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Die
der Freiheit
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Rudolf Steiner
HARVARD COLLEGE LIBR\RY
FROM THE
SchiiivimmJacksoTi
FUND
EOR TH£ PUR.CHASE OF BOOKS ON
Social WfeLFARE & Moral Philosophy
OVEN IN HONOR OF HIS PARENTS.THEIR SIMPUCITY
SINCERITY AND FEARLESSNESS
i
DIE
' PHILOSOPHIE DER FRÜHBT.
ORUMDZÜGE
EINER
MODKßNEN WELTANSCHAUUNG
VON ' . ■ '
DR RUDOLF STEINER.
Beobachtungs-Kesultate nachi naiox^ '
wi«««nichaftlieher Uethode.
1-,
BERLIN.
VERLAG VON EMIL FKLBER.
1894.
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. ^ .d by Googl
DIE
PHILOSOPHIE DER FREIHEIT.
GRUNDZÜGE
EIKEB
MODERNEN WELTANSCHAUUNG.
VON
D"* RUDOLF STEINER.
Beobachtujags-ResulUto nach natur.
wisaenseliafllidher Method«.
BERLIN.
V£RLAG VON EMIL F£LB£B.
1894.
HARVARD COLLEGE LIBKAHIT
JACKSON FUNO ^
Alle Jtechte Torbelulten.
Inhalt.
Wissenschaft der Freiheit. Seite
Die Zifle alles Wissens , , , , , , . , , , . , 3
T)as hftwnfwtft mpTiRchlif^ha Handeln . . . , , . . . : 9
Der Grtmdtrieb zur Wissen sdiaft 22
Das Denken im Dienste der Weltauffassung 31
Die Welt als Wahrnehmung 52
Das Erkennen der Welt . . . , ._ , , , , ; , , 77
Die mensehlichft Tndividualititt . . . . , . : , . , , 100
Giebt e« Grenzen de« Erkennen«? . . . , . . , . . » IßS
Die Wirklichkeit der Treilielt.
Die Fakt/^ren t\pR T.ehen« . . . . . . , , . , . . ^ 129
Die Idee der Freiheit, . . . . . . . . . . , ^ . . lÜß
Freiheitsphilosophie und Monismus I^j2
Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen) . 170
Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit) ♦ . 177
Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus) . . . 191
Individualität und Gattung 224
Die letzten Fragen.
Die Konsequenzen des Monismus 233
j .d by Google
Wissenschaft der Freiheit.
Steiner, Fliilosophio der Freiheit.
1
Die ^eie alles Wissens.
Ich glaube einen Grundzug unseres Zeitalters
richtig zu treffen, wenn ich sage: der Kultus des mensch-
lichen Individuums strebt gegenwärtig dahin, Mittel-
punkt aller Lebensinteressen zu werden. Mit Energie
wird die Überwindung jeder wie immer gearteten Autori-
tät erstrebt. Was gelten soll, mufs seinen Ursprung
in den Wurseln der Individualität haben. Abgewiesen
wird alles ^ was die volle Entfaltung der Kräfte des
Einzelnen hemmt. „Ein jeglicher mufs seinen Helden
wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich
nacharbeitet," gilt nicht mehr für uns. Wir lassen
uns keine Ideale aufdrängen; wir sind überzeugt, dafs
in jedem von uns etwas lebt, das edel ist und wert,
sur Entwicklung zu kommen, wenn wir nur tief ge*
nug, bis in den Grund unseres Wesens, hinabzusteigen
vermögen. Wir glauben nicht mehr daran, dafs es
einen Nonnalmenschen giebt, zu dem alle hinstreben
sollen. Unsere Anschauung von der VoUkommenlieit
des Ganzen ist die, dafs es auf der besonderen Voll-
kommenheit jedes einzelnen Individuums beruht. Nicht
4
I. Die Ziele «lief WiMens.
das, was jeder andere auch kann, wollen wir hervor-
bringen, sondern, was nach der Eigentümlichkeit un-
seres Wesens nur uns möglich ist, soll als unser
Scherflein der Weltentwicklung einverleibt werden.
Niemals wollten die Künstler woniger wissen von
Nonnen und Regeln der Kunst als heute. Jeder be-
lumptet ein Recht zu haben, das künstlerisch zu ge-
stalten, was ihm ei^en ist. Es giebt Dramatiker, die
lieber im Dialekt schreiben, als in einer von der
Grammatik geforderten Normalsprache.
Keinen besseren Ausdruck kann ich finden für
diese Erscheinungen als den: sie gehen hervor aus
dem bis aufs Höchste gesteigerten Freiheitsdrang des
Individuums. Wir wollen nach keiner Richtung ab-
hängig sein; und wo Abiiängigkeit sein mufs, da
erti^agen wir sie nur, wenn sie mit einem Lebensinter-
esse unseres Individuums zusammen^Ut.
Ein solches Zeitalter kann auch die Wahrheit
nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen
wollen. Von Schillers bekannten zwei Wegen:
„Wahrheit .suchen wir beide, du aiifüen im Leben, ich inneu
In dem Herzen, und so findet sie jeder pewif».
Ist das Auge gesund, so beo-eirnet es n iisf n dem Schöpforj
Ist es das Herz, dann gewils spiegelt es innoa die Welt"
wird der Gegenwart YOrztt^ch der zweite frommen.
Eine Wahrheit, die uns von aufsen kommt, trügt
immer den Stempel der Unsicheiiiert an sich« Hur
was einem jeden von uns in seinem eigenen Inaerii
als Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.
Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen
im Entwickeln unserer individueilcn Kräfte. Wer von
Zweifein gequält ist, dessen Kräfte sind gdähmi. In
I. Die Ziele alles Wissens.
einer Welt, die ihm rätselhaft ist; kann er kein Ziel
seines Schaffens finden.
Wir wollen nicht mehr glauben: wir wollen
wissen. Der Glaube fordert Anerkennung von Wahr-
heiten^ die wir nicht ganz durchschauen. Was wir
aber nicht durchschauen , widerstrebt dem Indivi-
duellen; das alles mit seinem tiefsten Innern durch-
leben will. Nur das Wissen befriedigt uns, das
keiner äufseren Norm sich unterwirft, sondern aus
dem Innenleben der Persönlichkeit ent8}>ringt.
Wir wollen auch kein solches Wissen, das in ein-
gefrornen Schuiregehi sich ein- fUr allemal aus-
gestaltet hat, und in, für alle Zeiten gültigen Kom-
pendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder be-
rechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen
unmittelbaren Erlebnissen auszugelien, und von da aus
zur Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen.
Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf
seine eigene Art
Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch
nicht mehr eine solche Gestalt annehmen ; als wenn
ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges
wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaltliclien
Schrift einen Titel geben, wie einst Fi cht e: „Sonnen-
klarer Bericht an das gröfsere Publikum Uber das
eigentliche Wesen der neuesten Philosophie. £in
Versuch, die Leser zum Verstehen su
zwingen." Heute soll niemand zum Verstehen ge-
zwungen werden. Wen nicht ein besonderes, indi-
viduelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von
dem fordern wir keine Anerkennung. Auch dem noch
unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir gegen-
G
I. Die Ziele alles Wls<(iis.
wärtig keine firkenntniBse eintrichtern, sondern wir
suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit e8
nicht mehr zum Verstehen gezwungen zu werden
braucht, »ondern verstehen will.
Ich gebe mich keiner Illusion hin in Bezug auf
diese Charakteristik meines Zeitalters. Ich weifs, wie
viel individualitätloses Schablonentum lebt und sich
breit macht. Aber ich weils ebenso gut, dafa viele
meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Rich-
tung ihr Leben einzurichten suchen. Ihnen möchte
ich diese Schrift widmen. soll nicht „den einzig
mögliclun" Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll
von demjenigen erzählen^ den einer eingeschlagen
hat, dem es um Wahrheit zu thun ist.
Die Schrift führt zuerst in abstraktere Oebiete,
wo der Gedanke scharfe Contouren ziehen mufs, um
zu sichern Punkten zu kommen. Aber der Leser wird
aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete
Le>)on gefuhrt. Ich bin eben durchaus der Ansicht,
dafs man auch in das Atherreich der Abstraktion sich
erheben mufs, wenn man das Dasein nach allen Rich-
tungen durchleben will. Wer nur mit den Sinnen zu
geniefsen versteht, der kennt die Leckerbissen des
Lebens nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die
Lernenden erst Jahre eines entsagenden und asketischen
Lebens verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie
selbst wissen* Das Abendland fordert zur Wissenschaft
keine frommen Übungen und keine Askese mehr,
aber es verlangt dafür den guten Willen , kurze Zeit
sich den unmittelbaren Eindrücken des Lebens zai
entziehen, und in das Gebiet der reinen Gedankenwelt
sich zu begeben.
T. Die Ziele alles Wissens.
7
Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes
einzelne entwickeln sieb besondere Wissenschaften.
Das Leben selbst aber ist eine Einheit, und Je mehr
die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die einzelnen
Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von
der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es mufs
ein Wissen geben, das in den einzelnen Wissenschaften
die Elemente sucht , lun den Menscben zum vollen
Leben wieder zurückzufübren. Der wissenschaftlicbe
Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein
Bewnfstseiu von der Welt und ihren Wirkungen
erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel ein philoso-
pbiscbes : die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig
werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der
hier angestrebten Wissenschaft Ein ahnliches Verhältnis
herrscht in den Künsten. Der Komponist arbeitet auf
Grund der Kompositionslehre. Die letztere ist eine
Hümme von Kennlnissen, deren üesitz eine notwendige
Vorbedingung des Komponierens ist. Im Komponieren
dienen die Gesetze der Kompoldtionslehre dem Leben,
der realen Wirklichkeit Genau in demselben Sinne
ist die Philosophie eine Kunst. Alle wirklichen
Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie
wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale
lind die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen
Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch kon-
kretesy individuelles Leben. Die Ideen werden Lebens-
mächte. Wir haben dann nicht blofs ein Wissen von
den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen,
sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser
wirkliches, thätiges Bewufstsein hat sich über ein blofs
passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt
8
I. Die Ziele alles Wissens.
Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit
des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob
wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das
ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen
wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil
sie zuletzt Aufklärung geben Uber jene, meiner Mei-
nung nach, den Menschen am nttchsten liegenden
Fragen. Eine „Philosophie der Freiheit* soll
in diesen lUilttern gegeben werden.
Alle Wissenschaft wäre nur Befriedierung' müfsiger
Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des
Dasein s wertes der menschlichen Persön-
lichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die
Wissenschaften erst durch eine Darstellung der mensch-
lichen Bedeutung ihrer Resultate. Nicht die Veredlung
eines einzelnen Seelenverniögens kann Endzweck des
Individuums sein, sondern die Entwicklung aller in
uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat
nur dadurch Wert, dafs es einen Beitrag liefert zur
allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur«
Diese Schrift fafst deshalb die Beziehung zwischen
Wissenschaft und Leben nicht so auf, dafs der Mensch
sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ilirem
Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, dafs er
sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen
menschlichen Zielen, die über die blofs wissen-
schaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
Man mufs sich der Idee als Herr gegenfiberstellen,
sonst gerät man unter ihre Knechtschaft
s
II.
Das bewufäte menschliclie Handeln.
Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln
frei, oder steht er unter dem Zwange einer ehernen
Notwendigkeit? Auf wenige Fragen ist soviel Seliarf-
sinn gewendet worden, als auf diese. Die Idee der
Freiheit hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner
in reicher Zahl gefunden. Es giebt Menschen, die in
ihrem sittlichen Pathos jeden für einen beschrttnkten
Gteist erklttren, der eine so offenkundige Thatsache
wie die Freiheit zu leugnen vermag. Ihnen stehen
andere gegenüber, die darin den Gipfel der Unwissen-
schaftlichkeit erblicken, wenn jemand die Gesetz-
mafsigkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen
Handelns und Denkens unterbrochen glaubt Ein und
dasselbe Ding wird hier gleich oft für das kostbarste
Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion erklärt.
Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um
zu erklären, Avic sich die menschliche Freiheit mit
dem Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch
angehört, verträgt. Nicht geringer ist die Mühe, mit
der Ton anderer Seite begreiflich zu machen gesucht
10
IL Das bewufste menschliche Handdn.
wurde, wie eine solche Wahnidee hat entstehen können.
Daffl man es hier mit einer der wichtigsten Fragen
des Lebeiiö, der Religion, der Praxis und der Wissen-
schaft zu thun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht
das Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste
Zug seines Charakters ist. Und es gehört zu den
traurigen Zeichen der OberfllU^iilichkeit gegenwärtigen
Denkens, dals ein Buch, das aus den Ergebnissen
neuerer Naturforschung einen „neuen Glauben** prägen
will (Dav. i'ried. Strauss: „Der alte und neue Glaube" ),
über diese Frage nicfits enthält als die Worte: „Auf
die h ra^e nach der Freiheit des menschlichen Willens
haben wir uns hierbei nicht einzulassen. Die ver-
meintlich indifferente Wahlfreiheit ist von jeder
Philosophie, die des Namens wert war, immer aü ein
leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wert-
bejstiinmung der menschlichen Handlangen und Ge-
sinnungen aber bleibt von jener Frage unberührt."
Nicht weil ich glaube, dafs das l^uch, in dem sie steht,
eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle
hier an, sondern weil sie mir die Meinung auszu-
sprechen scheint, bis zu der sich in der fraglichen
Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeit-
genossen aufzuschwingen vermag. Dals die Freiheit
darin nicht bestehen könne, von zwei möglichen
Uandiungen ganz nach Belieben die eine oder die
andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen, der
darauf Anspruch macht, den wissenschaftlichen Kinder^
schuhen entwachsen zu sein. £s ist immer, so be-
hauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden,
warum man von mehreren möglichen Handlungen
gerade eine bestimmte zur Ausfuhrung bringt.
II. Das bewufBte ineuBchlicfae Handeln.
11
Das scheint mnleachtend. Trotzdem richten sieb
bib zum heutigen Tage die Hauptangriffe der Frei-
Leitsii<'L;iier nur gegen die WahltVeiheit. Sagt doch
sogar Herbert 8 peucer, dessen Ansichten mit jedem
Tage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der
Psychologie, von Herbert Spencer, deutsche Aus-
gabe vonDr.B. Vetter, Stuttgart 1882): „Dafs aber
jedermann auch nach Belieben begehren
oder n i c h t b c g e Ii r e n k ö ii ii e , wuä der eigentliche,
im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das
wird treiiicb ebensosehr durch die Analyse des
Bewufstseins, als durch den Inhalt der vorhergehenden
Kapitel (der Psychologie) Terneint.*^ Von demselben
Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den
Begriff des freien Willens bekämpfen. Im Keime
finden sich alle diesbezüglichen Ausführungen schon
bei Spinoza. Was dieser klar und einfach gegen
die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem
unzählige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist in
die spitzfindigsten theoretischen Lehren, sodafs es
schwer wird, den schlichten Gedankengang, auf den es
allein ankommt, zu erkennen. Spinoza sehreibt in
einem Briefe vom Oktober oder November 1674: „Ich
nenne nämlich die Sache frei, die aus der blofsen
Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und
gezwungen nenne ich die, welche von etwas
. anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester
Weise bestimmt wird. So besteht z. B. Gtott, obgleich
notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit
seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich
selbst und alles andere frei, weil es aus der Not-
wendigkeit seiner Natur allein folgt, dals er alles
12
II. Das bewufste menschliche Handeln.
erkennt Sie sehen also, dafs ich die Freiheit nicht
in ein freies Beschliefsen , sondern in eine freie Not-
wendigkeit setze.
„Doch wir Wullen zu den erschaffenen Dingen
herabsteigen, welche sämtlich von äulseren Ursachen
bestimmt werden ^ in fester und genauer Weise zu
bestehen und zu wirken. Um dies deaüieher einzu*
sehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache vor-
stellen. So erhält z. B. ein Stein von einer äufseren,
iliii ötofsenden Ursache eine gewisse Menge von Be-
wegung, mit der er nachher, wenn der 8tofs der
äulseren Ursache aufgehört hat, notwendig fortfährt,
sich zu bewegen. Dieses Beharren des Steines in
seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein
notwendiges, weil es durch den Stoss einer äufseren
Ursache definiert werden mufs. Was hier von dem
Stein giltj gilt von jeder anderen einzelnen Sache, und
mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem
geeignet sein, nämlich, dafs jede Sache notwendig von
einer äufseren Ursache bestimmt wird, in fester und
genauer Weise zu bestehen und zu wirken.
„Nehmen Sie nun, ich bitte, an, dafs
der Stein, während er sich bewegt, denkt
und w ei f 8 , e r b e s t r e b e s i e h , soviel er kann,
indem B e w e g e n f o r t z u f a h r cn. D i e s e r S t e i li ,
der nur »eines Strebens sich bewufst ist
und keineswegs gleichgültig sich verhält,
wird glauben, dafs er ganz frei sei und dafs
er aus keinem anderen Grunde in seiner
Bewegung fortfahre, als weil er es wolle.
Dies ist aber jene menschliche 1' r c i h e i t ,
die alle zu besitz en behaupten und die nur
n. Du bewufste menseblielie Haadelia*
13
darin besteht, dafs die Menschen ihres Be-
gehrens sich bewufst sind, aber die Ur-
sachen^ von denen sie bestimmt werden»
nicht kennen. So glaubt das Kind, dafs es die
Milch frei begehre, and der zornige Knabe, dafs er frei
die Rache Terlange^ und der Furchtsame die Flucht.
Ferner ja^laubt der Betrunkene, dafs er nach freiem
Entschlul.s dies spreche, was er, wenn er nüchtern
geworden, gern nicht gesprochen hätte, und da dieses
Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann
man sich nicht leicht daTon befreie. Denn wenn
auch die Erlahmng genttgend lehrt, dafs die Menschen
am wenigsten ihr Begehren mäfsigen können und dals
sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das
Bessere einsehen und dfis Schlechtere thun, so lialten
sie sich doch für frei und zwar, weil sie manches
weniger stark begehren und manches Begehren leicht
durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich
oft entsinnt, gdiemmt werden kann/
Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene
Ansicht vorliegt, wird es auch leicht, den Gruiidin tum,
der darin steckt, aufzudecken. So notwendig wie der
Stein auf einen Anstofs hin eine bestimmte Bewegung
ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine
Handlang ausftlhrra, wenn er durch irgend einen
Ghfund daeu getrieben wird. Nur weil der Mensch ein
Bemrufetsein ron seiner Handlung hat, httit er sich Mr
den freien Veranlasser derselben. Er übersieht dabei
aber, dafs eine Ursache ihn treibt, der er unbedingt
folgen mufs. Der Irrtum in diesem Gedankengange
ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken wie
er, übersehen, dafs der Mensch nieht nur ein BewuOstsein
14
II. Das bewafete menscMiche Handeln.
von seiner Handlung hat, sondern es auch von den
Ursachen haben kann , von denen er geleitet wird.
Niemand wird es bestreiten, dafs das Kind unfrei
ist, wenn es die Milch begehrt, dafs der Betrunkene
es ist, wenn er Dinge spricht, die er später bereut.
Beide wissen nichts von den Ursachen, die in den
Tiefen: ihres Organismus thätig sind, und unter deren
unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es
berechtigt, Handlungen dieser Art in einen Topf zu
werfen mit solchen, bei denen sich der Mensch nicht
nur seines Handelns bewufst ist, sondern auch der
GrfUidey die ihn YeranlatMo? 8ind die Handlangen der
Menschen denn von einerlei Art? Darf die That des
Kriegers auf dem Schlachtfelde, die des wissenschaft-
lichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes
in verwickeisten diplomatisclien Angelegenheiten wissen-
schaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit der
des Kindes, wenn es nach Milch begehrt? Wohl ist es
wahr, dafs man die Lösung einer Aufgabe da am besten
versucht, wo die Sache am ein&chsten ist. Aber oft
schon hat der Mangel an Unterscheidungs vermögen
endlose Verwirrung gebracht. Und ein tiefgreifender
Unterschied ist es doch, ob ich weils, warum ich etwas
thue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunächst scheint
das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein. Und
doch wird von den G^^em der Freiheit nie darnach
gefragt: ob denn ein Beweggrund meines Handelns,
den ich erkenne und durchschaue, für mich in gleichem
8inne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozefs,
der das Kind veranlafst, nach Milch zu schreien.
Eduard von llartmann behauptet in seiner
„Phänomenologie des sittlichen Bewufstseins^ (8. 45 1),
n. Bas bewufiite menschliche Handeln.
15
das menschliche Wollen hänge von zwei Hauptfaktoren
ab : von den Beweggründen und von dem (Jharakter.
Betrachtet man die Menschen alle ak gleich, oder
doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so er-
scheint ihr Wollen von anfsen ab bestimmt; nämlich
dnrcli die Umstände, die an sie herantreten. Erwägt
man aber, dafs Terschiedene Menschen eine Vorstellung
erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen,
wenn ihr Charakter ein solcher ist, der durch die ent-
sprechende Vorstellung zu einer Begehrung veranlafst
wirdy so erscheint der Mensch von innen bestimmt
und nicht von aufsen. Der Mensch glaubt nun,
weil er» gemäfs seinem Charakter, eine ihm von auTsen
aufgedrängte Vorstellung erst zum Beweggrund machen
mufs! er sei frei, d. h. unabhängig von äufseren
Beweggründen. iJie Wahrheit aber ist, nach Eduard
von Hartmann, dafs: „wenn wir auch selbst die Vor-
stellungen erst zu Motiven erheben, so thun wir dies
doch nicht willktlrlich, sondern nach der Notwendigkeit
unserer charakterologischen Veranl- igung, also nichts
weniger als frei." Auch hier bleibt der Umstand
ohne alle Berücksichtigung: , der besteht zwischen
Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse,
nachdem ich sie mit meinem Bewufstsein durchdrungen
habe, und solchen, denen ich folge, ohne dafs ich ein
klares Wissen von ihnen besitze.
Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt,
von dem aus hier die Sache angesehen werden soll.
Darf die Frage nach der Freiheit unseres ^^'illens
überhaupt einseitig für sich versucht werden? Und
wenn nicht: mit welcher andern mufs sie notwendig
verknüpft werden?
16 II. Das bewufste momofaliche Handeln.
Ist ein Unterschied zwischen einem bewufsten
Beweggrund meines Handelns und einem unbewufsten,
dann wird der erstere auch eine Hantlhin^- nacli sich
ziehen^ die anders beurteilt werden mufs, als eine solche
aus blindem Drange. Die Frage nach diesem Unter-
schied wird also die erste sein. Und was sie ergiebig
davon wird es erst abhängen ^ wie wir uns zu der
eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
Was heifst es, ein Wissen von den Gründen
seines Handelns liaben? Man hat diese i"'rage zu wenig
berücksichtigt, weil mau leider immer in zwei Teile
zerrissen hat^ was ein untrennbares Ganze ist: den
Menschen, Den Handelnden und den Erkennenden
unterschied man, und leer ausgegangen ist dabei nur
der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt:
der aus Erkenntnis Handelnde.
Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter
der Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter
der der animalischen Begierden. Oder auch : Freihat
bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und
Entschlüssen bestimmen za kennen.
Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts
gewunnen. Denn das ist ja eben die Frage, ob die
Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in gleicher
Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie
animalische Begierden. Wenn ohne mein Zuthun ein
vemünflüger Entschlufs in mir auftaucht, gerade mit
derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann
kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine
Freiheit ist eine Illusion.
Eine andere Redensart lautet : Freisein heifst : nicht
wollen künnen, was man will, sondern thun können^
iX. Das bewuDste menschliche Handeln.
17
was man will. Diesem Gedanken hat der Dichter-
Philosoph Robert Harne rling in semer „Atomistik
des Willens" einen seharfumrissenen Ausdruck gegeben.
„Der Mensch kann allerdings thun, was er will — aber
er kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille
durch Motive bestimmt ist! — Er kann nicht wollen
was er will? Sehe man sich diese Worte doch
einmal näher an. Ist ein vernünftiger Sinn darin?
Freiheit des Wollens mUfste also darin bestehen, dafs
man ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte?
Aber was heifst denn Wollen anders, als einen
Grund haben^ dies lieber zu thun oder anzustreben
als jenes V Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen,
hiefse etwas wollen, ohne es zu wollen. Mit dem
Begriffe des WoUens ist der des Motivs unzertrennlich
verkntlpfL Ohne ein bestimmendes Motiv ist der
Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv
wird er thätig und reell. Es ist also ganz richtig,
dafs der menscliliche Wille insofern nicht „tVei"^ ist,
als seine Richtung immer durch das stärkste der
Motive bestimmt ist. Aber es mufs andererseits zu-
gegeben werden, daOs es absurd ist, dieser „Unfreiheit^
gegentlber von einer denkbaren „Freiheit* des Willens
zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können, was
man nicht will." (Atomistik des ^^'iliens 8. 213 f.)
Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen
gesprochen, ohne auf den Unterschied zwischen
unbewufsten und bewufsten KUcksicht zu nehmen.
Wenn ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen
bin, ihm zu folgen, weil es sich als das „stärkste**
unter seinesgleichen erweist, dann hört der Gedanke
an Freiheit auf, einen Sinn zu luiben. Wie soll es
Steiner, Philosophie dyr Freiheit. 2
18
II. Das bevufste menschliche Handeln«
für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas thun
kann oder nicht, wenn ich von dem Motive gezwungen
es zu thun? Nicht darauf kommt es zunächst
an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt
hat, etwas thun kann oder nicht, sondern ob es nur
solche Motive giebt, die mit zwingender Notwendigkeit
wirken. Wenn ich etwas wollen mufs, dann ist es
mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es
Äuch thun kann. Wenn mir wegen meines Charakters
und wegen der in meiner Umgebung herrschenden
Umstände ein Motiv autgedrängt wird, das sich meinem
Denken gegenilber als unvernünftig erweist, dann
müTste ich sogar froh sein, wenn ich nicht könnte,
was ich will.
Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefafsten
Entschlufs zur Ausführung bringen kann, sondern wie
der Entschlufs in mir entsteht.
Was dt^n Mensciieii von allen andern organischen
Wesen unterscheidet, ist sein vernünftiges Denken.
Thätig zu sein, hat er mit anderen Organismen gemein.
Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung
des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen
nach Analogieen im Tierreiche sucht. Die moderne
Naturwissenschaft liebt solche Analogieen. Und wenn
es ilir gelungen ist, bei den Tieren etwas dem mensch-
lichen Verhalten Ahnliches gefunden zu haben, glaubt
sie, die wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen
berührt zu haben. Zu welchen Miisyerständnissen
diese Meinung führt, zeigt sich z. B. in dem Buche:
„Die Illusion der Willensfreiheit von P. Ree, 1885," der
(S. 5) über die Freiheit folgendes sagt: „Dafs es uns
so scheint, als ob die Bewegung des iSteines notwendigi
IL Dbb Iwwut^te menschUche Handeln. 19
des Esels Wollen nicht notwendig wäre, ist leicht
erklärlich. Die Ursachen, welche den Stein bewegen,
sind ja draufsen und sichtbar. Die Ursachen abei>
vermöge deren der Esel will, sind drinnen und
unsichtbar: zwischen uns und der Sttttte ihrer Wirk-
samkeit befindet sich die Hirnschale des E^eb
Man sieht die kausale Bedin^heit nicht, und meint
daher, sie sei nicht vorhanden. J >:us Wollen, erklärt
man, sei zwar die Ursache der Umdrehung [dan Eselü],
selbst aber sei es unbedingt ; es sei ein absoluter Au^ftug."^
Also .auch hier wieder wird über Handlungen des
Menschen, bei denen er ein Bewufstsein von den
Gründen seines Handelns hat, einfach hinweggegangen,
denn R^e erklärt: „zwischen uns und der SlÄtte ihrer
Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des Esel«".
Dafs es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber
solche der Menschen giebt, bei denen zwischen uns
und der Handlung das bewuTst gewordene Motiv
li^t, davon hat, schon nach diesen Worten, keine
Ahnung. Er beweist das einige Seiten später auch
noch durch die Worte: „Wir nehmen die Ursachen
nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt wird,
daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich
bedingt."
Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daTs
viele gegen die FVeiheit kämpfen, ohne zu wissen, was
Freiheit überhaupt ist
Dafs eine Handlung nicht frei sein kann, von
der der Thäter nicht weifs, warum er sie vollbringt,
ist ganz selbstverständlich. Wie verhält es sich aber
mit einer solchen, tlber deren Gründe gedacht wird?
Das fuhrt uns auf die Frage : welches ist der Ursprung
2*
20
II. Du bewafste menscMiche Handeln.
und die Bedeutung des Denkens? Wenn wir wissen»
was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es
auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine
liolle das Denken beim menschlichen Handeln spielt.
„Das Denken macht die Seele , womit auch das Tier
begabt ist, erst zum Geiste^, sagt H^gel mit Recht»
und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen
Handeln sein eigen tümliciies Gepräge geben.
Keiuesweg.s soll behauptet werden, dafs all unser
Handeln nur aus der nüchternen Überlegung unseres-
Verstandes fliefse. Nur diejenigen Handlungen als im
höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus
dem abstrakten Urteil hervoigehen, liegt mir ganz fem.
Aber sobald sich unser Handeln heranf^rhebt aus dem
Gebiete der Befriedigung rein animalischer Begierden^
sind unsere Beweggründe immer von Gedanken durch-
setzt. Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern
des Handelns, die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe
auflösen lassen. Man sagt: das Herz, das Gemttt
treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das
Herz und das Gemüt schaffen keine Beweggründe des
Handelns. Sie setzen dieselben voraus. In meinem
Herzen stellt sieh das Mitleid ein, wenn in meinem
Bewufötsein die Vorstellung einer mitleiderregenden
Person aufgetreten ist Der Weg zum Herzen geht durch
den Kopf. Davon macht auch die Liebe keine Aus-
nahme. Wenn sie nicht die blofse Äufserung dea
niedrigen Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf
den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen
machen. Und je idealistischer diese Vorstellungen sind^
desto beseligender ist die Liebe. Auch hier ist der
Gedanke der Vater des Gefühles. Man sagt: die Liebe
II. Das bewufste menscblidie Handela.
21
uiaelic blind inr die Sclnväohen des geliebten Wesens.
Die Sache kann auch nragekehrt angefafst werden und
behauptet: die Liebe öffae gerade für die Vorzüge das
Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen Vorzügen vor-
bei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie^ und
eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele.
Was hat er anderes gethan: als von dem sich eine
Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine
liaben. Sie habon die Liebe nicht, weil ihnen die
Vorstellung mangelt.
Wir mögen die Sache anfassen^ wie wir wollen:
immer klarer mufs es werden, dafs die Frage nach
dem Wesen des menschlichen Handelns die andere Tor-
aussetzt nach dem Urspi-unge des Denkens. Ich
wende mich daher zunächst dieser Frage zu.
III.
Der Grnndtrleb zur Wissensehaft.
j^Zwei Seelen wohnen, ach! in meiiier Brost,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Oi^anen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dost
Zu den Gefilden hoher Ahnen."
(Faust I, 1112—1117.)
Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in
der menschlichen Natur hegrttndeten Charakterzug
aus. Kein einheitlich organisiertes Wesen ist der
Mensch. Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm
freiwillig giebt. Bedürfnisse hat die Natur uns ge-
geben, und die Befriedigung überläfst sie unserer
eigenen Thätigkeit. Reichlich sind die Gaben, die
uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser Begehren.
Wir scheinen zur Unzufriedenheit geboren. Nur ein
besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser Er-
kenntnisdrang. Wir blicken einen Baum zweimal an.
Wir sehen das eine Mal seine Aste in Ruhe, das
andere Mal in Bewegung. Wir geben uns mit dieser
Beobachtung nicht zufrieden. Warum stellt sich uns
der Baum das eine Mal ruhend, das andere Mal in
Illr Der Grundtrieb zur Wissenschaft.
23
Bewegung dar? So fragen wir. Jeder Blick in die
Natur erzeugt in uns eine Summe von Fragen. Mit
jeder Eröcheinung, die uns entgegentritt, ist uns eine
Aufgabe mitgegeben. Jedes Erlebnis wird uns zum
Rätsel. Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere
ähnliches Wesen hervoi^ehen; wir fragen nach dem
Grunde dieser Ähnlichkeit Wir beobachten an einem
Lebewesen Wachstum und Entwicklung bis zu einem
bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen
nach den Bedingungen dieser Erfahrung. Nirgends
sind wir mit dem zufrieden, was die Natur vor unseren
Sinnen ausbreitet. Wir suchen überall nach dem,
was wir Erklärung der Thatsachen nennen.
Der Überschufs dessen, was wir in den Dingen
suchen, über das, was uns in ihnen unmittelbar ge-
geben ist, spaltet unser ganzes Wesen in zwei Teile;
wir werden uns unseres Gegensatzes zur Welt be-
wufst. Wir stellen uns als ein selbständiges Wesen der
Welt gegenüber. Das Univ(Tsum erscheint uns in den
zwei Gegensätzen: Ich und Welt
Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt
errichten wir, sobald das Bewufstsein in uns auf-
leuchtet. Aber niemals verlieren wir das Gefühl, dafi
wir doch zur Welt gehören, dafs ein Band besteht,
das uns verbindet, dals wir nicht ein Wesen aufs er-
halb, sondern innerhalb des Universums sind.
Dieses GefUhl erzeugt das Streben, den Gegen-
satz zu überbrücken. Und in der Überbrückung
dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das
ganze geistige iStreben der Menschheit. Die Geschichte
des geistigen Lebens ist ein fortwährendes Suchen der
Einheit zwischen uns und der Welt Religion, Kumst
24
HL Der Ornndtrieb zur Wissenschaft.
und Wissenschaft verfolgen gleiclierinafseii di^sps Ziel.
Der lieligiÖs-Glfiubige sucht in der Otfenbaruiig-, die
ihm Gott zuteil werden lälst, die Lösung der Welt-
rätsel) die ilim sein mit der blofsen Erscheinungs-
welt unzufriedenes Ichaufgieht. DerKttnstier sucht dem
Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden^ um das in seinem
Innern Lebende mit der Aufsenwelt zu versöhnen. Auch
er fühlt sich unbefriedigt von der blofsen Erscheinungs-
welt und sucht ihr jenes Mehr einzuformen, das sein
Ich, über sie hinausgehend^ birgt. Der Denker sucht
nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt
denkend zu durchdringen, was er beobachtend erföhrt
Erst wenn wir den Weltinhalt zu unserem Ge*
lUiu ke ni nhal t gemaclit haben , erst dann linden
Avir den Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst
gelöst haben. Wir werden sp&ter sehen, dals dieses
Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe des wissen-
schaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgeMst
wird, als dies oft geschieht. Das ganze Verhältnis,
das ich hier dargelegt habe, tritt uns in einer welt-
geschichtlichen Erscheiuuug entgingen : in dem Gegen-
batze der einheitlichen Weltauffassung oder des Monis-
mus und der Zweiwelten theorie oder des D ualismus.
Der Dualismus richtet den Blick nur auf die von dem
Bewufstsein des Menschen vollzogene Trennung zwischen
Ich und Welt. Sein ganzes Streben ist ein ohnmttch-
tiges Ringen nach der Versöhnung dieser Gegensätze,
die er bald Geist luid Materie, bald S u b j e k t und
Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt.
Er hat ein Gefühl, dafs es eine Brücke geben mufs
zwischen den beiden Welten, aber er ist nicht im-
stande, sie zu finden. Der Monismus richtet den
III. Der Grundtrieb zttr Wiaseuachaft. 2&
Blick allein auf die Einheit und sucht die einmal vor-
handenen Gegensätze zu leugnen oder zu verwischen.
Keine von den beiden Anschauungen kann befriedigen,
denn sie werden d»_'n Thauachen nicht gereclit. Der
Dualismus sieht Geist (ich) und Materie (Welt) als
zwei grundverschiedene Wesenheiten an, und kann
deshalb nicht begreifen, wie beide aufeinander wirken
können. Wie soll der Geist wissen, was in der Materie
vorgeht, wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz
fremd ist? Oder wie soll er unter diesen Umständen
auf sie wirken, so dafs sich seine Absichten in Thaten
umsetzen? Die widersinnigsten Hypothesen wurden
aufgestellt, um diese Fragen zu lösen. Aber auch mit
dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser.
Er hat sich bis jetzt in einer dreifachen Art zu helfen
gesucht: entweder er leugnet den Geist und wird
zum Materialismus; oder er leug"net die Materie, um
im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er
behauptet, dafs auch schon in dem einfachsten Welt-
wesen Materie und Geist untrennbar verbunden sind,
wesw^en man gar nicht erstaunt zu sein brauchte,
wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auf-
treten, die ja nirgends getrennt sind.
Der Materialismus kann niemals eine be-
friedigende Welterklärung liefern. Denn jeder Versuch
einer Erklärung mufs damit beginnen, dafs man sich
Oedanken über die Welterscheinungen bildet. Der
Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem
Gedanken der Materie oder der materiellen Vorgänge.
Damit hat er bereits zwei verschiedene Thatsachen-
gebiete vor sich; die materielle Welt und die Gedanken
über sie. Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen,
26
III. Der Grundtrieb zur VV isseiischait.
dafs er sie als einen rein materiellen Prozefs autialst.
Er glaubt, dafs das Denken im Gehirne etwa so zu*
Stande komme^ wie die Verdauung in den animalischen
Organen. So wie er der Materie mechanische, chemische
und orjnfanische Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr
auch die 1 Eiligkeit bei, unter bestimmten Bedinp^ungen
zu denken. Er verglfst, dafs er nun das Problem nur
an einen andern Ort verlegt hat. Statt sich selbst,
schreibt er die Fähigkeit des Denkens der Materie
zu. Und damit ist er wieder an seinem Ausgangs-
punkte. Wie kommt die Materie dazu, über ihr
eigenes Wesen nachzudenken? Warurt ist sie nicht
einfach mit sich zufrieden und nimmt ihr Dasein hin?
Von dem bestimmten Subjekt, von unserem eij^enen
Ich hat er den Blick abgewandt und auf ein un-
hestimmteSy nebelhaftes Gebilde ist er gekommen. Und
hier tritt ihm dasselbe Rätsel entgegen. Die materiali-
stische Anschauung vermag das Problem nicht zu
lösen, sondern nur zu verschieben.
Wie steht es mit der spiritualistlsclien ? Der
Spiritual ist leugnet die Materie (die Welt) und fafst
sie nur als ein Produkt des Geistes (des Ich) auf.
Er stellt sich vor, dafs die ganze Erscheinungswelt
nur ein aus dem Geiste herausgesponnenes Wesen sei.
Diese Weltanschauung sieht sich sofort in die Enge
getrieben, wenn sie den Versuch macht, irgend eine
konkrete Erseheinung aus dem Geiste heraus zu ent-
wickeln. Sie kann es weder im Erkennen noch im
Handeln. Will man die Aussenwelt wirklich er-
kennen, so mufs man den Blick nach aufsen wenden und
eine Anleihe bei der Erfahrung machen. Ohne dieses
kann unser Geist zu keinem Inhalt kommen. Ebenso
III. Der Gnmdtrieb zur Wissenschaft.
27
müssen wir, wenn 'wir ans Handeln gehen, unsere
Absichten mit Hülfe der materiellen Stoffe und Kräfte
in Wirklichkeit umsetzen. Wir sind also auf die
Aufsenwelt angewiesen. Der extremste Spiritual ist,
oder wenn m<an will. Idealist, ist Johann Gottlieb
Fichte. Er versuchte das ganze Weltgebäude aus
>dem «Ich'' abzuleiten. Was ihm dabei wirklich ge-
lungen ist, ist ein grofsartiges Gedankenbild der
Welt, ohne allen £rfahrungsinhalt So wenig es dem
Materialisten möglich ist, den Geist, ebensowenig ist
es dem Idealisten möglich, die materielle Auiöenwelt
wegzudekretioren.
Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die
Anschauung Fried. Alb. Langes, wie er sie in seiner
vielgelesenen „Geschichte des Materialismus** vertreten
hat. Er nimmt an, dafs der Materialismus ganz recht
hat, wenn er alle Welterscheinungen, einschliefslich
unseres Denkens, lür das Produkt rein stofflicher
Vorgänge erklärt; nur sei um^?ekelirt die Materie und
ihre Vorgänge selbst wieder ein Produkt unseres
Denkens. „Die Sinne geben uns Wirkungen der
Dinge, nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst.
Zu diesen blofsen Wirkungen gehören aber auch die
Sinne selbst samt dem Hirn und den in ihm gedachten
Molecularschwiiigiaigon." D. h. unser Denken wird
von den materiellen Prozessen erzeugt und diese von
unserem Denken. Langes Philosophie ist somit nichts
anderes, als die in Begriffe umgesetzte Geschichte des
wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen
Haarschopf frei in der Lufik festhält.
Die dritte Form des Monismus ist die, welche in
dem einfachsten Wesen (Atom) bereits die beiden
28
Iii. Der Grund trieb zur Wisseuschaft.
Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt sieht. Dbt
mit ist aber auch nichts erreicht, als dafs die Frage^
die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf
einen anderen Schauplatz versetzt wird. Wie kommt
das einfache We^en dazu, sich in einer zweifachen
W eise zu äufsern, wenn es eine ungetrennte Ein-
heit ist?
Allen diesen Standpunkten gegenüber mult> geltend
gemacht werden, das uns der Grund- und Urgegen-
satz zuerst in unserem eigenen Bewufstsein entgegen-
tritt. Wir sind es selbst, die wir uns von dem
Mutterboden der Natur loslösen, und uns als »Ich**
der „Welt" gegenüberstellen. Klassisch spricht das
Goethe in seinem Aufsatz „Die Natur" aus: „Wir
leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr fremde.
Sie spricht unaufhörlich mit uns, und verrät uns ihr
Geheimnis nicht." Aber auch die Kehrseite kennt
Goethe: „Die Menschen sind alle in ihr und sie in
allen.**
So wahr es ist, dafs wir uns der Natur entfremdet
haben, so wahr ist es, dafs wir fühlen: wir sind in
ihr und gehören zu ihr. Es kann nur ihr eigenes
Wirken sein, das auch in uns lebt
Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden.
Eine einfache Überlegung kann uns diesen Weg
weisen. Wir haben uns zwar losgerissen von der
Natur; aber wir müssen doch etwas mit herüber-
genommen haben in unser eigenes ^^'esen. Dieses
Naturweseu in uns müssen wir aufsuchen, dann werden
wir den Zusammenhang auch wieder finden. Das
versftumt der Dualismus. £r hfilt das menschliche
Innere für ein der Natur ganz fremdes Ckistwesen
III. Der Gnindtrieb mt WiMenschaft
29
und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein
W Liuder, dafs er das Bindeglied nicht finden kann.
Wir können die Natur aufser uns nur ündeu, wenn
wir sie in uns erst kennen. Das ihr Gleiche in unserem
eigenen Innern wird uns der Führer sein. Damit ist
uns unsere Bahn vorgezeiehnet. Wir wollen keine
Spekulationen anstellen tlber die Wechselwirkung von
Natur und Geeist. Wir wollen aber hinuntcrsteigen in
die Tiefen unseres eigenen \\ c^ens, um da jene Kie-
mente zu finden, die wir lier Ubergerettet haben bei
unserer Flucht aus der Natur.
Die Erforschung unseres Wesens muTs uns die
Lösung des Rätsels bringen. Wir müssen an einen
Punkt kommen, wo wir uns sagen können: hier sind
wir nicht mehr blofs „Ich", hier liegt etwas, was mehr
als „Ich" ist.
Ich bin darauf gefafst, dafs manclier, der bis hierher
gelesen hat, meine Ausführungen nicht „dem gegen-
wärtigen Stande der Wissenschaff^ gemäfs findet
Ich kann dem gegenüber nur erwidern, dafs ich es
bisher mit keinerlei wissenschaftlichen Besultaten zu
thun haben wollte, sondern mit der einfachen Be-
sclireibung dessen, was jedermann in seinem eigenen
Bewufstsein erlebt. Dafs dabei auch einzelne Sätze
über Versöhnungsversuche des Bewufstseins mit der
Welt eingeflossen sind, hat nur den Zweck, die eigent-
lichen Thatsachen zu verdeutlicben. Ich habe des-
halb auch keinen Wert darauf gelegt, die einzelnen
Ausdrücke, wie „Ich", „(Jelst", „^^'ek , „Natur" u.s. w.
in der priicisen Weise zu gebrauchen, wie es in der
Psychologie und Philosophie üblich ist. Das alltäg-
liche Bewufstsein kennt die scharfen Unterschiede der
30
in. Der Grandtrieb cur WisMiucbaft.
Wissenschaft nicht, und um (3ine Aufnahme dcb alltäg-
lichen Tliatbestandes handelte es sich bisher blofs. Der
Einwand, dafs meine bisherigen Ausführungen der
Wissenschaft nicht entsprecbenf gliche etwa dem, der
jemand gemacht würde, wenn er ein Gedicht zunächst
recitierte und nicht gleich bei jeder Zeile eine ästhe-
tisch-wissenschaftliche Kritik gäbe. Nicht wie die
Wissenschaft hislier das Bewufstseiii interpretiert hat,
geht mich an, sondern wie sich dasselbe stündlich
darlebt
IV.
Das Denken im Dienste der Weitauffassang.
Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die
gestufseu wird, iliro Bewegung auf eine andere Uber-
trägt, öo bleibe ich auf den Verlauf diesjes beobachteten
Vorganges ganz ohne Einflufs. Die Bewegungsrichtung
und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die.
Richtung und Schnelligkeit iler ersten bestinuni So
lange ich mich blofs als Beobachter Y^halte, weifs ich
über die Bewe^^ung der zweiten Kugel erst dann etwas
zu «agen , wenn dieselbe eingetreten ist. Anders ist
die Sache, wenn icli über den Inhalt meiner Beobach-
tung nachzudenken beginne. Mein Nachdenken hat
den Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu bilden.
Ich bringe den Begriff einer ehistischen Kugel in Ver^
bindung mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik
und ziehe die besonderen Umstände in Erwägung, die
in dem vorkommenden Falle obwalten. Ich suche also
zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zuthun abspielt,
einen zweiten hinzuzufügen, der sich in der begriff-
lichen Sphäre YoUzieht. Der letztere ist Ton mir ab-
hängig. Das zeigt sich dadurch, dafis ich mich mit
32
IV. Das Denken im Dienste der Weltauffassnng.
der Beobachtung begnügen und aui alles Begriffe-
snchen verzichten kann, A\emi ich kein Berliirt'nis
darnach habe. Wenn dieses Bedürfnis aber vorhanden
ist, dann bernhigc ich mich erst, wenn ich die Be-
griffe: Kugel, Eiasticitäty Bew^uDg, Störs, Geschwin-
digkeit u. 8. w. in eine gewisse Verbindung gebracht
habe, 8U welcher der beobachtete Vorgang in einem
bestimmten Verhältnisse steht. So gewifs es nun ist,
dafs sich der Vorgang unabhängig von mir vollzieht,
so gewifs ist es, dai's sich der begrifiliche Frozeis ohne
mein Zuthun nicht abspielen kann.
Ob diese meine Thätigkeit wirklich der Ausflufs
meines selbstundigen Wesens ist^ oder ob die modernen
Physiologen Recht haben, welche sagen, dafs wir nicht
denken können, wie wir >vollen , sondern denken
mtissen, wie es die gerade in un'^erem Bewulstsein
vorhandenen Gedanken und Gedankenverbindungen
bestimmen (vergl. Ziehen, Leitfaden der physio-
logischen Psychologie, Jena 1898, S. 171), wird
Gegenstand einer späteren Auseinandersetzung sein*
Vorläufig wollen wir blofs die Thatsache feststellen,
dafs wir uns fortwährend gezwungen fühlen, zu den
ohne unser Zuthun uns gegebenen Gegenständen und
Vorgängen Begriffe und Begriffsverbindungen zu
suchen, die zu jenen in einer gewissen Beziehung
stehen. Ob dies Thun in Wahrheit unser Thun ist
oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit
gemäfs vollziehen, lassen wir vorläufig dahin gestellt.
Dafs es uns ziuuichst als das unserige erscheint, ist
ohne Frage. Wir wissen ganz genau, dafs uns mit
den Gegenständen nicht zugleich deren Begriffe mit-
gegeben werden. Dafs ich selbst der Thätige bin^ mag
IV. D&8 Denken im Dienste der "Weltauffassung. 33
auf einem Schein beruhen ; der unmittelbaren Beobach-
tung stellt sich die Sache jedenfalls so dar. Die Frage
ist nun: was gewinnen wir dadurch, dafs wir zu
einem Vorgange ein begrifFliches Gegenstück hinzu-
finden ?
Es ist ein tiefgreifender Untcrsciiied zwischen der
Art; wie sich für mich die Teile eines Vorganges zu
einander verhalten vor und nach der Auffindung der
entsprechenden Begriffe. Die blofse Beobachtung kann
die Teile eines gegc^benen Vorganges in ihrem Ver-
laufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor
der Zuhilienahrae von Begriffen dunkeh Ich sehe die
erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und mit
einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite
sich bew^n; was nach erfolgtem Stöfs geschieht,
mufs ich abwarten und kann es dann auch wieder nur
mit den Augen verfolgen. Nehmen wir an, es ver-
decke mir im Augenblicke des Stofscs jemand das
Feld, auf dem der Vorgang sich abspielt, so bin ich
— als blofser Beobachter — ohne Kenntnis, was nach-
her geschieht. Anders ist das, wenn ich fllr die Kon-
stellation der Verhältnisse vor dem Verdecken die
entsprechenden Begriffe gefunden habe. In diesem
Falle kann ich angeben, was geschieht, auch wenn die
Möglichkeit der Beobachtung aufhört. Ein blofs be-
obachteter Vorgang oder Gegenstand ergiebt aus sich
selbst nichts über seinen Zusammenhang mit anderen
Voigängen oder Gegenständen. Dieser Zusammenhang
wird erst ersichtlich , wenn sich die Beobachtung mit
dem Denken verbindet.
Beobachtung und Denken sind die beiden
Ausgangspunkte für alles geistige Streben des Men-
Steiner, Plülosophie der Freiiieit. 8
34 Denken im. Dienste der Weltauffasson^.
Bchen, insoferne er sich eines solchen bewuCst ist Die
Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und
die Verwickeltesten wissenschattlichen Forschungen
ruhen auf diesen beiden Grundjjäuleii unseres Geistes.
Die Philosophen sind von verschiedenen Urgegensätzen
ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und
Objekt, Erscheinung- und Ding an sich, Ich und Nicht-
Ich, Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und
Stoff, Bewufstes und UnbewuTstes. Es läfst sich aber
leicht zeigen, dufs allen diesen Gegcnsiitzen der von
Beobachtung und Denken, als der für den Men-
schen wichtigste, vorangehen mufs.
Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen:
wir mttssen es irgendwo als von uns beobachtet nach-
weisen, oder in Form eines klaren Gedankens, der
▼on jedem anderen nachgedacht werden kann, aus-
sprechen. Jeder Philosoph , der cinfängt über seine
Urprinzipien zu sprechen, mufs sich dor begrifflichen
form, und dainit des Denkens bedi in n. Er giebt
daniit indirekt zu, dafs er zu seiner Bethätigung das
Denken bereits voraussetzt. Ob das Denken oder
irgend etwas anderes Hauptelement der Weltentwick*
lung ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht.
jJal's aber der Pliiloso])h ohne das Denken kein Wissen
darüber gewinnen kann, das ist von voriilierein klar.
Beim Zustandekommen der Welterscheinungen mag
das Denken eine Nebenrolle spielen, beim Zustande-
kommen einer Ansicht darüber kommt ihm aber sicher
eine Hauptrolle zu.
Was nun die Beobachtung betriff!, so liegt es in
unserer Organisation, dafs wir derselben bedürfen.
Unser Denken über ein Pferd und der Gegenstand
IV, D»« Denken im Dienste der Weltauflfassung. 35
Pferd sind zwei Dinge, die fttr uns getrennt auftreten.
Und dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung
zugilnglich. So wenig wir durch das blofse Anstarren
eines Pferdes uns einen Begriff von demselben machen
können, ebensowenig sind wir im Stande, durch blofses
Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzu-
bringen.
Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken
voraus. Denn auch das Denken mttssen wir erst
durch Beobachtung kennen lernen. Es war wesenth'ch
die Beschreibung einer Beobachtung", als wir am Ein-
gange dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken
an einem Vorgange entzündet und über das ohne sein
Zuthun Gregebene hinausgeht. Alles was in den Kreis
unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die Be-
obachtung erst gewahr. Der Inhalt von Empfindungen,
Wahnielimungen, Anschauungen, die Gefühle, Willens-
akte, Traum- und Phantasiegebilde, Vorstellungen,
Begriffe und Ideen, sämtliche Illusionen und Haliu-
cinationen werden uns durch die Beobachtung
gegeben.
Nur unterscheidet sich das Denken als Beobach-
tungsobjekt doch wesentlich von allen andern Dingen.
Die l^eobachtun<i^ eines Tisclies, eines Baumes tritt bei
mir ein. sobald diese Gegenstände auf dem Horizonte
meiner Erlebnisse auttauchen. J}m Denken aber über
diese Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig.
Den Tisch beobachte ich, das Denken über den Tisch
fllhre ich aus, aber ich beobachte es nicht in dem-
selben Augenblicke. Ich mufs mich erst auf einen
Standpunkt aui-crhalb meiner eigenen Thätigkeit ver-
setzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken
3*
36
VI. Das Denken im Dienste der Weltauffassong.
über den Tisch beobachten will. Während das Be-
obachten der Gegenstände und Vorgänge und das
Denken darüber ganz alltägliche, mein fortlaufendes
Leben ausfüllende Zustände sind, ist die Beobachtung
de« Denkens eine Art Ausnahmezustand. Diese That-
sache mufs in entsprechender Weise berücksichtigt
werden, wenn es sieh daram handelt , das Verhältnis
des Denkens zu allen anderen Beobachtungsinhalten
zu bestimmen. Man raufs sich klar darüber sein, dafs
man bei der Beobachtung des Denkens auf dieses ein
Verfahren anwendet j das für die Betrachtung des
ganzen übrigen Weltinhaltes den normalen Zustand
bildet, das aber im Verfolge dieses normalen Zostandes
für das Denken selbst nicht eintritt'
Es könnte jemand den Einwand machen , dafs
das gieiehe, was icli hier von dem Denken bemerkt
habe, auch von dem Fühlen und den übrigen geistigen
Tbätigkeiten gelte. Wenn wir z. B, das Gefühl der
Lust haben , so entzünde sich das auch an einem
Gegenstände^ und ich beobachte zwar diesen Gegen-
stand, nicht aber das Gefühl der Lust Dieser Ein-
wand beruht aber auf einem Irrtum. Die Lust steht
durchaus nicht in demselben Verhältnisse zu ihrem
Gegenstande wie der Be.ü^riff, den das Denken bildet.
Ich bin mir auf das bestimmteste bewufst, dafs der
Begriff einer Sache durch meine Thätigkeit gebildet
wird, während die Lust in mir auf ähnliche Art durch
einen Gegenstand erzeugt wird, wie z. B. die Ver^
änderung, die ein fallender Stein in einem Gegen-
stande bewirkt, auf den er auffällt. Für die Beobach-
tung ist die Lust in ^onau derselben Weise gegeben,
wie der sie veranlassende Vorgang. Edn Gleiches gilt
iV. Das Denken im Dienste der WeltanfiEassung.
37
nicht vom Begriffe. Ich kann fragen : warom erzeugt
ein bestimmter Vorgang bei mir das GefOhl der Lust?
Aber ich kann durchaus nicht fragen : warum erzeugt
ein Vorgang bei mir eine bestimmte Summe von ]>e-
griffen? Das hatte einfach keinen Sinn. Bei dem
l^achdenken über einen Vorgang handelt es sich gar
nicht um eine Wirkung auf mich. Ich kann dadurch
nichts iXher mich erfahren, dafs ich fUr die beobachtete
Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe ge-
worfener Stein in dieser bewirkt, die entsprechenden
Begriffe kenne. Aber ich erfahre sehr wohl etwas
über meine Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne,
das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt. Wenn
Ich einem beobachteten Gegenstand gegenüber sage:
dies ist eine Rose, so sage ich über mich selbst nicht
das Geringste aus; wenn ich aber von demselben Dinge
sage : es bereitet mir das Gef)ih] der Lust, so habe ich
nicht nur die Ii ose, sondern auch mich selbst in meinem
Verhältnis znr Rose charakterisiert.
Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem
Fühlen der Beobachtung gegenüber kann also nicht
die Bede sein. Dasselbe liefse sich leicht auch für
die andern Thätigkeiten des menschlichen Geistes ab-
leiten. Sie gehören dem Denken gegenüber in eine
Reihe mit anderen beobachteten (regenständen nnd
Vorgangen. Es gehört eben zu der (M^^entinnlicljen
Natur des Denkens, dafs es eine Thätigkeit ist, die
blofs auf den beobachteten Gegenstand gelenkt ist und
nicht auf die denkende Persdnlichkeit Das spricht
sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken
über eine Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz
zu unseren Gefühlen oder Willeusakten. Wenn ich
38 1^ • Deukeu im Dieu.ste der \Veltau£faüäuug.
einen Gegenstand sehe und diesen als einen l'isch er-
kenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich
denke über einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch.
Wohl aber werde ich sagen : ich freue mich über den
Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar
nicht darauf an, auszusprechen, dafs ich zu dem Tisch
in ein Verhältnis trete*, in dem zweiten Falle handelt
es sich aber gerade um dieses Verhältnis. Mit dem
Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich be-
reits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand
ein, wo etwas zum G^enstand der Beobachtung ge-
macht wird, was in unserer geistigen Thätigkeit
immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes
Objekt.
Das ist die eigentüuiliciic Natur des JJenkens,
dafs der Denkende das Denken vergisst, während er
es ausübt Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern
der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet
Die erste Beobachtung, die wir über das Denken
machen, ist also die, dafs es das unbeobachtete Ele-
ment unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist.
Der Grund, warum wir das Denken im alltäg-
lichen Geistesleben nicht beobachten, ist kein anderer
als der, dad es auf unserer eigenen Thätigkeit beruht
Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als ein gegen-
ständliches in mein Beobachtungsfeld ein. Ich sehe
mich ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen
gegenüber; es tritt an mich heran; ich mufs es als die
Voraussetzung meines Denkprozesses hinnehmen. Wäh-
rend ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit
diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt
Diese Beschäftigung ist eben die denkende Betrachtung.
lY. Das Denken im Dienste der Weltanfhasun^.
"Nicht auf meine Tluitigkeit, sondern auf das Objekt
dieser Tiiätigkeit ist meine Aufmerksamkeit gerichtet.
Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich
nicht auf mein Denken, das ich selbst henrorbringe,
sondern auf das Objekt des Denkens, das ich nicht
hervorbringe.
Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den
Ausnahmszustand eintreten lasse, und über mein
Denken selbst nachdenke. Ich kann mein gegen-
wärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Er-
fahrungen, die ich Uber meinen Denkprozefs gemacht
habe, kann ich nachher zum Objekt des Denkens
machen. Ich mllfste mich in zwei Persönlichkeiten
spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche
sich bei diesem Denken selbst zusieht, wenn ich mein
gegenwäi tiges Denken beobachten wollte. Das kann
ich nicht. Ich kann das nur in zwei getrennten
Akten ausführen. Das Denken, das beobachtet wer-
den soll, ist nie das dabei in Thätigkeit befindliche,
sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke meine
Beobachtungen an meinem eigenen frukcren Denken
mache, oder ob ich den CTcdankenprozefs einer an-
deren Person verfolge, oder endlich, ob ich, wie im
obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln,
einen fingierten Gedankenprozefs roraussetze, darauf
kommt es nicht an.
Zwei Dinge vertragen sich nicht: thätiges Hervor-
bringen und beschauliches Gegenüberstellen. D{is
weiis schon das 1. Buch Moses. An den ersten sechs
Welttagen läfst es Gott die Welt hervorbringen, und ei'st
als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu
beschauen: «Und Gott sähe an alles, was er gemacht
40 IV. Das Denken im Dienste der WeltanfEusun^.
hatte; und siehe da, es war sehr gut." So ist es auch
mit unserem Denken. Es mufs erst da sein, wenn wir
es beobacliten wollen.
Der Grund, der es uns unmöglich macht, das
Denken in seinem jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu
beobachten, ist der gleiche wie der, der es uns un-
mittelbarer und intimer erkennen l&fst als jeden an-
dern Prozefs der Welt. Eben weil wir es selbst her-
vorbringen, kennen wir das Charakteristische seines
Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht
kommende Geschehen vollzieht. Was in den übrigen
Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefun-
den werden kann: der sachlich-entsprechende . Zu-
sammenhang und das Verhältnis der einzelnen Gegen-
stände, das wissen wir beim Denken auf ganz un-
mittelbare Weise. Warum für meine Beobachtung: der
Donner auf den Blitz folgt, weifs ich nicht ohne weiteres ;
warum mein Denken den Begriff Donner mit dem
des Blitzes verbindet, weiXs ich unmittelbar aus den
Inhalten der beiden Begriffe. Es kommt natürlich
gar nicht darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von
Blitz und Donner habe. Der Zusammenhang derer,
die ich habe, ist mir klar uikI zwar durch sie selbst.
Diese durchsichtige Klarheit in Bezug auf den
Denkprozefs ist ganz unabhängig von unserer Kennt-
nis der physiologischen Grundlagen des Denkens. Ich
spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus
der Beobachtung unserer geistigen Thätigkeit ergiebt.
Wie ein materieller Voriii^an^" meines Gehirns einen
andern veranlafst oder Ix iutiulst, während ich eine
Gedankenoperation ausiühre, kommt dabei gar nicht
in Betracht. Was ich am Denken beobachte ist nicht :
IV. Dii,Ä Denken im I>ienätc der Weltauffassung. 41
welcher Vorgang in meinem Gehirne den Bep-iff des
Blitzes mit dem des Donners verbindet^ sondern, waa
mich veranlafsty die beiden Begriffe in ein bestimmtes
Verhältnis zu bringen. Meine Beobachtung ergiebt,
dafs ich mich in meinen Gedankenverbindangen nach
dem Inhalte meiner Gedanken richte, nicht nach den
materiellen Vorgängen in meinem Gehirn. Für ein
weniger materialistisches Zeitalter, als das uusrige,
wäre diese Bemerkung nattlrlich vollständig überflüssig.
Gegenwärtig aber, wo es Leute giebt, die glauben:
wenn wir wissen^ was Materie ist^ werden wir auch
wissen, wie die Materie denkt, mufs doch gesagt wer-
den, dafs man vom Denken reden kann, ohne sogleich
mit der Gehiniphysiologie in Kollision zu treten. Es
wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff
des Denkens in seiner Reinheit zu fassen. Wer der
Vorstellungi die ich hier yom Denken entwickelt habe,
sogleich den Satz des Cabanis entgegensetzt: ^^Das
Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle, die
Speicheldrüse Speichel u. s. w.", der weifs einfach
nicht, wovon ich rede. Er sucht das Denken durch
einen blolsenBeobachtungsprüzers zu Huden in derselben
Art, wie wir bei anderen Gegenständen des Weltinhaltes
verfahren. £r kann es aber auf diesem Wege nicht
finden, weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, ge-
rade da der normalen Beobachtung entzieht. Wer den
Materialismus nicht überwinden kann, dem telilt die
Fähigkeit, ])oi sich den ßreseliilderten Ausnahmezustand
herbeizuführen, der ihm zum Bewufötsein bringt, was
bei aller andern Geistesthätigkeit unbewufst bleibt.
W^er den guten Willen nicht hat, sich in diesen Stand-
punkt zu versetzen, mit dem könnte man aber das
42
IV. Das Denken im Dienste der Weitau^assung.
Denken so wenig wie mit dem .Blinden über die
Farbe sprechen. Er möge nur aber nicht glauben,
da£« wir physiologiBche Prozesse fOr Denken halten. Er
erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht
sieht.
Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken
zu beobachten — und bei gutem W illen hat sie jeder
normal organisierte Mensch — ist diese Beobachtung die
all er wichtigste y die er machen kann. Denn er he-
obachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist;
er sieht sich nicht einem zunächst fremden Gegen-
stände, sondern seiner eigenen Thätigkeit gegenüber.
Er weifs, wie das zustande kommt, was er beobachtet
Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen.
Es ist ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man
mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der
übrigen Welterscheinungen suchen kann.
Daa G-efÜhly einen solchen festen Punkt zu haben^
veranlafste den Begründer der neueren Philosophie,
Renatus Cartesius, das ganze menschh'elie Wissen auf
den Satz zu gründen: Ich denke, also bin ich.
Alle andern Dinge , alles andere Geschehen ist ohne
mich da; ich weifs nicht, ob als Wahrheil^ ob als
Gaukelspiel und Traum. Nur eines weifs ich ganz un-
bedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu seinem
sichern Dasein: mein Denken. Mag es noch einen
aiidcra Ursprung seines Daseins haben, mag es von
Gott oder anderswoher kommen ; dafs es in dem Sinne
da ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen bin
ich gewifs. Einen andern Sinn seinem Satze unterzu-
legen hatte Cartesius zunächst keine Berechtigung.
Nur dafs ich mich innerhalb des Weltinhaltes in
IV. Dbb Denken im Dienste der Weltauffawang.
43
memem Denken als in meiner ureigensten Thätigkett er-
fasse, konnte er behaupten. Was das darangehängte :
also bin ich heifsen soll, darüber ist viel gestritten
worden. Einen Sinn kann es aber mir unter einer
einzigen Bedingung haben. Die einfachste Aussage,
die ich von einem Dinge machen kann, ist die, dals
es ist, dafs es existiert. Wie dann dieses Dasein
nOh^r 2u bestimmen ist, das ist bei keinem Dinge, das
in den Horizont meiner Bbrlebnisse eintritt, sogleich im
Augenblicke zu sagen. Es wird jeder Gegenstand erst
in seinem Verhältnisse zu andern zu untersuchen sein,
um bestimmen zu kihmen, in welchem Sinne von ihm
als einem existierenden gesprochen werden kann. Ein
erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrneh-
mungen, aber auch ein Traum, eine Hallucination u. s« w.
sein. Kurz, ich kann nicht sagen, in weichem Sinne
er existiert Das werde ich dem Vorgange selbst
nicht entnehmen können, sondern ich werde es erfahren,
wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen be-
trachte. Da kann ich aber wieder nicht mehr wissen,
als wie er im Verhältnisse zu diesen Dingen steht.
Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund,
wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn
seines Daseins aus ihm selbst schöpfen kann. Das
bin ich aber selbst als Denkender, denn ich gebe
meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden
Inhalt der denkenden Thätigkeit. Nun kann ich von
da ausgehen und firagen : existieren die andern Dinge
in dem gleichen oder in einem andern Sinne?
Wenn man das Denken zum Objekt der Beob-
achtung macht, fügt man zu dem übrigen beobachteten
Weltinhalte etwas hinzu, was sonst der Aufmerksam-
44 Denken im Dienste der Weltauf^MSttiig.
keit entgeht ; man ändert aber nicht die Art, wie sich
der Mensch auch den andern Dingen gegenüber ver^
hält. Man vennehrt die Zahl der Beobachtungs-
objekte , fiber niclit die Mtithode des Beobachtens.
Witlirend wir die andern Dinge beobachtenj mischt
sich in das Weltgeschehen — zu dein ich jetzt das
Beobachten mitzähle — ein Frosefs^ der übersehen wird.
Es ist etwas von allem andern Geschehen verschiedenes
vorhanden, das nicht mitberttcksichtigt wird. Wenn
ich aber mein Denken betrachte^ so ist kein solches
unberücksichtigtes Element vorhanden. Denn was
jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder nur
das Denken. Der beobachtete Gegenstand ist quali-
tativ derselbe wie die Thätigkeit, die sich auf ihn
richtet. Und das ist wieder eine charakteristische
Eigentümlichkeit des Denkens. Wenn wir es zum Be-
trachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht ge-
zwungen, dies mit Hilfe eines (Qualitativ-Verschiedenen
zu thun, sondern wir können in demselben Element
verbleiben.
Wenn ich einen ohne mein Zuthun gegebenen
Gegenstand in mein Denken einspinne, so gehe ich
tiber meine Beobachtung hinaus, und es wird sich
darum handeln : was giebt mir ein Recht dazu ? Warum
lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich
einwirken? Auf welche Weise ist es möglich, dafs
mein Denken einen Bezug zu dem G^enstande hat?
Das sind Fragen, die sich jeder stellen mufs, der über
seine eigenen Gedankenprozefse nachdenkt. Sie fallen
weg, wenn man über das Deid^en selbst nachdenkt.
Wir fugen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu,
IV. Das Denken im Dienste der Weltauffasäung.
45
haben ans also auch Uber ein solches Hinzufügen nicht
zu rechtfertigen.
Schelling sagt : »Die Natur erkennen^ heifst die
Natur schaffen." Wer diese Worte des tollkühnen
xsatiirphilos<)})hen wörtlich niiiuiit, wird wohl zeit-
lebens auf alles Natiirerkennen verzichten mUstsen.
Denn die Natur i»t eimuai da, und um sie ein zweites
Mal zu schaffen, mufs man die Prinzipien erkennen,
nach denen sie entstanden ist. Für die Natur, die
man erst schaffen wollte, mfifste man der bereits be-
stehenden die Bedingungen ihres Daseins abgucken.
Dieses Abgucken, das dem iScliaÖeu vorausgehen
müfste, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar
auch dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das
8chafT( n ganz unterbhebe. Nur eine noch nicht vor-
handene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher
zu erkennen.
Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen
vor dem Erkennen ; beim Denken vollbringen wir es.
Wollton wir mit dem Denken warten, bis wir es er-
kamit haben, dann kämen wir nie dazu. Wir müssen
resolut darauf losdcnken, um hinterher mittels der Be*
obachtung des Selbstgethanen zu seiner Erkenntnis
zu kommen. Der Beobachtung des Denkens schaffen
wir selbst erst ein Objekt. Für das Vorhandensein
aller anderen Objekte ist ohne unser Zuthun gesorgt
worden.
Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen
denken, bevor wir das Denken betrachten können,
den andern als gleichberechtigt entgegenstellen: wir
können auch fiiit dem Verdauen nicht warten, bis wir
46 iV. Das Denken im Dienste der Weltaufifassung,
den Vorgang des Verdauens beobachtet haben. Das
wäre ein Einwand ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius
machte^ indem er behauptete, man könne auch sagen :
ich gehe spazieren , also bin ich. Ganz gewifs mufe
ich auch resolut verdauen, bevor ich den physio*
logischen Prozefs der Verdauung studiert habe. Aber
mit (b r Betrachtung des Denkens liefse sich das nur
vergleichen , wenn ich die Verdauung hinterher nicht
denkend betrachte», sondern essen und verdauen wollte.
Das ist doch eben auch nicht ohne Grund, dafs das
Verdauen zwar nicht Gegenstand des Verdauens, das
Denken aber sehr wohl Gegenstand des Denkens wer-
den kann.
Es ist also zweifellos : in dem Denken halten wir
das Weltgeschehen an einem Zipfel, wo wir dabei
sein müssen, wenn etwas zustande kommen solL Und
das ist doch gerade das, worauf ea ankommt Das ist
gerade der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft
gegenüberstehen: dafs ich an ihrem Zustandekommen
so unbeteiligt bin. Ich tindc sie einfach vor; beim
Denken aber weifs ich, wie es gemacht wird. Daher
giebt es keinen ursprünglicheren Ausgangspunkt für
das Betrachten alles Weltgeschehens als das Denken«
Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum
noch erwähnen, der in Bezug auf das Denken herrscht
Er besteht dann, dafs man sagt: das Denken, so
wie es an sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben.
Das Denken, das die Beobachtungen unserer Erfah-
rungen verbindet und mit einem Netz von Begriffen
durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe wie dasjenige,
das wir hinterher wieder von den Gegenständen der
Beobachtung herausschälen und zum Gegenstände
IV. Das Denken im Dienste der Weltauffassoug.
47
unserer Betrachtung machen. Was wir erst unbe-
wnfst in die Dinge hineinweben, sei ein ganss anderes,
als was wir dann mit Bewafstsein wieder herauslösen.
Wer 80 schliefst, der begreift nicht, daÜB es ihm
gar nicht mögh'ch ist, dem Denken zu entschlüpfen. Ick
kann aus dem Denken gar nicht herauskommen,
wenn ich das Denken betrachten wilL Wenn man
das vorbewuTste Denken. v<m dem nachher bewufsten
Denken iinteEsdieidet, so soUte man doch nicht yer-
gessea-, dafs diese Unterscheidung eine ganz äufserliche
ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun hat.
Ich mache eine Sache dadurch überhau})t nicht zu
einer andern , dafs ich sie denkend betrachte. Ich
kann mir denken, dafs ein Wesen mit ganz anders
gearteten Sinnesorganen und mit einer anders funk-
tionierenden Intelligenz Yon einem Pferde eine ganz
andere Vorstellung hat als ich, aber ich kann mir nicht
denken, dafs mein eigenes Denken dadurch ein anderes
wird, dafs ich es beobachte. Icli beobachte selbst,
was ich selbst vollbringe. Wie mein Denken sich für
eine andere Intelligenz ausnimmt als die meine, davon
ist jetzt nicht die Rede ; sondern davon, wie es sich
für mich ausnimmt. Jedenfalls aber kann das Bild
meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein
wahreres sein als mein eigenes. Nur wenn ich nicht
selbst das denkende Wesen wäre, sondern das Denken
mir als Thatigkeit eines mir fremdartigen Wesens gegen-
iiberträte, könnte ich davon sprechen, dafs mein Bild
des Denlvcns zwar auf eine bestimmte Weise auftrete;
wie das Denken des Wesens aber an sich selber sei,
das könne ich nicht wissen.
Mein eigenes Denken von einem anderen Stand-
48 IV. Das Denken im Dienste der WelUiuffassung.
punkte aus anzusehen , liegt aber vorläufig für mich
nicht die geringste Veranlassung vor. Ich betrachte
ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des Denkens.
Wie sollte ich bei meinem Denken hiervon eine Aus-
nahme machen.
Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt,
wenn ich in meiner Weltbetrae htung von dem Denken
ausgehe. Als Areliiniedes den liebel erfunden hatte,
da glaubte er mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos aus
den Angeln heben zu können, wenn er nur einen
Punkt feinde, wo er sein Instrument aufstützen könnte.
Er brauchte etwas, was durch sich selbst, nicht durch
anderes getragen wird. Im Denken haben wir ein
Prinzip, das durch sich selbst besteht. Von hier aus
sei es versucht, die Welt zu begreifen. Das Denken
können wir durch es selbst erfassen. Die Frage ist
nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas anderes
ei^eifen können.
Ich habe bisher von dem Denken gesprochen,
ohne auf seinen Träger, das menschliche Bewufstsein,
Rücksicht zu nehmen. Die meisten Philosophen der
Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein
Denken giebt, mufs es ein Bewufstsein geben. Des-
halb sei vom Bewufstsein und nicht vom Denken aus-
zugehen. Es gebe kein Denken ohne Bewufstsein.
Ich mufs dem gegenüber erwidern : Wenn ich darüber
Aufklärung haben will, welches Verhältnis zwischen
Denken und Bewufstsein besteht, so mufs ich darüber
nachdenken. leh setze das Denken damit voraus.
Nun kann man darauf allerdings antworten: Wenn
der Philosoph das Bewufstsein begreifen will, dann
bedient er sich des Denkens; er setzt es insofeme
IV. Das Denken im Dienste der Weltauffassung. 49
Toraas; im gewöhnlichen Verlaufe des Lehens aber
entsteht das Denken innerhalb des Bewofstseins und
setzt also dieses voraus. Wenn diese Antwort dem
Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen
will, so wäre sie ohne Zweifel berechtigt. Man kann
natürlich das Denken nicht entstehen lassen^ ohne vor-
her das Bewufstsein zustande za bringen. Dem Phi-
losophen aber handelt es sich nicht um die Welt-
schöpfung, sondern um das Begreifen derselben. Er
hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das
Schaffen , sondern für das Begreifen der Welt zu
suchen. Ich £nde es ganz sonderbar, wenn man dem
Philosophen vorwirft, da£s er sich vor allen andern Dingen
um die Bichtigkeit seiner Prinzipien, nicht aber so-
gleich um die Gegenstttnde bekt&mmert^ die er begreifen
will. Der Weltschöpfer mufste vor allem wissen, wie
er einen Träger für das Denken findet der Philosoph
aber muis nach einer sichern Grundlage suchen, von
der aus er das Vorhandene begreifen kann. Was
frommt es uns, wenn wir vom BewuTstsein ausgehen
und es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn
wir vorher ttber die Mdglichkeit, durch denkende
Betrachtung Aufschlufs über die Dinge zu bekommen,
nichts wissen?
Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne
Beziehung auf ein denkendes Subjekt oder ein ge-
dachtes Objekt betrachten. Denn in Subjekt und Ob-
jekt haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken
gebildet sind. EjS ist nicht zu leugnen: ehe anderes
b e g r i i f e n werden kann, m u Ts es d a s Denken
werden. Wer es leugnet, der übersieht, dafs er als
Mensch nicht ein Aiifangsglied der Schöpf ung, sondern
Steiner, Fhilosoplüe d«r Freiheit. 4
50 ^V. Das Denken im Dienste der Weltauffassong.
deren Endglied ist. Man kann desw^en behufs £r*
klärung der Welt durch B^iffe nicht von den zeit-
lich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern
von (lern, was uns als das Nächste , als das
Intimste i^egeben ist. Wir können uns nicht mit
einem iSprunge an den Anfang der Welt versetzen,
um da unsere Betrachtung anzufangen^ sondern vir
mttssen von dem g^enwärtigen Augenblick ausgehen,
und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Frttheren
aufsteigen können. So lange die Geologie von erdich-
teten Revolutionen gesprochen hat, um den gegen-
wärtigen Zustand der Erde zu erklären, so lange tappte
sie in der Finsternis. i£rst als sie ihreu Anfang damit
machte; zu untersuchen, welche Voi^nge gegenwärtig
noch auf der Erde sich abspielen und von diesen zurttck-
schlofs auf das Vergangene y hatte sie einen sicheren
Boden gewonnen. So lange die Philosophie alle mög-
lichen Prinzipien annehmen wird, wie Aluiiij Be-
wegung, Materie^ Wille, Unbewuistes, wird sie in der
Luft schweben. Erst wenn der Philosoph das absolut
letzte ab sein erstes ansehen wird, kann er zum Ziele
kommen. Dieses absolut letzte, zu dem es die Welt-
entwicklung gebracht hat, ist aber das Denken.
Es giebt Leute, die sagen: ob unser Denken an
sich richtig sei oder nicht, können wir aber doch nicht
mit Sicherheit feststellen. Insoferne bleibt also der
Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter. Das ist
gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel
hegt, ob ein Baum an sich richtig sei oder nicht Das
Denken ist eine Thataache; und über die Bichtigkeit
oder Falschheit einer solchen zu sprechen, ist sinnlos.
Ich kann höchstenii darüber Zweifel haben, ob daa
IV. Das Denken im Dienste der WeltauffassTinfr. 51
Denken richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann^
ob ein gewisser Baum ein entsprechendes Hols zu
einem zweckmäfsigen Gerät giebt. Zu zeigen, inwie-
ferne die Anwendung des Denkens auf die Welt
eine richtige oder falsche ist, wird gerade Aufgabe
dieser Schrift sein. Ich kann es verstehen, wenn je-
mand Zweifel hegt, dafs durch das Denken über die
Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist
mir unbegreiflich y wie jemand die Bichtigkeit des
Denkens an sich anzweifeln kann.
Die Welt als Wahrnekmang.
Durch das Denken entstehen Begriffe und
Ideen. Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten
gesagt werden. Worte können nur den Menschen
darauf aufinerksam machen, dafs er Begriffe habe.
Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein
Denken auf seine Beobachtung; zu dem Gegenstande
tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet
den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zu-
sammengehörig. Wenn der Gegenstand aus seinem
Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das
ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist
* der Begriff des Gegenstandes. Je mehr sich unsere
Erfahrung erweitert, desto gröfaer wird die Summe
unserer Be^a-ifte. Die Begriffe stehen aber durchaus
nicht vereinzelt da. Sie schliefsen sich zu einem
gesetzmäfsigen Ganzen zusammen. Der Begriff „Orga-
nismus** schliefst sich z. B. an die andern: „gesetz-
mäfsige Entwicklung, Wachstum" an. Andere an
Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig in Eins
zusammen. Alle Begriffe die ich mir von Löwen bilde,
y. Die Welt als Wabmehmang.
53
fallen in den Gksamtbegriff „Löwe" zusammen. Auf
diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu
einem geschlossenen Begriffssystem; in dem jeder
seine besondere Stelle hat. Ideen sind qualiüitiv von
Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur inhalts-
vollere, gesättigtere und um tangreichere Begriffe. Ich
raufs einen besonderen Wert daraufiegen , dafs hier an
dieser Stelle beachtet werde, dafs ich als meinen Aus-
gangspunkt das Denken bezeichnet habe, und nicht
Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken ge-
wonnen werden. Diese setzen das Denken bereits
voraus. Es k;inn daher, was ich in Deziig auf die in
sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des
Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe
ttbertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrück-
lich, weil hier meine Diffierenz mit Hegel liegt.
Dieser setzt den Begriff als Erstes und Ursprüngliches.)
Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung ge-
wonnen werden. Das geht schon aus dem Umstände
hervor, dafs der heranwachsende Mensch sich langsam
und allmählich erst die Begriffe zu den Glegenständen
bildet, die ihn umgeben« Die Begriflb werden zu der
Beobachtung hinzugefügt.
Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Her-
bert Spencer) schildert den geistigen Prozefs, den wir
gegenüber der Beobachtung vollziehen, folgendermafsen :
„Wenn wir an einem Septembertag, durch die Felder
wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Geräusch hören
und an der Seite des Grabens, von dem es herzu*
kommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so
werden wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen,
um zu erfahren, was das Geräusch und die Bewegung
54
V. Die Welt als Wabmehmung*
hervorbrachte. Bei unserer Annäherung flattert ein
Kebhuhn in den Graben und damit ist unsere Neu-
gierde l)ofriedjgt: wir habeD, was wir eine Erklärung
der £r8cheiniiiigen nennen. Dieae Erklärung läufity
wohlgemerkt; auf folgendes hinaus : weil wir im Leben
unendlich oft erfahren haben, dafs eine Störung der
ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer
zwischen ihnen befindlicher Körper begleitet, und weil
wir deshalb die Beziehungen zwischen seichen Störungen
und solchen Bewegungen verallgemeinert haben, so
halten wir diese besondere Störung fUr erklärt, sobald
wir finden, dafs sie ein Beispiel eben dieser Beziehung
darbietet." Genauer besehen stellt sich die Sache
ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist. Wenn
ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den
Begriff für diese Beobachtung. Dieser Begriff erst
weist mich über das Geräusch hinaus. Wer nicht'
weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und
giebt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken
aber ist mir klar, dafs ich ein Geräusch als Wirkung
aufzufassen habe. Also erst wenn ich den Begriff der
Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches ver-
binde, werde ich veranlafst, über die Einzelbeobachtung
hinauszugehen und nach der Ursache zu suchen.
Der Begriff d^r Wirkung ruft den der Ursache her-
vor und ich suche dann nach dem verursachenden
Gegenstände, den ich in der GesUilt des Rebhuhns
finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann
icli aber niemals durch blofse Beobachtung, und er-
strecke sie sich auf noch so viele Fälle, gewinnen.
Die Beobachtung ruft das Denken hervor und erst
dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne
Erlebnis an ein anderes anzuschliefsen.
V. Die Welt als Wahmehmong.
55
Wenn man von einer „streng objektiven Wissen-
schaft*^ fordert^ dafs sie ihren Inhalt nur der Beobach-
tung entnehme, so mufs man zugleich fordern , dafs
sie auf alles Denken Tersichte. Denn dieses geht
seiner Natur nach über das Beobachtete hinaus.
Nun ist es am Platze von dem Denken auf das
denkende Wesen tiberzugehen. Denn durch dieses
wird das Denken mit der Beobachtung verbunden.
Das menschliehe Bewufstsein ist der Schauplatz, wo
Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo
sie miteinander verknüpft werden. Dadurch ist aber
dieses (menschliche) Bewufstsein zugleich charakteri-
siert. Es ist der Vermittler zwischen Denken und
Beobachtung, insoferne es einen Gegenstand beob-
achtet, erscheint ihm dieser als gegeben, insoferne es
denkt erscheint es sich selbst als thätig. Es betrachtet
den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das
denkende Subjekt. Weil es sein Denken auf die
Beobaclitung richtet^ ist es Bewufstsein von den Ob-
jekten; weil es sein Denken auf sich richtet, ist es
Bewufstsein seiner selbst oder Selbstbewufstsein.
Das menschliche Bewufstsein mufs notwendig zugleich
Selbstbewufstsein sein, weil es denkendes Bewufst-
sein ist. Denn wenn das Denken den Blick auf seine
eigene Thätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene
Wesenheit, also sein iSubjekt als Objekt zum Gegen-
stande.
Nun darf aber nicht übersehen werden, dafs wir
uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen
und uns den Objekten entgegensetzen können. Des-
halb darf das Denken niemals als eine blofs subjektive
Thätigkeit aufgefafst werden. Das Denken ist je n-
56
4
y. Die Welt ab Wahrnehnnm;.
seits von Subjekt und 01)j( kt. Es bildet diese beiden
Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denken-
des Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen,
80 dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas blofs
Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es,
welches die Beziehung herbwftlhrt, sondern das Denken.
Da« Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist;
sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu
denken vermag. Die Thätigkeit, die das Bewufstsein
als denkendes Wesen ausübt, ist also keine blofs
subjektive^ sondern eine solche, die weder subjektiv
noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe
hinausgehende. Ich darf niemals sagen, dafs mein
individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst
von des Denkens Gnaden. Das Denken ist Mniüt ein
Element, das mich über mein Selbst hinausiührt und
mit den Objekten verbindet Aber es trennt mich
zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt
gegenttberstellt
Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen:
Er denkt und umschlierst damit sich selbst und die
übrige Welt; aber er niuis sich mittels des Denkens
zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes in-
dividuum bestimmen.
Das nflchste wird nun sein, uns zu fragen: wie
kommt das andere Element, das wir bisher blofs als
Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das sich
mit dem Denken im Bewufstsein begegnet, in das
letztere ?
Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus
unserem Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch
das Denken bereits in dasselbe hineingetragen worden
ist Denn unser jeweiliger Bewufstseinsinhalt ist immer
V. Die Welt als Wahrnehmung.
schon mit Begriffen in der mannigfachsten Weise durch-
setzt
Wir müssen uns vorstellen, dafs ein Wesen mit
vollkommen entwickelter menschlicher Intelligenz aus
dem Nichts entstehe und der Welt gegenübertrete.
Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in
Thätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinlialt.
Die Welt zeigte dann diesem Wesei^ nur das blofse
zusammenhanglose Aggregat von Empfindungs-
objekten: Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Ge-
schmacks- und Gremchsempfindnngen ; dann Lust- und
Unhistgefuhle. Dieses Aggregat ist der Inhalt der
reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber
steht das Denken, das bereit ist, seine Thätigkeit zu
entfalten, wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet.
Die Erfahrung lehrt bald, dafs er sich findet Das
Denken ist imstande Fäden zu ziehen von einem Beob-
achtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen
Elementen V)estimmte Begriffe und bringt sie dadurch in
ein Verhältnis. \A'ir haben oben bereits gesehen, wie ein
uns begegnendes Geräusch mit einer andern Beobachtung
dadurch verbunden wird, dafs wir das erstere als
Wirkung der letzteren bezeichnen.
Wenn wir uns nun daran erinnern, dafs die
Thätigkeit des Denkens durchaus nicht als eine sub-
jektive aufzufassen ist, so werden wir auch nicht ver-
sucht sein zu glauben, dafs solche Beziehungen, die
durch das Denken hergestellt sind, blofs eine subjek-
tive Geltung haben.
Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende
Überlegung die Beziehung zu suchen, die der oben
angegebene unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt
zu unserem bewufsten Subjekt hat.
. 58 ^* Wtlt als Walirueiimung.
Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches er-
scheint es mir geboten, dafs ich mich mit meinem
Leser Aber den Gebrauch eines Wortes verständige,
das ich im folgenden anwenden mafs. Ich werde die
unmittelbar üii Euipfindungsobjekte, die ich oben ge-
nannt habe, insoferne das bewufste Subjekt von ihnen
durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmun-
gen nennen. Also nicht den Vorgang der Beobach-
tung, sondern das Objekt dieser Beobachtung b^
zeichne ich mit diesem Namen.
Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht^
weil (lieser in der Physiologie eine be:>timmte Bedeu-
tung hat. die enger ist, als die meines Begriffes von
Wahrnehmung. Ein Gefühl in mir selbst kann ich
wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung
im physiologischen Sinne bezeichnen. Wenn ich von
meinem Geflähle Kenntnis erhalten soll, so mafs es
erst Wahrnehmung filr mich werden. Und die
Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem
Denken erhalten, ist eine solche, dafs wir auch das
Denken in seinem ersten Auftreten für unser Bewufst-
sein Wahrnehmung nennen können.
Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen
in dem Sinne, wie sie ihm unmittelbar erscheinen, als
Dinge, die ein von ihm ganz unabhängiges Dasein
haben. Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er zu-
nächst, dafs dieser in der Gestalt, die er sieht, mit
den Farben, die seine Teile haben u. s. w., dort an
dem Orte steht, wohin der Blick gerichtet ist. Wenn
derselbe Mensch morgens die Sonne als eine Scheibe
am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser
Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung, dafs das alles
V. Die Welt als Wahrnelunuug.
59
in dieser Weise (an sich) besteht und vorgeht, wie er
es beobachtet £r hält bo lange an diesem Glauben
fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet, die
jenen widersprechen. Das Kind, das noch keine Er-
iahruiigBii liber Entfernungen hat, greift nucii dem
Monde und stellt das, wab es nach dem ersten Augen-
schein für wirklich gehalten hat, erst richtig, wenn
eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im
Widerspruch befindet Jede Erweiterung des Kreises
meiner Wahrnehmungen nötigt mich, mein Bild der
Welt zu berichtigen. Das zeigt sich im täglichen
Leben ebenso wie in der Geisteseutwickluii^ der
Meuischheit. Das Bild, das sieh die Alten von der
Beziehung der Erde zu der bonne und den andern
Himmelskörpern machten, mufste von Copernikus
durch ein anderes ersetzt werden, ^eil es mit Wahr-
nehmungen, die früher unbekannt waren, nicht zu-
sammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen
operierte, sagte dieser, dafs er sieh vor seiner Opera-
tion durch die Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein
ganz anderes Bild von der Gröise der Gegenstände
gemacht habe. Er mufste seine Tastwahrnehmungen
durch seine G«sichtswahmehmungen berichtigen.
Woher kommt es, dafs wir zu solchen fortwähren-
den Kichtigstellungen unserer Beobachtungen gezwun*
gen sind?
Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf
diese Frage. Wenn ich an dem einen Ende einer
AUee stehe, so erscheinen mir die Bäume an dem
andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher
aneinandergerückt als da, wo ich stehe. Mein Wahr-
nehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort
60
V. Die Welt als Wahrnehmung.
ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache.
£8 ist also in der Gestalt, in der es an mich heran-
tritt, abhttngig ron einer Bestimmung, die nicht an
dem Objekte hängt, sondern die mir, dem Wahr-
nehmenden, zukommt. Es ist für eine Allee ganz
gleicligültig, wo ich stehe. Das Bild aber, dm ich von
ihr erhalte, ist wesentlich davon abhängig. Ebenso
ist es flu- die Sonne und das Planetensystem gleich-
gültig, dafs die Menschen sie gerade yon der Erde
aus ansehen. Das Wahmehmungsbfld aber, das sich
diesen darbietet, ist durch diesen ihren Wohnsits be-
stimmt. Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungs-
bildes von unserem Beobachtungsortc ist diejenige, die
am leichtesten zu durchschauen ist. Schwieriger wird
die Sache schon, wenn wir die Abhängigkeit unserer
Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und geistigen
Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt uns^
dafs innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall
hören, Schwingungen der Luft statttindon, und dafs
auch der Körper, in dem wir den Ursprung des
Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner
Teile aufweist. Wir nehmen diese Bewegung nur als
Schall wahr, wenn wir ein normal organisiertes Ohr
haben. Ohne ein solches bliebe uns die ganze Welt
ewig stumm. Die Physiologie belehrt uns darüber,
dafs es Menschen giebt, die nichts wahriiehmen von
der herrlichen Farbenpracht, die uns umgiebt. Ihr
Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und
Dunkel auf. Andere nehmen nur eine bestimmte
Farbe, z. B. das Rot, nicht wahr. Ihrem Weltbilde
fehlt dieser Farbenton, und es ist daher tbatsttchlich
ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen, Ich
V. Die Welt als Wahrnehmung. 61
möchte die Abhängigkeit meines Wahraehmungsbildes
von meinem Beobachtungsorte eine mathematische, die
von meiner Organisation eine qualitative nennen. Durch
jene werden die Gröfsen Verhältnisse und gegenseitigen
Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch
diese die Qualität derselben. DaTs ich eine rote
Fiäche rot sehe — diese qualitative Bestimmung —
hängt von der Organisation meines Auges ab.
Meine Wahmehmungsbiider sind also zunächst
subjektiv. Die Erkenntnis von dem subjektiven
Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu
Zweifeln darüber führen, ob Uberhaupt etwas Objek-
tives denselben zum Grunde liegt. Wenn wir wissen,
dafs eine Wahrnehmung , 2. B. die der roten Farbe,
oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist, ohne
eine bestimmte Einrichtung unseres Oi^nismns, so
kann man zu dem Glauben kommen, dai'ö dieselbe^
abgeselien von unserem subjektiven Organismus keinen
Bestand hat, dais sie ohne den Akt des ^^ ahrnehmens,
dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat*
Diese Ansicht hat in George Berkeley einen
klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung war;
dafs der Mensch von dem Augenblicke an^ wo er sich
der Bedeutung des Subjekts für die Wahruehnuiug
bewul'st geworden ist, nicht melir an eine ohne den
bewufsten Geist vorhandene Welt glauben könne. Er
sagt: „Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so
einleuchtend/ dafs man. nur die Augen zu öffnen braucht^
um sie zu sehen. Für eine solche halte ich den wich-
tigen Satz, dafs der ganze Chor am Himmel und alles^
was zur Erde gehört, mit einem Worte alle die K'irper,
die den gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen.
62
V. Die Welt als WÄhmehmting.
keine Subsistens aufserhalb des Geistes haben, dafs
ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkannt-
Werden besteht , dafs sie folglich, so lange sie nicht
wirklich von mir wahrgenommen werden oder in
meinem Bewufstaein oder dem eines anderen ge-
schaftenen Geistes existieren, entweder überhaupt
keine Existenz haben oder in dem Bewufstsein eines
ewigen Geistes existieren^. Fttr diese Ansicht bleibt
von der Wahrnehmung nichts mehr ttbrig, wenn man
von dem Wahrgenommen-Werden absieht. Es giebt
keine Farbe, wenn keine gesehen, keinen Ton^ wenn
keiner gehört wird. Ebensowenig wie p^arbe und Ton
existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung aufser-
halb des Wahmehmnngsaktes. Wir sehen nirgends
blof se Auadehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit
Farbe oder andern unbestreitbar von itnserer Sub-
jektivität abhängigen Eigenschaften verknüpft. Wenn
die letzteren mit unserer Wahrnehmung verschwinden,
so mufs das auch bei den erstereu der Fall sein, die
an sie gebunden sind.
Dem Kinwand, dafs, wenn auch Figur, Farbe,
Ton u. 6. w. keine andere Existenz als die innerhalb
des Wahmehmungsaktes haben, es doch Dinge geben
müsse, die ohne das Bewufstsein da sind und denen
die bewufsten Wahrnehmiingslnlder nhnlich seien, be-
gegnet die geschilderte Ansicht damit, dafs sie sagt:
eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe, eine Figur
Ähnlich einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen
können nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei
anderen Dingen ähnlich sein. Auch waö wir einen
Gegenstand nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe
von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise
V. Die Welt als Wahrnehmung.
63
verbanden sind. Nehme ich yon einem Tische Gre-
stalt; Ausdehnung^ Farbe u. s. w., kurz alles^ was nur
meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt niclits mehr
übrige. Diese Ansicht fuhrt, konsequent verfolgt, zu
der Behauptung : Die Objekte meiner Wahrnehmungen
sind nur durch mich vorhanden und zwar nur inso-
ferne und so lange ich sie wahrnehme; sie verschwin-
den mit dem Wahrnehmen und haben keinen Sinn
ohne dieses. Aufser meinen Wahrnehmungen weifs
ich aber von keinen Gegenständen und kann von
keinen wissen.
Gegen diese Behauptung ist so lange nichts ein-
zuwenden, als ich blofs im allgemeinen den Umstand
in Betracht ziehe, dafs die Wahrnehmung von der
Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird.
Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn
wir imstande wären, anzugeben, welches die F unktion
unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer
Wahrnehmung ist Wir wüfsten dann, was an
der Wahrnehmung während des Wahmehmens ge*
schiebt^ und ktonten auch bestimmen, was an ihr
schon sein mufs, bevor sie wahrgenommen wird.
Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt
der Wahrnehmung auf das Subjekt derselben geleitet.
Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr, sondern ich
nehme mich selbst wahr. Die Wahrnehmung meiner
selbst hat zunächst den Inhalt, dafs ich das Bleibende
bin gegenüber den immer kommenden und gehenden
Wahmehmungsbildem. Die Wahrnehmung des Ich
geht in meinem Bewufstsein als Begleiter aller andern
Wahrnehmungen nebenher. Wenn ich in die Wahr-
nehmung eines gegebenen Gegenstaudes vertieft bin,
64
V. Die Welt als Wahrnehmung.
80 habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewufstsein.
Dazu tritt dann die Wahrnehmung meines Selbst.
Ich bin mir nunmehr nicht bloüs des Gegenstandes
bewufst, sondern auch meiner Persönlichkeit, die dem
Gegenstand gegenübersteht und ihn beobachtet. Ich
sehe nicht bh)rs einen Baum, sondern ich weils auch,
da 1*8 ich es bin, der ihn sieht. Ich erkenne auch,
dafs in mir etwas vorgeht, während ich den Baum
beobachte. Wenn der Baum aus meinem Gesichts-
kreise yerschwindet, bleibt ein Rtlckstand von diesem
Vorgange : ein Bild des Baumes. Dieses Bild hat sich
während meiner Beobachtung mit meinem Selbst ver-
bunden. Mein Selbst hat sich bereichert* sein Inhalt
hat ein neues Element in sich aufgenommen. Dieses
Element nenne ich meine Vorstellung von dem
Baume. Ich käme nie in die Lage von Vorstel-
lungen zu sprechen, wenn ich nicht die Wahrneh-
mung meines Selbst machte. Wahrnehmungen würden
kommen und gehen ; ich Heise sie vorüberziehen. Nur
dadurch, dals ich mein Selbst wahrnehme und merke,
dafs mit jeder Wahrnehmung sich auch dessen Inhalt
ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung
des Gegenstandes mit meiner eigenen Zustandsverän-
derung in Zusammenhang zu bringen und von meiner
Vorstellung zu sprechen.
Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst
wahr, in dem Sinne, wie Farbe, Ton u. s. w, an an-
dern G^enständen. Ich kann jetzt auch den Unter-
schied machen, dais ich diese andern Gegenstände,
die sich mir gegentlberstellen, Aufsenwelt nenne^
während ich den Inhalt meiner Selbstwahmehmung
als Innenwelt bezeichne. Die Verkennung des Ver-
V. Die Welt als Wahnieliinuiisr.
hältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die
gröfsten Mifsversülndnisse in der neueren Philosophie
lierbeigeführt. Dli- Wahrnelimung einer Veränderung
in uns, die Modifikation, die mein Selbst erfährt, wurde
in den Vordergrund gedrängt und das diese Modi-
fikation yeranlassende Objekt ganz aus dem Auge ver-
loren. Man hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegen-
stände walir, sondern nur unsere Vorstellungen. Ich
soll nichts wissen von dem Tische an sich, der Gegen-
stand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der
Veränderung, die mit mir selbst vorgeht, während ich
den Tisch wahrnehme. Diese Anschauung darf nicht
mit der vorhin erwähnten Berkelejschen verwechselt
werden« Berkeley behauptet die subjektive Natur
meines Wahrnchmungsinhaltes , aber er sagt niclit,
dafs ich nur von meinen Vorstellungen wissen kann.
Er schränkt mein Wissen auf meine Vorstellungen
ein, weil er der Meinung ist, dafs es keine Gegen-
stände aulserhalb des Vorstellens giebt. Was ich
ab Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys nicht
mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr
daiauf richte. Deshalb läfst Berkeley meine Wahr-
nehraungen unmittelbar durch die Macht (Tottes ent-
stehen. Ich sehe einen Tisch, weil Gott diese Wahr-
nehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher
keine anderen realen Wesen als Gott und die mensch-
lichen Gkister. Was wir Welt nennen, ist nur inner-
halb der Güster vorhanden. Was der naive Mensch
Aul^enwclt, körperliche Natur nennt, i^t fiir Berkeley
nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herr-
schende Kantsche gegenüber, welche unsere Erkenntnis
von der Welt nicht deshalb auf unsere Vorstellungen
SteiB«r, FUloNfbto d«r FMiluiit. 5
66
V. Die Welt als Wahrnehmung.
einschränkt, weil sie überzeugt ist dafs es aufser diesen
VorsteUungen keine Dinge geben kann, sondern weil
sie uns so organisiert glaubt, dafs wir nur von den Ver^
änderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese
Veränderungen veranlassenden Dingen an sich erfahren
können. Sie folgert aus dem Umstände, dafs ich nur
meine Vorstellungen kenne, nicht, dafs es keine von
diesen Vorstellungen unabhängige Existenz giebt, son-
dern nur, dafs das Subjekt eine solche nicht unmittel-
bar in sich au&ehmen, sie nicht anders als durch das
,,Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren, fin-
gieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht er-
kennen kann" (0. Liebmann, Zur Analysis der AYirk-
lichkeit, S. 28). Diese Anschauung glaubt etwas
unbedingt Gewit^ses zu sagen, etwas, was ohne alle
Beweise unmittelbar einleuchtet. »Der erste Funda-
mentalsats, den sich der Philosoph zu deutÜohem Be*
wuistsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis,
dafs unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter
als auf unsere Vorstellungen erstreckt. Unsere Vor-
stellungen sind das Einzige, was wir unmittelbar er-
fahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie
unmittelbar erfahren, deshalb vermag uns auch der
radikalste Zweifel das Wissen von denselben nicht
zu entreifsen. Dagegen ist das Wissen, daa ttber mein
Vorstellen — ich nehme diesen Ausdruck hier überall
im weitesten Sinne, so dafs alles psychische Geschehen
darunter fällt — hinausgeht, vor dem Zweifel nicht
geschützt. Daher mn£a zu Beginn des Fhilo-
sophierens alles über die Vorstellungen hinaus-
gehende Wissen ausdräcklich als bezweifelbar hin-
gestellt werden," so beginnt Volk elt sein Buch über
V. Die "Welt als Wahriieliinuiig.
G7
fJSMta Erkenntnistheorie'*. Was hiermit so hingestellt
wird, als ob es eine unmittelbare und selbstverständliche
Wahrheit wäre, ist aber in Wirklichkeit das Resultat
einer Gedankenoperation, die folgendermafsen verläuft:
Der naive Mensch glaubt, dafs die Gegenstände, so
wie er sie wahrnimmt, auch aufserhalb seines BewoTst-
seins Torhanden sind. Die Physik, Physiologie und
Psychologie lehren aber, dafs zu unseren Wahrneh-
mungen unsere Organisation notwendig ist, daia wir
folglich von nichts wissen können, als von dem, was
unsere Organisation uns von den Dingen tiberliefert.
Unsere Wahrnehmungen sind somit Modifikationen
unserer Organisation, nicht Dinge an sich. Den
hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard Ton
Hartmann in der That als denjenigen charakterisiert,
der zur Überzeugung von dem Satze fuhren muls,
dafs wir ein direkte^ \\ issen nur von unseren Vor-
stellungen haben können (vergl. dessen Grundproblem
der Erkenntnistheorie; S. 16 — 40). Weil wir aufser-
halb unseres Organismus Schwingungen der Körper
und der Luft finden, die sich uns als Schall darstellen,
so wird gefolgert, dafs das, was wir Schall nennen,
nichts weiter sei als eine subjektive Reaktion unseres
Organismus auf jene Bewegungen in der Aufsenwelt.
In derselben Weise findet man, dafs Farbe und Wärme
nur Modifikationen unseres Organismus sind. Und
zwar ist man der Ansicht, dafs diese beiden Wahr-
nehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch die
Wirkung der Bewegung eines den Weltraum füllenden,
unendlich feinen vStuiies, des Äthers. Wenn die Schwin-
gungen dieses Äthers die Hautnerven meines Körpers
erregen, so habe ich die Wahrnehmung der Wärme,
6*
08
V. Die Welt ala W&bmehinaiig.
wenn sie den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und
Farbe wahr. Licht, Farbe und Wärme sind aUo das,
womit meine Siimesnerven auf den Heiz yon auüben
antworten. Auch der Tastsinn liefert mir nicht die
Gegenstände der Aufsenwelt, sondern nur meine
eigenen Zustände. Der Physiker glaubt, dafs die
Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen,
bestehen, und dafs diese Moleküle nicht unmittelbar
aneinandevgrenzen, sondern gewisse Entfernungen von-
einander haben. Es ist also zwischen ihnen der leere
Raum. Durch diese wirken sie aufeinander mittelst
anziehender und abstofsender Kräfte. Wenn ich meine
Hand einem Körper nähere, so berühren die Moleküle
meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen des
Körpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung
zwischen Körper und Hand, und was ich als Wider-
stand des Körpers empfinde, das ist nichts weiter als
die Wirkung der abstofsenden Kraft, die seine Mole-
kttle auf meine Hand ausüben. Ich bin schlechthin
aufserlialb des Körpers und nehme nur seine Wirkung
auf meinen Organismus wahr.
Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre
von den sogenannten spezifischen Sinnesenergien, die
J. M tili er aufgestellt hat. Sie besteht darin, dafs
jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle äufseren
Heize nur in einer bestiminteu Weise zu antworten.
Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, 80
entsteht Lichtwahrnehmung, gleichgültig ob die Er-
regung durch das geschieht, was wir Licht nennen,
oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer
Strom auf den Nerv einwirkt. Andrerseits werden in
verschiedenen Sinnen durch die gleichen äufseren Reize
V. Die Welt als Wafaraehmung.
69
▼erachiedene Wahmehmiuigen henroi^erafen. Daraus
scheint hervorzugehen, dafs unsere Sinne nur das
überliefern können, was in ihnen selbst vorgeht, nichts
aber von der Aufsenwclt. Sie bestimmen die Wahr-
nehmungen je nacli ihrer Natur.
Die Physiologie zeigt, dafs auch von einem
direkten Wissen dessen keine Bede sein kann, was
die Gegenstände in unseren Sinnesorganen bewirken.
Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen
Leibe verfolgt, findet er, dafs schon in den Sinnes-
organen die Wirkungen der äufseren Bewegung in der
mannigfaltigsten Weise umgeändert werden. Wir
sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr. Beide
sind sehr komplizierte Organe, die den äu(seren Beiz
wesentlich verändern, ehe sie ihn zum entsprechen-
den Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des
Nerv wird nun der schon veränderte Reiz weiter
zum Gehirn geleitet. Hier erst müssen wieder die
Centraiorgane erregt werden. Daraus wird geschlossen,
dafs der änfsere Vorgang eine Reihe von Umwand-
lungen erfahren hat, ehe er zum Bewufstsein kommt
Was da im Glehime sieh abspielt, ist durch so viele
Zwischenvorgänge mit dem ftufseren Vorgang ver-
bunden, dafs im ( ine Almlichkeit mit denselben nicht
mehr gedacht werden kann. Was das Gehirn der
ISeele zuletzt vermittelt, sind weder äufsere Vorgänge,
noch Vorgänge in den Sinnesorgannen , sondern nur
solche innerhalb de» Gehirnes. Aber auch die letz-
teren nimmt die Seele noch nicht unmittelbar wahr.
.Was wir im Bewufstsein zuletzt haben, sind gar
keine Geliirnvorgänp^e , sondern Empfindungen.
Meine Empfindung des Bot hat gar keine Ähnlichkeit
70
V. Die Welt ala Wahindmiiiiig;
mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn
ich das Bot empfinde. Das letztere tritt erst wieder
als Wirkung in der Seele auf und wird nur venirsacht
durch den Himvorgang. Deshalb sagt Hartmann
(Grundproblem der Erkenntnisdieorie S. 37): «Was
das Subjekt wahrnimmt^ sind also immer nur Modi-
fikationen seiner eigenen psychischen ZusUiudt; und
nichts anderes." Wenn ich die Empfindungen habe,
dann sind diese aber noch lange nicht zu dem
gruppiert^ was ich als Dinge wahrnehme. Es können
mir ja nur einzelne Empfindungen durch das Gehirn
vermittelt werden. Die Empfindungen der Härte und
Weichheit werden mir durch den Tast-, die Farbe-
und Lichtemphuduni^en durch den Gesichtssinn wr-
mittelt. Doch finden sieh dieselben an einem und
demselben Gegenstande vereinigt. Diese Vereinigung
muis also erst von der Seele selbst bewirkt werden.
Das hetCst, die Seele setsst die einzelnen durch das
Gehirn vermittelten Empfindungen zu Körpern zu-
sammen. Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Ge-
sichts-, Tast- und Gehörempfindungen, und zwar auf
ganz verschiedenen Wegen, die dann die Öeele zu der
Vorstellung Trompete zusammensetzt. Dieses End-
glied (Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist
es, was für mein Bewufstsein zu allererst gegeben ist
Es ist in demselben nichts mehr von dem zu finden,
wati auiöcr mir iüt und ursprünglich einen Eindruck
auf meine Sinne gemacht hat. Der äufsere Gegen-
stand ist auf dem Wege zum Gehirn und durch das
Gehirn zur Seele vollständig verloren gegangen.
Es wird schwer sein^ ein zweites Gedankengebäude
in der Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu
y. Die Welt als Wahrnehmung.
71
ündeiiy das mit grö&erem Scharfeinn zusammengetragen
isty und das bei genauerer Prüfung doch in nichts zer-
filUt. Sehen wir einmal näher zu^ wie es zustande
kommt. Man ^vlü zunächst von dem aus, was dem
naiven Bewufstseiii gegeben ist, von dem wahrgenom-
menen Dinge. Dann zeigt man, daf» alles, was an
diesem Dinge sich findet, für uns nicht da wäre, wenn
wir keine Sinne hfttten* Kein Auge: keine Farbe.
Abo ist die Farbe in dem noch nicht Torhanden, was
auf das Auge wirkt Sie entsteht erst durch die
Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande.
Dieser ist also farblos. Aber auch im Auge ist die
Farbe nicht vorhanden^ denn da ist ein chemischer
oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch
den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen
andern auslöst Dieser ist noch immer nicht die
Farbe. Sie wird erst durch den Himprozefs in
der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch immer
nicht ins Bewufstsein, sondern wird erst durch die
iSeele nach aufsen an einen Körper verlegt An
diesem nehme ich sie endlieh wahr. Wir haben einen
vollständigen Kreisgang durchgemacht Wir sind uns
eines farbigen Körpers bewuist geworden. Das ist
das Erste. Nun hebt die Gedankenoperation an.
Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für
mich larbios. Ich kann die Farbe also nicht in den
Körper verlegen. Ich gehe auf die Suche nach ihr.
Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv: ver-
gebens; im Gehirne: ebenso veigebens; in der Seele:
hier finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Körper
verbunden. Den farbigen Körper linde ich erst wieder
da, wo ich ausgegangen bin. Der Kreis ist ge-
72
y. Die Welt ali Wahnieliiimiig.
schlössen. Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele
zu erkennen, was der naive Mensch sich als draufsen
im liauiiie vorhanden denkt.
So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles
in schönster Ordnung. Aber die bache mufs noch
einmal von vorne angefangen werden. Ich habe ja
bis jetzt mit einem Dinge ge wirtschaftet: mit der
äuTseren Wahrnehmung, von dem^ ich {rtther, als naiver
Mensch; eine ganz falsche Ansicht gehabt habe. Ich
war der Meinung: sie hätte so, wie ich sie wahrnehme,
einen objektiven Bestand. Nun merke ich, dals sie
mit meinem Vorstellen verschwindet, dafs sie nur eine
Modifikation meiner seelischen Zustände ist Habe
ich nun überhaupt noch ein Becht, in meinen Betrach-
tungen von ihr auszugehen? Kann ich von ihr sagen,
dafs sie auf meine Seele wirkt? Ich mufs von jetzt
ab den Tisch, von dem ich früher geglaubt habe, dafs
er auf mich wirkt und in mir eine Vorstellung von
sich hervorbringt, selbst als Vorstellung behandeln*
Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnes-
organe und die Voigttnge in ihnen blofs subjektiv« Ich
habe kein Becht, von einem wirklichen Auge au
sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung des
Auges. Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem
Oehirnprozefs und nicht weniger mit dem Vorgänge
in der Seele selbst, durch den aus dem Chaos der
mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden
sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Bich-
tigkeit des ersten Gedankenkreisganges die Glieder
meines Erkenntnisaktes nochmals, so zeigt sich der
letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch
als solche nicht aufeinander wirken können, ich kann
V. Die Welt als Wahrnehmung.
73
nicht sa^en: meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt
auf meine Vorstellang des Auges, und aus dieser
Wechselwirkung- geht die Vorstellung der Farbe her-
vor. Aber ich habe es auch nicht nötig. Denn so-
bald mir klar ist, dals mir meine Sinnesorgane und
deren Thätigkeiten , meiD Nenren- und Seelenprozefs
auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
k(}nnen, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in
seiner vollen Unmöglichkeit. Es ist richtig: für mich
ist keine Wahrnehmung ohne das entsprechende
Sinnesorgan gegeben. Aber ebensowenig ein Sinnes-
organ ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner
Wahrnehmung des Tisches auf das Auge übergehen,
das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten; aber
was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der
Wahrnehmung erfahren. Und da bemerke ich denn
bald, (lafs in dem Prozefs, der sich im Auge vollzieht,
nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem, was ich
als Farbe wahrnehme. Ich kann meine Farbenwahr-
nehmung nicht dadurch vernichten, dafs ich den Pro-
zefs im Auge aufzeige, der sich während dieser Wahr-
nehmung darin abspielt. Ebensowenig finde ich in
den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder;
ich verbinde nur neue Wahrnehmungen innerhalb
meines Organismus mit der ersten, die der naive
Mensch aufserhalb seines Organismus verlegt. Ich
gehe nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
Aufserdem enthält die ganze Schlufsfolgerung
einen Sprung. Ich bin in der Lage, die Vorgänge in
pieinem Organismus bis zu den Prozessen in meinem
Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen
immer hypothetischer werden, je mehr ich mich den
V. Die Welt als Wahrnehmong.
centralen Vorgängen des Gehirnes nähere. Der Weg
der äufseren Beobachtung hört mit dem Vorgänge
in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich
wahrnehmen würde, wenn ich mit physikalischen,
chemischen u. s. w. Hilfsmitteln und Methoden das
Gehirn behandeln könnte. Der Weg der inneren
Beobaehtung f&agt mit der Empfindung an und reicht
bis zum Aufbau der Dinge aus dem Empfindungs-
material. Beim Übergange von dem Himprozels cur
Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.
Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegen-
satz zum Standpunkte des naiven BewuTstseins , den
sie naiven Realismus nennt, als kritischen Idealismus
bezeichnet, macht den Fehler, dafs sie die Eine
Wahrnehmung als Vorstellung charakterisiert, aber
die andere gerade in dem Sinne hinnimmt, wie es der
von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus thut.
Sie beweist den Vorstellungscharakter der Wahr-
nehmungen, indem sie in naiver Weise die Wahr-
nehmungen am eigenen Organismus als objektiv giltige
Thatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht,
dafs sie zwei Beobachtungsgebiete durcheinanderwirft,
zwischen denen sie keine Vermittlung finden kann.
Der kritische Idealismus kann den naiven Healis'
mus nur widerlegen, wenn er selbst in naiv-realistischer
Weise seinen eigenen Organismus als objektiv exi-
stierend anninunt In demselben Augenblicke, wo er
sich der vollständigen Gleichartigkeit der Wahr-
nehmungen am eigenen Organismus mit den vom
naiven Kealismus als objektiv existierend angenom-
menen Wahrnehmungen bewufst wird, kann er sich
nicht mehr auf die ersteren als auf eine sichere Grund-
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y. Die Welt als Wahrnehmun;.
75
läge sttttzen. £r mttfste auch seine subjektive Organi«
satioQ als blofsen Vorstellungskomplex ansehen. Da*
mit geht aber die Möglichkeit verloren, den Inhalt der
wahrgenommenen Welt durch die geistige Organi-
sation bewirkt zu denken. Man mUfste annehmen^
dafs die Vorstellung „Farbe" nur eine Modifikation
der Vorstellung „Auge^ sei. Der sogenannte kri-
tische Idealismus kann nicht bewiesen werden, ohne
eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der
letztere wird nur dadurch widerlegt, dafs man dessen
eigene Voraubsetzungen auf einem anderen Gebiete
ungeprüft gelten läÜst
Soviel ist hieraus gewifs: durch Untersuchungen
innerhalb des Wahmehmungsgebietes kann der kritische
Idealismus nicht bewiesen, somit die Wahrnehmung
ihres objektiven Charakters nicht entkleidet werden.
Noch weniger aber darf der Satz : „ d i e w a h r -
genommene Welt ist meine Vorstellung"
als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises
bedürftig hingestellt werden. Schopenhauer beginnt
sein Hauptwerk, „Die Welt als Wille und Vorstellung",
mit den Worten: „Die Welt ijst meine Vorstellung.
— Dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf
jedes lebende und erkenueude Wesen gilt, wiewohl
der Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Be-
wuTstsein bringen kann: und thut er dies wirklich, so
ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten.
Es wird ihm dann deutlich und gewifs, dafs er keine
iSonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein
Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde
fühlt; dafs die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vor-
stellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf
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76
V. Die Welt als Wahrnehmung.
ein andere«) das Vorsteliende, welches er 8ell>8t ist. —
Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen
werden kann, so ist es diese: denn sie ist die Aussagte
derjenigen Form aller möglichen und erdenklichen Er-
fahrung^ welche allgemeiner als alle anderen^ als Zeit,
Raum und Kausalitttt ist: denn alle diese setzen jene
eben voraus ..." Der ganze Satz scheitert an dem
oben bereits von uns angeführten Umstände, dafs das
Auge und die Hand nicht weniger Wahrnehmungen
sind als die Sonne und die Erde. Und man könnte
im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine
Ausdrucksweise seinen Sätzen entgegenhalten: Mein
Auge, das die Sonne sieh^ und meine Hand, die die
Erde ftlhlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die
Sonne und die Erde selbst. Dais icli damit aber den
Satz wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar. Denn
nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand
könnten die Vorstellungen Sonne und £rde als ihre
Modifikationen an sich haben , nicht aber meine Vor-
stellungen Auge und Hand.
Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine
Ansicht über das Verhältnis von Wahrnehmung und
Vorstellung zu gewinnen. Die auf S. 63 angedeutete
Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während
des liVahmehmens geschieht und was an ihr schon
sein mufs, bevor sie wahrgenommen wird, kann er
nicht vornehmen. Dazu mufs also ein anderer Weg
eingeschlagen werden.
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VL
Bas Erkennen der Welt
Aas den Yorkergehenden Betrachtungen folgt, daTs
es unmöglich ist, durch Untersuchung unseres Beob-
achtungsinhalts den Beweis zu erbringen, dafs unsere
Wahrnehmungen Vorstellungen sind. Dieser Reweis soll
nämlich dadurch erbracht werden, dafs man zeigt: wenn
der Wahmehmungsprozefs in der Art erfolgt, wie man
ihn gemftis den naiv-realistischen Annahmen über die
psychologische und physiologische Konstitution unseres
Individuums sich vorstellt, dann haben im'r es nicht mit
Dingen an sich, sondern blofs mit un.sc reu \'orstellungen
von den Dingen zu thun. Wenn nun der naive Realis-
mus, konsequent verfolgt, zu Kesuitaten führt, die das
gerade G^enteil seiner Voraussetzungen darstellen, so
mttssen diese Voraussetzungen als ungeeignet zur
Begrtkndung einer Weltanschauung bezeichnet und
fallen gelassen werden. Jedenfalls ist es unstatthaft,
die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folge-
rungen gelten zu lassen, wie es der kritische Idealist
thut, der seiner Behauptung: die Welt ist meine Vor-
stellung, den obigen Beweisgang zu Grunde logt
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78
VI. Das Erkennet! der Welt.
(Eduard von Hartmann giebt in seiner Schrift „Das
Gmndproblem der Erkenntnistheorie^ eine ausführliche
Darstellung dieses Beweisganges.)
Ein anderes ist die Richticrkeit des kritischen
Idealismus^ ein anderes die Überzeugungskraft seiner
Beweise. Wie es mit der ersteren steht, wird sich
später im Zusammenhange unserer Ausführungen er-
geben. Die Überzeugungskraft seines Beweises ist
aber gleich Null. Wenn man ein Haus baut, und bei
Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das Erd-
geschofs in sich zusaumieu, so stiirzt das erste Stock-
werk mit Der naive Eealismus und der kritische
Idealismus verhalten sich wie dies Erdgesdiols zum
ersten Stockwerk.
Wer der Ansicht ist, dafo die ganze wahrgenom-
mene Welt nur eine vorgestellte ist, und zwar die
Wirkung der mir unbekannten Dinge auf meine Seele,
für den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich
nicht auf die nur in der Seele vorhandenen Vorstel-
lungen, sondern auf die jenseits unseres Bewufstsdns
liegenden y von uns unabhängigen Dinge. Er fragt:
Wieviel können wir von den letzteren mittelbar
erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar
nicht zugänglich sind? Der auf diesem «Standpunkt
Stehende kttmmert sich nicht um den inneren Zu-
sammenhang seiner bewulsten Wahrnehmungen, son-
dern um deren nicht mehr bewufste Ursachen, die
ein von ihm unabhängiges Dasein haben, während,
nach seiner Aiusicht, die Wahrnehmungen verschwinden,
sobald er seine 8inne von den Dingen abwendet.
Unser Bewustsein wirkt, von diesem Gesichtspunkte
aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder von bestimmten
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VL Das Erkenneu der Welt
79
DiDgen auch in dem AugenbUcke verschwiaden , in
dem seine spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt
ist Wer aber die Dinge selbst nicht sieht > sondern
nur ihre Spiegelbilder, der rnnfs ans dem Verhalten
der letzteren über die Bescliatiuiilieit der ersteren durch
Hchliibsr' indirekt eich unterrichten. Auf diesem Stand-
punkte steht die neuere Naturwissenschaft, welche die
Wahrnehmungen nur als Mittel benutzt, um Auf-
schlafs über die hinter denselben stehenden und
allein wahrhaft seienden Bewegungen des Stoffes zu
gewinnen. Wenn der Philosoph als kritischer Idealist
überhaupt ein Sein gelten läfst, dann preht sein Er-
kenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vor-
stellungen allein auf dieses Sein. Sein Interesse über-
springt die subjektive Welt der Vorstellungen und
geht auf das Erzeugende dieser - Vorstellungen los.
Der kritische Idealist kann aber soweit gehen,
dafs er sagt: ich bin in meine Vorstellungswelt ein-
geschlossen und kann aus ihr nicht hinaus. Wenn
ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke^ so
ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine
Vorstellung. Ein solcher Idealist wird dann das Ding
an sich entweder ganz leugnen oder wenigstens da-
von erklären, dafs es für uns Menschen gar keine Be-
deutung hat, d. i. so gut wie nicht da ist, weil wir
nichts von ihm wissen können.
Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint
die ganze Welt als ein wüster Traum, dem gegenüber
jeder Erkenntnisdrang einfSu^h sinnlos wäre. Für ihn
kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben:
Befangene, die ihre eigenen Traumgespinste für wirk-
liche Dinge halten, und Weise, die die Nichtigkeit
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VI. DajB Erkennen der Welt
dieser Traumwelt durchschaueD, und die nach und
nach aUe Lust verlieren müssen, sich weiter darum asu
bekümmern. Pttr diesen Standpunkt kann auch die
eigene Persönlichkeit zum blofsen Traiimbilde werden.
Gerade so wie unter den Bildern des Scblattraums unser
eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewufst-
sein die Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung
der Aufsenweit hinzu. Wir haben im BewuÜstsein
dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere
Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, dafs es
keine Din^e gicbt, oder wenigstens, dafs wir von ihnen
etwas wissen können: der mufs auch das Dasein be-
ssiehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlich-
keit leugnen. Der kritische Idealist kommt dann
zu der Behauptung: „Alle Realität verwandelt sich in
einen wunderbaren Trauiii, ohne ein Leben, von
welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem
da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von
sich selbst zusammenhängt^ (vgl. Fichte, die Be-
stimmung des Menschen).
Gletchgiltig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben
als Traum zu erkennen ghiubt, hinter diesem Traum
nichts mehr vermutet, oder ob er seine Vorbit Hungen
auf wirkliciie Dinge bezieht: das Leben selbst mui's
für ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren.
Während aber für denjenigen, der mit dem Traume
das uns zugängliche All erschöpft glaubt, alle Wissen-
schaft ein Unding ist, wird für den andern, der sich
befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge
zu schliefsen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser
„Dinge an sich" bestehen. Die erstere Weltansicht
kann mit dem Namen absoluter Illusionismus be-
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VI. Das Erkennen der Welt.
81
zeiclinet werden, diezweite nennt ihr konsequentester
Vertreter, Eduard von Hartmann, transcen den-
talen Realismus').
Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Rear
lismus das gemein, dais sie Fufs in der Welt zu fassen
suchen durch eine Untersuchung der Wahrnehmungen.
Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends
einen festen Punkt finden.
Eine Hauptfrage für den Bekenner des trans-
cendentalen Realismus mttfste sein : wie bringt das Ich
aus sich reibst die Vorstellungswelt zustande? Für eine
uns gegebene Welt von Vorstellungen, die verschwindet,
sobald wir unsere Sinne der Aufsenwelt verschlierfien,
kann ein ernstes Erkenntnisstreben sich insofern er-
wärmen, als sie das Mittel isl^ die Welt des an sich
seienden Ich mittelbar zu erforschen. Wenn die Dinge
unserer Erfahrung Vorstellungen wären, dann gliche
unser alltägliches Leben einem Traume und die Er-
kenntnis des wahren Thatbestandes dem Erwachen.
Auch unsere Traumbilder interessieren uns so lange,
als wir träumen, folglich die Traumnatur nicht durch-
schauen. In dem Augenblicke des Erwachens fragen
wir nicht mehr nach dem inneren Zusammenhange
^) trftnflcendeiital Ist eine Erkenntnis, welche sich bewoTst
ist, dais fiber die Dinge an sich mohtdirekt etwas ausgesagt werden
kann, sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten Sub-
jektiTen anf das Unbekannte, jenseitB des Subjektiven Liegende
(Tnuisoendente) macht Das Ding an sich ist nsdi dieser Ansicht
jenseits des Gebietes der uns nnra ittelbar erkennbaren Welt,
d. i. tninscendent Unsere Welt kann aber auf das T^anscendente
transoendental besogen werden. Realismus heiTst Hartmanns An-
schauung, w^ sie ftber das Subjektive, Ideale hinaus, auf das
Transcendente, Seale geht
S t« in e 1 1 PUlOMpliie d«r Fieih«it. 6
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82
TL Das Erkennen der Welt
unserer Traumbilder, sondern nach den piiysikalifichen,
physiologischen und psychologischen Vorgängen, die
ihnen zum Grunde liegen. Ehensowenig lüinn sich der
Philosoph, der die Welt fttr seine Vorstelloi^ hält,
fiir den inneren Zusammenhang der Einzelheiten in
derselben interessieren. Falls er überhaupt ein seiendes
Ich gelten läfst, dann wird er nicht tragen, wie hängt
eine meiner Vorstelhmgen mit einer anderen zusammen,
sondern was geht in der von ihm unahhängigen Seele
Tor, während sein Bewofstsein einen bestimmten Vor-
stellungsablauf enthält. Wenn ich träume, dafs ich
Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf ver-
ursache und dann mit Hustenreiz aufwache (vgl. Wey-
^andt, Entstehung der Träume, 1893), so hört im
Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung au^
fttr mich ein Interesse zu haben. Mein Augenmeiic
ist nur noch auf die physiologischen imd psycho-
logischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz
sich symbolisch in dem Trnmn bilde zum Ausüruck
bringt. In ähnlicher Weise muls der Philosophy so-
bald er von dem Vorstellungscharakter der gegebenen
Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter
steckende wirkliche Seele ttberspringen. Schlimmer steht
die Sache allerdings, wenn der Illusionismus das Ich
an sich hinter den Vorstellunii;en ganz leugnet, oder
es wenigstens für unerkennbar hält. Zu einer solchen
Ansicht kann sehr leicht die Erwägung führen, dafs
es dem Träumen gegenüber zwar, den Zustand des
Wachens giebt, in dem wir Gelegenheit haben, die
Träume zu durchschauen und auf reale Verhältnisse
zu. beziehen, dafs wir aber keinen zu dem wachen
BewuTstaeiufilebeu in einem ähnlichen Verhältnisse
*
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VL Das Erkeimeu der Welt
83
stehenden Zustand haben. Wer zu dieser Ansicht
sich bekennt» dem geht die Einsicht ab, daTs es
etwas giebt, das sich in der That zum blofsen
Wahraehmen irerhttlt wie das Erfahren im wachen
Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist das
Denken.
Dem naiven Menschen kann derselbe Mangel
nicht angerechnet werden. £«r giebt sich dem Leben
hin und hält die Dinge so für wirklieh, wie sie
sich ihm in der Erfahrung darbieten. Der erste
Schritt aber, der über diesen Standpunkt hinaus unter-
nommen wird, kann nur in der Frage bestehen : wif?
verhält sich das Denken zur Wahrnehmung? Ganz
einerlei: ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen
Gestalt Yor und nach meinem Vorstellen weiterbesteht
oder nicht: wenn ich irgend etwas tlber sie aussagen
will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen.
Wenn ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so
habe ich das Ergebnis eines Deukprozesses aus-
gesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt
nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum.
Zwischen die Wahrnehmung und jede Art von Aus-
sage über dieselbe schiebt sich das Denken ein.
Den Grund, wuruin (Uis Denken bei der Be-
tracliLuug der Dinge zumeiat iibersehen wird, haben
wir bereits angegeben (vergl. S. 38 f.). Er liegt in dem
Umstände, dafs wir nur auf den Gegenstand, Uber
den wir denken, nicht aber zugleich auf das Denken
unsere Aufmerksamkeit richten. Das naive Bewufst-
sein behandelt daher das Denken wie etwas, das mit
den Dingen nichts zu thun liat, sondern ganz abseits
von denselben steht und seine Betrachtungen über die
6*
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84 VI. Das Erkennen der Welt
Welt anstellt Das BUd^ das der Denker von den
Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht als etwas,
was zu den Dingen gehart, sondern als ein nur im
Kopfe des Menschen existierendes; die Weit lai auch
fertig ohne dieses Bild. Die Welt ist fix und fertig
in allen ihren Substanzen und Kräften; und von
dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild.
Die so denken, mnfs man nur fragen: mit welchem
Rechte erklärt ihr die Welt für fertig, ohne das
I Jt uken? Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit
die Welt das Denken im Kopfe des Menschen hci vor,
wie die Blüte an der Pflanze? Pflanzet ein ^Samenkorn
in den Boden. Es treibt Wurzel und Stengel. £s
entfaltet sich zu Blttttom und Blüten. Stellet die
Pflanze euch selbst gegentlber. Sie yerbindet sich in
eurer Seele mit einem bestimmten Begriffe. Warum
gehört dieser l^egriff weniger zur ganzen Pflanze als
Blatt und Blüte V Ihr saget: die Blätter und Blüten
sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Be-
griff erscheint erst, wenn sich der Mensch der Pflanze
gegenüberstellt. Ganz wohl. Aber auch Blüten und
Bllttter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da
ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht
und Luft da sind, in denen sich Blätter und Blüten
entfaiteu können. Gerade so entsteht der Begriff der
Pflanze, wenn ein denkendes Bewufstsein an die Pflanze
herantritt
Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen« was
wir von einem Dinge durch die blofse Wahrnehmung
erfahren, für eine Totalität, für ein (Tanzes zu halten
und dasjenige, was sich durch die denkende Be-
trachtung ergiebt, als ein solches Hinzugekommenes, das
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VL Das Erkennen der Welt.
85
mit der Sache selbst nichts zu thuu hat. Wenn ich
heute eine Bosenknospe erhalte, so ist das Bild, das
sich meiner Wahnfthmnng darbietet, nur zunächst ein
abgeschlossenes. Wenn ich die Knospe in Wasser
setze, so werde ich morgen ein ganz anderes Biid
meines Objektes erhalten. Wenn ich mein Auge von
der Bosenknospe nicht abwende^ so sehe ich den heutigen
Zustand in den moigigen durch unzählige Zwischen-
stufen kontinuierlich übergehen. Das Bild, das sich mir
in einem bestimmten Augenblicke darbietet, ist nur ein
zufälliger Ausschnitt aus dem in » inem fortwährenden
Werden begriÜeaen Gegenstände, öetze ich die Knospe
nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Beihe von
Zuständen nicht zur Entwickelung, die der Möglich-
keit nach in ihr lagen. Ebenso kann ich morgen ver-
hindert sein; die Blüte weiter zu beobachten und da-
durch ein unvollständiges Bild haben.
Es wäre eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten
sich heftende Meinung, die von dem in einer ge-
wissen Zeit sich darbietenden Bilde erklärte: das ist
die Sache.
Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der
^^'ahrnehmungsmerknlale für die Sache zu erklären.
Es wäre sehr wohl möglich, dafs ein Geist zugleich
und uugetrennt von der Wahrnehmung den Begritf
mitempfangen könnte. Ein solcher Geist würde gar
nicht auf den Einfall kommen, den Begriff als etwas
nicht zur Sache G-ehöriges zu betrachten. Er mttfste
ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes
Dasein zuschreiben.
Ich will mich noch dui*ch ein Beispiel deutlicher
machen. Wenn ich einen Stein in horizontaler Bich*
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86
VI. Das Erkennen der Welt.
tirng durch die Luft werte, so sehe ich ihn nachein-
ander an verschiedenen Orten. Ich Terhinde diese
Orte zu einer Linie. In der Mathematik lerne ich
verschiedene Linientormen kennen, darunter auch die
Parabel. Ich kenne die Parabel als eine Linie, die
entsteht, wenn sich ein Punkt in einer gewissen ge-
setzmftfsigen Art bewegt Wenn ich die Bedingungen
untersuche, unter denen sich der geworfene Stein he-
wegt, so finde ich, dafs die Linie seiner Bewegung
mit der identisch ist, die ich als Parabel kenne. Dafs
sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt, das
ist eine Folge der gegebenen Bedingungen und folgt
mit Notwendigkeit aus diesen. Die Form der Parabel
gehört zur ganzen Erscheinung, Mrie alles andere, was
an derselben in Betracht kommt Bern oben W*
schriebenen Geist^ der nicht den Umweg des Denkens
nehmen uüüste, wäre nicht nur eine Summe von Ue-
sichtsempiindungen an verschiedenen Orten gegeben,
sondern ungetrennt von der Erscheinung auch die
parabolische Form der Wurflinie, die wir erst durch
Denken zu der Erscheinung hinzufügen.
Xieht au den Gegenständen liegt es, dafs sie uns
zunächst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben
werden, sondern an unserer geistigen Organisation.
Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise^
dafs ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei
Seiten her die Momente zufliefsen, die fUr die Sache
in Betracht kommen : von selten des Wahrnehmens
und des Denkens.
Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu thun,
wie ich organisiert bin, sie zu erfassen. Der Schnitt
zwischen Wahrnehmen und Denken ist erst -in dem
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VI. Dm Erkennen der Welt
87
Allgenblicke vorhanden , wo ich, der Betrachtende,
den Dingen gegenübertrete. Welche Elemente dem
Dinge angehören und welche nicht, kann aber durch-
auB nicht davon abhängen, auf welche Weise ich zar
Kenntnis dieser Elemente gelange.
Der Mensch ist ein eingeschränktes Wesen.
Zunächst ist er ein Ding unter anderen Dingen. Sein
Daseiü gehört dem Raum und der Zeit an. Dadurch
kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil des
gesamten Universums gegeben sein. Dieser beschränkte
Teil schlieüst sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie
rttumlich an anderes an. Wäre unser Dasein so mit
den Dingen verknüpft, dafs jedes Weltgeschehen zu-
gleich unser Geschehen wäre, dann gäbe es den Unter-
schied zwischen uns und den Dingen nicht Dana
aber gäbe es für uns auch keine Einzeldinge. Da
ginge alles Geschehen kontinuierlich ineinander über.«
Der Kosmos wäre eine Einheit und eine in sich be-
schlossene Ganzheit. Der S^trom des Geschehens hätte
nirgends eine Unterbrechung. Wegen unserer Be-
schränkung erscheint uns als Einzelheit, was in Wahr-
heit nicht Einzelheit ist Nirgends ist z. B. die Einzel-
qoalität des Rot abgesondert fUr sich Yorhanden. Sie
ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu denen
sie gehört, und ohne die sie nicht bestehen könnte.
Für uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse Aus-
schnitte aus der Welt herauszuheben, und sie für sich zu
betrachten. Unser Auge kann nur einzelne Farben
nacheinander aus einem vielgliedrigen Farbenganzen,
unsBr Verstand nur einzelne Begriffe aus einem zu-
sammenhängenden Begriffssysteme erlassen. Diese
Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch
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88 VI. Dm Erkennen der Welt.
den Umstand, dafs wir nicht identisch sind, mit dem
Weltprozefs, sondern ein Ding unter anderen Dingen.
Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des
Dinges^ das wir selbst sind^ zu den anderen Dingen
zu bestimmen. Diese B^timmung mufs unterschieden
werden von dem blofsen Bewufstwerden unseres Selbst.
Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das
Bewufstwerden jedes anderen Dinges. Die Selbst-
wahmebmung zeigt mir eine Summe von Eigenschaften,
die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit
zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb^ metall-
glänz end, hart u. s. w. zu der Einheit ^Gold" zu-
sanmienfasse. Die Selbstwabmehmung fllhrt mich nicht
aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu mir gehört.
Dieses Selbstwalirnehmen ist zu unterscheiden von
dem denkenden Selbstbestimmen. Wie ich eine
einzelne Wahrnehmung der Aufsenwelt durch das
Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt,
so gliedere ich die an mir selbst gemachten Wahr-
nehmungen in den Weltprozefs durch das Denken ein.
Mein Selbstwahrnehmen schliefst mich innerhalb be-
stiniuiter Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu
thun mit diesen Grenzen. In diesem Sinne bin ich
ein Doppelwesen. Ich bin eingeschlossen in das 0e-
^ biet; das ich als das meiner Persönlichkeit wahrnehme,
aber ich bin Träger einer Thätigkeit, die von einer
höheren Sphäre aus mein begrenztes Dasein bestimmt.
Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfin-
den und Fühlen, £s ist universell. Es erhält ein
individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen
nur dadurch, daÜs es auf sein individuellee Ftlhlen
und Empfinden bezogen ist Durch diese besonderen
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VI. Dh» Erkennen der Welt.
89
Färbungen des universellen Denkens unterscheiden
sich die einzelnen Menschen voneinander« Ein Dreieck
hat nur einen einzigen Begriff. F(lr den Inhalt dieses
Bef^rifFes ist es gleichgiltig, ob ihn das niensehliche
BewuTstsein A oder B fafst. Er wird aber von jciliiiu
der zwei Eewulstseine in individueller Weise eriaist
werden.
Diesem Gedanken steht ein schwer zu über-
windendes Vorurteil der Menschen gegenüber. Die
Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht, dafs
der Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfafst, der-
selbe ist, wie der durch den Kopf meines Neben-
menschen ergriffene. Der naive Mensch hält sich fiir
den Bildner seiner Begriffe« Er glaubt deshalb, jede
Person hat ihre eigenen Begriffe. Es ist eine Grund-
forderung des philosophischen Denkens, dieses Vor-
urteil zu überwinden. Der Eine einheitliche Betriff
des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer Vieiiieit,
dafs von vielen gedacht wird. Denn das Denken der
Tiden selbst ist eine Einheit.
In dem Denken haben wir das Element gegeben,
das unsere besondere Individualilät mit dem Kosmos
zu einem Ganzen zusammenschliefst. Indem wir em-
pfinden lind fühlen (wahrnehmen), »ind wir einzelne,
indem wir denken, sind wir das All-Eine Wesen,
das alles durchdringt. Dies ist der tiefere Grund
unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine schlecht-
hin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft,
die universell ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem
Ausströmen iius dem Centrum der Welt kennen, son-
dern in einem Funkte der Peripherie. Wäre das
erstere der Fall, dann wlifsten wir in dem Augen-
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90
VI. Dm Erkennen der Welt
blicke^ in dem wir zum Bewufstsein kommen, das
ganze Welträtsel. Da wir aber in einem Punkte der
Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in be-
stimmte Grenzen eingeschlossen finden^ müssen wir
das aufserhalb unseres eigenen Wesens gelegene G-e-
biet mit Hilfe des ans dem allgemeinen Weltensein in
uns hereiiiiageiiden Denkens kennen lernen.
Dadurch, dafs das Denken in uns übergreift über
unser Sondersein und auf das allgemeine Weltensein
sich bezieht, entsteht in uns der Trieb der Erkennt-
nis. Wesen ohne Denken haben diesen Trieb nicht*
Wenn sich ihnen andere Dinge gegentlberstellen, so
sind dadurch keine Fragen gegeben. Diese anderen
Dinge bleiben solchen Wesen äufserlich. Bei denken-
den Wesen stöfst dem Aulsendinge gegenüber der
Begriff auf. £r ist dasjenige, was wir von dem Dinge
nicht von aufs^, sondern von innen empfangen. Den
Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente, des
inneren und des äufseren, soll die Erkenntnis
liefern.
Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Ab-
geschlossenes, sondern die eine Seite der totalen Wirk-
lichkeit Die andere Seite ist der Begriff. Der Er-
kenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und
Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges
machen aber erst das ganze Ding aus.
Die voraiigelienden Ausführungen liefern den
Beweis, dal's es ein Unding ist, etwas anderes Gemein-
sames in den Einzelwesen der Welt zu suchen, als den
ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet Alle Ver-
suche müssen scheitern, die nach einer anderen Weltetn-
heit streben als nach diesem in sich zusammenhängenden
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VI. Das Erkennen der Welt.
91
ideellen Inhalt^ welchen wir uns darch denkende Be-
trachtung unserer Wahrnehmungen erwerben. Nicht
ein persönlicher Gott^ nicht Kraft oder Stoff, noch der
ideenlose Wille (Schopenhauers und Hartmanns) können
uns als eine universelle Welteiiihcit gelten. Diese
Wesenheiten ereliören sämtlich nur einem beschränkten
Gebiet unserer Beobachtung an. Persönlichkeit nehmen
wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Aufsendingen
wahr. Was den Willen betrifft, so kann er nur als
die Thätigkeitsäufserung unserer beschränkten Persön-
lichkeit gelten. Schopenhauer will es venneiden, das
„abstrakte" Denken zum Träger der 'Zeiteinheit zu
machen und sucht statt dessen etwas ^ das sich
ihm unmittelbar als ein Reales darbietet. Dieser
Philosoph glaubt^ dafs wir der Welt nimmermehr bei-
kommen, wenn wir sie als Aufsenwelt ansehen. „In
der That würde die nachgeforschte Bedeutung der
mir lediglich als meine Vorstellung gegenüberstehen-
den Welt, oder der Übergang von ihr, als blofse
Vorstellung des erkennenden Subjekts, zu dem, was
sie noch auTserdem sein mag, nimmermehr zu finden
sdn, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das
rein erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne
Leib) wäre. Nun aber wurzelt er selbst in jener
Welt, findet sich nämlich in ihr als Individuum,
d. h. sein Erkennen, welches der bedingende Trüger
der ganzen Welt als Vorstellung ist, ist demnach
durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen Affektionen,
wie gezeigt, dem Verstände der Ausgangspunkt der
Anschauung jener Welt sind. Dieser Leib ist dem
rein erkennenden Subjekt als solchen eine Vorstellung
wie jede andere, ein Objekt unter Objekten: die Be-
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92
VI. Das Erkeuuen der Wek.
wegungen, die Aktionen desselben sind ihm insoweit
Dicht anders als wie die Veränderungen aller anderen
anschaulichen Objekte bekannt^ und wären ihm ebenso
fremd und unverständlich, wenn die Bedeutung der-
selben ihm nicht etwa auf eine ganz andere Art ent-
rätselt wäre Dem Subjekt des Erkennens,
welches durch «eine Identität mit dem Leibe als Indi-
viduum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz ver-
schiedene Weisen gegeben: einmal als Vorstellung in
verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten,
und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber
autli zugleich auf eine ganz andere Weise, nämlich
als jenes jedem uinn ittelbar ])( k;Lnnte, welches das
Wort Wille bezeichnet» Jeder wahre Akt seines
Willens ist sofort und unausbleiblich auch eine Be-
wegung seines Leibes: er kann den Akt nicht wirk-
lich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, dafs er als
Bewegung des Leibes erscheint. Der Willensakt und
die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv er-
kannte verschiedene Zustände, die das Band der
Kausalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis von
Ursache und Wirkung; sondern sind eins und das-
selbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen ge-
geben: einmal ganz unmittelbar und einmal in der
Anschauung für den Verstand." Durch die.so Aus-
einandersetzungen glaubt sich Schopeniiauer berechtigt,
in dem Leibe des Menschen die „Objektität'^ des
Willens zu finden. £r ist der Meinung, in den Aktionen
des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an
sich in concreto zu fehlen. Gegen diese Ausführungen
mufs eingewendet werden, dafs uns die Aktionen
unseres Leibes nur durch Selbstwahruehmungen zum
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VI. Das Erkennen der Welt.
98
Be wustsfein kommen und als solche nichts voraus
haben vor anderen Wahrnehmungen. Wenn wir ihre
Wesenheit erkennen wollen, so können wir dies
nur durch denkende Betrachtung, d. h* durch £in-
gliederung* derselben in das ideelle System unserer
Begriffe und Ideen.
Am tiefsten eingewurzelt in das naive Mensch-
heitsbewui'st:3ein ist die Meinung: das Denken sei
abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt. Es könne höch-
stens ein „ideelles" Gegenbild der Welteinheit liefern,
nicht etwa diese selbst. Wer so urteil^ hat sich niemals
klar gemacht^ was die VTahmehmung ohne den Be-
griff ist. Sehen wir uns nur diese Welt der Wahr-
nehmung an: Ein blol'ses Nebeneinander im Raum
und Naclieinamlcr in der Zeit, ein Agi^regat zu-
sammenliaiigloser Einzelheiten ist sie. Keines der
Dinge, die da auftreten und abgehen auf der Wahr-
nehmungsbtthne, hat mit dem andern etwas zu thun.
Die Welt ist eine Mannigfaltigkeit von gleichwertigen
Gegenständen. Keiner spielt eine gröfsere Eolle als
der andere im Getriebe der Welt. Soll uns klar werden,
dafs diese oder jene Thatsache grölsere Bedeutung
hat als die andere, so müssen wir unser Denken
befragen. Ohne das funktionierende Denken erscheint
uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Be-
deutung für dessen Leben ist, gleichwertig mit dem
wichtigsten Körpergliede. Die einzelnen Thatsachen
treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen
Toile der Welt erat hervor, wenn das Denken seine
Fttden zieht von Wesen zu Wesen, Diese Thätigkeit
des Denkens ist eine inhaltvolle. Denn nur durch
einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich
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94
VI. Das Erkennen der Welt.
wissen^ warum die Schnecke auf einer niedrigeren
Organisationsstufe steht als der Löwe. Der blofse
Anblick, die Wahrnehmuns^ giebt mir keinen Inhalt,
der mich über die Vollkommenheit der Organisation
belehren könnte.
Diesen. Inhalt bringt das Denken der Wahr-
nehmung aus der Begrifis- und Ideenwelt des Menschen
entgegen. Im Gegensatz zum. Wahrnehmungsinhalte, der
uns von aufsen gegeben ist, erscheint der Gedanken-
inhalt im Innern. Die Form, in der er zunächst auf-
tritt, wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist
flir das des Denkens^ was die Beobachtung
für die Wahrnehmung ist, Intuition und Beobachtung
sind die Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen
einem beobachteten Dinge der Welt so lange fremd
gegenüber, so lange wir in unserem Innern nicht die
entsprechende Intuition haben, die uns das in der
Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergfinzt
Wer nicht die Fähigkeit hat, die den Dingen ent-
sprechenden Intuitionen zu finden, dem bleibt die volle
\\'iikliclikeit verschh)ssen. Wie der Farbenblinde nur
Ilelligkeitsuntcrschiede ohne Farbenqualitäten sieht,
so kann der Intuitionslose nur unzusammenhängende
Wahrnehmungsfragmente beobachten.
Ein Ding erklären, verständlich machen
heifst nichts anderes, als es in den Zusammenhang
hinein versetzen, aus dem es durch die oben geschil-
derte Einrichtung unserer Organisation herausgerissen
ist. Ein von dem Weltganzen abgetrenntes Ding giebt
es nicht. Alle Sonderung hat blofs subjektive Geltung
für unsere Oi^nisation. Ftlr uns legt sich das Welt-
ganze auseinander in : oben und unten, vor und nach,
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VI. Das Erkennen der Welt.
95
Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung,
Stoff und Kraft, Objekt und Subjekt u. s. w. Was
uns in der Beobachtung an Einzelheiten gegeniibertritt,
das verbindet sich durch die zusammenhäugoude, ein-
heitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied;
und wir fügen durch das Denken alles wieder in
Eins ausammen, was wir durch das Wahrnehmen
getrennt haben.
Die Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in
seinem Sonderdasein. Diese ist aber von uns hervor-
gerufen und kann, innerhalb der Begriffswelt, auch
wieder aufgehoben werden.
AuTser durch Denken und Wahrnehmen ist uns
direkt nichts gegeben. Es entsteht nun die Frage :
wie steht es gemäfs unseren Ausflihrungen mit der
Bedeutung der Wahrnehmung? Wir haben zwar er-
kannt, dafs der Beweis^ den der kritische Idealismus
für die subjektive Natur der Wahrnehmungen vor-
bringt, in sich zeriWt; aber mit der Einsicht in die
Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht,
dafs die Sache selbijt auf einem Irrtume beruht. Der
kritische Idealismus geht in seiner Beweisführung nicht
von der absoluten Natur des Denkens aus, sondern
stützt sich darauf, dafs der naive Realismus, konsequent
verfolgt, sich selbst aufhebt. Wie stellt sich die Sache,
wenn die Absolutheit des Denkens erkannt ist?
Nehmen wir an, es trete eine bestimmte ^^ alu-
nehmung, z. B. Mot, in meinem Bewulstsein auf. Die
Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender Betrach-
tung in Zusammenhang stehend mit anderen Wahr^
nehmnngen, z. R einer bestimmten Figur, mit ge-
wissen Temperatur- und Tastwahmehmungen. Diesen
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VI. Das Erkennen der Welt
Zusammenhang bezeichne ich als einen Gegenstand
der Sinnenwelt Ich kann mich nun fragen: was
findet sich auiser dem angeführten noch in
jenem Banmausschnitte, in dem mir obige Wahr-
nehraim^eTi erscheinen. Ich werde mechanische,
clieinibclie und andere Vorgänge innerhalb des Raum-
teiles ünden. Nun gehe ich weiter und untersuche die
Vorgänge^ die ich auf dem Wege von dem Gegen-
stande zu meinem Sinnesorgane finde. Ich werde Be-
weguiigs Vorgänge in einem elastischen Mittel finden,
die ihrer Wesenlieit nach nicht das Geringste mit den
ursprüiigHchen Wahrnehmungen ireniein haben. Das
gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere
Yermittelung vom Sinnorgane zum Gehirn untersuche.
Auf jedem dieser Gebiete mache ich neue Wahr-
nehmungen ; aber was als bindendes Mittel sich durch
alle diese räumlich und zcM'tlich auseinander! icgen-
deu Wahrnehmungen hindurehwebt, das ist das Denken.
Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft
sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie
der Schall selbst Kur das Denken gliedert alle diese
Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie in ihren
gegenseitigen Beziehungen. Wir können nicht davon
sprechen , dafs es aiilser dem unmittelbar Wahr-
genommenen noch anderes giebt, als die ideellen (durch
das Denken aufzudeckenden) Zusammenhänge der
Wahrnehmungen. Die über das blofs Wahrgenommene
hinausgehende Beziehung der Wahmehmungsobjekte
zum Wahmehmungssubjekte ist also eine blofs ideelle,
d. h. nur durch Begriff e ausdrUckbare. Nur in dem Falle,
wenn ich wahrnehmen konnte, wie das Wahrnehmungs-
objekt das W^ahruehmungssubjekt afdciert, oder umge-
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VI. Das Erkennen der Welt
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kehrt, wenn ich den Aufbau des W'ahrnehmungsgebikles
durch das Subjekt beobachten könnte, wäre es möglicli,
so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der auf
sie gebaute kritische Idealismus thun. Diese Ansicht
yerwechselt einen ideellen Bezug (des Objekts auf
das Subjekt) mit einem Prozefs, ron dem nur ge-
sprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen wäre.
Der Satz „Keine Farbe ohne farbenemptiiidendes Auge"
kann daher nicht die Bedeutung haben, dalä das Auge
die Farbe hervorbringt, sondern nur die, dafs ein
durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammen-
hang besteht zwischen der Wahrnehmung Farbe und
der Wahrnehmung Auge. Die empirische Wissenschaft
wird festzustellen haben, wie sieh die Eigenschaften
des Auges und die der Farben zu einander verhalten ;
durch welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahr-
nehmung der Farben vermittelt u. s. w. Ich kann
verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf die andere
folgt, wie sie rttumtich mit andern in Beziehung steht,
und dies dann in einen begrifflichen Aufdruck bringen;
aber ich kann niclit wahrneluuen, wie eine Wahr-
nehmung aus dem Un wahrnehmbaren hervorgeht
Alle Bemtlhungen, zwischen den Wahrnehmungen
andere als Gkdankenbezfige zu suchen, müssen not-
wendig scheitern.
Was ist also die Wahrnehmung? Diese Frage ist,
im allgemeinen gestellt, absurd. Die Wahrnehmung
tritt immer als eine ganz bestimmte, als konkreter
Inhalt auf. Dieser Inhalt ist unmittelbar gegeben,
und erschöpft sich in dem Gegebenen, Man kann
in Bezug auf dieses Gegebene nur fragen, was es aufser-
halb der Wahrnehmung d. i. für das Denken ist. Die
Steiner, Fbiloaopbie der Freiheit. ^
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VI. Das Erkenmn der Welt.
Frage nach dem Was einer Wahrnehmung kann also
mir auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr ent-
spricht. Unter diesem Gesichtspunkte kann die Frage
nach der Subjektiirität der Wahrnehmung im Sinne
des kritischen Idealismus gar nicht angeworfen werden.
Als snbjektiy darf nur bezeichnet werden, was als
zum Subjekte gehörig wahi^nommen wird. Das Band
zu bilden zwischen Subjektivem und Objektivem
kommt keinem, im naiven Sinn realen, Prozefs d. h.
einem wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein
dem Denken. Es ist also fUr uns objektiv, was sich
fUr die Wahrnehmung als aufserhalb dies Wahr-
nehmungSBubjektes gelegen darstellt Mein Wahr-
nehmungssubjekt bleibt für mich wahrnehmbar, wenn
der Tisch, der soeben vor mir steht aus dem Kreise
meiner Beobachtung verschwunden sein wird. Die Beob-
achtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Ver-
änderung in mir hervorgerufen. Ich behalte ein Bild
des Tisches zurflck, das nun mit meinem Selbst rer-
bunden ist. Die moderne Psychologie bezeichnet dieses
Bild als Erinnerungsvorstellung. Es ist aber das-
jenige, was allein mit Recht Vorstellung des Tisches
genannt werden kann. £s ist nämlich die wahrnehm-
bare Veränderung meines eigenen Zustande« durch
die Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde.
Und zwar bedeutet sie nicht die Veränderung irgend
eines hinter dem Walirnehmungssubjekte stehenden
„Ich an sich", sondern die Veränderung de^ wahr-
nehmbaren Subjektes selbst Die Vorstellung ist also,
eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur ob-
jektiyen Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegen-
standes im Wahmehmungshorizonte. Das Zusammen-
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VI, Das Erkennen der Welt.
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' werfen jener subjekÜTen mit dieser objektiven Wahr-
nehmung führt zu dem Mifsverständnisse des Idealis*
mub; die Welt ist meine Vorstellung,
Es wird sich nun zunächst darum handeln, den
Begriff der Vorstellung näher zu bestimmen. Was
wir bisher über sie vorgebracht haben, ist nicht der
Begriff derselben, sondern weist nur den Weg, wo sie
im Wahmehmungsfelde zu finden ist. Der genaue
Begriff der Vorstellung wird es uns dann auch mög-
lich machen, einen befriedigenden Aufschlufs über das
Verhältnis von Vorstellung und Gegenstand zu ge-
winnen. Dies wird uns dann auch über die Grenze
fähren, wo das Verhältnis zwischen Subjekt und Ob-
jekt von dem rein begrifflichen Felde des Erkennens
hinabgeführt wird in das konkrete individuelle Leben.
Wissen wir erst, was wir von der Welt zu halten
haben, dann wird es ein Leichtes sein, auch uns dar-
nach einzurichten. Wir können erst mit voller Kraft
thätig sein, wenn wir das Objekt kennen, dem wir
unsere Thätigkeit widmen.
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VIL
Die mensehlielie ludiTidaalität.
Die Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der
Vorstellungen wird von den Philosophen in dem Um-
stände gefunden, dafs wir die äufseren Dinge nicht
selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine den
Dingen entsprechende Gestalt haben sollen. Bei ge-
nauerem Zusehen stellt sich aber heraus, dafs diese
Schwierigkeit gar nicht besteht Die äufseren Dinge
sind wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den
äufseren Dingen zu ein und derselben Welt. Der
Ausschnitt aus der Welt, den ich als mein Subjekt
wahrnehme, wird von dem Strome des allgemeinen
Weltgeschehens durchzogen. Fttr mein Wahrnehmen
bin ich zunftchst innerhalb der Grenzen meiner
Leibeshaut eingeschlossen. Aber was da drinnen
steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos
als einem Ganzen. Damit also eine Beziehung bestehe
zwischen meinem Organismus ^und dem Gegenstande
aufser mir, ist es gar nicht nötig, dafs etwas von dem
Gegenstande in mich hereinschlttpfe oder in meinen
Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in
Wachs. Die Frage: wie bekomme ich Kunde von
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VII. Die inonscliUclit' InrlivMiuilItät.
101
dem Banme^ der zelin Schritte von mir entfernt stellt^
ist völlig schief gestellt. Sie entspringt aus der An-
scluiuuug-, dafs meine Leibesgrenzen absolute Scheide-
wände seien, durch die die Nachrichten von den
Dingen in mich hereinwandern. Die Kräfte, welche
innerhalb meiner Leibeshant wirken, sind die gleichen
wie die aufaerhalb bestehenden. Ich bin also wirklich
die Dinge; allerdings nicht Ich, insofeme ich Wahr-
nehmungssubjekt bin, aber Ich, insofern ich einTeil inner-
halb des allgemeinen Weltgeschehens bin. Die Wahr-
nehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in dem-
selben Ganzen. Dieses allgemeine Weltgesehehen ruft
in gleichem Malse dort die Wahrnehmung des Baumes
hervor, wie hier die Wahrnehmung meines Ich. Wäre
ich nicht Weiterkenner, sondern Weltschöpfer, so ent-
stünde Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich)
in einem Akte. Denn sie bedingen einander gegen-
seitig* Als Weiterkenner kann ich das Gemeinsame
der beiden *als zusammengehöriger Wesenseiten nur
durch Denken finden, das durch Begriffe beide auf-
einander bezieht.
Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen
werden die sogenannten physiologischen Beweise für
die Subjektivität unserer Wahrnehmungen sein. Wenn
ich einen Druck auf die Haut meines KOrpers aus-
führe^ so nehme ich ihn als Druckeropfindung wahr.
Denselben Druck kann ich durch das Auge als Licht,
durch das Ohr als Ton wahrnehmen. Einen elek-
trischen Scldag nehme ich durch das Auge als Licht,
durch das Ohr als Schall, durch die Hautnerven als Stöfs,
durch das Geruchsorgan als Phosphorgeruch wahr. Was
folgt aus dieser Thatsache? Nur dieses: Ich nehme
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VII. Die meuschliche Individualität.
einen elektrischen Schlag wahr (resp. einen Druck)
und darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton, besw.
einen gewissen Geruch u. s. w. Wenn kein Auge da
wäre, so gesellte sich zu der Wahrnehmung der
mechanischen Erschütterung in der Umgehung keine
Lichtqualitüt, ahm' die Anwesenheit eines Gehörorgans
kein Ton u, s. w. Mit welchem Bechte kann man
sagen, ohne Wahrnehmungsorgane wäre der ganze
Vorgang nicht yorhanden? Wer von dem Umstände^
dafs ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft,
zurückschliefst: also ist das, was wir als Licht em-
pfinden, aufser unserem Organismus nur ein mecha-
nischer Bewegungsvorgang, der vergiist, dafs er nur
von einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und
durchaus nicht auf etwas aufserhalb der Wahrnehmung*
Ebenso gut, wie man sagen kann: das Auge nimmt
einen mechanischen Bewegungs vorgang seiner Umgebung
als Licht wahr, ebensogut kann man behaupten: eine
gesetzmäfsige Veränderung eines Gegenstandes wird
von uns als Bewegungsvorgang wahrgenommen. Wenn
ich auf dem UmfiEing einer rotierenden Scheibe ein Pferd
zwölfmal male^ und zwar genau in den Gestalten, die
sein Körper im fortgehenden Laufe annimmt, so kann
ich durch Rotieren der Scheibe den Schein der Be-
wegung hervorrufen. Ich brauche nur durch eine
Öffnung zu blicken und zwar so, dals ich in den ent-
sprechenden Zwischenzeiten die aufeinander folgenden
Stellungen des Pferdes sehe. Ich sehe nicht zwölf
Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden
Pferdes.
Die erwähnte physiologische Thatsache kann also
kein Licht auf das Verhältnis von Wahrnehmung und
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VII. Die menschliche Individualität.
103
VorBtellnng werfen. Wir müssen uns auf andere
Weibe zLirechttinden.
In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in
meinem ßeobachtungshorizonte auftaucht, bethätigt
sich durch mich auch das Denken. £in Glied in
meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition^
ein Begriff verbindet sich mit der Wahrnehmung.
Wenn dann die Wahrnehmung aus meinem Gesichts-
kreise verschwiiidtit,: was bleibt zurück? Meine In-
tuitioD mit der Beziehung auf die bestimmte Wahr-
nehmung, die sich im Momente des Wahrnehmens ge-
bildet hat. Mit welcher Lebhaftigkeit ich dann sp&ter
diese Beziehung mir wieder vergegenwärtigen kann,
das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und
körperlicher Organismus funktioiiiert. Die Vorstel-
lung ist nichts anderes als eine auf eine bestimmte
Walrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff, der ein-
mal mit einer Wahm^miung verknüpft war, und dem
der Bezug auf diese Wahrnehmung geblieben ist. Mein
Begiiff eines Löwen ist nicht aus meinen Wahr-
neliiuiiigen von Löwen gebildet. Wohl aber ist
meint Vorstellung vom Löwen an der \^'ahrneh-
mung gebildet. Ich kann jemandem den B^riff eines
Löwei beibringen, der nie einen Löwen gesehen hat.
Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen , wird
mir eine sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
Db Vorstellung ist also nichts anderes als
ein indvidualisierter Begriff. Uiul nun ist es uns er-
klärlich dafs für uns die Dinge der Wirklichkeit
durch '*'or8tellungen repräsentiert werden können.
Die voll» W^irklichkeit eines Dinges ergiebt sich uns
im Augeiblicke der Beobachtung aus dem Zusammen^
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VII. Die menschlielie IndMdnalitftt
gehen von Beg^riff und Wahrnehmung. Der Begriff er-
hält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt,
einen Bezug zu dieser bestimmten Wahnehmung. In
dieser individuellen Gestalt, die den Bezug aaf die
Wahrnehmung als eine Elgentflmlichkeit in sich trägt^
lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des be-
treffenden Dinges. TrefftMi wir auf ein zweites Ding,
mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so erkennen
wir es mit dem ersten als zu derselben Art gehtrig;
treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal wieder so
finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur tiber-
haupt einen entsprechenden Begriff, sondern den in-
dividualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlithen
Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkemen
den Gegenstand wieder.
Die Vorstellung steht also zwischen Wahmehnung
und Begriff. Sie ist der bestimmte, auf die ^hr-
nehmung deutende Begriff.
Die Summe meiner Vorstellungen kann ich neine
Erfahrung nennen. Derjenige Mensch wird die
reichere Erfahrung haben, der eine grölsere Zail in-
dividualisierter Begriffe hat. Ein Mensch, dem jedes
IntuitionsvermOgen fehlt, ist nicht geeignet, siih £r-
ffthrung zu erwerben. Er verliert die Gegeiftände
wieder aus seinem Gesichtskreise, weil ihm de Be-
griffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen soll.
Ein Mensch mit gut entwickeltem Denkvemögen,
aber mit einem infolge grober Sinneswerkzeuge
schlecht funktionierenden Wahrnehmen, wird ebenso*
wenig Erfahrung sammeln k($nnen. Er kittn sich
zwar auf irgend eine Weise Begriffe erwerten; aber
seinen Intuitionen fehlt der lebendige Bezi^ auf be-
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VII. Die menschliche Individualität.
105
stimmte Dinge. Der gedankenlose Reisende und der
in abstrakten Begriffsystemen lebende Gelehrte sind
gleich unfähig, sich eine reiche Erfaiirung zu er-
werben.
Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die
Wirklichkeit; als Vorstellung die subjektive Repräsen-
tation dieser Wirklichkeit dar.
Wenn sich unsere Persönlichkeit blofs als er-
kennend äufserte, so wäre die Summe alles Objek-
tiven in Wahrnelimung, Begriff und Vorstellung ge-
geben .
Wir begütigen uns aber nicht damit, die Wahr-
nehmung mit Hilfe des Denkens auf den Begriff zu
beziehen y sondern wir beziehen sie auch auf unsere
besondere Subjektivität ^ auf unser individuelles Ich.
Der Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Ge-
ftihl, das sich als Lust oder Unlust auslebt.
Denken und Fühlen entsprechen der Doppel-
natur unseres Wesens, der wir schon gedacht haben.
Das Denken ist das Element, durch das wir das
allgemeine Geschehen des Kosmos niiLmaehen; das
Fühlen das, wodurch wir uns in die Enge des
eigenen Wesens zurückziehen.
Unser Denken rerbindet uns mit der Welt; unser
Fühlen fUhrt uns in uns selbst zurtlck, macht uns
erst zum Individuum. Wären wir blofs denkende und
wahrnehmende Wesen, so müfste unser ganzes Leben
in uiiterschiedloöer Gleichgültigkeit dahinfliefsen. Wenn
wir uns blofs als Selbst erkennen könnten, so wären
wir uns vollständig gleichgültig. Erst dadurch, dafs
wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der
Wahrnehmung der Dinge Lust und Schmerz em-
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106
VII. Die menschliche Individualität.
pfinden, leben wir ab individuelle Wesen^ deren Dasein
nicht mit dem Begrifibverhflltnis erschöpft ist, in dem
sie zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch
einen besonderen Wert für sich haben.
Man köuute versucht sein, in dem Gefühlsleben
ein Element zu sehen, das reicher mit Wirklichkeit
gesättigt ist als das denkende Betrachten der Welt.
Darauf ist zu erwidern^ dafs das Geftihlsleben eben
doch nur für mein Individuum diese reichere Bedeu-
tung hat. Fiir (las \\'cltganze kann mein Gefühls-
leben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl, aU
Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe
in Verbindung tritt und sich auf diesem Umwege dem
Kosmos eingliedert
Unser Leben ist ein fortwahrendes Hin- und Her-
pendeln zwischen dem Mitleben des allgemeinen Welt-
geschehens und Uüberem individuellen Sein. Je weiter
wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens,
wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel,
als Elxemplar des Begriffes interessiert, desto mehr
verliert sich in uns der Charakter des besonderen
Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit.
Je weiter wir lierabsteigen in die Tiefen des Eigen-
lebens und unsere Gefühle mitklingen lassen mit den
Erfahrungen der Aussenwelt, desto mehr sondern wir
uns ab von dem universellen Sein. Eine wahrhafte
Individualität wird derjenige sein, der am weitesten
hinaufreicht mit seinen Gefühlen in die Region des
Ideellen. Es giebt Menschen, bei denen auch die
allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich fest-
setzen, noch jene besondere Färbung tragen, die sie
unverkennbar als mit ihrem Träger im Zusammen-
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VII. Die menschliche Individuali tat.
hange zeigt Andere existieren^ deren Begriffe so
ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns heran-
kommen, als wären sie gar nicht aus einem Menschen
entsprungen^ der Fleisch und Blut hat.
Das Vorstellen giebt unserem Begriffsleben be-
reits ein individuelles Glepräge. Jedermann hat ja
einen eigenen Standort von dem aus er die Welt be-
trachtet An seine Wahrnehmungen schlieisen sich
seine Begriffe an. Er wird auf seine besondere Art
die allgemeinen Begriffe denken. Diese besondere
Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres Standortes in
der Welt, der an unseren Lebensplatz sich an-
schliefsenden Wahrnehmungssphftre. Wir nennen die
hiermit gekennzeichneten Voraussetsungen des Indi-
viduellen das m 1 1 i e u.
Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere,
von unserer besonderen Organisation abhängige. Un-
sere Organisation ist ja eine spezielle, vollbestimmto
Einzelheit Wir verbinden jeder besondere GefUhle
und zwar in den verschiedensten Stärkegraden mit
unseren Wahrnehmungen. Dies ist das Individuelle
unserer Eigenperftüiilichkeit. Es bleibt als Rest zurück,
wenn wir die Bestimmtheiten des milieu alle in Rech-
nung gebracht haben.
Ein vdUig gedankenleeres Gefühlsleben mttfste
allmählich allen Zusammenhang mit der Welt ver-
lieren. Die Erkenntnis der Dinge wird bei dem auf
Totalität angelegten Menschen Hand in Hand gehen
mit der Ausbildung und Entwicklung des Gefühls-
lebens.
Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe
zunächst konkretes Leben gewinnen.
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vm.
Giebt es Grenzen des Erkennens?
Wir haben festgestellt, dals die Elemente zur
Erklärung der Wirklichkeit den beiden Sphären: dem
Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen sind.
Unsere Organisation bedingt es, wie wir gesehen
haben, dafs uns die volle , totale Wirklichkeit , ein-
schliefslich unseres eigenen Subjektes, zunächst als
Zweiheit erscheint Das Elrkennen Oberwindet diese
Zweiheity indem es ans den beiden Elementen der
Wirklichkeit: der Wahrnehmung und dem Begriff das
ganze Ding zusammenfügt. Nennen wir die Weise,
in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch
das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die
Welt der Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahr-
nehmung und Begriff einheitlich zusammengesetzten
Wesenheit. Dann können wir sagen: die Welt ist
uns als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Er-
kennen verarbeitet sie zur Einheit (monistisch). Eine
Philosophie, welch o von diesem Grundprinzip ausgeht,
kann als monistische Philosophie oder Monismus
bezeichnet werden. Ihr steht gegenüber die Zwei-
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Vni. Giebt es Grenseii des Erkennens? 109
Weltentheorie oder der Dualismus. Der letstere
nimmt nicht etwa zwei blols durch unsere Organisation
auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirk-
lichkeit an, sondern zwei von einander absolut ver-
schiedene Welten. £r sucht dann Erklärungsprinzipien
für die eine Welt in der andern.
Der Dualismus beruht auf einer falschen Auf-
fassung dessen, was wir Erkenntnis nennen. Er trennt
das gesamte Sein in zwei Gebiete, von denen jedes
seine eigenen Gesetze hat, und läist diese Gebiete ein-
ander äuTserlich gegenüberstehen.
Einem solchen Dualismus entspringt die durch
Kant in die Wissenschaft eingeführte und bis heute
nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung von
WahriicLiiiungsobjekt und Ding an sich. Unserefi
Ausführungen G:eniiirs liegt es in der Natur unserer
geistigen Organisation, dafs ein besonderes Ding nur
als Wahrnehmung gegeben sein kann. Das Denken
tiberwindet dann die Besonderung, indem es jeder Wahr-
nehmung ihre gesetzmäfsige Stelle im W^eltganzen an-
weist. So lange die gesonderten Teile des Weltganzen
als Wahrnehmungen bestimmt werden , folgen wir
einfach m der Aussonderung einem Gesetze unserer
Subjektivität. Betrachten wir aber die Summe aller
Wahrnehmungen als den Einen Teil und stellen diesem
dann einen zweiten in den ^Dingen an sich** gegen-
über, so philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir
haben es dann mit einem blofscn Begi^iffsspiel zu thun.
Wir konstruieren einen künstlichen Gegensatz, können
aber für das zweite Glied desselben keinen Inhalt ge-
winnen^ denn ein solcher kann fiOr ein besonderes
Ding nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
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110 VIII. Qiebt es Gransea des Erkennens?
Jede Art des Seins, das aufserhalb des Gebietes
von W'alirnehmung und Bcp^riff angenommen wird, ist
in die Sphäre der unbt-reclitigten Hypothesen zu ver-
weisen. In diese Kategorie gehört das „Ding an sich".
Es ist nur ganz natürlich, dafe der dualistische Denker
den ZusammeBhang des hypothetisch angenommeneu
Weltprinsipes und des eifahrungsmäfsig Gegebenen
nicht finden kanii. Für das hyjx)thetische Weltprincip
lafsL sieh nur ein Inhalt p^ewinnen, wenn man ihn aus
der Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese That-
sache hinwegtäuscht. Sonst bleibt es ein inhaltsleerer
Begriff, ein Unbogrif^ der nur die Form des Begriffes
hat Der dualistische Denker behauptet dann gewöhn-
lich : der Inlialt dieses Begriffes sei unsem' Erkenntnis
unzugänglich; wir konnten nur wissen, dafs ein
solcher Inhalt vorhanden ist^ nicht was vorhanden ist.
In beiden Fällen ist die Überwindung des Dualismus
unmöglich. Bringt man ein paar abstrakte Elemente
der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich
hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete
Leben der Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurück-
ZufÜhreUi die selbst nur aus dieser Wahruehnunig ent-
nommen sind. Du Bois-Keymond stellt fest, dafs die
unwahmehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage
und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, um
dann zu dem Schlüsse zu kommen: wir können nie-
mals zu einer befriedigenden Erklärung darüber
kommen, wie Materie und Bewegung Empfindung und
GefiLhl erzeugen, denn „es ist eben durchaus und fUr
immer unbegreiflich, dafs es einer Anzahl von Kohlen-
stoff-, Wasserstoff*, Stickstoff- u. s. w. Atomen nicht
sollte gleichgiltig sein, wie sie liegen und sich be-
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VIIL Giebt es Grenzen des Erkennens? Hl
Avegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen
und sich bewegen werden. i:^s ist in keiner Weise
einzusehen, wie aus ihrem Zasammenwirken BewuTst-
sein entstehen kdnne^ . Diese Schlufsfolgentng ist charak-
teristisch für die ^anse Denkrichtiing. Aus der reichen
Welt der Wahrnehmungen wird abgesondert: Lage
und Bewegung. Diese werden auf die erdachte Welt
der Atome übertragen. Dann tritt die Verwunderung
darüber ein^ dafs man aus diesem selbs^machten und
aus der Wahmehmungswelt entlehnten Prinzip das
konkrete Leben nicht herauswickeki kann.
Dafs der Dualist, der mit einem vollständig inhalt-
leeren Begriff vom Ansich arbeitet, zu keiner Welt-
erklärung kommen kann^ folgt schon aus der, oben
angegebenen, Definition seines Prinzipes,
In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen,
unserem Erkenntnisvermögen unühersteigliche Schran-
ken zu setzen. Der Anhänger einer monistischen
Weltanschauung weifs, daU alles, was er zur Erklärung
einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht,
im Bereiche der letztem liegen müsse. W^as ihn hindert,
dazu zu gelangen, können nur zuf^ige zeitliche oder
räumliche Schranken oder Mängel seiner Organisation
sein. Und zwar nicht der menschlichen Organisation
im allgemeinen, sondern nur seiner besonderen indivi-
duellen«
Es folgt aus dem BegriÜ'e des Erkennens, wie wir
ihn bestinunt haben, da(s von Erkenntnisgrenzen nicht
gesprochen werden kann. Das Erkennen ist keine
allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft,
das der ^lensch mit sich selbst abzumachen hat. Die
Dinge verlangen keine Erklärung. Öie existieren und
112
Vlll. Giebt es Grenzen des Erkenueus?
wirken aufeinander nach den Gesetzen, die durch das
Denken aufEndbar sind. Sie existieren in unzertrenn-
licher Einheit mit diesen Oesetzen. Da tritt ihnen
unsere Ichheit gegenüber nnd erßiÜst von ihnen su-
nächst nur das, was wir als Wahrnehmung bezeichnet
haben. Aber in dem Innern dieser Ichheit findet sieh
die Kratt, uiu auch den andern Teil der Wirklichkeit zu
finden. Erst wenn die Ichheit die beiden Elemente
der Wirklichkeit, die in der Welt unzertrennlich ver-
bunden sind^ auch für sich vereinigt hat, dann ist die
Erkenntnisbefriedigung eingetreten : das Ich ist wieder
bei der WirkUclikeit angelangt
Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens
sind also durch und für das Ich. Das letztere
giebt sich selbst die Fragen des Erkennens aai. Und
zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig
klaren nnd durchsichtigen Elemente des Denkens.
Stellen wir uns Fragen , die wir nicht beantworten
können, so kann der Inhalt der Frage nicht in allen
seinen Teilen klar und deutlich sein. Nicht die Welt
stellt an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
Ich kann mir denken, dafa mir jede Möglichkeit
fehlt, eine
…[truncated]