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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrage vor mitgliedern
der anthroposophischen gesellschaft
RUDOLF STEINER
Welche Bedeutung hat die
okkulte Entwicklung des Menschen
fur seine Hiillen (physischen Leib,
Atherleib, Astralleib) und sein Selbst ?
Ein Zyklus von zehn Vortragen
gehalten in Den Haag
vom 20. bis 29.Marz 1913
1986
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Robert Friedenthal
1. Auflage, Berlin 1913 (Groflformat, Zyklus 27)
2. Auflage, Dornach 1935 (Buchform)
3., durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1957
4., durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1976
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1986
Bibliographie-Nr. 145
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text ausgefiihrt von Assja Turgenieff
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1976 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-1450-2
Zu den Veroffentlkhungen
am dem Vortragsiverk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
voilstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser
Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung
der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur
die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigie-
ren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vor-
behalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden
mussen, dafS in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften auUert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang* (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermafien auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Den Haag, 20.Marz 1913 11
Veranderungen in den menschlichen Hiillen unter dem Ein-
fluB der Esoterik
Die Organe des physischen Leibes werden selbstandiger und unab-
hangiger voneinander, beweglicher, wahrend er in seiner Ganze als
unbeweglicher empfunden wird. Nahrungsmittel und ihre Wirkun-
gen. Alkohol und seine Gegenwirkung zur Tatigkeit des Ich.
Zweiter Vortrag, 21.Marz 1913 25
Das innere Erleben der GenuBmittel
Die Beziehung unserer Nahrungsmittel zu den Planeten unseres
Sonnensystems. Das innere Erleben der GenuBmittel. Erlebnis des
Blutumlaufes und des Herzens als Spiegelbild des makrokosmi-
schen Einwirkens der Sonne auf die Erde; der Gehirnvorgange als
Abbild der kosmischen Verhaknisse des ganzen Sternenhimmels;
der Verdauung als angehorig der Erde.
Dritter Vortrag, 22.Marz 1913 44
Die Evolution der menschlichen Sinne
Die Wahrnehmung des atherischen Wesens durch ein traumhaftes
BewuBtsein des Muskelsy stems, des Knochensystems wie eines
Schattens der einzelnen Sinnesorgane wie besonderer Welten, die
in einen eindringen. - Als den Raum durchstrahlend und einen
durchdringend, nimmt man den Warmeather wahr, aber wie hin-
eingebohrte atherische Organisation den Lichtather, den chemi-
schen, den Lebensather. Das heutige Gehororgan ist Wecker einer
kosmischen Erinnerung; das gilt fur den Sprachsinn in noch hdhe-
rem MaBe als fur den Tonsinn. Umwandlung des Gedachtnisses
in ein Anschauen von Bildern, die in zeitlicher Entfernung stehen.
Sensitivitat gegeniiber dem eigenen Temperament.
VlERTER VORTRAG, 23. Marz 1913
Das differenzierte Erleben des Atherischen
Erlangung eines Zeitgefiihls im Atherleib; man erlebt den auGern
Ather als Lebewesen. Differenzierungen im inneren Erleben des
Atherleibes. Die Arbeit der nacheinander folgenden Amshaspands
am Atherleib des menschlichen Gehirns wahrend der alten Mon-
denzeit wird im Abbild des atherischen Urbilds erlebt: im physi-
schen Gehirn. Das Mitnehmen der stromenden Zeit: Aufrollen
einer urfernen Vergangenheit. Im mittleren Teil des Atherleibes:
ein Mitschwimmen mit dem Strom der Zeit, Gefiihl wie zwischen
phlegmauscher und sanguinischer Sdmmung, wahrend das Sich-
Konzentrieren auf den Atherleib des Kopfes verbunden ist mit
einer melancholischen Stimmung, Einen dritten Teil des Ather-
leibes empfindet man als in die Erde hinein verschwindend, sich
ausbreitend; einen vierten als Eindruck einer auBeren Form, einer
Eiform, die sich dann farbt. - Das Hereinwirken der Geister des
Jahreslaufs in den Tageslauf bringt neue Differenzierungen in das
Erleben des Atherleibes, wie sonst nach Jahreszeiten, so auch nach
Tagesstunden. Unterdriickung der sinnlichen Wahrnehmung, dann
des abstrakten Denkens bei der esoterischen Entwicklung, Gott-
geschenkte Weisheit stromt ein in das entschwindende eigene
Denken; in den Atherleib ergie!3t sich etwas wie ein entgegen-
riickender Strom von der Zukunft her. Vorbedingung dazu ist die
Entfaltung der Gelassenheit.
Funfter Vortrag, 24. Marz 1913
Umwandlung von Urteil, Gefiihl und Wille
Verwandlung der gesunden Urteilskraft in gesundes Anschauen.
Aneignung eines innern Zeitbegriffs. Gescheitheit wird abgelost
durch Weisheit: die Gedanken denken sich in einem; sie verbren-
nen dasjenige, was man selber als Gedanke gemacht hat. Gefiihl
und Wille werden verwandter. Hohere GenuBbediirftigkeit gegen-
uber geistigen Dingen erscheint als feinere Egoitat und wird all-
mahlich iiberwunden; unegoistisches Fiihlen wird zur spirituellen
Verpflichtung. Empfindung, wie Wille und Gefiihl aus einem
selbst aufsteigen, wahrend die Gaben der Weisheit mit der ganzen
Welt verbinden. Sympathie und Antipathie gegeniiber der inneren
Wirksamkeit von Gefiihl und Wille. Selbstkontrolle des Gefiihls
und des Gedankens. Im Zusammenkommen des aus dem Innern
aufsteigenden Gefiihls und der von oben einstromenden Weisheit
erlebt man die atherische Welt. In dem Ruckschlag, auf den die
einstromende Weisheit in uns stoflt, erlebt man die Archai.
Sechster Vortrag, 25.Marz 1913
Die Paradieses- und die Gralslegende
Ein Augenblick hellsichtiger Schau als Hypothese: Riickblick von
Ich und astralischem Leib aus auf den physischen und Atherleib.
Der Eindruck ist ein Gefiihl maBloser Traurigkeit. Der im beweg-
lichen Athergebilde des Atherleibes eingebertete physische Leib
erscheint in seinen Organen als eingeschrumpfter Uberrest friiherer
herriicher Lebewesen. In der Imagination wachsen sich diese Or-
gane aus zu dem, was sie einst waren. Das Nervensystem, auch ein
Schrumpfprodukt, lost sich auf in eine Summe von pflanzlichen
Wesenheiten. Das Gefiihl der Selbstbesinnung drangt zu wissen,
warum das alles zusammengeschrumpft ist: man hat mit dem eige-
nen Wesen selbst den Todeskeim hineingelegt. Imagination des
Paradieses. Die beweglichen Tatsachen des Atherleibes sieht man
im zeidichen Geschehen. Man ist durch den Abgrund des allgemei-
nen Weltenathers von ihm getrennt, jenseits des Ufers, erlebt dann
wie ein Wandern hin zu seinem Atherleib und schaut hinein: es
erscheint eine Wesenheit, die wie umschlossen ist von Felsen-
mauern. Unsere Schadeldecke ist wie eine Burg, in die hinaufstro-
men die atherischen Krafte der Nervenstrange wie ein selbst-
geschmiedetes Schwert und des Blutes wie eine blutige Lanze. Aber
der edelste Teil des Gehirns darf sich nur nahren von der Verbin-
dung der feinsten Sinneseindriicke mit den edelsten mineralischen
Produkten, das andere stoBt der Atherleib zuriick. All dieses, in Bil-
der gebracht, ergab die Gralssage.
Siebenter Vortrag, 26.Marz 1913 1
Astralitat und Egoitat. Amfortas und Parzival
Das Selbstandigwerden des Astralleibes. Egoismus als Eigentiim-
lichkeit des Astralleibes macht notwendig die Erweiterung der In-
teressen iiber die ganze Erde (Paradieseslegende), die Loslosung von
den personlichen Interessen (Amfortas), das innerliche Verstehen-
wollen dessen, was der ganzen Menschheit zukommt (Parzival). Be-
einflussungsmoglichkeit des freigewordenen Astralleibes durch Ri-
ten oder durch den emanzipierten Astralleib einer starkeren Per-
sonlichkeit. Zusammenziehung der Menschheitsinteressen nach dem
Punkt des Ich in der BewuBtseinsseele in unserm Zeitalter. Die
Vorbereitung dazu geschah durch Augustinus. Das Auseinanderset-
zen der Astralitat mit der Egoitat. Die drei Faustgestalten und ihre
Verbindung in Goethes « Faust ».
Achter Vortrag, 27.Marz 1913
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Der Hiker der Schwelle. Kain und Abel
Das Erleben der eisigen Einsamkeit als Gegengewicht zum Ober-
handnehmen des Egoismus im astralischen Leibe. Wenn er sich
dann zu Weltinteressen ausdehnt, kommt, mit dem Naherkommen
an die Paradiesesimagination, auch der Zeitpunkt der Begegnung
mit dem Hiiter der Schwelle. Fesselung an die magnetischen Krafte,
die in das Personliche hinunterziehen, wenn man noch nicht wirk-
liche Weltinteressen zu den seinen gemacht; dies verhindert, daB
man an dem Hiiter der Schwelle vorbeikommt. Die Vereinigung
mit der Paradiesesimagination schafft gleichsam das Organ, andere
Wesenheiten zu schauen: zunachst eine Wesenheit, die ahnlich er-
scheinen wird, wie man selber ist. Beschreibung weiterer Erleb-
nisse: die aufiere Wesenheit als Hiiter der innern Wesenheit. Man
erhalt einen Begriff von dem Verhaltnis der Hiillen zum Selbst. Die
Imagination der Kain- und Abelgeschichte: Spiegeiung eines hohen
Opfers. Der Mensch, wie er hier auf die Erde gestellt ist, ist die
Verkehrung desjenigen, was er einstmals war. Aus dem ieisen Emp-
finden der Wiinsche des Astralleibes in seiner Wechselwirkung mit
dem Selbst entsteht die menschliche Erdenerkenntnis: es sind die
stumpf gemachten Zerstorungstriebe. Die in das Wesen eines an-
dern hineinversenkte Vorstellung ist die abgestumpfte Waffe des
Kain. Dadurch geht in Evolution iiber, was mit einem Ruck in sein
Gegenteil verkehrt worden ist. Nur dadurch macht man sich reif,
zur Erkenntnis aufzusteigen, da/3 man des andern Interessen hoher
als die eignen stellt: Ausgangspunkt, um sich zu den hohern Hier-
archien zu erheben.
Kentaur und Sphinx. Luzifer und Ahriman. Christus im
Atherischen
Hellsichtige Wahrnehmung der vorzeitlichen Menschengestalt im
wachwerdenden SchlafbewuBtsein (Paradiesesimagination). Schat-
tenhafter Eindruck eines Kentauren, dann einer Sphinx, verschie-
dener Aspekte einer an eine tierische Wesenheit uns erinnernden
Fortsetzung nach unten des Menschengebildes. Impression der Rea-
litat Luzifers, des Geistes der Schonheit und der Egoitat, im nacht-
lichen innern Erleben. Ahrimanische Impression in der Tages-
anschauung dessen, was uns von auBen zum GenuB verlockt, aber
auch dessen, was uns Furcht einfloBt. Wo der Mensch materielle
Atome hintraumt, ist in Wahrheit Ahriman. Gegen die Wahrneh-
mung des Geistigen straubt sich der Intellektualismus. In der Ge-
Neunter Vortrag, 28.Marz 1913
151
stalt des Mephisto hat noch das traditionelle Wissen des l6.Jahr-
hunderts den Verfiihrer des Menschengeschlechtes hingestellt. Das
Wachleben hindurch wird der Mensch von Ahriman-Mephisto-
pheles begleitet; als Gegenbild dazu in hellseherischen Augenblik-
ken die Impression: Luzifer, der Genosse der Nachc. Der Schutz-
impuls gegen Ahriman-Mephisto war gegeben in der physischen
Erscheinung des Chrisms; gegen den ktinftigen luziferischen Ein-
fluB wird der Mensch gewappnet durch die Erscheinung des Chri-
stus im Atherleib. Die Erkenntnis der drei die Menschheitsevo-
lution bedingenden Impulse fiihrt zu einer richtigen Entwickelung
des Selbstes und des astralischen Leibes.
Zehnter Vortrag, 29.Marz 1913 167
Das Weltengemalde des Atherleibes
Veranderungen des Menschen fur die auBere hellsichtige Anschau-
ung. Was im Innern als ein Beweglicherwerden des physischen Lei-
bes erlebt wird, zeigt sich von auBen als zerspaket, auseinander-
gehend und wachsend. Imaginationen rreten an die Stelle der phy-
sischen Mater ie; zwolf Glieder eines Weltengemaldes, durch das
bei okkulter Entwickelung die Hierarchien sprechen. Der Ather-
leib ist ein Erzahler der Weltengeschichte. Der astralische Leib wird
immer mehr der Ausdruck fur den innern Wert des Menschen im
Kosmos. Das Selbst des Menschen zerteilt sich, schickt seinen Be-
wuBtseinsinhalt aus, verlegt es in ein Wesen der Hierarchien. Bild
der Sonne fur den astralischen Leib und der sie umgebenden Pla-
neten fiir die Vervielfaltigungen des Selbstes. Die Umwandlung
der BewuBtseinsseele in die Imaginationsseele, der Verstandesseele
in die Inspirationsseele, der Empfindungsseele in die Intuitionsseele.
Hinweise
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
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ERSTER VORTRAG
Den Haag, 20.Marz 1913
Ich werde Ihnen zu sprechen haben, meine lieben Freunde, iiber
ein Thema, welches vielen in der Gegenwart wichtig sein kann,
alien denjenigen wichtig sein kann, welche in irgendeiner Weise
so streben, daB sie Geisteswissenschaft nicht nur zu einer Theorie
machen, sondern sie in ihr Herz und Gemiit aufnehmen, so daB
sie ihnen ein wirklicher Lebensinhalt wird; daB sie etwas wird,
was einflieBt in ihr ganzes Menschheitsdasein als Menschen der
Gegenwart.
Nicht nur fur den eigentlichen Esoteriker, sondern fur jeden,
der anthroposophische Gedanken in seine Seelenkrafte aufnehmen
will, wird wichtig sein, einiges zu erfahren ,iiber die Veranderun-
gen, die die ganze menschliche Wesenheit dadurch erfahrt, daB
entweder der Mensch solche Ubungen ausfiihrt, wie sie in meiner
Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» mit-
geteilt sind, oder wie sie kurz zusammengestellt sind in dem zwei-
ten Teile meiner «Geheimwissenschaft», oder auch daB der Mensch
einfach, aber mit Herz und Gemiit anthroposophische Gedanken
zu seinen eigenen macht. Anthroposophie, esoterisch getrieben oder
exoterisch, aber ernst getrieben, bewirkt einfach gewisse Verande-
rungen in der Gesamtorganisation des Menschen. Man wird — das
darf kuhnlich behauptet werden — ein anderer Mensch durch An-
throposophie, man verwandelt sein ganzes Menschheitsgefuge. So-
wohl der physische Leib wie der atherische, wie der astral ische Leib,
wie das eigentliche Selbst des Menschen werden in einer gewissen
Weise dadurch verwandelt, daB der Mensch Anthroposophie wirk-
lich in sein Inneres aufnimmt. Und der Reihe nach sollen bespro-
chen werden die Veranderungen, welche diese menschlichen Hiillen
unter dem Einflusse der Esoterik oder aber der exoterisch ernst ge-
triebenen Anthroposophie erfahren.
Besonders schwierig ist es ja, iiber die Veranderungen des physi-
schen Menschenleibes zu sprechen, aus dem einfachen Grunde,
weil diese Veranderungen des physischen Menschenleibes im Anfang
des anthroposophischen oder esotenschen Lebens zwar wichtige,
bedeutungsvolle sind, aber in einer gewissen Weise auch oft un-
deutlich, geringfiigig zu nennen sind. Wichtige, bedeutungsvolle
Veranderungen gehen mit dem physischen Leib vor sich, aber sie
sind doch auBerlich, fur irgendein auBeres Wissen nicht bemerk-
bar. Sie konnen auch nicht bemerkbar sein aus dem einfachen
Grunde, weil das Physische dasjenige ist, was der Mensch von
innen heraus am allerwenigsten in seiner Gewalt hat, und weil
sogleich Gefahren kommen wiirden, wenn esoterische Ubungen
oder anthroposophischer Betrieb so eingerichtet wiirden, daft der
physische Leib Veranderungen erfahrt, die iiber das MaB dessen
hinausgehen, was der Mensch voll zu beherrschen in der Lage ist.
Innerhalb gewisser Grenzen halten sich die Veranderungen des
physischen Leibes; aber es ist doch wichtig, daB der Mensch etwas
davon erfahrt, daB er sie sich klarmachen kann.
Soil man zunachst mit einem zusammenfassenden Worte die Ver-
anderungen bezeichnen, die der physische Menschenleib erfahrt
durch die angedeuteten Bedingungen, so muB man sagen: Dieser
physische Menschenleib wird in sich zunachst beweglicher und
inner lich lebendiger. Beweglicher, was heiBt das? Nun, im nor-
malen Menschenleben haben wir den physischen Menschenleib so
vor uns, daB seine einzelnen Organe miteinander in Kommunika-
tion stehen, daB seine einzelnen Organe in gewisser Weise mit-
einander verbunden sind. Die Wirkungen der einzelnen Organe
gehen ineinander iiber. Dadurch, daB der Mensch Esoterik oder
Anthroposophie ernsthaft auf sich wirken JaBt, werden die einzel-
nen Organe selbstandiger, unabhangiger voneinander. Alle einzel-
nen Organe werden voneinander unabhangiger. In einer gewissen
Weise wird das Gesamtleben des physischen Leibes herabgedampft
und das Eigenleben der Organe verstarkt. Wenn auch der Grad
der Herabdampfung des Gesamtlebens und der Verstarkung des
Eigenlebens der Organe ein ungeheuer geringer ist, so muB man
doch sagen: Durch den EinfluB von Esoterik und Anthroposophie
uberhaupt wird das Herz, das Gehirn, das Riickenmark, werden alle
Organe selbstandiger und lebendiger und unabhangiger voneinan-
der, innerlich beweglicher. Wenn ich gelehrt sprechen wollte, muGte
ich sagen: Es gehen die Organe aus einem stabilen Gleichgewichts-
zustand in einen mehr labiien Gleichgewichtszustand iiber. Diese
Tatsache ist aus dem Grunde gut zu wissen, weil der Mensch sehr
leicht geneigt ist, wenn er etwas wahrnimmt von diesem anderen
Gleichgewichtszustand seiner Organe, es dem Umstand zuzuschrei-
ben, daB er unpaBlich oder krank geworden ist. Er ist nicht ge-
wohnt, so zu empfinden die Beweglichkeit, die Unabhangigkeit der
Organe. Man verspiirt, empfindet Organe nur dann, wenn sie an-
ders funktionieren, als der normale Zustand ist. Nun empfindet
man, wenn audi zunachst in einer sehr gelinden Weise, das Un-
abhangigwerden der Organe voneinander; man kann das fur ein
UnpaBlichwerden, fur ein Erkranken halten. Sie sehen also, wie
man, gerade wenn es auf den physischen Menschenleib ankommt,
vorsichtig sein muB: Selbstverstandlich kann dieselbe Sache einmal
eine Erkrankung sein, ein anderes Mai eine bloBe Begleiterschei-
nung des inneren anthroposophischen Lebens. Daher hat man in
jedem Fall notwendig, individuell zu unterscheiden; aber gesagt
muB werden, daB dasjenige, was hier erreicht wird durch das an-
throposophische Leben, durchaus etwas ist, was ganz im normalen
Entwicklungslauf der Menschheit ohnedies liegt. In alteren Zeiten
der Menschheitsentwicklung waren die einzelnen Organe noch
mehr voneinander abhangig, als sie es jetzt im auBeren Leben sind,
und in der Zukunft werden sie immer unabhangiger werden. So wie
derjenige, der sich zur Anthroposophie bekennt, immer auf den
verschiedensten Gebieten des Lebens und Erkennens gewissermaBen
vorausnehmen muB spatere, erst in der Zukunft an die gesamte
Menschheit herantretende Entwicklungsstufen, so muB er auch
diese Entwicklungsstufe sozusagen sich gefallen lassen, daB seine
Organe voneinander unabhangiger werden. Das kann sich in einer
leisen, gelinden Art ausdriicken in den einzelnen Organen und
Organsystemen.
Ich will ein besonderes Beispiel anfuhren. Sie kennen aile die
Erscheinung, daB der Mensch, namentlich wenn er bodenst'andig
ist, wenn er also nicht durch seinen Beruf etwa viel reist, in einer
gewissen Weise zusammengewachsen ist mit seinem Boden. Gehen
Sie aufs Land zu den Landleuten, da werden Sie erfahren, daB noch
in einem viel hoheren MaBe als bei der heutigen Stadtbevolke-
rung, die ja vielfach Landaufenthalte aufsucht, die Leute mit ihrem
Boden, mit ihrem Klima zusammengewachsen sind und daB sie
es schwer haben, wenn sie durch dieses oder jenes in eine andere
Gegend oder in ein anderes Klima versetzt werden, sich zu akkli-
matisieren, wie man das nennt; daB bis in die Seele herein in Form
von einem oftmals unuberwind lichen Heimweh die Sehnsucht
#
nach dem Boden, mit dem sie zusammengewachsen sind, in der
Seele lebt. Das soil uns nur darauf hinweisen, wie der Mensch not-
wendig hat — was wir auch sonst bemerken konnen, wenn er in
eine andere Gegend kommt — , seinen ganzen Organismus anzu-
passen an diese Gegend, an dieses Klima. In unserem normalen
Leben findet nun tatsachlich die Anpassung statt innerhalb des
gesamten menschlichen Organismus. Alles wird in gewisser Weise
affiziert, in Mitleidenschaft gezogen, wenn wir aus der Ebene ins
Gebirge uns versetzen, wenn wir in eine etwas entfernte Gegend
uns versetzen. Bei dem Esoteriker oder bei dem mit Ernst die An-
throposophie Treibenden tritt das merkbar ein, daB nun nicht mehr
der ganze Organismus in Mitleidenschaft gezogen wird, sondern
daB sich das Blutsystem absondert und daB die Blutzirkulation sich
gleichsam heraussondert von dem iibrigen Organismus und die
Blutzirkulation den groBeren EinfluB erfahrt, wenn der Mensch
von einer Gegend in die andere iibergeht. Und wer sich fur diese
Sache eine gewisse Sensitivitat aneignet, der kann bemerken, daB
in der Tat an der Pulsation seines Blutes, an der Art, wie sein Puis
schlagt, bemerkbar ist, wenn er einfach durch eine Reise von
einem Ort in einen anderen sich versetzt. Wahrend bei dem Men-
schen, der nicht durch Esoterik oder anthroposophisches Leben so-
zusagen impragniert ist, das Nervensystem noch stark in Anspruch
genommen wird durch die notwendige Akklimatisierung, wird bei
dem, der sich mit Esoterik oder ernstem anthroposophischem Leben
durchdringt, das Nervensystem sehr wenig in Anspruch genom-
men werden; es tritt zuriick, es sondert sich der innige Verband
zwischen dem Nerven- und Blutsystem durch das anthroposo
phische Innenleben voneinander, und es wird das Blutsystem in
einer gewissen Weise sensitiver fur die Einfliisse von Klima und
Boden, dafiir das Nervensystem unabhangiger.
Wenn Sie fur eine solche Sache Beweise haben wollen, so miis-
sen Sie diese Beweise in der natiirlichsten Weise suchen, in der
sie zu flnden sind: namlich dann, wenn Sie selber in eine ahnliche
Lage sich versetzt fiihlen, wenn Sie selber an einen andern Ort
kommen. Versuchen Sie auf sich zu achten, dann werden Sie sehen,
daB Sie diese Tatsache des Okkultismus bewahrheitet linden. Es ist
aufierordentlich wichtig, eine solche Tatsache ins Auge zu fassen,
einfach aus dem Grunde, weil diese Tatsache sich allmahlich aus-
bildet zu einer ganz bestimmten Empfindungsfahigkeit. An seinem
Blut bemerkt derjenige, der in seinem Herzen Anthroposoph ge-
worden ist, den Charakter einer fremden Stadt. Er braucht gar nicht
viel auf anderes einzugehen: an seinem Blut kann er es schon be-
merken, wie die Gegenden der Erde voneinander verschieden sind.
Dagegen sondert sich wiederum das Nervensystem in einer anderen
Weise heraus aus dem gesamten Organismus. Derjenige, der sich
mit Anthroposophie unter den angegebenen Bedingungen durch-
dringt, wird nach und nach bemerken, daft er zum Beispiel den
Unterschied der vier Jahreszeiten, namentlich den Unterschied von
Sommer und Winter, noch in einer ganz anderen Weise empfindet
als der sonstige normale Mensch der Gegenwart. Der normale
Mensch der Gegenwart fiihlt an seinem eigenen physischen Leibe
eigentlich im Grunde genommen zumeist doch nur den Tempera-
turunterschied. Derjenige, der in der angedeuteten Weise Anthro-
posophie zu seinem Seeleninhalt gemacht hat, der empfindet nicht
nur den Temperaturunterschied, sondern getrennt davon hat er
noch ein besonderes Erleben in seinem Nervensystem, so daB es ihm
zum Beispiel leichter wird, gewisse Gedanken, die an das physische
Gehirn gebunden sind, im Sommer zu fassen als im Winter. Nicht
als ob es unmoglich ware, im Winter diese oder jene Gedanken zu
fassen; aber man kann deutlich erfahren, daB es im Sommer leichter
ist als im Winter, daB sie im Sommer sozusagen leichter nieBen
als im Winter. Man kann auch bemerken, daB im Winter die
Gedanken leichter abstrakt und im Sommer leichter bildhaft,
anschaulicher werden. Das kommt davon her, daB das Werk-
zeug fur den physischen Plan, das Nervensystem, in feiner Weise
mitschwingt mit der Veranderung der Jahreszeiten, innerlich un-
abhangiger vom Gesamtorganismus mitschwingt, als das sonst
der Fall ist.
Eine Grundveranderung aber in dem physischen Menschenleib
ist dieses, daB man iiberhaupt beginnt — was recht bedenkliche
Gestalten annehmen kann — , seinen physischen Leib starker zu
fiihlen als vorher; er wird gewissermaBen empfindlicher fur das
Seelendasein, er wird schwerer ertraglich. Es ist auBerordentlich
schwierig, sich das ganz klar zu machen, wenn dies auseinander-
gesetzt werden soli; allein stellen Sie sich vor ein Glas, in dem
Wasser ist und in dem ware aufgelost Salz, so daB das eine triibe
Fliissigkeit gabe. Nehmen Sie an — fur den normalen Zustand des
Menschen — seinen Atherleib, Astralleib und sein Selbst wie die
Fliissigkeit, und der physische Leib sei darin aufgelost wie das Salz.
Jetzt lassen wir die Fliissigkeit hier im Glase etwas abkiihlen. Da
wird das Salz sich langsam herausverharten, wird schwerer dadurch,
daB es selbstandiger wird. So verhartet sich heraus aus dem gesam-
ten Gefiige der vier Glieder der mensch lichen Wesenheit der phy-
sische Leib; er schrumpft ein, wenn auch in geringfiigigem MaBe.
Das ist durchaus wortlich zu nehmen. Er schrumpft in einer gewis-
sen Weise ein. Nur miissen Sie sich das nicht stark vorstellen, so
daB man nicht zu fiirchten hat, daB der Mensch durch anthroposo-
phische Entwicklung die allerstarksten Runzeln bekommt. Dieses
Einschrumpfen ist ein In-sich-Dichterwerden. Dadurch aber zeigt
er sich eigentlich erst als etwas, woran man schwerer zu tragen hat
als vorher. Man empfindet ihn unbeweglicher als vorher. Dazu
kommt, daB die anderen Glieder nun leichter beweglich sind. So
empfindet man das, was man vorher eigentlich, wenn es ganz
gesund war, gar nicht empfunden hat an sich, wozu man ganz
behaglich Ich gesagt hat, das empfindet man nachher als etwas,
was man wie schwerer geworden an sich tragt, was man anfangt
zu verspiiren in seiner Ganze. Und insbesondere fangt man an, in
seinem Leibe alle diejenigen Einschliisse zu verspiiren, welche so
zusagen innerhalb dieses physischen Leibes ein gewisses, von vorn-
herein selbstandiges Dasein fiihren. Und hier kommen wir auf eine
Frage, die eigentlich nur in diesem Zusammenhang zum vollen
Verstandnis gebracht werden kann — aber selbstverstandlich wird
damit keine Agitation getrieben, sondern nur die Wahrheit hin-
gestellt — , wir kommen auf die Frage der Fleischkost.
Da miissen wir uns einmal, weil wir es hier mit dem physischen
Leib zu tun haben, einlassen auf die Beschreibung des Wesens der
Fleisch- und auch der Pflanzennahrung, der Nahrung iiberhaupt.
Das alles soil eine Episode bilden bei der Besprechung der Einfliisse
anthroposophischen Lebens auf die Hiillen des Menschen, was so
charakterisiert werden kann, daB es genannt wird die Erganzung, die
Regeneration dieses physischen Leibes von auBen herein durch das,
was er an auBerer Substanz aufnimmt. Man versteht das Verhaltnis
des Menschen zu seinen Nahrungsmitteln dann recht, wenn man
das Verhaltnis des Menschen zu den iibrigen Naturreichen, zunachst
zum Pflanzenreich ins Auge faBt. Das Pflanzenreich, als ein Reich
des Lebens, fiihrt die anorganischen Stoffe, die leblosen Stoffe bis
zu einer gewissen Organisation herauf. DaB die lebendige Pflanze
werde, das setzt voraus, daB die leblosen Stoffe in einer gewissen
Weise — wie eben in einem lebendigen Laboratorium — verarbeitet
werden bis zu einer gewissen Stufe der Organisation herauf. So daB
wir in der Pflanze ein Lebewesen vor uns haben, welches die leb-
losen Naturprodukte bis zu einer gewissen Stufe der Organisation
bringt. Der Mensch ist nun so organisiert als physischer Organis-
mus, daB er in der Lage ist, den OrganisationsprozeB da aufzu-
nehmen, bis wohin die Pflanze ihn gebracht hat, und dann ihn von
dem Punkte an weiterzufiihren, so daB der hohere Menschen-
organismus entsteht, wenn der Mensch das, was die Pflanze bis zu
einem gewissen Grade organisiert hat, weiterorganisiert. Es verhal-
ten sich die Dinge ganz genau so, daB dann eigentlich eine voll-
standige Kontinuation da ist, wenn der Mensch einen Apfel oder
ein Baumblatt abpfluckt und iBt. Das ist die vollstandigste Kon-
tinuation. Wiirden alle Dinge so vorliegen, daB immer das Aller-
natiirlichste konnte getan werden, so wiirde man sagen konnen:
Das Natiirlichste ware, daB der Mensch einfach den Organisations-
prozeB da fortsetzt, wo ihn die Pflanze stehengelassen hat, das heiBt
die Pflanzenorgane so nimmt, wie sie sich drauBen darbieten, und
von da aus in sich selber weiterorganisiert. Das wiirde eine gerade
Linie der Organisation geben, die nirgends irgendwie durchbrochen
ware: von der leblosen Substanz bis zur Pflanze, bis zu einem gewis-
sen Punkt der Organisation, und von diesem Punkt bis zum mensch-
lichen Organismus hindurch.
Nehmen wir nun gleich das Grobste: der Mensch genieBt das
Tier. Im Tier haben wir ein Lebewesen vor uns, welches den Orga-
nisationsprozeB auch schon weiterfiihrt als die Pflanze, bis zu ein^m
gewissen Punkte iiber die Pflanzenorganisation hinausfiihrt. So daB
wir von dem Tiere sagen konnen, es setzt den OrganisationsprozeB
der Pflanze fort. Nehmen wir nun an, der Mensch iBt das Tier. Da
trkt in einer gewissen Weise das Folgende ein: der Mensch hat
jetzt nicht notig, das an inneren Kraften anzuwenden, was er hatte
anwenden miissen bei der Pflanze. Hatte er da angefangen, die Nah-
rungsmittel organisieren zu miissen, wo die Pflanze aufgehort hat,
dann hatte er eine gewisse Summe von Kraften anwenden miissen.
Die bleibt nun ungeniitzt, wenn er das Tier iBt; denn das Tier hat
die Organisation der Pflanze schon bis zu einem gewissen hoheren
Punkte herauf gef iihrt ; erst da braucht der Mensch jetzt anzufangen.
Wir konnen also sagen: Der Mensch setzt nicht die Organisation
da fort, wo er sie fortsetzen konnte, sondern er laBt Krafte, die in
ihm sind, ungeniitzt und setzt sp'ater die Organisation fort; er laBt
sich von dem Tiere einen Teil der Arbeit abnehmen, den er leisten
miiBte, wenn er die Pflanze genieBen wiirde. Nun besteht das Wohl-
sein eines Organismus nicht darin, daB er moglichst wenig leistet,
sondern darin, daB er alle seine Krafte wirklich in Tatigkeit bringt.
Wenn der Mensch tierische Nahrung zu sich nimmt, so macht er
mit denjenigen Kraften, welche organische Tatigkeiten entwickeln
wiirden, wenn er nur Pflanzen aBe, etwas ahnliches, wie wenn er
auf seinen linken Arm verzichten wiirde, ihn anbinden wiirde, so
daB er nicht beniitzt werden kann. So bindet der Mensch, wenn er
Tiere iBt, innere Krafte an, die er sonst aufrufen wiirde, wenn er
nur Pflanzen aBe. Er verurteilt also eine gewisse Summe von Kraf-
ten in sich zur Untatigkeit. Alles, was so zur Untatigkeit im mensch-
lichen Organismus verurteilt wird, bewirkt zugleich, daB die betref-
fenden Organisationen, welche sonst tatig waren, brachgelegt wer-
den, gelahmt, verhartet werden. So daB der Mensch einen Teii sei-
nes Organismus totet oder wenigstens lahmt, wenn er das Tier
genieBt. Diesen Teii seines Organismus, den der Mensch so in sich
verhartet, den tragt er dann mit durch das Leben wie einen Fremd-
korper. Diesen Fremdkorper fiihlt er im normalen Leben nicht.
Wenn aber der Organismus so innerlich beweglich wird und seine
Organsysteme voneinander unabhangiger werden, so wie es im
anthroposophischen Leben geschieht, dann beginnt der physische
Leib, der ohnedies schon, wie wir charakterisiert haben, sich un-
behaglich fuhit, sich noch unbehaglicher zu fiihlen, weil er ja jetzt
einen Fremdkorper in sich hat.
Wie gesagt, es soli nicht agitiert, sondern nur die Wahrheit an
sich hingestellt werden. Und wir werden andere Wirkungen der
tierischen Nahrung noch kennenlernen; wir werden diesmal geno-
tigt sein, dieses Kapitel ausfiihrlich zu besprechen. Daher also
kommt es, daB Fortschritt .an innerem anthroposophischem Leben
allm'ahlich eine Art von Ekel erzeugt an tierischer Nahrung. Nicht
als ob man dem Anthroposophen die tierische Nahrung verbieten
miiBte; sondern das gesund fortschreitende Instinktleben wehrt sich
nach und nach gegen die tierische Nahrung und mag sie auch nicht
mehr; und das ist auch viel besser, als wenn der Mensch aus irgend-
einem abstrakten Grundsatz heraus Vegetarier wird. Das beste ist,
wenn die Anthroposophie den Menschen dazu bringt, eine Art Ekel
und Abscheu vor der Fleischnahrung zu haben, und es hat nicht
viel Wert in bezug auf das, was man seine hohere Entwicklung
nennen kann, wenn der Mensch auf andere Weise sich die Fleisch-
nahrung abgewohnt. So daB man sagen kann: Die tierische Nah-
rung bewirkt in dem Menschen etwas, was fur den physischen
Leib des Menschen eine Last wird, und diese Last wird empfunden.
Das ist der okkulte Tatbestand von einer Seite.
Von einer anderen Seite werden wir ihn noch charakterisieren.
Ich mochte als anderes Beispiel noch den Alkohol erwahnen. Auch
das Verhaltnis des Menschen zum Alkohol ist einer Veranderung
unterworfen, wenn der Mensch sich innerlich lebendig, ernst mit
Anthroposophie durchdringt. Der Alkohol namlich ist ja etwas
noch ganz Besonderes sozusagen in den Reichen der Natur. Er er-
weist sich nicht nur als eine Last-Erzeugung im menschlichen Orga-
nismus, sondern er erweist sich direkt als oppositionelle Gewalt im
menschlichen Organismus erzeugend. Denn wenn wir die Pflanze
betrachten, so bringt sie es in ihrer Organisation bis zu einem ge-
wissen Punkt — mit Ausnahme der Weinrebe, die es iiber diesen
Punkt hinausbringt. Was die iibrigen Pflanzen sich einzig und
allein aufsparen fur den jungen Keim, alle die Triebkraft, die sonst
nur fur den jungen Keim aufgespart wird und nicht in das iibrige
der Pflanze sich ergieBt, das ergieBt sich bei der Weintraube auch in
einer gewissen Weise in das Fruchtneisch; so daB durch die so-
genannte Garung, durch die Verwandlung dessen, was sich da in
die Weintraube hineinergieBt, was in der Traube selbst zur hoch-
sten Spannung gebracht worden ist, etwas erzeugt wird, was in der
Tat innerhalb der Pflanze eine Gewalt hat, welche nur verglichen
werden kann okkultistisch mit der Gewalt, die das Ich des Men-
schen iiber das Blut hat. Was also bei der Weinerzeugung entsteht,
was bei der Alkoholerzeugung sich immer bildet, ist, daB in einem
anderen Naturreich dasjenige erzeugt wird, was der Mensch erzeu-
gen muB, wenn er von seinem Ich aus auf das Blut wirkt.
Wir wissen ja, daB eine innige Beziehung besteht zwischen dem
Ich und dem Blut. Sie kann schon auBerlich charakterisiert werden
dadurch, daB wenn im Ich Scham empfunden wird, die Schamrote
dem Menschen ins Gesicht steigt, wenn in dem Ich Furcht, Angst
empfunden wird, der Mensch erblaBt. Diese Wirkung von dem
Ich auf das Blut, die aber auch sonst vorhanden ist, die ist okkul-
tistisch ganz ahnlich derjenigen Wirkung, welche entsteht, wenn
der PflanzenprozeB zurtickgebildet wird, so daB das, was in dem
Fruchtfleisch der Weintraube ist oder was iiberhaupt aus dem Pflanz-
lichen kommt, zum Alkohol umgebildet wird. Das Ich muB, wie
gesagt, normal einen ganz ahnlichen ProzeB im Blut erzeugen -
okkultistisch gesprochen, nicht chemisch — , wie erzeugt wird durch
das gleichsam Riickgangigmachen des Organisationsprozesses, durch
das bloBe Chemischmachen des Organisationsprozesses, wenn Alko-
hol erzeugt wird. Die Folge davon ist, daB wir durch den Alkohol
etwas in unseren Organismus einfiihren, was von der anderen Seite
her so wirkt, wie das Ich auf das Blut wirkt. Das heiBt, wir haben
ein Gegen-Ich in dem Alkohol in uns aufgenommen, ein Ich, das
direkt ein Kampfer ist gegen die Taten unseres geistigen Ich. Von
der anderen Seite her wird auf das Blut gerade so gewirkt durch
den Alkohol, wie von dem Ich auf das Blut gewirkt wird. So daB
wir also einen inneren Krieg entfesseln und im Grunde alles das,
was von dem Ich ausgeht, zur Machtlosigkeit verdammen, wenn
wir ihm einen Gegenkampfer entgegenstellen im Alkohol. Dies ist
der okkulte Tatbestand. Derjenige, welcher keinen Alkohol trinkt,
sichert sich die freie Moglichkeit, von seinem Ich aus auf das Blut
zu wirken; derjenige, der Alkohol trinkt, der macht es gerade so
wie jemand, der eine Wand einreiBen will und nach der einen Seite
schlagt, gleichzeitig aber auf der anderen Seite Leute aufstellt, die
ihm entgegenschlagen. Ganz genau so wird durch den GenuB des
Alkohols eliminiert die Tatigkeit des Ich auf das Blut.
Daher empfindet derjenige, welcher Anthroposophie zu seinem
Lebenselement macht, die Arbeit des Alkohols im Blute als direkten
Kampf gegen sein Ich, und es ist daher nur natiirlich, daB eine
wirkliche geistige Entwicklung nur leicht vor sich gehen kann,
wenn man ihr nicht diese Widerlage schafft. Wir sehen gerade aus
diesem Beispiel, wie das, was ja sonst auch vorhanden ist, durch das
veranderte Gleichgewicht, welches eintritt im physischen Leib, fur
den Esoteriker oder Anthroposophen wahrnehmbar wird.
Auch in vielen anderen Beziehungen verselbstandigen sich die
einzelnen Organe und Organsysteme des menschlichen physischen
Organismus, und diese Verselbstandigung konnen wir auch dadurch
kennzeichnen, daB Riickenmark und Gehirn viel unabhangiger von-
einander werden. Wir werden von der Nahrung, von der okkulten
Nahrungsphysiologie morgen noch weiterreden; ich will aber heute
mehr bei dem Thema der Verselbstandigung bleiben. Diese Un-
abhangigkek des Riickenmarkes vom Gehirn kann dadurch zutage
treten, daB in der Tat durch eine innere Durchdringung der Seele
mit Anthroposophie nach und nach der Mensch in die Lage kommt,
an seinem physischen Leibe zu empfinden, als ob dieser physische
Organismus an sich groBere Selbstandigkeit gewanne. Das kann
wiederum ganz unbehagliche Situationen geben. Daher ist es um
so notwendiger, daB man die Sache weiB. Es kann sich zum Beispiel
herausstellen, daB, wahrend man sich sonst in der Gewalt hat, wie
man das so gewohnlich nennt, derjenige, der weiterkommt, an sich
plotzlich merkt, wie er manche Worte sagt, ohne daB er so recht die
Absicht hatte, diese Worte zu sagen. Er geht auf der StraBe; plotz-
lich merkt er, daB er ein Wort ausgesprochen hat, das vielleicht ein
Lieblingswort von ihm ist, das er unterlassen hatte auszusprechen,
wenn er nicht jene Verselbstandigung durchgemacht hatte, die man
diejenige des Riickenmarkes gegeniiber dem Gehirn nennt. Was
sonst gehemmt wird, das wird zu bloBen Reflexerscheinungen durch
die Verselbstandigung des Riickenmarkes gegeniiber dem Gehirn.
Aber im Gehirn selber wird ein Teil verselbstandigt gegeniiber dem
andern Teil: namlich die inneren Partien des Gehirns werden selb-
standiger gegeniiber den auBeren umlagernden Partien, wahrend
diese letzteren mehr mit den inneren Partien zusammenarbeiten im
normalen Leben. Das zeigt sich dadurch, daB fur den Esoteriker
oder wirklichen Anthroposophen das abstrakte Denken schwerer
wird, schwieriger wird, als es vorher war, an dem Gehirn allmah-
lich einen Widerstand findet. Bildlich zu denken, mehr sozusagen
sich imaginativ vorzustellen, das wird leichter bei dem sich ent-
wickelnden Anthroposophen, als daB er abstrakt denkt.
Das ist etwas, was bei manchem besonders eifrigen Anthropo-
sophen sogar sehr bald leicht bemerkbar wird. Es stellt sich eine
Vorliebe fur nur anthroposophische Betatigung ein. Die Leute fan-
gen an, nur mehr Anthroposophisches gerne zu lesen und zu denken,
nicht bloB aus dem Grunde, weil sie'eifrige Anthroposophen sind,
sondern weil es ihnen leichter wird,. sich in diese mehr spirituellen
Vorstellungen hineinzufinden, welche, soweit der physische Plan in
Betracht kommt, die mittleren Partien des Gehirns beanspruchen,
wahrend das abstrakte Denken die auBeren Partien des Gehirns be-
ansprucht. Daher kommt die Abneigung gerade manches iibereifri-
gen Anthroposophen gegeniiber abstraktem Denken und abstrakter
Wissenschaft. Daher kommt es auch wiederum, daB einzelne An-
throposophen mit einer gewissen Wehmut bemerken, wie sie friiher
gut abstrakt haben denken konnen und wie gerade dieses abstrakte
Denken anfangt schwieriger zu werden.
So werden die einzelnen Organe in sich lebendiger und selbstan-
diger, und sogar einzelne Organteile werden lebendiger und selb-
standiger. Sie konnen daraus ersehen, daB sozusagen etwas Neues
eintreten muB bei dem Menschen, der solches durchmacht. Friiher
war es eine giitige Natur, die ohne sein Zutun seine Organe in die
richtige Verbindung gebracht hat; jetzt werden diese Organe selb-
standiger, kommen in ein unabhangiges Verhaltnis zueinander.
Jetzt muB er mehr von innen heraus die Kraft haben, die Organe
wirklich wiederum zu einer Harmonie aufzurufen. Dieses Aufrufen
der Organe und Organteile zu einer Harmonie erreicht man da-
durch, daB bei jedem ordentlichen Betreiben des Anthroposophi-
schen alles das immerfort betont wird, was die Herrschaft des
Menschen iiber seine selbstandiger gewordenen Organe erhoht.
Warum spielt eigentlich innerhalb unserer Literatur etwas eine so
groBe Rolle, wovon manche Menschen einfach sagen: Ach, das ist
aber doch furchtbar schwierig! — Ich muBte schon oft eine sehr
eigentumliche Antwort geben, wenn gesagt wurde: Fur Anfanger
ist das Buch «Theosophie» doch eigentlich zu schwierig. — Ich
muBte sagen: Es durfte nicht leichter sein. Hatte man es leichter ge-
macht, so hatten die Leute zwar gewisse anthroposophische Wahr-
heiten in ihr Inneres aufgenommen, die wirken, auch zur Verselb-
standigung der einzelnen Gehirnpartien; aber es ist dieses Buch in
einer ordentlichen Gedankenstruktur konstruiert, damit auch die
andere Partie des Gehirns fortwahrend genotigt ist, wirklich sich
zu iiben, nicht sozusagen zuriickzubleiben. Das ist das Eigentum-
liche, das bei einer solchen Bewegung, die auf einer okkulten
Grundlage beruht, notwendig macht, nicht nur zu achten auf das,
was im abstrakten Sinn das Richtige ist, und das einfach zu ver-
kundigen in jeder beiiebigen Weise; sondern es ist notwendig, es in
einer gesunden Weise zu verkiindigen und in ehrlichster Weise dar-
auf zu achten, daB nicht um der Popularitat willen die Sache so ver-
kiindet wird, daB sie in ihrer Verkiindigung zugleich zum Schaden
gereichen konne. In der Anthroposophie kommt es nicht bloB dar-
auf an, daB die entsprechenden Wahrheiten in Biichern und in
Reden mitgeteilt werden, sondern es kommt darauf an, wie sie ge-
schrieben und wie sie mitgeteilt werden. Und um so besser ist es,
wenn diejenigen, die sich zum Trager einer solchen Bewegung
machen wollen, sich nicht um der Popularitat willen abhalten lassen,
dies oder jenes durchzufiihren. Mehr als auf jedem anderen Gebiete
handelt es sich auf diesem um das Bekenntnis zur reinen und ehr-
lichen Wahrheit. Und gerade wenn man auf solche Fragen eingeht
wie die Veranderung der menschlichen Hiille durch anthroposo-
phisches Leben, da bemerkt man erst, wie notwendig es ist, Anthro-
posophie in richtiger Weise vor die Welt zu bringen.
Ich mochte nur bemerken, daB die Vortrage, die ich halten werde,
als ein Ganzes zu nehmen sind und daB daher manches Bedenk-
liche, was beim ersten Vortrag in dieser oder jener Seele auftreten
konnte, schon behoben werden wird.
ZWEITER VORTRAG
Den Haag, 21.Marz 1913
Es stehen nattirlich dem Anthroposophen viel naher die Einwirkun-
gen der Esoterik oder auch der Anthroposophie auf die atherische
und die astraiische Hiille und das Selbst als gerade die Einwirkun-
gen auf die physische Hiille. Dennoch werden wir fur die nachsten
Tage, wo wir die geistigeren Glieder der menschlichen Natur von
diesem Gesichtspunkt aus zu betrachten haben, eine Grundlage ge-
winnen, wenn wir auch das ins Auge fassen, was iiber die Verande-
rung der physischen Httllen angefuhrt werden kann. Ausdriicklich
aber soil bemerkt werden, daB die Veranderungen, die ich hier an-
gebe, sich nicht beziehen auf die hochsten Stufen etwa der Initia-
tion, sondern daB sie sich beziehen mehr auf das anfangliche esote-
rische Leben und daB sie daher von einer gewissen allgemeinen
Wichtigkeit schon sind.
Sie werden gesehen haben aus dem Gestrigen, daB unter den
charakterisierten Einfliissen der physische Leib des Menschen gewis-
sermaBen lebendiger, in sich beweglicher wird; daB er daher in
einer gewissen Weise auch unbehaglicher werden kann. Man erlebt
ihn in einer gewissen Weise mehr mit, als man ihn bei dem auBeren,
exoterischen, sogenannten normalen Leben des Menschen miterlebt.
Wir werden auch noch bei den anderen Hiillen von dem Unter-
schied der vegetabilischen von der tierischen Nahrung zu sprechen
haben; aber fur die Gestaltung und Organisation des physischen
Leibes ist denn doch der Unterschied zwischen vegetabilischer und
tierischer Nahrung ein auBerordentlich groBer. Immer muB natiir-
lich betont werden, daB es nicht unsere Aufgabe sein kann, fur die
eine oder andere Ernahrungsweise Propaganda zu machen, sondern
nur das zu sagen, was richtig, was wahr ist auf diesem Gebiete; und
die Tatsachen, die in Betracht kommen, sie werden durch die Ent-
wicklung der Seele Erfahrungstatsache.
Eine Erfahrungstatsache wird vor alien Dingen diejenige, daB
unsere physische Hiille an der tierischen Ernahrung mehr zu tragen,
mehr gleichsam mitzuschleppen hat als an der vegetabilischen Er-
nahrung. Wir haben ja gestern betont, daB der physische Leib gleich-
sam schrumpft, sich herauslost aus den hoheren geistigen Gliedern
durch die Entwicklung.
Wenn ihm nun tierische Nahrung zugefiihrt wird, so zeigt
sich diese tierische Nahrung, wie gestern charakterisiert worden
ist, auch noch dadurch, daB sie erlebt wird wie etwas, was sich als
ein starker Fremdstoff in den menschlichen Organismus eingliedert,
was man fiihlen lernt, wenn ein radikaler Ausdruck gebraucht
werden darf, wie einen Pfahl, den man sich ins Fleisch hinein-
gefiigt hat.
In dieser Beziehung erlebt man bei einer esoterischen Ent-
wicklung sozusagen die Erdenschwere der tierischen Nahrung
mehr, als man sie sonst erlebt, und man erlebt vor alien Dingen
die Tatsache, daB die tierische Nahrung das instinktive Willens-
leben anfeuert. Das Willensleben, das mehr unbewuBt verlauft, das
mehr in Affekten und Leidenschaften verlauft, das feuert die tie-
rische Nahrung an. Es ist daher eine durchaus richtige auBere Be-
obachtung, wenn gesagt wird, daB kriegerische Volkerschaften mehr
der tierischen Nahrung zuneigen als friedfertige Volkerschaften. Das
aber braucht durchaus nicht etwa zu dem Glauben zu verleiten, als
ob die vegetabilische Nahrung alien Mut und alle Tatkraft aus dem
Menschen heraustreiben miisse. Wir werden ja sehen, wie das, was
der Mensch in einer gewissen Weise durch Entziehung der tieri-
schen Nahrung an Instinkten, an aggressiven Leidenschaften und
Affekten verliert — es wird sich ja das alles erst besprechen lassen
bei der Darstellung des astralischen Leibes — , daB alles das ersetzt
wird von innen heraus von dem Seelischen. Aber alle diese Dinge
hangen zusammen mit der ganzen Stellung des Menschen und
unserer ubrigen Naturreiche zum Kosmos, und man erlangt nach
und nach, wenn man das auch noch nicht durch hoheres Hellsehen
erreicht, eine Art Beweis, eine Art Bestatigung dessen, was der
Okkultist konstatiert iiber Zusammenhange des menschlichen Le-
bens mit dem Kosmos. Man erlangt eine Art Beweis dafiir, wenn
man durch dieses Miterleben der beweglicher, lebendiger geworde-
nen Vorgange des physischen Leibes gewissermaBen am eigenen
Leibe die Natur und Eigentiimlichkeit der als Nahrungsmittel ver-
wendeten Substanzen der Erde kennenlernt.
Sehen Sie, es ist zum Beispiel interessant, zu vergleichen dreierlei
Arten von Nahrungsmitteln in bezug auf ihre kosmische Bedeu-
tung: das ist die Milch und alles, was mit ihr zusammenhangt, das
ist die Pflanzenwelt und alles, was mit ihr zusammenhangt, nam-
lich aus ihr bereitet wird, und das ist die tierische Nahrung. Milch,
Pflanzen, Tier als Nahrungsmittel, man kann sie in einer gewissen
Weise vergleichen lernen, wenn man empfanglicher gemacht wor-
den ist durch die esoterische Entwicklung fur das, was man an die-
sen Nahrungsmitteln erlebt; und dann wird man auch leichter iiber-
schauen lernen die Bestatigungen, die sich durch eine verniinftige
Betrachtung der AuBenwelt ergeben. Wenn Sie okkultistisch die
Welt durchforschen wiirden, wiirden Sie das, was Milchsubstanz
ist, auf der Erde, aber auf keinem anderen Planeten unseres Son-
nensystems finden. Was produziert wird innerhalb der Lebewesen
in ahnlicher Weise auf anderen Planeten unseres Sonnensystems,
wiirde sich Ihnen als etwas ganz anderes, als die irdische Milch ist,
darstellen. Die Milch ist etwas spezifisch Irdisches. Und wenn man
das generalisieren wollte, was Milch ist, so miiBte man sagen: Die
Lebewesen eines jeden Planetensystems haben ihre eigene Milch.
Wenn man das Pflanzensystem unserer Erde untersucht und es
okkultistisch vergleicht mit den Pflanzensystemen anderer Planeten,
mit dem, was damit verglichen werden kann, so muB man sagen:
Zwar sind die Formen verschieden der Pflanzenwesenheit auf der
Erde und der Pflanzenwesenheit auf anderen Planeten unseres Son-
nensystems, aber das innere Wesen der Pflanze auf der Erde ist doch
nicht bloB ein irdisches, sondern ein zum Sonnensystem gehoriges;
das heiBt, die Pflanzenwesenheit unserer Erde ist verwandt mit der
Pflanzenwesenheit der anderen Planeten unseres Sonnensystems, so
daB wir in den Pflanzen gleichsam hereinragen haben etwas, was
sich finden lieBe auch auf anderen Planeten unseres Systems. Was
die Tierwelt betrifft, so folgt es ja schon aus dem, was iiber die
Milch gesagt worden und auBerdem sonst okkultistisch sehr leicht
zu konstatieren ist, da/3 sie radikal verschieden ist als irdische Tier-
welt von all dem, was Ahnliches auf anderen Planeten gefunden
werden konnte. Wenn man nun das Erlebnis sozusagen der Milch-
nahrung nimmt, so zeigt sich die Milchnahrung vor dem BHck,
vor dem Erlebnis des Okkultisten so, daB sie fiir den Menschen-
leib — wir wollen bei dem Menschen bleiben — dasjenige bedeutet,
was ihn sozusagen an die Erde, an unseren Planeten fesselt, was
ihn zusammenbringt mit dem Menschengeschlecht auf der Erde
als zu einer gemeinsamen Gattung mit diesem Menschengeschlecht
gehorig. DaB die Menschen ein Ganzes ausmachen auch in bezug
auf das physische Hiillensystem, das wird mit befordert dadurch,
dai3 Lebendiges Nahrung fiir Lebendiges im tierischen Sinn be-
reitet. Und man kann sagen: Alles das, was durch die Milchnah-
rung dem menschlichen Organismus zugefuhrt wird, das bereitet
ihn dazu, ein menschliches Erdengeschopf zu sein, bringt ihn zu-
sammen mit den Verhaltnissen der Erde, aber es fesselt ihn nicht
eigentlich an die Erde. Es macht ihn zum Erdenbiirger und hindert
ihn nicht, ein Burger des ganzen Sonnensystems zu sein.
Anders ist es bei der Fleischnahrung. Die Fleischnahrung, die
entnommen ist dem Reich, das spezifisch irdisch ist, und die ent-
nommen ist nicht so wie die Milch dem unmittelbaren Lebenspro-
zeB des menschlichen oder tierischen Lebewesens, sondern die ent-
nommen ist demjenigen Teil der tierischen Substanz, die schon
zubereitet ist fiir das Tier, diese Fleischnahrung fesselt den Men-
schen speziell an die Erde, macht ihn zum Erdengeschopf so, daB
man sagen muB: So viel der Mensch seinen eigenen Organismus
durchdringt mit den Wirkungen der Fleischnahrung, so viel ent-
zieht er sich an Kraften, um iiberhaupt von der Erde loszukom-
men. Er verbindet sich durch die Fleischnahrung im eminentesten
Sinn mit dem Erdenplaneten. Wahrend ihn die Milchnahrung fahig
macht, sozusagen der Erde anzugehoren wie einem Durchgangs-
orte seiner Entwicklung, verurteilt den Menschen die Fleischnah-
rung dazu, wenn er nicht durch anderes erhoben wird, den Erden-
aufenthalt wie zu einem dauernden zu gestalten, zu einem solchen,
an den er sich vollig anpaBt. Und der EntschluB, Milchnahrung
zu sich zu nehmen, bedeutet gleichsam: Ich will mich auf der Erde
aufhalten, auf der Erde meine Mission erfiillen konnen, aber nicht
ausschlieBlich fiir die Erde da sein. Der Wille zur Fleischnahrung
bedeutet: Mir sagt das Erdendasein so zu, daB ich auf alle Himmel
verzichte und am liebsten ganz und gar aufgehen wiirde in den
Verhaltnissen des Erdendaseins.
Die Pflanzennahrung ist eine solche, daB sie in dem Organis-
mus jene Krafte rege macht, welche den Menschen in eine Art
kosmische Verbindung bringen mit dem ganzen planetarischen
System. Das, was der Mensch zu vollbringen hat, wenn er die
Pflanzennahrung in seinem eigenen Organismus weiterverarbeitet,
das regt Krafte an, die im ganzen Sonnensystem enthalten sind,
so daB der Mensch in seiner physischen Hiille ein Anteilnehmer
an den Kraften des ganzen Sonnensystems wird, also sich ihnen
nicht fremd macht, sich aus ihnen nicht herausreiBt. Das ist etwas,
was in gewisser Beziehung wirklich nach und nach die Seele, die
sich anthroposophisch oder esoterisch entwickelt, an sich erleben
kann, daB sie in gewisser Beziehung mit der Pflanzennahrung etwas
nicht Erdenschweres, sondern etwas der Sonne, das heiBt dem Zen-
tralkorper des ganzen Planetensystems Eigenes in sich aufnimmt.
Die Leichtigkeit des Organismus, die er erhalt durch die Pflanzen-
nahrung, die hebt iiber die Erdenschwere hinweg, die macht eine
gewisse innere — man mochte sagen — nach und nach wie zur Ge-
schmacksempfindung sich ausbildende Erlebnisfahigkeit im mensch-
lichen Organismus moglich: daB es ihm ist, diesem Organismus,
wie wenn er mit den Pflanzen in der Tat in einer gewissen Weise
das Sonnenlicht, das in den Pflanzen ja so viel Arbeit leistet, wirk-
lich mitgenieBen wiirde.
Aus dem, was gesagt worden ist, konnen Sie entnehmen, daB
es gerade bei der okkultistischen, bei der esoterischen Entwicklung
eine ungeheure Bedeutung hat, nicht sich sozusagen an die Erde zu
fesseln, mit aller Erdenschwere sich auszustatten durch den Fleisch-
genuB, wenn er entbehrt werden kann nach den individuellen
und Vererbungsverhaltnissen; die eigentliche Entscheidung kann ja
immer nur nach den personlichen Verhaltnissen des einzelnen Men-
schen ausfallen. Eine wirkliche Erleichterung also der ganzen Ent-
wicklung des Menschenlebens wird es bedeuten, wenn der Mensch
sich von dem FleischgenuB enthalten kann. Dagegen beginnen
schon gewisse Bedenklichkeiten, wenn der Mensch fanatischer Vege-
tarier in dem Sinn sein wollte, daB er alle Milch und alle Milch-
produkte meiden wollte. Gerade bei der Entwicklung der Seele
nach dem Geistigen hin kann das gewisse Gefahren einschlieBen,
und zwar aus dem Grunde, weil der Mensch sehr leicht dadurch,
daB er alien MilchgenuB und alien GenuB dessen, was damit zusam-
menhangt, meidet, leicht zu einem gewissen bloBen Lieben des von
der Erde Wegstrebenden kommt und die Faden leicht verliert, die ihn
mit dem verbinden, was auf der Erde an Menschlichem getrieben
wird.
Es ist daher wohl zu beachten, daB es in einem gewissen Sinn
gut ist, wenn gerade der anthroposophisch Strebende sich nicht zum
fanatischen spirituellen Schwarmer dadurch macht, daB er sich die
Schwierigkeit in der physischen Hiille schafft, die schon diese phy-
sische Hiille wegbringen will von aller Verwandtschaft mit dem
Irdisch-Menschlichen. Damit wir nicht gar zu sehr seelische Ent-
wicklung anstrebende Sonderlinge werden, damit wir nicht ent-
fremdet werden menschlichem Fiihlen, menschlichem Treiben auf
der Erde, ist es gut, wenn wir uns als Wanderer auf der Erde in
einer gewissen Weise beschweren lassen durch den MilchgenuB und
durch den GenuB von Milchprodukten. Und es kann sogar eine
ganz systematische Trainierung sein fur einen Menschen, nicht nur
immer sozusagen in den spirituellen Welten zu leben und dadurch
erdenfremd zu werden, sondern daneben Aufgaben auf der Erde
zu erfullen, es kann eine systematische Trainierung sein, nicht
bloBer Vegetarier zu sein, sondern Milch und Milchprodukte da-
neben zu genieBen. Dadurch wird er seinen Organismus, seine phy-
sische Hiille erdenverwandt, menschheitsverwandt machen, aber
nicht so an die Erde fesseln, mit Erdensein beschweren, wie das der
Fall ist durch den FleischgenuB.
Es ist also in jeder Weise interessant, zu sehen, wie diese Dinge
mit kosmischen Geheimnissen zusammenhangen und wie man
durch die Kenntnis dieser kosmischen Geheimnisse die eigentliche
Wirkung der Nahrungsstoffe im menschlichen Organismus verfol-
gen kann. Sie miissen ja durchaus als Menschen, die sich interes-
sieren fiir okkulte Wahrheiten, meine lieben Freunde, immer mehr
und mehr sich durchdringen davon, daB dasjenige, was auf unse-
rer Erde auftritt — und zu unserem Erdensein gehort ja zunachst
auch unser physischer Leib — , nicht etwa bloB von irdischen Kraf-
ten und Verh'altnissen abhangig ist, sondern auch abhangig ist von
den Kraften und Verhaltnissen auBerirdischer Wesenhaftigkeit,
kosmischer Wesenhaftigkeit.
Das ist aber in ganz verschiedener Weise der Fall. So zum Bei-
spiel miissen wir, wenn wir tierisches EiweiB ins Augen fassen, wie
es, sagen wir, im Hiihnerei vorhanden ist, uns klar sein dariiber,
daB solches tierisches EiweiB nicht etwa bloB das ist, was der Che-
miker in seiner Analyse findet, sondern daB es in seinem Aufbau ein
Ergebnis kosmischer Krafte ist, und zwar wirken auf dieses EiweiB
die kosmischen Krafte im wesentlichen nur, nachdem sie zuerst
gewirkt haben auf die Erde selber und hochstens noch auf den die
Erde begleitenden Mond. Es ist also der kosmische EinfluB auf das
tierische EiweiB ein indirekter. Nicht direkt wirken die Krafte des
Kosmos auf das EiweiB, sondern indirekt; sie wirken zuerst auf
die Erde und die Erde wirkt wiederum mit ihren Kraften, die sie
aus dem Kosmos empfangt, zuriick auf die Zusammensetzung des
tierischen EiweiBes. Hochstens ist der Mond daran beteiligt, aber
nur so, daB er zuerst die Krafte von dem Kosmos empfangt und
dann erst mit diesen Kraften, die er von sich ausstrahlt, zuriick-
wirkt auf das tierische EiweiB. In der kleinsten Zelle des Tierischen,
also auch im EiweiB, kann derjenige, der mit okkultem Blick die
Dinge zu durchschauen in der Lage ist, sehen, wie etwa nicht
bloB die auf der Erde vorhandenen physikalischen und chemischen
Krafte vorhanden sind, sondern wie die kleinste Zelle, sagen wir
des Hiihnereis, aufgebaut ist aus den Kraften, die die Erde erst be-
kommt aus dem Kosmos.
Indirekt hangt also das, was wir EiweiB nennen, mit dem Kos-
mos zusammen, aber es wiirde diese tierische EiweiBsubstanz so,
wie sie auf der Erde ist, niemals entstehen, wenn die Erde nicht
da ware. Direkt aus dem Kosmos konnte sie nicht entstehen; sie ist
durchaus ein Produkt desjenigen, was die Erde erst aus dem Kosmos
empfangen muB.
Anders zum Beispiel ist es wiederum mit dem, was wir als Fett-
substanz kennen, was wir als irdische Fettsubstanz der Lebewesen
kennen, die ja auch einen Teil der Nahrung bildet, namentlich bei
denjenigen Menschen, welche tierische Nahrung genieBen. Es sei
also die Rede von diesen tierischen Fetten. Dasjenige, was wir Fett-
substanz nennen, gleichgiiltig ob es der Mensch von auBen genieBt
oder in seinem eigenen Organismus selber bildet, ist nach ganz
anderen kosmischen Gesetzen aufgebaut als die EiweiBsubstanz.
Wahrend an dieser beteiligt sind jene kosmischen Krafte, welche
ausgehen von Wesenheiten der Hierarchien der Form, sind betei-
ligt an dem Aufbau der Fettsubstanz vorzugsweise jene Wesenhei-
ten, die wir nennen die Geister der Bewegung. Sehen Sie, es ist
wichtig, solche Dinge zu erwahnen, weil man dadurch erst den
Begriff bekommt, wie kompliziert eigentlich so etwas ist, was sich
die auBere Wissenschaft so unendlich einfach vorstellt. Kein Lebe-
wesen konnte auf der einen Seite mit EiweiBsubstanz, auf der ande-
ren mit Fettsubstanz durchdrungen sein, wenn nicht zusammen-
wirkten aus dem Kosmos herein — wenn auch indirekt — der Geist
der Form und der Geist der Bewegung. Also wir konnen die gei-
stigen Wirkungen, die wir kennen als ausgehend von den Wesen
der verschiedenen Hierarchien, verfolgen bis in die Substanz herein,
die unsere physische Hiille zusammensetzt. Daher wird beim Er-
leben, das dann eintritt, wenn die Seele eine anthroposophische Ent-
wicklung durchgemacht hat, auch dieses Erleben in sich differen-
zierter, in sich beweglicher, das man hat gegeniiber dem, was man
als EiweiB in sich tragt, und dem, was man als Fett in sich tragt
in der physischen Hiille. Es ist das ein zweifaches Empfinden. Was
bei dem im auBeren normalen Dasein lebenden Menschen in ein
einziges Empfinden zusammenrinnt, das empfindet man durchein-
ander: das, was im Organismus die Fette machen und was die Ei-
weiBsubstanzen machen. Indem der ganze physische Organismus
beweglicher wird, lernt die sich entwickelnde Seele unterscheiden
zweierlei Empfindungen am eigenen Leib. Eine Empfindung, welche
gleichsam uns innerlich so durchdringt, daB wir fiihlen: das setzt
uns zusammen, gibt uns die Statur, — da empfinden wir die EiweiB-
substanzen in uns. Wenn wir empfinden: das macht uns gieichgiil-
tig gegen unsere innere Abgeschlossenheit, das hebt uns gleichsam
hinaus iiber unsere Form, das macht uns gegeniiber unserem inne-
ren menschlichen Fiihlen phlegmatischer, wenn sich also zu der
eigenen Empfindung etwas Phlegma zusetzt gegeniiber dieser eige-
nen Empfindung — diese Empfindungen differenzieren sich sehr stark
bei einer anthroposophischen Entwicklung -, so riihrt diese letzte
Empfindung her von dem Erleben der Fettsubstanz in der physi-
schen Hiille. Es wird also das innere Erleben auch in bezug auf die
physische Hiille komplizierter.
Das wird ja insbesondere stark dann wahrgenommen, wenn es
sich handelt um das Erleben der Starkesubstanz oder der Zucker-
substanz. Zucker ist besonders charakteristisch. Zucker differen-
ziert sich ja zunachst im Geschmacksurteil sehr stark von anderen
Substanzen. Diese DifTerenzierung kann man im gewbhnlichen
Leben sehr gut bemerken, nicht nur an den Kindern, sondern auch
manchmal an alteren Leuten an der Vorliebe, die da fur Zucker-
substanz vorhanden ist; aber es geht gewohnlich die DifTerenzie-
rung nicht weiter als eben bis zu dem Geschmack. Wenn die Seele
eine Entwicklung durchmacht, dann erlebt sie alles das, was sie an
Zuckersubstanz aufnimmt oder in sich hat wie etwas, was ihr inner-
liche Festigkeit gibt, was sie innerlich stiitzt, was sie gewissermaBen
mit einer Art natiirlicher Egoitat durchzieht. Und in dieser Bezie-
hung darf sogar dem Zucker in einer gewissen Beziehung eine Art
Lobrede gehalten werden. Gerade derjenige, der eine Seelenent-
wicklung durchmacht, kann oftmals bemerken, daB er es sogar
oft notig hat, etwas Zucker aufzunehmen, weil ja die seelische
Entwicklung dahin gehen muB, immer selbstloser und selbstloser
zu werden. Die Seele wird von selber selbstloser durch eine ordent-
liche anthroposophische Entwicklung. Damk nun der Mensch, der
ja vermoge seiner physischen Hiille schon einmal eine Erdenmission
hat, nicht sozusagen den Zusammenhang seines Ich-Organismus
mit der Erde verliere, ist es geradezu gut, ein Gegengewicht im
Physischen zu schaffen, wo ja die Egoitat nicht eine so groBe Bedeu-
tung hat wie im Moralischen. Durch den ZuckergenuB wird —
man mochte sagen — eine Art unschuldiger Egoitat geschaffen, die
ein Gegengewicht bilden kann gegen die notwendige Selbstlosig-
keit auf moralisch-geistigem Gebiete. Es wiirde sonst doch zu leicht
die Versuchung da sein, daB der Mensch nicht nur selbstlos wiirde,
sondern daB er auch traumerisch wiirde, phantastisch wiirde, den
Zusammenhang verlieren wiirde mit einer gesunden Beurteilungs-
fahigkeit der irdischen Verhaltnisse. Dazu tragt ein gewisser Zusatz
von Zucker zu der Nahrung bei, einem die Moglichkeit zu geben,
trotz alien Hinaufsteigens in die geistigen Welten mit beiden Bei-
nen auf der Erde stehenzubleiben, eine gewisse gesunde Erdenansicht
sich mit heranzukultivieren.
Sie sehen, die Dinge sind kompliziert; aber es wird alles kompli-
ziert, wenn man in die wirklichen Geheimnisse des Lebens eindrin-
gen will. So fiihlt zuweilen gerade der, welcher anthroposophisch in
seiner Seele weiterkommt, daB ihm, damk er nicht einer falschen
Selbstlosigkeit, namlich einem Verlieren seiner Personlichkeit aus-
gesetzt ist, ein ZuckergenuB zuweilen nottut. Und er erlebt dann
den ZuckergenuB so, daB er sagt: Nun, so fiige ich mir etwas bei,
was mir, ohne daB ich mich moralisch herabstimme, wie unwillkiir-
lich, wie in einem hoheren Instinkte eine gewisse Festigkeit, eine
gewisse Egoitat gibt. Im ganzen kann man sagen, daB der Zucker-
genuB physisch den Personlichkeitscharakter des Menschen erhoht.
Man kann das so stark behaupten, daB man wird sagen konnen, daB
die Menschen — selbstverstandlich darf das alles nur in gesunden
Grenzen gehalten werden — , daB die Menschen, welche in einer
gewissen Weise dem ZuckergenuB huldigen, es leichter haben, schon
in ihrem physischen Leib ihren Personlichkeitscharakter auszupra-
gen, als diejenigen, die es nicht tun. Diese Dinge konnen sogar zum
Verstandnis dessen fiihren, was man auch auBerlich beobachten
kann. In Landern, wo nach der Statistik wenig Zucker genossen
wird, sind die Menschen weniger mit Personlichkeitscharakter aus-
gestattet als in L'andern, wo mehr Zucker genossen wird. Gehen Sie
in die Lander, wo die Menschen mehr personlich auftreten, wo
jeder sozusagen sich in sich fiihlt, und dann von da in Lander, wo
die Menschen, man mochte sagen, mehr den allgemeinen Volks-
typus haben, unpersonlicher sind schon in der auBeren physischen
Natur, so werden Sie finden, daB in ersteren Landern viel und in
den letzteren wenig Zucker konsumiert wird.
Wenn wir von diesem Erleben sozusagen der Nahrungssubstan-
zen noch mehr in die Augen springende Begriffe haben wollen, so
konnen wir es an den sogenannten GenuBmitteln haben. Diese
GenuBmittel, die werden ja besonders lebhaft schon erlebt auch im
auBeren Leben — KafTee, Tee in einem erhohten MaBe; aber das,
was schon der normale Mensch erlebt an Kaffee und Tee, das erlebt
derjenige, der eine anthroposophische Entwicklung durchmacht, in
einem viel hoheren MaBe. Wie gesagt, das alles ist weder ein agita-
tives Fur oder Gegen den Kaffee, sondern eine Darstellung der
Dinge, wie sie sind, und ich bitte, das auch nur in diesem Sinne hin-
zunehmen. Der Kaffee wirkt ja schon im ganz normalen mensch-
lichen Leben erregend auf die menschliche Natur, ebenso der Tee;
nur daB diese Erregungen, die ausgeiibt werden durch Kaffee und
Tee auf den Organismus, von der Seele, die eine anthroposophische
Entwicklung durchmacht, lebendiger empfunden werden. Vom
Kaffee kann zum Beispiel gesagt werden, daB er so auf den mensch-
lichen Organismus wirkt, daB dieser menschliche Organismus da-
durch in einer gewissen Weise seinen Atherleib von dem physischen
Leib heraushebt, aber so, daB der physische Leib gefiihlt wird wie
eine solide Grundlage des Atherleibes. Das ist die spezifische Wir-
kung des Kaffees. Also, es wird etwas differenziert physischer Leib
und Atherleib beim KaffeegenuB, aber so, daB der physische Leib
namentlich in seinen Formeigenschaften gerade unter dem EinfluB
des Kaffees wie hineinstrahlend in den Atherleib gefiihlt wird, wie
eine Art solider Grundlage fur das, was dann durch den Atherleib
erlebt wird. Das soil wahrhaftig nicht eine Agitation fur den Kaffee-
genuB sein; denn das bewegt sich ja alles auf physischer Grundlage,
und der Mensch wiirde sich zu einem ganz unselbstandigen Wesen
machen, wenn er sich herrichten wollte durch den GenuB dieser
Nahrungs- oder GenuBmittel; es soli nur der EinfluB dieser Nah-
rungs- und GenuBmittel charakterisiert werden. Aber weil nament-
lich das logische, das folgerichtige Denken sehr abhangt von der
Struktur, von der Form des physischen Leibes, so wird durch die
eigentiimliche Wirkung des Kaffees, der gleichsam scharfer heraus-
schattiert die physische Struktur des physischen Leibes, physisch die
logische Folgerichtigkeit befordert, — es wird durch den Kaffee-
genuB der Mensch sozusagen auf physischem Wege in seiner logi-
schen Folgerichtigkeit gefordert, in einem foigerichtig den Tat-
sachen sich anschlieBenden Denken. Und man kann sagen, wenn
es auch gesundheitliche Bedenken haben mag, viel KafTee zu trin-
ken, daB es gerade fur Menschen, welche in hohere Regionen des
geistigen Lebens hinaufsteigen wollen, gar nicht so uneben ist, daB
es ganz gut sein kann, die logische Folgerichtigkeit aus der An-
regung durch den Kaffee zuweilen zu ziehen. Man mochte sagen, es
erschiene einem ganz natiirlich, daB der, der berufsm'aBig zum Bei-
spiel zu schreiben hat und nicht recht die logische Folge von einem
Satz zum anderen findet und so alles aus der Feder herauskauen
mochte, daB der sich anregt durch den KafTeegenuB. Das scheint
demjenigen ganz begreifiich, der diese Dinge bis zu ihrer okkulten
geheimnisvollen Grundlage zu beobachten versteht. Wenn schon
solcher GenuB, da wir einmal Erdenbiirger sind, zuweilen notwen-
dig ist nach den personlichen individuellen Verhaltnissen, so muB
eben betont werden, daB der KafTeegenuB bei alien seinen Schaden
viel dazu beitragen kann, die Soliditat zu heben. Nicht als ob er an-
empfohlen werden sollte als Mittel zur Soliditat, aber es muB ge-
sagt werden, daB er es vermag, die Soliditat zu heben, und daB man
zum Beispiel bei demjenigen, der sich anthroposophisch entwickelt,
wenn er die Neigung hat, etwas ins Unrichtige zu schweifen mit
seinen Gedanken, daB man es da nicht gerade libel zu vermerken
braucht, wenn er sich etwas solider macht durch Kaffee.
Anders stehen die Dinge beim Tee. Der Tee bringt eine ahnliche
Wirkung hervor, eine Art Differenzierung physischer Natur und
atherischer Natur. Aber es wird in einer gewissen Weise ausgeschal-
tet die Struktur des physischen Leibes. Der Atherleib tritt mehr in
seine fluktuierenden Rechte. Daher werden die Gedanken durch
den TeegenuB auseinanderflatternd gemacht, werden in einer gewis-
sen Weise weniger dazu geeignet gemacht, sich an die Tatsachen
anzuschlieBen. Es wird zwar die Phantasie, manchmal nicht in sehr
sympathischem Sinn, durch den TeegenuB angeregt, nicht aber die
Anpassung an die Wahrheit und die Anpassung an die Soliditat der
Verhaltnisse. Daher kann man sagen, daB es begreiflich ist, wenn
in Gesellschaften, wo viel darauf ankommt, daB man Gedanken-
blitze loslaBt, daB man spriihende Geistigkeit entwickelt, wenn da
die Anregung gerne gegeben wird durch Tee; und es ist auch auf
der anderen Seite begreiflich, daB, wenn der TeegenuB iiberhand
nimmt, er in einer gewissen Weise eine Gleichgiiltigkeit erzeugt
gegen die Anforderungen, die in den Menschen durch die gesunde
Struktur seines physischen Erdenleibes kommen konnen. So daB
traumerische Phantastik und ein gewisses unbekummertes non-
chalantes Wesen, ein Wesen, das gerne hinwegsieht iiber die An-
forderungen des auBeren soliden Lebens, leicht gefordert werden
durch den TeegenuB. Und bei einer Seele, die sich in anthroposophi-
schem Sinn entwickelt, sieht man es nicht so gerne, wenn sie Tee
genieBt, weil TeegenuB leichter zur Scharlatanerie fiihrt als der
KaffeegenuB. Letzterer macht solider, ersterer scharlatanhafter, wenn
auch das Wort fur diese Dinge viel zu scharf gebraucht wird. Dies
alles sind Dinge, die sich — wie gesagt — erleben lassen durch die
Beweglichkeit, in die die physische Hiille kommt, wenn der Mensch
eine anthroposophische Entwicklung durchmacht.
Ich mochte nur hinzufiigen, daB — Sie konnen ja dariiber weiter
nachmeditieren oder versuchen, solche Dinge wirklich zu erleben -,
daB wenn der KaffeegenuB etwas wie Soliditat befordert in der phy-
sischen Hiille, der TeegenuB mehr die Scharlatanerie begiinstigt, so
zum Beispiel die Schokolade am meisten fordert die Philistrositat.
Schokolade ist als das eigentliche Philistergetrank zu verspiiren im
unmittelbaren Erlebnis, wenn die physische Hiille in sich beweg-
licher wird. Die Schokolade kann daher gut empfohlen werden
gerade bei Philisterfestlichkeiten, und man kann es dann — verzeihen
Sie diese Einlage — , man kann es ganz gut begreifen, daB man bei
Familienfesten, bei Geburtsfesten, Namensfesten, namentlich in
gewissen Kreisen, zu gewissen Festlichkeiten eben Schokolade
trinkt. Dann, wenn wir diese Dinge, die also GenuBmittel sind, ins
Auge fassen, tritt uns das noch in einer bedeutungsvolleren Weise
entgegen, weil da dasjenige, was sonst gegeniiber den Nahrungs-
mitteln erlebt wird, schon seine Strahlen hereinwirft in das gewohn-
liche sogenannte auBere normale Leben, aber nicht nur so, daB man
sozusagen das Substantielle nur bemerkt, aus dem der Korper zu-
sammengefiigt ist und sich immer wieder erneuert, sondern daB man
auch bemerkt, wie schon gestern erwahnt worden ist, das innerliche
Auseinanderfallen, das Sichsondern der Organe. Das ist wichtig, das
ist bedeutungsvoll.
Und da muB insbesondere hervorgehoben werden, daB fur eine
okkulte Betrachtung begreiflich wird das Erlebnis in bezug auf die
physische Hiille mit dem physischen Herzen. Das physische Herz
des Menschen ist ja fur den Okkultisten ein auBerordentlich inter-
essantes, ein auBerordentlich bedeutungsvolles Organ; denn dieses
physische Menschenherz kann nur verstanden werden, wenn man
das ganze gegenseitige Verhaltnis, auch das geistige Verhaltnis, in
dem die Sonne zur Erde steht, ins Auge faBt. Schon als die alte
Sonne nach der Saturnzeit eine Art planetarischer Vorganger der
Erde war, schon da begann sozusagen sich vorzubereiten jenes Ver-
haltnis, das heute da ist zwischen diesen beiden Himmelskorpern,
zwischen der Sonne und der Erde. Und zwar muB das Verhaltnis
zwischen Sonne und Erde so ins Auge gefaBt werden, daB man da-
bei die Erde, wie sie heute ist, ganz und gar so auff aBt, wie sie gleich-
sam zuerst selber sich von den Sonnenwirkungen nahrt, wie sie
diese Sonnenwirkungen in sich aufnimmt und verarbeitet. Was die
Erde in ihrer festen Grundsubstanz an Sonnenkraften in sich auf-
nimmt, was sie in ihrer Luft- und Wasserhiille, in den wechselnden
Warmeverhaltnissen aufnimmt, was sie in dem die Erde umfluten-
den Licht aufnimmt, was sie selbst aufnimmt in demjenigen, was
nun nicht mehr physisch irgendwie wahrnehmbar ist als Anteil der
Erde an der Spharenharmonie, was die Erde aufnimmt an Lebens-
kraften, die sie direkt von der Sonne empfangt, alles das steht in
Verbindung mit den inneren Kraften, die auf das menschliche Herz
vom Blutkreislauf aus wirken. Im Grunde genommen wirken alle
diese Krafte auf den Blutkreislauf und von diesem auf das Herz.
Alles, was auBere Theorie in dieser Beziehung ist, ist grundfalsch.
Diese auBere Theorie macht heute das Herz zu einer Pumpe, welche
das Blut durch den Korper pumpt, so daB man im Herzen zu sehen
hatte das Organ, das den Blutkreislauf reguliert. Das Umgekehrte
ist wahr. Der Blutkreislauf ist das, was das Urspriingliche ist, und
das Herz gibt in seinen Bewegungen einen Widerklang dessen, was
in der Blutzirkulation vor sich geht. Das Blut treibt das Herz, nicht
umgekehrt das Herz das Blut. Aber dieser ganze Organismus, der
da beschrieben ist und der sich in der Herztatigkeit konzentriert,
der ist nichts anderes als das menschliche mikrokosmische Spiegel-
bild jener makrokosmischen Wirkungen, die die Erde erst von der
Sonne empfangt. Was die Erde von der Sonne hat, spiegelt sich
wider in dem, was das Blut mit dem Herzen zu tun hat.
Anders steht das zum Beispiel mit dem Gehirn. Einzelne von
den Gehirnentsprechungen sind schon gestern erwahnt worden. Das
Gehirn des Menschen hat unmittelbar sehr wenig zu tun mit dem,
was Sonnenwirkungen auf der Erde sind. Unmittelbar, sage ich.
Mittelbar als Wahrnehmungsorgan sehr wohl, indem es zum Bei-
spiel das auBere Licht, die Farben wahrnimmt; aber das ist eben
Wahrnehmung. Aber unmittelbar in seinem Bau, in seiner inneren
Beweglichkeit, in seinem ganzen Innenleben hat das Gehirn wenig,
kaum irgend etwas mit den Sonnenwirkungen auf die Erde zu tun;
es hat zu tun viel mehr mit all dem, was auf unsere Erde einstrahlt
von dem, was auBerhalb unseres Sonnensystems ist; dieses Gehirn
hat zu tun mit den kosmischen Verhaltnissen des ganzen Sternen-
himmels, aber nicht mit den engeren Verhaltnissen unseres Sonnen-
systems. In einer engeren Beziehung steht allerdings das, was wir
als Gehirnsubstanz zu bezeichnen haben, mit dem Mond, aber nur
insoweit der Mond nicht von der Sonne abhangig ist, insofern er
seine Unabhiingigkeit von der Sonne bewahrt hat. So daB also das,
was in unserem Gehirn vorgeht, Wirkungen entspricht, die auBer-
halb derjenigen Krafte liegen, die in unserem Herzen ihr mensch-
liches mikrokosmisches Abbild finden. Sonne lebt im menschlichen
Herzen; was auBerhalb der Sonne im Kosmos vorhanden ist, lebt
im menschlichen Gehirn.
So ist der Mensch in bezug auf beide Organe ein Mikrokosmos,
indem er mit seinem Herzen der auf die Erde ausgeiibten Sonnen-
wirkung hingegeben ist und diese gleichsam widerspiegelt, mit sei-
nem Gehirn aber inneres Leben hat, das unmittelbar mit dem auBer
der Sonne sich befindenden Kosmos zusammenhangt. Das ist ein
auBerordentlich interessanter und bedeutungsvoller Zusammenhang.
Das Gehirn hangt mit dem, was die Sonne auf der Erde bewirkt,
nur durch die auBere Wahrnehmung zusammen. Die wird aber ge-
rade in der anthroposophischen Entwickiung iiberwunden. Die an-
throposophische Entwickiung iiberwindet die auBere Sinneswelt. Da-
her wird das Gehirn zu einem Innenleben entfesselt, das so kos-
misch ist, daB selbst die Sonne etwas viel zu Spezielles ist, als daB
sich da drinnen etwas von Sonnenwirkung abspielen wiirde. Wenn
der Mensch in der Meditation hingegeben ist irgendwelchen Imagi-
nationen, so spielen sich in seinem Gehirn Prozesse ab, die gar nichts
zu tun haben mit dem Sonnensystem, sondern die Prozessen auBer-
halb unseres Sonnensystems entsprechen. Daher besteht in der Tat
ein gewisses Verhaltnis zwischen dem Herzen und dem Hirn wie zwi-
schen der Sonne und dem Sternenhimmel, und in einer gewissen Be-
ziehung zeigt sich dieses im Erleben der anthroposophisch sich ent-
wickelnden Seele dadurch, daB, indem diese Seele innerlich ernst und
abgezogen hingegeben ist rein anthroposophischen Gedanken, das
Herz wirklich etwas wie eine Art von Gegenpol bildet, in eine Art
Opposition tritt zu dem — man mochte sagen — Sternenhirn. Diese
Opposition driickt sich dadurch aus, daB der Mensch fiihlen lernt, wie
Herz und Hirn beginnen, verschiedene Wege zu gehen, und wie er,
wahrend er vorher nicht notig hatte, auf beide gesondert achtzugeben,
sondern sich alles zusammenmischte, er nun beginnen muB, wenn er
sich anthroposophisch entwickelt, auf beide gesondert zu achten.
Es gibt einen eigentiimlichen Begriff von der ganzen kosmischen
Stellung des Menschen, wenn wir so die physische Hiille betrach-
ten, und ins Auge fassen, wie der Mensch hier auf der Erde stent.
Da lebt in ihm durch sein Blutsystem und Herz alles das, was die
Sonne mit der Erde auszumachen hat. Und wenn er lediglich inner-
lich hingegeben ist an das, wozu er auf der Erde als Instrument sein
physisches Gehirn braucht, dann leben da drinnen Weltenprozesse,
die sich abspielen auBerhalb unseres Sonnensystems. Wir werden
begreiflich machen miissen, daB der Mensch ein ganz neues Erleben
hat gegeniiber Herz und Hirn. Es differenzieren sich wirklich seine
Empfindungen, so daB er fuhlen lernt alles das, was Gehirnprozesse
sind, man mochte sagen, in jenem ruhigen Gang, den der Nacht-
himmel zeigt mit seinen Sternen, und daB er fiihlt die Beweglich-
keit des Sonnensystems in seinem Herzen. Sie sehen daraus zugleich
einen Weg, der bei einer hoheren Initiationsstufe ein wichtiger Weg
wird, denn Sie sehen gleichsam die Tore, die sich offnen vom Men-
schen aus in den Kosmos. Der Mensch, der aus sich heraustritt
durch eine hohere Entwicklung — wie es selbst in den exoterischen
Vortragen geschildert worden ist — , der zuriickblickt auf seinen eige-
nen Leib, der die Prozesse seines physischen Leibes vollstandig
erkennen lernt, der lernt in der Tat in der Blutzirkulation mit der
Herztatigkeit ein Spiegelbild der geheimnisvollen Krafte des Son-
nensystems kennen, und er lernt in den Vorgangen des Gehirns, die
er dann geistig von auBen anschaut, den Kosmos in seinen Geheim-
nissen kennen.
Die Dinge, die ich hier ausspreche mit dem letzten Satze, hangen
ja zusammen mit einer Bemerkung, die ich einmal in Kopenhagen
gemacht habe und die dann eingegangen ist in mein Buch «Die
geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit». Sie konnen
daraus entnehmen, daB in einer gewissen Beziehung sogar die Struk-
tur des Gehirns eine Art Spiegelbild der Stellung der Himmelskor-
per ist, die bei der menschlichen Geburt vorhanden ist fur den-
jenigen Punkt auf der Erde, an dem der Mensch geboren wird. Es
ist niitzlich, manchmal von einem anderen Gesichtspunkt wiederum
auf solche Dinge zu kommen; denn daraus konnen Sie ein Gefiihl
bekommen von der Weke der okkulten Wissenschaft und von der
Engherzigkeit mancher Kritik, die ausgeiibt wird, wenn von dem
einen oder anderen Gesichtspunkte her eine solche Bemerkung
gemacht wird. GewiB, man kann so wichtige Tatsachen wie diese
von der Widerspiegelung der Sternenwelt im menschlichen Gehirn
von einem bestimmten Gesichtspunkt her erklaren, und es kann das
wie willkiirlich erscheinen. Wenn dann andere Gesichtspunkte dazu-
kommen, dann stiitzen sich diese alle gegenseitig. Und Sie werden
noch manche — ich mochte sagen — Strome der okkulten Wissen-
schaft gewahr werden, die zusammenflieBen, und aus dem Zusam-
menflieBen wird Ihnen dann immer mehr und mehr auch das sich
ergeben, was Sie als einen vollen Beweis empfinden werden, auch
einen auBerlichen Vernunftbeweis fur die Dinge, die nur von dem
einen Gesichtspunkt auszusprechen manchmal gewagt erscheinen
konnte. Daraus ersehen Sie aber auch die Feinheit der ganzen mensch-
lichen Struktur. Und wenn Sie nun bedenken, daB der Mensch da-
durch, daB er Nahrung aufnimmt, in der Nahrungsaufnahme gewis-
sermaBen sich ganz an die Erde bindet, nur in manchen Substanzen
sich wiederum frei macht von der Erde, namentlich bei der Pflanzen-
nahrung, wenn Sie also bedenken, daB der Mensch sich gerade durch
die Nahrungsaufnahme zum Erdenbiirger machen muB, so werden
Sie die dreifache Gliederung des Menschen in bezug auf seine phy-
sische Hiille nun begreifen. Er ist durch sein Hirn gleichsam ein
Angehoriger des ganzen Sternenhimmels, durch sein Herz mit all
dem, was dazugehort, ein Angehoriger der Sonne, durch sein Ver-
dauungssystem und alles, was dazugehort, im anderen Sinn, ein
Erdenwesen.
Auch das kann erlebt werden und wird erlebt, wenn in sich
beweglicher wird die auBere physische , Hiille des Menschen. Der
Mensch kann namlich gar sehr durch das, was in ihn nur von der
Erde her hineinkommt, siindigen gegen das, was in ihm durch die
reinen Krafte des Kosmos sich widerspiegelt. Der Mensch kann
zum Beispiel dadurch, daB er Storungen durch die auBere Ernah-
rung herbeiruft, die rein irdischen Gesetze, die ja wirken innerhalb
der Verdauung, die weiter wirken wie die Sonnengesetze in der Herz-
tatigkeit und wie die kosmischen Gesetze auBer dem Sonnensystem
in der Gehirntatigkeit wirken — der Mensch kann gewissermaBen
sehr stark siindigen durch seine Ernahrung gegen die kosmischen
Tatigkeiten in seinem Gehirn, und das kann erlebt werden von der
anthroposophisch sich entwickelnden Seele, namentlich im Momente
des Aufwachens. Innerhalb des Schlafes tritt ja auch das ein, daB
sich die Verdauqngstatigkeit bis in das Gehirn hineinerstreckt, hin-
einspruht in das Gehirn. Beim Wachen bearbeiten die Denkkrafte
das Gehirn; da tritt die Verdauungstatigkeit des Gehirns zuriick.
Wenn das Denken stillsteht beim Schlaf, da wirkt die Verdauungs-
tatigkeit in das Bewufitsein hinein, und wenn der Mensch aufwacht
und einen Nachklang davon verspiirt, dann kann das Erleben sehr
leicht ein richtiges Barometer sein gerade bei der sich entwickeln-
den Seele fur das Gesunde oder Ungesunde der Ernahrung. Oh, der
Mensch verspiirt dieses gleichsam aus seinem Organismus in das
Gehirn Hineinziehen in dumpfmachenden, stechenden Gefuhlen,
Gefuhlen, die sich manchmal so ausnehmen konnen, wenn er irgend
etwas Unrechtes genossen hat, wie — sagen wir — kleine Betau-
bungszentren im Gehirn. Das alles wird in der feinsten Weise erlebt
gerade von der anthroposophisch sich entwickelnden Seele. Und der
Moment des Aufwachens ist von einer ungeheuren Wichtigkeit, ich
meine in bezug auf die Wahrnehmung der von der Verdauung her-
riihrenden Gesundheitsverhaltnisse der physischen Hiille. In immer
f einer und f einer werdenden Empfindungen, die sich lokalisieren
innerhalb des Kopfes, nimmt der Mensch wahr, ob er sich oppo-
sitionell benimmt in seiner Verdauung gegen die kosmischen Ge-
setze auBerhalb unseres Sonnensystems oder ob er mit ihnen im
Einklang steht. Hier sehen Sie in der Tat diese physische Hiille in
einem wunderbaren Verhaltnis zum ganzen Kosmos und den Mo-
ment des Aufwachens wie ein Barometer fur den sich gegen die
kosmischen Verhaltnisse durch seine Verdauung widersetzenden
Menschen oder mit diesen kosmischen Verhaltnissen sich in Ein-
klang versetzenden Menschen.
Diese Betrachtungen werden uns allmahlich hiniiberleiten in die
Veranderungen, die vorgehen durch esoterische oder anthroposophi-
sche Entwicklung im menschlichen Ather- oder astralischen Leibe.
DRITTER VORTRAG
Den Haag, 22.Marz 1913
Gleichsam iiberfiihrend von dem physischen Hiillensystem des
Menschen zu dem atherischen System, zu dem Atherleib, sind jene
Veranderungen, welche mit dem Menschen vorgehen bei einer okkul-
ten oder anthroposophischen Entwicklung in bezug auf das Muskel-
system und namentlich in bezug auf die Sinne, auf die Sinnesorgane.
In bezug auf das Muskelsystem muB gesagt werden, daB der Mensch
nicht nur das Muskelsystem nach und nach beweglicher fuhlt, wie
das ja in bezug auf die anderen physischen Organe gesagt werden
konnte, sondern daB er dieses Muskelsystem fuhlt — man mochte
sagen — , auBer dem, daB es lebendiger wird, noch wie mit einem
schwachen inneren BewuBtsein durchdrungen. Es ist, als ob das
BewuBtsein sich tatsachlich ausdehnte iiber das Muskelsystem. Und
wenn man, gar nicht einmal irgendwie ungenau, aber etwas para-
dox sprechen wollte iiber das entsprechende Erlebnis, so konnte
man sagen: Man gelangt allmahlich dazu im Laufe der esoterischen
Entwicklung, die einzelnen Muskeln und ihr System wie innerlich
traumhaft zu empfinden; man tragt sein Muskelsystem immer so
mit sich herum, daB man von der Tatigkeit dieses Muskelsystems
mitten im Tagwachen zwischendurch schwach traumt. Es ist immer-
hin sehr interessant, gerade diese Veranderung der physischen Hiille
ins Auge zu fassen aus dem Grunde, weil man in dieser Wahrneh-
mung etwas hat, was einen am besten zun'achst in gewisser Bezie-
hung unterrichten kann dariiber, daB man einen gewissen Fortschritt
gemacht hat.
Wenn man beginnt, die einzelnen Muskeln so zu fiihlen, daB
man zum Beispiel beim Beugen und Strecken derselben ein schwa-
ches BewuBtsein davon hat, was da geschieht, ein schwaches Mk-
gefiihl hat, dann muB man sagen: da drinnen geht etwas vor in
den Muskeln. Wenn man traumt von seinen Muskelbewegungen,
dann ist dies ein Beweis davon, daB man beginnt, den in den
physischen Leib hinein impragnierten Atherleib nach und nach zu
fiihlen; denn das, was man da eigentlich fiihlt, sind die Krafte des
Atherleibes, die in den Muskeln tatig sind. So daB es ein Anfang
derWahrnehmung des Atherleibes ist, wenn man von seinen einzel-
nen Muskeln traumt, wenn man gleichsam ein traumhaftes BewuBt-
sein von sich so hat, wie man in anatomischen Lehrbiichern den
Menschen dargestellt findet, wo ihm die Haut abgezogen ist und er
nur in seinen Muskeln sich zeigt. Ja, es ist schon gewissermaBen
ein solches Die-Haut-Ausziehen und Von-seinen-einzelnen-Gliedern-
Traumen wie von einer Art Gliederpuppe, zu dem man da aufsteigt,
wenn man beginnt, das atherische Wesen wahrzunehmen.
Weniger behaglich, aber auch nicht ausbleibend ist die Empfind-
lichkeit, wenn gleichsam ins BewuBtsein heraufdammert das Kno-
chensystem. Es ist deshalb weniger behaglich, weil, wenn dieses
Knochensystem wahrgenommen wird, man an ihm eigentlich am
meisten, am hervorstechendsten sein allmahliches Altwerden emp-
findet. Deshalb ist es nicht gerade behaglich, zu achten auf die
Empflndlichkeit, die gegeniiber dem Knochensystem auftritt, was ja
der Mensch im Grunde genommen sonst im normalen Leben gar
nicht fiihlt; aber er beginnt so etwas wie einen Schatten in sich zu
fiihlen in seinem Knochensystem, wenn er sich atherisch entwickelt.
Und dann bekommt man einen BegrifT davon, daB es doch einer
gewissen uralten hellseherischen Kraft der Menschen entsprach,
daB sie das Gerippe als den symbolischen Ausdruck des Todes dar-
stellten. Sie wuBten, daB man in seinem Gerippe das Herannahen
des Todes nach und nach fiihlen lernt.
Aber weitaus bedeutungsvoller als alles dieses ist noch jenes Er-
lebnis, das man gegeniiber seinen Sinnesorganen wahrend der eso-
terischen oder anthroposophischen Entwicklung hat. Wir wissen ja,
daB diese Sinnesorgane eigentlich ausgeschaltet werden mussen,
wenn der Mensch eine esoterische Entwicklung durchmacht; sie miis-
sen sozusagen schweigen. Dadurch fiihlen sich gleichsam die physi-
schen Sinnesorgane wahrend der esoterischen Entwicklung zur Un-
tatigkeit verurteilt; sie sind ausgeschaltet. Dafiir nun, daB sie als phy-
sische Sinnesorgane ausgeschaltet sind, tritt ein anderes ein: erstens
ein allmahliches BewuBtwerden der einzelnen Sinnesorgane wie
besondere Welten, die in einen hineindringen. Man lernt empfin-
den die Augen, die Ohren, sogar den Warmesinn, wie hineingebohrt
in einen. Aber das, was man da empfinden lernt, ist nicht das
physische Sinnesorgan, sondern sind die Atherkrafte, die Krafte des
Atherleibes, die organisierend wirken an den Sinnesorganen. So daB
man, wenn man ausschaltet die Tatigkeit der Sinne, gleichsam auf-
gehen sieht die Natur dieser Sinnesorgane wie ebenso viele in einen
hineingebohrte atherische Organisationen. Das ist auBerordentlich
interessant. In dem MaBe, wie man ernsthaft wahrend seiner eso-
terischen Entwicklung zum Beispiel das Auge ausschaltet, nicht
mehr auf das physische Sehen reflektiert, in dem MaBe lernt man
kennen etwas, was sich in die eigene Organisation so hereinbohrt
wie Lichtorganismen; man lernt dann wirklich erkennen, daB das
Auge allmahlich dadurch entstanden ist, daB die inneren Licht-
krafte an unserem Organismus gearbeitet haben. Denn wahrend
man absieht von aller Tatigkeit des physischen Auges, fiih.lt man
das Blickfeld durchzogen von den atherischen Lichtkraften, die
organisierend auf das Auge wirken. Eine eigentumliche Erscheinung
ist diese, daB man durch das Auge, wenn man es ausschaltet, die
Lichtkrafte kennenlernt. Alle physikalischen Theorien sind nichts
gegen jene Kenntnis der inneren Natur des Lichtes und seiner Wir-
kung, die man erfahrt, wenn man eine Weile sich geiibt hat, die
physische Sehkraft des Auges auszuschalten, und allmahlich sich
hineinfindet, an der Stelle des physischen Augengebrauches wahr-
zunehmen die innere Natur der atherischen Lichtkrafte.
Der Warmesinn liegt gleichsam auf einer niedrigeren Stufe. Es
ist ja auBerordentlich schwer, wirklich auszuschalten die Empfind-
Hchkeit fur Warme und Kalte. Es gelingt einem am besten, wenn
man versucht wahrend seiner esoterischen Entwicklung wahrend
der Dauer der Meditation nicht von irgendeinem Warmegefiihl
gestort zu werden. Da ist es also gut, seine Meditation so zu machen,
daB man gerade von jener Temperatur umgeben ist, welche weder
als Warme noch als Kalte empfunden wird, so daB man in keiner
Weise irritiert wird, weder durch Warme- noch durch Kaltegefiihle.
Wenn einem das gelingt, dann kann man — allerdings ist es nur
schwierig zu unterscheiden von der gewohnlichen Temperaturwahr-
nehmung — , dann kann man sich nach und nach daran gewohnen,
auch die innere Natur des Warmeathers kennenzulernen, des den
Raum durchstrahlenden Warmeathers; dann erst fiihlt man sich in
seiner eigenen Leiblichkeit wie durchdrungen von der eigentlichen
Tatigkeit des Warmeathers. Wenn man nicht mehr die empnn-
dungsmaBige Wahrnehmung der Warme hat, dann lernt man die
Natur des Warmeathers durch sich selbst kennen.
Durch die Ausschaltung des Geschmackssinnes, naturlich ist
ja der Geschmackssinn wahrend der esoterischen Ubungen aus-
geschaltet, gewiB, aber wenn es einem dann gelingt, an Ge-
schmacksempfindungen sich zu erinnern, dann ist damit ein Mittel
gegeben, die Natur eines noch feineren Athers zu erkennen, als
der Lichtather ist, des sogenannten chemischen Athers. Es ist das
auch nicht ganz leicht, aber man kann es erleben. Ebenso kann man
durch die entsprechende Ausschaltung des Geruchssinnes den
Lebensather erkennen.
Eigentumlich ergeht es einem mit der Ausschaltung des Gehors,
Da muB man allerdings es dahin bringen, eine solche Abgezogen-
heit zu erreichen, daB man, wenn auch Horbares in der Nahe vor-
geht, es nicht mehr hort. Man muB also willkiirlich von Horbarem
absehen lernen. Dann treten einem entgegen wie hereingebohrt in
den Organismus die im Atherleib befindlichen Krafte, welche unser
Gehororgan organisierten. Man macht dabei eine merkwiirdige Ent-
deckung. Diese Dinge gehoren in der Tat zu den immer hoher und
hoher liegenden Geheimnissen. Daher wird es vielleicht unschwer
ges^gt werden kbnnen, daB nicht gleich alles das durchschaut wer-
den kann, was mit Bezug auf diese Erlebnisse gegeniiber solchen
Sinnen wie dem Gehorsinn gess.gt wird. Man macht namlich die
Entdeckung, daB das Ohr eine solche Organisation hat, daB man
genau erkennt: Dieses Ohr, so wie wir es als Mensch an uns tragen
in seiner wunderbaren Organisation, konnte gar nicht aus den Kraf-
ten heraus gebildet sein, welche als Atherkrafte die Erde als solche
umspielen. Die Lichtkrafte, die Atherkrafte des Lichtes, die die Erde
umspielen, hangen innig zusammen mit der Bildung unserer Augen,
wenn auch die Augenanlage schon friiher vorhanden war; aber so,
wie das Auge gestaltet ist, wie es jetzt am Organismus sitzt, so hangt
es innig zusammen mit den Lichtatherkraften der Erde. Ebenso
hangt unser Geschmackssinn mit den chemischen Atherkraften der
Erde zusammen, er ist zum groBen Teil aus diesen herausgebildet.
Unser Geruchssinn hangt mit dem Lebensather der Erde zusam-
men; er ist fast ausschlieBlich organisiert aus dem Lebensather, der
die Erde umspielt. Unser Gehororgan zeigt aber, wenn es okkulti-
stisch erlebt wird innerhalb einer esoterischen Entwicklung, daB es
zum allergeringsten Teil den die Erde umspielenden Atherkraften
sein Dasein verdankt. Man mochte sagen: die letzte Hand haben an
unser Gehororgan die Atherkrafte angelegt, welche die Erde umspie-
len; aber dieses Gehororgan ist so von diesen Atherkraften, welche
die Erde umspielen, behandelt worden, daB sie es eigentlich nicht
vollkommener gemacht haben, dieses Gehororgan, sondern unvoll-
kommener; denn diese die Erde umspielenden Atherkrafte konnen
auf das Ohr nur dadurch wirken, daB sie in der Luft tatig sind und
fortwahrend an der Luft einen Widerstand haben.
Daher kann man, obzwar das paradox gesprochen ist, sagen: Eine
viel feinere Organisation, die da war, ist auf der Erde in unserem
Gehororgan korrumpiert worden. Und dann wird auf dieser Stufe
sogar durch eigenes Erlebnis es erklarlich fur den sich entwickeln-
den Anthroposophen, daB er das Ohr, das ganze Gehororgan schon
mitgebracht hat auf die Erde, als er den Weg von dem alten Mond
zur Erde herein machte; ja, daB dieses Gehororgan auf dem alten
Monde viel vollkommener war als auf der Erde. Man lernt es allmah-
lich dem Ohre anfiihlen, daB man ihm gegeniiber, mochte man sa-
gen — man muB manchmal paradoxe Ausdriicke wahlen — , daB man
ihm gegeniiber melancholisch werden konnte, weil das Ohr zu den
Organen gehort, die in ihrer ganzen Einrichtung, in ihrer ganzen
Struktur zeugen von vergangenen Vollkommenheiten. Und wer die
eben ein wenig angedeuteten Erlebnisse allm'ahlich sich heranzieht,
der wird den Okkultisten verstehen, der allerdings aus noch viel
tieferen Kraften heraus seine Erkenntnis schopft, den Okkultisten,
der ihm sagt: Auf dem alten Mond hatte das Ohr eine viel groBere
Bedeutung fur den Menschen als heute. Damals war das Ohr dazu
da, gleichsam ganz zu leben in der auf dem Mond in einer gewis-
sen Beziehung noch erklingenden Spharenmusik. Und gegeniiber
diesen Klangen der auf dem Monde, obzwar schon schwach im
Vergleich zu friiher, aber doch erklingenden Tone der Spharen-
musik verhielt sich das Ohr so, daB es sie aufnahm. Es war sozu-
sagen auf dem alten Monde vermoge seiner damaligen Vollkom-
menheit immer in Musik getaucht. Diese Musik, die teilte sich noch
auf dem alten Monde der ganzen menschlichen Organisation mit;
die Musikwellen durchdrangen auf dem alten Monde noch die
menschliche Organisation, und das innere Leben des Menschen war
auf dem alten Monde ein Miterleben mit der ganzen musikalischen
Umgebung, ein Anpassen an die ganze musikalische Umgebung;
das Ohr war ein Kommunikationsapparat, um jene Bewegungen
innerlich nachzumachen, welche auBen als Spharenmusik erklangen.
Der Mensch fiihlte sich auf dem alten Monde noch wie eine Art
Instrument, auf welchem der Kosmos mit seinen Kraften spielte,
und die Ohren waren in ihrer damaligen Vollkommenheit die Ver-
mittler zwischen den Spielern des Kosmos und dem Instrument des
menschlichen Organismus auf dem alten Mond. So wird einem die
heutige Einrichtung des Gehororganes wie zum Wecker einer Erin-
nerung, und man verbindet einen Sinn damit, daB durch eine Art
Korruption des Gehbrorgans der Mensch unfahig geworden ist, die
Spharenmusik zu erleben, daB er sich emanzipiert hat und daB er
diese Spharenmusik nur hereinfangen konnte in das, was heutige
Musik ist, die sich im Grunde genommen doch nur innerhalb der
Luft, die die Erde umspielt, abspielen kann.
Auch anderen Sinnen gegeniiber tauchen Erlebnisse auf; aber sie
werden allerdings immer undeutlicher, und es wiirde nicht viel Be-
deutung haben, die Erlebnisse in bezug auf andere Sinnesorgane zu
verfolgen aus dem einfachen Grunde, weil es schwierig ist, mit den
gewohnlichen menschlichen Begriffen in diese Veranderungen hin-
einzuleuchten, die sich an ihnen durch die esoterische Entwicklung
vollziehen. Was wiirde es zum Beispiel fiir eine Bedeutung haben
gegeniiber dem, was der Mensch heute auf der Erde erfahren kann,
wenn von dem Sprachsinn gesprochen wiirde — ich meine nicht
von dem Sinn fiir das Sprechen. Fiir diejenigen, die die Vortrage
iiber « Anthroposophie» in Berlin gehort haben, ist es schon bekannt,
daB es einen eigenen Sprachsinn gibt. Wie es den Tonsinn gibt, so
gibt es einen eigenen Sinn, der nur innerlich ein Organ hat und
nicht auBerlich, fiir die Wahrnehmung des gesprochenen Wortes
selber. Dieser Sinn ist noch mehr korrumpiert worden; er ist so kor-
rumpiert worden, daB heute im Grunde genommen nur noch ein
letzter Nachklang vorhanden ist von demjenigen, was dieser Sprach-
sinn zum Beispiel noch auf dem alten Monde war. Auf dem alten
Monde diente dasjenige, was heute zum Sprachsinn, zum Verstehen
der Worte bei unseren Mitmenschen geworden ist, dazu, sich in die
ganze Umgebung bewuBt mit imaginativem BewuBtsein hineinzu-
fiihlen, um den alten Mond gleichsam zu umkreisen. Welche Be-
wegungen man machte, wie man sich zurechtfand, das diktierte der
Sprachsinn auf dem alten Monde. Man lernt erst allmahlich kennen
diese Art der Erlebnisse des Sprachsinnes, wenn man sich nach und
nach eine Empflndung fiir den inneren Wert der Vokale und Kon-
sonanten aneignet, wie empfunden wird dieser innere Wert dieser
Vokale und Konsonanten bei den mantrischen Satzen. Aber es ist
dies doch nur ein schwacher Nachklang, zu dem sich der Erden-
mensch im allgemeinen auf diesem Gebiet erheben kann gegeniiber
dem, was der Sprachsinn einstmals war.
So sehen Sie, meine lieben Freunde, wie der Mensch sich hier
allmahlich hineinlebt in die Wahrnehmung seines atherischen Lei-
bes, wie das, was er gleichsam von sich weist in seiner okkulten
Entwicklung, die Tatigkeit der physischen Sinne, sich ihm ersetzt
auf der anderen Seite, indem es ihn hineinfiihrt in die Wahrneh-
mung des atherischen Leibes. Aber es ist eigentiimlich: diese Wahr-
nehmungen vom Atherleibe, von denen jetzt eben gesprochen wor-
den ist, wir fiihlen sie so, wenn wir sie erleben, als ob sie nicht recht
zu uns gehorten, als ob sie — wie gesagt — von auBen in uns hinein-
gebohrt wiirden. Wir fiihlen den Lichtkorper in uns wie hinein-
gebohrt, wir fiihlen etwas wie eine auf der Erde nicht horbare musi-
kalische Bewegung durch unser Ohr in uns hineingebohrt; den
Warmeather fiihlen wir allerdings nicht wie in uns hineingebohrt,
sondern uns durchdringend; und wir lernen fiihlen die Tatigkeit
des in uns arbeitenden chemischen Athers fiir den ausgeschalteten
Geschmack und so weiter. Da also sind wir bereits daran, daB der
Mensch gegeniiber dem Zustand, den man als den normalen be-
zeichnet, verandert fiihlt seinen Atherleib, in den gleichsam von
aufien Pfropfen hereingetrieben sind.
Nun aber beginnt der Mensch allmahlich auch mehr direkt sei-
nen Atherleib wahrzunehmen. Die auff alligste Veranderung, welche
mit dem Atherleib vor sich geht und die fiir manchen recht un-
sympathisch zu vernehmen ist, die nicht erkannt wird als eine Ver-
anderung im Atherleib, die aber doch eine ist, die besteht darin,
daB die esoterische Entwicklung sehr deutlich an sich merken laBt,
am eigenen Leib sozusagen merken laBt, wie die Kraft des Ge-
dachtnisses zunachst etwas nachlaBt. Das, was man gewohnlkh als
Gedachtnis hat, erleidet durch eine esoterische Entwicklung fast
immer eine Herabstimmung. Man bekommt zunachst ein schlech-
teres Gedachtnis. Wer ein schlechteres Gedachtnis nicht haben
will, kann eben eine esoterische Entwicklung nicht durchmachen.
Namentlich hort auf stark tatig zu sein dasjenige Gedachtnis, das
man als mechanisches Gedachtnis bezeichnen kann, das gerade in
den Kinder- und Jugendjahren bei Menschen am besten ausge-
bildet ist und was ja zumeist gemeint ist, wenn vom Gedachtnis
die Rede ist. Und gar mancher Esoteriker wird zu klagen haben
iiber die Herabstimmung seines Gedachtnisses. Denn man kann
das recht bald bemerken; jedenfalls viel fruher, als man die feinen
Wahrheiten, die jetzt auseinandergesetzt worden sind, an sich wahr-
nimmt, bemerkt man diese Herabsetzung des Gedachtnisses. Aber
wie man niemals Schaden nehmen kann an seinem physischen
Leibe, trotzdem er beweglicher wird, wenn man die richtige anthro-
posophische Entwicklung einschlagt, so kann man ernstlich doch
nicht auf die Dauer Schaden nehmen, auch nicht in bezug auf das
Gedachtnis. Man muB nur anstreben, das Richtige zu machen.
In bezug auf die physische Organisation muB man — wahrend
der auBere Leib beweglicher wird, wahrend innerlich seine Organe
unabhangiger werden, so daB man sie schwerer in Einklang brin-
gen kann als friiher — , muB man sich innerlich stark machen. Das
wird getan durch jene sechs Ubungen, die Sie im zweiten Teil mei-
ner «Geheimwissenschaft» geschildert finden. Wer diese in entspre-
chender Weise macht, wird sehen, daB ihm so viel an innerer
Starke zuwachst, um den beweglicheren physischen Leib in Ordnung
zu halten, als er an Kraft verliert durch die esoterische Entwick-
lung. In bezug nun auf das Gedachtnis miissen wir auch das Rich-
tige tun. Das Gedachtnis, das fur das auBere Leben da ist, geht
schon einmal verloren; aber wir brauchen gar keinen Schaden zu
nehmen, wenn wir darauf achten, fur alles das, was uns im Leben
angeht, mehr Interesse zu entwickeln, tieferes Interesse, mehr An-
teil zu entwickeln, als wir das vorher gewohnt waren. Wir miissen
anfangen, uns fur die Dinge, die fur uns Bedeutung haben, nament-
lich ein gefiihlsmaBiges Interesse anzueignen. Vorher haben wir
ein mehr mechanisches Gedachtnis entwickelt, und dieses mecha-
nische Gedachtnis arbeitet auch dann zuweilen recht sicher, wenn
man die Dinge, die man sich merken will, nicht besonders liebt;
aber das hort auf. Man wird namlich bemerken, daB man, wenn
man eine anthroposophische oder esoterische Entwicklung durch-
macht, die Dinge leicht vergi^t. Sie fliegen nur so fort, die Dinge,
fur die man kein gefiihlsmaBiges Interesse hat, die man nicht lieb-
gewinnen kann, mit denen man sozusagen nicht seelisch zusammen-
wachst. Dagegen haftet das um so besser, mit dem man seelisch
zusammenwachst. Man muB daher versuchen, geradezu systema-
tisch dieses seelische Zusammenwachsen zu bewirken.
Man kann folgende Erfahrung machen: Nehmen wir an, irgend-
eine Personlichkeit hatte in ihrer Jugend, als sie noch nicht an die
Anthroposophie herangekommen war, etwa wenn sie einen Roman
gelesen hat, diesen Roman gar nicht vergessen konnen; sie konnte
ihn immer wieder und wiederum erzahlen. Nun liest sie spater,
nachdem sie in die anthroposophische Entwicklung eingetreten ist,
einen Roman. Flugs ist er oftmals fort; er kann nicht wiederum er-
zahlt werden. Wenn man aber mit einem Buch, von dem man sich
selber diktiert oder diktiert bekommt, daB es einem wertvoll sein
soli, die Sache so macht, da!3 man es einmal durchliest, dann un-
mittelbar danach versucht, es im Geiste zu repetieren, und man
nicht nur repetiert, sondern von hinten nach vorne, die letzten
Dinge zuerst und die ersten zuletzt sich wiederholt, wenn man
sich die Miihe nimmt, besondere Einzelheiten ein zweites Mai
durchzugehen, wenn man so mit der Sache zusammenwachst,
wenn man gar noch ein Stiick Papier nimmt und sich kurze Ge-
danken daraus aufschreibt, und wenn man versucht, sich die
Frage vorzulegen: Von welcher Seite kannst du dich denn fur
diesen Gegenstand besonders interessieren? — dann wird man
sehen, daB man sich auf diese Weise eine andere Art von Gedacht-
nis heranerzieht. Das ist nicht dasselbe Gedachtnis. Man merkt
genau den Unterschied, wenn man sich seiner bedient. Wenn man
sich des mechanischen Gedachtnisses bedient, dann ist es so, daB
die Dinge in unsere Seele hineintreten als Erinnerungen; wenn
man sich auf diese Weise, wie es jetzt geschildert worden ist, ein
Gedachtnis heranerzieht systematisch als Esoteriker oder Anthropo-
soph, dann ist es so, wie wenn die Dinge, die man durchlebt hat
auf diese Weise, stehengeblieben waren in der Zeit. Man lernt
gleichsam in der Zeit zuriickschauen, und es ist wirklich so, wie
wenn man hinausschauen wiirde auf das Betrachtete; ja man wird
bemerken, daB immer mehr und mehr die Dinge bildhaft werden,
daB das Gedachtnis immer imaginativer und imaginativer wird.
Hat man *es so gemacht, wie das eben jetzt geschildert worden
ist mit einem Buch, dann braucht man, wenn es notwendig
ist, die Sache wiederum vor die Seele hinzustellen, nur irgend-
wie etwas anzuschlagen, was damit zusammenhangt, dann wird
man gleichsam hinschauen auf den Zeitpunkt, wo man mit dem
Buch beschaftigt war, man wird sich lesend anschauen. Nicht
die Erinnerung kommt: das ganze Bild steigt herauf; man wird
dann bemerken konnen, daB, wahrend man vorher nur in dem
Buch gelesen hat, jetzt die Dinge tatsachlich heraufsteigen. Man
schaut sie an wie in einer zeitlichen Entfernung; das Gedachtnis
wird ein Anschauen von Bildern, die in zeitlicher Entfernung
stehen.
Dies ist namlich schon der allererste Anfang, der elementarste
allerdings, zum allmahlichen Lesenlernen in der Akasha-Chronik:
das Gedachtnis ersetzt sich durch ein Lesenlernen in der abgelau-
fenen Zeit. Und es kann manchmal derjenige, der eine gewisse
esoterische Entwicklung durchgemacht hat, sein Gedachtnis fast
ganz verloren haben, es schadet ihm nichts, weil er die Dinge
riickwarts laufend sieht. Insofern er mit ihnen selbst verbunden
war, sieht er sie mit besonderer Deutlichkeit. Ich sage Ihnen da
etwas, was derjenige, der auBerhalb der Anthroposophie stent, wenn
es ihm gesagt wird, durchaus nur auslacht und nur auslachen kann,
weil er gar keinen Begriff damit verbinden kann, wenn irgendein
Esoteriker zu ihm sagt, er habe kein Gedachtnis mehr, und dann
doch ganz gut weiB, was da geschehen ist, weil er es schaut in der
Vergangenheit. Da sagt der andere: Du, hore, du hast ja ein ganz
vorziigliches Gedachtnis! — weil er keinen Begriff hat, welche Ver-
wandlung da vorgegangen ist. Und dies ist gerade etwas, dem eine
Verwandlung im atherischen Leibe zugrunde liegt.
Allerdings ist dann in der Regel diese Umwandlung des Ge-
dachtnisses verbunden mit etwas anderem; sie ist verbunden damit,
daB auch gewissermaBen eine Art neuer Beurteilung unseres inne-
ren Menschen auftritt. Wir konnen namlich nicht diesen riick-
schauenden Blick uns aneignen, ohne zugleich in einer gewissen
Weise einen Standpunkt einzunehmen gegeniiber dem, was wir da
erlebt haben. So wird derjenige, der in einer spateren Zeit zuriick-
blickt auf etwas, was er so behandelt hat, wie das vorhin von dem
Buch gesagt worden ist — wenn er sich selbst so darinnen sieht — ,
wie selbstverstandlich beurteilen miissen, ob das gescheit oder
dumm war, daB er sich gerade damit beschaftigt hat. Und stark
verbindet sich, als ein anderes Erlebnis, ganz notwendig mit dieser
Riickschau eine Art Selbstbeurteilung. Man kann gar nicht anders,
als Stellung zu seiner Vergangenheit zu nehmen: Vorwiirfe wird
man sich in bezug auf das eine machen, man wird froh sein, daB
einem das andere gelungen ist; kurz, man wird nicht anders kon-
nen, als die Vergangenheit beurteilen, die man also riickblickend
anschaut. So daB man in der Tat ein scharferer Beurteiler seiner
selbst, namlich seines abgelaufenen Lebens wird. Man fiih.lt sozu-
sagen den sich in einem regenden Atherleib — der ja die ganze
Vergangenheit in sich hat aus der Riickschau nach dem Tode — ,
man fiihlt diesen Atherleib wie einen EinschluB in einem selber,
wie etwas, das in einem lebt und das den Wert von einem aus-
macht. Ja, es geht eine solche Veranderung mit dem Atherleib vor,
daB man oftmals den Drang verspiirt zu solcher Selbstriickschau;
daB man auf das oder jenes hinblickt, um auf ganz naturgemasse
Weise seinen Wert als Mensch beurteilen zu lernen. Wahrend man
sonst lebt und ihn nicht wahrnimmt, wird nun der Atherleib
gleichsam wahrgenommen im ruckschauenden Blick auf das eigene
Leben. Das eigene Leben wird einem allmahlich zu schaffen
machen, wenn man eine esoterische Entwicklung durchmacht. Dem
muB man entgegengehen, daB einem das esoterische Leben gewis-
sermaBen zu schaffen macht, daB man genotigt ist, genauer hinzu-
schauen auf seine Vorziige und Fehler, auf seine Irrtiimer und Un-
vollkommenheiten.
Aber etwas Tieferes, das an den Atherleib gebunden ist, wird
sozusagen wahrnehmbar, etwas, was friiher auch wahrnehmbar ist,
aber nicht bis zu solcher Starke. Das ist das Temperament. Und
auf der Veranderung des Atherleibes beruht bei dem sich ernst
entwickelnden Esoteriker die groBere Empfindsamkeit, die groBere
Sensitivitat gegeniiber dem eigenen Temperament. Nehmen wir,
um gleich einen besonderen Fall herauszuheben, an dem das be-
sonders anschaulich werden kann, den Melancholiker. Wenn der
Melancholiker, der kein Esoteriker geworden ist, der nicht an die
Anthroposophie herangekommen ist, der so durch die Welt geht,
daB ihn manches murrisch macht in der Welt, daB manches seine
allzu abfallige Kritik herausfordert, den iiberhaupt die Dinge so be-
riihren, daB sie seine Sympathie und Antipathie starker hervorrufen
als es zum Beispiel beim Phlegmatiker der Fall ist, wenn ein solcher
Melancholiker mit all seinen Eigenschaften von jenem Grade an, wo
er ein «zuwiderer» Mensch ist, murrisch, abweisend die ganze Welt,
verachtend und hassend, bis zu dem Grade, wo er nur etwas sensi-
tiver ist gegeniiber den Wahrnehmungen der Welt — es gibt ja
alle Zwischenstufen und Nuancen — , nun, wenn solch ein Melan-
choliker eintritt in eine esoterische Entwicklung, dann wird ihm
da das Temperament im wesentlichen zur Grundlage, den Ather-
leib zu empfinden. Es wird ihm das System seiner die Melancholie
bewirkenden Krafte empfindlich, deutlich in sich selber wahrnehm-
bar, und wahrend er fruher bloB seine Unzufriedenheit gegen die
auBeren Eindriicke der Welt gerichtet hat, beginnt er jetzt diese
Unzufriedenheit gegen sich selbst zu kehren.
Es ist sehr notwendig, daB bei einer esoterischen Entwicklung
die Selbsterkenntnis sorgfaltig geiibt wird und daB dem esoterisch
sich Entwickelnden nahegelegt wird, daB er diese Selbsterkenntnis
iibt, die es ihm moglich macht, eine solche Veranderung als Melan-
choliker ruhig und gelassen hinzunehmen. Wie ihm fruher viel-
fach die Welt zuwider war, wird er sich selber zuwider, fangt er
an sich selber zu kritisieren, so daB man sieht, wie ihm an ihm sel-
ber alles nicht recht ist. Man kann diese Dinge nur richtig be-
urteilen, meine lieben Freunde, wenn man das,kwas man Tempera-
ment nennt, in der richtigen Art am Menschen sieht. Ein Melan-
choliker ist ja nur dadurch ein Melancholiker, daB bei ihm das
melancholische Temperament vorschlagt; denn im Grunde genom-
men hat jeder Mensch alle vier Temper amente in seiner Seele. Ein
Melancholiker ist in gewissen Dingen auch wiederum phlegma-
tisch, in anderen sanguinisch, wieder in anderen cholerisch; es schlagt
nur sozusagen vor dem phlegmatischen und sanguinischen und cho-
lerischen Temperament das melancholische besonders vor. Und ein
Phlegmatiker ist nicht derjenige, der etwa alle anderen Tempera-
mente nicht hatte und nur das Phlegmatische, sondern bei ihm
schlagt das phlegmatische Temperament vor und die anderen Tem-
peramente halten sich mehr im Hinter- und Untergrunde seiner
Seele. Und so ist es auch bei den anderen Temperamenten.
Wie nun die Veranderung des Atherleibes bei dem ausgesproche-
nen Melancholiker so auftritt, daB er sozusagen sich gegen sich sel-
ber mit seiner Melancholie kehrt, so treten auch Veranderungen,
neue EmpjEndungen gegeniiber den anderen Temperamentseigen-
schaften hervor. Aber es kann durch eine weise Selbsterkenntnis
dahin gebracht werden bei der esoterischen Entwicklung, daB man
die Schaden ausbessert, die etwa angerichtet werden durch das her-
vorstechende Temperament; daB man in einem hoheren Grade zu
empnnden beginnt: es konnen diese Schaden ausgebessert werden
dadurch, daB man audi mit den anderen Temperamenten Verande-
rungen bewirkt; solche Veranderungen, die gleichsam die Waage
halten der hauptsachlichsten Veranderung mit dem hervorstechend-
sten Temperament. Da muB man nur erkennen, wie die Verande-
rungen gegeniiber den anderen Temperamenten auftreten.
Nehmen wir an, daB ein Phlegmatiker ein Esoteriker wird — er
wird schwer dazu zu bringen sein; aber nehmen wir an, er sei dazu
zu bringen, ein recht guter Esoteriker zu werden. Es ist durchaus
nicht unmoglich, das zu erreichen, weil der Phlegmatiker zuweilen,
wenn er starke Eindrucke empfangt, machtlos ist gegeniiber gewis-
sen Eindriicken; so daB manchmal gerade das phlegmatische Tem-
perament, wenn es nicht vom Materialismus zu weit angefressen ist,
gar keine ganz iible Vorbedingung fur eine esoterische Entwick-
lung ist; es muB nur edler sozusagen zutage treten als in dem
grotesken Sinn, in dem man oftmals einzig und allein das phlegma-
tische Temperament sieht. Wenn ein solcher Phlegmatiker Esoteri-
ker wird, dann verandert sich das phlegmatische Temperament in
einer eigentiimlichen Weise. Der Phlegmatiker hat dann sehr stark
die Neigung, recht gut sich selber zu beobachten, und es macht ihm
sozusagen am wenigsten Leid, sich so recht selber zu beobachten,
und deshalb ist das phlegmatische Temperament eine nicht schlechte
Vorbedingung fur eine esoterische Entwicklung, wenn sie eintreten
kann, weil er dann zu einer gewissen ruhigen Selbstbeobachtung
ganz geeignet ist. Es regt ihn nicht, wie den Melancholiker, alles
auf, was er an sich selber wahrnimmt; und dadurch, wenn er dann
Selbstbeobachtungen macht, gehen diese sogar in der Regel de-
fer als die Selbstbeobachtungen des Melancholikers, der tiberall
durch das Wiiten gegen sich selber zuriickgehalten wird. Wenn
daher der Phlegmatiker eine Seelenentwicklung hat, dann ist er
sozusagen der beste Schiller fur die ernsthafte anthroposophische
Entwicklung.
Nun hat jeder Mensch eben alle Temperamente in sich, und —
wie gesagt — beim Melancholiker schlagt nur das melancholische
Temperament vor. Es ist zum Beispiel auch das phlegmatische Tem-
perament in ihm. Man kann immer an dem Melancholiker Seiten
finden, wo er sich als Phlegmatiker gegeniiber diesen oder jenen
Dingen zeigt. Man muB nun versuchen, wenn der Melancholiker
Esoteriker wird und man ihn irgendwie leiten kann, man muB ver-
suchen — wahrend er auf der einen Seite ganz gewiB anfangen wird,
scharf mit sich selber zu Werke zu gehen, so daB immer Selbst-
vorwiirfe kommen — seinen Sinn hinzulenken auf die Dinge, gegen-
iiber denen er vorher phlegmatisch gewesen war. Man muB ver-
suchen sein Interesse zu erregen gegeniiber Dingen, fur die er sich
friiher nicht interessiert hat. Wenn einem das gelingt, dann paraly-
siert man gewissermaBen die Schaden, die durch die Melancholie
hervorgerufen werden.
Ein eigenartiger Esoteriker wird der Sanguiniker, der ja dadurch
im auBeren Leben charakterisiert ist, daB er leicht von Eindruck zu
Eindruck eilt und nicht gerne an einem Eindruck festhalten will.
Der ver'andert sich namlich ganz eigentumlich durch die Umwand-
lung seines Atherleibes; der wird in dem Augenblicke, wo er es ver-
suchen will oder wo ein anderer versucht, ihm Esoterik beizubrin-
gen, der wird ein Phlegmatiker gegeniiber seinem eigenen Innern;
so daB der Sanguiniker unter Umstanden das wenigst gute Material
ist zun'achst in bezug auf sein Temperament fiir die esoterische Ent-
wicklung. Wenn der Sanguiniker zur Esoterik oder zum anthroposo-
phischen Leben kommt — und er kommt sehr haufig dazu, denn er
interessiert sich ja fiir alles mogliche, so auch einmal, wenn auch
nicht intensiv, fiir Anthroposophie oder Esoterik, es halt nur nicht
lange vor -, dann muB er zu einer Art Selbstbeobachtung kommen;
aber er nimmt das alles mit groBer Gleichgiiltigkeit auf, er schaut
nicht gerne in sich selber hinein. Dies oder jenes an ihm interessiert
ihn schon, aber es geht nicht besonders tief. Er entdeckt allerlei inter-
essante Eigenschaften an sich, er aber ist dann gleich damit zufrie-
den; und er spricht ganz gern von dieser interessanten Eigenschaft,
hat aber die ganze Sache bald wieder vergessen, auch das, was er an
sich selber beobachtet hat. Und unter denjenigen, die der Esoterik
nahetreten aus einem Augenblicksinteresse heraus und die ihr bald
wieder entlaufen, sind vorzugsweise sanguinische Naturen.
Wir werden morgen versuchen, das, was ich heute in Worten
ausfiihre, auch ein wenig durch die Zeichnung des Atherleibes auf
die Tafel uns klarzumachen; wir werden dann die Veranderungen
des Atherleibes durch die anthroposophische oder esoterische Ent-
wicklung dazu zeichnen.
Noch anders ist es mit dem cholerischen Temperament. Beim
Choleriker wird es fast gar nicht oder doch nur in den allerselten-
sten Fallen gelingen, ihn zum Esoteriker zu machen; er wird sich
gerade dadurch auszeichnen, wenn das cholerische Temperament
besonders bei ihm ausgesprochen ist als Personlichkeit, daB er alle
Esoterik von sich weist; nichts wissen will von ihr. Es kann aber
doch sein, daB durch die karmischen Lebensverhaltnisse gerade der
Choleriker auch einmal an die Esoterik herangebracht wird; dann
wird er es schwer haben, Veranderungen gerade in seinem Ather-
leibe zu bewirken; denn dieser Atherleib erweist sich beim Choleri-
ker als besonders dicht, schwer beeinfluBbar. Beim Melancholiker
ist der Atherleib so, man mochte sagen — verzeihen Sie den trivia-
len Vergleich, aber es wird anschauhch werden durch ihn, was ich
sagen will — , beim Melancholiker ist der Atherleib so wie ein Gummi-
ball, aus dem man die Luft herausgeblasen hat: wenn man eine Ver-
tiefung hineinbohrt, so bleibt sie lange. Beim Choleriker ist der Ather-
leib so wie ein Gummiball, der ganz mit Luft vollgepreBt ist; wenn
man eine Vertiefung hineinmachen will, so halt er nicht nur nicht
die Vertiefung, sondern er drangt einen noch ganz gehorig zuriick.
Also wenig nachgiebig, knorrig ist der Atherleib des Cholerikers.
Daher hat es der Choleriker selber sehr schwer mit der Umwand-
lung des Atherleibes. Er kann nicht an sich selber heran. Daher stoBt
er auch die esoterische Entwicklung, die ja gerade ihn umwandeln
soli, von vornherein zuriick; er kann sich selber sozusagen nicht bei-
kommen. Wenn aber der Ernst des Lebens oder irgendwelche Dinge
an den Choleriker herantreten oder wenn man gerade ein solches
Temperament hat, daB man einen leisen melancholischen Klang hat
im Temperament und doch wieder Choleriker in sich ist, dann kann
es gerade durch die melancholische Nuance herbeigefiihrt werden,
daB der Choleriker seine cholerische Note in seinem menschlichen
Organismus so zur Entwicklung bringt, daB er jetzt mit aller mach-
tigen Kraft arbeitet an seinem Widerstand bietenden Atherleib. Und
wenn es ihm dann gelingt, an seinem Atherleib doch Veranderun-
gen hervorzurufen, dann erzeugt er in sich dadurch eine ganz beson-
dere Eigenschaft: er wird fahiger als andere Leute, durch seine eso-
terische Entwicklung ordentlich sachgemaB und tief auBereTatsachen
in ihrem ursachlichen oder geschichtlichen Zusammenhang darzu-
stellen. Und wer empfmden kann gute Geschichtsschreibung — sie
wird ja in der Regel nicht von Esoterikern gerade gemacht — , aber
wer gute Geschichtsschreibung, die wirklich die Tatsachen sprechen
laBt, empfinden kann, der wird immerhin schon den Anfang finden,
den unbewuBten, instinktiven Anfang von dem, was der Esoteriker,
der Cholerisches in sich hat, gerade als Geschichtsschreiber oder als
Erzahler oder als Schilderer leisten konnte. Menschen wie zum Bei-
spiel Tacitus waren im Anfang einer solchen instinktiven esoteri-
schen Entwicklung. Daher diese wunderbare, unvergleichliche Dar-
stellung des Tacitus. Und derjenige, der als Esoteriker den Tacitus
liest, weiB, daB diese eigentiimliche Art von Geschichtsschreibung
herriihrt von einer ganz besonderen Hineinarbeitung eines choleri-
schen Temperamentes in den Atherleib. Ganz besonders aber tritt
das dann hervor, wenn wir Darsteller haben, die eine esoterische
Entwicklung durchgemacht haben. Wenn es auch die auBereWelt
nicht glaubt, so ist das doch der Fall bei Homer. Homers plastische
grandiose Darstellung verdankt er dem cholerischen Temperament,
das in seinen Atherleib hineingearbeitet hat. Und so konnte noch
manches auf diesem Gebiete gezeigt werden, was schon im auBeren
Leben gleichsam beweisend oder wenigstens belegend darstellt, daB
der Choleriker, ganz besonders wenn er eine esoterische Entwick-
lung durchmacht, sich geeignet macht, die Welt in ihrer Wirk-
lichkeit, in ihren ursachlichen Zusammenhangen inner lich darzu-
stellen. Wenn der Choleriker eine esoterische Entwicklung durch-
macht, dann sind diese seine Darstellungen so, daB sie — man mochte
sagen — schon in ihrer auBeren Struktur den Charakter derWahr-
heit und Wahrhaftigkeit tragen.
So sehen wir, daB in den Veranderungen des Atherleibes ganz
besonders zum Ausdruck kommt sozusagen das menschliche Leben,
das wahrnehmbarer wird in seiner bisherigen Gestaltung in dieser
Inkarnation, mehr als das sonst der Fall ist. In der esoterischen Ent-
wicklung wahrnehmbar werden ferner starker die Temperamente,
und die Beriicksichtigung der Temperamente bei der wahren Selbst-
erkenntnis ist von einer ganz besonderen Bedeutung. Von diesen
Dingen wollen wir dann morgen weiter sprechen.
VIERTER VORTRAG
Den Haag, 23-Marz 1913
Je mehr sich der Atherleib des Menschen ver'andert unter dem
EinfluB einer esoterischen Entwicklung, desto mehr bekommt der
Mensch dasjenige, was man nennen mochte ein Zeitgefiihl. Unter
diesem Zeitgefiihl soil verstanden werden ein Gefiihl fur das Mit-
erleben der Aufeinanderfolge der Tatsachen und Ereignisse in der
Zeit. Gewohnlich ist ja im auBeren Leben der Mensch ohne dieses
ausgesprochene Zeitgefiihl. Nun habe ich schon ein wenig angedeu-
tet, wie dieses Zeitgefiihl sogar schon durch die Veranderung des
physischen Leibes auftritt, indem man durch eine esoterische Ent-
wicklung empfindlicher wird gegeniiber — sagen wir — dem Som-
mer und dem Winter. Aber durch die Veranderung des Atherleibes
wird das Miterleben des auBeren Wandels der Ereignisse ein noch viel
lebendigeres, ein viel empfindlicheres. Und derjenige, der eine Zeit-
lang versucht hat, mit allem Ernst seine Seele vorwartszubringen,
der wird einen deutlichen Unterschied wahrnehmen zunachst ein-
mal zwischen den verschiedenen Jahreszeiten, ja sogar zwischen Tei-
len der Jahreszeiten, er wird einen groBen Unterschied allmahlich
innerlich erleben lernen zwischen Sommer und Winter, zwischen
Friihling, Sommer und Herbst, aber auch noch viel kleinere Zeit-
abschnitte im Jahreslaufe werden empfunden werden. Die Zeit wird
gewissermaBen etwas in ihrem Fortschritt Lebendiges. Man merkt
nach und nach, daB man im Verlaufe der Zeit differenziertes Leben
wahrnimmt. So wie im physischen Leibe die einzelnen Organe sich
differenziert zeigen, wie sie innerlich lebendiger und unabhangiger
voneinander werden, so werden die Teile der fortlaufenden Zeiten-
folge gewissermaBen selbstandiger voneinander, unabhangiger. Und
das ist damit in Verbindung, daB man mit der Entwicklung des eige-
nen Atherleibes miterlebt das Leben im auBeren Ather, der uns ja
uberall umgibt. Es umgibt uns ja nicht nur die Luft, es umgibt uns
uberall der Ather; aber dieser Ather lebt ein wirkliches Leben in
der Zeit.
Der uns umgebende Ather ist gewissermaBen eine Art Lebewesen,
er lebt, und lebt aufeinanderfolgend verschieden, wie ja der Mensch
auch in seinen Lebensaltern verschieden lebt. Und man lernt mit-
erleben das fortschreitende Leben des auBeren Athers. So bekommt
man immer mehr und mehr ein Gefiihl dafiir, wie drauBen das Le-
ben des Lebensathers ist, wenn der Friihling kommt, wenn er sich
dem Sommer nahert, wenn der Sommer auf seinem Hohepunkt an-
gelangt ist, wenn der Sommer zur Neige geht, wenn der Herbst sich
nahert und wenn dieser dann da ist. Diesen auBeren Verlauf lernt
man miterleben; man lernt einen deutlichen Unterschied kennen
zwischen diesem Sommer-Friihling-, Sommer-Herbstleben und dem
eigentlichen Winterleben.
Dieser Unterschied wird immer deutlicher wahrnehmbar, so daB
man sich wirklich zuletzt sagen kann: die Erde lebt mit ihrem Ather
ein selbstandiges Leben, und man schwimmt, indem man mit der
Zeit mitlebt, formlich darinnen in diesem sich wandelnden Leben
des Athers. Wenn der Hochsommer da ist, so fiihlt man am aller-
deutlichsten, wie man mit seinem Atherleib gewissermaBen auf sich
selber angewiesen ist, wie man mit der Erde ein eigenartiges Leben
mitmacht so, daB die Erde einen dann wenig innerlich beruhrt; man
ist, wie gesagt, gleichsam auf sich selbst angewiesen, und man ver-
bindet dann allmahlich einen BegrifT mit dem, was der Okkultist
sagt: Wahrend des Sommers ist die eigentliche Schlafenszeit der Erde.
Wir kommen da zu einer Tatsache, die wegen der auBeren Maja,
von der der Mensch ja fortw'ahrend umgeben ist, ganz falsch beurteilt
wird. Im auBeren, von der Maja dirigierten Leben vergleicht der
Mensch gerne den Friihling mit dem Morgen, den Sommer mit dem
Mittag, den Herbst mit dem Abend. Er tut Unrecht mit diesem Ver-
gleich, denn in der Realitat verhalt sich die Sache nicht so. In der
Realitat miissen wir, wenn wir den auBeren Erdenverlauf mit etwas
in uns vergleichen, Friihling, Sommer, Herbst — in dieser Aufein-
anderfolge — mit der Schlafenszeit der Erde vergleichen; und Herbst,
Winter, Friihling — in dieser Aufeinanderfolge — mit der Wachens-
zeit der Erde. Und wenn wir von einem Geist der Erde sprechen,
so miissen wir uns vorstellen, daB fur diejenige Halbkugel, wo Som-
mer ist, der Geist der Erde wahrend dieses Sommers sozusagen in
demselben Zustand ist, in welchem wir als Menschen wahrend
unseres Schlafzustandes sind. Es ist natiirlich bei der Erde anders.
Der Mensch wechselt absolut mit Wachen und Schlafen ab, bei der
Erde ist das so, daB Wachen und Schlafen gleichsam von der einen
zur anderen Halbkugel Ziehen; daB im Grunde genommen der Geist
der Erde nie recht schlaft, sondern daB, wenn er seine Wachtatig-
keit fur die eine Halbkugel vom Schlafe abgelost sein laBt, er dann
seine Wachtatigkeit auf die andere Halbkugel verlegt. Aber darauf
brauchen wir ja weniger Riicksicht zu nehmen.
Wir wollen einmal betrachten das Miterleben des Menschen mit
der Erde: da kommt ja eigentlich nur die eine Halbkugel der Erde
in Betracht. Wir haben uns da vorzustellen, daB der Geist der Erde
wahrend der Sommerszeit in gewisser Weise sich selber trennt von
seinem physischen Leibe, der jetzt die Erde selbst ware, und daB
dieser Geist der Erde im Verhaltnis zu seinem physischen Erdenleib
im Sommer dasselbe Leben lebt, das der Mensch wahrend der
Schlafenszeit im Verhaltnis zu seinem physischen Leib lebt.
Wahrend der Schlafenszeit liegen der physische und der Atherleib
im Bette; sie fiihren ein rein vegetatives Leben. Fur den okkulten
Blick stellt sich heraus, daB im schlafenden Menschenleib etwas ent-
faltet wird wie eine feine Vegetation, wie ein Hervorsprossen und
HervorsprieBen des rein vegetativen Lebens, und die wahrend der
Wachenszeit verbrauchten Krafte werden durch dieses vegetative
Leben wiederum ersetzt, so daB der Mensch wahrend des Schlafes
eigentlich seine Sommerszeit hat. Und wiirde er hinschauen, wenn
er mit seinem astralischen Leib und seinem Ich auBer dem physi-
schen Leibe ist, auf das Leben des schlafenden physischen Leibes, so
wiirde er dieses schlafende Leben des physischen Leibes so erblicken,
wie man gerade hervorsprieBend und sprossend erblickt das pflanz-
liche Leben im Friihling und Sommer auf der Erde. So wiirde man
an seinem physischen Leibe ein vegetatives sprieBendes und spros-
sendes Sommerleben wahrend der Schlafenszeit bemerken.
Dadurch aber, daB die Erde an dem von uns bewohnten Teile
wahrend des Sommers ihre Schlafenszeit hat, dadurch ist der Mensch
gewissermaBen mit seinem Atherleibe auf sich selbst angewiesen,
und die Folge davon ist, daB bei einer esoterischen Entwicklung
der Mensch wahrend dieser Sommerszeit, wenn er sich uberhaupt
schon die Fahigkeit angeeignet hat, so etwas wahrzunehmen, seinen
eigenen Atherleib mehr wahrnimmt, besser, deutlicher wahrnimmt
als wahrend der Winterszeit. Er nimmt sozusagen die Selbstandig-
keit seines Atherleibes wahr, und zwar vorzugsweise in unserem
Zeitenzyklus die Selbstandigkeit des atherischen Teiles des Kopfes,
des atherischen Teiles, der dem Gehirn zugrunde liegt. Es ist ein
sehr eigentiimliches Empfindenlernen, wenn man anfangt, dadurch,
daB man das Leben des Erdenathers mitlebt im Sommer, allmahlich
eine Art innerer Empfindung sich anzueignen fiir diesen besonderen
Teil des menschlichen Atherleibes, der dem Haupte, dem Kopfe
zugrunde liegt; und man fiihlt dann dieses innere Erleben anders
im Friihling, anders im Sommer, anders gegen den Herbst zu. Man
fuhlt so deutlich die Unterschiede in diesem inneren Erleben, daB
man jetzt wirklich sprechen kann, geradeso wie beim physischen
Leibe von einer Differenzierung der Glieder, von verschiedenen
Leben, die man durchmacht im Laufe der Sommerszeit, von deut-
lich sich voneinander differenzierenden Leben. Anders ist das Leben,
das sich da innerlich entfaltet im Friihling, anders das Leben, das
sich innerlich entfaltet im Sommer, und anders das im Herbst. Wenn
man vom Atherleib spricht, so muB man eigentlich eine Trennung
machen, die wir heute machen werden: sozusagen einen besonderen
Atherteil abtrennen, der dem Haupt zugrunde liegt, dem Kopfe.
Das ist es, was ich mit ein paar Strichen Ihnen skizzieren will,
meine lieben Freunde. Wenn wir uns skizzenhaft den Menschen
vorstellen, so konnen wir uns vorstellen, daB dieser Atherleib, von
dem ich jetzt eben gesprochen habe, so empfunden wird — und zwar
nach oben immer weniger empfunden wird, aber ins Unbestimmte
sich verlierend -, daB er mit der Zeit mitgeht. Und man lernt all-
mahlich sogar ganz deutlich fiihlen, daB an diesem Teil unseres
Atherleibes Wesenheiten schopferisch mit tatig waren, die in den
verschiedenen Zeiten, die man da durchlebt vom Friihling gegen
den Herbst, sozusagen einander ablosen; man merkt, daB an dem
Gehirnteil unseres Atherleibes die Zeiten gearbeitet haben, so
daB unser Athergehirn ein in gewisser Beziehung kompliziertes
Organ ist.
Es ist gleichsam von verschiedenen geistigen Wesenheiten, die
ihre Fahigkeiten in aufeinanderfolgenden Zeiten entfalten, in-
einandergefiigt worden. Man bekommt nun einen BegrifT von einer
sehr bedeutungsvollen Lehre — und man lernt diese Lehre in ihrer
Wahrhek nach und nach empfinden — , von der Lehre, die insbeson-
dere in den Zarathustraschulen gepflogen worden ist. Diese Lehre
sagte, daB der Atherleib des menschlichen Gehirns von geistigen
Wesenheiten, die man Amshaspands nannte, nach und nach aus
dem geistigen Kosmos heraus geschaffen worden ist. Und diese
Amshaspands, sie wirken so, daB sie gleichsam wahrend der Som-
merszeit die Herrschaft fiihren, und zwar heute noch so die Herr-
schaft fiihren, daB sie einander ablosen, der erste sozusagen im Friih-
friihling, der zweite im Friihling und so weiter bis zum sechsten
und siebenten. Sieben, beziehungsweise sechs solcher geistiger Wesen-
heiten, sie wirken sich ablosend in der Zeit; und sie sind die schop-
ferischen Geister, welche — dadurch, daB sie eben sich ablosen, so
daB, wenn der eine seine Tatigkeit vollfiihrt hat, der andere ein-
greift — ein solches kompliziertes Wesen zustande bringen, wie es
der Atherleib, besonders der des menschlichen Gehirns ist. In unser
Gehirn also spielen herein sechs bis sieben einander ablosende gei-
stige Wesenheiten, und das physische Gehirn des Menschen wird
man erst begreifen, wenn man sich sagen wird: da wirkt ein Geist,
der empfunden werden kann insbesondere im Friihfriihling — er
strahlt seine Krafte, die zunachst Atherkrafte sind, aus; dann kommt
im spateren Friihling ein zweiter Geist, der strahlt wiederum seine
Krafte aus.
Da strahlen also die Atherkrafte dieses zweiten Geistes in den-
selben Raum hinein. Der dritte Geist strahlt wiederum seine Ather-
krafte hinein, und so bildet sich dieser Atherteil des menschlichen
Gehirns in derWeise, daB in denselben Raum in aufeinanderfolgen-
den Zeiten Geister, die sich ablosen, ihre atherischen Krafte hinein-
senden.
Nun miissen wir uns klar sein, daB wir nur fiihlen konnen ge-
wisse Zusammenhange dessen, was da in unserem Gehirn ist an
Verwandtschaft mit diesen Geistern, die auBer uns ihre Atherkrafte
heute entfalten. Denn der Okkultismus lehrt uns, daB das, was ich
jetzt eben beschrieben habe, sich schon abgespielt hat wahrend der
alten Mondenzeit; so daB wir nicht glauben diirfen, daB etwa diese
Geister, die, wie wir sagen konnen, den Sommer regieren, heute
noch hineinwirken und etwa Bildekrafte sind. Die Anlagen, die
wahrend der alten Mondenzeit wirklich hineingestrahlt sind von
diesen Geistern, die hat sich der Mensch schon ins Erdendasein
heriibergebracht; aber weil er sie so in sich tragt in seinem eigenen
Atherleib, verspiirt er heute noch — wo diese geistigen Wesenheiten
keinen unmittelbaren EinfluB mehr haben auf unseren inneren
Atherleib im Gehirn — , verspiirt er heute noch die Verwandtschaft
mit ihnen, und das ist es, was man spurt im Sommer. Man fuhlt im
Friihfriihling den ersten dieser Geister, der heute eine andere Aufgabe
hat drauBen im Ather; aber man fuhlt, daB von ihm herriihrt, was
man in sich tragt, was man im alten Mond aufgenommen hat; man
fiihlt sich zu jener Zeit mit ihm verwandt. Das ist jene gewaltige
Entdeckung, die der Mensch machen kann im Verlaufe seiner eso-
terischen Entwicklung: daB er in sich im Laufe der Zeit etwas erlebt
wie ein Abbild von geistig wirksamen Wesenheiten, die sogar heute
schon eine ganz andere Aufgabe haben als friiher, die in der Ver-
gangenheit mitschopferische Geister an unserer eigenen Wesenheit
waren. Wahrend der Erdenbildung ist dann gleichsam das physische
Gehirn entstanden wie ein Abdruck, eine Abpragung dessen, was
schon wie eine Art von atherischem Urbild wahrend der alten
Mondenzeit sich herausentwickelt hat durch diese geistig-kosmi-
schen Einflusse. Ich habe nach oben ofTen gezeichnet diesen Teil
unseres Atherleibes, weil er wirklich so empfunden wird (siehe
Zeichnung Seite 71). Er wird so empfunden, daB, sobald man ihn
an sich selber wahrnimmt, man in der Tat das Gefiihl bekommt:
Da offnest du dich in geistige Welten hinaus, da stehst du im Zu-
sammenhang mit geistigen Welten, die immer iiber dir sind. Es gibt
noch eine Empfindung, die man nach und nach im esoterischen
Leben entwickelt gegeniiber diesem Teil des Atherleibes. Es ist
im allgemeinen gar nicht leicht, iiber diese Dinge sich zu verstan-
digen; aber ich hoffe, daB, wenn ich mich bemiihe, diese Dinge
deutlich auszusprechen, daB wir uns doch verstehen konnen.
Es ist so, wie wenn man in der Tat, wenn man den Atherleib zu
fuhlen beginnt, wie im Strome der Zek sich schwimmend fiihlt.
Aber fur diesen Atherteil des Kopfes ist es so, wie wenn man gewis-
sermaBen fiihlte, als ob man die Zeit mitnimmt, man also nicht nur
fortschwimmt, sondern die stromende Zeit mitnimmt. In der Tat,
man tragt viel von friiherer Zeit in diesem Atherteil des Kopfes:
man tragt ja die alte Mondenzeit da drinnen mit; denn das Wesent-
liche, was da entstanden ist, ist wahrend der alten Mondenzeit ent-
standen, und den Strom der alten Mondenzeit tragt man im Ather-
teil des Gehirns mit. Und wenn man jetzt so anfangt zu fuhlen, ist
es wie eine Erinnerung an die alte Mondenzeit. Wer sich einen Be-
griff verschafft von den inneren Erlebnissen, die als Temperaments-
erlebnisse gestern aufgefiihrt worden sind, der kann auch verstehen,
wenn gesagt wird, daB der Okkultist, der so das Innere des Ather-
leibes seines Kopfes fuhlen lernt, wenn er sich besonders konzen-
triert auf diesen Atherteil des Kopfes, dann immer dieses Sich-
konzentrieren auf den Atherteil seines Kopfes verbunden fiihlt mit
einer melancholischen Stimmung, die ihn iiber kommt; man fiihlt
sozusagen wie ausgegossen in der esoterischen Entwicklung melan-
cholische Stimmung in sein Haupt hinein. Und aus dieser melan-
cholischen Stimmung heraus entwickelt sich im inneren Erleben
allm'ahlich ein Verstandnis fiir solche Dinge, wie sie unseren
Freunden angefiihrt worden sind bei der okkulten Beschreibung des
alten Mondes.
Die esoterische Entwicklung muB natiirlich noch viel weiter
gehen, wenn man wirklich die einzelnen Verhaltnisse auf dem
Monde beschreiben will; aber Sie sehen, wie die Dinge beginnen,
die zu einer solchen Beschreibung fiihren. Sie sehen, daB etwas auf-
taucht im Menschen drinnen selber, was man nennen konnte die
Melancholie seines Kopfes, innerhalb welcher Stimmung sich all-
mahlich herausdifferenziert ein Schauen wie ein Erinnerungsschauen
in eine urferne Vergangenheit, in die alte Mondenzeit. Und es
ware wiinschenswert, meine lieben Freunde, daB Sie aus solchen
Schilderungen, wie die eben jetzt gegebenen sind, ermessen, wie
eigentlich esoterische Entwicklung fortschreitet, wie man ausgeht
von einem bestimmten Erlebnis, wie man dieses Erlebnis erkennen
lernt zunachst — in diesem Fall zum Beispiel wie eine Erinnerung
an eine urferne Vergangenheit, aus der man den Strom der Zeit mit
hereingenommen hat in die Gegenwart — und gleichsam wieder
aufrollen lernt dasjenige, was einstmals durchlebt worden ist. Er-
messen Sie daraus, daB der Okkultist wahrhaftig nicht von Trau-
mereien spricht, wenn er jene Konstruktion des Weltenalls gibt, die
zuriickgeht zur alten Monden-, Sonnen- und Saturnzeit, sondern daB
man schon, wenn man nur geduldig ausharrt, durch die Auseinander-
setzung, wie diese Dinge gefunden werden, einen Begriff bekom-
men kann von dem allmahlichen Hineinerleben in jene gewaltigen
groBen Weltentableaus, die allerdings einer urfernen Vergangenheit
angehoren, die aber wieder heraufgerufen werden aus dem gegen-
wartigen Leben. Wir miissen nur dazu kommen, zum Beispiel ver-
flossene Zeitenerscheinungen, die wie involviert, wie eingewickelt
in uns liegen, in uns zu erleben und dann zur Entfaltung zu
bringen.
Anders erlebt sich der Atherleib, der Teil des Atherleibes, der
angehort der mittleren Partie des Menschen. Nach auBen verliert
sich die Empfindung; inner lich wird sie ungefahr so wahrgenom-
men, daB man sagen kann: Dieses, was hier in der Mitte gezeich-
net ist wie eine Art Eiform, das wird abgetrennt vom anderen emp-
funden. Wenn man diesen mittleren Teil des Atherleibes so heraus-
sondert als ein besonderes Erleben, so muB man sagen: Derjenige,
der durch eine esoterische Entwicklung dahin kommt, das differen-
zierte Leben auch dieses mittleren Teiles des Menschen in sich zu
erfahren, der hat dann das Gefiihl, daB er in diesem Teile des Ather-
leibes gewissermaBen im wesentlichen genau mitschwimmt mit dem
Strom der Zeit. Und in diesem Teil des Atherleibes wird in der Tat
noch deutlich empfunden das Miterleben mit dem in der Auf-
einanderfolge der Zeit sich differenzierenden Atherleben der Erde.
Wer esoterisch weiterkommt, der fiihlt gerade in diesem Teil, wie
im Friihfriihling in der Tat andere Geister sozusagen auf ihn ein-
wirken als im Hochsommer oder Herbst. Es ist eine Art Miterleben,
genauer eine Art von Mitschwimmen. Dadurch auch sondert sich
dieser Teil von dem anderen heraus, und wir haben, wenn wir nun
in solche Dinge eingehen konnen, fur diesen mittleren Teil des
Atherleibes ein Gefiihl, welches schwankt zwischen phlegmatischer
und sanguinischer Stimmung. Die mannigfaltigsten Nuancen nimmt
es an zwischen phlegmatischer und sanguinischer Stimmung. Es ist
zum Beispiel in der Friihlingszeit mehr eine Art von Mitgehen im
Atherleib — im physischen Leib driickt sich das ganz anders aus —
mit dem Strom der Zeit, gegen den Herbst zu ein Sich-mehr-Wehren,
ein AbstoBen des Stromes der Zeit.
Ein dritter Teil des Atherleibes wird dann empfunden so, daB
wir ihn nach unten ins Unbestimmte verlaufend fiihlen, daB er in
die Erde hinein verschwindet, sich aber ausbreitet. Dieses sind drei
Teile des Atherleibes, die man getrennt voneinander empfinden kann.
Nun aber wiirde dieses darstellen die innere Empfindung, das
innere Erleben des Atherleibes; es wiirde sich das zum Beispiel fur
den Hellseher nicht so darstellen, wenn er den Atherleib ernes
anderen Menschen betrachtete, sondern es ist das das innere Erleben
des Atherleibes. Dieses Erleben wird noch wesentlich dadurch modi-
fiziert, daB ein viertes Glied des Atherleibes da ist, deutlich begrenzt
wie eine Art Eiform, welches eigentlich den Menschen in sich auf-
nimmt. Man verschafft sich aus den verschiedenen Empfindungen,
die man diesen Teilen des Atherleibes gegeniiber hat, allmahlich
solche Empfindungen, daB man das Gefiihl erh'alt, man habe den
inneren Eindruck von dem Atherleib wie von auBerer Form.
Und dann tingiert sich der Atherleib, dann farbt er sich, und
man bekommt den Eindruck, als ob man hier in diesem Teil des
Atherleibes wie in einer Art von blaulicher oder blaulichvioletter
Aura ware. Dieser Teil, der dem Kopfe entspricht, der ist auch blau-
lich oder, je nachdem der Mensch geartet ist, blaulichviolett, geht
aber nach unten allmahlich ins Griinliche iiber. Der mktlere Teil
hat eine deutlich gelbrotliche Farbung — wenn man die Farbe emp-
fmdet — und der untere Teil hat eine deutlich rotliche bis tiefrote
Farbe, die aber ausstrahlt und oftmals bis weit hinaus geht.
Nun sind aber die Krafte, die in diesen vier Teilen wirken, dif-
ferenziert, so daB dasjenige, was man als die inneren Empfindungen
hat, nicht genau herauskommt; sondern wenn man es von auBen
hellseherisch anschaut, so wirken die Krafte, die in dieser auBersten
Aura sind, zusammendrangend den oberen Teil, und man bekommt
dann, wenn man von auBen schaut, den Eindruck, als ob, nur ein
wenig groBer, der Atherteil des Kopfes ganz der Form des Kopfes
angemessen ware. Der mittlere Teil ebenso. Je weiter nach unten,
desto weniger ist das der Fall. Aber man bekommt dadurch, daB
die Krafte aufeinander wirken, wenn man das von auBen ansieht,
den Eindruck, als ob der Atherleib eine Art Grundform ware des
physischen Leibes, bis zu einer gewissen Weite aber aus dem phy-
sischen Leib herausragt. Gegen unten verliert sich allmahlich das
Gefiihl des Zusammenstimmens von physischem Leib und Atherleib.
Also Sie miissen festhalten daran, daB das innere Erlebnis des
Atherleibes ein anderes ist als das Wesen, das der Atherleib in der
Anschauung dem Hellseher nach auBen 2eigt. Das muB ganz genau
festgehalten werden.
Wenn Sie noch lernen, in der esoterischen Entwicklung auf die
Stimmung zu achten im Sinne jener Grundstimmungen, die ja im
atherischen Leib veranlagt sind und die gestern charakterisiert wor-
den sind, so ergibt sich, daB fur den untersten Teil des atherischen
Leibes die Stimmung als eine cholerische empfunden wird. So dif-
ferenzieren sich in der Tat fur die verschiedenen Glieder unseres
Atherleibes die einzelnen Temperamente. Der obere Teil des Ather-
leibes ist melancholisch gestimmt, der mittlere ist in Wechselzustan-
den phlegmatisch-sanguinisch gestimmt, der untere cholerisch. Und
ich bitte Sie, durchaus darauf zu achten, daB diese Beschreibung fur
den Atherleib gilt. Wer das nicht genau in Erwagung zieht, wird
zum Beispiel sehr leicht, wenn er die Dinge auBerlich nimmt, in
Irrtiimer verfallen konnen. Wer aber genau das in Erwagung zieht,
der wird durch die Ubereinstimmung dessen, was ausgefuhrt wor-
den ist, mit gewissen Erscheinungen des Lebens im hochsten Grade
frappiert sein. Man versuche nur einmal zum Beispiel Choleriker
zu studieren — es ist im hochsten Grade interessant.
Nach dem, was gesagt worden ist, wiirde bei dem Choleriker der
untere Teil des Atherleibes ganz besonders hervorragend ausgebil-
det sein; er wiirde hervorstechen iiber die anderen Teile, dadurch
wiirde der Mensch ein Choleriker sein. Die anderen Teile sind
natiirlich auch entwickelt, aber der untere Teil wiirde besonders
hervorstechen. Wenn nun der untere Teil des Atherleibes besonders
als Atherleib ausgebildet ist, da drinnen seine starken Krafte hat,
dann tritt immer ein anderes ein: daB namlich der physische Leib
in diesen Partien etwas zu kurz kommt, daB der physische Leib
gewisse mangelnde Ausbildungen nach jener Richtung zeigen kann,
die diesem Teil des Atherleibes unterliegen. Es wiirde also daraus
sich ergeben, daB bei ausgesprochenen Cholerikern, die im Leben
als solche auftreten, der anatomische Befund fiir gewisse Organe,
die diesem Teil des Atherleibes entsprechen, eine Art Zu-kurz-
Kommen aufweist. Bitte lesen Sie den anatomischen Befund iiber
einen Napoleon, und Sie werden frappiert sein von dem, was sich
Ihnen da als Beleg darstellen wird. Wenn man anfangen wird zu
studieren diese verborgenen Seiten der Menschennatur, dann wird
man dies erst in Wirklichkeit begreifen lernen.
Sie konnen nun die Frage aufwerfen: Wie stimmt das, was gestern
gesagt worden ist, mit dem Heutigen iiberein? Es stimmt durchaus
iiberein. Es ist gestern von den vier Temperamenten gesprochen
worden. Sie sind vorbedingt durch die Krafte des Atherleibes. Und
in der Tat: das Leben des Atherleibes bezieht sich ebenso auf das
Zeitliche, wie sich bezieht die Gliederung, die Differenzierung auf
das Raumliche. Der physische Leib wird in sich lebendiger in dem
Raumlichen, sich gleichsam differenzierend in seine einzelnen Glie-
der; der Atherleib wird lebendiger, indem sich seine Glieder zeit-
lich differenzieren, das heiBt indem das Zeitleben in der Aufeinander-
folge in selbstandigen Teilen und Gliedern miterlebt wird.
Beim Melancholiker liegt in der Tat das zugrunde, daB er stets
ein von ihm in der Zeit Erlebtes, ein Vergangenes in sich mittragt.
Wer einzugehen vermag auf den Atherleib des Melancholikers, der
findet, daB dieser Atherleib noch immer in sich nachschwingen hat
das, was er miterlebt hat in vergangenen Zeiten. Ich meine jetzt
nicht dasjenige, was hier erwahnt worden ist beim menschlichen
Gehirn, was sich auf urferne Zeiten bezieht, sondern bei dem, was
man gewohnlich Melancholie nennt. Da regt sich vor alien Dingen
das Atherleben des Kopfes an in einer bestimmten Zeit — sagen
wir in der Jugend; und dann wird das, was angeregt ist, so stark
beeinfhiBt, daB in spateren Lebensaltern man als Melancholiker
noch mittragt die Schwingungen im Atherleib, die sich in der
Jugend eingepragt haben, wahrend beim Nichtmelancholiker diese
Schwingungen sich eben abvibriert haben. Bei dem Phlegmatiker und
Sanguiniker haben wir eine Art Mitschwimmen mit der Zeit; nur
daB beim Phlegmatiker gleichsam ein vollstandiges gleichmaBiges
Mitschwimmen mit dem Strom der Zeit vorhanden ist, wahrend
der Sanguiniker wechselt zwischen sozusagen innerem schnellerem
Erleben und langsamerem Erleben gegeniiber dem auBerlich ver-
flieBenden Strom der Zeit. Der Choleriker dagegen stemmt sich —
und das ist das Eigentiimliche — gegen die Zeit, die heranriickt,
die gleichsam aus der Zukunft uns zuflieBt. Der Choleriker weist
also in gewissem Sinn die Zeit von sich ab, und er entledigt sich
schnell der Vibrationen, die die Zeit in seinem Atherleib hervor-
ruft. Daher tragt der Melancholiker am meisten von Nachschwin-
gungen des in der Vergangenheit Erlebten in sich; der Choleriker
tragt am wenigsten von Nachschwingung dessen in sich, was er in
der Vergangenheit erlebt hat. Nehmen Sie den etwas grotesken
Vergleich von dem in sich mit Luft vollgesogenen Ball, der ver-
ghchen wurde mit dem Atherleib des Cholerikers, so konnen Sie
diesen Vergleich auch hier anwenden. Der Ball ist schwer zu be-
eindmcken durch die aufeinanderfolgenden Ereignisse; er stoBt die
Ereignisse von sich, TaBt daher die Ereignisse, wie sie in dem Zei-
tenstrom wirken, nicht stark in sich nachschwingen. Daher tragt
er das nicht lange in sich. Der Melancholiker, der die Ereignisse
tief, tief in seinen Atherleib hereinwirken laBt, hat lange zu tra-
gen an den Schwingungen, die er sich aus einem vergangenen Zei-
tenverlauf in die Zukunft hinein mitnimmt.
Es ist gut, wenn man sich iiberhaupt fur das Verstandnis von
Ather- und physischem Leib die Vorstellung aneignet, daB der phy-
sische Leib vorzugsweise ein Raumesleib, der Atherleib vorzugs-
weise ein Zeitenwesen ist. Man versteht den Atherleib gar nicht,
wenn man ihn nur als ein Raumeswesen betrachtet. Und eine
solche Zeichnung, wie sie hier gemacht worden ist, ist eigentlich
nur eine Art Verbildlichung im Raum fur das in der Zeit dahinflie-
Bende und mit der Zeit sich auseinandersetzende Leben des Ather-
leibes. Weil das Leben des Atherleibes selber wie in der Zeit verlau-
fend ist, ein Zeitenleben ist, deshalb erleben wir auch mit unserem
Atherleib die Zeit mit, das heiBt den auBeren Strom der Ereignisse
in der Zeit.
Auch noch einen anderen Strom von Ereignissen in der Zeit er-
lebt der Mensch mit, wenn er eine okkulte Entwicklung durch-
macht. Im gewbhnlichen Leben wird dieser Strom von Ereignissen
wenig wahrgenommen, aber er wird eben wahrgenommen bei einer
Hoherentwicklung der Seele: das ist der Tageslauf. Denn in ge-
wisser Weise wirken mit minderen Kraften die Geister des Jahres-
laufes auch herein in den Tageslauf. Ist es ja dieselbe Sonne, die
den Jahres- und die den Tagesverlauf bedingt! Derjenige, der eine
esoterische Entwicklung durchgemacht hat, der wird bald finden,
daB eine solche Verwandtschaft besteht zwischen seinem Atherleib
und dem, was im auBeren Ather vorgeht, daB er sozusagen den
Geistern des Morgens anders gegeniiberstehen wird als den Gei-
stern des Mittags und denen des Abends. Die Geister des Morgens
regen uns so an, daB wir uns da sozusagen angeregter fuhlen in
unserem Atherleib zu einer T'atigkeit, die mehr nach dem Verstande,
nach der Vernunft zuneigt, die mehr das Erlebte iiberdenken kann,
die mehr das Beobachtete in der Erinnerung mit dem Urteil ver-
arbeiten kann. Geht es gegen den Mittag zu, so nehmen diese
Krafte des Urteils nach und nach ab; der Mensch fuhlt, wie inner-
lich die Impulse des Willens arbeiten. Wenn auch der Mensch
gegen den Mittag zu anfangt, sozusagen in bezug auf die auBeren
Arbeitskrafte weniger leistungsfahig zu sein als am Morgen: inner-
lich arbeiten die Willenskrafte mehr. Und wenn es dann gegen den
Abend zugeht, dann kommen die produktiven Krafte, das, was
mehr mit der Phantasie zusammenhangt. So unterscheiden sich
auch in bezug auf ihre Obliegenheiten die geistigen Wesenheiten,
die ihre Krafte in die Lebens'ather-Verhaltnisse der Erde herein-
senden.
Man kann uberzeugt sein, daB man allmahlich immer mehr wird
verstehen lernen — je mehr man iiberwunden haben wird die ganze
materialistische Gesinnungsweise unserer Zeit — , Rechnung zu tra-
gen iiberhaupt der Anpassung des menschlichen Atherleibes an den
Zeitenverlauf. Es wird eine Zeit kommen, wo man es eben sonder-
bar finden wird, wenn man in den Schulstunden am Morgen einen
Schulgegenstand vornimmt, der an die Phantasie besondere An-
spriiche macht. Man wird das in der Zukunft einmal ebenso son-
derbar finden, wie man es heute sonderbar finden wird, wenn sich
jemand im August einen Pelz anzoge und mitten im Winter ein
dunnes Gewand. GewiB, wir sind heute von diesen Dingen noch
etwas weit entfernt; aber sie werden schon heranriicken, friiher als
die Menschen eigentlich glauben. Es wird sich eine Zeit ergeben,
in welcher im allgemeinen — es wird wiederum ein Unterschied
zwischen Sommers- und Winterszeit sein — , aber es wird sich eine
Zeit ergeben, in welcher die Menschen einsehen werden, daB es ein
Unding ist, die Schulstunden anders einzurichten, als daB man einige
Stunden am Morgen einrichtet, dann den Mittag wird frei lassen in
einer weiten Spanne Zeit und dann auf den Abend wiederum einige
Stunden legen wird. Vielleicht findet man das nach der heutigen
Zeiteinteilung unpraktisch; man wird es einmal praktisch finden in
bezug auf die Anforderungen der Menschennatur. Und man wird
die Mathematikstunden auf den Morgen legen, das Lesen von Dich-
tern in die Abendstunden. Heute sind wir gerade in einer Zeit, in
der das Verstandnis dieser Dinge durch die materialistische Gesin-
nung, die heute eine Hochflut bildet, ganz verschiittet ist; so daB
es heute vorkommen wird, daB das, was als das Verniinftigste er-
scheinen muB, wenn man die gesamte Natur des Menschen ins
Auge faBt, als das Narrischste erscheint.
Ein anderes Ergebnis wird sein, daB man wahrend der Winters-
zeit durch die esoterische Entwicklung immer mehr und mehr fiih-
len wird, daB man sozusagen mit seinem inneren Atherleib nicht
so in sich geschlossen ist wie wahrend der Sommerszeit, sondern
daB man mehr in Zusammenhang kommt mit dem unmittelbaren
Geist der Erde. Der Unterschied wird so gefiihlt sein, daB man sich
wahrend der Sommerszeit sagt: Du lebst da mit den Geistern, die
vor uralten Zeiten an dir gearbeitet haben, deren Arbeit du mit-
tragst, wahrend der unmittelbare Lebensgeist der Erde dir jetzt im
Sommer ferner liegt. — Im Winter werden mehr schweigen die
inneren Schwingungen, die man seit alten Zeiten namentlich im
Kopfe mit sich tragt; man wird sich fiihlen verbunden mit dem
Geist der Erde, man wird verstehen lernen, daB der Geist der Erde
wacht im Winter. Wie er im Sommer schl'aft, so wacht er im Win-
ter. Wahrend des Sommers sieht der Geist der Erde geradeso das
sprieBende und sprossende Pflanzenleben kommen, wie der schla-
fende Mensch in seinem eigenen Leibe die vegetativen Krafte empor-
schieBen sieht. Wahrend des Winters treten sie zuriick, wie wahrend
des Wachens diese vegetativen Krafte im Menschenleib zuriick-
treten. Im Winter wacht der Geist der Erde; die Erde ist gleichsam
vereint mit dem wachenden Geist, wie der Mensch wahrend der
Wachenszeit mit seinem wachen Geist vereinigt ist. Die Folge ist,
wenn man sich durch esoterisches Leben eine Empfindung dafiir
verschafft, daB man fiihlen lernt, daB man im Sommer denken muB,
die Gedanken sich erarbeiten muB. Nicht die Inspirationen; die
kommen aus dem, was im Innern ist, im unabhangigen Atherleib.
Im Winter aber wird man mit Gedanken leichter inspiriert als im
Sommer, so daB das menschliche Denken im Winter mehr wie eine
Inspiration wirkt als im Sommer. Also gerade das im besonderen
Sinn menschliche Denken geht im Winter so leicht vor sich, daB
es wie von selber kommt in gewisser Beziehung. Naturlich kom-
binieren sich diese Verhaltnisse. Diese Verhaltnisse stellen sich auch
ganz individuell bei dem einzelnen Menschen ein. So daB, wenn ein
Mensch mehr dazu veranlagt ist, sozusagen Gedanken zu hegen,
die nach dem Ubersinnlichen gehen, sich das kreuzen kann. Da-
durch, daB wahrend der Sommerszeit dann zu diesem Ubersinn-
lichen ein leichteres Produzieren fur diese Gedanken moglich ist,
kann gerade das Umgekehrte eintreten. Aber fiir das Erleben des
Atherleibes gilt das, was ich jetzt eben gesagt habe.
Gerade dieses Miterleben mit dem auBeren Atherwesen, das tritt
immer empfindlicher auf, je mehr der Mensch in seiner esoterischen
Entwicklung fortschreitet. Und wenn der Mensch seinen Atherleib
iiberhaupt in entsprechender Weise zur Entwicklung bringen will,
so muB er — wie er zuerst die sinnliche Wahrnehmung unterdriicken
muB — nach und nach das Denken auch ausschalten; er muB nament-
lich das abstrakte Denken ausschalten und nach und nach iiber-
gehen zum konkreten, zum bildhaften Denken; er muB vom Den-
ken iibergehen zum Gedanken und dann auch die Gedanken fallen-
lassen. Dann aber, wenn der Mensch herstellt sein leeres BewuBt-
sein, wenn er die Gedanken fallenlaBt, wie Sie das beschrieben fin-
den im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft», dann fiihlt der
Mensch, wie sein in ihm lebendes Denken herunterschwindet, wie
gleichsam schmilzt das, was er bisher aus seinen eigenen Anstren-
gungen als sein Denken hervorgebracht hat; dafiir aber fiihlt er
sich dann merkwiirdig belebt von Gedanken, die wie aus unbekann-
ten Welten in inn einstromen, fur ihn da sind.
Es ist ein Ubergang im menschlichen Seelenleben, den man so
charakterisieren kann etwa — ich bitte Sie, den Ausdruck nicht miB-
zuverstehen — , daB man sagt: der Mensch hort auf gescheit zu sein
und beginnt weise zu werden. Dieses ist etwas, womit man einen
ganz bestimmten Begriff verbindet. Klugheit, die man sich erarbeitet
innerlich durch Urteilskraft, Gescheitheit, die ein Erdengut ist,
schwindet dahin. Namentlich kommt man in die innere Verfassung,
daB man sie nicht besonders hoch schatzt; denn man fiihlt allmah-
lich in sich aufleuchten von Gottern einem geschenkte Weisheit!
Ich bitte eben den Ausdruck durchaus nicht miBzuverstehen; denn
das Erleben, das bringt es schon dahin, daB der Ausdruck gebraucht
werden kann ohne alle Unbescheidenheit, daB er ganz demiitig und
bescheiden gebraucht werden kann. Gegeniiber der von Gottern
geschenkten Weisheit wird der Mensch schon immer demiitiger und
demutiger; stolz und hochmiitig ist man eigentlich nur auf die selbst
erarbeitete Klugheit und die sogenannte Gescheitheit.
Und dann, wenn man dieses Erlebnis durchmacht, dann fiihlt
man allmahlich, wie wenn diese Weisheit, diese gottgeschenkte
Weisheit in einen einstromt, in den Atherleib einstromt, den Ather-
leib erfiillt. Dies ist eine ganz bedeutsame Erfahrung, die man
macht; denn man macht diese Erfahrung auf eigentiimliche Weise.
Man macht sie so, daB man fiihlt Leben fortgehen oder fortschwim-
men mit dem Strom der Zeit. Und der Strom der Weisheit ist etwas,
was einem entgegenkommt, was einem, indem man mit der Zeit
fortschwimmt, wie ein entgegenriickender Strom sich in einen
ergie^t; und man fiihlt dieses ErgieBen in der Tat so, daB man —
das ist bildlich gezeichnet — , daB man es fiihlt wie Strome, aber
eben in der Zeit verlaufende Strome, welche durch das Haupt herein-
kommen und in den Leib sich ergieBen und vom Leib aufgefangen
werden.
Nach und nach wird das, was ich jetzt eben ausgesprochen habe,
zu einem ganz bestimmten Erlebnis. Man fiihlt sich nicht mehr im
Raum; denn man lernt fiihlen den Atherleib, der ein Zeitwesen ist,
man lernt sich fortbewegen in der Zeit, aber man lernt fortwahrend
sich sozusagen begegnen mit den geistigen Wesenheiten, die einem
entgegenkommen wie von der anderen Seite der Welt, die von der
Zukunft her einem entgegenkommen und einen beschenken mit
der Weisheit. Dann ist das Gefiihl, daJ3 man diese Weisheit emp-
fangt, nur zu erreichen, wenn man die esoterische oder okkulte Ent-
wicklung so eingerichtet hat, daB man ein Gefiihl in sich entfaltet
hat, das in eigentiimlicher Weise die Seele stellt gegen alle Zukunfts-
ereignisse: Wenn man Gelassenheit entfaltet hat gegenuber dem,
was die Zukunft uns bringt, das heiBt, was das fortwahrende Er-
leben uns entgegenbringt. Wenn wir noch stark mit Sympathie und
Antipathie entgegengehen unserem Erleben, wenn wir noch nicht
gelernt haben, Karma ernst zu nehmen, das heiBt dasjenige, was
uns trifTt, in gelassener Ertragung des Karmas hinzunehmen gelernt
haben, dann konnen wir noch nicht jene eigentumliche Empfindung
der uns entgegenstromenden Weisheit haben; denn nur aus einem
gelassen empfundenen Erleben differenzieren sich heraus die in
unsere Wesenheit lichtvoll einstromenden Strome der Weisheit.
Durch die eben geschilderte Empfindung ist zu charakterisieren ein
ganz bestimmter Punkt des esoterischen Erlebens, jener Punkt, auf"
dem wir ankommen und den wir eigentlich nur erleben konnen,
wenn wir in hingebender Dankbarkeit und in Gelassenheit jedes
Erlebnis an uns heranriicken lassen. Dazu befahigt uns die Ver-
anderung unseres atherischen Leibes, die vor sich geht bei der rich-
tigen esoterischen Entwicklung und die ja neben anderen Entwick-
lungsforderungen auch diese stellt: daB wir uns Gelassenheit, daB
wir uns wirkliches Verstandnis fur unser Karma aneignen, so daB
wir nicht mit Sympathie und Antipathie herbeiziehen das, was kom-
men soil, oder uns auflehnen gegen das, was uns trifTt, sondern im
gleichmaBigen Strom des Erlebens unser Karma ertragen lernen.
Dieses Ertragenlernen des Karmas gehort zur esoterischen Entwick-
lung, und das ist es, was es uns moglich macht, unseren atherischen
Leib so zu verwandeln, daB er allmahlich immer mehr und mehr
empfinden lernt das auBere ihn umgebende Atherleben.
FUNFTER VORTRAG
Den Haag, 24.Marz 1913
Es wird sich darum handeln, daB wir diesen Vortragszyklus
gerade im richtigen Sinne nehmen, das heiBt, ihn betrachten
als eine Auseinandersetzung iiber Erlebnisse, die der Mensch
durchmacht als Veranderungen in sich selbst wahrend seiner
esoterischen, oder sagen wir, durch Anthroposophie an ihm bewirk-
ten Entwicklung, so daB das, was geschildert wird, durchaus an-
zusehen ist als etwas, was wahrend der Entwicklung wirklich er-
lebt werden kann.
NaturgemaB konnen nur hervorstechende Erlebnisse, sozusagen
typische Erlebnisse auseinandergesetzt werden; allein an diesen
hauptsachlichsten Erlebnissen wird man ja eine Vorstellung gewin-
nen konnen iiber mancherlei anderes noch, was im Verlaufe der
Entwicklung zu beobachten ist. Gestern sprachen wir hauptsachlich
davon, daB der Mensch sich eine feinere Empfindlichkeit gegeniiber
dem aneignet, was im auBeren Lebensather oder iiberhaupt im Ather
vorgeht. Verkniipft sind diese Erlebnisse mit mancherlei anderen,
und ein Erlebnis, auf das ganz besonders zu achten ist, ist das, was
wir gegeniiber unserer Urteilskraft machen.
Nicht wahr, als Menschen stehen wir ja in der Welt so, daB wir
die Dinge, die an uns herantreten, in einer gewissen Weise beurtei-
len, daB wir uns Vorstellungen iiber die Dinge machen, daB wir
das eine fur richtig, das andere fur nicht richtig halten. Wie ein
Mensch imstande ist, die Dinge zu beurteilen, davon hangt ja das
ab, was man in der Regel als Klugheit, als Gescheitheit, als Urteils-
fahigkeit bezeichnet. Diese Klugheit, diese Gescheitheit, diese Ur-
teilsfahigkeit wird allmahlich im Laufe der Entwicklung etwas, was
sich in ein anderes Licht setzt. Ein wenig ist das ja schon gestern
angedeutet worden. Man findet immer mehr und mehr, daB fur die
eigentlichen Angelegenheiten des hoheren, des spirituellen Lebens
gerade diese Klugheit, diese Gescheitheit nicht von dem allergering-
sten Wert ist, obwohl man sie so viel als moglich mitbringen muB
von seinem Ausgangspunkt, von dem physischen Plan aus, wenn
man den Weg in die hoheren Welten antreten will. Und so kommt
man schon einmal in die Lage, die den Niitzlichkeitsmenschen leicht
als unertraglich erscheinen kann: daB man etwas ganz notwendiger-
weise zunachst braucht fiir eine hohere Entwicklung und daB den-
noch dann, wenn man in dieser hoheren Entwicklung drinnen steht,
es an Wert verliert. Man muB also gewissermaBen alles daran-
setzen, um eine gesunde, den Tatsachen gerecht werdende Urteils-
kraft hier auf dem physischen Plan zunachst zu entwickeln, muB
sich aber dann klar sein dariiber, daB beim Verweilen in den hohe-
ren Welten selbst diese Urteilskraft nicht den gleichen Wert hat
wie hier unten auf dem physischen Plan. Wenn man gesunde hohere
Sinne haben will, dann muB man von einer gesunden Urteilskraft
ausgehen; aber diese gesunde Urteilskraft muB sich eben verwan-
deln fiir das hohere Anschauen in gesundes Anschauen.
Nun sind wir aber, wenn wir uns noch so sehr entwickeln, immer
solange wir auf dem physischen Plan zu verweilen haben, Men-
schen dieses physischen Planes, und auf diesem physischen Plane
haben wir die Aufgabe, unsere Urteilskraft gesund zu entwickeln.
Daher miissen wir sorgfaltig darauf achten, daB wir beizeiten ler-
nen, nicht miteinander zu vermischen das Leben in den hoheren
Welten und das Leben auf dem physischen Plan. Wer unmittelbar
anwenden will dasjenige, was er fiir hohere Welten erlebt, auf den
physischen Plan, der wird leicht zum Schw'armer, zum unbrauch-
baren Menschen. Wir miissen uns angewohnen, klar in der hoheren
Welt leben zu konnen und dann wiederum, wenn wir heraustreten
aus dem Zustande dieses Lcbens in den hoheren Welten, moglichst
uns an das zu halten, was das Richtige ist fiir den physischen Plan.
Und diese Doppelstellung, die durch die Doppelstellung des gei-
stigen und physischen Lebens selber gefordert wird, die miissen wir
sorgfaltig und gewissenhaft durchfiihren. Wir gewohnen uns an
eine richtige Lage zur Welt auf diesem Gebiete dadurch, daB wir
moglichst uns nicht angewohnen, in den alltaglichen Umgang
hinein dasjenige zu mischen, was der hoheren Welt einmal an-
gehort; daB wir in den alltaglichen Umgang hinein moglichst
wenig von dem mischen, wozu man so leicht versucht sein kann:
etwa zu sagen, wenn einem irgend etwas an einem Menschen un-
sympathisch ist, man konne seine Aura nicht vertragen. Es ist bes-
ser, wenn man bei der gewohnlichen Redensart bleibt fur das
gewohnliche Leben, wenn man sagt: es sei einem dieses oder jenes
unsympathisch. Es ist besser, daB man in dieser Beziehung ein
Mensch auf dem physischen Plan unter anderen Menschen auf
dem physischen Plan bleibt und moglichst mit Ausdriicken, die ja
vollstandig ihre Richtigkeit in bezug auf das hohere Leben haben,
sparsam ist im gewohnlichen Leben. Sorgfaltig sollte man sich
davor bewahren, in den taglichen Umgang Worte, Begriffe, Vor-
stellungen hineinzumischen, die dem hoheren Leben gehoren. Das
konnte vielleicht wie eine Art pedantischer Forderung erscheinen
demjenigen, der — nun, sagen wir — aus einer gewissen Begeisterung
fur das spirituelle Leben findet, daB es notwendig sei, das ganze
Sein zu durchdringen mit diesem spirituellen Leben; und dennoch:
Was vielleicht in einem gewohnlichen Fall fiir das gewohnliche
Leben pedantisch erscheinen mochte, es ist ein wichtiger Erziehungs-
grundsatz fiir die hoheren Welten.
Ubersetzen wir daher, wenn es uns naturgemaBer scheinen sollte,
mit Worten des hoheren Lebens das gewohnliche Leben zu bezeich-
nen, ubersetzen wir das in eine moglichst fiir den physischen Plan
taugliche Sprache! Immer wieder und wiederum muB betont wer-
den, daB diese Dinge nicht gleichgiiltig, sondern bedeutungsvoll
und wirksam sind. Wenn man das voraussetzt, dann kann man auch
unbefangen davon reden, wie mit Bezug auf das Leben in den hohe-
ren Welten die gewohnliche Urteilskraft an Wert verliert, wie man
gewissermaBen fiihlen lernt, daB die Art, wie man vorher gescheit
war, jetzt aufhoren musse. Und da merkt man dann wiederum -
das ist eine Erfahrung, die man immer mehr und mehr macht —
seine Abhangigkeit von dem atherischen Leben der Welt, namlich
von der Zeit. Wie leicht trifft man es gerade in unserem Zeitalter,
daB Menschen — sagen wir — von einer gewissen Jugend sich an
alles, alles, was in der Welt beurteilt werden kann, heranmachen
und nun glauben: Ja, wenn man sich angeeignet hat eine gewisse
Urteilsfahigkeit, dann kann man liber alles sein Ja und Nein sagen,
dann kann man iiber alles mogliche philosophieren. — Dieser Glaube,
daB man iiber alles mogliche philosophieren konne, der reiBt sich
bei einer esoterischen Entwicklung griindlich aus der Seele heraus;
denn da merkt man, daB unsere Urteile eigentlich etwas Wesen-
haftes haben, das vor alien Dingen der Reifung bedarf. Man lernt
erkennen, wie man mit gewissen Vorstellungen, die man in sich
aufgenommen hat, einfach eine Zeitlang leben muB, so daB unser
eigener Atherleib sich mit ihnen auseinandersetzen kann, wenn
man zu einem Urteil kommen will, mit dem man selber einverstan-
den sein kann. Man merkt, daB man es abwarten muB, zu einem
gewissen Urteil zu kommen. Man merkt erst dann die ganze, voile
Bedeutung des Wortes: Ausreifenlassen dasjenige, was Seeleninhalt
ist. Und man wird im Grunde genommen immer bescheidener und
bescheidener.
Es ist ja allerdings mit diesem Bescheidenerwerden eine so eigen-
artige Sache, weil man nicht immer die Waage halten kann zwi-
schen dem Urteilenmiissen und dem Wartenkonnen auf die Reife,
um iiber irgendeine Sache ein Urteil zu haben, weil man sich auch
gerade iiber diese Dinge in hohem MaBe tauscht und weil es eigent-
lich nichts Rechtes gibt als das Leben selber, das einen aufklaren
kann iiber diese Dinge. Es kann — sagen wir — bei einer Frage iiber
irgendein Weltengeheimnis, iiber irgendein Weltengesetz ein Philo-
soph gegeniibertreten einem solchen, der esoterisch bis zu einem
gewissen Grade entwickelt ist. Wenn der Philosoph nur sein philo-
sophisches Urteil fallen kann, so wird er einmal in sich den Glau-
ben haben, daB er recht haben miisse iiber irgendeine Sache, und
man wird begreifen, daB er diesen Glauben haben muB. Der andere
wird ganz gut wissen: mit der Urteilsfahigkeit, die der Philosoph
aufbringen kann, kann iiber die Frage iiberhaupt nicht entschieden
werden. Denn er weiB, daB er die Vorstellungen, die der Philosoph
zu einem Urteil zusammenbraut, in vergangenen Zeiten in sich auf-
genommen hat, daB er sie ausreifen lieB in sich und daB ihm das
erst die Moglichkeit gebracht hat, eine Anschauung zu haben iiber
die Sache; er weiB, daB er gelebt hat mit der Sache und daB er sich
dadurch reif gemacht hat zu diesem Urteil, welches er jetzt auf einer
hoheren Stufe der Reife fallt. Aber eine Verstandigung zwischen
beiden ist eigentlich ausgeschlossen, kann gar nicht unmittelbar
herbeigefiihrt werden in vielen Fallen; nur dann kann sie herbei-
gefiihrt werden, wenn in dem Philosophen ein Gefiihl auftaucht
von der Notwendigkeit des Ausreifens gewisser Seeleninhalte, bis
man sich iiber sie eine Meinung gestatten darf. Meinungen, An-
schauungen — das lernt man immer mehr und mehr erkennen —
miissen erkampft, miissen errungen werden. Dafiir eignet man sich
eine tiefe, eine intensive Empfindung an, und das riihrt davon her,
weil man dieses innere Zeitgefiihl bekommt, das im wesentlichen
mit der Entwicklung des Atherleibes zusammenhangt.
Ja, man merkt allmahlich einen gewissen Gegensatz in der Seele
heraufkommen zwischen der Art, wie man friiher geurteilt hat, und
wie man jetzt, nachdem man sich eine gewisse Reife in der ent-
sprechenden Angelegenheit errungen hat, urteilt; und man merkt,
wie das, was man in der Vergangenheit hat urteilen konnen, und
das, was man jetzt urteilt, sich wie zwei Machte gegeniiberstehen,
und man merkt dann eine gewisse innere Beweglichkeit des Zeit-
lichen in sich, man merkt, wie durch das Spatere das Friihere iiber-
wunden werden muB. Dies ist das Heraufdammern eines gewissen
Zeitgefiihles im BewuBtsein, das auftritt durch das Vorhandensein
innerer Kampfe, die aber nur dadurch auftreten, daB das Spatere
mit dem Fruheren in einen gewissen Gegensatz kommt. Dieses ist
durchaus notwendig sich anzueignen als ein inneres Zeitgefiihl, als
eine innere Zeitempfindung; denn daran miissen wir festhalten, daB
wir das Atherische nur erfahren lernen, wenn wir uns einen inneren
Zeitbegriff aneignen.
Des weiteren wird uns das ein gewisses Erlebnis, daB wir immer
das Gefiihl haben: das Friihere riihrt von uns selber her in unserem
Urteil, in unserer Erkenntnis; das Spatere ist wie in uns eingeflos-
sen, ist uns wie entgegengestromt, ist uns verliehen worden. Immer
deutlicher tritt das Gefiihl eben hervor von dem, was schon gestern
erwahnt worden ist: daB die Gescheitheit, die aus einem selber
stammt, abgelost werden muB von der Weisheit, die wie durch eine
Art von Hingabe an einen aus der Zukunft entgegenflieBenden
Strom erworben wird. Sich erfiillt fiihlen von Gedanken, im Gegen-
satz zu dem, was man friiher getan hat, da man gelebt hat in dem
BewuBtsein, man mache die Gedanken, das bezeugt den Fortschritt.
Indem man immer mehr und mehr fiihlen lernt, man macht nicht
mehr Gedanken,
…[truncated]