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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge uber medizin
Die Original-Wandtafelzeichnungen
von Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe
WANDTAFELZEICHNUNGEN ZUM VORTRAGSWERK
Band XXIII
RUDOLF STEINER
Heilpadagogischer Kurs
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 25. Juni bis 7. Juli 1924
vor Arzten und Heilpadagogen
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH /SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen
und nicht vollstandigen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden
1. Auflage, Manuskriptdruck (in zwei Banden), Dornach o. J.
2. Auflage (in zwei Banden), Arlesheim 1952
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1975
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985
8. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1995
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 317
Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1952 by Klinisch-Therapeutisches Institut, Arlesheim/Schweiz
© 1979 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3171-7
2« den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Ktinstlerisches Werk.
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner ursprunglich nicht gewollt, daft sie schriftlich
fest-gehalten wurden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli-
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachge-
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 25. Juni 1924
Wer unvollstandig entwickelte Kinder erziehen will, bedarf der
Kenntnis der Erziehungspraxis fiir gesunde Kinder. Die Symptom-
betrachtung und die Betrachtung des Substantiellen des Krankseins.
Das eigentlich Geistig-Seelische und sein Verhaltnis zu den im Erb-
leib wesenden Erbkraften. Die synthetischen Vorgange im Nerven-
Sinnessystem, die analytischen im Stoffwechselsystem. Neuaufbau
des menschlichen Organismus nach dem siebenten Jahr, Wirkung
der Individualitat. In-Erscheinung-Treten des dritten Korpers; Er-
denreife. Bedeutung der flussigen Teile des Organismus, der gas-
formigen, der warmehaften.
Zweiter Vortrag, 26. Juni 1924
Das oberflachliche Seelenleben als Symptomenkomplex kann auch
irrefuhren, wie am Beispiei der Rede des Kriminalpsychologen
Wulffen gezeigt wird. Synthetische Tatigkeit des Denkens im ober-
flachlichen Seelenleben sichtbar. Den Willensaufierungen liegt eine
analytische Tatigkeit zugrunde. Der Weltenather als Trager der Ge-
danken: in dem, was am Menschen bildet, besonders an seinem Ner-
ven-Sinnessystem, sind die lebendigen Gedanken; der Zerfallsprozefi
dieses Systems ist die sogenannte Spiegelung. Entstehung wider-
sinniger Gedanken. Verhaltnis des Erziehers zur Gedankenleben-
digkeit. Padagogisches Gesetz: auf irgendein Wesensglied des zu
erziehenden Menschen wirkt das nachsthohere Glied des Erziehers;
Beispiei: Verhalten bei Willensschwachen. Verstehen von Inkar-
nationsbestrebungen von in bezug auf den menschlichen Organis-
mus schwacher oder fehlender Kenntnis der menschlichen Organi-
sation. Moralitat, Verantwortlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Entschei-
dungsmut in ihrer Bedeutung fiir den Erzieher.
Dritter Vortrag, 27. Juni 1924
Das Ich hat unmittelbare Beziehung zur Physis, keine vermittelte.
Astralleib indirekte Beziehung zum stromenden Licht, zum Chemis-
mus, zum allgemeinen Weltenleben. Unmittelbares Erfassen des in-
nerlich Physikalischen wie im Auge. Nicht durch die Organe Hin-
durchdringen von Ich und Astralleib gibt Epilepsie. Therapie der
Epilepsie aus der Erkenntnis dieser Tatsache. Medikation. Das Or-
gan als richtig oder unrichtig eingegliederter Gedanke. Der un-
sichere Wille im Inkarnationsbeginn; das Erwerben der Moralitat.
Der moralische Defekt: bleibende Symptome. Ursachen der mora-
lischen Blindheit. Die Kleptomanie, ihre Ursachen und ihre Ver-
wandlung.
Vierter Vortrag, 28. Juni 1924
Betrachtung des Karma. Erziehung in der Embryonalzeit ist Er-
ziehung der Mutter. Ursachen des epileptischen bzw. des epilep-
toiden Irreseins. Das sog. hysterische Irresein im Kindesalter: Hy-
perempfindlichkeit, Schmerz, starkes Innenleben, Angst, depressive
Gefiihle, Ausrinnen, Enuresis: seelisches Wundsein, Ausdiinstung,
Schwitzen. Seelenverfassung und Stimmung des Erziehers. Heil-
wirkung durch Schock, Tempowechsel in Arbeit; Therapie fiir Kin-
der, die nicht an sich selbst glauben. Fiir den Erzieher: bewufites Er-
leben der Wesenheit jedes Kindes, nicht sich nach Vorschriften
richten.
Funfter Vortrag, 30. Juni 1924
Die zwei polarisch entgegengesetzten Anordnungen der mensch-
lichen Wesensglieder. Spatere Paranoia und schwache Stoffwechsel-
organisation bei schwefelarmem Eiweifi, bei schwefelreichem Ei-
weift zu starke Absorption und verschwindende Eindriicke. Grad
der Schwefelhaltigkeit bzw. Eisenhaltigkeit; Folgezustande und Be-
handlung derselben. Mannigfaltigkeit der Begriffe und Formen und
das Entwickeln des Sinnes dafiir. Rhythmische Wiederholung als
therapeutisches Element. Behandlung der zu Zwangsvorstellungen
neigenden Kinder. Diat. Schwer und leicht im Bewegungssystem
lebende Kinder und deren Behandlung.
Sechster Vortrag, 1. Juli 1924
Vorstellung eines neunjahrigen Knaben. Genaue Anamnese:Entwick-
lungsdaten; Gestaltbetrachtung ; Verhaltnis vom oberen zum unteren
Menschen bildungsmafiig und prozessual. Kopfbildung: Vorder-
und Hinterhaupt; Ursache und Folgen der schlechten Beherrschung
der unteren Prozesse, Atmung. Besprechung einer vorbeugenden und
unmittelbare Therapie. Beispiel der Heilung einer Hydrozephalie.
Besprechung der wesentlichen Ursachen der Krankheit des Vorge-
stellten. Therapie: Art wie Versteifung gelost wird und Disharmonie
behoben werden kann - heileurythmisch, heilpadagogisch, medi-
kamentos. Humor, Beweglichkeit und Enthusiasmus als heilpadago-
gische Grundhaltung des Erziehers.
Siebenter Vortrag, 2. Juli 1924
Psychische Tatsachenreihe des im vorhergehenden Vortrag geschil-
derten Falles. - Weitere Vorstellung von kranken Kindern: Sechs-
dreivierteljahriger Knabe. Atherleib stark an Modelleib angepaftt,
disharmonisch, Verhaltnis Hirn-Darm. Therapie: Heileurythmie
und Sprechubungen. - Kind mit Krampfanfallen besonders in lin-
ker Korperhalfte, spater linksseitige Parese; unvollkommen ausge-
bildetes Modell; Bedeutung der Darmfunktion; ausfuhrliche Be-
sprechung der Therapie, padagogisches Verhalten.
ACHTER VORTRAG, 3. Jult 1924
Vorstellung von kranken Kindern. Hydrozephalus : Anamnese, Bei-
behalten der Embryonalorganisation; miitterliche und vaterliche
Erbeinfliisse. Das Oberwuchern der kindlichen Lebenszustande in
spatere Daseinsperioden. - Fall eines kleptomanen Jungen. - Vor-
stellung eines sulfurigen Kindes: Anamnese; Verhaltnis Mutter und
Kind, Bedeutung einer Masernerkrankung mit dreieinhalb Jahren;
notwendige Beobachtung des Traumlebens.
Neunter Vortrag, 4. Juli 1924
Ursache der Kleptomanie bei dem zwolfjahrigen Jungen, Therapie
durch padagogisches Verhalten des Erziehers: Zutraulichkeit zum
Erzieher. Friihzeitiges Erkennen der kindlichen Anlagen zur Klep-
tomanie im Verhaltnis zur Umgebung des Kindes. Therapeutisch:
stramm durchgefuhrte Heileurythmie; Medikation; Besprechen der
Tat im richtigen Zeitpunkt. - Therapie fur das Kind mit Hydro-
zephalus: Dampfung der Sinnesreize; Medikation; Bedeutung einer
Krise fur die Anderung des Krankheitsbildes. - Fall eines dreifiig-
jahrigen Hydrozephalikers. - Therapie fur das sulfurige Kind (8.
Vortrag): hydrotherapeutische Anwendungen; Brechen einer Cha-
raktereigenschaft und seine Bedeutung. Notwendigkeit eines guten
Verhaltnisses des Erziehers zum Sprachgenius.
Zehnter Vortrag, 5. Juli 1924
Besprechung eines sechzehnjahrigen Junglings mit Verlangsamung
der seelischen Prozesse. Ursache ist zu suchen im Nicht-Aufnehmen
des in Kopforganisation Lebenden durch Stoffwechsel-Gliedmafien-
organisation; padagogische Therapie. - Fall eines funfzehnjahrigen
epileptischen Jungen, Medikation und padagogische Therapie. -
Fall eines Madchens mit schwachem Astralleib, einem eingreifen-
den Ereignis im dritten bis vierten Lebensjahr. - Allgemeine Regeln
fur Erzieher: esoterischer Mut, die Andacht zum Kleinen, was dem
entgegensteht und wie das Widerstrebende iiberwunden werden
kann. Ober Albinos, Horoskope, Aszendenz, Wesen.
Elfter Vortrag, 6. Juli 1924
Therapie fur den Fall eines zehnjahrigen Madchens mit Gedacht-
nisschwund, zusammenhangend mit Wucherungen im Nasen-Rachen-
raume als Spiegelbild der iibermafiigen Tatigkeit des Atherkorpers
im Unterleib: Hervorrufen starker Eindriicke, rhythmische Wie-
derholungen, medikamentose und heileurythmische Behandlung. -
Bemerkung zu einem kleptomanen Kinde. - Therapie fur ein schlaf-
riges, zuruckgebliebenes Kind: rhythmische Wiederholungen, Ton-
eurythmie, medikamentose Behandlung. - Von einem Jungen, der
alles in Farben sieht: er kann nicht in Aufienwelt und lebt im
Astralleib, Angaben fiir heilpadagogische Therapie. - Sternenwirk-
samkeit am Beispiel der Horoskope der Albinos; Therapie fiir die-
selben. - Von der Art, die heilpadagogische Bewegung zu tragen. -
Vom Denken in der Metamorphosenlehre und von der Handhabung
derselben; Kreis und Punkt; das Anschliefien an schon Vorhandenes,
fiir Lauenstein an die Geistesgeschichte von Jena.
Zwolfter Vortrag, 7. Juli 1924 178
Vertiefung der Waldorfschulpadagogik fiir sogenannte abnorme
Kinder. Heilen und Erziehen. Die geistig formenden Krafte der
Muttermilch; die Pflanze in ihrer Beziehung zum Menschen; Krank-
heit und Tierreich. Erfuhlen dieser Verhaltnisse durch Selbsterzie-
hung; deren Bedingungen; geistige Entwicklungen und Lebensrea-
litat; das substantiell Anthroposophische als Realitat und als Grund-
lage der Anthroposophischen Gesellschaft und des Goetheanum.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 190
Hinweise zum Text 191
Textkorrekturen 197
Register der Kursteilnehmer 197
Namenregister 198
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 199
Tafeizeichnungen zu den Vortragen (Beilage) .... nach 200
ERSTER VORTRAG
Dornach, 25.Junil924
Nun, meine lieben Freunde, wir haben ja eine ganze Anzahl von Kin-
dern, die aus einer unvollstandig gebliebenen Entwickelung heraus er-
zogen werden sollen, beziehungsweise, soweit es moglich ist, geheilt
werden sollen. Eine Anzahl dieser Kinder haben wir hier im Klinisch-
Therapeutischen Institut, und eine Anzahl haben Sie im Lauenstein.
Wir werden das, was wir hier zu besprechen haben, so einrichten, daft
es moglichst auf die praktische Anwendung sogleich hinzielt. Wir wer-
den dann auch in der Lage sein, dadurch daft uns Frau Dr. Wegman
die hier befindlichen Kinder - wir konnen das ja unter uns - zur De-
monstration zur Verfiigung stellen wird, wir werden da auch einige
Falle unmittelbar ad oculos auseinandersetzen konnen.
Zunachst mochte ich aber heute von dem Wesen solcher Kinder
sprechen. Es ist ja natiirlich, daft vorangehen soil bei jedem, der unvoll-
standig entwickelte Kinder erziehen will, eine Erkenntnis, eine wirk-
lich eindringliche Erkenntnis der Erziehungspraxis fur gesunde Kinder.
Das ist dasjenige, was sich jeder, der solche Kinder erziehen will,
aneignen miiftte. Denn man muft sich ganz klar daruber sein, daft all
dasjenige, was eigentlich bei unvollstandig entwickelten Kindern, bei
krankhaften Kindern auftreten kann, in intimerer Art auch im so-
genannten normalen Seelenleben bemerkbar ist, man muft nur ent-
sprechend das normale Seelenleben beobachten konnen. Man mochte
sagen, irgendwo in einer Ecke sitzt bei jedem Menschen im Seelenleben
zunachst eine sogenannte Unnormalitat. Nur so etwas wie, sagen wir,
eine kleine Gedankenflucht oder eine Unfahigkeit, die Worte beim
Sprechen in die richtigen Abstande zu stellen, so daft man entweder im
Sprechen sich iiberschlagt, oder aber daft der Zuhorer spazieren gehen
kann zwischen zwei Worten, die man herausbringt, oder ahnliche Un-
regelmaftigkeiten, die auch imWillensleben und Gefuhlsleben auftreten
konnen, die sind, wenigstens in einer geringfugigen Anlage, bei der
groftten Anzahl von Menschen bemerkbar. Und man wird schon iiber
solche Unregelmaftigkeiten dann spater noch einiges zu sprechen haben,
weil sie demjenigen, der namentlich auf die groften Unregelmaftigkeiten
erzieherisch oder heilend eingehen will, als Symptom gelten miissen.
Man muft in diesen Dingen seine Symptomstudien machen konnen, wie
der Arzt bei Krankheitsfallen von Symptomen spricht, an denen er die
Krankheiten erkennt, auch wohl von dem Symptomenkomplex spricht,
an dem er das Krankhafte uberschauen kann, aber niemals dasjenige
verwechseln wird, was im Symptomenkomplex liegt, mit demjenigen,
was eigentlich der substantielle Inhalt der Krankheit ist.
So sollte man auch nicht beim unvollstandig entwickelten Kinde
das, was man am Seelenleben bemerkt, f\ir etwas anderes als fur Sym-
ptome halten. Die sogenannte Psychographie ist eigentlich nichts an-
deres als eine Symptomatologie. Und wenn heute die Psychiatrie nichts
anderes tut, als die abnormen Seelenerscheinungen nach Denken, Fuh-
len und Wollen zu beschreiben, so bedeutet das nicht viel anderes, als
daft sie Fortschritte gemacht hat in der genauen Beschreibung der
Symptomenkomplexe, dal$ sie aber, da sie nicht hinausgehen kann iiber
solche Psychographie, absolut unfahig ist, in das Substantielle der
Krankheiten einzudringen. Man mulS hineinkommen ins Substantielle
des Krankseins. Und da wird Ihnen eine Vorstellung niitzlich sein
konnen, die ich Sie bitte festzuhalten.
Tafd i* Nehmen wir an, wir hatten hier (siehe Tafel 1 , Mitte) den physischen
Leib des Menschen, so wie er uns entgegentritt im Wachsen des kleinen
Kindes. Wir haben dann gewissermafien aufsteigend, herausdringend
aus diesem physischen Leib des Menschen das Seelenleben. Dieses See-
lenleben, das uns eben als die Aufierungen der kindlichen Seele ent-
gegentreten kann, das kann nun normal oder abnorm sein. Wir haben
ja im Grunde genommen gar kein weiteres Recht, iiber die Normalitat
oder Abnormalitat des kindlichen Seelenlebens oder menschlichen See-
lenlebens uberhaupt zu reden, als indem wir hinschauen auf dasjenige,
was durchschnittsmafiig «normal» ist. Es gibt kein anderes Kriterium
als dasjenige, was allgemein iiblich ist vor einer Gemeinschaft von
Philistern. Und wenn diese Gemeinschaft irgend etwas fiir verniinftig
oder gescheit ansieht, so ist alles dasjenige «abnormes» Seelenleben,
was nach Ansieht dieser Philister nicht «normales» Seelenleben ist. Ein
anderes Kriterium gibt es zunachst nicht. Daher sind die Urteile so
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aufierordentlich konfus, wenn man anfangt, indem man eine Abnor-
mitat konstatieren kann, dann alles Mogliche zu treiben, und damit
abzuhelfen glaubt - statt dessen treibt man ein Stuck Genialitat heraus.
Mit solch einer Beurteilung ist uberhaupt nicht viel anzufangen, und
das erste, was eintreten sollte, ist, dafi der Arzt und Erzieher eine
solche Beurteilung ablehnt, dafi er hinauskommt iiber die Aussage:
das oder jenes ist gescheit oder verniinftig nach den Denkgewohn-
heiten, die man so gewohnlich hat. Gerade auf diesem Gebiete ist es
von eminentester Notwendigkeit, uberhaupt keine Kritik zu uben,
sondern die Sachen reinlich anzuschauen. Denn was liegt eigentlich
beim Menschen vor?
Sehen wir jetzt ganz ab von diesem Seelenleben, das ja ohnedies erst
nach und nach herauskommt, an dem manchmal hochst zweifelhafte
Erzieher einen Anteil haben, sehen wir ab von diesem Seelenleben, dann
haben wir hinter der Kb'rperlichkeit ein anderes Geistig-Seelisches, ein
Geistig-Seelisches, das heruntersteigt zwischen Konzeption und Geburt
aus den geistigen Welten. Jenes Seelenleben ist nicht dasjenige, was
heruntersteigt aus den geistig-seelischen Welten, sondern es ist ein
anderes Seelenleben, das zunachst fur das irdische Bewufitsein nicht
aufterlich sichtbar ist. Ich will es schematisch dahinterzeichnen (siehe
Tafel 1, gelb). Dieses ganze Seelenleben, das da heruntersteigt, das be-
machtigt sich des Korpers, der vererbungsgemafi aufgebaut wird aus
der Generationenfolge heraus. Wenn also dieses Seelenleben so geartet
ist, dafi es eine kranke Leber konstituiert, wenn es die Lebersubstanz
ergreift, oder vererbungsgemaft im physischen und Atherleib Krank-
haftes findet und daher eine Krankheitsempfindung entsteht, dann
liegt eben eine Erkrankung vor. Ebenso kann jedes andere Organ oder
jeder andere Organkomplex falsch eingeschaltet sein in dasjenige, was
aus dem seelisch-geistigen Kosmos heruntersteigt. Und erst wenn nun
diese Verbindung hier da ist, diese Verbindung zwischen dem, was
heruntersteigt und dem, was vererbt ist, wenn dieses Seelisch-Korper-
liche sich gebildet hat, dann entsteht - mehr aber nur als Spiegelbild -
dasjenige, was unser Seelenleben ist und was gewohnlich beobachtet
wird als Denken, Fuhlen und Wollen (violett). Dieses Denken, Fiihlen
und Wollen ist uberhaupt nur da wie Spiegelbilder, richtig wie Spiegel-
bilder, loscht aus, wenn wir einschlafen. Das eigentlich dauernde See-
lenleben ist dahinter, steigt herunter, das geht durch die wiederholten
Erdenleben und sitzt in der Organisation des Leibes darinnen. Und wie
sitzt es darinnen?
Betrachten wir da zunachst denMenschen nach seinen drei Gliedern:
dem Nervensystem, dem rhythmischen System und dem Gliedmafien-
Stoffwechselsystem. Sehen Sie, das Nerven-Sinnessystem, denken wir
es uns also - wir werden uns verstehen -, denken wir uns dieses Nerven-
Sinnessystem, wie es der Hauptsache nach nur, aber schematisch, im
Kopfe lokalisiert ist, sprechen wir vom Kopfsystem, indem wir vom
Nerven-Sinnessystem sprechen; wir konnen das beim Kinde um so
mehr, als der aufbauende Teil des Nerven-Sinnessystems vom Kopfe
ausgeht und in den ganzen Organismus hineinwirkt. Dieses System,
dieses Nerven-Sinnessystem ist im Kopfe, im Haupte lokalisiert. Das
ist ein synthetisches System.
Es ist synthetisch. Was meine ich damit? Es fafit namlich alle Tatig-
keiten des Organismus zusammen. Sehen Sie, im Kopfe ist eigentlich
der ganze Mensch in einer gewissen Weise enthalten. Wenn man spricht
von der Lebertatigkeit, und man sollte eigentlich nur von Lebertatig-
keit sprechen - was ich als Leber sehe, ist der fixierte Leberprozefl -, so
ist diese Lebertatigkeit natiirlich ganz im unteren Leibe. Aber jedem
solchen Funktionenzusammenhang entspricht einelatigkeit im mensch-
Tafei i lichen Haupte. Wenn ich das schematisch zeichne (siehe Tafel 1, rechts),
so ist das so: Hier sei die Lebertatigkeit. Dieser Lebertatigkeit entspricht
irgendeine Tatigkeit im menschlichen Kopfe oder Gehirne. Hier im
Unterleib ist die Leber relativ abgesondert von den andern Organen,
von Nieren, Magen und so weiter. Im Gehirn fliefit alles ineinander,
da fliefit die Lebertatigkeit mit den andern Tatigkeiten zusammen, so
dafi der Kopf der grofie Zusammenfasser ist alles desjenigen, was im
Organismus vor sich geht. Durch diese synthetische Tatigkeit wird ein
Abbauprozefi bewirkt. Es fallt das Substantielle heraus.
Genauso wie wir einen synthetischen Prozefi im Haupte haben,
haben wir dann im ganzen iibrigen Organismus, besonders im Stoff-
wechsel-Gliedmafiensystem, einen analytischen Prozefi. Da wird alles
auseinandergehalten, da wird im Gegensatz zum Kopfe alles ausein-
andergehalten. Wahrend im Kopfe die Nierentatigkeit mit der Darm-
tatigkeit zusammen vor sich geht, wird im Gegensatz dazu im iibrigen
Organismus alles auseinandergehalten, so daft wir also sagen konnen,
wenn wir weiter schematisch zeichnen, meinetwillen die Lebertatigkeit,
Magentatigkeit, so sind sie hier voneinander abgesondert; im Kopfe
f liefien sie ineinander, fliefk alles zusammen, da synthetisiert sich alles.
Nun liegt dieses Zusammenflieflen - zu gleicher Zeit mit einem fort-
wahrenden Herausf alien der Substanz, wie wenn es regnete -, nun liegt
diese synthetische Tatigkeit des Kopfes im wesentlichen aller Denk-
tatigkeit zugrunde. Damit der Mensch denken kann, damit der Mensch
herauskommt und in Tatigkeit kommt, mufi dasjenige, was aus dem
Geistig-Seelischen kommt, nach dem Kopfe hin die zusammenfassende
Funktion erhalten, und dadurch die Erbsubstanz synthetisch gliedern.
Dadurch kann dann in der synthetisch gegliederten Erbsubstanz ein
Spiegel gesehen werden. Sie haben also damit folgendes: wenn im Tafel 1
Kopfe das eintritt beim Herunterkommen, dafi der Kopf organisiert vlolm
synthetisch, so wird der Kopf ein Spiegel, und dadrinnen spiegelt sich
die Auftenwelt, und das gibt das Denken, das wir gewohnlich beobach-
ten.Wir miissen also unterscheiden zwischen den zwei Denkfunktionen,
derjenigen, die hinter dem Wahrnehmbaren liegt, die das Gehirn auf-
baut - die ist das Bleibende -, und der Denkfunktion, die gar nichts
Wirkliches ist, die nur gespiegelt ist und fortwahrend ausgeloscht wird
beim Einschlafen und vergeht, wenn man nicht nachdenkt.
Eine andere Partie dessen, was da aus dem Geistig-Seelischen her-
unterkommt, baut nun analytisch das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem
auf, baut die Organe auf, die auseinanderfallen, die deutlich unter-
scheidbare einzelne Konturen haben. Wenn Sie nun den ganzen Korper
betrachten mit seinen deutlich unterscheidbaren einzelnen Konturen,
so haben wir darinnen Leber, Lunge, Herz und so weiter, mit denen
auch das Gliedmaflen-Stoffwechselsystem zusammenhangt; das rhyth-
mische System sieht man nicht, alles, was mit physischer Substanz aus-
gefullt ist, gehort zum Stoffwechsel-Gliedmafiensystem, auch was man
am Gehirn sieht, ist Stoffwechsel. Nun liegt das, was diese einzelnen
analytisch aufgebauten Organe sind, dem gesamten Willensleben des
Menschen zugrunde, wie die synthetische Tatigkeit zugrunde liegt dem
Denken. So liegt all das, was an Organen da ist, zugrunde dem Willens-
leben.
Nun betrachten wir einmal folgendes: Denken wir uns einen schon
ziemlich erwachsenen Menschen. Was ist mit diesem ziemlich erwach-
senen Menschen geschehen, wahrend er sein Erdenleben gefiihrt hat?
Er ist vielleicht sieben Jahre alt geworden, er hat die zweiten Zahne
bekommen; er ist vierzehn Jahre alt geworden, hat die Geschlechtsreife
bekommen; er ist einundzwanzig Jahre alt geworden und hat damit die
Konsolidierung seines Seelenlebens zustande bekommen. Wir mussen
nun, wenn wir uberhaupt die kindliche Entwickelung verstehen wollen,
genau unterscheiden zwischen dem Korper, den ein Mensch tragt, der
den Zahnwechsel durchgemacht hat, und einem Korper, den ein Kind
tragt, das den Zahnwechsel noch nicht durchgemacht hat. Dasjenige,
was da an besonders auffalligen Beispielen gebracht wird, geschieht
fortwahrend. Der Korper wird nach jedem Jahr ausgewechselt. Wir
stoften fortwahrend von unserem Korper nach auften ab, es ist fort-
wahrend eine zentrifugale Stromung nach auften, die den Korper ab-
stoftt. Das fiihrt dazu, daft der Korper tatsachlich alle sieben bis acht
Jahre richtig erneuert wird.
Nun sehen Sie, diese Erneuerung ist ganz besonders wichtig urn den
Zahnwechsel herum, um das siebente Jahr herum. Warum? Nun, der
Korper, den der Mensch von der Geburt bis zum Zahnwechsel tragt,
er ist gewissermaften nur ein Modell, das wir iibernehmen von auften,
von unseren Eltern, der enthalt die Erbkrafte, daran bauen die Vor-
fahren mit auf. Nun stoften wir ihn ab, diesen Korper, im Laufe der
ersten sieben Jahre. Und was ist? Ein ganz neuer Korper entsteht; das-
jenige, was der Mensch an sich tragt nach dem Zahnwechsel, das wird
nicht mehr durch die Vererbungskrafte aufgebaut, das wird ganz allein
aus dem Geistig-Seelischen aufgebaut, das heruntersteigt, so daft der
Mensch seinen Erbkorper substantiell nur bis zum Zahnwechsel tragt,
und wahrend er ihn abstoftt, aus seiner Individuality einen neuen auf-
baut. Unseren eigenen Korper haben wir eigentlich erst seit dem Zahn-
wechsel. Nur geschieht die Sache so, daft der Erbkorper benutzt wird
als Modell, und je nachdem das geistig-seelische Leben stark oder
schwach ist, je nachdem wird dieses Geistig-Seelische leichter imstande
sein, mehr individuell vorzugehen gegen das, was als Erbgestaltung da
ist, oder es unterliegt der Erbgestaltung, es mull den zweiten Korper
formen, wie der erste von den Eltern her geformt ist.
Das also, was gewohnlich in der Vererbungstheorie vorgebracht
wird, ist ja ein Kohl. In dem, was da gewohnlich vorgebracht wird,
setzt man einfach fort die Gesetze des Wachstums bis zum Zahnwech-
sel weiter hinaus ins spatere Leben. Aber es ist so, dafi dasjenige, was
als Vererbung zu gelten hat, nicht weiter gilt als bis zum Zahnwechsel;
nun eignet es sich die Individuality an und bildet den zweiten Korper
aus.
Wir miissen also unterscheiden gerade beim Kinde zwischen dem
Erbkorper und dem, was als Folge des Erbkorpers auftritt in dem
individuellen Korper. Der bildet sich nach und nach, der individuelle
Korper, den man erst den wahren Menschenpersonlichkeitskorper
nennen kann. Und sehen Sie, jetzt kriegt man sozusagen im Alter
zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre das starkste Ar-
beiten, dessen die Individuality fahig ist: entweder obsiegt sie den
Erbkraften, dann wird der Mensch, indem er durch den Zahnwechsel
hindurchgeht und dadurch bemerken lafit, daft er sich herausarbeitet
aus den Vererbungskraften, oder aber - das konnen wir sehr deuthch
bemerken und miissen es daher als Erzieher ins Auge fassen -, es unter-
liegt die Individuality vollstandig den Erbkraften, dem, was im Mo-
dell enthalten ist. Dann setzt sich einfach diese Vererbungsahnlichkeit
mit den Eltern iiber das siebente Jahr fort. Das hangt von der Indivi-
duality ab und nicht von den Vererbungskraften. Gerade so wenig
wie man sagen kann, wenn mir als Maler jemand etwas vorlegt, um es
nachzuahmen, ich aber machtig andere, gerade so wenig wie ich da
sagen kann, meine Malerei hat der erzeugt, der mir das vorgelegt hat -
ebensowenig konnen wir sagen: Dasjenige, was wir von dem siebenten
Jahre ab, was wir nach dem siebenten Jahr an uns tragen, haben wir
vererbt bekommen. - Und das mufi man sozusagen im geistigen Grif fe
haben ufid wissen, wie stark in dem einen oder andern Falle die Indivi-
duality wiikt.
Nun geht der Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Le-
bensjahre durch ein Wachstum und ein Werden hindurch, das moglichst
stark seine Individuality, die der Mensch heruntergebracht hat, zum
Ausdruck bringt. Dadurch ist der Mensch in dieser Zeit gegeniiber der
Aufienwelt relativ abgeschlossen. Man hat gerade in dieser Zeit Ge-
legenheit, die wunderbare Entfaltung der Individualkrafte ins Auge
zu fassen. Und der Mensch wiirde spater, wenn er diese Entwickelung
fortsetzen wiirde, und wenn er nur mit dieser Entfaltung ins spatere
Leben hineintreten wiirde, ein furchtbar abweisendes Wesen sein, er
wiirde stumpf sein gegeniiber der Aufienwelt. Aber in dieser Zeit baut
er sich schon seinen dritten Korper auf, der mit der Geschlechtsreife
zum Vorschein kommt. Der wird wiederum unter Beriicksichtigung
der Krafte in der irdischen Umgebung aufgebaut. Dasjenige, was als
Beziehung der Geschlechter auftritt, ist nicht das Ganze; das Uber-
schatzen in dieser Beziehung ist nur eine Folge unserer materialistischen
Anschauungen. In Wirklichkeit sind alle Beziehungen zur Auftenwelt,
die mit der Geschlechtsreife auftreten, im Grunde genommen gleich-
geartet. Man sollte daher im Grunde sprechen von einer Erdenreife,
nicht von einer Geschlechtsreife, und sollte unter die Erdenreife stellen
die Sinnenreife, Atemreife, und eine Unterabteilung sollte auch sein die
Geschlechtsreife. So ist der Tatbestand wirklich. Da wird der Mensch
erdenreif, da nimmt der Mensch das Fremde wieder in sich hinein, da
erlangt er die Fahigkeit, nicht stumpf zu sein gegen die Umgebung.
Er wird eindrucksfahig gegeniiber der Umgebung. Vorher ist er nicht
eindrucksfahig fur das andere Geschlecht, aber auch nicht fur die
iibrige Umgebung. Da bildet der Mensch also seinen dritten Leib aus,
der wirkt bis zum Beginne der Zwanzigerjahre.
Das, was heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, hat schon ein
Ende gefunden durch den Zahnwechsel, hat in den ersten sieben Jahren,
bis zum Zahnwechsel, und bis zum zwanzigsten Jahre seine Wirkung
getan. Es hat bereits sich gestaltet in den Organen, die dann da sind,
und es hat den Menschen individuell reif und erdenreif gemacht. Wenn
da nun irgendeine Abnormitat im Seelenleben, die sich gemaft des Auf-
baues der Organe spiegelt, auftritt, die bedingt ist durch die ganze Ent-
wickelung hindurch, dann ist natiirlich eine seelische Abnormitat wirk-
lich da. Wenn aber, nachdem der Mensch das einundzwanzigste Jahr
durchgemacht hat, eine Abnormitat in der Leber oder einem andern
Organe auftritt, so ist dieses Organ schon so weit verselbstandigt und
abgelost, dafl sich das Seelische des Willens unabhangig davon erhalten
kann. Das kann um so weniger der Fall sein, je weiter man beim Kinde
zuriickgeht in seinem Lebensalter. Beim erwachsenen Menschen wird
das Seelenleben, weil die Organe schon eine bestimmte Richtung haben,
verhaltnismafiig selbstandig, und eine Organerkrankung wirkt nicht
so stark auf das Seelenleben und kann als Organerkrankung behandelt
werden. Beim Kinde wirkt noch alles zusammen; ein krankes Organ
wirkt noch hinein bis in das Seelenleben, ganz wirksam.
Sehen Sie, die heutigen Krankheiten, welche man gewohnlich in un-
serer heutigen Pathologie diagnostiziert, sind die groberen Krankheiten.
Die feineren Krankheiten sind der Histologic nicht eigentlich zugang-
lich, liegen in dem fliissigen Teile, der ein Organ, zum Beispiel die
Leber, durchzieht, in der Bewegung der Fliissigkeit oder sogar in der
Bewegung des Gasformigen, das die Leber durchzieht. Auch die Durch-
warmung eines solchen Organs ist von ganz besonderer Bedeutung fur
das Seelenleben.
Im kindlichen Organismus hat man also, wenn es sich um einen Wil-
lensdefekt handelt, vor allem zu fragen: Mit welchem Organe, mit
welcher Organentartung, mit welcher Organerkrankung steht ein sol-
cher Willensdefekt in Zusammenhang? - Das ist die wichtigere Frage.
Von so ungeheurerWichtigkeit ist nicht der Denkdefekt. Die meisten
Defekte sind eigentlich Willensdefekte; denn auch wenn Sie im Denken
einen Defekt haben, miissen Sie sorgfaltig hinschauen, inwieferne der
Denkdefekt ein Willensdefekt ist. Denn, wenn Sie zu schnell oder zu
langsam denken, so konnen die Gedanken ganz richtig sein, es handelt
sich nur darum, daft der Wille, der wirkt in der Ineinandersetzung,
einen Defekt hat. Man mufi hinschauen, bis zu welchem Grade der
Wille darinnen steckt. Eigentlich einen Denkdefekt konnen Sie nur
konstatieren, wenn unabhangig vom Willen Deformationen der Ge-
danken auftreten, Sinnestauschungen. Bei der Einstellung zur aufteren
Welt treten sie im ganz Unbewufken auf, da wird das Vorstellungsbild
selber unregelmafiig. Oder aber wir haben etwas wie Zwangsvorstel-
lungen, und daft sie Zwangsvorstellungen sind, hebt sie aus dem Willen
heraus. Aber auf das mufi man vor allem aufmerksam sein, ob man es
mit einem Willensdefekt oder Denkdefekt zu tun hat. Die Denkdefekte
fallen zumeist schon in das Gebiet des abgesonderten Heilens. Mit den
Willensdefekten hat man es meistens zu tun in der Erziehung von un-
vollstandig entwickelten Kindern.
Nun denken Sie sich aber, wie das ganze Wesen des Menschen hin-
einspielt in seine Entwickelung. Sie konnen es ermessen aus dem, was
angefiihrt ist fur diese Entwickelung des Menschen. Man nehme nur
die ersten sieben Lebensjahre, da konnen Vererbungsdefekte vorliegen,
dafiir kommen wesentlich die Vererbungsdefekte in Betracht. Nun,
einen solchen Vererbungsdefekt, den darf man auch nicht in der schau-
derhaften Weise ansehen, wie ihn die heutige Wissenschaft ansieht; der
fallt uns ja nicht als Zufall zu, sondern er fallt uns als karmische Not-
wendigkeit zu. Wir wahlen den Korper, der nach der Generationsfolge
defekt ist, aus unserer Unkenntnis heraus allerdings in der geistigen
Welt. Wo also defekte Vererbungskrafte vorliegen, da lag vor der Kon-
zeption eine Unkenntnis der menschlichen Organisation vor. Man mufi
namlich, bevor man auf die Erde heruntersteigt, den menschlichen
Organismus ganz genau kennen, sonst kann man nicht recht hinein-
steigen in den ersten sieben Jahren und ihn nicht recht umwandeln.
Und was man also erwirbt an Wissen in bezug auf die innere Organi-
sation zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist etwas ganz
Unermeftliches gegeniiber dem bissel von Wissen, das heute die Physio-
logie oder Histologic von auften her erwerben. Das letztere ist ja nichts.
Aber dieses Wissen, das wir da haben, das dann untertaucht in den
Korper und daher vergessen wird, weil es untertaucht, das wendet sich
nicht durch die Sinne nach der Aufienwelt. Dieses Wissen, das ist etwas
unermefilich Grofies. Dieses Wissen wird aber beeintrachtigt, wenn wir
in einem Erdenleben fiir unsere Umgebung kein Interesse entwickeln,
oder an diesem Interesse verhindert worden sind. Denken Sie, irgendein
Zivilisationszeitalter sperre die Menschen ein in Raumen, halte sie dar-
innen vom Morgen bis zum Abend so, dafi sie kein Interesse haben kon-
nen fiir die Aufienwelt. Wie wirkt eine solche Zivilisation? Sie schlieftt
die Erkenntnis des Menschen von der Aufienwelt ab. Und wenn ein
Mensch mit diesem Abgeschlossensein durch den Tod geht und in die
geistige Welt wenig Vorbedingung hineinbringt, um in dieser geistigen
Welt, in der alles enthalten ist, den menschlichen Organismus kennen-
zulernen, aufzunehmen, so kommt ein solcher Mensch, wenn er her-
untersteigt auf die Erde, mit einer geringeren Kenntnis herunter als
einer, der sich einen freien Blick fur seine Umgebung erworben hat.
Das andere Geheimnis ist dieses: Sie gehen durch die Welt. Jetzt
glauben Sie, wenn Sie so durch die Welt gehen, zum Beispiel einen Tag,
jetzt meinen Sie, das ist etwas Geringes: es ist auch etwas Geringes fur
das gewohnliche Bewulksein, es ist aber nichts Geringes fiir dasjenige,
was im gewohnlichen Bewuiksein das Unterbewufitsein bildet. Denn
wenn Sie nur einen Tag durch die Welt gehen und sie genauer an-
schauen, so ist das schon die Vorbedingung fiir die Erkenntnis des
Inneren des Menschen. Aufienwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt
im aufterirdischen Leben. Und wir werden davon sprechen, was unsere
Zivilisation bewirkt und warum deshalb minderwertige Kinder auf-
treten. Diejenigen Menschen, die heute abgeschlossen leben von der
Welt, die werden alle einstmals herunterkommen mit Unkenntnis des
menschlichen Organismus, und sie werden sich wahlen die Vorfahren,
die sonst unfruchtbar bleiben wiirden. Gerade die Menschen, die sonst
schlechte Korper liefern wiirden, werden dann gewahlt, wahrend die-
jenigen, die gute Korper liefern wiirden, steril bleiben. Es hangt tat-
sachlich von der ganzen Entwickelung eines Zeitalters ab, wie sich beim
Heruntersteigen wieder ein Geschlecht aufbaut. Und wenn wir ein
Kind ansehen, miissen wir sehen, was da in dem Kinde von dem vorigen
Erdenleben lebt. Man mufi es verstehen, warum es sich wahlt Organe,
die nach den Vererbungskraften krankhaft sind, warum es sich wie-
derum durch eine unvollstandig entwickelte Individualitat in diesen
Korper hineinarbeitet.
Denken Sie sich, was da fiir Moglichkeiten gegeben sind bis zum
Zahnwechsel hin fiir das Kind, weil ja nicht immer vollstandig adaquat
ist das, was herunterkommt, dem, was vorliegt. Da ist die Moglichkeit
vorhanden, dafi zum Beispiel ein Kind ein gutes Modell hat, das in der
Leber gut ausgebildet ist. Weil aber die Individualitat unfahig ist, das
zu verstehen, was da drinnen liegt, so wird es in der zweiten Lebens-
epoche unvollstandig nachgebildet, und dann entsteht ein sehr bedeut-
samer Willensdefekt. Gerade wenn das Beispiel vorliegt, daft die Leber
in dieser Weise nach dem Lebermodell unvollstandig nachgebildet wird,
dann entsteht ein Willensdefekt, der sich auftert dadurch, daft das
Kind will, aber es geht nicht iiber zum Ausfuhren des Willens, es bleibt
das Wollen im Gedanken stecken. Das Kind fangt auch gleich an, etwas
anderes zu wollen, wenn es etwas angefangen hat, und es stockt das
Wollen, es spieftt sich das Wollen. Denn die Crux ist, daft die Leber
nicht bloft das Organ ist beim Menschen, das die heutige Physiologie
beschreibt, sie ist im eminentesten Sinne dasjenige Organ, das dem
Menschen die Courage gibt, eine ausgedachte Tat in eine wirklich aus-
gefiihrte umzusetzen. Also wenn es geschieht, daft ich so organisiert bin
als Mensch, daft da ein Tram wegfahrt, ich weift, ich soli nach Basel
fahren - es gibt solche Menschen - ich bin schon da: im letzten Moment
kann ich nicht aufsteigen, es will mich etwas zurtickhalten, ich komme
nicht dazu, aufzusteigen! - Sehen Sie, so etwas enthullt sich manchmal
auf eine merkwiirdige Weise, wenn eine Stockung des Willens auftritt.
Wenn aber so etwas auftritt, dann liegt immer ein feiner Leberdefekt
vor. Die Leber vermittelt immer das Umsetzen der vorgenommenen
Ideen in die durch die Gliedmaften durchgefiihrten Handlungen. So ist
jedes Organ dazu da, irgend etwas zu vermitteln.
Sehen Sie, mir wurde mitgeteilt, daft ein gewisser junger Mann diese
Krankheit wirklich hatte, daft wenn er in der Nahe eines Tramwagens
stand, daft er plotzlich stehenblieb und nicht einstieg. Kein Mensch
wuftte, warum er nicht einstieg. Er wuftte auch nicht, warum. Er blieb
stehen. Der Wille stockt. Nun, was lag da vor? Eine sehr komplizierte
Sache. Der Vater des Betreffenden war Philosoph, hat in einer merk-
Tafel i wiirdigen Weise die Seelenfahigkeiten eingeteilt in Vorstellen, Urteilen
und in die Krafte der Sympathie und Antipathie, und rechnete unter
die Seelenkrafte nicht den Willen. Der- Wille fiel heraus aus der Auf-
zahlung der Seelenkrafte. Er zahlte nie den Willen auf, wenn er die
Seelenkrafte aufzahlte. Er wollte aber ehrlich sein. Er wollte nur das
geben, was sich im Bewufitsein darstellte. Nun hatte er es so weit ge-
bracht, daft das ihm ganz Natur war, keine Vorstellung vom Willen
zu haben. Nun kriegte er in verhaltnismafiig spatem Alter einen Sohn.
Er, der Vater, hatte durch ewiges Nicht-Denken des Willens der Leber
die Anlage eingepflanzt, die subjektiven Intentionen nicht umzusetzen
in die Tat. Beim Sonne trat das als Erkrankung auf. Und da konnen Sie
sehen, warum auch dieses Sohnes Individuality gerade diesen Vater
gewahlt hat: weil sie nichts anzufangen wufite mit der inneren Organi-
sation der Leber. Da hatte sie sich eine Konstitution gewahlt, bei der sie
sich nicht bemiihen mufite um die Leber. Denn die Leber war eben
ohne diese Funktion, die der Betreffende nicht mit heruntergebracht
hatte. Sie sehen also: in einer ganz merkwiirdigen Weise mufi man hin-
einschauen auch in das Karma, wenn man das Kind verstehen will.
Das wollte ich zunachst heute einmal sagen, und wir wollen dann
morgen um dieselbe Stunde weiterfahren.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 26.Juni 1924
Ich machte gestern aufmerksam - wir wollen versuchen, die Dinge
sozusagen aus den Fundamenten heraus zu arbeiten, um dann auf das
Praktische einzugehen -, wie das gewohnliche oberflachliche Seelen-
leben nur als Symptomenkomplex aufgefaftt werden darf. Wenn man
auf den eigentlichen Tatbestand, der irgendeiner sogenannten Geistes-
krankheit oder sogenannten Geistesschwache bei irgendeinem Kind
zugrunde liegt, kommen will, so sieht man, daft ja alle geistigen Be-
trachtungsweisen heute daran leiden, daft die oberflachlichen Seelen-
zustande einfach beschrieben werden und dann der Obergang zu dem,
was tiefer liegt, also zu dem Gebiete, wo das eigentliche Seelenleben,
wie wir gestern gesehen haben, arbeitet, nicht gefunden werden kann.
Nun kann hier nicht eingegangen werden auf die Art und Weise, wie
man bei erwachsenen Geisteskranken sich zu verhalten hat, wobei ja
immer in allem Verhalten etwas Problematisches ist. Aber was moglich
ist, bei Kindern zu machen, das muft alles in diesen Stunden vor unsere
Seele treten. Wie wenig nun dabei das oberflachliche Seelenleben - wo-
bei ich oberflachlich nicht abtraglich, sondern nur ortlich meine -, wie
sehr die Betrachtung des oberflachlichen Seelenlebens irrefuhren kann,
dafur mochte ich Ihnen einleitungsweise ein krasses Beispiel vorfuhren,
das gerade fur Ihre Aufgabe von besonderer Bedeutung sein wird.
Sehen Sie, es gibt heute einen ehemaligen Staatsanwalt Wulffen. Der
hat sich vom Standpunkte der Kriminalpsychologie mit allerhand gei-
stigen Abnormitaten beschaftigt und dicke Biicher iiber dieses Gebiet
geschrieben, Wie kommt ein solcher Mensch, der zunachst nicht von
der Medizin ausgeht, zu seinen Auseinandersetzungen? Er hat natiir-
lich ein reiches Gebiet von abnormem Seelenleben kennengelernt in
seinem Amt als Staatsanwalt, laftt sich dann wohl im reiferen Alter
darauf ein, allerlei medizinische Dinge kennenzulernen, verbindet dann
das, was er in seinem Berufe erfahren hat, mit dem, was er sich dann
auf diese Weise spater erlesen hat und bildet sich daraus eine Theorie,
die einfach heute entstehen muft aus den sogenannten wissenschaft-
lichen Vorbedingungen. Denn entweder nimmt man die ganze Sache
ernst, dann kommt so etwas heraus, wie es bei Wulffen herauskommt,
oder man nimmt sie nicht ernst, dann ist man genotigt, von anthropo-
sophischen Gesichtspunkten auszugehen. Ein eigentlicher Mittelweg ist
immer ein sehr bedenklicher Kompromift.
Nun hat dieser Staatsanwalt Wulffen in Zurich jiingst einen Vor-
trag gehalten, und zwar auf diesem Gebiet der Kriminalpsychologie,
worin er gesprochen hat iiber abnormes Seelenleben. Es. ist wichtig,
solch eine Sache ins Auge zu fassen, denn Sie sind ja diesem in jedem
Momente ausgesetzt, Wenn Sie heute nachdenken iiber das, was Sie
gelernt haben, wenn Sie ein wissenschaftliches Buch in die Hand neh-
men, wenn Sie irgendein Buch aus der wissenschaftlichen Denkungsart
in die Hand nehmen, so finden Sie iiberall die Denkformen und die
Denkweise, die hier bei diesem Staatsanwalt nur in besonders radikaler
Art zum Ausdruck kommt, so daft man also wissen mufi, wohin gerade
auf dem Gebiete des sogenannten abnormen Seelenlebens notwendiger-
weise die heutige Wissenschaft fiihren mufi. Bevor ich Ihnen den Zei-
tungsabschnitt vorlese, mache ich Sie darauf aufmerksam, daft der
Staatsanwalt noch immer eine viel grofiere Kapazitat ist, daft Wulffen
mehr Recht hat als der Journalist, der daruber schreibt. Der kann sich
nur daruber lustig machen, weil er heute, Gott sei Dank, noch das
Publikum hinter sich hat gegen die Psychiatrie und die Kriminal-
psychologie. Natiirlich gilt doch, daft in diesem Falle der Ton, in dem
berichtet wird, nichts fiir Sie bedeuten soil, denn der Journalist ist
trotzdem im Verhaltnis zu Wulffen der viel Unf ahigere, kann sich nur
lustig machen iiber die Sache, aber er ahnt dabei gar nicht, daft da das
Lustigmachen iiber die heutige Wissenschaft geht und nicht iiber
Wulffen. Denn eigentlich miiftte die Wissenschaft, in der Wulffen dar-
innensteht und aus der er schopft, iiberall in einer solchen Weise spre-
chen, wenn sie aufrichtig und ehrlich ware. Nun, jetzt lassen wir uns,
weil es uns ja angeht, gerade diesen Zeitungsabschnitt einmal vor die
Seele treten. Er ist iiberschrieben: «Schiller unter der Psychoanalyse
des Staatsanwaltes.» Es miiftte iiberschrieben werden eigentlich mit:
«Friedrich Schiller unter der Psychoanalyse der heutigen Psychologie
oder Psychopadagogik.»
«Mit Fritz Schiller, vermogenslos, schwabischer Herkunft, weiland
Geschichtsprofessor in Jena und Verfasser verschiedener Revolutions-
stiicke, ging letzten Freitag, den 29.Februar 1924, der weit iiber seine
Fachkreise hinaus bekannte und geschatzte Dresdener Staatsanwalt
Dr. E.W. Wulffen in glanzend aufgebauter Rede iiber <Die Kriminal-
Psychologie bei Friedrich Schiller> ins Gericht und erzielte vor zahl-
reichem Auditorium des Ziircher Juristenvereins einen um so nachhal-
tigeren Erfolg, als der Angeklagte todeshalber der Versammlung nicht
beiwohnen konnte und vielleicht nur mit unsichtbarer Hand auf das
wies, was sie bei Lebzeiten niederschrieb.
Herr Staatsanwalt Wulffen seinerseits ging mit wohlverzahnten Aus-
fuhrungen vor; die Beweisfiihrung klappte widerspruchslos; sogar die
private Korrespondenz Schillers hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt,
wollte sagen, gelesen, und siehe da: unter der Assistenz Dr.Wulffens fiel
es der Versammlung wie Schuppen von den Augen: die Liebe unseres
Volkes zu Schiller und die der Jugend zu ihm wird in ihren hafilichen
Wurzeln bloftgelegt: Schiller ist popular wegen der ihm eingeborenen
Grausamkeit, die ihm ein Schwelgen in der dustern Pracht des Furcht-
baren besonders nahelegt und ihn zu Balladen treibt, wie <Die Kinds-
morderim, <Die Kraniche des Ibykus>, <DerTaucher>, <Der Handschuh>,
<Der Gang nach dem Eisenhammer>, wo beispielsweise in den Hohn-
worten: <Der ist versorgt und aufgehoben! Der Graf wird seine Diener
loben!> die aus dem Kampf Schillers mit seinem siechen Korper standig
genahrte Grausamkeit bedeutsam zutage tritt. Und Schillers Tragodien,
in denen der Zuschauer Furcht und Mitleid erregt wird, weshalb sind
sie so buhnenwirksam? Weil sie an latente Verbrecherqualitaten des
Publikums appellieren und ein ungefahrliches Abreagieren gefahrlicher
Instinkte ermoglichen.
Das alles sagt Herr Staatsanwalt Wulffen und gibt sich zum Schlufi
als iiberzeugter Verehrer Schillers zu erkennen; er schliefk sogar mit
Goethes Epilog zur <Glocke>: Gott schiitze uns vor unsern Freunden!
Freilich, Herr Staatsanwalt Wulffen billigt Schillern trotz erdriik-
kender Beweislast mildernde Umstande zu: sein Freiheitsgefuhl, das
aus friihzeitiger Unterdriickung und wohl im Anschluft an einen Min-
derwertigkeitskomplex jah aufloht in den <Raubern> und sich mahlich
lautert, um endlich im <Tell> eine Revolution auf dem Boden der Ord-
nung zu verherrlichen. - Im iibrigen sei Schillers Einstellung zu Gut
und Bose wesentlich von asthetischen Gesichtspunkten aus erfolgt und,
wie schon gesagt, die Schlagadern, die Schillers Dichtung nahren, sind
von Herrn Dr.Wulffen rasch gefunden und definiert: Grausamkeit
und Freiheitsdrang. Der Kampf mit diesen Trieben, die er in der Dich-
tung ausgelebt hatte, habe Schiller den Weg zur Vollendung gefiihrt.»
Hier haben Sie den Minderwertigkeitskomplex, in seiner Kindheitszeit
naturlich.
Nun, nicht wahr, man mu!5 sich iiber das eine klar sein: was heraus-
kommen wiirde, wenn die heutige Wissenschaft in die Padagogik iiber-
gehen wiirde und dann Padagogen nach dem Schlage dieser Wissen-
schaft in diesen Schulen lehren wiirden, wo etwa solch ein Schiller
safie. Das mufi man sich ganz klipp und klar vor die Augen stellen.
Nun nehmen Sie das alles zusammen, was ich gestern gesagt habe,
so wiirden Sie eben sehen, dafi, wie gesagt, gerade wie man in an dem
Krankheitsfallen aus eben andern Orientierungssymptomen auf den
eigentlichen Tatbestand nur zuriickschliefien kann, so kann man auch
aus dem, was das Seelenleben darstellt, Denken, Fiihlen und Wollen auf
den eigentlichen Tatbestand zuriickschliefien beziehungsweise zuriick-
schauen. Und wir haben ja an dem Beispiele der Leber gesehen, wie der
Ursprung einer seelischen Abnormitat, daft der betreffende Kranke
nicht kommen kann von der Intention, irgend etwas zu tun, zur wirk-
lichen Tat, wie der eigentliche Grund in irgendeiner feineren Abnor-
mitat der Leber gesucht werden mufi und dafi von da aus die Behand-
lung, sowohl die erzieherische als therapeutische Behandlung in Angriff
genommen werden mufi.
Nun miissen wir, bevor wir auf das einzelne Praktische eingehen,
noch einmal auf das kindliche Seelenleben zuruckblicken. Wir haben
ja auf der einen Seite gesehen, wie der Korper in den ersten sieben
Lebensjahren ein Modell darstellt, nach dem sich die Individuality den
zweiten Korper, der die Funktionen verrichtet zwischen Zahnwechsel
und Geschlechtsreife, herausarbeitet. Wenn die Individualist starker
ist als dasjenige, was in den Erbeigenschaften darinnen ist, so wird das
Kind im Verlaufe des Zahnwechsels die Erbeigenschaft mehr oder
weniger iiberwinden und wird als Individualist auch aufierlich kor-
perlich in seiner ganzen Seelenverfassung erscheinen. 1st aber die Indi-
vidualist des Kindes schwach, so wird sie durch die Erbeigenschaften
unterdriickt, sie betrachtet das Modell so, dafi ein sklavischer Abguft
des Modells sichtbar korperlich erscheint. Und man wird von vererb-
ten Eigenschaften im eigentlichen Sinne reden konnen. Denn es ist
zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife alles so, wie es aus der
Individualitat heraus kommt. Die vererbten Eigenschaften treten des-
halb hervor, weil die Individualist zu schwach war, sie zu iiberwinden,
um in ihrem Sinne nach dem Karma zu arbeiten. Deshalb erscheint der
eigentliche Karmaimpuls iibertont von dem, was als vererbte Eigen-
schaften herauskommt.
Nun, sehen Sie, meine lieben Freunde, wir miissen jetzt gleichsam
auch wie eine generelle Symptomatologie ins Auge fassen, wie sich das
Denken in seiner Entwickelung verhalt zu der Entwickelung des Wil-
lens beim Kinde. Sie haben schon gestern gesehen, in welchem Sinne
man dies nur als-symptomatisch betrachten kann. Sie haben gesehen,
daft dem Denken, wie es sich auftert im oberflachlichen Seelenleben,
eine synthetische Tatigkeit zugrunde liegt, die in dem Erbauen und
Durchorganisieren des Gehirns liegt, und daft der Willensaufterung zu-
grunde liegt eine analytische Tatigkeit, eine auseinanderhaltende Tatig-
keit, die den Organen, namentlich dem Stoffwechsel-Gliedmafien-
menschen zugrunde liegt.
Nun fassen wir zunachst das Denken ins Auge mit der zugrunde
liegenden synthetischen Tatigkeit des Gehirns. So miissen wir uns dar-
uber klar sein, was Gedanken eigentlich sind. Denn Gedanken treten
ja stiickweise immer in den kindlichen Organismus herein. Auch der
erwachsene Mensch hat das, was uberhaupt ein Mensch denken kann,
mehr oder weniger in Fragmenten um sich. Der eine hat eine grofiere
Fiille von Gedanken, der andere eine geringere. Aber was sind denn
eigentlich Gedanken? Die heutige Anschauung, die dann in den
Wulffenianismus ausartet, die sieht in den Gedanken etwas, was im
Menschen entwickelungsgemafi stufenweise entsteht. Und wenn auch
halt der Mensch dazu kommt, solche Gedanken zu haben, die in der
Welt taugen, so sagt man: Er hat eben diese Gedanken aus sich heraus
entwickelt. - Nun wird man, wenn man den Menschen mit anthropo-
sophischer Anschauung wirklich prtift, gar nicht dazu kommen, irgend
etwas in ihm zu entdecken, woraus Gedanken entstehen. Alle Unter-
suchungen, die dahin zielen, zu priifen, woraus Gedanken entstehen
konnten, die sind so vor der Geisteswissenschaft, als wenn jemand tag-
lich morgens von irgendwoher einen gefullten Milchtopf gestellt be-
kame, einen Topf mit Milch (siehe Tafel 2, rechts), und eines Tages aus Tafel 2
seiner Gescheitheit heraus anfangen wiirde nachzudenken, in welcher
Weise der Ton, aus dem der Milchtopf geformt ist, jeden Morgen die
Milch aus sich hervorbringt. Man wird im Ton, aus dem der Milchtopf
geformt ist, niemals etwas finden, woraus die Milch hervorgehen
konnte. Nun stellen wir uns vor, irgendein Dienstmadchen, nein, sagen
wir, eine aus dem Gouvernantenstande heraus aufgestiegene moderne
Hausfrau - wenn auch das fast unmoglich ist nicht wahr, es konnte
aber einmal vorkommen, daft jemand niemals wahrgenommen hatte,
wie die Milch in den Milchtopf hereinkommt: man wiirde eine solche
Personlichkeit fur dumm halten, die nachdenken konnte dariiber, wie
aus dem Ton die Milch heraussickert, wie das bewirkt wird. Ja es ist
wirklich eine Hypothese, die sich selbst ad absurdum fuhrt, wenn man
annimmt, daft mit Bezug auf den Milchtopf jemand zu dieser Ansicht
kommt. Die Wissenschaft in bezug auf das Denken kommt zu dieser
Hypothese. Sie ist so dumm, sie ist ganz zweifellos so dumm. Denn
wenn man ans Untersuchen mit alien Mitteln herankommt, die die
Geisteswissenschaft bietet, von denen nun schon seit mehr als zwanzig
Jahren gesprochen wird, wenn man mit den Mitteln herangeht, so fin-
det man in alldem, was menschliche Organisation ist, auch nichts, was
Gedanken hervorbringen konnte. Das gibt es einfach nicht. Geradeso
wie die Milch in den Milchtopf hereingegossen werden muft, damit sie
darinnen ist, so miissen die Gedanken in den Menschen hineinkommen,
damit sie darinnen sind.
Und woher kommen sie im Leben, das zunachst in Betracht kommt
zwischen Geburt und Tod? Wo sind sie? So wie das Hervorgehen der
Milch erforscht werden kann, so mufken Sie finden, wo die Gedanken
sind. Wo sind diese Gedanken? Nun sehen Sie, wir sind umgeben von
der physischen Welt. Aber auch von der atherischen Welt, aus der ja
unmittelbar, bevor wir heruntersteigen zu unserer physischen Inkar-
nation, der menschliche Atherleib genommen wird. Der menschliche
Atherleib wird ja aus dem allgemeinen Weltenather genommen, der
durchaus iiberall vorhanden ist. Nun, dieser Weltenather, meine lieben
Freunde, der ist in Wirklichkeit der Trager der Gedanken. Dieser Wel-
tenather, den alle gemeinsam haben, er ist der Trager der Gedanken,
da sind die Gedanken darinnen, da sind jene lebendigen Gedanken
eben darinnen, von denen ich Ihnen immer gesprochen habe auch in
anthroposophischen Vortragen, daft der Mensch ihrer teilhaftig ist im
vorirdischen Leben, bevor er auf die Erde heruntersteigt. Das alles,
was uberhaupt an solchen Gedanken vorhanden ist, ist im lebendigen
Zustande im Weltenather darinnen und wird niemals entnommen aus
dem Weltenather im Leben zwischen Geburt und Tod, niemals, sondern
alles, was der Mensch an lebendigem Gedankenvorrat in sich enthalt,
empfangt er dann in dem Augenblick, wo er aus der geistigen Welt
heruntersteigt, also sein eigenes lebendiges Gedankenelement verlaftt,
wenn er heruntersteigt und sich seinen Atherleib bildet. Dadrinnen
sind noch die lebendigen Gedanken, in dem, was am Menschen bildet
und organisiert.
Wenn ich also das Schema von gestern noch einmal mache (siehe
Tafel 2 Tafel 2, Mitte), wenn Sie hier den Menschen sehen, wenn wir hier das
symptomatische Seelenleben, Denken, Fiihlen, Wollen haben, wenn wir
dahinter haben das Seelenleben, das wirkliche Seelenleben, so haben
wir einen Teil des wirklichen Seelenlebens in den Gedanken. - Und
diese Gedanken, die wir aus dem allgemeinen Weltenather heraus-
nehmen, die bilden uns vorzugsweise unser Gehirn und im weiteren
Sinne unser Nerven-Sinnessystem. Das ist das lebendige Denken, das
bildet uns das Gehirn zum Abbauorgan, zu dem Organ, das gewisser-
mafien in folgender Art die Materie behandelt.
Wenn wir hinausschauen auf die Umgebung, da haben wir die Sub-
stanz des Irdischen urn uns herum, in ihren verschiedenen Prozessen
und Wirkungsarten. Diese Prozesse, die da in der Natur leben, die
werden stufenweise abgebaut von der Tatigkeit des lebendigen Den-
Tafei 2 kens, so dafi fortwahrend hier (siehe Tafel 2) abgebaut wird, das
heifit, die Prozesse gestoppt werden, die die Naturprozesse sind. Also
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:317 Seite:30
im Gehirn wird der Anfang damit gemacht, daft die Naturprozesse
gestoppt werden und die Materie fortwahrend in Absonderung her-
ausfallt. Die herausgefallene Materie, die also ausgeschiedene und un-
brauchbar gewordene Materie: das sind die Nerven. Und diese Nerven
bekommen dadurch, daft sie in dieser Weise vom lebendigen Denken
bearbeitet werden, bekommen dadurch, daft sie fortwahrend ertotet
werden, eine Fahigkeit, die der Spiegelungsfahigkeit ahnlich ist. Da-
durch bekommen sie die Fahigkeit, daft sich durch sie die Gedanken
des umliegenden Athers spiegeln, und dadurch entsteht das subjektive
Denken, das oberflachliche Denken, das nur in Spiegelbildern besteht,
das wir in uns tragen zwischen Geburt und Tod. Wir werden also da-
durch, daft wir das lebendige Denken in uns wirkend tragen, fahig
gemacht, der Welt unser Sinnes- und Nervensystem entgegenzustellen,
die Eindrucke, die im umliegenden Ather leben, in Spiegelbildern zu
erzeugen und in unser Bewufttsein zu schmeiften. So daft also dieses
Denken und Vorstellen des oberflachlichen Seelenlebens nichts anderes
ist, als der Reflex der im Weltenather lebenden Gedanken.
Nun, wenn Sie sich selber mit Ihrem Spiegelbild vergleichen, so wer-
den Sie darauf kommen, daft Sie etwas anderes sind als das Spiegelbild.
Ebenso konnen Sie die Gedanken mit ihren Spiegelbildern vergleichen
und bekommen dadurch das tote Denken, wie das Spiegelbild tot ist
Ihnen gegeniiber, der Sie als Lebender vor dem Spiegelbild stehen. Es
kann ein verzerrter, ein unlogischer, ein verriickter Gedanke niemals
im Weltenather vorhanden sein. Die Gedanken aber, welche das ge-
wohnliche, das oberflachliche Seelenleben enthalt, sind ja nur die Spie-
gelungen der Gedanken im Weltenather. Woher kann nun ein verriick-
ter, ein querkopfiger Gedanke kommen? Dadurch, daft der Spiegel,
all dasjenige, was da entstanden ist im Aufbau des Gehirns, nicht in
Ordnung ist. Also handelt es sich darum, daft wir in richtiger Weise
den Weg zuriickfinden von den verzerrten Gedanken zu dem, was im
menschlichen Gehirn beziehungsweise im Sinnes-Nervensystem eigent-
lich wirkt, was der Mensch sich aufgebaut hat aus dem wirklichen
lebendigen Gedankenleben heraus. Daraus ersehen Sie, daft es sich
eigentlich ungeheuer stark darum handeln wird, daft wir von dem Be-
wufitsein ausgehen: an den Gedankeninhalt selber, an die eigentlichen
Gedanken konnen wir gar nicht herankommen, denn die sind ja im
Weltenather in ihrer absoluten Richtigkeit vorhanden.
Wir mussen nun alles versuchen, damit der Zogling, der uns angeht,
der uns iibergeben ist, in der richtigen Weise an diesen Weltenather
herankommen kann. Wir werden das nie tun, wenn wir nicht wirklich
gefiihlsmaftig als Erzieher durchdrungen sind davon, daft die allrichtig
waltende Gedankenlebendigkeit im Weltenather enthalten ist. Ohne
daft wir diese kosmische religiose Einstellung haben, werden wir un-
moglich dazu vorriicken konnen, die richtige Haltung gegeniiber dem
Kinde zu entwickeln. Und auf diese Haltung kommt es an. Und ich
will Ihnen beweisen, warum es auf die Haltung ankommt.
Was ist es denn, was auf das Kind wirkt, was in dem Kinde lebt,
wenn es zu verzerrten Gedanken kommt, und was ist es, was vom Er-
zieher aus in einem solchen Fall auf das Kind wirken kann? Sehen Sie,
aus dem, was ich gesagt habe, konnen Sie entnehmen, daft der Ather-
leib nicht in der richtigen Weise geformt worden ist, wenn so etwas
zugrunde liegt. Auch wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein
heruntersteigend ankommt, sind natiirlich nur richtige Gedanken im
Weltenather, aber diese richtigen Gedanken mussen aufgenommen
werden von demjenigen, der sich in seinen Atherleib einkleidet.
Nun gehen wir noch einmal zu unserem Milchtopf zuriick. Die
Milch, wir konnen von ihr nicht sagen, daft sie irgendwie falsch ge-
formt ist: sie nimmt die Form eben an, die ihr durch die Umhiillung
gegeben werden kann. Wenn wir ein verniinftiges Gefaft haben, so
haben wir die Milch darin verniinftig untergebracht. Nehmen wir an,
einem Querkopf , der recht querkopf ig ware, dem f iele es ein, ein Milch-
Tafel 2 gefaft so zu formen (siehe Tafel 2, rechts), und jetzt gieftt er die Milch
hinein, da kann sie nicht herunter. Nun rechnet er aber, und wenn er
den Kubikinhalt ausrechnet, dann rechnet er das - den unteren Teil -
hinzu. Das ist der extremste Fall. Man kann nach alien Richtungen
das Milchgefaft ungeschickt machen. Man kann es zum Beispiel so
machen, daft es umfallt und von dreiftig Monatstagen dadurch, daft
man den Boden ungeschickt gemacht hat, an siebenundzwanzig Tagen
die Milch ausflieftt. Also es handelt sich darum, daft die Milch so sein
wird in dem Gefaft, wie das Gefaft ist. Der Atherleib mit all seiner
Lebendigkeit ist so in dem Menschen, wie der Mensch aus dem vor-
irdischen Dasein mit seinem Karma ankommt und den Atherleib in
sich aufnehmen kann. Dessen mussen wir uns bewuftt sein.
Nun, da ist es gar nicht so unmoglich, daft der Mensch ankommt
durch sein Karma mit etwas, das gar nicht unahnlich sieht diesem
Milchgefaft. Wenn er zum Beispiel so ankommt, daft er seinem Karma
gemaft das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem nicht ordentlich durch-
dringen kann, so wird dieses in kiimmerlicher Weise mit dem Atherleib
versorgt, und der Mensch hat dann seinen Atherleib in der Kopfgegend
ordentlich ausgebildet, er hat ihn in der Unterleibsgegend und Glied-
maftengegend schlecht ausgebildet. Er ist leer von den formenden Ge-
danken an diesen Stellen. So daft wir uns vor alien Dingen dariiber
klar sein mussen, daft wir einen mangelhaft ausgebildeten Atherleib bei
zahlreichen seelisch minderwertigen Kindern vorliegend haben. Und
fragen mussen wir uns: Was wirkt auf einen Atherleib, der in den Ent-
wicklungsjahren der Kinder vorhanden ist, was wirkt auf einen Ather-
leib?
Da tritt uns eben ein padagogisches Gesetz entgegen, das ja in aller
Padagogik erscheint. Das ist dieses, daft wirksam ist in der Welt auf
irgendein Glied der menschlichen Wesenheit, wo es auch immer her-
kommt, das nachsthohere Glied, und daft es nur dadurch wirksam zur
Entwickelung kommt. ZurEntwickelung auf den physischen Leib kann
wirksam sein ein im Atherleib Lebendes, in einem atherischen Leib
Lebendes. Zur Entwickelung auf einen Atherleib kann nur wirksam
ein in einem astralischen Leib Lebendes sein. Zur Entwickelung auf
einen astralischen Leib kann wirksam nur ein in einem Ich Lebendes
sein. Und auf ein Ich kann wirksam sein nur ein in einem Geistselbst
Lebendes. Ich konnte es noch weiter fortfiihren iiber das Geistselbst
hinaus, aber da wiirden wir schon in die Unterweisung des Esoteri-
schen hineinkommen.
Was heifit das? Wenn Sie gewahr werden, daft in einem Kinde der
Atherleib in irgendeiner Weise verkummert ist, so mussen Sie Ihren
eigenen astralischen Leib so gestalten, daft er korrigierend auf den
Atherleib des Kindes wirken kann. Wir konnen geradezu sagen, mit
Bezug auf das Erziehungsschema kann hierher geschrieben werden:
Tafel 3
Kind: physischer Leib
Erzieher: Atherleib
Atherleib
astralischer Leib
Ich
astralischer Leib
Ich
Geistselbst
Der eigene Atherleib des Erziehers mufi - und das mufi durch seine
Seminarvorbildung geschehen -, er muft auf den physischen Leib des
Kindes wirken konnen. Der eigene astralische Leib mufi auf den Ather-
leib des Kindes wirken konnen. Das eigene Ich des Erziehers raufi auf
den Astralleib des Kindes wirken konnen. Und jetzt werden Sie inner-
lich sogar erschrecken, denn hier steht das Geistselbst des Erziehers,
von dem Sie glauben werden, daft es nicht entwickelt ist. Das muE auf
das Ich des Kindes wirken. Aber das Gesetz ist so. Und ich werde
Ihnen zeigen, inwiefern tatsachlich nicht bloft im Idealerzieher, son-
dern oftmals im allerschlechtesten Erzieher das Geistselbst des Er-
ziehers, das ihm selber gar nicht zum Bewufttsein kommt, auf das Ich
des Kindes wirkt. Das Erziehungswesen ist in der Tat in eine Reihe
von Mysterien eingehiillt.
Aber jetzt geht uns auf, daft auf den verkummerten Atherleib des
Kindes der gesundende astralische Leib des Erziehers wirken muft. Und
sehen Sie, wie kann mit Rucksicht gerade auf diese Dinge der Astral-
leib des Erziehers erzogen werden, selbsterzogen werden, wie es ja
heute noch sein muft? Denn Anthroposophie kann heute nur Anregung
geben, nicht fiir alles gleich Seminare begriinden. Der eigene Astralleib
des Erziehers muft so beschaffen sein, daft er ein instinktives Verstand-
nis hat fiir die Verkummerungen im Atherleibe des Kindes.
Nehmen wir an, es sei in der Lebergegend des Kindes der Atherleib
verkummert. Dadurch wird in dem Kinde die Erscheinung hervor-
gebracht, daft es mit seinen Intentionen dasteht, immer will, aber dieses
Wollen ihm immer vor der Tat stoppt. Wenn nun der Erzieher inner-
lich sich ganz hineinfiihlen kann in diese Lage, daft man mit seinem
Willen sich durchdnicken muft in die Tat, wenn man mitfiihlen kann
dieses Stoppen und zu gleicher Zeit entwickeln kann aus seiner eigenen
Energie heraus ein tiefes Mitleid mit diesem so innerlich Erlebten, dann
bildet man im eigenen Astralleib das Verstandnis aus fiir diese Lage
des Kindes, und man wird nach und nach dazu kommen, jede Spur von
Sympathie oder Antipathie mit dieser Erscheinung bei dem Kinde in
sich auszutilgen. Dadurch, daft der Erzieher die Sympathie und Anti-
pathie in sich austilgt, dadurch wirkt er erzieherisch auf seinen eigenen
Astralleib. Solange man mit einer solchen Eigenschaft des Kindes, daft
es zum Beispiel gehen will und nicht gehen kann - das kann bis in
pathologische Zustande hineingehen, das kann in auffallige Zustande
hineingehen; es geht immer in pathologische Zustande hinein, bis, ich
mochte sagen, bis in ganz auffallige pathologische Zustande, die man
so bezeichnet, daft man sagt, das Kind kann nicht gehen lernen -, so-
lange man damit Sympathie oder Antipathie hat, wenn es in gelindem
Mafie auftritt, solange man in Erregung kommen kann dabei, so lange
kann man eigentlich noch nicht wirksam erziehen. Erst dann, wenn
man es so weit gebracht hat, daft einem eine solche Erscheinung zum
objektiven Bild wird, daft man sie mit einer gewissen Gelassenheit als
objektives Bild nimmt und nichts anderes dafiir empfindet als Mitleid,
dann ist die im astralischen Leib befindliche Seelenverfassung da, die
in richtiger Weise den Erzieher neben das Kind hinstellt. Und dann
wird er alles iibrige mehr oder weniger richtig besorgen. Denn, meine
lieben Freunde, Sie glauben gar nicht, wie gleichgiiltig es im Grunde
genommen ist, was man als Erzieher oberflachlich redet oder nicht
redet, und wie stark es von Belang ist, wie man als Erzieher selbst ist.
Wie aber kommt man zu einem solchen Verstandnis? Zu einem sol-
chen Verstandnis kommt man eben dadurch, daft man ein grofteres und
immer grofteres Interesse entwickelt fur das Mysterium der mensch-
lichen Organisation iiberhaupt. Dieses Mysterium, dieses Interesse fur
die menschliche Organisation iiberhaupt, das fehlt ja der heutigen Zi-
vilisation vollstandig. Daher weift die heutige Zivilisation eines nicht.
Die heutige Zivilisation sieht hin auf einen, sagen wir, schwer Geistes-
kranken [Lucke im Text], Selbstverstandlich, die Dinge gehen ja nicht
anders, die Dinge konnen ja nur innerhalb der Zivilisation sich ab-
spielen, daher konnen die Dinge, die wir begreifen sollen, auch nicht
in dieser Art, wie wir sie im Begreifen hinstellen, von uns selbst in
jedem einzelnen Fall ausgefiihrt werden. Deshalb ist es von grofter
Wichtigkeit, daft unter Ihnen nicht Fanatiker sitzen, nicht Leute sitzen,
die von Anfang an fanatisch sind, und die nicht verstehen die Trag-
weite einer Wahrheit zu nehmen in bezug auf die Dinge, die esoterisch
ins praktische Leben eingreifen sollen. Daher kann man heute die
Kreise, in denen man die Dinge mitteilt, nicht eng genug ziehen, weil
der Mensch der heutigen Zivilisation nicht einsehen kann, warum es
notwendig ist, dafi man in zahlreichen Fallen sich nicht nach der Richt-
schnur richten kann. Aber wissen mufi man es und dann streben nach
der Verniinftigkeit, und sie dort anwenden, wo sie doch anzuwenden
ist, und - das wird bei der Erziehung der Fall sein, bei minderwertigen
Kindern - sie in den entsprechenden Grenzen anzuwenden. Den er-
wachsenen Geisteskranken gegenuber konnen Sie sie nicht anwenden,
weil sich da etwas Unsachliches hineinmischt, die Polizei. In dem Au-
genblicke, wo man es in einer solchen Angelegenheit mit andersgearte-
ten Impulsen zu tun hat als mit solchen, die aus der Sache folgen, wenn
man es mit der Gesetzgebung zu tun hat, ist die Sache nicht durchfuhr-
bar. Denn die Gesetzgebung ist ein Generelles und kann nicht fur das
Individuelle angewendet werden, sie kann nur allgemein sein. Die
Jurisprudenz ist in alien Fallen fur die Behandlung von abnormen
Menschen ein wirklicherGiftstoff. Aber der stehen Sie doch gegenuber.
Sie konnen nicht in fanatischer Weise die Dinge anwenden, Sie miissen
sie einfliefien lassen in das Leben in der Weise, wie es geht, wie es eben
moglich ist.
Nehmen Sie etwa an, Sie haben einen Menschen, von dem man sagt,
er sei schwer geistig krank, und Sie konnen so, wie es heute ublich ist,
psychographisch, das heifit in den Symptomen, beschreiben: Er macht
die allerverriicktesten Sachen - nach der Ansicht, die eben bestehen
mufi. Ja, dariiber denkt doch der Mensch der heutigen Zivilisation gar
nicht nach, was da vorliegt, er denkt nicht nach. Sehen Sie, dasjenige,
was da vorliegt, ist dieses: Dieser Mensch, der heute also als ein ganz
verriickter sich auslebt, der kann unter Umstanden eine sehr bedeu-
tende Inkarnation gewesen sein in friiheren Zeiten, in genialischer
Weise sich in friiheren Zeiten ausgelebt haben irgendeinmal. Aber
sagen wir, dieses geniale Ausleben ware in einer zweiten zuriickliegen-
Tafel 3 den Inkarnation dagewesen (siehe Tafel 3, unten). Dann ware eine an-
dere Inkarnation gefolgt, in der man den betreffenden Menschen in
verhaltnismaftig friihem Alter eingekerkert hat, so dafi er gar nicht mit
der Welt in Beziehung gekommen ist. Dann ist er durch den Tod ge-
gangen und hat weitergelebt. Dann ist er als verriickterMensch wieder-
erschienen. Gerade deshalb, weil das, was er in der Inkarnation auf-
genommen hat, vollstandig aufier dem Bereich des Erlebens des
physischen und atherischen Leibes geblieben ist, deshalb hat er nicht
Gelegenheit gehabt, es zu verarbeiten, und er kommt daher in volliger
Unkenntnis des Inneren des menschlichen Leibes zur Inkarnation, er
kann nicht hinein in den physischen Leib und Atherleib, bleibt immer
draulSen, und, weil er sich nicht bedienen kann des physischen Leibes,
ist er eben verriickt. Er lebt sich so aus, daft wir das, was er ist, erst
sehen, wenn wir ganz absehen von seinem physischen und seinem
Atherleib, wenn wir hinsehen auf seinen astralischen Leib und sein Ich.
Denken Sie, wir haben also einen solchen Menschen als Kind vor
uns. Da haben wir dieses fortwahrende Versuchen im kindlichen Men-
schenwesen, in den physischen Leib und in den Atherleib hineinzu-
kommen, und dann wiederum dieses Zuriickstoften. Nun, wir konnen
durchaus den Fall so haben, daft, sagen wir - schematisch ware hier
physischer Leib und Atherleib (siehe Tafel 3, rechts) -, irgendwelche Tafel 3
Organe da sind, die durch die Vorbedingungen nicht in Ordnung sind;
der Astralleib und das Ich wollen hinein. Sie kommen da iiberall hin-
ein, aber da (siehe Tafel 3) kommen sie nicht ordentlich hinein, sie Tafel 3
miissen jedesmal eine Anstrengung machen. Sagen wir, der astralische
Leib und das Ich miissen jedesmal eine Anstrengung machen, wenn
Leber und Magen durchdrungen werden sollen. Diese Anstrengung
wirkt sich nun in merkwiirdiger Weise aus: es entsteht etwas wie ein
abnormer Rhythmus, die Anstrengung fuhrt dazu, daft das Ich in
einem entsprechenden Momente sich verstarkt und dann sich wieder
abschwacht. Und wir haben abwechselnd in dem Kinde ein starkes
Leber-Magengefuhl, und ehe das noch zum Bewulksein gekommen ist,
dann ein abgeschwachtes Leber-Magengefuhl da. Und immer pendelt
das Kind hin und her zwischen diesem starken Leber-Magengefiihl
und dem abgeschwachten Leber-Magengefuhle. Dadurch kommt das
Kind nicht dazu, seinen Korper in sogenannt normaler Weise zu be-
nutzen. Denn den kann man nur benutzen, wenn dieser Rhythmus
nicht eintritt, unterbleibt, und in ruhiger Weise der Astralleib und das
Ich von den einzelnen Organen Besitz ergreifen.
Ja, aber wie kommt man zum Verstehen einer solchen Sache? Zum
Verstehen einer solchen Sache kommt man eben dann, wenn man den
ganzen Vorgang etwa so ansieht.
Nehmen wir an, wir haben einen sehr, sehr gescheiten Menschen
vor uns, der aber eben gerade kein Uhrmacher ist. Aber er ist genotigt,
sich seine Uhr, die stehengeblieben ist, selber zu reparieren. Es passiert
ihm, daft, statt daft er die Uhr repariert, er sie total zugrunde richtet.
Das hindert ja nicht daran, daft er ganz gescheit ist. Es ist ihm halt in
einer Maftnahme aus Mangel an Beherrschung der Moglichkeiten, nicht
aus Mangel an Gescheitheit seine Gescheitheit gescheitert. So scheitert
unter Umstanden beim Heruntersteigen aus dem vorirdischen Dasein
in das irdische Dasein die Genialitat generaliter, nur daft sich eben das
Scheitern nicht in so kurzer Zeit abspielt, sondern im ganzen Erden-
leben.
Das aber fordert uns erst recht auf, hinzuschauen auf das, was da
heruntersteigt, liebevoll hinzuschauen auf dasjenige, was sich da in der
sogenannten Verriicktheit auslebt, auf all die Einzelheiten hinzu-
schauen, die sich in der Verriicktheit ausleben, und hinauszukommen
liber die blofte Symptomatologie des Seelenlebens, die zur Psycho-
graphie fiihren kann, und mehr auf die karmischen Zusammenhange
hinzuschauen, in die dieser Verriickte hineinkommt, mehr auf seine
Verbindung mit der Auftenwelt zu schauen, in welche Lebenslagen er
kommt - denn diese Lebenslagen sind unglaublich interessant -, auf
dieses mehr objektiv zu schauen, und dann diese Verriicktheit aufter-
ordentlich interessant finden und sie zu nehmen fur ein verzerrtes Ab-
bild der hochsten Weisheit, fur ein Toroffnen von seiten der geistigen
Welt, die eben nur durch verzerrte Ausgangsmittel hereinkommt,
immer mehr und mehr sich hineinzuleben in das Interessantfinden,
nicht etwa sensationell, sondern tief innerlich Interessantfinden der
Abnormitaten. Denn ergreift einmal eine Abnormitat in Wirklichkeit
den physischen und Atherleib, kommt es dazu, daft dasjenige, was ich
Ihnen da angedeutet habe, eintritt, daft ein Rhythmus entsteht durch
starke Entfaltung astralisch-ichlicher Tatigkeit und daft physischer
und Atherleib stark ergrif fen werden, dann iiberwunden werden, dann
wieder schwach werden, und kommt man an das heran, dafi man dem
entgegenkommt, kommt man so heran, daft man beobachten kann, was
eintritt in dem Momente des Sich-intensiv-Ergreifens, in dem Momente
des Sich-schwach-Ergreifens, geht man selbst mit voller Liebefahigkeit
daran, dann kann aus diesem Rhythmus das herauskommen, dafi spa-
ter, wenn der Rhythmus iiberwunden ist, gerade in einer intensiveren
Weise, als dies gewohnlich der Fall ist, Leber und Magen ergriffen
werden, dann kann ein Genie der Tat, des Tuns, doch noch daraus her-
vorgehen, wahrend es sonst dem iiberlassen bleibt, dafi in dem Weiter-
leben zwischen Tod und neuer Geburt diese Sachen ausgeglichen wer-
den. Denken Sie sich nur einmal, man mufi sich bewufit sein, dafi, wenn
man minderwertige Kinder erzieht, man eingreift in dasjenige, was
sich im naturgemafien Gang ohne Eingreifen erst vollzieht, oder bei
falschem Eingreifen sich erst vollzieht, wenn das Kind durch dieTodes-
pforte gegangen ist und im nachsten Leben wiedergeboren wird, wo-
durch ins Karma tief eingegriffen wird. Bei jedem Behandeln eines
minderwertigen Kindes wird in das Karma eingegriffen, und selbst-
verstandlich mufi eingegriffen werden. Es ist ein richtiges Eingreifen
ins Karma, es miissen da gewisse Dinge iiberwunden werden.
Daft gewisse Dinge iiberwunden werden, dafiir haben ein paar von
denen, die hier sind und in Breslau waren, vor kurzer Zeit ein Beispiel
erlebt, das ich Ihnen hier erzahlen will, damit Sie in der richtigen Weise
in das Denken kommen iiber solche Dinge. Ich habe auf dem Landwirt-
schaftlichen Kursus in Breslau Richtlinien angegeben, um die Land-
wirtschaft in der richtigen Weise zu behandeln. Nun safi bei diesem
Breslauer Kursus auch ein alterer Landwirt, der auch ein altes Mitglied
der Gesellschaft ist. Er kam bei dem ganzen Kursus nicht hinaus iiber
eine gewisse Empf indung, und immer in der Diskussion trat diese Emp-
findung wieder hervor. Er sagte fortwahrend: Ja, wenn man aber das
tut, da benutzt man ja okkulte Mittel, um praktische Dinge auszu-
fiihren. Beriihrt das nicht die menschliche Moralitat in einem zu inten-
siven Sinne? Kann das nicht auch in unmoralischem Sinne ausgenutzt
werden? - Er kam gar nicht hinaus iiber diesen Skrupel, er witterte in
Anwendung solcher Dinge schwarze Magie. Natiirlich wird diese Sache
schwarze Magie, wenn man sie nicht so behandelt, wie sie behandelt
werden mufi. Deshalb habe ich einmal ganz klar gesagt: Ja, Moralitat
mufi bei alien diesen Dingen sein. Deshalb setze ich voraus, daft die,
welche teilgenommen haben, in voller Moralitat der Menschheit zu
dienen, der Landwirtschaft zu helfen, an diesem Kursus teilgenommen
haben. Deshalb soli man nehmen den Landwirtschaftlichen Ring auch
als einen moralischen Ring, der sich zur Aufgabe setzt, daft diese Dinge
richtig angewendet werden. Die Magie, die Gotter wenden sie an, aber
der Unterschied zwischen weifier und schwarzer Magie besteht ledig-
lich darin, dafi man in der weifien Magie eingreift in moralischer Art,
in selbstloser Art, bei der schwarzen Magie auf unmoralische, auf
selbstische Art. Einen andern Unterschied gibt es nicht. Und so kann
selbstverstandlich, da alles Reden iiber die Erziehung minderwertiger
Kinder ein blofies Gerede ist, wo nichts dabei herauskommt, diese Er-
ziehung nur mit Mitteln wirken, die auch hiniibergehen konnen in die
unmoralische Anwendung. Da kommt vor alien Dingen in Betracht die
Erstarkung des Verantwortungsgefiihles.
Nun mufi ich Ihnen of fen gestehen, meine lieben Freunde, konnte
man heute innerhalb unserer gegenwartigen Zeit mit einem starkeren
Verantwortungsgefuhl rechnen, so konnte man vieles machen. Aber es
mufi heute, weil in unserer Zeit die Gewissenhaftigkeit nicht stark aus-
gebildet ist, auch gerade deshalb iiber vieles geschwiegen werden. Wenn
die Leute horen: das kann man machen und das kann man machen, so
wollen sie es machen. Denn Lust, etwas zu tun, haben sie. Aber sobald
es ans wirkliche Tun kommt, nicht blofi an die Fortsetzung der ehe-
maligen Impulse, sobald es darauf ankommt, dafi wieder neue Impulse
aus der geistigen Welt herausgeholt werden - und die mussen heraus-
geholt werden -, dann handelt es sich vor alien Dingen darum, dafi
Verantwortlichkeitsgefiihl und Gewissenhaftigkeit gefordert werden
mussen. Das wird nur gefordert, wenn man weifi, um was es sich han-
delt. Und so mufi man wissen, dafi es sich handelt um ein tiefes Ein-
greifen in die karmischen Tatigkeiten, die sich sonst vollziehen wiirden
zwischen Tod und einer nachsten Geburt. Bei der Erziehung minder-
wertiger Kinder ist es so, dafi nun das, was man hier tut, dafi das nun
eingreift in die Arbeit der Gotter, die dann sich vollziehen wiirde
spater. Stellt man das nicht als eine Theorie sich vor, sondern laftt man
das fest auf sein Gemiit wirken, so wird man natiirlich immer davor
stehen, entweder das, was geschehen soli, zu tun, oder es zu unterlassen.
Aber es darf nicht vergessen werden: jeder Schritt, der getan wird aus
der geistigen Welt heraus, der fuhrt den Menschen dazu, nach links,
nach rechts zu blicken und stets einen neuen Entscheid durch den
inneren Mut des Lebens herbeizufiihren. Das gewohnliche Leben zwi-
schen Geburt und Tod, das bewahrt den Menschen vor der Notwendig-
keit dieses inneren Mutes. Da kann er fortwahrend das tun, was er
gewohnt ist, woran er sich gewohnt hat. Da trollt er fort nach dem,
was in ihm steckt, da sieht er die Ansichten immer als die Richtigen an,
hat nicht notig, sich neue Ansichten zu geben. Das ist gut fur das Leben,
das bloft in der physischen Welt sich vollzieht, so darinnen zu stehen.
Aber wenn man zum Wirken aus dem Geistigen kommt, muft man sich
taglich, stiindlich vor Entscheidungen gestellt fiihlen, bei jeder Tat
sich vor die Moglichkeit gestellt fiihlen, sie tun zu konnen oder unter-
lassen zu konnen, oder sich vollig neutral verhalten zu konnen. Und
zu diesen Entscheidungen gehort eben Mut, innerer Mut. Das ist die
allererste Bedingung, wenn man auf einem solchen Felde etwas tun
will. Und der erwacht nur, wenn man sich die Grofte der Dinge immer
vor Augen stellt: du tust etwas, was die Gotter sonst tun im Leben
zwischen Tod und nachster Geburt. Das zu wissen, ist von gar grofter
Bedeutung. Nehmen Sie das meditierend auf. Es denken zu konnen,
hat eine grofte Bedeutung. Fuhrt man sich das jeden Tag meditierend
vor die Seele, daft es so ist, wie man ein Gebet jeden Tag betet, sich das
jeden Tag vor die Seele zu riicken, dann erzeugt das in uns die Ver-
fassung des astralischen Leibes, die wir brauchen, um uns in der rich-
tigen Weise dem minderwertigen Kinde gegeniiberzustellen. Erst wenn
wir daran glauben, daft wir selber uns so zurichten miissen, dann
konnen wir iiber die weiteren Dinge reden. Daher wollen wir diese
Dinge als die Einleitung betrachten und wollen sie uns ernstlich iiber-
legen. Es kommt auf die Gemiitsvorbereitung an, wenn man an solche
Aufgaben herangehen will, wie diejenigen sind, von denen wir hier
sprechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 27.Juni 1924
Nun, meine lieben Freunde,wir haben gesprochen vom Zusammenhang
von atherischem, physischem, astralischem Leib und Ich-Organisation,
wie er sich darstellen kann, dieser Zusammenhang, beim sogenannten
abnormen Kinde. Aus dem, was ich gestern auseinandersetzte iiber die
eigentiimliche Art, wie der Atherleib abnorm gestaltet sein kann durch
eine nicht entsprechende Einfiigung in das allgemeine Gedankensystem
des Weltenathers, haben wir uns versucht auseinanderzusetzen, daft
dies, was da eintritt, nach den verschiedenen Seiten hin unregelmaftig
sein kann. Wenn Sie dies begreifen konnen, werden Sie auch im Ver-
laufe der Vortrage vielleicht eine Oberzeugung mitnehmen konnen;
das ist diese: Man wird im einzelnen die Behandlungsmethode fast
jeder kindlichen Individuality gegeniiber finden miissen, wenn man
eine allgemeine Seelenstimmung ins Erziehen hineintragt. Aber man
mu!5 etwas wissen zunachst, und das Wesentliche ist dieses, daft eigent-
lich die gesamte heutigePsychiatrie von den sogenannten Seelenerkran-
kungen der Methode nach nichts wissen kann. Wenn man die Dinge
kennt, wird man zu den Behandlungsmethoden im einzelnen kommen.
Daher ist es viel weniger wichtig, daft Sie Maftregeln fiir das einzelne
bekommen, sondern besonders wichtig ist es, daft Sie im Prinzipe ein-
sehen, daft auch auf diesem Felde eine gesunde Pathologie, eine ge-
sunde Diagnose von selbst sich in das Therapeutische hinein entwickelt.
Nun liegt es ja bei vielen sogenannten Geisteskrankheiten so, daft
man sie aus Griinden, die Sie auch im Laufe dieser Vortrage einsehen
konnen, nicht mehr heilen kann, oder wenigstens nur unter aufterst
schwierigen Verhaltnissen heilen konnte, selbst wenn man auch das
Geisteswissenschaftliche berucksichtigen konnte. Dazu wiirde man ei-
gene Sanatorien brauchen fiir diese Geisteskranken, wo man erwachsene
Geisteskranke - wenn auch aufterordentlich schwer - heilen konnte;
ich meine Kranke besonderer Art, besonders solche Falle, die uns fiir
das kindliche Alter wichtig sind. Andererseits werden Sie sehen, daft
man durch eine richtige padagogische Behandlung im kindlichen Alter
durchaus helfen kann. Und wir werden sehen, daft dasjenige, was auch
zu dem Schwersten gehort, wenn man es bei dem Erwachsenen vor-
liegen hat, zum Beispiel die Epilepsie, eigentlich in friihem Kindheits-
stadium viel Aussicht hat, ausgebessert oder gar weggebracht zu wer-
den, wenn man die Sache nur richtig ansehen kann. Man kommt dann
schon im einzelnen individuellen Falle zu den Maftregeln, wenn man
das Prinzip desOberganges kennt von dem, was zugrunde liegt, zu dem,
was man tun soil. Aber man mufi eben wissen, was der Erkrankung
zugrunde liegt.
Nun, sehen Sie, daft man das mit der heutigen Psychiatrie nicht
wissen kann, das beruht darauf, daft man heute gar keine Ahnung hat,
daft es so etwas wie eine besondere Ich-Organisation oder einen beson-
deren astralischen Leib gibt, sogar den Atherleib leugnet man heute
noch vielfach. Ich bestehe nicht auf Namen, aber wenn gewisse Leute
aus der Theorie heraus von gewissen Begriffen sprechen wie Driesch,
so erkennen sie den Atherleib nicht, weil sie sich davor furchten. Aber
immerhin vom Physischen aus dringt zu der Erkenntnis des Organisch-
Atherischen die heutige Wissenschaft schon vor. Nun ist das Wichtige,
was man nicht wissen kann, wenn man vom astralischen Leib und der
Ich-Organisation nichts weift, dieses: Nehmen Sie einmal zuerst den
Zusammenhang zwischen physischem Leib und atherischem Leib. Er
bleibt aufrechterhalten das ganze Leben hindurch, von der Konzep-
tion, vom Embryonalzustand bis zum Tode, denn er geht durch alle
Schlafzustande hindurch. Dagegen wird durch jeden Schlaf hindurch
unterbrochen der Zusammenhang mit astralischem Leib und Ich-
Organisation.
Die Art und Weise, wie sich nun die Ich-Organisation und der astra-
lische Leib im Wachzustande im physischen Leib und Atherleib ver-
halten, muft richtig angesehen werden, wenn man iiberhaupt einen
realen Begriff iiber sogenannte Geisteskranke haben will. Es ist uner-
laftlich, daft man diese Eingliederung des astralischen Leibes und des
Ichs in den physischen Leib und atherischen Leib ihrem Wesen nach
kennt, wenn man iiberhaupt einen vernunftigen Gedanken fassen will
iiber eine sogenannte Geisteskrankheit. Nun, sehen Sie, gewohnlich
glauben auch die Anthroposophen - nicht weil die Anthroposophie,
die sehr prazise in ihren Formulierungen vorgeht, dazu Veranlassung
gibt, aber weil man eben alte Denkgewohnheiten hat gewohnlich
glauben auch die Anthroposophen: wenn der Mensch aufwacht, gehen
halt sein astralischer Leib und die Ich-Organisation iiber in den phy-
sischen und atherischen Leib, verbinden sich so, wie sich Wasserstoff
und Sauerstoff verbinden. So ist es nicht. Wenn man die Sache hell-
Tafel 4 seherisch anschaut, so ist es so (siehe Tafel 4): wenn man hier den
physischen Leib, hier den atherischen Leib hat, so kommt der astra-
lische Leib allerdings hinein und auch die Ich-Organisation kommt
hinein; das kommt alles hinein und man sieht diesen Obergang. Aber
dieser Obergang, der also darin besteht, daft der astralische Leib und
die Ich-Organisation den physischen und Atherleib ergreifen, das ist
nicht alles. Und hier beginnt eben, mochte ich sagen, eine Tatsache des
menschlichen Lebens, die von aufierordentlicher Wichtigkeit ist.
Gehen wir zunachst zur Ich-Organisation. Die Ich-Organisation er-
greift nicht blofi den atherischen und den physischen Leib, wenn sie zu-
riickgeht beim Aufwachen, sondern sie ergreift im menschlichen Leibe
die aufiere Welt, die Krafte der aufteren Welt. Was heifk das? Nun
stellen Sie sich vor, wir haben die Schwerkraft, die so wirkt (siehe
Tafel 4 Tafel 4). Innerhalb der Richtung der Schwerkraft stehen wir ja auf-
recht, wenn wir wachen. Stellen Sie sich einfach die Schwerkraft als
solche vor, die da wirkt, also die Richtung der Gewichtskrafte. Nun
gibt es zwei Vorstellungen; machen wir uns das recht klar: die eine
konnte darin bestehen, dafi das Ich - sehen wir zunachst vom atheri-
schen Leibe ab - den physischen Leib ergreift, der physische Leib fiigt
sich dann der Schwerkraft, nicht wahr, wir stellen uns in die Schwer-
kraft hinein, wenn wir gehen, wir miissen das Gleichgewicht aufsuchen
und so weiter. Das ware die eine Vorstellung: wir ergreifen im Auf-
wachen mit dem Ich den physischen Leib; der physische Leib, der ist
schwer und unterliegt dem Gewichte der Erde, und jetzt unterliegen
wir mit unserem physischen Leib dem Gewichte der Erde und haben
dadurch mittelbar eine Beziehung zur physischen Schwerkraft. Das ist
die eine Moglichkeit. Es ist gerade so, wie wenn ich mit dem Gewichte
des Buches eine mittelbare Beziehung zur Schwerkraft habe, indem ich
das Buch ergreife. Das ist die eine Vorstellung; die ist falsch, unrichtig.
Die andere Vorstellung ist diese: das Ich schlupft hinein in den phy-
sischen Leib, ergreift den physischen Leib, aber schlupft so weit hinein,
daft es den physischen Leib unschwer macht; der physische Leib ver-
liert, indem das Ich hineinschlupft, seine Schwerkraft. Wenn ich also
als wacher Mensch aufrecht stehe, so ist fiir mein Bewufitsein, fiir das
Ich selbst, fiir die Ich-Organisation, die auch im Warmeorganismus
ihren physischen Ausdruck hat, die Schwerkraft uberwunden. Es ist
keineMoglichkeit vorhanden,in mittelbare Beziehung zur Schwerkraft
zu treten. Das Ich tritt in unmittelbare Beziehung, stellt sich als Ich in
die Schwerkraft hinein, schaltet also den physischen Leib aus. Das ist
dasjenige, um was es sich handelt. Sie stellen sich fortwahrend in die
wirkliche Schwerkraft der Erde hinein mit der Ich-Organisation, wenn
Sie gehen, nicht auf dem Umwege durch den physischen Leib, Sie treten
in unmittelbare Beziehung zu dem Tellurischen.
Ebenso ist es mit dem Atherleib. Auch der Atherleib ist in Krafte
eingeschaltet. Nehmen wir eine von diesen Kraften. Ich habe oft dar-
auf aufmerksam gemacht, wir unterliegen, indem wir als Mensch auf
der Erde herumgehen, einem sehr starken Auftrieb. Wir haben unser
Gehirn; das ist durchschnittlich 1500 Gramm schwer. Wenn diese TafeM
Schwere von 1500 Gramm auf die Basis unseres Gehirns mit den feinen
Adern driicken wiirde, wiirden diese so fort zerquetscht werden. Es
dnickt eben nicht, es schwimmt in Wahrheit in dem Gehirnwasser.
Dadurch erleidet es einen Auftrieb, es verliert soviel von seinem Ge-
wicht, als die verdrangte Wassermasse Gewicht hat. Diese verdrangte
Wassermasse hat ein Gewicht, das ungefahr 20 Gramm weniger ist als
das Gewicht des Gehirns selbst, so dafi das Gehirn nur mit einem Ge-
wichte von 20 Gramm auf seine Unterlage driickt. Wir haben also ein
schweres Gehirn, das aber nicht hinuntergedriickt wird, sondern einen
Auftrieb hat. In diesem Auftrieb leben wir darinnen, unser Atherleib
lebt darinnen. Aber indem wir hineinschliipfen mit unserer Ich-
Organisation in unseren Atherleib, stehen wir nicht mittelbar in dem
Auftrieb darinnen, sondern direkt mit der Ich-Organisation. Mit alien
Kraften der Erde, mit der ganzen physischen Welt steht unsere mensch-
liche Organisation in Beziehung, und zwar in direkter unmittelbarer
Beziehung, nicht in indirekter Beziehung.
Nun, sehen Sie, womit steht da unsere Ich-Organisation in Bezie-
hung? Da steht unsere Ich-Organisation erstens in Beziehung zur
Schwerkraft, das heifk zu dem Irdischen. Denn, meine lieben Freunde,
das, was die Physiker Materie nennen, das gibt es ja nicht. In Wirk-
lichkeit existieren nur Krafte, und die Krafte sind durchaus ahnlich
wie zum Beispiel die Schwerkraft - es gibt natiirlich noch andere
Krafte, gewisse elektrische Krafte, magnetische Krafte mit alien
steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Beziehung und ist wahrend
des ganzen Wachzustandes im normalen Menschen darinnen. Wir kon-
nen sagen, alles dasjenige, was wir unter Erde umfassen, das sind diese
Krafte. Alles dasjenige, was wir unter Wasser umfassen, was im Gleich-
gewichtszustande ist, mit dem steht die Ich-Organisation in unmittel-
barer Verbindung, Alles, was luftformig ist - nicht wahr, wir miissen
in der Physik neben der gewohnlichen Mechanik auch eine Hydro-
mechanik, eine Aeromechanik lernen, weil die Gleichgewichtsprozesse
und meteorologischen Prozesse in der Luft ihre besondere Formung
haben -, mit dem steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Verbin-
dung. Dann steht die Ich-Organisation noch in Verbindung mit einem
Teile des allgemeinen Warmezustandes, mit einem Teile der allgemei-
nen Warmekrafte, durch den wir immer durchgehen, wenn wir in der
physischen Welt leben. (Siehe Tafel 5):
Tafel 5 Ich-Organisation: Erde
Wasser
Luft
Wiirmo
Astralleib: Warmo
Licht
Chemismus
Lebensather
Ich durchstreiche «Warme», weil es nur ein Teil ist. - Wir wachen auf
und stellen uns als Geist mit unserer Ich-Organisation in die Welt der
irdischen Krafte hinein. Unsere Beziehung ist in Wirklichkeit nicht
eine physisch vermittelte, sondern eine magische. Nur daft diese nur
raumlich ausgeiibt werden kann, rein raumlich begrenzt durch die
Grenzen unseres Organismus. Wenn Sie anfangen zu begreifen, dafi die
Beziehung unserer Ich-Organisation nicht eine physische, sondern eine
magische ist, dann haben Sie sehr vie! gewonnen.
Wenn wir jetzt zum Astralleib gehen: der Astralleib steht nun auch
nicht etwa bloft durch den Atherleib, sondern in unmittelbarer Bezie-
hung zu gewissen Kraften, die auf uns wirken, wenn wir im Wach-
zustand sind. Nun, das ist wiederum ein Teil der Warmekraft; die
Warme namlich wirkt mit einem Teil auf den physischen Organismus
und mit einem Teil auf den Atherorganismus zuriick. Dann ist der
astralische Leib in unmittelbarer Beziehung zu den Lichtkraften. Aber
da miissen Sie wissen, daft Lichtkrafte fiir Geisteswissenschaft etwas
anderes sind als das, was die Physik heute darunter versteht. Wir wol-
len nicht auf Theorien eingehen, aber nicht wahr, dem, was die Welt
rings um uns herum in Beleuchtung wahrnehmen kann, dem liegt na-
turlich etwas zugrunde, und zwar im Ather, so daft wir schon sagen
konnen: Licht ist eine Atherkraft. - Wir sprechen nun in der gewohn-
lichen Wissenschaft heute von dem Licht, als in dem Beleuchteten ent-
halten. Geisteswissenschaft spricht so vom Licht: sie nennt Licht auch
dasjenige, was andern Sinneswahrnehmungen zugrunde liegt, wie zum
Beispiel das Licht der Tonwahrnehmungen. Wenn wir Tonwahrneh-
mungen haben, so ist die auftere Physik uberhaupt nur versucht, als
von dem aufteren Korrelat der Tonwahrnehmung, von der bewegten
Luft zu reden. Die bewegte Luft ist nur das Medium des wirklichen
Tonelementes. Das wirkliche Tonelement ist ein Atherisches, und die
Vibration der Luft ist nur die Wirkung dieses atherischen Vibrierens.
Licht lebt auch in der Geruchswahrnehmung. Kurz, fiir alle Wahr-
nehmungen liegt zugrunde ein viel Allgemeineres als Licht, als was man
in der Physik heute Licht nennt. Es ist gewifi irrefuhrend, das gebe ich
Ihnen zu, daft so vom Licht gesprochen wird. Denn im Grunde ge-
nommen hat man so vom Lichte gesprochen in der alten Geisteswissen-
schaft bis zum 12., 13. nachchristlichen Jahrhundert. Dann hat sich
das Verstandnis dafiir verloren, und man hat versucht, andere Aus-
driicke anzuwenden, die aber noch unverstandlicher sind. Deshalb
sind die Biicher iiber Alchimie, die auf das 12. Jahrhundert folgen, so
unverstandlich. Fiir Sie ist von Bedeutung, daft man dies Licht nennt.
Mit diesem Licht nun steht der astralische Leib in Verbindung mit all-
dem, was den Sinneswahrnehmungen unterliegt auf der Erde, nicht auf
dem Umweg durch den Atherleib, sondern direkt in Beziehung. Das ist
ganz besonders interessant. Drauften lebt das Licht im Ather, aber wir
haben auch Atherisches in uns. Das Licht wirkt auf den Atherleib.
Aber mit diesem Licht, das in uns ist, kommen wir beim Aufwachen
nicht allein in Beziehung, sondern mit Umgehung dieses Lichtes glie-
dern wir uns in das aufSerlich stromende Licht ein. Ebenso ist es auch
mit dem auftern, durch die Welt wirkenden Chemismus. Auch in den
Chemismus gliedern wir uns ein auf eine unmittelbare Art. Und das
ist besonders wichtig,denn damit wird gesagt,dafi derMensch wachend
in eine Art kosmischen Chemismus eingegliedert ist. Nun kennt unsere
heutige Wissenschaft nur den leblosen Chemismus, hochstens ein bifi-
chen den organischen Chemismus, aber sie kennt gar nicht jenen Che-
mismus, der ein allgemeiner Weltenchemismus ist. In den gliedern wir
uns ein, wenn wir aufwachen. Und ebenso gliedern wir uns ein in das
allgemeine Weltenleben, in den Lebensather; alles unmittelbar.
Und das, was ich Ihnen jetzt skizziert habe, das mufi erreicht wer-
den, wenn der Mensch so, wie ich es geschildert habe, nach und nach
seinen zweiten Korper aus dem ersten aufbaut und auch den dritten
aufbaut. Das alles mufi erreicht werden, indem der Mensch in sich
untertaucht, mit Durchdringung seines eigenen Wesens, in die irdisch-
kosmischen Agenzien hinein. Er muft die Welt ergreifen konnen durch
sich. Wir haben heute in unserer Wissenschaft noch eine solche Sache
nur ganz klar auf einem einzigen Gebiet, wo in der Tat die Physik in
ahnlicher Art vorgeht, wie man es auf vielen Gebieten wiinschen
konnte. Das ist die Augenorganisation.
Denken Sie, wenn man das Auge betrachtet, richtig wie ein kniippel-
dicker Physiker, wie eine physische Vorrichtung, ein physikaHsches
Instrument: man zeichnet ins Auge hinein genau dieselben Figuren,
wenn man das Auge begreifen will, von Lichtbrechung durch die Linse,
Bildung des objektiven Bildes und so weiter, nur dafi man nicht iiber-
gehen kann zu der Art, wie das Seelische in das Physikalische eingreift.
Aber das Ganze ist furchtbar interessant. Denn nun hat man, wenn
man so physikalisch vorgeht, diese ganze Zeichnung da vor sich, und
jetzt stockt man, jetzt will man durch das Gehirn hindurch an das
Seelische heran. Schauen Sie sich einmal diese drolligen philosophischen
Purzelbaume an, alle diese interessanten, aber in der Tat blitzdummen
Theorien vom psychophysischen Parallelismus oder von der Wechsel-
wirkung. In Wahrheit kommen eben im Auge die Ich-Organisation und
der astralische Leib unmittelbar an das, was wir physisch zeichnen,
heran, ergreifen innerhalb des Auges das Physische. Fur das Auge ist
man also nahe daran, den richtigen Tatbestand zu ergreifen, weil man
dazu genotigt ist durch diese eigentumliche Absonderung des Auges,
weil das Auge fast nach auften liegt und in der embryonalen Entwicke-
lung von auften eingebaut wird. Beim Auge macht man das. Das ist
aber beim ganzen Menschen der Fall. Man miiftte den ganzen Menschen
innerlich physikalisch, geist-physikalisch erfassen, so daft man zu den
irdischen Kraften auch die fliichtigen Lichtkrafte hinzufugen kann.
Man miiftte innerhalb der menschlichen Organisation dasjenige, was
eigentlich aus der Umgebung heraus am Menschen da vorhanden ist
und was vom Menschen so unmittelbar ergriffen wird, das physika-
lisch Konstruierte, das miiftte man erkennen.
Wie kann nun aber die Sache in abnormen Zustanden liegen? Im
abnormen Zustande kann tatsachlich irgend etwas, irgendein Organ -
es kann nicht der ganze Organismus sein - so liegen, daft der Mensch
keine Moglichkeit hat, durch dieses Organ hindurch den Anschluft an
die Auftenwelt unmittelbar zu finden. Ein Organ kann sozusagen sich
in den Weg stellen, so daft der Mensch durch dieses Organ nicht den
Anschluft an die Auftenwelt findet. Was muft dann eintreten? Nehmen
Sie irgendein Organ (siehe Tafel 5, rechts), die Lunge meinetwegen, die Tafel 5
Lunge stellt sich so hinein in den menschlichen Organismus, daft der
Mensch, wenn er aufwacht, nicht den Anschluft an die Aufienwelt fin-
det. Nehmen Sie aber an, der Mensch schlaft, und es tritt da wahrend
des Schlafes etwas in der Lunge auf, was die Lunge so organisiert, daft
der Mensch, wenn er nun aufwachen wiirde, untertauchen wiirde in
die Lunge, aber nicht in die Auftenwelt heraus konnte. Dann ist sein
Ich und astralischer Leib fur die Lungenorganisation genotigt, sich in
die Lunge hineinzupressen, aber sie konnen nicht wieder herauskom-
men. Denn die Sache muft so sein, daft der Mensch mit seinem Astral-
leib untertaucht, aber wieder heraus kann nach alien Seiten in die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:317 Seite:49
Welt hinein. Die Lunge mulS bloft den Obergang darstellen konnen.
Nun liefert sie den Obergang nicht, sondern halt Astralleib und Ich
fest, das heiftt, wiirde sie festhalten, wenn der Mensch aufwachen
wiirde. Das Ungliick ist, daft er unter solchen Umstanden auf jeden
Fall aufwacht, weil dasjenige, was in die Lunge eintritt, durch den be-
sonderen Chemismus eine Infiltration irgendeines Stoffes in feiner
Verteilung ist. Die so verlegte Organisation fiillt irgendein feiner Stoff
aus, der besondere Affinitat zur Lunge hat. Dann ist die Lunge un-
regelmaftig, und der Mensch wacht infolgedessen auf. Aber wie? Er
wacht auf, aber ohne daft er das Bewufttsein kriegt. Daft man das Be-
wufttsein kriegt, dazu ist es notwendig, daft man herauskommt. Man
bekommt das Bewufttsein, wenn man durchgedrungen ist. Wenn man
bloft hineingekommen ist, wacht man auf; wenn man durchdringt,
bekommt man das Bewufttsein. Man bleibt darin stehen, man bleibt
darin stecken, und es setzt sich der Schlaf, der gesunde Bewufttseins-
losigkeit ist, in die kranke Bewufttseinslosigkeit fort, das heiftt, der
Mensch wacht zwar auf, kriegt aber nicht das Bewufksein.
Sie sehen, man schildert nach der einen Seite genau aus dem Innern
heraus den Zustand des Epileptikers. Die Epilepsie ist so, und ist ins-
besondere im kindlichen Alter so, wie ich es geschildert habe. So daft
also gesagt werden muft: Was liegt bei einem Epileptiker eigentlich
vor? - Bei einem Epileptiker liegt das vor, daft er mit seiner Ich-
Organisation und seinem astralischen Leib zwar in den physischen und
Atherleib untertauchen kann, daft er aber auf der andern Seite nicht
herauskommt in die physische Welt, daft er darinnen festgehalten wird.
Nun denken Sie sich doch, wie ist es denn da eigentlich, wenn nun da
der astralische Leib hineingeht, sagen wir in die Lunge, da drinnen
festgehalten wird, da nicht wieder heraus kann? So wird er ja an der
Oberflache der Lunge gepreftt. Der astralische Leib und die Ich-
Organisation werden da gepreftt, stauen sich da. Sehen Sie, deshalb
entsteht in einem solchen Falle unter der Oberflache der Organe eine
Stauung der Ich-Organisation und des astralischen Leibes. Das tritt in
der Auftenwelt als Krampf auf. Das sind Krampfe. Jedesmal, wenn
Krampf auftritt, findet eine innere Stauung an der Oberflache irgend-
eines Organs statt. Diese Stauungen sind ja vorzugsweise in den Ge-
hirnpartien vorhanden - und wir wissen ja, wie sich die Gehirnpartien
zu den andern verhalten -, konnen aber durchaus darin bestehen, daft
sich in Leber oder Lunge etwas staut und die Gehirnstauung nur eine
Projektion, ein schwacheres Abbild ist. Jedesmal, wenn ein Krampf
vorliegt, bemerkt man diese Stauung der Ich-Organisation und des
astralischen Leibes innerhalb eines Organs. Und dann ist man erst auf
der wahren Ursache der epileptischen Krampfe, fur die man sonst
nichts hat als die auftere Deskriptive. Man kann nicht diesen Zustand
wirklich kennenlernen, wenn man nicht in der Lage ist, von physi-
schem und Atherleib aufzuriicken zu Ich und astralischem Leib. Sonst
hat man keinen Inhalt, wenn man von Krampfen spricht, wenn man
nicht weift, daft da an der Oberflache Astralleib und Ich-Organisation
furchtbar zusammengeschoppt sind. Sie konnen nicht heraus, drangen
dann nach auften und werden zuriickgehalten.
Wenn Sie nun dasjenige nehmen, was wir da auseinandergesetzt
haben, dann werden Sie sich von selbst sagen: Was tue ich nun, wenn
im kindlichen Lebensalter die Symptome der Epilepsie vorliegen, Be-
wufttseinsausfalle mit Krampfen verknupft oder ihre Ersatzerschei-
nungen, von denen wir noch sprechen werden? Was kann man tun im
einzelnen Fall? - Im einzelnen Fall mufi man sozusagen aus dem In-
stinkte heraus probieren. Man probiert zunachst, ob die Bewufttseins-
storungen sehr verwandt sind, wie es bei manchen Epileptikern durch-
aus der Fall ist, den Erscheinungen des gewohnlichen Schwindels. Es
treten die Schwindelerscheinungen auf. Man wird sie beim Kinde be-
merken in der Anlage. Man wird sich klar sein konnen, wenn, sagen
wir, die Bewufttseinsausfalle nur kurz sind, dafiir aber stark bemerk-
bare Schwindelerscheinungen auftreten, wo es irgendwie fehlt. Es wird
hier fehlen: die Ich-Organisation und der astralische Leib kommen
nicht in unmittelbare Beziehung zu den Gleichgewichtskraften. Da
miissen Sie zunachst erforschen, ob bei irgendeinem Kinde das vorliegt,
daft die Ich-Organisation und der astralische Leib nicht in die richtige
Beziehung zu den Gleichgewichtskraften kommen. Jetzt lassen Sie es
turnen oder eurythmisieren, indem Sie beim Turnen oder Eurythmisie-
ren ihm immer auftere Gegenstande geben, die bekannten Hanteln
(siehe Tafel 5, unten) oder dergleichen, lassen es namentlich Gleich- Tafel 5
gewichtsiibungen machen, lassen es diese Gleichgewichtsubungen
machen im Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife.
Dann wird das Kind noch die Moglichkeit haben, daft es, wenn Sie
ihm zwei gleichschwere Hanteln geben - die miissen aber apotheker-
maftig ausgewogen sein - und lassen es hanteln und eurythmische Be-
wegungen oder sonstige Turnbewegungen mit Hanteln machen, dann
werden Sie eines getan haben. Jetzt geben Sie in die linke Hand eine
Hantel,welcheleichter ist als die in der rechten, lassen es wieder turnen,
dann in die rechte Hand eine leichtere Hantel als in die linke, lassen es
wieder turnen, dann binden Sie ihm etwas, was schwer ist, es braucht
nicht besonders schwer zu sein, an das eine Bein an, lassen es damit
gehen, daft es gewahr wird die Kraft, die da am Bein zieht. Wenn es ge-
wohnlich geht, wird es nicht gewahr die Kraft; es mufi sich aber mit
der Ich-Organisation hineinversetzen und es wird es gleich gewahr,
wenn Sie ihm etwas anhangen. Dann hangen Sie das Gewicht an das
andere Bein an, dann veranlassen Sie es, die Sache mehr geistig zu
machen, veranlassen Sie es zu spiiren, sich hineinzudenken in die Be-
wegungen, in die Streckbewegung des linken Armes, in die Streck-
bewegung des rechten Armes, in die Streckbewegung beider Arme;
lassen es bewuftt wahrnehmen die Schwere, indem Sie es ein Bein auf-
heben lassen, das andere stehen lassen. Kurz, Sie machen in diesen
Fallen, wo Sie durch die Schwindelanfalle merken: in die irdischen
Krafte geht es nicht recht herein, solche Bewegungen, in denen das
Kind genotigt ist, die auftere Gleichgewichtslage beherrschen zu lernen.
Ebenso wird man es dazu bringen, epileptische und epileptoide Kin-
der zu behandeln, wenn man sie in die andern Krafte sich einfugen
laftt.
Nun, nicht wahr,bis hierher geht es ja noch. Sie werden schon etwas
erreichen bei manchen Epileptikern, bei denen Sie etwa sehen, daft sie
namentlich ein gestortes Zirkulationssystem haben, daft der Safte-
umlauf eigentlich die Erscheinungen bewirkt. Wenn Sie also wahr-
nehmen, daft mit den epileptischen Anfallen, wenn sie als Krampfe
oder auch noch als Schwindelanfalle auftreten, da besondere Obelkeits-
empf indungen verbunden sind, dann hat man es zu tun mit dem Nicht-
einfiigen-Konnen ins Wasserelement. Dann wird man gut tun, wenn
man dem Kinde moglichst bemerkbar macht das waftrige Element,
bevor es in den Organismus aufgenommen wird, wenn man versucht,
dem Kinde die Speisen so vorzubereiten, daft es die Speisen stark spurt.
Aufterlich konnte man etwas erreichen, wenn man es schwimmen ler-
nen lassen konnte. Schwimmenlernen ist fiir Epileptiker ein sehr gutes
Mittel, nur mull man verstandig hinschauen auf das, um was es sich
handelt.
Fiir die eigentlichen Bewufttseinstriibungen, die auftreten, aber ohne
daft der Betreffende starke Obelkeiten hat, sind dann sorgfaltig regu-
lierte Atemubungen nicht schlecht, um die Verbindung mit der Luft
herzustellen. Und fiir den richtigen Zusammenhang mit der Warme ist
es notig, daft man besonders epileptische Kinder daran gewohnt, daft
sie die Warme fiihlen. Das heiftt, wenn es schon bei gewohnlichen Kin-
dern etwas Schauderhaftes ist, wenn man sie halb nackt herumgehen
laftt mit unbedeckten Unterschenkeln,was ja sehr haufig dieUrsache ist
von Blinddarmreizungen, sogar Blinddarmentziindungen im spateren
Lebensalter - die Leute wissen das nicht - so ist das bei epileptischen
Kindern durchaus Gift. Epileptische Kinder sollte man so anziehen,
daft sie immer etwas neigen zum Schwitzen, so daft das Schwitzen
immer ein biftchen im Status nascendi vorhanden ist, daft sie ein bifi-
chen zu warm angezogen sind. Das ist eigentlich Therapie. All dieses
schreckliche Reden von Abhartung ftihrt dazu, daft die Leute als Kin-
der furchtbar abgehartet werden, und die Ergebnisse dieser Abhartung
bestehen darinnen, daft, wenn sie nachher alt geworden sind, sie nicht
einmal iiber einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen konnen, ohne
in die Knie zu sinken. Man ist nicht abgehartet, wenn man nicht un-
beschadet iiber einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen kann. Sie
sollen nur sehen die Herren, wie sie den Zylinder abnehmen, wenn sie
iiber einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen und fortwahrend in
die Knie sinken wollen. Das sind in der Regel die Lebensergebnisse der
heutigen Abhartungen.
Nun damit sind wir hauptsachlich auf die Dinge eingegangen, wel-
che gerade im kindlichen Alter die Ich-Organisation noch hineinleiten
in die Elemente, in die sie hineingeleitet werden muft. Hier beginnt
aber schon das Gebiet, wo unmittelbar an das Padagogische der Arzt
herantreten mufi. Denn bei diesen Dingen, da konnen wir, wenn epi-
leptische Erscheinungen da sind, eben nur auf dem Wege des Heil-
mittels der Sache beikommen, und wir miissen auch nicht zuriick-
schrecken, auf dem Wege des Heilmittels der Sache beizukommen.
Sobald die epileptischen Erscheinungen verknupft sind, namentlich
mit demjenigen, mit dem sie verknupft werden, wenn der astralische
Leib in der Hauptsache dabei engagiert ist, wenn also die oberen, die
atherischen Elemente aufhalten das Durchdringen des astralischen
Leibes in die Aufienwelt, dann miissen wir ja auf diese Elemente im
Menschen drinnen selber wirken. Und da handelt es sich darum, daft
wir wirklich den Weg finden, aber vor alien Dingen zuerst erkennen,
ob der astralische Leib engagiert ist oder nicht.
Und wie erkennen wir, ob der astralische Leib engagiert ist? Nun,
wer viel epileptische oder epileptoid veranlagte Kinder beobachtet hat,
wird zwei voneinander sehr verschiedene Zustande bemerken. Das eine
sind diejenigen Zustande, wo, ich mochte sagen, gegenuber einer mo-
ralischen Beurteilung das Kind nicht herausfordernd ist, weil das Kind
sich in das, was man jedem Kinde in moralischer Beziehung beibringen
will, hineinfiigt. Wenn man es also mit epileptischen oder epileptoiden
Kindern zu tun hat, die sich leicht in die moralische Weltordnung hin-
einfiigen, kann man vielleicht bei dem stehenbleiben, was ich gesagt
habe. Wenn man es aber zu tun hat mit solchen Kindern, die unzugang-
lich werden fiir das Moralische, die also zum Beispiel leicht gewalttatig
werden in ihren Anfallen - denn die epileptischen Anfalle konnen
sich dadurch maskieren, dafi zum Beispiel Gewalttatigkeiten beim
Kinde auftreten, an die oftmals keine Erinnerung vorhanden ist
wenn dies eintritt, dafi also moralisch erscheinende Defekte auftreten,
dann handelt es sich darum, dafi man im kindlichen Alter noch mit
wirklichen Heilmitteln eingreift, so daft man tatsachlich also die Epi-
lepsie zum Beispiel versucht zu bekampfen mit den Mitteln, die iiber-
haupt gebrauchlich oder von uns angegeben werden in gewisser Be-
ziehung, wie Schwefel oder Belladonna, und hier eine regelmafiige
Therapie einleitet. Nun, iiber diesen mehr medizinischen Teil werden
wir noch sprechen. Ich mochte heute nur hinweisen darauf, wie man
aus den aufieren Anschauungen ubergehen mufi von der mehr padago-
gischen Behandlung in die mehr medizinische Behandlung. Und bei
gewissen epileptischen Kindern wird es sich durchaus darum handeln,
daft man sogar, weil sie ja ganz gut in die auftere Welt eingeschaltet
sind, vermeiden muft die auftere Obung und vorzugsweise durch innere
Therapie zu wirken hat.
Nun ist hier zu gleicherZeit der Punkt,wo die epileptischen Erschei-
nungen ganz sukzessive iibergehen in andere Erscheinungen. Ich habe
gestern davon gesprochen, daft Gedanken eigentlich nicht falsch sein
kdnnen, und jetzt habe ich fortwahrend davon gesprochen, von dieser
Art und Weise, wie der Mensch sich die Gedanken eingliedert. Solch
eine Erscheinung, daft der Astralleib sich staut in der Lunge, beruht
darauf, daft der Gedanke der Lunge nicht richtig eingegliedert ist. Also
das sind alles Gedankendefekte. Die treten ein, wenn wir nicht im-
stande sind, beim Heruntersteigen unseren Organismus in der richtigen
Weise zu beherrschen, daft wir ihn das zweite Mai aufbauen konnen.
Aber wir bringen auch das Willensmaftige, das auf die einzelnen Organe
verteilt ist, aus unserem friiheren Erdenleben mit. Wenn nun die Ge-
danken iiberhaupt nicht falsch sein konnen, sondern immer richtig
sind, sie nur verzerrt durch unseren Organismus in uns erscheinen,
dadurch also auch Organe verzerrt aufbauen konnen, so ist es beim
Willen, wie er aus dem vorirdischen Dasein ins irdische Dasein eintritt,
so, daft er kaum richtig sein kann. Er kommt in volliger Unsicherheit
an und muft sich im Gedankensystem aufbauen. Beim Gedankensystem
ist es so, daft es in der Welt nirgends unrichtig ist, beim Willenssystem
ist es so, daft es kaum irgendwie richtig ist, ohne daft der Mensch etwas
dazu tut. Der Mensch bringt unter alien Umstanden ein unrichtiges
Willenssystem in die Welt herein. Und das bewirkt, daft wir niemals in
die Welt, indem wir physische Menschen werden, mit Moralitat her-
untersteigen. Die Moralitat miissen wir uns erst nach und nach er-
werben. Das, was Moralitat war fur unsere friihere Inkarnation, das
haben wir gebraucht zwischen Tod und neuer Geburt, wo wir be-
schaftigt waren mit unserem weisheitsvollen Bauen, das haben wir
langst verschwitzt; die Moral miissen wir uns immer in jedem einzelnen
Erdenleben neu erwerben. Das heiftt, jetzt tritt etwas sehr bedeutungs-
volles ein: jetzt miissen wir, indem wir aus dem vorirdischen Dasein
amoralisch hereinkommen, in unserem Willen Sinn entwickeln; wir
kommen mit unserem Willen herein in unsere Organe, wir miissen in
unserem Willen Sinn entwickeln fur dasjenige, was uns moralisch ent-
gegengebracht wird.
Da ist es aufterordentlich wunderbar, wie mit dem Sprechenlernen
die moralischen Impulse in das Kind hineinflieften. Deshalb ist es uns
von so ungeheurer Bedeutung, zu erkennen, daft das Imitieren bis in
die intimsten Dinge hineingeht. Daft das beachtet wird, ist sehr bedeut-
sam: denn wenn die Erzieher und Eltern in der Umgebung des Kindes
unmorali'sch sind, unmoralisch reden, so wird nicht die auftere Hand-
lung, sondern der unmoralische Gehalt in der tiefen Innenorganisation
des Kindes mit imitiert. Da handelt es sich also darum, daft wir auch
mit der Auftenwelt in Beziehung treten, aber auf dem Umwege durch
den ganzen Organismus, nicht durch einzelne Organe. Und wenn da
eine Stauung auftritt, dann tritt diese Stauung auf dadurch, daft wir,
wahrend wir vorher nicht mit unseren Gedanken iiberail herauskom-
men, hier nicht mit unserem Willen herauskommen. Und das tritt in
den moralischen Defekten zutage. Jetzt sehen Sie die inneren Ursachen
der moralischen Defekte, wenn im ganzen menschlichen Organismus
sich staut dasjenige, was aus dem vorirdischen Dasein hereinkommt
und durchstoften und sich durchfinden soli, wenn es den Durchgang
zur moralischen Beurteilung unserer Umwelt finden soil. Wir miissen
die Moral unserer Umwelt aufnehmen konnen. Das konnen wir unter
Umstanden nicht, wenn unsere geistig-seelische Organisation sich staut,
wenn wir darinnen steckenbleiben - in der physischen Organisation
wenn wir nicht durchkommen mit unserer geistig-seelischen Organi-
sation.
Nun, sehen Sie, da handelt es sich darum, daft man in der Tat ganz
auf moralischem Gebiete steht. Nur muft das auch in der richtigen
Weise erkannt werden. Sie werden, wenn Sie es mit eigentlichen epilep-
tischen Erscheinungen zu tun haben, das aus den Symptomen, die ich
angefiihrt habe, Schwindelanfalle, Bewufttseinsausloschung und so
weiter, das werden Sie aus solchen Erscheinungen, die am Menschen
auftreten, vorubergehend auftreten, diagnostizieren miissen. Wollen
Sie im moralischen Gebiete moralische Defekte erkennen, dann miissen
Sie nicht an die voriibergehenden Symptome denken, sondern an die
bleibenden Symptome.
Die hauptsachlichsten Storungen, wodurch konnen sie auftreten?
Natiirlich ist alles im Karma bedingt; man mufi von zwei Seiten spre-
chen, von der Beschaffenheit, mit der der Mensch auftritt, und von
seiner karmischen Bedingtheit. Nun denken Sie sich einmal, der Embryo
lagert so im Organismus, daft er hier zusammengedruckt wird, daft das
Gehirn zu schmal gebildet wird fur die ganze iibrige Organisation.
Jetzt haben Sie dies zu beachten: wahrend der kindlichen Entwicke-
lung durch das zu schmal entwickelte Gehirn haben Sie jene Strah-
lungen von dem Gehirn, die gerade wichtig sind vom siebenten bis zum
vierzehnten Lebensjahre, dadurch gestort und gestaut, weil von dem,
was hier sich staut, ein Abbild eintritt in der Milzfunktion. Was ist die
Folge? Die Folge dieses Stauens ist, daft das Kind keine innerliche Sym-
pathie entwickelt fiir irgend etwas, was ein moralisches Urteil ist; es
fehlt ihm die Sympathie dafiir. Wie fiir einen Farbenblinden die Far-
ben nicht da sind, so sind fiir gewisse Kinder die moralischen Impulse,
die in unserem Sprechen, in unseren Ermahnungen liegen, nicht da.
Das Kind wird dadurch moralblind. Und wir haben dann die Aufgabe,
diese Moralblindheit zu beheben. - Wir werden also an aufteren De-
formationen, wenn wir sorgfaltig vorgehen, immer ein wunderbares
Symptom haben konnen. Und man wird immer gar vieles finden, was
gegen diese scharlatanhafte Betatigung aller Phrenologie eingewendet
wird, aber zur Beurteilung von moralischen Defekten sollte eigentlich
von jedem eine echte Phrenologie schon studiert werden. Denn es ist
schon interessant, zu sehen, daft moralische Defekte, die mit dem Kar-
ma zusammenhangen, daft diese so starke Krafte sind, wo karmische
Immoralitat ist, daft sie unweigerlich in Deformationen des physischen
Organismus auftreten.
Aber auf der andern Seite sind gerade auf diesem Gebiete heilpad-
agogische Versuche aufterordentlich angezeigt, und man wird, wenn
man die gestern erwahnten Eigenschaften mitbringt, diesen inneren
Mut und dieses Sich-Stellen vor Entscheidungen, seinen Ermahnungen,
die man dann braucht, eben auch die notige innere Kraft geben kon-
nen. Innere Kraft braucht man dazu. Daft Heilung eintreten kann, das
habe ich ofter schon an einem bestimmten Beispiel klargemacht. Sehen
Sie, ein ganz bekannter deutscher Dichter liefi sich einmal phrenologi-
sieren von einem Sachverstandigen. Er war schon ein beriihmter Dich-
ter. Und der Phrenologe, der gedacht hat, allerlei Interessantes zu fin-
den, wurde plotzlich leichenblafi, als er eine bestimmte Stelle betastete,
und da getraute er sich nicht weiterzureden, wahrend er sonst bei inter -
essanten Dingen immer redselig war. Der Dichter fing an zu lachen und
sagte: Ich weifi schon, Sie haben den Diebssinn entdeckt; den habe ich
stark gehabt! - Er hatte entdeckt, daft der Betreffende ein Kleptoman
hatte werden konnen. Nun hat er die Kleptomanie in Dichtkunst um-
gewandelt.
Da ist eben das, wo man die Dinge so anfassen mufi, wie ich es ge-
stern erklart habe; und man darf tatsachlich schon von vorneherein
diese Dinge nicht so beurteilen, wie man sie sonst beurteilt. Denn sehen
Sie, es ist ja so: wenn man dem Menschen gegeniibersteht, so hat er
seine menschlichen Eigenschaften nach zwei Polen hin hauptsachlich
ausgebildet, nach dem Pol des mehr Gedanklich-Vorstellungsmafiigen
und nach dem Pol des Willensmafiigen. Ja, das Vorstellungsmafiige ist
krank, wenn es nicht ein Dieb ist, und zwar ein ganz ausgiebiger Dieb.
Die Hirn-Vorstellungsorganisation mufi ein furchtbarer Dieb sein,
nicht Moral anwenden auf das, was sie aufnehmen soil. Sie mufi den
Sinn haben, sich alles anzueignen. Das ist der eine Pol. Und man ist
eben geneigt, entweder zur Epiiepsie oder zu irgend etwas, wenn man
nicht nach alien Seiten hin mit der Vorstellungsorganisation grapst.
Aber das darf um Gottes Willen nicht hinunterschliipfen in die Willens-
organisation! Die mufi zuriickhaltend sein, sie mufi empfanglich sein,
sie mufi einen Sinn haben fur Mein und Dein, der erst am aufieren Le-
ben entwickelt wird. Denken Sie: die Tiere, die mehr im Vorstellungs-
leben leben als die Menschen, die wiirden fortwahrend verhungern,
wenn sie nicht den Sinn hatten, sich alles anzueignen. Diese Dinge mufi
man durchschauen. Das darf nicht in die Willensorganisation hinunter-
schliipfen, das mufi in der feinen Vorstellungsart bleiben. Wenn ich so
sagen darf, wenn die astrale Infiltration unseres Gehirns, die ganz be-
rechtigt ist, sich alles anzueignen, hinunterschltipft bis in die Stoff-
wechsel-Gliedmafienorganisation oder in das rhyxhmische System hin-
ein, dann entsteht im Willen als Tendenz dasjenige, was in der Vor-
stellungsorganisation da sein mull: es entsteht dieser Drang, sich alles
anzueignen. Er kann in verhaltnismaftig harmlosem Sinne auftreten,
was Sie dann beobachten konnen, wenn ein Kind anfangt, alles was es
findet, aufzuheben und sich eine Sammlung davon anzulegen. Natiir-
lich, man bekampft solche Dinge fortwahrend; deshalb treten sie nicht
so kraft auf. Man mufi sich angewohnen, die Anlage dazu zu sehen.
Gewifi, das Kind bringt es gewohnlich nicht dazu, weil man anfangt,
es durchzuprtigeln. Aber darauf mufi man sorgfaltig aufpassen, ob das
Kind diese Neigung hat, irgendwie Dinge sich zuriickzulegen, sich
zusammenzulegen, und man mufi eine Empfindung dafiir haben, wo
das Krankhafte beginnt. Es beginnt das Krankhafte, wenn es iiber ein
gewisses Maft hinausgeht. Die Philistrositat hat vieles, aber hat kein
Urteil dariiber, wenn nicht gerade eine Veranlassung dazu vorliegt,
wieviel man sammeln darf. Man kann ein grandioser Philister sein und
Postmarken sammeln, da ist die Sammelwut mehr unschadlich. Wenn
sie aber beim Kinde auftritt im Nachahmen, dann deutet das darauf,
daft das Kind das heruntergerutscht hat, dieses Sich-Aneignen, in die
Willenssphare. Da handelt es sich wirklich darum, daft Sie sorgfaltig
sehen, wenn es sich um karmisch-moralische Defekte handelt in der
Kleptomanie, daft Sie es sehen aus den Zusammenhangen heraus, die
ich gestern geschildert habe, und aus einer solchen Seelenverfassung
heraus an das Kind herankommen, indem Sie moglichst wirksam mo-
ralisch erziehen mit einer ungeheuren inneren Lebendigkeit, nicht mit
Lassigkeit. Mit innerer Lebendigkeit erfindet man Geschichten, wo-
durch dasjenige, was das Kind tut, im Leben ad absurdum gefiihrt
wird. Man erzahlt ihm einen Fall von Stehlen und macht das wiederum
und immer wiederum. Das greift tatsachlich in das Karma ein.
Da wirkt man auf dem Wege des Heilpadagogischen, das im Mora-
lischen stehenbleiben kann, wenn man wirklich ganz dabei ist, wenn
man sich ganz individuell interessiert, wie die Dinge gemacht werden.
Jeder Kleptomane ist aufierordentlich interessant. Es sind ihm bis in
die Zehenspitzen, bis in die Fingerspitzen die Vorstellungseigenschaf ten
hineingerutscht. Das mull man natiirlich wissen,wenn man ihn erziehen
will. Man mufi in die Erzahlungen unter Umstanden Gesten hinein-
flechten, die der Kleptomane gern macht. Man versetzt sich ganz in
diesen Fall hinein, erfindet Legenden, Marchen, in denen diese Dinge
ad absurdum gefuhrt werden.
Denken Sie nach, wir werden auch Kleptomanen vorfiihren, den-
ken Sie die Dinge immer weiter durch, Sie werden sehen, gerade da-
durch kommen Sie auf diesem Gebiet durch die Diagnostik in die The-
rapie hinein.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 28Juni 1924
Nun, meine lieben Freunde, wir wollen heute eine Art Abrundung ver-
suchen der einleitenden Betrachtungen und werden dann von morgen
ab zu der praktischen Betrachtung einzelner Falle Ubergehen konnen.
Es handelt sich darum, daft eine wirkliche Betrachtung des Wesens des
sogenannten seelischen Krankseins auch notwendigerweise dazu fuhren
mufi, Anhaltspunkte zu gewinnen fur dieBehandlung. Daft dieBehand-
lung bei Erwachsenen unseren Methoden heute noch Schwierigkeiten
bieten mufi, das hat seine Griinde in dem, was ich gestern ausgefuhrt
habe: daft zu der Behandlung solcher Dinge gewisse Vorbedingungen
da sein miissen, die, solange die Weltverhaltnisse so stehen, wie sie jetzt
stehen, uberhaupt nicht innerhalb unserer Gesellschaft fur seelisch
Kranke verwirklicht werden konnen. Dagegen liegt bei Kindern die
Sache so, daft die Erziehung in der Tat aufterordentlich viel machen
kann. Wie Sie aber eingesehen haben, meine lieben Freunde, handelt es
sich bei seelischen Erkrankungen - nauirlich bei andern auch, aber hier
viel tiefer, in viel tieferem Sinne, in viel bestimmterem Sinne - um
karmische Zusammenhange, die in den Krankheiten zum Vorschein
kommen.
So ist natiirlich die Frage berechtigt aufgeworfen - nicht so sehr
ausdrucklich, sie mulS unbewuftt aufgeworfen werden, wir miissen es
fiihlen, was da zugrunde liegt -: Wie weit kann eine Besserung herbei-
gefiihrt werden? - Jeder Grad von Besserung, den wir herbeifuhren
konnen, ist fur den kranken Menschen ein Gewinn. Wir diirfen uns
niemals trosten damit: das Karma ist so, und daher nehmen die Dinge
so diesen Verlauf. Das sagen wir bei aufteren Schicksalsereignissen und
konnen es auch tun; konnen es aber niemals tun bei demjenigen, was
die freistromende Gedanken-, Gefuhls-,Tatenrichtung ist im Menschen
selbst. Denn da kann das Karma verschiedene Wege gehen. Und es kann
ein Abbiegen des Karmas stattfinden, so daft nicht etwa die Dinge
nicht erfiillt werden, die zu erfiillen sind, aber sie konnen auf verschie-
dene Weise erfiillt werden. Ich habe oftmals, wenn davon gesprochen
worden ist, vorgeburtliche Erziehung soil geiibt werden, womit man
meint, Erziehung in der Embryonalzeit, ich habe oftmals gesagt:
Solange das Kind nicht atmet, handelt es sich um Erziehung und das
Verhalten der Mutter. Und im ubrigen soil man nicht in das Werk der
Gotter eingreifen. Da handelt es sich ganz um das, was sich abspielt bei
der Mutter selbst.
Nun aber, eine sachgemafte Betrachtung kann so angestellt werden,
wie wir sie fur das epileptische Irresein gestern begonnen haben, wobei
beriicksichtigt wird physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib und
Ich-Organisation. Nun, was haben wir herausbekommen fur all die
Formen des kindlichen Irreseins, die epileptisch oder epileptoid sind?
Wir haben gefunden, daft es sich handelt um ein Stauen des astralischen
Leibes und der Ich-Organisation in irgendeinem Organ. Die Oberflache
eines Organs laftt nicht heraus den Astralleib und die Ich-Organisation,
die stauen sich. Die stauen sich innerhalb des Organs. Es entsteht eine
verdichtete astralische und Ich-Atmosphare innerhalb des Organs. Das
gibt die Veranlassung zu den Krampfen. Denn jedesmal, wenn ein
Krampf vorhanden ist, ist folgendes vorhanden: Das Wesen des
Krampfes besteht darinnen, daft wenn hier ein Organ ist (siehe Ta-
fel 6, links), mit seinem Atherleib darin, so besteht ein ganz bestimmtes
Verhaltnis zwischen diesem physischen Leib und Atherleib fur jedes
Organ, zum astralischen Leib und zum Ich.
Nicht wahr, Sie alle kennen ja das - man kann nur, wenn man sol-
che Voraussetzungen macht, dariiber sprechen -, was die bestimmten
aufteren Verhaltnisse sind, in denen sich in der unorganischen aufteren
Natur die Stoffe miteinander verbinden. Wie es die Chemie tut, ist es
zwar nicht richtig, aber bestimmte Verhaltnisse bestehen - ich sage
nicht Atom- oder Gewichtsverhaltnisse, weil das schon in die Theorie
greift -, aber die Tatsache besteht, daft in einem bestimmten Verhaltnis
Wasserstoff und Sauerstoff sich verbinden. Wenn wir die Schwefel-
Tafel 6 saure haben, H 2 S0 4 , so haben wir darinnen Wasserstoff, Schwefel und
Sauerstoff in einem bestimmten Verhaltnis, in dem sie zueinander ge-
horen. Wenn dieses ein anderes wird, so kann unter Umstanden der
Stof f , der da entsteht, ein ganz anderer sein. Wenn wir ein anderes Ver-
haltnis haben als in der Schwefelsaure zwischen Wasserstoff, Schwefel
und Sauerstoff, so bekommen wir da die schweflige Saure, H 2 SO a ,
obwohl dieselben Stoffe darinnen enthalten sind.
So besteht ein ganz bestimmtes Verhaltnis im sogenannten normalen
Menschen; ich sage sogenannt, weil der Ausdruck «bei dem normalen
Menschen» absolut philistros ist, da glaubt man, es ist eine Grenze da.
Nun, innerhalb bestimmter Grenzen ist das Verhaltnis variabel. Aber
wenn es liber eine bestimmte Variabilitat hinauskommt, und die kann
wiederum individuell sein fur einzelne Menschen, wenn es iiber eine
bestimmte Grenze hinauskommt, so ist Abnormitat, Krankhaftigkeit
vorhanden. - Es ist also so, daft in einem Organ astralischer Leib und
Ich-Organisation darinnen sitzen, so daft sie es in einem bestimmten
Verhaltnis nicht ausfiillen konnen und nicht iiber das Organ so hinaus-
ragen konnen, wie wir es gestern als notwendig erkannt haben, iiber
den physischen Leib. Staut sich nun der Astralleib und das Ich in einem
bestimmten Organ, dann ist der iiberschiissige Astralleib und die iiber-
schiissige Ich-Organisation in diesem Organ drinnen, dann ist nicht die
gehorige Menge darinnen, sondern es ist eine gestaute Menge, eine iiber-
schiissige Menge darinnen, und das Organ wird dadurch so, daft es die
Astralitat spiiren muft, empfinden muft. Wenn die richtige Menge der
Astralitat darinnen ist, so empfindet das Organ die Astralitat nicht.
Denn jede nicht ins Organ gehorige Tatigkeit des Astralleibes und der
Ich-Organisation muft das Organ empfinden. Geht irgend etwas nicht
ins Bewufttsein iiber, staut es sich, so daft eine zu grofte Menge von
Astralitat und Ich-Organisation da ist, die nicht ins Bewufttsein iiber-
geht, dann entsteht der Krampf. Und damit haben Sie schon die Be-
gleiterscheinung gegeben, die Bewufttseinsstorung. Die Bewufttseins-
storung muft dann immer eintreten,wenn es sich um ein Organ handelt,
das uberhaupt mit Bewufttsein zu tun hat. Handelt es sich um ein Or-
gan, das nicht direkt etwas mit dem Bewufttsein zu tun hat - es gibt
auch solche Organe, welche nicht direkt, sondern invers mit dem Be-
wufttsein etwas zu tun haben, welche Hemmungsorgane sind -, dann
entsteht nicht Bewufttlosigkeit, sondern Schmerz. Schmerz ist erhohtes,
nicht abgeschwachtes Bewufttsein. Der Krampfzustand als solcher ist
ja nicht schmerzhaft, das ist einfach eineTatsache; das, was als Schmerz
eintreten kann, ist dann das, was eintritt, wenn in einem Hemmungs-
organ, nicht in einem bewufttseinsfordernden Organ, sondern in einem
bewufttseineinhaltenden Organ die Stauung stattfindet. Da tritt er-
hohtes Bewufttsein, Schmerz ein. Das ist das Wesen des Schmerzes.
Nun, damit haben wir alle diejenigen Formen des Irreseins erfaftt,
auch im kindlichen Organismus, die ins Epileptische oder Epileptoide
ausmiinden, die wir genau besprechen werden, aber am besten an in-
dividuellen Fallen.
Nun werden Sie aber leicht einsehen, die Sache kann ja auch anders
sein. Sie kann so sein, daft nun nicht ein Organ auftritt so, daft seine
Oberflache in sich die Ich-Organisation und den Astralleib zuriickhalt,
sondern daft die Oberflache zu viel durchlaftt, daft gewissermaften das
Organ nicht geniigend fur seinen eigenen Verbrauch in sich selber zu-
riickhalt, so daft hier also nicht die Astralitat, wozu auch die Ich-
Organisation gehort, sich staut, sondern daft sie gewissermaften iiber
Tafel 6 das Organ leicht hinausflieftt (siehe Tafel 6). Man konnte sagen,
die Oberflache wird fur die Astralitat und die Ich-Organisation zu
durchlassig, das Organ rinnt aus in bezug auf seine Astralitat und Ich-
Organisation. Wir sehen dann mit dem imaginativen Bewufttsein das
Organ ausstrahlen,es rinnt aus. Solch ein ausrinnendes Organ ist immer
verbunden mit dem physischen Korrelat der Sekretion, die naturlich
bei gewissen Organen nicht stark auftritt, die aber durchaus auch be-
merkbar auftreten kann. Wir werden davon zu sprechen haben. Sehen
Sie, da haben wir es dann, wenn es das kindliche Alter betrifft, zu tun
mit einer Erscheinung, die nur dadurch geheilt werden kann, daft man
den Astralleib und die Ich-Organisation befestigt, sozusagen zuriick-
bringt ins Organ.
Nun, zu welchen Formen, zu welchen aufterlich wahrnehmbaren
Symptomkomplexen fiihrt dann eine solche innere Beschaffenheit? Da
kommen wir auf ein Kapitel, wo fur das kindliche Alter etwas anderes
auftritt als fur den Erwachsenen. Da kommen wir zu Formen des Irre-
seins, die fur die Zeit der menschlichen Entwickelung von der Geburt
bis zur Geschlechtsreife besondere Formen annehmen miissen, wir
kommen da zu Formen des hysterischen Irreseins. In diesen Formen
des hysterischen Irreseins leben heute alle Unklarheiten der aufteren
Wissenschaft. Es leben darinnen alle unsachhchen Wortpragereien.
Das beginnt schon bei der allerersten Anschauung, die man iiber diese
Sache hat; denn man wird natiirlich in irgendeiner Weise nach den
heutigen Anschauungen dieses hysterische Irresein mehr oder weniger
in Zusammenhang zu bringen haben mit dem Geschlechtsleben. Man
bringt es sogar in Formen, die man darunter notifiziert, mehr als mit
dem Geschlechtsleben des Mannes mit dem Geschlechtsleben der Frau
in Zusammenhang. Nicht die Wortbezeichnung ist es, worauf es an-
kommt. Welche Falle man heute darunter notifiziert, ob sie die Be-
zeichnung hysterisches Irresein, so wie man das meint, verdienen, oder
ob man einen viel grofieren Komplex erfassen muE, darauf kommt
es an.
Nun liegt die Sache so, daft einfach das Kind bis zur Geschlechts-
reife diese Form des Irreseins eigentlich gar nicht haben kann, die man
ihm zuschreibt, wenn man an das Geschlecht bei der Hysterie denkt,
sondern dafi das Kind iiberhaupt in seinen ersten Lebensepochen etwas
haben kann, was ich beschrieben habe als das Hinausragen des astra-
lischen Leibes und der Ich-Organisation iiber ein Organ. Nur das kann
es haben. Wir mussen von alien Beschreibungen, die da bestehen fur
das Erfassen des hysterischen Irreseins, absehen, denn alle diese Be-
schreibungen haben das schon an sich,daf5 man an gewisseOberbegriffe
dabei denkt; wenn man aber dabei an einen gewissen Oberbegriff
denkt, so wird die Beschreibung falsch. Und so sind heute zahlreiche
Beschreibungen auf dem Gebiet der Psychiatrie einfach falsch. Man
kann so etwas nicht machen, wie man es heute eben macht.
Sehen wir uns einmal an, was da in Wirklichkeit vorliegt. Das Kind
erfafit die Auflenwelt, wie ich es gestern gesagt habe, schwer. Es erfaftt
schwer den Gleichgewichtszustand mit der Fliissigkeit, den Gleich-
gewichtszustand mit der Luft, die Differenzierungen in der Warme,
die Differenzierungen im Lichte, die Differenzierungen im Chemismus,
die Differenzierung im allgemeinen Weltenleben, diese erfaftt es, statt,
wie es bei dem epileptischen Irresein der Fall ist, zu schwach, zu stark;
es steckt uberall in die Umgebung, in die Schwere, in die Warme steckt
es seinen Astralleib und das Ich hinein, es erfaik ein jegliches in so in-
tensiver Weise, wie es eigentlich beim sogenannten Normalen nicht
moglich ist. Was entsteht denn da?
Nun, Sie brauchen sich nur vorzustellen, Sie haben irgendwo die
Haut geritzt und Sie greifen ein Ding an mit einer wunden Flache, mit
einer Flache, wo Sie die Haut abgeschiirft haben, wo Sie empfmdlich
sind. Sie sind deshalb empfindlich, weil Sie da mit Ihrem innerlich
astralischen Leibe zu stark an die Auftenwelt kommen. Man darf mit
seinem astralischen Leib und der Ich-Organisation nur in einem ge-
wissen Mafie an die Auftenwelt herankommen. Das Kind, das nun von
vorneherein seinen astralischen Leib hinausbringt, ergreift in feiner
Art alle Dinge gerade so, wie wenn es verwundet ware. Dadurch ent-
steht ganz selbstverstandlich das Erlebnis einer Hyperempfindlichkeit,
einer hyperempfindlichen Hingabe an die ganze Umgebung. Es emp-
findet dann ein solches Menschenwesen viel starker, viel intensiver die
Umgebung, spiegelt sie auch viel starker in sich. Es entstehen daher
auch Vorstellungen, die in sich weh tun. In dem Augenblicke, wo man
den Willen entfaltet demgegenuber, greift man hinein in etwas, dem-
gegenuber man uberempfindlich ist. Es entsteht in den bewufiten Par-
tien eine eigentumliche Tatsache, wenn man den Willen entfaltet: es
entsteht ein zu groftes Bewufksein an der Willensentfaltung, es entsteht
ein Schmerz bei der Willensentfaltung; im Entstehungsstadium ist die-
ser Schmerz da, im Status nascendi. Man will ihn zuriickhalten. Das
geschieht intensiv. Man zappelt im Tun, weil man den Schmerz zuriick-
halten will.
Sie sehen, man bekommt da Beschreibungen, die in ganz bestimm-
tem Sinne ins Leben miinden. Sie bekommen da Beschreibungen her-
aus, wo das Kind etwas tun will, und die Sache ist so: es spurt einen
Schmerz und kann es nicht tun, hat aber statt dessen, dafi das Seelen-
leben ins Tun ausfliefit, ein furchtbar starkes Innenerleben, vor dem es
zuriickschaudert. Es schaudert vor sich selbst zuriick. Oder auch, wenn
es sich nicht um ein Tun handelt, sondern urn ein maskiertes Tun, das
im Vorstellungsleben liegt - da lebt namlich der Wille mit -, wenn es
sich um ein Tun im Vorstellungsleben handelt, wenn Vorstellungen
sich entwickeln sollen, so kann es sein, daft die Vorstellungen im Mo-
ment, wo sie entstehen sollen, bei gewissen Formen des Krankseins
Angst hervorrufen und nicht entstehen konnen. Jede solche Vorstel-
lung, die im Moment, wo sie ins Bewufitsein kommen soil, im Moment
des Entstehens Angst hervorruft, jede solche Vorstellung bewirkt zu
gleicherZeit, daft das Gefiihlsleben unter ihr sich entfaltet. Die Gefuhle
schaumen auf, der depressive Zustand beginnt dann immer. Die Ge-
fuhle, die von Vorstellungen nicht erfaftt werden, sind depressiv; nur
die Gefuhle sind nicht depressive Gefuhle, die sogleich vom Vorstel-
lungsleben erfaftt werden, wenn sie entstehen.
Das, was man aus der Sache heraus beschreibt, kann man sehen,
und das ist schon im Grunde ein Symptomenkomplex. Lernt man also
erkennen das Wesen einer solchen Abnormitat, dann kann man es in
der Anschauung unmittelbar sehen. Das ist es, um was es sich handeln
mulS, wenn Geisteswissenschaft mit ihrer Anschauung in diese prak-
tischen Gebiete des Lebens eingreift. Da mussen fur die, die da ein-
greifen sollen, die Beschreibungen nun ganz aus dem Abstrakten her-
ausgehen, ganz ins Lebendige hineingehen, so daft die Beschreibung
dort miindet, wo dann derjenige, der die Beschreibung hat, es am
Kranken sieht. Und hier sehen Sie formlich das, was da geschieht: das
Ausrinnen irgendeines Organes oder irgendeines Organkomplexes an
Astralitat oder Ich-Organisation.
Eine ganz grobe Erscheinung beim Kinde, die aufterlich gewisser-
maften den Symptomenkomplex vergrobert ausdriicken wird, wird das
Bettnassen sein. Es ist ganz selbstverstandlich. Damit aber riicken Sie
das Bettnassen des Kindes erst in seine richtige Perspektive. Es hat sei-
nen Ursprung in dieser Tatsache. Sie konnen also liberal!, wo es sich
um das Bettnassen handelt, voraussetzen: Da rinnt der astralische Leib
heraus. Denn alle Art von Aus- und Abscheidungen hat es zu tun mit
der Tatigkeit des astralischen Leibes und der Ich-Organisation. Die
mussen in Ordnung sein, wenn die Aus- und Abscheidungen in Ord-
nung sein sollen.
Nun konnen wir wiederum sagen, daft also die Ich-Organisation
und der astralische Leib durch den physischen Leib im Zusammenhang
stehen mit den gewohnlichen sogenannten vier Elementen, daft im
Atherleib die Ich-Organisation und der astralische Leib mehr im Zu-
sammenhang stehen mit den oberen Elementen, mit einem Teil der
Warme, mit dem Lichte, mit dem Chemismus und mit dem allgemeinen
Weltenleben. Wenn man also Ausdriicke, die ganz bezeichnend sein
konnen, ausdehnt auf das Geistige, wie es durchaus auch friiher im
instinktiven Hellsehen geschehen ist, wo man noch nicht so stark das
Physische von dem Geistigen unterschieden hat, so kann man sagen:
Es gibt ein seelisches Wundsein des Kindes. Und dieses seelische Wund-
sein des Kindes, das umgreift als Oberbegriff all das, was da auftritt.
Und es wird, wenn dieses seelische Wundsein eben durch Heilpadagogik
nicht gebessert werden kann, dann bei der Geschlechtsreife die weib-
liche oder die mannliche Form dieses Wundseins auftreten. Die weib-
liche Form wird dann den Charakter des Hysterischen haben, wie man
es bezeichnet hat, solange man eine Anschauung gehabt hat; die mann-
liche Form hat eine andereGestaltung, die wir auch besprechen konnen,
aber die in anderer Art auftritt.
So werden Sie also iiberall dazu gefuhrt, uberall wo ein solches dem
epileptischen oder epileptoiden Irresein Entgegengesetztes vorliegt,
darauf zu achten, wie die Ausscheidungen beschaffen sind. Sie werden
darauf gefuhrt, insbesondere die Schwitzverhaltnisse des Kindes or-
dentlich ins Auge zu fassen. Sie werden namentlich sorgfaltig acht-
geben miissen darauf, ob, wenn Sie dem Kinde etwas beibringen wollen,
also Vorstellungen hervorrufen wollen, die innere Wundheit gegenuber
einer Vorstellung sich auslebt in Schwitzzustanden. Dabei besteht eine
gewisse Schwierigkeit. Sie werden unter den gewohnlichen Verhalt-
nissen glauben, daft, wenn man nun irgend etwas hervorgerufen hat
von einem solchen inneren Zustand, dann nachtraglich gleich die
Schwitzverhaltnisse beobachtet werden konnen. Das kann in gewissen
Verhaltnissen der Fall sem, braucht aber nicht der Fall zu sein. Denn
da tritt das Eigentiimliche ein, daft das, was da an innerer Angst oder
innerer Zurikkhaltung, an Empfindung des inneren Wundseins da ist,
nicht so wirkt wie eine auftere Wundempfindung, sondern daft das-
jenige, was da entsteht, erst im Menschen verdaut wird und manchmal
noch die sonderbarsten Wege im Inneren des Menschen durchmacht
und nicht in der allernachsten Zeit, sondern kurioserweise erst nach
einiger Zeit, im Laufe der nachsten drei oder dreieinhalb Tage, zum
Vorschein kommt. Man hat es bei alledem, was bei der Vergrofterung
des Astralleibes und der Ich-Organisation eintritt, mit demjenigen zu
tun, was bei der normal eintretenden Vergrofterung des Astralleibes
und der Ich-Organisation im Tode eintritt. Wenn es sich um eine Stau-
ung gehandelt hat, da tritt das Entgegengesetzte vom Sterben ein. Im
Epileptischen liegt der Versuch vor, das Leben im Organismus zusam-
menzustauen, nachzuahmen in einem abnormen Verhaltnis das Hinein-
kriechen in den physischen Organismus beim Heruntersteigen. Bei den
Zustanden, von denen wir jetzt sprechen, hat man es mit dem Nach-
ahmen dessen zu tun, was im Sterben geschieht: Der Astralleib und das
Ich dehnen sich aus mit dem Zerflieften des Lebens nach dem Tode.
Mit dem hat man es zu tun.
Hat man dieses Gefiihl, so eignet man sich nach und nach das an,
was wichtig ist bei der Beobachtung solcher Falle: Man bekommt ein
Geruchsorgan fur dasjenige, was im Kinde vorhanden ist, man riecht
dieses Ausflieften. Man riecht es namlich in Wirklichkeit. Und das ist
schon zu dem esoterischen Teil dieser Dinge gehorig, daft man sich eine
Geruchsempfindung dafiir aneignet, daft das Aurische anders sich an-
riecht von solchen Kindern als von normalen Kindern. Und tatsach-
lich: etwas leise Leichenartiges haben solche Kinder in ihren aurischen
Ausschwitzungen. Dadurch aber sehen Sie, daft das so ist, es treten
auch die Begleiterscheinungen dieses Sterbens auf, namlich dieses
Schwitzen aus dem einen oder andern Grund. Die konnen auftreten im
Laufe der nachsten drei Tage, annahernd in dem Zeitraum, in dem
diese Riickschau nach dem Tode auch auftritt, wenn die Vergrdfterung
stattfindet von astralischem Leib und Ich-Organisation.
Sie miissen sich also aus einer solchen Erkenntms heraus angewoh-
nen, festzuhalten an irgend etwas, was Sie in dem Vorstellungs- oder
Willenszusammenhang eines solchen Kindes bemerkt haben, und miis-
sen dann das Kind durch die nachsten drei bis vier Tage verfolgen.
Dann bekommen Sie heraus, ob nun wirklich die Form vorliegt des
abnormen Seelenlebens, von der ich eben gesprochen habe. Dann ent-
steht fur Sie schon mit ganz entsprechenden Vorbedingungen die Frage:
Wie behandele ich ein solches Kind?
Ein solches Kind tritt mir so entgegen, daft ich in jeder Handlung,
die es tut, schon seine Seele offen daliegen habe, Seine Seele fliefit mit
hinein in alles dasjenige, was das Kind um mich herum tut. Sie begrei-
fen, daft in einem solchen Falle, wenn gewissermaften die Seele des
Kindes an einen heranflutet, die Erziehung ganz besonders von dem
abhangt, was nun der Erzieher seinerseits in seiner Seelenverfassung,
in seiner ganzen Stimmung dem Kinde entgegenbringen kann, indem
er selber irgend etwas in seiner Umgebung handhabt, indem er selber
etwas tut. Nehmen wir nun an, Sie seien ein zappliger Erzieher, so ein
Mensch, der fortwahrend so handelt, dafi er mit dem, was er tut, den
andern Menschen einen Schock verursacht. Diese Charaktereigentiim-
lichkeit, die eine menschliche Temperamentseigentumlichkeit ist, ist im
Leben viel verbreiteter, als man denkt. Sie ist haufig in der Lehrer-
schaft ganz aufierordentlich verbreitet. Wenn man einen trivialen Aus-
druck gebrauchen diirfte: Sind merit die meisten Lehrer heute hase-
basig? Dieses zapplige Wesen, das sich im Tun fortwahrend iiber-
schlagt! Das mufi so sein, weil die Seminarbildung so ist, wie sie ist.
Die Seminarbildung ist heute so, dafi sie tatsachlich hypertrophiert
dasjenige, was in den Menschen hineingebracht werden soli. Vor alien
Dingen diirften die Seminaristen - und da ich heute nur die Aufgabe
habe, liber die Lehrerseminaristen zu sprechen, kommen die andern
nicht in Betracht -, vor allem diirften die Lehrerseminaristen niemals
einem Examen unterzogen werden. Denn das Examen ist schon das-
jenige, was einen in Stimmungen hineinbringt, die in diese Zappligkeit
hineinfuhren.
Nun sehen Sie gleich, in welche sonderbare Lage man hineinkommt,
wenn man aus der Sache heraus die Dinge entwickeln mufi, Es handelt
sich um die Einrichtung des Lauensteinschen Institutes fur minderwer-
tige Kinder. Aus der Polizeigesetzgebung heraus mufi denjenigen, die
das Institut iibernehmen, geraten werden, dafi sie ihr Examen machen.
Wenigstens einer mufi es machen. Aber das ist ganz unsachlich, weil es
selbstverstandlich ein weiteres Mittel zum Zappligwerden ist. Das ist
etwas, was in ganz trockenem Sinne einfach eingesehen werden mufi,
sonst geht man mit verbundenen Augen durch die Welt. Es bleibt also
nichts anderes iibrig, als nach dem Examen sich die Zappligkeit wieder
abzugewohnen. Das tun die meisten nicht.
Also alles mufi vermieden werden in der Umgebung des Kindes, was
leise Schockwirkungen hervorruft, wenn sie aus dem Unbewufiten, aus
dem Temperament des Lehrers kommen. Warum? Weil der Lehrer es
ganz in der Hand haben mufi, ganz aus seinem Bewufttsein heraus, mit
Willkiirlichkeit, solche Schockwirkungen auszufuhren. Denn sie sind
manchmal fur solche Zustande die allerbesten Heilmittel. Aber sie wir-
ken nur, wenn man sie nicht gewohnheitsmaftig tut; sie wirken nur
dann, wenn man sie in vollem Bewufttsein, durch und durch beobach-
tend, vor dem Kinde vollbringt.
Sie miissen also, wenn Sie einen solchen Symptomenkomplex beim
Kinde bemerken, das Kind nehmen, und - nun bringen Sie ihm bei,
irgend etwas zu schreiben, zu lesen oder zu malen -, aber jetzi, was
tun? Sie versuchen, das Kind so weit kommen zu lassen, als es eben
seiner besonderen Menschenbeschaffenheit nach kommen kann. An
einem bestimmten Punkte versuchen Sie, das ganze Tempo der Arbeit
in ein schnelleres iibergehen zu lassen. Dadurch wird das Kind genotigt,
nicht dasWundsein zurucktreten zu lassen, wohl aber die Angstlichkeit
gegeniiber dem Wundsein, weil Sie ja yor dem Kinde sind und das
Kind dadurch in die Angstlichkeit hineinsteigen muft. Dadurch aber,
daft es in diesem Moment in die Angstlichkeit hineinsteigen muft, daft
das Kind jetzt in einen kiinstlich hervorgerufenen Eindruck hinein-
geht, der von dem vorhergehenden Eindruck abweicht, dadurch, daft
es in einen solchen Eindruck hineingeht, starkt es dasjenige, was aus-
fliefien will in seinem Innern, konsolidiert es. Und wenn Sie solches
systematisch mit einem Kinde immer und immer wieder durchfuhren,
dann tritt die Konsolidierung des Ich und des Astralleibes ein. Nur
miissen Sie nicht ermiiden, miissen es immer und immer wieder machen,
den ganzen Unterricht so vorbereiten, daft er methodisch so verflieftt,
daft er an gewissen Stellen einfach sich umbiegt. Dazu miissen Sie den
Unterricht selber in der Hand haben. Wenn Sie alle dreiviertel Stunde
einen andern Gegenstand haben, dann konnen Sie nach dieser Rich-
tung nichts beabsichtigen. Sie konnen aufbauen einen Unterricht fur
abnorme Kinder, wenn Sie auf Grundlage desjenigen, was wir in der
Waldorfschule eingefiihrt haben, auf der Grundlage des Epochen-
unterrichtes arbeiten, wo also in den hauptsachlichsten Unterrichts-
stunden ein einziger Gegenstand durch Wochen hindurch fortgefiihrt
wird, wo man also durch Wochen hindurch die Moglichkeit hat, zwi-
schen acht und zehn Uhr gar keinen Stundenplan zu haben; man kann
machen, was man will, was man eben methodisch als das Richtige
einsieht.
Aus einer solchen padagogischen Grundlage konnen Sie nun auch
herausarbeiten dasjenige, was Sie dann fiir die abnormen Kinder tun
miissen. Da konnen Sie hineinbringen jene Methode, die fortwahrend
die Umwandlung des Unterrichtes, die Anderungen im Tempo des
Unterrichtes bewirkt. Und mit solchen Dingen werden Sie ungeheuer
stark auf die Drusensekretion und damit auf die Konsolidierung des
astralischen Leibes beim Kinde wirken. Sie miissen dabei nur eine ge-
wisse Resignation haben; denn die Welt wird nicht bemerken, wo
Heilung eingetreten ist, wenn die Kinder so behandelt worden sind,
daft die Kinder gesund geworden sind. Die Welt wird nur bemerken,
daft im einzelnen Fall keine Heilung eingetreten ist, weil man immer
im Leben das Normalwerden als etwas Selbstverstandliches ansieht.
Es ist aber das Normalwerden gar nicht etwas so Selbstverstandliches.
Das ist das eine.
Sie sehen also: hat es sich beim epileptischen und epileptoiden Irre-
sein darum gehandelt, mehr manuelle und moralische MalSnahmen zu
ergreifen, wie ich gestern ausgefuhrt habe, so handelt es sich bei diesem
Irresein, das ich heute behandelt habe, vorzugsweise darum, didak-
tische Methoden auszubilden, welche die Sache bekampfen konnen.
Diese Schockwirkungen hervorrufen, ist das eine. Das andere ist: sorg-
faltig beobachten, wie die Zustande zwischen Depression und einer
Art Maniewirkungen, Heiterkeits-Lustanwandlungen, abwechseln.
Denn wodurch entsteht nun bei diesen Formen des Krankseins der
Wechsel von Depressionszustanden und manischen Zustanden? Er fin-
det ja fortwahrend statt deshalb, weil das Kind innerlich wund ist und
die Sehnsucht hat, den Willen iiberhaupt nicht zur Entfaltung kommen
zu lassen. Kommt derWille im Vorstellungsleben nicht zur Entfaltung,
dann entstehen die depressiven Zustande. Wiederum, wenn das lange
geschehen ist und das Kind nicht mehr zuruckhalten kann, sondern
sich einmal entladen mufi, dann entsteht, weil zuriickgedampft wird
das innere Wundsein, weil das Kind im Herausfliefien im Astralischen
ganz ausflieften kann, ein erhohtes Wohlgefuhl, und es wechseln dann
Zustande von Traurigsein und Heitersein, die man gerade bei einem
solchen Kinde, das die andern Symptome: Schwitzen, Bettnassen,
aufterlich zeigt, sorgfaltig beobachten mufi.
Denn man mufi nun gerade die Didaktik in diese Wechselzustande
hineintreiben. Nehmen wir an, wir haben einen depressiven Zustand
des Kindes. Wir werden einem solchen depressiven Zustand in dem
Augenblick beikommen, wo das Kind das Gefuhl bekommt: wir sind
recht stark mit seinem Inneren verbunden, wir verstehen es. Aber das
Kind hat gerade, weil es sich da handelt um eine Art Hypertrophic
des Vorstellungs- und Willenslebens, das Bediirfnis, da nicht zu erleben
eine Teilnahme blofS an der Traurigkeit. Wenn wir mit dem Kinde
blofi verstimmt und traurig werden, hat das Kind nichts davon. Son-
dern es wird nur etwas davon haben, wenn wir dem Zustande, den wir
miterleben konnen, gewachsen sind, und das Kind wirksam trosten
konnen, wenn das Kind einen wirksamen Trost erhalt.
Da wird der Erzieher, der verstandnisvoll auf diese Dinge eingehen
kann, sich Typisches aneignen. Er wird zum Beispiel wissen, daft eine
standige Vorstellung bei solchen Kindern die ist, daft sie meinen, sie
sollten etwas tun, konnen es aber nicht. Es ist eine komplizierte Vor-
stellung, aber man mufi sie studieren konnen: Sie sollen etwas tun und
konnen es nicht, sie miissen es doch tun, dann wird es anders, als sie es
haben tun wollen. Priifen Sie nur bei solchen Kindern, von denen ich
gesprochen habe, das Seelenleben und gehen Sie geradezu darauf aus,
abzufangen im Seelenleben dasjenige, was man so bezeichnen kann:
Ich will etwas tun: ich kann es eigentlich nicht; ich muft es aber doch Tafel 6
tun - deshalb wird es anders, als es sein soil.
In diesem Vorstellungskomplex lebt namlich die ganze Krankheit
des Kindes. Das Kind spurt, fuhlt die eigentiimliche Konstitution, die
in dem AusfliefSen des Astralleibes und der Ich-Organisation besteht.
Das selber wirkt schon so, wie ein Hinauswirken in die Welt des Astral-
leibes. Ich will etwas tun - aber das Kind weifl, es kommt sogleich an
die auftere Welt, an die Agenzien heran. Da ist die Wundheit, es
schmerzt; und es mufi spiiren: Ich kann es eigentlich nicht. - Aber nun
weift das Kind: Es mufi ja doch geschehen. Ich mufi hinausgreifen mit
meinem Astralleib in die Agenzien der Welt. Da bewaltige ich das
nicht, was ich in die Hand nehme; da bin ich so ungeschickt mit mei-
nem ausfliefienden astralischen Leib; es wird anders, weil ich nicht
ganz dabei sein kann. Der Leib fliefit zu stark aus.
Gerade an solchen Kindern bemerkt man in der wunderbarsten
Weise, was das Unterbewufksein, das in das Empfindungsleben hin-
aufragt, was es eigentlich tut. Es ist ja so furchtbar gescheit. Es pragt
in die deutlichsten Begriffe dasjenige, was in der inneren Konstitution
und im Verhaltnis zwischen Menschen und der Umgebung vorgeht.
Das lost sich im Unterbewufitsein los, nur kommt es nicht in sein Be-
wufksein herauf. So also kann man sagen: Man mufi losgehen darauf,
diese inneren unbewuftten Vorstellungskomplexe beim Kinde zu ent-
decken. - Und jetzt: Er tritt auf. Man merkt ihn. Er ist fast jedesmal
da, wenn das Kind etwas beginnen soil im aufieren Tun oder durch
Denken. Er ist fast immer da. Greifen Sie in diesem Moment so ein,
daft Sie sanft und mild mittun in dem, was das Kind tun soli, daft Sie
gewissermafien jede Handbewegung in der eigenen Handbewegung
fiihlen, dann hat das Kind das Gefiihl, der zweite Teil wird korrigiert
durch das, was Sie tun. Aber natiirlich hat das Kind nichts davon,
wenn Sie wirklich alles machen, was das Kind machen soli. Sie miissen
nur fiktiv eingreifen. Sie lassen das Kind malen, malen aber nicht
selbst, fahren aber mit dem Pinsel nebenher, nahe in der Nachbarschaft
weiter, indem Sie jede Bewegung begleiten. Sie lassen das Kind so vor-
stellen, dafi Sie das Kind, indem es seine Vorstellungen bildet, sanft
leiten, indem Sie moglichst wohlwollend und deutlich dasjenige, was
das Kind machen soli, mitmachen, es seelisch in der Nachbarschaft
streichelnd begleiten. Bis in solche Intimitaten hinein konnen wir durch
wirkliche Beobachtung der Sachlage finden, was wir zu tun haben.
Nun miissen wir wissen, daft es bei dem, was Geisteswissenschaft
geben kann, sich immer nur handeln kann um den Appell an den Men-
schen. Man strebt immer nach Vorschriften: Das sollst du so machen
und das andere so. - Derjenige, der Erzieher werden will fur abnorme
Kinder, der ist nie fertig, fur den ist jedes Kind wieder ein neues
Problem, ein neues Ratsel. Aber er kommt nur darauf, wenn er nun
gefuhrt wird durch die Wesenheit im Kinde, wie er es im einzelnen
Fall machen mufi. Es ist eine unbequeme Arbeit, aber sie ist die einzig
reale.
Daher handelt es sich im Sinne dieser Geisteswissenschaft so stark
darum, dafi wir gerade als Erzieher im allereminentesten Sinne Selbst-
erziehung pflegen.
Wir werden die beste Selbsterziehung iiben, wenn wir mit Interesse
die Krankheitssymptome verfolgen. Wenn wir das Gefuhl haben: so
ein Krankheitssymptom ist eigentlich etwas Wunderbares. Man darf
es aber nicht hinausposaunen: Die Irrsinnigen sind die eigentlich gott-
lichen Menschen. - Man darf es nicht tun in unserer Zeit. Aber man
mufi sich klar sein: Wenn ein abnormes Symptom auftritt, so ist etwas
da, das, geistig angesehen, naher dem Geistigen steht als dasjenige, was
der Mensch in seinem gesunden Organismus tut. Dies Naher-dem-
Geistigen-Stehen kann nur nicht in der entsprechenden Weise im ge-
sunden Organismus sich betatigen. Hat man einmal das, dann wird
man auf solche Intimitaten hingewiesen werden.
Sie sehen: es ist einmal so, daft auf jedem Gebiete die Diagnostik
und Pathologie zu einer wirklichen Therapie fiihrt, wenn die Diagno-
stik auf das Wesen der Sache eingehen kann.
FONFTER VORTRAG
Dornach, 30Juni 1924
Sie konnten schon sehen, wie gewisse Abnormitaten in der Seele, im
Seelenleben, die als Erkrankungssymptome auftreten, bei Kindern in
einer unbestimmten Weise zutage treten, um sich dann spater in be-
stimmterer Art auszubilden.Undsokonnte ich Sie aufmerksam machen
darauf, wie dasjenige, was spater hysterische Erscheinung wird, im
kindlichen Alter in einer ganz eigenartigen, noch unbestimmten Weise
auftritt. Um aber die eigentlichen Abnormitaten des kindlichen Alters
richtig beurteilen zu konnen, mufi man doch den ganzen Zusammen-
hang ins Auge fassen zwischen dem vorgeburtlichen Leben des Men-
schen,das sozusagen denKarmaimpuls hereintragt ins physische Leben,
und der allmahlichen Entwickelung des Kindes durch die zwei ersten
Lebensepochen, vielleicht sogar dariiber hinaus durch die drei ersten
Lebensepochen des Kindes.
Da werden wir heute zur Vorbereitung zunachst noch etwas mehr
Theoretisches besprechen, dann werden wir an praktischen Beispielen
alles weiter Notige besprechen konnen. Und es wird ja Frau Dr. Weg-
man uns zunachst schon morgen friih einen Jungen hier zur Verfugung
stellen, den wir schon langere Zeit hier in Behandlung des Klinisch-
Therapeutischen Institutes sehen, und an dem wir dann demonstrieren
konnen einiges ganz besonders Charakteristisches.
Um Ihnen das aber zu zeigen, was Sie noch vorher wissen mussen,
mochte ich schematisch den menschlichen Organismus, die menschliche
Tafel 7 Totalorganisation vor Sie hinstellen (siehe Tafel 7). Ich mochte, da-
mit das alles deutlich wird, in der folgenden Zeichnung die Ich-Or-
ganisation immer rot zeichnen. Ich mochte dann die astralische Or-
ganisation mit diesem Violett zeichnen, mochte dann die Atherorgani-
sation in diesem Gelb zeichnen, und mochte die physische Organisation
in diesem Weift zeichnen. Wollen wir also heute dasjenige, was fur uns
in Betracht kommt, ganz genau einmal festhalten, wollen wir uns be-
miihen, die Sache genau ins Auge zu fassen. Es ist namlich nicht so in
der menschlichen Organisation, daft wir sagen konnen: Da ist die Ich-
Organisation, da ist die astralische Organisation, da ist die Ather-
organisation und so weiter sondern die Sache ist so: Stellen Sie sich
einmal vor eine Wesenheit, welche so organisiert ist, daft die Ich-
Organisation zunachst auften liegt; daft dann weiter nach innen die
Astralorganisation liegt, dann die Atherorganisation kommt, und dann
die physische Organisation. So daft wir also gewissermaften hier ein
Wesen haben, das seine Ich-Organisation nach auften prasentiert, wei-
ter nach innen drangt die Astralorganisation, weiter nach innen die
Atherorganisation und am weitesten nach innen drangt die physische
Organisation (siehe Tafel 7, Mitte). Tafel i
Stellen wir daneben eine andere Anordnung, wo wir hatten die Ich-
Organisation ganz im Innern, nach auften gewissermaften strahlend die
Astralorganisation, noch weiter nach auften die Atherorganisation, und
noch weiter nach auften die physische Organisation (siehe Tafel 7, oben Tafel 7
links). Sehen Sie, jetzt haben wir zwei polarisch sozusagen entgegen-
gesetzte Wesenheiten. Wenn Sie ansehen diese zwei polarisch einander
entgegengesetzten Wesenheiten, so konnen Sie sich sagen: Die zweite
Wesenheit wird nach auften eine starke physische Organisation zeigen,
in die noch die atherische Organisation hineinspielt, dann wird mehr
nach innen verschwinden die Astral- und Ich-Organisation. - Nun
kann aber dadurch, daft das so ist, die Konfiguration etwas sich andern.
DieKonfiguration desjenigen,was ich hier an zweiter Stelle hergezeich-
net habe,kann so sein: wir konnen die physische Organisation gewisser-
maften nach oben voll ausgebildet haben und nach unten offen, ver-
kummert. Wir konnen dann die atherische Organisation wiederum
nach unten etwas starker als die physische Organisation ausgebildet,
aber doch noch verkummert haben. Wir konnen die Astralorganisation
schon mehr nach unten ausschweifend haben und die Ich-Organisation
gewissermaften wie eine Art von Faden nach unten gehend. Denn das-
jenige, was schematisch hier in Kugelform angeordnet ist, kann nam-
lich durchaus so erscheinen (siehe Tafel 7, unten links). Tafel 7
Nun will ich aber die Sache noch etwas anschaulicher machen, in-
dem ich diese Ich-Organisation hier Ihnen so zeichne, darauf die Astral-
organisation, die Atherorganisation und die physische Organisation.
Und jetzt wollen wir anschlieften das andere Wesen. Dieses andere
Wesen wollen wir so anschlieften, daft wir zunachst die Ich-Organisa-
tion, die hier auften ist, etwas konfiguriert sein lassen; also statt daft
ich einen Kreis gezogen habe, habe ich den Kreis etwas konfiguriert
sein lassen. So ist es ja immer in den Bildsamkeiten des Naturwesens,
des Weltwesens iiberhaupt, daft dasjenige, was kugelig, was kreisig ist,
sich in verschiedener Weise konfiguriert. Weiter nach innen habe ich
jetzt an die Ich-Organisation anzuschlieften die Astralorganisation,
noch weiter nach innen die Atherorganisation und endlich ganz nach
Tafel 7 innen geschlagen die physische Organisation (siehe Tafel 7, rechts).
Und Sie haben das eine, erste Wesen, in den Kopf des Menschen
verwandelt. Sie haben das zweite Wesen in das Stoffwechsel-Glied-
maftenwesen des Menschen verwandelt. Und, in der Tat, in Wirklich-
keit ist es so, daft wir in der Kopforganisation des Menschen dasjenige
haben, wo das Ich sich im Innern verbirgt, der Astralleib auch noch
verhaltnismaftig sich im Innern verbirgt, und nach auften konfiguriert
der physische Leib und der Atherleib auftreten und die Form geben des
Antlitzes.
Dagegen im Stoffwechsel-Gliedmaftensystem haben Sie die Sache
so, daft eigentlich iiberall auften in der Warme- und Drucksinnlichkeit
des Organismus, iiberall auften vibriert das Ich, und vom Ich ausgehend
vibriert nach innen der Astralleib, dann weiter drinnen wird es athe-
risch, und in den Rohrenknochen wird es physisch nach innen.
So daft wir zentrifugal, vom Ich zum physischen Leibe nach auften,
die Anordnung in der Kopforganisation haben, zentripetal, von auften
nach innen, vom Ich bis zum Physischen, die Stoffwechsel-Gliedmaften-
organisation angeordnet haben. Und fortwahrend durcheinander-
flutend, so daft man gar nicht weift: ist das von auften nach innen oder
von innen nach auften, so ist die Anordnung im rhythmischen System
dazwischen. Das rhythmische System ist halb Kopf, halb Stoffwechsel-
Gliedmaftensystem. Wenn wir einatmen, ist es mehr Stoffwechsel-
Gliedmaftensystem, wenn wir ausatmen ist es mehr Kopfsystem. So
daft zwischen Systole und Diastole die Sache so verlauft, daft man
sagen kann: Kopfsystem -Gliedmaftensy stem — Ausatmung-Einat-
mung. Nun sehen Sie also, daft wir, vermittelt durch den mittleren Teil
des rhythmischen Organismus, eigentlich zwei vollstandig polarisch
entgegengesetzte Wesenheiten in uns tragen. Was folgt daraus? Daraus
folgt etwas aufterordentlich wichtiges.
Denken Sie sich, wir nehmen etwas auf durch unseren Kopf, wie bei
der Vermittlung durch die Sprache des andern, nehmen etwas auf mit
dem Kopf, so geht das zunachst in das Ich hinein, in den Astralleib.
Aber die Dinge stehen im Organismus in Wechselwirkung, und in dem
Augenblicke, wo etwas hier angeschlagen wird, durch einen Eindruck
in der einen Ich-Organisation, vibriert das auch in die andere Ich-
Organisation, und in dem Augenblick, wo etwas in die eine astralische
Organisation einschlagt, vibriert das auch durch in die andere astra-
lische Organisation. Wenn das nicht ware, meine lieben Freunde,
hatten wir kein Gedachtnis, denn alle Eindrucke, die wir von der
Auftenwelt bekommen, haben ihre Spiegelbilder in der Stoffwechsel-
Gliedmaftenorganisation; und habe ich einen Eindruck von aufien, so
verschwindet er von der Kopforganisation, die vom Physischen nach
dem Ich hinein zentripetal angeordnet ist. Das Ich mufi sich aufrecht
erhalten, das kann nicht einen einzigen Eindruck stundenlang haben,
sonst wiirde es identisch werden mit dem Eindruck. Aber unten bleiben
die Eindrucke, und da mussen sie wieder herauf, wenn erinnert wird.
Wenn Sie das aber bedenken, so bekommen Sie folgende Moglich-
keit: Es kann das ganze untere System, das polarisch entgegengesetzt
ist dem oberen System, im Menschen zu schwach veranlagt sein. Dann
geschehen Eindrucke. Diese Eindrucke pragen sich nicht tief genug dem
unteren System ein. Das Ich bekommt einen Eindruck. Ist alles normal,
so pragt sich das dem unteren System ein, und es wird nur heraufgeholt
in der Erinnerung. Ist das System unten, die Ich-Organisation, die
ganz peripherisch herumhegt, zu schwach, pragen sich die Eindrucke
nicht stark genug ein, so strahlt fortwahrend das, was nicht unter-
taucht in die Ich-Organisation, nach oben zuriick, strahlt in den Kopf
hinein.
Wir haben ein Kind, das so organisiert ist. Wir haben ihm einmal,
sagen wir, zum erstenmal eine Uhr gezeigt. Die hat es interessiert. Aber
seine Gliedmafienorganisation ist zu schwach. Dann taucht der Ein-
druck nicht unter, sondern strahlt zuriick. Jetzt beschaftige ich mich
mit dem Kinde, fortwahrend sagt es: Die Uhr ist schon. - Kaum bin
ich ein paar Worte weitergegangen, so sagt es wieder: Die Uhr ist
schon. - Es kommt zuriick. Auf solche Anlagen, die manchmal nur
ganz leise angedeutet sind, die aber aufterordentlich wichtig sind, miis-
sen wir die Aufmerksamkeit in der Erziehung des Kindes richten. Denn
bringen wir es nicht zustande, die schwache Gliedmafien-Stoffwechsel-
organisation zu starken, dann wird das auch immer starker, dieses
Zuriickschlagen, und im spateren Leben tritt jene paranoische Erkran-
kung auf, die mit Zwangsvorstellungen verkniipft ist. Dann wird das
zu festen, konsolidierten Zwangsvorstellungen. Es weift, daft sie sich
ganz unrichtig hineinstellen in sein Seelenleben, es kann sie aber nicht
abweisen. Warum kann es sie nicht abweisen? Weil da oben das be-
wufke Seelenleben ist, aber das unbewuftte unten ist unbeherrscht, es
stofk zuriick gewisse Vorstellungen, und es treten Zwangsvorstellun-
gen auf,
Sie sehen, wir haben es da zu tun mit einem zu schwach ausgebilde-
ten Stoffwechsel-Gliedmafiensystem. Was heilk das? Ein zu schwach
ausgebildetes Stoffwechsel-Gliedmaftensystem ist dasjenige, welches
verhindert, daft die Eiweiftsubstanz im menschlichen Organismus die
richtige Menge des Schwefels enthalt. Also ein Stoffwechselsystem, das
schwefelarmes Eiweifi entwickelt. Das kann namlich da sein. Da gilt
eine andere Stochiometrie als sonst. Dann tritt dieses ein, was ich jetzt
beschrieben habe, daft diese sich im kindlichen Organismus ankiindi-
genden Zwangsvorstellungen kommen.
Aber es kann ja auch das Umgekehrte da sein. Das Stoffwechsel-
Gliedmaftensystem kann so veranlagt sein, daft es eine zu starke An-
ziehung zum Schwefel hat: dann wird das Eiweift zu schwefelreich.
Dann haben wir im Eiweift Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstof f, Wasser-
stoff, und im Verhaltnis dazu zuviel Schwefel. Wir bekommen dann in
dieser Stoffwechselorganisation, die ja namentlich von der Zusammen-
setzung der Substanzen, die darinnen sind, in ihrer Offenbarung beein-
fluftt ist, den Drang, nicht alles zuriickzustoften, sondern im Gegenteil:
Durch den iiberreichlichen Schwefel werden die Eindriicke zu stark
absorbiert, sie nisten sich da zu stark ein. Das ist noch etwas anderes
als das Stauen an der Oberflache der Organe, das ich das friihere Mai
beschrieben habe. Das Stauen bewirkt Krampfzustande. Aber hier
haben wir es zu tun nicht mit dem Stauen, sondern mit einem Einsaugen
der Eindriicke. Und die Folge davon ist, daft die Eindriicke verschwin-
den. Wir verursachen, daft das Kind Eindriicke hat, aber wir konnen
nichts machen: gewisse Eindriicke, nach ihrer besonderen Beschaffen-
heit, verschwinden hinein in die schwefelreiche Eiweiftsubstanz. Und
nur, wenn wir es dann dahin bringen, diese Eindriicke aus der schwefel-
haltigen Eiweiftsubstanz wieder herauszukriegen, dann bringen wir ein
gewisses Gleichgewicht im geistig-seelisch-physischen Organismus her-
vor. Denn dieses Verschwinden der Eindriicke in die Schwefelhaltigkeit
hinein bewirkt in der Tat einen hochst unbefriedigenden Seelenzustand,
weil es innerlich aufregt. Fein, gelinde regt es auf, macht den ganzen
Organismus innerlich fein erbeben.
Sehen Sie, ich habe ofters gesagt: Psychoanalyse ist Dilettantismus
im Quadrat, weil der Psychoanalytiker weder die Seele,noch den Geist,
noch den Korper, noch den Atherleib kennt, er weift uberhaupt nicht,
was da vorgeht, er beschreibt nur. Und weil er nicht mehr kann, als
beschreiben, sagt er: Die Dinge sind unten verschwunden, man mufi
sie wieder heraufholen. - Das Merkwiirdige ist, daft der Materialismus
die Eigenschaften des Materiellen nicht erforschen kann. Sonst wiirde
man wissen, daft dasjenige, was vorliegt, in der Eiweiftsubstanz des
Willensorganismus, die zu schwefelreich ist, seinen Grund hat. Die
Eigentiimlichkeit der physischen Substanz findet man erst auf geistes-
wissenschaftlichem Wege.
Und so ware es schon gut, wenn derjenige, der abnorme Kinder zu
erziehen hat, sich einen Blick dafiir aneignet, ob ein Kind schwefelreich
oder schwefelarm ist. Wir werden ja von den verschiedensten Formen
der seelischen Abnormitaten sprechen konnen, aber wir sollten uns
aneignen die Moglichkeit, wirklich nach bestimmten Symptomen in
bestimmte Fahrte hingetrieben zu werden. Wenn ich ein Kind zur Er-
ziehung bekomme, bei dem ich sehe, daft Eindriicke zunachst Schwie-
rigkeiten machen, so kann das naturiich zuruckzufiihren sein auf solche
Zustande, wie ich sie in den letzten Tagen beschrieben habe. Es kann
aber auch auf das heute Beschriebene zuriickzufiihren sein. Wie kann
ich da vorgehen?
Zunachst sehe ich mir das Kind an. Man hat es zunachst kennen-
gelernt; man mufi es kennenlernen. Zunachst sehe ich es mir an und
nehme eines der oberflachlichsten Symptome: die Farbung der Haare.
Hat das Kind schwarze Haare, so werde ich nicht viel danach suchen,
ob es schwefelreich sein konnte; denn wenn es schwarze Haare hat,
kann es hochstens schwefelarm sein. Und ich werde dann, wenn ab-
norme Symptome da sind, sie in irgendeiner andern Sphare suchen
miissen als in einem Schwefelreichtum, hochstens in der Schwefelarmut
bei schwarzhaarigenKindern. Und wenn sich dann noch zeigen wieder-
kehrende Vorstellungen, so mufi ich woanders suchen als im Schwefel-
reichtum. Habe ich aber ein blondes oder ein rothaariges Kind, so
werde ich in der Richtung des Schwefelreichtums der Eiweiftsubstanz
suchen. Blonde Haare kommen von zu reichlichem Schwefel, schwarze
Haare von Eisenhaltigkeit des menschlichen Organismus. So konnen
wir bis in die physische Substantiality hinein die sogenannten geistig-
seelischen Abnormitaten verfolgen.
Nun, nehmen wir einen solchen feuerspeienden Berg, ein schwefel-
haltiges Kind, das also gewissermaften in die Willensregion hineinsaugt
die Eindriicke, so daft sie sich darin versteifen und nicht heraus konnen.
Diese Erscheinung konnen wir beim Kinde sehr bald bemerken. Das
Kind wird Depressionszustanden unterworfen sein, melancholischen
Zustanden. Es qualen diese verborgenen Eindriicke, die da im Inneren
sind. Wir miissen sie an die Oberflache heben, miissen nicht psycho-
analytisch im heutigen Sinne vorgehen, sondern im richtigen Sinne
psychoanalytisch. Das konnen wir dadurch, daft wir uns nun bekannt-
machen mit demjenigen, wovon wir merken, daft es beim Kinde mehr
oder weniger verschwindet. Und so sollten wir das Kind, das uns ent-
gegentritt auf der einen Seite mit innerlicher Aufgeregtheit, auf der
andern Seite mit einer gewissen aufteren Apathie, so ins Auge fassen,
daft wir uns genau bewuftt werden: an was erinnert sich dieses Kind
leicht, was laftt es in sein Inneres verschwinden? Dasjenige, was ihm
nicht wieder auftritt, sollten wir moglichst in rhythmischer Folge
immer wieder und wiederum vor das Kind bringen. In dieser Bezie-
hung, meine lieben Freunde, laftt sich sehr viel tun. Manchmal auf eine
viel einfachere Weise, als man denkt; denn Heilen und Erziehen - und
beide sind ja miteinander verwandt - beruht ja nicht so sehr darauf,
daft man allerlei Mixturen, seien es physische, seien es seelische, kom-
pliziert hervorbringt, sondern daft man weift, was eigentlich hilft.
Deshalb haben wir es ja auch mit unseren Heilmitteln etwas schwer.
Mit Recht verlangt nattirlich der Arzt von unseren Heilmitteln, daft
wir ihm sagen, was es ist, weil er es wissen mochte. Aber da die Heil-
mittel in der Regel darauf beruhen, daft man weift, was hilft, da es ein-
fache Substanzen sind, so kann in dem Augenblick, wo man es gesagt
hat, jeder sie nachmachen. Rechnet man zu gleicher Zeit auf okono-
mische Arbeit, so ist man in einer Zwickmiihle. Es handelt sich also
darum, das, was angewendet werden soil, wirklich zu kennen, darauf
wirklich zu kommen.
Ich habe es in der Waldorfschule ofters erlebt, daft Kinder da sind,
die in einer gewissen Weise Apathie zeigen, aber auch wieder innere
Aufgeregtheit zeigen. So hatten wir insbesondere in der Klasse, die
Herr Killian hat, einen in dieser Richtung sehr sonderbaren Kauz. Er
war aufgeregt und apathisch zugleich. Jetzt ist er schon besser gewor-
den. Als er in der dritten Klasse war - jetzt ist er in der fiinften -, aber
als er noch in der dritten Klasse war, zeigte sich seine Apathie darin,
daft man nicht leicht etwas an ihn heranbrachte. Er nahm nichts auf,
lernte langsam und schwer. Aber kaum ging Herr Killian von der
hinteren Bank weg und beugte sich vorn zu einem andern, flugs war
der Feuerstein da und gab dem Herrn Killian eins hintendrauf. Und
so war er zu gleicher Zeit innerlich willensmaftig ein Quecksilber,
intellektuell ein apathisches Kind.
Ja sehen Sie, solche Kinder, mehr oder weniger mit solchen Anlagen,
gibt es viele. Nun handelt es sich darum, daft bei solchen Kindern in
der Regel das da ist, daft sich die Absorptionsfahigkeit fur auftere Ein-
driicke auf ganz bestimmte Arten von Eindriicken beschrankt, die be-
stimmten, typischen Charakter haben. Wenn man nun einen richtigen
Einfall hat - und das kommt einem, wenn die richtige Gesinnung da
ist -, dann findet man zum Beispiel fur das Kind einen bestimmten
Satz, und man bringt das Kind gerade auf diesen Satz. Das kann Wun-
der wirken. Es handelt sich nur darum, daft man die ganze Strebens-
richtung des Kindes in einer gewissen Weise orientiert. Dahin muft es
aber eigentlich doch der Erzieher bringen. Er kann es leicht dahin
bringen, wenn er nicht gar zu gescheit sein will, wenn er so leben will,
daft ihm die Welt anschaulich wird, daft er nicht zuviel iiber die Welt
nachdenkt, sondern sie anschaulich nimmt.
Denken Sie doch nur einmal - und das ist etwas, was Sie in die Ge-
sinnung aufnehmen miissen, wenn Sie abnorme Kinder erziehen wol-
len -, wie langweilig es ist, immer wieder mit ein paar Begriffen, die
der Mensch hat, operieren zu miissen. Es ist furchtbar langweilig und
ode, das Seelenleben vieler Menschen, weil sie mit ein paar Begriffen
operieren miissen. Die Menschheit kommt zu stark in die Dekadenz
hinein mit diesen paar Begriffen. Wie schwer ist es heute schon fiir den
Dichter, Reime zu finden, weil alles schon abgereimt ist. Ebenso ist es
in den andern Kiinsten: uberall Anklange, weil eigentlich alles schon
durchgemacht ist. Denken Sie sich nur, wie Richard Straufi, der jetzt
so beriihmte und beriichtigte, alles mogliche schon ins Orchester hinein-
setzt, um nicht nur die ewigen alten Dinge zu bringen! Dagegen, wie
interessant ist es, ich will sagen, nur einmal alle moglichen Nasenfor-
men zu studieren - jeder Mensch hat eine andere Nase - und sich einen
Blick anzueignen fiir alle moglichen Nasenformen! Da hat man Man-
nigfaltigkeit darinnen. Da hat man auch die Moglichkeit, die Begriffe
innerlich lebendig zu machen, da geht man immer iiber von einem zum
andern. Nun, nicht wahr, ich habe nur die Nasenformen herausgegrif-
fen; wenn man fiir Formen, fiir Anschaubares Sinn entwickelt, dann
lebt man sich allmahlich in eine Seelenstimmung hinein, bei der einem
etwas einfallt, wenn die Veranlassung dazu da ist.
Und Sie werden es eben erleben, meine lieben Freunde, daft, wenn Sie
sich so in ein anschauliches, wenn ich so sagen soil, Anschauen der Welt
hineinleben, nicht in ein denkendes, dann werden Sie es erleben, daft,
wenn Sie so ein Kind haben, das innerlich schwefelig, regsam ist, aufter-
lich apathisch ist, Ihnen dann durch die Anschauung an seiner Kon-
figuration so etwas aufgeht an dem Kinde, das Ihnen die richtige Idee
herbeifiihrt. Sie werden das Gefiihl haben, diesem Kinde muft ich sagen
jeden Morgen: Die Sonne bescheint den Berg - oder irgend etwas; es
kann eine ganz gleichgiiltige Sache sein. Es handelt sich darum, daft so
etwas rhythmisch an das Kind von auften dringt. Wenn es so rhyth-
misch von auften herandringt, wird alles in ihm befindliche Schweflige
entlastet, wird freier. Und wir erreichen also bei solchen Kindern, wel-
che behiitet werden sollen in zarter Kindheit, daft sie mcht spater die
beliebten Objekte der Psychoanalytiker werden, wir erreichen bei sol-
chen Kindern sehr viel, wenn wir gerade auf ihr rhythmisches Wesen
rechnen, und wenn ihnen immer wieder von auften herein durch uns so
etwas beigebracht wird.
Aber sehen Sie, es wirkt schon giinstig, wenn man so etwas iiber-
haupt zur allgemeinen Regel macht. Bei uns in der Waldorfschule wer-
den die Stunden begonnen mit einem Spruch, der schon an sich in
rhythmischer Folge jeden Tag das Vorstellungsleben in einer gewissen
Weise durchsetzt. Dadurch wird schon manches gerade von dem zu
starken Absorbieren im Organismus freigelegt.
Nun sollten abnorme Kinder, wenn man sie richtig behandeln will,
doch eigentlich jeden Morgen in gewissen Gruppen vereinigt werden.
Hat man eine geringe Anzahl von abnormen Kindern, so kann man ja
zunachst alle einmal zusammennehmen. Und da kann etwas ganz Wun-
derbares herauskommen, wenn man einen gebetartigen Spruch die Kin-
der sagen laftt, selbst wenn solche darunter sind, die nichts sagen kon-
nen. Es ist doch eine wunderbar ausgleichende Wirkung in dem, was da
chormaftig zustande kommt. Es wird also sich vorzugsweise darum
handeln, daft man fur solche Kinder, bei denen Eindriicke verschwin-
den, durch rhythmischeWiederholung hervorruft bestimmte Eindriicke,
die man etwa alle drei bis vier Wochen wechseln kann, daft man immer
wieder von auften solche Eindriicke bringt und dadurch das Innere
f reilegt, so daft auch das Eiweift sich allmahlich seinen hoheren Schwe-
felgehalt abgewohnt. Worauf beruht da die Sache? Die Sache beruht
darauf, daft das Innere die Eindriicke nicht zuriickgibt, also es geht
etwas zu Schwaches von unten herauf, das ist negativ. Bringen wir
dagegen ein Starkes von oben heran, so regen wir das Schwache hier
zu einer starkeren Tatigkeit an (siehe Tafel 8). Tafel 8
Nehmen wir an, wir haben den umgekehrten Fall: wir haben es mit
Kindern zu tun, die schon die erste Keimanlage zu Zwangsvorstellun-
gen haben. Es strahlt zu stark zuriick, es ist zu wenig Schwefel im
Plasma. Da werden wir auch wirklich das Entgegengesetzte tun miis-
sen. Und da ist von besonderer Wirkung, wenn wir merken, es kommt
immer wiederum derselbe Satz, derselbe Eindruck an das Kind heran,
wenn wir jetzt von auften wiederum einen Eindruck formen, von dem
wir instinktiv glauben, daft er fur dieses Kind passen kann, aber jetzt
diesen Eindruck wie in ganz leisem Raunen ihm beibringen, lispelnd
diesen Eindruck an das Kind heranbringen. Also die Behandlung kann
die folgende sein: Sieh' einmal, das ist rot! - Das Kind: Die Uhr ist
schon. - Der Lehrer: Du muftt auf das Rote aufmerksam sein! - Das
Kind: Die Uhr ist schon. - Jetzt versuche man immer leiser und leiser
einen bestimmten Eindruck, der sogar einfach den ersten paralysierend
ist, ganz leise zu wiederholen: Die Uhr vergift! - Die Uhr vergift! -
Die Uhr vergift! - Also in dieser Weise raunen zum Kinde, und Sie
werden sehen, nach und nach, durch dieses Raunen, durch dieses rhyth-
misch raunende Absprechen von der Zwangsvorstellung, wird die
Zwangsvorstellung sich bequemen, auch immer leiser zu werden. Es ist
das Merkwiirdige, wenn sie ausgesprochen wird, wird sie schwacher
gemacht, sie dampft sich allmahlich ab, und zuletzt kommt das Kind
iiber die Sache hinaus, so daft wir auch das in der Hand haben und in
der Tat durch unsere einfache seelische Behandlung aufterordentlich
viel bewirkt werden kann.
Ja, solche Dinge miissen nur gewuftt werden. Denn stellen Sie sich
nur vor, in der gewohnlichen Schule: Sie haben eine Klasse, darin sind
Kinder, die zunachst schon solche Anlagen zu Zwangsvorstellungen
haben, aber noch leise. Sie werden nicht in Klassen fur Minderbegabte
versetzt, sondern sie gehen mit in der Klasse. Aber es ist ein donnernder
Lehrer da, der alles so andonnert, daft die Wande einstiirzen. Dann
werden aus solchen Kindern richtige Verriickte, die an Zwangsvorstel-
lungen leiden. Es ware nicht eingetreten,wenn der Lehrer gewuftt hatte,
daft er unter Umstanden auch seine Stimme dampfen muft, und daft er
den Kindern leise hatte etwas zuraunen miissen. Es kommt viel darauf
an, daft wir uns in der richtigen Art zu den Kindern verhalten.
Dann kann naturlich gerade bei diesen Dingen sich die psychische
Behandlung einfach mit dem gewohnlichen Therapeutischen verbinden.
Wir werden naturlich, wenn wir ein Kind haben, bei dem Eindriicke
verschwinden, gut tun, uns zu sagen: Nun, wir wollen bei diesem Kinde
vor alien Dingen einmal die starke Neigung zur Schwefelbildung im
Eiweift bekampfen.- Das konnen wir schon dadurch> daft wir das Kind
in der richtigen Weise ernahren. Geben wir ihm zum Beispiel viel
Fruchtnahrung oder viel von derjenigen Art von Nahrung, die aus der
Fruchtsubstanz kommt, so werden wir sein schwefliges Wesen fordern.
Geben wir ihm eine Diat, die mit Wurzeligem zusammenhangt, die zu-
sammenhangt mit alledem, was nicht zuckerreich, sondern salzreich
ist - natiirlich diirfen wir ihm nicht die Suppe versalzen, sondern wir
miissen das geben, wo das Salz verarbeitet ist -, dann werden wir ein
solches Kind heilen konnen. Und sehen Sie, man kommt auf solche
Dinge dadurch, daft man sich einenBlick aneignet fur das, was geschieht.
Herr Dr. Steiner erzahlt eine Beobachtung aus seinem Leben: Die Bevolkerung
einer bestimmten Gegend bevorzugte instinktiv eine bestimmte Diat, die einem in der
dortigen Gegend herrschenden Leiden entgegenwirkte.
Also durch eine entsprechende Diat gerade bei solchen Kindern, die
spater das Objekt fiir Psychoanalytiker werden, ware es viel besser,
statt sie dem Psychoanalytiker auszuliefern, sie mit etwas salzhaltiger
Nahrung im kindlichen Alter zu behandeln.
Nehmen Sie den umgekehrten Fall: Kinder, die nicht absorbieren
die Eindriicke, bei denen sie zuriickstromen, die schwefelarm sind, die
wird man physisch am besten so behandeln miissen, daft man ihnen
moglichst viel Obstnahrung beibringt, daft man sie gewohnt, gerne
Obst zu essen. Und kommt das schon stark ins Pathologische heriiber,
dann versucht man, ihnen auch namentlich Aromatisches beizubringen,
Fruchte mit Aroma. Denn im Aroma liegt ein starkes schwefeliges Ele-
ment. Und wenn es gar zu pathologisch wird, muft man direkt thera-
peutisch mit Sulfur vorgehen. Aber Sie sehen, gerade aus der geistigen
Betrachtung der Sache kommt man auch auf die Therapie, die man in
einem solchen Fall anzuwenden hat. Und das ist wichtig, daft man sich
niemals zufrieden gibt mit der bloften Beschreibung einer Erscheinung -
denn da hat man nur die Symptomatologie -, sondern daft man ver-
sucht, wie ich es dargestellt hatte, in das innere Gefiige des Organismus
hineinzusteigen.
Nun sehen Sie, das sind Unregelmaftigkeiten, die dadurch hervor-
gerufen werden, daft sozusagen das Untere zum Oberen im Menschen
nicht richtig paftt, daft die Eindnicke, die das Obere, die Kopforganisa-
tion bekommt, nicht die richtige Resonanz f inden in der Stof fwechsel-
Gliedmaftenorganisation. Nun kann es aber auch so sein, dafi im gan-
zen die Ich-Organisation, die astralische und die atherisch-physische
Organisation nicht zusammenpassen, dafi, sagen wir, die physische
Organisation zu dicht ist. Ja, dann haben wir das vor uns, dafi das
Kind absolut nicht in die Lage kommt, seinen Astralleib in diese ver-
dichtete physische Organisation unterzutauchen. Es bekommt also
einen Eindruck in den Astralleib, der Astralleib kann die entsprechende
Astralitat des Stoffwechselsystems zwar anregen, aber diese Anregung
geht nun nicht in den Atherleib und namentlich nicht in den physischen
Leib iiber. Wir konnen dieses beobachten, ob es so ist, wenn wir merken,
dafi das Kind es nicht recht zustande bringt,wenn wir sagen: Marschiere
einmal, gehe einmal fiinf, sechs Schritte! - Es versteht nicht recht, was
es tun soil, das heifit, es versteht das Wort ganz gut, aber es bringt es
nicht in die Beine hinein, es ist, ais ob die Beine es nicht aufnehmen
wollten. Daft der physische Korper zu verhartet ist und auch Gedan-
ken nicht aufnehmen will, das Kind schwachsinnig erscheint, das mer-
ken wir am ehesten, wenn wir Schwierigkeiten finden beim Kinde,
wenn wir ihm etwas befehlen, was durch die Beine ausgefuhrt werden
soil, und das Kind zogert, seine Beine iiberhaupt in Bewegung zu setzen.
Solche Zustande werden dann, weil eben der Korper zu schwer wirkt,
seelisch begleitet sein von depressiv-melancholischen Stimmungen.
Dagegen, wenn die Beine gar nicht abwarten irgendeine Aufforde-
rung, sondern immer laufen wollen, dann haben wir im Kinde die An-
lage zum Maniakalischen. Es braucht sich zunachst nur ganz schwach
zu zeigen, aber in den Beinen merkt man das alles zuallererst. Daher
sollte es durchaus auch in den Bereich der Beobachtung fallen, was das
Kind sonst mit seinen Beinen und mit seinen Fingern tut. Sehen Sie, ein
Kind, welches am liebsten seine Hande und Beine - man kann es auch
an den Handen beobachten - auf alles fallen lalk, iiberall aufliegen
lalk, das hat die Anlage zum schwachsinnig werden. Ein Kind, das
fortwahrend seine Finger bewegt, das alles anfafit, iiberall mit den
Fiiften herumschlagt, hat die Anlage, stark maniakalisch zu werden,
tobend eventuell zu werden. Aber, was wir am starksten an den Glied-
mafien bemerken, konnen wir an aller Tatigkeit bemerken; nur bei
gewissen, mit Geistigem verkniipften Tatigkeiten tritt es schwacher,
aber besonders charakteristisch hervor. Denken Sie nur einmal, wie
stark bei manchem Kinde das Folgende der Fall ist: Es lernt irgend-
einen Handgrif f, sagen wir, es eignet sich an die Moglichkeit, ein Ge-
sichtsprofil zu zeichnen. Es kann gar nicht mehr aufhoren, uberall,
wenn es einen Menschen sieht, mochte es sein Gesichtsprofil zeichnen.
Es wird ganz mechanisch. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen fur ein
Kind. Und es laftt sich gar nicht davon abbringen. Wenn es dabei ist,
ein Profil zu zeichnen, kann ich zu ihm reden, was ich will, ihm selbst
eine Leckerei bringen, es bleibt dabei, das Gesichtsprofil muE auf-
gezeichnet werden. Das hangt zusammen mit dem maniakalischen
Charakter des Ausschweifens des Intellektualistischen. Dagegen der
Drang, selbst wenn alle Bedingungen dazu da sind, nichts zu tun, nicht
iiberzugehen zur Arbeit, das hangt wiederum zusammen mit dem
Schwachsinn, der im Anzuge sein kann.
Das alles weist uns doch eben darauf hin, wie nach beiden Richtun-
gen hin, indem wir die Glieder in regelmafiiger Weise beherrschen
lernen, wir dem Schwachsinn und dem Maniakalischen entgegenwirken
konnen. Und da haben Sie den unmittelbaren Obergang gerade bei
schwachsinnigen Kindern zur Heileurythmie. Wenn Sie ein schwach-
sinniges Kind vor sich haben, so haben Sie die Notwendigkeit, sein
Stoffwechsel-Gliedmafiensystem uberzufiihren in die Beweglichkeit.
Dadurch wird angeregt sein Geistiges. Lassen Sie es R L S I machen, Tafel 8
und Sie werden sehen, wie giinstig Sie auf das Kind wirken. Haben Sie
es mit einem maniakalischen Kinde zu tun, wissen Sie, wie es zusam-
menhangt mit dem Gliedmafien-Stoffwechselsystem, lassen Sie es MN
BPAU machen, und Sie werden wiederum sehen, wie das auf seinen
maniakalischen Charakter zuriickwirkt. Wir miissen eben uberall die-
sen innigen Zusammenhang, der beim Kinde noch da ist, zwischen dem
Physisch-Atherischen und dem Seelisch-Geistigen beriicksichtigen.
Dann kommen wir auch zu den entsprechendenBehandlungsmethoden.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, l.Juli 1924
Meine lieben Freunde, den heutigen Tag mochte ich so betrachten, daft
wir ihn als Beispiel auffassen, das nach den verschiedenen Seiten dann
ausgreifen kann. Ich mochte zunachst, damit wir eine Grundlage haben
fur das Besprechen, die Krankengeschichte des Sandroe behandeln.
Der Junge ist hier seit dem 11. September 1923; er ist neunjahrig
hier angekommen. Wahrend der Schwangerschaft fiihlte sich die Mut-
ter sehr gut und machte im funften Monat eine Reise durch Spanien.
Die Geburt war sehr schwer, er mufke gewendet und mit der Zange
geholt werden. Der Junge befand sich im ersten Jahr sehr gut, so daft
man gar nicht an eine Abnormitat dachte. Mit sechs Monaten hat er
einmal sehr lange in der Sonne gelegen, und bekam danach durch die-
ses Lange-in-der-Sonne-Sein eine Art Ohnmacht und nachher Fieber.
Er ist nur drei Monate mit Muttermilch ernahrt worden. Dann vom
neunten Monate bis zum dritten Jahre afi er sehr schlecht. Er wollte
damals gar nichts essen. Im zweiten Sommer fiel den Eltern auf, dafi
die Augen sich veranderten und weniger klar wurden. Und er konnte
auch im zweiten Jahre noch nicht sprechen und noch nicht gehen und
begann meistens nachts um vier Uhr ohne Ursache zu schreien. Er hat
die Gewohnheit entwickelt - die Gewohnheit, die wir immer zu be-
achten haben -, am Daumen zu lutschen. Er bekam deshalb Kartons
am Ellbogen und nachts bekam er Aluminiumglocken an der Hand zu
tragen. Die trug er drei Jahre. Dann blieb die Entwickelung immer zu-
rtick. Mit funf Jahren konnte er noch immer nicht zusammenhangend
sprechen. Nun beginnt die Periode des Zahnwechsels. Sie beginnt mit
dem siebenten Jahre, die mittleren Zahne sind gewechselt, die oberen
noch nicht alle gewechselt. - Hat er noch Zahne gewechselt? Einen
Zahn hat er noch bekommen. Der eine Vorderzahn ist auch noch nicht
da? - Jetzt ist er da. Der andere war schon dazumal stark entwickelt.
Die Mutter gibt an, daft auch sein Vater sich spat entwickelt und auch
sehr spat den Zahnwechsel gehabt hat. Nun war er dazumal, als er an-
kam, schwachlich; 24 Kilo Gewicht. Er hat zarte Knochen. Hande und
Fiifte im Verhaltnis zum Korper sind sehr groft. Die Hande sind sehr
ungeschickt. Aller aufiere Befund ist negativ. Dann haben wir fort-
schreitend ein Unruhiger- und Schwierigerwerden zu beobachten. Er
iftt etwas unmanierlich. Die korperlichen Funktionen sind in Ordnung.
Seit Januar 1924 ist er wesentlich ruhiger, menschlicher geworden. Die
Dinge der Auftenwelt begannen ihn zu interessieren und setzten ihn in
Erstaunen. Dasjenige ist eingetreten, was gesucht werden mufi herbei-
zufuhren: Aufmerksamkeit auf die Auftenwelt, und zwar nicht bloft
intellektuelle, sondern vor alien Dingen gemuthafte Aufmerksamkeit
auf die Dinge der Auftenwelt zu entwickeln. Dinge der Auftenwelt
setzen ihn in Erstaunen. Es handelt sich darum, daft intellektuelle Auf-
merksamkeit nicht therapeutisch wirken kann, sondern daft man das
Gefiihl, den Willen engagieren mulS bei der Aufmerksamkeit gegen-
iiber der Auftenwelt. Er wird zu den Menschen zutraulich, und, wahrend
er anfangs ziemlich teilnahmslos an den Menschen vorbeigegangen ist,
erkennt er sie jetzt wieder. Zum Handeln ist er schwer zu bringen. Was
er tut, tut er nicht gern, doch hat er bis zum Januar die nutzliche Be-
schaftigung des Strickens etwas gelernt. Es handelt sich darum, daft
man eine solche Beschaftigung an das Kind heranbringt, die es auf der
einen Seite zum Mechanischen, zum Bewegtwerden bringt, und auf der
andern Seite dazu, doch aufmerksam zu sein; denn man kann beim
Stricken Maschen verlieren. Sein liebstes Spiel ist ein Wagen oder
Schlitten. Er kann stundenlang nichts anderes sprechen als von seinem
Wagen; das ist eine Sache, die anklingt an dasjenige, was ich gestern
besprochen habe. Er lernt schnell deutsch sprechen und verstehen. Nun,
das ist dasjenige, was der unmittelbare Befund war.
Nun, wenn Sie den Jungen einmal betrachten - komm einmal her,
Sandroe! -, dann werden Sie allerlei bemerken. Vor alien Dingen mache
ich Sie aufmerksam darauf, daft er eine stark ausgebildete untere Ge-
sichtshalfte hat: Sehen Sie sich diesen Nasenschnitt an und die Mund-
partie. Er tragt den Mund ein biftchen offen, wodurch die Zahnbildung
bewirkt ist und was nicht unberiicksichtigt bleiben darf aus dem
Grund, weil diese Dinge Zusammenhang haben durchaus mit der gan-
zen geistig-seelischen Konstitution. Und man darf hier nicht das Umge-
kehrte sagen, wegen der Zahnbildung ist der Mund offen; sondern
das fiihrt auf gemeinschaftiiche Ursachen zuriick, daft namlich von
seiten des oberen Menschen der untere Mensch nicht vollkommen be-
herrscht werden kann. Indem Sie sich das ansehen, werden Sie viel
bemerken. Stellen wir uns vor, daft hier der Sitz der Kraft des oberen
Menschen ist, des Sinnes-Nervenmenschen. Der wirkt auf den ganzen
iibrigen Menschen ein. Denn dieser Teil ist ja in der ersten Lebenszeit
derjenige, der am meisten entwickelt ist und die meisten Krafte mit-
bringt, aus der Embryonalzeit mitbringt und in der Embryonalzeit die
meist entwickelten Krafte hat. Alles iibrige ist sozusagen wiederum
abhangig. Wahrend das Untere direkt aus der Konstitution des mutter-
lichen Leibes sich bildet, ist alles iibrige abhangig mittelbar von dem,
was sich hier bildet. Dasjenige,was sich hier alsKiefersystem, als Glied-
maftensystem bildet - und zu ihm gehort auch das Kiefersystem; das
ist Gliedmaftensystem -, das ist vollig einbezogen in das Kopfsystem.
Hier ist das Kopfsystem nicht stark genug, urn das Gliedmaftensystem
vollig einzubeziehen, daher wirken auf das Gliedmaftensystem die
aufteren Krafte zu stark ein. Wenn Sie einen wohlgebildeten Menschen
haben mit einem harmonischen Ansatz der unteren Kopfpartie, dann
mussen Sie sich vorstellen, daft in moglichst groftem Mafte das Nerven-
system der Beherrscher des Stoffwechsel-Gliedmaftensystems ist. Dann
wirken keine aufteren Krafte in iibermaftiger Weise ein. Ist der Kopf
nicht fahig, das ganze iibrige System zu beherrschen, dann wirken zu
stark die aufteren Krafte ein auf das iibrige System. Insbesondere kon-
nen Sie das sehen daran, daft die Arme nicht das Maft haben und die
Beine auch nicht, das sie haben wiirden, wenn sie einbezogen wiirden,
aber sie sind zu groft entwickelt, weil zu viel auftere Krafte hinein-
wirken. Er faftt das mit Humor auf. Ich glaube, Fraulein Dr. Bockholt
fragte ihn, warum er den Mund offen habe. Er sagte, damit die Fliegen
hereinkommen. Er ist fest dieser Ansicht. Das alles ist zunachst das
Obere der Organisation.
Sie konnen nun beobachten, daft der Kopf nach beiden Seiten hier
(vorne)etwas schmalist undgerade nach riickwarts zusammengedriickt
ist. Da haben Sie wiederum die Schmalkopfigkeit hier. Die driickt aus,
daft das intellektuelle System wenig vom Willen durchdrungen ist.
Diese Partie (riickwartige Partie) driickt aus, daft sie stark willens-
durchdrungen ist; diese Partie des Kopfes (Vorderkopf) ist diejenige,
die fiir aufiere Einfliisse nur zuganglich ist auf dem Wege der Sinnes-
wahrnehmung, wahrend der Hinterkopf alien moglichen aufteren
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