Entwürfe, Fragmente und Paralipomena zu den vier Mysteriendramen

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 

VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS 



RUDOLF STEINER 



ENTWURFE, FRAGMENTE UND 

PARALIPOMENA 

ZU DEN 

VIER MYSTERIENDRAMEN 



DIE PFORTE DER EINWEIHUNG 
DIE PRUFUNG DER SEELE 
DER HUTER DER SCHWELLE 
DER SEELEN ERWACHEN 



1985 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die Herausgabe besorgte Edwin Frobose 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1969 

2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck) 

Gesamtausgabe Dornach 1985 

Einzelausgabe 

«Entwiirfe zu dem Rosenkreuzermysterium 
Die Pforte der Einweihung (Initiation)* 
Dornach 1954 



Bibliographie-Nr. 44 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 

Die AuffUhrung dieser Szenenbilder ist nicht gestattet 

© 1969 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0440-X 



INHALT 



Vorbemerkungen des Herausgebers 8 

DIE PFORTE DER EINWEIHUNG 
Erstes und zweites Szenarium 13/14 

Erste Niederschrift 

Erstes Bild 19 

Nicht in das Drama aufgenommenes Bild : 

Mensch - Hierophant 47 

Geistesstimme im dritten Bild 50 

Mensch, Monolog, zweites Bild 50 

Lilie - Hierophant, drittes Bild 54 

Erstes Bild, SchluBszenen 63 

Mann - Frau, Vorspiel 66 

Wetter e Entwiirfe 

Johannes, Monolog, zweites Bild 75 

Gegend im Walde. Die ganze Szene, zweites Bild .... 78 

Meditationszimmer. Fragment, drittes Bild 84 

Fortsetzung aus einem Notizbuch 86 

Die ganze Szene, drittes Bild 89 

Viertes Bild. Fragment 102 

Fortsetzung aus einem anderen Heft 105 

Tempel. Fragment, funftes Bild Ill 

Siebentes Bild. Fragment 117 

Johannes, Capesius, Maria. Fragment, achtes Bild .... 122 

Meditationszimmer, zehntes Bild 127 

Gegend. O Mensch, erleuchte dich. Neuntes Bild .... 131 

Tempel, Fragment. Elites Bild 135 

Johannes, Capesius, achtes Bild 140 

Johannes. Nicht in das Drama aufgenommene Szene ... 142 

Johannes, Strader, Maria. Fragment. Fortsetzung achtes Bild 144 

Meditationszimmer, zehntes Bild 155 

Tempel. Fragment. Elftes Bild 157 



Paralipomena zum ersten, dritten, zehnten und elften Bild 164 



DIE PRUFUNG DER SEELE 



Erstes und zweites Szenarium 173 

Drittes Szenarium 174 

Erste Niederschrift : Drittes, zweites, erstes Bild 175 

Entwiirfe : 

I. Erstes Bild: Capesius - Benedictus 185 

IL Drittes Bild: Johannes - Maria 190 

Erstes Bild: Capesius - Benedictus 195 

Das Marchen vom Quellenwunder, funftes Bild 206 

Szene aus dem fiinften Bild 209 

Zehntes Bild, zwei Fassungen 212 

Paralipomena zum ganzen Drama 216 

Das Feenmarchen. Funftes Bild 217 

DER Ht)TER DER SCHWELLE 

I 

Vorentwiirfe. Nicht in das Drama aufgenommene 

Szenenbilder 221 

Erstes und zweites Szenarium 233 

Entwiirfe und Prosaskizzen zu einzelnen Vorgangen . . . 234 

II 

Entwiirfe, fragmentarisch, zum ersten, zweiten, fiinften, 

siebenten, achten und zehnten Bild 239 

III 

Zusammenhangende Entwiirfe zum ersten, zweiten und 

dritten Bild 255 

Drittes Bild, teilweise Prosa 294 

Viertes Bild, Prosaentwurf 306 

Funftes Bild, teilweise Prosa 312 

Neuntes Bild, teilweise Prosa 317 

Zehntes Bild, Prosa und Versform 321 

Paralipomena zum ersten, zweiten, dritten, sechsten, achten 

und zehnten Bild 328 

Nachtragliche Bemerkungen, fragmentarisch 332 



DER SEELEN ERWACHEN 



Szenarium 337 

Bemerkungen zum zweiten Bild 338 

Entwiirfe zum zweiten und dritten Bild 340 

Zusamrnenhangende Entwiirfe 

zum ersten und zweiten Bild, Prosa 349 

Nicht in das Drama aufgenommenes Bild 366 

Drittes Bild 371 

Zweites und drittes Bild 373 

Viertes Bild 386 

Nicht in das Drama aufgenommenes Bild 389 

Geistgebiet. Fiinftes und sechstes Bild 392 

Agypten. Siebentes und achtes Bild, mit Faksimile .... 412 

Unvollstandige Entwiirfe zum neunten, elften, vierzehnten 

und funfzehnten Bild, mit Faksimile 421 

Paralipomena zum ersten, zweiten, dritten, sechsten, 

achten, neunten und dreizehnten Bild 432 

Nachtragliche Bemerkungen, fragmentarisch 448 



Zeittafel 453 

Dbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 454 



VORBEMERKUNGEN 



Die «Vier Mysteriendramen» wurden erstmals in Miinchen an- 
laBHch der Sommerfestveranstaltungen 1910, 1911, 1912 und 1913 
als geschlossene Vorstellungen fur die Anthroposophische Gesell- 
schaft aufgefuhrt. Die Darsteller waren samtlich Mitglieder der 
Gesellschaft, einzelne Berufsschauspieler. Rudolf Steiner insze- 
nierte die Dramen selbst. Die Textniederschrift erfolgte jeweils 
vor Beginn oder auch wahrend der Probenarbeit. Ein bereits 
angekiindigtes funftes Drama konnte im Jahre 1914 infolge 
des Kriegsausbruches nicht mehr aufgefuhrt werden. Spater soil- 
ten dann die Dramen im inzwischen in Dornach errichteten 
Goetheanumbau im Sommer 1923 in Szene gesetzt werden. Der 
Brand des Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 machte dies 
unmoglich. Nach dem Tode von Rudolf Steiner studierte Marie 
Steiner, die in Miinchen die weibliche Hauptrolle der Maria ver- 
korpert hatte, mit dem von ihr ausgebildeten Schauspiel-Ensemble 
im zweiten Goetheanum die Dramen ein, welche nun seit Jahr- 
zehnten dort ofFentlich zur Auffiihrung gelangen. 

Uber die «Entwurfe» zu diesen Dramen schrieb sie im Friih- 
jahr 1946 folgendes: «Unter den Notizbiichern Rudolf Steiners 
gibt es solche, in denen meditative Inhalte festgehalten sind, die 
wie Vorentwiirfe wirken fur das, was im Drama spater umge- 
gossen wurde zu Dialogen oder bewegten Szenen. Die esoterischen 
Motive wurden in die Gesamtkomposition eingegliedert; es wurde 
ihnen die kiinstlerische Form gegeben, die dem Auf bau des Gan- 
zen entsprach. Es bedurfte eines gewissen nicht ganz leichten 
Entschlusses, um den Versuch zu wagen, einige solche Entwiirfe 
sprachlich durchzuarbeiten, um sie dem Programm der Gedacht- 
nisfeier fiir den 30. Marz [dem Todestag Rudolf Steiners] einzu- 
fiigeri. Doch fanden wir zuletzt den Mut, diesen Versuch zu wa- 
gen. Die Bedeutung des Tages gab den Entscheid.» Dieser Ver- 



such wurde nicht wiederholt. 1948 starb Marie Steiner. Die hier 
erwahnten Fragmente sind auf Seite 221 ff. abgedruckt. 

Nun haben sich aber im NachlaC Rudolf Steiners noch zahl- 
reiche solcher Notizbucher oder Notizblatter gefunden. Es sind 
dieses nicht nur die Manuskripte fur die Dramen, sondern es 
handelt sich dabei - ahnlich wie bei dem obenerwahnten Notiz- 
buch - um weitere Entwiirfe zu alien Dramen, um Aufzeichnun- 
gen zum Szenenverlauf oder um eigentliche Paralipomena, wel- 
che in die endgiiltige Fassung nicht aufgenommen wurden. Zu- 
sammengenommen bilden sie den Inhalt des vorliegenden Buches. 
Es sind Aufzeichnungen aus 45 Notizbiichern und mehr als 200 
Notizblatter im Quartformat. Oft war Rudolf Steiner noch bis 
zu den letzten Proben mit der Niederschrift einzelner Szenen 
beschaftigt, und auch die verschiedenen Auflagen der Dramen 
zeigen vorgenommene Verbesserungen. So liegt durch diese Ent- 
wiirfe, Fragmente und Paralipomena ein reiches Studienmaterial 
vor, welches in seiner Art wie nichts anderes geeignet sein durfte, 
zum Verstandnis dieser Kunstwerke, die ein neues Element in 
die Kulturentwicklung brachten, beizutragen, und das deshalb 
nunmehr veroffentHcht wurde. Nicht beriicksichtigt fur den 
Druck wurden selbstverstandlich von Rudolf Steiner selbst durch- 
gestrichene Partien in den Entwiirfen oder Druckvorlagen. 

Ein Datum tragen die Niederschriften nicht, so daB dadurch 
die Gliederung des Ganzen nicht einfach durchzufiihren war. 
Um nun die Entwicklung vom Entwurf zur endgiiltigen Form 
der Szenenbilder deutlich hervortreten lassen zu konnen, wurde 
nichts, was in den Heften oder auf den Blattern zusammen- 
gehorte oder sich als zusammengehorig erwies, getrennt, auch 
wenn dadurch die gleiche Szene spater noch einmal in verander- 
ter Gestalt erscheint. Das muB der Leser beriicksichtigen, da 
bewufit darauf verzichtet wurde, alles zu einem Szenenbild Ge- 
horige zusammenzufiigen, weil dadurch Auf bau und Ausarbeitung 
nicht geniigend ersichtlich geworden waren. Jeweils oben auf der 



Seite ist die Szene angegeben, zu welcher der betreffende Ent- 
wurf gehort, so da6 sich auf diese Weise der Leser leicht 
orientieren kann. Auf der Riickseite der Zwischentitel wurden, 
wenn es sich als notig erwies, Bemerkungen zu den Entwiirfen 
angebracht; sonst erscheint kein besonderer Bezug auf die vier 
Dramen, welche innerhalb der Gesamtausgabe vorliegen. Un- 
gleichheiten der Schreibweise sind durch das Manuskript bedingt. 
Bemerkungen des Herausgebers innerhalb der Texte sind durch 
eckige Klammern gekennzeichnet. 



DIE PFORTE DER EINWEIHUNG 



Wiederholt hat Rudolf Steiner auf den Zusammenhang von Goethes «Mar- 
chen» von der grunen Schlange und der schonen Lilie mit dem Rosen- 
kreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» hingewiesen. In der ersten 
Niederschrift zeigt sich dieser Zusammenhang aulterlich durch zahlreiche 
Personennamen aus dem Goetheschen «Marchen». Doch schon in den fol- 
genden Entwiirfen erhalten die Gestalten individuelle Namen. Nachstehend 
die Entsprechungen : 



Lilie 
Mensch 

1. Irrlicht 

2. Irrlicht 
Konig des Willens 
Der Mann mit der 



Maria 

Johannes Thomasius 

Capesius 

Strader 

Romanus 



Lampe 
Konig des Gefiihls 
Schlange 

Die Frau des Mannes 



Felix Balde 
Theodosius 
Die andere Maria 



mit der Lampe 

1. Madchen 

2. Madchen 

3. Madchen 
Riese 

Kanarienvogel 



Felicia Balde 



Philia 

Astrid 

Luna 



German 
Kind 



Ferner: 

Hierophant 
Makrokosmos 
Mann 
Frau 



Benedictus 

Der Geist der Elemente 

Estelia 

Sophia 



Erstes Szenarium 



1. Einkitungss^ene. Zimmer 
Eine Frau, deren Besucherin 

2. Im Rosenkreu^er-Sinne gehaltenes Zimmer 
Die Unterredner 

3. Felss^enerie 
Mensch 

4. S^ene 

zwischen Hierophant und Lilie 

5. S%ene 

zwischen Lilie und Mensch 



Z\VEITES S2ENARIUM 



1. Zimmer 

Frau - Besuch 

2. Rosenkreut(er- Vereinigungs^immer 
Unterredungen 

3. Naturs^ene 
Mensch 

4. Rosenkreu^er-Meditations^jmmer 

a) Lilie - Hierophant 

b) Lilie - Mensch 

c) Mensch - Hierophant 

5. Die Naturs^ene, in andrem Farbenton 
Es tritt auf: 

Lucifer als Reprasentant der personlichen 
Natur; 

verschwindet. 

Unbekannte Geistwesenheit, 
Die beiden Irrlichter, 
Die Schlange 

Unterirdischer Felsentempel 

Dann wieder die Naturs^enerie 
Unterredung: Mensch mit Alten 



S^ene : Lilie, Paradiesischer Garten 

Lilie. Drei Genossinnen. Kind als Vogel 

Oben erscheint Somnambule [Theodora] als Vogel 

Rosenkreui^er-Meditations^immer 
Mensch, Monolog 

Lilie -: 
Hierophant 

Interme^o 

Die beiden Frauen der Einleitungss2ene 

Rosenkreu^er-Meditations^immer 
Mensch 

1. Lilie. Paradiesischer Garten 

2. Tempel mit Decke als Firmament 
ersichtlich, daB die personliche Einheit verlassen ist 
Opferung der Schlange 

Rosenkreu^er-Meditations^immer 
Mensch = Hierophant 

Feuriger Abound 
Wasser 

Dunst wie aus Rauch und Nebel gemengt 

Eingang in Hohlung zu sehen; wie leuchtend 
werdend 

Aus dem Abgrund steigen auf : 

1. Lucifer. «Schaue vorwarts» - 

2. Irrlichter iiber das Wasser gefahren 

3. Schlange 



Unterirdischer Tempel 



Die Natursvgnerie, doch ohne Paradiesischen Garten 

[Hier hort die zweite Skizzierung der Szenenfolgen auf. Es 
fand sich noch auf einem Notizblatt folgende Auf- 
zeichnung]: 

Riese: unbewufite Krafte 
Jiingling: Mensch 

Lilie : die Vollkommenheit / Zustand 
Dienerinnen 

Habicht / Kanarienvogel / Mops 

[Farbangaben: Vorspiel - Meditationszimmer] 

r 

o viol, 
g bl. 

rot mit Anflug ins Gelbliche = erstes Zimmer 
rot mit Anflug ins Rosa = zweites Zimmer 
duster - dunkel [Gegend] 
violett [Meditationszimmer] 



Erste Niederschrift 



Erstes Bild 



Lilie: Es geht mir so nahe, Freund, 
Dich welken zu sehen 
An Leib und Seele. 
Und welken zu sehen damit 
Auch das schone Band, 
Das uns zehn Jahre verband. 
Ich sah einst in dein Auge, 
Und es spiegelte Freude 
An aller Dinge und Wesen 
Intimen Zusammenhangen. 
Und deine Seele hielt 
In herrlichen Bildern fest, 
Was Sonne und Luft 
Die Korper im Raume beriihrend 
Und offenbarend Daseinsratsel 
In fliichtige Augenblicke kleiden. 
Wohl war noch ungelenk 
Deine Hand, in derben Farben 
Zu ver korpern, was bliitengleich 
In deiner Seele schwebte. 
Doch konnten beide wir meinen, 
DaB die Zukunft dir bringen wird 
Kunst der Hand zur frohen, 
In des Geschehens Grund 
Spiirenden Seele. 
Und nun ist wie erloschen 
Deines Innern einst sprudelnde Kraft; 
Wie gelahmt der Arm, 
Der jugendfrisch einst 
Den Pinsel fiihrte. 



Die P forte der Einweihung • Erste Niederscbrift 



Mensch: So leider ist es. 

Ich fiihle wie hinwegge2aubert 
Der Seele friih'res Feuer. 
Und stumpf nur schaut mein Auge 
Den Glanz der Dinge und der Wesen, 
Den Sonnenlicht verbreket liber sie. 
Fast fiihllos bleibt mein Innres, 
Wenn wechselnde Luftstimmung 
Enthiillend Seinsgeheimnis 
Sich stellt vor mein Gemiit. 
Es regt sich nicht mehr die Hand, 
In Lust zu halten das Geschaute ; 
Und mit dem Pinsel zu erzwingen, 
DaB fester Gegenwart sich fiige, 
Was flucht'gem Werden angehort. 
Es regt sich mir im Herzen 
Nicht mehr des Schaffens Trieb, 
Und Dumpf heit breitet sich 
Hin iiber all mein Denken. 

Lilie : Und das ist alles Frucht 
In deiner Seele 

Von dem } was mir das Hochste, 

Was Losung heil'ger Ratsel mir ist. 

O Freund; ich weiB, 

Ein ewig-geistig Leben wohnt 

In diesem Wechselspiel, 

Das Menschen Dasein nennen 

Und das fur ihre Sinne 

Die Wirklichkeit umschlieBt. 

Und meine Seele webt in solchem Leben. 

Ich schau des Geistes Taten 

Und sehe, wie sich krauseln 



Erstes Bild 



Die Wellen, die verhiillend 

Des tiefen Meeres Grund, 

Erscheinung spinnend allein 

Den meisten vor der Seele stehen. 

Es miihen sich so viele, 

Den Gipfel zu erklimmen, 

Auf den des Geistes OfFenbarung weist. 

Ich fand in allem nur 

Des eignen Wesens OfFenbarung. 

Dafiir aber konnt' Verstandnis 

Nicht erbliihn zwischen meiner Art und der euren. 

Was ich auch geben wollte aus meiner Seele 

Der deinen, die so sehr darnach verlangte, 

Es schien nur schlechter zu gestalten 

Deinen Zustand. 

Und meine Gegenwart wandelte 

Des neuen Wortes sichere Kraft 

In deiner Seele zu verderblichem Brand. 

An meiner Seite wolltest 

Den Weg du gehen, 

Der aus eurer Welt 

In meine fuhrt. 

So aber kam es nicht bis jetzt. 

Was mir Leben gibt 

In jedem GHede meiner Seele, 

Ward Tod, indem es sich 

ErgoB in deine Geistesglieder. 

Und was in mir den Menschen tragt, 

Stiirzt ihn, teilt es meine Seele der deinen mit, 

In tiefste Todesgriinde. 

Mensch: Es ist so. 

Als du mich 



Die Pforte der Einwihung • Erste Niederschrift 



Im Morgenrot unserer Freundschaft 

Fiihrtest zu jener Geistes-Offenbarung, 

Die Licht breitet iiber jene Dunkelheiten, 

Welche unwissend 

Allabendlich betritt 

Des Menschen Seele 

Und in welche wandert 

UngewiB des Menschen Wesen, 

Wenn des Todes Nacht 

Sinnlich zu decken scheint 

Alies Lebens Sinn, 

Welche auferstehend zeigt 

In immer wiederkehrendem Leben, 

Was verfallen scheint 

Der wesenlosen Vernichtung: 

Da dachte ich, daB 

Feuerspendend durch all mein Sein 

Solcher Gedanken Macht sich ergosse. 

Und sicher war es mir, 

DaB des sinnlichen Schauens 

Kraft konnte erst erbliihen 

Durch solches Feuer. 

Und ahnen wollt" ich, 

DaB kunstvoll bewegend 

Dies Feuer lenken wiirde 

Meiner Hande Geschicklichkeit. 

Doch was mich tragen sollte 

Nach Wirklichkeiten, 

Es hat genommen mir, 

Was ich hatte, 

Und des hochsten Lebens Kraft 
Ward Todeshauch in mir. 
Ob ich zweifeln soil, 



Erstes Bild 



Ob glauben an die 

Hohe Verkiindigung - 

Selbst dieses kann ich heute 

Nicht mehr mit Klarheit denken. 

Ich sehe, daB die geahnte Welt leben kann, 

Denn in dir lebt sie vor mir, 

Doch mir ward Tod, 

Als ich begann zu warmen meine Seele 

An dem Wesen, das in dir 

Des neuen Wortes Kraft gebildet. 

Und mir fehlt selbst die Kraft, 

Zu lieben dich. 

Lilie: Ich muB seit Jahren es erkennen, 

Da8 meine Art, das Wort zu leben, 

Wie sengend auf die Menschen wirkt, 

Die treten vertrauend in meines Lebens Kreise. 

Sehen mufi ich, wie lebengebend 

Es dringt in alle Menschenschichten, 

Wie anders des Daseins Pfade 

Wandeln die Menschen, 

Die ein jeglicher auf ihre Art verstehn, 

Was fruchtbar ihnen zum Herzen spricht. 

Wollen aber einige an meiner Seite 

Leben, was sie sonst so herrlich pflegt, 

Sterben sie an Hofmungen und Zielen. 

Und ein Hochstes muBt' ihnen doch sein 

Nicht weniger, was mir ein Hochstes. 

In Wahrheit zeigt davon sich 

Nur ein furchtbar Gegenbild. 

An dir, mein Freund, 

Enthullt sich das Furchtbarste. 

Ich dachte in Warme des Herzens 



Die P forte der Einweihung • Erste Niederschrift 



Dir zu tauchen, was dich tragen sollte, 
Doch meine Warme 
Ward zum Gegenteil in dir. 

l. Irrlicht: So hat man derm 

Die langen schonen Jahre seines Lebens 

Verbracht, zu erkennen, 

Was als Frucht tausendjahrigen 

Menschlichen Sinnens 

An unser Innres pocht. 

In frischer Jugendkraft 

Hat man erfafit, was 

Durch Zeitenwenden 

Die Menschen als Ideale errungen. 

Und abgeklart zur Lebenskunst 

Schien, was auf Schulbanken erobert 

Und was als Erfahrung langsam gereift. 

Besann man sich jedoch genauer, 

Es zeigte sich, 

DaC das Errungne 

Doch kaum an des Herzens 

Sehnsuchten drang. 

Die machtigsten Gedanken, 

Die suchenden Menschengeistern entstammen, 

Schienen zwar mancher Frage 

Antwort zu geben, 

Doch wollten sie dem Fiihlen 

Sich nahen, waren sie schwach. 

Und wenn gar dem Wollen 

Leitsterne sie sollten sein, 

Dann zeigte vollends ihre Ohnmacht sich; 

Und alter Gewohnheiten Uberkraft, 

Der Uberlieferung heimliche Macht 



Erstes Bild 



Nahm den Menschen in Gewahrsam. 

Und nun tritt vor die Seele 

Zwar lehrhaft die neue Verkiindigung, 

Doch wie mit Lebenskraft 

Scheint sie zu umspannen 

Das ganze Gedankennetz 

Und zu formen den Charakter, 

Angreifend des Menschen Innerstes. 

Ich habe durch manches anders denken gelernt ; 

Anders sein zu konnen, scheint mir 

Allein durch solche Offenbarung moglich. 

Recht diinkt es mir, daB Lehren 

Schatten sind gegen das Leben, 

Und daB des Menschen Wesen 

Selbst Schatten bleibt, wenn es 

Den Taten fern nur in Ideen sich ergeht. 

Doch hier scheinen Worte selber Leben 

Und Lehren webende Kraft zu sein. 

So scheint es mir, wenn ich betrachte 

Die Wirkung auf manchen, 

Den ich sehe stehen im Lichte 

Dessen, was mir doch nichts ist 

Wie eine Weltansicht unter vielen. 

Uns, die gereift wir sind 

An anderer Denkungsart, 

Erklarlich schien uns solche Wirkung nur, 

Wo uberhitzter Sektengeist 

Die Seelen einlullend 

Sich iiber die Menschen goB. 

Doch hier ist man entfernt von aller Sekten Art. 

Man spricht zu Vernunft und Geist. 

Doch findet durch sie man 

Des Herzens edles Feuer; 



Die Pforte der Einmihung • Erste Niederschrift 



Sogar des Willens starkste Krafte. 

Und nicht in uberhitztem Redeschwall, 

Der mit vielen Worten 

Stets ein gleiches Seibstverstandliches, 

Behagliches in anspruchslose Seelen traufelt, 

Erreicht man solche Wirkung. - 

Gestehen muB ich, dafi Gedanken 

Subtiler und umfassender zugleich, 

Als je in unsren Philosophien wir finden, 

Die Grundlagen hier bilden. - 

Und dafi an Denken und Sinnen 

Nichts solche Forderungen stelit, 

Was wir erwachsen sehn 

Auf unsrem Boden. 

Doch mir kann das Erfahrene 

Nicht sein, was es ist so vielen. 

Es bringt manchen aus dem Geleise, 

Gibt frohe Hoffnung und Lebenssicherheit dern 

Ich aber habe zu viel gelernt, [andern. 

Um nicht zu wissen, 

DaB irgendwo der RiB klaffen muB. 

Die Wirkung seh ich ; 

Allein, ich kann nicht 

Der Ursache Wahrheit glauben. 

Ich will verstehn, 

Verstehn mit allem, was ich mitgebracht 
Aus heiBen Strebens klarer Frucht. - 
Es ist, als ob, so sehr in dieses Labyrinth 
Ich mich auch ganz ergeben mochte, 
Uberall - als ob mein kritischer Sinn 
ZuriickgestoBen wurde 
Als etwas, was diese Welt 
Nicht in sich ertragen kann. 



Erstes BiU 



2. Irrlicht: Ich muB im vollsten Sinne 
Bekennen mich 
Zu dem zuletzt Gesagten. 
Es will sogar mir scheinen, 
Als ob wir starker bestehn mufiten 
Auf strengster Verleugnung dieser Denkungsart. 
Nicht sollten in Betracht wir ziehn 
Allein den Wert hoher Ideen und Ideale, 
Welche gebaren kann das Gedankenwesen. 
Wir miissen priifen, ob der Grund gediegen. 
Und der Grund dieses Gebaudes 
1st briichig, wo man ihn auch faBt. 
Zwar weiB niemand, woher des Denkens Quell 
sprudelt 

Und wo des Daseins Fundament gelegt. - 

Wie aus Unbekanntem scheint sich 

Zu enthiillen der Dinge 

Und des Menschen Dasein. - 

Doch haben wir nur Sicherheit des Lebens, 

Wenn wir den Sinnen vertrauen 

Und der Erfahrung sicherer OfFenbarung. - 

Unsere Vernunft, sie weist uns selbst dahin ; 

Und horen wir auf, 

Unserer Vernunft zu folgen, 

So sinken wir ins Ungewisse. 

Es verleugnet diese Lehre 

Der Erfahrung sicheren Grund; 

Es verwirrt diese Ansicht 

Des Denkens feste Fiigung. 

Menschen, die durch wahre Stiitzen 

Erbauen wollen die Lebensart, 

Diirfen sich nicht blenden lassen 



Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift 



Durch Schwarmertraume 
Und Hirngespinste. 

l. Irrlicht: Unwahres sagt* ich, 
Wolit' ich leugnen, 
DaB beruhigend solche Worte 
Gar oft audi meine Seele 
Zu sich selber sprach. 
Denn sie rechtfertigen, 
DaB mein Denken wie 
ZuriickgestoBen wird von 
Dem, was mir doch gefallt. 
Und als ein Mann, 
Der zwei Jahrzehnte langer 
Des Lebens Strom 
An sich voriiberziehen lieB 
Als ihr, er darf wohl 
Ein wenig abschwachen, 
Was ihr so sicher eben hingestellt. 
GewiB gibt es auch fur eure Seele Augenblicke, 
In denen sie schaudert, 
Wenn eine dunkle Gestalt sie ahnt» 
Die als ihres Wesens Ursprung 
Wie ein Alp sie bedruckt. - 
Und wenn aller Gedanken 
Sichere Wirkung verheiBendes Morphium 
Wesenlos abprallt an dem dunklen Wesen, 
Das uns ins Dasein gebracht: 
Ja, dann empfinden wir: 
Wie sinnlos sicheren Denkens Sinn ist, 
Erweist er sich wie unbrauchbares Metall, 
Zu durchsetzen des Lebens stromend Meer. 



Erstes Bild 



Lilie: Wenig wird verschlagen 

Im Kreise der ernsten Denker 

Des Weibes Urteil. 

Zwar hab ich gesehen, 

Seit ich zehn Jahre diene 

Dem lebensvollen For schen, 

Das Quell sein soil 

Zukunftiger Menschheittaten, 

Mehr der blutenden Herzen, 

Mehr der sehnenden Seelen, 

Mehr der gebrochenen Seelen, 

Als in andrer Lebenslage 

Audi nur geahnet wird. 

Doch es laBt sich in Begriffe, 

Wie sie jetzt allein bekannt, 

Kaum formen, was lebend 

Meine Seele schaut. 

Ich schatze deiner hohen Ideale Flug 

Und deines Wissens stolze Sicherheit. 

Ich weiB, daB zu deinen FiiBen 

Sitzt Jahr um Jahr 

Eine erlesene Horerschar, 

Und daB deinen Buchern 

Entstromt fur zahllose Seelen 

Schonste Kunde herrlicher Menschen. 

Und ich weiB auch, 

DaB, setzest du fort deinen Weg, 

Du manche Gaben bringen wirst 

Aus deiner Heilstatte 

Der leidenden Menschheit. 

Doch ihr merket beide nicht, 

DaB neuer Zeiten Forderung 

Geschrieben steht am Himmel 



Die P forte der Einweihttng • Erste Niederschrift 



In geheimnisvollen Zeichen. 

Neues Leben braucht der altgewordne 

Baum der Menschheit; 

Und wenn ihr lebt 

Auch im sichersten Sein 

Nach alter Gewohnheit MaB 

Und findet nur, wozu das Alte drangt, 

Ihr werdet des Baumes Rinde wohl pflegen, 

Doch sterben sehen sein lebend Mark. 

l. Irrlicht: Ich habe in manches Schiilers Herz 

Erfrischung sehn aus meiner Rede flieBen. 

Mancher wirkt heute in des schweren Daseins 

Sinnt von Morgen zum Abend [Kampf, 

An schweren Rechnungen, 

Und wenn er dann MuBe hat 

Im Drangen eines niitzKchen Lebens, 

Gedenkt er, wie vor Zeiten 

Ich ihm der Dichter Seele erschlossen, 

Und Sonnenschein ist ihm 

Dies im schweren Leben. 

Freunde sind mir manche Schiller geworden; 

In ihnen konnt' ich sehen, 

Wie doch meines Strebens Ziel 

Fortwirkend sich erweist. 

Verloren glaub ich nicht mein Leben, 

Wenn auch in meine Gedankenart 

Des neuen Geistes Wesen nicht sich fiigt. 

So darf ich hoffen, 

DaB fur kiinft'ge Zeiten 

Einen Teil von Menschenschicksalen 

In meiner Art die Arbeit 

Mag anspruchlos bestimmen. 



Erstes Bild 



Lilie : Nichts brauchtest zu nehmen du 
Von deinen Worten, 
Wenn auch des neuen Geistes Flug 
Ergriffe deine Geistesart, 
Und dein Teil, 
Start abzuschlieBen sich 
Im engen Kreis, 

Sich anschlosse an das Lebensganze, 
Das Licht ergieBt iiber alles, 
Weil es will dem All entstromen. 



2. Irrlicht: Unbehaglich diinkt mir 

Deiner Rede blendend Traumeslicht. 

In engem Kreise 

MuB streben, 

Wer des Ganzen Heil 

Mich sicherer Kraft erstreben will. 

Die Krafte, welche fugen sollen 

Meiner Arbeit Frucht 

Zum Ganzen des Menschheitwohles, 

Ich kann sie lassen unbervihrt. 

Es hat stets das Ganze angenommen, 

Was brauchbar dem Einzelnen entstammte. 



Lilie : Das eben ist alter Gewohnheit Denkungsart, 
Und finden wird die Welt sich miissen 
In andrer Ideen Bahnen. 



l. Irrlicht: Zum mindesten erscheint mir 
Einseitig die Geistesstromung, 
E>er du dienst. 

Von hohen Ideen hort' ich heute viel, 
Von Geisterwesen und Seelenwelten. 



Die P forte der Einmihung • Erste Niederschrift 



Du hast uns hier versammelt, 
In einer Welt zu sein, 
So scheint es, 

Welche weltenfern sein konnte 

Den Welten, welche wenige Schritte 

Da drauBen liegen vor den Fenstern. 

So wenig tont auch nur 

Ein Abglanz davon herein. 

Und doch wie Bedeutsames 

Spielte erst heute morgen sich ab 

In der Stadt, in der wir hier traumen. 

Nach wochenlangem Redesturm, 

Nach furchtbarer Aufwuhlung 

Unendlicher Leidenschaften 

1st heute Gesetz geworden, 

Wodurch die Heere hungernder Menschen 

In Zukunft froheren Herzens 

Dem Sonntag werden entgegenschaun. 

Da scheint mir mehr des Lebens 

Strom in Wahrheit zu flieBen 

Als in den Salen, 

In denen erklingen 

Auch die lichtvollsten Ideen 

Uber Geisterwesen und Seelentiefen. 

2. Irrlicht: Und wesenlos scheint hier zu sein, 
Dafi einer meiner Lehrer 
Nach jahrelangem Forschen 
Im entsagungsvollen Leben 
Ein Mittel endlich gefunden, 
Ein Leiden zu bessern, 
Das Tausenden bisher 
Den sichern Tod gebracht. 



Erstes Bild 



Und endlich, will man sehen, 

Wo Leben bliiht und Zukunft leuchtet, 

So blicke man auf den Mann, 

Der hier in unsrer Mitte weilt, 

Aus dessen Mund man kaum 

Ein Wortchen hort wahrend langer Abende, 

Und der von fruh bis spat 

Im SchafFensraume steht. 

Ein Mann ganz Wille und Kraft. 

Wo andre sprechen, da tut er. 

Es sprachen viele driiben. 

Er schwieg ; in seinen Ideen 

Lebt gewiB die segensvolle Arbeit 

Des morgenden Tages im voraus. 

1. Irrlicht: Mein junger Freund 

Hat Ihre Arbeit eben geriihmt. 
Es ist mir selbst seit lange Bedurfhis, 
Zu sehen an Ihrer SchafFensstatte, 
Was ungezahlten Menschen 
Von solchem Nutzen ist. 

KONIG DES WlLLENS: 

Es wird mir Freude sein, 
Sie einmal bei mir zu sehn. 

2. Irrlicht: Darf auch ich dem Freunde mich anschlieBen? 

Wenn auch in andren Bahnen 

Meine Arbeit verlauft 

Als sie die Statte Ihres SchafFens zeigt, 

Von tiefstem Interesse 

Wird mir doch sein, 



Die Pforte der Einmibmg • Erste Niederscbrift 



Ein technisch vollendetes 
Getriebe zu sehen. 

KONIG DES WlLLENS: 

Wann darf ich die Herren bei mir begriiBen? 

Der Mann mit der Lampe tritt ein, es geht ihm Lilie 
einige Schritte entgegen. 

Lilie: Oftmals ist mir von Ihnen erzahlt worden. 
Und deshalb ist mir heute wichtig 
Diese unsre erste Begegnung. 
Bis jetzt aber horte ich kein Wort 
Aus Ihrem Munde. 
Und doch wurde mir gesagt, 
DaB man so vieles von Ihnen lernen kann. 

Mann mit der Lampe: 

Wer hat von mir erzahlt? 

Lilie : Es kommt hieher oft ein Mann, 

Der Sie seit manchem Jahre kennt; 
Nur heute ist er nicht in unsrer Mitte. 
Stets versicherte er mir, 
DaB Sie sein wahrer Lehrer seien. 

Mann mit der Lampe: 

Ich weiB nur, daB ich selber 

Ein ganzlich ungelehrter Mann bin. 

Lilie: Er sprach mir da von, 
Wie Sie ihm deuteten 
Der Pflanzen Wesenheiten, 



Erstes Bild 



Als ob der Weltengeist selber 
Aus jeder Form leuchtete. 

Mann mit der Lampe: 

Dann wohl muB in mir selber 
Dieser Geist verborgen sein. 
Denn ich weiB nur zu sagen, 
Was im Herzen mir lebt. 

Lilie: Doch erkannte mein Freund 
Manches tiefen Ratsels Sinn 
Erst, nachdem Ihr Herz 
Es ihm gedeutet. 

Mann mit der Lampe: 

Mag sein, daB in seiner Klugheit Widerschein 

Er schaut, was ich traume 

Und spreche, als ob selber ich es nicht wiiBte. 

Lilie : Er erzahlte mir, wie er 

Sie auf Wanderungen begleitet, 
Wo Sie die Krauter sammelten 
Und die Wurzeln, 

Welche fur die Drogisten Sie besorgen. 

Und er erzahlte mir, 

Wie Sie ihn fuhrten 

An verborgne Stelle, 

Wo auf harter Felsenplatte 

Im Boden, den kaum Erdreich deckte, 

SproBten seltsame Pflanzenformen ; 

Und wie in wildem Sturme 

Dort Dormer und Blitze 

Sich entluden, 



Die Pforte der Einmibung • Erste Niederscbrift 



Doch anders als sie 

Sonst die Menschen sehen. 

Wie der Elemente geheime Offenbarung 

Ertonte in ferner Felsenhohe. 

Und noch manches 



Mann mit der Lampe: 

O, es klang 

So anders, als Ihr Freund 
Mir sprach von diesen Dingen, 
Als ich selbst sie schaute 

Immer wieder bei meinen stillen Wanderungen. 

Ich spreche aber kaum zu mir selber, 

Wenn das Geschaute 

In meiner Seele lebt. 

Oft aber habe ich gefunden, 

DaB dies Geschaute 

Meinem Worte Kraft gibt, 

Zu trosten Tiefgebeugte, 

Zu losen Ratsel, 

Die mir selber niemals Ratsel waren. 

Konig des Gefuhls : 

Es ist mir so klar, was ihr sprecht. 
Viele Worte machen manche Menschen, 
Zu ergreifen des Weltengeheimnisses Sinn. 
Doch denkend werden sie es nie erfassen. 
Im Gefiihle liegt das Licht, 
Das in die Tiefen leuchtet. 
Die auBere Welt mag forschend 
Der Gedanke durchdringen, 



Erstes Bild 



Was im Innern lebt, 
Erahnt nur das tiefe Fiihlen. 

Mann mit der Lampe: 

Oft hab ich Menschen eurer Art gefunden, 

Die offen hatten Herz und Sinn 

Fur meine Gesichte, 

Doch wollt' ich selber sein in ihrer Art, 

Ich bliebe leer in meiner Seele. 

Lilie : Vor mir erscheint durch euch 
Selber ein herrlich Bild. 
Des einen Gefuhles Warme 
Durchstromt des andern 
OfTenbarung und leuchtend 
Wird seiner Worte Kraft. 

KONIG DES WlLLENS I 

Es lebt in beiden 

Derselben Urkraft Sein. 

In den Dingen ist sie schaffend Wesen, 

In den Menschen klarende Weisheit. 

Der Erkenntnis Licht 

Ist selber schaffende Kraft, 

Wie es geschaffen hat 

Durch Zeitenweiten 

Wesen nach Wesen, 

So spiegelt es der Dinge Griinde 

In vielen Arten in der Menschen Seelen. 

Der Weise sieht es in Ideen, 

Der Kiinstler in Farben und Formen, 

Der Werkende laBt es 



Die Pforte der Hinweihmg • Erste Niederschrift 



Walten in seiner Glieder 
Schaffendem Wollen. 

Schlange: Solcher Rede Inhalt konnte nimmer 
Entspringen in meiner eignen Seele, 
Doch hore ich ihn, 
Rinnt er mir durch alle Adern. 
Ich kenne seine Macht. 
Selber verlange ich kaum nach ihm. 
Doch gibt er mir Kraft, 
Wie kh sie brauche, 
Wenn mein Weg mich fiihrt 
Durch des Lebens schweres Elend, 
Das iiberall mich trifft 
In meinem wechselvollen Beruf. 

Lilie: Ich kenne deine hohe Seele 
Und weiB, wie du nur 
Andern lebst. Hunderte 
Hast du gepflegt in schwerer Leidensstunde, 
Tausenden warst du Engel des Trostes. 

Schlange: Es wiirde tief mich beschamen, 
Sollt* an andrem Orte 
Von anderm Munde ich solches horen. 
Denn mir war immer klar, 
Mir gelingt nur, wovon ich 
Selbst nicht spreche, 
Was der Welt unbekannt bleibt. 

FRAU DES MANNES MIT DER LAMPE iuf Lilie: 

DaB man zu jeder Stunde 
Und in jeder Gegenwart 



Erstes Bild 



Bei meiner Hchten Freundin 
Eintreten kann, ist mir bekannt. 
Ich suche meinen Mann 
Mit tiefstem Kummer im Herzen. 
Vieie der Schicksalsschlage 
Habe ich erfahren. 

Doch Schwerstes lastet heute auf mir. 

Unser Sohn war die Leuchte, 

Die unsere Hoffnung in die Zukunft trug. 

Er war ein Goldkind vom ersten Tage an, 

Und wenn wir selbst in harter 

Sorgenvoller Arbeit uns qualten 

Die miiden Tage hin, 

So durften froh unsre Herzen schlagen, 

Dachten wir der Zukunft des Kindes. 

Und eben kam er nach Hause 

Wie gelahmt an alien Gliedern, 

Gebrochen an Leib und Seele; 

Er stand vor seinen strengen Priifem, 

Sie hatten ihn gefiittert lange Jahre 

Aus ihrer Weisheit triigerischem Quell - 

Und als er antworten sollte, 

Erschienen seine Antworten ihnen 

Nur Tollheit - 

Lilie: Meine Freundin, euer Sohn ist 
Aus andrem Metall 

Als jenes ist, das in den Schmelztiegeln 

Derer schmilzt, die ihn verstoBen. 

Ihn totete tote Weisheit; 

Er ist eine der Seelen, 

Die erwarmen werden 

An der Weisheit, die als Traum nur 



Die P forte der Einmibung • Erste Niederscbrift 



Erscheint heute denen, 

Welche irrende Weisheit 

Hungernden Herzen wollen kiinden. 

Ich weifi, die Zeit wird kommen, 

Da Menschen des Schlages, 

Wie euer Kind es ist, 

Den Strom des Lebens 

Erhalten werden aus unsrem Brunnen. 

* * 



Mensch: Bleibe eine Weile noch bei mir; 
Es ist mir bange - so bange. 

Lilie: So ist das Leben. 

Man braucht es wahrlich nicht zu belauschen 

In dem Wechsel des Tages ; 

Die Seelen liegen offen 

In jedem Worte, 

Und bis auf der Herzen Grunde 

Schaut man, wenn zusammenstromen 

Die Typen, welche doch sich nur wiederholen 

In den Einzelnen, die drauBen wandeln. 

Mensch : Gespalten war meine Seele, 

Wahrend alles dies hier vorging. 

Stumpf nur faBte ich des Lebens Ausschnitt. 

Dazwischen stiegen mir der eignen Vergangenheit 

Bilder herauf. 

Ich dachte der Zeiten, 

Da ich zu dir kam. 



Erstes Bild 



Vorher lebte ich ja im Elternhaus; 

Stolz erfullte meinen Vater 

Jedesmal, wenn ein Freund 

Ihm sagte, welch hoffnungsvoller Sohn 

In mir ihm erwuchs. 

Und ais ich dann 

Zur Malerschule kam, 

Da wartete man der Ferien stets 

Mit Ungeduld, 

Zu sehen, wie weit der Liebling es gebracht. 

Mutter und Geschwister sprachen 

Mit hochtrabenden Worten 

In ihren Kreisen von meiner Begabung. 

Ich selbst war voll HofTnung. 

Ich fuhlte Tag urn Tag meine Krafte wachsen. 

Und der Kunstlerschaft Bliite 

Lebte mir in lichtvollen Traumen. 

Da horte ich wie durch Zufall 

Von den hohen Lehren, 

Die mir schienen aus Geistertiefen 2u klingen. 

Ich kam nicht mehr los von ihnen. 

Ich suchte ihren Quell. 

Kurz nur dachte ich meine SchafFenskraft 

Zu befruchten mit dem Leben, 

Das mir schien Leben zu geben. 

Ich fand dich. 

Du lebtest in meinen Malertraumen; 
Du fuhrtest mir mit deiner Worte 
Begeisterung die Hand, 
Und hoch schlug mein Herz, 
Konnt' ich denken, 

DaB in meinen Formen, meinen Farben 
Werden sprechen in andrer Art 



Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrifi 



Die Lebenslehren, die ich taglich horte. 

Ich folgte den Ratschlagen meines Fiihrers. 

In der Stille der Seele 

Suchte ich zu erwecken 

Schlummernder Krafte Quell. 

Und wie ich hoffte, 

Ward immer geringer die Kraft ; 

Immer unsicherer die Hand. 

Doch ich hoffte - mir ward 

Gesagt - so muB es sein. 

Nachdem drei Jahre verflossen 

An deiner Seite waren, 

Starb meine Mutter; 

Und ich reiste in die Heimat. 

Nicht wieder erkannte ich der Eltern Haus ; 

Fremd war mir, was mir einst vertraut; 

Fremd die Menschen 

Und fremd ihr ganzes Sein. 

Lilie: Warum, o Freund, beschwerst 
Du jetzt deine Seele 
Mit Erinnerungen, die oft 
Du mir erzahlt. 
Ich sagte dir immer, 

Wenn solchen Gedachtnisses schwarze Macht 

In deinem Herzen aufstieg, 

DaB ein Wesenspunkt 

Unsres Weges noch uniiberwunden 

Von dir ist 

Trotz deines schonen Strebens. 
Deine Seele war an dem Punkte 
Ihrer Entwicklung, 
Da ganz in sie greifen muB 



Erstes Bild 



Der leuchtenden Krafte 

Schaffende Macht. 

In deines Innern Mittelpunkt 

Darf als erstes nur sie leben. 

Und nur wenn sie beleuchtet 

alle andern Glieder deines Wesens, 

Ergliihen diese in neuem Leben. 

Sonst aber ersterben sie dir 

Mit jedem Tage mehr 

In diesem Leben. 

Alles wirst du wieder haben, 

Wenn das eine nur nicht 

Machtlos wird in dir. 

Mensch: Wohl hab ich dir oft gesprochen 
Von allem, was mich getrennt 
Von Menschen und Dingen, 
Die ich liebte und die mich geliebt. 
Doch eins verschwieg ich dir. 
Und gerade dies ist, was 
Meine Nachte mit Angst erfiillte, 
Was Schrecken jagte in meine stillsten Stunden. 
Meine Heimat hab ich verlassen, 
Doch, die mich liebten, haben sich 
Nach schweren sorgenvollen Jahren 
Mit meinem Wege wohl versdhnt. 
Und ohne Kummer darf ich denken 
An die Statte, die ich verlassen; 
An die Hoffhungen, die ich getauscht. 
Doch wovon ich dir noch nicht sprach, 
Es ist, daB ich Erwartung gegossen 
In ein zweites Herz, 
Das sehnsuchtig lauerte der Stunde, 



Die Pforte der Einweihung • Erste Ntederschrift 



In der ich wiederkommen sollt\ 

Es wollt' mich halten, 

Da ich zu meiner Mutter Leichenfeier kam. 

Unsaglicher Leiden Ursache 

Ward da mein neuer Lebensweg. 

Und jede Trane, die ich 

Damals weinen sah, 

War brennend in meiner Seele 

Und schleicht sich wie ein boser Damon 

In die Gedanken, durch die 

Ich suche nach den lichten Hohen. 

Oft nab' ich mir gesagt: 

Gelassen will ich tragen mein eignes Geschick > 

Doch daB dieses einen zweiten Menschen 

Mit in den Abgrund gerissen, 

Das bringt Grausen in mein Streben, 

Das macht mir alles zum zehrenden Feuer; 

Das laBt in Schrecken erbeben 

Mein Innerstes, wenn ich ruhig sein soil. 

Lilie : Tiefer Gesetze Sinn erfullt sich in deinem 
Dir ist noch Lehre nur, [Geschick. 
Was dir Leben sein soil. 
Es triigt dich eines Irrtums Schein. 
Du muBt erkennen, 
DaB es hohere Bedeutung gibt 
Eines Menschenschicksals als die alltagliche. 
Erkennst du nur die letzte, 
Ist dir Karma noch nicht, was es dir sein soil. 
Es diirfen unzahlige so urteilen, 
Wie du es tust 
In dieser Stunde; 
Du jedoch darfst es nicht. 



Erstes Bild 



Sollten unsere Erkenntnisse 

Nur unsere Ansichten andern, 

Sie waren nichts. 

Nur dann sind sie etwas, 

Wenn das Leben sie neu gestalten. 

Wenn Leid vor ihnen wird 

Zum heilenden Wesen 

Und Freuden erspringen 

Aus ganz neuen Quellen. 

Und nun geh in Ruhe zu dem, 

Der dich fuhren soli auf dem Lichtespfade. 

Er wird heute dir Wichtiges 

In den Grund der Seele 

zu senken haben. 



Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift 



1. Madchen: Mir ist, als ob meine Seele 

Immer gewuCt, was dieser Ideen Reich 

Mir gezeigt als Sinn der Vergangenheit 

Und Ziel fur die Zukunft. 

Zweifel qualten nie meine Seele, 

Die in andern zehrend leben; 

Doch unendlich wonnevoll 

Ist das neue Leben, 

Das mir aus diesen Welten kommt. 



2. Madchen: Auch mir erscheint nicht neu, 

Was vielen so zweifelhaft ist; 

Als ob ich es immer gedacht, 

So scheint mir alles, was 

In den Worten dieser Lebenslehre liegt. 

3. Madchen : Meine Starke verdanke ich 

Der Kunde, die zu mir spricht, 
Als ob andere Lehre unmoglich. 
Ich ware untauglich zu allem, 
Ware wahr nicht, was aus 
Diesem Leben strdmt. 



Nicbt in das Drama aufgenommenes Btld 



Mjensch: Bin ich unwiirdig eures Wortes? 
Oft wieset ihr mich an, 
Des Lebens wechselvolle Bilder 
In mich aufzunehmen 
Und befruchten zu lassen 
Von der Kraft der Worte, 
Die ihr zum Erklimmen 
Des Lichtpfades mir geraten. 

Hierophant : Du hast ein Stuck des Lebens 
Heute an deiner Seele 
Voruberziehen lassen. 
Nur eins soli jetzt von 
Alle dem Wechselvollen bleiben, 
Das dir vor Augen getreten. 
Wie Wellenspiel eines tiefen Meeres 
Sollen dir die Menschen sein, 
Sich erhebend aus tiefem Wesensgrunde. 
Und einsenken soil deine Seele sich 
In diesen tiefen Grund. 
Die Sprache des AuBern hast du gehort. 
Entsteige dem AuBem 
Und hore die Sprache der Fiille - 
Und schauen wirst du, 
Wie in den Tiefen erscheint, 
Was an der Oberflache 
So leicht sich krauselt. 
Du bist wie tot im vollen Leben; 
Du hast im Laufe der Jahre 
Furcht kennengelernt, 
Wie sie ahnen nicht einmal 



Die P forte der Emweihung • Erste Niederscbrift 



Die gewohnlichen Sterblichen. 

Du hast Angste durchlebt, 

Die manchen toten muBten. 

Was man sonst Leben nennt 

Mit all seinem Streben und Hasten, 

Mit alien Wonnen und Tauschungen 

Der Liebe und des Hasses, 

Was man erfahrt in grausen Schicksalsschlagen, 

Es ist wenig gegen das, 

Was im Kampf zwischen Licht und Finsternis 

Deine Seele durchlebt. 

Du hast verloren deine Kraft, 

Du hast gelahmt dein Denken, 

Du bist fuhllos geworden - 

Und ich selber, der dich gefuhrt, 

Bin dir oft nur ein Mensch, 

An den zu glauben keine Kraft [du] mehr hast. 

Doch es schlafen nur deine Krafte, 

Und wie die schlafende Seele 

Den miiden Leib jeden Tag 

Neu erquickt 

Mit der Kraft des Geisterlandes, 
So sind der Ewigkeit Krafte 
In deinen gelahmten Gliedern. 
Du sollst sie erwecken, 
Und neu wird dein Wesen, 
Dein Tod der Enthuller 
Deines Lichtlebens sein. 
Ich iiberlasse dich dir selbst. 

Mensch: Er lafit mich allein. 

Ich will im Nachklange 
Seiner Worte leben 



Nicht in das Drama attfgenommenes Bild 



Und hoffen, daB in meinem Schauen 
Erwachen die Krafte, 
Die in mir wirken miissen, 
Da sie getotet haben, 
Was ich bisher besessen. 



Drittes Bild / ZweiUs Bild 



[Geistesstimme] 

Es steigen seine Gedanken 
In Urweltgrunde. 
Was als Schatten er gedacht, 
Was als Schemen er erlebt, 
Entschwebt der Gestaltenwelt, 
Von deren Fulle 
Menschen denkend 
Schatten traumen, 
Von deren Fiille 
Menschen sehend 
Schemen leben. 

* 

* * 

Mensch : So klingen sie mir 

Wohl seit drei Jahren 

Die schwerwiegend-bedeutungsvollen Worte. 

Sie tonen mir aus der Erde festem Grund 

Und aus Luft und Wasser. 

Wie sich der Pflanze Lebenskrafte 

Geheimnisvoll im Keime verschlieBen, 

So gerannen die hohen Ideen, 

Die ich seit zehn Jahren 

Wirken lieB in meine Seele, 

In diesen einen Satz zusammen: 

Mensch, erkenne dich. 

Gedanken nennen die Alltaglichen 

Nebelgebilde, erzeugt im Menschenhirn, 

Sie stellen dagegen 

Die ihnen machtige W T elt der Leidenschaften 



Z mites Bild 



Und das vollsaftige sinnenfallige Erlebnis ; 

Sie glauben durch diese bestimmt 

Der Menschen wahre Interessen 

Und wechselnde Geschicke, 

Und grau erscheint ihnen jeglicher Ideenbau. 

Ich habe es ander s erfahren. 

Leicht konnt' zurecht ich mich finden 

In allem, was der Alltaglichen 

Herzen im tiefsten Innern erschiittert. 

Wenig beriihrt wird meine Seele 

Von Liebes- und Hasses-Folgen, 

Die im Alltaglichen 

Gewaltig scheinend 

Schicksale Schmieden. 

Doch der Gedanken gigantische Macht, 

Sie hat mich getragen in Schicksalsspharen, . 

Hoher als alltaglich Lieben und Streben; 

Sie hat mir Wonnen gezeigt, 

Die nie ein Herz fuhlen kann, 

Das nur durch Augen geschaut. 

Sie hat auch Schrecken mir gewiesen, 

Gegen die leichtes Spiel ist, 

Was sonst die Menschen 

Zu Boden schmettert. 

Ich weiB, daB Schein es nur ist, 

Wenn von Ideen man spricht, 

Was mir verkorpert in urferne Weltenweiten 

Der Erde Werden und des Menschen. 

Worte hort* ich zuerst von 

Langstvergangnen Erdenverkorperungen. 

Die Worte wurden mir Boten 

Aus verborgnen Weltenspharen. 

Durch meine Adern rannen ihre Krafte 



Die Pforie der Einmihung • Erste Niederscbrift 



Und lebten in meinen Pulsen, 

Wie sonst nur Blutesstoff lebt, 

Und im eignen Denken 

Funk* ich geheimer Welten Weben. 

Ich glaubte nur gelernt zu haben, 

Doch ich fiihlte nach und nach, 

DaB ich ein andres Wesen geworden. 

Wie Hiille dieses Wesens 

Erschien mir der Mensch, 

Der ich einst war. 

Ich konnte betrachten ihn, 

Wie ich einst Wesen betrachtet, 

Die meinem Auge sich boten. 

Ich aber ward entriickt in Weltenraume. 

Das Feuer urferner Erdenzeiten 

Konnt* ich fuhlen 

Und schauen, wie es 

Meines Tagesmenschen Blut gekocht. 

Die Luft lichtdurchstromt 

Konnt' ich schauen - 

Und meines Denkens 

Ursprung trat vor meine Seele. 

Und was Wasser nur mir einst war, 

Enthullte mir die Geister, 

Die bildend mein BewuBtsein mir gaben. 

Und das alles war nicht graue Lehre, 

War personlich Schicksal. 

Ward mir nahe, 

Wie dem Menschen 

Nahe ist warmes Freundesherz. 

Mein altes Wesen hatt' ich verlassen. 

Ein neues schien aus mir geboren, 

Und alles, was mich gewandelt, 



Zweites Btld 



Es wandelte selbst sich in das Echo, 

Das mir nun tont aus meiner neuen Welt: 

Mensch, erkenne dich. 

Gefiirchtet hab ich einst 

Gotterwelten und Geisterwesen; 

Diese Furcht ist langst dahin. 

In den Abgrund ging sie 

Mit allem, was ich einst begehrt, 

Mit allem, was ich vorher gehafk. 

Doch aus dem Abgrund 

Blickt mich jetzt an 

Ein Wesen, furchtbarer als aller Damonen Heer, 

Schreckensvoller als alle Schilderungen 

Menschlicher Schrecken. 

Was ich selber einst war, 

Was ich glaubte verlassen, 

Es starrt grausig mich an 

Mit entsetzensvollen Blicken 

Aus des Abgrunds Tiefen. 

Das bin ich. 

Ich habe von den Fesseln gehort, 

Die einst Prometheus schmiedeten 

An des Kaukasus Felsengrund. 

Gering erscheinen mir diese Fesseln, 

Fiihl ich mich geschmiedet 

An mein eigen abgriindig Selbst. 

Ja, da schwebst du, 

Furchtbar Ungeheuer. 

Du ertotest mir wie vernichtend Gift 

Die letzte Spur meines Willens. 

Eisig dringen in meine Glieder 

Die Krafte, die hohnvoll 

All mein Fuhlen verzehren, 



Zweites Bild / Drittes Bild 



Will ich der Erde entfliehen 
Zu geistdg reinen Hdhen. 
Und wenn ich klar 
Schon glaubte zu schauen 
Der Ideen hehre Welten, 
Du breitest mit deinen Diinsten 
Einen schwarzen Nebelflor, 
Und blind wird meine Seele. 



Lilie [zum Kind] : 

Sieh dir immer wieder an, 
Wie die vier Bilder 
Sich folgen, 

Und manches Wort wirst du mir 
Noch sagen wollen, 
Das dir die Bilder sagen. 

Lilie: Verschweigen kann ich euch nicht, 
Ernste Sorge macht mir der Freund. 
Ihr wifit es besser, als ich es wissen 
Wohin der Weg ihn noch fiihrt, 
Den ihr ihn gewiesen. 
Ich kann schauen euer Licht. 
Die Finsternls habt ihr von mir genommen ; 
Deshalb kann MiBtrauen nie mich besturmen 
In die Helligkeit der Geisteswelt. 
Und da6 der Zukunft Licht 



Drittes Bild 



Ihr bringen werdet, 

Das ist mir gewiB. 

Doch leiden kann ich mit allem, 

Was da lebt zu jeder Zeit. 

Und so leid ich mit dem Freund. 

Ich fixhl die Kraft eurer Worte, 

Doch seh ich fernen sich der Menschen Willen 

Von dem, was in jenen Worten liegt immer mehr. 

Ich selbst lebe ganz in diesen Worten; 

Doch fremder wird mir stets die Welt. 

Ich hab damit mich abgefunden, 

Doch weiB ich von euch selbst, 

DaB ganz zerreiBen nicht darf 

Das Band, das sich webt 

Von dem Geist zum StofF. 

In dem Kinde, das eben von uns ging, 

Sucht* ich es mir zu erhalten. 

Als Findling ward einst es 

Mir vor die Tiir gelegt. 

Ich zog's heran, zur Tat gestaltend, 

Was ihr fur Menschenwerden sagt, 

Und eben wieder gab es mir Beweise, 

Wie unendlich tief im Kinde schhimmert 

Der Welten Urkeim, den eure Worte deuten. 

Ich lieB von unserm Freunde malen 

Des Insektes Werden 

In bedeutungsvollen Bildern, * 

Sich folgend das geheimnisvolle Leben 

Vom Ei durch Raupe und Puppe 

Bis zum Schmetterling. 

In den kindlich-reinen Bildern, 

Die lebensvoll mir eben 

* [vgl. die Eingangsworte der Szene] 



Die Pforie der Einwihung • Erste Niederschrifi 



Die junge Seek enthiillte, 

Liegen die Keime zum vollen Verstandnis, 

Wie des Menschen Ich umschlieBt 

Des Weltenalls Spiegel 

Und wie es den geistigen Leib 

In sich selber birgt und entlaBt. 

Und wie dieser Leib 

Sich spinnt zur Atherform 

Und an der Sonne lichten Krafiten 

Zum physischen Dasein sich entfaltet. 

In schonem Einklang der Krafte 

Konnte man werden sehen 

Des Kindes Wesen von Tag zu Tag. 

Doch nun steht mir bevor 

Die schwerste meiner Pnifungen. 

Unmoglich ist's, das Kind zu halten 

Noch weiter im Kreise unsrer "Welt. 

Wunderwirkend an des Kindes Seele 

Schienen die Regeln des Werdens zu sein, 

So feinbelauscht an echter Wirklichkeit. 

UnbewuBt seiner selbst wirkte 

In des Kindes Innern bis vor kurzer Zeit, 

Was enthiillen sich sollte 

Aus seines Wesens Keimen. 

Es trat nun in das Alter, 

Wo Gefuhle, aus dem tiefern Selbst geboren, 

Erwachen in dem Menscheninnern, 

Und mir selbst neigt in Liebe 

Sich, was sich so enthullte. 

Mein PersonHches beginnt das Kind 

Als sein Vorbild fiihlen zu wollen. 

Und schon zeigt sich unerwiinschte Frucht. 

Es werden scheu des Kindes Blicke, 



Drittes Bild 



Und Lassigkeit zieht in all sein Wesen ein. 

Auch leiblich wkd es untuchtig, 

Und abstumpfen sieht man das Gemiit. 

So seh ich dringen mein Wesen 

Storend in den jungen MenschensproB, 

Und unerlaBlich ist die Trennung. 

Das letzte, was mich verkniipfte 

Mit der hergebrachten Welt, 

Es fallt mit dem Kleinen von mir. 

Ich kann nur leben im Geiste; 

Allein zu wirken ist mir versagt, 

Und mit meinem ganzen Sein 

Scheine ich versetzt in Wahrheit, 

Doch in Wahrheit, 

Die verliert die Wirklichkeit. 

Ich dachte des Freundes Kraft zu halten, 

Bis er erweckt in sich das Schlummerwesen. 

Er scheint zu sinken ins Bodenlose, 

Und zu entschwinden diinkt 

Mit ihm mir die Welt. 

Ich schaue vorwarts 

Und ich schaue Licht, 

Doch vor dem Licht 

Den Abgrund. 

Wie ihn uberschreken, 

Das zu wissen durch dich 

Verlangt nun meine Seele. 

Hierophant: Stets wird dein Geist dich tragen 
Ins Licht der Ewigkeiten. 
Die Schrecken der Finsternis 
Sind dir erspart. 

Doch nicht die Wunden der Seele. 



Die Pforte der Einweihmg • Ersie Niederschrift 



Leiden iiber die Schmerzen der Zeiten, 

Kann ich dir nicht ersparen. 

Zu schauen das Licht, 

1st deine Gabe; 

Zu wissen das Geschaute, 

Liegt auBer deinem Kreise. 

Deshalb muB ich dir weisen 

Jetzt die Bahn. 

Da nahet deinem Herzen 

Der tiefste Schmerz der Welt. 

Fuhlen muBt du, 

Was in dieser Weltenstunde 

Als Weh durch alle Wesen 

Schauervoll zittern wird. 

Wie sterben muB der Mensch, 

Um wieder zu erstehen 

Mit den Fruchte-Kraften 

Verbrauchten Lebensganges, 

So miissen zerreiBen 

Die alten Gliickesbande, 

Die tausendjahrig 

Gebunden haben an den Geist 

Das dumpfe Stoffesleben, 

Auf daB ein neues Gliick 

Erbliihen konne im Staube des Alten. 

Es spiegelt sich in deiner Seele, 

Was wehvoll erlebt 

An der Jahrtausend Wende 

Die altgewordne Welt. 

Ihr ist davon das BewuBtsein 

Entzogen. In ihren Urbildern 

Nur spielt sich ab 

Der schmerzenvolle Wandel, 



Drittes Bild 



Sichtbar und fuhlbar 
Nur den Sehern, 

Die hinter des Daseins Schleier blicken. 

Dich aber habe ich erkoren 

Zum Spiegel des Geschehens. 

Dein unendlicher Verlust, 

Der schmerzlich dir in der Seele wiihlt, 

1st Weltenschicksals Bild. 

Du fiihlst, was Millionen erleben, 

Aber urn es zu empfinden 

Nicht Geistesfuhlen haben. 

Es wird aber aus schwerstem Leid 

Geboren werden des neuen Alters Gliick. 

Fremd wird deine Seelenkraft 

Den alten Menschenfahigkeiten, 

Doch entringen sich dem Abgrund 

Neue Krafte der Menschenwesen, 

Und ihrem Werden 

MuBt du Heifer sein. 

In gunst'ger Stunde 

Erlebt dein Freund die Wendung 

Seines eignen Wesens. 

Schwer gebaren sich 

Seine schlummernden Krafte, 

Weil die Weltengeister 

Vollbringen eben 

Andres Werk. 

Sie formen an Menschenseelen 
Keime k{in£Yger Seherkraft. 
Im Entstehn ist die Epoche, 
Da in die Geisterwelt zu schauen 
Wird moglich sein 
Der Seele auch, 



Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift 



Die nur im Alltag wachst. 

Und wenn von einer Seite 

Zerrissen wird das Band, 

Das bindet den .Geist 

An die StofTeswelten, 

Es wird sich lichtvoll weben 

Von der andern Seite. 

Drum such im groBten Ungliick 

Des hochsten GKickes 

Vorbereitenden Grund. 

Lilie : Ich weiB, daB ein Mensch 
Tragen muB bewuBt, 
Was unbewuBt 
Fiir die andern verflieBt. 
So will ich denn tragen die wunde Seele 
Mit dem brennenden Feuer 
Unendlicher Entsagung. 
Schwer zu tragen waren sie, 
Verteilten die Wunden 
Auf Jahrtausende sich. 
Doch muB ich sie leben 
In so kurzer Frist. 
Es gab auch fiir mich eine Zeit, 
Da ich weinen konnte im Leid 
An Freundes seele 
Und gelindert fand den Schmerz. 
Sie ist langst dahin. 
Und Ewigkeiten scheinen mir 
Zwischen jenem Alter zu liegen 
Und dem jetzt erlebten. 
Ich darf Verlorenes nicht wieder fordern. 
Ich darf es auch nicht beklagen. 



Drittes Bild 



Es gabe in dieser Zeit 

Niemand, der nicht als eitel Tr aum 

Verwiirfe, was unendlich Leiden 

In meinem Herzen ist. 

Meine Leiden fanden klein 

Die AUtaglichen 

Neben den ihrigen 

Und mein Schicksal 

Fanden sie ein Schemen 

Neben ihren Wirklichkeiten. 

Mein Schmerz erst laBt mich erkennen, 

Ehrwiirdiger Vater, 

Deine sorgliche Weisheit. 

Du hast auf besondere Art 

Mich gefuhrt zu dem Punkte, 

Da ich kennenlernen sollte 

Der Welten Leid 

Im Mittelpunkte ihres Wesens. 

Fern hast du mich vorher gehalten 

Allem, was in die hoheren 

Lichtesspharen fiihrt. 

Hatte ich sie zu £mh betreten, 

Ware leer meine heutige Welt. 

So aber lieCest du mich wandeln 

Durch Zeitenweiten, 

Zu erleben die Alltaglichkeit. 

Ich habe des Lebens Konflikte erfahren, 

Als ich weit davon war, 

Sie in Ideen zu fassen. 

Meine Seele lernte lieben 

Und lernte den Zorn, 

Da sie nicht ahnte, 

DaB es Sanftigung 



Die Pforte der Einmihung • Erste Niederschrift 



Gibt fur Liebe und Zorn. 

Meine Seele durfte jung sein 

Und schwelgen mit allem, 

Was Menschen erhebt; 

Durfte der Kiinste Friichte genieBen 

Und tauchen in der Natur wonnevolle Freuden. 

Ich konnte lachen einst, 

Wie nur Kinder lachen; 

Ich konnte weinen 

Wie Menschen, die Schmerzen sich bannen. 

Alles das durfte ich in Zeiten, 

Die so sich folgten in meinem Sein, 

DaB jetzt das Weilen in Lichteshohen 

Mir nichts nimmt vom Erlebten, 

DaB in jedem Augenblicke 

In mir leben kann, 

Was die kindlichste Seele jauchzt, 

Was das kunstfreudige Herz ersehnt. 

Und wenn lebend-tote Geister 

Kiinden: die groBe Tauschung 

1st die Welt, - 

Dann sagt im Abgrund des Leids 

Und auf den Hohen des Lichts 

Mein Herz : die ewige Wahrheit 

Lebt in allem, lebt im kleinsten Farbenfleck, 

Lebt in dem funkelnden Sonnenstrahl, 

Der sich spiegelt im Tropfen Tau, 

Lebt im jubelnden, 

Lebt im enttauschten Menschenherzen. 



* 



Erstes Bild 



Riese : Ich Hebe die Schnurren 
Und finde sie geistvoll, 
Doch fiir mein Gehirn 
Werden sie wohl bleiben, 
Was sie bis nun waren : 
Ein guter Stoff, 
Die Zeiten hinzubringen, 
Die ich habe 

Zwischen Arbeit und Vergniigen. 

1. Irrlicht: Das scheint mir doch 

Zu weit vom Ziele abgeirrt. 
Sie vergessen, da6 Sie 
Nimmer leben kdnnten, 
Dachten fiir Sie nicht 
Jene, welche der Gedanken Kunst 
Sich zu eigen machen. 

L. : Der Herr hat recht. 

O Freund, du weiBt nicht, 
Wie suB erst ist 
Des Lebens Inhalt, 
Wenn Erkenntnis 
Enthiillt der Seele 
Das Wesen der Dinge. 

L. kommt zurvick: 



Hrsies Bild: Helena - Johannes 



Es drangt mich, noch ein Weilchen 
Zu verbringen mit dem, 
Dessen Blick so triib 
Schon seit Tagen scheint. 
Im MiBver stand schemst 
Du mix zu leben. 

Und statt daB freudiges Entziicken 

Und Daseinswonnen 

Dir fliefien aus der neuen OfFenbarung, 

Nimmt sie dir alle Lebenssicherheit, 

Stromt Sorge in dein Herz 

Und Krankheit in deine Seele. 

Wie oft wird uns gesagt, 

Gesundheit nur ist der neuen Lehre Frucht; 

In dir erlebt sie ihr Gegenbild. 

Ich sehe andre Friichte 

Ihr entkeimen. 

Ode ist denen das alte Dasein, 

Die an meiner Seite weilen. 

Erst jetzt erkennen sie, 

Wie Lust in allem Leben waltet. 

Und m hundertfacher Art 

Wissen zu genieBen sie 

Des Tages Stunden, 

Seit auf der Dinge Grund 

Ihnen scheinet nicht mehr 

Leerheit, die sie verachten, 

Dafiir aber Hchte Freude 

In gottlichen Griinden. 

Du bist enthoben dem Alltag, 

Befrek jedoch bist du nicht. 

Statt neu erstehen zu lassen 

Die Triebe des Herzens 



Ersies Bild 



Aus des Geisteslebens Bade, 

Ersterben dir die miiden Glieder ; 

Statt leuchten zu lassen 

Aus eignem Auge 

Das eroffhete Licht, 

Fuhlst du dich sklavisch gekettet 

An die Reste deines friihren Seins. 

In Lebenstriebe sollst du wandeln 

Erkenntnis, die dir geworden. 

Nicht erstorben ist das Leben, 

Neu gewandelt muB es sein. 

Fiihle als Kraft, was du vernommen, 

Und als neuer Mensch 

Wirst du erwachen. 

Mensch : Ich wollt' es kame die Zeit, 
Da auch wir uns verstehn. 
Vorerst reden andre Sprachen wir, 
Obwohl unsre Sprachen 
Nur einer Quelle entstromen. 



Vorspiel 



Mann : So willst du denn auch heute abend 

Mich wieder meinem Schicksal iiberlassen, 
Um hinzulaufen zu deiner Gesellschaft, 
Die mir und den Kindern dich raubt. 

Frau: So oft schon sagtest du mir, 

DaB du dich damit abgefunden. 

Mann: Doch jedes Mai tut es mir 
Von neuem leid, 
Wenn ich sehen muB, 
Wie fremder und fremder du wirst 
Allem, was mir das Leben lebenswert macht. 

Frau : Auch dariiber hast du oft: anders gesprochen. 

Mann: Der Liebende gibt zu, 

Was er nicht andern kann, 

Ohne dem Geliebten schwere Krankung zu 

[bereiten. 

Frau: Fur dich ist moglich zuzugeben, 
Wo mir nachzugeben 
Unmoglichkeit diinkt. 

Mann : Nur ist es unerfindlich mir, 
Wie du verlangen kannst, 
Das hundertfach Gehorte 
Nun auch noch als Puppenspiel zu sehen. 

Frau : Das Lebenswichtige wird bedeutsam 
In jeder neuen Art. 



Vorspiel 



Mann: Lebenswichtig - doch auch 
Lebenentfremdend. 

Frau : Soli ich nun zum hundertsten Male 
Dir wiederholen, 
Wie wenig angebracht 
Dies Lebenentfremdend. 
Mir fehlte einst 

Aus allem, was euer Bildungswille 

Den Frauen zugewandt, 

Der Mut, die Kinder zu erziehen. 

Du selbst hast langst begriffen, 

DaB ich nur dieser Geistesart 

Verdanke nicht nur den Mut, 

Sondern mehr, die Einsicht und Kraft. 

Und da die Friichte meines Weges 

Du gesehen, konntest auch dessen Bedeutung 

Mir nie ganz leugnen. 

Trotzdem du dich immer abgeneigt 

Gezeigt, ernst zu nehmen die Sache. 

Mann : Du siehst daraus, daB ich nicht blind. 

Begreif nur auch, daB in meine Arbeit 
Nicht passen die unfaBbaren Ideen. 

Frau: Gedrangt hab ich dich 

Nicht einmal, mit mir zu kommen. 

Mann: Es hatte kaum etwas geholfen. 

Denn hatte manchmal auch Neugierde 

Mich angetrieben, 

Der Fluch der Lacherlichkeit 

Wiirde mich stets zuriickgehalten haben. 



Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift 



Frau: Du bist sonst in allem 
Ein herzenslieber Mann. 
Nur sag mir, ist's wirklich bloB Frauenlogik, 
DaB lacherlich sind jene, 
Die lacherlich finden, 
Wo von den Lebenswert 
Sie so deutlich sehen? 

Mann: Ich weiB nur, daB die Besten unsrer Zeit 
In diesem Urteil sich vereinen. 
Die offentliche Meinung 
Sieht nur mitleidvoll auf dies Treiben, 
Wenn sie es nicht gar gefahrlich halt. 

Frau: Die offentliche Meinung 

1st schnell fertig mit dem Urteil 
Auch dann, wenn sie meilenweit 
Vom Verstandnis ist einer Sache. 

Mann: Dariiber wollen wir nicht rechten. 

Ich darf der Oflfentlichkeit nicht widerstreben, 
Will ich nicht untergraben meine Stellung. 

Frau : Es ist zu traurig, daB es so sein muB. 

Mann : Erst heute las ich wieder, 

Auf welch schwachen FiiBen 
Alles steht, was da gesagt wird. 

Frau : Die Kenntnis des Schreibers 

Wird wohl so tief auch diesmal sein 
Wie alles, was sonst mir vor Augen kam. 



Vorspiel 



Mann: Mag sein; doch anders steht die Sache, 
Wenn die Ideen in Betracht kommen. 
Und noch anders, wenn sich 
Theatralisch aufspielt das Getriebe. 
Da wird auch noch der Geschmack verdorben. 
Was mag herauskommen 
Bei solch einer Vorfuhrung? 
Im besten Falle 

Sinnbilder, die wie Strohpuppen 

Umgehangt haben Gedankengespinste ; 

Allegorien fur sogenannte tiefe Ideen. 

Es wurmt mich, daB du 

Mir selbst in diesen Dingen widerstrebst. 

Wie oft hab ich dich gebeten, 

Mit mir zu gehen, 

Wenn ich zur Erholung 

Von des Tages Getriebe 

Mit der Gattin die lebensvollen Dramen 

Besuchen wollte. 

Frau: Du weifit, ich hab es einst getan. 
Ich hab mich stets gefunden 
Selbst in das Nichts, 
Von dem du immer sagtest, 
Da geht doch was vor. 
Ich fand ja auch, daB die Biihne 
Da voiles Leben wiedergibt; 
Doch ist dies voile Leben leider so leer. 
Und sollten Charaktere auf der Biihne 
Mich fesseln, die Puppen sind im Leben? 
Ich ode mich selbst bei jener neuen Kunst, 
Die vom ganzen Leben strotzen will. 
Sie ist entweder ohne Gehalt, 



Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift 



Weil sie es sein muB, 

Wenn sie wahrheitvoll die Gegenwart spiegelt. 

Oder sie ist gar Kritik des Lebens, 

Dann ist sie unfruchtbar, 

Derm kein Hunger wird gestillt, 

Keine Trane wird getrocknet, 

Wenn man hungernde Menschen 

Und tranenvolle Gesichter 

Auf den Brettern zeigt. 

Mann : Ist denn nicht das gerade 

Die Frucht der neuen Kunst, 
DaB sie nicht fliichtet 
In der Ideale Traumeswelten, 
Sondern spiegelt die Kampfe 
Des taglichen Lebens. 

Frau: Du sprichst wie ein Theaterkritiker; 

Man sieht, du liest auch unter dem Strich. 

Mann : Ich habe iiber deine Lieblingsideen 
Noch wenig Gutes da gefunden. 

Frau : Das macht mich froh, 

Denn werden einmal diese Ideen 

Reif, unter dem Strich kredenzt zu werden, 

Dann miissen sie sich zwangen 

Ins triviale MaB des guten Witzes 

Und der geistreichen Zeitgenossen. 

Mann: Frau, es wird Zeit fiir deine Vorstellung. 
Auch meine Zeit ist da. 
Ich habe dir vorher nicht verraten, 



Vorspiel 



DaB gerade heute 

Unsre erste Bxihne 

Den Versuch macht 

Mit einern wahrhaft sozialen Drama. 

Frau : Wir werden uns nach ein paar Stunden wieder 
Und uns verstehn wie immer. [finden 



Weitere Entwurfe 



Ztveites Bild 



Johannes: Es gab die Zeit, 

Da ich noch glauben konnte, 

Es sei in sich selbst gegriindet, 

Was Augen sehn und Ohren horen. 

Doch hat Erkenntnis 

Genommen mir den Wahn. 

Vertraut ist mir, daB alles, 

Was ich um mich erblicke, 

Hinweggeldscht muB sein, 

Verlassen die Geistgewalten 

Des Daseins Reich - 

Wie des Gesichtes Farbenton 

Und meiner Hande Kraft, 

Sobald der Geist den Leib verloscht. 

Ich weiB, daB Trug der Boden 

Sogar nur ist, auf dem ich steh; 

Und daB ich sinke ins Bodenlose, 

Wenn mich nicht Geisteskrafte triigen. 

So ward mir deutlich, daB Gespenster 

Ich kenne, nicht Wirklichkeiten. 

Doch wo wird mir Wahrheit? 

So muSt* ich immer fragen. 

Und immer tont es 

Durch meiner Sinne Scheingebilde : 

O Mensch, erkenne dich! (Echo) 

Entsetzlich grausames Wort, 

Ich folgte dir. 

Du lehrtest mich, daB nicht nur 
Wahn und Irrtum mich umgibt, 
Solange ich den Sinnen und der 
Alltaglichen Vernunft vertraue, 



Die Pforte der Einwihung 



DaB auch die Gestalt, in der 

Ich selber mir erscheine, ein Wahngebilde ist; 

O sie ist so wohltatig, diese wahre 

Gestalt, welche ich ahne - und 

Mehr als ahne - sie verbirgt sich 

Hinter einem Wahn - doch Sinn 

Hat ihr Verbergen - derm zeigt sie 

In Wahrheit sich, steht neben ihr, 

Was der Mensch ist - was er 

In aller Nacktheit ist - ein Versucherwesen, 

Das gierig alle Geniisse der Welt 

Nur will, sich zu befriedigen, 

Ein Wesen, das Tier und 

Damon zugleich - das 

Kalt vernichtet Liebstes, 

Wenn Vernichtung es befriedigt - 

Dem jeder Gier 

Erfiillung neue Gier nur 

Zeugt. - Sich erkennen 

HeiBt, sich von sich selber 

Unterjochen lassen - und 

In der Unterjochung Wollust 

Fiihlen - sich selbst erkennen 

Ist Wahnbild schafFen, das 

Den Wahn fur Wahrheit halt -. 

Sich selbst erkennen heiBt, 

Hochstes Gliick erstreben - heiBt, 

Tiefstes Ungliick fur hochstes 

Gliick genieBen - heiBt, das 

Nichts fur Alles zu halten. - So 

Stelle ich mich selbst vor mich, 

Wenn das Wort ertont: 

O Mensch, erkenne dich! 



Zmttes Bild 



Nein, nicht erkennen sich, 
Sich fliehen. 

Doch wohin nur fliehen? 

Der Welt entfliehen, 

Ich kann es nicht. 

Die Welt ist nur mein 

Ausgebreitet Selbst - 

Doch anders ist dies Selbst, 

Es soil Erhebung bringen und Licht. 

» 

Ein furchtbarer Vorwurf. 

Er schleudert mir von alien Seiten zu: 

Du bist es, doch du hast dich 

Selbst zerstort, du bist dein 

Zerrbild nur. - Und Schuld - 

Du stoBt in Nichts mich kalt. 

Doch konnt ich von dir zermalmt sein. 

Nein, ich kann es nicht. 

Ich erkenne das Nichts in mir, 

Doch dies Nichts, 

Es martert mich durch Furcht, 

Es peitscht mich durch Fliiche, die 

Ich selber auf mich laden muB, 

Es totet mich durch Ohnmachten, 

Um in der Ohnmacht mich 

An mich selbst zu ketten. 

Ihr Felsen stiirzt auf mich, 

Ihr Wasser nehmt mich auf, 

Doch wenn ihr stvirzet auf mich, 

Wenn ihr mich begraben wolltet, 

Ich erstunde aus meinen 

Teilen, auf dafi in 

Ewige Schmach verwandelt 

Ware die zeitliche. 



Die Pforte der Einweihmg 



Ich sucht* Erhebung. 

Ach, icb bin erhoben, 

Erhoben ins Nichts - 

Gefesselt an den [Sklavenjmenschen, 

Den ich fliehen wollte. 



Gegendim Walde 

(Es tont aus Quellen und Felsen) : 
Mensch, erksnm dich. 

Johannes: So hor ich sie seit Jahren schon, 
Die inhaltschweren Worte. 
Sie klingen mir aus Luft und Wasser, 
Sie tonen aus dem Erdengrund herauf. 
Wie der gewalt'gen Eiche Wuchs 
Ins kleine Samenkorn 
Zusammen sich drangt, 
So rollt zuletzt sich ein 
In dieses grausam hohe Wort, 
Was von der Elemente Weben, 
Von Geistern und von Seelen, 
Von Zeitenlauf und Ewigkeit 
Begreiflich meinem Denken schien: 
Es lebt in diesen Lauten 
O Mensch, erkenne dich. (Echo) 
Und jetzt - es wird im Innern 
Lebendig fiirchterlich. 



Z mites Bild 



Um mich, in mir ist nichts. 

Es ist doch alles nur dies eine Wort: 

O Mensch, erkenne dich. (Echo) 

Es zersplittert in tausend Wesen mich. 

Ich folge dem Tag 

Und wandle mich in Nacht. 

Ich muB der Erde folgen, 

Da um die Sonne sie kreist. 

Ich rolle in dem Donner, 

Ich zucke in den Blitzen, 

Ich bin - ich bin schon nicht mehr. 

Des eignen Leibes Hulle, 

Sie ist ganz fern von mir. 

Doch leb ich als ein andres Wesen. 

«Er hat mir bittre Not gebracht; 

Ich habe ihm so ganz vertraut. 

Er lieB im Kummer mich allein. 

Die kalte Erde soil mich haben, 

Da er mir Lebenswarme raubt.» 

O, ich bin sie, die ich verlieB. 

Ich muB erleiden ihr e Qual. 

Erkenntnis hat mir Kraft verliehn, 

Mein Selbst in andres Selbst zu tragen. 

O furchtbar Wort! Stets neue Schrecken 

Ertonen mir aus dir: 

O Mensch, erkenne dich. (Echo) 

Doch wie, im eignen Leibe 

Erkenne ich mich wieder. 

Die Menschgestalt ist mir genommen. 

Aus Lust und Gier verschlungen, 

Gebilde damongleich. 

Ich bin es - aller Zweifel schwindet. 

Es ist die Stunde, 



Die Pforte der Einweihung 



Da ich gierig lechze 

Nach alien Geniissen aller Welten. 

Verschlingen muB mich: 

Des eignen Wesens Wildheit. 

In meinen Adern sind verzehrend Feuer 

Die Worte von Sonnen und von Erden; 

Sie leben in meinen Pulsen, 

Sie schlagen in rneinem Herzen. 

Und selbst im eignen Denken, 

Da fuhl ich fremder Welten Weben. 

Das sind des Wortes Fruchte: 

O Mensch, erkenne dich. (Echo) 

Doch aus dem Abgrund - 

Welch Wesen blickt auf mich. 

Es starrt mich grausig an. 

Ich fuhle Fesseln, 

Die mich an dich gefesselt halten. 

So fest war Prometheus nicht 

An Kaukasus' Felsen angeschmiedet 

Wie ich an dich. 

Wer bist du, schauervolles Wesen? 
O Mensch, erkenne dich. (Echo) 
O - selbst bin ich es. 
Erkenntnis, sie schmiedet 
An dich mich Ungeheuer. 
Entfliehen wollt' ich dir. 
Geblendet haben mich die Welten, 
In welche meine Torheit floh; 
Und so geblendet bin ich wieder 
In meiner blinden Seele. (Maria tritt auf.) 
O Mensch, erkenne dich. (Echo) - 
Meine Freundin, du hier! 



Zweites Bild 



Maria: Ich suchte dich. 

Obwohl mir bekannt, 

Wie lieb dir Einsamkeit ist, 

Nachdem so vieler Menschen Meinungen 

Vor deiner Seele hinfluten, 

Wie heute dich besturmten, 

So drangt' es doch mein Herz, 

Dich jetzt zu finden, 

Da Benedictus' Worte 

So schwere Worte dir entrungen haben. 

Johannes : Wie lieb mir Einsamkeit ! 

O Freundin, auch das ist nun vorbei. 

Es war mir schmerzlich, 

Was erst Geselligkeit mir bewirkt; 

Doch war's ein Schatten, 

Vergleich ich es mit jenem Sturm, 

Den Einsamkeit mir dann gebracht. 

Bisher war einsam sein die Heilung, 

Wenn Lebenswirrnis mich verstort, 

Doch jetzt ist auch dies 

Von mir genommen. 

Soeben konnt' ich sehen, 

Wie Einsamkeit mich hetzt 

In alle Welten, alle Wesen; 

Wie sie mir selber mich entreiBt, 

Um in mich selber 

Zu stiirzen mich dann wieder. 

Mir ist des Menschen letzte Zuflucht, 

Mir ist die Einsamkeit verloren. 

Maria : Ich muS das Wort 
Dir wiederholen, 



Die P forte der Einweihung 



Nur Benedictus kann dir helfen. 

Wir miissen seine Weisheit horen. 

Und sollten stiirzen 

Auch alle andern Stiitzen, 

Es wird sein Wort 

Sie alle wieder bauen. - 

Johannes : Maria, weiBt du, 

Was in mir vorging, 

Bevor ich hier dich sah. 

Es ist ein schweres Los 

Auch dir geworden, edle Freundin. 

Doch liegt es deinem Wesen fern, 

Erlebend zu erfassen, 

Was mich so ganz zerschmettert 

Du kannst in lichte Hohen steigen, 

In leidenvollste Finsternisse sinken, 

Du wirst du selbst stets sein. 

Ich muBte glauben konnen, 

DaB Nichts der Wesen Ursprung sei, 

Wenn ich die Hoflhung hegen konnte, 

DaB aus dem Nichts, 

Das ich in mir erlebe, 

Ein Mensch je werden sollte. 

Ich bin selbst nichts mehr. 

Ich horte in unsrem Kreise heute 

Den einen und den andern sprechen. 

In jedem sah ich selbst mein Sein. 

Ich muBte stammeln mit dem einen 

Gebete in der Moncheszelle 

Und wandeln mich mit ihm. 

Ich horte in des andern Seele 

Die Marchenworte Felicias. 



ZweiUs Bild 



In jedem Augenblicke 

Erstarb des eignen Wesens Macht, 

Um aufzutauchen im fremden Leben. 

So erweitre ich zum Weltensein 

Der eignen Seele Kraft, 

Ersterbend stets mir selbst. 

O gehe von mir, Maria. 

Ich rief dich oft. 

Du warst mir Leben 

Und Sinn des Lebens, 

Und jetzt erfleh ich 

Als Wohltat mir von dir: 

VerlaB mich, o verlaB mich. 

Maria: Ich will es, doch 

Du muBt es mir versprechen, 

DaB wir in nachster Stunde 

Bei Benedictus uns wiederfinden. 

Johannes : Was sagt in mir, 

Ich konnte sie nicht sehn? 
Ich war es selber nicht. 
Der Damon ist's, 
An den ich geschmiedet. 
Er spricht durch mich. 

Das Echo: Er spricht durch dich: 

O Mensch, erkenne dich. 



Die Pforte der Einmihung 



III. 



Maria: 



Meditationsvymmer : 
BenecUctus, Johannes, Maria, das Kind. 

Ich bringe euch das Kind, 
Es braucht ein Wort 
Aus eurem Munde. 



Benedictus : Mein Kind, du sollst fortan 

An jedem Abend zu mir kommen 
Und von mir dir holen 
Das Wort, das dich 
Zur Ruhe wird geleiten. 
Willst du? 

Kind: Ich will es so gem. 



Benedictus : 



Maria: 



Fur heute denke, 
Bis dich der Schlaf umfangt: 
Es tragen Lichtgewalten 
Mich in des Geistes Haus. 
(Kind ab.) 

Es ward des Kindes Schicksal 
In seinen friihen Jahren schon 
So seltsam mit dem meinen 
In eins verwoben. 
Ihr wieset mir den Weg, 
Den ich es fuhren sollte 
Von jenem Tage an, 
Da es mir die Mutter 



Drittes Bild 



Als Findling vor die Tiir gelegt. 

Und wunderwirkend 

Erwiesen sich an ihm 

Die Regeln, die ihr gabt 

Im Sinne eurer Weisheit. 

Ich weiB, wenn nicht durch mich 

VoUzogen wiirden diese Regeln, 

Es fehlte keiner der Krafte, 

Die in dem Kinde schlummern, 

Gelegenheit zu vollem Wachstum. 

Doch zeigt auch hier sich deutlich, 

DaB Segen sich in Unheil wandelt, 

Will ich ihn spenden. 

Ihr wiBt, wie schwer 

Des Kindes Neigung 

Ich erst gewinnen konnte. 

Es wuchs heran in meiner Pflege, 

Und mehr nicht als Gewohnheit 

Entkeimte seinem Herzen, 

Bei mir zu finden 

Die Mittel seines Wachsens 

An Leib und Seele. 

Da kam die Zeit, 

Da mehr und mehr 

Die Liebe zu der Pflegerin 

In ihm erwachte. 

Und auch in diesem Fall 

Bezeugte es sich klar, 

DaB gute Krafte sich verkehren, 

Wenn ich der Trager bin. 

Im Sonnenschein der Liebe, 

Die mir geschenkt der Knabe, 

Erstarb, was schon erbliiht 



Die P forte der Etnnreibung 



In pflichtgemaBer Leitung war. 

Ich scheine immer mehr 

Mir selbst ein Ratsel. 

Es muB von euch die Losung kommen, 

Denn wie ertrag ich langer, 

DaB ich des Freundes Krafte 

Durch meine Gegenwart vernichte 

Und auch dem Knaben 

Der schonsten Giiter Segen raube, 

Weii er sie liebend 

Von mir entgegennimmt. 

Benedictus : Ein Knoten hat sich hier geformt 
Aus Faden, die geheimnisvoll 
Im Weltenwerden Karma schafft. 
Es lenken hohe Geister 
In Lichtesreichen 
Die Ziele alles Seins. 
Sie konnen Schmieden 
Die Weltenziele nur, 
Wenn ihnen opfern 
Die Menschen Gliick und Leid, 
Erlebt in Erdenreichen. 

[Hier endet dieses Fragment. Als eine Fortsetzung des 
Geschehens konnen die folgenden Wor te aus einem 
Notizbuch vom Jahre 1910 betrachtet werden.] 

Du leidest nicht, 

Um eigenes Geschick zu erfiillen. 

Was sich in deiner Seele vollzieht, 

1st nicht bloB Wirkung deines eignen Lebens. 

Du bist ausersehen, dem Plan der 

Welt zu dienen. 



Driites Bild 



Es wurden reiBen die Faden, 
In denen die Bewohner der Geisteswelten 
Das Schicksal der Welt spinnen, 
Wenn von Zeit zu Zeit 

Nicht einverwoben werden konnte dem Gewebe 
Das Los einer menschlichen Seele. 
Solche Seelen tragen im Brennpunkt ver einigt 
Das Karma der Menschheit. 
Was sie erleben, brauchen die Himmlischen. 
Es miiBte ohne solchen Einschlag 
Stillstehen der Fortschritt der Menschheit. 
Ein Leben zu leben fur den Geist, 
1st solchen Menschen beschieden. 
Und wer ihr irdisch Sein 
Beurteilt nach gewdhnlichem Menschen MaB, 
Der hat ein Trugbild nur sich vor das Auge 
geriickt. 

Du hast Leben gelebt, die deine eignen waren; 

In ihnen erfullte sich dein Schicksal 

Nach deiner eignen Taten Gewicht. 

Du wirst wieder Leben leben, 

Die solchen Verlauf dir weisen. 

Doch dieses gehort dir nicht selbst. 

Es gehort den Menschen selbst nicht allein; 

Es gehort dem Werden der Welt. 

Und was von dir in der Erdenwelt 

Zu sehen ist, 

1st Wirklichkeit nicht wie bei andern Menschen. 

Es ist Sinnbild nur deines hohern Berufs. 

Als ich zum ersten Male dich sah, 

Erschienst du mir nicht wie ein menschlichWesen. 

Du gehortest den Geisterwelten an 

Wie andre Geister. 



Die Pforte der Einweibmg 



Und ein Leib ist dir nicht, 

Um in ihm auszuleben, 

Was in deinem Geiste ist. 

Ein GefaB nur ist dein Leib, 

Damit du schopfen kannst 

Aus Erdenmachten, 

Was den Himmeln notig ist. 

Und es ward mir Beruf, 

Den Gottern zu iiberbringen, 

Was du im Menschensein geschopft. 

Wie sollten die Menschen tragen konnen, 

Was nur von gottlicher Art. 

Ubergeben wird dein Gutes, 

Das in dir im Geiste wirkt, 

Den Sinnen; eignen sich's die Menschen an, 

Und da kann sich's wandeln in Schlirnmstes - 



Maria: Darf ich noch den Gottern vertrauen? 
Sie weisen mir, wo ich Gutes sae, 
Uble Frucht als eignes Erzeugnis vor. 
Und meine Taten sind vor mir 
Wie in Verbrecher gewandelte Kinder, 
Die eine Mutter der Welt wollte schenken, 
Das Beste zu wirken fur ihr Geschlecht. 
Es muC mich Scham befallen, 
Wenn ich mich in meinen Taten erblicke, 
Und Furcht muB meine Seele beschleichen. 
Ich sehe, wie Bestes 
Wird zum Schlimmsten, 
Dringt [es] aus meiner Seele 
In die andre Seele. 



Drittes Bild 



Und fuhlen muB ich, 
Wie Lebenssaft in mir 
Zerstorend Gift im Andern wird. 



Maria: Ich bringe euch das Kind, 
Es braucht ein Wort 
Aus eurem Munde. 

Benedictus: Mein Kind, du soilst fortan 

An jedem Abend zu mir kommen 
Und holen dir von mir 
Das Wort, das dich geleiten soli 
Ins Seelenreich des Schlafes. 
Willst du es so? 

Kind: Ich will es so gern. 

Benedictus: Fur diesen Abend 
Erfulle dein Genrtit, 
Bis dich der Schlaf umfangt, 
Des Wortes Kraft: 
Es tragen Uchtgewalten 
Mich in des Geistes Haus. 



(Kind ab.) 



Maria: Und nun, da dieses Kindes Schicksal 
HinflieBen soil in Zukunft 
Im Schatten eurer Vaterhuld, 



Die P forte der Einweibung 



1st Zeit wohl auch, daB fragend 

Sich naht dem Fuhrer jene Seele, 

Die Mutter ihm geworden, 

Wenn nicht durch Blutesbande, 

So doch durch Schicksalsmachte. 

Ihr wieset mir den Weg, 

Den ich es fiihren sollte 

Von jenem Tage an, 

Da ich es fand 

Mir vor die Tiir gelegt 

Von seiner unbekannten Mutter. 

Und wunderwirkend 

Erwiesen sich dem Pflegling 

Die Regeln, nach welchen ich 

Ihn fiihren durfte jahrelang 

Im Sinne eurer Weisheit. 

Zu Tage traten seiner Seele 

Und auch des Leibes Krafte, 

Die in dem Wesen schlummerten. 

Es schien, als ob eure Weisung 

Entsprossen ware jenen Reichen, 

In welchen des Kindes Seele weilte, 

Bevor sie baute ihres Leibes Hulle. 

Erwachsen sahen wir die Menschenhoffhung, 

Die heller strahlte jeden neuen Tag. 

Ihr wult, wie schwer 

Des Kindes Neigung ich erst 

Gewinnen konnte. 

Es wuchs in meiner Pflege, 

Und mehr nicht als Gewohnheit 

Verband erst seine Seele mit der meinen. 

Es stand zu mir, empfindend, 

DaB ich ihm reicht* die Mittel 



Drittes Bild 



Fur Leibes- und fur Seelenwachstum. 

So war's da eurer Weisheit Kraft 

Fur sich allein nur wirkte 

Und mein Gemut nicht anders wirkte 

Denn als der Weisheit Werkzeug. 

Es kam die Zeit, in welcher 

Erwachte in dem Kindesherzen 

Die Liebe zu der Pflegerin. 

Ein auBrer AnlaB brachte 

Die Wandlung in dies Leben. 

Es trat in unsern Kreis die Seherin. 

Das Kind war gem um sie, 

Und manches schone Wort 

Erlernte es in ihrem Zauberbann. 

Da kam ein Augenblick, 

In dem Begeisterung erfaBte 

Dies wundersame Weib, 

Und schauen konnte das Kind 

In ihrer Augen glimmend Licht. 

Erschiittert bis ins Lebensmark 

Empfand die junge Seele sich. 

Sie kam mit ihrem Schreck zu mir. 

Von dieser Stunde an 

War mir das Kind 

In Liebe warm ergeben. 

Doch seit bewufites Fiihlen 

Und nicht der Trieb allein 

Von mir empfing die Lebensgaben. 

Und warmer das junge Herz 

Erbebte, wenn sein Blick 

Den meinen liebend traf, 

Verloren eure Weisheitssatze 

Die rechte Fruchtbarkeit. 



Die Pforte der Eintveibmg 



Verdorren muBte vieles, 

Was in dem Kind vorher gereift. 

Und so schien in diesem Wesen 

Zu wiederholen [sich], was an dem Freunde 

So furchtbar sich erwiesen. 

Ich scheme immer mehr 

Mir selbst ein dunkles Ratsel. 

Du kannst mir wehren nicht 

Die bange Lebensfrage: 

War um verderb ich Freund und Kind, 

Wenn liebend ich das Werk 

Versuch an ihnen zu veriiben, 

Das Geistesweisung nur als Gutes 

Erkennen la6t dem Herzen. 

Du hast mich oft gewiesen 

Auf jene hohe Wahrheit, 

DaB Schein sich breitet 

An unsres Lebens Oberflache. 

Doch muB ich Klarheit haben, 

Soil ich ertragen dies Geschick, 

Das grausam ist und Boses wirkt. 

Benedictus : Es formt sich hier 
In diesem Kreise 
Ein Knoten aus den Faden, 
Die Karma spinnt 
Im Weltenwerden. 
O Freundin, deine Leiden 
Sind nicht eignen Schicksals Folge nur. 
Da ich erstiegen hatte die Stufe, 
Um leben zu konnen 
In jenen Urweltreichen, 
Wo hohe Geister weben 



Drittes Bild 



Das Netz des Weltenseins, 

Da trat zu mir ein Gotteswesen, 

Das niedersteigen sollte 

In Erdenreiche und wohnen 

In eines Menschen Fleischeshulle. 

An dieser Zeiten Wende 

Verlangt dies unser Menschenkarma. 

Ein grofier Schritt im Weltengange 

1st moglich nur, "wenn Gotter 

Erdulden Menschenlos. 

Es konnen sich entfalten Geistesaugen, 

Die keimen in den Menschenseelen, 

Erst wenn ein Gott das Samenkorn 

Gelegt in eines Menschen Leib. 

Mir aber ward aufgegeben, 

Zu finden jenen Menschen, 

Der in der eignen Wesenheit 

Des Gottes Trager sollte sein. 

So sollte ich verbinden 

Des Himmels Taten 

Mit einem Menschenwesen. 

Mein geistig Auge forschte. 

Es fiel auf dich. 

Bereitet hatte dich 

Dein Lebenslauf zum Heilesmittler. 

In vielen Leben hattest du 

Erworben dir Empfanglichkeit 

Fur alles GroBe, 

Das Menschenherzen leben. 

Der Schonheit edles Wesen, 

Der Tugend hochste Forderung, 

Du trugst als Geisteserbe 

Sie in der zarten Seele. 



Die Pforte der Einmihung 



Und was dein ewig Ich 

Ins Dasein durch Geburt gebracht, 

Es ward zur reifen Frucht 

In deinen jungen Jahren. 

Zu fruh nicht stiegest du 

Auf steile Geisteshohen, 

Und so erstand dir nicht 

Der Trieb ins Geisterland, 

Bevor du voll erfaBt 

Der Sinne unschuldvolle Freuden. 

Deine Seele lernte Erdenliebe 

Und Erdenzorn erkennen, 

Als alles Geistesforschen 

Noch feme ihrem Denken lag. 

Die schdne Natur genieCen, 

Der Kiinste edle Fruchte pflucken 

War deines Lebens Reichtum. 

Du durftest heiter lachen, 

Wie nur die Kinder lachen, 

Die von des Lebens Schatten 

Noch nie beruhrt geworden. 

Du lerntest Menschengliick 

Erkennen und das Leid 

Beklagen in Zeiten, 

Da deinem Ahnen selbst 

Nicht dammerte, zu erfragen 

Des Gluckes und der Leiden Ursprung. 

Eine Seele solcher Stimmung, 

Sie tritt ins Erdendasein 

Als reife Frucht von vielen Leben, 

Und ihre Kindlichkeit ist Bliite, 

Nicht Wurzel des Geisteswesens. 

Nur solche Seele konnte 



Drittes Bild 



Zum Trager ich erkiesen 
Dem Gotte, den das Schicksal 
Als Wirkenskraft bestimmt 
Fiir unsre Menschenwelt. 
Und nun erkenne, weshalb 
Dem Wesen ins Gegenbild 
Sich wandelt, will es 
ErgieBen sich in andre Wesen. 
Der Geist in dir, er wirkt 
In allem, was im Menschen 
An Friichten reifen kann 
Fiirs Reich der Ewigkeit. 
Ertdten wird er vieles 
Im Reich des Zeitenseins. 
Doch seines Todes Opfer, 
Sie werden Saaten streun 
In ihrem tiefsten Wesen 
Dem hohern Leben, das 
Aus niederm Sterben bliiht. 

Maria : So also steht es mit mir. 

Du losest mir meines Lebens finstres Ratsel. 

Und Klarheit ahn ich 

In jener Dammerung, 

Die in dieser Stunde 

Ergreift meine Seele. 

Ja, Klarheit, ich fiihle sie, 

Doch ich verfluche sie, diese Klarheit, 

Und ich verfluche dich, 

Der mich zum Werkzeug formte 

Fiir seine wilden Kiinste. 

Ich habe bis zu dieser Stunde 

Gezweifelt keinen Augenblick 



Die Pforte der Einweibung 



An deiner Geisteshohe, 

Doch es geniigt dieser eine dafur, 

Zu sturzen in meinem Herzen 

Den Thron, den ich dir errichtet, 

Und als der Holle Wesen 

Erkenne ich deine Gotter. 

Ich muB verfuhren andre, 

Weil du erst mich verfiihrt. 

Ich will dich fliehen 

In Fernen, in welchen 

Die Stimme, die mir erst 

Des Heiles Kiinderin war, 

In nichts erstirbt. 

Ich weiB, da6 Fernen sind, 

Wo meinen Ohren unvernehmbar 

Die falsche Gotteslehre, 

Die deine Lippen kiinden - 

So nahe doch miissen diese Fernen sein, 

DaB meine Fliiche dich noch treffen konnen. 

Des eignen Blutes Warme, 

Du hast sie mir geraubt, 

Um deinem falschen Gott zu geben, 

Was mein sein muBte. 

O diese Bluteswarme, 

Sie wird dich brennen 

An deiner Hollenkiinste Wurzel. 

Ich muBte glauben deinem Truge, 

Und daB ich's konnte, 

Erschufest du mich selbst 

Zum Truggebilde. 

Ich sah, wie meines Wesens Krafte 

Ins Gegenbild so oft sich wandelten; 

So wandle, was an Liebe 



Drittes Bild 



An dich gewandt mein Herz, 
Sich jetzt in wilden Hasses Feuer. 
Ich hasse des Satans Machte. 
Doch streben will ich, 
DaB Liebe fur seine Wildheit 
In mir erwache, 

Und schlieBen will ich den Bund 
Mit den Scheusaligsten der Geister, 
Um solches Feuer zu finden, 
Das dich verbrennt 
Mit alien deinen Hollenkiinsten. 

Ich flu... ach 

(Stiirzt ab.) 

Benedictus: Mein Sohn, auch dir naht 

Entscheidung sich und Erfiillung. 
In dir erstirbt in dieser Stunde 
Die Stimme und auch das Fiihlen. 
Du sahst die liebe Freundin 
Mit wilder Rede uns entfliehen. 
Die Seele schwebt in Hohen; 
Der Freundin sterblich Scheinbild 
Nur sprach in diesem Augenblick. 
Verlassen muBte diese Hulle 
Des edlen Wesens Selbst, 
DaB messen konnte sich mit mir 
In ihrer Schattenform 
Der Widersacher, 
Der mir zerstoren will 
Das Werk, das mir obliegt 
Fiir Menschenzukunft 
Und auch fur diesen ISlenschen. 
Und konnt' ich halten 



Die Pforte der Einweihung 



Die Fliiche und Verwiinschungen, 

Ja jene selbst, die sprach, 

Fiir Wirklichkeiten 

Auch nur sekundenlang, 

Es ware alle meine Weisheit 

In nichts sogleich zerronnen. 

Und jener Fluch, 

Den sie auf mich geladen, 

Er scheint der Dolch dir, 

Der in das eigne Herz 

Sich bohrte. 

Du hast zu wahlen. 

Du magst in dieser Stunde 

Ihr folgen und dich binden 

An Wahn und Wahneswesen. 

Ich darf dich nicht verhindern. 

Doch wisse, die da eben fluchte, 

War nicht das geliebte Wesen, 

Dem du bisher verbunden. 

Es mufite kommen auch fiir sie 

Die schreckenvolle Stunde, 

Da ihres Wesens Hiille 

Durchdrungen ward 

Von Lucifers Trug, 

Und seine finstre Macht, 

Sie fluchte im edelsten Menschenleib. 

Die Freundin, die geschenkt 

Dir ist in ihr, 

In dieser Stunde 

VerlieB sie die Gotterhulle. 

Erkennen sollte sie, 

Was Menschen werden konnen, 

Auch wenn des Edlen vollstes MaB 



Drittes Bild 



In ihnen lebt, 

VerlaBt das Selbst die Hiille. 

Sie werden Lucifers Beute. 

Doch wird dies edle Menschenwesen 

Des Selbstes Wesen 

Entschwinden niemals sehen. 

Doch muBte, um vollends zu finden 

Des Gottes Wesen im Innern, 

Sie schauen alle Tiefen, 

In die zu stiirzen 

Vermag ein Mensch. - 

Der Gott in ihr wird leben 

Im hehrsten Seelengrunde, 

Da ihres Geistes Augen 

Im Leibesselbst erkennen 

Den finstren Hollenwachter. 

Und sollt' erspart ihr werden 

Der grausam finstre Augenblick, 

Sie hatte Gotterhohen 

Ersteigen niemals durfen 

Und Menschen niemals Gottersegen 

Ins Erdental herniederbringen. 

Du aber, mein Sohn, 

Hast stiirzen sehn in Finsternis, 

Was zeitlich ist an jenem Wesen, 

Dem deine ganze Liebe strahlt. 

Weil Gotter zu dir sprachen 

Aus ihrem Munde, muBtest du 

Den Hollenfursten selber 

Vernehmen auch aus dieser Stimme. 

Du wirst nun sicher finden 

Den Weg zu ihrem wahren Wesen. 

Was lichtvoll aus ihr floB, 



Die Pforte der Einweihung 



Es ward zur Finsternis in dir. 

So lasse stromen auch, 

Was als Finsternis von ihr 

Dir eben sich geoffenbart, 

Und es wird zuriick sich wandeln 

Verderben, das sie dir brachte, 

In Segen und, was an Tod 

Sie brachte deiner Seele, 

Wird Leben dir sein, 

Wenn du es widerstrahlen schaust 

An ihrem Todesteile — . 

Es formt sich hier 

In diesem Kreise 

Ein Knoten aus den Faden, 

Die Karma spinnt 

Im Weltenwerden. 

Hast du in dieser Stunde 

Die Kraft, zu suchen deine Freundin 

Durch ihres Gegenbildes Trug, 

Wird halten sich dein Selbst 

Im eignen Wesen. 

Entziinde deine voile Kraft 

An Worten, welche dir tonen 

Durch meinen Mund 

Aus Geistes hochsten Hohen. 

Sie werden dir die Seele tragen 

In freie Gotterhohen: 

Des Lichtes Wesen, es erstrahlet 

Durch Raumes Weiten. 

Der Liebe Segen, er erwarmet 

Die Zeitenfolgen. 

Und Geistesboten 

Vermahlen dem Lichtesschein 



Drittes Bild 



Der Liebe Seelenfulle. 

Und Sehnsucht muB gewahren 

Die Gunst der edlen zwei; 

Sie zieht herbei 

Die Kraft und Starke; 

Und Weisheit eint sich ihnen 

Und lafit in vielen Weisen 

Das Menschenbild sich formen. 

O Geister, sprechet 
In dieses Menschen tote Seele 
Und wecket sie aus ihrem Nichts 
Zu neuer Werdelust. 

Es steigen seine Gedanken 

In Urweltgriinde - 

Was als Schatten er gedacht, 

Was als Schemen er erlebt, 

Entschwebt der Gestaltenwelt, 

Von deren Fulle 

Die Menschen denkend 

In Schatten traumen - 

Von deren Fulle 

Die Menschen sehend 

In Schemen leben. 



Viertes Bild 



Lucifer: O Mensch, erkenne dich, 
O Mensch, empfinde mich, 
Du hast dich gewandt 
Aus Geistes Fuhrerschaft 
In freie Erdenreiche. 
Aus Seelenreinheit, 
Aus Geistesklarheit 
Bist du entflohen 
Und suchtest eignes Wesen 
In Erdenwirrnis. 
Du fandest mich. 
Es wollten Gotter Schleier 
Dir legen vor die Sinne. 
Ich riB entzwei die Schleier. 
Es wollten Gotter in dir 
Nur ihrem Willen folgen. 
Ich gab dir Eigenwollen. 
O Mensch, erkenne dich, 
O Mensch, empfinde mich. 

Ahriman: O Mensch, erkenne mich, 
O Mensch, empfinde dich. 
Du bist entflohen 
Des Geistes Finsternis. 
Du hast gefunden 
Der Erde Licht. 
So sauge Kraft der Wahrheit 
Aus meiner Sicherheit. 
Ich spende Gaben, 
Ich wirke Schonheit. 
Es wollten Gotter dir entreiBen 



Viertes Bild 



Der Erde Wirklichkeit. 

Ich fuhrte dich 

In wahre Wesenheit. 

O Mensch, erkenne mich, 

O Mensch, empfinde dich. 

Lucifer: Es gab nicht Zeiten, 

Da du mich nicht hattest. 
Ich folgte dir durch Lebenslaufe, 
Erfullen durrV ich dich 
Mit starker Wesenheit. 

Ahriman: Es gab nicht Zeiten, 

Da du mich nicht schautest. 
Mich schauten deine Leibesaugen 
In allem Erdenwerden. 
Erglanzen durrV ich dir 
In stolzer Schonheit. 



Johannes : Ich widerstrebe dir. 

Du lieCest mich fiihlen 
In meinen vielen Leben 
Des Wollens stolze Triebe. 



Makrokosmos: So seid ihr denn am Orte, 
Den ihr so heifi ersehnt. 
Ihr macht mir schwere Sorge. 
Ich muBte durch der Elemente 
Verborgnes Reich euch fuhren, 
Doch euer Wesen wirkte Sturm. 



Die Pforte der Einweihung 



Es widerstrebte euer Sinn 
Dem Walten meiner Krafte. 

Capesius: Wer bist du, 

-Geheimnisvolles Wesen, 
Das mich durch Geisterweiten 
In dieses schone Reich gefuhrt? 

Makrokosmos: Ich bin der Geist, 

Der von des Menschen Seele 
Erblickt erst wird, 
Wenn er den Dienst ihr erwiesen. 
Ich bin bei euch seit Ewigkeiten. 

Capesius : Ich frag auch jetzt nicht viel 

Nach deines Wesens Ursprung. 

Ich fuhle Lebenslust 

In allem meinem Wesen. 

Ich sauge Daseinsfreuden 

Aus allem, was ich schaue. 

Ich fuhle eine Welt 

In meinem Geiste 

Und auferwecken 

Aus meiner Seele tiefsten Griinden 

Will ich die Wahrheiten, 

Die Menschen heben 

Zu stolzen SchafFenstrieben. 

Es Hegt vor mir Unendlichkeit. 

Makrokosmos: Dies ist das Echo deiner eignen Worte, 
An welchen du dich trunken machst. 
Erkenne deine Ohnmacht. 
Du willst in deinem Stoke 



Viertes Bild 



An Welten bauen, 

In deinem Traume lebt allein 

Dein kuhner Bau, 

Und deine Worte 

Entfesseln bloB 

Der Elemente Sturm; 

Der schaffend nicht, 

Zerstorend nur sich zeigt. 

Strader: Ihn magst du Traumer nennen, 
Der in der Jugend Feuerkraft 
Sein Ziel sich vor die Seele malt. 
Doch mir kann solches Wort nicht gelten. 
Ich habe in Moncheszellen 
Den Geist erst heifi erfleht. 
Ich habe in Lebenskampfen 
Der Wahrheit Stiitzen mir erobert. 
Ich ward gefiihrt durch Irrtum. 

[Das Fragment endet hier; aus einem anderen Heft 
stammt die Fortsetzung.] 

Strader: Schon wieder soich ein schaurig Wort. Auch dies 
erklang mir einst im eignen Innern. Als eine 
Seherin die Kreise der selbstsichern Vernunft 
mir storen wollte und mich des Zweifels Stachel 
fiihlen Hefi : da konnt* ich*s deutlich horen. 
Doch das ist nun vorbei. Ich trotze deiner 
Macht, du Alter, der du aus der Natur Elementen 
nur geboren bist. O nein, Vernunft, sie wird dich 
auf andre Art bezwingen, als du wahnst. Hat sie 
durch sich selbst erst ihre stolzen Hohen 
erstiegen, so wird sie deine Meisterin sein. 



Die P forte der Einweihmg 



Makrokosmos: Es ist die Welt so eingerichtet, daB eine 

jede Leistung ihre Gegenleistung fordert. 
Ich habe euch euch selbst gegeben; ihr schuldet 
mir den Lohn dafur. 

Capesius : Ich werde aus meinem Geiste schaffen 
der Natur verklartes Gegenbild. 
Natur erhoben zur Idee, aus der 
Menschenseele erstanden, das mag 
dir Lohn sein, da du dem Menschen 
das Feld gewiesen, wo er aus den 
Tiefen der Natur sich selber kuhn erhebt 
auf des Denkens Schauplatz. 

Makrokosmos: Ihr habt gesehn, wie wenig eure 

stolzen Worte in meinem Reiche bedeuten. 
Sie entfesseln den Sturm und machen 
die Elemente der Zerstorung nur 
geeignet. 

Capesius : So magst du den Lohn dir holen, 
wo du ihn finden kannst. Des 
Menschen Seele auf ihrer Bildung 
Hohe fiihlt Beruf nur, sich selbst 
zu befriedigen. Sie kann nicht 
zu anderer Nutzen schaffen. Sie fuhlt, 
daB sie genug getan hat, wenn sie 
Gestalt gegeben hat dem, was sich 
aus dem Innern nach auBen drangen 
will. Und 1st solcher Trieb im Menschengeiste 
nicht auch Natur? Ist er nicht eine 
hohere Natur? 



Viertes Bild 



Er ist fort. Doch wohin wenden wir uns ? 
Wir miissen in dem neuen Reich uns 
zurecht erst finden. 

Strader: Wir wollen dem nachsten Wege folgen, 
der sich uns bietet. Lassen wir nur 
keine Vorsicht auBer acht, er wird 
an ein Ziel uns bringen. 

Capesius : Mich diinkt, man sollte vom Ziele 

nicht sprechen. Das Ziel mag sich finden, 

wenn wir mutig dem Antrieb folgen, 

der uns im Innern treibt. Wohin der 

Weg auch fiihren mag ; wandeln wir 

ihn so, daB wir das Wahre zum 

Fiihrer uns wahlen und in edler 

Art und mit bestem Willen unsere 

Schritte lenken : wir diirfen uns selber folgen. 

Strader: Doch miissen wir unserm Wirken 
die Richtung bestimmen. Wer nicht 
schon beim ersten Schritte weiB, wohin 
er gehen will, kann werug 
Nutzen stiften. Er mag sich geniigen, 
wenn er nur allein sich dienen will, 
der Dienst der Menschheit doch fordert 
feste Ziele. 

(Die andre Maria wird sichtbar.) 

Doch sieh, welch ein Wesen. Es ist, als ob 
der Fels es geboren hatte. Aus welchem 
Reiche stammest du? 



Die Pforte der Einmihung 



Die andre Maria: 

Ich ringe mich durch Felsengrund 
Und bin der Felsen eigne Stimme, 
Ich sauge feuchten Erdensaft 
Und sinne der Erde eignen Sinn, 
Ich schliirfe Lebensluft von oben 
Und bilde mich aus ihrem Sein. 

(Musikalisches Motiv.) 

Strader: Dann kannst du uns nicht helfen. 
Was nur in Natur erwachst, 
1st fern dem hohern Menschensinn. 

Capesius : Ich richte gerne den Blick auf dich. 
Vertrauend, daB durch dich 
Mir selber Krafte keimen. 

Die andre Maria: 

Mir ist so sonderbar 
Bei euren Worten. 
Sie dringen durch all mein Wesen, 
Doch werden sie zum Sinn 
Mir nicht. 

Das eben ist Beweis, 
DaB deines Wesens Ratsel 
Durch uns gelost nur werden kann. 

Und uns zu dienen 
Ist deine Pflicht. 



Capesius : 



Strader: 



Die andre Maria: 

Ich will euch dienen. 

La6t euren Wunsch mich horen. 



Viertes Bild 



Capesius : Und forderst du auch Gegendienst 
Wie jenes Erdenwesen, 
Das uns hieher gebracht? 

Die andre Maria : 

Ich bin euch dankbar 

Fiir eurer Stimmen Wohiklang. 

Sie sind mir nahrend Feuer. 

Ich sauge eure Worte 

Und fiihle Wohlgefuhl, 

Wenn ich sie wieder 

Den Steinen und den Erzen 

Aus meinem Wesen 

Vermag zu schenken. 

Strader: So scheinst du verwachsen 
Mit aller Wesen Innerstem. 
Da miifitest du uns deuten konnen, 
Wie wir selbst das Innre 
Der Welt ergreifen konnen. 

Die andre Maria: 

Ihr kdnnt bei mir 
Es nicht erreichen. 

Ich bin des Geisteswesens Tochter nur, 

Das in jenem Reiche wohnt, 

Aus dem ihr eben kommt. 

Sie hat dies Feld mir angewiesen, 

DaB hier ich ihren Abglanz zeige. 

Capesius : So sind dem Reiche wir entflohn, 
Das unsre Sehnsucht stilien kann? 



Die P forte der Einweibmg 



Dm andre Maria: 

Wenn ihr den Weg zuriick 
Nicht wieder findet, 
Gedeiht ihr nimmermehr. 

Capesius: Doch welcher ist der rechte Weg? 

Die andre Maria: 

Es gibt der Wege zwei. 

Erwachst meine Kraft zur Hohe, 

So konnen alle Wesen meines Reiches 

In hehrster Schonheit strahlen 

Und funkelnd Licht vom Fels erglanzen, 

Der Farben iiberreiche Fiille 

Sich durch die Weiten dehnen 

Und Heiterkeit der Geschopfe 

Die Luft mit Tonen fiillen. 

Ergibt sich eure Seele dann 

Den reinen Wonnen meines Seins, 

So schwebet ihr auf Geistesschwingen 

In Weiten Urbeginne. 

Strader : Zu schwer ist der Weg 
Fur unsre Krafte. 
Und welches ist der andre? 

Die andre Maria : 

Ihr miiBt, um ihn zu wandeln, 

Auf euren stolzen Geist verzichten. 

Vergessen, was Vernunft gebeut. 

Natursinn euch erobern. 

In Mannesbrust den Kindersinn 

Von des Gedankens Schatten unberiihrt 



Viertes Bild / Fifaftes Bild 
1 



Natiirlich walten lassen. 

So kommt ihr zwar wissend nicht, 

Doch sicher an der Wesen Ursprting. 

(Die andre Maria verschwindet.) 

Capesius : So sind wir doch nur 

Auf uns zuriickgewiesen. 
Und klar allein scheint 
Nur dies zu sein, 
DaB wir zu wirken alle Zeit 
Und unsres Werkes Fruchte 
Geduldig zu erwarten haben. 



Tempel 

Benedictus : Die ihr Genossen mir seid 

Im Reich des ewig Seienden, 
Ich komme zu euch, 
Beratend in eurer Sphare 
Das Schicksal eines Menschen, 
Der Licht von hier empfangen soli. 
Er ist geschritten 
Durch Leidesprufung 
Und hat in bittrer Seelennot 
Den Grund gelegt zur Weihe, 
Die ihm Erkenntnis bringen soil. 
Ich habe als Geistesbote 
Die Sendung, die mir obliegt, 



Die P forte der Einmihmg 



An ihm erfullt. 

An euch, ihr Briider, ist es jetzt, 

Mein Wirken zu vollenden. 

Ich hab in ihm entfacht 

Das Licht, das ihn gefuhrt 

Zum ersten Geistesschauen. 

Und soli aus Traum 

Ihm "Wahrheit werden, 

MuG euer Werk 

Zu meinem Werke kommen. 

Theodosius : Ich will in deine Spuren treten 
Und Warme leiten in sein Herz. 
Er soli begreifen, 
Wie opfernd den eignen Geist 
Den Weltengeist er findet. 
Du hast sein Schauen 
Dem Schlaf entrissen. 
Ich will Empfanglichkeit 
In seine Seele legen. 
Du hast den Geist 
Entrissen seiner Leibeshiille. 
Ich will den Geist ihm harten, 
DaB er zum Spiegel wird 
Dem Geisteslicht. 
Ich werde Kraft ihm geben, 
Sich fuhlend jetzt im Geiste 
Zu schauen andren Geist. 

Romanus : Und hast du ihn gebracht 

Zur Kraft, im Geist zu leben, 
Dann werde ich ihn fuhren 
Durch Raumesweiten 



Funftes Bild 



Und Zekenlaufte. 

Und Geisteswesen, 

Sie sollen ihn umringen 

Und Taten von ihm fordern. 

Er wird sie willig tun. 

Der Weltenlenker Ziele 

Wird er £u seinen Zielen machen. 

Die Urbeginne sollen 

Durchgeisten ihn; 

Die Weltgewalten sollen 

Durchkraften ihn ; 

Die Spharenmachte 

Durchleuchten ihn 

Und Weltenherrscher 

Befeuern ihn. 

Retardus : Ihr habt seit dem Erdbeginn 
In eurer Mitte mich geduldet. 
So muB in eurem Rate 
Auch mein Wort gesprochen sein. 
Bis ihr vollfuhren konnt, 
Was ihr so schon verkiindet : 
1st wohl noch eine Weile hin 
Im Weltenlauf. 
Noch hat die Erde selbst 
Gesprochen nicht, 
DaB sie Verlangen tragt 
Nach neuen Eingeweihten. 
So lange nicht betreten haben 
Die Wesen diesen Tempel, 
Aus welchen die Natur allein 
Und ohne Weihe 
Den Geist entbinden kann, 



Die Pforte der Einweihmg 



So lange bleibt mir's unbenommen, 
Zu hemmen eure Schritte. 
Ich halte euer Geisteslicht 
Zuriick in unsrem Reich 
Und gebe aus mir selbst 
Den Menschen jenen Teil, 
Der ihnen Sinneswahrheit 
Als Hochstes laBt erscheinen. 
Der Glaube mag geniigen, 
Um sie zum Geist zu weisen; 
Und ihres Wollens Ziele, 
Sie mogen durch Begierden, 
Die blind im Dunklen tasten, 
Gelenkt noch weiter sein. 

Die andre Maria: 

Ich trage in euren Tempel 

Die Geistestriebe zweier Menschen, 

Die sich nach Wahrheit sehnen. 

Die alten Wissensschatze 

Erscheinen herrlich in dem Denken, 

Das ihre Seelen durchwebt. 

Es ist zu sehen an dem Licht, 

Das es in meinem Wesen wird. 

Es leuchtet selbst so klar 

In diesem Weiheraum. 

Doch leuchtet es den Menschen nicht, 

Wenn sie es im eignen Selbst entziinden. 

Felix Balde: Befohlen hat mir jene Kraft, 
Zu gehen an den Weiheort, 
Die aus den Erdentiefen 
Zu meiner Seele spricht. 



Fimftes Btld 



Sie will durch mich euch kiinden 
Von ihrer Sorge und Not. 

Benedictus : Und was bekummert 

Die Machte in den Erdentiefen? 

Felix Balde: Das Licht, das in Menschenseelen 
Als Frucht des Wissens leuchtet, 
Zur Nahrung dient es jenen Machten; 
Doch miissen sie seit langer Zeit 
Der Sattigung fast ganz entbehren. 
Denn was in diesen Tagen 
Durchwirbelt die Menschenhirne, 
Es eignet sich zur Nahrung nicht, 
Wenn es in Geisterwelten dringt. 
Der Aberglaube spukt 
In vielen Menschenkopfen, 
Schon wenn den Blick 
Sie richten nach dem Urbeginn. 
Der Handler, der Waren 
Verkauft in seinem Laden, 
Er hielte sicher geistverworren 
Den Kaufer, der ihm sagte, 
Es kann der Nebel, 
Der im Tal sich wirbelt, 
Sich zum Gelde ballen, 
Das dich bezahlen wird. 
Doch Wissenschaft, sie laBt 
Erstehen Dukaten nicht, 
Doch ganze Weltenbaue 
Aus Urweltnebeln. 
Der Lehrer, der erfiihre: 
Es wollt ein Laienwicht 



Die P forte der Einweihung 



Ganz ohne Priifiing zum Gelehrten 

Sich selber machen, 

Er wurde mit Verachtung drohn. 

Doch Wissenschaft lafit willig 

Das Urwelttier zum Menschen 

Aus eigner Kraft sich wandeln. 

Und auf daC Aberglaubens Mafi 

In OberfuUe sich erweisen kann, 

Erblickt man Urgespenster, 

Die alle Raume fiilien 

Und weise jedes Wesen bilden. 

Atom, so heiBen die Gespenster, 

Die dumm und dumpf 

Ihr ewig Dasein leben, 

Gespenstig sich aneinander binden 

Und voneinander losen 

Und aus den Nebelschwarmen 

Die Seelen und die Geister schwitzen. 



Siebentes Bild 



(Maria, Philia, Astrid, Luna, Johannes, Theodora, 
das Kind) 

Maria: Ihr, die ihr Gefahrtinnen mir seid 
In meinem SchafFen, wenn ich 
Des Weltenathers Wesen 
In sich erbeben lasse, 
DaB er harmonisch erklingt 
Und klingend Menschenseelen 
Durchdringt mit Geistesstimmung : 
Es soil sich euer Werk 
Mit meinem Werke einen. 
Das Zeichen ist gegeben, 
Das uns zur Arbeit ruft. 
Es soli ein Mensch 
Durch unser Werk 
Geboren sein 
Zum hohern Dasein. 
Die Briider in dem Tempel, 
Sie pflegen Rat, 
Wie sie ihn aus Tiefen sollen 
In lichte Hohen heben. 
Von uns erwarten sie, 
DaB wir aus Hohen 
Des Lebens reinste Quellen 
In seine Seele gieBen. 
Du, meine Philia, sauge 
Des Lichtes Wesen aus dem Raum, 
Erfiille dich mit des Klanges Leben 
Und seiner schaffenden Seelenmacht, 
DaB ich die Gaben, 
Die du zu geben hast, 



Die P forte der Einweibung 



Vertraue dem lebenden Spharenreigen. 

Und du, Astrid, meines Geistes 

Geliebtes Spiegelbild 

Gib Gliederung dem Licht, 

Auf daB es sich in Farben zeige, 

Und Klangesleben teile 

In Tone mit Weisheit ein, 

DaB ich das Weitensein 

Vertraue dem suchenden Menschensinn. 

Und du, o starke Luna, die du ruhest 

Im Innern deines Wesens, 

Dem Marke gleich, das in 

Des Baumes Mitte wachst, 

Vereine der Schwestern Gaben — 

DaB Festigkeit dem Menschen 

Durch deine Einsicht werde. 

Philia : Ich will durchdringen mich 
Mit reinstem Lichteswesen 
Aus Weltenweiten. - 
Ich will eratmen mir 
Den warmsten KlangesstofF 
Aus Atherfernen. - 
DaB dir, geliebte Schwester, 
Dein Werk erfiillt mag sein. 

Astrid : Ich will verweben 
Erstrahlend Licht. 
Ich will erregen 
Den KlangesstofF. 
Es soil erglitzernd klingen, 
Es soli erklingend glitzern, 
DaB du, geliebte Schwester, 
Die Seelenstrahlen lenken kannst. 



Siebentes Bild 



Luna: Ich will erwarmen Seelenstoff, 
Ich will erharten Lebensather, 
Sie sollen sich verdichten, 
Sie sollen sich erfuhlen 
Und in sich selber webend 
Sich schaffend halten, 
DaB du, geliebte Schwester, 
Im Abglanz kannst das Urbild schauen. 

Maria : Aus Philias Reich 

Soil stromen Freudesinn; 
Der Nixen Wandelkrafte, 
Sie mogen offhen 
Der Seele Reizbarkeit, 
DaB der Erweckte 
Erleben kann 
Der Erde Lust, 
Der Erde Weh. 
Aus Astrids Weben 
Soli flieBen Liebeskraft. 
Der Sylphen Warmeleben, 
Es soil beleben 
Der Seele Opfertrieb, 
DaB der Geweihte 
Erquicken kann 
Die Leidbeladnen, 
Die Gliick Erflehenden. 
Aus Lunas Kraft 
Soli keimen Festigkeit. 
Der Feuerwesen Macht, 
Sie kann erregen 
Der Seele Sicherheit, 
Auf daB der Wissende 



Die Pforte der Einweibung 



Sich finden kann 
Im Seelenweben, 
Im Weltenleben. 

Philia: Ich will bei Geistern bitten, 
DaB ihres Wesens Licht 
Den Seelensinn entziicke 
Und ihrer Worte Klang 
Das Geistgehor beglucke, 
Auf daB sich hebe 
Der Erweckte 
Auf Seelenwegen 
In Himmelshohen. 

Astrid : Ich will den Liebesstrom, 
Der Welten ernahrt, 
Zum Herzen fuhren 
Dem Geweihten, 
Auf daB er bringe 
Dem Erdenwesen 
Des Himmels Labsal 
Und Menschenkindern 
Den Weihetrunk. 

Luna: Ich will dem Weltensein 
Die Eigenheit entlocken, 
Auf daB den Wissenden 
Begliicke Selbsterkennen 
In alien Weltenhohen. 
Er soli aus Augenblicken 
Die Friichte pfliicken 
Und sie zu Saaten wandeln 
Fur Ewigkeiten. 



Siebentes Bild 



Maria: Mit euch vereint 
Witd mir gelingen 
Die Weihetat. 
Es dringt der Ruf 
Des schwer Gepruften 
In unsre Lichteswelt. 

Johannes : O Maria, du bist es. 

Es hat mein Leid 

Mir reiche Frucht getragen. 

Der Schmerz, er hat durchbrochen 

Den Sinnenschleier, 

Und schauen durfte ich 

In die Lebensuntergmnde. 

Mir brachte vor das Seelenauge 

Der Erdenvater 

Capesius, den ich erst 

Als alten Mann gesehn, 

In jener Seelenstimmung, 

Wo ihm die Jugendtraume bluhten. 

Und den jungen Strader 

Zeigte mir der Geist, 

Wie er einst werden mufite, 

Wenn er sein Ziel 

In solcher Art verfolgte, 

Wie er bisher es dachte. 

Der fromme Mann, der 

In unsrem Kreise 

Von jenem Wissen traumte, 

Das nur in eigner Seele lebt, 

Er ist in Wirklichkeit 

Ein schwacher Schatten nur 

Des hohen Wesens, das 



Siebentes Bild j Achtes Bild 



Mit andern im Vereine 
Die Daseinsgaben schenkt. 
Und wenn der matte Schatten 
In Itrtum wandelt, 
So ist es darum nur, 
Weil Selbstsucht ihn verfiihrt, 
Durch eine Seelenkraft, 
Die er in sich genieBen will, 
Die andern zu ertoten. 

* 

* * 

Johannes: Dies waren die letzten Striche; 

Beendet darf ich die Arbeit nennen. 

Es ist mir tief befriedigend, 

An dem geliebten Lehrer 

Mein Konnen haben 

Erproben zu diirfen. 

Und da ich horen darf, 

DaC euer Wesen zu euch 

Aus dem Bilde wahrhaft spricht, 

So bin ich vollends gliicklich. 

Capesius: Ihr nennt mich euren Lehrer, 
Weil ich durch drei Jahre 
Euch sprechen durfte von Ideen, 
Die sich mir vor die Seeie stellten, 
Da ich im Geist durchwandelt 
Der Zeiten und der Menschen Wesen. 
Ich fiihle deutlich, wie gering 
Zu halten ist, was ich euch gab. 
Vergleichen muB ich es 



Achtes Bild 



Mit jenem Geist, der in euch 

So aus den Tiefen stromend 

Natur 2ur Kunst erhoht. 

Und denken muB ich, 

Wie sonderbar ich damals sprach, 

Als ich zum ersten Male 

Den Kreis von Menschen kennenlernte, 

In welchem ihr die Kraft 

Empfingt, euch so emporzuringen. 

Es ist mir oft fast ratselhaft, 

Wie ihr trotz aller Friichte, 

Die ihr hier empfangen konnt, 

Verlangen konntet tragen, 

In meiner Denkungsart 

Die Weltentwicklung 2u schauen. 

Johannes : Auch ich mufi eurer Worte denken. 
Sie haben tief sich mir 
Ins Herz gepragt; ihr sagtet: 
Es sei, als ob nicht ihr 
ZuriickgestoBen seid von uns, 
Vielmehr als ob die Denkungsart, 
Der wir in Treue uns geneigt, 
Nicht in sich ertragen konnte, 
"Was eurem Geist entstammt. 
Mir haben die drei Jahre, 
In welchen ich lauschen durfte 
Den Worten, die euren Lippen 
So klar entstromen, 
Gezeigt im schonsten Sinne, 
Wie fruchtbar sich erweist, 
Was ernster Forschersinn erwirbt, 
Wenn es im Menschen-Innern sich 



Die P forte der Einweihung 



Verbindet mit dem Geisteslicht. 

Ich danke diesem Geisteslicht 

Die Kraft des Schaffens, 

Von der ihr eben spracht. 

Ich danke ihm nicht minder 

Das Leben, zu dem mir erwachst 

Das Wissen, das ich durch euch gefunden. 

Capesius : Ja, diese letzten Jahre, 

Sie brachten wahre Wunder 

In mein Leben. 

Ich lernte euch kennen, 

Da ihr mit euch zerfallen ward, 

Und ein fliichtiger Blick 

In euer Antlitz schon lehrte, 

Wie schmerzdurchwiihlt 

Eure Seele war. 

Und diese Jahre haben 

Zum frohen Menschen nicht nur, 

Sie haben euch zum Schaffenden gewandelt. 

Und eures Schaffens Probe, 

Sie erweist sich mir 

Als wunderbare Wirkung 

Der euch eignen Geistesart. 

Ich brauche nur den Blick 

Auf diese Arbeit zu richten, 

Die meine Eigenheit 

Bedeutungsreich in Form 

Und Farbe mir entgegenbringt. 

Ich habe oft gesonnen 

Nach des Wortes Sinn: 

O Mensch, erkenne dich. 

Ich ahne erst heute etwas 



Achtes Bild 



Von diesem tiefen Sinne, 

Da ihr aus dem Bilde 

Zu mir mein Wesen sprechen laBt, 

Wie es mir vorher so fremd war 

Und wie es doch so uberzeugend wirkt, 

Da durch des Geistes Wesen 

Ihr es in eurem Werke zeigt. 

Ich muBte mich vor dem 

Eignen Wahrheitssinn verschlieBen, 

Wollte ich leugnen, 

DaB jenes Licht, 

Das in euch wirkt, 

Den Menschen sich selber zeigen kann 
In einer Art, die ihm stets verschlossen 

bleiben muB, 
Wenn er nur einem solchen Denken folgt, 
Das ich vorher zu dem meinen gemacht. 
Ja, ich sehe es klar, 
Es gibt noch andre Geistesquellen, 
Und ihnen erst entstromt die Kraft, 
Zu dringen in das inhaltvolle Wort: 
O Mensch, erkenne dich. 

Maria : Mein lieber Professor, ihr sprecht 
Das Wort, dessen Sinn 
Auf jeder Geistesstufe 
Im neuen Lichte strahlt. 
Es birgt die tiefsten Tiefen. 
Es tragt den Schmerz in sich 
Und auch die Seligkeit. 
Um dazu zu gelangen, 
DaB er in diesem Abbild 
Eures eignen Wesens 



Die Pforte der Einwihung 



Euch so treu euch selbst 
Zu zeigen vermochte 
Und euch durch sein Werk 
Das Wort entlocken konnte, 
O Mensch, erkenne dich, 
Dazu muBte unser Johannes 
Erst alles Leid erfahren 
Dieses hohen Wahrheitswortes 
Und er muBte Seligkeit 
In ihm erleben. 

Capesius : Es dringt rrdr tief in die Seele, 
Was ihr eben gesprochen. 
Und Verlangen trag ich, 
Bald recht viel von euch 
Zu horen iiber diese Dinge. 
Doch sagtet ihr, daB in Kiirze 
Die Freunde zu euch kommen wollen, 
Das Bild zu sehen. 
Ich mochte nicht personlich 
Neben meinem Bilde stehen. 
Ich darf euch deshalb bitten, 
Ein andres Mai kommen zu diirfen. 

Maria : Es ahnt diese liebe Seele 

Schon etwas von der Wandlung, 
Die du erfahren. 



Zehntes Bild 



Meditations^immer 

Johannes : Wenn ich zuriicksehe auf die 
letzten drei Jahre, so ist 
es mir immer, als ob ein 
solcher Blick mir wieder und 
wiedet die Kraft erhohte. Ich 
sehe, wie sich in mir das 
Leid zum Mittler gemacht hat 
meiner Erkenntnis, denn als das Leid 
mich aus meiner damaligen Daseinsform 
gehoben hat, durchdrang mich unmittelbar 
mich erfiillend der Geist, da ich vorher 
doch nur imstande war, aus meinem 
Geiste, den ich selbst noch nicht erkannt hatte, 
die Sinnendinge zu spiegeln, die sich vor 
mich hinstellten. Und du, o meine 
Maria, gabst mir GewiBheit von 
der Geisteswelt, die in mich drang. 
Durch dich gewann ich erst diese 
Welt. So bist du mit mir 
verbunden, denn an dir gewann 
ich mich selbst und die Welt in 
jener Form, in der sie wirklich ist. 
So hat uns unser Schicksal 
zusammengefuhrt. 
Damals, als ich dir 
folgte in die Geisteswelt, ware 
es mir ein Geringes gewesen, 
die ganze Welt zu verlieren. 
Denn mir gab diese ganze Welt 



Die Pforte der Einweihung 



nur Leid. Und dich selbst glaubte 
ich kaum mehr zu finden. Doch 
jetzt habe ich dich fur Ewigkeiten. 
Es tuft die Stimme, die mich leitet 
auf dem Wege, mich zum Opfer. 
Heute ist der Tag, da ich das Opfer 
bringen soli. Ich weiB es, da6 ich 
befragen muB die innersten Krafte 
meines Wesens, wenn ich erfahren 
soli, welches Opfer ich bringen muB, 
um weiter zu kommen. - So 
will ich denn in mich selbst 
dringen, so tief ich nur kann; es soli 
mir meines Wesens Kern sagen, 
was des Opfers Inhalt sein soli. 
(Theodosius erscheint.) 

Du, der jetzt noch nicht auf 
Erden weilt; die Menschen, durch die 
du sprechen kannst, sie sind nur eine 
schwache Vorgestalt derjenigen, 
welche einst kommen werden, 
um deines Wesens Abbild zu sein. 
Du, dessen Form mir 
jener Weltenmachte Botschaft 
kiindete, die des Opfers Inhalt 
bestimmen, von dir soil ich 
erfahren, was mein Stern von 
mir verlangt, wenn ich weiter 
den Weg verfolgen will, den ich 
begonnen. kunde mir das 
Opfer. Aus dir spricht nicht die 
Gegenwart, aus dir spricht 
die Zukunft. 



Zehntes Bild 



Theodosius : 



Es kiindet dir durch mich 
die Zukunft, der dein Schaffen 
dienen soil, was dir obliegt, 
mein Sohn. Du wirst deines 
Werkes Wirkung nur in 
die Zukunft: senden konnen, 
wenn du das Opfer bringen 
willst. Bist du bereit? 



Johannes: Es gibt mir das Erlebte 
den Mut, dir ja zu sagen. 

Theodosius : Du willst, trotzdem des 

Opfers Inhalt dir unbekannt? 



Johannes: 



Des Erreichten ware ich unwert, 
wenn ich glauben konnte, 
daB ich zuriickschrecken konnte 
vor dem Opfer, wie groB es 
auch mag sein. 



Theodosius: 



Und gewiB ist's dir, daB 
des Opfers GrdBe diese 
Kraft nicht iibersteigen kann? 



Johannes : Ich weiB, daB mir 

das Errungene unverloren 

sein muB, da ich ohne 

es den Dienst nicht verrichten 

kann, der mir obliegt. 

So kann auch dies Opfer nur 

diesem Dienste dienen. Ich 

will es bringen, weil ich 



Die Pforte der Einweihung 



muJB, will ich selbst mich halten. 
So nenne mir das Opfer. 

Theodosius: Dich selbst sollst du behalten; 
doch kannst du es nur, 
wenn du ganz in dir selber 
ruhst. Und wenn Fessel 
nicht ist dein Wesen einem 
andern Wesen, das nicht 
dir nur Stiitze sein soli, das 
auch in sich selber ruhen muB. 
Du kannst dich nur vollig 
finden, wenn du dem Geiste 
wieder gibst das Wesen, das dir 
geopfert hat einen Teil seines 
Wesens : wenn du dich entschliefien kannst, 
dich in dir selbst zu finden ohne 
- Maria -. 

Johannes: O, das nicht. 

Alles nur das nicht. 

Ich kann alles opfern, 
nur sie nicht. 

Theodosius : Doch wollen Weltengeister 
nur dieses Opfer - 
bringst du es nicht, 
bist du verloren. 
Es gibt Tode, die 
grausiger sind als 
diejenigen, die 
du kennst. - 
(Et verschwindet.) 



Zehntes Bild \ Neuntes Bild 



Johannes: Was klingt mir aus meiner Seek Tiefen? 
- Maria - 

Betrog mich meine Seligkeit? 

Sie war es selbst, die 

mir seit drei Jahren 

dies edle Wesen erst ganz gegeben. 

Sie hat mich dem Leid entrissen; 

sie hat mich ihr verbunden. 

Sie gab den Glauben mir, 

daB ich mit ihr fur Edelstes 

schaffen miiBte. 1st auch das 

ein Trug? Ich rnuBte glauben, 

daB die Leiden nicht mehr 

wachsen konnen, so sagt es mir 

meine Seligkeit. Ich habe 

Erkenntnis ermngen; doch Erkenntnis 

nur, urn 2u erreichen noch 

groBern Schmerz. - 



Gegend 
(Quellen und Felsen). 

Johannes : So stoBt ihr mich wieder, 
Ihr Felsen und ihr Quellen, 
Wie vor Jahren in den Abgrund. 
Es war meines Innern schwerste Tat. 
Damals riefet ihr mich 
Zu mir selbst. 

Ich ward vom Schmerz gefuhrt 
Und folgte eurem Ruf. 



Die Pforte der Einweihung 



Er hat sich nun gewandelt. 
Es spricht mir nichts 
Aus Felsen und aus Quellen. 
Sie schweigen. 

Es spricht nur mein eignes Ich: 

O Mensch, erleuchte dich. 

So sprichst du, Innres. 

Doch ist dir des Lichtes Quelle versiegt. 

Mit ihr wird mir das Licht genommen. 

Ver stummt sind Quellen, 

Verstummt die Liifte. 

Und mit ihr ist die Seek entflohen. 

Wie eines Menschen Leichnam 

Die teure Seele nicht 

In sich mehr schlieCt, 

So habe ich der Welten Seele 

Mit dir verloren. 

Und Natur ist mir ein Leichnam nur. 

Ihr Felsen waret mir 

Gebeine eines lebendigen Geistes, 

Ihr Quellen stromtet mir 

Die Kraft des Geistes, 

Ihr Liifte brachtet mir 

Den Atem des Geistes. 

Doch jetzt seid ihr entgeistet. 

Sie gab Gewissheit mir, 

DaB der Geist, der aus euch sprach, 

Die Wahrheit ist 

Und daC er nicht 

In mir selbst nur erschaffen. 

Mit ihrem Verlust 

Ist hin auch aller Geist. 

Und leer die Welt, 



Neuntes Bild 



Die ich gefunden. 

O, es mogen diesem Innern 

Enthullen sich Geisteslichter. 

Es mag erwarmen dies Innre, 

Die Gottesseligkeit, 

Ich kann sie nicht glauben. 

Und entseelt, wie Ihr, 

Gebilde der Natur, 

So bin ich selbst. 

Mag ein Geist Taten 

Von mir fordern, 

Sie werden keine Kraft 

In mir erstehen lassen. 

Denn dem Tod geweiht 

1st aUer Krafte Trager. 

Ich ward mit Kraft begabt, 

Der Gegenwart zu dienen, 

Und horTen muCte ich, 

DaB die Geister, die 

Der Zukunft angehoren, 

Tragen werden die Friichte, 

Die ich sae in der Gegenwart 

In ihr eignes Reich. 

Verlassen mich diese Geister, 

So ist's an ihnen, nicht an mir, 

Wenn mein Werk verlorengeht. 

Ich folgte Benedictus, 

Der mich fiihrte in Weishek; 

Er hat mich treu geleitet. 

Doch nimmt man mir, 

Was ich durch ihn errungen, 

So ist er selbst verraten. 

Die Wesen, die ihm helfen sollen, 



Die Pforte der Einweihung 



Verlassen ihn, 

Und stiirzen muB sein Werk 

Ins Bodenlose. 

Ich bleibe dir treu, 

Denn dir verdanke ich 

Die Kraft der Treue. 

Du konntest mich nicht anders fiihren. 

Ich muB dir folgen. 

Doch da ich weiB, dafi 

Du versinken muBt, 

So will ich zuerst versinken, 

DaB du mich finden kannst, 

Wenn deine starkre Kraft 

Von andern Geistern 

Uberwunden ist. 

Ich will dir, Benedictus, 

Vorauseilen in den Weltentod. 

O Abgrund nimm mich auf. 

O kB mich versinken . . 



Theodosius : Steige. 



Elftes Bild 



Tempel 

Benedictus : Du kannst mir Treue halten 
Bis in den Weltentod, 
Du wirst durch deine Treue 
Dich und die Welten 
Beleben durch Weisheitsfulle. 
Und was du schaffen darfst, 
Die Briider werden es bewahren. 
Es steht vor dir, 
Der dir nehmen muBte, 
Was ich dir gab. 
Doch ist sein Nehmen Geben. 
Er fordert Opfer, 
Doch Opfer, 
Die Weltenwerdens 
Keime sind. 

Theodosius : Ich diene der Liebe. 

Doch Liebe in mir, 

Sie steht in hoherm Dienst, 

Sie muB gehorchen 

Der Gerechtigkeit. 

Und geben durfte dir der Bruder 

Nur fur eine kurze Zeit, 

Was ich zuriick wieder geben muB 

Dem Wesen, dem ich es 

Entnommen habe. 

Maria muB ihren Anteil haben. 

Denn es miissen in Zukunftzeiten 

Die Menschen fureinander sein 

Und nicht der eine durch den andern. 



Die Pforte der Einmihung 



So wird das Weltenziel errekht, 
Wenn jeder in sich selber ruht 
Und jeder jedem gibt, 
Was keiner fordern will. 

Maria : So wirst du meiner 
Nicht bediiifen, 
Weil du ein solch Bedurfen 
In dir ertotet hast. 
Du wirst GewiBheit 
Durch dich selber finden. 
Und ich will dir geben, 
Was du nicht forderst. 
So werden wir vereint 
Dem Weltenziele dienen. 

Romanus : Wenn ihr so euch dient, 
Kann meine Willenskraft 
Sich in euch ergieBen. 
Und Zukunftkrafte 
Werden in euch walten. 
Es werden dieses Tempels Stiitzen 
Die Stiitzen sein eures eignen Wollens 
Und in euch werden 
Sie Erdentaten stiitzen. 
Ihr werdet Saaten streuen, 
Die fur Ewigkeiten reifen. 

Philia : O Maria, ich empfinde, 
Wie in dir erwacht 
Die Geistesbliitenfiille. 
Ich werde sie 
In Zukunftzeiten tragen 



Elftes Bild 



Und folgen dir 
In deinen Bahnen. 



Astrid: Du, teure Schwester, 
LaB mich in dir leben, 
Was deiner Liebe 
Sich entringt. 
Ich werde es verleihn 
Den Menschen, die in fernen Zeiten 
Dem Weltendienste sich weihn. 



Luna: Und ich will tragen 
Deine Taten 

In der Menschen Herzen, 
DaB sie zu aller Zeit 
Sich gewachsen finden, 
Zu schenken sich 
Dem Dienst der Welt. 



Felix Balde: So wird das Opfer, 

Das ich bereit zu bringen, 

Der Welt die Friichte bringen. 

Ich durfte mein Licht 

So lange nur in mir selber bergen, 

Als Menschen nicht genotigt waren, 

Vernunft mit Weisheit zu durchdringen. 

Frau Balde: Es war einmal ein Wesen, 

Das flog von Tiefen in die Hohen, 
Dem Lauf des Geistes nach. 
Es strahlte in den Tiefen 
In aller Schonheit Pracht. 
Und wie es stieg nach oben, 



Die Pforte der Einrveihung 



Verlor sich aller Glan2. 

Es ward dem Wesen Kummer. 

Es ward getrostet, indem es stieg. 

Die Hoffnung ward ihrn geschenkt. 

Es mu3t' den Glanz verlieren, 

Der ihrn von unten ward geschenkt, 

Um hohern Glanz zu gewinnen. 

Theodosius: Es wird der Tod der Sinnesschonheit 
Gebaren Geistesschonheit. 

German: Es finder der Mensch, 
Der in sich nicht ertotet 
Des Guten Stimme, 
Den Weg zum Guten. 
Er fuhlt den Gott, 
Der aus dunklen Tiefen wirkt, 
Der Erden und Sonnen fiihrt. 
Ihrn folge so lange er, 
Als er sich selbst nicht folgen darf. 

Romanus : Es findet der Eigenwille 

Sich selber nur im Weltenwillen. 

Die andre Maria : 

Mich nehrnet hin. 

Wo der andern Schwester 

Stern erscheint, 

Geht meiner willig unter. 

Ich habe aus Felsen gesprochen, 

Ich habe aus Quellen Lebenskraft gekiindet; 

Den Menschen durch Menschen selber 

Wird Erdenlicht, erlosch ich meins. 



Elftes Bild 



Makrokosmos: Es schwindet eine gute Seele, 

Sie leuchtet aus der Welt. 



Benedictus : Ein Wissender empfangt 
Von diesem Tempel 
Weisheit, die im 
Vorhandnen wurzelt. 



Theodosius : Ein Hoffender nimmt 
Von diesem Tempel 
Glauben, daB das 
Werdende gedeihe. 

Romanus : Einem Wirkenden flieBt 
Aus diesem Tempel 
Kraft, aus Nichts 
Das Sein zu holen 



Achtes Bild 



Johannes : Dies waren die letzten Striche. 

Das Bild darf nun als fertig gelten. 

Es war mir eine Hebe Arbeit, 

DaB ich gerade eure Wesenheit 

Durch meine Kunst zum Ausdruck bringen durfte. 

Und das Bedeutungsvollste ist, 

DaB Sie in dem Bild sich wiederfinden. 

Capesius: Ich muB ganz offen es gestehn: 
Ich stehe vor einem Ratsel, 
Wenn ich bedenke, wie dies Bild entstand 
Und wie euer Schaffen sich entfaltet hat, 
Seit ich euch zum ersten Male sah. 
Es war vor drei Jahren; 
Ihr waret damals in tiefer Seelennot, 
Ein jeder Blick in eure Ziige zeigte es. 
Ich sprach mir von der Seele manches, 
Woran mich eine Rede denken lieB, 
Die ich in eurem Kreise angehort. 
Ich muBte immer wieder nach euch sehen, 
Der wie von schwerstem Kummer niedergedriickt 
In seiner Ecke briitete. 
Ich hatte damals wahrlich nicht geglaubt, 
DaB ihr zum Schaffen je den Drang empfinden 
wiirdet. 

Und welche Wandlung in drei Jahren! 

Der Kummer ist einer Lebensheiterkeit gewichen, 

Die aus dem Schaffensfeuer immer neu ersteht. 

Aus euren Augen leuchtet sonnenhaft 

Ein Licht, das in der Menschen Innres dringt, 

Und eure Hand erschafft die Menschenbilder, 



Achtes Bild 



Die wie Naturgewalten sich beseelt erzeigen 
Und die den Menschen ihre Wesenheiten 
Aus tiefsten Seelenuntergriinden offenbaren. 
Es ist keiner unter den Menschen, welche ihr 
gemalt, 

Der durch sich selber je erkannt hatte, 
Was in ihm sich dringt zum Leben, 
So wie es ihm gezeigt aus eurem Bilde. 
An euren Werken lernten sich die Menschen 

kennen ; 
Ja, man kann mehr noch sagen, 
Sie drangen durch sie zu des Menschen Wesen vor. 
Wer solche Wunder sehen darf, 
Der lebt erst wahrhaft; 
Die andern traumen nur. 
Ich habe oft die Frage halb versucht, 
Woher euch die Wandlung kam. 
Doch ihr vermiedet stets selbst jede Andeutung, 
Die mir die Losung dieses Ratsels hatte geben 

konnen. 

Mir ist die Sache um so wunderbarer, 
Als ihr nach jener Wendung eures Schicksals 
Empfandet das Bedurfnis, von mir zu horen, 
Was ich durch meine Forschung geben kann. 
Man hatte denken konnen, 
DaB diese Forschung euch gering erscheinen 
miisse, 

Enthalt sie doch kaum andres als trockne 

Vorstellungen, 
Die unser Geist sich iiber MenschenschafFen bildet. 
Wer selber schafft, der gibt zumeist nicht viel 
Auf jene, die vom SchafTen reden. 



Achtes Bild / Nicht aufgenommener Monolog 



Johannes : Ihr irrt, verehrter Professor. 

Ich muBte eure Lehre suchen eben jetzt, 
Da mir der Geist die Kunst geschenkt. . . . 

Was ihr mir gabt durch die Worte, 
Die so klar von euren Lippen stromen, 
Es muB sich einen mit den Gaben, 
Die mir von andrer Seite zugeflossen, 
Wenn diesen wahre Friichte reifen woilen. 

Capesius: Ihr sagtet, daB in kurzer Zeit 

Die Freunde eures SchafFens kommen werden, 

Die neue Schopfung zu betrachten. 

Ich mochte dann nicht selber neben dem Bilde 

stehn, 

Ich will mich darum jetzt entfernen. 
Doch gibt es so tranches, das ich so gerne 
Recht bald mit euch besprechen mochte. 

(Capesius geht ab.) 



JOHANNES : (einige Augenblicke allein) : 

An diesem Bilde konnt' ich deutlich fuhlen, 

Warum es mir gelungen ist, 

Des Menschen wahre Wesenheit in Form 

und Farbe lebensvoll zu gestalten. 

Ich dank es euch, ihr Geisteswesen, 

Die ihr mich habt gewurdigt, 

In eure Welt den Seelenblick zu richten. 

Wenn ich gewuBt nur hatte von dem Manne, 



Nicbt aufgenommener Monolog 



Was meine Sinne von ihm fassen, 

Ich hatte nachzuzeichnen nur vermocht, 

Was als Leibeshiille ein gespenstig Dasein fuhrt. 

So aber konnt* ich meine eigene Seele verbinden 

Mit dem, was unsichtbar die sichtbare Form 

Ins Dasein hat gerufen und lebendig sie 

durchkraftet.. 

Ich fiihle mich als Kiinstler erst, 

Seit ich bewuBt mir bin, wie ich die Menschenart 

Gestalten kann aus den gleichen Kxaften, 

Aus welchen sie die Welt ins Dasein ruft. 

Ich hatte vor meinem Geistesauge 

Die Lebenslaufe, die dieser Mann durchlebt, 

Bevor er geworden ist, was er gegenwartig ist. 

Und wie er ist, so muBt' er werden, 

Weil langstvergangnes Schicksal ihn gebildet. 

Nur wenn die Kunst dies unsichtbare Werden 

In ihrem SchafFen schaffend weben laBt, 

Erwirbt sie sich ein Daseinsrecht. 

Wer der sichtbaren Farbe Schein nur malt, 

Er wird nie des Menschen Farbe leuchten lassen; 

Er kann nur die Farbenoberflache schaffen, 

Die nicht verrat, was sie ausdriickend spiegelt. 

(Es kommt Strader.) 



Acbtes Bild 



Strader : Es ist mir tiefes Bedurfnis, zu betrachten 

Des Heben alten Freundes Bildnis noch einmal. 

Johannes : Es freut mich, lieber Doktor, 

DaB ihr die Ablehnung unsrer Geistesart 
Nicht auch der Kunst entgegenbringt, 
Die nichts sein will als Offenbarung dieser Art. 
(Maria tritt ein.) 

Strader : Ich habe mich stets bestrebt, 

Zu sondern, was verschiednen Reichen angehort. 
Es darf der Kiinstler seine Phantasie frei waken 
lassen 

Und seine eigne Welt lebendig scbaffen; 
Doch wenn die Phantasie den Forschergeist er- 

setzen will, 
Dann widersetzt sich mein Wahrheitssinn. 
(Das Bild bctrachtend) : 
Wenn ich in diese Augen schaue, 
So leuchtet mir herrlich jenes Licht, 
Das ich an meinem alten Freund so Hebe. 
Es blickt aus ihnen lebensvoll das Feuer, 
Das seine Seek in dem Horer ziindet, 
Wenn er die hohen Ideale groBer Menschen 
So hingebungsvoll zu schildern weiB. 
Ihr gebt mir ihn zum zweiten Mai. 
Es muB mein Herz sich offnen seiner Warme ; 
Seine edle Art muB auf mich wirken. 
Ich muB einen ganzen Menschen vor mir haben, 
Wenn ich in mir lebendig fuhlen soil, 
Wie hier er aus der Farbe und dem Lichte spricht. 
Es ist, als ob ich nicht ein Bild erblickte, 
Vielmehr, als ob aus dem Bilde geheimnisvoll 



Acbtes Bild 



Sich eine Kraft in mich ergosse, 

Die meine Seele warm durchwebt, 

Die meine Lebenskraft erregt 

Und in mir selber lebend Leben schafft. 

Ich fuhle, wie ich in Tiefen schaue 

Und schauend in mir selbst erstehen lasse, 

Was inhaltvoll aus Daseinsquellen stromt. 

Maria: Sie werden so warm vor dem Bilde, Doktor. 
Wie konnt ihr das Werk bewundern, 
Wenn ihr entschieden alles von euch weist, 
Was in des Kiinstlers Seele das Werk erschafFen 
kann? 



Strader: Ich weise nicht von mir den Geist, 

Der Phantasie und Kunst befruchtet; 
Doch muB ich trennen Forschersinn von Kunst- 
lergeist. 

Die Phantasie ist Quell der Kunst, 

Doch soil sie fern sich halten der Erkenntnis. 



Maria: Man kann in diesem Sinne denken, 

Doch steht dies Denken fern dem Leben. 
Johannes konnte keine Bilder schaffen, 
Die euch so lebensvoll zur Seele sprechen, 
Wenn seine Seele nicht im Geiste weilen konnte, 
Und wenn der Geist ihm nicht Leben schenkte. 



Strader : 



Die P forte der Einweibung 



Johannes : Dies waren wohl die letzten Striche. 

Beendet darf ich die Arbeit nennen. 
Es war mir ganz besonders lieb, 
DaB ich gerade eure Wesenheit 
Durch meine Kunst erforschen durfte. 

Capesius : Dies Bild ist fur mich wahrlich wie ein Wunder, 
Und wunderbar erscheint mir der Schopfer, 
Der seit drei Jahren eine Wandlung durchlebt, 
Die alles iibersteigt, was Menschen meiner Art 
Als moglich konnten halten, 
Wenn es ihnen nicht vor Augen trate. 
Ich sah vor drei Jahren euch zuerst, 
Als ich den Kreis besuchen durfte, 
In welchem ihr die Mittel fandet, 
Die euch zu solcher Kiinstlerschaft gehoben. 
Ihr waret damals in der tiefsten Seelennot, 
Ein jeder Blick in eure Zuge zeigte es. 
Die Rede, die ich angehort, entlockte mir 
Die Worte, die wie ein Gestandnis klangen. 
Und sie entrangen sich nur schwer der Seele. 
In einer Stimmung sprach ich, 
In der man sonst an sich nur denkt. 
Mein Blick war dennoch immer wieder angezogen 
Von jenem Maler, der traurig briitend 
In seiner Ecke saB und schwieg. 
Doch waren sein Schweigen und sein Briiten 
Von ganz absonderlicher Art. 
DaB er nicht eins der Worte horte, 
Die man im Umkreis sprach, 
Man konnt' es von ihm selbst wohl glauben, 
Doch gait das nicht von seinem Kummer. 
Der schien auf alles hinzuhoren 



Achtes Bild 



Und seinen Trager so zu qualen, 

Wie es dem Gehorten angemessen war. 

Man konnte auch vielleicht sagen, 

Es war der Mann besessen von dem Kummer. 

Es ist drei Jahre her, 

Seit ich euch so gesehn habe. 

Ich traf euch bald wieder nach jenem Tage, 

In Wahrheit waret ihr ein andrer Mensch. 

Es strahlte aus euren Augen Seligkeit, 

Es lebte in eurem Wesen Kraft. 

Und edles Feuer klang aus euren Worten. 

Ihr sprachet mir dann den Wunsch aus, 

Der mir recht wunderlich erschien. 

Ihr sagt, ihr wollt mein Schiiler werden. 

Und wirklich habt ihr seit jener Zeit 

Mit Eifer euch alles angehort, 

Was ich zu sagen habe vom Menschenwesen, 

Von Zielen und Ideen im Verfolg der Zeiten. 

Da wir uns so immer naher traten, 

Erlebte ich das Ratsel eures Kunstlertums. 

Und jedes eurer Bilder bot mir neue Wunder. 

Mein Denken hielt sich scheu zuriick von Welten, 

Die unerreichbar unsern Sinnen sind. 

Mir schien Vermessenheit, zu zweifeln, 

DaB alles Dasein geisterfiillt, 

Vermessenheit jedoch nicht minder, 

DaB Menschen in Geisteswelten dringen wollen. 

Mit Klarheit muB ich nun erkennen, 

Wie weit ich von dem Wahren mich entfernt. 

Zu schauen nicht, daB Geist in eurer Seele 

Natur, schafFend, iiber sich selbst erhebt 

Und daB er selbst in euch den Pinsel fuhrt, 

Es ware kluger nicht, als sich das Aug* verbinden, 



Die P forte der Einweibung 



Um nur recht deutlich sehn zu konnen. 



Strader: Ich glaubte, meinen lieben Freund zu kennen; 

Doch muB ich frei gestehen, betracht ich euer 
DaB ich recht wenig von ihm wuBte. [Bild, 

Maria : Wie konnt ihr, lieber Doktor, 

Fur dieses Werk so voile Anerkennung haben 
Und doch des Werkes Quelle leugnen? 

Strader : Was hat Bewunderung, die ich dem Kiinstler zolle, 
Zu tun mit Glauben an die Geisterwelt? 



Maria : Bewunderung des Werkes kann gewiB bestehn, 
Auch wenn der Glaube an die Quelle fehlt. 
Nur konntet ihr in diesem Falle nichts bewundern, 
Wenn alle Wege in die Geisteswelt verschlossen 
waren. 

Nur weil er einen solchen Weg gefunden, 
Vermochte unser Freund das Werk zu schaffen, 
Dem eure Bewundrung gilt. 

Strader: Ich leugne nicht des Geistes Dasein 

Und zweif le nicht, daB er im Kiinstler wirkt. 

Doch sich des Geistes Wirkung ubergeben, 

Es heiBt doch nicht, erkennend ihn durchdringen. 

Im Kiinstler schafit des Geistes Kraft, 

Wie sie im Baum und Steine schaftt; 

Doch bleibt die Kraft so unbewuBt dem Kiinstler, 

Wie unbewuBt sie bleiben muB der Pflanze. 

Doch wenn mein Blick sich zu dem Bilde wendet, 

VergeB ich alles, was den Denker lockt. 

Wie herrlich leuchtet aus diesen Augen, 



Achtes Bild 



Die euer Pinsel auf die Leinwand hingezaubert, 
Das Licht, das in unsrem Freunde wirkt, 
Wie lebt in diesen Farben das edle Feuer, 
Das seine Seele in den Horern ziindet, 
Wenn er der Menschen hohe Ideale schildert. 
O dies Bild, es wirkt, es lebt ein machtig Leben. 
Ich schaue nicht nut Farben, flachenhaft, 
Ich schaue Farben, welche Geist verhiillen 
Und ihn verhiillend ofFenbaren. 
Und Formen seh ich vor mir, 
Sie sprechen unhorbar vom Geistesweben, 
Und ihnen folgend fuhl ich mich selber Geist. 

Capesius : Mein Freund, ich habe euch nie so gesehn. 
Ihr habt in diesem Augenblick 
Des Denkers Ruhe ganz verloren. 
Das Bild hat euch euch selbst genommen. 

Strader : Ihr braucht nicht Sorge zu haben, 

Ich werde mich schon wiederfinden. 

Capesius : O, sagt nichts gegen diesen Augenblick. 

Wer so sich selbst verlieren kann, gewinnt viel. 

Ihr habt fur kurze Zeit gefuhlt, 

Was ich gewiB das ganze Leben fuhlen werde, 

Das mir noch gegonnt ist. 

Mich hat dieser Kiinstler gelehrt, 

DaB man im Geiste leben kann. 

Und ich glaube nun, daB man den Menschen 

Nicht anders erkennen kann, 

Als wenn man erst verliert, 

Was so gewohnlich man 

Als sich empfindet und zu erkennen meint. 

Fur mich ist das «Erkenne dich selbst » 



Die P forte der Einweihung 



In seinem Sinn nun vollig neu. 

Was niitzt es mir, wenn ich mir 

Auch oft sage, ich solle mich erkennen. 

Dies Bild ist fur euch und mich iiberzeugend. 

Ich bin es zweifellos, der dargestellt. 

Doch wuBt* ich bisher nicht das geringste 

Von allem, was das Bild iiber mich mir sagt. 

So heiBt demnach fur mich «erkenne dkh selbst» : 

Sieh zu, was Johannes Thomasius 

Dir iiber dich selbst sagen kann. 

Und ihn hat wahrhch der Geist gefiihrt. 

Er aber hat mir oft gesagt, 

Wenn Geisterkenntnis sich ihm nicht genaht, 

So ware seine Seele leer, 

Die Hand ware ihm gelahmt noch, 

Wie sie es vorher war. 

Strader: Verstehn wohl kann ich eure Hingebung, 
Doch schwer ist es mir, zu sehn, 
Wie ihr sie so gelassen tragen konnt. 
Thomasius hat sicherlich in drei Jahren 
Bewundernswert entwickelt die Anlagen, 
Die vorher sich nicht zeigen konnten; 
So lange darf ich ihn auch bewundern. 
Soil ich jedoch von einem helfenden Geist 
sprechen, 

Der diese Entwicklung geleitet hat, 
Dann ist die Wissenschaft nur Trug 
Und all mein Denken eitler Wahn. 
Ich muB nun allein sein. 

Capesius: Ich mochte Euch begleiten. 
(Sie gehen ab.) 



Achtes BiU 



Maria : Mein Freund, ich sah dich wachsen von Werk zu 
Werk; 

Doch machtest du niemals einen Schritt, 
Den man vergleichen konnte deinem letzten. 
Dies Bild enthiillt so vieles, 
Was tief gegriindet liegt im Menschen. 

Johannes : Die Hilfe, die mir die Geisteswelt geschenkt, 
Sie floB am reichsten dieses Mai. 
So klar zu schauen eines Menschen Wesen, 
War mir erst jetzt gegeben. 
Als ich den Geistesweg begann, 
Da sah ich deutlich dieses Mannes Jugend. 
Dann dammerte mir langsam auf, 
Was sich in friihern Lebenslaufen 
Mit ihm zugetragen hat. 
Erfahren konnte ich, wie ihm beschieden war 
Ein Leben einst, mit Taten reich erfiillt, 
Und wie die schwersten Kampfe 
An jenen Kraften formten, 
Durch die er fur dieses Erdenleben 
Sich seinen Leib gestaltet. 
Ich fuhlte aus den Augen ihm erstrahlen 
Erlebnisse langst vergangner Zeiten. 
Dann gab mir eines Tages Benedictus Winke, 
Die mir zu groBter Klarheit brachten, 
Was ich an diesem Menschen bis dahin geschaut. 
Doch noch bedeutsamer war, 
Was er mir weiter zeigte. 
Ich hatte friiher das Geschaute 
Noch zu gedankenhaft in mir erhalten 
Und so in meinem Schaffen wirken lassen. 
Ich lernte dann, daB alles Erschaute, 



Die Pforte der Einmibung 



Bevor es uns zur Kraft erwachst, 

Erst in den Abgrund des eignen Geistes sinken 

So tief, daB es wie in uns erstorben ist. [muB, 

Es taucht dann spater wieder aus der Tiefe auf. 

Und wenn zum zweiten Male 

Es sich uns vor die Seele stellt, 

Entfaltet es sich in solcher Art, 

DaB ihm die voile Lebenskraft erwachst. 



Maria: Es ist dies eines jener Geistgesetze, 
Die man nur allzu leicht 
ErfaBt zu haben meint, 
Wenn man noch weit entfernt 
Von ihrem wahren Wesen ist. 

Johannes : Man siindigt gegen dies Gesetz, 

Wenn noch so klar es vor der Seele schwebt. 

Maria: Seit ich im Geistesreiche leben darf 

Ist mir bewuBt erst, wie schwach die Seele ist. 
Verlieren kann man immer wieder, 
Was man besessen hat. 



Johannes : Nur wenn es sich gewandelt hat 
In unsrer Seele Abgrundtiefen 
Und nach der Wandlung sich erstarkend 
Zur Schaffenskraft erwachsen ist, 
Dann bleibt es unverloren. 
Ich fuhlte dieses erst mit Klarheit, 
Seit ich es an diesem Bild erprobt. 



Maria : 



Durch deine Kiinstlerschaft liegt solch Erlebnis 
Dir naher, als mir es liegen kann. 



Acbtes Bild 



Vermag ich doch in diesem Leben 
Das Geistgeschaute nur im Seeleninnern festzu- 
halten 

Und nicht im auBern Stoffe zu gestalten. 

ihannes : In derben Farben zu verkorpern, 

Was lebensvoll im Geist du schaust, 
Entspricht dem Leben nicht, 
Das dir in dieser Zeit geworden. 
Du schafTst im andern Menschen Licht, 
Wie du es getan als Christusbote 
In jenen alten Zeiten, 
In welchen wir uns fanden. 
Benedictus, der jedes Wort zur rechten Stunde 
spricht, 

Und nur wenn wahre Griinde drangen, 

Er hat vor kurzem mir gesagt, 

Wie unsre Schicksalsfaden sich verbunden, 

Und wie auch ferner halten muB 

Der eine sich dem andern beigegeben. 

Bis wir gefunden uns im Geistgebiet, 

Hat er als Schicksals-Fiihrer uns geleitet, 

Doch jetzt ist uns selber auferlegt, 

Die Wirkenskrafte, die uns zugeteilt, 

Gemeinsam dem Menschenziel zu widmen. 

Es ist so innig verwoben meine Kraft 

Mit allem, was in deiner Seele webt, 

DaB ich ohne dich nicht leben kann. 

Wenn nicht die Krafte, die erst dir erwachsen, 

In meinen Geist heriiberstromten, 

Es muBte ersterben meine SchafFenskraft. 

Ich lebte erst an deiner Seite, 

Als mir den Geist zu schauen 



Die Pforte der Einweihung 



Noch nicht gegeben war. 
Du warst der Heifer mir durch Leid, 
Das Geisterkenntnis mir verlieh 
Und mich mir selber gab. 

Maria : Wir sind verbunden durch der Weisheit Macht 
Und miiBten uns selbst vernichten, 
Wenn wir uns trennen wollten. 

Johannes : Bevor die Weihe ist geworden, 
Zu der mich Benedictus fiihrte, 
Ertrug ich schwere Leiden. 
Die schwersten brachte mir der Zweifel, 
Ob ich an deiner Seite diirfte sein. 
Ich wuBte nur von meiner Liebe 
Und nichts von unsrer beider Schicksal. 
Und oft ist's mir als Pflicht erschienen, 
Die Liebe mir aus der Seele zu reiBen. 
Ich konnt' es damals nicht. 
Und jetzt erkenn ich dies als Pflicht, 
Was erst nur Neigung war. 
Es sprach zu mir Benedictus bedeutsam: 
Mit deiner Weihe ist ein Teil der Fiihrung, 
Die ich dir angedeihen lieB, 
Auf deine eigne Seele iibertragen. 
Du warst mir treu, 
So bleibe treu auch ferner. 
Und deiner Treue Probe muB es sein, 
DaB du Maria mit dir vereint erhaltst, 
Auch wenn sie starke Machte [von dir] trennen 
wollen. 

So waren die Worte, welche Benedictus sprach. 
Ich kann sie noch nicht deuten. 



Acbtes Bild / Zebntes Bild 



Geduldig will ich warten, 
Bis sie sich selber deuten. 

Doch es sind die Worte ein Teil des Seeleninhalts, 
Der mich zur Geisteswelt geleitet. : 

* 

* * 



Meditations^! mmer 

Johannes : Die Zeit ist erfullt. 

Es soli auf meinem Seelenpfade 

Ein zweiter Schrkt dem ersten folgen. 

Diesmal steht Benedictus mir nicht zur Seite, 

Die Richtung gebend wie vor Jahren. 

Ich muB den Weg mir selber finden. 

Das Licht, das mir geworden, 

Es wird mich weiter fiihren. 

Es hat von Wahnes Finsternissen mich befreit 

Und Mut verliehen mir, mich selbst erlebend, 

Das Geistesauge zu gebrauchen. 

So fuhre mich denn, du Geisteslicht. 

Du hast das Denken mir durchleuchtet, 

Du hast in mekier Lebenskraft entziindet 

Die Warme, die mit Wesenheit erfullt. 

Ich will sie tragen diese Wesenheit 

In alle Welten, wohin der Geist mich fordert. 

Ich fuhle schon sein Nahen. 

Es soli mich mutig finden. 

Erleb ich mich in ihm, 

Kann Gutes nur erstehn. 

(Theodosius erscheint.) 



Die Pforte der Einweihung 



Theodosius : Dem Geisteslicht verbriidert, in Liebe waltend, 
Bin kh am Menschenwesen wirksam. 
Dir hat sich Weisheit erschlossen, 
Die deiner Welt nicht eigen ist. 
Und wer entruckt den eignen Welten wird, 
Durch andrer Welten Machte : 
Er kann nur erreichen zielvolles Wirken 
Durch Krafte, die erflieBen aus rechter Opfertat. 
Du hast mich einst geschaut im Briiderkreise. 
Ich nahe dir, des Bruders Werk zu vollenden. 
Er hat die Weisheit dir gebracht. 
Du hast dich selbst erkannt in seinem Lichte. 
Du willst dich selbst erleben, 
Du kannst es nicht, wenn Fremdes dich verhindert 
In deiner Eigenheit erlebst du dich 
Durch Opferung der fremden Wesenheit. 
Ich muB das Opfer fordern. 

Johannes : Du findest mich bereit. 

Das Opfer will ich bringen, 

Das mich an eigne Welten fesseln will. 

Wie finde ich das rechte Opfer? 



Elfies Bild 



Benedictus: 



Benedictus : 



Theodosius : 



Romanus : 



Retardus : 



Tempel 

O Licht der Weisheit, 

Du meine Wesenheit, 

Erleuchte einen Menschenpfad. 

Johannes, der Erweckte, 

Er hat sich mir verbunden. 

Ich muSte ihn geleiten 

Bis an das Tot der Geisteswelt. 

Es hat sich ihm geoffnet. 

Ihm ward durch Weihe Geisterfahrung 

Und Selbsterkenntnis durch die Schicksalsmacht. 



Tempel 

Du Licht der Weisheit, 
Du mich Erhaltendes, 
Erleuchte einen Menschenpfad. 

Du Geist des Lichtes, 
Du mich Erwarmender, 
Belebe eine Menschenseele. 

Du Kraft des Geistes, 
Du mich Bewegende, 
Durchdringe einen Menschengeist. 

Du Sinn der Krafte, 
Du mich Geleitender, 
Erhalte eine Menschenform. 



Die P forte der Einaieihmg 



Benedictus: Wo lebt die Weisheit? 

Johannes: In dir. 

Benedictus: Wo lebe ich? 

MARIA: (auf Johannes weisend) 
In seinem Denken. 

Theodosius: Wie leuchtet Geisteslicht? 

Johannes : Es leuchtet deiner Liebe. 

Theodosius: Wo soli ich meiner Liebe Licht entzunden? 

MARIA : (auf Johannes zeigend) 
In seinem Fiihlen. 

Romanus: Wodurch erregt die Kraft des Geistes? 

Johannes: Sie laCt dich erstarken. 

Romanus: Wohin entsende ich die Starke? 

MARIA : (auf Johannes weisend) 
In seinen Willen. 

Retardus: Wie lange wkke ich? 

Johannes: So lang der Mensch 

Auf Selbsterkenntnis warten muB. 

Retardus: Wie lange dauert das? 

Maria : Es ist beendet, 



Elftes Bild 



Sobald der Mensch 

Erkennt das Wesen deiner Briider. 

Benedictus: Wie findet mich der Mensch? 

Johannes : Er lernt dich kennen 

Als Ideal seiner Weisheit 
Und lebt das Ideal. 

Theodosius: Was kann ich fur den Menschen tun? 

Johannes : Du stellst dich ihm zur Seite 
Und gibst ihm Liebe 
Und wartest, bis er Liebe wiedergibt. 

Rom anus: Wie soil ich in dem Menschen wirken? 

Johannes : Du laBt Benedictus walten 

Und gibst dem Wollen Kraft; 
Doch sollst du selbst nicht wollen. . . 



Tempel 

Benedictus : Geformt hat sich in eurem Kreise 
Ein Knoten aus den Faden, 
Die Karma spinnt im Weltenwerden. 
Er wird sich losen, 
Wenn wissend ihr 
Den Faden ihre Ordnung weist. 
Und Wissen euch zu holen, 
Betratet ihr den Tempel. 



Die P forte der Einmibung 



Wir muBten euch vereinen, 

Weil keiner fur sich allein 

Den Weg in Wahrheit finden kann. 

Johannes und Maria muBten finden 

Die Wesen, die bereit 

Mit ihnen sind, die Bahn zu wandeln. 

Ihr habt gefunden uns, 

Die Briider in dem Tempel. 

Wir legen unser Sein in eure Seelen, 

Und wie wir wirken in dem Tempel, 

So werden eure hochsten Krafte 

In eurem Innern wirken. 

Ich, dem obliegt zu wirken Weisheitslicht, 

Will opfern einen meiner Strahlen 

Und ihn in eure Seelen lenken. 

Und so wird in eurem Innern 

Mein eignes Wesen walten, 

Wie ich in diesem Tempel walte. 

Theodosius : Ihr habt empfangen Weisheitslicht 

Von Benedictus, meinem jiingern Bruder. 

Er hat es euch gelehrt im Sinnenreich, 

Er hat es euch erteilt im Sonnentempel, 

Ihr folgtet seinen Lehren, 

So durfV er euch der Lehren Quelle reichen. 

Was ich zu geben habe, 

1st altern Ursprungs. 

Ihr konnt es daran erkennen, 

DaB mir versagt noch ist, 

Was Benedictus schon geworden ist. 

Er kann als Mensch im Sinnenlande wohnen 

Und Menschen konnen ihn als Menschen sehn. 

Ich werde erst in Zukunft die Menschenform 



Elftes Bild 



Im Sinnenlande tragen konnen. 

Ihr seht von mir in diesem Reich 

Nur schwache Schattenbilder. 

Es sind die Menschen, die nur fiihlend 

Das Licht des Geistes sich erringen wollen. 

Sie wollen nur mit einer Seelengabe 

Der Menschenseele Hohe finden. 

Sie wehren mir den Eintritt ins Erdenreich. 

So kann ich meines Wesens Abbild 

Nicht selber in die Menschenseelen legen. 

Ich kann im Tempel nur mich finden lassen. 

Sobald mein Licht in Sinnenwelten fallt, 

Mischt Finsternis sich ihm bei durch jene 

Menschen, 

Die wohl den Namen von mir nehmen, 
Nicht aber meines Wesens Inhalt. 
Was Benedictus ist, ihr erkanntet es, 
Bevor ihr in unsern Tempel treten durftet. 
Es tritt Theodosius erst hier euch entgegen. 
Ich kann den Strahl von meinem Wesen 
In eure Seelen dann nur legen, 
Wenn euch ein andres Menschenwesen 
Mit seinem Schicksal sich verbindet. 

Die andre Maria: 

Du, meine hohere Schwester, Maria, 
Es leuchtet dir das Geisteslicht. 
Mein Schicksal will ich freudig 
Mit deinem eng verbinden. 

Maria: Maria, meine Opferschwester, 
Ich fiihle deine Gabe 
Als Feuer in der eignen Seele leben. 



Die P forte der Einweihung 



So werden wir dem Weltenwerke dienen, 
Wenn mein Licht erleuchtet deine Warme, 
Wenn deine Warme mir das Licht befruchtet. 

Philia: Es kann die Gabe auch mich begliicken; 

Ich werde sie der Schwester reichen konnen. 

Astrid: Es ist die Gabe auch mir erteilt; 

Ich muB der Schwester sie bereiten konnen. 

Luna : Es soli die Gabe auch die meine sein ; 

Ich werde sie der Schwester wahren konnen. 



Frau Balde: 



Ich gebe freudig, was ich habe : 

Es war so manchem wert, 

Der fern dem Tempel ist, 

So sei es wert auch einem Tempeldiener. 



Johannes : Felicia, du Erleuchterin, 

Die Licht verbreitet aus Seelenuntergriinden, 
Ich werde deine Gabe suchen, 
DaB meinem hellen Wissen stets erflieBen kann 
Der Quell, der in dem Unbekannten liegt. 



Romanus : Ihr habt empfangen Weisheitslicht, 
Ihr habt der Liebe Schicksalsfaden 
In eure Seelen eingesponnen. 
Ihr wollet Licht in Taten leuchten lassen. 
Ihr wollet Liebe an die Wesen wenden. 
Es miiBte hochstes Licht verloschen, 
Es miiBte alle Liebe sich verzehren, 
Wenn Wille sie nicht befeuern konnte. 
Doch kann auch ich nur im Tempel wirken. 



Elftes Bild 



Ich werde noch so manchen Willensstrahl 

Den Tempelsuchern zu verleihen haben, 

Um mir die Menschenformauf Erden zu erwerben. 

Es mussen Schicksalsfaden ganz besondrer Art 

Im Weltenwerden sich verschlingen, 

Wenn meine Gabe Fruchte tragen soli. 

Felix Balde: Es tritt dein Sohn vor seinen Schopfer. 

Ich will mein Schicksal an die beiden binden. 

Johannes und Maria, ich trug in mir 

Ein Wissen, das aus Willen stammt ; 

Es kann bei euch sich wieder zu ihm wandeln. 



Johannes : In meinem Willen fiihle ich 

Das Schauen, das dir eigen ist. 

Und was dir edel leuchtet, 

Es wird zur Kraft in meinem Wesen. 



Maria : 



In meiner Seele kann ich erleben 
Die Ruhe, die . . . 



Die Pforte der Einweihung 



PARALIPOMENA 

[Zum ersten Bild] 

[Strader] : Im vollsten Sinne bekennen muB ich mich 
Zu euren letztgesprochnen Worten. 
Es will sogar mir scheinen, 
Als ob in starkster Art 
Betont sonY werden, 
DaB hoher Ideale und Ideen Wert 
Nicht liegen kann in jener Wirkung, 
Die als Befriedigung und Ruhe 
Der Seelensehnsucht sich ergibt. 
Zu priifen vielmehr haben wir 
Den Grund des Gedankenbaues, 
Und solcher Pruning ist wohl kaum gewachsen, 
Was hier als Losung hochster Ratsel 
Sich gibt in scheinbar festgefiigter Art. 
Gefangen nimmt es der Menschen Sinnen, 
Weil scheinbar es offnet 
Erkenntnis aus den Bereichen, 
Vor welchen ratios steht 
Die streng bedacht'ge Forschung. 
Wer dieser Forschung folgt, 
Ihn driickt unendlich schwer, 
Wenn er bekennen muB, 
DaB niemand wissen kann, 
Woraus des Denkens Quellen stromen 
Und wo des Daseins Grund gelegt. 
Und jenseits dessen, was die Sinne schauen... 



Paralipomena 



[Strader] : Ich muB im vollsten Sinne mich bekennen 
Zu euren letztgesprochnen Worten, 
Und scharfer mochte ich sogar betonen, 
DaB die Befriedigung und Ruhe, 
Die unsrer Seele erwachst 
Aus hohen Idealen und Ideen, 
Von keinem Werte sein kann, 
Wenn es sich handelt zu erkennen, 
Ob Wahrheit oder Irrtum 
In ihnen lebt. 

Obliegen kann uns lediglich 

Zu priifen, ob sie den Forderungen 

Der echten Wissenschaft entsprechen. 

Und wahrlich, schwach erweist 

Bei solcher Pruning 

Sich alles, was wir hier 

Als Losung hochster Lebensratsel 

Mit kiihner Sicherheit 

Behaupten horen. 

Es nimmt gefangen des Menschen Sinn 

Aus keinem andern Grunde, 

Als weil es scheinbar ofFnet 

Das Tor zu jenen Reichen, 

Vor welchen ratios und bescheiden 

Die streng bedacht'ge Forschung steht. 

Und wer in wahrer Treue 

Zu dieser Forschung steht, 

Ihm ziemt es zu bekennen, 

DaB niemand wissen kann, 

Woraus des Denkens Quellen stromen 

Und wo des Daseins Grund zu finden ist. 

Wenn solche Bekenntnis 

Auch hart der Seele wird, 



Die Pforte der Einweihung 



Die allzugern ergriinden mochte, 
Was jenseits alles Wissens liegt. 
Verleugnen wir unsre Vernunft 
Und der Erfahrung sichre Leitung, 
So sinken wir ins Bodetilose. 
Und wer vermochte nicht zu sehn, 
Wie wenig solcher Denkungsart 
Sich diese OfFenbarung fiigen will. 
Es fehlt ihr ganz 
Der Erfahrung sichrer Boden 
Und strengen Denkens feste Fiigung. 

Maria : Es ist zum ersten Mai, 

DaB sie vor vielen Menschen 
In dieser Weise sich gibt. 
Wir haben sie bisher 
Vor zwei bis drei Personen 
So sprechen horen. 

Capesius : Es ist doch sonderbar, 
DaB sie gerade jetzt 
Wieauf Befehl 
Zu dieser OfFenbarung 
Gedrangt sich fiihlte. 

Maria : Es stort sie keine Umgebung, 
Wenn sie den Antrieb fiihlt. 
Doch ist es stets, 
Als ob der Drang 
Sich so zu geben 
Entstiinde dann, 
Wenn Menschen zugegen, 
Die sie horen sollen. 



Paralipomena 



Capesius : Nun haben wir gehort, 
DaB von jenem Ereignis, 
Das Inhalt ist ihres Traumens, 
Auch oftmals schon gesprochen hat 
Der Mann, der gegenwartig 
Die Seele dieses Kreises ist. 
Es ist doch wohl nur so, 
DaB sie den Inhalt 
Von ihm vernommen hat. 

Maria: Wenn so die Sache stiinde, 
Wir wiirden wahrhaft 
Recht wenig von ihr halten. 
Es ist jedoch festgestellt, 
So sicher als nur notig ist, 
DaB unsrer Freundin 
Ganz unbekannt waren 
Die Worte unsres Fiihrers, 
Bevor sie unsren Kreis betrat. 
So wie auch keiner von uns 
Das sonderbare Menschenwesen 
Vorher jemals gesprochen hat. 

Capesius : ... 

Die Art, wie L.[ilie] erfaBt, muB viel deutlicher 
sein. Sie muB mit ganz reiner Seele erfassen, 
welche alles totet, was in ihre Nahe kommt. - 

[Zum dritten Bild] 

Ein Wort Marias muB etwas wie Leidenschaft 
hervorrufen. 



Die Pforte der Einweihung 



[Zum zehnten Bild] 

JOHANNES : (Er hat mit Maria sich auseinandergesetzt, 
ist iiber sich gewachsen.) 

Ich darf nicht an mir vorubergehen lassen jene 
Augenblicke, in welchen die Geisteswelten mir 
Winke gebea konnen. Hat man das Geistesauge, 
so muB man die Dinge in Ruhe an sich 
herankommen lassen - man selbst ruhiger Pol - 
Man braucht Geistesgegenwart, sie zu erfassen - 
Mut, sich nicht uberwaltigen zu lassen, - 
nicht blenden -. Man mufi den Dingen in ihrem 
Wandel folgen. - Innere Beweglichkeit - 
Tiefe der Welt - 

Theodosius : Du darfst nichts haben, was dich belastet - 

Du muBt dich fret der Zukunft gegeniiberstellen 
konnen - 

* 



[Zum elften Bild] 

Retardus : Meine Zeit fur Johannes und Maria 
ist abgelaufen; ich habe keinen 
EinfluB mehr auf sie - DaB Balde 
und die andre Maria sich geopfert 
haben, iiberliefert an Benedictus 
die Entwickelung von Johannes 
und Maria - F. Balde 
Capesius und Strader. - 



Paralipomena 



Retardus : Ich for dre euch vor meinen Richterstuhl. 
Ihr habt den Auftrag nicht erfiillt, 
Den ich euch gegeben. 
Ich habe auf euch gerechnet, daB 
ihr Johannes und Maria in solche 
Bahnen lenkt, die ihre Seele 
von der Einweihung ablenken, 
die jene Krafte in ihnen nicht 
zur Entfaltung kommen lassen, welche 
nach dieser Richtung gehen. 
Du Capesius warst von mir in 
jenen Kreis gesandt, ihn durch die 
Macht deines Wortes zu iiberwaltigen, 
statt dessen zeigtest du dich schon 
im ersten Augenblicke schwach; 
du Strader konntest dein Gefiihl 
nicht iiberwinden; immer wieder 
iiberwaltigte es dich. - 
So muB ich das Feld raumen. - 

Capesius : Es lag an deiner Schwache ; ich 

hatte sie von Anfang an bemerkt; 



Strader: Du warst niemals da, wenn 
meine Empfindung sprach. - 
Du sprachest nur zu meinem Verstande. 



DIE PRUFUNG DER SEELE 



Erstes und %p>eites Samarium 



Capesius Gesprach mit Frau Balde — Inspirierend 
Maria Gesprach mit Johannes Thomasius 
Visionen Capesius Thomasius 
Seelenkampf des Strader 
Bilder des Lebens von Seite des Thomasius 
und Capesius 

* 

Capesius und Strader im Gesprache miteinander, 
dabei Strader von seiner Erfahrung, die ihm 
glaubhaft macht, daB es E. [Erkenntnis] gibt. 
Capesius auf Grund der Erfahrung mit Johannes 
Thomasius. 

BiBLIOTHEK DES CAPESIUS (l 

Capesius mit Frau Balde. Diese redet von einem 
Feenartigen Wesen, das in seiner Art mit 
Menschen beschaftigt ist. 

Haus bei Baldes (2 

Capesius mit Maria. Dabei die tragische 
Vertiefung des Capesius und Johannes 
Thomasius 

Im roten Zimmer 

Visionartiges fur Capesius : 

Tempelritterburg (3 

Ein Raum in derselben (4 



Drittes S^enarium 



1. Capesius in seinem Studierzimmer. Hat sich an 
Benedictus gewandt, der ihn besucht. Capesius 
entwickelt seine tiefen Zwiespalte, wie sie sich 
ihm ergeben und die ihn moralisch und spirituel] 
untergraben. 

2. Maria mit Benedictus : Sie hat die unter- 
bewuBten Beziehungen zu Capesius entdeckt. Ihr 
Aufstieg wird ihr tragisch, weil sie ihn auf 
Kosten des Capesius erkauft ansehen muB. Sie 
reiBt Johannes Thomasius mit. (Dies im roten 
Zimmer sich abspielend.) 

3. Strader findet sich gebunden an Capesius und 
Theodora. Er entdeckt, daB er besondern 
Herkommens ist und seine Jugend auf Schein- 
gebilden ruht. (Im Studierzimmer des Capesius.) 

4. Bei dem Ehepaar Balde. Capesius zuerst. Dann 
Benedictus mit dem zerwuhlten Strader. Auf dem 
Riickwege belauschend die Begegnungen von 
Johannes Thomasius und Maria. 

5. Vision des Capesius. Tempelburg im Gebirge. 
(Ein Felsen, der Dom-artig ansteigt. Wiese im 
Vordergrund. Gegen Norden Schlucht. Tor vor 
Zugbriicke zum ersten Tor. Ringmauern. Strebe- 
pfeiler. Turme, Bastionen. Erstes Drittel des 

14. Jahrhunderts.) Davor auch Volksscene. 

6. Ein Zimmer dieser Burg. Sonnensymbole. 
Vis. Unterredungen. 

7. Auf losende Ausblicke in die Zukunft. Dazu die 
beiden Tempel verwendet. 



Drittes Bild 



Johannes : O Maria, dir verdank ich, 

Was ich bin, du warst mir Fuhrerin 

Durch die lichten und die triiben Lebensstunden 

Und auch dahin hast du mich geleitet, 

Wo ich des Geistestriebes wirksam Wesen, 

Wo ich der Weihe erste Stufe 

Empfangen durfte, 

Die mir die Schaffenskraft errungen. 

Nun da ich so gereifter vor der Freundin steh, 

Als es vor Jahren war, 

Darf ich eine Frage wohl auch stellen, 

Die bescheiden zu unterdnicken mir fruher 

geziemte. 
Ich sehe dich seit lange schon 
Am ganzen Wesen wie verwandelt, 
Es leidet deine Seele schwersten Druck 
Und Krafte, die dich hemmen 
Auf deinem Geisteslebenswege, 
Scheinen mir zu liegen vor dir. 
Ich weiB, daB in deiner Seele manches vorgeht, 
Wofur Verstandnis mir noch mangeln muB. 
Doch moglich ist's vielleicht, 
DaB du mir vertrauen darfst, 
Ob Grund fur meine Sorge ist, 
Oder ich in Tauschung mich befinde. 

Maria : Genosse du so mancher bedeutungsvollen Stunde, 
Die Seelenlage, die du dir errungen, 
MuB Verstandnis dir verleihn meiner Schmerzen. 
Ein ernstes Wort zu sprechen, 
Zu dir zu sprechen, 



Die Prufmg der Seek 



Legt heilige Pflicht mir auf. 

Ich fuhlte lange die Pflicht mir nahn, 

Doch stark sie zu erfullen, 

Scheint jetzt erst mir mein Herz, 

Und was du selbst an Kraft 

In Seelenkampfen dir errungen, 

Es wird dich aufrecht halten, 

Wenn du vernimmst, was Schicksalsmachte 

Verhangen iiber unsren Lebenslauf. 

Wir haben Frohes und Schmerzensreiches 

Gemeinsam verlebt in langer Zeit. 

Doch heute spricht ein Schicksalswille 

DaB uns*re Seelenwege 

Sich ferner von einander trennen. 

Joh. Thom : Oh dieses 

Oh nehmt zuriick dies Wort. 

Vernichtet seinen Laut. 

Er ist Vernichtung allem, 

Was mir gegeben ward. 

Vernichtung ist er meines eignen Wesens. 



Maria: Besinne dich o mein Johannes. 
Nicht meines Willens Trieb 
Will reiCen meine Seele von der deinen, 
Das Opfer ist's, das wir bringen mussen. 
Es gilt demselben Schicksalswillen, 
Der uns hat verbunden 
Und dem wir folgen mussen, 
Auch wenn er grausam scheint 
Zu nehmen, was er selbst gegeben. 



Drittes Bild 



Joh. : Oh nein - es kann, es darf 

Nicht Schicksalswille in diesem Augenblick 

Aus dem geliebten Munde sprechen. 

Ich zweifelt* nie an deines Wissens Sicherheit, 

Doch Irrtum muB es sein, 

Was du in dieser Stunde 

Ertotend mich im Herzen hegst. 

Maria : Es ist so furchtbar, 

DaB ich an eignen Wesens Sicherheit 

Nicht glauben wollte, 

Da es als Ahnung in mir dammerte. 

Ich wandte mich mir selbst nicht trauend 

An Benedictus sich'res Wissen. 

Gewichtig waren seine Worte : 

«Zu eurer beider Heile 

Und auch zur Vollendung jenes Werkes, 

Das euch im Geistesweben auferlegt, 

MiiBt lockern ihr die Bande 

Die euch bisher verbunden.» 

So sprach er mit strengem Sinn. 

Joh. : Auch er 

Er mag es sprechen, 

Du magst es glauben, 

In meiner Seele fehlt der Widerhall. 



Denn schon der schwachste Blick 
Auf Wege, die ich ohne dich 
Vollbringen sollte, er schaut 
In finstre Ode, die sich wirr 
ErgieBt vor meinen Augen 
Und meine Krafte schwinden 



Die Prufung der Seek 



Ich kann nicht. 



(stammelnd) 

O Maria 

es muB auch Benedictus irren konnen. 

* 

Maria: Wie eng verbunden er mir war, 
Ich fiihl es jetzt, 
Da ich die Bande lockern muB, 
Die mich mit ihm verbinden. 
Ja, ich fiihl es tief, 
Von meinem Selbst ein Teil 
Trenn' ich mit ihm von mir. 
O fast verloren scheint der Ausblick 
In lichte Hohen meinem Geistesauge, 
Da er in meinem Umkreis fehlen muB. 
Doch will ich tapfren Sinn bewahren . . . 



Zweites Bild 



Benedictus Maria 

Maria: In schwersten Seelenkampfen 

Will flehen eure Tochter um euren Rat. 

Es steigen finstre Ahnungen 

Aus meinem Innern, die vergebens 

Bekampfen ich wollte. 

Doch kaum hat schwerster Widerstand 

Fiir kurze Zeit sie weggebannt, 

Erheben sie sich schreckvoll wieder. 

Sie miissen Wahngebilde sein, 

Denn wenn sie Wahrheit konnten sein, 

Vernichtung waren sie einem andern Menschen. 

Benedictus: Es ist so oft, da6 Menschen 

Die Wahrheit fiir ein Wahngebilde halten, 
Weil sie aus Schmerzen muB geboren sein. 

Maria : Doch scheint in meinem Falle 

Die Wahrheit sich selbst zu toten. 

Sie hat mit festen Banden 

Geschmiedet eines andern Menschen Seele 

An meine Seele - 

Und losen will sie jetzt, 

Was sie erst selber hat gebunden. 

Johannes, den Genossen, 

Von mir zu weisen, 

Befiehlt die dunkle Ahnung mir, 

Die irrend mich verfolgt. 



Benedictus : Du muBt im rechten Lichte sehn 
Der Wahrheit ernste Weisung, 



Die Prufung der See/e 



Die dir nur Irrtum scheint, 

Weil du sie qualvoll wahnst. 

Es hat durch Geistesgriinde 

Johannes Seele sich gewandelt. 

Es war ihm notig, 

DaB eurer Seelen Biindnis 

Die Briicke wurde in neue Welten, 

Es haben Geistesmachte 

Dies Biindnis zugelassen, 

Weil anders er nicht kommen konnte 

Zu jener Stufe, 

Auf der er heute steht. 

Verderblich waren die Gefiihle 

Auf seinem weitern Lebensweg, 

Die menschlich schwach 

Ihn an euch binden. 

Maria: Ihr waret selbst zugegen, 

Als in des Geisteslandes Hohen 

Johannes reinen Herzens 

Zum Geistgenossen mir gegeben ward. 

Von ihm genommen schienen damals 

Die menschlich schwachen Triebe, 

Die Liebesbande storen, 

Wenn sie dem Geisteswerke dienen sollen. 

Benedictus : Es ward gezeigt im Geistgebiet 
Den Seelen, die Hohenlicht 
Erschauen durften, 
Was in der Zukunft SchoB gelegen. 
Erringen miiBt ihr euch, 
Was euch bestimmt von Schicksalsmachten. 
Ob Wahn, ob Wahrheit ist, 



Zweites Bild 



Was ihr im Hohenlicht erblickt, 

Es ist noch nicht entschieden. 

Was als die voile Wahrheit er erblickt, 

Versinkt in Wahnesfinsternis, 

Wenn Menschenkraft es nicht 

Durch Seelenpriifung in Wahrheit wandeln will. 

Johannes: Ich weiB nicht, wie ich es deuten soli, 
DaB Maria noch immer nicht erscheint. 
Sie war befriedigt von der Arbeit, 
Als sie zuletzt sie sah. 

So darf ich jetzt dem Glauben mich ergeben, 
DaB ich dem Ziele naher komme. 
Ich warte angstlich auf der Freundin Kommen, 
Denn mehr als sonst bedarf ich ihres Rates. 



Ich saB oft mutlos vor dem Bilde, 

Vermessen schien es mir so manche Stunde, 

In Farben und in Formen nachzubilden, 

Was meine Seele schauen durfte. 

Wenn ich vergessend Eigenwesen 

Zu schaffenden Weltenmachten 

In Seligkeit entriickt mich fiihlen darf, 

Erwacht in mir die ScharTenskraft. 

Ich lernte mit dem Lichte leben 

Und in der Farbe des Lichtes Tat erkennen. 

Vertrauend jener hohen Wahrheit, 

Die meinem Geiste Freiheit gab, 

Erwarb ich mir die Fahigkeit, 

Zu fuhlen, wie im flutenden Lichtesmeere 

Die weckenden Weltenmachte schaffend weben. 

Und wenn ich so die eigne Seele lose 

Von meines Wesens Eigenheit, 



Zweites Bild / Erstes Bild 



Dann darf ich auch die Hoffnung hegen, 
DaB Geisteswesenheit aus meinem Bilde spricht. 
Und sollt ich auch nichts andres leisten konnen, 
Man wird durch dieses Bild vieUeicht erkennen, 
Wie Geisterkenntnis kann erwecken Geisteskunst. 

(Matia tritt ein) : 

O Freundin, allzulange lieBest du mich warten. 
Maria : ... 

* * 



Zuerst Capesius allein : 

(lieset in einem Buche zu Ende :) 

«Des Lebens Geheimnis zu erraten, 

1st gefahrlich fiir den Rater, 

Es gar Unbefugten verraten, 

Kommet gleich des Daseins Vernichtung. » 

Es gab eine Zeit, da ware ich an solchem 
Ausspruch nicht achtend vorbeigegangen. 
Als Phrase hatt ich ihn empfunden. Denn 
ich hatte ein Wissen — wenigstens glaubte 
ich es zu haben - das mir selbst Lebensstiitze 
war und indem ich es andern mitteilte, 
eine Mission mir vorspiegelte. Und Mystik, 
Geheime Wissenschaft, sie erschienen mir 
als die Schwarmerei iiberhitzter Kopfe. 
Das ist nun anders geworden. Ich habe 
die wunderbare Entwickelung dieses 
Johannes Thomasius beobachtet. Er hat 



Erstes Bild 



auf eine mir unerklarliche Weise ein Wissen 
empfangen. Es kann nur das Wissen sein, 
das in den Geheimlehren den sogenannten 
Eingeweihten zugeschrieben wird. Und 
dieses sein Wissen hat nichts von grauer 
Theorie: es ist eine Samenkraft der 
Seele. Es ist ein Lebens-Werdetrank. 
Es hat einen neuen Menschen aus ihm 
getnacht. 

Und meine griibelnden Seelenkrafte 
auf dieses Ereignis gerichtet, lernte ich 
anders die uralten Uberlieferungen und 
in den neuesten Offenbarungen der Mystiker 
empnnden. Ich ahne, daB in des Menschen 
Seele rein geistige Machte flieBen konnen, 
deren Gewalt eine hohere Wirklichkeit 
bedeutet als alle auBeren Erlebnisse 
und Menschentaten. Das physische Schicksal 
mag den Menschen erheben oder 
zerschmettern; solche Katastrophen, die 
denen gleichkommen, welche die Seele 
aus iibersinnlichen Welten trifrt, kennt es 
nicht. 

Soviel nur ahn ich erkennend und 
erkenne ich ahnend, daB Wissen von dem 
wahren Fortbestand der Seele eine der 
groBten Katastrophen sein kann, wenn 
es nicht zugleich die wirkliche Kraft gibt, 
das Fortbestehende mit wesenhafter Sub- 
stanz zu erfullen, auf daB es auch in 
Welten, von denen die Sinne nichts 
wissen, wirken und sich entwickeln konne. 
Wissen zerschmettert, wenn es nicht schafft. 



Die Priifmg der Stele 



Meine Erkenntnis reicht aus, zu erkennen, 
daB in mir ein Seelenkern ruht, der 
in immef neuen Leben wiederkehrt. Nichts 
kann furchtbarer sein, als dies wahrhaft 
mit alien Folgen zu erkennen, und 
die Ohnmacht zu empfinden, zugleich 
zu bauen an diesem Wesenskern. 
DaB ich mit dieser Ohnmacht weiB, zehrt 
an mir, so daB ich meines physischen 
Leibes Krafte stumpf werden fuhle. Wie 
ein ersterbendes Instrument erscheint mir 
mein Gehirn. Es will nicht ergreifen 
Wahrheiten, die es der Seek liefern 
soli. Es zehrt nicht nur also, es macht 
mich einsam, oh, so schauerlich einsam. 
Ich fiihle, wie wenn alle Faden zerrissen 
waren, welche mich mit der groBen weiten 
Welt verbinden. Und es ertotet mein 
Fiihlen und Empfinden, mein Schaffen 
und Leiden, mein HorTen und Lieben. 
Entwurzelt steh ich auf der Erde; und 
Schrecken umweht mich aus einem Welten- 
abgrund. 



Erstes Bild 



I. 

Capesius : Es ist so giitig von Euch, 

DaB ihr meine Bitte erfulltet 

Nach einer Unterredung, die mir 

Die herben Qualen lindern soil, 

Die furchtbar an meiner Seele nagen. 

Was ich ertragen muBte in letzter Zeit, 

Ist so, daB vorher mir jede Vorstellung fehlte, 

Es konnte solch grausame Marter 

Dem Herzen eines Menschen sich nahen. 

Daran verzweifeln, daB ein Wissen 

Der Daseinsgriinde dem Menschen moglich sei, 

Erscheint gering mir nur, 

Wenn ich bedenke, daB jetzt 

Mir ganz gewiB es diinken muB, 

DaB ohne dieses Wissen 

Der Mensch als zielloses Schattenwesen 

Des Lebens Wege wandeln muB ; 

DaB wie eine taube Frucht 

Ergebnislos sein Sein verlauft, 

Ersteht ihm nicht aas tiefstem Selbst 

Ein hdheres, ein erkennendes Ich. 

Doch will ich fassen dieses Ich, 

Ergreif ich nur leer Gespenstisches. 

Die finstre Leere steht vor meinem Blick, 

Wenn suchend ich mich quale 

Nach jenem Wissen, von dem mir sicher, 

DaB es vorhanden ist. 

Ich habe in meinem jungen Freunde, 

Johannes Thomasius, in Wahrheit gesehn, 

Wie dieses Wissen schaffend 

Die Menschenseele wandelt. 



Die Prufung der Seele 



O konnt ich zweifeln, ich ware gliicklich. 

Ich darf nun nicht mehr zweifeln. 

Es mag der Zweifel Ungliick sein, 

Verderbnis, Vernichtung aber ist, 

Nicht einmal ahnen zu konnen, 

Woran zu zweifeln nicht moglich. 

Ich stehe in einem Alter, 

Das bald der Todespforte sich neigt. 

Ich blicke auf ein Leben, 

In dem ich auf viele Arten 

Zu Menschen gesprochen 

Von Lebensratseln und Daseinsfragen. 

Und jetzt erscheint mir alles 

Nur wesenlos Gerede, 

Nur Schaumeswellen 

Auf dem Daseinsmeere. 

Konnt ich nur sagen, 

DaB wir nichts wissen konnen, 

Ich schritte mutig der dunklen Pforte zu. 

Ich fande mich in des Menschen 

Beschranktes Seelenwesen. 

Doch da ich weiG, da6 wirksam ist 

Im Menschen, was mir verschlossen, 

Erfiillt ein Grausen mich, 

Das wie zehrend Feuer 

Mir jede Daseinsfaser faBt. 

Benedictus : Und fiihlt ihr nicht, wie 

Die Sicherheit, daB in Euch selber 

Die Krafte liegen, die ihr sucht, 

In solche Lage euch hat bringen konnen. 

Capesius : Ich fuhle dieses wohl. 

DaB hohe Menschenkrafte in mir wurzeln, 



Erstes Bild 



Es ist so klar mir ja geworden. 
Seit langer Zeit hab ich von mir geworfen 
Durch eure und euers Kreises Worte 
Die Wissenschatze, die ein Hochstes 
Mein ganzes Leben mir waren. 
Seht her, wie anderes als vorher 
In meinem Biicherschatz hab einverleibt. 
Der Mystik und geheimer Wissenschaft 
Ich hab die letzten Zeiten mich gewidmet. 
Und wohl hab ich erkannt, 
Wie reines Gold in allem liegt, 
Was ihr zu mir und andern sprecht. 
Und wie betaubend klingt in meiner Seele 
So vieles, was ich gelesen. 
Ich kann, ich darf es nicht bezweifeln, 
Doch auch verstehn kann ich es nicht. 
Es reichen meine Krafte nicht, 
Zu denken mir Bestimmtes, 
Wenn ich vernehme, daB es 
Einweihung gibt in Weltenratsel, 
Und daB die hochste Weisheit 
Zu erraten gefahrvoll ist, 
DaB vollends unmoglich sich erweist, 
DaB in Worten sie ein Mensch 
Dem andern anvertrauen kann. 
Wie soli ich zum Notwendigen mich stellen, 
Wenn es die Menschen ins Ungliick stiirzt, 
Falls unvorbereitet es sie trifft. 
Ich weiB, daB ich erkennen muB. 
Ich weiB, daB ich vernichtet werde, 
Wenn des Erkennens Pforten sich mir 
verschlieBen. 



Die Priiftmg der Seek 



Doch weiB ich auch, daB Vernichtung mir 

werden kann, 
Wenn unvorbereitet ich wissen sollte. 
So furchte ich zu wissen 
Und muB auch furchten, nicht zu wissen. 

Benedictus : Und kann euch ein Fiinklein nur 
Des Trostes nicht erglimmen, 
Wenn sicher Ihr aus meinem Munde hort, 
DaB keinem je Erkenntnis ward, 
Der vorher nicht in eurer Lage war ? 

Capesius : Ich sehe vor mir andres nicht 
Als Finsternis und Wirrsal nur. 
Doch ihr steht selbst ja so vor mir 
Wie einer, dem aus tiefster Brust 
Der Weisheit Worte flieBen. 
Und schau ich euch, 
Ich kann an Erkenntniswirklichkeit 
GewiB nicht zweifeln. 
Doch sagt mir eines nur : 
Was hat es denn zu bedeuten, 
DaB des Daseins Griinde sich unterhohlen, 
Wer des Ratsels Losungsworte 
In Menschensprache zum Ausdruck bringt. 
Denn fur meine Denkerkrafte 
1st unerfaBHch, daB ich wissen soil, 
Was in Wissensform sich mir verbergen muB. 
Ich seh in euch, was allein 
Das Leben mir wertvoll macht. 
Ich muB in mir selber 
Es vorhanden glauben. 
Doch fehlt mir jede Briicke, 



Erstes Bild 



Die von eurer Seele 

In meine fiihren kann. 

Und zu ahnen selbst, ist mir versagt, 

Warum ihr das Losungswort 

Nicht uber eure Lippen bringen diirft. 

Benedictus : Ihr konnt das Wort von mir nicht horen, 
Doch unbenommen ist es euch, 
Des Wortes Krafte zu empfangen, 
Wenn ihr Gehortes 
In eures Wesens Griinde flieBen laBt. 

Capesius : Mit allem, was ihr sagt, 

Entfernt ihr mich von dem, 
Was mir nahen soil. 

Benedictus : Und doch braucht ihr nur zu horen, 
Und es wird euch nahern sich, 
Wovon ihr so weit glaubt zu sein. 
Es sprechen zu den Menschenseelen 
Die Gotterwesen in stummer Sprache. 
Es toten Menschenworte 
Der Gotter Redekrafte, 
Es hiillen Gotter Redekrafte 
In tonend Menschenwort 
Geheimnisvolle Wirkenskeime 



Drittes Bild 



II. 

Joh. Thom. : Des Lebens Zwiegestalt lastet auf meiner Seele. 
Ich fiihle seit den Tagen, 
Da sich des ubersinnlichen Reiches Pforten 
Mir sich geoffhet haben, 
Stets neu sich bildende SchafTenskrafte 
In meinem Innern erstehn, 
Die ganze Macht fiihl ich des Wortes : 
Ich habe mich gefunden. 
Doch dieser Gnade Kraft 
Wird machtlos, wend ich auf Dich, 
Der ich meine Wandlung ganz verdanke, 
Die Blicke. 

Ich sehe wie ein zehrend Element 

An Deiner Seele nagt. 

Du sprichst nicht davon, 

Doch ich sehe es und ich fiihle, 

Wie es mit jedem Tage machtiger wird. 

Und willst Du, daB ich nicht verliere, 

Was ich errungen, so muBt Du mir vertrauen, 

Wie der Baum, der herrlich sich entfaltet, 

In Blatt und Bliiten leben darf, 

dem man jedoch nach und nach 

Die Erde raubt, aus welcher 

Die Wurzeln ihm erwachsen, 

So fuhlt sich meine Seele, 

Denn meiner Lebenswurzel Kraft 

Sie ruht so ganz in Deiner Seele. 

Ich brauche Deine Worte 

Und Deiner Blicke mildes Leuchten, 

Soli ich entfalten, 



Drittes Bild 



Was mir als Geistesgabe ward. 

Doch sehen muB ich, 

Wie Deine Worte immer seltner 

Von Deinen Lippen flieBen, 

Ihr Feuer meiner Seele spendend, 

Und Deiner Blicke Glanz erloscht 

Mit jedem Tage mehr. 

Empfangend nicht nur will ich sein 

Der groBen Seele gegemiber, 

Ich will teilen ihr Geschick. 

So sprich zu mir, welcher Damon 

So furchtbar die Lichter loscht, 

Die aus Deinem Innern stets sich offenbarten. 

Maria: Genosse du meines Lebens, 

Es scheint die Zeit gekommen, 

Da ich zu dir sprechen darf. 

So wisse, daB auf meines Daseins Stufe 

Ein neues Wesen alle Wesen atmen. 

Sie werden andres, als sie vordem waren. 

Was natiirlich Sein nur hatte, 

Empfangt moralische Innenwesenheit. 

Ein Naturgeschehn, das vorher nur 

das Wissen beschaftigt, wird nun 

Enthuller von Menschenschuld und 

Gotterschicksal. Und ein Mensch, 

der vorher nur als dieser oder 

jener Charakter wirkte, nur toricht oder 

weise sich 2eigte, wird zur moralischen 

Macht des eignen Selbst. Es wandelt 

der eine so, daB wir an ihm empfinden: 

ihn muBt du begliicken, wenn Du dies 

oder jenes Hemmnis dir aus dem Wege 



Die Priifung der Seele 



raumen willst; ein andrer legt uns 
andres auf. So muB ich seit lange 
schon empfinden, wenn Capesius 
vor mir erscheint, ja nur, wenn 
der Gedanke an ihn vor meine Seele 
tritt: ihn als Vorwurf empfinden. 
Wie ich dem Regenbogen gegeniiber 
sieben Farben durch meines auBeren 
Auges Kraft empfinde, so tritt 
selbstverstandlich durch meiner 
Seele Kraft in mir auf der Gedanke : 
du hast den Capesius verdorben, 
sein Schicksal ist deiner Taten Folge. 
Und seine Rettung ist durch dich 
allein nur moglich. 

Joh. Thom. : Und worin liegt des Capesius 
Verderbnis? 

Maria : Sieh ihn doch nur an. 

Er strebt nach der Welt, 
In welcher des Geistes Kraft 
Sich offenbart. 
Und start, daB sich ihm des 
Daseins Ratsel erschlieBen, erschopft 
sich alle seine Lebenskraft in 
dunklem Suchen; er kommt zuriick, 
Indem er vorwarts drangt. 
Noch weiB ich nicht warum, 
Doch es offenbart sich deutlich mir : 
Ich bin die Schuld seines Verderbens. 
Die Krafte, die ihm fehlen, 
Sie miissen etwas zu tun haben 
Mit meinem eignen Streben. 



Drittes Bild 



Wie sollt ich nicht erkennen, 

DaB so vieles, was mir geworden, 

In meiner eignen Seele Kraft 

Nicht wurzeln kann. 

Ich sehe in mir stets neu erbluhn, 

Was ich mit jedem Tage mehr 

In Capesius absterben sehen muB. 

Es wird mir leicht zu dringen 

In hochster Geistesregionen Wissen, 

Und was ich im physischen Leben 

Als Werkzeug mir zu eigen nenne, 

Wirkt leicht, als ob es keine Hemmung hatte. 

Es ist mir aber, als ob 

Die Kraft, die ich selbst mir zu geben 

Nicht vermag, mir ein andrer gabe. 

Und steh ich vor Capesius, 

Empfind ich geheime Schuld. 

Ich kenne das eine, fiihl das andre, 

Doch wie sie zusammenhangen, 

Ist mir zu wissen nicht gegeben. 

Doch qualt mich ein Gedanke, 

Der aus den Lehren der Meister 

So einleuchtend stets mir war. 

Es wird gar oft dem einen gegeben, 

Was dem andern genommen wird. 

Joh. Thom. : Unmoglich scheint es mir 
DaB Capesius' Krafte 
In meiner vergotterten Maria 
In andrer Form nur leben. 
Es konnte trotz allem, was ich erfahren, 
In mir noch Zweifel an der Welten Harmonie 
Mir bringen, miiBt ich solchen Gedanken hegen. 



Die Prufung der Seek 



Maria: Die Weltenharmonie ware dadurch nicht gestort. 
Es ist des Lebens Lauf, 
DaB in Untergriinden solche Dinge spielen, 
Und wir mtissen die grofie Gemeinschaft 
Der Menschenseelen hinnehmen. 
Es konnte einer tiefen Notwendigkeit 
Entsprechen des Daseins, 
DaB ich solches empfange, 
Wie angedeutet ist. 

Doch erwiichse mir die Notwendigkeit, 
In andrer Form zuriick zu erstatten 
Das Empfangene. 

Bestiirzen konnt es mich nimmermehr, 

DaB ich es nehmen muB. 

Doch erwachst mir die strenge Pflicht, 

Zuruckzugeben das Empfangene. 

Und Ungliick konnte mir nur erwachsen, 

Wenn ich zu erkennen unvermogend ware, 

Wie ich die Schuld zu tilgen habe. 

(Sie geht ab.) 

Joh.Thom.: Wie sie es sagt, so ist es. 
Das fiihl ich wohl. 



Doch welcher Unruhkeim 
Erwiihlt sich in meiner Seele. 
Ein furchtbarer Gedanke 
Entsteigt meinem Herzen. 
Ist es so, wie sie es sagt, 
Dann ist einfach sie, 
Ich aber bin doppelt schuldig. 
Denn ihr verdank ich alles, 
Was ich geworden bin. 



Drittes Bild ( Erstes Bild 



1st sie in Capesius* Schuld, 

So bin ich es zweifach. 

Und ob auch ich die Krafte finde, 

Die Schuld zu zahlen, 

Erscheint mir ganzlich ungewiB. 



Zuerst Capesius allein: 

(lieset in einem Buche zu Ende) : 

« Es forscht der Geist des Menschen 

Nach Sinn und Ziel des Seins 

In Weltenweiten irrend 

Mit seines Denkens Schattenbildern; 

Er will aus Seelentiefen pressen 

Die Worte, die ihm deuten 

Sein ratselvolles Lebenswerk. 

Es soil dahin ihn fiihren, 

Wo Sinne nichts erleben. 

Er kann mit solchem Suchen 

Des eignen Wesens Kraft 

Ins Wesenlose nur verstauben. 

Er wird am Ende dieses Weges 

In Worten nur den Traum 

Des Lebens traumend denken 

Und mit dem Denkertraume 

Die eigne Seele ins Wesenlose 

Gespenstig angstvoll flieCen fuhlen.» 



Die Priijung der Seek 



So pragt Benedktus' Sehergeist 

In ausdruckvolle Worte, 

Was jeder Seele widerfahren muB, 

Die denkend nur und fuhlend 

Auf Sinnenwahrheit bauen will. 

Und klar muB ich erkennen, 

Er zeichnet treu die Bahnen, 

Die ich fur mein vergangnes Leben 

Als mekie eignen muB erkennen. 

O furchtbar schicksalvolles Wissen, 

Das mir aus dieser Rede flieBt. 

Ich fiihl es wie Vernichtung 

Der Wurzeln meines Lebens. 

Und wenn ein Gott in diesem Augenblick 

Aus wilder Weltenstiirme Chaos 

Vernichtend meines Daseins Krafte, 

Nicht schreckensvoller schien es mir 

Als dieser Worte Schicksalsstimme. 

DaB man nichts wissen kann 

Am Ende seines Forschens sich gestehn, 

Es fordert mehr nicht als Ergebung 

In unerklarlich Geisteswalten. - 

Und ruhig in solches Los mich finden 

Trotz allem hohen Streben, 

Es schien mir heute nicht 

Die Lust am Leben ganz zu rauben. 

Zu viel jedoch hat mir gegeben 

Des Benedictus Geisteslicht, 

Um zweifelnd an Erkenntniskraft 

Den Lebenstraum in Ruhe zu genieBen. 

Ich darf nicht zweifelnd mich ergeben, 

Will ich vernichten nicht den Plan 

Den Geistesmachte muhevoll ersonnen, 



Erstes Bild 



Als sie dem Menschen-Dasein mich gegeben. 

Wie irren jene doch, die meinen, 

Es strebte nur aus eignem Drang 

Der Mensch nach hohen Wissensschatzen. 

Sie ahnen nichts vom wahren Weltenlauf, 

Der von der Menschenseele fordert, 

DaB sie in sich das Licht entfache, 

Das Weltenfinsternisse bannen soli. 

Und unbekannt ist ihnen, 

DaB Weltvernichtung folgen muB 

Aus Seelenfinsternis. 

Sich selber unwissend zu verderben - 

Als Eigenwesen zu versinken 

Ins wesenlose Nichts 

Wars Schicksalswille, 

Ich wagt es unverzagt. 

Doch schaudernd muB ich es empfinden 

Den anvertrauten Schatz des Weltenwillens, 

MiiB mit dem eignen Fall verderben 

Die Seek, die nicht wissen kann. 

Ich darf nicht Ruhe finden 

In eitler Zweifelsucht 

Und nicht im Glauben 

Es sei versagt mir Wissenssicherheit. 

O furchtbare Ohnmacht in meiner Seele, 

Ich fiihle mich an dich gefesselt, 

O schreckensvolle Fesseln, 

Ich darf euch nicht zerreiBen wollen. 

Und doch ist's diese Ohnmacht nur, 

Die jetzt mein Wesen ganz erfiillt. 

Denn schon der nachste Schritt 

In Benedictus* Weisheitsschatzen 

LaBt deutlich mich erkennen, 



Die Priiftmg der Seek 



Wie stumpf mein Denken wird 

Will es verstehen wahres Geisteswort. 

«Es werde ruhig in den Seelentiefen 

Gedankenschattenmacht 

Und tilge aus den Sinnenschein. 

Es dampfe wie im SchlafesschoB 

Gefuhl des Zeitenlebens. 

Und reifen mog im Herzensgrund 

Ein Wille, der des Geistes Samenkraft 

In sich als Eigenwesen fuhlt. 

Du schauest dann aus Geisterhohn 

Das Erdenwesen wissend an. 

Du fuhlest dich in Geisteswelten. 

In Deinem Denken leben Weltgedanken 

In Deinem Ftihlen weben Weltenkrafte 

In Deinem Willen wirken Weltenwesen. 

Und aus Weltenfernen tont 

Des Schicksals Ratselwort: 

Erkenne das Ziel des Lebens. 

Und dich im wahren Wesen schauend, 

ErgieBt die Antwort in Weltenweiten 

Das eigne Herz gewaltig sprechend: 

Ich selbst, ich bin der Welten Sinn 

Es lebt in mir ein Gotterplan 

Verstehend solcher Worte tiefen Sinn 

Erfulle ich das Geistgebot 

O Mensch erkenne dich.v> 

(Bei den letzten Worten hat Cap. die Vision eines 
furchtbaren Donners; man sieht es ihm an, dafi er wie 
vernichtet ist.) 

«Verlange solchen Wissens Licht, 
Nur wenn bereit du bist, 



Erstes Bild 



Zu wandeln dein Gemiit, 
Und eitlen Wesens Wahn 
Aus Herz und Sinn zu bannen. 
Denn bleibst du, der du bist, 
Wird Wissen dich vernichten 
Und deine Geistesgaben 
Gebietern tiefster Finsternisse 
Als Scbaffensmachte weihen» - 

Woher denn kamen diese Worte? 
DaB ich sie nicht gesprochen, 
Ich bin mir des bewuBt. 
Doch niemand ist bei.mir, 
Von dem sie stammen konnen. 

Es war, als stiegen sie empor 

Aus meinem tiefsten Innern. 

Bin ich denn noch allein ! ! 

Sprechen Geisterwesen aus fremder Welt, 

Die meine Seele als ihr Werkzeug brauchen? 

(Es klopft und herein tritt): 

Benedictus : Nicht unwillkommen weiB ich mich 
In eurem Heim zu dieser Zeit. 
Was ich von euch erfahren 
MuBt deutlich ich empfinden 
Als Ruf, zu euch zu kommen. 

Capesius : Und wenn ich selbst auch kaum, 
Den Ruf an euch gewagt, 
Ich fuhl in mir ein dunkles Etwas, 
Das euer Kommen als hochstes Gliick 
Von euch in dieser Stunde stark begehrt. 



Die PrUfung der Seele 



In schwerer Schicksalsstunde 

Betretet ihr dies Gemach, 

Das durch gar manches Jahr 

In sich verschlossen hielt 

Mein heiBes Streben, emsig Forschen, 

In dem ich erst der Seele anvertraut, 

Was meinen lieben Schiilern 

Zu iiberliefern mir oblag. 

Ihr seht in diesem Biicherwust 

Gar vieles, was durch lange Zeiten 

Die Nahrung meiner Seele ward 

Und sich in eignes Denken wandelnd 

So manche Freude meiner Seele brachte. 

Seit ihr in meine Kreise tratet, 

Ward manches Werk in meine Sammlung 

Begierig aufgenommen und durchdacht, 

Dem vorher ich den EinlaB streng verwehrt, 

Weil leere Worte nur 

Sein Inhalt mir erschienen. 

Die Geisteslehren alter Zeit 

Und was die Gegenwart 

In solcher Art uns schenkt, 

Ich hab es lange nur gering geachtet. 

Doch seit die Samenkrafte eurer Rede 

In meiner Seele wirken durften, 

Es ist nun auch schon Jahre her, 

Zermurb ich Sinn und Herz 

Mit jener Wissensart, 

Der eure Worte sind geweiht. 

Unmoglich war es mir, 

Zu schildern euch die Kampfe 

Und all die schweren Leiden, 

Die mir die Wendung meines Lebens 



Erstes Bild 



In eure Bahnen hat gebracht. 

Und zwerghaft scheint mir alles Streben, 

Das vorher mich getrieben, 

Und schaudernd nur 

V ermag ich's, die Erinnerung 

Lebendig vor die Seele mir zu rufen - 

Wie eures Wissens Art und Wesen 

Vor Schicksalsmachte mich gestellt, 

Wie auf Hohen sie mich rief, 

Auf denen mir die Sinne schwanden 

Und es in Tiefen mich begrub, 

In welchen ich zerschmettert mich empfand. 

So steh ich vor euch 

Nicht als ein Jungling, 

Der kiihn in Lebenshoffhung 

Des Forschens Pfade frisch betritt, 

Nein an des Lebens Ende fast 

MuB neu beginnen ich, 

Da mir in wesenlose Schatten 

Gewandelt all mein Forschen 

Im Feuerbade eures Geistes ward. 

Ihr seht mein Haar gebleicht 

Vom Alter nicht allein, 

Von jener Sorge bin ich schwer belastet, 

Die furchtbar in ein Herz kann stromen, 

Das GeistesofFenbarung nicht entbehren darf 

Und doch zu ahnen kaum vermag, 

Wie ihm die Pforten wahren Lichtes 

Jemals sich offnen sollen. 

Benedictus : Ihr habt des Weges Richtung nicht verfehlt, 
Wenn euch nur klar vor Augen steht, 
DaB keiner jener Schritte, 



Die Prufung der Seek 



Die ihr bisher getan, 

Vom Geistespfade weg euch fiihrt, 

Sobald ihr ihn im rechten Lichte schaut. 

Ihr ginget recht, und was euch fehlt, 

1st nicht des Weges Richtung, 

1st Wissen nur von dem bereits Vollbrachten. 

Capesius : So muBt ihr mir auch jene Stutze nehmen, 
Von der ich glauben konnte, 
Sie ware als das letzte mir geblieben. 
Gedanken waren meines Lebens Inhalt, 
Sie haben mir die Kraft verliehn, 
Zu brechen mit allem, 
Was ich zu wissen wahnte. 
Und hinzuwerfen eitles Forschen, 
Einen neuen Weg mir vorzuzeichnen, 
Es schien mir oft als Trost. 
Nun soil als wahr mir gelten, 
Was ich verwerfen wollte, 
Und wertlos soil mir sein 
Mein Denken, bei dem ich Zuflucht 
Im Schiffbruch meines Lebens suchte. 

Benedictus : Was ihr bisher vollbracht, 

Es floB aus Weltenwillensmacht 

Und kann zum Wahn nur werden, 

Wenn falschen Denkens Licht 

Vor eurem irren Blick 

Ins Gegenbild es wandelt. 

Was ihr gelebt, gebraucht es 

In neuer Form zu eurem Heil. 

Was ihr gedacht und heute denket, 

Ver wandelt es durch jenes Licht, 

Das euch aus Geistesoffenbarung stromt. 



Erstes Bild 



Capesius : Ich kann es voll empfinden, 
Wie wahr die Worte sind 
Die mir so schreckensvoll doch klingen. 
Und oft hab ich mir selbst gesagt, 
Das Leben kann nicht irren. 
In dir nur such des Irrtums Quelle. 
So war ich denn bemiiht, 
Mein Denken selber urnzuwandeln, 
Und lenken wollt ich all mein Sinnen 
In jene Richtung, die von euch gewiesen. 
Doch eben dies ist mir versagt. 
Es ist, als ob des eignen Hirnes Widerstand 
Mir alles Denken raubte, 
Wenn es in eure Art sich fiigen will. 
Die Wahrheit eurer Offenbarung, 
Ich kann sie ganz empfinden. 
Zu denken sie, gelingt mir nicht. 
Versuch ich es, zerstirbt mir die Gedankenkraft 
Und bleischwer fiihl ich nur 
Des Denkens Werkzeug, 
Das feindlich mich mir selbst erweist. 

Benedictus: Ihr sprecht des Ratsels Losung 

Und wollt des eignen Wortes Weisheit 
In eidem Wahne von euch weisen. 
Erkennet, was ihr selbst gesprochen, 
Ergreifet jenes Licht, 
Das hell in eurer Rede leuchtet, 
Und fallen muB der Hiillen eine, 
Die euch das Geisteswissen bergen. 
Ihr steht vor aller Offenbarung Tor 
Und wollet dieses Tores Wesen leugnen. 
Es spricht in euch das wahre Ich 



Die Priifmg der Seek 



Und eures Eigenwesens Schein, 

Es wehrt sich gegen euer wahres Selbst. 

Capesius : Wenn Wahrheit eure Rede birgt, 
So habt in diesem Augenblick 
Ihr mich mir selbst geraubt. 
Denn nichts kann ich mir retten 
Von allem, was mein ich nennen darf, 
Durch mein vergangnes Leben, 
Wenn meines Wesens wahres Sein 
Des Lichtes Gabe mir verleiht, 
Und meiner Seele Wahneswesen 
Das eigne Licht als Finsternis nur schaut. 
So scheint es Wahrheit doch zu sein. 
Was sich aus Lehren eurer Art 
Als Ansicht mir sich aufgedrangt. 
Wer an der Welt geheime Grunde 
Unzeitig die Seelenkrafte fiihrt, 
Der wird zerrissen fuhlen 
Die Bande, die ans Sein ihn banden. 
O schauervoll ward ich's gewahr, 
Wie mir entrissen ward, 
Was lebenslang mit Weltentaten 
Und Weltendingen mich verband. 
Ich hab es hingenommen, 
Weil ich ja fuhlen muBte, 
Wie neue Faden mich an hohere Reiche 
Nur binden konnen, wenn gelost, 
Was Wahn und Irrtum nur gezeugt. 
Doch hoflf ich durch mich selber, 
Des neuen Lebens Bande zu erflnden. 
O, wie ist eure Lehre grausam. 
Sie nimmt zu allem andern 



Erstes Bild 



Auch noch des Strebens letzte Zunucht, 

Sie nimmt sich selbst den Menschen. 

Wenn nicht ich selber mir, 

Wenn was mir selber fremd 

Als andres Wesen in mir ruht, 

Erlosung mir bringen soil, 

Dann wankt die Briicke, 

Die mich aus diesem Weltenwahne 

In andrer Reiche Wahrheit fuhren soil. 

Benedictus : Ihr wahnet euch zuriickgestoBen 
Von eurem hohen Geistesziel 
Und seid ihm doch so nah. 
Ihr fiihlet, wie die schwerste Last 
Des eignen Wesens Werkzeug. 
Ihr fiihlt euch einsam und fremd 
Im Weltgeschehn, im Wahrheitsreich, 
Und lahm erscheinen euch die Fliigel, 
Die euch in andre Welten tragen sollen. 
Ihr braucht nur jenen Glauben, 
Den ihr euch selber geben konnt, 
Den Glauben an die Seelenmacht, 
Die aus zerborstner Lebensmacht 
Die Steine fur ein neues Dasein sucht, 
Und die in Einsamkeit erschauen will 
Das Licht, das aus Finsternissen leuchtet. 
Ihr werdet suchen, weil ihr miiBt. 
Start andren GruBes laBt mit diesem Wort 
Mich heute von euch scheiden. 
Die Geistesmachte, denen ich dienen darf, 
Ihr ahnet sie in eurer Nahe, 
Auch wenn ihr's leugnen wollt. 



Erstes Bild j Fiinftes Bild 



Capesius : Er geht und laBt in meinem Jammer 
Und meiner Ohnmacht mich allein. 
O wiiBt ich nicht bereits, 
DaB Menschen seiner Art 
Durch Taten mehr noch sprechen 
Als durch bedeutsame Rede, 
Ich kdnnte sein Verhalten nicht verstehn. 
So aber ist mir klar, 
Wie ich sein Gehn zu deuten habe. 

* 

* * 



[Frau Balde] : Es fand seit dieser Nacht 

Der Knabe keine Frauenwesen mehr, 
Wenn er am Felsenquell 
Auch oft: noch sinnend safi. 
Vergessen aber konnte seine Seele 
Den Kelch der Wasserfrauen nicht, 
Auch nicht den wilden Drachen. 
Und als nach vielen Jahren 



Und fiigen wollt es sich, 

DaB in des Lebens reifer Zeit 

Der Mann besuchen konnte 

Der Kindheit liebe Pflegestatte. 

Ihn trieb die Sehnsucht nach dem Orte, 

Wo einst im Mondessilberlicht 

Durch Wassertropfenspiel 

Die Geisterfreunde ihm gesellt. 

Und wieder formten sich die Tropfenstaubchen 



Funftes Bild 



7m wundersamen Geisteswesen. 

Nur deutlicher noch zu schauen, 

Vermochte er sie dieses Mai. 

Drei Frauenwesen waren es, 

Und wie durch Zauberworte sprachen 

Zu seiner Seele sie in Gefuhlen, 

Die er als ihre Worte klar empfand. 

Es sprach die eine mild: 

Ich bin dir treu geblieben, 

Und wenn des Lebens Bitterkeit 

Erfiillte deine Seele, 

Erquickt ich dich mit der Erinnerung 

Von Sonnenlicht und Waldesfreuden, 

Die deiner Jugend zugesellt. 

Du konntest es nicht deuten, 

Wie durch alles Lebens Ernst und Muhen 

Die Seligkeit der Kindertage 

Dir Trost und Hilfe waren. 

Und heiter wie die Sonne selber spricht, 

So klang der zweiten Rede : 

Auch meine Treue schwand dir nicht. 

Ich gab dir einst Verstandnis 

Geheimnisvoller Geistgewalten, 

Die aus des Lebens Sinnenschein 

Zu Menschen sprechen konnen. 

Und weil gesucht du mich 

In deiner zarten Jugend hast, 

So konnt ich dir im Seelengrunde leben 

Im arbeitvollen Leben. 

DaB nie der Blick dir konnt entschwinden 

Nach Daseinshohen, wo die Lebenswerte 

Dem Nichtigen auch verleihn 

Des Geistes Licht und Glanz, 



Die Priifung der See/e 



Es ward als Knabe dir gezeigt 

Von miran diesem Zauberort, 

Und kraftvoll hast du es empfunden, 

Wenn oft dir Mut und Lebensfreude schwanden. 

Und auch die dritte sprach: 

Du fandest oft des Lebens Lasten groB, 

Doch konnte nie in Daseinsfinsternissen 

Aus deiner Seele fliehen 

Des Lebens Weisheitswort. 

Und weiB ich selber nicht 

Den Grund des arbeitvollen Seins, 

Es wissen's wohl die Geistgewalten, 

Die mir das Wirkensfeld gewiesen. 

Im Kleinsten selbst zu schaffen, 

1st geistgewolltes Wirken. 

Wenn eines Kindes sinnend Herz 

Aus Quell- und Waldesorten 

Den Pfiichtensinn sich friih erwirbt, 

Den ich zu Menschen bringen darf, 

Hat starkste Lebenskraft sich ihm verliehn, 

Die sicher fiihrt und aufrecht halt. 

Versunken ganz in solche Worte 

Gesprochen durch der Kindheit Freundinnen 

Verweilte lang der Mann. 

Und als zuriick die Schritte 

Zu seines Lebens Alltagskreisen wandte, 

Da wuBte er ein groB Geheimnis, 

Das Geistes- und Naturgewalt 

In Kindesdammerdunkel sich ihm ofFenbarte, 

Und das mit aller IGarheit 

Die Schicksalsmachte ihm enthiillt 

In seines Lebens Reifezeit. 

Doch hatte ihn gefragt ein andrer Mensch 



Fiinftes Bild 



Nach des Geheimen Wissen, 

Das ihm durch der Geister Macht verliehn, 

Er hatte stumm nur fuhlen konnen 

Des Lebens reichsten Kraftesquell. 

Er stromt aus jenen Worten, 

Die in der Seele Tiefen ruhn 

Und nie des Herzens Reich verlassen. - 

* 

* * 

Frau Balde: Ach lieber Mann, es scheint 
So triibe euer Blick, 
Und an den miiden Schritten selbst 
Verrat sich schwere Sorge eurer Seele. 

Capesius: Wie oft so kann auch heute 

Ich Freude nicht, nur triiben Sinn 
In euer gastlich Haus euch bringen. 

Felix Balde: Ob ihr uns heiter, ob bedruckt 
In unsrem Heim wollt suchen, 
Willkommen seid ihr stets. 
Ihr waret damals schon so gern gesehn, 
Als wir der Einsamkeit ergeben, 
Und wert geblieben seid ihr uns, 
Auch seit fast jeden Tag 
Der Besucher reiche Schar 
Dem alten Felix sich fragend naht. 



Capesius : Wie kommt es nur, daB ihr, 

Der vordem so verschlossene Mann, 
Berater vieler ist geworden? 



Die Prufung der Seek 



Frau Balde: Ach ja, der gute Felix 

VerschloB uns einst vor aller Welt 
Und jet2t eroffhet er so weit sein Haus, 
DaB wir nicht mehr wissen konnen, 
Ob wir uns noch selber angehoren. 

Felix Balde: Bekannt ist dir Felicia, 

Wie aufgeruttelt in seiner Seele 
So mancher diesen Ort verlafk. 
Und iiberwiegt in vielen Seelen 
Neugierde weit den echten Wissendrang, 
Nach allem, was ich heute weiB, 
Vermag ich weiter nicht 
In Einsamkeit zu traumen, 
Ich muB der Welt vertrauen, 
Was ich zu wissen meine. 



Capesius : Wie kommt es, lieber Freund, 
Da6 so des Lebens Art 
Ihr andern mochtet. 



Felix Balde: Bekannt ist mir geworden, 

DaB wir gelangt an einen Wendepunkt 

Im Erdensein des Menschen. 

Verloren ware manche Frucht, 

Die heiB erstrebt im Zeitenlauf, 

Gelang es nicht, der Menschen Sinn 

Den Weg ins Geistgebiet zu weisen. 

Es tuts ein jeder auf seine Art. 

Mir ist verliehn eines Wissens Weise, 

An deren Wahrheit zu zweifeln 

Mir Lasterung des Geistes selber schiene. 

Von Hochmut weiB ich frei mich, 



Fiinftes Bild 



Bekennen werd ich stets, 

Ich bin ein Werkzeug nur 

Der Machte, die mif Worte schenken. 

Capesius : O mochten diese Machte 

Aus eurem Mund mir kiinden 
In einer Art, die meiner Seele 
Verstandlich konnt erscheinen, 
Warum mein Drang ins Geistesland 
Mit Elends Uberfulle mich bestraft. 

Felix Balde: So lange ihr der Zahlen heimlich Wirken 

In eurem Innern nicht empfinden wollt, 
Wird Wirrnis euch das Seelenfeuer 
Verloschen im Entstehen schon. 
Ich weiB, wie ich selber 
Im frommen Glauben an die Seelendreiheit 
Des Lebens Heimlichkeit ergriinde. 
Ich dampfe alle Urteilskraft 
Und wende zu meines Wesens Untergrunde 
Mein innres Auge wartend in Geduld, 
Vertrauend auf den Vater, 
Der mir im Innern lebt. 
Ich fiihle eins mich dann mit alien Wesen. 
Die Welt ist mir erstorben. 



Zehntes Bild 



Capesius : Ein Hiuschen, diese Bank. 

Ich kenne sie nicht; doch sie - 

Sie dringen auf mich ein, als ob sie riefen, 

Du muBt uns kennen; 

Du muBt uns auch fur wirklich halten. 

Und ich kann deutlich fiihlen, 

Dafi sie bloB Bilder sind - 

Sie miissen Bilder sein - 

Ich weiB, woraus sie entstanden sind, 

Sie sind geboren aus meiner Sehnsucht - 

Aus der Sehnsucht, die mich so qualte, 

Die mich durchdrang wie brennender Durst. 

Ich muBte nach dem Dasein dursten, 

Es war ein schreckensvoller Zustand, 

Wie wenn ich nach dem Leben schreien muBte, 

Und dieses Leben mich doch fliehen wollte. 

Und vor dem Schrecken der Sehnsucht 

Erlebte ich des Schreckens Ursache - 

Sie war ein Meer von Seligkeit. 

Ich fiihlte [mich] eingetaucht in sie. 

Mein Selbst war eins mit ihr. 

In Unendlichkeit ergossen fuhlte ich mich, 

Bevor die Sehnsucht an mich herantrat 

Und mir mein Selbst zeigte 

Und mich dann an dies Selbst fesselte. 

Und in der unermeBlichen Seligkeit 

Erkannte ich die Geisterwelt, 

Aus der sich mir Wesen neigten, 

Sie stellten eine ganze Welt vor mich hin. 

Entsetzlich war das Schaffen dieser Welt; 



Zehntes Bild 



Die Geisteswesen nahmen aus mir, 

Wotaus sie die Welt erschufen. 

O wie verarmte ich selbst, 

Da jene Welt entstand. 

Ich fiihlte mich zuletzt so arm 

An allem Eigenwesen. 

Dafiir wurde jene Welt 

Aus einem diinnen Nebel voile Wirklichkeit. 

Mein eignes Sein ward mir entrissen 

Und in die Welt versetzt, 

Die sich vor meine Augen stellte. 

Ich sah, wie ich schwere Fehler 

In dieser Welt beging. 

Erst fiihlte ich, wie groB die Fehler, 

Und nur aus diesem Fiihlen 

Erlangte ich die Fahigkeit, mir vorzustellen, 

Worin die Fehler lagen. 

Und stets, wenn ich den Fehler sah, 

Ersehnte ich die Kraft, ihn gut zu machen. 

Ich konnte dieses nicht. 

Doch wurden die Fehler schaftend 

Und sie erschufen mich aufs neue. 

* 

Capesius: O, diese fremde Gegend, eine Bank, 

Ein Hauschen und ein Waldesgrund vor mir. 
Ob ich sie kenne? Sie verlangen dringlich 
DaB ich sie kenne ; sie bedriicken mich. 
Sie scheinen Wirklichkeit zu sein; doch nein, 
Es kann dies alles mir als Bild nur gelten. 
Bekannt ist mir, woraus das Bild entstanden. 



Die Priifmg der Seek 



Aus meiner Sehnsucht hat es sich gewoben. 
Ich tauchte aus der Sehnsucht eben auf, 
Wie aus dem unermeBHchen Weltenmeere. 
Erschaudernd schreckhaft steigt Erinnerung 
An diese Sehnsucht mir aus Seelengriinden. 
Wie brannte doch dieser Sehnsucht Durst 
entsetzlich. 

Ich muBte stiirmisch nach dem Sein verlangen 
Und alles Dasein wollte mich nur fliehen, 
Ein Augenblick, der Ewigkeit mir diinkt, 
ErgoJ3 in meine Seele Leidensstiirme, 
Die nur ein ganzes Leben kann erzeugen. 
Und vor dem Sehnsuchtschrecken stand vor mir, 
Was diesen Schrecken mir erschaffen hatte. 

Mich selbst zum ganzen Weltenall erweitert 
Und aller eignen Wesenheit beraubt: 
So funk* ich mich, doch nein, so fiihlte sich 
Ein andres Wesen, das aus mir erstand. 
Erwachsen sah ich Mensch und Menschenwerk 
Aus Weltgedanken, die den Raum durcheilten 
Und seiend sich zur Offenbarung drangten. 
Sie stellten eine ganze Lebenswelt 
Mir vor die Augen, und entnahmen mir 
Zu dieser Schopfung meine Daseinskraft. 
Je mehr die Welt vor mir an Sein gewann, 
Verlor ich selbst an meiner Wesenheit. 
Erstehen konnte sie zur Wirklichkeit, 
Weil ich zum leeren Nichts verurteilt war. 
Gedanken spriihten aus der Wirklichkeit, 
Sie drangen auf mich ein sich selber denkend. 
Aus Lebensfehlern schufen sie ein Bild. 
Erfullt von alien Seiten war der Raum 



Zebntes Bild 



Mit Tongewalten, die sich offenbarend 
Zum ernstgetragnen Worte dichteten: 
O Mensch, erkenne dich in deiner Welt. 
Ich sah den Menschen, der vor mich gestellt 
Sich als mein Eigenwesen fuhlen muBte. 
Und jene Tongewalten sprachen weiter, 
So lang du nicht in deine Lebenskreise 
Dies Wesen ganz verwoben fuhlen kannst, 
Bist du ein Traum, der sich nur traumen kann. 
Und wie in Nichts verschwand die Zauberwelt. 
Sie schuf sich bald aufs neue aus dem Nichts. 



Die Prufung der Seek 



PARALIPO MENA 
[Zum Ganzen] 

Frau Balde: Ein Kind wachst im Umgang 
mit Natur - 

Begegnung mit einer «guten Alten» 
Vorbereitung - 

Wiederbegegnung = die Fortsetzung = 
Zwei Selbstbilder, die spirituell stereoskopisch 
zusammengeschaut werden - 
Vergangenheit - Zukunft, auf die Gegenwart 
projiciert — diese Gegenwart mittelalterlich 
Incarnation - 

Ein Mann in Seeleneinsamkeit erwachsen 

Er zieht in die Welt 

Er ist aUein mit der Natur 

Die Steine reden ihm melancholisch vom 

Untergange 
Und aus ihren Stimmen klingt fremdartiger 

Wesen Werdelust 
Die Pflanzen erzahlen von weitem All 
In sich beseligt leben sie fiir den Tag 
Die Tiere 

Am Ende des Weges 

Menschenkaleidoscop = die Rede 

verwandelt sich durchgehend durch verschiedene 

Menschen in Gegenrede — 



Paralipomena 



[Zum Ganzen] 

Die Sinne lassen die innere Tatigkeit (Erregung 
durch das Spirituelle) wie durch Tore aus dem 
Leibe flieBen - und an das Objektive stoBen — 
Gegemiber dem hoheren BewuBtsein werden die 
Menschen gleich - die Unterschiede der Denk- 
geiibtheit, Bildung usw. horen auf - 
Schnelligkeit der leibentriickten Denk- und Er- 
innerungstatigkeiten. 



[Zum funften Bild] 

Es war einmal ein Feenwesen, 

Es dachte nach Feenart 

An Geistertaten, die vor der Erde Lauf. 

Es schaute im Traumeswachen, 

Was nach dem Erdensein 

Mit Welt und Weltenlenkern werden soli; 

Was war, was einstens werden soil, 

Erfiillte selig ihm das Wesen, 

Doch schmerzvoll nur erwies sich ihm, 

Was Gegenwart. 

Der Menschen Denken war sein Leben, 
Doch nicht der Menschen Sprache. 
Und doch muBt es in Menschenworten 
Der Menschen Sinnen suchen, 
Um Erdenseelen zu fuhren, 
Und wenn ein Mensch sich befand 
An seines Lebens Wendepunkten, 
Da lenkt das Wesen seine Schritte, 



Die PrUfurtg der Seek 



So daB er wie durch geheime Pforten 

Natur und Geist sich nahern konnte, 

An eine Quelle, wo geheimnisvoll 

Die Wasser rieseln und Tropfen 

In zaubrisch wirr harmonische Nebel stauben 

An nachtlich dunkle Waldesorte 

Wo Mondlichtssilberfluten 

In Baumkronen sich gespenstig krauselt, 

Da lieB das Wesen das Menschenherz 

In sich selber webend fiihlend griibeln 

Und in sich den Geist erleben. 

So hat es gelockt einen Mann 

Zu einer Waldesquelle 

Die im Monde glanzte. 



DER Ht)TER DER SCHWELLE 



Die foigenden, mit I bezeichneten, nicht in das Drama aufgenommenen 
S2enenbilder, die beiden Szenarien und die Prosaskizzen zu einzelnen Vor- 
gangen bilden den Inhalt eines Notizbuches, auf welches Marie Steiner, wie 
bereits in den Vorbemerkungen erwahnt, in einer kurzen Orientierung hin- 
wies. Sie hebt darin hervor, da6 es sich dabei um « meditative Inhalte» 
handelt, «die wie Vorentwurfe wirken fiir das, was im Drama spater um- 
gegossen wurde zu Dialogen oder bewegten Szenen». 

Die eigentlichen Entwiirfe sind unter II und III zusammengefaBt. 



Nicbt in das Drama aufgenommenes Bild 



I 

B[enedictus] : Wie oft noch werde ich diesen Ort wohl noch 
betreten miissen; in sorgenvoller Seele die 
UngewiBheit bergend, ob Sieg ob Untergang 
meinem Wollen auferlegt. Fur Euch, Ihr 
Geister des Weltenlaufs, zu kampfen, 
ist mein Los. Ihr, die Ihr der Erde wahre 
Sendung Eurem Wege einverleibt. So oft 
ich diese Schwelle uberschritt', hofft ich, daB 
Euer Sieg entschieden sei iiber die Wesen, 
denen Erdendasein wertlos ist und die sich 
in der Erdenmenschen Schicksal nur mischen, 
weil sie sie gewinnen wollen fiir Ziele, 
die in andern Welten liegen. O wie lange 
werd ich diesen Machten selbst noch dienen 
miissen? Nur wenn meine Seele sich 
standhaft halt, kann es gelingen, daB 
meine Gotter iiber diese Feinde siegen. 
Schon nahet der Vater; an seinen 
Kraftestrahlen erkenne ich, daB er sich 
unbesiegt noch fuhlt. 

Ahr[iman] : Du hast ein kiihnes Werk im Menschen- 
schicksalslauf getan. 

Ben. : Doch leider muB ich mir gestehn, daB 
deine Krafte in meinem Werke wirkten. 

Ahr. : Wird Gutes denn zum Schlechten, weil 
es meiner Kraft entstammt? 



Der Hiiter der Schwelk 



Ben. : Ob gut, ob schlecht, was ich durch dich 
vollbringe, gilt mir gleich dcm Nichts. 

Ahr. : Bedenke diese Rede und merke, wie 
du dir den Schleier noch nicht vom 
Auge weggebannt, den du driiben tragen 
magst, der hier doch nicht zum Orte 
paBt. Driiben im Erdenreich scheinen 
Griinde zu entscheiden, welche Erkenntnis 
braut. Hier jedoch entscheidet Kraft und 
Wille. Hier stehst du, Geist gegen Geist. 
Die Reden, die du driiben fiihrst, sie mussen 
hier verstummen. Du zeigst es selbst, so oft 
du hier erscheinst. Denn lachen muBtest du 
iiber dich selbst, wolltest du zu uns mit 
Erdengriinden sprechen. Hier widerlegt man 
nicht. Hier tauscht man Wirklichkeiten. Und 
Wirklichkeiten willst du stets erringen, wenn 
du uns nahst. Drum nenne dein Begehren; 
du sollst es haben und weiter siegen im 
Erdgebiet mit unsren Kraften. 

Bened. : An deinem Worte erkenne ich
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