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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Christus und die geistige Welt
Von der Suche
nach dem heiligen Gral
Ein Zyklus von sechs Vortragen
gehalten in Leipzig
vom 28. Dezember 1913 bis 2.Januar 1914
1987
RUDOLF STEINER VER LAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Zuhorer-Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage (Zyklus 31, Christus und die geistige Welt)
Berlin 1914
2. Auflage Berlin 1928
3. Auflage (Christus und die geistige Welt.
Von der Suche nach dem heiligen Gral.
1. Buchausgabe) Dornach 1934
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach I960
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1977
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987
Bibliographie-Nr. 149
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1977 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-1490-1
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke, Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlaflt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mufl gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.*
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufSert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafJ ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Leipzig, 28. Dezember 1913
Starke Veranderung des menschlichen Seelenlebens in den Jahrhun-
derten vor und nach dem Mysterium von Golgatha. Vertiefung des
Gedankenlebens durch die griechische Philosophic Gleichwohl da-
mals keine Verstandnismoglichkeit fiir das Mysterium von Golgatha.
Die gleiche hohe geistige Kraft hat sowohl die Vertiefung des Gedan-
kenlebens wie den Christus-Impuls bewirkt. Die Theologie des Pau-
lus. Die gnostischen Begriffe : Urvater, Schweigen, 3 1 Aonen, gottliche
Sophia, Achamod, Sohn des Vatergottes, Heiliger Geist, Demiurgos.
Zweiter Vortrag, 29. Dezember 1913
Mangelndes Verstandnis der Gnostiker fiir den Zusammenhang der
Christus-Wesenheit mit Jesus von Nazareth. Altindische Rishis, Schii-
ler Zarathustras und chaldaische Weise hatten fiir die Christus-Er-
scheinung Verstandnis haben konnen. Gold, Weihrauch, Myrrhe.
Christus betritt die Erde in dem Zeitalter, das am wenigsten geeignet
ist, ihn zu verstehen. Die theologische Gelehrsamkeit entfernte sich
immer mehr vom Christus-Verstandnis. Die Sibyllen. Michelangelos
Propheten und Sibyllen. Sibyllen, Reste alter Weisheit, die vom Chri-
stus-Impuls zerstort wurde. Paulus, Nachkomme der alten Propheten.
Paulus und die Welt des Olbaums.
Dritter Vortrag, 30. Dezember 1913
Die zwei Jesusknaben. Menschliche Seelenentwicklung im Laufe der
Erdentwicklung. Der dreifache Einflufi der Wesenheit des nathani-
schen Jesusknaben auf die Sinnesentwicklung, die Lebensorgane und
die Seelenentwicklung der Menschheit (Denken, Fiihlen und Wollen).
St. Georg besiegt den Drachen. Die musischen Kiinste (Apollo) als
Abglanz dieser Harmonisierungskrafte. Die Mythen von Midas und
Marsyas. Die «Verseeligung» des Christus in Apollo.
Vierter Vortrag, 31. Dezember 1913
Nachwirkungen des dreifachen Christus-Ereignisses in der nachatlan-
tischen Zeit. Zarathustra: Weltanschauung der Chronologic Ahura
Mazdao, Ahriman, Zaruana akarana. Amshaspands, Izeds. Agyptische
und chaldaische Mysterien: Astrologic Griechiche Mysterien:
Meteorologie. Althebraische Weisheit: Geologie. Die Propheten. At-
tis- und Adoniskult als Vorverkundigung des Mysteriums von Golgatha.
Johannes der Taufer Reinkarnation von Elias. Apollo und der Lorbeer,
Paulus und der Olbaum.
Funfter Vortrag, 1 . Januar 1914
Das Wirken des Christus-Impulses in den Untergriinden der Seele.
Konstantins Sieg iiber Maxentius. Parzival und der Gral. Die heilige
Schale. Michelangelos Pieta. Chretien de Troyes, Wolfram von
Eschenbach. Kyot. Das Wiederauftauchen der Sternenschrift im
Geheimnis des Parzival. Ganganda greida, die hinwandelnde Weg-
zehrung.
Sechster Vortrag, 2. Januar 1914
Das Osterfest. Die Durchchristung der geistigen Offenbarungen.
Jahve: Die Verbindung des Erdenherrn mit der Mondenmutter. Die
Jungfrau von Orleans als moderne, durchchristete Sibylle. Der Zusam-
menklang der Menschheitgeschichte mit der Sternenschrift. Johannes
Kepler. Der Gestirn-Aspekt und der menschliche Aspekt des Gral.
Das Gebiet des Priesters Johannes. «Ex oriente lux.»
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften .
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner-Gesamtausgabe
ERSTER VORTRAG
Leipzig, 28. Dezember 1913
Fur viele Seelen in unserer Gegenwart, welche geneigt sind, aufzu-
nehmen, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu
sagen hat, ist es notwendig, mancherlei Widerspriiche, die da auf-
treten, im Gemiite hinwegzuraumen. Insbesondere auf einen Wider-
spruch kann die Seele gelenkt werden, wenn sie vermag, die Erinne-
rungen einer solchen Festeszeit ernst zu nehmen wie diejenige, die
um Weihnachten und den Jahresbeginn herum liegt. DaB wir mit
dem, was wir an Erkenntnissen zu gewinnen versuchen, auch ein-
dringen wollen in den geistigen Gang der Menschheit, um unsere
eigene geistige Entwickelung recht zu verstehen, das wird uns ja
besonders durch das Ernstnehmen solcher Festeserinnerungen klar.
Wir brauchen nur einen Gedanken aufzuwerfen, und er wird gleich,
man mochte sagen, auf der einen Seite lichtvoll und auf der anderen
Seite beunruhigend darauf aufmerksam machen, wie Widerspriiche,
Schwierigkeiten sich vor der Seele auftiirmen miissen, wenn diese
Seele im rechten Sinne unsere anthroposophischen Erkenntnisse
iiber den Menschen und die Weltentwickelung hinnehmen will.
Unter den mancherlei Erkenntnissen, die wir gewinnen wollen
durch unsere anthroposophische Vertiefung, ist ja auch die Christus-
Erkenntnis, ist die Erkenntnis des grundbedeutsamen Impulses, der
eingeschlagen hat im Beginne unserer Zeitentwickelung, den wir
genannt haben den Christus-Impuls. Wir werden uns gewiB oftmals
fragen miissen: Wie kommt es denn, daB unsere Zeit die Hoffnung
hegen darf, mit vertieften anthroposophischen Erkenntnissen besser,
intensiver in den Gang der Weltentwickelung einzudringen, um den
Christus-Impuls zu verstehen, als die Zeit eingedrungen ist, in der
die Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha gelebt haben? Man
konnte fragen: War es denn nicht diesen Zeitgenossen des Myste-
riums von Golgatha viel leichter, einzudringen in das Geheimnis,
das mit diesem Mysterium fur die Menschheitsentwickelung im spe-
ziellen verbunden 1st, als unserer Zeit, die so weit getrennt ist von
dem Mysterium von Golgatha? Das konnte eine belastende Frage
werden fur die Seelen der Gegenwart, die anthroposophisch dem
Christus-Verstandnisse folgen wollen. Es konnte einer jener Wider-
spriiche werden, die bedriickend wirken miissen gerade dann, wenn
wir die tieferen Prinzipien unserer anthroposophischen Erkenntnis
ganz ernst nehmen. Eine Auflosung dieses Widerspruchs ergibt sich
uns nur, wenn wir gewissermaBen einmal vor unsere Seele riicken die
ganze geistige Situation, in welcher die Menschheit war zu jener Zeit,
von der aus wir mit unserer Jahresrechnung zu z'ahlen beginnen.
Wer es versucht, zunachst ganz ohne irgendwelche religiose oder
ahnliche Gefiihle einzudringen in die Seelenverfassung der Men-
schen vom Beginne unserer Zeitrechnung, der kann eine hochst
eigentumliche Entdeckung machen. Dieses Eindringen kann man
zunachst ja auf folgende Art versuchen: Man halte sich an das, was
auch die nur dem AuBerlichsten hingegebenen Seelen nicht leugnen
konnen, man halte sich an die alte Uberlieferung, wie sie erhalten
ist in der Geschichte; aber man versuche, in denjenigen Teil einzu-
dringen, der das Geistesleben in seiner Reinheit umfaBt. Denn man
kann ja hoffen, daB man durch solches Eindringen einiges erhascht
von den eigentlichen Impulsen der Menschheitsentwickelung. Man
halte sich an das Gedankenleben der Zeit, die am Beginne unserer
Zeitrechnung liegt. Man versuche einmal einzudringen, rein ge-
schichtlich, in das, was Menschen meinetwillen zweihundert Jahre
vor dem Mysterium von Golgatha und noch anderthalb Jahrhun-
derte nach dem Mysterium von Golgatha aufgebracht haben an Ge-
dankenvertiefung, um in die Weltengeheimnisse, in die Welten-
r'atsel einzudringen. Da finden wir allerdings, daB in den Jahrhun-
derten vor und nach dem Mysterium von Golgatha eine unendlich
bedeutungsvolle Veranderung vorgegangen ist in der Seelenverfas-
sung der Menschheit in bezug auf das Gedankenleben. Man wird
gewahr, daB in einer gewissen Weise auf einen groBen Teil der
damals in Betracht kommenden Kulturwelt dasjenige iibergegan-
gen ist, was die griechische Philosophie und andere Gedankenver-
tiefungen seit mehreren Jahrhunderten schon der Menschheit ge-
bracht haben. Wenn man betrachtet, wozu die Menschheit rein von
sich selbst aus, ohne zu reflektieren auf irgendeinen Impuls von
aufien, in der damaligen Zeit gekommen ist, wozu gekommen sind
diejenigen, die man etwa mit dem stoischen Ausdruck «Weise» ge-
nannt hat, wozu gekommen sind zahlreiche Personlichkeiten der
romischen Geschkhte, so muB man sagen: In bezug auf die Erobe-
rung von Gedanken, die Eroberung von Ideen hat uns eigentlich
das abendlandische Leben nach dieser Zeit, nach der Wende im
Beginne unserer Zeitrechnung, nicht aufterordentlich viel mehr ge-
bracht. Gebracht hat uns dieses abendlandische Leben unendlich
viel an Eindringen in die Naturtatsachen; unendliche Revolutionen
des Denkens iiber die aufiere Welt hat es uns gebracht. Die Gedan-
ken, die Ideen selbst aber, mit denen alle diese Eroberungen ge-
macht worden sind, mit denen die Menschheit versucht hat, einzu-
dringen in die auBeren raumlichen Geheimnisse des Daseins, die
sind eigentlich wenig fortgebildet worden seit jenem Zeitalter; sie
lebten, selbst bis zu dem Gedanken, auf den die heutige Zeit so stolz
ist, bis zum Gedanken der Entwickelung, sie lebten alle in den See-
len der damaligen Zeit. Was man so nennen konnte ein gedank-
liches Welterfassen, ein Leben in Ideen, war zu einer gewissen Hohe,
zu einem Gipfel gekommen und hatte nicht nur einzelne Geister
ergriffen wie einige Zeit vorher die Schiiler des Sokrates, sondern
es war in gewisser Weise popular geworden, hatte sich ausgebreitet
iiber Siideuropa und andere Gebiete der Welt. Man ist erstaunt iiber
die Vertiefung, die der Gedanke erfahren hat. Wenn man unbe-
fangen eine Geschichte der Philosophie in Betracht Ziehen wollte,
so wiirde man gerade diesen Sieg des Gedankens in der damaligen
Zeit ganz besonders beriicksichtigen.
Wenn man nun auf der einen Seite diesen Sieg des Gedankens
nimmt, diese unendlich bedeutungsvoile Ausarbeitung der Ideen-
welten, und auf der anderen Seite — in dem Sinn, wie wir heute ver-
suchen einzudringen — so etwas vor die Seele hinstellt wie die Ge-
heimnisse, die sich urn das Ereignis von Golgatha herum gruppieren,
dann wird man aber noch ein anderes gewahr. Dann wird man ge-
wahr, daB, als sich die Kunde von dem Mysterium von Golgatha
in der damaligen Zeit verbreitete, ein ungeheures Ringen des Ge-
dankens mit diesem Mysterium stattfand. Wir sehen, wie die Philo-
sophien in der damaligen Zeit, insbesondere die so sehr vertiefte
Philosophic der Gnosis, sich bemiihen, all die Ideen, die errungen
worden sind, nach diesem einen Ziele hinzulenken. Und bedeu-
tungsvoll ist es, dieses Ringen des menschlichen Gedankens mit
dem Mysterium von Golgatha einmal auf sich wirken zu lassen.
Denn das, was sich herausstellt, ist, daB dieses Ringen im Grunde
genommen ein vergebenes ist, daB diese gewaltige Vertiefung des
Gedankens, die die Menschheitsentwickelung erreicht hat, zwar da
ist, zwar alle Anstrengungen macht, um das Mysterium von Gol-
gatha zu begreifen, daB aber alle diese Anstrengungen nicht hin-
reichen; daB gewissermaBen das Mysterium von Golgatha, wie in
einer weiten Entfernung durch geistige Welten geschieden, an das
Menschenverstandnis herankommt und sich nicht enthiillen will.
Nun mochte ich gleich von vornherein darauf aufmerksam
machen, meine lieben Freunde, daB ich fur diese Vortrage, wenn ich
von dem Mysterium von Golgatha spreche, zunachst gar nichts in
diesen Ausdruck hineinmischen mochte von dem, was aus irgend-
welchen religiosen Uberlieferungen und Uberzeugungen in diesem
Ausdruck liegen konnte; sondern daB rein genommen werden soil
die objektive Tatsachenwelt, die der Menschheitsentwickelung zu-
grunde liegt, das, was der physischen und geistigen Beobachtung
sich darbietet. Gleichsam eine Betrachtung mochte ich in Anspruch
nehmen fur uns, welche absieht von all dem, was man gewonnen
hat iiber das Mysterium von Golgatha, was in den einzelnen reli-
giosen Bekenntnissen vorhanden ist, und ich mochte den Blick nur
hinwenden auf das, was in der Menschheitsentwickelung gesche-
hen ist.
Nun werde ich mancherlei zu sagen haben, vorausnehmend, was
in den folgenden Tagen erst deutlich und beweiskraftig gesagt wer-
den kann.
Das erste, was einem auffallt bei einer solchen Gegeniiberstellung
des Geheimnisses des Mysteriums von Golgatha und der ungeheuer
vertieften Gedankenentwickelung der damaligen Zeit, das ist, daB
man den Eindruck empfangt, den ich so ausgedriickt habe: Weit,
weit hinter dem, was die Gedankenentwickelung erreichen kann,
steht das Wesen dieses Mysteriums. Und je genauer man eindringt
in das, was ein solches Gegeniiberstellen bieten kann, desto mehr
muB man sich gestehen: Man kann auf der einen Seite seine Seele
ganz vertiefen in die Gedankenwelten, die den Beginn unserer Zeit-
rechnung charakterisieren; man kann versuchen, sich in der Seele
lebendig zu machen, wie die Seelenverfassung war, wasdieMenschen
im Romischen Reiche, in Griechenland gedacht haben; man kann
gleichsam diese Ideen, die die Menschen gedacht haben, vor seine
Seele wieder heraufrufen, und dann wird man das Gefiihl bekom-
men: Ja, es ist die Zeit, in der der Gedanke eine Vertiefung erlebt
hat wie niemals vorher. Es geschieht etwas mit dem Gedanken, er
tritt gleichsam an die menschliche Seele so heran, wie er nie vorher
an sie herangetreten ist. Aber wenn man dann mit der jenigen Seelen-
verfassung, die man als die hellseherische bezeichnen kann, gleich-
sam in sich voll lebendig machen will, was man liber diese Ver-
tiefung des Gedankens und in dieser Verlebendigung der Gedanken-
welten der damaligen Zeit vor seine Seele stellen konnte, wenn man
also das in seiner Seele tragt, aber jetzt wirksam sein laBt in der
Seele, was die hellseherische Seelenverfassung geben kann, taucht
plotzlich etwas Uberraschendes auf, man fiihlt dann: Weit, weit in
den geistigen Welten geht eigentlich das vor, wovon auch diese Ver-
tiefung des Gedankens eine Wirkung ist.
Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, daB hinter unserer
Welt andere Welten liegen. Gebrauchliche Ausdriicke seien ange-
wendet: die astralische Welt, die devachanische Welt, die hohere
devachanische Welt. Wollen wir zunachst uns ins Gedachtnis zuriick-
rufen, daB diese drei Welten hinter der unsrigen liegen. Wenn man
dann wirklich diese hellseherische Seelenverfassung in sich rege
werden laBt, dann hat man den Eindruck: Auch wenn man in die
nachste, in die astralische Welt eintreten wiirde, so wtirde sich auch
da noch nicht vollstandig aufklaren, was eigentlich der Ursprung ist
dessen, was im Gedankenleben der damaligen Zeit zum Ausdruck
kommt. Selbst wenn man in die niedere devachanische Welt hinein-
blicken wiirde, wiirde sich noch nicht vollstandig aufklaren, was
eigentlich geschehen ist. Und erst wenn man in die hohere devacha-
nische Welt seine Seele hineinversetzen konnte — so sagt die hell-
seherische Seelenverfassung — , wiirde man in ihr erleben konnen,
was durch die beiden anderen Welten hindurchstrahlt, was bis in
unsere physische Welt herunterdringt, und was in unserer physi-
schen Welt erkennbar ist in der radikalen Umgestaltung der Ge-
dankenwelt der Menschheit durch Jahrhunderte hindurch.
Man kann sich zunachst nur versetzen auf den physischen Plan
und seine Betrachtung: Man braucht gar nicht gewahr zu werden,
wahrend man in die Ideenwelt der damaligen Zeit sich vertieft, was
mitgeteilt wird iiber das Mysterium von Golgatha, man kann dies
zunachst ganz auBer acht lassen, und man kann sich fragen: Gleich-
giiltig, was da driiben in Palastina vor sich gegangen ist, was zeigt
uns die aufiere Geschichte? Nun, sie zeigt uns, daB in Griechenland
und Rom eine unendliche Gedankenvertiefung Platz gegriffen hat.
Saumen wir gleichsam wie eine Insel unseres Seelenerlebens diese
griechische und romische Gedankenwelt ein, denken wir sie abge-
schlossen von all dem, was auBerhalb vor sich gegangen ist, denken
wir, es ware noch nichts hineingedrungen in diese Welt von der
Kunde des Mysteriums von Golgatha. Wenn wir dann unsere
Seelenbetrachtung auf diese Welt hinlenken, so flnden wir gewiB
nichts von dem, was wir heute iiber das Mysterium von Golgatha
erkunden, aber wir finden jene unendliche Vertiefung des Gedan-
kenlebens, die uns zeigt: Hier ist etwas geschehen im Laufe der
Menschheksentwickelung, das das innerste Wesen der Seele auf dem
physischen Plan ergriffen hat. Was wir auch zunachst glauben
mogen, so wie damals war der Gedanke nie da, bei keinem Volk
und in keinem Zeitalter! Moge also jemand auch noch so unglau-
big sein oder nichts wissen wollen von dem Mysterium von Gol-
gatha, eines muB er zugeben: daB in der Inselwelt, die wir jetzt
umfriedet haben, eine Gedankenvertiefung lebt, die friiher nie
da war.
Jetzt aber, wenn man sich in diese Gedankenwelt versetzt und
im Hintergrunde die hellseherische Seelenverfassung hat, dann fiihlt
man sich so recht hineingestellt in die Eigentiimlichkeit des Gedan-
kens. Jetzt sagt man sich: Ja, so wie er aufgebluht ist, dieser Ge-
danke, als Idee bei Plato oder anderen, wie er ubergegangen ist in
die Welt, die wir versuchten einzugrenzen, so ist dieser Gedanke
etwas, was die Seele frei macht, was die Seele ergreift und sozusagen
zu einer erhohten Anschauung iiber sich selbst bringt, so daB sie
sagen kann: Was du sonst auch ergreifen magst in der AuBenwelt
und in der geistigen Welt, es macht dich abhangig von diesen Wel-
ten; in dem Gedanken ergreifst du etwas, was in dir lebt, was du
ganz durchdringen kannst. Du magst dich zuriickziehen von der
auBeren physischen Welt, magst ein Unglaubiger werden gegeniiber
der geistigen Welt, magst nichts wissen wollen von hellseherischen
Eindriicken, magst nichts in dich hineindringen lassen wollen von
physischen Eindriicken: Mit dem Gedanken kannst du in dir leben;
du ergreifst gleichsam dein eigenes Wesen in deinem Gedanken!
Das kann man einsehen. Dann aber tritt — und das kann gar
nicht anders sein, wenn man sich mit der hellseherischen Seelen-
verfassung in dieses, ich mochte sagen, Meer des Gedankens hinein-
begibt — das Gefuhl auf von der Isoliertheit der Gedanken, das
Gefuhl, daB der Gedanke eben doch nur Gedanke ist, das Gefuhl,
daB der Gedanke nur in der Seele zunachst lebt und man nicht in
ihm selber finden kann die Macht, hinauszutreten in eine Welt, in
der man auch das, was wir sonst sind, in seinem Urgrund finden
kann. Gerade indem man die hochste Herrlichkeit des Gedankens
verspiirt, verspiirt man auch sozusagen sein unreales Wesen. Dann
kann man auch verspiiren, wie eigentlich rings herum in der Welt,
die man vor dem hellseherischen Blick kennengelernt hat, nichts
ist, was im Grunde genommen doch diesen Gedanken tragen konnte.
Denn warum sollte er iiberhaupt da sein, dieser Gedanke? — so
fragt man sich. Die physische Welt, die kann er ja doch eigentlich nur
verfalschen. Diejenigen, die reine Materialisten sein wollen, die dem
Gedanken kein ihm ureigenes Wesen zuschreiben konnen, die sollten
eigentlich lieber das Denken verbieten. Denn wenn die materielle
Welt die einzig wirkliche ist, so kann sie der Gedanke nur falschen.
Nur weil die Materialisten unkonsequent sind, kommt ihnen nicht
die einzig mogliche Erkenntnistheorie des Materialismus, des Monis-
mus: das Sich-Enthalten vom Denken, das Gar-nicht-mehr-Denken.
Dem aber, der mit hellseherischer Seelenverfassung sich in das Ge-
dankenleben vertieft, dem steht vor der Seele das, man mochte
sagen, Bedrohliche dieser Isoliertheit des Gedankens, dieses Allein-
stehens mit dem Gedanken. Und dann gibt es fur ihn nur eines.
Das aber gibt es, das kommt an ihn heran, wenn es audi nur heran-
kommt wie etwas, was in einer weiten geistigen Entfernung steht:
Durch zwei Weiten getrennt, in einer dritten Welt ist der eigent-
liche Ursprung — so sagt sich die hellseherisch gewordene Seele —
dessen, was im Gedankenleben ist. Das konnte fur die in unserer
Zeit hellseherisch empfindendenSeelen ein gewaltigster Eindruck sein,
sich einmal mit seinem Denken isoliert in die Zeit zu versetzen, in der
der Gedanke seine Vertiefung erfahren hat; abzusehen von allem,
was rundherum ist, also auch von dem Mysterium von Golgatha, und
nur zu reflektieren darauf , wie in der griechisch-romischen Welt auf-
geht das, von dessen Gedankeninhalt wir jetzt noch zehren.
Und dann sollte man den Aufblick machen zu anderen Weiten
und erst iiber der devachanischen Welt aufgehen fuhlen in einer
hoheren geistigen Welt den Stern, von dem ausstrahlt an Kraft, was
sich auch in dieser Gedankenwelt des griechisch-romischen Alter-
tums geltend macht. Dann fiihlt man sich hier auf der Erde zunachst
entriickt der gegenwartigen Welt, man fiihlt sich hineinversetzt in
die griechisch-romische Welt mit ihren Ausstrahlungen in die iibri-
gen Erdengebiete der damaligen Zeit, meinetwegen vor dem Myste-
rium von Golgatha. Aber sobald man den Eindruck der geistigen
Welt auf sich wirken laBt, so erscheint noch iiber dem Devachan
gelegen der Stern — symbolisch sage ich der Stern — , die geistige
Wesenheit, von der man sich sagt: Ja, auch das, was du hier erlebst
in der Isoliertheit des Gedankens und in der Moglichkeit, daB der
Gedanke eine solche Vertiefung erfahren hat wie in der Zeit des
Beginnes unserer Zeitrechnung, ist die Folge der Strahlen, die von
diesem Stern in der hoheren geistigen Welt ausgehen.
Und nun ergibt sich eine Empflndung, die zunachst gar nichts
weiB von dem, was historische Tradition vom Mysterium von Gol-
gatha ist, sondern eine Empfindung, die sich. so ausdriicken laBt:
Du stehst da mit der romisch-griechischen Ideenwelt, mit dem, was
Plato und was die anderen haben geben konnen der allgemeinen
Menschheitsbildung, was sie hineinversetzt haben in die Seelen — ,
mit dem stehst du da und fuhlst dich darinnen lebendig. Und dann
wartest du . . . Du wartest wahrhaftig nicht vergebens; denn dann
taucht auf , wie tief, tief in den Hintergriinden des geistigen Lebens,
der Stern, der seine Kraf tstrahlen sendet und von dem du sagen darf st:
Eine Wirkung dieser Kraftstrahlen ist, was du eben erlebt hast.
Diese Erfahrung kann gemacht werden. Wenn man diese Erfah-
rung macht, dann hat man noch gar nichts sich vorgehalten von
irgendeiner Tradition, sondern hat nur unbefangen die Griinde
gesucht fur das, was in der griechisch-romischen Welt vor sich ge-
gangen ist. Aber man hat auch die Erfahrung gemacht, daB man
durch drei Welten getrennt ist von dem Verstandnis des eigentlichen
Grundes der damaligen Welt. Und dann laBt man sich vielleicht
darauf ein, hinzusehen auf diejenigen Geister, die in der damaligen
Zeit versucht haben, diesen Umschwung in ihrer Art zu begreifen.
Man kommt selbst in der auBerlichen Wissenschaft der Gegenwart
etwas darauf, daB in dieser Zeit des Uberganges, von dem wir unsere
Zeitrechnung beginnen, gleichsam religios-philosophische Genies
gelebt haben. Und man wird am besten noch auf diese religids-
philosophischen Genies treffen, wenn man auf das hinsieht, was in
der Gnosis sich auslebt. Diese Gnosis ist in der mannigfaltigsten
Weise bekannt. AuBerlich kennt man sie ja auBerordentlich wenig,
aber man kann doch auch nach den auBerlichen Dokumenten schon
einen Eindruck gewinnen von der unendlichen Tiefe dieser Gnosis.
Wir wollen von ihr nur insofern sprechen, als sie wichtig ist fur
unsere Betrachtung der Menschheit.
Da konnen wir vor alien Dingen sagen: Die Gnostiker haben
ein Gefuhl gehabt von dem, was jetzt eben ausgesprochen worden
ist: daB man in unendlich weit zuriickliegenden Welten die Griinde
suchen muB fur das, was in der auBeren Welt der damaligen Zeit
sich ereignet hat. Und dieses BewuBtsein hat sich auf andere iiber-
tragen, und wir sehen es noch durchschimmern, wenn wir nur wol-
len, wenn wir nicht oberflachlich sind, in demjenigen, was wir
nennen konnen die Theologie des Paulus. Aber auch noch in man-
cherlei anderen Erscheinungen. Nun, wer sich heute in die Gnosis
der damaligen Zeit vertieft, wird groBe Schwierigkeiten des Ver-
standnisses haben. Unsere Seelen sind doch gar zu sehr affiziert und
auch infiziert von dem, was die materialistische Entwickelung der
letzten Jahrhunderte in ihnen hervorgebracht hat. Man denkt da
zu sehr, wenn man die "Weltentwickelung zuriickverfolgt, an 'den
Kant-Laplaceschen Weltennebel, an etwas rein Materielles. Und
selbst diejenigen, die nach einer mehr geistigen Weltanschauung
suchen, sie denken, wenn sie in die altesten Zeiten zuriickschauen,
an diesen Weltennebel oder an etwas Ahnliches, und sie fuhlen sich
doch recht wohl, die Menschen heute, selbst die geistigsten, wenn
ihnen sozusagen die Sorge abgenommen wird, das Geistige -auch in
den Urzeiten der Weltentwickelung des Kosmos aufzufinden. Sie
fuhlen sich gar so erleichtert, diese Seelen der Gegenwart, wenn sie,
forschend nach den Urgriinden der Welt, sich sagen konnen: Dieses
oder jenes feine substantielle AuBere war damals da, und aus ihm
hat sich entwickelt alles Geistige neben allem Physischen. Und so
finden wir denn manchmal Seelen, die sich recht getrostet fuhlen,
wenn sie die materialistischen Forschungen an den Anfang des Kos-
mos setzen konnen, wenn sie sozusagen die abstraktesten Begriffe
von irgendeinem gasformigen Gebilde an den Anfang unseres Kos-
mos setzen konnen.
Deshalb ist es fur die Menschen so schwierig, sich in die Gedan-
ken der Gnosis hineinzuversetzen. Denn die Gnosis setzt wahrhaf-
tig alles, was gar nicht irgendwie an das Materielle erinnert, zu-
nachst an den Ausgangspunkt ihrer Weltbetrachtung. Vielleicht
wird sich sogar ein Geist, der so recht in der Gegenwartsbildung
drinnensteckt, eines leisen Lachelns nicht enthalten konnen, wenn
ihm im Sinne der Gnosis zugemutet wird, zu denken, daB die Welt,
in der er sich befindet, die er mit seinem Darwinismus so herrlich
schon erklart, daB diese Welt gar nichts zu tun haben soli mit dem,
was in Wirklichkeit die Urgriinde unserer Welt darstellt. Eines
leisen Lachelns wird sich der heutige Mensch, der in der Gegen-
wartsbildung drinnensteckt, wirklich nicht enthalten konnen, wenn
ihm zugemutet wird, zu denken, die Urgriinde der Welt seien bei
jenen Weltenwesen, zu denen iiberhaupt Begriffe zunachst nicht
reichen, zu denen nichts reicht von all dem, was man heute auf-
wendet zum Weitenverstandnis: In dem gottlichen Urvater liegt
das, was der Weltengrund genannt werden kann. Und gleichsam
von ihm ausgehend, ihm zur Seite, ist erst dasjenige, wozu die Seele
sich hindurchringen kann, wenn sie abseits aller materialistischen
Vorstellungen ein wenig nur ihr Tiefstes sucht: Schweigen, das
unendliche Schweigen, in dem noch nicht Zeit und Raum ist, son-
dern nur Schweigsamkeit ist. Zu dem Paar des Urvaters der Welt
und des Schweigens, das noch vor Raum und Zeit ist, schaute der
Gnostiker auf, und dann lieB er hervorgehen gleichsam aus der
Vermahlung des Urvaters mit dem Schweigen andere — man kann
sie ebensogut Welten wie Wesen nennen. Und aus diesen wieder
andere und wieder andere und wieder andere, und so durch dreiBig
Stufen hindurch. Und auf der dreiBigsten Stufe steht erst das, was
unserem Gegenwartssinn vorliegt, und was mit dem Darwinismus
so herrlich nach diesem Gegenwartssinn erklart wird. Auf der
dreiBigsten Stufe steht es erst, eigentlich auf der einunddreiBigsten;
denn dreiBig solche Wesenheiten, die man ebensogut Welten wie
Wesenheiten nennen kann, gehen voran dieser Welt. Aon ist der
Ausdruck, den man gewohnlich annimmt fur diese dreiBig unserer
Welt vorangehenden Wesenheiten oder Welten.
Man bekommt nur dann eine Vorstellung von dem, was mit die-
ser Aonenwelt gemeint ist, wenn man sich klar und deutlich sagt:
Nicht nur das, was die Sinne wahrnehmen, was du deine Welt um
dich herum nennst, gehort sozusagen der einunddreiBigsten Welt an,
sondern auch das, was du aufbringst als physischer Mensch mit dei-
nen Gedanken als Erklarungen dieser Welt, gehort dieser einund-
dreiBigsten Stufe an. Es ist ja noch leicht, sich abzufinden mit einer
spirituellen Weltanschauung, wenn man sagt: Nun ja, die auBere
Welt ist ja allerdings Maja, aber durch unser Denken dringen wir
in die geistige Welt ein — , und wenn man dann die Hoffnung hat,
daB dieses Denken wirklich hinaufkommen kann in die geistigen
Welten. Das war aber nach der Ansicht der Gnostiker nicht der
Fall. Dieses Denken gehort zum einunddreiBigsten Aon, zur phy-
sischen Welt, nach der Ansicht der Gnostiker. So daB zunachst nicht
nur der sinnlich wahrnehmende, sondern auch der denkende Mensch
herausversetzt war aus den dreiBig Aonen, die stufenweise aufwarts
angeschaut werden konnen durch die geistige Entwickelung und
die in immer groBerer und groBerer Vollkommenheit sich darstel-
len. Man braucht wirklich nur sich einmal hineinzuversetzen in das
Lacheln, das einem heutigen, auf der Hohe seiner Zeit stehenden
Monisten sich abringt, wenn man ihm zumutet, zu glauben: Drei-
Big Welten gehen voran, in denen etwas ganz anderes ist, als du
selbst zu denken vermagst. — Das aber war die Anschauung der
Gnostiker.
Und dann fragten sie sich: Wie ist es denn eigentlich in dieser
Welt?
Wir wollen eine Weile davon absehen, was wir selbst iiber diese
Welt gesagt haben im Sinne des Beginnes des zwanzigsten Jahrhun-
derts. Das, was ich jetzt sage, soli nicht fiir uns als irgendeine uns
etwa iiberzeugende Ideenwelt dargestellt werden - in der Anthropo-
sophie des zwanzigsten Jahrhunderts wird selbstverstandlich die
Gnosis zu iiberwinden sein — , aber wir wollen uns in diese Gnosis
versetzen. Die umliegende Welt, auch mit dem, was der Mensch
iiber sie denken kann, warum ist sie denn abgeschlossen von den
dreiBig Aonen? — Da muB man hinblicken, sagte sich der Gnosti-
ker, auf den untersten, aber noch rein geistigen Aon. Was ist da
vorhanden? Da ist vorhanden die gottliche Sophia, die gottliche
Weisheit. In geistiger Art abstammend durch die 29 Stufen hin-
durch, zu dem hochsten Aon schaute sie hinauf innerhalb der gei-
stigen Welt, zu dieser Reihe der geistigen Wesenheiten oder Welten.
Aber es wurde ihr eines Tages, eines Weltentages, klar, daB sie etwas
von sich auszusondern habe, wenn sie den freien Ausblick erhalten
wollte in die geistige Welt der Aonen. Und sie sonderte von sich
aus dasjenige, was in ihr vorhanden war als Begierde. Und das, was
fortan nicht mehr in ihr vorhanden ist, in dieser gottlichen Sophia,
in dieser gottlichen Weisheit, das irrt nunmehr herum in der Rau-
meswelt, das durchdringt alles Werden der Raumeswelt. Es lebt
nicht nur in der Sinneswahrnehmung, es lebt auch im Menschen-
denken, lebt da mit der Sehnsucht nach der geistigen Welt, lebt
aber doch wie ausgeworfen in die menschlichen Seelen. Gleichsam
als die andere Seite, das Ebenbild, aber als das in die AuBenseite
geworfene Ebenbild der gottlichen Sophia lebt die Begierde, die in
alles hineingeworfen ist, die Welt durchdringend: Achamod. Schaust
du in deine Welt, ohne dich aufzuschwingen in die geistigen Wel-
ten, so schaust du in die begierdenerfiillte Welt von Achamod. Weil
sie die von Begierden erfullte Welt ist, deshalb kann sich in ihr zu-
nachst nicht darstellen, was sich als Ausblick ergibt in die Welt der
Aonen.
Weit, weit zuriickliegend in der Welt der Aonen, erzeugt aus der
reinen Geistigkeit der Aonen heraus, dachte sich die Gnosis, was sie
nannte den Sohn des Vatergottes, und auch das, was sie nannte den
reinen, Heiligen Geist. So daB wir in ihnen gleichsam eine andere
Generationsreihe, eine andere Reihe der Entwickelung haben als
diejenige, die dann zu der gottlichen Sophia gefuhrt hat. Wie sich
im physischen Leben in der Fortpfknzungsstromung die Geschlech-
ter sondern, so sonderte sich einmal im Fortgang der Aonen, durch-
aus auf einer Hochstufe der geistigen Welt, eine andere Stromung
heraus, die Stromung des vom Vater stammenden Sohngeistes und des
Heiligen Geistes. So daB man flieBend hat in der Welt der Aonen das,
was auf der einen Seite zur gottlichen Sophia fiihrte und auf der ande-
ren Seite zum Sohngeist und Heiligen Geist. Wenn man hinaufgeht
durch die Aonen, so begegnet man einmal einem Aon, von dem ab-
stammt auf der einen Seite die Aonenfolge, die dann zur gottlichen
Sophia hinfuhrte, wie auf der anderen Seite die Aonenfolge, von der
abstammen der Gottessohn und der Heilige Geist. Dann kommen
wir hinauf zum Vatergott und dem gottlichen Schweigen.
Dadurch nun, daB die menschliche Seele mit Achamod versetzt
ist in die materielle Welt, dadurch lebt in ihr im Sinne der Gnosis
die Sehnsucht nach der geistigen Welt, lebt in ihr vor alien Dingen
die Sehnsucht nach der gottlichen Sophia, nach der gottlichen Weis-
heit, von der sie aber durch ihr Erfiilltsein mit Achamod getrennt
ist. Dieses Gefuhl der Trennung von der gottlichen Aonenwelt,
dieses Gefuhl, nicht in dem Gottlich-Geistigen zu sein, das wird
nach der Anschauung der Gnostiker als die materielle Welt emp-
funden. Und abstammend von der gottlich-geistigen Welt, doch
verbunden mit Achamod, erscheint der Gnosis das, was man nennen
konnte, an die griechische Sprache sich anlehnend, den Welten-
baumeister, den Demiurgos. Dieser Demiurgos, dieser Weltenbau-
meister, ist der eigentliche Durchschopfer und Durcherhalter des-
sen, was von Achamod und dem Materiellen durchzogen ist. In
seine Welt sind einverflochten die Menschenseelen. Die Menschen-
seelen sind einverflochten mit ihrer Sehnsucht zunachst nach der
gottlichen Sophia, und in der Welt der Aonen erscheint rein gott-
lich-geistig, wie in der Feme, der Gottessohn und der Heilige Geist,
aber nur fiir den, der — im Sinne der Gnosis — sich erhebt iiber all
das, in das hinein Achamod, die im Raume schweifende Begierde,
einverleibt ist.
Warum ist in den Seelen, die in die Welt der Achamod versetzt
sind, doch die Sehnsucht? Warum fiihlen sie nach der Trennung
von der gottlich-geistigen Welt die Sehnsucht nach der gottlich-
geistigen Welt? Auch diese Frage legte sich die Gnosis vor, und sie
sagte: Achamod ist herausgeworfen aus der gottlichen Weisheit, der
gottlichen Sophia; aber bevor sie diese vollig materielle Welt wurde,
in der der Mensch jetzt lebt, kam ihr wie eine kurze Uberstrahlung
ein Licht von dem Gottessohn, das gleich wieder verschwand. Das
ist ein wichtiger Begriff der Gnostiker, daB Achamod, wie sie in den
Menschenseelen lebt, ansichtig wurde in urferner Vergangenheit
des Gotteslichtes, das ihr nur gleich wiederum entschwunden war.
Aber die Erinnerung lebt jetzt in der Menschenseele, wie sehr sie
auch verstrickt sein kann in die materielle Welt. In der Welt der
Achamod lebe ich — so hatte eine solche Seele sagen konnen — in
der materiellen Welt. Mit einer Hiille bin ich umgeben, die dieser
materiellen Welt entnommen ist. Aber indem ich mich in mich ver-
senke, lebt in mir eine Erinnerung auf. Das, was mich gefesselt halt
an die materielle Welt, sehnt sich nach der gottlichen Sophia, nach
der gottlichen Weisheit, weil das Wesen Achamod, das in mir lebt,
einstmals iiberleuchtet worden ist von dem Gottessohn, der in der
Welt der Aonen lebt. — Man mache sich diese Verfassung einer
Seele, die sozusagen eine Schulerseele der Gnostiker war, einmal
klar. Solche Seelen lebten; sie sind nicht eine hypothetische Kon-
stmktion, sie lebten. Und die verstandig schauenden Geschichtsfor-
scher werden durch auBere Dokumente darauf kommen, daB zahl-
reiche solche Seelen gelebt haben in jener Zeit, von der wir eben
sprechen.
Es ist nicht unnotig, sich einmal klarzumachen, warum man in
der Gegenwart so viel hat gegen das, was ich eben gesagt habe. Was
wird so ein recht gescheiter Mensch der Gegenwart iiber die Gnosis
zu sagen haben? Wir haben es ja horen miissen, daB schon die
Theologie des Paulus empfunden wird als eine rabbinistische Spin-
tisiererei, als etwas, was viel zu knifflig ist, als daB sich der gescheite
Monist darauf einlassen konnte, der so stolz in die Welt hineinblickt
und mit dem einfachen Entwickelungsbegriff oder mit dem noch
einf acheren Energiebegriif diese Welt umspannt und sagt: Jetzt sind
wir endlich Manner geworden, haben die Begrifife gewonnen, die
uns eine energetische Weltanschauung aufbauen, und blicken zu-
riick auf diese Kinder, diese armen, lieben Kinder, die vor Jahrhun-
derten ihre Gnosis auferbaut haben aus der Kindlichkeit, auferbaut
haben allerlei Geister, dreiBig Aonen: so macht es die «spielende
Kinderseele» der Menschheit. Uber solche Spielerei ist die mann-
haft gewordene Seele von heute im groBen Monismus der Gegen-
wart langst hinaus! Mit Nachsicht blicke man auf diese gnostischen,
recht anmutigen Kindereien!
So ist eben heute die Stimmung, und diese Stimmung wird nicht
leicht zu belehren sein. Man konnte ihr freilich sagen: Ein Gnosti-
ker, der heute mit seiner aus der Gnosis herausgeborenen Seele vor
dir stehen wiirde, der wiirde sich auch die Freiheit herausnehmen,
dir seine Ansicht zu sagen, und er wiirde dann etwa so sprechen:
Ich begreife ganz gut, daB du so stolz, so hochmiitig geworden bist
mit deinem Entwickelungs- und Energiegedanken; aber das kommt
davon her, daB dein Gedankenleben recht grob, einfach, primitiv
geworden ist, daB du dich begniigst aus deinen Nebeln heraus mit
den allerabstraktesten Gedanken. Du sprichst das Wort Entwicke-
lung und Energie aus und glaubst etwas zu haben. Du kannst eben
nicht hineinschauen in jenes feinere geistige Leben, das hinaufdringt
zu dem, was in dreiBig Stufen sich erhebt iiber dem, was du hast.
Fur uns aber, meine lieben Freunde, wird der Gegensatz, den ich
im Beginne der heutigen Betrachtung vor Sie hingestellt habe, da-
durch nur noch schroffer. Wir sehen auf der einen Seite unsere Zeit
mit ihren ganz groben, primitiven Begriffen und sehen auf der ande-
ren Seite diese Gnosis. Und eben haben wir auseinandergesetzt, wie
unendlich komplizierte Begriffe diese Gnosis aufwendet — dreiBig
Aonen — , um im Verlaufe ihrer Entwickelung den Gottessohn und
den Heiligen Geist zu finden und in der Seele zu finden die Sehn-
sucht nach der gottlichen Sophia und dem Gottessohn und dem Hei-
ligen Geist.
Dann fragen wir uns: Ja, ist denn nicht aus dem, was damals in
der griechisch-romischen Welt an Gedankenvertiefung geschah. das-
jenige hervorgegangen, was wir heute haben, womit wir es so herr-
lich weit gebracht haben in unserem Entwickelungs- und Energie-
gedanken? Und blicken wir nicht auf diese Gnosis mit ihren kom-
plizierten Begriffen, die der Gegenwart so unsympathisch sind, wie
auf etwas in der Tat ganz Fremdes? Sind das nicht kolossale Gegen-
satze? Ja, sie sind es. Der Widerspruch, der sich uns von da aus
bedriickend in die Seele legt, wird immer groBer, wenn wir jetzt
wiederum zuruckreflektieren auf das, was wir iiber die hellseherisch
gestimmte Seele gesagt haben: daB sie sich versetzen kann in die
Gedankenwelt der Griechen und Romer, und dann die Welt mit
dem Stern sieht, von der wir gesprochen haben. Und iiberall ein-
gestreut in diese Vertiefung des griechischen Gedankens finden wir
jene Vertiefung, die die Gnosis darstellt. Doch wenn wir sie mit
dem, was uns die Anthroposophie heute geben soil, ansehen, ohn-
machtig eigentlich, zu verstehen, was der Stern bedeuten soil, von
dem wir durch drei Welten getrennt sind, und wenn wir bei den
Gnostikern anfragen: Haben sie verstanden, was damals in der
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit geschehen ist? — dann
konnen auch wir auf dem Boden der Anthroposophie uns von den
Gnostikern die Antwort nicht geben lassen, denn sie wiirde uns nie-
mals befriedigen konnen; sie wiirde kein Licht bringen konnen in
das, was sich heute der hellseherischen Seele ergibt.
Ich mochte Ihnen heute mit dieser Betrachtung nicht eine Erkla-
rung fiir irgend etwas gegeben haben. Je mehr Sie empfinden, daB
das, was ich ausgesprochen habe, keine Erklarung ist, je mehr Sie
empfinden, daB ich eigentlich Widerspruch iiber Widerspruch vor
Sie hingestellt habe und nur eine okkulte Erfahrung, die der Wahr-
nehmung des Sternes, Ihnen zeigte, desto besser haben Sie mich fiir
heute verstanden. DaB Sie sich klar sind dariiber, daB etwas in der
Welt erschienen ist im Beginne unserer Zeitrechnung, von dem das
menschliche Verstandnis weit, weit ab war und doch von ihm be-
wirkt war, das mochte ich gerne, daB Sie es empfinden. DaB die
Epoche des Ausgangspunktes unserer Zeitrechnung ein groBes Rat-
sel ist, das mochte ich, daB Sie es empfinden. Ich mochte, daB Sie
ein Empfinden dafiir haben, daB in der Menschheitsentwickelung
etwas geschieht, was sich in der griechisch-romischen Welt zunachst
wie eine Vertiefung des Gedankens oder wie eine Entdeckung des
Gedankens ausnimmt, und daB die Urgriinde selbst dafiir tief im
Ratselvollen liegen. In verborgenen Welten mogen Sie suchen das-
jenige, was in der Maja der physisch-sinnlichen Welt als die Ver-
tiefung des griechisch-romischen Gedankens erscheint. Und nicht
eine Idee, eine Erklarung selber fiir das, was vorliegt, sondern die
Aufstellung eines Ratsels wollte ich mit den heutigen Auseinander-
setzungen geben, die wir dann morgen abend fortsetzen wollen.
ZWEITER VORTRAG
Leipzig, 29- Dezember 1913
Wenn wir uns noch einmal zuriickrufen die Gedanken der gestri-
gen Betrachtung, so konnen wir sie zusammenfassen in die Worte,
daB das Zekalter im Beginne unserer Zeitrechnung sich aus dem
Schatze seiner Weisheit heraus alle mogliche Miihe gegeben hat, das
Mysterium von Golgatha zu verstehen, und daJ3 diese Weisheit bei
diesem Unternehmen die allergroBten Schwierigkeiten gefunden
hat. Wir miissen bei dieser Erscheinung noch etwas verweilen, denn
es ware unmoglich, ohne das rechte Verstandnis fur dieses notwen-
dige MiBverstehen dessen, was geschehen war durch das Mysterium
von Golgatha, ohne ein Verstandnis dieser Erscheinung eine bedeut-
same Tatsache der spateren Jahrhunderte ins gehorige Licht zu fas-
sen: das Aufkommen der Grals-Ideen, die gerade in unserem Zu-
sammenhang mit einigen Worten zu besprechen sein werden. Gerade
wenn wir auf die bedeutsamste, weisheitsvolle Richtung der Epoche
vom Beginne unserer Zeitrechnung, auf die Gnostiker blicken, so
konnen wir im Sinne der gestrigen Ausfiihrungen sehen, wie tief
eindringlich, wie grandios-genialisch ihre Ideen auf der einen Seite
waren, um in ein gewaltiges Weltbild hineinzustellen den Gottes-
sohn. Wenn wir aber nur auf dasjenige blicken, was uns moglich
war iiber dieses Mysterium von Golgatha heute schon herauszufin-
den aus der geistigen Chronik der Zeiten, so miissen wir doch sagen:
nichts Rechtes ist anzufangen mit den BegrifTen und Ideen der Gno-
stiker. Und das sehen wir insbesondere genau, wenn wir hinblicken
auf mancherlei Vorstellungen, die sich die Gnostiker iiber das Er-
scheinen des Christus im Jesus von Nazareth gebildet haben. Da
gab es solche, welche aus der Gnosis heraus sich wohl sagten: Ja,
diese Chrisms- Wesenheit ist eine iiber alles Irdische hinausgehende,
in den geistigen Reichen wurzelnde Wesenheit; eine solche Wesen-
heit kann nur zeitweilig sich aufhalten in einem Leibe, der ein Men-
schenleib ist, wie der Leib des Jesus von Nazareth.
Diese Gnostiker, die so sprachen, sie haben ja das getroffen, was
wir heute immer wieder und wieder betonen miissen: daB es richtig
ist, daB durch drei Jahre hindurch die Christus-Wesenheit zeitweilig,
voriibergehend, in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte. Allein,
diese Gnostiker kamen nicht zurecht mit der Art, wie die Christus-
Wesenheit in dem Leibe des Jesus von Nazareth lebte. Denn erstens
war ihnen das Geheimnis des Leibes des Jesus von Nazareth selber
nicht klar; sie wuBten nicht, daB in diesem Leibe ja das Ich des
Zarathustra wohnte, daB die drei Leiber des Jesus von Nazareth
solche waren, daB sie in ihrer Zusammenfiigung eine Menschheits-
substanz darstellten, die vorher niemals auf der Erde im Fleisch
verkorpert war. Die ganze Beziehung des Christus zu den beiden
Jesusknaben iiberschauten diese Gnostiker nicht. Daher kam es
ihnen immer unbefriedigend vor, was sie selber sagen konnten, oder
wenigstens kam es ihren Anhangern bald unbefriedigend vor, was
sie sagen konnten iiber das zeitweilige Verweilen des Christus im
Leibe des Jesus von Nazareth. Auch die Art der Geburt, dieses ge-
waltigste Mysterium der Menschheitsentwickelung, beriihrten die
Gnostiker in ihrer Weise. Wohl wuBten sie, daB dasjenige, was die
Erscheinung des Christus auf Erden notwendig gemacht hat, zu-
sammenhangt mit dem Durchgang durch die fleischliche Empfang-
nis. Aber die Mutter des Jesus von Nazareth in Beziehung zu brin-
gen zu der Geburt des Christus- Jesus, das vermochten sie nicht vol-
lig durchzufiihren. Und diejenigen — es gab auch solche — , die es
durchzufuhren versuchten, die wurden eigentlich sehr wenig ver-
standen. Auch gab es Gnostiker, welche aus den eben charakteri-
sierten Schwierigkeiten heraus ganz die fleischliche Erscheinung des
Christus auf Erden leugneten, die sich die Vorstellung machten, daB
vor und nach dem Tode auf Golgatha auf Erden nur herumgegan-
gen ware ein Scheinleib, also was wir einen astralischen Leib nennen
wurden, der da oder dort eben erschien, der aber nicht ein physischer
Leib war. Weil man Schwierigkeiten darin fand, zu einer Vorstel-
lung zu kommen, wie der Christus sich mit einem fleischlichen Leibe
verbinden kann, so sagte man, er habe sich iiberhaupt nicht mit
einem solchen verbunden. Maja sei es gewesen, wenn die Menschen
geglaubt haben, daB er in einem fleischlichen Leibe herumgegan-
gen sei. Auch dieses fand keine Anerkennung. Man sieht iiberall,
daB die Gnostiker sich mit ihren Begriffen und Ideen bemiihten,
das historisch groBte Problem der Erdenentwickelung zu bewal-
tigen, daB aber in gewisser Beziehung doch ihre Begriffe und Ideen
nicht ausreichten; sie erwiesen sich gleichsam ohnmachtig gegen-
iiber dem, was geschehen war.
Nun werden wir ja noch zu sprechen haben iiber die Art, in wel-
cher Paulus mit dem Problem fertig zu werden versuchte. Aber es
wird zuerst gut sein, wenn wir uns klarmachen, was denn eigentlich
vorgelegen hat, daB ein solches MiBverstehen uns sozusagen wie
eine Notwendigkek entgegentritt. Wenn wir mit den Mitteln der
Geistesforschung uns eine Reihe von Fragen stellen und diese dann
versuchen zu beantworten, so wird uns zunachst abstrakt, mochte
man sagen, klarwerden, was eigentlich vorlag.
Man kann zum Beispiel so fragen: Wenn das Zeitalter des Chri-
sms Jesus so wenig in der Lage war, seine Wesenheit zu verstehen,
ware ein anderes Zeitalter imstande gewesen, ihn zu verstehen?
Wenn man sich zuriickversetzt in die Seelen der Menschen der ver-
schiedenen Epochen, so kommt man allerdings als Geistesforscher
zu einem sonderbaren Resultat. Man kann sich zunachst in die
Seelen der groBen Lehrer des uralten Indiens versetzen, der indi-
schen Kultur, die die erste war der nachatlantischen Zeit. Wir
stehen da, wie wir das oftmals betont haben, mit allertiefster Be-
wunderung vor der umfassenden und tiefgriindigen, iiberall von
hellsichtigen Ausblicken durchzogenen Weisheit der heiligen indi-
schen Rishis der alten Zeit. Wir wissen, daB in die Seelen dieser
groBen Lehrer ihrer Epoche hereingezogen sind die Weltengeheim-
nisse, die den spateren Epochen fur die Weisheitserkenntnis ver-
lorengegangen sind. Und wenn man sich mit dem hellseherischen
BewuBtsein, so gut es geht, in die Seele eines solchen groBen Leh-
rers Altindiens versetzt, dann muB man sagen: Wenn es moglich
gewesen ware, daB die Christus-Wesenheit dazumal, meinetwillen
inmitten der heiligen Rishis, auf Erden erschienen ware, dann ware
die Weisheit dieser Rishis im hochsten MaBe fahig gewesen, das
Wesen des Christus zu verstehen. Da hatte es keine Schwierigkeiten
gegeben, man hatte gewuBt, um was es sich handelt. Und weil
man so bedeutsame Erscheinungen wie die eben charakterisierte
eigentlich in abstrakten Worten gar nicht ordentlich aussprechen
kann, so gestatten Sie, meine lieben Freunde, ein Bild.
Ich mochte sagen: Die heiligen Rishis Altindiens wiirden, wenn
sie vernommen hatten den Glanz der Weisheit, der die Welt durch-
pulsenden Weisheit des Logos in einem Menschen, sie wiirden dem
Logos ihren Opferweihrauch dargebracht haben, das Symbolum der
Anerkennung des Gottlichen, das in die Menschheitssphare herein-
arbeitet. Aber diese Christus- Wesenheit konnte in jener Zeit keinen
Korper finden. Die Korper waren in jener Zeit fiir sie nicht geeig-
net gewesen. So konnte sie nicht — wir werden die Griinde dafiir
spater anfiihren — in dem Zeitalter erscheinen, in dem alle Mittel
fiir das Verstandnis vorhanden gewesen waren.
Und wenn wir weitergehen und uns versetzen in die Seelen der
alten Zarathustra-Kultur, so konnen wir sagen: Mit jenen hohen
Mitteln der uralt indischen Kultur waren diese Seelen der Zara-
thustra-Kultur zwar nicht mehr ausgeriistet; aber verstanden wiir-
den sie haben, dafi der Sonnengeist sich vorgesetzt hatte, in einem
menschlkhen Leib zu leben, und sie wiirden in der Lage gewesen
sein, das SonnengeistmaBige einer solchen Tatsache zu verstehen.
Wenn ich wieder bildlich sprechen wollte, so miiBte ich sagen: Es
wiirden die Schiiler Zarathustras ihren Sonnengeist im Menschen
mit dem leuchtenden Gold gefeiert haben, dem Symbolum der
Weisheit.
Und wenn wir noch weiter gehen in die chaldaisch-agyptische
Kulturperiode: Wiederum hatte die Moglichkeit abgenommen, den
Christus Jesus zu verstehen. Aber so gering ware sie nicht gewesen
wie in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, wie in der grie-
chisch-lateinischen, wo nicht einmal die Gnosis machtig genug war,
diese Erscheinung zu verstehen. Man wiirde verstanden haben, daB
ein Stern aus geistigen Hohen erschienen ist und in einem Men-
schen geboren worden ist. Man wiirde also die gottlich-geistige Ab-
kunft aus auBerirdischen Spharen gut begriffen haben. Man wiirde
dargebracht haben die Myrrhen zum Opfer. Und wenn wir uns in
die Seelen derjenigen versetzen, die in der Bibel als die drei Magier
aus dem Morgenlande kommen und die Bewahrer sind der aus den
drei nachatlantischen Kulturepochen stammenden Weisheitsschatze,
so wird uns durch die Bibel selber angezeigt, wie ein gewisses Ver-
st'andnis dadurch vorliegt, daB diese drei Magier wenigstens bei der
Geburt des Jesuskindes erscheinen. Eines wird uns allerdings auf-
f alien, woran heute vielleicht die wenigsten denken: daB gerade
diesen drei Magiern gegeniiber die Bibel in einer sonderbaren Lage
ist. Denn will uns nicht diese Bibel sagen: Das sind drei bedeutsame
Weise, die schon bei der Geburt verstanden, um was es sich han-
delte? Aber man mochte fragen: Wo bleiben denn diese drei Wei-
sen spater? Was wird eigentlich aus ihrer Weisheit? Haben wir
irgend etwas, was wir zum Verstandnis der Christus-Erscheinung auf
diese drei Weisen aus dem Morgenlande zuriickfuhren konnen? Das,
wie gesagt, soli nur als Frage aufgeworfen werden. Es gehort zu
den zahlreichen Fragen, welche gegeniiber der Bibel gewiB auf-
geworfen werden miissen und die bedeutsamer sein werden als alle
pedantischen Bibelkritiken des neunzehnten Jahrhunderts.
Und wenn wir nunmehr in den vierten nachatlantischen Zeit-
raum gehen, so konnen wir von ihm das eine sagen: Jetzt ist der
Korper da, in dem die Christus-Wesenheit sich verkorpern kann.
Dieser Korper war nicht da in der ersten, zweiten, dritten nachatlan-
tischen Zeit. Jetzt ist er aber da. Aber jetzt ist bei den Menschen
nicht die Moglichkeit vorhanden, das, was geschieht, zu verstehen,
wirklich begreifend zu durchdringen. Eine eigentiimliche Erschei-
nung, nicht wahr? Denn nichts anderes tritt da vor unsere Seele
als die Tatsache, daB der Christus auf der Erde in einem Zeitalter
erscheint, das am wenigsten geeignet ist, ihn zu verstehen. Und
wenn man auf die folgenden Zeitalter blickt und insbesondere die
Unternehmungen ins Auge faBt, die wiederum aufgekommen sind
in den folgenden Jahrhunderten, um die Wesenheit des Christus
Jesus zu verstehen, so nnden wir ein unendliches theologisches Ge-
zank. Wir finden endlich, im Mittelalter, die scharfe Trennung zwi-
schen Wissen und Glauben, das heiBt ein volliges Verzichten auf
ein Wissen von dem Wesen des Christus Jesus iiberhaupt — von der
neuen Zeit gar nicht zu reden, die bis in unsere Tage ohnmachtig
geblieben ist dieser Erscheinung gegenuber. Also eine merkwurdige
Erscheinung! Gerade in dasjenige Zeitalter wird der Christus her-
eingeboren, das am wenigsten geeignet ist, ihn zu verstehen. Und
kame es darauf an in der Menschheitsentwickelung, daB der Chri-
stus hatte durch das Verstandnis der Menschenseelen auf Erden wir-
ken sollen, dann ware es um diese Wirkung wahrhaftig, man muB
sagen, traurig bestellt gewesen. Vielleicht konnte man sagen, es sei
radikal ausgedriickt, aber um nicht miBverstanden zu werden, mochte
ich doch dieses Wort gebrauchen: Eigentlich hat es fiir denjenigen, der
die theologisch-geistige Entwickelung, die sich an die Christus-Erschei-
nung knupft, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus anblickt,
den Anschein, als ob diese theologische Entwickelung sich die Auf-
gabe gesetzt hatte, soviel wie moglich dazu beizutragen, um Hindernis
iiber Hindernis dem Verstandnisse der Christus- Wesenheit entgegen-
zubringen. Denn diese theologische Gelehrsamkeit scheint in ihrem
Gange sich immer weiter und weiter von diesem Verstandnis zu ent-
fernen. Das ist etwas radikal ausgesprochen; aber derjenige, der ein-
gehen will auf den Sinn dieses radikalen Ausspruches, der wird sich
schon den tieferen Sinn dieser Worte klarmachen konnen.
Nun ist im Grunde genommen die Aufdeckung des damit aus-
gesprochenen Ratsels gar nicht so leicht, und ich gestehe Ihnen, daB
ich die verschiedensten Wege der Geistesforschung im Laufe der
Zeit versucht habe, um diesem Ratsel beizukommen. Es ist nahe-
liegend, daB — aus Mangel an Zeit — nicht von diesen verschiedenen
Wegen gesprochen werden kann. Aber einen unter den mancherlei
Wegen mochte ich heute anfuhren. Es ist der Weg, der um den Be-
ginn unserer Zeitrechnung herum durch eine sehr merkwurdige Er-
scheinung des Geisteslebens fuhrt, namlich durch die Erscheinung
des Lebens der Sibyllen.
Merkwurdige Erscheinungen mit einem hochst eigentiimlichen
Prophetencharakter sind diese Sibyllen. Die auBere Wissenschaft
kann nicht einmal angeben, aus welcher Sprache das Wort Sibylle
stammt. Wenn wir zunachst auf das blicken, was durch auBerliche
Dokumente eigentlich ziemlich ausfiihrlich iiber die Sibyllen be-
kannt ist, so konnen wir sagen, daB wir gleich im Beginne des Sibyl-
lenlebens eine hochst merkwiirdige Erscheinung zu verzeichnen
haben. So etwa vom achten Jahrhundert an und dann weiter fort-
gehend begegnet uns in Erythraa in Ionien der erste Sibyllenort,
wo sozusagen die ersten Sibyllen ihre mannigfaltigsten Prophezei-
ungen in die Welt hinausschickten, Prophezeiungen, die, schon wie
sie auBerlich iiberliefert sind, uns anzeigen, daB diese Ausspriiche
der Sibyllen aus merkwiirdigen Untergriinden des menschlichen We-
sens und Seelenlebens herruhren. Wie aus chaotischen Untergriin-
den des Seelenlebens pressen diese Sibyllen allerlei hervor, was sie
iiber die Zukunft der Erdenentwickelung diesem oder jenem Volk
zu sagen haben; namentlich zunachst, was sie zu sagen haben an
Grauenvollem, aber zuweilen auch an Gutem. Entfernt von alle-
dem, was man geordnetes Denken nennt, wie aus den chaotischen
Untergriinden der Seele hervorgehend, preBt sich aus den Sibyllen
heraus dasjenige, was sie so sagen, daB man fast jeder Sibylle anhort
- wenn man sie jetzt nachtraglich priift mit den Mitteln der Geistes-
wissenschaft — , daB sie mit einem durchgeistigten Fanatismus vor
die Menschheit hintritt und den Menschen aufdrangen will, was
sie zu sagen hat. Sie wartet nicht, bis sie gefragt wird, wie etwa die
Pythia Griechenlands mit ihren Prophezeiungen, sondern sie tritt
heraus, das Volk versammelt sich, und wie gewaltsam sich aufdran-
gend klingen die Ausspriiche der Sibylle iiber Menschen, Volker,
Erdenzyklen. DaB sie in Ionien auftreten, ist eine merkwiirdige
Erscheinung, sagte ich; denn in Ionien nimmt zugleich ihren An-
fang die griechische Philosophic, jene Weisheit, die von Thales und
Aristoteles her bis in die romische Zeit hinein so ganz aus dem
geordneten Seelenleben des Menschen hervorgeht, aus dem, was
dem Chaos entgegengesetzt ist, was heraussucht aus dem Seelen-
leben alles das, was an klaren, hellen, lichtvollen Begriffen zu
erreichen ist. Von Ionien geht sie aus, die Philosophic der Klarheit,
des Lichtvollen, man mochte sagen des Himmlischen, das sie an-
genommen hat dann in Plato. Und wie ihr Schatten erscheinen die
Sibyllen mit ihren Geistprodukten, die aus dem Seelenchaos hervor-
kommen, manchmal lichtvoll ankiindigend solches, das sich dann
erfiillt, manchmal auch solches, das gefalscht werden muB von An-
hangern des Sibyllentums, um von einer Erfiillung sprechen zu
konnen. Und dann sehen wir weiter, wie der Schatten der Weisheit
die vierte Kulturepoche eben begleitend, dieses Sibyllentum sich
tiber Griechenland, iiber Italien ausbreiten. Von den mannigfaltig-
sten Arten der Sibyllen wird uns gesprochen, und wir sehen, wie
bis herein nach Italien sich das Sibyllentum ausbreitet. Allmahlich
kommt es herauf in die Zeit, in der das Mysterium von Golgatha
erscheint. Wir sehen dann, wie es EinfluB gewinnt auf die romischen
Dichter, wie es selbst in die Dichtungen Virgils hineinspielt, wie
das Leben gerade durch geistvolle Leute zu gestalten versucht wird,
indem man sich beruft auf die Ausspriiche der Sibyllen.
Wieviel auf das gegeben wird, was in Sibyllenausspriichen ge-
geben ist, sieht man an den sogenannten Sibyllinischen Biichern,
die man um Rat anspricht. Und wir sehen da wiederum auch in der
auBeren Welt in bezug auf die Sibyllenausspriiche merkwiirdig
chaotisch sich mischen Geistvollstes mit vollstandig Humbug-
artigem. Und dann sehen wir dieses Sibyllentum selbst in das Chri-
stentum hereingreifen. Es klingt uns ja noch aus dem Gesang des
Thomas von Celano entgegen:
Dies irae, dies ilia
solvet saeclum in f avilla
teste David cum Sibylla!
Tag des Zornes, o Tag, der zunichte fiihrt dies Weltalter nach dem
Zeugnis des David wie auch der Sibylle!
Also bis in die Zeit der Entwickelung des Christentums herein steht
mancherlei Geistern die Sibylle vor Augen mit ihren Ausspriichen,
namentlich auf das gehend, was sich auf die Vernichtung der bis-
herigen und auf das Kommen einer neuen Weltenordnung bezieht.
So kann man sagen, daB durch viele, viele Jahrhunderte, ja durch
den ganzen vierten nachatlantischen Zeitraum hindurch, und ihre
Strahlen, wenn auch nur noch sparlich, bis in den fiinften Zeit-
raum hereinwerfend, die Sibylle uns gegeniibertritt in der Mensch-
heitsentwickelung. Nur wer, von rationalistischen Vorstellungen der
Gegenwart beherrscht, sich um solche Sachen nicht kiimmern will,
kann iibersehen, welchen tiefgehenden EinfluB gerade das Sibyllen-
tum auf die Welt gehabt hat, innerhalb welcher sich das Christen-
tum ausbreitete. Was heute als Geschichte erzahlt wird, ist, wie ich
ofter ausgesprochen habe, namentlich wo es sich um Dinge geistiger
Art handelt, in vieler Beziehung eine Fable convenue. Viel mehr,
als man glaubt, waren die Vorstellungen in den breitesten Schich-
ten des Volkes bis in spate Jahrhunderte herauf von dem be-
herrscht, was von den Sibyllen ausging. Es ist eine merkwiirdige,
ratselhafte Erscheinung, die sich hineinstellt in den vierten nach-
atlantischen Zeitraum, diese Welt der Sibyllen.
Uns muB interessieren, was sich eigentlich in den Seelen dieser
Sibyllen abspielt. Solche Dinge miissen wir wiederum durch unsere
Geistesforschung herausholen aus dem, was heute sozusagen durch
eine Schicht materialistischer Geisteskultur bedeckt ist, was aber so,
wie es ist, nicht gebraucht werden kann, sondern erneuert werden
muB mit den Mitteln der Geistesforschung unseres Zeitalters. Aber
aufmerksam darf doch darauf gemacht werden, daB das Wesen des
Sibyllentums in verhaltnismaBig nicht weit zuriickliegenden Zeiten
nicht so vergessen war wie in der unsrigen. Und wir haben ja, ich
mochte sagen, ein bedeutsames Dokument, welches uns hinweist
auf Uberlieferungen iiber die Bedeutung des Sibyllentums. Viel-
leicht schauen wir dieses Dokument nicht immer auf diese Bedeut-
samkeit hin an, aber es ist doch vorhanden und sollte die Menschen
zum Nachdenken veranlassen. Es ist vorhanden in der groBen
Schopfung Michelangelos, wo er in den bedeutsamen Bildern der
Sixtinischen Kapelle nicht nur die Entwickelung der Erde und der
Menschheit, sondern auch die Propheten und die Sibyllen darstellt.
Und wir sollten, gerade wenn wir diese Bilder betrachten, nicht
vorbeigehen an der Art, wie Michelangelo die Sibyllen darstellt,
insbesondere wie er kontrastiert die Sibyllen und die Propheten. Denn
ganz unbefangen betrachtet, stellt sich dar in dieser Kontrastierung
etwas von dem, was wir wiederum erkennen konnen durch Geistes-
wissenschaft iiber mancherlei Geheimnisse des vierten nachatlanti-
schen Zeitraums, in den das Mysterium von Golgatha hereinf allt.
Da sehen wir ja zunachst, als kiinstlerisches Werk so bewun-
derungswiirdig, die Darstellung der Propheten: des Zacharias, des
Joel, Jesaias, Hesekiel, Daniel, Jeremias und Jonas. Und eingereiht
in diese Prophetenreihe sehen wir die Sibyllen: die persische, die
delphische, die erythr'aische, die libysche, die cumaische Sibylle.
Wenn wir uns die Propheten ansehen, fast alle haben sie mehr oder
weniger etwas von dem Charakter, der uns gleich bei Jeremias ent-
gegentntt, der uns aber insbesondere signifikant erscheint bei
Zacharias: tief sinnende Menschen, zum groBen Teil in Biicher oder
sonstiges vertieft, ruhig mit gleichmaBig geordneter Seele aufneh-
mend, was sie lesen oder sonst an sich heranbringen. Das, was ruhig
in der Seele lebt, tritt uns auch aus den Antlitzen dieser Propheten
entgegen. Eine kleine Ausnahme macht, aber auch nur scheinbar,
Daniel, der vor einem Buche sitzt, das auf den Riicken eines Kna-
ben gestutzt ist, und der etwas zum Schreiben in der Hand hat, um
das, was er liest, in ein anderes Buch zu schreiben: ein leiser Uber-
gang von dem sinnigen Aufnehmen der Weltengeheimnisse zum
Niederschreiben, wahrend die anderen sinnend verharren und mit
gelassener, ruhiger Seele ganz hingegeben sind den Weltengeheim-
nissen. Ihnen alien sehen wir an — das miissen wir festhalten — , daB
sie ins Uberirdische versenkt sind, daB ihre Seele im Geistigen ruht
und das Menschheitswerden aus dem Geistigen zu ergriinden sucht.
Ihnen sehen wir an, daB sie mit ihren Gedanken hinaus sind iiber
das, was sie unmittelbar umgibt, iiber das, was in den menschlichen
Leidenschaften und in dem Fanatismus enthalten ist und in der
Ekstase, die aus dem Fanatismus und der menschlichen Leidenschaft
kommt; daB sie nicht nur hinaus sind iiber das, was der Mensch
erblickt, sondern auch iiber das, was er in sich erlebt, insofern er
auf Erden Mensch ist. Das ist das GroBe in dieser Prophetendarstel-
lung des Michelangelo.
Dann wenden wir den Blick hin zur Darstellung der Sibyllen.
Da haben wir zuerst die persische Sibylle in der Nahe des Prophe-
ten Jeremias, merkwurdig kontrastierend mit dem sinnigen Verhal-
ten des Jeremias. Wie wenn sie das, was sie eben erf ahren hat, auf-
drangen wollte der Menschheit, so erhebt sie die Hand; wie wenn
sie, nach dem Muster schlechter Redner, unmittelbar mit aller
Macht beweisen wollte das, was sie zu sagen hatte, und wie wenn
sie gar nicht anders konne, vermoge ihrer fanatischen Leidenschaft,
als in die beweisende Hand hineinnieBen zu lassen dasjenige, wo-
von sie iiberreden mochte die ganze Menschheit! Dann wenden wir
den Blick hin zu der erythraischen Sibylle. Da verspiiren wir, wie
sie verkniipft ist mit dem, was dem Menschen sozusagen von den
Geheimnissen der Erdenelemente zukommen kann. Eine Lampe hat
sie iiber dem Haupt; ein nackter Knabe ziindet die Lampe mit einer
Fackel an. Wie kann man das, was man ausdriicken will, deutlicher
ausdriicken: Da ziindet menschliche Leidenschaft das an, was sie
aus den unbewuBten Seelenkraften heraus der Menschheit mit aller
Gewalt als Prophetie einpflanzen mochte. Die Propheten sind hin-
gegeben in ihrer Seele dem Urewigen im Geiste; die Sibyllen sind
mitgedssen von allem Irdischen, insofern das Irdische das Geistig-
Seelische offenbart. Die delphische Sibylle zeigt uns das ganz be-
sonders, wenn wir sehen, wie sogar ihr Haar von einem Windhauch
nach der einen Seite getrieben wird, wie dieser Wind bis hinein in
den blaulichen Schleier blast, so daB sie dem Elemente der Luft das
verdankt, was sie mitzuteilen hat. In diesem Windhauch, der Haar
und Schleier der Sibylle durchblast, tritt uns entgegen, was die Erde
damals oifenbaren wollte durch den Mund dieser Sibylle, mit Ge-
walt iiberredend. Dann die cumaische Sibylle: Sie redet mit halb-
geoffnetem Mund wie lallend. Wie eine aus dem UnbewuBten stam-
mende Prophetie hervorstammelnd, so erscheint sie uns. Die libysche
Sibylle, die hastig, wie sich umkehrend, etwas ergreift, worin sie
Geheimnisse lesen kann — so etwa! Alles ist sozusagen in diesen
Sibyllen hingegeben dem unmittelbaren Erdenelement.
Es ist vieles gerade solchen Dokumenten anvertraut in derjeni-
gen Zeit, wo man, wie das ja selbstverstandlich war fur dieses Zeit-
alter, viel besser in der Malerei, in der Kunst, ausdriicken konnte,
was man zu sagen hatte, als in einer spateren Zeit, wo uns mehr der
Begriff, die Idee dienen muB.
Was ist denn die eigentiimliche Natur dieser Sibyllen? Was sind
sie denn eigentlich? Was bedeutet ihre Prophetie? Man muB tief
hineinbohren, mochte man sagen, in die Geheimnisse der Mensch-
heitsentwickelung, wenn man ergriinden will, was in den Seelen
dieser Sibyllen vorgeht.
Fragen wir uns zu diesem Zwecke noch einmal: Warum hatten
denn die alten indischen Rishis mit ihrer uns ja kaum ergriind-
lichen Weisheit den Christus Jesus so leicht verstehen konnen? Nun,
es ist eine Trivialitat, aber wahr ist es doch: weil sie eben die noti-
gen Weisheiten und Begriffe hatten, die die vierte nachatlantische
Kuiturperiode nicht hatte. Sie hatten das alles, wonach vergebens
zum Beispiel lechzten die Gnostiker und auch die Antignostiker und
die apostolischen Vater, wie man sie nennt. Sie hatten das alles; aber
wie hatten sie es? Nicht als erarbeitete Ideen, nicht als etwas, was
sie sich etwa wie Plato oder Aristoteles an Ideen erarbeitet hatten,
sondern wie Eingebungen, wie Inspirationen, wie etwas, was wie
in aller Gewalt als konkrete Inspiration vor ihnen stand. Ihr Astral-
leib wurde ergriffen von dem, was einstromte aus dem Weltenall,
und aus den Wirkungen des Kosmos auf ihren astralischen Leib
gingen hervor die Begriffe, die ihnen dann vor die Seele hatten zau-
bern konnen die Wesenheit des Christus Jesus. Man mochte sagen,
es ward den Menschen gegeben; die Menschen haben es sich nicht
erarbeitet, es kam wie herausgespruht aus den Tiefen des Astral-
leibes. Und mit einer wunderbaren Klarheit kam es herausgespruht
aus dem Astralleib der heiligen Rishis und ihrer Schiiler und im
Grande genommen der ganzen, der ersten nachatlantischen Kuitur-
periode angehorigen altindischen Kultur. Und das war immer ge-
ringer geworden, war aber noch da in der zweiten, in der dritten
nachatlantischen Kuiturperiode und erhielt sich als ein Rest bis in
die vierte nachatlantische Kuiturperiode hinein. Aber wie? Als was
fur ein Rest?
Wenn wir untersuchen wurden, wie es noch in der dritten nach-
atlantischen Kuiturperiode war, so wurden wir finden, dafi wenig-
stens diejenigen Menschen, die sich auf die Hohe ihrer Zeit hinauf-
geschwungen hatten — und dazumal waren dem Prozentsatz nach
viel mehr Gebildete als heute — , Begriffe hatten iiber Zusammen-
hange des AuBerirdischen, iiber das, was sich symbolisierte am Ster-
nenhimmel. Sie konnten in den Bewegungen der Sterne Geheim-
nisse des Weltendaseins lesen. Der dritte nachatlantische Zeitraum
hatte ganz gewiB, wenn der Christus Jesus auf Erden erschienen
ware, aus der Sternenschrift erkannt, welche Bewandtnis es mit ihm
gehabt hat. Aber das war ja das notwendige Schicksal, das wir dem
Prinzip nach ofters hervorgehoben haben in bezug auf Menschheits-
entwickelung: daB immer mehr und mehr zuriicktrat im mensch-
lichen Astralleib die Gabe, so mit den Geheimnissen der Welt durch
lebendige Bilder zusammenzuhangen. Diese Bilder wurden immer
chaotischer und chaotischer. Das, was auf diese Weise in die Men-
schenseele hereinkam, war immer weniger maBgebend — nicht daB
es gar nicht maBgebend war, sage ich, sondern nur immer weniger
und weniger maBgebend — fiir die Ergriindung der eigentlichen Wel-
tengeheimnisse.
Und so war es dann gekommen, daB zweierlei entstanden war.
Auf der einen Seite die Begriffswelt, sagen wir des Plato und des
Aristoteles, die Ideenwelt, man mochte sagen, die durchgesiebteste
Geisteswelt, die geistige Welt, die am wenigsten noch in sich hat
vom Geiste, die unmittelbar aus dem Ich selber erfaBt und ergriin-
det wird, nicht mehr aus dem Astralleibe kommt. Denn das ist das
Charakteristische der griechischen Philosophie, daB in ihr zum
erstenmal der Geist sich aus dem Ich heraus manifestierte, wie er
sich aus dem Ich heraus manifestieren kann in den ganz und
gar durchsichtigen, aber dem eigentlichen Geistesleben doch ferne-
stehenden Begriffen. Nur daB der griechische Philosoph in dieser
Beziehung, ungleich dem neueren Philosophen, noch fiihlte, daB
die Gedanken herstammten aus der geistigen Welt, wahrend der
neuere Philosoph notwendigerweise ein Zweifler, ein Skeptiker ge-
worden ist, weil er nicht mehr den lebendigen Zusammenhang fiihlt
zwischen seinen Gedanken und den Weltengeheimnissen. Geringer
wurde in der neueren Zeit die Fahigkeit, zu sagen: Das, was ich
denke, denkt der Weltengeist in mir. Man muB schon, wie ich in
«Die Schwelle der geistigen Welt» darzustellen versucht habe, ein
wenig durch Meditation dazu kommen, Vertrauen zum Denken zu
gewinnen, jenes Vertrauen zum Ausgestalten der Begriffe und Ideen,
das dem griechischen Philosophen naiv gegeben war, weil er seine
Gedanken fur die Gedanken des Weltengeistes selber halten durfte.
Es war also gleichsam die auBerste Haut des Weltengeistes, was in
der griechischen Philosophic an die Menschheit herantrat, aber es
war eben doch noch von dem lebendigen Leben des Weltengeistes
durchdrungene Haut; das fiihlte man. Das zweite, was geblieben
war aus alten Zeiten, war atavistisch, war ein Vererbungsstuck. Und
es blieb gewissermaBen in deutlichster Weise in der Prophetie der
Sibyllen, die aus dem Chaos ihrer Welt heraus gleichsam noch ein-
mal auferstehen lieBen die Krafte der Menschenseele, die durch den
zweiten, dritten nachatlantischen Zeitraum in harmonischer Weise
gewirkt hatten und die jetzt chaotisch heraufbrachten Schauer der
geistigen Welt.
Nehmen wir einmal eine Hypothese an, die ja vielleicht in unse-
rem Zusammenhange gestattet sein mag, die Hypothese, die man
so aussprechen konnte: Was ware geschehen, wenn kein Christus
und auch keine griechischen Philosophen gekommen waxen? Nun,
dann hatte die Menschheit eben fortbestehen miissen mit dem, was
sie als Erbgut gehabt hat, mit dem, was in der vierten nachatlanti-
schen Periode bereits auf der Stufe des Sibyllismus angekommen
war. Denken Sie sich das geradeswegs fortentwickelt im Abendlande
ohne Christus-Impuls, ohne Philosophic und ohne die Wissenschaft,
die auf ihr beruht, dann haben Sie das geistige Chaos des Abend-
landes vor Ihre Vorstellung gestellt, das, was hatte werden konnen
ohne Christus und ohne die Philosophic, was aus demjenigen hatte
entstehen miissen, was in den Seelen der Sibyllen vorgegangen ist.
Aber Krafte wirken nach. Und wenn man mit den Mitteln der Gei-
steswissenschaft gerade diese elementare Starke priift, mit der sich
sozusagen die im unmittelbaren Umkreis der Erde lebenden gei-
stigen Gewalten in Wind und Wasser und Feuer aussprechen, und
wenn man priift, wie sich diese in die menschliche Seele eingenistet
hatten, wenn man namentlich die Starke priift, mit der die Wind-,
Feuer-, Wasser-, Erdengeister von den Seelen der Menschen Besitz
ergriffen h'atten, dann bekommt man eine Vorstellung davon, wie
zwar Harmonie und Ordnung gewichen ist aus der alten Art, die
Welt zu erkennen, die in der ersten, zweiten, dritten nachatlanti-
schen Periode da war, wie aber noch die Krafte in den mensch-
lichen Seelen geblieben waren. Die menschlichen Seelen hatten
nicht mehr die Fahigkeit gehabt, wirklich einen Zusammenhang
mit den groBen Erscheinungen des Weltalls in ihren Seelen herzu-
stellen, wohl aber mit den Wind-Geistern, Feuer-Geistern und so
weiter, namentlich mit all dem Gespenster- und Damonengeziicht,
das sich losgelost gezeigt hatte von den groBen Weltenzusammen-
hangen. Ganz in die Gewalt der elementaren Geister waren die
Menschen gekommen, und ihre Lehrer waren sibyllenartige Lehrer
geworden, und die Kraft ware so stark, daB sie heute und bis ans
Ende der Erdentage verblieben ware. Und wenn wir uns fragen:
"Wodurch ist das unterblieben? Wer hat bewirkt, daB diese Kraft all-
mahlich abgeschwacht worden ist, die uns anschaulich in den Sibyl-
len lebt, so miissen wir antworten: der Christus, der durch das
Mysterium von Golgatha in die Erdenaura ausgeflossen ist und der
aus den Menschenseelen heraus zerstort hat die sibyllinische Kraft,
weggenommen hat die sibyllinische Kraft.
Und so erblickt man, auf dem Boden der Geisteswissenschaft ste-
hend, die merkwurdige Tatsache, daB Menschen mit ihrer Weisheit
nicht viel von dem Christus-Impuls verstehen; Begriffe und Ideen
erweisen sich als ziemlich ohnmachtig. Aber in bezug auf den Chri-
stus-Impuls kommt es zunachst nicht darauf an, daB er als Lehre
in die Welt tritt, es kommt auf den Tatsachencharakter an, auf das,
was ausgeflossen ist als unmktelbarer Impuls von dem Mysterium
von Golgatha. Und das muB man nicht allein suchen in dem, was
Menschen lehren, nicht suchen in dem, was Menschen verstehen,
sondern in dem, was geschieht, geschieht fiir die Menschenseele.
Und eine der Taten, den Kampf des in die Erdenaura ausgeflosse-
nen Christus gegen das Sibyllentum, diese Tat wollte ich Ihnen
durch die heutige Betrachtung vorfiihren.
So hatte der Christus in der Tat ein Richteramt zu vollfiihren.
Diejenigen, die es materialistisch verstanden haben, daB der Chri-
stus nach seiner Auferstehung bald wiederkommen werde, die hat-
ten es miBverstanden. Menschliche Begriffe der damaligen Zeit
reichten ja nicht hin, urn diese Dinge zu verstehen. Aber in dem,
was da chaotisch als Wiederkunftsideen baldiger Zeit zutage trat,
lebte die Wahrheit, dafi der Christus erschienen war auf einem
Boden, den aufierlich vorbereitete Paulus, wie wir morgen sehen
werden, aber vor alien Dingen erschienen war in dem Gebiete, das
hinter der Sinneswelt liegt, auf dem sich der Kampf abspielt zwi-
schen Christus und den Sibyllen, ein geistiger Kampf. Den Schleier
miissen wir liiften, der uns die Ausbreitung des Christentums auf
dem physischen Plan zeigt. Hinter den physischen Plan miissen wir
schauen auf jenen Geisterkampf, wo aus den Seelen herausgetrieben
wird, was sonst zu immer groBerer und groBerer Starke gerade in
seinem chaotischen Charakter hatte heranwachsen miissen. Und der
versteht schon f alsch diese einzige Tat, der nicht einsieht, daB durch
diese metaphysische Tat ein Unendliches fur die Menschheit durch
den Christus geleistet worden ist.
Wer aber hat wenigstens noch einiges, ja vieles fur das Verstand-
nis dieser Tat leisten konnen? Diejenigen, die mit einer gewissen
Inspiration oder Offenbarung aus der geistigen Welt begabt waren,
diejenigen, die die Evangelien geschrieben haben, und Paulus. Von
anderen Seiten werden wir auch die Erscheinung der Evangelisten
und des Paulus zu wiirdigen haben. Wir werden aber jetzt ins Auge
fassen konnen, wie gleichsam Paulus inmitten einer Welt stent, in
der etwas vorgeht auch ohne sein Wort, ohne das, was er mit seinen
machtigen, feurigen Worten zum Verstandnis des Mysteriums von
Golgatha hat beitragen konnen. Aber man hat doch — das lassen
Sie mich zum SchluB des heutigen Vortrags noch aussprechen — ,
gerade wenn man diese Erscheinung ins Auge faBt, die jetzt als der
Kampf des Christus gegen die Sibyllen charakterisiert worden ist,
gegeniiber dem Paulus ein Gefiihl, das ich in die Worte zusammen-
fassen mochte: Bei Paulus erscheint alles so, als ob zwischen seinen
Worten noch viel mehr lage als das, was man zunachst liest, als ob
die Kraft, die von der Erscheinung von Damaskus auf ihn iiber-
gegangen ist, sich durch ihn zum Ausdruck brachte und als ob
durch ihn doch ein Ton hereindringe in die Menschheit, der ent-
gegengesetzt ist dem prophetischen Tone der Sibyllen; als ob bei
ihm sich fortsetzte etwas von dem Ton der alten Propheten, die
Michelangelo so schon in seinen Figuren dargestellt hat. Die Sibyl-
len, sie haben etwas gehabt, sagte ich, was von dem Elementaren
der Erde ausging, was nicht hatte in ihnen sein konnen, wenn nicht
die Elementargeister der Erde zu ihnen gesprochen hatten. Bei Pau-
lus ist etwas Ahnliches da, etwas, was merkwurdigerweise, aber ganz
exoterisch, schon die auBere Wissenschaft bemerkt hat, was einen
aber wirklich, man mochte sagen, vor eine Welt des Staunens bringt,
wenn man es geisteswissenschaftlich betrachtet.
Auch Paulus hat in gewisser Weise aus dem Elementarischen der
Erde geschopft, aber aus einem eigentiimlichen Gebiet des Elemen-
tarischen der Erde. Und man kann theologisch-rationalistisch-ab-
strakt Paulus selbstverstandlich ganz gut verstehen, wenn man das
nicht in Betracht zieht, was ich jetzt sagen will, was von der auBeren
Wissenschaft nicht erklart werden kann; man kann ihn ganz gut
auslegen, wenn man nur vom Standpunkte der gewohnlichen Ratio-
nalitat heraus Paulus begreifen will. Will man aber begreifen, was
geistig, spirituell in Paulus gelebt hat, in und zwischen seinen Wor-
ten, will man begreifen, warum man durch seine Worte durchfuhlt
etwas Ahnliches wie in den Prophetien der Sibyllen, aber bei ihm
ausgehend von einem guten Elemente der Erdenentwickelung, dann
kommt die Erscheinung in Betracht, die die Frage beantwortet: Wie
weit geht die Welt des Paulus? Wie begrenzt sich die Welt des Pau-
lus? Und das Merkwiirdige, was wir als Antwort bekommen, ist:
Paulus wurde groB in derjenigen Welt, die gerade so weit geht wie
die Olbaumkultur. Ich sage etwas Sonderbares, ich weiB es; aber
wir werden sehen, daB dieses Sonderbare doch in gewisser Weise
sich auflost, wenn wir morgen auf die Gestalt des Paulus ein wenig
eingehen werden. Die Erde ist auch geographisch voller Geheim-
nisse. Und ein Gebiet der Erde, auf dem der Olbaum gedeiht, ist ein
anderes als dasjenige, auf dem die Eiche oder Esche gedeiht. Und
der Mensch steht als physisches Wesen in physischer Verkdrperung
mit den elementaren Geistern in Beziehung. Anders raunt und
rauscht und walk und webt es in der Welt des Olbaumes als in der
Welt der Eiche oder Esche oder Eibe. Und wenn man den Zusam-
menhang des Erdenwesens mit dem Menschheitswesen begreifen
will, dann ist es nicht unnotig, auch auf solche eigentiimliche Er-
scheinungen aufmerksam zu machen wie diejenige, daB Paulus
gerade so weit kommt mit seinem Wort auf der Erde, wie der Ol-
baum reicht Paulus' Welt ist die Welt des Olbaums.
DRITTER VORTRAG
Leipzig, 30, Dezember 1913
Diese Vortrage sollen so veranlagt werden, daB einzelne Motive
angeschlagen werden und dann herbeigeholt wird, was zu diesen
Motiven verstandnisvoll hinfiihren kann. So habe ich angeschlagen
als Motiv, was ich vom schwierigen Verstehen der Christus Jesus-
Wesenheit gesagt habe, dann dasjenige von der symptomatischen
Ausgestaltung einer Seite des menschlichen Seelenlebens im vierten
nachatlantischen Zeitraum in den Prophezeiungen der Sibyllen, und
endlich habe ich zum Schlusse der vorigen Betrachtung angeschla-
gen das Thema Paulus und der Olbaum. Auf diese Leitmotive werde
ich wieder zuruckkommen. Aber wir miissen uns gewissermaBen in
Kreisen diesen Leitmotiven nahern, die wir in den Mktelpunkt die-
ser Kreise schreiben. Es wird sich dann schon herausstellen, was
eigentlich mit diesen Motiven gemeint ist. Heute mochte ich zu
Ihnen einiges iiber die Christus- Wesenheit als solche sprechen. Wir
werden dann sehen, warum sich diese Christus Jesus -Wesenheit
gerade in Paulus in einer bestimmten Weise spiegelt.
Wir wissen ja aus friiheren Vortragen, daB die Christus- Wesen-
heit verstanden werden kann, wenn wir die Evolution unseres
Systems zuriickverfolgen bis zum alten Sonnendasein. Und bei ver-
schiedenen Gelegenheiten, in Vortragszyklen, die ja jetzt auch schon
veroffentlicht sind, wurde aufrnerksam gemacht darauf , daB wir es
mit einer hohen geistigen Wesenheit — so wollen wir sie zunachst
nennen — zu tun haben in der Christus- Wesenheit und daB fur die
eigene Entwickelung dieser hohen geistigen Wesenheit insbesondere
die alte Sonnenzeit wichtig gewesen ist. Dariiber will ich mich also
jetzt nicht weiter verbreiten. Wir wollen einfach hinschauen zur
Christus- Wesenheit als zu einer hohen geistigen Wesenheit. Nun
haben wir zum Verstandnis der menschlichen Entwickelung auf der
Erde aber noch anderes notwendig, und wir haben ja gesehen, wie
notwendig das ist, weil gerade gegeniiber einer gewissen Tatsache
sich ohnm'achtig erweisen die Begriffe und Ideen, die im vierten
nachatlantischen Zeitalter diese Christus Jesus -Wesenheit zu ver-
stehen trachteten. Diese Frage tauchte ja besonders in den ersten
Jahrhunderten bei den Gnostikern, bei den apostolischen Vatern,
bei den Personlichkeiten, die zur Begriindung des Christentums in
der einen oder anderen Form den AnlaB gegeben haben, immer
wieder und wiederum auf: Wie verhalt sich das Christus -Wesen
zum Wesen des Jesus?
Nun wissen wir schon, dafi wir zwei Jesusknaben, die heran-
wachsen, zu unterscheiden haben. Mit dem einen Jesusknaben brau-
chen wir uns in diesem Zusammenhange nicht weiter zu befassen,
denn er ist uns aus unseren anthroposophischen Voraussetzungen
heraus leicht verstandlich. Ich meine den Jesus, in dem das Ich des
Zarathustra lebte. Wir haben es da zu tun mit einer menschlichen
Wesenheit, die einen hohen Entwkkelungsgrad schon in dem zwei-
ten nachatlantischen Zeitalter erreicht hatte und die dazumal die
geistige Stromung eben des Zarathustra begriindete und dann weiter-
lebte, die alsdann in dem salomonischen Jesusknaben wiederum
sich verkorperte und in ihm bis zum zwolften Lebensjahre jene
Entwickelung annahm, die ein so hohes Ich in dieser Zeit der
Menschheitsinkarnation eben annehmen konnte. Wir wissen ferner,
daB dieses Zarathustra-Ich hiniibergegangen ist in den Leib des
anderen Jesusknaben, dessen Wesenheit etwas durchschimmert im
Lukas-Evangelium, des sogenannten nathanischen Jesusknaben.
Diesen nathanischen Jesusknaben mussen wir ein wenig be-
trachten. Ich habe ja schon aufmerksam darauf gemacht, daB wir
es bei diesem Jesusknaben nicht zu tun haben mit einem Menschen-
wesen, wie andere Menschenwesen sind, im strengen Sinne des
Wortes. Wir haben es zu tun mit einem Wesen, bei dem wir nicht
davon sprechen kbnnen, daB es vorher als Mensch in diesem oder
jenem Individuum auf der Erde inkarniert war. Wir haben immer
betont, daB gleichsam von dem Seelenhaften, das von geistigen
Welten zur Erde gekommen ist, um sich dann in den einzelnen
menschlichen Individualitaten auf der Erde auszuleben, etwas zu-
riickgeblieben ist und daB dieses Zuriickgebliebene erscheint in dem
nathanischen Jesusknaben. So daB wir von diesem nathanischen
Jesusknaben nicht sagen konnen, es lebe in ihm ein solches Ich
wie in anderen Menschen, das skh durch vorhergehende Inkarna-
tionen in einer gewissen Art entwickelt hat. Wir haben audi fiir
diesen nathanischen Jesusknaben — das geht schon hervor aus
meiner Darstellung in der «Geheimwissenschaft» — anzuerkennen,
dafi er vorher nicht als Mensch auf der Erde gewandelt ist. Es fragt
sich jetzt nur: War dieses Wesen, das wir jetzt einfach nennen wol-
len Jesus von Nazareth, vorher in irgendeiner Verbindung mit der
Erdenentwickelung? Mit der Erdenentwickelung sind ja nicht nur
in Verbindung diejenigen Wesenheiten und Krafte, die sozusagen
auf der Erde sich selber inkarnieren, sondern auch geistige Wesen-
heiten und Krafte, welche den hoheren Hierarchien angehoren.
Wenn etwas zuriickgeblieben ist in der Substanz gleichsam, die
dann sich verteilte auf die einzelnen Menschenseelen und die dann
gewissermaBen als der nathanische Jesusknabe geboren wurde, so
ist damit nicht gesagt, daB diese Wesenheit nicht vorher schon in
irgendeiner Beziehung gestanden habe zur Erdenentwickelung. Nur
war sie eben nicht so in Beziehung zur Erden- und Menschheits-
entwickelung gekommen, daB sie vorher als Mensch auf der Erde
herumgewandelt ware. Wie haben wir diese Wesenheit in Bezie-
hung zur Erdenentwickelung zu denken? Wenn wir die Entwicke-
lung dieses nathanischen Jesus ins Auge fassen, so miissen wir sie
also nicht suchen innerhalb dessen, was uns die physische Erden-
entwickelung darbieten kann, sondern wir miissen sie in den gei-
stigen Reichen suchen, in demjenigen, was vorher nicht irdisch war.
Und da stellt sich denn fiir die Beobachtung, von der ich ja oft gespro-
chen habe, fiir die hellseherische Beobachtung, das Folgende heraus:
Erinnern wir uns einmal an das, was in der «Geheimwissen-
schaft» dargestellt ist, wie von der lemurischen Zeit an, mit Aus-
nahme des einen Hauptpaares der Menschheit, die Seelen allmah-
lich herunterziehen von den anderen Planeten und durch die atlan-
tische Zeit hindurch sich in Menschenleibern verkorpern. Wir
haben also die Entwickelung der Erde gewissermaBen so zu denken,
daB aus der kosmischen Umgebung der Erde die Seelen zuziehen
und in verschiedenen Zeitpunkten sozusagen ihre erneuerte irdische
Entwickelung beginnen. Wir wissen ja, daJB vor der lemur ischen
Zeit die Seelen sich zu den Planeten gewissermaBen zuriickgezogen
hatten. Wir wissen nun aber auch, daB diese irdische Entwickelung
der Erde, in die die Menschenseelen einzutreten hatten, ausgesetzt
war den Anfechtungen des Luzifer und sp'ater des Ahriman. So also
waren die Menschenseelen veranlaBt, in Leiber einzuziehen, inner-
halb welcher sie im Verlaufe der Erdenentwickelung den Anfech-
tungen dieser beiden geistigen Wesenheiten ausgesetzt waren. Wenn
nichts weiter als dieses eingetreten ware, daB die Menschenseelen
wieder herabgekommen waren von ihrem planetarischen Dasein in
die Erdenentwickelung herein und dann ausgesetzt worden waren
den luziferisch-ahrimanischen Einflussen, so ware mit diesen Men-
schen auf Erden, so wie sie da durchgehen durch ihre Inkarnationen,
etwas geschehen, was ich noch nicht angedeutet habe in der «Ge-
heimwissenschaft». Man kann jedoch in der Gegenwart nicht alles
gleich offentlich sagen. Es waren namlich diese Menschen zunachst,
wie sie so herunterkamen von den Planeten und in physische Leiber
einziehen muBten, einer gewissen Gefahr der Sinnesentwickelung
ausgesetzt gewesen. Wir diirfen uns namlich nicht vorstellen, daB
das so einfach gegangen ware, daB diese Menschenseelen von ihrem
planetarischen Aufenthalte heruntergekommen waren auf die Erde,
Menschenleiber bezogen hatten und daB dann alles in Ordnung ver-
laufen ware. Dadurch, daB das luziferische und ahrimanische Prinzip
in ihnen waltete, waren diese Menschenleiber nicht so eingerichtet,
daB die Menschen diejenige Entwickelung hatten annehmen konnen,
die sie dann wirklich angenommen haben. Waren diese Seelen ein-
fach so eingezogen, daB sie die Krafte benutzt hatten, die ihnen diese
Menschenleiber in bezug auf die Sinne geboten hatten, so wiirden
diese Menschenseelen ihre Sinne haben in einer eigentiimlichen
Weise benutzen miissen, in einer Weise, die eigentlich fur Menschen
nicht moglich gewesen ware.
Ich will dieses durch folgendes erklaren. Beim Einziehen der
Seelen in die Menschenkorper wiirde zum Beispiel das Auge von
einer Farbe nicht nur so beeindruckt worden sein, affiziert worden
sein, daB es sie so wahrgenommen hatte, wie es spater diese Farbe
sah, sondern von der einen Seite wiirde das Auge so beeindruckt
worden sein, daB es sich durchseligt gefiihlt hatte, von einem hefti-
gen Lustgefiihl durchzogen worden ware; das Auge hatte formlich
gegliiht von Lust bei der einen Farbe, bei der anderen wiirde es
durchzogen worden sein von intensiver Antipathie gegen diese Farbe,
wiirde schmerzlich beriihrt worden sein. Also durch das, was durch
die luziferischen und ahrimanischen Einfiiisse vorhanden war, waren
Korper nicht moglich, deren Sinne fur die Seelen, die jetzt von den
Planeten heruntergekommen waren, richtige Aufenthaltsorte h'atten
abgeben konnen. Gequalt von der Antipathie und Sympathie ihrer
Sinne waren die Menschen gewesen; man hatte so durch die Welt
gehen miissen, dafi man fortwahrend von Sympathie beseligt oder
von Antipathie gequalt worden ware, je nachdem man diese oder
jene Farbe gesehen hatte; man ware beseligt oder furchtbar schmerz-
haft zuriickgestoBen worden. So war die ganze Evolution veranlagt,
so wirkten die kosmischen Krafte herein auf die Erde, namentlich
von der Sonne aus, daB die Sinne in einer solchen Weise waren aus-
gebildet worden. Jedes Beschauen der Welt in Weisheit, in einer ge-
wissen gelassenen Weisheit, ware unmoglich gewesen. Es muBte eine
Anderung in den kosmischen Kraften stattflnden, die aus der kosmi-
schen Umgebung der Erde hereinflossen und die Sinne der Men-
schenleiber aufbauten, ausgestalteten. Es muBte in der geistigen
Welt etwas geschehen, daB die Krafte nicht so hereinkamen, daB
diese Sinne bloBe Antipathie- und Sympathieorgane geworden
waren, denn das waren sie geworden unter Luzifers und Ahrimans
EinfluB. Aus diesem Grunde geschah folgendes:
Jene Wesenheit, von der wir jetzt sagten, sie habe zunachst nicht
den Weg gewahlt herunter von den Planeten zur Erde, sondern daB
sie zuriickgeblieben ware, jene Wesenheit, die spater als der nathani-
sche Jesusknabe erschien, die also vorlaufig in den geistigen Welten
war in uralten Zeiten, jene Wesenheit beschloB — wenn wir den
Ausdruck gebrauchen durfen, natiirlich sind alle diese Ausdriicke
aus der menschlichen Sprache genommen und besagen nicht voll,
was man sagen will — also sie beschloB dazumal, als sie noch in der
Welt der oberen Hierarchien war, eine solche Entwickelung durch-
zumachen, die sie befahigte, in der geistigen Welt eine Zeitlang
durchsetzt zu sein von der Christus-Wesenheit. Wir haben es also
zu tun nicht mit einem Menschen, sondern mit einer iibermensch-
lichen Wesenheit — wenn wir so sagen diirfen — welche in der gei-
stigen Welt lebte, welche sozusagen den Jammer des menschlichen
Sinnensystems um Hilfe hinaufschreien horte zu den geistigen Wel-
ten und die durch das, was sie da durch diesen Hilfe- und Jammer-
schrei der Menschheit empfand, sich geeignet machte, durchdrun-
gen zu werden von der Christus-Wesenheit.
Dadurch wurde in den geistigen Welten die Wesenheit, die spater
der nathanische Jesusknabe war, gleichsam durchgeistigt von der
Christus-Wesenheit und verwandelte die kosmischen Krafte, die her-
einstromten zum Aufbau der Sinne, in der Art, daB diese Sinne aus
bloBen Sympathie- und Antipathieorganen zu den Organen wurden,
welche die Menschheit dann brauchen konnte. So kam der Mensch
dazu, mit Weisheit hinschauen zu konnen auf alle Sinneswahr-
nehmungs-Nuancen. In ganz anderer Weise waren die kosmischen
Krafte, die seine Sinne aufbauen, an den Menschen herangekom-
men, wenn dieses Ereignis, das weit zuriickliegt, das noch der lemu-
rischen Zeit angehort, in den geistigen Welten nicht eingetreten
ware. Es war so, daB das Wesen, das dann als der nathanische Jesus-
knabe erschien, damals noch wohnhaft war — wenn ich diesen Aus-
druck gebrauchen darf — auf der Sonne und daB durch den eben
erwahnten Jammerschrei — wenn ich wiederum den Ausdruck ge-
brauchen darf — es so etwas in sich durchlebte, was moglich machte,
daB es von dem Sonnengeist selber durchsetzt wurde, so durchsetzt,
daB gleichsam die Sonnenwirksamkeit in der Art gemildert wurde,
daB die menschlichen Sinnesorgane, die wesentlich Ergebnis dieser
Sonnenwirksamkeit sind, nicht zu bloBen Sympathie- und Antipathie-
organen wurden.
Damit, meine lieben Freunde, streifen wir wirklich ein bedeut-
sames kosmisches Geheimnis, das uns vieles verstandlich machen
muB, was spater geschehen ist. Nun konnte gewissermaBen Ord-
nung und Harmonie, weisheitsvolle Gestaltung eintreten in der
Welt der menschlichen Sinne, und die Entwickelung konnte eine
Weile fortgehen. Es war in einer gewissen Weise die schlimmste
Wirksamkeit Luzifers und Ahrimans von den menschlichen Sinnen
abgeschlagen aus den oberen Welten her.
Spater kam eine Zeit — die fallt nun schon in die Zeit der Atlan-
tis herein — , in welcher sich herausstellte, daB diese menschliche
Korperlkhkeit wiederum nicht ein geeignetes Werkzeug sein konne,
wenn die Entwickelung entsprechend weitergehen solle. Das, was
gleichsam eine Weile in einer brauchbaren Art sich entwickelt hatte,
die menschlichen Lebensorgane und ihre Grundkrafte, der Ather-
leib, das war in Unordnung gekommen. Denn die kosmischen
Krafte, welche hereinwirkten aus der Umgebung der Erde und
denen es obliegt, gerade in diese Lebensorgane des Menschen hin-
ein, in die Atmungsorgane, die Zirkulationsorgane und so weiter,
Ordnung zu bringen, diese Krafte entwkkelten sich unter dem luzi-
ferischen und ahrimanischen EinfluB so, daB die Lebensorgane eben
nicht brauchbar geworden waren fiir die Menschenwesen auf Erden.
Sie hatten eine ganz eigentiimliche Gestaltung angenommen. Die-
jenigen Krafte namlich, welche diese Lebensorgane zu versorgen
haben, gehen nicht direkt von der Sonne aus, sondern von dem, was
man in fruheren Zeiten die sieben Planeten nannte. Die planeta-
rischen Krafte wirkten in den Menschen herein aus dem Kosmos.
Und notwendig war, daB nun auch gemildert wurden diese die
menschlichen Lebensorgane bedingenden kosmischen Krafte. Ware
die Entwickelung so fortgegangen, wie diese kosmischen Krafte sie
hatten einrichten konnen unter dem EinfluB Ahrimans und Luzi-
fers, so ware es so gekommen, daB der Mensch in diesen Lebens-
organen entweder nur Organe der Gier oder Organe des Ekels ge-
habt hatte. Der Mensch hatte zum Beispiel nicht bloB essen kon-
nen, sondern bei der einen Speise hatte er sich gar nicht bewaltigen
konnen vor Gier, sich auf sie loszustiirzen, und die andere Speise
hatte ihn zuriickgestoBen in furchtbarem Ekel. Das alles sind Dinge,
welche sich uns als Weltengeheimnis, zunachst als kosmisches Ge-
heimnis enthiillen, wenn wir versuchen, hellseherisch in die Wel-
tengeheimnisse einzudringen.
Wiederum muBte etwas geschehen in den geistigen Welten sel-
ber, damit diese fur die Menschheit verheerende Wirkung nicht ein-
trate. Und siehe da, dieselbe Wesenheit, die dann sparer im natha-
nischen Jesusknaben erschien, die, wie wir eben auseinandergesetzt
haben, in alterer Zeit auf der Sonne wohnte und dort durchgeistigt
worden war von der Christus- Wesenheit, von dem hohen Sonnen-
geiste, diese Wesenheit zog jetzt von Planet zu Planet, in ihrem
Innersten beruhrt von der Unmoglichkeit, die Menschheitsentwicke-
lung so weitergehen zu lassen. Und dieses, was sie da durchlebte,
wirkte nun wiederum so stark auf sie, indem sie nacheinander auf
den verschiedenen Planeten sich verkorperte, daB zu einer bestimm-
ten Zeit w'ahrend der atlantischen Entwickelung wiederum der Chri-
stus-Geist sie durchsetzte. Und durch das, was jetzt zustande kam
durch die Durchsetzung dieser selben Wesenheit mit dem Christus-
Geist, trat die Moglichkeit ein, daB die Lebensorgane der Menschen
die MaBigkeit eingepflanzt erhielten. Wie friiher die Sinnesorgane
die gelassene Weisheit erhalten hatten, so erhielten jetzt die Lebens-
organe die MaBigung, so daB man nicht mehr, wenn man atmet an
einem Ort, gierig den Atem zu schliirfen oder durch Ekel zuriick-
gestoBen zu werden braucht von dem andern Raum, sondern gleich-
sam mit gemaBigten Organen der Welt gegeniibertreten kann. Das
war die Tat einer Durchgeistigung dieses nathanischen Jesusknaben,
so konnen wir sagen, in den geistigen Welten mit dem Christus-
Geist, mit dem hohen Sonnengeist.
Dann trat im weiteren Verlauf der Menschheitsentwickelung ein
Drittes ein. Eine dritte Unordnung hatte kommen miissen in dieser
Menschheitsentwickelung, wenn die Seelen nur die Korper immer
fortgesetzt hatten beziehen miissen, die auf der Erde moglich ge-
worden waren. Wir konnen sagen, bis zu dieser Zeit war im wesent-
lichen das Leibliche geordnet. Durch die beiden Christus -Taten in
den ubersinnlichen Welten waren des Menschen Sinnesorgane so
eingerichtet, daB der Mensch den Leib in entsprechender Weise auf
Erden benutzen kann. Es waren auch die Lebensorgane so einge-
richtet, dafi der Mensch den Leib in entsprechender Weise benutzen
kann. Nicht aber waren die Seelenorgane eingerichtet. Der Mensch
hatte mit seinen Seelenorganen in Unordnung kommen miissen,
wenn weiter nichts geschehen ware. Und da meine ich namentlich,
das Denken, Fiihlen und Wollen hatten in Unordnung kommen miis-
sen, so daB das Wollen das Denken, das Fiihlen das Wollen und so
weiter immerfort gestort hatte. Die Menschen waren gewissermaBen
verurteilt gewesen zu einem fortwahrenden chaotischen Gebrauche
ihrer Seelenorgane, des Denkens, Fiihlens und Wbllens. Sie waren
entweder Rasende geworden durch ein UbermaB des Wbllens, oder
aber umdammert durch ein zuriickgehaltenes Fiihlen, oder Leute
mit nuchtigen Ideen durch ein hypertrophiertes Denken und so wei-
ter. Das war die dritte groBe Gefahr, der die Menschheit in gewis-
ser Weise auf Erden ausgesetzt war. Nun wird das, was diese drei
Seelenkrafte — Denken, Fiihlen und Wollen — ordnet, auch noch
von dem Kosmos aus geordnet, von der Erdenumgebung; denn die
Erde selber ist im wesentlichen der Schauplatz fur die Ordnung des
Ich. Das entsprechende Zusammenwirken der drei Seelenkrafte, des
Denkens, Fiihlens und Wbllens, muB geordnet werden, jetzt aber
nicht von alien Planeten aus, sondern nur von Sonne, Mond und
Erde, so daB durch das entsprechende Zusammenwirken von Sonne,
Mond und Erde, wenn dieses harmonisch ist, auch der Mensch ver-
anlagt wird zu einem harmonischen Zusammenwirken seines Den-
kens, Fiihlens und Wollens.
Es muBte auch in bezug auf diese Kraf te Abhilfe geschaffen wer-
den aus der geistigen Welt heraus. Und nun nahm die Seele jenes
Wesens, das spater zu dem nathanischen Jesus wurde, eine solche
kosmische Seelenform an, daB sein Leben gewissermaBen weder auf
der Erde noch auf dem Monde noch auf der Sonne war, sondern so,
daB es sich, gleichsam die Erde umkreisend, abhangig fiihlte von
den Einflussen von Sonne, Mond und Erde zugleich. Die Erden-
einfliisse kamen ihm von unten herauf, die Mond- und Sonnen-
einfliisse von oben herunter. Das hellseherische BewuBtsein sieht
eigentlich dieses Wesen, wenn ich so sagen darf, in der Blutezeit
seiner Entwickelung in derselben Sphare, in der der Mond um die
Erde kreist. Also ich kann nicht genau sagen: der MondeneinfluB
kam von oben; sondern er kam eigentlich aus dem Orte, wo er
selber war, dieser vorirdische nathanische Jesus. Das wiederum
schrie zu ihm hinauf, was aus Denken, Fiihlen und Wollen der
Menschenseele hatte werden miissen, und er suchte in seinem
Innern ganz durchzuempfinden dieses Tragische der Menschheitsent-
wickelung. Dadurch aber rief er auf sich herab wiederum den hohen
Sonnengeist, der sich jetzt, zum drittenmal ihn durchgeistigend, auf
ihn herniederlieB. So daB wir in kosmischer Hohe, auBerirdisch, ein
drittes Durchdringen dieses nathanischen Jesusknaben haben mit
dem hohen Sonnengeist, den wir als den Christus bezeichnen.
Nun werde ich Ihnen das, was geschehen ist durch diese dritte
Durchseelung — so mdchte ich es wieder nennen, was da geschehen
ist — , auf etwas andere Art schildern, als ich die beiden anderen
Durchseelungen geschildert habe. Das, was da geschehen ist gleich-
sam in drei aufeinanderfolgenden Stufen der, wir konnen sagen,
geistigen, meinetwillen himmlischen Entwickelung, das spiegelte
sich dann in den verschiedenen Weltanschauungen der nachatlan-
tischen Volker. Es wirkte das ja alles weiter, es war en ja geblieben
die Wirkungen, die dadurch entstanden waren, daB einmal in alter,
noch lemurischer Zeit die Christus-Wesenheit durchseelt hatte jenes
Wesen, das zum nathanischen Jesusknaben geworden ist; die Wir-
kungen waren geblieben sozusagen in der Sonnenwirksamkeit. Und
die Einweihung des Zarathustra bestand darin, daB er die Sonnen-
wirksamkeit mit diesen Wirkungen impragniert empfand. Dadurch
ist die Lehre des Zarathustra entstanden, die gleichsam in seine Seele
hereinprojiziert, geoffenbart hat, was in uralten Zeiten geschehen ist.
Die dritte nachatlantische Kulturperiode, die wir als die agyp-
tisch-chaldaische bezeichnen, sie entstand zu einem Teil dadurch,
daB sich in die Seelen hereinspiegelten, daB die Seelen innerlich
noch erlebten die Wirkungen, die dadurch entstanden waren, daB
der Sonnengeist durchzogen, durchseelt hatte das Wesen, das dann
der nathanische Jesus geworden ist, wahrend es seinen Rundgang
durch die Planeten nahm. Dadurch entstand jene Wissenschaft von
den planetarischen Wirksamkeiten, die wir in der chaldaischen
Astrologie vor uns haben, von der heute die Menschen nur mehr
wenige BegrifTe haben. In der dritten nachatlantischen Kultur-
periode, also bei den agyptisch-chaldaischen Volkern, entwickelte
sich jener Sternendienst, der ja auBerlich, exoterisch bekannt ist. Er
entstand dadurch, daB hereinstrahlte, nachwirkend in sp'aterer Zeit,
dasjenige, was abgemildert worden war von den planetarischen
Wirksamkeiten.
Und noch spater, in der vierten nachatlantischen Kulturperiode,
nahm man im Griechentum wahr diese Hereinspiegelung der
Planetengeister, die gleichsam dadurch entstanden waren, daB das
Wesen, das, vom Christus durchsetzt, die Planeten durchwanderte,
auf jedem Planeten der eine oder der andere geworden ist: Auf dem
Jupiter ist er geworden derjenige, den die Griechen spater den Zeus
genannt haben; auf dem Mars ist er geworden derjenige, den sie
spater den Ares genannt haben; auf dem Merkur ist er geworden
derjenige, den die Griechen Hermes genannt haben. In den grie-
chischen Planetengottern spiegelt sich nachher das, was der Chri-
stus Jesus in uberirdischen Welten gemacht hatte aus den plane-
tarischen Wesenheiten, die von dem luziferischen und ahrimani-
schen Prinzip durchsetzt waren. Schaute der Grieche zu seinem
Gotterhimmel hinauf, so hatte er darin die Abschattungen und Spie-
gelbilder der Christus Jesus -Wirksamkeit auf den einzelnen Plane-
ten, neben vielem anderen, was ich friiher schon geschildert habe.
Dazu kam als Drittes der Abglanz, die Abschattung dessen, was
die Jesus- Wesenheit im Zusammenhang erlebt hat mit Sonne, Mond
und Erde noch als uberirdische Wesenheit in friiheren Zeiten, in
spateren Zeiten der Atlantis. Wollen wir das charakterisieren, so
konnen wir sagen: In einem engelartigen Wesen «verseeligte» sich
der Christus. Wenn wir bei Christus sagen, er verkorperte sich in
Jesus von Nazareth, so sagen wir jetzt von diesem in den geistigen
Welten verflieBenden Ereignis: der Christus «verseeligte» sich in
einem engelartigen Wesen, das so wirkt, daB Denken, Fiihlen und
Wollen in Ordnung verlauft. Das war ein wichtiges Ereignis, denn
es war ja fiir die Menschheitsentwickelung noch ein junges Ereignis:
es brachte die Seelenentwickelung der Menschheit in Ordnung.
Wahrend die beiden friiheren Christus-Ereignisse mehr die korper-
liche und auf das Leben beziigliche Verfassung des Menschentums
auf Erden in Ordtiung gebracht haben, was muBte denn geschehen
in iiberirdischen Welten fiir diese dritte Tatsache?
Wir werden sie erkennen, diese dritte Tatsache, wenn wir sie —
zur Erleichterung fiir Ihre Vorstellung — in ihrer Abspiegelung in
der griechischen Mythologie aufsuchen. Denn gerade so, wie sich
die planetarischen Geister in die griechische Mythologie hinein-
projizierten in Zeus, Ares, Hermes, Venus, Aphrodite, Kronos und
so weiter, so spiegelte sich auch nicht nur in die griechische, son-
dern in die Mythologie der verschiedensten Volker hinein das dritte
kosmische Ereignis. Wie es sich hineinspiegelte, konnen wir ver-
stehen, wenn wir uns sozusagen dazu herbeilassen, das, was sich
spiegelte, mit dem Spiegelbilde zu vergleichen: das, was im Kosmos
drauBen geschah, mit dem, was dann in Griechenland als eine Nach-
wirkung geschah. Da oben im Kosmos, was geschah da? Nun, es
muBte etwas ausgetrieben werden, was in der menschlichen Seele
chaotisch gewiihlt hatte; das muBte iiberwunden werden. Es muBte
das von dem Christus durchzogene engelartige Wesen die Tat ver-
richten, aus der menschlichen Seele herauszustoBen, herauszubesie-
gen das, was aus dieser menschlichen Seele heraus muB, damit Har-
monie und Ordnung im Denken, Fiihlen und Wollen dasein kann.
Besiegt muBte werden in der menschlichen Seele das, was in ihr das
Chaos, die Unordnung hervorgebracht hatte, herausgestoBen muBte
es werden. Und so erscheint uns das Bild — stellen wir es lebendig
vor unser Seelenauge — , das Bild eines engelartigen Wesens, jenes
Wesens, das da noch in den geistigen Welten ist, das spater der
Jesusknabe, der nathanische Jesusknabe wird: Das erscheint uns
durchseelt von der Christus- Wesenheit, dadurch zu |>esonderen Taten
fahig, fahig, herauszustoBen aus Denken, Fiihlen und Wollen das-
jenige, was als der Drache in ihm wiitet und es ins Chaos hinein-
gebracht hatte. Die Erinnerung daran waltet in all den Bildern,
die als Sankt Georg, der den Drachen besiegt, in den Menschen-
kulturen sich geltend gemacht haben. Sankt Georg mit dem Dra-
chen spiegelt jenes iiberirdische Ereignis, wo der Christus den Jesus
durchseelt hat und ihn fahig gemacht hat, herauszustoBen den
Drachen aus der menschlichen Seelennatur. Es war dieses eine
bedeutsame Tat, die nur durch die Hilfe des Christus in dem Jesus
moglich geworden war, in diesem damaligen engelartigen Wesen.
Denn es muBte tatsachlich sich verbinden mit der Drachen-
natur dieses engelartige Wesen, muBte gleichsam Drachenform an-
nehmen, um abzuhalten den Drachen von der Menschenseele,
muBte wirken im Drachen, so daB der Drache veredelt wurde, daB
der Drache aus dem Chaos in eine Art Harmonie gebracht wurde.
Die Erziehung, die Zahmung des Drachens, das ist die fernere
Aufgabe dieser Wesenheit. Und so kam es denn, daB zwar der
Drache wirksam war, aber dadurch, daB die Wirkung in ihn
gegossen war, die von dem geschilderten Wesen ausging, ist dieser
Drache der Trager geworden von vielen Offenbarungen, die sich
geltend gemacht haben in den irdisehen Kulturen der ganzen nach-
atlantischen Entwickelung. Statt daB das Chaos des Drachens in
rasenden oder umdammerten Menschen aufgetreten ware, ist die
Urweisheit der nachatlantischen Zeit aufgetreten. Das Drachenblut
hat der Christus Jesus gleichsam benutzt, um mit seiner Hilfe das
Menschenblut zu durchdringen, damit der Mensch Trager wiirde
der gottlichen Weisheit. In der Spiegelung der griechischen Mytho-
logie tritt uns das bedeutsam entgegen, vom neunten vorchristlichen
Jahrhundert ab auch schon exoterisch.
Es ist eigenartig, wie fur das griechische Auffassen eine Gotter-
gestalt aus den anderen Gottergestalten herauswachst. Wir wissen
ja, diese Griechen haben verschiedene Gotter verehrt. Diese Gotter
waren die Abschattungen, die Projektionen der Wesenheiten, die
entstanden waren bei dem Gang des spateren nathanischen Jesus
mit dem Christus in sich durch die Planeten hindurch. So haben sie
sie gesehen, daB, wenn sie hinaufschauten in die kosmischen Weiten,
wenn sie den Lichtather durchschauten, sie mit Recht Jupiter den
Ursprung zuschrieben — nicht den auBeren, sondern den wirklich
geistigen, inneren — , daB sie von Zeus sprachen. So sprachen sie
von Pallas Athene, so von Artemis, so von den verschiedenen plane-
tarischen Gottern, die die Abschattungen dessen waren, wovon wir
gesprochen haben. Aber aus diesen Anschauungen iiber die ver-
schiedenen Gottergestalten wuchs eine heraus: die Gestalt des
Apollo. In eigenartiger Weise wuchs die Gestalt des Apollo heraus.
Was schauten die Griechen in ihrem Apollo?
Wir lernen ihn kennen, wenn wir hinschauen auf den Parnafi
und auf die Kastalische Quelle. Im Westen vom Parnafi offnete sich
ein Erdschlund; die Griechen errichteten einen Tempel dariiber.
Warum? Vorher kamen aus dem Erdschlund Dampfe herauf, die
sich tatsachlich, wenn die Luftstromungen richtig waren, wie
Schlangengewinde, wie ein Drache urn das Gebirge herumwanden.
Und Apollo stellten sich die Griechen vor, wie er seine Pfeile ab-
schieBt gegen den Drachen, der als heftige Dampfe heraufsteigt
aus dem Erdenschlunde. Da tritt uns Sankt Georg, seine Pfeile
gegen den Drachen sendend, im griechischen Apollo entgegen, in
irdischer Abschattung. Und als er ihn iiberwunden hatte, den Dra-
chen Python, da wird ein Tempel errichtet, und statt des Python
sehen wir, wie die Dampfe in die Seele der Pythia gehen und wie
sich die Griechen vorstellen, daB jetzt in diesen wilden Drachen-
dampfen Apollo drinnen lebt, der ihnen weissagt durch die Orakel
aus dem Mund der Pythia. Und die Griechen, dieses selbstbewuBte
Volk, steigen hin durch die Stufen, auf denen sie seelisch sich vor-
bereitet haben, und nehmen das entgegen, was Apollo zu sagen hat
durch die Pythia, die von den Drachendampfen durchsetzt wird.
Das heiBt, Apollo lebt im Drachenblut und durchtrankt die Men-
schen mit Weisheit, die sie sich holen am Kastalischen Quell. Und
ein Versammlungsort fur die heiligsten Spiele und Feste wird der Ort.
Und warum vermag Apollo das? Was ist Apollo? Er verrichtet
das, was er also aus dem Drachenblute als Weisheit aufsteigen laBt,
nur vom Friihling bis zum Herbst. Gegen den Herbst zu wandert
er nach seiner uralten Heimat, nach dem Norden, nach dem
hyperboraischen Lande. Feste werden gefeiert wie Abschiedsfeste,
weil Apollo dahinzieht. Im Friihling wird er wieder empfangen,
wenn er vom Norden her kommt. Tiefe Weisheit waltet in diesem
Nach-Norden-Gehen des Apollo. Die Sonne, die physische, zieht
nach Siiden; im Geistigen ist es immer entgegengesetzt. Angedeutet
wird darin, daB Apollo mit der Sonne zu tun hat. Apollo ist das
engelartige Wesen, von dem wir gesprochen haben: eine Abschat-
tung, eine Projektion in das Griechengemiit hinein des engelartigen
Wesens, das in Wirklichkeit gewirkt hat am Ende der atlantischen
Zeit, das durchseelt war von dem Christus. Die Projektion, die Ab-
schattung des von dem Christus durchseelten Engels in das Grie-
chengemiit hinein ist Apollo, der durch den Mund der Pythia Weis-
heit zu den Griechen spricht. Und was ist alles in dieser Apollo-
weisheit fiir die Griechen enthalten gewesen! GewissermaBen alles,
was in den wichtigsten Angelegenheiten sie bestimmt hat, diese
oder jene MaBregel zu ergreifen. Immer wieder und wieder ging
man in schwierigen Angelegenheiten des Lebens, seelisch gut vor-
bereitet, zu Apollo und lieB sich weissagen durch den Mund der
Pythia, die von den Dampfen angeregt war, in denen Apollo lebte.
Und Asklepios, der Heiler, ist der Sohn des Apollo fiir die Griechen.
Der Heilgott ist Apollo: « Heiler ». Die Abschwachung jenes Engels,
in dem der Christus einstmals war, ist auf Erden ein Heiler oder fiir
die Erde ein Heiler. Denn Apollo war niemals eine physisch ver-
korperte Gestalt, sondern wirkte durch die Erdenelemente.
Und der Gott der Musen, vor alien Dingen der Gott des Gesan-
ges und der musikalischen Kunst, ist Apollo. Warum ist er dies?
Weil er durch das, was im Gesang, was im Saitenspiel waltet, in
Ordnung bringt die sonst ins Unordentliche gehende Zusammen-
wirkung von Denken, Fiihlen und Wollen. Wir miissen nur immer
festhalten, daB dies bei Apollo eine Projektion dessen ist, was am
Ende der atlantischen Zeit geschehen ist. Da hat tatsachlich noch
aus geistigen Hohen etwas hereingewirkt in die menschliche Seele,
was im schwachen Nachhall erklang in der musischen Kunst, die
die Griechen pflegten unter dem Schutze des Gottes Apollo. Es war
den Griechen bewuBt, daB ihre musikalische Kunst gleichsam der
irdische Abglanz jener alten Kunst war, welche in himmlischen
Hohen zur Harmonisierung von Denken, Fiihlen und Wollen das
Engelwesen pflegte, das von dem Christus durchsetzt war. Sie haben
es nicht so ausgesprochen; nur in ihren Mysterien war es bekannt,
urn was es sich dabei handelte. In den apollinischen Mysterien der
Griechen wurde gesagt: Ein hohes Gotterwesen hatte einstmals ein
Wesen aus der Hierarchic der Angeloi durchsetzt. Das hat Harmo-
nie gebracht in das Denken, Fiihlen und Wollen, und ein Abglanz
davon ist die musische Kunst, insbesondere die apollinische Kunst,
jene Kunst zum Beispiel des Musikalischen, welche im Saitenklange
sich ergieBt. Nicht als apollinisch sah man dasjenige an, was etwa
durch Pfeifen oder durch Blasinstrumente zutage trat. Das, was
weniger als die Blasinstrumente an die Elemente appelliert, was so
zusagen am meisten nur Menschheitshandhabung notig macht, kurz,
was in den Saiten Apollos erklingt, dem schreiben die Griechen
jene musische Wirkung zu, die das Gemiit in Harmonie versetzt.
Und von Menschen, welche nicht Hinneigung haben, nicht Schat-
zung genug haben fur diese musische Kunst des Apollo, von denen
sagten die Griechen, im BewuBtsein alles dessen, was wir ausein-
andergesetzt haben, daB sie in der Tat am auBeren Leibe ein Merk-
mal zeigen fur ihre Stumpfheit gegeniiber dem apollinischen Prin-
zip; sie zeigen am auBeren Leibe gewissermaBen, wie sie zuriick-
geblieben sind atavistisch auf einer friiheren Stufe. Merkwiirdig ist,
daB, als ein Mann mit besonders verlangerten Ohren geboren wurde
— es war das der Konig Midas — , die Griechen gesagt haben: Der
hat Eselsohren mit auf die Welt bekommen, weil er, bevor er zur
Welt gekommen ist, nicht in der richtigen Weise sich den Wirkun-
gen hingegeben hat, die einstmals in die Welt gekommen sind durch
jenes engelartige Wesen, das von Christus durchsetzt war. Deshalb,
sagten sie, habe er Eselsohren, und das habe bewirkt, daB er die
Blasinstrumente den Saiteninstrumenten vorziehe. Und als einmal
ein Kind geboren wurde, das sozusagen keine Haut hatte, das ohne
Haut geboren wurde — es ist in der Mythologie bekannt geworden
unter dem Namen des geschundenen Marsyas — , da sagten sie: Das
ist, weil er vor seiner Geburt nicht hingehort hat auf das, was von
dem engelartigen Wesen ausging. So stellt sich das namlich fur die
okkulte Beobachtung heraus. Der Marsyas ist fur die okkulte Be-
obachtung nicht erst am lebendigen Leib geschunden worden, son-
dern er wurde so geboren. Das, was er verbrochen hat, hat er ver-
brochen vor seiner Geburt.
Viele Stadte, die die Griechen als Kolonien gegriindet haben,
tragen den Namen Apollonia, weil man sich Rat geholt hatte von
der Pythia, ob man da oder dort kolonisieren sollte. Die Griechen
hielten auf ihre Stadtefreiheit, hatten daher nicht eine Staaten-
einheit, sondern die ideale Einheit, die ihnen gegeben war durch
ihren Gott Apollo, fiir den sie spater eine Art von Staatenbund
griindeten.
Wir sehen, wie die Griechen verehrten in dem Gotte, den sie
Apollo nannten, das Wesen, von dem wir eben gesprochen haben.
Und wir konnten sagen: In dem, was dem Apollo wirklich ent-
spricht am Ende der atlantischen Zeit, in dem war «verseeligt» die
Christus-Wesenheit. Und wenn wir fragen: Was ist der Apollo
wirklich? Nicht sein Schattenbild, das die Griechen dann verehrt
haben, sondern was ist der Apollo eigentlich? Als uberirdisches
Wesen ist er das Wesen, das die fiir das Gemiit heilenden Krafte
aus hoheren Welten hereinergoB, paralysierend die luziferischen
und ahrimanischen Gewalten. Das bewirkte auch im menschlichen
Leibe ein solches Zusammenwirken von Gehirn, Atem, Lunge mit
Kehlkopf und Herz, wie es zum Ausdruck kam in der Projektion
dieses Zusammenwirkens im Gesang. Denn das richtige Zusam-
menwirken von Hirn, Atmung und Sprachorganen und Herz,
das ist der leibliche Ausdruck fiir das richtige Zusammenwirken
von Denken, Fuhlen und Wollen. Der Heiler, der iiberirdische
Heiler ist Apollo. Wir haben seine drei Stufen der Entwicke-
lung gesehen, und der Heiler, der zugrunde liegt dem Apollo,
wird auf Erden geboren, und die Menschen nennen ihn Jesus, das
heifit in unsere Sprache ubersetzt «der durch Gott Heilende». Es
ist der nathanische Jesusknabe, der durch Gott Heilende, Jeho-
schua Jesus.
Nun macht er sich auf seiner vierten Stufe reif , von der Christus-
Wesenheit in seinem Ich durchsetzt zu werden. Das geschieht durch
das Mysterium von Golgatha. Denn diejenigen Menschenseelen, die
vor dem Mysterium von Golgatha geboren worden sind, hatten im
Verlaufe der weiteren Zeit nicht Leiber gef unden auf der Erde, in de-
nen sie sich so hatten verkorpern konnen, dafi die Ich-Kraft in der ent-
sprechenden Weise zum Ausdruck gekommen ware, wenn das Myste-
rium von Golgatha nicht geschehen ware, wenn nicht jetzt eine
Wesenheit — dieselbe Wesenheit, die wir verfolgt haben durch kos-
mische Zeiten — von der Chrisms-Wesenheit durchsetzt worden
ware. Zur hochsten Entwickelung hatte es das Ich gebracht in Zara-
thustra. Niemals hatten die Seelen, die es zu einer Ich-Entwickelung
gebracht haben, wiederum irdische Leiber, die geeignet gewesen
waren zu einer wahren Entwickelung, finden konnen, wenn nkht
das Mysterium von Golgatha stattgefunden hatte.
Nun haben wir die vier Stufen der Harmonisierung: die Harmo-
nisierung des Sinnenlebens, die der Lebensorgane, die von Denken,
Fiihlen und Wollen, und die Harmonisierung im Ich — das letzte
durch das Mysterium von Golgatha. Nun haben Sie, meine lieben
Freunde, die Beziehung zwischen dem Wesen, das als nathani-
scher Jesusknabe geboren worden ist, und der Christus-Wesenheit.
Sie haben die Art, wie vorbereitet worden ist diese Beziehung. Uns
ist es moglich, durch das, was sich heute in der wahren Anthropo-
sophie enthiillen darf, diese Art von Zusammenwirken, von Zusam-
mengehoren der Christus-Wesenheit mit der menschlichen Wesen-
heit des nathanischen Jesus zu begreifen. Und davon wird ein ge-
sundes Geistesleben in der Zukunft abhangen, daJ3 es immer mehr
und mehr Menschen moglich werde, das zu begreifen, was zu ver-
stehen sich als unfahig erwiesen hat das Gedanken- und Ideenleben
des Zeitalters, in dem sich das Mysterium von Golgatha voll-
zogen hat.
VIERTER VORTRAG
Leipzig, 31. Dezember 1913
In welcher Weise vorbereitet war, was fur die Menschheitsentwik-
kelung der Erde durch das Mysterium von Golgatha hat geschehen
sollen, davon haben wir gestern gesprochen. Wir haben gespro-
chen von den drei Durchdringungen eines Wesens der hoheren
Hierarchien mit dem Chrisms und haben in der wunderbaren
griechischen Apollo-Erscheinung den Nachklang dessen gefun-
den, was stattgefunden hat am Ende der atlantischen Zeit wie eine
weit zuriickliegende Vorherverkiindigung dieses Mysteriums von
Golgatha.
Nun wird es uns obliegen, zu suchen, in welcher Weise das, was
also in die Menschheitsentwickelung eingezogen ist, gewirkt hat.
Dazu wird es notwendig sein, zunachst den Grundcharakter der
Weltanschauungen ein wenig zu charakterisieren, welche in der nach-
atlantischen Zeit als Nachklange, als Nachwirkungen aufgetreten
sind dieses dreifachen Christus-Ereignisses, das nach unserer gestri-
gen Schilderung mit dem Ende der atlantischen Zeit gewissermaBen
abgeschlossen war.
Versuchen wir einmal uns zu vertiefen in den Grundcharakter
der Weltanschauungen, die in der nachatlantischen Zeit entstanden
sind. Sie sind ja entstanden so, daB in dem, was dann die Menschen-
seele geworden ist durch alles das, was ich Ihnen gestern erz'ahlt
habe, etwas nachwirkt. Es sind diese nachatlantischen Weltanschau-
ungen ja wie die Spiegelungen dieses dreifachen Christus-Ereignis-
ses in den nachatlantischen Menschenseelen. Wir brauchen von
diesem Gesichtspunkte aus nur wenige Worte zu sagen iiber die
erste nachatlantische Zeit. Wir haben sie von anderen Gesichts-
punkten aus ofter charakterisiert. Hier soli nur gesagt werden, daB
sie in bezug auf Spiritualitat die bisher hochste nachatlantische Kul-
turperiode war, daB sie aber noch etwas aufnahm in die Seelen der
heiligen Rishis und ihrer Bekenner, was in gewisser Weise weniger
durchdrungen war von jenen Mysterien, von denen ich gestern
gesprochen habe.
Die erste nachatlantische Weltanschauung, die uns entgegentritt
wie eine unmittelbare Wirkung dieses dreifachen Christus-Ereig-
nisses, das ist die Weltanschauung, die unter den Impulsen des Zara-
thustra entstanden ist. Nun muB ich hier einflechten, daB ich Worte
werde gebrauchen miissen, die durch den Gebrauch, den man heute
von ihnen macht, abstrakt und trocken, sogar pedantisch klingen.
Aber wie man auch herumsuchen mag in der Sprache, es stehen
zunachst keine anderen Worte zur Verfiigung. Und so mdchte ich
an Ihre Seelen appellieren, unter den Worten, die ich jetzt gebrau-
chen werde, etwas unendlich viel Geistigeres zu verstehen, als was
heute die trockene Wissenschaft unter diesen Worten versteht. Die
Zarathustra- Weltanschauung mochte ich von dem hier zu beriick-
sichtigenden Gesichtspunkt aus nennen eine Weltanschauung der
«Chronologie». Uber den beiden Wesen, Ahura Mazdao und Ahri-
man, schaut die Zarathustra- Weltanschauung auf Zaruana akarana
— das Wirken der Zeit. Aber nicht der abstrakten Zeit, wie wir sie
heute auffassen, sondern die Zeit als ein lebendiges, ein iiberperson-
liches Wesen gedacht. Schaut doch die Zarathustra- Anschauung die-
ses Wesen, das wir fassen miissen in das Wort Zeit, so, daB von die-
sem Wesen ausgehen die Regierer der Zeit: Zunachst jene geistigen
Wesenheiten, die symbolisiert werden im Weltenraum durch die
Tierkreiszeichen, die Amshaspands. Sie regeln durch ihre Sechszahl,
oder, wenn wir ihre Antipoden dazunehmen, durch ihre Zwolfzahl.
Die Izeds, die ja unter diesen Amshaspands stehen, 28 bis 31 an der
Zahl, sind Geister niederer Art, Diener des hohen Zeitenwesens,
die im Monat die Tage regeln. In jene wunderbare Harmonie
schaute das Zarathustra-BewuBtsein hinein, die in der Welt durch
Krafte wirkt und die sich in der Zahl symbolisiert durch all die Ver-
haltnisse und Kombinationen, die durch 28 bis 31 zu 12 zustande
kommen. In all das schaute sie hinein, was gleichsam in die Welt
hineinstromt und hineinwallt dadurch, daB in dem groBen Welten-
orchester die Instrumente in diesen Zahlenverhaltnissen zusammen-
klingen. Das betrachtete die Zarathustra- Weltanschauung als das
Ordnende, als das Harmonisierende der Weltordnung. Nur hindeu-
ten mochte ich auf diese Verhaltnisse. Und weil das so ist, weil in
dem, was schafft und im Schaffen zugleich zehrt, was in sich auf-
nimmt die Anschauungen der Welt, gleichsam sie geistig verdauend
und sie hiniibertragend zu anderen Stufen, weil die Zarathustra-
Anschauung in der «Zeit» etwas Lebendiges, etwas Uberperson-
liches sieht, so diirfen wir, dieses Wort vergeistigend, diese Welt-
anschauung «Chronologie» nennen, wobei wir zugleich an den
Gott Chronos, an den Regenten der Zeit denken.
Dann kommen wir in den dritten nachatlantischen Zeitraum, den
wir schon gestern charakterisierten als denjenigen, in welchem die
Seelen angeregt wurden zu ihrem Wissen durch die Kraftewesen,
die aus den Sternen erglanzten, wo nicht mehr bloB das Welten-
geheimnis gesehen wurde in den im Ubersinnlichen waltenden Ver-
haltnissen des Zeitenwesens, sondern wo schon hereingegangen
wurde in das Sinnensein und man im Sinnensein, in dem Gang der
Sterne und in der Schrift, die sie in den Weltenraum hineinschrei-
ben, das Harmonisierende sah, das Melodisierende des Weltgesche-
hens. Diese Weltanschauung mochte ich Astrologie nennen. Auf die
Chronologie folgte die Astrologie. Und alles das, was die echte,
wahre Chronologie des Zarathustrismus, was die echte, wahre Astro-
logie der agyptischen und chaldaischen Mysterien enthiillt, all das
war angeregt durch die Geheimnisse, die an der Welt tatig waren
durch die dreimalige Christus-Tatsache vor der grofien atlantischen
Katastrophe.
Und was folgte im Griechentum oder in der griechisch-lateini-
schen Zeit? Nicht nur fiir das Griechentum und Romertum, auch
fur die iibrigen Gebiete Europas gilt, was ich jetzt sagen werde. Ich
habe es nur gestern an einem einzelnen Falle zu erlautern versucht,
es gilt sozusagen fiir das ganze Abendland. Wir konnen noch ein-
mal darauf zuriickblicken, wie der Grieche den Apollo verehrt hatte,
diesen Abglanz des nathanischen Jesusknaben, so wie er aber noch
war am Ende der atlantischen Zeit. Wir sagten: Aus dem Hyper-
boraerland, von Norden her, kam der Apollo zum Orakel von
Delphi. Durch die Pythia sprach er das Wichtigste, was der Grieche
horen wollte, zur Sommerszeit. Im Herbste kehrte er zuriick in sein
Hyperbofaerland. Wir haben diesen Gang des Apollo in Zusam-
menhang gebracht mit dem Gang der Sonne. Aber weil es die gei-
stige Sonne ist, die durch Apollo spricht, so nimmt er, wahrend die
physische Sonne zum Siiden geht, seinen Gang nach Norden. Un-
endlich weisheitsvoll ergeben sich die Mythen, wenn wir sie im
Lichte des wahren Okkultismus betrachten. Und dennoch war es
nicht das Hinaufblicken zu den Sternen, was fiir den Griechen
den Apollo symbolisierte: Wenn der Grieche den Apollo verehrte,
schaute er nicht eigentlich zur Sonne als zu seinem auBeren Sternen-
symbolum. Nicht in dem Sinne ist Apollo Sonnengott, daB die auBere
Sonne ihn symbolisiert hatte — dafiir hatte der Grieche seinen Helios,
der den Gang der Sonne am Himmel regelte. Es wirkt die Sonne
ja nicht so fiir unser Erdendasein, auch wenn wir das Physische an-
sprechen, daB nur das zur Wirksamkeit kommt auf den Menschen,
was direkt durch die Sonnenstrahlen herniederflieBt; sondern es
wirkt die Sonne zuerst in Luft und Wasser, in den Wasserdampfen,
auch in den Dampfen, von denen wir gesagt haben, daB sie auf-
stiegen aus dem Schlunde des Kastalischen Quells und drachenartig
das benachbarte Gebirge umwandelten und daB dieser Drache
durch den griechischen Sankt Georg getotet worden sei. In alien
Elementen wirkt die Sonne, und nachdem sie bereits eingedrungen
ist, durchimpft hat die irdischen Elemente, wirkt sie von diesen aus
auf den Menschen, gleichsam durch die Diener, die wir als Ele-
mentargeister bezeichnen. In den Elementen lebend wirkt der
Sonnengeist, und diese Wirksamkeit, die schaute der Grieche in
seinem Apollo.
Apollo war ihm der Sonnengott, aber nicht der, der als Helios
den Sonnenwagen iiber den Himmel fuhr und etwa die Tageszeiten
regelte. Der Grieche sah, indem er zu Apollo aufschaute, in die
Sonnenwirkungen der Atmosphare. Was da Sonnenwirkung ist, das
sprach er, indem er es geistig ansprach, als Apollo an. Und so war
es bei vielen Gottern und geistigen Wesenheiten, die wir im Abend-
lande finden. Wir brauchen nur hinzuweisen — ich konnte noch auf
vieles andere hinweisen — auf Wotan, der im Sturm dahinsaust, und
auf sein wildes Heer. — Was war in diesem vierten nachatlantischen
Zeitraum die Weltanschauung geworden, die unter dem EinfluB
der dreifachen Christus-Tatsache stand, als ein Nachklang der-
selben? Wiederum muB ich ein pedantisches Wort, das trocken ge-
worden ist, gebrauchen: Meteorologie war gefolgt auf die Astro-
logie. Chronologie - Astrologie — Meteorologie! Nur miissen wir
die «logie» mit Logos in Zusammenhang bringen. — Aber wahrend
dies alles hereinbrach iiber die westliche Welt, stromte hinein in die
ganze nachatlantische Kultur etwas anderes, was von einer ganz
anderen Seite her ein Nachklang der dreifachen Christus-Tatsache
war. Und dieses vierte, das sich wie parallel nebenhin begab, neben
die Meteorologie der vierten nachatlantischen Zeit, das war etwas,
was ich wiederum mit einem trockenen pedantischen Wort bezeich-
nen muB — aber ich bitte wiederum, sich «logie» mit Logos zusam-
menzubringen — , das war geworden: Geologic Geologie, wo tritt
sie uns entgegen?
Man wird niemals die eigentlichen Geheimnisse der althebraischen
Kulturentwickelung verstehen, wenn man sie nicht in dem Sinne
als Geologie nehmen wird, in dem wir sie jetzt als Geologie be-
trachten wollen. Wie tritt uns zunachst die Schar der Elohim, wie
tritt uns der Jahvegott entgegen? So tritt er uns entgegen, daB er
das zum Menschen bilden will, was von der Erde selber genommen
wird. Umhiillen will er mit einer neuen HiiHe, mit der Erdenhulle
das, was von den fruheren Zeiten, von Saturn, Sonne, Mond her-
ubergekommen ist. Jahve ist gerade der Gott, der aus Erde den
Menschen formt, das heiBt aus den Kraften, aus den Elementen der
Erde. Daher muBte die althebraische Weisheit als Bekennerin des
Jahvegottes Geologie werden. Und die Lehre vom Menschen, der
aus den Kraften der Erde geformt ist, ist Geologie. Wird uns nicht
gleich, indem uns der Name des ersten Menschen hingestellt wird,
der geologische Charakter der althebraischen Lehre hingestellt:
Adam — der aus Erde Gebildete! Das ist das Bedeutsame, das man
ins Auge fassen muB: All das, was die anderen, ich mochte sagen
die Volker mit der meteorologischen Weltanschauung, als Seele
faBten, all das spricht anders iiber die Menschenformung. Schauen
wir hin auf die griechische Weltanschauung, wie Prometheus dasitzt
und den Menschen formt. Pallas Athene kommt herzu und bewirkt
aus geistigen Hohen die Verbindung des Menschen mit dem Geistes-
funken. Prometheus formt die Seele im Symbolum des Schmetter-
lings. Der Jahvegott formt den Menschen aus Erde, und er, der
Jahvegott, der im Laufe seiner Entwickelung zum Erdenherrn ge-
worden war, haucht dem Menschen aus seiner eigenen Substanz
die lebendige Seele ein. So verbindet sich Jahve durch seinen
Hauch mit dem, was er aus Erde geformt hat. Und er will wohnen
in seinem Sohne, in seinem lebendigen Hauche, in Adam und seinen
Nachkommen, den Erdensohnen, denjenigen Wesen, deren Hiille
aus Erde zu formen der Jahvegott als seine Aufgabe betrachtete.
Und wenn wir jetzt weitergehen: Versuchen wir einmal, all das,
was wir im althebraischen Altertum selbst von der Bibel iiberliefert
finden, vor unsere Seele zu rufen.
Wir wissen, wir haben es betont, daB die Erde gewisse Krafte ent-
wickelt. Goethe, Giordano Bruno und andere vergleichen diese
Krafte mit den Kraften des Ein- und Ausatmens beim Menschen.
Die Erde entwickelt gewisse Krafte, Ausatmungs- und Einatmungs-
krafte, welche Ebbe und Flut, das Anschwellen und Absinken des
Wassers bewirken, innere Krafte der Erde, dieselben Krafte aber
auch, welche den Mond urn die Erde herum geleiten. Das sind diese
Erdenkrafte. In den Wasserwirkungen treten uns diese Erdenkrafte
entgegen als Erdenwirksamkeit. In den Wasserkraften verzeichnet
uns die Bibel die Sintflut als ein weiteres wichtiges Ereignis nach der
Schopfung Adams, des Erdenmenschen. Und gehen wir weiter bis
in die Zeit des Moses: Wenn wir richtig studieren, urn was es sich
iiberall handelt, es sind iiberall Erdenwirksamkeiten. Moses mit dem
Stab geht an den Felsen und laBt aus der Erde Wasser hervorspru-
deln. Moses geht auf den Berg hinauf. Dasjenige, was mit den Wir-
kungen der Erde zusammenhangt auf dem Berge oben und was sich
gerade an diesem Berge begibt, es ist Erdenwirksamkeit. Denn dieser
Berg darf nur als ein vulkanischer gedacht werden oder wenigstens
als ein vulkanahnlicher Berg. Es ist nicht der Sinai, den man ge-
wohnlich im Auge hat, es ist Erdenwirksamkeit. In der Feuersaule,
in der Moses stent, haben wir etwas Ahnliches zu sehen, wie wenn
wir in den Schwefelhiigeln Italiens ein Stiick Papier abbrennen und
der Rauch herauskommt; so kommt aus dem Berge Erdenwirksam-
keit heraus, feuriger Rauch. Und in Erdenwirksamkeit sahen die
Juden immer Symbole. Voran ging ihnen die Wetterwolke oder
Feuersaule: Erdenwirksamkeit! Wir konnten tief in Einzelheiten uns
einlassen, iiberall wiirden wir finden, daB der Geist der Erde waltet
in dem, wovon Moses als von der Offenbarung des Jahvegottes
spricht. Geologie ist dieVerkiindigung des Moses. Niemals wird man
den tiefgehenden Unterschied der hebraischen von der griechischen
Weltanschauung verstehen, wenn man nicht wissen wird, daB die
griechische Weltanschauung Meteorologie ist und die hebraische
Geologie. Alles das, was der Grieche sich entfalten fiihlt um sich
herum, das denkt er in Zusammenhang mit den von dem Kosmos
her in die Erdenelemente, in die Umgebung der Erde in Luft, in alles
das, was in der Nahe der Erde ist, ergossenen Kraften. Alles das,
womit die hebraische Weltanschauung sich umgeben fiihlt, ist ge-
bunden an die Kr'afte, die von der Erde aus nach oben sich entfalten,
die an die Erde gebunden sind. Ja, auch die Leiden des hebraischen
Volkes, sie kommen von dem Wiistencharakter, von dem, was an
die Erde und ihre Wirksamkeit gebunden ist. Geologie durchwaltet
das Schicksal des hebraischen Volkes. Geologie, Fruchtbarkeit der
Erde ist es, was in Form der Kundschafter sie in das fur sie gelobte
Land lockt.
Und Paulus weiB das wohl, daB dieses BewuBtsein des Zusam-
menhanges mit dem Erdengeiste eine Nachwirkung ist des vor-
irdischen Christus-Ereignisses; denn Paulus macht darauf aufmerk-
sam, daB Christus es war, der den Juden voranschritt und bewirkte,
daB aus dem Felsen Wasser kam in die Wiiste. Und wenn wir gar
von der Bibel zu den bedeutsamen Sagenstoffen des hebraischen
Volkes gehen wiirden, so wiirden wir finden, wie diese Sagenstoffe
durchdrungen sind von der hier gemeinten Geologie. Da wird uns
erzahlt, wie Jahve, als er den Menschen formte aus Erde, ausschickte
die Dienst-Engel, um von alien Teilen der Erde zusammenzutragen
die verschiedenen Farben der Erde, verschiedenfarbige Erden, um
alles das, was der Erde angehort, in die Hiille des Adam hinein-
zumischen. Wir wiirden heute sagen: Jehova lieB es sich angelegen
sein, den Menschen so auf die Erde zu stellen, daB der Mensch in
seiner wahren Wesenheit die hochste Bliite, die Krone der Erden-
schopfung ist. Wir konnen sagen: Fiir die Chaldaer, fiir die Agypter,
fiir die Zarathustrianer, fiir die Griechen, fiir die Romer, fiir die
europaischen Volker des mittleren und nordlichen Europas war das
Wichtigste am Menschen das, was aus der geistigen Welt heriiber-
kam. Fiir die Juden ist das Wichtigste am Menschen das, was zu-
sammenhangt mit der Erde und ihren Kraften. Als der die Erde
geistig durchwaltende Gott fiihlt sich Jahve.
So sehen wir, wie als wichtigstes Ereignis in dem vierten nach-
atlantischen Zeitraum das anzusehen ist, daB sich die Geologie neben
die Meteorologie hinstellt. Und das driickt sich nun wunderbar in
seinem geistigen Gegenbilde aus in dem altjiidischen Prophetismus.
Was strebten denn diese Propheten eigentlich an? Wollen wir
einmal versuchen, gewissermaBen in das Innerste dieser Propheten-
seelen, Jesaias, Jeremias, Hesekiel, Daniel, Joel, Jonas und Zacharias,
hineinzuschauen: Was strebten sie an? Ja, wenn man nur wirklich
unbefangen diese Prophetenseelen studiert, dann findet man: Sie
sind bemuht, im Grunde genommen, eine besondere menschliche
Seelenkraft in den Vordergrund des Seelenlebens zu stellen und eine
andere zuriickzudrangen, gleichsam in die Tiefen des Seelenlebens
hinunterzudrangen. Aufmerksam habe ich Sie schon gemacht, wie
auf den Michelangeloschen Schopfungen, auf die ich hingewiesen
habe, die Propheten immer so gebildet werden, daB sie in tiefem
Sinnen dasitzen, wie getragen von innerlicher Seelenruhe, so daB
man sieht: Dasjenige, dem ihre Seele hingegeben ist, hangt zusam-
men in ihren unterirdischen Griinden mit dem Ewigen. Als den
Gegensatz stellt Michelangelo hin die Sibyllen, in die hereinwirken
die Elemente der Erde, hereinwirken so, wie es bei der einen ist,
daB das Haar vom Winde getrieben wird, daB selbst in das blau-
liche Obergewand der Wind hineinzieht; unter diesem EinfluB des
Windes tut sie ihre Prophezeiung. Die andere sehen wir von innerer
Glut ergriffen: In der eigentiimlichen Beweisgeste der Hand sehen
wir das Feuer, das irdische Element. Und so konnten wir noch ein-
mal die Sibyllen durchgehen: Sie leben mit den Seelenkraften, die
unmittelbar in die Seelen hereinziehen aus der elementarischen
Erdenumgebung. Diese Sibyllenkrafte, die sozusagen hereinsaugen
in die Seeie den Geist der Erdenelemente und ihn zum Ausdruck
bringen, diese Sibyllenkrafte wollten die Propheten des alten Juden-
tums zuriickdrangen. Wenn Sie wirklich vorurteilslos die ganze Pro-
phetengeschkhte lesen, so werden Sie finden: Der Prophet ist be-
miiht — darin besteht seine Schulung — , den Sibyllenzug in sich zu
unterdriicken, ihn nicht aufkommen zu lassen.
Apollo verwandelt den Sibyllenzug der Pythia dadurch, daB er
selber in diesen untertaucht und durch die Sibylie spricht. Die Pro-
pheten wollen auch das Pythienhafte ihrer Seele unterdriicken und
einzig und allein das kultivieren, was in der klaren Kraft des Ich
wirkt, jenes Ich, das mit der Erde verbunden ist, das zur Erde gehort,
das das geistige Gegenbild des geologischen Elementes ist. Wie das
Ewige im Ich sich kundgibt in gelassener Ruhe, wenn die sibyllini-
schen Elemente schweigen, wenn alles innere Rasen aufhort, wenn
das alles unterdriickt wird, wenn nur Gelassenheit waltet und in die
Griinde des Ewigen hineinschaut, das wollten die jiidischen Pro-
phetennaturen entwickeln, und ihre Verkiindigungen sollten aus
solcher Seelenstimmung hervorgehen, die in der Seele sucht, was
in hochstem MaJ3e der Geologie entspricht. So tont uns das, was
bei diesen Propheten hinreiBend ist, entgegen wie ein AusfluB des
geologischen Elementes, und selbst dasjenige, was dann anders ge-
kommen ist, als die Propheten es prophezeit haben, zeigt uns gerade,
wie das Element der Propheten das geologische ist. Ein zukiinf-
tiges Reich, das aber mit auBeren Gebarden an die Erde gebun-
den sein soil und das diesmalige Reich ablosen soil, ein Him-
mel auf Erden, das ist, was die Propheten zunachst verkiinden, — so
eng sind sie verbunden mit Geologie.
Und hinein stromt noch in die ersten Zeiten des Christentums
dieses geologische Element der Propheten, indem man die Wieder-
kunft des Messias erwartet, aber so, daB er aus den Wolken her-
niederfahren und auf der Erde ein irdisches Reich begriinden sollte.
Man wird das, was in der jiidischen Kultur strahlt, nur verstehen,
wenn man es in dieser Weise als Geologie versteht. Das war die
Sehnsucht der Propheten, das war, was sie ihren Schiilern beibrach-
ten: zu unterdriicken das Sibyllenelement, alles das, was die Seele
in unterbewuBte Tiefen fiihrt, und zu entwickeln, was im Ich lebt.
Alle anderen Volker haben andere Beziehungen zu ihren Gottern
als die Juden zu ihrem Jahve. Die Beziehungen der anderen Volker
zu ihren Gottern waren gegeben, denn es waren die Nachkl'ange zu
dem, was sich gebildet hatte am Verhaltnis des Menschen zu den
Geistern der hoheren Hierarchien wahrend der Saturn-, Sonnen-
und Mondenzeit. Das jiidische Volk sollte besonders das ausbilden,
was wahrend der Erdenzeit sich entwickeln konnte. Wenn aber das
Ich von sich selbst aus ein Verhaltnis herstellt zu seinem Gott, wie
driickt sich das aus? Nicht als Eingebung, so daB etwa auch das
Moralische wie ein Durchwirken der Seele mit den gottlichen Kraf-
ten gewesen ware, — nicht als Eingebung, sondern als Gebot. Die
Form des Gebotes, die uns im Dekalog entgegentritt, die tritt uns
erst beim jiidischen Volke entgegen. Wenn auch die Wissenschaft
noch so sonderbare Dinge faselt von fruherem Dasein der Gebote
— Hammurabi und so weiter, ich kann jetzt nicht eingehen auf die
Torheiten der neueren Wissenschaft — , das, was als Gebote auftritt,
wo das Ich unmittelbar dem Gott gegeniibersteht und von dem
Gott die Norm, die Vorschrift so empfangt, daB dieses Ich ihr fol-
gen muB aus innerem Willen, das tritt uns erst bei dem jiidischen
Volk entgegen. Ebenso tritt uns erst bei dem jiidischen Volk ent-
gegen, daB der Gott einen Bund schlieBt mit dem Volk. Die ande-
ren Gotter wirken durch Krafte, die immer mit dem UnterbewuB-
ten der Seele etwas zu tun haben. Vergleichen wir wiederum, wie
der Apollo durch die Pythia wirkt, wie die Seele sich vorbereiten
muBte, die hinwallte zur Pythia, so daB der Gott zu ihr sprechen
konne: Durch das ins UnterbewuBte tauchende Seelenleben der
Pythia sprach Apollo. Dem steht gegenuber der durch seine Gebote
sprechende, mit seinem Volk einen Bund, einen Vertrag schlieBende
Jahvegott, der unmittelbar zu dem Ich der Seele spricht. Und so-
gleich eifern diese Propheten, wenn das geschieht, was ofter im jiidi-
schen Volk geschehen ist, wenn die Wirksamkeiten der heidnischen
Volker EinfluB gewinnen auf das jiidische Volk. Nicht sollten unter-
bewuBte Krafte in die Juden hereinkommen, alles sollte auf dem
Biindnis mit Gott, alles sollte auf dem Prinzip des Gebotes beruhen.
Darum sind die Propheten besonders besorgt.
Und jetzt versuchen wir einmal, einen kleinen Riickblick zu hal-
ten, den wir durchsetzen wollen mit dem, was uns die okkulten Er-
kenntnisse ergeben — einen Riickblick zu halten auf das, was wir
gleichsam versuchten, durch das eben Gegebene zu illustrieren.
Wir haben gestern die dreifache Christus-Tatsache kennengelernt,
die in die lemurische und atlantische Zeit hineinfallt. Wir haben
gesehen, wie dreimal der Christus die Wesenheit durchsetzt hat, die
dann spater als nathanischer Jesusknabe erschienen ist, aber so
durchsetzt hat, daB diese Wesenheit nicht im irdischen Korper ver-
korpert war, sondern in den geistigen Welten verblieben ist. Und
wenn wir den Blick hinlenken auf das, was da geschehen ist, so
miissen wir sagen: Was da in der Atlantis sich vollzogen hat, das
ist dann heriibergestromt nach dem Osten. Elias zum Beispiel war
einer der Propheten. Wie nur ist dieser Elias ein Prophet? Er dient
dem Jahvegott, er dient ihm so, daft in seiner Seele der Nachklang
lebt der dreifachen Christus-Tatsache. In seiner Seele lebt die Er-
kenntnis: Ich habe vor alien Dingen als der Prophet des Jahve den
Jahve so zu verkiinden, daB in dem Jahve der Christus lebt, der
spater das Mysterium von Golgatha vollbringen soil; daB er mit
den Wirksamkeiten lebt, die er beim dritten Erlebnisse in den Kos-
mos ergossen hat am Ende der atlantischen Zeit. Den durchchriste-
ten Jehova verkiindete Elias. Christus lebte schon in Jehova, im
Jahvegott; aber er lebte wie in seinem Abglanz. Wie das Monden-
licht das Sonnenlicht zuriickstrahlt, so strahlt Jahve die Wesenheit,
die dann im Christus lebte, zuriick. Christus strahlte zuriick sein
Wesen aus dem Jahve- oder Jehovagott. Aber im Geiste der Nach-
wirkung der dreifachen Christus-Tatsache wirkte solch ein Bote
wie der Elias, der gleichsam herzog vor dem nathanischen Jesus-
wesen, wie es zunachst geistig von Westen nach Osten zog, die Kul-
turen zu durchsetzen, urn dann geboren zu werden als der eine der
Jesiisknaben. Wie eine Vorverkiindigung empfand man es bei alien
Volkern, was sich schon gleichsam wie ein UberfluB ergab aus der
Meteorologie, namentlich wenn diese beriihrt wurde von der Geo-
logic
Wir erleben das Eigentiimliche, daB an der Statte, die dann so
wichtig geworden 1st fiir die Entfaltung des Christentums, eine von
diesen vorherverkiindeten Tatsachen stattfand. Wir sehen, wie an
den verschiedensten Orten Vorderasiens, audi Europas, Feste ge-
feiert werden, welche gleichsam vorherverkiindend sind das Chri-
stus-Ereignis, vorherverkiindend das Mysterium von Golgatha. Der
Adoniskultus und der Attiskultus sind mit Recht als prophetische
Vorherverkiindigungen des Ereignisses von Golgatha gedeutet wor-
den. Aber wenn wir alle diese Feste recht anschauen, so sehen wir
immer, daB sie eigentlich das Kunftige noch als Meteorologisches
darstellen. Der Gott, der da getotet wird als Adonis und wieder auf-
ersteht, wird nicht gedacht als im Fleisch verkorpert, sondern was
man als Gott hat, ist zunachst ein Bild: das Bild jenes engelartigen
Wesens, das am Ende der atlantischen Zeit von dem Christus durch-
setzt worden ist in den geistigen Hohen und das dann zum natha-
nischen Jesusknaben geworden ist. Das Schicksal des nathanischen
Jesusknaben feierte man im Adonis-, im Attisdienst. Und es war
welthistorisches Karma — Sie werden vielleicht noch mehr suchen hin-
ter diesem Worte — , daB an der Statte, an die die Bibel mit einem ge-
wissen Rechte die Geburt des Jesusknaben stellt, daB in Bethlehem
vorher ein Adoniskultus verrichtet wurde. Bethlehem war einer der
Orte, wo Adoniskulte verrichtet wurden. Oft hat man dort den ster-
benden und auferstehenden Adonis gefeiert und so die Aura zuberei-
tet, indem man die Erinnerung hervorrief : Es gab einmal in geistigen
Hohen ein Wesen, das dazumal noch zur Hier archie der Angeloi ge-
horte, ein Wesen, welches spater auf die Erde kommen sollte als natha-
nischer Jesusknabe, ein Wesen, das aber dazumal am Ende der atlan-
tischen Zeit durchsetzt war von dem Christus. Was damals geschehen
war fiir die Harmonisierung von Denken, Fiihlen und Wollen, das
feierte man im Adonisfest. Und an der Statte zu Bethlehem, wo dieses
Adonisfest gefeiert worden ist, haben wir die Geburtsstatte auch des
nathanischen Jesusknaben. Und es klingen die Worte merkwiirdig
zusammen, meine lieben Freunde. Sehen wir denn nicht, indem wir
aufgesucht haben das dreifache Christus-Ereignis, das iiberirdische
Christus-Ereignis, das dreimal vorangegangen ist dem Mysterium
von Golgatha, sehen wir denn nicht vom Westen nach dem Osten
heriiberziehen den Christus zu der Statte, wo das Mysterium von
Golgatha verrichtet werden sollte? Sehen wir denn nicht, wie er
schon in Elias seinen Boten voranschickt, und wissen wir nicht,
wie dieser Bote in seiner nachsten Inkarnation wiedererscheint als
Johannes der Taufer? Und wird uns nicht von diesem mit einem
wunderbaren Zusammenklange der Worte ausdriicklich gesagt: Er
schickte seinen Engel voran, daB er ihn verkiindigte? Das kann
man sagen sowohl von Johannes wie von Elias. Von Elias noch
besser, — was diejenigen verstehen werden, die sich an meine Schil-
derung des Elias erinnern, wo ich dargestellt habe, daB Elias in
geistigen Hohen geblieben ist und nur einen Reprasentanten hatte,
durch den er wirkte, so daB er nie selbst auf der Erde herumgegan-
gen ist. Wenn Sie das nehmen, so paBt der Ausdruck: Er schickte
seinen Engel vor ihm her, noch besser auf Elias als auf Johannes.
Solche Boten waren immer Boten des von Westen nach dem Osten
gezogenen Christus.
Und jetzt sollte dasjenige, was Geologie war beim Judenvolk,
durchzogen werden von diesem geistigen Wesen, das wir ja seit
gestern in seiner eigentlichen Wirksamkeit fur die Erde haben be-
trachten gelernt. Geologie sollte gleichsam durchchristet werden.
Man sollte den Geist der Erde in einer neuen Weise empfinden, ihn
gewissermaBen loslosen konnen von der Erde. Das konnte man aber
nur, wenn eine Kraft kam, die diesen Geist der Erde losloste von
den Erdenkraften. Das geschah dadurch, daB die Erdenaura von
den Christus-Kraften durchzogen wurde und die Erde selbst jetzt da-
durch etwas anderes wurde. In die Krafte, die der Jahvegott ent-
fesselt hatte, zog der Christus ein und machte diese Krafte selber zu
etwas anderem.
Wenn wir all das iiberblicken, dann verstehen wir eines: Wir
verstehen, warum dem Apollo zum Sinnbild gegeben worden ist
der Lorbeer. Fiir denjenigen, der mit etwas Geisteswissenschaft in
die Pflanzenlehre eindringt, ist der Lorbeer eine Pflanze, die stark
zusammenhangt mit meteorologischen Verhaltnissen. Aus dem,
was Meteorologie ist, wird der Lorbeer ganz ausgestaltet und auf-
gebaut Eine andere Pflanze ist viel enger an die Erde gebunden, ist
sozusagen der Ausdruck geologischer Verhaltnisse. Und fiihlt man
das die Pflanze charakteristisch durchdringende Ol im Olbaum
wirklich so, daB man die elementarischen Krafte aus der eigenen
Seele angeregt fiihlt davon, daB der Olbaum eine Pflanze ist, auf
die man aufpfropfen kann einen anderen SproBling, der am besten
an dieser Pflanze gedeiht, dann fiihlt man das innige Durchdrungen-
sein des Olbaumes von dem Ol der Erde. Im Ol fiihlt man pul-
sieren das Durchdringende des Irdischen. Und jetzt erinnern
wir uns an etwas, was ich angeschlagen habe im zweiten Vortrag,
erinnern wir uns an Paulus, der dazu berufen war, die Verbindungs-
briicke zu schlagen zwischen dem althebraischen Altertum und dem
Christentum, zwischen Geologie und Christologie. Des Paulus
Wirksamkeit entfaltet sich, wie wir gesagt haben, in der
Sphare des Olbaumes. Und wenn wir den Apollo in den aus
Bergesschliinden aufstrebenden Dampfen vernehmen, durch die
er anregt die Pythia und menschliche Schkksale weisheitsvoll
ausspricht, so konnen wir auch fiihlen die elementarischen
Krafte, die durch den Olbaum in die Umgebung stromen und in
die eingebettet ist des Paulus Seelenkraft Wir konnen sie spiiren
in seinen Worten. Er taucht gleichsam in den Olbaum ein, um ihn
elementarisch zu fiihlen in seiner Aura und sich von dessen Aura
inspirieren zu lassen, in dessen geologischem Gebiete seine Wirk-
samkeit liegt.
Man liest heute die Dinge eben viel, viel zu abstrakt. Man denkt,
daB auch die Dinge, die altere Autoren ausgesprochen haben, so
abstrakt, nur mit dem Hirn zusammenhangend sind wie das, was
oftmals neuere Autoren sagen. Man denkt nicht daran, wie nicht
bloB Verstand und Vernunft, wie alle Seelenkrafte erden-urst'andig
zusammenhangen konnen mit dem, was einem gewissen Gebiete
die Pragung gibt. Dem Paulusgebiete gab der Olbaum die Pragung.
Und wie wenn er zu sich heraufheben wollte die jiidische Geologie,
sprach er — durch das, wozu ihn der Olbaum begeisterte — Wich-
tigstes aus iiber die Beziehungen der vom Chrisrus erfiillten Men-
schen zu dem, was die Christus-fernen Menschen sind. Horen wir
nicht die sonderbaren Worte von Paulus, die wir nicht abstrakt
nehmen wollen, sondern die wir nehmen wollen wie etwas, was
elementarisch in seiner Seele wurzelt, wie etwas, was er aus diesem
Elementarischen seiner Seele heraus als das Wort pragen will, durch
das er die Heidenchristen mit den Juden in Beziehung bringen will
— horen wir nicht die sonderbaren Worte: «Mit euch Heiden rede
ich; denn dieweil ich der Heiden Apostel bin, will ich mein Amt
preisen, ob ich mochte die, so mein Fleisch sind, zu eifern reizen
und ihrer etliche selig machen. Denn so ihr Verlust der Welt Ver-
sohnung ist, was ware das anders, denn das Leben von den Toten
nehmen? Ist der Anbruch heilig, so ist auch der Teig heilig; und
so die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig. Ob aber
nun etliche von den Zweigen zerbrochen sind, und du, da du ein
wilder Olbaum warest, bist unter sie gepfropfet und teilhaftig wor-
den der Wurzel und des Saftes im Olbaum: so riihme dich nicht
wider die Zweige. Riihmest du dich aber wider sie, so sollst du wis-
sen, daB du die Wurzel nicht tragst, sondern die Wurzel tragt dich.
So sprichst du: Die Zweige sind zerbrochen, daB ich hinein-
gepfropfet wiirde. Ist wohl geredet. Sie sind zerbrochen urn ihres
Unglaubens willen; du stehest aber durch den Glauben. Sei nicht
stolz, sondern furchte dich. Hat Gott der natiirlichen Zweige nicht
verschonet, daB er vielleicht dein auch nicht verschone. Darum
schau die Giite und den Ernst Gottes; den Ernst an denen, die
gefallen sind, die Giite aber an dir, sofern du an der Giite
bleibest; sonst wirst du auch abgehauen werden. Und jene, so
sie nicht bleiben in dem Unglauben, werden sie eingepfropfet
werden; Gott kann sie wohl wieder einpfropfen. Denn so du
aus dem Olbaum, der von Natur wild war, bist ausgehauen,
und wider die Natur in den guten Olbaum gepfropfet; wie viel
mehr werden die natiirlichen eingepfropfet in ihren eigenen Ol-
baum? »
So sprach der, von dem wir morgen weiter ausfiihren werden, wie
er aus der jiidischen Geologie herausgeholt hat das, was er zu sagen
hatte; wie er die elementarische Kraft, die von der Erde auf im Ol-
baum waltet, in so grandioser Weise zum Bilde gemacht hat fiir
das, was er zu sagen hatte.
FUNFTER VORTRAG
Leipzig, 1. Januar 1914
Gesprochen habe ich Ihnen von den Kraften der Sibyllen, aufmerk-
sam habe ich gemacht, daB wir diese Sibyllen wie den Schatten der
griechischen Philosophen in Ionien auftauchen sehen, daB sie dann
durch Jahrhunderte hindurch teilweise tiefe Weisheit aus ihrem
chaotischen Seelenleben hervorzauberten, teilweise eben nur gei-
stiges Chaos zutage forderten und daB sie durch Jahrhunderte hin-
durch viel mehr, als die 'auBere Geschichte das zugeben will, das
Geistesleben gerade Siideuropas und der angrenzenden Gebiete be-
herrscht haben. Ich habe sagen wollen, daB mit dieser eigentiim-
lichen SeelenauBerung der Sibyllen iiberhaupt hingedeutet ist auf
eine gewisse Kraft der menschlichen Seele, die in alteren Zeiten,
noch in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, ihre gute Bedeu-
tung hatte. Aber die Kulturperioden andern sich im Laufe der
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Die Krafte, mit
denen die Sibyllen dann zeitweilig rechten Unsinn zutage gefordert
haben, waren noch durchaus gerechte, gute Seelenkrafte in der
dritten nachatlantischen Zeit, als Astrologie getrieben wurde, als die
Sternenweisheit hereinwirkte in die menschlichen Seelen und als
durch das Hereinwirken der Sternenweisheit harmonisiert wurden
die Krafte, die dann chaotisch im Sibyllentum zum Vorschein
kamen. Daraus aber konnen Sie entnehmen, daB Krafte, die iiber-
haupt irgendwo in der Welt waken, zum Beispiel speziell jetzt die
in den Seelen der Sibyllen waltenden, an sich niemals gut oder
schlecht genannt werden konnen, sondern daB sie, je nachdem an
welchem Ort und in welcher Zeit sie auftreten, gut oder schlecht
sind. Es sind durchaus gute, berechtigte Krafte, die in den Seelen
der Sibyllen auftraten, nur waren sie fur die Seelenentwickelung des
vierten nachatlantischen Zeitraumes eben nicht geeignet. Da sollten
nicht die Krafte in den menschlichen Seelen waken, die aus unter-
bewuBten Griinden heraufkamen, sondern die durch die Klarheit
des Ich zu den Seelen sprachen. Gestern haben wir gehort, wie
gleichsam auf die Unterdriickung der Sibyllenkrafte und auf die
Heraufarbeitung der Krafte, die durch die Klarheit des Ich spre-
chen, die althebraischen Propheten hinarbeiteten, ja, daft es gerade
das wesentliche Charakteristikum des althebraischen Prophetentums
ist, die chaotischen Sibyllenkrafte zuriickzudrangen und dasjenige
heraufzubringen, was durch das Ich sprechen kann.
Die Erfullung dessen, was da die althebraischen Propheten an-
strebten, was wir also bezeichnen konnen als eine Art «Ins-richtige-
Geleise-Bringen» der Sibyllenkrafte, die Erfullung dieser Aufgabe
kam durch den Christus-Impuls. Als der Christus-Impuls in der uns
bekannten Weise einschlug in die irdische Menschheitsentwicke-
lung, da handelte es sich darum, daB eine Zeitlang diese durch die
Sibyllen in chaotischer Weise zutage tretenden Krafte zuriick-
gedrangt wurden, gleichsam wie ein FluB zuriickgedrangt wird von
der AuBenwelt, wenn er erst dahinflieBt und dann in eine unter-
irdische Hohle verschwindet, urn sp'ater wiederum an die Ober-
flache zu treten. In einer anderen Form, in der durch den Christus-
Impuls gelauterten Form, in der Form, die der Christus-Impuls, nach-
dem er in die Erdenaura eingeschlagen hatte, diesen Kraften geben
konnte, sollten diese Krafte wieder herauftauchen. Gerade so, wie
wir unsere Seelenkrafte, nachdem wir sie erst einmal wahrend eines
Tages voll entwickelt haben, in das UnteirbewuBte der Nacht hin-
eintauchen miissen, um dann wiederum aufzuwachen, so war es not-
wendig, daJ3 diese Krafte, die berechtigt waren in der dritten nach-
atlantischen Kulturperiode, gleichsam ein wenig unter der Oberflache
des Seelenlebens flossen, unbemerkbar, um dann wiederum aufzutau-
chen, langsam, wie wir dann horen werden, wiederum aufzutauchen.
Wir werden also die Erscheinung vor uns haben, daB die Krafte, die
so chaotisch in den Sibyllen sich auBern und die berechtigte Men-
schenkrafte sind, vom Christus-Impuls gleichsam durchspiilt werden,
aber daB sie in die Untergriinde des Seelenlebens hinuntertauchen
und daB die Menschheit in ihrem gewohnlichen BewuBtsein nichts
davon weiB, daB der Christus mit diesen Kraften in den Untergriin-
den der Seele weiterarbeitet. Und so ist es in der Tat.
Es ist ein groBartiges Schauspiel vom geisteswissenschaftlichen
Standpunkt aus, das Einschlagen dieses Christus-Impulses zu beob-
achten, zu beobachten, wie sich, vom Konzil zu Nicaa an, die Men-
schen in ihrem OberbewuBtsein zanken iiber die Feststellung der
Dogmen, wie sie eifern mit ihrem BewuBtsein und wie das Wich-
tigste fiir das Christentum in unterbewuBten Seelengriinden ge-
schieht. Der Christus-Impuls arbeitet nicht da, wo gezankt wird,
sondern in den Untergriinden; und manches wird noch mensch-
liche Weisheit enthullen miissen, was uns, wenn wir es nur an der
OberfTache betrachten, vielleicht sonderbar erscheint. Manches wird
noch enthiillt werden miissen, weil es wie ein Symptom der Arbeit
des Christus-Impulses in den Untergriinden des menschlichen Seelen-
lebens wirkt. So werden wir sehen oder begreifen, daB wichtigste
Gestaltungen in bezug auf die Konfiguration der christlichen Stro-
mung im Abendlande nicht geschehen konnen durch das, woriiber
sich die Bischofe zanken, sondern daB wichtige historische Fragen
durch Entscheidungen geschehen, die sich in den Untergriinden
des Seelenlebens abspielen und gleichsam wie Traume herauftau-
chen in das BewuBtsein; so daB die Menschen aus dem, was sie im
Traum wahrnehmen, gleichsam sich nicht entratseln konnen, was
in den Tiefen geschieht. Und es gibt solche Dinge — ich will nur
ein Symptom nennen — , wo wie durch Traume sich heraufspiegelt,
was der Christus da unternimmt in den tiefen Seelengriinden, um
die menschlichen Seelenkrafte im Laufe der abendlandischen Ge-
schichtsentwickelung ins rechte Geleise zu bringen.
Vielleicht kann es doch manche Seele so beriihren, daB sie etwas
ahnt von dem, was ich eigentlich mit diesen Worten sagen will,
wenn wir sehen, daB am 28. Oktober 312, als der Sohn des Con-
stantius Chloms, Konstantin der Grofie, gegen Maxentius vor Rom
kampft und eine Entscheidung herbeifiihrt, die fiir das ganze Abend-
land ungeheuer wichtig war in bezug auf die Konfiguration des
Christentums, der Kampf und der Sieg in merkwiirdiger Weise zu-
stande kommen. Diese Schlacht, meine lieben Freunde, die vor Rom
geschlagen wurde von Konstantin, dem Sohne des Constantius Chlo-
rus, gegen seinen Gegner Maxentius, wurde nicht entschieden durch
Armeebefehle, nicht durch den bewuJ3ten Scharfsinn der Anfiihrer,
sondern sie wurde entschieden durch Tr'aume und sibyllinische Zei-
chen! Und bedeutsam wird uns erzahlt von dieser Schlacht, die am
28. Oktober 312 stattfand, daB Maxentius, als Konstantin gegen
die Tore Roms anriickte, einen Traum hatte. Der Traum sagte ihm
- er war noch innerhalb der Tore — : Bleibe nicht an demselben Ort,
wo du bist! Maxentius beging unter dem EinfluB dieses Traumes,
der noch verst'arkt wurde dadurch, daB man in den Sibyllinischen
Biichern iiber die Aussagen der Sibyllen nachforschte, die groBte
Torheit — auBerlich betrachtet — , die er machen konnte: Er verlieB
Rom und fiihrte die Schlacht mit seinem Heere, das viermal starker
war als das des Konstantin, nicht im Schutze der Mauern Roms,
sondern auBerhalb derselben. Denn die Auskunft der Sibyllinischen
Biicher lautete: Wenn du gegen Konstantin auBerhalb der romi-
schen Mauern k'ampfen wirst, so wirst du den groBten Feind Roms
vernichten. — Das war so recht einer von diesen sibyllinischen
Orakelspriichen! Maxentius folgte ihm, und zwar mit Mut und Ver-
trauen, er ging hinaus vor die Tore Roms. So wie einstmals ein
anderer sibyllinischer Orakelspruch den Krosus gefuhrt hatte, so
fiihrte dieser den Maxentius. Er vernichtete den Feind Roms, sich
selber, durch seine Unternehmung.
Konstantin hatte einen anderen Traum. Ihm sagte der Traum:
Fiihre voran vor deinen Scharen — sie waren nicht so groB, sie waren
viermal geringer als die des Maxentius — das Monogramm Christi!
Und er lieB es voranfuhren und er erfocht den Sieg. Eine wichtige
Entscheidung fur die Konfiguration Europas, durch Traume und
sibyllinische Ausspruche entschieden! Da schillert herauf, was in
den Untergriinden des Seelenlebens der europaischen Menschen ge-
schieht. Wahrhaftig, wie ein FluB, der in den Hohlungen der Berge
verschwunden ist, so daB man ihn oben nicht sieht und oben das
Sonderbarste vermuten kann, so stromt fort der Strom des Christus-
Impulses in den Untergriinden der Seelen der europaischen Men-
schen und wirkt, wirkt zunachst als okkulte Tatsache.
Meine lieben Freunde, lassen Sie mich hier an dieser Stelle das
Gest'andnis machen, daB mir in meiner geisteswissenschaftlichen
Forschung gerade beim Verfolgen dieser Stromung oftmals sozu-
sagen sich die Spur verloren hat; denn ich muBte suchen, wo sie
wieder erschien. Voraussetzen konnte ich, daB der Strom des Chri-
stus-Impulses nur langsam erscheint, daB er auch in unserer Zeit
noch nicht vollstandig erschienen ist, sondern sich nur zeigen kann.
Aber wo erscheint er? Das war die Frage. Wie kommt er wieder
herauf? Wie taucht er wieder herauf ? Wo ergreift er zuerst Seelen
so, daB sie beginnen, etwas davon in ihr BewuBtsein herauf zuheben?
Wenn Sie, meine lieben Freunde, meine verschiedenen Auseinan-
dersetzungen in Biichern und Zyklen verfolgen, und es geht Ihnen
so wie mir mit diesen Auseinandersetzungen, dann werden Sie fin-
den, daB namenthch in den alteren Teilen dieser Auseinandersetzun-
gen zu dem Unbefriedigendsten das gehort, was ich im Zusammen-
hange mit dem Namen des heiligen Gral gesagt habe. Wie gesagt,
mir geht es so, und ich hoffe, daB es auch anderen so gegangen ist.
Nicht, als ob ich etwas gesagt hatte, was sich nicht aufrechterhalten
lieBe, aber gerade, wenn ich dieses aufstellte, so fuhlte ich mich un-
befriedigt. Ich muBte geben, was sicher gegeben werden kann; denn
oftmals, wenn ich jene Stromung, von der ich jetzt gesprochen habe,
in ihrem weiteren Fortschritt suchte, wenn ich suchte die weitere
okkulte christliche Entwickelung des Abendlandes, dann trat mir
vor die Seele die Mahnung: Du muBt erst den Namen des Parzival
an seiner rechten Stelle lesen. Und erfahren muBte ich, meine lie-
ben Freunde, daB okkulte Forschungen in einer merkwtirdigen Weise
geleitet werden. Damit wir nicht verlockt werden, ins Spekulieren
zu kommen und uns in Gebiete zu begeben, wo sehr leicht mit der
okkulten Wahrheit die Phantasie davonfliegen konnte, werden wir
lange, ich mochte sagen, sachte gefuhrt in bezug auf okkulte For-
schung, wenn sie die Wahrheit zuletzt an den Tag befordern will,
die uns durch sich selber eine Art Uberzeugung von ihrer Richtig-
keit beibringen kann. So muBte ich mich oftmals ergeben in das
Warten mit der Antwort auf die Anforderung: Suche, wo der Name
Parzival stent!
Ich hatte, meine lieben Freunde, wohl aufgenommen, was Sie
ja alle kennen aus der Parzival-Sage, daB, nachdem Parzival zuriick-
kommt, in einer gewissen Weise geheilt von seinen Irrtiimern, und
den Weg zum heiligen Gral wiederfindet, ihm da verkiindet wird:
auf der heiligen Schale ware glanzend sein Name erschienen. — Er
muB also auf dieser heiligen Schale stehen. Wo aber ist die heilige
Schale, wo ist sie zu finden? — Das war die Frage. Man wird bei sol-
chen okkulten Forschungen oftmals aufgehalten, so daB man, ich
mochte sagen, an einem Tag, in einem Jahr, nicht zuviel tut, damit
man nicht durch das Spekulieren iiber die Wahrheit hinausgetrie-
ben wird; man wird aufgehalten. Marksteine treten auf. Und so
sind mir Marksteine aufgetreten im Laufe der eigentlich recht vie-
len Jahre, in denen ich Antwort suchte auf die Frage: Wo findest du
den Namen des Parzival auf der heiligen Schale geschrieben ?
Ich wuBte, daB es mancherlei Bedeutungen gebe der heiligen
Schale, in der die Hostie, das heiBt also eine Scheibe, eine Oblate
drinnen ist. Und auf der heiligen Schale selber sollte « Parzival »
stehen. Ich wurde auch gewahr, wie tief bedeutsam eine solche Stelle
ist wie die des Markus-Evangeliums im 4. Kapitel, Vers 11 und 12,
33 und 34, wo da ges> wird, daB der Herr vieles gab in Gleich-
nissen und erst nach und nach die Gleichnisse deutete. Bei der
okkulten Forschung wird man auch, und zwar oft nur in Anleh-
nung an das, wozu einen das Karma fiihrt, ganz stufenweise und
sachte gefiihrt; und man weiB nicht, wenn einem etwas entgegen-
tritt, das auf irgendeine Sache Bezug zu haben scheint, was unter
dem EinfluB der Krafte, die aus der spirituellen Welt kommen, ein-
mal in der eigenen Seele aus einer solchen Sache gemacht werden
soil. Man weiB oft nicht einmal, daB sich irgend etwas, was man
bekommt aus den Tiefen der okkulten Welt heraus, auf irgendein
Problem bezieht, das man jahrelang verfolgt. So wuBte ich nichts
Rechtes damit anzufangen, als ich den norwegischen Volksgeist,
den nordischen Volksgeist einmal befragte iiber den Parzival und
er sagte: Lerne verstehen das Wort, das durch meine Kraft geflossen
ist in die nordische Parzivalsage: «Ganganda greida» — die herum-
laufende Labung etwa — so ahnlich! Ich wuBte nichts damit anzu-
fangen. Und wiederum wuBte ich nichts damit anzufangen, als ich
einmal aus der romischen Peterskirche kam unter dem Eindruck
jenes Michelangeloschen Werkes, das man gleich zur rechten Seite
findet, der Mutter mit dem Jesus, der so jung noch aussehenden
Mutter mit dem bereits toten Jesus im SchoBe. Und unter der Nach-
wirkung — das ist eine solche Fiihrung — des Anschauens dieses
Kunstwerkes kam, nicht wie eine Vision, sondern wie eine wahre
Imagination aus der geistigen Welt heraus, das Bild, das eingeschrie-
ben ist in die Akasha-Chronik und das uns zeigt, wie Parzival, nach-
dem er zum erstenmal weggeht von der Gralsburg, wo er nicht
gefragt hatte nach den Geheimnissen, die dort walten, im Walde
auf eine junge Frau triflt, die den Brautigam im SchoBe halt und
ihn beweint. Aber ich wuBte, meine lieben Freunde, daB das Bild,
ob es nun die Mutter ist oder die Braut, der der Brautigam weg-
gestorben ist — oftmals wird der Christus der Brautigam genannt — ,
eine Bedeutung habe und daB der Zusammenhang, der sich wahr-
haftig ohne mein Zutun hinstellte, eine Bedeutung habe.
Mancherlei solche Vorzeichen konnte ich Ihnen noch aufzahlen,
die sich mir ergeben haben bei meinem Suchen nach der Antwort
auf die Frage: Wo steht der Name Parzival auf dem heiligen Gral
geschrieben? Denn stehen muBte er darauf, das erzahlt uns ja die
Sage selber. Nun brauchen wir uns ja nur die allerwichtigsten Ziige
der Parzivalsage einmal zu vergegenwartigen.
Wir wissen, daB Parzival geboren wird von seiner Mutter Herze-
leide, nachdem der Vater hinweggezogen war, und daB ihn die
Mutter unter groBen Schmerzen und traumhaften Erscheinungen
ganz eigenartig geboren hat. Wir wissen, daB sie ihn dann behiiten
wollte vor Ritteriibung und Rittertugend, daB sie ihre Besitzungen
verwalten lieB und sich in die Einsamkeit zuriickzog, daB sie das
Kind so auferziehen wollte, daB es feme blieb von dem, was aller-
dings in ihm lebte; denn das Kind sollte nicht ausgesetzt sein den
Gefahren, denen der Vater ausgesetzt gewesen war. Aber wir wis-
sen auch, daB das Kind fruh anfing, aufzusehen zu allem Herrlichen
in der Natur, und daB es im Grande genommen nichts durch die
Erziehung seiner Mutter erfuhr, als daB ein Gott waltet, — daB das
Kind dann die Tendenz bekam, diesem Gott zu dienen. Aber es
wuBte nichts von diesem Gott, und als es einmal Rittern begegnete,
hielt es diese Ritter fiir Gott und fiel auf die Knie vor ihnen. Als
dann das Kind der Mutter verrat, daB es Ritter gesehen habe und
selber ein Ritter werden wolle, zieht ihm die Mutter Narrenkleider
an und laBt es hinausziehen. Wir wissen, daB der Knabe hinaus-
zieht, mancherlei Abenteuer besteht, und wissen, daB die Mutter
spater — was man sentimental nennen mochte, was aber tiefste Be-
deutung hat — stirbt an gebrochenem Herzen iiber das Verschwin-
den ihres Sohnes, der nicht einmal ihr einen AbschiedsgruB, sich
riickwendend, gegeben hat und hinauszog, urn Ritter-Abenteuer zu
erleben. Wir wissen, daB er auf mancherlei Wanderungen, auf
denen er mancherlei erfahren hatte iiber Ritterwesen und Ritter-
tugend und sich ausgezeichnet hatte, zur Burg des Grals kommt.
Ich habe bei anderer Gelegenheit erwahnt, wie wir die literarisch
noch beste Gestalt des Herankommens des Parzival an die Grals-
burg bei Chrestien de Troyes finden, bei Christian von Troyes; wie
uns da dargestellt wird, daB, nachdem er lange Irrfahrten bestanden
hatte, Parzival in eine einsame Gegend kommt, wo er zun'achst zwei
Menschen findet: der eine rudert einen Kahn, der andere fischt vom
Kahne aus; wie er dadurch, daB er die Leute fragt, gewiesen wird
an den Fischerkonig; wie er den Fischerkonig in der Gralsburg dann
triflt. Weiter dann, wie ihm der Fischerkonig, ein schon bejahrter
Mann, der schwach geworden ist und sich daher auf dem Ruhe-
bette halten muB, im Gespr'ach das Schwert, das ein Geschenk seiner
Nichte war, iiberreicht. Wie dann im Saale zuerst ein Knappe
erscheint, der einen Speer tragt, welcher blutet — das Blut lauft
herab bis an die Hand des Knappen — , da erscheint eine Jungfrau
mit dem heiligen Gral, der wie eine Art Schiissel ist. Solcher Glanz
aber erstrahlt aus dem, was im Grale ist, daB alle Lichter des Saales
iiberleuchtet werden von dem Lichte des heiligen Gral, wie von
Sonne und Mond die Sterne iiberleuchtet werden. Und dann erfah-
ren wir, wie in diesem heiligen Gral das ist, wovon sich der in einem
besonderen Raum befindliche alte Vater des Fischerkonigs ernahrt,
der nichts bedarf von dem, was so reichlich aufgetragen wird bei
der Mahlzeit, an der teilnehmen der Fischerkonig und auch Parzival.
Von irdischen Nahrungsmitteln nahren sich diese. Jedesmal aber,
wenn ein neuer Gang aufgetragen wird — wie wir heute sagen
wiirden — , geht wiederum der heilige Gral vorbei in die Kammer
des Vaters des Fischerkdnigs, der alt ist und der nur Nahrung be-
kommt von dem, was in dem Gral ist. Parzival, dem auf dem Wege
dahin von Gurnemanz bedeutet worden ist, daB er nicht zuviel fra-
gen solle, fragt nicht, warum die Lanze blutet, fragt nicht, was die
Schussel des Gral bedeutet — den Namen wuBte er natiirlich nicht.
Er wurde dann, und zwar — wie es bei Christian von Troyes heiBt —
in demselben Raum, in dem das alles stattgefunden hatte, fur die
Nacht gebettet. Er hatte sich vorgenommen, am nachsten Morgen
zu fragen; aber da fand er das ganze SchloB leer, niemand war da. Er
rief nach irgend jemandem. Niemand war da. Er kleidete sich selber
an. Nur sein Pferd fand er unten bereit. Er glaubte, daB die Gesell-
schaft zur Jagd ausgeritten sei, und wollte nachreiten, um das Wun-
der des Gral zu erfragen. Aber als er iiber die Zugbriicke geritten
war, schnellte diese so schnell hinauf, daB das Pferd springen muBte,
um sich vor dem Sturz in den Graben der Burg zu retten. Und er
fand nichts von der ganzen Gesellschaft, die er am Vortage gefun-
den hatte in der Burg. Dann erzahlt Christian von Troyes, wie
Parzival weiterreitet und in einsamer Waldgegend das Bild findet
des Weibes mit dem Manne im SchoBe, den sie beweint. Sie ist es,
die zuerst ihm bedeutet, wie er hatte fragen sollen, wie er sich darum
gebracht hat, die Wirkung seines Fragens um die groBen Geheim-
nisse, die an ihn herangetreten sind, zu erleben. Wir wissen nach
Christian von Troyes, daB er noch mancherlei Irrfahrten durch-
machte und daB er gerade an einem Karfreitag zu einem Einsiedler
kommt, der Trevericent heiBt; wir wissen, daB er von diesem hin-
gewiesen wird darauf, wie man seiner nucht, weil er versaumt hat,
das herbeizufiihren, was wie eine Erlosung fur den Fischerkonig
hatte wirken konnen: zu fragen nach den Wundern der Burg. Man-
cherlei Lehre empfangt er dann.
Nun enthiillte sich mir, als ich versuchte, Parzival zu seinem
Einsiedler zu begleiten, ein Wort, das so, wie ic
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