  zum  Ziele 
kommen.  Dieses  absolut  letzte,  zu  dem  es  die  Welt- 
entwicklung gebracht  hat,  ist  aber  das  Denken. 

Es  giebt  Leute,  die  sagen:  ob  unser  Denken  an 
sich  richtig  sei  oder  nicht,  können  wir  aber  doch  nicht 
mit  Sicherheit  feststellen.  Insoferne  bleibt  also  der 
Ausgangspunkt  jedenfalls  ein  zweifelhafter.  Das  ist 
gerade  so  vernünftig  gesprochen,  wie  wenn  man  Zweifel 
hegt,  ob  ein  Baum  an  sich  richtig  sei  oder  nicht  Das 
Denken  ist  eine  Thataache;  und  über  die  Bichtigkeit 
oder  Falschheit  einer  solchen  zu  sprechen,  ist  sinnlos. 
Ich  kann  höchstenii  darüber  Zweifel  haben,  ob  daa 


IV.  Das  Denken  im  Dienste  der  WeltauffassTinfr.  51 


Denken  richtig  verwendet  wird,  wie  ich  zweifeln  kann^ 
ob  ein  gewisser  Baum  ein  entsprechendes  Hols  zu 

einem  zweckmäfsigen  Gerät  giebt.  Zu  zeigen,  inwie- 
ferne  die  Anwendung  des  Denkens  auf  die  Welt 
eine  richtige  oder  falsche  ist,  wird  gerade  Aufgabe 
dieser  Schrift  sein.  Ich  kann  es  verstehen,  wenn  je- 
mand Zweifel  hegt,  dafs  durch  das  Denken  über  die 
Welt  etwas  ausgemacht  werden  kann;  das  aber  ist 
mir  unbegreiflich  y  wie  jemand  die  Bichtigkeit  des 
Denkens  an  sich  anzweifeln  kann. 


Die  Welt  als  Wahrnekmang. 


Durch    das   Denken  entstehen   Begriffe  und 
Ideen.  Was  ein  Begriff  ist,  kann  nicht  mit  Worten 
gesagt  werden.    Worte  können  nur  den  Menschen 
darauf  aufinerksam  machen,  dafs  er  Begriffe  habe. 
Wenn  jemand  einen  Baum  sieht,  so  reagiert  sein 
Denken  auf  seine  Beobachtung;  zu  dem  Gegenstande 
tritt  ein  ideelles  Gegenstück  hinzu,  und  er  betrachtet 
den  Gegenstand  und  das  ideelle  Gegenstück  als  zu- 
sammengehörig.   Wenn  der  Gegenstand  aus  seinem 
Beobachtungsfelde  verschwindet,  so  bleibt  nur  das 
ideelle  Gegenstück  davon  zurück.    Das  letztere  ist 
*  der  Begriff  des  Gegenstandes.  Je  mehr  sich  unsere 
Erfahrung  erweitert,  desto  gröfaer  wird  die  Summe 
unserer  Be^a-ifte.    Die  Begriffe  stehen  aber  durchaus 
nicht   vereinzelt   da.     Sie  schliefsen  sich  zu  einem 
gesetzmäfsigen  Ganzen  zusammen.  Der  Begriff  „Orga- 
nismus**  schliefst  sich  z.  B.  an  die  andern:  „gesetz- 
mäfsige  Entwicklung,  Wachstum"  an.    Andere  an 
Einzeldingen  gebildete  Begriffe  fallen  völlig  in  Eins 
zusammen.   Alle  Begriffe  die  ich  mir  von  Löwen  bilde, 


y.   Die  Welt  als  Wabmehmang. 


53 


fallen  in  den  Gksamtbegriff  „Löwe"  zusammen.  Auf 
diese  Weise  verbinden  sich  die  einzelnen  Begriffe  zu 
einem  geschlossenen  Begriffssystem;    in  dem  jeder 

seine  besondere  Stelle  hat.  Ideen  sind  qualiüitiv  von 
Begriffen  nicht  verschieden.  Sie  sind  nur  inhalts- 
vollere, gesättigtere  und  um  tangreichere  Begriffe.  Ich 
raufs  einen  besonderen  Wert  daraufiegen ,  dafs  hier  an 
dieser  Stelle  beachtet  werde,  dafs  ich  als  meinen  Aus- 
gangspunkt das  Denken  bezeichnet  habe,  und  nicht 
Begriffe  und  Ideen,  die  erst  durch  das  Denken  ge- 
wonnen werden.  Diese  setzen  das  Denken  bereits 
voraus.  Es  k;inn  daher,  was  ich  in  Deziig  auf  die  in 
sich  selbst  ruhende,  durch  nichts  bestimmte  Natur  des 
Denkens  gesagt  habe,  nicht  einfach  auf  die  Begriffe 
ttbertragen  werden.  (Ich  bemerke  das  hier  ausdrück- 
lich, weil  hier  meine  Diffierenz  mit  Hegel  liegt. 
Dieser  setzt  den  Begriff  als  Erstes  und  Ursprüngliches.) 

Der  Begriff  kann  nicht  aus  der  Beobachtung  ge- 
wonnen werden.  Das  geht  schon  aus  dem  Umstände 
hervor,  dafs  der  heranwachsende  Mensch  sich  langsam 
und  allmählich  erst  die  Begriffe  zu  den  Glegenständen 
bildet,  die  ihn  umgeben«  Die  Begriflb  werden  zu  der 
Beobachtung  hinzugefügt. 

Ein  vielgelesener  Philosoph  der  Gegenwart  (Her- 
bert Spencer)  schildert  den  geistigen  Prozefs,  den  wir 
gegenüber  der  Beobachtung  vollziehen,  folgendermafsen : 

„Wenn  wir  an  einem  Septembertag,  durch  die  Felder 
wandelnd,  wenige  Schritte  vor  uns  ein  Geräusch  hören 
und  an  der  Seite  des  Grabens,  von  dem  es  herzu* 
kommen  schien,  das  Gras  in  Bewegung  sehen,  so 
werden  wir  wahrscheinlich  auf  die  Stelle  losgehen, 
um  zu  erfahren,  was  das  Geräusch  und  die  Bewegung 


54 


V.    Die  Welt  als  Wabmehmung* 


hervorbrachte.  Bei  unserer  Annäherung  flattert  ein 
Kebhuhn  in  den  Graben  und  damit  ist  unsere  Neu- 
gierde l)ofriedjgt:  wir  habeD,  was  wir  eine  Erklärung 
der  £r8cheiniiiigen  nennen.  Dieae  Erklärung  läufity 
wohlgemerkt;  auf  folgendes  hinaus :  weil  wir  im  Leben 
unendlich  oft  erfahren  haben,  dafs  eine  Störung  der 
ruhigen  Lage  kleiner  Körper  die  Bewegung  anderer 
zwischen  ihnen  befindlicher  Körper  begleitet,  und  weil 
wir  deshalb  die  Beziehungen  zwischen  seichen  Störungen 
und  solchen  Bewegungen  verallgemeinert  haben,  so 
halten  wir  diese  besondere  Störung  fUr  erklärt,  sobald 
wir  finden,  dafs  sie  ein  Beispiel  eben  dieser  Beziehung 
darbietet."  Genauer  besehen  stellt  sich  die  Sache 
ganz  anders  dar,  als  sie  hier  beschrieben  ist.  Wenn 
ich  ein  Geräusch  höre,  so  suche  ich  zunächst  den 
Begriff  für  diese  Beobachtung.  Dieser  Begriff  erst 
weist  mich  über  das  Geräusch  hinaus.  Wer  nicht' 
weiter  nachdenkt,  der  hört  eben  das  Geräusch  und 
giebt  sich  damit  zufrieden.  Durch  mein  Nachdenken 
aber  ist  mir  klar,  dafs  ich  ein  Geräusch  als  Wirkung 
aufzufassen  habe.  Also  erst  wenn  ich  den  Begriff  der 
Wirkung  mit  der  Wahrnehmung  des  Geräusches  ver- 
binde, werde  ich  veranlafst,  über  die  Einzelbeobachtung 
hinauszugehen  und  nach  der  Ursache  zu  suchen. 
Der  Begriff  d^r  Wirkung  ruft  den  der  Ursache  her- 
vor und  ich  suche  dann  nach  dem  verursachenden 
Gegenstände,  den  ich  in  der  GesUilt  des  Rebhuhns 
finde.  Diese  Begriffe,  Ursache  und  Wirkung,  kann 
icli  aber  niemals  durch  blofse  Beobachtung,  und  er- 
strecke sie  sich  auf  noch  so  viele  Fälle,  gewinnen. 
Die  Beobachtung  ruft  das  Denken  hervor  und  erst 
dieses  ist  es,  das  mir  den  Weg  weist,  das  einzelne 
Erlebnis  an  ein  anderes  anzuschliefsen. 


V.   Die  Welt  als  Wahmehmong. 


55 


Wenn  man  von  einer  „streng  objektiven  Wissen- 
schaft*^  fordert^  dafs  sie  ihren  Inhalt  nur  der  Beobach- 
tung entnehme,  so  mufs  man  zugleich  fordern ,  dafs 
sie  auf  alles  Denken  Tersichte.    Denn  dieses  geht 

seiner  Natur  nach  über  das  Beobachtete  hinaus. 

Nun  ist  es  am  Platze  von  dem  Denken  auf  das 
denkende  Wesen  tiberzugehen.  Denn  durch  dieses 
wird  das  Denken  mit  der  Beobachtung  verbunden. 
Das  menschliehe  Bewufstsein  ist  der  Schauplatz,  wo 
Begriff  und  Beobachtung  einander  begegnen  und  wo 
sie  miteinander  verknüpft  werden.  Dadurch  ist  aber 
dieses  (menschliche)  Bewufstsein  zugleich  charakteri- 
siert. Es  ist  der  Vermittler  zwischen  Denken  und 
Beobachtung,  insoferne  es  einen  Gegenstand  beob- 
achtet, erscheint  ihm  dieser  als  gegeben,  insoferne  es 
denkt  erscheint  es  sich  selbst  als  thätig.  Es  betrachtet 
den  Gegenstand  als  Objekt,  sich  selbst  als  das 
denkende  Subjekt.  Weil  es  sein  Denken  auf  die 
Beobaclitung  richtet^  ist  es  Bewufstsein  von  den  Ob- 
jekten; weil  es  sein  Denken  auf  sich  richtet,  ist  es 
Bewufstsein  seiner  selbst  oder  Selbstbewufstsein. 
Das  menschliche  Bewufstsein  mufs  notwendig  zugleich 
Selbstbewufstsein  sein,  weil  es  denkendes  Bewufst- 
sein ist.  Denn  wenn  das  Denken  den  Blick  auf  seine 
eigene  Thätigkeit  richtet,  dann  hat  es  seine  ureigene 
Wesenheit,  also  sein  iSubjekt  als  Objekt  zum  Gegen- 
stande. 

Nun  darf  aber  nicht  übersehen  werden,  dafs  wir 
uns  nur  mit  Hilfe  des  Denkens  als  Subjekt  bestimmen 
und  uns  den  Objekten  entgegensetzen  können.  Des- 
halb darf  das  Denken  niemals  als  eine  blofs  subjektive 

Thätigkeit  aufgefafst  werden.    Das  Denken  ist  je n- 


56 


4 

y.  Die  Welt  ab  Wahrnehnnm;. 


seits  von  Subjekt  und  01)j(  kt.  Es  bildet  diese  beiden 
Begriffe  ebenso  wie  alle  anderen.  Wenn  wir  als  denken- 
des Subjekt  also  den  Begriff  auf  ein  Objekt  beziehen, 
80  dürfen  wir  diese  Beziehung  nicht  als  etwas  blofs 
Subjektives  auffassen.  Nicht  das  Subjekt  ist  es, 
welches  die  Beziehung  herbwftlhrt,  sondern  das  Denken. 
Da«  Subjekt  denkt  nicht  deshalb,  weil  es  Subjekt  ist; 
sondern  es  erscheint  sich  als  ein  Subjekt,  weil  es  zu 
denken  vermag.  Die  Thätigkeit,  die  das  Bewufstsein 
als  denkendes  Wesen  ausübt,  ist  also  keine  blofs 
subjektive^  sondern  eine  solche,  die  weder  subjektiv 
noch  objektiv  ist,  eine  über  diese  beiden  Begriffe 
hinausgehende.  Ich  darf  niemals  sagen,  dafs  mein 
individuelles  Subjekt  denkt;  dieses  lebt  vielmehr  selbst 
von  des  Denkens  Gnaden.  Das  Denken  ist  Mniüt  ein 
Element,  das  mich  über  mein  Selbst  hinausiührt  und 
mit  den  Objekten  verbindet  Aber  es  trennt  mich 
zugleich  von  ihnen,  indem  es  mich  ihnen  als  Subjekt 
gegenttberstellt 

Darauf  beruht  die  Doppelnatur  des  Menschen: 
Er  denkt  und  umschlierst  damit  sich  selbst  und  die 
übrige  Welt;  aber  er  niuis  sich  mittels  des  Denkens 
zugleich  als  ein  den  Dingen  gegenüberstehendes  in- 
dividuum  bestimmen. 

Das  nflchste  wird  nun  sein,  uns  zu  fragen:  wie 
kommt  das  andere  Element,  das  wir  bisher  blofs  als 
Beobachtungsobjekt  bezeichnet  haben,  und  das  sich 
mit  dem  Denken  im  Bewufstsein  begegnet,  in  das 
letztere  ? 

Wir  müssen,  um  diese  Frage  zu  beantworten,  aus 
unserem  Beobachtungsfelde  alles  aussondern,  was  durch 
das  Denken  bereits  in  dasselbe  hineingetragen  worden 
ist  Denn  unser  jeweiliger  Bewufstseinsinhalt  ist  immer 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


schon  mit  Begriffen  in  der  mannigfachsten  Weise  durch- 
setzt 

Wir  müssen  uns  vorstellen,  dafs  ein  Wesen  mit 
vollkommen  entwickelter  menschlicher  Intelligenz  aus 

dem  Nichts  entstehe  und  der  Welt  gegenübertrete. 
Was  es  da  gewahr  würde,  bevor  es  das  Denken  in 
Thätigkeit  bringt,  das  ist  der  reine  Beobachtungsinlialt. 
Die  Welt  zeigte  dann  diesem  Wesei^  nur  das  blofse 
zusammenhanglose  Aggregat  von  Empfindungs- 
objekten: Farben,  Töne,  Druck-,  Wärme-,  Ge- 
schmacks- und  Gremchsempfindnngen ;  dann  Lust-  und 
Unhistgefuhle.  Dieses  Aggregat  ist  der  Inhalt  der 
reinen,  gedankenlosen  Beobachtung.  Ihm  gegenüber 
steht  das  Denken,  das  bereit  ist,  seine  Thätigkeit  zu 
entfalten,  wenn  sich  ein  Angriffspunkt  dazu  findet. 
Die  Erfahrung  lehrt  bald,  dafs  er  sich  findet  Das 
Denken  ist  imstande  Fäden  zu  ziehen  von  einem  Beob- 
achtungselement zum  andern.  Es  verknüpft  mit  diesen 
Elementen  V)estimmte  Begriffe  und  bringt  sie  dadurch  in 
ein  Verhältnis.  \A'ir  haben  oben  bereits  gesehen,  wie  ein 
uns  begegnendes  Geräusch  mit  einer  andern  Beobachtung 
dadurch  verbunden  wird,  dafs  wir  das  erstere  als 
Wirkung  der  letzteren  bezeichnen. 

Wenn  wir  uns  nun  daran  erinnern,  dafs  die 
Thätigkeit  des  Denkens  durchaus  nicht  als  eine  sub- 
jektive aufzufassen  ist,  so  werden  wir  auch  nicht  ver- 
sucht sein  zu  glauben,  dafs  solche  Beziehungen,  die 
durch  das  Denken  hergestellt  sind,  blofs  eine  subjek- 
tive Geltung  haben. 

Es  wird  sich  jetzt  darum  handeln,  durch  denkende 
Überlegung  die  Beziehung  zu  suchen,  die  der  oben 
angegebene  unmittelbar  gegebene  Beobachtungsinhalt 
zu  unserem  bewufsten  Subjekt  hat. 


.  58  ^*         Wtlt  als  Walirueiimung. 


Bei  dem  Schwanken  des  Sprachgebrauches  er- 
scheint es  mir  geboten,  dafs  ich  mich  mit  meinem 
Leser  Aber  den  Gebrauch  eines  Wortes  verständige, 
das  ich  im  folgenden  anwenden  mafs.   Ich  werde  die 

unmittelbar üii  Euipfindungsobjekte,  die  ich  oben  ge- 
nannt habe,  insoferne  das  bewufste  Subjekt  von  ihnen 
durch  Beobachtung  Kenntnis  nimmt,  Wahrnehmun- 
gen nennen.  Also  nicht  den  Vorgang  der  Beobach- 
tung, sondern  das  Objekt  dieser  Beobachtung  b^ 
zeichne  ich  mit  diesem  Namen. 

Ich  wähle  den  Ausdruck  Empfindung  nicht^ 
weil  (lieser  in  der  Physiologie  eine  be:>timmte  Bedeu- 
tung hat.  die  enger  ist,  als  die  meines  Begriffes  von 
Wahrnehmung.  Ein  Gefühl  in  mir  selbst  kann  ich 
wohl  als  Wahrnehmung,  nicht  aber  als  Empfindung 
im  physiologischen  Sinne  bezeichnen.  Wenn  ich  von 
meinem  Geflähle  Kenntnis  erhalten  soll,  so  mafs  es 
erst  Wahrnehmung  filr  mich  werden.  Und  die 
Art,  wie  wir  durch  Beobachtung  Kenntnis  von  unserem 
Denken  erhalten,  ist  eine  solche,  dafs  wir  auch  das 
Denken  in  seinem  ersten  Auftreten  für  unser  Bewufst- 
sein  Wahrnehmung  nennen  können. 

Der  naive  Mensch  betrachtet  seine  Wahrnehmungen 
in  dem  Sinne,  wie  sie  ihm  unmittelbar  erscheinen,  als 
Dinge,  die  ein  von  ihm  ganz  unabhängiges  Dasein 
haben.  Wenn  er  einen  Baum  sieht,  so  glaubt  er  zu- 
nächst, dafs  dieser  in  der  Gestalt,  die  er  sieht,  mit 
den  Farben,  die  seine  Teile  haben  u.  s.  w.,  dort  an 
dem  Orte  steht,  wohin  der  Blick  gerichtet  ist.  Wenn 
derselbe  Mensch  morgens  die  Sonne  als  eine  Scheibe 
am  Horizonte  erscheinen  sieht  und  den  Lauf  dieser 
Scheibe  verfolgt,  so  ist  er  der  Meinung,  dafs  das  alles 


V.   Die  Welt  als  Wahrnelunuug. 


59 


in  dieser  Weise  (an  sich)  besteht  und  vorgeht,  wie  er 
es  beobachtet  £r  hält  bo  lange  an  diesem  Glauben 
fest,  bis  er  anderen  Wahrnehmungen  begegnet,  die 
jenen  widersprechen.   Das  Kind,  das  noch  keine  Er- 

iahruiigBii  liber  Entfernungen  hat,  greift  nucii  dem 
Monde  und  stellt  das,  wab  es  nach  dem  ersten  Augen- 
schein für  wirklich  gehalten  hat,  erst  richtig,  wenn 
eine  zweite  Wahrnehmung  sich  mit  der  ersten  im 
Widerspruch  befindet  Jede  Erweiterung  des  Kreises 
meiner  Wahrnehmungen  nötigt  mich,  mein  Bild  der 
Welt  zu  berichtigen.  Das  zeigt  sich  im  täglichen 
Leben  ebenso  wie  in  der  Geisteseutwickluii^  der 
Meuischheit.  Das  Bild,  das  sieh  die  Alten  von  der 
Beziehung  der  Erde  zu  der  bonne  und  den  andern 
Himmelskörpern  machten,  mufste  von  Copernikus 
durch  ein  anderes  ersetzt  werden,  ^eil  es  mit  Wahr- 
nehmungen, die  früher  unbekannt  waren,  nicht  zu- 
sammenstimmte. Als  Dr.  Franz  einen  Blindgeborenen 
operierte,  sagte  dieser,  dafs  er  sieh  vor  seiner  Opera- 
tion durch  die  Wahrnehmungen  seines  Tastsinnes  ein 
ganz  anderes  Bild  von  der  Gröise  der  Gegenstände 
gemacht  habe.  Er  mufste  seine  Tastwahrnehmungen 
durch  seine  G«sichtswahmehmungen  berichtigen. 

Woher  kommt  es,  dafs  wir  zu  solchen  fortwähren- 
den Kichtigstellungen  unserer  Beobachtungen  gezwun* 
gen  sind? 

Eine  einfache  Überlegung  bringt  die  Antwort  auf 
diese  Frage.  Wenn  ich  an  dem  einen  Ende  einer 
AUee  stehe,  so  erscheinen  mir  die  Bäume  an  dem 
andern,  von  mir  entfernten  Ende  kleiner  und  näher 
aneinandergerückt  als  da,  wo  ich  stehe.  Mein  Wahr- 
nehmungsbild wird  ein  anderes,  wenn  ich  den  Ort 


60 


V.   Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


ändere,  von  dem  aus  ich  meine  Beobachtungen  mache. 
£8  ist  also  in  der  Gestalt,  in  der  es  an  mich  heran- 
tritt, abhttngig  ron  einer  Bestimmung,  die  nicht  an 
dem  Objekte  hängt,  sondern  die  mir,  dem  Wahr- 
nehmenden, zukommt.  Es  ist  für  eine  Allee  ganz 
gleicligültig,  wo  ich  stehe.  Das  Bild  aber,  dm  ich  von 
ihr  erhalte,  ist  wesentlich  davon  abhängig.  Ebenso 
ist  es  flu-  die  Sonne  und  das  Planetensystem  gleich- 
gültig, dafs  die  Menschen  sie  gerade  yon  der  Erde 
aus  ansehen.  Das  Wahmehmungsbfld  aber,  das  sich 
diesen  darbietet,  ist  durch  diesen  ihren  Wohnsits  be- 
stimmt. Diese  Abhängigkeit  des  Wahrnehmungs- 
bildes von  unserem  Beobachtungsortc  ist  diejenige,  die 
am  leichtesten  zu  durchschauen  ist.  Schwieriger  wird 
die  Sache  schon,  wenn  wir  die  Abhängigkeit  unserer 
Wahrnehmungswelt  von  unserer  leiblichen  und  geistigen 
Organisation  kennen  lernen.  Der  Physiker  zeigt  uns^ 
dafs  innerhalb  des  Raumes,  in  dem  wir  einen  Schall 
hören,  Schwingungen  der  Luft  statttindon,  und  dafs 
auch  der  Körper,  in  dem  wir  den  Ursprung  des 
Schalles  suchen,  eine  schwingende  Bewegung  seiner 
Teile  aufweist.  Wir  nehmen  diese  Bewegung  nur  als 
Schall  wahr,  wenn  wir  ein  normal  organisiertes  Ohr 
haben.  Ohne  ein  solches  bliebe  uns  die  ganze  Welt 
ewig  stumm.  Die  Physiologie  belehrt  uns  darüber, 
dafs  es  Menschen  giebt,  die  nichts  wahriiehmen  von 
der  herrlichen  Farbenpracht,  die  uns  umgiebt.  Ihr 
Wahrnehmungsbild  weist  nur  Nuancen  von  Hell  und 
Dunkel  auf.  Andere  nehmen  nur  eine  bestimmte 
Farbe,  z.  B.  das  Rot,  nicht  wahr.  Ihrem  Weltbilde 
fehlt  dieser  Farbenton,  und  es  ist  daher  tbatsttchlich 
ein  anderes  als  das  eines  Durchschnittsmenschen,  Ich 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmung.  61 

möchte  die  Abhängigkeit  meines  Wahraehmungsbildes 
von  meinem  Beobachtungsorte  eine  mathematische,  die 

von  meiner  Organisation  eine  qualitative  nennen.  Durch 
jene  werden  die  Gröfsen Verhältnisse  und  gegenseitigen 
Entfernungen  meiner  Wahrnehmungen  bestimmt,  durch 
diese  die  Qualität  derselben.  DaTs  ich  eine  rote 
Fiäche  rot  sehe  —  diese  qualitative  Bestimmung  — 
hängt  von  der  Organisation  meines  Auges  ab. 

Meine  Wahmehmungsbiider  sind  also  zunächst 
subjektiv.  Die  Erkenntnis  von  dem  subjektiven 
Charakter  unserer  Wahrnehmungen  kann  leicht  zu 
Zweifeln  darüber  führen,  ob  Uberhaupt  etwas  Objek- 
tives denselben  zum  Grunde  liegt.  Wenn  wir  wissen, 
dafs  eine  Wahrnehmung ,  2.  B.  die  der  roten  Farbe, 
oder  eines  bestimmten  Tones  nicht  möglich  ist,  ohne 
eine  bestimmte  Einrichtung  unseres  Oi^nismns,  so 
kann  man  zu  dem  Glauben  kommen,  dai'ö  dieselbe^ 
abgeselien  von  unserem  subjektiven  Organismus  keinen 
Bestand  hat,  dais  sie  ohne  den  Akt  des  ^^  ahrnehmens, 
dessen  Objekt  sie  ist,  keine  Art  des  Daseins  hat* 
Diese  Ansicht  hat  in  George  Berkeley  einen 
klassischen  Vertreter  gefunden,  der  der  Meinung  war; 
dafs  der  Mensch  von  dem  Augenblicke  an^  wo  er  sich 
der  Bedeutung  des  Subjekts  für  die  Wahruehnuiug 
bewul'st  geworden  ist,  nicht  melir  an  eine  ohne  den 
bewufsten  Geist  vorhandene  Welt  glauben  könne.  Er 
sagt:  „Einige  Wahrheiten  liegen  so  nahe  und  sind  so 
einleuchtend/  dafs  man. nur  die  Augen  zu  öffnen  braucht^ 
um  sie  zu  sehen.  Für  eine  solche  halte  ich  den  wich- 
tigen Satz,  dafs  der  ganze  Chor  am  Himmel  und  alles^ 
was  zur  Erde  gehört,  mit  einem  Worte  alle  die  K'irper, 
die  den  gewaltigen  Bau  der  Welt  zusammensetzen. 


62 


V.    Die  Welt  als  WÄhmehmting. 


keine  Subsistens  aufserhalb  des  Geistes  haben,  dafs 
ihr  Sein  in  ihrem  Wahrgenommen-  oder  Erkannt- 
Werden  besteht ,  dafs  sie  folglich,  so  lange  sie  nicht 

wirklich  von  mir  wahrgenommen  werden  oder  in 
meinem  Bewufstaein  oder  dem  eines  anderen  ge- 
schaftenen  Geistes  existieren,  entweder  überhaupt 
keine  Existenz  haben  oder  in  dem  Bewufstsein  eines 
ewigen  Geistes  existieren^.  Fttr  diese  Ansicht  bleibt 
von  der  Wahrnehmung  nichts  mehr  ttbrig,  wenn  man 
von  dem  Wahrgenommen-Werden  absieht.  Es  giebt 
keine  Farbe,  wenn  keine  gesehen,  keinen  Ton^  wenn 
keiner  gehört  wird.  Ebensowenig  wie  p^arbe  und  Ton 
existieren  Ausdehnung,  Gestalt  und  Bewegung  aufser- 
halb  des  Wahmehmnngsaktes.  Wir  sehen  nirgends 
blof se  Auadehnung  oder  Gestalt,  sondern  diese  immer  mit 
Farbe  oder  andern  unbestreitbar  von  itnserer  Sub- 
jektivität abhängigen  Eigenschaften  verknüpft.  Wenn 
die  letzteren  mit  unserer  Wahrnehmung  verschwinden, 
so  mufs  das  auch  bei  den  erstereu  der  Fall  sein,  die 
an  sie  gebunden  sind. 

Dem  Kinwand,  dafs,  wenn  auch  Figur,  Farbe, 
Ton  u.  6.  w.  keine  andere  Existenz  als  die  innerhalb 
des  Wahmehmungsaktes  haben,  es  doch  Dinge  geben 
müsse,  die  ohne  das  Bewufstsein  da  sind  und  denen 
die  bewufsten  Wahrnehmiingslnlder  nhnlich  seien,  be- 
gegnet die  geschilderte  Ansicht  damit,  dafs  sie  sagt: 
eine  Farbe  kann  nur  ähnlich  einer  Farbe,  eine  Figur 
Ähnlich  einer  Figur  sein.  Unsere  Wahrnehmungen 
können  nur  unseren  Wahrnehmungen,  aber  keinerlei 
anderen  Dingen  ähnlich  sein.  Auch  waö  wir  einen 
Gegenstand  nennen,  ist  nichts  anderes  als  eine  Gruppe 
von  Wahrnehmungen,  die  in  einer  bestimmten  Weise 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


63 


verbanden  sind.  Nehme  ich  yon  einem  Tische  Gre- 
stalt;  Ausdehnung^  Farbe  u.  s.  w.,  kurz  alles^  was  nur 

meine  Wahrnehmung  ist,  weg,  so  bleibt  niclits  mehr 
übrige.  Diese  Ansicht  fuhrt,  konsequent  verfolgt,  zu 
der  Behauptung :  Die  Objekte  meiner  Wahrnehmungen 
sind  nur  durch  mich  vorhanden  und  zwar  nur  inso- 
ferne  und  so  lange  ich  sie  wahrnehme;  sie  verschwin- 
den mit  dem  Wahrnehmen  und  haben  keinen  Sinn 
ohne  dieses.  Aufser  meinen  Wahrnehmungen  weifs 
ich  aber  von  keinen  Gegenständen  und  kann  von 
keinen  wissen. 

Gegen  diese  Behauptung  ist  so  lange  nichts  ein- 
zuwenden, als  ich  blofs  im  allgemeinen  den  Umstand 
in  Betracht  ziehe,  dafs  die  Wahrnehmung  von  der 
Organisation  meines  Subjektes  mitbestimmt  wird. 
Wesentlich  anders  stellte  sich  die  Sache  aber,  wenn 
wir  imstande  wären,  anzugeben,  welches  die  F  unktion 
unseres  Wahrnehmens  beim  Zustandekommen  einer 
Wahrnehmung  ist  Wir  wüfsten  dann,  was  an 
der  Wahrnehmung  während  des  Wahmehmens  ge* 
schiebt^  und  ktonten  auch  bestimmen,  was  an  ihr 
schon  sein  mufs,  bevor  sie  wahrgenommen  wird. 

Damit  wird  unsere  Betrachtung  von  dem  Objekt 
der  Wahrnehmung  auf  das  Subjekt  derselben  geleitet. 
Ich  nehme  nicht  nur  andere  Dinge  wahr,  sondern  ich 
nehme  mich  selbst  wahr.  Die  Wahrnehmung  meiner 
selbst  hat  zunächst  den  Inhalt,  dafs  ich  das  Bleibende 
bin  gegenüber  den  immer  kommenden  und  gehenden 
Wahmehmungsbildem.  Die  Wahrnehmung  des  Ich 
geht  in  meinem  Bewufstsein  als  Begleiter  aller  andern 
Wahrnehmungen  nebenher.  Wenn  ich  in  die  Wahr- 
nehmung eines  gegebenen  Gegenstaudes  vertieft  bin, 


64 


V.   Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


80  habe  ich  vorläufig  nur  von  diesem  ein  Bewufstsein. 
Dazu  tritt  dann  die  Wahrnehmung  meines  Selbst. 
Ich  bin  mir  nunmehr  nicht  bloüs  des  Gegenstandes 
bewufst,  sondern  auch  meiner  Persönlichkeit,  die  dem 

Gegenstand  gegenübersteht  und  ihn  beobachtet.  Ich 
sehe  nicht  bh)rs  einen  Baum,  sondern  ich  weils  auch, 
da  1*8  ich  es  bin,  der  ihn  sieht.  Ich  erkenne  auch, 
dafs  in  mir  etwas  vorgeht,  während  ich  den  Baum 
beobachte.  Wenn  der  Baum  aus  meinem  Gesichts- 
kreise yerschwindet,  bleibt  ein  Rtlckstand  von  diesem 
Vorgange :  ein  Bild  des  Baumes.  Dieses  Bild  hat  sich 
während  meiner  Beobachtung  mit  meinem  Selbst  ver- 
bunden. Mein  Selbst  hat  sich  bereichert*  sein  Inhalt 
hat  ein  neues  Element  in  sich  aufgenommen.  Dieses 
Element  nenne  ich  meine  Vorstellung  von  dem 
Baume.  Ich  käme  nie  in  die  Lage  von  Vorstel- 
lungen zu  sprechen,  wenn  ich  nicht  die  Wahrneh- 
mung meines  Selbst  machte.  Wahrnehmungen  würden 
kommen  und  gehen ;  ich  Heise  sie  vorüberziehen.  Nur 
dadurch,  dals  ich  mein  Selbst  wahrnehme  und  merke, 
dafs  mit  jeder  Wahrnehmung  sich  auch  dessen  Inhalt 
ändert,  sehe  ich  mich  gezwungen,  die  Beobachtung 
des  Gegenstandes  mit  meiner  eigenen  Zustandsverän- 
derung  in  Zusammenhang  zu  bringen  und  von  meiner 
Vorstellung  zu  sprechen. 

Die  Vorstellung  nehme  ich  an  meinem  Selbst 
wahr,  in  dem  Sinne,  wie  Farbe,  Ton  u.  s.  w,  an  an- 
dern G^enständen.  Ich  kann  jetzt  auch  den  Unter- 
schied machen,  dais  ich  diese  andern  Gegenstände, 
die  sich  mir  gegentlberstellen,  Aufsenwelt  nenne^ 
während  ich  den  Inhalt  meiner  Selbstwahmehmung 
als  Innenwelt  bezeichne.   Die  Verkennung  des  Ver- 


V.  Die  Welt  als  Wahnieliinuiisr. 


hältnisses  von  Vorstellung  und  Gegenstand  hat  die 
gröfsten  Mifsversülndnisse  in  der  neueren  Philosophie 
lierbeigeführt.  Dli-  Wahrnelimung  einer  Veränderung 
in  uns,  die  Modifikation,  die  mein  Selbst  erfährt,  wurde 
in  den  Vordergrund  gedrängt  und  das  diese  Modi- 
fikation yeranlassende  Objekt  ganz  aus  dem  Auge  ver- 
loren. Man  hat  gesagt:  wir  nehmen  nicht  die  Gegen- 
stände walir,  sondern  nur  unsere  Vorstellungen.  Ich 
soll  nichts  wissen  von  dem  Tische  an  sich,  der  Gegen- 
stand meiner  Beobachtung  ist,  sondern  nur  von  der 
Veränderung,  die  mit  mir  selbst  vorgeht,  während  ich 
den  Tisch  wahrnehme.  Diese  Anschauung  darf  nicht 
mit  der  vorhin  erwähnten  Berkelejschen  verwechselt 
werden«  Berkeley  behauptet  die  subjektive  Natur 
meines  Wahrnchmungsinhaltes ,  aber  er  sagt  niclit, 
dafs  ich  nur  von  meinen  Vorstellungen  wissen  kann. 
Er  schränkt  mein  Wissen  auf  meine  Vorstellungen 
ein,  weil  er  der  Meinung  ist,  dafs  es  keine  Gegen- 
stände aulserhalb  des  Vorstellens  giebt.  Was  ich 
ab  Tisch  ansehe,  das  ist  im  Sinne  Berkeleys  nicht 
mehr  vorhanden,  sobald  ich  meinen  Blick  nicht  mehr 
daiauf  richte.  Deshalb  läfst  Berkeley  meine  Wahr- 
nehraungen  unmittelbar  durch  die  Macht  (Tottes  ent- 
stehen. Ich  sehe  einen  Tisch,  weil  Gott  diese  Wahr- 
nehmung in  mir  hervorruft.  Berkeley  kennt  daher 
keine  anderen  realen  Wesen  als  Gott  und  die  mensch- 
lichen Gkister.  Was  wir  Welt  nennen,  ist  nur  inner- 
halb der  Güster  vorhanden.  Was  der  naive  Mensch 
Aul^enwclt,  körperliche  Natur  nennt,  i^t  fiir  Berkeley 
nicht  vorhanden.  Dieser  Ansicht  steht  die  jetzt  herr- 
schende Kantsche  gegenüber,  welche  unsere  Erkenntnis 
von  der  Welt  nicht  deshalb  auf  unsere  Vorstellungen 

SteiB«r,  FUloNfbto  d«r  FMiluiit.  5 


66 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


einschränkt,  weil  sie  überzeugt  ist  dafs  es  aufser  diesen 
VorsteUungen  keine  Dinge  geben  kann,  sondern  weil 
sie  uns  so  organisiert  glaubt,  dafs  wir  nur  von  den  Ver^ 
änderungen  unseres  eigenen  Selbst,  nicht  von  den  diese 
Veränderungen  veranlassenden  Dingen  an  sich  erfahren 
können.  Sie  folgert  aus  dem  Umstände,  dafs  ich  nur 
meine  Vorstellungen  kenne,  nicht,  dafs  es  keine  von 
diesen  Vorstellungen  unabhängige  Existenz  giebt,  son- 
dern nur,  dafs  das  Subjekt  eine  solche  nicht  unmittel- 
bar in  sich  au&ehmen,  sie  nicht  anders  als  durch  das 
,,Medium  seiner  subjektiven  Gedanken  imaginieren,  fin- 
gieren, denken,  erkennen,  vielleicht  auch  nicht  er- 
kennen kann"  (0.  Liebmann,  Zur  Analysis  der  AYirk- 
lichkeit,  S.  28).  Diese  Anschauung  glaubt  etwas 
unbedingt  Gewit^ses  zu  sagen,  etwas,  was  ohne  alle 
Beweise  unmittelbar  einleuchtet.  »Der  erste  Funda- 
mentalsats,  den  sich  der  Philosoph  zu  deutÜohem  Be* 
wuistsein  zu  bringen  hat,  besteht  in  der  Erkenntnis, 
dafs  unser  Wissen  sich  zunächst  auf  nichts  weiter 
als  auf  unsere  Vorstellungen  erstreckt.  Unsere  Vor- 
stellungen sind  das  Einzige,  was  wir  unmittelbar  er- 
fahren, unmittelbar  erleben;  und  eben  weil  wir  sie 
unmittelbar  erfahren,  deshalb  vermag  uns  auch  der 
radikalste  Zweifel  das  Wissen  von  denselben  nicht 
zu  entreifsen.  Dagegen  ist  das  Wissen,  daa  ttber  mein 
Vorstellen  —  ich  nehme  diesen  Ausdruck  hier  überall 
im  weitesten  Sinne,  so  dafs  alles  psychische  Geschehen 
darunter  fällt  —  hinausgeht,  vor  dem  Zweifel  nicht 
geschützt.  Daher  mn£a  zu  Beginn  des  Fhilo- 
sophierens  alles  über  die  Vorstellungen  hinaus- 
gehende Wissen  ausdräcklich  als  bezweifelbar  hin- 
gestellt werden,"  so  beginnt  Volk elt  sein  Buch  über 


V.    Die  "Welt  als  Wahriieliinuiig. 


G7 


fJSMta  Erkenntnistheorie'*.  Was  hiermit  so  hingestellt 
wird,  als  ob  es  eine  unmittelbare  und  selbstverständliche 
Wahrheit  wäre,  ist  aber  in  Wirklichkeit  das  Resultat 
einer  Gedankenoperation,  die  folgendermafsen  verläuft: 
Der  naive  Mensch  glaubt,  dafs  die  Gegenstände,  so 
wie  er  sie  wahrnimmt,  auch  aufserhalb  seines  BewoTst- 
seins  Torhanden  sind.  Die  Physik,  Physiologie  und 
Psychologie  lehren  aber,  dafs  zu  unseren  Wahrneh- 
mungen unsere  Organisation  notwendig  ist,  daia  wir 
folglich  von  nichts  wissen  können,  als  von  dem,  was 
unsere  Organisation  uns  von  den  Dingen  tiberliefert. 
Unsere  Wahrnehmungen  sind  somit  Modifikationen 
unserer  Organisation,  nicht  Dinge  an  sich.  Den 
hier  angedeuteten  Gedankengang  hat  Eduard  Ton 
Hartmann  in  der  That  als  denjenigen  charakterisiert, 
der  zur  Überzeugung  von  dem  Satze  fuhren  muls, 
dafs  wir  ein  direkte^  \\  issen  nur  von  unseren  Vor- 
stellungen haben  können  (vergl.  dessen  Grundproblem 
der  Erkenntnistheorie;  S.  16 — 40).  Weil  wir  aufser- 
halb unseres  Organismus  Schwingungen  der  Körper 
und  der  Luft  finden,  die  sich  uns  als  Schall  darstellen, 
so  wird  gefolgert,  dafs  das,  was  wir  Schall  nennen, 
nichts  weiter  sei  als  eine  subjektive  Reaktion  unseres 
Organismus  auf  jene  Bewegungen  in  der  Aufsenwelt. 
In  derselben  Weise  findet  man,  dafs  Farbe  und  Wärme 
nur  Modifikationen  unseres  Organismus  sind.  Und 
zwar  ist  man  der  Ansicht,  dafs  diese  beiden  Wahr- 
nehmungsarten in  uns  hervorgerufen  werden  durch  die 
Wirkung  der  Bewegung  eines  den  Weltraum  füllenden, 
unendlich  feinen  vStuiies,  des  Äthers.  Wenn  die  Schwin- 
gungen dieses  Äthers  die  Hautnerven  meines  Körpers 
erregen,  so  habe  ich  die  Wahrnehmung  der  Wärme, 

6* 


08 


V.   Die  Welt  ala  W&bmehinaiig. 


wenn  sie  den  Sehnerv  treffen,  nehme  ich  Licht  und 
Farbe  wahr.  Licht,  Farbe  und  Wärme  sind  aUo  das, 
womit  meine  Siimesnerven  auf  den  Heiz  yon  auüben 
antworten.  Auch  der  Tastsinn  liefert  mir  nicht  die 
Gegenstände  der  Aufsenwelt,  sondern  nur  meine 
eigenen  Zustände.  Der  Physiker  glaubt,  dafs  die 
Körper  aus  unendlich  kleinen  Teilen,  den  Molekülen, 
bestehen,  und  dafs  diese  Moleküle  nicht  unmittelbar 
aneinandevgrenzen,  sondern  gewisse  Entfernungen  von- 
einander haben.  Es  ist  also  zwischen  ihnen  der  leere 
Raum.  Durch  diese  wirken  sie  aufeinander  mittelst 
anziehender  und  abstofsender  Kräfte.  Wenn  ich  meine 
Hand  einem  Körper  nähere,  so  berühren  die  Moleküle 
meiner  Hand  keineswegs  unmittelbar  diejenigen  des 
Körpers,  sondern  es  bleibt  eine  gewisse  Entfernung 
zwischen  Körper  und  Hand,  und  was  ich  als  Wider- 
stand des  Körpers  empfinde,  das  ist  nichts  weiter  als 
die  Wirkung  der  abstofsenden  Kraft,  die  seine  Mole- 
kttle  auf  meine  Hand  ausüben.  Ich  bin  schlechthin 
aufserlialb  des  Körpers  und  nehme  nur  seine  Wirkung 
auf  meinen  Organismus  wahr. 

Ergänzend  zu  diesen  Überlegungen  tritt  die  Lehre 
von  den  sogenannten  spezifischen  Sinnesenergien,  die 
J.  M  tili  er  aufgestellt  hat.  Sie  besteht  darin,  dafs 
jeder  Sinn  die  Eigentümlichkeit  hat,  auf  alle  äufseren 
Heize  nur  in  einer  bestiminteu  Weise  zu  antworten. 
Wird  auf  den  Sehnerv  eine  Wirkung  ausgeübt,  80 
entsteht  Lichtwahrnehmung,  gleichgültig  ob  die  Er- 
regung durch  das  geschieht,  was  wir  Licht  nennen, 
oder  ob  ein  mechanischer  Druck  oder  ein  elektrischer 
Strom  auf  den  Nerv  einwirkt.  Andrerseits  werden  in 
verschiedenen  Sinnen  durch  die  gleichen  äufseren  Reize 


V.  Die  Welt  als  Wafaraehmung. 


69 


▼erachiedene  Wahmehmiuigen  henroi^erafen.  Daraus 
scheint  hervorzugehen,  dafs  unsere  Sinne  nur  das 
überliefern  können,  was  in  ihnen  selbst  vorgeht,  nichts 

aber  von  der  Aufsenwclt.  Sie  bestimmen  die  Wahr- 
nehmungen je  nacli  ihrer  Natur. 

Die  Physiologie  zeigt,  dafs  auch  von  einem 
direkten  Wissen  dessen  keine  Bede  sein  kann,  was 
die  Gegenstände  in  unseren  Sinnesorganen  bewirken. 
Indem  der  Physiologe  die  Vorgänge  in  unserem  eigenen 
Leibe  verfolgt,  findet  er,  dafs  schon  in  den  Sinnes- 
organen die  Wirkungen  der  äufseren  Bewegung  in  der 
mannigfaltigsten  Weise  umgeändert  werden.  Wir 
sehen  das  am  deutlichsten  an  Auge  und  Ohr.  Beide 
sind  sehr  komplizierte  Organe,  die  den  äu(seren  Beiz 
wesentlich  verändern,  ehe  sie  ihn  zum  entsprechen- 
den Nerv  bringen.  Von  dem  peripherischen  Ende  des 
Nerv  wird  nun  der  schon  veränderte  Reiz  weiter 
zum  Gehirn  geleitet.  Hier  erst  müssen  wieder  die 
Centraiorgane  erregt  werden.  Daraus  wird  geschlossen, 
dafs  der  änfsere  Vorgang  eine  Reihe  von  Umwand- 
lungen erfahren  hat,  ehe  er  zum  Bewufstsein  kommt 
Was  da  im  Glehime  sieh  abspielt,  ist  durch  so  viele 
Zwischenvorgänge  mit  dem  ftufseren  Vorgang  ver- 
bunden, dafs  im  (  ine  Almlichkeit  mit  denselben  nicht 
mehr  gedacht  werden  kann.  Was  das  Gehirn  der 
ISeele  zuletzt  vermittelt,  sind  weder  äufsere  Vorgänge, 
noch  Vorgänge  in  den  Sinnesorgannen ,  sondern  nur 
solche  innerhalb  de»  Gehirnes.  Aber  auch  die  letz- 
teren nimmt  die  Seele  noch  nicht  unmittelbar  wahr. 
.Was  wir  im  Bewufstsein  zuletzt  haben,  sind  gar 
keine  Geliirnvorgänp^e ,  sondern  Empfindungen. 
Meine  Empfindung  des  Bot  hat  gar  keine  Ähnlichkeit 


70 


V.  Die  Welt  ala  Wahindmiiiiig; 


mit  dem  Vorgange,  der  sich  im  Gehirn  abspielt,  wenn 
ich  das  Bot  empfinde.  Das  letztere  tritt  erst  wieder 
als  Wirkung  in  der  Seele  auf  und  wird  nur  venirsacht 
durch  den  Himvorgang.  Deshalb  sagt  Hartmann 
(Grundproblem  der  Erkenntnisdieorie  S.  37):  «Was 
das  Subjekt  wahrnimmt^  sind  also  immer  nur  Modi- 
fikationen seiner  eigenen  psychischen  ZusUiudt;  und 
nichts  anderes."  Wenn  ich  die  Empfindungen  habe, 
dann  sind  diese  aber  noch  lange  nicht  zu  dem 
gruppiert^  was  ich  als  Dinge  wahrnehme.  Es  können 
mir  ja  nur  einzelne  Empfindungen  durch  das  Gehirn 
vermittelt  werden.  Die  Empfindungen  der  Härte  und 
Weichheit  werden  mir  durch  den  Tast-,  die  Farbe- 
und  Lichtemphuduni^en  durch  den  Gesichtssinn  wr- 
mittelt.  Doch  finden  sieh  dieselben  an  einem  und 
demselben  Gegenstande  vereinigt.  Diese  Vereinigung 
muis  also  erst  von  der  Seele  selbst  bewirkt  werden. 
Das  hetCst,  die  Seele  setsst  die  einzelnen  durch  das 
Gehirn  vermittelten  Empfindungen  zu  Körpern  zu- 
sammen.  Mein  Gehirn  überliefert  mir  einzeln  die  Ge- 
sichts-, Tast-  und  Gehörempfindungen,  und  zwar  auf 
ganz  verschiedenen  Wegen,  die  dann  die  Öeele  zu  der 
Vorstellung  Trompete  zusammensetzt.  Dieses  End- 
glied (Vorstellung  der  Trompete)  eines  Prozesses  ist 
es,  was  für  mein  Bewufstsein  zu  allererst  gegeben  ist 
Es  ist  in  demselben  nichts  mehr  von  dem  zu  finden, 
wati  auiöcr  mir  iüt  und  ursprünglich  einen  Eindruck 
auf  meine  Sinne  gemacht  hat.  Der  äufsere  Gegen- 
stand ist  auf  dem  Wege  zum  Gehirn  und  durch  das 
Gehirn  zur  Seele  vollständig  verloren  gegangen. 

Es  wird  schwer  sein^  ein  zweites  Gedankengebäude 
in  der  Geschichte  des  menschlichen  Geisteslebens  zu 


y.  Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


71 


ündeiiy  das  mit  grö&erem  Scharfeinn  zusammengetragen 
isty  und  das  bei  genauerer  Prüfung  doch  in  nichts  zer- 
filUt.    Sehen  wir  einmal  näher  zu^  wie  es  zustande 

kommt.  Man  ^vlü  zunächst  von  dem  aus,  was  dem 
naiven  Bewufstseiii  gegeben  ist,  von  dem  wahrgenom- 
menen Dinge.  Dann  zeigt  man,  daf»  alles,  was  an 
diesem  Dinge  sich  findet,  für  uns  nicht  da  wäre,  wenn 
wir  keine  Sinne  hfttten*  Kein  Auge:  keine  Farbe. 
Abo  ist  die  Farbe  in  dem  noch  nicht  Torhanden,  was 
auf  das  Auge  wirkt  Sie  entsteht  erst  durch  die 
Wechselwirkung  des  Auges  mit  dem  Gegenstande. 
Dieser  ist  also  farblos.  Aber  auch  im  Auge  ist  die 
Farbe  nicht  vorhanden^  denn  da  ist  ein  chemischer 
oder  physikalischer  Vorgang  vorhanden,  der  erst  durch 
den  Nerv  zum  Gehirn  geleitet  wird,  und  da  einen 
andern  auslöst  Dieser  ist  noch  immer  nicht  die 
Farbe.  Sie  wird  erst  durch  den  Himprozefs  in 
der  Seele  hervorgerufen.  Da  tritt  sie  mir  noch  immer 
nicht  ins  Bewufstsein,  sondern  wird  erst  durch  die 
iSeele  nach  aufsen  an  einen  Körper  verlegt  An 
diesem  nehme  ich  sie  endlieh  wahr.  Wir  haben  einen 
vollständigen  Kreisgang  durchgemacht  Wir  sind  uns 
eines  farbigen  Körpers  bewuist  geworden.  Das  ist 
das  Erste.  Nun  hebt  die  Gedankenoperation  an. 
Wenn  ich  keine  Augen  hätte,  wäre  der  Körper  für 
mich  larbios.  Ich  kann  die  Farbe  also  nicht  in  den 
Körper  verlegen.  Ich  gehe  auf  die  Suche  nach  ihr. 
Ich  suche  sie  im  Auge:  vergebens;  im  Nerv:  ver- 
gebens; im  Gehirne:  ebenso  veigebens;  in  der  Seele: 
hier  finde  ich  sie  zwar,  aber  nicht  mit  dem  Körper 
verbunden.  Den  farbigen  Körper  linde  ich  erst  wieder 
da,  wo   ich  ausgegangen   bin.    Der  Kreis  ist  ge- 


72 


y.  Die  Welt  ali  Wahnieliiimiig. 


schlössen.  Ich  glaube  das  als  Erzeugnis  meiner  Seele 
zu  erkennen,  was  der  naive  Mensch  sich  als  draufsen 

im  liauiiie  vorhanden  denkt. 

So  lange  man  dabei  stehen  bleibt,  scheint  alles 
in  schönster  Ordnung.  Aber  die  bache  mufs  noch 
einmal  von  vorne  angefangen  werden.  Ich  habe  ja 
bis  jetzt  mit  einem  Dinge  ge wirtschaftet:  mit  der 
äuTseren  Wahrnehmung,  von  dem^  ich  {rtther,  als  naiver 
Mensch;  eine  ganz  falsche  Ansicht  gehabt  habe.  Ich 
war  der  Meinung:  sie  hätte  so,  wie  ich  sie  wahrnehme, 
einen  objektiven  Bestand.  Nun  merke  ich,  dals  sie 
mit  meinem  Vorstellen  verschwindet,  dafs  sie  nur  eine 
Modifikation  meiner  seelischen  Zustände  ist  Habe 
ich  nun  überhaupt  noch  ein  Becht,  in  meinen  Betrach- 
tungen von  ihr  auszugehen?  Kann  ich  von  ihr  sagen, 
dafs  sie  auf  meine  Seele  wirkt?  Ich  mufs  von  jetzt 
ab  den  Tisch,  von  dem  ich  früher  geglaubt  habe,  dafs 
er  auf  mich  wirkt  und  in  mir  eine  Vorstellung  von 
sich  hervorbringt,  selbst  als  Vorstellung  behandeln* 
Konsequenterweise  sind  dann  aber  auch  meine  Sinnes- 
organe und  die  Voigttnge  in  ihnen  blofs  subjektiv«  Ich 
habe  kein  Becht,  von  einem  wirklichen  Auge  au 
sprechen,  sondern  nur  von  meiner  Vorstellung  des 
Auges.  Ebenso  ist  es  mit  der  Nervenleitung  und  dem 
Oehirnprozefs  und  nicht  weniger  mit  dem  Vorgänge 
in  der  Seele  selbst,  durch  den  aus  dem  Chaos  der 
mannigfaltigen  Empfindungen  Dinge  aufgebaut  werden 
sollen.  Durchlaufe  ich  unter  Voraussetzung  der  Bich- 
tigkeit  des  ersten  Gedankenkreisganges  die  Glieder 
meines  Erkenntnisaktes  nochmals,  so  zeigt  sich  der 
letztere  als  ein  Gespinst  von  Vorstellungen,  die  doch 
als  solche  nicht  aufeinander  wirken  können,  ich  kann 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


73 


nicht  sa^en:  meine  Vorstellung  des  Gegenstandes  wirkt 
auf  meine  Vorstellang  des  Auges,  und  aus  dieser 

Wechselwirkung-  geht  die  Vorstellung  der  Farbe  her- 
vor. Aber  ich  habe  es  auch  nicht  nötig.  Denn  so- 
bald mir  klar  ist,  dals  mir  meine  Sinnesorgane  und 
deren  Thätigkeiten ,  meiD  Nenren-  und  Seelenprozefs 
auch  nur  durch  die  Wahrnehmung  gegeben  werden 
k(}nnen,  zeigt  sich  der  geschilderte  Gedankengang  in 
seiner  vollen  Unmöglichkeit.  Es  ist  richtig:  für  mich 
ist  keine  Wahrnehmung  ohne  das  entsprechende 
Sinnesorgan  gegeben.  Aber  ebensowenig  ein  Sinnes- 
organ ohne  Wahrnehmung.  Ich  kann  von  meiner 
Wahrnehmung  des  Tisches  auf  das  Auge  übergehen, 
das  ihn  sieht,  auf  die  Hautnerven,  die  ihn  tasten;  aber 
was  in  diesen  vorgeht,  kann  ich  wieder  nur  aus  der 
Wahrnehmung  erfahren.  Und  da  bemerke  ich  denn 
bald,  (lafs  in  dem  Prozefs,  der  sich  im  Auge  vollzieht, 
nicht  eine  Spur  von  Ähnlichkeit  ist  mit  dem,  was  ich 
als  Farbe  wahrnehme.  Ich  kann  meine  Farbenwahr- 
nehmung nicht  dadurch  vernichten,  dafs  ich  den  Pro- 
zefs  im  Auge  aufzeige,  der  sich  während  dieser  Wahr- 
nehmung darin  abspielt.  Ebensowenig  finde  ich  in 
den  Nerven-  und  Gehirnprozessen  die  Farbe  wieder; 
ich  verbinde  nur  neue  Wahrnehmungen  innerhalb 
meines  Organismus  mit  der  ersten,  die  der  naive 
Mensch  aufserhalb  seines  Organismus  verlegt.  Ich 
gehe  nur  von  einer  Wahrnehmung  zur  andern  über. 

Aufserdem  enthält  die  ganze  Schlufsfolgerung 
einen  Sprung.  Ich  bin  in  der  Lage,  die  Vorgänge  in 
pieinem  Organismus  bis  zu  den  Prozessen  in  meinem 
Gehirne  zu  verfolgen,  wenn  auch  meine  Annahmen 
immer  hypothetischer  werden,  je  mehr  ich  mich  den 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmong. 


centralen  Vorgängen  des  Gehirnes  nähere.  Der  Weg 
der  äufseren  Beobachtung  hört  mit  dem  Vorgänge 
in  meinem  Gehirne  auf,  und  zwar  mit  jenem,  den  ich 
wahrnehmen  würde,  wenn  ich  mit  physikalischen, 
chemischen  u.  s.  w.  Hilfsmitteln  und  Methoden  das 
Gehirn  behandeln  könnte.  Der  Weg  der  inneren 
Beobaehtung  f&agt  mit  der  Empfindung  an  und  reicht 
bis  zum  Aufbau  der  Dinge  aus  dem  Empfindungs- 
material. Beim  Übergange  von  dem  Himprozels  cur 
Empfindung  ist  der  Beobachtungsweg  unterbrochen. 

Die  charakterisierte  Denkart,  die  sich  im  Gegen- 
satz zum  Standpunkte  des  naiven  BewuTstseins ,  den 
sie  naiven  Realismus  nennt,  als  kritischen  Idealismus 
bezeichnet,  macht  den  Fehler,  dafs  sie  die  Eine 
Wahrnehmung  als  Vorstellung  charakterisiert,  aber 
die  andere  gerade  in  dem  Sinne  hinnimmt,  wie  es  der 
von  ihr  scheinbar  widerlegte  naive  Realismus  thut. 
Sie  beweist  den  Vorstellungscharakter  der  Wahr- 
nehmungen, indem  sie  in  naiver  Weise  die  Wahr- 
nehmungen am  eigenen  Organismus  als  objektiv  giltige 
Thatsachen  hinnimmt  und  zu  alledem  noch  übersieht, 
dafs  sie  zwei  Beobachtungsgebiete  durcheinanderwirft, 
zwischen  denen  sie  keine  Vermittlung  finden  kann. 

Der  kritische  Idealismus  kann  den  naiven  Healis' 
mus  nur  widerlegen,  wenn  er  selbst  in  naiv-realistischer 
Weise  seinen  eigenen  Organismus  als  objektiv  exi- 
stierend anninunt  In  demselben  Augenblicke,  wo  er 
sich  der  vollständigen  Gleichartigkeit  der  Wahr- 
nehmungen am  eigenen  Organismus  mit  den  vom 
naiven  Kealismus  als  objektiv  existierend  angenom- 
menen Wahrnehmungen  bewufst  wird,  kann  er  sich 
nicht  mehr  auf  die  ersteren  als  auf  eine  sichere  Grund- 


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y.  Die  Welt  als  Wahrnehmun;. 


75 


läge  sttttzen.  £r  mttfste  auch  seine  subjektive  Organi« 
satioQ  als  blofsen  Vorstellungskomplex  ansehen.  Da* 

mit  geht  aber  die  Möglichkeit  verloren,  den  Inhalt  der 
wahrgenommenen  Welt  durch  die  geistige  Organi- 
sation bewirkt  zu  denken.  Man  mUfste  annehmen^ 
dafs  die  Vorstellung  „Farbe"  nur  eine  Modifikation 
der  Vorstellung  „Auge^  sei.  Der  sogenannte  kri- 
tische Idealismus  kann  nicht  bewiesen  werden,  ohne 
eine  Anleihe  beim  naiven  Realismus  zu  machen.  Der 
letztere  wird  nur  dadurch  widerlegt,  dafs  man  dessen 
eigene  Voraubsetzungen  auf  einem  anderen  Gebiete 
ungeprüft  gelten  läÜst 

Soviel  ist  hieraus  gewifs:  durch  Untersuchungen 
innerhalb  des  Wahmehmungsgebietes  kann  der  kritische 
Idealismus  nicht  bewiesen,  somit  die  Wahrnehmung 
ihres  objektiven  Charakters  nicht  entkleidet  werden. 

Noch  weniger  aber  darf  der  Satz :  „  d  i  e  w  a  h  r  - 
genommene  Welt  ist  meine  Vorstellung" 
als  durch  sich  selbst  einleuchtend  und  keines  Beweises 
bedürftig  hingestellt  werden.  Schopenhauer  beginnt 
sein  Hauptwerk,  „Die  Welt  als  Wille  und  Vorstellung", 
mit  den  Worten:  „Die  Welt  ijst  meine  Vorstellung. 
—  Dies  ist  die  Wahrheit,  welche  in  Beziehung  auf 
jedes  lebende  und  erkenueude  Wesen  gilt,  wiewohl 
der  Mensch  allein  sie  in  das  reflektierte  abstrakte  Be- 
wuTstsein  bringen  kann:  und  thut  er  dies  wirklich,  so 
ist  die  philosophische  Besonnenheit  bei  ihm  eingetreten. 
Es  wird  ihm  dann  deutlich  und  gewifs,  dafs  er  keine 
iSonne  kennt  und  keine  Erde;  sondern  immer  nur  ein 
Auge,  das  eine  Sonne  sieht,  eine  Hand,  die  eine  Erde 
fühlt;  dafs  die  Welt,  welche  ihn  umgiebt,  nur  als  Vor- 
stellung da  ist,  d.  h.  durchweg  nur  in  Beziehung  auf 


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76 


V.    Die  Welt  als  Wahrnehmung. 


ein  andere«)  das  Vorsteliende,  welches  er  8ell>8t  ist.  — 

Wenn  irgend  eine  Wahrheit  a  priori  ausgesprochen 
werden  kann,  so  ist  es  diese:  denn  sie  ist  die  Aussagte 
derjenigen  Form  aller  möglichen  und  erdenklichen  Er- 
fahrung^ welche  allgemeiner  als  alle  anderen^  als  Zeit, 
Raum  und  Kausalitttt  ist:  denn  alle  diese  setzen  jene 
eben  voraus ..."  Der  ganze  Satz  scheitert  an  dem 
oben  bereits  von  uns  angeführten  Umstände,  dafs  das 
Auge  und  die  Hand  nicht  weniger  Wahrnehmungen 
sind  als  die  Sonne  und  die  Erde.  Und  man  könnte 
im  Sinne  Schopenhauers  und  mit  Anlehnung  an  seine 
Ausdrucksweise  seinen  Sätzen  entgegenhalten:  Mein 
Auge,  das  die  Sonne  sieh^  und  meine  Hand,  die  die 
Erde  ftlhlt,  sind  meine  Vorstellungen  gerade  so  wie  die 
Sonne  und  die  Erde  selbst.  Dais  icli  damit  aber  den 
Satz  wieder  aufhebe,  ist  ohne  weiteres  klar.  Denn 
nur  mein  wirkliches  Auge  und  meine  wirkliche  Hand 
könnten  die  Vorstellungen  Sonne  und  £rde  als  ihre 
Modifikationen  an  sich  haben ,  nicht  aber  meine  Vor- 
stellungen Auge  und  Hand. 

Der  kritische  Idealismus  ist  völlig  ungeeignet,  eine 
Ansicht  über  das  Verhältnis  von  Wahrnehmung  und 
Vorstellung  zu  gewinnen.  Die  auf  S.  63  angedeutete 
Scheidung  dessen,  was  an  der  Wahrnehmung  während 
des  liVahmehmens  geschieht  und  was  an  ihr  schon 
sein  mufs,  bevor  sie  wahrgenommen  wird,  kann  er 
nicht  vornehmen.  Dazu  mufs  also  ein  anderer  Weg 
eingeschlagen  werden. 


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VL 

Bas  Erkennen  der  Welt 


Aas  den  Yorkergehenden  Betrachtungen  folgt,  daTs 
es  unmöglich  ist,  durch  Untersuchung  unseres  Beob- 
achtungsinhalts den  Beweis  zu  erbringen,  dafs  unsere 
Wahrnehmungen  Vorstellungen  sind.  Dieser  Reweis  soll 
nämlich  dadurch  erbracht  werden,  dafs  man  zeigt:  wenn 
der  Wahmehmungsprozefs  in  der  Art  erfolgt,  wie  man 
ihn  gemftis  den  naiv-realistischen  Annahmen  über  die 
psychologische  und  physiologische  Konstitution  unseres 
Individuums  sich  vorstellt,  dann  haben  im'r  es  nicht  mit 
Dingen  an  sich,  sondern  blofs  mit  un.sc  reu  \'orstellungen 
von  den  Dingen  zu  thun.  Wenn  nun  der  naive  Realis- 
mus, konsequent  verfolgt,  zu  Kesuitaten  führt,  die  das 
gerade  G^enteil  seiner  Voraussetzungen  darstellen,  so 
mttssen  diese  Voraussetzungen  als  ungeeignet  zur 
Begrtkndung  einer  Weltanschauung  bezeichnet  und 
fallen  gelassen  werden.  Jedenfalls  ist  es  unstatthaft, 
die  Voraussetzungen  zu  verwerfen  und  die  Folge- 
rungen gelten  zu  lassen,  wie  es  der  kritische  Idealist 
thut,  der  seiner  Behauptung:  die  Welt  ist  meine  Vor- 
stellung, den  obigen  Beweisgang  zu  Grunde  logt 


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78 


VI.  Das  Erkennet!  der  Welt. 


(Eduard  von  Hartmann  giebt  in  seiner  Schrift  „Das 
Gmndproblem  der  Erkenntnistheorie^  eine  ausführliche 

Darstellung  dieses  Beweisganges.) 

Ein  anderes  ist  die  Richticrkeit  des  kritischen 
Idealismus^  ein  anderes  die  Überzeugungskraft  seiner 
Beweise.  Wie  es  mit  der  ersteren  steht,  wird  sich 
später  im  Zusammenhange  unserer  Ausführungen  er- 
geben. Die  Überzeugungskraft  seines  Beweises  ist 
aber  gleich  Null.  Wenn  man  ein  Haus  baut,  und  bei 
Herstellung  des  ersten  Stockwerkes  bricht  das  Erd- 
geschofs  in  sich  zusaumieu,  so  stiirzt  das  erste  Stock- 
werk mit  Der  naive  Eealismus  und  der  kritische 
Idealismus  verhalten  sich  wie  dies  Erdgesdiols  zum 
ersten  Stockwerk. 

Wer  der  Ansicht  ist,  dafo  die  ganze  wahrgenom- 
mene Welt  nur  eine  vorgestellte  ist,  und  zwar  die 
Wirkung  der  mir  unbekannten  Dinge  auf  meine  Seele, 
für  den  geht  die  eigentliche  Erkenntnisfrage  natürlich 
nicht  auf  die  nur  in  der  Seele  vorhandenen  Vorstel- 
lungen,  sondern  auf  die  jenseits  unseres  Bewufstsdns 
liegenden y  von  uns  unabhängigen  Dinge.  Er  fragt: 
Wieviel  können  wir  von  den  letzteren  mittelbar 
erkennen,  da  sie  unserer  Beobachtung  unmittelbar 
nicht  zugänglich  sind?  Der  auf  diesem  «Standpunkt 
Stehende  kttmmert  sich  nicht  um  den  inneren  Zu- 
sammenhang seiner  bewulsten  Wahrnehmungen,  son- 
dern um  deren  nicht  mehr  bewufste  Ursachen,  die 
ein  von  ihm  unabhängiges  Dasein  haben,  während, 
nach  seiner  Aiusicht,  die  Wahrnehmungen  verschwinden, 
sobald  er  seine  8inne  von  den  Dingen  abwendet. 
Unser  Bewustsein  wirkt,  von  diesem  Gesichtspunkte 
aus,  wie  ein  Spiegel,  dessen  Bilder  von  bestimmten 


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VL  Das  Erkenneu  der  Welt 


79 


DiDgen  auch  in  dem  AugenbUcke  verschwiaden ,  in 
dem  seine  spiegelnde  Fläche  ihnen  nicht  zugewandt 
ist  Wer  aber  die  Dinge  selbst  nicht  sieht  >  sondern 
nur  ihre  Spiegelbilder,  der  rnnfs  ans  dem  Verhalten 

der  letzteren  über  die  Bescliatiuiilieit  der  ersteren  durch 
Hchliibsr'  indirekt  eich  unterrichten.  Auf  diesem  Stand- 
punkte steht  die  neuere  Naturwissenschaft,  welche  die 
Wahrnehmungen  nur  als  Mittel  benutzt,  um  Auf- 
schlafs über  die  hinter  denselben  stehenden  und 
allein  wahrhaft  seienden  Bewegungen  des  Stoffes  zu 
gewinnen.  Wenn  der  Philosoph  als  kritischer  Idealist 
überhaupt  ein  Sein  gelten  läfst,  dann  preht  sein  Er- 
kenntnisstreben mit  mittelbarer  Benutzung  der  Vor- 
stellungen allein  auf  dieses  Sein.  Sein  Interesse  über- 
springt die  subjektive  Welt  der  Vorstellungen  und 
geht  auf  das  Erzeugende  dieser  -  Vorstellungen  los. 

Der  kritische  Idealist  kann  aber  soweit  gehen, 
dafs  er  sagt:  ich  bin  in  meine  Vorstellungswelt  ein- 
geschlossen und  kann  aus  ihr  nicht  hinaus.  Wenn 
ich  ein  Ding  hinter  meinen  Vorstellungen  denke^  so 
ist  dieser  Gedanke  doch  auch  weiter  nichts  als  meine 
Vorstellung.  Ein  solcher  Idealist  wird  dann  das  Ding 
an  sich  entweder  ganz  leugnen  oder  wenigstens  da- 
von erklären,  dafs  es  für  uns  Menschen  gar  keine  Be- 
deutung hat,  d.  i.  so  gut  wie  nicht  da  ist,  weil  wir 
nichts  von  ihm  wissen  können. 

Einem  kritischen  Idealisten  dieser  Art  erscheint 
die  ganze  Welt  als  ein  wüster  Traum,  dem  gegenüber 
jeder  Erkenntnisdrang  einfSu^h  sinnlos  wäre.  Für  ihn 
kann  es  nur  zwei  Gattungen  von  Menschen  geben: 
Befangene,  die  ihre  eigenen  Traumgespinste  für  wirk- 
liche Dinge  halten,  und  Weise,  die  die  Nichtigkeit 


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80 


VI.  DajB  Erkennen  der  Welt 


dieser  Traumwelt  durchschaueD,  und  die  nach  und 
nach  aUe  Lust  verlieren  müssen,  sich  weiter  darum  asu 
bekümmern.   Pttr  diesen  Standpunkt  kann  auch  die 

eigene  Persönlichkeit  zum  blofsen  Traiimbilde  werden. 
Gerade  so  wie  unter  den  Bildern  des  Scblattraums  unser 
eigenes  Traumbild  erscheint,  so  tritt  im  wachen  Bewufst- 
sein  die  Vorstellung  des  eigenen  Ich  zu  der  Vorstellung 
der  Aufsenweit  hinzu.  Wir  haben  im  BewuÜstsein 
dann  nicht  unser  wirkliches  Ich,  sondern  nur  unsere 
Ichvorstellung  gegeben.  Wer  nun  leugnet,  dafs  es 
keine  Din^e  gicbt,  oder  wenigstens,  dafs  wir  von  ihnen 
etwas  wissen  können:  der  mufs  auch  das  Dasein  be- 
ssiehungsweise  die  Erkenntnis  der  eigenen  Persönlich- 
keit leugnen.  Der  kritische  Idealist  kommt  dann 
zu  der  Behauptung:  „Alle  Realität  verwandelt  sich  in 
einen  wunderbaren  Trauiii,  ohne  ein  Leben,  von 
welchem  geträumt  wird,  und  ohne  einen  Geist,  dem 
da  träumt;  in  einen  Traum,  der  in  einem  Traume  von 
sich  selbst  zusammenhängt^  (vgl.  Fichte,  die  Be- 
stimmung des  Menschen). 

Gletchgiltig,  ob  derjenige,  der  das  unmittelbare  Leben 
als  Traum  zu  erkennen  ghiubt,  hinter  diesem  Traum 
nichts  mehr  vermutet,  oder  ob  er  seine  Vorbit  Hungen 
auf  wirkliciie  Dinge  bezieht:  das  Leben  selbst  mui's 
für  ihn  alles  wissenschaftliche  Interesse  verlieren. 
Während  aber  für  denjenigen,  der  mit  dem  Traume 
das  uns  zugängliche  All  erschöpft  glaubt,  alle  Wissen- 
schaft ein  Unding  ist,  wird  für  den  andern,  der  sich 
befugt  glaubt,  von  den  Vorstellungen  auf  die  Dinge 
zu  schliefsen,  die  Wissenschaft  in  der  Erforschung  dieser 
„Dinge  an  sich"  bestehen.  Die  erstere  Weltansicht 
kann  mit  dem  Namen  absoluter  Illusionismus  be- 


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VI.  Das  Erkennen  der  Welt. 


81 


zeiclinet  werden,  diezweite  nennt  ihr  konsequentester 
Vertreter,  Eduard  von  Hartmann,  transcen den- 
talen Realismus'). 

Diese  beiden  Ansichten  haben  mit  dem  naiven  Rear 

lismus  das  gemein,  dais  sie  Fufs  in  der  Welt  zu  fassen 
suchen  durch  eine  Untersuchung  der  Wahrnehmungen. 
Sie  können  aber  innerhalb  dieses  Gebietes  nirgends 
einen  festen  Punkt  finden. 

Eine  Hauptfrage  für  den  Bekenner  des  trans- 
cendentalen  Realismus  mttfste  sein :  wie  bringt  das  Ich 
aus  sich  reibst  die  Vorstellungswelt  zustande?  Für  eine 
uns  gegebene  Welt  von  Vorstellungen,  die  verschwindet, 
sobald  wir  unsere  Sinne  der  Aufsenwelt  verschlierfien, 
kann  ein  ernstes  Erkenntnisstreben  sich  insofern  er- 
wärmen, als  sie  das  Mittel  isl^  die  Welt  des  an  sich 
seienden  Ich  mittelbar  zu  erforschen.  Wenn  die  Dinge 
unserer  Erfahrung  Vorstellungen  wären,  dann  gliche 
unser  alltägliches  Leben  einem  Traume  und  die  Er- 
kenntnis des  wahren  Thatbestandes  dem  Erwachen. 
Auch  unsere  Traumbilder  interessieren  uns  so  lange, 
als  wir  träumen,  folglich  die  Traumnatur  nicht  durch- 
schauen. In  dem  Augenblicke  des  Erwachens  fragen 
wir  nicht  mehr  nach  dem  inneren  Zusammenhange 

^)  trftnflcendeiital  Ist  eine  Erkenntnis,  welche  sich  bewoTst 
ist,  dais  fiber  die  Dinge  an  sich  mohtdirekt  etwas  ausgesagt  werden 
kann,  sondern  welche  indirekt  Schlüsse  von  dem  bekannten  Sub- 
jektiTen  anf  das  Unbekannte,  jenseitB  des  Subjektiven  Liegende 
(Tnuisoendente)  macht  Das  Ding  an  sich  ist  nsdi  dieser  Ansicht 
jenseits  des  Gebietes  der  uns  nnra ittelbar  erkennbaren  Welt, 
d.  i.  tninscendent  Unsere  Welt  kann  aber  auf  das  T^anscendente 
transoendental  besogen  werden.  Realismus  heiTst  Hartmanns  An- 
schauung, w^  sie  ftber  das  Subjektive,  Ideale  hinaus,  auf  das 
Transcendente,  Seale  geht 

S  t«  in e 1 1  PUlOMpliie  d«r  Fieih«it.  6 


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82 


TL   Das  Erkennen  der  Welt 


unserer  Traumbilder,  sondern  nach  den  piiysikalifichen, 
physiologischen  und  psychologischen  Vorgängen,  die 
ihnen  zum  Grunde  liegen.  Ehensowenig  lüinn  sich  der 
Philosoph,  der  die  Welt  fttr  seine  Vorstelloi^  hält, 
fiir  den  inneren  Zusammenhang  der  Einzelheiten  in 
derselben  interessieren.  Falls  er  überhaupt  ein  seiendes 
Ich  gelten  läfst,  dann  wird  er  nicht  tragen,  wie  hängt 
eine  meiner  Vorstelhmgen  mit  einer  anderen  zusammen, 
sondern  was  geht  in  der  von  ihm  unahhängigen  Seele 
Tor,  während  sein  Bewofstsein  einen  bestimmten  Vor- 
stellungsablauf  enthält.  Wenn  ich  träume,  dafs  ich 
Wein  trinke,  der  mir  ein  Brennen  im  Kehlkopf  ver- 
ursache und  dann  mit  Hustenreiz  aufwache  (vgl.  Wey- 
^andt,  Entstehung  der  Träume,  1893),  so  hört  im 
Augenblicke  des  Erwachens  die  Traumhandlung  au^ 
fttr  mich  ein  Interesse  zu  haben.  Mein  Augenmeiic 
ist  nur  noch  auf  die  physiologischen  imd  psycho- 
logischen Prozesse  gerichtet,  durch  die  der  Hustenreiz 
sich  symbolisch  in  dem  Trnmn bilde  zum  Ausüruck 
bringt.  In  ähnlicher  Weise  muls  der  Philosophy  so- 
bald er  von  dem  Vorstellungscharakter  der  gegebenen 
Welt  überzeugt  ist,  von  dieser  sofort  auf  die  dahinter 
steckende  wirkliche  Seele  ttberspringen.  Schlimmer  steht 
die  Sache  allerdings,  wenn  der  Illusionismus  das  Ich 
an  sich  hinter  den  Vorstellunii;en  ganz  leugnet,  oder 
es  wenigstens  für  unerkennbar  hält.  Zu  einer  solchen 
Ansicht  kann  sehr  leicht  die  Erwägung  führen,  dafs 
es  dem  Träumen  gegenüber  zwar,  den  Zustand  des 
Wachens  giebt,  in  dem  wir  Gelegenheit  haben,  die 
Träume  zu  durchschauen  und  auf  reale  Verhältnisse 
zu.  beziehen,  dafs  wir  aber  keinen  zu  dem  wachen 
BewuTstaeiufilebeu  in   einem   ähnlichen  Verhältnisse 

* 


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VL   Das  Erkeimeu  der  Welt 


83 


stehenden  Zustand  haben.  Wer  zu  dieser  Ansicht 
sich  bekennt»  dem  geht  die  Einsicht  ab,  daTs  es 
etwas  giebt,  das  sich  in  der  That  zum  blofsen 
Wahraehmen  irerhttlt  wie  das  Erfahren  im  wachen 

Zustande  zum  Träumen.  Dieses  Etwas  ist  das 
Denken. 

Dem  naiven  Menschen  kann  derselbe  Mangel 
nicht  angerechnet  werden.  £«r  giebt  sich  dem  Leben 
hin  und  hält  die  Dinge  so  für  wirklieh,  wie  sie 
sich   ihm  in  der  Erfahrung  darbieten.    Der  erste 

Schritt  aber,  der  über  diesen  Standpunkt  hinaus  unter- 
nommen wird,  kann  nur  in  der  Frage  bestehen  :  wif? 
verhält  sich  das  Denken  zur  Wahrnehmung?  Ganz 
einerlei:  ob  die  Wahrnehmung  in  der  mir  gegebenen 
Gestalt  Yor  und  nach  meinem  Vorstellen  weiterbesteht 
oder  nicht:  wenn  ich  irgend  etwas  tlber  sie  aussagen 
will,  so  kann  es  nur  mit  Hilfe  des  Denkens  geschehen. 
Wenn  ich  sage:  die  Welt  ist  meine  Vorstellung,  so 
habe  ich  das  Ergebnis  eines  Deukprozesses  aus- 
gesprochen, und  wenn  mein  Denken  auf  die  Welt 
nicht  anwendbar  ist,  so  ist  dieses  Ergebnis  ein  Irrtum. 
Zwischen  die  Wahrnehmung  und  jede  Art  von  Aus- 
sage über  dieselbe  schiebt  sich  das  Denken  ein. 

Den  Grund,  wuruin  (Uis  Denken  bei  der  Be- 
tracliLuug  der  Dinge  zumeiat  iibersehen  wird,  haben 
wir  bereits  angegeben  (vergl.  S.  38  f.).  Er  liegt  in  dem 
Umstände,  dafs  wir  nur  auf  den  Gegenstand,  Uber 
den  wir  denken,  nicht  aber  zugleich  auf  das  Denken 
unsere  Aufmerksamkeit  richten.  Das  naive  Bewufst- 
sein  behandelt  daher  das  Denken  wie  etwas,  das  mit 
den  Dingen  nichts  zu  thun  liat,  sondern  ganz  abseits 
von  denselben  steht  und  seine  Betrachtungen  über  die 

6* 


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84  VI.   Das  Erkennen  der  Welt 

Welt  anstellt  Das  BUd^  das  der  Denker  von  den 
Erscheinungen  der  Welt  entwirft,  gilt  nicht  als  etwas, 
was  zu  den  Dingen  gehart,  sondern  als  ein  nur  im 

Kopfe  des  Menschen  existierendes;  die  Weit  lai  auch 
fertig  ohne  dieses  Bild.  Die  Welt  ist  fix  und  fertig 
in  allen  ihren  Substanzen  und  Kräften;  und  von 
dieser  fertigen  Welt  entwirft  der  Mensch  ein  Bild. 
Die  so  denken,  mnfs  man  nur  fragen:  mit  welchem 
Rechte  erklärt  ihr  die  Welt  für  fertig,  ohne  das 
I  Jt  uken?  Bringt  nicht  mit  der  gleichen  Notwendigkeit 
die  Welt  das  Denken  im  Kopfe  des  Menschen  hci  vor, 
wie  die  Blüte  an  der  Pflanze?  Pflanzet  ein  ^Samenkorn 
in  den  Boden.  Es  treibt  Wurzel  und  Stengel.  £s 
entfaltet  sich  zu  Blttttom  und  Blüten.  Stellet  die 
Pflanze  euch  selbst  gegentlber.  Sie  yerbindet  sich  in 
eurer  Seele  mit  einem  bestimmten  Begriffe.  Warum 
gehört  dieser  l^egriff  weniger  zur  ganzen  Pflanze  als 
Blatt  und  Blüte V  Ihr  saget:  die  Blätter  und  Blüten 
sind  ohne  ein  wahrnehmendes  Subjekt  da;  der  Be- 
griff erscheint  erst,  wenn  sich  der  Mensch  der  Pflanze 
gegenüberstellt.  Ganz  wohl.  Aber  auch  Blüten  und 
Bllttter  entstehen  an  der  Pflanze  nur,  wenn  Erde  da 
ist,  in  die  der  Keim  gelegt  werden  kann,  wenn  Licht 
und  Luft  da  sind,  in  denen  sich  Blätter  und  Blüten 
entfaiteu  können.  Gerade  so  entsteht  der  Begriff  der 
Pflanze,  wenn  ein  denkendes  Bewufstsein  an  die  Pflanze 
herantritt 

Es  ist  ganz  willkürlich,  die  Summe  dessen«  was 

wir  von  einem  Dinge  durch  die  blofse  Wahrnehmung 
erfahren,  für  eine  Totalität,  für  ein  (Tanzes  zu  halten 
und  dasjenige,  was  sich  durch  die  denkende  Be- 
trachtung ergiebt,  als  ein  solches  Hinzugekommenes,  das 


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VL   Das  Erkennen  der  Welt. 


85 


mit  der  Sache  selbst  nichts  zu  thuu  hat.  Wenn  ich 
heute  eine  Bosenknospe  erhalte,  so  ist  das  Bild,  das 
sich  meiner  Wahnfthmnng  darbietet,  nur  zunächst  ein 

abgeschlossenes.  Wenn  ich  die  Knospe  in  Wasser 
setze,  so  werde  ich  morgen  ein  ganz  anderes  Biid 
meines  Objektes  erhalten.  Wenn  ich  mein  Auge  von 
der  Bosenknospe  nicht  abwende^  so  sehe  ich  den  heutigen 
Zustand  in  den  moigigen  durch  unzählige  Zwischen- 
stufen kontinuierlich  übergehen.  Das  Bild,  das  sich  mir 
in  einem  bestimmten  Augenblicke  darbietet,  ist  nur  ein 
zufälliger  Ausschnitt  aus  dem  in  »  inem  fortwährenden 
Werden  begriÜeaen  Gegenstände,  öetze  ich  die  Knospe 
nicht  in  Wasser,  so  bringt  sie  eine  ganze  Beihe  von 
Zuständen  nicht  zur  Entwickelung,  die  der  Möglich- 
keit nach  in  ihr  lagen.  Ebenso  kann  ich  morgen  ver- 
hindert sein;  die  Blüte  weiter  zu  beobachten  und  da- 
durch ein  unvollständiges  Bild  haben. 

Es  wäre  eine  ganz  unsachliche,  an  Zufälligkeiten 
sich  heftende  Meinung,  die  von  dem  in  einer  ge- 
wissen Zeit  sich  darbietenden  Bilde  erklärte:  das  ist 
die  Sache. 

Ebensowenig  ist  es  statthaft,  die  Summe  der 

^^'ahrnehmungsmerknlale  für  die  Sache  zu  erklären. 
Es  wäre  sehr  wohl  möglich,  dafs  ein  Geist  zugleich 
und  uugetrennt  von  der  Wahrnehmung  den  Begritf 
mitempfangen  könnte.  Ein  solcher  Geist  würde  gar 
nicht  auf  den  Einfall  kommen,  den  Begriff  als  etwas 
nicht  zur  Sache  G-ehöriges  zu  betrachten.  Er  mttfste 
ihm  ein  mit  der  Sache  unzertrennlich  verbundenes 
Dasein  zuschreiben. 

Ich  will  mich  noch  dui*ch  ein  Beispiel  deutlicher 
machen.   Wenn  ich  einen  Stein  in  horizontaler  Bich* 


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86 


VI.    Das  Erkennen  der  Welt. 


tirng  durch  die  Luft  werte,  so  sehe  ich  ihn  nachein- 
ander an  verschiedenen  Orten.    Ich  Terhinde  diese 

Orte  zu  einer  Linie.  In  der  Mathematik  lerne  ich 
verschiedene  Linientormen  kennen,  darunter  auch  die 
Parabel.  Ich  kenne  die  Parabel  als  eine  Linie,  die 
entsteht,  wenn  sich  ein  Punkt  in  einer  gewissen  ge- 
setzmftfsigen  Art  bewegt  Wenn  ich  die  Bedingungen 
untersuche,  unter  denen  sich  der  geworfene  Stein  he- 
wegt,  so  finde  ich,  dafs  die  Linie  seiner  Bewegung 
mit  der  identisch  ist,  die  ich  als  Parabel  kenne.  Dafs 
sich  der  Stein  gerade  in  einer  Parabel  bewegt,  das 
ist  eine  Folge  der  gegebenen  Bedingungen  und  folgt 
mit  Notwendigkeit  aus  diesen.  Die  Form  der  Parabel 
gehört  zur  ganzen  Erscheinung,  Mrie  alles  andere,  was 
an  derselben  in  Betracht  kommt  Bern  oben  W* 
schriebenen  Geist^  der  nicht  den  Umweg  des  Denkens 
nehmen  uüüste,  wäre  nicht  nur  eine  Summe  von  Ue- 
sichtsempiindungen  an  verschiedenen  Orten  gegeben, 
sondern  ungetrennt  von  der  Erscheinung  auch  die 
parabolische  Form  der  Wurflinie,  die  wir  erst  durch 
Denken  zu  der  Erscheinung  hinzufügen. 

Xieht  au  den  Gegenständen  liegt  es,  dafs  sie  uns 
zunächst  ohne  die  entsprechenden  Begriffe  gegeben 
werden,  sondern  an  unserer  geistigen  Organisation. 
Unsere  totale  Wesenheit  funktioniert  in  der  Weise^ 
dafs  ihr  bei  jedem  Dinge  der  Wirklichkeit  von  zwei 
Seiten  her  die  Momente  zufliefsen,  die  fUr  die  Sache 
in  Betracht  kommen :  von  selten  des  Wahrnehmens 
und  des  Denkens. 

Es  hat  mit  der  Natur  der  Dinge  nichts  zu  thun, 
wie  ich  organisiert  bin,  sie  zu  erfassen.  Der  Schnitt 
zwischen  Wahrnehmen  und  Denken  ist  erst  -in  dem 


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VI.  Dm  Erkennen  der  Welt 


87 


Allgenblicke  vorhanden ,  wo  ich,  der  Betrachtende, 
den  Dingen  gegenübertrete.  Welche  Elemente  dem 
Dinge  angehören  und  welche  nicht,  kann  aber  durch- 
auB  nicht  davon  abhängen,  auf  welche  Weise  ich  zar 
Kenntnis  dieser  Elemente  gelange. 

Der  Mensch  ist  ein  eingeschränktes  Wesen. 
Zunächst  ist  er  ein  Ding  unter  anderen  Dingen.  Sein 
Daseiü  gehört  dem  Raum  und  der  Zeit  an.  Dadurch 
kann  ihm  auch  immer  nur  ein  beschränkter  Teil  des 
gesamten  Universums  gegeben  sein.  Dieser  beschränkte 
Teil  schlieüst  sich  aber  ringsherum  sowohl  zeitlich  wie 
rttumlich  an  anderes  an.  Wäre  unser  Dasein  so  mit 
den  Dingen  verknüpft,  dafs  jedes  Weltgeschehen  zu- 
gleich unser  Geschehen  wäre,  dann  gäbe  es  den  Unter- 
schied zwischen  uns  und  den  Dingen  nicht  Dana 
aber  gäbe  es  für  uns  auch  keine  Einzeldinge.  Da 
ginge  alles  Geschehen  kontinuierlich  ineinander  über.« 
Der  Kosmos  wäre  eine  Einheit  und  eine  in  sich  be- 
schlossene Ganzheit.  Der  S^trom  des  Geschehens  hätte 
nirgends  eine  Unterbrechung.  Wegen  unserer  Be- 
schränkung erscheint  uns  als  Einzelheit,  was  in  Wahr- 
heit nicht  Einzelheit  ist  Nirgends  ist  z.  B.  die  Einzel- 
qoalität  des  Rot  abgesondert  fUr  sich  Yorhanden.  Sie 
ist  allseitig  von  anderen  Qualitäten  umgeben,  zu  denen 
sie  gehört,  und  ohne  die  sie  nicht  bestehen  könnte. 
Für  uns  aber  ist  es  eine  Notwendigkeit,  gewisse  Aus- 
schnitte aus  der  Welt  herauszuheben,  und  sie  für  sich  zu 
betrachten.  Unser  Auge  kann  nur  einzelne  Farben 
nacheinander  aus  einem  vielgliedrigen  Farbenganzen, 
unsBr  Verstand  nur  einzelne  Begriffe  aus  einem  zu- 
sammenhängenden Begriffssysteme  erlassen.  Diese 
Absonderung  ist  ein  subjektiver  Akt,  bedingt  durch 


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88  VI.  Dm  Erkennen  der  Welt. 

den  Umstand,  dafs  wir  nicht  identisch  sind,  mit  dem 
Weltprozefs,  sondern  ein  Ding  unter  anderen  Dingen. 

Es  kommt  nun  alles  darauf  an,  die  Stellung  des 
Dinges^  das  wir  selbst  sind^  zu  den  anderen  Dingen 
zu  bestimmen.  Diese  B^timmung  mufs  unterschieden 
werden  von  dem  blofsen  Bewufstwerden  unseres  Selbst. 
Das  letztere  beruht  auf  dem  Wahrnehmen  wie  das 
Bewufstwerden  jedes  anderen  Dinges.  Die  Selbst- 
wahmebmung  zeigt  mir  eine  Summe  von  Eigenschaften, 
die  ich  ebenso  zu  dem  Ganzen  meiner  Persönlichkeit 
zusammenfasse,  wie  ich  die  Eigenschaften:  gelb^  metall- 
glänz end,  hart  u.  s.  w.  zu  der  Einheit  ^Gold"  zu- 
sanmienfasse.  Die  Selbstwabmehmung  fllhrt  mich  nicht 
aus  dem  Bereiche  dessen  hinaus,  was  zu  mir  gehört. 
Dieses  Selbstwalirnehmen  ist  zu  unterscheiden  von 
dem  denkenden  Selbstbestimmen.  Wie  ich  eine 
einzelne  Wahrnehmung  der  Aufsenwelt  durch  das 
Denken  eingliedere  in  den  Zusammenhang  der  Welt, 
so  gliedere  ich  die  an  mir  selbst  gemachten  Wahr- 
nehmungen in  den  Weltprozefs  durch  das  Denken  ein. 
Mein  Selbstwahrnehmen  schliefst  mich  innerhalb  be- 
stiniuiter  Grenzen  ein;  mein  Denken  hat  nichts  zu 
thun  mit  diesen  Grenzen.  In  diesem  Sinne  bin  ich 
ein  Doppelwesen.  Ich  bin  eingeschlossen  in  das  0e- 
^  biet;  das  ich  als  das  meiner  Persönlichkeit  wahrnehme, 
aber  ich  bin  Träger  einer  Thätigkeit,  die  von  einer 
höheren  Sphäre  aus  mein  begrenztes  Dasein  bestimmt. 
Unser  Denken  ist  nicht  individuell  wie  unser  Empfin- 
den und  Fühlen,  £s  ist  universell.  Es  erhält  ein 
individuelles  Gepräge  in  jedem  einzelnen  Menschen 
nur  dadurch,  daÜs  es  auf  sein  individuellee  Ftlhlen 
und  Empfinden  bezogen  ist    Durch  diese  besonderen 


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VI.    Dh»  Erkennen  der  Welt. 


89 


Färbungen  des  universellen  Denkens  unterscheiden 
sich  die  einzelnen  Menschen  voneinander«  Ein  Dreieck 
hat  nur  einen  einzigen  Begriff.  F(lr  den  Inhalt  dieses 

Bef^rifFes  ist  es  gleichgiltig,  ob  ihn  das  niensehliche 
BewuTstsein  A  oder  B  fafst.  Er  wird  aber  von  jciliiiu 
der  zwei  Eewulstseine  in  individueller  Weise  eriaist 
werden. 

Diesem  Gedanken  steht  ein  schwer  zu  über- 
windendes Vorurteil  der  Menschen  gegenüber.  Die 
Befangenheit  kommt  nicht  bis  zu  der  Einsicht,  dafs 
der  Begriff  des  Dreieckes,  den  mein  Kopf  erfafst,  der- 
selbe ist,  wie  der  durch  den  Kopf  meines  Neben- 
menschen ergriffene.  Der  naive  Mensch  hält  sich  fiir 
den  Bildner  seiner  Begriffe«  Er  glaubt  deshalb,  jede 
Person  hat  ihre  eigenen  Begriffe.  Es  ist  eine  Grund- 
forderung des  philosophischen  Denkens,  dieses  Vor- 
urteil zu  überwinden.  Der  Eine  einheitliche  Betriff 
des  Dreiecks  wird  nicht  dadurch  zu  einer  Vieiiieit, 
dafs  von  vielen  gedacht  wird.  Denn  das  Denken  der 
Tiden  selbst  ist  eine  Einheit. 

In  dem  Denken  haben  wir  das  Element  gegeben, 
das  unsere  besondere  Individualilät  mit  dem  Kosmos 
zu  einem  Ganzen  zusammenschliefst.  Indem  wir  em- 
pfinden lind  fühlen  (wahrnehmen),  »ind  wir  einzelne, 
indem  wir  denken,  sind  wir  das  All-Eine  Wesen, 
das  alles  durchdringt.  Dies  ist  der  tiefere  Grund 
unserer  Doppelnatur:  Wir  sehen  in  uns  eine  schlecht- 
hin absolute  Kraft  zum  Dasein  kommen,  eine  Kraft, 
die  universell  ist,  aber  wir  lernen  sie  nicht  bei  ihrem 
Ausströmen  iius  dem  Centrum  der  Welt  kennen,  son- 
dern in  einem  Funkte  der  Peripherie.  Wäre  das 
erstere  der  Fall,  dann  wlifsten  wir  in  dem  Augen- 


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VI.  Dm  Erkennen  der  Welt 


blicke^  in  dem  wir  zum  Bewufstsein  kommen,  das 
ganze  Welträtsel.  Da  wir  aber  in  einem  Punkte  der 
Peripherie  stehen  und  unser  eigenes  Dasein  in  be- 
stimmte Grenzen  eingeschlossen  finden^  müssen  wir 
das  aufserhalb  unseres  eigenen  Wesens  gelegene  G-e- 
biet  mit  Hilfe  des  ans  dem  allgemeinen  Weltensein  in 
uns  hereiiiiageiiden  Denkens  kennen  lernen. 

Dadurch,  dafs  das  Denken  in  uns  übergreift  über 
unser  Sondersein  und  auf  das  allgemeine  Weltensein 
sich  bezieht,  entsteht  in  uns  der  Trieb  der  Erkennt- 
nis. Wesen  ohne  Denken  haben  diesen  Trieb  nicht* 
Wenn  sich  ihnen  andere  Dinge  gegentlberstellen,  so 
sind  dadurch  keine  Fragen  gegeben.  Diese  anderen 
Dinge  bleiben  solchen  Wesen  äufserlich.  Bei  denken- 
den Wesen  stöfst  dem  Aulsendinge  gegenüber  der 
Begriff  auf.  £r  ist  dasjenige,  was  wir  von  dem  Dinge 
nicht  von  aufs^,  sondern  von  innen  empfangen.  Den 
Ausgleich,  die  Vereinigung  der  beiden  Elemente,  des 
inneren  und  des  äufseren,  soll  die  Erkenntnis 
liefern. 

Die  Wahrnehmung  ist  also  nichts  Fertiges,  Ab- 
geschlossenes, sondern  die  eine  Seite  der  totalen  Wirk- 
lichkeit Die  andere  Seite  ist  der  Begriff.  Der  Er- 
kenntnisakt ist  die  Synthese  von  Wahrnehmung  und 
Begriff.  Wahrnehmung  und  Begriff  eines  Dinges 
machen  aber  erst  das  ganze  Ding  aus. 

Die  voraiigelienden  Ausführungen  liefern  den 
Beweis,  dal's  es  ein  Unding  ist,  etwas  anderes  Gemein- 
sames in  den  Einzelwesen  der  Welt  zu  suchen,  als  den 
ideellen  Inhalt,  den  uns  das  Denken  darbietet  Alle  Ver- 
suche müssen  scheitern,  die  nach  einer  anderen  Weltetn- 
heit  streben  als  nach  diesem  in  sich  zusammenhängenden 


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VI.    Das  Erkennen  der  Welt. 


91 


ideellen  Inhalt^  welchen  wir  uns  darch  denkende  Be- 
trachtung unserer  Wahrnehmungen  erwerben.  Nicht 
ein  persönlicher  Gott^  nicht  Kraft  oder  Stoff,  noch  der 
ideenlose  Wille  (Schopenhauers  und  Hartmanns)  können 

uns  als  eine  universelle  Welteiiihcit  gelten.  Diese 
Wesenheiten  ereliören  sämtlich  nur  einem  beschränkten 
Gebiet  unserer  Beobachtung  an.  Persönlichkeit  nehmen 
wir  nur  an  uns,  Kraft  und  Stoff  an  den  Aufsendingen 
wahr.  Was  den  Willen  betrifft,  so  kann  er  nur  als 
die  Thätigkeitsäufserung  unserer  beschränkten  Persön- 
lichkeit gelten.  Schopenhauer  will  es  venneiden,  das 
„abstrakte"  Denken  zum  Träger  der  'Zeiteinheit  zu 
machen  und  sucht  statt  dessen  etwas  ^  das  sich 
ihm  unmittelbar  als  ein  Reales  darbietet.  Dieser 
Philosoph  glaubt^  dafs  wir  der  Welt  nimmermehr  bei- 
kommen, wenn  wir  sie  als  Aufsenwelt  ansehen.  „In 
der  That  würde  die  nachgeforschte  Bedeutung  der 
mir  lediglich  als  meine  Vorstellung  gegenüberstehen- 
den Welt,  oder  der  Übergang  von  ihr,  als  blofse 
Vorstellung  des  erkennenden  Subjekts,  zu  dem,  was 
sie  noch  auTserdem  sein  mag,  nimmermehr  zu  finden 
sdn,  wenn  der  Forscher  selbst  nichts  weiter  als  das 
rein  erkennende  Subjekt  (geflügelter  Engelskopf  ohne 
Leib)  wäre.  Nun  aber  wurzelt  er  selbst  in  jener 
Welt,  findet  sich  nämlich  in  ihr  als  Individuum, 
d.  h.  sein  Erkennen,  welches  der  bedingende  Trüger 
der  ganzen  Welt  als  Vorstellung  ist,  ist  demnach 
durchaus  vermittelt  durch  einen  Leib,  dessen  Affektionen, 
wie  gezeigt,  dem  Verstände  der  Ausgangspunkt  der 
Anschauung  jener  Welt  sind.  Dieser  Leib  ist  dem 
rein  erkennenden  Subjekt  als  solchen  eine  Vorstellung 
wie  jede  andere,  ein  Objekt  unter  Objekten:  die  Be- 


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VI.    Das  Erkeuuen  der  Wek. 


wegungen,  die  Aktionen  desselben  sind  ihm  insoweit 
Dicht  anders  als  wie  die  Veränderungen  aller  anderen 
anschaulichen  Objekte  bekannt^  und  wären  ihm  ebenso 
fremd  und  unverständlich,  wenn  die  Bedeutung  der- 
selben ihm  nicht  etwa  auf  eine  ganz  andere  Art  ent- 
rätselt wäre  Dem  Subjekt  des  Erkennens, 

welches  durch  «eine  Identität  mit  dem  Leibe  als  Indi- 
viduum auftritt,  ist  dieser  Leib  auf  zwei  ganz  ver- 
schiedene Weisen  gegeben:  einmal  als  Vorstellung  in 
verständiger  Anschauung,  als  Objekt  unter  Objekten, 
und  den  Gesetzen  dieser  unterworfen;  sodann  aber 
autli  zugleich  auf  eine  ganz  andere  Weise,  nämlich 
als  jenes  jedem  uinn ittelbar  ])(  k;Lnnte,  welches  das 
Wort  Wille  bezeichnet»  Jeder  wahre  Akt  seines 
Willens  ist  sofort  und  unausbleiblich  auch  eine  Be- 
wegung  seines  Leibes:  er  kann  den  Akt  nicht  wirk- 
lich wollen,  ohne  zugleich  wahrzunehmen,  dafs  er  als 
Bewegung  des  Leibes  erscheint.  Der  Willensakt  und 
die  Aktion  des  Leibes  sind  nicht  zwei  objektiv  er- 
kannte verschiedene  Zustände,  die  das  Band  der 
Kausalität  verknüpft,  stehen  nicht  im  Verhältnis  von 
Ursache  und  Wirkung;  sondern  sind  eins  und  das- 
selbe, nur  auf  zwei  gänzlich  verschiedene  Weisen  ge- 
geben: einmal  ganz  unmittelbar  und  einmal  in  der 
Anschauung  für  den  Verstand."  Durch  die.so  Aus- 
einandersetzungen glaubt  sich  Schopeniiauer  berechtigt, 
in  dem  Leibe  des  Menschen  die  „Objektität'^  des 
Willens  zu  finden.  £r  ist  der  Meinung,  in  den  Aktionen 
des  Leibes  unmittelbar  eine  Realität,  das  Ding  an 
sich  in  concreto  zu  fehlen.  Gegen  diese  Ausführungen 
mufs  eingewendet  werden,  dafs  uns  die  Aktionen 
unseres  Leibes  nur  durch  Selbstwahruehmungen  zum 


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VI.  Das  Erkennen  der  Welt. 


98 


Be wustsfein  kommen  und  als  solche  nichts  voraus 
haben  vor  anderen  Wahrnehmungen.  Wenn  wir  ihre 
Wesenheit  erkennen  wollen,  so  können  wir  dies 
nur  durch  denkende  Betrachtung,  d.  h*  durch  £in- 
gliederung*  derselben  in  das  ideelle  System  unserer 
Begriffe  und  Ideen. 

Am  tiefsten  eingewurzelt  in  das  naive  Mensch- 
heitsbewui'st:3ein  ist  die  Meinung:  das  Denken  sei 
abstrakt,  ohne  allen  konkreten  Inhalt.  Es  könne  höch- 
stens ein  „ideelles"  Gegenbild  der  Welteinheit  liefern, 
nicht  etwa  diese  selbst.  Wer  so  urteil^  hat  sich  niemals 
klar  gemacht^  was  die  VTahmehmung  ohne  den  Be- 
griff ist.  Sehen  wir  uns  nur  diese  Welt  der  Wahr- 
nehmung an:  Ein  blol'ses  Nebeneinander  im  Raum 
und  Naclieinamlcr  in  der  Zeit,  ein  Agi^regat  zu- 
sammenliaiigloser  Einzelheiten  ist  sie.  Keines  der 
Dinge,  die  da  auftreten  und  abgehen  auf  der  Wahr- 
nehmungsbtthne,  hat  mit  dem  andern  etwas  zu  thun. 
Die  Welt  ist  eine  Mannigfaltigkeit  von  gleichwertigen 
Gegenständen.  Keiner  spielt  eine  gröfsere  Eolle  als 
der  andere  im  Getriebe  der  Welt.  Soll  uns  klar  werden, 
dafs  diese  oder  jene  Thatsache  grölsere  Bedeutung 
hat  als  die  andere,  so  müssen  wir  unser  Denken 
befragen.  Ohne  das  funktionierende  Denken  erscheint 
uns  das  rudimentäre  Organ  des  Tieres,  das  ohne  Be- 
deutung für  dessen  Leben  ist,  gleichwertig  mit  dem 
wichtigsten  Körpergliede.  Die  einzelnen  Thatsachen 
treten  in  ihrer  Bedeutung  in  sich  und  für  die  übrigen 
Toile  der  Welt  erat  hervor,  wenn  das  Denken  seine 
Fttden  zieht  von  Wesen  zu  Wesen,  Diese  Thätigkeit 
des  Denkens  ist  eine  inhaltvolle.  Denn  nur  durch 
einen  ganz  bestimmten  konkreten  Inhalt  kann  ich 


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VI.    Das  Erkennen  der  Welt. 


wissen^  warum  die  Schnecke  auf  einer  niedrigeren 

Organisationsstufe  steht  als  der  Löwe.  Der  blofse 
Anblick,  die  Wahrnehmuns^  giebt  mir  keinen  Inhalt, 
der  mich  über  die  Vollkommenheit  der  Organisation 
belehren  könnte. 

Diesen.  Inhalt  bringt  das  Denken  der  Wahr- 
nehmung aus  der  Begrifis-  und  Ideenwelt  des  Menschen 
entgegen.  Im  Gegensatz  zum.  Wahrnehmungsinhalte,  der 
uns  von  aufsen  gegeben  ist,  erscheint  der  Gedanken- 
inhalt im  Innern.  Die  Form,  in  der  er  zunächst  auf- 
tritt, wollen  wir  als  Intuition  bezeichnen.  Sie  ist 
flir  das  des  Denkens^  was  die  Beobachtung 
für  die  Wahrnehmung  ist,  Intuition  und  Beobachtung 
sind  die  Quellen  unserer  Erkenntnis.  Wir  stehen 
einem  beobachteten  Dinge  der  Welt  so  lange  fremd 
gegenüber,  so  lange  wir  in  unserem  Innern  nicht  die 
entsprechende  Intuition  haben,  die  uns  das  in  der 
Wahrnehmung  fehlende  Stück  der  Wirklichkeit  ergfinzt 
Wer  nicht  die  Fähigkeit  hat,  die  den  Dingen  ent- 
sprechenden Intuitionen  zu  finden,  dem  bleibt  die  volle 
\\'iikliclikeit  verschh)ssen.  Wie  der  Farbenblinde  nur 
Ilelligkeitsuntcrschiede  ohne  Farbenqualitäten  sieht, 
so  kann  der  Intuitionslose  nur  unzusammenhängende 
Wahrnehmungsfragmente  beobachten. 

Ein  Ding  erklären,  verständlich  machen 
heifst  nichts  anderes,  als  es  in  den  Zusammenhang 
hinein  versetzen,  aus  dem  es  durch  die  oben  geschil- 
derte Einrichtung  unserer  Organisation  herausgerissen 
ist.  Ein  von  dem  Weltganzen  abgetrenntes  Ding  giebt 
es  nicht.  Alle  Sonderung  hat  blofs  subjektive  Geltung 
für  unsere  Oi^nisation.  Ftlr  uns  legt  sich  das  Welt- 
ganze auseinander  in :  oben  und  unten,  vor  und  nach, 


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VI.    Das  Erkennen  der  Welt. 


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Ursache  und  Wirkung,  Gegenstand  und  Vorstellung, 

Stoff  und  Kraft,  Objekt  und  Subjekt  u.  s.  w.  Was 
uns  in  der  Beobachtung  an  Einzelheiten  gegeniibertritt, 
das  verbindet  sich  durch  die  zusammenhäugoude,  ein- 
heitliche Welt  unserer  Intuitionen  Glied  für  Glied; 
und  wir  fügen  durch  das  Denken  alles  wieder  in 
Eins  ausammen,  was  wir  durch  das  Wahrnehmen 
getrennt  haben. 

Die  Rätselhaftigkeit  eines  Gegenstandes  liegt  in 
seinem  Sonderdasein.  Diese  ist  aber  von  uns  hervor- 
gerufen und  kann,  innerhalb  der  Begriffswelt,  auch 
wieder  aufgehoben  werden. 

AuTser  durch  Denken  und  Wahrnehmen  ist  uns 
direkt  nichts  gegeben.  Es  entsteht  nun  die  Frage : 
wie  steht  es  gemäfs  unseren  Ausflihrungen  mit  der 
Bedeutung  der  Wahrnehmung?  Wir  haben  zwar  er- 
kannt, dafs  der  Beweis^  den  der  kritische  Idealismus 
für  die  subjektive  Natur  der  Wahrnehmungen  vor- 
bringt, in  sich  zeriWt;  aber  mit  der  Einsicht  in  die 
Unrichtigkeit  des  Beweises  ist  noch  nicht  ausgemacht, 
dafs  die  Sache  selbijt  auf  einem  Irrtume  beruht.  Der 
kritische  Idealismus  geht  in  seiner  Beweisführung  nicht 
von  der  absoluten  Natur  des  Denkens  aus,  sondern 
stützt  sich  darauf,  dafs  der  naive  Realismus,  konsequent 
verfolgt,  sich  selbst  aufhebt.  Wie  stellt  sich  die  Sache, 
wenn  die  Absolutheit  des  Denkens  erkannt  ist? 

Nehmen  wir  an,  es  trete  eine  bestimmte  ^^  alu- 
nehmung,  z.  B.  Mot,  in  meinem  Bewulstsein  auf.  Die 
Wahrnehmung  erweist  sich  bei  fortgehender  Betrach- 
tung in  Zusammenhang  stehend  mit  anderen  Wahr^ 
nehmnngen,  z.  R  einer  bestimmten  Figur,  mit  ge- 
wissen Temperatur-  und  Tastwahmehmungen.  Diesen 


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VI.   Das  Erkennen  der  Welt 


Zusammenhang  bezeichne  ich  als  einen  Gegenstand 
der  Sinnenwelt  Ich  kann  mich  nun  fragen:  was 
findet  sich  auiser  dem  angeführten  noch  in 
jenem  Banmausschnitte,  in  dem  mir  obige  Wahr- 

nehraim^eTi  erscheinen.  Ich  werde  mechanische, 
clieinibclie  und  andere  Vorgänge  innerhalb  des  Raum- 
teiles ünden.  Nun  gehe  ich  weiter  und  untersuche  die 
Vorgänge^  die  ich  auf  dem  Wege  von  dem  Gegen- 
stande zu  meinem  Sinnesorgane  finde.  Ich  werde  Be- 
weguiigs  Vorgänge  in  einem  elastischen  Mittel  finden, 
die  ihrer  Wesenlieit  nach  nicht  das  Geringste  mit  den 
ursprüiigHchen  Wahrnehmungen  ireniein  haben.  Das 
gleiche  Resultat  erhalte  ich,  wenn  ich  die  weitere 
Yermittelung  vom  Sinnorgane  zum  Gehirn  untersuche. 
Auf  jedem  dieser  Gebiete  mache  ich  neue  Wahr- 
nehmungen ;  aber  was  als  bindendes  Mittel  sich  durch 
alle  diese  räumlich  und  zcM'tlich  auseinander! icgen- 
deu  Wahrnehmungen  hindurehwebt,  das  ist  das  Denken. 
Die  den  Schall  vermittelnden  Schwingungen  der  Luft 
sind  mir  gerade  so  als  Wahrnehmungen  gegeben  wie 
der  Schall  selbst  Kur  das  Denken  gliedert  alle  diese 
Wahrnehmungen  aneinander  und  zeigt  sie  in  ihren 
gegenseitigen  Beziehungen.  Wir  können  nicht  davon 
sprechen ,  dafs  es  aiilser  dem  unmittelbar  Wahr- 
genommenen noch  anderes  giebt,  als  die  ideellen  (durch 
das  Denken  aufzudeckenden)  Zusammenhänge  der 
Wahrnehmungen.  Die  über  das  blofs  Wahrgenommene 
hinausgehende  Beziehung  der  Wahmehmungsobjekte 
zum  Wahmehmungssubjekte  ist  also  eine  blofs  ideelle, 
d.  h.  nur  durch  Begriff  e  ausdrUckbare.  Nur  in  dem  Falle, 
wenn  ich  wahrnehmen  konnte,  wie  das  Wahrnehmungs- 
objekt das  W^ahruehmungssubjekt  afdciert,  oder  umge- 


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VI.  Das  Erkennen  der  Welt 


97 


kehrt,  wenn  ich  den  Aufbau  des  W'ahrnehmungsgebikles 
durch  das  Subjekt  beobachten  könnte,  wäre  es  möglicli, 
so  zu  sprechen,  wie  es  die  moderne  Physiologie  und  der  auf 
sie  gebaute  kritische  Idealismus  thun.  Diese  Ansicht 
yerwechselt  einen  ideellen  Bezug  (des  Objekts  auf 
das  Subjekt)  mit  einem  Prozefs,  ron  dem  nur  ge- 
sprochen werden  könnte,  wenn  er  wahrzunehmen  wäre. 
Der  Satz  „Keine  Farbe  ohne  farbenemptiiidendes  Auge" 
kann  daher  nicht  die  Bedeutung  haben,  dalä  das  Auge 
die  Farbe  hervorbringt,  sondern  nur  die,  dafs  ein 
durch  das  Denken  erkennbarer  ideeller  Zusammen- 
hang besteht  zwischen  der  Wahrnehmung  Farbe  und 
der  Wahrnehmung  Auge.  Die  empirische  Wissenschaft 
wird  festzustellen  haben,  wie  sieh  die  Eigenschaften 
des  Auges  und  die  der  Farben  zu  einander  verhalten ; 
durch  welche  Einrichtungen  das  Sehorgan  die  Wahr- 
nehmung der  Farben  vermittelt  u.  s.  w.  Ich  kann 
verfolgen,  wie  eine  Wahrnehmung  auf  die  andere 
folgt,  wie  sie  rttumtich  mit  andern  in  Beziehung  steht, 
und  dies  dann  in  einen  begrifflichen  Aufdruck  bringen; 
aber  ich  kann  niclit  wahrneluuen,  wie  eine  Wahr- 
nehmung aus  dem  Un wahrnehmbaren  hervorgeht 
Alle  Bemtlhungen,  zwischen  den  Wahrnehmungen 
andere  als  Gkdankenbezfige  zu  suchen,  müssen  not- 
wendig scheitern. 

Was  ist  also  die  Wahrnehmung?  Diese  Frage  ist, 
im  allgemeinen  gestellt,  absurd.  Die  Wahrnehmung 
tritt  immer  als  eine  ganz  bestimmte,  als  konkreter 
Inhalt  auf.  Dieser  Inhalt  ist  unmittelbar  gegeben, 
und  erschöpft  sich  in  dem  Gegebenen,  Man  kann 
in  Bezug  auf  dieses  Gegebene  nur  fragen,  was  es  aufser- 
halb  der  Wahrnehmung  d.  i.  für  das  Denken  ist.  Die 

Steiner,  Fbiloaopbie  der  Freiheit.  ^ 


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VI.  Das  Erkenmn  der  Welt. 


Frage  nach  dem  Was  einer  Wahrnehmung  kann  also 
mir  auf  die  begriffliche  Intuition  gehen,  die  ihr  ent- 
spricht. Unter  diesem  Gesichtspunkte  kann  die  Frage 
nach  der  Subjektiirität  der  Wahrnehmung  im  Sinne 
des  kritischen  Idealismus  gar  nicht  angeworfen  werden. 
Als  snbjektiy  darf  nur  bezeichnet  werden,  was  als 
zum  Subjekte  gehörig  wahi^nommen  wird.  Das  Band 
zu  bilden  zwischen  Subjektivem  und  Objektivem 
kommt  keinem,  im  naiven  Sinn  realen,  Prozefs  d.  h. 
einem  wahrnehmbaren  Geschehen  zu,  sondern  allein 
dem  Denken.  Es  ist  also  fUr  uns  objektiv,  was  sich 
fUr  die  Wahrnehmung  als  aufserhalb  dies  Wahr- 
nehmungSBubjektes  gelegen  darstellt  Mein  Wahr- 
nehmungssubjekt bleibt  für  mich  wahrnehmbar,  wenn 
der  Tisch,  der  soeben  vor  mir  steht  aus  dem  Kreise 
meiner  Beobachtung  verschwunden  sein  wird.  Die  Beob- 
achtung des  Tisches  hat  eine,  ebenfalls  bleibende,  Ver- 
änderung in  mir  hervorgerufen.  Ich  behalte  ein  Bild 
des  Tisches  zurflck,  das  nun  mit  meinem  Selbst  rer- 
bunden  ist.  Die  moderne  Psychologie  bezeichnet  dieses 
Bild  als  Erinnerungsvorstellung.  Es  ist  aber  das- 
jenige, was  allein  mit  Recht  Vorstellung  des  Tisches 
genannt  werden  kann.  £s  ist  nämlich  die  wahrnehm- 
bare Veränderung  meines  eigenen  Zustande«  durch 
die  Anwesenheit  des  Tisches  in  meinem  Gesichtsfelde. 
Und  zwar  bedeutet  sie  nicht  die  Veränderung  irgend 
eines  hinter  dem  Walirnehmungssubjekte  stehenden 
„Ich  an  sich",  sondern  die  Veränderung  de^  wahr- 
nehmbaren Subjektes  selbst  Die  Vorstellung  ist  also, 
eine  subjektive  Wahrnehmung  im  Gegensatz  zur  ob- 
jektiyen  Wahrnehmung  bei  Anwesenheit  des  Gegen- 
standes im  Wahmehmungshorizonte.   Das  Zusammen- 


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VI,   Das  Erkennen  der  Welt. 


99 


'  werfen  jener  subjekÜTen  mit  dieser  objektiven  Wahr- 
nehmung führt  zu  dem  Mifsverständnisse  des  Idealis* 

mub;  die  Welt  ist  meine  Vorstellung, 

Es  wird  sich  nun  zunächst  darum  handeln,  den 
Begriff  der  Vorstellung  näher  zu  bestimmen.  Was 
wir  bisher  über  sie  vorgebracht  haben,  ist  nicht  der 
Begriff  derselben,  sondern  weist  nur  den  Weg,  wo  sie 
im  Wahmehmungsfelde  zu  finden  ist.  Der  genaue 
Begriff  der  Vorstellung  wird  es  uns  dann  auch  mög- 
lich machen,  einen  befriedigenden  Aufschlufs  über  das 
Verhältnis  von  Vorstellung  und  Gegenstand  zu  ge- 
winnen. Dies  wird  uns  dann  auch  über  die  Grenze 
fähren,  wo  das  Verhältnis  zwischen  Subjekt  und  Ob- 
jekt von  dem  rein  begrifflichen  Felde  des  Erkennens 
hinabgeführt  wird  in  das  konkrete  individuelle  Leben. 
Wissen  wir  erst,  was  wir  von  der  Welt  zu  halten 
haben,  dann  wird  es  ein  Leichtes  sein,  auch  uns  dar- 
nach einzurichten.  Wir  können  erst  mit  voller  Kraft 
thätig  sein,  wenn  wir  das  Objekt  kennen,  dem  wir 
unsere  Thätigkeit  widmen. 


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VIL 

Die  mensehlielie  ludiTidaalität. 


Die  Hauptschwierigkeit  bei  der  Erklärung  der 
Vorstellungen  wird  von  den  Philosophen  in  dem  Um- 
stände gefunden,  dafs  wir  die  äufseren  Dinge  nicht 
selbst  sind,  und  unsere  Vorstellungen  doch  eine  den 
Dingen  entsprechende  Gestalt  haben  sollen.  Bei  ge- 
nauerem  Zusehen  stellt  sich  aber  heraus,  dafs  diese 
Schwierigkeit  gar  nicht  besteht  Die  äufseren  Dinge 
sind  wir  allerdings  nicht,  aber  wir  gehören  mit  den 
äufseren  Dingen  zu  ein  und  derselben  Welt.  Der 
Ausschnitt  aus  der  Welt,  den  ich  als  mein  Subjekt 
wahrnehme,  wird  von  dem  Strome  des  allgemeinen 
Weltgeschehens  durchzogen.  Fttr  mein  Wahrnehmen 
bin  ich  zunftchst  innerhalb  der  Grenzen  meiner 
Leibeshaut  eingeschlossen.  Aber  was  da  drinnen 
steckt  in  dieser  Leibeshaut,  gehört  zu  dem  Kosmos 
als  einem  Ganzen.  Damit  also  eine  Beziehung  bestehe 
zwischen  meinem  Organismus  ^und  dem  Gegenstande 
aufser  mir,  ist  es  gar  nicht  nötig,  dafs  etwas  von  dem 
Gegenstande  in  mich  hereinschlttpfe  oder  in  meinen 
Geist  einen  Eindruck  mache,  wie  ein  Siegelring  in 
Wachs.    Die  Frage:  wie  bekomme  ich  Kunde  von 


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VII.    Die  inonscliUclit'  InrlivMiuilItät. 


101 


dem  Banme^  der  zelin  Schritte  von  mir  entfernt  stellt^ 

ist  völlig  schief  gestellt.  Sie  entspringt  aus  der  An- 
scluiuuug-,  dafs  meine  Leibesgrenzen  absolute  Scheide- 
wände seien,  durch  die  die  Nachrichten  von  den 
Dingen  in  mich  hereinwandern.  Die  Kräfte,  welche 
innerhalb  meiner  Leibeshant  wirken,  sind  die  gleichen 
wie  die  aufaerhalb  bestehenden.  Ich  bin  also  wirklich 
die  Dinge;  allerdings  nicht  Ich,  insofeme  ich  Wahr- 
nehmungssubjekt bin,  aber  Ich,  insofern  ich  einTeil  inner- 
halb des  allgemeinen  Weltgeschehens  bin.  Die  Wahr- 
nehmung des  Baumes  liegt  mit  meinem  Ich  in  dem- 
selben Ganzen.  Dieses  allgemeine  Weltgesehehen  ruft 
in  gleichem  Malse  dort  die  Wahrnehmung  des  Baumes 
hervor,  wie  hier  die  Wahrnehmung  meines  Ich.  Wäre 
ich  nicht  Weiterkenner,  sondern  Weltschöpfer,  so  ent- 
stünde Objekt  und  Subjekt  (Wahrnehmung  und  Ich) 
in  einem  Akte.  Denn  sie  bedingen  einander  gegen- 
seitig* Als  Weiterkenner  kann  ich  das  Gemeinsame 
der  beiden  *als  zusammengehöriger  Wesenseiten  nur 
durch  Denken  finden,  das  durch  Begriffe  beide  auf- 
einander bezieht. 

Am  schwierigsten  aus  dem  Felde  zu  schlagen 
werden  die  sogenannten  physiologischen  Beweise  für 
die  Subjektivität  unserer  Wahrnehmungen  sein.  Wenn 
ich  einen  Druck  auf  die  Haut  meines  KOrpers  aus- 
führe^ so  nehme  ich  ihn  als  Druckeropfindung  wahr. 
Denselben  Druck  kann  ich  durch  das  Auge  als  Licht, 
durch  das  Ohr  als  Ton  wahrnehmen.  Einen  elek- 
trischen Scldag  nehme  ich  durch  das  Auge  als  Licht, 
durch  das  Ohr  als  Schall,  durch  die  Hautnerven  als  Stöfs, 
durch  das  Geruchsorgan  als  Phosphorgeruch  wahr.  Was 
folgt  aus  dieser  Thatsache?   Nur  dieses:   Ich  nehme 


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102 


VII.   Die  meuschliche  Individualität. 


einen  elektrischen  Schlag  wahr  (resp.  einen  Druck) 
und  darauf  eine  Lichtqualität,  oder  einen  Ton,  besw. 
einen  gewissen  Geruch  u.  s.  w.  Wenn  kein  Auge  da 
wäre,  so  gesellte  sich  zu  der  Wahrnehmung  der 

mechanischen  Erschütterung  in  der  Umgehung  keine 
Lichtqualitüt,  ahm'  die  Anwesenheit  eines  Gehörorgans 
kein  Ton  u,  s.  w.  Mit  welchem  Bechte  kann  man 
sagen,  ohne  Wahrnehmungsorgane  wäre  der  ganze 
Vorgang  nicht  yorhanden?  Wer  von  dem  Umstände^ 
dafs  ein  elektrischer  Vorgang  im  Auge  Licht  hervorruft, 
zurückschliefst:  also  ist  das,  was  wir  als  Licht  em- 
pfinden, aufser  unserem  Organismus  nur  ein  mecha- 
nischer Bewegungsvorgang,  der  vergiist,  dafs  er  nur 
von  einer  Wahrnehmung  auf  die  andere  übergeht  und 
durchaus  nicht  auf  etwas  aufserhalb  der  Wahrnehmung* 
Ebenso  gut,  wie  man  sagen  kann:  das  Auge  nimmt 
einen  mechanischen  Bewegungs  vorgang  seiner  Umgebung 
als  Licht  wahr,  ebensogut  kann  man  behaupten:  eine 
gesetzmäfsige  Veränderung  eines  Gegenstandes  wird 
von  uns  als  Bewegungsvorgang  wahrgenommen.  Wenn 
ich  auf  dem  UmfiEing  einer  rotierenden  Scheibe  ein  Pferd 
zwölfmal  male^  und  zwar  genau  in  den  Gestalten,  die 
sein  Körper  im  fortgehenden  Laufe  annimmt,  so  kann 
ich  durch  Rotieren  der  Scheibe  den  Schein  der  Be- 
wegung hervorrufen.  Ich  brauche  nur  durch  eine 
Öffnung  zu  blicken  und  zwar  so,  dals  ich  in  den  ent- 
sprechenden Zwischenzeiten  die  aufeinander  folgenden 
Stellungen  des  Pferdes  sehe.  Ich  sehe  nicht  zwölf 
Pferdebilder,  sondern  das  Bild  eines  dahineilenden 
Pferdes. 

Die  erwähnte  physiologische  Thatsache  kann  also 
kein  Licht  auf  das  Verhältnis  von  Wahrnehmung  und 


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VII.    Die  menschliche  Individualität. 


103 


VorBtellnng  werfen.    Wir  müssen  uns  auf  andere 

Weibe  zLirechttinden. 

In  dem  Augenblicke,  wo  eine  Wahrnehmung  in 
meinem    ßeobachtungshorizonte   auftaucht,  bethätigt 
sich  durch  mich  auch  das  Denken.   £in  Glied  in 
meinem  Gedankensysteme,  eine  bestimmte  Intuition^ 
ein  Begriff  verbindet  sich  mit  der  Wahrnehmung. 
Wenn  dann  die  Wahrnehmung  aus  meinem  Gesichts- 
kreise verschwiiidtit,:  was  bleibt  zurück?    Meine  In- 
tuitioD  mit  der  Beziehung  auf  die  bestimmte  Wahr- 
nehmung, die  sich  im  Momente  des  Wahrnehmens  ge- 
bildet hat.  Mit  welcher  Lebhaftigkeit  ich  dann  sp&ter 
diese  Beziehung  mir  wieder  vergegenwärtigen  kann, 
das  hängt  von  der  Art  ab,  in  der  mein  geistiger  und 
körperlicher  Organismus  funktioiiiert.   Die  Vorstel- 
lung ist  nichts  anderes  als  eine  auf  eine  bestimmte 
Walrnehmung  bezogene  Intuition,  ein  Begriff,  der  ein- 
mal mit  einer  Wahm^miung  verknüpft  war,  und  dem 
der  Bezug  auf  diese  Wahrnehmung  geblieben  ist.  Mein 
Begiiff  eines  Löwen  ist  nicht  aus  meinen  Wahr- 
neliiuiiigen    von    Löwen   gebildet.     Wohl  aber  ist 
meint   Vorstellung  vom   Löwen   an  der  \^'ahrneh- 
mung  gebildet.  Ich  kann  jemandem  den  B^riff  eines 
Löwei  beibringen,  der  nie  einen  Löwen  gesehen  hat. 
Eine  lebendige  Vorstellung  ihm  beizubringen ,  wird 
mir  eine  sein  eigenes  Wahrnehmen  nicht  gelingen. 

Db  Vorstellung  ist  also  nichts  anderes  als 
ein  indvidualisierter  Begriff.  Uiul  nun  ist  es  uns  er- 
klärlich dafs  für  uns  die  Dinge  der  Wirklichkeit 
durch  '*'or8tellungen  repräsentiert  werden  können. 
Die  voll»  W^irklichkeit  eines  Dinges  ergiebt  sich  uns 
im  Augeiblicke  der  Beobachtung  aus  dem  Zusammen^ 


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104 


VII.   Die  menschlielie  IndMdnalitftt 


gehen  von  Beg^riff  und  Wahrnehmung.  Der  Begriff  er- 
hält durch  eine  Wahrnehmung  eine  individuelle  Gestalt, 
einen  Bezug  zu  dieser  bestimmten  Wahnehmung.  In 
dieser  individuellen  Gestalt,  die  den  Bezug  aaf  die 
Wahrnehmung  als  eine  Elgentflmlichkeit  in  sich  trägt^ 
lebt  er  in  uns  fort  und  bildet  die  Vorstellung  des  be- 
treffenden Dinges.  TrefftMi  wir  auf  ein  zweites  Ding, 
mit  dem  sich  derselbe  Begriff  verbindet,  so  erkennen 
wir  es  mit  dem  ersten  als  zu  derselben  Art  gehtrig; 
treffen  wir  dasselbe  Ding  ein  zweites  Mal  wieder  so 
finden  wir  in  unserem  Begriffssysteme  nicht  nur  tiber- 
haupt  einen  entsprechenden  Begriff,  sondern  den  in- 
dividualisierten Begriff  mit  dem  ihm  eigentümlithen 
Bezug  auf  denselben  Gegenstand,  und  wir  erkemen 
den  Gegenstand  wieder. 

Die  Vorstellung  steht  also  zwischen  Wahmehnung 
und  Begriff.  Sie  ist  der  bestimmte,  auf  die  ^hr- 
nehmung  deutende  Begriff. 

Die  Summe  meiner  Vorstellungen  kann  ich  neine 
Erfahrung  nennen.  Derjenige  Mensch  wird  die 
reichere  Erfahrung  haben,  der  eine  grölsere  Zail  in- 
dividualisierter Begriffe  hat.  Ein  Mensch,  dem  jedes 
IntuitionsvermOgen  fehlt,  ist  nicht  geeignet,  siih  £r- 
ffthrung  zu  erwerben.  Er  verliert  die  Gegeiftände 
wieder  aus  seinem  Gesichtskreise,  weil  ihm  de  Be- 
griffe fehlen,  die  er  zu  ihnen  in  Beziehung  setzen  soll. 
Ein  Mensch  mit  gut  entwickeltem  Denkvemögen, 
aber  mit  einem  infolge  grober  Sinneswerkzeuge 
schlecht  funktionierenden  Wahrnehmen,  wird  ebenso* 
wenig  Erfahrung  sammeln  k($nnen.  Er  kittn  sich 
zwar  auf  irgend  eine  Weise  Begriffe  erwerten;  aber 
seinen  Intuitionen  fehlt  der  lebendige  Bezi^  auf  be- 


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VII.    Die  menschliche  Individualität. 


105 


stimmte  Dinge.   Der  gedankenlose  Reisende  und  der 

in  abstrakten  Begriffsystemen  lebende  Gelehrte  sind 
gleich  unfähig,  sich  eine  reiche  Erfaiirung  zu  er- 
werben. 

Als  Wahrnehmung  und  Begriff  stellt  sich  uns  die 
Wirklichkeit;  als  Vorstellung  die  subjektive  Repräsen- 
tation dieser  Wirklichkeit  dar. 

Wenn  sich  unsere  Persönlichkeit  blofs  als  er- 
kennend äufserte,  so  wäre  die  Summe  alles  Objek- 
tiven in  Wahrnelimung,  Begriff  und  Vorstellung  ge- 
geben . 

Wir  begütigen  uns  aber  nicht  damit,  die  Wahr- 
nehmung mit  Hilfe  des  Denkens  auf  den  Begriff  zu 
beziehen  y  sondern  wir  beziehen  sie  auch  auf  unsere 

besondere  Subjektivität ^  auf  unser  individuelles  Ich. 
Der  Ausdruck  dieses  individuellen  Bezuges  ist  das  Ge- 
ftihl,  das  sich  als  Lust  oder  Unlust  auslebt. 

Denken  und  Fühlen  entsprechen  der  Doppel- 
natur unseres  Wesens,  der  wir  schon  gedacht  haben. 
Das  Denken  ist  das  Element,  durch  das  wir  das 
allgemeine  Geschehen  des  Kosmos  niiLmaehen;  das 
Fühlen  das,  wodurch  wir  uns  in  die  Enge  des 
eigenen  Wesens  zurückziehen. 

Unser  Denken  rerbindet  uns  mit  der  Welt;  unser 
Fühlen  fUhrt  uns  in  uns  selbst  zurtlck,  macht  uns 
erst  zum  Individuum.  Wären  wir  blofs  denkende  und 
wahrnehmende  Wesen,  so  müfste  unser  ganzes  Leben 
in  uiiterschiedloöer  Gleichgültigkeit  dahinfliefsen.  Wenn 
wir  uns  blofs  als  Selbst  erkennen  könnten,  so  wären 
wir  uns  vollständig  gleichgültig.  Erst  dadurch,  dafs 
wir  mit  der  Selbsterkenntnis  das  Selbstgefühl,  mit  der 
Wahrnehmung  der  Dinge  Lust  und  Schmerz  em- 


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106 


VII.   Die  menschliche  Individualität. 


pfinden,  leben  wir  ab  individuelle  Wesen^  deren  Dasein 
nicht  mit  dem  Begrifibverhflltnis  erschöpft  ist,  in  dem 

sie  zu  der  übrigen  Welt  stehen,  sondern  die  noch 
einen  besonderen  Wert  für  sich  haben. 

Man  köuute  versucht  sein,  in  dem  Gefühlsleben 
ein  Element  zu  sehen,  das  reicher  mit  Wirklichkeit 
gesättigt  ist  als  das  denkende  Betrachten  der  Welt. 
Darauf  ist  zu  erwidern^  dafs  das  Geftihlsleben  eben 
doch  nur  für  mein  Individuum  diese  reichere  Bedeu- 
tung hat.  Fiir  (las  \\'cltganze  kann  mein  Gefühls- 
leben nur  einen  Wert  erhalten,  wenn  das  Gefühl,  aU 
Wahrnehmung  an  meinem  Selbst,  mit  einem  Begriffe 
in  Verbindung  tritt  und  sich  auf  diesem  Umwege  dem 
Kosmos  eingliedert 

Unser  Leben  ist  ein  fortwahrendes  Hin-  und  Her- 
pendeln zwischen  dem  Mitleben  des  allgemeinen  Welt- 
geschehens und  Uüberem  individuellen  Sein.  Je  weiter 
wir  hinaufsteigen  in  die  allgemeine  Natur  des  Denkens, 
wo  uns  das  Individuelle  zuletzt  nur  mehr  als  Beispiel, 
als  Elxemplar  des  Begriffes  interessiert,  desto  mehr 
verliert  sich  in  uns  der  Charakter  des  besonderen 
Wesens,  der  ganz  bestimmten  einzelnen  Persönlichkeit. 
Je  weiter  wir  lierabsteigen  in  die  Tiefen  des  Eigen- 
lebens und  unsere  Gefühle  mitklingen  lassen  mit  den 
Erfahrungen  der  Aussenwelt,  desto  mehr  sondern  wir 
uns  ab  von  dem  universellen  Sein.  Eine  wahrhafte 
Individualität  wird  derjenige  sein,  der  am  weitesten 
hinaufreicht  mit  seinen  Gefühlen  in  die  Region  des 
Ideellen.  Es  giebt  Menschen,  bei  denen  auch  die 
allgemeinsten  Ideen,  die  in  ihrem  Kopfe  sich  fest- 
setzen, noch  jene  besondere  Färbung  tragen,  die  sie 
unverkennbar  als  mit  ihrem  Träger  im  Zusammen- 


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VII.    Die  menschliche  Individuali  tat. 


hange  zeigt  Andere  existieren^  deren  Begriffe  so 
ohne  jede  Spur  einer  Eigentümlichkeit  an  uns  heran- 
kommen, als  wären  sie  gar  nicht  aus  einem  Menschen 
entsprungen^  der  Fleisch  und  Blut  hat. 

Das  Vorstellen  giebt  unserem  Begriffsleben  be- 
reits ein  individuelles  Glepräge.  Jedermann  hat  ja 
einen  eigenen  Standort  von  dem  aus  er  die  Welt  be- 
trachtet An  seine  Wahrnehmungen  schlieisen  sich 
seine  Begriffe  an.  Er  wird  auf  seine  besondere  Art 
die  allgemeinen  Begriffe  denken.  Diese  besondere 
Bestimmtheit  ist  ein  Ergebnis  unseres  Standortes  in 
der  Welt,  der  an  unseren  Lebensplatz  sich  an- 
schliefsenden  Wahrnehmungssphftre.  Wir  nennen  die 
hiermit  gekennzeichneten  Voraussetsungen  des  Indi- 
viduellen das  m  1 1  i  e  u. 

Dieser  Bestimmtheit  steht  entgegen  eine  andere, 
von  unserer  besonderen  Organisation  abhängige.  Un- 
sere Organisation  ist  ja  eine  spezielle,  vollbestimmto 
Einzelheit  Wir  verbinden  jeder  besondere  GefUhle 
und  zwar  in  den  verschiedensten  Stärkegraden  mit 
unseren  Wahrnehmungen.  Dies  ist  das  Individuelle 
unserer  Eigenperftüiilichkeit.  Es  bleibt  als  Rest  zurück, 
wenn  wir  die  Bestimmtheiten  des  milieu  alle  in  Rech- 
nung gebracht  haben. 

Ein  vdUig  gedankenleeres  Gefühlsleben  mttfste 
allmählich  allen  Zusammenhang  mit  der  Welt  ver- 
lieren. Die  Erkenntnis  der  Dinge  wird  bei  dem  auf 
Totalität  angelegten  Menschen  Hand  in  Hand  gehen 
mit  der  Ausbildung  und  Entwicklung  des  Gefühls- 
lebens. 

Das  Gefühl  ist  das  Mittel,  wodurch  die  Begriffe 
zunächst  konkretes  Leben  gewinnen. 


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vm. 

Giebt  es  Grenzen  des  Erkennens? 


Wir  haben  festgestellt,  dals  die  Elemente  zur 
Erklärung  der  Wirklichkeit  den  beiden  Sphären:  dem 

Wahrnehmen  und  dem  Denken  zu  entnehmen  sind. 
Unsere  Organisation  bedingt  es,  wie  wir  gesehen 
haben,  dafs  uns  die  volle ,  totale  Wirklichkeit ,  ein- 
schliefslich  unseres  eigenen  Subjektes,  zunächst  als 
Zweiheit  erscheint  Das  Elrkennen  Oberwindet  diese 
Zweiheity  indem  es  ans  den  beiden  Elementen  der 
Wirklichkeit:  der  Wahrnehmung  und  dem  Begriff  das 
ganze  Ding  zusammenfügt.  Nennen  wir  die  Weise, 
in  der  uns  die  Welt  entgegentritt,  bevor  sie  durch 
das  Erkennen  ihre  rechte  Gestalt  gewonnen  hat,  die 
Welt  der  Erscheinung  im  Gegensatz  zu  der  aus  Wahr- 
nehmung und  Begriff  einheitlich  zusammengesetzten 
Wesenheit.  Dann  können  wir  sagen:  die  Welt  ist 
uns  als  Zweiheit  (dualistisch)  gegeben,  und  das  Er- 
kennen verarbeitet  sie  zur  Einheit  (monistisch).  Eine 
Philosophie,  welch  o  von  diesem  Grundprinzip  ausgeht, 
kann  als  monistische  Philosophie  oder  Monismus 
bezeichnet  werden.    Ihr  steht  gegenüber  die  Zwei- 


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Vni.  Giebt  es  Grenseii  des  Erkennens?  109 


Weltentheorie  oder  der  Dualismus.  Der  letstere 
nimmt  nicht  etwa  zwei  blols  durch  unsere  Organisation 

auseinandergehaltene  Seiten  der  einheitlichen  Wirk- 
lichkeit an,  sondern  zwei  von  einander  absolut  ver- 
schiedene Welten.  £r  sucht  dann  Erklärungsprinzipien 
für  die  eine  Welt  in  der  andern. 

Der  Dualismus  beruht  auf  einer  falschen  Auf- 
fassung dessen,  was  wir  Erkenntnis  nennen.  Er  trennt 
das  gesamte  Sein  in  zwei  Gebiete,  von  denen  jedes 
seine  eigenen  Gesetze  hat,  und  läist  diese  Gebiete  ein- 
ander äuTserlich  gegenüberstehen. 

Einem  solchen  Dualismus  entspringt  die  durch 
Kant  in  die  Wissenschaft  eingeführte  und  bis  heute 
nicht  wieder  herausgebrachte  Unterscheidung  von 
WahriicLiiiungsobjekt  und  Ding  an  sich.  Unserefi 
Ausführungen  G:eniiirs  liegt  es  in  der  Natur  unserer 
geistigen  Organisation,  dafs  ein  besonderes  Ding  nur 
als  Wahrnehmung  gegeben  sein  kann.  Das  Denken 
tiberwindet  dann  die  Besonderung,  indem  es  jeder  Wahr- 
nehmung ihre  gesetzmäfsige  Stelle  im  W^eltganzen  an- 
weist. So  lange  die  gesonderten  Teile  des  Weltganzen 
als  Wahrnehmungen  bestimmt  werden ,  folgen  wir 
einfach  m  der  Aussonderung  einem  Gesetze  unserer 
Subjektivität.  Betrachten  wir  aber  die  Summe  aller 
Wahrnehmungen  als  den  Einen  Teil  und  stellen  diesem 
dann  einen  zweiten  in  den  ^Dingen  an  sich**  gegen- 
über, so  philosophieren  wir  ins  Blaue  hinein.  Wir 
haben  es  dann  mit  einem  blofscn  Begi^iffsspiel  zu  thun. 
Wir  konstruieren  einen  künstlichen  Gegensatz,  können 
aber  für  das  zweite  Glied  desselben  keinen  Inhalt  ge- 
winnen^ denn  ein  solcher  kann  fiOr  ein  besonderes 
Ding  nur  aus  der  Wahrnehmung  geschöpft  werden. 


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110  VIII.  Qiebt  es  Gransea  des  Erkennens? 


Jede  Art  des  Seins,  das  aufserhalb  des  Gebietes 

von  W'alirnehmung  und  Bcp^riff  angenommen  wird,  ist 
in  die  Sphäre  der  unbt-reclitigten  Hypothesen  zu  ver- 
weisen. In  diese  Kategorie  gehört  das  „Ding  an  sich". 
Es  ist  nur  ganz  natürlich,  dafe  der  dualistische  Denker 
den  ZusammeBhang  des  hypothetisch  angenommeneu 
Weltprinsipes  und  des  eifahrungsmäfsig  Gegebenen 
nicht  finden  kanii.  Für  das  hyjx)thetische  Weltprincip 
lafsL  sieh  nur  ein  Inhalt  p^ewinnen,  wenn  man  ihn  aus 
der  Erfahrungswelt  entlehnt  und  sich  über  diese  That- 
sache  hinwegtäuscht.  Sonst  bleibt  es  ein  inhaltsleerer 
Begriff,  ein  Unbogrif^  der  nur  die  Form  des  Begriffes 
hat  Der  dualistische  Denker  behauptet  dann  gewöhn- 
lich :  der  Inlialt  dieses  Begriffes  sei  unsem'  Erkenntnis 
unzugänglich;  wir  konnten  nur  wissen,  dafs  ein 
solcher  Inhalt  vorhanden  ist^  nicht  was  vorhanden  ist. 
In  beiden  Fällen  ist  die  Überwindung  des  Dualismus 
unmöglich.  Bringt  man  ein  paar  abstrakte  Elemente 
der  Erfahrungswelt  in  den  Begriff  des  Dinges  an  sich 
hinein,  dann  bleibt  es  doch  unmöglich,  das  reiche  konkrete 
Leben  der  Erfahrung  auf  ein  paar  Eigenschaften  zurück- 
ZufÜhreUi  die  selbst  nur  aus  dieser  Wahruehnunig  ent- 
nommen sind.  Du  Bois-Keymond  stellt  fest,  dafs  die 
unwahmehmbaren  Atome  der  Materie  durch  ihre  Lage 
und  Bewegung  Empfindung  und  Gefühl  erzeugen,  um 
dann  zu  dem  Schlüsse  zu  kommen:  wir  können  nie- 
mals zu  einer  befriedigenden  Erklärung  darüber 
kommen,  wie  Materie  und  Bewegung  Empfindung  und 
GefiLhl  erzeugen,  denn  „es  ist  eben  durchaus  und  fUr 
immer  unbegreiflich,  dafs  es  einer  Anzahl  von  Kohlen- 
stoff-, Wasserstoff*,  Stickstoff-  u.  s.  w.  Atomen  nicht 
sollte  gleichgiltig  sein,  wie  sie  liegen  und  sich  be- 


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VIIL   Giebt  es  Grenzen  des  Erkennens?  Hl 


Avegen,  wie  sie  lagen  und  sich  bewegten,  wie  sie  liegen 
und  sich  bewegen  werden.  i:^s  ist  in  keiner  Weise 
einzusehen,  wie  aus  ihrem  Zasammenwirken  BewuTst- 
sein  entstehen  kdnne^ .  Diese  Schlufsfolgentng  ist  charak- 
teristisch für  die  ^anse  Denkrichtiing.  Aus  der  reichen 
Welt  der  Wahrnehmungen  wird  abgesondert:  Lage 
und  Bewegung.  Diese  werden  auf  die  erdachte  Welt 
der  Atome  übertragen.  Dann  tritt  die  Verwunderung 
darüber  ein^  dafs  man  aus  diesem  selbs^machten  und 
aus  der  Wahmehmungswelt  entlehnten  Prinzip  das 
konkrete  Leben  nicht  herauswickeki  kann. 

Dafs  der  Dualist,  der  mit  einem  vollständig  inhalt- 
leeren Begriff  vom  Ansich  arbeitet,  zu  keiner  Welt- 
erklärung kommen  kann^  folgt  schon  aus  der,  oben 
angegebenen,  Definition  seines  Prinzipes, 

In  jedem  Falle  sieht  sich  der  Dualist  gezwungen, 
unserem  Erkenntnisvermögen  unühersteigliche  Schran- 
ken zu  setzen.  Der  Anhänger  einer  monistischen 
Weltanschauung  weifs,  daU  alles,  was  er  zur  Erklärung 
einer  ihm  gegebenen  Erscheinung  der  Welt  braucht, 
im  Bereiche  der  letztem  liegen  müsse.  W^as  ihn  hindert, 
dazu  zu  gelangen,  können  nur  zuf^ige  zeitliche  oder 
räumliche  Schranken  oder  Mängel  seiner  Organisation 
sein.  Und  zwar  nicht  der  menschlichen  Organisation 
im  allgemeinen,  sondern  nur  seiner  besonderen  indivi- 
duellen« 

Es  folgt  aus  dem  BegriÜ'e  des  Erkennens,  wie  wir 
ihn  bestinunt  haben,  da(s  von  Erkenntnisgrenzen  nicht 
gesprochen  werden  kann.  Das  Erkennen  ist  keine 
allgemeine  Weltangelegenheit,  sondern  ein  Geschäft, 

das  der  ^lensch  mit  sich  selbst  abzumachen  hat.  Die 
Dinge  verlangen  keine  Erklärung.    Öie  existieren  und 


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Vlll.   Giebt  es  Grenzen  des  Erkenueus? 


wirken  aufeinander  nach  den  Gesetzen,  die  durch  das 
Denken  aufEndbar  sind.  Sie  existieren  in  unzertrenn- 
licher Einheit  mit  diesen  Oesetzen.  Da  tritt  ihnen 
unsere  Ichheit  gegenüber  nnd  erßiÜst  von  ihnen  su- 

nächst  nur  das,  was  wir  als  Wahrnehmung  bezeichnet 
haben.  Aber  in  dem  Innern  dieser  Ichheit  findet  sieh 
die  Kratt,  uiu  auch  den  andern  Teil  der  Wirklichkeit  zu 
finden.  Erst  wenn  die  Ichheit  die  beiden  Elemente 
der  Wirklichkeit,  die  in  der  Welt  unzertrennlich  ver- 
bunden sind^  auch  für  sich  vereinigt  hat,  dann  ist  die 
Erkenntnisbefriedigung  eingetreten :  das  Ich  ist  wieder 
bei  der  WirkUclikeit  angelangt 

Die  Vorbedingungen  zum  Entstehen  des  Erkennens 
sind  also  durch  und  für  das  Ich.  Das  letztere 
giebt  sich  selbst  die  Fragen  des  Erkennens  aai.  Und 
zwar  entnimmt  es  sie  aus  dem  in  sich  vollständig 
klaren  nnd  durchsichtigen  Elemente  des  Denkens. 
Stellen  wir  uns  Fragen ,  die  wir  nicht  beantworten 
können,  so  kann  der  Inhalt  der  Frage  nicht  in  allen 
seinen  Teilen  klar  und  deutlich  sein.  Nicht  die  Welt 
stellt  an  uns  die  Fragen,  sondern  wir  selbst  stellen  sie. 

Ich  kann  mir  denken,  dafa  mir  jede  Möglichkeit 
fehlt,  eine 
…[truncated]