Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten. Das Karma des Materialismus

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



J 



RUDOLF STEINER 



Menschliche und menschheitliche 
Entwicklungswahrheiten 

Das Karma des Materialismus 

Siebzehn Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 29. Mai bis 25. September 1917 



1982 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Margrit Schmid und Hans W. Zbinden 
Die 2. Auflage wurde neu durchgesehen von Hans Merkel 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1964 

2., neu durchgesehen e Auflage 
(Photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1982 



Friihere Ausgaben: 

Berlin 29. Mai bis 24. Juli 1917, 
Vortrag II-IX in «Menschliche und menschheitliche 
Entwicklungswahrheiten* (Zyklus 46), Berlin 1922 

Berlin 31. Juli bis 25. September 1917 
«Das Karma des Materialismus» (Zyklus 47), 
Berlin 1922 



Bibliographie-Nr. 176 

Einbandzeichen nach einem Goetheanum-Fenstermotiv von Rudolf Steiner, 

ausgefuhrt von Assja Turgenieff 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1964 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany. Gesamtherstellung Greiserdruck Rastatt 

ISBN 3-7274-1760-9 



2» den Veroffentlicbungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine 
durchwegs frei gebaitenen Vortrage nicht scbriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muS gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaf- 
tes f indet. » 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der 
Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



MENSCHLICHE UND MENSCHHEITLICHE 
ENTWICKLUNGSWAHRHEITEN 



Erster Vortrag, Berlin, 29. Mai 1917 12 

Das individuelle und das allgemeine Lebensalter der Menschheit 

Zweiter Vortrag, 5. Juni 1917 25 

Die Notwendigkeit neuer und beweglicher Begriffe. Kosmischer und 
natiirlicher Geist 

Dritter Vortrag, 19. Juni 1917 45 

Wissenschaftsgeist der Gegenwart 

Vierter Vortrag, 26. Juni 1917 70 

Wissenschaftliche Zeiterscheinungen 

Funfter Vortrag, 3. Juli 1917 99 

Ringende Menschen der Gegenwart 

Sechster Vortrag, 10. Juli 1917 126 

Die Schwierigkeiten der Selbsterkenntnis 

Siebenter Vortrg, 1 7. Juli 1917 1 52 

Die aufeinanderfolgenden Erdenleben 

Achter Vortrag, 24. Juli 1917 175 

Das Verhaltnis des Menschen zur Wahrheit 

DAS KARMA DES MATERIALISMUS 

Erster Vortrag, Berlin 31. Juli 1917 203 

Vergessene Tone im Geistesleben 

Zweiter Vortrag, 7. August 1917 225 

Falsche Analogien 



Drtiter Vortrag, 14. August 1917 245 

Der Rhythmus im Atmen und Erkennen 

Vierter Vortrag, 2 1 . August 1917 263 

Geistesmut gegen seelische Bequemlichkeit 

Funfter Vortrag, 28. August 1917 284 

Christus und die Gegenwart 

Sechster Vortrag, 4. September 1917 302 

Zeitbetrachtung 

Siebenter Vortrag, 11. September 1917 317 

Luther 

Achter Vortrag, 18. September 1917 331 

Luther, der Januskopf 

Neunter Vortrag, 25. September 191 7 350 

Geisteswissenschaft und Einsicht 

Hinweise 369 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 381 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 389 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 391 



Menschliche und menschheitliche 
Entwicklungswahrheiten 



Wahrend der Kriegsjahre wurde von Rudolf Sterner vor 
jedem von ihm innerhalb der Anthroposophisdien Ge- 
sellsdiaft gehaltenen Vortrag in den vom Kriege betroffe- 
nen Landern die folgenden Gedenkworte gesprodien. 



Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer, 
die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der Gegen- 
wart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Erdenmensdien, 

Daft, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitten helf end strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den sdiiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durdi des Todes Pforte gegangen sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Sdiwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmensdien, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsere Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu der 
Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Gol- 
gatha gegangen ist, Er sei mit Euch und Euren schweren Pflichten! 



ERSTER VORTRAG 



Berlin, 29. Mai 1917 

Zu Festesbetraditungen im gewohnlichen Sinn ist die Zeit ungeeignet, 
und in dieser schweren Zeit wird es am besten sein, wenn wir versuchen 
im Umfange, im Umkreise der Geisteswissenschaft nach Dingen zu 
forschen, welche uns einigermafien in der richtigen Art begreiflich ma- 
dien konnen, was die tieferen Grundlagen dieser unserer Zeit sind. 
Und so mochte ich denn heute von einem besonderen Forschungsresul- 
tat zu Ihnen sprechen, das nach dieser Richtung hin aufklarend sein 
kann, mochte versuchen, von einem besonderen Gesichtspunkte aus 
die Entwickelung der Menschheit in der nachatlantischen Zeit bis in 
unsere Gegenwart herein ins Auge zu fassen. Ich werde allerdings, 
nachdem diese Betrachtungen beendet sein werden, durch mancherlei 
Veranlassungen genotigt sein, heute abend auch einiges uber die Gesell- 
schaft selbst vorzubrmgen. 

Wir wissen ja aus verschiedenen Dingen, die im Laufe der Jahre 
vorgebracht worden sind, dafi in einer gewissen Beziehung verglichen 
werden kann die Entwickelung der Menschheit im grofien mit der Ent- 
wickelung des einzelnen menschlichen Individuums, einfach aus dem 
Grunde, weil in beiden Fallen diese Entwickelung, wenigstens dem 
ersten Anschein nach, ein Fortschreiten in der Zeit ist. Ich bin nun 
durch Jahre hindurch nachgegangen den inneren Entwickelungsbedin- 
gungen namentlich der nachatlantischen Menschheit. Und wie so man- 
dies mir gerade wahrend der Forschungen dieses Winters sich ergeben 
hat, so auch etwas Bedeutungsvolles mit Bezug auf diese eben aufge- 
worf ene Frage. 

AufSerlich betrachtet konnte es so scheinen, wenn man ein Stuck 
menschlicher Entwickelung in ihrem Fortgange betrachtet, dafi man 
zu der Anschauung kommen mufite, dieses Stuck Menschheitsentwicke- 
lung entspreche so der individuellen Entwickelung des einzelnen Men- 
schen, dafi man vielleicht zu sagen hatte: Wie der einzelne Mensch sich 
zwischen diesen und jenen Jahren seines Lebens entwickelt, so ahnlich 
entwickelt sich die Menschheit. Nun habe ich gefunden, dafi dies ganz 



und gar nicht so ist, und dafi mit dem Anderssein in dieser Beziehung 
bedeutungsvolle Geheimnisse gerade audi des gegenwartigen mensch- 
lichen Zeitalters zusammenhangen. Wenn wir zuriickgehen, und wir 
diirfen dabei ja uns bekannte, uns gelaufige Ideen anwenden, in die 
erste nachatlantische Kulturperiode, die wir gewohnt sind die alt- 
indisdie, die urindische zu nennen, so konnen wir uns fragen: Mit wel- 
chem einzelnen individuellen menschlichen Lebensalter lafit sich das 
Gesamtalter der Mensdiheit in der damaligen urindischen Kultur- 
periode vergleidien? - Die geistige Forschung ergibt da etwas hochst 
Merkwiirdiges. Idi habe ja oft gesagt: Man stellt sidi zu leicht vor, dafi 
in den Zeiten, in denen es da oder dort sdion eine menschlidie Kultur 
gegeben hat, die innere Grundverfassung der Menschenseele eigentlich 
im wesentlidien so war, wie sie jetzt ist. Das ist aber durdiaus nicht 
der Fall. Diese Anschauung entsteht nur aus dem Grunde, weil der 
heutige Mensch mit seinen Mitteln der materialistischen Wissenschaft 
durchaus nicht imstande ist, sich Vorstellungen zu bilden dariiber, wie 
eigentlich die Seelen in verhaltnismafiig kurzer Zeit im Laufe der 
Menschheitsentwickelung anders geworden sind, und wie namentlich 
das Seelenleben anders geworden ist. 

Wenn wir heute die Mensdiheit um uns herum sehen, so bemerken wir, 
dafi wahrend einer gewissen Zeit der individuellen menschlichen Ent- 
wickelung der Mensch heran wachst erstens korperlich : seine korper lichen 
Organe in ihren feineren und groberen Gliederungen gestalten sich aus, 
der Mensch wird nicht nur grofier, die Organe vervollkommnen sich auch 
innerlich. Und wir sehen, dafi bis zu einem gewissen Lebensalter die 
geistig-seelische Entwickelung an die korperlich-physische Entwicke- 
lung gebunden ist, ihr gewissermafien parallel geht; und kein Erzieher 
kann ungestraft dies aufier acht lassen. Aber wir wissen auch, wie von 
einem gewissen Lebensalter ab dieses innige Zusammenverwobensein 
der seelisch-geistigen Entwickelung mit der korperlichen Entwickelung 
aufhort. Wir gewahren, dafi der Mensch sich von einem bestimmten 
Lebensalter ab fur f ertig halt. In unserer Zeit werden wir ja, wenn wir 
das Leben um uns herum genauer betrachten, gar sehr gewahr, wie sich, 
man kann sagen, schon in moglichst fruher Zeit die Menschen als fertig 
betrachten, als so betrachten, dafi sie eigentlich nichts mehr zu lernen 



haben. Wir wissen ja, dafi es heute fur viele eine Zumutung ist, wenn 
man etwa voraussetzt, sie konnten in einem bestimmten Lebensalter 
nodi Goethes «Iphigenie» oder Schillers «Tell» lesen. Das hat man, als 
man junges Madchen oder Schiller war, in der Schule gelesen. Das ge- 
hort fiir die Jugend. Von einem bestimmten Lebensalter an befafit man 
sidi mit solchen Dingen doch nidit mehr! Gewifi, es ist dies merit eine 
allgemeine Gewohnheit, aber doch eine sehr, sehr weit verbreitete Ge- 
wohnheit. Und ahnliches konnen wir auf vielen Gebieten des Lebens 
gewahr werden. Aber dem liegt schon eine Wahrheit zugrunde. Dem 
liegt die Wahrheit zugrunde, dafi der Mensch von einem bestimmten 
Zeitpunkte seiner individuellen Entwickelung an gewissermafien phy- 
sisdi ausgewachsen ist, dafi dann sein Geistig-Seelisches aufhort in Ab- 
hangigkeit zu sein von dem Wachstum und von der Entwickelung der 
leiblichen Organe, die ja aufgehort hat, und dafi sein Geistig-Seelisches 
sich frei und selbstandig entwickelt; das werden wir gewahr. Wenn wir 
heute die Menschheit ansehen, so finden wir, dafi dieser eben charak- 
terisierte Zeitpunkt in einem bestimmten Lebensalter eintritt; wir 
werden noch genauer daruber sprechen. Aber man wiirde sich sehr 
irren, wenn man glauben wiirde, dafi die Sache so, wie sie heute ist, 
audi nur im entferntesten ahnlich war in der ersten, in der urindischen 
Kulturepoche. Audi damals wurden selbstverstandlich die Menschen 6, 
12, 20, 30, 40, 50 und so weiter Jahre alt, aber ihr ganzes Leben ver- 
hielt sich zu diesem Alterwerden anders als jetzt. In diesen alten Zeiten 
verspiirte die Menschenseele bis in ein ungeheuer hohes Alter hinauf, 
bis in die Zeit vom 48. bis 56. Lebensjahr eine solche Abhangigkeit des 
Seelisch-Geistigen vom Physisch-Leiblichen, wie sie heute nur empfun- 
den wird im Kindes- und Junglingsalter. Und bedenken Sie, was das 
bedeutet. Das bedeutet, daft dazumal der Mensch durchmachte ein Mit- 
leben des Seelischen mit dem Leiblichen in der aufsteigenden korper- 
lichen Entwickelung des Menschen bis zum 35. Jahr, dann wiederum 
mit der absteigenden korperlichen Entwickelung seelisch mitging, das 
Seelische in Abhangigkeit fiihlte von dieser korperlichen Entwickelung. 
Indem anfangs das Korperliche ein Wachsen, ein Sichentfalten war, 
wurde es dann allmahlich ein Einsinken. Aber mit dem Einsinken des 
Korperlichen, das heute der Mensch gar nicht spurt, weil sein Seelisch- 



Geistiges verhaltnismafiig unabhangig vom Korperlidien verlauft, mit 
dem Einsinken des Korperlidien verspiirten gerade diejenigen, die die- 
ses Alter erreichten, im ersten nachatlantischen Zeitraum, ein inner- 
liches Freiwerden des universell Geistigen. Indem das Korperliche zu- 
riickging, sie aber dodi abhangig blieben vom Korperlidien, leuditete 
ihnen das Geistige im Innern auf. Und das dauerte gleidi nadi der 
atlantisdien Katastrophe bis zum 56. Lebensjahre. Da war, wenn wir 
so sagen dtirfen, der Mensdi erst ausgewachsen, das heifit, da erst ver- 
lor sicli die Abhangigkeit des Geistig-Seelischen vom Korperlidien. Daft 
der Mensdi audi geistig-seelisdi mitmadite das Korperlidie in der ab- 
steigenden Entwickelungszeit, das bedingte, dafi gerade damals nodi 
Nadiklange innerlidi geistigen Sdiauens vorhanden waren. Und nun 
ist das Eigentiimlidie, dafi diese BesdiafFenheit des mensdilichen Lebens 
natiirlidi auf die ganze Kultur ausstrahlte. Derjenige, der jung war in 
jenen alten Zeiten, der wufite durdi die allgemeinen Begriffe, Denk- und 
Empfindungsgewohnheiten, die man sidi aneignete, dafi, wenn einer 
alt wurde, er in jenes ehrwiirdige Alter kam, wo die gottlichen Geheim- 
nisse in seiner Seele aufgingen. Daher war in jener ersten Kulturepodie 
der nadiatlantischen Zeit eine Altersverehrung, ein Kultus des Alters 
vorhanden, von dem wir uns heute gar keine Vorstellung mehr machen 
konnen, wenn wir sie nidit schauen in den Nadiklangen, die uns geistig 
geblieben sind aus jenen alten Zeiten. Kaum zu erwahnen braudie ich 
nach all den Betrachtungen, die ich schon angestellt habe, dafi jeder, 
der f riiher starb, bevor dieses patriarchalische Alter erreicht war, wufite, 
dafi es andere Welten als die materiell-physische Welt gibt, und daft 
da die hohen geistig-seelischen Wesenheiten der hdheren Welten mit 
jenen, die friiher starben, andere Aufgaben zu verrichten hatten. So 
dafi jeder selbstverstandlich, audi wenn er friiher sterben mufite als 
der Eintritt in dieses patriarchalisch hohe Alter erfolgte, doch in sich 
befriedigende Weltempfindungen haben konnte. 

Das Merkwiirdige ist, dafi, wenn man diesen Dingen nadiforscht, 
man nicht davon sprechen kann: die Menschheit wird alter, sondern 
man mufi kurioserweise davon sprechen: die Menschheit wird jiinger, 
schreitet zurvick. Gleich nach der atlantisdien Katastrophe war es so, 
dafi die Entwickelung, wie ich sie geschildert habe, stattfand bis zum 



56. Lebensjahre, dann kam die Zeit, wo sie stattfand bis zum 55., dann 
bis zum 54. Lebensjahre und so weiter. Und als die erste nachatlanti- 
sche Kulturperiode abgelaufen war, dauerte diese Entwickelung nur 
bis zum 48. Lebensjahre. Dann war gewissermafien der Mensch in der 
Lage, dafi er sich sagen muflte: Jetzt bin ich mir selbst iiberlassen, jetzt 
gibt nicht mehr das Korperliche von sich aus etwas her fur meine geistig- 
seelische Entwickelung! - was heute, wie wir sehen werden, schon viel 
f ruher eintritt. 

Nun kommen wir in die zweite, die urpersische Kulturepoche. Sie 
entspricht dem individuellen menschlichen Lebensalter vom 48. bis zum 
42. Lebensjahre. Das heifk: in dieser Epoche ist die Sache so, dafi sich 
die Menschen abhangig fiihlen in ihrer Entwickelung seelisch-geistig 
vom Korperlichen bis in die Vierzigerjahre hinein, und daft sie erst, 
wenn sie iiber die Vierzigerjahre hinauskommen, jene Unabhangigkeit 
empfinden, die heute fruher eintritt. Daher aber machte die Seele auch 
nicht so lange und nicht in so hohem Grade gewissermafien das Einsin- 
ken, das Sklerotisieren des Organismus mit, machte nicht so lange mit 
dieses Hergeben von Kraften des Organismus, die in die geistige Welt 
hinein den Menschen weisen konnten, die ihm Erleuchtungen geben 
konnten in die geistige Welt hinein. 

Dann kam, nach der zweiten, der urpersischen Kulturepoche, die- 
jenige, die wir genannt haben die agyptisch-chaldaische Epoche. Da 
stieg das Lebensalter der ganzen Menschheit herunter bis zum indivi- 
duellen Lebensalter zwischen dem 42. und 35. Lebensjahre. Das heilk: 
von selbst kamen dem Menschen die Fruchte der Entwickelung bis zu 
diesem Lebensalter zu. Dann mufite er, aufeinanderf olgend in den ver- 
schiedenen Unterepochen dieser agyptisch-chaldaischen Zeit, die freie, 
selbstandige, rein innerliche Entwickelung durchmachen im 42., 40., 
38. Lebensjahre und so weiter. 

Am bedeutungsvollsten erscheint uns diese Wahrheit fiir das vierte, 
fur das griechisch-lateinische Zeitalter, denn in diesem griechisch-latei- 
nischen Zeitalter entwickelt sich die ganze Menschheit so, dafi ihr Le- 
bensalter entsprach dem individuellen menschlichen Lebensalter zwi- 
schen dem 35. und 28. Lebensjahre. Damit aber stehen wir gerade in 
den Jahren der Lebensmitte. Denken Sie also, was eigentlich fiir diese 



griechisch-lateinische Periode statt hatte. Diejenigen, die als indivi- 
duelle Menschen sich entwickelten innerhalb dieser griechisch-lateini- 
sdien Kulturperiode, die machten durch, rein durch die Entwickelungs- 
gesetze der Menschheit selber, die Abhangigkeit des Seelisch-Geistigen 
von dem fortschreitenden Wachstum. Und in der Zeit, als das Ein- 
sinken des Menschen begann, das Sklerotischwerden des Menschen - 
wenn ich so sagen darf, das ist natiirlich ein radikaler Ausdruck -, da 
wurde die Seele frei vom Korperlichen. Die erste Halfte des Lebens 
machte ein Angehoriger der griechisch-lateinischen Kultur im Sinne der 
allgemeinen Mensdiheitsentwickelung durch. So wunderbar fiel die 
individuelle Entwickelung mit der allgemeinen Menschheitsentwicke- 
lung in diesem Zeitalter zusammen, daft von dem Augenblick ab, wo der 
Mensch anfangt, seine korperliche Entwickelung in absteigender Linie 
zu haben, sich nichts mehr den Griechen vom Korper aus offenbarte. Da- 
her war der Grieche auch in seiner Kultur so voll von allem Wachsen- 
den, Gedeihenden, Auf steigenden in der Entwickelung. Aber es entging 
ihm auch dasjenige, was sich von selbst durch die Entwickelung des Kor- 
perlichen nur ofTenbaren kann in der absteigenden menschlichen Ent- 
wickelung. Das heiftt: es fiel weg fur den Griechen, wenn er nicht in den 
Mysterien durch spirituellen Unterricht das hatte, es fiel weg durch die 
eigene menschliche Natur, das Hineinblicken in die geistige Welt. 

In dem dritten Zeitraum war in absteigender Folge einf ach durch die 
menschliche Natur ein Einblicken in die geistigen Welten moglich, es 
war moglich, dafi der Mensch unmittelbar aus Anschauung etwas wis- 
sen konnte iiber dieUnsterblichkeit der Seele. Im griechisch-lateinischen 
Zeitraum war es zwar noch moglich, daft der Mensch wissen konnte: 
alles Wachsende, Aufsteigende, Werdende ist seeldurchdrungen. Aber 
das selbstandige Leben der Seele, wenn der Mensch durch die Pforte 
des Todes gegangen, oder bevor er durch die Geburt ins physische 
Leben eingetreten war, das war nicht mehr durch die selbstverstand- 
liche Entwickelung der Menschheit dem Griechen gegeben. Daher soldi 
eine Anschauung, wie ich sie ofter schon hier auch erwahnt habe und 
wie sie ja bekannt ist, die sich ausdriickt in dem beriihmten Spruche 
des griechischen Heroen: Lieber ein Bettler sein in der Oberwelt, als 
ein Konig im Reiche der Schatten. - Wie die Oberwelt mit dem, was 



der Mensch darin ist, seeldurchdrungen ist, das wufke der Griedie 
durch unmittelbare Anschauung. Durch diese Anschauung entzog sich 
ihm die iibersinnlidie Welt. Und merkwiirdig ist es, wie der grofie 
griechische Weise Aristoteles gerade aus dieser Grundanschauung her- 
aus seine Ideen, von den en wir ja schon in den kiirzlich hier gehaltenen 
Betrachtungen gesprodien haben, entwickelt. Franz Brentano, der kiirz- 
lich verstorbene grofie Aristoteles-Forscher, hat richtig gedeutet, wenn 
er sagt: Es ist des Aristoteles Idee von der Unsterblichkeit, dafi der 
Mensch, der durch die Pforte des Todes gegangen ist, kein vollstan- 
diger Mensch mehr sei. - Denn als Grieche hatte Aristoteles zum voll- 
standigen Menschen, aus den Voraussetzungen heraus, die ich Ihnen 
oben entwickelt habe, die Zugehorigkeit des Korperlichen zu dem See- 
lischen gerechnet. Nur wenn er ein Mysterien-Weiser war - was Ari- 
stoteles nicht war -, wulke er als Grieche von der wahren Unsterblich- 
keit der Seele. Wenn er kein Mysterien-Weiser war, wie Aristoteles, 
so mufite er sagen - was ja gewifi den hochsten Wahrheiten gegen- 
iiber falsch ist, was aber einem griechischen Denken entsprang, wenn 
sich dieses Denken audi in Aristoteles zur hochsten Bliite erhob -, so 
mufite er sich sagen: Wenn ich einem Menschen einen Arm abschlage, 
so ist er kein vollstandiger Mensch mehr, wenn ich ihm zwei Arme 
abschlage, noch weniger, wenn ich ihm aber den ganzen Leib nehme, 
wie der Tod tut, so ist er erst recht kein vollstandiger Mensch mehr. 
Daher die Seele, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen ist, 
fur Aristoteles ein unvollstandiger Mensch ist, ein Mensch, dem die 
Organe fehlen, um mit irgendeiner Umgebung in Zusammenhang zu 
kommen. Es ist die aristotelische Idee von der Unsterblichkeit, die 
Brentano richtig deutet. 

Nun bedenken Sie: in dieser Zeit also machten die Menschen im 
allgemeinen das Lebensalter durch, das dem individuellen Lebensalter 
vom 35. bis zum 28. Lebensjahr entspricht. Nehmen wir das erste Drit- 
tel, also ungefahr das 33. Lebensjahr. Der vierte nachatlantische Zeit- 
raum beginnt ja im Jahre 747 vor dem Mysterium von Golgatha; er 
endet im Jahre 1413 nach dem Mysterium von Golgatha. Es ist der- 
jenige Zeitraum, in dem - wenn die Menschheit in demselben Sinne 
sich weiterentwickelt hatte, wie sie sich bis dahin entwickelt hat- 



te - das hatte geschehen miissen, dafi die Menschen im allgemeinen 
immer jiinger und jiinger geworden waren, und dafi sie auf- 
gehort hatten mit Bezug auf das Geistig-Seeelische vom Korper- 
lichen abhangig zu sein, viel friiher, als der Mensch in seinem Wachs- 
tum, seiner Entwickelung, bei der Lebensmitte ankommt. Es hatte sich 
nicht nur eine solche schattenhafte Unsterblichkeit ergeben miissen, wie 
es bei den Griechen war, sondern es hatte allmahlich der Mensch, indem 
die Menschheit nurmehr hergab ein Lebensalter bis zum 34., 33., 32. Le- 
bensjahre und so weiter, so werden miissen, dafi ihn gewissermafien 
das Physisch-Leibliche iiberwaltigt hatte, dafi er durch seine eigene Ent- 
wickelung innerhalb der Menschheit nicht mehr hatte hinaufschauen 
konnen auf irgendeine iibersinnliche Welt. Da ist es denn das unge- 
heuer Bedeutungsvolle, daft am Ende des ersten Drittels dieses Zeit- 
raumes, der 747 vor Christus beginnt, das Mysterium von Golgatha 
eintritt, gerade in diesem Zeitraum, und dafi in diesem Zeitraum es 
also ist, in dem sich der Christus Jesus entwickelt genau bis zu dem- 
jenigen individuellen Lebensalter, dem 33. Lebensjahre, das dazumal 
das Lebensalter der Menschheit ist. Dann tritt der Tod auf Golgatha 
ein. Der Christus Jesus wachst dem Lebensalter der Menschheit ent- 
gegen, und er fiihrt durch das Mysterium von Golgatha die Moglich- 
keit herbei, zum Wissen von der Unsterblichkeit auf eine Weise zu 
kommen, die nicht aus Irdischem genommen ist, die nur auf die Erde 
kommen konnte durch jene Befruchtung, welche fur die Erde einge- 
treten ist, indem der Christus-Geist sich mit der Jesus-Personlichkeit 
verbunden hat und diese 33 Jahre alt geworden ist, so alt, wie die 
Menschheit war, als dieser Menschheit drohte, jeden Zusammenhang 
mit der iibersinnlichen Welt zu verlieren. 

Ja, wenn man von ganz anderen Voraussetzungen aus unter diesem 
Gesichtspunkte die Entwickelung der Menschheit betrachtet, und sich 
dann ergibt, einfach ergibt im Laufe der geisteswissenschaftlichen For- 
schung dieser tiefe Zusammenhang des Alters und Todes des Christus 
Jesus mit der gesamten irdischen Menschheitsentwickelung, dann aller- 
dings ist dies eine tief, tief in die Seele eingreifende Erkenntnis. Und 
ich kann mir nur weniges denken, das so ungeheuer in die Seele ein- 
schlagen mufS, wie die Erkenntnis von diesem Hineingestelltsein des 



Mysteriums von Golgatha in ein bedeutungsvolles Entwickelungsgesetz 
der mensdilichen und der menschheitlichen Entwickelung. Wir sehen, 
wie auf diese Art die Geisteswissenschaft nach und nach ihre erklaren- 
den und aufklarenden Strahlen auf das Mysterium von Golgatha wirft. 
Und wir konnen vielleicht ahnen, dafi, wenn die Geisteswissenschaft 
sich immer weiter und weiter in sorgfaltiger Forschung entwickeln 
wird, noch manches andere Licht fallt auf dieses Mysterium von Gol- 
gatha, das wir ganz gewifi heute auch mit der eindringlichen Geistes- 
wissenschaft nur zum kleinsten Teile irdisch verstehen, und das immer 
defer und tiefer verstanden werden wird, je weiter die Menschheit in 
dieser Entwickelung vorschreitet. Ich darf sagen, dafi ich selber wenig 
Momente von solcher ErgrifTenheit gehabt habe wahrend des geistes- 
wissenschaftlichen Forschens, wie diesen, wo mir - lassen Sie mich das 
Wort gebrauchen - aus grauen Geistestiefen heraus dieser Zusammen- 
hang zwischen dem 33. Jahre der Menschheit im vierten nachatlanti- 
schen Zeitraum und dem 33. Lebensjahre des Christus Jesus, in dem der 
Tod auf Golgatha eintritt, als Ergebnis heraufgestiegen ist. 

Und wenn wir nun weitergehen, so kommen wir in unseren fiinften 
nachatlantischen Zeitraum, und wir kommen dazu, sagen zu miissen, 
dafi in unserem fiinften nachatlantischen Zeitraum das allgemeine Le- 
bensalter der Menschheit dem individuellen Lebensalter zwischen dem 
28. und 21. Lebensjahre entspricht. Das heifit: als 1413 der fiinfte Zeit- 
raum begonnen hatte, war die allgemeine Menschheitsentwickelung so, 
dafi die Menschen sich abhangig wissen durften in ihrer geistig-seelischen 
Entwickelung bis zum 28. Lebensjahr. Dann mufite die Seele selbstan- 
dig werden, Sie sehen also, dafi fur dieses Zeitalter notwendig ist, dafi 
mit vollem Bewufitsein angestrebt wird, innerlich, durch spirituelle gei- 
stige Entwickelung, der Seele das zu geben, was aus der Abhangigkeit 
vom Korperlich-Physischen nicht mehr hergegeben werden kann. Der 
Mensch mufi in diesem Zeitalter in die Seele Dinge aufnehmen, die nur 
individuell an ihn herankommen konnen, die seine Seele unmittelbar 
in ihrer Unabhangigkeit und Freiheit ergreifen und sie als Seele hin- 
ausfuhren iiber das 28., 27., 26. Jahr und so weiter. Allerdings, vor- 
lauflg geht noch die allgemeine Erziehung, so viel auch iiber diese Er- 
ziehung geredet wird — man konnte auch sagen «gefabelt» wird -, da- 



hin, an den Menschen nicht mehr heranzubringen, als eben gerade dem 
entspridit, was die Menschheit von selbst hergibt. Jetzt steht eben in 
unserem Zeitalter die Menschheit im ganzen im 27. Lebensjahr. Sie wird 

26, 25 und so weiter Jahre alt werden. Und bis der fiinfte Zeitraum 
abgelaufen sein wird, wird sie bis zum 21 . Jahr heruntergeriickt sein. 
Daraus ersehen Sie die Notwendigkeit des Auftretens der Geisteswis- 
senschaft, welche an die Seele dasjenige heranbringen will, was nicht aus 
der korperlichen Entwickelung folgen kann, welche die Seele unter- 
suitzen will in ihrer frei auf sich gestellten Entwickelung. Denn wir 
haben sonst die Erscheinung, dafi die Menschen, deren Entwickelung 
nur abhangig bleibt von dem, was aufierlich aus der Sinnenwelt und 
aus der gewohnlichen Geschichtswelt kommen kann, fur unser Zeit- 
alter nicht alter als 27 Jahre wiirden - und wenn sie hundert Jahre alt 
werden in Wirklichkeit. Das heifit, dasjenige, was sie in ihrer inner- 
lichen Verfassung an Ideen, Empfindungen, an Idealen aujRern konn- 
ten, das wiirde immer den Charakter tragen von dem, was dem mensch- 
lichen Lebensalter bis zum 27. Jahre entspricht. 

Ich habe mich mit den mannigfaltigsten Personlichkeiten unseres 
Zeitalters befafit, solchen Personlichkeiten, die eingreifen in die ver- 
schiedenen Kulturzweige unserer Zeit, in das offentliche Leben. Gerade 
diesen Teil des Studiums habe ich mir wahrhaftig nicht leicht gemacht. 
Ich habe versucht zu finden, worin denn eigentlich die eine oder andere 
Erscheinung, die uns heute so fragwiirdig im Leben entgegentritt, be- 
steht. Und es hat sich ergeben, dafi vieles von dem, was uns jetzt ent- 
gegentritt, darauf beruht, dafi Menschen in der Offentlichkeit wirken, 
so wirken, wie ich es Ihnen in vorangegangenen Betrachtungen ge- 
schildert habe, deren Grundstimmung in ihren Ideen, in dem, was sie 
von sich geben konnen, und wenn sie noch so alt sind, nur bis zum 

27. Jahre geht. Wahrhaftig, was ich jetzt sagen will, sage ich nicht aus 
irgendeiner Stimmung heraus, nicht aus irgendeiner Animositat heraus, 
denn die Studien, die dem zugrunde liegen, die gehen weit in die Zeit 
vor diesem Kriege zuriick, wie ich sogar aus den Zyklen nachweisen 
kann. Es hat sich mir ergeben, dafi eine charakteristische Personlichkeit, 
von der gesagt werden mufi, dafi sie in ihrer Seelenkonfiguration, in 
bezug auf dasjenige, was sie der Seele nach ist, nicht alter als 27 Jahre 



geworden ist, aber naturlich Jahre zugelegt hat und nun im offentlichen 
Leben geradezu als eine typische representative Personlichkeit wirkt - 
es sind audi viele andere, von denen wir nicht spredien wollen, neh- 
men wir ein ferneres Beispiel -, eine diarakteristische Personlidikeit, 
von der gerade viel in dieser unserer Zeit ausgegangen ist, der Presi- 
dent der Nordamerikanischen Union, Woodrow Wilson ist. Ich habe 
mir viele Miihe gegeben, die Seelenverfassung dieses Mannes zu stu- 
dieren. Er ist ein reprasentativer Mensch fiir diejenigen, die nichts 
zugelegt haben durdi die Entwickelung der frei auf sich gestellten, 
unabhangigen Seele, reprasentativ fiir diejenigen Menschen, die nicht 
alter werden in unserem Zeitalter, als das Alter der allgemeinen 
Menschheit ist: 27 Jahre. Es ist im Grunde genommen unwahr, wenn 
sie 30, 40, 50 Jahre und so weiter zahlen, denn sie sind in Wirklichkeit 
in bezug auf das Fortschreiten ihrer Seele nicht alter als 27 Jahre. Und 
ich glaube, es ist wahr, was ein Freund unserer Bewegung mir sagte, 
nachdem er in Munchen gerade diesen Vortrag, den ich jetzt hier halte, 
angehort hatte: dal$ ihm, der viel, viel gedacht und gelitten hat iiber 
mandierlei Erscheinungen der Gegenwart, diese Aufklarung iiber die 
Eigentiimlichkeit der Gegenwart geradezu ein Lichtstrahl war, um viele 
Erscheinungen zu begreifen. Die Abstraktheit der Ideale, eine Jugend- 
eigenschaft der Ideale, das abstrakte Herumreden in Freiheitsideen, in- 
dem man der eigenen geistigen Wollust dient und glaubt, eine Welt- 
mission zu haben - so recht charakteristisch fiir Woodrow Wilson! Es 
erklart sich aus dieser Tatsache das Unpraktische der Ideen, das heifit, 
die Unmoglichkeit solche Ideen zu haben, die schopferisch sind, so dafi 
sie fortrinnen in der Wirklichkeit als schaffend und schopferisch, son- 
dern die einzige Moglichkeit, solche Ideen zu fassen, die den Leuten 
gefallen, die einleuchten der allgemeinen Menschheit, die eben Ideen 
unter 27 Jahren haben will. Das ist wiederum ein Charakteristikon 
desjenigen, was Woodrow Wilson in die Welt gesetzt hat; denn seine 
Ideen sind so unpraktisch gewesen, dafi er zum Beispiel durch die Welt 
laufen liefi die Idee des Friedens, und entsprungen ist aus dieser Idee 
des Friedens - der Krieg fiir sein eigenes Land; Dinge, welche tief zu- 
sammenhangen, aber ihre Begriindung in solchen Tatsachen haben, wie 
ich sie Ihnen eben angedeutet habe. 



Ja, die tiefgehenden Entwidkelungswahrheiten sind nicht angenehm 
zu horen. Daher kommt es wohl audi, dafi diese tiefgehenden Ent- 
wickelungswahrheiten, die aus den Quellen der Geistesforsdiung geholt 
werden, in der Gegenwart so wenig geliebt werden. Zwar nicht im 
Oberbewufitsein, aber im Unterbewufitsein verspiiren die Menschen, 
dafi diese Ideen zuweilen nichts Angenehmes sind. Sie fijrchten sich 
davor. Es ist eine unbewulke Furdit, eine unterbewulke Furdit, die 
aber so sicher wirkt, dafi sie gerade die Idee nicht ins Oberbewulksein 
heraufkommen lalk, dafiir aber den Hafi, die Antipathie gegeniiber 
diesen Dingen, die sich dann geltend macht. Was heute der Geistes- 
wissenschaft die Antipathie zutragt, das ist dieser unterbewulke Hafi, 
aber vor alien Dingen diese unterbewulke Furcht vor Ideen, welche 
allerdings nicht so leicht im Leben, sagen wir, verdaut werden konnen, 
wie die sogenannte grofie Idee, die man heute liebt: Der beste Mann 
am rechten Platz und so weiter. - Das Leben in die Zukunft hinein 
braucht konkrete Ideen, konkrete Ideale, es braucht solche Ideen und 
solche Ideale, welche mit der Wirklichkeit einen Bund eingehen kon- 
nen - ich habe das von den verschiedensten Gesichtspunkten aus er- 
wahnt -, sie miissen aber geholt sein aus wirklicher Erkenntnis der 
Entwickelungs- und Daseinsbedingungen derMenschheit.Es kann nicht 
Heil in diese Menschheitsentwickelung hineinkommen, solange man 
sich nicht dazu bequemen wird, dasjenige, was man Idealismus nennt, 
auf solche konkrete Geistesforsdiung zu begriinden. Aus der Willkiir 
heraus lassen sich heute keine Ideale aufstellen, die wirklichkeits- 
befreundet sind, die in die Wirklichkeit hineinpassen. 

Stellen Sie sich nur einmal vor, wie es im sechsten Zeitraum sein 
wird, in dem Zeitraum, der den unsrigen ablost, und wie es sein wiirde, 
wenn dasjenige, was aus den Quellen der geistigen Welt geholt werden 
kann, sich nicht verbinden wiirde mit der unabhangigen, auf sich selbst 
in Freiheit gestellten Menschenseele. Dann wird die Menschheitsent- 
wickelung eingetreten sein in ein Lebensalter, das dem individuellen 
Lebensalter vom 21. bis zum 14. Jahre entspricht. Dann wird man 30, 
40, 50 Jahre alt sein konnen, wenn dann nicht die individuelle Ent- 
wickelung angefacht worden ist, und eine Lebensreife haben konnen 
von 17, 16, 15 Jahren. Es ist audi wiederum das Grofie an der mensch- 



heitlichen Entwickelung, dafi, je weiter die Erde vorriickt, desto mehr 
der Fortschritt der Mensdiheit in des Menschen eigene Hand gegeben 
ist. Aber wenn das nicht berucksichtigt wird, daft des Menschen Fort- 
schritt in des Menschen eigene Hand gegeben wird, was folgt? Die 
epidemische Dementia praecox! Daraus aber ersehen Sie, dafi es not- 
wendig ist, in die Untergriinde des Erdendaseins hineinzuschauen, be- 
wufit zu werden iiber dasjenige, was der Menschheit droht. Es wird 
heute viel und nicht hoch genug einzuschatzender Mut in aufieren 
Taten erlebt; was aber der Menschheit im weiteren Fortgang der Ent- 
wickelung notwendig wird, das ist Mut der Seele, jener Mut, der sich 
entgegenzustellen vermag den Wahrheiten, die zuerst nicht angenehm, 
nicht bequem erscheinen, wenn man die Bequemlichkeit, die Annehm- 
lichkeit des Lebens allein Hebt, und wenn man danach strebt, nur das- 
jenige aus der Erkenntnis zu vernehmen, das einen, wie man so sagt, 
«erhebt». Denn dann verlangt man angenehme Wahrheiten. Und das 
ist ja vielleicht sogar etwas, was sehr, sehr weit verbreitet ist in der 
Gegenwart. Sobald jemand spricht von nicht angenehmen, obzwar not- 
wendigen Wahrheiten, liebt man ihn nicht, denn man findet, er mal- 
tratiert einen, er erhebt einen nicht. Aber hoher steht eben das Wahre 
der Erkenntnis als jene Worte, die wie Butter vom Munde rinnen, 
und die daher audi wie ein Labetrank mit nach Hause genommen wer- 
den konnen. Hoher steht diejenige Befriedigung, die wir aus der Er- 
kenntnis schopfen, die sich stiitzen will auf das Leben in der Wahrheit 
und in der Notwendigkeit und nicht auf das Leben in der leichten Be- 
quemlichkeit. 

Das sind die Dinge, die ich zum Verstandnis unserer Zeit heute sagen 
wollte. 



ZWEITER VORTRAG 



Berlin, 5. Juni 1917 



Ich habe das letzte Mai hier begonnen Betrachtungen anzustellen iiber 
den Verlauf der Menschheitsentwickelung in der nachatlantischen Zeit, 
die uns gewissermafien ein Schliissel sein konnen zu dem Verstandnisse 
der unmittelbaren Gegenwart, jener unmittelbaren Gegenwart, in der 
allerdings sehr viel Ratselhaftes sich befinden mufi fiir denjenigen, der 
nicht den Versuch macht, mit Begriffen, mit Ideen, mit Vorstellungen 
diese Gegenwart zu verstehen, die nicht aus dem Vorstellungsquell und 
Vorstellungsbereiche unseres materialistisch denkenden Zeitalters ge- 
nommen sind. Die Gegenwart braucht neue Begriffe, das diirfle uns 
ja aus mancherlei Betrachtungen schon hervorgegangen sein. Die alten 
Begriffe reichen nicht aus, um das kompliziert gewordene Leben zu 
begreifen. Was ich einmal vor Jahren nacheinander in verschiedenen 
Vortragen angefuhrt habe, das ist, wie ich glaube, mit Bezug auf die 
Gegenwart von einer grofien Bedeutung. Ich sagte damals zu wieder- 
holten Malen an verschiedenen Orten: Wenn wir den Umfang der 
Begriffe, die wir haben, uberschauen, der Begriffe, durch die wir die 
Wirklichkeit zu verstehen suchen, so sind im Grunde genommen die 
wertvollsten Begriffe, welche die Menschheit hat, um ein wenig hinter 
die Kulissen der aufieren Sinneswirklichkeit zu schauen, aus dem vier- 
ten nachatlantischen Zeitraum. Der fiinfte nachatlantische Zeitraum, 
der 1413 begonnen hat, hat eigentlich im Grunde genommen neue Be- 
griffe nicht hervorgebracht. Er hat gewifi neue Tatsachen, neue Zusam- 
menfassungen von Tatsachen, in grofiartiger, in bewundernswiirdiger 
Weise hervorgebracht; aber um diese Dinge zu verstehen, wurden eben 
die alten Begriffe verwendet. Man versuche an irgendeinem Beispiel 
sich das klarzumachen. Dasjenige, was Darwin und seine Nachfolger 
versucht haben iiber den Zusammenhang der Organismen zusammen- 
zustellen, das wurde durch den Entwickelungsbegriff aufgereiht; aber 
der Entwickelungsbegriff selber ist nicht neu. Der Entwickelungsbegriff 
selber stammt aus der vierten nachatlantischen Periode. Und so kann 
man, wenn man den Begriff ernst nimmt, das Wesen des Begriffes ernst 



nimmt, dies durch alle unsere Auffassungsweisen, unsere Anschauungs- 
weisen durchaus nadiweisen. 

Ein gewisser Schritt nach vorwarts ist im Grunde genommen nur 
gemacht worden, als Goethe die alten BegrifFe fliissig machte, als er da- 
durch etwas ganz Neues brachte, das heute noch immer nicht gewiir- 
digt ist, dafi er auf den BegrifF selber die Metamorphose, die Verwand- 
lungsfahigkeit anwendete, so dafi fur ihn der BegrifF des Blattes in 
seiner Verwandhmg zugleich der BegrifF der Bliite, der Frucht und so 
weiter werden konnte. Dieses Beweglichmachen des BegrifFes, Beweg- 
lichmachen der Vorstellung, so dafi man dieselbe Vorstellung in der 
Seele abandert und mit ihr die mannigfaltigen Erscheinungen der Na- 
tur, die ja audi in sich beweglich sind, mit einem in sich beweglichen 
BegrifF, einer in sich beweglichen Idee verfolgen kann, das ist in ge- 
wisser Beziehung etwas Neues, und das ist dasjenige, was ich vor vielen 
Jahren genannt habe die zentrale Entdeckung Goethes. Es ist etwas 
wirklich Neues. Aber sie hat eine Fortsetzung erst gefunden in dem, was 
wir hier die Geisteswissenschaft nennen, und erst diese Geisteswissen- 
schaft kann der Menschheit wiederum neue Vorstellungen, neue Be- 
grifFe bringen, durch die es moglich wird, in die Wirklichkeit ein- und 
in sie unterzutauchen. 

Vor alien Dingen mufi der BegrifF des Geschichtlichen selbst erweitert 
werden, und wir haben ja in den letzten Betrachtungen immer schon, 
ich mochte sagen, die Sache so gemacht, dafi wir mit einem eigentlich 
erweiterten geschichtlichen BegrifF gearbeitet haben. Wir haben den ge- 
schichtlichen BegrifF so erweitert, dafi wir uns vor alien Dingen bekannt 
gemacht haben, wie das Seelenleben des Menschen in der Tat, wenn wir 
gar nicht weit zuriickgehen in den Jahrhunderten, durch und durch 
verschieden war in seiner Gesamtverfassung, in seiner Gesamtstim- 
mung, von dem Seelenleben, wie es heute nach den Notwendigkeiten 
der menschlichen Entwickelung sein mufi. Ich habe aufmerksam ge- 
macht das letzte Mai, dafi die Menschen der ersten Kulturperiode, die 
Menschen der urindischen Kultur, bis zu einem Lebensalter entwicke- 
lungsfahig geblieben sind, das man begrenzen kann als vom 56. bis 
48. Lebensjahr. Ich habe das dadurch zu veranschaulichen versucht, dafi 
ich sagte: So wie heute nur das Kind und der junge Mensch in seinem 



seelisdi-geistigen Leben einen Parallelismus zeigen mit dem physisch- 
leiblidien Leben, so war es in jener alten Kulturepoche der Menschheit 
bis in die Fiinfzigerjahre hinein. Heute merkt der Mensch nichts mehr 
aus seinem Korper heraus, wenn er das 30. Lebensjahr iiberschreitet. 
Er merkt nur aus seinem Korper Seelisches heraus, wenn er von der 
Kindheit auf in den Muskeln erstarkt, in den Nerven verschiedene 
Formationen durchmacht. Er merkt dann, wie mit dem Erstarken der 
Muskeln, mit der Veranderung der Formation der Nerven, mit der 
Umwandlung des Blutes im Organismus, wie da die seelisdi-geisti- 
gen Erscheinungen mit diesen Veranderungen im physischen Orga- 
nismus parallel gehen. Dann aber hort diese Abhangigkeit des Gei- 
stig-Seelischen von dem physischen Organismus auf. Sie blieb aber 
vorhanden in jener alten Zeit, von der wir nun einige Worte zu sagen 
haben. 

Gewifi nahm auch dazumal zunachst der Mensch wahr, von der 
Kindheit aufsteigend, in einem mehr oder weniger deutlichen Bewufit- 
sein — auch heute geschieht das ehr oder weniger deutlichen 

Bewufitsein nur -, wie er erstarkte korperlich, und wie damit der Wille 
anders wird, wie das Fiihlen anders wird, wie auch das Vorstellen 
anders wird. Er merkte also die Abhangigkeit in der Kindheit und im 
Jugendalter von dem Wachsen, dem Bliihen, dem Gedeihen, von dem 
aufsteigenden Leben in seinem Organismus. Dann kam die Zeit der 
Lebensmitte, die in den Dreifiigerjahren liegt; das 35. Jahr ist ja die 
Zeit der Lebensmitte. Heute weifi sich der Mensch nicht in derselben 
Weise abhangig von seiner Lebensmitte, wie er sich abhangig weifi vom 
12. bis zum 16. Jahr von der Geschlechtsreife zum Beispiel. Dazumal 
aber wufite sich der Mensch davon abhangig, dafi er gewissermafien in 
sich verspiirte: Vorher stieg das Leben hinauf, es nahm zu, es kam in 
einen Hohepunkt; von diesem Hohepunkt steigt es wieder hinab, man 
wachst nicht mehr weiter, man wird nicht mehr grofier, man hat im 
wesentlichen auch seine Nervenformation abgeschlossen, man beginnt 
so zu bleiben wie man ist. Ja, hatte man feinere Empfindungen dafur, 
so konnte man auch spuren, wie eben das Leben verholzt, abwarts 
geht, wie gewissermafien eine Verkndcherung beginnt, wie der Mensch 
anfangt - wenn wir den Ausdruck brauchen diirfen sich zu vermine- 



ralisieren. Dann kamen die Vierzigerjahre mit dem Leben, das ent- 
schieden abzusteigen beginnt, wo man fiihlt: Das Leben im Leibes- 
organismus geht zuriick. Dafiir aber hatte man in jener Zeit dasjenige, 
was heute der Mensch nicht mehr haben kann; man hatte das seelische 
Erlebnis in seiner Abhangigkeit vom Zuriickgehen des physischen Lei- 
beserlebnisses. Da machte der Mensch in jenen alten Zeiten gewisser- 
mafien drei Stadien durch; heute macht der Mensch hochstens ein 
Stadium durch. Wodurch driickte sich das denn aus, was er da durch- 
machte in drei Stadien? Nun, sehen wir einmal ganz deutlich hin auf 
die Abhangigkeit von dem Wachsen, Bliihen und Gedeihen im auf- 
steigenden Leben, und setzen wir zunachst voraus, daft der Mensch 
wirklich in sich gesund fiihlte - was heute auch schon die wenigsten 
Menschen tun wirklich fiihlte dieses gesunde, aufsteigende, wach- 
sende und gedeihende Leben, fiihlte, wie dieses aufsteigende, wach- 
sende und gedeihende Leben geistgetragen ist. Denn die bloft physi- 
schen Substanzen, die man etwa durch die Nahrung zu sich nimmt, die 
wachsen ja nicht. Dasjenige, was das Wachsen, was das Zunehmen, was 
die aufwartsgehende Entwickelung bewirkt, das ist das Geistige der 
Krafte, das da zugrunde liegt. Man konnte hinblicken auf seinen Men- 
schenursprung, konnte sagen: Ich bin hervorgegangen aus den Ver- 
erbungssubstanzen, ich habe da meinen Ursprung als leiblicher Mensch 
genommen, das Geistige hat sich mit dem Leibe vereint und es tragt 
mich aufwarts. - In diesem gesunden Abhangigsein des Geistig-Seeli- 
schen von dem Leiblichen, in diesem Fiihlen des Drinnensteckens des 
Geistig-Seelischen in dem Leiblichen empfand man in der damaligen 
Zeit das Wirken des Gottes, und zwar des Vater-Gottes in sich. Denn 
man sagte sich: Ich bin in die Welt herein versetzt mit der Kraft des 
Aufsteigens, mit der Kraft des Gedeihens. - Und ist man nicht gedan- 
ken- und gefiihllos gegeniiber dem, was da in einem aufsteigt, dann 
empfindet man im Seelischen das Wachsen, das Gedeihen selber, als 
das Wirken des Vater-Gottes in einem. Man fiihlt sich verbunden mit 
der Natur. So wie die Pflanzen und Tiere wachsen und gedeihen, so 
wachst und gedeiht man selber; man fiihlt sich mit dem natiirlichen 
Dasein verwandt und man fiihlt in sich den Vater-Gott. Dasjenige, 
was ich auseinandergesetzt habe als heute in gewissen Begegnungen 



auftretend, das fiihlte man in jenen alten Zeiten einfach im normalen 
Leben in der Weise, wie idi es jetzt dargestellt habe. 

Und nun begann die Periode im individuellen Leben, wo die Lebens- 
mitte Uberschritten wurde, wo man von dem wachsenden, zunehmen- 
den, gedeihenden Leben durch die Kulmination, durdi den Hohepunkt, 
iiberging zu dem Herabsteigenden. So wie nun das wachsende, gedei- 
hende Leben dem Geistig-Seelischen, das sich davon abhangig weifi, 
wenn alles gesund wirkt im Menschen, die Empfindung beibringt des 
Ex deo nascimur, aus dem Gotte bin ich geboren, aus dem Gotte habe 
ich meinen Ursprung genommen, der mich weiter wachsen und ge- 
deihen lafit, so bringt dieses Himiberschreiten iiber die Kulmination, 
dieses Ubersteigen des Hohepunktes das hervor, dafi der Mensch, wenn 
er so empfindet, wie in jenen alten Zeiten empfunden wurde, im ge- 
wohnlichen Wachleben das Gedeihen nodi spiirte, zum Teil audi nodi, 
weil er sich an das fruhere Abhangigsein des Geistig-Seelischen vom 
Physisch-Leiblichen erinnerte und weil er dasselbe Wachsen und Ge- 
deihen draufien in der Natur verfolgen konnte. Aber wenn er in dem 
dammernden Zustande war in jenen alten Zeiten, wo noch Atavismus 
vorhanden war, dann wirkte das absteigende Leben - dieses abstei- 
gende Leben lafit man ja eigentlich zuriick, mit dem Astralleib und Ich 
ist man heraus, aber sie haben Verbindung mit dem physischen Leibe; 
in Abhangigkeit ist man insbesondere von seinen abnehmenden Kraf- 
ten, wenn man schlaft -, da nahmen denn die Leute im absteigenden 
Leben das Gottlich-Geistige im natiirlichen Dasein wahr. Im absteigen- 
den Leben, das ihr namentlich im Traum, im Schlafe und im alten 
atavistischen Hellsehen erscheint, wo das Physische zuriickgeht, sich zu 
sklerotisieren beginnt, da beginnt die Seele sich einzuleben ins Geistige, 
das in der ganzen kosmischen Umgebung ist. 

Denken Sie, was das fur ein Erlebnis ist: Man fuhlt den Dbergang. 
Geist- oder gottbeseelte Natur wechselt ab mit Wahrnehmung des 
Geistes aus dem Kosmos, und man weifi: das eine ist aufschwebend, das 
andere ist herabsteigend. Die Vereinigung des kosmischen Geistes mit 
dem natiirlichen Geiste, das wurde ein unmittelbares Erlebnis. Man 
wufite: In der irdischen Umgebung ist der kosmische Geist, hier auf 
der Erde ist der natiirliche Geist, aber die beiden haben eine Ver- 



bindung, sie wogen ineinander; und indem der Mensch lebt, geht er 
von dem einen zu dem anderen iiber. Indem er vom wachsenden 
Leben ausgeht, den Kulminationspunkt iiberschreitet, wird er durch- 
wogt von dem kosmischen Geiste, der spater als Christus gefunden 
worden ist. 

Wurden dann die Menschen alter, iiber die Vierzigerjahre hinaus - 
weil sie bis dahin sich abhangig wufiten in ihrem seelisch-geistigen Leben 
von dem abnehmenden korperlichen Leben, besonders in den traumen- 
den, schlafdurchsetzten oder Dammerzustanden dann wurden die 
Leute gewahr den Geist als solchen, der jetzt nicht an die Materie 
gebunden ist, sondern als Geist lebt. Sie nahmen wirklich den Geist von 
den Vierzigerjahren an wahr, den Geist, der nun nicht an die Natur 
gebunden ist, den Heiligen Geist. So dafi, wenn wir in jene alten Zeiten 
zuriickgehen, wir bei diesen Menschen eine unmittelbare Wahrnehmung 
durch das Leben hindurch des Vater-Gottes finden, des Christus-Gottes, 
der nodi nicht zum irdischen Dasein heruntergestiegen war, und des 
Heiligen Geistes. Auf diese unmittelbare Lebenserfahrung hin ist es 
gebaut, dafi in alten religiosen Traditionen die gottliche Trinitat auf- 
tritt, dafi Sie iiberall, wo Sie suchen, diese gottliche Trinitat, Brahma, 
Vishnu, Shiva, finden. Die alten Traditionen sind eben durchaus auf 
die wirkliche menschliche Erfahrung gebaut. Wollte man nur eingehen 
auf dasjenige, auf was ja eingegangen werden mufi in der Geisteswis- 
senschaft, auf die Art, wie die eine Wahrheit die andere tragt, dann 
wiirde man schon dazu kommen, Geisteswissenschaft als etwas sich in 
sich selbst ganz Tragendes zu erkennen. Das sollte immer mehr und 
mehr durchschaut werden; sonst kommt es ja wirklich dahin, was vor 
kurzer Zeit ein Aufienstehender zu einem Mitgliede gesagt hat: Ja, 
dasjenige, was da vorgetragen wird als Geisteswissenschaft, ist sehr 
schon, aber es hat keinen Boden, es steht ohne Boden da. - Der Aus- 
spruch ist geradeso gescheit, ich konnte audi sagen ist geradeso dumm, 
wie wenn jemand in dem Augenblick, als Kopernikus f estsetzen mufite, 
daft die Erde um die Sonne herumgeht, also nicht auf einem Boden 
aufsitzt, gesagt hatte: Ja, es fehlt ja der Erde der Boden! Wie ist das 
mit denPlaneten und Gestirnen, die mussen dochirgendwo aufsitzen! - 
Sie tragen sich eben dort physisch selber. Und Geisteswissenschaft ist 



ein Gefiige, von dem man eben nur wissen, emsehen, verstehen muf$, 
dafi die einzelnen Glieder sich selber tragen. 

Dann kam die urpersische Epoche, wo die Menschen in der Art, wie 
ich es dargestellt habe, entwickelungsfahig blieben bis in die Vierziger- 
jahre, vom 48. bis 42. Jahre. Sie werden jetzt erkennen, was da zu- 
riidkging. Zuriick ging insbesondere die Anschauung des Geistes als 
solchen, aber man konnte ihn noch erkennen. Diejenigen, die das Alter 
vom 48. bis 42. Jahr erreichten, die konnten den Geist in seiner Rein- 
heit, das heifit den Heiligen Geist, noch erkennen, sie konnten noch 
etwas wissen davon. 

Dann kam aber die chaldaisch-agyptische Epoche. Das Lebensalter 
der Menschheit ging zuriick bis auf die Jahre vom 42. bis 35. Lebens- 
jahr. Das reine Anschauen des Geistes triibte sich, und nur diejenigen 
konnten eigentlich am Schlusse dieser agyptisch-chaldaischen Epoche 
noch etwas von dem reinen Geiste wissen, die in die Mysterien ein- 
geweiht wurden; denn selbstverstandlich, in den Mysterien konnte 
man das Geheimnis der Trinitat iiberall anschaulich lehren. Aber fur 
das normale Leben ging das Verstandnis fur den Geist zuriick. Dagegen 
war in dieser dritten nachatlantischen Zeit, in der agyptisch-chaldai- 
schen Periode, wirklidi noch in hohem Mafie das Bewufitsein vorhan- 
den: Im Kosmisch-Himmlischen lebt ein Geist, der aufsteigt und ab- 
wogt. Das Bewufitsein von dem kosmischen Christus war durchaus 
noch allgemein. Der Zusammenhang des Menschen mit den Himmeln, 
konnte man sagen, war im Bewufitsein vorhanden. 

Das wurde nun anders, als die vierte nachatlantische Zeit kam, als 
in der vierten Periode das allgemeine Menschheitsalter hinunterging 
bis zum 35. bis 28. Lebensjahr. In den altesten Zeiten - 747 vor dem 
Mysterium vonGolgatha begann ja dieses vierte Zeitalter, 1413 schliefit 
es -, in den altesten Zeiten, da war es noch so, dafi, wenn ein Mensch 
das 35. Lebensjahr im allgemeinen menschlichen Lebensalter erreichte, 
die imaginative Erkenntnis des Christus-Geistes noch vorhanden war. 
Aber als das erste Drittel herum war, namentlich als das Griechentum 
das erste Drittel durchgemacht hatte, als der Beginn unserer Zeitrech- 
nung zu verzeichnen war, da war ungefahr das Alter der Menschheit 
33 Jahre. Da machten die Menschen nicht mehr den Kulminations- 



punkt durch, da machten sie nur noch durch das Abhangigsein - aller- 
dings klarer als spater im fiinften Zeitraum das Abhangigsein von 
dem bliihenden, aufsteigenden, gedeihenden Leben. Den Vater-Gott 
machten sie durchaus mit in ihrem BewufStsein; der kosmische Christus 
verschwand allmahlich aus dem Bewufitsein. Und da kam denn das- 
jenige, was als Ersatz dafiir zu bezeichnen ist, da kam, als die Mensch- 
heit gerade dieses 33.Lebensjahr iiberschritt, der kosmische Christus 
in den Leib des Jesus von Nazareth auf die Erde nieder, um auf der 
Erde seine Kraft auszubreiten und von einer anderen Seite her das- 
jenige den Menschen zu geben, was sie fruher durch die unmittelbare 
menschliche Erfahrung in der Abhangigkeit des Geistig-Seelischen von 
dem Leiblich-Physischen hatten. Das ist die grofie Bedeutung des 
Mysteriums von Golgatha. Das erklart auch die Bedeutung jener Ver- 
heifiung, die man die Verheifiung des Heiligen Geistes nennt. Es mufite 
nun die Zeit beginnen, in der der Heilige Geist durch den von Christus 
angefachten Impuls von innen heraus, ohne die normale menschliche 
Erfahrung, erreicht werden muft. Sie sehen, wie der Zusammenhang 
mit den geistigen Welten, rein durch die physische Organisation des 
Menschen im Zusammenhang mit der seelischen Organisation, sich 
andert, wie allmahlich dasjenige, was im Bewufttsein des Menschen 
durch seine normale Entwickelung war, entschwand. 

Dann kam der funfte nachatlantische Zeitraum. Das allgemeine 
Menschheitsalter ging bis zum 28. Jahre zuriick, und es wird wahrend 
des fiinften Zeitraumes bis zum 21. Jahre zuriickgehen. Jetzt leben wir, 
wie ich das letzte Mai ausgefiihrt habe, im Allgemein-menschheitlichen 
Lebensalter von ungefahr 27 Jahren. Daher, das mufi immer wieder 
betont werden, ist es jetzt notwendig, dafi im Innern der Seele etwas 
angefacht wird an Kraften, die nicht mehr dadurch kommen, dafi 
Krafte des Leibes in die Seele einschiefien konnen, sondern dafi selb- 
standig auf die Seele gebaute spirituelle Impulse in der Seele sich fest- 
legen konnen, die die Seele in dieser Selbstandigkeit, nicht mehr ab- 
hangig vom Leibe, vorwarts bringen. Aber nur bis gegen das 30. Jahr 
hin, solange der Mensch noch irgend etwas von Wachsen und Auf- 
spriefien, wenn es auch nur das Wachsen der Muskeln noch ist, in sich 
hat, fiihlt er bei gesundem Leben, bei gesundem Empfinden, bei ge- 



sundem Erleben, die Abhangigkeit vom Vater-Gott. Es mulS also, wie 
Sie leicht einsehen konnen, mit dem Fortschreiten des fiinften nach- 
atlantischen Zeitraumes das eintreten, dafi audi das gesunde Emp- 
finden fiir das in dem eigenen Wachstum lebende Gottlich-Geistige 
allmahlich zuriickgeht. Das war noch rege, absolut rege im vierten 
nachatlantischen Zeitraum. Davon war audi in hohem Grade noch 
etwas vorhanden im funfzehnten Jahrhundert. Heute fehlt der Mensch- 
heit schon ein Jahr bis zum Lebensalter, das vom 35. bis 28. Jahr dau- 
ert und die Lebensmitte darstellt. Und in diesem Fehlen eines Jahres 
liegt es, dafi die Mensdiheit heute fiir den Materialismus und den 
Atheismus natiirlich organisiert ist. Der Atheismus wird sich durch die 
Organisation der Menschen ausbreiten, und wenn das Gegengewicht, 
das spirituelle Gegengewicht, durch die Entwickelung eines rein seeli- 
schen Impulses, die unabhangig vom Leibe vor sich geht, nicht ge- 
schafFen wird, wird sich der Atheismus ausbreiten, weil sich der Mensch 
nicht mehr als Vollmensch gesund erleben kann; es wird ihm etwas 
entzogen von dem Miterleben des wachsenden, bliihenden, gedeihenden 
Lebens. Deshalb konnte ich sagen: Atheist kann man eigentlich nur 
sein — vor einiger Zeit habe ich es hier gesagt — , wenn man nicht in 
voller Gesundheit den Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem 
Leiblich-Physischen im ganzen aufsteigenden Leben empfindet. Atheis- 
mus ist eigentlich fiir die Geisteswissenschaft eine Krankheit, aber diese 
Krankheit ist in der Mensdiheit dem rein natiirlichen Dasein nach im 
Zunehmen begriffen. Immer mehr und mehr wird fehlen von jener 
Unterstiitzung des Fassungsvermogens fiir die gesamte Wirklichkeit, 
die der Mensch durch seine Organisation hat. 

Den Christus zu leugnen oder nicht zu erkennen, bezeichnete ich als 
ein Schicksalsungluck, weil der Christus gnadenvoll von aufien an den 
Menschen herankommen mufi. Und den Geist nicht zu erkennen, be- 
zeichnete ich als eine Seelenblindheit. Diese Unterscheidung mufi man 
schon haben. Eine Krankheit - natiirlich den BegrifF der Krankheit im 
umfassendsten Sinn gemeint - ist der Atheismus. Ein Schicksalsungluck 
ist die Leugnung oder Verkennung des Christus. Eine Seelenblindheit 
ist die Leugnung oder Verkennung des Geistes. Sie sehen schon hier, 
man mufi schon einen vollig neuen Begriff von der Entwickelung 



haben, wenn man die Entwickelung des Menschengeschledites richtig 
verstehen will. Denn der BegrifT von Entwickelung, wie er im Dar- 
winismus herrscht, ist furchtbar abstrakt, und in dem Augenblick, wo 
die ganz grobe Wirklichkeit dem Darwinismus nicht mehr zur Ver- 
fiigung stent, da weifi der Darwinismus eigentlich mit dem Entwicke- 
lungsbegrirT nicht mehr viel anzufangen. Denn die Entwickelung hat 
einen aufsteigenden und absteigenden Ast, wie wir gesehen haben, 
wahrend wir heute so leicht im Sinne des Materialismus denken: Nun, 
Entwickelung ist Ausgangspunkt von einer Form des Daseins, die 
nachste Form wird erreicht, die nachste und so weiter, und man glaubt, 
das schreitet so immer zum Vollkommeneren weiter. 

Die Entwickelung der Menschen in der nachatlantischen Zeit ist so, 
dafi allerdings die Unabhangigkeit des Seelisch-Geistigen von dem 
Korperlidien immer grofier und grofier wird; aber auf den friiheren 
Entwickelungsstufen schiefit aus dem Korperlidien herauf in das See- 
lisch-Geistige das Begreifen des Vaters, des Sohnes und des Heihgen 
Geistes. Das Begreifen des Geistes nimmt zuerst ab, das Begreifen des 
Sohnes schwindet dann, und jetzt stehen wir auf dem Weg, wo das 
Begreifen des Vater-Gottes schwinden wird fur das aulSere nor- 
male Leben - das gefuhlsmafiige Begreifen! Denn ich sagte ja: Es 
ist ein mehr oder weniger deutliches Bewufitsein vorhanden von die- 
sem Zusammenhang des Seelisch-Geistigen mit dem Korperlich- 
Physischen. 

Aber das hangt noch mit etwas anderem zusammen. Denken Sie, 
dafi die korperliche Organisation iiberhaupt immer weniger und weni- 
ger hergibt, dafi der Mensch, wenn er dem Geiste nahekommen will, 
zu Wegen greifen mufi, auf denen ihn die korperliche Organisation 
nicht unterstiitzt. Daher kommt es, dafi fur denjenigen, der die Dinge 
beobachten kann, ein deutliches Zuriickgehen in dem Umfang der Vor- 
stellungen iiberhaupt stattfindet. Die Vorstellungen, die dem Menschen 
in alten Zeiten zur Verfiigung standen, ich mochte sagen, die kochte 
sein Leib aus, indem er aus sich heraus das Geistige hergab, das ja in 
allem Materiellen steckt. Aber jetzt kocht der Leib immer weniger und 
weniger Vorstellungen und Begriffe aus, so dafi - wenn man es radikal 
ausdriicken will - immer mehr und mehr die Zeit eintreten mufi, wo 



der Mensch sein Hirn zermartern wird - oder, wenn er zu bequem ist, 
es audi nicht zermartern wird aber er flndet nidit BegrifFe, weil sie 
das Gehirn nidit von selbst hergibt. Er mufi sich an die Geisteswissen- 
schaft wenden, welche ihm BegrifFe gibt, die nur mit dem Atherleib, 
nicht mehr mit dem physischen Leib verstanden werden konnen, be- 
wegliche Begriffe, nidit jene starren, toten BegrifFe, die der physisdie 
Leib hergibt. So daf$ die natiirliche Entwickelung des Mensdien dahin 
gebt, dafi er immer armer wird an BegrifFen, dafi ihn diese natiirliche 
Organisation hindert, in die Wirklichkeit unterzutauchen, wenn er 
nidit die Wege des geistigen Erkennens wahlen will. 

Das fiihrt audi hinein in das Verstandnis der Gegenwart, das fiihrt 
zum Verstandnis dessen, was wirklidi gesagt werden mufi, ohne dafi 
irgendwie dabei Kritik ausgeiibt werden soil, nur eine Kennzeichnung 
soil es sein, dafi die Menschheit immer stumpfsinniger und stumpf- 
sinniger wird durch ihr natiirliches Dasein, wenn sie nidit geistige Er- 
kenntniswege wahlt. Solchen Dingen mufi man sich mit vollem Ernste 
gegeniiberstellen. Das vermineralisierte Gehirn - und es wird immer 
mehr und mehr vermineralisieren -, das wird stumpf und kann nicht 
mehr BegrifFe bilden, die in die Wirklichkeit wirklich untertauchen 
konnen. Nur derjenige, der sich keine Miihe gibt, hineinzuschauen in 
das Getriebe der Gegenwart, und der nicht das Bediirfnis hat zu ver- 
stehen, was eigentlich in der Gegenwart ist, der kann an diesen Dingen 
vorbeigehen. Aber es ist wirklich dringend notwendig, dafi man ver- 
sucht, dieses recht zu verstehen. 

Und es ist merkwurdig, was einem da fur Erscheinungen entgegen- 
treten. Man mufi nur die Zeit nicht verschlafen! Die meisten Men- 
sdien verschlafen jetzt die Zeit, indem sie das, was eigentlich die wirk- 
samen Impulse sind, nicht sehen, sondern nur die Aufierlichkeiten 
desjenigen, was vorgeht. Man muf$ nur achten auf dasjenige, was vor- 
geht, dann wird man schon darauf kommen, dafi in der Gegenwart 
unendlich viel Ratselvolles ist. Um es zu verstehen, braucht man die 
BegrifFe, die aus der Geisteswissenschaft kommen, sonst fiihlt man 
sich eben hilflos; denn irgendwo mussen ja diese BegrifFe herkommen. 
Nehmen Sie ein Beispiel. Es ist immerhin kein schlechtes Beispiel, das 
ich hier anfiihren will. Ein strebender Mensch sucht seit Jahrzehnten in 



Osterreich etwas zu entfachen, was er eine kulturpolitische Bewegung 
nennt. Scbeu heilk der Mann. Was versucht er? Er charakterisiert die 
hier ofter schon charakterisierten Verhaltnisse. Er versucht, die in- 
tellektuellen Leute zusammenzufassen, urn mit ihnen neue Formen des 
politischen Lebens zu finden, durch welche dem Geist eine grofiere 
Macht uber die Geschicke der Volker gesichert werden konnte. 

Ein sehr lobliches Beginnen, wenn man es erreichen konnte, dafi 
dem Geiste eine grdfiere Macht iiber die Geschicke der Volker ge- 
sichert werden konnte, indem man die Intellektuellen zusammenfassen 
wiirde. Warum hat der Mann in den neunziger Jahren bereits be- 
gonnen mit diesen Dingen? Er hat begonnen, weil er etwas wie einen 
dunklen Trieb hatte, dafi es so, wie es ging, nicht weitergehen konne, 
dafi da etwas zu fehlen, etwas zu mangeln beginne, das man herein- 
bringen miisse in die Menschheit. Er hat selbstverstandlich bis jetzt 
nicht dasjenige finden konnen, was notig ist, in die Menschheit her- 
einzubringen, denn Geisteswissenschafl ist ja selbstverstandlich fur 
solche Leute, auch wenn sie schon mehr oder weniger deutlich fiihlen, 
was mangelt, eine Phantasterei, aberglaubische Hinterwaldlerei. Dazu 
sind sie zu gescheit, darauf wollen sie sich nicht einlassen, nicht wahr. 
Nun, er fiihlt eigentlich recht deutlich, was in der Gegenwart mangelt, 
und er driickt es so aus: 

«Ich will meinen Grundgedanken hier wiederholen. In der Erkennt- 
nis, im Gedanklichen ist unsere Zeit unserer Zeit weit voraus.» 

Ein merkwiirdiger Satz. Was wollte denn der Mann? Daf$ die Ge- 
danken etwa stumpf geworden sind, das driickt er nicht aus, sondern 
er weil? nur: Die heutigen Intellektuellen - abstrakte Gedanken kon- 
nen sie wunderbar bilden! Alles geht bei ihnen wie am Schniirchen, 
sie sind uberzeugt, weil sie alles so klar wissen konnen. Also: 

«In der Erkenntnis, im Gedanklichen ist unsere Zeit unserer Zeit 
weit voraus.» 

Das heifit: Die Leute konnen gut denken, aber die Gedanken sind 
von soldier Art, wie ich es dargestellt habe. «UnsereZeit ist weit hinter 
unserer Zeit zuriick.» Derselbe Gedanke, nur in anderer Form. 

«Als Erkennende, als Wissende, sind wir uberreif und bis ins Un- 
erlaubte verfeinert.» 



Das sind wir audi, wir Mensdien der Gegenwart. Man braudit ja 
nur in der Literatur oder sonst im Leben Umschau zu halten. Denken 
Sie doch, was die Leute fiir feine Gedanken ausdenken! Nur sind diese 
Gedanken nicht geeignet, die Wirklichkeit zu ergreifen, unterzutau- 
dien in die Wirklichkeit. Also: 

«Als Erkennende, als Wissende sind wir iiberreif und bis ins Un- 
erlaubte verfeinert und erleuchtet; im realen Leben herrscht noch das 
Mittelalter. Die Ursache liegt darin, dafi der Hochofen, worin die 
Gedanken in Realitat umgeschmolzen werden sollen, nicht funktio- 
niert.» 

Er driickt die Sache gefiihlsmafiig merkwiirdig richtig aus. Der 
Hochofen funktioniert nicht, wodurch die Gedanken, die im Abstrak- 
ten, Nebulosen herumirren, nicht so innerlich durchkraftet werden 
konnen, dafi sie wirklich mit der Wirklichkeit sich verbinden konnten. 
Das fuhlte er. Und er hat eigentlich etwas getan, was von seinem 
Gesichtspunkte aus gar nicht schlecht ist. Er sagte sich ungefahr so: An 
abstrakten Gedanken sind die Menschen iiberreif; da haben eine Reihe 
von Leuten den abstrakten Gedanken des Sozialismus, der Sozial- 
demokratie, den drechseln sie aus. - Man kann ja wirklich sagen, es ist 
eigentlich mit wunderbarer Logizitat durchgefuhrt gerade im Marxis- 
mus dieser abstrakte Gedanke des Sozialdemokratischen; da ist der 
abstrakte Gedanke des Sozialdemokratischen, da ist der abstrakte Ge- 
danke des Liberalismus durchgefuhrt. Man kann dann auch kombi- 
nierte Gedanken abstrakt durchfuhren: Nationalliberalismus, sogar 
Sozialliberalismus. Der abstrakte Gedanke des Konservativismus, er 
ist da. Nach diesen abstrakten Gedanken, die abstrakt sind - denn der 
Hochofen fehlt, durch den sie in die Wirklichkeit eingreifen konnen -, 
bildet man den Parlamentarismus, das Reprasentativsystem, bildet alle 
die Ideen des Liberalismus, Sozialliberalismus, der Sozialdemokratie, 
des Konservativismus, des Nationalismus aus. Robert Scheu versucht 
einfach mit den Mitteln, die ihm zur Verfiigung stehen, an die Stelle 
dieser Abstraktionen die Wirklichkeit zu setzen, indem er an die Stelle 
des abstrakten Gedankens die Enquete setzt. Er sagt: Entscheiden sol- 
len iiber die Sachen diejenigen, die etwas von ihnen verstehen. Nicht 
wahr, ob einer liberal oder konservativ ist, das macht nicht viel aus, 



wenn es sich darum handelt, den Petroleumhandel zu organisieren, 
oder darum, Kunstanstalten einzurichten, denn da handelt es sich 
darum, daft er von Kunst etwas versteht. Und so hat denn in der Tat 
Robert Scheu Enqueten auf den verschiedensten Gebieten veranstaltet, 
um die Leute reden zu lassen, die etwas davon verstehen. Das war ein 
ganz niedlicher Anfang. 

«Was ist dieser Hochofen?» sagt er. «Das Reprasentativsystem und 
das Par lament. Wo ist die Realitat? In der Verwaltung. - Wer halt 
am Reprasentativsystem fest? Die Parteien. - Das sind abstrakte Ge- 
bilde mit prinzipiellen Programmen, die widerstreitende reale Inter- 
essen in sich zusammenfassen. Die Gegenstande des wirklichen Lebens 
werden von den Parteien nicht erfaftt, die nur aus deduktivem Denken 
an die Wirklichkeit herantreten. Sie interessieren sich fur die wirk- 
lichen Gegenstande des Lebens nur insofern, als sie daraus einen Zu- 
wachs ihrer Macht erwarten.» 

Hier fiihlt einer sogar einmal, daft dieses Verfeinertsein im Ge- 
danken - wir konnen audi sagen Stumpfwerden im Gedanken, weil 
die Gedanken nicht mehr wirklichkeitsverwandt sind -, daft das fur 
das Leben eine unmittelbare Bedeutung hat. Denn an diese Fragen 
knupft der Mann die Frage der Weiterentwickelung des offentlichen 
Lebens, ob Reprasentativsystem oder etwas anderes, wobei er natiir- 
lich nicht an Reaktion von alten Formen denkt, sondern wirklich dar- 
iiber nachdenkt, wie man aus der Wirklichkeit heraus etwas finden 
konne, was die Struktur des sozialen Lebens in Ordnung bringen 
kann. Da hat er manches geschaffen im Laufe der Zeit. Aber jetzt ist 
es interessant, jetzt halt er wiederum einmal so eine Art Riickschau 
nach dem, was ihm gelungen ist. Er sagt sich: Was habe ich eigentlich 
versucht? - Versucht hat er an die Wirklichkeit heranzudringen, wie 
man heute mit stumpfen BegrifFen sagt: Ich habe an die Stelle der 
Deduktion die Induktion gesetzt. - Nun, so driickt man es heute mit 
den stumpfen Begriffen aus. Man kann das uberall lesen. Aber befrie- 
digt fiihlt sich der Mann nicht, wirklich nicht. Und deshalb sagt er am 
Schlusse des Aufsatzes, wo er die ganze Geschichte erzahlt: 

«Ich aber bin zu der Erkenntnis gekommen, daft meine induktive 
Kulturpolitik doch einer Erganzung durch ein deduktives Programm 



bedarf, daft man den Tunnel von zwei Seiten anbohren mufi, urn den 
Durchbruch zu erarbeiten. Die dazu notige Denkarbeit miifite von 
alien guten Europaern gemeinsam geleistet werden. » 

Sie sehen, der Mann geht selbst bis zu dem Bilde, daft man den 
Tunnel von zwei Seiten anbohren mufi, nur kann er nicht an diejenige 
Quelle heran, wo heute wirklidikeitsverwandte Begriffe zu holen sind. 
Er bleibt also zunachst stehen, wiirde wahrscheinlich auch nicht glau- 
ben, daft sein sogenannter induktiver Weg durch alle moglichen En- 
queten denn doch eben nur die eine Anbohrung des Tunnels ist; die 
andere ist das Aufsuchen der geistigen Entitaten, wo die Geisteswissen- 
schaft eben die andere Seite der Wirklichkeit enthalt. 

Die unmittelbare Lebenspraxis fordert dasjenige, was Geisteswissen- 
schaft eigentlich meint. Und es ist nicht irgendein abstruser Gedanke, 
wenn davon gesprochen wird: Geisteswissenschaft ist dasjenige, was 
gebraucht wird von dem Leben! — sondern es ist durchaus aus dem 
Leben heraus, aber aus dem Leben, indem man es erfaftt in dem Mo- 
ment, wo es in der gegenwartigen Entwickelungsepoche der Mensch- 
heit stent. Denken Sie nur, wie fruchtbar diese Geisteswissenschaft 
wiirde, wenn die Menschen jene Binde sich von den Augen nehmen 
konnten, die sie heute noch so dick vor den Augen haben. Denn das ist 
in der Tat dasjenige, was von der anderen Seite des Tunnels die An- 
bohrung braucht. Ohne das wird man trotzdem nur zu Absurditaten 
kommen. Daft dann im einzelnen allerlei niedliche Sachen passieren, 
das fallt einem natiirlich gleich auf, wenn man in den beweglichen 
Begriffen der Geisteswissenschaft lebt. Enqueten stellt Robert Scheu an, 
also iiber die verschiedenen Lebenszweige laftt er die Leute reden, 
die etwas davon verstehen. Er fiihrt unter den Dingen, die durch solche 
Enqueten geandert werden sollen, zum Beispiel auch das Meldewesen 
an. Denken Sie einmal, wenn jetzt iiber das Meldewesen durch eine 
Enquete entschieden werden so lite! 

Sie haben hier so recht ein Beispiel, wie die Menschen anfangen zu 
fuhlen, daft etwas fehlt, aber sich nicht entschliefien konnen, zu dem 
zu gehen, was nun wirklich notwendig ist, um die Sache weiterzu- 
fiihren. Es ist sehr merkwiirdig, was man gerade auf diesem Gebiet 
fur Erfahrungen macht. Es war wirklich von vornherein mein Be- 



streben, Geisteswissenschaft nicht in jene abstruse Bahnen zu geleiten, 
wozu sie ein sektiererischer Sinn geleiten mochte, sondern sie je nach 
den Bediirfnissen der Menschen einzugeleiten in das Leben. Ich ver- 
suchte, jedem Mensdien, wenn er einen Rat horen wollte, je nach seiner 
Individuality einen Rat zu geben. Nehmen wir ein Beispiel. Heute ist 
es ja ungeheuer schwer, ich mochte sagen, bis in die materialistische 
Lebenspraxis mit einem solchen Rat hineinzugehen. Denn die Fabrik- 
direktoren werden einem sonderbar kommen, wenn man sagt, daft 
durch Geisteswissenschaft ihr Betrieb besser betrieben werden konnte 
als durch ihre sogenannte Praxis. Aber man konnte hoffen, dafi es doch 
an einem Punkte ginge. 

Da trat vor Jahren ein Mann an mich heran und sagte, er mochte 
seine Wissenschaftlichkeit befruchten durch die Geisteswissenschaft. 
Wir sprachen nun iiber seine Wissenschaftlichkeit. Er war ein wunder- 
barer Gelehrter; babylonisch-agyptische Altertumskunde, das wurde 
wirklich in hohem Grade von ihm beherrscht. Ich versuchte mit ihm 
zusammen, wie die Faden gezogen werden konnen, wie das, was die 
Geisteswissenschaft gibt, befruchtend eingreifen kann, nun, wenigstens 
in diese Wissenschaft, so dafi wenigstens ein Stuck, mochte ich sagen, 
eben der Wissenschaft, wie sie heute getrieben wird, befruchtet werden 
kann. Das, was die Wissenschaft heute geben kann, das wufite er auf 
seinem Gebiet; Geisteswissenschaft fand er bei uns. Das Babylonische 
und Agyptische war auf der einen Seite, die Geisteswissenschaft auf 
der anderen Seite; beides hatte er, aber den Willen, sie wirklich zu 
durchdringen gegenseitig, sie zu verbinden: er konnte ihn nicht auf- 
bringen! Wenn man aber diesen Willen nicht entwickelt, so wird man 
niemals verstehen, was eigentlich mit der Geisteswissenschaft gemeint 
ist. Man wird immer mehr und mehr dazu neigen, die Geisteswissen- 
schaft zu jener zweifelhaften Mystik zu machen, zu welcher sie die 
Leute, die zum Leben nicht zu brauchen sind, machen mochten, unter 
demEindruck: Das Leben ist nichts wert, man mufi aufsteigen zu einem 
hoheren Leben, man mufi aus dieser Welt des sinnlichen Anschauens in 
die Traumerei aufsteigen, da ergibt sich das Hohere dann. Wozu denn 
hier ordentlich seine Kinder erziehen, lieber nachdenken, was man 
friiher fiir Inkarnationen hatte! Das ist das, was einen in die hoheren 



Regionen bringt und so weiter. - Darum handelt es sich nicht, sondern 
darum handelt es sich, auf dem Gebiete, auf dem man eben steht, Gei- 
steswissenschaft fruchtbar zu machen. Sie kann uberall fruchtbar ge- 
macht werden, das Leben fordert sie. 

Das ist dasjenige, wofiir man, ich mochte sagen, nicht blofi Worte 
haben mochte, urn es heute begreiflich zu machen. Denn Worte sind 
wirklich schon recht abgebrauchte Verkehrsmiinzen geworden. Wer 
fiihlt denn heute eigentlich noch bei den Worten, was in ihnen liegt? 
Wer fiihlt denn so recht sich hinein in die Worte? Fuhlen mit den Wor- 
ten, das ist etwas, was die Menschheit fast ganz verloren hat, wenig- 
stens in dem Teil der Menschheit, dem wir angehoren. Denken Sie, 
wenn heute einer sagt — lassen Sie mich dasBeispiel gebrauchen -: Nun, 
du hast deine Aufgabe ziemlich gut gemacht; wer fiihlt dann viel mehr 
bei diesen Worten als: Du hast deine Aufgabe fast gut gemacht. Das ist 
das, was man heute fiihlt. «Ziemlich» ist «fast» gut. Wir sagen das eine 
statt des anderen. Legen Sie die Hand aufs Herz, ob Sie nicht bei dem 
Worte «ziemlich gut» das Gefiihl haben: «fast gut», und das eine fur 
das andere gebrauchen. Und doch: «ziemlich» ist ein Wort, das der- 
selben Familie angehort, wie «geziemend sein, sich geziemen». Wenn 
ich etwas ziemlich gut mache, mache ich es so, daft ich es auf die ge- 
ziemende Art gut bekomme, auf eine leichte Art; ich mache es nicht 
bloft gut, sondern so, dafi mein Tun keine Schwierigkeiten hat, sondern 
geziemend ist; ich habe es in der Hand. Wer fiihlt denn in dem Worte 
«ziemlich» noch das «geziemend» drinnen? Oder wer fiihlt in dem 
Worte Zweifel, daft darinnen steckt das Zwei, dafi man da einer 
Sache gegenubersteht, die sich zwekeilt? Wer fiihlt uberhaupt dieses 
zw, z— w? Sie haben aber uberall, wo zw auftritt, dieselbe Empfindung 
wie bei Zweifel, wenn sich die Sache zweiteilt. Zwischen - da haben 
Sie dasselbe! Zweck, Zweifel, zwar - versuchen Sie, es zu fuhlen! In 
alien Lautzusammenhangen kann Gefiihl drinnen liegen. Aber die 
Worte sind heute eben recht wertlose Scheidemunzen. Deshalb mochte 
man schon etwas anderes als die Sprache haben, um eindringlich zu 
machen, was heute notig ist, und was Geisteswissenschaft geben konnte. 
Diese Sprache, wie sie heute getrieben wird, sie ist so, dafi sie noch 
mehr als es ohnedies schon der Fall ist durch die natiirliche Entwicke- 



lung, das Denken abstumpft, und in einem Wust von Schreibereien 
und Drudkereien stumpfes Denken zutage tritt. 

Man konnte Blut schwitzen, wie es mir heute morgen fast passiert 
ist, wo ich ein Buch in die Hand nahm, das geben soil die grofie Be- 
deutung des Unterschiedes der Ideen von 1789 und 1914, von Dr./o- 
hann Plenge, ordentlicher Professor der Staatswissenschaften an der 
Universitat Miinster in Westfalen. Der Mann macht den Anspruch, 
den grofien Gegensatz herauszuschalen aus der neueren Entwickelung, 
der besteht zwischen den Ideen von 1789 und 1914. Die Idee von 1914 
hat er, wie er behauptet, ja eigentlich erfunden. Er halt sich fiir einen 
riesig grofien Mann. Darauf wollen wir aber jetzt nicht eingehen. 
Seite 61 des Buches lese ich den Satz — ich will jetzt pedantisch sein, 
aber diese Pedanterie bedeutet etwas Feineres, und diejenigen, die das 
fiihlen konnen, die werden es schon fuhlen - also Seite 61 gab mir der 
Satz eine Ohrfeige - verzeihen Sie den Ausdruck: «Wo man also das eine 
kennt, mufi man das andere suchen. Denken wir uns in die Seele eines 
Geschichtsschreibers der Zukunft, der dereinst von der Weltkatastrophe 
von 1914 hort.» - Was soli man sich mit diesem Satz aufbinden lassen? 
Einen Geschichtsschreiber der Zukunft stellt sich der Mann vor, der 
plotzlich hdrt von der Weltkatastrophe von 1914. Also er hat wahrend 
seiner ganzen Jugend nichts gehort, sondern erst als Geschichtsschrei- 
ber der Zukunft hort er plotzlich davon! Man mufi wirklich nicht 
mehr im lebendigen Vorstellen drinnenleben, um soldi ein Zeug hin- 
stellen zu konnen. Dann sucht er von der Bedeutung der Ideen zu 
sprechen, sucht zu sprechen davon, daft es Ideen in der Geschichte gibt, 
dafi Ideen aufsteigen, Ideen zuriickgehen konnen, und er sucht so hin- 
ter den Charakter und die Natur der Ideen zu kommen. Und wahrend 
er das tut, wahrend er das versucht, da leistet er sich denn an einer 
Stelle das Folgende: Er versucht zu zeigen, wie bei primitiven Volker- 
stammen Ideen so unbewufit aufdammern, dann bewufker werden. Er 
sagt: «Ein werdendes Kulturvolk lebt nach dem Vorbild eines vor- 
gestellten veredelten Menschentums. Das schonste Muster einer solchen 
Ideenbildung ist die Stellung Homers in der Antike.» 

Also denken Sie: Die Stellung Homers in der Antike ist das Beispiel 
einer Ideenbildung! Was ungefahr so viel heifit als: Wenn einer Hof rat 



ist, so ist das das Beispiel einer Ideenbildung. Es ist unmoglich, sich bei 
so etwas was zu denken, wenn man mit seinen Gedanken lebendige 
Vorstellungen verkniipfen will. Wenn man allerdings das gewohnt ist 
von Jugend auf, so bekommt man wirklich Ohrfeigen bei soldien Sat- 
zen, die nur ein Wortgedrechsel sind. Sie erinnern mich sehr lebhaft an 
jenen Professor, der ein Kolleg begonnen hat, indem er 25 Fragen auf- 
warf, einen Professor, der sehr, sehr beriihmt geworden ist, einen 
Literaturprofessor. Ich will nicht sagen, wer es ist, sonst konnten Sie 
mir nicht einmal glauben. Er stellte 25 Fragen, dann sagte er: Meine 
Herren! Idi habe Sie in einen Wald von Fragezeichen gefiihrt! - Ich 
mufite mir vorstellen einen Wald von Fragezeichen hintereinander. 
Denken Sie nur, was das fiir ein Denken ist, so seine Gedanken nicht 
verwirklichen, nicht leben in seinen Gedanken, so mit seinen Gedanken 
Worte drechseln. 

Das lebt sich dann allerdings in merkwiirdiger Weise in der Ge- 
sinnung eines solchen Menschen aus. Da kommt man auf hochst Merk- 
wiirdiges; der Mann sagt: Der ganz richtige Historiker, der sucht 
eigentlich wie der Astronom die Dinge vorauszuberechnen. Und nun 
bemiiht sich der gute Mann, zu zeigen, wie sich die Wirtschaftsverhalt- 
nisse entwickelt haben gegen diese jetzige Kriegskatastrophe zu. Da 
sagt er: Der wirkliche Historiker kann wie der Astronom soldi eine 
Katastrophe vorausberechnen. - Nun, er halt sich auf der einen Seite 
fiir einen wirklich so grofien Historiker, der das konnen miifite, aber 
er hat es nun nicht gekonnt, trotzdem er viele Biicher geschrieben hat 
iiber das wirtschaftliche Leben. Das stort ihn. Deshalb erzahlt er, wie 
er es eigentlich gemacht hat. Wie hat er es gemacht? Er sagt: Nun ja, 
ich habe gezeigt auf der einen Seite, dafi die wirtschaftliche Entwicke- 
lung so ist, dafi man eigentlich mit alien Machten und Kraften dem 
Frieden zustreben muftte; und dann habe ich wieder gezeigt, dafi sie 
aber audi so ist, dafi nur der Krieg kommen konnte. - Nun, das ist ja 
eine unzweifelhaft richtige Prophetie, nicht wahr; das ist, wie wenn ich 
zwei Rocke habe und sage: Wenn ich nicht den einen anziehe morgen, 
dann werde ich den andern anziehen. Aber glauben Sie nicht, dafi 
soldi eine innere Frivolitat in BegrifTen nicht Folgen hatte, denn da, 
wo er nun davon spricht, wie er so geschwankt hat, ob er nun den 



blauen Rock oder - nein, den Frieden oder den Krieg prophezeien soli, 
da sagt er - ja, er zitiert sich selber, es ist mit den Zitaten tiberhaupt 
eine merkwiirdige Sache in diesem Buch -, er sagt: «Aber es ist not- 
wendig, dafi die Phantasie mit diesem Kriege spielt.» Nun denken Sie 
sick diese Gesinnung! Er hielt es eben fur notwendig, nicht mit mehr 
Ernst zu reden, sondern dafi die Phantasie mit dem Kriege spielt, in 
den Jahren, die zu dieser Katastrophe hingefiihrt haben. 

Ich sagte, mit dem Zitieren ist es in diesem Buche eine eigentiimliche 
Sache. Das ganze Buch ist namlich eine Anlehnung an einen Artikel, 
der in der Tageszeitung erschienen ist. Dieser Artikel ist ein unschul- 
diges Ding; da hat sich einfach ein unbekannter Journalist aufgelehnt 
gegen die Idee von 1914, die Plenge ja «erfunden» hat. Das ist merk- 
wiirdig m seiner Buchmacherei. Denn da liest man den Artikel auf der 
ersten Seite, soweit Plenge ihn bringen will, um daran anzukniipfen. 
Dann redet er iiber den Artikel; dann kommt man auf Seite 21, da 
zitiert er ihn noch einmal, so dafi der Artikel von der Tageszeitung 
schon zweimal dasteht. Dann redet er weiter. Dann zitiert er einzelne 
Stiicke aus dem Artikel; da liest man ihn also ein drittes Mai. Und am 
Schlusse, weil er ihn erst dreimal zitiert hat, bringt er ihn noch einmal, 
so daf5 man in diesem Buche einen Artikel der Tageszeitung viermal 
zitiert hat. 

Ich mu£ schon an solchen konkreten Beispielen die Dinge, wie sie 
liegen, kkrmachen, um zeigen zu konnen, was notwendig ist, und um 
auch zeigen zu konnen, wie Geisteswissenschaft wirklich das Instru- 
ment ist, das in der Gegenwart einzugreifen hat. Diese Dinge, die 
scheinbar Kleinigkeiten sind, hangen mit den grofien Gesichtspunkten, 
von denen wir ausgegangen sind, durchaus zusammen. Das bitte ich 
Sie, aus diesen Betrachtungen festzuhalten. 



DRITTER VORTRAG 



Berlin, 19Jimi 1917 



Es wird heute meine Aufgabe sein, einiges zur Erganzung desjenigen 
wiederum vorzubringen, was in Hauptgedanken entwickelt worden 
ist als eine Art Grundlage fiir ein zu suchendes Verstandnis der Ratsel 
unserer Zeit. Es ist ja gewifi rechtes, vollberechtigtes Bediirfnis der 
Gegenwartsmenschen, diese Zeit nicht zu verschlafen, die zahlreidien 
Umwandlungsimpulse, die in dieser Zeit in verhaltnismafiig kurzen 
Epochen auf uns wirken, wirklich zu beachten, und dann sidi bekannt 
zu machen mit demjenigen, was notwendig ist fiir ein gedeihlidies 
Weiterentwickeln der in unserer Zeit vorhandenen geistigen und da- 
mit auch der anderen Kulturimpulse. 

Nun habe ich von verschiedenen Gesichtspunkten aus versucht, Ihre 
Aufmerksamkeit hinzulenken auf jenen grofien Zeitraum, dessen Ver- 
standnis doch ganz allein die Gegenwart wirklich audi begreif lich machen 
kann, auf den grofien nachatlantischen Zeitraum. Einzelheiten habe ich 
Ihnen daraus geschiidert und grofie Gesichtspunkte, welche dadurch, dafi 
man die Entwickelung der Menschheit in der ganzen nachatlantischen 
Zeit einmal auf sich wirken lafit, auch zu einem gewissen Verstandnis 
der Gegenwart bringen konnen. Nun mochte ich heute noch einmal, 
wiederum von anderen Gesichtspunkten aus, ich mochte sagen, den- 
selben Zeitraum besprechen, mochte einige andere charakteristische 
Eigentumlichkeiten dieses Zeitraumes vor Ihre Seele hinstellen. Aller- 
dings, verstandlich kann dasjenige nur sein, was ich heute sagen werde, 
wenn man den Blick auf jene Verjungung des Menschengeschlechtes 
wirfl, jenes Immer-junger-und-jiinger-Werden von einem Lebensalter 
unmittelbar nach der atlantischen Katastrophe, das wir als 56. Lebens- 
jahr der Menschheit bezeichnet haben, zu dem Lebensalter des heutigen 
Menschen, das ihn nur bis zum 27. Lebensjahr naturgemafi entwicke- 
lungsfahig lafit, wenn er nicht auf sich selbst gebaute, freie Impulse der 
Seele, die aus dem Geiste selbst herauskommen miissen, zu batten geneigt 
ist. Das wollen wir uns also vor die Seele stellen, was iiber den heutigen 
siebenundzwanzigjahrigen Menschen in das Gebiet unserer Aufmerk- 



samkeit gekommen ist. Blicken wir nun noch einmal zuriick auf die Zeit 
unmittelbar nach der grolten atlantischen Katastrophe. Ich habejaschon 
darauf hingewiesen, wie ganz anders das soziale Leben ist, wie ganz 
anders die sozialen Empfindungen der Menschen in dieser Zeit waren. 
Ich mochte heute auf die besondere Seelenverfassung der ersten nach- 
atlantischen Menschen, vor allem derjenigen, die den Siiden Asiens be- 
wohnten, hinweisen, noch einmal hinweisen auf dasjenige, was Sie 
genugsam kennen als urindische Kultur, wie es in meinen Schriften 
verzeichnet ist. Vor alien Dingen war in jener Zeit unter den verschie- 
denen sozialen Vorstellungen, die die Menschen hatten, etwas ganz 
und gar nicht vorhanden, was heute sich der Mensch aus unserem 
sozialen Leben kaum wegdenken kann. Sie wissen, in welchem Zusam- 
menhang und mit welcher ungeheuren Bedeutung man heute von Ge- 
setz und Recht und ahnlichen Dingen spricht. Von diesen Dingen hat 
man in der ersten nachatlantischen Zeit iiberhaupt nicht gesprochen. 
Man hat sie gar nicht gekannt. Mit dem Begriff Recht, mit dem Worte 
Recht, mit dem Worte Gesetz und ahnlichen Worten, die uns heute 
unabtrennbar sind von der sozialen Denkweise, hatte man gar keinen 
Begriff verbinden konnen. Dagegen horte man, wenn man Entschei- 
dungen haben wollte fur dasjenige, was zu tun oder zu lassen ist, was 
an Einrichtungen zu treffen ist im offentlichen oder audi privaten 
Leben, auf diejenigen Menschen, die das damalige Patriarchenalter 
erreicht hatten - die Fiinfzigerjahre erreicht hatten. Man machte 
die selbstverstandliche Voraussetzung, weil die Menschen in Entwicke- 
lungsfahigkeit waren bis in die Fiinfzigerjahre hinein, weil sie gewis- 
sermafien wie die Kinder entwickelungsfahig blieben bis in die Fiinf- 
zigerjahre hinein, und da sie entwickelungsfahig blieben, eben eine 
gewisse Lebensreife erlangten in dieser Zeit, auf ganz naturgemafte 
Weise, so hatte man die Vorstellung, dafi man nur sich sagen zu lassen 
brauche von denjenigen, die die Fiinfzigerjahre erreicht hatten, was zu 
tun und zu lassen ist. Man war vollstandig einig dariiber, dafS das die 
Weisen waren, dafi die wissen, wie die Welt einzurichten ist, wie die 
Angel egenhei ten der Menschen zu besorgen sind. Es hatte damals nie- 
mandem in den Kopf kommen konnen, zu zweifeln daran, dafi die 
normal bis in die Fiinfzigerjahre hinein sich entwickelnden Menschen 



nicht das Richtige in bezug auf Lebensweisheit hatten finden konnen. 
Denn dadurdi, dafi die Menschen bis in dieses Alter hinein entwicke- 
lungsfahig geblieben sind, dadurdi offenbarte sich in ihrem Innern auf 
so naturgemafte Weise, wie jetzt bei Kindern etwas in der Seele sich 
offenbart, wenn sie geschlechtsreif werden, so bei denen in den Funf- 
zigerjahren etwas, wobei sie eben diese Fahigkeit, die ich angedeutet 
habe, erlangten. Man frug also die Alten, die Weisen, und sie waren 
die selbstverstandlichen Gesetzgeber. 

Wodurch hatten sie denn eigentlich diese bedeutsame Weisheit? Sie 
hatten diese bedeutsame Weisheit, weil sie sich einig wufken mit dem 
Geiste, oder vielmehr den Geistern, die in dem Lichte lebten. Heute 
empfinden wir die Warme unserer Umgebung, heute empfinden wir 
die Luft, indem wir sie ein- und ausatmen, wir empfinden die Gewalt 
des Wassers, wie es aufsteigt und als Regen herunterfallt, wir emp- 
finden das alles aber nur physikalisch, mit den Sinnen. So war es nicht 
fur die ersten nachatlantischen Menschen, wenn sie die Fiinfzigerjahre 
erlebt hatten, sondern sie empfanden in der Warme, in der Luft und 
ihren Stromungen, in dem Kreislauf des Wassers iiberall mit das Gei- 
stige. Dadurdi aber, dafi sie das Geistige in den Elementen empfanden, 
dafi sie gewissermafien nicht blofi Wind empfanden, sondern die Gei- 
ster des Windes, nicht blofi Warme fiihlten, sondern den Geist der 
Warme, nicht blofi Wasser sahen, sondern audi die Geister des Was- 
sers, dadurch lauschten sie innerlich in gewissen Lebensaltern, aller- 
dings nur in gewissen Wachzustanden, den Offenbarungen dieser Ele- 
mentengeister; und was ihnen diese Elementengeister mitteilten, das 
war dasjenige, was sie ihrer Weisheit, die sie den anderen mitteilten, 
zugrunde legten. Diese Leute waren, wenn sie normal entwickelt waren, 
nicht blofi dasjenige, was wir heute ein Genie nennen, sondern etwas 
weit iiber das, was wir heute Genies nennen, Hinausgehendes. Es war 
eben moglich in der damaligen Zeit, dafi die menschliche Natur selbst 
dasjenige hergab, dafi sich die Weisheit in ihr offenbarte, wie sich heute 
nach und nach die Seelenstadien unter der korperlichen Entwickelung 
des Kindes bis in ein gewisses Lebensalter hinein offenbaren. Und da$ 
die Weisheit sich offenbarte, das hing damit zusammen, dafi die Men- 
schen nicht nur entwickelungsfahig blieben, solange der Leib im Wach- 



sen, Bliihen und Aufsteigen war, sondern audi wenn der Leib zusam- 
mensank, wenn der Leib wiederum sich sklerotisierte, mineralisierte. 
Dieses Abnehmen der Leiblichkeit, dieses Verkalken der Leiblichkeit, 
das fuhrte dazu, dafi sidi das Seelisch-Geistige entwickelte. Das war 
allerdings mit etwas anderem noch verkniipft, was Sie leicht verstehen 
werden, wenn Sie sich das lebhaft vorstellen, was jetzt auseinander- 
gesetzt worden ist. Solche Menschen nahmen lebendig wahr die gei- 
stigen Wesenheiten der Elemente. Kam dann die Nacht herein, so 
waren die damaligen Sinne normalerweise nicht geeignet, blofS die 
Sterne zu sehen, sondern sie sahen Imaginationen, wirklich das Gei- 
stige, das lebte aucb im Sternenhimmel. Deshalb habe ich oftmals dar- 
auf aufmerksam gemacht: Die alten Sternkarten, auf denen so merk- 
wiirdige Figuren darauf sind, das ist nicht, der Phantastik der neueren 
Naturwissenschaft entsprechend, durch Phantasie gemacht, sondern 
durch unmittelbare Schauungen. DieseDinge hat man wirklich gesehen. 

So also schufen und rieten diese Alten, diese alten Weisen aus ihrem 
unmittelbaren Schauen heraus und richteten das soziale Leben in die- 
sem Sinne ein. Damals aber waren sie audi in innigem Kontakt, in 
ganz innigem Kontakt mit dem Snick Erde, das sie bewohnten, denn 
sie sahen ja das Geistige dieses Stiickes Erde, das sie bewohnten: das 
Geistige des Wassers, das entquoll dieser Erde, die sie bewohnten, sie 
sahen das Geistige der Luft, die dariiber wehte, das Geistige der son- 
stigen klimatischen Verhaltnisse, sahen die Verhaltnisse, die in der 
Warme lebten und so weiter. Diese Verhaltnisse waren uberall an- 
dere, in Griechenland andere als in Indien, andere als in Persien und 
so weiter. Daher sahen wirklich die Weisen in der damaligen Zeit so, 
wie es gemafi ihrem Stuck Erde war. Und es entwickelte sich in Indien 
eine solche Kultur, wie sie aus der Erde herauskommen mufite, ebenso 
entwickelte sich in Griechenland eine solche Kultur, wie sie herauskom- 
men mulke aus der Erde, im Einverstandnis mit den Elementen der 
Erde. Die Erde wurde empfunden als etwas Konkretes. Nicht wahr, 
heute empfinden wir es hochstens nur noch am Menschen so: wir wiir- 
den es heute grotesk am Menschen empfinden, wenn uns jemand weis- 
machen wollte, dafi an der Stelle der Nase das Ohr sein konnte und 
an der Stelle des Ohres die Nase; nicht wahr, der ganze Organismus 



ist so gebaut, dafi die Nase an einer bestimmten Stelle sitzt, und das 
Ohr an einer bestimmten Stelle sitzt. Aber davon hat man heute 
keinen rechten Begriff mehr, dafi die Erde ein ganzer Organismus ist, 
und dafi, wenn eine bestimmte Kultur, wenn sie wirklich unter dem 
Einflufl der Erdenelementargeister geschieht, sidi entwickelt, sie audi 
eine bestimmte Physiognomie tragen mufi. Man hatte nicht dasjenige, 
was im alten Griechenland gewachsen ist, hiniibertragen konnen nach 
dem alten Indien und umgekehrt. Auf der Erde entwickelte sich also 
eine solche Kultur, weldie die geistige Physiognomie der Erde wieder- 
gab. Das ist das Bedeutsame fur diese alte Zeit. Heute weifi der Mensch 
nichts davon, weil er in den Zeiten, wo er es wissen konnte, nicht ent- 
wickelungsfahig bleibt. So denken die Leute wenig dariiber nach, wo- 
her es kommt, daE im ostlichen Amerika, wenn die Weifien einwan- 
dern, diese Weifien dort ein vollig anderes Aussehen bekommen als in 
Kalifornien, im westlichen Amerika. Im ostlichen Amerika werden 
bei den eingewanderten Weifien die Augen, der Blick, ganz anders, die 
Hande werden grofier als in Europa, die Hautfarbe wird sogar etwas 
anders. Im ostlichen Amerika ist das der Fall, nicht im westlichen 
Amerika. Diese Zusammenhange mit der Stelle im Erdenorganismus, 
auf der sich eine Kultur entwickelt, die werden gar nicht mehr beriick- 
sichtigt. Das hangt heute damit zusammen, dafi der Mensch nicht mehr 
weifi, welche geistigen Entitaten, welche geistigen Wesenheiten in den 
Elementen der Erde leben. Heute ist der Mensch abstrakt geworden, 
heute denkt er iiber die konkreten Dinge iiberhaupt nicht mehr nach. 

Was ich Ihnen so geschildert habe fur den altesten Zeitraum, das 
wurde selbstverstandlich anders im nachsten Zeitraum, als die Mensch- 
heit das Lebensalter vom 48. bis 42. Jahr durchmachte. Dieser zweite 
nachatlantische Zeitraum, in ihm blieben die Menschen nur entwicke- 
lungsfahig bis in die Vierzigerjahre hinein. Also da erreichten sie nicht 
jene Weisheit, die sie in der ersten Periode erreichten, sondern sie blie- 
ben eben nur in ihrem Seelisch-Geistigen abhangig von dem Leiblichen 
bis in die Vierzigerjahre hinein. Daher wurde diese Fahigkeit, den Zu- 
sammenhang mit den Elementen noch zu empfinden, geringer. Die 
Menschen konnten nicht mehr den Zusammenhang mit den Elementen 
empfinden. Aber diese fahigkeit war nur etwas geringer gewor- 



den; sie war nodi da. Die Menschen empfanden es damals so, dafi 
sie wufiten: Wenn sie mit ihrer Seele im Schlafe aufierhalb des Leibes 
sind, dann sind sie in der geistigen Welt drinnen. Das wufiten sie, 
wenn sie die Reife der Vierzigerjahre erreicht hatten. Und sie wufiten 
auch: Wenn sie wiederum untertauchen in ihren Leib beim Aufwachen, 
dann verdunkelt sich fur sie die geistige Welt. Daher bildete sich der 
eigentliche Ursprung der spateren Ormuzd- und Ahrimanlehre, der 
Lehre von Licht und Finsternis. Es ist richtig aus der Erfahrung stam- 
mend. Der Mensch wufke: Du bist mit deiner Seele im Schlafe in der 
geistigen Lichtwelt drinnen; wenn du in den Leib hinuntersteigst, 
steigst du in die geistige Finsternis herunter. Es war nidit mehr die 
enge Abhangigkeit von dem Stuck Land da, auf dem man lebte, aber es 
war ein Mitleben mit Tag und Nadit. Die Sternbilder sail man auch 
noch nicht anders als Imaginationen, bildlich. Aber gerade, dafi man 
sie bildlich sah, wenn man aufierhalb des Leibes war: diese Fahigkeit 
war atavistisch geblieben seit der atlantischen Zeit. Daher wufiten die 
Menschen: Du hast eine lebendige Seele, die ist im Schlafe in einer gei- 
stigen Welt drinnen, in einer Welt, die durch Imagination erfafibar ist. 

Noch mehr zuriickgegangen war dann die Fahigkeit, sich in soldier 
Weise konkret in das ganze Weltenall hineinzustellen, in der dritten, 
der agyptisch-chaldaischen Kulturepoche. Da war sie noch mehr zu- 
riickgegangen. Da empfanden die Menschen nicht mehr so stark. In 
Persien blieb die Tradition, nicht mehr die unmittelbare Erfahrung. 
Zarathustra hat das dann als Sternenschulung seinen Schulern gebracht. 
Aber da, wo sich die eigentliche Menschheitskultur normal entwickelte, 
in der agyptisch-chaldaischen Kulturperiode, da ist die Fahigkeit der 
Menschen mit Bezug auf das sinnliche Wahrnehmen erhoht; das alte 
geistige Wahrnehmen ging zuriick. Daher kommt es, dafi die Menschen 
in dieser dritten Periode vorzugsweise den Sternendienst hatten. In 
der alten Zeit in Persien hatte man nicht einen Sternendienst, sondern 
man hatte die geistige Welt der Imagination und der Spharenmusik. 
Jetzt fing man schon an, die Dinge zu deuten, die Bilder gewisser- 
mafien nur mehr undeutlich zu sehen und die Sterne nur durchzusehen. 
Daher entwickelte sich da in dieser dritten Periode der eigentliche 
Sternendienst. 



Und dann kommt die vierte Periode, in der das Bewufitsein der gei- 
stigen Welt ringsumher gesdiwunden war, in der sidi schon die Men- 
schen jener Anschauungsform naherten, die wir audi jetzt haben, in 
der man audi nur mehr aus der Weltumgebung die sinnlidie Wirklich- 
keit der Sterne sah. Ich habe Ihnen geschildert, wie das im Griechen- 
tum war. Da wufite man, in jeder einzelnen Leibesaufierung lebt die 
Seele; aber die Heimat der Seele im Kosmos, die empfand man in der 
Weise nicht mehr mit. Daher sehen Sie bei dem grofien Weisen, den 
ich Ihnen ja als fur andere Dinge charakteristisch schon ofter an- 
gefiihrt habe, gerade weil er nicht ein Initiierter war, Aristoteles, dafi 
er nicht mehr Anschauungen iiber die Sterne hat, sondern eine Philo- 
sophic liber die Sternenwelt begriindet. Er deutet; er deutet das, was 
das Auge sieht, er deutet es deshalb, weil er nodi weifi: in dem Leben 
zwischen Geburt und Tod, da ist die Seele im Leibe. Philosophisch 
weifi Aristoteles audi: Die Seele hat ihre Heimat da, wo der oberste 
Gott - fur Aristoteles - die aufierste Sphare lenkt, und die Unter- 
gotter dann die anderen Spharen lenken. Aristoteles hat audi noch 
eine Philosophic iiber die Elemente der Erde, des Wassers, der Luft, des 
Feuers oder der Warme, aber er hat eben nur noch eine Philosophic, 
nicht eine Erfahrung. In alteren Zeiten war die Erfahrung, die un- 
mittelbare Anschauung da. So war es nicht in der vierten nachatlan- 
tischen Kulturperiode. Die Menschheit war herausgetrieben, richtig 
herausgetrieben aus der geistigen Welt. Daher mufke jener Einschlag 
kommen, der eben durch das Mysterium von Golgatha kam. 

Ich habe Sie auf die ganze tiefe Bedeutung dieses Mysteriums von 
Golgatha an jener Stelle dieser Betrachtungen hingewiesen, wo ich 
Ihnen gezeigt habe: da war die Menschheit bis zum 33.Lebensjahr 
entwickelungsfahig geblieben, und der Christus in dem Jesus erlebte 
gerade das 33. Jahr. Ein wunderbaresZusammentreffen! Also unmittel- 
bar nach der atlantischen Katastrophe blieb der Mensch entwicke- 
lungsfahig bis zum 56., 55., 54. Jahre und so weiter, im Anfang der 
zweiten Periode bis zum 48., 47. Jahre und so weiter, am Ende bis zum 
42. Jahr, am Anfang der dritten Periode bis zum 42., dann herunter- 
gehend bis zum Ende der agyptisch-chaldaischen Epoche, bis zum 
36. Jahr. Dann fing die griechisch-lateinische Zeit an, 747 vor dem 



Mysterium von Golgatha. Da blieb die Menschheit nur entwickelungs- 
fahig bis zum 35.Jahr, dann bis zum 34.Jahr. Und als sie bis zum 
33. Jahr nur entwickelungsfahig war, da erlebten die Menschen - weil 
das 33.Lebensjahr unter dem 35.Lebensjahr steht; bis zum 35. Jahr 
geht die Entwickelung hinauf, dann hinunter da erlebten die Men- 
schen gar nicht mehr das Hinuntersinken mit der Seele, daher kam der 
Geist von aufien, der Christus-Geist. Denken Sie, wie man da hinein- 
sieht in die Notwendigkeit des Eintretens des Christus-Geistes in die 
Menschheitsentwickelung ! 

Werfen wir jetzt einen Blick zuriick auf die alten Patriarchen, die 
iibergenial waren. Man frug sie, wenn es sich darum handelte, Erden- 
einrichtungen zu treffen, weil sie durch eigene seelische Entwickelung 
das Gottlich-Geistige verwirklichen konnten. Immer weniger und we- 
niger konnte man die Menschen fragen. Und als die Menschheit bis 
zum 33. Jahr gekommen war, da mufite aus ganz anderen Welten der 
Christus in den Jesus von Nazareth kommen. Da mufke von ganz 
anderer Seite her den Menschen der Impuls kommen, der ihnen durch 
eigenes Wachstum ihrer eigenen Entwickelung verlorengegangen war. 
Tief hinein sehen wir da in den notwendigen Zusammenhang der 
Menschheitsentwickelung mit dem Mysterium von Golgatha. Immer 
wieder und wiederum kann man nur sagen: Wenn in dieser Weise 
Geisteswissenschaft wirken kann, so wird sie zeigen, wie der Christus 
aus einer inneren Notwendigkeit heraus in die Menschheitsentwicke- 
lung eingetreten ist. Und dafi die Menschheit heute eine solche An- 
schauung, eine solche Erneuerung des Verstandnisses fur den Christus- 
Impuls braucht: Sie sehen es uberall auf Schritt und Tritt. 

Im letzten Heft «Die Tat» - darinnen manches Interessante ist, und 
deshalb empfehle ich Ihnen das zu lesen - fmden Sie einen interessanten 
Aufsatz unseres verehrten Freundes Dr. Rittelmeyer und eine der letz- 
ten Arbeiten unseres verstorbenen lieben Freundes Deinhard. Aber es 
ist audi in diesem Heft ein Aufsatz von Arthur Drews, der sehr be- 
deutsam ist aus dem Grunde, weil Arthur Drews sich wieder einmal 
damit auseinandersetzt, welche Stellung der Christus Jesus in der mo- 
dernen Menschheitsentwickelung haben kann. Sie wissen, wir haben 
ofter von Drews gesprochen. Er ist derjenige, der damals in Berlin 



aufgetreten ist, als man von sogenannter monistischer Seite sich nach- 
zuweisen bemiihte, daft Jesus von Nazareth keine historische Person- 
lidikeit sein kann und so weiter. Die beiden Biicher von der Christus- 
Mythe sind ja geschrieben, um den Nachweis zu fiihren, dafi es sich 
nicht geschichtlich beweisen lafit, dafi ein Jesus von Nazareth gelebt hat. 

Dieses Mai setzt er, Drews, sich von einem merkwiirdigen Stand- 
punkte aus mit dem Christus Jesus-Problem auseinander. Es ist im 
dritten Heft 1917/18, im Juni-Heft von «Die Tat» des Diederichschen 
Verlags, in dem Artikel «Die Stellung Jesu Christi in der deutschen 
Fr6mmigkeit». Nun konstruiert er einen merkwiirdigen Begriff von 
deutscher Frommigkeit. Ebenso geistreich, als wenn man einen Begriff 
konstruieren wiirde von der deutschen Sonne oder dem deutschen 
Mond. Denn diese Dinge sind ja nun wirklich so, dafi, wenn man nach 
nationalen Differenzierungen von diesen Dingen spricht, man schon 
das Wort deutsche Frommigkeit vergleichen kann mit dem unsinnigen 
Wort deutsche Sonne oder deutscher Mond. Aber diese Dinge finden 
ja heute ein grofies Publikum. Und es ist interessant, wie nun Drews, 
der ja sonst nicht so sehr sich auf Eckart, Tauler, Jakob Bohme berufen 
wiirde, sich hier auf Fichte beruft, auf den er sich audi in philosophi- 
schen Dingen sonst nicht berufen wiirde, wie er ankniipft und etwas 
krebsen geht, mit dem Begriff deutsche Frommigkeit und zu zeigen 
versucht, daft man aber eigentlich heute doch nur, insbesondere wenn 
man ein Deutscher ist, zu einem richtigen Jesus Christus-Begriff 
kommen konne, wenn man nicht auf demWege geschichtlicherBetrach- 
tung, geschichtlicher Theologie zu diesem Christus-Begriff kommt, son- 
dern durch dasjenige, was er deutsche Metaphysik nennt - Metaphy- 
sik! Da kann man, sagt Drews, iiberhaupt mit einem historischen 
Christus Jesus nicht rechnen; denn der kann von keiner Metaphysik 
aufgefunden werden. 

Das hangt tief zusammen mit etwas, was ich Ihnen sagte in diesen 
Betrachtungen; ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dafi man in 
einer gewissen Beziehung iiberhaupt nur eine Gottes-Idee, den Vater- 
Gott finden konne, dafi eigentlich bei Harnack der Christus gar nicht 
vorhanden, sondern nur hineingezerrt ist, dafi eigentlich nur der Vater- 
Gott vorhanden ist. Denn man kann nicht durch blofie sogenannte 



innere Mystik etwas anderes finden als nur den einheitlidien Gott. 
Den Christus kann man nicht finden aus dem, was Tauler und Eckart 
haben; etwas anderes ist es bei Jakob Bohme, aber den Unterschied 
versteht der Drews nicht, da kann man, weil der Christus-Begriff da 
ist, ihn hereinnehmen. Ebensowenig kann man durch die Theologie des 
Adolf Harnack den Christus finden. Arthur Drews ist nur vom gegen- 
wartigen Standpunkte aus, ein Stuck ehrlicher. Er sucht den Christus 
und findet ihn nicht, weil man ihn nicht finden kann vom Standpunkte 
seiner Metaphysik, die sich nicht auf die geschichtlichen Tatsachen be- 
zieht — die, denken Sie, uns so weit fiihren, dafi wir sogar das Alter 
des Christus Jesus im Mysterium von Golgatha begreif en weil Drews 
stehen bleiben will bei einer abstrakten Metaphysik, die man hochstens 
heute noch gelten lafit und bei der man den Christus nicht findet. Man 
kann ihn audi nicht finden, sondern ihn nur herbeizitieren in einer 
abstrakten Metaphysik. Eine Metaphysik wird einen Gott finden, wird 
theistisch sein, wenn sie nicht krank ist, aber sie kann nicht den Chri- 
stus finden. Das hangt mit dem zusammen, was ich Ihnen sagte: Atheist 
sein, den Gott nicht finden, ist eigentlich eine Krankheit, den Christus 
nicht finden, ist ein Ungliick, den Geist nicht finden, ist eine Blindheit. 
Damit hangt das zusammen. So kommt Drews dazu, sich zu sagen: Ja, 
das, was wir da finden, haben wir kein Recht, den Christus zu nennen, 
daher mufi der Christus verschwinden. Jetzt konstruiert Drews - und 
er glaubt da so recht auf dem Boden der Gegenwart zu stehen, und 
steht auch darauf, insofern diese Gegenwart die Geisteswissenschaft 
ablehnt - und glaubt sagen zu konnen: Gerade diejenige Religion, 
die wir anstreben miissen, die auf Metaphysik begriindet ist, kann, 
wenn sie ehrlich ist, den Christus-BegrifF gar nicht haben. - Nun horen 
wir die Worte an, mit denen Drews den merkwiirdigen Aufsatz 
schliefk: 

«Jede derartige geschichtliche Tradition » - er meint also eine ge- 
schichtliche Tradition, die den Christus geschichtlich iiberlief ert nimmt - 
«aber ist ein Hindernis der Religion, und nicht eher wird das grofie 
Werk der Reformation, das Luther nur erst begonnen hat, zu Ende 
gefiihrt sein, als bis das religiose Bewufitsein auch mit den letzten Re- 
sten eines irgendwie gearteten Geschichtsglaubens aufgeraumt hat.» 



Geisteswissensdiaft wird diesen geschichtlichen Glauben, wie ich sdion 
ofter gesagt habe, aus dem Grunde herstellen, weil sie wirklich in kon- 
kreter Art zu den geistigen Entwickelungsimpulsen fUhrt, die, ebenso 
wie die abstrakte Metaphysik den Gott, den konkreten Christus findet. 
Aber die Metaphysik, die die Gegenwart liebt, wenn sie uberhaupt 
nodi Metaphysik will, die kann nur zum einheitlichen Gott kommen. 
Da hat man kein Recht, zu untersdieiden zwischen dem Vater-Gott 
und dem Christus. 

«Die <deutsche> Religion wird entweder eine Religion ohne Christus 
oder sie wird uberhaupt nicht sein.» 

Das ist tatsachlich dasjenige, was ich Ihnen ofter angedeutet habe. 
Es wird schon ausgesprochen, dafi das Bewufitsein der Gegenwart den 
Christus wird wegmachen miissen, wenn es sich nicht geneigt erklart, 
durch ein Ergreifen der geistigen Welt in konkreter Art, wie es die 
Geisteswissensdiaft tut, diesen Christus wieder zu beleben. Er sagt 
weiter: 

«Wo Gott und Mensch wesentlich eins sind» - denken Sie: uns wirft 
man vor, Gott und Mensch eins zu machen, aber die tun es gerade! -, 
«wo jeder Mensch seiner Anlage nach ein <Christus>, d. h. Gottmensch 
ist, da ist fur einen Jesus Christus keine Stelle. Man mag die von ihm 
berichteten Tatsachen zur Verdeutlichung und Veranschaulichung be- 
stimmter religioser Vorgange heranziehen, so wie die Mystiker dies 
getan haben; man mag sich auch der ihm zugeschriebenen Worte be- 
dienen, um die eigene Meinung zu beleuchten und zu beleben, aber 
dies nicht in einem anderen Sinne, als wie man sich der Worte und 
Taten jedes anderen hervorragenden Individuums bedient.» 

Es ist allerdings merkwiirdig, dai$ man da wiederum die Luge pro- 
tegiert findet; auf der einen Seite wird bewiesen: «der Christus hat 
nicht gelebt», auf der anderen Seite: «man kann sich seiner bedienen 
zur Veranschaulichung ». Dann sagt er weiter: 

«Fiir einen historischen Erlosungsmittler hingegen, gar fur einen 
<einzigartigen> Menschen Jesus, wie er in den Kopfen unserer liberalen 
Theologen spukt, hat die <deutsche> Religion der Gottmenschheit kei- 
nerlei Verwendung. Sie mufi ihn ablehnen, weil sie fur ihren Grund- 
gedanken der Gottmenschheit keines symbolischen Reprasentanten be- 



darf, ein soldier vielmehr ihre Anschauungen nur verwirren konnte. 
Sie mufi ihn vor allem aber audi deshalb fiir iiberfliissig, ja sdiadlidi 
erklaren, weil er ein fremdartiges Element, die bei aller Erhabenheit 
dodi einseitige und fiir uns in den Hauptpunkten unannehmbare evan- 
gelische Ethik, in die deutsche Religionsansdiauung hineinbringt, die 
mit sdiuld ist an der Abwendung der heutigen vom Christentum, und 
deren Widerspruch gegen die von unserem eigenen Wesen uns aufer- 
legten Pflichten wir gerade gegenwartig wieder so tief empfinden.» 

Allerdings ein Satz aus dem ich nidits Redites madien kann. Wie 
zureditkommen mit diesem Denken der Gegenwart? Das ist fiir den, 
der an wirklichkeitsgemafies Denken sidi halt, eine unerfindlidie Sadie. 
Nun geht es weiter: 

«Was grofi und bedeutend ist an den Evangelien, das bleibt der 
Menschheit unverloren, audi wenn es niemals einen Jesus gegeben 
haben sollte und seine Worte einen ganz anderen Ursprung haben 
sollten, als wie man dies bisher gemeint hat: unser Seelenheil konnen 
wir davon jedenfalls nidit abhangig sein lassen. Die Anerkennung 
Jesu als Heilsprinzip zieht nidit nur die ganze dualistische Metaphysik 
des palastinensischen Judentums nadi sidi, die mit dem modernen 
Geiste nun einmal unvereinbar ist, sie bindet audi zugleidi die Religion 
an die Gesdiiditswissensdiaft, lief ert sie den sdiwankenden Meinungen 
des Tages aus und macht zweifelhaft historisdie Gesdiehnisse zum 
Beweisgrunde ewiger religioser Innentatsadien! Die <deutsdie> Religion 
der Gottmenschheit ist als solche eine Religion der eigensten tiefsten 
Innerlichkeit, eine Religion der Freiheit. So aber wird sie nidit eher 
ins Leben treten, als bis wir uns nicht blofi von jedem aufierlichen 
bisherigen Kirchentum und seinem Vermittleransprudi, sondern audi 
von Jesus Christus befreit haben. Denn, wie sagt doch Fichte? <Nur 
das Metaphysisdie, keineswegs das Historisdie macht selig.> Die Meta- 
physik aber weift nichts von einem Jesus Christus. » 

Es ware gut, wenn sich die Menschen bewufit wiirden, dafi dasjenige, 
was moderne Bildung ohne Geisteswissenschaft ist, mit voller Berech- 
tigung zu dieser Konsequenz fiihrt, denn das andere ist eine Halbheit 
und deshalb unwahrhaftig; man wiirde dann darauf kommen, dafi 
Geisteswissenschaft wirklich nicht etwas ist, was wie willkiirlich in die 



Gegenwart hineingetrieben wird, sondern was tatsachlich mit den tief- 
sten Anforderungen, den wahren Anforderungen der Gegenwart mit 
Bezug auf die Menschenseele, zusammenhangt. 

Wir sind eben seit 1413 nach dem Mysterium vonGolgatha in diesem 
fiinften nachatlantischen Zeitraum drinnen, der noch fremder gewor- 
den ist durch die eigene menschliche Entwickelung der geistigen Welt. 
Wir konnen nicht anders, als von der Seele selbst aus, durch ureigene 
seelisdie Impulse, die nicht mehr das Korperliche hergibt, unseren An- 
schlufi an das Geistige finden. Und weil die Menschen heute noch nicht 
so weit vom Christentum durchdrungen sind, dafi sie die Notwendig- 
keit des seelischen Anschlusses an die Geisteswelt verspiiren wiirden, 
deshalb verfallen sie in der Weise in die Abstraktion, wie ich es Ihnen 
geschildert habe. Deshalb sind alle Begriffe heute abstrakt geworden. 
Es ist wirklich etwas was zusammengehort, die Unchristlichkeit der 
Gegenwart und die Abstraktheit der Begriffe, die Unwirklichkeit der 
Begriffe. Unsere Begriffe werden unwirklich bleiben, wenn wir sie nicht 
wiederum zu verbinden wissen mit dem im Geiste lebendigen Christus, 
der sie uns ebenso lebendig machen kann, wie die alten indischen 
Patriarchen durch ihre Personlichkeit das lebendig gemacht haben, was 
Recht und Gesetz war. Unsere Rechte und Gesetze sind heute selber 
abstrakt. Wenn man eine Briicke falsch baut, dann sieht man bald 
daran, wenn sie einstiirzt, dafi sie nach falschen Begriffen aufgebaut 
ist. Im sozialen Leben kann man quacksalbern, da weist sich dann das 
Quacksalbern erst an den Ungliicken nach, die die Menschen in solchen 
Zeiten erleben miissen, wie in der unsrigen, und da hat man den Zusam- 
menhang nicht so schnell. Wenn eine Briicke einstiirzt, dann gibt man 
dem Ingenieur die Schuld, der die Briicke gebaut hat; wenn Ungliick 
uber die Menschheit kommt durch Begriffe, die nicht in die Wirklich- 
keit eingreifen, dann gibt man allem moglichen Schuld, nur nicht dem 
Umstande, dafi wir eben jetzt durch eine Krisis durdigehen, in der die 
Menschen die wahren Empfindungen fur einen Begriff eben nicht mehr 
haben, der mit der Wirklichkeit verwandt ist, und einem Begriff, der 
wirklichkeitsfremd ist. 

Ich mochte noch einmal jenes Beispiel brauchen aus der aufieren 
physischen Welt, damit Sie noch einmal vor Ihre Seele diesen Unter- 



schied zwisdhen wirklichkeitsverwandten undwirklichkeitsfremdenBe- 
grifFen fiihren. Wenn Sie einen Kristall nehmen: der kann, wenn Sie 
ihn als Kristall denken, audi als Kristall bestehen; denn so entsteht er, 
so ist er wirklich. Bauen Sie sidi also den BegrifF eines sedisseitigen 
Prismas, geschlossen oben und unten von sedisseitigen Pyramiden auf, 
so haben Sie einen wirklichkeitsgemafien BegrifF von Quarz. Bauen Sie 
sich den BegrifF einer Blume ohne Wurzel auF, so haben Sie einen un- 
wirklichen BegrifF; denn eine Blume ohne Wurzel kann in der Wirk- 
lidikeit nicht leben. Fiir denjenigen, der nidit nach Wirklidikeit strebt, 
Fur den ist eine Blume, wenn sie am Stiele abgerissen ist, gerade so 
etwas Wirkliches, wie ein Quarzkristall. Aber das ist nidit wahr. Die 
Vorstellung einer Blume ohne Wurzel kann derjenige, der real denkt, 
iiberhaupt im Gedanken nidit vollziehen. Das miissen die Mensdien 
erst wieder lernen, wirklichkeitsgemafie BegrifFe zu bilden. Ein Baum, 
der ausgegraben ist, ist schon nicht mehr eine Wirklidikeit, wenn wir 
sie als BegrifF bilden. Und wenn wir diese Empfindung haben, er sei 
eine Wirklidikeit, so ist es nidit richtig, denn er kann nicht leben, 
ohne in der Erde mit der Wurzel zu stecken; er dorrt ab, er kann nidit 
mehr im Leben sein. Da haben Sie den Unterschied! 

Aber solches Denken kann nicht wirklichkeitsgemafie BegrifFe bilden, 
sonst wiirde nieht jemand wie der Professor Dewar sagen, dafi man 
ausdenken konne einen realen Endzustand der Erde, wo man mit Ei- 
weift, das in blaulichem Lichte erstrahlt, die Wande bestreicht und so 
weiter; das alles kann nicht real sein. Das mufi eine Denkgewohnheit 
werden, sonst kann man in die geistige Welt nur hineinphantasieren. 
Nur derjenige, der einen BegrifF, dessen was lebendig und tot ist, bilden 
kann, der kann einen BegrifF fiir die geistige Welt haben. Wer aber 
einen Baum ohne Wurzel oder eine geologische Schichte als real an- 
sieht - die ja audi nicht bestehen kann, ohne dafi eine andere darunter, 
eine andere dariiber liegt -, wer so denkt, wie die Geologen, die Phy- 
siker, namentlich die Biologen denken, wer einen Zahn Fiir sich denkt, 
wahrend doch ein Zahn nicht fiir sich bestehen kann, der denkt nicht 
real. Daher ist es heute so, dafi unter den nicht der Geisteswissenschaft 
Ergebenen, fiir reale BegrifFe nur noch bei der Kiinstlerschaft, aus- 
genommen die reinen Naturalisten, ein Verstandnis dafiir vorhanden 



ist, dafi etwas von gewissen Gesichtspunkten aus real oder unreal ist, 
wenn etwas anderes nicht dabei ist und dergleichen. 

Das ist aus der aufieren, physischen Welt entlehnt. Aber unter solchen 
unwirklichen Begriffen leidet heute alles, was Nationalokonomie ist, 
was Staatswissensdiaft ist namentlich. Daher dieses Unmogliche der 
Staatswissensdiaft, das idi Ihnen nachgewiesen habe an dem Budie von 
Kjellen: «Der Staat als Lebensform.» Wenn jemand ein solches Buch 
schreiben wiirde auf naturwissenschaftlichem Gebiete - Sie wissen, ich 
habe grofien Respekt vor Kjellen wie dieses Buch «Der Staat als 
Lebensform», das heute so viel gelesen wird und in solchem Ansehen 
steht, der wiirde einfach ausgelacht. Man kann nicht uber ein Kroko- 
dil so schreiben, wie uber den Staat, weil kein einziger Begriff real 
gedacht ist, mit denen er sein Buch fiillt. 

Das ist aber das, was sich die Menschheit aneignen mufi; dann wird 
sie namentlich unterscheiden lernen dasjenige, was fahig ist, in die so- 
ziale Ordnung hineinzugehen, und dasjenige, was unfahig ist, in die 
soziale Ordnung einzugehen. Denken Sie, wie notwendig wir es heute 
haben, uber diejenigen Menschen, die auf russischem Boden leben, reale 
Vorstellungen zu gewinnen. Es ist merkwurdig, wie wenig sich die 
Menschen Miihe geben, uber so etwas reale Vorstellungen zu bekom- 
men. Dasjenige, was heute die Menschen hier, oder sonst in West- oder 
Mitteleuropa uber die Natur der russischen Bevolkerung denken, ist 
ganz feme jeder Realitat. Ich habe einen Aufsatz vor ein paar Tagen 
gelesen, da wird auseinandergesetzt: Die Russen sind zum Teil noch 
in der mittelalterlichen Mystik drinnen, sie haben jene Intellektualitat 
nicht durchgemacht, welche im Westen und in Mitteleuropa seit dem 
Mittelalter gang und gabe ist. Und es wird bemerklich gemacht, dafi 
die Russen nun werden anfangen miissen, diese Intellektualitat ebenso 
zu erreichen, die die andere europaische Bevolkerung nun glucklich er- 
reicht hat, weil der BetrefTende keine Ahnung hat, dafi der ganze 
russische Charakter ein durchaus anderer ist. 

Reale Dinge zu studieren fallt den Menschen heute gar nicht ein. Wo 
reale Dinge auftreten, da empfinden die Menschen heute gar nichts 
mehr Rechtes. Einer unserer Freunde hat versucht, dasjenige zusam- 
menzubinden, was ich in meinen Biichern iiber Goethe geschrieben 



habe, mit dem, was ich einmal hier vorgetragen habe iiber den mensch- 
lichen und kosmischen Gedanken. Er bat ein russisches Bucli daraus ge- 
macht, ein merkwiirdiges russisches Buch. Das Buch ist schon erschie- 
nen. Ich bin iiberzeugt davon, es wird in Rufiland von einer gewissen 
Schichte der Bevolkerung aufierordentlich viel gelesen werden. Wiirde 
es ins Deutsche iibersetzt werden oder in andere europaische Sprachen, 
so wiirden es die Leute sterbenslangweilig finden, weil sie keinen Sinn 
haben fur die fein ausziselierten Begriffe, fur die wunderbare Filigran- 
arbeit der Begriffe, mochte ich sagen, die da gerade in diesem Buche 
auffallt. Es ist dieses ganz merkwiirdig, dafi im russischen Charakter, 
wie er sich entwickeln wird, etwas ganz anderes auftreten wird als im 
iibrigen Europa, daf5 da nicht wie im iibrigen Europa Mystik und 
Intellektualitat getrennt leben werden, sondern eine mystische Natur 
sich ausleben wird, die selbst intellektualistisch wirkt, und eine In- 
tellektualitat, die nicht ohne mystische Grundlage bleibt, dafi da etwas 
ganz Neues heraufkommt: eine Intellektualitat, die zugleich Mystik 
ist, eine Mystik, die zugleich Intellektualitat ist, aber schon so gewach- 
sen, wenn ich mich so ausdriicken darf. Dafiir ist nicht das geringste 
Verstandnis vorhanden, und doch ist das dasjenige, was in diesem 
ostlichen Chaos jetzt aber noch ganz verborgen lebt, denn es wird erst 
in dieser Eigenart, die ich nur in ein paar Strichen angedeutet habe, 
sich ausleben. Aber um diese Dinge zu verstehen, mufi man eben das 
Gefiihl haben fur die Realitat der Vorstellungen; fiir die Wirklichkeit 
der Ideen. Das ist aber heute so notwendig wie nur irgend etwas, dafi 
man sich diese Empfindung, dieses Gefiihl fiir die Wirklichkeit der 
Ideen aneignet, sonst wird man immerwieder undwiederum abstrakte 
politische Programmpunkte, schone politische Reden halten fiir etwas, 
was wirklich schopf erisch sein konnte, wahrend es nicht wirklich schop- 
ferisch sein kann. Man wird keine Empfindung gewinnen konnen fiir 
diejenigen Punkte in der Geschichte, die sehr lehrreich sein konnten, in 
denen, wenn man sie wirklich verfolgt, ein Etwas auftritt, was auch 
fiir die Gegenwart aufierordentlich lehrreich sein konnte. 

Ein Beispiel dafiir will ich Ihnen anfiihren, das sehr charakteristisch 
ist. Fiir denjenigen, der an den Ratseln der Gegenwart, ich mochte 
sagen, sich abplagt, taucht immer wieder und wiederum die Mitte 



des achtzehnten Jahrhunderts, namentlich die sechziger Jahre des acht- 
zehnten Jahrhunderts auf; denn da sind audi merkwiirdige europaische 
Entwickelungsimpulse, die, wenn man. versucht, sie zu verstehen, fiir 
die Gegenwart sehr lehrreich sind. Sie wissen, in der damaligen Zeit 
war die europaische Konstellation so - es war ja die Zeit wahrend des 
Siebenjahrigen Krieges dafi England und Frankreich tief zerfallen 
waren, namentlich wegen der nordamerikanischen Verhaltnisse, dafi 
England mit Preufien im Bundnisse war, Frankreich auf der anderen 
Seite mit Osterreich im Bundnisse war, und dafi, solange die russische 
Zarin Elisabeth herrschte, in Rufiland eine absolut feindliche Stim- 
mung gegen Preufien war, so dafi man schon sprechen kann von einem 
Biindnis zwischen Rufiland, Frankreich und Osterreich gegen Preufien 
und England. Das hatte Verhaltnisse heraufgefuhrt, die gewifi, man 
kann sagen, gegen die heutigen etwas sind wie eine Sache en miniature, 
die aber fiir die damalige Zeit etwas sehr ahnliches darboten an euro- 
paischem Chaos. Und insbesondere der Anfang der sechziger Jahre - 
wenn Sie eingehen auf die Verhaltnisse - ist unserem Jahr 1917 ja gar 
nicht so unahnlich. Nun ist das Merkwiirdige, dafi ich da das Folgende 
erwahnen mochte: Am 5. Januar, glaube ich, war es, da war die Zarin 
Elisabeth gestorben; wie die Historiker sagen: Sie hatte ihr nur selten 
nuchternes Leben beendet, denn sie war den grofiten Teil ihres Lebens 
betrunken, so erzahlt die Geschichte. Die Zarin Elisabeth war gestor- 
ben. Und ihr Schwestersohn stand damals vor den dazu Befugten, 
um die Zarenkrone sich aufs Haupt setzen zu lassen. Eine merkwiir- 
dige Personlichkeit, die da stand am 5. Januar 1762 zur feierlichen 
Ubernahme der Zarenwiirde in der hohen Auszeichnung des Preo- 
brashenskischen Regimentes, mit der griinen Jacke, dem roten Kragen 
und roten Aufschlagen, der strohgelben Weste, strohgelben Hosen, 
mit Gamaschen, die iiber die Knie hinaufgingen, weil er schon als 
Grofifiirst sich daran gewohnt hatte, niemals die Knie zu beugen, 
wenn er ging, sondern mit steifen Knien zu gehen schien ihm wiirde- 
voller, mit langem Zopf, zwei gepuderten Rollen, einem Hut mit 
umgebogener Krempe und einem richtigen Knotenstock, den er als 
sein Symbol trug. Sie wissen, dafi Katharina seine Gemahlin war. Er 
iibernahm die Zarenkrone. Und er wird von der Geschichte geschildert 



so mehr als ein unreif gebliebener junger Mann. Es ist aufterordentlich 
schwierig zu priifen, was das eigentlich fiir eine Person lichkeit war. 
Hochst wahrscheinlich war er wirklich eine ganz unreife, fast schwach- 
sinnige Personlichkeit. Der trat also die Zarenwiirde an in einem be- 
deutungsvollsten Momente der europaischen Entwickelung. Neben ihm 
lebte jene Frau, die schon als siebenjahriges Madchen in ihr Tagebuch 
geschrieben hatte, daft sie nichts sehnlicher wiinschte, als die unab- 
hangige Herrscherin der Russen zu werden, deren Traum es war, 
Selbstherrscherin zu sein, deren Stolz es gewesen zu sein scheint, daft 
sie niemals notig hatte, unter ihrer unmittelbaren Nadikommenschaft 
ein echtes Kind ihres Zarenmannes zu haben. Nun, die Situation war 
dazumal so, daft lange Krieg war, und die Volker sich alle nach Frie- 
den sehnten oder wenigstens so fiihlten, als ob der Friede zum Segen 
gereichen wiirde, aber man ihn nicht haben konnte. 

Da erschien schon im Februar, nachdem der, wie es heiftt, schwach- 
sinnige Peter HI. den Zarenthron bestiegen hatte, ein russisches Mani- 
fest an die anderen Machte Europas. Das ist merkwiirdig. Deshalb 
will ich es Ihnen in der Ubersetzung wortlich vorlesen. Dieses Mani- 
fest ging namlich an die Gesandten Osterreichs, Frankreichs, Schwe- 
dens und Sachsens; Kursachsen war damals mit Polen vereinigt: 

« Seine Kaiserliche Majestat, welche bei der gliicklichen Besteigung 
des Throns Ihrer Vorfahren es als Ihre erste Schuldigkeit betrachten, 
das Wohl Ihrer Untertanen zu erweitern und zu vermehren, sehen 
mit dem auftersten Leidwesen, daft das gegenwartige, seit sechs Jahren 
dauernde Kriegsfeuer, welches alien darinnen begrifFenen Machten 
schon lange beschwerlich fallt, statt seinem Ende sich zu nahern, zum 
grofien Ungliick aller Nationen je langer je weiter um sich greift, und 
daft das menschliche Geschlecht durch diese Plage desto mehr leiden 
muft, da das Schicksal der WafFen, das bis zur Stunde so vieler Un- 
gewiftheit unterworfen gewesen, solches nicht weniger fiir die Zukunft 
ist. Da Seine Kaiserliche Majestat bei solchen Umstanden aus Gefiihl 
der Menschlichkeit mit der unniitzen Vergieftung unschuldigen Blutes 
Mitleid tragen und Dero Seits einem solchen TJbel Einhalt tun wollen, 
so finden Sie notig, den Alliierten von Ruftland zu deklarieren, daft, 
indem Sie das erste Gesetz, das Gott den Souverainen vorschreibt, 



namlich die Erhaltung der ihnen anvertrauten Volker, alien Betrach- 
tungen vorziehen, Sie wtinschen, Dero Reichen den Frieden zu ver- 
schaffen, der denselben so notig und so kostbar ist, und zu gleidier Zeit 
so viel als moglich dazu beizutragen, dafi soldier in dem ganzenEuropa 
hergestellt werde. In dieser Absicht sind Seine Majestat bereit, die in 
diesem Kriege durch die Russischen Waffen gemachten Eroberungen auf- 
zuopfern, in der Hoffnung, dafi samtliche alliierte Hofe Ihrerseits die 
Riickkehr der Ruhe und des Friedens den Vorteilen vorziehen werden, 
die Sie von dem Kriege erwarten konnten und die nicht anders als durch 
weiteres Vergiefien von Menschenblut zu erhalten sind. Um deswillen 
raten Seine Kaiserliche Majestat Ihnen in der besten Gesinnung, Ihrer- 
seits zur Vollendung eines so grofien und heilsamen Werkes alle Ihre 
Krafte aufzuwenden. St. Petersburg, den 23. Februar 1762.» 

Ich mochte fragen: Wirdman heute ein richtiges Geftihl dafiir haben, 
dafi dieses Manifest so konkret wie moglich ist, dafi es unmittelbar 
wirklichkeitsgeboren ist? Das mufi man empfinden! Ein unmittelbar 
aus der Wirklichkeit heraus empfundenes Manifest. Wenn man die 
Noten liest, die auf dieses Manifest geliefert wurden, dann liest man 
Deklarationen, welche ungefahr den Stil haben, den die letzten En- 
tente-Noten, insbesondere die Note jenes Woodrow Wilson hatten, die 
auch wieder die neueste Note Woodrow Wilsons hat, die ich Ihnen ja 
auf ihre Art charakterisiert habe. Alles abstrakt, abstrakt, abstrakt! 
Alles nichts von Wirklichkeit! Doch da, wo man am 23. Februar 1762 
neuen Stils dies geschrieben hat, was ich eben vorgelesen habe, da wal- 
tete irgend etwas ganz Merkwiirdiges, trotzdem der Zar so dastand, 
wie ich es eben geschildert habe, etwas ganz Merkwiirdiges; da mufi 
irgendeine Macht dahinter gewesen sein, die so etwas machen konnte, 
die Sinn fur die Wirklichkeit hatte. Denn nachdem die anderen ab- 
strakten Deklarationen entgegengekommen waren, die alle solche Dinge 
enthielten — man nennt sie heute «annexionslosen Frieden», «V6lker- 
freiheit» und wie die Abstraktionen alle heifien -, nachdem alle diese 
Deklarationen wiederum Rufiland erreicht hatten, da ging wiederum 
von Peter, dem Schwachsinnigen, eine Antwort aus, die der russische 
Gesandte, Furst Gallitzin, am Wiener Hofe am 9. April iiberreichte. 
Horen Sie diese Deklaration an! In der heifit es: 



«Die schori von Kaiser Peters I. Zeiten her zwischen den kaiser lich 
russischen unci koniglich preufiischen Hofen gepflogene Freundsdiaft 
hat in den letzten Jahren durch blofi zufallige Vorfalle und Verande- 
rungen im System Europas eineErschiitterung erlitten. Da nun aber der 
dadurch ausgebrochene Krieg weder ewig dauern kann, noch die durch 
einen solchen erlangten Vorteile die Freundschaft einer Macht hintan- 
zusetzen vermochten, die so viele Jahre hindurch ein nutzlicherBundes- 
genosse gewesen und noch kunftig sein kann, so haben Seine Russisch- 
Kaiserliche Majestat sich vorgesetzt, mit dem Konige von Preuflen nicht 
allein einen dauerhaften Frieden, sondern auch nach Erforderung Ihres 
Interesses annoch einen weitern Allianz-Traktat zu schliefien.» 

Und nun, bitte, horen Sie das ungeheuer Geniale, das jetzt kommt: 

«Die Ursachen, die Seine Russisch-Kaiserliche Majestat haben, solches 
zu beschleunigen, bediirf en keiner weitlaufigen Erklarung, indem leicht 
zu erweisen ist, dafi man einen so allgemeinen Frieden, wie der west- 
f alische gewesen, von den unendlichen Veranderungen der WafFen und 
den so unterschiedenen Absichten nicht zu erwarten hat und derselbe 
nicht dauerhaft sein kann. Bei dem Westfalischen Frieden haben einem 
jeden die schon erworbenen Besitzungen versichert werden miissen; 
jetzt aber kommt es auf Pratentionen an, die erst aus dem Kriege ent- 
standen und nicht wohl zu vereinbaren sind, da man, zumal zu An- 
fang des Krieges, darauf bedacht gewesen, mehr Machte in denselben 
hineinzuziehen, als dafi man iiberlegte, wo die vielen so eilfertig er- 
richteten Traktaten und Verbindungen hinausgehen wurden.» 

Man kann sich ein genialeres Regierungsdokument nicht denken. 
Denken Sie, wenn es jetzt jemand einsehen konnte, dafi es auf Praten- 
tionen ankommt, die erst in diesem Kriege entstanden sind! 

«Der Russisch-Kaiserliche Hof hat allein jederzeit auf der Notwen- 
digkeit bestanden, die voneinander so unterschiedenen Interessen und 
Forderungen erst zu vereinbaren, ehe ein Generalkongrefi angestellt 
wiirde. Der Wienerische Hof schien solches zu begreifen, weshalb er, 
doch ohne jemals auf die Kaiser lich-Russischen Gesinnungen direkt zu 
antworten, sich nur kurz auf die zu seinem Vorteil genommene Abrede 
berief, und indem er die andern Forderungen mit Stillschweigen iiber- 
ging, alles vom moglichen Gliicke der WafTen erwartete . . . 



Der seither zwischen England und Spanien hinzugekommene Krieg 
vermehrt das allgemeine Elend und beut kein Mittel, den Krieg in 
Deutschland zu hemmen, wenn audi England zur See alles anwendet. 
Schweden, das ohne Nutzen und Hoffnung, ja mit Verlust seines eige- 
nen Ruhmes, erschopft, sdieint weder den Krieg fortzusetzen nocli 
endigen zu diirfen. Da nun alle an dem gegenwartigen Kriege teil- 
habenden Hofe nur abzuwarten sdiienen, wer den ersten und entsdiei- 
dendsten Schritt zur Herstellung des Friedens tun wiirde, und Seine 
Russisch-Kaiserlidie Majestat jetzo dazu aus warmem Erbarmen und 
in Erwagung der Gefalligkeiten, die Ihr von des Konigs von Preufien 
Majestat bezeigt wurden, allein imstande ware, so kommt Ihr audi zu, 
gedachten Schritt um so eher zu tun, als Sie solche Gesinnungen gleich 
beim Antritt Ihrer Regierung unterm 23. Februar alien Hofen eroffnet 
haben.» 

Der Friede kam zustande, und zwar infolge desjenigen, was durdi 
dieses konkrete, reale Dokument eingeleitet worden ist. Aber man 
mufi sich eine Empfindung erwerben fiir dasjenige, was uns die Ge- 
schichte iiberliefert, eine Empfindung fiir Ideen und Vorstellungen er- 
werben, die unmoglich in die Realitat eingreifen konnen, und solche 
Ideen und Vorstellungen, die tief aus der Wirklichkeit heraus entlehnt 
sind, daher auch die Wirklichkeit tragen konnen. Man soil daher nicht 
glauben, dafi Worte immer nur Worte sind; Worte konnen auch Taten 
sein, aber sie miissen wirklichkeitsgetragen sein. Man mufi sich eben 
iiberzeugen, dafi wir in der Gegenwart durch eine Krisis hindurch- 
gehen, dafi wir in einer neuen Weise den Ansdilufi an die "Wirklichkeit 
finden miissen. Daher erscheinen einem heute die Menschen so wirk- 
lichkeitsfremd. Wir sehen es ja auf Schritt und Tritt. Lassen Sie mich 
ein kleines Beispiel anfuhren: Heute wird dadurch so viel Unwahr- 
haftiges gehort und in die Tat umgesetzt, weil die Menschen wirklich- 
keitsfremd geworden sind und daher audi nicht den Sinn haben fiir 
die richtige Anftihrung und Auffassung der Tatsachen. Es ist sehr wich- 
tig, audi die heutige Unwahrhaftigkeit in Zusammenhang mit der 
Krisis zu bringen, durch die wir durchgehen. Nehmen Sie ein nahe- 
liegendes kleines Beispiel. Da erscheint eine kleine Zeitschrift, sie nennt 
sich: «Der unsichtbare Tempel», also selbstverstandlich eine Zeitschrift, 



in welcher die abstrakten Mystlinge - ich will sagen Mystiker - etwas 
Tiefes zu finden gedenken. Der unsichtbare Tempel - tief, tief! «Mo- 
natsschrifl zur Sammlung der Geister.» Nun, ich will auf die Sache 
nidit weiter eingehen; aber da wird in einem Heft audi iiber Monisten 
und Theosophen gesprochen. Verschiedenes recht Torichtes wird gesagt. 
Dann aber kommt ein merkwiirdiger Satz, den ich Ihnen vorlesen 
will, denn diese Zeitschrift ist ja das aufiere Organ einer Gesellschaft, 
die heute unter Horneffers Fiihrung den Anspruch macht, die Welt zu 
erneuern: 

«So verschieden die Richtung der Monisten von der der Theosophen 
ist, und so eifrig sie sich gegenseitig bekampfen und verachten, so sind 
sie sich doch in dem einen Punkte merkwurdig ahnlich, daft sie das 
Wort Wissenschaft gleichsam fiir sich mit Beschlag belegen. Was sie 
selber treiben, ist wahre, reine Wissenschaft; was andere Leute treiben, 
ist Schein- und Afterwissenschaft. So bei Haeckel und so bei Rudolf 
Steiner zu lesen.» 

Nun bitte ich Sie, nehmen Sie alles dasjenige, was ich jemals geschrie- 
ben und gesagt habe, und versuchen Sie das zu finden, wovon hier 
behauptet wird, dafi es bei mir zu lesen ist. Aber wie viele Leute sind 
heute bereit, in diesen Fallen das Kind beim rechten Namen zu nennen: 
es ist verlogen, eine ganz gewohnliche Luge! Das mufi man aber audi 
einsehen. Man mufi das Kind beim rechten Namen nennen. Nicht wahr, 
daft schlieftlich Horneffer, dem ich einstmals, als er Nietzsche-Heraus- 
geber war, nachweisen mufite, daft er nicht eine Spur von Nietzsche- 
Verstandnis hat, und das torichteste Zeug zusammengeschrieben und 
auch herausgegeben hat als Nietzsche-Herausgeber, dafi der schliefilich 
solche Dinge schreibt, kann man verstehen, aber solche Dinge werden 
im Ernste genommen. Daher ist es moglich, dafi heute das schlimmste, 
diimmste Gauklertum mit dem ernsten Bestreben der Geisteswissen- 
schaft verwechselt und zusammengeworfen wird, und dafi vor alien 
Dingen die Liigen nicht Liigen genannt werden, was das Richtige ware. 

Nun, das mufi eben gelernt werden, daft ein neuer Anschlufi an die 
Wirklichkeit gefunden werden mufi. Denn was ist das ietzte, was 
geblieben ist aus jener alten Zeit der ersten nachatlantischen Kultur- 
periode, wo die Patriarchen in den funfziger Jahren das Geistige durch 



naturgemafie Entwickelung in sidi aufgenommen haben? Was ist ge- 
blieben durdi die Griechenzeit hindurdi bis in unsere Zeit herein? 
Geblieben ist von alledem dasjenige, was wir die Genies nennen. Da 
ist noch gewissermafien eine Abhangigkeit von der Natur, wenn die 
genialen Fahigkeiten auftreten. Diejenigen Genies, die die funfte Kul- 
turperiode hat } werden die letzten Genies unserer Erdenentwickelung 
sein. Genies wird es in Zukunft nicht mehr geben. Das ist wichtig zu 
wissen. Jene Genialitat, die eine Naturgabe ist, die hort auf - man 
mufi sidi schon ungeschminkt der Wirklichkeit gegeniiberstellen da- 
fur mufi die erarbeitete Genialitat eintreten, jene Genialitat, weldie 
mit einer lebendigen Verbindung des Menschen mit der sidi offenbaren- 
den Geistigkeit von aufien zusammenhangen mufi. Es ist ungeheuer 
interessant, wenn man die Tatsachen in diesem Zusammenhang einmal 
sich vor die Seele stellt. 

In unserer Zeit treten Mensdien auf, die sehr haufig auf dem einen 
oder anderen Gebiet das sehen, worauf es ankommt, wie das bei Robert 
Scheu der Fall ist, auf den ich hier vor vierzehn Tagen aufmerksam 
gemacht habe. Aber es f ehlt ihnen die Moglichkeit, das in einem groften 
Zusammenhang drinnen zu sehen, wirklich in einen Zusammenhang 
mit der ganzen Weltenentwickelung hineinzustellen. 

Nun ist ja wirklich ein sehr interessanter Mensch jener Psychologe 
gewesen, der jetzt im Marz 1917 gestorben ist; ich habe schon auf den 
Namen hingewiesen, Franz Brentano. Nicht nur dafi er der bedeu- 
tendste Aristoteles-Kenner der Gegenwart war, sondern er war iiber- 
haupt fiir die Denkweise der Gegenwart ganz charakteristisch. Ich habe 
Sie aufmerksam gemacht: er hat eine Seelenkunde zu schreiben begon- 
nen. Im Jahre 1874 erschien der ersteBand, der zweite sollte imHerbst 
erscheinen, und es sollten noch mehrere Bande nachfolgen. Nichts er- 
schien mehr, nicht im Herbst der zweite Band, nicht die f olgenden Bande. 
Ich habe die Uberzeugung - und nicht aus etwas anderem heraus, als 
aus einer griindlichen Kenntnis Franz Brentanos, denn ich kenne so- 
wohl Franz Brentanos personliche Art vorzutragen, von Wien her; 
ich kann mich kaum entschlagen, doch zu sagen, dafi es kaum irgend- 
eine gedruckte Zeile von Brentano gibt, die ich nicht gelesen habe, ich 
kenne seine ganze Entwickelung, ich kann mir daher schon eine Uber- 



zeugung bilden; sie besteht darin, dafi Brentano als ehrlicher Mann 
einfacii die folgenden Bande nidit erscheinen lassen konnte. Denn er 
lafit schon im ersten Bande merken, dafi er auf eine Anschauung iiber 
die Unsterblidikeit der Seele hinarbeitet. Das driickt er klar aus. Aber 
er konnte nicht ohne Geisteswissenschaft, die er nicht haben wollte — 
die Geisteswissenschaft schlofi er aus, die wollte er nicht haben -, ohne 
Geisteswissenschaft konnte er nicht iiber den ersten Band hinauskom- 
men, viel weniger bis zum funften Band, wo er die Unsterblidikeit der 
Seele beweisen wollte. Er schlofi die Geisteswissenschaft aus. Er ist ja 
gerade der Erfinder dessen, was so viele Philosophen des neunzehnten 
Jahrhunderts beschaftigt hat: «Vera philosophiae methodus nulla alia 
nisi scientiae naturalis est.» «Die wahre Geisteswissenschaft hat keine 
andere Forschungsart als die Naturwissenschaft.» Diesen Satz hat er 
aufgestellt als eine Dozententhese bei seinem Antritte im Jahre 1866, 
wo er aus dem Dominikanerorden ausgetreten ist und in Wiirzburg 
Professor wurde. Philosophic war dazumal schon ganz verachtet. Als er 
das erste Mai in den Horsaal kam, wo ein Anhanger Baaders bis dahin 
gelehrt hatte, da war angeschrieben im Horsaal: Schwefelfabrik. 

Nun war er ein geistreicher Mann, er kam so weit als man kommen 
konnte mit der These, die ich eben angefiihrt habe, aber er konnte 
nicht hineinkommen in die Geisteswissenschaft. Daher blieb es beim 
ersten Band. Was er spater geschrieben hat, sind einzelne Fragmente. 
Aber eine Abhandlung von ihm ist aufierordentlich interessant. Diese 
Abhandlung ist die Wiedergabe eines Vortrages, den er gehalten hat. 
Und Franz Brentano war ein feiner Beobachter; er war kein Mensch, 
der aufsteigen konnte von der Beobachtung der aufieren Welt zum 
Geistigen, aber er war ein feiner Beobachter. Und diese Abhandlung, 
die ich jetzt meine, ist eigentlich die Bekampfung der Idee vom Genie. 
Sie heifit: «Das Genie ». Aber es wird darin eigentlich bekampft die 
Mdglichkeit, dafi aus irgendwelchen unterbewulken Grundlagen heraus 
das kommt, was Genie ist. Es wird dargestellt, dafi dasjenige, was sich 
als Genie auslebt, sich im wesentlichen auf eine schnellere, iiberschau- 
endere Behandlung der Welt stiitzt, als sie vom gewohnlichen Menschen 
angestrebt und erreicht wird. Sehr interessant ist diese Abhandlung; 
denn obwohl Brentano keine Geisteswissenschaft erringen konnte: er 



war ein feiner Beobachter und konnte eigentlidi in dem Beobaditen 
des wirklichen Lebens der Gegenwart den Genie-Begriff nicht mehr 
finden. Er war ehrlich genug, den Genie-Gedanken zu bekampfen. 

Soldie Dinge erscheinen einem geradezu als Ratsel, wenn man nicht 
auf die tieferen Grundlagen der Menschheitsentwickelung eingeht, 
wenn man nicht weifi, dafi dasjenige, was das Genie in der Zukunft er- 
setzen wird, darinnen bestehen wird, dafi gewisse Menschen sich dazu 
finden werden, die in einer anderen Weise als es in alten Zeiten der 
Fall war, Umgang haben werden mit der geistigen Welt. Und weil sie 
das haben werden, werden sie aus der geistigen Welt die Impulse be- 
kommen, die sich dann in dem aufiern, was in der Zukunft Equivalent 
ist mit demjenigen, was in der Vergangenheit von Genies geschaffen 
worden ist. So weit geht der Entwickelungsgedanke: Es ist alles, alles 
anders gewesen in alten Zeiten, es wird alles anders sein in Zukunfts- 
zeiten. - Ich weifi sehr wohl, wie einen heute noch die Leute auslachen, 
wenn man solche Dinge sagt, aber die Dinge sind eben der konkreten 
Betrachtung der Wirklichkeit entnommen, wahrend man sich heute in 
Begriffe verliebt. Es hat sich zum Beispiel einer den Begriff gebildet: 
Fur gewisse Krankheiten ist Bewegung gut. Dagegen ist nichts einzu- 
wenden. Dann kommt aber einer zu ihm, der ihm iiber Krankheit klagt, 
und er findet, dafi das die Zustande sind, fiir die Bewegung gut ist. Er 
rat dem Kranken, sich viel Bewegung zu machen, der sagt ihm aber: 
Sie verzeihen, Sie vergessen wohl, dafi ich Brief trager bin! - Die Be- 
griffe sind eben nicht real, wenn man nicht weifi, dafi sie nur Instru- 
mente fiir die Wirklichkeit sind, wenn man nicht weifi, dafi man nie 
dogmatisieren darf. - Ich sagte ja, ebenso gilt auch der Begriff nicht: 
Der Tiichtigste an der richtigen Stelle, wenn man nachher uberzeugt 
ist, dafi der Neffe oder der Schwiegersohn der tiichtigste Mann ist. Auf 
die Wirklichkeit kommt es an, nicht auf Begriffe, in die man sich ver- 
liebt. Diese Empfindung mufi man erhalten, sonst wird man nichts 
lernen aus der Geschichte, auch nichts aus der Wirklichkeit der Gegen- 
wart, und sonst wird man auch nicht zu einer Moglichkeit kommen, 
den Christus Jesus wieder zu finden. 

An diese Betrachtung wollen wir heute in acht Tagen ankniipfen. 



VIERTER VORTRAG 



Berlin, 26.Juni 1917 

Ich werde heute episodisdi unserer fortlaufenden Betrachtung einiges 
einzufiigen haben, hervorgerufen zum Teil durch Zeiterscheinungen 
und audi durch das Verhaltnis unserer anthroposophischen Bewegung 
zu den Gedanken und Beurteilungsweisen der Zeit. 

Zunachst mochte ich iiber eine Zeitbestrebung sprechen, die von 
einem gewissen Gesichtspunkte aus fiir uns ganz interessant sein kann. 
Ich habe Ihnen ofter gesagt im Verlaufe unserer anthroposophischen 
Betrachtungen den Namen des Naturforschers — und speziell ist er 
Kriminalanthropologe - Moritz Benedikt; allein er dehnte das Gebiet 
seiner naturwissenschaftlichen Betrachtungen auf die verschiedensten 
Erscheinungen aus. In der letzten Zeit hat er sich namentlich beschaf- 
tigt, intensiv und eingehend beschaftigt mit wissenschaftlichen Ver- 
suchen iiber die sogenannte Rutengangerei. Die Rutengangerei hat ja 
auch durch die Verhaltnisse dieses Krieges eine gewisse Bedeutung 
gewonnen. Sie wissen, die Rutengangerei beruht im wesentlichen dar- 
auf, dafi mit einer bestimmt geformten, gabelformigen Rute aus einem 
bestimmten Baummaterial, Haselnufistaude zum Beispiel, die in einer 
bestimmten Weise entweder mit UntergrifT oder Obergriff gehalten 
wird mit ihren beiden Gabelungen, durch das Ausschlagen der Rute 
gefunden werden kann dasjenige,was sich im Boden befindet, teil weise 
an Metallschatzen, teilweise aber auch, was sich im Boden befindet 
namentlich an Quellen, an Wasser und dergleichen. - Nun, Moritz 
Benedikt, der durchaus kein Phantast ist, weit entfernt ist, Phantast 
zu sein, der im Gegenteil zu denjenigen gehort, die alles das, was wir 
Anthroposophie nennen, scharf abweisen wiirde, er ist ganz und gar in 
der letzten Zeit mit seinen Forschungen, zum Teil mitveranlafit durch 
diekriegerischenOperationen in bestimmten Gegenden, auf diese Ruten- 
gangerei ausgegangen. Dabei hat er versucht, der Sadie gewissermafien 
eine rationelle Grundlage zu geben. Er hat mitPersonen, dieer «dunkel- 
angepalke» nennt, experimentiert. Ich werde gleich nachher sagen, war- 
um er festzustellen versucht, dafi eigentlich jederMenschein asymmetri- 



sches, ein zweigliedriges Wesen ist, dafi also der Mensch links von sei- 
ner Symmetrielinie ein anderes Wesen ist als rechts von seiner Symme- 
trielinie. Diese Verschiedenheit von links und rechts ist eben nicht nur 
eine Verschiedenheit, sondern sie ist sogar eine Polaritat. In gewisser 
Beziehung sind Krafte vorhanden in der linken und rechten Korper- 
halfte, welche so entgegengesetzt wirken, wie positiver und negativer 
Magnetismus und positive und negative Elektrizitat, ahnlich wie posi- 
tive und negative sich zueinander verhaltende Krafteimpulse. 

Nun fand Moritz Benedikt, dafi, wenn der Mensch eine Rute in die 
Hand nimmt, die beiden Gabeln in die Hand nimmt, dann das Krafte- 
massiv der linken Seite und das Kraftemassiv der rechten Seite sich 
vereinigen, wie er sagt: einen gemeinsamen Emanationsstrom bilden, 
also ineinander ubergehen. Wenn nun, sagen wir, ein Mensch, der im 
besonderen stark durchsetzt ist von solchen Kraften, die dabei eben in 
Betracht kommen, iiber eine Bodenflache geht, unter der im Innern ein 
Wasser ist, so verandern sich seine Krafte links und rechts. Das heifit, 
das Wasser, das seinerseits eine Ausstromung nach oben hat, stromt in 
die Krafte des Menschen ein, und dadurch verandert sich sein Krafte- 
massiv. Interessant ist, daft Moritz Benedikt, der selber Arzt ist, ge- 
funden hat, daft besonders empfangliche Personen einfach, wenn sie 
iiber eine Stelle gehen, unter der eine Quelle ist, oder namentlich eine 
Stelle, unter der eine bestimmte Metallader oder dergleichen ist, bis 
zum Krankwerden beeinflufit werden konnen. So dafi einfach manche 
Zustande, von denen Benedikt, der selber Arzt ist, findet, dafi die 
Arzte nicht viel mehr wissen als den Namen davon, dafi gewisse Zu- 
stande, wie Melancholie, Hypochondrie, Hysterie, die zusammenge- 
worfen werden, bei gewissen Personlichkeiten dadurch hervorgerufen 
werden konnen, dafi eine solche Person iiber eine Flache geht, unter 
der eine entsprechende Quelle ist, aber sie beachtet das nicht, sie weifi 
das vielleicht nicht. Wenn sie sich aber der Rute bedient, so wird sie 
nicht krank. Dadurch, dafi die Rute die beideh Kraftstrome mitein- 
ander vereinigt und ausschlagt, wird die Kraft, die sonst zur Erkran- 
kung irgendeines Korperteiles hatte fiihren konnen, abgeleitet. So dafi 
man es also im wesentlichen zu tun hat mit einer Ableitung von Stro- 
mungen im Organismus durch die in den Handen befindliche Rute. 



Die Rute ist also ein Zweig, der einen Stock hat und dann sich gabelt, 
wie sidi Aste gabeln; das wird so geschnitten, und an den beidenGabel- 
stangen halt man ihn. 

Nun, auf weldie Weise stellt denn der Professor Benedikt das alles 
fest? Das ist jetzt die Frage. Er stellt es fest mit Hilfe gewisser Per- 
sonen, die er «dunkel-angepafit» nennt. Was macht er da? Er hat sich 
namentlich zweier soldier «dunkel-angepaflter» Personen bedient, die 
imstande sind, wenn sie in der Dunkelkammer, also im verfinsterten 
Zimmer sitzen, diejenigen Personen, bei denen die Rute ausschlagt, zu 
beobachten. «Dunkel-angepafit» nennt er seine Mitgehilfen, seine Ex- 
perimentatoren; er nennt sie deshalb so, weil sie, wenn sie im Finstern 
Menschen beobachten, Farben sehen und dergleichen. Und dieses Im- 
Finstern-Farben-Sehen fiihrt dazu, unterscheiden zu konnen, dafi die 
Farben, die am Menschen zu sehen sind, links verschieden sind von den 
Farben, welche rechts zu sehen sind. Da sich nun klarlich ergibt, daft 
diese Farben, die da in der Dunkelkammer, wo man den gewohnlichen 
physischen Anblick nicht hat - so weit wird die Kammer verdunkelt -, 
die aufiere Erscheinung fur das ist, was Benedikt Emanation nennt, 
was wir die tiefste physische Aura nennen wiirden, so kann Professor 
Benedikt mit Hilfe solcher Personen, die er «dunkel-angepaike» nennt, 
einfach priifen, wie der Mensch asymmetrisch ist, links andere Farben 
zeigt als rechts, wie sich das ganze Farbenbild verandert, wenn der 
Mensch nun die Rute in die Hand nimmt und im Laboratorium aus- 
gesetzt wird. Man braucht nicht irgendeine Quelle zu haben, sondern 
man kann ein kleines Wasserbassin oder ein Stuck Metail haben; das 
geht geradesogut. Man kann in der Dunkelkammer nachweisen, worauf 
die Wirkung der Rute beruht. Es ist interessant, einige Stellen der 
neuesten Publikation von Professor Benedikt sich einmal anzusehen. 
Er sagt: 

«Es gibt, wenn audi eine relativ geringe Anzahl von Menschen, die 
<dunkel-angepafit> sind. Ein relativ grofierer Teil dieser Minoritat sieht 
in der Dunkelheit sehr viele Objekte leuchtend, ohne Farben, und nur 
relativ sehr wenige sehen die Objekte audi gefarbt, Reichenbach hat 
schon den Ausspruch getan, daft jeder Mensch eine grofie Hiille leuch- 
tender Substanz (Emanationen) mit sich herumschleppt. 



Die farblosen und farbigen Leuchterscheinungen sind seitdem audi 
von mir vielfach durch kritische Beobaditung erprobt. Eine grofiere 
Zahl Gelehrter und Arzte wurden in meiner Dunkelkammer von 
meinen zwei klassischen <Dunkel-angepafiten>, Herrn Ingenieur Josef 
Pora und der Beamtin Fraulein Hedwig Kaindl, untersucht, und es 
konnte den von denselben Untersuditen kein gerechter Zweifel an 
der Richtigkeit der Beobaditung und Sdiilderung zuriickbleiben. Die 
Herren haben sidi Uberzeugt, dafi die genannten Dunkel-angepafiten 
die unerwartet Anwesenden sahen, alle Teile des Korpers bezeichneten 
und ihre Emanationsfarbe bestimmten. 

Farbenwahrnehmende Dunkel-angepafite sehen nur an der Vorder- 
seite die Stirne und den Sdieitel blau, die iibrige Halfte ebenfalls blau 
und die linke rot oder mandier, wie zum Beispiel Herr Ingenieur Pora, 
orangegelb. RUckwarts findet dieselbe Teilung und dieselbe Farbung 
statt.» 

«Idi will hier anfiihren, dafi eine geschlossene elektrisdie Batterie in 
der Dunkelkammer an der Anode rot, an der Kathode blau leuchtet - 
also analog der linken und rediten Korperhalfte. Die zwei polaren 
Korperhalften werden durch die Rute zu einem Emanationsstrom ge- 
sdilossen. Der Korperrutenstrom tritt in Beziehung zu den emanieren- 
den Substanzen, und der Ausschlag der Rute ist der Ausdruck dieser 
Beziehung.» 

Es ist sehr interessant. Wir haben es hier, das mochte ich ausdriick- 
lich betonen, damit das nicht mifiverstanden wird, was ich sage, nicht 
mit demjenigen zu tun, was in meiner «Theosophie» als Aura beschrie- 
ben wird. Bei dieser Aura haben wir es zu tun mit den OfFenbarungs- 
weisen des hoheren Seelischen und Geistigen, wahrend es der Pro- 
fessor Benedikt in seiner Dunkelkammer zu tun hat mit durchaus 
unterschwelligen, also unter derSdiwelle des Bewufitseins befindlidien, 
aber fiir das gewohnliche sinnliche Anschauen nicht wahrnehmbaren 
Emanationen, Ausstrahlungen. Interessant mufi uns nur sein, dafi es 
dem Naturforsdier heute erlaubt ist, durchaus in ganz exakter Weise 
von einer unterschwelligen Aura zu sprechen und Untersuchungen zu 
machen und so weiter. Es ist interessant, dafi Benedikt selber angeben 
mufi, dafi die Rutenfahigkeit ubrigens keine hochstehende menschliche 



Qualitat ist; sie ist mit sonst niederer Organisation moglich, wahrend 
sie bei intellektuell Fortgeschrittenen versagt. Das weist eben darauf 
hin auf der einen Seite, dafi die Rutenfahigkeit, das heifit die beson- 
ders starke Ausschlagfahigkeit der Rute, bei bestimmten Personen mit 
unterseelischen Impulsen zu tun hat. Aber immerhin, die unterseelisdien 
Impulse sind audi durchaus solche, die nicht mit den gewohnlichen 
Sinnen oder wenigstens auf gewohnliche sinnliche Weise wahrnehmbar 
sind. Denn Professor Benedikt braucht immerhin, idi mochte sagen, 
als Versuchsinstrumente «dunkel-angepafite» Personen. 

Natiirlich findet die Sache heute noch einige Gegnerschafl; das macht 
aber nichts, denn alle diese Dinge finden Gegnerschaften, und Profes- 
sor Benedikt sagt selber, gleich auf Seite zwolf seines Buchelchens: 

«Der schlichte Mann erkennt instinktmafiig die Souveranitat der 
Tatsachen an; der akademisch Verbildete die Souveranitat der Mei- 
nungen. Der Bauer kennt die Tatsache von Kindheit an durch Tradi- 
tion, und sie wird fiir ihn zum unumstofilichen Ereignisse, sobald er 
den ersten Rutenausschlag gesehen und gefiihlt hat. Der <Intellektuelle> 
legt Scheuklappen gegen die Wahrheit an, wenn er Tatsachen nicht in 
die Kammer seiner Weisheit einreihen kann.» 

Es kommt ja in der Regel darauf an, bei welcher Grenze der Be- 
treffende seine Scheuklappen anlegt. Nicht wahr, Professor Benedikt 
legt sie da ab, wo es sich darum handelt, diejenige Aura zu studieren, 
welche die Rutenfahigkeit nach sich zieht; allein er legt die Scheu- 
klappen sogleich wieder an, wenn es sich um hohere anthroposophische 
Gebiete handelt. Aber das tut nichts. Wir brauchen nicht Gleiches mit 
Gleichem zu bezahlen, sondern wir mussen von einer solchen Sache 
immerhin Kenntnis nehmen. 

Interessant ist zum Beispiel auch dieses, was Professor Benedikt mit 
Hilfe dieser seiner Experimente herausgebracht hat: 

«Wir wollen hier gleich die grofie Bedeutung dieser Versuche fiir die 
Farbenlehre hervorheben. Die Newton'sche Lehre, dafi die Farben- 
Effekte ausschliefilich von dem reflektierten, respektive durchgehenden 
prismatischen Farbenlicht herriihren, die auch von den ziinftigen Phy- 
sikern allgemein ohne Reserve akzeptiert ist, wurde von Goethe be- 
stritten. Dieser behauptet, dafi von natiirlich gefarbten Objekten und 



mit natiirlidien Farben behandelten Stoffen ein Teil des Farbenein- 
druckes sozusagen autonom von diesen gefarbten Objekten herriihre. 
Die Beweise Goethes hatten keinen aufteren Erfolg und waren halb 
und halb indirekte. 

Ungemein drastisch gibt hier die Emanationslehre mit Hilfe des 
Pendels eine die Ansicht Goethes bestatigende Aufklarung, wobei be- 
tont werden mufi, daft das reflektierte Licht die gleichgefarbte Emana- 
tion mit sidti fortreifit.» 

Sie sehen daraus, dafi auf halbem Wege audi Benedikt, da er nun 
einmal auf diesen Grenzgebieten Versudie macht, sogar zur Goethe- 
sclien Farbenlehre kommen mufi. Wenn man sich selbst, wie ich, seit 
mehr als drei Jahrzehnten mit der Verteidigung der Goethesclien Far- 
benlehre bef afit, so kann man ermessen, ob ein Zusammenhang besteht 
zwischen der Emanationslehre und der Goethesclien Farbenlehre, und 
ob auf der anderen Seite ein Zusammenhang besteht zwischen all der 
stumpfsinnigen, materialistischen Theoretisierung, die die heutige Phy- 
sik beherrscht, und wiederum der Ablehnung der Goetheschen Farben- 
lehre. Interessant ist: Sogleich, wenn einer nur ein wenig die Farben- 
lehre durchdringt, kommt er ein Stiickchen weiter, aber der Weg geht 
immer in der Richtung, in welcher die anthroposophische Betrachtungs- 
weise gehen mul5. 

In unserer Zeit ist es sehr wichtig, dafi sich ein Mann, der sich nun 
experimentell mit diesen Dingen befafit, gestehen mufi: Der schlichte 
Mann erkennt instinktmafiig die Souveranitat der Tatsachen an. Der 
Gelehrte oder akademisch Verbildete, wie Benedikt sagt, erkennt nur 
die Souveranitat der Meinungen an. Das ist sehr wichtig. Denn keine 
Zeit ist noch so sehr unter dem Einflufi der Meinungen gestanden als 
diese unsere Zeit, obwohl unsere Zeit immer wieder betont: Auf den 
gesunden Menschenverstand kommt es an! - Insbesondere in der Poli- 
tik wird das immer betont. Aber dieser gesunde Menschenverstand, 
der mufi heute erst unter Miihe erworben werden, der ist heute nam- 
lich nicht da - das ist das grofie Geheimnis -, der mufi erst wiederum 
erworben werden dadurch, dafi man dasjenige, was friihere Zeiten 
atavistisch noch hatten, den Zusammenhang mit der geistigen Welt, 
was heute nicht atavistisch da ist, nun erst auf den Wegen, welche die 



Anthroposophie angibt, gewinnt. Das ist sehr widitig. Man konnte 
sagen: So sitzt nun Benedikt, der ja ein bifichen eitel ist — nicht wahr, 
ich habe das ja schon friiher erwahnt, dafi daher seine Biicher nidit 
angenehm zu lesen sind, aber das gilt nicht fur dieses Buch -, er sitzt 
in seiner Dunkelkammer und macht Pendelversuche. Er hat sich sogar 
so photographieren lassen; das Bild ist am Anfang des Buches. Er 
beschreibt eigentlich die physischen Auren, um dahinterzukommen, 
was da eigentlich fur Wechselkrafte spielen zwischen dem Menschen 
und der iibrigen Welt. Naturlich hat das eine aufierordentlich grofie 
Bedeutung. Es hat deshalb eine grofie Bedeutung, weil dadurch schon 
durch physische Forschung der Raumbegriff, ich mochte sagen, auf 
eine neue Basis gestellt wird. Wasser, wo ist es? Nun, da drinnen in 
der Erde, nicht wahr. Nun geht der Rutenganger daruber, die Rute 
schlagt aus. Eine Emanation geht nach oben, die sich mit der mensch- 
lichen Emanation vereinigt. Ausstromungen kommen ineinander. Das 
Wasser ist also nicht nur da unten, sondern es hat etwas in sich, was 
bis nach oben geht. Erinnern Sie sich, welchen grofien Wert ich einmal 
darauf gelegt habe, als ich den beriihmten - oder nicht beriihmten -, 
den bedeutenden Schellingschen Ausspruch zitierte: «Ein Ding wirkt 
nicht nur da, wo es ist, sondern es ist, wo es wirkt. » Auf die Auf fas- 
sung soldier Dinge kommt es an. Sie konnen das in meinem Buche 
iiber die «Ratsel der Philosophie» nachlesen, welche Bedeutung einer 
solchen Anschauung, einem solchen Begriff, einer solchen Vorstellung 
zukommt, wenn man auf Wirklichkeit sehen will, und nicht auf vor- 
gef afite und an Worten klebende Meinungen. 

So, mochte ich sagen, kann man bis in die Einzelheiten hinein zei- 
gen, wie gewissermafien das Anthroposophische am Steuer sitzt und 
richtig die gegenwartige Zeit-Denkweise lenkt. Man kann es im ein- 
zelnen tatsachlich nachweisen, nur dafi naturlich die einzelnen Men- 
schen nicht nachkommen. Aber wo sie versuchen, einmal nur eine Ein- 
zelheit vorurteilslos anzugreifen, da geht es in dieser Richtung. Der 
Krieg hat diese Untersuchungen iiber Rutengangerei besonders da- 
durch an die Oberflache gebracht, weil man in gewissen Territorien zu 
wissen brauchte, was da unten eigentlich ist, namentlich wenn es sich 
um Wasser handelte, das man dann da verwenden mufi fur diejenigen, 



die in den Gegenden sich aufzuhalten haben, wenn man Quellen aus- 
zuniitzen hat. Sie sehen daraus, dafi tatsachlich im Menschen, schon 
rein wenn man auf die allerniedrigsten Dinge sieht, viel mehr vor- 
handen ist, als die heutige Philosophic oder Biologie sich irgendwie 
traumen lafit. 

Es ist nun sehr merkwiirdig, und es ist schon notwendig-diejenigen, 
die sich langer fiir unsere Sache interessieren, begreifen, dafi es not- 
wendig ist -, dafi, trotzdem im einzelnen nachgewiesen werden kann, 
wie Anthroposophie in der richtigen Weise steuert, diese Anthropo- 
sophie in einer Weise behandelt wird, wie ich es ja schon in den letzten 
hier angestellten Betrachtungen angefiihrt habe. Aber ich mufi heute 
iiber eine literarische Erscheinung sprechen, die zu den charakteristisch- 
sten, ich mochte sagen, der Gegenwart in bezug auf die anthroposophi- 
sche Geistesstromung gehort, charakteristisch aus den Griinden, die Sie 
aus den Besprechungen selber ersehen werden. 

Ein Buch, «Vom Jenseits der Seele», ein dickes Buch, ist erschienen 
von dem Berliner Universitatsprofessor Max Dessoir. In diesem Buche 
findet sich ein ausfuhrliches Kapitel iiber Anthroposophie. Dieses aus- 
fiihrliche Kapitel iiber Anthroposophie, das ist nun im hochsten Grade 
charakteristisch. Man konnte den Gedanken haben, den ich gehabt 
habe, als ich das Buch zuerst in die Hand genommen, es ist ja eben 
erschienen, ich dachte mir: Es ist einmal interessant zu horen, wie die 
offizielle Philosophic, die sich zur Universitatsphilosophie rechnende 
Philosophic — und die ja audi als solche gerechnet wird, weil der Be- 
treffende ja hier Professor an der Universitat ist -, sich iiber Anthropo- 
sophie ausspricht. Und ich dachte, das wiirde interessant sein. Gewifi, 
Gegnerschaften miissen sich ja heute ergeben aus den verschiedensten 
Griinden heraus, die ich schon angefiihrt habe. Dafi die heutige Philo- 
sophic noch gegnerisch zur Anthroposophie ist, das ist nicht weiter 
verwunderlich, und es schadet audi nichts, wenn die Gegnerschaft nicht 
verleumderisch, nicht gehassig ist. Gerade durch die dialektische Wech- 
selrede konnte ja etwas aufierordentlich Giinstiges bewirkt werden. 
Aber, sehen Sie, als ich das ziemlich dicke Buch nun studierte, konnte 
ich mir sagen: die Sache ist gar nicht interessant. Das Buch ist ganz und 
gar nicht interessant, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil dieses 



gar nicht ganz kurze Kapitel iiber Anthroposophie in dem dicken 
Buche und verschiedenes andere, das Dessoir noch vorbringt, in der 
charakteristischesten Weise zeigt, dafi er audi nicht das allergeringste 
Verstandnis fur die anthroposophische Geistesrichtung hat, indem er 
gewissermafien keinen einzigen Satz zustande bringt - er versucht dar- 
zustellen, was Anthroposophie will -, der nun wirklich richtig ware. 
Das ist sehr merkwiirdig. Aber die Unrichtigkeiten sind aufterordent- 
lich charakteristisch. 

Wenn man so oberflachlich die Sache liest, so sagt man sich: Wie 
kommt denn ein Mensch, der doch eigentlich Anspruch macht auf Ge- 
scheitheit, dazu, solche Karikaturen von einer Sache zu entwerfen, 
nachdem er sich damit beschaftigt - denn wenn man ein anstandiger 
Mensch ist, darf man ja nicht iiber eine Sache schreiben, wenn man sich 
nicht damit beschaftigt hat, nicht wahr? Nun, liest man aber das, was 
er darstellt, so hat man den Eindruck: ja, der Mann versteht gar nichts 
von der Sache, er stellt alles in der unglaublichsten Weise verkehrt 
dar! So verkehrt, dafi diese Verkehrtheit eigentlich fur denjenigen, 
der solche Sachen ernst nimmt, zum Problem werden kann. Man fragt 
sich: Wie kommt ein Mensch, der ja schon dadurch, dafi er Universi- 
tatsprofessor ist, im allgemeinen Anspruch darauf hat, fur einen ge- 
scheiten Menschen gehalten zu werden - wenigstens relativ -, wie 
kommt er dazu, in soldier Weise iiberall danebenzuhauen? Das wird 
wirklich zunachst zum Problem. 

Nun, wenn man einige philologische Erfahrung hat - und ich habe 
ja nicht umsonst sechseinhalb Jahre im Weimarer Goethe-Schiller- 
Archiv mit Philologen zusammen gearbeitet -, so gelingt es einem 
manchmal ganz exakt, genau solche Probleme zu losen. Und ich will 
gleich ausgehen, damit wir nicht von einem Unbestimmten sprechen, 
von der Losung eines ganz besonders kniippeldicken Mifiverstand- 
nisses. Sie wissen ja alle, dafi jemand, der meine Biicher gelesen hat, 
wenn er iiberhaupt im Verlauf dieser Biicher darauf gekommen ist, in 
der «Geheimwissenschaft» steht ja das, die Geschichte der nachatlanti- 
schen Zeit ins Auge zu fassen, dafi er dann keinen Augenblick daran 
zweifeln kann: ich teile die nachatlantische Zeit in sieben aufeinander- 
folgende Zeitraume ein und rechne die Zeit, in der wir jetzt leben, als 



fiinften nachatlantischen Zeitraum, als die fiinfte Periode im nachatlan- 
tischen Zeitraum. Wie oft sage idi: Wir stehen in der fiinften Periode 
des nachatlantischen Zeitraumes. Die erste ist die urindische, die zweite 
die urpersische und so weiter. Sie kennen ja das. Max Dessoir, der 
schreibt - nachdem er darauf gekommen ist, dafi es etwas gibt wie 
eine solche Zeiteinteilung: 

«Alt-Indien ist nicht das jetzige Indien, wie denn iiberhaupt alle 
geographischen, astronomischen, historischen Bezeichnungen sinnbild- 
lich zu verstehen sind. Auf die indische Kultur folgte die urpersische, 
gefiihrt von Zarathustra, der aber viel friiher lebte als die in der Ge- 
schichte diesen Namen tragende Personlichkeit. Andere Zeitabschnitte 
schlossen sich an. Wir stehen in der sechsten Periode.* [S. 258 f.] 

Hier habenSie soldi einen kniippeldicken Unsinn, wo irgend jemand 
referiert iiber dasjenige, was ich gesagt habe. Das wird fur einen zum 
Problem, nicht wahr, denn, sehen Sie, ein Professor ist genau. Ein Pro- 
fessor ist genau, aber er schreibt Unsinn in diesem Falle. Das wird 
zum Problem. Schlagen Sie auf Seite 294 in meiner «Geheimwissen- 
schaft» nach. Da finden Sie die Losung dieses Problems. Da wird nam- 
lich gesagt, dafi sich allmahlich im vierten das fiinfte Kulturzeitalter 
vorbereitete, und dafi besonders wichtig sind das vierte, fiinfte und 
sechste Jahrhundert dieses vierten Zeitraumes zur Vorbereitung des 
fiinften. Da heifk es: 

«Im vierten, fiinften und sechsten Jahrhundert nach Christus be- 
reitete sich in Europa ein Kulturzeitalter vor, das mit dem fiinfzehnten 
Jahrhundert begann und in welchem die Gegenwart noch lebt. Es sollte 
das vierte, das griechisch-lateinische allmahlich ablosen. Es ist das fiinfte 
nachatlantische Kulturzeitalter.* 

Das hat der Mann gelesen. Aber er liest so genau, dafi er bei der fiinf- 
ten Zeile schon vergessen hat, um was es sich handelt - oder er hat es 
sich nicht genau in seinen Zettelkatalog eingeschrieben — , und wie er 
wieder nachgeschaut hat, hat er auf die erste Zeile gesehen, «im vierten, 
fiinften und sechsten Jahrhundert*, da ist die fiinfte nachatlantische 
Periode angebrochen; und weil er da hinaufschaute, er ist als Professor 
genau, er schaut noch einmal nach, aber er sieht auf die erste Zeile 
statt auf die sechste, er sieht: im vierten, fiinften und sechsten Jahr- 



hundert, und schreibt hin: Wir sind in der sechsten Periode, wahrend 
in den Zeilen danadi steht: «Es ist das fiinfte nachatlantische Kultur- 
zeitalter.» 

Das ist die Methode des Mannes, der sich nun vermifit, iiber eine 
solche Erscheinung, wie die anthroposophische Bewegung ist, zu schrei- 
ben. Man kann sagen: Es ist eine unglaubliche Oberflachlichkeit, die 
nur damit gedeckt ist, dafi es ja gilt: Professoren sind genau. Also 
wenn jemand das liest, ohne sich in meinen Biichern umzusehen, so gilt 
das als bedenklich. Es ist nicht besonders wichtig, ob es die fiinfte oder 
sechste Periode ist, aber das Problem lost sich da, das uns sagt: Dieser 
Mann ist ein gewissenloser Oberflachling! Das ist mit philologischer 
Genauigkeit an dieser Stelle geiost. 

Nun sehen wir uns weiter um, um zunachst den Mafistab zu ge- 
winnen, mit dem man diese Ausfiihrungen zu messen hat. Da schreibt 
Dessoir auf Seite 255 folgenden Satz: 

«Die Schulung zur hoheren Bewufttseinsverf assung beginnt — wenig- 
stens fur den Menschen der Gegenwart - damit, dafi man mit aller 
Kraft sich in eine Vorstellung als in einen rein seelischen Tatbestand 
versenkt. Am besten eignet sich eine sinnbildliche Vorstellung, etwa die 
eines schwarzen Kreuzes (Symbol fur vernichtete niedere Triebe und 
Leidenschaften), dessen Schneidestelle von sieben roten Rosen umgeben 
ist (Symbol fur gelauterte Triebe und Leidenschaften). » 

Nun frage ich mich, wenn ich das lese bei Max Dessoir: Ist denn 
diese Anthroposophie ganz verriickt? Was soli denn als Symbol fur 
gelauterte Triebe und Leidenschaften noch bleiben, wenn das schwarze 
Kreuz das Symbol fur «vernichtete» Triebe und Leidenschaften ist? 
Wenn die Triebe und Leidenschaften, die niedrig sind, zunachst alle 
vernichtet werden, was soli denn in der Verwandlung noch auftreten? 
Also da steht ein Unsinn! Aber es ist ein Zitat, sehen Sie. Nun schlagen 
wir auf Seite 311 lieber nach! Da heilk es: 

«Nachdem man sich in solchen Gedanken und Gefiihlen ergangen 
hat, verwandle man sich dieselben in folgende sinnbildliche Vorstel- 
lung. Man stelle sich ein schwarzes Kreuz vor. Dieses sei Sinnbild fiir 
das vernichtete Niedere der Triebe und Leidenschaften ...» 

Das verwandelt der Professor Max Dessoir kiihn in ein «Symbol 



fur vernichtete niedereTriebe undLeidenschaften», wahrend hier steht: 
«das vernichtete Niedere derTriebe undLeidenschaften>>. So genau liest 
derMensch, und so genau zitiert derMensch; wahrend es in der Geistes- 
wissenschaft gerade darauf ankommt, daft man sich gewissenhaft die 
Miihe gibt, genau zu stilisieren - Max Seiling nennt das schlechte 
deutsche Spradie. Wahrend es in der Geisteswissenschaft darauf an- 
kommt, genau zu zitieren, findet der exakte Herr Professor es notwen- 
dig, die Sache in der schlampigsten Weise, ich finde kein anderes Wort, 
zu veroberflachlichen. 

Nun frage ich mich: Soldi ein Mann stellt also Anthroposophie dar; 
er stellt sie so dar, dafi alles, alles als Karikatur erscheint. Man kommt 
darauf: er ist nicht imstande, das wiederzugeben. Aber da fehlt es nun 
nicht an Verstand, sondern es fehlt iiberhaupt an der ganz gewohn- 
lichen wissenschaftlidien GewissenhafKgkeit. Gewissenlosigkeit waltet! 
Nehmen wir eine andere Stelle, wo er davon spridit, wie der Mensch 
zur Hellsichtigkeit kommen kann: 

«Durch solche Innenarbeit erreicht die Seele das, was von aller 
Philosophic erstrebt wird. Freilich raufi das leibfreie Bewufitsein vor 
der Verwediselung mit traumhaftem Hellsehen und hypnotischen Vor- 
gangen behiitet werden. Wenn unsere Seelenkrafte gesteigert sind, 
kann das Ich sich oberhalb des Bewufitseins erleben, gleichsam in einer 
Verdichtung und Verselbstandigung des Geistigen, ja, es kann schon 
bei der Wahrnehmung von Farben und Tonen die Vermittelung des 
Leibes aus dem Erlebnis ausschliefien.» [S. 255.] 

Das steht nirgends, dalR der Mensch schon bei der gewohnlichen Far- 
ben- und Tonwahrnehmung den Leib ausschliefien kann. Aber Pro- 
fessor Max Dessoir schreibt es hin. Von einem solchen Menschen kann 
man nun nicht hoff en, dafi er irgend etwas verstehen kann, denn er hat 
ja das gar nicht einmal, was er verstehen will; er hat ja etwas ganz an- 
deres! Suchen Sie zum Beispiel bei mir den Ausdruck Zellenkorper! In 
dem Zusammenhange der «Geheimwissenschaft» und so weiter hat der 
Ausdruck Zellenkorper keine Bedeutung. Ja, aber was tut Professor 
Dessoir? Er sagt: 

«Wenn die Versenkung den Geist vom Zellenleib befreit, so lost sie 
ihn doch nicht von jeder Art Korperlichkeit.» [S. 256.] 



Denn: «... Die Leistungen des Astralleibes sind mannigfach. Er ent- 
halt die Vorbilder, nach denen der Atherleib dem Zellenkorper seine 
Gestalt gibt.» [S. 256 f.] 

Nichts steht bei mir von Zellenkorper, sondern vom physischen 
Leib. Sobald man Zellenkorper sagt, hat das alles keinen Sinn, was 
bei mir vom physischen Leib gesagt wird. Also Sie sehen, er versteht 
gar nichts. Ein niedhches Beispiel ist noch das Folgende: 

«Es braucht wohl nicht erst nachgewiesen zu werden, dafi die Er- 
holung nach dem Schlafe sich anders, und zwar einfacher und zutref- 
fender als mit Hilfe des Astralleibes erklaren lafit. Ebensowenig wer- 
den wir mit Steiner das <Einschlafen> eines Beines durch Abtrennung 
des Atherleibes vom physischen Leibe <erklaren> wollen.» [S. 257.] 

Erklaren setzt er in Anfiihrungszeichen. Nehmen Sie sich die Stelle 
auf Seite 96: 

«Wenn der Mensch zum Beispiel eines seiner Glieder belastet, so 
kann ein Teil des Atherleibes aus dem physischen sich abtrennen. Von 
einem Gliede, bei dem dies der Fall ist, sagt man, es sei eingeschlafen. 
Und das eigentumliche Gefiihl, das man dann empflndet, riihrt von 
dem Abtrennen des Atherleibes her.» 

Weiter heifit es: «Natiirlich kann eine materialistische Vorstellungs- 
art auch hier wieder das Unsichtbare in dem Sichtbaren leugnen und 
sagen: Das alles riihre nur von der durch den Druck bewirkten physi- 
schen Stoning her.» 

Also das wird nicht abgestritten, dafi der Druck eine physische Sto- 
ning bewirkt hat; das wird durchaus zugegeben, und daraus das Ein- 
schlafen erklart. Aber etwas anderes als das Einschlafen ist das, was 
ich hier sage: Das eigentumliche Gefiihl, das man dann empfindet, 
riihrt von dem Abtrennen des Atherleibes her. 

Also das Gefiihl, das man beim Einschlafen eines Gliedes hat, riihrt 
vom Abtrennen des Atherleibes her. 

«Ebensowenig werden wir mit Steiner das <Einschlafen> eines Beines 
durch Abtrennung des Atherleibes vom physischen Leibe < erklaren > 
wollen.» [S. 257.] 

Das Abtrennen habe ich nicht erklaren wollen, sondern das eigen- 
tumliche Gefiihl, das auftritt. Man fragt sich: konnen solche Menschen 



iiberhaupt nodi lesen? Sind sie imstande, ein ernsthaft geistiges Buch 
zu lesen, das auf alle seine Objekte acht gibt? Aber mit solchen Leuten 
werden die Lehrkanzeln der Universitaten besetzt! - das ist ein Nach- 
satz, der doch eine gewisse Bedeutung hat -, mit Leuten, die imstande 
sind, in dieser Weise mit Zeiterscheinungen umzugehen. Ich habe 
eigentlich gedacht, Ihnen heute eine Auseinandersetzung geben zu kon- 
nen iiber die Art, wie man ernsthafte Einwande zuriickweist, und ich 
bin gezwungen, Ihnen zu zeigen, dafi man es mit einem Oberflachling 
zu tun hat, der in dieser Weise alles falscht. Ich hatte mich gefreut auf 
eine andersartige Widerlegung! 

Natiirlich ganz besonders findet sich Dessoir nun, wie soli man 
sagen, zum selbstbefriedigten Fingerablecken bereit da, wo iiber die 
Saturnverhaltnisse gesprochen wird. Da findet er natiirlich ganz be- 
sonders anstofiig dasjenige, was er in der folgenden Weise darstellt: 

«Im Umkreis des Saturn bewegten sich Geister verschiedener Art, so 
die der Form (Exusiai), der Personlichkeit (Archai), des Feuers (Arch- 
angeloi), der Liebe (Seraphim). Spater entwickelten sich durch die 
Angeloi Nahrungs- und Ausscheidungsprozesse auf dem Saturn, durch 
die Cherubim dumpfe, traumhafte Bewufttseinszustande; von diesen 
Zustanden erfahrt der Hellsichtige noch heute durch eine dem Riechen 
ahnliche iibersinnliche Wahrnehmung, denn die Zustande sind eigent- 
lich immer da.» [S. 258.] 

Also der Hellsichtige erfahrt durch eine dem Riechen ahnliche iiber- 
sinnliche Wahrnehmung! Das ist natiirlich so, dafi man sich selbst- 
gefallig die Finger ablecken kann, nicht wahr - der Hellriechende 
riecht die Saturnzustande! Dessoir kann sich sogar nicht enthalten, 
da zu sagen: 

«Mich wundert, dafi hiermit der <Geruch der Heiligkeit> und der 
<teuflische Gestank> nicht in Verbindung gebracht wird.» [S. 258.] 

Man wiirde nun diskutieren mit einem solchen Manne, wenn er einen 
in die Lage versetzte. Aber schlagen Sie wiederum auf, Seite 168 [der 
«Geheimwissenschaft»], woher er diese Stelle hat: 

«Nach innen (im Saturn) gibt sich dieser dumpfe Menschenwille dem 
hellseherischen Wahrnehmungsvermogen durch Wirkungen kund, wel- 
che sich mit den <Geriichen> vergleichen lassen.» 



Das ist da gesagt. Also durch Wirkungen, welche sich mit dem Ge- 
ruch vergleichen lassen. Herr Dessoir findet sich genotigt zu sagen: 
«Von diesen Zustanden erfahrt der Hellsichtige noch heute durch eine 
dem Riechen ahnliche iibersinnliche Wahrnehmung.» [S. 258.] 

Das heifit, er iibersetzt das, was klar dargestellt ist, in ein Blech 
und kritisiert dann sein eigenes Blech. Ebensowenig wie bei mir jemals 
gesagt ist, daft durch die Angeloi Nahrungs- und Ausscheidungspro- 
zesse auf dem Saturn entstehen; sondern gesagt ist an jener Stelle: In 
der Zeit, in welcher die Angeloi erscheinen, geschehen auf dem Saturn 
Nahrungs- und Ausscheidungsprozesse. Da ist Gleichzeitigkeit an- 
gegeben. Angeloi treten auf, und die Nahrungs- und Ausscheidungs- 
prozesse entstehen. Das durch die Angeloi macht Dessoir selber dazu. 

Sie sehen, was soli man iiberhaupt anfangen mit einem Menschen, 
der in dieser Weise sich liber eine solche Erscheinung hermacht. 

«Der Christus oder Sonnenmensch erzog sieben grofie Lehrer. » [S.25 8.] 

Ich habe bis jetzt nicht einmal einen Anhaltspunkt gefunden, um 
diese Bezeichnung zu rechtfertigen: der Christus oder Sonnenmensch, 
denn auf Seite 242 ist ausdriicklich gesagt, dafi die Sonnenmenschen 
den Christus als das hohere Ich empfinden - was naturlich etwas ganz 
anderes ist, als wenn man sagt: der Christus oder Sonnenmensch. 

Nun, sehen Sie, diese Dinge werden aber audi zuweilen zur Raffi- 
niertheit. Da geht dann die Oberflachlichkeit hart an die Grenze 
dessen, was dem Leser einen Eindruck machen mufi, der, wenn er be- 
absichtigt war, ein verleumderischer genannt werden miifite. So er- 
innert Dessoir an die Stelle, wo ich davon spreche, dafi im kmdlichen 
Lebensalter Krafte an der Zubereitung des Gehirns arbeiten; Sie brau- 
chen sich nur zu erinnern an meine Schrift «Die geistige Fuhrung des 
Menschen und der Menschheit», die der Professor Dessoir sich ange- 
schaut hat. Ich habe dargestellt: Wenn man sich spater erinnert, wie 
man das alles hatte durch eigene Klugheit machen konnen, was am 
Gehirn spater als Wunderbares erscheint, so kommt man darauf, wie 
aus dem Unbewulken heraus die Weisheit gleich in den ersten drei 
Kindheitsjahren an dem Menschen arbeitet. So zitiert Herr Dessoir - 
pardon, Professor an der Berliner Universitat Max Dessoir: 

«Besonders ein Mensch, der selber Weisheit lehrt — das bekennt 



Herr Rudolf Steiner wird sich sagen: Als ich Kind war, habe ich an 
mir durch Krafte gearbeitet, die aus der geistigen Welt hereinwirkten, 
und das, was ich jetzt als mein Bestes geben kann, mufi audi aus hohe- 
ren Welten hereinwirken; ich darf es nicht als meinem gewohnlichen 
Bewulksein angehorig betrachten.» [S. 260.] 

Also Max Dessoir macht seine Leser glauben, dafi ich behauptet 
hatte von mir selber das alles, was hier gesagt ist. Schlagen wir auf 
«Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit», wo er das 
her hat. Seite 30, da steht: 

«Der so gewonnene Begriff der Menschenfuhrerschaft kann nun in 
mancher Hinsicht erweitert werden. Man nehme an, ein Mensch habe 
Schiiler gefunden, einige Leute, die sich zu ihm bekennen. Ein soldier 
wird durch echte Selbsterkenntnis leicht gewahr werden, dafi ihm 
gerade die Tatsache, dal$ er Bekenner gefunden hat, das Gefiihl gibt: 
was er zu sagen habe, riihre nicht von ihm her. Es sei vielmehr so, dafi 
sich geistige Krafte aus hoheren Welten den Bekennern mitteilen wol- 
len, und diese flnden in dem Lehrer das geeignete Werkzeug, um sich 
zu offenbaren. 

Einem solchen Menschen wird der Gedanke nahetreten», und jetzt 
kommt die Stelle, die Dessoir zitiert: 

«Als ich Kind war, habe ich an mir durch Krafte gearbeitet, die aus 
der geistigen Welt hereinwirkten, und das, was ich jetzt als mein 
Bestes geben kann, mufi audi aus hoheren Welten hereinwirken: ich 
darf es nicht als meinem gewohnlichen Bewufitsein angehorig be- 
trachten.» [S. 260.] 

Bis hierher zitiert Dessoir. Und nun heifit es bei mir weiter: 

«Ja, ein soldier Mensch darf sagen: etwas Damonisches, etwas wie 
ein Damon - aber das Wort <Damon> im Sinne einer guten geistigen 
Macht genommen - wirkt aus einer geistigen Welt durch mich auf die 
Bekenner. - So etwas empfand Sokrates.* [S. 30.] 

Also die ganze Stelle bezieht sich auf Sokrates. Max Dessoir hat die 
Geschmacklosigkeit - mochte ich blofi sagen, um kein starkeres Wort 
hier zu gebrauchen -, diese Stelle in dieser Weise zu verdrehen und 
dann noch dazu zu sagen: 

«Die Tatsache also, dafi der einzelne ein Trager iiberindividueller 



Wahrheiten ist, vergrofiert sich hier zu der Vorstellung, daft eine ding- 
lich gedachte Geisteswelt gleichsam durch Rohren oder Drahte mit 
dem Individuum verbunden sei; Hegels objektiver Geist verwandelt 
sich in eine Gruppe von Damonen und alle Schattengestalten eines un- 
gelauterten religiosen Denkens treten wieder auf.» [S. 260.] 

Nun soli man das Kapitel, das ich in meinen «Ratseln der Philo- 
sophic* liber Hegel geschrieben habe, lesen, und dann sich klarmachen: 
dalS ich hier davon spreche, von Damonen, das bezieht sich auf So- 
krates, der selber das Wort «Damonion» gebraucht hat. Von Hegel 
sagte ich selber in den «Ratseln der Philosophie» ausdriicklich in sehr 
deutlicher Weise, dafi man das nicht brauchen kann. Aber ich werde 
Ihnen nachher zeigen, warum in diesem besonderen Fall der Professor 
Dessoir, sagen wir, so geschmackvoll sein kann. Solche Oberflachlich- 
keit, die steigert sich tatsachlich zu dem, was eine richtige Verleum- 
dung ist, wenn audi nur eine oberflachlichkeitsgeborene. Aber es mischen 
sich ja da andere Gefuhle hinein. 

Geht man auf das Begriffliche ein, da muft ich sagen: man staunt 
uberhaupt dariiber, wie es in dem Hirnkasten eines solchen Gegen- 
wartsprofessors aussieht. Ich stelle dar, da/5 man als eine erste Stuf e der 
iibersinnlichen Erkenntnis die imaginative Erkenntnis hat, die bildhaft 
wirkt. Also, wie man die sinnliche Erkenntnis durch Begriffe gewinnt, 
die schattenhaft, abstrakt wirken, so gewinnt man die Tatsachen der 
hoheren Welt durch imaginative Erkenntnis. Daraus macht nun Pro- 
fessor Dessoir etwas - ja, man weilS nicht recht was, denn weil er also 
iiest, daft durch Sinnbilder erkannt wird, so sagt er: Die Tatsachen 
sind Sinnbilder. Deshalb hat er vorher gesagt: 

«Alt-Indien ist nicht das jetzige Indien, wie denn uberhaupt alle 
geographischen, astronomischen, historischen Bezeichnungen sinnbild- 
lich zu verstehen sind.» [S. 258.] 

Nun soil man uberhaupt denken, daft ein verniinftiger Mensch aus 
der Darstellung der «Geheimwissenschaft» den Eindruck bekommen 
kann - wenn audi der heutige Begriff Indiens sich nicht deckt mit dem 
des alten Indiens -, ich meinte, das alte Indien sei blofi symbolisch zu 
verstehen. Weil er gelesen hat, daft die erste Stufe der Erkenntnis, die 
imaginative Erkenntnis, eine sinnbildlicheist, glaubt er, das alte Indien, 



also der Gegenstand, sei ein blofies Sinnbild. Dafl er das nun glaubt, 
das bringt ihn wiederum dazu, auf Seite261 dasFolgende zu schreiben: 
«Dieser Mensdi hat sich herausgebildet in einer urfernen Vergangen- 
heit, die Steiner das lemurische Zeitalter der Erde nennt - warum 
wohl? -, und in einem Lande, das damals zwischen Australien und 
Indien lag (was also eine riditige Ortsbestimmung und kein Symbol 
ist).» 

Also sehen Sie, Dessoir bildet sich ein, ich meinte, das lemurische 
Land ware ein Symbol, und nun tadelt er, dafi ich die Sadie so dar- 
stelle, dafi es kein Symbol ist; er findet das scharf tadelnswert. Also 
hier wird die Oberflachlichkeit schon dumm. Da findet er sich beson- 
ders geistreich, wenn er zum Schlusse sagt: 

«An diesen Erwagungen befremden Widerspriiche und eine gewisse 
logische Geniigsamkeit. Es ist widerspruchsvoll, dafi aus <erschauten> 
und nur <symbolisch> gemeinten Sachverhalten die Tatbestande der 
Wirklichkeit sich entwickelt haben sollen.» [S. 263.] 

Weil die Erkenntnis durch Bilder wirkt, so sollen die Tatbestande 
audi bildlich sein; und das findet er einen Widerspruch. Also denken 
Sie, wenn einer sagt, ein Bild, das ein Maler malt, das ist eben ein 
Bild, aber er verwechselt nun selber das Bild mit der Wirklichkeit, und 
findet das widerspruchsvoll, dafi dieses Bild eine Wirklichkeit dar- 
stellen soli — oder so irgend etwas. Also, Sie kommen dazu, diese 
Oberflachlichkeit an einer solchen Stelle geradezu dumm zu finden. 

Nun, sehen Sie, so wird Anthroposophie heute der Welt dargestellt. 
Denken Sie sich, dieses dicke Buch, das also von einem Universitats- 
professor geschrieben ist, wird selbstverstandlich iiberall besprochen; 
die Leute lesen dieses Kapitel selbstverstandlich mit besonderer In- 
brunst. Kummern sich nicht darum, daft der Mann eine Karikatur der 
Anthroposophie dargestellt hat, sondern werden finden, dafi sie viel- 
leicht der Sache Recht zu geben haben, die der Mann in der Ankun- 
digung jetzt durch alle Zeitschriften schickt - solche Buchhandler- 
annoncen, die riihren ja gewohnlich von Leuten her, die dem Autor 
nicht so ganz feme stehen. - Da in der Buchhandlerannonce heifit es: 

«... Dann geht das Buch iiber zu dem kabbalistischen Denkver- 
fahren, das sich nicht nur in der eigentlichen Kabbala, sondern audi 



in der Freud* schen Psycho- Analyse und in den unfruchtbaren Spitzfin- 
digkeiten gewisser Faust-Erklarer sowie in der Shakespeare-Bacon- 
Lehre bekundet: alle diese Nebenformen der Wissenschaft werden zer- 
gliedert und in ihrer Hohlheit aufgedeckt. Ebenso griindlich, aber audi 
ebenso unerbittlich werden die Irrlehren eines Guido von List und eines 
Rudolf Steiner kritisiert; es wird Licht hineingetragen in die dunklen, 
anspruchsvollen Theorien der Gesundbeter und der Theosophen.» 

Also, nun sehen Sie, das ist heute Gelehrtenusus; das ist heute die 
Manier, wie man von offizieller Seite die Dinge behandelt, die sich in 
den Dienst der Wahrheit stellen wollen. Aber die Oberflachlichkeit des 
Herrn Max Dessoir, die geht manchmal wirklich in hohe Regionen. 
Er macht zum Beispiel auf Seite 254 die Anmerkung: 

«Vgl. Rudolf Steiner, die <Geheimwissenschaft im Umrifi>, fiinfte 
Auflage, Leipzig 1913. Daneben habe ich noch eine lange Reihe an- 
derer Schriffcen benutzt.» 

Ich habe nachgewiesen - meine philologische Beschaftigung gestattet 
mir so etwas namlich — , dail Max Dessoir nichts kennt als die «Ge- 
heimwissenschaft.», die «Geistige Fiihrung des Menschen und der 
Menschheit» und «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Das ist alles, was 
er kennt. Das kann ich aus seinem Aufsatz nachweisen. «Die Ratsel 
der Philosophie» hat er zum Beispiel nicht gelesen - um nur dieses 
Buch zu nennen. Das nennt er allerdings eine lange Reihe anderer 
Schriften. Die «Geheimwissenschaft» und die lange Reihe, das ist die- 
ses: «Die geistige Fiihrung» und «Blut ist ein ganz besonderer Saft». 
Dann fahrt er fort: 

«In Steiners Erstling, der < Philosophic der Freiheit> (Berlin 1894), 
finden sich nur Ansatze zur eigentlichen Lehre.» [S. 254, Anm.] 

Erstling! Mein erstes Buch ist 1883 erschienen. Dieser Erstling ist 
also elf Jahre nach meinem wirklichen Erstling erschienen. Das erlebt 
man heute! So erlebt man die Dinge! 

Nun, ich werde selbstverstandlich eine Broschiire schreiben liber 
dieses Kapitel im Zusammenhang mit diesem ganzen Buch. Denn das 
ist notwendig. Hier handelt es sich wirklich darum, einmal eine so- 
genannte Kulturerscheinung festzunageln und nicht blofi Satz fur Satz 
zu widerlegen, sondern vor alien Dingen die ganze briichige Oberflach- 



lichkeit zu zeigen, wirklich mit gelehrtem Apparat dem Mann zu zei- 
gen, dafi er nidit einmal die allereinfachsten Regeln des wirklichen 
Anstands einzuhalten vermag. Es darf nicht auf diese Sadie geantwor- 
tet werden, indem man einfach Satz fiir Satz nimmt, sondern indem 
man zeigt, was der Mann erst aus der Sache macht. Die ganze Saclie 
ist namlich, icli mochte sagen, nach dem Muster geschrieben, wie die 
ersten Zeilen. Ich weifi selbstverstandlich, dafi das die Menschen nicht 
anstofiig finden werden; er beginnt: 

«Ein immerhin merkwurdiger Mensch, der Dr. Rudolf Steiner. Er 
stammt aus Ungarn, geboren am 27. Februar 1861, und ist iiber Wien 
nach Weimar gekommen.» [S. 254.] 

Nun, ich habe im ganzen in Ungarn die ersten eineinhalb Jahre 
meines Lebens verbracht. Ich stamme nicht aus Ungarn, sondern ich 
stamme wirklich aus Niederosterreich, und zwar in altester Abstam- 
mung aus Niederosterreich, aus einer urdeutschen Familie. Ich bin 
nur in Ungarn geboren, weil mein Vater Beamter war an der oster- 
reichischen Siidbahn, die von Wiener-Neustadt nach Grofi-Kanizsa 
ging, die damals noch zu Cisleithanien gerechnet wurde, und er dort 
stationiert war an einer Station der ungarischen Linie, Kraljevec, wo 
ich zufallig geboren worden bin, und bis zu eineinhalb Jahren lebte. 
Aber im «Kiirschner» steht selbstverstandlich: «geboren in Ungarn». 
Das ist die Quelle des Herrn Max Dessoir. Ich weifi, dafi natiirlich 
diejenigen Menschen, die immer denjenigen Recht geben, die Gewis- 
senlosigkeiten begehen, sagen werden: Nun, woher soil denn der Mann 
das andere wissen, wenn es im Kurschner steht. Kiirschner gibt nam- 
lich den Geburtsort an; aber man weifi eben sonst, daf5 der Mensch 
auch woanders herstammen kann, als wo er zufallig geboren ist - was 
in der Gegenwart ja sehr haufig der Fall ist, nicht wahr, wo die Men- 
schen durcheinandergewiirfelt werden — , nur ein deutscher Philosophie- 
professor richtet sich nicht nach den allergewohnlichsten Erwagungen. 
Die anderen Dinge sind der Sache wiirdig. 

Aber die Dinge werden manchmal hochst niedlich. Sehen Sie, er 
kennt auch noch, wie ich schon sagte: «Blut ist em ganz besonderer 
Saft.» Da werden Sie finden, dafi ich einmal wirklich mit grower Vor- 
sicht dargestellt habe, wie es in fruheren Zeiten war, wie das Blut 



gewissermaften eine tiefere Gedachtniswirkung hatte und dergleichen. 
Icii habe allerdings nicht versaumt, ausdriicklich zu sagen, daft es 
sdiwierig ist, diese Dinge darzustellen, und daft man deshalb vielfach 
vergleichsweise reden mul Selbstverstandlich laftt Max Dessoir diese 
Einleitung weg und zitiert dasjenige, was, wenn Sie es nachlesen in 
«Blut ist ein ganz besonderer Saft», sehen werden, mit welcher Vor- 
sicht und mit welchen Obergangen das alles dargestellt ist. Max Dessoir 
zitiert aber, weil er dadurch besonders auf die Leser wirken zu konnen 
glaubt, so: 

«Der Astralleib soil <seinen Ausdruck fmden> teils im sympathischen 
Nervensystem, teils im Ruckenmark und Gehirn.» [S. 261.] 
Nun zitiert er die Sache bei mir: 

«Das Blut nimmt die durch das Gehirn verinnerlichten Bilder der 
Auftenwelt auf.» 

«Eine soldi ungeheuerliche Miftachtung aller Tatsachen verbindet 
sich mit der ebenso unbeweisbaren wie unverstandlichen Behauptung, 
der vorgeschichtliche Mensch habe in den <Bildern, die sein Blut emp- 
fing> auch die Erlebnisse seiner Vorfahren erinnert.» [S. 261.] 

Man darf einfach nidit etwas, was mit aller Vorsicht dargestellt ist, 
in einen Satz so zusammenziehen, daft es keinen Sinn hat, und man 
bindet dadurch dem Leser Baren auf. Aber die Baren sind in diesem 
Falle ganz besonders schlimme, weil sie wie verleumderisch die Sache 
darstellen. Aber was zitiert denn da der gute Dessoir? Nichts anderes, 
als daft der Mensch das, was er von seinen Vorfahren tiberliefert be- 
kommen hat, in den fruheren, anderen Verhaltnissen des Blutes wie 
ein Gedachtnis erlebte. Das findet Max Dessoir besonders schlimm. 
Nun mochte ich aber eine eigene Meinung des Dessoir aufschlagen; das 
ist namlich hochst interessant. Da erklart er, wie es kommt, dafi heute 
noch uralte Anschauungen leben, solche Anschauungen, wie sie die 
aberglaubischen Leute auf dem Lande und wie sie die Gesundbeter 
haben, oder wie sie Guido von List hat und die Anthroposophen. Wo- 
her das kommt, sucht er zu erklaren. Da sagt er: 

«Schon aus solchen Beispielen kann geschlossen werden, daft in der 
Geheimforsckwng uralte Vorstellungsformen weiterleben. Eine biin- 
dige Widerlegung des Okkultismus ist mit dieser Resttheorie freilich 



noch nicht gegeben, da ja die Wahrheit in der Jugend der Volker erfafit 
und unserem Kulturkreis verloren gegangen sein konnte. Aber die Tat- 
sadien, die zur Stiitze herangezogen werden, versagen, und die Er- 
innerung an jene urmenschlichen Volkergedanken soil erklaren, wes- 
halb wir Menschen der Gegenwart trotzdem so schwer davon los- 
kommen. Das Blut vieler Jahrtausende rinnt in unseren Adern. Sein 
Pulsschlag ist nicht immer regelmafiig, sondern wird manchmal arrhyth- 
misch, wie er einst gewesen war.» [S. 1 1 f .] 

So Max Dessoir. Also, wenn in der Anthroposophie in einer sehr 
erklarlichen Weise vorkommt, dafi gesagt wird: «Das Blut der Vor- 
fahren rinnt in uns und stellt eine Art Gedachtnis dar» - da wird es 
lacherlich gemacht; wo er es selber braucht, da fiihrt er es selber an. 
Das ist Max Dessoir, Universitatsprofessor der Philosophic in Berlin. 

Nun, ein besonders kurioses Buch, das ich immer weit von mir ge- 
wiesen habe, von dem jeder wissen kann, der meine Goethe-Sdiriften 
kennt, dafi ich es weit von mir gewiesen habe, ist das Buch von F. A. 
Louvier: «Sphinx locuta est», wo auf kabbalistische Weise Goethes 
«Faust» erklart wird. Es ist ein schreckliches Buch. Aber Dessoir nimmt 
vorerst die Kabbalistik. Was er iiber Kabbalistik sagt, das wiirde zu 
weit fuhren, denn davon versteht er wirklich nichts; aber er fiihrt 
dann die moderne Kabbalistik an und darunter audi den Louvier: 
«Sphinx locuta est», wo so schone Dinge drinnenstehen. Nicht wahr, 
da kann er sich nun wieder einmal die Finger ablecken: 

«Aus vielen Stellen soil hervorgehen, dafi die Geisteskrafte als alle- 
gorische handelnde Personen auftreten. Der Erdgeist - in Wahrheit 
freilich eine der dunkelsten Gestalten des Werks - ist der Geist des 
Faustplans (denn <Erde> steht fiir <Ebene> oder <Plan>) und als soldier 
die Abstraktion; Gretchen ist die Naivitat; der schwarze Pudel ist 
der - negative Beweis und so weiter. Betrachten wir daraufhin die 
Szene <vor dem Ton (Sphinx locuta est S. 122ff.). Wenn Faust den 
spekulierenden Verstand symbolisiert, so ist seine Wohnstatte der 
Kopf . Demnach bedeutet die Stadt das Gehirn, das hohle, finstere Tor 
den Mund, und die Spazierganger aller Art sind die horbaren Aufie- 
rungen des Geistes, die von da hinausziehen ins Freie. Die Sprache 
selbst erscheint hier nicht, weil sie im zweiten Teil als <Heroldsstab> 



ausfuhrlich geschildert wird. Wohl aber treten die Gedidite und zwar 
als die Soldaten auf: Burgen (Sitz der Gedanken) und Madchen (Ge- 
fiihle) miissen slch. dem Gedicht ergeben; die Trompeten (die Klange) 
der Gedidite werben wie fiir die Freude so zum Verderben . . . Das 
Biirgermadchen (Agathe) stellt das Volkslied vor, und der Geliebte, 
der sich mit dem Volksliede verbinden soil, d. h. einer der Soldaten, 
ist ein Gedicht; denn Text und Lied bilden eben ein Paar . . . Neben 
dem Volkslied (Agathe) erscheint ferner ein <Schiiler>, d. h. das Stu- 
dentenlied, der Krauskopf genannt, und bei diesem ein zweiter Schii- 
ler - der Refrain des Liedes . . . Aufier den besprochenen Figuren er- 
scheinen noch die folgenden horbaren Aufierungen, die aus dem Tor 
(dem Munde) hervorgehen. Es sind: die Bitte, die Wortverdrehung, 
das Schwatzen, die Einwilligung, der Zank, der Befehl, die Frage, die 
Kannegiefierei, das Ja, das Versprechen und die Abbitte.» [S. 222 f .] 

So kann er sich gut lustig machen iiber den Louvier, der ja die ganze 
kantische Philosophic im «Faust» dargestellt findet. Dann geht er 
iiber zu dem honorificabili von Edwin Bormann und den Shakespeare- 
Bacon-Menschen; stellt dar, wie das alles unsinnig ist, was die Shake- 
speare-Bacon-Menschen in kabbalistischer Weise gemacht haben; geht 
dann iiber zu Stefan George, wo er die geschmackvolle Art hat, drei 
Gedichte zu zitieren, um Stefan George zu charakterisieren. Auf das 
alles wollen wir nicht eingehen, das wiirde eine Stunde in Anspruch 
nehmen, um Ihnen die ganze Vertracktheit des Max Dessoir darzu- 
legen; aber auf das eine wollen wir doch eingehen, wo er drei Gedichte 
nebeneinanderstellt. Das eine Gedicht, das zweite, das er bringt, das 
will ich zuerst vorlesen. Man braucht nicht mit solchen Dichtungen ein- 
verstanden zu sein, aber ich will Ihnen die Praktik des Max Dessoir 
darlegen. Also bitte, nehmen Sie es nicht so, als ob ich mit diesem Ge- 
dicht, das von Werfel ist, einverstanden ware, aber darauf kommt es 
nicht an : 

Entriickter, leichter Himmel iiber dem Qrt! 
Du weifit von der Seebader goldenen Fetzen. 
Du weifit von Prinzen 
Und herbstlichem Halali. 
Ihr Knabenbaume 



Zuckt von den Schultern 
Das letzte Netz, 
Das braune. 

Den Schatten werfet auf mich, 
Hier sitze ich 
Und lese den iibermiitigen 
Namen im Stein. 

Nun bist du bei meiner Grofimutter, Kind, 

O unterirdisches Fest, 

Das niemand denken will! [S. 234.] 

Wie gesagt, man kann gegen dieses Gedicht mandies haben, aber 
Dessoir hat die geschmackvolle Art und stellt es mit dem folgenden 
Gedicht zusammen. Das 1st also das erste, das ich jetzt anfiihren will: 

Der blasse Adelknabe spricht: 

Du Dunkelheit, aus der ich stamme - 

Ich glaube an alles noch nie Gesagte, 

Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein 

Du siehst, ich will viel! [genug. 

Wir bauen an dir mit zitternden Handen. [S. 234.] 

Das ist also das eine Gedicht; dann kommt das Werfelsche Gedicht, 
und dann kommt das dritte; das will ich audi jetzt lesen: 

Vielleicht, dafi ich durch schwere Berge gehe - 
Du Berg, der blieb, da die Gebirge kamen, 
Mach mich zum Wachter deiner Weiten, 
Denn, Herr, die grofien Stadte sind: 
Da leben Menschen, weifi erbliihte, blasse, 
O Herr, gib jedem seinen eignen Tod! 
Herr, wir sind armer denn die armen Tiere, 
Mach' Einen herrlich, Herr, mach' Einen grofi - 
Das letzte Zeichen lafi an uns geschehen. [S. 235.] 



Das mittlere Gedicht, das ich zuerst gelesen habe, ist wirklich von 
Werfel; aber um dieses zu charakterisieren, begeht Dessoir das Ge- 



schmackvolle, dafi er einen Band Rilkescher Gedichte nimmt, und nun 
nicht diese Rilke-Gedichte abschreibt, sondern immer die Versanf ange, 
wie sie in dem Inhaltsverzeichnis angegeben sind. Also er macht Ge- 
didite, indem er die Versanf ange zusammenstellt; und die vergleicht 
er dann mit dem Werfelschen Gedicht. Das ist die geschmackvolle Art, 
wie er moderne Lyrik zu diarakterisieren versucht. Er will sagen: Das 
Werfelsche Gedicht kommt audi heraus, wenn man die Versanfange 
im Rilkeschen «Stundenbuch» hintereinander aufschreibt, da macht er 
ein Gedicht daraus. So macht er es. 

Dann bringt er die Rassenmystik von Gmdo von List. Ich habe zu 
Guido von List keine andere Beziehung, als dafi ich einstmals von ihm, 
den ich gekannt habe, als er noch ein verminftiger Mensch war und 
seinen Roman «Carnuntum» geschrieben hatte, in dem Anfang der 
achtziger Jahre, eine Abhandlung bekommen habe, in der Zeit, als ich 
noch «Luzifer-Gnosis» herausgab; da habe ich sie zuriickgeschickt als 
dilettantisch und unbrauchbar. Das ist die einzige Beziehung, die ich zu 
Guido von List gehabt habe. 

Dann bespricht Dessoir die Christian Science. Sie wissen, wieviel 
Beziehung ich zur Christian Science habe. Die einzige Beziehung, die 
ich zur Christian Science habe, die kann ich Ihnen ungefahr vorlesen. 
Wenn ich gefragt worden bin nach offentlichen Vortragen iiber diese 
Christian Science, habe ich immer als erstes gesagt, dafi es wirklich 
Materie gibt. Aber ich habe gesagt, dafi sich diese christliche Wissen- 
schaft nicht christlich nennen darf, und zwar aus folgenden Grunden: 

«Hier wird deutlich, dafi die ganze Lehre mit dem Geist des Chri- 
stentums unvereinbar ist. Eine Lehre, die das Leiden aus der Welt weg- 
verniinfteln will, darf sich nicht auf das Evangelium berufen. Denn 
das Christentum hat mit furchtbarem Ernst die Wahrheit verkiindet, 
dafi Siinde und Schmerz notwendig zur Natur des Menschen gehoren; 
sie sind keine Wahngebilde des unvollkommenen menschlichen Den- 
kens, sondern Tatsachen, denen das Erbarmen Gottes und der Opfer- 
tod Jesu gilt. Die < christliche Wissenschaft> darf sich nicht christlich 
nennen.» [S. 243.] 

Das habe ich immer gesagt, nur hier sagt es Dessoir; ich habe Ihnen 
jetzt eine Stelle von Dessoir vorgelesen; aber Sie wissen, dafi ich ge- 



rade die Christian Science so charakterisiert habe, wenn nach offent- 
lichen Vortragen dariiber gefragt wurde. 

Dann charakterisiert er die theosophische Bewegung als Neu- 
Buddhismus. Aber nach der Art, wie der Professor Dessoir in diesem 
Buche immer erzahlt, dafi er alien moglichen Spiritistensitzungen bei- 
gewohnt hat, konnte ich ja auch ein Buch schreiben iiber Spiritismus 
und ein Kapitel Ma
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