Welche Bedeutung hat die okkulte Entwickelung des Menschen für seine Hüllen (physischen Leib, Ätherleib, Astralleib) und sein Selbst?

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RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrage  vor  mitgliedern 
der  anthroposophischen  gesellschaft 


RUDOLF  STEINER 


Welche  Bedeutung  hat  die 
okkulte  Entwicklung  des  Menschen 
fur  seine  Hiillen  (physischen  Leib, 
Atherleib,  Astralleib)  und  sein  Selbst  ? 

Ein  Zyklus  von  zehn  Vortragen 
gehalten  in  Den  Haag 
vom  20.  bis  29.Marz  1913 


1986 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgte  Robert  Friedenthal 


1.  Auflage,  Berlin  1913  (Groflformat,  Zyklus  27) 
2.  Auflage,  Dornach  1935  (Buchform) 
3.,  durchgesehene  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1957 
4.,  durchgesehene  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1976 
5.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1986 


Bibliographie-Nr.  145 

Einbandgestaltung  von  Assja  Turgenieff 
Zeichnungen  im  Text  ausgefiihrt  von  Assja  Turgenieff 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlaftverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1976  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Meier  +  Cie  AG  Schaffhausen 

ISBN  3-7274-1450-2 


Zu  den  Veroffentlkhungen 
am  dem  Vortragsiverk  von  Rudolf  Steiner 

Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft 
bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861-1925)  geschriebenen  und  veroffent- 
lichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den  Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche 
Vortrage  und  Kurse,  sowohl  offentlich  wie  auch  fur  die  Mitglieder  der 
Theosophischen,  spater  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst 
wollte  urspriinglich,  daft  seine  durchwegs  frei  gehaltenen  Vortrage  nicht 
schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als  «mundliche,  nicht  zum  Druck 
bestimmte  Mitteilungen*  gedacht  waren.  Nachdem  aber  zunehmend  un- 
voilstandige  und  fehlerhafte  Horernachschriften  angefertigt  und  verbrei- 
tet  wurden,  sah  er  sich  veranlaftt,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser 
Aufgabe  betraute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung 
der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften  und  die  fur 
die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte.  Da  Rudolf  Steiner  aus 
Zeitmangel  nur  in  ganz  wenigen  Fallen  die  Nachschriften  selbst  korrigie- 
ren  konnte,  mufi  gegeniiber  alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vor- 
behalt  berucksichtigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden 
mussen,  dafS  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Uber  das  Verhaltnis  der  Mitgliedervortrage,  welche  zunachst  nur  als 
interne  Manuskriptdrucke  zuganglich  waren,  zu  seinen  offentlichen 
Schriften  auUert  sich  Rudolf  Steiner  in  seiner  Selbstbiographie  «Mein 
Lebensgang*  (35.  Kapitel).  Der  entsprechende  Wortlaut  ist  am  Schlufi 
dieses  Bandes  wiedergegeben.  Das  dort  Gesagte  gilt  gleichermafien  auch 
fur  die  Kurse  zu  einzelnen  Fachgebieten,  welche  sich  an  einen  begrenz- 
ten,  mit  den  Grundlagen  der  Geisteswissenschaft  vertrauten  Teilnehmer- 
kreis  richteten. 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-1948)  wurde  gemafi  ihren 
Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe  be- 
gonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  dieser  Gesamt- 
ausgabe. Soweit  erforderlich,  finden  sich  nahere  Angaben  zu  den  Text- 
unterlagen  am  Beginn  der  Hinweise. 


INHALT 


Erster  Vortrag,  Den  Haag,  20.Marz  1913  11 

Veranderungen  in  den  menschlichen  Hiillen  unter  dem  Ein- 
fluB  der  Esoterik 

Die  Organe  des  physischen  Leibes  werden  selbstandiger  und  unab- 
hangiger  voneinander,  beweglicher,  wahrend  er  in  seiner  Ganze  als 
unbeweglicher  empfunden  wird.  Nahrungsmittel  und  ihre  Wirkun- 
gen.  Alkohol  und  seine  Gegenwirkung  zur  Tatigkeit  des  Ich. 

Zweiter  Vortrag,  21.Marz  1913  25 

Das  innere  Erleben  der  GenuBmittel 

Die  Beziehung  unserer  Nahrungsmittel  zu  den  Planeten  unseres 
Sonnensystems.  Das  innere  Erleben  der  GenuBmittel.  Erlebnis  des 
Blutumlaufes  und  des  Herzens  als  Spiegelbild  des  makrokosmi- 
schen  Einwirkens  der  Sonne  auf  die  Erde;  der  Gehirnvorgange  als 
Abbild  der  kosmischen  Verhaknisse  des  ganzen  Sternenhimmels; 
der  Verdauung  als  angehorig  der  Erde. 

Dritter  Vortrag,  22.Marz  1913  44 

Die  Evolution  der  menschlichen  Sinne 

Die  Wahrnehmung  des  atherischen  Wesens  durch  ein  traumhaftes 
BewuBtsein  des  Muskelsy stems,  des  Knochensystems  wie  eines 
Schattens  der  einzelnen  Sinnesorgane  wie  besonderer  Welten,  die 
in  einen  eindringen.  -  Als  den  Raum  durchstrahlend  und  einen 
durchdringend,  nimmt  man  den  Warmeather  wahr,  aber  wie  hin- 
eingebohrte  atherische  Organisation  den  Lichtather,  den  chemi- 
schen,  den  Lebensather.  Das  heutige  Gehororgan  ist  Wecker  einer 
kosmischen  Erinnerung;  das  gilt  fur  den  Sprachsinn  in  noch  hdhe- 
rem  MaBe  als  fur  den  Tonsinn.  Umwandlung  des  Gedachtnisses 
in  ein  Anschauen  von  Bildern,  die  in  zeitlicher  Entfernung  stehen. 
Sensitivitat  gegeniiber  dem  eigenen  Temperament. 


VlERTER  VORTRAG,  23.  Marz  1913  

Das  differenzierte  Erleben  des  Atherischen 

Erlangung  eines  Zeitgefiihls  im  Atherleib;  man  erlebt  den  auGern 
Ather  als  Lebewesen.  Differenzierungen  im  inneren  Erleben  des 
Atherleibes.  Die  Arbeit  der  nacheinander  folgenden  Amshaspands 
am  Atherleib  des  menschlichen  Gehirns  wahrend  der  alten  Mon- 
denzeit  wird  im  Abbild  des  atherischen  Urbilds  erlebt:  im  physi- 
schen  Gehirn.  Das  Mitnehmen  der  stromenden  Zeit:  Aufrollen 
einer  urfernen  Vergangenheit.  Im  mittleren  Teil  des  Atherleibes: 
ein  Mitschwimmen  mit  dem  Strom  der  Zeit,  Gefiihl  wie  zwischen 
phlegmauscher  und  sanguinischer  Sdmmung,  wahrend  das  Sich- 
Konzentrieren  auf  den  Atherleib  des  Kopfes  verbunden  ist  mit 
einer  melancholischen  Stimmung,  Einen  dritten  Teil  des  Ather- 
leibes empfindet  man  als  in  die  Erde  hinein  verschwindend,  sich 
ausbreitend;  einen  vierten  als  Eindruck  einer  auBeren  Form,  einer 
Eiform,  die  sich  dann  farbt.  -  Das  Hereinwirken  der  Geister  des 
Jahreslaufs  in  den  Tageslauf  bringt  neue  Differenzierungen  in  das 
Erleben  des  Atherleibes,  wie  sonst  nach  Jahreszeiten,  so  auch  nach 
Tagesstunden.  Unterdriickung  der  sinnlichen  Wahrnehmung,  dann 
des  abstrakten  Denkens  bei  der  esoterischen  Entwicklung,  Gott- 
geschenkte  Weisheit  stromt  ein  in  das  entschwindende  eigene 
Denken;  in  den  Atherleib  ergie!3t  sich  etwas  wie  ein  entgegen- 
riickender  Strom  von  der  Zukunft  her.  Vorbedingung  dazu  ist  die 
Entfaltung  der  Gelassenheit. 

Funfter  Vortrag,  24.  Marz  1913  

Umwandlung  von  Urteil,  Gefiihl  und  Wille 

Verwandlung  der  gesunden  Urteilskraft  in  gesundes  Anschauen. 
Aneignung  eines  innern  Zeitbegriffs.  Gescheitheit  wird  abgelost 
durch  Weisheit:  die  Gedanken  denken  sich  in  einem;  sie  verbren- 
nen  dasjenige,  was  man  selber  als  Gedanke  gemacht  hat.  Gefiihl 
und  Wille  werden  verwandter.  Hohere  GenuBbediirftigkeit  gegen- 
uber  geistigen  Dingen  erscheint  als  feinere  Egoitat  und  wird  all- 
mahlich  iiberwunden;  unegoistisches  Fiihlen  wird  zur  spirituellen 
Verpflichtung.  Empfindung,  wie  Wille  und  Gefiihl  aus  einem 
selbst  aufsteigen,  wahrend  die  Gaben  der  Weisheit  mit  der  ganzen 
Welt  verbinden.  Sympathie  und  Antipathie  gegeniiber  der  inneren 
Wirksamkeit  von  Gefiihl  und  Wille.  Selbstkontrolle  des  Gefiihls 
und  des  Gedankens.  Im  Zusammenkommen  des  aus  dem  Innern 
aufsteigenden  Gefiihls  und  der  von  oben  einstromenden  Weisheit 
erlebt  man  die  atherische  Welt.  In  dem  Ruckschlag,  auf  den  die 
einstromende  Weisheit  in  uns  stoflt,  erlebt  man  die  Archai. 


Sechster  Vortrag,  25.Marz  1913  

Die  Paradieses-  und  die  Gralslegende 

Ein  Augenblick  hellsichtiger  Schau  als  Hypothese:  Riickblick  von 
Ich  und  astralischem  Leib  aus  auf  den  physischen  und  Atherleib. 
Der  Eindruck  ist  ein  Gefiihl  maBloser  Traurigkeit.  Der  im  beweg- 
lichen  Athergebilde  des  Atherleibes  eingebertete  physische  Leib 
erscheint  in  seinen  Organen  als  eingeschrumpfter  Uberrest  friiherer 
herriicher  Lebewesen.  In  der  Imagination  wachsen  sich  diese  Or- 
gane  aus  zu  dem,  was  sie  einst  waren.  Das  Nervensystem,  auch  ein 
Schrumpfprodukt,  lost  sich  auf  in  eine  Summe  von  pflanzlichen 
Wesenheiten.  Das  Gefiihl  der  Selbstbesinnung  drangt  zu  wissen, 
warum  das  alles  zusammengeschrumpft  ist:  man  hat  mit  dem  eige- 
nen  Wesen  selbst  den  Todeskeim  hineingelegt.  Imagination  des 
Paradieses.  Die  beweglichen  Tatsachen  des  Atherleibes  sieht  man 
im  zeidichen  Geschehen.  Man  ist  durch  den  Abgrund  des  allgemei- 
nen  Weltenathers  von  ihm  getrennt,  jenseits  des  Ufers,  erlebt  dann 
wie  ein  Wandern  hin  zu  seinem  Atherleib  und  schaut  hinein:  es 
erscheint  eine  Wesenheit,  die  wie  umschlossen  ist  von  Felsen- 
mauern.  Unsere  Schadeldecke  ist  wie  eine  Burg,  in  die  hinaufstro- 
men  die  atherischen  Krafte  der  Nervenstrange  wie  ein  selbst- 
geschmiedetes  Schwert  und  des  Blutes  wie  eine  blutige  Lanze.  Aber 
der  edelste  Teil  des  Gehirns  darf  sich  nur  nahren  von  der  Verbin- 
dung  der  feinsten  Sinneseindriicke  mit  den  edelsten  mineralischen 
Produkten,  das  andere  stoBt  der  Atherleib  zuriick.  All  dieses,  in  Bil- 
der  gebracht,  ergab  die  Gralssage. 


Siebenter  Vortrag,  26.Marz  1913  1 

Astralitat  und  Egoitat.  Amfortas  und  Parzival 

Das  Selbstandigwerden  des  Astralleibes.  Egoismus  als  Eigentiim- 
lichkeit  des  Astralleibes  macht  notwendig  die  Erweiterung  der  In- 
teressen  iiber  die  ganze  Erde  (Paradieseslegende),  die  Loslosung  von 
den  personlichen  Interessen  (Amfortas),  das  innerliche  Verstehen- 
wollen  dessen,  was  der  ganzen  Menschheit  zukommt  (Parzival).  Be- 
einflussungsmoglichkeit  des  freigewordenen  Astralleibes  durch  Ri- 
ten  oder  durch  den  emanzipierten  Astralleib  einer  starkeren  Per- 
sonlichkeit.  Zusammenziehung  der  Menschheitsinteressen  nach  dem 
Punkt  des  Ich  in  der  BewuBtseinsseele  in  unserm  Zeitalter.  Die 
Vorbereitung  dazu  geschah  durch  Augustinus.  Das  Auseinanderset- 
zen  der  Astralitat  mit  der  Egoitat.  Die  drei  Faustgestalten  und  ihre 
Verbindung  in  Goethes  «  Faust ». 


Achter  Vortrag,  27.Marz  1913 


135 


Der  Hiker  der  Schwelle.  Kain  und  Abel 

Das  Erleben  der  eisigen  Einsamkeit  als  Gegengewicht  zum  Ober- 
handnehmen  des  Egoismus  im  astralischen  Leibe.  Wenn  er  sich 
dann  zu  Weltinteressen  ausdehnt,  kommt,  mit  dem  Naherkommen 
an  die  Paradiesesimagination,  auch  der  Zeitpunkt  der  Begegnung 
mit  dem  Hiiter  der  Schwelle.  Fesselung  an  die  magnetischen  Krafte, 
die  in  das  Personliche  hinunterziehen,  wenn  man  noch  nicht  wirk- 
liche  Weltinteressen  zu  den  seinen  gemacht;  dies  verhindert,  daB 
man  an  dem  Hiiter  der  Schwelle  vorbeikommt.  Die  Vereinigung 
mit  der  Paradiesesimagination  schafft  gleichsam  das  Organ,  andere 
Wesenheiten  zu  schauen:  zunachst  eine  Wesenheit,  die  ahnlich  er- 
scheinen  wird,  wie  man  selber  ist.  Beschreibung  weiterer  Erleb- 
nisse:  die  aufiere  Wesenheit  als  Hiiter  der  innern  Wesenheit.  Man 
erhalt  einen  Begriff  von  dem  Verhaltnis  der  Hiillen  zum  Selbst.  Die 
Imagination  der  Kain-  und  Abelgeschichte:  Spiegeiung  eines  hohen 
Opfers.  Der  Mensch,  wie  er  hier  auf  die  Erde  gestellt  ist,  ist  die 
Verkehrung  desjenigen,  was  er  einstmals  war.  Aus  dem  ieisen  Emp- 
finden  der  Wiinsche  des  Astralleibes  in  seiner  Wechselwirkung  mit 
dem  Selbst  entsteht  die  menschliche  Erdenerkenntnis:  es  sind  die 
stumpf  gemachten  Zerstorungstriebe.  Die  in  das  Wesen  eines  an- 
dern  hineinversenkte  Vorstellung  ist  die  abgestumpfte  Waffe  des 
Kain.  Dadurch  geht  in  Evolution  iiber,  was  mit  einem  Ruck  in  sein 
Gegenteil  verkehrt  worden  ist.  Nur  dadurch  macht  man  sich  reif, 
zur  Erkenntnis  aufzusteigen,  da/3  man  des  andern  Interessen  hoher 
als  die  eignen  stellt:  Ausgangspunkt,  um  sich  zu  den  hohern  Hier- 
archien  zu  erheben. 


Kentaur  und  Sphinx.  Luzifer  und  Ahriman.  Christus  im 
Atherischen 

Hellsichtige  Wahrnehmung  der  vorzeitlichen  Menschengestalt  im 
wachwerdenden  SchlafbewuBtsein  (Paradiesesimagination).  Schat- 
tenhafter  Eindruck  eines  Kentauren,  dann  einer  Sphinx,  verschie- 
dener  Aspekte  einer  an  eine  tierische  Wesenheit  uns  erinnernden 
Fortsetzung  nach  unten  des  Menschengebildes.  Impression  der  Rea- 
litat  Luzifers,  des  Geistes  der  Schonheit  und  der  Egoitat,  im  nacht- 
lichen  innern  Erleben.  Ahrimanische  Impression  in  der  Tages- 
anschauung  dessen,  was  uns  von  auBen  zum  GenuB  verlockt,  aber 
auch  dessen,  was  uns  Furcht  einfloBt.  Wo  der  Mensch  materielle 
Atome  hintraumt,  ist  in  Wahrheit  Ahriman.  Gegen  die  Wahrneh- 
mung des  Geistigen  straubt  sich  der  Intellektualismus.  In  der  Ge- 


Neunter  Vortrag,  28.Marz  1913 


151 


stalt  des  Mephisto  hat  noch  das  traditionelle  Wissen  des  l6.Jahr- 
hunderts  den  Verfiihrer  des  Menschengeschlechtes  hingestellt.  Das 
Wachleben  hindurch  wird  der  Mensch  von  Ahriman-Mephisto- 
pheles  begleitet;  als  Gegenbild  dazu  in  hellseherischen  Augenblik- 
ken  die  Impression:  Luzifer,  der  Genosse  der  Nachc.  Der  Schutz- 
impuls  gegen  Ahriman-Mephisto  war  gegeben  in  der  physischen 
Erscheinung  des  Chrisms;  gegen  den  ktinftigen  luziferischen  Ein- 
fluB  wird  der  Mensch  gewappnet  durch  die  Erscheinung  des  Chri- 
stus  im  Atherleib.  Die  Erkenntnis  der  drei  die  Menschheitsevo- 
lution  bedingenden  Impulse  fiihrt  zu  einer  richtigen  Entwickelung 
des  Selbstes  und  des  astralischen  Leibes. 

Zehnter  Vortrag,  29.Marz  1913  167 

Das  Weltengemalde  des  Atherleibes 

Veranderungen  des  Menschen  fur  die  auBere  hellsichtige  Anschau- 
ung.  Was  im  Innern  als  ein  Beweglicherwerden  des  physischen  Lei- 
bes erlebt  wird,  zeigt  sich  von  auBen  als  zerspaket,  auseinander- 
gehend  und  wachsend.  Imaginationen  rreten  an  die  Stelle  der  phy- 
sischen Mater ie;  zwolf  Glieder  eines  Weltengemaldes,  durch  das 
bei  okkulter  Entwickelung  die  Hierarchien  sprechen.  Der  Ather- 
leib ist  ein  Erzahler  der  Weltengeschichte.  Der  astralische  Leib  wird 
immer  mehr  der  Ausdruck  fur  den  innern  Wert  des  Menschen  im 
Kosmos.  Das  Selbst  des  Menschen  zerteilt  sich,  schickt  seinen  Be- 
wuBtseinsinhalt  aus,  verlegt  es  in  ein  Wesen  der  Hierarchien.  Bild 
der  Sonne  fur  den  astralischen  Leib  und  der  sie  umgebenden  Pla- 
neten  fiir  die  Vervielfaltigungen  des  Selbstes.  Die  Umwandlung 
der  BewuBtseinsseele  in  die  Imaginationsseele,  der  Verstandesseele 
in  die  Inspirationsseele,  der  Empfindungsseele  in  die  Intuitionsseele. 


Hinweise  

Rudolf  Steiner  iiber  die  Vortragsnachschriften 
Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 


185 
187 
189 


ERSTER  VORTRAG 
Den  Haag,  20.Marz  1913 


Ich  werde  Ihnen  zu  sprechen  haben,  meine  lieben  Freunde,  iiber 
ein  Thema,  welches  vielen  in  der  Gegenwart  wichtig  sein  kann, 
alien  denjenigen  wichtig  sein  kann,  welche  in  irgendeiner  Weise 
so  streben,  daB  sie  Geisteswissenschaft  nicht  nur  zu  einer  Theorie 
machen,  sondern  sie  in  ihr  Herz  und  Gemiit  aufnehmen,  so  daB 
sie  ihnen  ein  wirklicher  Lebensinhalt  wird;  daB  sie  etwas  wird, 
was  einflieBt  in  ihr  ganzes  Menschheitsdasein  als  Menschen  der 
Gegenwart. 

Nicht  nur  fur  den  eigentlichen  Esoteriker,  sondern  fur  jeden, 
der  anthroposophische  Gedanken  in  seine  Seelenkrafte  aufnehmen 
will,  wird  wichtig  sein,  einiges  zu  erfahren  ,iiber  die  Veranderun- 
gen,  die  die  ganze  menschliche  Wesenheit  dadurch  erfahrt,  daB 
entweder  der  Mensch  solche  Ubungen  ausfiihrt,  wie  sie  in  meiner 
Schrift  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  mit- 
geteilt  sind,  oder  wie  sie  kurz  zusammengestellt  sind  in  dem  zwei- 
ten  Teile  meiner  «Geheimwissenschaft»,  oder  auch  daB  der  Mensch 
einfach,  aber  mit  Herz  und  Gemiit  anthroposophische  Gedanken 
zu  seinen  eigenen  macht.  Anthroposophie,  esoterisch  getrieben  oder 
exoterisch,  aber  ernst  getrieben,  bewirkt  einfach  gewisse  Verande- 
rungen  in  der  Gesamtorganisation  des  Menschen.  Man  wird  —  das 
darf  kuhnlich  behauptet  werden  —  ein  anderer  Mensch  durch  An- 
throposophie, man  verwandelt  sein  ganzes  Menschheitsgefuge.  So- 
wohl  der  physische  Leib  wie  der  atherische,  wie  der  astral ische  Leib, 
wie  das  eigentliche  Selbst  des  Menschen  werden  in  einer  gewissen 
Weise  dadurch  verwandelt,  daB  der  Mensch  Anthroposophie  wirk- 
lich  in  sein  Inneres  aufnimmt.  Und  der  Reihe  nach  sollen  bespro- 
chen  werden  die  Veranderungen,  welche  diese  menschlichen  Hiillen 
unter  dem  Einflusse  der  Esoterik  oder  aber  der  exoterisch  ernst  ge- 
triebenen  Anthroposophie  erfahren. 

Besonders  schwierig  ist  es  ja,  iiber  die  Veranderungen  des  physi- 
schen  Menschenleibes  zu  sprechen,  aus  dem  einfachen  Grunde, 


weil  diese  Veranderungen  des  physischen  Menschenleibes  im  Anfang 
des  anthroposophischen  oder  esotenschen  Lebens  zwar  wichtige, 
bedeutungsvolle  sind,  aber  in  einer  gewissen  Weise  auch  oft  un- 
deutlich,  geringfiigig  zu  nennen  sind.  Wichtige,  bedeutungsvolle 
Veranderungen  gehen  mit  dem  physischen  Leib  vor  sich,  aber  sie 
sind  doch  auBerlich,  fur  irgendein  auBeres  Wissen  nicht  bemerk- 
bar.  Sie  konnen  auch  nicht  bemerkbar  sein  aus  dem  einfachen 
Grunde,  weil  das  Physische  dasjenige  ist,  was  der  Mensch  von 
innen  heraus  am  allerwenigsten  in  seiner  Gewalt  hat,  und  weil 
sogleich  Gefahren  kommen  wiirden,  wenn  esoterische  Ubungen 
oder  anthroposophischer  Betrieb  so  eingerichtet  wiirden,  daft  der 
physische  Leib  Veranderungen  erfahrt,  die  iiber  das  MaB  dessen 
hinausgehen,  was  der  Mensch  voll  zu  beherrschen  in  der  Lage  ist. 
Innerhalb  gewisser  Grenzen  halten  sich  die  Veranderungen  des 
physischen  Leibes;  aber  es  ist  doch  wichtig,  daB  der  Mensch  etwas 
davon  erfahrt,  daB  er  sie  sich  klarmachen  kann. 

Soil  man  zunachst  mit  einem  zusammenfassenden  Worte  die  Ver- 
anderungen bezeichnen,  die  der  physische  Menschenleib  erfahrt 
durch  die  angedeuteten  Bedingungen,  so  muB  man  sagen:  Dieser 
physische  Menschenleib  wird  in  sich  zunachst  beweglicher  und 
inner lich  lebendiger.  Beweglicher,  was  heiBt  das?  Nun,  im  nor- 
malen  Menschenleben  haben  wir  den  physischen  Menschenleib  so 
vor  uns,  daB  seine  einzelnen  Organe  miteinander  in  Kommunika- 
tion  stehen,  daB  seine  einzelnen  Organe  in  gewisser  Weise  mit- 
einander verbunden  sind.  Die  Wirkungen  der  einzelnen  Organe 
gehen  ineinander  iiber.  Dadurch,  daB  der  Mensch  Esoterik  oder 
Anthroposophie  ernsthaft  auf  sich  wirken  JaBt,  werden  die  einzel- 
nen Organe  selbstandiger,  unabhangiger  voneinander.  Alle  einzel- 
nen Organe  werden  voneinander  unabhangiger.  In  einer  gewissen 
Weise  wird  das  Gesamtleben  des  physischen  Leibes  herabgedampft 
und  das  Eigenleben  der  Organe  verstarkt.  Wenn  auch  der  Grad 
der  Herabdampfung  des  Gesamtlebens  und  der  Verstarkung  des 
Eigenlebens  der  Organe  ein  ungeheuer  geringer  ist,  so  muB  man 
doch  sagen:  Durch  den  EinfluB  von  Esoterik  und  Anthroposophie 
uberhaupt  wird  das  Herz,  das  Gehirn,  das  Riickenmark,  werden  alle 


Organe  selbstandiger  und  lebendiger  und  unabhangiger  voneinan- 
der,  innerlich  beweglicher.  Wenn  ich  gelehrt  sprechen  wollte,  muGte 
ich  sagen:  Es  gehen  die  Organe  aus  einem  stabilen  Gleichgewichts- 
zustand  in  einen  mehr  labiien  Gleichgewichtszustand  iiber.  Diese 
Tatsache  ist  aus  dem  Grunde  gut  zu  wissen,  weil  der  Mensch  sehr 
leicht  geneigt  ist,  wenn  er  etwas  wahrnimmt  von  diesem  anderen 
Gleichgewichtszustand  seiner  Organe,  es  dem  Umstand  zuzuschrei- 
ben,  daB  er  unpaBlich  oder  krank  geworden  ist.  Er  ist  nicht  ge- 
wohnt,  so  zu  empfinden  die  Beweglichkeit,  die  Unabhangigkeit  der 
Organe.  Man  verspiirt,  empfindet  Organe  nur  dann,  wenn  sie  an- 
ders  funktionieren,  als  der  normale  Zustand  ist.  Nun  empfindet 
man,  wenn  audi  zunachst  in  einer  sehr  gelinden  Weise,  das  Un- 
abhangigwerden  der  Organe  voneinander;  man  kann  das  fur  ein 
UnpaBlichwerden,  fur  ein  Erkranken  halten.  Sie  sehen  also,  wie 
man,  gerade  wenn  es  auf  den  physischen  Menschenleib  ankommt, 
vorsichtig  sein  muB:  Selbstverstandlich  kann  dieselbe  Sache  einmal 
eine  Erkrankung  sein,  ein  anderes  Mai  eine  bloBe  Begleiterschei- 
nung  des  inneren  anthroposophischen  Lebens.  Daher  hat  man  in 
jedem  Fall  notwendig,  individuell  zu  unterscheiden;  aber  gesagt 
muB  werden,  daB  dasjenige,  was  hier  erreicht  wird  durch  das  an- 
throposophische  Leben,  durchaus  etwas  ist,  was  ganz  im  normalen 
Entwicklungslauf  der  Menschheit  ohnedies  liegt.  In  alteren  Zeiten 
der  Menschheitsentwicklung  waren  die  einzelnen  Organe  noch 
mehr  voneinander  abhangig,  als  sie  es  jetzt  im  auBeren  Leben  sind, 
und  in  der  Zukunft  werden  sie  immer  unabhangiger  werden.  So  wie 
derjenige,  der  sich  zur  Anthroposophie  bekennt,  immer  auf  den 
verschiedensten  Gebieten  des  Lebens  und  Erkennens  gewissermaBen 
vorausnehmen  muB  spatere,  erst  in  der  Zukunft  an  die  gesamte 
Menschheit  herantretende  Entwicklungsstufen,  so  muB  er  auch 
diese  Entwicklungsstufe  sozusagen  sich  gefallen  lassen,  daB  seine 
Organe  voneinander  unabhangiger  werden.  Das  kann  sich  in  einer 
leisen,  gelinden  Art  ausdriicken  in  den  einzelnen  Organen  und 
Organsystemen. 

Ich  will  ein  besonderes  Beispiel  anfuhren.  Sie  kennen  aile  die 
Erscheinung,  daB  der  Mensch,  namentlich  wenn  er  bodenst'andig 


ist,  wenn  er  also  nicht  durch  seinen  Beruf  etwa  viel  reist,  in  einer 
gewissen  Weise  zusammengewachsen  ist  mit  seinem  Boden.  Gehen 
Sie  aufs  Land  zu  den  Landleuten,  da  werden  Sie  erfahren,  daB  noch 
in  einem  viel  hoheren  MaBe  als  bei  der  heutigen  Stadtbevolke- 
rung,  die  ja  vielfach  Landaufenthalte  aufsucht,  die  Leute  mit  ihrem 
Boden,  mit  ihrem  Klima  zusammengewachsen  sind  und  daB  sie 
es  schwer  haben,  wenn  sie  durch  dieses  oder  jenes  in  eine  andere 
Gegend  oder  in  ein  anderes  Klima  versetzt  werden,  sich  zu  akkli- 
matisieren,  wie  man  das  nennt;  daB  bis  in  die  Seele  herein  in  Form 
von  einem  oftmals  unuberwind lichen  Heimweh  die  Sehnsucht 

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nach  dem  Boden,  mit  dem  sie  zusammengewachsen  sind,  in  der 
Seele  lebt.  Das  soil  uns  nur  darauf  hinweisen,  wie  der  Mensch  not- 
wendig  hat  —  was  wir  auch  sonst  bemerken  konnen,  wenn  er  in 
eine  andere  Gegend  kommt  — ,  seinen  ganzen  Organismus  anzu- 
passen  an  diese  Gegend,  an  dieses  Klima.  In  unserem  normalen 
Leben  findet  nun  tatsachlich  die  Anpassung  statt  innerhalb  des 
gesamten  menschlichen  Organismus.  Alles  wird  in  gewisser  Weise 
affiziert,  in  Mitleidenschaft  gezogen,  wenn  wir  aus  der  Ebene  ins 
Gebirge  uns  versetzen,  wenn  wir  in  eine  etwas  entfernte  Gegend 
uns  versetzen.  Bei  dem  Esoteriker  oder  bei  dem  mit  Ernst  die  An- 
throposophie  Treibenden  tritt  das  merkbar  ein,  daB  nun  nicht  mehr 
der  ganze  Organismus  in  Mitleidenschaft  gezogen  wird,  sondern 
daB  sich  das  Blutsystem  absondert  und  daB  die  Blutzirkulation  sich 
gleichsam  heraussondert  von  dem  iibrigen  Organismus  und  die 
Blutzirkulation  den  groBeren  EinfluB  erfahrt,  wenn  der  Mensch 
von  einer  Gegend  in  die  andere  iibergeht.  Und  wer  sich  fur  diese 
Sache  eine  gewisse  Sensitivitat  aneignet,  der  kann  bemerken,  daB 
in  der  Tat  an  der  Pulsation  seines  Blutes,  an  der  Art,  wie  sein  Puis 
schlagt,  bemerkbar  ist,  wenn  er  einfach  durch  eine  Reise  von 
einem  Ort  in  einen  anderen  sich  versetzt.  Wahrend  bei  dem  Men- 
schen,  der  nicht  durch  Esoterik  oder  anthroposophisches  Leben  so- 
zusagen  impragniert  ist,  das  Nervensystem  noch  stark  in  Anspruch 
genommen  wird  durch  die  notwendige  Akklimatisierung,  wird  bei 
dem,  der  sich  mit  Esoterik  oder  ernstem  anthroposophischem  Leben 
durchdringt,  das  Nervensystem  sehr  wenig  in  Anspruch  genom- 


men  werden;  es  tritt  zuriick,  es  sondert  sich  der  innige  Verband 
zwischen  dem  Nerven-  und  Blutsystem  durch  das  anthroposo 
phische  Innenleben  voneinander,  und  es  wird  das  Blutsystem  in 
einer  gewissen  Weise  sensitiver  fur  die  Einfliisse  von  Klima  und 
Boden,  dafiir  das  Nervensystem  unabhangiger. 

Wenn  Sie  fur  eine  solche  Sache  Beweise  haben  wollen,  so  miis- 
sen  Sie  diese  Beweise  in  der  natiirlichsten  Weise  suchen,  in  der 
sie  zu  flnden  sind:  namlich  dann,  wenn  Sie  selber  in  eine  ahnliche 
Lage  sich  versetzt  fiihlen,  wenn  Sie  selber  an  einen  andern  Ort 
kommen.  Versuchen  Sie  auf  sich  zu  achten,  dann  werden  Sie  sehen, 
daB  Sie  diese  Tatsache  des  Okkultismus  bewahrheitet  linden.  Es  ist 
aufierordentlich  wichtig,  eine  solche  Tatsache  ins  Auge  zu  fassen, 
einfach  aus  dem  Grunde,  weil  diese  Tatsache  sich  allmahlich  aus- 
bildet  zu  einer  ganz  bestimmten  Empfindungsfahigkeit.  An  seinem 
Blut  bemerkt  derjenige,  der  in  seinem  Herzen  Anthroposoph  ge- 
worden  ist,  den  Charakter  einer  fremden  Stadt.  Er  braucht  gar  nicht 
viel  auf  anderes  einzugehen:  an  seinem  Blut  kann  er  es  schon  be- 
merken,  wie  die  Gegenden  der  Erde  voneinander  verschieden  sind. 
Dagegen  sondert  sich  wiederum  das  Nervensystem  in  einer  anderen 
Weise  heraus  aus  dem  gesamten  Organismus.  Derjenige,  der  sich 
mit  Anthroposophie  unter  den  angegebenen  Bedingungen  durch- 
dringt,  wird  nach  und  nach  bemerken,  daft  er  zum  Beispiel  den 
Unterschied  der  vier  Jahreszeiten,  namentlich  den  Unterschied  von 
Sommer  und  Winter,  noch  in  einer  ganz  anderen  Weise  empfindet 
als  der  sonstige  normale  Mensch  der  Gegenwart.  Der  normale 
Mensch  der  Gegenwart  fiihlt  an  seinem  eigenen  physischen  Leibe 
eigentlich  im  Grunde  genommen  zumeist  doch  nur  den  Tempera- 
turunterschied.  Derjenige,  der  in  der  angedeuteten  Weise  Anthro- 
posophie zu  seinem  Seeleninhalt  gemacht  hat,  der  empfindet  nicht 
nur  den  Temperaturunterschied,  sondern  getrennt  davon  hat  er 
noch  ein  besonderes  Erleben  in  seinem  Nervensystem,  so  daB  es  ihm 
zum  Beispiel  leichter  wird,  gewisse  Gedanken,  die  an  das  physische 
Gehirn  gebunden  sind,  im  Sommer  zu  fassen  als  im  Winter.  Nicht 
als  ob  es  unmoglich  ware,  im  Winter  diese  oder  jene  Gedanken  zu 
fassen;  aber  man  kann  deutlich  erfahren,  daB  es  im  Sommer  leichter 


ist  als  im  Winter,  daB  sie  im  Sommer  sozusagen  leichter  nieBen 
als  im  Winter.  Man  kann  auch  bemerken,  daB  im  Winter  die 
Gedanken  leichter  abstrakt  und  im  Sommer  leichter  bildhaft, 
anschaulicher  werden.  Das  kommt  davon  her,  daB  das  Werk- 
zeug  fur  den  physischen  Plan,  das  Nervensystem,  in  feiner  Weise 
mitschwingt  mit  der  Veranderung  der  Jahreszeiten,  innerlich  un- 
abhangiger  vom  Gesamtorganismus  mitschwingt,  als  das  sonst 
der  Fall  ist. 

Eine  Grundveranderung  aber  in  dem  physischen  Menschenleib 
ist  dieses,  daB  man  iiberhaupt  beginnt  —  was  recht  bedenkliche 
Gestalten  annehmen  kann  — ,  seinen  physischen  Leib  starker  zu 
fiihlen  als  vorher;  er  wird  gewissermaBen  empfindlicher  fur  das 
Seelendasein,  er  wird  schwerer  ertraglich.  Es  ist  auBerordentlich 
schwierig,  sich  das  ganz  klar  zu  machen,  wenn  dies  auseinander- 
gesetzt  werden  soli;  allein  stellen  Sie  sich  vor  ein  Glas,  in  dem 
Wasser  ist  und  in  dem  ware  aufgelost  Salz,  so  daB  das  eine  triibe 
Fliissigkeit  gabe.  Nehmen  Sie  an  —  fur  den  normalen  Zustand  des 
Menschen  —  seinen  Atherleib,  Astralleib  und  sein  Selbst  wie  die 
Fliissigkeit,  und  der  physische  Leib  sei  darin  aufgelost  wie  das  Salz. 
Jetzt  lassen  wir  die  Fliissigkeit  hier  im  Glase  etwas  abkiihlen.  Da 
wird  das  Salz  sich  langsam  herausverharten,  wird  schwerer  dadurch, 
daB  es  selbstandiger  wird.  So  verhartet  sich  heraus  aus  dem  gesam- 
ten  Gefiige  der  vier  Glieder  der  mensch  lichen  Wesenheit  der  phy- 
sische Leib;  er  schrumpft  ein,  wenn  auch  in  geringfiigigem  MaBe. 
Das  ist  durchaus  wortlich  zu  nehmen.  Er  schrumpft  in  einer  gewis- 
sen  Weise  ein.  Nur  miissen  Sie  sich  das  nicht  stark  vorstellen,  so 
daB  man  nicht  zu  fiirchten  hat,  daB  der  Mensch  durch  anthroposo- 
phische  Entwicklung  die  allerstarksten  Runzeln  bekommt.  Dieses 
Einschrumpfen  ist  ein  In-sich-Dichterwerden.  Dadurch  aber  zeigt 
er  sich  eigentlich  erst  als  etwas,  woran  man  schwerer  zu  tragen  hat 
als  vorher.  Man  empfindet  ihn  unbeweglicher  als  vorher.  Dazu 
kommt,  daB  die  anderen  Glieder  nun  leichter  beweglich  sind.  So 
empfindet  man  das,  was  man  vorher  eigentlich,  wenn  es  ganz 
gesund  war,  gar  nicht  empfunden  hat  an  sich,  wozu  man  ganz 
behaglich  Ich  gesagt  hat,  das  empfindet  man  nachher  als  etwas, 


was  man  wie  schwerer  geworden  an  sich  tragt,  was  man  anfangt 
zu  verspiiren  in  seiner  Ganze.  Und  insbesondere  fangt  man  an,  in 
seinem  Leibe  alle  diejenigen  Einschliisse  zu  verspiiren,  welche  so 
zusagen  innerhalb  dieses  physischen  Leibes  ein  gewisses,  von  vorn- 
herein  selbstandiges  Dasein  fiihren.  Und  hier  kommen  wir  auf  eine 
Frage,  die  eigentlich  nur  in  diesem  Zusammenhang  zum  vollen 
Verstandnis  gebracht  werden  kann  —  aber  selbstverstandlich  wird 
damit  keine  Agitation  getrieben,  sondern  nur  die  Wahrheit  hin- 
gestellt  — ,  wir  kommen  auf  die  Frage  der  Fleischkost. 

Da  miissen  wir  uns  einmal,  weil  wir  es  hier  mit  dem  physischen 
Leib  zu  tun  haben,  einlassen  auf  die  Beschreibung  des  Wesens  der 
Fleisch-  und  auch  der  Pflanzennahrung,  der  Nahrung  iiberhaupt. 
Das  alles  soil  eine  Episode  bilden  bei  der  Besprechung  der  Einfliisse 
anthroposophischen  Lebens  auf  die  Hiillen  des  Menschen,  was  so 
charakterisiert  werden  kann,  daB  es  genannt  wird  die  Erganzung,  die 
Regeneration  dieses  physischen  Leibes  von  auBen  herein  durch  das, 
was  er  an  auBerer  Substanz  aufnimmt.  Man  versteht  das  Verhaltnis 
des  Menschen  zu  seinen  Nahrungsmitteln  dann  recht,  wenn  man 
das  Verhaltnis  des  Menschen  zu  den  iibrigen  Naturreichen,  zunachst 
zum  Pflanzenreich  ins  Auge  faBt.  Das  Pflanzenreich,  als  ein  Reich 
des  Lebens,  fiihrt  die  anorganischen  Stoffe,  die  leblosen  Stoffe  bis 
zu  einer  gewissen  Organisation  herauf.  DaB  die  lebendige  Pflanze 
werde,  das  setzt  voraus,  daB  die  leblosen  Stoffe  in  einer  gewissen 
Weise  —  wie  eben  in  einem  lebendigen  Laboratorium  —  verarbeitet 
werden  bis  zu  einer  gewissen  Stufe  der  Organisation  herauf.  So  daB 
wir  in  der  Pflanze  ein  Lebewesen  vor  uns  haben,  welches  die  leb- 
losen Naturprodukte  bis  zu  einer  gewissen  Stufe  der  Organisation 
bringt.  Der  Mensch  ist  nun  so  organisiert  als  physischer  Organis- 
mus,  daB  er  in  der  Lage  ist,  den  OrganisationsprozeB  da  aufzu- 
nehmen,  bis  wohin  die  Pflanze  ihn  gebracht  hat,  und  dann  ihn  von 
dem  Punkte  an  weiterzufiihren,  so  daB  der  hohere  Menschen- 
organismus  entsteht,  wenn  der  Mensch  das,  was  die  Pflanze  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  organisiert  hat,  weiterorganisiert.  Es  verhal- 
ten  sich  die  Dinge  ganz  genau  so,  daB  dann  eigentlich  eine  voll- 
standige  Kontinuation  da  ist,  wenn  der  Mensch  einen  Apfel  oder 


ein  Baumblatt  abpfluckt  und  iBt.  Das  ist  die  vollstandigste  Kon- 
tinuation.  Wiirden  alle  Dinge  so  vorliegen,  daB  immer  das  Aller- 
natiirlichste  konnte  getan  werden,  so  wiirde  man  sagen  konnen: 
Das  Natiirlichste  ware,  daB  der  Mensch  einfach  den  Organisations- 
prozeB  da  fortsetzt,  wo  ihn  die  Pflanze  stehengelassen  hat,  das  heiBt 
die  Pflanzenorgane  so  nimmt,  wie  sie  sich  drauBen  darbieten,  und 
von  da  aus  in  sich  selber  weiterorganisiert.  Das  wiirde  eine  gerade 
Linie  der  Organisation  geben,  die  nirgends  irgendwie  durchbrochen 
ware:  von  der  leblosen  Substanz  bis  zur  Pflanze,  bis  zu  einem  gewis- 
sen  Punkt  der  Organisation,  und  von  diesem  Punkt  bis  zum  mensch- 
lichen  Organismus  hindurch. 

Nehmen  wir  nun  gleich  das  Grobste:  der  Mensch  genieBt  das 
Tier.  Im  Tier  haben  wir  ein  Lebewesen  vor  uns,  welches  den  Orga- 
nisationsprozeB  auch  schon  weiterfiihrt  als  die  Pflanze,  bis  zu  ein^m 
gewissen  Punkte  iiber  die  Pflanzenorganisation  hinausfiihrt.  So  daB 
wir  von  dem  Tiere  sagen  konnen,  es  setzt  den  OrganisationsprozeB 
der  Pflanze  fort.  Nehmen  wir  nun  an,  der  Mensch  iBt  das  Tier.  Da 
trkt  in  einer  gewissen  Weise  das  Folgende  ein:  der  Mensch  hat 
jetzt  nicht  notig,  das  an  inneren  Kraften  anzuwenden,  was  er  hatte 
anwenden  miissen  bei  der  Pflanze.  Hatte  er  da  angefangen,  die  Nah- 
rungsmittel  organisieren  zu  miissen,  wo  die  Pflanze  aufgehort  hat, 
dann  hatte  er  eine  gewisse  Summe  von  Kraften  anwenden  miissen. 
Die  bleibt  nun  ungeniitzt,  wenn  er  das  Tier  iBt;  denn  das  Tier  hat 
die  Organisation  der  Pflanze  schon  bis  zu  einem  gewissen  hoheren 
Punkte  herauf gef iihrt ;  erst  da  braucht  der  Mensch  jetzt  anzufangen. 
Wir  konnen  also  sagen:  Der  Mensch  setzt  nicht  die  Organisation 
da  fort,  wo  er  sie  fortsetzen  konnte,  sondern  er  laBt  Krafte,  die  in 
ihm  sind,  ungeniitzt  und  setzt  sp'ater  die  Organisation  fort;  er  laBt 
sich  von  dem  Tiere  einen  Teil  der  Arbeit  abnehmen,  den  er  leisten 
miiBte,  wenn  er  die  Pflanze  genieBen  wiirde.  Nun  besteht  das  Wohl- 
sein  eines  Organismus  nicht  darin,  daB  er  moglichst  wenig  leistet, 
sondern  darin,  daB  er  alle  seine  Krafte  wirklich  in  Tatigkeit  bringt. 
Wenn  der  Mensch  tierische  Nahrung  zu  sich  nimmt,  so  macht  er 
mit  denjenigen  Kraften,  welche  organische  Tatigkeiten  entwickeln 
wiirden,  wenn  er  nur  Pflanzen  aBe,  etwas  ahnliches,  wie  wenn  er 


auf  seinen  linken  Arm  verzichten  wiirde,  ihn  anbinden  wiirde,  so 
daB  er  nicht  beniitzt  werden  kann.  So  bindet  der  Mensch,  wenn  er 
Tiere  iBt,  innere  Krafte  an,  die  er  sonst  aufrufen  wiirde,  wenn  er 
nur  Pflanzen  aBe.  Er  verurteilt  also  eine  gewisse  Summe  von  Kraf- 
ten  in  sich  zur  Untatigkeit.  Alles,  was  so  zur  Untatigkeit  im  mensch- 
lichen  Organismus  verurteilt  wird,  bewirkt  zugleich,  daB  die  betref- 
fenden  Organisationen,  welche  sonst  tatig  waren,  brachgelegt  wer- 
den, gelahmt,  verhartet  werden.  So  daB  der  Mensch  einen  Teii  sei- 
nes Organismus  totet  oder  wenigstens  lahmt,  wenn  er  das  Tier 
genieBt.  Diesen  Teii  seines  Organismus,  den  der  Mensch  so  in  sich 
verhartet,  den  tragt  er  dann  mit  durch  das  Leben  wie  einen  Fremd- 
korper. Diesen  Fremdkorper  fiihlt  er  im  normalen  Leben  nicht. 
Wenn  aber  der  Organismus  so  innerlich  beweglich  wird  und  seine 
Organsysteme  voneinander  unabhangiger  werden,  so  wie  es  im 
anthroposophischen  Leben  geschieht,  dann  beginnt  der  physische 
Leib,  der  ohnedies  schon,  wie  wir  charakterisiert  haben,  sich  un- 
behaglich  fuhit,  sich  noch  unbehaglicher  zu  fiihlen,  weil  er  ja  jetzt 
einen  Fremdkorper  in  sich  hat. 

Wie  gesagt,  es  soli  nicht  agitiert,  sondern  nur  die  Wahrheit  an 
sich  hingestellt  werden.  Und  wir  werden  andere  Wirkungen  der 
tierischen  Nahrung  noch  kennenlernen;  wir  werden  diesmal  geno- 
tigt  sein,  dieses  Kapitel  ausfiihrlich  zu  besprechen.  Daher  also 
kommt  es,  daB  Fortschritt  .an  innerem  anthroposophischem  Leben 
allm'ahlich  eine  Art  von  Ekel  erzeugt  an  tierischer  Nahrung.  Nicht 
als  ob  man  dem  Anthroposophen  die  tierische  Nahrung  verbieten 
miiBte;  sondern  das  gesund  fortschreitende  Instinktleben  wehrt  sich 
nach  und  nach  gegen  die  tierische  Nahrung  und  mag  sie  auch  nicht 
mehr;  und  das  ist  auch  viel  besser,  als  wenn  der  Mensch  aus  irgend- 
einem  abstrakten  Grundsatz  heraus  Vegetarier  wird.  Das  beste  ist, 
wenn  die  Anthroposophie  den  Menschen  dazu  bringt,  eine  Art  Ekel 
und  Abscheu  vor  der  Fleischnahrung  zu  haben,  und  es  hat  nicht 
viel  Wert  in  bezug  auf  das,  was  man  seine  hohere  Entwicklung 
nennen  kann,  wenn  der  Mensch  auf  andere  Weise  sich  die  Fleisch- 
nahrung abgewohnt.  So  daB  man  sagen  kann:  Die  tierische  Nah- 
rung bewirkt  in  dem  Menschen  etwas,  was  fur  den  physischen 


Leib  des  Menschen  eine  Last  wird,  und  diese  Last  wird  empfunden. 
Das  ist  der  okkulte  Tatbestand  von  einer  Seite. 

Von  einer  anderen  Seite  werden  wir  ihn  noch  charakterisieren. 
Ich  mochte  als  anderes  Beispiel  noch  den  Alkohol  erwahnen.  Auch 
das  Verhaltnis  des  Menschen  zum  Alkohol  ist  einer  Veranderung 
unterworfen,  wenn  der  Mensch  sich  innerlich  lebendig,  ernst  mit 
Anthroposophie  durchdringt.  Der  Alkohol  namlich  ist  ja  etwas 
noch  ganz  Besonderes  sozusagen  in  den  Reichen  der  Natur.  Er  er- 
weist  sich  nicht  nur  als  eine  Last-Erzeugung  im  menschlichen  Orga- 
nismus,  sondern  er  erweist  sich  direkt  als  oppositionelle  Gewalt  im 
menschlichen  Organismus  erzeugend.  Denn  wenn  wir  die  Pflanze 
betrachten,  so  bringt  sie  es  in  ihrer  Organisation  bis  zu  einem  ge- 
wissen  Punkt  —  mit  Ausnahme  der  Weinrebe,  die  es  iiber  diesen 
Punkt  hinausbringt.  Was  die  iibrigen  Pflanzen  sich  einzig  und 
allein  aufsparen  fur  den  jungen  Keim,  alle  die  Triebkraft,  die  sonst 
nur  fur  den  jungen  Keim  aufgespart  wird  und  nicht  in  das  iibrige 
der  Pflanze  sich  ergieBt,  das  ergieBt  sich  bei  der  Weintraube  auch  in 
einer  gewissen  Weise  in  das  Fruchtneisch;  so  daB  durch  die  so- 
genannte  Garung,  durch  die  Verwandlung  dessen,  was  sich  da  in 
die  Weintraube  hineinergieBt,  was  in  der  Traube  selbst  zur  hoch- 
sten  Spannung  gebracht  worden  ist,  etwas  erzeugt  wird,  was  in  der 
Tat  innerhalb  der  Pflanze  eine  Gewalt  hat,  welche  nur  verglichen 
werden  kann  okkultistisch  mit  der  Gewalt,  die  das  Ich  des  Men- 
schen iiber  das  Blut  hat.  Was  also  bei  der  Weinerzeugung  entsteht, 
was  bei  der  Alkoholerzeugung  sich  immer  bildet,  ist,  daB  in  einem 
anderen  Naturreich  dasjenige  erzeugt  wird,  was  der  Mensch  erzeu- 
gen  muB,  wenn  er  von  seinem  Ich  aus  auf  das  Blut  wirkt. 

Wir  wissen  ja,  daB  eine  innige  Beziehung  besteht  zwischen  dem 
Ich  und  dem  Blut.  Sie  kann  schon  auBerlich  charakterisiert  werden 
dadurch,  daB  wenn  im  Ich  Scham  empfunden  wird,  die  Schamrote 
dem  Menschen  ins  Gesicht  steigt,  wenn  in  dem  Ich  Furcht,  Angst 
empfunden  wird,  der  Mensch  erblaBt.  Diese  Wirkung  von  dem 
Ich  auf  das  Blut,  die  aber  auch  sonst  vorhanden  ist,  die  ist  okkul- 
tistisch ganz  ahnlich  derjenigen  Wirkung,  welche  entsteht,  wenn 
der  PflanzenprozeB  zurtickgebildet  wird,  so  daB  das,  was  in  dem 


Fruchtfleisch  der  Weintraube  ist  oder  was  iiberhaupt  aus  dem  Pflanz- 
lichen  kommt,  zum  Alkohol  umgebildet  wird.  Das  Ich  muB,  wie 
gesagt,  normal  einen  ganz  ahnlichen  ProzeB  im  Blut  erzeugen  - 
okkultistisch  gesprochen,  nicht  chemisch  — ,  wie  erzeugt  wird  durch 
das  gleichsam  Riickgangigmachen  des  Organisationsprozesses,  durch 
das  bloBe  Chemischmachen  des  Organisationsprozesses,  wenn  Alko- 
hol erzeugt  wird.  Die  Folge  davon  ist,  daB  wir  durch  den  Alkohol 
etwas  in  unseren  Organismus  einfiihren,  was  von  der  anderen  Seite 
her  so  wirkt,  wie  das  Ich  auf  das  Blut  wirkt.  Das  heiBt,  wir  haben 
ein  Gegen-Ich  in  dem  Alkohol  in  uns  aufgenommen,  ein  Ich,  das 
direkt  ein  Kampfer  ist  gegen  die  Taten  unseres  geistigen  Ich.  Von 
der  anderen  Seite  her  wird  auf  das  Blut  gerade  so  gewirkt  durch 
den  Alkohol,  wie  von  dem  Ich  auf  das  Blut  gewirkt  wird.  So  daB 
wir  also  einen  inneren  Krieg  entfesseln  und  im  Grunde  alles  das, 
was  von  dem  Ich  ausgeht,  zur  Machtlosigkeit  verdammen,  wenn 
wir  ihm  einen  Gegenkampfer  entgegenstellen  im  Alkohol.  Dies  ist 
der  okkulte  Tatbestand.  Derjenige,  welcher  keinen  Alkohol  trinkt, 
sichert  sich  die  freie  Moglichkeit,  von  seinem  Ich  aus  auf  das  Blut 
zu  wirken;  derjenige,  der  Alkohol  trinkt,  der  macht  es  gerade  so 
wie  jemand,  der  eine  Wand  einreiBen  will  und  nach  der  einen  Seite 
schlagt,  gleichzeitig  aber  auf  der  anderen  Seite  Leute  aufstellt,  die 
ihm  entgegenschlagen.  Ganz  genau  so  wird  durch  den  GenuB  des 
Alkohols  eliminiert  die  Tatigkeit  des  Ich  auf  das  Blut. 

Daher  empfindet  derjenige,  welcher  Anthroposophie  zu  seinem 
Lebenselement  macht,  die  Arbeit  des  Alkohols  im  Blute  als  direkten 
Kampf  gegen  sein  Ich,  und  es  ist  daher  nur  natiirlich,  daB  eine 
wirkliche  geistige  Entwicklung  nur  leicht  vor  sich  gehen  kann, 
wenn  man  ihr  nicht  diese  Widerlage  schafft.  Wir  sehen  gerade  aus 
diesem  Beispiel,  wie  das,  was  ja  sonst  auch  vorhanden  ist,  durch  das 
veranderte  Gleichgewicht,  welches  eintritt  im  physischen  Leib,  fur 
den  Esoteriker  oder  Anthroposophen  wahrnehmbar  wird. 

Auch  in  vielen  anderen  Beziehungen  verselbstandigen  sich  die 
einzelnen  Organe  und  Organsysteme  des  menschlichen  physischen 
Organismus,  und  diese  Verselbstandigung  konnen  wir  auch  dadurch 
kennzeichnen,  daB  Riickenmark  und  Gehirn  viel  unabhangiger  von- 


einander  werden.  Wir  werden  von  der  Nahrung,  von  der  okkulten 
Nahrungsphysiologie  morgen  noch  weiterreden;  ich  will  aber  heute 
mehr  bei  dem  Thema  der  Verselbstandigung  bleiben.  Diese  Un- 
abhangigkek  des  Riickenmarkes  vom  Gehirn  kann  dadurch  zutage 
treten,  daB  in  der  Tat  durch  eine  innere  Durchdringung  der  Seele 
mit  Anthroposophie  nach  und  nach  der  Mensch  in  die  Lage  kommt, 
an  seinem  physischen  Leibe  zu  empfinden,  als  ob  dieser  physische 
Organismus  an  sich  groBere  Selbstandigkeit  gewanne.  Das  kann 
wiederum  ganz  unbehagliche  Situationen  geben.  Daher  ist  es  um 
so  notwendiger,  daB  man  die  Sache  weiB.  Es  kann  sich  zum  Beispiel 
herausstellen,  daB,  wahrend  man  sich  sonst  in  der  Gewalt  hat,  wie 
man  das  so  gewohnlich  nennt,  derjenige,  der  weiterkommt,  an  sich 
plotzlich  merkt,  wie  er  manche  Worte  sagt,  ohne  daB  er  so  recht  die 
Absicht  hatte,  diese  Worte  zu  sagen.  Er  geht  auf  der  StraBe;  plotz- 
lich merkt  er,  daB  er  ein  Wort  ausgesprochen  hat,  das  vielleicht  ein 
Lieblingswort  von  ihm  ist,  das  er  unterlassen  hatte  auszusprechen, 
wenn  er  nicht  jene  Verselbstandigung  durchgemacht  hatte,  die  man 
diejenige  des  Riickenmarkes  gegeniiber  dem  Gehirn  nennt.  Was 
sonst  gehemmt  wird,  das  wird  zu  bloBen  Reflexerscheinungen  durch 
die  Verselbstandigung  des  Riickenmarkes  gegeniiber  dem  Gehirn. 
Aber  im  Gehirn  selber  wird  ein  Teil  verselbstandigt  gegeniiber  dem 
andern  Teil:  namlich  die  inneren  Partien  des  Gehirns  werden  selb- 
standiger  gegeniiber  den  auBeren  umlagernden  Partien,  wahrend 
diese  letzteren  mehr  mit  den  inneren  Partien  zusammenarbeiten  im 
normalen  Leben.  Das  zeigt  sich  dadurch,  daB  fur  den  Esoteriker 
oder  wirklichen  Anthroposophen  das  abstrakte  Denken  schwerer 
wird,  schwieriger  wird,  als  es  vorher  war,  an  dem  Gehirn  allmah- 
lich  einen  Widerstand  findet.  Bildlich  zu  denken,  mehr  sozusagen 
sich  imaginativ  vorzustellen,  das  wird  leichter  bei  dem  sich  ent- 
wickelnden  Anthroposophen,  als  daB  er  abstrakt  denkt. 

Das  ist  etwas,  was  bei  manchem  besonders  eifrigen  Anthropo- 
sophen sogar  sehr  bald  leicht  bemerkbar  wird.  Es  stellt  sich  eine 
Vorliebe  fur  nur  anthroposophische  Betatigung  ein.  Die  Leute  fan- 
gen  an,  nur  mehr  Anthroposophisches  gerne  zu  lesen  und  zu  denken, 
nicht  bloB  aus  dem  Grunde,  weil  sie'eifrige  Anthroposophen  sind, 


sondern  weil  es  ihnen  leichter  wird,.  sich  in  diese  mehr  spirituellen 
Vorstellungen  hineinzufinden,  welche,  soweit  der  physische  Plan  in 
Betracht  kommt,  die  mittleren  Partien  des  Gehirns  beanspruchen, 
wahrend  das  abstrakte  Denken  die  auBeren  Partien  des  Gehirns  be- 
ansprucht.  Daher  kommt  die  Abneigung  gerade  manches  iibereifri- 
gen  Anthroposophen  gegeniiber  abstraktem  Denken  und  abstrakter 
Wissenschaft.  Daher  kommt  es  auch  wiederum,  daB  einzelne  An- 
throposophen mit  einer  gewissen  Wehmut  bemerken,  wie  sie  friiher 
gut  abstrakt  haben  denken  konnen  und  wie  gerade  dieses  abstrakte 
Denken  anfangt  schwieriger  zu  werden. 

So  werden  die  einzelnen  Organe  in  sich  lebendiger  und  selbstan- 
diger,  und  sogar  einzelne  Organteile  werden  lebendiger  und  selb- 
standiger.  Sie  konnen  daraus  ersehen,  daB  sozusagen  etwas  Neues 
eintreten  muB  bei  dem  Menschen,  der  solches  durchmacht.  Friiher 
war  es  eine  giitige  Natur,  die  ohne  sein  Zutun  seine  Organe  in  die 
richtige  Verbindung  gebracht  hat;  jetzt  werden  diese  Organe  selb- 
standiger,  kommen  in  ein  unabhangiges  Verhaltnis  zueinander. 
Jetzt  muB  er  mehr  von  innen  heraus  die  Kraft  haben,  die  Organe 
wirklich  wiederum  zu  einer  Harmonie  aufzurufen.  Dieses  Aufrufen 
der  Organe  und  Organteile  zu  einer  Harmonie  erreicht  man  da- 
durch,  daB  bei  jedem  ordentlichen  Betreiben  des  Anthroposophi- 
schen  alles  das  immerfort  betont  wird,  was  die  Herrschaft  des 
Menschen  iiber  seine  selbstandiger  gewordenen  Organe  erhoht. 
Warum  spielt  eigentlich  innerhalb  unserer  Literatur  etwas  eine  so 
groBe  Rolle,  wovon  manche  Menschen  einfach  sagen:  Ach,  das  ist 
aber  doch  furchtbar  schwierig!  —  Ich  muBte  schon  oft  eine  sehr 
eigentumliche  Antwort  geben,  wenn  gesagt  wurde:  Fur  Anfanger 
ist  das  Buch  «Theosophie»  doch  eigentlich  zu  schwierig.  —  Ich 
muBte  sagen:  Es  durfte  nicht  leichter  sein.  Hatte  man  es  leichter  ge- 
macht,  so  hatten  die  Leute  zwar  gewisse  anthroposophische  Wahr- 
heiten  in  ihr  Inneres  aufgenommen,  die  wirken,  auch  zur  Verselb- 
standigung  der  einzelnen  Gehirnpartien;  aber  es  ist  dieses  Buch  in 
einer  ordentlichen  Gedankenstruktur  konstruiert,  damit  auch  die 
andere  Partie  des  Gehirns  fortwahrend  genotigt  ist,  wirklich  sich 
zu  iiben,  nicht  sozusagen  zuriickzubleiben.  Das  ist  das  Eigentum- 


liche,  das  bei  einer  solchen  Bewegung,  die  auf  einer  okkulten 
Grundlage  beruht,  notwendig  macht,  nicht  nur  zu  achten  auf  das, 
was  im  abstrakten  Sinn  das  Richtige  ist,  und  das  einfach  zu  ver- 
kundigen  in  jeder  beiiebigen  Weise;  sondern  es  ist  notwendig,  es  in 
einer  gesunden  Weise  zu  verkiindigen  und  in  ehrlichster  Weise  dar- 
auf  zu  achten,  daB  nicht  um  der  Popularitat  willen  die  Sache  so  ver- 
kiindet  wird,  daB  sie  in  ihrer  Verkiindigung  zugleich  zum  Schaden 
gereichen  konne.  In  der  Anthroposophie  kommt  es  nicht  bloB  dar- 
auf  an,  daB  die  entsprechenden  Wahrheiten  in  Biichern  und  in 
Reden  mitgeteilt  werden,  sondern  es  kommt  darauf  an,  wie  sie  ge- 
schrieben  und  wie  sie  mitgeteilt  werden.  Und  um  so  besser  ist  es, 
wenn  diejenigen,  die  sich  zum  Trager  einer  solchen  Bewegung 
machen  wollen,  sich  nicht  um  der  Popularitat  willen  abhalten  lassen, 
dies  oder  jenes  durchzufiihren.  Mehr  als  auf  jedem  anderen  Gebiete 
handelt  es  sich  auf  diesem  um  das  Bekenntnis  zur  reinen  und  ehr- 
lichen  Wahrheit.  Und  gerade  wenn  man  auf  solche  Fragen  eingeht 
wie  die  Veranderung  der  menschlichen  Hiille  durch  anthroposo- 
phisches  Leben,  da  bemerkt  man  erst,  wie  notwendig  es  ist,  Anthro- 
posophie in  richtiger  Weise  vor  die  Welt  zu  bringen. 

Ich  mochte  nur  bemerken,  daB  die  Vortrage,  die  ich  halten  werde, 
als  ein  Ganzes  zu  nehmen  sind  und  daB  daher  manches  Bedenk- 
liche,  was  beim  ersten  Vortrag  in  dieser  oder  jener  Seele  auftreten 
konnte,  schon  behoben  werden  wird. 


ZWEITER  VORTRAG 


Den  Haag,  21.Marz  1913 

Es  stehen  nattirlich  dem  Anthroposophen  viel  naher  die  Einwirkun- 
gen  der  Esoterik  oder  auch  der  Anthroposophie  auf  die  atherische 
und  die  astraiische  Hiille  und  das  Selbst  als  gerade  die  Einwirkun- 
gen  auf  die  physische  Hiille.  Dennoch  werden  wir  fur  die  nachsten 
Tage,  wo  wir  die  geistigeren  Glieder  der  menschlichen  Natur  von 
diesem  Gesichtspunkt  aus  zu  betrachten  haben,  eine  Grundlage  ge- 
winnen,  wenn  wir  auch  das  ins  Auge  fassen,  was  iiber  die  Verande- 
rung  der  physischen  Httllen  angefuhrt  werden  kann.  Ausdriicklich 
aber  soil  bemerkt  werden,  daB  die  Veranderungen,  die  ich  hier  an- 
gebe,  sich  nicht  beziehen  auf  die  hochsten  Stufen  etwa  der  Initia- 
tion, sondern  daB  sie  sich  beziehen  mehr  auf  das  anfangliche  esote- 
rische  Leben  und  daB  sie  daher  von  einer  gewissen  allgemeinen 
Wichtigkeit  schon  sind. 

Sie  werden  gesehen  haben  aus  dem  Gestrigen,  daB  unter  den 
charakterisierten  Einfliissen  der  physische  Leib  des  Menschen  gewis- 
sermaBen  lebendiger,  in  sich  beweglicher  wird;  daB  er  daher  in 
einer  gewissen  Weise  auch  unbehaglicher  werden  kann.  Man  erlebt 
ihn  in  einer  gewissen  Weise  mehr  mit,  als  man  ihn  bei  dem  auBeren, 
exoterischen,  sogenannten  normalen  Leben  des  Menschen  miterlebt. 
Wir  werden  auch  noch  bei  den  anderen  Hiillen  von  dem  Unter- 
schied  der  vegetabilischen  von  der  tierischen  Nahrung  zu  sprechen 
haben;  aber  fur  die  Gestaltung  und  Organisation  des  physischen 
Leibes  ist  denn  doch  der  Unterschied  zwischen  vegetabilischer  und 
tierischer  Nahrung  ein  auBerordentlich  groBer.  Immer  muB  natiir- 
lich  betont  werden,  daB  es  nicht  unsere  Aufgabe  sein  kann,  fur  die 
eine  oder  andere  Ernahrungsweise  Propaganda  zu  machen,  sondern 
nur  das  zu  sagen,  was  richtig,  was  wahr  ist  auf  diesem  Gebiete;  und 
die  Tatsachen,  die  in  Betracht  kommen,  sie  werden  durch  die  Ent- 
wicklung  der  Seele  Erfahrungstatsache. 

Eine  Erfahrungstatsache  wird  vor  alien  Dingen  diejenige,  daB 
unsere  physische  Hiille  an  der  tierischen  Ernahrung  mehr  zu  tragen, 


mehr  gleichsam  mitzuschleppen  hat  als  an  der  vegetabilischen  Er- 
nahrung.  Wir  haben  ja  gestern  betont,  daB  der  physische  Leib  gleich- 
sam schrumpft,  sich  herauslost  aus  den  hoheren  geistigen  Gliedern 
durch  die  Entwicklung. 

Wenn  ihm  nun  tierische  Nahrung  zugefiihrt  wird,  so  zeigt 
sich  diese  tierische  Nahrung,  wie  gestern  charakterisiert  worden 
ist,  auch  noch  dadurch,  daB  sie  erlebt  wird  wie  etwas,  was  sich  als 
ein  starker  Fremdstoff  in  den  menschlichen  Organismus  eingliedert, 
was  man  fiihlen  lernt,  wenn  ein  radikaler  Ausdruck  gebraucht 
werden  darf,  wie  einen  Pfahl,  den  man  sich  ins  Fleisch  hinein- 
gefiigt  hat. 

In  dieser  Beziehung  erlebt  man  bei  einer  esoterischen  Ent- 
wicklung sozusagen  die  Erdenschwere  der  tierischen  Nahrung 
mehr,  als  man  sie  sonst  erlebt,  und  man  erlebt  vor  alien  Dingen 
die  Tatsache,  daB  die  tierische  Nahrung  das  instinktive  Willens- 
leben  anfeuert.  Das  Willensleben,  das  mehr  unbewuBt  verlauft,  das 
mehr  in  Affekten  und  Leidenschaften  verlauft,  das  feuert  die  tie- 
rische Nahrung  an.  Es  ist  daher  eine  durchaus  richtige  auBere  Be- 
obachtung,  wenn  gesagt  wird,  daB  kriegerische  Volkerschaften  mehr 
der  tierischen  Nahrung  zuneigen  als  friedfertige  Volkerschaften.  Das 
aber  braucht  durchaus  nicht  etwa  zu  dem  Glauben  zu  verleiten,  als 
ob  die  vegetabilische  Nahrung  alien  Mut  und  alle  Tatkraft  aus  dem 
Menschen  heraustreiben  miisse.  Wir  werden  ja  sehen,  wie  das,  was 
der  Mensch  in  einer  gewissen  Weise  durch  Entziehung  der  tieri- 
schen Nahrung  an  Instinkten,  an  aggressiven  Leidenschaften  und 
Affekten  verliert  —  es  wird  sich  ja  das  alles  erst  besprechen  lassen 
bei  der  Darstellung  des  astralischen  Leibes  — ,  daB  alles  das  ersetzt 
wird  von  innen  heraus  von  dem  Seelischen.  Aber  alle  diese  Dinge 
hangen  zusammen  mit  der  ganzen  Stellung  des  Menschen  und 
unserer  ubrigen  Naturreiche  zum  Kosmos,  und  man  erlangt  nach 
und  nach,  wenn  man  das  auch  noch  nicht  durch  hoheres  Hellsehen 
erreicht,  eine  Art  Beweis,  eine  Art  Bestatigung  dessen,  was  der 
Okkultist  konstatiert  iiber  Zusammenhange  des  menschlichen  Le- 
bens  mit  dem  Kosmos.  Man  erlangt  eine  Art  Beweis  dafiir,  wenn 
man  durch  dieses  Miterleben  der  beweglicher,  lebendiger  geworde- 


nen  Vorgange  des  physischen  Leibes  gewissermaBen  am  eigenen 
Leibe  die  Natur  und  Eigentiimlichkeit  der  als  Nahrungsmittel  ver- 
wendeten  Substanzen  der  Erde  kennenlernt. 

Sehen  Sie,  es  ist  zum  Beispiel  interessant,  zu  vergleichen  dreierlei 
Arten  von  Nahrungsmitteln  in  bezug  auf  ihre  kosmische  Bedeu- 
tung:  das  ist  die  Milch  und  alles,  was  mit  ihr  zusammenhangt,  das 
ist  die  Pflanzenwelt  und  alles,  was  mit  ihr  zusammenhangt,  nam- 
lich  aus  ihr  bereitet  wird,  und  das  ist  die  tierische  Nahrung.  Milch, 
Pflanzen,  Tier  als  Nahrungsmittel,  man  kann  sie  in  einer  gewissen 
Weise  vergleichen  lernen,  wenn  man  empfanglicher  gemacht  wor- 
den  ist  durch  die  esoterische  Entwicklung  fur  das,  was  man  an  die- 
sen  Nahrungsmitteln  erlebt;  und  dann  wird  man  auch  leichter  iiber- 
schauen  lernen  die  Bestatigungen,  die  sich  durch  eine  verniinftige 
Betrachtung  der  AuBenwelt  ergeben.  Wenn  Sie  okkultistisch  die 
Welt  durchforschen  wiirden,  wiirden  Sie  das,  was  Milchsubstanz 
ist,  auf  der  Erde,  aber  auf  keinem  anderen  Planeten  unseres  Son- 
nensystems  finden.  Was  produziert  wird  innerhalb  der  Lebewesen 
in  ahnlicher  Weise  auf  anderen  Planeten  unseres  Sonnensystems, 
wiirde  sich  Ihnen  als  etwas  ganz  anderes,  als  die  irdische  Milch  ist, 
darstellen.  Die  Milch  ist  etwas  spezifisch  Irdisches.  Und  wenn  man 
das  generalisieren  wollte,  was  Milch  ist,  so  miiBte  man  sagen:  Die 
Lebewesen  eines  jeden  Planetensystems  haben  ihre  eigene  Milch. 

Wenn  man  das  Pflanzensystem  unserer  Erde  untersucht  und  es 
okkultistisch  vergleicht  mit  den  Pflanzensystemen  anderer  Planeten, 
mit  dem,  was  damit  verglichen  werden  kann,  so  muB  man  sagen: 
Zwar  sind  die  Formen  verschieden  der  Pflanzenwesenheit  auf  der 
Erde  und  der  Pflanzenwesenheit  auf  anderen  Planeten  unseres  Son- 
nensystems, aber  das  innere  Wesen  der  Pflanze  auf  der  Erde  ist  doch 
nicht  bloB  ein  irdisches,  sondern  ein  zum  Sonnensystem  gehoriges; 
das  heiBt,  die  Pflanzenwesenheit  unserer  Erde  ist  verwandt  mit  der 
Pflanzenwesenheit  der  anderen  Planeten  unseres  Sonnensystems,  so 
daB  wir  in  den  Pflanzen  gleichsam  hereinragen  haben  etwas,  was 
sich  finden  lieBe  auch  auf  anderen  Planeten  unseres  Systems.  Was 
die  Tierwelt  betrifft,  so  folgt  es  ja  schon  aus  dem,  was  iiber  die 
Milch  gesagt  worden  und  auBerdem  sonst  okkultistisch  sehr  leicht 


zu  konstatieren  ist,  da/3  sie  radikal  verschieden  ist  als  irdische  Tier- 
welt  von  all  dem,  was  Ahnliches  auf  anderen  Planeten  gefunden 
werden  konnte.  Wenn  man  nun  das  Erlebnis  sozusagen  der  Milch- 
nahrung  nimmt,  so  zeigt  sich  die  Milchnahrung  vor  dem  BHck, 
vor  dem  Erlebnis  des  Okkultisten  so,  daB  sie  fiir  den  Menschen- 
leib  —  wir  wollen  bei  dem  Menschen  bleiben  —  dasjenige  bedeutet, 
was  ihn  sozusagen  an  die  Erde,  an  unseren  Planeten  fesselt,  was 
ihn  zusammenbringt  mit  dem  Menschengeschlecht  auf  der  Erde 
als  zu  einer  gemeinsamen  Gattung  mit  diesem  Menschengeschlecht 
gehorig.  DaB  die  Menschen  ein  Ganzes  ausmachen  auch  in  bezug 
auf  das  physische  Hiillensystem,  das  wird  mit  befordert  dadurch, 
dai3  Lebendiges  Nahrung  fiir  Lebendiges  im  tierischen  Sinn  be- 
reitet.  Und  man  kann  sagen:  Alles  das,  was  durch  die  Milchnah- 
rung dem  menschlichen  Organismus  zugefuhrt  wird,  das  bereitet 
ihn  dazu,  ein  menschliches  Erdengeschopf  zu  sein,  bringt  ihn  zu- 
sammen  mit  den  Verhaltnissen  der  Erde,  aber  es  fesselt  ihn  nicht 
eigentlich  an  die  Erde.  Es  macht  ihn  zum  Erdenbiirger  und  hindert 
ihn  nicht,  ein  Burger  des  ganzen  Sonnensystems  zu  sein. 

Anders  ist  es  bei  der  Fleischnahrung.  Die  Fleischnahrung,  die 
entnommen  ist  dem  Reich,  das  spezifisch  irdisch  ist,  und  die  ent- 
nommen  ist  nicht  so  wie  die  Milch  dem  unmittelbaren  Lebenspro- 
zeB  des  menschlichen  oder  tierischen  Lebewesens,  sondern  die  ent- 
nommen ist  demjenigen  Teil  der  tierischen  Substanz,  die  schon 
zubereitet  ist  fiir  das  Tier,  diese  Fleischnahrung  fesselt  den  Men- 
schen speziell  an  die  Erde,  macht  ihn  zum  Erdengeschopf  so,  daB 
man  sagen  muB:  So  viel  der  Mensch  seinen  eigenen  Organismus 
durchdringt  mit  den  Wirkungen  der  Fleischnahrung,  so  viel  ent- 
zieht  er  sich  an  Kraften,  um  iiberhaupt  von  der  Erde  loszukom- 
men.  Er  verbindet  sich  durch  die  Fleischnahrung  im  eminentesten 
Sinn  mit  dem  Erdenplaneten.  Wahrend  ihn  die  Milchnahrung  fahig 
macht,  sozusagen  der  Erde  anzugehoren  wie  einem  Durchgangs- 
orte  seiner  Entwicklung,  verurteilt  den  Menschen  die  Fleischnah- 
rung dazu,  wenn  er  nicht  durch  anderes  erhoben  wird,  den  Erden- 
aufenthalt  wie  zu  einem  dauernden  zu  gestalten,  zu  einem  solchen, 
an  den  er  sich  vollig  anpaBt.  Und  der  EntschluB,  Milchnahrung 


zu  sich  zu  nehmen,  bedeutet  gleichsam:  Ich  will  mich  auf  der  Erde 
aufhalten,  auf  der  Erde  meine  Mission  erfiillen  konnen,  aber  nicht 
ausschlieBlich  fiir  die  Erde  da  sein.  Der  Wille  zur  Fleischnahrung 
bedeutet:  Mir  sagt  das  Erdendasein  so  zu,  daB  ich  auf  alle  Himmel 
verzichte  und  am  liebsten  ganz  und  gar  aufgehen  wiirde  in  den 
Verhaltnissen  des  Erdendaseins. 

Die  Pflanzennahrung  ist  eine  solche,  daB  sie  in  dem  Organis- 
mus  jene  Krafte  rege  macht,  welche  den  Menschen  in  eine  Art 
kosmische  Verbindung  bringen  mit  dem  ganzen  planetarischen 
System.  Das,  was  der  Mensch  zu  vollbringen  hat,  wenn  er  die 
Pflanzennahrung  in  seinem  eigenen  Organismus  weiterverarbeitet, 
das  regt  Krafte  an,  die  im  ganzen  Sonnensystem  enthalten  sind, 
so  daB  der  Mensch  in  seiner  physischen  Hiille  ein  Anteilnehmer 
an  den  Kraften  des  ganzen  Sonnensystems  wird,  also  sich  ihnen 
nicht  fremd  macht,  sich  aus  ihnen  nicht  herausreiBt.  Das  ist  etwas, 
was  in  gewisser  Beziehung  wirklich  nach  und  nach  die  Seele,  die 
sich  anthroposophisch  oder  esoterisch  entwickelt,  an  sich  erleben 
kann,  daB  sie  in  gewisser  Beziehung  mit  der  Pflanzennahrung  etwas 
nicht  Erdenschweres,  sondern  etwas  der  Sonne,  das  heiBt  dem  Zen- 
tralkorper  des  ganzen  Planetensystems  Eigenes  in  sich  aufnimmt. 
Die  Leichtigkeit  des  Organismus,  die  er  erhalt  durch  die  Pflanzen- 
nahrung, die  hebt  iiber  die  Erdenschwere  hinweg,  die  macht  eine 
gewisse  innere  —  man  mochte  sagen  —  nach  und  nach  wie  zur  Ge- 
schmacksempfindung  sich  ausbildende  Erlebnisfahigkeit  im  mensch- 
lichen  Organismus  moglich:  daB  es  ihm  ist,  diesem  Organismus, 
wie  wenn  er  mit  den  Pflanzen  in  der  Tat  in  einer  gewissen  Weise 
das  Sonnenlicht,  das  in  den  Pflanzen  ja  so  viel  Arbeit  leistet,  wirk- 
lich mitgenieBen  wiirde. 

Aus  dem,  was  gesagt  worden  ist,  konnen  Sie  entnehmen,  daB 
es  gerade  bei  der  okkultistischen,  bei  der  esoterischen  Entwicklung 
eine  ungeheure  Bedeutung  hat,  nicht  sich  sozusagen  an  die  Erde  zu 
fesseln,  mit  aller  Erdenschwere  sich  auszustatten  durch  den  Fleisch- 
genuB,  wenn  er  entbehrt  werden  kann  nach  den  individuellen 
und  Vererbungsverhaltnissen;  die  eigentliche  Entscheidung  kann  ja 
immer  nur  nach  den  personlichen  Verhaltnissen  des  einzelnen  Men- 


schen  ausfallen.  Eine  wirkliche  Erleichterung  also  der  ganzen  Ent- 
wicklung  des  Menschenlebens  wird  es  bedeuten,  wenn  der  Mensch 
sich  von  dem  FleischgenuB  enthalten  kann.  Dagegen  beginnen 
schon  gewisse  Bedenklichkeiten,  wenn  der  Mensch  fanatischer  Vege- 
tarier  in  dem  Sinn  sein  wollte,  daB  er  alle  Milch  und  alle  Milch- 
produkte  meiden  wollte.  Gerade  bei  der  Entwicklung  der  Seele 
nach  dem  Geistigen  hin  kann  das  gewisse  Gefahren  einschlieBen, 
und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  der  Mensch  sehr  leicht  dadurch, 
daB  er  alien  MilchgenuB  und  alien  GenuB  dessen,  was  damit  zusam- 
menhangt,  meidet,  leicht  zu  einem  gewissen  bloBen  Lieben  des  von 
der  Erde  Wegstrebenden  kommt  und  die  Faden  leicht  verliert,  die  ihn 
mit  dem  verbinden,  was  auf  der  Erde  an  Menschlichem  getrieben 
wird. 

Es  ist  daher  wohl  zu  beachten,  daB  es  in  einem  gewissen  Sinn 
gut  ist,  wenn  gerade  der  anthroposophisch  Strebende  sich  nicht  zum 
fanatischen  spirituellen  Schwarmer  dadurch  macht,  daB  er  sich  die 
Schwierigkeit  in  der  physischen  Hiille  schafft,  die  schon  diese  phy- 
sische  Hiille  wegbringen  will  von  aller  Verwandtschaft  mit  dem 
Irdisch-Menschlichen.  Damit  wir  nicht  gar  zu  sehr  seelische  Ent- 
wicklung anstrebende  Sonderlinge  werden,  damit  wir  nicht  ent- 
fremdet  werden  menschlichem  Fiihlen,  menschlichem  Treiben  auf 
der  Erde,  ist  es  gut,  wenn  wir  uns  als  Wanderer  auf  der  Erde  in 
einer  gewissen  Weise  beschweren  lassen  durch  den  MilchgenuB  und 
durch  den  GenuB  von  Milchprodukten.  Und  es  kann  sogar  eine 
ganz  systematische  Trainierung  sein  fur  einen  Menschen,  nicht  nur 
immer  sozusagen  in  den  spirituellen  Welten  zu  leben  und  dadurch 
erdenfremd  zu  werden,  sondern  daneben  Aufgaben  auf  der  Erde 
zu  erfullen,  es  kann  eine  systematische  Trainierung  sein,  nicht 
bloBer  Vegetarier  zu  sein,  sondern  Milch  und  Milchprodukte  da- 
neben zu  genieBen.  Dadurch  wird  er  seinen  Organismus,  seine  phy- 
sische  Hiille  erdenverwandt,  menschheitsverwandt  machen,  aber 
nicht  so  an  die  Erde  fesseln,  mit  Erdensein  beschweren,  wie  das  der 
Fall  ist  durch  den  FleischgenuB. 

Es  ist  also  in  jeder  Weise  interessant,  zu  sehen,  wie  diese  Dinge 
mit  kosmischen  Geheimnissen  zusammenhangen  und  wie  man 


durch  die  Kenntnis  dieser  kosmischen  Geheimnisse  die  eigentliche 
Wirkung  der  Nahrungsstoffe  im  menschlichen  Organismus  verfol- 
gen  kann.  Sie  miissen  ja  durchaus  als  Menschen,  die  sich  interes- 
sieren  fiir  okkulte  Wahrheiten,  meine  lieben  Freunde,  immer  mehr 
und  mehr  sich  durchdringen  davon,  daB  dasjenige,  was  auf  unse- 
rer  Erde  auftritt  —  und  zu  unserem  Erdensein  gehort  ja  zunachst 
auch  unser  physischer  Leib  — ,  nicht  etwa  bloB  von  irdischen  Kraf- 
ten  und  Verh'altnissen  abhangig  ist,  sondern  auch  abhangig  ist  von 
den  Kraften  und  Verhaltnissen  auBerirdischer  Wesenhaftigkeit, 
kosmischer  Wesenhaftigkeit. 

Das  ist  aber  in  ganz  verschiedener  Weise  der  Fall.  So  zum  Bei- 
spiel  miissen  wir,  wenn  wir  tierisches  EiweiB  ins  Augen  fassen,  wie 
es,  sagen  wir,  im  Hiihnerei  vorhanden  ist,  uns  klar  sein  dariiber, 
daB  solches  tierisches  EiweiB  nicht  etwa  bloB  das  ist,  was  der  Che- 
miker  in  seiner  Analyse  findet,  sondern  daB  es  in  seinem  Aufbau  ein 
Ergebnis  kosmischer  Krafte  ist,  und  zwar  wirken  auf  dieses  EiweiB 
die  kosmischen  Krafte  im  wesentlichen  nur,  nachdem  sie  zuerst 
gewirkt  haben  auf  die  Erde  selber  und  hochstens  noch  auf  den  die 
Erde  begleitenden  Mond.  Es  ist  also  der  kosmische  EinfluB  auf  das 
tierische  EiweiB  ein  indirekter.  Nicht  direkt  wirken  die  Krafte  des 
Kosmos  auf  das  EiweiB,  sondern  indirekt;  sie  wirken  zuerst  auf 
die  Erde  und  die  Erde  wirkt  wiederum  mit  ihren  Kraften,  die  sie 
aus  dem  Kosmos  empfangt,  zuriick  auf  die  Zusammensetzung  des 
tierischen  EiweiBes.  Hochstens  ist  der  Mond  daran  beteiligt,  aber 
nur  so,  daB  er  zuerst  die  Krafte  von  dem  Kosmos  empfangt  und 
dann  erst  mit  diesen  Kraften,  die  er  von  sich  ausstrahlt,  zuriick- 
wirkt  auf  das  tierische  EiweiB.  In  der  kleinsten  Zelle  des  Tierischen, 
also  auch  im  EiweiB,  kann  derjenige,  der  mit  okkultem  Blick  die 
Dinge  zu  durchschauen  in  der  Lage  ist,  sehen,  wie  etwa  nicht 
bloB  die  auf  der  Erde  vorhandenen  physikalischen  und  chemischen 
Krafte  vorhanden  sind,  sondern  wie  die  kleinste  Zelle,  sagen  wir 
des  Hiihnereis,  aufgebaut  ist  aus  den  Kraften,  die  die  Erde  erst  be- 
kommt  aus  dem  Kosmos. 

Indirekt  hangt  also  das,  was  wir  EiweiB  nennen,  mit  dem  Kos- 
mos zusammen,  aber  es  wiirde  diese  tierische  EiweiBsubstanz  so, 


wie  sie  auf  der  Erde  ist,  niemals  entstehen,  wenn  die  Erde  nicht 
da  ware.  Direkt  aus  dem  Kosmos  konnte  sie  nicht  entstehen;  sie  ist 
durchaus  ein  Produkt  desjenigen,  was  die  Erde  erst  aus  dem  Kosmos 
empfangen  muB. 

Anders  zum  Beispiel  ist  es  wiederum  mit  dem,  was  wir  als  Fett- 
substanz kennen,  was  wir  als  irdische  Fettsubstanz  der  Lebewesen 
kennen,  die  ja  auch  einen  Teil  der  Nahrung  bildet,  namentlich  bei 
denjenigen  Menschen,  welche  tierische  Nahrung  genieBen.  Es  sei 
also  die  Rede  von  diesen  tierischen  Fetten.  Dasjenige,  was  wir  Fett- 
substanz nennen,  gleichgiiltig  ob  es  der  Mensch  von  auBen  genieBt 
oder  in  seinem  eigenen  Organismus  selber  bildet,  ist  nach  ganz 
anderen  kosmischen  Gesetzen  aufgebaut  als  die  EiweiBsubstanz. 
Wahrend  an  dieser  beteiligt  sind  jene  kosmischen  Krafte,  welche 
ausgehen  von  Wesenheiten  der  Hierarchien  der  Form,  sind  betei- 
ligt an  dem  Aufbau  der  Fettsubstanz  vorzugsweise  jene  Wesenhei- 
ten, die  wir  nennen  die  Geister  der  Bewegung.  Sehen  Sie,  es  ist 
wichtig,  solche  Dinge  zu  erwahnen,  weil  man  dadurch  erst  den 
Begriff  bekommt,  wie  kompliziert  eigentlich  so  etwas  ist,  was  sich 
die  auBere  Wissenschaft  so  unendlich  einfach  vorstellt.  Kein  Lebe- 
wesen konnte  auf  der  einen  Seite  mit  EiweiBsubstanz,  auf  der  ande- 
ren mit  Fettsubstanz  durchdrungen  sein,  wenn  nicht  zusammen- 
wirkten  aus  dem  Kosmos  herein  —  wenn  auch  indirekt  —  der  Geist 
der  Form  und  der  Geist  der  Bewegung.  Also  wir  konnen  die  gei- 
stigen  Wirkungen,  die  wir  kennen  als  ausgehend  von  den  Wesen 
der  verschiedenen  Hierarchien,  verfolgen  bis  in  die  Substanz  herein, 
die  unsere  physische  Hiille  zusammensetzt.  Daher  wird  beim  Er- 
leben,  das  dann  eintritt,  wenn  die  Seele  eine  anthroposophische  Ent- 
wicklung  durchgemacht  hat,  auch  dieses  Erleben  in  sich  differen- 
zierter,  in  sich  beweglicher,  das  man  hat  gegeniiber  dem,  was  man 
als  EiweiB  in  sich  tragt,  und  dem,  was  man  als  Fett  in  sich  tragt 
in  der  physischen  Hiille.  Es  ist  das  ein  zweifaches  Empfinden.  Was 
bei  dem  im  auBeren  normalen  Dasein  lebenden  Menschen  in  ein 
einziges  Empfinden  zusammenrinnt,  das  empfindet  man  durchein- 
ander:  das,  was  im  Organismus  die  Fette  machen  und  was  die  Ei- 
weiBsubstanzen  machen.  Indem  der  ganze  physische  Organismus 


beweglicher  wird,  lernt  die  sich  entwickelnde  Seele  unterscheiden 
zweierlei  Empfindungen  am  eigenen  Leib.  Eine  Empfindung,  welche 
gleichsam  uns  innerlich  so  durchdringt,  daB  wir  fiihlen:  das  setzt 
uns  zusammen,  gibt  uns  die  Statur,  —  da  empfinden  wir  die  EiweiB- 
substanzen  in  uns.  Wenn  wir  empfinden:  das  macht  uns  gieichgiil- 
tig  gegen  unsere  innere  Abgeschlossenheit,  das  hebt  uns  gleichsam 
hinaus  iiber  unsere  Form,  das  macht  uns  gegeniiber  unserem  inne- 
ren  menschlichen  Fiihlen  phlegmatischer,  wenn  sich  also  zu  der 
eigenen  Empfindung  etwas  Phlegma  zusetzt  gegeniiber  dieser  eige- 
nen Empfindung  —  diese  Empfindungen  differenzieren  sich  sehr  stark 
bei  einer  anthroposophischen  Entwicklung  -,  so  riihrt  diese  letzte 
Empfindung  her  von  dem  Erleben  der  Fettsubstanz  in  der  physi- 
schen  Hiille.  Es  wird  also  das  innere  Erleben  auch  in  bezug  auf  die 
physische  Hiille  komplizierter. 

Das  wird  ja  insbesondere  stark  dann  wahrgenommen,  wenn  es 
sich  handelt  um  das  Erleben  der  Starkesubstanz  oder  der  Zucker- 
substanz.  Zucker  ist  besonders  charakteristisch.  Zucker  differen- 
ziert  sich  ja  zunachst  im  Geschmacksurteil  sehr  stark  von  anderen 
Substanzen.  Diese  DifTerenzierung  kann  man  im  gewbhnlichen 
Leben  sehr  gut  bemerken,  nicht  nur  an  den  Kindern,  sondern  auch 
manchmal  an  alteren  Leuten  an  der  Vorliebe,  die  da  fur  Zucker- 
substanz  vorhanden  ist;  aber  es  geht  gewohnlich  die  DifTerenzie- 
rung nicht  weiter  als  eben  bis  zu  dem  Geschmack.  Wenn  die  Seele 
eine  Entwicklung  durchmacht,  dann  erlebt  sie  alles  das,  was  sie  an 
Zuckersubstanz  aufnimmt  oder  in  sich  hat  wie  etwas,  was  ihr  inner- 
liche  Festigkeit  gibt,  was  sie  innerlich  stiitzt,  was  sie  gewissermaBen 
mit  einer  Art  natiirlicher  Egoitat  durchzieht.  Und  in  dieser  Bezie- 
hung  darf  sogar  dem  Zucker  in  einer  gewissen  Beziehung  eine  Art 
Lobrede  gehalten  werden.  Gerade  derjenige,  der  eine  Seelenent- 
wicklung  durchmacht,  kann  oftmals  bemerken,  daB  er  es  sogar 
oft  notig  hat,  etwas  Zucker  aufzunehmen,  weil  ja  die  seelische 
Entwicklung  dahin  gehen  muB,  immer  selbstloser  und  selbstloser 
zu  werden.  Die  Seele  wird  von  selber  selbstloser  durch  eine  ordent- 
liche  anthroposophische  Entwicklung.  Damk  nun  der  Mensch,  der 
ja  vermoge  seiner  physischen  Hiille  schon  einmal  eine  Erdenmission 


hat,  nicht  sozusagen  den  Zusammenhang  seines  Ich-Organismus 
mit  der  Erde  verliere,  ist  es  geradezu  gut,  ein  Gegengewicht  im 
Physischen  zu  schaffen,  wo  ja  die  Egoitat  nicht  eine  so  groBe  Bedeu- 
tung  hat  wie  im  Moralischen.  Durch  den  ZuckergenuB  wird  — 
man  mochte  sagen  —  eine  Art  unschuldiger  Egoitat  geschaffen,  die 
ein  Gegengewicht  bilden  kann  gegen  die  notwendige  Selbstlosig- 
keit  auf  moralisch-geistigem  Gebiete.  Es  wiirde  sonst  doch  zu  leicht 
die  Versuchung  da  sein,  daB  der  Mensch  nicht  nur  selbstlos  wiirde, 
sondern  daB  er  auch  traumerisch  wiirde,  phantastisch  wiirde,  den 
Zusammenhang  verlieren  wiirde  mit  einer  gesunden  Beurteilungs- 
fahigkeit  der  irdischen  Verhaltnisse.  Dazu  tragt  ein  gewisser  Zusatz 
von  Zucker  zu  der  Nahrung  bei,  einem  die  Moglichkeit  zu  geben, 
trotz  alien  Hinaufsteigens  in  die  geistigen  Welten  mit  beiden  Bei- 
nen  auf  der  Erde  stehenzubleiben,  eine  gewisse  gesunde  Erdenansicht 
sich  mit  heranzukultivieren. 

Sie  sehen,  die  Dinge  sind  kompliziert;  aber  es  wird  alles  kompli- 
ziert,  wenn  man  in  die  wirklichen  Geheimnisse  des  Lebens  eindrin- 
gen  will.  So  fiihlt  zuweilen  gerade  der,  welcher  anthroposophisch  in 
seiner  Seele  weiterkommt,  daB  ihm,  damk  er  nicht  einer  falschen 
Selbstlosigkeit,  namlich  einem  Verlieren  seiner  Personlichkeit  aus- 
gesetzt  ist,  ein  ZuckergenuB  zuweilen  nottut.  Und  er  erlebt  dann 
den  ZuckergenuB  so,  daB  er  sagt:  Nun,  so  fiige  ich  mir  etwas  bei, 
was  mir,  ohne  daB  ich  mich  moralisch  herabstimme,  wie  unwillkiir- 
lich,  wie  in  einem  hoheren  Instinkte  eine  gewisse  Festigkeit,  eine 
gewisse  Egoitat  gibt.  Im  ganzen  kann  man  sagen,  daB  der  Zucker- 
genuB physisch  den  Personlichkeitscharakter  des  Menschen  erhoht. 
Man  kann  das  so  stark  behaupten,  daB  man  wird  sagen  konnen,  daB 
die  Menschen  —  selbstverstandlich  darf  das  alles  nur  in  gesunden 
Grenzen  gehalten  werden  — ,  daB  die  Menschen,  welche  in  einer 
gewissen  Weise  dem  ZuckergenuB  huldigen,  es  leichter  haben,  schon 
in  ihrem  physischen  Leib  ihren  Personlichkeitscharakter  auszupra- 
gen,  als  diejenigen,  die  es  nicht  tun.  Diese  Dinge  konnen  sogar  zum 
Verstandnis  dessen  fiihren,  was  man  auch  auBerlich  beobachten 
kann.  In  Landern,  wo  nach  der  Statistik  wenig  Zucker  genossen 
wird,  sind  die  Menschen  weniger  mit  Personlichkeitscharakter  aus- 


gestattet  als  in  L'andern,  wo  mehr  Zucker  genossen  wird.  Gehen  Sie 
in  die  Lander,  wo  die  Menschen  mehr  personlich  auftreten,  wo 
jeder  sozusagen  sich  in  sich  fiihlt,  und  dann  von  da  in  Lander,  wo 
die  Menschen,  man  mochte  sagen,  mehr  den  allgemeinen  Volks- 
typus  haben,  unpersonlicher  sind  schon  in  der  auBeren  physischen 
Natur,  so  werden  Sie  finden,  daB  in  ersteren  Landern  viel  und  in 
den  letzteren  wenig  Zucker  konsumiert  wird. 

Wenn  wir  von  diesem  Erleben  sozusagen  der  Nahrungssubstan- 
zen  noch  mehr  in  die  Augen  springende  Begriffe  haben  wollen,  so 
konnen  wir  es  an  den  sogenannten  GenuBmitteln  haben.  Diese 
GenuBmittel,  die  werden  ja  besonders  lebhaft  schon  erlebt  auch  im 
auBeren  Leben  —  KafTee,  Tee  in  einem  erhohten  MaBe;  aber  das, 
was  schon  der  normale  Mensch  erlebt  an  Kaffee  und  Tee,  das  erlebt 
derjenige,  der  eine  anthroposophische  Entwicklung  durchmacht,  in 
einem  viel  hoheren  MaBe.  Wie  gesagt,  das  alles  ist  weder  ein  agita- 
tives  Fur  oder  Gegen  den  Kaffee,  sondern  eine  Darstellung  der 
Dinge,  wie  sie  sind,  und  ich  bitte,  das  auch  nur  in  diesem  Sinne  hin- 
zunehmen.  Der  Kaffee  wirkt  ja  schon  im  ganz  normalen  mensch- 
lichen  Leben  erregend  auf  die  menschliche  Natur,  ebenso  der  Tee; 
nur  daB  diese  Erregungen,  die  ausgeiibt  werden  durch  Kaffee  und 
Tee  auf  den  Organismus,  von  der  Seele,  die  eine  anthroposophische 
Entwicklung  durchmacht,  lebendiger  empfunden  werden.  Vom 
Kaffee  kann  zum  Beispiel  gesagt  werden,  daB  er  so  auf  den  mensch- 
lichen  Organismus  wirkt,  daB  dieser  menschliche  Organismus  da- 
durch  in  einer  gewissen  Weise  seinen  Atherleib  von  dem  physischen 
Leib  heraushebt,  aber  so,  daB  der  physische  Leib  gefiihlt  wird  wie 
eine  solide  Grundlage  des  Atherleibes.  Das  ist  die  spezifische  Wir- 
kung  des  Kaffees.  Also,  es  wird  etwas  differenziert  physischer  Leib 
und  Atherleib  beim  KaffeegenuB,  aber  so,  daB  der  physische  Leib 
namentlich  in  seinen  Formeigenschaften  gerade  unter  dem  EinfluB 
des  Kaffees  wie  hineinstrahlend  in  den  Atherleib  gefiihlt  wird,  wie 
eine  Art  solider  Grundlage  fur  das,  was  dann  durch  den  Atherleib 
erlebt  wird.  Das  soil  wahrhaftig  nicht  eine  Agitation  fur  den  Kaffee- 
genuB sein;  denn  das  bewegt  sich  ja  alles  auf  physischer  Grundlage, 
und  der  Mensch  wiirde  sich  zu  einem  ganz  unselbstandigen  Wesen 


machen,  wenn  er  sich  herrichten  wollte  durch  den  GenuB  dieser 
Nahrungs-  oder  GenuBmittel;  es  soli  nur  der  EinfluB  dieser  Nah- 
rungs-  und  GenuBmittel  charakterisiert  werden.  Aber  weil  nament- 
lich  das  logische,  das  folgerichtige  Denken  sehr  abhangt  von  der 
Struktur,  von  der  Form  des  physischen  Leibes,  so  wird  durch  die 
eigentiimliche  Wirkung  des  Kaffees,  der  gleichsam  scharfer  heraus- 
schattiert  die  physische  Struktur  des  physischen  Leibes,  physisch  die 
logische  Folgerichtigkeit  befordert,  —  es  wird  durch  den  Kaffee- 
genuB  der  Mensch  sozusagen  auf  physischem  Wege  in  seiner  logi- 
schen  Folgerichtigkeit  gefordert,  in  einem  foigerichtig  den  Tat- 
sachen  sich  anschlieBenden  Denken.  Und  man  kann  sagen,  wenn 
es  auch  gesundheitliche  Bedenken  haben  mag,  viel  KafTee  zu  trin- 
ken,  daB  es  gerade  fur  Menschen,  welche  in  hohere  Regionen  des 
geistigen  Lebens  hinaufsteigen  wollen,  gar  nicht  so  uneben  ist,  daB 
es  ganz  gut  sein  kann,  die  logische  Folgerichtigkeit  aus  der  An- 
regung  durch  den  Kaffee  zuweilen  zu  ziehen.  Man  mochte  sagen,  es 
erschiene  einem  ganz  natiirlich,  daB  der,  der  berufsm'aBig  zum  Bei- 
spiel  zu  schreiben  hat  und  nicht  recht  die  logische  Folge  von  einem 
Satz  zum  anderen  findet  und  so  alles  aus  der  Feder  herauskauen 
mochte,  daB  der  sich  anregt  durch  den  KafTeegenuB.  Das  scheint 
demjenigen  ganz  begreifiich,  der  diese  Dinge  bis  zu  ihrer  okkulten 
geheimnisvollen  Grundlage  zu  beobachten  versteht.  Wenn  schon 
solcher  GenuB,  da  wir  einmal  Erdenbiirger  sind,  zuweilen  notwen- 
dig  ist  nach  den  personlichen  individuellen  Verhaltnissen,  so  muB 
eben  betont  werden,  daB  der  KafTeegenuB  bei  alien  seinen  Schaden 
viel  dazu  beitragen  kann,  die  Soliditat  zu  heben.  Nicht  als  ob  er  an- 
empfohlen  werden  sollte  als  Mittel  zur  Soliditat,  aber  es  muB  ge- 
sagt  werden,  daB  er  es  vermag,  die  Soliditat  zu  heben,  und  daB  man 
zum  Beispiel  bei  demjenigen,  der  sich  anthroposophisch  entwickelt, 
wenn  er  die  Neigung  hat,  etwas  ins  Unrichtige  zu  schweifen  mit 
seinen  Gedanken,  daB  man  es  da  nicht  gerade  libel  zu  vermerken 
braucht,  wenn  er  sich  etwas  solider  macht  durch  Kaffee. 

Anders  stehen  die  Dinge  beim  Tee.  Der  Tee  bringt  eine  ahnliche 
Wirkung  hervor,  eine  Art  Differenzierung  physischer  Natur  und 
atherischer  Natur.  Aber  es  wird  in  einer  gewissen  Weise  ausgeschal- 


tet  die  Struktur  des  physischen  Leibes.  Der  Atherleib  tritt  mehr  in 
seine  fluktuierenden  Rechte.  Daher  werden  die  Gedanken  durch 
den  TeegenuB  auseinanderflatternd  gemacht,  werden  in  einer  gewis- 
sen  Weise  weniger  dazu  geeignet  gemacht,  sich  an  die  Tatsachen 
anzuschlieBen.  Es  wird  zwar  die  Phantasie,  manchmal  nicht  in  sehr 
sympathischem  Sinn,  durch  den  TeegenuB  angeregt,  nicht  aber  die 
Anpassung  an  die  Wahrheit  und  die  Anpassung  an  die  Soliditat  der 
Verhaltnisse.  Daher  kann  man  sagen,  daB  es  begreiflich  ist,  wenn 
in  Gesellschaften,  wo  viel  darauf  ankommt,  daB  man  Gedanken- 
blitze  loslaBt,  daB  man  spriihende  Geistigkeit  entwickelt,  wenn  da 
die  Anregung  gerne  gegeben  wird  durch  Tee;  und  es  ist  auch  auf 
der  anderen  Seite  begreiflich,  daB,  wenn  der  TeegenuB  iiberhand 
nimmt,  er  in  einer  gewissen  Weise  eine  Gleichgiiltigkeit  erzeugt 
gegen  die  Anforderungen,  die  in  den  Menschen  durch  die  gesunde 
Struktur  seines  physischen  Erdenleibes  kommen  konnen.  So  daB 
traumerische  Phantastik  und  ein  gewisses  unbekummertes  non- 
chalantes  Wesen,  ein  Wesen,  das  gerne  hinwegsieht  iiber  die  An- 
forderungen des  auBeren  soliden  Lebens,  leicht  gefordert  werden 
durch  den  TeegenuB.  Und  bei  einer  Seele,  die  sich  in  anthroposophi- 
schem  Sinn  entwickelt,  sieht  man  es  nicht  so  gerne,  wenn  sie  Tee 
genieBt,  weil  TeegenuB  leichter  zur  Scharlatanerie  fiihrt  als  der 
KaffeegenuB.  Letzterer  macht  solider,  ersterer  scharlatanhafter,  wenn 
auch  das  Wort  fur  diese  Dinge  viel  zu  scharf  gebraucht  wird.  Dies 
alles  sind  Dinge,  die  sich  —  wie  gesagt  —  erleben  lassen  durch  die 
Beweglichkeit,  in  die  die  physische  Hiille  kommt,  wenn  der  Mensch 
eine  anthroposophische  Entwicklung  durchmacht. 

Ich  mochte  nur  hinzufiigen,  daB  —  Sie  konnen  ja  dariiber  weiter 
nachmeditieren  oder  versuchen,  solche  Dinge  wirklich  zu  erleben  -, 
daB  wenn  der  KaffeegenuB  etwas  wie  Soliditat  befordert  in  der  phy- 
sischen Hiille,  der  TeegenuB  mehr  die  Scharlatanerie  begiinstigt,  so 
zum  Beispiel  die  Schokolade  am  meisten  fordert  die  Philistrositat. 
Schokolade  ist  als  das  eigentliche  Philistergetrank  zu  verspiiren  im 
unmittelbaren  Erlebnis,  wenn  die  physische  Hiille  in  sich  beweg- 
licher  wird.  Die  Schokolade  kann  daher  gut  empfohlen  werden 
gerade  bei  Philisterfestlichkeiten,  und  man  kann  es  dann  —  verzeihen 


Sie  diese  Einlage  — ,  man  kann  es  ganz  gut  begreifen,  daB  man  bei 
Familienfesten,  bei  Geburtsfesten,  Namensfesten,  namentlich  in 
gewissen  Kreisen,  zu  gewissen  Festlichkeiten  eben  Schokolade 
trinkt.  Dann,  wenn  wir  diese  Dinge,  die  also  GenuBmittel  sind,  ins 
Auge  fassen,  tritt  uns  das  noch  in  einer  bedeutungsvolleren  Weise 
entgegen,  weil  da  dasjenige,  was  sonst  gegeniiber  den  Nahrungs- 
mitteln  erlebt  wird,  schon  seine  Strahlen  hereinwirft  in  das  gewohn- 
liche  sogenannte  auBere  normale  Leben,  aber  nicht  nur  so,  daB  man 
sozusagen  das  Substantielle  nur  bemerkt,  aus  dem  der  Korper  zu- 
sammengefiigt  ist  und  sich  immer  wieder  erneuert,  sondern  daB  man 
auch  bemerkt,  wie  schon  gestern  erwahnt  worden  ist,  das  innerliche 
Auseinanderfallen,  das  Sichsondern  der  Organe.  Das  ist  wichtig,  das 
ist  bedeutungsvoll. 

Und  da  muB  insbesondere  hervorgehoben  werden,  daB  fur  eine 
okkulte  Betrachtung  begreiflich  wird  das  Erlebnis  in  bezug  auf  die 
physische  Hiille  mit  dem  physischen  Herzen.  Das  physische  Herz 
des  Menschen  ist  ja  fur  den  Okkultisten  ein  auBerordentlich  inter- 
essantes,  ein  auBerordentlich  bedeutungsvolles  Organ;  denn  dieses 
physische  Menschenherz  kann  nur  verstanden  werden,  wenn  man 
das  ganze  gegenseitige  Verhaltnis,  auch  das  geistige  Verhaltnis,  in 
dem  die  Sonne  zur  Erde  steht,  ins  Auge  faBt.  Schon  als  die  alte 
Sonne  nach  der  Saturnzeit  eine  Art  planetarischer  Vorganger  der 
Erde  war,  schon  da  begann  sozusagen  sich  vorzubereiten  jenes  Ver- 
haltnis, das  heute  da  ist  zwischen  diesen  beiden  Himmelskorpern, 
zwischen  der  Sonne  und  der  Erde.  Und  zwar  muB  das  Verhaltnis 
zwischen  Sonne  und  Erde  so  ins  Auge  gefaBt  werden,  daB  man  da- 
bei  die  Erde,  wie  sie  heute  ist,  ganz  und  gar  so  auff aBt,  wie  sie  gleich- 
sam  zuerst  selber  sich  von  den  Sonnenwirkungen  nahrt,  wie  sie 
diese  Sonnenwirkungen  in  sich  aufnimmt  und  verarbeitet.  Was  die 
Erde  in  ihrer  festen  Grundsubstanz  an  Sonnenkraften  in  sich  auf- 
nimmt, was  sie  in  ihrer  Luft-  und  Wasserhiille,  in  den  wechselnden 
Warmeverhaltnissen  aufnimmt,  was  sie  in  dem  die  Erde  umfluten- 
den  Licht  aufnimmt,  was  sie  selbst  aufnimmt  in  demjenigen,  was 
nun  nicht  mehr  physisch  irgendwie  wahrnehmbar  ist  als  Anteil  der 
Erde  an  der  Spharenharmonie,  was  die  Erde  aufnimmt  an  Lebens- 


kraften,  die  sie  direkt  von  der  Sonne  empfangt,  alles  das  steht  in 
Verbindung  mit  den  inneren  Kraften,  die  auf  das  menschliche  Herz 
vom  Blutkreislauf  aus  wirken.  Im  Grunde  genommen  wirken  alle 
diese  Krafte  auf  den  Blutkreislauf  und  von  diesem  auf  das  Herz. 
Alles,  was  auBere  Theorie  in  dieser  Beziehung  ist,  ist  grundfalsch. 
Diese  auBere  Theorie  macht  heute  das  Herz  zu  einer  Pumpe,  welche 
das  Blut  durch  den  Korper  pumpt,  so  daB  man  im  Herzen  zu  sehen 
hatte  das  Organ,  das  den  Blutkreislauf  reguliert.  Das  Umgekehrte 
ist  wahr.  Der  Blutkreislauf  ist  das,  was  das  Urspriingliche  ist,  und 
das  Herz  gibt  in  seinen  Bewegungen  einen  Widerklang  dessen,  was 
in  der  Blutzirkulation  vor  sich  geht.  Das  Blut  treibt  das  Herz,  nicht 
umgekehrt  das  Herz  das  Blut.  Aber  dieser  ganze  Organismus,  der 
da  beschrieben  ist  und  der  sich  in  der  Herztatigkeit  konzentriert, 
der  ist  nichts  anderes  als  das  menschliche  mikrokosmische  Spiegel- 
bild  jener  makrokosmischen  Wirkungen,  die  die  Erde  erst  von  der 
Sonne  empfangt.  Was  die  Erde  von  der  Sonne  hat,  spiegelt  sich 
wider  in  dem,  was  das  Blut  mit  dem  Herzen  zu  tun  hat. 

Anders  steht  das  zum  Beispiel  mit  dem  Gehirn.  Einzelne  von 
den  Gehirnentsprechungen  sind  schon  gestern  erwahnt  worden.  Das 
Gehirn  des  Menschen  hat  unmittelbar  sehr  wenig  zu  tun  mit  dem, 
was  Sonnenwirkungen  auf  der  Erde  sind.  Unmittelbar,  sage  ich. 
Mittelbar  als  Wahrnehmungsorgan  sehr  wohl,  indem  es  zum  Bei- 
spiel das  auBere  Licht,  die  Farben  wahrnimmt;  aber  das  ist  eben 
Wahrnehmung.  Aber  unmittelbar  in  seinem  Bau,  in  seiner  inneren 
Beweglichkeit,  in  seinem  ganzen  Innenleben  hat  das  Gehirn  wenig, 
kaum  irgend  etwas  mit  den  Sonnenwirkungen  auf  die  Erde  zu  tun; 
es  hat  zu  tun  viel  mehr  mit  all  dem,  was  auf  unsere  Erde  einstrahlt 
von  dem,  was  auBerhalb  unseres  Sonnensystems  ist;  dieses  Gehirn 
hat  zu  tun  mit  den  kosmischen  Verhaltnissen  des  ganzen  Sternen- 
himmels,  aber  nicht  mit  den  engeren  Verhaltnissen  unseres  Sonnen- 
systems. In  einer  engeren  Beziehung  steht  allerdings  das,  was  wir 
als  Gehirnsubstanz  zu  bezeichnen  haben,  mit  dem  Mond,  aber  nur 
insoweit  der  Mond  nicht  von  der  Sonne  abhangig  ist,  insofern  er 
seine  Unabhiingigkeit  von  der  Sonne  bewahrt  hat.  So  daB  also  das, 
was  in  unserem  Gehirn  vorgeht,  Wirkungen  entspricht,  die  auBer- 


halb  derjenigen  Krafte  liegen,  die  in  unserem  Herzen  ihr  mensch- 
liches  mikrokosmisches  Abbild  finden.  Sonne  lebt  im  menschlichen 
Herzen;  was  auBerhalb  der  Sonne  im  Kosmos  vorhanden  ist,  lebt 
im  menschlichen  Gehirn. 

So  ist  der  Mensch  in  bezug  auf  beide  Organe  ein  Mikrokosmos, 
indem  er  mit  seinem  Herzen  der  auf  die  Erde  ausgeiibten  Sonnen- 
wirkung  hingegeben  ist  und  diese  gleichsam  widerspiegelt,  mit  sei- 
nem Gehirn  aber  inneres  Leben  hat,  das  unmittelbar  mit  dem  auBer 
der  Sonne  sich  befindenden  Kosmos  zusammenhangt.  Das  ist  ein 
auBerordentlich  interessanter  und  bedeutungsvoller  Zusammenhang. 
Das  Gehirn  hangt  mit  dem,  was  die  Sonne  auf  der  Erde  bewirkt, 
nur  durch  die  auBere  Wahrnehmung  zusammen.  Die  wird  aber  ge- 
rade  in  der  anthroposophischen  Entwickiung  iiberwunden.  Die  an- 
throposophische  Entwickiung  iiberwindet  die  auBere  Sinneswelt.  Da- 
her  wird  das  Gehirn  zu  einem  Innenleben  entfesselt,  das  so  kos- 
misch  ist,  daB  selbst  die  Sonne  etwas  viel  zu  Spezielles  ist,  als  daB 
sich  da  drinnen  etwas  von  Sonnenwirkung  abspielen  wiirde.  Wenn 
der  Mensch  in  der  Meditation  hingegeben  ist  irgendwelchen  Imagi- 
nationen,  so  spielen  sich  in  seinem  Gehirn  Prozesse  ab,  die  gar  nichts 
zu  tun  haben  mit  dem  Sonnensystem,  sondern  die  Prozessen  auBer- 
halb unseres  Sonnensystems  entsprechen.  Daher  besteht  in  der  Tat 
ein  gewisses  Verhaltnis  zwischen  dem  Herzen  und  dem  Hirn  wie  zwi- 
schen  der  Sonne  und  dem  Sternenhimmel,  und  in  einer  gewissen  Be- 
ziehung  zeigt  sich  dieses  im  Erleben  der  anthroposophisch  sich  ent- 
wickelnden  Seele  dadurch,  daB,  indem  diese  Seele  innerlich  ernst  und 
abgezogen  hingegeben  ist  rein  anthroposophischen  Gedanken,  das 
Herz  wirklich  etwas  wie  eine  Art  von  Gegenpol  bildet,  in  eine  Art 
Opposition  tritt  zu  dem  —  man  mochte  sagen  —  Sternenhirn.  Diese 
Opposition  driickt  sich  dadurch  aus,  daB  der  Mensch  fiihlen  lernt,  wie 
Herz  und  Hirn  beginnen,  verschiedene  Wege  zu  gehen,  und  wie  er, 
wahrend  er  vorher  nicht  notig  hatte,  auf  beide  gesondert  achtzugeben, 
sondern  sich  alles  zusammenmischte,  er  nun  beginnen  muB,  wenn  er 
sich  anthroposophisch  entwickelt,  auf  beide  gesondert  zu  achten. 

Es  gibt  einen  eigentiimlichen  Begriff  von  der  ganzen  kosmischen 
Stellung  des  Menschen,  wenn  wir  so  die  physische  Hiille  betrach- 


ten,  und  ins  Auge  fassen,  wie  der  Mensch  hier  auf  der  Erde  stent. 
Da  lebt  in  ihm  durch  sein  Blutsystem  und  Herz  alles  das,  was  die 
Sonne  mit  der  Erde  auszumachen  hat.  Und  wenn  er  lediglich  inner- 
lich  hingegeben  ist  an  das,  wozu  er  auf  der  Erde  als  Instrument  sein 
physisches  Gehirn  braucht,  dann  leben  da  drinnen  Weltenprozesse, 
die  sich  abspielen  auBerhalb  unseres  Sonnensystems.  Wir  werden 
begreiflich  machen  miissen,  daB  der  Mensch  ein  ganz  neues  Erleben 
hat  gegeniiber  Herz  und  Hirn.  Es  differenzieren  sich  wirklich  seine 
Empfindungen,  so  daB  er  fuhlen  lernt  alles  das,  was  Gehirnprozesse 
sind,  man  mochte  sagen,  in  jenem  ruhigen  Gang,  den  der  Nacht- 
himmel  zeigt  mit  seinen  Sternen,  und  daB  er  fiihlt  die  Beweglich- 
keit  des  Sonnensystems  in  seinem  Herzen.  Sie  sehen  daraus  zugleich 
einen  Weg,  der  bei  einer  hoheren  Initiationsstufe  ein  wichtiger  Weg 
wird,  denn  Sie  sehen  gleichsam  die  Tore,  die  sich  offnen  vom  Men- 
schen  aus  in  den  Kosmos.  Der  Mensch,  der  aus  sich  heraustritt 
durch  eine  hohere  Entwicklung  —  wie  es  selbst  in  den  exoterischen 
Vortragen  geschildert  worden  ist  — ,  der  zuriickblickt  auf  seinen  eige- 
nen  Leib,  der  die  Prozesse  seines  physischen  Leibes  vollstandig 
erkennen  lernt,  der  lernt  in  der  Tat  in  der  Blutzirkulation  mit  der 
Herztatigkeit  ein  Spiegelbild  der  geheimnisvollen  Krafte  des  Son- 
nensystems kennen,  und  er  lernt  in  den  Vorgangen  des  Gehirns,  die 
er  dann  geistig  von  auBen  anschaut,  den  Kosmos  in  seinen  Geheim- 
nissen  kennen. 

Die  Dinge,  die  ich  hier  ausspreche  mit  dem  letzten  Satze,  hangen 
ja  zusammen  mit  einer  Bemerkung,  die  ich  einmal  in  Kopenhagen 
gemacht  habe  und  die  dann  eingegangen  ist  in  mein  Buch  «Die 
geistige  Fiihrung  des  Menschen  und  der  Menschheit».  Sie  konnen 
daraus  entnehmen,  daB  in  einer  gewissen  Beziehung  sogar  die  Struk- 
tur  des  Gehirns  eine  Art  Spiegelbild  der  Stellung  der  Himmelskor- 
per  ist,  die  bei  der  menschlichen  Geburt  vorhanden  ist  fur  den- 
jenigen  Punkt  auf  der  Erde,  an  dem  der  Mensch  geboren  wird.  Es 
ist  niitzlich,  manchmal  von  einem  anderen  Gesichtspunkt  wiederum 
auf  solche  Dinge  zu  kommen;  denn  daraus  konnen  Sie  ein  Gefiihl 
bekommen  von  der  Weke  der  okkulten  Wissenschaft  und  von  der 
Engherzigkeit  mancher  Kritik,  die  ausgeiibt  wird,  wenn  von  dem 


einen  oder  anderen  Gesichtspunkte  her  eine  solche  Bemerkung 
gemacht  wird.  GewiB,  man  kann  so  wichtige  Tatsachen  wie  diese 
von  der  Widerspiegelung  der  Sternenwelt  im  menschlichen  Gehirn 
von  einem  bestimmten  Gesichtspunkt  her  erklaren,  und  es  kann  das 
wie  willkiirlich  erscheinen.  Wenn  dann  andere  Gesichtspunkte  dazu- 
kommen,  dann  stiitzen  sich  diese  alle  gegenseitig.  Und  Sie  werden 
noch  manche  —  ich  mochte  sagen  —  Strome  der  okkulten  Wissen- 
schaft  gewahr  werden,  die  zusammenflieBen,  und  aus  dem  Zusam- 
menflieBen  wird  Ihnen  dann  immer  mehr  und  mehr  auch  das  sich 
ergeben,  was  Sie  als  einen  vollen  Beweis  empfinden  werden,  auch 
einen  auBerlichen  Vernunftbeweis  fur  die  Dinge,  die  nur  von  dem 
einen  Gesichtspunkt  auszusprechen  manchmal  gewagt  erscheinen 
konnte.  Daraus  ersehen  Sie  aber  auch  die  Feinheit  der  ganzen  mensch- 
lichen Struktur.  Und  wenn  Sie  nun  bedenken,  daB  der  Mensch  da- 
durch,  daB  er  Nahrung  aufnimmt,  in  der  Nahrungsaufnahme  gewis- 
sermaBen  sich  ganz  an  die  Erde  bindet,  nur  in  manchen  Substanzen 
sich  wiederum  frei  macht  von  der  Erde,  namentlich  bei  der  Pflanzen- 
nahrung,  wenn  Sie  also  bedenken,  daB  der  Mensch  sich  gerade  durch 
die  Nahrungsaufnahme  zum  Erdenbiirger  machen  muB,  so  werden 
Sie  die  dreifache  Gliederung  des  Menschen  in  bezug  auf  seine  phy- 
sische  Hiille  nun  begreifen.  Er  ist  durch  sein  Hirn  gleichsam  ein 
Angehoriger  des  ganzen  Sternenhimmels,  durch  sein  Herz  mit  all 
dem,  was  dazugehort,  ein  Angehoriger  der  Sonne,  durch  sein  Ver- 
dauungssystem  und  alles,  was  dazugehort,  im  anderen  Sinn,  ein 
Erdenwesen. 

Auch  das  kann  erlebt  werden  und  wird  erlebt,  wenn  in  sich 
beweglicher  wird  die  auBere  physische ,  Hiille  des  Menschen.  Der 
Mensch  kann  namlich  gar  sehr  durch  das,  was  in  ihn  nur  von  der 
Erde  her  hineinkommt,  siindigen  gegen  das,  was  in  ihm  durch  die 
reinen  Krafte  des  Kosmos  sich  widerspiegelt.  Der  Mensch  kann 
zum  Beispiel  dadurch,  daB  er  Storungen  durch  die  auBere  Ernah- 
rung  herbeiruft,  die  rein  irdischen  Gesetze,  die  ja  wirken  innerhalb 
der  Verdauung,  die  weiter  wirken  wie  die  Sonnengesetze  in  der  Herz- 
tatigkeit  und  wie  die  kosmischen  Gesetze  auBer  dem  Sonnensystem 
in  der  Gehirntatigkeit  wirken  —  der  Mensch  kann  gewissermaBen 


sehr  stark  siindigen  durch  seine  Ernahrung  gegen  die  kosmischen 
Tatigkeiten  in  seinem  Gehirn,  und  das  kann  erlebt  werden  von  der 
anthroposophisch  sich  entwickelnden  Seele,  namentlich  im  Momente 
des  Aufwachens.  Innerhalb  des  Schlafes  tritt  ja  auch  das  ein,  daB 
sich  die  Verdauqngstatigkeit  bis  in  das  Gehirn  hineinerstreckt,  hin- 
einspruht  in  das  Gehirn.  Beim  Wachen  bearbeiten  die  Denkkrafte 
das  Gehirn;  da  tritt  die  Verdauungstatigkeit  des  Gehirns  zuriick. 
Wenn  das  Denken  stillsteht  beim  Schlaf,  da  wirkt  die  Verdauungs- 
tatigkeit in  das  Bewufitsein  hinein,  und  wenn  der  Mensch  aufwacht 
und  einen  Nachklang  davon  verspiirt,  dann  kann  das  Erleben  sehr 
leicht  ein  richtiges  Barometer  sein  gerade  bei  der  sich  entwickeln- 
den Seele  fur  das  Gesunde  oder  Ungesunde  der  Ernahrung.  Oh,  der 
Mensch  verspiirt  dieses  gleichsam  aus  seinem  Organismus  in  das 
Gehirn  Hineinziehen  in  dumpfmachenden,  stechenden  Gefuhlen, 
Gefuhlen,  die  sich  manchmal  so  ausnehmen  konnen,  wenn  er  irgend 
etwas  Unrechtes  genossen  hat,  wie  —  sagen  wir  —  kleine  Betau- 
bungszentren  im  Gehirn.  Das  alles  wird  in  der  feinsten  Weise  erlebt 
gerade  von  der  anthroposophisch  sich  entwickelnden  Seele.  Und  der 
Moment  des  Aufwachens  ist  von  einer  ungeheuren  Wichtigkeit,  ich 
meine  in  bezug  auf  die  Wahrnehmung  der  von  der  Verdauung  her- 
riihrenden  Gesundheitsverhaltnisse  der  physischen  Hiille.  In  immer 
f einer  und  f einer  werdenden  Empfindungen,  die  sich  lokalisieren 
innerhalb  des  Kopfes,  nimmt  der  Mensch  wahr,  ob  er  sich  oppo- 
sitionell  benimmt  in  seiner  Verdauung  gegen  die  kosmischen  Ge- 
setze  auBerhalb  unseres  Sonnensystems  oder  ob  er  mit  ihnen  im 
Einklang  steht.  Hier  sehen  Sie  in  der  Tat  diese  physische  Hiille  in 
einem  wunderbaren  Verhaltnis  zum  ganzen  Kosmos  und  den  Mo- 
ment des  Aufwachens  wie  ein  Barometer  fur  den  sich  gegen  die 
kosmischen  Verhaltnisse  durch  seine  Verdauung  widersetzenden 
Menschen  oder  mit  diesen  kosmischen  Verhaltnissen  sich  in  Ein- 
klang versetzenden  Menschen. 

Diese  Betrachtungen  werden  uns  allmahlich  hiniiberleiten  in  die 
Veranderungen,  die  vorgehen  durch  esoterische  oder  anthroposophi- 
sche  Entwicklung  im  menschlichen  Ather-  oder  astralischen  Leibe. 


DRITTER  VORTRAG 


Den  Haag,  22.Marz  1913 


Gleichsam  iiberfiihrend  von  dem  physischen  Hiillensystem  des 
Menschen  zu  dem  atherischen  System,  zu  dem  Atherleib,  sind  jene 
Veranderungen,  welche  mit  dem  Menschen  vorgehen  bei  einer  okkul- 
ten  oder  anthroposophischen  Entwicklung  in  bezug  auf  das  Muskel- 
system  und  namentlich  in  bezug  auf  die  Sinne,  auf  die  Sinnesorgane. 
In  bezug  auf  das  Muskelsystem  muB  gesagt  werden,  daB  der  Mensch 
nicht  nur  das  Muskelsystem  nach  und  nach  beweglicher  fuhlt,  wie 
das  ja  in  bezug  auf  die  anderen  physischen  Organe  gesagt  werden 
konnte,  sondern  daB  er  dieses  Muskelsystem  fuhlt  —  man  mochte 
sagen  — ,  auBer  dem,  daB  es  lebendiger  wird,  noch  wie  mit  einem 
schwachen  inneren  BewuBtsein  durchdrungen.  Es  ist,  als  ob  das 
BewuBtsein  sich  tatsachlich  ausdehnte  iiber  das  Muskelsystem.  Und 
wenn  man,  gar  nicht  einmal  irgendwie  ungenau,  aber  etwas  para- 
dox sprechen  wollte  iiber  das  entsprechende  Erlebnis,  so  konnte 
man  sagen:  Man  gelangt  allmahlich  dazu  im  Laufe  der  esoterischen 
Entwicklung,  die  einzelnen  Muskeln  und  ihr  System  wie  innerlich 
traumhaft  zu  empfinden;  man  tragt  sein  Muskelsystem  immer  so 
mit  sich  herum,  daB  man  von  der  Tatigkeit  dieses  Muskelsystems 
mitten  im  Tagwachen  zwischendurch  schwach  traumt.  Es  ist  immer- 
hin  sehr  interessant,  gerade  diese  Veranderung  der  physischen  Hiille 
ins  Auge  zu  fassen  aus  dem  Grunde,  weil  man  in  dieser  Wahrneh- 
mung  etwas  hat,  was  einen  am  besten  zun'achst  in  gewisser  Bezie- 
hung  unterrichten  kann  dariiber,  daB  man  einen  gewissen  Fortschritt 
gemacht  hat. 

Wenn  man  beginnt,  die  einzelnen  Muskeln  so  zu  fiihlen,  daB 
man  zum  Beispiel  beim  Beugen  und  Strecken  derselben  ein  schwa- 
ches  BewuBtsein  davon  hat,  was  da  geschieht,  ein  schwaches  Mk- 
gefiihl  hat,  dann  muB  man  sagen:  da  drinnen  geht  etwas  vor  in 
den  Muskeln.  Wenn  man  traumt  von  seinen  Muskelbewegungen, 
dann  ist  dies  ein  Beweis  davon,  daB  man  beginnt,  den  in  den 
physischen  Leib  hinein  impragnierten  Atherleib  nach  und  nach  zu 


fiihlen;  denn  das,  was  man  da  eigentlich  fiihlt,  sind  die  Krafte  des 
Atherleibes,  die  in  den  Muskeln  tatig  sind.  So  daB  es  ein  Anfang 
derWahrnehmung  des  Atherleibes  ist,  wenn  man  von  seinen  einzel- 
nen  Muskeln  traumt,  wenn  man  gleichsam  ein  traumhaftes  BewuBt- 
sein  von  sich  so  hat,  wie  man  in  anatomischen  Lehrbiichern  den 
Menschen  dargestellt  findet,  wo  ihm  die  Haut  abgezogen  ist  und  er 
nur  in  seinen  Muskeln  sich  zeigt.  Ja,  es  ist  schon  gewissermaBen 
ein  solches  Die-Haut-Ausziehen  und  Von-seinen-einzelnen-Gliedern- 
Traumen  wie  von  einer  Art  Gliederpuppe,  zu  dem  man  da  aufsteigt, 
wenn  man  beginnt,  das  atherische  Wesen  wahrzunehmen. 

Weniger  behaglich,  aber  auch  nicht  ausbleibend  ist  die  Empfind- 
lichkeit,  wenn  gleichsam  ins  BewuBtsein  heraufdammert  das  Kno- 
chensystem.  Es  ist  deshalb  weniger  behaglich,  weil,  wenn  dieses 
Knochensystem  wahrgenommen  wird,  man  an  ihm  eigentlich  am 
meisten,  am  hervorstechendsten  sein  allmahliches  Altwerden  emp- 
findet.  Deshalb  ist  es  nicht  gerade  behaglich,  zu  achten  auf  die 
Empflndlichkeit,  die  gegeniiber  dem  Knochensystem  auftritt,  was  ja 
der  Mensch  im  Grunde  genommen  sonst  im  normalen  Leben  gar 
nicht  fiihlt;  aber  er  beginnt  so  etwas  wie  einen  Schatten  in  sich  zu 
fiihlen  in  seinem  Knochensystem,  wenn  er  sich  atherisch  entwickelt. 
Und  dann  bekommt  man  einen  BegrifT  davon,  daB  es  doch  einer 
gewissen  uralten  hellseherischen  Kraft  der  Menschen  entsprach, 
daB  sie  das  Gerippe  als  den  symbolischen  Ausdruck  des  Todes  dar- 
stellten.  Sie  wuBten,  daB  man  in  seinem  Gerippe  das  Herannahen 
des  Todes  nach  und  nach  fiihlen  lernt. 

Aber  weitaus  bedeutungsvoller  als  alles  dieses  ist  noch  jenes  Er- 
lebnis,  das  man  gegeniiber  seinen  Sinnesorganen  wahrend  der  eso- 
terischen  oder  anthroposophischen  Entwicklung  hat.  Wir  wissen  ja, 
daB  diese  Sinnesorgane  eigentlich  ausgeschaltet  werden  mussen, 
wenn  der  Mensch  eine  esoterische  Entwicklung  durchmacht;  sie  miis- 
sen  sozusagen  schweigen.  Dadurch  fiihlen  sich  gleichsam  die  physi- 
schen  Sinnesorgane  wahrend  der  esoterischen  Entwicklung  zur  Un- 
tatigkeit  verurteilt;  sie  sind  ausgeschaltet.  Dafiir  nun,  daB  sie  als  phy- 
sische  Sinnesorgane  ausgeschaltet  sind,  tritt  ein  anderes  ein:  erstens 
ein  allmahliches  BewuBtwerden  der  einzelnen  Sinnesorgane  wie 


besondere  Welten,  die  in  einen  hineindringen.  Man  lernt  empfin- 
den  die  Augen,  die  Ohren,  sogar  den  Warmesinn, wie  hineingebohrt 
in  einen.  Aber  das,  was  man  da  empfinden  lernt,  ist  nicht  das 
physische  Sinnesorgan,  sondern  sind  die  Atherkrafte,  die  Krafte  des 
Atherleibes,  die  organisierend  wirken  an  den  Sinnesorganen.  So  daB 
man,  wenn  man  ausschaltet  die  Tatigkeit  der  Sinne,  gleichsam  auf- 
gehen  sieht  die  Natur  dieser  Sinnesorgane  wie  ebenso  viele  in  einen 
hineingebohrte  atherische  Organisationen.  Das  ist  auBerordentlich 
interessant.  In  dem  MaBe,  wie  man  ernsthaft  wahrend  seiner  eso- 
terischen  Entwicklung  zum  Beispiel  das  Auge  ausschaltet,  nicht 
mehr  auf  das  physische  Sehen  reflektiert,  in  dem  MaBe  lernt  man 
kennen  etwas,  was  sich  in  die  eigene  Organisation  so  hereinbohrt 
wie  Lichtorganismen;  man  lernt  dann  wirklich  erkennen,  daB  das 
Auge  allmahlich  dadurch  entstanden  ist,  daB  die  inneren  Licht- 
krafte an  unserem  Organismus  gearbeitet  haben.  Denn  wahrend 
man  absieht  von  aller  Tatigkeit  des  physischen  Auges,  fiih.lt  man 
das  Blickfeld  durchzogen  von  den  atherischen  Lichtkraften,  die 
organisierend  auf  das  Auge  wirken.  Eine  eigentumliche  Erscheinung 
ist  diese,  daB  man  durch  das  Auge,  wenn  man  es  ausschaltet,  die 
Lichtkrafte  kennenlernt.  Alle  physikalischen  Theorien  sind  nichts 
gegen  jene  Kenntnis  der  inneren  Natur  des  Lichtes  und  seiner  Wir- 
kung,  die  man  erfahrt,  wenn  man  eine  Weile  sich  geiibt  hat,  die 
physische  Sehkraft  des  Auges  auszuschalten,  und  allmahlich  sich 
hineinfindet,  an  der  Stelle  des  physischen  Augengebrauches  wahr- 
zunehmen  die  innere  Natur  der  atherischen  Lichtkrafte. 

Der  Warmesinn  liegt  gleichsam  auf  einer  niedrigeren  Stufe.  Es 
ist  ja  auBerordentlich  schwer,  wirklich  auszuschalten  die  Empfind- 
Hchkeit  fur  Warme  und  Kalte.  Es  gelingt  einem  am  besten,  wenn 
man  versucht  wahrend  seiner  esoterischen  Entwicklung  wahrend 
der  Dauer  der  Meditation  nicht  von  irgendeinem  Warmegefiihl 
gestort  zu  werden.  Da  ist  es  also  gut,  seine  Meditation  so  zu  machen, 
daB  man  gerade  von  jener  Temperatur  umgeben  ist,  welche  weder 
als  Warme  noch  als  Kalte  empfunden  wird,  so  daB  man  in  keiner 
Weise  irritiert  wird,  weder  durch  Warme-  noch  durch  Kaltegefiihle. 
Wenn  einem  das  gelingt,  dann  kann  man  —  allerdings  ist  es  nur 


schwierig  zu  unterscheiden  von  der  gewohnlichen  Temperaturwahr- 
nehmung  — ,  dann  kann  man  sich  nach  und  nach  daran  gewohnen, 
auch  die  innere  Natur  des  Warmeathers  kennenzulernen,  des  den 
Raum  durchstrahlenden  Warmeathers;  dann  erst  fiihlt  man  sich  in 
seiner  eigenen  Leiblichkeit  wie  durchdrungen  von  der  eigentlichen 
Tatigkeit  des  Warmeathers.  Wenn  man  nicht  mehr  die  empnn- 
dungsmaBige  Wahrnehmung  der  Warme  hat,  dann  lernt  man  die 
Natur  des  Warmeathers  durch  sich  selbst  kennen. 

Durch  die  Ausschaltung  des  Geschmackssinnes,  naturlich  ist 
ja  der  Geschmackssinn  wahrend  der  esoterischen  Ubungen  aus- 
geschaltet,  gewiB,  aber  wenn  es  einem  dann  gelingt,  an  Ge- 
schmacksempfindungen  sich  zu  erinnern,  dann  ist  damit  ein  Mittel 
gegeben,  die  Natur  eines  noch  feineren  Athers  zu  erkennen,  als 
der  Lichtather  ist,  des  sogenannten  chemischen  Athers.  Es  ist  das 
auch  nicht  ganz  leicht,  aber  man  kann  es  erleben.  Ebenso  kann  man 
durch  die  entsprechende  Ausschaltung  des  Geruchssinnes  den 
Lebensather  erkennen. 

Eigentumlich  ergeht  es  einem  mit  der  Ausschaltung  des  Gehors, 
Da  muB  man  allerdings  es  dahin  bringen,  eine  solche  Abgezogen- 
heit  zu  erreichen,  daB  man,  wenn  auch  Horbares  in  der  Nahe  vor- 
geht,  es  nicht  mehr  hort.  Man  muB  also  willkiirlich  von  Horbarem 
absehen  lernen.  Dann  treten  einem  entgegen  wie  hereingebohrt  in 
den  Organismus  die  im  Atherleib  befindlichen  Krafte,  welche  unser 
Gehororgan  organisierten.  Man  macht  dabei  eine  merkwiirdige  Ent- 
deckung.  Diese  Dinge  gehoren  in  der  Tat  zu  den  immer  hoher  und 
hoher  liegenden  Geheimnissen.  Daher  wird  es  vielleicht  unschwer 
ges^gt  werden  kbnnen,  daB  nicht  gleich  alles  das  durchschaut  wer- 
den  kann,  was  mit  Bezug  auf  diese  Erlebnisse  gegeniiber  solchen 
Sinnen  wie  dem  Gehorsinn  gess.gt  wird.  Man  macht  namlich  die 
Entdeckung,  daB  das  Ohr  eine  solche  Organisation  hat,  daB  man 
genau  erkennt:  Dieses  Ohr,  so  wie  wir  es  als  Mensch  an  uns  tragen 
in  seiner  wunderbaren  Organisation,  konnte  gar  nicht  aus  den  Kraf- 
ten  heraus  gebildet  sein,  welche  als  Atherkrafte  die  Erde  als  solche 
umspielen.  Die  Lichtkrafte,  die  Atherkrafte  des  Lichtes,  die  die  Erde 
umspielen,  hangen  innig  zusammen  mit  der  Bildung  unserer  Augen, 


wenn  auch  die  Augenanlage  schon  friiher  vorhanden  war;  aber  so, 
wie  das  Auge  gestaltet  ist,  wie  es  jetzt  am  Organismus  sitzt,  so  hangt 
es  innig  zusammen  mit  den  Lichtatherkraften  der  Erde.  Ebenso 
hangt  unser  Geschmackssinn  mit  den  chemischen  Atherkraften  der 
Erde  zusammen,  er  ist  zum  groBen  Teil  aus  diesen  herausgebildet. 
Unser  Geruchssinn  hangt  mit  dem  Lebensather  der  Erde  zusam- 
men; er  ist  fast  ausschlieBlich  organisiert  aus  dem  Lebensather,  der 
die  Erde  umspielt.  Unser  Gehororgan  zeigt  aber,  wenn  es  okkulti- 
stisch  erlebt  wird  innerhalb  einer  esoterischen  Entwicklung,  daB  es 
zum  allergeringsten  Teil  den  die  Erde  umspielenden  Atherkraften 
sein  Dasein  verdankt.  Man  mochte  sagen:  die  letzte  Hand  haben  an 
unser  Gehororgan  die  Atherkrafte  angelegt,  welche  die  Erde  umspie- 
len;  aber  dieses  Gehororgan  ist  so  von  diesen  Atherkraften,  welche 
die  Erde  umspielen,  behandelt  worden,  daB  sie  es  eigentlich  nicht 
vollkommener  gemacht  haben,  dieses  Gehororgan,  sondern  unvoll- 
kommener;  denn  diese  die  Erde  umspielenden  Atherkrafte  konnen 
auf  das  Ohr  nur  dadurch  wirken,  daB  sie  in  der  Luft  tatig  sind  und 
fortwahrend  an  der  Luft  einen  Widerstand  haben. 

Daher  kann  man,  obzwar  das  paradox  gesprochen  ist,  sagen:  Eine 
viel  feinere  Organisation,  die  da  war,  ist  auf  der  Erde  in  unserem 
Gehororgan  korrumpiert  worden.  Und  dann  wird  auf  dieser  Stufe 
sogar  durch  eigenes  Erlebnis  es  erklarlich  fur  den  sich  entwickeln- 
den  Anthroposophen,  daB  er  das  Ohr,  das  ganze  Gehororgan  schon 
mitgebracht  hat  auf  die  Erde,  als  er  den  Weg  von  dem  alten  Mond 
zur  Erde  herein  machte;  ja,  daB  dieses  Gehororgan  auf  dem  alten 
Monde  viel  vollkommener  war  als  auf  der  Erde.  Man  lernt  es  allmah- 
lich  dem  Ohre  anfiihlen,  daB  man  ihm  gegeniiber,  mochte  man  sa- 
gen —  man  muB  manchmal  paradoxe  Ausdriicke  wahlen  — ,  daB  man 
ihm  gegeniiber  melancholisch  werden  konnte,  weil  das  Ohr  zu  den 
Organen  gehort,  die  in  ihrer  ganzen  Einrichtung,  in  ihrer  ganzen 
Struktur  zeugen  von  vergangenen  Vollkommenheiten.  Und  wer  die 
eben  ein  wenig  angedeuteten  Erlebnisse  allm'ahlich  sich  heranzieht, 
der  wird  den  Okkultisten  verstehen,  der  allerdings  aus  noch  viel 
tieferen  Kraften  heraus  seine  Erkenntnis  schopft,  den  Okkultisten, 
der  ihm  sagt:  Auf  dem  alten  Mond  hatte  das  Ohr  eine  viel  groBere 


Bedeutung  fur  den  Menschen  als  heute.  Damals  war  das  Ohr  dazu 
da,  gleichsam  ganz  zu  leben  in  der  auf  dem  Mond  in  einer  gewis- 
sen  Beziehung  noch  erklingenden  Spharenmusik.  Und  gegeniiber 
diesen  Klangen  der  auf  dem  Monde,  obzwar  schon  schwach  im 
Vergleich  zu  friiher,  aber  doch  erklingenden  Tone  der  Spharen- 
musik verhielt  sich  das  Ohr  so,  daB  es  sie  aufnahm.  Es  war  sozu- 
sagen  auf  dem  alten  Monde  vermoge  seiner  damaligen  Vollkom- 
menheit  immer  in  Musik  getaucht.  Diese  Musik,  die  teilte  sich  noch 
auf  dem  alten  Monde  der  ganzen  menschlichen  Organisation  mit; 
die  Musikwellen  durchdrangen  auf  dem  alten  Monde  noch  die 
menschliche  Organisation,  und  das  innere  Leben  des  Menschen  war 
auf  dem  alten  Monde  ein  Miterleben  mit  der  ganzen  musikalischen 
Umgebung,  ein  Anpassen  an  die  ganze  musikalische  Umgebung; 
das  Ohr  war  ein  Kommunikationsapparat,  um  jene  Bewegungen 
innerlich  nachzumachen,  welche  auBen  als  Spharenmusik  erklangen. 
Der  Mensch  fiihlte  sich  auf  dem  alten  Monde  noch  wie  eine  Art 
Instrument,  auf  welchem  der  Kosmos  mit  seinen  Kraften  spielte, 
und  die  Ohren  waren  in  ihrer  damaligen  Vollkommenheit  die  Ver- 
mittler  zwischen  den  Spielern  des  Kosmos  und  dem  Instrument  des 
menschlichen  Organismus  auf  dem  alten  Mond.  So  wird  einem  die 
heutige  Einrichtung  des  Gehororganes  wie  zum  Wecker  einer  Erin- 
nerung,  und  man  verbindet  einen  Sinn  damit,  daB  durch  eine  Art 
Korruption  des  Gehbrorgans  der  Mensch  unfahig  geworden  ist,  die 
Spharenmusik  zu  erleben,  daB  er  sich  emanzipiert  hat  und  daB  er 
diese  Spharenmusik  nur  hereinfangen  konnte  in  das,  was  heutige 
Musik  ist,  die  sich  im  Grunde  genommen  doch  nur  innerhalb  der 
Luft,  die  die  Erde  umspielt,  abspielen  kann. 

Auch  anderen  Sinnen  gegeniiber  tauchen  Erlebnisse  auf;  aber  sie 
werden  allerdings  immer  undeutlicher,  und  es  wiirde  nicht  viel  Be- 
deutung haben,  die  Erlebnisse  in  bezug  auf  andere  Sinnesorgane  zu 
verfolgen  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  es  schwierig  ist,  mit  den 
gewohnlichen  menschlichen  Begriffen  in  diese  Veranderungen  hin- 
einzuleuchten,  die  sich  an  ihnen  durch  die  esoterische  Entwicklung 
vollziehen.  Was  wiirde  es  zum  Beispiel  fiir  eine  Bedeutung  haben 
gegeniiber  dem,  was  der  Mensch  heute  auf  der  Erde  erfahren  kann, 


wenn  von  dem  Sprachsinn  gesprochen  wiirde  —  ich  meine  nicht 
von  dem  Sinn  fiir  das  Sprechen.  Fiir  diejenigen,  die  die  Vortrage 
iiber  « Anthroposophie»  in  Berlin  gehort  haben,  ist  es  schon  bekannt, 
daB  es  einen  eigenen  Sprachsinn  gibt.  Wie  es  den  Tonsinn  gibt,  so 
gibt  es  einen  eigenen  Sinn,  der  nur  innerlich  ein  Organ  hat  und 
nicht  auBerlich,  fiir  die  Wahrnehmung  des  gesprochenen  Wortes 
selber.  Dieser  Sinn  ist  noch  mehr  korrumpiert  worden;  er  ist  so  kor- 
rumpiert  worden,  daB  heute  im  Grunde  genommen  nur  noch  ein 
letzter  Nachklang  vorhanden  ist  von  demjenigen,  was  dieser  Sprach- 
sinn zum  Beispiel  noch  auf  dem  alten  Monde  war.  Auf  dem  alten 
Monde  diente  dasjenige,  was  heute  zum  Sprachsinn,  zum  Verstehen 
der  Worte  bei  unseren  Mitmenschen  geworden  ist,  dazu,  sich  in  die 
ganze  Umgebung  bewuBt  mit  imaginativem  BewuBtsein  hineinzu- 
fiihlen,  um  den  alten  Mond  gleichsam  zu  umkreisen.  Welche  Be- 
wegungen  man  machte,  wie  man  sich  zurechtfand,  das  diktierte  der 
Sprachsinn  auf  dem  alten  Monde.  Man  lernt  erst  allmahlich  kennen 
diese  Art  der  Erlebnisse  des  Sprachsinnes,  wenn  man  sich  nach  und 
nach  eine  Empflndung  fiir  den  inneren  Wert  der  Vokale  und  Kon- 
sonanten  aneignet,  wie  empfunden  wird  dieser  innere  Wert  dieser 
Vokale  und  Konsonanten  bei  den  mantrischen  Satzen.  Aber  es  ist 
dies  doch  nur  ein  schwacher  Nachklang,  zu  dem  sich  der  Erden- 
mensch  im  allgemeinen  auf  diesem  Gebiet  erheben  kann  gegeniiber 
dem,  was  der  Sprachsinn  einstmals  war. 

So  sehen  Sie,  meine  lieben  Freunde,  wie  der  Mensch  sich  hier 
allmahlich  hineinlebt  in  die  Wahrnehmung  seines  atherischen  Lei- 
bes,  wie  das,  was  er  gleichsam  von  sich  weist  in  seiner  okkulten 
Entwicklung,  die  Tatigkeit  der  physischen  Sinne,  sich  ihm  ersetzt 
auf  der  anderen  Seite,  indem  es  ihn  hineinfiihrt  in  die  Wahrneh- 
mung des  atherischen  Leibes.  Aber  es  ist  eigentiimlich:  diese  Wahr- 
nehmungen  vom  Atherleibe,  von  denen  jetzt  eben  gesprochen  wor- 
den ist,  wir  fiihlen  sie  so,  wenn  wir  sie  erleben,  als  ob  sie  nicht  recht 
zu  uns  gehorten,  als  ob  sie  —  wie  gesagt  —  von  auBen  in  uns  hinein- 
gebohrt  wiirden.  Wir  fiihlen  den  Lichtkorper  in  uns  wie  hinein- 
gebohrt,  wir  fiihlen  etwas  wie  eine  auf  der  Erde  nicht  horbare  musi- 
kalische  Bewegung  durch  unser  Ohr  in  uns  hineingebohrt;  den 


Warmeather  fiihlen  wir  allerdings  nicht  wie  in  uns  hineingebohrt, 
sondern  uns  durchdringend;  und  wir  lernen  fiihlen  die  Tatigkeit 
des  in  uns  arbeitenden  chemischen  Athers  fiir  den  ausgeschalteten 
Geschmack  und  so  weiter.  Da  also  sind  wir  bereits  daran,  daB  der 
Mensch  gegeniiber  dem  Zustand,  den  man  als  den  normalen  be- 
zeichnet,  verandert  fiihlt  seinen  Atherleib,  in  den  gleichsam  von 
aufien  Pfropfen  hereingetrieben  sind. 

Nun  aber  beginnt  der  Mensch  allmahlich  auch  mehr  direkt  sei- 
nen Atherleib  wahrzunehmen.  Die  auff  alligste  Veranderung,  welche 
mit  dem  Atherleib  vor  sich  geht  und  die  fiir  manchen  recht  un- 
sympathisch  zu  vernehmen  ist,  die  nicht  erkannt  wird  als  eine  Ver- 
anderung im  Atherleib,  die  aber  doch  eine  ist,  die  besteht  darin, 
daB  die  esoterische  Entwicklung  sehr  deutlich  an  sich  merken  laBt, 
am  eigenen  Leib  sozusagen  merken  laBt,  wie  die  Kraft  des  Ge- 
dachtnisses zunachst  etwas  nachlaBt.  Das,  was  man  gewohnlkh  als 
Gedachtnis  hat,  erleidet  durch  eine  esoterische  Entwicklung  fast 
immer  eine  Herabstimmung.  Man  bekommt  zunachst  ein  schlech- 
teres  Gedachtnis.  Wer  ein  schlechteres  Gedachtnis  nicht  haben 
will,  kann  eben  eine  esoterische  Entwicklung  nicht  durchmachen. 
Namentlich  hort  auf  stark  tatig  zu  sein  dasjenige  Gedachtnis,  das 
man  als  mechanisches  Gedachtnis  bezeichnen  kann,  das  gerade  in 
den  Kinder-  und  Jugendjahren  bei  Menschen  am  besten  ausge- 
bildet  ist  und  was  ja  zumeist  gemeint  ist,  wenn  vom  Gedachtnis 
die  Rede  ist.  Und  gar  mancher  Esoteriker  wird  zu  klagen  haben 
iiber  die  Herabstimmung  seines  Gedachtnisses.  Denn  man  kann 
das  recht  bald  bemerken;  jedenfalls  viel  fruher,  als  man  die  feinen 
Wahrheiten,  die  jetzt  auseinandergesetzt  worden  sind,  an  sich  wahr- 
nimmt,  bemerkt  man  diese  Herabsetzung  des  Gedachtnisses.  Aber 
wie  man  niemals  Schaden  nehmen  kann  an  seinem  physischen 
Leibe,  trotzdem  er  beweglicher  wird,  wenn  man  die  richtige  anthro- 
posophische  Entwicklung  einschlagt,  so  kann  man  ernstlich  doch 
nicht  auf  die  Dauer  Schaden  nehmen,  auch  nicht  in  bezug  auf  das 
Gedachtnis.  Man  muB  nur  anstreben,  das  Richtige  zu  machen. 

In  bezug  auf  die  physische  Organisation  muB  man  —  wahrend 
der  auBere  Leib  beweglicher  wird,  wahrend  innerlich  seine  Organe 


unabhangiger  werden,  so  daB  man  sie  schwerer  in  Einklang  brin- 
gen  kann  als  friiher  — ,  muB  man  sich  innerlich  stark  machen.  Das 
wird  getan  durch  jene  sechs  Ubungen,  die  Sie  im  zweiten  Teil  mei- 
ner  «Geheimwissenschaft»  geschildert  finden.  Wer  diese  in  entspre- 
chender  Weise  macht,  wird  sehen,  daB  ihm  so  viel  an  innerer 
Starke  zuwachst,  um  den  beweglicheren  physischen  Leib  in  Ordnung 
zu  halten,  als  er  an  Kraft  verliert  durch  die  esoterische  Entwick- 
lung.  In  bezug  nun  auf  das  Gedachtnis  miissen  wir  auch  das  Rich- 
tige  tun.  Das  Gedachtnis,  das  fur  das  auBere  Leben  da  ist,  geht 
schon  einmal  verloren;  aber  wir  brauchen  gar  keinen  Schaden  zu 
nehmen,  wenn  wir  darauf  achten,  fur  alles  das,  was  uns  im  Leben 
angeht,  mehr  Interesse  zu  entwickeln,  tieferes  Interesse,  mehr  An- 
teil  zu  entwickeln,  als  wir  das  vorher  gewohnt  waren.  Wir  miissen 
anfangen,  uns  fur  die  Dinge,  die  fur  uns  Bedeutung  haben,  nament- 
lich  ein  gefiihlsmaBiges  Interesse  anzueignen.  Vorher  haben  wir 
ein  mehr  mechanisches  Gedachtnis  entwickelt,  und  dieses  mecha- 
nische  Gedachtnis  arbeitet  auch  dann  zuweilen  recht  sicher,  wenn 
man  die  Dinge,  die  man  sich  merken  will,  nicht  besonders  liebt; 
aber  das  hort  auf.  Man  wird  namlich  bemerken,  daB  man,  wenn 
man  eine  anthroposophische  oder  esoterische  Entwicklung  durch- 
macht,  die  Dinge  leicht  vergi^t.  Sie  fliegen  nur  so  fort,  die  Dinge, 
fur  die  man  kein  gefiihlsmaBiges  Interesse  hat,  die  man  nicht  lieb- 
gewinnen  kann,  mit  denen  man  sozusagen  nicht  seelisch  zusammen- 
wachst.  Dagegen  haftet  das  um  so  besser,  mit  dem  man  seelisch 
zusammenwachst.  Man  muB  daher  versuchen,  geradezu  systema- 
tisch  dieses  seelische  Zusammenwachsen  zu  bewirken. 

Man  kann  folgende  Erfahrung  machen:  Nehmen  wir  an,  irgend- 
eine  Personlichkeit  hatte  in  ihrer  Jugend,  als  sie  noch  nicht  an  die 
Anthroposophie  herangekommen  war,  etwa  wenn  sie  einen  Roman 
gelesen  hat,  diesen  Roman  gar  nicht  vergessen  konnen;  sie  konnte 
ihn  immer  wieder  und  wiederum  erzahlen.  Nun  liest  sie  spater, 
nachdem  sie  in  die  anthroposophische  Entwicklung  eingetreten  ist, 
einen  Roman.  Flugs  ist  er  oftmals  fort;  er  kann  nicht  wiederum  er- 
zahlt  werden.  Wenn  man  aber  mit  einem  Buch,  von  dem  man  sich 
selber  diktiert  oder  diktiert  bekommt,  daB  es  einem  wertvoll  sein 


soli,  die  Sache  so  macht,  da!3  man  es  einmal  durchliest,  dann  un- 
mittelbar  danach  versucht,  es  im  Geiste  zu  repetieren,  und  man 
nicht  nur  repetiert,  sondern  von  hinten  nach  vorne,  die  letzten 
Dinge  zuerst  und  die  ersten  zuletzt  sich  wiederholt,  wenn  man 
sich  die  Miihe  nimmt,  besondere  Einzelheiten  ein  zweites  Mai 
durchzugehen,  wenn  man  so  mit  der  Sache  zusammenwachst, 
wenn  man  gar  noch  ein  Stiick  Papier  nimmt  und  sich  kurze  Ge- 
danken  daraus  aufschreibt,  und  wenn  man  versucht,  sich  die 
Frage  vorzulegen:  Von  welcher  Seite  kannst  du  dich  denn  fur 
diesen  Gegenstand  besonders  interessieren?  —  dann  wird  man 
sehen,  daB  man  sich  auf  diese  Weise  eine  andere  Art  von  Gedacht- 
nis  heranerzieht.  Das  ist  nicht  dasselbe  Gedachtnis.  Man  merkt 
genau  den  Unterschied,  wenn  man  sich  seiner  bedient.  Wenn  man 
sich  des  mechanischen  Gedachtnisses  bedient,  dann  ist  es  so,  daB 
die  Dinge  in  unsere  Seele  hineintreten  als  Erinnerungen;  wenn 
man  sich  auf  diese  Weise,  wie  es  jetzt  geschildert  worden  ist,  ein 
Gedachtnis  heranerzieht  systematisch  als  Esoteriker  oder  Anthropo- 
soph,  dann  ist  es  so,  wie  wenn  die  Dinge,  die  man  durchlebt  hat 
auf  diese  Weise,  stehengeblieben  waren  in  der  Zeit.  Man  lernt 
gleichsam  in  der  Zeit  zuriickschauen,  und  es  ist  wirklich  so,  wie 
wenn  man  hinausschauen  wiirde  auf  das  Betrachtete;  ja  man  wird 
bemerken,  daB  immer  mehr  und  mehr  die  Dinge  bildhaft  werden, 
daB  das  Gedachtnis  immer  imaginativer  und  imaginativer  wird. 
Hat  man  *es  so  gemacht,  wie  das  eben  jetzt  geschildert  worden 
ist  mit  einem  Buch,  dann  braucht  man,  wenn  es  notwendig 
ist,  die  Sache  wiederum  vor  die  Seele  hinzustellen,  nur  irgend- 
wie  etwas  anzuschlagen,  was  damit  zusammenhangt,  dann  wird 
man  gleichsam  hinschauen  auf  den  Zeitpunkt,  wo  man  mit  dem 
Buch  beschaftigt  war,  man  wird  sich  lesend  anschauen.  Nicht 
die  Erinnerung  kommt:  das  ganze  Bild  steigt  herauf;  man  wird 
dann  bemerken  konnen,  daB,  wahrend  man  vorher  nur  in  dem 
Buch  gelesen  hat,  jetzt  die  Dinge  tatsachlich  heraufsteigen.  Man 
schaut  sie  an  wie  in  einer  zeitlichen  Entfernung;  das  Gedachtnis 
wird  ein  Anschauen  von  Bildern,  die  in  zeitlicher  Entfernung 
stehen. 


Dies  ist  namlich  schon  der  allererste  Anfang,  der  elementarste 
allerdings,  zum  allmahlichen  Lesenlernen  in  der  Akasha-Chronik: 
das  Gedachtnis  ersetzt  sich  durch  ein  Lesenlernen  in  der  abgelau- 
fenen  Zeit.  Und  es  kann  manchmal  derjenige,  der  eine  gewisse 
esoterische  Entwicklung  durchgemacht  hat,  sein  Gedachtnis  fast 
ganz  verloren  haben,  es  schadet  ihm  nichts,  weil  er  die  Dinge 
riickwarts  laufend  sieht.  Insofern  er  mit  ihnen  selbst  verbunden 
war,  sieht  er  sie  mit  besonderer  Deutlichkeit.  Ich  sage  Ihnen  da 
etwas,  was  derjenige,  der  auBerhalb  der  Anthroposophie  stent,  wenn 
es  ihm  gesagt  wird,  durchaus  nur  auslacht  und  nur  auslachen  kann, 
weil  er  gar  keinen  Begriff  damit  verbinden  kann,  wenn  irgendein 
Esoteriker  zu  ihm  sagt,  er  habe  kein  Gedachtnis  mehr,  und  dann 
doch  ganz  gut  weiB,  was  da  geschehen  ist,  weil  er  es  schaut  in  der 
Vergangenheit.  Da  sagt  der  andere:  Du,  hore,  du  hast  ja  ein  ganz 
vorziigliches  Gedachtnis!  —  weil  er  keinen  Begriff  hat,  welche  Ver- 
wandlung  da  vorgegangen  ist.  Und  dies  ist  gerade  etwas,  dem  eine 
Verwandlung  im  atherischen  Leibe  zugrunde  liegt. 

Allerdings  ist  dann  in  der  Regel  diese  Umwandlung  des  Ge- 
dachtnisses  verbunden  mit  etwas  anderem;  sie  ist  verbunden  damit, 
daB  auch  gewissermaBen  eine  Art  neuer  Beurteilung  unseres  inne- 
ren  Menschen  auftritt.  Wir  konnen  namlich  nicht  diesen  riick- 
schauenden  Blick  uns  aneignen,  ohne  zugleich  in  einer  gewissen 
Weise  einen  Standpunkt  einzunehmen  gegeniiber  dem,  was  wir  da 
erlebt  haben.  So  wird  derjenige,  der  in  einer  spateren  Zeit  zuriick- 
blickt  auf  etwas,  was  er  so  behandelt  hat,  wie  das  vorhin  von  dem 
Buch  gesagt  worden  ist  —  wenn  er  sich  selbst  so  darinnen  sieht  — , 
wie  selbstverstandlich  beurteilen  miissen,  ob  das  gescheit  oder 
dumm  war,  daB  er  sich  gerade  damit  beschaftigt  hat.  Und  stark 
verbindet  sich,  als  ein  anderes  Erlebnis,  ganz  notwendig  mit  dieser 
Riickschau  eine  Art  Selbstbeurteilung.  Man  kann  gar  nicht  anders, 
als  Stellung  zu  seiner  Vergangenheit  zu  nehmen:  Vorwiirfe  wird 
man  sich  in  bezug  auf  das  eine  machen,  man  wird  froh  sein,  daB 
einem  das  andere  gelungen  ist;  kurz,  man  wird  nicht  anders  kon- 
nen, als  die  Vergangenheit  beurteilen,  die  man  also  riickblickend 
anschaut.  So  daB  man  in  der  Tat  ein  scharferer  Beurteiler  seiner 


selbst,  namlich  seines  abgelaufenen  Lebens  wird.  Man  fiih.lt  sozu- 
sagen  den  sich  in  einem  regenden  Atherleib  —  der  ja  die  ganze 
Vergangenheit  in  sich  hat  aus  der  Riickschau  nach  dem  Tode  — , 
man  fiihlt  diesen  Atherleib  wie  einen  EinschluB  in  einem  selber, 
wie  etwas,  das  in  einem  lebt  und  das  den  Wert  von  einem  aus- 
macht.  Ja,  es  geht  eine  solche  Veranderung  mit  dem  Atherleib  vor, 
daB  man  oftmals  den  Drang  verspiirt  zu  solcher  Selbstriickschau; 
daB  man  auf  das  oder  jenes  hinblickt,  um  auf  ganz  naturgemasse 
Weise  seinen  Wert  als  Mensch  beurteilen  zu  lernen.  Wahrend  man 
sonst  lebt  und  ihn  nicht  wahrnimmt,  wird  nun  der  Atherleib 
gleichsam  wahrgenommen  im  ruckschauenden  Blick  auf  das  eigene 
Leben.  Das  eigene  Leben  wird  einem  allmahlich  zu  schaffen 
machen,  wenn  man  eine  esoterische  Entwicklung  durchmacht.  Dem 
muB  man  entgegengehen,  daB  einem  das  esoterische  Leben  gewis- 
sermaBen  zu  schaffen  macht,  daB  man  genotigt  ist,  genauer  hinzu- 
schauen  auf  seine  Vorziige  und  Fehler,  auf  seine  Irrtiimer  und  Un- 
vollkommenheiten. 

Aber  etwas  Tieferes,  das  an  den  Atherleib  gebunden  ist,  wird 
sozusagen  wahrnehmbar,  etwas,  was  friiher  auch  wahrnehmbar  ist, 
aber  nicht  bis  zu  solcher  Starke.  Das  ist  das  Temperament.  Und 
auf  der  Veranderung  des  Atherleibes  beruht  bei  dem  sich  ernst 
entwickelnden  Esoteriker  die  groBere  Empfindsamkeit,  die  groBere 
Sensitivitat  gegeniiber  dem  eigenen  Temperament.  Nehmen  wir, 
um  gleich  einen  besonderen  Fall  herauszuheben,  an  dem  das  be- 
sonders  anschaulich  werden  kann,  den  Melancholiker.  Wenn  der 
Melancholiker,  der  kein  Esoteriker  geworden  ist,  der  nicht  an  die 
Anthroposophie  herangekommen  ist,  der  so  durch  die  Welt  geht, 
daB  ihn  manches  murrisch  macht  in  der  Welt,  daB  manches  seine 
allzu  abfallige  Kritik  herausfordert,  den  iiberhaupt  die  Dinge  so  be- 
riihren,  daB  sie  seine  Sympathie  und  Antipathie  starker  hervorrufen 
als  es  zum  Beispiel  beim  Phlegmatiker  der  Fall  ist,  wenn  ein  solcher 
Melancholiker  mit  all  seinen  Eigenschaften  von  jenem  Grade  an,  wo 
er  ein  «zuwiderer»  Mensch  ist,  murrisch,  abweisend  die  ganze  Welt, 
verachtend  und  hassend,  bis  zu  dem  Grade,  wo  er  nur  etwas  sensi- 
tiver  ist  gegeniiber  den  Wahrnehmungen  der  Welt  —  es  gibt  ja 


alle  Zwischenstufen  und  Nuancen  — ,  nun,  wenn  solch  ein  Melan- 
choliker  eintritt  in  eine  esoterische  Entwicklung,  dann  wird  ihm 
da  das  Temperament  im  wesentlichen  zur  Grundlage,  den  Ather- 
leib  zu  empfinden.  Es  wird  ihm  das  System  seiner  die  Melancholie 
bewirkenden  Krafte  empfindlich,  deutlich  in  sich  selber  wahrnehm- 
bar,  und  wahrend  er  fruher  bloB  seine  Unzufriedenheit  gegen  die 
auBeren  Eindriicke  der  Welt  gerichtet  hat,  beginnt  er  jetzt  diese 
Unzufriedenheit  gegen  sich  selbst  zu  kehren. 

Es  ist  sehr  notwendig,  daB  bei  einer  esoterischen  Entwicklung 
die  Selbsterkenntnis  sorgfaltig  geiibt  wird  und  daB  dem  esoterisch 
sich  Entwickelnden  nahegelegt  wird,  daB  er  diese  Selbsterkenntnis 
iibt,  die  es  ihm  moglich  macht,  eine  solche  Veranderung  als  Melan- 
choliker  ruhig  und  gelassen  hinzunehmen.  Wie  ihm  fruher  viel- 
fach  die  Welt  zuwider  war,  wird  er  sich  selber  zuwider,  fangt  er 
an  sich  selber  zu  kritisieren,  so  daB  man  sieht,  wie  ihm  an  ihm  sel- 
ber alles  nicht  recht  ist.  Man  kann  diese  Dinge  nur  richtig  be- 
urteilen,  meine  lieben  Freunde,  wenn  man  das,kwas  man  Tempera- 
ment nennt,  in  der  richtigen  Art  am  Menschen  sieht.  Ein  Melan- 
choliker  ist  ja  nur  dadurch  ein  Melancholiker,  daB  bei  ihm  das 
melancholische  Temperament  vorschlagt;  denn  im  Grunde  genom- 
men  hat  jeder  Mensch  alle  vier  Temper amente  in  seiner  Seele.  Ein 
Melancholiker  ist  in  gewissen  Dingen  auch  wiederum  phlegma- 
tisch,  in  anderen  sanguinisch,  wieder  in  anderen  cholerisch;  es  schlagt 
nur  sozusagen  vor  dem  phlegmatischen  und  sanguinischen  und  cho- 
lerischen  Temperament  das  melancholische  besonders  vor.  Und  ein 
Phlegmatiker  ist  nicht  derjenige,  der  etwa  alle  anderen  Tempera- 
mente  nicht  hatte  und  nur  das  Phlegmatische,  sondern  bei  ihm 
schlagt  das  phlegmatische  Temperament  vor  und  die  anderen  Tem- 
peramente  halten  sich  mehr  im  Hinter-  und  Untergrunde  seiner 
Seele.  Und  so  ist  es  auch  bei  den  anderen  Temperamenten. 

Wie  nun  die  Veranderung  des  Atherleibes  bei  dem  ausgesproche- 
nen  Melancholiker  so  auftritt,  daB  er  sozusagen  sich  gegen  sich  sel- 
ber mit  seiner  Melancholie  kehrt,  so  treten  auch  Veranderungen, 
neue  EmpjEndungen  gegeniiber  den  anderen  Temperamentseigen- 
schaften  hervor.  Aber  es  kann  durch  eine  weise  Selbsterkenntnis 


dahin  gebracht  werden  bei  der  esoterischen  Entwicklung,  daB  man 
die  Schaden  ausbessert,  die  etwa  angerichtet  werden  durch  das  her- 
vorstechende  Temperament;  daB  man  in  einem  hoheren  Grade  zu 
empnnden  beginnt:  es  konnen  diese  Schaden  ausgebessert  werden 
dadurch,  daB  man  audi  mit  den  anderen  Temperamenten  Verande- 
rungen  bewirkt;  solche  Veranderungen,  die  gleichsam  die  Waage 
halten  der  hauptsachlichsten  Veranderung  mit  dem  hervorstechend- 
sten  Temperament.  Da  muB  man  nur  erkennen,  wie  die  Verande- 
rungen gegeniiber  den  anderen  Temperamenten  auftreten. 

Nehmen  wir  an,  daB  ein  Phlegmatiker  ein  Esoteriker  wird  —  er 
wird  schwer  dazu  zu  bringen  sein;  aber  nehmen  wir  an,  er  sei  dazu 
zu  bringen,  ein  recht  guter  Esoteriker  zu  werden.  Es  ist  durchaus 
nicht  unmoglich,  das  zu  erreichen,  weil  der  Phlegmatiker  zuweilen, 
wenn  er  starke  Eindrucke  empfangt,  machtlos  ist  gegeniiber  gewis- 
sen  Eindriicken;  so  daB  manchmal  gerade  das  phlegmatische  Tem- 
perament, wenn  es  nicht  vom  Materialismus  zu  weit  angefressen  ist, 
gar  keine  ganz  iible  Vorbedingung  fur  eine  esoterische  Entwick- 
lung ist;  es  muB  nur  edler  sozusagen  zutage  treten  als  in  dem 
grotesken  Sinn,  in  dem  man  oftmals  einzig  und  allein  das  phlegma- 
tische Temperament  sieht.  Wenn  ein  solcher  Phlegmatiker  Esoteri- 
ker wird,  dann  verandert  sich  das  phlegmatische  Temperament  in 
einer  eigentiimlichen  Weise.  Der  Phlegmatiker  hat  dann  sehr  stark 
die  Neigung,  recht  gut  sich  selber  zu  beobachten,  und  es  macht  ihm 
sozusagen  am  wenigsten  Leid,  sich  so  recht  selber  zu  beobachten, 
und  deshalb  ist  das  phlegmatische  Temperament  eine  nicht  schlechte 
Vorbedingung  fur  eine  esoterische  Entwicklung,  wenn  sie  eintreten 
kann,  weil  er  dann  zu  einer  gewissen  ruhigen  Selbstbeobachtung 
ganz  geeignet  ist.  Es  regt  ihn  nicht,  wie  den  Melancholiker,  alles 
auf,  was  er  an  sich  selber  wahrnimmt;  und  dadurch,  wenn  er  dann 
Selbstbeobachtungen  macht,  gehen  diese  sogar  in  der  Regel  de- 
fer als  die  Selbstbeobachtungen  des  Melancholikers,  der  tiberall 
durch  das  Wiiten  gegen  sich  selber  zuriickgehalten  wird.  Wenn 
daher  der  Phlegmatiker  eine  Seelenentwicklung  hat,  dann  ist  er 
sozusagen  der  beste  Schiller  fur  die  ernsthafte  anthroposophische 
Entwicklung. 


Nun  hat  jeder  Mensch  eben  alle  Temperamente  in  sich,  und  — 
wie  gesagt  —  beim  Melancholiker  schlagt  nur  das  melancholische 
Temperament  vor.  Es  ist  zum  Beispiel  auch  das  phlegmatische  Tem- 
perament in  ihm.  Man  kann  immer  an  dem  Melancholiker  Seiten 
finden,  wo  er  sich  als  Phlegmatiker  gegeniiber  diesen  oder  jenen 
Dingen  zeigt.  Man  muB  nun  versuchen,  wenn  der  Melancholiker 
Esoteriker  wird  und  man  ihn  irgendwie  leiten  kann,  man  muB  ver- 
suchen —  wahrend  er  auf  der  einen  Seite  ganz  gewiB  anfangen  wird, 
scharf  mit  sich  selber  zu  Werke  zu  gehen,  so  daB  immer  Selbst- 
vorwiirfe  kommen  —  seinen  Sinn  hinzulenken  auf  die  Dinge,  gegen- 
iiber denen  er  vorher  phlegmatisch  gewesen  war.  Man  muB  ver- 
suchen sein  Interesse  zu  erregen  gegeniiber  Dingen,  fur  die  er  sich 
friiher  nicht  interessiert  hat.  Wenn  einem  das  gelingt,  dann  paraly- 
siert  man  gewissermaBen  die  Schaden,  die  durch  die  Melancholie 
hervorgerufen  werden. 

Ein  eigenartiger  Esoteriker  wird  der  Sanguiniker,  der  ja  dadurch 
im  auBeren  Leben  charakterisiert  ist,  daB  er  leicht  von  Eindruck  zu 
Eindruck  eilt  und  nicht  gerne  an  einem  Eindruck  festhalten  will. 
Der  ver'andert  sich  namlich  ganz  eigentumlich  durch  die  Umwand- 
lung  seines  Atherleibes;  der  wird  in  dem  Augenblicke,  wo  er  es  ver- 
suchen will  oder  wo  ein  anderer  versucht,  ihm  Esoterik  beizubrin- 
gen,  der  wird  ein  Phlegmatiker  gegeniiber  seinem  eigenen  Innern; 
so  daB  der  Sanguiniker  unter  Umstanden  das  wenigst  gute  Material 
ist  zun'achst  in  bezug  auf  sein  Temperament  fiir  die  esoterische  Ent- 
wicklung.  Wenn  der  Sanguiniker  zur  Esoterik  oder  zum  anthroposo- 
phischen  Leben  kommt  —  und  er  kommt  sehr  haufig  dazu,  denn  er 
interessiert  sich  ja  fiir  alles  mogliche,  so  auch  einmal,  wenn  auch 
nicht  intensiv,  fiir  Anthroposophie  oder  Esoterik,  es  halt  nur  nicht 
lange  vor  -,  dann  muB  er  zu  einer  Art  Selbstbeobachtung  kommen; 
aber  er  nimmt  das  alles  mit  groBer  Gleichgiiltigkeit  auf,  er  schaut 
nicht  gerne  in  sich  selber  hinein.  Dies  oder  jenes  an  ihm  interessiert 
ihn  schon,  aber  es  geht  nicht  besonders  tief.  Er  entdeckt  allerlei  inter- 
essante  Eigenschaften  an  sich,  er  aber  ist  dann  gleich  damit  zufrie- 
den;  und  er  spricht  ganz  gern  von  dieser  interessanten  Eigenschaft, 
hat  aber  die  ganze  Sache  bald  wieder  vergessen,  auch  das,  was  er  an 


sich  selber  beobachtet  hat.  Und  unter  denjenigen,  die  der  Esoterik 
nahetreten  aus  einem  Augenblicksinteresse  heraus  und  die  ihr  bald 
wieder  entlaufen,  sind  vorzugsweise  sanguinische  Naturen. 

Wir  werden  morgen  versuchen,  das,  was  ich  heute  in  Worten 
ausfiihre,  auch  ein  wenig  durch  die  Zeichnung  des  Atherleibes  auf 
die  Tafel  uns  klarzumachen;  wir  werden  dann  die  Veranderungen 
des  Atherleibes  durch  die  anthroposophische  oder  esoterische  Ent- 
wicklung  dazu  zeichnen. 

Noch  anders  ist  es  mit  dem  cholerischen  Temperament.  Beim 
Choleriker  wird  es  fast  gar  nicht  oder  doch  nur  in  den  allerselten- 
sten  Fallen  gelingen,  ihn  zum  Esoteriker  zu  machen;  er  wird  sich 
gerade  dadurch  auszeichnen,  wenn  das  cholerische  Temperament 
besonders  bei  ihm  ausgesprochen  ist  als  Personlichkeit,  daB  er  alle 
Esoterik  von  sich  weist;  nichts  wissen  will  von  ihr.  Es  kann  aber 
doch  sein,  daB  durch  die  karmischen  Lebensverhaltnisse  gerade  der 
Choleriker  auch  einmal  an  die  Esoterik  herangebracht  wird;  dann 
wird  er  es  schwer  haben,  Veranderungen  gerade  in  seinem  Ather- 
leibe  zu  bewirken;  denn  dieser  Atherleib  erweist  sich  beim  Choleri- 
ker als  besonders  dicht,  schwer  beeinfluBbar.  Beim  Melancholiker 
ist  der  Atherleib  so,  man  mochte  sagen  —  verzeihen  Sie  den  trivia- 
len  Vergleich,  aber  es  wird  anschauhch  werden  durch  ihn,  was  ich 
sagen  will  — ,  beim  Melancholiker  ist  der  Atherleib  so  wie  ein  Gummi- 
ball,  aus  dem  man  die  Luft  herausgeblasen  hat:  wenn  man  eine  Ver- 
tiefung  hineinbohrt,  so  bleibt  sie  lange.  Beim  Choleriker  ist  der  Ather- 
leib so  wie  ein  Gummiball,  der  ganz  mit  Luft  vollgepreBt  ist;  wenn 
man  eine  Vertiefung  hineinmachen  will,  so  halt  er  nicht  nur  nicht 
die  Vertiefung,  sondern  er  drangt  einen  noch  ganz  gehorig  zuriick. 
Also  wenig  nachgiebig,  knorrig  ist  der  Atherleib  des  Cholerikers. 

Daher  hat  es  der  Choleriker  selber  sehr  schwer  mit  der  Umwand- 
lung  des  Atherleibes.  Er  kann  nicht  an  sich  selber  heran.  Daher  stoBt 
er  auch  die  esoterische  Entwicklung,  die  ja  gerade  ihn  umwandeln 
soli,  von  vornherein  zuriick;  er  kann  sich  selber  sozusagen  nicht  bei- 
kommen.  Wenn  aber  der  Ernst  des  Lebens  oder  irgendwelche  Dinge 
an  den  Choleriker  herantreten  oder  wenn  man  gerade  ein  solches 
Temperament  hat,  daB  man  einen  leisen  melancholischen  Klang  hat 


im  Temperament  und  doch  wieder  Choleriker  in  sich  ist,  dann  kann 
es  gerade  durch  die  melancholische  Nuance  herbeigefiihrt  werden, 
daB  der  Choleriker  seine  cholerische  Note  in  seinem  menschlichen 
Organismus  so  zur  Entwicklung  bringt,  daB  er  jetzt  mit  aller  mach- 
tigen  Kraft  arbeitet  an  seinem  Widerstand  bietenden  Atherleib.  Und 
wenn  es  ihm  dann  gelingt,  an  seinem  Atherleib  doch  Veranderun- 
gen  hervorzurufen,  dann  erzeugt  er  in  sich  dadurch  eine  ganz  beson- 
dere  Eigenschaft:  er  wird  fahiger  als  andere  Leute,  durch  seine  eso- 
terische  Entwicklung  ordentlich  sachgemaB  und  tief  auBereTatsachen 
in  ihrem  ursachlichen  oder  geschichtlichen  Zusammenhang  darzu- 
stellen.  Und  wer  empfmden  kann  gute  Geschichtsschreibung  —  sie 
wird  ja  in  der  Regel  nicht  von  Esoterikern  gerade  gemacht  — ,  aber 
wer  gute  Geschichtsschreibung,  die  wirklich  die  Tatsachen  sprechen 
laBt,  empfinden  kann,  der  wird  immerhin  schon  den  Anfang  finden, 
den  unbewuBten,  instinktiven  Anfang  von  dem,  was  der  Esoteriker, 
der  Cholerisches  in  sich  hat,  gerade  als  Geschichtsschreiber  oder  als 
Erzahler  oder  als  Schilderer  leisten  konnte.  Menschen  wie  zum  Bei- 
spiel  Tacitus  waren  im  Anfang  einer  solchen  instinktiven  esoteri- 
schen  Entwicklung.  Daher  diese  wunderbare,  unvergleichliche  Dar- 
stellung  des  Tacitus.  Und  derjenige,  der  als  Esoteriker  den  Tacitus 
liest,  weiB,  daB  diese  eigentiimliche  Art  von  Geschichtsschreibung 
herriihrt  von  einer  ganz  besonderen  Hineinarbeitung  eines  choleri- 
schen  Temperamentes  in  den  Atherleib.  Ganz  besonders  aber  tritt 
das  dann  hervor,  wenn  wir  Darsteller  haben,  die  eine  esoterische 
Entwicklung  durchgemacht  haben.  Wenn  es  auch  die  auBereWelt 
nicht  glaubt,  so  ist  das  doch  der  Fall  bei  Homer.  Homers  plastische 
grandiose  Darstellung  verdankt  er  dem  cholerischen  Temperament, 
das  in  seinen  Atherleib  hineingearbeitet  hat.  Und  so  konnte  noch 
manches  auf  diesem  Gebiete  gezeigt  werden,  was  schon  im  auBeren 
Leben  gleichsam  beweisend  oder  wenigstens  belegend  darstellt,  daB 
der  Choleriker,  ganz  besonders  wenn  er  eine  esoterische  Entwick- 
lung durchmacht,  sich  geeignet  macht,  die  Welt  in  ihrer  Wirk- 
lichkeit,  in  ihren  ursachlichen  Zusammenhangen  inner lich  darzu- 
stellen.  Wenn  der  Choleriker  eine  esoterische  Entwicklung  durch- 
macht, dann  sind  diese  seine  Darstellungen  so,  daB  sie  —  man  mochte 


sagen  —  schon  in  ihrer  auBeren  Struktur  den  Charakter  derWahr- 
heit  und  Wahrhaftigkeit  tragen. 

So  sehen  wir,  daB  in  den  Veranderungen  des  Atherleibes  ganz 
besonders  zum  Ausdruck  kommt  sozusagen  das  menschliche  Leben, 
das  wahrnehmbarer  wird  in  seiner  bisherigen  Gestaltung  in  dieser 
Inkarnation,  mehr  als  das  sonst  der  Fall  ist.  In  der  esoterischen  Ent- 
wicklung  wahrnehmbar  werden  ferner  starker  die  Temperamente, 
und  die  Beriicksichtigung  der  Temperamente  bei  der  wahren  Selbst- 
erkenntnis  ist  von  einer  ganz  besonderen  Bedeutung.  Von  diesen 
Dingen  wollen  wir  dann  morgen  weiter  sprechen. 


VIERTER  VORTRAG 


Den  Haag,  23-Marz  1913 


Je  mehr  sich  der  Atherleib  des  Menschen  ver'andert  unter  dem 
EinfluB  einer  esoterischen  Entwicklung,  desto  mehr  bekommt  der 
Mensch  dasjenige,  was  man  nennen  mochte  ein  Zeitgefiihl.  Unter 
diesem  Zeitgefiihl  soil  verstanden  werden  ein  Gefiihl  fur  das  Mit- 
erleben  der  Aufeinanderfolge  der  Tatsachen  und  Ereignisse  in  der 
Zeit.  Gewohnlich  ist  ja  im  auBeren  Leben  der  Mensch  ohne  dieses 
ausgesprochene  Zeitgefiihl.  Nun  habe  ich  schon  ein  wenig  angedeu- 
tet,  wie  dieses  Zeitgefiihl  sogar  schon  durch  die  Veranderung  des 
physischen  Leibes  auftritt,  indem  man  durch  eine  esoterische  Ent- 
wicklung empfindlicher  wird  gegeniiber  —  sagen  wir  —  dem  Som- 
mer  und  dem  Winter.  Aber  durch  die  Veranderung  des  Atherleibes 
wird  das  Miterleben  des  auBeren  Wandels  der  Ereignisse  ein  noch  viel 
lebendigeres,  ein  viel  empfindlicheres.  Und  derjenige,  der  eine  Zeit- 
lang  versucht  hat,  mit  allem  Ernst  seine  Seele  vorwartszubringen, 
der  wird  einen  deutlichen  Unterschied  wahrnehmen  zunachst  ein- 
mal  zwischen  den  verschiedenen  Jahreszeiten,  ja  sogar  zwischen  Tei- 
len  der  Jahreszeiten,  er  wird  einen  groBen  Unterschied  allmahlich 
innerlich  erleben  lernen  zwischen  Sommer  und  Winter,  zwischen 
Friihling,  Sommer  und  Herbst,  aber  auch  noch  viel  kleinere  Zeit- 
abschnitte  im  Jahreslaufe  werden  empfunden  werden.  Die  Zeit  wird 
gewissermaBen  etwas  in  ihrem  Fortschritt  Lebendiges.  Man  merkt 
nach  und  nach,  daB  man  im  Verlaufe  der  Zeit  differenziertes  Leben 
wahrnimmt.  So  wie  im  physischen  Leibe  die  einzelnen  Organe  sich 
differenziert  zeigen,  wie  sie  innerlich  lebendiger  und  unabhangiger 
voneinander  werden,  so  werden  die  Teile  der  fortlaufenden  Zeiten- 
folge  gewissermaBen  selbstandiger  voneinander,  unabhangiger.  Und 
das  ist  damit  in  Verbindung,  daB  man  mit  der  Entwicklung  des  eige- 
nen  Atherleibes  miterlebt  das  Leben  im  auBeren  Ather,  der  uns  ja 
uberall  umgibt.  Es  umgibt  uns  ja  nicht  nur  die  Luft,  es  umgibt  uns 
uberall  der  Ather;  aber  dieser  Ather  lebt  ein  wirkliches  Leben  in 
der  Zeit. 


Der  uns  umgebende  Ather  ist  gewissermaBen  eine  Art  Lebewesen, 
er  lebt,  und  lebt  aufeinanderfolgend  verschieden,  wie  ja  der  Mensch 
auch  in  seinen  Lebensaltern  verschieden  lebt.  Und  man  lernt  mit- 
erleben  das  fortschreitende  Leben  des  auBeren  Athers.  So  bekommt 
man  immer  mehr  und  mehr  ein  Gefiihl  dafiir,  wie  drauBen  das  Le- 
ben des  Lebensathers  ist,  wenn  der  Friihling  kommt,  wenn  er  sich 
dem  Sommer  nahert,  wenn  der  Sommer  auf  seinem  Hohepunkt  an- 
gelangt  ist,  wenn  der  Sommer  zur  Neige  geht,  wenn  der  Herbst  sich 
nahert  und  wenn  dieser  dann  da  ist.  Diesen  auBeren  Verlauf  lernt 
man  miterleben;  man  lernt  einen  deutlichen  Unterschied  kennen 
zwischen  diesem  Sommer-Friihling-,  Sommer-Herbstleben  und  dem 
eigentlichen  Winterleben. 

Dieser  Unterschied  wird  immer  deutlicher  wahrnehmbar,  so  daB 
man  sich  wirklich  zuletzt  sagen  kann:  die  Erde  lebt  mit  ihrem  Ather 
ein  selbstandiges  Leben,  und  man  schwimmt,  indem  man  mit  der 
Zeit  mitlebt,  formlich  darinnen  in  diesem  sich  wandelnden  Leben 
des  Athers.  Wenn  der  Hochsommer  da  ist,  so  fiihlt  man  am  aller- 
deutlichsten,  wie  man  mit  seinem  Atherleib  gewissermaBen  auf  sich 
selber  angewiesen  ist,  wie  man  mit  der  Erde  ein  eigenartiges  Leben 
mitmacht  so,  daB  die  Erde  einen  dann  wenig  innerlich  beruhrt;  man 
ist,  wie  gesagt,  gleichsam  auf  sich  selbst  angewiesen,  und  man  ver- 
bindet  dann  allmahlich  einen  BegrifT  mit  dem,  was  der  Okkultist 
sagt:  Wahrend  des  Sommers  ist  die  eigentliche  Schlafenszeit  der  Erde. 
Wir  kommen  da  zu  einer  Tatsache,  die  wegen  der  auBeren  Maja, 
von  der  der  Mensch  ja  fortw'ahrend  umgeben  ist,  ganz  falsch  beurteilt 
wird.  Im  auBeren,  von  der  Maja  dirigierten  Leben  vergleicht  der 
Mensch  gerne  den  Friihling  mit  dem  Morgen,  den  Sommer  mit  dem 
Mittag,  den  Herbst  mit  dem  Abend.  Er  tut  Unrecht  mit  diesem  Ver- 
gleich,  denn  in  der  Realitat  verhalt  sich  die  Sache  nicht  so.  In  der 
Realitat  miissen  wir,  wenn  wir  den  auBeren  Erdenverlauf  mit  etwas 
in  uns  vergleichen,  Friihling,  Sommer,  Herbst  —  in  dieser  Aufein- 
anderfolge  —  mit  der  Schlafenszeit  der  Erde  vergleichen;  und  Herbst, 
Winter,  Friihling  —  in  dieser  Aufeinanderfolge  —  mit  der  Wachens- 
zeit  der  Erde.  Und  wenn  wir  von  einem  Geist  der  Erde  sprechen, 
so  miissen  wir  uns  vorstellen,  daB  fur  diejenige  Halbkugel,  wo  Som- 


mer  ist,  der  Geist  der  Erde  wahrend  dieses  Sommers  sozusagen  in 
demselben  Zustand  ist,  in  welchem  wir  als  Menschen  wahrend 
unseres  Schlafzustandes  sind.  Es  ist  natiirlich  bei  der  Erde  anders. 
Der  Mensch  wechselt  absolut  mit  Wachen  und  Schlafen  ab,  bei  der 
Erde  ist  das  so,  daB  Wachen  und  Schlafen  gleichsam  von  der  einen 
zur  anderen  Halbkugel  Ziehen;  daB  im  Grunde  genommen  der  Geist 
der  Erde  nie  recht  schlaft,  sondern  daB,  wenn  er  seine  Wachtatig- 
keit  fur  die  eine  Halbkugel  vom  Schlafe  abgelost  sein  laBt,  er  dann 
seine  Wachtatigkeit  auf  die  andere  Halbkugel  verlegt.  Aber  darauf 
brauchen  wir  ja  weniger  Riicksicht  zu  nehmen. 

Wir  wollen  einmal  betrachten  das  Miterleben  des  Menschen  mit 
der  Erde:  da  kommt  ja  eigentlich  nur  die  eine  Halbkugel  der  Erde 
in  Betracht.  Wir  haben  uns  da  vorzustellen,  daB  der  Geist  der  Erde 
wahrend  der  Sommerszeit  in  gewisser  Weise  sich  selber  trennt  von 
seinem  physischen  Leibe,  der  jetzt  die  Erde  selbst  ware,  und  daB 
dieser  Geist  der  Erde  im  Verhaltnis  zu  seinem  physischen  Erdenleib 
im  Sommer  dasselbe  Leben  lebt,  das  der  Mensch  wahrend  der 
Schlafenszeit  im  Verhaltnis  zu  seinem  physischen  Leib  lebt. 

Wahrend  der  Schlafenszeit  liegen  der  physische  und  der  Atherleib 
im  Bette;  sie  fiihren  ein  rein  vegetatives  Leben.  Fur  den  okkulten 
Blick  stellt  sich  heraus,  daB  im  schlafenden  Menschenleib  etwas  ent- 
faltet  wird  wie  eine  feine  Vegetation,  wie  ein  Hervorsprossen  und 
HervorsprieBen  des  rein  vegetativen  Lebens,  und  die  wahrend  der 
Wachenszeit  verbrauchten  Krafte  werden  durch  dieses  vegetative 
Leben  wiederum  ersetzt,  so  daB  der  Mensch  wahrend  des  Schlafes 
eigentlich  seine  Sommerszeit  hat.  Und  wiirde  er  hinschauen,  wenn 
er  mit  seinem  astralischen  Leib  und  seinem  Ich  auBer  dem  physi- 
schen Leibe  ist,  auf  das  Leben  des  schlafenden  physischen  Leibes,  so 
wiirde  er  dieses  schlafende  Leben  des  physischen  Leibes  so  erblicken, 
wie  man  gerade  hervorsprieBend  und  sprossend  erblickt  das  pflanz- 
liche  Leben  im  Friihling  und  Sommer  auf  der  Erde.  So  wiirde  man 
an  seinem  physischen  Leibe  ein  vegetatives  sprieBendes  und  spros- 
sendes  Sommerleben  wahrend  der  Schlafenszeit  bemerken. 

Dadurch  aber,  daB  die  Erde  an  dem  von  uns  bewohnten  Teile 
wahrend  des  Sommers  ihre  Schlafenszeit  hat,  dadurch  ist  der  Mensch 


gewissermaBen  mit  seinem  Atherleibe  auf  sich  selbst  angewiesen, 
und  die  Folge  davon  ist,  daB  bei  einer  esoterischen  Entwicklung 
der  Mensch  wahrend  dieser  Sommerszeit,  wenn  er  sich  uberhaupt 
schon  die  Fahigkeit  angeeignet  hat,  so  etwas  wahrzunehmen,  seinen 
eigenen  Atherleib  mehr  wahrnimmt,  besser,  deutlicher  wahrnimmt 
als  wahrend  der  Winterszeit.  Er  nimmt  sozusagen  die  Selbstandig- 
keit  seines  Atherleibes  wahr,  und  zwar  vorzugsweise  in  unserem 
Zeitenzyklus  die  Selbstandigkeit  des  atherischen  Teiles  des  Kopfes, 
des  atherischen  Teiles,  der  dem  Gehirn  zugrunde  liegt.  Es  ist  ein 
sehr  eigentiimliches  Empfindenlernen,  wenn  man  anfangt,  dadurch, 
daB  man  das  Leben  des  Erdenathers  mitlebt  im  Sommer,  allmahlich 
eine  Art  innerer  Empfindung  sich  anzueignen  fiir  diesen  besonderen 
Teil  des  menschlichen  Atherleibes,  der  dem  Haupte,  dem  Kopfe 
zugrunde  liegt;  und  man  fiihlt  dann  dieses  innere  Erleben  anders 
im  Friihling,  anders  im  Sommer,  anders  gegen  den  Herbst  zu.  Man 
fuhlt  so  deutlich  die  Unterschiede  in  diesem  inneren  Erleben,  daB 
man  jetzt  wirklich  sprechen  kann,  geradeso  wie  beim  physischen 
Leibe  von  einer  Differenzierung  der  Glieder,  von  verschiedenen 
Leben,  die  man  durchmacht  im  Laufe  der  Sommerszeit,  von  deut- 
lich sich  voneinander  differenzierenden  Leben.  Anders  ist  das  Leben, 
das  sich  da  innerlich  entfaltet  im  Friihling,  anders  das  Leben,  das 
sich  innerlich  entfaltet  im  Sommer,  und  anders  das  im  Herbst. Wenn 
man  vom  Atherleib  spricht,  so  muB  man  eigentlich  eine  Trennung 
machen,  die  wir  heute  machen  werden:  sozusagen  einen  besonderen 
Atherteil  abtrennen,  der  dem  Haupt  zugrunde  liegt,  dem  Kopfe. 

Das  ist  es,  was  ich  mit  ein  paar  Strichen  Ihnen  skizzieren  will, 
meine  lieben  Freunde.  Wenn  wir  uns  skizzenhaft  den  Menschen 
vorstellen,  so  konnen  wir  uns  vorstellen,  daB  dieser  Atherleib,  von 
dem  ich  jetzt  eben  gesprochen  habe,  so  empfunden  wird  —  und  zwar 
nach  oben  immer  weniger  empfunden  wird,  aber  ins  Unbestimmte 
sich  verlierend  -,  daB  er  mit  der  Zeit  mitgeht.  Und  man  lernt  all- 
mahlich sogar  ganz  deutlich  fiihlen,  daB  an  diesem  Teil  unseres 
Atherleibes  Wesenheiten  schopferisch  mit  tatig  waren,  die  in  den 
verschiedenen  Zeiten,  die  man  da  durchlebt  vom  Friihling  gegen 
den  Herbst,  sozusagen  einander  ablosen;  man  merkt,  daB  an  dem 


Gehirnteil  unseres  Atherleibes  die  Zeiten  gearbeitet  haben,  so 
daB  unser  Athergehirn  ein  in  gewisser  Beziehung  kompliziertes 
Organ  ist. 

Es  ist  gleichsam  von  verschiedenen  geistigen  Wesenheiten,  die 
ihre  Fahigkeiten  in  aufeinanderfolgenden  Zeiten  entfalten,  in- 
einandergefiigt  worden.  Man  bekommt  nun  einen  BegrifT  von  einer 
sehr  bedeutungsvollen  Lehre  —  und  man  lernt  diese  Lehre  in  ihrer 
Wahrhek  nach  und  nach  empfinden  — ,  von  der  Lehre,  die  insbeson- 
dere  in  den  Zarathustraschulen  gepflogen  worden  ist.  Diese  Lehre 
sagte,  daB  der  Atherleib  des  menschlichen  Gehirns  von  geistigen 
Wesenheiten,  die  man  Amshaspands  nannte,  nach  und  nach  aus 
dem  geistigen  Kosmos  heraus  geschaffen  worden  ist.  Und  diese 
Amshaspands,  sie  wirken  so,  daB  sie  gleichsam  wahrend  der  Som- 
merszeit  die  Herrschaft  fiihren,  und  zwar  heute  noch  so  die  Herr- 
schaft  fiihren,  daB  sie  einander  ablosen,  der  erste  sozusagen  im  Friih- 
friihling,  der  zweite  im  Friihling  und  so  weiter  bis  zum  sechsten 
und  siebenten.  Sieben,  beziehungsweise  sechs  solcher  geistiger  Wesen- 
heiten, sie  wirken  sich  ablosend  in  der  Zeit;  und  sie  sind  die  schop- 
ferischen  Geister,  welche  —  dadurch,  daB  sie  eben  sich  ablosen,  so 
daB,  wenn  der  eine  seine  Tatigkeit  vollfiihrt  hat,  der  andere  ein- 
greift  —  ein  solches  kompliziertes  Wesen  zustande  bringen,  wie  es 
der  Atherleib,  besonders  der  des  menschlichen  Gehirns  ist.  In  unser 
Gehirn  also  spielen  herein  sechs  bis  sieben  einander  ablosende  gei- 
stige  Wesenheiten,  und  das  physische  Gehirn  des  Menschen  wird 
man  erst  begreifen,  wenn  man  sich  sagen  wird:  da  wirkt  ein  Geist, 
der  empfunden  werden  kann  insbesondere  im  Friihfriihling  —  er 
strahlt  seine  Krafte,  die  zunachst  Atherkrafte  sind,  aus;  dann  kommt 
im  spateren  Friihling  ein  zweiter  Geist,  der  strahlt  wiederum  seine 
Krafte  aus. 

Da  strahlen  also  die  Atherkrafte  dieses  zweiten  Geistes  in  den- 
selben  Raum  hinein.  Der  dritte  Geist  strahlt  wiederum  seine  Ather- 
krafte hinein,  und  so  bildet  sich  dieser  Atherteil  des  menschlichen 
Gehirns  in  derWeise,  daB  in  denselben  Raum  in  aufeinanderfolgen- 
den Zeiten  Geister,  die  sich  ablosen,  ihre  atherischen  Krafte  hinein- 
senden. 


Nun  miissen  wir  uns  klar  sein,  daB  wir  nur  fiihlen  konnen  ge- 
wisse  Zusammenhange  dessen,  was  da  in  unserem  Gehirn  ist  an 
Verwandtschaft  mit  diesen  Geistern,  die  auBer  uns  ihre  Atherkrafte 
heute  entfalten.  Denn  der  Okkultismus  lehrt  uns,  daB  das,  was  ich 
jetzt  eben  beschrieben  habe,  sich  schon  abgespielt  hat  wahrend  der 
alten  Mondenzeit;  so  daB  wir  nicht  glauben  diirfen,  daB  etwa  diese 
Geister,  die,  wie  wir  sagen  konnen,  den  Sommer  regieren,  heute 
noch  hineinwirken  und  etwa  Bildekrafte  sind.  Die  Anlagen,  die 
wahrend  der  alten  Mondenzeit  wirklich  hineingestrahlt  sind  von 
diesen  Geistern,  die  hat  sich  der  Mensch  schon  ins  Erdendasein 
heriibergebracht;  aber  weil  er  sie  so  in  sich  tragt  in  seinem  eigenen 
Atherleib,  verspiirt  er  heute  noch  —  wo  diese  geistigen  Wesenheiten 
keinen  unmittelbaren  EinfluB  mehr  haben  auf  unseren  inneren 
Atherleib  im  Gehirn  — ,  verspiirt  er  heute  noch  die  Verwandtschaft 
mit  ihnen,  und  das  ist  es,  was  man  spurt  im  Sommer.  Man  fuhlt  im 
Friihfriihling  den  ersten  dieser  Geister,  der  heute  eine  andere  Aufgabe 
hat  drauBen  im  Ather;  aber  man  fuhlt,  daB  von  ihm  herriihrt,  was 
man  in  sich  tragt,  was  man  im  alten  Mond  aufgenommen  hat;  man 
fiihlt  sich  zu  jener  Zeit  mit  ihm  verwandt.  Das  ist  jene  gewaltige 
Entdeckung,  die  der  Mensch  machen  kann  im  Verlaufe  seiner  eso- 
terischen  Entwicklung:  daB  er  in  sich  im  Laufe  der  Zeit  etwas  erlebt 
wie  ein  Abbild  von  geistig  wirksamen  Wesenheiten,  die  sogar  heute 
schon  eine  ganz  andere  Aufgabe  haben  als  friiher,  die  in  der  Ver- 
gangenheit  mitschopferische  Geister  an  unserer  eigenen  Wesenheit 
waren.  Wahrend  der  Erdenbildung  ist  dann  gleichsam  das  physische 
Gehirn  entstanden  wie  ein  Abdruck,  eine  Abpragung  dessen,  was 
schon  wie  eine  Art  von  atherischem  Urbild  wahrend  der  alten 
Mondenzeit  sich  herausentwickelt  hat  durch  diese  geistig-kosmi- 
schen  Einflusse.  Ich  habe  nach  oben  ofTen  gezeichnet  diesen  Teil 
unseres  Atherleibes,  weil  er  wirklich  so  empfunden  wird  (siehe 
Zeichnung  Seite  71).  Er  wird  so  empfunden,  daB,  sobald  man  ihn 
an  sich  selber  wahrnimmt,  man  in  der  Tat  das  Gefiihl  bekommt: 
Da  offnest  du  dich  in  geistige  Welten  hinaus,  da  stehst  du  im  Zu- 
sammenhang  mit  geistigen  Welten,  die  immer  iiber  dir  sind.  Es  gibt 
noch  eine  Empfindung,  die  man  nach  und  nach  im  esoterischen 


Leben  entwickelt  gegeniiber  diesem  Teil  des  Atherleibes.  Es  ist 
im  allgemeinen  gar  nicht  leicht,  iiber  diese  Dinge  sich  zu  verstan- 
digen;  aber  ich  hoffe,  daB,  wenn  ich  mich  bemiihe,  diese  Dinge 
deutlich  auszusprechen,  daB  wir  uns  doch  verstehen  konnen. 

Es  ist  so,  wie  wenn  man  in  der  Tat,  wenn  man  den  Atherleib  zu 
fuhlen  beginnt,  wie  im  Strome  der  Zek  sich  schwimmend  fiihlt. 
Aber  fur  diesen  Atherteil  des  Kopfes  ist  es  so,  wie  wenn  man  gewis- 
sermaBen  fiihlte,  als  ob  man  die  Zeit  mitnimmt,  man  also  nicht  nur 
fortschwimmt,  sondern  die  stromende  Zeit  mitnimmt.  In  der  Tat, 
man  tragt  viel  von  friiherer  Zeit  in  diesem  Atherteil  des  Kopfes: 
man  tragt  ja  die  alte  Mondenzeit  da  drinnen  mit;  denn  das  Wesent- 
liche,  was  da  entstanden  ist,  ist  wahrend  der  alten  Mondenzeit  ent- 
standen,  und  den  Strom  der  alten  Mondenzeit  tragt  man  im  Ather- 
teil des  Gehirns  mit.  Und  wenn  man  jetzt  so  anfangt  zu  fuhlen,  ist 
es  wie  eine  Erinnerung  an  die  alte  Mondenzeit.  Wer  sich  einen  Be- 
griff  verschafft  von  den  inneren  Erlebnissen,  die  als  Temperaments- 
erlebnisse  gestern  aufgefiihrt  worden  sind,  der  kann  auch  verstehen, 
wenn  gesagt  wird,  daB  der  Okkultist,  der  so  das  Innere  des  Ather- 
leibes seines  Kopfes  fuhlen  lernt,  wenn  er  sich  besonders  konzen- 
triert  auf  diesen  Atherteil  des  Kopfes,  dann  immer  dieses  Sich- 
konzentrieren  auf  den  Atherteil  seines  Kopfes  verbunden  fiihlt  mit 
einer  melancholischen  Stimmung,  die  ihn  iiber kommt;  man  fiihlt 
sozusagen  wie  ausgegossen  in  der  esoterischen  Entwicklung  melan- 
cholische  Stimmung  in  sein  Haupt  hinein.  Und  aus  dieser  melan- 
cholischen Stimmung  heraus  entwickelt  sich  im  inneren  Erleben 
allm'ahlich  ein  Verstandnis  fiir  solche  Dinge,  wie  sie  unseren 
Freunden  angefiihrt  worden  sind  bei  der  okkulten  Beschreibung  des 
alten  Mondes. 

Die  esoterische  Entwicklung  muB  natiirlich  noch  viel  weiter 
gehen,  wenn  man  wirklich  die  einzelnen  Verhaltnisse  auf  dem 
Monde  beschreiben  will;  aber  Sie  sehen,  wie  die  Dinge  beginnen, 
die  zu  einer  solchen  Beschreibung  fiihren.  Sie  sehen,  daB  etwas  auf- 
taucht  im  Menschen  drinnen  selber,  was  man  nennen  konnte  die 
Melancholie  seines  Kopfes,  innerhalb  welcher  Stimmung  sich  all- 
mahlich  herausdifferenziert  ein  Schauen  wie  ein  Erinnerungsschauen 


in  eine  urferne  Vergangenheit,  in  die  alte  Mondenzeit.  Und  es 
ware  wiinschenswert,  meine  lieben  Freunde,  daB  Sie  aus  solchen 
Schilderungen,  wie  die  eben  jetzt  gegebenen  sind,  ermessen,  wie 
eigentlich  esoterische  Entwicklung  fortschreitet,  wie  man  ausgeht 
von  einem  bestimmten  Erlebnis,  wie  man  dieses  Erlebnis  erkennen 
lernt  zunachst  —  in  diesem  Fall  zum  Beispiel  wie  eine  Erinnerung 
an  eine  urferne  Vergangenheit,  aus  der  man  den  Strom  der  Zeit  mit 
hereingenommen  hat  in  die  Gegenwart  —  und  gleichsam  wieder 
aufrollen  lernt  dasjenige,  was  einstmals  durchlebt  worden  ist.  Er- 
messen Sie  daraus,  daB  der  Okkultist  wahrhaftig  nicht  von  Trau- 
mereien  spricht,  wenn  er  jene  Konstruktion  des  Weltenalls  gibt,  die 
zuriickgeht  zur  alten  Monden-,  Sonnen-  und  Saturnzeit,  sondern  daB 
man  schon,  wenn  man  nur  geduldig  ausharrt,  durch  die  Auseinander- 
setzung,  wie  diese  Dinge  gefunden  werden,  einen  Begriff  bekom- 
men  kann  von  dem  allmahlichen  Hineinerleben  in  jene  gewaltigen 
groBen  Weltentableaus,  die  allerdings  einer  urfernen  Vergangenheit 
angehoren,  die  aber  wieder  heraufgerufen  werden  aus  dem  gegen- 
wartigen  Leben.  Wir  miissen  nur  dazu  kommen,  zum  Beispiel  ver- 
flossene  Zeitenerscheinungen,  die  wie  involviert,  wie  eingewickelt 
in  uns  liegen,  in  uns  zu  erleben  und  dann  zur  Entfaltung  zu 
bringen. 

Anders  erlebt  sich  der  Atherleib,  der  Teil  des  Atherleibes,  der 
angehort  der  mittleren  Partie  des  Menschen.  Nach  auBen  verliert 
sich  die  Empfindung;  inner lich  wird  sie  ungefahr  so  wahrgenom- 
men,  daB  man  sagen  kann:  Dieses,  was  hier  in  der  Mitte  gezeich- 
net  ist  wie  eine  Art  Eiform,  das  wird  abgetrennt  vom  anderen  emp- 
funden.  Wenn  man  diesen  mittleren  Teil  des  Atherleibes  so  heraus- 
sondert  als  ein  besonderes  Erleben,  so  muB  man  sagen:  Derjenige, 
der  durch  eine  esoterische  Entwicklung  dahin  kommt,  das  differen- 
zierte  Leben  auch  dieses  mittleren  Teiles  des  Menschen  in  sich  zu 
erfahren,  der  hat  dann  das  Gefiihl,  daB  er  in  diesem  Teile  des  Ather- 
leibes gewissermaBen  im  wesentlichen  genau  mitschwimmt  mit  dem 
Strom  der  Zeit.  Und  in  diesem  Teil  des  Atherleibes  wird  in  der  Tat 
noch  deutlich  empfunden  das  Miterleben  mit  dem  in  der  Auf- 
einanderfolge  der  Zeit  sich  differenzierenden  Atherleben  der  Erde. 


Wer  esoterisch  weiterkommt,  der  fiihlt  gerade  in  diesem  Teil,  wie 
im  Friihfriihling  in  der  Tat  andere  Geister  sozusagen  auf  ihn  ein- 
wirken  als  im  Hochsommer  oder  Herbst.  Es  ist  eine  Art  Miterleben, 
genauer  eine  Art  von  Mitschwimmen.  Dadurch  auch  sondert  sich 
dieser  Teil  von  dem  anderen  heraus,  und  wir  haben,  wenn  wir  nun 
in  solche  Dinge  eingehen  konnen,  fur  diesen  mittleren  Teil  des 
Atherleibes  ein  Gefiihl,  welches  schwankt  zwischen  phlegmatischer 
und  sanguinischer  Stimmung.  Die  mannigfaltigsten  Nuancen  nimmt 
es  an  zwischen  phlegmatischer  und  sanguinischer  Stimmung.  Es  ist 
zum  Beispiel  in  der  Friihlingszeit  mehr  eine  Art  von  Mitgehen  im 
Atherleib  —  im  physischen  Leib  driickt  sich  das  ganz  anders  aus  — 
mit  dem  Strom  der  Zeit,  gegen  den  Herbst  zu  ein  Sich-mehr-Wehren, 
ein  AbstoBen  des  Stromes  der  Zeit. 

Ein  dritter  Teil  des  Atherleibes  wird  dann  empfunden  so,  daB 
wir  ihn  nach  unten  ins  Unbestimmte  verlaufend  fiihlen,  daB  er  in 
die  Erde  hinein  verschwindet,  sich  aber  ausbreitet.  Dieses  sind  drei 
Teile  des  Atherleibes,  die  man  getrennt  voneinander  empfinden  kann. 

Nun  aber  wiirde  dieses  darstellen  die  innere  Empfindung,  das 
innere  Erleben  des  Atherleibes;  es  wiirde  sich  das  zum  Beispiel  fur 
den  Hellseher  nicht  so  darstellen,  wenn  er  den  Atherleib  ernes 
anderen  Menschen  betrachtete,  sondern  es  ist  das  das  innere  Erleben 
des  Atherleibes.  Dieses  Erleben  wird  noch  wesentlich  dadurch  modi- 
fiziert,  daB  ein  viertes  Glied  des  Atherleibes  da  ist,  deutlich  begrenzt 
wie  eine  Art  Eiform,  welches  eigentlich  den  Menschen  in  sich  auf- 
nimmt.  Man  verschafft  sich  aus  den  verschiedenen  Empfindungen, 
die  man  diesen  Teilen  des  Atherleibes  gegeniiber  hat,  allmahlich 
solche  Empfindungen,  daB  man  das  Gefiihl  erh'alt,  man  habe  den 
inneren  Eindruck  von  dem  Atherleib  wie  von  auBerer  Form. 

Und  dann  tingiert  sich  der  Atherleib,  dann  farbt  er  sich,  und 
man  bekommt  den  Eindruck,  als  ob  man  hier  in  diesem  Teil  des 
Atherleibes  wie  in  einer  Art  von  blaulicher  oder  blaulichvioletter 
Aura  ware.  Dieser  Teil,  der  dem  Kopfe  entspricht,  der  ist  auch  blau- 
lich  oder,  je  nachdem  der  Mensch  geartet  ist,  blaulichviolett,  geht 
aber  nach  unten  allmahlich  ins  Griinliche  iiber.  Der  mktlere  Teil 
hat  eine  deutlich  gelbrotliche  Farbung  —  wenn  man  die  Farbe  emp- 


fmdet  —  und  der  untere  Teil  hat  eine  deutlich  rotliche  bis  tiefrote 
Farbe,  die  aber  ausstrahlt  und  oftmals  bis  weit  hinaus  geht. 

Nun  sind  aber  die  Krafte,  die  in  diesen  vier  Teilen  wirken,  dif- 
ferenziert,  so  daB  dasjenige,  was  man  als  die  inneren  Empfindungen 
hat,  nicht  genau  herauskommt;  sondern  wenn  man  es  von  auBen 


hellseherisch  anschaut,  so  wirken  die  Krafte,  die  in  dieser  auBersten 
Aura  sind,  zusammendrangend  den  oberen  Teil,  und  man  bekommt 
dann,  wenn  man  von  auBen  schaut,  den  Eindruck,  als  ob,  nur  ein 
wenig  groBer,  der  Atherteil  des  Kopfes  ganz  der  Form  des  Kopfes 
angemessen  ware.  Der  mittlere  Teil  ebenso.  Je  weiter  nach  unten, 
desto  weniger  ist  das  der  Fall.  Aber  man  bekommt  dadurch,  daB 
die  Krafte  aufeinander  wirken,  wenn  man  das  von  auBen  ansieht, 


den  Eindruck,  als  ob  der  Atherleib  eine  Art  Grundform  ware  des 
physischen  Leibes,  bis  zu  einer  gewissen  Weite  aber  aus  dem  phy- 
sischen  Leib  herausragt.  Gegen  unten  verliert  sich  allmahlich  das 
Gefiihl  des  Zusammenstimmens  von  physischem  Leib  und  Atherleib. 

Also  Sie  miissen  festhalten  daran,  daB  das  innere  Erlebnis  des 
Atherleibes  ein  anderes  ist  als  das  Wesen,  das  der  Atherleib  in  der 
Anschauung  dem  Hellseher  nach  auBen  2eigt.  Das  muB  ganz  genau 
festgehalten  werden. 

Wenn  Sie  noch  lernen,  in  der  esoterischen  Entwicklung  auf  die 
Stimmung  zu  achten  im  Sinne  jener  Grundstimmungen,  die  ja  im 
atherischen  Leib  veranlagt  sind  und  die  gestern  charakterisiert  wor- 
den  sind,  so  ergibt  sich,  daB  fur  den  untersten  Teil  des  atherischen 
Leibes  die  Stimmung  als  eine  cholerische  empfunden  wird.  So  dif- 
ferenzieren  sich  in  der  Tat  fur  die  verschiedenen  Glieder  unseres 
Atherleibes  die  einzelnen  Temperamente.  Der  obere  Teil  des  Ather- 
leibes ist  melancholisch  gestimmt,  der  mittlere  ist  in  Wechselzustan- 
den  phlegmatisch-sanguinisch  gestimmt,  der  untere  cholerisch.  Und 
ich  bitte  Sie,  durchaus  darauf  zu  achten,  daB  diese  Beschreibung  fur 
den  Atherleib  gilt.  Wer  das  nicht  genau  in  Erwagung  zieht,  wird 
zum  Beispiel  sehr  leicht,  wenn  er  die  Dinge  auBerlich  nimmt,  in 
Irrtiimer  verfallen  konnen.  Wer  aber  genau  das  in  Erwagung  zieht, 
der  wird  durch  die  Ubereinstimmung  dessen,  was  ausgefuhrt  wor- 
den  ist,  mit  gewissen  Erscheinungen  des  Lebens  im  hochsten  Grade 
frappiert  sein.  Man  versuche  nur  einmal  zum  Beispiel  Choleriker 
zu  studieren  —  es  ist  im  hochsten  Grade  interessant. 

Nach  dem,  was  gesagt  worden  ist,  wiirde  bei  dem  Choleriker  der 
untere  Teil  des  Atherleibes  ganz  besonders  hervorragend  ausgebil- 
det  sein;  er  wiirde  hervorstechen  iiber  die  anderen  Teile,  dadurch 
wiirde  der  Mensch  ein  Choleriker  sein.  Die  anderen  Teile  sind 
natiirlich  auch  entwickelt,  aber  der  untere  Teil  wiirde  besonders 
hervorstechen.  Wenn  nun  der  untere  Teil  des  Atherleibes  besonders 
als  Atherleib  ausgebildet  ist,  da  drinnen  seine  starken  Krafte  hat, 
dann  tritt  immer  ein  anderes  ein:  daB  namlich  der  physische  Leib 
in  diesen  Partien  etwas  zu  kurz  kommt,  daB  der  physische  Leib 
gewisse  mangelnde  Ausbildungen  nach  jener  Richtung  zeigen  kann, 


die  diesem  Teil  des  Atherleibes  unterliegen.  Es  wiirde  also  daraus 
sich  ergeben,  daB  bei  ausgesprochenen  Cholerikern,  die  im  Leben 
als  solche  auftreten,  der  anatomische  Befund  fiir  gewisse  Organe, 
die  diesem  Teil  des  Atherleibes  entsprechen,  eine  Art  Zu-kurz- 
Kommen  aufweist.  Bitte  lesen  Sie  den  anatomischen  Befund  iiber 
einen  Napoleon,  und  Sie  werden  frappiert  sein  von  dem,  was  sich 
Ihnen  da  als  Beleg  darstellen  wird.  Wenn  man  anfangen  wird  zu 
studieren  diese  verborgenen  Seiten  der  Menschennatur,  dann  wird 
man  dies  erst  in  Wirklichkeit  begreifen  lernen. 

Sie  konnen  nun  die  Frage  aufwerfen:  Wie  stimmt  das,  was  gestern 
gesagt  worden  ist,  mit  dem  Heutigen  iiberein?  Es  stimmt  durchaus 
iiberein.  Es  ist  gestern  von  den  vier  Temperamenten  gesprochen 
worden.  Sie  sind  vorbedingt  durch  die  Krafte  des  Atherleibes.  Und 
in  der  Tat:  das  Leben  des  Atherleibes  bezieht  sich  ebenso  auf  das 
Zeitliche,  wie  sich  bezieht  die  Gliederung,  die  Differenzierung  auf 
das  Raumliche.  Der  physische  Leib  wird  in  sich  lebendiger  in  dem 
Raumlichen,  sich  gleichsam  differenzierend  in  seine  einzelnen  Glie- 
der;  der  Atherleib  wird  lebendiger,  indem  sich  seine  Glieder  zeit- 
lich  differenzieren,  das  heiBt  indem  das  Zeitleben  in  der  Aufeinander- 
folge  in  selbstandigen  Teilen  und  Gliedern  miterlebt  wird. 

Beim  Melancholiker  liegt  in  der  Tat  das  zugrunde,  daB  er  stets 
ein  von  ihm  in  der  Zeit  Erlebtes,  ein  Vergangenes  in  sich  mittragt. 
Wer  einzugehen  vermag  auf  den  Atherleib  des  Melancholikers,  der 
findet,  daB  dieser  Atherleib  noch  immer  in  sich  nachschwingen  hat 
das,  was  er  miterlebt  hat  in  vergangenen  Zeiten.  Ich  meine  jetzt 
nicht  dasjenige,  was  hier  erwahnt  worden  ist  beim  menschlichen 
Gehirn,  was  sich  auf  urferne  Zeiten  bezieht,  sondern  bei  dem,  was 
man  gewohnlich  Melancholie  nennt.  Da  regt  sich  vor  alien  Dingen 
das  Atherleben  des  Kopfes  an  in  einer  bestimmten  Zeit  —  sagen 
wir  in  der  Jugend;  und  dann  wird  das,  was  angeregt  ist,  so  stark 
beeinfhiBt,  daB  in  spateren  Lebensaltern  man  als  Melancholiker 
noch  mittragt  die  Schwingungen  im  Atherleib,  die  sich  in  der 
Jugend  eingepragt  haben,  wahrend  beim  Nichtmelancholiker  diese 
Schwingungen  sich  eben  abvibriert  haben.  Bei  dem  Phlegmatiker  und 
Sanguiniker  haben  wir  eine  Art  Mitschwimmen  mit  der  Zeit;  nur 


daB  beim  Phlegmatiker  gleichsam  ein  vollstandiges  gleichmaBiges 
Mitschwimmen  mit  dem  Strom  der  Zeit  vorhanden  ist,  wahrend 
der  Sanguiniker  wechselt  zwischen  sozusagen  innerem  schnellerem 
Erleben  und  langsamerem  Erleben  gegeniiber  dem  auBerlich  ver- 
flieBenden  Strom  der  Zeit.  Der  Choleriker  dagegen  stemmt  sich  — 
und  das  ist  das  Eigentiimliche  —  gegen  die  Zeit,  die  heranriickt, 
die  gleichsam  aus  der  Zukunft  uns  zuflieBt.  Der  Choleriker  weist 
also  in  gewissem  Sinn  die  Zeit  von  sich  ab,  und  er  entledigt  sich 
schnell  der  Vibrationen,  die  die  Zeit  in  seinem  Atherleib  hervor- 
ruft.  Daher  tragt  der  Melancholiker  am  meisten  von  Nachschwin- 
gungen  des  in  der  Vergangenheit  Erlebten  in  sich;  der  Choleriker 
tragt  am  wenigsten  von  Nachschwingung  dessen  in  sich,  was  er  in 
der  Vergangenheit  erlebt  hat.  Nehmen  Sie  den  etwas  grotesken 
Vergleich  von  dem  in  sich  mit  Luft  vollgesogenen  Ball,  der  ver- 
ghchen  wurde  mit  dem  Atherleib  des  Cholerikers,  so  konnen  Sie 
diesen  Vergleich  auch  hier  anwenden.  Der  Ball  ist  schwer  zu  be- 
eindmcken  durch  die  aufeinanderfolgenden  Ereignisse;  er  stoBt  die 
Ereignisse  von  sich,  TaBt  daher  die  Ereignisse,  wie  sie  in  dem  Zei- 
tenstrom  wirken,  nicht  stark  in  sich  nachschwingen.  Daher  tragt 
er  das  nicht  lange  in  sich.  Der  Melancholiker,  der  die  Ereignisse 
tief,  tief  in  seinen  Atherleib  hereinwirken  laBt,  hat  lange  zu  tra- 
gen  an  den  Schwingungen,  die  er  sich  aus  einem  vergangenen  Zei- 
tenverlauf  in  die  Zukunft  hinein  mitnimmt. 

Es  ist  gut,  wenn  man  sich  iiberhaupt  fur  das  Verstandnis  von 
Ather-  und  physischem  Leib  die  Vorstellung  aneignet,  daB  der  phy- 
sische  Leib  vorzugsweise  ein  Raumesleib,  der  Atherleib  vorzugs- 
weise  ein  Zeitenwesen  ist.  Man  versteht  den  Atherleib  gar  nicht, 
wenn  man  ihn  nur  als  ein  Raumeswesen  betrachtet.  Und  eine 
solche  Zeichnung,  wie  sie  hier  gemacht  worden  ist,  ist  eigentlich 
nur  eine  Art  Verbildlichung  im  Raum  fur  das  in  der  Zeit  dahinflie- 
Bende  und  mit  der  Zeit  sich  auseinandersetzende  Leben  des  Ather- 
leibes.  Weil  das  Leben  des  Atherleibes  selber  wie  in  der  Zeit  verlau- 
fend  ist,  ein  Zeitenleben  ist,  deshalb  erleben  wir  auch  mit  unserem 
Atherleib  die  Zeit  mit,  das  heiBt  den  auBeren  Strom  der  Ereignisse 
in  der  Zeit. 


Auch  noch  einen  anderen  Strom  von  Ereignissen  in  der  Zeit  er- 
lebt  der  Mensch  mit,  wenn  er  eine  okkulte  Entwicklung  durch- 
macht.  Im  gewbhnlichen  Leben  wird  dieser  Strom  von  Ereignissen 
wenig  wahrgenommen,  aber  er  wird  eben  wahrgenommen  bei  einer 
Hoherentwicklung  der  Seele:  das  ist  der  Tageslauf.  Denn  in  ge- 
wisser  Weise  wirken  mit  minderen  Kraften  die  Geister  des  Jahres- 
laufes  auch  herein  in  den  Tageslauf.  Ist  es  ja  dieselbe  Sonne,  die 
den  Jahres-  und  die  den  Tagesverlauf  bedingt!  Derjenige,  der  eine 
esoterische  Entwicklung  durchgemacht  hat,  der  wird  bald  finden, 
daB  eine  solche  Verwandtschaft  besteht  zwischen  seinem  Atherleib 
und  dem,  was  im  auBeren  Ather  vorgeht,  daB  er  sozusagen  den 
Geistern  des  Morgens  anders  gegeniiberstehen  wird  als  den  Gei- 
stern  des  Mittags  und  denen  des  Abends.  Die  Geister  des  Morgens 
regen  uns  so  an,  daB  wir  uns  da  sozusagen  angeregter  fuhlen  in 
unserem  Atherleib  zu  einer  T'atigkeit,  die  mehr  nach  dem  Verstande, 
nach  der  Vernunft  zuneigt,  die  mehr  das  Erlebte  iiberdenken  kann, 
die  mehr  das  Beobachtete  in  der  Erinnerung  mit  dem  Urteil  ver- 
arbeiten  kann.  Geht  es  gegen  den  Mittag  zu,  so  nehmen  diese 
Krafte  des  Urteils  nach  und  nach  ab;  der  Mensch  fuhlt,  wie  inner- 
lich  die  Impulse  des  Willens  arbeiten.  Wenn  auch  der  Mensch 
gegen  den  Mittag  zu  anfangt,  sozusagen  in  bezug  auf  die  auBeren 
Arbeitskrafte  weniger  leistungsfahig  zu  sein  als  am  Morgen:  inner- 
lich  arbeiten  die  Willenskrafte  mehr.  Und  wenn  es  dann  gegen  den 
Abend  zugeht,  dann  kommen  die  produktiven  Krafte,  das,  was 
mehr  mit  der  Phantasie  zusammenhangt.  So  unterscheiden  sich 
auch  in  bezug  auf  ihre  Obliegenheiten  die  geistigen  Wesenheiten, 
die  ihre  Krafte  in  die  Lebens'ather-Verhaltnisse  der  Erde  herein- 
senden. 

Man  kann  uberzeugt  sein,  daB  man  allmahlich  immer  mehr  wird 
verstehen  lernen  —  je  mehr  man  iiberwunden  haben  wird  die  ganze 
materialistische  Gesinnungsweise  unserer  Zeit  — ,  Rechnung  zu  tra- 
gen  iiberhaupt  der  Anpassung  des  menschlichen  Atherleibes  an  den 
Zeitenverlauf.  Es  wird  eine  Zeit  kommen,  wo  man  es  eben  sonder- 
bar  finden  wird,  wenn  man  in  den  Schulstunden  am  Morgen  einen 
Schulgegenstand  vornimmt,  der  an  die  Phantasie  besondere  An- 


spriiche  macht.  Man  wird  das  in  der  Zukunft  einmal  ebenso  son- 
derbar  finden,  wie  man  es  heute  sonderbar  finden  wird,  wenn  sich 
jemand  im  August  einen  Pelz  anzoge  und  mitten  im  Winter  ein 
dunnes  Gewand.  GewiB,  wir  sind  heute  von  diesen  Dingen  noch 
etwas  weit  entfernt;  aber  sie  werden  schon  heranriicken,  friiher  als 
die  Menschen  eigentlich  glauben.  Es  wird  sich  eine  Zeit  ergeben, 
in  welcher  im  allgemeinen  —  es  wird  wiederum  ein  Unterschied 
zwischen  Sommers-  und  Winterszeit  sein  — ,  aber  es  wird  sich  eine 
Zeit  ergeben,  in  welcher  die  Menschen  einsehen  werden,  daB  es  ein 
Unding  ist,  die  Schulstunden  anders  einzurichten,  als  daB  man  einige 
Stunden  am  Morgen  einrichtet,  dann  den  Mittag  wird  frei  lassen  in 
einer  weiten  Spanne  Zeit  und  dann  auf  den  Abend  wiederum  einige 
Stunden  legen  wird.  Vielleicht  findet  man  das  nach  der  heutigen 
Zeiteinteilung  unpraktisch;  man  wird  es  einmal  praktisch  finden  in 
bezug  auf  die  Anforderungen  der  Menschennatur.  Und  man  wird 
die  Mathematikstunden  auf  den  Morgen  legen,  das  Lesen  von  Dich- 
tern  in  die  Abendstunden.  Heute  sind  wir  gerade  in  einer  Zeit,  in 
der  das  Verstandnis  dieser  Dinge  durch  die  materialistische  Gesin- 
nung,  die  heute  eine  Hochflut  bildet,  ganz  verschiittet  ist;  so  daB 
es  heute  vorkommen  wird,  daB  das,  was  als  das  Verniinftigste  er- 
scheinen  muB,  wenn  man  die  gesamte  Natur  des  Menschen  ins 
Auge  faBt,  als  das  Narrischste  erscheint. 

Ein  anderes  Ergebnis  wird  sein,  daB  man  wahrend  der  Winters- 
zeit durch  die  esoterische  Entwicklung  immer  mehr  und  mehr  fiih- 
len  wird,  daB  man  sozusagen  mit  seinem  inneren  Atherleib  nicht 
so  in  sich  geschlossen  ist  wie  wahrend  der  Sommerszeit,  sondern 
daB  man  mehr  in  Zusammenhang  kommt  mit  dem  unmittelbaren 
Geist  der  Erde.  Der  Unterschied  wird  so  gefiihlt  sein,  daB  man  sich 
wahrend  der  Sommerszeit  sagt:  Du  lebst  da  mit  den  Geistern,  die 
vor  uralten  Zeiten  an  dir  gearbeitet  haben,  deren  Arbeit  du  mit- 
tragst,  wahrend  der  unmittelbare  Lebensgeist  der  Erde  dir  jetzt  im 
Sommer  ferner  liegt.  —  Im  Winter  werden  mehr  schweigen  die 
inneren  Schwingungen,  die  man  seit  alten  Zeiten  namentlich  im 
Kopfe  mit  sich  tragt;  man  wird  sich  fiihlen  verbunden  mit  dem 
Geist  der  Erde,  man  wird  verstehen  lernen,  daB  der  Geist  der  Erde 


wacht  im  Winter.  Wie  er  im  Sommer  schl'aft,  so  wacht  er  im  Win- 
ter. Wahrend  des  Sommers  sieht  der  Geist  der  Erde  geradeso  das 
sprieBende  und  sprossende  Pflanzenleben  kommen,  wie  der  schla- 
fende  Mensch  in  seinem  eigenen  Leibe  die  vegetativen  Krafte  empor- 
schieBen  sieht.  Wahrend  des  Winters  treten  sie  zuriick,  wie  wahrend 
des  Wachens  diese  vegetativen  Krafte  im  Menschenleib  zuriick- 
treten.  Im  Winter  wacht  der  Geist  der  Erde;  die  Erde  ist  gleichsam 
vereint  mit  dem  wachenden  Geist,  wie  der  Mensch  wahrend  der 
Wachenszeit  mit  seinem  wachen  Geist  vereinigt  ist.  Die  Folge  ist, 
wenn  man  sich  durch  esoterisches  Leben  eine  Empfindung  dafiir 
verschafft,  daB  man  fiihlen  lernt,  daB  man  im  Sommer  denken  muB, 
die  Gedanken  sich  erarbeiten  muB.  Nicht  die  Inspirationen;  die 
kommen  aus  dem,  was  im  Innern  ist,  im  unabhangigen  Atherleib. 
Im  Winter  aber  wird  man  mit  Gedanken  leichter  inspiriert  als  im 
Sommer,  so  daB  das  menschliche  Denken  im  Winter  mehr  wie  eine 
Inspiration  wirkt  als  im  Sommer.  Also  gerade  das  im  besonderen 
Sinn  menschliche  Denken  geht  im  Winter  so  leicht  vor  sich,  daB 
es  wie  von  selber  kommt  in  gewisser  Beziehung.  Naturlich  kom- 
binieren  sich  diese  Verhaltnisse.  Diese  Verhaltnisse  stellen  sich  auch 
ganz  individuell  bei  dem  einzelnen  Menschen  ein.  So  daB,  wenn  ein 
Mensch  mehr  dazu  veranlagt  ist,  sozusagen  Gedanken  zu  hegen, 
die  nach  dem  Ubersinnlichen  gehen,  sich  das  kreuzen  kann.  Da- 
durch,  daB  wahrend  der  Sommerszeit  dann  zu  diesem  Ubersinn- 
lichen ein  leichteres  Produzieren  fur  diese  Gedanken  moglich  ist, 
kann  gerade  das  Umgekehrte  eintreten.  Aber  fiir  das  Erleben  des 
Atherleibes  gilt  das,  was  ich  jetzt  eben  gesagt  habe. 

Gerade  dieses  Miterleben  mit  dem  auBeren  Atherwesen,  das  tritt 
immer  empfindlicher  auf,  je  mehr  der  Mensch  in  seiner  esoterischen 
Entwicklung  fortschreitet.  Und  wenn  der  Mensch  seinen  Atherleib 
iiberhaupt  in  entsprechender  Weise  zur  Entwicklung  bringen  will, 
so  muB  er  —  wie  er  zuerst  die  sinnliche  Wahrnehmung  unterdriicken 
muB  —  nach  und  nach  das  Denken  auch  ausschalten;  er  muB  nament- 
lich  das  abstrakte  Denken  ausschalten  und  nach  und  nach  iiber- 
gehen  zum  konkreten,  zum  bildhaften  Denken;  er  muB  vom  Den- 
ken iibergehen  zum  Gedanken  und  dann  auch  die  Gedanken  fallen- 


lassen.  Dann  aber,  wenn  der  Mensch  herstellt  sein  leeres  BewuBt- 
sein,  wenn  er  die  Gedanken  fallenlaBt,  wie  Sie  das  beschrieben  fin- 
den  im  zweiten  Teil  meiner  «Geheimwissenschaft»,  dann  fiihlt  der 
Mensch,  wie  sein  in  ihm  lebendes  Denken  herunterschwindet,  wie 
gleichsam  schmilzt  das,  was  er  bisher  aus  seinen  eigenen  Anstren- 
gungen  als  sein  Denken  hervorgebracht  hat;  dafiir  aber  fiihlt  er 
sich  dann  merkwiirdig  belebt  von  Gedanken,  die  wie  aus  unbekann- 
ten  Welten  in  inn  einstromen,  fur  ihn  da  sind. 

Es  ist  ein  Ubergang  im  menschlichen  Seelenleben,  den  man  so 
charakterisieren  kann  etwa  —  ich  bitte  Sie,  den  Ausdruck  nicht  miB- 
zuverstehen  — ,  daB  man  sagt:  der  Mensch  hort  auf  gescheit  zu  sein 
und  beginnt  weise  zu  werden.  Dieses  ist  etwas,  womit  man  einen 
ganz  bestimmten  Begriff  verbindet.  Klugheit,  die  man  sich  erarbeitet 
innerlich  durch  Urteilskraft,  Gescheitheit,  die  ein  Erdengut  ist, 
schwindet  dahin.  Namentlich  kommt  man  in  die  innere  Verfassung, 
daB  man  sie  nicht  besonders  hoch  schatzt;  denn  man  fiihlt  allmah- 
lich  in  sich  aufleuchten  von  Gottern  einem  geschenkte  Weisheit! 
Ich  bitte  eben  den  Ausdruck  durchaus  nicht  miBzuverstehen;  denn 
das  Erleben,  das  bringt  es  schon  dahin,  daB  der  Ausdruck  gebraucht 
werden  kann  ohne  alle  Unbescheidenheit,  daB  er  ganz  demiitig  und 
bescheiden  gebraucht  werden  kann.  Gegeniiber  der  von  Gottern 
geschenkten  Weisheit  wird  der  Mensch  schon  immer  demiitiger  und 
demutiger;  stolz  und  hochmiitig  ist  man  eigentlich  nur  auf  die  selbst 
erarbeitete  Klugheit  und  die  sogenannte  Gescheitheit. 

Und  dann,  wenn  man  dieses  Erlebnis  durchmacht,  dann  fiihlt 
man  allmahlich,  wie  wenn  diese  Weisheit,  diese  gottgeschenkte 
Weisheit  in  einen  einstromt,  in  den  Atherleib  einstromt,  den  Ather- 
leib  erfiillt.  Dies  ist  eine  ganz  bedeutsame  Erfahrung,  die  man 
macht;  denn  man  macht  diese  Erfahrung  auf  eigentiimliche  Weise. 
Man  macht  sie  so,  daB  man  fiihlt  Leben  fortgehen  oder  fortschwim- 
men  mit  dem  Strom  der  Zeit.  Und  der  Strom  der  Weisheit  ist  etwas, 
was  einem  entgegenkommt,  was  einem,  indem  man  mit  der  Zeit 
fortschwimmt,  wie  ein  entgegenriickender  Strom  sich  in  einen 
ergie^t;  und  man  fiihlt  dieses  ErgieBen  in  der  Tat  so,  daB  man  — 
das  ist  bildlich  gezeichnet  — ,  daB  man  es  fiihlt  wie  Strome,  aber 


eben  in  der  Zeit  verlaufende  Strome,  welche  durch  das  Haupt  herein- 
kommen  und  in  den  Leib  sich  ergieBen  und  vom  Leib  aufgefangen 
werden. 

Nach  und  nach  wird  das,  was  ich  jetzt  eben  ausgesprochen  habe, 
zu  einem  ganz  bestimmten  Erlebnis.  Man  fiihlt  sich  nicht  mehr  im 
Raum;  denn  man  lernt  fiihlen  den  Atherleib,  der  ein  Zeitwesen  ist, 
man  lernt  sich  fortbewegen  in  der  Zeit,  aber  man  lernt  fortwahrend 
sich  sozusagen  begegnen  mit  den  geistigen  Wesenheiten,  die  einem 
entgegenkommen  wie  von  der  anderen  Seite  der  Welt,  die  von  der 
Zukunft  her  einem  entgegenkommen  und  einen  beschenken  mit 
der  Weisheit.  Dann  ist  das  Gefiihl,  daJ3  man  diese  Weisheit  emp- 
fangt,  nur  zu  erreichen,  wenn  man  die  esoterische  oder  okkulte  Ent- 
wicklung  so  eingerichtet  hat,  daB  man  ein  Gefiihl  in  sich  entfaltet 
hat,  das  in  eigentiimlicher  Weise  die  Seele  stellt  gegen  alle  Zukunfts- 
ereignisse:  Wenn  man  Gelassenheit  entfaltet  hat  gegenuber  dem, 
was  die  Zukunft  uns  bringt,  das  heiBt,  was  das  fortwahrende  Er- 
leben  uns  entgegenbringt.  Wenn  wir  noch  stark  mit  Sympathie  und 
Antipathie  entgegengehen  unserem  Erleben,  wenn  wir  noch  nicht 
gelernt  haben,  Karma  ernst  zu  nehmen,  das  heiBt  dasjenige,  was 
uns  trifTt,  in  gelassener  Ertragung  des  Karmas  hinzunehmen  gelernt 
haben,  dann  konnen  wir  noch  nicht  jene  eigentumliche  Empfindung 
der  uns  entgegenstromenden  Weisheit  haben;  denn  nur  aus  einem 
gelassen  empfundenen  Erleben  differenzieren  sich  heraus  die  in 
unsere  Wesenheit  lichtvoll  einstromenden  Strome  der  Weisheit. 
Durch  die  eben  geschilderte  Empfindung  ist  zu  charakterisieren  ein 
ganz  bestimmter  Punkt  des  esoterischen  Erlebens,  jener  Punkt,  auf" 
dem  wir  ankommen  und  den  wir  eigentlich  nur  erleben  konnen, 
wenn  wir  in  hingebender  Dankbarkeit  und  in  Gelassenheit  jedes 
Erlebnis  an  uns  heranriicken  lassen.  Dazu  befahigt  uns  die  Ver- 
anderung  unseres  atherischen  Leibes,  die  vor  sich  geht  bei  der  rich- 
tigen  esoterischen  Entwicklung  und  die  ja  neben  anderen  Entwick- 
lungsforderungen  auch  diese  stellt:  daB  wir  uns  Gelassenheit,  daB 
wir  uns  wirkliches  Verstandnis  fur  unser  Karma  aneignen,  so  daB 
wir  nicht  mit  Sympathie  und  Antipathie  herbeiziehen  das,  was  kom- 
men  soil,  oder  uns  auflehnen  gegen  das,  was  uns  trifTt,  sondern  im 


gleichmaBigen  Strom  des  Erlebens  unser  Karma  ertragen  lernen. 
Dieses  Ertragenlernen  des  Karmas  gehort  zur  esoterischen  Entwick- 
lung,  und  das  ist  es,  was  es  uns  moglich  macht,  unseren  atherischen 
Leib  so  zu  verwandeln,  daB  er  allmahlich  immer  mehr  und  mehr 
empfinden  lernt  das  auBere  ihn  umgebende  Atherleben. 


FUNFTER  VORTRAG 
Den  Haag,  24.Marz  1913 

Es  wird  sich  darum  handeln,  daB  wir  diesen  Vortragszyklus 
gerade  im  richtigen  Sinne  nehmen,  das  heiBt,  ihn  betrachten 
als  eine  Auseinandersetzung  iiber  Erlebnisse,  die  der  Mensch 
durchmacht  als  Veranderungen  in  sich  selbst  wahrend  seiner 
esoterischen,  oder  sagen  wir,  durch  Anthroposophie  an  ihm  bewirk- 
ten  Entwicklung,  so  daB  das,  was  geschildert  wird,  durchaus  an- 
zusehen  ist  als  etwas,  was  wahrend  der  Entwicklung  wirklich  er- 
lebt  werden  kann. 

NaturgemaB  konnen  nur  hervorstechende  Erlebnisse,  sozusagen 
typische  Erlebnisse  auseinandergesetzt  werden;  allein  an  diesen 
hauptsachlichsten  Erlebnissen  wird  man  ja  eine  Vorstellung  gewin- 
nen  konnen  iiber  mancherlei  anderes  noch,  was  im  Verlaufe  der 
Entwicklung  zu  beobachten  ist.  Gestern  sprachen  wir  hauptsachlich 
davon,  daB  der  Mensch  sich  eine  feinere  Empfindlichkeit  gegeniiber 
dem  aneignet,  was  im  auBeren  Lebensather  oder  iiberhaupt  im  Ather 
vorgeht.  Verkniipft  sind  diese  Erlebnisse  mit  mancherlei  anderen, 
und  ein  Erlebnis,  auf  das  ganz  besonders  zu  achten  ist,  ist  das,  was 
wir  gegeniiber  unserer  Urteilskraft  machen. 

Nicht  wahr,  als  Menschen  stehen  wir  ja  in  der  Welt  so,  daB  wir 
die  Dinge,  die  an  uns  herantreten,  in  einer  gewissen  Weise  beurtei- 
len,  daB  wir  uns  Vorstellungen  iiber  die  Dinge  machen,  daB  wir 
das  eine  fur  richtig,  das  andere  fur  nicht  richtig  halten.  Wie  ein 
Mensch  imstande  ist,  die  Dinge  zu  beurteilen,  davon  hangt  ja  das 
ab,  was  man  in  der  Regel  als  Klugheit,  als  Gescheitheit,  als  Urteils- 
fahigkeit  bezeichnet.  Diese  Klugheit,  diese  Gescheitheit,  diese  Ur- 
teilsfahigkeit  wird  allmahlich  im  Laufe  der  Entwicklung  etwas,  was 
sich  in  ein  anderes  Licht  setzt.  Ein  wenig  ist  das  ja  schon  gestern 
angedeutet  worden.  Man  findet  immer  mehr  und  mehr,  daB  fur  die 
eigentlichen  Angelegenheiten  des  hoheren,  des  spirituellen  Lebens 
gerade  diese  Klugheit,  diese  Gescheitheit  nicht  von  dem  allergering- 
sten  Wert  ist,  obwohl  man  sie  so  viel  als  moglich  mitbringen  muB 


von  seinem  Ausgangspunkt,  von  dem  physischen  Plan  aus,  wenn 
man  den  Weg  in  die  hoheren  Welten  antreten  will.  Und  so  kommt 
man  schon  einmal  in  die  Lage,  die  den  Niitzlichkeitsmenschen  leicht 
als  unertraglich  erscheinen  kann:  daB  man  etwas  ganz  notwendiger- 
weise  zunachst  braucht  fiir  eine  hohere  Entwicklung  und  daB  den- 
noch  dann,  wenn  man  in  dieser  hoheren  Entwicklung  drinnen  steht, 
es  an  Wert  verliert.  Man  muB  also  gewissermaBen  alles  daran- 
setzen,  um  eine  gesunde,  den  Tatsachen  gerecht  werdende  Urteils- 
kraft  hier  auf  dem  physischen  Plan  zunachst  zu  entwickeln,  muB 
sich  aber  dann  klar  sein  dariiber,  daB  beim  Verweilen  in  den  hohe- 
ren Welten  selbst  diese  Urteilskraft  nicht  den  gleichen  Wert  hat 
wie  hier  unten  auf  dem  physischen  Plan.  Wenn  man  gesunde  hohere 
Sinne  haben  will,  dann  muB  man  von  einer  gesunden  Urteilskraft 
ausgehen;  aber  diese  gesunde  Urteilskraft  muB  sich  eben  verwan- 
deln  fiir  das  hohere  Anschauen  in  gesundes  Anschauen. 

Nun  sind  wir  aber,  wenn  wir  uns  noch  so  sehr  entwickeln,  immer 
solange  wir  auf  dem  physischen  Plan  zu  verweilen  haben,  Men- 
schen  dieses  physischen  Planes,  und  auf  diesem  physischen  Plane 
haben  wir  die  Aufgabe,  unsere  Urteilskraft  gesund  zu  entwickeln. 
Daher  miissen  wir  sorgfaltig  darauf  achten,  daB  wir  beizeiten  ler- 
nen,  nicht  miteinander  zu  vermischen  das  Leben  in  den  hoheren 
Welten  und  das  Leben  auf  dem  physischen  Plan.  Wer  unmittelbar 
anwenden  will  dasjenige,  was  er  fiir  hohere  Welten  erlebt,  auf  den 
physischen  Plan,  der  wird  leicht  zum  Schw'armer,  zum  unbrauch- 
baren  Menschen.  Wir  miissen  uns  angewohnen,  klar  in  der  hoheren 
Welt  leben  zu  konnen  und  dann  wiederum,  wenn  wir  heraustreten 
aus  dem  Zustande  dieses  Lcbens  in  den  hoheren  Welten,  moglichst 
uns  an  das  zu  halten,  was  das  Richtige  ist  fiir  den  physischen  Plan. 
Und  diese  Doppelstellung,  die  durch  die  Doppelstellung  des  gei- 
stigen  und  physischen  Lebens  selber  gefordert  wird,  die  miissen  wir 
sorgfaltig  und  gewissenhaft  durchfiihren.  Wir  gewohnen  uns  an 
eine  richtige  Lage  zur  Welt  auf  diesem  Gebiete  dadurch,  daB  wir 
moglichst  uns  nicht  angewohnen,  in  den  alltaglichen  Umgang 
hinein  dasjenige  zu  mischen,  was  der  hoheren  Welt  einmal  an- 
gehort;  daB  wir  in  den  alltaglichen  Umgang  hinein  moglichst 


wenig  von  dem  mischen,  wozu  man  so  leicht  versucht  sein  kann: 
etwa  zu  sagen,  wenn  einem  irgend  etwas  an  einem  Menschen  un- 
sympathisch  ist,  man  konne  seine  Aura  nicht  vertragen.  Es  ist  bes- 
ser,  wenn  man  bei  der  gewohnlichen  Redensart  bleibt  fur  das 
gewohnliche  Leben,  wenn  man  sagt:  es  sei  einem  dieses  oder  jenes 
unsympathisch.  Es  ist  besser,  daB  man  in  dieser  Beziehung  ein 
Mensch  auf  dem  physischen  Plan  unter  anderen  Menschen  auf 
dem  physischen  Plan  bleibt  und  moglichst  mit  Ausdriicken,  die  ja 
vollstandig  ihre  Richtigkeit  in  bezug  auf  das  hohere  Leben  haben, 
sparsam  ist  im  gewohnlichen  Leben.  Sorgfaltig  sollte  man  sich 
davor  bewahren,  in  den  taglichen  Umgang  Worte,  Begriffe,  Vor- 
stellungen  hineinzumischen,  die  dem  hoheren  Leben  gehoren.  Das 
konnte  vielleicht  wie  eine  Art  pedantischer  Forderung  erscheinen 
demjenigen,  der  —  nun,  sagen  wir  —  aus  einer  gewissen  Begeisterung 
fur  das  spirituelle  Leben  findet,  daB  es  notwendig  sei,  das  ganze 
Sein  zu  durchdringen  mit  diesem  spirituellen  Leben;  und  dennoch: 
Was  vielleicht  in  einem  gewohnlichen  Fall  fiir  das  gewohnliche 
Leben  pedantisch  erscheinen  mochte,  es  ist  ein  wichtiger  Erziehungs- 
grundsatz  fiir  die  hoheren  Welten. 

Ubersetzen  wir  daher,  wenn  es  uns  naturgemaBer  scheinen  sollte, 
mit  Worten  des  hoheren  Lebens  das  gewohnliche  Leben  zu  bezeich- 
nen,  ubersetzen  wir  das  in  eine  moglichst  fiir  den  physischen  Plan 
taugliche  Sprache!  Immer  wieder  und  wiederum  muB  betont  wer- 
den,  daB  diese  Dinge  nicht  gleichgiiltig,  sondern  bedeutungsvoll 
und  wirksam  sind.  Wenn  man  das  voraussetzt,  dann  kann  man  auch 
unbefangen  davon  reden,  wie  mit  Bezug  auf  das  Leben  in  den  hohe- 
ren Welten  die  gewohnliche  Urteilskraft  an  Wert  verliert,  wie  man 
gewissermaBen  fiihlen  lernt,  daB  die  Art,  wie  man  vorher  gescheit 
war,  jetzt  aufhoren  musse.  Und  da  merkt  man  dann  wiederum  - 
das  ist  eine  Erfahrung,  die  man  immer  mehr  und  mehr  macht  — 
seine  Abhangigkeit  von  dem  atherischen  Leben  der  Welt,  namlich 
von  der  Zeit.  Wie  leicht  trifft  man  es  gerade  in  unserem  Zeitalter, 
daB  Menschen  —  sagen  wir  —  von  einer  gewissen  Jugend  sich  an 
alles,  alles,  was  in  der  Welt  beurteilt  werden  kann,  heranmachen 
und  nun  glauben:  Ja,  wenn  man  sich  angeeignet  hat  eine  gewisse 


Urteilsfahigkeit,  dann  kann  man  liber  alles  sein  Ja  und  Nein  sagen, 
dann  kann  man  iiber  alles  mogliche  philosophieren.  —  Dieser  Glaube, 
daB  man  iiber  alles  mogliche  philosophieren  konne,  der  reiBt  sich 
bei  einer  esoterischen  Entwicklung  griindlich  aus  der  Seele  heraus; 
denn  da  merkt  man,  daB  unsere  Urteile  eigentlich  etwas  Wesen- 
haftes  haben,  das  vor  alien  Dingen  der  Reifung  bedarf.  Man  lernt 
erkennen,  wie  man  mit  gewissen  Vorstellungen,  die  man  in  sich 
aufgenommen  hat,  einfach  eine  Zeitlang  leben  muB,  so  daB  unser 
eigener  Atherleib  sich  mit  ihnen  auseinandersetzen  kann,  wenn 
man  zu  einem  Urteil  kommen  will,  mit  dem  man  selber  einverstan- 
den  sein  kann.  Man  merkt,  daB  man  es  abwarten  muB,  zu  einem 
gewissen  Urteil  zu  kommen.  Man  merkt  erst  dann  die  ganze,  voile 
Bedeutung  des  Wortes:  Ausreifenlassen  dasjenige,  was  Seeleninhalt 
ist.  Und  man  wird  im  Grunde  genommen  immer  bescheidener  und 
bescheidener. 

Es  ist  ja  allerdings  mit  diesem  Bescheidenerwerden  eine  so  eigen- 
artige  Sache,  weil  man  nicht  immer  die  Waage  halten  kann  zwi- 
schen  dem  Urteilenmiissen  und  dem  Wartenkonnen  auf  die  Reife, 
um  iiber  irgendeine  Sache  ein  Urteil  zu  haben,  weil  man  sich  auch 
gerade  iiber  diese  Dinge  in  hohem  MaBe  tauscht  und  weil  es  eigent- 
lich nichts  Rechtes  gibt  als  das  Leben  selber,  das  einen  aufklaren 
kann  iiber  diese  Dinge.  Es  kann  —  sagen  wir  —  bei  einer  Frage  iiber 
irgendein  Weltengeheimnis,  iiber  irgendein  Weltengesetz  ein  Philo- 
soph  gegeniibertreten  einem  solchen,  der  esoterisch  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  entwickelt  ist.  Wenn  der  Philosoph  nur  sein  philo- 
sophisches  Urteil  fallen  kann,  so  wird  er  einmal  in  sich  den  Glau- 
ben  haben,  daB  er  recht  haben  miisse  iiber  irgendeine  Sache,  und 
man  wird  begreifen,  daB  er  diesen  Glauben  haben  muB.  Der  andere 
wird  ganz  gut  wissen:  mit  der  Urteilsfahigkeit,  die  der  Philosoph 
aufbringen  kann,  kann  iiber  die  Frage  iiberhaupt  nicht  entschieden 
werden.  Denn  er  weiB,  daB  er  die  Vorstellungen,  die  der  Philosoph 
zu  einem  Urteil  zusammenbraut,  in  vergangenen  Zeiten  in  sich  auf- 
genommen hat,  daB  er  sie  ausreifen  lieB  in  sich  und  daB  ihm  das 
erst  die  Moglichkeit  gebracht  hat,  eine  Anschauung  zu  haben  iiber 
die  Sache;  er  weiB,  daB  er  gelebt  hat  mit  der  Sache  und  daB  er  sich 


dadurch  reif  gemacht  hat  zu  diesem  Urteil,  welches  er  jetzt  auf  einer 
hoheren  Stufe  der  Reife  fallt.  Aber  eine  Verstandigung  zwischen 
beiden  ist  eigentlich  ausgeschlossen,  kann  gar  nicht  unmittelbar 
herbeigefiihrt  werden  in  vielen  Fallen;  nur  dann  kann  sie  herbei- 
gefiihrt  werden,  wenn  in  dem  Philosophen  ein  Gefiihl  auftaucht 
von  der  Notwendigkeit  des  Ausreifens  gewisser  Seeleninhalte,  bis 
man  sich  iiber  sie  eine  Meinung  gestatten  darf.  Meinungen,  An- 
schauungen  —  das  lernt  man  immer  mehr  und  mehr  erkennen  — 
miissen  erkampft,  miissen  errungen  werden.  Dafiir  eignet  man  sich 
eine  tiefe,  eine  intensive  Empfindung  an,  und  das  riihrt  davon  her, 
weil  man  dieses  innere  Zeitgefiihl  bekommt,  das  im  wesentlichen 
mit  der  Entwicklung  des  Atherleibes  zusammenhangt. 

Ja,  man  merkt  allmahlich  einen  gewissen  Gegensatz  in  der  Seele 
heraufkommen  zwischen  der  Art,  wie  man  friiher  geurteilt  hat,  und 
wie  man  jetzt,  nachdem  man  sich  eine  gewisse  Reife  in  der  ent- 
sprechenden  Angelegenheit  errungen  hat,  urteilt;  und  man  merkt, 
wie  das,  was  man  in  der  Vergangenheit  hat  urteilen  konnen,  und 
das,  was  man  jetzt  urteilt,  sich  wie  zwei  Machte  gegeniiberstehen, 
und  man  merkt  dann  eine  gewisse  innere  Beweglichkeit  des  Zeit- 
lichen  in  sich,  man  merkt,  wie  durch  das  Spatere  das  Friihere  iiber- 
wunden  werden  muB.  Dies  ist  das  Heraufdammern  eines  gewissen 
Zeitgefiihles  im  BewuBtsein,  das  auftritt  durch  das  Vorhandensein 
innerer  Kampfe,  die  aber  nur  dadurch  auftreten,  daB  das  Spatere 
mit  dem  Fruheren  in  einen  gewissen  Gegensatz  kommt.  Dieses  ist 
durchaus  notwendig  sich  anzueignen  als  ein  inneres  Zeitgefiihl,  als 
eine  innere  Zeitempfindung;  denn  daran  miissen  wir  festhalten,  daB 
wir  das  Atherische  nur  erfahren  lernen,  wenn  wir  uns  einen  inneren 
Zeitbegriff  aneignen. 

Des  weiteren  wird  uns  das  ein  gewisses  Erlebnis,  daB  wir  immer 
das  Gefiihl  haben:  das  Friihere  riihrt  von  uns  selber  her  in  unserem 
Urteil,  in  unserer  Erkenntnis;  das  Spatere  ist  wie  in  uns  eingeflos- 
sen,  ist  uns  wie  entgegengestromt,  ist  uns  verliehen  worden.  Immer 
deutlicher  tritt  das  Gefiihl  eben  hervor  von  dem,  was  schon  gestern 
erwahnt  worden  ist:  daB  die  Gescheitheit,  die  aus  einem  selber 
stammt,  abgelost  werden  muB  von  der  Weisheit,  die  wie  durch  eine 


Art  von  Hingabe  an  einen  aus  der  Zukunft  entgegenflieBenden 
Strom  erworben  wird.  Sich  erfiillt  fiihlen  von  Gedanken,  im  Gegen- 
satz  zu  dem,  was  man  friiher  getan  hat,  da  man  gelebt  hat  in  dem 
BewuBtsein,  man  mache  die  Gedanken,  das  bezeugt  den  Fortschritt. 
Indem  man  immer  mehr  und  mehr  fiihlen  lernt,  man  macht  nicht 
mehr  Gedanken,  
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