Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE vor mitgliedern 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Band I Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos 
Dcr Mensch - eine Hieroglyphe des Weltcnalls 
16 Vortrage, Dornach 9- April bis 16. Mai 1920. Bibl.-Nr. 201 

Band II Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen 
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der 
gottlichen Sophia 

16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920 
Bibl.-Nr. 202 

Band III Die Verantwortung des Menschen fur die Weltentwickelung 
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten 
und der Sternenwelt 

18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, 1. Januar bis 1. April 1921 
Bibl.-Nr. 203 

Band IV Perspektiven der Menschheitsentwickelung 

17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 1921. Bibl.-Nr. 204 

Band V Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Erster Teil: Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit 
in seinem Verhaltnis zur Welt 

13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921 
Bibl.-Nr. 205 

Band VI Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Zweiter Teil: Der Mensch als geistiges Wesen im historischen 
Werdegang 

11 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 1921. Bibl.-Nr. 206 

Band VII Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil: 

Wesensziige des Menschen im irdischen und kosmischen 
Bereich 

11 Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921. Bibl.-Nr. 207 

Band VIII Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil: 

Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer 
Wirkungen 

11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921. Bibl.-Nr. 208 

Band IX Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse 
Das Fest der Erscheinung Christi 

11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezem- 
ber 1921. Bibl.-Nr. 209 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Zweiter Band 



RUDOLF STEINER 



Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit 
und dem Physischen des Menschen 

Die Suche nach der neuen Isis, 
der gottlichen Sophia 



Sechzehn Vortrage 
gehalten in Dornach, Bern und Basel 
vom 26. November bis 26. Dezember 1920 



1993 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der Vortrage 1-12 besorgten Robert Friedenthal 
und JohannWaeger, der Vortrage 13-16 Ernst Weidmann 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1970 

2., durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1993 



Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften 
siehe zu Beginn der Hinweise Seite 281 



Bibliographie-Nr. 202 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff und Hedwig Freiy (siehe auch S. 281) 
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1970 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-2020-0 



7,u den Veroffentlicbungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk. 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaSen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 26. November 1920 13 

Die Bildung der menschlichen Gestalt aus dem Zusammenwirken 
kosmischer und irdischer Kraf te - Hauptesorganismus, Gliedmafien- 
organismus, rhythmischer Organismus — Schonheit, Weisheit, Starke 
- Metamorphose von Haupt und Gliedmafien durch die wiederhol- 
ten Erdenleben - Geisteswissenschaft strebt nach Einheit von Reli- 
gion, Kunst und Wissenschaft. 

Zweiter Vortrag, Dornach, 27. November 1920 28 

Die leibliche, seelische und geistige Dreigliederung des Menschen in 
ihrem Zusammenhang mit der Weltentwickelung und dem sozialen 
Leben — Dreigliederung der menschlichen Gestalt (Kopf, Brust, 
Gliedmafien) - Dreigliederung des Seelischen (Denken, Fiihlen, Wol- 
len) - Dreigliederung des Geistigen (Wachen, Traumen, Schlafen) 
entsprechen Schonheit, Weisheit, Starke, sowie Geistesleben, Rechts- 
leben, Wirtschaftsleben - Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit. 

Dritter Vortrag, Dornach, 28. November 1920 43 

Die Luziferisierung der vorchristlichen Kultur, die Ahrimanisie- 
rung der Gegenwartszivilisation, und der Weg zu ihrer Uberwin- 
dung durch die Herausbildung von Imagination, Inspiration und 
Intuition - Der Kosmos in Schonheit, der Planet in Starke, der Aus- 
gleich in der Weisheit - Ahrimanische Durchseuchung der Welt seit 
der Mitte des 19. Jahrhunderts - Entwickelung der Maschinenkrafte. 

Vierter Vortrag, Dornach, 4. Dezember 1920 55 

Hegel und Schopenhauer - Weltgedanke und Weltenwille - Gedan- 
kenelement weist in Vorzeit, Willenselement in Zukunft - Westen: 
Materialisierung des Gedankens, Osten: Spiritualisierung des Wil- 
lens - Hegel: Idealisierung des Gedankens, Schopenhauer: Materia- 
lisierung des Willens - Gegensatz zwischen Hegel und Schopen- 
hauer als Lebensratsel der Zivilisationsmitte - Absterben des kos- 
mischen, Aufsteigen des menschlichen Gedankens - Der Mensch als 
schopferisches Element im Kosmos. 

Funfter Vortrag, Dornach, 5. Dezember 1920 71 

Hegel und Schopenhauer - Der Gedanke als Metamorphose des im 
vorigen Erdenleben in den Gliedmafien als Wille Lebenden - Ge- 
dankenelement als Licht in Imagination, Inspiration und Intui- 
tion - Ersterben einer Vorwelt im Gedanken, aufglanzende Schon- 
heit - Hellseherisches Erleben des Willens als Stoff, Finsternis - Auf- 



gehen der Zukunft in der Finsternis - Warmeseite des Lichtspek- 
trums (rot) hangt mit Vergangenheit, chemische Seite (blau) mit Zu- 
kunft zusammen. 

Sechster Vortrag, Dornach, 10. Dezember 1920 84 

Der Zusammenhang des Natiirlichen mit dem Moralisch-Seelischen - 
Abgrund zwischen Naturwissenschaft und Religion - Geisteswis- 
senschaft als Briicke zwischen physischer und moralischer Weltan- 
schauung - Licht als sterbende Gedankenwelt - Das Leben im Licht 
und in der Schwere - Moralisierung des Physischen durch Vergei- 
stigung der Begrif f e. - Die Cassinische Kurve. 

Sieb enter Vortrag, Dornach, 1 1 . Dezember 1920 104 

Naturordnung und moralische Weltordnung, und ihre Metamor- 
phose in Geburt und Tod durch Liebe und Freiheit - Verhaltnis 
vom SeeKsch-Geistigen des Menschen zum Leiblich-Physischen - 
Frei sein heifit sterben konnen, Lieben heifit leben konnen - Ein- 
seitiges Begreifen des Geistig-Seelischen im Osten, des Physisch- 
Leiblichen im Westen - Adam Smith: Der Mensch als wirtschaft- 
licher Automat mit wirtschaftlicher Freiheit. 

Achter Vortrag, Dornach, 12. Dezember 1920 120 

Heutige Geschichtsbetrachtung nach Muster der Naturwissenschaft 
- Die Wanderung der Seelen durch die Kulturen auf den Wegen 
ihrer Wiederverkorperungen - In der europaischen Bevolkerung 
nur wenige Seelen aus den ersten christlichen Jahrhunderten - In 
der westeuropaischen Bevolkerung viele friihere Indianerseelen - 
Viele Seelen der ersten christlichen Jahrhunderte in Asien - Orien- 
talische Seelen aus vorchristlicher Zeit in Amerika - Anstelle von 
Anthropologic mufi Anthroposophie treten. 

Neunter Vortrag, Bern, 14. Dezember 1920 137 

Der Fortgang der Seelen durch die aufeinanderfolgenden Erden- 
leben - Vorstellungsvermogen, Willensorganisation, rhythmisches 
System - Alte und neue Einweihungsmethoden - Alter Orient: Be- 
wufitmachen der Atmungsprozesse; heute: Ruhen im Vorstellen - 
Das Nationalitatenprinzip (Wilson). 

Zehnter Vortrag, Dornach, 17. Dezember 1920 164 

Wie lebt das Seelisch-Geistige im Physischen des Menschen? - Fliis- 
sigkeitsleib, Luftleib, Warmeleib - Wesensglieder des Menschen und 
die Atherarten - Gedanke und Ton - Ich und Blutzirkulation - Ima- 
gination, Inspiration, Intuition - Fehlende Briicke zwischen phy- 
sischem Leib und Seelisch-Geistigem des Menschen in der heutigen 
Betrachtungsweise. 



Elfter Vortrag, Dornach, 18. Dezember 1920 183 

Das Moralische als Quell des Weltschopferischen - Positive Wirkung 
moralischer, negative Wirkung theoretischer Ideen - Stoff und 
Kraft vergehen, moralisches Denken belebt Stofflichkeit und Wil- 
lenskraft - Geistlosigkeit des Kopernikanischen Systems - Kepler, 
Newton - Der Zusammenhang der geistigen Sonne mit der phy- 
sischen Sonne ist das Christus-Geheimnis. 

Zwolfter Vortrag, Dornach, 19. Dezember 1920 199 

Der Mensch als Betrachtender, Handelnder, Fiihlender - Zusam- 
menhang zwischen Gedanken und Wille - Reines Denken: Durch- 
strahlung des Gedankenlebens mit Wille; Liebe: Durchstrahlung des 
Willenslebens mit Gedanken - Schein, Gewalt, Weisheit - Der Weg 
zu Freiheit und Liebe und deren Bedeutung fiir das Weltgeschehen. 

Dreizehnter Vortrag, Basel, 23. Dezember 1920 214 

Das Weihnachtsmysterium - Der Weihnachtsbaum als Symbolum 
des Paradiesesbaumes - Nachfolgeschaft der Hirtenfrommheit und 
der uralt-heiligen Sternenweisheit der Magier. 

Vierzehnter Vortrag, Dornach, 24. Dezember 1920 .... 230 

Der Zusammenhang zwischen dem Sonnenmysterium und dem Chri- 
stus-Mysterium - Die Isislegende und ihre Erneuerung fiir die heu- 
tige Zeit - Die gottliche Weisheit Sophia. 

Funfzehnter Vortrag, Dornach, 25. Dezember 1920 . . . . 244 
Die Geheimnisse des Sternenhimmels und des Menscheninneren - 
Die Verwandlung der alten Wahrnehmungsweise in unsere moderne 
Naturerkenntnis und die mechanisch-mathematische Weltansicht - 
Ein neues Erkennen und ein neues Wollen mufi auf alien Gebieten 
heraufkommen - Die Notwendigkeit einer Dreigliederung des so- 
zialen Organismus. 

Sechzehnter Vortrag, Dornach, 26. Dezember 1920 . . . . 260 

Hirten- und Magiererkenntnis - Mathematisch-mechanische An- 
schauung mufi wieder zur Imagination entfaltet werden, Naturer- 
kenntnis durch Inspiration geweitet werden - Die Geburt des Tiich- 



tigen als Weihnachtsstimmung. 

Hinweise 281 

Textanderungen 293 

Namenregister 294 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 295 



Die Original -Wandtaf elzeichnungen 
von Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk* 
Band VI 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 26. November 1920 



Ich habe oft davon gesprochen, wie sich bereits in der menschlichen 
Gestalt der menschliche Gesamtlebensvorgang ausdriickt. Wer das 
Haupt, den Kopf des Menschen in der richtigen Weise verstehen kann, 
der kann erkennen, wie die besondere Bildung, die besondere Gestal- 
tung des Kopf es ein Ergebnis ist von friiheren Lebenszusammenhangen, 
die der Mensch durchgemacht hat, bevor er zu dem gegenwartigen 
Erdendasein herabgestiegen ist. Und wenn man ins Auge fafit, was die 
Gliedmafienorganisation des Menschen ist, selbstverstandlich diese 
Gliedmafienorganisation raumlich nach innen fortgesetzt in diejenigen 
Organe hinein, mit denen die Gliedmafien ortlich zusammenhangen, 
dann hat man in dieser Organisation dasjenige, was nach gewissen 
Metamorphosen, nach gewissen Umbildungen zugrunde liegen wird 
dem, was menschliche Hauptesbildung sein wird in der Zukunft, die 
iiber den Tod hinausliegt. Damit ist aber zu gleicher Zeit auf einen 
kosmischen Zusammenhang des Menschen hingewiesen. So wie wir den 
Menschen gegenwartig vor uns haben, konnen wir allerdings sagen, 
dafi seine besondere Hauptgestaltung, seine Kopf gestaltung eine Meta- 
morphose ist seiner friiheren Gliedmaflenleibgestaltung; aber dafi der 
Mensch uberhaupt eine solche Hauptesgestaltung hat, wie er sie eben 
an sich tragt, das riihrt von dem her, was der Mensch kosmisch durch- 
gemacht hat, bevor er die irdische Welt betreten hat. Die Kopfgestal- 
tung, sie ist im wesentlichen ein Ergebnis der Saturn-, Sonnen- und 
Mondentwickelung, und dasjenige, was Gliedmafienmensch ist, ist wie- 
derum der Ausgangspunkt fur Jupiter-, Venus- und Vulkanentwicke- 
lung. Nur das, was der Brustmensch ist, was im Wesen des gegenwarti- 
gen rhythmischen Systems liegt, ist eigentlich Erdenmensch. So dafi wir 
folgendes sagen konnen: Was wir im menschlichen Kopf zunachst vor 
uns haben, das ist herausgebildet aus den drei vorhergehenden, der 
Erde vorangehenden planetarischen Verkorperungen. Was den heuti- 
gen Gliedmafien zugrunde liegt, ist Ausgangspunkt fur die folgenden 
planetarischen Verkorperungen der Erde. Und indem der Mensch 



durchgeht durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, 
macht er in einer gewissen Weise wiederum auf geistige Art durch, was 
er wahrend der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit durchgemacht hat. 
Er bildet seinen Erdorganismus zuriick zu dem Saturn-, Sonnen- und 
Mondorganismus. Und ebenso wird dasjenige, was auf der Erde als 
Gliedmaflenorganismus ausgebildet wird, weiter ins Physische hin- 
einorganisiert, umorganisiert wahrend der Jupiter-, Venus und Vulkan- 
verkorperung der Erde. 

Diese Dinge haben also einen menschlich-irdischen Aspekt und einen 
kosmischen Aspekt. Wir konnen daher auch die menschliche Hauptes- 
bildung so betrachten, dafi wir die Beziehung der menschlichen Wesen- 
heit zum Kosmos ins Auge fassen. Nun liegt allerdings der mensch- 
lichen Betrachtung zunachst etwas ferner, was sich wahrend der Sa- 
turn- und Sonnenentwickelung zugetragen hat. Es ist dies, was sich da 
zugetragen hat, weniger noch von irdischem Gesichtspunkte aus zu be- 
urteilen. Dagegen intensiv beurteilen kann man dasjenige, was sich 
wahrend der alten Mondenentwickelung abgespielt hat, denn das wie- 
derholt sich in einer gewissen Beziehung in den Tatsachen, die sich ab- 
spielen zwischen der Erde und dem Monde, dem gegenwartigen Monde. 
Daher kann man auch die Beziehung des menschlichen Hauptes zu 
dem studieren, was sich abspielt zwischen der Erde und dem Monde. 
Und man kommt auf gewisse Geheimnisse der Menschenbildung da- 
durch, dafi man diese Tatsachen ins Auge fafit. Das kann auf folgende 
Art geschehen. 

Denken Sie sich einmal schematisch, der Mensch steht auf der Erde; 
also er befindet sich nicht im Mittelpunkt der Erde, sondern vom Mit- 
telpunkt um den Erdradius entfernt. Und wenn wir dieses schematisch 
als das menschliche Haupt (siehe Zeichnung Seite 15) auf fassen, so kon- 
nen wir sagen: Es bewegt sich wie um die Erde herum, so auch um das 
menschliche Haupt herum der Mond. Schematisch gezeichnet, selbst- 
verstandlich nicht in den Grofienverhaltnissen, das wiirde sich schlecht 
ausnehmen. 

Nehmen Sie nun einmal an, der Mond stiinde hier und sei Voll- 
mond, so strahlt das von der Sonne zuriickgeworfene Licht, wie man 
immer sagt, dem Menschen zu. Es wirkt also das Sonnenlicht auf den 



Menschen. Ich bemerke, wenn ich vom Menschen spreche, meine ich 
jetzt immer das menschliche Haupt. Auf der entgegengesetzten Seite 
sei Neumond. Kein Licht trifft den Menschen; der Mensch ist gewisser- 
mafien von dieser Seite her sich selbst iiberlassen. Er ist weniger in An- 
spruch genommen durch die aufleren Lichtreize, die auf ihn ausgeiibt 
werden. Er ist daher mehr seiner inneren Entwickelung iiberlassen. Und 
wenn Sie hier das erste Viertel, hier das letzte Viertel setzen, zuneh- 
mender, abnehmender Mond, so haben Sie immer weniger Lichtreize 
von beiden Seiten her auf den Menschen ausgeiibt als von seiten des 
Vollmondes, und mehr Reize als von seiten des Neumondes. Aufterdem 
durchlauft ja der Mond, indem er diese Bahn um die Erde beschreibt, 
den Tierkreis. Dadurch wird das Licht noch in besonderer Weise be- 
stimmt und, ich mochte sagen, differenziert; denn das Mondlicht ist 
ein anderes, wenn es von einem Orte kommt, hinter dem, sagen wir, 
der Widder steht, ein anderes, wenn es von einem Orte kommt, hinter 
dem die Jungfrau steht. Das Mondlicht wird als solches differenziert, 
je nachdem der Mond an diesem oder jenem Tierkreisbilde voriibergeht. 



/ 

o 




Tafell* 



Denken Sie sich nun, was ich hier schematisch gezeichnet habe, in 
der richtigen Zeitlage der menschlichen Entwickelung, das heilk, den- 

* Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 281. 15 



ken Sie sich, durch irgendwelche Vorgange setze sich fest in einem 
mutterlichen Leibe der Geistkeim des Menschen, der zunachst heriiber- 
kommt aus der Entwickelung zwischen dem Tod und einer neuen Ge- 
burt. Wahrend dieser Zeit wirkt der Mond auf den Keim. Dann haben 
Sie, zunachst durch die Wirkung des Mondes, natiirlich im Zusammen- 
hange mit den anderen Weltenkorpern, vom Kosmos hereinbewirkt die 
Konfiguration des menschlichen Kopfes im mutterlichen Leibe. Die 
Konfiguration des menschlichen Kopfes geschieht durchaus vom Monde 
her. 

Nun werden Sie sagen, und mit Recht: Es ist doch nicht immer an- 
zunehmen, dafi just der Vollmond sein Licht auf die Augen oder die 
Nase strahlt, und dafi just auf den Hinterkopf, dessen innere Ent- 
wickelung sich uberlassen sein soil, nicht der Aufienwelt, dafi da just 
diese Stelle dem Neumonde gegenubersteht. Gewifi, das braucht auch 
nicht unbedingt der Fall zu sein; im wesentlichen ist es schon so, dafi 
irgendwo dem Antlitz gegemiber der Vollmond tatig ist, und irgend- 
wo dem Hinterkopf gegeniiber der Neumond tatig ist. Das Kind hat 
auch eine besondere Stellung im mutterlichen Leibe, und die ist durch- 
aus nach dem Kosmos hin orientiert. Indem nun aber der Mond etwas 
mehr oder weniger, ich mochte sagen, schief strahlt nach demjenigen 
Teil des Keimes, der Antlitz werden soil, je nachdem wird der Mensch 
mit diesen oder jenen inneren Fahigkeiten, soferne diese vom Haupt 
abhangen, begabt werden. Er wird anders begabt, physisch begabt, 
wenn zum Beispiel das helle Mondlicht nach seinem Munde hinstrahlt, 
als wenn es nach seinen Augen hinstrahlt. Das hangt mit den mensch- 
lichen Begabungen zusammen, soferne sie vom Kosmos abhangig sind. 
Aber das Wesentliche, was wir heute ins Auge fassen wollen, ist, dafi 
wahrend der Embryonalentwickelung des Menschen die Einflvisse, die 
im wesentlichen von dem Monde ausgehen, dasjenige sind, was den 
menschlichen Keim formt, der von der Kopfesbildung ausgeht, denn 
das erste, was sich konfiguriert vom Menschen, ist der Kopf . Und das 
geht vom Monde aus, also von demjenigen, was als alte Mondenbe- 
wegung und Wirksamkeit vom alten Monde und uberhaupt von den 
vorangehenden Verkorperungen unserer Erde zuriickgeblieben ist. Da 
sehen Sie den kosmischen Zusammenhang des menschlichen Hauptes 



mit der AuiSenwelt. Sie sehen, wie der Mensch wahrend der Embryonal- 
entwickelung in diejenigen kosmischen Zusammenhange eingespannt 
ist, fiir die im wesentlichen der Mond mit seiner Wirksamkeit den Ton 
angibt. Die Sache geschieht aber so, dafi ja der Mond die Bewegung 
macht, also eigentlich das Haupt umlauft. Er umlauft es zehnmal, 
wahrend der Mensch die Embryonalentwickelung durchmacht. Es ist 
also so, dafi zunachst der Mond voriiberlauft, das menschliche Antlitz 
bildet, dann es in Ruhe lafit, es auswachsen lafit. Wahrend der Zeit 
bewegt er sich riickwarts herum. Nachdem eine Zeitlang die Gesichts- 
bildung geschlafen hat, erscheint der Mond wiederum, frischt sie auf. 
Das macht er so zehnmal. Und wahrend dieser zehn Mondmonate 
wird rhythmisch aus dem Kosmos heraus das menschliche Haupt ge- 
formt. So daiS wir ein Zehnmal-achtundzwanzig-Tage-Verweilen ha- 
ben des Menschen im Mutterleibe unter dem Einflufi der durch den 
Mond vermittelten kosmischen Krafte. 

Das, was da geschieht, was ist es denn eigentlich? Nun, der Mensch 
kommt zunachst als geistig-seelisches Wesen bei derjenigen Personlich- 
keit, die er sich aus dem Weltenall als seine Mutter wahlt, an. Und 
nunmehr iibernimmt der Mond seine Hauptesbildung. Wiirde der 
Mensch zwolf Monate im miitterlichen Leibe verweilen, zwolf Mon- 
denmonate, so wiirde sich eine ganz abgeschlossene Kreisbildung er- 
geben. Er verweilt nicht diese zwolf Monate, sondern nur zehn Mond- 
monate dort. Daher bleibt noch von seiner Entwickelung etwas offen. 
Damit beschaftigt sich nun alles das, was einwirkt aus dem Kosmos 
nach der Geburt. Vor der Geburt wirken zehn Zwolftel der kosmischen 
Krafte auf die menschliche Hauptesbildung, die iibrigen zwei Zwolftel 
werden der aufiermiitterlichen Bildung uberlassen. Aber es beginnt 
auch schon diese aufiermutterliche Bildung wahrend der Embryonal- 
zeit. AulSer den kosmischen Kraften wirken auf den Menschen noch 
andere Krafte, und die gehen jetzt im wesentlichen von der Erde selbst 
aus. Die wirken nicht auf das Haupt, sondern die wirken auf den 
Gliedmaftenmenschen. Wenn Sie sich hier die Erde vorstellen und, sche- 
matisch gezeichnet, das als den Gliedmafienmenschen, so sind die Krafte, 
welche in diesen Gliedmafien mit ihrer Fortsetzung nach innen spielen, 
im wesentlichen irdisch-tellurische. In den Armen und Handen, in den 



Beinen und Fiifien spielen die Krafte der Erde. Nach innen setzt sich 
dieses Spiel so fort, dafi es zum Stof fwechsel wird. Aber was im Inneren 
Stoffwechsel ist, ist im Aufieren Kraftwechsel. Wenn Sie die Arme 
bewegen, wenn Sie die Beine bewegen, so ist die Bewegung nicht etwas 
so Einf aches, sondern das hat auch mit den Kraften der Erde zu tun. 
Sie haben immer, wenn Sie die Beine bewegen im Gehen, die Schwer- 
kraft der Erde zu uberwinden, und das, was entsteht, ist eine Resultie- 
rende zwischen den im Inneren spielenden Kraften und den Kraften 
der Schwere. 



Taf el 2 




Wahrend beim Stoffwechsel das, was im Inneren des Menschen ar- 
beitet, eben einen Wechselzustand eingeht mit den chemischen Eigen- 
schaften der Erdsubstanz, geht das, was als Kraft in den Armen und 
Beinen ist, einen Kraftwechsel ein mit den Kraften der Erde. Was da 
ausgebildet wird, das hangt nun zusammen mit anderen Zeitverhalt- 
nissen als das, was im mutterlichen Leibe vor sich geht. Im miitterlichen 
Leibe haben wir zehnmal achtundzwanzig Tage, also zehn Monde. Da 
liegt zugrunde der Tageslauf in einer gewissen Anzahl, der Tageslauf 
zweihundertachtzigmal. Wir haben es im wesentlichen mit dem Tages- 
lauf zu tun. Bei der Ausbildung des Gliedmafienmenschen haben wir 



es mit dem zu tun, was wir als den Jahreslauf bezeichnen konnen. Da- 
her sehen wir auch, wie die menschlichen Gliedmafien, in der ersten 
Zeit der Entwickelung allerdings mit grofier Geschwindigkeit, dann aber 
immer langsamer und langsamer voll ausgebildet werden. Eigentlich 
braucht der Mensch achtundzwanzig Jahre, wovon die letzten sieben 
Jahre allerdings nicht mehr so sichtbar als die bis zum einundzwanzig- 
sten Jahre sind, um aufier dem miitterlichen Leibe - aber es beginnt 
schon im miitterlichen Leibe - den Gliedmafienmenschen auszubilden. 

So wie zusammenhangt, was Kopfmensch ist, mit der Vergangen- 
heit und die Entwickelung jetzt stattfinden kann, weil das Verhaltnis 
des Mondes zur Erde diese Vergangenheit von Saturn-, Sonnen- und 
Mondentwickelung wiederholt, so hangt das, was zunachst der Glied- 
mafienmensch ist, mit der Erde zusammen, aber mit dem, was eigent- 
lich in der Erdenbildung Vorbereitung zum Jupiter-, Venus- und 
Vulkanzustand ist. Deshalb kann der Mensch eigentlich sein Haupt 
nicht so unmittelbar auf der Erde ausbilden. Die Erde ist ohnmachtig 
gegeniiber der Bildung des menschlichen Hauptes. Nur dadurch, dafi 
der Mensch die Krafte sich mitbringt von vor der Geburt, vor der Emp- 
fangnis, und dann im miitterlichen Leibe beschiitzt wird vor der aufie- 
ren Erdenumgebung, der Kosmos durch den Mond auf ihn wirkt, da- 
durch kann dieser Kopf als eine hohere Metamorphose des Gliedma- 
fienmenschen der vorigen Inkarnation entstehen. Und der Gliedmafien- 
mensch, der unter dem Einflufi der Erde entsteht, kann nicht fertig 
werden durch die Erdbildung. Er kann es nicht zum Kopfe bringen. 
Der Mensch kann nicht wahrend der Erdenentwickelung, was er kon- 
nen wird wahrend der Venusentwickelung. Wie der Hirsch sein Ge- 
weih abwirft, wird er seinen Kopf verlieren; er wird aus seinem iibri- 
gen Menschen einen anderen Kopf entwickeln. Allerdings ein benei- 
denswerter Zustand dieses Venusmenschen! Aber es ist so, dafi das 
etwas ist, was als zukiinftiger Zustand durchaus vor dem Menschen 
erscheint in der geistigen Anschauung. Ja, die Dinge der Wirklichkeit 
nehmen sich gegeniiber den beschrankten Erdendingen grotesk aus, 
aber das, was Wirklichkeit ist, geht iiber dasjenige hinaus, was dem be- 
schrankten Erdenverstand zunachst zuganglich ist. Man mufi ernst ma- 
chen damit, dafi man innerhalb der blofien Erdenbeobachtung eben nur 



einen Teil der Wirklichkeit erhalten kann, dafi man eigentlich vom 
Menschen nichts weifi, wenn man nur die Erdenverhaltnisse beobachtet. 

So haben wir im Menschen ein kosmisches Wesen, das allerdings 
zunachst der Hauptsache nach im mutterlichen Leibe aufierlich her- 
angebildet wird, und ein Erdenwesen, das unter dem Einflufi der Er- 
denverhaltnisse gebildet wird, konfiguriert, differenziert wird, indem 
scheinbar die Sonne herumgeht um die Erde und dabei wiederum die 
Sternbilder des Tierkreises passiert. Wenn Sie dasjenige, was wir so 
besprochen haben, ins Auge fassen, haben Sie eigentlich im Menschen 
zwei einander entgegengesetzte Zustande: einen kosmischen Zustand, 
kosmische Wesenheit, und eine Erdenwesenheit. Die kosmische Wesen- 
heit wirkt eigentlich so, dafi der Mensch zunachst aus dem Kosmos 
heraus einen ganz runden Kopf kriegen wiirde. Nur dadurch, dafi ihn 
einmal das Sonnenlicht durch den Mond anschaut, wird das Antlitz 
gebildet, dadurch, dafi sich das Sonnenlicht abwendet, wird die Grund^ 
lage geschaffen fur den Hinterkopf. Es wird differenziert, was sich 
kugelformig aus dem Kosmos heraus bildet. Wenn der gute Mond nicht 
ware und den menschlichen Kopf konfigurieren wiirde, wiirde der 
Mensch als ganz unkonfigurierte Kugel geboren werden. Und anderer- 
seits, weil die Mutter auf der Erde ist, wirkt die Erde. Dafi der Mensch 
nicht blofi einen Kopf embryonal entwickelt, riihrt davon her, dafi 
die Erde schon wahrend der Hauptesbildung wirkt. Aber sie wirkt so, 
dafi der Mensch, wenn er blofi der Erde unterliegen wiirde, wenn nicht 
die kosmische Einwirkung da ware, er eine Saule werden wiirde. Der 
Mensch ist eigentlich eingeschlossen, eingeklemmt zwischen dem Saule- 
werden, Radiuswerden von der Erde aus und dem Kugelwerden vom 
Kosmos aus. Der Bildung des Menschen liegt in der Tat Kreis und 
Radius zugrunde. 

Dafi der Mensch keine Saule wird, dafi er vor alien Dingen nicht 
geboren wird mit zusammengewachsenen Fiifien und zusammenge- 
wachsenen Handen, das riihrt davon her, dafi ja ein Jahreslauf da ist, 
dafi Winter und Sommer geistig einwirken, was auf verschiedene kos- 
mische Beziehungen der Erde und ihrer Umgebung hinweist. Die Dif fe- 
renzierung, die auftritt zwischen Winter und Sommer, ist ahnlich wie 
die zwischen Vollmond und Neumond. Wie Voll- und Neumond in 



ihrer Verschiedenheit Antlitz und Hinterkopf bedingen, so bedingen 
diejenigen kosmischen Krafte, die in Winter und Sommer, Friihling 
und Herbst ausgedriickt sind, dafi unsere Gliedmafien konfiguriert 
sind, dafi wir zwei Beine haben und nicht eine Saule sind. So dafi wir 
im Haupt nicht ganz kosmisch sind, sondern, ich mochte sagen, ein 
Kosmisches, das irdisch gemildert ist, und dafi wir in bezug auf un- 
sere Gliedmafien nicht ganz irdisch sind, sondern ein Irdisches, das 
kosmisch gemildert ist. Der Jahreslauf der Erde ist ja kosmisch be- 
dingt. Wir haben also eine kosmische Wesenheit, irdisch beeinflufit, 
und eine irdische Wesenheit, kosmisch beeinflufit. Waren wir nicht als 
kosmische Wesen irdisch beeinflufit, so waren wir als Mensch eine 
Kugel; waren wir nicht als Gliedmafienmensch, als irdischer Mensch 
kosmisch beeinflufit, so waren wir eine Saule. 

Dieses Zusammenwirken von Kosmischem und Irdischem, das ist 
es, was in unserer menschlichen Form sich ausdriickt. Niemand ver- 
steht die menschliche Form, der sie nicht begreifen will aus dem Zu- 
sammenwirken der Erde mit dem Kosmos. Es ist ganz wunderbar, wie 
der Mensch ein Ausdruck ist des ganzen Weltalls, wie er ein Ausdruck 
ist der Sternenwelt, die sich in seiner Gestalt iiberall ausdriickt, und 
wie er zu gleicher Zeit mit dieser Gestalt ein Abbild ist derjenigen 
Krafte, die aus der Erde herausstromen und die ihn bedingen. Denken 
Sie sich einmal die irdische Wesenheit des Menschen unbeeinf lufit von 
der kosmischen Wesenheit. Wir tragen sie so nicht in uns, die irdische 
Wesenheit, aber sie wirkt in uns, sie ist gleichsam das Zugrundeliegende, 
das, was aus dem Mittelpunkt der Erde herausstrahlt, was vom Mittel- 
punkt der Erde heraus erkraftet. Was in unserer menschlichen Kraft 
erscheint, in unserer menschlichen Kraft auch als Wille wirkt, das 
nannte man seit alten Zeiten mit einem Worte, das man deutsch aus- 
sprechen konnte die «Starke» oder die «Kraft». Was uns aus dem Kos- Tafel 2 
mos heraus bildet, was wir also durch den Kreis uns vorstellen miissen, 
was unserer Hauptesbildung hauptsachlich zugrunde liegt, aber nicht 
zum Ausdrucke kommt, weil es irdisch gemildert ist, nannte man seit 
alten Zeiten die «Schonheit». Und so sehen Sie, dafi im grofien aufge- 
fafit diejenigen Dinge, die im Menschen wirken, auch eine Art iiber 
das Physische und iiber das Moralische hinausgehenden Wert haben, 



einen Wert, der beides zusammenfafit, Physisches und Moralisches. 
Denn die Starke, die von der Erde ausgeht, die als Kraft in uns wirkt, 
ist zu gleicher Zeit moralische Kraft und physische Muskelkraft. Die- 
jenige Schonheit, die uns umstrahlt, die unserem Haupte zugrunde 
liegt, sie ist das, was in unserem Haupte als die Schonheit der Gedan- 
ken erscheint, sowohl in physischer Beziehung wie auch in sittlich- 
moralischer Beziehung. 

Zwischen dem, was wir sind als irdische Wesen, gemildert durch 
das Kosmische, was wir sind als kosmisches Wesen, gemildert durch das 
Irdische, zwischen beidem liegt der Rumpfesmensch. Was ist dieser 
Rumpfesmensch? Er ist im wesentlichen der rhythmische Mensch, der 
fortwahrend das Kosmische nach dem Irdischen hinunterpendeln lafit 
und das Irdische nach dem Kosmischen heraufpendeln lafit. Wir ha- 
ben eine f ortwahrende Kreisstromung in uns, die das, was in den Glied- 
mafien liegt, auf dem Umwege durch das Atmen in den Kopf und das, 
was im Kopfe ist, auf dem Umwege durch das Atmen in die Glied- 
mafien fiihrt, so dafi ein fortwahrender Wellengang, ein Hin- und 
Herwellen zwischen Kopf und Gliedmafien entsteht. Was diesen Wel- 
lenschlag vermittelt, ist dasjenige, was wir in unserem rhythmischen 
System, im Lungen- und Herzsystem, im Blutkreislauf in uns haben. 
Was wird der Blutkreislauf daher sein? Er ist etwas, was eingespannt 
ist zwischen dem Geradlinigen und dem Kreis, konfiguriert durch 
Tierkreis, durch Planeten. Was da wirkt, ist so, dafi vom Kopfe aus 
eine Kraft webt, die fortwahrend unser Blut kreisformig leiten will, 
und von den Gliedmafien aus fortwahrend eine Kraft geht, die unser 
Blut geradlinig leiten will. Und aus dem Zusammenwirken der Krafte - 
das fortwahrende Umkreis-werden-Wollen der gesamten Blutzirkula- 
tion, und die fortwahrend zur Geraden werden wollenden Krafte - 
daraus entsteht der besondere Blutkreislauf, von der Atmung angeregt, 
in uns. Dieses rhythmische System vermittelt Kosmisches und Irdisches 
innerhalb des Menschen, so dafi im Menschen ein Band gewoben wird 
zwischen dem Kosmischen, der Schonheit, und der Erde, der Starke. 
Und dieses Band, das da gewoben wird, das im Rumpfesmenschen ist, 
wird im wesentlichen, geistig-seelisch aufgef afk, seit alten Zeiten « Weis- 
heit» genannt. 



Die Schonheit des Kosmos in den Menschen hineinprojiziert ist die 
Weisheit, die in seinen Gedanken lebt. Aber auch die sittliche Kraft, 
die auf dem Umwege durch das Gemiit von der Starke der Erde her- 
riihrt, wird zur sittlichen Weisheit. Im Menschen begegnen sich irdische 
und kosmische Weisheit im rhythmischen System. Der Mensch ist ein 
Ausdruck des ganzen Kosmos, und man kann, wenn man will, diese 
Konfiguration des Menschen verstehen. Man kann gewissermafien hin- 
einschauen in die Geheimnisse des Weltenalls, insofern der Mensch 
aus diesen Geheimnissen heraus gestaltet wird. Ja, man sieht auch - 
wir haben ja schon von anderen Gesichtspunkten aus nach diesem 
Punkte hinsehen konnen - einen gewissen Zusammenhang im irdischen 
Leben selbst. Nehmen Sie das, was als kosmische Schonheit auf dem 
Umwege durch das Haupt in den Menschen hineinwirkt, so haben Sie 
den Beitrag des Weiblichen; nehmen Sie das, was von irdischer Starke 
in dem Menschen auftritt, so haben Sie den Beitrag des Mannlichen, 
und Sie konnen sagen: Im Befruchtungsakt vollzieht sich ein Einigen 
zwischen dem Kosmischen und dem Terrestrischen. Man kann nicht 
in das hineinschauen, was Aufgabe des Menschen auf der Erde ist, wenn 
man nicht in diese besondere Konfiguration des Menschen hineinsieht. 
Denn wir sehen ja, dafi das, was sich als Haupt bildet, sich dadurch 
bildet, dafi eigentlich die Erdenkrafte zunachst gar nicht wirken kon- 
nen auf den Menschen, daft er sein Vorgeburtliches hineinbringt in das 
Irdische, und dafi im Mutterleibe das Aufierirdische auf dem Umwege 
des Mondes menschengestaltend wirkt. Von der Erde wirkt die Starke 
oder die Kraft. Sie bildet den Gliedmafienmenschen. Sie kann ihn 
nicht bis zu Ende fiihren, er mufi durch den Tod gehen. Die Krafte, 
die im Gliedmafienmenschen liegen, miissen sich vergeistigen, verseelen. 
Dann gehen sie im Aufierirdischen weiter zwischen Tod und neuer 
Geburt und gestalten sich zunachst geistig-seelisch zur Hauptesbildung 
um. Auf der Erde hat auf sie dasjenige gewirkt, was sie nicht zu Ende 
bringen kann, weil aus den menschlichen Gliedmafien erst das Haupt 
hervorgehen wird, wenn Jupiter- und Venusbildung vorhanden sein 
wird. Was also auf der Erde wirkt, das bedingt nicht den Menschen 
von der Geburt bis zum Tode. Was vorher auf Saturn, Sonne, Mond 
gewirkt hat, das ist jetzt geistig geworden und mufi geistig ausgebildet 



werden vor der neuen Geburt; und das, was durch den Tod geht, 
mufi wiederum vergeistigt werden, dann kann die Zukunft von der Ver- 
gangenheit aufgenommen werden, und dann kann der menschliche 
Gliedmafienorganismus wiederum Haupt werden. Man kann also sagen: 
Der Mensch stirbt, damit er in der geistigen Welt die Fahigkeit erlangt, 
jene Gestalt, teilweise irdisch gemildert, zum Ausdruck zu bringen, die 
zum Ausdruck gebracht werden kann vermoge dessen, dafi er Saturn-, 
Sonnen- und Mondenzustahd durchgemacht hat. Hier auf Erden kann 
er als Gliedmafienmensch nur durchmachen, was sein rhythmisches 
System ausbildet, das ist irdisches Wesen. Aber in seinen Gliedmafien 
bildet er die Zukunft vor. Sie konnen nicht zu Ende kommen, der 
Mensch mufi sterben und wiederum zuriickkehren zum Kopfe, der zu- 
nachst vorgebildet ist im Vorirdischen. So hangt die menschliche Ge- 
stalt zusammen mit den wiederholten Erdenleben. Weil der Mensch 
physisch geboren ist als ein Wesen, das sich aus Saturn-, Sonnen- und 
Mondenzustand herausgebildet hat, weil der Mensch, indem er aus 
der geistigen Welt die Anlagen bekommt, wiederum dasjenige zum 
Ausdruck zu bringen hat in der Kugelgestalt, was er als Saturn-, Son- 
nen- und Mondzustand durchgemacht hat, bekommt er ein Haupt auf 
der Erde, das inn fortw'ahrend totet, weil es nicht irdisch ist. 

Diese Dinge, die sich im menschlichen wiederholten Erdenleben 
ausdriicken, sind innig zusammenhangend mit dem, was kosmische 
Entwickelung ist. Es ist nicht so, daft diese Dinge, die wir heute benihrt 
haben und die wir morgen und ubermorgen weiter ausfiihren wollen, 
vom Menschen nicht eingesehen werden konnen. Sie konnen schon ein- 
gesehen werden. Erforscht miissen sie werden durch die Geisteswissen- 
schaft; einsehen kann sie jeder, der seinen gesunden Ideenzusammen- 
hang einfach wirken lafit. Aber man hort doch immer wieder und 
wiederum, daft der Mensch nicht die Dinge der Geisteswissenschaft 
unmittelbar einsehen konne. Wenn man sagt: Ja, der Geistesforscher 
gibt mir diese Dinge, ich kann sie nicht selber einsehen - sagt man im 
Grunde genommen nichts anderes, als wenn man sagen wiirde, nach- 
dem man sein Abiturientenexamen gemacht hat, man konne keine 
Differentialrechnung losen. Alle Menschen konnen lernen, was Gei- 
steswissenschaft sagt, wie alle Menschen im Prinzip lernen konnen, 



Differentialgleichungen zu losen; nur ist das letztere schwieriger als 
das erstere. Es ist nicht so, dafi dergleichen Ausreden gelten konnen, 
man sei nicht hellsehend, sei nicht Hellseher und sehe deshalb die Dinge 
nicht ein. Ebensowenig wie man nicht hellsehend zu sein braucht, urn 
Differentialgleichungen zu losen, ebensowenig braucht man hellsehend 
zu sein, um solche kosmischen Zusammenhange mit der Auftenwelt zu 
durchschauen. Man braucht nur die gesunden Begriffe mitzubringen. 
Aber es ist auch das Entgegengesetzte von dem der Fall, was sehr 
haufig von den Leuten gesagt wird. Es wird gesagt von dem einen: 
der hat die, der andere hat jene Weltanschauung, und man kennt sich 
nicht aus, welche die richtige ist. - Wenn man konsequent ist und alles 
verfolgt, alles zusammennimmt, was gesagt worden ist, ist alles ein- 
deutig und nicht vieldeutig. Sie konnen sich nicht streiten iiber Schon- 
heit, Weisheit und Kraft und deren Bedeutung. Alles ist eindeutig. Dafi 
in unserer Kopfbildung ein Peripherisches, dafi in unserem iibrigen 
Menschen das Starkeelement in Radiusgestalt enthalten ist, diese Dinge 
sind eindeutig. Da kann man nicht auf dieses oder jenes kommen. 
Uber diese Dinge kann man nicht herumreden; in diesen Dingen kommt 
man zu ganz bestimmten Ergebnissen. In dieser Tatsache liegt in der 
Gegenwart das Schwierige in der Ausbreitung der Geisteswissenschaft 
als solcher, denn heute ist es ja so, dafi sich da oder dort dieser oder 
jener Verein auch einmal iiber Anthroposophie oder Dreigliederung, 
die ja nur ein soziales Ergebnis der Geisteswissenschaft ist, Vortrage 
halten lafit. Die Leute horen es einmal an, nachher horen sie wieder 
anderes an, und nachher wieder etwas anderes; zu einer wirklichen 
inneren Entschlufikraft, zu Entscheidungen wollen sie nicht kommen. 
Sie nehmen das, was Geisteswissenschaft ist, als etwas, was neben an- 
deren Dingen stehen kann. Das geht gegeniiber der Geisteswissenschaft 
nicht. Die anderen Weltanschauungen, die in der Gegenwart auftreten, 
die konnen sich das gefallen lassen. Die eine ist ein bifichen besser, die 
andere schlechter. Man kann sagen: Man hdrt sich alle diese Dinge an, 
man nippt da oder dort. - Gegeniiber Geisteswissenschaft geht das 
nicht. Da mufi man sich entscheiden, denn die geht bis in die Funda- 
mente. Da ist wirklich dieses starke Anspannen des Willens notig, das 
zu Entscheidungen fiihrt, das sich nicht neben anderes hinstellt, son- 



dern das bis in die Fundamente gehen will. Bis in die Fundamente 
gehen kann man nicht, wenn man nur hin und her pendelt von einer 
Weltanschauung zur anderen, iiberall nur nippt. Geisteswissenschaft 
fordert ein energisches Durchgreifen. Daher hat Geisteswissenschaft 
gegen sich den Geist der Zeit, sie hat gegen sich alle Schlappheit und 
alle Schwachen der Zeit, denn sie fordert helle Geistesstarke, und die 
will man nicht in der Gegenwart; sie stort einen, ist einem unbequem. 

Der Mensch hat durchaus einmal in der Urzeit aus einem instinkti- 
ven Wissen heraus iiber diese Dinge Gesichtspunkte gehabt, und die 
alten Schriften, mit denen sich unsere Gelehrsamkeit befaik, die sie 
aber nicht versteht, enthalten iiberall Hinweise darauf, dafi in dieser 
Weisheit durchaus so etwas vorhanden war wie diese Beziehungen des 
Menschen zum Kosmos. Dann ist diese Weisheit verlorengegangen. 
Der Mensch wurde zuriickgeworfen in das Chaos. Aber aus diesem 
Chaos mufi er sich durch seine eigenen Willenskrafte retten, er mufi 
aus diesem Chaos bewufit seinen Zusammenhang mit dem Kosmos wie- 
derfinden. Und man kann ihn finden. Ich sagte am Anfange der heu- 
tigen Betrachtung, man verstehe das Haupt nicht, wenn man es nicht 
als ein Ergebnis des Kosmos ansehen kann; man versteht den Glied- 
mafienmenschen nicht, wenn man ihn nicht ansehen kann als Ergeb- 
nis der irdischen Bildung. Und der Ausgleich zwischen beiden ist der 
Brustmensch, der rhythmische Organismus, der fortwahrend die Ge- 
rade kreisformig und den Kreis geradlinig machen will. Wo Sie die 
Blutbahn ins Auge fassen wollen, will die Gerade entstehen, aber auch 
den Kreis zur Geraden umformen; wie die Blutbahn entsteht, das 
hangt zusammen mit den Sternbewegungen und so weiter. Die Form 
hangt mit der Sternkonstellation, die Bewegung mit planetarischen 
Bewegungen zusammen. Das ist auch schon erwahnt worden von an- 
deren Gesichtspunkten aus. Aber was wird im menschlichen Gemiite, 
wenn man solche Erkenntnis aufnimmt? Man kann ja nicht anders, als 
sagen: Diese Erkenntnisse sind £iir den, der sie in sich aufnimmt, so 
durchsichtig wie die mathematischen Wahrheiten. - Mathematische 
Wahrheiten sind gewifi durchsichtig, aber nicht fur jeden funfzehn- 
jahrigen Knaben. Aber diese Dinge sind durchsichtig wie die Mathe- 
matik. 



Auf der anderen Seite sind sie so einschneidend in dasjenige, was 
der Mensch fiihlen und empfinden kann. Es entsteht aus dieser Weis- 
heit ein GefUhl des Gottlichen. Nur ein Wissen, das an der Oberflache 
bleibt, kann irreligios sein; ein Wissen, das bis in die Tiefen geht, kann 
nicht irreligios sein. Sieht man wieder auf den Zusammenhang des 
Menschen mit dem Kosmos, bemerkt man vor alien Dingen in dem 
uns einhiillenden Sternenhimmel die Schonheit als einen Abdruck gei- 
stiger Entitat, dann kommt man dazu, die Schonheit der Dinge wieder- 
um einzupragen in die Kunst. Dann lebt in der Kunst nicht blofi die 
aufiere Natur, wie sie sinnlich geschaut wird. Dann wird tatsachlich 
das erreicht durch eine solche, zu den Fundamenten gehende Wissen- 
schaft, wie es Geisteswissenschaft ist, es wird das erreicht, was ich im 
ersten einleitenden Eroffnungsvortrag zu unseren Kursen gesagt habe: 
Gesucht wird hier am Goetheanum die Einheit von Wissenschaft, 
Kunst und Religion. 

Wie sagt doch derjenige, nach dem das Goetheanum seinen Namen 
hat: 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, 
Hat auch Religion, 
Wer jene beiden nicht besitzt, 
Der habe Religion. 

Das heilk, von aufien! Aber von innen hat sie derjenige, der Wissen- 
schaft und Kunst aus den Fundamenten heraus besitzt - das ist Goethe- 
sche Gesinnung. 

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion -, da- 
her diirfen diejenigen, welche in der angedeuteten Art die Einheit von 
Religion, Kunst und Wissenschaft anstreben, die Institution, an der 
sie sie anstreben, wahrhaftig «Goetheanum» nennen. Aber auch da ist 
das Einsehen desjenigen, was so begriindet hier auftritt, eben, wie es 
scheint, keine Aufgabe fur die Oberflachlichkeit unserer Zeit, die alles 
nur von oben herab, alles nippend betrachtet. Geisteswissenschaft for- 
dert Entscheidungen. Entscheidungen sind notig, weil dieser Geist in 
die Tiefen der Welt eindringen will. Deshalb mufi das auch begriffen 
werden aus den Tiefen des menschlichen Herzens heraus. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 27. November 1920 



Wir haben gestern wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus 
den Zusammenhang des Menschen mit Vergangenheit und Zukunft be- 
sprochen und dabei zugrundegelegt, was in der aufieren menschlichen 
Gestalt sich offenbart, wir haben zugrundegelegt jene Dreigliederung 
des menschlichen Organismus, auf die wir ofter schon hingewiesen ha- 
ben; den Hauptesorganismus, von dem wir zeigten, wie er in die Ver- 
gangenheit weist, den Gliedmafienorganismus, der in die Zukunft 
weist, und dann den rhythmischen Organismus, Lungen- und Herz- 
organismus, der eigentlich der Gegenwart angehort. Nun wollen wir 
heute zunachst, damit wir morgen diesen ganzen Komplex von Tat- 
sachen runden konnen, den anderen Aspekt des Menschen, den mehr 
innerlichen, den seelischen, ins Auge fassen. 

Geradeso wie wir beim Korperlichen des Menschen unterscheiden 
konnen drei Glieder, das Kopfliche, dasjenige, was im rhythmischen 
System begriindet liegt, dasjenige, was der Gliedmafienorganismus ist, 
konnen wir auch im Seelischen drei Glieder unterscheiden. Wir kon- 
nen hinweisen auf das Denken oder Vorstellen, auf das Fiihlen, auf 
das Wollen, und man hat es in einer gewissen Weise im Seelischen ge- 
radeso mit dieser Dreigliederung zu tun, wie man es im Physischen 
mit der anderen, eben erwahnten Dreigliederung zu tun hat. Man 
kann dann wiederum iiber jedes dieser drei Glieder in bezug auf die 
ganze Einstellung des menschlichen Wesens in dem Kosmos Forschun- 
gen anstellen. Da wird man zunachst hinweisen auf das Vorstellungs- 
leben. Dieses Vorstellungs- oder Gedankenleben, das Denken, das ist 
ja zweifellos dasjenige, welches im Menschen am bestimmtesten inner- 
lich wirkt. Das Vorstellungsleben ist dasjenige, was den Menschen 
gewissermafien auf der einen Seite herausfiihrt in den Kosmos, auf 
der anderen Seite aber auch hineinfiihrt in sein Inneres. Durch das 
Vorstellungsleben macht sich der Mensch bekannt mit den Erschei- 
nungen im weiten Umkreise des Kosmos. Er nimmt auf alles das, 
was aufgefafit werden mufi als der Urgrund, aus dem hervorgeht seine 



Hauptesbildung, wie wir gestern gesehen haben. Aber auf der anderen 
Seite nimmt der Mensch seine Gedanken und Vorstellungen in sich wie- 
derum hinein, er bewahrt sie als Erinnerungen. Er baut sein inneres 
Leben nach diesen Vorstellungen auf. Dieses Vorstellungsleben, dieses 
Gedankenleben, es ist vorzugsweise an das Haupt des Menschen ge- 
bunden, es hat im Haupte sein Organ. Und schon daraus kann in einer 
gewissen Weise geschlossen werden, dafi das Schicksal des Vorstellungs- 
lebens zusammenhangt mit dem Schicksal des Hauptes. Indem das 
Haupt zuriickweist in die Vergangenheit, wir gewissermafien die gei- 
stig-seelischen Keimanlagen zur Hauptesbildung hineinfuhren durch 
die Geburt ins physische Dasein, weist uns diese Tatsache schon darauf 
hin, dafi wir auch das Vorstellungsleben als solches hineinbringen aus 
dem vorgeburtlichen Dasein. Aber fur ein solches sachgemafies Be- 
urteilen des Vorstellungslebens liegen ja noch andere Griinde vor. Un- 
ser Vorstellungsleben ist, ich mochte sagen, das Bestimmteste in un- 
serem Seelischen. Es ist das Gerundetste in unserem Seelischen. Es ist 
auch dasjenige, welches Elemente enthalt, die im Grunde genommen 
mit unserem Individuellen hier in der physischen Welt gar nicht zu- 
sammenhangen. 

Nehmen Sie einmal das, was wir als mathematische Wahrheiten 
oder vielleicht auch als die Wahrheit der Logik in uns auffinden. Wir 
konnen nicht mathematische Wahrheiten aus der aufieren Beobach- 
tung verifizieren, sondern wir miissen die Wahrheit des Mathemati- 
schen, die Wahrheit des Geometrischen aus unserem Inneren heraus 
entwickeln. In uns liegt die Wahrheit, zum Beispiel des Pythagore- 
ischen Lehrsatzes, oder dafi die drei Winkel eines Dreiecks hundert- 
achtzig Grad sind. Wir konnen uns versinnbildlichen solche Wahrhei- 
ten, wenn wir entsprechende Figuren aufzeichnen, aber wir beweisen 
sie nicht an der Tafel, sondern wir bilden durch innere Anschauung 
das, was sich in unser Vorstellen als Mathematik hineinmischt. Und es 
ist vieles andere, das sich in unser Vorstellen in dieser Weise hinein- 
mischt. Und wir wissen lediglich dadurch, daft wir Menschen sind, von 
diesen mathematischen Wahrheiten. Auch wenn Tausende, Millionen 
von Menschen kamen und sagten: Der pythagoreische Lehrsatz ist 
nicht wahr -, wir wiifiten doch als einzelner Mensch, daft er wahr sein 



muC, durch innere Anschauung. Woher riihrt so etwas? Das riihrt le- 
diglich davon her, dafi wir das Vorstellungsleben nicht erst wie das 
Gefuhls- und Willensleben in dem Physischen ausbilden, sondern dafi 
wir es schon hereintragen durch unsere Geburt in unser physisches 
Dasein. Was ich jetzt eben ausgesprochen habe, und was man durch- 
aus, ich mochte sagen, schon ablesen kann von der Wesenheit des 
Menschen durch die wirkliche Beobachtung dieser Wesenheit, es drttckt 
sich fiir den Geistesforscher auf folgende Art aus. Nehme man an, der 
Mensch riicke vor zum sogenannten imaginativen Vorstellen. Dieses 
imaginative Seelenleben, worin besteht es denn? Es besteht darin, dafi 
wir in Bildern leben, aber in Bildern, die uns nicht durch die aufieren 
Sinne vermittelt sind. Im gewohnlichen aufieren Leben nehmen wir 
durch unsere Sinnesorgane die aufieren Gegenstande wahr. Die geben 
uns die Bilder durch die Augen und Ohren, und diese Bilder fassen wir 
durch das Denken zusammen. Im imaginativen Vorstellen ist das an- 
ders. Da haben wir die Bilder, wenn wir in entsprechender Weise vor- 
gebildet sind, ohne aufiere Anschauung. Sie erstehen in uns, konnte ich 
sagen, aber wir hbren nicht auf zu denken, wenn wir in der richtigen 
Weise uns zum imaginativen Seelenleben erheben. Wir denken in in- 
neren Bildern, wie wir sonst bei aufieren gegenstandlichem Wahrneh- 
men iiber aufiere Bilder denken. Aber das erste, was wir erleben, wenn 
wir uns zu imaginativem Vorstellen heranentwickeln, was wir erle- 
ben, wenn wir zwar denken, wenn wir unsere Seele ganz durchdrin- 
gen mit Denken, aber zu gleicher Zeit aufsteigt das Bilderleben, das 
erste ist nichts Gegenwartiges. Das erste ist, dafi uns vor die Seele treten 
die Bilder des Lebens vor unserer Geburt oder vor unserer Empfang- 
nis. Das gegenwartige Leben tritt vor den Imaginationen erst spater, 
nach langer Gewohnung, in gewisser Weise auf, und keineswegs mit 
solcher Klarheit und Bestimmtheit wie das Leben, das vor der Geburt, 
vor der Empfangnis liegt. Diese Tatsache ist ein voller Beweis dafiir, 
dafi, wenn wir vom Gegenstandswahrnehmen absehen, [- wir also in 
Bildern denkend leben -] , uns dieses Denken zunachst nur Bilder vor- 
fiihren kann aus der Vergangenheit. Wir haben in dem, was uns diese 
Bilder vorfiihren, Kosmisches aus unserem vorirdischen Leben. Dieses 
und manches andere zeigt eben, wie das Vorstellungsleben dasjenige 



ist, das wir zunachst als Kraft hineintragen aus unserem vorgeburt- 
lichen Leben. 

Die Selbstbeobachtung, wenn sie nur unbefangen genug gefuhrt 
wird, zeigt uns, dafi das Gefiihlsleben sich nach und nach im Physi- 
schen entwickelt. Wir konnen nicht unser Fiihlen in derselben Weise mit 
demjenigen durchziehen, was so bestimmt ist wie das Mathematische, 
wie die Vorstellungen. Alles, was wir an Gefiihlen entwickeln, miissen 
wir zwar von der Kindheit an, aber eben erst von der Kindheit an ent- 
wickeln durch das Leben seit der Geburt. Wir haben ein um so rei- 
cheres Gefiihlsleben, je mehr wir eben erlebt haben seit der Geburt. 
Ein Mensch, der durch schweres Leid und schwere Schicksalsschlage 
gegangen ist, hat ein anderes Gefiihlsleben als ein Oberflachling, der 
so leicht hingehuscht ist durch das Leben. Die Lebensschicksalsfalle, die 
praparieren uns fur das Gefiihlsleben. Ein mathematisches Urteil, das 
unser Vorstellen durchdringt, das tritt plotzlich auf. Ein Gefiihl kon- 
nen wir nicht plotzlich ausbilden. Ein Gefiihl bildet sich langsam im 
Leben heraus und ist selber etwas, was mit uns wachst, was teilnimmt 
an unserem ganzen Wachstumsprozefi im physischen Leben. 

Und das Willensleben ist etwas, was uns ja zunachst wenig mit dem 
Kosmos verbindet. Es ist dasjenige, das aus unbestimmten Untergriin- 
den unserer Seele herauspulst. Wir tragen durch unsere Taten aller- 
dings Willensleben in den Kosmos hinein; aber bedenken Sie nur ein- 
mal, welcher Unterschied ist zwischen dem Verbundensein mit dem 
Kosmos durch das Vorstellungsleben und dem anderen Verbunden- 
sein durch das Willensleben. Wir sind mit dem Kosmos verbunden 
durch das Vorstellungsleben, wenn wir hinausgehen in die sternenhelle 
Nacht und gewissermafien den Kosmos im Bilde vor uns haben, ihn 
in Gedanken umfassen. Wir konnen ihn auch fiihlen. Wie klein ist da- 
gegen das Stiickchen Taten, das wir loslosen aus unserem Willensele- 
ment und das wir in den Kosmos hineinstellen! Das bezeugt zunachst, 
dafi das Willenselement in ganz anderer Weise im Menschen wurzelt als 
das Vorstellungselement. Vergleichen Sie das Willenselement im be- 
sonderen mit dem Vorstellungselement wie mit dem Gefiihle. Das Vor- 
stellungselement, sobald wir geniigend zu ihm erwacht sind, es verbin- 
det uns auf einen Schlag mit dem ganzen Kosmos. Das Gefiihlselement, 



es lebt sich heran. Es lebt sich so langsam oder so schnell heran, als un- 
ser schicksalsgemafies Leben zwischen Geburt und Tod ablauft. Aber 
es ist doch etwas, was uns, wenn auch weniger intensiv und auch we- 
niger extensiv als das Vorstellungsleben, mit dem Kosmos verbindet. 
Bedenken Sie nur, wie allgemein-menschlich es ist, durch das Vorstel- 
lungsleben mit dem Kosmos verbunden zu sein: Drei Menschen gehen 
in der sternhellen Nacht hinaus; sie stehen an einem Orte, sie haben 
alle drei dasselbe kosmische Bild um sich, sie sehen alle drei dasselbe, 
und wenn sie gelernt haben, mit Gedanken dieses Bild zusammenzu- 
fassen, sie werden alle drei unter Umstanden dasselbe mit einem Schlag 
in ihrer Vorstellung haben konnen. 

Mit dem Gefuhlsleben ist es anders. Nehmen wir einmal einen Men- 
schen, der ziemlich gedankenlos, oberflachlich sein Leben verbracht 
hat, hochstens zuweilen in der Nacht sich exponiert hat der Sternen- 
welt; und vergleichen wir das, was ein solcher fiihlt, wenn er heraus- 
tritt in der Nacht und den sternenbesaten Himmel sieht, mit dem an- 
deren, was ein anderer fiihlt, der einmal eines Abends mit einem Men- 
schen, den er bis dahin noch wenig gekannt hat, einen Spaziergang 
macht, durch den sie in tiefe Schicksals- und Lebensfragen hineinge- 
bracht werden, in eine Diskussion hineingebracht werden, welche stun- 
denlang dauert, welche fortdauert, bis die Sterne untergehen. Nehmen 
wir an, in einem Moment, wo gerade der Himmel in den Sternen wun- 
derbar glanzt, kommen sich die Freunde nahe, und nehmen wir weiter 
an, solch ein Mensch sieht nach Jahren, nachdem jene Freundschaf t die 
verschiedensten Gestaltungen angenommen hat, in ebensolcher Weise 
den sternbesaten Himmel. Welche Gefuhle werden unter Umstan- 
den im Nachklange an das Erlebnis der Befreundung in ihm aufstei- 
gen! Da gehen schon die Gefuhle in den Kosmos hinaus, aber sie gehen 
hinaus nach Mafigabe des Lebens, das seit der Geburt verbracht wor- 
den ist. Durch die Vorstellungen gehen die Gedanken hinaus in den 
Kosmos, weil wir als Mensch geboren sind und ein Geistig-Seelisches 
durch die Geburt hineingebracht haben in unser physisches Dasein. 
Durch das Fuhlen geht das innere Seelenleben hinaus zu den Dingen 
des Kosmos, aber nur gemafi dem, was verlaufen ist in diesem phy- 
sischen Leben selber. 



Versuchen Sie zu Ende zu kommen mit demjenigen, was ich hiermit 
anschlage, so werden Sie sich sagen konnen: Das Vorstellungsleben ist 
durch die Geburt ins physische Dasein hineingebracht; das Gefuhls- 
leben entwickeln wir zwischen Geburt und Tod; wie wenig ist aber 
von dem vorhanden, was von uns aus in den Kosmos hinausgeht aus 
Taten unserer Willensimpulse heraus! Wie wenig geht hinein in den 
Kosmos von dem, was ausfliefk aus unseren Willensimpulsen! - Da 
haben wir es zu tun mit etwas, was sich primitiv ausnimmt gegeniiber 
den Gefiihlen, und noch mehr gegeniiber dem Vorstellungsleben. Der 
Geistesforscher kann die Griinde davon darlegen, wenn er sich bis zur 
Intuition erhebt; da erreicht er die Willensimpulse. In dem Moment, wo 
er sich durch innere Seelenentwickelung zur Intuition erhoben hat, wo 
alles andere ausgeloscht ist in seinem Seelenleben, steht zwar nicht 
das gegenwartige Tatenleben, aber etwas sehr Merkwiirdiges vor ihm. 
Es stehen vor ihm als erstes Erlebnis der Intuition nicht seine Taten 
selber, aber alles das, was seine Taten als Schicksale, Schicksalskeime 
fur die Zukunft ihm darbieten konnen. Zukunftig ist alles das, was da 
der Intuition erscheint als erster Eindruck, was werden kann aus uns, 
da wir eine solche Summe von Taten durchgemacht haben, die wir 
nicht selber sehen, deren Keime vor unsere Seele treten. Daraus geht 
hervor, dafi das Willensleben dasjenige ist, was wir durch den Tod 
hiniibertragen, was auf die Zukunft verweist. So konnen wir also 
schematisch sagen: Bleiben wir beim Physischen, so haben wir den 
Kopfmenschen, den rhythmischen Lungen- und Herzmenschen, den 
Gliedmafienmenschen. Der Kopfmensch weist uns auf dasjenige, was 
wir aus der Vergangenheit mitbringen. Der rhythmische Mensch ver- 
weist uns auf die Gegenwart zwischen Geburt und Tod. Der Gliedma- 
fienmensch verweist uns auf die Zukunft; daraus wird uns spater Kopf- 
bildung, im spateren Leben. Gehen wir auf das Seelische, dann haben 
wir das Vorstellungsleben, das uns auf die Vergangenheit verweist, das 
Gefiihlsleben, das uns auf die Gegenwart verweist, das Willensleben, 
das uns auf die Zukunft verweist. 

Wir haben gestern gesehen, dafi der Kopf des Menschen zusammen- 
hangt mit dem Peripherischen, mit dem ganzen Kosmos, und dafi der 
Gliedmafienmensch mit der Erde zusammenhangt. So ist es auch mit 



dem Seelischen. Das Vorstellungsleben hangt zusammen mit dem Kos- 
mos, das Willensleben mit der Erde, und das rhythmische Leben, das 
Gefiihlselement, das vermittelt zwischen beiden, das ist eben der Aus- 
gleich zwischen beiden, zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen. 
Wir haben auch darauf hingewiesen, dafi seit alten Zeiten aus instink- 
tiver Erkenntnis der Urweisheit heraus das, was von der Erde aus 
in die Gliedmafien des Menschen hineinwirkt, was nur gemildert wird 
durch den Kosmos und seine Wirkung, dafi das bezeichnet wurde als 
die Starke. Und das im Menschen, was in der Hauptesbildung zum 
Ausdruck kommt, was kosmisch ist, aber durch Irdisches gemildert, 
das wird seit alter Zeit bezeichnet als Schonheit, und der Ausgleich 
zwischen beiden, der im rhythmischen Menschen lebt, als Weisheit. 
Dieselben Bezeichnungen wurden aber auch angewendet auf das Vor- 
stellungsleben, das eben im Sinne alter Mysterienweisheit als von dem 
Prinzip der Schonheit durchdrungen gedacht wird, das Gefiihlsleben, 
das von der Weisheit durchdrungen gedacht wird, das Willensleben, 
das von der Starke durchdrungen gedacht wird. 

Nun konnen wir auch auf den Geist des Menschen hinsehen, wie wir 
auf den physischen Leib und auf die Seele gesehen haben. Auch da 
haben wir eine dreigliedrige Geistwesenheit des Menschen vor uns. 
Nur miissen wir beim Geist von drei Zustanden sprechen. Wir konnen 
unterscheiden zunachst das, was den Geist uns zeigt, ich mochte sagen, 
in seiner vollen Durchleuchtung, wenn wir ganz wach sind. Wir kon- 
nen den Geist beobachten in den anderen Zustanden, wenn er zwi- 
schen Wachen und Schlafen traumt, und wir konnen den Geist be- 
trachten, wenn er fiir das irdische Leben bewufitlos im tiefen Schlafe 
ist. Das ist der dreigliedrige Geist: der wachende, traumende und 
schlafende. 

Nehmen wir das Wachleben. Das Wachleben ist, wie ja tatsach- 
lich vor der unbefangenen Beobachtung ganz klar ist, das reifste Leben 
des Menschen, es ist dasjenige, das er sich durch seine Geburt ins phy- 
sische Dasein hineintragt. Wenn es auch nicht gleich erscheint, so ist 
es doch das Vollkommenste, das Reifste, es ist dasjenige, was er da- 
durch hat, dafi er als Mensch geboren wird. So daft wir sagen konnen: 
Das Wachleben verweist uns auf die Vergangenheit; das Traumesle- 



ben - es scheint natiirlich zunachst sonderbar, wenn man vom Traum- 
leben sagt, dafi es uns auf die Gegenwart verweist, aber es ist doch so. 
Sie konnen in einem gewissen Lebensalter sehr genau beobachten, wie 
das Traumesleben auf die Gegenwart weist. Das Kind, das ganz kleine 
Kind, das traumt ja, das hat noch kein volliges Wachieben. Erst wenn 
die Vergangenheit sich in das Kind hereinbegibt, dann beginnt das 
Wachieben. Aber das Gegenwartige ist das Traumesleben; und dafi 
wir den Wachzustand in das Traumesleben hineinbekommen, riihrt da- 
von her, dafi unser Vorgeburtliches, unsere Vergangenheit in die Ge- 
genwart hineinragt. Die Gegenwart erzieht uns nur zum Traumesleben. 
Und das Schlafesleben, es ist dasjenige, durch das wir der Gegenwart 
noch gar nicht angehoren, das verwandt ist mit unserem Willensleben, 
das das Unvollkommenste in uns ist, das erst vollkommen werden mufi; 
es ist dasjenige, was in uns die Zukunft vorbildet, was auf die Zukunft 
hinweist. So gehort der Geist der Vergangenheit, der Gegenwart und 
der Zukunft an. Der Vergangenheit durch das Wachieben, der Gegen- 
wart durch das Traumleben, der Zukunft durch das Schlafesleben. 



Wir konnen diese drei Zustande, diese drei verschiedenen Stufen des 
menschlichen Wesens mit der Vergangenheit, der Gegenwart und der 
Zukunft des Kosmos in Zusammenhang bringen. Fur den physischen 
Leib haben wir das gestern schon getan. Wir haben gesagt: Die ganze 
Kopfbildung hangt zusammen mit dem, was die Erde als fruhere Zu- 
stande durchgemacht hat auf Saturn, Sonne, Mond. Der Gliedmafien- 
mensch bezeugt, dafi im Menschen sich etwas ausbildet, was noch 
gar nicht auf der Erde zur Vollendung kommen kann. Es kam Ihnen 
spafiig vor, dafi ich Ihnen vom Venuszustande gesprochen habe, wo eben 
die menschliche Bildung ganz anders verlaufen wird als auf der Erde. 
Auf der Venus wird der Mensch in der Mitte der Entwickelung seines 
Lebens, sagte ich Ihnen, den Kopf verlieren. Dafiir wird ihm aus sei- 



Vergangenheit 

Kopfmensch 
Vorstellungsleben 
Wachieben 

Scbonheit 



Gegenwart Zukunft 

Rhythmischer Mensch Gliedmafienmensch 
Gefiihlsleben Willensleben 
Traumleben Schlafleben 

Weisheit Starke 



Taf el 3 



Physisches 

Seele 

Geist 



nem Gliedmafienmenschen ein anderer nachwachsen, was in der Ge- 
genwart, meinte ich, fur manchen sehr angenehm sein konnte, aber 
eben nicht der Fall sein kann. Hier mufi man, weil der Gliedmafien- 
mensch die Tendenz hat, Kopf zu werden, aber es erst sein kann, wenn 
er aufierhalb des Irdischen den Zustand zwischen Tod und neuem 
Leben durchgemacht hat, zufrieden sein mit dem einen Kopf. Aber 
dieser Gliedmafienmensch weist auf das hin, was wir physisch werden 
durch Jupiter-, Venus- und Vulkanzustand. Der Kopf weist also hin 
auf Saturn, Sonne, Mond; der Gliedmafienmensch weist in die Zu- 
kunft nach Jupiter, Venus, Vulkan. Der rhythmische Mensch weist auf 
die Gegenwart der Erde. 

Das Vorstellungsleben weist uns nun nicht so weit zuriick wie der 
Kopf. Es mufite gewissermafien auch im Kosmos zuerst der Kopf vor- 
handen sein, bevor er vorstellen konnte. Er weist uns nur hin auf die 
Sonne und auf den Mond. Das Willensleben weist uns hin auf die Zu- 
kunft, auf den Jupiter und auf die Venus. Und das Gefiihlsleben ge- 
hort wiederum der Gegenwart an. 

Nun kommen wir zum Geistigen. Da haben wir das Wachleben und 
das Schlafleben. Das Wachleben weist uns nur hin auf die Monden- 
entwickelung; da hat es sich vorgebildet. Das Wachleben ist die Erb- 
schaft der alten Mondenentwickelung, des imaginativen Vorstellens der 
Mondenentwickelung. Wahrend der Sonnenentwickelung gab es noch 
kein eigentliches Vorstellungsleben. Das Schlafesleben weist uns hin 
nach dem Jupiterzustand. Nach dem Jupiterzustand wird das, was 
sich heute im Schlafe bewegt, aufiere Formen annehmen; nach dem 
Venuszustand wird das, was Willenszustand ist, aufiere Formen an- 
nehmen. Und die Gliedmafien nehmen, das ist schon ausgesprochen, 
aufiere Formen an durch die drei folgenden Zustande der Erde. So 
sehen wir, daft der Mensch nach Leib, Seele und Geist zugeordnet wer- 
den kann dem Kosmos. 



TafeU Kopf 

Saturn 

Sonne 

Mond 



Vorstellungs- Wachleben 
leben 



Schlafleben Willens- 
leben 



Jupiter 



Sonne 
Mond 



Jupiter 
Venus 



Mond 



Gliedmaften- 
mensch 

Jupiter 

Venus 

Vulkan 



Auch wiederum gegeniiber dem Wachleben, Traumes- und Schlafes- 
leben ist die Sache so, dafi im Sinne der alten Weisheit dem Wachleben 
die Schonheit, dem Traumesleben die Weisheit zugedacht wird. Dem 
Schlafesleben wird die Starke zugedacht. Aus dem Schlafe tragen wir 
die Starke fur das Leben hinaus. Auf solche Dinge, die aus Lebenszu- 
sammenhangen stammen, hat sich die Urweisheit hauptsachlich ge- 
stiitzt. 

Nun aber konnen wir wiederum das, was wir so durch den drei- 
gliedrigen Menschen aus der Geisteswissenschaft heraus entwickeln, 
auch auf das menschliche Leben anwenden. Wir konnen da vielleicht 
zunachst vom Geiste ausgehen und konnen uns fragen: Wie steht der 
Mensch im aufieren Leben, wenn er das aufiere Leben mit klaren Vor- 
stellungen iiberschauen will? Er kann das Vorstellungsleben, das in dem 
Kopfe ist, in die aufiere Welt hineintragen. Aus dem Wachzustand her- 
aus kann er sein aufieres Leben durchdringen mit dem Vorstellen. Das 
ist eine besondere Art, in der aufieren Welt sich zu betatigen, sie mit 
dem Vorstellungsleben zu durchdringen. Alles dasjenige, was auf diese 
Weise geschieht, gehort dem besonderen Gebiete des Geisteslebens an. 

Gehen wir weiter zu denjenigen Verhaltnissen, die sich ergeben 
durch das Leben, das auf der einen Seite seelisch Gefiihlsleben, aber 
dem Geiste nach ein Traumleben ist; wie gestaltet sich dieses Traum- 
leben? Ja, studieren Sie nur das Leben, dann werden Sie gerade das 
Walten des Traumlebens unter den Menschen verspiiren. Ich bitte Sie 
einmal, darauf zu achten, wenn Sie Freundschaften schliefien, wenn 
Sie Gefuhle der Liebe zwischen sich und einem anderen Menschen ent- 
wickeln; wissen Sie nicht, dafi Sie da nicht in derselben Weise dabei 
wach sein konnen, wie wenn Sie den Pythagoreischen Lehrsatz durch- 
denken? Wenn Sie richtig die Erfahrungen pnifen, werden Sie sich 
sagen miissen: Der Zustand, den Sie innerlich erleben, wenn Sie Freund- 
schaft mit Menschen schliefien, wenn aus Neigung Sie dies oder jenes 
fur einen Menschen tun, ist wirklich vergleichbar mit dem Traum- 
leben. Sie finden das Traumleben in denjenigen Gefiihlen, die von 
Mensch zu Mensch walten im aufieren Leben. 

Das ist das Leben, das wir aber auch im weitesten Umfange im 
Rechtsleben entwickeln. Da steht der Mensch dem Menschen gegen- 



iiber. Da mufi Mensch zu Mensch im allgemeinen das Verhaltnis f inden. 
Wir finden unsere besonderen, speziellen Verhaltnisse, indem wir den 
einen Menschen lieben, den anderen hassen, mit dem einen Freund- 
schaft schliefien, den anderen nicht riechen konnen und so weiter. Das 
sind die speziellen Verhaltnisse, die da oder dort differenziert auftre- 
ten. Aber das menschliche Leben iiber die Erde ist nur moglich, wenn 
alle Menschen zu alien gewisse Beziehungen eingehen konnen, die wir 
eben als die politischen, als die staatlichen, als die rechtlichen schildern 
konnen. Sie werden dirigiert nicht von demselben wachen Tagesleben, 
das das Leben durchdringt, sie werden dirigiert von dem Traumesle- 
ben. Und wir haben es da zu tun mit dem Rechtsleben, wenn der 
Mensch das zweite Glied, dieses Traumesleben, der Aufienwelt ein- 
verleibt. 

Und was tritt ein, wenn er das Schlafesleben einverleibt? Beob- 
achten Sie unbefangen das Leben: Sie haben Hunger, Sie erfreuen sich 
an einem goldenen Ring mit Edelsteinen, Sie haben das Bedurfnis nach 
einem Band lyrischer Gedichte, kurz, Sie haben irgendwelche Bediirf- 
nisse. Sie werden durch andere befriedigt. Aber nun frage ich Sie: Kon- 
nen Sie das ubersehen, auch nur so, wie Sie Ihre Freundschaften oder 
Rechtsverhaltnisse ubersehen? Das kann niemand. Der einzelne Mensch 
kann ein Traumleben fuhren mit Bezug auf die Rechtsverhaltnisse; die 
Wirtschaftsverhaltnisse kann einer nicht uberschauen, da mufi er sich 
mit anderen assoziieren. Was der eine nicht weifi, kann der andere 
wissen. Das Bewufitsein des einzelnen Menschen verschwindet in der 
einen Assoziation. Da ist etwas vorhanden, was vollig im Unbewufiten 
ablauft und nur dadurch geschehen kann, dafi der einzelne Mensch es 
gar nicht ubersehen kann, sondern sein Bewufitsein untertauchen lafit 
in das der Assoziation. Da haben wir das Wirtschaftsleben. 

Das Geistesleben ist beherrscht von sozialem Wachen, das Rechts- 
leben von sozialem Traumen; in den modernen Parlamenten geradezu 
vom Alpdruck, welches auch ein Traumen ist. Das Wirtschaftsleben 
ist durchsetzt von sozialem Schlafen. Und es mufi sich da, wo das 
menschliche Seelenleben zunachst ins Unbewufite hineinverschwindet, 
die Liebe ausbreiten iiber das assoziative Leben. Die Liebe, die ein 
willensartiges Element ist, Briiderlichkeit mufi das Wirtschaftsleben 



durchsetzen. Freiheit ist das Element des Wachlebens, Briiderlichkeit 
das Element des Schlaflebens im Sozialen. Und was zwischen beiden 
steht, das ist dasjenige, worin alle Menschen gleich sind, was sie aus- 
bilden als Gleiche, worinnen der eine verschwindet mit seinem Wach- 
leben, was nur bestimmt wird durch das Verhaltnis des einen zu dem 
anderen, aus dem traumhaften Element des Lebens. 

So fliefit dasjenige, ich mochte sagen, was im Menschen ist, ein in 
das, was soziales Leben ist; und man kann eigentlich das soziale Le- 
ben nicht anders verstehen, als indem man sich klar macht, was vom 
einzelnen individuellen Menschen in dieses soziale Leben hineinfliefit. 



Nun haben wir wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus 
einen menschlichen Zusammenhang erfalk. Wir wollen ihn morgen 
weiter ausfuhren. Aber bedenken Sie, wie eigentlich diese Dinge an 
die Menschen der Gegenwart herankommen. Es ist so, dafi der Mensch 
der Gegenwart beginnen kann, zunachst etwa meine «Theosophie» zu 
lesen. Das ist etwas, das gegeniiber dem, was man gelernt hat, etwas 
paradox anmutet. Man kann vielleicht zunachst nicht viel iibrig haben 
f iir das, was vorgefuhrt wird, aber man kann weitergehen, kann die an- 
deren Biicher lesen und sehen, wie das, was in der «Theosophie» steht, 
weiter vertieft wird. Dann wird man sehen, dafi das eine das andere 
tragt, dafi das eine zum anderen hinzukommt, dafi die Dinge wohlbe- 
griindet sind. Oder man kann auf der anderen Seite die «Kernpunkte» 
ins Auge fassen. Da kann man zunachst sagen: Ich kann noch nicht 
einsehen, dafi der soziale Organismus einer Dreigliederung unterwor- 
fen werden soli. - Nun nehmen Sie alles das hinzu, was wir schon von 
den verschiedensten Gesichtspunkten her zusammengetragen haben, 
um wiederum und wiederum zu erharten, wie dieses soziale Leben 
wirklich einer Dreigliederung unterworfen werden mufi. 

Denken Sie, wie wir aus dem Menschen heraus selber, aus seinen 
geistig-seelischen Zustanden, aus dieser geistseelischen Dreigliederung 



1. Geistesleben: 

2. Rechtsleben: 

3. Wirtschaftsleben: 



soziales Wachen 
soziales Traumen 
soziales Schlaf leben 



Taf el 3 



kommen zu der sozialen Dreigliederung. Wiederum tragt eines das 
andere. Und selbstverstandlich konnte zu dem, was schon hier zusam- 
mengetragen worden ist, noch vieles andere hinzugefiigt werden; man 
wiirde immer mehr die Berechtigung der Forderung von der Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus sehen. Aber vergleichen Sie mit dem, 
was ich eben jetzt gesagt habe, das Verhalten unserer Zeitgenossen. Wie 
nahern sie sich sehr haufig demjenigen, was durch diese anthroposo- 
phische Geisteswissenschaft an sie herankommen will? Ich weifi nicht, 
wie sich die Sache verhalt, will sie auch nicht als sehr bindend hier er- 
zahlen, aber es wurde mir neulich gesagt, dafi bei einem Vortrag, den 
Dr. Boos fur Basler Theologen gehalten hat - wenn es anders ist, kann 
er es gelegentlich korrigieren -, er gerade demjenigen Mann, der mich 
am allerintensivsten angegriffen hat, die Frage stellen konnte, ob er 
meine Vortrage schon gehort hat. Da soil der geantwortet haben, er 
habe einen gehort, vielleicht auch zwei. - Nun, es ist ein Beispiel fur 
viele. Die Leute haben gerade den Drang, einmal einen Vortrag zu 
horen, oder in ein Buch hineinzuschauen und ein paar Seiten zu le- 
sen. Danach lafit sich aber die Geisteswissenschaft und alles das, was 
zusammenhangt mit ihren sozialen Konsequenzen, nicht beurteilen; 
denn die Geisteswissenschaft fordert ein ganz anderes Verhaltnis zu 
allem, als das, was solche Menschen geltend machen. Solche Men- 
schen, die dressieren diejenigen, die ihnen anvertraut sind, ohne diese 
Geisteswissenschaft, soweit es nur geht - und sie dressieren sich sel- 
ber ohne die Geisteswissenschaft, und dann kommen sie und nehmen 
einmal Notiz in kurzer Weise. So geht es eben nicht, sondern es geht 
einzig und allein so, dafi Geisteswissenschaft wirklich durchdringt 
unser gesamtes Bildungswesen und dafi das, was anthroposophisch 
durchdrungen ist, an die Stelle dessen tritt, was im Laufe der letz- 
ten Jahrhunderte geistlos geworden ist. Das ist wichtig, dafi wir es 
beachten, dafi wir wenigstens fur uns wissen, was notig ist. Nie- 
mals frommen kann der geisteswissenschaftlichen Entwickelung, wenn 
es auch da oder dort geschehen mag aus diesen oder jenen Opportu- 
nitatsgriinden heraus, dafi irgend jemand zu einem einzigen Vortrage 
herangeschleppt wird, denn aus einer solchen Kenntnisnahme wird 
meist nichts anderes entstehen, als dafi der Betreffende abgeschreckt 



wird. Geisteswissenschaft mufi so betrieben werden, dafi ihr der Weg 
geebnet wird in das gesamte Bildungswesen, in das gesamte Leben der 
Gegenwart. Das ist natiirlich das, was den Weg der Geisteswissenschaft 
schwer macht, was auf der anderen Seite uns die Notwendigkeit, die 
Verpflichtung auferlegt, auch unseren ganzen Menschen fiir diese 
Geisteswissenschaft einzusetzen, wenn wir selbst ihren Nerv begrif- 
fen haben. 

Dieses Einsetzen des ganzen Menschen, es ist ja leider gerade in der 
Anthroposophischen Gesellschaft nicht immer gepflegt worden. Man 
mufi sich immer wieder erinnern daran, wie die Menschen zuweilen 
sich geschamt haben, sich als Anthroposophen zu bekennen. - Wir 
wollen einmal da oder dort einen Vortrag veranstalten, aber das Wort 
«Theosophie» oder «Anthroposophie» darf nicht genannt werden; es 
mufi nur anthroposophisch sein, darf aber nicht «anthroposophisch» 
genannt werden, oder «anthroposophische Bewegung» oder «Theoso- 
phie» und so weiter. Auch beziiglich der Eurythmie haben wir ja er- 
lebt, dafi die Leute verlangen, sie in die Schule einzufiihren, aber es 
darf nicht gesagt werden, woher es kommt. Man will - das ist der be- 
liebte Ausdruck - da oder dort etwas «einfliefien» lassen. Durch dieses 
EinfliejRenlassen, durch dieses Zuriickschrecken vor dem vollen Ein- 
treten, kommen wir nicht vorwarts, sondern es kommen uns tiberall 
diejenigen Dinge entgegen, die so recht aus der Gesinnung der Gegen- 
wart herausgeboren sind, und die eigentlich Kulturunverschamtheiten 
sind. Neulich wurde von Frau Baumann, der Waldorflehrerin fiir Eu- 
rythmie, ein sehr hiibscher Artikel geschrieben fiir eine schweizerische 
Frauenzeitung, iiber Eurythmie als padagogisches Mittel. Der Auf- 
satz wurde auch abgedruckt; aber wenn Anthroposophie oder gar 
mein Name genannt wurde, so hatte es die Redaktion sorgfaltig her- 
ausgestrichen. Diese Dinge bezeugen, dafi man ja das Geistesgut schon 
gebrauchen kann, aber in der liigenhaften Welt der Gegenwart mochte 
man eben dieses Geistesgut haben, ohne gerade diejenigen Krafte, die 
dieses Geistesgut einmal nach der Notwendigkeit der Gegenwart zu 
tragen haben. 

Ein gutes Teil davon hat die Anthroposophische Gesellschaft selbst 
bewirkt durch dieses «Einfliefienlassen», durch das Zuriickschrecken 



vor dem vollen Eintreten. Es sollte gerade derjenige, der an dieses an- 
throposophische Geistesgut herantritt und der sieht, wie die Dinge 
mit mathematischer Klarheit einander tragen, er sollte aus der Sache 
selbst Mut und Kraft finden, voll der Welt gegeniiber fur diese Sache 
einzutreten. Ein Dienst wird der Menschheit wahrhaftig nicht gelei- 
stet, wenn zuriickgezuckt wird vor dem vollen Eintreten, und dieses 
voile Eintreten raufi schon einmal gelernt werden von den Gegnern. 
Die treten voll ein, die treten in bezug auf die Gegnerschaft voll ein! 
Man kann es immer wiederum erleben, wie gerade uns gegeniiber jedes 
scharfe Wort, das abgerungen werden mufi der Notwendigkeit, iibelge- 
nommen wird. So wurde mir in jungster Zeit recht ubelgenommen, daft 
ich den Grafen Keyserling das genannt habe, was er ist, daft ich ge- 
sagt habe, er habe gelogen! Derjenige, der sagt, daft ich von Haeckel 
ausgegangen bin, der braucht nur die Ausfiihrungen zu den Goethe- 
schen naturwissenschaftlichen Schriften zu lesen; er wird sehen, wo- 
von ich ausgegangen bin, auch in meiner Schriftstellerei, und er liigt, 
wenn er sagt, ich sei von Haeckel ausgegangen, weil ich im Verlaufe 
meines Lebens auch einmal iiber Haeckel eine Broschiire geschrieben 
habe. Die inneren Zusammenhange werden von solchen Tropfen wie 
Keyserling nicht geschaut. Diese inhaltsleeren Leute haben das grofte 
Publikum, weil man nichts zu denken braucht, wenn man sich ihnen 
hingibt. 

Das ist aber notwendig, daft man endlich einsehe, daft, wenn auf 
unserem Boden scharfe Worte gesprochen werden, sie abgerungen sind 
der Notwendigkeit; daft wahrhaftig keine Sympathie fur diese schar- 
fen Worte besteht, daft man dann aber auch nicht kommen darf und 
sagen, es sei aus Lieblosigkeit geschehen. Soil man diejenigen Menschen 
lieben, die liigen und dadurch der Wahrheit den Weg vertreten? Und 
von diesem Gesichtspunkte aus miissen die Dinge auch angesehen wer- 
den. Wer findet, daft wir in der Polemik zu scharf sind, der wende sich 
nicht an uns, sondern er wende sich an die Angreif er. Denn wenden wir 
uns tuchtig gegen die Angreif er, dann wird es etwas helfen; aber nichts 
helfen wird es, wenn wir einige wenige in der notwendigen Abwehr 
allein lassen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 28. November 1920 



Wenn wir noch einmal zuriickblicken auf das, was wir gestern und 
vorgestern besprochen haben, so mufi sich uns ein intimeres Verhalt- 
nis des Menschen zum umliegenden Weltenall enthiillen. Und wir ha- 
ben den physischen Leib des Menschen nach der Kopforganisation, der 
rhythmischen Organisation, der Stoffwechselorganisation auf den gan- 
zen Kosmos beziehen konnen; wir haben auch den seelischen Menschen 
und den geistigen Menschen auf den ganzen Kosmos beziehen konnen. 
Was Ihnen da erscheinen kann als das Verhaltnis des Menschen zum 
Kosmos, als das ganze Drinnenstehen des Menschen in der Welt, das 
mufite in alten Zeiten anders angesehen werden, als es jetzt angesehen 
werden mufi und als es wird immer mehr und mehr angesehen werden 
miissen, je weiter die Menschheit der Zukunft entgegenschreitet. Wir 
haben es ja oftmals erwahnt, wie in alten Zeiten ausgebreitet war 
iiber die Menschheit eine instinktive Urweisheit; eine Weisheit, die sich 
der Mensch nicht innerlich erarbeitet hat, sondern die er, man mochte 
sagen, wie halb im Traume in sich aufgehen gefuhlt hat. Sie ward ihm 
gegeben, und er hatte eigentlich nichts zu tun, als seine seelischen Auf- 
nahmeorgane zu offnen und das, was ihm als Gottergeschenk aus dem 
Kosmos kam, entgegenzunehmen. 

Da der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, so mulke auch dieser 
instinktiven Urweisheit das Gesamtverhaltnis des Menschen gewisser- 
mafien als ein dreifaches erscheinen. Indem der Mensch seine Auf- 
merksamkeit mehr zuwandte demjenigen, dem er angehorte vor seiner 
Geburt und das als ein Geistiges hereinleuchtete in die Zeit zwischen 
Geburt und Tod, das im wesentlichen dasjenige ist, was in der Aus- 
breitung des Kosmos erscheint, sprach der Mensch davon, dafi es 
Schonheit ist, was sich ihm da zeigt; der Kosmos in Schonheit, und der 
Mensch in bezug auf seine Kopforganisation, in bezug auf seine Vor- 
stellungsorganisation, in bezug auf sein Wachsein herausgeboren aus 
dieser Welt der Schonheit. So hat es der Urmensch empfunden, dafi es 
giitige geistige Wesenheiten waren, welche sich offenbarten um ihn 



herum; denn der Urmensch sah ja nicht die Naturerscheinungen so 
trocken und niichtern, wie wir sie sehen in der heutigen Zeit, wenn wir 
uns nur dem gewohnlichen Bewufitsein hingeben. Der Urmensch sah 
iiberall sich offenbarende Geistigkeit und sich offenbarendes Seelisches. 
Das enthiillte sich ihm. Und diesen Kosmos, der die Offenbarung war 
des Geistigen und Seelischen und der sich seinem instinktiven Bewuftt- 
sein enthiillte wie in machtigen Traumesbildern, den nannte der Mensch 
der Urzeit den Kosmos in Schonheit. 

Dann fuhlte sich der Mensch gewissermafien stehend auf seinem 
Planeten. Er fuhlte sich verbunden mit seinem Planeten. Aus ihm ka- 
men ihm die Nahrungsmittel, auf ihm hatte er seinen Standort. Er fuhlte 
gewissermafien seine Kraft, die ihn korperlich durchdrang, die sich in 
der Seele offenbarte als Wille, die ihn starkte aus dem Schlafeszustand 
heraus. Er fuhlte diese Kraft wiederum als die Gabe giitiger gottlich- 
geistiger Wesenheiten und nannte das Starke. Der Planet in Starke 
durchkraftet mich -, so etwa empfand der Urmensch dasjenige, was 
er allerdings nicht in scharf modulierten Worten zum Ausdruck brin- 
gen konnte. 

So fuhlte er sich gewissermafien mitten drinnenstehend in dem, was 
sich gestaltete in seinem Haupte, verbildlichte in seinen Vorstellungen, 
durchleuchtete in seinem wachenden Bewufitsein. Und er fuhlte sich ste- 
hend auf dem Planeten in bezug auf das, was als Kraft lebte in seinen 
Gliedmafien, eine Kraft, von der er fuhlte, dafi sie sich ihm aus dem 
Planeten heraus mitteilte. Er sagte sich: Dassetbe, was im Stein als 
Kraft wirkt, wenn er zu Erde fallt, was ein Loch schlagt, wenn der 
Stein auffallt, das lebt in meinen Beinen, wenn ich schreite. Das ver- 
bindet mich durch meine Beine mit dem Erdenplaneten als meine 
Starke. Das lebt auch in meinen Armen, wenn ich arbeite, das durch- 
dringt meine Muskelkraf t. - Und er fuhlte sich drinnenstehend zwischen 
Schonheit und Starke, und fuhlte sich die Aufgabe zuerteilt, im Rhyth- 
mus den Ausgleich zu bewirken zwischen dem Oben, der Schonheit, 
und dem Unten, der Starke, in der Weisheit. Und wiederum fuhlte er sich 
getragen, indem er diesen Ausgleich zu bewirken hatte zwischen der 
Schonheit und der Starke, von den geistigen Wesenheiten, die die Tra- 
ger der Weisheit waren, die ihn mit Weisheit durchieuchteten. 



So fiihlte der Mensch das, was ihm der Kosmos gab, als Schonheit, 
Weisheit und Starke. Schonheit, Weisheit und Starke war dem Ur- 
menschen aus dem weithirt leuchtenden Mysterienunterrichte heraus 
das, wodurch er sich mit dem ganzen Weltenall verbunden fiihlte, wo- 
durch er sich selber durchkraftet fiihlte. Gewissermafien das Aufiere, 
das ihn umgab, das Innere, das er in sich verspiirte, und den Ausgleich 
von beiden, er fiihlte das als Schonheit, Weisheit, Starke. 

In den verschiedenen geheimen Vereinigungen ist dann geblieben, 
was als Schlagworte Weisheit, Schonheit, Starke fortfigurierte, wobei 
sich manchmal recht deutlich zeigt, wie eigentlich nur die Worte ge- 
blieben sind, wie das tiefere Verstandnis fehlt. Denn eine Zeit ist ange- 
brochen fur die Menschheit, welche dieses Erfiihlen und dieses Wissen, 
wenn es auch instinktives Wissen ist, von unseren Zusammenhangen 
mit dem Kosmos mehr in die Finsternis hinuntergedrangt hat. Der 
Mensch lebte gewissermafien in untergeordneten Vorstellungen, in un- 
tergeordneten Empfindungen. Er trieb die Impulse seines Willens aus 
untergeordneten Elementen seines eigenen Wesens heraus. Er vergafi, 
was er einstmals erfiihlte in Schonheit, Weisheit und Starke, denn er 
sollte ein freies Wesen werden. Da mufite eine Zentralkraft gewisser- 
mafien aus seinem inneren Chaos hervorgehen, dem sich nicht enthiillte, 
was lichtvoll und kraftvoll sich enthiillte dem Urmenschen. Aber die 
neuere Menschheit wird nicht vorwartskommen, wenn sie nicht aus 
dem Inneren wieder auferstehen lafk, was einstmals aus dem Welten- 
all sich geoffenbart hat als Schonheit, Weisheit und Starke. Von aufien 
wird sich der Menschheit, solange sie Erdenmenschheit ist, der Kosmos 
nicht wieder von selbst in Schonheit offenbaren. Diese Zeiten sind 
die Zeiten der instinktiven Urweisheit. Diese Zeiten sind vergangene 
Zeiten. Diese Zeiten sind nicht diejenigen, in denen der freie Mensch 
sich entfaltet hat, sondern in denen der Mensch sich nur entfalten 
konnte, der gewissermafien getrieben wurde in Unfreiheit, in Instink- 
ten. Diese Zeiten werden nicht wiederkommen, sondern aus dem eige- 
nen Inneren heraus mufi der Mensch wieder auferstehen lassen, was 
ihm so von aufien zugekommen ist an Weisheit, Schonheit und Starke. 

Das, was da aufgenommen, ich mochte sagen, eingesogen worden 
ist als Kraft der Schonheit aus dem Weltenall, das hat der Mensch ge- 



wissermafien in sich aufgenommen in alten, in uralten Erdenleben. 
In den mittleren Erdenleben, die dann gefolgt sind, die wir durch- 
gemacht haben in der agyptischen, in der griechischen, in der mo- 
dernen Zeit, in diesen Erdenleben war das eingesogen, aber es trat 
nicht vor das menschliche Bewufltsein. Jetzt ist die Menschheit reif, 
das aus dem Bewufksein herauszuholen, und es wird herausgeholt. 
Was eingesogen worden ist als Kraft der Schonheit, das wird wie- 
der erstehen aus dem Menscheninneren, und Geisteswissenschaft ist 
die Anleitung dazu, wie es entstehen soli aus dem menschlichen In- 
ner en. Das wird entstehen von innen heraus durch die Imagination. 
Und alles das, was nun bewufit durch die Imagination in der Gei- 
steswissenschaft vermittelt wird, das ist nichts anderes als das wie- 
der auferstandene Leben der Schonheit, wie es vorhanden war inner- 
halb der Urweisheit. Und das, was der Mensch in sich erlebt hat im 
Erfuhlen der Kraft seines Planeten, in dem aber beschlossen war alles 
das, was Kraft des Kosmos war, nur daft es zentriert war im Planeten 
oder zentriert ist im Planeten, alles das, es mufi wieder auferstehen, 
indem der Mensch es aus dem Inneren heraus begreift durch die Er- 
kenntnis der Intuition. Schonheit, aus dem Weltenall herausgesogen, 
wird Imagination fiir die Menschheitszukunft von der Gegenwart an. 
Starke wird Intuition, durch eigene freie Menschenkraft ergriffen, 
und Weisheit wird Inspiration. 

So hat der Mensch ein Zeitalter verlassen, in dem ihm von aufien 
Schonheit, Weisheit, Starke geworden ist. Ich mochte sagen, nur nach- 
plappernd sind diese Schlagworte von Weisheit, Schonheit, Starke in 
gewissen Geheimgesellschaften, in Freimaurerorden und so weiter, 
ohne das innere Verstandnis weiter fortgepflegt worden. Wiirde man 
die Sache innerlich verstehen, so wiirde man wissen, dafi das alte Ober- 
lieferungen sind, die wieder aufleben miissen als Imagination, als In- 
spiration, als Intuition. Es ist daher eine ziemlich untergeordnete Weis- 
heit, wenn allerlei Mitglieder dieser oder jener Orden kommen und 
eine Xhnlichkeit finden zwischen dem, was in der Geisteswissenschaft 
auftritt und demjenigen, was sie als ihre Tradition haben, die sie zu- 
meist nicht verstehen. In der Geisteswissenschaft wird der Zusammen- 
hang aus der Geist-Erkenntnis selbst herausgehoben. 



Ein uraltes Zeitalter also haben die Menschen verlassen, in dem Tafel5 
sich ihnen die Geheimnisse des Weltenalls offenbarten in Schonheit, 
Weisheit, Starke. Einem Zeitalter miissen die Menschen entgegengehen, 
in dem sich ihnen die Geheimnisse des Weltalls offenbaren aus der 
Imagination, Inspiration und Intuition derer heraus, die zu diesen Er- 
kenntniskraften kommen wollen oder sollen und die sie auf irgend- 
eine Weise erreichen konnen. Verstehen kann dasjenige, was aus der 
Inspiration, Intuition, Imagination heraus geholt wird, heute schon 
ein jeder, wenn er nur will. 

Nun war aber das alte Zeitalter ausgesetzt einer gewissen Gefahr. 
Und diese Gefahr, mochte ich sagen, trat am starksten herauf so etwa 
gegen das Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends in der damals zi- 
vilisierten Welt, iiber Agypten, Vorderasien, Indien und so weiter. Die 
Gefahr war diese, dafi man nicht in der richtigen Weise empfing, was 
sich aus dem Weltenall her, ich mochte sagen, durch Gnade wie von 
selbst dem Menschen offenbarte, der es nur in seinem Erkenntnisin- 
stinkt zu empfangen hatte. Man konnte dieser Gefahr in der folgenden 
Weise unterliegen. 

Sie miissen sich eine Vorstellung machen, was es heilk, dafi sich in 
der den Menschen umgebenden Natur nicht nur das offenbarte, was 
dem nuchternen heutigen Bewufitsein als Natur erscheint und als Na- 
turgesetze entgegentritt, sondern dafi sich grandiose Schonheit, das 
heifit, schoner Schein in machtigen, bildhaften Offenbarungen geisti- 
ger Wesen, die aus jeder Quelle, aus jeder Wolke, aus allem heraus- 
blickten, offenbarte. Es war insbesondere in dieser Zeit, gegen das 
Ende des 2. Jahrtausends der vorchristlichen Zeitrechnung, nicht so 
wie in noch alteren Zeiten, wo natiirlich das alles auch da war; aber es 
war, ich mochte sagen, selbstverstandlicher da. In dieser Zeit mufite 
der Mensch dieser Gnade sich dadurch teilhaftig machen, dafi er selber 
etwas dazu tat. Er mufke es nicht auf die Weise tun, wie wir jetzt aus 
dem vollen Bewufitsein heraus eine hohere geistige Entwickelung su- 
chen, aber er konnte - und es war das sogar ein recht zweifelhaftes 
Konnen - Geliiste entwickeln nach diesem Geistigen, das in der Natur 
sich offenbarte, er konnte seine Bedurfniskrafte, seine Triebkrafte an- 
feuern; dann enthiillte sich ihm gewissermafien aus der Natur heraus 



das Geistige. Und in diesem Anfeuern der Triebkrafte, der Bedurfnis- 
krafte lag eine starke luziferische Gabe. 

Die meisten von Ihnen wissen ja, wie selbstverstandlich in der alten 
atlantischen Zeit das Erscheinen der elementaren Wesenheiten fiir den 
Menschen war. Aber dieses Erscheinen klingt auch fiir das Hellsehen 
der nachatlantischen Zeit noch fort. Es verlor sich aber nach und nach, 
und dann wuftte es der Mensch, konnte es in einer gewissen Weise auch 
hervorzaubern aus den Naturerscheinungen durch seine Bediirfnis- 
krafte. Das war die luziferische Gefahr, die sich ergab. Der Mensch 
konnte sich gewissermafien aufriitteln, anfeuern, urn Geistiges mit sich 
zu vereinigen. Aber diese Art der Aufriittelung war etwas Luziferi- 
sches in ihm. Daher war die Welt der damaligen Kultur und Zivilisa- 
tion gegen das Ende des 2. Jahrtausends der vorchristlichen Zeitrech- 
nung stark luziferisch durchseucht. Wir haben ja bei anderen Gelegen- 
heiten auf diese luziferische Durchseuchung von anderen Gesichts- 
punkten aus hingedeutet; ich habe sie auf ihre anderen Ursachen zu- 
ruckgefiihrt; aber jetzt wollen wir sie einmal von dem in diesen drei 
Vortragen angenommenen Standpunkte aus betrachten. 

Dieser damaligen luziferischen Durchseuchung der Welt steht eine 
andere gegeniiber, eine ahrimanische. Und diese ahrimanische Durch- 
seuchung, sie ist gegenwartig im Anzuge, mit einer riesig starken Kraft 
im Anzuge. Es ist ja ganz furchtbar, wie der zivilisierte Mensch der 
Gegenwart schlaft gegeniiber dem, was sich eigentlich entwickelt. Be- 
denken Sie nur einmal, wie sich in der neuesten Zeit die mechanischen 
Krafte, die Maschinenkrafte entwickelt haben. Ich habe davon schon 
einmal von anderen Gesichtspunkten aus gesprochen. Es ist gar nicht so 
lange her, da mufiten die Menschen durch ihre Muskelkrafte dasjenige 
tun, was sie in gewisser Beziehung in der neuesten Zeit den Maschinen 
iiberlassen konnen, an die sie nur tippen. Dem, was sich da in den 
Maschinen abspielt, dem liegen die Krafte zugrunde, die der Mensch 
aus der Erde herausbringt, indem er die Kohle fordert. Die Kohle 
liefert die Kraft, die dann in unseren Maschinen arbeitet. 

Wenn nun der Mensch es dahin bringt, daft neben ihm eine Maschine 
arbeitet, so ist das ja so, daft er das, was er fruher selber tun mufke, 
gewissermafien an die Maschine ausliefert. Die Maschine tut es. Neben 



ihm steht die Maschine und verrichtet die Arbeit, die er vorher selber 
verrichten muftte. Man mifit, was da die Maschine erarbeitet, nach 
Pferdekraften, und wenn man im grofien messen will, so mifit man, 
was man erarbeitet innerhalb eines gewissen Territoriums, nach der 
Kraft, die ein Pferd in einem Jahre aufbringt, wenn es seine tagliche 
Arbeitszeit verrichtet. Nun nehmen Sie das Folgende: 1 870 - man kann Tafel 6 
das aus der Kohlenforderung berechnen - haben innerhalb Deutsch- 
lands - ich wahle ausdriicklich das Kriegsjahr, ganz absichtlich - ge- 
arbeitet sechs ganze und sieben Zehntel Millionen Pferdekraftjahre. 
Das heifit, aufier dem, was die Menschen gearbeitet haben, haben die 
Maschinen sechs ganze und sieben Zehntel Millionen Pferdekraftjahre 
gearbeitet. Das ist also eine Kraft, die aus den Maschinen selber her- 
aus gearbeitet worden ist. 1912 wurden in demselben Deutschland 
durch die Maschinenkraft 79 Millionen Pferdekraftjahre gearbeitet! 

Da Deutschland fast 79 Millionen Einwohner hat, arbeitet also 
neben jedem Menschen ein Pferd das ganze Jahr hindurch. Und be- 
denken Sie die Zunahme von 6,7 Millionen Pferdekraftjahren zu 79 
Millionen Pferdekraftjahren innerhalb weniger Jahrzehnte! 

Und betrachten Sie jetzt diese Verhaltnisse in bezug auf den Aus- 
bruch der furchtbaren Kriegskatastrophe. In demselben Jahre 1912 
konnten Frankreich, Rufiland, Belgien zusammen 35 Millionen Pferde- 
kraftjahre aufbringen; Grofibritannien 98 Millionen Pferdekraftjahre. 
Im wesentlichen wurde ja der Krieg im Jahre 1870 durch Menschen 
ausgetragen, denn man konnte nicht viel mobil machen von den me- 
chanischen Kraften. Es waren ja in Deutschland erst 6,7 Millionen 
Pferdekraftjahre da. In den wenigen Dezennien war es anders gewor- 
den. Sie wissen, in diesem Kriege haben ja im wesentlichen die Ma- 
schinen gegeneinander gearbeitet. Was an den Fronten sich gegeniiber- 
trat, stammte aus den Maschinen heraus, so dafi eigentlich zur Front 
gefiihrt wurden die Pferdekraftjahre der Mechanismen. 

Nun war allerdings die Sache so, dafi Grofibritannien erst im Laufe 
langerer Zeit seine 98 Millionen Pferdekraftjahre mobil machen konnte. 
Aber dann standen zusammen in demjenigen, was aus der mechani- 
schen Kraft dieser Reiche kam, 133 Millionen Pferdekraftjahre gegen 
79 Millionen Pferdekraftjahre von Deutschland; etwa 92 Millionen 



Pferdekraftjahre wiirde man herausbekommen, wenn man noch Oster- 
reich hinzuzahlte. Nun wurde dadurch zunachst etwas ausgeglichen, 
dafi eben, wie gesagt, GrofSbritannien seine Pferdekraftjahre nicht so 
schnell umwandeln konnte von der Landbearbeitung zur Front hin. 
Es standen in dieser furchtbaren Kriegskatastrophe einander gegentiber 
wirklich nicht etwa die Weisheiten der Generaie - die gaben gewisse 
Richtungen allerdings an -, aber das Wesentliche, was sich gegeniiber- 
stand, waren die mechanischen Krafte, die aufeinanderprallten in den 
Fronten, und die nicht abhingen von den Generalen, sondern die ab- 
hingen von den Erfindungen, die vorher der Mensch aus seiner Natur- 
wissenschaft heraus gemacht hatte. 

Und was mufite denn gewissermafien mit eiserner Notwendigkeit 
schicksalsmafiig geschehen? Nehmen wir an, dafi jetzt noch an die 
Front geschickt wurden die Pferdekraftjahre der Vereinigten Staaten 
von Amerika mit 139 Millionen Pferdekraftjahren. 

Sie sehen, durch dasjenige, was der Mensch in wenigen Jahrzehnten 
an Maschinenkraft hergestellt hatte, war ganz abgesehen von der Ge- 
nialitat der Generaie, das Schicksal der Welt vorbestimmt. Gegen die- 
ses Schicksal der Welt, gegen diese Notwendigkeit, wo an den Fronten 
einfach die Ergebnisse der mechanischen Krafte aufeinanderprallten, 
war nichts zu machen. 

Ja, was liegt denn da eigentlich vor? Der Mensch hat aus seinem 
Denken heraus die Mechanismen konstruiert. Indem er sie konstruiert 
hatte, hatte er seinen Verstand, seinen aus der Naturwissenschaft her- 
aus gewonnenen Verstand, in die Mechanismen hineingelegt. Es war 
gewissermafien aus seinem Kopfe davongelaufen der Verstand und 
war zu den Pferdekraftjahren in seiner Umgebung geworden. Die ar- 
beiteten jetzt, davongelaufen, selbst. Mit welch rasender Schnelligkeit 
dieses Schaffen einer Welt, die unmenschlich-aufiermenschlich ist, in 
den letzten Jahrzehnten durch Menschen geschehen ist, von dem macht 
sich ja der schlafende zivilisierte Mensch der Gegenwart nicht leicht 
eine Vorstellung. 

Jener Mensch, auf den ich Sie hingewiesen habe, am Ende des 2. 
Jahrtausends der vorchristlichen Zeit, der hatte die luziferische Ver- 
seuchung um sich; die geistigen Wesenheiten, fiir die er seine Bedurf- 



nisse entwickelte und die aufierhalb seiner aus der Natur ihm erschie- 
nen. Wenn das ein Naturobjekt ist, erschien darin das geistige Wesen 
(es wird gezeichnet). Jetzt lafit der Mensch einstromen in die Materie Tafel 6 
seinen Geist, in Mechanismen. Der wird da drinnen so, dafi zum Bei- 
spiel in Deutschland jeder Mensch noch ein Pferd neben sich aus dem 
menschlichen Verstande heraus geschaffen hat, das nun neben ihm ar- 
beitet, das kein Pferd war, sondern das Maschinenkraft war. Das ist 
abgesondert vom Menschen, wie einstmals diese Elementarwesenheiten 
abgesondert waren vom Menschen, nur in anderem Sinne. Die waren 
so abgesondert, daft der Mensch seine luziferische Kraft darauf wen- 
den mufite. Jetzt wendet er seine ahrimanische Kraft darauf. Jetzt ver- 
ahrimanisiert er es, mechanisiert es. Wir leben im Zeitalter der ahri- 
manischen Verseuchung. Die Menschen merken gar nicht, dafi sie ei- 
gentlich zuriicktreten aus der Welt, und dafi sie ihren Verstand der 
Welt einverleiben und neben sich eine Welt, die selbstandig wird, schaf- 
fen. Und das grofie, ich mochte sagen, teuflische Experiment ist aus- 
geftihrt worden seit dem Jahre 1914; dafi die eine ahrimanische Wesen- 
heit gegen die andere ahrimanische Wesenheit im Grunde genommen 
den Ausschlag gegeben hat. Wir haben es mit einem ahrimanischen 
Kampfe fast iiber die ganze Erde zu tun gehabt. Den ahrimanischen 
Charakter hat er angenommen dadurch, dafi der Mensch eben in dem 
Mechanismus, der ihn umgibt, eine neue ahrimanische Welt geschaffen 
hat. Und es ist eine neue ahrimanische Welt. Wenn Sie auf die Zahlen 
sehen: Von 6,7 Millionen auf 79 Millionen Pferdekraftjahre in wenigen 
Jahrzehnten ist die aufiermenschliche mechanische Kraft gestiegen - 
das Verhaltnis ist in den ubrigen Landern dasselbe -, wie rasch ist der 
Ahriman gewachsen in den letzten Jahrzehnten! 

Darf da nicht die Frage entstehen, ob der Mensch ganz verlieren 
soil, was in seinen Willen gestellt ist, was in seine Initiativkraft gestellt 
ist? Die Frage kann gestellt werden, ob denn der Mensch immer mehr 
und mehr der Illusion entgegengefiihrt werden soli, er mache die Dinge, 
wahrend in Wahrheit die ahrimanischen Krafte, die man nach Pferde- 
kraftjahren berechnen kann, gegeneinander arbeiten? Denjenigen, der 
die Welt iiberschaut, interessiert nur vom moralischen Standpunkte 
aus etwa Focb und Ludendorff und Haig. Vom Standpunkte der vol- 



len Realitat interessieren ihn diejenigen Krafte, die aus der Kohle 
kommen und die an den Fronten aufeinanderprallen, die aus den me- 
chanischen Werkstatten an die Fronten gefiihrt werden, je nach den 
Erfindungskraften der vorherigen Jahre, und die zu einem einfachen 
Rechenexempel machen, was geschehen mufi. 

Somit ist das Ahrimanischwerden der Welt ein einfaches Rechen- 
exempel, um zu wissen, was geschehen mufi. Und wie stent der Mensch 
daneben? Er kann ja als der Dumme daneben stehen, dem zuletzt seine 
Maschinen entgegenlaufen, wenn er noch etwas kompliziertere Kom- 
binationen von Kraften findet. 

Diese Ahrimanisierung ist das moderne Gegenstuck zu der Luzife- 
risierung der Welt, von der ich vorhin gesprochen habe. Das ist es, 
worauf man hinschauen mu!5. Denn ist das nicht vielleicht das Aller- 
alleranschaulichste, um dieNotwendigkeit zu beweisen, dafi der Mensch 
jetzt aus dem Inneren heraus schaffen mufi? Diese Ahrimanisierung 
werden wir nicht aufhalten, sollen wir auch nicht aufhalten, sonst 
wiirden wir vor jeder neuen Mechanisierung stehen wie das Niirnber- 
ger Arztekollegium 1839 oder wie der Berliner Postmeister vor dem 
Bau der Eisenbahn, der sagte: Da wollen die Leute von Berlin bis 
Potsdam eine Eisenbahn fahren lassen - ich lasse doch jede Woche 
zweimal Postwagen hinausfahren, und es sitzt kein Mensch drinnen! - 
Aufhalten kann man die Mechanisierung nicht, denn die Kultur mufi 
in diesem Sinne gehen. Die Kultur verlangt die Ahrimanisierung. Aber 
ihr mufi an die Seite gestellt werden, was nun aus dem menschlichen 
Inneren heraus arbeitet, was aus dem menschlichen Inneren wiederum 
Weisheit, Schonheit, Kraft, also Starke schopft in der Imagination, 
in der Intuition, in der Inspiration. Denn die Welten, die da aufgehen 
werden, die werden des Menschen Welten sein, es werden solche sein, 
die im Geiste, in der Seele vor uns stehen, wahrend drau£en die ahri- 
manischen Maschinenkrafte ablaufen. Und diese Machte, die da aus 
der Imagination, aus der Inspiration, aus der Intuition aufsteigen, die 
werden die Macht haben, zu dirigieren, was sonst den Menschen uber- 
waltigen muftte um ihn herum aus dem rasenden Tempo der Ahri- 
manisierung heraus. Was aus der geistigen Welt, aus Imagination, aus 
Inspiration, Intuition kommt, das ist starker als alle Pferdekraftjahre, 



die noch aus der Mechanisierung der Welt ersprieften konnen. Aber 
iiberwaltigen wiirden den Menschen die mechanisierenden Krafte, 
wenn er fiir sie nicht das Gegengewicht finden wiirde in dem, was er 
finden kann aus den Offenbarungen der geistigen Welt heraus, die er 
erstreben mufi. 

Es ist nicht irgendeine Erfindung, irgendein abstraktes Ideal, irgend- 
ein Schlagwort, was mit der Geisteswissenschaft auftritt und was nach 
der Erkenntnis der Imagination, Inspiration, Intuition strebt, sondern 
es ist etwas, was in seiner Notwendigkeit handgreiflich abgelesen wer- 
den kann von dem Gang der Menschheitsentwickelung. Und man mufi 
hinweisen darauf, daft der Mensch iiberwaltigt werden wiirde durch 
das Aufiermenschliche, das er selbst geschaffen hat in einer ahrima- 
nisierten Welt in errechenbaren Pferdekraften. Als dem Menschen von 
aufien zukam, was ihm Weisheit, Schonheit und Starke gab, da hatte 
er noch nicht um sich die ahrimanisierte Welt, da konnte er es in Gnade 
aufnehmen, oder durch Gnade aufnehmen, und er hatte auf der Erde, 
was er hochstens durch die Kraft des Feuers oder durch die einfachsten 
mechanischen Werkzeuge, die nicht viel hinzutaten zu seiner eigenen 
Kraft, sich dazu erarbeitete. Und ungefahr erst seit der zweiten Halfte 
des 19. Jahrhunderts haben wir eine neue Welt, ich mochte sagen, eine 
machtige neue geologische Schichte die Erde bedeckend. Zu all den 
Schichten, Diluvium, Alluvium, kommt hinzu die ahrimanische Schichte 
der mechanisierten Krafte, welche wie eine Kruste uber die Erde sich 
bildet. Also aus den Tiefen steigt auf, was den Menschen iiberwaltigt, 
wenn der Mensch sich nicht hineinstellt in die aufiere Welt mit jener 
Welt, die ihm aus dem Geiste, das heifit aus Imagination, Intuition, 
Inspiration heraus kommt. 

Es sind wahrhaftig starke Impulse aus der Erkenntnis des Welten- 
ganges heraus, welche hinweisen auf die Notwendigkeit geisteswissen- 
schaftlicher Kultur und Zivilisation. Es sind heute schon errechen- 
bare Notwendigkeiten. Denn, ist es nicht furchtbar, dafi neben dem 
Menschen mit so rasender Eile diese, sagen wir, ubergeologische Schichte 
heraufzieht wie eine neue Erdkruste, und dafi viele Menschen heute 
noch so denken, wie gedacht worden ist, als zum Beispiel in Deutseh- 
land nur 6,7 Millionen Pferdekraftjahre produziert wurden durch die 



Mechanisierung? Denken denn die Leute daran, woher der Gang der 
Welt eigentlich durchkraftet wird? 1st man im Bilde, was in Wirklich- 
keit geschieht? Man ist es nicht, sonst wiirde man aus der Erkenntnis 
dessen, was geschieht, wirklich die Notwendigkeit ersehen, eine neue 
Form zu f inden fur die Durchtrankung des Menschen mit dem, was ab- 
gelaufene Zeiten Schonheit, Weisheit, Starke genannt haben, und was 
wir nach dem Gang, den die menschliche PersonKchkeit nehmen mufi, 
um es zu erlangen, Imagination, Inspiration, Intuition nennen mussen. 

Wir blicken also hinein in eine Welt ahrimanischer Durchseuchung. 
Ich habe schon ofter gesagt: Ich mochte nicht leichtsinnig das Wort 
«Dbergangszeit» gebrauchen, denn im Grunde ist jede Zeit eine Uber- 
gangszeit; aber eine Zeit, in der sich etwas so Besonderes wie der Ahri- 
manismus so rasend schnell entwickelt hat, wie seit dem letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts, solch eine Zeit ist nicht immer da. Und die fiir 
einen grofien Teil von Mitteleuropa unmittelbar vorangehende Bieder- 
meierzeit, die ist wahrhaftig nicht zu vergleichen mit demjenigen, was 
in den letzten Jahrzehnten sich eigentlich in Wirklichkeit zugetra- 
gen hat. Man mufi schon die ganze Schwere empfinden dieser neuzeit- 
lichen Ereignisse. Und man mufi folgendes empfinden. 

Wenn man hinschaut auf solch ein Ereignis, wie es sich 1870/71 in 
Mitteleuropa als Kriegsereignis abgespielt hat: man konnte es uber- 
denken, man konnte nachkommen mit seinen Gedanken. Aber sehen 
Sie sich doch nur einmal an, wie die Menschen noch immer in dersel- 
ben Weise versuchen, sich die Vorgange der letzten Jahre zu vergegen- 
wartigen! Sie denken ja noch immer so, wie man gedacht hat, als in 
Deutschland nur 6,7 Millionen Pferdekraft jahre vorhanden waren! 
Man begreift gar nicht, dafi man anders denken mufi, wenn 79 Millio- 
nen Pferdekraftjahre aufier dem Menschen arbeiten! Das erfordert, 
dafi ganz anderes Denken Platz greif t. Ohne dafi man sich zur Geistes- 
wissenschaft wendet, losen sich die Ratsel, die aus diesen Ereignissen 
heraus kommen, eben durchaus nicht. Wenn der Mensch um sich herum 
durch die aufiere Wissenschaft die Welt mechanisiert, dann mufi er 
um so mehr aus seinem Inneren heraus eine innere Wissenschaft, die 
wiederum Weisheit ist, erstehen lassen. Die wird die Kraft haben, das 
zu dirigieren, was ihn sonst iiberwaltigen wiirde. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 4. Dezember 1920 



Es wird in der nachsten Zeit hier meine Aufgabe sein, Ihnen einige 
Gesichtspunkte vorzubringen, die das Verhaltnis betreffen zwischen 
dem Menschen und der kosmischen Welt auf der einen Seite, dem 
Menschen und der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit auf 
der anderen Seite. Betrachtungen sollen das sein, welche vieles von 
dem, was wir schon vor unserer Seele haben voriiberziehen lassen, 
erganzen konnen. Ich will heute zu den Betrachtungen der nachsten 
Stunden gewissermafien eine Art Einleitung voranschicken, die viel- 
leicht manchem etwas entlegen scheinen konnte, deren Notwendig- 
keit aber aus den folgenden Stunden schon wird eingesehen werden. 
Ich mochte Sie namlich heute darauf aufmerksam machen, dafi in der 
mitteleuropaisch-deutschen Gedankenentwickelung der ersten Halfte 
des 19. Jahrhunderts aufier den Tatsachen, auf die wir schon hinge- 
wiesen haben, noch eine andere, aufierordentlich bezeichnende Tat- 
sache vorliegt. Ich habe ja vor kurzer Zeit einmal hingewiesen auf 
jenen Gegensatz, der sich einem ergibt, wenn man einerseits Schillers 
Asthetische Briefe und auf der anderen Seite Goethes Marchen von 
der griinen Schlange und der schonen Lilie betrachtet. Heute mochte 
ich hinweisen auf einen ahnlichen Gegensatz, der ja hervortrat in 
dieser Gedankenentwickelung aus der ersten Halfte des 19. Jahrhun- 
derts in Hegel auf der einen Seite, in Schopenhauer auf der anderen 
Seite. Wir haben es bei Goethe und Schiller mit zwei Personlichkeiten 
zu tun, die in einer gewissen Zeit ihres Lebens dasjenige, was als ein, 
man kann sagen, bleibender Gegensatz gerade in der mitteleuropaischen 
Gedankenentwickelung vorhanden ist, was aber auch in dieser Ge- 
dankenentwickelung fortwahrend nach Ausgleich strebt, in einer inni- 
gen Freundschaft zum Ausgleich gebracht haben, nachdem sie einander 
vorher abgestofien hatten. 

Zwei andere Personlichkeiten stellen die beiden polarischen Gegen- 
satze auch dar, ohne dafi man sagen kann, dafi es bei ihnen zu irgend- 
einem Ausgleich gekommen ist: Hegel auf der einen Seite, Schopen- 



hauer auf der anderen Seite. Man braucht nur ins Auge zu fassen, was 
ich selber in meinen «Ratseln der Philosophie» dargestellt habe, und 
man wird den tiefgehenden Gegensatz zwischen Schopenhauer und 
Hegel merken. Er tritt einem ja auch dadurch zutage, dafl Schopen- 
hauer wahrhaftig keine Schimpfworte gespart hat, um seinen Gegen- 
part Hegel in der Weise, wie er es fur richtig gehalten hat, zu charak- 
terisieren. Vieles in Schopenhauers Werken ist ja das wiisteste Ge- 
schimpfe auf Hegel, den Hegelianismus und alles, was irgendwie da- 
rnit verwandt ist. Hegel hatte weniger Veranlassung, iiber Schopen- 
hauer zu schimpfen, weil ja, ehe Hegel starb, Schopenhauer eigentlich 
ohne Einflufi geblieben war, also eigentlich nicht unter denjenigen 
Philosophen war, die bemerkt worden waren. Der Gegensatz zwi- 
schen diesen beiden Personlichkeiten kann ja einfach dadurch charak- 
terisiert werden, dafi man hinweist darauf, wie Hegel den Urgrund 
der Welt und der Weltenentwickelung und alles dessen, was dazu ge- 
hort, in dem realen Gedankenelemente sieht. Hegel halt die Idee, den 
Gedanken fur dasjenige, was allem zugrunde liegt. Und Hegels Philo- 
sophic zerfallt ja in drei Teile: Erstens in die Logik, die aber nicht die 
subjektive menschliche Logik ist, sondern die das System der Gedan- 
ken ist, die der Welt zugrunde liegen sollen. Dann verzeichnet Hegel 
als zweiten Teil seiner Philosophic die Natur. Aber die Natur ist ihm 
auch nichts anderes als Idee, nur eben die Idee in ihrem Anderssein, 
wie er sagt: die Idee in ihrem Aufier-sich-Sein. Also auch die Natur ist 
Idee, aber die Idee in einer anderen Form, in der Form, in der man sie 
anschauen kann, mit den Sinnen betrachten kann, Idee in ihrem An- 
derssein. Die Idee, indem sie dann wiederum zuriickkommt zu sich, 
sie ist ihm der Geist des Menschen, der sich entwickelt von den ein- 
fachsten menschlich-geistigen Betatigungen bis zur Weltgeschichte und 
bis zum Aufgang dieses menschlichen subjektiven Geistes in Religion, 
Kunst und Wissenschaft. Wenn man also Hegels Philosophic studie- 
ren will, so mufi man sich einlassen in eine Entwickelung der Weltge- 
danken, so wie Hegel diese Weltgedanken eben fur sich erklaren konnte. 

Schopenhauer ist der Gegenpol. Wahrend fur Hegel die Gedanken, 
die Weltgedanken, das Schopferische sind, also das eigentliche Reale 
in den Dingen, ist fur Schopenhaue^ jedes Gedankenelement nur ein 



Subjektives, und auch als Subjektives nur ein Bild, nur etwas Unreales, 
wahrend ihm das einzig Reale der Wille ist. Und ebenso wie Hegel im 
mineralischen, im tierischen, im pflanzlichen, im menschlichen Reiche 
den Gedanken verfolgt, so verfolgt Schopenhauer in alien diesen Rei- 
chen den Willen. Und die reizvollste Abhandlung Schopenhauers ist 
ja eigentlich diejenige «Uber den Willen in der Natur». So dafi man 
sagen kann: Hegel ist der Gedankenphilosoph, Schopenhauer ist der 
Willensphilosoph. 

Damit stehen in diesen beiden Personlichkeiten zwei Elemente ein- 
ander gegeniiber. Denn, was haben wir eigentlich gegeben auf der 
einen Seite in dem Gedanken, auf der anderen Seite in dem Willen? 
Wir werden diesen polarischen Gegensatz zunachst einmal einleitend 
zu unserem nachsten Vortrage am besten vor unsere Seele treten las- 
sen, wenn wir ihn am Menschen betrachten. Wir sehen jetzt fur einen 
Augenblick ganz ab von Hegelischer Philosophic, von Schopenhauer- 
scher Philosophic und sehen auf die Wirklichkeit des Menschen. Wir 
wissen ja schon: Im Menschen ist zunachst hervorstechend ein intellek- 
tuelles, das heifit, ein Gedankenelement vorhanden, und dann ein Wil- 
lenselement. Das Gedankenelement ist vorzugsweise zugeordnet dem 
menschlichen Haupte, das Willenselement vorzugsweise dem mensch- 
lichen Gliedmafienorganismus. Damit ist aber schon hingewiesen dar- 
auf, dafi das intellektuelle Element eigentlich dasjenige ist, was aus 
unserem vorgeburtlichen Dasein aus geistigen Wei ten, die fiir uns zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt verfliefien, sich einkorpert und 
aus dem vorgeburtlichen Leben sich heriiberlebt in dieses Erdenleben, 
im wesentlichen. Das Willenselement aber ist dasjenige, das, ich mochte 
sagen, gegeniiber dem Gedankenelement das Junge im Menschen ist, 
das, was durclv die Pforte des Todes geht, dann eintritt in die Welt 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sich da umwandelt, meta- 
morphosiert und das intellektuelle Element des nachsten Lebens bildet. 
Im wesentlichsten, im hervorstechendsten haben wir in unserer seeli- 
schen Organisation unser intellektuelles, unser Gedankenelement, das 
in die Vorzeit verweist; wir haben unser Willenselement, das in die 
Zukunft verweist. Damit haben wir am Menschen diesen polarischen 
Gegensatz zwischen Gedanke und Wille betrachtet. 



Natiirlich diirfen wir, wenn wir an die Wirklichkeit herantreten, 
diese Dinge niemals so betrachten, dafi wir schematisieren. Es ware 
natiirlich schematisiert, wenn man sagen wiirde: Alles gedankliche Ele- 
ment weist uns in unsere Vorzeit hin, und alles Willenselement weist 
uns in unsere Nachzeit hin. So ist es nicht; sondern hervorstechend, 
sagte ich, ist das im Menschen, daft das Gedankenelement in die Vor- 
zeit, das Willenselement in die Nachzeit weist. Aber hinzuorganisiert 
wird bei dem Menschen an das hervorstechende, an das nach riick- 
warts weisende Gedankenelement ein willensmafiiges Element, und 
hinzuorganisiert wird wiederum zu dem Willenselement, das in uns 
braust, das durch den Tod hinaus in die Zukunft geht, ein Gedanken- 
element. Man darf, wenn man mit seinem Erkennen in die Wirklich- 
keit hineingehen will, niemals schematisieren, niemals die Ideen nur 
nebeneinander setzen, sondern man mufi sich klar sein, dafi in der 
Wirklichkeit alles nur so betrachtet werden kann, dafi irgendwo etwas 
als das Hervorstechende erscheint, da!5 aber die iibrigen Elemente der 
Wirklichkeit darinnen leben, und dafi iiberall, was sonst im Hinter- 
grunde sich halt, wiederum an einem anderen Orte der Wirklichkeit 
das Hervorstechendste ist und das andere sich im Hintergrunde halt. 

Wenn dann Philosophen kommen und von ihrem besonderen Ge- 
sichtspunkte aus das eine oder das andere betrachten, so kommen sie 
eben zu ihren einseitigen Philosophien. Nun ist aber das, was ich Ihnen 
eben charakterisiert habe als das Gedankenelement beim Menschen, 
nicht blofi im Menschen vorhanden und da an die Hauptesorganisa- 
tion gebunden, sondern es ist der Gedanke wirklich im ganzen Kosmos 
ausgebreitet. Der ganze Kosmos ist durchzogen von kosmischen Ge- 
danken. Indem Hegel ein starker Geist war, der, ich mochte sagen, 
das Ergebnis vieler verflossener Erdenleben fuhlte, richtete er die Auf- 
merksamkeit besonders auf den kosmischen Gedanken. 

Schopenhauer fuhlte in sich weniger das Ergebnis friiherer Erden- 
leben, sondern richtete seine Auf merksamkeit mehr auf den kosmischen 
Willen. Denn ebenso wie im Menschen Wille und Gedanke leben, so 
lebt auch im Kosmos Gedanke und Wille. Was bedeutet aber fur den 
Kosmos der Gedanke, den Hegel besonders betrachtete, was bedeutet 
fur den Kosmos der Wille, den Schopenhauer besonders betrachtete? 



Hegel hatte ja nicht den Gedanken im Auge, der sich im Menschen 
ausbildet. Die ganze Welt war ihm im Grunde genommen nur eine 
Offenbarung der Gedanken. Also er hatte den kosmischen Gedanken 
im Auge. Sieht man hin auf die besondere Geistesformierung Hegels, 
so mufi man sagen: Diese Geistesformierung Hegels weist nach dem 
Erdenwesten hin. Nur daft Hegel das, was im Westen, zum Beispiel in 
der materialistischen Entwickelungslehre des Westens, in der materia- 
listisch gedachten Physik des Westens zum Ausdrucke kommt, zum 
Element des Gedankens heraufhob. Man findet bei Darwin eine Ent- 
wickelungslehre, man findet bei Hegel eine Entwickelungslehre. Bei 
Darwin ist es eine materialistische Entwickelungslehre, indem alles sich 
so abspielt, als wenn nur grobe Natursubstanzen in die Entwickelung 
eintreten wiirden und diese vollfiihrten; bei Hegel sehen wir, wie alles, 
was in Entwickelung ist, vom Gedanken durchpulst ist, wie der Ge- 
danke in seinen besonderen Konfigurationen, in seinen konkreten Aus- 
gestaltungen eigentlich das sich Entwickelnde ist. 

So dal$ wir sagen konnen: Im Westen betrachten die Geister die 
Welt vom Standpunkte des Gedankens, aber sie materialisieren den 
Gedanken. Hegel idealisiert den Gedanken, und er kommt daher zum 
kosmischen Gedanken. 

Hegel redet in seiner Philosophie vom Gedanken und meint eigent- 
lich den kosmischen Gedanken. Hegel sagt: Wenn wir irgendwo 
hinsehen in der aufieren Welt, sei es, daft wir einen Stern in seiner 
Bahn, ein Tier, eine Pflanze, ein Mineral betrachten, sehen wir eigent- 
lich iiberall Gedanken, nur daft diese Art Gedanken in der aufteren 
Welt eben in einer anderen Form als in der Gedankenform vorhanden 
sind. Man kann nicht sagen, daft Hegel gerade bestrebt war, diese Lehre 
von den Gedanken der Welt esoterisch zu halten. Sie ist esoterisch ge- 
blieben, denn Hegels Werke wurden wenig gelesen; aber es war nicht 
Hegels Absicht, die Lehre von dem kosmischen Inhalt der Welt esote- 
risch zu halten. Aber es ist doch aufterordentlich interessant, daft, wenn 
man zu den Geheimgesellschaften des Westens kommt, dann in einer 
gewissen Beziehung es als eine Lehre der tiefsten Esoterik angesehen 
wird, daft die Welt eigentlich aus Gedanken gebildet wird. Man mochte 
sagen: Das, was Hegel so naiv hinsagte von der Welt, das betrachten 



die Geheimgesellschaften des Westens, der anglo-amerikanischen 
Menschheit nun als den Inhalt ihrer Geheimlehre, und sie sind der An- 
sicht, daft man eigentlich diese Geheimlehre nicht popularisieren 
solle. — So grotesk sich das auch zunachst ausnimmt, man konnte sa- 
gen: Hegels Philosophic ist in einer gewissen Weise der Grundnerv 
der Geheimlehre des Westens. 

Sehen Sie, hier liegt ein bedeutsames Problem vor. Sie konnen wirk- 
lich, wenn Sie bekannt werden mit den alleresoterischsten Lehren der 
Geheimgesellschaften der anglo-amerikanischen Bevolkerung, inhalt- 
lich kaum etwas anderes finden als Hegelsche Philosophic Aber es ist 
ein Unterschied, der liegt gar nicht im Inhalte, der liegt in der Behand- 
lung. Der liegt darinnen, daft Hegel die Sache als etwas ganz Offen- 
bares betrachtet, und die Geheimgesellschaften des Westens sorgsam 
dariiber wachen, daft dasjenige, was Hegel vor die Welt hingestellt 
hat, ja nicht allgemein bekannt werde, daft das eine esoterische Ge- 
heimlehre bleibe. 

Was liegt da eigentlich zugrunde? Das ist ein sehr wichtiges Pro- 
blem. Es liegt das zugrunde, daft wenn man irgendeinen solchen In- 
halt, der aus dem Geiste heraus geboren ist, als Geheimbesitz betrachtet, 
dann gibt er Macht, wahrend wenn er popularisiert wird, er nicht 
mehr diese Macht gibt. Und das bitte ich Sie nun wirklich einmal ganz 
gehorig ins Auge zu fassen: Irgendein Inhalt, den man als Erkenntnis- 
inhalt hat, wird zu einer Machtkraft, wenn man ihn geheim halt. Da- 
her sind diejenigen, die gewisse Lehren geheimhalten wollen, sehr un- 
angenehm beriihrt, wenn die Dinge popularisiert werden. Das ist ge- 
geradezu ein Weltgesetz, daft dasjenige, was popularisiert einfach Er- 
kenntnis gibt, Macht gibt, wenn es sekretiert wird. 

Ich habe Ihnen im Verlauf der letzten Jahre verschiedentlich von 
jenen Kraften gesprochen, die vom Westen ausgegangen sind. Daft 
diese Krafte vom Westen ausgegangen sind, riihrte nicht davon her, 
daft da etwa ein Wissen vorhanden gewesen ware, welches in Mittel- 
europa nicht bekannt gewesen ware; aber dieses Wissen wurde anders 
behandelt. Denken Sie sich nun, was fur eine merkwiirdige Tragik 
da vorliegt! Es hatte sogar in einer bedeutsamen Weise pariert werden 
konnen, was an weltgeschichtlichen Ereignissen aus der Macht west- 



licher Geheimgesellschaften hervorgegangen ist, wenn man in Mittel- 
europa nur die eigenen Leute studiert hatte, wenn man in Mitteleuropa 
nicht gar so sehr das getan hatte, was man wirklich sehr griindlich kon- 
statieren konnte: In den achtziger Jahren - ich habe das ofters er- 
wahnt - hat Eduard von Hartmann offentlich drucken lassen, dafi es 
iiberhaupt an den samtlichen mitteleuropaischen Fakultaten nur zwei 
Philosophen gab, welche Hegel gelesen hatten. Ober Hegel geredet und 
Vortrage gehalten hatten naturlich sehr viele, aber nachweislich gab 
es nur zwei an Hegel gebildete Philosophieprofessoren. Und derjenige, 
der fur solche Sachen einige Empfanglichkeit hatte, der konnte das 
Folgende erleben: Wenn er sich einen Band von Hegels Werken aus 
irgendeiner Bibliothek geben liefi, dann konnte er wirklich recht ge- 
nau konstatieren, dafi der nicht sehr zerlesen war! Da war manchmal 
eine Seite von der anderen - ich kenne das aus der eigenen Erfahrung - 
sehr schwer loszubringen, weil das Exemplar noch gar so neu war. 
Und «Auflagen» erlebt ja Hegel erst seit sehr kurzer Zeit. 

Nun, ich habe Ihnen das nicht aus dem Grunde hingestellt, weil 
ich auf diese Tatsachen besonders hinweisen mochte, die ich zuletzt 
charakterisiert habe, sondern weil ich zeigen wollte, wie das, was 
in Hegel idealistisch lebt, dennoch nach dem Westen hinuberweist, 
indem es auf der einen Seite wieder erscheint in den grobklotzigen ma- 
terialistischen Gedanken des Darwinismus, des Spencerismus und so 
weiter, andererseits in der Esoterik der Geheimgesellschaften. 

Und nun nehmen wir Schopenhauer. Schopenhauer ist, ich mochte 
sagen, der Anbeter des Willens. Und daiS er den kosmischen Willen im 
Auge hat, das geht ja eigentlich aus jeder Seite der Schopenhauerschen 
Werke hervor, insbesondere eben aus der reizvollen Abhandlung «Uber 
den Willen in der Natur», wo er alles, was in der Natur leibt und lebt, 
als den zugrunde liegenden Willen, als die Urkraft der Natur dar- 
stellt. So dafi wir sagen konnen: Schopenhauer materialisiert geradezu 
den kosmischen Willen. 

Wohin weist denn nun diese ganze Seelenverfassung Schopenhauers, 
wenn Hegels Seelenverfassung nach dem Westen weist? Das konnen 
Sie aus Schopenhauer selber sehen, denn Sie finden sehr bald, wenn 
Sie ihn studieren, welche tiefe Neigung Schopenhauer fiir den Orient 



hat. Das steigt aus seinem Gemiite herauf, man weifi eigentlich nicht 
wie. Diese Vorliebe Schopenhauers fur das Nirwana und fur alles das, 
was orientalisch ist, diese Hinneigung zum Indertum, sie ist irrational 
wie seine ganze Willensphilosophie, sie steigt gewissermafien aus seinen 
subjektiven Neigungen herauf. Aber es liegt darinnen eine gewisse 
Notwendigkeit. Das, was Schopenhauer darstellt als seine Philosophic, 
ist eine Willensphilosophie. Er stellt allerdings diese Willensphiloso- 
phie, wie es sich fiir Mitteleuropa gehort, dialektisch dar, er stellt sie 
in Gedanken dar, er rationalisiert den Wilien selber; er spricht eigent- 
lich in Gedanken, aber er spricht vom Wilien. Aber wahrend er so 
spricht vom Wilien, also eigentlich den kosmischen Wilien materiali- 
siert, geht ihm aus den Tiefen seiner Seele herauf in sein Bewufitsein 
die Hinneigung zum Orient. Er schwarmt geradezu fiir alles, was 
Indertum ist. Ebenso wie wir gesehen haben, dafi Hegel mehr objektiv 
hinweist nach dem Westen, so sehen wir, wie Schopenhauer hinweist 
nach dem Osten. Im Osten finden wir aber nicht, dafi das, was Willens- 
element ist und was Schopenhauer wirklich fuhlt als das eigentliche 
Element des Ostens, materialisiert und in den Gedanken hereingeprefit, 
also intellektualisiert wird. Die ganze Form der Darstellung des kos- 
mischen Willens, der ja dem ostlichen Seelenleben zugrunde liegt, ist 
eine nicht nach dem Intellekt hin erscheinende, es ist eine zum Teil 
poetische, zum Teil aus der unmittelbaren Anschauung heraus spre- 
chende Darstellung. Schopenhauer hat das, was der Orient in Bild- 
form gesagt haben wiirde, in mitteleuropaischer Art intellektualisiert; 
aber dasjenige, auf das er hinweist: der kosmische Wille, der ist doch 
das Element, von dem der Orient her seine Seelenanschauung genom- 
men hat. Er ist das Element, in dem die orientalische Weltanschauung 
lebte. Wenn die orientalische Weltanschauung die alldurchdringende 
Liebe besonders betont, so ist ja das Element der Liebe auch nichts an- 
deres als ein gewisser Aspekt des kosmischen Willens, nur eben aus 
dem Intellekt herausgehoben. So dafi wir sagen konnen: Hier wird der 
Wille spiritualisiert. Wie im Westen der Gedanke materialisiert wird, 
ist im Osten der Wille spiritualisiert gewesen. 

In dem mitteleuropaischen Elemente sehen wir, dafi in dem ideali- 
sierten kosmischen Gedanken, in dem materialisierten kosmischen 



Willen, der aber auch gedankenhaft behandelt wird, diese zwei Welten 
auch in dieser Weise ineinanderspielen, dafi wir in dem Hinweis des 
Hegelianismus auf die Geheimgesellschaften des Westens etwas haben 
wie eine tiefe Verwandtschaft des Hegelschen kosmischen Gedanken- 
systems mit diesem Westen, dafi wir in der Hinneigung, in der subjek- 
tiven Hinneigung Schopenhauers zum Orient etwas haben, was auch 
etwas wie eine Verwandtschaft Schopenhauers mit der Esoterik des 
Ostens zum Ausdruck bringt. Taf el 7 

Es ist ja merkwiirdig, wenn man diese Schopenhauersche Philoso- 
phic auf sich wirken laftt, wie sie eigentlich in bezug auf das gedank- 
liche Element etwas Plattes hat; die Schopenhauersche Philosophic ist 
ja nicht tief, aber sie hat zugleich etwas Trunkenes, etwas Willenhaf- 
tes, das in ihr pulst. Schopenhauer wird am anziehendsten und reiz- 
vollsten dann, wenn er eigentlich f lache Gedanken mit seinem Willens- 
element durchdringt. Da spriiht dann gewissermafien das Feuer des 
Willens durch seine Satze. Dadurch ist er auch fur ein im Grunde ge- 
nommen flaches Zeitalter der Salonphilosoph geworden. Als ein ge- 
dankenvolles Zeitalter, wie es die erste Halfte des 19. Jahrhunderts 
war, voriiberging, als die Menschen gedankenarm wurden, da wurde 
Schopenhauer der Salonphilosoph. Man brauchte nicht viel zu denken, 
man konnte aber das Prickelnde des durch die Gedanken pulsierenden 
Willens auf sich wirken lassen, insbesondere wenn man so etwas wie 
die «Parerga und Paralipomena» durchnahm, wo dieses Prickeln der 
Gedanken geradezu mit Raffinement wirkt. 

Und so hat man gerade in dem Gegensatze Hegel-Schopenhauer in 
dem mittleren Gebiete unserer Zivilisationsentwickelung die beiden 
entgegengesetzten Pole, von denen der eine seine besondere Ausbildung 
im Westen, der andere seine besondere Ausbildung im Osten erhalten 
hat. In Mitteleuropa stehen sie bis zu einem Ausgleich sich fordernd 
nebeneinander und haben in dem unvergleichlichen Freundschaftsbund 
zwischen Schiller und Goethe einen harmonischen, in dem Nebenein- 
anderstehen Hegels und Schopenhauers einen disharmonischen Aus- 
gleich gefunden. Denn Schopenhauer wurde ja Privatdozent an der 
Universitat zu Berlin in derselben Zeit, in der Hegel dort glanzvoll 
seine Philosophie vertrat. Schopenhauer konnte kaum Zuhorer finden, 



sein Auditorium blieb leer. Und wahrscheinlich, wenn Hegel irgendwie 
gef ragt worden ist iiber die Schopenhauersche Philosophic - er konnte 
es sich damals leisten, denn er war ein eindrucksvoller, angesehener 
Philosoph -, dann hatte er dafiir ein Achselzucken. Wenn irgendeiner 
mehr aus diesem Willenselement heraus sprach und dieses Element des 
Willens besonders betonte wie Schleiermacher, aber dann neben Hegel 
noch etwas bedeutete, dann wurde Hegel schon auch ungemutlicher. 
Und als Schleiermacher aus diesem gedankenlosen Elemente heraus 
das Christentum erklaren wollte und sagte: Das Christentum wiirde 
nicht erfafit in einem gedanklichen Elemente, wenn man die Gedanken 
des Weltenalls, gewissermaften die gottlichen Gedanken anders um- 
fafite, als indem man sich abhangig fiihlte von Gott, indem man ein 
Abhangigkeitsgefuhl zum Universum entwickelte -, da erwiderte He- 
gel: Dann ist der Hund der beste Christ, denn der kennt das Abhangig- 
keitsgefuhl am besten! - So wiirde selbstverstandlich Hegel auch Scho- 
penhauer heimgeleuchtet haben, wie er Schleiermacher heimgeleuchtet 
hat, wenn es sich gelohnt hatte. Denn Hegel hat iiberall zu Paaren ge- 
trieben jeden, der sich nicht hinaufschwang zum Begreifen der Reali- 
tat der Gedanken. Fur Schopenhauer waren aber die Gedanken gar 
nichts anderes als die Schaumblasen, die aufstiegen aus den Wellen- 
schlagen des kosmischen Weltenwillens. Und Schopenhauer, der aller- 
dings aus der eben gekennzeichneten Lage mehr Veranlassung dazu 
hatte, er schimpft ja in seinen Werken iiber Hegel wie ein Wasch- 
weib. 

Wir sehen also, da ist der Gegensatz, der geradezu die Lebensratsel 
der Zivilisationsmitte ausmacht, nicht zu einem harmonischen Ab- 
schlusse gekommen. Beiden aber, Schopenhauer wie Hegel, fehlt ja 
eines, es fehlt ihnen das eigentliche Begreifen des Menschen. Hegel lebt 
in dem kosmischen Gedanken, und es hat etwas, was gerade Hegel 
unpopular macht, dafi er in diesem kosmischen Gedanken lebt. Denn 
im allgemeinen lieben es doch die Menschen nicht, sich zu kosmischen 
Gedanken aufzuschwingen. Sie haben ja ein gewisses Gefiihl, dem sie 
sich aus Bequemlichkeit gerne hingeben, das Gefiihl : Warum sollen wir 
uns die Kopfe zerbrechen mit kosmischen Gedanken? Das tun ja fur 
uns die Gotter, oder Gott. Wenn man ein Evangelischer ist, sagt man: 



der eine Gott tut das. Wenn sich schon die Gotter urn die kosmischen 
Gedanken bemiihen, warum sollten wir uns noch besonders bemuhen? - 
Und es hat wirklich das, was in Hegels Gedankenoffenbarungen zu- 
tage tritt, etwas aufierordentlich Unpersonliches. Die Geschichte zum 
Beispiel, wie sie uns bei Hegel entgegentritt, hat etwas durch und durch 
Unpersonliches. Da haben wir eigentlich seit dem Beginn der Erden- 
entwickelung bis zum Ende der Erdenentwickelung den sich entfal- 
tenden Gedanken. 

Wollte man diese Hegelsche Geschichtsphilosophie schematisch zeich- 
nen, so miifite man sagen: Da steigen die Gedanken auf (es wird ge- Tafel 8 
zeichnet), steigen ab, verfilzen sich gegenseitig und gehen so durch die 
geschichtliche Entwickelung, und in diesen Gedankenspinnennetzen sind 
iiberall die Menschen eingespannt, werden von den Gedanken fortge- 
rissen.So dafi eigentlich fiir Hegel die geschichtliche Entwickelung diese 
hinfliefienden, sich verfilzenden Gedanken sind, die den Menschen in 
sich einspannen wie einen Automaten, der da in diesen Spinnennetzen 
der weltgeschichtlichen Gedanken sich auch mit diesem Gedankensystem 
entwickeln mufi. Fiir Schopenhauer ist ja der menschliche Gedanke 
nichts anderes als eine Schaumblase. Er richtet seinen Blick auf den 
kosmischen Willen, ich mochte sagen, auf dieses kosmische Willens- 
meer. Der Mensch ist eigentlich nur so ein Reservoir, wo auch ein bifi- 
chen von diesem kosmischen Willen drinnen aufgefangen ist. Die 
Schopenhauersche Philosophic hat nichts von dieser sich fortent- 
wickelnden Vernunft oder dem sich fortentwickelnden Gedanken, 
sondern es ist das ungedankliche, das unrationale, das unvernunf- 
tige Willenselement, das fortfliefit. Und da tauchen drinnen die Men- 
schen auf, und in ihnen spiegelt sich, wie wenn es Vernunft ware, 
das sich eigentlich fortdauernd entwickelnde Unverniinftige. Fiir 
Hegel ist die "Welt die Offenbarung weisester Vernunft. Fiir Scho- 
penhauer, ja, was ist die Welt fiir Schopenhauer? Es ist eine merk- 
wiirdige Sache, wenn man die Frage beantworten will: Was ist die 
Welt fiir Schopenhauer? - Sie trat mir einmal, diese merkwiirdige 
Sache, besonders deutlich vor Augen, als ich einen Aufsatz iiber Edu- 
ard von Hartmann schrieb, wo man Schopenhauer beriicksichtigen, 
besprechen mufi, weil Eduard von Hartmann ja auf der einen Seite 



von Hegel, auf der anderen Seite von Schopenhauer ausgegangen ist, 
mehr aber von Schopenhauer. Ich wollte in diesem Aufsatze, der ein 
rein philosophischer Aufsatz iiber die Philosophic Eduard von Hart- 
rnanns war, andeuten, dafi fiir Schopenhauer die Losung des Welt- 
ratsels darinnen bestunde, dafi man sagen miifite: Die Welt ist eine 
grofie Dummheit Gottes. - Ich habe das geschrieben, weil ich das fiir 
wahr hielt. Der Redakteur der Zeitschrift, die in Osterreich erschien, 
antwortete mir, das miisse er herausstreichen, denn es wtirde ihm das 
ganze Heft konfisziert, wenn das in einer osterreichischen Zeitschrift 
gedruckt wiirde; er konne einfach nicht schreiben, die Welt sei eine 
Dummheit Gottes. Nun, ich habe mich nicht weiter darauf versteift, 
sondern habe dem Manne, der dazumal der Redakteur dieser «Deut- 
schen Worte» war, geschrieben: Streichen Sie die «Dummheit Gottes» 
heraus; aber ich erinnere Sie an einen anderen Fall: Als ich die «Deut- 
sche Wochenschrift» redigierte, da schrieben Sie zwar nicht, dafi die 
Welt eine Dummheit Gottes, aber dafi das osterreichische Schulwesen 
eine Dummheit der Unterrichtsverwaltung ist, und ich habe es stehen 
lassen. - Allerdings ist mir die Wochenschrift dazumal konfisziert wor- 
den. Ich wollte den Mann wenigstens daran erinnern, dafi ihm etwas 
Ahnliches passiert ist wie mir, nur mir mit dem lieben Gott, ihm mit 
dem osterreichischen Unterrichtsminister, dem Freiherrn von Gautsch. 

Wenn man so hinblickt auf das Wesentlichste des Weltratsels, sieht 
man so recht wie in Hegel und Schopenhauer die beiden entgegengesetz- 
ten Pole dastehen, und sie erscheinen tatsachlich in ihrer Grofie, in ihrer 
bewunderungswiirdigen Grofie. Ich weifi ja allerdings, dafi manche 
Leute es sonderbar finden, dafi, wenn jemand ein solcher Hegel- Verehrer 
ist wie ich, er auch eine solche Zeichnung hinsetzen kann, weil sich man- 
che Leute nicht vorstellen konnen, dafi gegeniiber dem, was man als 
grofi empfindet, man auch den Humor beibehalten kann, weil sich die 
Leute vorstellen, man miisse unbedingt, wenn man irgend etwas als 
grofi empfindet, immer das lange Gesicht bekommen, das bekannte. 

Also die zwei entgegengesetzten Pole stehen da vor uns, die in die- 
sem Falle nicht wie bei Schiller und Goethe zu einem harmonischen 
Ausgleich gekommen sind. Und wir werden etwas zur Erklarung dieser 
Disharmonie finden konnen, wenn wir sehen, dafi fiir Hegel der 



Mensch eben solch ein im Spinnennetz der Begriffe der Weltgeschichte 
sich fortentwickelndes Wesen ist, und dafi fiir Schopenhauer eigent- 
lich der Mensch nichts anderes ist als ein kleines Schaffchen, also ein 
kleines Gefafi, wo ein Teil des Weltenwillens hineingeschuttet ist, also 
im Grunde genommen nur ein Ausschnitt aus dem kosmischen Welten- 
willen. Beide konnen also nicht auf das eigentliche Individuelle, Per- 
sonliche des Menschen hinsehen. Aber sie konnen auch nicht hinsehen 
auf das eigentliche Wesen dessen, was sie im Kosmos sehen. 

Hegel schaut auf den Kosmos und sieht in der Geschichte dieses 
Spinnennetz von Begriffen. Schopenhauer schaut auf den Kosmos 
und sieht nicht dieses Spinnennetz von Begriffen - das ist blofi das 
Spiegelbild fiir ihn — , aber er sieht dafur das Meer des waltenden Wil- 
lens, und da wird gewissermafien abgezapft in diese Gefafie dasjenige, 
was als Menschen da fortschwimmt in diesem unrationalen, unverminf- 
tigen Willensmeer (es wird gezeichnet). Die Menschen werden nur ge- Tafel 8 
afft, indem sich in ihnen der unvernunftige Wille spiegelt, als wenn 
er Vernunft, Vorstellung, Gedanke ware. Aber wir haben diese zwei 
Elemente im Kosmos drinnen. Was Hegel sieht, ist schon im Kosmos 
drinnen. Die Gedanken sind im Kosmos. Hegel und der Westen be- 
trachten den Kosmos und sehen die Weltgedanken. Schopenhauer und 
der Osten betrachten den Kosmos und sehen den Weltenwillen. Beides 
ist drinnen. Und eine in bezug auf den Kosmos dienliche Weltanschau- 
ung ware zustande gekommen, wenn das Paradoxon hatte eintreten 
konnen, dafi das Geschimpfe des Schopenhauer ihn endlich so weit 
gebracht hatte, dafi er aus seiner Haut gefahren ware, und, trotzdem 
Hegels Seele in Hegel geblieben ware, er in Hegel hineingefahren 
ware, so dafi Schopenhauer in Hegel drinnen gewesen ware. Dann 
hatte der den Weltgedanken und den Weltenwillen gesehen, der da aus 
Schopenhauer und aus Hegel zusammengewachsen ware! Das ist in 
der Tat dasjenige, was in der Welt ist: Weltgedanke und Weltenwille. 
Und sie sind in sehr verschiedenen Gestalten vorhanden. 

Was sagt uns nun die wirkliche geisteswissenschaftliche Untersu- 
chung in bezug auf diese Kosmologie? Sie sagt uns: Blicken wir hinein 
in die Welt, um die Weltgedanken auf uns wirken zu lassen, was sehen 
wir? Wir sehen, indem wir die Weltgedanken auf uns wirken lassen, 



die Gedanken der Vorzeit, alles das, was gewirkt hat in der Vorzeit 
bis zu diesem gegenwartigen Augenblicke. Das sehen wir, indem wir 
die Weltgedanken sehen, denn der Weltgedanke erscheint uns in seinem 
Absterben, wenn wir in die Welt hinausblicken. Daher kommt das 
Starre, Tote der Naturgesetze, und dafi wir fast nur die Mathematik 
brauchen konnen, die vom Toten handelt, wenn wir die Natur gesetz- 
mafiig iiberschauen wollen. In dem aber, was zu unseren Sinnen spricht, 
was uns entziickt im Lichte, was wir horen im Ton, in dem, was uns 
warmt, in all dem, was an uns sinnlich herantritt, wirkt der Welten- 
wille. Das ist es, was aus dem toten Element der Weltgedanken aufgeht, 
und was im Grande genommen in die Zukunft hiniiberweist. Etwas 
von, ich mochte sagen, Chaotischem, Undifferenziertem hat der Wel- 
tenwille; aber er lebt im gegenwartigen Weltenmomente doch als der 
Keim dessen, was in die Zukunft hiniibergeht. Uberlassen wir uns aber 
dem Gedankenelemente der Welt, so haben wir das, was aus der graue- 
sten Vorzeit in die Gegenwart heriiberspielt. Nur im menschlichen 
Haupte, da ist es anders. Im menschlichen Haupte ist der Gedanke, 
aber er ist abgesondert von dem aufieren Weltengedanken, und er ist 
innerhalb der menschlichen Personlichkeit an ein individuelles Wil- 
lenselement gebunden, das ja meinetwillen zunachst nur angesehen 
werden mag wie das in ein kleines Reservoir, in ein Schaffchen abge- 
zapfte kosmische Willenselement. Aber das, was der Mensch in seiner 
Intellektualitat hat, weist nach riickwarts. Wir haben es im Grunde 
genommen dem Keime nach entwickelt in dem vorigen Erdenleben. 
Da war es Wille. Jetzt ist es Gedanke geworden, ist gebunden an un- 
sere Hauptesorganisation, ist herausgeboren wie ein lebendiges Nach- 
bild des Kosmos in unserer Hauptesorganisation. Wir verbinden es 
mit dem Willen, wir verjungen es in dem Willen. Und indem wir es 
verjiingen in dem Willen, schicken wir es hiniiber in unser nachstes 
Erdenleben, in unsere nachste Erdeninkarnation. 

Dieses Weltenbild, wir miifiten es eigentlich noch anders zeichnen. 
Wir miifiten so zeichnen, dafi das aufiere Kosmische in alten Zeiten 
besonders reich an Gedankenelementen ist, dafi es immer schiitterer 
und schiitterer wird, indem wir in die Gegenwart hereinkommen, dafi 
der Gedanke, wie er im Kosmos ist, nach und nach erstirbt. Das Willens- 




element miissen wir zunachst fein zeichnen. Je weiter wir zuriickgehen, 
desto mehr iiberwiegt der Gedanke in den Akasha-Bildern; je mehr wir 
vorwartsschreiten, wird das Willenselement dichter und immer dich- 
ter. Wir miiftten, wenn wir diese Entwickelung durchblicken wiirden, 
auf ein lichtvolles Gedankenelement der grauesten Vorzeit hinschauen, 
und auf das unvernunftige Willenselement der Zukunft. 




Aber das bleibt nicht so, denn da hinein tragt der Mensch nun die 
Gedanken, die er in seinem Kopfe bewahrt hat. Die schickt er hinuber 
in die Zukunft. Und wahrend die kosmischen Gedanken immer mehr 
und mehr absterben, keimen auf die menschlichen Gedanken; aus ihrem 
Quellpunkt heraus durchdringen sie in der Zukunft das kosmische Ele- 
ment des Willens. 




Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:2 02 Seite:6 9 



So ist der Mensch der Bewahrer des kosmischen Gedankens, so 
tragt der Mensch aus sich heraus den kosmischen Gedanken in die 
Welt hinaus. Auf dem Umwege durch den Menschen pflanzt sich der 
kosmische Gedanke von der Urzeit in die Zukunft hinein fort. Der 
Mensch gehort zu dem, was Kosmos ist. Aber er gehort nicht so dazu, 
wie ihn etwa der Materialist denkt, dafi der Mensch audi so etwas 
ist, was sich aus dem Kosmos herausentwickelt hat und ein Stuck 
des Kosmos ist, sondern der Mensch gehort auch zu dem schopferischen 
Elemente des Kosmos. Er tragt den Gedanken hiniiber aus der Ver- 
gangenheit in die Zukunft. 

Sehen Sie, da kommt man in das Konkrete hinein. Wenn man den 
Menschen wirklich versteht, kommt man hinein in das, was Schopen- 
hauer und Hegel einseitig gebracht haben. Und Sie sehen daraus, wie 
auch im philosophischen Elemente auf einer hoheren Stufe zusammen- 
gefafit werden mufi dasjenige, was dreigegliedert ist, wie der Mensch 
erfafit werden mufi im Kosmos. 

Nun, wir werden dann morgen in einer anschaulicheren Weise in 
diesen Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos hineinblicken. 
Ich wollte Ihnen heute dieses als eine Einleitung geben, wie gesagt, 
deren Notwendigkeit schon im weiteren Fortgange wird erkannt wer- 
den konnen. 



FONFTER VORTRAG 
Dornach, 5. Dezember 1920 



Aus den gestrigen Darlegungen wird Ihnen hervorgegangen sein, daft 
man die Welt einseitig betrachtet, wenn man sie so betrachtet, wie 
das in besonders hervorragender Weise bei Hegel zum Vorschein 
kommt, wenn man sie so betrachtet, als ob sie durchzogen ware von 
dem, was man den kosmischen Gedanken nennen kann. Ebenso ein-^ 
seitig betrachtet man die Welt, wenn man das Grundgefiige willens- 
artiger Natur denkt. Es ist das die Idee Schopenhauer s, die Welt wil- 
lensartiger Natur zu denken. Wir haben gesehen, dafi auch diese be- 
sondere Neigung, mochte ich sagen, die Welt anzusehen, sie als Ge- 
dankenwirkung anzusehen, hinweist auf die westliche Menschennatur, 
die mehr nach der Gedankenseite hin tendiert. Wir haben ja nach- 
weisen konnen, wie Hegels Gedankenphilosophie eine andere Gestalt 
in den westlichen Weltanschauungen hat, und wie in Schopenhauers 
Empfindungen die Neigung lebt, die eigentlich den Menschen des 
Orients eigen ist, was sich ja darin zeigt, dafi Schopenhauer die be- 
sondere Vorliebe fiir den Buddhismus, uberhaupt fur orientalische 
Weltanschauung hat. 

Nun ist im Grunde genommen jede solche Betrachtungsweise nur 
zu beurteilen, wenn man sie von jenem Gesichtspunkte aus iiberschauen 
kann, den die Geisteswissenschaft gibt. Von diesem Gesichtspunkte aus 
erscheint allerdings eine solche Zusammenfassung der Welt unter dem 
Gesichtspunkte des Gedankens oder unter dem Gesichtspunkte des 
Willens als etwas Abstraktes, und es ist ja insbesondere die neuere 
Zeit der Menschheitsentwickelung, die, wie wir ofter betont haben, 
noch zu solchen Abstraktionen neigt. Geisteswissenschaft mufi die 
Menschheit wiederum zuriickbringen zu einem konkreten Auffassen, 
zu einem wirklichkeitsgemafien Auffassen der Welt. Aber gerade einem 
solchen wirklichkeitsgemafien Auffassen der Welt werden die inneren 
Grunde erscheinen konnen, warum solche Einseitigkeiten Platz grei- 
fen. Das, was solche Menschen sehen, wie Hegel, Schopenhauer, die ja 
immerhin grofie, bedeutende, geniale Geister sind, das ist natiirlich 



durchaus in der Welt vorhanden; es mufi nur in der richtigen Weise 
angeschaut werden. 

Wir wollen uns heute zunachst einmal klar werden dariiber, dafi 
wir in uns als Menschen den Gedanken erleben. Wenn also der Mensch 
von seinem Gedankenerlebnis spricht, so hat er dieses Gedankenerleb- 
nis unmittelbar. Er konnte dieses Gedankenerlebnis natiirlich nicht 
haben, wenn nicht die Welt von Gedanken durchsetzt ware. Denn wie 
sollte der Mensch, indem er die Welt sinnlich wahrnimmt, aus seinem 
sinnlichen Wahrnehmen heraus den Gedanken gewinnen, wenn der 
Gedanke nicht in der Welt als solcher vorhanden ware. 

Nun ist aber, wie wir ja aus anderen Betrachtungen wissen, die 
menschliche Hauptesorganisation so gebaut, dafi sie eben besonders 
fahig ist, den Gedanken hereinzunehmen aus der Welt. Sie ist aus den 
Gedanken heraus geformt, aus den Gedanken heraus gebildet. Die 
menschliche Hauptesorganisation aber weist uns ja zu gleicher Zeit 
nach dem vorigen Erdenleben hin. Wir wissen, dafi das menschliche 
Haupt eigentlich das metamorphosische Ergebnis der vorigen Erden- 
leben ist, wahrend die menschliche Gliedmafienorganisation auf die 
kunftigen Erdenleben hinweist. Grob gesprochen: Unseren Kopf ha- 
ben wir dadurch, dafi unsere Gliedmafien aus dem vorhergehenden Er- 
denleben sich zum Kopf metamorphosiert haben. Unsere Gliedmafien, 
wie wir sie jetzt an uns tragen, mit alledem, was zu ihnen gehort, wer- 
den sich metamorphosieren zu dem Haupte, das wir in dem nachsten 
Erdenleben an uns tragen werden. In unserem Haupte arbeiten ja ge- 
genwartig, vorzugsweise in dem Leben zwischen Geburt und Tod, 
die Gedanken. Diese Gedanken sind, wie wir auch gesehen haben, zu- 
gleich die Umgestaltung, die Metamorphose desjenigen, was in un- 
seren Gliedmafien in dem vorigen Erdenleben als Wille wirkte. Und 
dasjenige wiederum, was als Wille wirkt in unseren gegenwartigen 
Gliedmafien, das wird zu Gedanken umgebildet sein in dem nachsten 
Erdenleben. 

Wenn Sie das iiberschauen, konnen Sie sich sagen: Der Gedanke, 
er erscheint eigentlich als dasjenige, was in der Menschheitsevolution 
fortdauernd als Metamorphose aus dem Willen hervorgeht. Der Wille 
erscheint eigentlich als dasjenige, was gewissermafien der Keim des 



Gedankens ist. - So dafi wir sagen konnen: Es entwickelt sich der Wille Tafel 10 

obercr 

allmahlich in den Gedanken hinein. Was zuerst Wille ist, wird spater Quemrich 
Gedanke. Wenn wir Menschen uns betrachten, so miissen wir, wenn 
wir uns als Hauptesmenschen ansehen, zuriickblicken auf unsere Vor- 
zeit, indem wir in dieser Vorzeit den Willenscharakter hatten. Wenn 
wir nach der Zukunft schauen, miissen wir uns gegenwartig den Wil- 
lenscharakter in unseren Gliedmafien zuschreiben und miissen sagen: 
Das wird in der Zukunft dasjenige, was in unserem Haupte ausgebil- unterer 
det wird, der Gedankenmensch. Aber wir tragen fortwahrend diese Q uerstnch 
beiden in uns. Wir sind gewissermafien bewirkt aus dem Weltenall da- 
durch, dafi sich in uns der Gedanke aus der Vorzeit mit dem Willen, 
der in die Zukunft hinein will, zusammenorganisiert. 

Nun wird das, was so den Menschen gewissermafien aus dem Zu- 
sammenflufi von Gedanke und Wille organisiert, deren Ausdruck 
dann die aufiere Organisation ist, das, was den Menschen gewisser- 
mafien so durchorganisiert, besonders anschaulich, wenn man es vom 
Standpunkte geisteswissenschaftlicher Forschung betrachtet. 

Derjenige, der sich hinaufentwickeln kann zu den Erkenntnissen der 
Imagination, der Inspiration, der Intuition, der sieht ja am Menschen 
nicht blofi den aufierlich sichtbaren Kopf, sondern er sieht objektiv 
dasjenige, was durch das Haupt Gedankenmensch ist. Er sieht gewisser- 
mafien auf die Gedanken hin. So dafi wir sagen konnen: Mit denjenigen Kreis und 
Fahigkeiten, die dem Menschen als die zunachst normalen zukommen Gedanken 
zwischen Geburt und Tod, zeigt sich das Haupt in der Konfiguration, in 
der es eben einmal da ist. Durch die entwickelte Erkenntnis in Imagina- 
tion, Inspiration, Intuition wird auch das Gedanklich-Kraftliche, was ja 
der Hauptesorganisation zugrunde liegt, was von den friiheren Inkar- 
nationen heriiberkommt, sichtbar, wenn wir uns dieses Ausdruckes in 
iibertragenem Sinne bedienen. Wie wird es sichtbar? So, dafi wir fur 
dieses Sichtbarwerden, fur dieses selbstverstandlich geistig-seelische 
Sichtbarwerden nur den Ausdruck brauchen konnen: es wird wie Lichtkranz 
leuchtend. 

Gewifi, wenn die Menschen, die durchaus auf dem Gesichtspunkte 
des Materialismus stehenbleiben wollen, solche Sachen kritisieren, 
dann sieht man sogleich, wie stark der gegenwartigen Menschheit die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:2 02 Seite:7 3 



Empfindungsfahigkeit fehlt, urn aufzufassen, was mit solchen Dingen 
eigentlich gemeint ist. Ich habe deutlich genug in meiner «Theosophie» 
und in anderen Schriften darauf hingewiesen, dafi es sich darum han- 
delt, dafi natiirlich nicht eine neue physische Welt, gewissermaften eine 
neue Auflage der physischen Welt erscheint, wenn in Imagination, In- 
spiration, Intuition hingeschaut wird auf das, was der Gedankenmensch 
ist. Aber dieses Erlebnis ist eben durchaus dasselbe, was man der physi- 
schen Aufienwelt gegeniiber am Lichte hat. Genau gesprochen miifite 
man sagen: Der Mensch hat am aufieren Lichte ein gewisses Erlebnis. 
Dasselbe Erlebnis, das der Mensch durch die sinnliche Anschauung des 
Lichtes in der aufieren Welt hat, hat er gegeniiber dem Gedankenele- 
mente des Hauptes fur die Imagination. So dafi man sagen kann: Das 
Tafel 10 Gedankenelement, objektiv geschaut, wird als Licht geschaut, besser 
gesagt, als Licht erlebt. - Wir leben, indem wir denkende Menschen 
sind, im Lichte. Das aufiere Licht sieht man mit physischen Sinnen; 
das Licht, das zum Gedanken wird, sieht man nicht, weil man darin- 
nen lebt, weil man es selber ist als Gedankenmensch. Man kann das- 
jenige nicht sehen, was man zunachst selber ist. Wenn man heraustritt 
aus diesen Gedanken, wenn man in die Imagination, Inspiration ein- 
tritt, dann stellt man sich ihm gegeniiber, und dann sieht man das Ge- 
dankenelement als Licht. So daft wir, wenn wir von der vollstandigen 
Welt reden, sagen konnen: Wir haben das Licht in uns; nur erscheint es 
uns da nicht als Licht, weil wir darinnen leben, und weil, indem wir 
uns des Lichtes bedienen, indem wir das Licht haben, es in uns zum 
Gedanken wird. - Sie bemachtigen sich gewissermafien des Lichtes; 
das Licht, das Ihnen sonst draufien erscheint, das nehmen Sie in sich 
auf. Sie differenzieren es in sich. Sie arbeiten in ihm. Das ist eben Ihr 
Denken, das ist ein Handeln im Lichte. Sie sind ein Lichtwesen. Sie 
wissen nicht, dafi Sie ein Lichtwesen sind, weil Sie im Lichte drinnen 
leben. Aber Ihr Denken, das Sie entfalten, das ist das Leben im Lichte. 
Und wenn Sie das Denken von auften anschauen, dann sehen Sie 
durchaus Licht. 

Tafel 9 Denken Sie sich nun das Weltenall (linke Zeichnung). Sie sehen es - 
bei Tag natiirlich - vom Lichte durchstromt, aber stellen Sie sich vor, 
Sie sahen dieses Weltenall von aufien an. Und jetzt machen wir das 



Umgekehrte. Wir haben soeben das Menschenhaupt gehabt (rechte 
Zeichnung), das im Inneren den Gedanken in seiner Entwickelung hat, 
und aufterlich Licht schaut. Im Weltenall haben wir Licht, das sinnlich 
angeschaut wird. Kommen wir aus dem Weltenall heraus, betrachten 
wir das Weltenall von aufien (Pfeile), als was erscheint es da? Als ein 
Gefiige von Gedanken! Das Weltenall - innerlich Licht, von aufien 
angesehen Gedanken. Das Menschenhaupt - innerlich Gedanke, von 
auften gesehen Licht. 



Das ist eine Art der Anschauung des Kosmos, die Ihnen ungemein 
niitzlich und aufschlufireich sein kann, wenn Sie sie verwerten wollen, 
wenn Sie wirklich auf solche Dinge eingehen. Es wird Ihr Denken, Ihr 
ganzes Seelenleben viel beweglicher werden, als es sonst ist, wenn Sie 
lernen, sich vorzustellen: Wiirde ich aus mir herauskommen, wie es ja 
fortwahrend der Fall ist, wenn ich einschlafe, und zuruckschauen auf 
mein Haupt, also auf mich als Gedankenmenschen, so sahe ich mich 
leuchtend. Wiirde ich aus der Welt, aus der durchleuchteten Welt her- 
auskommen, die Welt von aufien sehen, so wiirde ich sie als ein Ge- 
dankengebilde sehen. Ich wiirde die Welt als Gedankenwesenheit wahr- 
nehmen. - Sie sehen, Licht und Gedanke gehoren zusammen, Licht und 
Gedanke sind dasselbe, nur von verschiedenen Seiten gesehen. 




Tafel 9 



Tafel 10 



Nun ist aber der Gedanke, der in uns lebt, eigentlich dasjenige, was 
aus der Vorzeit heriiberkommt, was das Reifste in uns ist, das Ergeb- 
nis friiherer Erdenleben. Was frtiher Wille war, ist Gedanke geworden, 
und es erscheint der Gedanke als Licht. Daraus werden Sie empfinden 
konnen: Wo Licht ist, ist Gedanke — , aber wie? Gedanke, in dem eine 
Welt fortwahrend erstirbt. Eine Vorwelt, eine vorzeitige Welt erstirbt 
im Gedanken, oder anders ausgesprochen, im Lichte. Das ist eines der 
Weltengeheimnisse. Wir schauen hinaus in das Weltenall. Es ist durch- 
stromt vom Lichte. Im Lichte lebt der Gedanke. Aber in diesem ge- 
dankendurchdrungenen Lichte lebt eine ersterbende Welt. Im Lichte 
erstirbt fortwahrend die Welt. 

Indem so ein Mensch wie Hegel die Welt betrachtet, betrachtet er 
eigentlich das fortwahrende Ersterben der Welt. Diejenigen Menschen 
werden ganz besonders Gedankenmenschen, welche zum Sinkenden, 
Ersterbenden, Sich-Ablahmenden der Welt eine besondere Neigung 
haben. Und im Ersterben wird die Welt schon. Die Griechen, die inner- 
lich eigentlich durch und durch von lebendiger Menschenwesenheit 
waren, nach aufien hatten sie ihre Freude, wenn in dem Ersterben der 
Welt die Schonheit erglanzte. Denn in dem Lichte, in dem die Welt 
erstirbt, erglanzt die Schonheit der Welt. Die Welt wird nicht schon, 
wenn sie nicht sterben kann, und indem sie stirbt, leuchtet sie, die Welt. 
So dafi es eigentlich die Schonheit ist, welche aus dem Lichtesglanze der 
fortwahrend ersterbenden Welt erscheint. So betrachtet man das Wel- 
tenall qualitativ. Die neuere Zeit hat begonnen, mit Galilei, mit den 
anderen [Naturforschern], die Welt quantitativ zu betrachten, und man 
ist heute besonders stolz darauf, wenn man, wie es iiberall in unseren 
Wissenschaften geschieht, wo man es nur tun kann, die Naturerschei- 
nungen durch die Mathematik, also durch das Tote begreifen kann. 
Hegel hat allerdings inhaltsvollere Begriffe verwendet zum Begreifen der 
Welt, als die mathematischen es sind; aber fur ihn war besonders an- 
ziehend das Reifgewordene, das Ersterbende. Man mochte sagen: Hegel 
stand der Welt so gegeniiber wie ein Mensch, der einen Baum gegen- 
iibersteht, der gerade strotzend von Blutenentfaltung ist. Im Momente, 
wo die Friichte sich entfalten wollen, aber noch nicht da sind, wo die Blii- 
ten zum aufiersten gekommen sind, da wirkt in dem Baum die Lichtesge- 



wait, da wirkt in dem Baum dasjenige, was lichtgetragener Gedanke 
ist. So stand Hegel vor alien Erscheinungen der Welt. Er betrachtete 
die aufierste Bliite, dasjenige, was sich ganz und gar ins Konkreteste 
entfaltet. 

Schopenhauer stand anders vor der Welt. Wenn wir den Schopen- 
hauerschen Impetus priifen wollen, dann miissen wir auf das andere im 
Menschen schauen, auf dasjenige, was beginnt. Es ist das Willensele- 
ment, das wir in unseren Gliedmafien tragen. Ja, das erleben wir ei- 
gentlich so — ich habe ofter darauf hingewiesen — , wie wir die Welt er- 
leben im Schlafe. Wir erleben es unbewufit, das Willenselement. Kon- 
nen wir denn auch dieses Willenselement irgendwie so von aufien an- 
schauen, wie wir den Gedanken von aufien anschauen? Nehmen wir 
den Willen, irgendwie in einem menschlichen Gliede sich entfaltend, 
und fragen wir uns, wenn wir den Willen nun von der anderen Seite 
anschauen wiirden, wenn wir also vom Standpunkte der Imagination, 
der Inspiration, der Intuition den Willen betrachten: Was ist denn das 
Parallele im Anschauen gegeniiber dem, daft wir den Gedanken als 
Licht schauen? Wie schauen wir den Willen, wenn wir ihn mit der ent- 
wickelten Kraft des Anschauens, der Hellsichtigkeit betrachten? Wenn 
wir den Willen mit der entwickelten Kraft des Anschauens, der Hell- 
sichtigkeit betrachten, dann wird auch etwas erlebt, was wir aufierlich 
sehen. Wenn wir den Gedanken mit der Kraft des Hellsehens betrach- Tafel 10 
ten, wird Licht erlebt, Leuchtendes erlebt. Wenn wir den Willen mit der ^hts 
Kraft des Hellsehens betrachten, so wird er immer dicker und dicker, 
dieser Wille, und er wird Stoff . Ware Schopenhauer hellsichtig gewe- 
sen, so wiirde dieses Willenswesen als ein Stof fautomat vor ihm gestan- 
den haben, denn das ist die Auftenseite des Willens, der Stoff. Innerlich 
ist der Stoff Wille, wie das Licht innerlich Gedanke ist. Und aufierlich 
ist der Wille Stoff, wie der Gedanke aufierlich Licht ist. Deshalb konnte 
ich auch bei fruheren Betrachtungen darauf hinweisen: Wenn der 
Mensch in seine Willensnatur mystisch hinuntertaucht, so glauben die- 
jenigen, die eigentlich mit der Mystik nur Faxen treiben, in Wirklich- 
keit aber nach dem Wohlbefinden, nach dem Erleben des argsten 
Egoismus streben, dann glauben solche In-sich-Hineinschauer, sie wiir- 
den den Geist finden. Aber wenn sie weit genug kamen mit diesem In- 



sich-Hineinschauen, wiirden sie die wahre stoffliche Natur des Men- 
scheninneren entdecken. Denn es ist nichts anderes als ein Untertau- 
chen in den Stoff . Wenn man in die Willensnatur untertaucht, da ent- 
hiillt sich einem die wahre Natur des Stoffes. Die Naturphilosophen 
in der Gegenwart phantasieren ja nur, wenn sie sagen, dafi der Stoff 
aus Molekiilen und Atomen bestehe. Die wahre Natur des Stoffes fin- 
det man, wenn man mystisch in sich untertaucht. Da findet man die 
andere Seite des Willens, und die ist Stoff. Und in diesem Stoff, also 
in dem Willen, enthiillt sich im Grunde genommen dasjenige, was fort- 
wahrend beginnende, keimende Welt ist. 

Sie schauen hinaus in die Welt: Sie sind vom Licht umflossen. In 
dem Lichte erstirbt eine vorzeitige Welt. Sie treten auf den harten Stoff 
auf - die Starke der Welt tragt Sie. In dem Lichte erstrahlt gedanklich 
die Schonheit. In dem Erglanzen der Schonheit erstirbt die vorzeitige 
Welt. Die Welt geht auf in ihrer Starke, in ihrer Kraft, in ihrer Ge- 
walt, aber auch in ihrer Finsternis. In Finsternis geht sie auf, die zu- 
kiinftige Welt, im stoff lich-willensartigen Elemente. 

Wenn die Physiker einmal ernsthaft reden werden, dann werden 
sie sich nicht jenen Spekulationen hingeben, in denen heute von den 
Atomen und Molekiilen gefaselt wird, sondern sie werden sagen: Die 
Tafel 10 aufiere Welt besteht aus Vergangenheit, und im Inneren tragt sie nicht 
Molekiile und Atome, sondern Zukunft. Und wenn man einmal sagen 
wird: Uns erscheint strahlend die Vergangenheit in der Gegenwart, 
und die Vergangenheit hiillt die Zukunft uberall ein -, dann wird man 
von der Welt richtig reden, denn die Gegenwart ist uberall nur das- 
jenige, was Vergangenheit und Zukunft zusammen wirken. Die Zu- 
kunft ist dasjenige, was eigentlich in der Starke des Stoffes liegt. Die 
Vergangenheit ist dasjenige, was in der Schonheit des Lichtes erglanzt, 
wobei Licht fur alles Sich-Offenbarende gesetzt ist, denn naturlich, 
auch was im Tone erscheint, was in der Warme erscheint, ist hier unter 
dem Lichte gemeint. 

Und so kann sich der Mensch nur selber verstehen, wenn er sich 
auffafk als Zukunftskern, der umhullt ist von dem, was ihm von der 
unten Vergangenheit herruhrt, von der Lichtaura des Gedankens. Man kann 
lmks sagen: Geistig gesehen ist der Mensch Vergangenheit, wo er in seiner 



Schdnheitsaura erstrahlt, aber eingegliedert ist dieser Vergangenheits- orange 
aura, was als Finsternis sich beimischt dem Lichte, das aus der Vergan- 
genheit heriiberstrahlt, und was in die Zukunft hiniibertragt. Das Licht bku 
ist dasjenige, was aus der Vergangenheit heriiberstrahlt, die Finsternis, 
was in die Zukunft hiniiberweist. Das Licht ist gedanklicher Natur, 
die Finsternis ist willensartiger Natur. Hegel war dem Lichte zuge- 
neigt, das sich entfaltet in dem Wachstumsprozesse, in den reifsten 
Bliiten. Schopenhauer ist als Weltenbetrachter wie ein Mensch, der 
vor einem Baume steht und eigentlich keine Freude hat an der Bliiten- 
pracht, sondern der eine innerliche Anstachelung hat, nur zu warten, 
bis da aus den Bliiten iiberall die Keime fur die Friichte hervorspriefien. 
Das freut ihn, dafi da drinnen Wachstumskraft ist, das stachelt ihn an, 
es wassert sich ihm der Mund, wenn er daran denken kann, dafi da 
aus der Pfirsichbliite die Pfirsiche werden. Er wendet sich von der 
Lichtnatur dem zu, was ihn von innen ergreift, was sich aus der Licht- 
natur der Bliite entfaltet als dasjenige, was stofflich auf seiner Zunge 
zerflieften kann, was sich als Friichte in die Zukunft hinuberentwickelt. 
Es ist tatsachlich die Zwienatur der Welt, und man betrachtet die Welt 
nur richtig, wenn man sie in ihrer Zwienatur betrachtet, denn dann 
kommt man darauf, wie diese Welt konkret ist, wahrend man sie 
sonst nur in ihrer Abstraktheit betrachtet. Wenn Sie hinausgehen und 
sehen sich an die Baume in ihrer Bliite, dann leben Sie eigentlich von 
der Vergangenheit. Also Sie betrachten die Friihlingsnatur der Welt 
und Sie konnen sich sagen: Was Gotter in vergangenen Zeiten hinein- 
gewirkt haben in diese Welt, das offenbart sich in der Blutenpracht 
des Friihlings. Sie betrachten die fruchtende Welt des Herbstes, und 
Sie konnen sagen: Da beginnt eine neue Gottertat, da fallt ab, was aber 
weiterer Entwickelung fahig ist, was in die Zukunft sich hineinent- 
wickelt. 

So handelt es sich darum, da!5 man nicht blofi durch Spekulation 
ein Bild der Welt sich erwirbt, sondern dafi man innerlich mit dem 
Menschen die Welt ergreift. Man kann tatsachlich in der Pflau- 
menbliite, ich mochte sagen, die Vergangenheit ergreifen, in der Pflau- 
me die Zukunft erfiihlen. Was einem in die Augen hereinscheint, das 
hangt innig zusammen mit dem, aus dem man geworden ist aus der 



Vergangenheit heraus. Was einem auf der Zunge im Geschmack zer- 
schmilzt, das hangt innig zusammen mit demjenigen, aus dem man 
wiederersteht, wie der Phonix aus seiner Asche, in die Zukunft hinein. 
Da ergreift man die Welt in Empfindung. Und nach solchem «in Emp- 
findung die Welt ergreifen» hat eigentlich Goethe getrachtet bei allem, 
was er in der Welt erschauen, empfinden wollte. Er hat zum Beispiel 
hingeschaut nach der griinen Pflanzenwelt. Er hatte ja nicht, was man 
heme als Geisteswissenschaft haben kann, aber indem er die Griinheit 
der Pflanzenwelt anschaute, hatte er doch in der Griinheit der Pf lanze, 
die noch nicht ganz bis zum Bliitenhaf ten sich entfaltet hatte, dasjenige, 
was in die Gegenwart hereinragt von dem eigentlich Vergangenen des 
Pflanzenhaften; denn in der Pf lanze erscheint schon die Vergangen- 
heit in der Bliite; aber, was noch nicht ganz so vergangen ist, das ist 
die Griinheit des Blattes. 

Sieht man die Griinheit der Natur, so ist das gewissermafien etwas, 
was noch nicht so weit erstorben ist, was noch nicht so von der Ver- 
Tafel 10 gangenheit ergriffen ist (siehe Zeichnung grim). Das aber, was nach 
der Zukunft hinweist, ist dasjenige, was aus dem Finstern, aus dem 
Dunkeln herauskommt. Da, wo das Griin zum Blaulichen abgestuft 
ist, da ist das, was sich in der Natur als das Zukiinftige erweist (blau). 

Tafel 10 ro f $run tfau 



Dagegen da, wo wir gewiesen werden in die Vergangenheit, wo das- 
jenige liegt, was reift, was die Dinge zum Bliihen bringt, da ist die 
Warme (rot), wo das Licht sich nicht nur aufhellt, sondern wo es sich 
innerlich durchdringt mit Kraft, wo es in die Warme ubergeht. Nun 
oben miifke man das Ganze eigentlich so zeichnen, daft man sagt: Man hat 

links 

1 das Griine, die Pflanzenwelt - so wiirde Goethe empfinden, wenn er 
es auch noch nicht in Geisteswissenschaft oder Geheimwissenschaft 
umgesetzt hat daran ankniipfend die Finsternis, wo sich das Griine 




blaulich abstuft. Das sich Aufhellende, von Warme Erfiillende aber, 
das wiirde sich wiederum anschliefien nach der oberen Seite hin. 
Da stent man aber selbst als Mensch, da hat man als Mensch innerlich 
das, was man in der griinen Pflanzenwelt auflerlich hat, da ist man 
innerlich als menschlicher Atherleib, wie ich oftmals gesagt habe, pfir- 
sichblutfarbig. Das ist auch die Farbe, die hier erscheint, wenn das 
Blau in das Rote ubergreift. Das ist man aber selber. So dafi man ei- 
gentlich, wenn man in die farbige Welt hinaussieht, sagen kann: Man 
steht selber in dem Pfirsichbliitigen drinnen, hat gegeniiber das Griin. 




Das bietet sich einem dann objektiv in der Pflanzenwelt dar. Man 
hat auf der einen Seite das Blauliche, Finstere, auf der anderen Seite 
das Helle, Rotlich-Gelbliche. Aber weil man in dem Pfirsichbliitigen 
drinnen ist, weil man da drinnen lebt, kann man das zunachst im ge- 
wohnlichen Leben ebensowenig wahrnehmen, wie man den Gedanken 
als Licht wahrnimmt. Was man erlebt, das nimmt man nicht wahr, des- 
halb lafk man da das Pfirsichbliit aus und sieht nur auf das Rot hin, 
das man auf der einen Seite erweitert, und nach dem Blau hin, das man 
nach der anderen Seite erweitert; und so erscheint einem solch ein Re- 
genbogenspektrum. Das ist aber nur eine Tauschung. Das wirkliche 
Spektrum wiirde man bekommen, wenn man dieses Farbenband kreis- 



formig biegen wiirde. Man biegt es in der Tat gerade, weil man als 
Mensch in dem Pfirsichbliitigen drinnensteht, und so iibersieht man 
nur von Blau bis zu Rot und von Rot bis zu Blau durch das Griin die 
f arbige Welt. In dem Augenblicke, wo man diesen Aspekt haben wiirde, 
wiirde jeder Regenbogen als Kreis erscheinen, als in sich gebogener 
Kreis, als Rolle mit Kreisdurchschnitt. 

Das letzte habe ich nur erwahnt, um Sie darauf aufmerksam zu 
machen, dafi so etwas wie die Goethesche Naturanschauung durchaus 
zu gleicher Zeit eine Geistanschauung ist, dafi sie dem geistigen An- 
schauen voll entspricht. Wenn man an Goethe, den Naturforscher, her- 
antritt, so kann man sagen: Er hat eigentlich noch keine Geisteswissen- 
schaft, aber er hat die Naturwissenschaft so betrachtet, dafi es ganz 
im Sinne der Geisteswissenschaft ist. Was uns aber heute ganz wesent- 
lich sein mufi, das ist dieses, dafi die Welt einschliefilich des Menschen 
ein Durchorganisieren von Gedankenlicht, Lichtgedanken mit Willens- 
stoff, Stoffwille ist, und dafi dasjenige, was uns konkret entgegentritt, 
in der verschiedensten Weise aufgebaut oder mit Inhalt durchzogen 
ist aus Gedankenlicht, Lichtgedanken, Stoffwille, Willensstoff . 

So mufi man qualitativ den Kosmos betrachten, nicht blofi quanti- 
tativ, dann kommt man mit diesem Kosmos zurecht. Dann gliedert sich 
aber auch hinein in diesen Kosmos ein fortwahrendes Ersterben, ein 
Ersterben der Vorzeit im Lichte, ein Aufgehen der Zukunft in der 
Finsternis. Die alten Perser nannten aus ihrem instinktiven Hellsehen 
heraus das, was sie als die ersterbende Vorzeit im Lichte fiihlten, 
Ahura Mazdao, was sie als die Zukunft im finstern Willen fiihlten, 
Ahriman. 

Und nun haben Sie diese zwei Welt-Entitaten, das Licht und die 
Finsternis: im Lichte den lebenden Gedanken, die ersterbende Vor- 
zeit; in der Finsternis den entstehenden Willen, die kommende Zukunft. 
Indem wir so weit kommen, dafi wir den Gedanken nicht mehr in sei- 
ner Abstraktheit blofi betrachten, sondern als Licht, den Willen nicht 
mehr in seiner Abstraktheit betrachten, sondern als Dunkelheit, ja in 
seiner materiellen Natur betrachten, indem wir dazu kommen, die 
Warmeinhalte zum Beispiel des Lichtspektrums als mit der Vergangen- 
heit, die Stoffseite, die chemische Seite des Spektrums mit der Zukunft 



zusammenfallend betrachten zu konnen, gehen wir aus dem blofien 
Abstrakten ins Konkrete heraus. Wir sind nicht mehr solche ausge- 
dorrte, pedantische, blofi mit dem Kopfe arbeitende Denker; wir wis- 
sen, das, was da in unserem Kopfe drinnen denkt, ist eigentlich das- 
selbe, was uns als Licht umflutet. Und wir sind nicht mehr solche vor- 
urteilsvolle Menschen, dafi wir an dem Lichte blofi Freude haben, son- 
dern wir wissen: In dem Lichte ist der Tod, eine ersterbende Welt. Wir 
konnen an dem Lichte auch die Weltentragik empfinden. Wir kommen 
also aus dem Abstrakten, aus dem Gedanklichen in das Flutende der 
Welt hinein. Und wir sehen in dem, was Finsternis ist, den aufgehenden 
Teil der Zukunft. Wir finden sogar das darinnen, was solche leiden- 
schaftliche Naturen wie Schopenhauer aufstachelt. Kurz, wir dringen 
aus dem Abstrakten ins Konkrete hinein. Weltengebilde entstehen vor 
uns, statt blofier Gedanken oder abstrakter Willensimpulse. 

Das haben wir heute gesucht. Das nachste Mai werden wir in dem, 
was sich uns heute merkwiirdig konkretisiert hat - der Gedanke zum 
Licht, der Wille zur Finsternis suchen den Ursprung von Gut und 
von Bose. Wir dringen also von der Innenwelt indenKosmos hinein und 
suchen im Kosmos wiederum nicht blofi in einer abstrakten oder reli- 
gios-abstrakten Welt die Griinde fur Gut und Bose, sondern wir wollen 
sehen, wie wir durchbrechen zu einer Erkenntnis von Gut und Bose, 
nachdem wir den Anfang damit gemacht haben, daft wir den Gedan- 
ken in seinem Lichte ergriffen, den Willen in seinem Finsterwerden 
erfiihlt haben. Davon dann das nachste Mai weiter. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 10. Dezember 1920 



Es hat sich bei unseren letzten Auseinandersetzungen hier gehandelt 
um die Moglichkeit, auf der einen Seite im Reiche des Natiirlichen 
dasjenige zu sehen, was in einer gewissen Weise zusammenhangt mit 
dem Moralischen, mit dem Seelischen, und auf der anderen Seite im 
Seelischen wiederum zu sehen, was im Natiirlichen vorhanden ist. 
Gerade auf diesem Gebiete steht ja eigentlich die Menschheit der Ge- 
genwart vor einem, man mochte sagen, beunruhigenden Ratsel. Nicht 
nur, dafi vorliegt, was ich jetzt auch in offentlichen Vortragen ofter 
zur Sprache gebracht habe, dafi der Mensch auf der einen Seite, wenn 
er die Naturgesetze auf das Weltenali anwendet und hinsieht auf die 
Vergangenheit, sich sagen mufi: Hervorgegangen ist alles, was wir in 
unserer Umgebung haben, aus irgendeinem Urnebelzustande, also et- 
was rein Materiellem, das sich dann in irgendeiner Weise differenziert, 
umgestaltet hat, und aus dem die Wesen des mineralischen, des pflanz- 
lichen, des tierischen Reiches hervorgegangen sind, aus dem auch der 
Mensch hervorgegangen ist. Dieses wird in einer gewissen Weise, wenn 
auch in anderer Form als im Anfange, als rein Physisches, auch am 
Ende des Weltenalls wiederum da sein. Dann aber wird das, was in 
uns als Moral geboren wird, unsere Ideale, im Grunde genommen ver- 
klungen und vergessen sein und da sein wird der grofie Kirchhof des 
Physischen,und keineBedeutung wird innerhalb dieses physischen End- 
zustandes das haben, was als seelische Entwickelung in dem Menschen 
aufgestiegen ist, weil es ja nur eben eine Art Schaumblase war. Das ein- 
zige Reale ware dann dasjenige, was physisch aus einem Urnebel zur 
starksten Differenzierung der verschiedenen Wesen sich entwickelt, 
um dann wiederum zuriickzukehren in den allgemeinen schlackenarti- 
gen Weltzustand. 

Solch eine Anschauung, zu der doch derjenige kommen mufi, der in 
ehrlicher Weise - das heifit, dafi er ehrlich gegen sich selbst ist - zur na- 
tiirlichen Weltanschauung der Gegenwart sich bekennt, solch eine An- 
schauung kann niemals eine Briicke bauen zwischen dem Physischen 



und dem Moralisch-Seelischen. Daher braucht solch eine Anschauung 
immer, wenn sie nicht ganz materialistisch sein und eigentlich in den 
materiellen Vorgangen das einzige der Welt sehen will, immer eine Art 
gewissermafien aus der Abstraktion hervorgeholter zweiter Welt, die, 
wenn man als fiir die Wissenschaft gegeben nur die erste Welt anerkennt, 
dann dem Glauben allein gegeben ware. Und dieser Glaube, der ergeht 
sich ja darinnen, dafi er seinerseits wiederum denkt : Dasjenige, was in der 
Menschenseele als Gutes ersteht, das kann doch nicht ohne Ausgleich 
in der Welt bleiben; es mufi gewisse Machte geben, welche - wenn man 
das auch noch so philosophisch denkt, so kommt es dann auf dasselbe 
heraus - das Gute belohnen und das Bose bestrafen und so weiter. Es 
gibt ja durchaus in unserer Zeit Menschen, welche sich zu den beiden 
Anschauungen bekennen, trotzdem sie ohne Briicke nebeneinander 
dastehen. Es gibt Menschen, welche auf der einen Seite sich alles 
dasjenige sagen lassen, was die rein naturwissenschaftliche Weltan- 
schauung darbietet, die mitgehen mit der Kant-Laplaceschen Theorie 
vom Urnebel, mitgehen mit alledem, was vorgebracht wird fiir einen 
schlackenartigen Endzustand unserer Entwickelung, und die dann auch 
wiederum sich zu irgendeiner religiosen Weltanschauung bekennen: 
dafi gute Werke irgendwie ihre Belohnung finden, bose Sunder be- 
straft werden und dergleichen. Es riihrt die Tatsache, dafi es in un- 
serer Zeit zahlreiche Menschen gibt, die sowohl das eine wie das andere 
ihrer Seele darbieten lassen, davon her, dafi in unserer Zeit so wenig 
wirkliche Aktivitat der Seelen da ist, denn wenn diese innere Aktivi- 
tat der Seelen da ware, so konnte man nicht einfach aus derselben 
Seele heraus auf der einen Seite eine Weltordnung annehmen, welche 
ausschliefit die Realitat des Moralischen, und doch auf der anderen 
Seite wiederum irgendwelche Machte annehmen, welche das Gute be- 
lohnen und das Bose bestrafen. 

Vergleichen Sie mit dem, was aus der Denk- und Empfindungsbe- 
quemlichkeit zahlreicher Menschen der Gegenwart dasteht ohne 
Briicke, die moralische und die physische Weltanschauung, vergleichen 
Sie mit dem so etwas, wie ich es das letzte Mai hier auseinandersetzte 
als ein Ergebnis der Geisteswissenschaft. Ich konnte hinweisen dar- 
auf, dafi wir um uns herum zunachst die Welt der Lichterscheinungen 



erblicken, dafi wir also in der aufieren Natur hinschauen auf alles das, 
was durch dasjenige uns erscheint, was wir als Licht ansprechen. Ich 
konnte Sie darauf hinweisen, wie man zu sehen hat in alledem, was als 
Licht ringsherum um uns existiert, das, was sterbende Weltgedanken 
sind, also Weltgedanken, die einstmals in urferner Vergangenheit Ge- 
dankenwelten bestimmter Wesenheiten waren, Gedankenwelten, aus 
denen heraus dazumal Weltwesenheiten erkannt haben ihre damaligen 
Weltengeheimnisse. Was dazumal Gedanken waren, das leuchtet uns 
heute entgegen, indem es gewissermafien Gedankenleiche ist, eben Welt- 
gedanke ist, der stirbt: das leuchtet uns entgegen als Licht. - Sie brau- 
chen nur meine «Geheimwissenschaft im Umrifi» aufzuschlagen und 
die entsprechenden Seiten zu lesen, um zu wissen, dafi, indem wir in ur- 
f erne Vergangenheiten zuruckblicken, der Mensch so, wie wir ihn heute 
als Wesen auf fassen, nicht vorhanden war. Es war ja nur eine Art Sin- 
nesautomat zum Beispiel wahrend der Saturnzeit vorhanden von dem 
Menschen. Sie wissen aber auch, daft dazumal das Weltenall bewohnt 
war, wie es jetzt auch ist. Aber dazumal eben haben andere Wesen, 
die dieses Weltenall bewohnten, den Rang innerhalb dieses Welten- 
alls eingenommen, den heute der Mensch einnimmt. Wir wissen ja, 
dafi diejenigen Geister, die wir Archai nennen oder Urbeginne, daft 
diese Wesenheiten wahrend der alten Saturnzeit auf der Menschheits- 
stufe gestanden haben. Sie waren Menschen nicht so, wie die Menschen 
heute sind, aber sie standen auf der Menschheitsstufe. Bei einer ganz 
anderen Konstitution standen sie eben doch auf der Menschheitsstufe. 
Erzengel standen auf der Menschheitsstufe wahrend der alten Sonnen- 
zeit und so weiter. 

Wir blicken also zuriick in urferne Vergangenheiten und sagen 
uns: Wie wir jetzt als denkende Wesen durch die Welt gehen, so gin- 
gen diese Wesenheiten dazumal als denkende Wesen mit dem Mensch- 
heitscharakter durch die Welt. Was in ihnen dazumal gelebt hat, 
ist aber aufierer Weltengedanke geworden. Und das, was in ihnen da- 
zumal gedanklich gelebt hat, so dafi es von aufien nur zu sehen gewe- 
sen ware als ihre Lichtaura, das wird dann im Weltenumkreis gesehen, 
erscheint in den Lichttatsachen, so dafi wir in den Lichttatsachen ster- 
bende Gedankenwelten zu sehen haben. In diese Lichttatsachen spielt 



ja nun hinein die Finsternis, und gegeniiber dem Lichte lebt sich aller- 
dings in der Finsternis dasjenige aus, was seelisch-geistig der Wille 
genannt werden kann, was auch mit einer mehr orientalischen Wen- 
dung der Sache die Liebe genannt werden kann. So dafi, wenn wir in 
die Welt hinaussehen, wir auf der einen Seite die Leuchtewelt sehen, 
wenn ich so sagen darf; aber wir wiirden diese Leuchtewelt, die ja den 
Sinnen immer durchsichtig ware, nicht sehen, wenn sich nicht in ihr die 
Finsternis wahrnehmbar machte. Und in dem, was als Finsternis nun 
die Welt durchdringt, haben wir auf der ersten Stufe des Seelischen 
das zu suchen, was in uns als Wille lebt. So wie die Welt draufien als 
ein Zusammenklang angesehen werden kann von Finsternis und Licht, 
so kann auch unser eigenes Inneres, insoweit es im Raume zunachst 
sich ausbreitet, als Licht und Finsternis angesehen werden. Nur fur 
unser eigenes Bewufitsein ist das Licht Gedanke, Vorstellung, die Fin- 
sternis in uns Wille, wird zur Giite, zur Liebe und so weiter. 

Sie sehen, da bekommen wir eine Weltanschauung, in der nicht das, 
was in der Seele ist, nur seelisch ist, und das, was draufien in der Na- 
tur ist, nur naturlich ist, da bekommen wir eine Weltanschauung, inner- 
halb welcher das, was draufien in der Natur ist, das Ergebnis ist frii- 
herer moralischer Vorgange, wo das Licht sterbende Gedankenwelten 
sind. Daraus aber ergibt sich auch fur uns: Wenn wir unsere Gedan- 
ken in uns tragen, so sind diese zunachst ja auch, indem sie als Ge- 
danken in uns leben, der Kraft nach ausgelost von unserer Vorzeit. 
Aber wir durchdringen fortwahrend von unserem iibrigen Organismus 
aus die Gedanken mit dem Willen. Denn gerade das, was wir reinste 
Gedanken nennen, sind Reste aus alter Vergangenheit, durchdrungen 
vom Willen. So dafi auch das reine Denken - ich habe das in der Neu- 
auflage meiner «Philosophie der Freiheit» sehr energisch ausgespro- 
chen - vom Willen durchzogen ist. Das aber, was wir da in uns tragen, Tafel 12 
das geht in feme Zukiinfte hintiber, und in fernen Zukiinften wird das, vo^Sks 
was jetzt in uns als erster Keim veranlagt ist, in den aufieren Erschei- 
nungen leuchten. Es werden dann Wesen sein, welche so in die Welt 
hinausblicken, wie wir jetzt von der Erde in die Welt hinausblicken, 
und diese Wesen werden sagen: Uns erglanzt um uns herum eine Natur. 
Warum erglanzt sie uns so, wie sie uns erglanzt? Weil auf der Erde in 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:202 Seite:87 



einer bestimmten Weise von Menschen Taten vollbracht worden sind, 
denn das, was wir jetzt um uns herum erblicken, das ist das Ergebnis 
desjenigen, was die Erdenmenschen in sich als Keim getragen haben. - 
Wir stehen jetzt da, blicken in die aufiere Natur hinaus. Wir konnen 
dastehen wie trockene, niichterne Abstraktlinge, konnen, so wie die 
Physiker es tun, das Licht und seine Erscheinungen analysieren: wir 
werden diese Erscheinungen innerlich kalt als Laboratoriumsmenschen 
analysieren; dadurch wird manches sehr Schone, Geistreiche heraus- 
kommen, aber wir stehen dann nicht als Vollmenschen der aufieren 
Welt gegeniiber. Wir stehen nur als Vollmenschen der aufieren Welt 
gegeniiber, wenn wir empfinden konnen das, was uns in der Morgen- 
rote, was uns im blauen Himmelsfirmament, was uns in der griinen 
Pflanze erscheint, wenn wir empfinden konnen das, was wir in der 
platschernden Welle wahrnehmen - denn es bezieht sich ja das Licht 
nicht nur auf das durch das Auge wahrnehmbare Licht, sondern ich 
gebrauche den Ausdruck Licht hier fur alle Sinneswahrnehmungen. 
In dem, was wir da um uns herum wahrnehmen, was sehen wir da? 
Wir sehen eine Welt, die allerdings unsere Seele erheben kann, die in 
einer gewissen Weise fur unsere Seele sich als die offenbart, die wir 
haben mussen, damit wir iiberhaupt in eine sinnvolle Welt sinnvoll 
hinausblicken konnen. Wir stehen nicht als Vollmensch da, wenn wir 
dieser Welt blofi gegenviberstehen so, dafi wir sie trocken als Physiker 
analysieren. Wir stehen als Vollmensch dieser Welt erst gegeniiber, 
wenn wir uns sagen: Das, was da leuchtet, was da tont, das ist im letz- 
ten Abnehmen dasjenige, was vor langen Zeiten in urferner Vergan- 
genheit Wesen in ihren Seelen ausgebildet haben; denen mussen wir 
dankbar sein. - Wir blicken dann nicht hinaus wie trockene Physiker in 
die Welt, wir blicken hinaus mit Dankesgefuhlen gegeniiber denjenigen 
Wesenheiten, die so und so viele Jahrmillionen, sagen wir, wahrend der 
alten Saturnzeit so gelebt haben als Menschen, wie wir heute als Men- 
schen leben, und die so gedacht und empfunden haben, dafi wir heute 
die herrliche Welt um uns herum haben. Das ist ein bedeutsames Er- 
gebnis einer wirklichkeitsgesattigten Weltanschauung, indem sie uns 
dazu fiihrt, in die Welt nicht nur hinauszusehen als trockener Nuchter- 
ling, sondern voller Dankbarkeit fiir diejenigen Wesen, die in grauester 



Vergangenheit durch ihr Denken, durch ihre Taten bewirkt haben, was 
fiir uns in unserem Umkreise die uns erhebende Welt ist. Man stelle 
sich das nur mit der notigen Intensitat vor, man erfiille sich mit dieser 
Vorstellung des Verpflichtetseins zum Danke fiir die urfernen Vor- 
menschen, darum, weil sie uns unsere Umgebung gemacht haben. Man 
erfiille sich mit diesem Gedanken, und man bringe es dann noch iiber 
die Seele, sich zu sagen: Wir mtissen unsere Gedanken und Empfin- 
dungen in der entsprechenden Weise einrichten, in einer Weise, die 
uns als moralisches Ideal vorschwebt, damit diejenigen Wesen, die 
nach uns kommen, auf eine Umwelt sehen konnen, fiir die sie uns 
ebenso dankbar sein miissen, wie wir dankbar sein konnen unseren ur- 
fernen Vorfahren, die jetzt im buchstablichen Sinne in bezug auf ihre 
Wirkungen als Leuchtegeister uns umgeben. Wir sehen heute eine leuch- 
tende Welt; sie war vor Jahrmillionen eine moralische Welt. Wir tra- 
gen in uns eine moralische Welt; sie wird nach Jahrmillionen eine 
Leuchtewelt sein. 

Sehen Sie } zu dieser Weltempfindung fiihrt eine vollwertige Welt- 
anschauung. Eine nicht vollwertige Weltanschauung, sie fiihrt zwar 
zu allerlei Ideen und Begriffen, zu allerlei Theorien iiber die Welt, 
aber sie fiillt den vollen Menschen nicht aus, denn sie lafit seine Emp- 
findung leer. Dies hat allerdings seine recht praktische Seite, obwohl 
der heutige Mensch die Praxis davon noch kaum einsieht. Aber der- 
jenige, der es mit der heutigen Welt ehrlich meint, der weifi, dafi er 
sie nicht in den Niedergang hineinfahren lassen darf ; der mochte hin- 
blicken auf eine Schule und Hochschule der Zukunft, wo die Menschen 
nicht um acht Uhr morgens hineingehen mit einem gewissen lassig 
gleichgiiltigen Gefiihl, und um elf oder zwolf oder ein Uhr heraus- 
kommen mit demselben lassig gleichgiiltigen Gefiihl, hochstens mit 
einem kleinen Stolz dariiber, dafi sie wieder einmal so und so viel ge- 
scheiter geworden sind - nehmen wir an, sie seien es geworden. Nein, 
man kann den Blick lenken in eine Zukunftsperspektive, in welcher 
diejenigen, die da herausgehen um elf oder zwolf oder ein Uhr, zu 
gleicher Zeit mit ins Universelle hinausgehenden Gefiihlen gegeniiber 
der Welt die Lehrstatten verlassen, indem in ihre Seelen gepflanzt wird 
neben der Gescheitheit das Gefiihl gegeniiber der werdenden Welt, 



das Dankbarkeitsgefiihl gegeniiber der urfernen Vergangenheit, in der 
Wesen gewirkt haben, die unsere uns umgebende Natur so gestaltet 
haben, wie sie ist, und das Gefiihl der grofSen Verantwortlichkeit, die 
wir haben, weil unsere moralischen Impulse in uns spater scheinende 
Welten werden. Es bleibt selbstverstandlich ein Glaube, wenn man 
den Leuten sagen will: Real ist der Urnebel, real ist die Zukunfts- 
schlacke, dazwischen machen sich Wesen moralische Illusionen, die 
als Schaum in ihnen aufsteigen. Das letztere sagt dann der Glaube 
nicht; er miiftte es sagen, wenn er ehrlich ware. Ist es nicht etwas we- 
sentlich anderes, wenn der Mensch sich sagt: Ja, dasjenige, was Ver- 
geltung ist, das gibt es, denn die Natur ist selber so angelegt, dafi diese 
Vergeltung eintritt: deine Gedanken werden scheinendes Licht. Es of- 
fenbart sich die moralische Weltordnung. Das, was zu der einen Zeit 
moralische Weltordnung ist, ist zu der anderen Zeit physische Welt- 
ordnung, und was in irgendeiner Zeit physische Weltordnung ist, war 
in einer anderen Zeit moralische Weltordnung. Alles Moralische ist 
dafur bestimmt, ins Physische herauszutreten. Braucht der Mensch, 
der die Natur geistig ansieht, noch extra einen Beweis fur eine mo- 
ralische Weltordnung? Nein, in der geistig durchschauten Natur liegt 
selber die Rechtfertigung der moralischen Weltordnung. Zu diesem 
Bilde steigt man auf, wenn man eben den Menschen, ich mochte sa- 
gen, in seinem Vol lmenschen turn betrachtet. 

Gehen wir aus von einer Erscheinung, durch die wir alle jeden 
Tag hindurchgehen. Wir wissen, Einschlafen und Aufwachen beruhen 
darauf, daft der Mensch in seinem Ich und seinem astralischen Leibe 
sich loslost von dem physischen Leib und dem Atherleib. Was bedeutet 
denn das eigentlich mit Bezug auf den Kosmos? Stellen wir uns vor 
physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib und Ich miteinander fur 
das Wachen verbunden. Nun stellen wir sie uns fur das Schlafen ge- 
Tafel 12 trennt vor: Was ist nun der, ich mochte sagen, kosmische Unterschied 
rechts zwischen beiden? Sehen Sie, wenn Sie auf den Schlafzustand sehen, 
dann erleben Sie in diesem Schlafzustande das Licht. Dadurch, dafi 
Sie das Licht erleben, erleben Sie die sterbende Gedankenwelt der Vor- 
zeit. Und indem Sie gewissermafien erleben die sterbende Gedanken- 
welt der Vorzeit, werden Sie geneigt, eine Empfanglichkeit zu haben, 



das Geistige, wie es in die Zukunft hinein sich erstreckt, wahrzuneh- 
men. DafS der Mensch heute nur eine dumpfe Wahrnehmung davon 
hat, das andert ja nichts an der Sache. Das, was uns jetzt wesent- 
lich ist, das ist, dafi wir in diesem Zustande empfanglich sind fur Tafel 12 
das Licht. 

Wenn wir nun untertauchen in den Leib, da werden wir jetzt inner- 
lich seelisch - wenn ich sage innerlich seelisch, so bedeutet das, daft wir 
eben Seelen sind und keine Waagen -, seelisch werden wir empfanglich, 
indem wir in den Leib untertauchen, im Gegensatz zum Lichte, fur die 
Finsternis. Aber dies ist nicht ein blofies Negatives, sondern wir werden 
fur etwas anderes empfanglich. So wie wir im Schlafen empfanglich 
waren fur das Licht, so werden wir im Aufwachen empfanglich fur die Tafel 12 
Schwere. Ich sagte, wir sind keine Waage; wir werden nicht empfang- 
lich fur die Schwere, indem wir unsere Korper abwiegen, aber indem wir 
in unsere Korper untertauchen, werden wir innerlich seelisch empfang- 
lich fur die Schwere. Wundern Sie sich nicht, daft das zunachst etwas 
Unbestimmtes hat, wenn es ausgesprochen wird. Fur das eigentliche 
seelische Erleben ist das gewohnliche Bewufitsein ebenso schlafend im 
Wachen, wie es schlafend ist im Schlafe. Im Schlafe nimmt der Mensch 
im heutigen normalen Bewufksein nicht wahr, wie er im Lichte lebt. 
Im Wachen nimmt er nicht wahr, wie er in der Schwere lebt. Aber so 
ist es: das Grunderlebnis des schlafenden Menschen ist das Leben im 
Lichte. Er ist im Schlafe seelisch nicht empfanglich fur das Schwere, 
fur die Tatsache der Schwere. Die Schwere ist gewissermafien von ihm 
genommen. Er lebt in dem leichten Lichte. Er weifi nichts von der 
Schwere. Er lernt die Schwere erkennen erst innerlich, zunachst unter- 
bewufit. Aber der Imagination ergibt sich das sogleich: er lernt die 
Schwere erkennen, indem er in seinen Leib untertaucht. 

Das zeigt sich fur das geisteswissenschaftliche Forschen in der fol- 
genden Weise. Wenn Sie zur Erkenntnisstufe der Imagination sich hin- 
auferhoben haben, dann konnen Sie den Atherleib einer Pflanze beob- 
achten. Sie werden, wenn Sie den Atherleib einer Pflanze beobachten, 
das innere Erlebnis haben: Dieser Atherleib der Pflanze, der zieht Sie 
fortwahrend hinauf, der ist schwerelos. Wenn Sie dagegen den Ather- 
leib eines Menschen betrachten, so hat der Schwere, auch fur die ima- 



ginative Vorstellung. Sie haben einfach das Gefiihl: er ist schwer. Und 
von da aus kommt man dann dazu, zu erkennen, daft zum Beispiel der 
Atherleib des Menschen etwas ist, was, wenn die Seele darinnen ist, 
dieser Seele die Schwere ubertragt. Aber es ist ein ubersinnlich.es Ur- 
phanomen. Schlafend lebt die Seele im Lichte, lebt daher in Leichtig- 
keit. Wachend lebt die Seele in der Schwere. Der Leib ist schwer. 
Diese Kraft ubertragt sich auf die Seele. Die Seele lebt in der Schwere. 
Das bedeutet etwas, was nun sich ins Bewufttsein ubertragt. Denken 
Sie an den Moment des Aufwachens, worin besteht er? Wenn Sie schla- 
fend sind - Sie liegen im Bette, Sie riihren sich nicht, der Wille ist ab- 
gelahmt. Allerdings, es sind auch die Vorstellungen abgelahmt, aber die 
Vorstellungen sind auch nur deshalb abgelahmt, weil der Wille abge- 
lahmt ist, weil der Wille nicht in Ihren eigenen Leib schieftt, nicht 
sich der Sinne bedient, deshalb sind die Vorstellungen abgelahmt. Die 
Grundtatsache ist die Ablahmung des Willens. Wbdurch wird der Wille 
regsam? Dadurch, daft die Seele Schwere fiihlt durch den Leib. Dieses 
Zusammenleben mit der Seele [Schwere], das gibt im irdischen Menschen 
die Tatsache des Willens. Und das Aufhoren des Willens vom Menschen 
selber, es tritt ein, wenn der Mensch im Lichte ist. 

Damit haben Sie die zwei kosmischen Krafte, Licht und Schwere, 
als die groften Gegensatze im Kosmos hingestellt. In der Tat, Licht 
und Schwere sind kosmische Gegensatze. Wenn Sie sich den Planeten 
vorstellen: die Schwere zieht zum Mittelpunkte, das Licht weist vom 
Mittelpunkte hinweg in das Weltenall hinaus (Pfeile). Man denkt sich 
das Licht nur ruhend. In Wahrheit ist es vom Planeten hinausweisend. 
Wer die Schwere eben als eine Kraft denkt der Anziehung, also new- 
tonisch, der denkt ja eigentlich ziemlich stark materialistisch, denn 
er denkt sich, daft eigentlich so irgend etwas von einem Damon oder 
dergleichen da drinnen in der Erde sitzt, mit einem Strick, den man 
allerdings nicht sieht, und der zieht den Stein an. Man spricht ja von 
einer Anziehungskraft, die wohl niemand jemals woanders nachwei- 
sen kann als in der Vorstellung. Aber man spricht von dieser Anzie- 
hungskraft. Nun, versinnlichen mogen sich ja die Leute diese Sache 
nicht, aber sie mogen also newtonisch von der Anziehungskraft spre- 
chen. In der westlichen Kultur wird das einmal so sein, daft dasjenige, 



was da iiberhaupt da ist, in irgendeiner Weise sinnlich vorgestellt sein 
mufi. Also einer konnte den Leuten sagen: Nun, ihr mogt die Anzie- 
hungskraft vorstellen so, wie einen unsichtbaren Strick; dann aber 
miifit ihr wenigstens das Licht vorstellen wie solch ein Abschwingen, 
wie ein Abschleudern. Man miifite das Licht dann als eine Abschleuder- 
kraft vorstellen. Fur denjenigen, der mehr in der Realitat stehenbleiben 
will, fiir den geniigt es, wenn er einfach den Gegensatz, den kosmischen 
Gegensatz von Licht und Schwere einsehen kann. 




Und nun, sehen Sie, auf dem, was ich jetzt sagte, beruht vielerlei 
gerade mit Bezug auf den Menschen. Wenn wir auf das alltagliche 
Ereignis des Einschlafens und Aufwachens gesehen haben, so sagen wir: 
Beim Einschlafen begibt sich der Mensch aus dem Felde der Schwere 
heraus in das Feld des Lichtes. Indem er in dem Felde des Lichtes lebt, 
bekommt er, wenn er lange genug ohne Schwere gelebt hat, wiederum 
eine lebhafte Sehnsucht, von der Schwere sich umfangen zu lassen, und 
er kehrt zu der Schwere wiederum zuriick, er wacht auf. Es ist ein 



fortwahrendes Oszillieren zwischen Leben im Lichte und Leben in der 
Schwere, Aufwachen und Einschlafen. Wenn jemand seine Empfin- 
dungsfahigkeiten feiner entwickelt, so wird er unmittelbar als ein per- 
sonliches Erlebnis dieses empfinden konnen, das gewissermafien Auf- 
steigen aus der Schwere in das Licht, und das wiederum In-Anspruch- 
genommen-Werden von der Schwere beim Aufwachen. 



Tafelll 




rot 



Aber jetzt stellen Sie sich doch etwas anderes vor, jetzt stellen Sie 
sich vor, der Mensch ist als Wesen zwischen Geburt und Tod an die 
Erde gebunden. Er ist dadurch an die Erde gebunden, dafi in diesem 
Zustande zwischen Geburt und Tod seine Seele, wenn sie eine Zeit- 
lang im Lichte gelebt hat, immer wiederum den Hunger nach der 
Schwere bekommt, zuriickkehrt in den Zustand der Schwere. Wenn - 
wir werden davon noch weiter sprechen - ein Zustand eingetreten ist, 
durch den dieser Hunger nach Schwere nicht mehr da ist, dann wird 
der Mensch immer mehr und mehr dem Lichte folgen. Das tut er bis 
zu einer gewissen Grenze (siehe Zeichnung, rot). Er folgt bis zu einer 
gewissen Grenze dem Lichte, und wenn er an der aufiersten Peripherie 



des Weltenalls angekommen ist, dann hat er verbraucht, was ihm die 
Schwere gegeben hat zwischen Geburt und Tod, dann beginnt eine 
neue Sehnsucht nach der Schwere, und er tritt seinen Weg wiederum 
zuriick an (siehe Zeichnung, weifl) zu einer neuen Verkorperung. So Tafel 11 
dafi also auch in jener Zwischenzeit zwischen dem Tod und einer 
neuen Geburt, um die Mitternachtsstunde des Daseins, eine Art Hun- 
ger nach der Schwere auftaucht. Das ist zunachst der allgemeinste Be- 
griff fur das, was der Mensch erlebt als Sehnsucht, zu einem neuen 
Erdenleben zuriickzukehren. Nun aber, wahrend der Mensch zu einem 
neuen Erdenleben zuriickkehrt, wird er durchzugehen haben durch die 
Sphare der benachbarten, der anderen Himmelskorper. Die wirken 
auf ihn in der verschiedensten Weise, und das Resultat dieser Wirkun- 
gen bringt er sich dann, indem er durch die Empfangnis in dieses phy- 
sische Leben eintritt, in dieses physische Leben mit. Daraus ersehen 
Sie, dafi es schon eine Bedeutung hat, danach zu fragen: Wie stehen die 
Sterne in den Spharen, durch die der Mensch zuruckschreitet? - Denn 
je nachdem der Mensch seine Sternensphare durchschreitet, formt sich 
in verschiedener Weise seine Sehnsucht nach der Erdenschwere. Nicht 
nur die Erde strahlt gewisserrnafien eine bestimmte Schwere aus, nach 
der sich der Mensch wieder zuriicksehnt, sondern auch die anderen 
Himmelskorper, deren Sphare er durchschreitet, indem er gegen ein 
neues Leben sich hinbewegt, sie wirken auf ihn mit ihrer Schwere. So 
dafi der Mensch, indem er zuriickkehrt, allerdings in verschiedene La- 
gen kommen kann, die es rechtfertigen, dafi man zum Beispiel folgen- 
des ausspricht: Der auf die Erde zuruckkehrende Mensch sehnt sich 
wiederum danach, zu leben in der Erdenschwere. Aber er passiert zu- 
nachst die Sphare des Jupiter. Jupiter strahlt auch eine Schwere aus, 
aber eine solche, welche geeignet ist, der Sehnsucht nach der Erden- 
schwere ein gewisses Freudiges hinzuzustimmen. Es wird also nicht 
nur die Sehnsucht nach der Erdenschwere in der Seele leben, sondern 
diese Sehnsucht wird eine freudige Stimmungsnuance empfangen. Der 
Mensch passiert die Sphare des Mars. Er sehnt sich nach der Erden- 
schwere. Eine freudige Stimmung ist bereits in ihm. Mars wirkt auch 
mit seiner Schwere auf ihn, pflanzt ein, impft ein gewissermafien der 
nach der Erdenschwere sich freudig sehnenden Seele die Aktivitiit, in 



diese Erdenschwere sich hineinzubegeben, urn das nachste physische 
Leben zwischen Geburt und Tod kraftvoll zu benutzen. Jetzt ist die 
Seele schon so weit, dafi sie in ihren unterbewufiten Tiefen den Impuls 
bat, deutlich sich zu sehnen nach der Erdenschwere und die irdische 
Inkarnation kraftvoll zu benutzen, so dafi die sich sehnende Freude, die 
freudige Sehnsucht mit Intensitat zum Ausdrucke kommt. Der Mensch 
passiert noch die Sphare der Venus. Es mischt sich diesem nach Kraft 
tendierenden freudigen Sehnen ein liebevolles Erfassen der Lebensauf- 
gaben bei. 

Sie sehen, wir sprechen von verschiedenen Schweren, die von Wel- 
tenkorpern ausgehen, und bringen sie in Zusammenhang mit dem, was 
in der Seele leben kann. Wir suchen wiederum, indem wir in den Wel- 
tenraum hinausblicken, das raumlich-physisch Ausgebreitete zugleicher 
Zeit moralisch anzusprechen. Wenn wir wissen, dafi in der Schwere 
Willenhaftes lebt und wenn wir auf der anderen Seite wissen, dafi dem 
Willen das Licht entgegengesetzt ist, durfen wir sagen: Vom Mars 
strahlt Licht zuriick, von Jupiter strahlt Licht zuruck, von der Venus 
strahlt Licht zuruck; in den Schwerekraften lebt zu gleicher Zeit die 
Modifikation durch das Licht. Wir wissen, im Lichte leben sterbende 
Weltgedanken, in den Schwerekraften leben werdende Welten durch 
Willenskeime. Das alles durchstrahlt die Seelen, indem sie durch den 
Raum sich bewegen. Wir betrachten die Welt physisch, wir betrachten 
sie zu gleicher Zeit moralisch. Es ist ein Physisches und ein Moralisches 
nicht nebeneinander vorhanden, sondern nur in seiner Beschranktheit 
ist der Mensch geneigt, zu sagen: Auf der einen Seite ist das Physische, 
auf der anderen Seite das Moralische. - Nein, das sind nur verschiedene 
Anblicke, das ist in sich einheitlich. Die Welt, die sich zum Lichte hin 
entwickelt, entwickelt sich zu gleicher Zeit zur Vergeltung, zur sich 
offenbarenden Vergeltung hin. Sinn voile Weltenordnung offenbart sich 
aus der natiirlichen Weltenordnung heraus. 

Man mufi sich klar sein dariiber, dafi man zu einer solchen Weltan- 
schauung nicht durch eine philosophische Interpretation kommt, son- 
dern dafi man hineinwachst, indem man allmahlich lernt, durch Gei- 
steswissenschaft die physischen Begriffe zu vergeistigen; dadurch mo- 
ralisiert sie sich von selber. Und wenn man lernt, hindurchzusehen 



durch die Welt des Physischen in die Welt, in welcher das Physische 
aufgehort hat und das Geistige vorhanden ist, so erkennt man: da ist 
das Moralische darinnen. 

Sehen Sie, es konnten wirklich aus gewissen Vorstellungen Men- 
schen heute schon darauf kommen - ich will das jetzt nur zum Schlusse 
Ihnen vorfiihren, obwohl es aufterhalb der Denkweise der meisten von 
Ihnen liegt -, ich mochte sagen, ganz gelehrt sich das vor die Seele 
zu fiihren, was ich eben gesagt habe. Sie haben also diese Linie, die 
keine Ellipse ist, sondern die sich von der Ellipse dadurch unterschei- 
det, daft sie hier mehr ausgebogen ist (Zeichnung links) - am Bau sehen 
Sie haufig diese Linie -, die Ellipse ware ja etwa so (punktiert). Das ist 
aber nur eine spezielle Gestalt dieser Linie; diese Linie kann namlich 
auch, wenn man die mathematische Gleichung verandert, diese Form 
annehmen (Lemniskate). Das ist dieselbe Linie wie die andere. Das eine 
Mai fahre ich so herum und schliefte hier; nun, unter gewissen Voraus- 
setzungen fahre ich aber nicht so hinauf bis zum obersten, sondern so 



herum und kehre dann wiederum zuriick und schliefte unten. Aber 
dieselbe Linie hat noch 
…[truncated]