Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
SCHRIFTEN
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM NACHLASS
RUDOLF STEINER
ENTWURFE, FRAGMENTE UND
PARALIPOMENA
ZU DEN
VIER MYSTERIENDRAMEN
DIE PFORTE DER EINWEIHUNG
DIE PRUFUNG DER SEELE
DER HUTER DER SCHWELLE
DER SEELEN ERWACHEN
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Edwin Frobose
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1969
2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgabe
«Entwiirfe zu dem Rosenkreuzermysterium
Die Pforte der Einweihung (Initiation)*
Dornach 1954
Bibliographie-Nr. 44
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Die AuffUhrung dieser Szenenbilder ist nicht gestattet
© 1969 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0440-X
INHALT
Vorbemerkungen des Herausgebers 8
DIE PFORTE DER EINWEIHUNG
Erstes und zweites Szenarium 13/14
Erste Niederschrift
Erstes Bild 19
Nicht in das Drama aufgenommenes Bild :
Mensch - Hierophant 47
Geistesstimme im dritten Bild 50
Mensch, Monolog, zweites Bild 50
Lilie - Hierophant, drittes Bild 54
Erstes Bild, SchluBszenen 63
Mann - Frau, Vorspiel 66
Wetter e Entwiirfe
Johannes, Monolog, zweites Bild 75
Gegend im Walde. Die ganze Szene, zweites Bild .... 78
Meditationszimmer. Fragment, drittes Bild 84
Fortsetzung aus einem Notizbuch 86
Die ganze Szene, drittes Bild 89
Viertes Bild. Fragment 102
Fortsetzung aus einem anderen Heft 105
Tempel. Fragment, funftes Bild Ill
Siebentes Bild. Fragment 117
Johannes, Capesius, Maria. Fragment, achtes Bild .... 122
Meditationszimmer, zehntes Bild 127
Gegend. O Mensch, erleuchte dich. Neuntes Bild .... 131
Tempel, Fragment. Elites Bild 135
Johannes, Capesius, achtes Bild 140
Johannes. Nicht in das Drama aufgenommene Szene ... 142
Johannes, Strader, Maria. Fragment. Fortsetzung achtes Bild 144
Meditationszimmer, zehntes Bild 155
Tempel. Fragment. Elftes Bild 157
Paralipomena zum ersten, dritten, zehnten und elften Bild 164
DIE PRUFUNG DER SEELE
Erstes und zweites Szenarium 173
Drittes Szenarium 174
Erste Niederschrift : Drittes, zweites, erstes Bild 175
Entwiirfe :
I. Erstes Bild: Capesius - Benedictus 185
IL Drittes Bild: Johannes - Maria 190
Erstes Bild: Capesius - Benedictus 195
Das Marchen vom Quellenwunder, funftes Bild 206
Szene aus dem fiinften Bild 209
Zehntes Bild, zwei Fassungen 212
Paralipomena zum ganzen Drama 216
Das Feenmarchen. Funftes Bild 217
DER Ht)TER DER SCHWELLE
I
Vorentwiirfe. Nicht in das Drama aufgenommene
Szenenbilder 221
Erstes und zweites Szenarium 233
Entwiirfe und Prosaskizzen zu einzelnen Vorgangen . . . 234
II
Entwiirfe, fragmentarisch, zum ersten, zweiten, fiinften,
siebenten, achten und zehnten Bild 239
III
Zusammenhangende Entwiirfe zum ersten, zweiten und
dritten Bild 255
Drittes Bild, teilweise Prosa 294
Viertes Bild, Prosaentwurf 306
Funftes Bild, teilweise Prosa 312
Neuntes Bild, teilweise Prosa 317
Zehntes Bild, Prosa und Versform 321
Paralipomena zum ersten, zweiten, dritten, sechsten, achten
und zehnten Bild 328
Nachtragliche Bemerkungen, fragmentarisch 332
DER SEELEN ERWACHEN
Szenarium 337
Bemerkungen zum zweiten Bild 338
Entwiirfe zum zweiten und dritten Bild 340
Zusamrnenhangende Entwiirfe
zum ersten und zweiten Bild, Prosa 349
Nicht in das Drama aufgenommenes Bild 366
Drittes Bild 371
Zweites und drittes Bild 373
Viertes Bild 386
Nicht in das Drama aufgenommenes Bild 389
Geistgebiet. Fiinftes und sechstes Bild 392
Agypten. Siebentes und achtes Bild, mit Faksimile .... 412
Unvollstandige Entwiirfe zum neunten, elften, vierzehnten
und funfzehnten Bild, mit Faksimile 421
Paralipomena zum ersten, zweiten, dritten, sechsten,
achten, neunten und dreizehnten Bild 432
Nachtragliche Bemerkungen, fragmentarisch 448
Zeittafel 453
Dbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe .... 454
VORBEMERKUNGEN
Die «Vier Mysteriendramen» wurden erstmals in Miinchen an-
laBHch der Sommerfestveranstaltungen 1910, 1911, 1912 und 1913
als geschlossene Vorstellungen fur die Anthroposophische Gesell-
schaft aufgefuhrt. Die Darsteller waren samtlich Mitglieder der
Gesellschaft, einzelne Berufsschauspieler. Rudolf Steiner insze-
nierte die Dramen selbst. Die Textniederschrift erfolgte jeweils
vor Beginn oder auch wahrend der Probenarbeit. Ein bereits
angekiindigtes funftes Drama konnte im Jahre 1914 infolge
des Kriegsausbruches nicht mehr aufgefuhrt werden. Spater soil-
ten dann die Dramen im inzwischen in Dornach errichteten
Goetheanumbau im Sommer 1923 in Szene gesetzt werden. Der
Brand des Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 machte dies
unmoglich. Nach dem Tode von Rudolf Steiner studierte Marie
Steiner, die in Miinchen die weibliche Hauptrolle der Maria ver-
korpert hatte, mit dem von ihr ausgebildeten Schauspiel-Ensemble
im zweiten Goetheanum die Dramen ein, welche nun seit Jahr-
zehnten dort ofFentlich zur Auffiihrung gelangen.
Uber die «Entwurfe» zu diesen Dramen schrieb sie im Friih-
jahr 1946 folgendes: «Unter den Notizbiichern Rudolf Steiners
gibt es solche, in denen meditative Inhalte festgehalten sind, die
wie Vorentwiirfe wirken fur das, was im Drama spater umge-
gossen wurde zu Dialogen oder bewegten Szenen. Die esoterischen
Motive wurden in die Gesamtkomposition eingegliedert; es wurde
ihnen die kiinstlerische Form gegeben, die dem Auf bau des Gan-
zen entsprach. Es bedurfte eines gewissen nicht ganz leichten
Entschlusses, um den Versuch zu wagen, einige solche Entwiirfe
sprachlich durchzuarbeiten, um sie dem Programm der Gedacht-
nisfeier fiir den 30. Marz [dem Todestag Rudolf Steiners] einzu-
fiigeri. Doch fanden wir zuletzt den Mut, diesen Versuch zu wa-
gen. Die Bedeutung des Tages gab den Entscheid.» Dieser Ver-
such wurde nicht wiederholt. 1948 starb Marie Steiner. Die hier
erwahnten Fragmente sind auf Seite 221 ff. abgedruckt.
Nun haben sich aber im NachlaC Rudolf Steiners noch zahl-
reiche solcher Notizbucher oder Notizblatter gefunden. Es sind
dieses nicht nur die Manuskripte fur die Dramen, sondern es
handelt sich dabei - ahnlich wie bei dem obenerwahnten Notiz-
buch - um weitere Entwiirfe zu alien Dramen, um Aufzeichnun-
gen zum Szenenverlauf oder um eigentliche Paralipomena, wel-
che in die endgiiltige Fassung nicht aufgenommen wurden. Zu-
sammengenommen bilden sie den Inhalt des vorliegenden Buches.
Es sind Aufzeichnungen aus 45 Notizbiichern und mehr als 200
Notizblatter im Quartformat. Oft war Rudolf Steiner noch bis
zu den letzten Proben mit der Niederschrift einzelner Szenen
beschaftigt, und auch die verschiedenen Auflagen der Dramen
zeigen vorgenommene Verbesserungen. So liegt durch diese Ent-
wiirfe, Fragmente und Paralipomena ein reiches Studienmaterial
vor, welches in seiner Art wie nichts anderes geeignet sein durfte,
zum Verstandnis dieser Kunstwerke, die ein neues Element in
die Kulturentwicklung brachten, beizutragen, und das deshalb
nunmehr veroffentHcht wurde. Nicht beriicksichtigt fur den
Druck wurden selbstverstandlich von Rudolf Steiner selbst durch-
gestrichene Partien in den Entwiirfen oder Druckvorlagen.
Ein Datum tragen die Niederschriften nicht, so daB dadurch
die Gliederung des Ganzen nicht einfach durchzufiihren war.
Um nun die Entwicklung vom Entwurf zur endgiiltigen Form
der Szenenbilder deutlich hervortreten lassen zu konnen, wurde
nichts, was in den Heften oder auf den Blattern zusammen-
gehorte oder sich als zusammengehorig erwies, getrennt, auch
wenn dadurch die gleiche Szene spater noch einmal in verander-
ter Gestalt erscheint. Das muB der Leser beriicksichtigen, da
bewufit darauf verzichtet wurde, alles zu einem Szenenbild Ge-
horige zusammenzufiigen, weil dadurch Auf bau und Ausarbeitung
nicht geniigend ersichtlich geworden waren. Jeweils oben auf der
Seite ist die Szene angegeben, zu welcher der betreffende Ent-
wurf gehort, so da6 sich auf diese Weise der Leser leicht
orientieren kann. Auf der Riickseite der Zwischentitel wurden,
wenn es sich als notig erwies, Bemerkungen zu den Entwiirfen
angebracht; sonst erscheint kein besonderer Bezug auf die vier
Dramen, welche innerhalb der Gesamtausgabe vorliegen. Un-
gleichheiten der Schreibweise sind durch das Manuskript bedingt.
Bemerkungen des Herausgebers innerhalb der Texte sind durch
eckige Klammern gekennzeichnet.
DIE PFORTE DER EINWEIHUNG
Wiederholt hat Rudolf Steiner auf den Zusammenhang von Goethes «Mar-
chen» von der grunen Schlange und der schonen Lilie mit dem Rosen-
kreuzermysterium «Die Pforte der Einweihung» hingewiesen. In der ersten
Niederschrift zeigt sich dieser Zusammenhang aulterlich durch zahlreiche
Personennamen aus dem Goetheschen «Marchen». Doch schon in den fol-
genden Entwiirfen erhalten die Gestalten individuelle Namen. Nachstehend
die Entsprechungen :
Lilie
Mensch
1. Irrlicht
2. Irrlicht
Konig des Willens
Der Mann mit der
Maria
Johannes Thomasius
Capesius
Strader
Romanus
Lampe
Konig des Gefiihls
Schlange
Die Frau des Mannes
Felix Balde
Theodosius
Die andere Maria
mit der Lampe
1. Madchen
2. Madchen
3. Madchen
Riese
Kanarienvogel
Felicia Balde
Philia
Astrid
Luna
German
Kind
Ferner:
Hierophant
Makrokosmos
Mann
Frau
Benedictus
Der Geist der Elemente
Estelia
Sophia
Erstes Szenarium
1. Einkitungss^ene. Zimmer
Eine Frau, deren Besucherin
2. Im Rosenkreu^er-Sinne gehaltenes Zimmer
Die Unterredner
3. Felss^enerie
Mensch
4. S^ene
zwischen Hierophant und Lilie
5. S%ene
zwischen Lilie und Mensch
Z\VEITES S2ENARIUM
1. Zimmer
Frau - Besuch
2. Rosenkreut(er- Vereinigungs^immer
Unterredungen
3. Naturs^ene
Mensch
4. Rosenkreu^er-Meditations^jmmer
a) Lilie - Hierophant
b) Lilie - Mensch
c) Mensch - Hierophant
5. Die Naturs^ene, in andrem Farbenton
Es tritt auf:
Lucifer als Reprasentant der personlichen
Natur;
verschwindet.
Unbekannte Geistwesenheit,
Die beiden Irrlichter,
Die Schlange
Unterirdischer Felsentempel
Dann wieder die Naturs^enerie
Unterredung: Mensch mit Alten
S^ene : Lilie, Paradiesischer Garten
Lilie. Drei Genossinnen. Kind als Vogel
Oben erscheint Somnambule [Theodora] als Vogel
Rosenkreui^er-Meditations^immer
Mensch, Monolog
Lilie -:
Hierophant
Interme^o
Die beiden Frauen der Einleitungss2ene
Rosenkreu^er-Meditations^immer
Mensch
1. Lilie. Paradiesischer Garten
2. Tempel mit Decke als Firmament
ersichtlich, daB die personliche Einheit verlassen ist
Opferung der Schlange
Rosenkreu^er-Meditations^immer
Mensch = Hierophant
Feuriger Abound
Wasser
Dunst wie aus Rauch und Nebel gemengt
Eingang in Hohlung zu sehen; wie leuchtend
werdend
Aus dem Abgrund steigen auf :
1. Lucifer. «Schaue vorwarts» -
2. Irrlichter iiber das Wasser gefahren
3. Schlange
Unterirdischer Tempel
Die Natursvgnerie, doch ohne Paradiesischen Garten
[Hier hort die zweite Skizzierung der Szenenfolgen auf. Es
fand sich noch auf einem Notizblatt folgende Auf-
zeichnung]:
Riese: unbewufite Krafte
Jiingling: Mensch
Lilie : die Vollkommenheit / Zustand
Dienerinnen
Habicht / Kanarienvogel / Mops
[Farbangaben: Vorspiel - Meditationszimmer]
r
o viol,
g bl.
rot mit Anflug ins Gelbliche = erstes Zimmer
rot mit Anflug ins Rosa = zweites Zimmer
duster - dunkel [Gegend]
violett [Meditationszimmer]
Erste Niederschrift
Erstes Bild
Lilie: Es geht mir so nahe, Freund,
Dich welken zu sehen
An Leib und Seele.
Und welken zu sehen damit
Auch das schone Band,
Das uns zehn Jahre verband.
Ich sah einst in dein Auge,
Und es spiegelte Freude
An aller Dinge und Wesen
Intimen Zusammenhangen.
Und deine Seele hielt
In herrlichen Bildern fest,
Was Sonne und Luft
Die Korper im Raume beriihrend
Und offenbarend Daseinsratsel
In fliichtige Augenblicke kleiden.
Wohl war noch ungelenk
Deine Hand, in derben Farben
Zu ver korpern, was bliitengleich
In deiner Seele schwebte.
Doch konnten beide wir meinen,
DaB die Zukunft dir bringen wird
Kunst der Hand zur frohen,
In des Geschehens Grund
Spiirenden Seele.
Und nun ist wie erloschen
Deines Innern einst sprudelnde Kraft;
Wie gelahmt der Arm,
Der jugendfrisch einst
Den Pinsel fiihrte.
Die P forte der Einweihung • Erste Niederscbrift
Mensch: So leider ist es.
Ich fiihle wie hinwegge2aubert
Der Seele friih'res Feuer.
Und stumpf nur schaut mein Auge
Den Glanz der Dinge und der Wesen,
Den Sonnenlicht verbreket liber sie.
Fast fiihllos bleibt mein Innres,
Wenn wechselnde Luftstimmung
Enthiillend Seinsgeheimnis
Sich stellt vor mein Gemiit.
Es regt sich nicht mehr die Hand,
In Lust zu halten das Geschaute ;
Und mit dem Pinsel zu erzwingen,
DaB fester Gegenwart sich fiige,
Was flucht'gem Werden angehort.
Es regt sich mir im Herzen
Nicht mehr des Schaffens Trieb,
Und Dumpf heit breitet sich
Hin iiber all mein Denken.
Lilie : Und das ist alles Frucht
In deiner Seele
Von dem } was mir das Hochste,
Was Losung heil'ger Ratsel mir ist.
O Freund; ich weiB,
Ein ewig-geistig Leben wohnt
In diesem Wechselspiel,
Das Menschen Dasein nennen
Und das fur ihre Sinne
Die Wirklichkeit umschlieBt.
Und meine Seele webt in solchem Leben.
Ich schau des Geistes Taten
Und sehe, wie sich krauseln
Erstes Bild
Die Wellen, die verhiillend
Des tiefen Meeres Grund,
Erscheinung spinnend allein
Den meisten vor der Seele stehen.
Es miihen sich so viele,
Den Gipfel zu erklimmen,
Auf den des Geistes OfFenbarung weist.
Ich fand in allem nur
Des eignen Wesens OfFenbarung.
Dafiir aber konnt' Verstandnis
Nicht erbliihn zwischen meiner Art und der euren.
Was ich auch geben wollte aus meiner Seele
Der deinen, die so sehr darnach verlangte,
Es schien nur schlechter zu gestalten
Deinen Zustand.
Und meine Gegenwart wandelte
Des neuen Wortes sichere Kraft
In deiner Seele zu verderblichem Brand.
An meiner Seite wolltest
Den Weg du gehen,
Der aus eurer Welt
In meine fuhrt.
So aber kam es nicht bis jetzt.
Was mir Leben gibt
In jedem GHede meiner Seele,
Ward Tod, indem es sich
ErgoB in deine Geistesglieder.
Und was in mir den Menschen tragt,
Stiirzt ihn, teilt es meine Seele der deinen mit,
In tiefste Todesgriinde.
Mensch: Es ist so.
Als du mich
Die Pforte der Einwihung • Erste Niederschrift
Im Morgenrot unserer Freundschaft
Fiihrtest zu jener Geistes-Offenbarung,
Die Licht breitet iiber jene Dunkelheiten,
Welche unwissend
Allabendlich betritt
Des Menschen Seele
Und in welche wandert
UngewiB des Menschen Wesen,
Wenn des Todes Nacht
Sinnlich zu decken scheint
Alies Lebens Sinn,
Welche auferstehend zeigt
In immer wiederkehrendem Leben,
Was verfallen scheint
Der wesenlosen Vernichtung:
Da dachte ich, daB
Feuerspendend durch all mein Sein
Solcher Gedanken Macht sich ergosse.
Und sicher war es mir,
DaB des sinnlichen Schauens
Kraft konnte erst erbliihen
Durch solches Feuer.
Und ahnen wollt" ich,
DaB kunstvoll bewegend
Dies Feuer lenken wiirde
Meiner Hande Geschicklichkeit.
Doch was mich tragen sollte
Nach Wirklichkeiten,
Es hat genommen mir,
Was ich hatte,
Und des hochsten Lebens Kraft
Ward Todeshauch in mir.
Ob ich zweifeln soil,
Erstes Bild
Ob glauben an die
Hohe Verkiindigung -
Selbst dieses kann ich heute
Nicht mehr mit Klarheit denken.
Ich sehe, daB die geahnte Welt leben kann,
Denn in dir lebt sie vor mir,
Doch mir ward Tod,
Als ich begann zu warmen meine Seele
An dem Wesen, das in dir
Des neuen Wortes Kraft gebildet.
Und mir fehlt selbst die Kraft,
Zu lieben dich.
Lilie: Ich muB seit Jahren es erkennen,
Da8 meine Art, das Wort zu leben,
Wie sengend auf die Menschen wirkt,
Die treten vertrauend in meines Lebens Kreise.
Sehen mufi ich, wie lebengebend
Es dringt in alle Menschenschichten,
Wie anders des Daseins Pfade
Wandeln die Menschen,
Die ein jeglicher auf ihre Art verstehn,
Was fruchtbar ihnen zum Herzen spricht.
Wollen aber einige an meiner Seite
Leben, was sie sonst so herrlich pflegt,
Sterben sie an Hofmungen und Zielen.
Und ein Hochstes muBt' ihnen doch sein
Nicht weniger, was mir ein Hochstes.
In Wahrheit zeigt davon sich
Nur ein furchtbar Gegenbild.
An dir, mein Freund,
Enthullt sich das Furchtbarste.
Ich dachte in Warme des Herzens
Die P forte der Einweihung • Erste Niederschrift
Dir zu tauchen, was dich tragen sollte,
Doch meine Warme
Ward zum Gegenteil in dir.
l. Irrlicht: So hat man derm
Die langen schonen Jahre seines Lebens
Verbracht, zu erkennen,
Was als Frucht tausendjahrigen
Menschlichen Sinnens
An unser Innres pocht.
In frischer Jugendkraft
Hat man erfafit, was
Durch Zeitenwenden
Die Menschen als Ideale errungen.
Und abgeklart zur Lebenskunst
Schien, was auf Schulbanken erobert
Und was als Erfahrung langsam gereift.
Besann man sich jedoch genauer,
Es zeigte sich,
DaC das Errungne
Doch kaum an des Herzens
Sehnsuchten drang.
Die machtigsten Gedanken,
Die suchenden Menschengeistern entstammen,
Schienen zwar mancher Frage
Antwort zu geben,
Doch wollten sie dem Fiihlen
Sich nahen, waren sie schwach.
Und wenn gar dem Wollen
Leitsterne sie sollten sein,
Dann zeigte vollends ihre Ohnmacht sich;
Und alter Gewohnheiten Uberkraft,
Der Uberlieferung heimliche Macht
Erstes Bild
Nahm den Menschen in Gewahrsam.
Und nun tritt vor die Seele
Zwar lehrhaft die neue Verkiindigung,
Doch wie mit Lebenskraft
Scheint sie zu umspannen
Das ganze Gedankennetz
Und zu formen den Charakter,
Angreifend des Menschen Innerstes.
Ich habe durch manches anders denken gelernt ;
Anders sein zu konnen, scheint mir
Allein durch solche Offenbarung moglich.
Recht diinkt es mir, daB Lehren
Schatten sind gegen das Leben,
Und daB des Menschen Wesen
Selbst Schatten bleibt, wenn es
Den Taten fern nur in Ideen sich ergeht.
Doch hier scheinen Worte selber Leben
Und Lehren webende Kraft zu sein.
So scheint es mir, wenn ich betrachte
Die Wirkung auf manchen,
Den ich sehe stehen im Lichte
Dessen, was mir doch nichts ist
Wie eine Weltansicht unter vielen.
Uns, die gereift wir sind
An anderer Denkungsart,
Erklarlich schien uns solche Wirkung nur,
Wo uberhitzter Sektengeist
Die Seelen einlullend
Sich iiber die Menschen goB.
Doch hier ist man entfernt von aller Sekten Art.
Man spricht zu Vernunft und Geist.
Doch findet durch sie man
Des Herzens edles Feuer;
Die Pforte der Einmihung • Erste Niederschrift
Sogar des Willens starkste Krafte.
Und nicht in uberhitztem Redeschwall,
Der mit vielen Worten
Stets ein gleiches Seibstverstandliches,
Behagliches in anspruchslose Seelen traufelt,
Erreicht man solche Wirkung. -
Gestehen muB ich, dafi Gedanken
Subtiler und umfassender zugleich,
Als je in unsren Philosophien wir finden,
Die Grundlagen hier bilden. -
Und dafi an Denken und Sinnen
Nichts solche Forderungen stelit,
Was wir erwachsen sehn
Auf unsrem Boden.
Doch mir kann das Erfahrene
Nicht sein, was es ist so vielen.
Es bringt manchen aus dem Geleise,
Gibt frohe Hoffnung und Lebenssicherheit dern
Ich aber habe zu viel gelernt, [andern.
Um nicht zu wissen,
DaB irgendwo der RiB klaffen muB.
Die Wirkung seh ich ;
Allein, ich kann nicht
Der Ursache Wahrheit glauben.
Ich will verstehn,
Verstehn mit allem, was ich mitgebracht
Aus heiBen Strebens klarer Frucht. -
Es ist, als ob, so sehr in dieses Labyrinth
Ich mich auch ganz ergeben mochte,
Uberall - als ob mein kritischer Sinn
ZuriickgestoBen wurde
Als etwas, was diese Welt
Nicht in sich ertragen kann.
Erstes BiU
2. Irrlicht: Ich muB im vollsten Sinne
Bekennen mich
Zu dem zuletzt Gesagten.
Es will sogar mir scheinen,
Als ob wir starker bestehn mufiten
Auf strengster Verleugnung dieser Denkungsart.
Nicht sollten in Betracht wir ziehn
Allein den Wert hoher Ideen und Ideale,
Welche gebaren kann das Gedankenwesen.
Wir miissen priifen, ob der Grund gediegen.
Und der Grund dieses Gebaudes
1st briichig, wo man ihn auch faBt.
Zwar weiB niemand, woher des Denkens Quell
sprudelt
Und wo des Daseins Fundament gelegt. -
Wie aus Unbekanntem scheint sich
Zu enthiillen der Dinge
Und des Menschen Dasein. -
Doch haben wir nur Sicherheit des Lebens,
Wenn wir den Sinnen vertrauen
Und der Erfahrung sicherer OfFenbarung. -
Unsere Vernunft, sie weist uns selbst dahin ;
Und horen wir auf,
Unserer Vernunft zu folgen,
So sinken wir ins Ungewisse.
Es verleugnet diese Lehre
Der Erfahrung sicheren Grund;
Es verwirrt diese Ansicht
Des Denkens feste Fiigung.
Menschen, die durch wahre Stiitzen
Erbauen wollen die Lebensart,
Diirfen sich nicht blenden lassen
Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift
Durch Schwarmertraume
Und Hirngespinste.
l. Irrlicht: Unwahres sagt* ich,
Wolit' ich leugnen,
DaB beruhigend solche Worte
Gar oft audi meine Seele
Zu sich selber sprach.
Denn sie rechtfertigen,
DaB mein Denken wie
ZuriickgestoBen wird von
Dem, was mir doch gefallt.
Und als ein Mann,
Der zwei Jahrzehnte langer
Des Lebens Strom
An sich voriiberziehen lieB
Als ihr, er darf wohl
Ein wenig abschwachen,
Was ihr so sicher eben hingestellt.
GewiB gibt es auch fur eure Seele Augenblicke,
In denen sie schaudert,
Wenn eine dunkle Gestalt sie ahnt»
Die als ihres Wesens Ursprung
Wie ein Alp sie bedruckt. -
Und wenn aller Gedanken
Sichere Wirkung verheiBendes Morphium
Wesenlos abprallt an dem dunklen Wesen,
Das uns ins Dasein gebracht:
Ja, dann empfinden wir:
Wie sinnlos sicheren Denkens Sinn ist,
Erweist er sich wie unbrauchbares Metall,
Zu durchsetzen des Lebens stromend Meer.
Erstes Bild
Lilie: Wenig wird verschlagen
Im Kreise der ernsten Denker
Des Weibes Urteil.
Zwar hab ich gesehen,
Seit ich zehn Jahre diene
Dem lebensvollen For schen,
Das Quell sein soil
Zukunftiger Menschheittaten,
Mehr der blutenden Herzen,
Mehr der sehnenden Seelen,
Mehr der gebrochenen Seelen,
Als in andrer Lebenslage
Audi nur geahnet wird.
Doch es laBt sich in Begriffe,
Wie sie jetzt allein bekannt,
Kaum formen, was lebend
Meine Seele schaut.
Ich schatze deiner hohen Ideale Flug
Und deines Wissens stolze Sicherheit.
Ich weiB, daB zu deinen FiiBen
Sitzt Jahr um Jahr
Eine erlesene Horerschar,
Und daB deinen Buchern
Entstromt fur zahllose Seelen
Schonste Kunde herrlicher Menschen.
Und ich weiB auch,
DaB, setzest du fort deinen Weg,
Du manche Gaben bringen wirst
Aus deiner Heilstatte
Der leidenden Menschheit.
Doch ihr merket beide nicht,
DaB neuer Zeiten Forderung
Geschrieben steht am Himmel
Die P forte der Einweihttng • Erste Niederschrift
In geheimnisvollen Zeichen.
Neues Leben braucht der altgewordne
Baum der Menschheit;
Und wenn ihr lebt
Auch im sichersten Sein
Nach alter Gewohnheit MaB
Und findet nur, wozu das Alte drangt,
Ihr werdet des Baumes Rinde wohl pflegen,
Doch sterben sehen sein lebend Mark.
l. Irrlicht: Ich habe in manches Schiilers Herz
Erfrischung sehn aus meiner Rede flieBen.
Mancher wirkt heute in des schweren Daseins
Sinnt von Morgen zum Abend [Kampf,
An schweren Rechnungen,
Und wenn er dann MuBe hat
Im Drangen eines niitzKchen Lebens,
Gedenkt er, wie vor Zeiten
Ich ihm der Dichter Seele erschlossen,
Und Sonnenschein ist ihm
Dies im schweren Leben.
Freunde sind mir manche Schiller geworden;
In ihnen konnt' ich sehen,
Wie doch meines Strebens Ziel
Fortwirkend sich erweist.
Verloren glaub ich nicht mein Leben,
Wenn auch in meine Gedankenart
Des neuen Geistes Wesen nicht sich fiigt.
So darf ich hoffen,
DaB fur kiinft'ge Zeiten
Einen Teil von Menschenschicksalen
In meiner Art die Arbeit
Mag anspruchlos bestimmen.
Erstes Bild
Lilie : Nichts brauchtest zu nehmen du
Von deinen Worten,
Wenn auch des neuen Geistes Flug
Ergriffe deine Geistesart,
Und dein Teil,
Start abzuschlieBen sich
Im engen Kreis,
Sich anschlosse an das Lebensganze,
Das Licht ergieBt iiber alles,
Weil es will dem All entstromen.
2. Irrlicht: Unbehaglich diinkt mir
Deiner Rede blendend Traumeslicht.
In engem Kreise
MuB streben,
Wer des Ganzen Heil
Mich sicherer Kraft erstreben will.
Die Krafte, welche fugen sollen
Meiner Arbeit Frucht
Zum Ganzen des Menschheitwohles,
Ich kann sie lassen unbervihrt.
Es hat stets das Ganze angenommen,
Was brauchbar dem Einzelnen entstammte.
Lilie : Das eben ist alter Gewohnheit Denkungsart,
Und finden wird die Welt sich miissen
In andrer Ideen Bahnen.
l. Irrlicht: Zum mindesten erscheint mir
Einseitig die Geistesstromung,
E>er du dienst.
Von hohen Ideen hort' ich heute viel,
Von Geisterwesen und Seelenwelten.
Die P forte der Einmihung • Erste Niederschrift
Du hast uns hier versammelt,
In einer Welt zu sein,
So scheint es,
Welche weltenfern sein konnte
Den Welten, welche wenige Schritte
Da drauBen liegen vor den Fenstern.
So wenig tont auch nur
Ein Abglanz davon herein.
Und doch wie Bedeutsames
Spielte erst heute morgen sich ab
In der Stadt, in der wir hier traumen.
Nach wochenlangem Redesturm,
Nach furchtbarer Aufwuhlung
Unendlicher Leidenschaften
1st heute Gesetz geworden,
Wodurch die Heere hungernder Menschen
In Zukunft froheren Herzens
Dem Sonntag werden entgegenschaun.
Da scheint mir mehr des Lebens
Strom in Wahrheit zu flieBen
Als in den Salen,
In denen erklingen
Auch die lichtvollsten Ideen
Uber Geisterwesen und Seelentiefen.
2. Irrlicht: Und wesenlos scheint hier zu sein,
Dafi einer meiner Lehrer
Nach jahrelangem Forschen
Im entsagungsvollen Leben
Ein Mittel endlich gefunden,
Ein Leiden zu bessern,
Das Tausenden bisher
Den sichern Tod gebracht.
Erstes Bild
Und endlich, will man sehen,
Wo Leben bliiht und Zukunft leuchtet,
So blicke man auf den Mann,
Der hier in unsrer Mitte weilt,
Aus dessen Mund man kaum
Ein Wortchen hort wahrend langer Abende,
Und der von fruh bis spat
Im SchafFensraume steht.
Ein Mann ganz Wille und Kraft.
Wo andre sprechen, da tut er.
Es sprachen viele driiben.
Er schwieg ; in seinen Ideen
Lebt gewiB die segensvolle Arbeit
Des morgenden Tages im voraus.
1. Irrlicht: Mein junger Freund
Hat Ihre Arbeit eben geriihmt.
Es ist mir selbst seit lange Bedurfhis,
Zu sehen an Ihrer SchafFensstatte,
Was ungezahlten Menschen
Von solchem Nutzen ist.
KONIG DES WlLLENS:
Es wird mir Freude sein,
Sie einmal bei mir zu sehn.
2. Irrlicht: Darf auch ich dem Freunde mich anschlieBen?
Wenn auch in andren Bahnen
Meine Arbeit verlauft
Als sie die Statte Ihres SchafFens zeigt,
Von tiefstem Interesse
Wird mir doch sein,
Die Pforte der Einmibmg • Erste Niederscbrift
Ein technisch vollendetes
Getriebe zu sehen.
KONIG DES WlLLENS:
Wann darf ich die Herren bei mir begriiBen?
Der Mann mit der Lampe tritt ein, es geht ihm Lilie
einige Schritte entgegen.
Lilie: Oftmals ist mir von Ihnen erzahlt worden.
Und deshalb ist mir heute wichtig
Diese unsre erste Begegnung.
Bis jetzt aber horte ich kein Wort
Aus Ihrem Munde.
Und doch wurde mir gesagt,
DaB man so vieles von Ihnen lernen kann.
Mann mit der Lampe:
Wer hat von mir erzahlt?
Lilie : Es kommt hieher oft ein Mann,
Der Sie seit manchem Jahre kennt;
Nur heute ist er nicht in unsrer Mitte.
Stets versicherte er mir,
DaB Sie sein wahrer Lehrer seien.
Mann mit der Lampe:
Ich weiB nur, daB ich selber
Ein ganzlich ungelehrter Mann bin.
Lilie: Er sprach mir da von,
Wie Sie ihm deuteten
Der Pflanzen Wesenheiten,
Erstes Bild
Als ob der Weltengeist selber
Aus jeder Form leuchtete.
Mann mit der Lampe:
Dann wohl muB in mir selber
Dieser Geist verborgen sein.
Denn ich weiB nur zu sagen,
Was im Herzen mir lebt.
Lilie: Doch erkannte mein Freund
Manches tiefen Ratsels Sinn
Erst, nachdem Ihr Herz
Es ihm gedeutet.
Mann mit der Lampe:
Mag sein, daB in seiner Klugheit Widerschein
Er schaut, was ich traume
Und spreche, als ob selber ich es nicht wiiBte.
Lilie : Er erzahlte mir, wie er
Sie auf Wanderungen begleitet,
Wo Sie die Krauter sammelten
Und die Wurzeln,
Welche fur die Drogisten Sie besorgen.
Und er erzahlte mir,
Wie Sie ihn fuhrten
An verborgne Stelle,
Wo auf harter Felsenplatte
Im Boden, den kaum Erdreich deckte,
SproBten seltsame Pflanzenformen ;
Und wie in wildem Sturme
Dort Dormer und Blitze
Sich entluden,
Die Pforte der Einmibung • Erste Niederscbrift
Doch anders als sie
Sonst die Menschen sehen.
Wie der Elemente geheime Offenbarung
Ertonte in ferner Felsenhohe.
Und noch manches
Mann mit der Lampe:
O, es klang
So anders, als Ihr Freund
Mir sprach von diesen Dingen,
Als ich selbst sie schaute
Immer wieder bei meinen stillen Wanderungen.
Ich spreche aber kaum zu mir selber,
Wenn das Geschaute
In meiner Seele lebt.
Oft aber habe ich gefunden,
DaB dies Geschaute
Meinem Worte Kraft gibt,
Zu trosten Tiefgebeugte,
Zu losen Ratsel,
Die mir selber niemals Ratsel waren.
Konig des Gefuhls :
Es ist mir so klar, was ihr sprecht.
Viele Worte machen manche Menschen,
Zu ergreifen des Weltengeheimnisses Sinn.
Doch denkend werden sie es nie erfassen.
Im Gefiihle liegt das Licht,
Das in die Tiefen leuchtet.
Die auBere Welt mag forschend
Der Gedanke durchdringen,
Erstes Bild
Was im Innern lebt,
Erahnt nur das tiefe Fiihlen.
Mann mit der Lampe:
Oft hab ich Menschen eurer Art gefunden,
Die offen hatten Herz und Sinn
Fur meine Gesichte,
Doch wollt' ich selber sein in ihrer Art,
Ich bliebe leer in meiner Seele.
Lilie : Vor mir erscheint durch euch
Selber ein herrlich Bild.
Des einen Gefuhles Warme
Durchstromt des andern
OfTenbarung und leuchtend
Wird seiner Worte Kraft.
KONIG DES WlLLENS I
Es lebt in beiden
Derselben Urkraft Sein.
In den Dingen ist sie schaffend Wesen,
In den Menschen klarende Weisheit.
Der Erkenntnis Licht
Ist selber schaffende Kraft,
Wie es geschaffen hat
Durch Zeitenweiten
Wesen nach Wesen,
So spiegelt es der Dinge Griinde
In vielen Arten in der Menschen Seelen.
Der Weise sieht es in Ideen,
Der Kiinstler in Farben und Formen,
Der Werkende laBt es
Die Pforte der Hinweihmg • Erste Niederschrift
Walten in seiner Glieder
Schaffendem Wollen.
Schlange: Solcher Rede Inhalt konnte nimmer
Entspringen in meiner eignen Seele,
Doch hore ich ihn,
Rinnt er mir durch alle Adern.
Ich kenne seine Macht.
Selber verlange ich kaum nach ihm.
Doch gibt er mir Kraft,
Wie kh sie brauche,
Wenn mein Weg mich fiihrt
Durch des Lebens schweres Elend,
Das iiberall mich trifft
In meinem wechselvollen Beruf.
Lilie: Ich kenne deine hohe Seele
Und weiB, wie du nur
Andern lebst. Hunderte
Hast du gepflegt in schwerer Leidensstunde,
Tausenden warst du Engel des Trostes.
Schlange: Es wiirde tief mich beschamen,
Sollt* an andrem Orte
Von anderm Munde ich solches horen.
Denn mir war immer klar,
Mir gelingt nur, wovon ich
Selbst nicht spreche,
Was der Welt unbekannt bleibt.
FRAU DES MANNES MIT DER LAMPE iuf Lilie:
DaB man zu jeder Stunde
Und in jeder Gegenwart
Erstes Bild
Bei meiner Hchten Freundin
Eintreten kann, ist mir bekannt.
Ich suche meinen Mann
Mit tiefstem Kummer im Herzen.
Vieie der Schicksalsschlage
Habe ich erfahren.
Doch Schwerstes lastet heute auf mir.
Unser Sohn war die Leuchte,
Die unsere Hoffnung in die Zukunft trug.
Er war ein Goldkind vom ersten Tage an,
Und wenn wir selbst in harter
Sorgenvoller Arbeit uns qualten
Die miiden Tage hin,
So durften froh unsre Herzen schlagen,
Dachten wir der Zukunft des Kindes.
Und eben kam er nach Hause
Wie gelahmt an alien Gliedern,
Gebrochen an Leib und Seele;
Er stand vor seinen strengen Priifem,
Sie hatten ihn gefiittert lange Jahre
Aus ihrer Weisheit triigerischem Quell -
Und als er antworten sollte,
Erschienen seine Antworten ihnen
Nur Tollheit -
Lilie: Meine Freundin, euer Sohn ist
Aus andrem Metall
Als jenes ist, das in den Schmelztiegeln
Derer schmilzt, die ihn verstoBen.
Ihn totete tote Weisheit;
Er ist eine der Seelen,
Die erwarmen werden
An der Weisheit, die als Traum nur
Die P forte der Einmibung • Erste Niederscbrift
Erscheint heute denen,
Welche irrende Weisheit
Hungernden Herzen wollen kiinden.
Ich weifi, die Zeit wird kommen,
Da Menschen des Schlages,
Wie euer Kind es ist,
Den Strom des Lebens
Erhalten werden aus unsrem Brunnen.
* *
Mensch: Bleibe eine Weile noch bei mir;
Es ist mir bange - so bange.
Lilie: So ist das Leben.
Man braucht es wahrlich nicht zu belauschen
In dem Wechsel des Tages ;
Die Seelen liegen offen
In jedem Worte,
Und bis auf der Herzen Grunde
Schaut man, wenn zusammenstromen
Die Typen, welche doch sich nur wiederholen
In den Einzelnen, die drauBen wandeln.
Mensch : Gespalten war meine Seele,
Wahrend alles dies hier vorging.
Stumpf nur faBte ich des Lebens Ausschnitt.
Dazwischen stiegen mir der eignen Vergangenheit
Bilder herauf.
Ich dachte der Zeiten,
Da ich zu dir kam.
Erstes Bild
Vorher lebte ich ja im Elternhaus;
Stolz erfullte meinen Vater
Jedesmal, wenn ein Freund
Ihm sagte, welch hoffnungsvoller Sohn
In mir ihm erwuchs.
Und ais ich dann
Zur Malerschule kam,
Da wartete man der Ferien stets
Mit Ungeduld,
Zu sehen, wie weit der Liebling es gebracht.
Mutter und Geschwister sprachen
Mit hochtrabenden Worten
In ihren Kreisen von meiner Begabung.
Ich selbst war voll HofTnung.
Ich fuhlte Tag urn Tag meine Krafte wachsen.
Und der Kunstlerschaft Bliite
Lebte mir in lichtvollen Traumen.
Da horte ich wie durch Zufall
Von den hohen Lehren,
Die mir schienen aus Geistertiefen 2u klingen.
Ich kam nicht mehr los von ihnen.
Ich suchte ihren Quell.
Kurz nur dachte ich meine SchafFenskraft
Zu befruchten mit dem Leben,
Das mir schien Leben zu geben.
Ich fand dich.
Du lebtest in meinen Malertraumen;
Du fuhrtest mir mit deiner Worte
Begeisterung die Hand,
Und hoch schlug mein Herz,
Konnt' ich denken,
DaB in meinen Formen, meinen Farben
Werden sprechen in andrer Art
Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrifi
Die Lebenslehren, die ich taglich horte.
Ich folgte den Ratschlagen meines Fiihrers.
In der Stille der Seele
Suchte ich zu erwecken
Schlummernder Krafte Quell.
Und wie ich hoffte,
Ward immer geringer die Kraft ;
Immer unsicherer die Hand.
Doch ich hoffte - mir ward
Gesagt - so muB es sein.
Nachdem drei Jahre verflossen
An deiner Seite waren,
Starb meine Mutter;
Und ich reiste in die Heimat.
Nicht wieder erkannte ich der Eltern Haus ;
Fremd war mir, was mir einst vertraut;
Fremd die Menschen
Und fremd ihr ganzes Sein.
Lilie: Warum, o Freund, beschwerst
Du jetzt deine Seele
Mit Erinnerungen, die oft
Du mir erzahlt.
Ich sagte dir immer,
Wenn solchen Gedachtnisses schwarze Macht
In deinem Herzen aufstieg,
DaB ein Wesenspunkt
Unsres Weges noch uniiberwunden
Von dir ist
Trotz deines schonen Strebens.
Deine Seele war an dem Punkte
Ihrer Entwicklung,
Da ganz in sie greifen muB
Erstes Bild
Der leuchtenden Krafte
Schaffende Macht.
In deines Innern Mittelpunkt
Darf als erstes nur sie leben.
Und nur wenn sie beleuchtet
alle andern Glieder deines Wesens,
Ergliihen diese in neuem Leben.
Sonst aber ersterben sie dir
Mit jedem Tage mehr
In diesem Leben.
Alles wirst du wieder haben,
Wenn das eine nur nicht
Machtlos wird in dir.
Mensch: Wohl hab ich dir oft gesprochen
Von allem, was mich getrennt
Von Menschen und Dingen,
Die ich liebte und die mich geliebt.
Doch eins verschwieg ich dir.
Und gerade dies ist, was
Meine Nachte mit Angst erfiillte,
Was Schrecken jagte in meine stillsten Stunden.
Meine Heimat hab ich verlassen,
Doch, die mich liebten, haben sich
Nach schweren sorgenvollen Jahren
Mit meinem Wege wohl versdhnt.
Und ohne Kummer darf ich denken
An die Statte, die ich verlassen;
An die Hoffhungen, die ich getauscht.
Doch wovon ich dir noch nicht sprach,
Es ist, daB ich Erwartung gegossen
In ein zweites Herz,
Das sehnsuchtig lauerte der Stunde,
Die Pforte der Einweihung • Erste Ntederschrift
In der ich wiederkommen sollt\
Es wollt' mich halten,
Da ich zu meiner Mutter Leichenfeier kam.
Unsaglicher Leiden Ursache
Ward da mein neuer Lebensweg.
Und jede Trane, die ich
Damals weinen sah,
War brennend in meiner Seele
Und schleicht sich wie ein boser Damon
In die Gedanken, durch die
Ich suche nach den lichten Hohen.
Oft nab' ich mir gesagt:
Gelassen will ich tragen mein eignes Geschick >
Doch daB dieses einen zweiten Menschen
Mit in den Abgrund gerissen,
Das bringt Grausen in mein Streben,
Das macht mir alles zum zehrenden Feuer;
Das laBt in Schrecken erbeben
Mein Innerstes, wenn ich ruhig sein soil.
Lilie : Tiefer Gesetze Sinn erfullt sich in deinem
Dir ist noch Lehre nur, [Geschick.
Was dir Leben sein soil.
Es triigt dich eines Irrtums Schein.
Du muBt erkennen,
DaB es hohere Bedeutung gibt
Eines Menschenschicksals als die alltagliche.
Erkennst du nur die letzte,
Ist dir Karma noch nicht, was es dir sein soil.
Es diirfen unzahlige so urteilen,
Wie du es tust
In dieser Stunde;
Du jedoch darfst es nicht.
Erstes Bild
Sollten unsere Erkenntnisse
Nur unsere Ansichten andern,
Sie waren nichts.
Nur dann sind sie etwas,
Wenn das Leben sie neu gestalten.
Wenn Leid vor ihnen wird
Zum heilenden Wesen
Und Freuden erspringen
Aus ganz neuen Quellen.
Und nun geh in Ruhe zu dem,
Der dich fuhren soli auf dem Lichtespfade.
Er wird heute dir Wichtiges
In den Grund der Seele
zu senken haben.
Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift
1. Madchen: Mir ist, als ob meine Seele
Immer gewuCt, was dieser Ideen Reich
Mir gezeigt als Sinn der Vergangenheit
Und Ziel fur die Zukunft.
Zweifel qualten nie meine Seele,
Die in andern zehrend leben;
Doch unendlich wonnevoll
Ist das neue Leben,
Das mir aus diesen Welten kommt.
2. Madchen: Auch mir erscheint nicht neu,
Was vielen so zweifelhaft ist;
Als ob ich es immer gedacht,
So scheint mir alles, was
In den Worten dieser Lebenslehre liegt.
3. Madchen : Meine Starke verdanke ich
Der Kunde, die zu mir spricht,
Als ob andere Lehre unmoglich.
Ich ware untauglich zu allem,
Ware wahr nicht, was aus
Diesem Leben strdmt.
Nicbt in das Drama aufgenommenes Btld
Mjensch: Bin ich unwiirdig eures Wortes?
Oft wieset ihr mich an,
Des Lebens wechselvolle Bilder
In mich aufzunehmen
Und befruchten zu lassen
Von der Kraft der Worte,
Die ihr zum Erklimmen
Des Lichtpfades mir geraten.
Hierophant : Du hast ein Stuck des Lebens
Heute an deiner Seele
Voruberziehen lassen.
Nur eins soli jetzt von
Alle dem Wechselvollen bleiben,
Das dir vor Augen getreten.
Wie Wellenspiel eines tiefen Meeres
Sollen dir die Menschen sein,
Sich erhebend aus tiefem Wesensgrunde.
Und einsenken soil deine Seele sich
In diesen tiefen Grund.
Die Sprache des AuBern hast du gehort.
Entsteige dem AuBem
Und hore die Sprache der Fiille -
Und schauen wirst du,
Wie in den Tiefen erscheint,
Was an der Oberflache
So leicht sich krauselt.
Du bist wie tot im vollen Leben;
Du hast im Laufe der Jahre
Furcht kennengelernt,
Wie sie ahnen nicht einmal
Die P forte der Emweihung • Erste Niederscbrift
Die gewohnlichen Sterblichen.
Du hast Angste durchlebt,
Die manchen toten muBten.
Was man sonst Leben nennt
Mit all seinem Streben und Hasten,
Mit alien Wonnen und Tauschungen
Der Liebe und des Hasses,
Was man erfahrt in grausen Schicksalsschlagen,
Es ist wenig gegen das,
Was im Kampf zwischen Licht und Finsternis
Deine Seele durchlebt.
Du hast verloren deine Kraft,
Du hast gelahmt dein Denken,
Du bist fuhllos geworden -
Und ich selber, der dich gefuhrt,
Bin dir oft nur ein Mensch,
An den zu glauben keine Kraft [du] mehr hast.
Doch es schlafen nur deine Krafte,
Und wie die schlafende Seele
Den miiden Leib jeden Tag
Neu erquickt
Mit der Kraft des Geisterlandes,
So sind der Ewigkeit Krafte
In deinen gelahmten Gliedern.
Du sollst sie erwecken,
Und neu wird dein Wesen,
Dein Tod der Enthuller
Deines Lichtlebens sein.
Ich iiberlasse dich dir selbst.
Mensch: Er lafit mich allein.
Ich will im Nachklange
Seiner Worte leben
Nicht in das Drama attfgenommenes Bild
Und hoffen, daB in meinem Schauen
Erwachen die Krafte,
Die in mir wirken miissen,
Da sie getotet haben,
Was ich bisher besessen.
Drittes Bild / ZweiUs Bild
[Geistesstimme]
Es steigen seine Gedanken
In Urweltgrunde.
Was als Schatten er gedacht,
Was als Schemen er erlebt,
Entschwebt der Gestaltenwelt,
Von deren Fulle
Menschen denkend
Schatten traumen,
Von deren Fiille
Menschen sehend
Schemen leben.
*
* *
Mensch : So klingen sie mir
Wohl seit drei Jahren
Die schwerwiegend-bedeutungsvollen Worte.
Sie tonen mir aus der Erde festem Grund
Und aus Luft und Wasser.
Wie sich der Pflanze Lebenskrafte
Geheimnisvoll im Keime verschlieBen,
So gerannen die hohen Ideen,
Die ich seit zehn Jahren
Wirken lieB in meine Seele,
In diesen einen Satz zusammen:
Mensch, erkenne dich.
Gedanken nennen die Alltaglichen
Nebelgebilde, erzeugt im Menschenhirn,
Sie stellen dagegen
Die ihnen machtige W T elt der Leidenschaften
Z mites Bild
Und das vollsaftige sinnenfallige Erlebnis ;
Sie glauben durch diese bestimmt
Der Menschen wahre Interessen
Und wechselnde Geschicke,
Und grau erscheint ihnen jeglicher Ideenbau.
Ich habe es ander s erfahren.
Leicht konnt' zurecht ich mich finden
In allem, was der Alltaglichen
Herzen im tiefsten Innern erschiittert.
Wenig beriihrt wird meine Seele
Von Liebes- und Hasses-Folgen,
Die im Alltaglichen
Gewaltig scheinend
Schicksale Schmieden.
Doch der Gedanken gigantische Macht,
Sie hat mich getragen in Schicksalsspharen, .
Hoher als alltaglich Lieben und Streben;
Sie hat mir Wonnen gezeigt,
Die nie ein Herz fuhlen kann,
Das nur durch Augen geschaut.
Sie hat auch Schrecken mir gewiesen,
Gegen die leichtes Spiel ist,
Was sonst die Menschen
Zu Boden schmettert.
Ich weiB, daB Schein es nur ist,
Wenn von Ideen man spricht,
Was mir verkorpert in urferne Weltenweiten
Der Erde Werden und des Menschen.
Worte hort* ich zuerst von
Langstvergangnen Erdenverkorperungen.
Die Worte wurden mir Boten
Aus verborgnen Weltenspharen.
Durch meine Adern rannen ihre Krafte
Die Pforie der Einmihung • Erste Niederscbrift
Und lebten in meinen Pulsen,
Wie sonst nur Blutesstoff lebt,
Und im eignen Denken
Funk* ich geheimer Welten Weben.
Ich glaubte nur gelernt zu haben,
Doch ich fiihlte nach und nach,
DaB ich ein andres Wesen geworden.
Wie Hiille dieses Wesens
Erschien mir der Mensch,
Der ich einst war.
Ich konnte betrachten ihn,
Wie ich einst Wesen betrachtet,
Die meinem Auge sich boten.
Ich aber ward entriickt in Weltenraume.
Das Feuer urferner Erdenzeiten
Konnt* ich fuhlen
Und schauen, wie es
Meines Tagesmenschen Blut gekocht.
Die Luft lichtdurchstromt
Konnt' ich schauen -
Und meines Denkens
Ursprung trat vor meine Seele.
Und was Wasser nur mir einst war,
Enthullte mir die Geister,
Die bildend mein BewuBtsein mir gaben.
Und das alles war nicht graue Lehre,
War personlich Schicksal.
Ward mir nahe,
Wie dem Menschen
Nahe ist warmes Freundesherz.
Mein altes Wesen hatt' ich verlassen.
Ein neues schien aus mir geboren,
Und alles, was mich gewandelt,
Zweites Btld
Es wandelte selbst sich in das Echo,
Das mir nun tont aus meiner neuen Welt:
Mensch, erkenne dich.
Gefiirchtet hab ich einst
Gotterwelten und Geisterwesen;
Diese Furcht ist langst dahin.
In den Abgrund ging sie
Mit allem, was ich einst begehrt,
Mit allem, was ich vorher gehafk.
Doch aus dem Abgrund
Blickt mich jetzt an
Ein Wesen, furchtbarer als aller Damonen Heer,
Schreckensvoller als alle Schilderungen
Menschlicher Schrecken.
Was ich selber einst war,
Was ich glaubte verlassen,
Es starrt grausig mich an
Mit entsetzensvollen Blicken
Aus des Abgrunds Tiefen.
Das bin ich.
Ich habe von den Fesseln gehort,
Die einst Prometheus schmiedeten
An des Kaukasus Felsengrund.
Gering erscheinen mir diese Fesseln,
Fiihl ich mich geschmiedet
An mein eigen abgriindig Selbst.
Ja, da schwebst du,
Furchtbar Ungeheuer.
Du ertotest mir wie vernichtend Gift
Die letzte Spur meines Willens.
Eisig dringen in meine Glieder
Die Krafte, die hohnvoll
All mein Fuhlen verzehren,
Zweites Bild / Drittes Bild
Will ich der Erde entfliehen
Zu geistdg reinen Hdhen.
Und wenn ich klar
Schon glaubte zu schauen
Der Ideen hehre Welten,
Du breitest mit deinen Diinsten
Einen schwarzen Nebelflor,
Und blind wird meine Seele.
Lilie [zum Kind] :
Sieh dir immer wieder an,
Wie die vier Bilder
Sich folgen,
Und manches Wort wirst du mir
Noch sagen wollen,
Das dir die Bilder sagen.
Lilie: Verschweigen kann ich euch nicht,
Ernste Sorge macht mir der Freund.
Ihr wifit es besser, als ich es wissen
Wohin der Weg ihn noch fiihrt,
Den ihr ihn gewiesen.
Ich kann schauen euer Licht.
Die Finsternls habt ihr von mir genommen ;
Deshalb kann MiBtrauen nie mich besturmen
In die Helligkeit der Geisteswelt.
Und da6 der Zukunft Licht
Drittes Bild
Ihr bringen werdet,
Das ist mir gewiB.
Doch leiden kann ich mit allem,
Was da lebt zu jeder Zeit.
Und so leid ich mit dem Freund.
Ich fixhl die Kraft eurer Worte,
Doch seh ich fernen sich der Menschen Willen
Von dem, was in jenen Worten liegt immer mehr.
Ich selbst lebe ganz in diesen Worten;
Doch fremder wird mir stets die Welt.
Ich hab damit mich abgefunden,
Doch weiB ich von euch selbst,
DaB ganz zerreiBen nicht darf
Das Band, das sich webt
Von dem Geist zum StofF.
In dem Kinde, das eben von uns ging,
Sucht* ich es mir zu erhalten.
Als Findling ward einst es
Mir vor die Tiir gelegt.
Ich zog's heran, zur Tat gestaltend,
Was ihr fur Menschenwerden sagt,
Und eben wieder gab es mir Beweise,
Wie unendlich tief im Kinde schhimmert
Der Welten Urkeim, den eure Worte deuten.
Ich lieB von unserm Freunde malen
Des Insektes Werden
In bedeutungsvollen Bildern, *
Sich folgend das geheimnisvolle Leben
Vom Ei durch Raupe und Puppe
Bis zum Schmetterling.
In den kindlich-reinen Bildern,
Die lebensvoll mir eben
* [vgl. die Eingangsworte der Szene]
Die Pforie der Einwihung • Erste Niederschrifi
Die junge Seek enthiillte,
Liegen die Keime zum vollen Verstandnis,
Wie des Menschen Ich umschlieBt
Des Weltenalls Spiegel
Und wie es den geistigen Leib
In sich selber birgt und entlaBt.
Und wie dieser Leib
Sich spinnt zur Atherform
Und an der Sonne lichten Krafiten
Zum physischen Dasein sich entfaltet.
In schonem Einklang der Krafte
Konnte man werden sehen
Des Kindes Wesen von Tag zu Tag.
Doch nun steht mir bevor
Die schwerste meiner Pnifungen.
Unmoglich ist's, das Kind zu halten
Noch weiter im Kreise unsrer "Welt.
Wunderwirkend an des Kindes Seele
Schienen die Regeln des Werdens zu sein,
So feinbelauscht an echter Wirklichkeit.
UnbewuBt seiner selbst wirkte
In des Kindes Innern bis vor kurzer Zeit,
Was enthiillen sich sollte
Aus seines Wesens Keimen.
Es trat nun in das Alter,
Wo Gefuhle, aus dem tiefern Selbst geboren,
Erwachen in dem Menscheninnern,
Und mir selbst neigt in Liebe
Sich, was sich so enthullte.
Mein PersonHches beginnt das Kind
Als sein Vorbild fiihlen zu wollen.
Und schon zeigt sich unerwiinschte Frucht.
Es werden scheu des Kindes Blicke,
Drittes Bild
Und Lassigkeit zieht in all sein Wesen ein.
Auch leiblich wkd es untuchtig,
Und abstumpfen sieht man das Gemiit.
So seh ich dringen mein Wesen
Storend in den jungen MenschensproB,
Und unerlaBlich ist die Trennung.
Das letzte, was mich verkniipfte
Mit der hergebrachten Welt,
Es fallt mit dem Kleinen von mir.
Ich kann nur leben im Geiste;
Allein zu wirken ist mir versagt,
Und mit meinem ganzen Sein
Scheine ich versetzt in Wahrheit,
Doch in Wahrheit,
Die verliert die Wirklichkeit.
Ich dachte des Freundes Kraft zu halten,
Bis er erweckt in sich das Schlummerwesen.
Er scheint zu sinken ins Bodenlose,
Und zu entschwinden diinkt
Mit ihm mir die Welt.
Ich schaue vorwarts
Und ich schaue Licht,
Doch vor dem Licht
Den Abgrund.
Wie ihn uberschreken,
Das zu wissen durch dich
Verlangt nun meine Seele.
Hierophant: Stets wird dein Geist dich tragen
Ins Licht der Ewigkeiten.
Die Schrecken der Finsternis
Sind dir erspart.
Doch nicht die Wunden der Seele.
Die Pforte der Einweihmg • Ersie Niederschrift
Leiden iiber die Schmerzen der Zeiten,
Kann ich dir nicht ersparen.
Zu schauen das Licht,
1st deine Gabe;
Zu wissen das Geschaute,
Liegt auBer deinem Kreise.
Deshalb muB ich dir weisen
Jetzt die Bahn.
Da nahet deinem Herzen
Der tiefste Schmerz der Welt.
Fuhlen muBt du,
Was in dieser Weltenstunde
Als Weh durch alle Wesen
Schauervoll zittern wird.
Wie sterben muB der Mensch,
Um wieder zu erstehen
Mit den Fruchte-Kraften
Verbrauchten Lebensganges,
So miissen zerreiBen
Die alten Gliickesbande,
Die tausendjahrig
Gebunden haben an den Geist
Das dumpfe Stoffesleben,
Auf daB ein neues Gliick
Erbliihen konne im Staube des Alten.
Es spiegelt sich in deiner Seele,
Was wehvoll erlebt
An der Jahrtausend Wende
Die altgewordne Welt.
Ihr ist davon das BewuBtsein
Entzogen. In ihren Urbildern
Nur spielt sich ab
Der schmerzenvolle Wandel,
Drittes Bild
Sichtbar und fuhlbar
Nur den Sehern,
Die hinter des Daseins Schleier blicken.
Dich aber habe ich erkoren
Zum Spiegel des Geschehens.
Dein unendlicher Verlust,
Der schmerzlich dir in der Seele wiihlt,
1st Weltenschicksals Bild.
Du fiihlst, was Millionen erleben,
Aber urn es zu empfinden
Nicht Geistesfuhlen haben.
Es wird aber aus schwerstem Leid
Geboren werden des neuen Alters Gliick.
Fremd wird deine Seelenkraft
Den alten Menschenfahigkeiten,
Doch entringen sich dem Abgrund
Neue Krafte der Menschenwesen,
Und ihrem Werden
MuBt du Heifer sein.
In gunst'ger Stunde
Erlebt dein Freund die Wendung
Seines eignen Wesens.
Schwer gebaren sich
Seine schlummernden Krafte,
Weil die Weltengeister
Vollbringen eben
Andres Werk.
Sie formen an Menschenseelen
Keime k{in£Yger Seherkraft.
Im Entstehn ist die Epoche,
Da in die Geisterwelt zu schauen
Wird moglich sein
Der Seele auch,
Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift
Die nur im Alltag wachst.
Und wenn von einer Seite
Zerrissen wird das Band,
Das bindet den .Geist
An die StofTeswelten,
Es wird sich lichtvoll weben
Von der andern Seite.
Drum such im groBten Ungliick
Des hochsten GKickes
Vorbereitenden Grund.
Lilie : Ich weiB, daB ein Mensch
Tragen muB bewuBt,
Was unbewuBt
Fiir die andern verflieBt.
So will ich denn tragen die wunde Seele
Mit dem brennenden Feuer
Unendlicher Entsagung.
Schwer zu tragen waren sie,
Verteilten die Wunden
Auf Jahrtausende sich.
Doch muB ich sie leben
In so kurzer Frist.
Es gab auch fiir mich eine Zeit,
Da ich weinen konnte im Leid
An Freundes seele
Und gelindert fand den Schmerz.
Sie ist langst dahin.
Und Ewigkeiten scheinen mir
Zwischen jenem Alter zu liegen
Und dem jetzt erlebten.
Ich darf Verlorenes nicht wieder fordern.
Ich darf es auch nicht beklagen.
Drittes Bild
Es gabe in dieser Zeit
Niemand, der nicht als eitel Tr aum
Verwiirfe, was unendlich Leiden
In meinem Herzen ist.
Meine Leiden fanden klein
Die AUtaglichen
Neben den ihrigen
Und mein Schicksal
Fanden sie ein Schemen
Neben ihren Wirklichkeiten.
Mein Schmerz erst laBt mich erkennen,
Ehrwiirdiger Vater,
Deine sorgliche Weisheit.
Du hast auf besondere Art
Mich gefuhrt zu dem Punkte,
Da ich kennenlernen sollte
Der Welten Leid
Im Mittelpunkte ihres Wesens.
Fern hast du mich vorher gehalten
Allem, was in die hoheren
Lichtesspharen fiihrt.
Hatte ich sie zu £mh betreten,
Ware leer meine heutige Welt.
So aber lieCest du mich wandeln
Durch Zeitenweiten,
Zu erleben die Alltaglichkeit.
Ich habe des Lebens Konflikte erfahren,
Als ich weit davon war,
Sie in Ideen zu fassen.
Meine Seele lernte lieben
Und lernte den Zorn,
Da sie nicht ahnte,
DaB es Sanftigung
Die Pforte der Einmihung • Erste Niederschrift
Gibt fur Liebe und Zorn.
Meine Seele durfte jung sein
Und schwelgen mit allem,
Was Menschen erhebt;
Durfte der Kiinste Friichte genieBen
Und tauchen in der Natur wonnevolle Freuden.
Ich konnte lachen einst,
Wie nur Kinder lachen;
Ich konnte weinen
Wie Menschen, die Schmerzen sich bannen.
Alles das durfte ich in Zeiten,
Die so sich folgten in meinem Sein,
DaB jetzt das Weilen in Lichteshohen
Mir nichts nimmt vom Erlebten,
DaB in jedem Augenblicke
In mir leben kann,
Was die kindlichste Seele jauchzt,
Was das kunstfreudige Herz ersehnt.
Und wenn lebend-tote Geister
Kiinden: die groBe Tauschung
1st die Welt, -
Dann sagt im Abgrund des Leids
Und auf den Hohen des Lichts
Mein Herz : die ewige Wahrheit
Lebt in allem, lebt im kleinsten Farbenfleck,
Lebt in dem funkelnden Sonnenstrahl,
Der sich spiegelt im Tropfen Tau,
Lebt im jubelnden,
Lebt im enttauschten Menschenherzen.
*
Erstes Bild
Riese : Ich Hebe die Schnurren
Und finde sie geistvoll,
Doch fiir mein Gehirn
Werden sie wohl bleiben,
Was sie bis nun waren :
Ein guter Stoff,
Die Zeiten hinzubringen,
Die ich habe
Zwischen Arbeit und Vergniigen.
1. Irrlicht: Das scheint mir doch
Zu weit vom Ziele abgeirrt.
Sie vergessen, da6 Sie
Nimmer leben kdnnten,
Dachten fiir Sie nicht
Jene, welche der Gedanken Kunst
Sich zu eigen machen.
L. : Der Herr hat recht.
O Freund, du weiBt nicht,
Wie suB erst ist
Des Lebens Inhalt,
Wenn Erkenntnis
Enthiillt der Seele
Das Wesen der Dinge.
L. kommt zurvick:
Hrsies Bild: Helena - Johannes
Es drangt mich, noch ein Weilchen
Zu verbringen mit dem,
Dessen Blick so triib
Schon seit Tagen scheint.
Im MiBver stand schemst
Du mix zu leben.
Und statt daB freudiges Entziicken
Und Daseinswonnen
Dir fliefien aus der neuen OfFenbarung,
Nimmt sie dir alle Lebenssicherheit,
Stromt Sorge in dein Herz
Und Krankheit in deine Seele.
Wie oft wird uns gesagt,
Gesundheit nur ist der neuen Lehre Frucht;
In dir erlebt sie ihr Gegenbild.
Ich sehe andre Friichte
Ihr entkeimen.
Ode ist denen das alte Dasein,
Die an meiner Seite weilen.
Erst jetzt erkennen sie,
Wie Lust in allem Leben waltet.
Und m hundertfacher Art
Wissen zu genieBen sie
Des Tages Stunden,
Seit auf der Dinge Grund
Ihnen scheinet nicht mehr
Leerheit, die sie verachten,
Dafiir aber Hchte Freude
In gottlichen Griinden.
Du bist enthoben dem Alltag,
Befrek jedoch bist du nicht.
Statt neu erstehen zu lassen
Die Triebe des Herzens
Ersies Bild
Aus des Geisteslebens Bade,
Ersterben dir die miiden Glieder ;
Statt leuchten zu lassen
Aus eignem Auge
Das eroffhete Licht,
Fuhlst du dich sklavisch gekettet
An die Reste deines friihren Seins.
In Lebenstriebe sollst du wandeln
Erkenntnis, die dir geworden.
Nicht erstorben ist das Leben,
Neu gewandelt muB es sein.
Fiihle als Kraft, was du vernommen,
Und als neuer Mensch
Wirst du erwachen.
Mensch : Ich wollt' es kame die Zeit,
Da auch wir uns verstehn.
Vorerst reden andre Sprachen wir,
Obwohl unsre Sprachen
Nur einer Quelle entstromen.
Vorspiel
Mann : So willst du denn auch heute abend
Mich wieder meinem Schicksal iiberlassen,
Um hinzulaufen zu deiner Gesellschaft,
Die mir und den Kindern dich raubt.
Frau: So oft schon sagtest du mir,
DaB du dich damit abgefunden.
Mann: Doch jedes Mai tut es mir
Von neuem leid,
Wenn ich sehen muB,
Wie fremder und fremder du wirst
Allem, was mir das Leben lebenswert macht.
Frau : Auch dariiber hast du oft: anders gesprochen.
Mann: Der Liebende gibt zu,
Was er nicht andern kann,
Ohne dem Geliebten schwere Krankung zu
[bereiten.
Frau: Fur dich ist moglich zuzugeben,
Wo mir nachzugeben
Unmoglichkeit diinkt.
Mann : Nur ist es unerfindlich mir,
Wie du verlangen kannst,
Das hundertfach Gehorte
Nun auch noch als Puppenspiel zu sehen.
Frau : Das Lebenswichtige wird bedeutsam
In jeder neuen Art.
Vorspiel
Mann: Lebenswichtig - doch auch
Lebenentfremdend.
Frau : Soli ich nun zum hundertsten Male
Dir wiederholen,
Wie wenig angebracht
Dies Lebenentfremdend.
Mir fehlte einst
Aus allem, was euer Bildungswille
Den Frauen zugewandt,
Der Mut, die Kinder zu erziehen.
Du selbst hast langst begriffen,
DaB ich nur dieser Geistesart
Verdanke nicht nur den Mut,
Sondern mehr, die Einsicht und Kraft.
Und da die Friichte meines Weges
Du gesehen, konntest auch dessen Bedeutung
Mir nie ganz leugnen.
Trotzdem du dich immer abgeneigt
Gezeigt, ernst zu nehmen die Sache.
Mann : Du siehst daraus, daB ich nicht blind.
Begreif nur auch, daB in meine Arbeit
Nicht passen die unfaBbaren Ideen.
Frau: Gedrangt hab ich dich
Nicht einmal, mit mir zu kommen.
Mann: Es hatte kaum etwas geholfen.
Denn hatte manchmal auch Neugierde
Mich angetrieben,
Der Fluch der Lacherlichkeit
Wiirde mich stets zuriickgehalten haben.
Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift
Frau: Du bist sonst in allem
Ein herzenslieber Mann.
Nur sag mir, ist's wirklich bloB Frauenlogik,
DaB lacherlich sind jene,
Die lacherlich finden,
Wo von den Lebenswert
Sie so deutlich sehen?
Mann: Ich weiB nur, daB die Besten unsrer Zeit
In diesem Urteil sich vereinen.
Die offentliche Meinung
Sieht nur mitleidvoll auf dies Treiben,
Wenn sie es nicht gar gefahrlich halt.
Frau: Die offentliche Meinung
1st schnell fertig mit dem Urteil
Auch dann, wenn sie meilenweit
Vom Verstandnis ist einer Sache.
Mann: Dariiber wollen wir nicht rechten.
Ich darf der Oflfentlichkeit nicht widerstreben,
Will ich nicht untergraben meine Stellung.
Frau : Es ist zu traurig, daB es so sein muB.
Mann : Erst heute las ich wieder,
Auf welch schwachen FiiBen
Alles steht, was da gesagt wird.
Frau : Die Kenntnis des Schreibers
Wird wohl so tief auch diesmal sein
Wie alles, was sonst mir vor Augen kam.
Vorspiel
Mann: Mag sein; doch anders steht die Sache,
Wenn die Ideen in Betracht kommen.
Und noch anders, wenn sich
Theatralisch aufspielt das Getriebe.
Da wird auch noch der Geschmack verdorben.
Was mag herauskommen
Bei solch einer Vorfuhrung?
Im besten Falle
Sinnbilder, die wie Strohpuppen
Umgehangt haben Gedankengespinste ;
Allegorien fur sogenannte tiefe Ideen.
Es wurmt mich, daB du
Mir selbst in diesen Dingen widerstrebst.
Wie oft hab ich dich gebeten,
Mit mir zu gehen,
Wenn ich zur Erholung
Von des Tages Getriebe
Mit der Gattin die lebensvollen Dramen
Besuchen wollte.
Frau: Du weifit, ich hab es einst getan.
Ich hab mich stets gefunden
Selbst in das Nichts,
Von dem du immer sagtest,
Da geht doch was vor.
Ich fand ja auch, daB die Biihne
Da voiles Leben wiedergibt;
Doch ist dies voile Leben leider so leer.
Und sollten Charaktere auf der Biihne
Mich fesseln, die Puppen sind im Leben?
Ich ode mich selbst bei jener neuen Kunst,
Die vom ganzen Leben strotzen will.
Sie ist entweder ohne Gehalt,
Die Pforte der Einweihung • Erste Niederschrift
Weil sie es sein muB,
Wenn sie wahrheitvoll die Gegenwart spiegelt.
Oder sie ist gar Kritik des Lebens,
Dann ist sie unfruchtbar,
Derm kein Hunger wird gestillt,
Keine Trane wird getrocknet,
Wenn man hungernde Menschen
Und tranenvolle Gesichter
Auf den Brettern zeigt.
Mann : Ist denn nicht das gerade
Die Frucht der neuen Kunst,
DaB sie nicht fliichtet
In der Ideale Traumeswelten,
Sondern spiegelt die Kampfe
Des taglichen Lebens.
Frau: Du sprichst wie ein Theaterkritiker;
Man sieht, du liest auch unter dem Strich.
Mann : Ich habe iiber deine Lieblingsideen
Noch wenig Gutes da gefunden.
Frau : Das macht mich froh,
Denn werden einmal diese Ideen
Reif, unter dem Strich kredenzt zu werden,
Dann miissen sie sich zwangen
Ins triviale MaB des guten Witzes
Und der geistreichen Zeitgenossen.
Mann: Frau, es wird Zeit fiir deine Vorstellung.
Auch meine Zeit ist da.
Ich habe dir vorher nicht verraten,
Vorspiel
DaB gerade heute
Unsre erste Bxihne
Den Versuch macht
Mit einern wahrhaft sozialen Drama.
Frau : Wir werden uns nach ein paar Stunden wieder
Und uns verstehn wie immer. [finden
Weitere Entwurfe
Ztveites Bild
Johannes: Es gab die Zeit,
Da ich noch glauben konnte,
Es sei in sich selbst gegriindet,
Was Augen sehn und Ohren horen.
Doch hat Erkenntnis
Genommen mir den Wahn.
Vertraut ist mir, daB alles,
Was ich um mich erblicke,
Hinweggeldscht muB sein,
Verlassen die Geistgewalten
Des Daseins Reich -
Wie des Gesichtes Farbenton
Und meiner Hande Kraft,
Sobald der Geist den Leib verloscht.
Ich weiB, daB Trug der Boden
Sogar nur ist, auf dem ich steh;
Und daB ich sinke ins Bodenlose,
Wenn mich nicht Geisteskrafte triigen.
So ward mir deutlich, daB Gespenster
Ich kenne, nicht Wirklichkeiten.
Doch wo wird mir Wahrheit?
So muSt* ich immer fragen.
Und immer tont es
Durch meiner Sinne Scheingebilde :
O Mensch, erkenne dich! (Echo)
Entsetzlich grausames Wort,
Ich folgte dir.
Du lehrtest mich, daB nicht nur
Wahn und Irrtum mich umgibt,
Solange ich den Sinnen und der
Alltaglichen Vernunft vertraue,
Die Pforte der Einwihung
DaB auch die Gestalt, in der
Ich selber mir erscheine, ein Wahngebilde ist;
O sie ist so wohltatig, diese wahre
Gestalt, welche ich ahne - und
Mehr als ahne - sie verbirgt sich
Hinter einem Wahn - doch Sinn
Hat ihr Verbergen - derm zeigt sie
In Wahrheit sich, steht neben ihr,
Was der Mensch ist - was er
In aller Nacktheit ist - ein Versucherwesen,
Das gierig alle Geniisse der Welt
Nur will, sich zu befriedigen,
Ein Wesen, das Tier und
Damon zugleich - das
Kalt vernichtet Liebstes,
Wenn Vernichtung es befriedigt -
Dem jeder Gier
Erfiillung neue Gier nur
Zeugt. - Sich erkennen
HeiBt, sich von sich selber
Unterjochen lassen - und
In der Unterjochung Wollust
Fiihlen - sich selbst erkennen
Ist Wahnbild schafFen, das
Den Wahn fur Wahrheit halt -.
Sich selbst erkennen heiBt,
Hochstes Gliick erstreben - heiBt,
Tiefstes Ungliick fur hochstes
Gliick genieBen - heiBt, das
Nichts fur Alles zu halten. - So
Stelle ich mich selbst vor mich,
Wenn das Wort ertont:
O Mensch, erkenne dich!
Zmttes Bild
Nein, nicht erkennen sich,
Sich fliehen.
Doch wohin nur fliehen?
Der Welt entfliehen,
Ich kann es nicht.
Die Welt ist nur mein
Ausgebreitet Selbst -
Doch anders ist dies Selbst,
Es soil Erhebung bringen und Licht.
»
Ein furchtbarer Vorwurf.
Er schleudert mir von alien Seiten zu:
Du bist es, doch du hast dich
Selbst zerstort, du bist dein
Zerrbild nur. - Und Schuld -
Du stoBt in Nichts mich kalt.
Doch konnt ich von dir zermalmt sein.
Nein, ich kann es nicht.
Ich erkenne das Nichts in mir,
Doch dies Nichts,
Es martert mich durch Furcht,
Es peitscht mich durch Fliiche, die
Ich selber auf mich laden muB,
Es totet mich durch Ohnmachten,
Um in der Ohnmacht mich
An mich selbst zu ketten.
Ihr Felsen stiirzt auf mich,
Ihr Wasser nehmt mich auf,
Doch wenn ihr stvirzet auf mich,
Wenn ihr mich begraben wolltet,
Ich erstunde aus meinen
Teilen, auf dafi in
Ewige Schmach verwandelt
Ware die zeitliche.
Die Pforte der Einweihmg
Ich sucht* Erhebung.
Ach, icb bin erhoben,
Erhoben ins Nichts -
Gefesselt an den [Sklavenjmenschen,
Den ich fliehen wollte.
Gegendim Walde
(Es tont aus Quellen und Felsen) :
Mensch, erksnm dich.
Johannes: So hor ich sie seit Jahren schon,
Die inhaltschweren Worte.
Sie klingen mir aus Luft und Wasser,
Sie tonen aus dem Erdengrund herauf.
Wie der gewalt'gen Eiche Wuchs
Ins kleine Samenkorn
Zusammen sich drangt,
So rollt zuletzt sich ein
In dieses grausam hohe Wort,
Was von der Elemente Weben,
Von Geistern und von Seelen,
Von Zeitenlauf und Ewigkeit
Begreiflich meinem Denken schien:
Es lebt in diesen Lauten
O Mensch, erkenne dich. (Echo)
Und jetzt - es wird im Innern
Lebendig fiirchterlich.
Z mites Bild
Um mich, in mir ist nichts.
Es ist doch alles nur dies eine Wort:
O Mensch, erkenne dich. (Echo)
Es zersplittert in tausend Wesen mich.
Ich folge dem Tag
Und wandle mich in Nacht.
Ich muB der Erde folgen,
Da um die Sonne sie kreist.
Ich rolle in dem Donner,
Ich zucke in den Blitzen,
Ich bin - ich bin schon nicht mehr.
Des eignen Leibes Hulle,
Sie ist ganz fern von mir.
Doch leb ich als ein andres Wesen.
«Er hat mir bittre Not gebracht;
Ich habe ihm so ganz vertraut.
Er lieB im Kummer mich allein.
Die kalte Erde soil mich haben,
Da er mir Lebenswarme raubt.»
O, ich bin sie, die ich verlieB.
Ich muB erleiden ihr e Qual.
Erkenntnis hat mir Kraft verliehn,
Mein Selbst in andres Selbst zu tragen.
O furchtbar Wort! Stets neue Schrecken
Ertonen mir aus dir:
O Mensch, erkenne dich. (Echo)
Doch wie, im eignen Leibe
Erkenne ich mich wieder.
Die Menschgestalt ist mir genommen.
Aus Lust und Gier verschlungen,
Gebilde damongleich.
Ich bin es - aller Zweifel schwindet.
Es ist die Stunde,
Die Pforte der Einweihung
Da ich gierig lechze
Nach alien Geniissen aller Welten.
Verschlingen muB mich:
Des eignen Wesens Wildheit.
In meinen Adern sind verzehrend Feuer
Die Worte von Sonnen und von Erden;
Sie leben in meinen Pulsen,
Sie schlagen in rneinem Herzen.
Und selbst im eignen Denken,
Da fuhl ich fremder Welten Weben.
Das sind des Wortes Fruchte:
O Mensch, erkenne dich. (Echo)
Doch aus dem Abgrund -
Welch Wesen blickt auf mich.
Es starrt mich grausig an.
Ich fuhle Fesseln,
Die mich an dich gefesselt halten.
So fest war Prometheus nicht
An Kaukasus' Felsen angeschmiedet
Wie ich an dich.
Wer bist du, schauervolles Wesen?
O Mensch, erkenne dich. (Echo)
O - selbst bin ich es.
Erkenntnis, sie schmiedet
An dich mich Ungeheuer.
Entfliehen wollt' ich dir.
Geblendet haben mich die Welten,
In welche meine Torheit floh;
Und so geblendet bin ich wieder
In meiner blinden Seele. (Maria tritt auf.)
O Mensch, erkenne dich. (Echo) -
Meine Freundin, du hier!
Zweites Bild
Maria: Ich suchte dich.
Obwohl mir bekannt,
Wie lieb dir Einsamkeit ist,
Nachdem so vieler Menschen Meinungen
Vor deiner Seele hinfluten,
Wie heute dich besturmten,
So drangt' es doch mein Herz,
Dich jetzt zu finden,
Da Benedictus' Worte
So schwere Worte dir entrungen haben.
Johannes : Wie lieb mir Einsamkeit !
O Freundin, auch das ist nun vorbei.
Es war mir schmerzlich,
Was erst Geselligkeit mir bewirkt;
Doch war's ein Schatten,
Vergleich ich es mit jenem Sturm,
Den Einsamkeit mir dann gebracht.
Bisher war einsam sein die Heilung,
Wenn Lebenswirrnis mich verstort,
Doch jetzt ist auch dies
Von mir genommen.
Soeben konnt' ich sehen,
Wie Einsamkeit mich hetzt
In alle Welten, alle Wesen;
Wie sie mir selber mich entreiBt,
Um in mich selber
Zu stiirzen mich dann wieder.
Mir ist des Menschen letzte Zuflucht,
Mir ist die Einsamkeit verloren.
Maria : Ich muS das Wort
Dir wiederholen,
Die P forte der Einweihung
Nur Benedictus kann dir helfen.
Wir miissen seine Weisheit horen.
Und sollten stiirzen
Auch alle andern Stiitzen,
Es wird sein Wort
Sie alle wieder bauen. -
Johannes : Maria, weiBt du,
Was in mir vorging,
Bevor ich hier dich sah.
Es ist ein schweres Los
Auch dir geworden, edle Freundin.
Doch liegt es deinem Wesen fern,
Erlebend zu erfassen,
Was mich so ganz zerschmettert
Du kannst in lichte Hohen steigen,
In leidenvollste Finsternisse sinken,
Du wirst du selbst stets sein.
Ich muBte glauben konnen,
DaB Nichts der Wesen Ursprung sei,
Wenn ich die Hoflhung hegen konnte,
DaB aus dem Nichts,
Das ich in mir erlebe,
Ein Mensch je werden sollte.
Ich bin selbst nichts mehr.
Ich horte in unsrem Kreise heute
Den einen und den andern sprechen.
In jedem sah ich selbst mein Sein.
Ich muBte stammeln mit dem einen
Gebete in der Moncheszelle
Und wandeln mich mit ihm.
Ich horte in des andern Seele
Die Marchenworte Felicias.
ZweiUs Bild
In jedem Augenblicke
Erstarb des eignen Wesens Macht,
Um aufzutauchen im fremden Leben.
So erweitre ich zum Weltensein
Der eignen Seele Kraft,
Ersterbend stets mir selbst.
O gehe von mir, Maria.
Ich rief dich oft.
Du warst mir Leben
Und Sinn des Lebens,
Und jetzt erfleh ich
Als Wohltat mir von dir:
VerlaB mich, o verlaB mich.
Maria: Ich will es, doch
Du muBt es mir versprechen,
DaB wir in nachster Stunde
Bei Benedictus uns wiederfinden.
Johannes : Was sagt in mir,
Ich konnte sie nicht sehn?
Ich war es selber nicht.
Der Damon ist's,
An den ich geschmiedet.
Er spricht durch mich.
Das Echo: Er spricht durch dich:
O Mensch, erkenne dich.
Die Pforte der Einmihung
III.
Maria:
Meditationsvymmer :
BenecUctus, Johannes, Maria, das Kind.
Ich bringe euch das Kind,
Es braucht ein Wort
Aus eurem Munde.
Benedictus : Mein Kind, du sollst fortan
An jedem Abend zu mir kommen
Und von mir dir holen
Das Wort, das dich
Zur Ruhe wird geleiten.
Willst du?
Kind: Ich will es so gem.
Benedictus :
Maria:
Fur heute denke,
Bis dich der Schlaf umfangt:
Es tragen Lichtgewalten
Mich in des Geistes Haus.
(Kind ab.)
Es ward des Kindes Schicksal
In seinen friihen Jahren schon
So seltsam mit dem meinen
In eins verwoben.
Ihr wieset mir den Weg,
Den ich es fuhren sollte
Von jenem Tage an,
Da es mir die Mutter
Drittes Bild
Als Findling vor die Tiir gelegt.
Und wunderwirkend
Erwiesen sich an ihm
Die Regeln, die ihr gabt
Im Sinne eurer Weisheit.
Ich weiB, wenn nicht durch mich
VoUzogen wiirden diese Regeln,
Es fehlte keiner der Krafte,
Die in dem Kinde schlummern,
Gelegenheit zu vollem Wachstum.
Doch zeigt auch hier sich deutlich,
DaB Segen sich in Unheil wandelt,
Will ich ihn spenden.
Ihr wiBt, wie schwer
Des Kindes Neigung
Ich erst gewinnen konnte.
Es wuchs heran in meiner Pflege,
Und mehr nicht als Gewohnheit
Entkeimte seinem Herzen,
Bei mir zu finden
Die Mittel seines Wachsens
An Leib und Seele.
Da kam die Zeit,
Da mehr und mehr
Die Liebe zu der Pflegerin
In ihm erwachte.
Und auch in diesem Fall
Bezeugte es sich klar,
DaB gute Krafte sich verkehren,
Wenn ich der Trager bin.
Im Sonnenschein der Liebe,
Die mir geschenkt der Knabe,
Erstarb, was schon erbliiht
Die P forte der Etnnreibung
In pflichtgemaBer Leitung war.
Ich scheine immer mehr
Mir selbst ein Ratsel.
Es muB von euch die Losung kommen,
Denn wie ertrag ich langer,
DaB ich des Freundes Krafte
Durch meine Gegenwart vernichte
Und auch dem Knaben
Der schonsten Giiter Segen raube,
Weii er sie liebend
Von mir entgegennimmt.
Benedictus : Ein Knoten hat sich hier geformt
Aus Faden, die geheimnisvoll
Im Weltenwerden Karma schafft.
Es lenken hohe Geister
In Lichtesreichen
Die Ziele alles Seins.
Sie konnen Schmieden
Die Weltenziele nur,
Wenn ihnen opfern
Die Menschen Gliick und Leid,
Erlebt in Erdenreichen.
[Hier endet dieses Fragment. Als eine Fortsetzung des
Geschehens konnen die folgenden Wor te aus einem
Notizbuch vom Jahre 1910 betrachtet werden.]
Du leidest nicht,
Um eigenes Geschick zu erfiillen.
Was sich in deiner Seele vollzieht,
1st nicht bloB Wirkung deines eignen Lebens.
Du bist ausersehen, dem Plan der
Welt zu dienen.
Driites Bild
Es wurden reiBen die Faden,
In denen die Bewohner der Geisteswelten
Das Schicksal der Welt spinnen,
Wenn von Zeit zu Zeit
Nicht einverwoben werden konnte dem Gewebe
Das Los einer menschlichen Seele.
Solche Seelen tragen im Brennpunkt ver einigt
Das Karma der Menschheit.
Was sie erleben, brauchen die Himmlischen.
Es miiBte ohne solchen Einschlag
Stillstehen der Fortschritt der Menschheit.
Ein Leben zu leben fur den Geist,
1st solchen Menschen beschieden.
Und wer ihr irdisch Sein
Beurteilt nach gewdhnlichem Menschen MaB,
Der hat ein Trugbild nur sich vor das Auge
geriickt.
Du hast Leben gelebt, die deine eignen waren;
In ihnen erfullte sich dein Schicksal
Nach deiner eignen Taten Gewicht.
Du wirst wieder Leben leben,
Die solchen Verlauf dir weisen.
Doch dieses gehort dir nicht selbst.
Es gehort den Menschen selbst nicht allein;
Es gehort dem Werden der Welt.
Und was von dir in der Erdenwelt
Zu sehen ist,
1st Wirklichkeit nicht wie bei andern Menschen.
Es ist Sinnbild nur deines hohern Berufs.
Als ich zum ersten Male dich sah,
Erschienst du mir nicht wie ein menschlichWesen.
Du gehortest den Geisterwelten an
Wie andre Geister.
Die Pforte der Einweibmg
Und ein Leib ist dir nicht,
Um in ihm auszuleben,
Was in deinem Geiste ist.
Ein GefaB nur ist dein Leib,
Damit du schopfen kannst
Aus Erdenmachten,
Was den Himmeln notig ist.
Und es ward mir Beruf,
Den Gottern zu iiberbringen,
Was du im Menschensein geschopft.
Wie sollten die Menschen tragen konnen,
Was nur von gottlicher Art.
Ubergeben wird dein Gutes,
Das in dir im Geiste wirkt,
Den Sinnen; eignen sich's die Menschen an,
Und da kann sich's wandeln in Schlirnmstes -
Maria: Darf ich noch den Gottern vertrauen?
Sie weisen mir, wo ich Gutes sae,
Uble Frucht als eignes Erzeugnis vor.
Und meine Taten sind vor mir
Wie in Verbrecher gewandelte Kinder,
Die eine Mutter der Welt wollte schenken,
Das Beste zu wirken fur ihr Geschlecht.
Es muC mich Scham befallen,
Wenn ich mich in meinen Taten erblicke,
Und Furcht muB meine Seele beschleichen.
Ich sehe, wie Bestes
Wird zum Schlimmsten,
Dringt [es] aus meiner Seele
In die andre Seele.
Drittes Bild
Und fuhlen muB ich,
Wie Lebenssaft in mir
Zerstorend Gift im Andern wird.
Maria: Ich bringe euch das Kind,
Es braucht ein Wort
Aus eurem Munde.
Benedictus: Mein Kind, du soilst fortan
An jedem Abend zu mir kommen
Und holen dir von mir
Das Wort, das dich geleiten soli
Ins Seelenreich des Schlafes.
Willst du es so?
Kind: Ich will es so gern.
Benedictus: Fur diesen Abend
Erfulle dein Genrtit,
Bis dich der Schlaf umfangt,
Des Wortes Kraft:
Es tragen Uchtgewalten
Mich in des Geistes Haus.
(Kind ab.)
Maria: Und nun, da dieses Kindes Schicksal
HinflieBen soil in Zukunft
Im Schatten eurer Vaterhuld,
Die P forte der Einweibung
1st Zeit wohl auch, daB fragend
Sich naht dem Fuhrer jene Seele,
Die Mutter ihm geworden,
Wenn nicht durch Blutesbande,
So doch durch Schicksalsmachte.
Ihr wieset mir den Weg,
Den ich es fiihren sollte
Von jenem Tage an,
Da ich es fand
Mir vor die Tiir gelegt
Von seiner unbekannten Mutter.
Und wunderwirkend
Erwiesen sich dem Pflegling
Die Regeln, nach welchen ich
Ihn fiihren durfte jahrelang
Im Sinne eurer Weisheit.
Zu Tage traten seiner Seele
Und auch des Leibes Krafte,
Die in dem Wesen schlummerten.
Es schien, als ob eure Weisung
Entsprossen ware jenen Reichen,
In welchen des Kindes Seele weilte,
Bevor sie baute ihres Leibes Hulle.
Erwachsen sahen wir die Menschenhoffhung,
Die heller strahlte jeden neuen Tag.
Ihr wult, wie schwer
Des Kindes Neigung ich erst
Gewinnen konnte.
Es wuchs in meiner Pflege,
Und mehr nicht als Gewohnheit
Verband erst seine Seele mit der meinen.
Es stand zu mir, empfindend,
DaB ich ihm reicht* die Mittel
Drittes Bild
Fur Leibes- und fur Seelenwachstum.
So war's da eurer Weisheit Kraft
Fur sich allein nur wirkte
Und mein Gemut nicht anders wirkte
Denn als der Weisheit Werkzeug.
Es kam die Zeit, in welcher
Erwachte in dem Kindesherzen
Die Liebe zu der Pflegerin.
Ein auBrer AnlaB brachte
Die Wandlung in dies Leben.
Es trat in unsern Kreis die Seherin.
Das Kind war gem um sie,
Und manches schone Wort
Erlernte es in ihrem Zauberbann.
Da kam ein Augenblick,
In dem Begeisterung erfaBte
Dies wundersame Weib,
Und schauen konnte das Kind
In ihrer Augen glimmend Licht.
Erschiittert bis ins Lebensmark
Empfand die junge Seele sich.
Sie kam mit ihrem Schreck zu mir.
Von dieser Stunde an
War mir das Kind
In Liebe warm ergeben.
Doch seit bewufites Fiihlen
Und nicht der Trieb allein
Von mir empfing die Lebensgaben.
Und warmer das junge Herz
Erbebte, wenn sein Blick
Den meinen liebend traf,
Verloren eure Weisheitssatze
Die rechte Fruchtbarkeit.
Die Pforte der Eintveibmg
Verdorren muBte vieles,
Was in dem Kind vorher gereift.
Und so schien in diesem Wesen
Zu wiederholen [sich], was an dem Freunde
So furchtbar sich erwiesen.
Ich scheme immer mehr
Mir selbst ein dunkles Ratsel.
Du kannst mir wehren nicht
Die bange Lebensfrage:
War um verderb ich Freund und Kind,
Wenn liebend ich das Werk
Versuch an ihnen zu veriiben,
Das Geistesweisung nur als Gutes
Erkennen la6t dem Herzen.
Du hast mich oft gewiesen
Auf jene hohe Wahrheit,
DaB Schein sich breitet
An unsres Lebens Oberflache.
Doch muB ich Klarheit haben,
Soil ich ertragen dies Geschick,
Das grausam ist und Boses wirkt.
Benedictus : Es formt sich hier
In diesem Kreise
Ein Knoten aus den Faden,
Die Karma spinnt
Im Weltenwerden.
O Freundin, deine Leiden
Sind nicht eignen Schicksals Folge nur.
Da ich erstiegen hatte die Stufe,
Um leben zu konnen
In jenen Urweltreichen,
Wo hohe Geister weben
Drittes Bild
Das Netz des Weltenseins,
Da trat zu mir ein Gotteswesen,
Das niedersteigen sollte
In Erdenreiche und wohnen
In eines Menschen Fleischeshulle.
An dieser Zeiten Wende
Verlangt dies unser Menschenkarma.
Ein grofier Schritt im Weltengange
1st moglich nur, "wenn Gotter
Erdulden Menschenlos.
Es konnen sich entfalten Geistesaugen,
Die keimen in den Menschenseelen,
Erst wenn ein Gott das Samenkorn
Gelegt in eines Menschen Leib.
Mir aber ward aufgegeben,
Zu finden jenen Menschen,
Der in der eignen Wesenheit
Des Gottes Trager sollte sein.
So sollte ich verbinden
Des Himmels Taten
Mit einem Menschenwesen.
Mein geistig Auge forschte.
Es fiel auf dich.
Bereitet hatte dich
Dein Lebenslauf zum Heilesmittler.
In vielen Leben hattest du
Erworben dir Empfanglichkeit
Fur alles GroBe,
Das Menschenherzen leben.
Der Schonheit edles Wesen,
Der Tugend hochste Forderung,
Du trugst als Geisteserbe
Sie in der zarten Seele.
Die Pforte der Einmihung
Und was dein ewig Ich
Ins Dasein durch Geburt gebracht,
Es ward zur reifen Frucht
In deinen jungen Jahren.
Zu fruh nicht stiegest du
Auf steile Geisteshohen,
Und so erstand dir nicht
Der Trieb ins Geisterland,
Bevor du voll erfaBt
Der Sinne unschuldvolle Freuden.
Deine Seele lernte Erdenliebe
Und Erdenzorn erkennen,
Als alles Geistesforschen
Noch feme ihrem Denken lag.
Die schdne Natur genieCen,
Der Kiinste edle Fruchte pflucken
War deines Lebens Reichtum.
Du durftest heiter lachen,
Wie nur die Kinder lachen,
Die von des Lebens Schatten
Noch nie beruhrt geworden.
Du lerntest Menschengliick
Erkennen und das Leid
Beklagen in Zeiten,
Da deinem Ahnen selbst
Nicht dammerte, zu erfragen
Des Gluckes und der Leiden Ursprung.
Eine Seele solcher Stimmung,
Sie tritt ins Erdendasein
Als reife Frucht von vielen Leben,
Und ihre Kindlichkeit ist Bliite,
Nicht Wurzel des Geisteswesens.
Nur solche Seele konnte
Drittes Bild
Zum Trager ich erkiesen
Dem Gotte, den das Schicksal
Als Wirkenskraft bestimmt
Fiir unsre Menschenwelt.
Und nun erkenne, weshalb
Dem Wesen ins Gegenbild
Sich wandelt, will es
ErgieBen sich in andre Wesen.
Der Geist in dir, er wirkt
In allem, was im Menschen
An Friichten reifen kann
Fiirs Reich der Ewigkeit.
Ertdten wird er vieles
Im Reich des Zeitenseins.
Doch seines Todes Opfer,
Sie werden Saaten streun
In ihrem tiefsten Wesen
Dem hohern Leben, das
Aus niederm Sterben bliiht.
Maria : So also steht es mit mir.
Du losest mir meines Lebens finstres Ratsel.
Und Klarheit ahn ich
In jener Dammerung,
Die in dieser Stunde
Ergreift meine Seele.
Ja, Klarheit, ich fiihle sie,
Doch ich verfluche sie, diese Klarheit,
Und ich verfluche dich,
Der mich zum Werkzeug formte
Fiir seine wilden Kiinste.
Ich habe bis zu dieser Stunde
Gezweifelt keinen Augenblick
Die Pforte der Einweibung
An deiner Geisteshohe,
Doch es geniigt dieser eine dafur,
Zu sturzen in meinem Herzen
Den Thron, den ich dir errichtet,
Und als der Holle Wesen
Erkenne ich deine Gotter.
Ich muB verfuhren andre,
Weil du erst mich verfiihrt.
Ich will dich fliehen
In Fernen, in welchen
Die Stimme, die mir erst
Des Heiles Kiinderin war,
In nichts erstirbt.
Ich weiB, da6 Fernen sind,
Wo meinen Ohren unvernehmbar
Die falsche Gotteslehre,
Die deine Lippen kiinden -
So nahe doch miissen diese Fernen sein,
DaB meine Fliiche dich noch treffen konnen.
Des eignen Blutes Warme,
Du hast sie mir geraubt,
Um deinem falschen Gott zu geben,
Was mein sein muBte.
O diese Bluteswarme,
Sie wird dich brennen
An deiner Hollenkiinste Wurzel.
Ich muBte glauben deinem Truge,
Und daB ich's konnte,
Erschufest du mich selbst
Zum Truggebilde.
Ich sah, wie meines Wesens Krafte
Ins Gegenbild so oft sich wandelten;
So wandle, was an Liebe
Drittes Bild
An dich gewandt mein Herz,
Sich jetzt in wilden Hasses Feuer.
Ich hasse des Satans Machte.
Doch streben will ich,
DaB Liebe fur seine Wildheit
In mir erwache,
Und schlieBen will ich den Bund
Mit den Scheusaligsten der Geister,
Um solches Feuer zu finden,
Das dich verbrennt
Mit alien deinen Hollenkiinsten.
Ich flu... ach
(Stiirzt ab.)
Benedictus: Mein Sohn, auch dir naht
Entscheidung sich und Erfiillung.
In dir erstirbt in dieser Stunde
Die Stimme und auch das Fiihlen.
Du sahst die liebe Freundin
Mit wilder Rede uns entfliehen.
Die Seele schwebt in Hohen;
Der Freundin sterblich Scheinbild
Nur sprach in diesem Augenblick.
Verlassen muBte diese Hulle
Des edlen Wesens Selbst,
DaB messen konnte sich mit mir
In ihrer Schattenform
Der Widersacher,
Der mir zerstoren will
Das Werk, das mir obliegt
Fiir Menschenzukunft
Und auch fur diesen ISlenschen.
Und konnt' ich halten
Die Pforte der Einweihung
Die Fliiche und Verwiinschungen,
Ja jene selbst, die sprach,
Fiir Wirklichkeiten
Auch nur sekundenlang,
Es ware alle meine Weisheit
In nichts sogleich zerronnen.
Und jener Fluch,
Den sie auf mich geladen,
Er scheint der Dolch dir,
Der in das eigne Herz
Sich bohrte.
Du hast zu wahlen.
Du magst in dieser Stunde
Ihr folgen und dich binden
An Wahn und Wahneswesen.
Ich darf dich nicht verhindern.
Doch wisse, die da eben fluchte,
War nicht das geliebte Wesen,
Dem du bisher verbunden.
Es mufite kommen auch fiir sie
Die schreckenvolle Stunde,
Da ihres Wesens Hiille
Durchdrungen ward
Von Lucifers Trug,
Und seine finstre Macht,
Sie fluchte im edelsten Menschenleib.
Die Freundin, die geschenkt
Dir ist in ihr,
In dieser Stunde
VerlieB sie die Gotterhulle.
Erkennen sollte sie,
Was Menschen werden konnen,
Auch wenn des Edlen vollstes MaB
Drittes Bild
In ihnen lebt,
VerlaBt das Selbst die Hiille.
Sie werden Lucifers Beute.
Doch wird dies edle Menschenwesen
Des Selbstes Wesen
Entschwinden niemals sehen.
Doch muBte, um vollends zu finden
Des Gottes Wesen im Innern,
Sie schauen alle Tiefen,
In die zu stiirzen
Vermag ein Mensch. -
Der Gott in ihr wird leben
Im hehrsten Seelengrunde,
Da ihres Geistes Augen
Im Leibesselbst erkennen
Den finstren Hollenwachter.
Und sollt' erspart ihr werden
Der grausam finstre Augenblick,
Sie hatte Gotterhohen
Ersteigen niemals durfen
Und Menschen niemals Gottersegen
Ins Erdental herniederbringen.
Du aber, mein Sohn,
Hast stiirzen sehn in Finsternis,
Was zeitlich ist an jenem Wesen,
Dem deine ganze Liebe strahlt.
Weil Gotter zu dir sprachen
Aus ihrem Munde, muBtest du
Den Hollenfursten selber
Vernehmen auch aus dieser Stimme.
Du wirst nun sicher finden
Den Weg zu ihrem wahren Wesen.
Was lichtvoll aus ihr floB,
Die Pforte der Einweihung
Es ward zur Finsternis in dir.
So lasse stromen auch,
Was als Finsternis von ihr
Dir eben sich geoffenbart,
Und es wird zuriick sich wandeln
Verderben, das sie dir brachte,
In Segen und, was an Tod
Sie brachte deiner Seele,
Wird Leben dir sein,
Wenn du es widerstrahlen schaust
An ihrem Todesteile — .
Es formt sich hier
In diesem Kreise
Ein Knoten aus den Faden,
Die Karma spinnt
Im Weltenwerden.
Hast du in dieser Stunde
Die Kraft, zu suchen deine Freundin
Durch ihres Gegenbildes Trug,
Wird halten sich dein Selbst
Im eignen Wesen.
Entziinde deine voile Kraft
An Worten, welche dir tonen
Durch meinen Mund
Aus Geistes hochsten Hohen.
Sie werden dir die Seele tragen
In freie Gotterhohen:
Des Lichtes Wesen, es erstrahlet
Durch Raumes Weiten.
Der Liebe Segen, er erwarmet
Die Zeitenfolgen.
Und Geistesboten
Vermahlen dem Lichtesschein
Drittes Bild
Der Liebe Seelenfulle.
Und Sehnsucht muB gewahren
Die Gunst der edlen zwei;
Sie zieht herbei
Die Kraft und Starke;
Und Weisheit eint sich ihnen
Und lafit in vielen Weisen
Das Menschenbild sich formen.
O Geister, sprechet
In dieses Menschen tote Seele
Und wecket sie aus ihrem Nichts
Zu neuer Werdelust.
Es steigen seine Gedanken
In Urweltgriinde -
Was als Schatten er gedacht,
Was als Schemen er erlebt,
Entschwebt der Gestaltenwelt,
Von deren Fulle
Die Menschen denkend
In Schatten traumen -
Von deren Fulle
Die Menschen sehend
In Schemen leben.
Viertes Bild
Lucifer: O Mensch, erkenne dich,
O Mensch, empfinde mich,
Du hast dich gewandt
Aus Geistes Fuhrerschaft
In freie Erdenreiche.
Aus Seelenreinheit,
Aus Geistesklarheit
Bist du entflohen
Und suchtest eignes Wesen
In Erdenwirrnis.
Du fandest mich.
Es wollten Gotter Schleier
Dir legen vor die Sinne.
Ich riB entzwei die Schleier.
Es wollten Gotter in dir
Nur ihrem Willen folgen.
Ich gab dir Eigenwollen.
O Mensch, erkenne dich,
O Mensch, empfinde mich.
Ahriman: O Mensch, erkenne mich,
O Mensch, empfinde dich.
Du bist entflohen
Des Geistes Finsternis.
Du hast gefunden
Der Erde Licht.
So sauge Kraft der Wahrheit
Aus meiner Sicherheit.
Ich spende Gaben,
Ich wirke Schonheit.
Es wollten Gotter dir entreiBen
Viertes Bild
Der Erde Wirklichkeit.
Ich fuhrte dich
In wahre Wesenheit.
O Mensch, erkenne mich,
O Mensch, empfinde dich.
Lucifer: Es gab nicht Zeiten,
Da du mich nicht hattest.
Ich folgte dir durch Lebenslaufe,
Erfullen durrV ich dich
Mit starker Wesenheit.
Ahriman: Es gab nicht Zeiten,
Da du mich nicht schautest.
Mich schauten deine Leibesaugen
In allem Erdenwerden.
Erglanzen durrV ich dir
In stolzer Schonheit.
Johannes : Ich widerstrebe dir.
Du lieCest mich fiihlen
In meinen vielen Leben
Des Wollens stolze Triebe.
Makrokosmos: So seid ihr denn am Orte,
Den ihr so heifi ersehnt.
Ihr macht mir schwere Sorge.
Ich muBte durch der Elemente
Verborgnes Reich euch fuhren,
Doch euer Wesen wirkte Sturm.
Die Pforte der Einweihung
Es widerstrebte euer Sinn
Dem Walten meiner Krafte.
Capesius: Wer bist du,
-Geheimnisvolles Wesen,
Das mich durch Geisterweiten
In dieses schone Reich gefuhrt?
Makrokosmos: Ich bin der Geist,
Der von des Menschen Seele
Erblickt erst wird,
Wenn er den Dienst ihr erwiesen.
Ich bin bei euch seit Ewigkeiten.
Capesius : Ich frag auch jetzt nicht viel
Nach deines Wesens Ursprung.
Ich fuhle Lebenslust
In allem meinem Wesen.
Ich sauge Daseinsfreuden
Aus allem, was ich schaue.
Ich fuhle eine Welt
In meinem Geiste
Und auferwecken
Aus meiner Seele tiefsten Griinden
Will ich die Wahrheiten,
Die Menschen heben
Zu stolzen SchafFenstrieben.
Es Hegt vor mir Unendlichkeit.
Makrokosmos: Dies ist das Echo deiner eignen Worte,
An welchen du dich trunken machst.
Erkenne deine Ohnmacht.
Du willst in deinem Stoke
Viertes Bild
An Welten bauen,
In deinem Traume lebt allein
Dein kuhner Bau,
Und deine Worte
Entfesseln bloB
Der Elemente Sturm;
Der schaffend nicht,
Zerstorend nur sich zeigt.
Strader: Ihn magst du Traumer nennen,
Der in der Jugend Feuerkraft
Sein Ziel sich vor die Seele malt.
Doch mir kann solches Wort nicht gelten.
Ich habe in Moncheszellen
Den Geist erst heifi erfleht.
Ich habe in Lebenskampfen
Der Wahrheit Stiitzen mir erobert.
Ich ward gefiihrt durch Irrtum.
[Das Fragment endet hier; aus einem anderen Heft
stammt die Fortsetzung.]
Strader: Schon wieder soich ein schaurig Wort. Auch dies
erklang mir einst im eignen Innern. Als eine
Seherin die Kreise der selbstsichern Vernunft
mir storen wollte und mich des Zweifels Stachel
fiihlen Hefi : da konnt* ich*s deutlich horen.
Doch das ist nun vorbei. Ich trotze deiner
Macht, du Alter, der du aus der Natur Elementen
nur geboren bist. O nein, Vernunft, sie wird dich
auf andre Art bezwingen, als du wahnst. Hat sie
durch sich selbst erst ihre stolzen Hohen
erstiegen, so wird sie deine Meisterin sein.
Die P forte der Einweihmg
Makrokosmos: Es ist die Welt so eingerichtet, daB eine
jede Leistung ihre Gegenleistung fordert.
Ich habe euch euch selbst gegeben; ihr schuldet
mir den Lohn dafur.
Capesius : Ich werde aus meinem Geiste schaffen
der Natur verklartes Gegenbild.
Natur erhoben zur Idee, aus der
Menschenseele erstanden, das mag
dir Lohn sein, da du dem Menschen
das Feld gewiesen, wo er aus den
Tiefen der Natur sich selber kuhn erhebt
auf des Denkens Schauplatz.
Makrokosmos: Ihr habt gesehn, wie wenig eure
stolzen Worte in meinem Reiche bedeuten.
Sie entfesseln den Sturm und machen
die Elemente der Zerstorung nur
geeignet.
Capesius : So magst du den Lohn dir holen,
wo du ihn finden kannst. Des
Menschen Seele auf ihrer Bildung
Hohe fiihlt Beruf nur, sich selbst
zu befriedigen. Sie kann nicht
zu anderer Nutzen schaffen. Sie fuhlt,
daB sie genug getan hat, wenn sie
Gestalt gegeben hat dem, was sich
aus dem Innern nach auBen drangen
will. Und 1st solcher Trieb im Menschengeiste
nicht auch Natur? Ist er nicht eine
hohere Natur?
Viertes Bild
Er ist fort. Doch wohin wenden wir uns ?
Wir miissen in dem neuen Reich uns
zurecht erst finden.
Strader: Wir wollen dem nachsten Wege folgen,
der sich uns bietet. Lassen wir nur
keine Vorsicht auBer acht, er wird
an ein Ziel uns bringen.
Capesius : Mich diinkt, man sollte vom Ziele
nicht sprechen. Das Ziel mag sich finden,
wenn wir mutig dem Antrieb folgen,
der uns im Innern treibt. Wohin der
Weg auch fiihren mag ; wandeln wir
ihn so, daB wir das Wahre zum
Fiihrer uns wahlen und in edler
Art und mit bestem Willen unsere
Schritte lenken : wir diirfen uns selber folgen.
Strader: Doch miissen wir unserm Wirken
die Richtung bestimmen. Wer nicht
schon beim ersten Schritte weiB, wohin
er gehen will, kann werug
Nutzen stiften. Er mag sich geniigen,
wenn er nur allein sich dienen will,
der Dienst der Menschheit doch fordert
feste Ziele.
(Die andre Maria wird sichtbar.)
Doch sieh, welch ein Wesen. Es ist, als ob
der Fels es geboren hatte. Aus welchem
Reiche stammest du?
Die Pforte der Einmihung
Die andre Maria:
Ich ringe mich durch Felsengrund
Und bin der Felsen eigne Stimme,
Ich sauge feuchten Erdensaft
Und sinne der Erde eignen Sinn,
Ich schliirfe Lebensluft von oben
Und bilde mich aus ihrem Sein.
(Musikalisches Motiv.)
Strader: Dann kannst du uns nicht helfen.
Was nur in Natur erwachst,
1st fern dem hohern Menschensinn.
Capesius : Ich richte gerne den Blick auf dich.
Vertrauend, daB durch dich
Mir selber Krafte keimen.
Die andre Maria:
Mir ist so sonderbar
Bei euren Worten.
Sie dringen durch all mein Wesen,
Doch werden sie zum Sinn
Mir nicht.
Das eben ist Beweis,
DaB deines Wesens Ratsel
Durch uns gelost nur werden kann.
Und uns zu dienen
Ist deine Pflicht.
Capesius :
Strader:
Die andre Maria:
Ich will euch dienen.
La6t euren Wunsch mich horen.
Viertes Bild
Capesius : Und forderst du auch Gegendienst
Wie jenes Erdenwesen,
Das uns hieher gebracht?
Die andre Maria :
Ich bin euch dankbar
Fiir eurer Stimmen Wohiklang.
Sie sind mir nahrend Feuer.
Ich sauge eure Worte
Und fiihle Wohlgefuhl,
Wenn ich sie wieder
Den Steinen und den Erzen
Aus meinem Wesen
Vermag zu schenken.
Strader: So scheinst du verwachsen
Mit aller Wesen Innerstem.
Da miifitest du uns deuten konnen,
Wie wir selbst das Innre
Der Welt ergreifen konnen.
Die andre Maria:
Ihr kdnnt bei mir
Es nicht erreichen.
Ich bin des Geisteswesens Tochter nur,
Das in jenem Reiche wohnt,
Aus dem ihr eben kommt.
Sie hat dies Feld mir angewiesen,
DaB hier ich ihren Abglanz zeige.
Capesius : So sind dem Reiche wir entflohn,
Das unsre Sehnsucht stilien kann?
Die P forte der Einweibmg
Dm andre Maria:
Wenn ihr den Weg zuriick
Nicht wieder findet,
Gedeiht ihr nimmermehr.
Capesius: Doch welcher ist der rechte Weg?
Die andre Maria:
Es gibt der Wege zwei.
Erwachst meine Kraft zur Hohe,
So konnen alle Wesen meines Reiches
In hehrster Schonheit strahlen
Und funkelnd Licht vom Fels erglanzen,
Der Farben iiberreiche Fiille
Sich durch die Weiten dehnen
Und Heiterkeit der Geschopfe
Die Luft mit Tonen fiillen.
Ergibt sich eure Seele dann
Den reinen Wonnen meines Seins,
So schwebet ihr auf Geistesschwingen
In Weiten Urbeginne.
Strader : Zu schwer ist der Weg
Fur unsre Krafte.
Und welches ist der andre?
Die andre Maria :
Ihr miiBt, um ihn zu wandeln,
Auf euren stolzen Geist verzichten.
Vergessen, was Vernunft gebeut.
Natursinn euch erobern.
In Mannesbrust den Kindersinn
Von des Gedankens Schatten unberiihrt
Viertes Bild / Fifaftes Bild
1
Natiirlich walten lassen.
So kommt ihr zwar wissend nicht,
Doch sicher an der Wesen Ursprting.
(Die andre Maria verschwindet.)
Capesius : So sind wir doch nur
Auf uns zuriickgewiesen.
Und klar allein scheint
Nur dies zu sein,
DaB wir zu wirken alle Zeit
Und unsres Werkes Fruchte
Geduldig zu erwarten haben.
Tempel
Benedictus : Die ihr Genossen mir seid
Im Reich des ewig Seienden,
Ich komme zu euch,
Beratend in eurer Sphare
Das Schicksal eines Menschen,
Der Licht von hier empfangen soli.
Er ist geschritten
Durch Leidesprufung
Und hat in bittrer Seelennot
Den Grund gelegt zur Weihe,
Die ihm Erkenntnis bringen soil.
Ich habe als Geistesbote
Die Sendung, die mir obliegt,
Die P forte der Einmihmg
An ihm erfullt.
An euch, ihr Briider, ist es jetzt,
Mein Wirken zu vollenden.
Ich hab in ihm entfacht
Das Licht, das ihn gefuhrt
Zum ersten Geistesschauen.
Und soli aus Traum
Ihm "Wahrheit werden,
MuG euer Werk
Zu meinem Werke kommen.
Theodosius : Ich will in deine Spuren treten
Und Warme leiten in sein Herz.
Er soli begreifen,
Wie opfernd den eignen Geist
Den Weltengeist er findet.
Du hast sein Schauen
Dem Schlaf entrissen.
Ich will Empfanglichkeit
In seine Seele legen.
Du hast den Geist
Entrissen seiner Leibeshiille.
Ich will den Geist ihm harten,
DaB er zum Spiegel wird
Dem Geisteslicht.
Ich werde Kraft ihm geben,
Sich fuhlend jetzt im Geiste
Zu schauen andren Geist.
Romanus : Und hast du ihn gebracht
Zur Kraft, im Geist zu leben,
Dann werde ich ihn fuhren
Durch Raumesweiten
Funftes Bild
Und Zekenlaufte.
Und Geisteswesen,
Sie sollen ihn umringen
Und Taten von ihm fordern.
Er wird sie willig tun.
Der Weltenlenker Ziele
Wird er £u seinen Zielen machen.
Die Urbeginne sollen
Durchgeisten ihn;
Die Weltgewalten sollen
Durchkraften ihn ;
Die Spharenmachte
Durchleuchten ihn
Und Weltenherrscher
Befeuern ihn.
Retardus : Ihr habt seit dem Erdbeginn
In eurer Mitte mich geduldet.
So muB in eurem Rate
Auch mein Wort gesprochen sein.
Bis ihr vollfuhren konnt,
Was ihr so schon verkiindet :
1st wohl noch eine Weile hin
Im Weltenlauf.
Noch hat die Erde selbst
Gesprochen nicht,
DaB sie Verlangen tragt
Nach neuen Eingeweihten.
So lange nicht betreten haben
Die Wesen diesen Tempel,
Aus welchen die Natur allein
Und ohne Weihe
Den Geist entbinden kann,
Die Pforte der Einweihmg
So lange bleibt mir's unbenommen,
Zu hemmen eure Schritte.
Ich halte euer Geisteslicht
Zuriick in unsrem Reich
Und gebe aus mir selbst
Den Menschen jenen Teil,
Der ihnen Sinneswahrheit
Als Hochstes laBt erscheinen.
Der Glaube mag geniigen,
Um sie zum Geist zu weisen;
Und ihres Wollens Ziele,
Sie mogen durch Begierden,
Die blind im Dunklen tasten,
Gelenkt noch weiter sein.
Die andre Maria:
Ich trage in euren Tempel
Die Geistestriebe zweier Menschen,
Die sich nach Wahrheit sehnen.
Die alten Wissensschatze
Erscheinen herrlich in dem Denken,
Das ihre Seelen durchwebt.
Es ist zu sehen an dem Licht,
Das es in meinem Wesen wird.
Es leuchtet selbst so klar
In diesem Weiheraum.
Doch leuchtet es den Menschen nicht,
Wenn sie es im eignen Selbst entziinden.
Felix Balde: Befohlen hat mir jene Kraft,
Zu gehen an den Weiheort,
Die aus den Erdentiefen
Zu meiner Seele spricht.
Fimftes Btld
Sie will durch mich euch kiinden
Von ihrer Sorge und Not.
Benedictus : Und was bekummert
Die Machte in den Erdentiefen?
Felix Balde: Das Licht, das in Menschenseelen
Als Frucht des Wissens leuchtet,
Zur Nahrung dient es jenen Machten;
Doch miissen sie seit langer Zeit
Der Sattigung fast ganz entbehren.
Denn was in diesen Tagen
Durchwirbelt die Menschenhirne,
Es eignet sich zur Nahrung nicht,
Wenn es in Geisterwelten dringt.
Der Aberglaube spukt
In vielen Menschenkopfen,
Schon wenn den Blick
Sie richten nach dem Urbeginn.
Der Handler, der Waren
Verkauft in seinem Laden,
Er hielte sicher geistverworren
Den Kaufer, der ihm sagte,
Es kann der Nebel,
Der im Tal sich wirbelt,
Sich zum Gelde ballen,
Das dich bezahlen wird.
Doch Wissenschaft, sie laBt
Erstehen Dukaten nicht,
Doch ganze Weltenbaue
Aus Urweltnebeln.
Der Lehrer, der erfiihre:
Es wollt ein Laienwicht
Die P forte der Einweihung
Ganz ohne Priifiing zum Gelehrten
Sich selber machen,
Er wurde mit Verachtung drohn.
Doch Wissenschaft lafit willig
Das Urwelttier zum Menschen
Aus eigner Kraft sich wandeln.
Und auf daC Aberglaubens Mafi
In OberfuUe sich erweisen kann,
Erblickt man Urgespenster,
Die alle Raume fiilien
Und weise jedes Wesen bilden.
Atom, so heiBen die Gespenster,
Die dumm und dumpf
Ihr ewig Dasein leben,
Gespenstig sich aneinander binden
Und voneinander losen
Und aus den Nebelschwarmen
Die Seelen und die Geister schwitzen.
Siebentes Bild
(Maria, Philia, Astrid, Luna, Johannes, Theodora,
das Kind)
Maria: Ihr, die ihr Gefahrtinnen mir seid
In meinem SchafFen, wenn ich
Des Weltenathers Wesen
In sich erbeben lasse,
DaB er harmonisch erklingt
Und klingend Menschenseelen
Durchdringt mit Geistesstimmung :
Es soil sich euer Werk
Mit meinem Werke einen.
Das Zeichen ist gegeben,
Das uns zur Arbeit ruft.
Es soli ein Mensch
Durch unser Werk
Geboren sein
Zum hohern Dasein.
Die Briider in dem Tempel,
Sie pflegen Rat,
Wie sie ihn aus Tiefen sollen
In lichte Hohen heben.
Von uns erwarten sie,
DaB wir aus Hohen
Des Lebens reinste Quellen
In seine Seele gieBen.
Du, meine Philia, sauge
Des Lichtes Wesen aus dem Raum,
Erfiille dich mit des Klanges Leben
Und seiner schaffenden Seelenmacht,
DaB ich die Gaben,
Die du zu geben hast,
Die P forte der Einweibung
Vertraue dem lebenden Spharenreigen.
Und du, Astrid, meines Geistes
Geliebtes Spiegelbild
Gib Gliederung dem Licht,
Auf daB es sich in Farben zeige,
Und Klangesleben teile
In Tone mit Weisheit ein,
DaB ich das Weitensein
Vertraue dem suchenden Menschensinn.
Und du, o starke Luna, die du ruhest
Im Innern deines Wesens,
Dem Marke gleich, das in
Des Baumes Mitte wachst,
Vereine der Schwestern Gaben —
DaB Festigkeit dem Menschen
Durch deine Einsicht werde.
Philia : Ich will durchdringen mich
Mit reinstem Lichteswesen
Aus Weltenweiten. -
Ich will eratmen mir
Den warmsten KlangesstofF
Aus Atherfernen. -
DaB dir, geliebte Schwester,
Dein Werk erfiillt mag sein.
Astrid : Ich will verweben
Erstrahlend Licht.
Ich will erregen
Den KlangesstofF.
Es soil erglitzernd klingen,
Es soli erklingend glitzern,
DaB du, geliebte Schwester,
Die Seelenstrahlen lenken kannst.
Siebentes Bild
Luna: Ich will erwarmen Seelenstoff,
Ich will erharten Lebensather,
Sie sollen sich verdichten,
Sie sollen sich erfuhlen
Und in sich selber webend
Sich schaffend halten,
DaB du, geliebte Schwester,
Im Abglanz kannst das Urbild schauen.
Maria : Aus Philias Reich
Soil stromen Freudesinn;
Der Nixen Wandelkrafte,
Sie mogen offhen
Der Seele Reizbarkeit,
DaB der Erweckte
Erleben kann
Der Erde Lust,
Der Erde Weh.
Aus Astrids Weben
Soli flieBen Liebeskraft.
Der Sylphen Warmeleben,
Es soil beleben
Der Seele Opfertrieb,
DaB der Geweihte
Erquicken kann
Die Leidbeladnen,
Die Gliick Erflehenden.
Aus Lunas Kraft
Soli keimen Festigkeit.
Der Feuerwesen Macht,
Sie kann erregen
Der Seele Sicherheit,
Auf daB der Wissende
Die Pforte der Einweibung
Sich finden kann
Im Seelenweben,
Im Weltenleben.
Philia: Ich will bei Geistern bitten,
DaB ihres Wesens Licht
Den Seelensinn entziicke
Und ihrer Worte Klang
Das Geistgehor beglucke,
Auf daB sich hebe
Der Erweckte
Auf Seelenwegen
In Himmelshohen.
Astrid : Ich will den Liebesstrom,
Der Welten ernahrt,
Zum Herzen fuhren
Dem Geweihten,
Auf daB er bringe
Dem Erdenwesen
Des Himmels Labsal
Und Menschenkindern
Den Weihetrunk.
Luna: Ich will dem Weltensein
Die Eigenheit entlocken,
Auf daB den Wissenden
Begliicke Selbsterkennen
In alien Weltenhohen.
Er soli aus Augenblicken
Die Friichte pfliicken
Und sie zu Saaten wandeln
Fur Ewigkeiten.
Siebentes Bild
Maria: Mit euch vereint
Witd mir gelingen
Die Weihetat.
Es dringt der Ruf
Des schwer Gepruften
In unsre Lichteswelt.
Johannes : O Maria, du bist es.
Es hat mein Leid
Mir reiche Frucht getragen.
Der Schmerz, er hat durchbrochen
Den Sinnenschleier,
Und schauen durfte ich
In die Lebensuntergmnde.
Mir brachte vor das Seelenauge
Der Erdenvater
Capesius, den ich erst
Als alten Mann gesehn,
In jener Seelenstimmung,
Wo ihm die Jugendtraume bluhten.
Und den jungen Strader
Zeigte mir der Geist,
Wie er einst werden mufite,
Wenn er sein Ziel
In solcher Art verfolgte,
Wie er bisher es dachte.
Der fromme Mann, der
In unsrem Kreise
Von jenem Wissen traumte,
Das nur in eigner Seele lebt,
Er ist in Wirklichkeit
Ein schwacher Schatten nur
Des hohen Wesens, das
Siebentes Bild j Achtes Bild
Mit andern im Vereine
Die Daseinsgaben schenkt.
Und wenn der matte Schatten
In Itrtum wandelt,
So ist es darum nur,
Weil Selbstsucht ihn verfiihrt,
Durch eine Seelenkraft,
Die er in sich genieBen will,
Die andern zu ertoten.
*
* *
Johannes: Dies waren die letzten Striche;
Beendet darf ich die Arbeit nennen.
Es ist mir tief befriedigend,
An dem geliebten Lehrer
Mein Konnen haben
Erproben zu diirfen.
Und da ich horen darf,
DaC euer Wesen zu euch
Aus dem Bilde wahrhaft spricht,
So bin ich vollends gliicklich.
Capesius: Ihr nennt mich euren Lehrer,
Weil ich durch drei Jahre
Euch sprechen durfte von Ideen,
Die sich mir vor die Seeie stellten,
Da ich im Geist durchwandelt
Der Zeiten und der Menschen Wesen.
Ich fiihle deutlich, wie gering
Zu halten ist, was ich euch gab.
Vergleichen muB ich es
Achtes Bild
Mit jenem Geist, der in euch
So aus den Tiefen stromend
Natur 2ur Kunst erhoht.
Und denken muB ich,
Wie sonderbar ich damals sprach,
Als ich zum ersten Male
Den Kreis von Menschen kennenlernte,
In welchem ihr die Kraft
Empfingt, euch so emporzuringen.
Es ist mir oft fast ratselhaft,
Wie ihr trotz aller Friichte,
Die ihr hier empfangen konnt,
Verlangen konntet tragen,
In meiner Denkungsart
Die Weltentwicklung 2u schauen.
Johannes : Auch ich mufi eurer Worte denken.
Sie haben tief sich mir
Ins Herz gepragt; ihr sagtet:
Es sei, als ob nicht ihr
ZuriickgestoBen seid von uns,
Vielmehr als ob die Denkungsart,
Der wir in Treue uns geneigt,
Nicht in sich ertragen konnte,
"Was eurem Geist entstammt.
Mir haben die drei Jahre,
In welchen ich lauschen durfte
Den Worten, die euren Lippen
So klar entstromen,
Gezeigt im schonsten Sinne,
Wie fruchtbar sich erweist,
Was ernster Forschersinn erwirbt,
Wenn es im Menschen-Innern sich
Die P forte der Einweihung
Verbindet mit dem Geisteslicht.
Ich danke diesem Geisteslicht
Die Kraft des Schaffens,
Von der ihr eben spracht.
Ich danke ihm nicht minder
Das Leben, zu dem mir erwachst
Das Wissen, das ich durch euch gefunden.
Capesius : Ja, diese letzten Jahre,
Sie brachten wahre Wunder
In mein Leben.
Ich lernte euch kennen,
Da ihr mit euch zerfallen ward,
Und ein fliichtiger Blick
In euer Antlitz schon lehrte,
Wie schmerzdurchwiihlt
Eure Seele war.
Und diese Jahre haben
Zum frohen Menschen nicht nur,
Sie haben euch zum Schaffenden gewandelt.
Und eures Schaffens Probe,
Sie erweist sich mir
Als wunderbare Wirkung
Der euch eignen Geistesart.
Ich brauche nur den Blick
Auf diese Arbeit zu richten,
Die meine Eigenheit
Bedeutungsreich in Form
Und Farbe mir entgegenbringt.
Ich habe oft gesonnen
Nach des Wortes Sinn:
O Mensch, erkenne dich.
Ich ahne erst heute etwas
Achtes Bild
Von diesem tiefen Sinne,
Da ihr aus dem Bilde
Zu mir mein Wesen sprechen laBt,
Wie es mir vorher so fremd war
Und wie es doch so uberzeugend wirkt,
Da durch des Geistes Wesen
Ihr es in eurem Werke zeigt.
Ich muBte mich vor dem
Eignen Wahrheitssinn verschlieBen,
Wollte ich leugnen,
DaB jenes Licht,
Das in euch wirkt,
Den Menschen sich selber zeigen kann
In einer Art, die ihm stets verschlossen
bleiben muB,
Wenn er nur einem solchen Denken folgt,
Das ich vorher zu dem meinen gemacht.
Ja, ich sehe es klar,
Es gibt noch andre Geistesquellen,
Und ihnen erst entstromt die Kraft,
Zu dringen in das inhaltvolle Wort:
O Mensch, erkenne dich.
Maria : Mein lieber Professor, ihr sprecht
Das Wort, dessen Sinn
Auf jeder Geistesstufe
Im neuen Lichte strahlt.
Es birgt die tiefsten Tiefen.
Es tragt den Schmerz in sich
Und auch die Seligkeit.
Um dazu zu gelangen,
DaB er in diesem Abbild
Eures eignen Wesens
Die Pforte der Einwihung
Euch so treu euch selbst
Zu zeigen vermochte
Und euch durch sein Werk
Das Wort entlocken konnte,
O Mensch, erkenne dich,
Dazu muBte unser Johannes
Erst alles Leid erfahren
Dieses hohen Wahrheitswortes
Und er muBte Seligkeit
In ihm erleben.
Capesius : Es dringt rrdr tief in die Seele,
Was ihr eben gesprochen.
Und Verlangen trag ich,
Bald recht viel von euch
Zu horen iiber diese Dinge.
Doch sagtet ihr, daB in Kiirze
Die Freunde zu euch kommen wollen,
Das Bild zu sehen.
Ich mochte nicht personlich
Neben meinem Bilde stehen.
Ich darf euch deshalb bitten,
Ein andres Mai kommen zu diirfen.
Maria : Es ahnt diese liebe Seele
Schon etwas von der Wandlung,
Die du erfahren.
Zehntes Bild
Meditations^immer
Johannes : Wenn ich zuriicksehe auf die
letzten drei Jahre, so ist
es mir immer, als ob ein
solcher Blick mir wieder und
wiedet die Kraft erhohte. Ich
sehe, wie sich in mir das
Leid zum Mittler gemacht hat
meiner Erkenntnis, denn als das Leid
mich aus meiner damaligen Daseinsform
gehoben hat, durchdrang mich unmittelbar
mich erfiillend der Geist, da ich vorher
doch nur imstande war, aus meinem
Geiste, den ich selbst noch nicht erkannt hatte,
die Sinnendinge zu spiegeln, die sich vor
mich hinstellten. Und du, o meine
Maria, gabst mir GewiBheit von
der Geisteswelt, die in mich drang.
Durch dich gewann ich erst diese
Welt. So bist du mit mir
verbunden, denn an dir gewann
ich mich selbst und die Welt in
jener Form, in der sie wirklich ist.
So hat uns unser Schicksal
zusammengefuhrt.
Damals, als ich dir
folgte in die Geisteswelt, ware
es mir ein Geringes gewesen,
die ganze Welt zu verlieren.
Denn mir gab diese ganze Welt
Die Pforte der Einweihung
nur Leid. Und dich selbst glaubte
ich kaum mehr zu finden. Doch
jetzt habe ich dich fur Ewigkeiten.
Es tuft die Stimme, die mich leitet
auf dem Wege, mich zum Opfer.
Heute ist der Tag, da ich das Opfer
bringen soli. Ich weiB es, da6 ich
befragen muB die innersten Krafte
meines Wesens, wenn ich erfahren
soli, welches Opfer ich bringen muB,
um weiter zu kommen. - So
will ich denn in mich selbst
dringen, so tief ich nur kann; es soli
mir meines Wesens Kern sagen,
was des Opfers Inhalt sein soli.
(Theodosius erscheint.)
Du, der jetzt noch nicht auf
Erden weilt; die Menschen, durch die
du sprechen kannst, sie sind nur eine
schwache Vorgestalt derjenigen,
welche einst kommen werden,
um deines Wesens Abbild zu sein.
Du, dessen Form mir
jener Weltenmachte Botschaft
kiindete, die des Opfers Inhalt
bestimmen, von dir soil ich
erfahren, was mein Stern von
mir verlangt, wenn ich weiter
den Weg verfolgen will, den ich
begonnen. kunde mir das
Opfer. Aus dir spricht nicht die
Gegenwart, aus dir spricht
die Zukunft.
Zehntes Bild
Theodosius :
Es kiindet dir durch mich
die Zukunft, der dein Schaffen
dienen soil, was dir obliegt,
mein Sohn. Du wirst deines
Werkes Wirkung nur in
die Zukunft: senden konnen,
wenn du das Opfer bringen
willst. Bist du bereit?
Johannes: Es gibt mir das Erlebte
den Mut, dir ja zu sagen.
Theodosius : Du willst, trotzdem des
Opfers Inhalt dir unbekannt?
Johannes:
Des Erreichten ware ich unwert,
wenn ich glauben konnte,
daB ich zuriickschrecken konnte
vor dem Opfer, wie groB es
auch mag sein.
Theodosius:
Und gewiB ist's dir, daB
des Opfers GrdBe diese
Kraft nicht iibersteigen kann?
Johannes : Ich weiB, daB mir
das Errungene unverloren
sein muB, da ich ohne
es den Dienst nicht verrichten
kann, der mir obliegt.
So kann auch dies Opfer nur
diesem Dienste dienen. Ich
will es bringen, weil ich
Die Pforte der Einweihung
muJB, will ich selbst mich halten.
So nenne mir das Opfer.
Theodosius: Dich selbst sollst du behalten;
doch kannst du es nur,
wenn du ganz in dir selber
ruhst. Und wenn Fessel
nicht ist dein Wesen einem
andern Wesen, das nicht
dir nur Stiitze sein soli, das
auch in sich selber ruhen muB.
Du kannst dich nur vollig
finden, wenn du dem Geiste
wieder gibst das Wesen, das dir
geopfert hat einen Teil seines
Wesens : wenn du dich entschliefien kannst,
dich in dir selbst zu finden ohne
- Maria -.
Johannes: O, das nicht.
Alles nur das nicht.
Ich kann alles opfern,
nur sie nicht.
Theodosius : Doch wollen Weltengeister
nur dieses Opfer -
bringst du es nicht,
bist du verloren.
Es gibt Tode, die
grausiger sind als
diejenigen, die
du kennst. -
(Et verschwindet.)
Zehntes Bild \ Neuntes Bild
Johannes: Was klingt mir aus meiner Seek Tiefen?
- Maria -
Betrog mich meine Seligkeit?
Sie war es selbst, die
mir seit drei Jahren
dies edle Wesen erst ganz gegeben.
Sie hat mich dem Leid entrissen;
sie hat mich ihr verbunden.
Sie gab den Glauben mir,
daB ich mit ihr fur Edelstes
schaffen miiBte. 1st auch das
ein Trug? Ich rnuBte glauben,
daB die Leiden nicht mehr
wachsen konnen, so sagt es mir
meine Seligkeit. Ich habe
Erkenntnis ermngen; doch Erkenntnis
nur, urn 2u erreichen noch
groBern Schmerz. -
Gegend
(Quellen und Felsen).
Johannes : So stoBt ihr mich wieder,
Ihr Felsen und ihr Quellen,
Wie vor Jahren in den Abgrund.
Es war meines Innern schwerste Tat.
Damals riefet ihr mich
Zu mir selbst.
Ich ward vom Schmerz gefuhrt
Und folgte eurem Ruf.
Die Pforte der Einweihung
Er hat sich nun gewandelt.
Es spricht mir nichts
Aus Felsen und aus Quellen.
Sie schweigen.
Es spricht nur mein eignes Ich:
O Mensch, erleuchte dich.
So sprichst du, Innres.
Doch ist dir des Lichtes Quelle versiegt.
Mit ihr wird mir das Licht genommen.
Ver stummt sind Quellen,
Verstummt die Liifte.
Und mit ihr ist die Seek entflohen.
Wie eines Menschen Leichnam
Die teure Seele nicht
In sich mehr schlieCt,
So habe ich der Welten Seele
Mit dir verloren.
Und Natur ist mir ein Leichnam nur.
Ihr Felsen waret mir
Gebeine eines lebendigen Geistes,
Ihr Quellen stromtet mir
Die Kraft des Geistes,
Ihr Liifte brachtet mir
Den Atem des Geistes.
Doch jetzt seid ihr entgeistet.
Sie gab Gewissheit mir,
DaB der Geist, der aus euch sprach,
Die Wahrheit ist
Und daC er nicht
In mir selbst nur erschaffen.
Mit ihrem Verlust
Ist hin auch aller Geist.
Und leer die Welt,
Neuntes Bild
Die ich gefunden.
O, es mogen diesem Innern
Enthullen sich Geisteslichter.
Es mag erwarmen dies Innre,
Die Gottesseligkeit,
Ich kann sie nicht glauben.
Und entseelt, wie Ihr,
Gebilde der Natur,
So bin ich selbst.
Mag ein Geist Taten
Von mir fordern,
Sie werden keine Kraft
In mir erstehen lassen.
Denn dem Tod geweiht
1st aUer Krafte Trager.
Ich ward mit Kraft begabt,
Der Gegenwart zu dienen,
Und horTen muCte ich,
DaB die Geister, die
Der Zukunft angehoren,
Tragen werden die Friichte,
Die ich sae in der Gegenwart
In ihr eignes Reich.
Verlassen mich diese Geister,
So ist's an ihnen, nicht an mir,
Wenn mein Werk verlorengeht.
Ich folgte Benedictus,
Der mich fiihrte in Weishek;
Er hat mich treu geleitet.
Doch nimmt man mir,
Was ich durch ihn errungen,
So ist er selbst verraten.
Die Wesen, die ihm helfen sollen,
Die Pforte der Einweihung
Verlassen ihn,
Und stiirzen muB sein Werk
Ins Bodenlose.
Ich bleibe dir treu,
Denn dir verdanke ich
Die Kraft der Treue.
Du konntest mich nicht anders fiihren.
Ich muB dir folgen.
Doch da ich weiB, dafi
Du versinken muBt,
So will ich zuerst versinken,
DaB du mich finden kannst,
Wenn deine starkre Kraft
Von andern Geistern
Uberwunden ist.
Ich will dir, Benedictus,
Vorauseilen in den Weltentod.
O Abgrund nimm mich auf.
O kB mich versinken . .
Theodosius : Steige.
Elftes Bild
Tempel
Benedictus : Du kannst mir Treue halten
Bis in den Weltentod,
Du wirst durch deine Treue
Dich und die Welten
Beleben durch Weisheitsfulle.
Und was du schaffen darfst,
Die Briider werden es bewahren.
Es steht vor dir,
Der dir nehmen muBte,
Was ich dir gab.
Doch ist sein Nehmen Geben.
Er fordert Opfer,
Doch Opfer,
Die Weltenwerdens
Keime sind.
Theodosius : Ich diene der Liebe.
Doch Liebe in mir,
Sie steht in hoherm Dienst,
Sie muB gehorchen
Der Gerechtigkeit.
Und geben durfte dir der Bruder
Nur fur eine kurze Zeit,
Was ich zuriick wieder geben muB
Dem Wesen, dem ich es
Entnommen habe.
Maria muB ihren Anteil haben.
Denn es miissen in Zukunftzeiten
Die Menschen fureinander sein
Und nicht der eine durch den andern.
Die Pforte der Einmihung
So wird das Weltenziel errekht,
Wenn jeder in sich selber ruht
Und jeder jedem gibt,
Was keiner fordern will.
Maria : So wirst du meiner
Nicht bediiifen,
Weil du ein solch Bedurfen
In dir ertotet hast.
Du wirst GewiBheit
Durch dich selber finden.
Und ich will dir geben,
Was du nicht forderst.
So werden wir vereint
Dem Weltenziele dienen.
Romanus : Wenn ihr so euch dient,
Kann meine Willenskraft
Sich in euch ergieBen.
Und Zukunftkrafte
Werden in euch walten.
Es werden dieses Tempels Stiitzen
Die Stiitzen sein eures eignen Wollens
Und in euch werden
Sie Erdentaten stiitzen.
Ihr werdet Saaten streuen,
Die fur Ewigkeiten reifen.
Philia : O Maria, ich empfinde,
Wie in dir erwacht
Die Geistesbliitenfiille.
Ich werde sie
In Zukunftzeiten tragen
Elftes Bild
Und folgen dir
In deinen Bahnen.
Astrid: Du, teure Schwester,
LaB mich in dir leben,
Was deiner Liebe
Sich entringt.
Ich werde es verleihn
Den Menschen, die in fernen Zeiten
Dem Weltendienste sich weihn.
Luna: Und ich will tragen
Deine Taten
In der Menschen Herzen,
DaB sie zu aller Zeit
Sich gewachsen finden,
Zu schenken sich
Dem Dienst der Welt.
Felix Balde: So wird das Opfer,
Das ich bereit zu bringen,
Der Welt die Friichte bringen.
Ich durfte mein Licht
So lange nur in mir selber bergen,
Als Menschen nicht genotigt waren,
Vernunft mit Weisheit zu durchdringen.
Frau Balde: Es war einmal ein Wesen,
Das flog von Tiefen in die Hohen,
Dem Lauf des Geistes nach.
Es strahlte in den Tiefen
In aller Schonheit Pracht.
Und wie es stieg nach oben,
Die Pforte der Einrveihung
Verlor sich aller Glan2.
Es ward dem Wesen Kummer.
Es ward getrostet, indem es stieg.
Die Hoffnung ward ihrn geschenkt.
Es mu3t' den Glanz verlieren,
Der ihrn von unten ward geschenkt,
Um hohern Glanz zu gewinnen.
Theodosius: Es wird der Tod der Sinnesschonheit
Gebaren Geistesschonheit.
German: Es finder der Mensch,
Der in sich nicht ertotet
Des Guten Stimme,
Den Weg zum Guten.
Er fuhlt den Gott,
Der aus dunklen Tiefen wirkt,
Der Erden und Sonnen fiihrt.
Ihrn folge so lange er,
Als er sich selbst nicht folgen darf.
Romanus : Es findet der Eigenwille
Sich selber nur im Weltenwillen.
Die andre Maria :
Mich nehrnet hin.
Wo der andern Schwester
Stern erscheint,
Geht meiner willig unter.
Ich habe aus Felsen gesprochen,
Ich habe aus Quellen Lebenskraft gekiindet;
Den Menschen durch Menschen selber
Wird Erdenlicht, erlosch ich meins.
Elftes Bild
Makrokosmos: Es schwindet eine gute Seele,
Sie leuchtet aus der Welt.
Benedictus : Ein Wissender empfangt
Von diesem Tempel
Weisheit, die im
Vorhandnen wurzelt.
Theodosius : Ein Hoffender nimmt
Von diesem Tempel
Glauben, daB das
Werdende gedeihe.
Romanus : Einem Wirkenden flieBt
Aus diesem Tempel
Kraft, aus Nichts
Das Sein zu holen
Achtes Bild
Johannes : Dies waren die letzten Striche.
Das Bild darf nun als fertig gelten.
Es war mir eine Hebe Arbeit,
DaB ich gerade eure Wesenheit
Durch meine Kunst zum Ausdruck bringen durfte.
Und das Bedeutungsvollste ist,
DaB Sie in dem Bild sich wiederfinden.
Capesius: Ich muB ganz offen es gestehn:
Ich stehe vor einem Ratsel,
Wenn ich bedenke, wie dies Bild entstand
Und wie euer Schaffen sich entfaltet hat,
Seit ich euch zum ersten Male sah.
Es war vor drei Jahren;
Ihr waret damals in tiefer Seelennot,
Ein jeder Blick in eure Ziige zeigte es.
Ich sprach mir von der Seele manches,
Woran mich eine Rede denken lieB,
Die ich in eurem Kreise angehort.
Ich muBte immer wieder nach euch sehen,
Der wie von schwerstem Kummer niedergedriickt
In seiner Ecke briitete.
Ich hatte damals wahrlich nicht geglaubt,
DaB ihr zum Schaffen je den Drang empfinden
wiirdet.
Und welche Wandlung in drei Jahren!
Der Kummer ist einer Lebensheiterkeit gewichen,
Die aus dem Schaffensfeuer immer neu ersteht.
Aus euren Augen leuchtet sonnenhaft
Ein Licht, das in der Menschen Innres dringt,
Und eure Hand erschafft die Menschenbilder,
Achtes Bild
Die wie Naturgewalten sich beseelt erzeigen
Und die den Menschen ihre Wesenheiten
Aus tiefsten Seelenuntergriinden offenbaren.
Es ist keiner unter den Menschen, welche ihr
gemalt,
Der durch sich selber je erkannt hatte,
Was in ihm sich dringt zum Leben,
So wie es ihm gezeigt aus eurem Bilde.
An euren Werken lernten sich die Menschen
kennen ;
Ja, man kann mehr noch sagen,
Sie drangen durch sie zu des Menschen Wesen vor.
Wer solche Wunder sehen darf,
Der lebt erst wahrhaft;
Die andern traumen nur.
Ich habe oft die Frage halb versucht,
Woher euch die Wandlung kam.
Doch ihr vermiedet stets selbst jede Andeutung,
Die mir die Losung dieses Ratsels hatte geben
konnen.
Mir ist die Sache um so wunderbarer,
Als ihr nach jener Wendung eures Schicksals
Empfandet das Bedurfnis, von mir zu horen,
Was ich durch meine Forschung geben kann.
Man hatte denken konnen,
DaB diese Forschung euch gering erscheinen
miisse,
Enthalt sie doch kaum andres als trockne
Vorstellungen,
Die unser Geist sich iiber MenschenschafFen bildet.
Wer selber schafft, der gibt zumeist nicht viel
Auf jene, die vom SchafTen reden.
Achtes Bild / Nicht aufgenommener Monolog
Johannes : Ihr irrt, verehrter Professor.
Ich muBte eure Lehre suchen eben jetzt,
Da mir der Geist die Kunst geschenkt. . . .
Was ihr mir gabt durch die Worte,
Die so klar von euren Lippen stromen,
Es muB sich einen mit den Gaben,
Die mir von andrer Seite zugeflossen,
Wenn diesen wahre Friichte reifen woilen.
Capesius: Ihr sagtet, daB in kurzer Zeit
Die Freunde eures SchafFens kommen werden,
Die neue Schopfung zu betrachten.
Ich mochte dann nicht selber neben dem Bilde
stehn,
Ich will mich darum jetzt entfernen.
Doch gibt es so tranches, das ich so gerne
Recht bald mit euch besprechen mochte.
(Capesius geht ab.)
JOHANNES : (einige Augenblicke allein) :
An diesem Bilde konnt' ich deutlich fuhlen,
Warum es mir gelungen ist,
Des Menschen wahre Wesenheit in Form
und Farbe lebensvoll zu gestalten.
Ich dank es euch, ihr Geisteswesen,
Die ihr mich habt gewurdigt,
In eure Welt den Seelenblick zu richten.
Wenn ich gewuBt nur hatte von dem Manne,
Nicbt aufgenommener Monolog
Was meine Sinne von ihm fassen,
Ich hatte nachzuzeichnen nur vermocht,
Was als Leibeshiille ein gespenstig Dasein fuhrt.
So aber konnt* ich meine eigene Seele verbinden
Mit dem, was unsichtbar die sichtbare Form
Ins Dasein hat gerufen und lebendig sie
durchkraftet..
Ich fiihle mich als Kiinstler erst,
Seit ich bewuBt mir bin, wie ich die Menschenart
Gestalten kann aus den gleichen Kxaften,
Aus welchen sie die Welt ins Dasein ruft.
Ich hatte vor meinem Geistesauge
Die Lebenslaufe, die dieser Mann durchlebt,
Bevor er geworden ist, was er gegenwartig ist.
Und wie er ist, so muBt' er werden,
Weil langstvergangnes Schicksal ihn gebildet.
Nur wenn die Kunst dies unsichtbare Werden
In ihrem SchafFen schaffend weben laBt,
Erwirbt sie sich ein Daseinsrecht.
Wer der sichtbaren Farbe Schein nur malt,
Er wird nie des Menschen Farbe leuchten lassen;
Er kann nur die Farbenoberflache schaffen,
Die nicht verrat, was sie ausdriickend spiegelt.
(Es kommt Strader.)
Acbtes Bild
Strader : Es ist mir tiefes Bedurfnis, zu betrachten
Des Heben alten Freundes Bildnis noch einmal.
Johannes : Es freut mich, lieber Doktor,
DaB ihr die Ablehnung unsrer Geistesart
Nicht auch der Kunst entgegenbringt,
Die nichts sein will als Offenbarung dieser Art.
(Maria tritt ein.)
Strader : Ich habe mich stets bestrebt,
Zu sondern, was verschiednen Reichen angehort.
Es darf der Kiinstler seine Phantasie frei waken
lassen
Und seine eigne Welt lebendig scbaffen;
Doch wenn die Phantasie den Forschergeist er-
setzen will,
Dann widersetzt sich mein Wahrheitssinn.
(Das Bild bctrachtend) :
Wenn ich in diese Augen schaue,
So leuchtet mir herrlich jenes Licht,
Das ich an meinem alten Freund so Hebe.
Es blickt aus ihnen lebensvoll das Feuer,
Das seine Seek in dem Horer ziindet,
Wenn er die hohen Ideale groBer Menschen
So hingebungsvoll zu schildern weiB.
Ihr gebt mir ihn zum zweiten Mai.
Es muB mein Herz sich offnen seiner Warme ;
Seine edle Art muB auf mich wirken.
Ich muB einen ganzen Menschen vor mir haben,
Wenn ich in mir lebendig fuhlen soil,
Wie hier er aus der Farbe und dem Lichte spricht.
Es ist, als ob ich nicht ein Bild erblickte,
Vielmehr, als ob aus dem Bilde geheimnisvoll
Acbtes Bild
Sich eine Kraft in mich ergosse,
Die meine Seele warm durchwebt,
Die meine Lebenskraft erregt
Und in mir selber lebend Leben schafft.
Ich fuhle, wie ich in Tiefen schaue
Und schauend in mir selbst erstehen lasse,
Was inhaltvoll aus Daseinsquellen stromt.
Maria: Sie werden so warm vor dem Bilde, Doktor.
Wie konnt ihr das Werk bewundern,
Wenn ihr entschieden alles von euch weist,
Was in des Kiinstlers Seele das Werk erschafFen
kann?
Strader: Ich weise nicht von mir den Geist,
Der Phantasie und Kunst befruchtet;
Doch muB ich trennen Forschersinn von Kunst-
lergeist.
Die Phantasie ist Quell der Kunst,
Doch soil sie fern sich halten der Erkenntnis.
Maria: Man kann in diesem Sinne denken,
Doch steht dies Denken fern dem Leben.
Johannes konnte keine Bilder schaffen,
Die euch so lebensvoll zur Seele sprechen,
Wenn seine Seele nicht im Geiste weilen konnte,
Und wenn der Geist ihm nicht Leben schenkte.
Strader :
Die P forte der Einweibung
Johannes : Dies waren wohl die letzten Striche.
Beendet darf ich die Arbeit nennen.
Es war mir ganz besonders lieb,
DaB ich gerade eure Wesenheit
Durch meine Kunst erforschen durfte.
Capesius : Dies Bild ist fur mich wahrlich wie ein Wunder,
Und wunderbar erscheint mir der Schopfer,
Der seit drei Jahren eine Wandlung durchlebt,
Die alles iibersteigt, was Menschen meiner Art
Als moglich konnten halten,
Wenn es ihnen nicht vor Augen trate.
Ich sah vor drei Jahren euch zuerst,
Als ich den Kreis besuchen durfte,
In welchem ihr die Mittel fandet,
Die euch zu solcher Kiinstlerschaft gehoben.
Ihr waret damals in der tiefsten Seelennot,
Ein jeder Blick in eure Zuge zeigte es.
Die Rede, die ich angehort, entlockte mir
Die Worte, die wie ein Gestandnis klangen.
Und sie entrangen sich nur schwer der Seele.
In einer Stimmung sprach ich,
In der man sonst an sich nur denkt.
Mein Blick war dennoch immer wieder angezogen
Von jenem Maler, der traurig briitend
In seiner Ecke saB und schwieg.
Doch waren sein Schweigen und sein Briiten
Von ganz absonderlicher Art.
DaB er nicht eins der Worte horte,
Die man im Umkreis sprach,
Man konnt' es von ihm selbst wohl glauben,
Doch gait das nicht von seinem Kummer.
Der schien auf alles hinzuhoren
Achtes Bild
Und seinen Trager so zu qualen,
Wie es dem Gehorten angemessen war.
Man konnte auch vielleicht sagen,
Es war der Mann besessen von dem Kummer.
Es ist drei Jahre her,
Seit ich euch so gesehn habe.
Ich traf euch bald wieder nach jenem Tage,
In Wahrheit waret ihr ein andrer Mensch.
Es strahlte aus euren Augen Seligkeit,
Es lebte in eurem Wesen Kraft.
Und edles Feuer klang aus euren Worten.
Ihr sprachet mir dann den Wunsch aus,
Der mir recht wunderlich erschien.
Ihr sagt, ihr wollt mein Schiiler werden.
Und wirklich habt ihr seit jener Zeit
Mit Eifer euch alles angehort,
Was ich zu sagen habe vom Menschenwesen,
Von Zielen und Ideen im Verfolg der Zeiten.
Da wir uns so immer naher traten,
Erlebte ich das Ratsel eures Kunstlertums.
Und jedes eurer Bilder bot mir neue Wunder.
Mein Denken hielt sich scheu zuriick von Welten,
Die unerreichbar unsern Sinnen sind.
Mir schien Vermessenheit, zu zweifeln,
DaB alles Dasein geisterfiillt,
Vermessenheit jedoch nicht minder,
DaB Menschen in Geisteswelten dringen wollen.
Mit Klarheit muB ich nun erkennen,
Wie weit ich von dem Wahren mich entfernt.
Zu schauen nicht, daB Geist in eurer Seele
Natur, schafFend, iiber sich selbst erhebt
Und daB er selbst in euch den Pinsel fuhrt,
Es ware kluger nicht, als sich das Aug* verbinden,
Die P forte der Einweibung
Um nur recht deutlich sehn zu konnen.
Strader: Ich glaubte, meinen lieben Freund zu kennen;
Doch muB ich frei gestehen, betracht ich euer
DaB ich recht wenig von ihm wuBte. [Bild,
Maria : Wie konnt ihr, lieber Doktor,
Fur dieses Werk so voile Anerkennung haben
Und doch des Werkes Quelle leugnen?
Strader : Was hat Bewunderung, die ich dem Kiinstler zolle,
Zu tun mit Glauben an die Geisterwelt?
Maria : Bewunderung des Werkes kann gewiB bestehn,
Auch wenn der Glaube an die Quelle fehlt.
Nur konntet ihr in diesem Falle nichts bewundern,
Wenn alle Wege in die Geisteswelt verschlossen
waren.
Nur weil er einen solchen Weg gefunden,
Vermochte unser Freund das Werk zu schaffen,
Dem eure Bewundrung gilt.
Strader: Ich leugne nicht des Geistes Dasein
Und zweif le nicht, daB er im Kiinstler wirkt.
Doch sich des Geistes Wirkung ubergeben,
Es heiBt doch nicht, erkennend ihn durchdringen.
Im Kiinstler schafit des Geistes Kraft,
Wie sie im Baum und Steine schaftt;
Doch bleibt die Kraft so unbewuBt dem Kiinstler,
Wie unbewuBt sie bleiben muB der Pflanze.
Doch wenn mein Blick sich zu dem Bilde wendet,
VergeB ich alles, was den Denker lockt.
Wie herrlich leuchtet aus diesen Augen,
Achtes Bild
Die euer Pinsel auf die Leinwand hingezaubert,
Das Licht, das in unsrem Freunde wirkt,
Wie lebt in diesen Farben das edle Feuer,
Das seine Seele in den Horern ziindet,
Wenn er der Menschen hohe Ideale schildert.
O dies Bild, es wirkt, es lebt ein machtig Leben.
Ich schaue nicht nut Farben, flachenhaft,
Ich schaue Farben, welche Geist verhiillen
Und ihn verhiillend ofFenbaren.
Und Formen seh ich vor mir,
Sie sprechen unhorbar vom Geistesweben,
Und ihnen folgend fuhl ich mich selber Geist.
Capesius : Mein Freund, ich habe euch nie so gesehn.
Ihr habt in diesem Augenblick
Des Denkers Ruhe ganz verloren.
Das Bild hat euch euch selbst genommen.
Strader : Ihr braucht nicht Sorge zu haben,
Ich werde mich schon wiederfinden.
Capesius : O, sagt nichts gegen diesen Augenblick.
Wer so sich selbst verlieren kann, gewinnt viel.
Ihr habt fur kurze Zeit gefuhlt,
Was ich gewiB das ganze Leben fuhlen werde,
Das mir noch gegonnt ist.
Mich hat dieser Kiinstler gelehrt,
DaB man im Geiste leben kann.
Und ich glaube nun, daB man den Menschen
Nicht anders erkennen kann,
Als wenn man erst verliert,
Was so gewohnlich man
Als sich empfindet und zu erkennen meint.
Fur mich ist das «Erkenne dich selbst »
Die P forte der Einweihung
In seinem Sinn nun vollig neu.
Was niitzt es mir, wenn ich mir
Auch oft sage, ich solle mich erkennen.
Dies Bild ist fur euch und mich iiberzeugend.
Ich bin es zweifellos, der dargestellt.
Doch wuBt* ich bisher nicht das geringste
Von allem, was das Bild iiber mich mir sagt.
So heiBt demnach fur mich «erkenne dkh selbst» :
Sieh zu, was Johannes Thomasius
Dir iiber dich selbst sagen kann.
Und ihn hat wahrhch der Geist gefiihrt.
Er aber hat mir oft gesagt,
Wenn Geisterkenntnis sich ihm nicht genaht,
So ware seine Seele leer,
Die Hand ware ihm gelahmt noch,
Wie sie es vorher war.
Strader: Verstehn wohl kann ich eure Hingebung,
Doch schwer ist es mir, zu sehn,
Wie ihr sie so gelassen tragen konnt.
Thomasius hat sicherlich in drei Jahren
Bewundernswert entwickelt die Anlagen,
Die vorher sich nicht zeigen konnten;
So lange darf ich ihn auch bewundern.
Soil ich jedoch von einem helfenden Geist
sprechen,
Der diese Entwicklung geleitet hat,
Dann ist die Wissenschaft nur Trug
Und all mein Denken eitler Wahn.
Ich muB nun allein sein.
Capesius: Ich mochte Euch begleiten.
(Sie gehen ab.)
Achtes BiU
Maria : Mein Freund, ich sah dich wachsen von Werk zu
Werk;
Doch machtest du niemals einen Schritt,
Den man vergleichen konnte deinem letzten.
Dies Bild enthiillt so vieles,
Was tief gegriindet liegt im Menschen.
Johannes : Die Hilfe, die mir die Geisteswelt geschenkt,
Sie floB am reichsten dieses Mai.
So klar zu schauen eines Menschen Wesen,
War mir erst jetzt gegeben.
Als ich den Geistesweg begann,
Da sah ich deutlich dieses Mannes Jugend.
Dann dammerte mir langsam auf,
Was sich in friihern Lebenslaufen
Mit ihm zugetragen hat.
Erfahren konnte ich, wie ihm beschieden war
Ein Leben einst, mit Taten reich erfiillt,
Und wie die schwersten Kampfe
An jenen Kraften formten,
Durch die er fur dieses Erdenleben
Sich seinen Leib gestaltet.
Ich fuhlte aus den Augen ihm erstrahlen
Erlebnisse langst vergangner Zeiten.
Dann gab mir eines Tages Benedictus Winke,
Die mir zu groBter Klarheit brachten,
Was ich an diesem Menschen bis dahin geschaut.
Doch noch bedeutsamer war,
Was er mir weiter zeigte.
Ich hatte friiher das Geschaute
Noch zu gedankenhaft in mir erhalten
Und so in meinem Schaffen wirken lassen.
Ich lernte dann, daB alles Erschaute,
Die Pforte der Einmibung
Bevor es uns zur Kraft erwachst,
Erst in den Abgrund des eignen Geistes sinken
So tief, daB es wie in uns erstorben ist. [muB,
Es taucht dann spater wieder aus der Tiefe auf.
Und wenn zum zweiten Male
Es sich uns vor die Seele stellt,
Entfaltet es sich in solcher Art,
DaB ihm die voile Lebenskraft erwachst.
Maria: Es ist dies eines jener Geistgesetze,
Die man nur allzu leicht
ErfaBt zu haben meint,
Wenn man noch weit entfernt
Von ihrem wahren Wesen ist.
Johannes : Man siindigt gegen dies Gesetz,
Wenn noch so klar es vor der Seele schwebt.
Maria: Seit ich im Geistesreiche leben darf
Ist mir bewuBt erst, wie schwach die Seele ist.
Verlieren kann man immer wieder,
Was man besessen hat.
Johannes : Nur wenn es sich gewandelt hat
In unsrer Seele Abgrundtiefen
Und nach der Wandlung sich erstarkend
Zur Schaffenskraft erwachsen ist,
Dann bleibt es unverloren.
Ich fuhlte dieses erst mit Klarheit,
Seit ich es an diesem Bild erprobt.
Maria :
Durch deine Kiinstlerschaft liegt solch Erlebnis
Dir naher, als mir es liegen kann.
Acbtes Bild
Vermag ich doch in diesem Leben
Das Geistgeschaute nur im Seeleninnern festzu-
halten
Und nicht im auBern Stoffe zu gestalten.
ihannes : In derben Farben zu verkorpern,
Was lebensvoll im Geist du schaust,
Entspricht dem Leben nicht,
Das dir in dieser Zeit geworden.
Du schafTst im andern Menschen Licht,
Wie du es getan als Christusbote
In jenen alten Zeiten,
In welchen wir uns fanden.
Benedictus, der jedes Wort zur rechten Stunde
spricht,
Und nur wenn wahre Griinde drangen,
Er hat vor kurzem mir gesagt,
Wie unsre Schicksalsfaden sich verbunden,
Und wie auch ferner halten muB
Der eine sich dem andern beigegeben.
Bis wir gefunden uns im Geistgebiet,
Hat er als Schicksals-Fiihrer uns geleitet,
Doch jetzt ist uns selber auferlegt,
Die Wirkenskrafte, die uns zugeteilt,
Gemeinsam dem Menschenziel zu widmen.
Es ist so innig verwoben meine Kraft
Mit allem, was in deiner Seele webt,
DaB ich ohne dich nicht leben kann.
Wenn nicht die Krafte, die erst dir erwachsen,
In meinen Geist heriiberstromten,
Es muBte ersterben meine SchafFenskraft.
Ich lebte erst an deiner Seite,
Als mir den Geist zu schauen
Die Pforte der Einweihung
Noch nicht gegeben war.
Du warst der Heifer mir durch Leid,
Das Geisterkenntnis mir verlieh
Und mich mir selber gab.
Maria : Wir sind verbunden durch der Weisheit Macht
Und miiBten uns selbst vernichten,
Wenn wir uns trennen wollten.
Johannes : Bevor die Weihe ist geworden,
Zu der mich Benedictus fiihrte,
Ertrug ich schwere Leiden.
Die schwersten brachte mir der Zweifel,
Ob ich an deiner Seite diirfte sein.
Ich wuBte nur von meiner Liebe
Und nichts von unsrer beider Schicksal.
Und oft ist's mir als Pflicht erschienen,
Die Liebe mir aus der Seele zu reiBen.
Ich konnt' es damals nicht.
Und jetzt erkenn ich dies als Pflicht,
Was erst nur Neigung war.
Es sprach zu mir Benedictus bedeutsam:
Mit deiner Weihe ist ein Teil der Fiihrung,
Die ich dir angedeihen lieB,
Auf deine eigne Seele iibertragen.
Du warst mir treu,
So bleibe treu auch ferner.
Und deiner Treue Probe muB es sein,
DaB du Maria mit dir vereint erhaltst,
Auch wenn sie starke Machte [von dir] trennen
wollen.
So waren die Worte, welche Benedictus sprach.
Ich kann sie noch nicht deuten.
Acbtes Bild / Zebntes Bild
Geduldig will ich warten,
Bis sie sich selber deuten.
Doch es sind die Worte ein Teil des Seeleninhalts,
Der mich zur Geisteswelt geleitet. :
*
* *
Meditations^! mmer
Johannes : Die Zeit ist erfullt.
Es soli auf meinem Seelenpfade
Ein zweiter Schrkt dem ersten folgen.
Diesmal steht Benedictus mir nicht zur Seite,
Die Richtung gebend wie vor Jahren.
Ich muB den Weg mir selber finden.
Das Licht, das mir geworden,
Es wird mich weiter fiihren.
Es hat von Wahnes Finsternissen mich befreit
Und Mut verliehen mir, mich selbst erlebend,
Das Geistesauge zu gebrauchen.
So fuhre mich denn, du Geisteslicht.
Du hast das Denken mir durchleuchtet,
Du hast in mekier Lebenskraft entziindet
Die Warme, die mit Wesenheit erfullt.
Ich will sie tragen diese Wesenheit
In alle Welten, wohin der Geist mich fordert.
Ich fuhle schon sein Nahen.
Es soli mich mutig finden.
Erleb ich mich in ihm,
Kann Gutes nur erstehn.
(Theodosius erscheint.)
Die Pforte der Einweihung
Theodosius : Dem Geisteslicht verbriidert, in Liebe waltend,
Bin kh am Menschenwesen wirksam.
Dir hat sich Weisheit erschlossen,
Die deiner Welt nicht eigen ist.
Und wer entruckt den eignen Welten wird,
Durch andrer Welten Machte :
Er kann nur erreichen zielvolles Wirken
Durch Krafte, die erflieBen aus rechter Opfertat.
Du hast mich einst geschaut im Briiderkreise.
Ich nahe dir, des Bruders Werk zu vollenden.
Er hat die Weisheit dir gebracht.
Du hast dich selbst erkannt in seinem Lichte.
Du willst dich selbst erleben,
Du kannst es nicht, wenn Fremdes dich verhindert
In deiner Eigenheit erlebst du dich
Durch Opferung der fremden Wesenheit.
Ich muB das Opfer fordern.
Johannes : Du findest mich bereit.
Das Opfer will ich bringen,
Das mich an eigne Welten fesseln will.
Wie finde ich das rechte Opfer?
Elfies Bild
Benedictus:
Benedictus :
Theodosius :
Romanus :
Retardus :
Tempel
O Licht der Weisheit,
Du meine Wesenheit,
Erleuchte einen Menschenpfad.
Johannes, der Erweckte,
Er hat sich mir verbunden.
Ich muSte ihn geleiten
Bis an das Tot der Geisteswelt.
Es hat sich ihm geoffnet.
Ihm ward durch Weihe Geisterfahrung
Und Selbsterkenntnis durch die Schicksalsmacht.
Tempel
Du Licht der Weisheit,
Du mich Erhaltendes,
Erleuchte einen Menschenpfad.
Du Geist des Lichtes,
Du mich Erwarmender,
Belebe eine Menschenseele.
Du Kraft des Geistes,
Du mich Bewegende,
Durchdringe einen Menschengeist.
Du Sinn der Krafte,
Du mich Geleitender,
Erhalte eine Menschenform.
Die P forte der Einaieihmg
Benedictus: Wo lebt die Weisheit?
Johannes: In dir.
Benedictus: Wo lebe ich?
MARIA: (auf Johannes weisend)
In seinem Denken.
Theodosius: Wie leuchtet Geisteslicht?
Johannes : Es leuchtet deiner Liebe.
Theodosius: Wo soli ich meiner Liebe Licht entzunden?
MARIA : (auf Johannes zeigend)
In seinem Fiihlen.
Romanus: Wodurch erregt die Kraft des Geistes?
Johannes: Sie laCt dich erstarken.
Romanus: Wohin entsende ich die Starke?
MARIA : (auf Johannes weisend)
In seinen Willen.
Retardus: Wie lange wkke ich?
Johannes: So lang der Mensch
Auf Selbsterkenntnis warten muB.
Retardus: Wie lange dauert das?
Maria : Es ist beendet,
Elftes Bild
Sobald der Mensch
Erkennt das Wesen deiner Briider.
Benedictus: Wie findet mich der Mensch?
Johannes : Er lernt dich kennen
Als Ideal seiner Weisheit
Und lebt das Ideal.
Theodosius: Was kann ich fur den Menschen tun?
Johannes : Du stellst dich ihm zur Seite
Und gibst ihm Liebe
Und wartest, bis er Liebe wiedergibt.
Rom anus: Wie soil ich in dem Menschen wirken?
Johannes : Du laBt Benedictus walten
Und gibst dem Wollen Kraft;
Doch sollst du selbst nicht wollen. . .
Tempel
Benedictus : Geformt hat sich in eurem Kreise
Ein Knoten aus den Faden,
Die Karma spinnt im Weltenwerden.
Er wird sich losen,
Wenn wissend ihr
Den Faden ihre Ordnung weist.
Und Wissen euch zu holen,
Betratet ihr den Tempel.
Die P forte der Einmibung
Wir muBten euch vereinen,
Weil keiner fur sich allein
Den Weg in Wahrheit finden kann.
Johannes und Maria muBten finden
Die Wesen, die bereit
Mit ihnen sind, die Bahn zu wandeln.
Ihr habt gefunden uns,
Die Briider in dem Tempel.
Wir legen unser Sein in eure Seelen,
Und wie wir wirken in dem Tempel,
So werden eure hochsten Krafte
In eurem Innern wirken.
Ich, dem obliegt zu wirken Weisheitslicht,
Will opfern einen meiner Strahlen
Und ihn in eure Seelen lenken.
Und so wird in eurem Innern
Mein eignes Wesen walten,
Wie ich in diesem Tempel walte.
Theodosius : Ihr habt empfangen Weisheitslicht
Von Benedictus, meinem jiingern Bruder.
Er hat es euch gelehrt im Sinnenreich,
Er hat es euch erteilt im Sonnentempel,
Ihr folgtet seinen Lehren,
So durfV er euch der Lehren Quelle reichen.
Was ich zu geben habe,
1st altern Ursprungs.
Ihr konnt es daran erkennen,
DaB mir versagt noch ist,
Was Benedictus schon geworden ist.
Er kann als Mensch im Sinnenlande wohnen
Und Menschen konnen ihn als Menschen sehn.
Ich werde erst in Zukunft die Menschenform
Elftes Bild
Im Sinnenlande tragen konnen.
Ihr seht von mir in diesem Reich
Nur schwache Schattenbilder.
Es sind die Menschen, die nur fiihlend
Das Licht des Geistes sich erringen wollen.
Sie wollen nur mit einer Seelengabe
Der Menschenseele Hohe finden.
Sie wehren mir den Eintritt ins Erdenreich.
So kann ich meines Wesens Abbild
Nicht selber in die Menschenseelen legen.
Ich kann im Tempel nur mich finden lassen.
Sobald mein Licht in Sinnenwelten fallt,
Mischt Finsternis sich ihm bei durch jene
Menschen,
Die wohl den Namen von mir nehmen,
Nicht aber meines Wesens Inhalt.
Was Benedictus ist, ihr erkanntet es,
Bevor ihr in unsern Tempel treten durftet.
Es tritt Theodosius erst hier euch entgegen.
Ich kann den Strahl von meinem Wesen
In eure Seelen dann nur legen,
Wenn euch ein andres Menschenwesen
Mit seinem Schicksal sich verbindet.
Die andre Maria:
Du, meine hohere Schwester, Maria,
Es leuchtet dir das Geisteslicht.
Mein Schicksal will ich freudig
Mit deinem eng verbinden.
Maria: Maria, meine Opferschwester,
Ich fiihle deine Gabe
Als Feuer in der eignen Seele leben.
Die P forte der Einweihung
So werden wir dem Weltenwerke dienen,
Wenn mein Licht erleuchtet deine Warme,
Wenn deine Warme mir das Licht befruchtet.
Philia: Es kann die Gabe auch mich begliicken;
Ich werde sie der Schwester reichen konnen.
Astrid: Es ist die Gabe auch mir erteilt;
Ich muB der Schwester sie bereiten konnen.
Luna : Es soli die Gabe auch die meine sein ;
Ich werde sie der Schwester wahren konnen.
Frau Balde:
Ich gebe freudig, was ich habe :
Es war so manchem wert,
Der fern dem Tempel ist,
So sei es wert auch einem Tempeldiener.
Johannes : Felicia, du Erleuchterin,
Die Licht verbreitet aus Seelenuntergriinden,
Ich werde deine Gabe suchen,
DaB meinem hellen Wissen stets erflieBen kann
Der Quell, der in dem Unbekannten liegt.
Romanus : Ihr habt empfangen Weisheitslicht,
Ihr habt der Liebe Schicksalsfaden
In eure Seelen eingesponnen.
Ihr wollet Licht in Taten leuchten lassen.
Ihr wollet Liebe an die Wesen wenden.
Es miiBte hochstes Licht verloschen,
Es miiBte alle Liebe sich verzehren,
Wenn Wille sie nicht befeuern konnte.
Doch kann auch ich nur im Tempel wirken.
Elftes Bild
Ich werde noch so manchen Willensstrahl
Den Tempelsuchern zu verleihen haben,
Um mir die Menschenformauf Erden zu erwerben.
Es mussen Schicksalsfaden ganz besondrer Art
Im Weltenwerden sich verschlingen,
Wenn meine Gabe Fruchte tragen soli.
Felix Balde: Es tritt dein Sohn vor seinen Schopfer.
Ich will mein Schicksal an die beiden binden.
Johannes und Maria, ich trug in mir
Ein Wissen, das aus Willen stammt ;
Es kann bei euch sich wieder zu ihm wandeln.
Johannes : In meinem Willen fiihle ich
Das Schauen, das dir eigen ist.
Und was dir edel leuchtet,
Es wird zur Kraft in meinem Wesen.
Maria :
In meiner Seele kann ich erleben
Die Ruhe, die . . .
Die Pforte der Einweihung
PARALIPOMENA
[Zum ersten Bild]
[Strader] : Im vollsten Sinne bekennen muB ich mich
Zu euren letztgesprochnen Worten.
Es will sogar mir scheinen,
Als ob in starkster Art
Betont sonY werden,
DaB hoher Ideale und Ideen Wert
Nicht liegen kann in jener Wirkung,
Die als Befriedigung und Ruhe
Der Seelensehnsucht sich ergibt.
Zu priifen vielmehr haben wir
Den Grund des Gedankenbaues,
Und solcher Pruning ist wohl kaum gewachsen,
Was hier als Losung hochster Ratsel
Sich gibt in scheinbar festgefiigter Art.
Gefangen nimmt es der Menschen Sinnen,
Weil scheinbar es offnet
Erkenntnis aus den Bereichen,
Vor welchen ratios steht
Die streng bedacht'ge Forschung.
Wer dieser Forschung folgt,
Ihn driickt unendlich schwer,
Wenn er bekennen muB,
DaB niemand wissen kann,
Woraus des Denkens Quellen stromen
Und wo des Daseins Grund gelegt.
Und jenseits dessen, was die Sinne schauen...
Paralipomena
[Strader] : Ich muB im vollsten Sinne mich bekennen
Zu euren letztgesprochnen Worten,
Und scharfer mochte ich sogar betonen,
DaB die Befriedigung und Ruhe,
Die unsrer Seele erwachst
Aus hohen Idealen und Ideen,
Von keinem Werte sein kann,
Wenn es sich handelt zu erkennen,
Ob Wahrheit oder Irrtum
In ihnen lebt.
Obliegen kann uns lediglich
Zu priifen, ob sie den Forderungen
Der echten Wissenschaft entsprechen.
Und wahrlich, schwach erweist
Bei solcher Pruning
Sich alles, was wir hier
Als Losung hochster Lebensratsel
Mit kiihner Sicherheit
Behaupten horen.
Es nimmt gefangen des Menschen Sinn
Aus keinem andern Grunde,
Als weil es scheinbar ofFnet
Das Tor zu jenen Reichen,
Vor welchen ratios und bescheiden
Die streng bedacht'ge Forschung steht.
Und wer in wahrer Treue
Zu dieser Forschung steht,
Ihm ziemt es zu bekennen,
DaB niemand wissen kann,
Woraus des Denkens Quellen stromen
Und wo des Daseins Grund zu finden ist.
Wenn solche Bekenntnis
Auch hart der Seele wird,
Die Pforte der Einweihung
Die allzugern ergriinden mochte,
Was jenseits alles Wissens liegt.
Verleugnen wir unsre Vernunft
Und der Erfahrung sichre Leitung,
So sinken wir ins Bodetilose.
Und wer vermochte nicht zu sehn,
Wie wenig solcher Denkungsart
Sich diese OfFenbarung fiigen will.
Es fehlt ihr ganz
Der Erfahrung sichrer Boden
Und strengen Denkens feste Fiigung.
Maria : Es ist zum ersten Mai,
DaB sie vor vielen Menschen
In dieser Weise sich gibt.
Wir haben sie bisher
Vor zwei bis drei Personen
So sprechen horen.
Capesius : Es ist doch sonderbar,
DaB sie gerade jetzt
Wieauf Befehl
Zu dieser OfFenbarung
Gedrangt sich fiihlte.
Maria : Es stort sie keine Umgebung,
Wenn sie den Antrieb fiihlt.
Doch ist es stets,
Als ob der Drang
Sich so zu geben
Entstiinde dann,
Wenn Menschen zugegen,
Die sie horen sollen.
Paralipomena
Capesius : Nun haben wir gehort,
DaB von jenem Ereignis,
Das Inhalt ist ihres Traumens,
Auch oftmals schon gesprochen hat
Der Mann, der gegenwartig
Die Seele dieses Kreises ist.
Es ist doch wohl nur so,
DaB sie den Inhalt
Von ihm vernommen hat.
Maria: Wenn so die Sache stiinde,
Wir wiirden wahrhaft
Recht wenig von ihr halten.
Es ist jedoch festgestellt,
So sicher als nur notig ist,
DaB unsrer Freundin
Ganz unbekannt waren
Die Worte unsres Fiihrers,
Bevor sie unsren Kreis betrat.
So wie auch keiner von uns
Das sonderbare Menschenwesen
Vorher jemals gesprochen hat.
Capesius : ...
Die Art, wie L.[ilie] erfaBt, muB viel deutlicher
sein. Sie muB mit ganz reiner Seele erfassen,
welche alles totet, was in ihre Nahe kommt. -
[Zum dritten Bild]
Ein Wort Marias muB etwas wie Leidenschaft
hervorrufen.
Die Pforte der Einweihung
[Zum zehnten Bild]
JOHANNES : (Er hat mit Maria sich auseinandergesetzt,
ist iiber sich gewachsen.)
Ich darf nicht an mir vorubergehen lassen jene
Augenblicke, in welchen die Geisteswelten mir
Winke gebea konnen. Hat man das Geistesauge,
so muB man die Dinge in Ruhe an sich
herankommen lassen - man selbst ruhiger Pol -
Man braucht Geistesgegenwart, sie zu erfassen -
Mut, sich nicht uberwaltigen zu lassen, -
nicht blenden -. Man mufi den Dingen in ihrem
Wandel folgen. - Innere Beweglichkeit -
Tiefe der Welt -
Theodosius : Du darfst nichts haben, was dich belastet -
Du muBt dich fret der Zukunft gegeniiberstellen
konnen -
*
[Zum elften Bild]
Retardus : Meine Zeit fur Johannes und Maria
ist abgelaufen; ich habe keinen
EinfluB mehr auf sie - DaB Balde
und die andre Maria sich geopfert
haben, iiberliefert an Benedictus
die Entwickelung von Johannes
und Maria - F. Balde
Capesius und Strader. -
Paralipomena
Retardus : Ich for dre euch vor meinen Richterstuhl.
Ihr habt den Auftrag nicht erfiillt,
Den ich euch gegeben.
Ich habe auf euch gerechnet, daB
ihr Johannes und Maria in solche
Bahnen lenkt, die ihre Seele
von der Einweihung ablenken,
die jene Krafte in ihnen nicht
zur Entfaltung kommen lassen, welche
nach dieser Richtung gehen.
Du Capesius warst von mir in
jenen Kreis gesandt, ihn durch die
Macht deines Wortes zu iiberwaltigen,
statt dessen zeigtest du dich schon
im ersten Augenblicke schwach;
du Strader konntest dein Gefiihl
nicht iiberwinden; immer wieder
iiberwaltigte es dich. -
So muB ich das Feld raumen. -
Capesius : Es lag an deiner Schwache ; ich
hatte sie von Anfang an bemerkt;
Strader: Du warst niemals da, wenn
meine Empfindung sprach. -
Du sprachest nur zu meinem Verstande.
DIE PRUFUNG DER SEELE
Erstes und %p>eites Samarium
Capesius Gesprach mit Frau Balde — Inspirierend
Maria Gesprach mit Johannes Thomasius
Visionen Capesius Thomasius
Seelenkampf des Strader
Bilder des Lebens von Seite des Thomasius
und Capesius
*
Capesius und Strader im Gesprache miteinander,
dabei Strader von seiner Erfahrung, die ihm
glaubhaft macht, daB es E. [Erkenntnis] gibt.
Capesius auf Grund der Erfahrung mit Johannes
Thomasius.
BiBLIOTHEK DES CAPESIUS (l
Capesius mit Frau Balde. Diese redet von einem
Feenartigen Wesen, das in seiner Art mit
Menschen beschaftigt ist.
Haus bei Baldes (2
Capesius mit Maria. Dabei die tragische
Vertiefung des Capesius und Johannes
Thomasius
Im roten Zimmer
Visionartiges fur Capesius :
Tempelritterburg (3
Ein Raum in derselben (4
Drittes S^enarium
1. Capesius in seinem Studierzimmer. Hat sich an
Benedictus gewandt, der ihn besucht. Capesius
entwickelt seine tiefen Zwiespalte, wie sie sich
ihm ergeben und die ihn moralisch und spirituel]
untergraben.
2. Maria mit Benedictus : Sie hat die unter-
bewuBten Beziehungen zu Capesius entdeckt. Ihr
Aufstieg wird ihr tragisch, weil sie ihn auf
Kosten des Capesius erkauft ansehen muB. Sie
reiBt Johannes Thomasius mit. (Dies im roten
Zimmer sich abspielend.)
3. Strader findet sich gebunden an Capesius und
Theodora. Er entdeckt, daB er besondern
Herkommens ist und seine Jugend auf Schein-
gebilden ruht. (Im Studierzimmer des Capesius.)
4. Bei dem Ehepaar Balde. Capesius zuerst. Dann
Benedictus mit dem zerwuhlten Strader. Auf dem
Riickwege belauschend die Begegnungen von
Johannes Thomasius und Maria.
5. Vision des Capesius. Tempelburg im Gebirge.
(Ein Felsen, der Dom-artig ansteigt. Wiese im
Vordergrund. Gegen Norden Schlucht. Tor vor
Zugbriicke zum ersten Tor. Ringmauern. Strebe-
pfeiler. Turme, Bastionen. Erstes Drittel des
14. Jahrhunderts.) Davor auch Volksscene.
6. Ein Zimmer dieser Burg. Sonnensymbole.
Vis. Unterredungen.
7. Auf losende Ausblicke in die Zukunft. Dazu die
beiden Tempel verwendet.
Drittes Bild
Johannes : O Maria, dir verdank ich,
Was ich bin, du warst mir Fuhrerin
Durch die lichten und die triiben Lebensstunden
Und auch dahin hast du mich geleitet,
Wo ich des Geistestriebes wirksam Wesen,
Wo ich der Weihe erste Stufe
Empfangen durfte,
Die mir die Schaffenskraft errungen.
Nun da ich so gereifter vor der Freundin steh,
Als es vor Jahren war,
Darf ich eine Frage wohl auch stellen,
Die bescheiden zu unterdnicken mir fruher
geziemte.
Ich sehe dich seit lange schon
Am ganzen Wesen wie verwandelt,
Es leidet deine Seele schwersten Druck
Und Krafte, die dich hemmen
Auf deinem Geisteslebenswege,
Scheinen mir zu liegen vor dir.
Ich weiB, daB in deiner Seele manches vorgeht,
Wofur Verstandnis mir noch mangeln muB.
Doch moglich ist's vielleicht,
DaB du mir vertrauen darfst,
Ob Grund fur meine Sorge ist,
Oder ich in Tauschung mich befinde.
Maria : Genosse du so mancher bedeutungsvollen Stunde,
Die Seelenlage, die du dir errungen,
MuB Verstandnis dir verleihn meiner Schmerzen.
Ein ernstes Wort zu sprechen,
Zu dir zu sprechen,
Die Prufmg der Seek
Legt heilige Pflicht mir auf.
Ich fuhlte lange die Pflicht mir nahn,
Doch stark sie zu erfullen,
Scheint jetzt erst mir mein Herz,
Und was du selbst an Kraft
In Seelenkampfen dir errungen,
Es wird dich aufrecht halten,
Wenn du vernimmst, was Schicksalsmachte
Verhangen iiber unsren Lebenslauf.
Wir haben Frohes und Schmerzensreiches
Gemeinsam verlebt in langer Zeit.
Doch heute spricht ein Schicksalswille
DaB uns*re Seelenwege
Sich ferner von einander trennen.
Joh. Thom : Oh dieses
Oh nehmt zuriick dies Wort.
Vernichtet seinen Laut.
Er ist Vernichtung allem,
Was mir gegeben ward.
Vernichtung ist er meines eignen Wesens.
Maria: Besinne dich o mein Johannes.
Nicht meines Willens Trieb
Will reiCen meine Seele von der deinen,
Das Opfer ist's, das wir bringen mussen.
Es gilt demselben Schicksalswillen,
Der uns hat verbunden
Und dem wir folgen mussen,
Auch wenn er grausam scheint
Zu nehmen, was er selbst gegeben.
Drittes Bild
Joh. : Oh nein - es kann, es darf
Nicht Schicksalswille in diesem Augenblick
Aus dem geliebten Munde sprechen.
Ich zweifelt* nie an deines Wissens Sicherheit,
Doch Irrtum muB es sein,
Was du in dieser Stunde
Ertotend mich im Herzen hegst.
Maria : Es ist so furchtbar,
DaB ich an eignen Wesens Sicherheit
Nicht glauben wollte,
Da es als Ahnung in mir dammerte.
Ich wandte mich mir selbst nicht trauend
An Benedictus sich'res Wissen.
Gewichtig waren seine Worte :
«Zu eurer beider Heile
Und auch zur Vollendung jenes Werkes,
Das euch im Geistesweben auferlegt,
MiiBt lockern ihr die Bande
Die euch bisher verbunden.»
So sprach er mit strengem Sinn.
Joh. : Auch er
Er mag es sprechen,
Du magst es glauben,
In meiner Seele fehlt der Widerhall.
Denn schon der schwachste Blick
Auf Wege, die ich ohne dich
Vollbringen sollte, er schaut
In finstre Ode, die sich wirr
ErgieBt vor meinen Augen
Und meine Krafte schwinden
Die Prufung der Seek
Ich kann nicht.
(stammelnd)
O Maria
es muB auch Benedictus irren konnen.
*
Maria: Wie eng verbunden er mir war,
Ich fiihl es jetzt,
Da ich die Bande lockern muB,
Die mich mit ihm verbinden.
Ja, ich fiihl es tief,
Von meinem Selbst ein Teil
Trenn' ich mit ihm von mir.
O fast verloren scheint der Ausblick
In lichte Hohen meinem Geistesauge,
Da er in meinem Umkreis fehlen muB.
Doch will ich tapfren Sinn bewahren . . .
Zweites Bild
Benedictus Maria
Maria: In schwersten Seelenkampfen
Will flehen eure Tochter um euren Rat.
Es steigen finstre Ahnungen
Aus meinem Innern, die vergebens
Bekampfen ich wollte.
Doch kaum hat schwerster Widerstand
Fiir kurze Zeit sie weggebannt,
Erheben sie sich schreckvoll wieder.
Sie miissen Wahngebilde sein,
Denn wenn sie Wahrheit konnten sein,
Vernichtung waren sie einem andern Menschen.
Benedictus: Es ist so oft, da6 Menschen
Die Wahrheit fiir ein Wahngebilde halten,
Weil sie aus Schmerzen muB geboren sein.
Maria : Doch scheint in meinem Falle
Die Wahrheit sich selbst zu toten.
Sie hat mit festen Banden
Geschmiedet eines andern Menschen Seele
An meine Seele -
Und losen will sie jetzt,
Was sie erst selber hat gebunden.
Johannes, den Genossen,
Von mir zu weisen,
Befiehlt die dunkle Ahnung mir,
Die irrend mich verfolgt.
Benedictus : Du muBt im rechten Lichte sehn
Der Wahrheit ernste Weisung,
Die Prufung der See/e
Die dir nur Irrtum scheint,
Weil du sie qualvoll wahnst.
Es hat durch Geistesgriinde
Johannes Seele sich gewandelt.
Es war ihm notig,
DaB eurer Seelen Biindnis
Die Briicke wurde in neue Welten,
Es haben Geistesmachte
Dies Biindnis zugelassen,
Weil anders er nicht kommen konnte
Zu jener Stufe,
Auf der er heute steht.
Verderblich waren die Gefiihle
Auf seinem weitern Lebensweg,
Die menschlich schwach
Ihn an euch binden.
Maria: Ihr waret selbst zugegen,
Als in des Geisteslandes Hohen
Johannes reinen Herzens
Zum Geistgenossen mir gegeben ward.
Von ihm genommen schienen damals
Die menschlich schwachen Triebe,
Die Liebesbande storen,
Wenn sie dem Geisteswerke dienen sollen.
Benedictus : Es ward gezeigt im Geistgebiet
Den Seelen, die Hohenlicht
Erschauen durften,
Was in der Zukunft SchoB gelegen.
Erringen miiBt ihr euch,
Was euch bestimmt von Schicksalsmachten.
Ob Wahn, ob Wahrheit ist,
Zweites Bild
Was ihr im Hohenlicht erblickt,
Es ist noch nicht entschieden.
Was als die voile Wahrheit er erblickt,
Versinkt in Wahnesfinsternis,
Wenn Menschenkraft es nicht
Durch Seelenpriifung in Wahrheit wandeln will.
Johannes: Ich weiB nicht, wie ich es deuten soli,
DaB Maria noch immer nicht erscheint.
Sie war befriedigt von der Arbeit,
Als sie zuletzt sie sah.
So darf ich jetzt dem Glauben mich ergeben,
DaB ich dem Ziele naher komme.
Ich warte angstlich auf der Freundin Kommen,
Denn mehr als sonst bedarf ich ihres Rates.
Ich saB oft mutlos vor dem Bilde,
Vermessen schien es mir so manche Stunde,
In Farben und in Formen nachzubilden,
Was meine Seele schauen durfte.
Wenn ich vergessend Eigenwesen
Zu schaffenden Weltenmachten
In Seligkeit entriickt mich fiihlen darf,
Erwacht in mir die ScharTenskraft.
Ich lernte mit dem Lichte leben
Und in der Farbe des Lichtes Tat erkennen.
Vertrauend jener hohen Wahrheit,
Die meinem Geiste Freiheit gab,
Erwarb ich mir die Fahigkeit,
Zu fuhlen, wie im flutenden Lichtesmeere
Die weckenden Weltenmachte schaffend weben.
Und wenn ich so die eigne Seele lose
Von meines Wesens Eigenheit,
Zweites Bild / Erstes Bild
Dann darf ich auch die Hoffnung hegen,
DaB Geisteswesenheit aus meinem Bilde spricht.
Und sollt ich auch nichts andres leisten konnen,
Man wird durch dieses Bild vieUeicht erkennen,
Wie Geisterkenntnis kann erwecken Geisteskunst.
(Matia tritt ein) :
O Freundin, allzulange lieBest du mich warten.
Maria : ...
* *
Zuerst Capesius allein :
(lieset in einem Buche zu Ende :)
«Des Lebens Geheimnis zu erraten,
1st gefahrlich fiir den Rater,
Es gar Unbefugten verraten,
Kommet gleich des Daseins Vernichtung. »
Es gab eine Zeit, da ware ich an solchem
Ausspruch nicht achtend vorbeigegangen.
Als Phrase hatt ich ihn empfunden. Denn
ich hatte ein Wissen — wenigstens glaubte
ich es zu haben - das mir selbst Lebensstiitze
war und indem ich es andern mitteilte,
eine Mission mir vorspiegelte. Und Mystik,
Geheime Wissenschaft, sie erschienen mir
als die Schwarmerei iiberhitzter Kopfe.
Das ist nun anders geworden. Ich habe
die wunderbare Entwickelung dieses
Johannes Thomasius beobachtet. Er hat
Erstes Bild
auf eine mir unerklarliche Weise ein Wissen
empfangen. Es kann nur das Wissen sein,
das in den Geheimlehren den sogenannten
Eingeweihten zugeschrieben wird. Und
dieses sein Wissen hat nichts von grauer
Theorie: es ist eine Samenkraft der
Seele. Es ist ein Lebens-Werdetrank.
Es hat einen neuen Menschen aus ihm
getnacht.
Und meine griibelnden Seelenkrafte
auf dieses Ereignis gerichtet, lernte ich
anders die uralten Uberlieferungen und
in den neuesten Offenbarungen der Mystiker
empnnden. Ich ahne, daB in des Menschen
Seele rein geistige Machte flieBen konnen,
deren Gewalt eine hohere Wirklichkeit
bedeutet als alle auBeren Erlebnisse
und Menschentaten. Das physische Schicksal
mag den Menschen erheben oder
zerschmettern; solche Katastrophen, die
denen gleichkommen, welche die Seele
aus iibersinnlichen Welten trifrt, kennt es
nicht.
Soviel nur ahn ich erkennend und
erkenne ich ahnend, daB Wissen von dem
wahren Fortbestand der Seele eine der
groBten Katastrophen sein kann, wenn
es nicht zugleich die wirkliche Kraft gibt,
das Fortbestehende mit wesenhafter Sub-
stanz zu erfullen, auf daB es auch in
Welten, von denen die Sinne nichts
wissen, wirken und sich entwickeln konne.
Wissen zerschmettert, wenn es nicht schafft.
Die Priifmg der Stele
Meine Erkenntnis reicht aus, zu erkennen,
daB in mir ein Seelenkern ruht, der
in immef neuen Leben wiederkehrt. Nichts
kann furchtbarer sein, als dies wahrhaft
mit alien Folgen zu erkennen, und
die Ohnmacht zu empfinden, zugleich
zu bauen an diesem Wesenskern.
DaB ich mit dieser Ohnmacht weiB, zehrt
an mir, so daB ich meines physischen
Leibes Krafte stumpf werden fuhle. Wie
ein ersterbendes Instrument erscheint mir
mein Gehirn. Es will nicht ergreifen
Wahrheiten, die es der Seek liefern
soli. Es zehrt nicht nur also, es macht
mich einsam, oh, so schauerlich einsam.
Ich fiihle, wie wenn alle Faden zerrissen
waren, welche mich mit der groBen weiten
Welt verbinden. Und es ertotet mein
Fiihlen und Empfinden, mein Schaffen
und Leiden, mein HorTen und Lieben.
Entwurzelt steh ich auf der Erde; und
Schrecken umweht mich aus einem Welten-
abgrund.
Erstes Bild
I.
Capesius : Es ist so giitig von Euch,
DaB ihr meine Bitte erfulltet
Nach einer Unterredung, die mir
Die herben Qualen lindern soil,
Die furchtbar an meiner Seele nagen.
Was ich ertragen muBte in letzter Zeit,
Ist so, daB vorher mir jede Vorstellung fehlte,
Es konnte solch grausame Marter
Dem Herzen eines Menschen sich nahen.
Daran verzweifeln, daB ein Wissen
Der Daseinsgriinde dem Menschen moglich sei,
Erscheint gering mir nur,
Wenn ich bedenke, daB jetzt
Mir ganz gewiB es diinken muB,
DaB ohne dieses Wissen
Der Mensch als zielloses Schattenwesen
Des Lebens Wege wandeln muB ;
DaB wie eine taube Frucht
Ergebnislos sein Sein verlauft,
Ersteht ihm nicht aas tiefstem Selbst
Ein hdheres, ein erkennendes Ich.
Doch will ich fassen dieses Ich,
Ergreif ich nur leer Gespenstisches.
Die finstre Leere steht vor meinem Blick,
Wenn suchend ich mich quale
Nach jenem Wissen, von dem mir sicher,
DaB es vorhanden ist.
Ich habe in meinem jungen Freunde,
Johannes Thomasius, in Wahrheit gesehn,
Wie dieses Wissen schaffend
Die Menschenseele wandelt.
Die Prufung der Seele
O konnt ich zweifeln, ich ware gliicklich.
Ich darf nun nicht mehr zweifeln.
Es mag der Zweifel Ungliick sein,
Verderbnis, Vernichtung aber ist,
Nicht einmal ahnen zu konnen,
Woran zu zweifeln nicht moglich.
Ich stehe in einem Alter,
Das bald der Todespforte sich neigt.
Ich blicke auf ein Leben,
In dem ich auf viele Arten
Zu Menschen gesprochen
Von Lebensratseln und Daseinsfragen.
Und jetzt erscheint mir alles
Nur wesenlos Gerede,
Nur Schaumeswellen
Auf dem Daseinsmeere.
Konnt ich nur sagen,
DaB wir nichts wissen konnen,
Ich schritte mutig der dunklen Pforte zu.
Ich fande mich in des Menschen
Beschranktes Seelenwesen.
Doch da ich weiG, da6 wirksam ist
Im Menschen, was mir verschlossen,
Erfiillt ein Grausen mich,
Das wie zehrend Feuer
Mir jede Daseinsfaser faBt.
Benedictus : Und fiihlt ihr nicht, wie
Die Sicherheit, daB in Euch selber
Die Krafte liegen, die ihr sucht,
In solche Lage euch hat bringen konnen.
Capesius : Ich fuhle dieses wohl.
DaB hohe Menschenkrafte in mir wurzeln,
Erstes Bild
Es ist so klar mir ja geworden.
Seit langer Zeit hab ich von mir geworfen
Durch eure und euers Kreises Worte
Die Wissenschatze, die ein Hochstes
Mein ganzes Leben mir waren.
Seht her, wie anderes als vorher
In meinem Biicherschatz hab einverleibt.
Der Mystik und geheimer Wissenschaft
Ich hab die letzten Zeiten mich gewidmet.
Und wohl hab ich erkannt,
Wie reines Gold in allem liegt,
Was ihr zu mir und andern sprecht.
Und wie betaubend klingt in meiner Seele
So vieles, was ich gelesen.
Ich kann, ich darf es nicht bezweifeln,
Doch auch verstehn kann ich es nicht.
Es reichen meine Krafte nicht,
Zu denken mir Bestimmtes,
Wenn ich vernehme, daB es
Einweihung gibt in Weltenratsel,
Und daB die hochste Weisheit
Zu erraten gefahrvoll ist,
DaB vollends unmoglich sich erweist,
DaB in Worten sie ein Mensch
Dem andern anvertrauen kann.
Wie soli ich zum Notwendigen mich stellen,
Wenn es die Menschen ins Ungliick stiirzt,
Falls unvorbereitet es sie trifft.
Ich weiB, daB ich erkennen muB.
Ich weiB, daB ich vernichtet werde,
Wenn des Erkennens Pforten sich mir
verschlieBen.
Die Priiftmg der Seek
Doch weiB ich auch, daB Vernichtung mir
werden kann,
Wenn unvorbereitet ich wissen sollte.
So furchte ich zu wissen
Und muB auch furchten, nicht zu wissen.
Benedictus : Und kann euch ein Fiinklein nur
Des Trostes nicht erglimmen,
Wenn sicher Ihr aus meinem Munde hort,
DaB keinem je Erkenntnis ward,
Der vorher nicht in eurer Lage war ?
Capesius : Ich sehe vor mir andres nicht
Als Finsternis und Wirrsal nur.
Doch ihr steht selbst ja so vor mir
Wie einer, dem aus tiefster Brust
Der Weisheit Worte flieBen.
Und schau ich euch,
Ich kann an Erkenntniswirklichkeit
GewiB nicht zweifeln.
Doch sagt mir eines nur :
Was hat es denn zu bedeuten,
DaB des Daseins Griinde sich unterhohlen,
Wer des Ratsels Losungsworte
In Menschensprache zum Ausdruck bringt.
Denn fur meine Denkerkrafte
1st unerfaBHch, daB ich wissen soil,
Was in Wissensform sich mir verbergen muB.
Ich seh in euch, was allein
Das Leben mir wertvoll macht.
Ich muB in mir selber
Es vorhanden glauben.
Doch fehlt mir jede Briicke,
Erstes Bild
Die von eurer Seele
In meine fiihren kann.
Und zu ahnen selbst, ist mir versagt,
Warum ihr das Losungswort
Nicht uber eure Lippen bringen diirft.
Benedictus : Ihr konnt das Wort von mir nicht horen,
Doch unbenommen ist es euch,
Des Wortes Krafte zu empfangen,
Wenn ihr Gehortes
In eures Wesens Griinde flieBen laBt.
Capesius : Mit allem, was ihr sagt,
Entfernt ihr mich von dem,
Was mir nahen soil.
Benedictus : Und doch braucht ihr nur zu horen,
Und es wird euch nahern sich,
Wovon ihr so weit glaubt zu sein.
Es sprechen zu den Menschenseelen
Die Gotterwesen in stummer Sprache.
Es toten Menschenworte
Der Gotter Redekrafte,
Es hiillen Gotter Redekrafte
In tonend Menschenwort
Geheimnisvolle Wirkenskeime
Drittes Bild
II.
Joh. Thom. : Des Lebens Zwiegestalt lastet auf meiner Seele.
Ich fiihle seit den Tagen,
Da sich des ubersinnlichen Reiches Pforten
Mir sich geoffhet haben,
Stets neu sich bildende SchafTenskrafte
In meinem Innern erstehn,
Die ganze Macht fiihl ich des Wortes :
Ich habe mich gefunden.
Doch dieser Gnade Kraft
Wird machtlos, wend ich auf Dich,
Der ich meine Wandlung ganz verdanke,
Die Blicke.
Ich sehe wie ein zehrend Element
An Deiner Seele nagt.
Du sprichst nicht davon,
Doch ich sehe es und ich fiihle,
Wie es mit jedem Tage machtiger wird.
Und willst Du, daB ich nicht verliere,
Was ich errungen, so muBt Du mir vertrauen,
Wie der Baum, der herrlich sich entfaltet,
In Blatt und Bliiten leben darf,
dem man jedoch nach und nach
Die Erde raubt, aus welcher
Die Wurzeln ihm erwachsen,
So fuhlt sich meine Seele,
Denn meiner Lebenswurzel Kraft
Sie ruht so ganz in Deiner Seele.
Ich brauche Deine Worte
Und Deiner Blicke mildes Leuchten,
Soli ich entfalten,
Drittes Bild
Was mir als Geistesgabe ward.
Doch sehen muB ich,
Wie Deine Worte immer seltner
Von Deinen Lippen flieBen,
Ihr Feuer meiner Seele spendend,
Und Deiner Blicke Glanz erloscht
Mit jedem Tage mehr.
Empfangend nicht nur will ich sein
Der groBen Seele gegemiber,
Ich will teilen ihr Geschick.
So sprich zu mir, welcher Damon
So furchtbar die Lichter loscht,
Die aus Deinem Innern stets sich offenbarten.
Maria: Genosse du meines Lebens,
Es scheint die Zeit gekommen,
Da ich zu dir sprechen darf.
So wisse, daB auf meines Daseins Stufe
Ein neues Wesen alle Wesen atmen.
Sie werden andres, als sie vordem waren.
Was natiirlich Sein nur hatte,
Empfangt moralische Innenwesenheit.
Ein Naturgeschehn, das vorher nur
das Wissen beschaftigt, wird nun
Enthuller von Menschenschuld und
Gotterschicksal. Und ein Mensch,
der vorher nur als dieser oder
jener Charakter wirkte, nur toricht oder
weise sich 2eigte, wird zur moralischen
Macht des eignen Selbst. Es wandelt
der eine so, daB wir an ihm empfinden:
ihn muBt du begliicken, wenn Du dies
oder jenes Hemmnis dir aus dem Wege
Die Priifung der Seele
raumen willst; ein andrer legt uns
andres auf. So muB ich seit lange
schon empfinden, wenn Capesius
vor mir erscheint, ja nur, wenn
der Gedanke an ihn vor meine Seele
tritt: ihn als Vorwurf empfinden.
Wie ich dem Regenbogen gegeniiber
sieben Farben durch meines auBeren
Auges Kraft empfinde, so tritt
selbstverstandlich durch meiner
Seele Kraft in mir auf der Gedanke :
du hast den Capesius verdorben,
sein Schicksal ist deiner Taten Folge.
Und seine Rettung ist durch dich
allein nur moglich.
Joh. Thom. : Und worin liegt des Capesius
Verderbnis?
Maria : Sieh ihn doch nur an.
Er strebt nach der Welt,
In welcher des Geistes Kraft
Sich offenbart.
Und start, daB sich ihm des
Daseins Ratsel erschlieBen, erschopft
sich alle seine Lebenskraft in
dunklem Suchen; er kommt zuriick,
Indem er vorwarts drangt.
Noch weiB ich nicht warum,
Doch es offenbart sich deutlich mir :
Ich bin die Schuld seines Verderbens.
Die Krafte, die ihm fehlen,
Sie miissen etwas zu tun haben
Mit meinem eignen Streben.
Drittes Bild
Wie sollt ich nicht erkennen,
DaB so vieles, was mir geworden,
In meiner eignen Seele Kraft
Nicht wurzeln kann.
Ich sehe in mir stets neu erbluhn,
Was ich mit jedem Tage mehr
In Capesius absterben sehen muB.
Es wird mir leicht zu dringen
In hochster Geistesregionen Wissen,
Und was ich im physischen Leben
Als Werkzeug mir zu eigen nenne,
Wirkt leicht, als ob es keine Hemmung hatte.
Es ist mir aber, als ob
Die Kraft, die ich selbst mir zu geben
Nicht vermag, mir ein andrer gabe.
Und steh ich vor Capesius,
Empfind ich geheime Schuld.
Ich kenne das eine, fiihl das andre,
Doch wie sie zusammenhangen,
Ist mir zu wissen nicht gegeben.
Doch qualt mich ein Gedanke,
Der aus den Lehren der Meister
So einleuchtend stets mir war.
Es wird gar oft dem einen gegeben,
Was dem andern genommen wird.
Joh. Thom. : Unmoglich scheint es mir
DaB Capesius' Krafte
In meiner vergotterten Maria
In andrer Form nur leben.
Es konnte trotz allem, was ich erfahren,
In mir noch Zweifel an der Welten Harmonie
Mir bringen, miiBt ich solchen Gedanken hegen.
Die Prufung der Seek
Maria: Die Weltenharmonie ware dadurch nicht gestort.
Es ist des Lebens Lauf,
DaB in Untergriinden solche Dinge spielen,
Und wir mtissen die grofie Gemeinschaft
Der Menschenseelen hinnehmen.
Es konnte einer tiefen Notwendigkeit
Entsprechen des Daseins,
DaB ich solches empfange,
Wie angedeutet ist.
Doch erwiichse mir die Notwendigkeit,
In andrer Form zuriick zu erstatten
Das Empfangene.
Bestiirzen konnt es mich nimmermehr,
DaB ich es nehmen muB.
Doch erwachst mir die strenge Pflicht,
Zuruckzugeben das Empfangene.
Und Ungliick konnte mir nur erwachsen,
Wenn ich zu erkennen unvermogend ware,
Wie ich die Schuld zu tilgen habe.
(Sie geht ab.)
Joh.Thom.: Wie sie es sagt, so ist es.
Das fiihl ich wohl.
Doch welcher Unruhkeim
Erwiihlt sich in meiner Seele.
Ein furchtbarer Gedanke
Entsteigt meinem Herzen.
Ist es so, wie sie es sagt,
Dann ist einfach sie,
Ich aber bin doppelt schuldig.
Denn ihr verdank ich alles,
Was ich geworden bin.
Drittes Bild ( Erstes Bild
1st sie in Capesius* Schuld,
So bin ich es zweifach.
Und ob auch ich die Krafte finde,
Die Schuld zu zahlen,
Erscheint mir ganzlich ungewiB.
Zuerst Capesius allein:
(lieset in einem Buche zu Ende) :
« Es forscht der Geist des Menschen
Nach Sinn und Ziel des Seins
In Weltenweiten irrend
Mit seines Denkens Schattenbildern;
Er will aus Seelentiefen pressen
Die Worte, die ihm deuten
Sein ratselvolles Lebenswerk.
Es soil dahin ihn fiihren,
Wo Sinne nichts erleben.
Er kann mit solchem Suchen
Des eignen Wesens Kraft
Ins Wesenlose nur verstauben.
Er wird am Ende dieses Weges
In Worten nur den Traum
Des Lebens traumend denken
Und mit dem Denkertraume
Die eigne Seele ins Wesenlose
Gespenstig angstvoll flieCen fuhlen.»
Die Priijung der Seek
So pragt Benedktus' Sehergeist
In ausdruckvolle Worte,
Was jeder Seele widerfahren muB,
Die denkend nur und fuhlend
Auf Sinnenwahrheit bauen will.
Und klar muB ich erkennen,
Er zeichnet treu die Bahnen,
Die ich fur mein vergangnes Leben
Als mekie eignen muB erkennen.
O furchtbar schicksalvolles Wissen,
Das mir aus dieser Rede flieBt.
Ich fiihl es wie Vernichtung
Der Wurzeln meines Lebens.
Und wenn ein Gott in diesem Augenblick
Aus wilder Weltenstiirme Chaos
Vernichtend meines Daseins Krafte,
Nicht schreckensvoller schien es mir
Als dieser Worte Schicksalsstimme.
DaB man nichts wissen kann
Am Ende seines Forschens sich gestehn,
Es fordert mehr nicht als Ergebung
In unerklarlich Geisteswalten. -
Und ruhig in solches Los mich finden
Trotz allem hohen Streben,
Es schien mir heute nicht
Die Lust am Leben ganz zu rauben.
Zu viel jedoch hat mir gegeben
Des Benedictus Geisteslicht,
Um zweifelnd an Erkenntniskraft
Den Lebenstraum in Ruhe zu genieBen.
Ich darf nicht zweifelnd mich ergeben,
Will ich vernichten nicht den Plan
Den Geistesmachte muhevoll ersonnen,
Erstes Bild
Als sie dem Menschen-Dasein mich gegeben.
Wie irren jene doch, die meinen,
Es strebte nur aus eignem Drang
Der Mensch nach hohen Wissensschatzen.
Sie ahnen nichts vom wahren Weltenlauf,
Der von der Menschenseele fordert,
DaB sie in sich das Licht entfache,
Das Weltenfinsternisse bannen soli.
Und unbekannt ist ihnen,
DaB Weltvernichtung folgen muB
Aus Seelenfinsternis.
Sich selber unwissend zu verderben -
Als Eigenwesen zu versinken
Ins wesenlose Nichts
Wars Schicksalswille,
Ich wagt es unverzagt.
Doch schaudernd muB ich es empfinden
Den anvertrauten Schatz des Weltenwillens,
MiiB mit dem eignen Fall verderben
Die Seek, die nicht wissen kann.
Ich darf nicht Ruhe finden
In eitler Zweifelsucht
Und nicht im Glauben
Es sei versagt mir Wissenssicherheit.
O furchtbare Ohnmacht in meiner Seele,
Ich fiihle mich an dich gefesselt,
O schreckensvolle Fesseln,
Ich darf euch nicht zerreiBen wollen.
Und doch ist's diese Ohnmacht nur,
Die jetzt mein Wesen ganz erfiillt.
Denn schon der nachste Schritt
In Benedictus* Weisheitsschatzen
LaBt deutlich mich erkennen,
Die Priiftmg der Seek
Wie stumpf mein Denken wird
Will es verstehen wahres Geisteswort.
«Es werde ruhig in den Seelentiefen
Gedankenschattenmacht
Und tilge aus den Sinnenschein.
Es dampfe wie im SchlafesschoB
Gefuhl des Zeitenlebens.
Und reifen mog im Herzensgrund
Ein Wille, der des Geistes Samenkraft
In sich als Eigenwesen fuhlt.
Du schauest dann aus Geisterhohn
Das Erdenwesen wissend an.
Du fuhlest dich in Geisteswelten.
In Deinem Denken leben Weltgedanken
In Deinem Ftihlen weben Weltenkrafte
In Deinem Willen wirken Weltenwesen.
Und aus Weltenfernen tont
Des Schicksals Ratselwort:
Erkenne das Ziel des Lebens.
Und dich im wahren Wesen schauend,
ErgieBt die Antwort in Weltenweiten
Das eigne Herz gewaltig sprechend:
Ich selbst, ich bin der Welten Sinn
Es lebt in mir ein Gotterplan
Verstehend solcher Worte tiefen Sinn
Erfulle ich das Geistgebot
O Mensch erkenne dich.v>
(Bei den letzten Worten hat Cap. die Vision eines
furchtbaren Donners; man sieht es ihm an, dafi er wie
vernichtet ist.)
«Verlange solchen Wissens Licht,
Nur wenn bereit du bist,
Erstes Bild
Zu wandeln dein Gemiit,
Und eitlen Wesens Wahn
Aus Herz und Sinn zu bannen.
Denn bleibst du, der du bist,
Wird Wissen dich vernichten
Und deine Geistesgaben
Gebietern tiefster Finsternisse
Als Scbaffensmachte weihen» -
Woher denn kamen diese Worte?
DaB ich sie nicht gesprochen,
Ich bin mir des bewuBt.
Doch niemand ist bei.mir,
Von dem sie stammen konnen.
Es war, als stiegen sie empor
Aus meinem tiefsten Innern.
Bin ich denn noch allein ! !
Sprechen Geisterwesen aus fremder Welt,
Die meine Seele als ihr Werkzeug brauchen?
(Es klopft und herein tritt):
Benedictus : Nicht unwillkommen weiB ich mich
In eurem Heim zu dieser Zeit.
Was ich von euch erfahren
MuBt deutlich ich empfinden
Als Ruf, zu euch zu kommen.
Capesius : Und wenn ich selbst auch kaum,
Den Ruf an euch gewagt,
Ich fuhl in mir ein dunkles Etwas,
Das euer Kommen als hochstes Gliick
Von euch in dieser Stunde stark begehrt.
Die PrUfung der Seele
In schwerer Schicksalsstunde
Betretet ihr dies Gemach,
Das durch gar manches Jahr
In sich verschlossen hielt
Mein heiBes Streben, emsig Forschen,
In dem ich erst der Seele anvertraut,
Was meinen lieben Schiilern
Zu iiberliefern mir oblag.
Ihr seht in diesem Biicherwust
Gar vieles, was durch lange Zeiten
Die Nahrung meiner Seele ward
Und sich in eignes Denken wandelnd
So manche Freude meiner Seele brachte.
Seit ihr in meine Kreise tratet,
Ward manches Werk in meine Sammlung
Begierig aufgenommen und durchdacht,
Dem vorher ich den EinlaB streng verwehrt,
Weil leere Worte nur
Sein Inhalt mir erschienen.
Die Geisteslehren alter Zeit
Und was die Gegenwart
In solcher Art uns schenkt,
Ich hab es lange nur gering geachtet.
Doch seit die Samenkrafte eurer Rede
In meiner Seele wirken durften,
Es ist nun auch schon Jahre her,
Zermurb ich Sinn und Herz
Mit jener Wissensart,
Der eure Worte sind geweiht.
Unmoglich war es mir,
Zu schildern euch die Kampfe
Und all die schweren Leiden,
Die mir die Wendung meines Lebens
Erstes Bild
In eure Bahnen hat gebracht.
Und zwerghaft scheint mir alles Streben,
Das vorher mich getrieben,
Und schaudernd nur
V ermag ich's, die Erinnerung
Lebendig vor die Seele mir zu rufen -
Wie eures Wissens Art und Wesen
Vor Schicksalsmachte mich gestellt,
Wie auf Hohen sie mich rief,
Auf denen mir die Sinne schwanden
Und es in Tiefen mich begrub,
In welchen ich zerschmettert mich empfand.
So steh ich vor euch
Nicht als ein Jungling,
Der kiihn in Lebenshoffhung
Des Forschens Pfade frisch betritt,
Nein an des Lebens Ende fast
MuB neu beginnen ich,
Da mir in wesenlose Schatten
Gewandelt all mein Forschen
Im Feuerbade eures Geistes ward.
Ihr seht mein Haar gebleicht
Vom Alter nicht allein,
Von jener Sorge bin ich schwer belastet,
Die furchtbar in ein Herz kann stromen,
Das GeistesofFenbarung nicht entbehren darf
Und doch zu ahnen kaum vermag,
Wie ihm die Pforten wahren Lichtes
Jemals sich offnen sollen.
Benedictus : Ihr habt des Weges Richtung nicht verfehlt,
Wenn euch nur klar vor Augen steht,
DaB keiner jener Schritte,
Die Prufung der Seek
Die ihr bisher getan,
Vom Geistespfade weg euch fiihrt,
Sobald ihr ihn im rechten Lichte schaut.
Ihr ginget recht, und was euch fehlt,
1st nicht des Weges Richtung,
1st Wissen nur von dem bereits Vollbrachten.
Capesius : So muBt ihr mir auch jene Stutze nehmen,
Von der ich glauben konnte,
Sie ware als das letzte mir geblieben.
Gedanken waren meines Lebens Inhalt,
Sie haben mir die Kraft verliehn,
Zu brechen mit allem,
Was ich zu wissen wahnte.
Und hinzuwerfen eitles Forschen,
Einen neuen Weg mir vorzuzeichnen,
Es schien mir oft als Trost.
Nun soil als wahr mir gelten,
Was ich verwerfen wollte,
Und wertlos soil mir sein
Mein Denken, bei dem ich Zuflucht
Im Schiffbruch meines Lebens suchte.
Benedictus : Was ihr bisher vollbracht,
Es floB aus Weltenwillensmacht
Und kann zum Wahn nur werden,
Wenn falschen Denkens Licht
Vor eurem irren Blick
Ins Gegenbild es wandelt.
Was ihr gelebt, gebraucht es
In neuer Form zu eurem Heil.
Was ihr gedacht und heute denket,
Ver wandelt es durch jenes Licht,
Das euch aus Geistesoffenbarung stromt.
Erstes Bild
Capesius : Ich kann es voll empfinden,
Wie wahr die Worte sind
Die mir so schreckensvoll doch klingen.
Und oft hab ich mir selbst gesagt,
Das Leben kann nicht irren.
In dir nur such des Irrtums Quelle.
So war ich denn bemiiht,
Mein Denken selber urnzuwandeln,
Und lenken wollt ich all mein Sinnen
In jene Richtung, die von euch gewiesen.
Doch eben dies ist mir versagt.
Es ist, als ob des eignen Hirnes Widerstand
Mir alles Denken raubte,
Wenn es in eure Art sich fiigen will.
Die Wahrheit eurer Offenbarung,
Ich kann sie ganz empfinden.
Zu denken sie, gelingt mir nicht.
Versuch ich es, zerstirbt mir die Gedankenkraft
Und bleischwer fiihl ich nur
Des Denkens Werkzeug,
Das feindlich mich mir selbst erweist.
Benedictus: Ihr sprecht des Ratsels Losung
Und wollt des eignen Wortes Weisheit
In eidem Wahne von euch weisen.
Erkennet, was ihr selbst gesprochen,
Ergreifet jenes Licht,
Das hell in eurer Rede leuchtet,
Und fallen muB der Hiillen eine,
Die euch das Geisteswissen bergen.
Ihr steht vor aller Offenbarung Tor
Und wollet dieses Tores Wesen leugnen.
Es spricht in euch das wahre Ich
Die Priifmg der Seek
Und eures Eigenwesens Schein,
Es wehrt sich gegen euer wahres Selbst.
Capesius : Wenn Wahrheit eure Rede birgt,
So habt in diesem Augenblick
Ihr mich mir selbst geraubt.
Denn nichts kann ich mir retten
Von allem, was mein ich nennen darf,
Durch mein vergangnes Leben,
Wenn meines Wesens wahres Sein
Des Lichtes Gabe mir verleiht,
Und meiner Seele Wahneswesen
Das eigne Licht als Finsternis nur schaut.
So scheint es Wahrheit doch zu sein.
Was sich aus Lehren eurer Art
Als Ansicht mir sich aufgedrangt.
Wer an der Welt geheime Grunde
Unzeitig die Seelenkrafte fiihrt,
Der wird zerrissen fuhlen
Die Bande, die ans Sein ihn banden.
O schauervoll ward ich's gewahr,
Wie mir entrissen ward,
Was lebenslang mit Weltentaten
Und Weltendingen mich verband.
Ich hab es hingenommen,
Weil ich ja fuhlen muBte,
Wie neue Faden mich an hohere Reiche
Nur binden konnen, wenn gelost,
Was Wahn und Irrtum nur gezeugt.
Doch hoflf ich durch mich selber,
Des neuen Lebens Bande zu erflnden.
O, wie ist eure Lehre grausam.
Sie nimmt zu allem andern
Erstes Bild
Auch noch des Strebens letzte Zunucht,
Sie nimmt sich selbst den Menschen.
Wenn nicht ich selber mir,
Wenn was mir selber fremd
Als andres Wesen in mir ruht,
Erlosung mir bringen soil,
Dann wankt die Briicke,
Die mich aus diesem Weltenwahne
In andrer Reiche Wahrheit fuhren soil.
Benedictus : Ihr wahnet euch zuriickgestoBen
Von eurem hohen Geistesziel
Und seid ihm doch so nah.
Ihr fiihlet, wie die schwerste Last
Des eignen Wesens Werkzeug.
Ihr fiihlt euch einsam und fremd
Im Weltgeschehn, im Wahrheitsreich,
Und lahm erscheinen euch die Fliigel,
Die euch in andre Welten tragen sollen.
Ihr braucht nur jenen Glauben,
Den ihr euch selber geben konnt,
Den Glauben an die Seelenmacht,
Die aus zerborstner Lebensmacht
Die Steine fur ein neues Dasein sucht,
Und die in Einsamkeit erschauen will
Das Licht, das aus Finsternissen leuchtet.
Ihr werdet suchen, weil ihr miiBt.
Start andren GruBes laBt mit diesem Wort
Mich heute von euch scheiden.
Die Geistesmachte, denen ich dienen darf,
Ihr ahnet sie in eurer Nahe,
Auch wenn ihr's leugnen wollt.
Erstes Bild j Fiinftes Bild
Capesius : Er geht und laBt in meinem Jammer
Und meiner Ohnmacht mich allein.
O wiiBt ich nicht bereits,
DaB Menschen seiner Art
Durch Taten mehr noch sprechen
Als durch bedeutsame Rede,
Ich kdnnte sein Verhalten nicht verstehn.
So aber ist mir klar,
Wie ich sein Gehn zu deuten habe.
*
* *
[Frau Balde] : Es fand seit dieser Nacht
Der Knabe keine Frauenwesen mehr,
Wenn er am Felsenquell
Auch oft: noch sinnend safi.
Vergessen aber konnte seine Seele
Den Kelch der Wasserfrauen nicht,
Auch nicht den wilden Drachen.
Und als nach vielen Jahren
Und fiigen wollt es sich,
DaB in des Lebens reifer Zeit
Der Mann besuchen konnte
Der Kindheit liebe Pflegestatte.
Ihn trieb die Sehnsucht nach dem Orte,
Wo einst im Mondessilberlicht
Durch Wassertropfenspiel
Die Geisterfreunde ihm gesellt.
Und wieder formten sich die Tropfenstaubchen
Funftes Bild
7m wundersamen Geisteswesen.
Nur deutlicher noch zu schauen,
Vermochte er sie dieses Mai.
Drei Frauenwesen waren es,
Und wie durch Zauberworte sprachen
Zu seiner Seele sie in Gefuhlen,
Die er als ihre Worte klar empfand.
Es sprach die eine mild:
Ich bin dir treu geblieben,
Und wenn des Lebens Bitterkeit
Erfiillte deine Seele,
Erquickt ich dich mit der Erinnerung
Von Sonnenlicht und Waldesfreuden,
Die deiner Jugend zugesellt.
Du konntest es nicht deuten,
Wie durch alles Lebens Ernst und Muhen
Die Seligkeit der Kindertage
Dir Trost und Hilfe waren.
Und heiter wie die Sonne selber spricht,
So klang der zweiten Rede :
Auch meine Treue schwand dir nicht.
Ich gab dir einst Verstandnis
Geheimnisvoller Geistgewalten,
Die aus des Lebens Sinnenschein
Zu Menschen sprechen konnen.
Und weil gesucht du mich
In deiner zarten Jugend hast,
So konnt ich dir im Seelengrunde leben
Im arbeitvollen Leben.
DaB nie der Blick dir konnt entschwinden
Nach Daseinshohen, wo die Lebenswerte
Dem Nichtigen auch verleihn
Des Geistes Licht und Glanz,
Die Priifung der See/e
Es ward als Knabe dir gezeigt
Von miran diesem Zauberort,
Und kraftvoll hast du es empfunden,
Wenn oft dir Mut und Lebensfreude schwanden.
Und auch die dritte sprach:
Du fandest oft des Lebens Lasten groB,
Doch konnte nie in Daseinsfinsternissen
Aus deiner Seele fliehen
Des Lebens Weisheitswort.
Und weiB ich selber nicht
Den Grund des arbeitvollen Seins,
Es wissen's wohl die Geistgewalten,
Die mir das Wirkensfeld gewiesen.
Im Kleinsten selbst zu schaffen,
1st geistgewolltes Wirken.
Wenn eines Kindes sinnend Herz
Aus Quell- und Waldesorten
Den Pfiichtensinn sich friih erwirbt,
Den ich zu Menschen bringen darf,
Hat starkste Lebenskraft sich ihm verliehn,
Die sicher fiihrt und aufrecht halt.
Versunken ganz in solche Worte
Gesprochen durch der Kindheit Freundinnen
Verweilte lang der Mann.
Und als zuriick die Schritte
Zu seines Lebens Alltagskreisen wandte,
Da wuBte er ein groB Geheimnis,
Das Geistes- und Naturgewalt
In Kindesdammerdunkel sich ihm ofFenbarte,
Und das mit aller IGarheit
Die Schicksalsmachte ihm enthiillt
In seines Lebens Reifezeit.
Doch hatte ihn gefragt ein andrer Mensch
Fiinftes Bild
Nach des Geheimen Wissen,
Das ihm durch der Geister Macht verliehn,
Er hatte stumm nur fuhlen konnen
Des Lebens reichsten Kraftesquell.
Er stromt aus jenen Worten,
Die in der Seele Tiefen ruhn
Und nie des Herzens Reich verlassen. -
*
* *
Frau Balde: Ach lieber Mann, es scheint
So triibe euer Blick,
Und an den miiden Schritten selbst
Verrat sich schwere Sorge eurer Seele.
Capesius: Wie oft so kann auch heute
Ich Freude nicht, nur triiben Sinn
In euer gastlich Haus euch bringen.
Felix Balde: Ob ihr uns heiter, ob bedruckt
In unsrem Heim wollt suchen,
Willkommen seid ihr stets.
Ihr waret damals schon so gern gesehn,
Als wir der Einsamkeit ergeben,
Und wert geblieben seid ihr uns,
Auch seit fast jeden Tag
Der Besucher reiche Schar
Dem alten Felix sich fragend naht.
Capesius : Wie kommt es nur, daB ihr,
Der vordem so verschlossene Mann,
Berater vieler ist geworden?
Die Prufung der Seek
Frau Balde: Ach ja, der gute Felix
VerschloB uns einst vor aller Welt
Und jet2t eroffhet er so weit sein Haus,
DaB wir nicht mehr wissen konnen,
Ob wir uns noch selber angehoren.
Felix Balde: Bekannt ist dir Felicia,
Wie aufgeruttelt in seiner Seele
So mancher diesen Ort verlafk.
Und iiberwiegt in vielen Seelen
Neugierde weit den echten Wissendrang,
Nach allem, was ich heute weiB,
Vermag ich weiter nicht
In Einsamkeit zu traumen,
Ich muB der Welt vertrauen,
Was ich zu wissen meine.
Capesius : Wie kommt es, lieber Freund,
Da6 so des Lebens Art
Ihr andern mochtet.
Felix Balde: Bekannt ist mir geworden,
DaB wir gelangt an einen Wendepunkt
Im Erdensein des Menschen.
Verloren ware manche Frucht,
Die heiB erstrebt im Zeitenlauf,
Gelang es nicht, der Menschen Sinn
Den Weg ins Geistgebiet zu weisen.
Es tuts ein jeder auf seine Art.
Mir ist verliehn eines Wissens Weise,
An deren Wahrheit zu zweifeln
Mir Lasterung des Geistes selber schiene.
Von Hochmut weiB ich frei mich,
Fiinftes Bild
Bekennen werd ich stets,
Ich bin ein Werkzeug nur
Der Machte, die mif Worte schenken.
Capesius : O mochten diese Machte
Aus eurem Mund mir kiinden
In einer Art, die meiner Seele
Verstandlich konnt erscheinen,
Warum mein Drang ins Geistesland
Mit Elends Uberfulle mich bestraft.
Felix Balde: So lange ihr der Zahlen heimlich Wirken
In eurem Innern nicht empfinden wollt,
Wird Wirrnis euch das Seelenfeuer
Verloschen im Entstehen schon.
Ich weiB, wie ich selber
Im frommen Glauben an die Seelendreiheit
Des Lebens Heimlichkeit ergriinde.
Ich dampfe alle Urteilskraft
Und wende zu meines Wesens Untergrunde
Mein innres Auge wartend in Geduld,
Vertrauend auf den Vater,
Der mir im Innern lebt.
Ich fiihle eins mich dann mit alien Wesen.
Die Welt ist mir erstorben.
Zehntes Bild
Capesius : Ein Hiuschen, diese Bank.
Ich kenne sie nicht; doch sie -
Sie dringen auf mich ein, als ob sie riefen,
Du muBt uns kennen;
Du muBt uns auch fur wirklich halten.
Und ich kann deutlich fiihlen,
Dafi sie bloB Bilder sind -
Sie miissen Bilder sein -
Ich weiB, woraus sie entstanden sind,
Sie sind geboren aus meiner Sehnsucht -
Aus der Sehnsucht, die mich so qualte,
Die mich durchdrang wie brennender Durst.
Ich muBte nach dem Dasein dursten,
Es war ein schreckensvoller Zustand,
Wie wenn ich nach dem Leben schreien muBte,
Und dieses Leben mich doch fliehen wollte.
Und vor dem Schrecken der Sehnsucht
Erlebte ich des Schreckens Ursache -
Sie war ein Meer von Seligkeit.
Ich fiihlte [mich] eingetaucht in sie.
Mein Selbst war eins mit ihr.
In Unendlichkeit ergossen fuhlte ich mich,
Bevor die Sehnsucht an mich herantrat
Und mir mein Selbst zeigte
Und mich dann an dies Selbst fesselte.
Und in der unermeBlichen Seligkeit
Erkannte ich die Geisterwelt,
Aus der sich mir Wesen neigten,
Sie stellten eine ganze Welt vor mich hin.
Entsetzlich war das Schaffen dieser Welt;
Zehntes Bild
Die Geisteswesen nahmen aus mir,
Wotaus sie die Welt erschufen.
O wie verarmte ich selbst,
Da jene Welt entstand.
Ich fiihlte mich zuletzt so arm
An allem Eigenwesen.
Dafiir wurde jene Welt
Aus einem diinnen Nebel voile Wirklichkeit.
Mein eignes Sein ward mir entrissen
Und in die Welt versetzt,
Die sich vor meine Augen stellte.
Ich sah, wie ich schwere Fehler
In dieser Welt beging.
Erst fiihlte ich, wie groB die Fehler,
Und nur aus diesem Fiihlen
Erlangte ich die Fahigkeit, mir vorzustellen,
Worin die Fehler lagen.
Und stets, wenn ich den Fehler sah,
Ersehnte ich die Kraft, ihn gut zu machen.
Ich konnte dieses nicht.
Doch wurden die Fehler schaftend
Und sie erschufen mich aufs neue.
*
Capesius: O, diese fremde Gegend, eine Bank,
Ein Hauschen und ein Waldesgrund vor mir.
Ob ich sie kenne? Sie verlangen dringlich
DaB ich sie kenne ; sie bedriicken mich.
Sie scheinen Wirklichkeit zu sein; doch nein,
Es kann dies alles mir als Bild nur gelten.
Bekannt ist mir, woraus das Bild entstanden.
Die Priifmg der Seek
Aus meiner Sehnsucht hat es sich gewoben.
Ich tauchte aus der Sehnsucht eben auf,
Wie aus dem unermeBHchen Weltenmeere.
Erschaudernd schreckhaft steigt Erinnerung
An diese Sehnsucht mir aus Seelengriinden.
Wie brannte doch dieser Sehnsucht Durst
entsetzlich.
Ich muBte stiirmisch nach dem Sein verlangen
Und alles Dasein wollte mich nur fliehen,
Ein Augenblick, der Ewigkeit mir diinkt,
ErgoJ3 in meine Seele Leidensstiirme,
Die nur ein ganzes Leben kann erzeugen.
Und vor dem Sehnsuchtschrecken stand vor mir,
Was diesen Schrecken mir erschaffen hatte.
Mich selbst zum ganzen Weltenall erweitert
Und aller eignen Wesenheit beraubt:
So funk* ich mich, doch nein, so fiihlte sich
Ein andres Wesen, das aus mir erstand.
Erwachsen sah ich Mensch und Menschenwerk
Aus Weltgedanken, die den Raum durcheilten
Und seiend sich zur Offenbarung drangten.
Sie stellten eine ganze Lebenswelt
Mir vor die Augen, und entnahmen mir
Zu dieser Schopfung meine Daseinskraft.
Je mehr die Welt vor mir an Sein gewann,
Verlor ich selbst an meiner Wesenheit.
Erstehen konnte sie zur Wirklichkeit,
Weil ich zum leeren Nichts verurteilt war.
Gedanken spriihten aus der Wirklichkeit,
Sie drangen auf mich ein sich selber denkend.
Aus Lebensfehlern schufen sie ein Bild.
Erfullt von alien Seiten war der Raum
Zebntes Bild
Mit Tongewalten, die sich offenbarend
Zum ernstgetragnen Worte dichteten:
O Mensch, erkenne dich in deiner Welt.
Ich sah den Menschen, der vor mich gestellt
Sich als mein Eigenwesen fuhlen muBte.
Und jene Tongewalten sprachen weiter,
So lang du nicht in deine Lebenskreise
Dies Wesen ganz verwoben fuhlen kannst,
Bist du ein Traum, der sich nur traumen kann.
Und wie in Nichts verschwand die Zauberwelt.
Sie schuf sich bald aufs neue aus dem Nichts.
Die Prufung der Seek
PARALIPO MENA
[Zum Ganzen]
Frau Balde: Ein Kind wachst im Umgang
mit Natur -
Begegnung mit einer «guten Alten»
Vorbereitung -
Wiederbegegnung = die Fortsetzung =
Zwei Selbstbilder, die spirituell stereoskopisch
zusammengeschaut werden -
Vergangenheit - Zukunft, auf die Gegenwart
projiciert — diese Gegenwart mittelalterlich
Incarnation -
Ein Mann in Seeleneinsamkeit erwachsen
Er zieht in die Welt
Er ist aUein mit der Natur
Die Steine reden ihm melancholisch vom
Untergange
Und aus ihren Stimmen klingt fremdartiger
Wesen Werdelust
Die Pflanzen erzahlen von weitem All
In sich beseligt leben sie fiir den Tag
Die Tiere
Am Ende des Weges
Menschenkaleidoscop = die Rede
verwandelt sich durchgehend durch verschiedene
Menschen in Gegenrede —
Paralipomena
[Zum Ganzen]
Die Sinne lassen die innere Tatigkeit (Erregung
durch das Spirituelle) wie durch Tore aus dem
Leibe flieBen - und an das Objektive stoBen —
Gegemiber dem hoheren BewuBtsein werden die
Menschen gleich - die Unterschiede der Denk-
geiibtheit, Bildung usw. horen auf -
Schnelligkeit der leibentriickten Denk- und Er-
innerungstatigkeiten.
[Zum funften Bild]
Es war einmal ein Feenwesen,
Es dachte nach Feenart
An Geistertaten, die vor der Erde Lauf.
Es schaute im Traumeswachen,
Was nach dem Erdensein
Mit Welt und Weltenlenkern werden soli;
Was war, was einstens werden soil,
Erfiillte selig ihm das Wesen,
Doch schmerzvoll nur erwies sich ihm,
Was Gegenwart.
Der Menschen Denken war sein Leben,
Doch nicht der Menschen Sprache.
Und doch muBt es in Menschenworten
Der Menschen Sinnen suchen,
Um Erdenseelen zu fuhren,
Und wenn ein Mensch sich befand
An seines Lebens Wendepunkten,
Da lenkt das Wesen seine Schritte,
Die PrUfurtg der Seek
So daB er wie durch geheime Pforten
Natur und Geist sich nahern konnte,
An eine Quelle, wo geheimnisvoll
Die Wasser rieseln und Tropfen
In zaubrisch wirr harmonische Nebel stauben
An nachtlich dunkle Waldesorte
Wo Mondlichtssilberfluten
In Baumkronen sich gespenstig krauselt,
Da lieB das Wesen das Menschenherz
In sich selber webend fiihlend griibeln
Und in sich den Geist erleben.
So hat es gelockt einen Mann
Zu einer Waldesquelle
Die im Monde glanzte.
DER Ht)TER DER SCHWELLE
Die foigenden, mit I bezeichneten, nicht in das Drama aufgenommenen
S2enenbilder, die beiden Szenarien und die Prosaskizzen zu einzelnen Vor-
gangen bilden den Inhalt eines Notizbuches, auf welches Marie Steiner, wie
bereits in den Vorbemerkungen erwahnt, in einer kurzen Orientierung hin-
wies. Sie hebt darin hervor, da6 es sich dabei um « meditative Inhalte»
handelt, «die wie Vorentwurfe wirken fiir das, was im Drama spater um-
gegossen wurde zu Dialogen oder bewegten Szenen».
Die eigentlichen Entwiirfe sind unter II und III zusammengefaBt.
Nicbt in das Drama aufgenommenes Bild
I
B[enedictus] : Wie oft noch werde ich diesen Ort wohl noch
betreten miissen; in sorgenvoller Seele die
UngewiBheit bergend, ob Sieg ob Untergang
meinem Wollen auferlegt. Fur Euch, Ihr
Geister des Weltenlaufs, zu kampfen,
ist mein Los. Ihr, die Ihr der Erde wahre
Sendung Eurem Wege einverleibt. So oft
ich diese Schwelle uberschritt', hofft ich, daB
Euer Sieg entschieden sei iiber die Wesen,
denen Erdendasein wertlos ist und die sich
in der Erdenmenschen Schicksal nur mischen,
weil sie sie gewinnen wollen fiir Ziele,
die in andern Welten liegen. O wie lange
werd ich diesen Machten selbst noch dienen
miissen? Nur wenn meine Seele sich
standhaft halt, kann es gelingen, daB
meine Gotter iiber diese Feinde siegen.
Schon nahet der Vater; an seinen
Kraftestrahlen erkenne ich, daB er sich
unbesiegt noch fuhlt.
Ahr[iman] : Du hast ein kiihnes Werk im Menschen-
schicksalslauf getan.
Ben. : Doch leider muB ich mir gestehn, daB
deine Krafte in meinem Werke wirkten.
Ahr. : Wird Gutes denn zum Schlechten, weil
es meiner Kraft entstammt?
Der Hiiter der Schwelk
Ben. : Ob gut, ob schlecht, was ich durch dich
vollbringe, gilt mir gleich dcm Nichts.
Ahr. : Bedenke diese Rede und merke, wie
du dir den Schleier noch nicht vom
Auge weggebannt, den du driiben tragen
magst, der hier doch nicht zum Orte
paBt. Driiben im Erdenreich scheinen
Griinde zu entscheiden, welche Erkenntnis
braut. Hier jedoch entscheidet Kraft und
Wille. Hier stehst du, Geist gegen Geist.
Die Reden, die du driiben fiihrst, sie mussen
hier verstummen. Du zeigst es selbst, so oft
du hier erscheinst. Denn lachen muBtest du
iiber dich selbst, wolltest du zu uns mit
Erdengriinden sprechen. Hier widerlegt man
nicht. Hier tauscht man Wirklichkeiten. Und
Wirklichkeiten willst du stets erringen, wenn
du uns nahst. Drum nenne dein Begehren;
du sollst es haben und weiter siegen im
Erdgebiet mit unsren Kraften.
Bened. : An deinem Worte erkenne ich
…[truncated]