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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE
Abteilung B: Vortrage
II. Vortrage vor Mitgliedern
der Anthroposophischen Gesellschaft
Herausgegeben von der
Rudolf Steiner Nachlassverwaltung
Band GA 243
RUDOLF STEINER
Das Initiaten-Bewufitsein
Die wahren und die falschen Wege
der geistigen Forschung
Elf Vortrage, gehalten in Torquay
vom 11. bis 22. August 1924
2004
RUDOLF STEINER VERLAG
Die Herausgabe der 6. Auflage besorgte
Walter Kugler
Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben
Seite 253
Band GA 243
6. Auflage 2004
© 2004 by Rudolf Steiner Verlag, Dornach
© 1960 by Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der foto-
mechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten.
Bindung: Spinner, Ottersweier
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl
ISBN 3-7274-2430-3
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Rudolf Steiner hat seine Vortrage stets frei, also ohne Manuskript, gehalten.
Viele seiner Voruberlegungen hielt er lediglich in Stichworten, manchmal
auch in kurzen Satzen, Schemata oder Skizzen in seinen Notizbiichern fest,
ohne daft er sie weiter schriftlich ausgearbeitet hatte. Nur in ganz wenigen
Fallen liegen vorbereitete schriftliche Zusammenfassungen vor, die fiir Uber-
setzer bestimmt waren. Er hat jedoch der Veroffentlichung seiner Vortrage
zugestimmt, auch wenn er selbst nur einige wenige fiir den Druck vorberei-
ten konnte.
Die in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe veroffentlichten Vortrage basie-
ren in der Regel auf Ubertragungen stenographischer Aufzeichnungen, die
wahrend des Vortrages von Zuhorern oder hinzugezogenen Fachstenogra-
phen angefertigt wurden. Verschiedentlich - und dies gilt fiir die Anfangsjah-
re seiner Vortragstatigkeit, etwa bis 1905 - dienen auch schriftliche Ausarbei-
tungen durch Zuhorer als Textgrundlage. Fiir die Drucklegung werden die
Ubertragungen in Langschrift oder Zuhorernotizen von den Bearbeitern
(Herausgebern) einer eingehenden Priifung unterzogen, insbesondere hin-
sichthch Sinn, Satzbau und Genauigkeit der Wiedergabe von Zitaten, Eigen-
namen oder Fachbegriffen. Bei auftretenden Komplikationen, wie zum Bei-
spiel nicht entschliisselbaren Satz- und Wortgebilden oder Liicken im Text,
werden, soweit vorhanden, die Originalstenogramme zur Abklarung hinzu-
gezogen.
Weitere Angaben, die Besonderheiten der Textgrundlagen, der Bearbei-
tung sowie die Entstehungsgeschichte der im vorliegenden Band veroffent-
lichten Vortrage betreffend, befinden sich am Schlufi des Bandes.
Die Herausgeber
Zu den Tafelzeichnungen: Die Original-Wandtafelzeichnungen Rudolf
Steiners zu den Vortragen in diesem Band sind erhalten geblieben, da die Ta-
feln damals mit schwarzem Papier bespannt wurden. Sie sind als Erganzung
zu den Vortragen im Band XV der Reihe «Rudolf Steiner - Wandtafelzeich-
nungen zum Vortragswerk» verkleinert wiedergegeben, worauf hier an den
betreffenden Textstellen durch Randvermerke verwiesen wird.
INHALT
Zur Einfuhrung
ERSTER VORTRAG, Torquay, 1 1. August 1924
Die Natur ist die grofie Illusion. «Erkenne dich selbst». Warum forschen
wir uberhaupt nach einem Geistigen? Die wahren Wege in das geistig-
wirkliche Erkennen. Die Erkenntnis der Welt in ihrer Totalitat durch
geistige Anschauung innerhalb der physischen Tatsachen.
ZWEITER VORTRAG, 12. August 1924
Die drei Welten und ihre Spiegelbilder.
Bewufkseinsunterschiede der alten und der neuen Zeit. Die naturhaft
schaffende Phantasie des heutigen Traumes. Weitere Durchkraftung des
Seelenlebens.
DritterVortrag, 13. August 1924
Form und Substantiality des Mineralischen mit Bezug auf die Bewulk-
seinszustande des Menschen.
Das Wesen der kristallisierten Mineralien. Substantiality und Metallitat
der mineralischen Welt. Aus dem RaumesbewulStsein in das Zeitbewuftt-
sein.
VlERTER VORTRAG, 14. August 1924
Das Geheimnis des Erforschens anderer Welten durch die Metamor-
phose des Bewulkseins.
Der Zusammenhang der Metallitat mit anderen Bewulkseinszustanden
des Menschen. Veranderungen in der Stellung des Menschen zur Er-
kenntnis im Laufe der Geschichte. Bilder aus alten Zeiten.
FUNFTER VORTRAG, 15. August 1924
Das innere Beleben der Seele durch die Eigenschaften des Metallischen.
Der Kupferzustand des Menschen. Das Mysterium des Merkur. Das
Mysterium des Silbers.
SECHSTER VORTRAG, 16. August 1924 113
Initiationserkenntnisse.
Das Tagwachen und das Traumbewufksein. Die Lebensalter als Auffas-
sungsorgane. Die ineinandergeschobenen Sternenspharen.
SlEBENTER VORTRAG, 18. August 1924 135
Sternenerkenntnis.
Die geistigen Hintergriinde des geschichtlichen Werdens der Mensch-
heit und seine Differenzierungen. Mondenwesenheiten. Mediale Natu-
ren und ihre Ausstrahlungen.
ACHTER VORTRAG, 19. August 1924 157
Moglichkeiten der Abirrung in der Geistigen Forschung.
Ahrimanische Elementarwesen. Besessenheit. Das innere Mysterium
des medialen Wesens.
NEUNTER Vortrag, 20. August 1 924 1 78
Abnorme Wege in die geistige Welt und deren Umwandlung.
Die Benutzung naturwissenschaftlicher Vorstellungen fiir den Erkennt-
nisweg. Die Uberwindung der Karikatur naturwissenschaftlicher Me-
thoden zur Erforschung des Mediumismus und Somnambulismus. Die
Kunst als Briicke von der Materie zum Geist.
Zehnter Vortrag, 21 . August 1924 197
Einfliisse des au£erirdischen Kosmos auf das menschliche Bewufttsein.
Sonnenwirkungen und Mondenwirkungen. Das lebendige Erfassen der
Mondensphare als Ausgangspunkt eines Initiatenweges. Das Ergreifen
der menschlichen Organisation in Imaginationen.
Elfter Vortrag, 22. August 1924 218
Wie steht es mit dem Verstandnis fiir geistige Forschung?
Zwei Forschungsmoglichkeiten. Geburt und Tod und das Bose. Die
Offenbarung des Himmlischen im Irdischen durch die Kunst.
Aufzeichnung Rudolf Steiners zum vierten Vortrag .... 237
Anhang
Tu dieser Ausgabe / Textgrundlagen / Hinweise zum Text . . 241
Textkorrekturen / Namenregister 250
Literatur zum Thema aus dem Werk Rudolf Steiners .... 252
Bibliographischer Nachweis bisheriger Ausgaben 253
2.um 'Werk Rudolf Steiners .... 254
ZUR EINFUHRUNG
In Torquay, an der siidwestlichen englischen Kiiste, haben diesmal die
Freunde der anthroposophischen Bewegung in England die Sommer-
kurse veranstaltet. Mr. Dunlop, der feinfiihlige, nach weiten Zielen
schauende Anthroposoph, und Mrs. Merry, die unermiidlich Tatige
und der Bewegung liebevoll Ergebene, haben sich, im Verein mit den
anderen Freunden, der grofien Arbeit unterzogen, diese Kurse zu
ermoglichen.
Die Arbeit besteht in einem fortlauf enden Kurse fur Mitglieder und
Freunde der Anthroposophie, den ich an den Vormittagen halte und
fur den das Thema gewiinscht worden ist: «Die wahren und die
falschen Wege der geistigen Forschung»; in einem Kursus fur die
Lehrkrafte der in der Begriindung begriffenen, im anthroposophi-
schen Geiste gehaltenen Schule, der in den ersten Nachmittagsstunden
stattfindet; in fiinf Eurythmieauffuhrungen, die von Marie Steiner
geleitet werden und bei denen diese auch die Rezitation leistet; in
Mitgliedervortragen und Klassenstunden; ferner in Vortragen Dr. v.
Baravalles. . .
Die Ubersetzung meiner in deutscher Sprache gehaltenen Vortrage
leistet in der aufopferndsten Art Mr. Kaufmann.
Wir stehen, da ich dieses schreibe, mitten in dem Kurse darinnen.
In den Vormittagsvortragen setze ich mir zur Aufgabe, die Wege
der menschlichen Seele zu den verschiedenen Bewufitseinszustanden
zu zeigen, durch die sich dem Menschen die dem gewohnlichen
Bewufksein verborgenen Weltgebiete offenbaren. Zunachst habe ich
dargestellt, welche Veranderungen die Bewufkseinsverfassung des
Menschen im Laufe der geschichtlichen Entwickelung durchgemacht
hat. Ich habe dazu zwei Beispiele gewahlt: die alten Chaldaer und die
Lehrer der Schule von Chartres im Mittelalter. Bei den Chaldaern ist
ein Anschauen vorhanden, das an den Sinnesoffenbarungen auch noch
das Geistige mit-wahrnimmt. Bei ihnen ist noch nicht das gedankenge-
tragene Wachbewulksein vorhanden, das die heutige Menschheit hat,
sondern ein solches, das in Bildern Sinnliches und Geistiges wachend
zusammenschaut; dafiir aber bleibt ihnen auch der traumlose Schlaf
nicht erinnerungslos; sie besinnen sich auf denselben und nehmen
dadurch das Geistige wahr, dem der Mensch vor der Geburt und nach
dem Tode angehort. Die Lehrer von Chartres sprechen aus ihrem
Bewufitsein heraus, das sie zwar nicht mehr voll entwickelt, aber dem
Inhalte nach traditionell iiberliefert haben, von der «Natur» nicht wie
der gegenwartige Mensch als einer blofien Summe von Naturgesetzen,
sondern wie von einem lebendigen Wesen, das im lebendigen Tun die
Erscheinungen der Natur hervorbringt. Die Anschauung dieses leben-
digen Wesens, die der Mensch einstens besessen hat, ist damit verlo-
rengegangen, daft die Erinnerungsfahigkeit an die Erlebnisse des
traumlosen Schlafes erloschen ist. Ich ging dann dazu iiber, zu zeigen,
wie der Mensch die verschiedenen Bewufttseinszustande in sich er-
zeugt, wie er dadurch zu der Erkenntnis dessen kommt, was geistig
hinter dem Menschen-, dem Tier-, Pflanzen- und Mineralreiche wal-
tet. Ich schilderte die geistige Wesenhaftigkeit einzelner Metalle und
deren Beziehung zu dem sich zur geistigen Anschauung entwickeln-
den sowie auch zu dem kranken Menschen. Ich stellte ferner dar, wie
der Bewufkseinszustand ist, der das Leben des Menschen iiber den
Tod hinaus verfolgen kann. Auch stellte ich den Zuhorern vor Augen,
wie gewisse Bewufkseinszustande, die entwickelt werden konnen,
dem Menschen ermoglichen, sein geistiges Gesichtsfeld von der Erde
hinweg in den Kosmos, zu den Sternenspharen zu erweitern.
So versuche ich, die Grundlage dafiir zu gewinnen, die rechten
Wege zur Erkenntnis der geistigen Welt zu zeigen, um dann weiterge-
hend die Abirrungen auf unrichtige Bahnen anschaulich machen zu
konnen . . .
Rudolf Steiner
Auszug aus seinem Bericht «Unsere Sommerkurse in Torquay», erschienen
im sog. Nachrichtenblatt «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft
vorgeht» am 24. August 1924; Wiederabdruck in GA 260a, «Die {Constitu-
tion der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft», S. 366 ff.
ERSTER VORTRAG
Torquay, 11. August 1924
Die Natur ist die grofte Illusion
«Erkenne dich selbst»
Warum forschen wir uberhaupt nacb einem Geistigen?
Es ist mir der Wunsch ausgedriickt worden, in diesen Vortragen zu
sprechen iiber die Wege in die iibersinnliche Welt, in das geistige
Leben hinein, die Wege, welche zu iibersinnlichen Erkenntnissen
fiihren und die sich vereinigen konnen mit den in so grower, schoner
Weise in der neueren Zeit gegangenen Wegen zur Erkenntnis der
sinnlichen, der physischen Welt. Denn nur derjenige Mensch kann die
Wirklichkeit erkennen, der zu den groften, bewunderungswiirdigen
Erkenntnissen, welche die Naturwissenschaft, die historische Wissen-
schaft, welche anderes Erkennen in der neueren Zeit geleistet hat,
hinzufugt dasjenige, was man in bezug auf die geistige Welt wissen
kann.
Uberall, wo uns die Welt entgegentritt, ist sie in Wahrheit geistig
und physisch, und es gibt nirgends ein Physisches, das nicht hinter sich
in irgendeiner Weise als den eigentlichen Akteur ein Geistiges hatte.
Und es gibt nicht irgendein Geistiges, das, nur um sich zu langweilen
in der Welt, ein wesenloses, tatenloses Dasein fuhrte, sondern jedes
Geistige, das irgendwo gefunden werden kann, wird auch bis ins
Physische hinein zu irgendeiner Zeit oder an irgendeinem Orte
wirksam.
Wie man innerhalb der physischen Tatsachen auf der einen Seite,
wie man durch die Anschauung des Geistigen auf der anderen Seite die
Welt, in der der Mensch lebt, in ihrer Totalitat erkennen kann, dariiber
soil gesprochen werden, gesprochen werden so, daft die richtigen und
die falschen Methoden dieser Erkenntnis hier in diesen Vortragen zur
Darstellung kommen.
Heute mochte ich, bevor ich den eigentlichen Gegenstand, mit dem
ich morgen anfangen werde, bespreche, eine Art Einleitung geben,
damit Sie sehen, was eigentlich von diesen Vortragen zu erwarten ist,
was mit ihnen beabsichtigt ist. Es wird sich darum handeln, zunachst
die Frage uns nahezulegen: Warum forschen wir denn iiberhaupt nach
einem Geistigen? Warum befriedigen wir uns als Menschen, die in der
Welt denken, in der Welt fiihlen, die in der Welt etwas tun, warum
befriedigen wir uns nicht damit, die sinnlich-physische Welt einfach
aufzufassen, in ihr zu wirken? Warum streben wir nach der Erkenntnis
eines Geistigen?
Ich darf dabei auf eine alte Anschauung, ein altes Wort hinweisen,
das aber eine immer erweiterte Wahrheit enthalt, das heriibertont aus
Urzeiten menschlichen Denkens und menschlichen Strebens, das wir
aber auch finden, wenn wir heute forschen nach dem Wesen der Welt.
Ohne daft hier auch nur das geringste gebaut werden soil auf fremde
alte Anschauungen, mochte ich aber immer da, wo es am Platze ist, auf
solche alten Anschauungen hinweisen.
Da tont uns mit einem Alter von Jahrtausenden aus dem Orient
hertiber das Wort: Die Welt, die wir mit den Sinnen sehen, ist Maja.
Diese Welt, die wir mit den Sinnen sehen, ist die grofte Illusion, denn
Maja ist ja die grofie Illusion. Und wenn - so fiihlte man immer im
Verlaufe der menschlichen Entwickelung - diese Welt die grofie
Illusion ist, so muft der Mensch iiber diese grofie Illusion hinaus zur
wahren Wirklichkeit kommen.
Aber warum fafit denn der Mensch diese Welt, die er mit seinen
Augen sieht, mit seinen Ohren hort, mit seinen iibrigen Sinnen
wahrnimmt, als die grolk Illusion auf? Warum taten sich denn auf,
gerade in den altesten Zeiten der Menschheit, wo der Mensch dem
Geist nahergestanden hat als heute, Mysterienstatten, die zu gleicher
Zeit zur Pflege der Wissenschaft, der Religion, der Kunst, des prakti-
schen Lebens da waren, und die auf die Realitat, auf die Wahrheit
hinweisen wollten gegeniiber dem, was im nur aufieren Leben die
grofte Illusion darstellt, in der der Mensch erkennt und in der er mit
seinem gewohnlichen Wirken zunachst auch lebt? Warum die iiberra-
genden Weisen, die ihre Schuler ausbildeten in den heiligen Mysterien
der alten Zeiten, die zur Wahrheit fiihren wollten gegeniiber der
Illusion - warum das? Ja, diese Frage, sie beantwortet sich nur, wenn
man etwas unbefangener, vorurteilsloser auf den Menschen selber
hinsieht.
«Erkenne dich selbst», so tont ja ein anderes altes Wort wiederum
zu uns. Und, ich mochte sagen, aus dem Zusammenfugen dieser beiden
Worte: «Die Welt ist Maja», aus dem Orient, «Erkenne dich selbst»,
aus dem alten griechischen Wort - erfloft der ganzen neueren Mensch-
heit ihr Streben nach einer spirituellen Erkenntnis. Aber in alien alten
Mysterien erfloft auch das Streben nach der wirklichen Wahrheit aus
diesem Zusammenempfinden, daft die Welt eigentlich Illusion ist, dafi
der Mensch sich selbst erkennen miisse.
Aber erst im Leben kommt man zurecht mit dieser Frage; nicht
im Denken, sondern im Wollen und im vollen Drinnenstehen in der
uns Menschen zunachst zuganglichen Wirklichkeit. Nicht im vollen
Bewufitsein, nicht in deutlicher Erkenntnis, aber in einem inten-
siven Fiihlen sagt sich jeder Mensch innerhalb jeder Erdenlokalitat:
So wie die aufiere Welt, die du siehst, die du horst, kannst du selbst
nicht sein.
Diese Empfindung ist eine tiefgehende, meine verehrten Anwesen-
den. Man mufi nur einmal sich das ganz klar vor die Seele stellen, was
das bedeutet, wenn der Mensch sich sagt: So wie die aufiere Welt, die
du siehst, die du horst, mit deinen ubrigen Sinnen wahrnimmst, kannst
du selbst nicht sein. - Wir betrachten die Pflanzen, wir sehen sie im
Friihling mit ihren griinen Blattern aus der Wurzel aufspriefien. Wir
sehen sie im Laufe des Sommers zur Bliite, gegen den Herbst zu als
Frucht sich entfalten. Wir sehen sie entstehen und vergehen. Wir sehen
das Leben eingespannt in einen Jahreslauf. Wir sehen allerdings, wie
manche Pflanzen aus dem Irdischen Harteres, wenn ich so sagen darf,
aufnehmen, sich mit Harterem durchdringen, einen Baumstamm sich
bilden. Und als wir im Auto hierher gefahren sind, um schnell noch
hierherzukommen gestern abend, sahen wir unterwegs recht, recht
alte Pflanzen, die viel von dem Irdischen aufgenommen haben, um
nicht in einen Jahreslauf ihr Leben zu bannen, sondern um langer ihr
Dasein zu fiihren und immer wieder neue und neue Sprossen an ihrem
Stamme hervorzubringen. Aber der Mensch hat Gelegenheit, auch das
Entstehen und Vergehen solcher Pflanzen zu beobachten.
Der Mensch betrachtet die Tiere. Er sieht sie entstehen, er sieht sie
vergehen. Er tut es zuletzt auch mit den Mineralien. Er beobachtet
dasjenige, was sich in der Erde abgelagert hat an Mineralien, an den
machtigen, grandiosen Gebirgsziigen. Er ist in der neueren Wissen-
schaft darauf gekommen, daft auch diese grandiosen Gebirgsziige
entstehen und vergehen. Und endlich wendet sich der Mensch zu
irgendeiner Anschauung, sei sie ptolemaisch oder kopernikanisch,
oder zu irgendeinem der alten oder der neueren Mysterien, und der
Mensch kommt zu der Anschauung: Was du siehst in den majestati-
schen Sternen, was dir entgegenleuchtet aus Sonne und Mond mit all
den wunderbaren, verwickelten Bahnen, all das entsteht und vergeht ja
auch. - Und aufter dem Entstehen und Vergehen tragt es Eigenschaf-
ten, die so sind, daft der Mensch, wenn er sich selbst erkennen soli,
nicht annehmen darf, daft er gleich sei mit all dem, was da entsteht und
vergeht, mit Pflanzen, Mineralien, mit Sonne, Mond und Sternen.
Dann kommt der Mensch aber zu der Anschauung: Ich trage ja etwas
in mir, was anders ist als das, was ich in meiner Umgebung sehe, was
ich in meiner Umgebung hore. Ich muft auf die Wahrheit meines
eigenen Wesens kommen. Das finde ich nicht in dem, was ich sehe
und hore.
Und es war in alien alten Mysterien der Drang, nach der Wahrheit
des Menschenwesens zu kommen. Dieser Wahrheit des Menschenwe-
sens gegeniiber, die man suchte, empfand man dasjenige, was drauften
im Raume und in der Zeit entsteht und vergeht, als die grofte Illusion.
Und so suchte man um der Erkenntnis des Menschenwesens willen ein
anderes, als die aufteren Sinne geoffenbart haben. Und dieses andere
empfand man als eine geistige Welt. Wie diese geistige Welt eben
richtig gesucht werden kann, das wird der Gegenstand der Vortrage
sein. Denn Sie konnen sich ja denken, zunachst wird der Mensch
dasjenige, was er gewohnt ist, als Weg zu haben, um in der Sinneswelt
zu suchen, fortsetzen wollen. Er wird gerade so, wie er das Wesen der
aufteren Sinneswelt sucht, sein Suchen auch in die geistige Welt hinein
fortsetzen wollen. Wenn aber die Forschung iiber die Sinneswelt im
gewohnlichen Leben Illusionen gibt, dann steht ja zu erwarten, da£
die Illusion nicht kleiner, sondern grower wird, wenn man dieselben
Wege, die man zur Erkenntnis in die Sinneswelt wahlt, auch in die
geistige Welt zur Erkenntnis wahlt. Und so ist es auch. Das wird sich
uns zeigen. Forscht man in der geistigen Welt so, wie man forscht in
der Sinneswelt, kann die Illusion nicht kleiner werden, sondern mufi
grower werden, und wir leben uns, indem wir die sinnliche Forschung
fortsetzen in die geistige Welt hinein, nur in eine um so grofiere,
starkere Illusion hinein.
Und wiederum, wenn wir ahnen vom Geistigen, wenn wir unbe-
stimmt in dunkler Mystik vom Geistigen ahnen, traumen vom Geisti-
gen, ja, dann bleibt uns das Geistige eben unbekannt. Wir ahnen es
nur. Wir glauben nur; wir wissen nichts davon. Wenn wir diese
Mystik, diesen Glauben, dieses Ahnen gegeniiber der geistigen Welt
blofi fortsetzen wollen, dann wird sie uns nicht bekannter, sondern
immer unbekannter, so dafi der Mensch sozusagen zwei falsche Wege
finden kann.
Auf der einen Seite: er benimmt sich gegeniiber der geistigen Welt
so wie gegeniiber der sinnlichen Welt. Da liefert ihm die sinnliche Welt
zunachst die Illusion. Sucht er denselben Weg in die geistige Welt
hinein fortzusetzen, wie es etwa die gewohnlichen Spiritisten tun, so
kommt er nicht etwa zu einer geringeren, sondern zu einer grofieren
Illusion.
Und es ergibt sich der andere Weg, nicht mit durchdringlicher, mit
klarer Forschung in die geistige Welt eindringen zu wollen, sondern
glauben zu wollen, mystisch ahnen zu wollen. Dann bleibt die geistige
Welt unbekannt. Wenn man sich noch so anstrengt, um diesen Weg
des Ahnens, des Mystizierens fortzusetzen, wird sie immer unbe-
kannter und unbekannter. In beiden Fallen kommt man nicht in die
geistige Welt hinein. In dem einen Fall wird die Illusion grower, in dem
anderen Fall wird die Ignoranz grower. Gegeniiber diesen beiden
falschen Wegen ist eben der richtige zu suchen.
Die wahren Wege in das geistig wirkliche Erkennen
Man mufi sich vor Augen halten, wie unmoglich es ist, von der
Erkenntnis der Illusion in dem angegebenen Sinne zu der Erkenntnis
des wahren Selbstes zu kommen, und auch wiederum von dem Ahnen
des wahren Selbstes, von dem mystischen Fiihlen des wahren Selbstes
zu dem Durchschauen der Wirklichkeit in der Illusion zu kommen,
wenn man sich vorbereiten will, die wahren, die echten Wege in das
geistig wirkliche Erkennen hinein zu finden.
Betrachten wir einmal ganz unbefangen, was da vorgeht. Man kann
eigentlich mit materialistischem Sinn niemals ein so grower Verehrer
sein von all den neueren naturwissenschaftlichen Forschern, Darwin,
Huxley, Spencer und so weiter, wie man es sein kann als Erkenner der
geistigen Welt, denn diese Menschen und viele andere seit der Giorda-
no Bruno-Zen haben wirklich Unendliches getan, um dasjenige zu
erkennen, was man zu alien Zeiten in den Mysterien als die grofie
Illusion durchschaute. Man braucht sich gar nicht bei Darwin, Hux-
ley, Spencer, bei Kopernikus, Galilei und so weiter an die Theorien zu
halten. Mogen die Menschen theoretisch iiber das Weltenall denken,
was sie wollen, wir wollen uns darauf gar nicht einlassen; aber wir
wollen uns einmal klarmachen, welche Anregung gegeben worden ist
durch alle diese Menschen, um im einzelnen dieses oder jenes Organ
im Menschen, in der Pflanze, im Tier, dieses oder jenes Geheimnis, das
im Steine waltet, rein materiell zu durchschauen. Man soil sich nur
vorstellen, was wir alles iiber Driisen-, Nerven-, Herz-, Hirn-, Lun-
ge-, Leberleben und so weiter in der neueren Zeit durch die Anre-
gung dieser Forschung beobachtet haben. Man wird schon die
notige Hochschatzung bekommen. Allein der Mensch kommt
mit alien diesen Erkenntnissen im ganzen wirklichen Leben nur bis
zu einem Punkte. Das mochte ich Ihnen an drei Beispielen zeigen.
Man kann aufierordentlich minuzios erkennen, wie der erste Eikeim
des Menschen sich bildet, wie sich nach und nach in wunderbarer
Weise dieser Keim zum menschlichen Embryo gestaltet, wie er Orga-
ne nach und nach ansetzt, wie aus peripherisch angeordneten kleinen
Organen zuletzt das wunderbare Herz- und Zirkulationssystem sich
aufbaut. Man kann das alles erkennen. Man kann erkennen, wie
wunderbar sich in der Pflanze von der Wurzel auf bis zur Bliite und
zum Samen alle die Dinge materiell entwickeln, und kann sich daraus
eine Welt aufbauen nach den Anschauungen, die man sich gebildet hat,
eine Welt, die bis zu den Sternen reicht. Es haben unsere astronomi-
schen, unsere astrophysischen Theoretiker das getan. Man hat sich
eine Welt aufgebaut aus einem Nebel-Sternsystem heraus, die zu
immer deutlicherer und deutlicherer Struktur gekommen ist, Leben
aus sich entwickeln konnte und so weiter.
Man kann sich das alles aufbauen. Aber zuletzt steht man da und
fragt nun doch wiederum nach dem eigenen menschlichen Wesen,
nach dem, was Antwort sein soil auf die Frage: «Erkenne dich selbst.»
Und wenn man sich nur in demjenigen Selbst erkennt, das beschlossen
ist in dem, was man erkennt an den Steinen, Pflanzen, Tieren, an den
menschlichen Organen, am menschlichen Driisen-, am menschlichen
Zirkulationssystem - was erkennt man? Diejenige Welt erkennt man,
die man bei der Geburt betritt, mit dem Tode verlalk. Nichts anderes.
Das aber erfiihlt der Mensch in der Tiefe seines eigenen Wesens, da$
das nicht seine wahre, letzte Grenze ist. Und so mufi der Mensch aus
dem Innersten seines Wesens alldem entgegenrufen, was in so grower
Vollendung, in so grower Majestat an aufterer Erkenntnis an ihn
herantreten kann: Das alles nimmst du nur an zwischen der Geburt
und dem Tode. Was bist du in deinem wahren Wesen? - In dem
Augenblick, wo die Frage der Naturerkenntnis und der Menschener-
kenntnis sich religios wendet, in dem Augenblicke kommt der Mensch
mit dem, was hineinschaut in die Welt der gro£en Illusion, nicht
weiter. Die Frage: Erkenne dich selbst, so da£ du weilk, woher du
stammst im Innersten deines Wesens, wohin du gehst mit dem Inner-
sten deines Wesens - diese Frage, die Erkenntnisfrage ins Religiose
gewendet, bleibt unbeantwortet.
Das war es, was die alten Mysterien ihren Schiilern schon an den
Pforten klarmachten: Du magst erkennen, was du willst mit deinen
aufteren Sinnen, wendest du die Frage religios, dann bleibt dir die
grofie Menschheitsfrage, das grofie Menschenratsel unbeantwortet.
Und weiter. Wir mogen noch so genau hinschauen konnen auf die Art,
wie ein menschliches Gesicht geformt ist, wir mogen noch so genau
hinschauen konnen, wie ein Mensch seine Arme und Hande bewegt,
wie er geht und steht, wir mogen uns ein noch so feines Gefiihl
aneignen fiir die Gestalt eines Tieres, die Gestalt der Pflanzen, so weit
wir das mit den Sinnen erkennen konnen - in dem Augenblick, wo wir
dieses unser Fiihlen, wo wir dasjenige, was wir so auffassen, kiinstle-
risch wenden wollen, bleibt uns wiederum eine Frage unbeantwortet.
Denn wie haben die Menschen das, was sie von der Welt wufiten, von
jeher kiinstlerisch gewendet? Die Mysterien, sie haben in alten Zeken
dazu angeregt. Man wufite das oder jenes liber die Natur nach den
Erkenntniskraften, die da waren. Aber man vertiefte dasjenige, was
man so wuftte, in die Anschauung des Geistigen.
Man braucht nur ins alte Griechenland zuriickzugehen. Wenn wir
heute einen Bildhauer, einen Maler sehen, er greift - wenigstens war
das vor kurzer Zeit noch ganz der Fall, heute ist es schon weniger der
Fall -, er greift nach dem Modell. Er will etwas nachmachen. Er will
etwas imitieren. Das hat der Grieche nicht getan. Man glaubt das nur,
daft es der Grieche getan habe. Der Grieche hat den geistigen Men-
schen in sich gefuhlt. Wollte er bildhauerisch einen Arm in seiner
Bewegung modellieren, dann wufke er: In dem, was ich da aufien am
Modell anschaue, da steckt das Geistige darinnen. - Er wufite, daft
alles Materielle nach dem Geistigen geschaffen ist, und er strebte
danach, dieses Geistige nachzuschaffen.
Der Maler noch zur Renaissancezeit stellte sich nicht hin und
schaute das Modell an; es war ihm nur Anregung. Dasjenige, was er
von innen heraus wulke, daft es im Arm, in der Hand lebte, das brachte
er in die Bewegung hinein. Wie der Mensch innerlich mit dem Geiste
lebte, das brachte er hinein. Bloft das Auftere anschauen in der grofien
Illusion, in der Maja, blofies Imitieren des Modelles lafk uns da
stehenbleiben, wo wir stehen, nicht im Menschen, sondern vor dem
Menschen. Kiinstlerisch die Frage gewendet, stehen wir, wenn wir bei
der Illusion stehenbleiben, vor der grofien Menschheitsfrage, vor den
gewaltigen Menschenratseln, die unbeantwortet bleiben.
Wiederum war es schon an der Pforte der alten Mysterien, wo man
nun dem Schiiler, der eingeweiht werden sollte, klarmachte: Willst du
innerhalb der aufteren Welt der Illusion stehenbleiben, kannst du nicht
in die menschliche Wesenheit, aber auch nicht in die Wesenheit eines
anderen Naturreiches eindringen. Du kannst kein Kiinstler werden. -
Man war wiederum auch auf dem Wege der Kunst in die Notwendig-
keit versetzt, an den Menschen das anschauliche «Erkenne dich selbst»
heranzubringen. Da fuhlte man die Notwendigkeit der spirituellen
Erkenntnis.
Sie werden sagen: Aber es gibt doch recht materialistische Bildhau-
er, materialistische Maler, die konnen doch auch etwas, die wissen
ganz gut dem Modell die Geheimnisse abzulocken und es in die
Gestalten, in die Stoffe hineinzulegen. - Gewifi, aber woher konnen
sie das? Sie wissen das gar nicht von sich aus. Man durchschaut das nur
nicht. Sie haben das gelernt von den alteren Malern; diese wieder von
den [noch] alteren Malern. Tradition ist es. Man weifi, wie Altere das
gemacht haben. Man sagt sich das nicht immer, weil man doch selber
tiichtig sein will. Aber man ist es nicht. Man weifi nur, wie die Alteren
tiichtig waren und macht es ihnen nach. Aber die Altesten von diesen
Alteren, die haben eben das Geheimnis gerade aus den spirituellen
Anschauungen der Mysterien heraus bekommen. Altere Maler, al-
tere Bildhauer haben es von den Mysterien bekommen; Raffael,
Michelangelo haben es von solchen bekommen, die es noch aus den
Mysterien bekamen. Aber wirkliche Kunst muft aus dem Spirituellen
geschopft sein. Anders geht es nicht. Sobald man an den Menschen
herankommt, lafk einem das Anschauen der grofien Illusion, der Maja,
unbeantwortet die Lebensratsel, die Menschenratsel. Wollen wir wie-
derum zum Urspriinglichen einer Kunst kommen, zum schaffenden
Kiinstlerischen, brauchen wir wiederum einen Einblick in die spiri-
tuelle Welt.
Ein drittes Beispiel: Man kann als Botaniker, als Zoologe wunder-
bar kennen jede Form der einem zuganglichen Pflanzen. Man kann in
Chemie, Physiologie die Prozesse beschreiben, die in den Pflanzen vor
sich gehen. Man kann die Prozesse kennenlernen, wie sich Nahrungs-
mittel verwandeln in den Verdauungsorganen und innerhalb des
Blutes und weiter bis zu den Nerven hin. Man kann das alles kennen-
lernen. Man kann ein sehr kluger, gescheiter Anatom oder Physiologe
oder Botaniker oder Zoologe werden, vieles erforschen in der Welt der
groften Illusion - will man heilend, medizinisch an den Menschen mit
all diesen Kenntnissen herankommen, will man wiederum den Weg
finden von der Natur des Menschen, ja, von der Innennatur des
Menschen zu seinem Wesen: man kann es nicht.
Sie werden sagen: Es gibt aber genug materialistisch denkende
Arzte, die wollen nichts wissen von der geistigen Welt, die gehen nur
nach dem, was man mit der Naturwissenschaft erforschen kann, und
sie heilen doch. - Ja, warum heilen sie? Sie heilen, weil sie wiederum
die Tradition aus einer alten Weltanschauung haben. Alte Heilmittel
waren ja auch aus den Mysterien heraus entnommen; aber sie haben
alle eine merkwurdige Eigentumlichkeit. Wenn Sie, meine sehr verehr-
ten Anwesenden, ein altes Rezept in die Hand nehmen: das ist
ungeheuer kompliziert, das erfordert, um es darzustellen und zu dem
anzuwenden, wovon einem gesagt wird nach der Tradition, daft es
angewendet werden soil, aufierordentlich viel.
Wenn Sie nun in die alten Mysterien gegangen waren und einen
Mysterienarzt gefragt hatten, wie solch ein Rezept zustande kommt,
der wiirde Ihnen nie geantwortet haben: Da mache ich chemische
Versuche, da probiere ich zuerst einmal, ob die Stoffe miteinander sich
so und so verhalten, und dann wende ich das bei den Kranken an und
sehe, was sich da ergibt. - Das wiirde Ihnen der alte Mysterienarzt nie
geantwortet haben, ihm ware dies nicht eingefallen. Die Menschen
wissen nur nicht, wie das in fruheren Zeiten war. Der hatte Ihnen
geantwortet: Ich lebe in dem Laboratorium - wenn wir es so nennen
wollen -, das mir im Sinne des Mysteriums eingerichtet worden ist,
und wenn ich zu einem Heilmittel komme, so haben mir das die
Gotter gesagt. - Denn er war sich klar dariiber: Durch die ganze
Stimmung, die in seinem Laboratorium erzeugt worden ist, kam er in
lebendigen Verkehr mit der geistigen Welt. Da wurden geistige Wesen
so gegenwartig fur ihn, wie es sonst die Menschen sind. Und da wurde
er sich bewulk: Durch den Einfluft der geistigen Wesen in der
geistigen Welt kann er mehr sein als ohne solchen Einfluft. Und er
setzte seine komplizierten Rezepte zusammen. Nicht mit Naturer-
kenntnis, nach Gotterart setzte er sie zusammen. Man wufite inner-
halb dieser Mysterien selber: Will man an den Menschen heran-
kommen, dann darf man nicht in der Illusion stehenbleiben, dann
mufi man zur Wahrheit der gottlichen Welt vordringen.
Die Menschen sind heute in ihrem aufieren Erkennen der Wahrheit
der gottlichen Welt noch viel ferner, als die Alten es waren mit ihren
Mysterien. Aber der Weg mufi wieder zuriickgefunden werden. Denn
das ist das dritte, was ich Ihnen als Beispiel anfiihren kann: Wenn man
mit der allerausgebreitetsten Erkenntnis der Natur, das heifit der
grofien Illusion, geriistet ist und will heilen - man steht wiederum mit
unbeantworteten Fragen vor dem Menschenleben, vor dem Menschen-
ratsel. Kommt man von der Illusion an den Menschen heran, von dem
«Die Natur ist die grofie Illusion* zu dem «Erkenne dich selbst», wie
es auch beim Heilen dargelegt werden mufi: man kann keinen Schritt
weitermachen.
Und so kann man aus diesen drei Beispielen sagen: Der Mensch, der
die Briicke schlagen will zwischen der Welt der grofien Illusion, der
Maja, und dem «Erkenne dich selbst», der sieht, wie er vor dem Nichts
steht, wenn er nur von der Illusion ausgehen will, sobald er an den
Menschen religios fuhlend, kunstlerisch schaffend und helfend als
Heiler, als Arzt herankommen will. Er kann es nicht, wenn er nicht
iibergeht zu einer ganz anderen Erkenntnis, als die Erkenntnis der
aufieren Natur, die Erkenntnis der grofien Illusion, der Maja, ist.
Die Erkenntnis der Welt in ihrer Totalitdt
durch geistige Anschauung innerhalb der physischen Tatsachen
Wir wollen nun noch einen Vergleich anstellen zwischen der Art, wie
man in alten Zeiten aus dem Geiste der Mysterien heraus versucht hat,
die Totalerkenntnis von der Welt zu erwerben, und wie man heute
versucht, es zu tun, um daran uns zu orientieren in bezug auf die Wege
zu einer solchen Totalerkenntnis von der Welt.
Ganz anders sprach man vor einigen Jahrtausenden iiber die Welt
und ihr Wesen, als heute diejenigen Gelehrten sprechen, die auf
Autoritat Anspruch machen. Wollen wir uns einmal einige Jahrtau-
sende zuriickversetzen in die Zeit, wo eine glanzende, majestatische
Erkenntnis in Vorderasien bliihte, aus heiligen Mysterien heraus,
wollen wir uns einmal mit einigen charakteristischen Strichen in die
Art dieser Erkenntnis hinein vertiefen.
Da wurde etwa im alten Chaldaa, sagen wir, folgendes gelehrt: Der
Mensch erlebt die aufiersten Grenzen des Daseins, bis zu denen er
kommen kann mit seinen Seelenkraften, wenn er den geistigen, den
Seelenblick auf den wunderbaren Gegensatz lenkt zwischen dem
Leben, wenn er schlaft - das Bewufksein ist dumpf, der Mensch weifi
nichts von seinem Leben -, und demjenigen Leben, das er verbringt,
wenn er wach ist - es ist hell urn den Menschen herum, der Mensch
weifi von seinem Leben.
Anders wurden diese Wechselzustande zwischen Schlafen und
Wachen vor Jahrtausenden empfunden. Der Schlaf war nicht so
bewulklos, das Wachen war nicht so bewufltvoll. Im Schlafe nahm
man sich wandelnde, machtige Bilder, webend-wellendes Weltenle-
ben wahr; man war unter Wesenhaftem, wenn man schlief. Daft der
Schlaf so bewuEtlos geworden ist, ist erst mit der Entwickelung der
Menschheit geschehen. Dafur aber war vor Jahrtausenden das Wachle-
ben nicht so durchsonnt, nicht so durchleuchtet wie heute. Die Dinge
hatten nicht feste Grenzen, waren verschwommen. Sie spriihten noch
allerlei Geistiges aus. Es war kein so schroffer Ubergang zwischen
Schlafen und Wachen. Aber man konnte unterscheiden, und man
nannte alles das, worinnen man lebte, im Wachen der damaligen Zeit,
etwa «Apsu». Das war die Welt des Wachens.
Man nannte dasjenige, worin man war, wenn man schlief, das
Webend-Wellende, das, wodurch man nicht so gut unterscheiden
konnte, wie wenn man wach war, Mineralien, Tiere und Pflanzen,
man nannte das «Tiamat».
Nun wurde in den chaldaischen Mysterien gelehrt: Mehr ist der
Mensch im Wahren, im Wirklichen drinnen, wenn er im Tiamat
schlafend webt, als wenn er wachend unter den Mineralien, Pflanzen
und Tieren lebt. Tiamat ist urspriinglicher, ist mehr der Welt des
Menschlichen verbunden als Apsu; Apsu ist unbekannter; Tiamat
stellt dasjenige dar, was dem Menschen naheliegt. Aber es traten
Veranderungen ein im Tiamat im Laufe der Zeit. So sagte man und
lehrte man den Schiilern der Mysterien. Aus dem Weben und Leben
entstanden Damonengestalten, pferdeahnliche Gestalten mit Men-
schenkopfen, lowenahnliche Gestalten mit Engelskopfen. Sie entstan-
den aus dem Gewebe des Tiamat. Das, was da lebte als damonische
Gestalten, wurde dem Menschen feindlich.
Da aber trat in die Welt ein machtiges Wesen ein: «Ea». Wer heute
noch Laute fiihlt, der fuhlt in dem Zusammenklange von E und A den
Hinweis auf jenes machtige Wesen, das dem Menschen hilfreich im
Sinne dieser alten Mysterienlehre zur Seite war, als die Damonen aus
Tiamat machtig waren: Ea, la, was dann spater, indem man die
Seinspartikel «soph» voraussetzte, Soph Ea = Sophia wurde. Ea,
ungefahr dasjenige, was wir mit dem abstrakten Worte: Weisheit, die
in alien Dingen waltet, bezeichnen. Ia = die in allem waltende
Weisheit, Sophia. Soph = eine Partikel, die ungefahr «seiend» bedeu-
tet. Sophia, Sophea, Sopheia = die waltende Weisheit, die uberall
waltende Weisheit schickte dem Menschen einen Sohn, jenen Sohn,
den man dazumal mit dem Namen bezeichnete: «Marduk», den wir
gewohnt worden sind in einer etwas spateren Terminologie als Mi-
chael zu bezeichnen, als den aus der Hierarchie der Archangeloi
heraus waltenden Michael. Das ist dieselbe Wesenheit wie Marduk,
der Sohn von Ea, der Weisheit, Marduk-Michael.
Und Marduk-Michael - so ist die Mysterienlehre - war machtig,
groft und gewaltig. Und alle jene Damonenwesen, wie Pferde mit
Menschenkopfen, Lowengestalten mit Engelskopfen, alle diese we-
benden, wogenden Damonen standen eben in ihrem Zusammenhange
als die grofie Tiamat ihm gegeniiber. Er war machtig, Marduk-Mi-
chael, den Sturmwind, der durch die Welt wogt, zu beherrschen. Also
Tiamat, alles das wurde wesenhaft vorgestellt, mit Recht, denn so sah
man es, wesenhaft. Alle diese Damonen zusammen bildeten einen
machtigen Drachen, der feuerwiitig sich entgegenstellte als die Summe
all der Damonengewalten, die aus Tiamat, der Nacht, herausgeboren
wurden. Als sein Wesen feuerwiitig Marduk-Michael entgegentrat, da
stiefi er ihm erst seine anderen Waffen, dann die ganze Gewalt des
Sturmwindes in die Eingeweide, und das Wesen Tiamat barst und
rollte auseinander, zerbarst in alle Welt. Und Marduk-Michael konnte
oben formen den Himmel und unten die Erde. Und so entstand das
Oben und Unten.
Und so lehrte man in den Mysterien: Der grofte Sohn der Ea, der
Weisheit, er hat Tiamat bezwungen und aus einem Teil des Tiamat das
Obere, die Himmel gebildet, aus einem anderen Teil des Tiamat das
Untere, die Erde gebildet. Siehst du hin in die Himmel zu den Sternen,
o Mensch, dann siehst du einen Teil desjenigen, was aus den furcht-
baren Abgriinden der Tiamat Marduk-Michael oben geformt hat zum
Heile der Menschen.
Und siehst du nach unten, wo die Pflanzen aus dem mineraldurch-
setzten Irdischen wachsen, wo die Tiere sich gestalten, dann findest du
den anderen Teil, den der Sohn der Ea, der Weisheit, aus Tiamat zum
Heile der Menschheit umgeformt hat.
Und so sah jene alte Menschheitszeit im alten Chaldaa zuriick auf
ein Gestalten in der Welt, sah hin auf Wesenhaftes. Alles das empfand
man wesenhaft: diese Damonengestalten, die die Nacht bevolkerten,
all das, was aus diesen Nachtgestalten, aus den waltenden, webenden
Wesenheiten in der Tiamat, die ich Ihnen geschildert habe, Marduk-
Michael geformt hat als oben die Sterne, als unten die Erde - all das,
was uns aus den Sternen entgegenglanzt: umgewandelte, durch Mar-
duk-Michael umgewandelte Damonen - all das, was uns aus der Erde
selber herauswachst: durch Marduk-Michael umgewandelte Haut,
umgewandeltes Gewebe von Tiamat, so sah man in alten Zeiten
dasjenige an, was man durch die alten Seelenfahigkeiten sich vergegen-
wartigen konnte. Das war Erkenntnis.
Und dann haben die Leiter eines Mysteriums ihre Schiiler ganz im
Geheimen vorbereitet, seelenkraftig vorbereitet. Und wenn die Schii-
ler solche Seelenkrafte entwickelten, dann haben sie die ersten Elemen-
te desjenigen erkennen konnen, was wir heute schon den Kindern in
der Schule als Elementarlehre davon beibringen, dafi die Sonne still-
steht, die Erde sich herumdreht, dafi sich aus Nebeln Welten gebildet
haben. Diese Naturlehre, die wir heute in der Schule den Kindern
beibringen, die war das grofie Geheimnis. Dagegen das, was vor aller
Welt entfaltet wurde, das war dasjenige, was ich Ihnen eben erzahlt
habe von den Taten des Marduk-Michael. Wir lernen heute in unseren
Schulen - wenn sie auch nicht mehr mysterienhaft aussehen -, auf
unseren Universitaten, aber auch schon in den niederen Schulen bis
zur Volksschule hin dasjenige, was kopernikanische Weltanschauung
als astrophysisches Weltenwissen ist, das die alten Weisen sich erst
nach langer Vorbereitung erringen durften und erringen konnten. Was
heute jedes Schulkind weifi, das konnte man in alten Zeiten nur
wissen, wenn man eingeweiht wurde. Heute lernt man alles dieses in
der Schule.
Es gab eine Zeit - sie liegt noch weiter zuriick als die Weisheit des
alten chaldaischen Mysterienwesens -, da redeten die Menschen nur
von solchen Dingen, wie ich sie Ihnen geschildert habe, von Ea, von
Marduk-Michael, von der Apsu und Tiamat, nur von diesen Dingen
redeten diese Menschen. Da verabscheuten sie alles, was diese schrul-
lenhaften Mysterienlehrer sagten von der Bewegung der Sterne, von
der Bewegung der Sonne, und wollten nur das Aufiere, Sichtbare
erforschen, nicht das Unsichtbare, was sich eben, wenn auch in Form
des alten Hellsehertums, vor die Menschheit hinstellte. Man verach-
tete dasjenige, was sich die alten Eingeweihtenlehrer und -schiiler
aneigneten.
Dann kam die Zeit, wo sich allmahlich vorbereitete aus dem Orient
das uralte Wissen. Da schatzte man beides. Man schatzte dasjenige,
was man in dem Herausleben des Wesenhaften der geistigen Welt
hatte, man schatzte zum Beispiel dasjenige, was die Taten des geistigen
Wesens Marduk-Michael sind; man schatzte eben[so] das, was man
auf die Tafel [etwa so] zeichnen konnte (es wird gezeichnet): in der Tafeii*
Mitte die Sonne, ringsherum die Sterne, sich bewegend in Zyklen
und Epizyklen. Man schatzte das alles.
Dann kam die Zeit, in der man das Hineinschauen in geistige
Welten, in Damonen- und Gotterwelten nicht mehr hatte, und in der
sich besonders ausbildete das andere, das intellektuelle Wissen, jenes
Wissen, auf das der heutige Mensch so stolz ist, das sich allmahlich bis
zur Kulmination gegen unser Zeitalter hin ausgebildet hat. Wir stehen
nun ungefahr in der aufteren Welt in jenem Zeitalter, wo man so
verachtet das Spirituelle, wie in alten Zeiten das Materielle von
* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 239.
25
denjenigen verachtet wurde, denen das Spirituelle selbstverstandlich
war. Wir miissen uns hineinleben in die Zeiten, wo wir wieder
imstande sein werden, neben dem, was Astronomen, Astrophysiker,
was Zoologen und Biologen lehren, dasjenige aufzunehmen, was die
spirituelle Erkenntnis an geistigen Wesensinhalten gibt. Diese Zeit ist
gekommen. Dieser Zeit mufi der Mensch entgegenleben, wenn er seine
Aufgaben losen will, wenn er wiederum zum Religiosen, zur Kunst,
zur Heilkunde und so weiter kommen will.
So wie in alten Zeiten der Spiritualismus geleuchtet hat unter den
Menschen, das Materielle aber verachtet worden ist, und dann ein
Zeitalter gekommen ist, wo man die materielle Erkenntnis aufge-
nommen hat, die dann grofS geworden ist und die Spiritualitat ver-
drangt hat, so wie man also in einem Irrtum in alten Zeiten mit dem
Spirituellen allein gelebt und die aufiere Welt verachtet hat, und so,
wie man in der Zeit, als man das Materielle schatzte, irrtiimlicherweise
den Spiritualismus verachtet hat, so mufi jetzt eine Zeit kommen, wo
man von der umfassenden und wunderbaren Erkenntnis der aufieren
Welt wiederum zu einem neuen Mysterienwissen kommen mu£.
Wir miissen, nachdem die materielle Erkenntnis, die so wunderbar
geworden ist, von der alten Spiritualitat Stuck fur Stuck sich abgerissen
hat, so daft wie von uralten Gebauden nichts mehr vorhanden ist auf
der Erde als hochstens jene Uberreste, die man wie die alten materiel-
len Gebaude ausgrabt - wir miissen wiederum zu einer Spiritualitat
kommen, aber mit voller Erkenntnis dessen, was wir aufzeigen kon-
nen, wenn wir, in alte Erdenzeiten zuriickblickend, wie in der Historie
graben. Wir miissen wiederum zu solcher Spiritualitat kommen durch
ein neues religioses Vertiefen, durch ein neues kunstlerisches Gestal-
ten, durch ein neues, in das Menschenwesen eindringendes Geist-
wissen durch Heilpraxis und so weiter.
Das sind drei Beispiele, die ich heute vor Ihnen ausgefuhrt habe, um
wiederum Mysterien zu erbauen, vor denen wir dann stehen werden
wie vor etwas, das uns bringen kann Erkenntnis der Wesenstotalitat
der Welt und Handeln des Menschen zum Heile der Menschheit im
Sinne der Totalitat, nicht blofi der einseitigen materiellen Wirklich-
keit.
ZWEITER VORTRAG
Torquay, 12. August 1924
Die drei Welten und ihre Spiegelbilder
Bewufltseinsunterschiede der alten und der neuen Zeit
Wenn man iiber geistige Forschung sich eine Anschauung bilden will,
mufi man vor alien Dingen zunachst einen Begriff bekommen von
verschiedenen Bewufttseinszustanden, in denen die menschliche Seele
sich befinden kann. Im gewohnlichen Leben, das der Mensch heute in
diesem Zeitalter auf der Erde fiihrt, befindet er sich in einem ganz
bestimmten Bewufttseinszustande. Dieser Bewufttseinszustand ist da-
durch charakterisiert, daft der Mensch einen gewissen Unterschied
zwischen dem Wachen und dem Schlafen erlebt, die ungefahr, wenn
auch nicht der Zeit nach zusammenfallend, iibereinstimmen mit dem
Gang der Sonne um die Erde beziehungsweise der Erde um sich selbst.
In unserer gegenwartigen Zeit ist zwar die Ordnung, auf die ich
hiermit deute, in einer gewissen Weise durchbrochen. Wenn wir aber
in nicht sehr alte Zeiten mit dem regelmaftigen Leben zuriickschauen,
so finden wir ja, daft die Menschen damals von Sonnenaufgang
ungefahr bis Sonnenuntergang gearbeitet haben und von Sonnenunter-
gang bis Sonnenaufgang geschlafen haben.
In unserer Zeit ist das etwas durchbrochen. Ich habe sogar schon
Menschen kennengelernt, die die Sache umgekehrt haben, indem sie
bei Tag geschlafen haben und in der Nacht wach gewesen sind. Ich
habe oftmals nachgeforscht, warum das so sei. Da haben die betref-
fenden Menschen, die gerade in meiner Bekannschaft dann meistens
Dichter oder Schriftsteller waren, gesagt, daft das eben so zum Dichten
gehort. Aber ich habe die betreffenden Menschen dann niemals, wenn
ich sie bei Nacht getroffen habe, beim Dichten angetroffen!
Nun, ich mochte eben darauf hindeuten, meine sehr verehrten
Anwesenden, daft fur das heutige Bewufttsein das die allerwichtigste
Tatsache ist, sozusagen wahrend der Sonnenzeit sich wach zu befin-
den, oder eine Zeit, die so lang ist wie die Sonnenzeit, sich wach zu
befinden, und eine Zeit, die so lang ist wie die Nachtzeit, sich
schlafend zu befinden. Mit einem Bewufitsein, das solches erlebt, ist
aber vieles, vieles andere verbunden. Es ist damit verbunden, daft man
einen gewissen ganz bestimmten Wert auf die Sinneswahrnehmungen
legt. Man sieht in den Sinneswahrnehmungen die hauptsachlichste
Wirklichkeit. Und wenn man von den Sinneswahrnehmungen zu den
Gedanken iibergeht, sieht man in den Gedanken eben etwas bloft
Gedachtes, etwas, was nicht so wirklich ist, wie die Sinneswahrneh-
mungen wirklich sind.
Der Mensch sieht heute den Stuhl als etwas Wirkliches an. Er kann
ihn auf den Boden aufstoften. Er hort das auch. Er sieht das als etwas
ganz Wirkliches an. Er weift auch, daft er sich auf den Stuhl setzen
kann. Allein den Gedanken des Stuhles sieht der Mensch nicht als
etwas Wirkliches an. Wenn er den Gedanken, von dem er glaubt, daft
er in seinem Kopfe ist, aufschlagt, dann hort er das nicht. Und der
Mensch glaubt auch nicht - fur die heutige Konstitution des Menschen
naturlich mit Recht -, daft er sich auf den Gedanken des Stuhles
niedersetzen kann. Und Sie waren wohl alle nicht zufrieden, wenn wir
Ihnen bloft Gedanken von Stiihlen in den Saal hereingestellt hatten !
Nun, vieles andere noch ist verbunden mit diesem Erleben des
Bewufttseins, das sich nach der Sonne richtet. Das war nicht so der Fall
bei denjenigen Menschen, die ihre Unterweisungen, die die Anregun-
gen zu alien ihren Lebensverhaltnissen von den Mysterien, zum
Beispiel der Chaldaer, die ich gestern erwahnt habe, erhalten haben.
Diese Menschen lebten auch in ihrem Bewufttsein ganz anders als
heutige Menschen.
Zunachst, sehen Sie, kann ich eine Aufterlichkeit anfuhren, welche
Ihnen zeigen kann, wie der Bewufttseinsunterschied der damaligen
Zeit und der heutigen Zeit bei den Menschen ist. Wir kommen mit
unserer Jahresberechnung, das Jahr zu dreihundertfunfundsechzig
Tagen angenommen, nicht ordentlich zurecht. Wenn wir so fortzahlen
wiirden durch die Jahrhunderte, daft wir immer das Jahr zu dreihun-
dertfunfundsechzig Tagen zahlten, so wiirde zuletzt etwas heraus-
kommen, das mit dem Sonnenstande nicht mehf stimmte. Wir wiirden
zuriickbleiben hinter der Sonne und ihren Zustanden. Wir machen
daher dieses, dafi wir alle vier Jahre einen Tag einschalten. Dann
kommen wir ungefahr im Laufe langerer Zeitraume mit dem Stand der
Sonne zurecht.
Wie haben das die Chaldaer gemacht in ihren altesten Zeiten? Nicht
so wie wir. Sie haben fur lange Zeitraume eine ahnliche Zahlung
gehabt wie wir, aber sie haben sie anders erreicht. Sie haben notig
gehabt, weil sie das Jahr zu dreihundertsechzig Tagen gerechnet
haben, alle sechs Jahre einen ganzen Schaltmonat einzufugen, nicht
wie wir ein Schaltjahr nach vier Jahren mit einem Schalttag, sondern
nach sechs Jahren einen Schaltmonat einzufugen. So daft sie sechs
Jahre mit zwolf Monaten gehabt haben, dann ein Jahr, das siebente,
mit dreizehn Monaten, sechs Jahre mit zwolf Monaten, wiederum das
siebente mit dreizehn Monaten und so fort.
Sehen Sie, solche Dinge registrieren die heutigen Gelehrten. Sie
sagen, das war so. Aber daft das mit intensiven Anderungen des
Bewufkseinszustandes der Menschen verbunden ist, das weifi man
nicht. Diese Menschen, die nicht einen Schalttag nach vier Jahren,
sondern einen Schaltmonat nach sechs Jahren eingeschaltet haben,
schauten die Welt ganz anders an als wir. Warum? Weil sie diesen
Unterschied zwischen Tag und Nacht gar nicht so empfanden wie wir
heute. Sie empfanden, wie ich schon gestern angedeutet habe, bei Tag
nicht eine solche Klarheit und Helligkeit wie wir heute. Wenn irgend
jemand mit dem heutigen Bewulksein sich hierher stellt und in den
Saal hineinsieht, sieht er die Menschen so - nun, wie Sie das wissen -
mit scharfen Konturen. Bei dem einen sind sie weiter auseinanderge-
trieben, bei dem anderen schmaler und so weiter, aber man sieht die
Menschen mit scharfen Konturen.
Das war nicht so bei denjenigen, die aus den alten chaldaischen
Mysterien ihre Anregungen bekommen haben. Es war ganz anders bei
ihnen. Man sah dazumal die Menschen sitzen - wenn ich jetzt dieses
Bild gebrauche - nicht so, wie wir jetzt sitzen, das war nicht ublich
dazumal, aber man sah die Menschen sitzen mit einem aurischen
Nebel umgeben, den man mit zum Menschen dazurechnete. Und
wahrend man jetzt so philistros jeden Menschen mit scharfen Kontu-
ren auf seinem Stuhle sitzen sieht, und das Ganze sich so ausnimmt,
dafi man ganz bequem zahlen kann, hatte man dazumal so gesehen,
dafi man die linke und die rechte Stuhlanordnung hier so in einer Art
von aurischer Wolke, die sich hinzog wie ein Gas, gesehen hatte, hier
eine Wolke, da eine Wolke, und dann dunklere Stellen, und diese
dunklen Stellen hatten die Menschen angedeutet.
So hatte man, nicht im spateren, aber im altesten Chaldaa noch
dieses Bild gesehen. Bei Tag wiirde man nur die Stellen in diesem
"pot >\VN^v wv
heeegeauti-
aurischen Nebelgebilde dunkel gesehen haben. Bei Nacht hatte man
etwas ganz Ahnliches gesehen und auch im Schlafzustand, denn der
war dazumal nicht so tief wie der heutige. Er war mehr traumerisch.
Man hatte das nicht so gesehen, wie man heute das sehen wiirde. Wenn
heute einer schliefe und Sie alle hier sitzen wiirden, so wiirde er gar
nichts von Ihnen sehen, wenn Sie auch alle hier sitzen wiirden. Dieser
Schlaf war dazumal gar nicht erreicht, sondern man sah auch im
Schlafe die Traumgestalt der aurischen Wolke links und rechts, und
darinnen die einzelnen Menschen als Lichtgestalt, bei Tag in der
aurischen Wolke dunkel, bei Nacht in der aurischen Wolke als
Lichtgestalt.
Also einen so groften Unterschied im Anschauen der taglichen und
der nachtlichen Verhaltnisse, wie das heute der Fall ist, gab es dazumal
nicht. Und so hat man auch nicht den Unterschied zwischen der am
Himmel stehenden Sonne und der in der Nacht abwesenden Sonne
empfunden, sondern man hat die Sache so empfunden, dafi man die
Sonne bei Tag als eine Lichtkugel, als einen Lichtkreis gesehen hat,
ringsherum aber eine wunderbare Sonnenaura, so etwa, dafi ich das in
der folgenden Weise zeichnen konnte. Man hat sich vorgestellt: da
unten ist die Erde (dunkelblau), oben iiberall Wasser, ganz oben
Schnee liegend. Von da oben, stellte man sich vor, kommt der Euphrat.
Dann dachte man sicher iiber dem Ganzen die Luft (griin). Man sah da
oben gehen die Sonne, umhullt von einer wunderschonen Aura. So
ging die Sonne von Osten nach Westen.
Dann stellte man sich vor, dafi es etwas gibt, wovon man etwa sagte,
so, wie wenn man heute von einem Rohre sprechen wiirde: abends
geht die Sonne in dieses Rohr hinein, morgens kommt sie aus diesem
Rohre heraus (lila). Aber man sah die Sonne in diesem Rohre darinnen.
Und man sah die Nachtsonne etwa so: in der Mitte einen griinblauen
und ringsherum einen gelbroten Schein. So stellt man sich die Sonne
vor, morgens aus dem Rohre heraus, in der Mitte hell, ringsherum von
einer Aura umgeben. Sie geht iiber das Himmelsgewolbe, schliipft im
Westen in den Himmel, in das Rohr hinein, wird dunkel, hat eine
Aura, die aber iiber das Rohr herausragt, und so geht sie unten weiter.
Man sprach von einem Rohre, von einem Hohlraum, weil man eben
die Sonne dunkel, schwarz sah. Man sprach das aus, was man sah. Also
auch, wenn man hinaufsah zum sonnenbesetzten Himmel, sah man
den Unterschied nicht so stark zwischen Tag und Nacht wie heute.
Dagegen sah man etwas anderes in der damaligen Zeit sehr stark.
Man sah hin auf seine Kindheit. Da hatte man die ersten sechs, sieben
Jahre des Lebens zugebracht. Da sah man sich formlich drinnenstek-
ken noch in dem Gottlichen, in dem man darinnen war, bevor man auf
die Erde herabgestiegen war. Dann sah man sich zwischen dem
siebenten und vierzehnten Lebensjahre etwas herausschliipfen aus
dem aurischen geistigen Ei, weiter herausschliipfen bis zu seinen
Zwanzigerjahren; und erst wenn man in diesen Zwanzigerjahren war,
fiihlte man sich so recht auf der Erde. Da sah man dann etwas starker
den Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Man sah am eigenen Menschenwesen eine Entwickelung herauf-
kommen, die in Zeitraumen von sechs, sieben Jahren verlief. Das
stimmte einen zusammen mit dem Gang des Mondes, nicht der Sonne.
Der Mond, der in achtundzwanzig Tagen voll und weniger beleuchtet
erscheint, der stimmte einen zusammen mit dem, was man selbst
erlebte durch die Zahl sechs, sieben, am eigenen Lebensgange. Und
man empfand: Dasjenige, was da der Mond in einem Monat macht, das
macht man in achtundzwanzig Jahren durch, in vier mal sieben Jahren.
Und man driickte das in der aufieren Zeitrechnung aus; man schaltete
alle sechs Jahre einen dreizehnten Monat ein. Man rechnete mit dem
Monde, nicht mit der Sonne. Und man sah nicht hin auf die auEere
Natur in der Weise wie heute. Heute sieht man, wenn man wacht, die
auEere Natur in ihren scharfen Konturen ungeistig. Damals sah man
bei Tag und Nacht die aufSere Natur, nur nicht mit scharfen Konturen,
aber man sah sie geistig aurisch. Heute sieht man bei Tag alles, bei
Nacht nichts. Das alles driickt man dadurch aus, daft man der Sonne
die Wichtigkeit beilegt, die Tag und Nacht bewirkt.
Diese Wichtigkeit hatte die Sonne fur die alten Chaldaer in ihrer
Mysterienweisheit nicht, sondern der Mond hatte diese Wichtigkeit,
weil er in seinen Gestalten ein Abbild zeigte von dem, wie man selbst
als Mensch heranwuchs. Man sah noch mehr auf den Menschen und
seine Entwickelung hin. Man empfand sich ganz anders als Kind und
als Jiingling und als erwachsener Mensch, wahrend man heute das gar
nicht empfindet. Es ist kein so grower Unterschied mehr zwischen den
ersten sieben Jahren und den zweiten sieben Jahren, wenn man auf sie
zuriickblickt. Heute sind die Kinder schon gescheit, oh, so gescheit,
dafi man gar nicht mit ihnen auskommt. Man mufi extra Erziehungs-
methoden ersinnen, um mit den Kindern nur fertig zu werden. Sie sind
so gescheit wie die Grofien. Und alle Menschen sind gleich gescheit,
wie alt sie auch sein mogen.
Das war im alten Chaldaa durchaus nicht der Fall. Da waren die
Kleinen so, daft sie noch in dem Gottlich-Geistigen drinnensteckten,
und man wulke spater: als man klein war, da steckte man noch in dem
Gottlich-Geistigen drinnen, und spater wurde man erst irdisch, kroch
aus dem aurischen Ei aus. Und man rechnete nicht mit dem, was die
Sonne bewirkt, aber man zahlte an dem Monde, an den Bildern, die der
Mond nach der Siebenzahl angeordnet am Himmel darbietet; danach
zahlte man. Daher schaltete man im siebenten Jahre einen Monat ein-
dasjenige, was sich auf den Mond bezog.
Aber diese auftere Kennzeichen der Zivilisationsentwickelung, dafi
wir heute mit Schalttagen, die Chaldaer mit Schaltmonaten gerechnet
haben, das weist darauf hin in Wirklichkeit, daft der Bewufitseinsunter-
schied zwischen Tag und Nacht nicht vorhanden war bei den alten
Chaldaern, dagegen machtige Bewufkseinsunterschiede zwischen den
einzelnen menschlichen Lebensaltern.
Wir sagen heute, wenn wir uns morgens den Schlaf aus den Augen
wischen: Ich habe geschlafen. - Die alten Chaldaer wachten auf mit
dem einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Lebensjahre, wurden
hell in ihrem Anschauen der Welt und sagten: Ich habe geschlafen
bis zum einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Lebensjahre. -
Sie glaubten dann, daft sie bis in die Fiinfziger jahre wach lebten,
daft sie dann aber allerdings nicht einschliefen als Greise, sondern in
ein viel heller bewufites Leben kamen. Daher wurden die Greise ange-
sehen als diejenigen, welche weise waren, welche mit dem, was sie
sich als Bewufksein seit dem zwanzigsten Jahre erworben hatten,
nun hineingingen in die Schlafeswelt, aber da ungemein hellsichtig
wurden.
So erlebte der alte Chaldaer drei Bewulkseinszustande. Wir erleben
zwei, den dritten nur angedeutet als Traumzustand: Wachen, Schla-
fen, Traumen. Diese drei Zustande erlebte nicht so im Tageswechsel
der alte Chaldaer, sondern er erlebte einen dumpfen, schlafenden
Bewufttseinszustand bis in die Zwanzigerjahre hinein; dann einen
Zustand, in dem er mit der Welt lebte, einen Wachzustand, wo er
sagte, dafi er aufgewacht sei, bis in die Fiinfzigerjahre hinein. Und
dann einen Zustand, wo die anderen von ihm sagten: Der nimmt sein
irdisches Bewufksein in die geistige Welt hinein. Der ist jetzt so, dafi er
viel mehr weifi als die anderen. - Man sah zu den Alten als zu den
Wissenden hinauf . Heute tut man das nicht. Heute betrachtet man sie
als alte Schopse, die schwachsinnig geworden sind. Das ist eben der
grofie Unterschied, der bis in die innerste Konstitution des Menschen-
lebens hineingeht.
Diesen Unterschied mufi man sich klarmachen, denn er bedeutet
ungeheuer viel fur das Menschenwesen. Wir schauen eben einfach die
Welt nicht nur durch einen Bewufkseinszustand an. Man lernt die
Welt nur kennen, wenn man weift, wie der Bewufitseinszustand ist
der beim Kinde zum Beispiel im alten Chaldaa vorhanden war. Er
gleicht, das heifk, er ist nicht gleich, sondern er ist nur ahnlich unserem
Traumzustand. Aber er ist ein viel lebendigerer Traumzustand. Er ist
ein Traumzustand, aus dem heraus gehandelt wird. Heute tritt das als
Krankheitszustand auf. Was heute krank ist, war bei den Chaldaern
ein Bewufitseinszustand des Kindes. Und der Tageszustand, den wir
heute so philistros empfinden, war noch nicht vorhanden. Ich sage
philistros, denn daft wir alle Menschen in ihren physischen Konturen
haben, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist ja philistros; die
Menschen in ihren scharfen Konturen wahrzunehmen und sie gar zu
malen in diesen scharfen Konturen, ist philistros. Gewifi, man wird
das nicht zugeben, aber es ist so. Dieser Zustand, der war also im alten
Chaldaa noch nicht vorhanden, sondern da sah man eben, wie ich es
beschrieben habe, die Menschen physisch und aurisch. Und im Alter
sah man durch den Menschen durch bis in die Seele hinein. Es war ein
dritter Bewufkseinszustand, der heute ausgeloscht ist, denn es ist der
Zustand, wo wir traumlos schlafen. Mit dem lafit er sich vergleichen.
Und so sehen wir, wenn wir die Sache historisch betrachten, daft wir
beim Menschen, je weiter wir zuriickgehen, auf verschiedene Bewulk-
seinszustande kommen, die sich immer mehr und mehr unterscheiden,
wahrend wir heute mit den Bewuft tseinszustanden, die wir im gewohn-
lichen Leben haben, gar nicht besonders Staat machen konnen. Darauf
wird gar kein Wert gelegt, was der Mensch erlebt, wenn er ohne
Traume schlaft, denn davon weifi er in der Regel gar nicht viel zu
erzahlen. Es gibt ganz wenige Menschen, die wissen einem schon noch
zu erzahlen, was sie im traumlosen Schlafe auch heute noch erleben;
aber es gibt eben ihrer wenig, sehr wenig. Traumen, sagt man, das ist
eben Phantasie, und den Wachzustand betrachtet man als den respek-
tablen, als denjenigen Zustand, worauf man etwas halten kann.
So war es bei den alten Chaldaern nicht. Der kindliche Bewulkseins-
zustand mit dem lebendigen, auch zur Aktivitat fuhrenden Traumen
gait als derjenige, wo die Kinder noch halb drinnensteckten im
vorirdischen Leben, wo sie, wenn sie etwas sagten, einem etwas sagen
konnten, das der gottlichen Welt angehorte. Man horte den Kindern
zu, weil man wufke: die haben sich verschiedenes heruntergebracht
aus der gottlichen Welt. Man sah ganz anders hin auf die Kinder
damals.
Dann war der Bewufkseinszustand da, wo die Menschen schon
irdisch waren, aber mit ihren Auren noch seelisch. Dann war der
Bewufitseinszustand der Greise da. Wenn man ihnen zuhorte, war
einem klar: da erfahrt man etwas iiber die geistige Welt, da wird einem
kundgegeben, was in der geistigen Welt vorgeht. Und von denen, die
in den Mysterien immer hoher und hoher stiegen, von denen wurde
gesagt: In den Fiinfzigerjahren besiegen sie das bloE Sonnenhafte,
treten ein in das eigentlich Geisteshafte, werden von Sonnenhelden zu
Vatern - zu Vatern, die mit der geistigen Heimat der Menschen in
Verbindung stehen.
So wollte ich Ihnen aus dem Historischen heraus andeuten, wie
verschiedene Bewulkseinszustande da sind im Menschen.
Die naturhaft schaffende Phantasie des heutigen Traumes
Lassen wir zunachst, um die menschlichen Bewufkseinszustande zu
betrachten, den traumlosen Schlaf des heutigen Menschen weg und
betrachten wir dasjenige, was Sie ja alle kennen, den gewohnlichen
Wachzustand, den Sie eben dann haben, wenn Sie sagen: Ich bin wach,
ich sehe die Gegenstande um mich her, ich sehe die anderen Menschen,
ich hore sie zu mir sprechen, ich unterhalte mich mit ihnen und so
weiter.
Und nehmen wir dann den zweiten Zustand, den Sie auch alle
kennen, wo sie vermeinen, im Schlafe zu sein, wo aber aus dem Schlafe
herauftauchen die oft so beangstigenden, oft so wunderbar befreien-
den Traume, denen gegeniiber Sie, wenn Sie in gesunder Lebensverfas-
sung sind, sagen miissen: Das sind Dinge, die nicht zum gewohnlichen
heutigen Leben gehoren, die aus irgendeiner naturhaften Phantasie
herauf sich leben und weben, die in der verschiedensten Weise an den
Menschen herandringen. Der ganz philisterhafte Mensch wird nicht
viel auf Traume hinschauen. Der aberglaubische Mensch wird sie sich
deuten lassen in einer aufierlichen Weise. Der poetische Mensch, der
nicht philisterhafte, nicht aberglaubische Mensch sieht aber noch auf
dieses wunderbare Traumesweben und Traumesleben hin. Denn es
dringt da aus naturhaften Tiefen des Menschen etwas herauf, was zwar
nicht so seine Bedeutung hat, wie der Aberglaubische es meint, was
aber doch darauf hinweist, dafi auch der im Schlaf befindliche Mensch
aus dem Naturhaften herauf Erlebnisse hat, die aufsteigen wie Wol-
ken, wie Nebel, wie schliefilich auch Berge sich erheben, im Laufe von
langen Zeiten wieder versinken. Nur dafi das im Traumesleben schnell
geht, wahrend im Weltenall langsam die Gebilde auf- und nieder-
steigen.
Und noch eine zweite Eigentumlichkeit haben die Traume. Wir
traumen von Schlangen, die um uns sind, auch wohl von Schlangen,
die uns beruhren an unserem Korper. Menschen, welche in unfugar-
tiger Weise zum Beispiel Kokain geniefien, konnen dieses Schlangener-
lebnis traumhaft in besonders hohem Mafie haben. Wer sich dem
Laster des Kokaingenusses hingibt, bei dem kriechen die Traum-
schlangen aus alien Winkeln des Leibes heraus in seiner Traumwahr-
nehmung, auch wenn er nicht schlaft.
Und so konnen wir sagen: Wir sehen auf Traume hin, die so geartet
sind, wie die eben beschriebenen. - Wir werden immer, wenn wir
achtgeben auf das Leben, sehen, daiS das solche Traume sind, die uns
anzeigen, dafi in unserem eigenen Inneren etwas nicht in Ordnung ist.
Wir merken eine Verdauungsstorung, wenn wir solche Schlangen-
traume haben. Die Windungen der Verdauungsorgane symbolisieren
sich uns in der Traumanschauung in Windungen von Schlangen.
Oder jemand traumt, er gehe spazieren und er komme plotzlich an
eine Stelle, wo sich ein ganz weifier Pflock erhebt, der aber oben
schadhaft ist - ein weifter Steinpflock, eine Steinsaule, die oben
schadhaft ist. Er wird unruhig im Traume liber diese schadhafte obere
Spitze des Pflockes. Er wacht auf: Zahnschmerzen! Er fiihlt sich
unbewufk gedrangt, irgendeinen seiner Zahne anzugreifen, er fiihlt ja
den Zahn. Ich meine den heutigen, gewohnlichen Menschen, nicht
einen alteren Menschen, der uber solche Dinge erhaben war. Ein
richtiger heutiger Mensch sagt: Jetzt mufi ich zum Zahnarzt gehen, da
gehort ja eine kleine Plombe hinein, der Zahn ist schadhaft. Was ist
denn da geschehen? Dieses ganze Zahnerleben, mit Schmerz verbun-
den, das eine Unordnung im ganzen Organismus darstellt, stellt sich
im symbolischen Bilde dar. Der Zahn ist ein weifier Pflock, etwas
schadhaft, etwas angefressen. Wir nehmen im Traumbilde etwas wahr,
was eigentlich in unserem Inneren ist.
Oder aber wir traumen lebhaft, daft wir in einem Zimmer sind, in
dem wir gar nicht atmen konnen. Wir geraten im Traume in innere
Unruhe, was aber alles Traumerleben ist. Da - wir haben es friiher
nicht gesehen - steht in einer Ecke ein Ofen, der ganz heift ist. Es ist zu
stark eingeheizt. Ah, jetzt wissen wir im Traume, warum wir nicht
atmen konnen: es ist heifi im Zimmer! Das alles im Traume. - Wir
wachen auf. Wir haben ein heftiges Herzklopfen und einen stark
laufenden Puis. Die Zirkulation, die ins Unregelmaftige geraten ist,
symbolisiert sich in dieser Weise im Aufteren als Traum. Es ist etwas
da, etwas, das in uns selber ist; wir nehmen es wahr, aber wir nehmen
es nicht so wahr wie bei Tag. Wir nehmen es im symbolischen Bilde
wahr. Oder aber wir traumen davon, daft da drauften irgendwo
aufterhalb des Fensters lebhaft die Sonne scheint. Aber das Sonnen-
licht beunruhigt uns. Wir werden unruhig im Traum iiber diese
scheinende Sonne, an der wir sonst Wohlgefallen haben. Wir wachen
auf - das Haus des Nachbarn brennt. Ein aufteres Ereignis symboli-
siert sich nicht so, wie es ist, sondern in einem ganz anderen Bilde. So
sehen wir schon, es ist eine naturhaft schaffende Phantasie im Traume.
Aufteres driickt sich aus im Traume.
Nun brauchte es nicht dabei zu bleiben. Der Traum kann sich
sozusagen aufraffen, seine eigene innere Bedeutung und Wesenheit zu
haben. Wir traumen irgend etwas, und der Traum, der sich uns
allerdings im Bilde darstellt, kann nicht auf ein Aufteres bezogen
werden. Wenn wir nach und nach darauf kommen, sagen wir, daft sich
im Traume eine ganz andere Welt zum Ausdruck gebracht hat. Es sind
andere Wesen handelnd, da begegnet uns ein damonisches oder auch
ein elfenartig schones Wesen. Also nicht nur, daft unsere gewohnliche
physisch-sinnliche Welt, wie sie an uns und aufter uns ist, im Traume
sich bildhaft darstellt, es kann sich in den Traum auch eine ganz andere
Welt hereindrangen, als unsere ist. Menschen konnen von der hoheren
iibersinnlichen Welt in sinnlichen Traumesbildern traumen.
So hat das heutige menschliche Bewufttsein den Traum neben dem
gewohnlichen Wachbewufttsein. Und man muft ja in der Tat sagen:
Veranlagt sein zum Traumen macht uns eigentlich zu Poeten. - Die
Menschen, die nicht traumen konnen, werden immer schlechte
Poeten bleiben. Denn man muft sozusagen dasjenige, was naturhaft
im Traume auftritt, iibersetzen in die tagwachende Phantasie, um
Poet, um iiberhaupt Kiinstler sein zu konnen, Kiinstler auf alien
Gebieten.
Derjenige zum Beispiel, der mehr von der Art traumt, daft sich ihm
auftere Gegenstande symbolisieren, wie das brennende Haus des
Nachbarn durch die in das Zimmer hereinscheinende Sonne, der wird
am nachsten Tag, nachdem er einen solchen Traum gehabt hat, sich
angeregt fiihlen zum Komponieren. Er ist ein Musiker. Derjenige, der,
sagen wir, sein eigenes Herzklopfen als einen kochenden Ofen emp-
findet, der wird am nachsten Tag sich angeregt fiihlen, zu modellieren,
oder Architekturgebilde zu schaffen. Er ist Architekt oder Bildhauer
oder auch Maler.
Diese Dinge hangen so zusammen, wie ich sie geschildert habe. Es
bleibt im gewohnlichen Bewufttsein bei dem, was ich eben beschrie-
ben habe. Aber man kann jetzt weitergehen. Man kann dieses gewohn-
liche Bewufttsein so ausbilden, wie ich es in meinen Biichern be-
schrieben habe, in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?», das hier als «Initiation» iibersetzt ist, oder in meiner «Geheim-
wissenschaft im Umrift», das hier iibersetzt ist als «Occult Science».
Man kann das gewohnliche Bewufttsein dadurch ausbilden, daft man
gewisse seelische Ubungen macht - wir werden von ihnen noch zu
sprechen haben -, man kann das ganze Gedankenleben, Gefiihlsleben,
Willensleben, das ganze Innenleben dadurch, daft man sich ganz
bestimmten Vorstellungen und auch Sprachzusammenhangen hingibt,
aktiver machen, so daft die Gedanken wie zum Greifen werden, daft
die Gefuhle wie lebendige Wesen werden. Ich werde das noch spater
zu beschreiben haben.
Dann tritt etwas ein, was der Anfang einer modernen Initiation ist.
Dann tritt das ein, daft wir bei Tag forttraumen. Aber hier komme ich
an einen Punkt, wo leicht Miftverstandnisse moglich sind. Derjenige,
der ganz naturhaft bei Tag ins Traumen hineinkommt, der ist mit
seinem Traumen nicht besonders hoch zu schatzen. Allein derjenige,
der trotz seines Tagtraumens so wach ist wie ein anderer Mensch und
dennoch forttraumen kann, deshalb, weil er Denken und Fiihlen in
sich viel aktiver gemacht hat als andere Menschen, der beginnt Initiat
zu werden. Dann namlich, wenn man dazu gelangt, dann tritt das
Folgende ein. Dann sieht man wiederum - weil man doch ein vernunf-
tiger Mensch ist, der wahrend des Tages nicht unvernunftiger als die
anderen ist, nicht allerlei tolle Streiche macht, weil man traumt,
sondern weil man gerade so michtern ist am Tage wie die anderen
verniinftigen Menschen -, dann sieht man auf der einen Seite den
Menschen so, wie er ist fur das gewohnliche Bewufttsein: man sieht
seine Nasenform, seine Augenfarbe, seine schone oder haftliche
Haaranordnung und so weiter. Man sieht alles, aber man fangt an, um
den Menschen herum noch von etwas anderem zu traumen, aber jetzt
die Wahrheit zu traumen, die Aura zu traumen, und den inneren
geistigen Sinn der Handlungen, die zwischen Menschen vollbracht
werden, geistig zu sehen. Man fangt an, im vollen Wachleben sinnvol-
le, wirklichkeitsgemafie Traume zu haben. Das Traumen hort mor-
gens beim Aufwachen nicht auf, dauert bis zum Einschlafen, dann
setzt es sich in Schlaf um. Aber es ist sinnvoll. Das, was man an dem
Menschen sieht, ist wahrhaftig seelisch an ihm. Das, was man an
Handlungen sieht, ist wahrhaftig geistig da. Man ist in einer wahrhaf-
tigen Tatigkeit, wie sonst in bloften Reminiszenzen oder im blofien
Traume. Aber man traumt geistige Realitat.
Ein zweiter Bewulkseinszustand tritt zu dem ersten hinzu. Das
Tagtraumen wird ein hoheres Wirklichkeitswahrnehmen, als es das
gewohnliche Anschauen im philisterhaften Leben ist. Man sieht wah-
rend des vollen wachen Bewufitseins etwas zu der gewohnlichen
Wirklichkeit hinzu, was eine hohere Wirklichkeit ist. Der gewohnli-
che Traum nimmt uns etwas von der Wirklichkeit. Er gibt uns nur
phantastische Fetzen. Das, was man in der jetzt geschilderten Weise
bei Tag traumt, womit sich alles durchsetzt, die einzelne menschliche
Gestalt durchsetzt, die Tiere, die Pflanzen sich durchsetzen, wo die
Handlungen sinnvolle Wahrnehmungen werden, so dafi geistiger
Inhalt in den Handlungen darinnen liegt, das alles gibt einem zu der
gewohnlichen Wirklichkeit etwas hinzu, macht diese Wirklichkeit
reicher.
Sehen Sie, da fiigt sich tatsachlich zu dem, was man sonst im
gewohnlichen Bewufitsein wahrnimmt, ein Zweites hinzu, und man
fangt jetzt an, die Welt ganz, ganz anders zu sehen. Am eklatantesten
zeigt sich dieses Anderssehen, wenn man nun Tiere ansieht, die
tierische Welt. Diese tierische Welt, sie erscheint einem jetzt so, dafi
man sagt: Ja, was habe ich denn vorher eigentlich gesehen? Nur einen
Teil von dieser Welt habe ich ja gesehen. Das ist ja gar nicht alles, was
ich friiher von dem Tierischen gesehen habe. Ich habe ja nur das
Aufiere von den Tieren gesehen. Eine ganz neue Welt fiigt sich hinzu
zu den Tieren, so dafi fur jede Tiergattung, fur alle Lowen, fur alle
Tiger, fur alle verschiedenen Tiergattungen etwas da ist, was einem
Menschen gleicht, was richtig einem Menschen gleicht. So eine Tierart
wird wirklich etwas ganz Besonderes. Es lafit sich schwer am Bilde des
Menschen veranschaulichen, aber ich bitte Sie, das in folgender Weise
zu machen.
Denken Sie sich einmal, Sie erganzen gewissermafien Ihren Leib.
Binden Sie sich an jeden Finger Ihrer Hande einen Faden, also zehn
Faden an, und am Ende eines jeden Fadens eine Kugel in einer
gewissen Feme, die vielleicht sogar mit allerlei Figuren bemalt ist.
Dann haben Sie also zehn solche Schniire. Nun eignen Sie sich ein
furchtbar behendes Spiel Ihrer Finger an, so daft sie alle moglichen
Bewegungen machen. Und jetzt machen Sie das auch mit Ihren Zehen.
An jede Zehe binden Sie sich einen Faden an, am Ende eines jeden
Fadens eine Kugel mit Figuren. Und jetzt gewohnen Sie sich, so
geschickt zu springen und die Zehen so geschickt zu bewegen, dafi
etwas ganz Wunderbares entsteht aus dieser Form. Jeder Finger ist viel
langer und hat am Ende solch eine Kugel, die Figuren hat, und jede
Ihrer Zehen hat das auch.
Denken Sie sich, Sie sehen das nun mit Ihrer menschlichen Gestalt
verbunden. Ihre Seele beherrscht das alles. Jede Kugel ist ein Einzel-
nes, aber in dem Augenbhck, wo man das alles anschaut, glaubt man,
das gehore alles dazu. Sie sind nicht so verbunden mit alien diesen
Kugeln und Schniiren wie mit Ihren Fingern und Zehen, Aber Sie
beherrschen das alles. Das ist alles eine Einheit. Wenn Sie anfangen,
das so zu beherrschen, wie ich es erzahlt habe, so sehen Sie da oben die
Lowenseele, und die einzelnen Lowen, die hangen so daran wie die
Kugeln. Das ist eine Einheit. Vorher, wenn Sie die zwanzig Kugeln da
liegen haben und schauen die zwanzig Kugeln an, dann ist das eine
Welt fur sich. Nun kommen Sie und fiigen den Menschen dazu, fugen
die ganze innere Beweglichkeit dazu - da wird es etwas ganz Neues. So
ist es mit Ihrer Anschauung. Sie sehen da die Lowen einzeln herumge-
hen. Das ist so wie die Kugeln, die da herumgehen. Jetzt sehen Sie hin
auf die selbstbewufite Lowenseele, die ja so wie ein Mensch ist in der
geistigen Welt, und die einzelnen Lowen sehen Sie wie aufgefangen in
den Kugeln, sehen da iiberall aus dem Selbstbewufttsein des Lowen die
einzelnen Lowen herauskommen. Sie sind aufgestiegen zu einer ganz
neuen Wesenheit.
Und so steigen Sie fur alles im Tierreich auf zu ganz neuen
Wesenheiten. Die Tiere haben auch so etwas wie Menschen an sich,
Seelenhaftes, aber das ist nicht in der Welt, in der der Mensch sein
Seelenhaftes hat. Wenn Sie durch die Welt gehen, dann tragen Sie ganz
aufdringlich auf der Erde Ihre Seele herum mit dem Selbstbewufitsein.
Jedem Menschen konnen Sie Ihr Selbstbewulksein an den Kopf
werfen. Das kann der Lowe nicht. Aber da gibt es eine zweite Welt.
Die grenzt an diese Welt, wo wir unser Selbstbewufitsein jedem
Menschen an den Kopf werfen. Aber da droben, da tun das die
Lowenseelen. Fur die sind die einzelnen Lowen nur solche torkelnden
Kugeln. So daft wir frappiert werden, besonders wenn wir das Tier-
reich in seiner wahren Wesenheit betrachten, durch ein Bewufitsein,
das wir uns angeeignet haben. Da kommt eine zweite Welt dazu.
Und jetzt sagen wir uns: Ach, in dieser Welt sind wir als Menschen
ja auch eigentlich drinnen. Aber wir schleppen diese Welt hier herun-
ter in die gewohnliche Erdenwelt. - Das Tier lalk etwas oben: seine
Gattungsseele, seine Artseele, und geht nur mit demjenigen, was da
auf vier Beinen herumgeht, auf der Erde herum. Wir schleppen das,
was die Tiere oben lassen, auf die Erde herunter, bekommen dadurch
auch einen anders gestalteten Korper als das Tier, aber wir schleppen
es eben doch herunter. So da£ wir sagen konnen: Dasjenige, was in uns
ist, gehort auch dieser hoheren Welt an, nur schleppen wir es hier in
die Erdenwelt herein als Menschen. Und so, sehen Sie, machen wir
also Bekanntschaft mit einer ganz anderen Welt, mit einer Welt, die
wir zunachst an den Tieren wahrnehmen. Aber wir mussen ein anderes
Bewufttsein noch haben. Wir mussen das Traumbewulksein zum
Erwachen bringen, dann konnen wir in dasjenige hineinschauen, was
in der Tierwelt noch vorhanden ist. Derjenige, der das kann, der nennt
dann diese zweite Welt die Seelenwelt gegeniiber der physischen Welt,
oder den Seelenplan, den Astralplan gegeniiber dem physischen Plan.
Das, was Astralplan, Astralwelt ist gegeniiber der physischen Welt,
das erreicht man durch ein anderes Bewufttsein. Man mufi sich also
bekanntmachen damit, daft andere Bewufkseine uns in Welten hinein-
schauen lassen, die nicht die Welt sind des gewohnlichen Lebens.
Weitere Durchkraftung des Seelenlebens
Man kann nun in der Durchkraftung und Verstarkung des Seelenle-
bens noch weitergehen. Man kann nicht nur, so wie ich es in den
genannten Biichern beschrieben habe, meditieren, sich konzentrieren,
sondern man kann anstreben, das, was man als starken Seeleninhalt in
der Seek hat, wiederum fortzuschaffen. So daft man dazu kommt,
nachdem man zuerst mit aller Gewalt das Seelenleben verstarkt hat,
das Denken, das Fiihlen stark gemacht hat, das alles wiederum abzu-
schwachen und sogar ins Nichts zuriickzufiihren. So daft dasjenige
hergestellt ist, was man leeres Bewufksein nennen kann.
Nun, wenn man im gewohnlichen Bewulksein dieses Bewulksein
leer macht, schlaft man ein. Man kann das ja auch experimentell
machen. Man hat einen Menschen. Man entzieht ihm zunachst die
Augeneindriicke, so daft er im Dunklen ist. Man entzieht ihm alle
Gehorseindrucke, so daft er im Stummen, Lautlosen ist. Dann ver-
sucht man auch die anderen Sinne abzustumpfen. Der Mensch schlaft
allmahlich ein. So ist es nicht, wenn man zunachst Denken und Fiihlen
verstarkt. Da kann man ganz willkiirlich das Bewulksein leer machen,
und man wacht. Man tut nichts als wachen durch seine Willkiir. Man
schlaft nicht ein. Aber man hat nicht mehr die Sinneswelt vor sich.
Man hat nicht mehr seine gewohnlichen Gedanken und Erinnerungen
in sich. Man hat leeres Bewulksein. Da kommt aber nun sogleich eine
wirkliche geistige Welt herein in dieses leere Bewulksein. So wie im
gewohnlichen Tagesbewufttsein die Sinneswelt mit ihren Farben, mit
ihren Tonen, mit ihrem Warmereichtum hereinkommt, so kommt in
dieses leere Bewulksein eine geistige Welt herein. Wir sind umgeben,
wenn wir erst das Bewulksein wach und leer gemacht haben, von einer
geistigen Welt.
Wiederum konnen wir frappierend intensiv dieses neue Bewulksein
und diesen Zusammenhang mit einer geistigen Welt wahrnehmen an
etwas in der aufteren Natur. Wie wir vorher gewissermaften die
nachste Schichte des Bewufttseins wahrgenommen haben an der ande-
ren Art, wie wir die Tiere anschauen, so konnen wir jetzt das anders
gewordene Bewufksein, das Auftreten der neuen Schichte des Bewulk-
seins wahrnehmen an dem ganz Anders artigen, was wir an den
Pflanzen sehen, an der Pflanzenwelt der Erde.
Wie sehen wir die Pflanzenwelt der Erde im gewohnlichen Bewufk-
sein? Wir gehen hin iiber die Erde, wir sehen herauswachsen aus der
mineralischen Erde den Farbenreichtum und die Griinheit der Pflan-
zenwelt. Wir erfreuen uns an dem, was blau und gelb und rot und weift
bliiht, was grun lebt. Wir nehmen diesen ganzen Teppich der Pflan-
zenwelt wahr, lassen ihn auf unser Gemiit wirken. Es wird innerlich
lebendig. Es wird innerlich voller Freude. Es erhebt sich zu innerli-
chem Auf jauchzen, wenn wir diese wunderbar farbenglanzende Pflan-
zendecke iiber die Erde hingebreitet und aus der Erde herausragen
sehen. Jetzt schauen wir auf. Wir erblicken oben die Sonne, die uns
blendet. Wir schauen hinaus in das blaue Himmelszelt. Wir erblicken
nichts Besonderes als das, was sich uns eben bei Tag darbietet, wenn
wir einen wolkenfreien oder wolkenbedeckten Tag haben, was Sie ja
alle kennen. Wir wissen zunachst nicht, was es fur eine Beziehung hat,
die Pflanzendecke, den Pflanzenteppich der Erde anzuschauen und
hinaufzuschauen.
Wir konnen aber auch noch weitergehen. Nehmen wir an, wir
haben innerlich die tiefste Freude erlebt an dem Tagesteppich, der in
der Pflanzenwelt die Erde bedeckt. Wir warten an einem schdnenTage
bis zur hereinbrechenden Nacht. Wir blicken jetzt hinauf auf das
Himmelsgezelt. Wir sehen die mannigfaltig angeordneten, in Figuren
aufleuchtenden, iiber den ganzen Himmel hin sich brekenden Sterne
funkeln, glanzen. Ein neues Aufjauchzen der Seele beginnt, etwas, was
von oben wirkt, was von oben in unsere Seele freudig-innerliches
Aufjauchzen hereinsendet.
So konnen wir bei Tag hindeuten auf dasjenige, was in der Erde
wachst in dem farbenreichen Teppich der Erde, in der Pflanzenwelt:
ein innerlich uns mit Freude, mit Jauchzen durchdringendes Wahr-
nehmen. Wir konnen dann hinaufblicken, konnen das uns bei Tag
blau erscheinende Himmelsgewolbe nachts besat sehen mit den fun-
kelnden, glanzenden Sternen. Wir konnen innerlich aufjauchzen iiber
das, was sich von oben herunter in unserer Seele offenbart. Das gilt fur
das gewohnliche Bewufksein.
Haben wir jenes Bewulksein ausgebildet, das leer, aber wach ist, in
das die geistige Welt hereingebrochen ist, dann sagen wir uns, wenn
wir wahrend des Tages unseren Blick ausbreiten iiber die Pflanzen-
decke und des Nachts hinaufschauen auf die glanzenden, funkelnden
Sterne: Ja, wahrend des Tages hat uns angelockt, mit innerlichem
Jauchzen durchdrungen dasjenige, was als Farbenteppich die Erde
bedeckt. - Aber was haben wir denn da eigentlich bei Tag gesehen?
Jetzt blicken wir hinauf wahrend der Nacht zum sternenglanzenden
Himmel. Die Sterne funkeln nicht mehr blofi vor diesem wachend
leeren Bewufttsein, das heilk fur die Erde leeren Bewulksein. Die
Sterne nehmen die mannigfaltigsten Gestalten an. Das blo£e Funkeln
der Sterne hat aufgehort, und da oben ist wunderbares Wesenhaftes.
Da breitet sich aus wachsendes, webendes Leben, grofi und gewaltig
und erhaben. Und wir stehen erkennend in Anbetung, anbetend im
Erkennen. Ja, wir haben eine mittlere Stufe der Initiation erreicht und
sagen uns: Pflanzen, die sind ja erst da oben. Die wirklichen Pflanzen-
wesen, das ist dasjenige, was uns vorher nur in einzelnen Punkten in
den Sternen entgegengestrahlt hat. - Es ist ja jetzt so, als ob da oben die
wahre Pflanzenwelt erst ware. Es ist, als ob das Veilchen uns nicht als
Veilchen erschiene, sondern als ob von dem Veilchen des Morgens,
wenn es voll Tau ware, wir nicht das Veilchen, sondern nur die
einzelne Tauperle erglanzen sehen wiirden. Wenn wir nur den einzel-
nen Stern sehen, da funkelt ja die einzelne Tauperle in dem Stern. In
Wahrheit ist dahinter eine machtige, wesenhafte, webende Welt. Zu
der schauen wir hinauf. Jetzt wissen wir, was Pflanzenwelt ist. Die ist
gar nicht auf der Erde, die ist draufien im Kosmos, ist machtig und
erhaben und gewaltig und groft. Und was ist das, was wir da unten
gesehen haben bei Tag in der farbigen Pflanzendecke, was ist das?
Das ist das Spiegelbild von da oben.
Und wir wissen jetzt, der Kosmos mit seinem webenden Gestalten-
leben, mit seinem wesenhaften Gestaltenleben, der spiegelt sich auf
der Erde. Die ist ein Spiegel in ihrer Oberflache. Wenn wir in einen
Spiegel schauen, wissen wir, das ist nur Spiegelbild von uns. Wir
stehen da. Wir spiegeln uns, so wie wir sind in der aufieren Form. Die
Seele ist nicht darinnen. Der Himmel spiegelt sich nicht an der Erde in
einer so ganz adaquaten Weise, sondern so, daft er in den Pflanzen-
farben gelb, griin, blau, rot, weifl erglanzt. Das ist das Spiegelbild des
Himmels, das schwache, schattenhafte Spiegelbild des Himmels. Und
wir haben eine neue Welt kennengelernt. Da oben sind die Pflanzen
Menschen, Wesen mit Selbstbewulksein. Und zu der gewohnlichen
physischen Welt, zu der astralen Welt haben wir eine dritte, eine
eigentlich geistige Welt hinzu. Die Sterne sind ja wie Tauperlen, die
kosmischen Tauperlen aus dieser Welt. Die Pflanzen sind das Spie-
gelbild dieser Welt. Sie sind hier nicht alles, was an ihnen ist; ja sie sind
in dem, als was sie uns auf der Erde hier erscheinen, nicht einmal eine
Wesenheit, sie sind bloftes Spiegelbild gegeniiber der unendlich man-
nigfaltig-reichen, intensiven Realitat, die da oben in der eigentlich
geistigen Welt ist, und aus der die einzelnen Sterne als die kosmischen
Tauperlen herausglanzen. Wir haben eine dritte, die eigentlich geistige
Welt, und wir wissen jetzt, all das herrliche Pflanzenwesen spiegelt ja
nur diese Welt ab.
Und jetzt lernen wir kennen, wie wir als Menschen auch dasjenige in
uns tragen, was von den Pflanzen die eigentliche Wesenheit da oben
ist. Wir bringen nur ins Spiegelleben der Erde herunter das, was die
Pflanzen oben lassen. Die Pflanzen bleiben oben im Geisterland. Sie
senden auf die Erde ihre Spiegelbilder. Die Erde fiillt sie ihnen mit
Materie, mit Erdenmaterie aus, diese Spiegelbilder. Wir Menschen
tragen unser Seelenhaftes, das auch dieser Welt angehort, hier in diese
Spiegelwelt herein, sind nicht blofie Spiegelbilder, sondern sind jetzt
auf Erden auch seelische Realitaten. Wir leben auf Erden zunachst in
drei Welten: in der Welt des Physischen, in der Welt, in der die Tiere
mit ihrem Selbstbewufksein nicht leben. Aber wir leben als Menschen
Tafe12 l v\\\M^^l«UiJm iu ui )
zu gleicher Zeit in einer zweiten Welt, in der die Tiere mit ihrem
Selbstbewufksein leben, in der astralischen Welt. Nur tragen wir diese
mit uns herunter in die physische Welt. Wir leben auch noch in der
dritten Welt, in der Welt, in der die Wahrheit des Pflanzenwesens lebt,
in der geistigen Welt. Nur senden die Pflanzen auf die Erde blofi ihre
Spiegelbilder herunter, wir unsere Seelenrealitaten. Und jetzt konnen
Sie sagen: Ein Wesen, das hier auf der Erde Leib, Seele und Geist hat,
lebt mit Leib, Seele und Geist in der physischen Welt und ist Mensch.
Ein Wesen, das auf der Erde Leib und Seele hat, aber in einer
angrenzenden zweiten Welt den Geist hat, dadurch weniger wirklich
ist in der physischen Welt, ist das Tier.
Ein Wesen, welches in der physischen Welt nur seinen Leib hat, in
der zweiten Welt seine Seele, und in einer weiteren, dritten Welt seinen
Geist, so daft der Leib nur noch das Spiegelbild des Geistes ist, nur von
irdischer Materie ausgefiillt, das ist die Pflanze.
Sie erkennen an der Natur drei Welten. Sie erkennen, daft der
Mensch diese drei Welten in sich tragt. Sie fiihlen gewissermaften die
Pflanzen bis zu den Sternen hinaufwachsen. Sie sehen sich die Pflan-
zen an, sagen sich: Du bist ein Wesen, von dem ich ja auf Erden nur das
Spiegelbild sehe, das wesenlose Spiegelbild. Je mehr ich den Blick
hinaufwende, zu den Sternen des Nachts aufschaue, desto mehr sehe
ich das wahre Wesen da oben. Natur, sie wird ganz, wenn ich von der
Erde aufschaue bis zu den Sternen, wenn ich den Kosmos mit der Erde
als eines anschaue. Dann schaue ich zuriick auf mich als Mensch und
sage mir: Was in der Pflanze bis da nach oben reicht, ich habe es auf der
Erde in mir zusammengeschoben. Ich trage in mir als Mensch die
physische, die astralische, die geistige Welt.
Das durchschauen, mit der Natur hinaufzuwachsen bis zu den
Himmeln, in den Menschen hineinzuwachsen bis dahin, wo die
Himmel sich in ihm eroffnen, das heifk, zum Geistesforschen auf-
steigen.
DRITTER VORTRAG
Torquay, 13. August 1924
Form und Substantialitat des Mineralischen
mit Bezug auf die Bewulkseinszustande des Menschen
Das Wesen der kristallisierten Mineralien
Ich versuchte gestern zu zeigen, wie das innere Erleben der Seele ist,
wenn der Mensch sich erhebt durch Trainierung, durch Ubung der
Seele zu anderen Bewufitseinszustanden, und ich versuchte zu zeigen,
wie das, was man im gewohnlichen Bewufksein nur als die chaoti-
schen, ungeordneten Erlebnisse des Traumes kennt, die wahrend des
Schlafzustandes auftreten, verwandelt werden kann in vollbewuftte,
exakte Wacherlebnisse, wie man dadurch zu einem Bewufkseinszu-
stand kommt, der gewissermafien der dem gewohnlichen Bewufitsein
nachstliegende ist, indem man zum Beispiel die Tierwelt erst in ihrer
Totalitat wahrnimmt, wie sie hinaufreicht in eine hohere, in eine
Seelenwelt, in eine Astralwelt. Und ich versuchte dann, zu zeigen, wie
der Pflanzenteppich der Erde in seiner Totalitat erscheint, wenn man
mit einem weiteren Bewufttseinszustande, der ausgeht von dem voll-
standig wachen, aber gegeniiber der Sinneswelt, gegeniiber der physi-
schen Welt leeren Bewufksein, wenn man mit diesem BewuEtseinszu-
stand sich zu der Sternenwelt erhebt und innerhalb der Sternenwelt
erst kennenlernt die Wahrheit iiber den Pflanzenteppich der Erde;
wenn man dann einsieht, wie dasjenige, was wir als die aus der Erde
hervorsprossenden Pflanzen schauen, ein Spiegelbildist von Majestati-
schem, Grofiartigem, das uns aufterlich in der Sternenwelt nur entge-
genglanzt wie etwa auf der Erde die Tauperlen an den Pflanzen. Ich
mochte sagen, was da in den Weiten des Weltenraumes himmelwarts
ausgedehnt ist, gewinnt Wesenhaftigkeit, gewinnt Gestalt, gewinnt
Farben, gewinnt sogar Tonendes, wenn wir uns in dieser Weise mit
dem leeren Bewufksein zu ihm erheben. Dann konnen wir zuriick-
schauen auf die Erde und erblicken eben die Wahrheit iiber die
Pflanzenwelt, dafi sie ein Spiegelbild ist eines kosmischen Wesens,
eines kosmischen Geschehens und so weiter.
Nun haben wir im Anschauen der Sternenwelt auf der einen Seite,
der Pflanzenwelt auf der anderen Seite eine Eigentumlichkeit zu
beobachten. Und, meine verehrten Anwesenden, ich mochte diese
Dinge nun ganz aus der inneren Erfahrung heraus schildern, wie sie
sich einfach ergeben. Meiner Schilderung werden keinerlei literarische
oder sonstige Traditionen zugrunde liegen, wird nichts Traditionelles
zugrunde liegen, sondern ich werde die Dinge zunachst so schildern,
wie sie sich der unmittelbaren, spirituellen Erfahrung und Forschung
ergeben. Und da mochte ich auf eine Eigentumlichkeit zunachst
aufmerksam machen, die sich demjenigen ergibt, der so, wie ich es
geschildert habe, in die Dinge hineinsieht.
Wenn wir uns das graphisch darstellen (siehe Zeichnung S. 52), da Tafel 3
haben wir die Sternenwelt (oben), da haben wir die Erdenwelt. Wir
stehen ja immer, wenn wir beobachten, an einem gewissen Punkte,
den wir unseren Gesichtspunkt nennen konnen. Und mit dem zweiten
Bewufksein, von dem ich gesprochen habe, mit dem Bewufitsein, das
Sterne und Pflanzenwelt so zusammenschaut, wie ich es geschildert
habe, nehme ich deutlich wahr, wie da oben die wahrhaften Gebilde
sind, wie sich diese spiegeln, aber nicht wie gewohnliche Spiegelbilder,
sondern wie die realen Pflanzen sind, die die Spiegelung durch den
Spiegel Erde ergeben. So ist der Anblick. Man kann diesen Anblick so
schildern, da£ man sagt: Da oben das kosmische Leben, da unten die
Erde als Spiegel. - Und naturlich nicht wie tote, wesenlose, schatten-
hafte Spiegelbilder, sondern wie eine reale Spiegelung, durch die Erde
bewirkt, kommen diese Pflanzen herauf. Man hat aber immer das
Gefiihl, da mufi unten die Erde sein, da mufi ein Spiegel sein, damit
das, was im Kosmos ist, aus der Erde herausspriefSen kann. Ohne die
Erde, auf der wir stehen, auf der wir gehen, waren keine Pflanzen da.
So wie ein Spiegel, wenn wir davor stehen, dem Lichte Widerstand
entgegensetzt, wie Resistenz da sein mufi, denn sonst erblicken wir
den Spiegel nicht, so mulS die Erde da sein als das Spiegelnde, damit die
Pflanzen entstehen.
Nun kdnnen wir aber weitergehen, indem wir von dem zweiten
Bewulksein, das ich gestern geschildert habe, von der wachen Leerheit
des Bewufkseins dazu iibergehen, daft wir entwickeln eine Kraft der
Seele, die gewohnlich nicht als eine Erkenntniskraft geschatzt wird:
die Kraft der Liebe zu alien Dingen, zu alien Wesen. Und wenn wir
uns ganz mit dieser Kraft durchdringen, nachdem wir hinausge-
kommen sind in diese ganz andersartige Welt, die uns den Kosmos
nicht mehr sternenhell, sondern wesenoffenbarend zeigt, nachdem wir
hinausgekommen sind, ich mochte sagen, in diesen spirituellen Ozean
des Weltenalls, wenn wir dann uns dasjenige bewahren konnen, was
wir ja auf Erden als eine Gabe unserer geistig-seelisch-physischen
Organisation haben, wenn wir uns bewahren konnen und ins Uner-
mefiliche ausdehnen konnen die Kraft der Liebe, des Hingebens zu
alien Wesen, dann bilden wir auch unsere Erkenntniskraft immer
mehr und mehr aus. Und dann erlangen wir die Fahigkeit, nun nicht
blofi das tierische, das pflanzliche Reich exakt clairvoyant zu iiber-
blicken, sondern dann erblicken wir auch das mineralische Reich, und
zwar zunachst jenes mineralische Reich, das seiner Natur nach den
Kristall enthalt. Kristalle, mineralische Kristalle, sie werden ein wun-
derbares Forschungs- und Beobachtungsobjekt fur denjenigen, der
gerade in die hoheren spirituellen Welten eindringen will.
Hat man sich durchgearbeitet durch das Anschauen der tierischen,
der pflanzlichen Welt, so kann man an die kristallisierte mineralische
Welt herankommen. Wiederum fuhlt man sich gedrangt, von dem
mineralisch Kristallisierten, das einem auf der Erde entgegentritt, den
Blick zu erheben zum Weltenall, zum Kosmos. Wiederum schaut man
in den Weiten des Kosmos Wesenhaftes, wie man dasjenige schaut, das
dem Pflanzendasein zugrunde liegt. Aber die ganze Anschauung ist
jetzt eine andere. Man erlebt etwas ganz anderes, wenn man im
Schauen von einem kristallisierten Mineral ausgeht, als wenn man im
Schauen von der Pflanzenwelt ausgeht. Man erlebt wiederum da
Tafd3 drauften im Weltenall Wesenhaftes (Zeichnung auf S. 52: Ranken),
man sagt sich wiederum: Was man hier unten im Erdendasein sieht als
kristallisiertes Mineral, das ist veranlafit durch Geistig-Lebendiges,
das in den Weiten des Kosmos ist.
Aber indem das herunterwirkt (Pfeile von oben), spiegelt es sich Tafei3
nicht auf der Erde oder durch die Erde. Sehen Sie, das ist das
Wesentliche. Wenn wir vom Mineral uns erheben in den Kosmos und
schauen wiederum zur Erde zuriick, dann ist fur das Mineralische die
Erde kein Spiegel mehr. Es ist so, wie wenn die Erde gar nicht da ware.
Sie entfallt unserem Blicke. Wir konnen nicht sagen, wie wir es bei der
Pflanze sagen konnen: Da unten ist die Erde, die spiegelt. - Nein, sie
spiegelt nicht, sie verhalt sich, wie wenn sie gar nicht da ware. Wenn
wir uns konzentriert haben auf ein solches Schauen, das ausgeht von
dem kristallisierten Mineral, wenn wir den Blick hinausgewendet
haben in die Weltenweiten und wiederum zuriickschauen, dann ist
unter uns ein beangstigender, ein zunachst beangstigender, furcht-
barer Abgrund, ein Nichts. Wir miissen warten. Aber wir miissen
Geistesgegenwart haben; das Warten darf nicht lange dauern. Warten
wir zu lange, dann wird die Angst riesengroft, weil wir fuhlen, wir
haben den Boden unter den Fiifien verloren. Das ist ein ganz un-
gewohntes Gefiihl, das sich als eine riesengrofte Angst auftert,
wenn wir nicht Geistesgegenwart haben und aktiv durchdringen
dieses Nichts.
Wir miissen durch die Erde durchschauen. Das heifk, sie ist nicht
da. Wir miissen weiter schauen, weil sie nicht da ist. Und wir sind
genotigt, fur die Mineralien jetzt nicht nur das zu schauen, was iiber
uns ist, sondern den ganzen Umkreis zu schauen. Die Erde mull wie
weggeloscht sein. Wir miissen unten dasselbe schauen wie oben,
westwarts dasselbe wie ostwarts (siehe Zeichnung S. 52). Tafei 3
Und dann kommt uns von der anderen Seite eine Stromung entge-
gen, die nun von unten heraufkommt, im Gegensatze zu der Stro-
mung, die ja auch bei den Pflanzen vorhanden ist, die von oben
herunterkommt. Und wenn wir da hinausschauen und eine Stromung
von da kommt, dann kommt eine andere Stromung von der entgegen-
gesetzten Seite. Von alien Seiten her erblicken wir einander begegnen-
de Stromungen des Kosmos. Die treffen zusammen. Die treffen da
unter uns zusammen. So daft wir von oben die Stromung fur die
Pflanzen haben - ich habe sie hier griin gezeichnet-, sie geht herunter,
die Erde leistet Widerstand, die Pflanze wachst heraus. Wenn wir aber
eine Stromung fiir das mineralische Reich betrachten, haben wir hier
eine entgegengesetzte Stromung, und durch das Zusammenkommen
bildet sich die Form des Mineralreichs. Hier eine Stromung, hier die
entgegengesetzte Stromung; hier wieder eine Stromung, hier die ent-
gegengesetzte Stromung und so fort. Und frei durch die Begegnung
dieser aus dem All des Kosmos einander begegnenden Stromungen
entsteht das Mineral. Fiir das kristallisierte Mineral ist die Erde kein
Spiegel. Da spiegelt sich nichts in der Erde. Da spiegelt sich alles in
seinem eigenen Element.
Wenn Sie hinschauen auf das Gebirge draufien und einen Quarzkri-
stall finden, so ist er ja gewohnlich unten aufsitzend; aber da ist er nur
gestort durch das Irdische, da greifen ahrimanische Machte storend
ein. In Wirklichkeit wird er so gebildet, da$ von alien Seiten das
geistige Element zusammenschiefit, sich ineinander spiegelt, und frei
schwebend im geistigen Weltenall sehen Sie den Quarzkristall. In
jedem einzelnen Kristall, der sich vollkommen nach alien Seiten bildet,
kann man eine kleine Welt schauen.
Aber nun gibt es ja viele Kristallformen, Wiirfel, Oktaeder, Tetra-
eder, Dodekaeder, rhombische, dodekaedrische, monoklinische, tri-
klinische Gestalten, alle moglichen Gestalten gibt es. Wir schauen sie.
Wir schauen, wie die Stromungen zusammenkommen, einander tref-
fen. Hier haben wir einen Quarzkristall, ein sechsseitiges Prisma,
geschlossen durch sechsseitige Pyramiden; hier haben wir einen Salz-
kristall, der vielleicht wurfelformig ist; hier einen Pyritkristall, der
vielleicht dodekaedrisch ist. Wir schauen das alles. Jeder dieser Kristal-
le kommt so zustande, wie ich das beschrieben habe, und wir miissen
uns sagen: Also gibt es so vielerlei geformte Weltenstromungen,
eigentlich so viele Raumeswelten; es gibt nicht eine Welt, es gibt so
viele Raumeswelten, als die Erde aus Kristallen zusammengesetzt ist. -
Wir schauen hinein in eine UnermeElichkeit von Welten. Wir schauen
auf den Salzkristall und sagen uns: Da draufien im Weltenall west
Wesenhaftes; der Salzkristall ist uns die Manifestation fur etwas, was
den ganzen Weltenraum als Wesenhaftes durchdringt, eine Welt fur
sich. - Wir schauen den Pyritkristall, auch wurfelformig oder dode-
kaedrisch. Wir sagen uns: Da west im Weltenall etwas, was den ganzen
Raum erfullt; der Kristall ist uns die Auspragung, die Manifestation
einer ganzen Welt. - Auf viele Wesenheiten schauen wir, die je eine
Welt in sich schliefien. Und hier auf der Erde stehen wir als Mensch
und sagen uns: Im Irdischen begegnen sich die Taten vieler Welten.
Und indem wir Menschen auf der Erde denken und tun, flielk in
unserem Denken und Tun das Denken und Tun der mannigfaltigsten
Wesen zusammen. - Wir erblicken in den unermefilich mannigfaltigen
Formen der Kristalle eine Offenbarung einer grofien Fiille von Wesen-
heiten, die sich in mathematisch-raumlicher Gestalt in den Kristallen
ausleben. Wir schauen die Gotter in den Kristallen an.
Das ist noch viel wesentlicher, in Verehrung des Weltenalls, ja in
einer Art Anbetung des Weltenalls die wunderbaren Geheimnisse
dieses Weltenalls auf die Seele wirken zu lassen, als theoretisch mit
dem Kopf irgend etwas zu wissen. Und Anthroposophie sollte fiihren
zu diesem Sich-Erfuhlen im Weltenall. Hinzuschauen konnen soil der
Mensch durch Anthroposophie zu jedem einzelnen Kristall das We-
ben und Walten eines Gottes im Weltenall. Dann erfiillt sich die ganze
menschliche Seele mit Welteninhalt, nicht nur der Kopf mit Gedan-
ken. Am wenigsten ist Anthroposophie dazu da, den Kopf mit
Gedanken zu erfullen. Anthroposophie ist dazu da, den ganzen
Menschen mit Erleuchtung iiber das Weltenall, mit Verehrung und
Anbetung fur das Weltenall zu erfullen. In alle Gegenstande und in alle
Vorgange der Welt soli einziehen, ich mochte sagen, der innerliche
seelische Opferdienst des Menschen. Und dieser Opferdienst soil
Erkenntnis werden.
Substantiality und Metallit'dt der miner alisch en Welt
Wenn man so dem Raumesall, dem Raumeskosmos gegeniibersteht
und hineinblickt in dasjenige, was einem aus der kristallisierten minera-
lischen Welt erdenwarts entgegen sich formt, dann hat man zunachst
einen befriedigenden Anblick. Allein der weicht sehr bald dem Wie-
derauftreten jenes Angstlichkeitszustandes, jenes Angstzustandes,
von dem ich gesprochen habe. Bevor man diese gottergetragene,
kristallisierte Welt empfindet, hat man die geschilderte Angst. Sie
loscht sich zunachst aus, diese Angst, wenn man diese gottergetragene,
kristallisierte Welt schaut. Aber das hort nach einiger Zeit auf, denn
man bekommt ein eigentumliches Gefiihl, das Gefiihl: das alles, was
sich da als der Kristall bildet, tragt dich nur zum TeiL
Nehmen wir das Beispiel, das ich gewahlt habe: einen Salzkristall,
den wir schauen, und einen Pyritkristall, einen Metallkristall. Da hat
man das Gefiihl, wenn man auf den Pyritkristall hinsieht, darauf
kannst du bauen, das tragt dich. Wenn man auf den Salzkristall
hinsieht, so will es einem scheinen, als ob man durch ihn hindurchfal-
len konnte, als ob er einen doch nicht triige. Kurz, dasjenige, was
vorher als die grofie Angst da war, iiberhaupt zu versinken, weil die
Erde ein Nichts geworden ist, das ist jetzt wieder teilweise da gegen-
iiber gewissen Formen. Und namentlich mischt sich in dieses Gefiihl,
das man nun bekommen hat, ein Moralisches hinein. In diesem
Augenblicke, wo man zum zweiten Mai von dieser Angst durch-
drungen wird, fiihlt man in sich nicht nur alle Siinden, die man in den
Lebenslaufen begangen hat, sondern auch alle diejenigen, deren man
noch fahig sein konnte, die man noch begehen konnte.
Das alles ist wie Gewichte, die sich einem anhangen, die einen da
hineinstiirzen wollen in den Schlund, in den Abgnmd, der einem
aufgetan wird durch die Mineralkristalle, durch die man durchfallen
kann. Da mufi man dann zu einer weiteren Empfindung kommen
konnen, zu einem weiteren Erlebnis. Zu alledem, was man da durch-
macht, gehort Mut, ein Mut, der davon ausgeht, daft man sich sagt: Du
hast ja doch in deinem Inneren etwas, was dich weder nach oben, noch
nach unten, noch nach rechts, noch nach links fallen macht, du hast
den Schwerpunkt deines Wesens in deinem Inneren.
Oh, meine sehr verehrten Anwesenden, man braucht im Leben
niemals mehr Selbstvertrauen, mehr inneren Mut, als in dem Augen-
blicke, wo sich einem die Bleilast der eigenen Egoismen - denn
Egoismen sind immer die Siinden - auf die Seele lastet gegeniiber der
kristallisierten mineralischen Welt. Das Durchsichtige, das heilk das
Durchlassige, durch das man durchfallen kann, wird da schon zu
einem furchtbaren Mahner. Und behalt man den Mut, sagt man sich:
Ein Tropfen des Gottlichen ruht in dir, du kannst nicht versinken, du
bist von solcher Wesenheit, die gottlich ist; wird einem das Erlebnis,
nicht blofi Theorie, dann bekommt man den Mut, sich jetzt aufrecht-
zuerhalten und weitergehen zu wollen.
Und jetzt lernt man ein anderes kennen an den Mineralien. Vorher
hat man das kristallisierte Wesen der Mineralien kennengelernt. Jetzt
lernt man ihre Substantiality, ihre Metallitat kennen, dasjenige, was
sie innerlich als Stoff durchdringt; vorher die Form, jetzt was sie
durchdringt als Stoff. Und man kommt darauf, wie man in verschie-
dener Weise durch gewisse representative Grundmetalle im Weltenall
gehalten wird. Man lernt sich jetzt als Mensch in seiner Beziehung
zum Kosmos kennen. Und man lernt die einzelnen Metallitaten, die
Substantialitaten des mineralischen Wesens kennen. Man lernt wirk-
lich in sich selber jenen Mittelpunkt fiihlen, von dem ich jetzt eben
gesprochen habe (siehe Zeichnung S. 59).
Und nun miissen Sie das, was ich sage, obwohl ich es mit Worten
aussprechen mufi, die Materielles bezeichnen, nicht materiell auffas-
sen. Wenn man sagt: Herz, Kopf - so stellt sich der heutige materiali-
stisch denkende Mensch den physischen Kopf, das physische Herz
vor. Aber das ist ja alles zugleich geistig. Das ist ja aus dem Geiste
heraus gebildet. Und so bekommt man schon, wenn man den Men-
schen in seiner Totalitat als geistig-seelisch-physisches Wesen nun-
mehr ganz geistig, ganz spirituell schaut, die deutliche Empfindung,
im Herzen ist es zunachst, wo der Schwerkraftpunkt liegt, der einen
nicht hinuntersinken, nicht hinauffliegen la£t, nicht nach rechts noch
links drangt, sondern der einen halt. Man kommt, wenn man jenen
Mut, den ich eben geschildert habe, beibehalt, dazu, sich festgehalten
im Weltenall zu finden. Was heiftt aber: festgehalten im Weltenall sich
zu finden?
Nun, wenn man das Bewufttsein verliert, ohnmachtig wird, dann ist
man nicht festgehalten. Wenn man ein innerliches starkes Schmerz-
gefiihl hat, so dafi man sich starker innerlich fuhlt als im gewohnlichen
Leben - Schmerz ist ja eine Verstarkung des inneren Gefiihles -, dann
ist man wieder nicht beim gewohnlichen Bewulksein. Der Schmerz
treibt aus dem gewohnlichen Bewufttsein heraus. Man hat eine Art
mittleren Bewufkseins im gewohnlichen Erdenleben zwischen Geburt
und Tod. Bei dem muE man sich aufrechterhalten. Wenn dieses
Bewulksein zu diinn wird, wird man ohnmachtig. Wenn es zu dick
wird, zu dicht, zuviel in sich selbst bewufit wird, kommt der Schmerz;
das Aufgehen ins Nichts in der Ohnmacht, das Zusammengeprefk-
werden im Schmerze sind nach beiden Seiten hin die Abirrungen des
Bewufttseins. Das gerade hat man jetzt als ein Gefuhl gegeniiber der
kristallisierten mineralischen Welt, wenn man noch nicht die Metalli-
tat, die Substantiality hat, das Gefuhl, in jedem Augenblicke konnte
man in Ohnmacht sinken, hinaus verschwimmen in das Weltenall,
oder in Schmerz zusammenbrechen.
Da bekommt man eben das Gefuhl: In dem, wo physisch die
Herzmuskeln liegen, da drangt sich zusammen all das, was uns einen
festen Halt gibt. - Und ist man mit dem Bewufksein so weit gedrun-
gen, wie ich es jetzt geschildert habe, dann nimmt man wahr: alles das,
was einen im Erdenbewufttsein, im wachenden Erdenbewufttsein halt,
was dieses Bewufttsein zu einem sogenannten normalen macht, wenn
ich dieses haftliche, philistrose Wort «normal» gebrauchen darf, ist das
in ungeheurer Feinheit in der Welt ausgebreitete, aber auf kein anderes
Organ in solcher Unmittelbarkeit als auf das Herz wirkende Gold,
Aurum.
Nimmt man also vorher wahr die Formung, die Kristallisation des
Mineralischen, so nimmt man jetzt wahr die innere Substantiality, die
Metallitat. Man fiihlt, wie die Metallitat wirkt auf den Menschen
selber. Drauften sehen wir den Kristall, der das Metallische formt, in
Mineralform. Aber in uns wissen wir, daft die Kraft, die im Golde in
ungeheuer feiner Dosierung im ganzen Weltenall ausgebreitet ist,
unser Herz tragt, und damit das Bewufttsein aufrechterhalt, das wir
haben, wenn wir im Tagesleben, im gewohnlichen Tagesleben sind. So
daft wir sagen konnen: Auf das Herz des Menschen wirkt das Gold
(siehe Zeichnung S. 59).
Wir konnen nun unsere Versuche machen. Wir konnen lernen,
indem wir an das metallische Gold uns so erinnern, wie es ist, auf seine
Farbe uns konzentrieren, auf seine Harte, auf seine ganze Substantia-
litat uns konzentrieren und dann diese erlebte innere Erfahrung
machen, daft das Gold mit unserem Herzen zu tun hat. Dann konnen
wir es dahin bringen, daft wir durch andere Konzentration, durch
Konzentration zum Beispiel auf das Eisen und seine Eigenschaften,
darauf kommen, wie das Eisen wirkt. Das Gold wirkt unendlich
harmonisierend, ausgleichend auf den inneren Menschen. Er kommt
in ein inneres Gleichgewicht durch die Wirkung des Goldes. Konzen-
trieren wir uns scharf auf das Eisen, nachdem wir es gut kennengelernt
haben, vergessen wir das ganze Weltenall, konzentrieren wir uns bloft
auf das Eisen, so daft wir gewissermaften selber in unserem Seelenleben
ganz im Eisen aufgehen, Eisen werden, uns als Eisen erleben, dann
fiihlen wir, wie wenn unser Bewufttsein aus dem Herzen heraufstiege.
Wir fiihlen uns noch ganz klar, aber wir fiihlen, wie das Bewufttsein
aus dem Herzen heraufsteigt und bis zum Halse, zum Kehlkopf
dringt. Hat man nun geniigend Ubungen gemacht, dann schadet aber
das nichts. Hat man noch nicht geniigend Ubungen gemacht, dann
kommt eben die leise Ohnmacht. Man lernt diese leise Ohnmacht
beim Aufsteigen des Bewufttseins entweder dadurch kennen, daft man
wirklich in eine leise Ohnmacht fallt, oder man lernt es dadurch
kennen, daft man innere Aktivitat, starke Kraft des Bewufttseins
entwickelt hat. Dann versetzt man sich nach und nach hinein in dieses
Aufsteigen des Bewufttseins, und man kommt an jene Welt heran,
auch durch eine solche Methode, wie ich sie eben beschrieben habe, an
die Welt, von der ich gestern gesprochen habe, wo man die Tiere mit
ihren Gattungsseelen sieht. Jetzt ist man aber in der Astralwelt
drinnen dadurch, daft man sich auf die Metallitat des Eisens konzen-
triert hat.
Geht man auf die Form der Metalle, kommt man zu den Gotter-
wesen. Geht man auf die Metallitat, auf die Substantiality, dann
kommt man in die astralischen Welten hinein, in die astralische, in die
Seelenwelt. Man fiihlt das Bewufitsein hier am Hals heraufsteigend
Tafei 4 (siehe Zeichnung S. 59), kommt in eine andere Sphare des Bewufttseins
hinein, weift, daft man das der Konzentration auf das Eisen verdankt,
hat das Gefiihl, man ist jetzt gar nicht mehr derselbe Mensch wie
friiher. Wenn man vollbewuftt, exakt bewuftt in diesen Zustand
hineinkommt, hat man das Gefiihl, man ist nicht mehr derselbe
Mensch wie friiher, man ist atherisch geworden. Man ist aus sich
heraus aufgestiegen, atherisch geworden. Die Erde geht weg, interes-
siert einen nicht mehr. Aber man erhebt sich in die planetarische
Sphare, die sozusagen jetzt der Wohnplatz von einem ist. So kommt
man immer mehr und mehr aus sich heraus, in das Weltenall hinein.
Der Weg vom Gold zum Eisen ist der Weg ins Weltenall hinaus.
Man kann weitergehen. Man kann sich jetzt ebenso, wie ich es fur
Gold und Eisen beschrieben habe, zum Beispiel auf Zinn konzen-
trieren, ein anderes Metall, wiederum auf die Metallitat, auf die Farbe,
die es hat, die Konsistenz und so weiter, so daft man mit seinem
Bewufttsein ganz Zinn wird. Man fiihlt, daft das Bewufttsein noch
weiter heraufsteigt. Man fiihlt, wenn man unvorbereitet, ohne die
notigen Ubungen, als Mensch das durchmacht, wird man sehr stark
ohnmachtig, es ist nur noch ein Funke des Bewufttseins da. Und hat
man die Ubungen durchgemacht, so halt man sich in dieser Ohnmacht
drinnen und fiihlt im Gegenteil, wie man noch weiter aus seinem Leibe
herausschliipft. Nun schliipft man weiter heraus. Man fiihlt, aufge-
stiegen ist bis zur Augengegend das Bewufttsein (siehe Zeichnung S.
59). Man fiihlt sich in den Weiten des Weltenalls draufien. Man fiihlt
sich noch aber in den Sternen drinnen. Die Erde fangt aber an, als ein
ferner Stern sichtbar zu werden. Und man denkt: Da unten hast du
Tafel 4
deinen Leib gelassen auf der Erde, du bist jetzt heraufgekommen in
den Kosmos, erlebst das Sternenleben mit.
Ja, sehen Sie, das, was ich Ihnen da beschreibe, das ist aber nicht so
ganz einfach. Denn das, was ich Ihnen beschreibe, was man erfahrt,
indem man den Initiatenweg durchmacht, so daft man fiihlt beim
Initiatenweg: dein Bewufttsein ist im Kehlkopf, du hast ein Bewuftt-
sein; es ist im Kehlkopf; daft man fiihlt: dein Bewufttsein ist da in den
unteren Partien des Kopfes und in der Stirn, daft man das fiihlt, das
weist nur darauf hin, daft das ja immer im Menschen vorhanden ist.
Sie alle, die Sie hier sitzen, haben diese Bewufttseine in sich, Sie
wissen es nur nicht. Wie haben Sie sie in sich ? Ja, sehen Sie, der Mensch
ist eben nicht ein einfaches Wesen. In dem Augenblicke, wo Sie Ihrer
ganzen Kehlkopforganisation bewuftt wiirden, wenn Sie Ihr Gehirn
wegschmeiften konnten, Ihre Sinne wegschmeifien konnten, nur Ihr
Bewufttsein als Mensch im Kehlkopf und dem, was dazugehort,
entwickeln wiirden, dann wiirden Sie eben dieses leise unterbewuftte
Ohnmachtsgefiihl immer haben. Aber Sie haben es auch. Nur ist es
zugedeckt durch das gewohnliche Herzbewufttsein, durch das Gold-
bewufttsein. In Ihnen alien sitzt dieses Bewufttsein, das ich eben
geschildert habe; ein Teil Ihres Menschen hat es. Ein Teil Ihres
Menschen lebt damit in den Sternen drauften, ist gar nicht auf der Erde.
Noch weiter im Weltenall drauften lebt das Zinnbewufttsein (Zeich-
Tafd4 nung: orange). Es ist gar nicht wahr, daft Sie allein hier auf Erden
leben. Sie leben auf Erden dadurch, daft Sie ein Herz haben. Das halt
Ihnen das Bewufttsein auf der Erde zusammen. Dasjenige, was im
Kehlkopf sitzt (Eisen: rot), das lebt drauften im Weltenall. Und noch
weiter drauften lebt dasjenige, was iiber den Augen im Kopfe sitzt
(Zinn). Eisen reicht hinauf bis zum Mars. Das Zinn reicht hinauf bis
zum Jupiter. Durch das Gold nur sind Sie auf Erden. Sie sind immer im
Weltenall; nur das Herzbewufttsein deckt Ihnen das zu.
Tritt die Konzentration nun ein fur Blei oder fur ein ahnliches
Metall, wiederum fur die Substantiality, fur die Metallitat, dann gehen
Sie ganz aus sich heraus. Dann wird Ihnen ganz klar: Da drunten auf
der Erde ruht dein physischer, ruht auch dein Atherleib. Das ist etwas
Fremdes. Das ist da unten. Das geht mich jetzt so wenig an wie der
Stein, der auf dem Felsen ruht. - Das Bewufksein ist herausgestiegen
aus Ihnen, hier (aus dem oberen Teil des Kopfes: rot). Im Weltenall ist Tafd 4
immer eine geringe Dosierung von Blei vorhanden. Dieses Bewufksein
da oben, das ist weit hinausreichend. Und mit dem, was da noch in der
Schadeldecke mit diesem Bewufksein beim Menschen immer vorhan-
den ist, damit ist er immer in einer vollstandigen Ohnmacht.
Denken Sie an die Illusionen, in denen der Mensch da lebt. Er
glaubt, wenn er so an seinem Schreibtisch sitzt, Konten oder Feuille-
tons schreibt, da denkt er mit seinem Kopfe. Es ist aber gar nicht wahr.
Der Kopf ist gar nicht auf der Erde. Er ist nur in seiner aufkrlichen
Offenbarung auf der Erde. Der Kopf reicht vom Hals in das Weltenall
hinaus. Das Weltenall offenbart sich bloft im Kopfe. Dasjenige, was
macht auf Erden, daft Sie ein Erdenwesen sind zwischen Geburt und
Tod, das ist das Herz. Und wenn einer gute oder schlechte Feuilletons
schreibt, Konten, die den anderen iibervorteilen oder nicht iibervor-
teilen, so kommt das alles aus dem Herzen. Die besten Gedanken, die
Sie haben konnen, das kommt alles aus dem Herzen. Es ist nur eine
Illusion, daft der Mensch mit seinem Kopf auf Erden lebt. Er lebt nicht
mit seinem Kopf auf Erden. Der Kopf ist eigentlich fortwahrend
ohnmachtig. Daher kann er auch in einer so aufterordentlichen Weise
gerade schmerzvoll werden, wie andere Organe nicht schmerzvoll
werden. Ich werde das noch weiter ausfiihren. So daft, wenn wir daran
denken, dahinterzukommen, wie wir sind, uns eigentlich fortwahrend
geistwarts droht, daft der Kopf ins Weltenall hinaus zersplittert wird,
daft das ganze Bewufksein nach oben auseinandergeht, ins Machtig-
Ohnmachtige zerfallt. Das alles wird durch das Herz zusammen-
gehalten.
Es lebt der Mensch eigentlich so, daft wir sagen konnen: Im
Kehlkopf (Eisen) entwickelt er das Bewufksein, das ich Ihnen be-
schrieben habe als das, was zu dem tierischen Reiche reicht, zu den
hoheren Gebilden, die dem Tierreich zugrunde liegen. Hier im ge-
wohnlichen Leben kommt es nur nicht zum Bewufksein; es ist da, wo
der Mensch immer zu den Sternen hinausschaut. Dadrinnen tragen Sie
immer das Bewufksein. Hier oben ist das Bewufksein der Pflanzenge-
bilde, hier unten sind ihre Spiegelbilder (siehe Zeichnung S. 52). Und Tafei3
ganz oben, wo das Bleibewufitsein sitzt, wo wir hinaufreichen bis zum
Saturn, da weiE unser Kopf nichts von dem Feuilleton, das wir
schreiben, das schreiben wir mit dem Herzen. Aber der Kopf wei$ von
alledem, was ich Ihnen heute beschrieben habe, von alledem, was da
Tafei 3 drauf ist (siehe Zeichnung S. 52). Da kann nun einer sitzen, Irdisches
beschreiben - es kommt aus seinem Herzen. Sein Kopf kann sich
mittlerweile mit der Art und Weise befassen, wie sich ein Gott
offenbart in einem Pyrit, in einem Salzkristall, in einem Quarzkristall.
Und wenn nun so das Initiatenbewulksein auf diese Stiihle schaut,
so horen Ihre Herzen zu auf dasjenige, was ich sage; aber die drei
iibereinandergelagerten Bewufitseine, die sind im Kosmos. Da spielen
sich Dinge ab, die ganz anderer Natur sind, als es im gewohnlichen
Erdenbewufksein ist. Da leben vor alien Dingen in dem, was sich da
abspielt, was sich immer hinausdehnt, die lebendigen Faden, die fur
jeden das Karma spinnt und so weiter.
Sehen Sie, so lernt man allmahlich aus dem Weltenall heraus den
Menschen kennen. - Nun, wir haben den Menschen kennengelernt,
der eigentlich mit der aufieren Welt zusammenhangt, sich auch aufien
fortwahrend zu zersplittern droht, ohnmachtig nach auften wird, vom
Herzen zusammengehalten wird.
Aus dem Raumesbewufitsein in das Zeitbewufitsein
In einer ganz anderen Richtung bewegen wir uns geistig, wenn wir auf
gewisse andere Arten der Metallitat unsere Konzentration richten.
Geradeso wie wir das tun konnen mit Eisen, Zinn, Blei, konnen wir es
zum Beispiel auch vollbringen mit dem Kupfer. Wir konnen uns auf
die Metallitat des Kupfers konzentrieren, gewissermaften aufgehen in
dem Kupfer, ganz Kupfer werden im Seelenleben, in der Farbe, in der
Konsistenz, in jenes eigentumliche oberflachlich Gerilltsein des Kup-
fers aufgehen, kurz, in alledem, was man seelisch an der Metallitat des
Kupfers erleben kann. Dann bekommt man nicht das Gefiihl eines
Uberganges in Ohnmacht, sondern etwas Gegenteiliges tritt ein. Man
bekommt das Gefiihl, man wird innerlich mit etwas ausgefullt. Man
wird innerlich sich mehr fiihlbar, als man sonst ist. Man hat formlich
das Gefiihl, dieses Kupfer, iiber das man konzentriert denkt, das
erfiillt einen von oben bis nach unten, bis in die Fingerspitzen, iiberall
hin, bis in die Haut hinein. Es erfiillt einen. Es fiillt einen mit etwas
aus. Und dasjenige, womit es einen ausfiillt, das fiihlt man von da
ausstrahlend (siehe Zeichnung S. 59, rosa). Es strahlt dann von diesem Tafd 4
Mittelpunkt, der unterhalb des Herzens liegt, in den ganzen Korper
hinein. Man fiihlt so einen zweiten Korper in sich, einen zweiten
Menschen. Man fiihlt sich innerlich geprelk. Ein leiser Schmerz
beginnt, der sich steigert. Man fiihlt alles innerlich geprefit.
Aber wiederum mit dem Initiatengefiihl durchdringt man das alles,
und man fiihlt eben einen zweiten Menschen auf diese Weise im
Menschen. Und es wird bedeutsam, wenn man gerade mit dem
Initiatengefiihl nun so erleben kann, daft man sich sagen kann: Mit
deinem gewohnlichen Menschen, den du bekommen hast durch Ge-
burt und Erziehung, mit dem du in der Welt herumgehst, mit dem du
schaust durch deine Augen in die Welt, mit dem du horst, mit dem du
fuhlst die Dinge, mit diesem Menschen gehst du herum; aber dadurch,
dafi du trainiert bist, dafi du Ubungen gemacht hast, dadurch bringst
du auch diesen Menschen, diesen zweiten Menschen, der dich jetzt
ausprefk, dazu, wahrnehmen zu konnen. - Er wird zwar ein eigentiim-
licher Mensch, dieser zweite Mensch. Er hat nicht so abgesonderte
Augen und Ohren, er ist gleichsam ganz Auge und Ohr; aber er ist wie
ein Sinnesorgan. Er nimmt fein wahr. Und er nimmt eben Dinge wahr,
die wir sonst nicht wahrnehmen. Die Welt wird plotzlich bereichert.
Und man kann dann wie eine Schlange, die beim Hauten ihre Haut
abstofk, fur eine gewisse Zeit, die gar nicht lange zu sein braucht, die
nach Sekunden dauern mag - man erlebt schon in Sekunden dann sehr
viel -, mit diesem zweiten Menschen, der sich da einem, ich mochte
sagen, als der Kupfermensch ausgebildet hat, herausgehen aus dem
Leibe und sich frei in der Welt geistig bewegen. Er ist trennbar, wenn
das auch alles Schmerz macht, wenn der Schmerz sich auch steigert, er
ist trennbar vom Leibe.
Man kann herauskommen. Man kann jetzt, wenn man heraus-
kommt, noch mehr erleben, als wenn man drinnen stecken bleibt. Man
kann vor alien Dingen, wenn man es dazu gebracht hat, dieses
Herausgehen zu ermoglichen, jemandem, der gestorben ist, in diejeni-
ge Welt folgen, in die er nach ein paar Tagen eintritt. Also jemand ist
durch die Pforte des Todes gegangen, und alle die Beziehungen, die
man als irdischer Mensch zu diesem Menschen gehabt hat, horen auf.
Er wird verbrannt oder begraben. Er ist auf der Erde nicht mehr da.
Wenn man mit diesem zweiten Menschen, den ich eben beschrieben
habe, aus dem Leibe herausgeht, so kann man der Seele, die durch die
Pforte des Todes gegangen ist, weiter nachfolgen. Man bleibt mit
dieser Seele zusammen. Und man erlebt dann, wie diese Seele in den
ersten Jahren und Jahrzehnten, nachdem sie durch die Pforte des
Todes gegangen ist, das Leben wieder riickwarts durchmacht. Es wird
das eine Wahrheit. Man kann das beobachten. Man kann mit dem
Toten weiterhin gehen. Man sieht, das, was er in den Tagen vor seinem
Sterben hier auf Erden erlebt hat, das erlebt er zuriick, das Letzte
zuerst, das Vorletzte als zweites und so weiter. Er lebt alles zuriick. Bis
zu dem Zeitpunkte seiner Geburt lebt er sich zuriick in einem Drittel
der Lebenszeit. Wenn einer sechzig Jahre alt geworden ist, lebt er
ungefahr zwanzig Jahre zuriick, das ganze Leben riickwarts durch-
laufend. Da kann man ihm folgen.
Und das Eigentiimliche ist, da lernt man vieles vom Menschen so
kennen, wie es eben unmittelbar nach dem Tode ist. Der Mensch lebt
nicht nur die Dinge so zuriick, wie er sie hier auf Erden erfahren hat.
Verzeihen Sie, wenn ich ein derbes Beispiel nehme. Nehmen wir an,
Sie haben drei Jahre vor Ihrem Tode jemandem eine Ohrfeige gegeben
- ich will ein derbes Beispiel nehmen. Da haben Sie Zorn gehabt iiber
ihn. Der Zorn ist iibergesprudelt. Ich weifi ja selbstverstandlich, dafi
keiner, der hier sitzt, das tun wiirde, aber ich will eben ein derbes
Beispiel wahlen. Also nehmen wir an, Sie haben einen Zorn gehabt,
der Zorn ist iibergesprudelt, Sie haben einem anderen seelisch, phy-
sisch Schmerz gemacht. Sie haben Ihre Befriedigung gehabt. Sie waren
zufrieden. Sie haben ihn gestraft fur das, was er Ihnen angetan hat.
Jetzt, wenn Sie zuriickgehen und bei diesem Ereignis ankommen -
nach einem Jahre kommen Sie bei diesem Ereignis an -, da erleben Sie
nicht das, was Sie erlebt haben als Ihren Zorn, sondern was er als
Seelenleid, als Korperleid erlebt hat. Sie leben sich ganz in ihn hinein.
Sie bekommen dann die Ohrfeige im Seelischen. Sie haben den
korperlichen Schmerz richtig nachzufiihlen. Und so fur alle Ereignis-
se. Sie erleben die Ereignisse so, wie sie die anderen erlebt haben. In
alldem kann man dem Menschen folgen.
Sehen Sie, iiber diese Dinge hat man mehr gewufit als heute, in der
Zeit, von der ich Ihnen in diesen Tagen erzahlt habe, bei den alten
Chaldaern, die aus den Mysterien heraus ihre Kulturimpulse gehabt
haben. Bei diesen Chaldaern war es sehr merkwurdig. Da lebte man
nicht so aus dem Herzen heraus wie heute, sondern man lebte wirklich
bei den Chaldaern aus dem Kehlkopfe heraus. Die Chaldaer hatten als
ihr naturgemaftes Bewufksein eine Art Eisenbewufitsein. Sie erlebten
draufien im Weltenall. Die Erde kam ihnen nicht so hart und konsi-
stent vor wie uns. Aber wenn sie in besonders giinstigen Stunden da
draufien lebten, zum Beispiel auf dem Mars lebten, mit den Marswesen
zusammen lebten, dann konnte fur sie der Augenblick eintreten, dafi
vom Monde heriiber Wesen kamen und gerade solche Wesen mit-
brachten, die man wahrnimmt, wenn man in diesem zweiten Men-
schen ist, den ich eben beschrieben habe. Und da lernten auf einem
Umwege im Weltenall draufien die Chaldaer hohe Wahrheiten ken-
nen, die sich auf das Leben nach dem Tode beziehen. Sie wurden im
Weltenall draufien unterrichtet.
Heute brauchen wir das nicht. Wir konnen unmittelbar dem Toten
folgen. Wir konnen ihn begleiten, wie er seine Erlebnisse in umge-
kehrter Reihenfolge, aber auch in entgegengesetzter Ordnung erlebt.
Und das Eigentiimliche ist dabei, man fiihlt sich, wenn man so aus
seinem Leibe herausgegangen ist mit diesem zweiten Menschen, in
einer Welt, die viel, viel wirklicher ist als unsere Erdenwelt. Es kommt
einem dann die Erdenwelt und alles, was man da erlebt hat, wie
Schatten vor gegeniiber der dichten, anspruchsvollen Wirklichkeit, in
die man jetzt eingetreten ist.
Wenn man Tote begleitet in der beschriebenen Weise, dann fiihlt
man alles doppelt schwer, dreifach schwer, dreifach hell, dreifach laut,
alles viel realer, und die ganze physische Welt kommt einem recht
schattenhaft vor. Wer in dieser Welt verkehrt durch das Initiatenbe-
wufitsein, fur den wird die physische Welt eine Summe von Gemal-
den, und es konnte schon sein, daft ein solcher Initiat, der aus seinen
Aufgaben heraus viel in dieser Weise mit Toten verkehrt hat, Ihnen
sagen wiirde: Ihr seid ja alle nur aufgemalt. Ihr seid ja gar keine
Wirklichkeit. Da seid Ihr auf Euren Stiihlen aufgemalt. - Denn die
eigentlichen Wirklichkeiten, die entdeckt man erst da auf der anderen
Seite des Daseins. Da ist alles viel realer. Diese Realitat, man kann sie
schon erfahren, meine sehr verehrten Anwesenden.
Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen an meine Mysteriendra-
men. Die anderen haben vielleicht Gelegenheit, es zu lesen, denn die
Dinge sind ins Englische iibersetzt. Da kommt eine Gestalt vor, die
Strader heifit. Diese Gestalt des Strader ist nach dem Leben gezeich-
net. Es gab eine Personlichkeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts,
die noch in das 20. Jahrhundert herein lebte, deren Abbild, aber
kunstlerisch, dichterisch, nicht photographenmaflig, der Strader ist.
Nun, diese Personlichkeit interessierte mich als Personlichkeit im
Leben sehr stark. Diese Personlichkeit war im Leben zuerst Kapuzi-
ner, hatte dann umgesattelt und war Philosoph geworden, weilte auch
einmal im Kloster von Dornach zu Besuch. Diese Personlichkeit, die
mich sehr im Leben interessierte, habe ich umgearbeitet, umgestaltet.
Sie lebt als Strader in meinen Mysterien - nur ahnlich, nicht gleich.
Nun kam das vierte Mysterium. Sie wissen, im vierten Mysterium
stirbt Strader. Ich mufite ihn sterben lassen. Ich hatte nicht noch weiter
den Strader gestalten konnen. Er hatte in einem fiinften Mysterium
nicht wiederum auftreten konnen. Es wiirde mir die Feder wegge-
sunken sein, wenn ich hatte etwas schreiben wollen, ihn weiter
charakterisieren wollen. Warum geschah das? Ja, sehen Sie, inzwi-
schen war namlich die wirkliche Personlichkeit gestorben, die vom
Kapuziner zum Philosophen geworden ist. Und durch das Inter-
esse, das ich fur diese Personlichkeit hatte, konnte ich sie nun in
die andere Welt verfolgen. Da wirkt sie viel realer. Da hort das, was
in der physischen Welt zunachst noch beschrieben werden konnte,
auf, ein so starkes Interesse zu haben wie dasjenige, was man jetzt
mit einer solchen Personlichkeit erlebt, wenn man sie nach dem
Tode verfolgt.
Und es stellte sich etwas Eigentiimliches ein. Ein paar Anthroposo-
phen kamen auf diesen Sachverhalt; sie kriegten heraus - es sind ja
manche Menschen scharfsinnig, nicht wahr -, daft der Strader eine Art
Ebenbild ist jenes Menschen. Sie forschten nach und kamen an den
Nachlaft und an allerlei Interessantes, was der Mann zuriickgelassen
hatte, brachten mir das, setzten voraus, daft ich nun in ein hell
jauchzendes Interesse verfallen wiirde fur alles das, was diese Person-
lichkeit zuriickgelassen hat. Ich konnte mich gar nicht dafiir interes-
sieren. Dagegen interessierte mich alles das, was der Mann jetzt tat
nach dem Tode. Das ist viel realer. Daneben verschwand alles, was das
Auftere darstellt, was er hinterlassen hat.
Man wunderte sich zunachst dariiber, daft ich so interesselos war,
nachdem man sich so viel Miine gegeben hatte, allerlei aus dem
Nachlaft zu bekommen, was ich gar nicht haben wollte. Ich habe es
heute noch nicht verlangt. Aber es ist eben so : die Erdenrealitat wird
zur Illusion gegenuber der machtigen Realitat, die einem dann entge-
gentritt, wenn man eine Individualist nach dem Tode verfolgt, wo sie
drinnensteht in derjenigen Welt, die man selber erlebt an sich; wenn
auf diejenige Art, wie ich es geschildert habe, man mit dem Menschen
ausgefiillt wird, der herausgehen kann aus dem Leibe, wenn auch nur
fur kurze Zeit; aber in kurzer Zeit kann man viel erleben.
Es gibt eben diese unmittelbar an unsere physisch-sinnliche Welt
angrenzende Welt, in der sozusagen die Toten unmittelbar leben, die
man viel realer erlebt, weil man sie erlebt mit dem Menschen, der da
herausschreitet. Jetzt ist man nicht ohnmachtig, jetzt ist man dichter in
seinem Bewufttsein. Riickt man hinauf iiber das Herz mit seinem
Bewufttsein, dann wird das Bewufttsein diinner; man kommt einer
Ohnmacht nahe; riickt man unter das Herz hinunter, verdichtet sich
das Bewufttsein. Man kommt in die Welten hinein, die Wirkliches
sind. Man muft es nur ertragen konnen. Sie pressen, sie schmerzen.
Aber wenn man mit dem notigen Mut hineinstoftt, so kommt man
hinein. (Siehe Zeichnung S. 59.)
So haben wir jetzt das gewohnliche Bewufttsein des Tages im
Herzen (I), ein zweites Bewufttsein im Kehlkopf (II), ein drittes
Bewufttsein in der Augengegend (III), ein viertes Bewufttsein im Kopf
oben (IV), das schon ganz in den Kosmos hinausfiihrt, und dann ein
fiinftes Bewufitsein (V), das einen jetzt nicht in die Raumeswelten
hinaus, sondern in die Zeiten zuriickfiihrt. In der Zeit geht man; in der
Zeit macht man einen Weg, wenn man an dieses fiinfte Bewufitsein
herankommt; den Weg, den der Tote zuriickgeht, den macht man.
Man ist aus dem Raum herausgetreten, in die Zeit eingetreten.
Sie sehen, auf das Versetzen in andere Bewulkseinszustande kommt
alles an. Man lernt Welten kennen, wenn man sich in andere Bewufit-
seinszustande versetzt. Der Mensch lebt hier auf Erden in einer Welt,
weil er nur ein Bewufttsein hat, weil er die anderen Bewufkseinszu-
stande verschlaft. Verschlaft man sie nicht, versetzt man sich in diese
anderen Bewulkseinszustande, dann erlebt man die anderen Welten.
Das ist das Geheimnis des Erforschens anderer Welten, dafi der
Mensch selbst in seinem Bewufitseinswesen ein anderer wird. Denn
nicht durch ein Spintisieren oder Forschen mit denselben Mitteln, die
man im gewohnlichen Leben hat, kommt man in andere Welten
hinein, sondern durch die Metamorphose, durch die Transformation
des Bewufitseins in andere Bewufitseinsformen.
VIERTER VORTRAG
Torquay, 14. August 1924
Das Geheimnis des Erforschens anderer Welten
durch die Metamorphose des Bewufttseins
Der Zusammenhang der Metallitdt
mit anderen Bewufitseinszustdnden des Menschen
Von der Form und der Substantiality, der eigentlichen Metallitat des
Mineralischen habe ich gesprochen, insofern diese Dinge, wenn sie an
den Menschen herantreten, Bezug haben auf seine Bewufttseins-
zustande. Bevor ich die Betrachtung, die sich auf einige Metallsub-
stanzen ausdehnen muft, werde fortsetzen konnen, muft ich eine be-
stimmte Bemerkung einflechten.
Man konnte nun leicht glauben, daft in dem, was ich gesagt habe,
eine Empfehlung lage, Bewufttseinszustande, die abweichen von dem
gewohnlichen menschlichen Bewufttseinszustand des heutigen alltag-
lichen Lebens, dadurch hervorzurufen, daft man sozusagen wie eine
Art Nahrungsmittel sich diese Substanzen korperlich beibringt. Und
wenn von den Methoden gesprochen wird, durch die man den Weg in
die geistige Welt findet, und da gesprochen wird davon, welche
innerliche Schulung, Trainierung intimer Art man durchzumachen
hat, dann kommen haufig die Menschen darauf, zu sagen: Ja, ich
mochte sehr gerne etwas wissen von anderen Welten, von anderen
Bewufttseinszustanden, aber das ist so schwierig, diese Ubungen zu
machen, die einem angeraten werden; das dauert so lange.
Dann beginnen wohl die Leute mit solchen Ubungen. Aber dann
kommt das Leben, das so voller Gewohnheiten ist, aus denen man
nicht heraus mochte. Dann werden die Ubungen nach und nach etwas,
was an innerlichem Enthusiasmus und innerlicher Intensitat verliert.
Die Sache verschwimmt so allmahlich im seelischen Leben. Und dann
kommen die Leute zu nichts, finden es ungeheuer unbequem, so
seelisch iiben zu sollen. Horen sie dann, daft bestimmte, sagen wir,
Metallitaten mit anderen Bewufttseinszustanden zusammenhangen,
dann sagen die Menschen leicht: Ja, das ist bequemer. Wenn ich zum
Beispiel, um einen Menschen nach dem Tode zu begleiten, bloft
notwendig hatte, ein wenig Kupfer einzunehmen, warum soil ich dann
nicht Kupfer einnehmen, um mir denjenigen Bewufttseinzustand zu
verschaffen, der es mir moglich macht, den Toten durch sein ganzes
Seelenleben zu begleiten.
Die Sache wird noch verfanglicher, wenn nun die Menschen ver-
nehmen, daft in alten Mysterien die Sache wirklich in einer gar nicht
unahnlichen Weise getrieben worden ist; daft in alten Mysterien,
allerdings unter der strengen, unaufhorlichen Aufsicht derjenigen, die
Initiaten waren, solche Dinge schon geiibt worden sind. Wenn die
Leute auch noch das horen, dann sagen sie: Warum soli ten denn nicht
diese alten Methoden wiederum erneuert werden? Aber man beriick-
sichtigt dabei nicht, daft die Korper der Menschen bis ins Innerste
hinein eben etwas ganz anderes in alten Zeiten waren, als sie heute
sind. Was war denn in alten Zeiten, auch noch in jenen chaldaischen
Zeiten, von denen ich gesprochen habe in diesen Tagen, bei den
Menschen vor alien Dingen vorhanden, besser gesagt, nicht vor-
handen?
Sehen Sie, es war unsere heutige Intellektualitat nicht vorhanden.
Die Menschen dachten nicht so von sich aus, wie wir heute denken,
sondern die Menschen empfingen ihre Gedanken als Inspiration. Wie
wir uns heute bewuftt sind, daft wir das Rot der Rose nicht machen,
sondern daft die Rose auf uns einen Eindruck macht, so waren sich die
alten Menschen dariiber klar, daft auch die Gedanken von den Dingen
hereinkommen, hereininspiriert sind. Und das war deshalb, weil die
Korperlichkeit eine ganz andere war in jenen alten Zeiten. Bis in die
Blutzusammensetzung hinein war die Korperlichkeit eine andere.
Und so konnte es kommen, daft in jenen alten Zeiten solche Metalle,
wie diejenigen sind, von denen ich gesprochen habe, in einer aufteror-
dentlich feinen, wir wiirden heute sagen, homoopathischen Hochpo-
tenz den Leuten verabreicht worden sind, um die Ubungen der Seele
zu unterstiitzen. Aber sehen Sie, der ganze Korper war dazumal ein
anderer. Und nehmen wir nun an, solch ein Mensch in alten Zeiten,
also in jenen chaldaischen Zeiten, von denen ich gesprochen habe,
solch ein Mensch habe ganz hochpotenziertes Kupfer bekommen und
dann die Anweisung empfangen, er solle, bevor er dieses Kupfer
bekommt - das war immer so -, bestimmte Seeleniibungen machen,
solch ein Mensch muftte ja nicht tagelang, sondern er muftte sich
jahrelang trainieren, bevor ihm das hochpotenzierte Kupfer verab-
reicht worden ist. Und dann, wenn ihm das verabreicht worden war,
dann hatte er, weil seine Korperlichkeit eben eine ganz andere war,
durch die Trainierung fiihlen gelernt, wie dieses fein verteilte, dieses
in ganz feiner, hochpotenzierter Substanz in ihm, in seinem Blute pul-
sierende Kupfer in den oberen Partien wirkte. Er hatte gefunden,
daft, wenn er nach dieser sorgfaltigen Trainierung das Kupfer bekam,
er innerlich erlebte, daft seine Worte, die er aussprach, gewissermaften
warmer wurden, warmer wurden dadurch, daft er in seinem Kehlkopf
und in den Nerven, die vom Kehlkopf nach dem Gehirn gehen, selber
warm wurde.
Nun, das beruhte darauf, daft der Mensch in jenen alten Zeiten
wegen seiner anderen Korperlichkeit eine feine Empfindlichkeit ent-
wickeln konnte fur das, was so in ihm vorging. Geben Sie in derselben
Lage einem Menschen der Gegenwart hochpotenziertes Kupfer, dann
wirkt das auch. Natiirlich wirkt es. Aber es bewirkt, daft er kehlkopf-
krank wird, und weiter zunachst nichts. Diesen Unterschied zwischen
der alten Organisation und der neueren Organisation des Menschen
muft man eben kennen, dann wird man nicht mehr die Begierde und
Sehnsucht entwickeln, wie es in alten Zeiten noch iiblich war, ja, im
Mittelalter noch vielfach geiibt worden ist, durch aufteres Einnehmen
sich in andere Bewufttseinszustande zu versetzen.
Sehen Sie, heute ist der einzig richtige Weg der, daft der Mensch sich
zunachst seelisch bekanntmacht, wie ich es gestern beschrieben habe,
mit der Natur, mit der Wesenheit des Kupfers, daft er sich eine feine
Empfindung verschafft von der Farbe des Kupfers, wie sie ist, wenn
man das Kupfer irgendwie findet, von der Farbe des Kupfers, wie sie
ist, wenn man es abschleift, daft er sich eine Empfindung verschafft,
wie Kupfer in Kupfervitriol und der Saure drinnen wirkt und so
weiter. Wenn sich der Mensch in dieser Weise ein Gefuhl verschafft,
dann wirkt dieses Gefuhl, iiber das er nun meditiert, auf das er sich
konzentriert, auf den neueren Menschen in der richtigen Weise.
Nun konnen Sie sagen: Ja, du hast aber dein Buch geschrieben «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», und da steht gar
nichts drinnen, daft man sich in dieser Weise ins Kupfer versetzen soli.
- Schon, es steht nicht drinnen. Aber es stehen andere Dinge drinnen.
Vor alien Dingen, prinzipiell steht das schon in meinem Buche, nur
nicht gerade fur das Kupfer, sondern fur andere Dinge. Es wird da
beschrieben, wie man sich in die Natur von Kristallen, von Pflanzen
und so weiter versetzen soli. Diese elementaren Ubungen werden
angegeben. Dann wird allerdings nicht gesagt, man solle die Natur des
Kupfers kennenlernen; denn da miifite man nicht ein Buch, sondern
eine Bibliothek schreiben. Es ist das aber auch nicht notwendig; denn
es werden da Ubungen gegeben, zum Beispiel Ubungen im Selbstver-
trauen, Konzentrationsiibungen in bezug auf ganz bestimmte Inhalte.
Ja, die decken sich mit dem, was ich eben darstellte von der Natur des
Kupfers. Man sagt nicht, man soli vor sich die Natur des Kupfers
haben, sondern man sagt: Versuche einmal, irgendeinen einfachen
Inhalt zu nehmen und konzentriere dich auf diesen jeden Morgen und
jeden Abend. Das heifit namlich, nur mit anderen Worten ausge-
sprochen, sich auf die Natur des Kupfers konzentrieren. Es wird nur
als Seeleninhalt das gegeben, was man auch in Anlehnung an die
Metallitat geben konnte.
Sage ich jemandem: Du sollst dich auf einen bestimmten Seelenin-
halt, zum Beispiel «Im Lichte strahlt Weisheit» jeden Morgen und
jeden Abend konzentrieren, dann wirkt es, wenn er das wirklich tut, in
seiner Seele. Und es wirkt gerade so, als wenn ich ihm gesagt hatte:
Lerne die Natur des Kupfers nach alien Seiten kennen und konzen-
triere dich auf das Kupfer. - Nur ist das eine Mai vom Moralischen, das
andere Mai vom rein Physikalischen, Chemischen ausgegangen. Und
es ist fur denjenigen, der nicht gerade Chemiker ist, viel besser, wenn
er auf dem moralischen Wege in die geistige Welt hineinkommt.
So also sehen Sie, wie diese Dinge sich verhalten miissen, weil der
Weg, den man gehen wiirde in die geistigen Welten in Anlehnung an
die Wege, die in den alten Mysterien gemacht worden sind, fur den
heutigen modernen Menschen ganz falsch ware. Der richtige Weg ist
heute derjenige, der das auftere naturhaft Physikalische ersetzt auf eine
mehr moralische, seelische Art. Denn alle Zusammenhange des Men-
schen mit der Natur sind eben anders geworden unter dem Einflusse
der Entwickelung der menschlichen Korperlichkeit. Blutzusammen-
setzung, Gewebefliissigkeit, Konstitution, sie sind ja alle heute anders
als bei dem Menschen des alten Chaldaa. Unser Korper ist ein anderer.
Der Anatom kann das nicht nachweisen. Erstens arbeitet der Ana-
tom heute zumeist mit Leichen. Und wenn auch jiingst bei einer
Naturforscherversammlung gesagt worden ist, um eine Art Notschrei
in bezug auf die Naturwissenschaft zu erlassen: Gebt uns Leichen! -
die Anatomen finden namlich, daft sie zu wenig Leichen haben, um
alle Geheimnisse zu untersuchen -, chaldaische Leichen wird es doch
sehr schwer sein, sich zu verschaffen, um diese Dinge zu untersuchen!
[Und zweitens wiirde der Anatom auch nichts mit seinen groben
Mitteln finden.] Die Dinge miissen schon auf geistigem Wege er-
forscht werden.
Also wir haben eine andere Korperlichkeit als die Alten. Und aus
dem Grunde mufi man etwas ganz bestimmtes sagen. Wir konnen
auch heute hochpotenzierte Substanzen, Metallitat zum Beispiel her-
stellen. Aber warum tun wir das? Ja, sehen Sie, gerade die tiefere
Einsicht in das Wesen der Natur, die gibt einem die notige Orientie-
rung, Richtung. Wenn man den menschlichen Korper wirklich kennt,
so weift man, daft er durch alle die Metalle, die ich angefiihrt habe,
Zinn, Kupfer, Blei und so weiter, daft er durch alle diese Metalle
verandert wird. Und ich habe Ihnen ja die Veranderung zunachst
durch die Veranderung der Bewufttseinszustande angegeben.
Nun treten aber im menschlichen Korper auch im normalen Leben,
wenn ich den philistrdsen Ausdruck eben gebrauchen darf, Verande-
rungen auf. Sagen wir zum Beispiel, wir haben eine Veranderung in
der Gegend, von der ich gestern gesagt habe, daft von ihr die Kupfer-
wirkung ausstrahlt (siehe Zeichnung S. 76). Nun, solch eine Veran- Tafds
derung driickt sich aus in allerlei Storungen der Verdauungsorgane, in
allerlei Storungen des Stoffwechsel-Gliedmaftenmenschen, Storungen
desjenigen Teiles des Menschen, der vorzugsweise mit dem Stoff-
wechsel, mit der Verdauung, mit der Verteilung der Nahrungsmittel
im Korper zusammenhangt. Jede solche Storung im menschlichen
Organismus, die man eine Krankheit nennt, ist aber auch verbunden
mit dem Hervorrufen eines anderen Bewufkseinszustandes. Sie
miissen das nur in seiner vollen Tragweite ins Auge fassen.
Wenn Sie irgendwo ein krankes Organ haben, was bedeutet das?
Nun, ich habe ja gestern gesagt: In der Gegenwart hat der Mensch
seinen wachen Bewufitseinszustand im gewohnlichen Leben durch
sein Herz; die anderen Glieder der menschlichen Organisation haben
andere Zustande, die kommen nur nicht herauf ins Bewufksein. - Die
Gegend Ihres Kehlkopfes mit alledem, was vom Kehlkopf aus mit dem
Gehirn zusammenhangt, hat den nachsten Bewufttseinszustand, den
ich neben dem gewohnlichen gestern beschrieben habe, fortwahrend.
- Die Gegend hier, die Gegend der Verdauungsorgane, hat fortwah-
rend den Bewufitseinszustand, der einen fiihrt langs der Zeit, die die
Tafd5 Toten nach dem Tode durchlaufen (siehe Zeichnung S. 76). Da geht
der Mensch immer mit. Jeder Mensch erlebt das Leben derjenigen
Menschen, die er kennengelernt hat, nachdem sie durch die Pforte des
Todes gegangen sind. Aber er erlebt sie unter seinem Herzen, nicht im
Herzen. Daher weift er nichts davon. Daher bleibt es im Unterbewufk-
sein, Unbewulken.
Wenn nun in derselben Gegend, in der der Mensch fortwahrend das
Leben der Toten in den Jahren nach dem Tode erlebt, eine Storung
eintritt, wenn also eine Verdauungsstorung als Krankheit auftritt, so
wird der Bewufttseinszustand da unten geandert. Unter dem Herzen
tritt ein zu starkes Bewulksein auf. Was heifit zum Beispiel, eine
bestimmte Art von Magenkrankheit zu haben? Im physischen Leben
heifit es naturlich dasjenige, was der Arzt physisch beschreibt. Und
das, was ich hier vertrete, wird durchaus nicht das geringste gegen die
physische Medizin einwenden. Sie wird voll anerkannt und gewiir-
digt. Wir stehen in der Anthroposophie nicht auf dem Standpunkte
des Dilettantismus und der Laienhaftigkeit, der Scharlatanhaftigkeit,
welche die physische Medizin ablehnt, sie kritisiert oder abkanzelt
und dergleichen. Wir erkennen sie voll an. Aber daneben, dafi der
Mensch das an sich hat, was man in der physischen Medizin be-
schreibt, wenn einer eine bestimmte Art von Magenkrankheit hat,
wird der Mensch durch eine solche Magenkrankheit geeigneter, das
Leben der Menschen nach dem Tode, unmittelbar nach dem Tode zu
verfolgen. Was kann man also vom spirituellen Standpunkte aus
sagen?
Man beschreibt zunachst selbstverstandlich, damit man die Thera-
pie angeben kann und so weiter, die Krankheit im physischen Sinne.
Aber vom spirituellen Sinne aus konnte man sagen: Der Mensch hat
den Drang, mit den Toten, die er gekannt hat, mitzugehen nach dem
Tode. Aber er hat nicht die Fahigkeit, in das Bewufttsein, das unter
seinem Herzen liegt, hinunterzukommen. Er weift nicht, daft er in die
Region der Toten geht. Das ist die spirituelle Seite der Krankheit. Man
ist magenkrank, weil man zuviel mit Toten zusammen ist. Aber in dem
Augenblicke, wo man zuviel mit Toten zusammen ist, wirken die
Toten auch zu stark. Es kommt aus der Welt, von der ich gestern
gesagt habe, daft sie realer ist als die physische Welt, sehr viel herein in
uns. Und wenn Sie eine Waage haben, die hier unterstiitzt ist (es wird Tafel 5
gezeichnet), hier die Waagschalen sind, und da die Waage zu stark
heruntersinkt, und Sie wieder Gleichgewicht hervorrufen wollen, da
miissen Sie auf die andere Seite ein grofteres Gewicht legen. Wenn die
Waage aus dem Gleichgewicht gekommen ist, miissen Sie auf die
andere Waagschale ein grofteres Gewicht legen.
Nehmen wir nun an, ein Mensch hat unter seinem Herzen ein so
empfindliches Bewufttsein ausgebildet - aber es bleibt ihm unbewuftt-,
daft er zuviel mit Toten mitgeht, dann ist das wie ein Herabsenken
der einen Waagschale bei der Waage. Das wird zu stark. Da mufi man
ein Gewicht auf die andere Waagschale legen. Wie tut man das?
Wenn hier (es wird auf die Zeichnung S. 76 hingewiesen) ein zu Tafei 5
starkes Bewufttsein ist, mufi man das Bewufttsein hier (rot) schwacher
machen, denn im Herzen ist die Mitte des Waagebalkens (orange). Sie
miissen also hier das Bewufttsein schwacher machen in dieser Region.
Wie tun Sie das? Sie geben dem Menschen Kupfer. Ich habe Ihnen ja
gesagt, der moderne Mensch ist so organisiert in seinem Leib, daft das
Kupfer auf die Kehlkopforgane wirkt. Aber Verdauungsorgane und
Tafel 5
Kehlkopforgane stehen in so naher Verbindung miteinander, wie der
eine Waagebalken mit dem anderen. Man kann das eine durch das
andere regulieren. Gibt man dem Menschen entsprechend dosiertes
Kupfer, so geht er zu seinem Heile wieder mehr an der Region der
Toten vorbei, wahrend er sonst immer mehr in der Region der Toten
bleibt. Das ist die spirituelle Seite der Heilung.
Daher mufi man heute sagen: Alle Substanzen, alle Substantialitaten
haben eine physische Seite und eine moralische Seite, wie ich es vorhin
beschrieben habe. Die physische Seite konnte von den alten Initiaten
fur ihre Schiiler nach langer Trainierung so beniitzt werden, wie ich es
gesagt habe; sie darf heute nicht mehr so beniitzt werden. Heute
gehort die moralische Substanz in das Gebiet der seelischen Entwicke-
lung; die physische Substanz gehort dem Arzt. Und mit Bezug auf die
moralische Seite handelt es sich nur darum, daft derjenige, der die
physische Seite kennt, auch die Moglichkeiten hat, in die physische
Seite der Substanzen tief einzudringen, dafi der auch unterstiitzt wird
von der Erkenntnis der moralischen Seite der Substanzen.
Aber das muE fur das heutige Erkennen, fur das praktische Erken-
nen auf dem Gebiet spiritueller Wege streng eingehalten werden. Die
physische Seite der Substantiality gehort dem Arzt; die moralische
Seite gehort dahin, wo seelische Entwickelung ist. Denn die menschli-
chen Organismen haben sich eben ganz prinzipiell geandert seit alten
Zeiten. Und so intim einmal der Zusammenhang war zwischen der
Erkenntnis der moralischen Seite der Substanzen und der physischen,
so intim mu6 er wieder werden, nachdem er verloren worden ist. Ich
werde gleich nachher iiber diesen Verlust sprechen. Aber das Verhalt-
nis, das besteht zum Beispiel zwischen physischer medizinischer
Wissenschaft und moralischer Wissenschaft, das mufi trotzdem ein
anderes sein heute, als es im grauen Altertum war. In beiden Fallen
mufi dieses Verhaltnis bestehen. Aber es ist ein anderes heute, als es im
Altertum war. Und auf der Erkenntnis solcher Dinge beruht die
Einsicht, welches wahre und welches falsche Wege sind in die spiri-
tuelle Welt hinein.
Verdnderungen in der Stellung des Menscben zur Erkenntnis
im Laufe der Geschichte
Nun, es wird uns etwas niitzen, wenn wir, um das, was ich ausgefuhrt
habe, etwas mehr zu beleuchten, einen Blick werfen auf Verande-
rungen, die seit langen Zeiten in der ganzen Stellung des Menschen zur
Erkenntnis vor sich gegangen sind. Gehen wir von der Gegenwart aus
und gehen wir ein wenig zuriick in der Entwickelung der Menschheit,
um zu sehen, wie verschieden man auf dem Gebiete der Erkenntnis,
der Forschung, iiber die Dinge gesprochen hat. Wir reden heute, wenn
wir unseren Blick auf jene groflen, wunderbaren Fortschritte werfen,
die in der Erkenntnis von Warmekraften, von Elektrizitatskraften,
aber auch von Kraften in lebendigen Organismen in der neueren Zeit
heraufgekommen sind, wir reden von der Natur und reden von der
Naturerkenntnis, von der Naturwissenschaft, in England von der
Naturphilosophie.
Wenn wir dasjenige iiberschauen, was man in den Schulen, schon in
den untersten Schulen heute, in den gewohnlichen Primarschulen, als
Natur bezeichnet, so ist das etwas aufterordentlich Abstraktes. Es ist
die Summe von Naturgesetzen, wie man sagt, die man lernen muE,
etwas aufterordentlich Abstraktes. Und die Abstraktheit der Sache
driickt sich ja auch im Leben aus. Denken Sie nur, wie abstrakt fiihlt
und empfindet heute selbst der enthusiastischste Student der Natur-
wissenschaft. Er mufi, sagen wir in der Botanik, viele Namen auswen-
dig lernen von Pflanzen und Pflanzengattungen, in der Zoologie von
Tieren und Tiergattungen. Er vergiftt sie wieder, mufi sie immer und
immer wieder lernen, wenn er Examen machen will. Und nach dem
Examen vergiftt er sie erst recht. Dann schaut er sie nach, wenn er sie
braucht, in den Handbiichern. Und man kann nicht gerade sagen, daft
das Verhaltnis eines Menschen, der heute Botanik oder Zoologie
studiert, zu Botanik oder Zoologie etwa wie das Verhaltnis eines
Menschen zu einer geliebten Personlichkeit ist. Das kann man nicht
sagen. Das ist heute nicht so.
Natur ist etwas, was im Nebel verschwimmt. Es sind viele Gesetze:
Gesetze iiber Schwerkraft, Gesetze iiber Warme, Gesetze iiber Licht,
Gesetze iiber Elektrizitat, Gesetze iiber Magnetismus, Gesetze iiber
Dampf und Wasser und Gleichgewicht und Verschiedenheit des
Gleichgewichtes; Naturwissenschaft, Naturerkenntnis ist, was man
weift iiber Steine und Pflanzen. Naturwissenschaft ist auch dasjenige,
von dem man sagt, daft man es nicht weift, iiber das Leben der inneren
Konstitution der Organe der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, kurz,
vieles, von dem man heute sagt, daft man es weift, vieles, von dem man
sagt, daft man es nicht weift. Das ist heute Naturwissenschaft, ist
Naturphilosophie.
Aber es ist etwas, dem man nicht so recht einen warmen Hande-
druck geben kann, denn es ist alles verschwommen, es ist alles diinn
und abstrakt gedacht. Wir strengen uns heute an, dieses Abstraktum
«Natur» zu bezwingen. Manche sind, das konnen wir schon sagen,
diesem Abstraktum der Natur gegeniiber etwas gleichgiiltig gewor-
den. Wir bewahren eine wohlwollende Neutralitat, wenn wir nicht
zur volligen Jugend gehoren, die ja in Opposition heute stark auf-
muckt gegen dasjenige, was als Naturwissenschaft in den Schulen
getrieben wird; wir bekennen uns zu einer wohlwollenden Neutrali-
tat. So war es nicht immer, Und ich mochte jetzt zunachst die
Erkenntnisstimmungen ein wenig nach alteren Jahrhunderten hin
charakterisieren.
Wenn wir zum Beispiel zuruckkommen so in das 9., 10., 11.
Jahrhundert, auch ins 12., 13. Jahrhundert, aber da schon sehr wenig,
da kommen wir zu Menschen, die wir, wenn wir heute das Wort
anwenden wiirden, gelehrte Menschen, Wissenschafter nennen wiir-
den. Wir kommen da zuriick zu jenen groftartigen Gelehrten im Sinne
der damaligen Zeit, die in der bedeutsamen Schule von Chartres im
11., 12. Jahrhundert gelehrt haben, kommen zuriick zu Bernardus
Silvestris, zu Bernardus von Chartres, zu Alanus ab Insults. Wir
kommen zuriick dann zu solchen Personlichkeiten, die in der damali-
gen Zeit noch, ich mochte sagen, mit dem Typus des Eingeweihten
unter anderen Menschen herumgingen, mit dem Typus eines Men-
schen, der viel weift um die Geheimnisse des Daseins, wie jener
groftartige, im Sinne des Mittelalters noch initiierte Joachim de Fiore,
oder zu jener groftartigen Personlichkeit, die auch in jener Zeit
gewirkt hat, die der Welt bekanntgeworden ist unter dem Namen
Johannes von Auville. Ich erwahne diese Personlichkeiten, zu denen
ich auch viele andere hinzufugen konnte, deshalb, um in die Zeit
hineinzukommen, um die Stimmung der Zeit in bezug auf die Er-
kenntnis zu charakterisieren.
Wenn man diesen Menschen mit der Seele gegeniibersteht und sie
reden von Natur, dann ist das eine ganz andere Sache, als wenn wir
heute von Natur reden. Wenn man heute so einen Botaniker oder
einen Pathologie-Anatomen oder einen Histologen trifft, ja, man hat
so selten das Gefiihl, daft seine Physiognomie, die er einem entgegen-
bringt, von den Geheimnissen der pathologischen Anatomie oder der
Zoologie kommt. Man hat viel eher das Gefiihl, wenn man heute solch
einem Pathologie-Anatomen oder Histologen oder auch einem Thera-
peuten entgegentritt, daft die Physiognomie eher von dem Tanzchen
kommt, das er am vorhergehenden Tag da oder dort getanzt hat. Man
sieht durch diese Physio gnomien eher in diese artigen Verhaltnisse
hinein, als auf dasjenige, was er erlebt aus den Geheimnissen der Natur
heraus. So war es ganz gewifi nicht, wenn man einem Joachim de Fiore
in die Augen geschaut hat oder einem Alanus ab Insulis oder einem
Bernardus Silvestris, die in jenem Zeitalter gelebt haben, von dem ich
eben gesprochen habe. Es ruhte auf dem Antlitz dieser Leute etwas
von einem tragischen Zug, etwas von dem, was einem sagte: Wir leben
in einem Zeitalter, das viel verloren hat. - Etwas Tragisch-Trauriges,
mochte ich sagen, lebte aus der Vertiefung in die Erkenntnis auf dem
Antlitze jener Leute.
Daneben wiederum - wenn man gesehen haben wiirde die Finger
dieser Leute, diese Finger, die der heutige dekadente Mensch nervose
Finger nennen wiirde, die aber in sich hatten das lebende Zeugnis
davon, dafi diese Leute wiederum schiirf en und arbeiten wollten in den
alten Geheimnissen, von denen ihr Antlitz ausdriickte, daft sie verlo-
ren worden sind, dann wiirde man bemerkt haben : in diesen Menschen
arbeitet etwas, das wieder heraufbringen mochte dasjenige, was in
alten Zeiten da war. Manchmal ist ihnen das gelungen. Manchmal ist es
ihnen gelungen, wieder die alten Zeiten, wenn auch im Schattenbilde,
heraufzuzaubern vor ihren Schulern.
Man kann sich schon vorstellen - es ist nicht ein poetisches Bild, das
ich vor Sie hinstelle, es ist eine Wirklichkeit, meine sehr verehrten
Anwesenden -, man kann sich schon vorstellen die Schule von Char-
tres, wo heute noch die wunderschone Kathedrale ist, lehrend Alanus
ab Insulis, sprechend zu seinen Schulern von der Natur, etwa sagend:
Die Natur - ein Wesen, das wir nicht mehr fassen konnen, das sich uns
entzieht, wenn wir ihm nahen wollen. Die Menschheit hat Krafte
entwickelt, die sie zu anderen Dingen hinfuhren, die aber nicht mehr
fahig sind, so die Natur zu erfassen, wie die Natur in alten Zeiten von
den Erkennenden erfafit worden ist. Denn die Natur war ein machtig
grofies Geistwesen, das iiberall gewirkt hat, da, wo die Steine im
Gebirge sich gebildet haben, da, wo die Pflanzen aus dem Erdboden
herausgewachsen sind, da, wo die Sterne am Himmel funkelten.
Uberall webte ein unermeftlich grofies Wesen, das sich in der Gestalt
eines wunderbaren Weibes darstellt. Das sahen die Alten mit ihrem
Schauen. Wir konnen uns nach den Angaben, welche die Alten
gemacht haben, noch Vorstellungen davon bilden, was die Natur war,
dieses iiberall Weben, Wirken, das in allem Umgebenden, in aller
Warme, in alien Lichterscheinungen, in alien Farbenerscheinungen, in
alien Lebenserscheinungen lebt und webt. Aber es entschliipft uns,
wenn wir ihm nahen wollen. Denn lebend-webend ist die Gottin
Natura in allem. Eine Gottin, ein gottlich-geistiges Wesen, von dem
man wuftte, man kann es in seiner Wesenheit nur erkennen, wenn man
es anschauen kann.
Solche Vorstellungen machte im 12. Jahrhundert noch solch eine
Personlichkeit wie Alanus ab Insulis seinen Schiilern in der Schule von
Chartres klar. Aber weil man im Nebel sich auflosend diese Gottin
Natura sah, mit der Lebendigkeit all dessen, was wir heute als
abstrakte, tote Naturgesetze finden, weil sie einem gleich wieder
entschliipfte, deshalb war dieser tragische, traurige Zug auf den
Antlitzen dieser Menschen.
Und dann gab es etwa solche Menschen, wie der grofte Lehrer des
Dante war, Brunetto Latini, der durch einen besonderen karmischen
Fall, daft er eine Art von Sonnenstich bei einer Wanderung bekommen
hat - was viel wichtiger war als der Schmerz, den er iiber die
Vertreibung der Welfen aus seiner Vaterstadt bekommen hatte -, der
dadurch, daft sein Bewufttseinszustand infolgedessen ein anderer
geworden war, noch wahrnehmen konnte diese Gottin Natura, wie er
es in seinem Buche «Tesoretto» beschreibt. Und er schildert ganz
anschaulich, in lebendiger Imagination, wie er auf dem Heimweg nach
seiner Vaterstadt Florenz durch einen oden Wald kommt, wie er in
diesem oden Wald an einen Berg herantritt, auf diesem Berge wirkend
sieht die Gottin Natura, wie die Gottin Natura nun ihn aufklart, was
die menschliche Seele im Denken, Fiihlen und Wollen ist, wie sie ihn
aber auch aufklart, was die vier Temperamente des Menschen ihrem
Wesen nach sind, wie sie ihn auch aufklart, was die fiinf Sinne des
Menschen sind.
Das war alles eine wirkliche geistig-seelische Unterweisung, eine
Realitat, die er durchmachte unter dem Einfluft eines pathologischen
Zustandes, als er von Spanien wiederum zuriickkehrte nach seiner
Vaterstadt Florenz. Und als er das alles durchgemacht hatte, sah er das
Weben und Wesen der vier Elemente, Feuer, Erde, Wasser, Luft, sah
das Weben und Wesen der Planeten, das Hinausgehen der menschli-
chen Seele in den Sternenhimmel. Das alles sah er unter dem Einflufi
einer Geistlehre, die ihm zukam von der Gottin Natura.
Das alles schildert ein Mensch der damaligen Zeit so anschaulich,
wie es der heutigen Sprache nur irgend noch moglich ist. Zugleich aber
hat man das Gefuhl, er empfindet: Die anderen, die Alten haben das
noch ganz anders gewuftt; es entschlupft einem heute immer. Man
muft sogar in einen herabgestimmten, pathologischen Zustand kom-
men, wenn man in diese Geheimnisse noch hineinschauen will.
Aber ein ungeheurer Drang war in diesen Menschen, wiederum
heraufzuzaubern so etwas, wie es die wirkliche Gestalt der Natura ist.
Und sehen Sie, wenn wir so diesen Gang zuriickmachen im mensch-
lichen Empfinden, im menschlichen Denken gegeniiber der Erkennt-
nis, dann haben wir das Gefuhl: Nun ja, wir stehen auch heute vor der
Natur, aber wir bezeichnen sie mit einem Namen, der etwas ganz
Abstraktes, eine Summe von Gesetzen ist. Wir sind stolz darauf , wenn
wir diese Gesetze nur einigermaften in einer Harmonie zusammen-
fassen. Wir gehen einige Jahrhunderte zuriick. Wir schauen ein leben-
diges Verhaltnis, das der Mensch zu einem gottlichen Wesen hatte, das
webte und lebte und all dasjenige wirkte, was an Erscheinungen
auftrat: den Aufgang der Sonne, den Untergang der Sonne, die
Erwarmung der Steine, die Erwarmung der Pflanzen, die all das im
lebendigen Weben und Treiben wirkt. Denken Sie, was das fur eine
ganz andere Wissenschaft ist! Die Wissenschaft enthielt die Taten der
Gottin Natura. Es war schon auch ein Unterschied zwischen der
Stimmung, wenn die Studenten von Chartres herauskamen - Zister-
ziensermonche waren sie zumeist-, und derjenigen Stimmung, die
heute Studenten haben, welche aus der Schule herauskommen; es war
schon etwas anderes und etwas Lebendigeres, etwas Wesenhafteres.
Und ganz lebendig Wesenhaftes wird es eben in solchen Schilderungen
wie der des Brunetto Latini, des grofien Lehrers des Dante.
Daft das lebendig war, kann man sich ja vorstellen, denn all die
herrlichen Bilder und Gestalten, die Dante in seiner «Commedia»
hingemalt hat, sind ja hervorgegangen aus den lebendigen Schilde-
rungen seines durch einen karmischen Fall eingeweihten Lehrers
Brunetto Latini; wie ja auch viel von dem, was dann in solchen Schulen
wie Chartres und anderen gelehrt worden ist, hervorgegangen ist aus
solchen Eingeweihten wie Joachim de Fiore und anderen.
Man hat dazumal den Ausdruck «Natura» gebraucht, aber nicht so
abstrakt wie wir, sondern fur etwas, was da ist, was in den aufieren
Sinneserscheinungen wirkt, aber sich zuruckzieht, einem entschlupft.
Und dann war noch etwas anderes. Nehmen Sie an - wiederum
schildere ich nicht ein poetisches Bild, sondern etwas, was durchaus
Realitat war -, nehmen Sie an, man ware schon als ein etwas bejahrter
Student im Kolleg gesessen, so nennt man es ja wohl auch, des Alanus
ab Insulis. Man hatte das mitgemacht, was da sich abgespielt hat. Die
Studenten waren entlassen worden, und man ware mit Alanus ab
Insulis einsam auf einem Spaziergang weitergegangen, das bespre-
chend, was vorgekommen war. Was hatte man da erfahren?
Ja, solch ein Gesprach hatte eine besondere Form annehmen kon-
nen. Man hatte sprechen konnen von dieser Gottin Natura, die einem
sich offenbart in den Erscheinungen der aufieren physisch-sinnlichen
Welt, die einem aber entschlupft. Dann wiirde Alanus ab Insulis, wenn
er nun auch warm geworden war in der seelischen Unterhaltung,
einem auf die Schulter geklopft haben und gesagt haben: Ach, hatten
wir noch jenen Schlafzustand, den die Alten hatten, dann wiirden wir
die andere Seite, die verborgene Seite der Gottin Natura kennenlernen.
Aber wir schlafen ja hinein in das Unbewulke, wo sich den Alten
gerade die andere Seite der Natur geoffenbart hat. Konnten wir noch
so schlafen, so hellsichtig schlafen wie die Alten, dann wiirden wir die
Gottin Natura kennen. - So sprechend, hatte einem Alanus ab Insulis
auf die Schulter geklopft.
Und ware man auch in einem solchen Falle in ein vertrauliches
Gesprach mit Joachim de Fiore gekommen, dann hatte er nach einiger
Zeit gesagt: Ja, es wird uns schwer, gegeniiber unserem inhaltsarmen
Schlafe, der das Bewufitsein ganz herabdampft, die andere Seite der
Natura, der grofien Gottin kennenzulernen, die da schafft und webt in
allem Schaffenden und Webenden. Die Alten haben sie gekannt nach
ihren beiden Seiten. Und weifk du - wiirde er einem gesagt haben -,
die Alten haben nicht das Wort «Natura» gebraucht. Sie haben nicht
gesagt, von dem Wesen, das wir heute mehr ahnen, als daft wir viel von
ihm wissen: es ist die Gottin Natura. Sie haben ein anderes Wort
gebraucht. Sie haben das Wort «Proserpina» gebraucht. Das ist die
Wahrheit.
Davon hat man auch in der damaligen Zeit noch gewulk. Unsere
abstrakte Natur, die wir in den Ideen tragen, ist die Umwandlung
dessen, was ich Ihnen eben beschrieben habe. Und was gelebt hat in
den Seelen von Personlichkeiten wie Bernardus Silvestris, Alanus ab
Insulis, Johannes von Auville, und in solchen Personlichkeiten vor
alien Dingen wie Brunetto Latini, was in ihnen gelebt hat, ist die
Umwandlung dessen, was die Alten in der Proserpina gesehen haben,
der Tochter der Demeter. Demeter, das ganze Weltenall, Proserpina!
Es ist schon ganz philistros, wenn man nun das neuere Wort aus-
spricht, [fur] Proserpina: die Natur. Die Natur, die nur die Halfte
ihrer Zeit auf der Oberwelt bleiben kann, das heilk, ihre physisch-sinn-
liche Seite zuwendet dem Menschen, die andere Halfte des Lebens
hinuntersteigt in jene Regionen, die der Mensch mit dem Schlafe
erreicht, die er aber, weil der Schlaf wesensinhaltslos geworden ist, in
der neueren Zeit nicht mehr erreicht.
Unsere Naturerkenntnis ist, ohne dafi man ihr das heute in ihrer
Abstraktheit ansehen konnte, eine Nachahmung desjenigen, was in
dem Proserpina-Mythos im alten Griechenland lebte. Daft das emp-
funden wurde von den Personlichkeiten mit dem tragischen Antlitz,
deren Namen ich Ihnen angefiihrt habe, daft das in jener Zeit selbst
noch empfunden werden konnte, das ruft schon eine Vorstellung
davon hervor, wie die Wege der Erkenntnis sich geandert haben.
Aber die richtige Farbung von so etwas, wie ich es auch heute
wiederum im ersten Teil meiner Rede gesagt habe, die richtige Far-
bung dafiir bekommt man doch nur, wenn man so zuriickblickt auf die
Art und Weise, wie einmal Erkenntnis war. Nicht um alte Erkennt-
nisse wiederum heraufzubeschworen, sondern um ein Gefiihl hervor-
zurufen, was einmal Erkenntnis war, gebe ich solche Schilderungen.
Bilder aus alten Zeiten
Wenn man in der Seek den Ausspruch festhalten will, den etwa
Joachim de Fiore oder Johannes von Auville, einem auf die Schultern
klopfend, im Mittelalter sagen konnte: Was wir heute als Natur
ansehen, oder was auch entschwindet, weil wir es nicht erreichen
konnen auf der anderen Seite des Lebens, das war einstmals Proser-
pina -, und wenn einem der Proserpina- Mythus - als Mythus ist er
ja nur erhalten - in der Seele aufersteht, dann drangen sich heran
an diese Eindriicke wiederum die Bilder noch alterer Verhaltnisse. Es
sind die Bilder aus jener Zeit, in der nicht die abstrakte Natur,
nicht die in tragischer Stimmung empfundene Gottin Natura gelebt
hat unter den Menschen, in den Seelen, sondern in der gelebt hat die
hellstrahlende auf der einen Seite, die tragische Gottin auf der
anderen Seite: Proserpina-Persephoneia.
Und wie lebte sie in gewissen Zeiten der Erkenntnis, in jenen alten
Zeiten, in denen sie noch voll lebendig war? Es waren nicht die Zeiten,
meine sehr verehrten Anwesenden, in denen Plato iiber Philosophic
geschrieben hat, in denen Sokrates iiber Philosophic gesprochen hat,
nein, es waren nicht diese Zeiten. Es waren noch viel altere Zeiten, alte
Zeiten, in denen Erkenntnis etwas ungeheuer viel Lebendigeres unter
Menschen war, als sie spater selbst in den erleuchteten Zeiten des
Griechentums geworden ist.
Versuchen wir, es im Bilde vor unsere Seele zu stellen, um in diesem
Bilde wachzurufen, was einmal im Verlaufe der Menschheitsentwicke-
lung Erkenntnis war, um das richtige Licht auf dasjenige zu werfen,
was wir schon auseinandergesetzt haben vom gegenwartigen Ge-
sichtspunkt und noch weiter auseinandersetzen werden in diesen
Vortragen. Versuchen wir einmal, ein kleines, naturlich nur unvoll-
kommen geschildertes Bild hervorzurufen von jener Art von Myste-
rien, in die noch der griechische Philosoph Heraklit eingeweiht war,
der «der Dunkle», «der Finstere» genannt wird, weil schon dunkel
geworden war in der spateren Zeit, seelisch dunkel, dasjenige, was er
empfangen hatte aus jenen Mysterien heraus. Versuchen wir einmal
ein Bild vor unsere Seele hinzumalen aus der Zeit der Mysterienent-
wickelung, aus der das Griechentum vor alien Dingen geschopft hat,
geschopft hat in bezug auf seine Phantasie, geschopft hat auch in bezug
auf die Ausgestaltung seiner Mythen. Versuchen wir uns ein Bild vor
die Seele zu stellen von den Ephesischen Mysterien, von den Myste-
rien von Ephesus, in denen ja auch noch Heraklit, der Dunkle,
eingeweiht worden ist.
Es waren allerdings in Ephesus uralte Erkenntnisse noch herr-
schend, aber sie waren auch bewahrt in Ephesus bis in jene Zeiten
hinein, in denen Homer gewirkt hat, ja, bis in die Zeiten hinein, wenn
auch dann schwacher, in denen Heraklit eingeweiht worden ist. Es
waren solche alten Mysterien in der allerstarksten Lebendigkeit vor-
handen. Und es waren schon starke, machtige Initiationsstromungen,
die erflossen in jenem Tempel, der geschmiickt war an seiner Ostseite
mit jenem Bildnis, das ja auch der Welt bekanntgeworden ist, mit dem
Bildnisse der Gottin Diana, der Gottin der Fruchtbarkeit, die in ihrer
Bildhaftigkeit die in der Natur iiberall strotzende Fruchtbarkeit zum
Ausdrucke bringt. Und es wurden schon grofte Geheimnisse des
Daseins, tief spirituelle Geheimnisse in die menschlichen Worte hin-
eingezogen, wenn die Gesprache gefuhrt wurden, etwa unmittelbar
nachdem die an den Mysterien Teilnehmenden ihre machtigen Impul-
se empfangen hatten bei den Kulten und bei den Einzelheiten der
Kulte im Tempel von Ephesus. Und es waren tiefe Gesprache, die das
dann fortsetzten, wenn die am Kultus Teilnehmenden herausgetreten
sind aus diesem Tempel und dann, etwa gerade dann, wenn die auftere
Welt am fruchtbarsten ist fur solche Dinge, in der Abenddammerung,
jenen Weg angetreten haben, der von der Tempelpforte hineinfiihrte in
eine Waldung, die wunderbare Gange hatte, in jene Waldung, mit
schwarzlich-grunen Baumen bewachsen, wo sich die Wege in schoner
Perspektive nach den verschiedenen Seiten von Ephesus verloren.
Gesprache von solcher Art mochte ich in ein unvollkommenes Bild
bringen.
Da war es so, daft derjenige, der von der einen Seite initiiert war in
die Geheimnisse von dazumal, dann wohl ins Gesprach kam mit einem
Schiiler oder einer Schiilerin. Denn bemerkt werden mufi, daft in jenen
alten Zeiten die Gleichberechtigung des mannlichen und weiblichen
Geschlechtes, gerade in denjenigen Zeiten, nach denen sie sogleich
abgenommen hat, viel lebendiger war, als sie etwa in unserer Zeit ist.
So da£ wir ebensogut von Schiilerinnen in Ephesus sprechen konnen
wie von Schiilern, in gleicher Weise. Und gerade der Proserpina-,
der Persephoneia-Mythus in seiner spirituellen Gestalt war in jenen
Gesprachen ganz lebendig.
Aber wie wurde solch ein Gesprach iiber den Proserpina-Mythus
gefiihrt? Da war zunachst, sagen wir etwa der Lehrer, der eingweihte
Priester, der da aus dem, was er an Impulsen empfangen hatte, reden
konnte iiber die Geschehnisse in der Formenwelt, reden konnte iiber
die Geschehnisse, die sich abspielen zwischen Wesenheiten, und etwa
aus dieser Einweihung heraus das Folgende zu seinem Zogling sagen
konnte: Sieh einmal, wir gehen durch die Dammerung. Der Schlaf, der
die gottliche Welt schaubar, sichtbar macht, er wird bald beginnen.
Schaue dich an in deiner ganzen menschlichen Gestalt. Da drunten
sind die Pflanzen; um uns herum ist der in der Dammerung schatten-
de, in seinem griinen Dammerdunkel wunderbare Wald. Schon begin-
nen oben die ersten funkelnden Sterne sich zu zeigen. Schaue einmal
das alles an. Schaue die Majestat, die Grofte, aber auch das Spriefiende,
Sprossende des Lebens oben und unten. Und dann schaue dich selbst
an. Bedenke, wie in dir lebt und webt ein ganzes Weltenall, wie in
alledem, was in dir zirkuliert, in alledem, was in dir sein Dasein in
Geschehnissen hat, eine Fiille von Tatsachen, eine Fiille von Wesens-
verwandlungen in jedem Augenblicke vorhanden ist. Fiihle, wie du
selber eine ganze Welt bist, die geheimnisvoller, grofSartiger, wenn
auch dem Raume nach kleiner ist als das Universum, das du von der
Erde bis zu den Sternen uberschaust. Fiihle das! Fiihle dich als Mensch
als eine Welt, als eine Welt, die eine grofiere Fiille hat als die Welt, die
du mit deinen Augen schaust, mit deinen Gedanken umfangst. Fiihle
die Welt in dir innerhalb deiner Haut.
Und dann empfinde, wie du jetzt aus deiner Welt herausschaust in
die Welt, die von der Erde bis zu den Sternen reicht. Du wirst dann
vom Schlaf umfangen sein. Dann wirst du nicht in deinem Leib, nicht
in deiner Welt sein, dann wirst du in der Welt sein, die du jetzt
iiberschaust von der Erde bis zu den Sternen. Dann wirst du aus dir
herausgegangen sein mit deinem seelisch-geistigen Teil. Dann wirst du
in der Sternenstrahlung, in der Erdenausdiinstung leben. Dann wirst
du mit dem Winde gehen. Dann wirst du mit dem Sternenstrahl
denken. Dann wirst du in deiner Aufienwelt leben und wirst zuriick-
schauen auf dasjenige, was du als eine Welt in dir bist.
Und es konnte in jenen alten Zeiten noch so gesprochen werden von
dem Lehrer zu dem Zogling, denn es war eben noch das aufiere
Anschauen wahrend des Tagwachens nicht so konturiert, sondern so,
wie ich es Ihnen beschrieben habe. Und es war das Schlafen noch nicht
von volliger Finsternis durchdrungen. Es war das Schlafen noch von
Erlebnissen iiber Erlebnissen durchdrungen, und man wies hin auf
Erlebnisse, wenn man auf den schlafumfangenen Zustand hinwies:
Um dich ist jetzt Proserpina oder Persephoneia, Kore. Kore lebt in
den Sternen. Kore lebt in den Sonnenstrahlen und Mondenstrahlen.
Kore lebt in den aufwachsenden Pflanzen. Uberall ist es Persephoneias
Wirksamkeit, die da lebt, denn sie hat das Kleid gewoben, aus dem
alles das ist. Und hinter alledem ist Demeter, ihre Mutter, fur die sie
das Kleid gewoben hat, das du jetzt schaust als aufiere Welt. Natura
wiirde man nicht gesagt haben. Persephoneia oder Kore wiirde man
gesagt haben - hat man gesagt.
Und sieh, wenn einer langer wach bleiben wird als du - so sagte der
Lehrer zu seinem Zogling -, dann wird der, wahrend du schlafst,
dasjenige, was aufierlich als Gestalt der Proserpina in Pflanzen, in
Bergen, in Wolken, in Sternen auftritt, ebenso sehen wie du. Denn
das ist die Illusion, wie man das sieht. Nicht die Proserpina ist die
Illusion, nicht dasjenige, was sie schafft in Bergen und Pflanzen und
Wolken und Sternen ist Illusion, sondern so wie du schaust, das ist die
Illusion. Und du wirst schlafen. Durch deine Augen, durch dieses
wunderbare Daseinsratsel Auge wird in dich einziehen Kore-Perse-
phoneia.
Und es wurde das so lebendig hingestellt, weil es so lebendig erlebt
wurde, daft der Einschlafende nicht bloft fiihlte: jetzt erlischt mein
Sehvermogen, jetzt erlischt mein Horvermogen - nicht bloft fiihlte:
jetzt hore ich auf, wahrzunehmen -, sondern daft der Einschlafende
wahrnahm, wie untertauchte Persephoneia durch das Augenpaar in
den Leib, in den physischen Leib, in den atherischen Leib, die von dem
Seelisch-Geistigen im Schlafe verlassen wurden.
Die Oberwelt, man ist in ihr im Wachen; die Unterwelt, man ist in
ihr im Schlafen. Persephoneia ist durch das Auge in den schlafenden
physischen und Atherleib eingezogen. Persephoneia ist bei Pluto, dem
Herrscher iiber den Schlafzustand im physischen und atherischen
Leibe. Die Wirksamkeit des Pluto im Vereine mit Persephoneia, die
untergetaucht ist in den physischen und Atherleib wahrend des
Schlafes, die Tatigkeit des Pluto mit Persephoneia erlebte der schlafen-
de Zogling, der durch diese Direktion, die er bekommen hatte da-
durch, daft ihm der Einzug der Kore durch die Tore der Augen
klargemacht worden war, der das ins Lebendige umgesetzt hat und im
Schlafe nun die Taten des Pluto und der Persephoneia erlebte. Der
Zogling erlebte dies, wahrend sein Lehrer anderes Entsprechendes
erlebte, das mehr zusammenhing mit den Formdingen.
Dann, wenn sie wieder zusammenkamen, dann hatten sie beide ihre
Geheimnisse erlebt. Dann konnten sie sprechen iiber eine Pflanze,
iiber einen Baum. Dann schilderte wohl der Lehrer, wie sich die
Formen bilden, denn das hatte sich ihm gerade dargestellt wahrend des
Schlafes. Dann drang er ein in die Formen der Blatter, des Stammes, in
die Figuration der Welt, in jene Figurationen, die sich sozusagen von
oben nach unten senken. Und vielleicht hatte der Zogling das andere
erlebt: Er konnte vielleicht dasjenige erlangen, wovon der Lehrer
sprach, wenn er von den Geheimnissen des Chlorophylls, von den
Geheimnissen der Pflanzensafte, die von unten nach oben in der
Pflanze sich ausbreiten, erzahlte. So erganzten sich wunderbar die
Gesprache, indem im lebendigen Umfassen der Gottin Proserpina, die
die andere Seite zeigte den Menschen wahrend des Schlafens in der
Unterwelt, diese Geheimnisse in die menschliche Seele herein sich
offenbarten. Und so lernte in jenen alten Zeiten der Schiiler von dem
Lehrer, der Lehrer von dem Schiiler. Denn auf der einen Seite waren
die Offenbarungen geistig-seelisch, auf der anderen Seite seelisch-
geistig. Und ein Gesprach, das in dieser Weise unter Menschen sich
abspielte, gab in Menschengemeinschaft, in gemeinschaftlichem
menschlichem Erleben die hochsten Erkenntnisse.
Und man war, indem man diese hochsten Erkenntnisse erlebte,
indem man des Morgens wiederum die Morgendammerung heran-
kommen sah, von Osten heriiber erglanzend das Tagesgestirn erlebte,
hineinerglanzend in den dunklen griinen Wald - mit seiner wunder-
baren Perspektive verlaufend -, man war ein Stiindchen iiber das eine
oder andere in dem Reiche, das wir heute das Reich der Natur nennen,
aufgelebt; alles das floft im Gesprache zusammen. Und man war sich
klar dariiber, dafi das alles der Umgang mit Persephoneia war. Man
war sich klar dariiber, dafi dasjenige, was dann sich eingegliedert hat in
den Persephoneia-Mythus, daft das das Geheimnis der menschlichen
Naturerkenntnis ist. Und es waltete ein Zauber, den ich Ihnen nur
unvollkommen andeuten konnte, iiber den Gesprachen, die gefuhrt
wurden in Anlehnung an die Mysterien von Ephesus; es waltete dieser
Zauber in den Gesprachen. Und in jenen Gesprachen lebten die
Persephone-Erkenntnisse, lebten darin in aller Lebendigkeit, die dann
abgeschattet wurde zu dem, was wir heute als das Abstraktum «Na-
tur» haben, und woriiber tragische Trauer auf dem Antlitz trugen
Menschen wie Joachim de Fiore.
Die Wege in die menschliche Spiritualitat und in die Spiritualitat des
Kosmos hinein, wir verstehen sie nur, wenn wir nicht nur auf die
einzelnen Bewulkseine, die der Mensch erreichen kann, charakteri-
sierend hindeuten, sondern wenn wir darauf hinschauen, wie im Laufe
der Menschheitsentwickelung die Bewulkseine sich nach und nach
metamorphosiert haben, wie andersartig die Erkenntnisse waren,
welche lebten in den Gesprachen, die da fuhrten diejenigen, die
herausgingen aus dem Tempel von Ephesus - die wunderbaren Ge-
sprache; und wie anders geartet die Gesprache waren, die da fuhrten
die Menschen mit Personlichkeiten wie Joachim de Fiore, wie Alanus
ab Insulis; und wie anders die Erkenntnisse heute sind, die wir wieder
suchen miissen, um aus dem AufSeren in das Innere zuriickzukommen,
aus dem Oberen in das Untere, zuriick aus dem Inneren in das Aufiere,
zuriick aus dem Unteren in das Obere zu kommen auf geistige,
spirituelle Art.
FUNFTER VORTRAG
Torquay, 15. August 1924
Das innere Beleben der Seele durch die Eigenschaften
des Metallischen
Der Kupferzustand des Menschen
Ich habe versucht, auf der einen Seite zu zeigen, wie der Mensch zu
anderen Bewufitseinszustanden kommt, als diejenigen sind, die er im
gewohnlichen Leben des heutigen Alltags hat. Und ich hatte dann
versucht zu zeigen, wie der historische Gang der Menschheitsentwik-
kelung aufweist, daft die Menschheit nicht immer in demselben Be-
wufkseinszustande erkennend und handelnd gelebt hat, in dem sie
heute lebt. Ich habe dann Ihren Blick versucht hinzulenken auf die
Bewulkseinszustande der Erkennenden im 10., 11., 12. Jahrhundert
im Zusammenhange mit der Art und Weise, wie damals die Erkenntnis
gepflegt worden ist, zum Beispiel von der Schule von Chartres, und ich
habe darauf hingewiesen, wie im Zusammenhange damit Erkenntnisse
entstanden sind, die nicht den heutigen Bewufitseinszustanden ange-
horen, etwa bei einer Personlichkeit wie dem groften Lehrer Dantes,
bei Brunetto Latini. Ich habe dann gestern versucht, weiter zuriick den
Blick zu lenken auf die besondere Art und Weise, wie sich der Mensch
zur Welt verhalten hat etwa in den Mysterien von Ephesus. Wir sehen
da, wie die Menschen durchaus in anderen Bewulkseinszustanden
gelebt haben, wenn auch diese ziemiich verwandt sind dem gegen-
wartigen alltaglichen und wissenschaftlichen Bewulksein.
Nun mochte ich heute in jener Betrachtung fortfahren, in welche
das Historische zunachst eine Art von Episode hineingebracht hat. Ich
habe bemerkt, wie die Metallitat, die eigentliche Substantiality des
Mineralischen im Verhaltnisse zum Menschen und zu seinen Bewuftt-
seinszustanden steht. Aus der Verwandtschaft des Menschen mit dem,
was man als das Metall Kupfer bezeichnet, habe ich jenen Bewufit-
seinszustand des Menschen ersichtlich gemacht, der erreicht werden
kann so, wie ich es beschrieben habe, der dann zu der Moglichkeit
fiihrt, die Erlebnisse des Toten, des sogenannten Toten, iiber den
Zeitpunkt hinaus zu verfolgen, da er durch die Pforte des Todes
gegangen ist.
Nun miissen wir uns dariiber klar sein, dafi durch jenes halbpatho-
logische Erlebnis, das ich Ihnen angedeutet habe, durch eine Art
Sonnenstich, Brunetto Latini etwa in eine solche Art der Erkenntnis,
wie ich sie Ihnen ja vorgestern beschrieben habe, hineingekommen ist.
Und in der Tat, was er beschreibt, was ihm durch die Inspiration der
Gottin Natura geworden ist, das kann ja erreicht werden in diesem
unserem gewohnlichen Zustande nachstverwandten Bewufkseinszu-
stand - denn es ist ein unserem gewohnlichen Bewulkseinszustand
sehr verwandter -, der da verfolgt die Erlebnisse, die die Toten
unmittelbar in den Jahren durchmachen, nachdem sie durch des Todes
Pforte gegangen sind. Und ich sagte, es ist ein viel realerer Zustand.
Man steht da drinnen in einer Welt, die starker driickt, starker
leuchtet, die alles starker vollbringt als unsere gewohnliche physi-
sche Welt. Nur dadurch, da£ das so ist, kann man dasjenige mitma-
chen, was der durchmacht, der vor kurzem durch des Todes Pforte
gegangen ist.
Aber diese Welt, sie zeigt ja zugleich etwas ganz Besonderes. Wenn
man sich in dieser Welt, die ich so beschrieben habe, befindet, dann
kann man in dem Augenblicke, in dem man in diesem Bewufitseinszu-
stande ist, nicht hinschauen auf seine gewohnlichen Tageserlebnisse,
auf dasjenige, was man im gewohnlichen Leben durchmacht, sondern
man sieht von seinem eigenen Leben nur das, was unmittelbar dem
Betreten des Erdenlebens vorangegangen ist, was man durchgemacht
hat noch in der geistigen Welt, bevor man das Erdenleben betreten
hat. So dafi man also sagen mufi: Mit diesem Bewufkseinszustande ist
man fur den Menschen gar nicht in derselben Welt, in der man ge-
wohnlich ist.
TafeU Stellen Sie sich das graphisch vor. Wenn man in diesem Zeitpunkt
° en geboren ist (es wird gezeichnet) und nun weiterlebt: In dem Augen-
blicke, wo man, wenn ich es so nennen darf, in den Kupferzustand
kommt - Sie verstehen das nach dem vorgestrigen Vortrage -, ist man
nicht, wenn man zum Beispiel vierzig Jahre alt geworden ist, mit
seinem Erkennen in der Gegenwart. Man ist aber auch nicht mit
seinem Erkennen etwa im fiinfunddreiftigsten oder dreifiigsten Jahre,
sondern man kann nur zuriickgehen zu dem, was man in der geistigen
Welt vor seiner Geburt unmittelbar erlebt hat. Man kann das fur sich,
man kann das fur andere Menschen, man kann aber nicht dasjenige
erfassen, in dem man im Alltag drinnensteht. Das gilt aber nur
wiederum fiir den Menschen.
Fur die Tiere gilt das, dafi man zwar nicht dasjenige, was sie
physisch sind in der physischen Welt, so sieht wie sonst, sondern man
sieht hinauf in die nachste Welt und sieht das, was ich Gattungs- oder
Artenseele genannt habe. Man sieht gewissermaften die Aura der
Tiergattungen. Aber man sieht iiberhaupt, wenn man dann hinaus-
schaut in die Welt, diese Welt verandert, und man lernt etwas erken-
nen, was eigentlich recht wichtig ist fiir die Menschheit, aber im
gegenwartigen, materialistisch gesonnenen Zeitalter gar nicht beriick-
sichtigt wird.
Wenn man mit alledem, was man heute lernen kann bis hinauf in
die hochste Universitatswissenschaft aller Fakultaten, vor dasjenige
Wesen hintritt, das ja noch da ist als Gottin Natura, von dem im
lebendigen Sinne die Lehrer der Schule von Chartres gesprochen
haben, gesprochen hat Bernardus Sihestris, Alanus ab Insulis und
andere, wenn man vor dieses Wesen hintritt, dann fiihlt man sich
gerade mit seinem heutigen Erkennen in einer recht unwissenden
Stimmung. Denn man sagt sich: Du weifit ja eigentlich nach dem
heutigen Wissen und Erkennen nur etwas, was auf diejenige Welt, die
du zwischen Geburt und Tod durchlebst, Bezug hat, und was schon
nicht mehr wahr ist, wenn du nur in die nachste spirituelle Welt mit
deinem Bewulksein so untertauchst, daft du den Toten noch iiber den
Tod hinaus verfolgen kannst.
Wir lernen Chemie. Aber das, was wir in der Chemie lernen, das gilt
nur fiir die Welt, in der wir leben zwischen Geburt und Tod. Die ganze
Chemie hat keine Bedeutung in der Welt, in der man den Toten nach
dem Tode verfolgt. Alles, was man hier lernt in der physischen Welt,
hat fur jene Welt gar keine Bedeutung, es ist nur eine Erinnerung,
wenn man darinnen ist in jener Welt. Und diese Welt, in der man dann
darinnen ist, die geht einem eben sogleich auf , und man fiihlt, die Welt,
in der man so viel gelernt hat, diese alltagliche Welt, die schwindet. Die
andere Welt geht sogleich auf.
Tafd 6 Nehmen wir an, wir haben in dieser Welt, in der wir zwischen der
Geburt und dem Tode stehen, einen Berg. Der Berg ist uns fur diese
Welt recht dicht. Wir schauen ihn zunachst von der Feme. Er wirft uns
das Licht zuriick, das ihm die Sonne gibt. Wir sehen ihn in seinen
Formen, in seinen Konturen. Wir gehen hin. Wir kommen ihm naher
und immer naher. Wir fiihlen, dafi er uns Widerstand bietet, wenn wir
ihn betreten. Er macht auf uns den Eindruck des Realen. Jetzt sind wir
in einer anderen Welt. Alles das, wovon wir gesagt haben, es ist fest,
das hort auf, scheint es, eine Bedeutung zu haben, und es ist etwas, was
wie aus dem Berg herauskommt, immer grower und grower wird, was
uns den Eindruck macht einer anderen Realitat.
Und weiter, wir sehen, wenn wir hier in der alltaglichen Welt
stehen, iiber dem Berg die Wolke. Wir sind iiberzeugt, die ist da oben
als zusammengedichteter Dunst. Sie hort ebenso auf, ihre Realitat zu
haben. Wiederum etwas ganz anderes kommt heraus aus dieser Wolke.
Was da herauskommt, verbindet sich mit dieser nach und nach
verschwindenden Wolke und dem Berg, und etwas Neues kommt
heraus, eine neue Realitat ist da, was nicht etwa blofi ein Nebel ist,
sondern was Gestalt hat. Und so mit alien Dingen. Wir sehen eine
Menge Dinge hier, zum Beispiel viele Menschen. In dem Augenblick,
wo sie in die geistige Welt eintreten, verschwinden die scharfen
Konturen. Sie miissen sich schon zu dem Gedanken bequemen, meine
Damen, dafl man all Ihre schonen Kleider dann nicht mehr sieht.
Dagegen ersteht aus alledem, was da sitzt, das Seelisch-Geistige. Aber
aus der Umgebung kommt dasjenige heran, was geheimnisvoll in Luft
und in der ganzen Umgebung waltet. Das kommt heran. Eine neue
Welt entsteht. Und in dieser Welt ist der Tote nach dem Tode.
Aber nun werden wir ein anderes gewahr. Wir bemerken ein
anderes. Wenn diese Welt nicht ware, in die wir jetzt eingetreten sind,
wenn diese Welt nicht iiberall auch vorhanden ware, wo die Welt
vorhanden ist, die wir zwischen Geburt und Tod durchblicken, dann
hatten wir keine Augen und keine Ohren, iiberhaupt keine Sinne als
Menschen. Denn die Welt, die der Chemiker beschreibt, der Physiker
beschreibt, die kann uns keine Sinne geben. Wir waren ganz ohne
Sinne, wir waren blind und taub. Die Sinne wiirden sich nicht in uns
bilden.
Sehen Sie, das ist das Uberraschende gewesen, als dieser Brunetto
Latini von Spanien herubergekommen ist, in die Nahe seiner Vater-
stadt Florenz gekommen ist und diesen leisen Sonnenstich hatte und
dadurch versetzt wurde in diese andere Welt. Da merkte er: Deine
Sinne hast du aus dieser anderen Welt. Du warest als Mensch sinnen-
los, wenn diese andere Welt nicht durchdrange die gewohnliche Welt,
die du sonst siehst. Du stehst also als Mensch dadurch, daft dir deine
Sinne eingesetzt sind in deinen Korper, im Zusammenhang mit dieser
zweiten Welt.
Und zu alien Zeiten hat man diese zweite Welt - wir konnen den
Ausdruck beibehalten - die Welt der Elemente genannt. Da drinnen
hat es keinen Sinn, zu sprechen von Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff
und so weiter. Davon konnen wir reden zwischen Geburt und Tod.
Da drinnen hat es nur einen Sinn, zu sprechen von den Elementen
Erde, Wasser, Luft, Feuer und Licht und so weiter. Denn das Spezi-
fische von Wasserstoff, Sauerstoff und so weiter hat gar keinen Bezug
zu unseren Sinnen. Was der Chemiker findet an dem Geruch von
Veilchen oder von Asa foetida, daft das eine einen sehr sympathischen,
das andere einen hochst unsympathischen Geruch hat, was da che-
misch gefunden wird, mit Namen von Stoffen bezeichnet wird, hat
keine Bedeutung. Dagegen ist das alles, was da wirkt als Geruch,
durchgeistigt. Luftformig miiftte man es bezeichnen im Sinne der
Welt, in die der Tote unmittelbar nach dem Tode eintritt, aber
differenzierte Luft, iiberall durchgeistigte Luft. So daft unsere Sinne
wurzeln in der Elementenwelt, in der Welt, wo es noch einen Sinn
hat, von Erde, Wasser, Feuer, Luft zu sprechen.
Sehen Sie, da kommt uns gegeniiber einem falschen Gedanken der
richtige Gedanke. Wie verhalt sich der moderne Philosoph, der ja, wie
er selber sagt, verstandig, vernunftig geworden ist, der die Naivitat der
Anschauungen friiherer Zeiten iiberwunden hat? Er sagt: Nun, die
Anschauungen friiherer Zeiten waren grob. Die haben nur von den
groben Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft gesprochen. Wir wissen,
daft es siebzig bis achtzig Elemente gibt, nicht vier oder fiinf . - Wurde
ein Grieche auferstehen- so wie er damals war, nicht in Wiederverkor-
perung - und wurde sich das sagen lassen miissen, dann wiirde er
sagen: Ja, ganz gewift, ihr habt ja Sauerstoff, Wasserstoff und so
weiter, das sind eure Elemente. Aber ihr habt vergessen, was wir in
unseren vier Elementen hatten. Das seht ihr nicht mehr. Von dem wiftt
ihr nichts mehr. Aber mit all euren zweiundsiebzig oder fiinfund-
siebzig Elementen wiirden niemals Sinne entstehen, denn die entste-
hen aus den vier Elementen. Wir kannten den Menschen daher besser.
Wir wuftten, wie sich dieses Auftere, Peripherische, das von Sinnen
durchsetzt ist, im Menschen bildet.
Die Eindriicke, die von solchen alten, an die Initiation nahe heran-
gekommenen Menschen, wie Brunetto Latini einer war, empfangen
wurden, die konnen wir ja nur wiirdigen, wenn wir sie auf ihre
Gemiitstatsache hin wiirdigen, wenn wir das Uberraschende, Frappie-
rende, das die Seele Aufregende und Hinnehmende ins Auge fassen.
Natiirlich, wenn jemand bis dahin geglaubt hat, was seine Augen hier
sehen, seine Ohren hier horen, das sei das Reale, und er kommt dann
darauf, daft dieses Reale nicht einmal Auge und Ohr hervorbringen
konnte, sondern daft da dasjenige dahinter sein mufi hinter diesem
Realen, was ich hier beschrieben habe, dann wirkt das natiirlich
zunachst erschiitternd.
Und das wiederum ist das Wesentliche, daft wir zu keiner solchen
Erkenntnis kommen konnen, wenn wir in der gewohnlichen toten
Weise der Natur gegeniiberstehen und bleiben, wie wir es sonst tun. Es
beginnt sogleich alles zu leben, wenn wir in diese Welt eintreten. Wir
sagen uns: Ja, der Berg, den wir kennen, er ist tot. Wir haben gar nicht
gewuftt, daft in dem etwas lebt. Aber es lebt etwas in ihm. Jetzt ist es
da. Die Wolke erschien uns friiher tot; jetzt erscheint das Lebende, das
in ihr ist, das wir friiher nicht gesehen haben. Alles wird lebendig.
Aber in diesem lebendigen Weben offenbart sich eben auch wiederum
Wesenhaftes.
Da driicken wir nicht aus unserem Gehirn Naturgesetze heraus,
sondern da stehen wir einer geistigen, einer spirituellen Wesenheit,
eben der Wesenheit Natura gegeniiber, die uns sagt dieses, die uns
zeigt dieses, die uns reale Mitteilungen macht. Und es wird eine
Tatsache, daft man sich liber die Tatsachen, die da sind in unserer
Umgebung, mit Wesen einer iibersinnlichen Welt verstandigt. So tritt
man eben ein aus dem bloft Abstrakten der Gesetzhaftigkeit der Welt
in das Wesenhafte, wo man sich, statt daft man Naturgesetze durch
Experiment und Nachdenken zusammenbringt, Wesen einer anderen
Welt gegeniiberfiihlt, die fur die Erkenntnis Mitteilungen machen,
weil sie das wissen, was wir als Menschen erst lernen sollen.
Und so kommt man hinein auf einem rechten Wege in die geistigen
Welten. Man kommt dann dahinter: Wiirdest du nur Sinne haben,
wiirde nur das Auge mit seinen Sehnerven, die Nase mit ihren
Riechnerven, das Ohr mit den Gehornerven da sein, und wiirden sich
diese Nerven alle bloft verbinden nach riickwarts, so wiirdest du gar
nicht darauf kommen, daft es Sauerstoff , Wasserstoff , Stickstoff und so
weiter gibt, daft es alle diese Dinge gibt, die man zwischen Geburt und
Tod als Mensch wahrnimmt. Man wiirde hineinschauen in die Welt
der Elemente. Uberall wiirde man Erde, Wasser, Luft, Feuer schauen.
Und dasjenige, was als weitere Differenzierung des Festen, Erdigen,
des Fliissigen, Wasserigen da ware, wiirde einen so wenig interessieren
wie den Millionar das kleine Geld. Man wiirde sich einfach nicht dafur
interessieren. Aus unseren Nerven, die von den Sinnen ausgehen, als
Sinnesmenschen wissen wir von der elementarischen Welt. Und in
dem Augenblicke, wo wir dies, was ich erzahlt habe, gewahr werden,
werden wir auch gewahr, daft ja bei uns als Menschen die Sinnesnerven
zuriickgehen, sich mehr differenzieren, mehr vervollkommnen, da
etwas darinnen noch ausbilden wie Gehirn. Dadurch kommen wir
nicht mehr in uns hinein, sondern mehr aus uns heraus, und wir fiigen
zu dem Wesen der vier Elemente: Erde, Feuer, Wasser, Luft, das
andere hinzu, was wir eben sonst lernen zwischen Geburt und Tod.
Aber dieses ganze Gehirn, das sich aufstiilpt aus den nach riickwarts
gehenden Sehnerven, Gehornerven und so weiter, dieses ganze Ge-
hirn, das uns so wertvoll ist als Menschen, das hat ja nur eine
Bedeutung zwischen Geburt und Tod. Was da in der Schadeldecke
drinnen noch besonders aufgestiilpt ist beim Menschen, hat nur eine
Bedeutung fur das irdische Leben. Das Gehirn ist das Allerunbedeu-
tendste fur die geistige Welt. Daher muE man schon das Gehirn wieder
ausschalten, wenn man nur in die erste Welt, die an die unsere
angrenzt, hineinkommen will. Das Gehirn mufi man ausschalten. Das
ist ein furchtbar storendes Organ fur die hohere Anschauung. Und
man mufi mit dem ausgeschalteten Gehirn gleich wiederum in den
Sinnen leben, aber jetzt in die Sinne hineingedriickt haben das erweck-
te Spirituelle; dann bekommt man die Imagination. Die Sinne nehmen
sonst Sinnesbilder wahr in der aufteren physischen Welt und die setzt
das Gehirn um in die abstrakten Gedanken, in diese toten, abstrakten
Gedanken. Schaltet man das Gehirn aus, lebt man wiederum in den
Sinnen, dann empfindet man alles wiederum in Imaginationen. Das
wird man gewahr. Dann eben weift man auch, dafi das Untertauchen in
tiefere Lebenszustande verbunden ist mit dem Entwickeln hoherer
geistiger Bewufitseinszustande als wir sie im gewohnlichen Leben
haben.
Tafel 6
Unsere Sinne, die ja an unserer Oberflache sind, Auge, Ohr, die
nehmen fortwahrend diese Welt wahr (siehe Zeichnung, rot). Da
stehen wir, meine sehr verehrten Anwesenden. Unsere Sinne, die an
unserer Oberflache sind, die schauen diese elementarische Welt. Die
schauen auch noch die Toten darinnen, Jahre nachdem sie gestorben
sind. Daft das alles ausgeloscht ist, das riihrt davon her, daft hinter den
Sinnen das Gehirn ist (orange). Jetzt stehe ich da mit meinem Gehirn,
meinen Sinnen. Dieser Mensch, der an meiner aufteren Oberflache
liegt, der schaut darinnen die geistige Welt, der schaut darinnen die
Toten in den Jahren nach dem Tode. Aber mein Gehirn, das loscht das
alles aus, loscht aus Erde, Wasser, Feuer, Luft; und ich schaue hin auf
das, was in scharfen Konturen da ist als physische Welt, was nur da ist
fur die Welt, die ich zwisch
…[truncated]