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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
KOSMISCHE UND MENSCHLICHE GESCHICHTE
Band I : Das Ratsel des Menschen. Die geistigen Hintergriinde der
menschlichen Geschichte
15 Vortrage, gehalten in Dornach vom 29. Juli bis 3. September 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 170
Band II: Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die
Krisis des neunzehnten Jahrhunderts
16 Vortrage, gehalten in Dornach vom 16. September bis 30. Okto-
ber 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 171
Band III: Das Karma des Berufes des Menschen in Ankniipfung an
Goethes Leben
10 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 27. November 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 172
Band IV: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der
Unwahrhaftigkeit - Erster Teil
13 Vortrage, gehalten in Dornach vom 4. bis 31. Dezember und in
Basel am 21. Dezember 1916
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 173
Band V: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. Das Karma der
Unwahrhaftigkeit - Zweiter Teil
12 Vortrage, gehalten in Dornach vom 1. bis 30. Januar 1917
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 174
Band VI: Mitteleuropa zwischen Ost und West
12 Vortrage, gehalten in Miinchen am 13. September, 3. Dezember 1914,
23. Marz, 29. November 1915, 18., 20. Marz 1916, 19., 20. Mai 1917,
14., 17. Februar, 2., 4. Mai 1918
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 174a
Band VII: Die geistigen Hintergriinde des Ersten Weltkrieges
16 Vortrage, gehalten in Stuttgart am 30. September 1914, 13., 14. Fe-
bruar, 22. bis 24. November 1915, 12., 15. Marz 1916, 11., 13., 15. Mai
1917, 23., 24. Februar, 23., 26. April 1918, 21. Marz 1921
Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 174b
RUDOLF STEINER
Zeitgeschichtliche Betrachtungen
Das Karma der Unwahrhaftigkeit
ERSTER TEIL
Dreizehn Vortrage, gehalten in Dornach
vom 4. bis 31. Dezember 1916
und in Basel am 21. Dezember 1916
Kosmische und menschliche Geschichte
Vierter Band
1978
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Dr. Robert Friedenthal
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1966
2., neu durchgesehene Auflage
(fotomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1978
Die Vortrage dieser Reihe wurden erstmals in einer
Vervielfaltigung von 100 Exemplaren durch Marie Steiner
1948 zuganglich gemacht.
Einzelausgabe: Basel 21.Dezember 1916
«Weihnachten in schicksalsschwerster Zeit»,
Dornach 1948;
«Offenbarung aus den Hohen und Friede auf Erden,
Weihnachten in schicksalsschwerster Zeit»,
Dornach 1972
Bibliographie-Nr. 173
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen
Rudolf Steiners, ausgefiihrt von Hedwig Frey f
e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1966 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Graphische Anstalt Schiiler AG, Biel
ISBN 3-7274-1730-7
ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT
Ober den Charakter dieser Privatdrucke aufiert sich Rudolf
Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang»(35.und
36.Kapitel, Marz 1925) folgendermafien:
«Als miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen
waren die Inhalte dieser Drucke gemeint . . .
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt,
was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthro-
posophie ware . . . Wer diese Privatdrucke liest, kann sie
im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie
zu sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken . . .
von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur
im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil Uber den Inhalt eines solchen Privatdruckes
wird ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden kon-
nen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen
wird. Und das ist fur die allermeisten dieser Drucke min-
destens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dar-
gestellt wird, und dessen, was als <anthroposophische Ge-
schichte> in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet. »
INHALT
Vorbemerkung des Herausgebers 11
Erster Vortrag, Dornach, 4.Dezember 1916 15
Grundbedingung der Urteilsbildung: Sinn fiir Tatsachen. Rudolf
Kjellen, Rosa Mayreder. Gestaltung der politischen Verhaltmsse
in Europa seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Zum
Kriegsausbruch 1914: Jakob Ruchtis Broschiire; Georg Brandes.
Alexander von Gleichen-Rufiwurm iiber die Menschenwiirde
Zweiter Vortrag, 9. Dezember 1916 49
Enthusiasmus der Unaufmerksamkeit, Enthusiasmus der Aufmerk-
samkeit. Die Rolle der okkulten Briiderschaften. Alexander III. von
Rutland. H. P. Blavatsky. Moriz Benedikt. Das britische Volk und
die slawischen Volker. Das sogenannte Testament Peters des Grofien.
Die Parallele zwischen Britentum und Romertum. Der Panslawismus.
Der angekiindigte Untergang Osterreichs
Dritter Vortrag, 10. Dezember 1916 72
Die Zeitereignisse und die geistige Welt. Hermann Bahrs «Himmel-
fahrt». Erzherzog Franz Ferdinand. Das Attentat von Sarajewo.
Erzherzog Rudolf. Die «Narodna Odbrana». Lebenswiderspruche.
Der Verrat des Judas als Voraussetzung des Ereignisses von Gol-
gatha
Vierter Vortrag, 11. Dezember 1916 95
Die «Narodna Odbrana». Michael Obrenowitsch. Die russischen
Einfliisse in Serbien. «Die Briiderschaft der Zehn». Der Mord als
politisches Kampfmittel. Die rivalisierenden Familien Obrenowitsch
und Karageorgewitsch. Draga Maschin. Englischer und franzosischer
Imperialismus. Zum Kriegsausbruch
Funfter Vortrag, 16. Dezember 1916 122
Notwendigkeiten im Weltgeschehen. Brooks Adams iiber die Alters-
stufen der Volker. Thomas Morus' «Utopia». Karl der Grofie, Dante,
Venedig, Gegenreformation. Die Einigung Italiens und sein Verhalt-
nis zu Mitteleuropa und Frankreich. Der Dreibund. Die Annexion
Bosniens durch Dsterreich, das Attentat von Sarajewo. 1888 und
1914
Sechster Vortrag, 17. Dezember 1916 151
Das Wesen des fiinften nachatlantischen Zeitraums. Das Evolutions-
geheimnis. Kenntnis der Volkergesetze bei den westlichen Briider-
schaften. Die Dekadenz des Romanischen und der Aufstieg der eng-
lisch sprechenden Welt als Exponent der fiinften Unterrasse. Die
deutsche Sprache und das Gesetz der Lautverschiebung
Siebenter Vortrag, 18.Dezember 1916 176
Zeiterscheinungen und Schicksalstage. Mitteleuropa als einseitiges
Volkerreservoir und als allgemeiner Knegsschauplatz, namentlich im
Dreifiigjahrigen Kriege. Der Staatsgedanke in Deutschland. Grofi-
deutsche und Kleindeutsche, die Reichsgriindung 1871. Sir Edward
Grey, Jaures, Delcasse\ Clemenceau. Die europaischen Biindnis-
systeme. Zum Kriegsausbruch. Wort und Gedanke in der franzo-
sischen, englischen, deutschen und russischen Sprache. Die Aufgabe
des deutschen Volkes. Das Gesetz der zusammenklingenden Schwin-
gungen. Die spirituellen Krafte der Zukunft in den verschiedenen
Volkern: die Krafte des Entstehens und Vergehens, die Eugenetik,
die spirituelle Medizin. Lord Acton, Michael Faraday
Achter Vortrag, Basel, 21. Dezember 1916 223
«Weihnachten in schicksalsschwerster Zeit». Jesus und Christus. Die
Christus-Auffassung der Gnosis und die der dogmatischen Glaubens-
bekenntnisse. Durch Ausrottung oder Verglimmen der Gnosis Ver-
lust des Christus-Begriffes im Siiden, bei den neubekehrten Heiden
im Norden zunachst kein Verstandnis fiir Jesus. Die nordischen
Mysterien der Ingavonen. Die Wasen und Asen. Der Herta-Dienst.
Das angelsachsische Runenlied. «Offenbarung aus den Hohen und
Friede auf Erden». Das «Bebrullen» der Friedenssehnsucht der Men-
schen
Neunter Vortrag, Dornach, 24. Dezember 1916 242
Kriegsweihnachten. Zum Weihnachtsspiel. Die Gnosis. Mysterien-
weisheit bei den Ingavonen. Baldur, Loki und Hodur. Das Weih-
nachts- und Oster-Mysterium. Mifibrauchliche Verwendung ata-
vistischer Krafte zur Massenbeeinflussung. Das «deliriose» Bewufit-
sein. Cola Rienzi und d'Annunzio, Pfingsten 1347 und Pfingsten
1915
Zehnter Vortrag, 25. Dezember 1916 268
Die Flucht vor der Wahrheit. Der lebendige Zusammenhang des
Wortes mit der Wirklichkeit. Christus und Jesus. Das Jahres-Sakra-
mentum. Die Bedeutung der Konstellationen im Zusammenhang zwi-
schen Irdischem und Kosmischem. Friihere und heutige Schicksals-
gemeinschaft. Die Geschichte vom guten Gerhard
Elfter Vortrag, 26. Dezember 1916 294
Okkultes in der neuzeitlichen Geschichte. Spiritismus als Versuch,
das Vorhandensein einer geistigen Welt zu beweisen. Das Schicksal
von H. P. Blavatsky. Christus und der einzelne Mensch. Der gute
Gerhard und das Aufkommen des Kommerziellen. Die Reformation,
der Dreifiigjahrige Krieg. Friedrich von der Pfalz, Schwiegersohn
Jakobs I. von England. Der Siebenjahrige Krieg und der Kampf um
Indien und Amerika. Ernst August von Hannover. Zum Kriegs-
ausbruch: Racconigi 1909, Ernesto Nathan. Bismarck und Usedom.
Usterreich und Italien. Prezzolini, iiber das moderne Italien und
die Wohltaten des Krieges. Das «Bebrullen» des Friedensgedankens
Zwolfter Vortrag, 30. Dezember 1916 328
Keine politischen Betrachtungen, keine Parteinahme. Es wird nur
Erkenntnis angestrebt. Zum Kriegsausbruch. Die Verletzung der
belgischen Neutralitat. Handlungen von Staaten konnen nicht
moralisch beurteilt werden. England und Indien, England und
China. Der Opiumkrieg
Dreizehnter Vortrag, 31. Dezember 1916 348
Giftwirkungen im sozialen Geschehen. Keine «moralinsaure» Beur-
teilung historischer Notwendigkeiten. Die Urteile in bezug auf die
Geschichte andern sich mit den Zeiten. Wie ist die scheinbare Bevol-
kerungszunahme auf der Erde mit der Reinkarnation in Einklang
zu bringen? Die geistigen Hintergriinde und Folgen des Opium-
krieges. «Chinesierung» Europas. Das «soziale Karzinom». Wirkung
und Bedeutung der Gifte. Trager des Ich: umgestaltete Giftsub-
stanzen des Mondes. Bewufitsein entsteht durch Krafte-Abbau. Die
Heilkraft der Gifte: Ausgleich des Luziferischen durch das Ahri-
manische. Der Baldur-Mythos als Ausdruck von Giftwirkungen.
G. S. Fullerton iiber Deutschland
Hinweise 377
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
395
VORBEMERKUNG
Die Situation, in welcher die Vortrage des Dezember 1916 und Januar
1917 von Rudolf Steiner gegeben wurden, hat Marie Steiner in ihren
Vorbemerkungen zur ersten, vervielfaltigten Ausgabe 1948 festge-
halten:
«Als der Weltkrieg 1914 ausgebrochen war und eine grofie Anzahl
am Goetheanum-Bau Arbeitender Dornach verlassen mulke, verblieb
dort eine immer noch geniigend grofte Anzahl Neutraler, um im Verein
mit den zu doppelter Energie aufgerufenen Kraften der Kiinstlerinnen
die Fertigstellung des Baues als festes Ziel ins Auge zu fassen. Sie hatten
alle den redlichen Vorsatz, in ihrem personlichen Verkehr sich nicht
durch Sympathien und Antipathien zu nationaler Stellungnahme und
Affekten hinreiften zu lassen; aber im aufieren Alltagsleben gab es ge-
niigend Anlafi zu Kontroversen und Emotionen, und immer wieder
wurde Dr. Steiner in diesem oder jenem strittigen Falle gebeten, seine
Meinung zu aufiern. Die Fragesteller waren beim Zuhoren nicht
wunschfrei. Sie ersehnten eine ihnen angenehme Antwort, um sie ihren
in Wiinschen und Antipathien noch mehr befangenen Freunden weiter
mitteilen zu konnen, und so wurde manches, was man so mitteilte,
frisiert, gefarbt und umgebogen, und kam so recht unkenntlich nach
Dornach zuriick. Dr. Steiner schien es infolgedessen notwendig, in ge-
schlossenem Kreise, aber doch zu einer gewissen Gesamtheit von An-
throposophen zu sprechen, um immer wieder zu Objektivitat im Suchen
nach Wahrheit zu ermahnen, und die Zuhorer darin zu schulen Der
einzelne Mensch ist durch natiirliche Liebe zum Vaterland und Gut-
glaubigkeit Beeinflussungen und geschickten Machenschaften ziemlich
wehrlos ausgeliefert; sie sind ein ungeheuer wirksames Mittel fur
Stimmungsmache. Der aus Reprasentanten verschiedener Nationen be-
stehenden Anthroposophischen Gesellschaft erwuchs daraus eine neue
Schwierigkeit. ...»
So kam es zu den in diesen Banden veroffentlichten Vortragen, die
Rudolf Steiner vom 4. Dezember 1916 bis zum 15. Januar 1917 in
Dornach vor einem Auditorium von Mitgliedern der Anthroposophi-
schen Gesellschaft, die verschiedenen, zum Teil im Krieg miteinander
liegenden Nationen angehorten, gehalten hat. Marie Steiner sagt im
weiteren:
«Die sein gesprochenes Wort auffangenden Stenogramme erwiesen
sich fiir die Obertragung als besonders schwierig wegen des im Vortrag
waltenden lebendigen Gesprachstones, der durch die seelisch leicht ab-
zulesenden Emotionen der Zuhorer ofters von dem Hauptthema gleich-
sam abspringt und anderes aufgreift, was dann wieder fallen gelassen
wird. Der rote Faden des Gedankens geht dann dem Nachschreiber
einen Augenblick verloren und es entstehen Liicken, iiber welche hin-
weg man die gefallenen Maschen wieder aufgreifen mufi. Bei gedul-
diger Nachpriifung ist dieses, wenn auch nicht gerade stilistisch befrie-
digend, aber doch moglich, und so ist das Wesentliche des Inhalts
gerettet. Das sich ergebende Gesamtbild kann in seinem Duktus zur
Begriindung einer neuen Wissenschaft der Geschichte fiihren und zu
einer in der heutigen Zeit besonders notwendigen Erziehung unserer
Seelen: der Erziehung zur Wahrhaftigkeit.»
Rudolf Steiner spricht hier nicht nur als Geistesforscher, sondern
auch als der Mensch, der Zeitereignisse leidvoll miterlebt. Der Erste
Weltkrieg war an einen Wendepunkt gelangt: das Schicksalsjahr 1917,
das den Zusammenbruch RufSIands, die Russische Revolution und den
Eintritt Amerikas in den Krieg bringen sollte, stand bevor. Die Waage
des Geschicks neigte sich fiir die Mittelmachte dem Abgrund zu. Der
Zusammenprall von West und Ost auf den Trummern Mitteleuropas,
der sich 1945 vollends vollzog, den er aber kommen sah, bedeutete in
seinen Augen fiir die Zukunft der Menschheit ein unermefiliches Un-
gliick.
Ober die Volksseelen und die geistigen Zusammenhange zwischen
den europaischen Volkern und den grofien Gegensatz zwischen ost-
lichen und westlichen Menschen hat Rudolf Steiner in vielen Vortragen
gesprochen. Es sei vor allem auf den Zyklus «Die Mission einzelner
Volksseelen» (Bibl.-Nr. 121) aus dem Jahre 1910 hingewiesen, aber
auch auf die zahlreichen Vortrage der Jahre 1914 und 1915, die bereits
in der Gesamtausgabe vorliegen, sowie die hauptsachlich das Ost-West-
Problem behandelnden Vortrage der spateren Jahre. Stets hat er ver-
sucht, Verstandnis zu wecken fiir die Lebensrechte eines Mitteleuropa,
dessen Bestand er als eine Notwendigkeit fiir eine gedeihliche Ent-
wickelung der Menschheitskultur ansehen mufite, und ganz besonders
in diesen Schicksalswochen der Jahreswende von 1916 zu 1917. Ob-
wohl ihm selbstverstandlich jeglicher Nationalismus fern lag, wurde
ihm von gewissen Seiten Parteinahme zugunsten der Mittelmachte vor-
geworfen. Hatte doch schon die 1915 erschienene Schrift «Gedanken
wahrend der Zeit des Krieges» (enthalten in Bibl.-Nr. 24) den fran-
zosischen Schriftsteller Edouard Schure, der bis zum Ersten Weltkrieg
sowohl Rudolf Steiner wie Marie Steiner freundschaftlich nahegestan-
den hatte, dazu veranlaik, Rudolf Steiner in Frankreich offentlich als
deutschen Chauvinisten zu denunzieren. Nach dem Kriege waren es
dann die wirklichen deutschen Chauvinisten, die Rudolf Steiners
of fentliche Vortragstatigkeit in Deutschland durch Attentatsversuche,
Provozierung von Saalschlachten usw. verunmoglichten.
Gerade damals, im Dezember 1916, wurde klar, dafi mit einer
Begrenzung des Konflikts und einem baldigen Ende des Krieges nicht
mehr gerechnet werden konnte. Die Leidenschaften wurden immer
heftiger. Auf beiden Seiten nahmen Phrase und Luge durch die hoch-
gepeitschte Kriegspropaganda Ausmafie und Formen an, die bis dahin
nicht iiblich gewesen waren. Vom «Karma der Unwahrhaftigkeit»
spricht Rudolf Steiner im Vortrag vom 1. Januar 1917. Er mochte,
dafi der Schein durchschaut werde, der durch das noch aus der Ver-
gangenheit in die Gegenwart hineinragende System der Nationalstaaten
entsteht, und dafi die Kriegsereignisse iiberhaupt etwas wie ein Schleier
sind, hinter dem eine neue Welt darauf wartet, ins Dasein zu treten:
Der Krieg sei in Wahrheit eine Revolution im sozialen Gefiige der
Menschheit. - Und so miissen wir bei der Lektiire dieser Vortrage auch
dasjenige im Auge haben, was Rudolf Steiner als neuen Impuls zur
sozialen Frage bereits im Sommer 1917 zum ersten Mai aussprach, als
er in den sogenannten «Memoranden» (in Bibl.-Nr. 24) die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus skizzierte, die 1919 im «Aufruf an das
deutsche Volk und die Kulturwelt» und in den «Kernpunkten der
sozialen Frage» (Bibl.-Nr. 23) ihren Niederschlag fand. Die Drei-
gliederung in ihren verschiedenen Aspekten - dem funktionellen im
einzelnen Menschen und dem sozialen in der Menschheit - wurde ein
Hauptthema von Rudolf Steiners Vortragen der nachsten Jahre und
aus ihr heraus entstand ja auch die «Freie Waldorfschule» in Stuttgart
als erste Institution eines «freien» Geisteslebens und als Ausgangspunkt
einer neuen Padagogik.
Aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis der tieferen Impulse
der Menschheitsentwickelung auf solche wesentlichen Momente im Vol-
kergeschehen aufmerksam zu machen, die von keiner Partei beriick-
sichtigt werden, war Rudolf Steiners Bemuhen in diesen Vortragen.
Unter dem Aspekt einer solchen «symptomatischen Geschichtsbetrach-
tung» (vgl. «Geschichtliche Symptomatologies Bibl.-Nr. 185) sollten
sie aufgefafit werden.
Die Vortrage wurden von der von Rudolf Steiner und Marie Steiner
nach Dornach gerufenen Berufsstenographin Helene Finckh aufge-
zeichnet, die seit Januar 1916 fast alle Vortrage Rudolf Steiners mit-
geschrieben hat. Die wiederholten Mahnungen des Vortragenden, bei
diesen Vortragen nicht mitzuschreiben, bezogen sich auf die Zuhorer,
aber selbstverstandlich nicht auf die of fizielle Stenographin. Die Nach-
schriften wurden von Rudolf Steiner nicht zur Weitergabe oder Lek-
tiire freigegeben und waren bis 1948 auch im Dornacher Archiv nicht
zuganglich. 1948 entschlofi sich Marie Steiner zu einer beschrankten
Veroffentlichung in Form einer Umdruckvervielfaltigung, die nur
personlich abgegeben wurde. Die erste Buchausgabe erschien 1966.
Fur die vorliegende Ausgabe wurden im wesentlichen nur Druckfehler
und Zitate berichtigt sowie Hinweise erganzt.
Robert Friedenthal
ERSTER VORTRAG
Dornach, 4.Dezember 1916
Durch alle Auseinandersetzungen, die wir seit Jahren hier schon pfle-
gen, ging als ein roter Faden, wie sehr es darauf ankommt, dafi der
einzelne, der von den Impulsen der Geisteswissenschaft ergriffen wird,
dies auch so werde, daft ihm ein Empfinden, ein Gefiihl dafiir erwachst,
inwiefern sich diese Geisteswissenschaft in alles das hineinstellt, was die
Menschheit in ihrer Entwkkelung bisher an die Oberflache befordert
hat, an die Oberflache des Geisteslebens, eigentlich aber alien Lebens;
denn es ist eine triviale Anschauung, daft das Geistesleben eine Sache
fur sich sein konne. In Wahrheit ist alles scheinbar materialistische
Leben nichts anderes als eine Wirkung des geistigen Lebens.
Zunachst begreift man den Zusammenhang des materiellen Lebens
mit dem geistigen Leben wenig, wenn man, wie es heute so vielfach ge-
schieht, das geistige Leben nur in einer Summe von abstrakt-philoso-
phischen, abstrakt-wissenschaftlichen und abstrakt-religiosen Vorstel-
lungen erblickt. Denn das wird Ihnen ja aus den bisherigen Betrach-
tungen hervorgegangen sein, daft auch die religiosen Vorstellungen der
Gegenwart aufs starkste betroffen sind von der Abstraktion, von Vor-
stellungen und Empfindungen, die ohne das unmittelbar wirkliche
spirituelle Leben entfaltet werden. Solche abstrakte Geisteskultur kann
nicht in das auftere Leben eingreifen, das kann nur eine solche, die aus
dem spirituellen Leben schopft. Und eine solche Kultur wird in der
zukiinftigen Entwickelung der Menschheit, wenn diese nicht vollig in
die Dekadenz geraten will, immer starker in das aufiere Leben eingrei-
fen miissen. Das sehen heute noch die wenigsten ein, weil die wenigsten
ein Empfinden dafiir haben, was das Geistige eigentlich ist. Nun habe
ich ja ofter betont, daft es gerade in der unmittelbaren Gegenwart
aufierordentlich schwierig ist, dariiber zu sprechen, wie sich Geistes-
wissenschaft in die verschiedensten uns heute so schmerzlich beriihren-
den Erscheinungen der Gegenwart hineinstellt.
Vor einigen Jahren haben wir gewissermafien zu unserem Geleit-
spruch das Goethesche Wort gewahlt: «Die Weisheit liegt nur in der
Wahrheit.» Wir haben es wirklich nicht aus so oberflachlichen Im-
pulsen heraus gewahlt, wie man heute oftmals eine solche Wahl trifft,
sondern wir haben diesen unseren Geleitspruch aus dem Bewufttsein
heraus gewahlt, daft der Mensch in seiner ganzen Seele, in seinem gan-
zen Gemute vorbereitet sein mufi, wenn er Geisteswissenschaft in der
richtigen Art in seine Seele aufnehmen und zum wirklichen Impulse
seines Lebens machen will. Die gesamte Vorbereitung, die ein Mensch
braucht, um gerade heute in der richtigen Weise in die Geisteswissen-
schaft einzudringen, kann umfafit werden mit dem Ausspruche: «Die
Weisheit liegt nur in der Wahrheit.» Man mull dann allerdings das
Wort «Wahrheit» ernst und wiirdig in jeder Beziehung nehmen. Rein
aufierlich gesehen, sind wir zunachst in eine Entwickelung namentlich
des europaischen, eigentlich aber des gesamten Erdenlebens hineinge-
kommen, welche zeigt, wie wenig gerade in unserer heutigen, so viel-
gepriesenen Zeitkultur die Seelen von dem, was in diesem Geleitspruche
ausgedruckt werden soli, ergriffen sind.
Fassen Sie dieses nicht so auf, als ware es gerade auf unsere anthro-
posophischen Kreise gemiinzt! Damit wiirden Sie mich ganzlich mifi-
verstehen. Geisteswissenschaft ist ja etwas, was, zunachst wenigstens,
in ideeller Weise sein Verhaltnis erkennen mufi zu der gesamten Zeit-
kultur. Und wenn von mancherlei gesprochen wird in dieser Zeitkultur,
was gar sehr unmoglich macht, sich in richtiger Weise zur Geisteswissen-
schaft zu stellen, so ist damit am allerwenigsten der Kreis gemeint,
welcher als anthroposophischer in bewufker Art einzudringen versucht
in die spirituellen Bediirfnisse der Gegenwart, und der zu finden sucht,
was der Gegenwart heilsam ist, bei reenter Wiirdigung alles dessen, was
diese Gegenwart hervorgebracht hat.
Wir sind, aufierlich betrachtet - es liegen selbstverstandlich innere
Notwendigkeiten zugrunde, die nicht etwa unvorhergesehen gekom-
men sind — , in ein Zeitalter hineingeraten, in welchem innerhalb des
Geisteslebens, das an die Oberflache dringt und jedem vor die Seelen-
augen tritt, dieMenschen keineswegs geneigt sind,Wahrheit katexochen,
Wahrheit in ihrer allerursprunglichsten Bedeutung zu nehmen. Was die
Menschen heute am allermeisten interessiert, das riicken sie ja keines-
wegs - nicht einmal fur die innersten Impulse ihrer eigenen Seele, nichr
einmal in Feiertagsaugenblicken ihres Empfindens - in das Licht der
Wahrheit. Sie riicken es - gerade heute in unserer Gegenwart - in das
Licht, das hergenommen ist von derZugehorigkeit zu irgendeinerVolks-
oder sonstigen Gemeinschaft. Bewufit und unbewufit urteilen die Men-
schen heute nach solchen Gesichtspunkten, und je kiirzer ihr Urteil
gebildet wird, das heilk, je weniger an wirklichen Einsichten in ein
solches Urteil einbezogen wird, desto bequemer ist das der heutigen,
der unmittelbar heutigen Seele. Daher trifft man so vielfach ganz un-
mogliche Beurteilungen des Grofien und des Einzelnen in der Gegen-
wart, weil diese Beurteilungen auf keine Sachkenntnis begriindet sind,
auch gar nicht begriindet sein wollen, und immer danach streben, von
dem, um was es sich eigentlich handelt, abzulenken und auf etwas ganz
anderes hinzulenken, um das es sich eben nicht handelt.
So spricht man heute zum Beispiel von den Gegensatzlichkeiten der
Volker, man fallt Urteile iiber die Volker. Unter uns sollte das ja selbst-
verstandlich nicht sein; aber wir miissen uns manchmal zur Klarheit
bringen, was um uns ist, um einen richtigen Beurteilungsmafistab zu
erwerben. Man fallt also Urteile iiber die Volker und versteht denjeni-
gen nicht, der keine solchen Urteile fallt, sondern einfach beurteilt, was
real ist; denn solche Urteile iiber die Volker treffen niemals die Reali-
tat. Wenn aber einer die Wirklichkeiten beurteilt und dabei dies oder
jenes sagen muiS, iiber diese oder jene Regierung, iiber diesen oder jenen
Mann, iiber etwas, was sich innerhalb dieser oder jener Politik abge-
spielt hat, sei es in einem mehr alltaglichen Zusammenhang, oder indem
er es auf einen hoheren Beurteilungsstandpunkt hinaufriickt, so beur-
teilt man ihn so, als ob er etwas ganz anderes im Sinn hatte, als in Wahr-
heit der Fall ist. Wie leicht kann es vorkommen, dafi jemand etwa ein
Urteil abgibt iiber irgendeinen Staatsmann der Gegenwart, der in die
gegenwartigen Angelegenheiten verwickelt ist. Kommt dieses Urteil
jemandem zu Ohren, der dem gleichen Volke angehort wie der betref-
fende Staatsmann, so fiihlt er sich getroffen; denn er bezieht das, was
auf die Wirklichkeit gemiinzt ist, nicht auf diese Wirklichkeit, sondern
auf irgend etwas, was gar nicht zu definieren ist, wenn man es nicht
im Lichte der geisteswissenschaftlichen Wirklichkeit betrachtet: er be-
zieht es auf sein Volk, wie er sagt, oder auf sonst irgendein Volk.
So kommt es, daft merkwiirdige Urteile heute durch die Welt schwir-
ren. Leute aus bestimmten Volkern beurteilen andere Volker, ohne ein-
zusehen, daft ein solches Urteil iiberhaupt keinen Inhalt hat, daft es gar
nicht iiber die Worte hinausgeht und so zu gar keinem irgendwie er-
lebten Inhalte kommt. Denken Sie doch: Was ist alles notwendig, um
ein Urteil iiber ein ganzes Volk abzugeben - und wieviel wird heute
iiber ganze Volker geurteilt! - Und nicht nur das, sondern man enga-
giert sich gewissermaften innerlich mit seinem Urteil, ohne daft man die
allernotdiirftigsten Unterlagen, die zu einem solchen Urteil notig sind,
auch nur ahnt. Nun kann man nicht von jedem verlangen, daft er die
Unterlagen kennt; wohl aber kann man von jedem verlangen, daft er
seine Urteile mit einer gewissen Reserve abgibt, daft er sie nicht als
absolute Urteile in die Welt hineinstellt. Aber selbst wenn man nicht
so weit geht, so muft man sich klar dariiber sein, welcher Unterschied
besteht zwischen einem inhaltsvollen Urteile, einem inhaltsvollen Satze,
und einem inhaltsleeren Satze. Und man kann sagen: Die grofte Siinde
unserer Kultur besteht heute darin, in inhaltslosen Satzen zu leben,
ohne sich klarzumachen, wie inhaltslos diese Satze sind. - Mehr als zu
irgendeiner Zeit erleben wir heute: «Mit Worten laftt sich trefflich
streiten, mit Worten ein System bereiten.»
Aber wir erleben noch mehr; wir erleben, daft mit Worten, die in-
haltslos sind, Geschichte, Politik gemacht wird, und das ist das Betrub-
liche, daft so wenig Neigung besteht, gerade dieses einzusehen. Nur
selten trifft man auf eine wirkliche Empfindung fur das,um was es sich
auf diesem Gebiet eigentlich handelt. Ich konnte in diesen Tagen auf
Satze stofien, die ein Empfinden fur das grofte Manko unserer Zeit ent-
halten:
« Aber mit Staunen horen wir nun von den Propheten der neuen Zeit,
daft die alten Worte: Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit nur <Hand-
ler-Ideale> waren und durch neue ersetzt werden sollen. - So neulich
von Professor Kjellen, ...»
ich bemerke ausdriicklich, weil das schon in der Gegenwart so notwen-
dig ist: der Professor ist kein Deutscher, sondern ein Schwede, also ein
Neutral er;
«der in seiner Schrift iiber <die Ideen von 1914> den alten Worten
von 1789 die neuen von 1914 entgegenhalt. Er nennt sie Ordnung,
Pflicht, Gerechtigkeit! Genau besehen sind diese angeblich neuen
Worte allerdings auch recht alte, abgebrauchte Worte. Was sich in
dieser Gegeniiberstellung offenbart, ist der uralte Kampf, der das
menschliche Geistesleben charakterisiert, der Kampf zwischen einer
inneren Welt freier personlicher Betatigung und der aufieren Welt
des starren Gesetzes, der Zwangsmafiregeln. Schon zur Zeit Christi
hat die Gerechtigkeit als Gesetzeserfiillung ihr Gegenwort in der
Barmherzigkeit gefunden, so wie die Pflicht in der Liebe, wie die
gesetzliche Ordnung in der freiwilligen Nachfolge.
Allerdings denkt auch Professor Kjellen nicht an eine unbedingte
Abschaffung der mit dem Absterben des <Ancien regime> iiberfliissig
gewordenen Worte Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit, sondern
an eine Synthese zwischen ihnen und den neuen Worten von 1914:
Ordnung, Pflicht und Gerechtigkeit. Auch diese Synthese ware
aber nichts Neues; denn sie hat doch wohl in dem England des 18.
und 19. Jakrhunderts schon so weit eine Verwirklichung erfahren,
als es die Unvollkommenheit aller menschlichen Einrichtungen zu-
lafit.
Dafi in der Gegenwart diese Synthese nicht mehr wirksam ist, be-
weist nur, dafi alle Werte und Gegenwerte mitsamt ihrer zeitweiligen
Synthese zur Phrase werden, sobald der gottliche Funke erlischt, der
sie wahr und lebendig macht. Freiheit, Gleichheit und Briiderlichkeit
bedeuten eine der Formeln, die durch das soziale Gewissen ihre wir-
kende Kraft erhalten - Ordnung, Pflicht und Gerechtigkeit hingegen
setzen, um wirksam zu sein, die suggestive Macht einer Autoritat
voraus. Und da erst, nicht in der Herrschaft einer bestimmten For-
mel, offenbart sich der Mangel, der das Schicksal der modernen
Menschheit im Tiefsten entscheidet: fur die Herrschaft der befreien-
den Werte fehlt bei der Mehrzahl die Kraft des sozialen Gewissens,
fiir die Herrschaft der von aufien bindenden Werte - die Autori-
tat. Werte, die nicht tief in der Entwicklung verankert sind, konnen
sehr rasch zur Phrase werden und dem Mifibrauch verfallen ...»
und so weiter.
Man trifft manchmal das Anschlagen einer so richtigen Empfindung.
Ich brauche nicht besonders iiberrascht zu sein von diesen Worten, die
mir wie eine Oase in der Wiiste des gegenwartigen Phrasenlebens ent-
gegentreten. Sie sind eben niedergeschrieben von einer alten Freundin
von mir, Rosa Mayreder, finden sich in der « International Rund-
schau» im Novemberheft 1916 und weisen hin auf vieles, was ich mit
dieser Personlichkeit vor vielen Jahren gesprochen habe. Ich brauche
daher nicht besonders iiberrascht zu sein, dafi mir dieses entgegentritt;
aber in einer gewissen Beziehung war ich erfreut zu horen, wie eine
solche Personlichkeit weiterdenkt. Wenn sie sich auch nicht zu einer
geisteswissenschaftlichen Auffassung der Welt aufschwingen kann und
bei der unfruchtbaren Kritik stehenbleibt, so muft sie doch sagen:
«Alle Probleme der aufieren Weltgestaltung lassen sich auf eines zu-
ruckfuhren - auf das Machtproblem.»
Wiirde man dies nur beachten, so wiirde man heute viel weniger in
Phrasen leben, als man es tut!
«Im Zentrum aller Handel und Wirren, die in den menschlichen Zu-
standen herrschen, steht der Kampf einzelnerGruppen und Personen
um dieMacht. Dieser Kampf um dieMacht zwischen ganzen Volker-
gruppen oder Staatsgebilden ist jenseits aller Phrasen die wahre Ur-
sache jedes Krieges. Krieg ist von dem Streben nach Macht nicht zu
trennen; wer den Krieg als solchen bekampfen will, miifke vorher
das Prinzip der Macht entwerten - wie es ja sehr logisch das Ur-
christentum getan hat. Die Gestalt aber, unter welcher das Macht-
prinzip in der Gegenwart auftritt, ist schlimmer als je eine zuvor;
denn sie bedroht die menschliche Seele in ihren schonsten und edel-
sten Eigenschaften. Man kann sie als die Mechanisierung des Lebens
durch die technisch-dkonomische Naturbeherrschung bezeichnen. Es
ist das tragische Schicksal des Menschen, dafi er immer der Sklave
seiner eigenen Schopfungen wird, weil er deren Folgen nicht im vor-
aus zu berechnen vermag. Und so geschieht es, daft er auch dort, wo
er mit seinem Scharfsinn und seiner Erfindung die elementaren Ge-
walten, denen er hilflos gegeniiberstehend, in seinen Dienst zwingt,
nur wieder der Sklave der unberechenbaren Wirkungen wird, die sie
durch ihre Verbindung mit dem Machtprinzip gewinnen. Die rao-
derne Technik, die das menschliche Leben urn so vieles erleichtert,
wie die moderne Okonomik, die seine materiellen Mittel so unend-
lich vermehrt, kehren sich als Werkzeuge des modernen Imperialis-
mus gegen das Wesen der Person, indem sie die Menschen, zur see-
lenlosen Masse zusammengeballt, in das Riiderwerk der Interessen
stolen, die das zivilisierte Leben treiben. Auch der Mensch wird
Material und Maschinenbestandteil; so weit er sich dazu eignet, so
weit kann er sich behaupten. Was die verflossene Kulturepoche an
seelischen Werten aufbaute, mufi aber dabei zugrunde gehen. . . .
Gegenwartig ist diese Kultur nur mehr in den Staaten lebendig, die
aufterhalb der imperialistischen Konkurrenz liegen, oder auf dem
Lande und in kleinen Stadten, wo es noch Mufte und Ruhe gibt,
Proportion zwischen Leistungsfahigkeit und Beanspruchung, jene
unerlaftlichen Voraussetzungen einer schonen Lebenskultur, die in
den Zentren der modernen Zivilisation von dem morderischen Wir-
bel des Obermaftes zerstampft werden. ...»
Solche Stimmen sind doch ein Beweis dafiir, daft das, was der Gegen-
wart fehlt, von manchen eingesehen wird; viele sind es ja nicht gerade!
Aber wenn es sich darum handelt, den lebendigen Impuls der Geistes-
wissenschaft zu ergreifen, so schreckt man davor zuriick. Dasjenige,
was vor allem geeignet ist, die Wirklichkeit zu erfassen, will man nicht
an sich herankommen lassen. Das aber hangt im wesentlichen damit
zusammen, daft ein gewisser Grundimpuls des Strebens fehlt, und das
ist der Grundimpuls nach der Wahrheit. Es besteht derTrieb, dieWahr-
heit in Phrasen zu suchen. Mag man diese Phrasen aufnehmen und sich
meinetwillen noch so enthusiasmiert mit ihnen durchdringen: mit die-
sem Triebe kann man niemals die Wahrheit finden, sondern dafiir muft
man den Sinn fur die Tatsachen haben, gleichgultig ob diese Tatsachen
auf dem physischen Plan oder in der geistigen Welt zu suchen sind.
Nun beobachte man heute das Leben: Hat der Trieb nach Wahrheit
Schritt gehalten mit dem Scharfsinn, der in der aufteren Kultur verkor-
pert ist, mit den ungeheuer bewundernswerten Fortschritten, die in
dieser aufieren Kultur verkorpert sind? - Nein. Man kann sogar sagen,
in gewisser Beziehung haben die Menschen den guten Willen verloren,
hinzuschauen, ob denn dasjenige, was in der Wirklichkeit da ist, auch
irgendwie im Wahren wurzelt. Man mufi sich aber dieses Gefuhl fiir
die Wahrheit im alltaglichen Leben aneignen, sonst wird man es nicht
hinauftragen konnen in das Begreifen der geistigen Welten.
Damit Sie sehen, was ich meine, mochte ich Ihnen an einem Beispiel
zeigen, wie auf den Wogen der gegenwartigen Zivilisation nicht nur die
phrasenhafte Luge, sondern die tatsachliche Luge walk und wogt und
ins Leben eingreift. Man kann jetzt auf mancherlei Geschehnisse zu-
riickblicken, die ganz Europa durchbeben. Man mufi Jahrzehnte zu-
riickgehen und in diesen Jahrzehnten genau die Ereignisse in ihren
wesentlichen Charakterziigen kennen, wenn man iiberhaupt ein Urteil
haben will iiber dasjenige, was gegenwartig die Welt durchbebt; aber
man mufi ein Auge haben fiir Wirklichkeiten.
Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dalS in gewissen okkulten
Briiderschaften des Westens, fiir mich nachweisbar in den neunziger
Jahren, von dem gegenwartigen Weltkriege die Rede war, und dafl
dazumal die Schiiler dieser okkulten Briiderschaften unterrichtet wur-
den durch Landkarten, auf denen verzeichnet war, wie Europa durch
diesen Weltkrieg verandert werden sollte. Insbesondere wurde in eng-
lischen okkulten Briiderschaften hingewiesen auf einen Krieg, der kom-
men muE, den man formlich heranlotste, den man vorbereitete. Dabei
weise ich durchaus auf Tatsachen hin; und nur aus gewissen Griinden
sehe ich davon ab, Ihnen Landkarten aufzuzeichnen, die ich Ihnen
leicht aufzeichnen konnte und die in den okkulten Briiderschaften des
Westens durchaus figuriert haben.
Diese okkulten Briiderschaften, mit allem,was sich an sie angliederte,
rechneten auf grofie Umwalzungen, welche im Zusammenhange mit
dem grofien europaischen Krieg, auf den sie hindeuteten, vorzugehen
haben - ich sage jeden Satz mit vollem Bedacht - zwischen der Donau
und dem Agaischen Meere und dem Schwarzen Meere und der Adria.
Und einer der Satze, die da figuriert haben und den ich in gewissem
Sinne wortlich zitieren will, lautet so: Wenn nur ein wenig weiter sein
werden die Traume der Panslawisten, dann wird sich zunachst auf dem
Balkan mancherlei verwirklichen, was im Sinne der europaischen Ent-
wickelung ist - man meinte im Sinne dieser okkulten Briiderschaften.
Das ist solch ein grofies Netz, auf das ich Ihre Seele hinweisen will.
Von den panslawistischen Traumen wurde in diesen okkulten Briider-
schaften immer und immer wieder gesprochen. Nicht von Kulturtrau-
men, die selbstverstandlich voll begriindet waren - wer hatte denn
griindlicher als gerade wir in unserer geisteswissenschaftlichen Bewe-
gung hingewiesen auf dasjenige, was in der Seele des Ostens lebt -,
sondern von politischen Traumen, von politischenUmwalzungen sprach
man. Da nun das Wort der panslawistischen Traume eine solche Rolle
gespielt hat, so kann man sich ein wenig Wirklichkeiten des physischen
Planes ansehen, von denen ich nur ein Beispiel anfuhren will. Es gab
durch Jahrzehnte hindurch ein «Slawisches Wohltatigkeitskomitee»,
welches unter dem Protektorate der russischen Regierung stand. Nicht
wahr, was kann es denn Schoneres geben, als ein «Slawisches Wohl-
tatigkeitskomitee» unter dem Protektorate einer machtigen Regierung?
Ich will Ihnen nun ein kleines Briefchen vorlesen, das mit diesem Ko-
mitee zu tun hat, und das datiert ist vom 5.Dezember 1887. In diesem
Briefchen steht folgendes:
«Der President des Petersburger Komitees der Slawischen Wohl-
tatigkeitgesellschaft hat sich an den Minister der Aufieren mit der
Bitte um Waffen und Munition fur die Expedition Nabokow ge-
wendet.»
Also nicht um Hemdchen und Hoschen fur Kinder, sondern um Muni-
tion fur eine gewisse Expedition, die zusammenhing mit der Erregung
von Revolutionen in den einzelnen Staaten der Balkanlander! Daraus
sehen Sie vielleicht, wie dasjenige, was, nicht wahr, eine Luge ist - die
realisierte Luge -, im offentlichen Leben schwimmt. Ein «Wohltatig-
keitskomitee» - harmlos selbstverstandlich, ja anerkennenswert! - be-
treibt die Geschafte der verschiedenen mit der russischen Regierung
zusammenhangenden revolutionaren Komitees, die die Aufgabe haben,
die Balkanstaaten zu durchwuhlen.
Es ware mir leicht, diese Notizen zu verzehn-, ja zu verzwanzig-
fachen. Vielleicht darf ich noch ein kleines Notizchen hinzufiigen: An
der Spitze einer gewissen Regierung des Balkans stand in dem verhang-
nisvollen Jahre 1914 ein gewisser Herr Paschitsch. Man wird sich an
den Namen wohl noch erinnern. Als noch die Obrenowitsch in Serbien
regierten, war jener Herr Paschitsch aus Serbien in einen andern Bal-
kanstaat verbannt. Man kann fragen, was tat er denn da? Ich will keine
eigene Kritik dieses Herrn geben, aber ich mochte Ihnen wiederum ein
klemes Briefchen vorlesen. Es lautet: «Geheime Mitteilung des Prasi-
denten des Komitees der Slawischen Wohltatigkeitsgesellschaft in
Petersburg an den Konsulatsverweser in Rustschuk, de dato 3.Dezem-
ber 1885 Nr. 4875. » Damit Sie nicht glauben, ich erfinde oder erzahle
eine Anekdote, gebe ich Ihnen auch dieNummer aus dem Aktenfaszikel:
« Auf die Mitteilung des Direktors des asiatischen Departements habe
ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hierbei 6000 Rubel zu iibersen-
den, mit der ergebenen Bitte, diesen Betrag dem serbischen Emigran-
ten Nicola Pasics durch Vermittelung der in Rustschuk lebenden
Witwe Natalie Karawelow zu zahlen. Von dem Empfang und der
Obergabe der Summe wollen Sie uns gutigst benachrichtigen.»
Sie sehen, wie auch diejenigen in den verhangnisvollen Ereignissen Eu-
ropas eine gewisse Rolle spielten, die als die harmlose «Slawische Wohl-
tatigkeitsgesellschaft wirkten. Ware es nicht gut, gewissermafien einen
Instinkt fur die Wahrheit zu entwickeln, indem man die Dinge nicht
gleich in leichtsinniger Weise auf Namen, das heiftt, Phrasen hin an-
nimmt, so wie sie sich aufSerlich geben, sondern den Willen entwickelt,
sie ein wenig zu untersuchen? Andernfalls urteilt man in hochst leicht-
fertiger Weise, und Leichtfertigkeit in der Beurteilung ist dasjenige, was
einen immer mehr von der Wahrheit abbringen mufi. Gegen diese Tat-
sache, daft die Leichtfertigkeit des Urteils von der Wahrheit abbringt,
gibt es nie die Entschuldigung, man habe dies oder jenes nicht gewufit.
Denn das, was wir in unseren Seelen tragen als ein Urteil, ist eine Tat-
sache und wirkt in der Welt, und ein jeder sollte sich bewufk sein, dafi
dasjenige, was er in der Seele tragt, in der Welt wirkt. Zumeist ist es
nur der Widerglanz dessen, was wirkt, weil dasjenige, was wirkt iiber
den breiten Horizont des Lebens hin das Dasein beherrscht.
Man kann heute, das erwahne ich nur nebenbei, die sonderbarsten
Urteile horen tiber die Beziehungen der verschiedenen Staaten. Man
nennt das, um eine Phrase an die Stelle der Wahrheit zu setzen, «Bezie-
hungen der V6lker». Solche Urteile werden gefallt, ohne dafi der Be-
urteilende sich auch nur im geringsten umdieUnterlagen bemiiht, trotz-
dem sie manchmal leicht zu finden waren. Selbstverstandlich soli das,
was ich sage, nicht als eine Charakteristik derjenigen gelten, die mit uns
hier in der Anthroposophischen Gesellschaft vereinigt sind. Aber wir
stehen ja mitten drinnen in der Welt, und mindestens wirkt diese auf
einem hochst verhangnisvollen Umwege auf uns ein, indem wir nam-
lich immer auf uns wirken lassen, was gewisse Leute eine Grofimacht
genannt haben: die Presse! Die Wirkung der Presse ist wirklich die ver-
hangnisvollste, die es geben kann, denn sie verfalscht und triibt im
Grunde genommen alles. Wie wenig wiirde geschrieben, wenn die Leute,
die schreiben, berufen waren zu schreiben! Wer schreibt heute nicht
alles iiber das Verhaltnis von Rumanien zu Rutland oder von Ruma-
nien zu den andern Staaten. Es fallt ihnen nicht einmal ein, dafi die
erste Voraussetzung, um iiber dieses Verhaltnis etwas zu sagen, die ware,
die Memoiren des verstorbenen Konigs Carol durchzulesen.Wer schreibt,
ohne dies getan zu haben, schreibt Dinge, die uberhaupt nicht wert sind,
gelesen zu werden, auch nicht von den primitivsten Menschen gelesen
zu werden.
Die Zeiten sind ernst; deshalb konnen auch nur ernste Welt- und
Lebensanschauungen diesen Zeiten dienen. Und da handelt es sich dar-
um, ein wenig zu empfinden, was ich schon oftmals als eine notwendige
Empfindung charakterisiert habe: vor alien Dingen nicht rasch zu
urteilen, sondern die Dinge nebeneinander zu stellen und sie zu betrach-
ten, damit sie uns etwas sagen. Sie werden uns im Laufe der Zeit allerlei
sagen. Sich mit moglichst vielem bekanntzumachen, ist die beste Vor-
bereitung, um wirklich in die schwierigen und verwickelten Verhalt-
nisse des gegenwartigen Lebens einzudringen.
Ohne damit ein Urteil aussprechen zu wollen, mochte ich einfach
etwas erzahlen und damit andeuten, wie man so etwas, wie ich es jetzt
erzahlen will, hinstellen sollte neben anderes, was geschieht. Es ist ja
bekannt, welche bedeutungsvolle Rolle die rumanische Armee in dem
Russisch-Turkischen Kriege gespielt hat, Nachdem die Russen vorher
gefordert hatten, durch Rumanien durchmarschieren zu konnen, was
ihnen nicht gestattet worden war, trat in diesem Kriege ein Moment
ein, in dem der Groftfiirst Nikolaus, der damals schon eine wichtige
Rolle spielte, in folgender Weise nach Rumanien schrieb: «Kommt
uns zu Hilfe, iiberschreitet die Donau, wie Ihr wollt, unter welchen
Bedingungen Ihr wollt. Aber kommt rasch, denn die Tiirken machen
uns den Garaus.» Dann ist durch das Eingreifen der rumanischen
Armee bekanntlich eine giinstige Entscheidung fur Rufiland herbei-
gefiihrt worden.
Hiernach wollte Konig Carol von Rumanien auch an den Friedens-
verhandlungen teilnehmen. Das liefi man ihn nicht. Da er nun eine
ziemlich energische Stellung gegeniiber der russischen Regierung ein-
nahm, so muftte er eine sehr merkwiirdige Erfahrung machen. In Buka-
rest hielten sich russische Truppen auf, und man konnte sich sehr leicht
uberzeugen, daft die Absicht bestand - bei solchen Zusammenhangen,
wie ich sie Ihnen jetzt angedeutet habe,werden Sie begreifen, daft solche
Absichten bestehen konnten -, den Konig zu entfernen. Und da er ver-
langt hatte, daft die russischen Truppen abziehen, hat ihm der damalige
Minister Gortschakow eine aufterordentlich briiske, eigentlich scheufi-
liche Antwort gegeben. Da hat er nachgedacht - zuweilen denken sol-
che Menschen auch nach - und hat sich damit getrostet, daft wenigstens
der Zar Alexander damit nicht einverstanden sein wiirde und daft die-
ses nur auf Obergriffen des Gortschakow beruhe. So schrieb er denn an
den Zaren und bekam von ihm die Antwort, deren wesentliche Satze
ich Ihnen wortlich vorlesen will:
«Die peinlichen Verhaltnisse, die das Verfahren Ihrer Minister ge-
schaffen, konnten das herzliche Interesse nicht andern, das ich fur
Sie empfinde; ich bedaure, daft ich die eventuellen Maftregeln an-
deuten muftte, zu denen mich die Haltung Ihrer Regierung notigen
wiirde. »
Ich erzahle solch ein Faktum nur, um ein Beispiel zu geben, wie man
die Ereignisse der letzten Jahrzehnte nebeneinanderstellen sollte, damit
einem aus den Ereignissen heraus dieses oder jenes Urteil entgegen-
springen kann. Denn allein die Ereignisse konnen zu einem wirklich
inhaltsvollen Urteile verhelfen, und es sind schon einmal gerade die
Ereignisse der letzten Jahrzehnte von solcher Art, daft sie sich gar nicht
summarisch beurteilen lassen,weil viel zu viele Faden zusammenlaufen.
Aber bei jedem Urteil muft man ferner ins Auge fassen, ob die Beurtei-
lungsimpulse,ob die Perspektiven in der richtigenWeise eingestellt sind.
In dieser Beziehung kann man die allerschmerzlichsten Erfahrungen
machen, und ich selber muft gestehen, daft ich gegeniiber den vielen so
gehauften Unfreundlichkeiten, denen ich in der Gegenwart gerade mit
Bezug auf diese Tatsache begegne, die schmerzliche Empfindung habe,
wie wenig Neigung vorhanden ist in der Welt, Urteile in der richtigen
Weise perspektivisch einzustellen, und wie wenig auch nur der Wille
vorhanden ist, einen zu verstehen, wenn man versucht, die Dinge so zu
beurteilen, um fur sein Urteil die richtige perspektivische Einstellung
zu gewinnen.
Ohne daft ich jetzt meine eigene Meinung nach der einen oder an-
dern Seite hin aussprechen will, muft ich gestehen: ich bin aufierhalb
Deutschlands kaum einem wirklich verstandnisvoll-freundlichen Ur-
teile iiber Deutschland begegnet. Urteilen, die mit einer ungeheuren
Sicherheit abgegeben werden, wohl; aber einem wirklich verstandnis-
vollen Urteile nicht. Dagegen ungeheuer vielen aufterordentlich wohl-
wollenden Urteilen iiber dasjenige, was ringsherum ist. Niemand soil
glauben, daft ich dies als eine Tatsache nehme, iiber die ich mich wun-
dere. Das ist durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, ich wundere mich
gar nicht dariiber, sondern ich versuche nur zu begreifen, warum es so
ist. Es handelt sich eben darum, zu bemerken, daft der Wille, sich per-
spektivisch einzustellen, gar nicht vorhanden ist, daft man nicht ein-
mal ahnt, daft das notwendig ist, daft zum Beispiel das Urteil eine ganz
andere, perspektivische Einstellung braucht, wenn man heute dasjenige,
was in Mitteleuropa wohnt, beurteilen will, als wenn man dasjenige,
was ringsherum wohnt, beurteilen will. Man ahnt gar nicht, was es
heifit, daft in dem, was in Mitteleuropa eingeschlossen ist, jeder einzelne
Mensch als Individuum angegriffen und bedroht ist, so daft es sich da
um menschliche Angelegenheiten handelt, wahrenddem es ringsherum
sich um staatliche und politische Angelegenheiten handelt, und daft das
eine ganz andere Beurteilungsart abgeben muft. Man urteilt so auf
gleich und gleich, mochte ich sagen, was gar keinen Sinn hat in diesem
Falle. Denn man zieht - wie gesagt, ich will keine Meinung abgeben,
nur tiber dasFormale derUrteile sprechen - bei diesenUrteilen nirgends
in der Welt in Rechnung, daft auf ein Volk bezogen wird, was gar nicht
in bezug auf das Volk gemeint ist. Man zieht nicht in Betracht, daft
dasjenige, was man das Britische Reich nennt, ein Viertel der ganzen
gegenwartigen trockenen Erde in seinen Herrschaftsbereich einbezogen
hat, Ruftland ein Siebentel, Frankreich ein Dreizehntel. Das gibt addiert
ungefahr die Halfte der nicht vom Meere bedeckten trockenen Erde!
Ich begreife es, daft sich das Wohlwollen, das sich dieser Seite zuwendet,
selbstverstandlich berechnen laftt, indem man, wie der Mathematiker
sagt, mit einem gewissen Quotienten multipliziert, namlich mit der
Grofte. Man ist ja selbstverstandlich abhangig von dem, was die Halfte
der Erde beherrscht! Ich begreife es. Aber daft man sich das nicht ge-
steht, sondern daft man allerlei moralische Formeln, das heiftt Phrasen
braucht, das ist, was als schlimmer Gedanke in Betracht kommt. In dem
Augenblicke, wo man sagen wiirde: Man kann doch nicht anders, als
mit der Halfte der Erde zu gehen! - in dem Augenblicke ware ja alles
ganz gut. Aber man wird sich wohl hiiten, dies zu sagen. Nur nebenbei
will ich erwahnen, daft Deutschland mit alien Kolonien, die es gehabt
hat, ein Dreiunddreiftigstel des Bodens der Erde besitzt.
Diese Dinge sind durchaus zu beriicksichtigen, und ich frage Sie:
Muft man in das Urteil nicht so etwas einbeziehen? - Dasjenige, was
vorhin in dem Aufsatze «Imperialismus» genannt worden ist, das be-
deutet natiirlich Ausbreitung der Herrschaft iiber die Territorien der
Erde. Der groftte Imperialismus ist selbstverstandlich der britische. Ich
meine, dariiber kann es keinen Streit geben. Ich rede jetzt nicht von
meinen Meinungen, es soil nur auf Tatsachen hingewiesen werden. Ich
bitte, mich durchaus nicht so zu verstehen, als ob ich irgend jemandem,
der einem Volk angehort, in irgendeiner Weise treffen wollte.
Nach dem, was wir geschildert haben, braucht es uns nicht zu wun-
dern, daft das Britische Reich - man muft das doch auch wissen und in
Erwagung ziehen - den grofiten Export gehabt hat und noch hat. Es
trat aber ein merkwurdiger Umstand ein, namlich ein Nachkommen
von Deutschland gegeniiber dem britischen Export. Wenn man in gar
nicht sehr weit zuriickliegenden Jahren die Exportzahlen von Deutsch-
land und diejenigen des Britischen Reiches miteinander vergleicht, so
ist der deutsche Export sehr klein, der britische sehr groft. Nun will ich
Ihnen die Zahlen fur Januar bis Juni 1914 auf die Tafel schreiben.
Wahrend dieser Zeit belief sich der deutsche Export auf 1 045 000000
Pfund, der britische Export 1 075000000 Pfund. Ware, ohne daft der
Weltkrieg gekommen ware, noch ein Jahr iiber die europaische Ent-
wickelung hingeflossen, so wiirde vielleicht beim deutschen Export eine
groftereZahl gestanden haben als beim britischen. Das durfte nicht sein!
Ohne daft man sich mit seinem Gefiihl da oder dorthin engagiert,
kann man die Dinge sehen. Viel wichtiger als die subjektiven Sympa-
thien und Antipathien, viel wichtiger vor alien Dingen als dasjenige,
was in so verheerender Weise durch die Tagespresse pulsiert, ist das,
was einzelne sich um Objektivitat bemiihende Menschen iiber die Er-
eignisse der Gegenwart denken. Ich will in der nachsten Zeit auch vom
okkultistischen Standpunkt noch etwas tiefer auf diese Dinge eingehen.
Ich wiirde jedoch meine Pflicht versaumen, wenn ich einfach so okkul-
tistisch die Dinge beleuchten wiirde, ohne auch auf dasjenige hinzu-
weisen, was auf dem physischen Plan eine Realitat ist. So bequem kann
ich es Ihnen nicht machen, daft ich das Urteil sozusagen nur in ein
Wolkenkuckucksheim hinaufhebe, damit niemandem ein Leid geschehe;
es mufi das, was iiber geistige Verhaltnisse gesagt wird, schon ein wenig
auch auf dasjenige leuchten, was man wissen kann und wissen sollte
vom physischen Plan. Und so lassen Sie mich denn auf etwas hinweisen,
was Sie vielleicht interessieren wird und was bei der nunmehr, wie ich
glaube, selbstverstandlichen Vorurteilslosigkeit der hier befindlichen
Freunde, nicht allzu starken Anstofi erregen wird. Ich mufi eben meine
Pflicht gewissenhaft erfullen und schon auch solcheUnterlagen schaffen.
Es gibt innerhalb der Gegenwart durchaus Leute, die sich bemiihen,
scharf auf die Dinge hinzuschauen, sie so in das Blickfeld zu richten,
wie sie sich zugetragen haben. Man konnte zunachst meinen, alle Leute
seien befangen. Aber es gibt doch Unterschiede in der Befangenheit,
und diese sollte man doch auch etwas ins Auge fassen. Ohne sie empf eh-
len oder ein Lob iiber diese Schrift sagen zu wollen, so mochte ich doch
nur erwahnen die immerhin interessante Tatsache, daft ein Schriftchen
erschienen ist, hier in der Schweiz: «2ur Geschichte des Kriegsaus-
bruches, nach den amtlichen Akten der Koniglich Groftbritannischen
Regierung dargestellt» von Dr. Jakob Ruchti. Diese Schrift weicht gar
sehr von demjenigen ab, was man heute iiberall rundherum auf der
halben Erde findet iiber die sogenannte Schuld der Mittelmachte. Sie
tritt in streng wissenschaf tlicher Form auf, sogar etwas pedantisch, wie
man in historischen Seminarien es macht, und beniitzt als Dokumente
vorzugsweise diejenigen der britischen Regierung. Sie kommt zu einem
Schlusse, den ich aus Riicksicht nicht hier wiederholen will, weil er sehr
abweicht von dem Urteil, das man sonst iiber die europaische Mitte in
der Peripherie zu horen pflegt. Am Schluft steht:
«Aber die Geschichte lafit sich auf die Dauer nicht falschen, die Le-
gende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzu-
halten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen,
auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.»
Diese Schrift, die also im historischen Seminar einer schweizerischen
Universitat entstanden ist, wurde sogar von der Universitat Bern preis-
gekront. Es gibt also heute eine von einer schweizerischen Universitat
preisgekronte Schrift, welche versucht, die Dinge anders darzustellen,
als man sie heute sehr haufig von der Peripherie aus dargestellt findet.
Das ist immerhin doch eine Tatsache, die beriicksichtigenswert ist, denn
niemand wird wagen, das Historische Seminar der Berner Universitat
anzuklagen, etwa bestochen zu sein oder dergleichen.
Ich will noch eine an dere Tatsache anfiihren. Es gibt seit einiger Zeit
eineDiskussion zwischenClemenceau t Mr. Archer undGeorg Brandes -
mit einem Akzent! Vor dem Kriege war man das nicht gewohnt. Georg
Brandes ist Dane, danischer Schriftsteller. Den meisten von Ihnen wird
er bekannt sein, weil er einer der gef eiertsten europaischen Schriftsteller
ist. Glauben Sie ja nicht, dafi ich ihn heute aus besonderer Vorliebe er-
wahne, denn er gehort zu den mir allerunsympathischsten Schrift-
stellern, zu den Schriftstellern, die ich am allerwenigsten leiden kann.
Ich will Ihnen nun ohne weitere Einleitung den letzten Artikel vor-
lesen, den Brandes in Anknupfung an eine Auseinandersetzung mit
Grey, Mr. Archer und Clemenceau geschrieben hat. Aber, wie gesagt,
ich rechne darauf, daft sich das bewahrheite, was ich mit Bezug auf
unseren Kreis vorausgesetzt habe: daft man unterscheiden kann, und
daft man nicht glauben soli, daft ich irgendeinem Volke etwas am Zeug
flicken will. Ich sage ja auch nicht meine Meinung, sondern ich lese
Ihnen nur einen Artikel von Georg Brandes vor. Brandes schreibt:
«Da ich teils in auslandischen Zeitungen, teils in jenen anonymen
Briefen, aus denen die Bliite der danischen Plebs ihren Duft empor-
sendet, auch personlichen Insinuationen begegnet bin, so sei nur fol-
gendes ein fur alle Mai bemerkt: Ich habe die Ehre Mitglied dreier
angesehener Londoner Klubs zu sein, war President des einen, Vize-
prasident des andern, bin Ehrenmitglied dreier wissenschaftlicher
Gesellschaften und Ehrendoktor einer schottischen Universitat. Ich
bin mithin durch starke Bande an Groftbritannien gekniipft, ich bin
Englands literarischer und kiinstlerischer Welt zu tiefem Dank ver-
pflichtet und habe mich stets von britischem Leben und Geist mach-
tig angezogen gefuhlt.
Von seiten des Deutschen Reiches und Osterreich-Ungarns habe ich
niemals auch nur die kleinste Ehrenbezeugung irgendwelcher Art
erhalten, auch nicht das kleinste rote Vogelchen vierter Klasse, ich
war weder je Mitglied irgendeines deutschen Vereins, noch einer
wissenschaftlichen Gesellschaft und habe nie von einer deutschen
Universitat die kleinste Auszeichnung empfangen.»
Ich habe auch nie gehort, obwohl ich vieles in dieser Richtung gehort
habe, daft je irgendeine deutsche Gesellschaft geneigt gewesen ware,
dem Georg Brandes eine Auszeichnung zu geben, wohl aber wacker
uber ihn zu schimpfen!
«Infolge meiner Auslassungen iiber Nord-Schleswig schmaht man
mich seit fast zwanzig Jahren in der deutschen Presse nach Kraften.
Daft ich also bestochen ware, Deutschlands Sache zu verfechten,
lafit sich eigentlich nicht behaupten.»
Das stimmt durchaus! Nun, meine lieben Freunde, das ist eine kleine
Einleitung. Ich fiige noch hinzu: Brandes war intimster Freund von
Clemenceau. Ich selber habe in Osterreich einmal, als die beiden auf
dem Landsitz einer bef reundeten Familie waren, eine Bank angetroff en,
auf der Clemenceau und Brandes, wie man mir erzahlte, in schonster,
liebevollster Eintracht gesessen haben, und auf welcher die beiden Na-
men «Clemenceau und Brandes» eingegraben waren. Man nennt seit
dieser Zeit in dieser schonen schlesischen Einsiedelei jene Bank die
Clemenceau-Brandes-Bank. Georg Brandes hat auch einmal in Buda-
pest einen Vortrag gehalten, bei dem er sagte:
«Ich werde, da ich die ungarische Sprache nicht handhaben kann,
nicht in ungarischer Sprache zu Ihnen sprechen konnen, und da ich
die deutsche Sprache ebensowenig liebe wie Sie selber, auch nicht in
deutscher Sprache sprechen, sondern ich werde den Vortrag in f ran-
zosischer Sprache halten.»
Sie sehen, fur einen Deutschen besteht nicht die geringste Veranlassung,
eine besondere Liebe zu Georg Brandes zu entwickeln. Dieser fahrt fort:
«Dafi ich also bestochen ware, Deutschlands Sache zu verfechten,
lafit sich eigentlich nicht behaupten. Wenn ich unparteiisch ausge-
sprochen habe, was ich fiir Wahrheit ansehe, so diirfte das doch auf
andern Eigenschaften beruhen, als darauf, dafi ich - wie Herr Cle-
menceau mir lappischerweise insinuiert - nach Kaisergunst schiele.»
Ich weifi nicht, ob jetzt, nachdem dieser Satz geschrieben worden 1st,
der eine oder andere Name von dieser Bank gestrichen ist! Brandes
schreibt weiter:
«Mr. Archer geht von dem Grundgedanken aus, dafi einzig die Zen-
tralmachte (gewisse Manner dieser Machte) an dem Krieg schuld
seien und sich auf ihn vorbereitet hatten. - Es ist derselbe Grund-
gedanke, dem man immer wieder bei den Alliierten begegnet: die
unvollkommene Vorbereitung auf den Krieg beweise, dafi der eine
Teil das Lamm, der andere der Wolf sei.
Meiner Ansicht nach beweist der Mangel an Kriegsbereitschaft einer
Festlandsmacht im Sommer 1914 an sich nichts anderes als eine ge-
wisse Sorglosigkeit, Nachlassigkeit,Unordentlichkeit und mangelnde
Voraussicht der verantwortlichen Stellen. Deshalb kann eine Nation
sehr wohl darauf gehofft haben, durch Krieg in den Besitz gewalt-
sam entrissener Provinzen zu gelangen. Man kann sich sehr wohl
vorstellen, dafi solch ein Krieg schon langst als eine heilige Pflicht
von der offentlichen Meinung bezeichnet wurde und dafi man trotz-
dem saumselig genug gewesen ware, sein Militarwesen nicht in Ord-
nung zu halten.
Und was von einer Landmacht gilt, gilt nicht minder von einer See-
macht.
I.
Am 27. November 1911 wurde im englischen Parlament die Anfrage
gestellt, ob das Marokko-Obereinkommen zwischen England und
Frankreich vom April 1904, sei es von der franzosischen oder eng-
lischen Regierung, so ausgelegt werden konne, als begreife es unter
Umstanden militansche Unterstiitzung zu Lande oder zur See in
sich und welches eventuell diese Umstande seien. Die Antwort lief
darauf hinaus, dafi diplomatische Unterstiitzung keine militarische
oder maritime bedinge. Am selben Tag aufierte Sir Edward Grey:
Versuchen wir all den Argwohn in bezug auf heimliche Abmachun-
gen loszuwerden. Wir haben demUnterhaus alle nicht veroffentlich-
ten Artikel des Obereinkommens mit Frankreich von 1904 vorgelegt.
Es bestehen keinerlei andere Verpflichtungen. Wir selbst haben seit
Antritt der Regierung nicht eine einzige heimliche Abmachung ir-
gendwelcher Art getroffen.
Am 3. August 1914 verlas Sir Edward Grey im Parlament u. a. fol-
genden Passus eines Dokuments, das er am 22. November 1912 an
den franzosischen Botschafter in London gesendet hatte: <Sie haben
darauf hingewiesen, dafi im Falle eine der Regierungen ernsten
Grund haben sollte, einen nicht herausgeforderten Angriff einer
dritten Macht zu erwarten, es fiir sie von Gewicht sein konnte, zu
wissen, ob die betreffende Regierung in diesem Falle auf den bewaff-
neten Beistand der anderen rechnen diirfe. Ich bin darin mit Ihnen
einig, dafi, sofern eine der Regierungen ernsten Grund haben sollte,
einen unprovozierten Angriff einer dritten Macht oder etwas (some-
thing^ den allgemeinen Frieden Bedrohendes (eine aufierst dehn-
bare Bestimmung) zu erwarten, sie augenblicklich mit der andern
erortern solle, ob beide Regierungen gemeinschaftlich vorgehen sol-
len, urn dem Angriff vorzubeugen und den Frieden zu erhalten, und
welche Maftregeln sie in einem solchen Falle gemeinsam zu treffen
hatten.> In derselben Rede heifSt es: <Wir sind an der franzosisch-
russischen Allianz nicht beteiligt. Wir kennen nicht einmal die Aus-
driicke, in denen sie abgefafk ist.> »
Brandes setzt in Klammer hinzu: «Eine hochst merkwiirdige Aussage.»
«Im Februar 1913 sagte Lord Hugh Cecil in der Adrefidebatte: Es
ist der Glaube ziemlich allgemein verbreitet, dafi das Land eine Ver-
pflichtung eingegangen sei, nicht gerade einen Traktat, aber eine
Verpflichtung, die sich auf eine vom Ministerium gegebene Versiche-
rung griinde, mit einer bedeutenden bewaffneten Macht in Europa
zu operieren. Mr. Asquith unterbrach hier den Redner mit den Wor-
ten: <Ich fiihle mich zu der Erklarung gezwungen, daft dies unwahr
sei.>
Am 24.Marz 1913 wurde der Premierminister abermals befragt, ob
britische Truppen unter gewissen Umstanden einberufen werden
konnten, um sie am Kontinent zu landen. Er erwiderte: <Wie schon
wiederholt hervorgehoben wurde, hat dieses Land keinerlei der Of-
fentlichkeit und dem Parlament unbekannt gebliebenen Verpflich-
tungen, die es zurTeilnahme an irgendeinem Kriege treiben konnten.>
Stimmte diese Antwort mit der Wahrheit iiberein? Als im folgenden
Jahr neuerlich Genichte auftauchten, antwortete Sir Edward Grey
am 28. April 1914: <Die Sachlage ist jetzt dieselbe, wie sie der Pre-
mierminister in seiner Antwort am 24.Marz 1913 festgestellt hat.>
Auf eine abermalige Anfrage am ll.Juni 1914 erwiderte Sir Edward
Grey: <Es bestehen keine unveroffentlichten Abmachungen, die das
Parlament oder die Regierung in der Freiheit ihrer Entschlieftungen,
ob Grofibritannien an einem Kriege teilnehmen solle, hindern oder
einschranken wiirden.>
Das kann man wohl ohne Obertreibung Sophisterei nennen.
Es bestand doch der Brief an M.Cambon vom 22. November 1912,
der in dem schrecklichen Kanzleistil der diplomatischen Sprache,
aber unzweideutig England zur Teilnahme an jedem militarischen
Wagestiick verband, zu dem Rufiland Frankreich zu bewegen ver-
mochte.»
Der Stil ist in der Tat etwas, das einem fiirchterlich weh tut.
«Und noch merkwiirdiger war der Schluft der Rede des Ministers des
Auftern, der lautete: <Wenn jedoch irgendeine Verabredung getrof-
fen werden mliftte, die es notwendig machen sollte, die Erklarung
des Premierministers vom Vorjahr zuriickzunehmen oder abzuan-
dern, so miifite sie meiner Meinung nach dem Parlament vorgelegt
werden, und ich nehme es als gegeben an, dafi dies auch geschehen
wurde. >
Die ganze Welt weifi, daft es nicht geschah.
II.
Diese aus Parlamentsreden angefiihrten Stellen beweisen, daft Grofi-
britannien auf einenKrieg mit Deutschland nicht unvorbereitet war.
Mr. Archer betrachtet es als ausgemacht, dafi von Deutschlands
Seite einKrieg mit Grofibritannien leidenschaftlich herbeigewiinscht
wurde.
Bekanntlich ist es erwiesen, dafi Englands Kriegserklarung von der
deutschen Regierung so wenig vorausgesehen war, daft sie Bestiir-
zung erregte. Man mag die deutsche Regierung in diesem Punkt naiv
nennen, aber dafi sie peinlich iiberrascht wurde, steht aufier Zweifel.
Kaiser Wilhelm hatte, wie C.H.Norman schlagend nachgewiesen
hat, einigen Grund, auf Englands Neutralitat zu hoffen. Er hatte in
den Jahren 1900-1901 einer europaischen Koalition vorgebeugt, die
England zwingen wollte, den Siidafrikanischen Republiken unter
giinstigen Bedingungen Frieden zu gewahren. Er hatte England seine
Freundschaft bewiesen, indem er sich weigerte, die Deputation des
Burenvolkes, die in ganz Europa gefeiert wurde, in Berlin zu emp-
fangen; er hatte, wie er ausdrucklich in dem bekannten Interview
im <Daily Telegraph> 1908 veroffentlichen liejft, die Aufforderung
Rujllands und Frankreichs abgelehnt, mit ihnen gemeinsam bei Eng-
land Schritte zu tun, um dem Burenkrieg ein Ende zu machen.
Weder Frankreich noch Rutland haben dem je zu widersprechen
gewagt.»
Ich konnte noch manches aus dem Brief jenes «DailyTelegraph» hinzu-
fiigen,was noch viel eklatanter sprechen wiirde als dasjenige, wasGeorg
Brandes hier spricht; aber ich will selber nichts hinzufiigen!
«Besonders erpicht auf einen Krieg mit England war also der Kaiser
damals nicht. Und daft er sechs Jahre nach der Veroffentlichung
jenes Interviews eifrig darauf bedacht gewesen sein sollte, auf ein-
mal mit dem ganzen Erdball in Krieg zu geraten, davon einen den-
kenden Menschen zu iiberzeugen, diirfte nicht leicht sein. Seine Re-
gierung hat falsch gerechnet, hatte die Rechnung ohne den Wirt
gemacht, das ist klar. Aber gewollt hat sie 1914 den Krieg mit Eng-
land nicht, und der unbeherrschte Volkshafi gegen die Englander,
der in so abstofiender Weise in Deutschland zum Ausbruch kam,
entsprang eben der Oberraschung, in Groftbritannien einem uner-
warteten, einem ungemein starken Feind zu begegnen.
Die deutsche Diplomatic tat, was in ihrer Macht stand, um Englands
Neutralitat noch im letzten Augenblick zu erringen. Sie ging tastend
zu Werke. Der deutsche Kanzler bot Sir Edward Goschen an, fur
die Unverletzlichkeit des franzosischen Landgebiets einzustehen fur
den Fall es Deutschland beschieden sein sollte, Frankreich und Rut-
land zu iiberwinden. Sir Edward Grey verhielt sich ablehnend, da
Deutschland die Zusicherung nicht auch auf die franzosischen Kolo-
nien ausdehnen wollte.
Nun fragte Fiirst Lichnowsky, der deutsche Gesandte in London, ob
England zusagen wolle, neutral zu bleiben, wenn die Deutschen die
Neutralitat Belgiens nicht verletzten. Diese Zusage wollte Sir Ed-
ward Grey nicht geben, er wollte freie Hand bewahren. (I did not
think, we could give a promise of neutrality on that condition alone.)
Ob er diese Zusage geben wiirde, falls Deutschland die Integritat
sowohl Frankreichs als seiner Kolonien zusicherte? Nein, er wolle
sich nicht binden. Ob er also selbst die Bedingungen angeben wolle,
unter denen er zum Versprechen der Neutralitat geneigt ware? Auch
das nicht. (The ambassador pressed me as to whether I could for-
mulate conditions on which we would remain neutral. He even sug-
gested that the integrity of France and her Colonies might be gua-
ranteed. I said that I felt obliged to refuse definitely any promise to
remain neutral on similar terms, and I could only say that we must
keep our hands free.)
Wenn Sir Edward Grey hinterher behauptete, Fiirst Lichnowsky
hatte bei diesen Anerbietungen sicherlich seine Vollmacht iiberschrit-
ten, so doch eben nur, weil der britische Minister des Auftern iiber-
zeugt ist und bleibt, daft Deutschland damals eine unbezwingliche
Lust hatte, sich gleichzeitig mit Rufiland, Frankreich, England und
Belgien zu schlagen.»
Verzeihen Sie, daft ich hier doch eine kleine Einschaltung mache. Aus
dem eben Gelesenen geht hervor, daft es nur eines einzigen Satzes von
Grey bedurft hatte, um die Neutralitatsverletzung Belgiens zu verhin-
dern. Ich gebe aber Grey keinerlei Schuld, denn er ist der Hampelmann
vonganz andernMachten,von denen ich spater einmal sprechen mochte.
Im Gegenteil, ich betrachte irm als einen ganz ehrlichen, aber aufier-
ordentlich stumpfsinnigen Menschen; aber ich weift nicht, wie weit es
gestattet ist, heute solche Urteile abzugeben! Es hatte also nur eines ein-
zigen Satzes von ihm bedurft, um die Verletzung der belgischen Neu-
tralist zu verhindern, und hinzugefiigt konnte werden: Es hatte nur
eines einzigen Satzes bedurft, so ware derKrieg imWesten unterblieben.
Das sind Dinge, die die Welt einmal erfahren wird.
Ich denke, daft diese Dinge doch einigermafien schwer ins Gewicht
fallen, denn sie sind Tatsachen. Brandes fahrt fort:
«Wie schon friiher ausgefiihrt und wie es dem gesunden Menschen-
verstand einleuchtet, war Deutschland auf einen deutsch-russischen
Krieg gefafit, falls ein solcher aus dem Einfall Osterreichs in Serbien
entstehen sollte. Es wollte Frankreich (und auch Belgien) unbehelligt
lassen, falls dieses sich neutral verhielte. Allein Frankreich war be-
kanntlich fest entschlossen, Ruftland zu Hilfe zu kommen, eine Poli-
tik, iiber deren Weisheit die Zukunft ihr Urteil fallen wird, die aber
vorlauf ig dahin gef uhrt hat, daft zehn Millionen Menschen die sieben
Tage der Woche damit verbringen, einander klaglich hinzumor-
den. Das englische Ministerium des Auftern hatte heimlich - ohne
Wissen des Parlaments - Grofibritannien verpflichtet, Frankreich
im Falle eines europaischen Krieges zu Hilfe zu kommen. Englands
offentliche Meinung hatte vielleicht, infolge der neuen aber starken
Sympathien fiir Frankreich, diese Verpflichtung, wenn sie bekannt
gewesen ware, gebilligt. Doch sieher wiirde sie den Zwang nicht ge-
billigt haben, in den England versetzt wurde, wenn sie alles gewulk
hatte, sollte doch durch das Verhaltnis Frankreichs zu Rutland, der
einzigen Macht, die bei einem Krieg nichts zu verlieren hatte, Eng-
land zum Kriege gezwungen werden. Rufilands Menschenmaterial
ist so grofi, dafi die Verluste an Menschenleben im Krieg nur wenig
in Betracht kommen, und wiirden die nationalenLeidenschaften ent-
fesselt und fiihrte der Krieg zum Siege, so konnte die konservative
Regierung dadurch nur befestigt werden.
Die offentliche Meinung in GrojRbritannien wiirde, wenn sie um die
politische Lage, wie sie war, Bescheid gewufk hatte, erkannt haben,
da£ der Ausgang des Streites fiir die Freiheit oder das Heil der
Menschheit nichts Gutes verheiften konne. Siegten die Alliierten, so
bahnte dies nur eine ungeheure Steigerung der Macht Rufilands an
den Sieg eines Regierungssystems, das dem Grofibritanniens ent-
gegengesetzt ist. Fiir das russische Volk, das als Volk Europas Herz
gewonnen hat, wiirde dieser Sieg keinen Fortschritt verheiften.
III.
Ich glaube nicht, dafi mein geschatzter Widersacher, Mr. Archer,
den preufiischen Militarismus mehr verabscheuen kann als ich. Er
wird bedingt durch die zwei langen und gefahrdeten Grenzlinien
zwischen Deutschland und Rufiland auf der einen und Deutschland
und Frankreich auf der anderen Seite.»
Bitte, das sagt ein Mensch, der niemals den kleinsten «roten Vogel»
bekommen hat, auch nicht vierter Giite!
«Was ihn Frankreich gegenuber entschuldbar macht, ist dieTatsache,
dafi die Franzosen Berlin wohl an zwanzigmal besetzten, wahrend
die Deutschen nur zweimal in Paris waren. Er wirkt abschreckend
durcli sein Kastenwesen und seinen Hochmut. Doch viel schlimmer
als der Militarismus anderer Lander ist er wohl kaum.»
Sagt Georg Brandes, der nicht den genngsten «roten Vogel» hat, nicht
einmal vierter Giite!
«Europa, auch England, beobachtete seinerzeit in der Dreyfus-
Affare mit Besorgnis, welche Formen der franzosische Militarismus
anzunehmen vermag. Was den russischen Militarismus betrifft, so»
ich sage das mit vollem Herzen selbstverstandlich auch, wie Georg
Brandes!
«schlachteten die idyllischen und liebenswurdigen Russen, fiir die
mein geehrterFreund Wells so schwarmt und die es auch uns anderen
angetan haben, im Jahre 1900 kaltblutig die ganze chinesische Be-
volkerung in Blagovestchensk und Umgebung. Die Kosaken ban-
den die Chinesen an ihren Zopfen zusammen und trieben sie auf
Booten, die sie nicht zu tragen vermochten, auf den Strom hinaus.
Wenn die Frauen ihre Kinder an den Strand warfen und flehten,
wenigstens diese zu retten, spiefiten siedieKleinen auf ihreBajonette.
< Argeres wie diesen Massenmord in Blagovestchensk haben sich auch
die Tiirken niemals zuschulden kommen lassen>, schrieb Mr. F. E.
Smith, der vormalige englische Pressezensor im Jahre 1907, in eben
dem Jahr, in dem England und Rufiland den Traktat vereinbarten,
der Persiens Unabhangigkeit gewahrleistete und untergrub.
Derselbe englische Schriftsteller hat die Schilderung bestatigt, die
der Korrespondent der <Times> seinerzeit vom japanischen Militaris-
mus gab. Am 21. November 1894 stiirmte das japanische Heer Port
Arthur und vierTage lang schlachtete die Soldateska die Zivilbevol-
kerung, Manner, Frauen und Kinder mit auEerster Barbarei: <Vom
Morgengrauen bis in die Nacht hinein vergingen die Tage mit Mord,
Plunderung und Verstiimmelungen, mit jeder denkbaren Art namen-
loser Grausamkeit, bis der Ort ein solches Bild des Entsetzens war,
dafi jeder Oberlebende mit Schaudern bis an seinen Todestag daran
denken wird.> »
Diese Dinge, die der Georg Brandes sagt, der nicht den geringsten
«roten Vogel» vierter Gute hat, die sind natiirlich demjenigen wohl-
bekannt gewesen, der geschrieben hat: «Der Krieg bringt selbst die
Schrecken des Krieges, und man soil sich nicht wundern, wenn eben in
dem Kriege die modernen Mittel gebraucht werden.» Aber ich horte
neulich: gerade dieser Satz meiner Broschiire wiirde mir ganz besonders
veriibelt. Er kann einem nur veriibelt werden von Menschen, die gar
nichts wissen von der Geschichte, und die nicht wissen, wovon eine
solche Sache die Folge ist. Georg Brandes sagt weiter:
«Es kommt also nicht so sehr darauf an, von welcher Nationalist
der Militarismus seine Farbung erhalt, er ist sich uberall ziemlich
gleich. Ich wiinschte, Mr. Archer lase einenVortrag, den Dr. Vdhringer
am 30. Januar 1915 in Hamburg iiberDeutsch-Afrika hielt. Er wiirde
daraus erfahren, was die deutschen Bewohner von Kamerun, etwa
funfzig Damen und Herren, die von der Kriegserklarung uberrascht
wurden, zu leiden hatten, als englische Of f iziere sie einsperren liefien
und dem Befehl von Schwarzen unterstellten, die sie mifihandelten.
Sie litten Hunger und Durst. Baten sie um Wasser, so reichte man es
ihnen in Unratkubeln, und ein britischer Offizier sagte: <Gleichviel,
ob die deutschen Schweine zu trinken haben oder nicht. > Nicht ein-
mal Waschwasser erhielten sie auf der Reise von Lago bis England. »
Ich habe niemanden gelangweilt in meiner Broschiire mit der Erzah-
lung solcher Tatsachen; aber man hat es mir ubelgenommen, daft ich
nicht in denselben Ton einstimme, in den uberall eingestimmt wird.
Nicht dasjenige, was ich in der Broschiire gesagt habe, wurde angefoch-
ten, sondern bemangelt wurde, daft dasjenige nicht in der Broschiire
stand, was ringsumher gesagt wird. Das ist es, was dieser Broschiire
ubelgenommen worden ist, daft nicht so geschimpft worden ist, wie
ringsumher uberall geschimpft wird. Georg Brandes sagt weiter:
«So sieht der englische Militarismus aus. Ist er um vieles besser als
der preuflische, wenn das Nationalgefiihl bei den Englandern wie
bei den anderen Volkerschaf ten der Erde bis zum Wahnwitz iiber-
hitzt ist?
IV.
Mochte nun Mr. Archer und andere hervorragende Manner in und
aufierhalb Groftbritanniens endlich von der ewigen Untersuchung,
in die auch ich hineingezerrt wurde, lassen, wer die Schuld an dem
Krieg trage und an wem sie durch seinen Ausgang gesuhnt werden
miisse, und sich lieber der einzig wichtigen und entscheidenden
Frage zuwenden, namlich, wie man den Ausweg aus dieser Holle
f inde, von der man in Wahrheit sagen kann, wie es in Macbeth heifit:
O horror, horror, horror! Tongue nor heart
Cannot conceive nor name thee . . .
Die Kriegfuhrenden sind unersattlich. Wurde doch in Paris beschlos-
sen, den Handelskrieg bis aufs aufierste fortzufiihren, auch wenn der
Krieg der Waf fen beendet sei. So soil denn die Tollheit nie ein Ende
nehmen?
Der Krieg mufi ja doch auf alle Falle mit einer Obereinkunft schlie-
fien; und da der Krieg wirtschaftlicher Natur war, muS auch die
Obereinkunft eine wirtschaftliche sein. England hat als Freihandels-
macht der ganzen Welt den Weg gewiesen. Abmachungen hinsicht-
lich der Zollfragen werden unausweichlich sein, und man wird not-
gedrungen gegenseitige Zugestandnisse machen, grofiere Freiheit fiir
den Handel anstreben miissen, um schlieftlich zum Welt-Freihandel
zu gelangen.
Ein Mann aus dem Lande, das von Anfang an am schwersten unter
dem Krieg gelitten hat, ein belgischer Fabrikant aus Charleroi,
Mr. Henri Lambert, hat das erlosende, das dem Frieden den Weg
bahnende Wort gesprochen, namlich, dafi die einzige kluge und vor-
aussehende Politik, in diesem Fall Zoll-Politik, die ist, gerecht zu
sein, auch dem Gegenpart das Leben zu gonnen. Er hat darauf hin-
gewiesen, dafi eine dauernde Besserung der europaischen Zustande
sich nur dann erreichen liefie, wenn der den Frieden suchende Teil
zur Abschaffung oder mindestens Herabsetzung der Zolle genotigt
wurde, doch unter dem Zugestandnis voller gerechter Gegenseitig-
keit. Die Abschaffung des Zolls scheint das einzig vernunftige und
wirksame Mittel, um die im okonomischen Wettstreit bekannte
Kampfmethode, die die Englander <dumping> nennen und den Deut-
schen so leidenschaftlich vorwerfen, auszuschliefien.
Zollkonventionen werden auch in dem unwahrscheinlichen Fall un-
ausweichlich sein, daft der Krieg fortgefuhrt wiirde bis zu einem den
Gegner vernichtenden Sieg, fur den noch MilHonen und aber Millio-
nen Menschen drauften auf den Wahlplatzen geopfert werden, oder
daheim an Wunden, Krankheiten und Entbehrungen zugrunde gehen
miifiten. Gesetzt, der Sieger beschlosse (wie es die Pariser Wirtschaf ts-
konferenz verlangt) eine solche Benachteiligung des Oberwundenen
in bezug auf die Zolle, daft er wirtschaftlich hierdurch auf eine nied-
rigere Stufe herabgedriickt wiirde, so ware dies ein Ruckfall der
Menschheit zum System der Volkersklaverei !
Der Unterdriickte wiirde dann selbstverstandlich mit aller Kraft
danach streben, sich wieder aufzurichten, jeden Zwist zwischen den
Siegern ausniitzen und sich binnen einem halben Jahrhundert befreit
haben. Allianzen halten ja doch kein halbes Jahrhundert vor.
Europas friedliche Zukunft beruht demnach auf dem Freihandel.
Der Freihandel ist, wie Cobden sagte, der beste Friedensstifter. Er
scheint noch mehr: der einzig mogliche Friedensstifter. In friiheren
Zeiten stach man alten Pferden, die eineTretmuhle zu drehen hatten,
die Augen aus. So, mit geblendeten Augen gegentiber der Wirklich-
keit rings um sie her, drehen nun die unglucklichen Volker Europas
notgedrungen und freiwillig die Tretmuhle des Krieges.»
Dies ist ein neutrales Urteil, aber von einem Menschen, der nicht urteilt
nach Phrasen, sondern in seinem Urteile eine Anzahl von Tatsachen
gibt und die Moglichkeit zeigt, diese Tatsachen in der richtigen Weise
aneinander abzumessen. Nicht eine Meinung auszusprechen, sondern
hinzuweisen auf das, was not tut in unserer Zeit, wenn Wahrheit ge-
sucht werden soli, das war mein Bestreben. Warum sollte es unmoglich
sein, das Urteil zu suspendieren, wenigstens in der eigenen Seele, wenn
man nicht die Zeit oder nicht den Willen hat, sich um die Tatsachen in
der entsprechenden Weise zu kiimmern? Geisteswissenschaft kann uns
zeigen, daft die Urteile, die heute gefallt werden, die man so haufig in
die Worte eingekleidet findet: «Wir kampfen fur die Freiheit und das
Recht der kleinen Nationen» - wirklich die unverantwortlichsten
Phrasen sind. Denn wer nur ein wenig die Wirklichkeit kennt, der weift,
daft solches Gerede dasselbe ist, wie wenn ein Haifisch einen Friedens-
vertrag eingehen wollte mit jenen Seefischchen, die bestimmt sind, von
ihm gefressen zu werden. Es wird selbstverstandlich nicht gleich ver-
standen werden, vielleicht erst nach einiger Meditation, daft vieles
Reden von heute nichts anderes ist, als wenn man sich hinstellen wiirde
und sagen: Warum gehen die Haifische mit den kleinen Fischen, die sie
fressen wollen, nicht einen Traktat ein liber ein zwischenfischliches -
zwischenstaatlich sagt man namlich heute - Fischrecht? - Die Leute,
die heute davon sprechen, daft ein Friede kommen soil, reden davon,
daft man mit dem Morden erst aufhoren werde, wenn man Aussicht
habe, daft nun immer Friede sei. Man kann sich etwas Tolleres eigent-
lich nicht vorstellen als diese Anschauung, daft man so lange morden
wolle, bis man es durch das Morden dahin gebracht habe, daft kein
Krieg mehr sein werde. Dabei braucht man heute kaum mehr ein
Okkultist zu sein, um zu wissen, daft, wenn dieser Krieg in Europa ein-
mal aufgehort haben wird, nur eine geringe Anzahl von Jahren ver-
gehen wird, und es wird ein viel wiitenderer, viel verheerenderer Krieg
aufterhalb Europas die Welt durchzittern. Aber wer kiimmert sich heute
um diejenigen Dinge, die in der Wirklichkeit liegen? Man hort sich
lieber an, wenn Staatsmanner deklamieren, man musse dies oder jenes
erreichen zur Freiheit und zum Rechte auch der kleinen Nationen. Man
hort es sich sogar an, wenn zu Prasidenten gewordene Advokaten, die
ja zwar ganz geschickte Advokaten waren, um rumanische Prozesse zu
fiihren, in der Toga des Moslemfursten auftreten . . . was man nur nicht
bemerkt, weil man in diesem Falle von «Republik» spricht. Was soil
man dazu sagen, wenn sich die Leute noch Vorlesungen anhoren, die
solche Leute halten iiber kiinstlerische und literarische Dinge, iiber die
Beziehungen der Sagen und Mythen und der literarischen Stoffe von
West- und Mitteleuropa, ganz abgesehen von einer solchen Tatsache,
wie ich sie neulich schon erwahnte: daft jener Maeterlinck Goethe,
Schiller, Lessing und noch andere unter lautem Beifall «mittelmaftige
Geister» genannt hat. Ich will jedoch Ihr Urteil nicht im geringsten
beeinflussen; nur darauf aufmerksam machen, daft zu Urteilen Per-
spektiven notwendig sind, und ganz andere Dinge dazu gehoren, wenn
das Urteil Wahrheit werden soil, als man heute vielfach anwendet.
Man mufi sich doch klar sein dariiber, daft die in Mitteleuropa zu-
sammengedrangte Bevolkerung unter einem ganz andern Gesichtswin-
kel zu beurteilen ist, weil da das Menschliche bedrangt ist, wahrend
dasjenige, was ringsherum ist, wenigstens fur eine lange Zeit noch, bis
gewisse Zustande eingetreten sein konnten, falls der Krieg noch jahre-
lang dauert, nur staatlich und politisch beurteilt werden mulS. Fur
Mitteleuropa handelt es sich um das Geistesgut, um die Seelenentwik-
kelung, um alles das, was durch Jahrhunderte geschaffen worden ist.
Es ware der purste Unsinn, zu glauben, daft es sich in der Peripherie
um ein Ahnliches handeln konnte; es ware eine Gedankenlosigkeit,
etwas Derartiges auszusprechen. Gewifi gibt es uberall manches zu
tadeln, aber es ist etwas anderes, ob man Dinge tadelt - um jetzt Grofies
mit Kleinem zu vergleichen -, die sich in einer eingeschlossenen Festung
zutragen, oder solche, die sich bei einem Belagerungsheer ringsherum
zutragen. Ich habe noch kein Urteil gehort aus der Peripherie, das auf
solche Dinge irgendwie Riicksicht genommen hatte.
Um nicht einseitig zu sein, mochte ich zum Schluft noch auf etwas
hinweisen. Man tut sich da, wo man gerecht sein will, immer etwas
darauf zugute, beide Seiten gleich zu beurteilen, indem man sagt: Da
ist es so - da ist es so -, und so weiter. Aber man stellt sich nie die Frage:
Ist es denn auch wirklich so? - Eine schweizerische Zeitung hat neulich
Artikel veroffentlicht, welche, um nach beiden Seiten gerecht zu sein,
in einer ganz abstrakten Weise darauf hinwiesen, daft da und dort ge-
logen werde. Wenn aber das nicht wahr ware, was da gesagt worden
ist? Es wurde iiber die Verlogenheit im Weltkrieg gesprochen, aber
dieser Artikel ist, gerade durch die Art, wie er geschrieben ist, selbst
ganz verlogen. Ich will Ihnen nun etwas vorlesen - ich mochte sagen,
ich tue es mit Angst und Beben -, was aus einer beliebigen deutschen
Zeitschrift herausgegriffen ist, um denUnterschied zu charakterisieren;
denn das, was ringsherum geschrieben wird, ist ja hinlanglich bekannt,
und es ist hinlanglich bekannt, daft es wahrhaftig nicht aus einem Wohl-
wollen gegen die Volker Mitteleuropas geschrieben wird. Denn selbst,
wo man ein wenig, ich mochte sagen, weniger gepfefferte Urteile fin-
det, da findet man noch immer hinlanglich viel von mehr alsUnfreund-
lichem gegeniiber dem Volkstum, das ja doch Goethe, Schiller, Lessing
und andere hervorgebracht hat.
Nun ist mir zufallig ein Artikel iiber Menschenwiirde von Alexander
von Gleichen-Rufiwurm in die Hande gefallen. Er ist veranlafit da-
durch, daft man die Deutschen Barbaren genannt hat, sogar in der Peri-
pherie jetzt noch Barbaren nennt. Gleichen-Rufiwurm nimmt keinen
besonderen Anstofi daran - er ist der Urenkel Schillers -, daft man das
Wort Barbaren gebraucht. Im Gegenteil, er zeigt ganz nett, was die
Griechen, die Rbmer unter «Barbaren» verstanden haben und sicher
nicht schlimm meinten. Darauf will ich aber nicht eingehen. Er spricht
sich sodann iiber die verschiedenen Volker aus; es ist ein Artikel, wie
man sie heute in grofier Zahl finden kann, geschrieben von Leuten, die
in Mitteleuropa Equivalent waren zum Beispiel mit Maeterlinck. - Sie
verzeihen! Gleichen-Ruftwurm unterscheidet zwischen Volkern und
Regierungen, und er tut das zuweilen mit Worten, die - ich teile sie nur
mit, ich spreche sie nicht selber aus - vielleicht schrecklich sind, wenn
der Leser oder Horer sich als Mitglied des Volkes beleidigt fuhlt; aber
ich glaube, es ist niemand unter uns, der das tut, wir sind alle Anthro-
posophen und konnen so etwas verstehen.
Ich lese ja auch nicht die Worte iiber die Regierungen, sondern ich
lese den Artikel vor, um zu zeigen, wie Gleichen-Ruftwurm, der kein
so beriihmter Mann, aber an Intelligenz etwa gleichwertig ist dem
Maeterlinck, wahrhaftig nicht davor zuriickschreckt, innerhalb der
Festung den eigenen Leuten zu sagen, was ein mutiger, ernsthaft den-
kender und wahrhaftiger Mensch sagt, wenn er den eigenen Leuten
nicht Sand in die Augen zu streuen sucht. Nur ist es selbstverstandlich,
daft dasjenige, was innerhalb der Festung gesagt wird, eigentlich den
Umkreis nicht beriihren sollte, weil es ihn im Grunde genommen gar
nichts angeht. Wenn man einigermaften taktvoll denkt, so wird man
einsehen, was ich damit sagen will. Gleichen-Ruftwurm sagt:
«Das russische Volk ist gutmiitig und sanft, was auch die ihm stam-
mesfremden Kosaken begehen mogen. Die verbrecherische Regie-
rung des Zarentums hat den Krieg herauf beschworen, aber der grofite
Dichter des Landes, Tolstoi, der uns immer verehrungswiirdig blei-
ben wird, hat in ergreif enden Worten Abscheu vom Krieg gepredigt.
Die Greueltaten des franzosischen Pobels, die Torheit seiner Mini-
ster und die bildungsf ernen Aufterungen derPariser Journalisten und
Schriftsteller machen nicht ungeschehen, daft Frankreich das Vater-
land des Heiligen der Nachstenliebe ist, Vincent de Paul, der heute
noch manche Nachfolger hat, und verhindern keineswegs, daft der
groftere Teil des Volkes ebenso arbeitsam wie friedlich gesinnt ist.
England bleibt Shakespeares Heimat, es hat der Welt zarte Dichter,
opfervolle Philanthropen, Philosophen von hochstem Wert ge-
schenkt, trotzdem wird es von Liignern und Falschspielern regiert,
und die Englander, die am selbstbewufttesten von ihrer Kultur den-
ken, haben durch ihre Art der Kriegsfuhrung die Krone scheuftlich-
sten modernen Barbarentums gezeitigt.
Italiens charakterlose Banditenregierung verdient Verachtung. Auch
den Freunden des Landes war Alles, was mit dem 3.1talien zusam-
menhing, unangenehm und widerlich, aber von der alten Kultur,
dem kiinstlerischen Sinn und der Schonheit des Landes haben wir
seit Goethe so reiche Schatze erhalten, daft wir sie unvergessen und
weiter fruchtbringend in unserem Herzen bewahren.
Der Haft unserer Feinde hat vielleicht das Wertvollste an unserem
Wesen gerettet. Die Bitternis, die uns jetzt zuteil wurde, die Erkennt-
nis einer unerhorten Abneigung von alien Seiten her, gleicht der
Warnung, die der Sklave dem Triumphator zuraunen muftte: <Ge-
denke, daft du sterblich bist!>
Sie bewahrt uns davor, auch wenn niedriger Mund sie ausspricht,
daft Hochherzigkeit nicht zur Oberhebung fiihrt, schone Sieges-
freude nicht zur <Hybris> entartet, zu der Vermessenheit, vor der
griechische Dichter ihre Helden warnen.
Schiller, um die Wiirde der Menschen besorgt, meinte, daft adlige
Menschen nicht nur mit dem zahlen, was sie tun, sondern mit dem,
was sie sind.»
Sie sehen, man kann sehr abfallige Urteile haben iiber diejenigen, die
beteiligt sind an den gegenwartigen Ereignissen, und doch nicht darauf
verfallen, ganze Volker zu schmahen. Die Urteile von dieser Art konn-
ten verhundertfacht werden, und wenn man einmal statistisch ver-
gleichen wird, wie vom August 1914 an iiber andere Volker geurteilt
worden ist, wie in Mitteleuropa und wie im Umkreis, so wird sich eine
merkwiirdige geisteskulturgeschichtliche Erkenntnis ergeben! Mittler-
weile ist man ja weit davon entfernt. Mittlerweile beschaftigt sich
Mr. Leadbeater damit, die Verbrecherstatistik von Deutschland und
England miteinander zu vergleichen und schreibt mit groften Buch-
staben in der «Theosophical Review», wievielmal mehr Verbrecher
Deutschland als England hat. Dann weist ihm einer in einer nachsten
Nummer nach, dafi er bei seiner Statistik vergessen hat, eine Zahl ein-
zusetzen, die einfach unter einer andern Rubrik angefuhrt ist, und
welche das alles aus der Welt schlagt. Ich glaube, er fiihrt neunund-
zwanzigtausend Verbrecher an fur England und vergifk hundertsechs-
undvierzigtausend; fur Deutschland fiihrt er alle an. Aber wahrend die
Statistik, die er angibt, um Deutschland als das Land der grofteren Ver-
brecherzahl hinzustellen, mit ganz grofien Buchstaben in der «Theo-
sophical Review» erscheint, steht die Widerlegung in der nachsten Num-
mer ganz hinten mit winzig kleinen Buchstaben. Solche Statistiken wer-
den einmal durch andere Statistiken ersetzt werden, und dann wird
sich doch einiges von dem bewahrheiten, was diese bernische Preis-
schrift «2ur Geschichte des Kriegsausbruchs» sagt:
«Aber die Geschichte lafit sich auf die Dauer nicht falschen, die Le-
gende vermag vor der wissenschaftlichen Forschung nicht standzu-
halten, das dunkle Gewebe wird ans Licht gebracht und zerrissen,
auch wenn es noch so kunstvoll und fein gesponnen war.»
Ich mufite schon solche Dinge vorausschicken, wenn ich ein nachstes
Mai iiber das sprechen will, was ja mancher ersehnt und was, wie ich
nochmals bemerke, eben durchaus nicht so bequem gemacht werden
darf, wie es sich einige vielleicht vorstellen. Ich habe nicht notig, diese
oder jene Meinung abzugeben. Der Okkultist gewohnt sich daran, rein
und unverfalscht Tatsachen anzusehen und sie hinzustellen, und ich
weifi sehr gut, was selbstverstandlich niemand aus diesem Kreise, aber
mancher Auftenstehende heute gleich wieder einwenden wiirde hin-
sichtlich gewisser Greueltaten und anderer Dinge, die man eben ohne
die dafiir erforderliche Perspektive immer wieder erzahlt und auf-
greift. Ich kenne diese Einwande, aber ich weift auch, wie kurzsichtig
es ist, sie zu machen, und wie wenig derjenige, der sie macht, eine
Ahnung davon hat, wie die Dinge wirklich liegen und wie sich die ver-
schiedenen Schuldfragen verteilen.
Als wir den Streit hatten - wenn man es so nennen kann - mit Mrs.
Besant, da brachte es diese fertig, uns alle Schuld zuzuweisen. Sie hat
dazumal, nach der Angabe eines ihr bis dahin Ergebenen, aber damals
von ihr Abgefallenen, nach dem Prinzip gehandelt: Wenn jemand von
einem andern angefallen wird und der Angefallene schreit «zu Hilfe»,
so sagt man dem nach Hilfe Schreienden, er tue etwas Unberechtigtes,
weil er sich nicht freiwillig abschlachten lasse. - Von ahnlicherQualitat
sind auch manche Urteile, die in der Gegenwart gefallt werden. Man
kann in dieser Beziehung die allermerkwiirdigstenErfahrungen machen.
Gutwillige, wohlwollende Menschen, die im gewohnlichen Leben nie
ein solches Urteil fallen wiirden, fallen Urteile dieser Art iiber politi-
sche Dinge, von denen sie nichts wissen. Diesen Menschen f ehlt Klarheit
in ihren Urteilen, und darum handelt es sich als um eine Grundbedin-
gung fur jede Urteilsfindung iiberhaupt, nicht jedoch um die Abgabe
dieses oder jenes Urteils in dieser oder jener Richtung.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 9.Dezember 1916
Heute mochte ich noch einige Bemerkungen zu dem machen, was ich im
letzten Vortrag begonnen habe. Weil es den Wiinschen unserer Freunde
entspricht, werde ich heute und morgen weiter in diese Sache ein-
zudringen versuchen, mufi aber, damit wir uns verstehen und nicht
mifiverstehen, wenn ich die Sache mehr von der geistigen Seite
beleuchten soil, wie das nunmehr zu geschehen hat, einiges voraus-
schicken. Denn wenn man nicht auf gewisse Verhaltnisse des gegen-
wartigen physischen Planes und auf die Zeiten, in denen sich diese Ver-
haltnisse vorbereitet haben, hinzuschauen vermag, ist es nicht moglich,
auf die tieferen okkulten Seiten einzugehen. Sie wissen, dafi es sich
hier nicht um irgendeine Parteinahme, um Sympathien oder Anti-
pathien handelt, sondern um eine Darlegung gewisser Verhaltnisse,
die eben, wie ich gehort habe, manchem zum Verstandnis der gegen-
wartigen schweren Zeit, wtinschenswert ist. Ich will also heute zu-
nachst, soweit es unsere Zeit gestattet, einige vorbereitende Erlauterun-
gen noch geben.
Zunachst miissen wir uns klar daniber sein, daft alles, was aufierlich
auf dem physischen Plane geschieht, abhangig ist von den zugrunde
liegenden geistigen Kraften und Machten. Es ist aber schwierig, die Art
und Weise des Wirkens dieser geistigen Krafte und Machte prazis im
Konkreten kennenzulernen. Denn an gewissen Stellen des physischen
Planes liegen, man mochte sagen, deutHchere Einbriiche der geistigen
Welt vor als an andern Stellen. Ich habe hier ofters darauf hingedeutet,
dafi es gewissermafien Verbindungslinien gibt von der aufieren Welt,
durch die mannigfaltigsten Zwischenverhaltnisse hindurch, zu okkulten
Bruderschaften, und wiederum von den okkulten Briiderschaften hin-
ein in die geistige Welt. Will man dies richtig verstehen, so mufi man
vor alien Dingen ins Auge fassen, dafi da, wo Menschen mit Zuhilfe-
nahme geistig wirksamer Krafte arbeiten, sei es im guten, sei es im
schlechten Sinne, stets mit grofien Zeitraumen gerechnet wird, und dafi
etwas, worauf viel ankommt, dieses ist: die Verhaltnisse des physischen
Planes mit einer gewissen Kaltbliitigkeit zu iiberschauen und sie zu be-
niitzen. Das ist insbesondere dann erforderlich, wenn man sich der vor-
handenen geistigen Strdmungen bedienen will, urn das oder jenes zu
erreichen. Sie werden im Verlaufe memer Darstellungen schon sehen,
inwiefern das eine oder das andere in gutem oder schlechtem Sinne an-
gestrebt oder erreicht wird. Eine Eigentiimlichkeit derjenigen, die sich
geistiger Krafte bedienen, ist diese, daft sie sehr haufig - ich sage sehr
haufig, nicht immer - Griinde haben, nicht selbst auf die Biihne des
physischen Planes zu treten, sondern sich Mittelspersonen zu bedienen,
durch welche gewisse Plane verwirklicht werden konnen. Nun handelt
es sich darum, daft diese Dinge oftmals so geschehen miissen, daft die
andern sie nicht merken. Wir haben ja aus den verschiedenen Betrach-
tungen gesehen, daft die Menschen gewissermaften unaufmerksam sind,
nicht gerne hinschauen auf dasjenige, was geschieht. Diese Tatsache
machen sich viele zunutze, welche sich gewisser okkulter Zusammen-
hange bedienen, um in der Welt zu wirken. Wer nicht so, wie man ge-
wohnlich die Welt betrachtet, sie anschaut, sondern wer mit einem
freien, offenen Blick sich diese Welt anschaut, wird wissen, daft es fur
diejenigen, die sich solcher Mittel bedienen wollen, beeinfluftbare Men-
schen gibt. Und wenn es jemand darauf anlegt, Menschen zu beein-
flussen, und er vielleicht als Okkultist nicht ganz gewissenhaft ist, so
kann er solche Beeinflussungen wohl bewirken.
Nehmen wir ein Beispiel, ich will ganz elementar vorgehen. Sie wer-
den schon sehen, daft uns dieses Elementare zum Verstandnis von Hefer-
gehendem fiihrt. Im Jahre 1889 schrieb Richard Graf von Pfeil, der
sich in Petersburg aufgehalten und umgesehen hat, die folgenden Zeilen
iiber den damals regierenden Kaiser von Ruftland:
«Der Gesamteindruck, den mir Kaiser Alexander III. machte, war
der von mir lange vermutete: daft er absichtlich von seiner Umge-
bung in einem tiefen Mifttrauen gegen Deutschland gehalten werde,
und daft sich dieses Mifttrauen nunmehr derart in ihm eingewurzelt
habe, daft an eine Anderung kaum noch zu denken sei. Er war von
seiner tiefen Friedensliebe mit Recht iiberzeugt, glaubte aber auch
alien diesen seinen Ratgebern und den sonstigen maftgebenden Per-
sonlichkeiten in Rufiland, von denen viele den Frieden durchaus
nicht so wiinschten wie er.»
Sie haben also an hervorragender Stelle einen Menschen, den man so
beschreiben mufi: Er ist beeinflufibar fiir diejenigen, die sich zur Beein-
f lussung an ihn herandrangen, die sich aber nicht selber zeigen, nicht in
den Vordergrund treten wollen. Nehmen Sie an, jemand, der gewisse
Zusammenhange, die sich aus dem Impulse des fiinften nachatlantischen
Zeitraums ergeben, kennt und sie in seinem Sinne oder im Sinne irgend-
einer Gemeinschaft ausniitzen will - was tut der? Er sucht sich an eine
solche Personlichkeit heranzubringen, indem er die Vorstellung er-
weckt, daft es ihm ganz fern liegt, irgendeinen Einflufi zu gewinnen,
so dafi niemand bemerkt, daft er Einflufl gewinnen will. Aber er ge-
winnt diesen Einflufi. Man braucht ja nur zu handhaben gewisse Arten,
seine Satze zu formen, seine Wendungen zu gebrauchen, um in der Lage
zu sein, einfach durch die Formung gewisser Satze, durch das Aus-
sprechen gewisser Worte und durch noch andere Mittel, die ich nicht
schildern will, jemanden in eine bestimmte Richtung zu bringen. Die
Welt wird selbstverstandlich, weil sie bis zu einem gewissen Grade un-
aufmerksam, das heifit, im Urteil mancher Leute gutmeinend ist, darauf
abstellen: Nun, der ist von seiner Friedensliebe mit Recht iiberzeugt;
er glaubt aber auch alien seinen Ratgebern und sonstigen mafigebenden
Personlichkeiten !
Sie sehen, wie leicht so etwas im weitesten Umf ange moglich ist, was
ich, in bezug auf einen andern Fall, von Blavatsky erzahlt habe. Nach-
dem eine Zeitlang jener Mahatma, den man mit dem Signum K.H.
bezeichnet, einen guten Einflu/5 auf sie gehabt hatte, wurde er mittels
gewisser Machinationen durch einen andern ersetzt, der ein Spion war
in den Handen einer gewissen Korperschaft. Dieser war entlaufen aus
okkulten Briiderschaften, in deren hohe Grade er eingeweiht war, so
dafi es ihm moglich war, selber als Mahatma im Hintergrund zu bleiben
und durch die Blavatsky Dinge zu erreichen, die er erreichen wollte.
Durch die Anfiihrung dieser elementaren Dinge will ich Sie nur dar-
auf hinweisen, worauf man aufmerksam sein mufi, wenn man sich ein
Urteil bilden will; denn durch die Art und Weise, wie Geschichte ge-
schrieben wird, wird die Welt vielfach ganz irregefiihrt. Es handelt sich
namlich bei der Geschichtsschreibung wirklich auch um etwas Tieferes.
So an der alleraufiersten Oberflache des physischen Daseins, in der
alleraufiersten Maja mag man sagen: Wenn der oder jener Professor ein
tiichtiger Mann ist und die historischen Methoden kennt, so weift er das
Richtige geschichtlich darzustellen. Das mufi aber durchaus nicht so
sein. Ob man als Geschichtsschreiber das Richtige darzustellen vermag
oder nicht, das hangt davon ab, ob einen das Karma dazu ftihrt, das
Richtige kennenzulernen oder nicht. Darauf kommt es an. Das Richtige
driickt sich eben oftmals nicht in dem aus, worauf man beliebig den
Blick wendet, sondern offenbart sich sehr haufig nur fur denjenigen,
der den Blick an die richtigen Stellen zu wenden vermag. Ich konnte
auch anders sagen: Es offenbart sich fiir den, der durch sein Karma
dahin gefuhrt wird, das Richtige im richtigen Augenblick zu sehen da,
wo sich an einer einzelnen Erscheinung etwas Bedeutsames ausspricht.
Denn oftmals driickt sich an einer einzelnen Erscheinung dasjenige aus,
was auf Jahrzehnte Licht wirft, und wie durch einen Blitzschlag das-
jenige beleuchtet, was wirklich geschieht. Ich will Ihnen nun, um solche
Dinge vorzubereiten, die bei der mehr geistigen Betrachtung besonders
wichtig sein werden, eine kleine Geschichte erzahlen.
In Wien gab es einen Mediziner, es gibt ihn noch, aber jetzt befafit
er sich nicht mehr so mit diesen Dingen, der schon in den achtziger
Jahren in den Grenzen, in denen das berechtigt ist - nicht in dem Aus-
maft, in das es seither durch die Freudsche Theorie getrieben worden
ist -, analytische Psychologie, Psychoanalyse betrieb. Er hat mit seiner
Psychoanalyse gewisse grofie Erfolge gehabt, weil er imstande war,
durch sein besonderes Verfahren allerlei aus den Leuten herauszu-
kriegen durch Katechisation. Zu diesem Arzte kam im Jahre 1886 ein
Mann, der ihm den Anschein erweckte, als ob viel in ihm stecken konne.
Nun hatte er ihn zu behandeln, namentlich als einen nervosen Men-
schen. Es war also fiir einen Arzt, der sich darauf versteht, allerlei aus
dem Seelenleben herauszusuchen, sozusagen ein gefundenes Fressen.
Hier handelte es sich um einen ganz besonders interessanten Fall. Der
Arzt brachte heraus, dafi sein Patient eine in die verschiedensten politi-
schen Stromungen verwickelte Personlichkeit war und dafi er, wie man
so sagt, iiberall seine Nase hineinstecken konnte und seine Finger im
Spiel hatte; er fand, daft der Betreffende auch fiir gewisse Journale
Artikel schrieb, und daft diese Artikel auf den Herrscher des betreffen-
den Staates einen groften Einf Iuft hatten.
Der Patient - Woidarewitsch hieft er - war der sehr spat geborene
Sproftling einstiger Woiwoden der Herzegowina und sagte dazumal
mancherlei. Unter anderem wuftte er auch genau Bescheid, wie die
Faden liefen, als vor dem Beginne des Russisch-Tiirkischen Krieges in
den siebziger Jahren in der Herzegowina und in Bosnien von Rutland
her Netze gesponnen wurden. Unter gewohnlichen Verhaltnissen ver-
rat ein solcher Mensch derartige Dinge nicht; aber wenn der psycho-
analytische Arzt iiber ihn kommt, so kommt mancherlei heraus, was
sonst nicht herauskommt. Und nachdem er ofters katechisiert worden
war, wurde es klar, daft er auch dazumal seine Finger im Spiele gehabt
hatte, als vor der Kriegserklarung, Ende der siebziger Jahre, Konig
Milan und Nikita sich der Tiirkei widersetzten und die Aufstande in
Bosnien und der Herzegowina arrangiert wurden. Von Rutland aus
hatte man dem Nikita und Milan Anlafi gegeben, der Tiirkei den Krieg
zu erklaren. Nicht wahr, aufterlich sagt man dann: die Leute auf dem
Balkan haben sich iiber die schlechte tiirkische Behandlung emport. -
Die mag auch dagewesen sein, das soil nicht geleugnet werden. Ich stelle
nur die Zusammenhange dar und da mufi man sich klar sein dariiber,
daft dieUrsachen oftmals viel weiter zuruckliegen und gemacht werden.
Was nun noch weiter herauskam aus jenem Woidarewitsch, veran-
lafite den Arzt, damals zu einer einflufireichen Stelle seines Landes zu
gehen; denn wenn es sich auch nur um abgebrochene Satze handelte, so
konnte der Arzt, der immerhin ein heller Kopf war, doch allerhand
daraus entnehmen. Er erfuhr von Woidarewitsch, daft der russische
Botschafter in Wien sei und nicht, wie die Zeitungen meldeten, nach
Konstantinopel, sondern nach Petersburg reise. Weiter kam heraus, daft
der russische Minister des Aufteren nicht, wie die Zeitungen sagten, in
ein bohmisches Bad gehe, sondern daft er zu Hause bleibe. Diese beiden
Dinge machten einen sonderbaren Eindruck auf den Arzt: daft der
russische Botschafter in Konstantinopel iiber Wien nach Petersburg
gehe, daft der russische Minister des Aufteren nicht in das bohmische
Bad gehe, sondern in Petersburg bleibe, urn dort den Botschafter zu
empfangen, und dafl die Zeitungen etwas ganz anderes meldeten. Und
da ging es ihm wie ein Blitz durch den Kopf - das sind solche dunklen,
instinktartigen Intuitionen: Diese ganze Sache hangt damit zusammen,
daft in Bulgarien Alexander von Battenberg abgesetzt werden soil. Dem
Arzt war das nicht recht geheuer, und er teilte es an mafigebender Stelle
mit. Aber diese mafigebende Stelle wuftte nichts anderes, als daft der
russische Botschafter in Privatangelegenheiten, wie man sagt, nach
Petersburg gehe, und sie war zufrieden mit solcher Auskunft, wie es
sehr haufig geschieht, weil man eben auch an mafigebender Stelle zu-
weilen von jenem Unaufmerksamkeitsdrang erfullt ist, von dem ich
schon gesprochen habe, und durchaus nicht darauf aus ist, die Dinge
tiefer zu priifen. - Und eine Woche spater muftte der Battenberger
abdanken.
Sie sehen, ein eigentlich recht unbedeutendes Ereignis fur einen Hi-
storiker, aber ein Ereignis, welches im tiefsten Sinne Licht wirft. Und
ware nicht «zufallig», wie man so sagt, der Arzt dahin gelangt, diese
Dinge psychoanalytisch aus jenem Woidarewitsch herauszubekommen,
so waren sie niemals ans Licht gelangt. Allein die Faden des Karma
gehen in sonderbarer Weise, und man weifi einfach durch die Katechi-
sierung, dafi Woidarewitsch, der noch manches andere nach dieser Rich-
tung hin verraten hat, dazu bestimmt war, wenn die ganze Geschichte
in Bosnien und der Herzegowina richtig gelange fur Nachkommen der
alten Woiwoden, dort selber Woiwode zu werden. Aus dem Lichtblitz,
der auf die Sache fiel, weifi man, wie die Faden vom russischen Osten
heriibergingen nach der Herzegowina und Bosnien, und man kann die
Geschichte, die spater eine grofie Rolle gespielt hat, an ihrem Ursprung
erlauschen. Denn jener Woidarewitsch war im Dienste Rufllands von
vornherein an der ganzen Sache beteiligt.
Sie sehen, hier handelt es sich darum, nicht gerade durch Zauberei,
aber jedenfalls dadurch, dafi man die Verhaltnisse des physischen Pla-
nes in der richtigen Weise ausniitzt, ganz bestimmte Ziele zu verwirk-
lichen. Jener Woidarewitsch war nur dadurch, dafi er nervos geworden
war, dahin gekommen, seiner Aufgabe nicht recht zu dienen; denn ihm
war viel eingeflofit worden,und er war zu vielem ausersehen. Sie haben
hier ein eminentes Beispiel dafiir, wie man in der Welt wirkt, indem
man gleichzeitig in bewufiter Weise die Spuren verwischt, auf denen
man wirken will. Sie werden dadurch einen Begriff dafiir bekommen,
dafi die Beurteilung der Weltverhaltnisse doch nicht so leicht ist, wie
man sie sich gewohnlich vorstellt. Denn diejenigen, welche gewisser-
maften hinter den Kulissen der Weltgeschichte in systematischer Weise
mitwirken wollen, die kennen die Art, wie man solche Faden beniitzt,
sehr genau, und sie haben die Kaltbliitigkeit, sie schon in der entspre-
chenden Weise auszunutzen. Und man kann in dieser Beziehung vieles
ausniitzen. Nur der Erkenntnisdrang und der Erkenntniswille konnen
einen dazu fiihren, in den Dingen der Welt klar zu sehen.
Wenn man verstehen will, was nun auch viele unserer Freunde zu
verstehen anstreben, so mufi man ins Auge fassen, was da ist, um be-
niitzt, um ausgeniitzt zu werden. Fassen wir einmal ins Auge, wie die
Stromungen der funften nachatlantischen Zeit hindurchwirken durch
gewisse aufierlich wahrnehmbare Bestrebungen und Tatsachen der ge-
genwartigen Zeit im weiteren Sinne. Da haben wir zunachst im Osten
von Europa das russische Volk, von dem ich schon am letzten Montag
gesagt habe, dafi es ganz Europa gewissermafien ans Herz gewachsen
ist. Im russischen Volke, zusammen mit den verschiedenen andern
Slawenstammen, lebt - ich habe das ja ofters dargestellt - volkisches
Zukunftselement; denn in dem Volkstum, das da als das slawische zu-
sammengefaftt wird, lebt dasjenige, woraus spater einmal der Stoff fur
die Geistesstromung des sechsten nachatlantischen Zeitraums genom-
men werden soli.
In diesem slawischen Element haben wir es erstens mit dem russi-
schen Volk als solchem zu tun, sodann mit den einzelnen Slawenstam-
men, welche zwar differenziert sind gegeniiber dem Russentum, aber
doch sich als Slawen mit den russischen Slawen bis zu einem gewissen
Grade verbunden fiihlen. Aus diesem Zusammenhang geht oder ging
dasjenige hervor, was man heute als Panslawismus bezeichnet, gewisser-
mafien als eine Empfindung der Zusammengehorigkeit im Geistigen,
im Gemiitsleben, im Politischen und im Kulturleben durch alle Slawen
hindurch. Insofern so etwas innerhalb der Volksseele ist, ist es selbst-
verstandlich eine durchaus ehrliche und auch im hoheren Sinne der
menschlichen Evolution richtige Sache, obwohl mit dem Worte «Pan»
heute ein grofier Miftbrauch getrieben wird. Fiir denjenigen, der die
Verhaltnisse kennt, ist es moglich, jene geistige Gemeinschaft, welche
die Slawenseelen in der eben charakterisierten Weise, ich mochte sagen,
durchzittert, «Panslawismus» zu nennen. Von einem «Pangermanis-
mus» zu reden, gleichgiiltig ob es innerhalb oder aufierhalb Deutsch-
lands geschieht, ist ein Unsinn, nicht blofi ein Unfug, denn man kann
nicht alle Dinge in dieselbe Schablone hineinzwangen. Was es nicht
gibt, davon kann man auch nicht sprechen. Es kann einmal irgend
etwas als eine Theorie auftauchen, auch in einzelnen Kopfen spuken;
aber von solchen Dingen unterschieden ist das Reale, das die verschie-
denen Slawenseelen durchzittert und sich differenziert nach den ver-
schiedenen slawischen Volksstammen.
Von dieser Tatsache, daft man es im Osten von Europa mit einem
differenzierten Volkselemente zu tun hat, wissen alle, welche sich seit
dem 19. Jahrhundert ernsthaft mit gewissen okkulten Erkenntnissen
befaftt haben. Daft in dem Slawenelemente jenes Zukunftsvolkische
lebt, das weift der Okkultist und wuftte es immer. Und wenn unter den
Okkultisten der Theosophischen Gesellschaft etwas anderes behauptet
worden ist, zum Beispiel, daft in den Amerikanern dieses Zukunfts-
element fiir die sechste Unterrasse steckt, so beweist das nur, daft diese
Okkultisten keine Okkultisten waren oder sind, oder daft sie anderes
erreichen wollen als dasjenige, was in den Tatsachen vorgesehen ist.
So miissen wir damit rechnen, daft wir es im Osten zu tun haben mit
einem, eine gewisse Zukunft in sich tragenden, wie aus dem Blute her-
auskommenden Element, das zwar heute noch vielfach naiv ist, sich
selbst noch nicht kennt, jedoch prophetisch-instinktiv dasjenige ent-
halt, was sich einmal aus ihm entwickeln soli. In Traumen ist es viel-
fach vorhanden. Und wie wiederum jedem Okkultisten bekannt ist -
ich meine jetzt nicht aufierlich, sondern als Kulturtatsache -, ist in einer
ganz bestimmten Weise als das vorgeschrittenste, kulturell, weil religios
und politisch zugleich, in sich gefestigtste, das polnische Element vor-
geschoben, das sich im wesentlichen dadurch von alien andern Slawen-
stammen unterscheidet, daft es ein einheitliches, in sich gefestigtes Gei-
stesleben hat von einer aufierordentlichen Schwung- und Tragkraft.
Ich will heute nur dies skizzieren, wir werden vielleicht auf diese Dinge
noch weiter eingehen.
Nun stellen wir uns das vor die Seele, was ich soeben charakterisiert
habe. Es gibt, ich mochte sagen wie das Gegenbild zu dem eben Cha-
rakterisierten, den Okkultisten in seiner tieferen Bedeutung wiederum
sehr wohl bekannt, das Geistesleben des britischen Volkes. Ich meine
jetzt die Art des Geisteslebens, wie es sich fur die Welt darstellt aus den
britischen Institutionen, aus dem britischen Volksleben heraus. Dieses
Element tragt vor alien Dingen einen aufterordentlich starken politi-
schen Charakter in sich, ist im eminentesten Sinne politisch veranlagt.
Eine Folge davon ist, dafi aus diesem Element das von der ganzen
iibrigen Welt so sehr bewunderte politische Denken hervorgegangen ist,
gewissermafien das fortgeschrittenste, das freieste politische Denken.
Und iiberall, wo man in den iibrigen Gegenden der Erde nach politi-
schen Einrichtungen gesucht hat, innerhalb deren Freiheit wohnen
kann, so wie man sie seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bis in das
19. Jahrhundert herein verstehen lernte, da machte man Anleihen bei
britischem Denken. Die Franzosische Revolution am Ende des 18. Jahr-
hunderts war eigentlich mehr eine Gefuhlssache, war mehr ein Leiden-
schaftsimpuls, und dasjenige, was darinnen an Gedanken war, war
heriibergetragen von britischem Denken. Die Art und Weise, wie man
die politischen Begriffe formt, wie man politische Korperschaften glie-
dert, wie man den Volkswillen in moglichst freie politische Organisa-
tionen leitet, so dafi er von alien Seiten wirken kann, das kommt seiner
urspriinglichen Anlage gemafi in diesem britischen politischen Denken
zum Ausdruck. Daher die so vielfache Nachahmung der britischen
Institutionen bei den aufstrebenden Staatswesen des 19. Jahrhunderts.
An vielen Stellen hat man etwas heruberzunehmen versucht von der
britischen Art, parlamentarisch zu leben, parlamentarische Einrich-
tungen zu treffen, denn in dieser Beziehung ist das britische Denken
der Lehrmeister der neueren Zeit.
Innerhalb des 19. Jahrhunderts, sagen wir bis in die letzten Jahr-
zehnte des 19. Jahrhunderts hinein, kam nun gerade innerhalb Englands
dieses politische Denken zum Ausdruck auch in politisch aufierordent-
lich bedeutenden Personlichkeiten, welche ihre Gedanken ganz im
Sinne dieses politischen Denkens formten. Und da zeigte sich vor alien
Dingen eines: daft man mit diesem politischen Denken das Heil der
Welt bewirken konnte, wenn man sich nur ihm hingeben wiirde und
nichts anderes als dieses politische Denken in den aufieren Einrichtun-
gen der verschiedenen Korperschaften sich ausleben liefie. Daher er-
scheinen Personlichkeiten, welche vielleicht nach der einen oder andern
Richtung einseitig, aber mit ihren Gedankenformen nur im Sinne dieses
politischen Denkens sich orientieren und die versuchen, in dieser Weise
zu wirken, als ganz hervorragende, zugleich moralische Personlich-
keiten. Ich erinnere an Cobden, an Bright und so weiter, um Grofiere,
die sonst genannt werden, nicht zu nennen; denn auf diesem Gebiete
ist es sehr leicht moglich, abzuirren, sobald man an eine recht hervor-
ragende Stelle gestellt wird. Deshalb nenne ich solche, die nach keiner
Richtung hin abgeirrt sind, sondern die wirklich bedeutend sind in dem
Sinne, wie ich das jetzt meine. Es konnten aber noch viele andere Na-
men genannt werden. Dieses, was ich eben charakterisiert habe, ist
wirklich als ein Impuls bis zu den neunziger Jahren des 19.Jahrhun-
derts dort vorhanden gewesen, und es ist in einem gewissen Sinne das
Gegenbild zu dem, was ich friiher charakterisiert habe als im Slawen-
volk liegend. Denn diese Art, Gedanken zur politischen Orientierung
zu bilden, ist so recht im Charakter der funften nachatlantischen Pe-
riode gelegen. Da gehort es hinein, da mufi es ausgebildet werden. Und
von den Menschen, von denen ich gesprochen habe, ist es in der rich-
tigen Weise ergriffen worden. Wir haben also auf der einen Seite das-
jenige, was durch Verstand, durch Klugheit, durch politische Moral
zum Vorschein kommt, auf der andern Seite dasjenige, was tief, nicht
nur in den Gemiitern, sondern im Blute als zukunftsvolkisches Element
veranlagt ist.
Wir miissen uns nun klar dariiber sein, daft dasjenige, was ich Ihnen
jetzt erzahle, nicht blofi meine Weisheit ist, sondern dafi es bei den
Leuten, die sich um diese Dinge kiimmern, im ganzen 19. Jahrhundert
so angeschaut worden ist, wie ich es jetzt geschildert habe. In jenen
westlichen Briiderschaften, namentlich von denen ich Ihnen erzahlt
habe, lebte eine ganz genaue Kenntnis des Geschilderten wie auch des
Zusammenhanges dieser Dinge mit der Evolutionsstromung des funften
nachatlantischen Zeitraums und dem Ubergang in den sechsten nach-
atlantischen Zeitraum hiniiber. Und es lebte bei einzelnen der Wille -
wir werden noch sehen, inwiefern im guten und im bosen Sinne -, die
entsprechenden Krafte zu beniitzen. Denn das sind ja wirklich vor-
handene Krafte: auf der einen Seite das Talent zu einem solchen
Denken, auf der andern ein entsprechendes zukunftsvolkisches Ele-
ment.
Wer nun so etwas beniitzen will, der kann es beniitzen. Es lebt na-
tiirlich auch nicht blofi dasjenige, was ich geschildert habe - das sind
Stromungen -, sondern daneben sind andere Stromungen, und man
mufi nach und nach auch auf diese andern Stromungen hinweisen. Es
gibt in der Welt Mittel, um, ich mochte sagen, Suggestionen im Grofien
auszufiihren. Wenn man Suggestionen im Grofien ausfiihren will, mufi
man irgend etwas in die Welt setzen, was Eindruck macht. So gut wie
man einen einzelnen Menschen suggestionieren kann, wie ich es Ihnen
geschildert habe, so kann man, indem man die entsprechenden Mittel
anwendet, ganze Gruppen von Menschen suggestionieren, besonders
wenn man weifi, was diese Gruppen von Menschen konkret zusammen-
bindet. Man kann die Kraft, die in einem einzelnen Menschen ist, in
eine gewisse Richtung lenken. Er kann dann von seiner tiefen Friedens-
liebe iiberzeugt sein, aber das, was er tut, tut er, weil er von irgendeiner
Seite suggestioniert wird: er ist ganz anders, als dasjenige ist, was er tut.
So kann man es aber, wenn man die notigen Kenntnisse hat, mit den
Gemutern ganzer Gruppen machen, man mufi nur die entsprechenden
Mittel wahlen. Man mufi sozusagen eine Kraft, die lebt, aber eine un-
bestimmte Richtung hat, wie die Kraft in gewissen Slawenstammen,
durch eine Suggestion im Grofien in eine bestimmte Richtung schieben.
Nun gibt es eine solche Suggestion im Grofien, die ganz wunderbar
gewirkt hat, wirkt und weiter wirken wird: das ist das sogenannte
«Testament Peters des Grofien». Sie kennen die Geschichte Peters des
Grofien, Sie wissen, wie dieser Peter der Grofie bemiiht war, westliches
Leben in Rufiland einzufiihren. Das brauche ich Ihnen nicht zu schil-
dern, Sie konnen es in jedem Konversationslexikon nachlesen. Ich will
hier nicht aufiere Geschichte schildern, auch nicht fur das eine oder
andere Sympathien entwickeln, sondern nur, zunachst in elementarer
Weise, auf gewisse Tatsachen hinweisen. Nun gilt vieles von jenem
Peter dem Groflen, nur das nicht, daft er jenes Testament verfaftt hat.
Dieses Testament ist in bezug auf Peter den Groften eine Falschung, es
riihrt nicht von ihm her, sondern erschien einmal, wie solche Dinge
erscheinen, aus allerlei Untergriinden heraus. Es wurde in die Mensch-
heitsentwickelung hineingeworfen, war einmal da, hat nichts zu tun
mit Peter dem Groften, wohl aber mit andern Untergriinden, und wirkt
iiberzeugend, denn es vindiziert Rutland - ich sage nicht: dem slawi-
schen Volke, sondern Ruftland - seine Zukunft in der Weise, daft sich
Rutland auszudehnen hat iiber den Balkan und iiber Konstantinopel,
iiber die Dardanellen und so weiter. Das alles steht in dem Testament
Peters des Groften. Man wird so beriihrt von diesem Testament Peters
des Groften, daft man sich sagt: Die Sache ist wahrhaftig keine Stiim-
perei, sondern sie ist mit einem groften, genialischen Zug in die Welt
gesetzt! - Ich denke noch immer zuweilen daran, welchen Eindruck
dieses Testament Peters des Groften einmal machte, als ich in einem
Lehrkurse, den ich zu halten hatte, es gleichsam seminaristisch mit ein-
zelnen Schiilern durchnahm, um zu zeigen, welches die Tragweite der
einzelnen Paragraphen dieses Testaments und ihr Einfluft auf die Kul-
turentwickelung Europas ist.
Nun handelt es sich, wenn man durch so etwas wirken will, immer
darum, daft man nicht bloft eine Stromung erregt, sondern die eine
Stromung immer durchkreuzt sein laftt von einer andern, und sich diese
beiden Stromungen in irgendeiner Weise gegenseitig beeinflussen. Man
erlangt namlich nicht viel, wenn man mit einer Stromung gewisser-
mafien nur geradeaus lauft; sondern man mufi manchmal von der Seite
her ein Licht werfen konnen auf diese Stromung, damit sich manches
verwirrt, damit sich manche Spuren verwischen, damit sich manches in
ein undurchdringliches Dickicht hinein verliert. Dieses ist sehr wichtig.
Daher kommt es auch, daft gewisse okkulte Stromungen, welche sich
diese oder jene Aufgabe setzen, sich zuweilen ganz entgegengesetzte
Aufgaben setzen. Diese entgegengesetzten Aufgaben wirken so, daft
gewissermaften alle Spuren verwischt werden. Ich kbnnte auf eine
Stelle in Europa hinweisen, auf die einmal in einer bestimmten Zeit, als
es sich um Bedeutungsvolles handelte, sogenannte Freimaurerei, soge-
nannte geheime Gesellschaften einen groften Einflufi hatten, das heiftt,
es handelten gewisse Menschen unter dem suggestiven Einflufi gewisser
Freimaurergesellschaften, hinter denen aber ein okkulter Hintergrund
war. Dann handelte es sich darum, diese Spuren an dieser Stelle unklar
zu machen. Daher leitete man an dieselbe Stelle etwas jesuitischen Ein-
flufi, so dafi sich freimaurerischer und jesuitischer Einfluft trafen, denn
es gibt durchaus hohere Stellen, die ebensogut Freimaurer wie Jesuiten
sind, Imperien, die sich sowohl des Instruments des Jesuitismus wie der
Freimaurerei bedienen konnen, urn durch das Zusammenwirken beider
zu erreichen, was sie erreichen wollen. Man darf nicht glauben, daft es
nicht Menschen in der Welt geben kann, die beides zugleich sind:
Jesuit und Freimaurer. Diese sind eben dariiber hinaus, blofi nach der
einen Seite hin zu wirken. Sie wissen, wie man die Verhaltnisse von
verschiedenen Seiten her anfassen mu£, wenn man sie in eine bestimmte
Richtung schieben will. Ich sage das, um, wiederum in elementarer
Weise, auf gewisse Zusammenhange hinzuweisen.
Nun, Peter der Grofie - kommen wir noch einmal zu ihm zuriick -
fiihrte Westliches ein in Rutland. Vielen echten Slawenseelen ist alles,
was gerade Peter der Grofie als westliches Element nach Ruftland ge-
bracht hat, tief verhafit, sie haben eine tiefe Antipathie dagegen. Das
ist wohl besonders stark geworden wahrend dieser Kriegszeit, war aber
immer vorhanden. Auf der andern Seite existiert das Testament Peters
des Grofien, das zwar nicht von ihm ist, sondern irgendwie aufgetaucht
ist, und das zu gleicher Zeit geeignet ist, sich jetzt nicht eines einzelnen
Menschen suggestiv zu bedienen, sondern ganzer slawischer Zusammen-
hange, eine grofte Suggestion auf ganze Volksmassen hin auszuiiben, in
denen zugleich die Antipathie gegen den Westen lebt, der ihnen sym-
bolisiert ist in dem Namen Peters des Grofien. Wir haben da in einer,
ich mochte sagen, historisch genialen Weise zwei Dinge zu gleicher Zeit:
Sympathie mit dem Testament Peters des Grofien und Antipathie mit
allem Westlichen - sehr schon durcheinander wirkend, so durcheinan-
der wirkend, daft diese Durcheinanderwirkung eben aufierordentlich
wirksam werden kann. Damit haben wir auf eine andere Seite dieser
Stromung im Osten hingewiesen. Ich werde im weiteren Verlauf zeigen,
wie, nachdem man jahrelang eine solche Stromung vorbereitet hat, sie
dann von einem bestimmten Momente an beniitzt werden kann. Dann
hat man eine solche Stromung, in die man gleichsam zwei Neben-
stromungen hat hineinlaufen lassen. Man rechnete, sagte ich gleich
im Eingang, mit langen Zeitraumen. Hat man eine solche Stromung
gerichtet, so dafi sie zu etwas geworden ist, so kann sie dann beniitzt
werden.
Wir wollen uns aber noch in anderer Weise vorbereiten. Ich mochte
Ihnen eine andere Stromung zeigen, die nun im Westen neben derjeni-
gen einhergeht, die gewissermafien das bisher reifste politische Denken
fiir den fiinften nachatlantischen Zeitraum aus sich heraus hervor-
gebracht hat. Diese andere Stromung hat sich mehr im Okkulten ge-
halten und nur zuweilen, hineingeheimniftt in allerlei of fentliche Wirk-
samkeiten, ihren okkulten Untergrund gezeigt. Da mufi ich wiederum
auf gewisse okkulte Briiderschaften des Westens hinweisen, welche sich
vor alien Dingen dadurch charakterisieren, dafi sie solche Verhaltnisse,
wie ich sie jetzt geschildert habe, genau kennen und ihre Schiller da von
unterrichten, wie es um die fiinfte, um die sechste nachatlantische Ent-
wickelungsperiode steht und was da fiir Krafte mitspielen: wie das
eine als Klugheitselement, das andere als volkisches Element wirkt,
und die zugleich ihren Schiilern zeigen, wie man solche Dinge zu dem
einen oder andern beniitzen kann.
Nun ist bei solchen okkultistischen Richtungen, die sich, wie gesagt,
in Briiderschaften ausleben, eine Grundlehre diese, dafi dasselbe, was
das romische Volk fiir die vierte nachatlantische Zeit war, die englisch
sprechenden Menschen fiir die fiinfte nachatlantische Zeit sind. Das ist
eine Grundlehre bei diesen okkulten Verbriiderungen, und zwar sagt
man, es miisse unter alien Umstanden mit folgendem gerechnet werden:
Das lateinische Element ist dasjenige, auf das zuerst der Blick gerichtet
werden mufi. Es bringt sich in den verschiedenen romanischen Kulturen
und Volkerschaften zum Ausdruck - ich lehre nichts von mir aus, son-
dern wiederhole nur die Lehre, die da immer gegeben worden ist - und
ist dazu bestimmt, immer mehr und mehr in den Materialismus der
Wissenschaft, in den Materialismus des Lebens, in den Materialismus
der Religion zu versinken. Um das braucht man sich als solches nicht
zu kummern, denn das wird sich selber durch die Dekadenz, in die es
fallt, auflosen. Man raulS also, sagt man, sein Hauptaugenmerk darauf
richten, dafi dasjenige, was man die lateinische Rasse nennt, in voller
Auflosung begriffen ist, ein untergehendes Element ist, und dafi man
die Aufgabe hat, mit Bedacht alles so einzurichten und zu unternehmen,
damit das lateinische Element untergehe.
Diese Anschauung geht so weit, dafi man sagt: In alle politischen
Impulse, aber auch in alle okkulten und religiosen Impulse miissen die-
jenigen Krafte aufgenommen werden, die das lateinische Element auf
die schiefe Ebene hinunterfiihren. Dabei darf man selbstverstandlich
auflerlich zeigen, was man will; aber was dazu dient, die Welt von
diesem lateinischen Element gewissermafien leer zu machen, mufi unter-
stiitzt werden. Man sagt, es ist eben dem fiinften nachatlantischen Zeit-
raum die Aufgabe zuerteilt, es vor seinem Ende so weit zu bringen, dafi,
ebenso wie am Ende des vierten nachatlantischen Zeitraums, alles von
der romanischen Kultur durchdrungen war, am Ende des fiinften vom
Westen her alles durchdrungen sein muft von der Kultur, welche sich
ergeben soil aus den englisch sprechenden Volkern. - Ich spreche nur
von dem, was als Lehre vorhanden war und vorhanden ist in jenen
okkulten Bruderschaften, und was in entsprechender Weise heraus-
geleitet werden kann und herausgeleitet worden ist. Daneben wurde
immer gelehrt, dafi ebenso wie das germanisch-britische Element, wie
man dort sagt, den Romern entgegentrat, so das slawische Element dem
englischen Element entgegentreten wird, denn das ist der Gang der
Welt. Nur findet gewissermafien eine Umdrehung um einen Winkel
von neunzig Grad statt. Wahrend das romanische Element vom Nor-
den her impulsiert wurde, findet nun der Impuls vom Osten her nach
dem Westen statt.
Wir miissen uns nun klar sein, dafi in vielem, was nun offentlich ge-
lesen werden kann, was gedruckt wird, was sonst irgendwie hinein-
sickert in das menschliche Zusammenleben, solche Dinge hineinfliefien.
Man hat schon die Mittel und Wege, sie so einfliefien zu lassen, dafi
man das nicht erkennt, was ich jetzt erzahlt habe. Denn denken Sie,
wenn in gewissen Gegenden bekannt wiirde, was ich erzahlt habe - es
ware natiirlich undenkbar! Man sagt eben die Dinge anders; es handelt
sich ja darum, dafi man einen suggestiven Einflufi ausiiben kann. Und
man tut sagend und sagt tuend, und man kann oftmals dasjenige tun,
was entgegengesetzt ausschaut von dem, was eigentlich geschehen soli
und was man wirklich tut.
Betrachten Sie solche Dinge, wie ich sie jetzt skizzenhaft geschildert
habe, wie eine Art geistiger Atmosphare; denn daft sie eine Art geistiger
Atmosphare sind, dafiir wird schon gesorgt. Man kann da oder dort
etwas recht Harmloses lesen, aber zwischen den Zeilen - und dieser
Begriff «zwischen den 2eilen» kann dabei etwas recht Reales sein -
liest man etwas ganz anderes mit, erfahrt etwas ganz anderes, schaut
etwas ganz anderes an. Nun sind die Menschen hineinversetzt in diese
Atmosphare, ihre Gedanken bilden sich danach. Manchmal nehmen die
Gedanken der gescheitesten Leute ganz besondere Formen an. Will
man also Menschen beurteilen, wie sie denken, so geniigt es nicht, den
Enthusiasmus der Unaufmerksamkeit zu entwickeln, von dem ich jetzt
ofters gesprochen habe, sondern man mufi aufmerksam sein fur das,
was als Atmosphare da ist, in der die Menschen leben. Denn das ist
etwas Konkretes, nicht jenes Nebulose, Abstrakte, von dem viele Leute
reden und was sie Einfluft des Milieus nennen, wie zum Beispiel Eucken,
der vom Einflufi des Milieus spricht und nicht bemerkt, dafi er bei sei-
ner ganzen Charakteristik auf der einen Seite sagt: Das Milieu macht
den Menschen -, und auf der andern: Das Milieu wird von den Men-
schen gemacht -, was nichts anderes heifit als: Ich will mich an meinem
eigenen Haarschopf in die Hohe heben. - Von diesem Gesichtspunkte
aus mufi man das Darinnenstehen der Menschen ansehen in dem, was
man als Milieu bezeichnet. Dieses Milieu geht eben ganz konkret aus
gewissen Stromungen hervor. Es ist nicht das Unbestimmte, das viele
Leute meinen.
Nehmen wir wiederum einen konkreten Fall. Sie miissen verzeihen,
aber ich sagte Ihnen schon letzten Montag: Bequem kann ich es Ihnen
nicht machen, Sie miissen auch auf einzelne Dinge eingehen -, den Zu-
sammenhang werden Sie morgen einsehen. Ich mochte Ihnen einzelne
Stellen vorlesen aus einem Briefe, den Mitrofanoff, Geschichtsprofes-
sor in St. Petersburg, Mitte April 1914 geschrieben hat an einen Deut-
schen, der sein Lehrer war und mit dem er befreundet geblieben ist.
Diesen Mitrofanoff miissen Sie sich also als in den verschiedenen Stro-
mungen drinnenstehend denken. Im April 1914 schreibt Mitrofanoff
einen Brief, in dem folgende Stellen vorkommen:
«... die Mifistimmung gegen die Deutschen ist in jedermanns Seele
und Munde, und selten, diinkt es mir, war die offentliche Meinung
einstimmiger.»
Eine besonders interessante Stelle ist nun die folgende. Ich bitte Sie, auf
diese Stelle recht achtzugeben, aber nicht wegen des Namens, der darm
vorkommt; man kann Sympathien oder Antipathien haben in bezug
auf diese Personlichkeit. Ich will nur auf das Formale, was da lebt, auf-
merksam machen.
«Es ist vielleicht der grofite politische Fehler Bismarcks gewesen,
daft er nicht mehr russisch sein wollte, als es die russischen Diploma-
ten waren, welche aus Schwache und Unverstandnis die Interessen
ihres Vaterlandes auf dem Kongresse schnode preisgaben.»
Denken Sie sich, das ist doch ein herrliches Verlangen! Der Mann wirft
dem Bismarck vor, er hatte russischer sein sollen als die russischen
Staatsmanner, die damals auf dem Berliner Kongrefi waren! Deshalb
muB man die Landsleute dieses Bismarcks hassen! Uber die Sache mag
jeder denken, wie er will; aber dieser Satz ist jedenfalls etwas aufter-
ordentlich Originelles. Gerade weil der gute Professor von St. Peters-
burg sich solchen Gedanken hingibt, kann er auch folgendes schreiben:
«Als Reaktion» - gegen dasjenige, was als Dreibund in Mitteleuropa
entstand - «wurde der Zweibund geschlossen, und Rufiland wurde
dadurch mit dem rachedurstigen Frankreich verbunden, anstatt dem
Dreibund zuzugehoren.» . . . «Fur Rufiland ist die Balkanfrage keine
guerre de luxe, kein abenteuerlicher Traum der Slavophilen: ihre
Losung ist eine unzweifelhaft okonomische und politische Notwen-
digkeit. Das ganze russische Budget ist auf der Ausfuhr nach dem
Auslande basiert; wird die Kommerz-Bilanz passiv, so ist der russi-
sche Schatz bankrott, indem er nicht imstande sein wird, die Zin-
sen seiner enormen auswartigen Schulden zu bezahlen.Und 2 /s dieser
Ausfuhr gehen durch die sudlichen Haf en und weiter durch die bei-
den tiirkischen Meerengen. Ist dieser Ausgang einmal geschlossen, so
stockt der russische Handel, und die bkonomischen Folgen dieser
Sperre waren unabsehbar: der letzte tiirkisch-italienische Krieg hat
es hinreichend gezeigt. Nur der Besitz des Bosporus und der Dar-
danellen kann diesem unertraglichen Zustande ein Ende bereiten,
weil die Existenz einer Weltmacht wie Rufiland von Zufallen und
fremder Willkiir nicht abhangen darf. Andererseits kann Rufiland
unmoglich gegenuber dem Sehicksal der Siidslaven auf der Balkan-
halbinsel sich ganz gleichgiiltig verhalten. Die kleinen Balkanstaaten
sind erstens eine Riickendeckung fur die Meerengen und zweitens
wurde im Laufe der Jahrhunderte zuviel russischen Blutes und zu-
viel russischen Goldes f iir die Balkanhelden verwendet, um die ganze
Sache jetzt fahren zu lassen: es ware ein moralischer und politischer
Selbstmord fur jede russische Regierung.»
Halten Sie das zusammen mit einigem, was ich uber das Slawische
Wohltatigkeitskomitee gesagt habe. Zuviel russischen Goldes wurde
verwendet! Mitrofanoff fahrt fort:
«Man darf natiirlich nicht die Bedeutung der panslavistischen Idee
zu hoch anschlagen, aber sie existiert und lebt zweifellos, und die
Slavophilen-Demonstrationen im Jahre 1913 auf den Straften so
vieler russischer Stadte, wo sogar die oppositionellen Elemente sich
beteiligten, geben einen pragnanten Ausdruck dafiir.»
Dann wird in diesem Brief e vom April 1914 zusammengefalk:
«Noch einmal: der Drang nach Siiden ist eine historische, politische
und okonomische Notwendigkeit, und der fremde Staat, der sich
diesem Drange widersetzt, ist eo ipso ein feindlicher Staat. Inzwi-
schen geht der Dreibund konsequent auf diesem Pfade des Krieges.
In Osterreich halt man auch den Drang nach Siiden fur eine histori-
sche Notwendigkeit, und die Osterreicher haben von ihrem Stand-
punkte ebenso recht, wie von dem ihrigen die Russen. Die machtige
Habsburgische Monarchic hatte in der ersten Halfte des 19.Jahr-
hundert drei Richtungen, in welchen sie sich ausdehnen konnte:
nach Italien, nach Deutschland und nach der Balkanhalbinsel. Nach
dem Jahre 1866 ist nur noch der letzte Weg iibrig geblieben; Bismarck
hat wieder, diesmal vielleicht ohne es zu wollen, Dsterreich und
Rufiland zum entscheidenden Kampfe gegeneinander gestellt, und
indem er den Dreibund schlofi, stellte er die Krafte des Deutschen
Reiches Dsterreich zur Verfiigung. Dsterreich hat es natiirlicherweise
ausgeniitzt: iiberall und bei jeder Gelegenheit, wenn es sich um die
Balkanen handelte, fanden die Russen Dsterreich auf ihrem Wege.
Die Annexion von Bosnien und Herzegowina, welche in Rufiland
einen tiefen Eindruck machte, war eigentlich nur eine Seite in dem
dicken Buch der russisch-osterreichischen Feindschaft. So grofi war
die Emporung, so deutlich trat die Gef ahr heran, dafi sogar die iiber-
aus friedliebende russische Regierung, trotz der noch zu dieser Zeit
zerriitteten Finanzen, zum Kriege bereit war.»
Er meint im Jahre 1908.
«Aber der <Nibelunge> an der Spree hob drohend die gepanzerte
Faust, und Rutland, seiner Bundesgenossen nicht sicher, mufite nach-
geben. Im Jahre 1913 erschien die Verwirklichung der slavisch-
russischen Idee endlich ganz nahe: die Tiirken wurden aufs Haupt
geschlagen, die siegreichen Siidslaven drangen bis nach Saloniki
und Konstantinopel; noch einen kleinen Ruck und die Sache war
fertig.»
Dieser Brief ist ganz interessant, denn er macht auf manches Merk-
wiirdige aufmerksam. So zum Beispiel ereifert sich der Herr dariiber:
«Die Essener Werkstatten schickten der tiirkischen Artillerie ihre
Kanonen, den Geschiitzen von Creuzot zwar nicht ebenbiirtig, aber
doch sehr gut gemacht; und was die Hauptsache ist, - deutsche In-
struktoren drillten die Feldarmee der Osmanen.» . . . «Es ist den
Russen jetzt klar geworden : » - April 1 9 1 4 - « wenn alles so verbleibt,
wie es jetzt ist, geht der Weg nach Konstantinopel durch Berlin.
Wien ist eigentlich eine sekundare Frage.»
April 1914! Dann wird allerlei ausgefiihrt, was deutlich zeigt, da£ in
diesem Kopf etwas wie ein Traum von dem lebt, was in kurzer Zeit
geschehen soli. Ob sich der betreffende Kopf das so nahe gedacht hat,
ist eine andere Frage; aber der betreffende Kopf - selbstverstandlich
mit seinem Rumpf und Gliedmafien - besuchte nun seinen Lehrer in
Berlin. Da sprachen sie allerlei, und ich will von dem, was da gespro-
chen wurde, auch noch einiges anfiihren. Der Professor der Geschichte
sagte:
«Wenn Ihr uns nicht Konstantinopel laftt, ist der Krieg unvermeid-
lich.»
Dabei wiederholte er immer: Selbstverstandlich bleiben die Deutschen
die von Gott eingesetzten Lehrer des russischen Volkes, und daft wir
nur Frieden zu halten brauchen - dafi die Deutschen nur Frieden zu
halten brauchen - um durch geistige innere Oberlegenheit zu erobern.
Aber glaubet nicht, daft Ihr uns besiegen konntet. Ich besitze auf mei-
nem Gute in Saratow ein Haus, das meine Vorfahren seit Hunderten
von Jahren bewohnt haben; aber mit eigenen Handen wiirde ich es
anziinden, ehe ich zuliefie, daft deutsche Soldaten sich darin einquar-
tierten. Warum der Krieg? Wir konnten uns doch ganz gut miteinander
vertragen, indem wir Osterreich mit ihm - Deutschland - teilten und
Deutsch-Osterreich zum Deutschen Reiche zogen, also der andere Teil
von Osterreich zu Rutland kame! Das ist im Juni 1914! Man konnte
in mancherlei Weise zeigen, wie sich die Gedankenformen in dem ent-
sprechenden Milieu bilden. Mancherlei ist in der letzten Zeit geschehen,
was Verwunderung erregen konnte. Was geschieht, geht zuweilen da,
wo mehr autokratische Formen herrschen, von einzelnen Stellen aus,
an andern Orten mehr von Volksstromungen. Man darf niemals gene-
ralisieren, denn da ist es so, an einer andern Stelle ist es anders. So
konnte man zum Beispiel auch fragen: Worauf beruhte denn dieses
eigentiimliche, ratselhafte Vorgehen eines Staates wie Rumanien? Ich
will hier nicht von dem, was den letzten Anstofi gegeben hat, sprechen,
aber ich will von der Stromung sprechen. Allerdings nicht so, wie man
es jetzt vielfach findet da, wo man «historisch» darstellt; denn diese
Historie, die sich allmahlich vom 19. ins 20. Jahrhundert herein gebil-
det hat, ist keinen Schuft Pulver wert. Eine wirkliche Historie mufi
symptomatisch vorgehen, muft die einzelnen Situationen zeigen, die
von Blitzlichtern beleuchtet werden. Auf ein solches Blitzlicht mochte
ich noch hinweisen.
Die Kenner der Verhaltnisse wissen, daft in Rumanien vieles ratsel-
haft war seit einiger Zeit; das hangt damit zusammen, daft man im
ganzen Osten mit einer bestimmten Voraussetzung rechnete, die wie
eine suggestive Vorstellung ungemein viele beherrschte. Ich will sie
Ihnen nicht aus Eindriicken heraus charakterisieren, sondern Ihnen nur
Aufterungen mitteilen, die — ich will Ihnen nicht etwas Unbestimmtes
erzahlen - der Minister des Innern von 1913, Take Jonescu, zu einem
Herrn Redlich gemacht hat. Er sagte ungefahr wortlich, daft nach sei-
ner Meinung die osterreichisch-ungarische Monarchic nicht langer exi-
stieren werde als bis zum Tode Franz Josefs, und der musse doch bald
sterben. Dann wurde es sich darum handeln, diese Monarchie in ihre
einzelnen Stiicke zu zerteilen. - Das war eine fest eingewurzelte Mei-
nung, und dieser Meinung entsprechend hat man seine ganzen Gedan-
ken nach einer bestimmten Richtung hin geordnet. Das war wiederum
eine solche Suggestion, die weitverbreitet war.
In einem von einem Russen geschriebenen Artikel wird die Frage
aufgeworfen, was Ruftland jetzt noch von Frankreich haben konne,
und es wird auseinandergesetzt, daft Rufiland eigentlich von Frank-
reich gar nicht mehr viel fur seine eigentlichen Plane haben konne, daft
Ruftland das Opfer von Frankreich werden musse, wenn die Dinge
nicht anders werden. In diesem Artikel, welchen Fiirst Kotschubey ge-
schrieben hat, und der im Pariser «Correspondent» vom 26. Juni 1914
veroffentlicht worden ist - ich nehme nicht einen beliebigen Artikel,
sondern den eines bekannten Mannes, der sich griindlich in das, was im
Milieu lebte, eingewurzelt hatte -, wirft der Verfasser auch die Frage
auf, ob es nicht vielleicht fur Ruftland besser gewesen ware, nicht mehr
auf das f ranzosische Btindnis zu bauen, sondern sich wieder an Deutsch-
land anzuhangen. Diese Moglichkeit erortert der Fiirst Kotschubey.
Aber es war, sagt er, unausfiihrbar wegen des franzosisch-russischen
Biindnisses, welches Ruftland zum standigen Gegner Deutschlands, sei-
nes machtigen Westnachbarn, machte. - In diesem Kopfe spiegelt sich
also die Sache so, daft Ruftland zum Gegner Deutschlands gemacht
wird durch den Druck des f ranzosischen Biindnisses, wodurch f iir Ruft-
land die Alternative entstand, entweder seinem Bunde mit Frankreich
zugunsten einer Annaherung an Deutschland zu entsagen, oder seinen
Plan der ostlichen Ausbreitung, nach Asien, fallen zu lassen. Und dann
sagt er weiter:
«Aber welches auch die Oberraschungen sein mogen, die uns diese
Zukunft aufbewahrt, das eine ist schon jetzt gewi£, daft die Triple-
Entente nur dann eine wirkliche politische Verbindung sein wiirde,
wenn Frankreich den dreijahrigen Militardienst durchsetzte und
England die allgemeine Wehrpflicht einfuhrte.»
Juni 1914! So wird von diesem Fiirsten die Triple- Alliance, die sich
allmahlich gebildet hatte, angesehen; denn mit dem franzosischen
Biindnis allein, meint er, ginge es nicht mehr. Wohl mlifiten die Fran-
zosen recht stark sein, aber das geniige noch nicht: England muft die
allgemeine Wehrpflicht einfiihren!
Sie sehen, der Gedanke ist so umspannend, dafi zu seiner Verwirk-
lichung vor Kriegsausbruch keine Zeit mehr war; aber die allgemeine
Wehrpflicht in England ist doch eingefiihrt worden. Will man die
realen Verhaltnisse in der Welt verstehen, so geniigt es nicht, beliebig
das oder jenes herauszugreifen, sondern man entwickelt den Willen,
auf das hinzuschauen, auf was es ankommt. Ein Mensch kann ja etwas
viel Wichtigeres sagen als hundert andere, die wie die Blinden von der
Farbe reden und nur nachsprechen, und deren Worte keine Wirkung
haben.
Ich versuchte Ihnen also zunachst auf der einen Seite darzustellen,
wie sich konkrete Milieus bilden, auf der andern Seite wenigstens ein
paar Beispiele anzufuhren, welche zeigen, wie die Menschen in die
Milieus hineingestellt sind, und wie man dieses Milieu kennenlernen
raulS, wenn man Gedanken verstehen will, die da oder dort geauftert
werden. Es ist schon notwendig, sich wenigstens einmal griindlich mit
der Forderung zu durchdringen, die an das Leben gestellt werden mull,
so wie es sich heute entwickelt: nicht den Enthusiasmus der Unauf-
merksamkeit auszubilden, sondern gewissermafien den Enthusiasmus
der Aufmerksamkeit.
Wir wollen morgen von solchen Dingen weitersprechen und von da
ausgehend immer mehr versuchen, in das Innere der Sache einzudrin-
gen. Wir mussen schon solche Einzelheiten auch haben. Bequemer ware
es, nur ganz oben zu schweben, aber wer nicht wenigstens einzelne Falle
aus der Wirklichkeit kennt, kann auch nicht die richtigen Fragen an
die geistige Welt stellen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, lO.Dezember 1916
Wenn wir von unserem Gesichtspunkte aus solche Dinge betrachten
wollen, wie wir sie jetzt behandeln, so diirf en wir doch niemals aus dem
Auge verlieren, wie sich geisteswissenschaftliche Betrachtung in ihrer
Bedeutung fur die Menschheitsentwickelung im fiinften nachatlanti-
schen Zeitraum und fiir die Vorbereitung des sechsten iiberhaupt ein-
stellt. Denn wenn man nicht aufmerksam ist auf das, was von der heu-
tigen materialistischen Menschheit in bezug auf geisteswissenschaftliche
Weltbeobachtung versaumt wird, so kann man nicht zu den Ursachen
dessen vorriicken, was den heutigen Zeitereignissen zugrunde liegt. Um
einen gewissen Ausgangspunkt zu gewinnen fiir weitere Betrachtungen,
mochte ich darauf hinweisen, wie sich bei einzelnen Menschen, wie
zwangsweise, ein Hinaufschauen zu diesen Welten einstellt, auf die sich
unsere Geisteswissenschaft bezieht. Es ist Wert darauf zu legen, zu
durchschauen, dafi dieses zwangsweise Heranbandigen dieser Menschen
zu einer gewissen Weltbetrachtung heute erst sporadisch ist; aber ge-
rade in diesem sporadischen Auftreten ist aufierordentlich Charakte-
ristisches zu sehen. Ich habe Ihnen vor kurzem die Tatsache erwahnt,
dafi von einem gewissen Hermann Bahr ein Drama erschienen ist, «Die
Stimme», in dem, in einer allerdings katholisierenden Weise, versucht
wird, die Welt, die uns als physisch-sinnliche umgibt, an geistige Ereig-
nisse und geistige Vorgange anzukniipfen. Nicht lange vor diesem
Drama wurde Hermann Bahrs Roman «Himmelfahrt» geschrieben,
und dieser Roman ist wirklich in gewisser Beziehung ein Zeitdokument.
Ich will dieses Zeitdokument seinem kiinstlerischen und literarischen
Werte nach nicht uberschatzen, aber es ist ein Zeitdokument. Und wie
so das Karma lauft - gerade diesen Hermann Bahr kenne ich seit sehr
langer Zeit, seit er ein ganz junger Student war. Und in diesem Roman
«Himmelfahrt» schildert er einen Romanhelden, wie man das in der
Asthetik nennt, Franz nennt er ihn, der mir erscheint wie eine Art Ab-
bild, nicht eine Selbstcharakteristik, aber wie eine Art Abbild des Her-
mann Bahr selber. Nun kommt in diesem Roman allerlei Interessantes
vor. Der Roman ist wahrend des Krieges geschrieben. Er ist offenbar
eine Auseinandersetzung des Dsterreichers Hermann Bahr mit den
gegenwartigen Ereignissen.
Stellen wir uns nun vor, daft der Held des Romanes eine Art Abbild
ist eines in der Gegenwart lebenden Menschen, der jetzt etwa zweiund-
fiinfzig bis dreiundfiinfzig Jahre alt ist, die Zeitereignisse mitgemacht
hat, friih angefangen hat, in einer ganz intensiven Weise mit alien mog-
lichen Zeitstromungen zu leben; denn er ist schon als Student wegen
dieses Lebens mit den verschiedenen Zeitstromungen von zwei Univer-
sitaten relegiert worden und war immer darauf aus, sich gerade seelisch
mit alien moglichen auch kiinstlerischen Geistesstromungen zu verbin-
den. Es ist nicht eine Selbstschilderung, man findet nichts Biographi-
sches von Hermann Bahr darin; aber es ist dieser Held Franz doch
etwas, worauf Bahr abgefarbt hat. Wir sehen in diesem Romanhelden
einen Menschen geschildert, der versucht, sich mit alldem auseinander-
zusetzen, was man an geistigen Bestrebungen gegenwartig in der Welt
aufierlich finden kann, um Aufklarung zu bekommen iiber die Welt-
zusammenhange. Da wird uns gleich im Anfang geschildert, wo Franz
sich iiberall herumgetrieben hat, um sich iiber die Weltverhaltnisse
klarzuwerden.
Erst Botaniker bei Wiesner. Das ist ein beriihmter Botaniker, der
an der Wiener Universitat gelehrt hat. Dann Chemiker bei Ostwald,
der nach Haeckel der Vorsitzende des Monistenbundes geworden ist;
in Schmollers Seminar, auf Rickets Klinik, bei Freud in Wien. Selbst-
verstandlich mufite jemand, der in die gegenwartigen Geistesstromun-
gen hineinkommen wollte, auch die Psychoanalyse kennenlernen. Er
war auch bei den Theosophen in London und kam zusammen mit
Kunstmalern, mit Radierern, mit Tennisspielern und so weiter. Er ist
also nicht einseitig, ist ebenso bei Richet im Laboratorium gewesen wie
bei den Theosophen in London. Uberall sucht er sich zurechtzufinden.
Dann treibt ihn sein Geschick, sein Karma, weiter in der Welt herum,
und da wird verschiedenes erzahlt, wie er da oder dort darauf auf-
merksam wird, daft es gewisse Hintergriinde in der Menschheitsevolu-
tion gibt, und daft man auf diese Hintergriinde wohl aufmerksam sein
soil. Ich habe Sie gestern mit einem solchen Hintergrunde bekannt-
gemacht und will Sie jetzt darauf hinweisen, wie ein anderer hin-
gebandigt worden ist, solche Hintergriinde anzuerkennen. Deshalb will
ich Ihnen jetzt ein Stiick vorlesen. Franz hat eine weibliche Personlich-
keit kennengelernt, die besonders fromm war - eine eigene Art von
Frommigkeit hatte Klara doch will ich dariiber jetzt nicht sprechen,
nur andeuten, daft dies fiir ihn ein wichtiger Anlafi war.
«Wichtiger war ihm aber jetzt, ob er ihr und was er ihr antworten
sollte. Hoflich danken, und dann gelassen warten, bis sie der Zu-
fall ihm zufiihrt? Oder vielleicht auch ihren Rat befolgen, sich an
einen der frommen Manner wenden und dies dann zum Anlafi neh-
men, dariiber wieder an sie zu schreiben?»
Fromme Manner sind in diesem Zusammenhang katholische Geistliche,
bei denen er zunachst auch sucht, ob man sich an dem, was sie finden,
was sie wissen, zurechtfinden kann im Weltenzusammenhange. Dann
sagt er weiter:
«Zunachst aber mufite er sich doch vor allem erst dariiber klar wer-
den, was er selbst denn eigentlich wollte. War er einfach verliebt
und also seine Neigung, fromm zu werden, auch nur der verkappte
Wunsch, ihr zu gefallen? Er hatte sicherlich nicht bewuftt gelogen,
aber es konnte sein, daft ihn sein alles verklarendes Gefuhl fiir sie
jede ihrer Eigenschaften, ihrer Gewohnheiten begehrenswert er-
scheinen lieft. Dem geliebten Wesen mochte man unwillkiirlich glei-
chen, und was ihm lieb und wert ist, wird es dem Liebenden auch.
Aber das stimmte hier ja gar nicht! Er war doch schon auf dem
Wege zum Glauben, bevor er sie noch kannte. Er hatte sie kaum je
kennen gelernt ohne jenen seltsamen, ihm selbst ganz unerklarlichen
inneren Drang, der ihn auf einmal sanft in die Kirchen zog und sie
vor der Heiligen, selbst fast einer Heiligen gleich, finden lieft. Er
hatte sie sonst gar nicht bemerkt, er liebte vielleicht auch gar nicht
sie, sondern an ihr doch blofi die Erscheinung seiner eigenen Sehn-
sucht. Und es war gar nicht Liebe, nicht was ihm bisher Liebe ge-
heifien hatte, es war die Seligkeit, fromm zu sein, die er empfand!
War er denn aber fromm? Er wufite nur, daft er es sich wiinschte.
aber es gleichsam noch immer nicht wagte, vielleicht aus Furcht,
sich wieder zu betriigen, wie ja noch jeder Wunsch ihn immer wie-
der betrogen hatte, und wenn er auch jetzt wieder enttauscht wiirde,
dann blieb ihm ja keiner mehr! Er ware gern fromm gewesen, aber
die Frage war freilich, ob er es konnte. Fromm wie jene Bettler, die
er urn das stiere Gliick ihrer dumpfen Andacht so beneidete? Kaum.
Er hatte dazu doch vom Baume der Erkenntnis schon zu viel ge-
nascht. Fromm wie Klara? Er war nicht mehr im Stande der gei-
stigen Unschuld. Aber gab es nicht vielleicht eine Art zweiter Un-
schuld, wiedergewonnener Unschuld? Gab es nicht eine Frommig-
keit des seine Grenzen erkennenden, des gedemiitigten Verstandes,
einen Glauben der Wissenden, eine Hoffnung aus Verzweiflung?
Lebten nicht in alien Zeiten einsame verborgene weise Manner, der
Welt abgewendet, einander durch geheime Zeichen verbunden, im
Stillen wunderbar wirkend mit einer fast magischen Kraft, in einer
hoheren Region iiber den Volkern, iiber den Bekenntnissen, im
Grenzenlosen, im Raum einer reineren, Gott naheren Menschlich-
keit? Gab es nicht auch heute noch, iiberall in der Welt zerstreut und
versteckt eine Ritterschaft des Heiligen Grals? Gab es nicht Jiinger
einer vielleicht unsichtbaren, nicht zu betretenden, blofi empfun-
denen, aber iiberall wirkenden, alles beherrschenden, Schicksal
bestimmenden weifien Loge? Gab es nicht immer auf Erden eine
sozusagen anonyme Gemeinschaft der Heiligen, die einander nicht
kennen, nichts von einander wissen und doch aufeinander, ja mit-
einander wirken, bloft durch die Strahlen ihrer Gebete? Schon in
seiner theosophischen Zeit hatten ihn solche Gedanken viel beschaf-
tigt, aber er hatte offenbar immer nur falsche Theosophen kennen
gelernt, vielleicht lieften sich die wahren nicht kennen lernen.»
Er hatte namlich einen Domherrn kennengelernt, der sich ihm gegen-
iiber als ein nach vielen Richtungen hin vorurteilsloser Mensch gezeigt
hatte.
«Und plotzlich fiel ihm ein, ob nicht vielleicht der Domherr einer
von diesen wahren Meistern ware, von den verborgenen geistigen
Weltregenten, von den geheimen Hiitern des Grals? Er wurde sich
jetzt erst bewufit, daft ihn der Domherr immer schon gleichsam
durch ein Versprechen grofier Offenbarungen angezogen, als ob da
die Worte des Lebens aufbewahrt sein miilken. Das Ansehen, in dem
dieser Priester stand, die Scheu, ja Furcht, mit der man von ihm
sprach, der Gehorsam, den ihm auch Widerwillige bezeigten, die
tiefe Einsamkeit, die ihn umgab, die ratselhafte Macht, Freunden
helfen, Feinden schaden zu konnen, die man ihm nachsagte, wenn
er auch lachelnd bedauerte, weder den Dank der Freunde, noch den
Groll der Feinde zu verdienen, das alles ging doch weit iiber die
Bedeutung, iiber die Kraft, iiber die Wiirde seines Amts, seiner au-
fieren Stellung, und wenn es die einen mitden<gutenBeziehungen,die
er halt hat>, die anderen gar mit dem Geriicht seiner Abstammung
von einem hohen Herrn erklarten, so blieb noch immer die magische
Gewalt seines Blickes, seiner Gegenwart, ja seines blofien Namens
unerklart. Es gab ein Dutzend Domherren in der Stadt, er aber
war der Domherr. Wer vom Domherrn sprach, meinte ihn. Wer um
die Exzellenz fragte, wurde gar nicht gleich verstanden, Sie konnten
sich noch immer nicht daran gewohnen, ihn so zu nennen, er blieb
ihnen der Domherr. Er schritt im Zuge bescheiden hinter dem rot-
prangenden Kardinal, aber alle blickten nur auf ihn.» - Auf den
Domherrn, nicht auf den Kardinal! - «Wenn er zur bestimmten
Stunde seinen gewohnten Gang unterliefS, gleich hiefi es in der Stadt:
Der Domherr ist verreist! Und wenn es dann wieder hiefi: Der Dom-
herr ist zuriick, so schien das von der grofiten Wichtigkeit fur die
ganze Stadt. Franz erinnerte sich eines Gesprachs, vor Jahren in
Rom,»
verzeihen Sie, daft ich das vorlese jetzt, aber Hermann Bahr hat das
geschrieben
«mit einem Englander, der, nachdem er die ganze Welt durchreist,
sich in der heiligen Stadt niedergelassen hatte, weil er behauptete,
nichts Geheimnisvolleres gef unden zu haben als die Monsignori. Wer
sie verstehen konnte, hatte den Schlussel zum Schicksal der Mensch-
heit. Es war ein kluger Mann in reifen Jahren, von guter Familie,
reich, unabhangig, Junggeselle und ein richtiger Englander, nuch-
tern, praktisch, unsentimental, ganz unmusikalisch, unkunstlerisch,
ein derber, vergniigter Sinnenmensch, Angler, Ruderer, Segler, star-
ker Esser, fester Zecher, ein Lebemann, den in seinem Behagen nur
eine einzige Leidenschaft storte, die Neugierde, alles zu sehen, alles
kennen zu lernen, iiberall einmal gewesen zu sein, eigentlich in keiner
anderen Absicht als um schlieftlich, von welchem Ort immer man
sprach, befriedigt sagen zu konnen: O ja! das Hotel zu wissen, in
dem ihn dort Cook untergebracht, und die Sehenswiirdigkeiten, die
er aufgesucht, die Menschen von Rang oder Ruhm, mit denen er
verkehrt hatte. Umbequemer zu reisen und iiberall Zutritt zu haben,
war ihm geraten worden, Freimaurer zu werden. Er lobte die Niitz-
lichkeit dieser Verbindung, bis er entdeckt zu haben glaubte, es
miisse noch eine ahnliche, doch besser geleitete, machtigere Verbin-
dung hoherer Art geben, der er nun durchaus beitreten wollte, wie
er ja, wenn irgendwo noch ein anderer, besserer Cook aufzufinden
gewesen ware, sich natiirlich an diesen gewendet hatte. Er liefi sich
nicht ausreden, die Welt werde von einer ganz kleinen Gruppe ge-
heimer Fiihrer beherrscht, die sogenannte Geschichte von diesen
verborgenen Mannern gemacht, die selbst ihren nachsten Dienern
unbekannt seien, wie diese wieder den ihren, und er behauptete, den
Spuren dieser geheimen Weltregierung, dieser wahren Freimaurerei,
von der die andere bloft eine hochst torichte Kopie mit unzulang-
lichen Mitteln, folgend, ihren Sitz in Rom gefunden zu haben, eben
bei den Monsignori, von denen aber freilich auch wieder die meisten
ahnungslose Statisten waren, deren Gedrange blofl die vier oder
fiinf wirklichen Herren der Welt zu verbergen hatte. Und Franz
mufite heute noch iiber die komische Verzweiflung seines Englanders
lachen, der nun das Pech hatte, niemals an den richtigen zu kom-
men, sondern immer wieder bloft an Statisten, aber sich dadurch
nicht irremachen liefi, sondern immer nur noch mehr Respekt vor
einer so wohlbehiiteten, undurchdringlichen Verbindung bekam, in
die er schliefilich doch noch eingelassen zu werden wettete, und
wenn er bis ans Ende seines Lebens in Rom bleiben und wenn er die
Kutte nehmen oder etwa gar sich beschneiden lassen miifite, denn da
er iiberall den unsichtbaren Faden einer iiber die ganze Welt ge-
sponnenen Macht nachgespiirt hatte, war er nicht abgeneigt, auch
die Juden sehr zu schatzen, und er sprach gelegentlich stockernst den
Verdacht aus, ob nicht vielleicht im letzten innersten Kreise dieses
verborgenen Weltgewebes Rabbiner und Monsignori hochst ein-
trachtig beisammen safien, was ihm iibrigens gleichgiiltig gewesen
ware, wenn sie nur auch ihn mitzaubern liefien.»
Sie sehen, da sucht einer! Es wird auf einen Menschen hingedeutet, der
da sucht. Und Sie konnen ganz sicher sein, obzwar es nicht eine Auto-
biographic ist: Hermann Bahr hat schon diesen Englander kennen-
gelernt! Das ist alles aus dem Leben.
«Franz hatte sich damals schon zuweilen gefragt, ob nicht in der
Narretei des Englanders doch vielleicht irgend eine Wahrheit ver-
steckt sein konnte. Das Leben, das der einzelnen wie das der Volker,
auf den ersten Blick so sinnlos, aus der Nahe nichts als ein Wust von
Zufallen, zeigt sich, aus einiger Entfernung von der Hohe gesehen,
doch stets wohl geplant und fest gelenkt. Wenn wir nicht annehmen
wollen, dafi Gott selbst unmittelbar eingreift, um mit eigener Hand
den Unsinn, die Tollheit der menschlichen Willkvir seinen Zwecken
anzupassen, sind wir gendtigt, uns gewissermafSen ein Zwischenreich,
durch das sein Wille vermittelt wird, einem Kreis von still walten-
den Menschen, durch den er auf die Welt einwirkt, sozusagen Sta-
tionen der gottlichen Kraft und Weisheit, zu denken, von denen aus
ihre Strahlen in die dunkle Menschheit gehen und zuletzt doch alles
immer wieder ordnen. Diese Linsen Gottes, den schaffenden Geist
sammelnd und in die Welt zerstreuend, diese geheimen Ordner, diese
verborgenen Konige waren es, durch die zuletzt doch aller Wahn-
sinn immer wieder zur Vernunft, die Leidenschaft zum Schweigen
gebracht, Zufall zur Notwendigkeit, Chaos Gestalt, Finsternis hell
wird, und wer ware nicht in seinem Leben Menschen begegnet, die
wirklich eine merkwiirdige Hoheit und Entfernung haben, in dem
Ruf e stehen, durch ihren blofien Blick verwiinschen oder beglucken zu
konnen und, so still sie sich halten, doch weit zu wirken scheinen? Es
sind meistens gerade ganz einfach lebende Menschen, Hirten, Land-
arzte,Dorfpfarrer, oft auch alte Frauen oder auch friihreife Kinder,
die bald sterben, und alle haben etwas, was sie den anderen unheim-
lich macht und was ihnen eine grofie Gewalt iiber Mensch und Vieh,
ja, wie man immer wieder versichern hort, iiber die ganze Natur,
auf Quellen, Erze, Wetter, Sonnenschein und Regen, Hagelschlag
und Trockenheit gibt. Wenn wir ihren Weg kreuzen, haben wir, oft
im selben Augenblick gleich, manchmal nach Jahren erst, das be-
stimmte Gefiihl, daft dadurch iiber unser Leben entschieden worden
ist. Sie selbst empfinden, scheints, ihre Kraft eher als eine Last, viel-
leicht fast als einen Fluch, jedenfalls aber als eine Pflicht. Sie leben
abgewendet und sind froh, wenn sie verschont werden. Es liefte sich
schon denken, daft sie alle durch die weite Welt hin miteinander in
Verbindung sind, sich Zeichen geben oder vielleicht auch die Zeichen
noch machtigerer geheimer Fiirsten weitergeben, alles vielleicht ganz
unbewufit, oder doch nur halb bewuftt, mehr sozusagen inneren Auf-
tragen erliegend, triebhaft gehorchend, als sich selbst entschlieftend,
wie sie denn iiberhaupt ihrer eigenen Kraft nicht machtig zu sein,
sondern selbst von ihr iiberwaltigt zu werden scheinen; alle diese
Fahigkeiten finden sich fast nur bei getrubtem oder vielleicht aus-
setzendem Bewufttsein. Franz hatte schon in jungen Jahren solche
Menschen gekannt, in den Bergen sind sie ja nicht selten. Er er-
innerte sich ihrer wieder bei den schwarmerischen Schrullen des
Englanders. Und viel spater erst war er auf den Gedanken gekom-
men, ob denn nicht vielleicht auch jemand, dem derlei Fahigkeiten
nicht angeboren waren, ihrer teilhaf t werden, ob man sich zu solchen
Kraften erziehen, ob man sie durch Training erlernen konnte. Aber
die theosophischen Ubungen hatten ihn bald enttauscht, und erst
durch den Anblick der verziickten Beter in den dunklen Kirchen
war er wieder daran erinnert worden. Diese Menschen hatten es
durch Ubung dahin gebracht, sich in einen Zustand versetzen zu
konnen, wo das Leid, die Not, der Neid schwiegen; sie kamen vom
Gebet beschwichtigt, getrostet und gestarkt zuriick.»
Also mit den theosophischen Obungen wollte es der Franz, wie Sie
sehen, nicht halten; auf diese Weise wollte er den Ubergang zu einer
Erkenntnis der geistigen Welten nicht finden. Aber es dammert doch
etwas auf von jenen Dingen, von denen wir gestern sprechen mufken.
Da werden Leute herangebandigt, anzuerkennen, wie gewissermafien
die Faden laufen, und fangen an, aufmerksam zu werden, dafi sich ge-
wisse Menschen solcher Faden bedienen. Es ware nur zu wunschen,
dafi Leute wie Hermann Bahr mit noch grofterem Ernste, als sie es tun,
an die Sache herantraten. Sogar der Domherr, dem Franz begegnet,
hat es mit grofterem Ernste gemacht. Bei diesem Domherrn war Franz
einmal eingeladen mit einer merkwiirdigen Gesellschaft, die geschildert
wird. Man erfahrt, daft der Domherr mit alien Menschen, sowohl mit
frommen Monchen wie mit Zynikern und frivolen Weltmenschen ver-
kehrt und sie alle an seinen Tisch ladt. Dem Franz fiel dabei allerlei
auf. Der Domherr fuhrte ihn ins Arbeitszimmer, wahrend die andern
sich in verschiedener Weise unterhielten. Wenn abgegessen ist, so folgt
ja immer noch etwas. Da fuhrte ihn der Domherr also in sein Arbeits-
zimmer:
«Die Nichte hatte sich entfernt, der Ehrengast aber, Onkel Erhard
und die Exzellenz, in bequemen Stuhlen andachtig der Verdauung
ergeben, hatten noch immer nicht auserzahlt, die Geschichten wur-
den bedenklicher, der Spott verwegener, die Anspielungen deut-
licher, und unsere ganze Welt, Hof, Adel und Generalstab, zog in
Anekdoten auf, nichts blieb verschont, es schien, dafi alles iiber-
haupt nur aus Anekdoten bestand. Franz trat angewidert weg, zur
Bibliothek hin. Sie war nicht grofi, aber gewahlt. Von Theologie
nur gerade das Notigste,»
man war ja bei einem Domherrn, der braucht am wenigsten fur sich
selber die Theologie
«die Bollandisten, viel Franziskanisches, Meister Eckhart, die geist-
lichen Ubungen, Katharina von Genua, die Mystik von Gorres und
Mohlers Symbolik. Philosophic schon mehr: der ganze Kant, samt
den Schriften der Kant-Gesellschaft, Deufiens Upanischaden und
seine Geschichte der Philosophic, Vaihingers Philosophic des Als Ob,
und sehr viel Erkenntniskritisches. Dann die griechischen und romi-
schen Klassiker, Shakespeare, Calderon, Cervantes, Dante, Macchia-
veil und Balzac im Original, aber von Deutschen nur Novalis und
Goethe, dieser in verschiedenen Ausgaben, seine Naturwissenschaft-
lichen Schriften in der Weimarer. Einen Band davon nahm Franz
und fand viele Randbemerkungen von der Hand des Domherrn,
der in diesem Augenblick den jungen Monch und den Jesuiten ver-
lie£ und zu ihm trat. Er sagte: <Ja die Naturwissenschaftlichen
Schriften Goethes kennt niemand. Leider! Da sieht der alte Heide,
der er doch durchaus gewesen sein soli, auf einmal ganz anders aus
und dann versteht man doch auch den Schlufi des Faust erst. Ich
habe mir ja nie vorstellen konnen, Goethe tue da bloft auf einmal
katholisch,>
das mufi man dem Domherrn verzeihen, nicht wahr, der alles «katho-
lisch» haben will; fiir uns ist das "Wichtigste, dafi er sich an die Natur-
wissenschaftlichen Schriften gewendet hat
<Goethe tue da blofi auf einmal katholisch, nur zur malerischen Wir-
kung. Dazu ist doch mein Respekt vor dem Dichter zu grofi, vor
jedem Dichter, um zu glauben, daft einer, gerade wenn er sein letz-
tes Wort sagt, ein Kostiim anlegen sollte. Aber in den Naturwissen-
schaftlichen Schriften steht ja auf jeder Seite, wie katholisch Goethe
war,>
das muft man dem Domherrn verzeihen
<unwissentlich vielleicht und jedenfalls ohne den rechten Mut dazu.
Es liest sich, als hatte da jemand, mit den katholischen Wahrheiten
unbekannt, sie sozusagen unversehens auf eigene Faust aus sich sel-
ber entdeckt, wobei es freilich ohne manche Gewaltsamkeiten und
Wunderlichkeiten nicht abgeht, aber doch im groften Ganzen nichts
Entscheidendes, Notwendiges und Wesentliches fehlt, selbst der
Schuft von Aberglauben, Magie oder wie man das nennen will, was
den richtigen geborenen Protestanten an unserer heiligen Lehre stets
so verdachtig bleibt, selbst das nicht! Ich habe ja oft meinen eigenen
Augen kaum getraut! Ist man aber bei Goethe dem kryptogamen
Katholiken nur erst einmal auf der Spur, so sieht man ihn bald
iiberall. Sein Vertrauen zum Heiligen Geiste, den er freilich lieber
,Genius' nennt,>
Goethe mit rechtem Grunde natiirlich!
<sein tiefes Gefiihl fur die Sakramente, deren ihm nur noch zu we-
nige sind, sein Sinn fiir das <Ahndevolle>, seine Begabung zur Ehr-
furcht, gar aber, daft er, ganz unprotestantisch, sich niemals mit dem
Glauben begniigt, sondern iiberall auf die AnerkennungGottes durch
die lebendige Tat, durch das fromme Werk dringt, gar dieses so sel-
tene, hochste, schwierigste Begreifen, daft derMensch nicht von Gott
geholt werden kann, wenn er nicht selbst sich Gott holt, das Begrei-
fen dieser furchtbaren menschlichen Freiheit, selber wahlen zu miis-
sen und die dargebotene Gnade nehmen, aber auch ausschlagen zu
konnen, durch welche Freiheit allein die Gnade Gottes dem Men-
schen, der sich fiir sie entscheidet, der sie sich nimmt, erst zum ei-
genen Verdienste wird, das alles ist auch in seinen Obertreibungen,
auch in seinen Verzerrungen noch so stockkatholisch, daft ich, wie
du siehst>,
der Domherr duzt namlich den Franz
<oft genug an den Rand die Stellen aus dem Tridentinum schreiben
konnte, wo zuweilen fast mit denselben Worten dasselbe steht. Und
wenn Zacharias Werner erzahlt hat, er sei durch einen Satz in den
Wahlverwandtschaften katholisch gemacht worden, so glaub ich
ihm das aufs Wort. Womit ich natiirlich nicht leugnen will, daft es
daneben auch einen heidnischen, einen protestantischen, ja sogar
einen beinahe jiidischen Goethe gibt, und ihn durchaus nicht als das
Muster eines Katholiken reklamieren will, was er iibrigens immer
noch eher war als der plattvergniigte Wald- und Wiesenmonist, den die
neudeutschen Oberlehrer unter seinem Namen paradieren lassen.> »
Wie man sieht, wird selbst in diesen Kreisen ein anderer Goethe ge-
sucht, der den Weg in die geistige Welt hinein gehen kann, ein anderer
Goethe allerdings, als der «plattvergniigte Wald- und Wiesenmonist»,
den die Goethe-Biographen beschrieben haben, und der heute der Welt
verzapft wird. Sie sehen, so ganz verschieden sind die Wege nicht, die
dieser Franz macht, von denjenigen, die Sie verwoben finden in das,
was wir unsere Geisteswissenschaft nennen, und Sie sehen, es kann da
schon eine Notwendigkeit voriiegen.
Nun bitte ich Sie, sich zu erinnern - ich habe es ofters erwahnt -,
dafi zu den verborgenen Ereignissen unserer gegenwartigen Zeit, ganz
abgesehen von allem aufteren physischen Geschehen, der Tod des Erz-
herzogs Franz Ferdinand von Qsterreich gehort. Ich habe besonders
betont, daft, wenn wir physische und geistige Welt zusammennehmen,
etwas fur die Gesamtwelt Verschiedenes vorlag vor der Ermordung des
Franz Ferdinand und nachher. Was geht einen in solchen Fallen an, wie
die aufteren Dinge in der Maja sich ausnehmen! Es kommt darauf an,
wie die Dinge innerlich laufen. Und da habe ich gesagt: Was da als
Seele dieses Franz Ferdinand hinaufgestiegen ist in die geistigen Welten,
wurde ein Zentrum fur ganz starke, machtige Wirkungen, und vieles,
was gegenwartig geschieht, hangt gerade damit zusammen, dafi da ein
einzigartiger Ubergang zwischen Leben und sogenanntem Tod vorge-
gangen ist, daft diese Seele etwas ganz anderes wurde, als andere Seelen
werden.
Ich sagte, fur denjenigen, der die letzten Jahrzehnte geistig bewulk
mitgemacht hat, liegt ein Hauptgrund fur die gegenwartigen schmerz-
lichen Ereignisse in der die ganze Welt durchtrankenden Furcht, die
die einzelnen Menschen voreinander hatten, wenn sie sich dessen auch
nicht bewufk waren, die vor alien Dingen aber die einzelnen Nationen
voreinander gehabt haben. Und wiirde man sehenden Auges diese
Furchtursache haben verfolgen konnen, so wiirde man nicht so viel
Unsinn iiber die Kriegsursachen reden, wie man heute redet. Diese
Furcht konnte so bedeutsam sein, weil sie als Geftihlszustand hinein-
verwoben ist in dasjenige, was ich Ihnen gestern anhand von Beispielen
erzahlte. Betrachten Sie das als eine Art Skizze. Aber nun geht durch
alles das die Furchtaura. In ganz bestimmter Weise zusammenhangend
mit dieser Furchtaura war diese Seele. Daher ist dieser gewaltsame Tod
keineswegs etwas bloft Aufterliches. Ich sagte das, weil es fur mich eine
Beobachtung war, weil es fur mich ein besonders bedeutsames Ereignis
war, das mit mancherlei zusammenhangt, was in der Gegenwart ge-
schieht.
Nun, ich weift nicht, ich will nicht annehmen, daft solche Dinge, die
ja selbstverstandlich in unseren Kreisen behiitet werden sollten, iiberall
aufter unserem Kreise herumerzahlt werden. Tatsache ist aber, daft ich
gleich vom Kriegsanfang an diese Sache in den verschiedensten Zwei-
gen vorgetragen habe. Dafiir sind Zeugen da.
Hermann Bahrs Buch ist viel spater, ist ja erst vor kurzem erschie-
nen. Dennoch finde ich darin die folgende Stelle, und ich bitte Sie, diese
Tatsache ins Auge zu fassen: Im Kreise unserer anthroposophisch orien-
tierten Geisteswissenschaft wird hingewiesen auf ein solches spirituell
bedeutendes Ereignis, und in einem Roman, der danach geschrieben ist,
findet sich nun dieses: Es tritt ein Mensch auf, der eigentlich immer
ganz toricht erscheint. Er ist allerdings eine Art verkappter Prinz, tritt
aber als ein ganz torichter Mensch auf, der niedrige Dienste annimmt.
Erst als er durch einen Anschlag erfahrt - er ist auf dem Lande -, auf
den Erzherzog Franz Ferdinand sei ein Attentat ausgefiihrt worden,
macht er eine Aufterung, daft er beinahe gelyncht wird und man ihn
einsperrt; denn selbstverstandlich muft jede Polizei davon iiberzeugt
sein, daft, wenn jemand unmittelbar nach einem Attentat eine solche
Aufterung tut, er dann mit im Komplott ist. Wenn auch viele Meilen
dazwischen liegen, das eine in Sarajewo geschehen ist, und das andere
in Salzburg sich abspielt, so ist der Mann fur die Polizeiweisheit selbst-
verstandlich im Komplott.
Dabei kommt nun heraus, daft dieser Mensch ein verkappter Prinz
ist, der ein tief bedeutsames, mystisches Tagebuch hat. Es kommt aber
auch heraus, warum er eigentlich jene Aufterung getan hat. Er war
also eigentlich ein Prinz, und die ganze Prinzenschaft war ihm zu
dumm geworden, und er wurde der verkappte alte Blasl, der niedrige
Dienste annahm, recht blode tat, sich sogar von seinen Herrschaften
priigeln lieft und meist gar nichts sagte; nur bei gewissen Anlassen
wurde er gesprachig, aber meistens sagte er gar nichts. Man fand dann
bei der Untersuchung ein mystisches Manuskript, das er selber geschrie-
ben hatte, das ist hier mitgeteilt:
«Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, noch in seinen alten
Kleidern und auch sonst ganz der alte, dennoch aber ein anderer,
seit Franz wuftte, daft es eine Verkleidung war, sagte lachelnd: <Ver-
geben Sie mir den Betrug, der ja fiir mein Gefiihl eigentlich keiner
war. Der Infant Don Tadeo bin ich langst nicht mehr. Wenn mich
Umstande notigen, ihn jetzt wieder eine Zeit vorzustellen, so fallt
mir diese Rolle viel schwerer. Fiir mich war ich der alte Blasl wirk-
lich, und wenn ich iiberhaupt log, so hatte ich mich belogen, nicht
Sie. Daft ich Ihnen Ungelegenheiten bereiten wiirde, konnte ich
nicht wissen. Es tut mir leid genug. Natiirlich wars das albernste
Miftverstandnis. Ich habe den Thronfolger, ohne freilich ihm je be-
gegnet zu sein, genau gekannt, er ist mir sehr wert gewesen, wir
waren in Verbindung, wenn auch nicht auf die hiesige Art.>
Mit «hiesige Art» ist physische Art gemeint: wir waren in Verbindung,
wenn auch nicht auf die Art des physischen Planes.
<Er hatte langst die Grenzen der irdischen Wirksamkeit iiberschrit-
ten und stand mit einem Fuft schon in dem anderen Raum des rein
geistigen Tuns. Er muftte nun ganz hinuber, das wuftte ich: um in
Erfiillung zu gehen, hat er nicht mehr bleiben konnen. Von dort aus
erst wird seine Tat geschehen. Ich wunderte mich nur, daft das
Schicksal so lange mit ihm zogerte. Und als ich an jenem Sonntag
aus der Kirche tretend, wo ich eben im Gebet von neuem versichert
worden war, die beklommene Menge fand, wuftte ich gleich, daft er
endlich befreit war. Was durch ihn zu geschehen hat, kann er von
driiben erst verrichten. Hier hat er es nur versprechen konnen, sein
Leben war nur eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich
habe mir ihn nie als einen konstitutionellen Monarchen denken kon-
nen, mit Parlamentarismus und dem ganzen Humbug. Dafiir war
sein Format zu groft. Aber so hat er nun mit einem Schlag die Tat
an sich gerissen. Dieser Tote wird jetzt erst leben, und von Grund
auf. Das empfand ich bei der Nachricht, das meinten meine Worte.
Sie werden aber begreifen, daft ich wenig Aussicht hatte, mich dar-
iiber mit jenen Bauern zu verstandigen. Ich ergab mich lieber stumm
und wundere mich nur, daft sie mir nicht den Garaus machten. Ich
war darauf gefaftt und es ware jetzt voriiber. Mir stent also noch
ein Rest zu tun bevor. Sei's!> Er hatte dies alles immer in dem glei-
chen Ton gesagt, der gewissermaften nicht interpungierte, und nur
selten Franz einmalaus seinen abgestorbenen Augen stier anblickend.
Dann bat er ihn noch, von seinen Heften nichts zu sagen und auch
selbst sie zu vergessen.
<Es stent darin die Wahrheit, aber nur fur mich: dazu mull man
meine Zeichensprache verstehen. Was darin stent, ist richtig, aber
die Worte sind ungiiltig.> Franz konnte nicht unterlassen, ihm den
Eindruck zu schildern, den er von den Heften hatte.»
Franz war namlich der einzige Mensch, der in jener Stadt spanisch ver-
stand und wurde, da diese Hefte spanisch geschrieben waren, dazu-
gezogen, wobei ich daran erinnere, dafi ein biftchen Ironie dabei ist:
in Dsterreich nennt man alles «spanisch», was man nicht gleich ver-
steht. Da man den Blasl beziehungsweise den Infanten im Verdacht
hatte, mit im Komplott zu sein, mufite man diese Hefte lesen und weil
der Franz einmal in Spanien war, mufite er sie lesen. Hermann Bahr
war namlich auch in Spanien gewesen.
Sie sehen also, da man annehmen muE, dafi Hermann Bahr die Sache
nicht gesteckt worden ist, ein merkwu rdiges Heranbandigen eines Men-
schen zu diesen Dingen, eine Notwendigkeit in der Gegenwart, sich mit
diesen Dingen zu befassen. Ich glaube, dafi es berechtigt ist, ein wenig
dariiber zu erstaunen, dafi solche Dinge gegenwartig in Romanen auf-
tauchen, denn das hangt zusammen mit dem inneren Gefiige unserer
Zek. Allerdings werden zunachst nur Menschen wie Hermann Bahr
ergriffen oder solche, die ein ahnlichesLeben haben wie Hermann Bahr,
der so nach und nach alles mogliche durchgemacht hat. Jetzt, in seinen
alten Tagen, nachdem er lange impressionistischer Bekenner gewesen
ist, versucht er auch noch, den Expressionismus und alles andere, was
sich so gibt, zu verstehen. Er ist ein Mensch, der wirklich in der Lage
war, mit seiner Seele sich mit den verschiedensten Stromungen aufler-
lich und innerlich zu verbinden, der wirklich selber bei den Ost-
waldianern, bei Richet und bei den Theosophen in London war und es
mit denen versucht hat, nur zuletzt, als er nicht genug Ausdauer gehabt
hat, an den Domherrn Zingerl gekommen ist, den er nun fur einen
Meister halt. Ja, er hat innere und aufiere Stromungen durchgemacht.
Als ich ihn kennenlernte, hatte er eben sein Drama «Die neuen Men-
schen» geschrieben, dessen er sich jetzt sehr schamt; das war in streng
sozialdemokratischem Sinn verfafk, und es gab damals keinen gliihen-
deren Sozialdemokraten als Hermann Bahr. Dann schrieb er einen
kleinen Einakter, der weniger bedeutend ist. Dann aber trat er iiber
zur Deutschnationalen Bewegung und schrieb von deren Gesichts-
punkte aus «Die grofte Siinde». Wiederum gab es keinen radikaleren
Deutschnationalen als Hermann Bahr. Mittlerweile war er neunzehn
Jahre alt geworden und muftte sich zu den Soldaten stellen; er wurde
Einjahrig-Freiwilliger, und es gab nun keinen so radikal militaristisch
gesinnten Mann wie Hermann Bahr, er war jetzt ganz von soldatischer
Gesinnung durchdrungen. - Sie sehen, er wuftte seine Seele auch mit
den aufieren Stromungen zu verbinden, hat aber dabei nie versaumt,
sich auch ganz ernsthaftig mit inneren Stromungen bekanntzumachen.
Nachdem er seine Soldatenzeit hinter sich hatte, ging er kurze Zeit
nach Berlin und redigierte dort eine moderne Wochenschrift, «Die
freie Buhne». Aber in alles konnte er sich zwar verwandeln, nur nicht
in einen Berliner! Dann ging er nach Paris. Er war kaum da, konnte
noch nicht einmal ein reflexives Verbum mit «etre» konstruieren, son-
dern alles nur mit «avoir», da schrieb er schon begeisterte Briefe iiber
den Sonnenmenschen Boulanger, der es Europa schon zeigen werde,
was wahre, echte Kultur ist. Dann ging er nach Spanien, wurde ein
gluhender Gegner des Sultans von Marokko, gegen den er in spanischer
Sprache Artikel schrieb. Schlieftlich kam er zuriick, zwar nicht als eine
Kopie von Daudet, denn er ist schon eine Art Rassemensch - aber er
sah ihm aufierlich doch sehr ahnlich.
Er erzahlte uns dazumal von alldem in dem beruhmten alten Cafe
Griensteidl, welches in seinen Raumen alle moglichen bedeutenden
Menschen gesehen hat, schon seit dem Jahre 1848, wo Lenau, Anasta-
sius Griin und andere dort verkehrt hatten. In diesem Cafe hatten
selbst die Kellner eine besondere Beruhmtheit; wer kannte in Wien
nicht den beruhmten Franz und spater den Heinrich vom Griensteidl?
Jetzt ist es abgerissen, aber gerade weil Hermann Bahr dort so viel
geredet hat von der Art und Weise, wie seine Seele sich ins Franzosen-
tum versetzt hat, von dem Sonnenmenschen Boulanger, wurde ein an-
derer aufsassig, und als das Cafe Griensteidl abgerissen wurde, schrieb
Karl Kraus eine Broschiire «Die demolierte Literatur». Ich erinnere
mich noch lebhaft, wie Hermann Bahr uns von seinen grofien Ein-
driicken erzahlte, und daft er, der Linzer, den schonsten Kunstlerkopf
in ganz Paris gehabt habe. Von Maurice Barres schwarmte er und ver-
trat in intensiver Weise alles, was dazumal als Jungfranzosentum sich
geltend machte, so daft man wirklich aus einem begeisterten Herzen
heraus eine ganze Literaturstromung mit all ihrem Wollen miterlebte.
Dann griindete er mit einigen andern zusammen selber in Wien eine
Wochenschrift, in der er wirklich bedeutsame Artikel schrieb. Er ver-
tiefte sich schlieftlich immer mehr und mehr, nur gingen bei ihm immer
eine Trivialisierung und eine Vertiefung Hand in Hand. Und so hat er
sich immer gewandelt: vom Sozialdemokraten zum Deutschnationalen,
vom militarisch Gesinnten zum gliihenden Boulangisten und Anhanger
des Maurice Barres und anderer, dann hat er sich verwandelt in einen
Anerkenner der impressionistischen Kunst. Ab und zu ist er immer wie-
der nach Berlin gekommen, da ging er aber stets sehr schnell wieder
fort; das war der einzige Ort, den er nicht leiden konnte. Dagegen liebte
er Wien ganz graftlich und brachte das in vieler Beziehung zum Aus-
druck.
In den letzten Jahren haben ihn ofters seine geliebten Danziger ein-
geladen, denen er Vortrage hielt iiber Expressionismus, die sie sehr gut
verstanden haben sollen und die ja auch erschienen sind in seinem Buch
iiber den Expressionismus. Da schwarmt er nun auch von Goethes Na-
turwissenschaftlichen Schriften und zeigt, daft er ein wenig herange-
kommen ist an dasjenige, was wir als Anthroposophie kennenlernen;
aber es ist eben erst ein Anfang bei ihm. Nur nebenbei will ich sagen,
daft er in seinem letzten Buche iiber den Expressionismus den Danzigern
alles Schone sagt, selbstverstandlich urn ihre groften Vorziige gegen die
Berliner ins rechte Licht zu setzen.
Man hat in letzter Zeit erzahlt, Hermann Bahr sei katholisch ge-
worden. Nun, so ganz katholisch wird er auch nicht geworden sein.
Er wird es in demselben Grade geworden sein, wie er boulangistisch
war. Aber er ist ein Mensch! Sie haben es nun auch in seinem neuesten
Roman gesehen, daft er gerade durch das Weltmannische, das ihm eigen
ist, durch die Sehnsucht, eben in seiner Art alles kennenzulernen, be-
riihrt wurde von der Notwendigkeit, in der Gegenwart auch so etwas
kennenzulernen wie den Aufstieg des Menschen in die geistige Welt,
und Zusammenhange von Mensch zu Mensch von anderer Art als die-
jenigen sind, die bloft durch die gewohnlichen physischen Mittel ver-
mittelt werden; mit andern Worten: Zusammenhange, wie wir sie
gestern auch charakterisiert haben.
Sie konnen immerhin verstehen, wenn es mir von einer gewissen Be-
deutung erscheint, dal5 in einem solchen Romane nicht nur allgemeine
Anklange sind, sondern die Dinge bis zu einem so konkreten Punkt
gefuhrt werden, wie dem Tod des Erzherzogs Franz Ferdinand. Daran
sehen Sie, dafi die Dinge viel konkreter zu nehmen sind, als man ge-
wohnKch meint. Gerade solches mulS uns darauf hinweisen, dafi das-
jenige, was auf dem physischen Plan geschieht, vielfach nur wie ein
Symbolum ist dessen, was gewissermaften «hinter den Kulissen des Da-
seins» inWirklichkeit vorgeht. Denn wenn Sie lesen,was im Zusammen-
hang mit diesen Ereignissen, mit diesem Attentat vorgegangen ist, und
wenn Sie nicht an Geistiges appellieren, so konnen Sie sich unmoglich
vorstellen, dafi man dadurch dazu gefuhrt wird, der Sache eine solche
Bedeutung zu geben. Aber es ist heute noch nicht moglich, iiber diese
Dinge ganz unbefangen zu sprechen und alles das auszudriicken, was
damit zusammenhangt. Nur auf einiges, zunachst mehr Aufieres, darf
vielleicht hingedeutet werden.
Erinnern wir uns an das, was gestern iiber die slawische Welt, iiber
das slawische Gemiit gesagt worden ist. Durch das Testament Peters
des Groften, das etwa im Jahre 1813, vielleicht auch etwas friiher, auf-
trat und mit Grund so verbreitet wird, als wenn es von Peter dem
GrolSen selber herruhrte, wird gewissermafien eine naturgemafte Stro-
mung wie die slawische Gemiitsstromung ergriffen, um sie suggestiv zu
lenken und zu leiten. Wohin leiten? In die Bahnen des Russizismus, so,
dafi das alteSlawentum gewissermaJRen alsTrager der russischen Staats-
idee erscheint! Weil das so ist, mufi auch voll unterschieden werden
zwischen dem Geistigen des Slawentums, dem, was als Stromung des
alten Slawentums existiert, und demjenigen, was wie ein aufieres Gefaft
sich herrichten mochte, um dieses ganze Slawentum aufzunehmen: der
Russizismus, das Russentum.
Man mufi nun nicht vergessen, dafi eine grofie Anzahl von slawi-
schen Volksstammen, Volksstammesteilen wenigstens, innerhalb des
Rahmens der osterreichisch-ungarischen Monarchic leben. Die oster-
reichisch-ungarische Monarchic hat ja - lassen Sie mich die Finger zu
Hilfe nehmen, um zu zahlen - Deutsche, Tschechen, Slawonen, Slo-
waken, Serbokroaten, Kroaten, Polen, Rumanen, Ruthenen, Magyaren,
Italiener und Serben innerhalb ihrer Grenzen wohnen. Sie sehen, viel
mehr Volkerschaften als die Schweiz. Das, was da lebt, kann nur der-
jenige erkennen, der einmal innerhalb dieser Volkerschaften langere
Zeit wirklich mit denEreignissen mitgelebt und die verschiedenen Stro-
mungen verstanden hat, die innerhalb dessen, was Usterreich-Ungarn
genannt wird, wirksam waren. Insofern es sich um das Slawische han-
delt, so ist in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine durch
alles hindurchgehende Bestrebung die gewesen, die Moglichkeit zu fin-
den, wie die verschiedenen slawischen Volkerschaften in Frieden und
in Freiheit miteinander leben konnen. Die ganze Geschichte Osterreich-
Ungarns in den letzten Jahrzehnten, mit all den scharfen Kampfen, ist
nur zu verstehen, wenn man sie fafit als Versuch, das Prinzip der Indi-
vidualisierung der einzelnen Stamme zu verwirklichen. Diese ist natiir-
lich schwierig, weil ja die Leute nicht so bequem nebeneinander leben,
sondern vielfach ineinandergeschachtelt sind. Unter den Deutschen
Usterreichs gibt es sehr viele, welche auch das Heil der Deutschen
gerade darin sehen, die einzelnen Slawenstamme in Dsterreich mog-
lichst zu individualisieren, das heifit, eine Form zu suchen, wie sie selb-
standig und frei sich individuell entwickeln konnen. Dal5 solche Dinge
nicht schnell gefunden werden konnen, ist selbstverstandlich,es braucht
Zeit; aber es ist immerhin eine solche Bewegung durchaus vorhanden.
Wir haben sodann neben diesen innerhalb des Rahmens von Dster-
reich-Ungarn vereinigten Slawenstammen die Balkanslawen, welche
lange Zeit unter tiirkischer Herrschaft waren, die sie jedoch in den
letzten Jahrzehnten abgestreift haben, um einzelne Staaten zu begriin-
den: Bulgarien, Serbien, Montenegro und so weiter. Was sich aufter
diesen als das im Geistesleben am weitesten vorgeschrittene polnisch-
slawische Volk findet, ist schon gestern von mir erwahnt worden. Ich
will Sie jetzt nur auf die wichtigsten Verteilungen aufmerksam machen,
denn ich kann diese Dinge auch nur nach und nach entwickeln. In all
diesen slawischen Volkern und Volksstammen lebt dasjenige, was ich
gestern als das einheitliche elementarische volkische Element bezeichnet
habe, und was eben eine Vorbereitung fur die Zukunft ist.
Warum war, zunachst aufterlich angesehen, jener Franz Ferdinand
von einer gewissen Bedeutung? Darum, weil er mit seinem Wesen, durch
seine ganzen Neigungen - das Auftere miissen Sie aber symbolisch auf-
fassen f iir etwas, was innerlich lebte - der auftere Ausdruck fur gewisse
Stromungen war. In seinem Wesen lebte etwas, was, sobald es sich nur
hatte ganz befreien konnen, der individuellen Entwickelung des Sla-
wentums aufierordentlich verstandnisvoll entgegenkam. Man kann ihn
geradezu einen intensiven Freund des Slawentums nennen, und er hatte
Verstandnis - vielleicht miifite ich sagen: dasjenige, was in ihm lebte,
was ihm selber nicht voll bewufk war, hatte Verstandnis dafiir, was fur
Formen das Zusammenleben der Slawen annehmen mufi, wenn sie sich
individuell entwickeln sollen.
Man mufi nun ins Auge fassen, daft das Karma es so gefiigt hat, daft
der Gang dieses Karmas ein hochst eigentiimlicher ist. Man darf nicht
vergessen: es war einmal ein Thronfolger da, Erzherzog Rudolf, auf
den grofte Hoffnungen gesetzt waren, insbesondere nach jener Rich-
tung, in welcher viele liberale und freigeistige Menschen der Gegenwart
denken. Es war denjenigen, welche die Verhaltnisse und den Menschen
kannten, klar, daft durch seine Seele etwas wirkte, was Ubertragung
dessen, was ich gestern englisches politisches Denken, englische Gedan-
kenformen fur die Art und Weise, Staaten zu verwalten, genannt habe,
auf osterreichische Verhaltnisse gebracht hatte. Das erwartete man von
ihm, dem waren auch seine Neigungen zugetan. Aber Sie wissen, wie
das Karma gewirkt hat, und wie das, was da hatte geschehen sollen,
verunmoglicht worden ist. Nun war das andere moglich, daft ein sich
in ganz anderer Richtung bewegenderMann bedeutsam werden konnte.
Und da ist es wirklich nicht ohne Bedeutung, wenn darauf aufmerk-
sam gemacht wird: «Hier hatte er es nur versprechen konnen, sein
Leben war nur eine Voranzeige; jetzt erst kann es sich begeben. Ich
habe ihn mir nie als einen konstitutionellen Monarchen denken konnen,
mit Parlamentarismus und dem ganzen Humbug. »
So aber hatte man sich gerade den andern denken miissen! Sie sehen,
das Karma ist an der Arbeit, und wir miissen dieses Karma so an der
Arbeit erblicken, um zu noch hoheren Hohen des Verstandnisses auf-
steigen zu konnen. Das, was hatte eingerichtet werden sollen und kon-
nen - jetzt nicht nach dem Willen dieser oder jener Menschen, sondern
nach den Intentionen der Weltenevolution -, was hatte eingeleitet wer-
den konnen durch diese, das Slawentum mit Verstandnis beobachtende
Seele - ich will jetzt vorlaufig nur abstrakt charakterisieren - das ware
wirklich gerade fur das Slawentum von befreiender Wirkung gewesen.
Aber es ware zu gleicher Zeit vernichtend gewesen fiir dasjenige, was
der Russizismus mit dem Slawentum will. Denn der Russizismus will
das Slawentum in seinen Rahmen fassen und es als sein Werkzeug be-
niitzen. Er will es fassen in das Testament Peters des Groften. Wie
schnell solche Dinge sich verwirklichen, das hangt natiirlich von man-
cherlei Nebenstrdmungen und Nebenumstanden ab. Aber wichtig ist,
einen richtigen Blick zu haben fiir das, was sich nach einer bestimmten
Richtung hin anbahnt. Es ist daher selbstverstandlich, daft ein Ver-
standnis fiir dasjenige, was sich da eigentlich wob, nur diejenigen haben
konnten, welche das Slawentum etwas tiefer betrachteten, und daft den
gesunden Bestrebungen entgegengearbeitet werden mufite von jenen,
die eigentlich den Slawismus durch den Russizismus vernichten wollen.
Besonders heikel, besonders penibel werden die Dinge, wenn sie in
Stromungen hineingreifen und mit Mitteln rechnen, die eben mit denen
der okkulten Stromungen zusammenhangen, und solche Gesellschaften
gibt es weit iiber die Erde hin. Manche sind tiefere Gesellschaften, wie
diejenigen, die wir morgen noch kennenlernen wollen. Manche sind nur
beriihrt, aber trotzdem sie nur beriihrt sind, miissen sie, gerade weil sie
beriihrt sind, immerhin schon als Gefafte aufgefaftt werden, durch
welche okkulte Stromungen hindurchgehen. Und die Gesellschaft,
deren Auflosung nach dem Tode des Erzherzogs Franz Ferdinand ver-
langt wurde, die serbische «Narodna Odbrana», war die genaue Fort-
setzung einer friiheren ganz okkultistischen Gesellschaft, die nur ein
wenig ihre Methode geandert hatte. Ich will eben nur Tatsachen er-
zahlen.
Damit haben Sie eine Beriihrung gegeben zwischen politischen Be-
strebungen und einer okkulten Gesellschaft, die ihr Aktionszentrum
zwar in Serbien hatte, ihre Faden aber iiberallhin erstreckte, wo es
Slawen gab, und die mit den mannigfaltigsten andern Gesellschaften
im Zusammenhang stand, vor alien Dingen aber einen inneren Zu-
sammenhang hatte mit westlichen Gesellschaften. Daher kann man in
einer solchen Gesellschaft Dinge lehren, die zusammenhangen mit den
okkultistischen Wirkungen, die durch die Welt gehen.
Warum miissen wir so mancherlei Umwege machen, um auch nur
einigermafien zu einem Verstandnis dessen zu kommen, was wir eigent-
lich verstehen miissen? Wundern Sie sich nicht, dafi so mancherlei Um-
wege gemacht werden miissen, denn gar leicht entsteht ein oberflach-
liches Urteilen, wenn man Einsichten anwenden will auf unmittelbare
Vorgange, in denen man mit Sympathien und Antipathien darinsteckt;
gar leicht entstehen da falsche Vorstellungen und Mifiverstandnisse.
Denn wie geschieht es einem oft? Man hat seine Sympathien und Anti-
pathien, zu denen selbstverstandlich jeder sein gutes Recht hat, in der
Seele; aber man hat oftmals Grund, sich diese nicht einzugestehen, son-
dern sich, ich will nicht gerade sagen etwas vorzumachen, aber sich in
die Autosuggestion zu versetzen, man urteile objektiv. Wiirde man sich
ruhig gestehen: Ich habe diese oder jene Sympathien, so wiirde man die
Wahrheit eingestehen; aber indem man «objektiv» urteilen will, gesteht
man sich nicht die Wahrheit, sondern betaubt sich gewissermafien iiber
die Wahrheit hinweg.
Warum kann denn der Mensch solche Anlagen haben? Einfach des-
halb, weil er sehr leicht auf merkwiirdige Widerspriiche stofit, wenn er
sich bemuht, die Wirklichkeit zu verstehen. Und wenn der Mensch auf
Widerspriiche stolk, so sucht er iiber diese Widerspriiche so hinwegzu-
kommen, dafi er von zwei einander widersprechenden Dingen das eine
annimmt und das andere zuruckstoftt. Das aber heifit sehr haufig, iiber-
haupt die Wirklichkeit nicht verstehen wollen.
Ich will Ihnen ein Beispiel geben, wie man sich in einen ernsten Wi-
derspruch verwickeln kann, wenn man nicht den lebensvollen Zusam-
menhang des Widerspruchsvollen mit der ganzen vollen Wirklichkeit
versteht. Wir nennen innerhalb unserer anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft Christentum dasjenige, was ergriffen ist von der
Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, was ergriffen ist davon, daft
der Christus verurteilt worden ist, gestorben ist, begraben worden ist,
aber auch in echtem, wahrem Sinne auferstanden ist und als Auferstan-
dener weiterlebt. Das nennen wir Mysterium von Golgatha, und wir
konnen niemandem das Recht zugestehen, sich einen Christen zu nen-
nen, der nicht dieses anerkennt. Was aber war notwendig, damit der
Christus fur die Menschenentwickelung das durchmachte, was ich eben
geschildert habe? Dazu war notwendig, daft ihn der Judas verriet und
daft Christus ans Kreuz geschlagen wurde, und hatten diejenigen, die
ihn ans Kreuz schlugen, ihn nicht ans Kreuz geschlagen, dann hatte das
Mysterium von Golgatha nicht zum Heile der Menschheit stattgef unden.
Hier haben Sie einen furchtbaren, realen, einen, ich mochte sagen,
ins Grofte, ins Gigantische getriebenen Widerspruch! Kann man sich
einen Menschen denken, der sagt: Ihr Christen verdankt dem Judas,
daft iiberhaupt Euer Mysterium von Golgatha zustande gekommen ist?
Ihr Christen verdankt den Henkersknechten, die Christus ans Kreuz
geschlagen haben, daft Euer Mysterium von Golgatha sich abgespielt
hat! - Sollte deshalb einer berechtigt sein, den Judas und die Henkers-
knechte zu verteidigen, trotzdem es wahr ist, daft ihnen der Sinn der
Erdengeschichte verdankt wird? Kann solch eine Frage so einfach be-
antwortet werden? Kommt man nicht auf Widerspriiche, die dastehen
und die ein furchtbares Geschick sind?
Denken Sie einmal nach iiber das, was ich jetzt vor sie hingestellt
habe! Wir werden morgen in diesen Betrachtungen weiterfahren. Das
letzte habe ich nur ausgesprochen, damit Sie dariiber nachdenken kon-
nen, daft es nicht so einfach ist, zu sagen: Von zwei Dingen, die ein-
ander widersprechen, nehme ich das eine, das andere weise ich zuriick.
Die Wirklichkeit ist tiefer als das, was der Mensch oftmals mit seinem
Denken umfassen will, und es ist nicht ohne Grund, wenn Nietzsche
aus einem fast wahnsinnig gewordenen Kopf heraus das Wort gepragt
hat: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.»
Nachdem ich versucht habe, Sie in formaler Weise auf die Natur
des realen Widerspruchs hinzuweisen, werden wir morgen noch tiefer
in die Materie einzudringen versuchen, die wir jetzt vorbereitend an-
geschlagen haben.
VIERTER VORTRAG
Dornach, ll.Dezember 1916
Indem ich mit den vor acht Tagen begonnenen Betrachtungen fort-
fahre, mochte ich noch einmal bemerken, daft das Gesagte, wenn nicht
Mifiverstandnisse entstehen sollen, so aufzunehmen ist, daft in keiner
Weise das eine oder andere Volk als Ganzes oder das Volk als solches
durch ein Urteil, wie es aus den Tatsachen heraus abgegeben werden
raufi, getroffen werden soli. Man wiirde vollstandig miftverstanden,
wenn immer wieder und wieder in der Weise generalisiert wiirde, daft
dasjenige, was mit Bezug auf die wirklichen, realen Elemente, also zum
Beispiel Personlichkeiten, gesagt wird, auf Volker bezogen wird. Die
meisten Menschen wissen ja auch gar nicht, wenn sie sich mit der einen
oder andern Personlichkeit, die gewissermaften reprasentativ fur das
eine oder andere Volk dasteht oder wenigstens dazustehen scheint,
identifizieren, indem sie sagen: Ich gehore auch diesem Volk an! - um
was es skh eigentlich handelt. Sie reden im Grunde vollstandig im
Finstern. Und wohin soil es kommen mit den Urteilen der Menschen,
wenn geurteilt wird, ohne daft das Urteil eigentlich mit etwas anderem
als der bloften Phrase dem Worte nach etwas trifft, wahrend in Wirk-
lichkeit gar nichts getroffen werden kann, weil man bei einem solchen
Urteilen durchaus nicht auf die realen, wirklichen Tatsachen stoftt.
Ich habe vor, soweit das moglich ist, Ihre seelische Blickrichtung auf
dreierlei zu lenken. Erstens auf einiges Verstandnis - es kann ja nauir-
lich nur einiges Verstandnis sein - desjenigen, was als grofie geistige
Stromungen den Zeitereignissen zugrunde liegt; dann darauf, wie diese
Stromungen sich an dem einen oder andern Orte betatigen, wie sie, sei
es mit Hilfe von Vereinigungen, Briiderschaften und so weiter, gewis-
sermaften durch die Menschen hindurchwirken, sei es mehr oder weniger
bewuftt durch die einzelnen Menschen selber. Und dann mochte ich
zeigen, wie man auf die charakteristischen Dinge schauen muft, auf die-
jenigen Di
…[truncated]