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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Die Evolution vom
Gesichtspunkte des Wahrhaftigen
Fiinf Vortrage gehalten in Berlin
vom 31. Oktober bis 5. Dezember 1911
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Caroline Wispier
1. Auflage (Zyklus 35, mit 23. Okt. 1911)
Berlin o. J. (1916)
2. Auflage (in Buchform) Dornach 1932
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1958
4., durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1969
5. Auflage, mit neuen Nachschriften verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1979
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999
Bibliographie-Nr. 132
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1987 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1320-4
Z# den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Urspriinglich wollte Rudolf Steiner nicht, dajR seine frei gehal-
tenen Vortrage - sowohl die offentlichen als auch die fur die Mit-
glieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft - schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mund-
liche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren.
Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horer-
nachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran-
lafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra-
fierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her-
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner nur
in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigiert hat,
raufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt
beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich
Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Berlin, 31. Oktober 1911 9
Das Hereinwirken der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit in die heutige
Zeit. Furcht und Schauder beim Anblick des alten Saturn vor der unend-
lichen Leere und ihre Uberwindung durch innere Festigkeit und Sicher-
heit. Eine Ahnung davon bei Karl Rosenkranz. Christus-Verstandnis
oder Anthroposophie als notwendige Stiitzen zum Ertragen der schau-
ervollen Leere des Saturn. - Die Geister des Willens als aus Mut beste-
hende Wesenheiten ira wogenden Geistmeere. Die Zeit- und Raum-
losigkeit des Saturn. Das Aufglimmen der Weisheit der Cherubim,
denen die Geister des Willens ihre Wesenheit hinopfern. Das Entstehen
der Zeit durch ihr Opfer und die Geburt der Zeitgeister. Alle Warme,
auch die heutige, als Wirkung dieses Opfers. Die Imagination: Die vor
den Cherubim in mutartiger Eingebung knienden Geister des Willens,
die flammende Warme hinaufopfernd und davon ausgehend die Ent-
stehung der Zeitgeister. - Die Unmoglichkeit, durch verstandesmafiige
Philosophic dieses Saturnbild zu verstehen. Das naive Erleben desselben
durch Jakob Bohme. Albert Schwegler.
Zweiter Vortrag, Berlin, 7. November 1911 24
Warme als physischer Ausdruck von Opferseligkeit. Luft und Licht,
auf der Sonne hinzutretend, als aufiere Offenbarung der Geister der
Weisheit, die im hingebungsvollen Anblick der Opfertaten der Thro-
ne ihr Wesen gnadevoll ins Weltall ergielSen. Die Imagination: Im
Mittelpunkt die Imagination des Saturn, darum der Reigen der Geister
der Weisheit, das Opfer der Throne in ihrer Hingabe in Opferrauch
verwandelnd - Luft - aus dem am inneren Rand der Sonnenkugel die
Erzengel entstehen, die die Gabe der Geister der Weisheit ihnen in
Licht verwandelt zuriickstrahlen. Die Entstehung des Raumes in die-
sem Innen-Aufien aus dem Friiher-Spater. Die Erzengel als Bewahrer
des Friiheren als Boten des Urbeginnes. - Das Auf-die-Erde-Bringen
aller dieser Krafte durch den Christus; das «Abendmahl» von Leonar-
do als wahrer Ausdruck davon.
Dritter Vortrag, Berlin, 14. November 1911 41
Die Wirklichkeit der Warme als Opfer, die der Luft als schenkende
Tugend. Die Resignation als geistige Tugend: Verzicht eines Teils der
Cherubim auf die Aufnahme des Opfers der Geister des Willens.
Entstehung einer Ringwolke im Inneren der Sonne durch das Begeg-
nen des aufsteigenden und des zuriickgestauten Opfers. Das Erringen
der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit durch die resignierenden Cherubim.
Die Entstehung des Wassers durch ihre Resignation. Das Ergreifen
der zuriickgewiesenen Opfersubstanz durch die luziferischen Wesen
und der dadurch entstehende Widerstand, das Bose. Opferung des
Isaak als Bild der Resignation Gottes auf das Opfer. Leonardos
«Abendmahl» als Bild des Verzichtes des Christus durch die Aufnah-
me des Judas in den Kreis der Apostel. Die vom Betrachter unbewulk
aufgenommene Wahrheit dieses Bildes.
Vierter Vortrag, Berlin, 21. November 1911 59
Das Entstehen der Sehnsucht in den Geistern des Willens, auf deren
Opfer die Cherubim verzichten. Der sich nicht ausleben konnende
Wille. Das Aufblitzen der Egoitat durch diesen zuriickgehaltenen
Willen. Das Auftreten der Geister der Bewegung, die Veranderung ins
Weltall bringen. Die teilweise Stillung der Sehnsucht der Geister des
Willens durch die wechselnden Bilder, die an sie herangebracht wer-
den. - Das Heraufschlagen dieser Sehnsucht aus unserem Unterbe-
wulksein und ihre Befriedigung durch die Geisteswissenschaft. Hein-
rich von Kleist als Opfer dieser noch nicht befriedigten Sehnsucht.
Funfter Vortrag, Berlin, 5. Dezember 1911 76
Das Auffinden des Wahrhaftigen hinter den aufteren Welterscheinun-
gen durch den Blick auf Eigenschaften der eigenen Seele. Das gesunde
Wissen, eingerahmt von Staunen und Beseligung iiber das geloste
Ratsel. Der melancholische Charakter des alten Mondes durch die
zuriickgewiesenen Opfer der Geister des Willens. Kain und Abel. Die
Entfremdung der Opfersubstanz von ihrem Ursprung bei ihrem Zu-
riickstromen zu den Geistern des Willens: Der Tod. Aller Tod als
Ausgeschlossenwerden einer Weltensubstanz von ihrem eigentlichen
Sinn. Der Tod als das einzige Wahrhaftige innerhalb der Welt der
Maja. Der «Tod» bei Mineral, Pflanze und Tier. Die Entwicklung des
Ich-Bewufitseins auf der Erde durch die Tatsache des Todes beim
Menschen. Die Besiegung des Todes durch Christus, die kein geistiges
Urbild hat, sondern nur auf der Erde geschehen konnte. Das Erringen
des Verstandnisses des Mysteriums von Golgatha nur auf der Erde
moglich. Paulus vor Damaskus und das Aufleben dieses Ereignisses in
immer mehr Menschen von der Gegenwart an. - Das Verhaltnis der
Wissenschaft zur Wahrheit.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe . 97
Hinweise zum Text 98
Personenregister 100
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 101
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 103
ERSTER VORTRAG
Berlin, 31. Oktober 1911
Wenn wir in den Betrachtungen, welche wir im vorigen Jahre in unse-
ren Zweigabenden gepflogen haben, fortfahren wollen, so ist es not-
wendig, daft wir uns noch einige andere Begriffe, Vorstellungen, An-
schauungen aneignen, als die sind, von denen bisher gesprochen worden
ist. Wir wissen, daft wir gar nicht auskommen konnten mit dem, was
wir iiber die Evangelien und sonstige geistige Dokumente der Mensch-
heit zu sagen haben, wenn wir nicht vorausgesetzt hatten jene Ent-
wickelung unseres ganzen Weltsystems, die wir da bezeichnen als die
Verkorperungen unseres Planeten selber durch das Saturndasein, durch
das Sonnendasein, das Mondendasein, bis herauf zum gegenwartigen
Erdendasein. Wer sich zuriickerinnert, wie oft an diese Grundvorstel-
lungen angekniipft werden muftte, der weift, wie notwendig fiir alle
okkulte Betrachtung der Menschheitsentwickelung diese Grundvorstel-
lungen eben sind. Wenn Sie nun die Angaben sich einmal ansehen, wel-
che zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft im Umrift» gegeben sind
iiber die Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung bis zur Erdentwicke-
lung herein, so werden Sie sich gestehen, daft es sich dabei - und selbst,
wenn es noch viel ausfiihrlicher ware, konnte es nicht anders sein - nur
um eine Skizze handeln kann, nur um Angaben, die von einer gewissen
Seite, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, gemacht werden konnen.
Denn wie das Erdendasein eine unendliche Fiille von Einzelheiten bietet,
so ist es ganz selbstverstandlich, daft wir auch fiir das Saturn-, Sonnen-
und Monddasein eine unendliche Reihe von Einzelheiten zu verzeichnen
haben, und daft immer nur eine ganz grobe Kohlezeichnung, eine Art
Umrift, gegeben werden kann. Fiir uns ist aber eine Charakteristik der
Evolution noch von einer anderen Seite aus notwendig.
Wenn wir uns fragen: Woher stammen alle die Angaben, die da ge-
macht worden sind? - so wissen wir, daft sie von den sogenannten Ein-
tragungen in die Akasha-Chronik stammen. Wir wissen, daft das, was
einmal geschehen ist oder vorgeht im Verlaufe der Weltentwickelung,
gewissermaften zu lesen ist wie durch eine Eintragung in eine feine
geistige Substanz, in die Akasha-Substanz. Von allem, was sich abgespielt
hat, gibt es eine solche Eintragung, aus welcher entnommen werden
kann, wie die Dinge einmal waren. Nun werden wir natiirlich annehmen
konnen, daft, ebenso wie dem gewohnlichen Blick, der irgend etwas
von unserer physischen Welt iiberblickt, die Dinge, die in der Nahe
sind, in ihren Einzelheiten mehr oder weniger klar und deutlich, und
je weker sie entfernt sind, mehr oder weniger unklar und undeutlich
erscheinen, so werden auch die Dinge, die zeitlich in unserer Nahe sind,
die der Erden- oder der Mondentwickelung angehoren, sich genauer
angeben lassen; wogegen die Dinge, die zeitlich weiter entfernt sind,
undeutlichere Umrisse bekommen, so zum Beispiel, wenn wir in das
Saturn- oder Sonnendasein hellseherisch zuriickblicken.
Warum tun wir das iiberhaupt, daft wir einen gewissen Wert darauf
legen, so weit hinter uns liegende Zeitraume zu verfolgen? Es konnte
ja jemand sagen: Wozu bringen diese Anthroposophen allerlei so uralte
Dinge heute noch zur Sprache? Man braucht sich doch in der Welt nicht
um diese ururalten Dinge zu kummern, denn man hat doch geniigend
zu tun mit dem, was gegenwartig vorgeht.
Es ware sehr unrichtig, so zu sprechen. Denn, was einmal vorgegan-
gen ist, das vollzieht sich heute noch fortwahrend. Was in der Saturn-
zeit sich abgespielt hat, das ist nicht bloft dazumal gewesen, sondern
das geht heute noch vor, nur wird es iiberdeckt, unsichtbar gemacht
durch das, was heute aufterlich um den Menschen auf dem physischen
Plan ist. Und recht, recht stark unsichtbar wird gerade das alte Saturn-
dasein gemacht, das vor so langer Zeit sich abgespielt hat. Aber es geht
den Menschen noch etwas an, heute noch, das alte Saturndasein. Und
um uns eine Vorstellung zu machen, wie es uns angeht, wollen wir uns
folgendes vor die Seele stellen.
Wir wissen, daft der innerste Kern unseres Wesens uns entgegentritt
als das, was wir unser «Ich» nennen. Dieses Ich, der innerste Kern
unseres Wesens, ist wahrhaftig fur den heutigen Menschen eine recht
iibersinnliche, eine recht unwahrnehmbare Wesenheit. Wie unwahrnehm-
bar sie ist, kann schon daraus geschlossen werden, daft es heute See-
lenlehren gibt, die sogenannten offiziellen Psychologien, die iiber-
haupt keine Ahnung mehr davon haben, worin das Wesen dieses Ich
besteht, die keine Ahnung haben sogar, daft auf ein solches Ich hinzu-
deuten ist.
Ich habe schon ofter darauf aufmerksam gemacht, daft sich nach und
nach im 19. Jahrhundert in der deutschen Psychologie der schone Aus-
druck herausgebildet hat «Seelenlehre ohne Seele». Namentlich war
tonangebend fiir diese «Seelenlehre ohne Seele» - obwohl das Wort
nicht von ihr gepragt worden ist - die heute weltberiihmte Schule
Wundts, die ja nicht bloft in den deutschen Landen ausschlaggebend ist,
sondern die iiberall, wo von Psychologie geredet wird, mit groften
Ehren genannt wird. «Seelenlehre ohne Seele» konnte man so ausdriik-
ken: eine Beschreibung der seelischen Eigenschaften, ohne auf ein selb-
standiges Seelenwesen Riicksicht zu nehmen, in dem sich alle Eigen-
schaften der Seele erst sammeln in einer Art von Brennpunkt, sich ver-
sammeln im Ich. - Das ist der groftte Unsinn, der iiberhaupt in die
Seelenlehre hineingeschleudert worden ist, man kann sich einen grofte-
ren Unsinn gar nicht denken; dennoch steht die heutige Psychologie
ganz unter dem Eindruck dieses Unsinns. Und diese «Seelenlehre ohne
Seele» ist heute in der ganzen Welt beriihmt. Kunftige Kulturgeschichts-
schreiber unserer Zeit werden viel zu tun haben, wenn sie es unseren
Nachkommen einigermaften plausibel machen wollen, wie so etwas
iiberhaupt moglich war, daft im 19. Jahrhundert und weit ins 20. hin-
ein so etwas als die groftte Leistung auf psychologischem Gebiete ange-
staunt worden ist. Das alles soil nur gesagt werden, um anzudeuten,
wie unklar sich gerade die offizielle Psychologie iiber das Ich ist, den
Mittelpunkt des menschlichen Wesens.
Wenn man das Ich in seiner wahren Wesenheit erfassen und so vor
sich hinstellen konnte wie den aufteren physischen Leib, und wenn man
die Umgebung, von der das Ich so abhangt, wie der physische Leib
von dem abhangt, was von auften durch die Augen gesehen, durch die
Sinne sonst wahrgenommen werden kann, wenn man ebenso die Um-
gebung des Ich suchen konnte, wie man im physischen Reich die Um-
gebung in den Wolken, Bergen und so weiter hat - wenn man das
ebenso suchen wollte fiir das Ich, wovon das Ich abhangt, wie zum
Beispiel der physische Leib abhangt von seinen Nahrungsmitteln — ,
so kame man zu einer Weltcharakteristik, zu einem Weltentableau,
heute noch, das gleichsam impragniert unsere sonstige Umgebung, un-
sichtbar drinnensteckt und das gleich ist dem Weltentableau des alten
Saturn. Das heifk, wer das Ich in seiner Welt kennenlernen will, der
muS sich eine solche Welt vor Augen stellen konnen, wie die alte
Saturnwelt war. Diese Welt ist verdeckt, ist eine iibersinnliche Welt fur
den Menschen. Der Mensch konnte sie auch in dem heutigen Grade
seiner Entwickelung durchaus nicht ertragen. Sie ist ihm durch den
Hiiter der Schwelle zugedeckt, damit sie zunachst vor ihm verborgen
bleibe, und es gehort ein gewisser Grad spiritueller Entwickelung dazu,
um einen solchen Anblick aushalten zu konnen.
Es ist ja in der Tat ein Anblick, an den man sich erst gewohnen mufi.
Sie miissen sich vor alien Dingen von alledem eine Vorstellung machen,
was notwendig ist, um iiberhaupt dahin zu kommen, ein solches Welten-
tableau als etwas Wirkliches noch empfinden zu konnen. Alles, was Sie
mit den Sinnen wahrnehmen konnen, miiftten Sie sich wegdenken aus
der Welt, muftten sich auch fortdenken Ihre Innenwelt, insofern die-
selbe aus den gewohnlichen Gemiitsbewegungen des Menschen besteht;
miifken sich weiter wegdenken von dem, was in der Welt ist, auch
alles, was Vorstellungen sind im Menschen. Also von der Auftenwelt
mtilken Sie alles wegnehmen, was Sinne wahrnehmen konnen, und vom
Inneren alles, was Gemiitsbewegungen, Vorstellungen sind. Und wenn
Sie jetzt von jener Seelenverfassung sich einen Begriff machen wollen,
in die der Mensch kommen muft, wenn er den Gedanken real falk:
Alles das ware weggeschafft, aber der Mensch ware noch da -, dann
kann man nicht anders sagen als, der Mensch mufi lernen, Schauder,
Furcht empfinden zu konnen vor der unendlichen Leere, die sich da
auftut um uns herum. Man muE gleichsam seine Umgebung empfinden
konnen wie ganz und gar gesattigt, tingiert mit dem, was uns von alien
Seiten Schauder, Furcht erregt, und muft zu gleicher Zeit in der Lage
sein, diese Furcht durch innere Festigkeit und Sicherheit seines Wesens
iiberwinden zu konnen. Ohne diese zwei Gemutsstimmungen, Schauder
und Furcht vor der unendlichen Leere des Daseins und der Uberwin-
dung dieser Furcht, kann man iiberhaupt gar keine Ahnung empfinden
von dem, was unserem Weltendasein als das alte Saturndasein zugrunde
liegt.
Beide Empfindungen, wie sie jetzt charakterisiert worden sind, kul-
tivieren ja die Menschen wenig bei sich selber. Daher findet man sogar
in der Literatur wenig Beschreibungen von diesem Zustand. Es kennen
diesen Zustand natiirlich die, welche durch hellseherische Krafte den
Dingen auf den Grund zu gehen versuchten im Laufe der Zeiten. Aber
in der aufteren Literatur, der geschriebenen oder gedruckten, finden
sich nur wenig Angaben dariiber, daft Menschen so etwas empfunden
haben wie das Schaudern vor der unendlichen Leere oder gar die Uber-
windung dieses Schauderns. Um eine Art aufteren Einblick in die Sache
zu haben, versuchte ich ein wenig nachzugehen in der jungeren Litera-
tur, wo so etwas auftreten konnte wie dieses Schaudern vor der uner- .
meftlichen Leere in einem Menschen. Die Philosophen sind ja gewohn-
lich ungeheuer klug, reden in ihren Begriffen abgeklart und vermeiden
es, von den groften, imponierenden Eindriicken zu sprechen. Dort
findet man nicht so leicht etwas dariiber. Nun will ich nicht davon
sprechen, wo ich uberall nichts gefunden habe. Aber einmal habe ich
doch einen kleinen Anklang an diese Empfindungen gefunden, und zwar
in dem Tagebuch des Hegelianers Karl Rosenkranz, wo er manchmal
ganz intime Gefiihle schildert, wie er sie gehabt hat beim Durchleben
der Hegelschen Philosophic Ich habe auf eine merkwiirdige Stelle stolen
konnen, die bei ihm so herauskommt wie eine unschuldige Stelle, die
er in sein Tagebuch fixierte. Karl Rosenkranz macht sich klar, daft die
Hegelsche Philosophie ausgeht von dem «reinen Sein». Von diesem
«reinen Sein» Hegels ist viel geschwatzt worden in der philosophischen
Literatur des 19. Jahrhunderts, aber man mufi sagen, es ist wenig ver-
standen worden. Man mochte fast sagen, in der Philosophie der zweiten
Halfte des 19. Jahrhunderts - das kann man natiirlich nur im intimsten
Kreise sagen! - versteht man von dem «reinen Sein» Hegels soviel wie
der Ochs vom Sonntag, wenn er die ganze Woche hindurch Gras ge-
fressen hat. Es ist ein durchgesiebter Begriff , dieses «reine Sein» Hegels -
nicht das Seiende, sondern das Sein -, es ist ein Begriff, der wahrhaftig
noch nicht das ist, was ich jetzt charakterisiert habe als die schauervolle,
Furcht einfloftende Leere, aber es ist der ganze Raum im Hegelschen
Sein tingiert mit der Eigenschaft, die nichts hat, was vom Menschen
erlebt werden kann: die Unendlichkeit, mit Sein erfiillt. Und Karl
Rosenkranz empfindet es einmal wie ein schauervolles Durchschiittelt-
sein von der Kalte des Weltenraumes, der von nichts erfiillt ist, als vom
leeren Sein.
Um zu begreifen, was der Welt zugrunde liegt, geniigt es nicht, daft
man in Begriffen dariiber redet, sich Begriffe, Ideen davon macht;
sondern es ist viel notwendiger, daft man sich eine Vorstellung hervor-
rufen kann von dem Empfinden, das entsteht gegeniiber der unendlichen
Leere des alten Saturndaseins. Das Gemiit ergreift dann, wenn es nur
eine Ahnung davon erhalt, das Gefuhl des Schauderns. Wenn man hell-
seherisch aufsteigen will, damit man dann zum Schauen dieses Saturn-
zustandes kommt, mufi man sich in der Weise vorbereiten, indem man
sich in der Tat ein Gefuhl erwirbt, das in gewisser Beziehung ausgeht
von dem jedem Menschen mehr oder weniger bekannten Gefuhl des
Schwindels auf hohem Berge, wenn der Mensch iiber einem Abgrunde
steht und keinen sicheren Boden unter den Fiiften zu haben glaubt; ein
Gefuhl, daft er an keinem Orte verbleiben konnte, so daft er sich iiber-
geben fiihlt an Machte, an Krafte, iiber die er keine Macht mehr hat.
Das ist aber erst das Elementare, das Anfangsgefuhl. Denn man verliert
nicht nur den Boden unter den Fiiften, sondern auch das, was Augen
sehen, Ohren horen, Hande greifen konnen, iiberhaupt das, was in der
raumlichen Umgebung ist; und es kann nicht anders sein, als daft man
entweder jeden Gedanken verliert, daft man in eine Art von Damme-
rung oder Schlafzustand verfallt, in dem man auch zu keiner Erkenntnis
kommen kann; oder aber man lebt sich hinein in jene Empfindung,
und dann gibt es nichts anderes, als daft man zu jenem Schauerzustande
kommt. Aber man mufi vorbereitet sein, sonst ist es ein Erfafttwerden
von einem Schwindelzustand, der nicht besiegt werden kann.
Nun gibt es zwei Moglichkeiten fur den heutigen Menschen. Die eine
sichere Moglichkeit ist die, daft jemand die Evangelien verstanden hat,
das Mysterium von Golgatha verstanden hat. Wer sie wirklich in ihrer
vollen Tiefe verstanden hat - natiirlich nicht so, wie die modernen
Theologen heute dariiber reden, sondern so, daft er daraus herausgesogen
hat das Tiefste, was der Mensch daraus innerlich erfahren kann -, der
nimmt etwas mit in jene Leere hinein, das sich wie von einem Punkte
aus vergroftert und die Leere ausfiillt mit etwas, was mutahnlich ist,
was ein Gefiihl von Mut, von Geborgensein ist durch das Vereintsein
mit jener Wesenheit, die auf Golgatha das Opfer vollbracht hat. Das
ist der eine Weg. - Der andere Weg ist der, daft wir ohne die Evangelien
eindringen in die geistigen Welten, daft wir durch wahre, echte Anthro-
posophie in die geistigen Welten eindringen. Das kann auch geschehen.
Sie wissen, daft wir zunachst immer betonen: wir gehen nicht von den
Evangelien aus, wenn wir das Mysterium von Golgatha betrachten,
sondern wir kamen dazu auch, wenn es gar keine Evangelien gabe. Das
hat, bevor das Mysterium von Golgatha geschehen ist, nicht sein kon-
nen; das ist aber heme der Fall, weil etwas in die Welt gekommen ist
durch das Mysterium von Golgatha, wodurch der Mensch die geistige
Welt unmittelbar aus den Impressionen heraus selber begreifen kann.
Das ist das, was wir das Waken des Heiligen Geistes in der Welt nennen
konnen, das Waken der Weltgedanken in der Welt.
Wenn wir eines oder das andere mitnehmen, konnen wir uns nicht
verlieren und konnen nicht sozusagen abstiirzen in den unendlichen Ab-
grund, wenn wir der schauervollen Leere zunachst gegeniiberstehen.
Wenn wir uns nun dieser schauervollen Leere nahern mit den anderen
Vorbereitungen, welche uns durch die verschiedenen Mittel gegeben
sind, wie es zum Beispiel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hohe-
ren Welten ?» ausgefiihrt ist und in dem, was sich weiter darauf aufbaut,
und eindringen in die geistige Welt, in eine Welt, aus der alles heraus
ist, was unser Gemiit erschiittern, was unsere Vorstellung erfassen kann,
wenn wir uns einleben in diese Welt, dann lernen wir, indem wir uns
sozusagen einstellen auf das Saturndasein, zunachst Wesenheiten ken-
nen, jetzt aber nicht etwas, was ahnlich schaut dem Tierreich, Pflanzen-
reich oder Mineralreich, sondern Wesenheiten - es ist ja eine Welt, in
der keine Wolken sind, auch kein Licht ist, in der es auch ganz tonlos
ist -, aber wir lernen kennen Wesenheiten, und zwar jene Wesenheiten
lernen wir kennen, die in unserer Terminologie genannt werden die
Geister des Willens oder die Throne. Diese Geister des Willens - sie
lernen wir gerade so kennen, daft es wie eine richtige Gegenstandlich-
keit fur uns wird, man konnte sagen: ein wogendes Meer des Mutes.
Was sich der Mensch zunachst nur vorstellen kann, das wird hell-
seherisch Gegenwart. Denken Sie sich getaucht in das Meer, aber jetzt
getaucht als geistiges Wesen, welches sich eins fuhlt mit der Christus-
Wesenheit, getragen von der Christus-Wesenheit, schwimmend, aber
jetzt nicht in einem Meere von Wasser, sondern in einem den unend-
lichen Raum erfiillenden Meere von - es gibt keine andere Bezeichnung
dafiir - flutendem Mute, flutender Energie! Das ist nicht etwa bloft ein
gleichgiiltiges, undifferenziertes Meer, sondern alle Moglichkeiten und
Unterschiedlichkeiten dessen, was man bezeichnen kann mit dem Ge-
fuhl des Mutes, treten uns da entgegen. Wir lernen kennen Wesenheiten,
die zwar aus Mut bestehen, die aber sehr wohl spezifiziert sind, die wir,
wenn sie auch nur aus Mut bestehen, sehr wohl als konkrete Wesen-
heiten treffen. Es erscheint natiirlich ganz sonderbar, wenn man sagt,
man treffe Wesenheiten, die ebenso real sind wie der Mensch aus
Fleisch, und die nicht aus Fleisch, sondern aus Mut bestehen. Aber es
ist so. Als solche Wesenheiten treffen wir die Geister des Willens, und
zunachst bezeichnen wir nur das als Saturndasein, was die Geister des
Willens, die aus Mut bestehen, darstellen; nichts sonst. Das ist zunachst
Saturn. Das ist eine Welt, von der wir nicht sagen konnten, sie sei eine
Welt, die kugelformig, sechseckig oder viereckig ist. Alle diese Bestim-
mungen des Raumes passen nicht darauf, denn es gibt dort nicht die
Moglichkeit, ein Ende zu finden. Wenn wir noch einmal das Bild vom
Schwimmen gebrauchen wollen, so konnen wir sagen: es ist nicht ein
Meer, wo man an eine Oberflache kommen wiirde, sondern nach alien
Seiten findet man immer Geister des Mutes oder des Willens.
Ich werde in spateren Vortragen charakterisieren, wie man nicht
gleich auf einmal zu dieser Sache kommt, ich will jetzt nur dieselbe
Ordnung einhalten wie friiher: Saturn, Sonne, Mond; denn es ist viel
besser, wenn man die umgekehrte Richtung einhalt: von der Erde zum
Saturn, wie es in Wirklichkeit hellseherisch geschieht. - Jetzt charakte-
risiere ich umgekehrt, das macht aber nichts.
Das Eigentumliche ist: wenn man sich bis zu diesem Anschauen
erhoben hat, tritt eines ein, was fur den ungeheuer schwer ist, sich vor-
zustellen, der sich nicht bemuht, langsam und allmahlich zu solchen
Vorstellungen zu kommen. Denn es hort etwas auf, was mit dem ge-
wohnlichen menschlichen Vorstellen so verquickt ist wie nur irgend
etwas: der Raum hort auf. Es hat keinen Sinn mehr, zu sagen, man
schwimme oben oder unten, vorn oder hinten, rechts oder links oder
uberhaupt Raumverhaltnisse anzuwenden. Es hat keinen Sinn bei dem
alten Saturn; es ist iiberall gleich in dieser Beziehung. Aber das Wich-
tige ist: wenn man in die ersten Zeiten des Saturndaseins kommt, so
hort auch die Zeit auf. Es gibt kein Friiher oder Spater mehr. Das ist
natiirlich fiir den Menschen heute sehr schwer vorzustellen, weil sein
Vorstellen selbst in der Zeit verflieftt: ein Gedanke ist vor oder nach
dem anderen. Daft die Zeit aufhort, das ist nun wieder nur durch ein
Gefiihl zu charakterisieren. Dieses Gefuhl ist wahrhaftig nicht ange-
nehm. - Denken Sie sich einmal Ihre Vorstellungen erstarrt, so daft
alles, woran Sie sich erinnern konnen und was Sie sich vornehmen, wie
zu einem starren Stabe erstarrt, so daft Sie sich festgehalten fiihlen in
Ihrem Vorstellen und sich nicht mehr riihren konnen. Dann werden
Sie nicht mehr sagen konnen, Sie haben etwas, was Sie friiher erlebt
haben, «friiher» erlebt. Sie sind angebunden daran, es ist da, aber es ist
erstarrt. Die Zeit hort auf, eine Bedeutung zu haben. Sie ist uberhaupt
nicht mehr da. Deshalb ist es auch ziemlich unsinnig, wenn man fragt:
Du schilderst da das Saturndasein, das Sonnendasein und so weiter,
sage doch, was vor dem Saturndasein war! «Vorher» hat da keinen
Sinn mehr, weil die Zeit aufhort, so daft man auch aufhoren muft mit
alien Zeitbestimmungen. Es ist wirklich beim alten Saturndasein - in
einem sehr vergleichsweisen Sinn kann man das sagen - die Welt wie
mit Brettern verschlagen, indem man mit dem Gedanken stillestehen
muft. Mit dem Hellsehen auch. Die gewohnlichen Gedanken muft man
schon lange zuriicklassen, die gehen nicht bis dahin. Bildlich, vergleichs-
weise ausgedriickt, miiftten Sie sich sagen, daft Ihr Gehirn einfriert.
Und indem Sie diese Starrheit gewahr werden, wurden Sie ungefahr
eine Vorstellung haben von dem Bewufttsein, das sich nicht mehr in
der Zeit abschlieftt.
Nun wird man, wenn man so weit gekommen ist, eine merkwurdige
Abwechslung in dem ganzen Bilde gewahr. Es zeigt sich jetzt, daft aus
der Starrheit, der Zeitlosigkeit, durch welche dieses unendliche Meer
des Mutes mit seinen Wesenheiten, die wir die Geister des Willens
nennen, charakterisiert ist, Wesen anderer Hierarchien wie durchschla-
gen, wie hineinspielen. Erst in dem Moment, wo man dieses Nicht-
mehrvorhandensein der Zeit spiirt, merkt man es, daft da andere Wesen
hineinspielen. Man merkt namlich ein unbestimmtes Erleben, von dem
man nicht sagen kann, daft man es selbst erlebt, sondern daft es da ist,
kann man nur sagen, daft es in dem ganzen unendlichen Meere des
Mutes drinnen ist. Man merkt etwas wie ein durch dieses Feld gehen-
des Aufblitzen, wie ein Hellerwerden, aber nicht eigentlich ein Blitzen,
sondern mehr ein Aufglimmen. Es ist eine erste Differenzierung. Ein
Aufglimmen - aber ein Aufglimmen, das nicht den Eindruck macht
des aufglimmenden Lichtes, sondern - man muft ja bei diesen Dingen
zu mancherlei greifen - wenn Sie es sich begreiflich machen wollen, so
denken Sie sich folgendes. Sie treten einem Menschen gegeniiber, der
Ihnen etwas sagt, und Sie bekommen das Gefiihl: Wie ist doch der
klug! - und indem er weiterredet, steigert sich dieses Gefiihl, und Sie
empfinden: Der ist weise, hat Unendliches erlebt, daft er so weise Dinge
sagen kann! - und diese Personlichkeit wirkt aufterdem so, daft Sie
formlich etwas wie einen Zauberhauch von ihr ausgehen fiihlen. Denken
Sie sich diesen Zauberhauch unendlich gesteigert - und denken Sie sich
das in dem Meer des Mutes auftauchen wie Wolken, die darinnen nicht
aufblitzen, sondern aufglimmen. Wenn Sie das alles zusammennehmen,
haben Sie eine Vorstellung davon, daft hineinspielen in die Hierarchie
der Geister des Willens Wesenheiten, welche ganz Weisheit sind, aber
eine solche Weisheit, die da hineinspielt strahlend, die nicht bloft Weis-
heit ist, sondern hinstrahlende Weisheit ist. Kurz, Sie bekommen eine
Vorstellung zunachst dessen, was hellseherisch Wahrnehmung ist von
dem, was die Cherubim sind. Die Cherubim spielen da hinein.
Jetzt denken Sie sich gar nichts um sich als das, was ich eben be-
schrieben habe. Ich sagte vorhin, indem ich darauf einen gewissen Wert
legte: Man kann nicht sagen, man habe es um sich -, sondern man kann
nur sagen, es ist eben da -, wie ich es jetzt beschrieben habe. Man muft
sich da hineindenken. Nun aber die Vorstellung, daft etwa da ein Auf-
blitzen sei, ist nicht ganz richtig; deshalb sagte ich, es ist nicht ein
Blitzen, sondern ein Glimmen, well alles gleichzeitig ist. Es ist eben nicht
etwa so, daft eines entsteht und vergeht, sondern alles ist gleichzeitig.
Aber man bekommt jetzt ein Gefiihl von einer Beziehung dieser Geister
des Willens und der Cherubim. Man bekommt das Gefiihl, daft die ein
Verhaltnis zueinander gewinnen. Dieses Bewuiksein erlangt man. Und
zwar erlangt man das Bewufksein, dafl die Geister des Willens oder die
Throne ihre eigene Wesenheit den Cherubim opfern. Das ist die letzte
Vorstellung, zu der man iiberhaupt kommt, wenn man sich, riickwarts-
gehend, dem Saturn nahert - die sich opfernden Geister des Willens,
die ihre Opfer hinauflenken zu den Cherubim -, weiter geht es nicht,
da ist die Welt wie mit Brettern verschlagen. Und indem man erleben
kann dieses Opfern der Geister des Willens gegeniiber den Cherubim,
prelk sich etwas los aus unserem Wesen. Das kann man jetzt nur mit
dem Worte sagen: Durch das Opfer, das die Geister des Willens den
Cherubim bringen, wird die Zeit geboren. - Aber die Zeit ist jetzt nicht
jene abstrakte Zeit, von der wir gewohnlich sprechen, sondern sie ist
selbstandige Wesenheit. Jetzt kann man anfangen zu reden von etwas,
was beginnt. Die Zeit beginnt mit dem, was da zunachst als Zeitwesen-
heiten geboren wird, die nichts sind als lauter Zeit. Es werden Wesen-
heiten geboren, die nur aus Zeit bestehen; das sind die Geister der Per-
sonlichkeit, die wir dann als Archai in der Hierarchie der geistigen
Wesenheiten kennenlernen. Im Saturndasein sind sie nur Zeit. Bei uns
haben wir sie auch beschrieben als Zeitgeister, als Geister, welche die
Zeit regeln. Aber die da geboren werden als Geister, sind wirklich
Wesenheiten, die iiberhaupt nur aus Zeit bestehen.
Das ist etwas aufierordentlich Wichtiges: teilzunehmen an diesem
Opfer der Geister des Willens gegeniiber den Cherubim und an der
Geburt der Geister der Zeit. Denn erst jetzt, indem die Zeit geboren
wird, tritt etwas anderes auf, was uns jetzt iiberhaupt erst moglich
macht, von dem Saturnzustande als von etwas zu sprechen, was sozu-
sagen einige Ahnlichkeit hat mit dem, was uns jetzt umgibt. Gleichsam
der Opferrauch der Throne, der die Zeit gebiert, ist das, was wir die
Warme des Saturn nennen. Daher sagte ich friiher immer, der Saturn
ist im Warmezustand, indem ich beschrieb, was da ist. Gegeniiber all
den Elementen, die wir gegenwartig um uns haben, konnen wir bei dem
alten Saturnzustand nur sprechen als von einem Warmezustand. Aber
diese Warme entsteht als Opferwarme, welche die Geister des Willens
darbringen den Cherubim. Nun gibt uns das zugleich eine Anleitung,
wie wir in Wahrheit iiber das Feuer denken sollen. Wo wir Feuer sehen,
wo wir Warme empfinden, sollten wir nicht so materialistisch denken,
wie es dem heutigen Menschen natiirlich und gewohnlich ist, sondern
wo wir Warme auftreten sehen und fiihlen, da ist auch heute noch in
unserer Umgebung unsichtbar vorhanden, geistig zugrunde liegend,
das Opfer von den Geistern des Willens gegeniiber den Cherubim. Da-
durch gewinnt die Welt erst ihre Wahrheit, daft wir wissen, daft hinter
jeder Warmeentwickelung ein Opfer ist.
In der «Geheimwissenschaft» ist, um die Menschen drauften nicht gar
zu sehr vor den Kopf zu stolen, zunachst mehr der auftere Zustand des
alten Saturn geschildert. Es sind ja schon genug dadurch vor den Kopf
gestoften, und die Menschen, die nur im heutigen wissenschaftlichen
Sinne denken konnen, sehen das Buch als reinen Unsinn an. Aber nun
denken Sie sich, was es hiefte, wenn man gar sagen wiirde: Der alte
Saturn hat in seiner innersten Wesenheit, in dem, was ihm zugrunde
liegt, das, daft die Wesenheiten, welche den Geistern des Willens ange-
horen, den Cherubim opferten; daft aus dem Opferrauch die Zeit ge-
boren wird, aus dem Opfer, welches sie den Cherubim bringen; daft
daraus die Archai, die Zeitgeister, hervorgegangen sind und daft die
Warme nur ein aufterer Abglanz, eine Maja ist gegeniiber dem Opfer
der Geister des Willens. Aber es ist so: Die auftere Warme ist nur eine
Maja, und wollen wir in Wahrheit sprechen, so miissen wir sagen:
Oberall, wo Warme ist, haben wir in Wahrheit Opfer - Opfer der
Throne gegeniiber den Cherubim.
Und nun ist eine gute Imagination das Folgende. Es wird in «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» sehr haufig davon ge-
sprochen, und auch sonst ist es gesagt worden, daft die zweite Stufe
der rosenkreuzerischen Einweihung die Bildung von Imaginationen ist.
Diese Imaginationen muft sich der Anthroposoph bilden aus den rich-
tigen Vorstellungen gegeniiber der Welt. So kann er sich, was wir heute
besprochen haben, umgewandelt denken in eine phantasieartige Imagi-
nation: die Throne, die Geister des Willens, kniend in voller Hinge-
bung, voller mutartiger Hingebung vor den Cherubim, aber so, daft
die Plingebung nicht hervorgeht aus der Empfindung der Kleinheit,
sondern aus dem Bewufttsein, daft man etwas hat, was man opfern
kann. Die Throne in dieser Opferwilligkeit, der die Starke, der Mut
zugrunde liegt, wie kniend vor den Cherubim und das Opfer zu ihnen
hinaufschickend, und dieses Opfer schicken sie hinauf wie brodelnde
Warme, flammende Warme, so daft der Opferrauch hinaufflammt zu
den gefliigelten Cherubim! So konnte das Bild sein. Und von diesem
Opfer ausgehend - als wenn wir in die Luft hinein das Wort sprechen
konnten und dieses Wort die Zeit ware, aber die Zeit als Wesenheiten -,
von dem ganzen Vorgange ausgehend: die Geister der Zeit, die Archai.
Dieses Hinaussenden der Archai, das gibt ein grandioses, machtiges
Bild. Und dieses Bild, vor unsere Seele hingestellt, ist aufterordentlich
impressionierend fur gewisse Imaginationen, die uns dann immer weiter
und weiter auf dem Gebiete des okkulten Erkennens bringen konnen.
Das ist es ja uberhaupt, was wir erreichen mussen: umzuwandeln die
Vorstellungen, die wir bekommen, in Imaginationen, in Bilder. Wenn
die Bilder auch von uns ungeschickt gemacht sind, wenn sie auch anthro-
pomorphistisch sind, wenn sie auch ausschauen wie gefliigelte Men-
schen, diese Wesen, darauf kommt es nicht an. Das andere wird uns
zuletzt schon gegeben, und was sie nicht haben sollen, fallt schon ab.
Wenn wir uns nur hingebend vertiefen in solche Bilder, dann tun wir
das, was uns allmahlich hinauffuhrt zu solchen Wesen.
Wenn Sie das nehmen, was ich jetzt versuchte, zu charakterisieren als
mutvolle Wesen, iiberflutet von Weisheit, so werden Sie sehen, daft die
Seele bald zu allerlei Bildern Zuflucht nehmen muE, die abliegen von
den Verstandesbegriffen. Die Verstandesbegriffe verdanken erst viel
Spaterem ihr Dasein, so daft wir solche Dinge zunachst nicht verstan-
desmaftig nehmen diirfen. Und Sie mussen es begreifen, was gemeint
ist, wenn manche Geister, denen das Hellsehen aufgeht und die so
etwas schildern aus naivem Hellsehen heraus, anders schildern als die
Verstandesmenschen. Aber die Verstandesmenschen konnen dann solche
Geister auch nie richtig verstehen. Wer sich davon unterrichten will,
dem will ich eine Anleitung dafiir geben. Nehmen Sie aus der Reclam-
schen Universal-Bibliothek das Buch, das ein gutes ist: den sogenannten
«alten Schwegler», den friiher die Studenten gern benutzten vor dem
Examen, der aber jetzt nicht mehr verwendbar ist, seitdem die Seele
abgesetzt ist; wenn er auch durch einen Bearbeiter verschlimmbessert
worden ist, so ist er doch nicht ganz entstellt worden. Es ist eine Ge-
schichte der Philosophic vom Hegelschen Standpunkte aus. - Also Sie
konnen des alten Schweglers «Geschichte der Philosophie» nehmen,
und Sie werden ein gutes Bild haben von allem, was die alte Philosophic
betrifft; und selbst wenn Sie da nachlesen iiber die Hegelsche Philo-
sophic, so finden Sie alles ausgezeichnet geschildert. Aber nun lesen
Sie darin das kurze Kapitel gerade iiber Jakob Bohme, und versuchen
Sie sich eine rechte Vorstellung davon zu machen, wie hilflos ein sol-
cher Mensch, der eine Verstandesphilosophie schreibt, gegeniiber einem
Geist wie Jakob Bohme ist! Paracelsus hat er, Gott sei Dank, ganz aus-
gelassen, denn da wiirde er ganz schlimme Satze hingeschrieben haben.
Aber lesen Sie, was dort iiber Jakob Bohme geschrieben ist. Da kommt
Schwegler an einen Geist, dem naiv aufgegangen ist - jetzt nicht das
Saturnbild, sondern die Wiederholung des Saturnbildes, denn das hat
sich ja in der Erdperiode wiederholt; er kommt an einen Geist, der also
nicht anders kann, als mit Worten und Bildern schildern, an die der
Verstand nicht heran kann. Da hort fur den Verstandesmenschen jedes
Begreifen auf. Nicht, als ob man iiberhaupt nicht etwa die Dinge be-
greifen konnte, aber man kann sie nicht begreifen, wenn man auf dem
Standpunkte des gewohnlichen, trockenen Philosophenverstandes
bleiben will.
Sie sehen, das ist gerade das Wichtige, daft wir uns erheben zu dem,
wozu der gewohnliche Intellekt nicht ausreicht. Wenn auch der ge-
wohnliche Verstand so etwas Ausgezeichnetes liefert wie die «Ge-
schichte der Philosophie» von Schwegler - denn ich habe es absichtlich
ein «gutes» Buch genannt -, so ist es doch ein Beispiel dafiir, wie ein
ausgezeichneter Verstand vollstandig stillesteht vor einem Geist wie
Jakob Bohme.
So haben wir heute versucht, an Hand der Betrachtung des alten
Saturn, sozusagen mehr innerlich in diese alte planetarische Verkorpe-
rung unserer Erde einzudringen. Wir werden es demnachst so machen
mit dem Sonnen- und Mondendasein und werden dabei sehen, wie wir
auch dort zu Begriffen kommen, die uns vielleicht nicht weniger gran-
dios vorkommen werden, als wenn wir uns zuruckahnen zu dem alten
Saturnzustand und in der Ahnung in uns auftreten die vor den Cheru-
bim opfernden Throne, welche die Wesen der Zeit schaffen als Resultate
des Opfers. Denn die Zeit ist ein Ergebnis des Opfers, und sie entsteht
zunachst als lebendige Zeit, als ein Geschopf des Opfers. Dann werden
wir sehen, wie alle diese Dinge auf der Sonne umgeandert werden und
wie uns andere grandiose Vorgange des Weltendaseins entgegentreten
werden, wenn wir vom Saturn zur Sonne und dann zum Mondendasein
iibergehen werden.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 7. November 1911
Aus unseren letzten Auseinandersetzungen werden Sie entnommen
haben, daft die Beschreibung jener fruheren Zustande unserer Entwicke-
lung, die noch vor der Entstehung unserer Erde selbst liegen, aufter-
ordentlich schwierig ist. Denn wir haben gesehen, daft wir uns die
Begriffe und Ideen erst heranbilden miissen, durch die wir zu solchen
fremdartigen, fernen Zustanden unserer Weltentwickelung kommen
konnen. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daft eine solche
Beschreibung, wie sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umrift» von
der alten Saturnzeit und audi von den folgenden planetarischen Ver-
korperungen unserer Erde gegeben wird, nicht nur keine erschopfende
ist, sondern sich in gewissem Sinne damit begniigen muft - damit die
Offentlichkeit, der auch dieses Buch iibergeben werden sollte, nicht zu
stark schockiert wird -, dasjenige, worauf es eigentlich ankommt, in Bil-
der zu kleiden, die von Naheliegendem und auch von Gewohntem herge-
nommen sind. Man gibt damit natiirlich nicht eine unrichtige Beschrei-
bung, aber in gewissem Sinne doch eine solche, die sehr bildhaft in Maja,
in Illusion getaucht ist, und man muft sich erst durch die Illusion hin-
durcharbeiten, um immer mehr und mehr in die Wahrheit der Sache
eindringen zu konnen. So ist zum Beispiel die alte Saturnzeit so beschrie-
ben - wie es innerhalb gewisser Grenzen durchaus richtig ist — , daft ge-
sagt wird, der alte Saturn sei ein Himmelskorper gewesen, der im wesent-
lichen nicht aus denBestandteilen bestanden hat, die wir alsErde, Wasser
oder Luft kennen, sondern nur aus Warme. Und wenn von «Raum»
gesprochen wird, so ist das nur eine bildhafte Beschreibung, denn wir
haben das letzte Mai gesehen, daft es auf dem alten Saturn nicht einmal
eine «Zeit» gegeben hat. Wenn wir also von Raum sprechen, so ist das
auch ein Bildhaftes. Raum gab es auf dem alten Saturn auch nicht in unse-
rem Sinne; und die Zeit entsteht erst auf dem Saturn. Wir sind durchaus,
wenn wir uns auf den alten Saturn zuriickversetzen, in dem Bereich der
raumlosen Ewigkeit. Wenn also doch etwas gesagt wird, was uns ein
Bild geben kann, so miissen wir uns klar sein, daft es ein Bild ist.
Wenn wir den Raum des alten Saturn betreten hatten, so wiirden wir
nicht einmal eine so feine Substanz gefunden haben, die wir als «Gas»
hatten bezeichnen konnen, sondern nur Warme und Kalte. In Wirk-
lichkeit ist es so, daft man von dem Kommen aus einem Raumteil in
einen anderen nicht sprechen kann, sondern daft nur die Empfindung
von dem Ablauf von warmeren und kalteren Zustanden waltete, so daft
also auch der Hellseher, wenn er sich in die alte Saturnzeit zuriickver-
setzt, den Eindruck empfangt von auf und ab flutenden raumlosen
Warmezustanden. Aber das ist nur der auftere Schleier des Saturnzu-
standes. Denn diese Warme oder dieses Feuer, wie man im Okkultis-
mus sagt, hat sich uns ja enthiillt in seinen geistigen Untergriinden; und
wir haben gesehen, daft geistige Taten, geistige Verrichtungen in Wahr-
heit das waren, was auf dem alten Saturn wirklich vorhanden war. Und
wir haben uns ein Bild gemacht von dem, was da an geistigen Taten
auf dem Saturn vorhanden war. Wir haben gesagt, daft die Geister des
Willens oder die Throne Opfertaten verrichtet haben, so daft, wenn
wir zuriickschauen auf das, was konkret auf dem Saturn geschah, wir
die Cherubim haben und die von den Thronen flieftenden Opfer. Opfer
flieften von den Thronen zu den Cherubim, und diese Taten des Opfers
sind es, die, gleichsam von auften angeschaut, als Warme erscheinen.
Warmezustande sind der auftere physische Ausdruck, uberhaupt der
auftere sinnliche Ausdruck fiir Opfer. Und in der ganzen Welt, wo wir
Warme wahrnehmen, ist Warme der auftere Ausdruck fiir das, was
hinter der Warme ist. Warme ist Illusion; dahinter sind die Opfertaten
von Wesenheiten. Wenn wir daher die Warme in Wahrheit charakteri-
sieren wollen, werden wir sagen miissen: Die Weltenwarme ist die
Offenbarung des Weltenopfers oder der Weltenopfertaten.
Dann haben wir gesehen, daft aus dieser Tat des Opfers, das die
Throne gegeniiber den Cherubim darbringen, gleichsam herausgeboren
wird - aber ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, daft es wieder
ein modernes Wort ist, das nicht recht paftt -, das, was wir die «Zeit»
nennen. Aber die Zeit ist damals noch nicht das «Friiher oder Spater»,
nicht jenes Abstraktum, als welches sie heute der Mensch wahrnimmt,
sondern eine Summe von geistigen Wesenheiten: das sind die Geister
der Personlichkeit, die wir dann auch kennengelernt haben als die Zeit-
geister. Die Zeitgeister sind die wirkliche alte Zeit, und sie sind die
Kinder der Throne mit den Cherubim. Aber die Verhaltnisse, durch
welche die Wesen des Zeitlichen auf dem alten Saturn entstehen, sind
Opfer. Wenn gesagt wird: Der alte Saturn besteht in Warme -, so
miissen wir uns, um ein eigentliches Verstandnis dafur zu gewinnen,
was dahinter liegt, nicht bloft auftere physische Begriffe aneignen - denn
«Warme» ist ein physischer Begriff -, sondern Begriffe, die wir nur aus
dem Seelenleben selber gewinnen konnen, aus dem moralischen, weis-
heitsvollen Seelenleben. Niemand kann wissen, was Warme ist, der
nicht in der Lage ist, sich eine Vorstellung zu machen von dem, was
heiftt opferfahige Hingabe dessen, was man besitzt, was man hat, ja
nicht nur opferfahige Hingabe dessen, was man hat, sondern dessen,
was man selber ist. Die Hinopferung des eigenen Wesens, das Sich-
Entauftern des eigenen Wesens seelisch gefaftt, so daft man es sich zu-
gleich so denkt, daft man bereit ist, sein Bestes hinzugeben zum Heile
der Welt; nicht fur sich sein Bestes behalten > sondern es gern hinopfern
zu wollen auf dem Altar des Weltalls: das als einen lebendigen Begriff
gefaftt und mit einem Gefiihl unsere Seele durchdringend, fiihrt allmah-
lich zum Verstandnisse dessen, was hinter der Erscheinung der Warme
ist. Man vergegenwartige sich einmal, was im modernen Leben auch
heute mit dem Begriff des Opfers verkniipft ist: man kann sich nicht
recht denken, daft der, welcher mit Verstandnis opfert, dies jemals tut
gegen seinen Willen. Wenn jemand opfert gegen seinen Willen, so
miiftte er dazu aus irgendeinem Grunde gezwungen sein; es miiftte ein
Zwang waken. Dann aber wiirden wir es beileibe nicht mit dem zu tun
haben, was hier gemeint ist. Hier ist aber gemeint, was als Opfer selbst-
verstandlich flieftt aus dem Wesen, das opfert. Und wenn jemand etwas
opfert, nicht weil er aus irgendeinem aufteren Grunde dazu gedrangt
wird, auch nicht, weil er hofft, etwas zu erringen, sondern weil er sich
aus seinem Inneren heraus gedrangt fiihlt zu opfern, dann ist es undenk-
bar, daft er etwas anderes empfindet als innere Warmeseligkeit. Fiihlen
wir uns durchglutet mit innerer Warmeseligkeit, dann haben wir schon
das ausgesprochen, was wir nicht anders bezeichnen konnen als: der
Opfernde fiihlt sich durchwarmt, durchglutet mit der Seligkeit. Da
haben wir die Moglichkeit, selbst zu empfinden, wie die Opferglut uns
in der Maja der aufteren Weltenwarme entgegentreten kann. Nur der
versteht wirklich, was Warme ist, der den Gedanken fassen kann: Wenn
Warme in der Welt auftritt, liegt zugrunde in irgendeiner Weise ein
Seelisch-Geistiges, das hinter der Warme ist und das die Warme bewirkt
durch die Seligkeit des Opfers. Wer so die Warme empfinden kann, der
kommt allmahlich zu der Realitat, welche sich hinter der Warme-
erscheinung, hinter der Warmeillusion verbirgt.
Wenn wir nun weiterdringen wollen von dem aiten Saturndasein zum
alten Sonnendasein, so miissen wir uns erst wieder einen Begriff zu-
rechtlegen, durch den wir von der Substanz der alten Sonne - nicht der
jetzigen Sonne — eine Vorstellung bilden konnen. Denn, was wir in der
«Geheimwissenschaft» lesen: Die alte Sonne hat die Warme heraufge-
bildet, indem sie hinzugefugt hat zu der Warme Luft und Licht, das
ist wieder nur durch eine auftere Erscheinung dargestellt. Wie wir hinter
der Warme suchen miissen die Opferglut der Geister des Willens, so
miissen wir hinter der Luft und dem Licht etwas Moralisches suchen,
wenn wir Luft und Licht, die auf der Sonne zu der Warme hinzukom-
men, verstehen wollen. Nun konnen wir nur eine Idee, eine Vorstel-
lung, eine Empfindung davon bekommen, was Luft und Licht auf der
alten Sonne waren, wenn wir uns an etwas halten, was wir in uns selbst
geistig-seelisch erleben konnen.
Da gibt es ein Erlebnis, das wir in folgender Weise als ein Seelen-
erlebnis beschreiben konnen. Denken wir uns, daft irgendein Mensch
sehen wiirde eine richtige, echte Opfertat, oder daft er sich vorstellen
wiirde, wie wir es das letzte Mai bei der Betrachtung des alten Saturn-
daseins als Opfertat der Throne geschildert haben, die Throne hinauf-
sendend ihre Opfer zu den Cherubim, so daft der Mensch angeregt
wiirde durch das Bild des beseligenden Opfers, das er anschaut und
das die Seele lebendig machen wiirde. Was wiirde unsere Seele fiihlen
entweder durch den Anblick des opfernden Wesens selbst oder durch
das Bild, das wir in unserer Seele recht inbriinstig lebendig machen? -
Ein solcher Mensch wiirde, wenn er lebendige Gefiihle hat, wenn er
nicht mehr oder weniger gefuhllos der Opferseligkeit gegenuberstehen
wiirde, eine tiefgehende Anregung empfinden miissen beim Anblick
des Opferbildes; er wiirde in seiner Seele empfinden miissen: das ist die
schonste Tat, das schonste Erlebnis, das iiberhaupt aus unserer Seek
hervorgerufen werden kann, Opferseligkeit anzuschauen! Das ist aber
auch eine solche Empfindung: man miiftte ein Stuck Holz sein, wenn
nicht da in der Seek der Trieb entstehen wiirde, mit hochster Ehrfurcht
anzuschauen, was Opferseligkeit ist, wenn man nicht davon krnen
konnte die Stimmung der volligen Hingabe. Hingabe! - Opfertat ist
aktive, in Aktivitat sich umsetzende Hingebung. Die Anschauung von
dem aktiven, dem tatigen Hingeben kann die Stimmung des Hingege-
benseins, des Sich-Verlierens, des Sich-Vergessens in der Anschauung
hervorrufen. Denken wir uns diese Stimmung des selbstlosen Sich-
Verlierens in der Anschauung ganz in der Seek ausgegossen, dann
haben wir mit dieser Stimmung dasjenige, was insofern uns naher kom-
men soli fur unser Verstandnis, als wir ohne eine solche Stimmung,
wenigstens ohne eine Ahnung und einen Anklang an eine solche Stim-
mung, in Wahrheit niemals zu dem kommen konnten, was die hohere
Erkenntnis gibt.
Wer niemals solche Stimmung des Hingegebenseins haben kann, der
kann nicht zu hoheren Erkenntnissen kommen. Denn, was ware das
Gegenteil dieser Stimmung? Es ware der Eigenwille, Geltendmachen
des Eigenwillens. Das sind iiberhaupt wie zwei Pole des Seelenlebens:
hingegebene Verlorenheit an das, was man anschaut, und eigenwilliges
Geltendmachen dessen, was in einem ist. Das sind zwei grofte Gegen-
satze. Fur wirkliche Erkenntnis, fur ein Sich-Durchdringen mit Weis-
heit ist Eigenwille to tend. Im gewohnlichen Leben kennt man Eigen-
willen nur als Vorurteil, und Vorurteile zerstoren immer hohere Ein-
sicht.
Was hier als Hingegebensein gemeint ist, muft man sich aber gestei-
gert denken, denn nur durch dies gesteigerte Hingegebensein kann der
Mensch sich zu hoheren Welten hinaufarbeiten. Da muft er jenes Sich-
Verlieren wenigstens als Stimmung erleben konnen. Daher muft es
immer wieder und wieder betont werden, daft wir nie zu einer hoheren
Erkenntnis kommen, wenn wir so arbeiten wie die gewohnliche Wissen-
schaft oder das alltagliche Denken. Seien wir uns klar: wie die gewohn-
liche Wissenschaft und das alltagliche Denken arbeiten, so arbeiten sie
aus dem gewohnlichen Wilkn des Menschen heraus, durch alles das-
jenige, was den Eigenwillen geschaffen hat: durch die vererbten oder
anerzogenen Empfindungen, Gefiihle und Vorstellungen. Dariiber kann
man sich sehr tauschen; diese Tauschungen sind eine Alltaglichkeit. Es
kommen zum Beispiel Leute und sagen: Da soli man aufnehmen irgend-
eine Wissenschaft, wie sie geboten wird in der Geisteswissenschaft,
aber ich will nichts aufnehmen, als was dem entspricht, was ich mir
schon denken kann, ich will nichts ungepriift aufnehmen! - Gewift,
ungepriift soil man nichts aufnehmen. Aber wenn man allem nur sich
selbst entgegenbringt, nur das, was man weift, aufnimmt - damit kommt
man auch keinen Schritt weiter! Und der, welcher Hellseher werden
will, wird nie sagen, daft er nur das aufnehmen will, was er vorher ge-
priift hat, sondern er mufi vollstandig frei werden von allem Eigen-
siichtigen und mufi alles erwarten von dem, was aus der Welt an ihn
herantritt, und was man nicht anders bezeichnen kann als mit dem
Worte «Gnade». Er erwartet alles von der Gnade, die erleuchtet. Denn
wie erwirbt man hellseherische Erkenntnisse? Nur dadurch, daft man
alles ausschalten kann, was man jemals gelernt hat. Gewohnlich denkt
der Mensch: Ich habe mein eigenes Urteil. Er miiftte sich aber sagen:
Das besteht nur daraus, daft du auffrischst, was deine Vorfahren gedacht
haben, oder was deine Triebe anregen und so weiter. Denn davon ist
nie die Rede, daft dies der Menschen eigene Urteile sind; und die ihre
eigenen Urteile am meisten geltend machen, wissen gar nicht, wie sie
am Gangelbande, sklavisch am Gangelbande ihrer Vorurteile gefiihrt
werden. Das muft alles fort, wenn man zu hoheren Erkenntnissen
kommen will. Leer muft die Seele werden und ruhig warten konnen
auf das, was sich aus der raum- und zeitfreien, ding- und tatsachen-
freien, verborgenen, geheimen Welt an die Seele heranbegeben kann.
Und nie diirfen wir glauben, daft wir an uns heranreiften konnen, was
hellseherische Erkenntnis ist, sondern nur, daft wir in uns eine Stim-
mung reifen lassen, durch die wir entgegennehmen, was sich uns dar-
bietet als Offenbarung oder Erleuchtung. So daft wir nie anders als von
der Gnade, die an uns herantritt und uns etwas gibt, das erwarten
konnen, was an uns herantreten soli.
Wie also offenbart sich eine solche Erkenntnis? Wie offenbart sich
das, was da herantritt, wenn wir uns geniigend vorbereitet haben? Es
offenbart sich als die Stimmung des Begnadetwerdens durch die uns
entgegenkommende Gabe aus der geistigen Welt. Wenn wir das, was
an uns herantritt - sei es als Wesen oder was immer -, urn uns gnaden-
voll entgegenzukommen und in uns die Erkenntnis einzugieften, be-
zeichnen wollten, so konnten wir nur den Ausdruck gebrauchen: es ist
das, was uns da entgegentritt, ein Gnadewirkendes, ein Schenkendes,
ein Gebendes. Fassen wir die Natur eines Wesens, dessen Hauptcharak-
terzug in dem bestehen wiirde, was ich jetzt eben mit diesen Worten
bezeichnet habe: es ist ein Schenkendes, ein Gebendes, ein Darbieten-
des; ein solches Wesen, mit dem Hauptcharakterzug des Gnade-um-
sich-Streuens, des Gnade-von-sich-Ausgiefiens - fassen wir es so, daft
es, um in diese Moglichkeit des Gnadegebens zu kommen, brauchte
den Anblick des Opfers der Throne an die Cherubim! Denken wir uns
einmal, es wiirde hinzutreten zu dem, was da geschieht, wenn die
Throne den Cherubim opfern, ein Wesen, welches durch diesen An-
blick veranlafk wiirde zu einem Schenkenden, zu einem seine Gaben
in Gnade um sich Ergieftenden zu werden. Stellen wir uns das ganz
genau vor. Denken wir uns, wir wiirden eine Rose anschauen und ent-
ziickt werden davon, also das Gefiihl eines Beseligenden empfinden
iiber das, was wir «schon» nennen. Denken wir, ein anderes Wesen
wiirde durch den Anblick dessen, was beschrieben ist als das Opfer der
Throne an die Cherubim, veranlafk werden, alles, was es hat, um sich
herum zu schenken, schenkend in die Welt zu ergieften: dann wiirden
wir damit diejenigen Wesenheiten beschrieben haben, von denen in der
«Geheimwissenschaft» die Rede ist als den «Geistern der Weisheit»,
die auf der Sonne hinzutreten zu denjenigen Wesenheiten, die wir schon
auf dem Saturn kennengelernt haben. Wiirden wir also die Frage auf-
werfen: Welches ist der Charakter der Geister der Weisheit, die auf der
Sonne auftraten und zu den Saturngeistern hinzutraten? - so miilken
wir antworten: Diese Geister haben als ihren Hauptcharakterzug die
schenkende, gnadenwirkende, gebende Tugend. - Und wollten wir ein
Beiwort haben, so miilken wir sagen: Sie sind die Geister der Weisheit,
die grofSen Schenkenden, die groften Gebenden des Weltalls! - Wie wir
von den Thronen gesagt haben: Die grofien Opferer -, so miifken wir
von den Geistern der Weisheit sagen: Die groften Gebenden, die ihre
Gabe so Hingebenden, daft dieselbe von ihnen aus das Weltall durch-
webt und durchlebt, indem sie einstromt in das Weltall und in dasselbe
erst Ordnung hineinschafft.
Das ist die Tat auf der Sonne, die Wirkung der Geister der Weisheit
auf der Sonne. Das tun sie: schenken ihr eigenes Wesen an ihre Um-
gebung. Und was ist das, was sich dem aufteren Anblick darbietet, wenn
man so hinblickt und wie eine hohere Sinnesempfindung wahrnehmen
will, was da auf der Sonne geschieht?
Wenn man es ansieht, ist es so, wie es beschrieben ist in der «Ge-
heimwissenschaft»: Die Sonne besteht aufter aus Warme auch noch aus
Luft und Licht. Aber wenn man das sagt: Die Sonne besteht aufter aus
Warme auch noch aus Luft und Licht -, dann ist es so, wie wenn jemand
sagte: In der Feme sehe ich eine graue Wolke -, und wiirde er als Maler
den Eindruck, den er hat, hinmalen, so wiirde er eine solche graue
Wolke malen; wenn er aber naher hinzuginge, wiirde er vielleicht statt
der grauen Wolke einen Miickenschwarm vor sich haben. In Wirklich-
keit ist dann das, was er fur eine graue Wolke hielt, eine Summe von
lauter lebendigen Wesen. In ahnlicher Weise stehen wir von feme dem
alten Sonnendasein gegeniiber: Indem wir es von feme anschauen, er-
scheint es als die Illusion eines Luft- und Lichtkorpers; wenn wir es
aber naher betrachten, haben wir nicht mehr einen Luft- und Licht-
korper, sondern da erscheint es als die grofte schenkende Tugend der
Geister der Weisheit. Und niemand lernt die Luft richtig kennen, der
sie nur ihren aufteren, physischen Eigenschaften nach beschreibt. Das
ist nur Maja oder Illusion, das ist nur die auftere Offenbarung. Denn
iiberall wo Luft ist in der Welt, sind die Taten der schenkenden Geister
der Weisheit dahinter. Webende, wirkende Luft heiftt Offenbarung der
schenkenden Tugend der Geister des Makrokosmos. Und nur der sieht
die Luft richtig an, der sich sagt: Ich nehme hier Luft wahr, in Wahrheit
aber wird da geschenkt von den Geistern der Weisheit an die Umgebung,
wird etwas ausgestrahlt an die Umgebung.
Jetzt wissen wir, was es eigentlich ist, was wir von der alten Sonne
beschrieben haben, indem wir sagten, sie besteht aus Luft. Wir wissen
jetzt, daft es Schenken ist: daft die Geister der Weisheit ihr eigenes
Wesen ausflieften lassen und daft es aufterlich als Luft erscheint. Aber
eine merkwiirdige Sache trat nun ein auf der alten Sonne, die sich dem
Hellseher darbietet. Wir miissen uns klarmachen, wie wir von dieser
schenkenden Tugend eine noch genauere Vors'tellung bekommen kon-
nen aus unserem Seelenleben heraus. Vergegenwartigen wir uns dazu
jenes Gefiihl, das wir selbst haben konnen, wenn es uns gelingt, aus
der eben geschilderten Stimmung von Hingabe uns zu durchdringen mit
einer Erkenntnis, mit einer Idee. Von einer solchen Idee, die uns dann
kommt, haben wir immer eine bestimmte Empfindung. Eine solche
Idee ist keine wissenschaftliche; die beste Empfindung davon hat man
noch, wenn man das Kunstlerische ins Auge faftt, wo die Idee den
Drang hat, zum Beispiel Farbe oder Form irgendwie zu bemeistern,
also in der Welt auszustromen, so daft sie ein selbstandiges Dasein der
Welt geschenkt hat. Das Wesen einer solchen schenkenden Fahigkeit
ist damit zu charakterisieren, daft man sagt: Produktivitat, Schopferi-
sches ist damit verbunden, denn dieses Schenken ist selbst schopferisch.
Wer eine Idee hat, von der er empfindet, daft sie der Welt zum Heile
gereichen kann und die sich darstellt in Kunstwerken und so weiter,
der hat von dieser Produktivitat der schenkenden Tugend einen richti-
gen Begriff. Das ist es, was als Luft die Sonne durchwebt. Wenn wir
uns denken die schaffende Idee im Kopfe des Kiinstlers, wie sie sich
einfiigt in den Stoff - von allem anderen abgesehen -, dann ist dies das
geistige Wesen der Luft. Wo Luft ist, haben wir es mit so etwas zu tun.
Aber dadurch, daft diese lebendige Produktivitat auf der Sonne da war,
stellte sich die folgende Tatsache heraus.
Halten wir fest, daft auf dem alten Saturn schon die Geister der Zeit
geboren waren, daft also auf der Sonne «Zeit» schon sein konnte, denn
diese ist heriibergekommen von dem Saturn. Zeit ist da. Also es gibt
jene Moglichkeit auf der alten Sonne, die es auf dem alten Saturn noch
nicht gegeben hatte, daft ein solches Schenken eintrat. Denn denken
Sie einmal, was es ware mit einem Schenken, wenn es keine Zeit gabe:
da konnte man nicht schenken; denn Schenken besteht im Geben und im
Entgegennehmen. Ohne das zweite ist das Schenken gar nicht zu denken.
Also es muft das Schenken aus zwei Akten bestehen: aus Geben und
Nehmen, sonst hat das Schenken keinen Zweck. Auf der Sonne stehen
sich aber Geben und Nehmen ganz sonderbar gegeniiber, so namlich,
daft, weil nun schon die Zeit da ist, die Gabe, die dargereicht wird auf
der alten Sonne an die Umgebung, in der Zeit aufbewahrt wird, gleich-
sam bewahrt wird in der Zeit, so daft die Geister der Weisheit ihr Ge-
schenktes ausgieften, dann bleibt es in der Zeit. Aber nun muft etwas
eintreten, was das nimmt. Das arbeitet im Verhaltnis zu den Geistern
der Weisheit in einem spateren Augenblick. So daft die Geister der
Weisheit im friiheren Augenblicke geben, und das, was notwendig da-
mit verbunden sein muft als Nehmen, tritt im spateren Augenblicke
ein.
Davon konnen wir nur eine richtige Vorstellung bekommen, wenn
wir wieder das eigene Seelenerleben zugrunde legen. Stellen Sie sich
vor, Sie bemiihen sich, irgend etwas zu verstehen, oder irgendeinen
Gedanken zu bilden. Jetzt haben Sie diesen Gedanken gebildet. Morgen
besinnen Sie sich, machen rein Ihren Geist, damit alles, was Sie gestern
an Gedanken gebildet haben, zuriickkommen kann in Ihren Geist.
Dann ist das, was gestern gebildet worden ist, von Ihnen heute aufge-
nommen. So ist es auf der alten Sonne, indem das, was friiher geschenkt
wird, bewahrt bleibt fur einen spateren Augenblick und spater ent-
gegengenommen wird. Was ist denn dann dieses Entgegennehmen? Es
ist auch auf der alten Sonne eine Tat, ein Geschehen, das sich nur da-
durch von dem anderen Geschehen unterscheidet, daft es spater ist.
Das Geben kommt den Geistern der Weisheit zu. Wer nimmt denn
nun? Damit jemand nehmen kann, muft erst jemand da sein. In der-
selben Art wie gleichsam durch einen Geburtsakt, namlich aus den
Opfern der Throne an die Cherubim, die Geister der Zeit auf dem
Saturn entstehen, so entstehen durch Schenken an die Welt von seiten
der Geister der Weisheit auf der Sonne diejenigen Geister, die wir die
Erzengel nennen: Archangeloi. Und sie sind auf der alten Sonne die
Nehmenden. Aber sie nehmen auf eine ganz besondere Weise, so nam-
lich, daft sie, was sie als Gabe erhalten von den Geistern der Weisheit,
nicht fur sich behalten, sondern es zuriickstrahlen, wie der Spiegel Ihr
Bild zuriickstrahlt. So haben die Erzengel auf der Sonne die Aufgabe,
dasjenige, was in einem friiheren Zeitpunkt geschenkt worden ist, in
einem spateren Zeitpunkte aufzufangen, so daft es in einem spateren
Zeitpunkte noch da ist und widergestrahlt wird durch die Erzengel. Wir
haben also auf der Sonne ein alteres Geben und ein spateres Nehmen,
aber dieses Nehmen als Widerstrahlung dessen, was war in einer
friiheren Zeit.
Denken Sie einmal, daft die Erde nicht so ware, wie sie jetzt ist,
sondern daft folgendes eintreten wiirde: daft in dem jetzigen Zeitpunkt
widerstrahlen konnte, was in einem friiheren Zeitpunkt geschehen ist.
Nun wissen wir aber, daft so etwas wirklich geschieht. Wir leben jetzt
im fiinften nachatlantischen Kulturzeitraum; da strahlen wider die
Ereignisse des dritten nachatlantischen Kulturzeitraumes, der alten
agyptisch-chaldaischen Zeit. Was friiher da war, wird aufgefangen und
strahlt jetzt zuriick. Das ist eine Art Wiederholung des Gebens und
Nehmens auf der alten Sonne. So haben wir uns gegeniiber den Geistern
der Weisheit, die in den alteren Sonnenzeiten die Gebenden, Schenken-
den sind, in den Erzengeln die Aufnehmenden zu denken. Dadurch
wird etwas ganz Besonderes hervorgerufen, was Sie sich nur richtig
vorstellen konnen, wenn Sie sich denken das Bild einer innerlich ge-
schlossenen Kugel, wo vom Mittelpunkte etwas ausgestrahlt wird, was
geschenkt wird; das strahlt bis zur Peripherie hin und strahlt von dort
zuriick zum Mittelpunkte. An der Oberflache, innen an der Kugel
lagern die Erzengel, die strahlen es zuriick. Auften brauchen Sie sich
nichts vorzustellen. - Wir haben uns also von einem Zentrum ausgehend
zu denken das, was von den Geistern der Weisheit kommt: das wird
ausgestrahlt nach alien Seiten, wird aufgefangen von den Erzengeln und
zuriickgestrahlt. Was ist das, was da zuriickstrahlt in den Raum hinein,
dieses zuruckgestrahlte Geschenk der Geister der Weisheit? Was ist die
ausgestrahlte Weisheit in sich selbst zuriickgeleitet? - Das ist das Licht.
Und damit sind die Erzengel z^gleich die Schopfer des Lichtes. Licht
ist ebensowenig das, als was es uns in der aufteren Illusion erscheint,
sondern wo Licht auftritt, haben wir die zuriickgestrahlten Gaben der
Geister der Weisheit. Und die Wesen, die wir iiberall hinter dem Licht
vermuten miissen, das sind die Erzengel. Daher miissen wir sagen:
Hinter dem flutenden Lichtstrahl, der uns trifft, stecken die Archangeloi;
daft sie uns aber Licht zustromen konnen, das kommt nur davon her,
daft sie zuriickstrahlen, was ihnen entgegenstrahlt, namlich die schen-
kende Tugend der Geister der Weisheit.
So bekommen wir ein Bild der alten Sonne. Wir denken uns gleich-
sam einen Zentralsitz, wo vereinigt ist das, was vom alten Saturn her-
ubergekommen ist: die Opfertaten der Throne gegeniiber den Cherubim,
im Anblick dieser Opfertaten versunken die Geister der Weisheit.
Durch den Anblick dieser Opfertaten werden sie veranlaftt, von sich
auszustrahlen, was ihr eigenes Wesen ist: stromende, flutende Weisheit
als schenkende Tugend. Das aber wird, weil es zeitdurchstrahlt ist, aus-
gesandt und wieder zuriickgesandt, so daft wir einen Globus, einen
durch die zuriickstrahlende Tugend innerlich erleuchteten Globus
haben. Denn wir miissen uns die alte Sonne nicht nach auften, sondern
nach innen leuchtend denken. Damit ist ein Neues geschaffen, das wir
folgendermaften beschreiben konnen. Denken wir uns diese Geister der
Weisheit, sitzend im Mittelpunkte der Sonne, im Anblick der opfernden
Throne versunken und ausstrahlend, was ihr eigenes Wesen ist, wegen
des Anblickes der opfernden Throne, und zuriick erhalten sie ihr aus-
strahlendes Wesen, indem es ihnen von der Oberflache zuriickstrahlt,
so daft sie es als Licht wieder zuriickbekommen. Alles ist durchleuchtet.
Aber was bekommen sie zuriick von denen, die da im Nehmen zuriick-
strahlen? - Ihr eigenes Wesen wurde, indem sie es hingegeben ha-
ben, zum Geschenk an den Makrokosmos, da war es ihr Inneres.
Jetzt strahlt es zuriick: ihr eigenes Wesen tritt ihnen von auften ent-
gegen. Sie sehen ihr eigenes Inneres in die ganze Welt verteilt und
widergestrahlt von auften als Licht, als die Widerspiegelung ihres eige-
nen Wesens.
Inneres und Aufteres sind die zwei Gegensatze, die uns jetzt ent-
gegentreten. Das Friihere und Spatere verwandelt sich und wird so,
daft es sich verwandelt in Inneres und Aufteres. Der «Raum» ist gebo-
ren! Durch die schenkende Tugend der Geister der Weisheit entsteht
der Raum auf der alten Sonne. Vorher kann «Raum» nur eine bildliche
Bedeutung haben. Jetzt haben wir den Raum, aber zunachst nur in
zwei Dimensionen: noch nicht oben und unten, noch nicht rechts und
links, sondern nur Aufteres und Inneres. - In Wirklichkeit treten diese
beiden Gegensatze schon gegen Ende des alten Saturn auf, aber sie
wiederholen sich in ihrer eigentlichen Bedeutung, als raumschaffend auf
der alten Sonne.
Und wenn wir jetzt von all diesen Vorgangen wieder eine Vorstellung
gewinnen wollen in der Weise, wie wir es das letzte Mai getan haben,
wo das Bild der opfernden Throne vor unsere Seele trat, die Zeitgeister
gebarend, so werden wir nicht hinmalen einen Korper, der aus Licht
besteht, denn nach auften strahlt dieses Licht noch nicht, es ist nur im
Widerstrahlen im Inneren vorhanden. Eine Kugel als inneren Raum
haben wir uns zu denken, in dem Mittelpunkt zunachst sich wieder-
holend das Bild des Saturn: die Throne als Geister wie kniend vor den
Cherubim, den gefliigelten Wesen, opfernd ihr eigenes Wesen; und
hinzukommend die Geister der Weisheit, in dem Anblick des Opfers
versinkend. Und nun kann man als Anblick haben, daft die Glut, die
im Opfer liegt, sich in der Hingabe der Geister der Weisheit verwan-
delt, so daft sie sinnenfallig vorzustellen ist als Opferrauch, als Luft, die
aufsteigt von der Opfertat als Opferrauch. Und wir bekommen ein voll-
standiges Bild, wenn wir uns vorstellen: Die opfernden Throne kniend
vor den Cherubim, und zu dem Opfer hinzukommend wie im Reigen
die Geister der Weisheit, hingegeben in ihrer Stimmung dem, was sie
erblicken im Mittelpunkte der Sonne an dem Opfer der Throne; dadurch
in ihrer Stimmung erwachsend zu dem Bilde des Opferrauches, der sich
verbreitet nach alien Seiten, der ausstromt, sich am Ende ballt und aus
seinen Wolken herausschafft die Gestalten der Erzengel, die zuriick-
strahlen von der Peripherie das Geschenk des Opferrauches als Licht,
das Innere der Sonne durchleuchtend, das Geschenk der Geister der
Weisheit zuriickgebend und die Sphare der Sonne in dieser Weise
schaffend. Sie besteht schenkend aus Glut und Opferrauch. An der
aufteren Peripherie sitzen die Erzengel, die Schopfer des Lichtes, die
das, was zuerst auf der Sonne da ist, spater abbilden; es braucht Zeit,
dann aber kommt es zuriick als Licht. Was bewahren also die Erzengel?
Sie bewahren das Friihere; die Gaben der Geister der Weisheit, die sie
nehmen, strahlen sie zuriick; aber was in der Zeit war, geben sie zuriick
als Raum, und indem sie es als Raum zuriickstrahlen, geben sie zuriick
das, was sie selbst durch die Archai, die Anfange, erhalten haben. Da-
durch sind sie die Engel des Anfanges, weil sie das in spateren Zeiten
wirksam machen, was friiher war. Archangeloi, Boten des Anfanges
sind sie!
Es ist ganz wunderbar, wenn aus der wirklichen okkulten Erkenntnis
heraus ein solches Wort wieder auftaucht und wir uns dann iiberlegen,
wie dieses Wort aus uralten Traditionen - auf dem Wege iiber die Schule
Dionysius' des Areopagiten, der ein Schiiler des Paulus war - uns
iiberkommt. Es ist wunderbar zu sehen, daft dieses Wort so gepragt
ist, daft, wenn wir es unabhangig von dem, was da stent, wiederent-
wickeln, das entsteht, was da war. Das muft mit der groftten Ehrfurcht
erfiillen, und wir fiihlen uns dann verbunden mit den alten heiligen
Schulen der Weiheweisheit, der Weihewissenschaft, so daft wir gleich-
sam fiihlen, wie wenn dieses Alte in uns einstromen wiirde, indem wir
es verstandnisvoll ergreifen, nachdem wir uns selbst die Moglichkeit
geschaffen haben, es unabhangig von dem Alten aufzunehmen. Wer nur
ein wenig fiihlen kann das Stimmen der alten Ausdriicke, die uns iiber-
liefert sind, ohne daft wir auf diese Ausdriicke Riicksicht nehmen, der
fiihlt sich hineingestellt in das Walten der Zeitengeister durch den
Menschengeist hindurch. Es ist eine wunderbare Art des Sich-verbun-
den-Fiihlens mit der ganzen menschlichen Evolution, was da heraus-
kommt; ein Sich-sicher-Fiihlen bei diesen Dingen.
Das Andenken an die Urbeginne bewahren die Erzengel. Was aber
auf irgendeinem der Planeten vorhanden war, das wiederholt sich in
einer spateren Zeit, nur daft das Spatere immer anderes noch hinzufiigt,
so daft uns das Wesen der Sonne in gewisser Weise wieder entgegentritt
in dem, was uns auf unserer Erde entgegentritt.
Die ganze Vorstellung, die ganze Empfindung, die wir uns hier an-
eignen konnten, die uns ein Bild gibt von den opfernden Thronen, von
den opferempfangenden Cherubim, von der Glut, die aus dem Opfer
ausstromt, von dem Opferrauch, der sich luftartig verbreitet, von dem
Licht, das zuriickgestrahlt wird von den Erzengeln, die das bewahren,
was in den Anfangen geschehen ist, fur die spateren Zeiten: diese Emp-
findung ist etwas, was in uns hervorrufen kann ein richtiges Verstandnis
alles dessen, was zusammenhangt mit den Schopfungen, die aus einer
solchen Empfindung hervorgehen.
So haben wir an diesem Milieu, das ich eben als Seelenmilieu geschil-
dert habe, mehr geistig aufgefaftt, was wir friiher an einem mehr physi-
schen Bilde gewonnen haben. Und wir werden nun sehen, daft aus
diesem Milieu heraus geboren wird, was auf der Erde als Christus-
Wesenheit aufgetreten ist; und wir werden nur verstehen, was auf die
Erde durch die Christus-Wesenheit gebracht wird, wenn wir uns an-
eignen den Begriff der schenkenden Tugend, der gnadewirkenden Tugend
in ihrer Zuruckstrahlung in dem Lichte des Weltenalls in der inneren
Substanz des Sonnenmaftigen, die durchdrungen und durchleuchtet ist
von diesem Licht. Wenn wir dies zum Bilde erheben, was wir eben
beschrieben haben, und in eine Imagination umwandeln und uns den-
ken, daft das alles von diesem Wesen mitgebracht wird auf die Erde, auf
der Erde sich auslebt, dann werden wir das eigentliche geistige Wesen
des Christus-Impulses wieder noch tiefer empfinden konnen. Wir wer-
den dann verstehen, welche dunkle Ahnung in der Menschenseele leben
kann, wenn diese Menschenseele gegeniiber irgendeiner Darstellung
empfindet, daft das, was eben beschrieben worden ist, in einer gewissen
Weise wieder lebendig werden kann auf der Erde.
Denken wir uns einmal, es konnte das, was eben von der Sonne be-
schrieben worden ist, in eines Wesens Seele ganz und gar sich konzen-
trieren, konnte sich zusammendrehen und mitgenommen werden, um
spater wieder zu erscheinen. Und es wiirde wieder erscheinen auf der
Erde und so wirken, daft es aus dem, was aus der uralten Opfertat und
dem Opferrauch, der lichtschaffenden Zeit und der schenkenden Tugend
geschaffen ist, den Extrakt der Gnadewirkung iiberbringen und ihn
widerspiegeln wiirde aus dem Weltall der Warmeseligkeit, der Lichtes-
herrlichkeit. Denken wir das alles in einer Seele konzentriert, es gebend
dem Erdendasein, um sich versammelt die, welche jetzt als Erdenwesen
berufen sein sollen, dies wieder zuriickzustrahlen, dies zu bewahren fur
den Rest des Erdendaseins: In der Mitte der aus dem Opfer heraus und
durch das Opfer Schenkende, um ihn herum die, welche es empfangen
sollen; damit verbunden zugleich das, was das Opfer ist, und alles, was
damit zusammenhangt, gleichsam iibersetzt in irdisches Dasein. Und
andrerseits die Moglichkeit, dieses Opfer zu zerstoren, so daft alles,
was dem Menschenwesen gegeben werden kann als Gnadewirkung,
ebensogut angenommen wie zuriickgewiesen werden kann. Denken wir
uns das alles in eine Intuition verkorpert, dann kann man eine solche
Empfindung haben gegeniiber dem «Abendmahl» des Leonardo da
Vinci: die ganze Sonne mit den Opferwesen, mit den Wesen der schen-
kenden Tugend, mit den Wesen der Warmeseligkeit, der Lichtesherr-
lichkeit seelisch gefafk - zuriickgestrahlt von denen, die erkoren sind,
zu bewahren aus den friiheren Zeiten in die spateren Zeiten; fiir die
Erde hergerichtet dadurch, dafi es auch zuriickgewiesen werden kann
in dem Verrater.
Das Wesen der Erde, insofern das Wesen der Sonne auf der Erde
wiedererscheint, man kann es so empfinden. Und wenn dies nicht in
aufierlicher, intellektueller Weise, sondern in wahrhaft kiinstlerischer
Weise gefuhlt wird, dann hat man etwas von dem empfunden, was die
eigentlich treibende Kraft in einem so groften Kunstwerke ist, das
gleichsam den Extrakt des Erdendaseins wiedergibt. Und wenn wir das
nachste Mai sehen werden, wie herauswachst aus dem Sonnenmilieu
der Christus, dann werden wir noch besser das verstehen, was schon
ofter gesagt ist: Wenn ein Geist aus dem Mars herunterkame auf die
Erde und alles sehen wiirde, was er nicht verstehen wiirde, dann wiirde
er vielleicht kein Snick der Erde begreifen, aber er wiirde die eigentliche
Erdenmission verstehen, wenn er das «Abendmahl» von Leonardo da
Vinci auf sich wirken lassen konnte. Da wiirde ein solcher Marsbewoh-
ner sehen konnen, wie das Sonnendasein hineingeheimnifk sein mufi
in das Erdendasein, und alles, wovon man ihm sagen wiirde, daft es die
Erde bedeutet, wiirde ihm dadurch klar werden. Dal5 die Erde etwas
bedeutet, das wiirde er verstehen, und er wiirde wissen, um was es sich
auf der Erde handelti Er wiirde sich sagen: Da mag sonst auf der Erde
vorgehen, was nur fiir irgendeinen Winkel des Erdendaseins Bedeutung
hat. Aber konnte diese Tat wirklich dargestellt werden - die Tat, die
mir hier entgegenstrahlt aus den Farben, wenn ich die Mittelgestalt mit
den umgebenden zusammenhalte -, dann fiihle ich, was die Geister der
Weisheit empfunden haben auf der Sonne, was uns hier wieder entgegen-
tont in dem Wort: «Dies tut zu meinem Angedenken!» Die Bewahrung
des Friiheren in dem Spateren: dieses Wort wird uns erst verstandlich,
wenn wir es begreifen aus dem ganzen Weltenzusammenhange heraus,
den wir jetzt kennengelernt haben. — Ich wollte nur andeuten, wie so
etwas wie eine kiinstlerische Tat allerersten Ranges zusammenhangt
mit dem ganzen Weltenwerden.
Das nachste Mai wird es unsere Aufgabe sein, das Christus-Wesen
aus dem geistigen Wesen der Sonne heraus zu begreifen, um dann
iiberzugehen zu dem geistigen Wesen des Mondes.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 14. November 1911
In unseren beiden letzten Betrachtungen hier haben wir versucht, den
Hinweis darauf zu erbringen, wie hinter allem Materiell-Stofflichen
unserer Welterscheinungen Geistiges zu suchen ist. Wir haben versucht,
zunachst das Geistige, das sich hinter den Warmeerscheinungen, dann
hinter den Erscheinungen der stromenden Luft findet, zu charakteri-
sieren. Wir muftten, da wir ja, um solche Charakteristiken geben zu
konnen, in sehr fruhe, urferne Vergangenheiten unserer Entwickelung
zuriickzugreifen hatten, wir muftten bei unserer Schilderung jener gei-
stigen Verhaltnisse, die dem Materiellen zugrunde liegen, in unser eige-
nes Seelenleben blicken. Denn es ist selbstverstandlich notwendig, daft
man irgendwoher die Vorstellungen nimmt, mit denen man etwas
charakterisiert. Worte allein tun es nicht, sondern wir miissen ganz
bestimmte Vorstellungen haben. Wir haben gesehen, daft die geistigen
Verhaltnisse, auf die wir uns dabei beziehen miissen, zum Teil so feme
liegend alledem sind, was der Mensch gegenwartig erlebt, wovon der
Mensch gegenwartig wissen kann, daft wir selbst in unserem Seelen-
leben, in unserem eigenen Geistesleben an seltene Zustande, an gar nicht
allgemeine Verhaltnisse appellieren muftten. Wir haben gesehen, daft
wir das tiefste Wesen aller Warme- und Feuerverhaltnisse ganz weit
abseits von dem suchen muftten, was aufterlich physikalisch Feuer oder
Warme ist. Gewift mufi es dem Menschen der Gegenwart recht grotesk
erscheinen, wenn als das Wesen aller Feuer- und Warmeverhaltnisse der
Welt das Opfer erkannt worden ist, das Opfer ganz bestimmter Wesen-
heiten, die wir auf dem alten Saturnzustand der Erde in einem gewissen
Entwickelungszustand angetroffen haben, der Throne, die ihr Opfer
den Cherubim damals darbrachten. Und in Wahrheit, muftten wir
sagen, besteht ein solches Opfer, wie es damals seinen Ausgangspunkt
genommen hat in der Weltentwickelung, in allem, was uns aufterlich,
in Maja oder Illusion, in den Warme- oder Feuerverhaltnissen erscheint.
Ebenso haben wir das letzte Mai erkannt, daft hinter allem, was wir
nennen konnen stromende Luft oder stromende Gase, wiederum etwas
sehr, sehr Femes liegt, dasjenige, was wir «schenkende Tugend» ge-
nannt haben, das hingebungsvolle Ausgieften des eigenen Wesens geisti-
ger Wesenheiten, Das liegt in jedem Windhauch, in aller stromenden
Luft. Was also aufterlich physisch wahrgenommen wird, ist wirklich
nur eine Illusion, eine Maja; und wir haben erst die richtige Vorstellung,
wenn wir von der Maja vorschreiten zu dem Geistigen, zu dem Spiri-
tuellen. Im Wahrhaftigen der Welt ist Feuer oder Warme oder Luft
ebensowenig vorhanden, wie im Spiegelbild der Mensch, der sich im
Spiegel sieht, vorhanden ist. Denn wie ein Spiegelbild im Grunde ge-
nommen eine Illusion im Verhaltnis zum Menschen ist, so sind Feuer
oder Warme oder Luft Illusionen, und die Wahrheiten dahinter ver-
halten sich in Wirklichkeit so wie der wahrhaftige Mensch zu seinem
Spiegelbilde. Nicht Feuer oder Luft haben wir zu suchen in der Welt
des Wahrhaftigen, sondern Opfer und schenkende Tugend.
Dabei sind wir aufgestiegen, indem wir zu dem Opfer sozusagen
hinzutreten sahen die schenkende Tugend, von dem alten Saturnleben
zu dem alten Sonnenleben. Innerhalb des letzteren, das heiftt der zwei-
ten kosmischen Verkorperung unserer Erde, finden wir etwas, was uns
wieder einen Schritt naher fiihren wird den wahrhaftigen Verhaltnissen
unserer Entwickelung. Und wir miissen heute wieder einen Begriff ein-
fuhren, der der Welt des Wahrhaftigen angehort gegeniiber der Welt
der Illusion. Bevor wir also zu den eigentlichen Verhaltnissen der Ent-
wickelung iibergehen, wollen wir uns einen bestimmten Begriff aneignen.
Wir gehen dabei von folgendem aus.
Wenn der Mensch im aufieren Leben irgend etwas tut, irgend etwas
vollzieht, so liegt dem in der Regel sein Willensimpuls zugrunde. Was
der Mensch tut, sei es nun eine Handbewegung oder sei es die grdfke
Tat, iiberall liegt ein Willensimpuls zugrunde. Von diesem geht dann
alles iibrige aus, was zu einer Tat, zu einer Verrichtung des Menschen
fiihrt. Der Mensch wird nun zunachst sagen: zu einer starken, kraftigen
Tat, die, sagen wir, viel Heil und Segen bringen soil, gehore ein starker
Willensimpuls, und zu einer weniger bedeutsamen Tat gehore ein
schwacher Willensimpuls. Und im allgemeinen wird der Mensch zu
der Annahme geneigt sein, daft von der Starke des Willensimpulses die
Grofte der Tat abhangt.
Nun ist das aber nur bis zu einem gewissen Grade richtig, daft wir,
wenn wir unseren Willen verstarken, Groftes in der Welt erreichen.
Von einem gewissen Punkt an ist das namlich nicht mehr der Fall. Ge-
wisse Taten, die der Mensch tun kann, Taten, die sich vor alien Dingen
auf die geistige Welt beziehen, hangen nun nicht ab von der Verstarkung
unserer Willensimpulse, sonderbarerweise. Gewift, in der physischen
Welt, in der wir zunachst leben, wird die Grofte der Tat abhangen von
der Grofte des Willensimpulses, denn wir miissen uns starker anstrengen,
wenn wir mehr erreichen wollen. Aber in der geistigen Welt ist das gar
nicht so, sondern da tritt das Gegenteil von dem ein. Da ist es so, daft
zu den groftten Taten, zu den groftten Wirkungen, konnen wir besser
noch sagen, nicht eine Verstarkung des positiven Willensimpulses not-
wendig ist, sondern vielmehr eine gewisse Resignation, ein Verzicht.
Wir konnen da schon von den kleinsten, rein geistigen Tatsachen aus-
gehen. Wir erreichen eine gewisse geistige Wirkung nicht dadurch, daft
wir moglichst unsere Begehrlichkeit in Szene setzen, oder moglichst
geschaftig sind, sondern in der geistigen Welt erreichen wir gewisse
Wirkungen dadurch, daft wir unsere Wunsche und Begierden bezahmen
und auf deren Befriedigung verzichten.
Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe es darauf abgesehen, durch
innere geistige Wirkungen etwas in der Welt zu erreichen. Dann muft
er sich dazu dadurch vorbereiten, daft er vor alien Dingen seine Wunsche,
seine Begierden unterdriicken lernt. Und wahrend man in der Welt des
Physischen kraftiger wird, sagen wir, wenn man gut iftt, wenn man sich
gut ernahrt und dadurch mehr Krafte hat, wird man - es ist das jetzt
nur eine Schilderung, kein Rat! - in der geistigen Welt Bedeutsames in
einer gewissen Weise gerade dann erreichen, wenn man fastet oder in
einer anderen Weise etwas tut, um die Wunsche und Begierden zu
unterdriicken, zu bezahmen. Und zu den groftten geistigen Wirkungen,
sagen wir zu magischen Wirkungen, gehort immer eine solche Vorbe-
reitung, die zusammenhangt mit Verzicht auf Wunsche, Begierden,
Willensimpulse, die in uns auftreten. Je weniger wir «wollen», je mehr
wir uns sagen: Wir lassen das Leben an uns voriiberstromen und be-
gehren nicht dies und begehren nicht jenes, sondern nehmen die Dinge,
wie sie uns Karma zuwirft -, je mehr wir so Karma und seine Wirkun-
gen hinnehmen und ruhig uns verhalten in einem Verzicht in bezug auf
alles, was wir sonst im Leben erreichen wollen fur dieses Leben, desto
kraftiger werden wir zum Beispiel in bezug auf Gedankenwirkungen.
Bei einem Menschen, der ein sehr begierdenvoller Mensch ist, der es
vor alien Dingen liebt, recht gut zu essen und zu trinken und auch sonst
begierdenvoll ist, bei dem wird sich herausstellen, wenn er zum Beispiel
Lehrer oder Erzieher ist, daft seine Worte, die er an seine Zoglinge
richtet, nicht viel erreichen; das geht bei den Zoglingen zum einen Ohr
hinein, zum anderen heraus. Er wird dann der Meinung sein, daft dies
die Schuld der Zoglinge ware. Das ist aber nicht immer der Fall. Der
Mensch, der eine hohere Lebensauffassung hat, der ma&g lebt, der nur
so viel iftt, als notig ist, um das Leben zu unterhalten, der vorzugs-
weise darauf bedacht ist, die Dinge, die das Schicksal gibt, hinzunehmen,
der wird allmahlich merken, daft seine Worte eine groftere Kraft haben;
ja, sein Blick kann dann schon eine grofte Kraft haben, und es braucht
nicht einmal zum Blick zu kommen, er braucht nur neben dem Zogling
zu sein, braucht nur einen aufmunternden Gedanken zu haben, den er
gar nicht auftert: das wird auf den Zogling iibergehen. Das alles hangt
ab von dem Grade des Verzichtes, der Resignation gegeniiber dem, was
der Mensch sonst verlangt.
Nun ist fur geistige Betatigungen, um geistige Wirkungen in den
hoheren Welten zu erzielen, der richtige Weg der, welcher durch den
Verzicht geht. In dieser Beziehung bestehen viele Tauschungen; und
Tauschungen fiihren nicht - deshalb, weil sie auch im Aufieren so ahnlich
aussehen - zu den richtigen Wirkungen. Sie alle kennen das, was man
im gewohnlichen Leben die Askese, die Selbstpeinigung nennt. Diese
Selbstpeinigung kann in vielen Fallen geradezu eine Wollust sein, die
der Betreffende aus der Begierde heraus wahlt, zum Beispiel, um viel
zu erreichen, oder sei es auch aus einem anderen Begierdequell, um der
Wollust willen. Dann wirkt die Askese nichts; denn sie hat nur dann
eine Bedeutung, wenn sie als Begleiterscheinung des schon im Geistigen
wurzelnden Verzichts auftritt. Diesen Begriff wollen wir uns eben an-
eignen: den Begriff des schopferischen Verzichtes, der schopferischen
Resignation. Es ist ungeheuer wichtig, daft wir diesen Verzicht, diese
schopferische Resignation, die wir ja in der Seele erleben konnen, wie-
der als eine dem alltaglichen Leben fernliegende Vorstellung aufnehmen:
dann werden wir einen Schritt tiefer in die Menschheitsevolution hin-
eingefiihrt werden konnen. Denn so etwas geschieht im Verlaufe der
Evolution, zum Beispiel beim Heriibergang der Entwickelung von den
Sonnenverhaltnissen zu den Mondverhaltnissen. So etwas wie Resignie-
ren geschieht im Bereiche der Wesenheiten der hoheren Welten, von
denen wir ja wissen, daft sie mit dem Fortgang der Erdentwickelung
zusammenhangen. Und zwar wollen wir da noch einmal die alte Sonnen-
entwickelung ins Auge fassen. Aber machen wir zunachst noch auf
etwas aufmerksam, was wir schon wissen, was uns aber bis jetzt noch
in mancher Hinsicht ratselhaft erscheinen kann.
Wir haben wiederholt aufmerksam gemacht auf solche Vorgange in
der Entwickelung, die wir zuriickzufiihren haben auf Wesenheiten, die
im Laufe der Entwickelung zuriickgeblieben sind. So wissen wir, daft
eingreifen in unsere Erdenmenschheit die luziferischen Wesenheiten.
Wir haben wiederholt darauf aufmerksam machen miissen, daft diese
luziferischen Wesenheiten deshalb in unseren astralischen Leib wahrend
der Erdentwickelung eingreifen, weil sie die Entwickelungsstufe, die sie
wahrend der alten Mondenentwickelung hatten erreichen konnen, nicht
erreicht haben. Wir haben oftmals den trivialen Vergleich gebraucht,
daft nicht nur in unseren Schulen die Schiiler sitzenbleiben, sondern
daft auch die Weltenwesen in der groften kosmischen Evolution sitzen-
bleiben auf ihren Entwickelungsstufen und spater eingreifen in die Ent-
wickelungsstufen von Wesenheiten und dann ahnliches bewirken wie
die luziferischen Wesenheiten, die auf dem alten Monde zuriickgeblie-
ben sind, an dem Menschen auf der Erde.
Demgegeniiber konnte man nun sehr leicht den Gedanken aufwerfen:
Eigentlich sind diese Wesenheiten fehlerhafte Wesenheiten, Schwach-
linge der Weltentwickelung; denn warum sind sie sitzengeblieben? -
Das ist der eine Gedanke, der uns kommen kann. Aber der andere
Gedanke, den wir auch fassen konnen, ist der: daft der Mensch nie zu
seiner Freiheit, zur selbsteigenen Entschlieftungsfahigkeit gekommen
ware, wenn die luziferischen Wesenheiten nicht auf dem Monde zu-
riickgeblieben waren. So daft der Mensch den luziferischen Wesenheiten
auf der einen Seite im Oblen das verdankt, daft er Begierden, Triebe,
Leidenschaften in seinem Astralleib hat, die ihn fortwahrend in der
Entwickelung von einer gewissen Hohe herabdrangen, ihn nach niede-
ren Regionen seines Seins hinziehen. Andererseits aber, wenn dies nicht
der Fall ware, daft der Mensch bose werden kann, daft er abirren kann
von dem Guten durch die Kraft der luziferischen Wesenheiten in seinem
Astralleib, konnte er auch nicht frei handeln, konnte er nicht das haben,
was wir Freiheit des Willens, Willkiir nennen. Wir miissen also sagen,
auch unsere Freiheit verdanken wir den luziferischen Wesen. Daraus
geht also schon hervor, daft die einseitige Auffassung, als ob die luzife-
rischen Wesenheiten nur den Menschen herabbrachten, nicht zutrifft,
sondern daft der Mensch ihr Zuriickbleiben als etwas Gutes ansehen
muft, als etwas, ohne das er gar nicht hatte seine Menschenwiirde im
wahren Sinne des Wortes erringen konnen.
Nun liegt alledem, was wir fur die luziferischen und ahrimanischen
Wesenheiten ein solches Zuriickbleiben nennen, etwas viel Tieferes
zugrunde, was uns zwar schon auf dem alten Saturn entgegentritt, aber
dort so schwer erkennbar, daft wir kaum in irgendeiner Sprache Worte
finden konnten, um das, was da zugrunde liegt auf dem alten Saturn,
zu charakterisieren. Wenn wir dagegen zum alten Sonnendasein vor-
schreiten, konnen wir es ganz deutlich charakterisieren, wenn wir den
heute zuerst beschriebenen Begriff der Resignation, des Verzichts ins
Auge fassen. Denn allem solchen Zuriickbleiben von Wesenheiten,
allem solchen Hereinwirken durch das Zuriickbleiben liegt zugrunde
Resignation oder Verzicht hoherer Wesenheiten. So konnen wir sehen,
daft folgendes auf der Sonne auftritt. Wir haben gesagt, daft die Throne,
die Geister des Willens, Opfer darbringen den Cherubim. Diese Opfer
bringen sie - wie wir das letzte Mai gesehen haben - nicht nur wahrend
der Saturnzeit dar, sondern sie setzen sie fort wahrend der Sonnenzeit.
So daft wir auch da im Bilde bekommen haben: die Throne, die Geister
des Willens, opfernd den Cherubim. Und in der Opferung liegt das
eigentliche Wesen aller in der Welt existierenden Warme- oder Feuer-
verhaltnisse. Wahrend der Sonnenzeit konnen wir nun deutlich das
folgende bemerken, wenn wir in der Akasha-Chronik zuriickschauen:
die Throne opfern, verbleiben bei ihrer Opfertatigkeit; so daft wir die
opfernden Throne haben, haben auch eine Anzahl von Cherubim, zu
denen wir das Opfer aufsteigen sehen, indem sie das, was aus dem
Opfer flieftt, die Warme, in sich aufnehmen. Aber eine Anzahl von
Cherubim vollzieht etwas anderes: sie verzichten auf das Opfer, nehmen
nicht an die Opferung. Daher miissen wir das Bild, das wir das letzte
Mai vor unsere Seele treten lieften, noch etwas erganzen.
Wir haben in diesem Bilde die opfernden Throne und die das Opfer
annehmenden Cherubim; wir haben aber auch solche Cherubim, die
das Opfer nicht annehmen, sondern wieder zuriickgeben, was als Opfer
zu ihnen dringt. Das ist aufterordentlich interessant in der Akasha-
Chronik zu verfolgen. Denn dadurch, daft nun sozusagen die schen-
kende Tugend der Geister der Weisheit einflieftt in die Opferwarme,
dadurch sehen wir wie aufsteigend den Opferrauch wahrend der alten
Sonne, von dem wir gesagt haben, daft er dann durch die Erzengel in
Form von Licht zuriickgeworfen wird von dem auftersten Umfange der
Sonne. Aber nun sehen wir etwas anderes noch, wie wenn innerhalb des
alten Sonnenraumes noch etwas ganz anderes vorhanden ware: Opfer-
rauch, der aber jetzt nicht bloft durch die Erzengel im Licht zuriick-
geworfen wird, sondern der von den Cherubim nicht angenommen
wird, so daft er wie zuriickflieftt, sich zuriickstaut, so daft wir sich
stauende Opferwolken im Sonnenraume haben: Opfer, das aufsteigt,
Opfer, das absteigt; Opfer, das angenommen wird, Opfer, auf das ver-
zichtet wird, das in sich zuriickkehrt. Dieses Sich-Begegnen der eigent-
lichen spirituellen Wolkengebilde im alten Sonnenraum finden wir
gleichsam zwischen dem, was wir das letzte Mai das Auftere und das
Innere, diese beiden Dimensionen auf der Sonne, genannt haben, wie
eine Trennungsschicht; so daft wir in der Mitte haben die opfernden
Throne, dann die Cherubim in der Hohe, die das Opfer annehmen,
dann solche Cherubim, die das Opfer nicht annehmen, sondern es
zuriickstauen. Durch dieses Zuriickstauen entsteht gleichsam eine Ring-
wolke; und ganz auften haben wir die zuriickgeworfenen Lichtmassen.
Stellen Sie sich dieses Bild ganz lebendig vor: daft wir also diesen
alten Sonnenraum haben, diese alte Sonnenmasse, gleichsam eine kos-
mische Kugel, aufterhalb welcher nichts vorzustellen ist, so daft wir
nur den Raum uns zu denken haben bis zu den Erzengeln hin. Stellen
wir uns weiter vor, daft wir in der Mitte diese Ringbildung aus den sich
begegnenden angenommenen und zuriickgewiesenen Opfern haben. Aus
diesen angenommenen und zuriickgewiesenen Opfern entsteht innerhalb
der alten Sonne etwas, was wir nennen konnen eine Verdoppelung der
ganzen Sonnensubstanz, ein Auseinandergehen. Mit einer aufteren
Figur zu vergleichen ist die Sonne in dieser alten Zeit nur, wenn wir
sie vergleichen mit unserer jetzigen Saturngestalt: der Kugel, die von
einem Ring umgeben ist, indem diese sich stauenden Opfermassen nach
einwarts werfen, was in der Mitte ist, und das, was auften ist, wird wie
eine Ringmasse auften angeordnet. So haben wir die Sonnensubstanz
eigentlich in zwei Teile getrennt durch die Kraft der sich stauenden
Opfergewalten.
Was wird nun dadurch bewirkt, daft auf der Seite gewisser Cheru-
bim ein solcher Verzicht auf das Opfer eintritt? - Es ist ein aufterordent-
lich schwieriges Kapitel, dem wir uns da nahern, und Sie werden nur
in langsamem Meditieren erfassen konnen, was in den Begriffen liegt,
die jetzt auseinandergesetzt werden. Nur wenn man lange iiber die
Begriffe, die gegeben werden, nachdenkt, wird man herausfinden, wel-
che Realitaten diesen Begriffen zugrunde liegen. Die Resignation, von
der wir gesprochen haben, miissen wir in Verbindung bringen mit etwas,
dessen Entstehung wir auf dem alten Saturn kennengelernt haben: mit
der Entstehung der Zeit. Wir haben gesehen, daft mit den Geistern der
Zeit, den Archai, die Zeit eigentlich erst auf dem alten Saturn entsteht,
und daft es keinen Sinn hat, vor dem alten Saturn von einer «Zeit» zu
sprechen. Nun liegt zwar eine Wiederholung darin, aber wir konnen
doch sagen: die Zeit dauert fort. «Dauern» ist schon ein Begriff, der
die Zeit in sich enthalt. Wenn also gesagt wird, «die Zeit dauert fort»,
so bedeutet das: Wenn wir in der Akasha-Chronik Saturn und Sonne
betrachten, so finden wir auf dem Saturn die Entstehung der Zeit, und
auf der Sonne, daft die Zeit auch vorhanden ist. Wenn nun alle Verhalt-
nisse so fortgingen, wie wir sie in den beiden letzten Betrachtungen
charakterisiert haben in bezug auf Saturn und Sonne, so wiirde die Zeit
ein Element bilden fur alles Geschehen in der Evolution. Wir konnten
uns die Zeit von keinem Geschehen in der Evolution wegdenken. Wir
haben ja gesehen, daft die Geister der Zeit entstanden sind auf dem
alten Saturn, und daft die Zeit allem eingepflanzt ist. Und alles, was wir
in Bildern, in Imaginationen bisher iiber die Evolution gedacht haben,
miissen wir uns mit der Zeit in Verbindung denken. Ware also nur
geschehen, was wir angefuhrt haben: Opferung und schenkende Tugend,
so ware alles der Zeit unterworfen gewesen. Nichts ware nicht der Zeit
unterworfen gewesen. Das heiftt, es wiirde alles dem Entstehen und
Vergehen, was ja der Zeit angehort, unterworfen sein.
Diejenigen Cherubim nun, welche verzichtet haben auf das Opfer,
auf das, was gleichsam im Opferrauch liegt, sie haben darauf verzichtet
aus dem Grunde, weil sie sich damit den Eigenschaften dieses Opfer-
rauches entziehen. Und zu diesen Eigenschaften gehort vor allem die
Zeit und damit Entstehen und Vergehen. In dem ganzen Verzicht der
Cherubim auf das Opfer liegt daher ein den Zeitverhaltnissen Ent-
wachsen der Cherubim. Sie gehen iiber die Zeit hinaus, entziehen sich
dem Unterworfensein unter die Zeit. Damit trennen sich gleichsam die
Verhaltnisse wahrend der alten Sonnenentwickelung so, daft gewisse
Verhaltnisse, die in der geraden Linie vom Saturn aus weiter fortgehen,
als Opferung und schenkende Tugend der Zeit unterworfen bleiben,
wahrend die anderen Verhaltnisse, die von den Cherubim dadurch ein-
geleitet wurden, dafi diese Cherubim auf das Opfer verzichteten, sich
der Zeit entreiften und damit sich die Ewigkeit, die Dauer, das Nicht-
unterworfensein dem Entstehen und Vergehen einverleiben. Das ist
etwas hochst Merkwiirdiges : wir kommen da wahrend der alten Sonnen-
entwickelung zu einer Trennung in Zeit und Ewigkeit. Es ist durch die
Resignation der Cherubim wahrend der Sonnenentwickelung die Ewig-
keit errungen worden als eine Eigenschaft gewisser Verhaltnisse, die
wahrend der Sonnenentwickelung eintraten.
Sahen wir also, indem wir in unsere eigene Seele blickten, gewisse
Wirkungen aus dieser Seele dadurch erwachsen, daft der Mensch Ver-
zicht und Resignation in der Seele sich aneignet, so sehen wir, wenn
wir zunachst nur von der alten Sonne sprechen, daft von gewissen gott-
lich -geistigen Wesenheiten Unsterblichkeit, Ewigkeit dadurch errungen
ist, daft sie resignierten auf das Opfer und auf das, was aus den sich
verbreitenden Gaben der schenkenden Tugend kommen konnte. Sahen
wir auf dem Saturn die Zeit entstehen, so sehen wir gewisse Verhalt-
nisse sich der Zeit entreiften wahrend der Sonnenentwickelung. Ich
habe allerdings gesagt - ich bitte, das wohl zu beachten -, es bereitet
sich dies schon vor wahrend der Saturnzeit, so daft die Ewigkeit nicht
erst beginnt wahrend der Sonnenzeit. Aber klar und deutlich zu sehen,
so daft man es aussprechen kann in Begriffen, ist es erst wahrend der
Sonnenzeit. Es ist auf dem Saturn so schwach erkennbar, dieses Ab-
trennen der Ewigkeit von der Zeit, daft unsere Begriffe und Worte sich
nicht als scharf genug erweisen, um so etwas schon fur den alten Saturn
und seine Entwickelung zu charakterisieren.
So haben wir die Bedeutung der Resignation kennengelernt, den Ver-
zicht der Gotter wahrend der alten Sonnenzeit und die Erringung der
Unsterblichkeit. Was war nun die weitere Folge davon?
Aus der «Geheimwissenschaft im Umrift», die in gewisser Beziehung
noch im Bereich der Maja bleiben muftte, wissen wir, daft auf die Son-
nenentwickelung die Mondentwickelung folgte, daft am Ende der
Sonnenzeit alle Verhaltnisse in eine gewisse Dammerung, in ein kosmi-
sches Chaos eintauchten und wieder als Mond auftauchten. So haben
wir denn wieder auftauchen zu sehen die Opferung als Warme. Also,
was auch auf der Sonne blieb als Warme, das sehen wir auch auf dem
Monde als Warmeverhaltnisse auftauchen. Was schenkende Tugend ist,
sehen wir als Gas, als Luft auftauchen. Aber auch die Resignation
dauert fort, der Verzicht auf die Opferung. Was wir «Resignation»
nannten, ist in all diesem drinnen, was auf dem alten Monde vorgeht.
Es ist wirklich so: was wir als Resignation erleben konnen, miissen wir
uns ebenso als Kraft in allem auf dem alten Monde denken, von der
Sonne heriibergekommen, wie wir uns etwas anderes denken, was in
der aufteren Welt vorhanden ist. Was Opfer war, erscheint als Warme
in der Maja; was schenkende Tugend war, erscheint in der Maja als
Gas oder Luft. Was nun Resignation ist, das erscheint in der aufteren
Maja als Fliissigkeit, als Wasser. Wasser ist Maja, und es ware nicht da
in der Welt, wenn nicht geistig zugrunde lage Verzicht oder Resigna-
tion. Uberall, wo Wasser ist in der Welt, ist Gotterverzicht! Ebenso
wahr wie Warme eine Illusion ist, und wie dahinter das Opfer ist, wie
Gas oder Luft eine Illusion ist, und dahinter die schenkende Tugend ist,
so ist das Wasser als Substanz, als auftere Wirklichkeit nur eine sinn-
liche Illusion, ein Spiegelbild, und was im Wahrhaftigen davon existiert,
ist Resignation irgendwelcher Wesenheiten auf das, was sie von anderen
Wesenheiten erhalten. Man mochte sagen, es kann nur Wasser in der
Welt rieseln, wenn zugrunde liegt Resignation. Nun wissen wir, daft,
wahrend die Sonne zum Monde fortschritt, die Luftverhaltnisse sich
verdichteten zu den Wasserverhaltnissen, Wasser entsteht erst auf dem
Monde, auf der Sonne gab es noch kein Wasser. Was wir wahrend der
alten Sonnenentwickelung als sich ballende Wolkenmassen sehen, das
gerinnt, indem es sich ineinanderdrangt zu einem Dichteren, zum
Wasser, das auf dem Monde auftritt, zum Mondenmeere.
Wenn wir dies ins Auge fassen, wird es uns immerhin moglich sein,
eine Frage, die aufgeworfen werden kann, zu begreifen. Aus der Re-
signation wird Wasser; Wasser ist eigentlich in Wahrheit Resignation.
Wir bekommen also einen geistigen Begriff ganz sonderbarer Art fur
das, was das Wasser eigentlich ist. Aber wir konnen die Frage auf-
werfen: Es ist doch ein gewisser Unterschied zwischen dem Zustande,
der eingetreten ware, wenn die Cherubim nicht resigniert hatten, und
zwischen dem Zustande, der nun dadurch eingetreten ist, daft sie resi-
gniert haben? Driickt sich dieser Unterschied in irgendeiner Weise
aus? - Ja, das tut er. Er driickt sich namlich dadurch aus, daft nunmehr
wahrend der Mondenverhaltnisse deutlich die Folgen jener Resignation
auftreten. Wenn namlich diese Resignation nicht eingetreten ware, wenn
die betreffenden verzichtenden Cherubim das ihnen gebrachte Opfer
angenommen hatten, so hatten sie - jetzt bildlich gesprochen - den
Opferrauch in ihrer eigenen Substanz drinnen gehabt; was sie selber
getan hatten, das hatte sich in dem Opferrauch zum Ausdruck gebracht.
Nehmen wir an, diese Cherubim hatten dieses oder jenes vollzogen.
Dann ware es erschienen, aufterlich ausgedriickt, durch die sich ver-
andernden Wolken der Luft, das heiftt, in der aufteren Gestalt der Luft
wiirde sich ausgedriickt haben, was die nicht resignierenden Cherubim
mit der Opfersubstanz gemacht hatten. Nun aber haben sie dieselbe
zuriickgewiesen und sind dadurch allerdings aus der Sterblichkeit in die
Unsterblichkeit, aus der Verganglichkeit in die Dauer iibergegangen.
Aber die Opfersubstanz ist zunachst da, sie ist sozusagen entlassen aus
den Kraften, die sie sonst aufgenommen hatten, und braucht jetzt nicht
zu folgen den Antrieben, den Impulsen der Cherubim, denn diese haben
sie entlassen, haben sie zuriickgewiesen. Was geschieht nun mit dieser
Opfersubstanz? - Es geschieht das, daft andere Wesen sich ihrer be-
machtigen, die dadurch, daft sie jetzt diese Opfersubstanz nicht in den
Cherubim haben, von den Cherubim unabhangig werden, selbstandige
Wesen werden, die neben den Cherubim da sind, wahrend sie sonst
dirigiert wiirden von den Cherubim, wenn diese die Opfersubstanz
aufgenommen hatten. Darauf beruht die Moglichkeit, daft das Gegen-
teil von Resignation eintritt: daft Wesenheiten die ausgeflossene Opfer-
substanz an sich heranziehen und in ihr handeln. Und das sind die
Wesenheiten, die zuriickbleiben, so daft das Zuriickbleiben eine Folge
der Resignation der Cherubim ist. Die Cherubim liefern durch das,
worauf sie resignieren, den zunickbleibenden Wesenheiten selbst erst
die Moglichkeit zum Zuriickbleiben. Dadurch, daft ein Opfer abgewie-
sen wird, konnen andere Wesenheiten, die nicht resignieren, die den
Wiinschen und Begierden sich hingeben und ihre Wiinsche zum Aus-
druck bringen, sich des Gegenstandes des Opfers, der Opfersubstanz,
bemachtigen und sind damit in der Moglichkeit, als selbstandige Wesen-
heiten neben die anderen Wesen hinzutreten.
So ist mit dem Hiniibergehen der Entwickelung von der Sonne zum
Mond, mit dem Unsterblichwerden der Cherubim die Moglichkeit ge-
geben, daft andere Wesenheiten sich abtrennen in eigener Substantialitat
von der fortlaufenden Entwickelung der Cherubim, iiberhaupt von den
unsterblichen Wesenheiten. Wir sehen also, indem wir jetzt den tieferen
Grund des Zuriickbleibens kennenlernen, daft eigentlich die Urschuld,
wenn wir von einer solchen Urschuld sprechen wollen, an diesem Zu-
riickbleiben gar nicht diejenigen haben, welche zuriickgeblieben sind.
Das ist das Wichtige, daft wir das auffassen. Hatten die Cherubim die
Opfer angenommen, so hatten die luziferischen Wesenheiten nicht
zuriickbleiben konnen, denn sie hatten keine Gelegenheit gehabt, sich
in dieser Substanz zu verkorpern. Damit die Moglichkeit vorhanden
war, daft Wesenheiten in dieser Weise selbstandig werden, trat vorher
der Verzicht ein. Es ist also von der weisen Weltenlenkung so einge-
richtet, daft die Gotter sich ihre Gegner selbst hervorgerufen haben.
Hatten Gotter nicht verzichtet, so hatten sich Wesenheiten nicht wider-
setzen konnen. Oder wenn wir trivial sprechen wollen, konnen wir
sagen, die Gotter hatten gleichsam vorausgesehen: Wenn wir nur so
fortschaffen, wie wir es getan haben vom Saturn zur Sonne heriiber, so
werden niemals freie, aus ihrer Willkiir heraus handelnde Wesenheiten
entstehen. Es mulS, damit solche Wesenheiten entstehen konnen, die
Moglichkeit gegeben sein, daft uns Gegner im Weltenall erstehen, daft
wir Widerstande finden in dem, was der Zeit unterworfen ist. Wiirden
wir nur selbst alles anordnen, so wiirden wir einen solchen Widerstand
nicht finden konnen. Wir konnten es uns sehr leicht machen, dadurch
daft wir alles Opfer annahmen, dann wiirde alle Evolution uns unterwor-
fen sein. Das werden wir aber nicht machen; wir wollen Wesenheiten,
die frei von uns sind, die sich widersetzen konnen. Daher nehmen wir
das Opfer nicht an, so daft jene Wesenheiten durch unsere Resignation
und dadurch, daft sie das Opfer nehmen, unsere Gegner werden!
So sehen wir, daft wir nicht bei den sogenannten bosen Wesenheiten
den Grund des Bosen zu suchen haben, sondern bei den sogenannten
guten Wesenheiten, die erst durch ihre Resignation bewirkt haben, daft
durch die Wesenheiten, welche das Bose in die Welt bringen konnten,
das Bose entstanden ist. Nun konnte jemand sehr leicht einwenden - und
ich bitte, diesen Gedanken recht genau auf Ihre Seele wirken zu lassen -:
Ich habe bisher eine bessere Meinung von den Gottern gehabt! Ich habe
bisher die Meinung von den Gottern gehabt, daft sie das, was mensch-
liche Freiheit in Szene setzen sollte, auch bewirken konnten, ohne die
Moglichkeit des Bosen zu schaffen. Wie kommt es, daft alle diese guten
Gotter so etwas wie die menschliche Freiheit nicht ohne das Bose in die
Welt bringen konnten? - Ich mochte dabei erinnern an jenen spanischen
Konig, der die Welt so furchtbar kompliziert gefunden hat und der
deshalb einmal gesagt hat: wenn Gott es ihm iiberlassen hatte, die Welt
zu schaffen, so wiirde er sie einfacher gemacht haben. - Der Mensch
mag in seiner Schwache denken, daft die Welt einfacher gemacht werden
konnte; aber die Gotter wissen es besser, und sie haben es daher dem
Menschen nicht iiberlassen, die Welt zu schaffen.
Wir konnten vom Gesichtspunkt der Erkenntniswissenschaft aus
diese Verhaltnisse auch noch genauer charakterisieren. Nehmen wir an,
es sollte irgend etwas gestiitzt werden, und man sagt jemandem, das
konnte man so stutzen, daft man eine Saule aufrichtet und die Sache
daraufrichtet. Da konnte der Betreffende dann sagen: Eigentlich miiftte
es auch anders zu machen sein! - Ja> warum sollte es nicht auch anders
zu machen sein? Oder es konnte jemand sagen, wenn man bei einem
Bau ein Dreieck braucht: Warum sollte dieses Dreieck nur drei Ecken
haben? Ein Gott konnte vielleicht ein Dreieck so machen, daft es nicht
drei Ecken habe! - Aber so viel Sinn es hat, daft ein Dreieck nicht drei
Ecken haben soli, so viel Sinn hatte es, daft die Gotter die Freiheit
hatten schaffen sollen ohne die Moglichkeit des Bosen und des Leides.
Wie zum Dreieck drei Ecken gehoren, so gehort zur Freiheit die Mog-
lichkeit des Bosen durch die Resignation geistiger Wesenheiten. Das
alles gehort zur Resignation der Gotter, die dadurch die Evolution ge-
schaffen haben aus dem Unsterblichen heraus, nachdem sie durch den
Verzicht auf das Opfer den Grad der Unsterblichkeit genommen hatten,
um das Bose wieder zuriickzufiihren zum Guten. Die Gotter haben
nicht vermieden das Bose, was allein die Moglichkeit der Freiheit geben
konnte. Hatten die Gotter das Bose vermieden, so ware die Welt arm,
ware nicht mannigfaltig. Die Gotter muftten das Bose um der Freiheit
willen in die Welt kommen lassen, und sie muftten dafiir fur sich die
Macht erringen, das Bose wieder in das Gute zuriickzufiihren. Diese
Macht ist etwas, was als Wirkung nur aus dem Verzicht, aus der Re-
signation kommen kann.
Religionen sind immer dazu da, um sozusagen in Bildern, in Imagi-
nationen auf die groften Weltengeheimnisse hinzuweisen. Wir haben
heute auf uralte Entwickelungsphasen hingewiesen, und indem wir dem
Begriff des Opfers und der schenkenden Tugend hinzufugten den Begriff
der Resignation, haben wir dadurch wieder einen Schritt in das Wahr-
haftige gegeniiber der Maja und Illusion hinein gemacht. Solche Bilder
und Begriffe wurden den Menschen auch in den Religionen gegeben.
Und es gibt etwas innerhalb der biblischen Religion, wodurch sich der
Mensch aneignen kann den Begriff des Opfers und der Resignation, des
Zuriickweisens des Opfers. Das ist die Erzahlung von dem opfernden
Abraham, der seinen eigenen Sohn dem Gotte darbringen soli, und von
dem Verzicht dieses Gottes auf das Opfer des Patriarchen. Wenn wir
diesen Begriff des Verzichtes in unsere Seele aufnehmen, dann konnen
solche Anschauungen in uns hineinkommen, wie wir sie schon geauftert
haben. Einmal habe ich gesagt: Nehmen wir an, das Opfer des Abraham
ware angenommen und Isaak geopfert worden. Da von ihm das ganze
althebraische Volk abstammt, so hatte der Gott durch die Annahme des
Opfers dieses ganze Volk von der Erde genommen. Alles, was von
Abraham abstammte, schenkte der Gott durch den Verzicht einer
Sphare, die aufterhalb seiner ist, entzog es damit seinem Wirkungskreise.
Hatte er das Opfer angenommen, so hatte er damit die ganze Sphare,
die sich innerhalb des althebraischen Volkes abspielte, in sich aufge-
nommen, denn der geopferte Isaak ware dann bei Gott gewesen. So
aber hat er darauf verzichtet und damit diese ganze Evolutionslinie der
Erde iiberlassen. - Alle Begriffe der Resignation, des Opfers, konnen
uns aufgehen bei dem bedeutungsvollen Bilde der Opferung des alten
Patriarchen.
Aber noch an einer anderen Stelle unserer irdischen Geschichte kon-
nen wir dieses Resignieren hoherer Wesenheiten finden, und auch da
diirfen wir wieder hinweisen auf etwas, worauf wir schon das letzte
Mai hingewiesen haben: auf das Bild von Leonardo da Vinci, auf das
«Abendmahl». Stellt es doch die Szene vor, wo wir gleichsam den Sinn
der Erde vor uns haben, den Christus. Erinnern wir uns, indem wir
den ganzen Sinn des Bildes durchdringen wollen, an jene Worte, die
wir auch im Evangelium finden: «K6nnte ich nicht ein ganzes Heer von
Engeln herbeirufen, wenn ich entgehen wollte dem Opfertode?» Was
in diesem Moment der Christus annehmen konnte, was ihm selbstver-
standlich eine leichte Moglichkeit ware, das wird in Resignation, in
Verzicht zuriickgewiesen. Und der grofke Verzicht des Christus Jesus
tritt uns da entgegen, wo er durch seinen Verzicht den Gegner selber in
seine Sphare kommen lalk: den Judas. Wenn wir in dem Christus Jesus
dasjenige sehen, was wir in ihm sehen konnen, so mussen wir in ihm
ein Abbild derjenigen Wesenheiten sehen, die wir jetzt eben auf einer
gewissen Entwickelungsstufe kennengelernt haben, derjenigen, die auf
das Opfer verzichten muftten, derjenigen, deren Natur Resignation ist. -
Der Christus resigniert auf das, was geschehen wiirde, wenn er nicht
den Judas als seinen Gegner auftreten lassen wiirde, wie die Gotter einst
wahrend der Sonnenzeit selber durch Resignation ihre Gegner hervor-
gerufen haben. So sehen wir diesen Vorgang wiederholt im Bilde auf
der Erde: der Christus in der Mine unter den Zwolfen, mit Judas, der
dasteht als der Verrater so, wie die Gegner der kosmischen Machte
auftraten. Damit das in die Entwickelung eintreten kann, was der
Menschheit unendlich wert ist, mufi sich der Christus selbst seinem
Gegner entgegenstellen. Weil wir an einen so gewaltigen kosmischen
Augenblick erinnert werden beim Anblick des Abendmahles, wenn wir
uns die Worte vorhalten: «Wer mit mir den Bissen in die Schiissel
tauchen wird, der wird mich verraten», weil wir da im irdischen Ab-
bilde sehen den Gegner der Gotter selbst den Gottern gegeniibergestellt,
deshalb macht dieses Bild einen so gewaltigen Eindruck. Deshalb durfte
ich oft sagen: Alles, was ein Marsbewohner sehen wiirde, wenn er
heruntersteigen konnte auf die Erde, wiirde er vielleicht mehr oder
weniger interessant finden, wenn er es auch nicht recht verstehen wiirde.
Beim Anblick aber jenes Bildes von Leonardo da Vinci wiirde er aus
einer Stelle des Kosmischen, die mit dem Mars ebenso zusammenhangt
wie mit der Erde, mit der das ganze Sonnensystem zusammenhangt,
etwas kennenlernen, woraus er den Sinn der Erde erkennen wiirde.
Was da im irdischen Bilde abgebildet ist, das hat fur den ganzen Kosmos
eine Bedeutung: das Sich-Entgegenstellen gewisser Machte den unsterb-
lichen gottlichen Machten. Und indem inmitten seiner Apostel der
Christus erscheint, der auf der Erde den Tod uberwindet, also den
Triumph der Unsterblichkeit zeigt, muft auf jenen bedeutungsvollen
universellen Moment hingewiesen werden, der da eintrat, als sich iiber-
haupt Gotter absonderten vom zeitlichen Sein und den Sieg iiber die
Zeit errangen, das heifk, unsterblich wurden. Das kann unser Herz
fiihlen, wenn wir das «Abendmahl» von Leonardo da Vinci anschauen.
Sagen Sie nicht, daft der, welcher mit einem naiven Gemiite das
«Abendmahl» anschaut, dies alles doch nicht weift, was wir heute ge-
sagt haben. Er braucht es nicht zu wissen. Denn darin besteht das ge-
heimnisvoll Tiefe der Menschenseele, daft man gar nicht mit dem
Verstande zu wissen braucht, was die Menschenseele fiihlt. Weift die
Blume die Gesetze, nach denen sie wachst? Nein, aber sie wachst darum
doch. Was braucht die Blume die Gesetze, was die Menschenseele einen
Verstand, um zu fiihlen das ganz unermeftlich Grofie, das vorhanden
ist, wenn vor dem Auge sich ausbreitet ein Gott und sein Gegner, wenn
das Hochste, das ausgedriickt werden kann, der Gegensatz von Un-
sterblichem und Verganglichem, vor uns steht? Das braucht man nicht
zu wissen, das geht mit magischer Kraft in die Seek iiber, wenn der
Mensch vor diesem Bilde steht, das als Spiegel des Weltensinnes uns
da hingemalt ist. Und der Kiinstler brauchte auch nicht in demselben
Sinne ein Okkultist zu sein, um es hinzumalen. Aber in der Seele des
Leonardo da Vinci waren die Krafte, die gerade dieses Hochste, Bedeu-
tungsvollste zum Ausdruck bringen konnten. Deshalb wirken die
groften Kunstwerke so ungeheuer, weil sie tief verbunden sind mit dem
Sinn der Weltenordnung. In fruheren Zeiten waren die Kiinstler ver-
bunden mit dem Sinn der Weltenordnung in dumpfem Bewufttsein,
ohne daft sie es wuftten. Aber die Kunst wiirde ersterben, wiirde keine
Fortsetzung erhalten, wenn nicht in Zukunft die Geisteswissenschaft
als Wissen von diesen Dingen der Kunst eine neue Grundlage gabe.
Die unterbewuftte Kunst hat ihre Vergangenheit und mit ihrer Ver-
gangenheit ein Ende erreicht. Die Kunst, welche sich von der Geistes-
wissenschaft inspirieren laftt, steht im Beginn, im Anfang der Entwicke-
lung. Das ist die Kunst der Zukunft. So wahr es ist, daft der alte
Kiinstler nicht zu wissen brauchte, was den Kunstwerken zugrunde
liegt, so wahr ist es, daft es der zukiinftige Kiinstler wissen muft, aber
mit jenen Kraften, die wieder eine Art des Unendlichen darstellen, die
wieder etwas aus dem Vollinhaltlichen der Seele darstellen. Denn der
hat nicht die Geisteswissenschaft, der sie wieder zu einer Verstandes-
wissenschaft macht, der sie in Schemen und Paradigmen ausdriickt,
sondern der hat sie, der bei jedem Begriff, den wir entwickeln - Opfer,
schenkende Tugend, Resignation -, der bei jedem Worte etwas emp-
finden kann, was das Wort, was die Idee selbst zersprengen will, was
hochstens in die Vieldeutigkeit der Bilder ausflieften kann.
Schemen wird man hinstellen konnen, wenn man glaubt, die Ent-
wickelung der Welt vollziehe sich in abstrakten Begriffen. Es geht schon
nicht mehr gut mit Schemen, wenn man lebendige Begriffe, wie Opfe-
rung, schenkende Tugend und Resignation hinstellen will. Die drei
Logoi lassen sich in Schemen noch hinstellen, wo man sich unter Logoi
nicht viel mehr denkt als die fiinf Buchstaben. Wenn wir die Begriffe
Opfer, schenkende Tugend, Resignation vor uns hinstellen wollen, da
miissen wir schon solche Bilder vor uns hinmalen, wie wir sie die letzten
Male beschrieben haben: die opfernden Throne, die ihr Opfer hinauf-
senden zu den Cherubim, der sich verbreitende Opferrauch, die das
Licht zuriickwerfenden Erzengel und so weiter. Und wenn wir das
nachste Mai zum Mondendasein iibergehen, werden wir sehen, wie das
Bild reicher wird, wie tatsachlich etwas wird hinzutreten miissen wie
die Verflussigung der sich stauenden Wolkenmassen, die rieseln als
Mondenmassen, und das Dazutreten der zuckenden Blitze der Sera-
phim. Da miissen wir zu reicheren Vorstellungen iibergehen, gegeniiber
denen man sagen wird: Die Zukunft der Menschheit wird schon die
Moglichkeit finden, auch das kiinstlerische Material, die kiinstlerischen
Mittel herbeizuschaffen, um fur die auftere Welt zum Ausdruck zu
bringen, was sonst nur in der Akasha-Chronik zu lesen sein kann.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 21. November 1911
Ein schwieriges Kapitel unserer Weltanschauung haben wir nun so weit
gebracht, daft wir hinter den Erscheinungen der aufteren Sinneswelt
zum Teil erblicken gelernt haben Geistiges. Von solchen Erscheinungen,
die zunachst aufterlich wenig davon verraten, daft Geistiges in der eigen-
tumlichen Form, wie wir dieses Geistige in unserem eigenen Seelenleben
erfahren, dahintersteht, von solchen Erscheinungen haben wir erkannt,
daft dennoch geistige Betatigungen, geistige Qualitaten und Eigen-
schaften dahinterstehen. Was uns so zum Beispiel im gewohnlichen
Leben als warmehafte Eigenschaft erscheint, als Warme oder Feuer,
das erkannten wir als den Ausdruck des Opfers. In dem, was als Luft
uns entgegentritt und wieder zunachst so wenig verrat, wenigstens fur
unsere Begriffe, daft es geistig ist, darin erkannten wir dasjenige, was
wir die schenkende Tugend besonderer Weltenwesen nannten. Und im
Wasser haben wir das erkannt, was Resignation, Verzicht genannt
werden kann.
In friiheren Weltanschauungen - darauf sei nur nebenbei aufmerksam
gemacht - hat man natiirlich schon eher in dem aufteren Stofflichen das
Geistige geahnt und erkannt, wofur ein Beweis sein kann, daft man be-
sonders fliichtige Stoffe mit dem Worte «Spiritus» bezeichnet hat, das
wir heute in eigenschaftlicher Bedeutung anwenden auf das Geistige,
indem wir sagen «spirituell»; und in der aufteren Welt kann es ja vor-
kommen, daft die Menschen dieses «spirituell» noch so wenig auf das
Geistige beziehen, auf das Ubersinnliche, daft einmal, wie einzelnen
von Ihnen bekannt sein wird, als an einen Munchner Spiritistenverein
ein Brief adressiert worden ist und man nicht wuftte, was das ist, ein
Spiritistenverein, man diesen Brief dem Vorsitzenden des Zentralver-
bandes der Spirituosenhandler aushandigte.
Indem wir nun heute jenen bedeutungsvollen Obergang betrachten
wollen, der sich in der Evolution des Erdenplaneten vollzogen hat von
der alten Sonne zum alten Mond heriiber, werden wir eine andere Art
der Entwickelung des Geistigen ins Auge fassen miissen. Wir werden
aber ausgehen miissen von dem, was uns das letzte Mai entgegen-
getreten ist als der Verzicht. Da haben wir gesehen, daft dieser Ver-
zicht im wesentlichen darin besteht, daft geistig hochstehende Wesen-
heiten verzichteten auf die Entgegennahme des Opfers, was ja, wie wir
erkannt haben, im wesentlichen das Opfer des Willens oder der Wil-
lenssubstanz ist. Wenn wir uns dies so vorstellen, daft gewisse Wesen-
heiten das opfern wollen, was ihre Willenssubstanz ist, und ihnen
durch den Verzicht hoherer Wesenheiten sozusagen verweigert wird
die Entgegennahme dieses Willens, dann werden wir uns leicht zu
dem Begriff erheben konnen, daft dann jene Willenssubstanz, welche
die betreffenden Wesenheiten eigentlich hoheren geistigen Wesenhei-
ten opfern wollten, zuriickbleiben muft in den betreffenden Wesen-
heiten, welche opfern wollen und nicht opfern konnen. So sind uns
damit ohne weiteres im Weltenzusammenhange gegeben Wesenhei-
ten, welche bereit sind, ihr Opfer darzubringen, also in einer gewissen
Weise bereit sind, das, was in ihrem Inneren ruht, inbriinstig hinzu-
geben, aber es nicht konnen und daher in sich behalten miissen. Oder
anders ausgedriickt bedeutet es, daft diese Wesenheiten eine gewisse
Verbindung mit hoheren Wesenheiten, die sich ihnen ergeben hatte,
wenn sie hatten opfern diirfen, durch die Zuriickweisung des Opfers
nicht haben konnen.
In personifizierter, man mochte sagen, in weltgeschichtlich symbo-
lischer Weise tritt uns das entgegen, was wir dabei ins Auge fassen
sollen - aber es ist dort verscharft - in dem Kain, der dem Abel gegen-
iibersteht. Auch Kain will sein Opfer hinaufsenden zu seinem Gott.
Sein Opfer aber ist nicht wohlgefallig, und der Gott nimmt es nicht
auf. Das Opfer Abels nimmt er auf. Was wir dabei ins Auge fassen
wollen, ist das innere Erlebnis, das dabei zustande kommen kann,
daft Kain sein Opfer zuriickgewiesen findet. Wenn wir uns zu der
Hohe der Auffassung erheben wollen, die dabei in Betracht kommt,
so miissen wir uns klarmachen, daft wir bei den Regionen, von denen
wir hier sprechen, nicht solche Begriffe, die bloft eine Bedeutung in
unserem gewohnlichen Leben haben, hineinschleppen diirfen in die
hoheren Regionen. Es ware falsch, wenn man davon sprechen wiirde,
daft durch eine Schuld oder ein Unrecht die Zuriickweisung des Opfers
zustande kame. Von Schuld oder Siihne, wie wir sie in unserem
jetzigen gewohnlichen Leben kennen, darf in diesen Regionen noch
nicht die Rede sein. Wir miissen diese Wesenheiten vielmehr so be-
trachten, daft es von seiten der hoheren Wesenheiten, welche das
Opfer zuriickwiesen, ein Verzicht, eine Resignation ist. In dem, was
wir vor acht Tagen als Seelenstimmung charakterisierten, liegt nichts,
was Schuld oder Unterlassung ist, sondern es liegt darin alles Grofte
und Bedeutungsvolle, was in einem Verzicht, in einer Resignation lie-
gen kann. Das bleibt aber dabei doch bestehen, dafi die anderen We-
senheiten, welche das Opfer haben bringen wollen, in sich eine Stim-
mung erzeugen miissen, von der wir fiihlen konnen, dafi damit etwas
beginnt wie eine, wenn auch auEerordentlich leise Gegnerschaft gegen
jene Wesen, welche die Opfer zuriickweisen. Deshalb ist dies in bezug
auf Kain, wo es in einer spateren Zeit uns vorgefiihrt wird, in ver-
scharftem Mafie dargestellt. Wir werden daher nicht dieselbe Stim-
mung, die wir bei Kain finden, bei denjenigen Wesenheiten antreffen,
die sich von der Sonne zum Mond heriiberentwickeln; wir werden
diese Stimmung bei ihnen in einem anderen MaEe antreffen. Und wir
lernen die Stimmung, die sich da geltend macht, nur kennen, wenn
wir, wie wir es in den letzten Vortragen getan haben, wieder in un-
sere eigene Seele blicken und uns fragen, wo wir in der eigenen Seele
eine solche Stimmung finden konnen, welche Seelenverhaltnisse uns
andeuten konnen, wie die Stimmung ist, die sich entwickeln miiftte
in den Individualitaten, deren Opfergaben zuriickgewiesen worden
sind.
Diese Stimmung in uns - und wir kommen da immer naher und
naher dem irdischen Menschenleben -, die eigentlich jede Seele schon
kennt in ihrer Unbestimmtheit und zugleich in ihrer qualenden Weise
in der Art, die wir voll rechnen konnen zu dem, was am nachsten Don-
nerstage im offentlichen Vortrage «Die verborgenen Tiefen des Seelen-
lebens» zu besprechen sein wird - diese Stimmung, die jede Seele kennt
als waltend in den verborgenen Tiefen des Seelenlebens, sie dringt zu-
weilen herauf an die Oberflache unseres Seelenlebens; dann ist sie
vielleicht am wenigsten qualend. Aber wir Menschen gehen mit dieser
Stimmung oftmals herum, ohne daft wir uns derselben in unserem
Oberbewufttsein recht klar bewuftt sind, und wir haben sie doch in
uns. Man mochte an das Dichterwort erinnern, um so recht das unbe-
stimmt Qualerische, das mit der Nuance des Schmerzes Verbundene
daran hervorzuheben: «Nur wer die Sehnsucht kennt, weift, was ich
leide.» Gemeint ist die Sehnsucht als Seelenstimmung, Sehnsucht, wie
sie lebt in den Seelen der Menschen - nicht nur dann, wenn sie dieses
oder jenes anstreben.
Um uns hineinzuversetzen in das, was geistig in der Entwickelungs-
phase des alten Saturn und der Sonne vorging, war notwendig, daft
wir zu besonderen Seelenzustanden unseren Blick erhoben, die sozu-
sagen erst eintreten, wenn die menschliche Seele strebend wird, wenn
sie sich hinauforganisiert zu einem hoheren Streben. Das haben wir
gesehen, als wir versuchten, uns die Natur des Opfers aus unserem
eigenen Seelenleben heraus klarzumachen, versuchten, uns klarzuma-
chen, was der Mensch erlangt als Weisheit, die wir hineintraufeln
sehen und die entsteht aus dem, was man nennen konnte: Bereitschaft
zu geben, bereit sein dazu, sich selber sozusagen hinzugeben. Indem
wir so zu mehr irdischen Verhaltnissen heraufkommen, die sich aus
fruheren entwickelt haben, treffen wir eine Seelenstimmung, die ahn-
lich ist manchem, was der Mensch heute noch erleben kann. Nur miis-
sen wir uns klar sein, daft alles Leben unserer Seele, insofern unsere
Seele in einen Erdenleib eingefiigt ist, als eine obere Schicht liegt iiber
einem verborgenen Seelenleben, das unten in den Tiefen ablauft. Wer
sollte denn nicht wissen, daft es ein solches verborgenes Seelenleben
gibt? Das Leben belehrt uns hinlanglich dariiber, daft es ein solches
gibt.
Nehmen wir nun einmal an, um uns etwas von diesem verborgenen
Seelenleben klarzumachen, ein Kind habe vielleicht in seinem sieben-
ten oder achten Jahre oder in einer anderen Lebenszeit dieses oder
jenes erfahren; es habe zum Beispiel erfahren, wofiir Kinder sehr hau-
fig ganz besonders empfanglich sind, Ungerechtigkeit - Ungerechtig-
keit, indem es beschuldigt wurde, dies oder jenes getan zu haben, was
es in Wahrheit nicht getan hat, aber die Bequemlichkeit der Umge-
bung des Kindes habe, um wenigstens mit der Sache fertigzuwerden,
das Kind beschuldigt, dies oder jenes getan zu haben. Kinder haben ein
ganz besonders reges Empfinden dafiir, wenn ihnen in dieser Weise
eine Ungerechtigkeit zugefugt wird. Aber, wie das Leben nun ist,
nachdem sich dieses Erlebnis tief eingefressen hat in das kindliche Le-
ben, legt das spatere Leben die anderen Schichten des Seelendaseins
dariiber, und das Kind hat fur alles, was das Alltagsleben betrifft, die
Sache vergessen. Es konnte nun auch sein, daft eine solche Sache nie-
mals wieder auftauchen wiirde. Aber nehmen wir jetzt an: im fiinf-
zehnten, sechzehnten Jahre erfahrt das Kind, sagen wir in der Schule,
eine neue Ungerechtigkeit. Und jetzt wird das wirksam, was sonst tief
unten in der wogenden Seele ruht. Das Kind braucht es gar nicht ein-
mal zu wissen, kann sich ganz andere Vorstellungen und Begriffe bil-
den, als zu wissen, daft heraufwirkt eine Reminiszenz dessen, was es in
friiheren Jahren erlebt hat. Ware das aber, was friiher vorgegangen
ist, nicht geschehen, so wiirde es, wenn zum Beispiel das Kind ein
Junge ist, nach Hause gehen, ein biftchen weinen, vielleicht auch ein
biftchen schimpfen, es wiirde aber dariiber hinweggehen. So aber ist
jenes friihere Ereignis geschehen - und ich betone ausdrucklich, daft
das Kind nicht zu wissen braucht, was da vorgekommen ist -, und
das wirkt, wirkt unter der Oberflache des Seelenlebens, wie unter dem
glatt ausschauenden Meeresspiegel die Wogen aufgeriihrt werden kon-
nen. Und aus dem, was sonst vielleicht ein Weinen, ein Klagen oder
ein Schimpfen geworden ware, wird nun ein Schiilerselbstmord! So
spielen die verborgenen Tiefen des Seelenlebens herauf aus den Unter-
griinden. Und die wichtigste Kraft, die da unten waltet, die bei jeder
Seele waltet und zuweilen herauf dringt in ihrer ureigenen Gestalt,
aber am bedeutsamsten ist, wenn sie so heraufdringt, daft sich der
Mensch ihrer nicht bewuftt ist, das ist die Sehnsucht. Wir kennen auch
die Namen, welche diese Kraft fur die auftere Welt hat, die aber doch
nur metaphorische, unbestimmte Namen sind, weil sie Beziehungen
ausdriicken, die kompliziert sind und so uberhaupt nicht ins Bewuftt-
sein heraufkommen.
Nehmen Sie eine Erscheinung, die Sie alle sattsam kennen - der
Stadtmensch vielleicht weniger, aber er hat sie doch bei anderen er-
fahren -, eine Erscheinung, die man mit «Heimweh» bezeichnet. Wenn
Sie nachgehen wiirden, was das Heimweh in Wirklichkeit ist, so wiir-
den Sie sehen, daft es im Grunde genommen bei jedem Menschen ein
anderes ist. Bald ist es so, bald so. Bald sehnt sich der Betreffende
nach den traulichen Erzahlungen, die er im Elternhause gehort hat; er
weift nicht, daft er sich nach Hause sehnt; was in ihm lebt, ist ein un-
bestimmter Drang, ein unbestimmtes Wollen. Ein anderer sehnt sich
nach seinen Bergen oder nach dem Fluft, an dem er so oft gespielt hat,
wenn vor ihm Wogen spielten. Was da wirkt in der Seele, dessen ist
sich der Mensch oft wenig bewuftt, aber wir fassen alle diese verschie-
denen Eigenschaften zusammen unter dem «Heimweh», etwas aus-
driickend, was unter tausendfaltiger Verschiedenheit spielen kann, und
was doch am besten getroffen ist, wenn wir sie als eine Art Sehn-
sucht kennzeichnen. Noch viel unbestimmter sind die Sehnsuchten,
die vielleicht als die qualendsten im Leben hervortreten. Der Mensch
ist sich nicht bewuftt, daft es die Sehnsucht ist, aber sie ist es doch. -
Aber was ist diese Sehnsucht? Wir haben es eben ausgesprochen, daft
sie eine Art von Wille ist, und iiberall, wo wir die Sehnsucht priifen,
konnen wir sehen, daft es eine Art von Wille ist. Aber was fur ein
Wille? Es ist ein Wille, der so, wie er zunachst ist, nicht befriedigt
werden kann, denn wird er befriedigt, so hort die Sehnsucht auf. Ein
sich nicht ausleben konnender Wille ist es, was wir als Sehnsucht be-
zeichnen.
So etwas miissen wir als Stimmung bei denjenigen Wesenheiten be-
zeichnen, deren Opfer zuriickgewiesen worden ist. Was wir in den
Tiefen unseres Seelenlebens wahrnehmen konnen als Sehnsucht, das ist
uns geblieben als ein Erbstiick von jenen alten Zeiten, von denen wir
jetzt sprechen. Wie wir anderes als Erbstucke der alten Entwicke-
lungsstadien haben, so sind uns geblieben von der Entwickelungsphase,
von der wir hier sprechen, alle Arten von Sehnsucht, die auf dem
Grunde der Seele sich finden, alle Arten von nicht zu befriedigendem
Willen, von zuriickgehaltenem Willen. So haben wir uns auch zu den-
ken, daft durch das Zuriickweisen des Opfers wahrend dieser Entwicke-
lungsphase Wesen entstehen, die wir nennen konnen: Wesen mit zu-
riickgehaltenem Willen. Dadurch, daft sie diesen zuriickgehaltenen
Willen in sich haben muftten, waren sie in einer ganz besonderen Lage.
Und man muft sich wieder in eigene Seelenzustande versetzen - denn
die Gedanken erreichen kaum diese Zustande -, wenn man diese Dinge
nachfiihlen, nachempfinden will.
Das Wesen, das seinen Willen hinopfern kann, geht auf in gewisser
Beziehung in dem anderen Wesen. Auch das kann man fiihlen im
Menschenleben, wie man lebt und webt in einem Wesen, dem man
Opfer bringt, wie man sich befriedigt und gliicklich fiihlt, wenn man
dem Wesen gegeniiberstehen kann, dem man Opfer bringt. Und weil
wir hier sprechen von der Opferung an hohere Wesen, an umfassen-
dere, universelle Wesenheiten, zu denen hinaufzuschauen die opfern-
den Wesen als ihre hochste Seligkeit empfinden miissen, so kann, was
da zuriickbleibt als zuriickgehaltene Willenssehnsucht, nimmermehr
dasselbe sein an innerer Stimmung, an innerem Seelengehalt als das,
was sie erleben konnten, wenn sie opfern diirften. Denn wenn sie opfern
diirften, ware das Opfer bei den anderen Wesen. Wir dlirfen gleichsam
den Vergleich gebrauchen: wenn die Erden- und die anderen Planeten-
wesen der Sonne opfern diirften, dann waren sie bei der Sonne. Wenn
sie nicht der Sonne opfern diirften, wenn sie zuriickhalten miiftten, was
sie sonst opfern konnten, dann sind sie bei sich selber, sind in sich
selber zuriickgedrangt.
Wenn wir das fassen, was jetzt eben mit einem Worte ausgesprochen
ist, dann merken wir, daft da etwas ins Weltall hineinkommt. Fassen
Sie es klar, daft es nicht anders ausgesprochen werden kann: die We-
sen, die einem anderen Wesen opfern, das in ihnen alien lebt, die hin-
gegeben waren an ein Universelles, sie sind jetzt, wenn das Opfer nicht
angenommen wird, darauf angewiesen, es selbst in sich zu tragen. Spii-
ren Sie nicht, daft da etwas hereinblitzt, was man Egoitat nennt, was
spater als Egoismus in alien Formen herauskommt? In dieser Weise ins
Auge gefaftt, muft man fiihlen, was spater - sozusagen in die Entwicke-
lung hineingegossen - als ein Erbstiick nachlebt in den Wesen. Mit der
Sehnsucht sehen wir den Egoismus aufblitzen, zunachst in der
schwachsten Gestalt, aber wir sehen ihn sich hineinschleichen in die
Weltentwickelung. Und so sehen wir, wie die Wesen, die also der
Sehnsucht, das heiftt sich selbst, ihrer Egoitat, sich hingeben, in einer
gewissen Beziehung verdammt werden zur Einseitigkeit, zum bloften
Leben nur in sich selber, wenn nicht etwas anderes eintreten wiirde.
Stellen wir uns einmal ein Wesen vor, das opfern darf: das lebt in
dem anderen Wesen, und es lebt immer in dem anderen. Ein Wesen,
das nicht opfern darf, kann nur in sich selber leben. Dadurch ist es
ausgeschlossen von dem, was es in den anderen und in diesem Falle in
den hoheren Wesen erleben diirfte. Ausgeschlossen von der Evolution
wiirden schon an dieser Stelle die entsprechenden Wesen, in die Ein-
seitigkeit hineinverdammt und -verbannt, wenn nicht etwas eintrate,
was da in die Entwickelung hineinfallt und was die Einseitigkeit hin-
wegbewegen will. Das ist das Eintreten neuer Wesenheiten, welche die
Verdammung und Verbannung in die Einseitigkeit hintanhalten. Wie
auf dem Saturn Willenswesen, wie auf der Sonne Weisheitswesen, so
sehen wir auf dem Monde die Geister der Bewegung auftreten, wobei
wir aber nicht raumliche Bewegung uns vorzustellen haben, sondern
wobei wir «Bewegung» so fassen miissen, daft sie einen mehr gedank-
lichen Charakter tragt. Jeder kennt den Ausdruck «Denkbewegung»,
obwohl das nur der Ablauf, die Fliissigkeit der eigenen Gedanken ist;
aber daraus schon werden Sie sehen, daft, wenn wir uns einen umfas-
senderen Begriff der Bewegung aneignen wollen, wir zur Erklarung
der Bewegung zu etwas anderem als der bloften Ortsbewegung, die nur
eine einzelne Gattung der gesamten Bewegung darstellt, greifen miis-
sen. Wenn viele Menschen einem hoheren Wesen hingegeben sind, das
sich gleichsam in ihnen alien ausdriickt, weil es von ihnen alien Opfer
entgegennimmt, so leben alle diese Vielen in dem Einen und sind darin
befriedigt. Wenn aber die Opfer zuruckgewiesen werden, so leben die
Vielen in sich selber und konnen nicht befriedigt werden. Da treten die
Geister der Bewegung ein und fiihren gleichsam die Wesen, welche
sonst nur auf sich angewiesen waren, zu alien anderen Wesenheiten in
einer gewissen Weise hin, bringen sie zu den anderen in eine Bezie-
hung. Die Geister der Bewegung sind zunachst nicht nur als ortsver-
andernde Wesen zu denken, sondern sie sind solche Wesen, die etwas
hervorbringen, wodurch ein Wesen in immer neue Beziehungen zu an-
deren Wesen tritt.
Man kann sich eine Vorstellung machen von dem, was jetzt damit
auf dieser Stufe im Kosmos erlangt ist, wenn man wieder auf eine
entsprechende Seelenstimmung reflektiert. Wer weift nicht, daft die
Sehnsucht im Menschen, wenn sie anhalt, bleibt, keine Veranderung er-
leben darf - wer weift nicht, wie qualend es wird und den Menschen in
einen Zustand bannt, der ihm unertraglich wird, der dann bei den
flachkdpfigen Menschen zu dem wird, was man «Langeweile» nennt.
Aber von dieser Langeweile, die man gewohnlich nur den flachkopfi-
gen Menschen zuschreiben kann, gibt es alle moglichen Zwischenstufen
bis zu denen, welche den groften, edlen Naturen eigen sind, in denen
das lebt, was ihre eigene Natur als Sehnsucht ausdruckt, und was nicht
befriedigt werden kann in der aufteren Welt. Und wodurch wird die
Sehnsucht mehr befriedigt als durch Veranderung? Der Beweis dafiir ist,
daft die Wesen, die diese Sehnsucht fiihlen, Beziehungen suchen zu im-
mer neuen und neuen Wesenheiten. Die Qual der Sehnsucht wird oft
uberwunden durch das, was veranderte Beziehungen sind zu immer
neuen Wesenheiten.
Da sehen wir, als die Erde ihre Mondenphase durchmacht, wie die
Geister der Bewegung in das Leben der sich sehnenden Wesen, die
sonst veroden wiirden - und Langeweile ist auch eine Art von Ver-
odung -, die Veranderung, die Bewegung hineinbringen, die Beziehung
zu immer neuen und neuen Wesenheiten oder zu immer neuen und
neuen Zustanden. Die raumliche, ortliche Bewegung ist nur eine Gat-
tung dieser umfassenderen Bewegung, von der wir jetzt gesprochen
haben. Eine Bewegung haben wir, wenn wir in der Lage sind, am Mor-
gen einen bestimmten Gedankeninhalt in der Seele zu haben, diesen
aber nicht zu behalten brauchen, sondern zu anderem iibergehen kon-
nen. Da iiberwinden wir die Einseitigkeit in der Sehnsucht durch die
Mannigfaltigkeit, durch die Veranderung und die Bewegung des Erleb-
ten. Im Raume drauften haben wir nur eine besondere Art dieser Ver-
anderung.
Denken wir uns dazu einen Planeten, der einer Sonne gegeniiber-
steht. Wiirde er immer in derselben Stellung gegentiber der Sonne sein,
wiirde er sich nicht bewegen, so wiirde er bei jener Einseitigkeit blei-
ben, die sich nur ergeben kann, indem er eben nur immer die eine Seite
der Sonne zuwendet. Da kommen die Geister der Bewegung, fiihren
den Planeten um die Sonne herum, um Veranderung hineinzubringen
in seinen Zustand. Ortsveranderung ist nur eine Art der Veranderung
iiberhaupt. Und indem die Geister der Bewegung die Ortsveranderung
hineinbringen in den Kosmos, bringen sie nur ein Spezifikum hinein
in das, was die Bewegung im allgemeinen ist.
Dadurch aber, daft die Geister der Bewegung in das Weltall, wie
wir es bisher kennengelernt haben, die Bewegung und die Veranderung
hineinbringen, mufi noch etwas anderes hineinkommen. Wir haben
gesehen, daft in dieser Evolution, in der ganzen kosmischen Mannig-
faltigkeit, die sich da heraufentwickelt als die Geister der Bewegung,
Geister der Personlichkeit, Geister der Weisheit, des Willens und so
weiter, auch das Substantielle lebt, was wir genannt haben «schenkende
Tugend», das Hinflieften desjenigen, was als Weisheit ausgestrahlt
wird und als Geistiges der Luft, der Gasstromung zugrunde liegt. Das
flieftt nun mit dem in Sehnsucht umgestalteten Willen zusammen und
wird in diesen Wesenheiten das, was der Mensch nun kennt - noch
nicht als Gedanken, sondern als Bild. Am besten vergegenwartigen wir
uns das an dem Bilde, das der Mensch hat, wenn er traumt. Das fliich-
tige, fliissige Bild des Traumes kann eine Vorstellung hervorrufen von
dem, was bei einem Wesen geschieht, in dem der Wille als Sehnsucht
lebt und von den Geistern der Bewegung in eine Beziehung zu ande-
ren Wesen gefiihrt wird. Und indem es zu dem anderen Wesen ge-
bracht wird, kann es ja nicht ganz sich hingeben, da die eigene Egoitat
in ihm lebt. Aber es kann das fliichtige Bild des anderen aufnehmen,
das lebt wie ein Traumbild in ihm. Daher das, was wir nennen konnen
das Auffluten von Bildern in der Seele. Das Aufsteigen des Bilderbe-
wufttseins sehen wir wahrend dieser Phase der Entwickelung herauf-
kommen. Und indem wir Menschen selber noch ohne unser heutiges
Erden-Ich-Bewufttsein diese Phase der Entwickelung durchgemacht ha-
ben, miissen wir uns vorstellen, daft wir wahrend dieser Entwicke-
lungsphase dasjenige, was wir heute durch unser Ich erlangen, noch
nicht haben, daft wir da wesen und weben im Weltall, indem in uns
etwas lebt, was wir uns heute nur vergegenwartigen konnen, wenn wir
die Sehnsucht kennen.
Wir konnten in einer gewissen Weise, wenn wir nicht solche Lei-
denszustande ins Auge fassen, wie es die irdischen sind, uns vorstellen,
daft sie gar nicht anders sein konnten als, wie das Dichterwort sagt:
«Nur wer die Sehnsucht kennt, weifi was ich leide.» In gewisser Weise
kommt Leid, Schmerz, in seiner seelischen Gestalt natiirlich, in der da-
maligen Zeit auch in unsere Wesenheiten und in die Wesenheiten ande-
rer Wesen hinein, die mit unserer Evolution verbunden sind. Und er-
fiillt wird durch die Tatigkeit der Geister der Bewegung das sonst
leerbleibende Innere, das von Sehnsucht leidende Innere mit dem Bal-
sam, der in Form von Bildern hinein sich ergiefit in diese Wesenheiten.
Sonst waren diese Wesenheiten leer in ihrer Seele, leer von jeglichem
anderen, was nicht Sehnsucht zu nennen ware. Aber hinein traufelt der
Balsam der Bilder, welche die Ode und Leerheit mit Mannigfaltigkeit
ausfullen und die Wesen so hinwegfiihren uber das Verbannt- und Ver-
dammtsein.
Wenn wir solche Worte ernst nehmen, haben wir zu gleicher Zeit
das, was geistig zugrunde liegt dem, was sich wahrend der Mond-
phase unserer Erde entwickelt hat und was wir jetzt, weil sich dar-
iibergelagert hat die Erdenphase unseres Wesens, in den tiefen Unter-
griinden unseres Bewulkseins haben. Aber wir haben es - und in einer
popularen Weise soli das iibermorgen im offentlichen Vortrage gezeigt
werden - so in den Untergriinden unserer Seele, daft es, wie das, was
unten wirbelt unter der Oberflache des Meeres und nach oben Wellen
treibt, sich abspielen kann, ohne dafi man weifi, was die Griinde dessen
sind, was dann ins Bewulksein eintritt. Unter der Oberflache unseres
gewohnlichen Ich-Bewufitseins haben wir ein solches Seelenleben, das
da heraufspielen kann. Und was sagt dieses Seelenleben dem Men-
schen, wenn es heraufspielt? Wenn wir ins Auge fassen den kosmischen
Untergrund dieses unterbewulken Seelenlebens, so konnen wir sagen:
Das Seelenleben, das wir so heraufkommen spiiren aus seelischen Un-
tergriinden, ist ein Heraufschlagen dessen, was sich da aus der Monden-
phase der Entwickelung hineinbewegt hat in das, was wahrend der
Erdenphase selbst in uns hineingekommen ist. Und wenn wir so recht
ins Auge fassen das Zusammenspiel der Mondennatur mit unserer Er-
dennatur, dann haben wir den eigentlichen Grund dessen, was von
dem alten Monde geistig herubergefuhrt hat zum Erdendasein.
Fassen Sie ins Auge, dafi es, wie wir es charakterisiert haben, not-
wendig war, daft immer Bilder auftauchen mufken, die eine Ode zu
befriedigen hatten. Dann kommt Ihnen ein Begriff von einem schwe-
ren Gewicht, von einer groften Bedeutung: die sehnende Menschen-
seele in ihrer sehnsuchtvollen, qualenden Leerheit, die diese Sehnsucht
befriedigt oder harmonisiert erhalt durch das Hereinspielen von Bil-
dern, die wiederum nur an die Stelle von anderen Bildern treten kon-
nen. Und wenn die Bilder da sind und eine Weile dagewesen sind,
dann dammert sie wieder auf aus den Untergriinden, die aite Sehn-
sucht, und nach neuen Bildern fiihren sie die Geister der Bewegung.
Und sind die neuen Bilder wieder eine Weile dagewesen, so schlagt
die Sehnsucht wieder an nach neuen Bildern. Und das gewichtige Wort
miissen wir aussprechen in bezug auf solches Seelenleben: Wenn die
Sehnsucht nur befriedigt wird durch Bilder, welche neuen Bildern
nachjagen, so ist das die fortflieftende Unendlichkeit ohne Ende. Da
hinein kann nur das kommen, was kommen mufi, wenn an die Stelle
der in die Unendlichkeit fortflieftenden Bilder etwas tritt, was die
Sehnsucht erlosen kann durch etwas anderes als bloft durch Bilder,
namlich durch Realitaten. Das heiftt mit anderen Worten: diejenige
planetarische Verkorperung unserer Erde, in der wir durchgemacht
haben die Phase, daft die Bilder, die herbeigefuhrt werden durch die
Tatigkeit der Geister der Bewegung, die Befriedigung der Sehnsucht
sind, sie muft abgelost werden von derjenigen planetarischen Phase der
Erdenverkorperungen, welche wir die Phase der Erlosung nennen miis-
sen. Und wir werden noch sehen, daft die Erde der «Planet der Erlo-
sung» zu nennen ist, wie wir die vorherige Verkorperung der Erde, das
Mondendasein, den «Planeten der Sehnsucht» nennen konnen, der
zwar zu stillenden Sehnsucht, die aber in der Stillung in eine nie en-
dende Unendlichkeit auslauft. Und wahrend wir leben im Erdenbe-
wufttsein - das uns, wie wir gesehen haben, durch das Mysterium von
Golgatha die Erlosung bringt -, steigt herauf wahrend dieses Lebens
aus den Untergriinden unserer Seele das, was fortwahrend nach Erlo-
sung verlangt. Es ist, wie wenn wir oben die Wellen des gewohnlichen
Bewufttseins hatten, und unten in den Tiefen des Meeres des Seelen-
lebens lebt der Untergrund unserer Seele als Sehnsucht, als etwas, was
da immer herauf will nach dem Vollbringen des Opfers, zu dem uni-
versellen Wesen, das auf einmal die Begierde befriedigt, nicht in der
unendlichen Aufeinanderfolge der Bilder, sondern auf einmal gibt die
Befriedigung.
Der Erdenmensch fiihlt schon diese Stimmungen - und sie sind die
allerallerbesten, wenn er sie eben fiihlt. Und diejenigen Erdenmen-
schen, die in unserer Zeit ganz gemaft unserem besonderen Zeitalter
diese Sehnsucht ftihlen, sie sind im Grunde die, welche zu unserer gei-
steswissenschaftlichen Bewegung kommen. Da lernen die Menschen
erkennen im Leben draufien alles, was sie in den Einzelheiten befrie-
digt fiir ihr gewohnliches, oberes Bewufksein; aber da schlagt dann
herauf aus dem Unterbewufksein das, was in seinen Einzelheiten nie
befriedigt werden kann, was nach dem zentralen Grunde des Lebens
verlangt. Und dieser zentrale Grund kann nur dadurch gegeben wer-
den, daft wir eine universelle Wissenschaft haben, die sich nicht nur mit
den Einzelheiten, sondern mit der Gesamtheit des Lebens beschaftigt.
Dem, was in den Tiefen der Seele spielt und in das Oberbewufttsein
heraufgeholt werden will, mufi im Sinne unserer heutigen Zeit entge-
genkommen die Beschaftigung mit dem universellen Dasein, das in
der Welt lebt, denn sonst spielt aus den Untergriinden der Seele herauf
das, was sich sehnt nach etwas, das es nie erreichen kann.
In diesem Sinne ist die Geisteswissenschaft ein Entgegenkommen
jenen Sehnsuchten, die in den Untergriinden der Seele leben. Und weil
alles, was spater in der Welt geschieht, seine Vorspiele hat, brauchen
wir uns nicht zu verwundern iiber einen Menschen - der, wenn er etwa
im heutigen Zeitalter lebte, durch die spirituelle Wissenschaft nach Be-
friedigung fiir die Macht der Sehnsucht in seiner Seele verlangen
wiirde -, wenn ihm zunachst gar nicht bewufke Seelenkrafte, die wie
Sehnsuchten sind, ihn verzehren konnten. Da er in einem friiheren
Zeitalter lebte, in dem es diese spirituelle Weisheit nicht gegeben hat
und er sie deshalb noch nicht haben konnte, so ist es, wie wenn er sich
verzehren wiirde nach ihr, ein immerwahrendes Verlangen haben
wiirde nach ihr und das Leben nicht begreifen konnte - gerade weil er
ein hervorragend grofier Geist ist. Wahrend heute hereintraufeln konnte
in seine Seele etwas, was die Sehnsucht nach Bildern, welche nur die
C3de iibertonen konnen, stillen wiirde, sehnte er sich nach Aufhoren
dieses Bilderjagens, und er sehnte sich um so mehr danach, je mach-
tiger dieses Bilderjagen war! Und kann uns, so wie es jetzt ausge-
sprochen ist, die Stimme dieses Menschen nicht erscheinen als eine
AuEerung eines Geistes, der in einer Zeit lebt, in welcher er diese spiri-
tuelle Weisheit, die sich hineingiefit wie Balsam in die Sehnsucht der
Seele, noch nicht haben kann, wenn wir horen, wie er einem anderen
schreibt:
«Wer wollte auf dieser Welt glucklich sein. Pfui, schame dich,
mdcht' ich fast sagen, wenn du es willst! Welch eine Kurzsichtigkeit,
o du edler Mensch, gehort dazu, hier, wo alles mit dem Tode endigt,
nach etwas zu streben. Wir begegnen uns, drei Fruhlinge lieben wir
uns: und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander. Und was ist
des Strebens wiirdig, wenn es die Liebe nicht ist! Ach, es mufi noch
etwas anderes geben als Liebe, Gliick, Ruhm und x, y, z, wovon unsre
Seelen nichts traumen.
Es kann kein boser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht; es
ist ein bloft unbegriffener! Lacheln wir nicht auch, wenn die Kinder
weinen? Denke nur, diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeit-
raumen, jedweder ein Leben, und fur jedweden eine Erscheinung wie
diese Welt! Wie doch das kleine Sternchen heiEen mag, das man auf
dem Sirius, wenn der Himmel klar ist, sieht? Und dieses ganze unge-
heure Firmament nur ein Staubchen gegen die Unendlichkeit! O Riihle,
sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblattern, wenn
wir abends auf dem Riicken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen rei-
cher, als Gedanken fassen, und Worte sagen konnen. Komm, lafi uns
etwas Gutes tun und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir
schon gestorben sind und noch sterben werden. Es ist, als ob wir aus
einem Zimmer in das andere gehen. Sieh, die Welt kommt mir vor wie
eingeschachtelt, das kleine ist dem grofien ahnlich!» Aus einem Briefe
Heinrich von Kleists aus dem Jahre 1806.
So drangt die Sehnsucht, die er in solche Worte fassen konnte, einen
Geist, an einen Freund zu schreiben - ein Geist, der noch nicht eine
Befriedigung dieser Sehnsucht finden konnte durch das, was, wenn sie
nur mit energischem Verstandnis an die Geisteswissenschaft herantritt,
die moderne Seele finden kann. Denn dieser Geist ist der, welcher
jetzt vor hundert Jahren seinem Leben ein Ende machte, indem er zu-
erst seine Freundin Henriette Vogel und dann sich selbst erschoft, und
der in jenem einsamen Grabe am Wannsee ruht, das sich vor hundert
Jahren iiber seiner Hiille geschlossen hat.
Es ist eine sonderbare Fiigung, man mochte sagen des Karma, daft
wir iiber die Stimmung, die uns am allerbesten das charakterisieren
kann, was wir zu fassen versuchen, wenn wir sprechen von dem Zu-
sammenwirken der zuriickgehaltenen Willensopfer in der Sehnsucht,
der Befriedigung dieser Sehnsucht, die allein kommen konnte von den
Geistern der Bewegung, und dem Drange nach einer endgiiltigen Be-
friedigung, wie sie nur kommen konnte auf dem Planeten der Erlo-
sung - es ist ein sonderbarer karmischer Zusammenschluft, daft wir
nach unserem ganz gewohnlichen Programm gerade an einem Tage
hier dariiber sprechen muftten, der uns erinnern kann, wie ein Geist
die unbestimmte Sehnsucht in den allerhochsten Worten zum Aus-
druck bringen konnte und sie endlich umgegossen hat in die allertra-
gischste Tat, welche die Sehnsucht verkorpern konnte. Und wie konn-
ten wir verkennen, daft dieser Geist in seiner Ganzheit, wie er vor uns
stent, eigentlich eine lebendige Verkorperung dessen ist, was unten in
der Seele lebt, was wir zuriickfiihren miissen auf ein Anderes noch
als auf das Erdendasein, wenn wir es erkennen wollen? Hat uns
Heinrich von Kleist nicht am bedeutsamsten geschildert, was in einem
Menschen leben kann — wie Sie gleich auf den ersten Seiten von «Die
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» geschildert fin-
den - von dem, was iiber ihn selbst hinausgeht, ihn treibt, und was er
erst spater einsehen kann, wenn er nicht vorher seinen Lebensfaden
unterbricht?
Denken wir an seine «Penthesilea» : Wie viel mehr ist in Penthesilea,
als sie mit ihrem Erdenbewufttsein umspannen kann! Wir konnten sie
in ihrer ganzen Eigenartigkeit gar nicht begreifen, wenn wir nicht an-
nehmen wiirden, ihre Seele sei unendlich viel weiter als die enge kleine
Seele, die sie - wenn sie auch eine grofte ist - mit ihrem Erdenbe-
wufttsein umspannt. Daher muft eine Situation hineinspielen, die
kunstlich das Unterbewuftte in das Drama hineinbringt. Ja, es muft
sogar verhindert werden, daft der ganze Vorgang, wie Kleist sie an
Achill heranfiihrt, mit dem Oberbewufttsein zu iiberschauen ware,
sonst wiirden wir die ganze Tragik nicht erleben konnen. Penthesilea
wird als Gefangene zu Achill gefiihrt, aber es wird ihr vorgegaukelt,
daft er ihr Gefangener ist. Daher ist es «ihr» Achill. - Es mu!5 das,
was im Oberbewufttsein lebt, in das Nichtbewuftte hineingetaucht
werden.
Und wie spielt wieder dieses Unterbewuftte hinein in eine Hand-
lung wie zum Beispiel «Das Kathchen von Heilbronn», besonders in
der merkwurdigen Beziehung zwischen dem Kathchen und dem Wetter
vom Strahl, die sich nicht abspielt im Oberbewufttsein, sondern in den
tieferen Schichten der Seele, wo die Krafte sind, von denen der Mensch
nichts weift, die von einem zum anderen gehen. Wenn wir das vor uns
haben, spiiren wir das Geistige, das in den gewohnlichen Gravitations-
und Attraktionskraften der Welt liegt. Fiihlen Sie das, was in den
Kraften der Welt liegt, zum Beispiel in der Szene, wo Kathchen ihrem
Angebeteten gegeniibersteht, wo wir sehen, was in dem Unterbe-
wufttsein lebt und wie es verwandt ist dem, was drauften in der Welt
lebt, und was man mit dem nuchternen trockenen Worte «Anziehungs-
krafte - und so weiter - der Planeten» belegt? Doch hineintauchen in
dieses Unterbewufttsein konnte auch ein durchdringender und stre-
bender Geist vor hundert Jahren noch nicht. Heute mufi es geschehen.
Und in ganz anderer Weise steht daher heute die Tragik eines «Prin-
zen von Homburg» vor uns. Ich mochte wissen, wie die Abstraktlinge,
die alles, was der Mensch vollbringt, nur ableiten wollen aus dem Ver-
stande, eine Figur erklaren wollen, wie es der Prinz von Homburg ist,
der alle seine groften Taten in einer Art Traumzustand ausfiihrt, auch
die, welche zuletzt zum Siege fiihrt. Und klar weist Kleist darauf hin,
daft er aus seinem Oberbewufttsein heraus gar nicht den Sieg erlangen
konnte, daft er auch nach seinem Oberbewufttsein nicht einmal ein
ganz besonders grofter Mensch ist, denn er wimmert nachher vor dem
Tode. Und als durch einen besonderen Willensimpuls das, was in den
Tiefen der Seele lebt, heraufgeholt wird, erst da ermannt er sich.
Was als ein Erbstiick dem Menschen aus dem Mondenbewufttsein
geblieben ist, das ist etwas, was nicht heraufgebracht werden darf
durch die abstrakte Wissenschaft, was aber heraufgebracht werden
mujl durch die vielseitigen, subtilen und mit allseitig weichen Kontu-
ren die geistigen Dinge angreifenden Begriffe, die die Geisteswissen-
schaft bringt. Das Groftte bindet sich an das Mittlere und bindet sich
an das Gewohnliche.
So sehen wir ein, daft die Geisteswissenschaft uns zeigt, wie die Zu-
stande, welche wir heute in der Seele erleben, sich heranbilden im
Kosmos, im Weltall. Wir sehen aber auch ein, wie das, was wir in der
Seele erleben, uns einzig und allein einen Begriff verschaffen kann von
dem, was geistig in den Untergriinden der Dinge ist. Wir sehen aber
auch, wie unsere Zeit herankommen muftte, um das zu befriedigen,
was ersehnt worden ist in der Zeit, die der unsrigen vorangegangen ist,
wie die Menschen begehrt haben nach dem, was unsere Zeit erst geben
kann. Und eine Art der Verehrung fur solche Menschen, die sich nicht
zurechtfinden konnten in der Vorzeit gegeniiber dem, was ihr Herz
begehrte und was die Welt ihnen nicht geben konnte, eine gewisse Ver-
ehrung fur solche Menschen kann auch darin bestehen, daft wir uns
erinnern, wie alles menschliche Leben zusammengehort und wie der
heutige Mensch sein Leben widmen kann jenen geistigen Bewegungen,
welche die Menschen - das zeigen uns ihre Schicksale - lange schon
gebraucht hatten.
So darf gewissermaften auf die Geisteswissenschaft als eine Bringerin
der Erlosung der Menschensehnsucht hingewiesen werden an einem
Tage, der als der Jahrhunderttag des tragischen Todes eines dieser sehn-
siichtigsten Menschen sehr wohl daran erinnern kann, wie das, was die
Geisteswissenschaft geben kann, von den Menschen stiirmisch, aber
auch wehmiitig seit langen Zeiten schon verlangt worden ist. Das ist ein
Gedanke, den wir fassen konnen, und der vielleicht auch anthroposo-
phisch ist, an dem Jahrhunderttage des Todes eines der groftten deut-
schen Dichter.
FONFTER VORTRAG
Berlin, 5. Dezember 1911
So haben wir uns derm in einer Reihe von Betrachtungen vor die Seele
gefiihrt, wie hinter alledem, was wir die Maja oder die grofie Illusion
nennen, das Geistige steht. Wir wollen noch einmal uns die Frage stel-
len: In welcher Art hat sich uns denn gezeigt, daft hinter allem, was wir
zunachst fur unsere Sinne und fur unsere sonstige an unseren Leib ge-
bundene Weltenauffassung um uns herum haben, das Geistige zunachst
von uns erkannt worden ist?
Wir haben es dadurch charakterisiert, dieses Geistige, dafi wir im
Laufe der letzten Betrachtungen genotigt waren, gleichsam vor unse-
rem Blick hinwegzuschaffen die nachsten aufleren Welterscheinungen
und durchzudringen bis zu solchen Eigenschaften des Wirklichen, wie
die waren, die wir bezeichneten als Opferwilligkeit, schenkende Tugend,
Resignation oder Verzicht, also lauter Eigenschaften, die wir nur ken-
nenlernen konnen, wenn wir in unsere eigene Seele blicken, die wir
sinnvoll zunachst nur unserer eigenen Seele beilegen konnen. Wenn wir
nun demjenigen, was wir als das Wirkliche, wir konnten auch sagen,
als das Wahrhaftige hinter der Welt der Illusion zu denken haben, in
seiner Wahrheit solche Eigenschaften beilegen mussen, wie die eben ge-
nannten, so mussen wir sagen: In dieser Welt des wahrhaftigen Daseins,
in dieser Welt des Wirklichen lebt dasjenige, was wir seinen Eigenschaf-
ten nach im Grunde genommen nur vergleichen konnen mit Eigen-
schaften, die wir zunachst in unserer eigenen Seele wahrnehmen. Wenn
wir zum Beispiel das, was sich aufierlich ausdriickt im Scheine der
Warme, zu charakterisieren haben in bezug auf seine Wahrheit als
Opferdienst, als stromendes Opfer in der Welt, so heilk das eben, dafi
wir das Element der Warme zuriickgefuhrt haben auf ein Spirituelles,
auf ein Geistiges, gleichsam also hinweggeschafft haben, was der aufiere
Schleier des Daseins ist, und das aufgezeigt haben, was in der Auftenwelt
gleich ist demjenigen, was wir als unser eigenes Spirituelles erkennen.
Bevor wir nun in den Betrachtungen weitergehen, ist uns eine andere
Idee notwendig. Das ist die: Verfliegt denn nun wirklich alles, was wir
innerhalb der Welt der Maja oder der groflen Illusion haben, in eine
Art von Nichtigkeit? 1st wirklich in all dieser uns umgebenden Sinnen-
welt und der Welt unserer aufteren Auffassung gar nichts, was sich so-
zusagen darstellt als das Wahrhaftige oder als ein Wahrhaftiges?
Es ware ja gewift ein guter Vergleich, wenn man sagen wiirde: die
Welt der Wahrheit, die Welt der Wirklichkeit sei zunachst verborgen,
wie die inneren Krafte eines Teiches oder selbst des Ozeans in der
Wassermasse verborgen sind; und die Welt der Maja konnten wir ver-
gleichen mit dem Wellenkrauselspiel, das sich an der Oberflache ab-
spielt. Der Vergleich ware gut, aber er zeigt uns gerade, daft doch etwas
herauffliefk von dem, was unten im Ozean ist und was das Wellen-
krauselspiel oben bewirkt, das Substantielle des Wassers und auch eine
gewisse Konfiguration der Krafte. So ist es gleichgiiltig, ob wir diesen
oder einen anderen Vergleich wahlen. Wir konnen wohl die Frage auf-
werfen: Gibt es nicht auch im weiten Reiche unserer Maja oder Illusion
etwas, was «wirklich» ist?
Wir wollen es heute ebenso machen, wie wir es bei den letzten Be-
trachtungen gemacht haben. Wir werden uns dem, was wir uns vor die
Seele fuhren wollen, langsam nahern, indem wir ausgehen von inneren
Erlebnissen unserer Seele. Und zwar, weil wir uns durch das Saturn-,
Sonnen- und Mondendasein spirituell vorwartsbewegt haben und jetzt
zum Erdendasein heranriicken, wollen wir von noch naheliegenderen,
man mochte sagen, gewohnlicheren Seelenerlebnissen ausgehen, als wir
es das letzte Mai taten. Das letzte Mai gingen wir aus von den verbor-
genen Tiefen des Seelenlebens, von dem, was heraufragt aus dem, was
wir in der Geisteswissenschaft kennengelernt haben als unseren astra-
lischen Leib. Da haben wir heraufragen gefiihlt die Sehnsucht, und wir
haben gesehen, wie die Sehnsucht arbeitet in den Wesen - zunachst fur
uns also in dem Menschen -, und wie sie es ist, die eigentlich das See-
lenleben dahin fiihrt, Befriedigung nur in dem Entgegenkommen jener
Bilderwelt zu finden, die wir als die innere Bewegung dieses Seelen-
lebens haben auffassen konnen. Und dadurch haben wir den Weg ge-
funden von der mikrokosmischen einzelnen Seele bis zu jenem makro-
kosmischen Weltenschaffen, das wir zugeschrieben haben den Geistern
der Bewegung.
Heute wollen wir von einem noch naherliegenden Erlebnis der Seele
ausgehen, und zwar von einem Erlebnis, auf das schon aufmerksam
gemacht worden ist im alten Griechenland, das aber in seiner Wahr-
heit noch heute ein tief bedeutsames ist, und das angedeutet wird durch
die Worte: Alle Philosophic, also alles Streben nach einem gewissen
menschlichen Wissen gehe aus von dem Staunen. - Das ist in der Tat
richtig. Wer nur ein wenig reflektiert und achtgibt auf den ganzen Vor-
gang im Erleben seiner Seele, wie er sich nahert irgendeinem Wissen,
der wird schon an sich selbst erfahren konnen, da£> ein gesunder Weg
zum Wissen immer seinen Ausgangspunkt findet von dem Staunen, von
der Verwunderung iiber irgend etwas. Dieses Staunen, diese Verwun-
derung, von der jeder Wissensprozeft auszugehen hat, gehort geradezu
zu jenen seelischen Erlebnissen, die wir bezeichnen miissen als diejeni-
gen, welche in alles Niichterne Hoheit und Leben hineinbringen. Denn,
was ware irgendein Wissen, das in unserer Seele Platz greift, das nicht
ausginge von dem Staunen? Es ware wahrhaftig ein Wissen, das ganz
eingetaucht sein miifite in Niichternheit, in Pedanterie. Allein jener Pro-
zeft, der sich abspielt in der Seele, der von der Verwunderung hinfiihrt
zu der Beseligung, die wir empfangen von den gelosten Ratseln, und
der sich zuerst iiber der Verwunderung erhoben hat, macht das Ho-
heitsvolle und das innerlich Lebendige des Wissensprozesses aus. Man
sollte eigentlich fiihlen das Trockene und Vertrocknende eines Wissens,
das nicht von diesen beiden Gemiitsbewegungen sozusagen eingesaumt
ist. Eingerahmt von Staunen und von Beseligung iiber das geloste Rat-
sel ist das wahre, das gesunde Wissen. Alles andere Wissen kann von
auften angeeignet sein, kann von dem Menschen aus diesem oder jenem
Grund herangebracht sein. Aber ein Wissen, das nicht eingerahmt ist
von diesen beiden Gemiitsbewegungen, ist nicht wirklich im Ernste aus
der Menschenseele entsprungen. Alles Aroma des Wissens, das die
Atmosphare des Lebendigen im Wissen bildet, geht aus von diesen zwei
Dingen, von Staunen und Beseligung iiber das erfullte Staunen.
Was fur einen Ursprung hat aber das Staunen selbst? Warum tritt
Staunen - also Verwunderung iiber irgendein Aufieres - in unserer
Seele auf? Es tritt Staunen, Verwunderung aus dem Grunde auf, weil
wir uns zunachst irgendeinem Wesen oder einem Ding oder einer Tat-
sache gegeniiber, die vor uns auftritt, fremd angemutet fiihlen. Die
Fremdheit ist das erste Element, das zur Verwunderung, zum Staunen
fiihrt. Aber nicht allem Fremden gegeniiber empfinden wir das Stau-
nen, die Verwunderung, sondern nur einem solchen Fremden gegen-
iiber, mit dem wir uns doch in einer gewissen Weise verwandt fiihlen,
so verwandt fiihlen, daft wir uns sagen: Es ist etwas in dem Ding oder
Wesen, das jetzt noch nicht in mir ist, das aber in mich iibergehen
kann. - Also zugleich verwandt und fremd fiihlen wir uns einer Sache
gegeniiber, die wir durch Verwunderung, durch ein Staunen zunachst
erfassen.
Mit dem Worte «Verwunderung» hangt dann auch das Wort «Wun-
der» zusammen, das wir einem Ereignis beilegen, zu dem der Mensch
zunachst in seiner Erkenntnis keine verwandtschaftliche Beziehung fin-
den kann. Aber das kann ja nur an ihm liegen, oder braucht wenig-
stens nur an ihm zu liegen. Und er wiirde sich gar nicht selbst in ab-
lehnender Weise zu dem verhalten, was er als «Wunder» bezeichnet,
wenn er nicht in einer gewissen Weise doch Anspruch darauf machen
wiirde, daft es sich ihm erschlieftt, also in einer gewissen Weise doch
verwandt mit ihm sein sollte. Denn warum leugnen die Menschen, die
von materialistischen oder rein verstandesmaftigen Begriffen ausgehen,
zum Beispiel dasjenige, was andere anerkennen als Wunder, wenn sie
nicht direkte Beweise dafiir haben, daft eine Luge, eine Unwahrheit
vorliegt? Das miissen heute selbst schon Philosophen zugeben, daft man
aus den Erscheinungen der Welt, welche dem Menschen vorliegen,
niemals beweisen konne, daft zum Beispiel der in dem Jesus von Naza-
reth inkarnierte Christus nicht auferstanden sei. Man kann Griinde
dagegen anfiihren. Aber wie sind diese Griinde? Sie sind logisch nicht
haltbar! Das geben heute schon aufgeklarte Philosophen zu. Denn die
Griinde, welche von materialistischer Seite beigebracht werden, zum
Beispiel daft alle Menschen, welche diese Leute bisher gesehen haben,
zunachst nicht so auferstehen wie der Christus, diese Griinde stehen
logisch auf derselben Hohe wie der, daft jemand, der bisher nur Fische
gesehen hat, aus der Beschaffenheit der Fische nun nachweisen wollte,
daft es keine Vogel gibt. Man kann nie aus der einen Klasse von We-
senheiten in logisch berechtigter Weise ableiten, daft andere Wesen nicht
existieren. Ebensowenig kann man aus den Erfahrungen, welche man
iiber die Menschen des physischen Planes machen kann, etwas ablei-
ten - was als Wunder zunachst bezeichnet wird - iiber die Ereignisse
von Golgatha. Wenn Sie aber einem Menschen etwas mitteilen, was er
als Wunder bezeichnen miiftte, wenn die Sache auch wahr ware, und er
sagt: Ich kann sie nicht verstehen - so widerspricht er damit nicht dem,
was wir iiber den Begriff der Verwunderung gesagt haben; denn er zeigt
in seinem Verhalten ganz klar, daft dieser Ausgangspunkt alles Wissens
fiir ihn auch begriindet ist. Er verlangt namlich, daft das, was ihm mit-
geteilt wird, ein ihm Verwandtes habe. Er will, daft es in einer gewissen
Weise sein Eigentum werden kann im Geistigen, und da er glaubt, daft
er das nicht haben konne, daft es nicht mit ihm verwandt ist, so lehnt er
es ab. Selbst wenn wir bis an die Grenze, bis zum Wunderbegriff selbst
herangehen, wiirden wir sehen, daft Verwundern oder Erstaunen, von
dem schon im Sinne des alten Griechentums alle Philosophic ausgegan-
gen ist, darauf beruht, daft sich der Mensch gegeniiber befindet einem
Fremden, es aber doch als ein Verwandtes anerkennen muft. Versuchen
wir nun eine Verbindungsbriicke zu schaffen zwischen diesen Begriffen
und dem, was wir das letzte Mai vor unsere Seele gefiihrt haben.
Wir haben das letzte Mai gezeigt, wie ein gewisser Fortschritt in der
Evolution dadurch herbeigefuhrt wird, daft Wesen bereit sind zu opfern,
Opfer darzubringen, daft aber diese Opfer verweigert, zuriickgewiesen
werden, und wir haben in den zuriickgewiesenen Opfern eine der
Haupttatsachen erkannt, welche wahrend der alten Mondenentwicke-
lung gespielt haben. Es gehort zu dem Wesentlichsten der alten Mon-
denentwickelung, daft damals von gewissen Wesen an hohere Wesen-
heiten Opfer dargebracht werden sollten, auf welche diese hoheren
Wesenheiten verzichteten, so daft also gleichsam der Opferrauch der
alten Mondwesen hinaufdrang zu den hoheren Wesenheiten, aber von
ihnen nicht angenommen wurde und zuriickgeleitet wurde als Substanz
in die Wesenheiten, welche das Opfer darbringen wollten. Und wir
haben gesehen, daft ein grofter Teil der Eigentiimlichkeit der Wesen des
alten Mondes darin bestand, daft sie dasjenige in sich zuriickgestoften
fiihlen, was sie von sich selbst hinaufsenden wollten zu hoheren We-
senheiten als Opfersubstanz. Ja, wir haben gesehen, daft das, was da
hinauf wollte zu den hoheren Wesenheiten und nicht konnte, eben zu-
riickblieb in den betreffenden Wesenheiten, und sich dadurch in diesen
Wesenheiten des zuriickgewiesenen Opfers als die Kraft der Sehnsucht
herausgebildet hatte. Und wir haben noch immer in alledem, was wir
in unserer eigenen Seele als Sehnsucht empfinden, eine Erbschaft jener
alten Mondenvorgange, die darin bestehen, daft Wesen damals ihr Op-
fer nicht angenommen fanden. Der ganze Charakter der alten Monden-
entwickelung, spirituell erfaftt, die ganze geistige Atmosphare des alten
Mondes laftt sich in vieler Beziehung so charakterisieren, daft Wesen auf
dem alten Monde sind, die ihre Opfer darbringen wollen, aber finden,
daft diese Opfer, weil die hoheren Wesenheiten in bezug auf sie resignie-
ren, nicht angenommen werden. Das ist der eigenartige melancholische
Grundzug in der alten Mondenatmosphare: das zuriickgewiesene Opfer.
Und das zuriickgewiesene Opfer des Kain, in dem symbolisch einer
der Ausgangspunkte unserer Erdenmenschheitsevolution angedeutet ist,
erscheint uns wie eine Art Wiederholung des Grundzuges der alten
Mondenentwickelung, der sich da abspielt in der Seele des Kain, der
sein Opfer nicht angenommen sieht. Das ist etwas, was uns wie ver-
sinnbildlichen kann ein Leid, einen Schmerz, welche die Sehnsucht ge-
baren, wie es bei den Wesen des alten Mondendaseins der Fall war.
Wir haben nun das letzte Mai schon gesehen, daft zwischen diesen
nicht angenommenen Opfern und zwischen der Sehnsucht, die dadurch
in den Wesenheiten entstanden ist, daft das Opfer nicht angenommen
worden ist, gewissermaften ein Ausgleich geschaffen wurde, indem auf
dem alten Monde die Geister der Bewegung auftraten. Dadurch wurde
wenigstens die Moglichkeit geschaffen, daft die Sehnsucht, die entstan-
den war bei den Wesen des zuriickgewiesenen Opfers, in einer gewissen
Art befriedigt werden konnte. Stellen Sie sich das recht lebendig vor:
Sie haben hohere Wesenheiten, denen geopfert werden soli, aber die
Opfersubstanzen werden zuriickgewiesen. Sehnsucht entsteht dadurch
in diesen Wesen, welche opfern wollten, und die nun fiihlen: Hatte ich
mein Opfer jenen hoheren Wesen darbringen konnen, so wiirde das
Beste meines eigenen Wesens bei diesen Wesen leben, ich selber wiirde
in diesen hoheren Wesenheiten leben, so aber bin ich ausgeschlossen von
diesen Wesenheiten, so stehe ich hier, und diese hoheren Wesenhei-
ten stehen dort! - Die Geister der Bewegung aber - wir konnen das
fast wortlich verstehen - bringen diese Wesenheiten, in denen durch
das zuriickgewiesene Opfer aufglimmt die Sehnsucht nach den hoheren
Wesenheiten, in solche Lagen, daft sie sich von den verschiedensten
Seiten nahern konnen den hoheren Wesenheiten. So daft das, was in
ihnen ruht als nicht darzubringendes Opfer, wenigstens durch die Fiille
der Eindriicke, die empfangen werden von den hoheren Wesen, welche
gleichsam umkreist werden von den Wesen des zuriickgewiesenen Op-
fers, ausgeglichen werden kann; ausgeglichen werden kann dasjenige,
was durch das Zuriickweisen des Opfers nicht befriedigt wird, indem
in den Positionen dieser Wesen zu den hoheren Wesenheiten eine Bezie-
hung entsteht, wie sie durch ein dargebrachtes Opfer eingetreten ware.
Wir machen uns vollig verstandlich, was damit gemeint ist, wenn
wir uns denken, symbolisch zusammengefaftt, die hoheren Wesenheiten
als Sonne, und dann in einer einzigen Position, als einen Planeten, nied-
rigere Wesenheiten zusammengefaftt. Nehmen wir nun an, die Wesen
des niederen Planeten wollten dem hoheren Planeten, also der Sonne,
ihre Opfer darbringen. Aber die Sonne weist sie zuriickj und die Opfer-
substanzen miissen bleiben bei den Wesenheiten des nicht angenom-
menen Opfers, dabei fuhlen sich diese Wesen voll von Sehnsucht in
ihrer Einsamkeit, in ihrer Abgeschlossenheit. Nun bringen die Geister
der Bewegung sie in den Umkreis der hoheren Wesenheiten; dadurch
ist es ihnen erst moglich, an die Stelle des unmittelbaren Hinaufflie-
ftens ihrer Opfersubstanz, diese Opfersubstanz selbst in Bewegung zu
bringen und sie dadurch in eine Beziehung zu bringen zu den Wesen
hoherer Art. Es ist das geradezu so, als wenn ein Mensch nicht in der
Lage ist, durch eine einmalige grofte Befriedigung mit seiner Sehnsucht
zurechtzukommen und dann eine Reihe Teilbefriedigungen erlebt: so
daft also sein ganzes Gemiit in Bewegung kommt, wenn er so eine
Reihe Teilbefriedigungen erlebt. Das haben wir das letzte Mai genauer
beschrieben. Wir haben gesehen, wie durch die Eindriicke, die nun von
auften kommen, weil sich das Wesen nicht innerlich in der Opferung
mit den hoheren Wesenheiten vereinigt fiihlt, ein Ersatz entsteht; das
konnte uns zeigen, wie solche Wesen dennoch zu einer gewissen Befrie-
digung kommen.
Nun aber kann doch nicht geleugnet werden, daft das, was hatte ge-
opfert werden sollen, in anderer Weise bei den hoheren Wesen fortbe-
stehen wiirde als bei den niederen Wesen. Denn die eigentlichen Da-
seinsbedingungen dessen, was hatte geopfert werden sollen, liegen bei
den hoheren Wesen. Bei den niederen Wesen miissen also andere Da-
seinsbedingungen dafur eintreten. - Wiederum konnen wir uns dazu
bildlich vorstellen: Wenn von einem Planeten die ganze Substanz, die
er enthalt, in die Sonne flieften konnte und die Sonne sie nicht zuriick-
weisen wiirde, so wiirden die Wesen dieses Planeten in der Sonne an-
dere Daseinsbedingungen finden als sonst, wenn die Sonne sie zuriick-
weist, aufterhalb der Sonne, in dem Planeten. Kurz: Eine Entfremdung
dessen, was wir den «Inhalt des Opfers» nennen miissen, tritt ein, eine
Entfremdung dieser Opfersubstanz von ihrem Ursprung.
Fassen Sie nun diesen Gedanken, daft Wesenheiten etwas in sich be-
halten miissen, was sie gern als Opfer darbringen wiirden, und wovon
sie das Gefiihl und die Empfindung haben, daft es erst dann seinen
rechten Sinn fande, wenn es als Opfer dargebracht werden konnte. Ver-
gegenwartigen Sie sich die Empfindungen solcher Wesenheiten, dann
werden Sie das haben, was man nennen kann: Abgeschlossenheit eines
gewissen Teiles der Weltenwesenheit gegeniiber seinem eigentlichen
Sinn und gegeniiber seinem eigentlichen groften Weltenzweck. Es haben
Wesen etwas in sich, was eigentlich - wenn wir bildlich sprechen diirf-
ten - an einem anderen Orte als bei ihnen selber seinen Sinn hatte. Die
Folge davon ist, daft diese Deplacierung - wenn wir wieder bildlich
sprechen - des zuriickgewiesenen Opferrauches, der zuriickgewiesenen
Opfersubstanz, ein Ausgestoftenwerden zunachst dieser Opfersubstanz
von dem iibrigen Weltenprozeft bewirkt.
Wenn Sie diesen Gedanken nicht mit Ihrem Verstande - denn der
geht nicht auf solche Dinge -, sondern wenn Sie mit ihrem Gefiihl das
fassen, was damit ausgesprochen ist, so werden Sie die Empfindung
haben: Es ist etwas wie herausgerissen aus dem allgemeinen Welten-
prozeft. Fur die Wesen, die das Opfer zuriickgewiesen haben, ist es nur
etwas, was sie von sich abgestoften haben. Fur die anderen Wesen, in
denen die Opfersubstanz geblieben ist, ist es etwas, dem der Charakter
der Fremdheit seines eigenen Ursprunges aufgedriickt wird. Wir haben
also dadurch Wesen, denen in ihrer Substantialitat die Fremdheit von
seinem Ursprunge aufgedriickt ist. Das aber ist, wenn man das gefuhls-
mafiig versteht, wenn man diese Idee sich gefuhlsmafSig vor die Seele
malt - wenn man sich vor die Seele malt etwas, dem die Fremdheit
seines Ursprunges innewohnt -, das ist der Tod. Und nichts anderes ist
der Tod im Weltenall als das, was notwendig eintritt mit der zuriick-
gewiesenen Opfersubstanz bei den Wesen, die eben diese Opfersubstanz
behalten miissen. So kommen wir von der Resignation, von dem Ver-
zicht, den wir gefunden haben auf der dritten Stufe der Evolution, ge-
geniiber dem, worauf von den hoheren Wesen verzichtet worden ist,
zum Tod. Und der Tod in seiner wahren Bedeutung ist nichts anderes
als die Eigenschaft von Wesensinhalten, die nicht an ihrem wahren Orte
sind, die ausgeschlossen von ihrem wahren Orte sind.
Auch wenn der Tod im konkreten Leben beim Menschen eintritt,
liegt dasselbe zugrunde. Denn wenn wir uns den Leichnam besehen,
der in der Welt der Maja zuriickbleibt, so ist in ihm nichts anderes ent-
halten als eine Substantialitat, die mit dem Moment des Todes ausge-
schlossen ist von Ich, Astralleib und Atherleib, die entfremdet ist dem-
jenigen, innerhalb dessen sie nur einen eigentlichen Sinn hat. Denn des
Menschen physischer Leib hat keinen Sinn ohne Atherleib, Astralleib
und Ich, ist sinnlos, ist in diesem Moment von seinem Sinn ausgeschlos-
sen. Was wir nicht mehr durchschauen konnen, wenn ein Mensch stirbt,
das stellt sich uns eben dar im Makrokosmos. Dadurch, daft die Welten-
wesen hoherer Spharen zuriickweisen, was ihnen als Opfer dargebracht
werden soil, verfallt diese zuriickgewiesene Opfersubstanz in den We-
senheiten, denen sie zuriickgewiesen worden ist, dem Tode, denn der
Tod ist Ausgeschlossenwerden irgendeiner Weltensubstanz, irgendeiner
Weltenwesenheit von ihrem eigentlichen Sinn.
Damit aber sind wir eingetreten in eine spirituelle Charakteristik des-
jenigen, was wir das vierte Element im Weltall nennen. Wenn uns das
Feuer reinster Opfersinn war - und uberall, wo uns Feuer oder Warme
entgegentritt, liegt spirituell dahinter Opferung -, wenn wir hinter allem,
was als Luft ausgebreitet ist um unsere Erde herum, schenkende oder
spendende Tugend, hinstromende Tugend in Wahrheit fanden, wenn
wir charakterisieren konnten das flie£ende Wasser, also Fliissigkeit als
Element, als spirituelle Resignation oder Verzicht, so miissen wir das
Element der Erde, das allein der Trager des Todes werden kann - denn
der Tod wiirde nicht da sein, wenn das Element der Erde nicht da ware -,
als dasjenige charakterisieren, was abgespalten worden ist von seinem
Sinn durch den Verzicht. Jetzt haben Sie formlich konkret irgend etwas,
wo sich aus Flussigem Festes bildet. Denn das spiegelt in einer gewissen
Weise auch einen spirituellen Prozeft. Stellen wir uns vor, es gliedert
sich ein in die Wassermasse eines Teiches Eis, das Wasser also wird fest.
In Wahrheit liegt da nichts anderes zugrunde, als daft dasjenige, was
das Wasser zu Eis werden laftt, es abschniirt von dem Sinn des Was-
sers. Da haben Sie das Spirituelle des Festwerdens, das Spirituelle des
Erdewerdens. Denn in bezug auf die Charakteristik der vier Elemente
ist das Eis ebenfalls «Erde» und nur das Fliissige «Wasser». - Eine Ab-
schniirung von seinem Sinn ist das, was wir Tod nennen konnen, und
das, worin der Tod sich darstellt, sich auslebt, das ist das Element der
Erde.
Wir sind ausgegangen davon, daft wir die Frage aufgeworfen haben,
ob es innerhalb unserer Welt der Illusion, der Maja, gar nichts Wahr-
haftiges gibt, ob es dort gar nichts von dem gibt, was sozusagen einer
Wirklichkeit entspricht. Nehmen Sie einmal jetzt recht genau den Be-
griff, den wir eben vor unsere Seele hingestellt haben. Ich habe Ihnen
von Anfang an gesagt: die Begriffe dieser unserer Betrachtungen sind
einigermaften kompliziert. Es wird also notwendig sein, daft wir sie
nicht nur verstandesmaftig aufnehmen, sondern dariiber meditieren,
dann werden sie uns erst ganz klar werden. Aber nehmen wir jetzt die-
sen Begriff vom Tode, beziehungsweise den vom Erdigen; er zeigt uns
ein ganz merkwiirdiges Gesicht. Wahrend wir bei alien anderen Begrif-
fen uns sagen konnten: In bezug auf das, was da in der Welt der Maja
um uns herum ist, liegt eigentlich gar nichts Wahrhaftiges vor, sondern
das Wahrhaftige ist ein ihm zugrunde liegendes Spirituelles -, haben wir
jetzt etwas herausbekommen, wo dasjenige, was wir innerhalb der Maja
haben, eigentlich gerade deshalb, weil es getrennt ist von seinem Sinn,
weil es im Spirituellen sein sollte, sich als das Tote charakterisiert. Es
ist damit in die Maja hinein etwas abgeschnurt, was eigentlich nicht in
der Maja sein sollte. Uberall im ganzen weiten Reiche der Maja oder der
groften Illusion haben wir eben lauter Tauschungen, lauter Illusionen
vor uns. Aber wir bekommen etwas in die Maja hinein, was dadurch
einem Wahrhaftigen entspricht, daft es abgeschniirt wird von seinem ei-
gentlichen Sinn im Spirituellen, und in dem Augenblick, wo es herein-
kommt, tritt an es die Vernichtung, der Tod heran. Das sagt uns aber
nichts Geringeres als die grofte okkulte Wahrheit: Innerhalb der Welt
der Maja ist das einzige, das sich in seiner Wirklichkeit zeigt, der Tod! -
Alle anderen Erscheinungen mussen wir zuriickverfolgen auf ihr Wirk-
liches, alle anderen Erscheinungen, die in der Maja auftreten, haben hin-
ter sich das Wahrhaftige: Nur der Tod ist innerhalb der Maja das Wahr-
haftige, denn er besteht darin, daft von dem Wahrhaftigen etwas abge-
schniirt und hereingenommen ist in die Maja. Daher ist der Tod inner-
halb der Maja das einzig Wahrhaftige.
Und wenn wir jetzt von dem, man mochte sagen, in der allgemeinen
Maja sich Ausbreitenden iibergehen zu den groften Prinzipien der Welt,
dann stellt sich fur die okkulte Wissenschaft eine sehr wichtige und
wesentliche Konsequenz dieses Satzes dar, daft innerhalb unserer Welt
der Maja nur der Tod eigentlich das Wahrhaftige ist. Wir konnen uns
dem, was ich hier sagen will, noch von einer anderen Seite nahern, Wir
konnen zunachst die Wesenheiten der anderen Reiche betrachten, die
um uns herum sind.
Wir konnen fragen: Sterben zum Beispiel Mineralien? - Fur den
Okkultisten hat es keinen Sinn zu sagen: Mineralien sterben. - Das
ware ungefahr ebensoviel, als wenn man sagen wiirde, der Fingernagel,
den wir uns abschneiden, sei gestorben. Der Fingernagel ist eben nicht
irgend etwas, was als Totalitat Anspruch hat auf Dasein, sondern er ist
nur etwas an uns, und wenn wir ihn abschneiden, so haben wir ihn von
uns getrennt und ihm das mit uns zusammenhangende Leben entrissen.
Er stirbt im Grunde genommen erst dann, wenn wir selber sterben.
Also in demselben Sinne, sagt die okkulte Wissenschaft, sterben die
Mineralien nicht. Denn die Mineralien sind nur Glieder an einem gro-
ften Organismus, wie der Fingernagel an unserem Organismus ein Glied
ist; und wenn ein Mineral scheinbar zugrunde geht, so ist es nur losge-
rissen von diesem groften Organismus, wie das Stiick Fingernagel losge-
rissen ist von unserem Organismus, wenn wir es abschneiden. Die Zer-
stoning des Minerals ist kein Tod, denn das Mineral lebt nicht in sich
selber, sondern in dem groften Organismus, von dem es ein Glied ist.
Wenn Sie sich erinnern an den Vortrag liber das Wesen der Pflanzen,
so werden Sie wissen, daft gesagt worden ist: Die Pflanze ist als solche
auch nicht selbstandig, sondern sie ist ein Glied, nun nicht wie das Mi-
neral an einem groften Organismus, sondern an dem ganzen Erden-
organismus; und es hat fur eine okkulte Betrachtung keinen Sinn, vom
Leben einer einzelnen Pflanze zu sprechen, sondern man mufi sprechen
von dem Erdenorganismus, an dem die Pflanzen iiberall Teile sind. Und
wenn wir sie zu ihrem «Tode» bringen, dann ist es so, wie wenn wir
uns einen Fingernagel abschneiden. Wir konnen nicht sagen, der Fin-
gernagel ist gestorben. Ebensowenig konnen wir dies von den Pflan-
zen sagen, denn sie gehoren einem groften Organismus an, der iden-
tisch ist mit der ganzen Erde und der ein Organismus ist, der im Friih-
ling einschlaft, die Pflanzen als seine Organe der Sonne entgegensendet
und im Herbst aufwacht und das Geistige der Pflanzen wieder in sich
aufnimmt, wenn er die Samen der Pflanzen in sich aufnimmt. Es hat
keinen Sinn, die Pflanzen fur sich allein zu betrachten, denn der Erden-
organismus stirbt nicht ab, wenn die einzelnen Pflanzen an ihm ver-
welken, ebenso wie wir, wenn wir graue Haare bekommen, auch nicht
sterben, wenn wir die grauen Haare nicht wieder auf naturgemafte Weise
in schwarze farben konnen. Nur sind wir da in einer anderen Lage als
die Pflanzen. Aber die Erde ist da in einer solchen Lage, die sich ver-
gleichen liefte mit dem Menschen, wenn er graue Haare wieder in
schwarze zuriickverwandeln konnte. Also die Erde stirbt nicht, son-
dern was sich da zeigt im Welken der Pflanzen, ist ein Prozeft, der sich
an der Oberflache abspielt. So konnen wir niemals sagen, daft die Pflan-
zen in Wahrheit sterben.
Aber auch von den Tieren konnen wir zunachst nicht sagen, daft sie
wie wir sterben. Denn das einzelne Tier ist in Wahrheit auch nicht vor-
handen, es ist nur die Gruppenseele vorhanden, die im Ubersinnlichen
ist. Was das Tier im Wahrhaftigen ist, das ist nur auf dem Astralplan
vorhanden als die Gruppenseele, und das einzelne Tier ist aus der Grup-
penseele heraus verdichtet. Und wenn es stirbt, so ist es ein abgelegtes
Glied der Gruppenseele, und diese ersetzt es durch ein anderes.
Was wir also als den Tod im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich an-
treffen, das ist nur scheinbar, ist nur innerhalb der Maja Tod. In Wahr-
heit stirbt wirklich nur der Mensch, der es mit seiner Individualist so
weit bringt, daft er hinunterkommt zu seinem physischen Leibe, in dem
er wahrend des Erdendaseins real sein muE. In Wahrheit hat von «Tod»
zu sprechen nur einen Sinn fur das Erdendasein des Menschen.
Wenn wir dies ins Auge fassen, miissen wir sagen: Nur der Mensch
kann eigentlich den Tod wirklich erleben. - Beim Menschen ist also
das, was wir durch die okkulte Forschung kennenlernen, ein wirkliches
Uberwinden des Todes, ein wirkliches Besiegen des Todes. Denn bei
anderen Wesen ist der Tod nur scheinbar, ist er nicht in Realitat vor-
handen. Wenn wir hoher hinaufkommen wiirden, von dem Menschen
wieder zu den Wesenheiten der hoheren Hierarchien, so wiirden wir
ebenso finden, daft diese den Tod nach Menschenart nicht kennen; so
daft es im Grunde genommen nur bei jenen Wesenheiten einen realen
Tod, das heiftt, einen Tod auf dem physischen Plan gibt, die sich auch
etwas zu holen haben auf dem physischen Plan. Der Mensch aber hat
sich auf dem physischen Plan sein Ich-Bewufttsein zu holen. Das
konnte er ohne den Tod nicht finden. Weder bei den Wesenheiten, die
unter dem Menschen stehen, noch bei den Wesenheiten, die hoher ste-
hen als der Mensch, hat es einen Sinn, von wahrhaftem Tod zu spre-
chen. Dann aber wird es begreiflich erscheinen, daft wir fur jene We-
senheit, die wir die Christus-Wesenheit nennen, gar keine Moglichkeit
haben, ihre bedeutendste Erdentat auszuloschen. Denn wir haben ja
gesehen, daft bei dieser Christus-Wesenheit das Mysterium von Gol-
gatha als das Wesentlichste in Betracht kommt: die Besiegung des
Todes durch das Leben. Wo aber kann diese Besiegung des Todes nur
vor sich gehen? Kann sie vor sich gehen in den hoheren Welten? Nein!
Denn schon bei den niederen Wesen, die wir angefuhrt haben, im
Mineral-, Pflanzen- und Tierreich, kann von Tod nicht gesprochen
werden, weil sie eigentlich ihr wahres Wesen in den hoheren, iiber-
sinnlichen Welten haben. Und wir werden im Laufe der Winterbe-
trachtungen noch weiter ausfiihren, daft auch bei den hoheren Wesen-
heiten nicht von Tod gesprochen werden kann, sondern nur von Ver-
wandlungen, von Metamorphosen, von Umgestaltung. Von einem Ein-
schnitt in das Leben, den wir als «Tod» bezeichnen, kann nur beim
Menschen gesprochen werden. Und der Mensch kann diesen Tod nur
erleben auf dem physischen Plan. Ware der Mensch niemals auf den
physischen Plan gekommen, so wiirde er nichts wissen vom Tod, denn
kein Wesen, das den physischen Plan nicht betreten hat, weift etwas vom
Tod. Es gibt in den anderen Welten nicht das, was man «Tod» nennen
kann, sondern nur Verwandlungen, Metamorphosen. Sollte der Christus
durch den Tod gehen, so muftte er auf den physischen Plan herunter-
steigen! Denn nur dort konnte er den Tod erleben.
So sehen wir, daft auch im geschichtlichen Werden des Menschen in
einer merkwurdigen Weise das Wahrhaftige der hoheren Welten herein-
spielt in die Maja. Wahrend wir fur alle anderen geschichtlichen Er-
eignisse mit unserem Denken nur dann zurechtkommen, wenn wir
sagen: Hier auf dem physischen Plan ist das geschichtliche Ereignis,
aber die Ursache dafur liegt oben in der geistigen Welt, zu der miis-
sen wir gehen -, konnen wir von dem Ereignis von Golgatha nicht
sagen: Dieses Ereignis ist hier unten auf dem physischen Plan, und
etwas Entsprechendes liegt in der hoheren Welt. - Gewift, der Chri-
stus selbst gehort den hoheren Welten an und stieg herunter auf den
physischen Plan. Aber ein Urbild, wie wir es fur alle anderen geschicht-
lichen Ereignisse suchen miissen, gibt es nicht fur das, was sich auf
Golgatha vollzogen hat. Das hat sich nur auf dem physischen Plan
abgespielt.
Unter den vielen Beweisen, die aus der okkulten Wissenschaft fur
diese Tatsache gegeben werden konnten, ist zum Beispiel dieses, daft das
Ereignis von Damaskus sich, wie wir dies schon ofter dargestellt ha-
ben, im Laufe der nachsten drei Jahrtausende fur eine genugend grofte
Anzahl von Menschen erneuern wird. Das heiftt, es werden sich bei
den Menschen solche Fahigkeiten entwickeln, daft sie den Christus auf
dem astralischen Plan als Athergestalt wahrnehmen werden, wie es bei
Paulus vor Damaskus der Fall war. Dieses Ereignis des Wahrnehmens
des Christus durch nach und nach bei den Menschen im Laufe der nach-
sten drei Jahrtausende sich entwickelnde hohere Fahigkeiten macht
seinen Anfang in unserem 20. Jahrhundert. Von da ab kommen diese
Fahigkeiten allmahlich heraus und werden in den nachsten drei Jahr-
tausenden bei einer geniigend groften Anzahl von Menschen sich aus-
bilden. Das heiftt, eine geniigend grofte Anzahl von Menschen wird
wissen durch den Hineinblick in die hoheren Welten, daft der Christus
eine Realitat ist, daft er lebt, sie werden ihn kennenlernen, wie er jetzt
lebt. Und sie werden nicht nur die Art kennenlernen, wie er jetzt lebt,
sondern sie werden sich genau wie Paulus die Uberzeugung verschaf-
fen, daft er gestorben und auferstanden ist. Aber die Grundlage dazu
kann nicht gelegt werden in den hoheren Welten, die muft auf dem
physischen Plan gelegt werden.
Wenn also heute schon jemand dazu kommt, diese Dinge zu ver-
stehen und zu begreifen, wie die Entwickelung des Christus selber vor-
wartsgeht und damit die Entwickelung gewisser menschlicher Fahig-
keiten, wenn es jemand begreift, dadurch begreift, daft er die Geistes-
wissenschaft heute versteht, so hindert nichts daran, daft er, wenn er
durch die Pforte des Todes gegangen ist, an diesem Ereignis teilnimmt,
wenn es wirklich als ein erstes Hereinleuchten des Christus in die Welt
des Menschen eintritt. Derjenige also, der heute im physischen Leibe
sich auf dieses Ereignis vorbereitet, kann es auch erleben in dem Leben
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Diejenigen Menschen
aber, die sich nicht darauf vorbereiten, die sich in dieser Inkarnation
kein Verstandnis dafiir erwerben, sie konnen in dem Leben, das sich an
dieses anschlieftt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nichts
wissen von dem, was in bezug auf den Christus von unserem Jahrhun-
derte ab durch die nachsten drei Jahrtausende geschieht. Sie mtissen
warten, bis sie wieder inkarniert sind und weiter sich die Vorbereitung
dazu auf der Erde schaffen. Das also, was als die Ursache aller folgen-
den Christus-Entwickelung auf der Erde sich abspielen muftte, der Tod
auf Golgatha und das dadurch Geschaffene, das kann auch nur inner-
halb des physischen Leibes begriffen werden. Das ist unter alien Tat-
sachen, die uns wichtig sind fur das hohere Leben, das einzige, was nur
innerhalb des physischen Leibes begriffen werden kann. Dann wird es
weiter verarbeitet, wird es weiter ausgebildet in den hoheren Welten.
Aber begriffen miissen wir es zunachst haben innerhalb des physischen
Leibes. Gerade wie das Mysterium von Golgatha niemals sich hatte in
den hoheren Welten abspielen konnen, wie es auch kein Urbild hat in
den hoheren Welten, sondern ein Ereignis ist, das, weil es den Tod in
sich schlieftt, abgeschlossen ist innerhalb des physischen Planes, so mulS
auch das Verstandnis dafiir auf dem physischen Plan erworben werden.
Ja, es gehort sogar geradezu zu den Aufgaben des Menschen auf der
Erde, in irgendeiner seiner Inkarnationen sich dieses Verstandnis zu
erwerben.
Wir miissen also sagen, damit haben wir auch im Groften etwas ge-
funden, was sozusagen auf dem physischen Plan uns ein unmittelbar
Reales, ein unmittelbar Wahrhaftiges zeigt. Was also ist denn real auf
dem physischen Plan? Real auf dem physischen Plan so, daft wir dabei
stehenbleiben konnen und sagen: Hier haben wir etwas Wahres! - ist
der Tod in der Menschenwelt, nicht in den anderen Reichen der Natur.
Und bei den geschichtlichen Ereignissen, die im Laufe der Erdenent-
wickelung geschehen, miissen wir, wenn wir diese geschichtlichen
Ereignisse kennenlernen wollen, von jedem solchen geschichtlichen
Ereignis zu einem geistigen Urbild gehen - nur nicht bei dem Myste-
rium von Golgatha. In diesem haben wir etwas, was so, wie es ist, un-
mittelbar in die Welt des Wahrhaftigen hineingehort.
Nun ist es aufterordentlich interessant, daft sich gewissermaften auch
die andere Seite des eben Auseinandergesetzten zeigt. Es ist wirklich
aufterordentlich bedeutsam, zu sehen, wie dieses Ereignis von Golgatha
heute als ein reales Ereignis iiberhaupt abgeleugnet wird, wie die Leute,
wenn wir von aufterer Historie reden, sagen, es laftt sich im Zusammen-
hange der historischen Tatsachen nicht beweisen. Es gibt nun unter den
historischen Tatsachen, die wesentlich sind, auch kaum eine, die sich so
schlecht durch auftere, historisch-realistische Griinde beweisen laftt wie
das Mysterium von Golgatha. Denken Sie, wie leicht es im Verhaltnis
dazu ist, in bezug auf die Existenz eines Sokrates oder Plato oder irgend-
eines griechischen Helden, insofern sie bedeutend sind fur den Fort-
schritt der Menschheit in der aufteren Welt, mit historischen Griinden
zu arbeiten; und wie die Menschen bis zu einem gewissen Grade mit
vollem Recht kommen und sagen: Keine Historie darf behaupten, daft
ein Jesus von Nazareth gelebt habe! - Auftere historische Widergriinde
gibt es da nicht. Wie man andere historische Tatsachen behandelt, so
laftt sich diese nicht behandeln.
Es ist hochst merkwiirdig: diese auf dem aufteren physischen Plan ge-
schehene Tatsache hat dies eine gemeinschaftlich mit alien iibersinnlichen
Tatsachen, die lassen sich auch nicht aufterlich beweisen. Und es sind
so ziemlich dieselben Leute, welche die ubersinnliche Welt leugnen und
denen die Moglichkeit fehlt, dieses Ereignis, das gar kein iibersinnliches
ist, zu erfassen. Man kann es in bezug auf seine Wirkungen darstellen.
Aber da machen sich die Leute den Gedanken, daft solche Wirkungen
auch eintreten konnten, ohne daft das reale Ereignis in der Geschichte
aufgetreten ware, und erklaren sie dann als Folge soziologischer Ver-
haltnisse. Fur den jedoch, der den inneren Gang des Weltenwerdens
kennt, ist die Idee, daft Wirkungen wie die des Christentums ohne eine
dahinterstehende Macht geschehen konnten, ebenso gescheit, wie wenn
man sagte, daft auf einem Felde Kohlkopfe wachsen konnen, ohne daft
vorher Samen ausgestreut wird. Ja, wir konnen noch weitergehen und
sagen, daft fur die, welche an der letzten Ausgestaltung der Evangelien
beteiligt waren, keine Moglichkeit vorhanden war, das histor
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