Christus und die geistige Welt

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge  vor  mitgliedern 
der  anthroposophischen  gesellschaft 


RUDOLF  STEINER 


Christus  und  die  geistige  Welt 

Von  der  Suche 
nach  dem  heiligen  Gral 

Ein  Zyklus  von  sechs  Vortragen 
gehalten  in  Leipzig 
vom  28.  Dezember  1913  bis  2.Januar  1914 


1987 

RUDOLF  STEINER  VER LAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Zuhorer-Mitschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 


Die  Herausgabe  besorgte  Robert  Friedenthal 


1.  Auflage  (Zyklus  31,  Christus  und  die  geistige  Welt) 

Berlin  1914 

2.  Auflage  Berlin  1928 

3.  Auflage  (Christus  und  die  geistige  Welt. 
Von  der  Suche  nach  dem  heiligen  Gral. 

1.  Buchausgabe)  Dornach  1934 

4.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  I960 

5.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1977 

6.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1987 


Bibliographie-Nr.  149 

Einbandgestaltung  von  Assja  Turgenieff 

AUe  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1977  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Meier  +  Cie  AG  Schaffhausen 

ISBN  3-7274-1490-1 


Zu  den  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft 
bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und  veroffent- 
lichten  Werke,  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche 
Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fiir  die  Mitglieder  der 
Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen  Vortrage  nicht 
schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als  «miindliche,  nicht  zum  Druck 
bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  un- 
vollstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlaflt,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser 
Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung 
der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fiir 
die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigie- 
ren  konnte,  mufl  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vor- 
behalt  beriicksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden 
mussen,  dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.* 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur  als 
interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offentlichen 
Schriften  aufSert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie  «Mein 
Lebensgang*  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist  am  Schlufi 
dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleichermafien  auch 
fiir  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an  einen  begrenz- 
ten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmer- 
kreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafJ  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  be- 
gonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamt- 
ausgabe. Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Text- 
unterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Leipzig,  28.  Dezember  1913  

Starke  Veranderung  des  menschlichen  Seelenlebens  in  den  Jahrhun- 
derten  vor  und  nach  dem  Mysterium  von  Golgatha.  Vertiefung  des 
Gedankenlebens  durch  die  griechische  Philosophic  Gleichwohl  da- 
mals  keine  Verstandnismoglichkeit  fiir  das  Mysterium  von  Golgatha. 
Die  gleiche  hohe  geistige  Kraft  hat  sowohl  die  Vertiefung  des  Gedan- 
kenlebens wie  den  Christus-Impuls  bewirkt.  Die  Theologie  des  Pau- 
lus.  Die  gnostischen  Begriffe :  Urvater,  Schweigen,  3 1  Aonen,  gottliche 
Sophia,  Achamod,  Sohn  des  Vatergottes,  Heiliger  Geist,  Demiurgos. 

Zweiter  Vortrag,  29.  Dezember  1913  

Mangelndes  Verstandnis  der  Gnostiker  fiir  den  Zusammenhang  der 
Christus-Wesenheit  mit  Jesus  von  Nazareth.  Altindische  Rishis,  Schii- 
ler  Zarathustras  und  chaldaische  Weise  hatten  fiir  die  Christus-Er- 
scheinung  Verstandnis  haben  konnen.  Gold,  Weihrauch,  Myrrhe. 
Christus  betritt  die  Erde  in  dem  Zeitalter,  das  am  wenigsten  geeignet 
ist,  ihn  zu  verstehen.  Die  theologische  Gelehrsamkeit  entfernte  sich 
immer  mehr  vom  Christus-Verstandnis.  Die  Sibyllen.  Michelangelos 
Propheten  und  Sibyllen.  Sibyllen,  Reste  alter  Weisheit,  die  vom  Chri- 
stus-Impuls zerstort  wurde.  Paulus,  Nachkomme  der  alten  Propheten. 
Paulus  und  die  Welt  des  Olbaums. 

Dritter  Vortrag,  30.  Dezember  1913  

Die  zwei  Jesusknaben.  Menschliche  Seelenentwicklung  im  Laufe  der 
Erdentwicklung.  Der  dreifache  Einflufi  der  Wesenheit  des  nathani- 
schen  Jesusknaben  auf  die  Sinnesentwicklung,  die  Lebensorgane  und 
die  Seelenentwicklung  der  Menschheit  (Denken,  Fiihlen  und  Wollen). 
St.  Georg  besiegt  den  Drachen.  Die  musischen  Kiinste  (Apollo)  als 
Abglanz  dieser  Harmonisierungskrafte.  Die  Mythen  von  Midas  und 
Marsyas.  Die  «Verseeligung»  des  Christus  in  Apollo. 

Vierter  Vortrag,  31.  Dezember  1913  

Nachwirkungen  des  dreifachen  Christus-Ereignisses  in  der  nachatlan- 
tischen  Zeit.  Zarathustra:  Weltanschauung  der  Chronologic  Ahura 
Mazdao,  Ahriman,  Zaruana  akarana.  Amshaspands,  Izeds.  Agyptische 
und    chaldaische    Mysterien:    Astrologic    Griechiche  Mysterien: 


Meteorologie.  Althebraische  Weisheit:  Geologie.  Die  Propheten.  At- 
tis-  und  Adoniskult  als  Vorverkundigung  des  Mysteriums  von  Golgatha. 
Johannes  der  Taufer  Reinkarnation  von  Elias.  Apollo  und  der  Lorbeer, 
Paulus  und  der  Olbaum. 

Funfter  Vortrag,  1 .  Januar  1914   

Das  Wirken  des  Christus-Impulses  in  den  Untergriinden  der  Seele. 
Konstantins  Sieg  iiber  Maxentius.  Parzival  und  der  Gral.  Die  heilige 
Schale.  Michelangelos  Pieta.  Chretien  de  Troyes,  Wolfram  von 
Eschenbach.  Kyot.  Das  Wiederauftauchen  der  Sternenschrift  im 
Geheimnis  des  Parzival.  Ganganda  greida,  die  hinwandelnde  Weg- 
zehrung. 

Sechster  Vortrag,  2.  Januar  1914  

Das  Osterfest.  Die  Durchchristung  der  geistigen  Offenbarungen. 
Jahve:  Die  Verbindung  des  Erdenherrn  mit  der  Mondenmutter.  Die 
Jungfrau  von  Orleans  als  moderne,  durchchristete  Sibylle.  Der  Zusam- 
menklang  der  Menschheitgeschichte  mit  der  Sternenschrift.  Johannes 
Kepler.  Der  Gestirn-Aspekt  und  der  menschliche  Aspekt  des  Gral. 
Das  Gebiet  des  Priesters  Johannes.  «Ex  oriente  lux.» 


Hinweise 


Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften  . 
Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner-Gesamtausgabe 


ERSTER  VORTRAG 


Leipzig,  28.  Dezember  1913 


Fur  viele  Seelen  in  unserer  Gegenwart,  welche  geneigt  sind,  aufzu- 
nehmen,  was  anthroposophisch  orientierte  Geisteswissenschaft  zu 
sagen  hat,  ist  es  notwendig,  mancherlei  Widerspriiche,  die  da  auf- 
treten,  im  Gemiite  hinwegzuraumen.  Insbesondere  auf  einen  Wider- 
spruch  kann  die  Seele  gelenkt  werden,  wenn  sie  vermag,  die  Erinne- 
rungen  einer  solchen  Festeszeit  ernst  zu  nehmen  wie  diejenige,  die 
um  Weihnachten  und  den  Jahresbeginn  herum  liegt.  DaB  wir  mit 
dem,  was  wir  an  Erkenntnissen  zu  gewinnen  versuchen,  auch  ein- 
dringen  wollen  in  den  geistigen  Gang  der  Menschheit,  um  unsere 
eigene  geistige  Entwickelung  recht  zu  verstehen,  das  wird  uns  ja 
besonders  durch  das  Ernstnehmen  solcher  Festeserinnerungen  klar. 
Wir  brauchen  nur  einen  Gedanken  aufzuwerfen,  und  er  wird  gleich, 
man  mochte  sagen,  auf  der  einen  Seite  lichtvoll  und  auf  der  anderen 
Seite  beunruhigend  darauf  aufmerksam  machen,  wie  Widerspriiche, 
Schwierigkeiten  sich  vor  der  Seele  auftiirmen  miissen,  wenn  diese 
Seele  im  rechten  Sinne  unsere  anthroposophischen  Erkenntnisse 
iiber  den  Menschen  und  die  Weltentwickelung  hinnehmen  will. 

Unter  den  mancherlei  Erkenntnissen,  die  wir  gewinnen  wollen 
durch  unsere  anthroposophische  Vertiefung,  ist  ja  auch  die  Christus- 
Erkenntnis,  ist  die  Erkenntnis  des  grundbedeutsamen  Impulses,  der 
eingeschlagen  hat  im  Beginne  unserer  Zeitentwickelung,  den  wir 
genannt  haben  den  Christus-Impuls.  Wir  werden  uns  gewiB  oftmals 
fragen  miissen:  Wie  kommt  es  denn,  daB  unsere  Zeit  die  Hoffnung 
hegen  darf,  mit  vertieften  anthroposophischen  Erkenntnissen  besser, 
intensiver  in  den  Gang  der  Weltentwickelung  einzudringen,  um  den 
Christus-Impuls  zu  verstehen,  als  die  Zeit  eingedrungen  ist,  in  der 
die  Zeitgenossen  des  Mysteriums  von  Golgatha  gelebt  haben?  Man 
konnte  fragen:  War  es  denn  nicht  diesen  Zeitgenossen  des  Myste- 
riums von  Golgatha  viel  leichter,  einzudringen  in  das  Geheimnis, 
das  mit  diesem  Mysterium  fur  die  Menschheitsentwickelung  im  spe- 


ziellen  verbunden  1st,  als  unserer  Zeit,  die  so  weit  getrennt  ist  von 
dem  Mysterium  von  Golgatha?  Das  konnte  eine  belastende  Frage 
werden  fur  die  Seelen  der  Gegenwart,  die  anthroposophisch  dem 
Christus-Verstandnisse  folgen  wollen.  Es  konnte  einer  jener  Wider- 
spriiche  werden,  die  bedriickend  wirken  miissen  gerade  dann,  wenn 
wir  die  tieferen  Prinzipien  unserer  anthroposophischen  Erkenntnis 
ganz  ernst  nehmen.  Eine  Auflosung  dieses  Widerspruchs  ergibt  sich 
uns  nur,  wenn  wir  gewissermaBen  einmal  vor  unsere  Seele  riicken  die 
ganze  geistige  Situation,  in  welcher  die  Menschheit  war  zu  jener  Zeit, 
von  der  aus  wir  mit  unserer  Jahresrechnung  zu  z'ahlen  beginnen. 

Wer  es  versucht,  zunachst  ganz  ohne  irgendwelche  religiose  oder 
ahnliche  Gefiihle  einzudringen  in  die  Seelenverfassung  der  Men- 
schen  vom  Beginne  unserer  Zeitrechnung,  der  kann  eine  hochst 
eigentumliche  Entdeckung  machen.  Dieses  Eindringen  kann  man 
zunachst  ja  auf  folgende  Art  versuchen:  Man  halte  sich  an  das,  was 
auch  die  nur  dem  AuBerlichsten  hingegebenen  Seelen  nicht  leugnen 
konnen,  man  halte  sich  an  die  alte  Uberlieferung,  wie  sie  erhalten 
ist  in  der  Geschichte;  aber  man  versuche,  in  denjenigen  Teil  einzu- 
dringen, der  das  Geistesleben  in  seiner  Reinheit  umfaBt.  Denn  man 
kann  ja  hoffen,  daB  man  durch  solches  Eindringen  einiges  erhascht 
von  den  eigentlichen  Impulsen  der  Menschheitsentwickelung.  Man 
halte  sich  an  das  Gedankenleben  der  Zeit,  die  am  Beginne  unserer 
Zeitrechnung  liegt.  Man  versuche  einmal  einzudringen,  rein  ge- 
schichtlich,  in  das,  was  Menschen  meinetwillen  zweihundert  Jahre 
vor  dem  Mysterium  von  Golgatha  und  noch  anderthalb  Jahrhun- 
derte  nach  dem  Mysterium  von  Golgatha  aufgebracht  haben  an  Ge- 
dankenvertiefung,  um  in  die  Weltengeheimnisse,  in  die  Welten- 
r'atsel  einzudringen.  Da  finden  wir  allerdings,  daB  in  den  Jahrhun- 
derten  vor  und  nach  dem  Mysterium  von  Golgatha  eine  unendlich 
bedeutungsvolle  Veranderung  vorgegangen  ist  in  der  Seelenverfas- 
sung der  Menschheit  in  bezug  auf  das  Gedankenleben.  Man  wird 
gewahr,  daB  in  einer  gewissen  Weise  auf  einen  groBen  Teil  der 
damals  in  Betracht  kommenden  Kulturwelt  dasjenige  iibergegan- 
gen  ist,  was  die  griechische  Philosophie  und  andere  Gedankenver- 
tiefungen  seit  mehreren  Jahrhunderten  schon  der  Menschheit  ge- 


bracht  haben.  Wenn  man  betrachtet,  wozu  die  Menschheit  rein  von 
sich  selbst  aus,  ohne  zu  reflektieren  auf  irgendeinen  Impuls  von 
aufien,  in  der  damaligen  Zeit  gekommen  ist,  wozu  gekommen  sind 
diejenigen,  die  man  etwa  mit  dem  stoischen  Ausdruck  «Weise»  ge- 
nannt  hat,  wozu  gekommen  sind  zahlreiche  Personlichkeiten  der 
romischen  Geschkhte,  so  muB  man  sagen:  In  bezug  auf  die  Erobe- 
rung  von  Gedanken,  die  Eroberung  von  Ideen  hat  uns  eigentlich 
das  abendlandische  Leben  nach  dieser  Zeit,  nach  der  Wende  im 
Beginne  unserer  Zeitrechnung,  nicht  aufterordentlich  viel  mehr  ge- 
bracht.  Gebracht  hat  uns  dieses  abendlandische  Leben  unendlich 
viel  an  Eindringen  in  die  Naturtatsachen;  unendliche  Revolutionen 
des  Denkens  iiber  die  aufiere  Welt  hat  es  uns  gebracht.  Die  Gedan- 
ken, die  Ideen  selbst  aber,  mit  denen  alle  diese  Eroberungen  ge- 
macht  worden  sind,  mit  denen  die  Menschheit  versucht  hat,  einzu- 
dringen  in  die  auBeren  raumlichen  Geheimnisse  des  Daseins,  die 
sind  eigentlich  wenig  fortgebildet  worden  seit  jenem  Zeitalter;  sie 
lebten,  selbst  bis  zu  dem  Gedanken,  auf  den  die  heutige  Zeit  so  stolz 
ist,  bis  zum  Gedanken  der  Entwickelung,  sie  lebten  alle  in  den  See- 
len  der  damaligen  Zeit.  Was  man  so  nennen  konnte  ein  gedank- 
liches  Welterfassen,  ein  Leben  in  Ideen,  war  zu  einer  gewissen  Hohe, 
zu  einem  Gipfel  gekommen  und  hatte  nicht  nur  einzelne  Geister 
ergriffen  wie  einige  Zeit  vorher  die  Schiiler  des  Sokrates,  sondern 
es  war  in  gewisser  Weise  popular  geworden,  hatte  sich  ausgebreitet 
iiber  Siideuropa  und  andere  Gebiete  der  Welt.  Man  ist  erstaunt  iiber 
die  Vertiefung,  die  der  Gedanke  erfahren  hat.  Wenn  man  unbe- 
fangen  eine  Geschichte  der  Philosophie  in  Betracht  Ziehen  wollte, 
so  wiirde  man  gerade  diesen  Sieg  des  Gedankens  in  der  damaligen 
Zeit  ganz  besonders  beriicksichtigen. 

Wenn  man  nun  auf  der  einen  Seite  diesen  Sieg  des  Gedankens 
nimmt,  diese  unendlich  bedeutungsvoile  Ausarbeitung  der  Ideen- 
welten,  und  auf  der  anderen  Seite  —  in  dem  Sinn,  wie  wir  heute  ver- 
suchen  einzudringen  —  so  etwas  vor  die  Seele  hinstellt  wie  die  Ge- 
heimnisse, die  sich  urn  das  Ereignis  von  Golgatha  herum  gruppieren, 
dann  wird  man  aber  noch  ein  anderes  gewahr.  Dann  wird  man  ge- 
wahr,  daB,  als  sich  die  Kunde  von  dem  Mysterium  von  Golgatha 


in  der  damaligen  Zeit  verbreitete,  ein  ungeheures  Ringen  des  Ge- 
dankens  mit  diesem  Mysterium  stattfand.  Wir  sehen,  wie  die  Philo- 
sophien  in  der  damaligen  Zeit,  insbesondere  die  so  sehr  vertiefte 
Philosophic  der  Gnosis,  sich  bemiihen,  all  die  Ideen,  die  errungen 
worden  sind,  nach  diesem  einen  Ziele  hinzulenken.  Und  bedeu- 
tungsvoll  ist  es,  dieses  Ringen  des  menschlichen  Gedankens  mit 
dem  Mysterium  von  Golgatha  einmal  auf  sich  wirken  zu  lassen. 
Denn  das,  was  sich  herausstellt,  ist,  daB  dieses  Ringen  im  Grunde 
genommen  ein  vergebenes  ist,  daB  diese  gewaltige  Vertiefung  des 
Gedankens,  die  die  Menschheitsentwickelung  erreicht  hat,  zwar  da 
ist,  zwar  alle  Anstrengungen  macht,  um  das  Mysterium  von  Gol- 
gatha zu  begreifen,  daB  aber  alle  diese  Anstrengungen  nicht  hin- 
reichen;  daB  gewissermaBen  das  Mysterium  von  Golgatha,  wie  in 
einer  weiten  Entfernung  durch  geistige  Welten  geschieden,  an  das 
Menschenverstandnis  herankommt  und  sich  nicht  enthiillen  will. 

Nun  mochte  ich  gleich  von  vornherein  darauf  aufmerksam 
machen,  meine  lieben  Freunde,  daB  ich  fur  diese  Vortrage,  wenn  ich 
von  dem  Mysterium  von  Golgatha  spreche,  zunachst  gar  nichts  in 
diesen  Ausdruck  hineinmischen  mochte  von  dem,  was  aus  irgend- 
welchen  religiosen  Uberlieferungen  und  Uberzeugungen  in  diesem 
Ausdruck  liegen  konnte;  sondern  daB  rein  genommen  werden  soil 
die  objektive  Tatsachenwelt,  die  der  Menschheitsentwickelung  zu- 
grunde  liegt,  das,  was  der  physischen  und  geistigen  Beobachtung 
sich  darbietet.  Gleichsam  eine  Betrachtung  mochte  ich  in  Anspruch 
nehmen  fur  uns,  welche  absieht  von  all  dem,  was  man  gewonnen 
hat  iiber  das  Mysterium  von  Golgatha,  was  in  den  einzelnen  reli- 
giosen Bekenntnissen  vorhanden  ist,  und  ich  mochte  den  Blick  nur 
hinwenden  auf  das,  was  in  der  Menschheitsentwickelung  gesche- 
hen  ist. 

Nun  werde  ich  mancherlei  zu  sagen  haben,  vorausnehmend,  was 
in  den  folgenden  Tagen  erst  deutlich  und  beweiskraftig  gesagt  wer- 
den kann. 

Das  erste,  was  einem  auffallt  bei  einer  solchen  Gegeniiberstellung 
des  Geheimnisses  des  Mysteriums  von  Golgatha  und  der  ungeheuer 
vertieften  Gedankenentwickelung  der  damaligen  Zeit,  das  ist,  daB 


man  den  Eindruck  empfangt,  den  ich  so  ausgedriickt  habe:  Weit, 
weit  hinter  dem,  was  die  Gedankenentwickelung  erreichen  kann, 
steht  das  Wesen  dieses  Mysteriums.  Und  je  genauer  man  eindringt 
in  das,  was  ein  solches  Gegeniiberstellen  bieten  kann,  desto  mehr 
muB  man  sich  gestehen:  Man  kann  auf  der  einen  Seite  seine  Seele 
ganz  vertiefen  in  die  Gedankenwelten,  die  den  Beginn  unserer  Zeit- 
rechnung  charakterisieren;  man  kann  versuchen,  sich  in  der  Seele 
lebendig  zu  machen,  wie  die  Seelenverfassung  war,  wasdieMenschen 
im  Romischen  Reiche,  in  Griechenland  gedacht  haben;  man  kann 
gleichsam  diese  Ideen,  die  die  Menschen  gedacht  haben,  vor  seine 
Seele  wieder  heraufrufen,  und  dann  wird  man  das  Gefiihl  bekom- 
men:  Ja,  es  ist  die  Zeit,  in  der  der  Gedanke  eine  Vertiefung  erlebt 
hat  wie  niemals  vorher.  Es  geschieht  etwas  mit  dem  Gedanken,  er 
tritt  gleichsam  an  die  menschliche  Seele  so  heran,  wie  er  nie  vorher 
an  sie  herangetreten  ist.  Aber  wenn  man  dann  mit  der  jenigen  Seelen- 
verfassung, die  man  als  die  hellseherische  bezeichnen  kann,  gleich- 
sam in  sich  voll  lebendig  machen  will,  was  man  liber  diese  Ver- 
tiefung des  Gedankens  und  in  dieser  Verlebendigung  der  Gedanken- 
welten der  damaligen  Zeit  vor  seine  Seele  stellen  konnte,  wenn  man 
also  das  in  seiner  Seele  tragt,  aber  jetzt  wirksam  sein  laBt  in  der 
Seele,  was  die  hellseherische  Seelenverfassung  geben  kann,  taucht 
plotzlich  etwas  Uberraschendes  auf,  man  fiihlt  dann:  Weit,  weit  in 
den  geistigen  Welten  geht  eigentlich  das  vor,  wovon  auch  diese  Ver- 
tiefung des  Gedankens  eine  Wirkung  ist. 

Wir  haben  schon  darauf  aufmerksam  gemacht,  daB  hinter  unserer 
Welt  andere  Welten  liegen.  Gebrauchliche  Ausdriicke  seien  ange- 
wendet:  die  astralische  Welt,  die  devachanische  Welt,  die  hohere 
devachanische  Welt.  Wollen  wir  zunachst  uns  ins  Gedachtnis  zuriick- 
rufen,  daB  diese  drei  Welten  hinter  der  unsrigen  liegen.  Wenn  man 
dann  wirklich  diese  hellseherische  Seelenverfassung  in  sich  rege 
werden  laBt,  dann  hat  man  den  Eindruck:  Auch  wenn  man  in  die 
nachste,  in  die  astralische  Welt  eintreten  wiirde,  so  wtirde  sich  auch 
da  noch  nicht  vollstandig  aufklaren,  was  eigentlich  der  Ursprung  ist 
dessen,  was  im  Gedankenleben  der  damaligen  Zeit  zum  Ausdruck 
kommt.  Selbst  wenn  man  in  die  niedere  devachanische  Welt  hinein- 


blicken  wiirde,  wiirde  sich  noch  nicht  vollstandig  aufklaren,  was 
eigentlich  geschehen  ist.  Und  erst  wenn  man  in  die  hohere  devacha- 
nische  Welt  seine  Seele  hineinversetzen  konnte  —  so  sagt  die  hell- 
seherische  Seelenverfassung  — ,  wiirde  man  in  ihr  erleben  konnen, 
was  durch  die  beiden  anderen  Welten  hindurchstrahlt,  was  bis  in 
unsere  physische  Welt  herunterdringt,  und  was  in  unserer  physi- 
schen  Welt  erkennbar  ist  in  der  radikalen  Umgestaltung  der  Ge- 
dankenwelt  der  Menschheit  durch  Jahrhunderte  hindurch. 

Man  kann  sich  zunachst  nur  versetzen  auf  den  physischen  Plan 
und  seine  Betrachtung:  Man  braucht  gar  nicht  gewahr  zu  werden, 
wahrend  man  in  die  Ideenwelt  der  damaligen  Zeit  sich  vertieft,  was 
mitgeteilt  wird  iiber  das  Mysterium  von  Golgatha,  man  kann  dies 
zunachst  ganz  auBer  acht  lassen,  und  man  kann  sich  fragen:  Gleich- 
giiltig,  was  da  driiben  in  Palastina  vor  sich  gegangen  ist,  was  zeigt 
uns  die  aufiere  Geschichte?  Nun,  sie  zeigt  uns,  daB  in  Griechenland 
und  Rom  eine  unendliche  Gedankenvertiefung  Platz  gegriffen  hat. 
Saumen  wir  gleichsam  wie  eine  Insel  unseres  Seelenerlebens  diese 
griechische  und  romische  Gedankenwelt  ein,  denken  wir  sie  abge- 
schlossen  von  all  dem,  was  auBerhalb  vor  sich  gegangen  ist,  denken 
wir,  es  ware  noch  nichts  hineingedrungen  in  diese  Welt  von  der 
Kunde  des  Mysteriums  von  Golgatha.  Wenn  wir  dann  unsere 
Seelenbetrachtung  auf  diese  Welt  hinlenken,  so  flnden  wir  gewiB 
nichts  von  dem,  was  wir  heute  iiber  das  Mysterium  von  Golgatha 
erkunden,  aber  wir  finden  jene  unendliche  Vertiefung  des  Gedan- 
kenlebens,  die  uns  zeigt:  Hier  ist  etwas  geschehen  im  Laufe  der 
Menschheksentwickelung,  das  das  innerste  Wesen  der  Seele  auf  dem 
physischen  Plan  ergriffen  hat.  Was  wir  auch  zunachst  glauben 
mogen,  so  wie  damals  war  der  Gedanke  nie  da,  bei  keinem  Volk 
und  in  keinem  Zeitalter!  Moge  also  jemand  auch  noch  so  unglau- 
big  sein  oder  nichts  wissen  wollen  von  dem  Mysterium  von  Gol- 
gatha, eines  muB  er  zugeben:  daB  in  der  Inselwelt,  die  wir  jetzt 
umfriedet  haben,  eine  Gedankenvertiefung  lebt,  die  friiher  nie 
da  war. 

Jetzt  aber,  wenn  man  sich  in  diese  Gedankenwelt  versetzt  und 
im  Hintergrunde  die  hellseherische  Seelenverfassung  hat,  dann  fiihlt 


man  sich  so  recht  hineingestellt  in  die  Eigentiimlichkeit  des  Gedan- 
kens.  Jetzt  sagt  man  sich:  Ja,  so  wie  er  aufgebluht  ist,  dieser  Ge- 
danke,  als  Idee  bei  Plato  oder  anderen,  wie  er  ubergegangen  ist  in 
die  Welt,  die  wir  versuchten  einzugrenzen,  so  ist  dieser  Gedanke 
etwas,  was  die  Seele  frei  macht,  was  die  Seele  ergreift  und  sozusagen 
zu  einer  erhohten  Anschauung  iiber  sich  selbst  bringt,  so  daB  sie 
sagen  kann:  Was  du  sonst  auch  ergreifen  magst  in  der  AuBenwelt 
und  in  der  geistigen  Welt,  es  macht  dich  abhangig  von  diesen  Wel- 
ten;  in  dem  Gedanken  ergreifst  du  etwas,  was  in  dir  lebt,  was  du 
ganz  durchdringen  kannst.  Du  magst  dich  zuriickziehen  von  der 
auBeren  physischen  Welt,  magst  ein  Unglaubiger  werden  gegeniiber 
der  geistigen  Welt,  magst  nichts  wissen  wollen  von  hellseherischen 
Eindriicken,  magst  nichts  in  dich  hineindringen  lassen  wollen  von 
physischen  Eindriicken:  Mit  dem  Gedanken  kannst  du  in  dir  leben; 
du  ergreifst  gleichsam  dein  eigenes  Wesen  in  deinem  Gedanken! 

Das  kann  man  einsehen.  Dann  aber  tritt  —  und  das  kann  gar 
nicht  anders  sein,  wenn  man  sich  mit  der  hellseherischen  Seelen- 
verfassung  in  dieses,  ich  mochte  sagen,  Meer  des  Gedankens  hinein- 
begibt  —  das  Gefuhl  auf  von  der  Isoliertheit  der  Gedanken,  das 
Gefuhl,  daB  der  Gedanke  eben  doch  nur  Gedanke  ist,  das  Gefuhl, 
daB  der  Gedanke  nur  in  der  Seele  zunachst  lebt  und  man  nicht  in 
ihm  selber  finden  kann  die  Macht,  hinauszutreten  in  eine  Welt,  in 
der  man  auch  das,  was  wir  sonst  sind,  in  seinem  Urgrund  finden 
kann.  Gerade  indem  man  die  hochste  Herrlichkeit  des  Gedankens 
verspiirt,  verspiirt  man  auch  sozusagen  sein  unreales  Wesen.  Dann 
kann  man  auch  verspiiren,  wie  eigentlich  rings  herum  in  der  Welt, 
die  man  vor  dem  hellseherischen  Blick  kennengelernt  hat,  nichts 
ist,  was  im  Grunde  genommen  doch  diesen  Gedanken  tragen  konnte. 

Denn  warum  sollte  er  iiberhaupt  da  sein,  dieser  Gedanke?  —  so 
fragt  man  sich.  Die  physische  Welt,  die  kann  er  ja  doch  eigentlich  nur 
verfalschen.  Diejenigen,  die  reine  Materialisten  sein  wollen,  die  dem 
Gedanken  kein  ihm  ureigenes  Wesen  zuschreiben  konnen,  die  sollten 
eigentlich  lieber  das  Denken  verbieten.  Denn  wenn  die  materielle 
Welt  die  einzig  wirkliche  ist,  so  kann  sie  der  Gedanke  nur  falschen. 
Nur  weil  die  Materialisten  unkonsequent  sind,  kommt  ihnen  nicht 


die  einzig  mogliche  Erkenntnistheorie  des  Materialismus,  des  Monis- 
mus:  das  Sich-Enthalten  vom  Denken,  das  Gar-nicht-mehr-Denken. 
Dem  aber,  der  mit  hellseherischer  Seelenverfassung  sich  in  das  Ge- 
dankenleben  vertieft,  dem  steht  vor  der  Seele  das,  man  mochte 
sagen,  Bedrohliche  dieser  Isoliertheit  des  Gedankens,  dieses  Allein- 
stehens  mit  dem  Gedanken.  Und  dann  gibt  es  fur  ihn  nur  eines. 
Das  aber  gibt  es,  das  kommt  an  ihn  heran,  wenn  es  audi  nur  heran- 
kommt  wie  etwas,  was  in  einer  weiten  geistigen  Entfernung  steht: 
Durch  zwei  Weiten  getrennt,  in  einer  dritten  Welt  ist  der  eigent- 
liche  Ursprung  —  so  sagt  sich  die  hellseherisch  gewordene  Seele  — 
dessen,  was  im  Gedankenleben  ist.  Das  konnte  fur  die  in  unserer 
Zeit  hellseherisch  empfindendenSeelen  ein  gewaltigster  Eindruck  sein, 
sich  einmal  mit  seinem  Denken  isoliert  in  die  Zeit  zu  versetzen,  in  der 
der  Gedanke  seine  Vertiefung  erfahren  hat;  abzusehen  von  allem, 
was  rundherum  ist,  also  auch  von  dem  Mysterium  von  Golgatha,  und 
nur  zu  reflektieren  darauf ,  wie  in  der  griechisch-romischen  Welt  auf- 
geht  das,  von  dessen  Gedankeninhalt  wir  jetzt  noch  zehren. 

Und  dann  sollte  man  den  Aufblick  machen  zu  anderen  Weiten 
und  erst  iiber  der  devachanischen  Welt  aufgehen  fuhlen  in  einer 
hoheren  geistigen  Welt  den  Stern,  von  dem  ausstrahlt  an  Kraft,  was 
sich  auch  in  dieser  Gedankenwelt  des  griechisch-romischen  Alter- 
tums  geltend  macht.  Dann  fiihlt  man  sich  hier  auf  der  Erde  zunachst 
entriickt  der  gegenwartigen  Welt,  man  fiihlt  sich  hineinversetzt  in 
die  griechisch-romische  Welt  mit  ihren  Ausstrahlungen  in  die  iibri- 
gen  Erdengebiete  der  damaligen  Zeit,  meinetwegen  vor  dem  Myste- 
rium von  Golgatha.  Aber  sobald  man  den  Eindruck  der  geistigen 
Welt  auf  sich  wirken  laBt,  so  erscheint  noch  iiber  dem  Devachan 
gelegen  der  Stern  —  symbolisch  sage  ich  der  Stern  — ,  die  geistige 
Wesenheit,  von  der  man  sich  sagt:  Ja,  auch  das,  was  du  hier  erlebst 
in  der  Isoliertheit  des  Gedankens  und  in  der  Moglichkeit,  daB  der 
Gedanke  eine  solche  Vertiefung  erfahren  hat  wie  in  der  Zeit  des 
Beginnes  unserer  Zeitrechnung,  ist  die  Folge  der  Strahlen,  die  von 
diesem  Stern  in  der  hoheren  geistigen  Welt  ausgehen. 

Und  nun  ergibt  sich  eine  Empflndung,  die  zunachst  gar  nichts 
weiB  von  dem,  was  historische  Tradition  vom  Mysterium  von  Gol- 


gatha  ist,  sondern  eine  Empfindung,  die  sich.  so  ausdriicken  laBt: 
Du  stehst  da  mit  der  romisch-griechischen  Ideenwelt,  mit  dem,  was 
Plato  und  was  die  anderen  haben  geben  konnen  der  allgemeinen 
Menschheitsbildung,  was  sie  hineinversetzt  haben  in  die  Seelen  — , 
mit  dem  stehst  du  da  und  fuhlst  dich  darinnen  lebendig.  Und  dann 
wartest  du  . . .  Du  wartest  wahrhaftig  nicht  vergebens;  denn  dann 
taucht  auf ,  wie  tief,  tief  in  den  Hintergriinden  des  geistigen  Lebens, 
der  Stern,  der  seine  Kraf tstrahlen  sendet  und  von  dem  du  sagen  darf  st: 
Eine  Wirkung  dieser  Kraftstrahlen  ist,  was  du  eben  erlebt  hast. 

Diese  Erfahrung  kann  gemacht  werden.  Wenn  man  diese  Erfah- 
rung  macht,  dann  hat  man  noch  gar  nichts  sich  vorgehalten  von 
irgendeiner  Tradition,  sondern  hat  nur  unbefangen  die  Griinde 
gesucht  fur  das,  was  in  der  griechisch-romischen  Welt  vor  sich  ge- 
gangen  ist.  Aber  man  hat  auch  die  Erfahrung  gemacht,  daB  man 
durch  drei  Welten  getrennt  ist  von  dem  Verstandnis  des  eigentlichen 
Grundes  der  damaligen  Welt.  Und  dann  laBt  man  sich  vielleicht 
darauf  ein,  hinzusehen  auf  diejenigen  Geister,  die  in  der  damaligen 
Zeit  versucht  haben,  diesen  Umschwung  in  ihrer  Art  zu  begreifen. 
Man  kommt  selbst  in  der  auBerlichen  Wissenschaft  der  Gegenwart 
etwas  darauf,  daB  in  dieser  Zeit  des  Uberganges,  von  dem  wir  unsere 
Zeitrechnung  beginnen,  gleichsam  religios-philosophische  Genies 
gelebt  haben.  Und  man  wird  am  besten  noch  auf  diese  religids- 
philosophischen  Genies  treffen,  wenn  man  auf  das  hinsieht,  was  in 
der  Gnosis  sich  auslebt.  Diese  Gnosis  ist  in  der  mannigfaltigsten 
Weise  bekannt.  AuBerlich  kennt  man  sie  ja  auBerordentlich  wenig, 
aber  man  kann  doch  auch  nach  den  auBerlichen  Dokumenten  schon 
einen  Eindruck  gewinnen  von  der  unendlichen  Tiefe  dieser  Gnosis. 
Wir  wollen  von  ihr  nur  insofern  sprechen,  als  sie  wichtig  ist  fur 
unsere  Betrachtung  der  Menschheit. 

Da  konnen  wir  vor  alien  Dingen  sagen:  Die  Gnostiker  haben 
ein  Gefuhl  gehabt  von  dem,  was  jetzt  eben  ausgesprochen  worden 
ist:  daB  man  in  unendlich  weit  zuriickliegenden  Welten  die  Griinde 
suchen  muB  fur  das,  was  in  der  auBeren  Welt  der  damaligen  Zeit 
sich  ereignet  hat.  Und  dieses  BewuBtsein  hat  sich  auf  andere  iiber- 
tragen,  und  wir  sehen  es  noch  durchschimmern,  wenn  wir  nur  wol- 


len,  wenn  wir  nicht  oberflachlich  sind,  in  demjenigen,  was  wir 
nennen  konnen  die  Theologie  des  Paulus.  Aber  auch  noch  in  man- 
cherlei  anderen  Erscheinungen.  Nun,  wer  sich  heute  in  die  Gnosis 
der  damaligen  Zeit  vertieft,  wird  groBe  Schwierigkeiten  des  Ver- 
standnisses  haben.  Unsere  Seelen  sind  doch  gar  zu  sehr  affiziert  und 
auch  infiziert  von  dem,  was  die  materialistische  Entwickelung  der 
letzten  Jahrhunderte  in  ihnen  hervorgebracht  hat.  Man  denkt  da 
zu  sehr,  wenn  man  die  "Weltentwickelung  zuriickverfolgt,  an  'den 
Kant-Laplaceschen  Weltennebel,  an  etwas  rein  Materielles.  Und 
selbst  diejenigen,  die  nach  einer  mehr  geistigen  Weltanschauung 
suchen,  sie  denken,  wenn  sie  in  die  altesten  Zeiten  zuriickschauen, 
an  diesen  Weltennebel  oder  an  etwas  Ahnliches,  und  sie  fuhlen  sich 
doch  recht  wohl,  die  Menschen  heute,  selbst  die  geistigsten,  wenn 
ihnen  sozusagen  die  Sorge  abgenommen  wird,  das  Geistige -auch  in 
den  Urzeiten  der  Weltentwickelung  des  Kosmos  aufzufinden.  Sie 
fuhlen  sich  gar  so  erleichtert,  diese  Seelen  der  Gegenwart,  wenn  sie, 
forschend  nach  den  Urgriinden  der  Welt,  sich  sagen  konnen:  Dieses 
oder  jenes  feine  substantielle  AuBere  war  damals  da,  und  aus  ihm 
hat  sich  entwickelt  alles  Geistige  neben  allem  Physischen.  Und  so 
finden  wir  denn  manchmal  Seelen,  die  sich  recht  getrostet  fuhlen, 
wenn  sie  die  materialistischen  Forschungen  an  den  Anfang  des  Kos- 
mos setzen  konnen,  wenn  sie  sozusagen  die  abstraktesten  Begriffe 
von  irgendeinem  gasformigen  Gebilde  an  den  Anfang  unseres  Kos- 
mos setzen  konnen. 

Deshalb  ist  es  fur  die  Menschen  so  schwierig,  sich  in  die  Gedan- 
ken  der  Gnosis  hineinzuversetzen.  Denn  die  Gnosis  setzt  wahrhaf- 
tig  alles,  was  gar  nicht  irgendwie  an  das  Materielle  erinnert,  zu- 
nachst  an  den  Ausgangspunkt  ihrer  Weltbetrachtung.  Vielleicht 
wird  sich  sogar  ein  Geist,  der  so  recht  in  der  Gegenwartsbildung 
drinnensteckt,  eines  leisen  Lachelns  nicht  enthalten  konnen,  wenn 
ihm  im  Sinne  der  Gnosis  zugemutet  wird,  zu  denken,  daB  die  Welt, 
in  der  er  sich  befindet,  die  er  mit  seinem  Darwinismus  so  herrlich 
schon  erklart,  daB  diese  Welt  gar  nichts  zu  tun  haben  soli  mit  dem, 
was  in  Wirklichkeit  die  Urgriinde  unserer  Welt  darstellt.  Eines 
leisen  Lachelns  wird  sich  der  heutige  Mensch,  der  in  der  Gegen- 


wartsbildung  drinnensteckt,  wirklich  nicht  enthalten  konnen,  wenn 
ihm  zugemutet  wird,  zu  denken,  die  Urgriinde  der  Welt  seien  bei 
jenen  Weltenwesen,  zu  denen  iiberhaupt  Begriffe  zunachst  nicht 
reichen,  zu  denen  nichts  reicht  von  all  dem,  was  man  heute  auf- 
wendet  zum  Weitenverstandnis:  In  dem  gottlichen  Urvater  liegt 
das,  was  der  Weltengrund  genannt  werden  kann.  Und  gleichsam 
von  ihm  ausgehend,  ihm  zur  Seite,  ist  erst  dasjenige,  wozu  die  Seele 
sich  hindurchringen  kann,  wenn  sie  abseits  aller  materialistischen 
Vorstellungen  ein  wenig  nur  ihr  Tiefstes  sucht:  Schweigen,  das 
unendliche  Schweigen,  in  dem  noch  nicht  Zeit  und  Raum  ist,  son- 
dern  nur  Schweigsamkeit  ist.  Zu  dem  Paar  des  Urvaters  der  Welt 
und  des  Schweigens,  das  noch  vor  Raum  und  Zeit  ist,  schaute  der 
Gnostiker  auf,  und  dann  lieB  er  hervorgehen  gleichsam  aus  der 
Vermahlung  des  Urvaters  mit  dem  Schweigen  andere  —  man  kann 
sie  ebensogut  Welten  wie  Wesen  nennen.  Und  aus  diesen  wieder 
andere  und  wieder  andere  und  wieder  andere,  und  so  durch  dreiBig 
Stufen  hindurch.  Und  auf  der  dreiBigsten  Stufe  steht  erst  das,  was 
unserem  Gegenwartssinn  vorliegt,  und  was  mit  dem  Darwinismus 
so  herrlich  nach  diesem  Gegenwartssinn  erklart  wird.  Auf  der 
dreiBigsten  Stufe  steht  es  erst,  eigentlich  auf  der  einunddreiBigsten; 
denn  dreiBig  solche  Wesenheiten,  die  man  ebensogut  Welten  wie 
Wesenheiten  nennen  kann,  gehen  voran  dieser  Welt.  Aon  ist  der 
Ausdruck,  den  man  gewohnlich  annimmt  fur  diese  dreiBig  unserer 
Welt  vorangehenden  Wesenheiten  oder  Welten. 

Man  bekommt  nur  dann  eine  Vorstellung  von  dem,  was  mit  die- 
ser Aonenwelt  gemeint  ist,  wenn  man  sich  klar  und  deutlich  sagt: 
Nicht  nur  das,  was  die  Sinne  wahrnehmen,  was  du  deine  Welt  um 
dich  herum  nennst,  gehort  sozusagen  der  einunddreiBigsten  Welt  an, 
sondern  auch  das,  was  du  aufbringst  als  physischer  Mensch  mit  dei- 
nen  Gedanken  als  Erklarungen  dieser  Welt,  gehort  dieser  einund- 
dreiBigsten  Stufe  an.  Es  ist  ja  noch  leicht,  sich  abzufinden  mit  einer 
spirituellen  Weltanschauung,  wenn  man  sagt:  Nun  ja,  die  auBere 
Welt  ist  ja  allerdings  Maja,  aber  durch  unser  Denken  dringen  wir 
in  die  geistige  Welt  ein  — ,  und  wenn  man  dann  die  Hoffnung  hat, 
daB  dieses  Denken  wirklich  hinaufkommen  kann  in  die  geistigen 


Welten.  Das  war  aber  nach  der  Ansicht  der  Gnostiker  nicht  der 
Fall.  Dieses  Denken  gehort  zum  einunddreiBigsten  Aon,  zur  phy- 
sischen  Welt,  nach  der  Ansicht  der  Gnostiker.  So  daB  zunachst  nicht 
nur  der  sinnlich  wahrnehmende,  sondern  auch  der  denkende  Mensch 
herausversetzt  war  aus  den  dreiBig  Aonen,  die  stufenweise  aufwarts 
angeschaut  werden  konnen  durch  die  geistige  Entwickelung  und 
die  in  immer  groBerer  und  groBerer  Vollkommenheit  sich  darstel- 
len.  Man  braucht  wirklich  nur  sich  einmal  hineinzuversetzen  in  das 
Lacheln,  das  einem  heutigen,  auf  der  Hohe  seiner  Zeit  stehenden 
Monisten  sich  abringt,  wenn  man  ihm  zumutet,  zu  glauben:  Drei- 
Big Welten  gehen  voran,  in  denen  etwas  ganz  anderes  ist,  als  du 
selbst  zu  denken  vermagst.  —  Das  aber  war  die  Anschauung  der 
Gnostiker. 

Und  dann  fragten  sie  sich:  Wie  ist  es  denn  eigentlich  in  dieser 
Welt? 

Wir  wollen  eine  Weile  davon  absehen,  was  wir  selbst  iiber  diese 
Welt  gesagt  haben  im  Sinne  des  Beginnes  des  zwanzigsten  Jahrhun- 
derts.  Das,  was  ich  jetzt  sage,  soli  nicht  fiir  uns  als  irgendeine  uns 
etwa  iiberzeugende  Ideenwelt  dargestellt  werden  -  in  der  Anthropo- 
sophie  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  wird  selbstverstandlich  die 
Gnosis  zu  iiberwinden  sein  — ,  aber  wir  wollen  uns  in  diese  Gnosis 
versetzen.  Die  umliegende  Welt,  auch  mit  dem,  was  der  Mensch 
iiber  sie  denken  kann,  warum  ist  sie  denn  abgeschlossen  von  den 
dreiBig  Aonen?  —  Da  muB  man  hinblicken,  sagte  sich  der  Gnosti- 
ker, auf  den  untersten,  aber  noch  rein  geistigen  Aon.  Was  ist  da 
vorhanden?  Da  ist  vorhanden  die  gottliche  Sophia,  die  gottliche 
Weisheit.  In  geistiger  Art  abstammend  durch  die  29  Stufen  hin- 
durch,  zu  dem  hochsten  Aon  schaute  sie  hinauf  innerhalb  der  gei- 
stigen Welt,  zu  dieser  Reihe  der  geistigen  Wesenheiten  oder  Welten. 
Aber  es  wurde  ihr  eines  Tages,  eines  Weltentages,  klar,  daB  sie  etwas 
von  sich  auszusondern  habe,  wenn  sie  den  freien  Ausblick  erhalten 
wollte  in  die  geistige  Welt  der  Aonen.  Und  sie  sonderte  von  sich 
aus  dasjenige,  was  in  ihr  vorhanden  war  als  Begierde.  Und  das,  was 
fortan  nicht  mehr  in  ihr  vorhanden  ist,  in  dieser  gottlichen  Sophia, 
in  dieser  gottlichen  Weisheit,  das  irrt  nunmehr  herum  in  der  Rau- 


meswelt,  das  durchdringt  alles  Werden  der  Raumeswelt.  Es  lebt 
nicht  nur  in  der  Sinneswahrnehmung,  es  lebt  auch  im  Menschen- 
denken,  lebt  da  mit  der  Sehnsucht  nach  der  geistigen  Welt,  lebt 
aber  doch  wie  ausgeworfen  in  die  menschlichen  Seelen.  Gleichsam 
als  die  andere  Seite,  das  Ebenbild,  aber  als  das  in  die  AuBenseite 
geworfene  Ebenbild  der  gottlichen  Sophia  lebt  die  Begierde,  die  in 
alles  hineingeworfen  ist,  die  Welt  durchdringend:  Achamod.  Schaust 
du  in  deine  Welt,  ohne  dich  aufzuschwingen  in  die  geistigen  Wel- 
ten,  so  schaust  du  in  die  begierdenerfiillte  Welt  von  Achamod.  Weil 
sie  die  von  Begierden  erfullte  Welt  ist,  deshalb  kann  sich  in  ihr  zu- 
nachst  nicht  darstellen,  was  sich  als  Ausblick  ergibt  in  die  Welt  der 
Aonen. 

Weit,  weit  zuriickliegend  in  der  Welt  der  Aonen,  erzeugt  aus  der 
reinen  Geistigkeit  der  Aonen  heraus,  dachte  sich  die  Gnosis,  was  sie 
nannte  den  Sohn  des  Vatergottes,  und  auch  das,  was  sie  nannte  den 
reinen,  Heiligen  Geist.  So  daB  wir  in  ihnen  gleichsam  eine  andere 
Generationsreihe,  eine  andere  Reihe  der  Entwickelung  haben  als 
diejenige,  die  dann  zu  der  gottlichen  Sophia  gefuhrt  hat.  Wie  sich 
im  physischen  Leben  in  der  Fortpfknzungsstromung  die  Geschlech- 
ter  sondern,  so  sonderte  sich  einmal  im  Fortgang  der  Aonen,  durch- 
aus  auf  einer  Hochstufe  der  geistigen  Welt,  eine  andere  Stromung 
heraus,  die  Stromung  des  vom  Vater  stammenden  Sohngeistes  und  des 
Heiligen  Geistes.  So  daB  man  flieBend  hat  in  der  Welt  der  Aonen  das, 
was  auf  der  einen  Seite  zur  gottlichen  Sophia  fiihrte  und  auf  der  ande- 
ren  Seite  zum  Sohngeist  und  Heiligen  Geist.  Wenn  man  hinaufgeht 
durch  die  Aonen,  so  begegnet  man  einmal  einem  Aon,  von  dem  ab- 
stammt  auf  der  einen  Seite  die  Aonenfolge,  die  dann  zur  gottlichen 
Sophia  hinfuhrte,  wie  auf  der  anderen  Seite  die  Aonenfolge,  von  der 
abstammen  der  Gottessohn  und  der  Heilige  Geist.  Dann  kommen 
wir  hinauf  zum  Vatergott  und  dem  gottlichen  Schweigen. 

Dadurch  nun,  daB  die  menschliche  Seele  mit  Achamod  versetzt 
ist  in  die  materielle  Welt,  dadurch  lebt  in  ihr  im  Sinne  der  Gnosis 
die  Sehnsucht  nach  der  geistigen  Welt,  lebt  in  ihr  vor  alien  Dingen 
die  Sehnsucht  nach  der  gottlichen  Sophia,  nach  der  gottlichen  Weis- 
heit,  von  der  sie  aber  durch  ihr  Erfiilltsein  mit  Achamod  getrennt 


ist.  Dieses  Gefuhl  der  Trennung  von  der  gottlichen  Aonenwelt, 
dieses  Gefuhl,  nicht  in  dem  Gottlich-Geistigen  zu  sein,  das  wird 
nach  der  Anschauung  der  Gnostiker  als  die  materielle  Welt  emp- 
funden.  Und  abstammend  von  der  gottlich-geistigen  Welt,  doch 
verbunden  mit  Achamod,  erscheint  der  Gnosis  das,  was  man  nennen 
konnte,  an  die  griechische  Sprache  sich  anlehnend,  den  Welten- 
baumeister,  den  Demiurgos.  Dieser  Demiurgos,  dieser  Weltenbau- 
meister,  ist  der  eigentliche  Durchschopfer  und  Durcherhalter  des- 
sen,  was  von  Achamod  und  dem  Materiellen  durchzogen  ist.  In 
seine  Welt  sind  einverflochten  die  Menschenseelen.  Die  Menschen- 
seelen  sind  einverflochten  mit  ihrer  Sehnsucht  zunachst  nach  der 
gottlichen  Sophia,  und  in  der  Welt  der  Aonen  erscheint  rein  gott- 
lich-geistig,  wie  in  der  Feme,  der  Gottessohn  und  der  Heilige  Geist, 
aber  nur  fiir  den,  der  —  im  Sinne  der  Gnosis  —  sich  erhebt  iiber  all 
das,  in  das  hinein  Achamod,  die  im  Raume  schweifende  Begierde, 
einverleibt  ist. 

Warum  ist  in  den  Seelen,  die  in  die  Welt  der  Achamod  versetzt 
sind,  doch  die  Sehnsucht?  Warum  fiihlen  sie  nach  der  Trennung 
von  der  gottlich-geistigen  Welt  die  Sehnsucht  nach  der  gottlich- 
geistigen  Welt?  Auch  diese  Frage  legte  sich  die  Gnosis  vor,  und  sie 
sagte:  Achamod  ist  herausgeworfen  aus  der  gottlichen  Weisheit,  der 
gottlichen  Sophia;  aber  bevor  sie  diese  vollig  materielle  Welt  wurde, 
in  der  der  Mensch  jetzt  lebt,  kam  ihr  wie  eine  kurze  Uberstrahlung 
ein  Licht  von  dem  Gottessohn,  das  gleich  wieder  verschwand.  Das 
ist  ein  wichtiger  Begriff  der  Gnostiker,  daB  Achamod,  wie  sie  in  den 
Menschenseelen  lebt,  ansichtig  wurde  in  urferner  Vergangenheit 
des  Gotteslichtes,  das  ihr  nur  gleich  wiederum  entschwunden  war. 
Aber  die  Erinnerung  lebt  jetzt  in  der  Menschenseele,  wie  sehr  sie 
auch  verstrickt  sein  kann  in  die  materielle  Welt.  In  der  Welt  der 
Achamod  lebe  ich  —  so  hatte  eine  solche  Seele  sagen  konnen  —  in 
der  materiellen  Welt.  Mit  einer  Hiille  bin  ich  umgeben,  die  dieser 
materiellen  Welt  entnommen  ist.  Aber  indem  ich  mich  in  mich  ver- 
senke,  lebt  in  mir  eine  Erinnerung  auf.  Das,  was  mich  gefesselt  halt 
an  die  materielle  Welt,  sehnt  sich  nach  der  gottlichen  Sophia,  nach 
der  gottlichen  Weisheit,  weil  das  Wesen  Achamod,  das  in  mir  lebt, 


einstmals  iiberleuchtet  worden  ist  von  dem  Gottessohn,  der  in  der 
Welt  der  Aonen  lebt.  —  Man  mache  sich  diese  Verfassung  einer 
Seele,  die  sozusagen  eine  Schulerseele  der  Gnostiker  war,  einmal 
klar.  Solche  Seelen  lebten;  sie  sind  nicht  eine  hypothetische  Kon- 
stmktion,  sie  lebten.  Und  die  verstandig  schauenden  Geschichtsfor- 
scher  werden  durch  auBere  Dokumente  darauf  kommen,  daB  zahl- 
reiche  solche  Seelen  gelebt  haben  in  jener  Zeit,  von  der  wir  eben 
sprechen. 

Es  ist  nicht  unnotig,  sich  einmal  klarzumachen,  warum  man  in 
der  Gegenwart  so  viel  hat  gegen  das,  was  ich  eben  gesagt  habe.  Was 
wird  so  ein  recht  gescheiter  Mensch  der  Gegenwart  iiber  die  Gnosis 
zu  sagen  haben?  Wir  haben  es  ja  horen  miissen,  daB  schon  die 
Theologie  des  Paulus  empfunden  wird  als  eine  rabbinistische  Spin- 
tisiererei,  als  etwas,  was  viel  zu  knifflig  ist,  als  daB  sich  der  gescheite 
Monist  darauf  einlassen  konnte,  der  so  stolz  in  die  Welt  hineinblickt 
und  mit  dem  einfachen  Entwickelungsbegriff  oder  mit  dem  noch 
einf  acheren  Energiebegriif  diese  Welt  umspannt  und  sagt:  Jetzt  sind 
wir  endlich  Manner  geworden,  haben  die  Begrifife  gewonnen,  die 
uns  eine  energetische  Weltanschauung  aufbauen,  und  blicken  zu- 
riick  auf  diese  Kinder,  diese  armen,  lieben  Kinder,  die  vor  Jahrhun- 
derten  ihre  Gnosis  auferbaut  haben  aus  der  Kindlichkeit,  auferbaut 
haben  allerlei  Geister,  dreiBig  Aonen:  so  macht  es  die  «spielende 
Kinderseele»  der  Menschheit.  Uber  solche  Spielerei  ist  die  mann- 
haft  gewordene  Seele  von  heute  im  groBen  Monismus  der  Gegen- 
wart langst  hinaus!  Mit  Nachsicht  blicke  man  auf  diese  gnostischen, 
recht  anmutigen  Kindereien! 

So  ist  eben  heute  die  Stimmung,  und  diese  Stimmung  wird  nicht 
leicht  zu  belehren  sein.  Man  konnte  ihr  freilich  sagen:  Ein  Gnosti- 
ker, der  heute  mit  seiner  aus  der  Gnosis  herausgeborenen  Seele  vor 
dir  stehen  wiirde,  der  wiirde  sich  auch  die  Freiheit  herausnehmen, 
dir  seine  Ansicht  zu  sagen,  und  er  wiirde  dann  etwa  so  sprechen: 
Ich  begreife  ganz  gut,  daB  du  so  stolz,  so  hochmiitig  geworden  bist 
mit  deinem  Entwickelungs-  und  Energiegedanken;  aber  das  kommt 
davon  her,  daB  dein  Gedankenleben  recht  grob,  einfach,  primitiv 
geworden  ist,  daB  du  dich  begniigst  aus  deinen  Nebeln  heraus  mit 


den  allerabstraktesten  Gedanken.  Du  sprichst  das  Wort  Entwicke- 
lung  und  Energie  aus  und  glaubst  etwas  zu  haben.  Du  kannst  eben 
nicht  hineinschauen  in  jenes  feinere  geistige  Leben,  das  hinaufdringt 
zu  dem,  was  in  dreiBig  Stufen  sich  erhebt  iiber  dem,  was  du  hast. 

Fur  uns  aber,  meine  lieben  Freunde,  wird  der  Gegensatz,  den  ich 
im  Beginne  der  heutigen  Betrachtung  vor  Sie  hingestellt  habe,  da- 
durch  nur  noch  schroffer.  Wir  sehen  auf  der  einen  Seite  unsere  Zeit 
mit  ihren  ganz  groben,  primitiven  Begriffen  und  sehen  auf  der  ande- 
ren  Seite  diese  Gnosis.  Und  eben  haben  wir  auseinandergesetzt,  wie 
unendlich  komplizierte  Begriffe  diese  Gnosis  aufwendet  —  dreiBig 
Aonen  — ,  um  im  Verlaufe  ihrer  Entwickelung  den  Gottessohn  und 
den  Heiligen  Geist  zu  finden  und  in  der  Seele  zu  finden  die  Sehn- 
sucht  nach  der  gottlichen  Sophia  und  dem  Gottessohn  und  dem  Hei- 
ligen Geist. 

Dann  fragen  wir  uns:  Ja,  ist  denn  nicht  aus  dem,  was  damals  in 
der  griechisch-romischen  Welt  an  Gedankenvertiefung  geschah.  das- 
jenige  hervorgegangen,  was  wir  heute  haben,  womit  wir  es  so  herr- 
lich  weit  gebracht  haben  in  unserem  Entwickelungs-  und  Energie- 
gedanken?  Und  blicken  wir  nicht  auf  diese  Gnosis  mit  ihren  kom- 
plizierten  Begriffen,  die  der  Gegenwart  so  unsympathisch  sind,  wie 
auf  etwas  in  der  Tat  ganz  Fremdes?  Sind  das  nicht  kolossale  Gegen- 
satze?  Ja,  sie  sind  es.  Der  Widerspruch,  der  sich  uns  von  da  aus 
bedriickend  in  die  Seele  legt,  wird  immer  groBer,  wenn  wir  jetzt 
wiederum  zuruckreflektieren  auf  das,  was  wir  iiber  die  hellseherisch 
gestimmte  Seele  gesagt  haben:  daB  sie  sich  versetzen  kann  in  die 
Gedankenwelt  der  Griechen  und  Romer,  und  dann  die  Welt  mit 
dem  Stern  sieht,  von  der  wir  gesprochen  haben.  Und  iiberall  ein- 
gestreut  in  diese  Vertiefung  des  griechischen  Gedankens  finden  wir 
jene  Vertiefung,  die  die  Gnosis  darstellt.  Doch  wenn  wir  sie  mit 
dem,  was  uns  die  Anthroposophie  heute  geben  soil,  ansehen,  ohn- 
machtig  eigentlich,  zu  verstehen,  was  der  Stern  bedeuten  soil,  von 
dem  wir  durch  drei  Welten  getrennt  sind,  und  wenn  wir  bei  den 
Gnostikern  anfragen:  Haben  sie  verstanden,  was  damals  in  der 
geschichtlichen  Entwickelung  der  Menschheit  geschehen  ist?  —  dann 
konnen  auch  wir  auf  dem  Boden  der  Anthroposophie  uns  von  den 


Gnostikern  die  Antwort  nicht  geben  lassen,  denn  sie  wiirde  uns  nie- 
mals  befriedigen  konnen;  sie  wiirde  kein  Licht  bringen  konnen  in 
das,  was  sich  heute  der  hellseherischen  Seele  ergibt. 

Ich  mochte  Ihnen  heute  mit  dieser  Betrachtung  nicht  eine  Erkla- 
rung  fiir  irgend  etwas  gegeben  haben.  Je  mehr  Sie  empfinden,  daB 
das,  was  ich  ausgesprochen  habe,  keine  Erklarung  ist,  je  mehr  Sie 
empfinden,  daB  ich  eigentlich  Widerspruch  iiber  Widerspruch  vor 
Sie  hingestellt  habe  und  nur  eine  okkulte  Erfahrung,  die  der  Wahr- 
nehmung  des  Sternes,  Ihnen  zeigte,  desto  besser  haben  Sie  mich  fiir 
heute  verstanden.  DaB  Sie  sich  klar  sind  dariiber,  daB  etwas  in  der 
Welt  erschienen  ist  im  Beginne  unserer  Zeitrechnung,  von  dem  das 
menschliche  Verstandnis  weit,  weit  ab  war  und  doch  von  ihm  be- 
wirkt  war,  das  mochte  ich  gerne,  daB  Sie  es  empfinden.  DaB  die 
Epoche  des  Ausgangspunktes  unserer  Zeitrechnung  ein  groBes  Rat- 
sel  ist,  das  mochte  ich,  daB  Sie  es  empfinden.  Ich  mochte,  daB  Sie 
ein  Empfinden  dafiir  haben,  daB  in  der  Menschheitsentwickelung 
etwas  geschieht,  was  sich  in  der  griechisch-romischen  Welt  zunachst 
wie  eine  Vertiefung  des  Gedankens  oder  wie  eine  Entdeckung  des 
Gedankens  ausnimmt,  und  daB  die  Urgriinde  selbst  dafiir  tief  im 
Ratselvollen  liegen.  In  verborgenen  Welten  mogen  Sie  suchen  das- 
jenige,  was  in  der  Maja  der  physisch-sinnlichen  Welt  als  die  Ver- 
tiefung des  griechisch-romischen  Gedankens  erscheint.  Und  nicht 
eine  Idee,  eine  Erklarung  selber  fiir  das,  was  vorliegt,  sondern  die 
Aufstellung  eines  Ratsels  wollte  ich  mit  den  heutigen  Auseinander- 
setzungen  geben,  die  wir  dann  morgen  abend  fortsetzen  wollen. 


ZWEITER  VORTRAG 


Leipzig,  29-  Dezember  1913 


Wenn  wir  uns  noch  einmal  zuriickrufen  die  Gedanken  der  gestri- 
gen  Betrachtung,  so  konnen  wir  sie  zusammenfassen  in  die  Worte, 
daB  das  Zekalter  im  Beginne  unserer  Zeitrechnung  sich  aus  dem 
Schatze  seiner  Weisheit  heraus  alle  mogliche  Miihe  gegeben  hat,  das 
Mysterium  von  Golgatha  zu  verstehen,  und  daJ3  diese  Weisheit  bei 
diesem  Unternehmen  die  allergroBten  Schwierigkeiten  gefunden 
hat.  Wir  miissen  bei  dieser  Erscheinung  noch  etwas  verweilen,  denn 
es  ware  unmoglich,  ohne  das  rechte  Verstandnis  fur  dieses  notwen- 
dige  MiBverstehen  dessen,  was  geschehen  war  durch  das  Mysterium 
von  Golgatha,  ohne  ein  Verstandnis  dieser  Erscheinung  eine  bedeut- 
same  Tatsache  der  spateren  Jahrhunderte  ins  gehorige  Licht  zu  fas- 
sen:  das  Aufkommen  der  Grals-Ideen,  die  gerade  in  unserem  Zu- 
sammenhang  mit  einigen  Worten  zu  besprechen  sein  werden.  Gerade 
wenn  wir  auf  die  bedeutsamste,  weisheitsvolle  Richtung  der  Epoche 
vom  Beginne  unserer  Zeitrechnung,  auf  die  Gnostiker  blicken,  so 
konnen  wir  im  Sinne  der  gestrigen  Ausfiihrungen  sehen,  wie  tief 
eindringlich,  wie  grandios-genialisch  ihre  Ideen  auf  der  einen  Seite 
waren,  um  in  ein  gewaltiges  Weltbild  hineinzustellen  den  Gottes- 
sohn.  Wenn  wir  aber  nur  auf  dasjenige  blicken,  was  uns  moglich 
war  iiber  dieses  Mysterium  von  Golgatha  heute  schon  herauszufin- 
den  aus  der  geistigen  Chronik  der  Zeiten,  so  miissen  wir  doch  sagen: 
nichts  Rechtes  ist  anzufangen  mit  den  BegrifTen  und  Ideen  der  Gno- 
stiker. Und  das  sehen  wir  insbesondere  genau,  wenn  wir  hinblicken 
auf  mancherlei  Vorstellungen,  die  sich  die  Gnostiker  iiber  das  Er- 
scheinen  des  Christus  im  Jesus  von  Nazareth  gebildet  haben.  Da 
gab  es  solche,  welche  aus  der  Gnosis  heraus  sich  wohl  sagten:  Ja, 
diese  Chrisms- Wesenheit  ist  eine  iiber  alles  Irdische  hinausgehende, 
in  den  geistigen  Reichen  wurzelnde  Wesenheit;  eine  solche  Wesen- 
heit kann  nur  zeitweilig  sich  aufhalten  in  einem  Leibe,  der  ein  Men- 
schenleib  ist,  wie  der  Leib  des  Jesus  von  Nazareth. 


Diese  Gnostiker,  die  so  sprachen,  sie  haben  ja  das  getroffen,  was 
wir  heute  immer  wieder  und  wieder  betonen  miissen:  daB  es  richtig 
ist,  daB  durch  drei  Jahre  hindurch  die  Christus-Wesenheit  zeitweilig, 
voriibergehend,  in  dem  Leibe  des  Jesus  von  Nazareth  wohnte.  Allein, 
diese  Gnostiker  kamen  nicht  zurecht  mit  der  Art,  wie  die  Christus- 
Wesenheit  in  dem  Leibe  des  Jesus  von  Nazareth  lebte.  Denn  erstens 
war  ihnen  das  Geheimnis  des  Leibes  des  Jesus  von  Nazareth  selber 
nicht  klar;  sie  wuBten  nicht,  daB  in  diesem  Leibe  ja  das  Ich  des 
Zarathustra  wohnte,  daB  die  drei  Leiber  des  Jesus  von  Nazareth 
solche  waren,  daB  sie  in  ihrer  Zusammenfiigung  eine  Menschheits- 
substanz  darstellten,  die  vorher  niemals  auf  der  Erde  im  Fleisch 
verkorpert  war.  Die  ganze  Beziehung  des  Christus  zu  den  beiden 
Jesusknaben  iiberschauten  diese  Gnostiker  nicht.  Daher  kam  es 
ihnen  immer  unbefriedigend  vor,  was  sie  selber  sagen  konnten,  oder 
wenigstens  kam  es  ihren  Anhangern  bald  unbefriedigend  vor,  was 
sie  sagen  konnten  iiber  das  zeitweilige  Verweilen  des  Christus  im 
Leibe  des  Jesus  von  Nazareth.  Auch  die  Art  der  Geburt,  dieses  ge- 
waltigste  Mysterium  der  Menschheitsentwickelung,  beriihrten  die 
Gnostiker  in  ihrer  Weise.  Wohl  wuBten  sie,  daB  dasjenige,  was  die 
Erscheinung  des  Christus  auf  Erden  notwendig  gemacht  hat,  zu- 
sammenhangt  mit  dem  Durchgang  durch  die  fleischliche  Empfang- 
nis.  Aber  die  Mutter  des  Jesus  von  Nazareth  in  Beziehung  zu  brin- 
gen  zu  der  Geburt  des  Christus- Jesus,  das  vermochten  sie  nicht  vol- 
lig  durchzufiihren.  Und  diejenigen  —  es  gab  auch  solche  — ,  die  es 
durchzufuhren  versuchten,  die  wurden  eigentlich  sehr  wenig  ver- 
standen.  Auch  gab  es  Gnostiker,  welche  aus  den  eben  charakteri- 
sierten  Schwierigkeiten  heraus  ganz  die  fleischliche  Erscheinung  des 
Christus  auf  Erden  leugneten,  die  sich  die  Vorstellung  machten,  daB 
vor  und  nach  dem  Tode  auf  Golgatha  auf  Erden  nur  herumgegan- 
gen  ware  ein  Scheinleib,  also  was  wir  einen  astralischen  Leib  nennen 
wurden,  der  da  oder  dort  eben  erschien,  der  aber  nicht  ein  physischer 
Leib  war.  Weil  man  Schwierigkeiten  darin  fand,  zu  einer  Vorstel- 
lung zu  kommen,  wie  der  Christus  sich  mit  einem  fleischlichen  Leibe 
verbinden  kann,  so  sagte  man,  er  habe  sich  iiberhaupt  nicht  mit 
einem  solchen  verbunden.  Maja  sei  es  gewesen,  wenn  die  Menschen 


geglaubt  haben,  daB  er  in  einem  fleischlichen  Leibe  herumgegan- 
gen  sei.  Auch  dieses  fand  keine  Anerkennung.  Man  sieht  iiberall, 
daB  die  Gnostiker  sich  mit  ihren  Begriffen  und  Ideen  bemiihten, 
das  historisch  groBte  Problem  der  Erdenentwickelung  zu  bewal- 
tigen,  daB  aber  in  gewisser  Beziehung  doch  ihre  Begriffe  und  Ideen 
nicht  ausreichten;  sie  erwiesen  sich  gleichsam  ohnmachtig  gegen- 
iiber  dem,  was  geschehen  war. 

Nun  werden  wir  ja  noch  zu  sprechen  haben  iiber  die  Art,  in  wel- 
cher  Paulus  mit  dem  Problem  fertig  zu  werden  versuchte.  Aber  es 
wird  zuerst  gut  sein,  wenn  wir  uns  klarmachen,  was  denn  eigentlich 
vorgelegen  hat,  daB  ein  solches  MiBverstehen  uns  sozusagen  wie 
eine  Notwendigkek  entgegentritt.  Wenn  wir  mit  den  Mitteln  der 
Geistesforschung  uns  eine  Reihe  von  Fragen  stellen  und  diese  dann 
versuchen  zu  beantworten,  so  wird  uns  zunachst  abstrakt,  mochte 
man  sagen,  klarwerden,  was  eigentlich  vorlag. 

Man  kann  zum  Beispiel  so  fragen:  Wenn  das  Zeitalter  des  Chri- 
sms Jesus  so  wenig  in  der  Lage  war,  seine  Wesenheit  zu  verstehen, 
ware  ein  anderes  Zeitalter  imstande  gewesen,  ihn  zu  verstehen? 
Wenn  man  sich  zuriickversetzt  in  die  Seelen  der  Menschen  der  ver- 
schiedenen  Epochen,  so  kommt  man  allerdings  als  Geistesforscher 
zu  einem  sonderbaren  Resultat.  Man  kann  sich  zunachst  in  die 
Seelen  der  groBen  Lehrer  des  uralten  Indiens  versetzen,  der  indi- 
schen  Kultur,  die  die  erste  war  der  nachatlantischen  Zeit.  Wir 
stehen  da,  wie  wir  das  oftmals  betont  haben,  mit  allertiefster  Be- 
wunderung  vor  der  umfassenden  und  tiefgriindigen,  iiberall  von 
hellsichtigen  Ausblicken  durchzogenen  Weisheit  der  heiligen  indi- 
schen  Rishis  der  alten  Zeit.  Wir  wissen,  daB  in  die  Seelen  dieser 
groBen  Lehrer  ihrer  Epoche  hereingezogen  sind  die  Weltengeheim- 
nisse,  die  den  spateren  Epochen  fur  die  Weisheitserkenntnis  ver- 
lorengegangen  sind.  Und  wenn  man  sich  mit  dem  hellseherischen 
BewuBtsein,  so  gut  es  geht,  in  die  Seele  eines  solchen  groBen  Leh- 
rers  Altindiens  versetzt,  dann  muB  man  sagen:  Wenn  es  moglich 
gewesen  ware,  daB  die  Christus-Wesenheit  dazumal,  meinetwillen 
inmitten  der  heiligen  Rishis,  auf  Erden  erschienen  ware,  dann  ware 
die  Weisheit  dieser  Rishis  im  hochsten  MaBe  fahig  gewesen,  das 


Wesen  des  Christus  zu  verstehen.  Da  hatte  es  keine  Schwierigkeiten 
gegeben,  man  hatte  gewuBt,  um  was  es  sich  handelt.  Und  weil 
man  so  bedeutsame  Erscheinungen  wie  die  eben  charakterisierte 
eigentlich  in  abstrakten  Worten  gar  nicht  ordentlich  aussprechen 
kann,  so  gestatten  Sie,  meine  lieben  Freunde,  ein  Bild. 

Ich  mochte  sagen:  Die  heiligen  Rishis  Altindiens  wiirden,  wenn 
sie  vernommen  hatten  den  Glanz  der  Weisheit,  der  die  Welt  durch- 
pulsenden  Weisheit  des  Logos  in  einem  Menschen,  sie  wiirden  dem 
Logos  ihren  Opferweihrauch  dargebracht  haben,  das  Symbolum  der 
Anerkennung  des  Gottlichen,  das  in  die  Menschheitssphare  herein- 
arbeitet.  Aber  diese  Christus- Wesenheit  konnte  in  jener  Zeit  keinen 
Korper  finden.  Die  Korper  waren  in  jener  Zeit  fiir  sie  nicht  geeig- 
net  gewesen.  So  konnte  sie  nicht  —  wir  werden  die  Griinde  dafiir 
spater  anfiihren  —  in  dem  Zeitalter  erscheinen,  in  dem  alle  Mittel 
fiir  das  Verstandnis  vorhanden  gewesen  waren. 

Und  wenn  wir  weitergehen  und  uns  versetzen  in  die  Seelen  der 
alten  Zarathustra-Kultur,  so  konnen  wir  sagen:  Mit  jenen  hohen 
Mitteln  der  uralt  indischen  Kultur  waren  diese  Seelen  der  Zara- 
thustra-Kultur zwar  nicht  mehr  ausgeriistet;  aber  verstanden  wiir- 
den sie  haben,  dafi  der  Sonnengeist  sich  vorgesetzt  hatte,  in  einem 
menschlkhen  Leib  zu  leben,  und  sie  wiirden  in  der  Lage  gewesen 
sein,  das  SonnengeistmaBige  einer  solchen  Tatsache  zu  verstehen. 
Wenn  ich  wieder  bildlich  sprechen  wollte,  so  miiBte  ich  sagen:  Es 
wiirden  die  Schiiler  Zarathustras  ihren  Sonnengeist  im  Menschen 
mit  dem  leuchtenden  Gold  gefeiert  haben,  dem  Symbolum  der 
Weisheit. 

Und  wenn  wir  noch  weiter  gehen  in  die  chaldaisch-agyptische 
Kulturperiode:  Wiederum  hatte  die  Moglichkeit  abgenommen,  den 
Christus  Jesus  zu  verstehen.  Aber  so  gering  ware  sie  nicht  gewesen 
wie  in  der  vierten  nachatlantischen  Kulturperiode,  wie  in  der  grie- 
chisch-lateinischen,  wo  nicht  einmal  die  Gnosis  machtig  genug  war, 
diese  Erscheinung  zu  verstehen.  Man  wiirde  verstanden  haben,  daB 
ein  Stern  aus  geistigen  Hohen  erschienen  ist  und  in  einem  Men- 
schen geboren  worden  ist.  Man  wiirde  also  die  gottlich-geistige  Ab- 
kunft  aus  auBerirdischen  Spharen  gut  begriffen  haben.  Man  wiirde 


dargebracht  haben  die  Myrrhen  zum  Opfer.  Und  wenn  wir  uns  in 
die  Seelen  derjenigen  versetzen,  die  in  der  Bibel  als  die  drei  Magier 
aus  dem  Morgenlande  kommen  und  die  Bewahrer  sind  der  aus  den 
drei  nachatlantischen  Kulturepochen  stammenden  Weisheitsschatze, 
so  wird  uns  durch  die  Bibel  selber  angezeigt,  wie  ein  gewisses  Ver- 
st'andnis  dadurch  vorliegt,  daB  diese  drei  Magier  wenigstens  bei  der 
Geburt  des  Jesuskindes  erscheinen.  Eines  wird  uns  allerdings  auf- 
f alien,  woran  heute  vielleicht  die  wenigsten  denken:  daB  gerade 
diesen  drei  Magiern  gegeniiber  die  Bibel  in  einer  sonderbaren  Lage 
ist.  Denn  will  uns  nicht  diese  Bibel  sagen:  Das  sind  drei  bedeutsame 
Weise,  die  schon  bei  der  Geburt  verstanden,  um  was  es  sich  han- 
delte?  Aber  man  mochte  fragen:  Wo  bleiben  denn  diese  drei  Wei- 
sen  spater?  Was  wird  eigentlich  aus  ihrer  Weisheit?  Haben  wir 
irgend  etwas,  was  wir  zum  Verstandnis  der  Christus-Erscheinung  auf 
diese  drei  Weisen  aus  dem  Morgenlande  zuriickfuhren  konnen?  Das, 
wie  gesagt,  soli  nur  als  Frage  aufgeworfen  werden.  Es  gehort  zu 
den  zahlreichen  Fragen,  welche  gegeniiber  der  Bibel  gewiB  auf- 
geworfen werden  miissen  und  die  bedeutsamer  sein  werden  als  alle 
pedantischen  Bibelkritiken  des  neunzehnten  Jahrhunderts. 

Und  wenn  wir  nunmehr  in  den  vierten  nachatlantischen  Zeit- 
raum  gehen,  so  konnen  wir  von  ihm  das  eine  sagen:  Jetzt  ist  der 
Korper  da,  in  dem  die  Christus-Wesenheit  sich  verkorpern  kann. 
Dieser  Korper  war  nicht  da  in  der  ersten,  zweiten,  dritten  nachatlan- 
tischen Zeit.  Jetzt  ist  er  aber  da.  Aber  jetzt  ist  bei  den  Menschen 
nicht  die  Moglichkeit  vorhanden,  das,  was  geschieht,  zu  verstehen, 
wirklich  begreifend  zu  durchdringen.  Eine  eigentiimliche  Erschei- 
nung,  nicht  wahr?  Denn  nichts  anderes  tritt  da  vor  unsere  Seele 
als  die  Tatsache,  daB  der  Christus  auf  der  Erde  in  einem  Zeitalter 
erscheint,  das  am  wenigsten  geeignet  ist,  ihn  zu  verstehen.  Und 
wenn  man  auf  die  folgenden  Zeitalter  blickt  und  insbesondere  die 
Unternehmungen  ins  Auge  faBt,  die  wiederum  aufgekommen  sind 
in  den  folgenden  Jahrhunderten,  um  die  Wesenheit  des  Christus 
Jesus  zu  verstehen,  so  nnden  wir  ein  unendliches  theologisches  Ge- 
zank.  Wir  finden  endlich,  im  Mittelalter,  die  scharfe  Trennung  zwi- 
schen  Wissen  und  Glauben,  das  heiBt  ein  volliges  Verzichten  auf 


ein  Wissen  von  dem  Wesen  des  Christus  Jesus  iiberhaupt  —  von  der 
neuen  Zeit  gar  nicht  zu  reden,  die  bis  in  unsere  Tage  ohnmachtig 
geblieben  ist  dieser  Erscheinung  gegenuber.  Also  eine  merkwurdige 
Erscheinung!  Gerade  in  dasjenige  Zeitalter  wird  der  Christus  her- 
eingeboren,  das  am  wenigsten  geeignet  ist,  ihn  zu  verstehen.  Und 
kame  es  darauf  an  in  der  Menschheitsentwickelung,  daB  der  Chri- 
stus hatte  durch  das  Verstandnis  der  Menschenseelen  auf  Erden  wir- 
ken  sollen,  dann  ware  es  um  diese  Wirkung  wahrhaftig,  man  muB 
sagen,  traurig  bestellt  gewesen.  Vielleicht  konnte  man  sagen,  es  sei 
radikal  ausgedriickt,  aber  um  nicht  miBverstanden  zu  werden,  mochte 
ich  doch  dieses  Wort  gebrauchen:  Eigentlich  hat  es  fiir  denjenigen,  der 
die  theologisch-geistige  Entwickelung,  die  sich  an  die  Christus-Erschei- 
nung  knupft,  vom  geisteswissenschaftlichen  Standpunkt  aus  anblickt, 
den  Anschein,  als  ob  diese  theologische  Entwickelung  sich  die  Auf- 
gabe  gesetzt  hatte,  soviel  wie  moglich  dazu  beizutragen,  um  Hindernis 
iiber  Hindernis  dem  Verstandnisse  der  Christus- Wesenheit  entgegen- 
zubringen.  Denn  diese  theologische  Gelehrsamkeit  scheint  in  ihrem 
Gange  sich  immer  weiter  und  weiter  von  diesem  Verstandnis  zu  ent- 
fernen.  Das  ist  etwas  radikal  ausgesprochen;  aber  derjenige,  der  ein- 
gehen  will  auf  den  Sinn  dieses  radikalen  Ausspruches,  der  wird  sich 
schon  den  tieferen  Sinn  dieser  Worte  klarmachen  konnen. 

Nun  ist  im  Grunde  genommen  die  Aufdeckung  des  damit  aus- 
gesprochenen  Ratsels  gar  nicht  so  leicht,  und  ich  gestehe  Ihnen,  daB 
ich  die  verschiedensten  Wege  der  Geistesforschung  im  Laufe  der 
Zeit  versucht  habe,  um  diesem  Ratsel  beizukommen.  Es  ist  nahe- 
liegend,  daB  —  aus  Mangel  an  Zeit  —  nicht  von  diesen  verschiedenen 
Wegen  gesprochen  werden  kann.  Aber  einen  unter  den  mancherlei 
Wegen  mochte  ich  heute  anfuhren.  Es  ist  der  Weg,  der  um  den  Be- 
ginn  unserer  Zeitrechnung  herum  durch  eine  sehr  merkwurdige  Er- 
scheinung des  Geisteslebens  fuhrt,  namlich  durch  die  Erscheinung 
des  Lebens  der  Sibyllen. 

Merkwurdige  Erscheinungen  mit  einem  hochst  eigentiimlichen 
Prophetencharakter  sind  diese  Sibyllen.  Die  auBere  Wissenschaft 
kann  nicht  einmal  angeben,  aus  welcher  Sprache  das  Wort  Sibylle 
stammt.  Wenn  wir  zunachst  auf  das  blicken,  was  durch  auBerliche 


Dokumente  eigentlich  ziemlich  ausfiihrlich  iiber  die  Sibyllen  be- 
kannt  ist,  so  konnen  wir  sagen,  daB  wir  gleich  im  Beginne  des  Sibyl- 
lenlebens  eine  hochst  merkwiirdige  Erscheinung  zu  verzeichnen 
haben.  So  etwa  vom  achten  Jahrhundert  an  und  dann  weiter  fort- 
gehend  begegnet  uns  in  Erythraa  in  Ionien  der  erste  Sibyllenort, 
wo  sozusagen  die  ersten  Sibyllen  ihre  mannigfaltigsten  Prophezei- 
ungen  in  die  Welt  hinausschickten,  Prophezeiungen,  die,  schon  wie 
sie  auBerlich  iiberliefert  sind,  uns  anzeigen,  daB  diese  Ausspriiche 
der  Sibyllen  aus  merkwiirdigen  Untergriinden  des  menschlichen  We- 
sens  und  Seelenlebens  herruhren.  Wie  aus  chaotischen  Untergriin- 
den des  Seelenlebens  pressen  diese  Sibyllen  allerlei  hervor,  was  sie 
iiber  die  Zukunft  der  Erdenentwickelung  diesem  oder  jenem  Volk 
zu  sagen  haben;  namentlich  zunachst,  was  sie  zu  sagen  haben  an 
Grauenvollem,  aber  zuweilen  auch  an  Gutem.  Entfernt  von  alle- 
dem,  was  man  geordnetes  Denken  nennt,  wie  aus  den  chaotischen 
Untergriinden  der  Seele  hervorgehend,  preBt  sich  aus  den  Sibyllen 
heraus  dasjenige,  was  sie  so  sagen,  daB  man  fast  jeder  Sibylle  anhort 
-  wenn  man  sie  jetzt  nachtraglich  priift  mit  den  Mitteln  der  Geistes- 
wissenschaft  — ,  daB  sie  mit  einem  durchgeistigten  Fanatismus  vor 
die  Menschheit  hintritt  und  den  Menschen  aufdrangen  will,  was 
sie  zu  sagen  hat.  Sie  wartet  nicht,  bis  sie  gefragt  wird,  wie  etwa  die 
Pythia  Griechenlands  mit  ihren  Prophezeiungen,  sondern  sie  tritt 
heraus,  das  Volk  versammelt  sich,  und  wie  gewaltsam  sich  aufdran- 
gend  klingen  die  Ausspriiche  der  Sibylle  iiber  Menschen,  Volker, 
Erdenzyklen.  DaB  sie  in  Ionien  auftreten,  ist  eine  merkwiirdige 
Erscheinung,  sagte  ich;  denn  in  Ionien  nimmt  zugleich  ihren  An- 
fang  die  griechische  Philosophic,  jene  Weisheit,  die  von  Thales  und 
Aristoteles  her  bis  in  die  romische  Zeit  hinein  so  ganz  aus  dem 
geordneten  Seelenleben  des  Menschen  hervorgeht,  aus  dem,  was 
dem  Chaos  entgegengesetzt  ist,  was  heraussucht  aus  dem  Seelen- 
leben alles  das,  was  an  klaren,  hellen,  lichtvollen  Begriffen  zu 
erreichen  ist.  Von  Ionien  geht  sie  aus,  die  Philosophic  der  Klarheit, 
des  Lichtvollen,  man  mochte  sagen  des  Himmlischen,  das  sie  an- 
genommen  hat  dann  in  Plato.  Und  wie  ihr  Schatten  erscheinen  die 
Sibyllen  mit  ihren  Geistprodukten,  die  aus  dem  Seelenchaos  hervor- 


kommen,  manchmal  lichtvoll  ankiindigend  solches,  das  sich  dann 
erfiillt,  manchmal  auch  solches,  das  gefalscht  werden  muB  von  An- 
hangern  des  Sibyllentums,  um  von  einer  Erfiillung  sprechen  zu 
konnen.  Und  dann  sehen  wir  weiter,  wie  der  Schatten  der  Weisheit 
die  vierte  Kulturepoche  eben  begleitend,  dieses  Sibyllentum  sich 
tiber  Griechenland,  iiber  Italien  ausbreiten.  Von  den  mannigfaltig- 
sten  Arten  der  Sibyllen  wird  uns  gesprochen,  und  wir  sehen,  wie 
bis  herein  nach  Italien  sich  das  Sibyllentum  ausbreitet.  Allmahlich 
kommt  es  herauf  in  die  Zeit,  in  der  das  Mysterium  von  Golgatha 
erscheint.  Wir  sehen  dann,  wie  es  EinfluB  gewinnt  auf  die  romischen 
Dichter,  wie  es  selbst  in  die  Dichtungen  Virgils  hineinspielt,  wie 
das  Leben  gerade  durch  geistvolle  Leute  zu  gestalten  versucht  wird, 
indem  man  sich  beruft  auf  die  Ausspriiche  der  Sibyllen. 

Wieviel  auf  das  gegeben  wird,  was  in  Sibyllenausspriichen  ge- 
geben  ist,  sieht  man  an  den  sogenannten  Sibyllinischen  Biichern, 
die  man  um  Rat  anspricht.  Und  wir  sehen  da  wiederum  auch  in  der 
auBeren  Welt  in  bezug  auf  die  Sibyllenausspriiche  merkwiirdig 
chaotisch  sich  mischen  Geistvollstes  mit  vollstandig  Humbug- 
artigem.  Und  dann  sehen  wir  dieses  Sibyllentum  selbst  in  das  Chri- 
stentum  hereingreifen.  Es  klingt  uns  ja  noch  aus  dem  Gesang  des 
Thomas  von  Celano  entgegen: 

Dies  irae,  dies  ilia 
solvet  saeclum  in  f  avilla 
teste  David  cum  Sibylla! 

Tag  des  Zornes,  o  Tag,  der  zunichte  fiihrt  dies  Weltalter  nach  dem 
Zeugnis  des  David  wie  auch  der  Sibylle! 

Also  bis  in  die  Zeit  der  Entwickelung  des  Christentums  herein  steht 
mancherlei  Geistern  die  Sibylle  vor  Augen  mit  ihren  Ausspriichen, 
namentlich  auf  das  gehend,  was  sich  auf  die  Vernichtung  der  bis- 
herigen  und  auf  das  Kommen  einer  neuen  Weltenordnung  bezieht. 
So  kann  man  sagen,  daB  durch  viele,  viele  Jahrhunderte,  ja  durch 
den  ganzen  vierten  nachatlantischen  Zeitraum  hindurch,  und  ihre 
Strahlen,  wenn  auch  nur  noch  sparlich,  bis  in  den  fiinften  Zeit- 


raum  hereinwerfend,  die  Sibylle  uns  gegeniibertritt  in  der  Mensch- 
heitsentwickelung.  Nur  wer,  von  rationalistischen  Vorstellungen  der 
Gegenwart  beherrscht,  sich  um  solche  Sachen  nicht  kiimmern  will, 
kann  iibersehen,  welchen  tiefgehenden  EinfluB  gerade  das  Sibyllen- 
tum  auf  die  Welt  gehabt  hat,  innerhalb  welcher  sich  das  Christen- 
tum  ausbreitete.  Was  heute  als  Geschichte  erzahlt  wird,  ist,  wie  ich 
ofter  ausgesprochen  habe,  namentlich  wo  es  sich  um  Dinge  geistiger 
Art  handelt,  in  vieler  Beziehung  eine  Fable  convenue.  Viel  mehr, 
als  man  glaubt,  waren  die  Vorstellungen  in  den  breitesten  Schich- 
ten  des  Volkes  bis  in  spate  Jahrhunderte  herauf  von  dem  be- 
herrscht, was  von  den  Sibyllen  ausging.  Es  ist  eine  merkwiirdige, 
ratselhafte  Erscheinung,  die  sich  hineinstellt  in  den  vierten  nach- 
atlantischen  Zeitraum,  diese  Welt  der  Sibyllen. 

Uns  muB  interessieren,  was  sich  eigentlich  in  den  Seelen  dieser 
Sibyllen  abspielt.  Solche  Dinge  miissen  wir  wiederum  durch  unsere 
Geistesforschung  herausholen  aus  dem,  was  heute  sozusagen  durch 
eine  Schicht  materialistischer  Geisteskultur  bedeckt  ist,  was  aber  so, 
wie  es  ist,  nicht  gebraucht  werden  kann,  sondern  erneuert  werden 
muB  mit  den  Mitteln  der  Geistesforschung  unseres  Zeitalters.  Aber 
aufmerksam  darf  doch  darauf  gemacht  werden,  daB  das  Wesen  des 
Sibyllentums  in  verhaltnismaBig  nicht  weit  zuriickliegenden  Zeiten 
nicht  so  vergessen  war  wie  in  der  unsrigen.  Und  wir  haben  ja,  ich 
mochte  sagen,  ein  bedeutsames  Dokument,  welches  uns  hinweist 
auf  Uberlieferungen  iiber  die  Bedeutung  des  Sibyllentums.  Viel- 
leicht  schauen  wir  dieses  Dokument  nicht  immer  auf  diese  Bedeut- 
samkeit  hin  an,  aber  es  ist  doch  vorhanden  und  sollte  die  Menschen 
zum  Nachdenken  veranlassen.  Es  ist  vorhanden  in  der  groBen 
Schopfung  Michelangelos,  wo  er  in  den  bedeutsamen  Bildern  der 
Sixtinischen  Kapelle  nicht  nur  die  Entwickelung  der  Erde  und  der 
Menschheit,  sondern  auch  die  Propheten  und  die  Sibyllen  darstellt. 
Und  wir  sollten,  gerade  wenn  wir  diese  Bilder  betrachten,  nicht 
vorbeigehen  an  der  Art,  wie  Michelangelo  die  Sibyllen  darstellt, 
insbesondere  wie  er  kontrastiert  die  Sibyllen  und  die  Propheten.  Denn 
ganz  unbefangen  betrachtet,  stellt  sich  dar  in  dieser  Kontrastierung 
etwas  von  dem,  was  wir  wiederum  erkennen  konnen  durch  Geistes- 


wissenschaft  iiber  mancherlei  Geheimnisse  des  vierten  nachatlanti- 
schen  Zeitraums,  in  den  das  Mysterium  von  Golgatha  hereinf  allt. 

Da  sehen  wir  ja  zunachst,  als  kiinstlerisches  Werk  so  bewun- 
derungswiirdig,  die  Darstellung  der  Propheten:  des  Zacharias,  des 
Joel,  Jesaias,  Hesekiel,  Daniel,  Jeremias  und  Jonas.  Und  eingereiht 
in  diese  Prophetenreihe  sehen  wir  die  Sibyllen:  die  persische,  die 
delphische,  die  erythr'aische,  die  libysche,  die  cumaische  Sibylle. 
Wenn  wir  uns  die  Propheten  ansehen,  fast  alle  haben  sie  mehr  oder 
weniger  etwas  von  dem  Charakter,  der  uns  gleich  bei  Jeremias  ent- 
gegentntt,  der  uns  aber  insbesondere  signifikant  erscheint  bei 
Zacharias:  tief  sinnende  Menschen,  zum  groBen  Teil  in  Biicher  oder 
sonstiges  vertieft,  ruhig  mit  gleichmaBig  geordneter  Seele  aufneh- 
mend,  was  sie  lesen  oder  sonst  an  sich  heranbringen.  Das,  was  ruhig 
in  der  Seele  lebt,  tritt  uns  auch  aus  den  Antlitzen  dieser  Propheten 
entgegen.  Eine  kleine  Ausnahme  macht,  aber  auch  nur  scheinbar, 
Daniel,  der  vor  einem  Buche  sitzt,  das  auf  den  Riicken  eines  Kna- 
ben  gestutzt  ist,  und  der  etwas  zum  Schreiben  in  der  Hand  hat,  um 
das,  was  er  liest,  in  ein  anderes  Buch  zu  schreiben:  ein  leiser  Uber- 
gang  von  dem  sinnigen  Aufnehmen  der  Weltengeheimnisse  zum 
Niederschreiben,  wahrend  die  anderen  sinnend  verharren  und  mit 
gelassener,  ruhiger  Seele  ganz  hingegeben  sind  den  Weltengeheim- 
nissen.  Ihnen  alien  sehen  wir  an  —  das  miissen  wir  festhalten  — ,  daB 
sie  ins  Uberirdische  versenkt  sind,  daB  ihre  Seele  im  Geistigen  ruht 
und  das  Menschheitswerden  aus  dem  Geistigen  zu  ergriinden  sucht. 
Ihnen  sehen  wir  an,  daB  sie  mit  ihren  Gedanken  hinaus  sind  iiber 
das,  was  sie  unmittelbar  umgibt,  iiber  das,  was  in  den  menschlichen 
Leidenschaften  und  in  dem  Fanatismus  enthalten  ist  und  in  der 
Ekstase,  die  aus  dem  Fanatismus  und  der  menschlichen  Leidenschaft 
kommt;  daB  sie  nicht  nur  hinaus  sind  iiber  das,  was  der  Mensch 
erblickt,  sondern  auch  iiber  das,  was  er  in  sich  erlebt,  insofern  er 
auf  Erden  Mensch  ist.  Das  ist  das  GroBe  in  dieser  Prophetendarstel- 
lung  des  Michelangelo. 

Dann  wenden  wir  den  Blick  hin  zur  Darstellung  der  Sibyllen. 
Da  haben  wir  zuerst  die  persische  Sibylle  in  der  Nahe  des  Prophe- 
ten Jeremias,  merkwurdig  kontrastierend  mit  dem  sinnigen  Verhal- 


ten  des  Jeremias.  Wie  wenn  sie  das,  was  sie  eben  erf  ahren  hat,  auf- 
drangen  wollte  der  Menschheit,  so  erhebt  sie  die  Hand;  wie  wenn 
sie,  nach  dem  Muster  schlechter  Redner,  unmittelbar  mit  aller 
Macht  beweisen  wollte  das,  was  sie  zu  sagen  hatte,  und  wie  wenn 
sie  gar  nicht  anders  konne,  vermoge  ihrer  fanatischen  Leidenschaft, 
als  in  die  beweisende  Hand  hineinnieBen  zu  lassen  dasjenige,  wo- 
von  sie  iiberreden  mochte  die  ganze  Menschheit!  Dann  wenden  wir 
den  Blick  hin  zu  der  erythraischen  Sibylle.  Da  verspiiren  wir,  wie 
sie  verkniipft  ist  mit  dem,  was  dem  Menschen  sozusagen  von  den 
Geheimnissen  der  Erdenelemente  zukommen  kann.  Eine  Lampe  hat 
sie  iiber  dem  Haupt;  ein  nackter  Knabe  ziindet  die  Lampe  mit  einer 
Fackel  an.  Wie  kann  man  das,  was  man  ausdriicken  will,  deutlicher 
ausdriicken:  Da  ziindet  menschliche  Leidenschaft  das  an,  was  sie 
aus  den  unbewuBten  Seelenkraften  heraus  der  Menschheit  mit  aller 
Gewalt  als  Prophetie  einpflanzen  mochte.  Die  Propheten  sind  hin- 
gegeben  in  ihrer  Seele  dem  Urewigen  im  Geiste;  die  Sibyllen  sind 
mitgedssen  von  allem  Irdischen,  insofern  das  Irdische  das  Geistig- 
Seelische  offenbart.  Die  delphische  Sibylle  zeigt  uns  das  ganz  be- 
sonders,  wenn  wir  sehen,  wie  sogar  ihr  Haar  von  einem  Windhauch 
nach  der  einen  Seite  getrieben  wird,  wie  dieser  Wind  bis  hinein  in 
den  blaulichen  Schleier  blast,  so  daB  sie  dem  Elemente  der  Luft  das 
verdankt,  was  sie  mitzuteilen  hat.  In  diesem  Windhauch,  der  Haar 
und  Schleier  der  Sibylle  durchblast,  tritt  uns  entgegen,  was  die  Erde 
damals  oifenbaren  wollte  durch  den  Mund  dieser  Sibylle,  mit  Ge- 
walt iiberredend.  Dann  die  cumaische  Sibylle:  Sie  redet  mit  halb- 
geoffnetem  Mund  wie  lallend.  Wie  eine  aus  dem  UnbewuBten  stam- 
mende  Prophetie  hervorstammelnd,  so  erscheint  sie  uns.  Die  libysche 
Sibylle,  die  hastig,  wie  sich  umkehrend,  etwas  ergreift,  worin  sie 
Geheimnisse  lesen  kann  —  so  etwa!  Alles  ist  sozusagen  in  diesen 
Sibyllen  hingegeben  dem  unmittelbaren  Erdenelement. 

Es  ist  vieles  gerade  solchen  Dokumenten  anvertraut  in  derjeni- 
gen  Zeit,  wo  man,  wie  das  ja  selbstverstandlich  war  fur  dieses  Zeit- 
alter,  viel  besser  in  der  Malerei,  in  der  Kunst,  ausdriicken  konnte, 
was  man  zu  sagen  hatte,  als  in  einer  spateren  Zeit,  wo  uns  mehr  der 
Begriff,  die  Idee  dienen  muB. 


Was  ist  denn  die  eigentiimliche  Natur  dieser  Sibyllen?  Was  sind 
sie  denn  eigentlich?  Was  bedeutet  ihre  Prophetie?  Man  muB  tief 
hineinbohren,  mochte  man  sagen,  in  die  Geheimnisse  der  Mensch- 
heitsentwickelung,  wenn  man  ergriinden  will,  was  in  den  Seelen 
dieser  Sibyllen  vorgeht. 

Fragen  wir  uns  zu  diesem  Zwecke  noch  einmal:  Warum  hatten 
denn  die  alten  indischen  Rishis  mit  ihrer  uns  ja  kaum  ergriind- 
lichen  Weisheit  den  Christus  Jesus  so  leicht  verstehen  konnen?  Nun, 
es  ist  eine  Trivialitat,  aber  wahr  ist  es  doch:  weil  sie  eben  die  noti- 
gen  Weisheiten  und  Begriffe  hatten,  die  die  vierte  nachatlantische 
Kuiturperiode  nicht  hatte.  Sie  hatten  das  alles,  wonach  vergebens 
zum  Beispiel  lechzten  die  Gnostiker  und  auch  die  Antignostiker  und 
die  apostolischen  Vater,  wie  man  sie  nennt.  Sie  hatten  das  alles;  aber 
wie  hatten  sie  es?  Nicht  als  erarbeitete  Ideen,  nicht  als  etwas,  was 
sie  sich  etwa  wie  Plato  oder  Aristoteles  an  Ideen  erarbeitet  hatten, 
sondern  wie  Eingebungen,  wie  Inspirationen,  wie  etwas,  was  wie 
in  aller  Gewalt  als  konkrete  Inspiration  vor  ihnen  stand.  Ihr  Astral- 
leib  wurde  ergriffen  von  dem,  was  einstromte  aus  dem  Weltenall, 
und  aus  den  Wirkungen  des  Kosmos  auf  ihren  astralischen  Leib 
gingen  hervor  die  Begriffe,  die  ihnen  dann  vor  die  Seele  hatten  zau- 
bern  konnen  die  Wesenheit  des  Christus  Jesus.  Man  mochte  sagen, 
es  ward  den  Menschen  gegeben;  die  Menschen  haben  es  sich  nicht 
erarbeitet,  es  kam  wie  herausgespruht  aus  den  Tiefen  des  Astral- 
leibes.  Und  mit  einer  wunderbaren  Klarheit  kam  es  herausgespruht 
aus  dem  Astralleib  der  heiligen  Rishis  und  ihrer  Schiiler  und  im 
Grande  genommen  der  ganzen,  der  ersten  nachatlantischen  Kuitur- 
periode angehorigen  altindischen  Kultur.  Und  das  war  immer  ge- 
ringer  geworden,  war  aber  noch  da  in  der  zweiten,  in  der  dritten 
nachatlantischen  Kuiturperiode  und  erhielt  sich  als  ein  Rest  bis  in 
die  vierte  nachatlantische  Kuiturperiode  hinein.  Aber  wie?  Als  was 
fur  ein  Rest? 

Wenn  wir  untersuchen  wurden,  wie  es  noch  in  der  dritten  nach- 
atlantischen Kuiturperiode  war,  so  wurden  wir  finden,  dafi  wenig- 
stens  diejenigen  Menschen,  die  sich  auf  die  Hohe  ihrer  Zeit  hinauf- 
geschwungen  hatten  —  und  dazumal  waren  dem  Prozentsatz  nach 


viel  mehr  Gebildete  als  heute  — ,  Begriffe  hatten  iiber  Zusammen- 
hange  des  AuBerirdischen,  iiber  das,  was  sich  symbolisierte  am  Ster- 
nenhimmel.  Sie  konnten  in  den  Bewegungen  der  Sterne  Geheim- 
nisse  des  Weltendaseins  lesen.  Der  dritte  nachatlantische  Zeitraum 
hatte  ganz  gewiB,  wenn  der  Christus  Jesus  auf  Erden  erschienen 
ware,  aus  der  Sternenschrift  erkannt,  welche  Bewandtnis  es  mit  ihm 
gehabt  hat.  Aber  das  war  ja  das  notwendige  Schicksal,  das  wir  dem 
Prinzip  nach  ofters  hervorgehoben  haben  in  bezug  auf  Menschheits- 
entwickelung:  daB  immer  mehr  und  mehr  zuriicktrat  im  mensch- 
lichen  Astralleib  die  Gabe,  so  mit  den  Geheimnissen  der  Welt  durch 
lebendige  Bilder  zusammenzuhangen.  Diese  Bilder  wurden  immer 
chaotischer  und  chaotischer.  Das,  was  auf  diese  Weise  in  die  Men- 
schenseele  hereinkam,  war  immer  weniger  maBgebend  —  nicht  daB 
es  gar  nicht  maBgebend  war,  sage  ich,  sondern  nur  immer  weniger 
und  weniger  maBgebend  —  fiir  die  Ergriindung  der  eigentlichen  Wel- 
tengeheimnisse. 

Und  so  war  es  dann  gekommen,  daB  zweierlei  entstanden  war. 
Auf  der  einen  Seite  die  Begriffswelt,  sagen  wir  des  Plato  und  des 
Aristoteles,  die  Ideenwelt,  man  mochte  sagen,  die  durchgesiebteste 
Geisteswelt,  die  geistige  Welt,  die  am  wenigsten  noch  in  sich  hat 
vom  Geiste,  die  unmittelbar  aus  dem  Ich  selber  erfaBt  und  ergriin- 
det  wird,  nicht  mehr  aus  dem  Astralleibe  kommt.  Denn  das  ist  das 
Charakteristische  der  griechischen  Philosophie,  daB  in  ihr  zum 
erstenmal  der  Geist  sich  aus  dem  Ich  heraus  manifestierte,  wie  er 
sich  aus  dem  Ich  heraus  manifestieren  kann  in  den  ganz  und 
gar  durchsichtigen,  aber  dem  eigentlichen  Geistesleben  doch  ferne- 
stehenden  Begriffen.  Nur  daB  der  griechische  Philosoph  in  dieser 
Beziehung,  ungleich  dem  neueren  Philosophen,  noch  fiihlte,  daB 
die  Gedanken  herstammten  aus  der  geistigen  Welt,  wahrend  der 
neuere  Philosoph  notwendigerweise  ein  Zweifler,  ein  Skeptiker  ge- 
worden  ist,  weil  er  nicht  mehr  den  lebendigen  Zusammenhang  fiihlt 
zwischen  seinen  Gedanken  und  den  Weltengeheimnissen.  Geringer 
wurde  in  der  neueren  Zeit  die  Fahigkeit,  zu  sagen:  Das,  was  ich 
denke,  denkt  der  Weltengeist  in  mir.  Man  muB  schon,  wie  ich  in 
«Die  Schwelle  der  geistigen  Welt»  darzustellen  versucht  habe,  ein 


wenig  durch  Meditation  dazu  kommen,  Vertrauen  zum  Denken  zu 
gewinnen,  jenes  Vertrauen  zum  Ausgestalten  der  Begriffe  und  Ideen, 
das  dem  griechischen  Philosophen  naiv  gegeben  war,  weil  er  seine 
Gedanken  fur  die  Gedanken  des  Weltengeistes  selber  halten  durfte. 
Es  war  also  gleichsam  die  auBerste  Haut  des  Weltengeistes,  was  in 
der  griechischen  Philosophic  an  die  Menschheit  herantrat,  aber  es 
war  eben  doch  noch  von  dem  lebendigen  Leben  des  Weltengeistes 
durchdrungene  Haut;  das  fiihlte  man.  Das  zweite,  was  geblieben 
war  aus  alten  Zeiten,  war  atavistisch,  war  ein  Vererbungsstuck.  Und 
es  blieb  gewissermaBen  in  deutlichster  Weise  in  der  Prophetie  der 
Sibyllen,  die  aus  dem  Chaos  ihrer  Welt  heraus  gleichsam  noch  ein- 
mal  auferstehen  lieBen  die  Krafte  der  Menschenseele,  die  durch  den 
zweiten,  dritten  nachatlantischen  Zeitraum  in  harmonischer  Weise 
gewirkt  hatten  und  die  jetzt  chaotisch  heraufbrachten  Schauer  der 
geistigen  Welt. 

Nehmen  wir  einmal  eine  Hypothese  an,  die  ja  vielleicht  in  unse- 
rem  Zusammenhange  gestattet  sein  mag,  die  Hypothese,  die  man 
so  aussprechen  konnte:  Was  ware  geschehen,  wenn  kein  Christus 
und  auch  keine  griechischen  Philosophen  gekommen  waxen?  Nun, 
dann  hatte  die  Menschheit  eben  fortbestehen  miissen  mit  dem,  was 
sie  als  Erbgut  gehabt  hat,  mit  dem,  was  in  der  vierten  nachatlanti- 
schen Periode  bereits  auf  der  Stufe  des  Sibyllismus  angekommen 
war.  Denken  Sie  sich  das  geradeswegs  fortentwickelt  im  Abendlande 
ohne  Christus-Impuls,  ohne  Philosophic  und  ohne  die  Wissenschaft, 
die  auf  ihr  beruht,  dann  haben  Sie  das  geistige  Chaos  des  Abend- 
landes  vor  Ihre  Vorstellung  gestellt,  das,  was  hatte  werden  konnen 
ohne  Christus  und  ohne  die  Philosophic,  was  aus  demjenigen  hatte 
entstehen  miissen,  was  in  den  Seelen  der  Sibyllen  vorgegangen  ist. 
Aber  Krafte  wirken  nach.  Und  wenn  man  mit  den  Mitteln  der  Gei- 
steswissenschaft  gerade  diese  elementare  Starke  priift,  mit  der  sich 
sozusagen  die  im  unmittelbaren  Umkreis  der  Erde  lebenden  gei- 
stigen Gewalten  in  Wind  und  Wasser  und  Feuer  aussprechen,  und 
wenn  man  priift,  wie  sich  diese  in  die  menschliche  Seele  eingenistet 
hatten,  wenn  man  namentlich  die  Starke  priift,  mit  der  die  Wind-, 
Feuer-,  Wasser-,  Erdengeister  von  den  Seelen  der  Menschen  Besitz 


ergriffen  h'atten,  dann  bekommt  man  eine  Vorstellung  davon,  wie 
zwar  Harmonie  und  Ordnung  gewichen  ist  aus  der  alten  Art,  die 
Welt  zu  erkennen,  die  in  der  ersten,  zweiten,  dritten  nachatlanti- 
schen  Periode  da  war,  wie  aber  noch  die  Krafte  in  den  mensch- 
lichen  Seelen  geblieben  waren.  Die  menschlichen  Seelen  hatten 
nicht  mehr  die  Fahigkeit  gehabt,  wirklich  einen  Zusammenhang 
mit  den  groBen  Erscheinungen  des  Weltalls  in  ihren  Seelen  herzu- 
stellen,  wohl  aber  mit  den  Wind-Geistern,  Feuer-Geistern  und  so 
weiter,  namentlich  mit  all  dem  Gespenster-  und  Damonengeziicht, 
das  sich  losgelost  gezeigt  hatte  von  den  groBen  Weltenzusammen- 
hangen.  Ganz  in  die  Gewalt  der  elementaren  Geister  waren  die 
Menschen  gekommen,  und  ihre  Lehrer  waren  sibyllenartige  Lehrer 
geworden,  und  die  Kraft  ware  so  stark,  daB  sie  heute  und  bis  ans 
Ende  der  Erdentage  verblieben  ware.  Und  wenn  wir  uns  fragen: 
"Wodurch  ist  das  unterblieben?  Wer  hat  bewirkt,  daB  diese  Kraft  all- 
mahlich  abgeschwacht  worden  ist,  die  uns  anschaulich  in  den  Sibyl- 
len  lebt,  so  miissen  wir  antworten:  der  Christus,  der  durch  das 
Mysterium  von  Golgatha  in  die  Erdenaura  ausgeflossen  ist  und  der 
aus  den  Menschenseelen  heraus  zerstort  hat  die  sibyllinische  Kraft, 
weggenommen  hat  die  sibyllinische  Kraft. 

Und  so  erblickt  man,  auf  dem  Boden  der  Geisteswissenschaft  ste- 
hend,  die  merkwurdige  Tatsache,  daB  Menschen  mit  ihrer  Weisheit 
nicht  viel  von  dem  Christus-Impuls  verstehen;  Begriffe  und  Ideen 
erweisen  sich  als  ziemlich  ohnmachtig.  Aber  in  bezug  auf  den  Chri- 
stus-Impuls kommt  es  zunachst  nicht  darauf  an,  daB  er  als  Lehre 
in  die  Welt  tritt,  es  kommt  auf  den  Tatsachencharakter  an,  auf  das, 
was  ausgeflossen  ist  als  unmktelbarer  Impuls  von  dem  Mysterium 
von  Golgatha.  Und  das  muB  man  nicht  allein  suchen  in  dem,  was 
Menschen  lehren,  nicht  suchen  in  dem,  was  Menschen  verstehen, 
sondern  in  dem,  was  geschieht,  geschieht  fiir  die  Menschenseele. 
Und  eine  der  Taten,  den  Kampf  des  in  die  Erdenaura  ausgeflosse- 
nen  Christus  gegen  das  Sibyllentum,  diese  Tat  wollte  ich  Ihnen 
durch  die  heutige  Betrachtung  vorfiihren. 

So  hatte  der  Christus  in  der  Tat  ein  Richteramt  zu  vollfiihren. 
Diejenigen,  die  es  materialistisch  verstanden  haben,  daB  der  Chri- 


stus  nach  seiner  Auferstehung  bald  wiederkommen  werde,  die  hat- 
ten  es  miBverstanden.  Menschliche  Begriffe  der  damaligen  Zeit 
reichten  ja  nicht  hin,  urn  diese  Dinge  zu  verstehen.  Aber  in  dem, 
was  da  chaotisch  als  Wiederkunftsideen  baldiger  Zeit  zutage  trat, 
lebte  die  Wahrheit,  dafi  der  Christus  erschienen  war  auf  einem 
Boden,  den  aufierlich  vorbereitete  Paulus,  wie  wir  morgen  sehen 
werden,  aber  vor  alien  Dingen  erschienen  war  in  dem  Gebiete,  das 
hinter  der  Sinneswelt  liegt,  auf  dem  sich  der  Kampf  abspielt  zwi- 
schen  Christus  und  den  Sibyllen,  ein  geistiger  Kampf.  Den  Schleier 
miissen  wir  liiften,  der  uns  die  Ausbreitung  des  Christentums  auf 
dem  physischen  Plan  zeigt.  Hinter  den  physischen  Plan  miissen  wir 
schauen  auf  jenen  Geisterkampf,  wo  aus  den  Seelen  herausgetrieben 
wird,  was  sonst  zu  immer  groBerer  und  groBerer  Starke  gerade  in 
seinem  chaotischen  Charakter  hatte  heranwachsen  miissen.  Und  der 
versteht  schon  f  alsch  diese  einzige  Tat,  der  nicht  einsieht,  daB  durch 
diese  metaphysische  Tat  ein  Unendliches  fur  die  Menschheit  durch 
den  Christus  geleistet  worden  ist. 

Wer  aber  hat  wenigstens  noch  einiges,  ja  vieles  fur  das  Verstand- 
nis  dieser  Tat  leisten  konnen?  Diejenigen,  die  mit  einer  gewissen 
Inspiration  oder  Offenbarung  aus  der  geistigen  Welt  begabt  waren, 
diejenigen,  die  die  Evangelien  geschrieben  haben,  und  Paulus.  Von 
anderen  Seiten  werden  wir  auch  die  Erscheinung  der  Evangelisten 
und  des  Paulus  zu  wiirdigen  haben.  Wir  werden  aber  jetzt  ins  Auge 
fassen  konnen,  wie  gleichsam  Paulus  inmitten  einer  Welt  stent,  in 
der  etwas  vorgeht  auch  ohne  sein  Wort,  ohne  das,  was  er  mit  seinen 
machtigen,  feurigen  Worten  zum  Verstandnis  des  Mysteriums  von 
Golgatha  hat  beitragen  konnen.  Aber  man  hat  doch  —  das  lassen 
Sie  mich  zum  SchluB  des  heutigen  Vortrags  noch  aussprechen  — , 
gerade  wenn  man  diese  Erscheinung  ins  Auge  faBt,  die  jetzt  als  der 
Kampf  des  Christus  gegen  die  Sibyllen  charakterisiert  worden  ist, 
gegeniiber  dem  Paulus  ein  Gefiihl,  das  ich  in  die  Worte  zusammen- 
fassen  mochte:  Bei  Paulus  erscheint  alles  so,  als  ob  zwischen  seinen 
Worten  noch  viel  mehr  lage  als  das,  was  man  zunachst  liest,  als  ob 
die  Kraft,  die  von  der  Erscheinung  von  Damaskus  auf  ihn  iiber- 
gegangen  ist,  sich  durch  ihn  zum  Ausdruck  brachte  und  als  ob 


durch  ihn  doch  ein  Ton  hereindringe  in  die  Menschheit,  der  ent- 
gegengesetzt  ist  dem  prophetischen  Tone  der  Sibyllen;  als  ob  bei 
ihm  sich  fortsetzte  etwas  von  dem  Ton  der  alten  Propheten,  die 
Michelangelo  so  schon  in  seinen  Figuren  dargestellt  hat.  Die  Sibyl- 
len, sie  haben  etwas  gehabt,  sagte  ich,  was  von  dem  Elementaren 
der  Erde  ausging,  was  nicht  hatte  in  ihnen  sein  konnen,  wenn  nicht 
die  Elementargeister  der  Erde  zu  ihnen  gesprochen  hatten.  Bei  Pau- 
lus  ist  etwas  Ahnliches  da,  etwas,  was  merkwurdigerweise,  aber  ganz 
exoterisch,  schon  die  auBere  Wissenschaft  bemerkt  hat,  was  einen 
aber  wirklich,  man  mochte  sagen,  vor  eine  Welt  des  Staunens  bringt, 
wenn  man  es  geisteswissenschaftlich  betrachtet. 

Auch  Paulus  hat  in  gewisser  Weise  aus  dem  Elementarischen  der 
Erde  geschopft,  aber  aus  einem  eigentiimlichen  Gebiet  des  Elemen- 
tarischen der  Erde.  Und  man  kann  theologisch-rationalistisch-ab- 
strakt  Paulus  selbstverstandlich  ganz  gut  verstehen,  wenn  man  das 
nicht  in  Betracht  zieht,  was  ich  jetzt  sagen  will,  was  von  der  auBeren 
Wissenschaft  nicht  erklart  werden  kann;  man  kann  ihn  ganz  gut 
auslegen,  wenn  man  nur  vom  Standpunkte  der  gewohnlichen  Ratio- 
nalitat  heraus  Paulus  begreifen  will.  Will  man  aber  begreifen,  was 
geistig,  spirituell  in  Paulus  gelebt  hat,  in  und  zwischen  seinen  Wor- 
ten,  will  man  begreifen,  warum  man  durch  seine  Worte  durchfuhlt 
etwas  Ahnliches  wie  in  den  Prophetien  der  Sibyllen,  aber  bei  ihm 
ausgehend  von  einem  guten  Elemente  der  Erdenentwickelung,  dann 
kommt  die  Erscheinung  in  Betracht,  die  die  Frage  beantwortet:  Wie 
weit  geht  die  Welt  des  Paulus?  Wie  begrenzt  sich  die  Welt  des  Pau- 
lus? Und  das  Merkwiirdige,  was  wir  als  Antwort  bekommen,  ist: 
Paulus  wurde  groB  in  derjenigen  Welt,  die  gerade  so  weit  geht  wie 
die  Olbaumkultur.  Ich  sage  etwas  Sonderbares,  ich  weiB  es;  aber 
wir  werden  sehen,  daB  dieses  Sonderbare  doch  in  gewisser  Weise 
sich  auflost,  wenn  wir  morgen  auf  die  Gestalt  des  Paulus  ein  wenig 
eingehen  werden.  Die  Erde  ist  auch  geographisch  voller  Geheim- 
nisse.  Und  ein  Gebiet  der  Erde,  auf  dem  der  Olbaum  gedeiht,  ist  ein 
anderes  als  dasjenige,  auf  dem  die  Eiche  oder  Esche  gedeiht.  Und 
der  Mensch  steht  als  physisches  Wesen  in  physischer  Verkdrperung 
mit  den  elementaren  Geistern  in  Beziehung.  Anders  raunt  und 


rauscht  und  walk  und  webt  es  in  der  Welt  des  Olbaumes  als  in  der 
Welt  der  Eiche  oder  Esche  oder  Eibe.  Und  wenn  man  den  Zusam- 
menhang  des  Erdenwesens  mit  dem  Menschheitswesen  begreifen 
will,  dann  ist  es  nicht  unnotig,  auch  auf  solche  eigentiimliche  Er- 
scheinungen  aufmerksam  zu  machen  wie  diejenige,  daB  Paulus 
gerade  so  weit  kommt  mit  seinem  Wort  auf  der  Erde,  wie  der  Ol- 
baum  reicht  Paulus'  Welt  ist  die  Welt  des  Olbaums. 


DRITTER  VORTRAG 


Leipzig,  30,  Dezember  1913 


Diese  Vortrage  sollen  so  veranlagt  werden,  daB  einzelne  Motive 
angeschlagen  werden  und  dann  herbeigeholt  wird,  was  zu  diesen 
Motiven  verstandnisvoll  hinfiihren  kann.  So  habe  ich  angeschlagen 
als  Motiv,  was  ich  vom  schwierigen  Verstehen  der  Christus  Jesus- 
Wesenheit  gesagt  habe,  dann  dasjenige  von  der  symptomatischen 
Ausgestaltung  einer  Seite  des  menschlichen  Seelenlebens  im  vierten 
nachatlantischen  Zeitraum  in  den  Prophezeiungen  der  Sibyllen,  und 
endlich  habe  ich  zum  Schlusse  der  vorigen  Betrachtung  angeschla- 
gen das  Thema  Paulus  und  der  Olbaum.  Auf  diese  Leitmotive  werde 
ich  wieder  zuruckkommen.  Aber  wir  miissen  uns  gewissermaBen  in 
Kreisen  diesen  Leitmotiven  nahern,  die  wir  in  den  Mktelpunkt  die- 
ser  Kreise  schreiben.  Es  wird  sich  dann  schon  herausstellen,  was 
eigentlich  mit  diesen  Motiven  gemeint  ist.  Heute  mochte  ich  zu 
Ihnen  einiges  iiber  die  Christus- Wesenheit  als  solche  sprechen.  Wir 
werden  dann  sehen,  warum  sich  diese  Christus  Jesus -Wesenheit 
gerade  in  Paulus  in  einer  bestimmten  Weise  spiegelt. 

Wir  wissen  ja  aus  friiheren  Vortragen,  daB  die  Christus- Wesen- 
heit verstanden  werden  kann,  wenn  wir  die  Evolution  unseres 
Systems  zuriickverfolgen  bis  zum  alten  Sonnendasein.  Und  bei  ver- 
schiedenen  Gelegenheiten,  in  Vortragszyklen,  die  ja  jetzt  auch  schon 
veroffentlicht  sind,  wurde  aufrnerksam  gemacht  darauf ,  daB  wir  es 
mit  einer  hohen  geistigen  Wesenheit  —  so  wollen  wir  sie  zunachst 
nennen  —  zu  tun  haben  in  der  Christus- Wesenheit  und  daB  fur  die 
eigene  Entwickelung  dieser  hohen  geistigen  Wesenheit  insbesondere 
die  alte  Sonnenzeit  wichtig  gewesen  ist.  Dariiber  will  ich  mich  also 
jetzt  nicht  weiter  verbreiten.  Wir  wollen  einfach  hinschauen  zur 
Christus- Wesenheit  als  zu  einer  hohen  geistigen  Wesenheit.  Nun 
haben  wir  zum  Verstandnis  der  menschlichen  Entwickelung  auf  der 
Erde  aber  noch  anderes  notwendig,  und  wir  haben  ja  gesehen,  wie 
notwendig  das  ist,  weil  gerade  gegeniiber  einer  gewissen  Tatsache 


sich  ohnm'achtig  erweisen  die  Begriffe  und  Ideen,  die  im  vierten 
nachatlantischen  Zeitalter  diese  Christus  Jesus  -Wesenheit  zu  ver- 
stehen  trachteten.  Diese  Frage  tauchte  ja  besonders  in  den  ersten 
Jahrhunderten  bei  den  Gnostikern,  bei  den  apostolischen  Vatern, 
bei  den  Personlichkeiten,  die  zur  Begriindung  des  Christentums  in 
der  einen  oder  anderen  Form  den  AnlaB  gegeben  haben,  immer 
wieder  und  wiederum  auf:  Wie  verhalt  sich  das  Christus -Wesen 
zum  Wesen  des  Jesus? 

Nun  wissen  wir  schon,  dafi  wir  zwei  Jesusknaben,  die  heran- 
wachsen,  zu  unterscheiden  haben.  Mit  dem  einen  Jesusknaben  brau- 
chen  wir  uns  in  diesem  Zusammenhange  nicht  weiter  zu  befassen, 
denn  er  ist  uns  aus  unseren  anthroposophischen  Voraussetzungen 
heraus  leicht  verstandlich.  Ich  meine  den  Jesus,  in  dem  das  Ich  des 
Zarathustra  lebte.  Wir  haben  es  da  zu  tun  mit  einer  menschlichen 
Wesenheit,  die  einen  hohen  Entwkkelungsgrad  schon  in  dem  zwei- 
ten  nachatlantischen  Zeitalter  erreicht  hatte  und  die  dazumal  die 
geistige  Stromung  eben  des  Zarathustra  begriindete  und  dann  weiter- 
lebte,  die  alsdann  in  dem  salomonischen  Jesusknaben  wiederum 
sich  verkorperte  und  in  ihm  bis  zum  zwolften  Lebensjahre  jene 
Entwickelung  annahm,  die  ein  so  hohes  Ich  in  dieser  Zeit  der 
Menschheitsinkarnation  eben  annehmen  konnte.  Wir  wissen  ferner, 
daB  dieses  Zarathustra-Ich  hiniibergegangen  ist  in  den  Leib  des 
anderen  Jesusknaben,  dessen  Wesenheit  etwas  durchschimmert  im 
Lukas-Evangelium,  des  sogenannten  nathanischen  Jesusknaben. 

Diesen  nathanischen  Jesusknaben  mussen  wir  ein  wenig  be- 
trachten.  Ich  habe  ja  schon  aufmerksam  darauf  gemacht,  daB  wir 
es  bei  diesem  Jesusknaben  nicht  zu  tun  haben  mit  einem  Menschen- 
wesen,  wie  andere  Menschenwesen  sind,  im  strengen  Sinne  des 
Wortes.  Wir  haben  es  zu  tun  mit  einem  Wesen,  bei  dem  wir  nicht 
davon  sprechen  kbnnen,  daB  es  vorher  als  Mensch  in  diesem  oder 
jenem  Individuum  auf  der  Erde  inkarniert  war.  Wir  haben  immer 
betont,  daB  gleichsam  von  dem  Seelenhaften,  das  von  geistigen 
Welten  zur  Erde  gekommen  ist,  um  sich  dann  in  den  einzelnen 
menschlichen  Individualitaten  auf  der  Erde  auszuleben,  etwas  zu- 
riickgeblieben  ist  und  daB  dieses  Zuriickgebliebene  erscheint  in  dem 


nathanischen  Jesusknaben.  So  daB  wir  von  diesem  nathanischen 
Jesusknaben  nicht  sagen  konnen,  es  lebe  in  ihm  ein  solches  Ich 
wie  in  anderen  Menschen,  das  skh  durch  vorhergehende  Inkarna- 
tionen  in  einer  gewissen  Art  entwickelt  hat.  Wir  haben  audi  fiir 
diesen  nathanischen  Jesusknaben  —  das  geht  schon  hervor  aus 
meiner  Darstellung  in  der  «Geheimwissenschaft»  —  anzuerkennen, 
dafi  er  vorher  nicht  als  Mensch  auf  der  Erde  gewandelt  ist.  Es  fragt 
sich  jetzt  nur:  War  dieses  Wesen,  das  wir  jetzt  einfach  nennen  wol- 
len  Jesus  von  Nazareth,  vorher  in  irgendeiner  Verbindung  mit  der 
Erdenentwickelung?  Mit  der  Erdenentwickelung  sind  ja  nicht  nur 
in  Verbindung  diejenigen  Wesenheiten  und  Krafte,  die  sozusagen 
auf  der  Erde  sich  selber  inkarnieren,  sondern  auch  geistige  Wesen- 
heiten und  Krafte,  welche  den  hoheren  Hierarchien  angehoren. 
Wenn  etwas  zuriickgeblieben  ist  in  der  Substanz  gleichsam,  die 
dann  sich  verteilte  auf  die  einzelnen  Menschenseelen  und  die  dann 
gewissermaBen  als  der  nathanische  Jesusknabe  geboren  wurde,  so 
ist  damit  nicht  gesagt,  daB  diese  Wesenheit  nicht  vorher  schon  in 
irgendeiner  Beziehung  gestanden  habe  zur  Erdenentwickelung.  Nur 
war  sie  eben  nicht  so  in  Beziehung  zur  Erden-  und  Menschheits- 
entwickelung  gekommen,  daB  sie  vorher  als  Mensch  auf  der  Erde 
herumgewandelt  ware.  Wie  haben  wir  diese  Wesenheit  in  Bezie- 
hung zur  Erdenentwickelung  zu  denken?  Wenn  wir  die  Entwicke- 
lung  dieses  nathanischen  Jesus  ins  Auge  fassen,  so  miissen  wir  sie 
also  nicht  suchen  innerhalb  dessen,  was  uns  die  physische  Erden- 
entwickelung darbieten  kann,  sondern  wir  miissen  sie  in  den  gei- 
stigen  Reichen  suchen,  in  demjenigen,  was  vorher  nicht  irdisch  war. 
Und  da  stellt  sich  denn  fiir  die  Beobachtung,  von  der  ich  ja  oft  gespro- 
chen  habe,  fiir  die  hellseherische  Beobachtung,  das  Folgende  heraus: 
Erinnern  wir  uns  einmal  an  das,  was  in  der  «Geheimwissen- 
schaft»  dargestellt  ist,  wie  von  der  lemurischen  Zeit  an,  mit  Aus- 
nahme  des  einen  Hauptpaares  der  Menschheit,  die  Seelen  allmah- 
lich  herunterziehen  von  den  anderen  Planeten  und  durch  die  atlan- 
tische  Zeit  hindurch  sich  in  Menschenleibern  verkorpern.  Wir 
haben  also  die  Entwickelung  der  Erde  gewissermaBen  so  zu  denken, 
daB  aus  der  kosmischen  Umgebung  der  Erde  die  Seelen  zuziehen 


und  in  verschiedenen  Zeitpunkten  sozusagen  ihre  erneuerte  irdische 
Entwickelung  beginnen.  Wir  wissen  ja,  daJB  vor  der  lemur ischen 
Zeit  die  Seelen  sich  zu  den  Planeten  gewissermaBen  zuriickgezogen 
hatten.  Wir  wissen  nun  aber  auch,  daB  diese  irdische  Entwickelung 
der  Erde,  in  die  die  Menschenseelen  einzutreten  hatten,  ausgesetzt 
war  den  Anfechtungen  des  Luzifer  und  sp'ater  des  Ahriman.  So  also 
waren  die  Menschenseelen  veranlaBt,  in  Leiber  einzuziehen,  inner- 
halb  welcher  sie  im  Verlaufe  der  Erdenentwickelung  den  Anfech- 
tungen dieser  beiden  geistigen  Wesenheiten  ausgesetzt  waren.  Wenn 
nichts  weiter  als  dieses  eingetreten  ware,  daB  die  Menschenseelen 
wieder  herabgekommen  waren  von  ihrem  planetarischen  Dasein  in 
die  Erdenentwickelung  herein  und  dann  ausgesetzt  worden  waren 
den  luziferisch-ahrimanischen  Einflussen,  so  ware  mit  diesen  Men- 
schen  auf  Erden,  so  wie  sie  da  durchgehen  durch  ihre  Inkarnationen, 
etwas  geschehen,  was  ich  noch  nicht  angedeutet  habe  in  der  «Ge- 
heimwissenschaft».  Man  kann  jedoch  in  der  Gegenwart  nicht  alles 
gleich  offentlich  sagen.  Es  waren  namlich  diese  Menschen  zunachst, 
wie  sie  so  herunterkamen  von  den  Planeten  und  in  physische  Leiber 
einziehen  muBten,  einer  gewissen  Gefahr  der  Sinnesentwickelung 
ausgesetzt  gewesen.  Wir  diirfen  uns  namlich  nicht  vorstellen,  daB 
das  so  einfach  gegangen  ware,  daB  diese  Menschenseelen  von  ihrem 
planetarischen  Aufenthalte  heruntergekommen  waren  auf  die  Erde, 
Menschenleiber  bezogen  hatten  und  daB  dann  alles  in  Ordnung  ver- 
laufen  ware.  Dadurch,  daB  das  luziferische  und  ahrimanische  Prinzip 
in  ihnen  waltete,  waren  diese  Menschenleiber  nicht  so  eingerichtet, 
daB  die  Menschen  diejenige  Entwickelung  hatten  annehmen  konnen, 
die  sie  dann  wirklich  angenommen  haben.  Waren  diese  Seelen  ein- 
fach so  eingezogen,  daB  sie  die  Krafte  benutzt  hatten,  die  ihnen  diese 
Menschenleiber  in  bezug  auf  die  Sinne  geboten  hatten,  so  wiirden 
diese  Menschenseelen  ihre  Sinne  haben  in  einer  eigentiimlichen 
Weise  benutzen  miissen,  in  einer  Weise,  die  eigentlich  fur  Menschen 
nicht  moglich  gewesen  ware. 

Ich  will  dieses  durch  folgendes  erklaren.  Beim  Einziehen  der 
Seelen  in  die  Menschenkorper  wiirde  zum  Beispiel  das  Auge  von 
einer  Farbe  nicht  nur  so  beeindruckt  worden  sein,  affiziert  worden 


sein,  daB  es  sie  so  wahrgenommen  hatte,  wie  es  spater  diese  Farbe 
sah,  sondern  von  der  einen  Seite  wiirde  das  Auge  so  beeindruckt 
worden  sein,  daB  es  sich  durchseligt  gefiihlt  hatte,  von  einem  hefti- 
gen  Lustgefiihl  durchzogen  worden  ware;  das  Auge  hatte  formlich 
gegliiht  von  Lust  bei  der  einen  Farbe,  bei  der  anderen  wiirde  es 
durchzogen  worden  sein  von  intensiver  Antipathie  gegen  diese  Farbe, 
wiirde  schmerzlich  beriihrt  worden  sein.  Also  durch  das,  was  durch 
die  luziferischen  und  ahrimanischen  Einfiiisse  vorhanden  war,  waren 
Korper  nicht  moglich,  deren  Sinne  fur  die  Seelen,  die  jetzt  von  den 
Planeten  heruntergekommen  waren,  richtige  Aufenthaltsorte  h'atten 
abgeben  konnen.  Gequalt  von  der  Antipathie  und  Sympathie  ihrer 
Sinne  waren  die  Menschen  gewesen;  man  hatte  so  durch  die  Welt 
gehen  miissen,  dafi  man  fortwahrend  von  Sympathie  beseligt  oder 
von  Antipathie  gequalt  worden  ware,  je  nachdem  man  diese  oder 
jene  Farbe  gesehen  hatte;  man  ware  beseligt  oder  furchtbar  schmerz- 
haft  zuriickgestoBen  worden.  So  war  die  ganze  Evolution  veranlagt, 
so  wirkten  die  kosmischen  Krafte  herein  auf  die  Erde,  namentlich 
von  der  Sonne  aus,  daB  die  Sinne  in  einer  solchen  Weise  waren  aus- 
gebildet  worden.  Jedes  Beschauen  der  Welt  in  Weisheit,  in  einer  ge- 
wissen  gelassenen  Weisheit,  ware  unmoglich  gewesen.  Es  muBte  eine 
Anderung  in  den  kosmischen  Kraften  stattflnden,  die  aus  der  kosmi- 
schen Umgebung  der  Erde  hereinflossen  und  die  Sinne  der  Men- 
schenleiber  aufbauten,  ausgestalteten.  Es  muBte  in  der  geistigen 
Welt  etwas  geschehen,  daB  die  Krafte  nicht  so  hereinkamen,  daB 
diese  Sinne  bloBe  Antipathie-  und  Sympathieorgane  geworden 
waren,  denn  das  waren  sie  geworden  unter  Luzifers  und  Ahrimans 
EinfluB.  Aus  diesem  Grunde  geschah  folgendes: 

Jene  Wesenheit,  von  der  wir  jetzt  sagten,  sie  habe  zunachst  nicht 
den  Weg  gewahlt  herunter  von  den  Planeten  zur  Erde,  sondern  daB 
sie  zuriickgeblieben  ware,  jene  Wesenheit,  die  spater  als  der  nathani- 
sche  Jesusknabe  erschien,  die  also  vorlaufig  in  den  geistigen  Welten 
war  in  uralten  Zeiten,  jene  Wesenheit  beschloB  —  wenn  wir  den 
Ausdruck  gebrauchen  durfen,  natiirlich  sind  alle  diese  Ausdriicke 
aus  der  menschlichen  Sprache  genommen  und  besagen  nicht  voll, 
was  man  sagen  will  —  also  sie  beschloB  dazumal,  als  sie  noch  in  der 


Welt  der  oberen  Hierarchien  war,  eine  solche  Entwickelung  durch- 
zumachen,  die  sie  befahigte,  in  der  geistigen  Welt  eine  Zeitlang 
durchsetzt  zu  sein  von  der  Christus-Wesenheit.  Wir  haben  es  also 
zu  tun  nicht  mit  einem  Menschen,  sondern  mit  einer  iibermensch- 
lichen  Wesenheit  —  wenn  wir  so  sagen  diirfen  —  welche  in  der  gei- 
stigen Welt  lebte,  welche  sozusagen  den  Jammer  des  menschlichen 
Sinnensystems  um  Hilfe  hinaufschreien  horte  zu  den  geistigen  Wel- 
ten  und  die  durch  das,  was  sie  da  durch  diesen  Hilfe-  und  Jammer- 
schrei  der  Menschheit  empfand,  sich  geeignet  machte,  durchdrun- 
gen  zu  werden  von  der  Christus-Wesenheit. 

Dadurch  wurde  in  den  geistigen  Welten  die  Wesenheit,  die  spater 
der  nathanische  Jesusknabe  war,  gleichsam  durchgeistigt  von  der 
Christus-Wesenheit  und  verwandelte  die  kosmischen  Krafte,  die  her- 
einstromten  zum  Aufbau  der  Sinne,  in  der  Art,  daB  diese  Sinne  aus 
bloBen  Sympathie-  und  Antipathieorganen  zu  den  Organen  wurden, 
welche  die  Menschheit  dann  brauchen  konnte.  So  kam  der  Mensch 
dazu,  mit  Weisheit  hinschauen  zu  konnen  auf  alle  Sinneswahr- 
nehmungs-Nuancen.  In  ganz  anderer  Weise  waren  die  kosmischen 
Krafte,  die  seine  Sinne  aufbauen,  an  den  Menschen  herangekom- 
men,  wenn  dieses  Ereignis,  das  weit  zuriickliegt,  das  noch  der  lemu- 
rischen  Zeit  angehort,  in  den  geistigen  Welten  nicht  eingetreten 
ware.  Es  war  so,  daB  das  Wesen,  das  dann  als  der  nathanische  Jesus- 
knabe erschien,  damals  noch  wohnhaft  war  —  wenn  ich  diesen  Aus- 
druck  gebrauchen  darf  —  auf  der  Sonne  und  daB  durch  den  eben 
erwahnten  Jammerschrei  —  wenn  ich  wiederum  den  Ausdruck  ge- 
brauchen darf  —  es  so  etwas  in  sich  durchlebte,  was  moglich  machte, 
daB  es  von  dem  Sonnengeist  selber  durchsetzt  wurde,  so  durchsetzt, 
daB  gleichsam  die  Sonnenwirksamkeit  in  der  Art  gemildert  wurde, 
daB  die  menschlichen  Sinnesorgane,  die  wesentlich  Ergebnis  dieser 
Sonnenwirksamkeit  sind,  nicht  zu  bloBen  Sympathie-  und  Antipathie- 
organen wurden. 

Damit,  meine  lieben  Freunde,  streifen  wir  wirklich  ein  bedeut- 
sames  kosmisches  Geheimnis,  das  uns  vieles  verstandlich  machen 
muB,  was  spater  geschehen  ist.  Nun  konnte  gewissermaBen  Ord- 
nung  und  Harmonie,  weisheitsvolle  Gestaltung  eintreten  in  der 


Welt  der  menschlichen  Sinne,  und  die  Entwickelung  konnte  eine 
Weile  fortgehen.  Es  war  in  einer  gewissen  Weise  die  schlimmste 
Wirksamkeit  Luzifers  und  Ahrimans  von  den  menschlichen  Sinnen 
abgeschlagen  aus  den  oberen  Welten  her. 

Spater  kam  eine  Zeit  —  die  fallt  nun  schon  in  die  Zeit  der  Atlan- 
tis herein  — ,  in  welcher  sich  herausstellte,  daB  diese  menschliche 
Korperlkhkeit  wiederum  nicht  ein  geeignetes  Werkzeug  sein  konne, 
wenn  die  Entwickelung  entsprechend  weitergehen  solle.  Das,  was 
gleichsam  eine  Weile  in  einer  brauchbaren  Art  sich  entwickelt  hatte, 
die  menschlichen  Lebensorgane  und  ihre  Grundkrafte,  der  Ather- 
leib,  das  war  in  Unordnung  gekommen.  Denn  die  kosmischen 
Krafte,  welche  hereinwirkten  aus  der  Umgebung  der  Erde  und 
denen  es  obliegt,  gerade  in  diese  Lebensorgane  des  Menschen  hin- 
ein,  in  die  Atmungsorgane,  die  Zirkulationsorgane  und  so  weiter, 
Ordnung  zu  bringen,  diese  Krafte  entwkkelten  sich  unter  dem  luzi- 
ferischen  und  ahrimanischen  EinfluB  so,  daB  die  Lebensorgane  eben 
nicht  brauchbar  geworden  waren  fiir  die  Menschenwesen  auf  Erden. 
Sie  hatten  eine  ganz  eigentiimliche  Gestaltung  angenommen.  Die- 
jenigen  Krafte  namlich,  welche  diese  Lebensorgane  zu  versorgen 
haben,  gehen  nicht  direkt  von  der  Sonne  aus,  sondern  von  dem,  was 
man  in  fruheren  Zeiten  die  sieben  Planeten  nannte.  Die  planeta- 
rischen  Krafte  wirkten  in  den  Menschen  herein  aus  dem  Kosmos. 
Und  notwendig  war,  daB  nun  auch  gemildert  wurden  diese  die 
menschlichen  Lebensorgane  bedingenden  kosmischen  Krafte.  Ware 
die  Entwickelung  so  fortgegangen,  wie  diese  kosmischen  Krafte  sie 
hatten  einrichten  konnen  unter  dem  EinfluB  Ahrimans  und  Luzi- 
fers, so  ware  es  so  gekommen,  daB  der  Mensch  in  diesen  Lebens- 
organen  entweder  nur  Organe  der  Gier  oder  Organe  des  Ekels  ge- 
habt  hatte.  Der  Mensch  hatte  zum  Beispiel  nicht  bloB  essen  kon- 
nen, sondern  bei  der  einen  Speise  hatte  er  sich  gar  nicht  bewaltigen 
konnen  vor  Gier,  sich  auf  sie  loszustiirzen,  und  die  andere  Speise 
hatte  ihn  zuriickgestoBen  in  furchtbarem  Ekel.  Das  alles  sind  Dinge, 
welche  sich  uns  als  Weltengeheimnis,  zunachst  als  kosmisches  Ge- 
heimnis  enthiillen,  wenn  wir  versuchen,  hellseherisch  in  die  Wel- 
tengeheimnisse  einzudringen. 


Wiederum  muBte  etwas  geschehen  in  den  geistigen  Welten  sel- 
ber,  damit  diese  fur  die  Menschheit  verheerende  Wirkung  nicht  ein- 
trate.  Und  siehe  da,  dieselbe  Wesenheit,  die  dann  sparer  im  natha- 
nischen  Jesusknaben  erschien,  die,  wie  wir  eben  auseinandergesetzt 
haben,  in  alterer  Zeit  auf  der  Sonne  wohnte  und  dort  durchgeistigt 
worden  war  von  der  Christus- Wesenheit,  von  dem  hohen  Sonnen- 
geiste,  diese  Wesenheit  zog  jetzt  von  Planet  zu  Planet,  in  ihrem 
Innersten  beruhrt  von  der  Unmoglichkeit,  die  Menschheitsentwicke- 
lung  so  weitergehen  zu  lassen.  Und  dieses,  was  sie  da  durchlebte, 
wirkte  nun  wiederum  so  stark  auf  sie,  indem  sie  nacheinander  auf 
den  verschiedenen  Planeten  sich  verkorperte,  daB  zu  einer  bestimm- 
ten  Zeit  w'ahrend  der  atlantischen  Entwickelung  wiederum  der  Chri- 
stus-Geist  sie  durchsetzte.  Und  durch  das,  was  jetzt  zustande  kam 
durch  die  Durchsetzung  dieser  selben  Wesenheit  mit  dem  Christus- 
Geist,  trat  die  Moglichkeit  ein,  daB  die  Lebensorgane  der  Menschen 
die  MaBigkeit  eingepflanzt  erhielten.  Wie  friiher  die  Sinnesorgane 
die  gelassene  Weisheit  erhalten  hatten,  so  erhielten  jetzt  die  Lebens- 
organe die  MaBigung,  so  daB  man  nicht  mehr,  wenn  man  atmet  an 
einem  Ort,  gierig  den  Atem  zu  schliirfen  oder  durch  Ekel  zuriick- 
gestoBen  zu  werden  braucht  von  dem  andern  Raum,  sondern  gleich- 
sam  mit  gemaBigten  Organen  der  Welt  gegeniibertreten  kann.  Das 
war  die  Tat  einer  Durchgeistigung  dieses  nathanischen  Jesusknaben, 
so  konnen  wir  sagen,  in  den  geistigen  Welten  mit  dem  Christus- 
Geist,  mit  dem  hohen  Sonnengeist. 

Dann  trat  im  weiteren  Verlauf  der  Menschheitsentwickelung  ein 
Drittes  ein.  Eine  dritte  Unordnung  hatte  kommen  miissen  in  dieser 
Menschheitsentwickelung,  wenn  die  Seelen  nur  die  Korper  immer 
fortgesetzt  hatten  beziehen  miissen,  die  auf  der  Erde  moglich  ge- 
worden  waren.  Wir  konnen  sagen,  bis  zu  dieser  Zeit  war  im  wesent- 
lichen  das  Leibliche  geordnet.  Durch  die  beiden  Christus -Taten  in 
den  ubersinnlichen  Welten  waren  des  Menschen  Sinnesorgane  so 
eingerichtet,  daB  der  Mensch  den  Leib  in  entsprechender  Weise  auf 
Erden  benutzen  kann.  Es  waren  auch  die  Lebensorgane  so  einge- 
richtet, dafi  der  Mensch  den  Leib  in  entsprechender  Weise  benutzen 
kann.  Nicht  aber  waren  die  Seelenorgane  eingerichtet.  Der  Mensch 


hatte  mit  seinen  Seelenorganen  in  Unordnung  kommen  miissen, 
wenn  weiter  nichts  geschehen  ware.  Und  da  meine  ich  namentlich, 
das  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  hatten  in  Unordnung  kommen  miis- 
sen, so  daB  das  Wollen  das  Denken,  das  Fiihlen  das  Wollen  und  so 
weiter  immerfort  gestort  hatte.  Die  Menschen  waren  gewissermaBen 
verurteilt  gewesen  zu  einem  fortwahrenden  chaotischen  Gebrauche 
ihrer  Seelenorgane,  des  Denkens,  Fiihlens  und  Wbllens.  Sie  waren 
entweder  Rasende  geworden  durch  ein  UbermaB  des  Wbllens,  oder 
aber  umdammert  durch  ein  zuriickgehaltenes  Fiihlen,  oder  Leute 
mit  nuchtigen  Ideen  durch  ein  hypertrophiertes  Denken  und  so  wei- 
ter. Das  war  die  dritte  groBe  Gefahr,  der  die  Menschheit  in  gewis- 
ser  Weise  auf  Erden  ausgesetzt  war.  Nun  wird  das,  was  diese  drei 
Seelenkrafte  —  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  —  ordnet,  auch  noch 
von  dem  Kosmos  aus  geordnet,  von  der  Erdenumgebung;  denn  die 
Erde  selber  ist  im  wesentlichen  der  Schauplatz  fur  die  Ordnung  des 
Ich.  Das  entsprechende  Zusammenwirken  der  drei  Seelenkrafte,  des 
Denkens,  Fiihlens  und  Wbllens,  muB  geordnet  werden,  jetzt  aber 
nicht  von  alien  Planeten  aus,  sondern  nur  von  Sonne,  Mond  und 
Erde,  so  daB  durch  das  entsprechende  Zusammenwirken  von  Sonne, 
Mond  und  Erde,  wenn  dieses  harmonisch  ist,  auch  der  Mensch  ver- 
anlagt  wird  zu  einem  harmonischen  Zusammenwirken  seines  Den- 
kens, Fiihlens  und  Wollens. 

Es  muBte  auch  in  bezug  auf  diese  Kraf te  Abhilfe  geschaffen  wer- 
den aus  der  geistigen  Welt  heraus.  Und  nun  nahm  die  Seele  jenes 
Wesens,  das  spater  zu  dem  nathanischen  Jesus  wurde,  eine  solche 
kosmische  Seelenform  an,  daB  sein  Leben  gewissermaBen  weder  auf 
der  Erde  noch  auf  dem  Monde  noch  auf  der  Sonne  war,  sondern  so, 
daB  es  sich,  gleichsam  die  Erde  umkreisend,  abhangig  fiihlte  von 
den  Einflussen  von  Sonne,  Mond  und  Erde  zugleich.  Die  Erden- 
einfliisse  kamen  ihm  von  unten  herauf,  die  Mond-  und  Sonnen- 
einfliisse  von  oben  herunter.  Das  hellseherische  BewuBtsein  sieht 
eigentlich  dieses  Wesen,  wenn  ich  so  sagen  darf,  in  der  Blutezeit 
seiner  Entwickelung  in  derselben  Sphare,  in  der  der  Mond  um  die 
Erde  kreist.  Also  ich  kann  nicht  genau  sagen:  der  MondeneinfluB 
kam  von  oben;  sondern  er  kam  eigentlich  aus  dem  Orte,  wo  er 


selber  war,  dieser  vorirdische  nathanische  Jesus.  Das  wiederum 
schrie  zu  ihm  hinauf,  was  aus  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  der 
Menschenseele  hatte  werden  miissen,  und  er  suchte  in  seinem 
Innern  ganz  durchzuempfinden  dieses  Tragische  der  Menschheitsent- 
wickelung.  Dadurch  aber  rief  er  auf  sich  herab  wiederum  den  hohen 
Sonnengeist,  der  sich  jetzt,  zum  drittenmal  ihn  durchgeistigend,  auf 
ihn  herniederlieB.  So  daB  wir  in  kosmischer  Hohe,  auBerirdisch,  ein 
drittes  Durchdringen  dieses  nathanischen  Jesusknaben  haben  mit 
dem  hohen  Sonnengeist,  den  wir  als  den  Christus  bezeichnen. 

Nun  werde  ich  Ihnen  das,  was  geschehen  ist  durch  diese  dritte 
Durchseelung  —  so  mdchte  ich  es  wieder  nennen,  was  da  geschehen 
ist  — ,  auf  etwas  andere  Art  schildern,  als  ich  die  beiden  anderen 
Durchseelungen  geschildert  habe.  Das,  was  da  geschehen  ist  gleich- 
sam  in  drei  aufeinanderfolgenden  Stufen  der,  wir  konnen  sagen, 
geistigen,  meinetwillen  himmlischen  Entwickelung,  das  spiegelte 
sich  dann  in  den  verschiedenen  Weltanschauungen  der  nachatlan- 
tischen  Volker.  Es  wirkte  das  ja  alles  weiter,  es  war  en  ja  geblieben 
die  Wirkungen,  die  dadurch  entstanden  waren,  daB  einmal  in  alter, 
noch  lemurischer  Zeit  die  Christus-Wesenheit  durchseelt  hatte  jenes 
Wesen,  das  zum  nathanischen  Jesusknaben  geworden  ist;  die  Wir- 
kungen waren  geblieben  sozusagen  in  der  Sonnenwirksamkeit.  Und 
die  Einweihung  des  Zarathustra  bestand  darin,  daB  er  die  Sonnen- 
wirksamkeit mit  diesen  Wirkungen  impragniert  empfand.  Dadurch 
ist  die  Lehre  des  Zarathustra  entstanden,  die  gleichsam  in  seine  Seele 
hereinprojiziert,  geoffenbart  hat,  was  in  uralten  Zeiten  geschehen  ist. 

Die  dritte  nachatlantische  Kulturperiode,  die  wir  als  die  agyp- 
tisch-chaldaische  bezeichnen,  sie  entstand  zu  einem  Teil  dadurch, 
daB  sich  in  die  Seelen  hereinspiegelten,  daB  die  Seelen  innerlich 
noch  erlebten  die  Wirkungen,  die  dadurch  entstanden  waren,  daB 
der  Sonnengeist  durchzogen,  durchseelt  hatte  das  Wesen,  das  dann 
der  nathanische  Jesus  geworden  ist,  wahrend  es  seinen  Rundgang 
durch  die  Planeten  nahm.  Dadurch  entstand  jene  Wissenschaft  von 
den  planetarischen  Wirksamkeiten,  die  wir  in  der  chaldaischen 
Astrologie  vor  uns  haben,  von  der  heute  die  Menschen  nur  mehr 
wenige  BegrifTe  haben.  In  der  dritten  nachatlantischen  Kultur- 


periode,  also  bei  den  agyptisch-chaldaischen  Volkern,  entwickelte 
sich  jener  Sternendienst,  der  ja  auBerlich,  exoterisch  bekannt  ist.  Er 
entstand  dadurch,  daB  hereinstrahlte,  nachwirkend  in  sp'aterer  Zeit, 
dasjenige,  was  abgemildert  worden  war  von  den  planetarischen 
Wirksamkeiten. 

Und  noch  spater,  in  der  vierten  nachatlantischen  Kulturperiode, 
nahm  man  im  Griechentum  wahr  diese  Hereinspiegelung  der 
Planetengeister,  die  gleichsam  dadurch  entstanden  waren,  daB  das 
Wesen,  das,  vom  Christus  durchsetzt,  die  Planeten  durchwanderte, 
auf  jedem  Planeten  der  eine  oder  der  andere  geworden  ist:  Auf  dem 
Jupiter  ist  er  geworden  derjenige,  den  die  Griechen  spater  den  Zeus 
genannt  haben;  auf  dem  Mars  ist  er  geworden  derjenige,  den  sie 
spater  den  Ares  genannt  haben;  auf  dem  Merkur  ist  er  geworden 
derjenige,  den  die  Griechen  Hermes  genannt  haben.  In  den  grie- 
chischen  Planetengottern  spiegelt  sich  nachher  das,  was  der  Chri- 
stus Jesus  in  uberirdischen  Welten  gemacht  hatte  aus  den  plane- 
tarischen Wesenheiten,  die  von  dem  luziferischen  und  ahrimani- 
schen  Prinzip  durchsetzt  waren.  Schaute  der  Grieche  zu  seinem 
Gotterhimmel  hinauf,  so  hatte  er  darin  die  Abschattungen  und  Spie- 
gelbilder  der  Christus  Jesus -Wirksamkeit  auf  den  einzelnen  Plane- 
ten,  neben  vielem  anderen,  was  ich  friiher  schon  geschildert  habe. 

Dazu  kam  als  Drittes  der  Abglanz,  die  Abschattung  dessen,  was 
die  Jesus- Wesenheit  im  Zusammenhang  erlebt  hat  mit  Sonne,  Mond 
und  Erde  noch  als  uberirdische  Wesenheit  in  friiheren  Zeiten,  in 
spateren  Zeiten  der  Atlantis.  Wollen  wir  das  charakterisieren,  so 
konnen  wir  sagen:  In  einem  engelartigen  Wesen  «verseeligte»  sich 
der  Christus.  Wenn  wir  bei  Christus  sagen,  er  verkorperte  sich  in 
Jesus  von  Nazareth,  so  sagen  wir  jetzt  von  diesem  in  den  geistigen 
Welten  verflieBenden  Ereignis:  der  Christus  «verseeligte»  sich  in 
einem  engelartigen  Wesen,  das  so  wirkt,  daB  Denken,  Fiihlen  und 
Wollen  in  Ordnung  verlauft.  Das  war  ein  wichtiges  Ereignis,  denn 
es  war  ja  fiir  die  Menschheitsentwickelung  noch  ein  junges  Ereignis: 
es  brachte  die  Seelenentwickelung  der  Menschheit  in  Ordnung. 
Wahrend  die  beiden  friiheren  Christus-Ereignisse  mehr  die  korper- 
liche  und  auf  das  Leben  beziigliche  Verfassung  des  Menschentums 


auf  Erden  in  Ordtiung  gebracht  haben,  was  muBte  denn  geschehen 
in  iiberirdischen  Welten  fiir  diese  dritte  Tatsache? 

Wir  werden  sie  erkennen,  diese  dritte  Tatsache,  wenn  wir  sie  — 
zur  Erleichterung  fiir  Ihre  Vorstellung  —  in  ihrer  Abspiegelung  in 
der  griechischen  Mythologie  aufsuchen.  Denn  gerade  so,  wie  sich 
die  planetarischen  Geister  in  die  griechische  Mythologie  hinein- 
projizierten  in  Zeus,  Ares,  Hermes,  Venus,  Aphrodite,  Kronos  und 
so  weiter,  so  spiegelte  sich  auch  nicht  nur  in  die  griechische,  son- 
dern  in  die  Mythologie  der  verschiedensten  Volker  hinein  das  dritte 
kosmische  Ereignis.  Wie  es  sich  hineinspiegelte,  konnen  wir  ver- 
stehen,  wenn  wir  uns  sozusagen  dazu  herbeilassen,  das,  was  sich 
spiegelte,  mit  dem  Spiegelbilde  zu  vergleichen:  das,  was  im  Kosmos 
drauBen  geschah,  mit  dem,  was  dann  in  Griechenland  als  eine  Nach- 
wirkung  geschah.  Da  oben  im  Kosmos,  was  geschah  da?  Nun,  es 
muBte  etwas  ausgetrieben  werden,  was  in  der  menschlichen  Seele 
chaotisch  gewiihlt  hatte;  das  muBte  iiberwunden  werden.  Es  muBte 
das  von  dem  Christus  durchzogene  engelartige  Wesen  die  Tat  ver- 
richten,  aus  der  menschlichen  Seele  herauszustoBen,  herauszubesie- 
gen  das,  was  aus  dieser  menschlichen  Seele  heraus  muB,  damit  Har- 
monie  und  Ordnung  im  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  dasein  kann. 
Besiegt  muBte  werden  in  der  menschlichen  Seele  das,  was  in  ihr  das 
Chaos,  die  Unordnung  hervorgebracht  hatte,  herausgestoBen  muBte 
es  werden.  Und  so  erscheint  uns  das  Bild  —  stellen  wir  es  lebendig 
vor  unser  Seelenauge  — ,  das  Bild  eines  engelartigen  Wesens,  jenes 
Wesens,  das  da  noch  in  den  geistigen  Welten  ist,  das  spater  der 
Jesusknabe,  der  nathanische  Jesusknabe  wird:  Das  erscheint  uns 
durchseelt  von  der  Christus- Wesenheit,  dadurch  zu  |>esonderen  Taten 
fahig,  fahig,  herauszustoBen  aus  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  das- 
jenige,  was  als  der  Drache  in  ihm  wiitet  und  es  ins  Chaos  hinein- 
gebracht  hatte.  Die  Erinnerung  daran  waltet  in  all  den  Bildern, 
die  als  Sankt  Georg,  der  den  Drachen  besiegt,  in  den  Menschen- 
kulturen  sich  geltend  gemacht  haben.  Sankt  Georg  mit  dem  Dra- 
chen spiegelt  jenes  iiberirdische  Ereignis,  wo  der  Christus  den  Jesus 
durchseelt  hat  und  ihn  fahig  gemacht  hat,  herauszustoBen  den 
Drachen  aus  der  menschlichen  Seelennatur.  Es  war  dieses  eine 


bedeutsame  Tat,  die  nur  durch  die  Hilfe  des  Christus  in  dem  Jesus 
moglich  geworden  war,  in  diesem  damaligen  engelartigen  Wesen. 
Denn  es  muBte  tatsachlich  sich  verbinden  mit  der  Drachen- 
natur  dieses  engelartige  Wesen,  muBte  gleichsam  Drachenform  an- 
nehmen,  um  abzuhalten  den  Drachen  von  der  Menschenseele, 
muBte  wirken  im  Drachen,  so  daB  der  Drache  veredelt  wurde,  daB 
der  Drache  aus  dem  Chaos  in  eine  Art  Harmonie  gebracht  wurde. 
Die  Erziehung,  die  Zahmung  des  Drachens,  das  ist  die  fernere 
Aufgabe  dieser  Wesenheit.  Und  so  kam  es  denn,  daB  zwar  der 
Drache  wirksam  war,  aber  dadurch,  daB  die  Wirkung  in  ihn 
gegossen  war,  die  von  dem  geschilderten  Wesen  ausging,  ist  dieser 
Drache  der  Trager  geworden  von  vielen  Offenbarungen,  die  sich 
geltend  gemacht  haben  in  den  irdisehen  Kulturen  der  ganzen  nach- 
atlantischen  Entwickelung.  Statt  daB  das  Chaos  des  Drachens  in 
rasenden  oder  umdammerten  Menschen  aufgetreten  ware,  ist  die 
Urweisheit  der  nachatlantischen  Zeit  aufgetreten.  Das  Drachenblut 
hat  der  Christus  Jesus  gleichsam  benutzt,  um  mit  seiner  Hilfe  das 
Menschenblut  zu  durchdringen,  damit  der  Mensch  Trager  wiirde 
der  gottlichen  Weisheit.  In  der  Spiegelung  der  griechischen  Mytho- 
logie  tritt  uns  das  bedeutsam  entgegen,  vom  neunten  vorchristlichen 
Jahrhundert  ab  auch  schon  exoterisch. 

Es  ist  eigenartig,  wie  fur  das  griechische  Auffassen  eine  Gotter- 
gestalt  aus  den  anderen  Gottergestalten  herauswachst.  Wir  wissen 
ja,  diese  Griechen  haben  verschiedene  Gotter  verehrt.  Diese  Gotter 
waren  die  Abschattungen,  die  Projektionen  der  Wesenheiten,  die 
entstanden  waren  bei  dem  Gang  des  spateren  nathanischen  Jesus 
mit  dem  Christus  in  sich  durch  die  Planeten  hindurch.  So  haben  sie 
sie  gesehen,  daB,  wenn  sie  hinaufschauten  in  die  kosmischen  Weiten, 
wenn  sie  den  Lichtather  durchschauten,  sie  mit  Recht  Jupiter  den 
Ursprung  zuschrieben  —  nicht  den  auBeren,  sondern  den  wirklich 
geistigen,  inneren  — ,  daB  sie  von  Zeus  sprachen.  So  sprachen  sie 
von  Pallas  Athene,  so  von  Artemis,  so  von  den  verschiedenen  plane- 
tarischen  Gottern,  die  die  Abschattungen  dessen  waren,  wovon  wir 
gesprochen  haben.  Aber  aus  diesen  Anschauungen  iiber  die  ver- 
schiedenen Gottergestalten  wuchs  eine  heraus:  die  Gestalt  des 


Apollo.  In  eigenartiger  Weise  wuchs  die  Gestalt  des  Apollo  heraus. 
Was  schauten  die  Griechen  in  ihrem  Apollo? 

Wir  lernen  ihn  kennen,  wenn  wir  hinschauen  auf  den  Parnafi 
und  auf  die  Kastalische  Quelle.  Im  Westen  vom  Parnafi  offnete  sich 
ein  Erdschlund;  die  Griechen  errichteten  einen  Tempel  dariiber. 
Warum?  Vorher  kamen  aus  dem  Erdschlund  Dampfe  herauf,  die 
sich  tatsachlich,  wenn  die  Luftstromungen  richtig  waren,  wie 
Schlangengewinde,  wie  ein  Drache  urn  das  Gebirge  herumwanden. 
Und  Apollo  stellten  sich  die  Griechen  vor,  wie  er  seine  Pfeile  ab- 
schieBt  gegen  den  Drachen,  der  als  heftige  Dampfe  heraufsteigt 
aus  dem  Erdenschlunde.  Da  tritt  uns  Sankt  Georg,  seine  Pfeile 
gegen  den  Drachen  sendend,  im  griechischen  Apollo  entgegen,  in 
irdischer  Abschattung.  Und  als  er  ihn  iiberwunden  hatte,  den  Dra- 
chen Python,  da  wird  ein  Tempel  errichtet,  und  statt  des  Python 
sehen  wir,  wie  die  Dampfe  in  die  Seele  der  Pythia  gehen  und  wie 
sich  die  Griechen  vorstellen,  daB  jetzt  in  diesen  wilden  Drachen- 
dampfen  Apollo  drinnen  lebt,  der  ihnen  weissagt  durch  die  Orakel 
aus  dem  Mund  der  Pythia.  Und  die  Griechen,  dieses  selbstbewuBte 
Volk,  steigen  hin  durch  die  Stufen,  auf  denen  sie  seelisch  sich  vor- 
bereitet  haben,  und  nehmen  das  entgegen,  was  Apollo  zu  sagen  hat 
durch  die  Pythia,  die  von  den  Drachendampfen  durchsetzt  wird. 
Das  heiBt,  Apollo  lebt  im  Drachenblut  und  durchtrankt  die  Men- 
schen  mit  Weisheit,  die  sie  sich  holen  am  Kastalischen  Quell.  Und 
ein  Versammlungsort  fur  die  heiligsten  Spiele  und  Feste  wird  der  Ort. 

Und  warum  vermag  Apollo  das?  Was  ist  Apollo?  Er  verrichtet 
das,  was  er  also  aus  dem  Drachenblute  als  Weisheit  aufsteigen  laBt, 
nur  vom  Friihling  bis  zum  Herbst.  Gegen  den  Herbst  zu  wandert 
er  nach  seiner  uralten  Heimat,  nach  dem  Norden,  nach  dem 
hyperboraischen  Lande.  Feste  werden  gefeiert  wie  Abschiedsfeste, 
weil  Apollo  dahinzieht.  Im  Friihling  wird  er  wieder  empfangen, 
wenn  er  vom  Norden  her  kommt.  Tiefe  Weisheit  waltet  in  diesem 
Nach-Norden-Gehen  des  Apollo.  Die  Sonne,  die  physische,  zieht 
nach  Siiden;  im  Geistigen  ist  es  immer  entgegengesetzt.  Angedeutet 
wird  darin,  daB  Apollo  mit  der  Sonne  zu  tun  hat.  Apollo  ist  das 
engelartige  Wesen,  von  dem  wir  gesprochen  haben:  eine  Abschat- 


tung,  eine  Projektion  in  das  Griechengemiit  hinein  des  engelartigen 
Wesens,  das  in  Wirklichkeit  gewirkt  hat  am  Ende  der  atlantischen 
Zeit,  das  durchseelt  war  von  dem  Christus.  Die  Projektion,  die  Ab- 
schattung  des  von  dem  Christus  durchseelten  Engels  in  das  Grie- 
chengemiit hinein  ist  Apollo,  der  durch  den  Mund  der  Pythia  Weis- 
heit  zu  den  Griechen  spricht.  Und  was  ist  alles  in  dieser  Apollo- 
weisheit  fiir  die  Griechen  enthalten  gewesen!  GewissermaBen  alles, 
was  in  den  wichtigsten  Angelegenheiten  sie  bestimmt  hat,  diese 
oder  jene  MaBregel  zu  ergreifen.  Immer  wieder  und  wieder  ging 
man  in  schwierigen  Angelegenheiten  des  Lebens,  seelisch  gut  vor- 
bereitet,  zu  Apollo  und  lieB  sich  weissagen  durch  den  Mund  der 
Pythia,  die  von  den  Dampfen  angeregt  war,  in  denen  Apollo  lebte. 
Und  Asklepios,  der  Heiler,  ist  der  Sohn  des  Apollo  fiir  die  Griechen. 
Der  Heilgott  ist  Apollo:  « Heiler ».  Die  Abschwachung  jenes  Engels, 
in  dem  der  Christus  einstmals  war,  ist  auf  Erden  ein  Heiler  oder  fiir 
die  Erde  ein  Heiler.  Denn  Apollo  war  niemals  eine  physisch  ver- 
korperte  Gestalt,  sondern  wirkte  durch  die  Erdenelemente. 

Und  der  Gott  der  Musen,  vor  alien  Dingen  der  Gott  des  Gesan- 
ges  und  der  musikalischen  Kunst,  ist  Apollo.  Warum  ist  er  dies? 
Weil  er  durch  das,  was  im  Gesang,  was  im  Saitenspiel  waltet,  in 
Ordnung  bringt  die  sonst  ins  Unordentliche  gehende  Zusammen- 
wirkung  von  Denken,  Fiihlen  und  Wollen.  Wir  miissen  nur  immer 
festhalten,  daB  dies  bei  Apollo  eine  Projektion  dessen  ist,  was  am 
Ende  der  atlantischen  Zeit  geschehen  ist.  Da  hat  tatsachlich  noch 
aus  geistigen  Hohen  etwas  hereingewirkt  in  die  menschliche  Seele, 
was  im  schwachen  Nachhall  erklang  in  der  musischen  Kunst,  die 
die  Griechen  pflegten  unter  dem  Schutze  des  Gottes  Apollo.  Es  war 
den  Griechen  bewuBt,  daB  ihre  musikalische  Kunst  gleichsam  der 
irdische  Abglanz  jener  alten  Kunst  war,  welche  in  himmlischen 
Hohen  zur  Harmonisierung  von  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  das 
Engelwesen  pflegte,  das  von  dem  Christus  durchsetzt  war.  Sie  haben 
es  nicht  so  ausgesprochen;  nur  in  ihren  Mysterien  war  es  bekannt, 
urn  was  es  sich  dabei  handelte.  In  den  apollinischen  Mysterien  der 
Griechen  wurde  gesagt:  Ein  hohes  Gotterwesen  hatte  einstmals  ein 
Wesen  aus  der  Hierarchic  der  Angeloi  durchsetzt.  Das  hat  Harmo- 


nie  gebracht  in  das  Denken,  Fiihlen  und  Wollen,  und  ein  Abglanz 
davon  ist  die  musische  Kunst,  insbesondere  die  apollinische  Kunst, 
jene  Kunst  zum  Beispiel  des  Musikalischen,  welche  im  Saitenklange 
sich  ergieBt.  Nicht  als  apollinisch  sah  man  dasjenige  an,  was  etwa 
durch  Pfeifen  oder  durch  Blasinstrumente  zutage  trat.  Das,  was 
weniger  als  die  Blasinstrumente  an  die  Elemente  appelliert,  was  so 
zusagen  am  meisten  nur  Menschheitshandhabung  notig  macht,  kurz, 
was  in  den  Saiten  Apollos  erklingt,  dem  schreiben  die  Griechen 
jene  musische  Wirkung  zu,  die  das  Gemiit  in  Harmonie  versetzt. 
Und  von  Menschen,  welche  nicht  Hinneigung  haben,  nicht  Schat- 
zung  genug  haben  fur  diese  musische  Kunst  des  Apollo,  von  denen 
sagten  die  Griechen,  im  BewuBtsein  alles  dessen,  was  wir  ausein- 
andergesetzt  haben,  daB  sie  in  der  Tat  am  auBeren  Leibe  ein  Merk- 
mal  zeigen  fur  ihre  Stumpfheit  gegeniiber  dem  apollinischen  Prin- 
zip;  sie  zeigen  am  auBeren  Leibe  gewissermaBen,  wie  sie  zuriick- 
geblieben  sind  atavistisch  auf  einer  friiheren  Stufe.  Merkwiirdig  ist, 
daB,  als  ein  Mann  mit  besonders  verlangerten  Ohren  geboren  wurde 
—  es  war  das  der  Konig  Midas  — ,  die  Griechen  gesagt  haben:  Der 
hat  Eselsohren  mit  auf  die  Welt  bekommen,  weil  er,  bevor  er  zur 
Welt  gekommen  ist,  nicht  in  der  richtigen  Weise  sich  den  Wirkun- 
gen  hingegeben  hat,  die  einstmals  in  die  Welt  gekommen  sind  durch 
jenes  engelartige  Wesen,  das  von  Christus  durchsetzt  war.  Deshalb, 
sagten  sie,  habe  er  Eselsohren,  und  das  habe  bewirkt,  daB  er  die 
Blasinstrumente  den  Saiteninstrumenten  vorziehe.  Und  als  einmal 
ein  Kind  geboren  wurde,  das  sozusagen  keine  Haut  hatte,  das  ohne 
Haut  geboren  wurde  —  es  ist  in  der  Mythologie  bekannt  geworden 
unter  dem  Namen  des  geschundenen  Marsyas  — ,  da  sagten  sie:  Das 
ist,  weil  er  vor  seiner  Geburt  nicht  hingehort  hat  auf  das,  was  von 
dem  engelartigen  Wesen  ausging.  So  stellt  sich  das  namlich  fur  die 
okkulte  Beobachtung  heraus.  Der  Marsyas  ist  fur  die  okkulte  Be- 
obachtung  nicht  erst  am  lebendigen  Leib  geschunden  worden,  son- 
dern  er  wurde  so  geboren.  Das,  was  er  verbrochen  hat,  hat  er  ver- 
brochen  vor  seiner  Geburt. 

Viele  Stadte,  die  die  Griechen  als  Kolonien  gegriindet  haben, 
tragen  den  Namen  Apollonia,  weil  man  sich  Rat  geholt  hatte  von 


der  Pythia,  ob  man  da  oder  dort  kolonisieren  sollte.  Die  Griechen 
hielten  auf  ihre  Stadtefreiheit,  hatten  daher  nicht  eine  Staaten- 
einheit,  sondern  die  ideale  Einheit,  die  ihnen  gegeben  war  durch 
ihren  Gott  Apollo,  fiir  den  sie  spater  eine  Art  von  Staatenbund 
griindeten. 

Wir  sehen,  wie  die  Griechen  verehrten  in  dem  Gotte,  den  sie 
Apollo  nannten,  das  Wesen,  von  dem  wir  eben  gesprochen  haben. 
Und  wir  konnten  sagen:  In  dem,  was  dem  Apollo  wirklich  ent- 
spricht  am  Ende  der  atlantischen  Zeit,  in  dem  war  «verseeligt»  die 
Christus-Wesenheit.  Und  wenn  wir  fragen:  Was  ist  der  Apollo 
wirklich?  Nicht  sein  Schattenbild,  das  die  Griechen  dann  verehrt 
haben,  sondern  was  ist  der  Apollo  eigentlich?  Als  uberirdisches 
Wesen  ist  er  das  Wesen,  das  die  fiir  das  Gemiit  heilenden  Krafte 
aus  hoheren  Welten  hereinergoB,  paralysierend  die  luziferischen 
und  ahrimanischen  Gewalten.  Das  bewirkte  auch  im  menschlichen 
Leibe  ein  solches  Zusammenwirken  von  Gehirn,  Atem,  Lunge  mit 
Kehlkopf  und  Herz,  wie  es  zum  Ausdruck  kam  in  der  Projektion 
dieses  Zusammenwirkens  im  Gesang.  Denn  das  richtige  Zusam- 
menwirken von  Hirn,  Atmung  und  Sprachorganen  und  Herz, 
das  ist  der  leibliche  Ausdruck  fiir  das  richtige  Zusammenwirken 
von  Denken,  Fuhlen  und  Wollen.  Der  Heiler,  der  iiberirdische 
Heiler  ist  Apollo.  Wir  haben  seine  drei  Stufen  der  Entwicke- 
lung  gesehen,  und  der  Heiler,  der  zugrunde  liegt  dem  Apollo, 
wird  auf  Erden  geboren,  und  die  Menschen  nennen  ihn  Jesus,  das 
heifit  in  unsere  Sprache  ubersetzt  «der  durch  Gott  Heilende».  Es 
ist  der  nathanische  Jesusknabe,  der  durch  Gott  Heilende,  Jeho- 
schua  Jesus. 

Nun  macht  er  sich  auf  seiner  vierten  Stufe  reif ,  von  der  Christus- 
Wesenheit  in  seinem  Ich  durchsetzt  zu  werden.  Das  geschieht  durch 
das  Mysterium  von  Golgatha.  Denn  diejenigen  Menschenseelen,  die 
vor  dem  Mysterium  von  Golgatha  geboren  worden  sind,  hatten  im 
Verlaufe  der  weiteren  Zeit  nicht  Leiber  gef unden  auf  der  Erde,  in  de- 
nen  sie  sich  so  hatten  verkorpern  konnen,  dafi  die  Ich-Kraft  in  der  ent- 
sprechenden  Weise  zum  Ausdruck  gekommen  ware,  wenn  das  Myste- 
rium von  Golgatha  nicht  geschehen  ware,  wenn  nicht  jetzt  eine 


Wesenheit  —  dieselbe  Wesenheit,  die  wir  verfolgt  haben  durch  kos- 
mische  Zeiten  —  von  der  Chrisms-Wesenheit  durchsetzt  worden 
ware.  Zur  hochsten  Entwickelung  hatte  es  das  Ich  gebracht  in  Zara- 
thustra.  Niemals  hatten  die  Seelen,  die  es  zu  einer  Ich-Entwickelung 
gebracht  haben,  wiederum  irdische  Leiber,  die  geeignet  gewesen 
waren  zu  einer  wahren  Entwickelung,  finden  konnen,  wenn  nkht 
das  Mysterium  von  Golgatha  stattgefunden  hatte. 

Nun  haben  wir  die  vier  Stufen  der  Harmonisierung:  die  Harmo- 
nisierung  des  Sinnenlebens,  die  der  Lebensorgane,  die  von  Denken, 
Fiihlen  und  Wollen,  und  die  Harmonisierung  im  Ich  —  das  letzte 
durch  das  Mysterium  von  Golgatha.  Nun  haben  Sie,  meine  lieben 
Freunde,  die  Beziehung  zwischen  dem  Wesen,  das  als  nathani- 
scher  Jesusknabe  geboren  worden  ist,  und  der  Christus-Wesenheit. 
Sie  haben  die  Art,  wie  vorbereitet  worden  ist  diese  Beziehung.  Uns 
ist  es  moglich,  durch  das,  was  sich  heute  in  der  wahren  Anthropo- 
sophie  enthiillen  darf,  diese  Art  von  Zusammenwirken,  von  Zusam- 
mengehoren  der  Christus-Wesenheit  mit  der  menschlichen  Wesen- 
heit des  nathanischen  Jesus  zu  begreifen.  Und  davon  wird  ein  ge- 
sundes  Geistesleben  in  der  Zukunft  abhangen,  daJ3  es  immer  mehr 
und  mehr  Menschen  moglich  werde,  das  zu  begreifen,  was  zu  ver- 
stehen  sich  als  unfahig  erwiesen  hat  das  Gedanken-  und  Ideenleben 
des  Zeitalters,  in  dem  sich  das  Mysterium  von  Golgatha  voll- 
zogen  hat. 


VIERTER  VORTRAG 


Leipzig,  31.  Dezember  1913 


In  welcher  Weise  vorbereitet  war,  was  fur  die  Menschheitsentwik- 
kelung  der  Erde  durch  das  Mysterium  von  Golgatha  hat  geschehen 
sollen,  davon  haben  wir  gestern  gesprochen.  Wir  haben  gespro- 
chen  von  den  drei  Durchdringungen  eines  Wesens  der  hoheren 
Hierarchien  mit  dem  Chrisms  und  haben  in  der  wunderbaren 
griechischen  Apollo-Erscheinung  den  Nachklang  dessen  gefun- 
den,  was  stattgefunden  hat  am  Ende  der  atlantischen  Zeit  wie  eine 
weit  zuriickliegende  Vorherverkiindigung  dieses  Mysteriums  von 
Golgatha. 

Nun  wird  es  uns  obliegen,  zu  suchen,  in  welcher  Weise  das,  was 
also  in  die  Menschheitsentwickelung  eingezogen  ist,  gewirkt  hat. 
Dazu  wird  es  notwendig  sein,  zunachst  den  Grundcharakter  der 
Weltanschauungen  ein  wenig  zu  charakterisieren,  welche  in  der  nach- 
atlantischen  Zeit  als  Nachklange,  als  Nachwirkungen  aufgetreten 
sind  dieses  dreifachen  Christus-Ereignisses,  das  nach  unserer  gestri- 
gen  Schilderung  mit  dem  Ende  der  atlantischen  Zeit  gewissermaBen 
abgeschlossen  war. 

Versuchen  wir  einmal  uns  zu  vertiefen  in  den  Grundcharakter 
der  Weltanschauungen,  die  in  der  nachatlantischen  Zeit  entstanden 
sind.  Sie  sind  ja  entstanden  so,  daB  in  dem,  was  dann  die  Menschen- 
seele  geworden  ist  durch  alles  das,  was  ich  Ihnen  gestern  erz'ahlt 
habe,  etwas  nachwirkt.  Es  sind  diese  nachatlantischen  Weltanschau- 
ungen ja  wie  die  Spiegelungen  dieses  dreifachen  Christus-Ereignis- 
ses in  den  nachatlantischen  Menschenseelen.  Wir  brauchen  von 
diesem  Gesichtspunkte  aus  nur  wenige  Worte  zu  sagen  iiber  die 
erste  nachatlantische  Zeit.  Wir  haben  sie  von  anderen  Gesichts- 
punkten  aus  ofter  charakterisiert.  Hier  soli  nur  gesagt  werden,  daB 
sie  in  bezug  auf  Spiritualitat  die  bisher  hochste  nachatlantische  Kul- 
turperiode  war,  daB  sie  aber  noch  etwas  aufnahm  in  die  Seelen  der 
heiligen  Rishis  und  ihrer  Bekenner,  was  in  gewisser  Weise  weniger 


durchdrungen  war  von  jenen  Mysterien,  von  denen  ich  gestern 
gesprochen  habe. 

Die  erste  nachatlantische  Weltanschauung,  die  uns  entgegentritt 
wie  eine  unmittelbare  Wirkung  dieses  dreifachen  Christus-Ereig- 
nisses,  das  ist  die  Weltanschauung,  die  unter  den  Impulsen  des  Zara- 
thustra  entstanden  ist.  Nun  muB  ich  hier  einflechten,  daB  ich  Worte 
werde  gebrauchen  miissen,  die  durch  den  Gebrauch,  den  man  heute 
von  ihnen  macht,  abstrakt  und  trocken,  sogar  pedantisch  klingen. 
Aber  wie  man  auch  herumsuchen  mag  in  der  Sprache,  es  stehen 
zunachst  keine  anderen  Worte  zur  Verfiigung.  Und  so  mdchte  ich 
an  Ihre  Seelen  appellieren,  unter  den  Worten,  die  ich  jetzt  gebrau- 
chen werde,  etwas  unendlich  viel  Geistigeres  zu  verstehen,  als  was 
heute  die  trockene  Wissenschaft  unter  diesen  Worten  versteht.  Die 
Zarathustra- Weltanschauung  mochte  ich  von  dem  hier  zu  beriick- 
sichtigenden  Gesichtspunkt  aus  nennen  eine  Weltanschauung  der 
«Chronologie».  Uber  den  beiden  Wesen,  Ahura  Mazdao  und  Ahri- 
man,  schaut  die  Zarathustra- Weltanschauung  auf  Zaruana  akarana 
—  das  Wirken  der  Zeit.  Aber  nicht  der  abstrakten  Zeit,  wie  wir  sie 
heute  auffassen,  sondern  die  Zeit  als  ein  lebendiges,  ein  iiberperson- 
liches  Wesen  gedacht.  Schaut  doch  die  Zarathustra- Anschauung  die- 
ses Wesen,  das  wir  fassen  miissen  in  das  Wort  Zeit,  so,  daB  von  die- 
sem  Wesen  ausgehen  die  Regierer  der  Zeit:  Zunachst  jene  geistigen 
Wesenheiten,  die  symbolisiert  werden  im  Weltenraum  durch  die 
Tierkreiszeichen,  die  Amshaspands.  Sie  regeln  durch  ihre  Sechszahl, 
oder,  wenn  wir  ihre  Antipoden  dazunehmen,  durch  ihre  Zwolfzahl. 
Die  Izeds,  die  ja  unter  diesen  Amshaspands  stehen,  28  bis  31  an  der 
Zahl,  sind  Geister  niederer  Art,  Diener  des  hohen  Zeitenwesens, 
die  im  Monat  die  Tage  regeln.  In  jene  wunderbare  Harmonie 
schaute  das  Zarathustra-BewuBtsein  hinein,  die  in  der  Welt  durch 
Krafte  wirkt  und  die  sich  in  der  Zahl  symbolisiert  durch  all  die  Ver- 
haltnisse  und  Kombinationen,  die  durch  28  bis  31  zu  12  zustande 
kommen.  In  all  das  schaute  sie  hinein,  was  gleichsam  in  die  Welt 
hineinstromt  und  hineinwallt  dadurch,  daB  in  dem  groBen  Welten- 
orchester  die  Instrumente  in  diesen  Zahlenverhaltnissen  zusammen- 
klingen.  Das  betrachtete  die  Zarathustra- Weltanschauung  als  das 


Ordnende,  als  das  Harmonisierende  der  Weltordnung.  Nur  hindeu- 
ten  mochte  ich  auf  diese  Verhaltnisse.  Und  weil  das  so  ist,  weil  in 
dem,  was  schafft  und  im  Schaffen  zugleich  zehrt,  was  in  sich  auf- 
nimmt  die  Anschauungen  der  Welt,  gleichsam  sie  geistig  verdauend 
und  sie  hiniibertragend  zu  anderen  Stufen,  weil  die  Zarathustra- 
Anschauung  in  der  «Zeit»  etwas  Lebendiges,  etwas  Uberperson- 
liches  sieht,  so  diirfen  wir,  dieses  Wort  vergeistigend,  diese  Welt- 
anschauung «Chronologie»  nennen,  wobei  wir  zugleich  an  den 
Gott  Chronos,  an  den  Regenten  der  Zeit  denken. 

Dann  kommen  wir  in  den  dritten  nachatlantischen  Zeitraum,  den 
wir  schon  gestern  charakterisierten  als  denjenigen,  in  welchem  die 
Seelen  angeregt  wurden  zu  ihrem  Wissen  durch  die  Kraftewesen, 
die  aus  den  Sternen  erglanzten,  wo  nicht  mehr  bloB  das  Welten- 
geheimnis  gesehen  wurde  in  den  im  Ubersinnlichen  waltenden  Ver- 
haltnissen  des  Zeitenwesens,  sondern  wo  schon  hereingegangen 
wurde  in  das  Sinnensein  und  man  im  Sinnensein,  in  dem  Gang  der 
Sterne  und  in  der  Schrift,  die  sie  in  den  Weltenraum  hineinschrei- 
ben,  das  Harmonisierende  sah,  das  Melodisierende  des  Weltgesche- 
hens.  Diese  Weltanschauung  mochte  ich  Astrologie  nennen.  Auf  die 
Chronologie  folgte  die  Astrologie.  Und  alles  das,  was  die  echte, 
wahre  Chronologie  des  Zarathustrismus,  was  die  echte,  wahre  Astro- 
logie der  agyptischen  und  chaldaischen  Mysterien  enthiillt,  all  das 
war  angeregt  durch  die  Geheimnisse,  die  an  der  Welt  tatig  waren 
durch  die  dreimalige  Christus-Tatsache  vor  der  grofien  atlantischen 
Katastrophe. 

Und  was  folgte  im  Griechentum  oder  in  der  griechisch-lateini- 
schen  Zeit?  Nicht  nur  fiir  das  Griechentum  und  Romertum,  auch 
fur  die  iibrigen  Gebiete  Europas  gilt,  was  ich  jetzt  sagen  werde.  Ich 
habe  es  nur  gestern  an  einem  einzelnen  Falle  zu  erlautern  versucht, 
es  gilt  sozusagen  fiir  das  ganze  Abendland.  Wir  konnen  noch  ein- 
mal  darauf  zuriickblicken,  wie  der  Grieche  den  Apollo  verehrt  hatte, 
diesen  Abglanz  des  nathanischen  Jesusknaben,  so  wie  er  aber  noch 
war  am  Ende  der  atlantischen  Zeit.  Wir  sagten:  Aus  dem  Hyper- 
boraerland,  von  Norden  her,  kam  der  Apollo  zum  Orakel  von 
Delphi.  Durch  die  Pythia  sprach  er  das  Wichtigste,  was  der  Grieche 


horen  wollte,  zur  Sommerszeit.  Im  Herbste  kehrte  er  zuriick  in  sein 
Hyperbofaerland.  Wir  haben  diesen  Gang  des  Apollo  in  Zusam- 
menhang  gebracht  mit  dem  Gang  der  Sonne.  Aber  weil  es  die  gei- 
stige  Sonne  ist,  die  durch  Apollo  spricht,  so  nimmt  er,  wahrend  die 
physische  Sonne  zum  Siiden  geht,  seinen  Gang  nach  Norden.  Un- 
endlich  weisheitsvoll  ergeben  sich  die  Mythen,  wenn  wir  sie  im 
Lichte  des  wahren  Okkultismus  betrachten.  Und  dennoch  war  es 
nicht  das  Hinaufblicken  zu  den  Sternen,  was  fiir  den  Griechen 
den  Apollo  symbolisierte:  Wenn  der  Grieche  den  Apollo  verehrte, 
schaute  er  nicht  eigentlich  zur  Sonne  als  zu  seinem  auBeren  Sternen- 
symbolum.  Nicht  in  dem  Sinne  ist  Apollo  Sonnengott,  daB  die  auBere 
Sonne  ihn  symbolisiert  hatte  —  dafiir  hatte  der  Grieche  seinen  Helios, 
der  den  Gang  der  Sonne  am  Himmel  regelte.  Es  wirkt  die  Sonne 
ja  nicht  so  fiir  unser  Erdendasein,  auch  wenn  wir  das  Physische  an- 
sprechen,  daB  nur  das  zur  Wirksamkeit  kommt  auf  den  Menschen, 
was  direkt  durch  die  Sonnenstrahlen  herniederflieBt;  sondern  es 
wirkt  die  Sonne  zuerst  in  Luft  und  Wasser,  in  den  Wasserdampfen, 
auch  in  den  Dampfen,  von  denen  wir  gesagt  haben,  daB  sie  auf- 
stiegen  aus  dem  Schlunde  des  Kastalischen  Quells  und  drachenartig 
das  benachbarte  Gebirge  umwandelten  und  daB  dieser  Drache 
durch  den  griechischen  Sankt  Georg  getotet  worden  sei.  In  alien 
Elementen  wirkt  die  Sonne,  und  nachdem  sie  bereits  eingedrungen 
ist,  durchimpft  hat  die  irdischen  Elemente,  wirkt  sie  von  diesen  aus 
auf  den  Menschen,  gleichsam  durch  die  Diener,  die  wir  als  Ele- 
mentargeister  bezeichnen.  In  den  Elementen  lebend  wirkt  der 
Sonnengeist,  und  diese  Wirksamkeit,  die  schaute  der  Grieche  in 
seinem  Apollo. 

Apollo  war  ihm  der  Sonnengott,  aber  nicht  der,  der  als  Helios 
den  Sonnenwagen  iiber  den  Himmel  fuhr  und  etwa  die  Tageszeiten 
regelte.  Der  Grieche  sah,  indem  er  zu  Apollo  aufschaute,  in  die 
Sonnenwirkungen  der  Atmosphare.  Was  da  Sonnenwirkung  ist,  das 
sprach  er,  indem  er  es  geistig  ansprach,  als  Apollo  an.  Und  so  war 
es  bei  vielen  Gottern  und  geistigen  Wesenheiten,  die  wir  im  Abend- 
lande  finden.  Wir  brauchen  nur  hinzuweisen  —  ich  konnte  noch  auf 
vieles  andere  hinweisen  —  auf  Wotan,  der  im  Sturm  dahinsaust,  und 


auf  sein  wildes  Heer.  —  Was  war  in  diesem  vierten  nachatlantischen 
Zeitraum  die  Weltanschauung  geworden,  die  unter  dem  EinfluB 
der  dreifachen  Christus-Tatsache  stand,  als  ein  Nachklang  der- 
selben?  Wiederum  muB  ich  ein  pedantisches  Wort,  das  trocken  ge- 
worden ist,  gebrauchen:  Meteorologie  war  gefolgt  auf  die  Astro- 
logie.  Chronologie  -  Astrologie  —  Meteorologie!  Nur  miissen  wir 
die  «logie»  mit  Logos  in  Zusammenhang  bringen.  —  Aber  wahrend 
dies  alles  hereinbrach  iiber  die  westliche  Welt,  stromte  hinein  in  die 
ganze  nachatlantische  Kultur  etwas  anderes,  was  von  einer  ganz 
anderen  Seite  her  ein  Nachklang  der  dreifachen  Christus-Tatsache 
war.  Und  dieses  vierte,  das  sich  wie  parallel  nebenhin  begab,  neben 
die  Meteorologie  der  vierten  nachatlantischen  Zeit,  das  war  etwas, 
was  ich  wiederum  mit  einem  trockenen  pedantischen  Wort  bezeich- 
nen  muB  —  aber  ich  bitte  wiederum,  sich  «logie»  mit  Logos  zusam- 
menzubringen  — ,  das  war  geworden:  Geologic  Geologie,  wo  tritt 
sie  uns  entgegen? 

Man  wird  niemals  die  eigentlichen  Geheimnisse  der  althebraischen 
Kulturentwickelung  verstehen,  wenn  man  sie  nicht  in  dem  Sinne 
als  Geologie  nehmen  wird,  in  dem  wir  sie  jetzt  als  Geologie  be- 
trachten  wollen.  Wie  tritt  uns  zunachst  die  Schar  der  Elohim,  wie 
tritt  uns  der  Jahvegott  entgegen?  So  tritt  er  uns  entgegen,  daB  er 
das  zum  Menschen  bilden  will,  was  von  der  Erde  selber  genommen 
wird.  Umhiillen  will  er  mit  einer  neuen  HiiHe,  mit  der  Erdenhulle 
das,  was  von  den  fruheren  Zeiten,  von  Saturn,  Sonne,  Mond  her- 
ubergekommen  ist.  Jahve  ist  gerade  der  Gott,  der  aus  Erde  den 
Menschen  formt,  das  heiBt  aus  den  Kraften,  aus  den  Elementen  der 
Erde.  Daher  muBte  die  althebraische  Weisheit  als  Bekennerin  des 
Jahvegottes  Geologie  werden.  Und  die  Lehre  vom  Menschen,  der 
aus  den  Kraften  der  Erde  geformt  ist,  ist  Geologie.  Wird  uns  nicht 
gleich,  indem  uns  der  Name  des  ersten  Menschen  hingestellt  wird, 
der  geologische  Charakter  der  althebraischen  Lehre  hingestellt: 
Adam  —  der  aus  Erde  Gebildete!  Das  ist  das  Bedeutsame,  das  man 
ins  Auge  fassen  muB:  All  das,  was  die  anderen,  ich  mochte  sagen 
die  Volker  mit  der  meteorologischen  Weltanschauung,  als  Seele 
faBten,  all  das  spricht  anders  iiber  die  Menschenformung.  Schauen 


wir  hin  auf  die  griechische  Weltanschauung,  wie  Prometheus  dasitzt 
und  den  Menschen  formt.  Pallas  Athene  kommt  herzu  und  bewirkt 
aus  geistigen  Hohen  die  Verbindung  des  Menschen  mit  dem  Geistes- 
funken.  Prometheus  formt  die  Seele  im  Symbolum  des  Schmetter- 
lings.  Der  Jahvegott  formt  den  Menschen  aus  Erde,  und  er,  der 
Jahvegott,  der  im  Laufe  seiner  Entwickelung  zum  Erdenherrn  ge- 
worden  war,  haucht  dem  Menschen  aus  seiner  eigenen  Substanz 
die  lebendige  Seele  ein.  So  verbindet  sich  Jahve  durch  seinen 
Hauch  mit  dem,  was  er  aus  Erde  geformt  hat.  Und  er  will  wohnen 
in  seinem  Sohne,  in  seinem  lebendigen  Hauche,  in  Adam  und  seinen 
Nachkommen,  den  Erdensohnen,  denjenigen  Wesen,  deren  Hiille 
aus  Erde  zu  formen  der  Jahvegott  als  seine  Aufgabe  betrachtete. 
Und  wenn  wir  jetzt  weitergehen:  Versuchen  wir  einmal,  all  das, 
was  wir  im  althebraischen  Altertum  selbst  von  der  Bibel  iiberliefert 
finden,  vor  unsere  Seele  zu  rufen. 

Wir  wissen,  wir  haben  es  betont,  daB  die  Erde  gewisse  Krafte  ent- 
wickelt.  Goethe,  Giordano  Bruno  und  andere  vergleichen  diese 
Krafte  mit  den  Kraften  des  Ein-  und  Ausatmens  beim  Menschen. 
Die  Erde  entwickelt  gewisse  Krafte,  Ausatmungs-  und  Einatmungs- 
krafte,  welche  Ebbe  und  Flut,  das  Anschwellen  und  Absinken  des 
Wassers  bewirken,  innere  Krafte  der  Erde,  dieselben  Krafte  aber 
auch,  welche  den  Mond  urn  die  Erde  herum  geleiten.  Das  sind  diese 
Erdenkrafte.  In  den  Wasserwirkungen  treten  uns  diese  Erdenkrafte 
entgegen  als  Erdenwirksamkeit.  In  den  Wasserkraften  verzeichnet 
uns  die  Bibel  die  Sintflut  als  ein  weiteres  wichtiges  Ereignis  nach  der 
Schopfung  Adams,  des  Erdenmenschen.  Und  gehen  wir  weiter  bis 
in  die  Zeit  des  Moses:  Wenn  wir  richtig  studieren,  urn  was  es  sich 
iiberall  handelt,  es  sind  iiberall  Erdenwirksamkeiten.  Moses  mit  dem 
Stab  geht  an  den  Felsen  und  laBt  aus  der  Erde  Wasser  hervorspru- 
deln.  Moses  geht  auf  den  Berg  hinauf.  Dasjenige,  was  mit  den  Wir- 
kungen  der  Erde  zusammenhangt  auf  dem  Berge  oben  und  was  sich 
gerade  an  diesem  Berge  begibt,  es  ist  Erdenwirksamkeit.  Denn  dieser 
Berg  darf  nur  als  ein  vulkanischer  gedacht  werden  oder  wenigstens 
als  ein  vulkanahnlicher  Berg.  Es  ist  nicht  der  Sinai,  den  man  ge- 
wohnlich  im  Auge  hat,  es  ist  Erdenwirksamkeit.  In  der  Feuersaule, 


in  der  Moses  stent,  haben  wir  etwas  Ahnliches  zu  sehen,  wie  wenn 
wir  in  den  Schwefelhiigeln  Italiens  ein  Stiick  Papier  abbrennen  und 
der  Rauch  herauskommt;  so  kommt  aus  dem  Berge  Erdenwirksam- 
keit  heraus,  feuriger  Rauch.  Und  in  Erdenwirksamkeit  sahen  die 
Juden  immer  Symbole.  Voran  ging  ihnen  die  Wetterwolke  oder 
Feuersaule:  Erdenwirksamkeit!  Wir  konnten  tief  in  Einzelheiten  uns 
einlassen,  iiberall  wiirden  wir  finden,  daB  der  Geist  der  Erde  waltet 
in  dem,  wovon  Moses  als  von  der  Offenbarung  des  Jahvegottes 
spricht.  Geologie  ist  dieVerkiindigung  des  Moses.  Niemals  wird  man 
den  tiefgehenden  Unterschied  der  hebraischen  von  der  griechischen 
Weltanschauung  verstehen,  wenn  man  nicht  wissen  wird,  daB  die 
griechische  Weltanschauung  Meteorologie  ist  und  die  hebraische 
Geologie.  Alles  das,  was  der  Grieche  sich  entfalten  fiihlt  um  sich 
herum,  das  denkt  er  in  Zusammenhang  mit  den  von  dem  Kosmos 
her  in  die  Erdenelemente,  in  die  Umgebung  der  Erde  in  Luft,  in  alles 
das,  was  in  der  Nahe  der  Erde  ist,  ergossenen  Kraften.  Alles  das, 
womit  die  hebraische  Weltanschauung  sich  umgeben  fiihlt,  ist  ge- 
bunden  an  die  Kr'afte,  die  von  der  Erde  aus  nach  oben  sich  entfalten, 
die  an  die  Erde  gebunden  sind.  Ja,  auch  die  Leiden  des  hebraischen 
Volkes,  sie  kommen  von  dem  Wiistencharakter,  von  dem,  was  an 
die  Erde  und  ihre  Wirksamkeit  gebunden  ist.  Geologie  durchwaltet 
das  Schicksal  des  hebraischen  Volkes.  Geologie,  Fruchtbarkeit  der 
Erde  ist  es,  was  in  Form  der  Kundschafter  sie  in  das  fur  sie  gelobte 
Land  lockt. 

Und  Paulus  weiB  das  wohl,  daB  dieses  BewuBtsein  des  Zusam- 
menhanges  mit  dem  Erdengeiste  eine  Nachwirkung  ist  des  vor- 
irdischen  Christus-Ereignisses;  denn  Paulus  macht  darauf  aufmerk- 
sam,  daB  Christus  es  war,  der  den  Juden  voranschritt  und  bewirkte, 
daB  aus  dem  Felsen  Wasser  kam  in  die  Wiiste.  Und  wenn  wir  gar 
von  der  Bibel  zu  den  bedeutsamen  Sagenstoffen  des  hebraischen 
Volkes  gehen  wiirden,  so  wiirden  wir  finden,  wie  diese  Sagenstoffe 
durchdrungen  sind  von  der  hier  gemeinten  Geologie.  Da  wird  uns 
erzahlt,  wie  Jahve,  als  er  den  Menschen  formte  aus  Erde,  ausschickte 
die  Dienst-Engel,  um  von  alien  Teilen  der  Erde  zusammenzutragen 
die  verschiedenen  Farben  der  Erde,  verschiedenfarbige  Erden,  um 


alles  das,  was  der  Erde  angehort,  in  die  Hiille  des  Adam  hinein- 
zumischen.  Wir  wiirden  heute  sagen:  Jehova  lieB  es  sich  angelegen 
sein,  den  Menschen  so  auf  die  Erde  zu  stellen,  daB  der  Mensch  in 
seiner  wahren  Wesenheit  die  hochste  Bliite,  die  Krone  der  Erden- 
schopfung  ist.  Wir  konnen  sagen:  Fiir  die  Chaldaer,  fiir  die  Agypter, 
fiir  die  Zarathustrianer,  fiir  die  Griechen,  fiir  die  Romer,  fiir  die 
europaischen  Volker  des  mittleren  und  nordlichen  Europas  war  das 
Wichtigste  am  Menschen  das,  was  aus  der  geistigen  Welt  heriiber- 
kam.  Fiir  die  Juden  ist  das  Wichtigste  am  Menschen  das,  was  zu- 
sammenhangt  mit  der  Erde  und  ihren  Kraften.  Als  der  die  Erde 
geistig  durchwaltende  Gott  fiihlt  sich  Jahve. 

So  sehen  wir,  wie  als  wichtigstes  Ereignis  in  dem  vierten  nach- 
atlantischen  Zeitraum  das  anzusehen  ist,  daB  sich  die  Geologie  neben 
die  Meteorologie  hinstellt.  Und  das  driickt  sich  nun  wunderbar  in 
seinem  geistigen  Gegenbilde  aus  in  dem  altjiidischen  Prophetismus. 

Was  strebten  denn  diese  Propheten  eigentlich  an?  Wollen  wir 
einmal  versuchen,  gewissermaBen  in  das  Innerste  dieser  Propheten- 
seelen,  Jesaias,  Jeremias,  Hesekiel,  Daniel,  Joel,  Jonas  und  Zacharias, 
hineinzuschauen:  Was  strebten  sie  an?  Ja,  wenn  man  nur  wirklich 
unbefangen  diese  Prophetenseelen  studiert,  dann  findet  man:  Sie 
sind  bemuht,  im  Grunde  genommen,  eine  besondere  menschliche 
Seelenkraft  in  den  Vordergrund  des  Seelenlebens  zu  stellen  und  eine 
andere  zuriickzudrangen,  gleichsam  in  die  Tiefen  des  Seelenlebens 
hinunterzudrangen.  Aufmerksam  habe  ich  Sie  schon  gemacht,  wie 
auf  den  Michelangeloschen  Schopfungen,  auf  die  ich  hingewiesen 
habe,  die  Propheten  immer  so  gebildet  werden,  daB  sie  in  tiefem 
Sinnen  dasitzen,  wie  getragen  von  innerlicher  Seelenruhe,  so  daB 
man  sieht:  Dasjenige,  dem  ihre  Seele  hingegeben  ist,  hangt  zusam- 
men  in  ihren  unterirdischen  Griinden  mit  dem  Ewigen.  Als  den 
Gegensatz  stellt  Michelangelo  hin  die  Sibyllen,  in  die  hereinwirken 
die  Elemente  der  Erde,  hereinwirken  so,  wie  es  bei  der  einen  ist, 
daB  das  Haar  vom  Winde  getrieben  wird,  daB  selbst  in  das  blau- 
liche  Obergewand  der  Wind  hineinzieht;  unter  diesem  EinfluB  des 
Windes  tut  sie  ihre  Prophezeiung.  Die  andere  sehen  wir  von  innerer 
Glut  ergriffen:  In  der  eigentiimlichen  Beweisgeste  der  Hand  sehen 


wir  das  Feuer,  das  irdische  Element.  Und  so  konnten  wir  noch  ein- 
mal  die  Sibyllen  durchgehen:  Sie  leben  mit  den  Seelenkraften,  die 
unmittelbar  in  die  Seelen  hereinziehen  aus  der  elementarischen 
Erdenumgebung.  Diese  Sibyllenkrafte,  die  sozusagen  hereinsaugen 
in  die  Seeie  den  Geist  der  Erdenelemente  und  ihn  zum  Ausdruck 
bringen,  diese  Sibyllenkrafte  wollten  die  Propheten  des  alten  Juden- 
tums  zuriickdrangen.  Wenn  Sie  wirklich  vorurteilslos  die  ganze  Pro- 
phetengeschkhte  lesen,  so  werden  Sie  finden:  Der  Prophet  ist  be- 
miiht  —  darin  besteht  seine  Schulung  — ,  den  Sibyllenzug  in  sich  zu 
unterdriicken,  ihn  nicht  aufkommen  zu  lassen. 

Apollo  verwandelt  den  Sibyllenzug  der  Pythia  dadurch,  daB  er 
selber  in  diesen  untertaucht  und  durch  die  Sibylie  spricht.  Die  Pro- 
pheten wollen  auch  das  Pythienhafte  ihrer  Seele  unterdriicken  und 
einzig  und  allein  das  kultivieren,  was  in  der  klaren  Kraft  des  Ich 
wirkt,  jenes  Ich,  das  mit  der  Erde  verbunden  ist,  das  zur  Erde  gehort, 
das  das  geistige  Gegenbild  des  geologischen  Elementes  ist.  Wie  das 
Ewige  im  Ich  sich  kundgibt  in  gelassener  Ruhe,  wenn  die  sibyllini- 
schen  Elemente  schweigen,  wenn  alles  innere  Rasen  aufhort,  wenn 
das  alles  unterdriickt  wird,  wenn  nur  Gelassenheit  waltet  und  in  die 
Griinde  des  Ewigen  hineinschaut,  das  wollten  die  jiidischen  Pro- 
phetennaturen  entwickeln,  und  ihre  Verkiindigungen  sollten  aus 
solcher  Seelenstimmung  hervorgehen,  die  in  der  Seele  sucht,  was 
in  hochstem  MaJ3e  der  Geologie  entspricht.  So  tont  uns  das,  was 
bei  diesen  Propheten  hinreiBend  ist,  entgegen  wie  ein  AusfluB  des 
geologischen  Elementes,  und  selbst  dasjenige,  was  dann  anders  ge- 
kommen  ist,  als  die  Propheten  es  prophezeit  haben,  zeigt  uns  gerade, 
wie  das  Element  der  Propheten  das  geologische  ist.  Ein  zukiinf- 
tiges  Reich,  das  aber  mit  auBeren  Gebarden  an  die  Erde  gebun- 
den  sein  soil  und  das  diesmalige  Reich  ablosen  soil,  ein  Him- 
mel  auf  Erden,  das  ist,  was  die  Propheten  zunachst  verkiinden,  —  so 
eng  sind  sie  verbunden  mit  Geologie. 

Und  hinein  stromt  noch  in  die  ersten  Zeiten  des  Christentums 
dieses  geologische  Element  der  Propheten,  indem  man  die  Wieder- 
kunft  des  Messias  erwartet,  aber  so,  daB  er  aus  den  Wolken  her- 
niederfahren  und  auf  der  Erde  ein  irdisches  Reich  begriinden  sollte. 


Man  wird  das,  was  in  der  jiidischen  Kultur  strahlt,  nur  verstehen, 
wenn  man  es  in  dieser  Weise  als  Geologie  versteht.  Das  war  die 
Sehnsucht  der  Propheten,  das  war,  was  sie  ihren  Schiilern  beibrach- 
ten:  zu  unterdriicken  das  Sibyllenelement,  alles  das,  was  die  Seele 
in  unterbewuBte  Tiefen  fiihrt,  und  zu  entwickeln,  was  im  Ich  lebt. 
Alle  anderen  Volker  haben  andere  Beziehungen  zu  ihren  Gottern 
als  die  Juden  zu  ihrem  Jahve.  Die  Beziehungen  der  anderen  Volker 
zu  ihren  Gottern  waren  gegeben,  denn  es  waren  die  Nachkl'ange  zu 
dem,  was  sich  gebildet  hatte  am  Verhaltnis  des  Menschen  zu  den 
Geistern  der  hoheren  Hierarchien  wahrend  der  Saturn-,  Sonnen- 
und  Mondenzeit.  Das  jiidische  Volk  sollte  besonders  das  ausbilden, 
was  wahrend  der  Erdenzeit  sich  entwickeln  konnte.  Wenn  aber  das 
Ich  von  sich  selbst  aus  ein  Verhaltnis  herstellt  zu  seinem  Gott,  wie 
driickt  sich  das  aus?  Nicht  als  Eingebung,  so  daB  etwa  auch  das 
Moralische  wie  ein  Durchwirken  der  Seele  mit  den  gottlichen  Kraf- 
ten  gewesen  ware,  —  nicht  als  Eingebung,  sondern  als  Gebot.  Die 
Form  des  Gebotes,  die  uns  im  Dekalog  entgegentritt,  die  tritt  uns 
erst  beim  jiidischen  Volke  entgegen.  Wenn  auch  die  Wissenschaft 
noch  so  sonderbare  Dinge  faselt  von  fruherem  Dasein  der  Gebote 
—  Hammurabi  und  so  weiter,  ich  kann  jetzt  nicht  eingehen  auf  die 
Torheiten  der  neueren  Wissenschaft  — ,  das,  was  als  Gebote  auftritt, 
wo  das  Ich  unmittelbar  dem  Gott  gegeniibersteht  und  von  dem 
Gott  die  Norm,  die  Vorschrift  so  empfangt,  daB  dieses  Ich  ihr  fol- 
gen  muB  aus  innerem  Willen,  das  tritt  uns  erst  bei  dem  jiidischen 
Volk  entgegen.  Ebenso  tritt  uns  erst  bei  dem  jiidischen  Volk  ent- 
gegen, daB  der  Gott  einen  Bund  schlieBt  mit  dem  Volk.  Die  ande- 
ren Gotter  wirken  durch  Krafte,  die  immer  mit  dem  UnterbewuB- 
ten  der  Seele  etwas  zu  tun  haben.  Vergleichen  wir  wiederum,  wie 
der  Apollo  durch  die  Pythia  wirkt,  wie  die  Seele  sich  vorbereiten 
muBte,  die  hinwallte  zur  Pythia,  so  daB  der  Gott  zu  ihr  sprechen 
konne:  Durch  das  ins  UnterbewuBte  tauchende  Seelenleben  der 
Pythia  sprach  Apollo.  Dem  steht  gegenuber  der  durch  seine  Gebote 
sprechende,  mit  seinem  Volk  einen  Bund,  einen  Vertrag  schlieBende 
Jahvegott,  der  unmittelbar  zu  dem  Ich  der  Seele  spricht.  Und  so- 
gleich  eifern  diese  Propheten,  wenn  das  geschieht,  was  ofter  im  jiidi- 


schen  Volk  geschehen  ist,  wenn  die  Wirksamkeiten  der  heidnischen 
Volker  EinfluB  gewinnen  auf  das  jiidische  Volk.  Nicht  sollten  unter- 
bewuBte  Krafte  in  die  Juden  hereinkommen,  alles  sollte  auf  dem 
Biindnis  mit  Gott,  alles  sollte  auf  dem  Prinzip  des  Gebotes  beruhen. 
Darum  sind  die  Propheten  besonders  besorgt. 

Und  jetzt  versuchen  wir  einmal,  einen  kleinen  Riickblick  zu  hal- 
ten,  den  wir  durchsetzen  wollen  mit  dem,  was  uns  die  okkulten  Er- 
kenntnisse  ergeben  —  einen  Riickblick  zu  halten  auf  das,  was  wir 
gleichsam  versuchten,  durch  das  eben  Gegebene  zu  illustrieren. 

Wir  haben  gestern  die  dreifache  Christus-Tatsache  kennengelernt, 
die  in  die  lemurische  und  atlantische  Zeit  hineinfallt.  Wir  haben 
gesehen,  wie  dreimal  der  Christus  die  Wesenheit  durchsetzt  hat,  die 
dann  spater  als  nathanischer  Jesusknabe  erschienen  ist,  aber  so 
durchsetzt  hat,  daB  diese  Wesenheit  nicht  im  irdischen  Korper  ver- 
korpert  war,  sondern  in  den  geistigen  Welten  verblieben  ist.  Und 
wenn  wir  den  Blick  hinlenken  auf  das,  was  da  geschehen  ist,  so 
miissen  wir  sagen:  Was  da  in  der  Atlantis  sich  vollzogen  hat,  das 
ist  dann  heriibergestromt  nach  dem  Osten.  Elias  zum  Beispiel  war 
einer  der  Propheten.  Wie  nur  ist  dieser  Elias  ein  Prophet?  Er  dient 
dem  Jahvegott,  er  dient  ihm  so,  daft  in  seiner  Seele  der  Nachklang 
lebt  der  dreifachen  Christus-Tatsache.  In  seiner  Seele  lebt  die  Er- 
kenntnis:  Ich  habe  vor  alien  Dingen  als  der  Prophet  des  Jahve  den 
Jahve  so  zu  verkiinden,  daB  in  dem  Jahve  der  Christus  lebt,  der 
spater  das  Mysterium  von  Golgatha  vollbringen  soil;  daB  er  mit 
den  Wirksamkeiten  lebt,  die  er  beim  dritten  Erlebnisse  in  den  Kos- 
mos  ergossen  hat  am  Ende  der  atlantischen  Zeit.  Den  durchchriste- 
ten  Jehova  verkiindete  Elias.  Christus  lebte  schon  in  Jehova,  im 
Jahvegott;  aber  er  lebte  wie  in  seinem  Abglanz.  Wie  das  Monden- 
licht  das  Sonnenlicht  zuriickstrahlt,  so  strahlt  Jahve  die  Wesenheit, 
die  dann  im  Christus  lebte,  zuriick.  Christus  strahlte  zuriick  sein 
Wesen  aus  dem  Jahve-  oder  Jehovagott.  Aber  im  Geiste  der  Nach- 
wirkung  der  dreifachen  Christus-Tatsache  wirkte  solch  ein  Bote 
wie  der  Elias,  der  gleichsam  herzog  vor  dem  nathanischen  Jesus- 
wesen,  wie  es  zunachst  geistig  von  Westen  nach  Osten  zog,  die  Kul- 
turen  zu  durchsetzen,  urn  dann  geboren  zu  werden  als  der  eine  der 


Jesiisknaben.  Wie  eine  Vorverkiindigung  empfand  man  es  bei  alien 
Volkern,  was  sich  schon  gleichsam  wie  ein  UberfluB  ergab  aus  der 
Meteorologie,  namentlich  wenn  diese  beriihrt  wurde  von  der  Geo- 
logic 

Wir  erleben  das  Eigentiimliche,  daB  an  der  Statte,  die  dann  so 
wichtig  geworden  1st  fiir  die  Entfaltung  des  Christentums,  eine  von 
diesen  vorherverkiindeten  Tatsachen  stattfand.  Wir  sehen,  wie  an 
den  verschiedensten  Orten  Vorderasiens,  audi  Europas,  Feste  ge- 
feiert  werden,  welche  gleichsam  vorherverkiindend  sind  das  Chri- 
stus-Ereignis,  vorherverkiindend  das  Mysterium  von  Golgatha.  Der 
Adoniskultus  und  der  Attiskultus  sind  mit  Recht  als  prophetische 
Vorherverkiindigungen  des  Ereignisses  von  Golgatha  gedeutet  wor- 
den. Aber  wenn  wir  alle  diese  Feste  recht  anschauen,  so  sehen  wir 
immer,  daB  sie  eigentlich  das  Kunftige  noch  als  Meteorologisches 
darstellen.  Der  Gott,  der  da  getotet  wird  als  Adonis  und  wieder  auf- 
ersteht,  wird  nicht  gedacht  als  im  Fleisch  verkorpert,  sondern  was 
man  als  Gott  hat,  ist  zunachst  ein  Bild:  das  Bild  jenes  engelartigen 
Wesens,  das  am  Ende  der  atlantischen  Zeit  von  dem  Christus  durch- 
setzt  worden  ist  in  den  geistigen  Hohen  und  das  dann  zum  natha- 
nischen  Jesusknaben  geworden  ist.  Das  Schicksal  des  nathanischen 
Jesusknaben  feierte  man  im  Adonis-,  im  Attisdienst.  Und  es  war 
welthistorisches  Karma  —  Sie  werden  vielleicht  noch  mehr  suchen  hin- 
ter  diesem  Worte  — ,  daB  an  der  Statte,  an  die  die  Bibel  mit  einem  ge- 
wissen  Rechte  die  Geburt  des  Jesusknaben  stellt,  daB  in  Bethlehem 
vorher  ein  Adoniskultus  verrichtet  wurde.  Bethlehem  war  einer  der 
Orte,  wo  Adoniskulte  verrichtet  wurden.  Oft  hat  man  dort  den  ster- 
benden  und  auferstehenden  Adonis  gefeiert  und  so  die  Aura  zuberei- 
tet,  indem  man  die  Erinnerung  hervorrief :  Es  gab  einmal  in  geistigen 
Hohen  ein  Wesen,  das  dazumal  noch  zur  Hier archie  der  Angeloi  ge- 
horte,  ein  Wesen,  welches  spater  auf  die  Erde  kommen  sollte  als  natha- 
nischer  Jesusknabe,  ein  Wesen,  das  aber  dazumal  am  Ende  der  atlan- 
tischen Zeit  durchsetzt  war  von  dem  Christus.  Was  damals  geschehen 
war  fiir  die  Harmonisierung  von  Denken,  Fiihlen  und  Wollen,  das 
feierte  man  im  Adonisfest.  Und  an  der  Statte  zu  Bethlehem,  wo  dieses 
Adonisfest  gefeiert  worden  ist,  haben  wir  die  Geburtsstatte  auch  des 


nathanischen  Jesusknaben.  Und  es  klingen  die  Worte  merkwiirdig 
zusammen,  meine  lieben  Freunde.  Sehen  wir  denn  nicht,  indem  wir 
aufgesucht  haben  das  dreifache  Christus-Ereignis,  das  iiberirdische 
Christus-Ereignis,  das  dreimal  vorangegangen  ist  dem  Mysterium 
von  Golgatha,  sehen  wir  denn  nicht  vom  Westen  nach  dem  Osten 
heriiberziehen  den  Christus  zu  der  Statte,  wo  das  Mysterium  von 
Golgatha  verrichtet  werden  sollte?  Sehen  wir  denn  nicht,  wie  er 
schon  in  Elias  seinen  Boten  voranschickt,  und  wissen  wir  nicht, 
wie  dieser  Bote  in  seiner  nachsten  Inkarnation  wiedererscheint  als 
Johannes  der  Taufer?  Und  wird  uns  nicht  von  diesem  mit  einem 
wunderbaren  Zusammenklange  der  Worte  ausdriicklich  gesagt:  Er 
schickte  seinen  Engel  voran,  daB  er  ihn  verkiindigte?  Das  kann 
man  sagen  sowohl  von  Johannes  wie  von  Elias.  Von  Elias  noch 
besser,  —  was  diejenigen  verstehen  werden,  die  sich  an  meine  Schil- 
derung  des  Elias  erinnern,  wo  ich  dargestellt  habe,  daB  Elias  in 
geistigen  Hohen  geblieben  ist  und  nur  einen  Reprasentanten  hatte, 
durch  den  er  wirkte,  so  daB  er  nie  selbst  auf  der  Erde  herumgegan- 
gen  ist.  Wenn  Sie  das  nehmen,  so  paBt  der  Ausdruck:  Er  schickte 
seinen  Engel  vor  ihm  her,  noch  besser  auf  Elias  als  auf  Johannes. 
Solche  Boten  waren  immer  Boten  des  von  Westen  nach  dem  Osten 
gezogenen  Christus. 

Und  jetzt  sollte  dasjenige,  was  Geologie  war  beim  Judenvolk, 
durchzogen  werden  von  diesem  geistigen  Wesen,  das  wir  ja  seit 
gestern  in  seiner  eigentlichen  Wirksamkeit  fur  die  Erde  haben  be- 
trachten  gelernt.  Geologie  sollte  gleichsam  durchchristet  werden. 
Man  sollte  den  Geist  der  Erde  in  einer  neuen  Weise  empfinden,  ihn 
gewissermaBen  loslosen  konnen  von  der  Erde.  Das  konnte  man  aber 
nur,  wenn  eine  Kraft  kam,  die  diesen  Geist  der  Erde  losloste  von 
den  Erdenkraften.  Das  geschah  dadurch,  daB  die  Erdenaura  von 
den  Christus-Kraften  durchzogen  wurde  und  die  Erde  selbst  jetzt  da- 
durch etwas  anderes  wurde.  In  die  Krafte,  die  der  Jahvegott  ent- 
fesselt  hatte,  zog  der  Christus  ein  und  machte  diese  Krafte  selber  zu 
etwas  anderem. 

Wenn  wir  all  das  iiberblicken,  dann  verstehen  wir  eines:  Wir 
verstehen,  warum  dem  Apollo  zum  Sinnbild  gegeben  worden  ist 


der  Lorbeer.  Fiir  denjenigen,  der  mit  etwas  Geisteswissenschaft  in 
die  Pflanzenlehre  eindringt,  ist  der  Lorbeer  eine  Pflanze,  die  stark 
zusammenhangt  mit  meteorologischen  Verhaltnissen.  Aus  dem, 
was  Meteorologie  ist,  wird  der  Lorbeer  ganz  ausgestaltet  und  auf- 
gebaut  Eine  andere  Pflanze  ist  viel  enger  an  die  Erde  gebunden,  ist 
sozusagen  der  Ausdruck  geologischer  Verhaltnisse.  Und  fiihlt  man 
das  die  Pflanze  charakteristisch  durchdringende  Ol  im  Olbaum 
wirklich  so,  daB  man  die  elementarischen  Krafte  aus  der  eigenen 
Seele  angeregt  fiihlt  davon,  daB  der  Olbaum  eine  Pflanze  ist,  auf 
die  man  aufpfropfen  kann  einen  anderen  SproBling,  der  am  besten 
an  dieser  Pflanze  gedeiht,  dann  fiihlt  man  das  innige  Durchdrungen- 
sein  des  Olbaumes  von  dem  Ol  der  Erde.  Im  Ol  fiihlt  man  pul- 
sieren  das  Durchdringende  des  Irdischen.  Und  jetzt  erinnern 
wir  uns  an  etwas,  was  ich  angeschlagen  habe  im  zweiten  Vortrag, 
erinnern  wir  uns  an  Paulus,  der  dazu  berufen  war,  die  Verbindungs- 
briicke  zu  schlagen  zwischen  dem  althebraischen  Altertum  und  dem 
Christentum,  zwischen  Geologie  und  Christologie.  Des  Paulus 
Wirksamkeit  entfaltet  sich,  wie  wir  gesagt  haben,  in  der 
Sphare  des  Olbaumes.  Und  wenn  wir  den  Apollo  in  den  aus 
Bergesschliinden  aufstrebenden  Dampfen  vernehmen,  durch  die 
er  anregt  die  Pythia  und  menschliche  Schkksale  weisheitsvoll 
ausspricht,  so  konnen  wir  auch  fiihlen  die  elementarischen 
Krafte,  die  durch  den  Olbaum  in  die  Umgebung  stromen  und  in 
die  eingebettet  ist  des  Paulus  Seelenkraft  Wir  konnen  sie  spiiren 
in  seinen  Worten.  Er  taucht  gleichsam  in  den  Olbaum  ein,  um  ihn 
elementarisch  zu  fiihlen  in  seiner  Aura  und  sich  von  dessen  Aura 
inspirieren  zu  lassen,  in  dessen  geologischem  Gebiete  seine  Wirk- 
samkeit liegt. 

Man  liest  heute  die  Dinge  eben  viel,  viel  zu  abstrakt.  Man  denkt, 
daB  auch  die  Dinge,  die  altere  Autoren  ausgesprochen  haben,  so 
abstrakt,  nur  mit  dem  Hirn  zusammenhangend  sind  wie  das,  was 
oftmals  neuere  Autoren  sagen.  Man  denkt  nicht  daran,  wie  nicht 
bloB  Verstand  und  Vernunft,  wie  alle  Seelenkrafte  erden-urst'andig 
zusammenhangen  konnen  mit  dem,  was  einem  gewissen  Gebiete 
die  Pragung  gibt.  Dem  Paulusgebiete  gab  der  Olbaum  die  Pragung. 


Und  wie  wenn  er  zu  sich  heraufheben  wollte  die  jiidische  Geologie, 
sprach  er  —  durch  das,  wozu  ihn  der  Olbaum  begeisterte  —  Wich- 
tigstes  aus  iiber  die  Beziehungen  der  vom  Chrisrus  erfiillten  Men- 
schen  zu  dem,  was  die  Christus-fernen  Menschen  sind.  Horen  wir 
nicht  die  sonderbaren  Worte  von  Paulus,  die  wir  nicht  abstrakt 
nehmen  wollen,  sondern  die  wir  nehmen  wollen  wie  etwas,  was 
elementarisch  in  seiner  Seele  wurzelt,  wie  etwas,  was  er  aus  diesem 
Elementarischen  seiner  Seele  heraus  als  das  Wort  pragen  will,  durch 
das  er  die  Heidenchristen  mit  den  Juden  in  Beziehung  bringen  will 
—  horen  wir  nicht  die  sonderbaren  Worte:  «Mit  euch  Heiden  rede 
ich;  denn  dieweil  ich  der  Heiden  Apostel  bin,  will  ich  mein  Amt 
preisen,  ob  ich  mochte  die,  so  mein  Fleisch  sind,  zu  eifern  reizen 
und  ihrer  etliche  selig  machen.  Denn  so  ihr  Verlust  der  Welt  Ver- 
sohnung  ist,  was  ware  das  anders,  denn  das  Leben  von  den  Toten 
nehmen?  Ist  der  Anbruch  heilig,  so  ist  auch  der  Teig  heilig;  und 
so  die  Wurzel  heilig  ist,  so  sind  auch  die  Zweige  heilig.  Ob  aber 
nun  etliche  von  den  Zweigen  zerbrochen  sind,  und  du,  da  du  ein 
wilder  Olbaum  warest,  bist  unter  sie  gepfropfet  und  teilhaftig  wor- 
den  der  Wurzel  und  des  Saftes  im  Olbaum:  so  riihme  dich  nicht 
wider  die  Zweige.  Riihmest  du  dich  aber  wider  sie,  so  sollst  du  wis- 
sen,  daB  du  die  Wurzel  nicht  tragst,  sondern  die  Wurzel  tragt  dich. 
So  sprichst  du:  Die  Zweige  sind  zerbrochen,  daB  ich  hinein- 
gepfropfet  wiirde.  Ist  wohl  geredet.  Sie  sind  zerbrochen  urn  ihres 
Unglaubens  willen;  du  stehest  aber  durch  den  Glauben.  Sei  nicht 
stolz,  sondern  furchte  dich.  Hat  Gott  der  natiirlichen  Zweige  nicht 
verschonet,  daB  er  vielleicht  dein  auch  nicht  verschone.  Darum 
schau  die  Giite  und  den  Ernst  Gottes;  den  Ernst  an  denen,  die 
gefallen  sind,  die  Giite  aber  an  dir,  sofern  du  an  der  Giite 
bleibest;  sonst  wirst  du  auch  abgehauen  werden.  Und  jene,  so 
sie  nicht  bleiben  in  dem  Unglauben,  werden  sie  eingepfropfet 
werden;  Gott  kann  sie  wohl  wieder  einpfropfen.  Denn  so  du 
aus  dem  Olbaum,  der  von  Natur  wild  war,  bist  ausgehauen, 
und  wider  die  Natur  in  den  guten  Olbaum  gepfropfet;  wie  viel 
mehr  werden  die  natiirlichen  eingepfropfet  in  ihren  eigenen  Ol- 
baum? » 


So  sprach  der,  von  dem  wir  morgen  weiter  ausfiihren  werden,  wie 
er  aus  der  jiidischen  Geologie  herausgeholt  hat  das,  was  er  zu  sagen 
hatte;  wie  er  die  elementarische  Kraft,  die  von  der  Erde  auf  im  Ol- 
baum  waltet,  in  so  grandioser  Weise  zum  Bilde  gemacht  hat  fiir 
das,  was  er  zu  sagen  hatte. 


FUNFTER  VORTRAG 


Leipzig,  1.  Januar  1914 


Gesprochen  habe  ich  Ihnen  von  den  Kraften  der  Sibyllen,  aufmerk- 
sam  habe  ich  gemacht,  daB  wir  diese  Sibyllen  wie  den  Schatten  der 
griechischen  Philosophen  in  Ionien  auftauchen  sehen,  daB  sie  dann 
durch  Jahrhunderte  hindurch  teilweise  tiefe  Weisheit  aus  ihrem 
chaotischen  Seelenleben  hervorzauberten,  teilweise  eben  nur  gei- 
stiges  Chaos  zutage  forderten  und  daB  sie  durch  Jahrhunderte  hin- 
durch viel  mehr,  als  die  'auBere  Geschichte  das  zugeben  will,  das 
Geistesleben  gerade  Siideuropas  und  der  angrenzenden  Gebiete  be- 
herrscht  haben.  Ich  habe  sagen  wollen,  daB  mit  dieser  eigentiim- 
lichen  SeelenauBerung  der  Sibyllen  iiberhaupt  hingedeutet  ist  auf 
eine  gewisse  Kraft  der  menschlichen  Seele,  die  in  alteren  Zeiten, 
noch  in  der  dritten  nachatlantischen  Kulturperiode,  ihre  gute  Bedeu- 
tung  hatte.  Aber  die  Kulturperioden  andern  sich  im  Laufe  der 
geschichtlichen  Entwickelung  der  Menschheit.  Die  Krafte,  mit 
denen  die  Sibyllen  dann  zeitweilig  rechten  Unsinn  zutage  gefordert 
haben,  waren  noch  durchaus  gerechte,  gute  Seelenkrafte  in  der 
dritten  nachatlantischen  Zeit,  als  Astrologie  getrieben  wurde,  als  die 
Sternenweisheit  hereinwirkte  in  die  menschlichen  Seelen  und  als 
durch  das  Hereinwirken  der  Sternenweisheit  harmonisiert  wurden 
die  Krafte,  die  dann  chaotisch  im  Sibyllentum  zum  Vorschein 
kamen.  Daraus  aber  konnen  Sie  entnehmen,  daB  Krafte,  die  iiber- 
haupt irgendwo  in  der  Welt  waken,  zum  Beispiel  speziell  jetzt  die 
in  den  Seelen  der  Sibyllen  waltenden,  an  sich  niemals  gut  oder 
schlecht  genannt  werden  konnen,  sondern  daB  sie,  je  nachdem  an 
welchem  Ort  und  in  welcher  Zeit  sie  auftreten,  gut  oder  schlecht 
sind.  Es  sind  durchaus  gute,  berechtigte  Krafte,  die  in  den  Seelen 
der  Sibyllen  auftraten,  nur  waren  sie  fur  die  Seelenentwickelung  des 
vierten  nachatlantischen  Zeitraumes  eben  nicht  geeignet.  Da  sollten 
nicht  die  Krafte  in  den  menschlichen  Seelen  waken,  die  aus  unter- 
bewuBten  Griinden  heraufkamen,  sondern  die  durch  die  Klarheit 


des  Ich  zu  den  Seelen  sprachen.  Gestern  haben  wir  gehort,  wie 
gleichsam  auf  die  Unterdriickung  der  Sibyllenkrafte  und  auf  die 
Heraufarbeitung  der  Krafte,  die  durch  die  Klarheit  des  Ich  spre- 
chen,  die  althebraischen  Propheten  hinarbeiteten,  ja,  daft  es  gerade 
das  wesentliche  Charakteristikum  des  althebraischen  Prophetentums 
ist,  die  chaotischen  Sibyllenkrafte  zuriickzudrangen  und  dasjenige 
heraufzubringen,  was  durch  das  Ich  sprechen  kann. 

Die  Erfullung  dessen,  was  da  die  althebraischen  Propheten  an- 
strebten,  was  wir  also  bezeichnen  konnen  als  eine  Art  «Ins-richtige- 
Geleise-Bringen»  der  Sibyllenkrafte,  die  Erfullung  dieser  Aufgabe 
kam  durch  den  Christus-Impuls.  Als  der  Christus-Impuls  in  der  uns 
bekannten  Weise  einschlug  in  die  irdische  Menschheitsentwicke- 
lung,  da  handelte  es  sich  darum,  daB  eine  Zeitlang  diese  durch  die 
Sibyllen  in  chaotischer  Weise  zutage  tretenden  Krafte  zuriick- 
gedrangt  wurden,  gleichsam  wie  ein  FluB  zuriickgedrangt  wird  von 
der  AuBenwelt,  wenn  er  erst  dahinflieBt  und  dann  in  eine  unter- 
irdische  Hohle  verschwindet,  urn  sp'ater  wiederum  an  die  Ober- 
flache  zu  treten.  In  einer  anderen  Form,  in  der  durch  den  Christus- 
Impuls  gelauterten  Form,  in  der  Form,  die  der  Christus-Impuls,  nach- 
dem  er  in  die  Erdenaura  eingeschlagen  hatte,  diesen  Kraften  geben 
konnte,  sollten  diese  Krafte  wieder  herauftauchen.  Gerade  so,  wie 
wir  unsere  Seelenkrafte,  nachdem  wir  sie  erst  einmal  wahrend  eines 
Tages  voll  entwickelt  haben,  in  das  UnteirbewuBte  der  Nacht  hin- 
eintauchen  miissen,  um  dann  wiederum  aufzuwachen,  so  war  es  not- 
wendig,  daJ3  diese  Krafte,  die  berechtigt  waren  in  der  dritten  nach- 
atlantischen  Kulturperiode,  gleichsam  ein  wenig  unter  der  Oberflache 
des  Seelenlebens  flossen,  unbemerkbar,  um  dann  wiederum  aufzutau- 
chen,  langsam,  wie  wir  dann  horen  werden,  wiederum  aufzutauchen. 
Wir  werden  also  die  Erscheinung  vor  uns  haben,  daB  die  Krafte,  die 
so  chaotisch  in  den  Sibyllen  sich  auBern  und  die  berechtigte  Men- 
schenkrafte  sind,  vom  Christus-Impuls  gleichsam  durchspiilt  werden, 
aber  daB  sie  in  die  Untergriinde  des  Seelenlebens  hinuntertauchen 
und  daB  die  Menschheit  in  ihrem  gewohnlichen  BewuBtsein  nichts 
davon  weiB,  daB  der  Christus  mit  diesen  Kraften  in  den  Untergriin- 
den  der  Seele  weiterarbeitet.  Und  so  ist  es  in  der  Tat. 


Es  ist  ein  groBartiges  Schauspiel  vom  geisteswissenschaftlichen 
Standpunkt  aus,  das  Einschlagen  dieses  Christus-Impulses  zu  beob- 
achten,  zu  beobachten,  wie  sich,  vom  Konzil  zu  Nicaa  an,  die  Men- 
schen  in  ihrem  OberbewuBtsein  zanken  iiber  die  Feststellung  der 
Dogmen,  wie  sie  eifern  mit  ihrem  BewuBtsein  und  wie  das  Wich- 
tigste  fiir  das  Christentum  in  unterbewuBten  Seelengriinden  ge- 
schieht.  Der  Christus-Impuls  arbeitet  nicht  da,  wo  gezankt  wird, 
sondern  in  den  Untergriinden;  und  manches  wird  noch  mensch- 
liche  Weisheit  enthullen  miissen,  was  uns,  wenn  wir  es  nur  an  der 
OberfTache  betrachten,  vielleicht  sonderbar  erscheint.  Manches  wird 
noch  enthiillt  werden  miissen,  weil  es  wie  ein  Symptom  der  Arbeit 
des  Christus-Impulses  in  den  Untergriinden  des  menschlichen  Seelen- 
lebens  wirkt.  So  werden  wir  sehen  oder  begreifen,  daB  wichtigste 
Gestaltungen  in  bezug  auf  die  Konfiguration  der  christlichen  Stro- 
mung  im  Abendlande  nicht  geschehen  konnen  durch  das,  woriiber 
sich  die  Bischofe  zanken,  sondern  daB  wichtige  historische  Fragen 
durch  Entscheidungen  geschehen,  die  sich  in  den  Untergriinden 
des  Seelenlebens  abspielen  und  gleichsam  wie  Traume  herauftau- 
chen  in  das  BewuBtsein;  so  daB  die  Menschen  aus  dem,  was  sie  im 
Traum  wahrnehmen,  gleichsam  sich  nicht  entratseln  konnen,  was 
in  den  Tiefen  geschieht.  Und  es  gibt  solche  Dinge  —  ich  will  nur 
ein  Symptom  nennen  — ,  wo  wie  durch  Traume  sich  heraufspiegelt, 
was  der  Christus  da  unternimmt  in  den  tiefen  Seelengriinden,  um 
die  menschlichen  Seelenkrafte  im  Laufe  der  abendlandischen  Ge- 
schichtsentwickelung  ins  rechte  Geleise  zu  bringen. 

Vielleicht  kann  es  doch  manche  Seele  so  beriihren,  daB  sie  etwas 
ahnt  von  dem,  was  ich  eigentlich  mit  diesen  Worten  sagen  will, 
wenn  wir  sehen,  daB  am  28.  Oktober  312,  als  der  Sohn  des  Con- 
stantius  Chloms,  Konstantin  der  Grofie,  gegen  Maxentius  vor  Rom 
kampft  und  eine  Entscheidung  herbeifiihrt,  die  fiir  das  ganze  Abend- 
land  ungeheuer  wichtig  war  in  bezug  auf  die  Konfiguration  des 
Christentums,  der  Kampf  und  der  Sieg  in  merkwiirdiger  Weise  zu- 
stande  kommen.  Diese  Schlacht,  meine  lieben  Freunde,  die  vor  Rom 
geschlagen  wurde  von  Konstantin,  dem  Sohne  des  Constantius  Chlo- 
rus,  gegen  seinen  Gegner  Maxentius,  wurde  nicht  entschieden  durch 


Armeebefehle,  nicht  durch  den  bewuJ3ten  Scharfsinn  der  Anfiihrer, 
sondern  sie  wurde  entschieden  durch  Tr'aume  und  sibyllinische  Zei- 
chen!  Und  bedeutsam  wird  uns  erzahlt  von  dieser  Schlacht,  die  am 
28.  Oktober  312  stattfand,  daB  Maxentius,  als  Konstantin  gegen 
die  Tore  Roms  anriickte,  einen  Traum  hatte.  Der  Traum  sagte  ihm 
-  er  war  noch  innerhalb  der  Tore  — :  Bleibe  nicht  an  demselben  Ort, 
wo  du  bist!  Maxentius  beging  unter  dem  EinfluB  dieses  Traumes, 
der  noch  verst'arkt  wurde  dadurch,  daB  man  in  den  Sibyllinischen 
Biichern  iiber  die  Aussagen  der  Sibyllen  nachforschte,  die  groBte 
Torheit  —  auBerlich  betrachtet  — ,  die  er  machen  konnte:  Er  verlieB 
Rom  und  fiihrte  die  Schlacht  mit  seinem  Heere,  das  viermal  starker 
war  als  das  des  Konstantin,  nicht  im  Schutze  der  Mauern  Roms, 
sondern  auBerhalb  derselben.  Denn  die  Auskunft  der  Sibyllinischen 
Biicher  lautete:  Wenn  du  gegen  Konstantin  auBerhalb  der  romi- 
schen  Mauern  k'ampfen  wirst,  so  wirst  du  den  groBten  Feind  Roms 
vernichten.  —  Das  war  so  recht  einer  von  diesen  sibyllinischen 
Orakelspriichen!  Maxentius  folgte  ihm,  und  zwar  mit  Mut  und  Ver- 
trauen,  er  ging  hinaus  vor  die  Tore  Roms.  So  wie  einstmals  ein 
anderer  sibyllinischer  Orakelspruch  den  Krosus  gefuhrt  hatte,  so 
fiihrte  dieser  den  Maxentius.  Er  vernichtete  den  Feind  Roms,  sich 
selber,  durch  seine  Unternehmung. 

Konstantin  hatte  einen  anderen  Traum.  Ihm  sagte  der  Traum: 
Fiihre  voran  vor  deinen  Scharen  —  sie  waren  nicht  so  groB,  sie  waren 
viermal  geringer  als  die  des  Maxentius  —  das  Monogramm  Christi! 
Und  er  lieB  es  voranfuhren  und  er  erfocht  den  Sieg.  Eine  wichtige 
Entscheidung  fur  die  Konfiguration  Europas,  durch  Traume  und 
sibyllinische  Ausspruche  entschieden!  Da  schillert  herauf,  was  in 
den  Untergriinden  des  Seelenlebens  der  europaischen  Menschen  ge- 
schieht.  Wahrhaftig,  wie  ein  FluB,  der  in  den  Hohlungen  der  Berge 
verschwunden  ist,  so  daB  man  ihn  oben  nicht  sieht  und  oben  das 
Sonderbarste  vermuten  kann,  so  stromt  fort  der  Strom  des  Christus- 
Impulses  in  den  Untergriinden  der  Seelen  der  europaischen  Men- 
schen und  wirkt,  wirkt  zunachst  als  okkulte  Tatsache. 

Meine  lieben  Freunde,  lassen  Sie  mich  hier  an  dieser  Stelle  das 
Gest'andnis  machen,  daB  mir  in  meiner  geisteswissenschaftlichen 


Forschung  gerade  beim  Verfolgen  dieser  Stromung  oftmals  sozu- 
sagen  sich  die  Spur  verloren  hat;  denn  ich  muBte  suchen,  wo  sie 
wieder  erschien.  Voraussetzen  konnte  ich,  daB  der  Strom  des  Chri- 
stus-Impulses  nur  langsam  erscheint,  daB  er  auch  in  unserer  Zeit 
noch  nicht  vollstandig  erschienen  ist,  sondern  sich  nur  zeigen  kann. 
Aber  wo  erscheint  er?  Das  war  die  Frage.  Wie  kommt  er  wieder 
herauf?  Wie  taucht  er  wieder  herauf  ?  Wo  ergreift  er  zuerst  Seelen 
so,  daB  sie  beginnen,  etwas  davon  in  ihr  BewuBtsein  herauf zuheben? 
Wenn  Sie,  meine  lieben  Freunde,  meine  verschiedenen  Auseinan- 
dersetzungen  in  Biichern  und  Zyklen  verfolgen,  und  es  geht  Ihnen 
so  wie  mir  mit  diesen  Auseinandersetzungen,  dann  werden  Sie  fin- 
den,  daB  namenthch  in  den  alteren  Teilen  dieser  Auseinandersetzun- 
gen zu  dem  Unbefriedigendsten  das  gehort,  was  ich  im  Zusammen- 
hange  mit  dem  Namen  des  heiligen  Gral  gesagt  habe.  Wie  gesagt, 
mir  geht  es  so,  und  ich  hoffe,  daB  es  auch  anderen  so  gegangen  ist. 
Nicht,  als  ob  ich  etwas  gesagt  hatte,  was  sich  nicht  aufrechterhalten 
lieBe,  aber  gerade,  wenn  ich  dieses  aufstellte,  so  fuhlte  ich  mich  un- 
befriedigt.  Ich  muBte  geben,  was  sicher  gegeben  werden  kann;  denn 
oftmals,  wenn  ich  jene  Stromung,  von  der  ich  jetzt  gesprochen  habe, 
in  ihrem  weiteren  Fortschritt  suchte,  wenn  ich  suchte  die  weitere 
okkulte  christliche  Entwickelung  des  Abendlandes,  dann  trat  mir 
vor  die  Seele  die  Mahnung:  Du  muBt  erst  den  Namen  des  Parzival 
an  seiner  rechten  Stelle  lesen.  Und  erfahren  muBte  ich,  meine  lie- 
ben Freunde,  daB  okkulte  Forschungen  in  einer  merkwtirdigen  Weise 
geleitet  werden.  Damit  wir  nicht  verlockt  werden,  ins  Spekulieren 
zu  kommen  und  uns  in  Gebiete  zu  begeben,  wo  sehr  leicht  mit  der 
okkulten  Wahrheit  die  Phantasie  davonfliegen  konnte,  werden  wir 
lange,  ich  mochte  sagen,  sachte  gefuhrt  in  bezug  auf  okkulte  For- 
schung, wenn  sie  die  Wahrheit  zuletzt  an  den  Tag  befordern  will, 
die  uns  durch  sich  selber  eine  Art  Uberzeugung  von  ihrer  Richtig- 
keit  beibringen  kann.  So  muBte  ich  mich  oftmals  ergeben  in  das 
Warten  mit  der  Antwort  auf  die  Anforderung:  Suche,  wo  der  Name 
Parzival  stent! 

Ich  hatte,  meine  lieben  Freunde,  wohl  aufgenommen,  was  Sie 
ja  alle  kennen  aus  der  Parzival-Sage,  daB,  nachdem  Parzival  zuriick- 


kommt,  in  einer  gewissen  Weise  geheilt  von  seinen  Irrtiimern,  und 
den  Weg  zum  heiligen  Gral  wiederfindet,  ihm  da  verkiindet  wird: 
auf  der  heiligen  Schale  ware  glanzend  sein  Name  erschienen.  —  Er 
muB  also  auf  dieser  heiligen  Schale  stehen.  Wo  aber  ist  die  heilige 
Schale,  wo  ist  sie  zu  finden?  —  Das  war  die  Frage.  Man  wird  bei  sol- 
chen  okkulten  Forschungen  oftmals  aufgehalten,  so  daB  man,  ich 
mochte  sagen,  an  einem  Tag,  in  einem  Jahr,  nicht  zuviel  tut,  damit 
man  nicht  durch  das  Spekulieren  iiber  die  Wahrheit  hinausgetrie- 
ben  wird;  man  wird  aufgehalten.  Marksteine  treten  auf.  Und  so 
sind  mir  Marksteine  aufgetreten  im  Laufe  der  eigentlich  recht  vie- 
len  Jahre,  in  denen  ich  Antwort  suchte  auf  die  Frage:  Wo  findest  du 
den  Namen  des  Parzival  auf  der  heiligen  Schale  geschrieben  ? 

Ich  wuBte,  daB  es  mancherlei  Bedeutungen  gebe  der  heiligen 
Schale,  in  der  die  Hostie,  das  heiBt  also  eine  Scheibe,  eine  Oblate 
drinnen  ist.  Und  auf  der  heiligen  Schale  selber  sollte  « Parzival » 
stehen.  Ich  wurde  auch  gewahr,  wie  tief  bedeutsam  eine  solche  Stelle 
ist  wie  die  des  Markus-Evangeliums  im  4.  Kapitel,  Vers  11  und  12, 
33  und  34,  wo  da  ges&gt  wird,  daB  der  Herr  vieles  gab  in  Gleich- 
nissen  und  erst  nach  und  nach  die  Gleichnisse  deutete.  Bei  der 
okkulten  Forschung  wird  man  auch,  und  zwar  oft  nur  in  Anleh- 
nung  an  das,  wozu  einen  das  Karma  fiihrt,  ganz  stufenweise  und 
sachte  gefiihrt;  und  man  weiB  nicht,  wenn  einem  etwas  entgegen- 
tritt,  das  auf  irgendeine  Sache  Bezug  zu  haben  scheint,  was  unter 
dem  EinfluB  der  Krafte,  die  aus  der  spirituellen  Welt  kommen,  ein- 
mal  in  der  eigenen  Seele  aus  einer  solchen  Sache  gemacht  werden 
soil.  Man  weiB  oft  nicht  einmal,  daB  sich  irgend  etwas,  was  man 
bekommt  aus  den  Tiefen  der  okkulten  Welt  heraus,  auf  irgendein 
Problem  bezieht,  das  man  jahrelang  verfolgt.  So  wuBte  ich  nichts 
Rechtes  damit  anzufangen,  als  ich  den  norwegischen  Volksgeist, 
den  nordischen  Volksgeist  einmal  befragte  iiber  den  Parzival  und 
er  sagte:  Lerne  verstehen  das  Wort,  das  durch  meine  Kraft  geflossen 
ist  in  die  nordische  Parzivalsage:  «Ganganda  greida»  —  die  herum- 
laufende  Labung  etwa  —  so  ahnlich!  Ich  wuBte  nichts  damit  anzu- 
fangen. Und  wiederum  wuBte  ich  nichts  damit  anzufangen,  als  ich 
einmal  aus  der  romischen  Peterskirche  kam  unter  dem  Eindruck 


jenes  Michelangeloschen  Werkes,  das  man  gleich  zur  rechten  Seite 
findet,  der  Mutter  mit  dem  Jesus,  der  so  jung  noch  aussehenden 
Mutter  mit  dem  bereits  toten  Jesus  im  SchoBe.  Und  unter  der  Nach- 
wirkung  —  das  ist  eine  solche  Fiihrung  —  des  Anschauens  dieses 
Kunstwerkes  kam,  nicht  wie  eine  Vision,  sondern  wie  eine  wahre 
Imagination  aus  der  geistigen  Welt  heraus,  das  Bild,  das  eingeschrie- 
ben  ist  in  die  Akasha-Chronik  und  das  uns  zeigt,  wie  Parzival,  nach- 
dem  er  zum  erstenmal  weggeht  von  der  Gralsburg,  wo  er  nicht 
gefragt  hatte  nach  den  Geheimnissen,  die  dort  walten,  im  Walde 
auf  eine  junge  Frau  triflt,  die  den  Brautigam  im  SchoBe  halt  und 
ihn  beweint.  Aber  ich  wuBte,  meine  lieben  Freunde,  daB  das  Bild, 
ob  es  nun  die  Mutter  ist  oder  die  Braut,  der  der  Brautigam  weg- 
gestorben  ist  —  oftmals  wird  der  Christus  der  Brautigam  genannt  — , 
eine  Bedeutung  habe  und  daB  der  Zusammenhang,  der  sich  wahr- 
haftig  ohne  mein  Zutun  hinstellte,  eine  Bedeutung  habe. 

Mancherlei  solche  Vorzeichen  konnte  ich  Ihnen  noch  aufzahlen, 
die  sich  mir  ergeben  haben  bei  meinem  Suchen  nach  der  Antwort 
auf  die  Frage:  Wo  steht  der  Name  Parzival  auf  dem  heiligen  Gral 
geschrieben?  Denn  stehen  muBte  er  darauf,  das  erzahlt  uns  ja  die 
Sage  selber.  Nun  brauchen  wir  uns  ja  nur  die  allerwichtigsten  Ziige 
der  Parzivalsage  einmal  zu  vergegenwartigen. 

Wir  wissen,  daB  Parzival  geboren  wird  von  seiner  Mutter  Herze- 
leide,  nachdem  der  Vater  hinweggezogen  war,  und  daB  ihn  die 
Mutter  unter  groBen  Schmerzen  und  traumhaften  Erscheinungen 
ganz  eigenartig  geboren  hat.  Wir  wissen,  daB  sie  ihn  dann  behiiten 
wollte  vor  Ritteriibung  und  Rittertugend,  daB  sie  ihre  Besitzungen 
verwalten  lieB  und  sich  in  die  Einsamkeit  zuriickzog,  daB  sie  das 
Kind  so  auferziehen  wollte,  daB  es  feme  blieb  von  dem,  was  aller- 
dings  in  ihm  lebte;  denn  das  Kind  sollte  nicht  ausgesetzt  sein  den 
Gefahren,  denen  der  Vater  ausgesetzt  gewesen  war.  Aber  wir  wis- 
sen auch,  daB  das  Kind  fruh  anfing,  aufzusehen  zu  allem  Herrlichen 
in  der  Natur,  und  daB  es  im  Grande  genommen  nichts  durch  die 
Erziehung  seiner  Mutter  erfuhr,  als  daB  ein  Gott  waltet,  —  daB  das 
Kind  dann  die  Tendenz  bekam,  diesem  Gott  zu  dienen.  Aber  es 
wuBte  nichts  von  diesem  Gott,  und  als  es  einmal  Rittern  begegnete, 


hielt  es  diese  Ritter  fiir  Gott  und  fiel  auf  die  Knie  vor  ihnen.  Als 
dann  das  Kind  der  Mutter  verrat,  daB  es  Ritter  gesehen  habe  und 
selber  ein  Ritter  werden  wolle,  zieht  ihm  die  Mutter  Narrenkleider 
an  und  laBt  es  hinausziehen.  Wir  wissen,  daB  der  Knabe  hinaus- 
zieht,  mancherlei  Abenteuer  besteht,  und  wissen,  daB  die  Mutter 
spater  —  was  man  sentimental  nennen  mochte,  was  aber  tiefste  Be- 
deutung  hat  —  stirbt  an  gebrochenem  Herzen  iiber  das  Verschwin- 
den  ihres  Sohnes,  der  nicht  einmal  ihr  einen  AbschiedsgruB,  sich 
riickwendend,  gegeben  hat  und  hinauszog,  urn  Ritter-Abenteuer  zu 
erleben.  Wir  wissen,  daB  er  auf  mancherlei  Wanderungen,  auf 
denen  er  mancherlei  erfahren  hatte  iiber  Ritterwesen  und  Ritter- 
tugend  und  sich  ausgezeichnet  hatte,  zur  Burg  des  Grals  kommt. 
Ich  habe  bei  anderer  Gelegenheit  erwahnt,  wie  wir  die  literarisch 
noch  beste  Gestalt  des  Herankommens  des  Parzival  an  die  Grals- 
burg  bei  Chrestien  de  Troyes  finden,  bei  Christian  von  Troyes;  wie 
uns  da  dargestellt  wird,  daB,  nachdem  er  lange  Irrfahrten  bestanden 
hatte,  Parzival  in  eine  einsame  Gegend  kommt,  wo  er  zun'achst  zwei 
Menschen  findet:  der  eine  rudert  einen  Kahn,  der  andere  fischt  vom 
Kahne  aus;  wie  er  dadurch,  daB  er  die  Leute  fragt,  gewiesen  wird 
an  den  Fischerkonig;  wie  er  den  Fischerkonig  in  der  Gralsburg  dann 
triflt.  Weiter  dann,  wie  ihm  der  Fischerkonig,  ein  schon  bejahrter 
Mann,  der  schwach  geworden  ist  und  sich  daher  auf  dem  Ruhe- 
bette  halten  muB,  im  Gespr'ach  das  Schwert,  das  ein  Geschenk  seiner 
Nichte  war,  iiberreicht.  Wie  dann  im  Saale  zuerst  ein  Knappe 
erscheint,  der  einen  Speer  tragt,  welcher  blutet  —  das  Blut  lauft 
herab  bis  an  die  Hand  des  Knappen  — ,  da  erscheint  eine  Jungfrau 
mit  dem  heiligen  Gral,  der  wie  eine  Art  Schiissel  ist.  Solcher  Glanz 
aber  erstrahlt  aus  dem,  was  im  Grale  ist,  daB  alle  Lichter  des  Saales 
iiberleuchtet  werden  von  dem  Lichte  des  heiligen  Gral,  wie  von 
Sonne  und  Mond  die  Sterne  iiberleuchtet  werden.  Und  dann  erfah- 
ren wir,  wie  in  diesem  heiligen  Gral  das  ist,  wovon  sich  der  in  einem 
besonderen  Raum  befindliche  alte  Vater  des  Fischerkonigs  ernahrt, 
der  nichts  bedarf  von  dem,  was  so  reichlich  aufgetragen  wird  bei 
der  Mahlzeit,  an  der  teilnehmen  der  Fischerkonig  und  auch  Parzival. 
Von  irdischen  Nahrungsmitteln  nahren  sich  diese.  Jedesmal  aber, 


wenn  ein  neuer  Gang  aufgetragen  wird  —  wie  wir  heute  sagen 
wiirden  — ,  geht  wiederum  der  heilige  Gral  vorbei  in  die  Kammer 
des  Vaters  des  Fischerkdnigs,  der  alt  ist  und  der  nur  Nahrung  be- 
kommt  von  dem,  was  in  dem  Gral  ist.  Parzival,  dem  auf  dem  Wege 
dahin  von  Gurnemanz  bedeutet  worden  ist,  daB  er  nicht  zuviel  fra- 
gen  solle,  fragt  nicht,  warum  die  Lanze  blutet,  fragt  nicht,  was  die 
Schussel  des  Gral  bedeutet  —  den  Namen  wuBte  er  natiirlich  nicht. 
Er  wurde  dann,  und  zwar  —  wie  es  bei  Christian  von  Troyes  heiBt  — 
in  demselben  Raum,  in  dem  das  alles  stattgefunden  hatte,  fur  die 
Nacht  gebettet.  Er  hatte  sich  vorgenommen,  am  nachsten  Morgen 
zu  fragen;  aber  da  fand  er  das  ganze  SchloB  leer,  niemand  war  da.  Er 
rief  nach  irgend  jemandem.  Niemand  war  da.  Er  kleidete  sich  selber 
an.  Nur  sein  Pferd  fand  er  unten  bereit.  Er  glaubte,  daB  die  Gesell- 
schaft  zur  Jagd  ausgeritten  sei,  und  wollte  nachreiten,  um  das  Wun- 
der  des  Gral  zu  erfragen.  Aber  als  er  iiber  die  Zugbriicke  geritten 
war,  schnellte  diese  so  schnell  hinauf,  daB  das  Pferd  springen  muBte, 
um  sich  vor  dem  Sturz  in  den  Graben  der  Burg  zu  retten.  Und  er 
fand  nichts  von  der  ganzen  Gesellschaft,  die  er  am  Vortage  gefun- 
den  hatte  in  der  Burg.  Dann  erzahlt  Christian  von  Troyes,  wie 
Parzival  weiterreitet  und  in  einsamer  Waldgegend  das  Bild  findet 
des  Weibes  mit  dem  Manne  im  SchoBe,  den  sie  beweint.  Sie  ist  es, 
die  zuerst  ihm  bedeutet,  wie  er  hatte  fragen  sollen,  wie  er  sich  darum 
gebracht  hat,  die  Wirkung  seines  Fragens  um  die  groBen  Geheim- 
nisse,  die  an  ihn  herangetreten  sind,  zu  erleben.  Wir  wissen  nach 
Christian  von  Troyes,  daB  er  noch  mancherlei  Irrfahrten  durch- 
machte  und  daB  er  gerade  an  einem  Karfreitag  zu  einem  Einsiedler 
kommt,  der  Trevericent  heiBt;  wir  wissen,  daB  er  von  diesem  hin- 
gewiesen  wird  darauf,  wie  man  seiner  nucht,  weil  er  versaumt  hat, 
das  herbeizufiihren,  was  wie  eine  Erlosung  fur  den  Fischerkonig 
hatte  wirken  konnen:  zu  fragen  nach  den  Wundern  der  Burg.  Man- 
cherlei Lehre  empfangt  er  dann. 

Nun  enthiillte  sich  mir,  als  ich  versuchte,  Parzival  zu  seinem 
Einsiedler  zu  begleiten,  ein  Wort,  das  so,  wie  ic
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