Heilpädagogischer Kurs

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge uber medizin 



Die Original-Wandtafelzeichnungen 
von Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
WANDTAFELZEICHNUNGEN ZUM VORTRAGSWERK 

Band XXIII 



RUDOLF STEINER 



Heilpadagogischer Kurs 



Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 25. Juni bis 7. Juli 1924 
vor Arzten und Heilpadagogen 



1995 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH /SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen 
und nicht vollstandigen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden 



1. Auflage, Manuskriptdruck (in zwei Banden), Dornach o. J. 
2. Auflage (in zwei Banden), Arlesheim 1952 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1965 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1967 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1975 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1979 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985 

8. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1995 



Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 317 

Zeichen auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1952 by Klinisch-Therapeutisches Institut, Arlesheim/Schweiz 
© 1979 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3171-7 



2« den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie- 
dert sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - 
Ktinstlerisches Werk. 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen 
hatte Rudolf Steiner ursprunglich nicht gewollt, daft sie schriftlich 
fest-gehalten wurden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften 
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie- 
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli- 
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, daft in den von mir nicht nachge- 
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio- 
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende 
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 25. Juni 1924 

Wer unvollstandig entwickelte Kinder erziehen will, bedarf der 
Kenntnis der Erziehungspraxis fiir gesunde Kinder. Die Symptom- 
betrachtung und die Betrachtung des Substantiellen des Krankseins. 
Das eigentlich Geistig-Seelische und sein Verhaltnis zu den im Erb- 
leib wesenden Erbkraften. Die synthetischen Vorgange im Nerven- 
Sinnessystem, die analytischen im Stoffwechselsystem. Neuaufbau 
des menschlichen Organismus nach dem siebenten Jahr, Wirkung 
der Individualitat. In-Erscheinung-Treten des dritten Korpers; Er- 
denreife. Bedeutung der flussigen Teile des Organismus, der gas- 
formigen, der warmehaften. 

Zweiter Vortrag, 26. Juni 1924 

Das oberflachliche Seelenleben als Symptomenkomplex kann auch 
irrefuhren, wie am Beispiei der Rede des Kriminalpsychologen 
Wulffen gezeigt wird. Synthetische Tatigkeit des Denkens im ober- 
flachlichen Seelenleben sichtbar. Den Willensaufierungen liegt eine 
analytische Tatigkeit zugrunde. Der Weltenather als Trager der Ge- 
danken: in dem, was am Menschen bildet, besonders an seinem Ner- 
ven-Sinnessystem, sind die lebendigen Gedanken; der Zerfallsprozefi 
dieses Systems ist die sogenannte Spiegelung. Entstehung wider- 
sinniger Gedanken. Verhaltnis des Erziehers zur Gedankenleben- 
digkeit. Padagogisches Gesetz: auf irgendein Wesensglied des zu 
erziehenden Menschen wirkt das nachsthohere Glied des Erziehers; 
Beispiei: Verhalten bei Willensschwachen. Verstehen von Inkar- 
nationsbestrebungen von in bezug auf den menschlichen Organis- 
mus schwacher oder fehlender Kenntnis der menschlichen Organi- 
sation. Moralitat, Verantwortlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Entschei- 
dungsmut in ihrer Bedeutung fiir den Erzieher. 

Dritter Vortrag, 27. Juni 1924 

Das Ich hat unmittelbare Beziehung zur Physis, keine vermittelte. 
Astralleib indirekte Beziehung zum stromenden Licht, zum Chemis- 
mus, zum allgemeinen Weltenleben. Unmittelbares Erfassen des in- 
nerlich Physikalischen wie im Auge. Nicht durch die Organe Hin- 
durchdringen von Ich und Astralleib gibt Epilepsie. Therapie der 
Epilepsie aus der Erkenntnis dieser Tatsache. Medikation. Das Or- 
gan als richtig oder unrichtig eingegliederter Gedanke. Der un- 
sichere Wille im Inkarnationsbeginn; das Erwerben der Moralitat. 
Der moralische Defekt: bleibende Symptome. Ursachen der mora- 
lischen Blindheit. Die Kleptomanie, ihre Ursachen und ihre Ver- 
wandlung. 



Vierter Vortrag, 28. Juni 1924 

Betrachtung des Karma. Erziehung in der Embryonalzeit ist Er- 
ziehung der Mutter. Ursachen des epileptischen bzw. des epilep- 
toiden Irreseins. Das sog. hysterische Irresein im Kindesalter: Hy- 
perempfindlichkeit, Schmerz, starkes Innenleben, Angst, depressive 
Gefiihle, Ausrinnen, Enuresis: seelisches Wundsein, Ausdiinstung, 
Schwitzen. Seelenverfassung und Stimmung des Erziehers. Heil- 
wirkung durch Schock, Tempowechsel in Arbeit; Therapie fiir Kin- 
der, die nicht an sich selbst glauben. Fiir den Erzieher: bewufites Er- 
leben der Wesenheit jedes Kindes, nicht sich nach Vorschriften 
richten. 

Funfter Vortrag, 30. Juni 1924 

Die zwei polarisch entgegengesetzten Anordnungen der mensch- 
lichen Wesensglieder. Spatere Paranoia und schwache Stoffwechsel- 
organisation bei schwefelarmem Eiweifi, bei schwefelreichem Ei- 
weift zu starke Absorption und verschwindende Eindriicke. Grad 
der Schwefelhaltigkeit bzw. Eisenhaltigkeit; Folgezustande und Be- 
handlung derselben. Mannigfaltigkeit der Begriffe und Formen und 
das Entwickeln des Sinnes dafiir. Rhythmische Wiederholung als 
therapeutisches Element. Behandlung der zu Zwangsvorstellungen 
neigenden Kinder. Diat. Schwer und leicht im Bewegungssystem 
lebende Kinder und deren Behandlung. 

Sechster Vortrag, 1. Juli 1924 

Vorstellung eines neunjahrigen Knaben. Genaue Anamnese:Entwick- 
lungsdaten; Gestaltbetrachtung ; Verhaltnis vom oberen zum unteren 
Menschen bildungsmafiig und prozessual. Kopfbildung: Vorder- 
und Hinterhaupt; Ursache und Folgen der schlechten Beherrschung 
der unteren Prozesse, Atmung. Besprechung einer vorbeugenden und 
unmittelbare Therapie. Beispiel der Heilung einer Hydrozephalie. 
Besprechung der wesentlichen Ursachen der Krankheit des Vorge- 
stellten. Therapie: Art wie Versteifung gelost wird und Disharmonie 
behoben werden kann - heileurythmisch, heilpadagogisch, medi- 
kamentos. Humor, Beweglichkeit und Enthusiasmus als heilpadago- 
gische Grundhaltung des Erziehers. 

Siebenter Vortrag, 2. Juli 1924 

Psychische Tatsachenreihe des im vorhergehenden Vortrag geschil- 
derten Falles. - Weitere Vorstellung von kranken Kindern: Sechs- 
dreivierteljahriger Knabe. Atherleib stark an Modelleib angepaftt, 
disharmonisch, Verhaltnis Hirn-Darm. Therapie: Heileurythmie 
und Sprechubungen. - Kind mit Krampfanfallen besonders in lin- 
ker Korperhalfte, spater linksseitige Parese; unvollkommen ausge- 
bildetes Modell; Bedeutung der Darmfunktion; ausfuhrliche Be- 
sprechung der Therapie, padagogisches Verhalten. 



ACHTER VORTRAG, 3. Jult 1924 

Vorstellung von kranken Kindern. Hydrozephalus : Anamnese, Bei- 
behalten der Embryonalorganisation; miitterliche und vaterliche 
Erbeinfliisse. Das Oberwuchern der kindlichen Lebenszustande in 
spatere Daseinsperioden. - Fall eines kleptomanen Jungen. - Vor- 
stellung eines sulfurigen Kindes: Anamnese; Verhaltnis Mutter und 
Kind, Bedeutung einer Masernerkrankung mit dreieinhalb Jahren; 
notwendige Beobachtung des Traumlebens. 

Neunter Vortrag, 4. Juli 1924 

Ursache der Kleptomanie bei dem zwolfjahrigen Jungen, Therapie 
durch padagogisches Verhalten des Erziehers: Zutraulichkeit zum 
Erzieher. Friihzeitiges Erkennen der kindlichen Anlagen zur Klep- 
tomanie im Verhaltnis zur Umgebung des Kindes. Therapeutisch: 
stramm durchgefuhrte Heileurythmie; Medikation; Besprechen der 
Tat im richtigen Zeitpunkt. - Therapie fur das Kind mit Hydro- 
zephalus: Dampfung der Sinnesreize; Medikation; Bedeutung einer 
Krise fur die Anderung des Krankheitsbildes. - Fall eines dreifiig- 
jahrigen Hydrozephalikers. - Therapie fur das sulfurige Kind (8. 
Vortrag): hydrotherapeutische Anwendungen; Brechen einer Cha- 
raktereigenschaft und seine Bedeutung. Notwendigkeit eines guten 
Verhaltnisses des Erziehers zum Sprachgenius. 

Zehnter Vortrag, 5. Juli 1924 

Besprechung eines sechzehnjahrigen Junglings mit Verlangsamung 
der seelischen Prozesse. Ursache ist zu suchen im Nicht-Aufnehmen 
des in Kopforganisation Lebenden durch Stoffwechsel-Gliedmafien- 
organisation; padagogische Therapie. - Fall eines funfzehnjahrigen 
epileptischen Jungen, Medikation und padagogische Therapie. - 
Fall eines Madchens mit schwachem Astralleib, einem eingreifen- 
den Ereignis im dritten bis vierten Lebensjahr. - Allgemeine Regeln 
fur Erzieher: esoterischer Mut, die Andacht zum Kleinen, was dem 
entgegensteht und wie das Widerstrebende iiberwunden werden 
kann. Ober Albinos, Horoskope, Aszendenz, Wesen. 

Elfter Vortrag, 6. Juli 1924 

Therapie fur den Fall eines zehnjahrigen Madchens mit Gedacht- 
nisschwund, zusammenhangend mit Wucherungen im Nasen-Rachen- 
raume als Spiegelbild der iibermafiigen Tatigkeit des Atherkorpers 
im Unterleib: Hervorrufen starker Eindriicke, rhythmische Wie- 
derholungen, medikamentose und heileurythmische Behandlung. - 
Bemerkung zu einem kleptomanen Kinde. - Therapie fur ein schlaf- 
riges, zuruckgebliebenes Kind: rhythmische Wiederholungen, Ton- 
eurythmie, medikamentose Behandlung. - Von einem Jungen, der 
alles in Farben sieht: er kann nicht in Aufienwelt und lebt im 



Astralleib, Angaben fiir heilpadagogische Therapie. - Sternenwirk- 
samkeit am Beispiel der Horoskope der Albinos; Therapie fiir die- 
selben. - Von der Art, die heilpadagogische Bewegung zu tragen. - 
Vom Denken in der Metamorphosenlehre und von der Handhabung 
derselben; Kreis und Punkt; das Anschliefien an schon Vorhandenes, 
fiir Lauenstein an die Geistesgeschichte von Jena. 

Zwolfter Vortrag, 7. Juli 1924 178 

Vertiefung der Waldorfschulpadagogik fiir sogenannte abnorme 
Kinder. Heilen und Erziehen. Die geistig formenden Krafte der 
Muttermilch; die Pflanze in ihrer Beziehung zum Menschen; Krank- 
heit und Tierreich. Erfuhlen dieser Verhaltnisse durch Selbsterzie- 
hung; deren Bedingungen; geistige Entwicklungen und Lebensrea- 
litat; das substantiell Anthroposophische als Realitat und als Grund- 
lage der Anthroposophischen Gesellschaft und des Goetheanum. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 190 

Hinweise zum Text 191 

Textkorrekturen 197 

Register der Kursteilnehmer 197 

Namenregister 198 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 199 



Tafeizeichnungen zu den Vortragen (Beilage) .... nach 200 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 25.Junil924 



Nun, meine lieben Freunde, wir haben ja eine ganze Anzahl von Kin- 
dern, die aus einer unvollstandig gebliebenen Entwickelung heraus er- 
zogen werden sollen, beziehungsweise, soweit es moglich ist, geheilt 
werden sollen. Eine Anzahl dieser Kinder haben wir hier im Klinisch- 
Therapeutischen Institut, und eine Anzahl haben Sie im Lauenstein. 
Wir werden das, was wir hier zu besprechen haben, so einrichten, daft 
es moglichst auf die praktische Anwendung sogleich hinzielt. Wir wer- 
den dann auch in der Lage sein, dadurch daft uns Frau Dr. Wegman 
die hier befindlichen Kinder - wir konnen das ja unter uns - zur De- 
monstration zur Verfiigung stellen wird, wir werden da auch einige 
Falle unmittelbar ad oculos auseinandersetzen konnen. 

Zunachst mochte ich aber heute von dem Wesen solcher Kinder 
sprechen. Es ist ja natiirlich, daft vorangehen soil bei jedem, der unvoll- 
standig entwickelte Kinder erziehen will, eine Erkenntnis, eine wirk- 
lich eindringliche Erkenntnis der Erziehungspraxis fur gesunde Kinder. 
Das ist dasjenige, was sich jeder, der solche Kinder erziehen will, 
aneignen miiftte. Denn man muft sich ganz klar daruber sein, daft all 
dasjenige, was eigentlich bei unvollstandig entwickelten Kindern, bei 
krankhaften Kindern auftreten kann, in intimerer Art auch im so- 
genannten normalen Seelenleben bemerkbar ist, man muft nur ent- 
sprechend das normale Seelenleben beobachten konnen. Man mochte 
sagen, irgendwo in einer Ecke sitzt bei jedem Menschen im Seelenleben 
zunachst eine sogenannte Unnormalitat. Nur so etwas wie, sagen wir, 
eine kleine Gedankenflucht oder eine Unfahigkeit, die Worte beim 
Sprechen in die richtigen Abstande zu stellen, so daft man entweder im 
Sprechen sich iiberschlagt, oder aber daft der Zuhorer spazieren gehen 
kann zwischen zwei Worten, die man herausbringt, oder ahnliche Un- 
regelmaftigkeiten, die auch imWillensleben und Gefuhlsleben auftreten 
konnen, die sind, wenigstens in einer geringfugigen Anlage, bei der 
groftten Anzahl von Menschen bemerkbar. Und man wird schon iiber 
solche Unregelmaftigkeiten dann spater noch einiges zu sprechen haben, 



weil sie demjenigen, der namentlich auf die groften Unregelmaftigkeiten 
erzieherisch oder heilend eingehen will, als Symptom gelten miissen. 
Man muft in diesen Dingen seine Symptomstudien machen konnen, wie 
der Arzt bei Krankheitsfallen von Symptomen spricht, an denen er die 
Krankheiten erkennt, auch wohl von dem Symptomenkomplex spricht, 
an dem er das Krankhafte uberschauen kann, aber niemals dasjenige 
verwechseln wird, was im Symptomenkomplex liegt, mit demjenigen, 
was eigentlich der substantielle Inhalt der Krankheit ist. 

So sollte man auch nicht beim unvollstandig entwickelten Kinde 
das, was man am Seelenleben bemerkt, f\ir etwas anderes als fur Sym- 
ptome halten. Die sogenannte Psychographie ist eigentlich nichts an- 
deres als eine Symptomatologie. Und wenn heute die Psychiatrie nichts 
anderes tut, als die abnormen Seelenerscheinungen nach Denken, Fuh- 
len und Wollen zu beschreiben, so bedeutet das nicht viel anderes, als 
daft sie Fortschritte gemacht hat in der genauen Beschreibung der 
Symptomenkomplexe, dal$ sie aber, da sie nicht hinausgehen kann iiber 
solche Psychographie, absolut unfahig ist, in das Substantielle der 
Krankheiten einzudringen. Man mulS hineinkommen ins Substantielle 
des Krankseins. Und da wird Ihnen eine Vorstellung niitzlich sein 
konnen, die ich Sie bitte festzuhalten. 
Tafd i* Nehmen wir an, wir hatten hier (siehe Tafel 1 , Mitte) den physischen 
Leib des Menschen, so wie er uns entgegentritt im Wachsen des kleinen 
Kindes. Wir haben dann gewissermafien aufsteigend, herausdringend 
aus diesem physischen Leib des Menschen das Seelenleben. Dieses See- 
lenleben, das uns eben als die Aufierungen der kindlichen Seele ent- 
gegentreten kann, das kann nun normal oder abnorm sein. Wir haben 
ja im Grunde genommen gar kein weiteres Recht, iiber die Normalitat 
oder Abnormalitat des kindlichen Seelenlebens oder menschlichen See- 
lenlebens uberhaupt zu reden, als indem wir hinschauen auf dasjenige, 
was durchschnittsmafiig «normal» ist. Es gibt kein anderes Kriterium 
als dasjenige, was allgemein iiblich ist vor einer Gemeinschaft von 
Philistern. Und wenn diese Gemeinschaft irgend etwas fiir verniinftig 
oder gescheit ansieht, so ist alles dasjenige «abnormes» Seelenleben, 
was nach Ansieht dieser Philister nicht «normales» Seelenleben ist. Ein 
anderes Kriterium gibt es zunachst nicht. Daher sind die Urteile so 



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aufierordentlich konfus, wenn man anfangt, indem man eine Abnor- 
mitat konstatieren kann, dann alles Mogliche zu treiben, und damit 
abzuhelfen glaubt - statt dessen treibt man ein Stuck Genialitat heraus. 
Mit solch einer Beurteilung ist uberhaupt nicht viel anzufangen, und 
das erste, was eintreten sollte, ist, dafi der Arzt und Erzieher eine 
solche Beurteilung ablehnt, dafi er hinauskommt iiber die Aussage: 
das oder jenes ist gescheit oder verniinftig nach den Denkgewohn- 
heiten, die man so gewohnlich hat. Gerade auf diesem Gebiete ist es 
von eminentester Notwendigkeit, uberhaupt keine Kritik zu uben, 
sondern die Sachen reinlich anzuschauen. Denn was liegt eigentlich 
beim Menschen vor? 

Sehen wir jetzt ganz ab von diesem Seelenleben, das ja ohnedies erst 
nach und nach herauskommt, an dem manchmal hochst zweifelhafte 
Erzieher einen Anteil haben, sehen wir ab von diesem Seelenleben, dann 
haben wir hinter der Kb'rperlichkeit ein anderes Geistig-Seelisches, ein 
Geistig-Seelisches, das heruntersteigt zwischen Konzeption und Geburt 
aus den geistigen Welten. Jenes Seelenleben ist nicht dasjenige, was 
heruntersteigt aus den geistig-seelischen Welten, sondern es ist ein 
anderes Seelenleben, das zunachst fur das irdische Bewufitsein nicht 
aufterlich sichtbar ist. Ich will es schematisch dahinterzeichnen (siehe 
Tafel 1, gelb). Dieses ganze Seelenleben, das da heruntersteigt, das be- 
machtigt sich des Korpers, der vererbungsgemafi aufgebaut wird aus 
der Generationenfolge heraus. Wenn also dieses Seelenleben so geartet 
ist, dafi es eine kranke Leber konstituiert, wenn es die Lebersubstanz 
ergreift, oder vererbungsgemaft im physischen und Atherleib Krank- 
haftes findet und daher eine Krankheitsempfindung entsteht, dann 
liegt eben eine Erkrankung vor. Ebenso kann jedes andere Organ oder 
jeder andere Organkomplex falsch eingeschaltet sein in dasjenige, was 
aus dem seelisch-geistigen Kosmos heruntersteigt. Und erst wenn nun 
diese Verbindung hier da ist, diese Verbindung zwischen dem, was 
heruntersteigt und dem, was vererbt ist, wenn dieses Seelisch-Korper- 
liche sich gebildet hat, dann entsteht - mehr aber nur als Spiegelbild - 
dasjenige, was unser Seelenleben ist und was gewohnlich beobachtet 
wird als Denken, Fuhlen und Wollen (violett). Dieses Denken, Fiihlen 
und Wollen ist uberhaupt nur da wie Spiegelbilder, richtig wie Spiegel- 



bilder, loscht aus, wenn wir einschlafen. Das eigentlich dauernde See- 
lenleben ist dahinter, steigt herunter, das geht durch die wiederholten 
Erdenleben und sitzt in der Organisation des Leibes darinnen. Und wie 
sitzt es darinnen? 

Betrachten wir da zunachst denMenschen nach seinen drei Gliedern: 
dem Nervensystem, dem rhythmischen System und dem Gliedmafien- 
Stoffwechselsystem. Sehen Sie, das Nerven-Sinnessystem, denken wir 
es uns also - wir werden uns verstehen -, denken wir uns dieses Nerven- 
Sinnessystem, wie es der Hauptsache nach nur, aber schematisch, im 
Kopfe lokalisiert ist, sprechen wir vom Kopfsystem, indem wir vom 
Nerven-Sinnessystem sprechen; wir konnen das beim Kinde um so 
mehr, als der aufbauende Teil des Nerven-Sinnessystems vom Kopfe 
ausgeht und in den ganzen Organismus hineinwirkt. Dieses System, 
dieses Nerven-Sinnessystem ist im Kopfe, im Haupte lokalisiert. Das 
ist ein synthetisches System. 

Es ist synthetisch. Was meine ich damit? Es fafit namlich alle Tatig- 
keiten des Organismus zusammen. Sehen Sie, im Kopfe ist eigentlich 
der ganze Mensch in einer gewissen Weise enthalten. Wenn man spricht 
von der Lebertatigkeit, und man sollte eigentlich nur von Lebertatig- 
keit sprechen - was ich als Leber sehe, ist der fixierte Leberprozefl -, so 
ist diese Lebertatigkeit natiirlich ganz im unteren Leibe. Aber jedem 
solchen Funktionenzusammenhang entspricht einelatigkeit im mensch- 
Tafei i lichen Haupte. Wenn ich das schematisch zeichne (siehe Tafel 1, rechts), 
so ist das so: Hier sei die Lebertatigkeit. Dieser Lebertatigkeit entspricht 
irgendeine Tatigkeit im menschlichen Kopfe oder Gehirne. Hier im 
Unterleib ist die Leber relativ abgesondert von den andern Organen, 
von Nieren, Magen und so weiter. Im Gehirn fliefit alles ineinander, 
da fliefit die Lebertatigkeit mit den andern Tatigkeiten zusammen, so 
dafi der Kopf der grofie Zusammenfasser ist alles desjenigen, was im 
Organismus vor sich geht. Durch diese synthetische Tatigkeit wird ein 
Abbauprozefi bewirkt. Es fallt das Substantielle heraus. 

Genauso wie wir einen synthetischen Prozefi im Haupte haben, 
haben wir dann im ganzen iibrigen Organismus, besonders im Stoff- 
wechsel-Gliedmafiensystem, einen analytischen Prozefi. Da wird alles 
auseinandergehalten, da wird im Gegensatz zum Kopfe alles ausein- 



andergehalten. Wahrend im Kopfe die Nierentatigkeit mit der Darm- 
tatigkeit zusammen vor sich geht, wird im Gegensatz dazu im iibrigen 
Organismus alles auseinandergehalten, so daft wir also sagen konnen, 
wenn wir weiter schematisch zeichnen, meinetwillen die Lebertatigkeit, 
Magentatigkeit, so sind sie hier voneinander abgesondert; im Kopfe 
f liefien sie ineinander, fliefk alles zusammen, da synthetisiert sich alles. 
Nun liegt dieses Zusammenflieflen - zu gleicher Zeit mit einem fort- 
wahrenden Herausf alien der Substanz, wie wenn es regnete -, nun liegt 
diese synthetische Tatigkeit des Kopfes im wesentlichen aller Denk- 
tatigkeit zugrunde. Damit der Mensch denken kann, damit der Mensch 
herauskommt und in Tatigkeit kommt, mufi dasjenige, was aus dem 
Geistig-Seelischen kommt, nach dem Kopfe hin die zusammenfassende 
Funktion erhalten, und dadurch die Erbsubstanz synthetisch gliedern. 
Dadurch kann dann in der synthetisch gegliederten Erbsubstanz ein 
Spiegel gesehen werden. Sie haben also damit folgendes: wenn im Tafel 1 
Kopfe das eintritt beim Herunterkommen, dafi der Kopf organisiert vlolm 
synthetisch, so wird der Kopf ein Spiegel, und dadrinnen spiegelt sich 
die Auftenwelt, und das gibt das Denken, das wir gewohnlich beobach- 
ten.Wir miissen also unterscheiden zwischen den zwei Denkfunktionen, 
derjenigen, die hinter dem Wahrnehmbaren liegt, die das Gehirn auf- 
baut - die ist das Bleibende -, und der Denkfunktion, die gar nichts 
Wirkliches ist, die nur gespiegelt ist und fortwahrend ausgeloscht wird 
beim Einschlafen und vergeht, wenn man nicht nachdenkt. 

Eine andere Partie dessen, was da aus dem Geistig-Seelischen her- 
unterkommt, baut nun analytisch das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem 
auf, baut die Organe auf, die auseinanderfallen, die deutlich unter- 
scheidbare einzelne Konturen haben. Wenn Sie nun den ganzen Korper 
betrachten mit seinen deutlich unterscheidbaren einzelnen Konturen, 
so haben wir darinnen Leber, Lunge, Herz und so weiter, mit denen 
auch das Gliedmaflen-Stoffwechselsystem zusammenhangt; das rhyth- 
mische System sieht man nicht, alles, was mit physischer Substanz aus- 
gefullt ist, gehort zum Stoffwechsel-Gliedmafiensystem, auch was man 
am Gehirn sieht, ist Stoffwechsel. Nun liegt das, was diese einzelnen 
analytisch aufgebauten Organe sind, dem gesamten Willensleben des 
Menschen zugrunde, wie die synthetische Tatigkeit zugrunde liegt dem 



Denken. So liegt all das, was an Organen da ist, zugrunde dem Willens- 
leben. 

Nun betrachten wir einmal folgendes: Denken wir uns einen schon 
ziemlich erwachsenen Menschen. Was ist mit diesem ziemlich erwach- 
senen Menschen geschehen, wahrend er sein Erdenleben gefiihrt hat? 
Er ist vielleicht sieben Jahre alt geworden, er hat die zweiten Zahne 
bekommen; er ist vierzehn Jahre alt geworden, hat die Geschlechtsreife 
bekommen; er ist einundzwanzig Jahre alt geworden und hat damit die 
Konsolidierung seines Seelenlebens zustande bekommen. Wir mussen 
nun, wenn wir uberhaupt die kindliche Entwickelung verstehen wollen, 
genau unterscheiden zwischen dem Korper, den ein Mensch tragt, der 
den Zahnwechsel durchgemacht hat, und einem Korper, den ein Kind 
tragt, das den Zahnwechsel noch nicht durchgemacht hat. Dasjenige, 
was da an besonders auffalligen Beispielen gebracht wird, geschieht 
fortwahrend. Der Korper wird nach jedem Jahr ausgewechselt. Wir 
stoften fortwahrend von unserem Korper nach auften ab, es ist fort- 
wahrend eine zentrifugale Stromung nach auften, die den Korper ab- 
stoftt. Das fiihrt dazu, daft der Korper tatsachlich alle sieben bis acht 
Jahre richtig erneuert wird. 

Nun sehen Sie, diese Erneuerung ist ganz besonders wichtig urn den 
Zahnwechsel herum, um das siebente Jahr herum. Warum? Nun, der 
Korper, den der Mensch von der Geburt bis zum Zahnwechsel tragt, 
er ist gewissermaften nur ein Modell, das wir iibernehmen von auften, 
von unseren Eltern, der enthalt die Erbkrafte, daran bauen die Vor- 
fahren mit auf. Nun stoften wir ihn ab, diesen Korper, im Laufe der 
ersten sieben Jahre. Und was ist? Ein ganz neuer Korper entsteht; das- 
jenige, was der Mensch an sich tragt nach dem Zahnwechsel, das wird 
nicht mehr durch die Vererbungskrafte aufgebaut, das wird ganz allein 
aus dem Geistig-Seelischen aufgebaut, das heruntersteigt, so daft der 
Mensch seinen Erbkorper substantiell nur bis zum Zahnwechsel tragt, 
und wahrend er ihn abstoftt, aus seiner Individuality einen neuen auf- 
baut. Unseren eigenen Korper haben wir eigentlich erst seit dem Zahn- 
wechsel. Nur geschieht die Sache so, daft der Erbkorper benutzt wird 
als Modell, und je nachdem das geistig-seelische Leben stark oder 
schwach ist, je nachdem wird dieses Geistig-Seelische leichter imstande 



sein, mehr individuell vorzugehen gegen das, was als Erbgestaltung da 
ist, oder es unterliegt der Erbgestaltung, es mull den zweiten Korper 
formen, wie der erste von den Eltern her geformt ist. 

Das also, was gewohnlich in der Vererbungstheorie vorgebracht 
wird, ist ja ein Kohl. In dem, was da gewohnlich vorgebracht wird, 
setzt man einfach fort die Gesetze des Wachstums bis zum Zahnwech- 
sel weiter hinaus ins spatere Leben. Aber es ist so, dafi dasjenige, was 
als Vererbung zu gelten hat, nicht weiter gilt als bis zum Zahnwechsel; 
nun eignet es sich die Individuality an und bildet den zweiten Korper 
aus. 

Wir miissen also unterscheiden gerade beim Kinde zwischen dem 
Erbkorper und dem, was als Folge des Erbkorpers auftritt in dem 
individuellen Korper. Der bildet sich nach und nach, der individuelle 
Korper, den man erst den wahren Menschenpersonlichkeitskorper 
nennen kann. Und sehen Sie, jetzt kriegt man sozusagen im Alter 
zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre das starkste Ar- 
beiten, dessen die Individuality fahig ist: entweder obsiegt sie den 
Erbkraften, dann wird der Mensch, indem er durch den Zahnwechsel 
hindurchgeht und dadurch bemerken lafit, daft er sich herausarbeitet 
aus den Vererbungskraften, oder aber - das konnen wir sehr deuthch 
bemerken und miissen es daher als Erzieher ins Auge fassen -, es unter- 
liegt die Individuality vollstandig den Erbkraften, dem, was im Mo- 
dell enthalten ist. Dann setzt sich einfach diese Vererbungsahnlichkeit 
mit den Eltern iiber das siebente Jahr fort. Das hangt von der Indivi- 
duality ab und nicht von den Vererbungskraften. Gerade so wenig 
wie man sagen kann, wenn mir als Maler jemand etwas vorlegt, um es 
nachzuahmen, ich aber machtig andere, gerade so wenig wie ich da 
sagen kann, meine Malerei hat der erzeugt, der mir das vorgelegt hat - 
ebensowenig konnen wir sagen: Dasjenige, was wir von dem siebenten 
Jahre ab, was wir nach dem siebenten Jahr an uns tragen, haben wir 
vererbt bekommen. - Und das mufi man sozusagen im geistigen Grif fe 
haben ufid wissen, wie stark in dem einen oder andern Falle die Indivi- 
duality wiikt. 

Nun geht der Mensch zwischen dem siebenten und vierzehnten Le- 
bensjahre durch ein Wachstum und ein Werden hindurch, das moglichst 



stark seine Individuality, die der Mensch heruntergebracht hat, zum 
Ausdruck bringt. Dadurch ist der Mensch in dieser Zeit gegeniiber der 
Aufienwelt relativ abgeschlossen. Man hat gerade in dieser Zeit Ge- 
legenheit, die wunderbare Entfaltung der Individualkrafte ins Auge 
zu fassen. Und der Mensch wiirde spater, wenn er diese Entwickelung 
fortsetzen wiirde, und wenn er nur mit dieser Entfaltung ins spatere 
Leben hineintreten wiirde, ein furchtbar abweisendes Wesen sein, er 
wiirde stumpf sein gegeniiber der Aufienwelt. Aber in dieser Zeit baut 
er sich schon seinen dritten Korper auf, der mit der Geschlechtsreife 
zum Vorschein kommt. Der wird wiederum unter Beriicksichtigung 
der Krafte in der irdischen Umgebung aufgebaut. Dasjenige, was als 
Beziehung der Geschlechter auftritt, ist nicht das Ganze; das Uber- 
schatzen in dieser Beziehung ist nur eine Folge unserer materialistischen 
Anschauungen. In Wirklichkeit sind alle Beziehungen zur Auftenwelt, 
die mit der Geschlechtsreife auftreten, im Grunde genommen gleich- 
geartet. Man sollte daher im Grunde sprechen von einer Erdenreife, 
nicht von einer Geschlechtsreife, und sollte unter die Erdenreife stellen 
die Sinnenreife, Atemreife, und eine Unterabteilung sollte auch sein die 
Geschlechtsreife. So ist der Tatbestand wirklich. Da wird der Mensch 
erdenreif, da nimmt der Mensch das Fremde wieder in sich hinein, da 
erlangt er die Fahigkeit, nicht stumpf zu sein gegen die Umgebung. 
Er wird eindrucksfahig gegeniiber der Umgebung. Vorher ist er nicht 
eindrucksfahig fur das andere Geschlecht, aber auch nicht fur die 
iibrige Umgebung. Da bildet der Mensch also seinen dritten Leib aus, 
der wirkt bis zum Beginne der Zwanzigerjahre. 

Das, was heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, hat schon ein 
Ende gefunden durch den Zahnwechsel, hat in den ersten sieben Jahren, 
bis zum Zahnwechsel, und bis zum zwanzigsten Jahre seine Wirkung 
getan. Es hat bereits sich gestaltet in den Organen, die dann da sind, 
und es hat den Menschen individuell reif und erdenreif gemacht. Wenn 
da nun irgendeine Abnormitat im Seelenleben, die sich gemaft des Auf- 
baues der Organe spiegelt, auftritt, die bedingt ist durch die ganze Ent- 
wickelung hindurch, dann ist natiirlich eine seelische Abnormitat wirk- 
lich da. Wenn aber, nachdem der Mensch das einundzwanzigste Jahr 
durchgemacht hat, eine Abnormitat in der Leber oder einem andern 



Organe auftritt, so ist dieses Organ schon so weit verselbstandigt und 
abgelost, dafl sich das Seelische des Willens unabhangig davon erhalten 
kann. Das kann um so weniger der Fall sein, je weiter man beim Kinde 
zuriickgeht in seinem Lebensalter. Beim erwachsenen Menschen wird 
das Seelenleben, weil die Organe schon eine bestimmte Richtung haben, 
verhaltnismafiig selbstandig, und eine Organerkrankung wirkt nicht 
so stark auf das Seelenleben und kann als Organerkrankung behandelt 
werden. Beim Kinde wirkt noch alles zusammen; ein krankes Organ 
wirkt noch hinein bis in das Seelenleben, ganz wirksam. 

Sehen Sie, die heutigen Krankheiten, welche man gewohnlich in un- 
serer heutigen Pathologie diagnostiziert, sind die groberen Krankheiten. 
Die feineren Krankheiten sind der Histologic nicht eigentlich zugang- 
lich, liegen in dem fliissigen Teile, der ein Organ, zum Beispiel die 
Leber, durchzieht, in der Bewegung der Fliissigkeit oder sogar in der 
Bewegung des Gasformigen, das die Leber durchzieht. Auch die Durch- 
warmung eines solchen Organs ist von ganz besonderer Bedeutung fur 
das Seelenleben. 

Im kindlichen Organismus hat man also, wenn es sich um einen Wil- 
lensdefekt handelt, vor allem zu fragen: Mit welchem Organe, mit 
welcher Organentartung, mit welcher Organerkrankung steht ein sol- 
cher Willensdefekt in Zusammenhang? - Das ist die wichtigere Frage. 

Von so ungeheurerWichtigkeit ist nicht der Denkdefekt. Die meisten 
Defekte sind eigentlich Willensdefekte; denn auch wenn Sie im Denken 
einen Defekt haben, miissen Sie sorgfaltig hinschauen, inwieferne der 
Denkdefekt ein Willensdefekt ist. Denn, wenn Sie zu schnell oder zu 
langsam denken, so konnen die Gedanken ganz richtig sein, es handelt 
sich nur darum, daft der Wille, der wirkt in der Ineinandersetzung, 
einen Defekt hat. Man mufi hinschauen, bis zu welchem Grade der 
Wille darinnen steckt. Eigentlich einen Denkdefekt konnen Sie nur 
konstatieren, wenn unabhangig vom Willen Deformationen der Ge- 
danken auftreten, Sinnestauschungen. Bei der Einstellung zur aufteren 
Welt treten sie im ganz Unbewufken auf, da wird das Vorstellungsbild 
selber unregelmafiig. Oder aber wir haben etwas wie Zwangsvorstel- 
lungen, und daft sie Zwangsvorstellungen sind, hebt sie aus dem Willen 
heraus. Aber auf das mufi man vor allem aufmerksam sein, ob man es 



mit einem Willensdefekt oder Denkdefekt zu tun hat. Die Denkdefekte 
fallen zumeist schon in das Gebiet des abgesonderten Heilens. Mit den 
Willensdefekten hat man es meistens zu tun in der Erziehung von un- 
vollstandig entwickelten Kindern. 

Nun denken Sie sich aber, wie das ganze Wesen des Menschen hin- 
einspielt in seine Entwickelung. Sie konnen es ermessen aus dem, was 
angefiihrt ist fur diese Entwickelung des Menschen. Man nehme nur 
die ersten sieben Lebensjahre, da konnen Vererbungsdefekte vorliegen, 
dafiir kommen wesentlich die Vererbungsdefekte in Betracht. Nun, 
einen solchen Vererbungsdefekt, den darf man auch nicht in der schau- 
derhaften Weise ansehen, wie ihn die heutige Wissenschaft ansieht; der 
fallt uns ja nicht als Zufall zu, sondern er fallt uns als karmische Not- 
wendigkeit zu. Wir wahlen den Korper, der nach der Generationsfolge 
defekt ist, aus unserer Unkenntnis heraus allerdings in der geistigen 
Welt. Wo also defekte Vererbungskrafte vorliegen, da lag vor der Kon- 
zeption eine Unkenntnis der menschlichen Organisation vor. Man mufi 
namlich, bevor man auf die Erde heruntersteigt, den menschlichen 
Organismus ganz genau kennen, sonst kann man nicht recht hinein- 
steigen in den ersten sieben Jahren und ihn nicht recht umwandeln. 
Und was man also erwirbt an Wissen in bezug auf die innere Organi- 
sation zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das ist etwas ganz 
Unermeftliches gegeniiber dem bissel von Wissen, das heute die Physio- 
logie oder Histologic von auften her erwerben. Das letztere ist ja nichts. 
Aber dieses Wissen, das wir da haben, das dann untertaucht in den 
Korper und daher vergessen wird, weil es untertaucht, das wendet sich 
nicht durch die Sinne nach der Aufienwelt. Dieses Wissen, das ist etwas 
unermefilich Grofies. Dieses Wissen wird aber beeintrachtigt, wenn wir 
in einem Erdenleben fiir unsere Umgebung kein Interesse entwickeln, 
oder an diesem Interesse verhindert worden sind. Denken Sie, irgendein 
Zivilisationszeitalter sperre die Menschen ein in Raumen, halte sie dar- 
innen vom Morgen bis zum Abend so, dafi sie kein Interesse haben kon- 
nen fiir die Aufienwelt. Wie wirkt eine solche Zivilisation? Sie schlieftt 
die Erkenntnis des Menschen von der Aufienwelt ab. Und wenn ein 
Mensch mit diesem Abgeschlossensein durch den Tod geht und in die 
geistige Welt wenig Vorbedingung hineinbringt, um in dieser geistigen 



Welt, in der alles enthalten ist, den menschlichen Organismus kennen- 
zulernen, aufzunehmen, so kommt ein solcher Mensch, wenn er her- 
untersteigt auf die Erde, mit einer geringeren Kenntnis herunter als 
einer, der sich einen freien Blick fur seine Umgebung erworben hat. 

Das andere Geheimnis ist dieses: Sie gehen durch die Welt. Jetzt 
glauben Sie, wenn Sie so durch die Welt gehen, zum Beispiel einen Tag, 
jetzt meinen Sie, das ist etwas Geringes: es ist auch etwas Geringes fur 
das gewohnliche Bewulksein, es ist aber nichts Geringes fiir dasjenige, 
was im gewohnlichen Bewuiksein das Unterbewufitsein bildet. Denn 
wenn Sie nur einen Tag durch die Welt gehen und sie genauer an- 
schauen, so ist das schon die Vorbedingung fiir die Erkenntnis des 
Inneren des Menschen. Aufienwelt im Erdenleben ist geistige Innenwelt 
im aufterirdischen Leben. Und wir werden davon sprechen, was unsere 
Zivilisation bewirkt und warum deshalb minderwertige Kinder auf- 
treten. Diejenigen Menschen, die heute abgeschlossen leben von der 
Welt, die werden alle einstmals herunterkommen mit Unkenntnis des 
menschlichen Organismus, und sie werden sich wahlen die Vorfahren, 
die sonst unfruchtbar bleiben wiirden. Gerade die Menschen, die sonst 
schlechte Korper liefern wiirden, werden dann gewahlt, wahrend die- 
jenigen, die gute Korper liefern wiirden, steril bleiben. Es hangt tat- 
sachlich von der ganzen Entwickelung eines Zeitalters ab, wie sich beim 
Heruntersteigen wieder ein Geschlecht aufbaut. Und wenn wir ein 
Kind ansehen, miissen wir sehen, was da in dem Kinde von dem vorigen 
Erdenleben lebt. Man mufi es verstehen, warum es sich wahlt Organe, 
die nach den Vererbungskraften krankhaft sind, warum es sich wie- 
derum durch eine unvollstandig entwickelte Individualitat in diesen 
Korper hineinarbeitet. 

Denken Sie sich, was da fiir Moglichkeiten gegeben sind bis zum 
Zahnwechsel hin fiir das Kind, weil ja nicht immer vollstandig adaquat 
ist das, was herunterkommt, dem, was vorliegt. Da ist die Moglichkeit 
vorhanden, dafi zum Beispiel ein Kind ein gutes Modell hat, das in der 
Leber gut ausgebildet ist. Weil aber die Individualitat unfahig ist, das 
zu verstehen, was da drinnen liegt, so wird es in der zweiten Lebens- 
epoche unvollstandig nachgebildet, und dann entsteht ein sehr bedeut- 
samer Willensdefekt. Gerade wenn das Beispiel vorliegt, daft die Leber 



in dieser Weise nach dem Lebermodell unvollstandig nachgebildet wird, 
dann entsteht ein Willensdefekt, der sich auftert dadurch, daft das 
Kind will, aber es geht nicht iiber zum Ausfuhren des Willens, es bleibt 
das Wollen im Gedanken stecken. Das Kind fangt auch gleich an, etwas 
anderes zu wollen, wenn es etwas angefangen hat, und es stockt das 
Wollen, es spieftt sich das Wollen. Denn die Crux ist, daft die Leber 
nicht bloft das Organ ist beim Menschen, das die heutige Physiologie 
beschreibt, sie ist im eminentesten Sinne dasjenige Organ, das dem 
Menschen die Courage gibt, eine ausgedachte Tat in eine wirklich aus- 
gefiihrte umzusetzen. Also wenn es geschieht, daft ich so organisiert bin 
als Mensch, daft da ein Tram wegfahrt, ich weift, ich soli nach Basel 
fahren - es gibt solche Menschen - ich bin schon da: im letzten Moment 
kann ich nicht aufsteigen, es will mich etwas zurtickhalten, ich komme 
nicht dazu, aufzusteigen! - Sehen Sie, so etwas enthullt sich manchmal 
auf eine merkwiirdige Weise, wenn eine Stockung des Willens auftritt. 
Wenn aber so etwas auftritt, dann liegt immer ein feiner Leberdefekt 
vor. Die Leber vermittelt immer das Umsetzen der vorgenommenen 
Ideen in die durch die Gliedmaften durchgefiihrten Handlungen. So ist 
jedes Organ dazu da, irgend etwas zu vermitteln. 

Sehen Sie, mir wurde mitgeteilt, daft ein gewisser junger Mann diese 
Krankheit wirklich hatte, daft wenn er in der Nahe eines Tramwagens 
stand, daft er plotzlich stehenblieb und nicht einstieg. Kein Mensch 
wuftte, warum er nicht einstieg. Er wuftte auch nicht, warum. Er blieb 
stehen. Der Wille stockt. Nun, was lag da vor? Eine sehr komplizierte 
Sache. Der Vater des Betreffenden war Philosoph, hat in einer merk- 
Tafel i wiirdigen Weise die Seelenfahigkeiten eingeteilt in Vorstellen, Urteilen 
und in die Krafte der Sympathie und Antipathie, und rechnete unter 
die Seelenkrafte nicht den Willen. Der- Wille fiel heraus aus der Auf- 
zahlung der Seelenkrafte. Er zahlte nie den Willen auf, wenn er die 
Seelenkrafte aufzahlte. Er wollte aber ehrlich sein. Er wollte nur das 
geben, was sich im Bewufitsein darstellte. Nun hatte er es so weit ge- 
bracht, daft das ihm ganz Natur war, keine Vorstellung vom Willen 
zu haben. Nun kriegte er in verhaltnismafiig spatem Alter einen Sohn. 
Er, der Vater, hatte durch ewiges Nicht-Denken des Willens der Leber 
die Anlage eingepflanzt, die subjektiven Intentionen nicht umzusetzen 



in die Tat. Beim Sonne trat das als Erkrankung auf. Und da konnen Sie 
sehen, warum auch dieses Sohnes Individuality gerade diesen Vater 
gewahlt hat: weil sie nichts anzufangen wufite mit der inneren Organi- 
sation der Leber. Da hatte sie sich eine Konstitution gewahlt, bei der sie 
sich nicht bemiihen mufite um die Leber. Denn die Leber war eben 
ohne diese Funktion, die der Betreffende nicht mit heruntergebracht 
hatte. Sie sehen also: in einer ganz merkwiirdigen Weise mufi man hin- 
einschauen auch in das Karma, wenn man das Kind verstehen will. 

Das wollte ich zunachst heute einmal sagen, und wir wollen dann 
morgen um dieselbe Stunde weiterfahren. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 26.Juni 1924 



Ich machte gestern aufmerksam - wir wollen versuchen, die Dinge 
sozusagen aus den Fundamenten heraus zu arbeiten, um dann auf das 
Praktische einzugehen -, wie das gewohnliche oberflachliche Seelen- 
leben nur als Symptomenkomplex aufgefaftt werden darf. Wenn man 
auf den eigentlichen Tatbestand, der irgendeiner sogenannten Geistes- 
krankheit oder sogenannten Geistesschwache bei irgendeinem Kind 
zugrunde liegt, kommen will, so sieht man, daft ja alle geistigen Be- 
trachtungsweisen heute daran leiden, daft die oberflachlichen Seelen- 
zustande einfach beschrieben werden und dann der Obergang zu dem, 
was tiefer liegt, also zu dem Gebiete, wo das eigentliche Seelenleben, 
wie wir gestern gesehen haben, arbeitet, nicht gefunden werden kann. 
Nun kann hier nicht eingegangen werden auf die Art und Weise, wie 
man bei erwachsenen Geisteskranken sich zu verhalten hat, wobei ja 
immer in allem Verhalten etwas Problematisches ist. Aber was moglich 
ist, bei Kindern zu machen, das muft alles in diesen Stunden vor unsere 
Seele treten. Wie wenig nun dabei das oberflachliche Seelenleben - wo- 
bei ich oberflachlich nicht abtraglich, sondern nur ortlich meine -, wie 
sehr die Betrachtung des oberflachlichen Seelenlebens irrefuhren kann, 
dafur mochte ich Ihnen einleitungsweise ein krasses Beispiel vorfuhren, 
das gerade fur Ihre Aufgabe von besonderer Bedeutung sein wird. 

Sehen Sie, es gibt heute einen ehemaligen Staatsanwalt Wulffen. Der 
hat sich vom Standpunkte der Kriminalpsychologie mit allerhand gei- 
stigen Abnormitaten beschaftigt und dicke Biicher iiber dieses Gebiet 
geschrieben, Wie kommt ein solcher Mensch, der zunachst nicht von 
der Medizin ausgeht, zu seinen Auseinandersetzungen? Er hat natiir- 
lich ein reiches Gebiet von abnormem Seelenleben kennengelernt in 
seinem Amt als Staatsanwalt, laftt sich dann wohl im reiferen Alter 
darauf ein, allerlei medizinische Dinge kennenzulernen, verbindet dann 
das, was er in seinem Berufe erfahren hat, mit dem, was er sich dann 
auf diese Weise spater erlesen hat und bildet sich daraus eine Theorie, 
die einfach heute entstehen muft aus den sogenannten wissenschaft- 



lichen Vorbedingungen. Denn entweder nimmt man die ganze Sache 
ernst, dann kommt so etwas heraus, wie es bei Wulffen herauskommt, 
oder man nimmt sie nicht ernst, dann ist man genotigt, von anthropo- 
sophischen Gesichtspunkten auszugehen. Ein eigentlicher Mittelweg ist 
immer ein sehr bedenklicher Kompromift. 

Nun hat dieser Staatsanwalt Wulffen in Zurich jiingst einen Vor- 
trag gehalten, und zwar auf diesem Gebiet der Kriminalpsychologie, 
worin er gesprochen hat iiber abnormes Seelenleben. Es. ist wichtig, 
solch eine Sache ins Auge zu fassen, denn Sie sind ja diesem in jedem 
Momente ausgesetzt, Wenn Sie heute nachdenken iiber das, was Sie 
gelernt haben, wenn Sie ein wissenschaftliches Buch in die Hand neh- 
men, wenn Sie irgendein Buch aus der wissenschaftlichen Denkungsart 
in die Hand nehmen, so finden Sie iiberall die Denkformen und die 
Denkweise, die hier bei diesem Staatsanwalt nur in besonders radikaler 
Art zum Ausdruck kommt, so daft man also wissen mufi, wohin gerade 
auf dem Gebiete des sogenannten abnormen Seelenlebens notwendiger- 
weise die heutige Wissenschaft fiihren mufi. Bevor ich Ihnen den Zei- 
tungsabschnitt vorlese, mache ich Sie darauf aufmerksam, daft der 
Staatsanwalt noch immer eine viel grofiere Kapazitat ist, daft Wulffen 
mehr Recht hat als der Journalist, der daruber schreibt. Der kann sich 
nur daruber lustig machen, weil er heute, Gott sei Dank, noch das 
Publikum hinter sich hat gegen die Psychiatrie und die Kriminal- 
psychologie. Natiirlich gilt doch, daft in diesem Falle der Ton, in dem 
berichtet wird, nichts fiir Sie bedeuten soil, denn der Journalist ist 
trotzdem im Verhaltnis zu Wulffen der viel Unf ahigere, kann sich nur 
lustig machen iiber die Sache, aber er ahnt dabei gar nicht, daft da das 
Lustigmachen iiber die heutige Wissenschaft geht und nicht iiber 
Wulffen. Denn eigentlich miiftte die Wissenschaft, in der Wulffen dar- 
innensteht und aus der er schopft, iiberall in einer solchen Weise spre- 
chen, wenn sie aufrichtig und ehrlich ware. Nun, jetzt lassen wir uns, 
weil es uns ja angeht, gerade diesen Zeitungsabschnitt einmal vor die 
Seele treten. Er ist iiberschrieben: «Schiller unter der Psychoanalyse 
des Staatsanwaltes.» Es miiftte iiberschrieben werden eigentlich mit: 
«Friedrich Schiller unter der Psychoanalyse der heutigen Psychologie 
oder Psychopadagogik.» 



«Mit Fritz Schiller, vermogenslos, schwabischer Herkunft, weiland 
Geschichtsprofessor in Jena und Verfasser verschiedener Revolutions- 
stiicke, ging letzten Freitag, den 29.Februar 1924, der weit iiber seine 
Fachkreise hinaus bekannte und geschatzte Dresdener Staatsanwalt 
Dr. E.W. Wulffen in glanzend aufgebauter Rede iiber <Die Kriminal- 
Psychologie bei Friedrich Schiller> ins Gericht und erzielte vor zahl- 
reichem Auditorium des Ziircher Juristenvereins einen um so nachhal- 
tigeren Erfolg, als der Angeklagte todeshalber der Versammlung nicht 
beiwohnen konnte und vielleicht nur mit unsichtbarer Hand auf das 
wies, was sie bei Lebzeiten niederschrieb. 

Herr Staatsanwalt Wulffen seinerseits ging mit wohlverzahnten Aus- 
fuhrungen vor; die Beweisfiihrung klappte widerspruchslos; sogar die 
private Korrespondenz Schillers hatte der Staatsanwalt beschlagnahmt, 
wollte sagen, gelesen, und siehe da: unter der Assistenz Dr.Wulffens fiel 
es der Versammlung wie Schuppen von den Augen: die Liebe unseres 
Volkes zu Schiller und die der Jugend zu ihm wird in ihren hafilichen 
Wurzeln bloftgelegt: Schiller ist popular wegen der ihm eingeborenen 
Grausamkeit, die ihm ein Schwelgen in der dustern Pracht des Furcht- 
baren besonders nahelegt und ihn zu Balladen treibt, wie <Die Kinds- 
morderim, <Die Kraniche des Ibykus>, <DerTaucher>, <Der Handschuh>, 
<Der Gang nach dem Eisenhammer>, wo beispielsweise in den Hohn- 
worten: <Der ist versorgt und aufgehoben! Der Graf wird seine Diener 
loben!> die aus dem Kampf Schillers mit seinem siechen Korper standig 
genahrte Grausamkeit bedeutsam zutage tritt. Und Schillers Tragodien, 
in denen der Zuschauer Furcht und Mitleid erregt wird, weshalb sind 
sie so buhnenwirksam? Weil sie an latente Verbrecherqualitaten des 
Publikums appellieren und ein ungefahrliches Abreagieren gefahrlicher 
Instinkte ermoglichen. 

Das alles sagt Herr Staatsanwalt Wulffen und gibt sich zum Schlufi 
als iiberzeugter Verehrer Schillers zu erkennen; er schliefk sogar mit 
Goethes Epilog zur <Glocke>: Gott schiitze uns vor unsern Freunden! 

Freilich, Herr Staatsanwalt Wulffen billigt Schillern trotz erdriik- 
kender Beweislast mildernde Umstande zu: sein Freiheitsgefuhl, das 
aus friihzeitiger Unterdriickung und wohl im Anschluft an einen Min- 
derwertigkeitskomplex jah aufloht in den <Raubern> und sich mahlich 



lautert, um endlich im <Tell> eine Revolution auf dem Boden der Ord- 
nung zu verherrlichen. - Im iibrigen sei Schillers Einstellung zu Gut 
und Bose wesentlich von asthetischen Gesichtspunkten aus erfolgt und, 
wie schon gesagt, die Schlagadern, die Schillers Dichtung nahren, sind 
von Herrn Dr.Wulffen rasch gefunden und definiert: Grausamkeit 
und Freiheitsdrang. Der Kampf mit diesen Trieben, die er in der Dich- 
tung ausgelebt hatte, habe Schiller den Weg zur Vollendung gefiihrt.» 
Hier haben Sie den Minderwertigkeitskomplex, in seiner Kindheitszeit 
naturlich. 

Nun, nicht wahr, man mu!5 sich iiber das eine klar sein: was heraus- 
kommen wiirde, wenn die heutige Wissenschaft in die Padagogik iiber- 
gehen wiirde und dann Padagogen nach dem Schlage dieser Wissen- 
schaft in diesen Schulen lehren wiirden, wo etwa solch ein Schiller 
safie. Das mufi man sich ganz klipp und klar vor die Augen stellen. 

Nun nehmen Sie das alles zusammen, was ich gestern gesagt habe, 
so wiirden Sie eben sehen, dafi, wie gesagt, gerade wie man in an dem 
Krankheitsfallen aus eben andern Orientierungssymptomen auf den 
eigentlichen Tatbestand nur zuriickschliefien kann, so kann man auch 
aus dem, was das Seelenleben darstellt, Denken, Fiihlen und Wollen auf 
den eigentlichen Tatbestand zuriickschliefien beziehungsweise zuriick- 
schauen. Und wir haben ja an dem Beispiele der Leber gesehen, wie der 
Ursprung einer seelischen Abnormitat, daft der betreffende Kranke 
nicht kommen kann von der Intention, irgend etwas zu tun, zur wirk- 
lichen Tat, wie der eigentliche Grund in irgendeiner feineren Abnor- 
mitat der Leber gesucht werden mufi und dafi von da aus die Behand- 
lung, sowohl die erzieherische als therapeutische Behandlung in Angriff 
genommen werden mufi. 

Nun miissen wir, bevor wir auf das einzelne Praktische eingehen, 
noch einmal auf das kindliche Seelenleben zuruckblicken. Wir haben 
ja auf der einen Seite gesehen, wie der Korper in den ersten sieben 
Lebensjahren ein Modell darstellt, nach dem sich die Individuality den 
zweiten Korper, der die Funktionen verrichtet zwischen Zahnwechsel 
und Geschlechtsreife, herausarbeitet. Wenn die Individualist starker 
ist als dasjenige, was in den Erbeigenschaften darinnen ist, so wird das 
Kind im Verlaufe des Zahnwechsels die Erbeigenschaft mehr oder 



weniger iiberwinden und wird als Individualist auch aufierlich kor- 
perlich in seiner ganzen Seelenverfassung erscheinen. 1st aber die Indi- 
vidualist des Kindes schwach, so wird sie durch die Erbeigenschaften 
unterdriickt, sie betrachtet das Modell so, dafi ein sklavischer Abguft 
des Modells sichtbar korperlich erscheint. Und man wird von vererb- 
ten Eigenschaften im eigentlichen Sinne reden konnen. Denn es ist 
zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife alles so, wie es aus der 
Individualitat heraus kommt. Die vererbten Eigenschaften treten des- 
halb hervor, weil die Individualist zu schwach war, sie zu iiberwinden, 
um in ihrem Sinne nach dem Karma zu arbeiten. Deshalb erscheint der 
eigentliche Karmaimpuls iibertont von dem, was als vererbte Eigen- 
schaften herauskommt. 

Nun, sehen Sie, meine lieben Freunde, wir miissen jetzt gleichsam 
auch wie eine generelle Symptomatologie ins Auge fassen, wie sich das 
Denken in seiner Entwickelung verhalt zu der Entwickelung des Wil- 
lens beim Kinde. Sie haben schon gestern gesehen, in welchem Sinne 
man dies nur als-symptomatisch betrachten kann. Sie haben gesehen, 
daft dem Denken, wie es sich auftert im oberflachlichen Seelenleben, 
eine synthetische Tatigkeit zugrunde liegt, die in dem Erbauen und 
Durchorganisieren des Gehirns liegt, und daft der Willensaufterung zu- 
grunde liegt eine analytische Tatigkeit, eine auseinanderhaltende Tatig- 
keit, die den Organen, namentlich dem Stoffwechsel-Gliedmafien- 
menschen zugrunde liegt. 

Nun fassen wir zunachst das Denken ins Auge mit der zugrunde 
liegenden synthetischen Tatigkeit des Gehirns. So miissen wir uns dar- 
uber klar sein, was Gedanken eigentlich sind. Denn Gedanken treten 
ja stiickweise immer in den kindlichen Organismus herein. Auch der 
erwachsene Mensch hat das, was uberhaupt ein Mensch denken kann, 
mehr oder weniger in Fragmenten um sich. Der eine hat eine grofiere 
Fiille von Gedanken, der andere eine geringere. Aber was sind denn 
eigentlich Gedanken? Die heutige Anschauung, die dann in den 
Wulffenianismus ausartet, die sieht in den Gedanken etwas, was im 
Menschen entwickelungsgemafi stufenweise entsteht. Und wenn auch 
halt der Mensch dazu kommt, solche Gedanken zu haben, die in der 
Welt taugen, so sagt man: Er hat eben diese Gedanken aus sich heraus 



entwickelt. - Nun wird man, wenn man den Menschen mit anthropo- 
sophischer Anschauung wirklich prtift, gar nicht dazu kommen, irgend 
etwas in ihm zu entdecken, woraus Gedanken entstehen. Alle Unter- 
suchungen, die dahin zielen, zu priifen, woraus Gedanken entstehen 
konnten, die sind so vor der Geisteswissenschaft, als wenn jemand tag- 
lich morgens von irgendwoher einen gefullten Milchtopf gestellt be- 
kame, einen Topf mit Milch (siehe Tafel 2, rechts), und eines Tages aus Tafel 2 
seiner Gescheitheit heraus anfangen wiirde nachzudenken, in welcher 
Weise der Ton, aus dem der Milchtopf geformt ist, jeden Morgen die 
Milch aus sich hervorbringt. Man wird im Ton, aus dem der Milchtopf 
geformt ist, niemals etwas finden, woraus die Milch hervorgehen 
konnte. Nun stellen wir uns vor, irgendein Dienstmadchen, nein, sagen 
wir, eine aus dem Gouvernantenstande heraus aufgestiegene moderne 
Hausfrau - wenn auch das fast unmoglich ist nicht wahr, es konnte 
aber einmal vorkommen, daft jemand niemals wahrgenommen hatte, 
wie die Milch in den Milchtopf hereinkommt: man wiirde eine solche 
Personlichkeit fur dumm halten, die nachdenken konnte dariiber, wie 
aus dem Ton die Milch heraussickert, wie das bewirkt wird. Ja es ist 
wirklich eine Hypothese, die sich selbst ad absurdum fuhrt, wenn man 
annimmt, daft mit Bezug auf den Milchtopf jemand zu dieser Ansicht 
kommt. Die Wissenschaft in bezug auf das Denken kommt zu dieser 
Hypothese. Sie ist so dumm, sie ist ganz zweifellos so dumm. Denn 
wenn man ans Untersuchen mit alien Mitteln herankommt, die die 
Geisteswissenschaft bietet, von denen nun schon seit mehr als zwanzig 
Jahren gesprochen wird, wenn man mit den Mitteln herangeht, so fin- 
det man in alldem, was menschliche Organisation ist, auch nichts, was 
Gedanken hervorbringen konnte. Das gibt es einfach nicht. Geradeso 
wie die Milch in den Milchtopf hereingegossen werden muft, damit sie 
darinnen ist, so miissen die Gedanken in den Menschen hineinkommen, 
damit sie darinnen sind. 

Und woher kommen sie im Leben, das zunachst in Betracht kommt 
zwischen Geburt und Tod? Wo sind sie? So wie das Hervorgehen der 
Milch erforscht werden kann, so mufken Sie finden, wo die Gedanken 
sind. Wo sind diese Gedanken? Nun sehen Sie, wir sind umgeben von 
der physischen Welt. Aber auch von der atherischen Welt, aus der ja 



unmittelbar, bevor wir heruntersteigen zu unserer physischen Inkar- 
nation, der menschliche Atherleib genommen wird. Der menschliche 
Atherleib wird ja aus dem allgemeinen Weltenather genommen, der 
durchaus iiberall vorhanden ist. Nun, dieser Weltenather, meine lieben 
Freunde, der ist in Wirklichkeit der Trager der Gedanken. Dieser Wel- 
tenather, den alle gemeinsam haben, er ist der Trager der Gedanken, 
da sind die Gedanken darinnen, da sind jene lebendigen Gedanken 
eben darinnen, von denen ich Ihnen immer gesprochen habe auch in 
anthroposophischen Vortragen, daft der Mensch ihrer teilhaftig ist im 
vorirdischen Leben, bevor er auf die Erde heruntersteigt. Das alles, 
was uberhaupt an solchen Gedanken vorhanden ist, ist im lebendigen 
Zustande im Weltenather darinnen und wird niemals entnommen aus 
dem Weltenather im Leben zwischen Geburt und Tod, niemals, sondern 
alles, was der Mensch an lebendigem Gedankenvorrat in sich enthalt, 
empfangt er dann in dem Augenblick, wo er aus der geistigen Welt 
heruntersteigt, also sein eigenes lebendiges Gedankenelement verlaftt, 
wenn er heruntersteigt und sich seinen Atherleib bildet. Dadrinnen 
sind noch die lebendigen Gedanken, in dem, was am Menschen bildet 
und organisiert. 

Wenn ich also das Schema von gestern noch einmal mache (siehe 
Tafel 2 Tafel 2, Mitte), wenn Sie hier den Menschen sehen, wenn wir hier das 
symptomatische Seelenleben, Denken, Fiihlen, Wollen haben, wenn wir 
dahinter haben das Seelenleben, das wirkliche Seelenleben, so haben 
wir einen Teil des wirklichen Seelenlebens in den Gedanken. - Und 
diese Gedanken, die wir aus dem allgemeinen Weltenather heraus- 
nehmen, die bilden uns vorzugsweise unser Gehirn und im weiteren 
Sinne unser Nerven-Sinnessystem. Das ist das lebendige Denken, das 
bildet uns das Gehirn zum Abbauorgan, zu dem Organ, das gewisser- 
mafien in folgender Art die Materie behandelt. 

Wenn wir hinausschauen auf die Umgebung, da haben wir die Sub- 
stanz des Irdischen urn uns herum, in ihren verschiedenen Prozessen 
und Wirkungsarten. Diese Prozesse, die da in der Natur leben, die 
werden stufenweise abgebaut von der Tatigkeit des lebendigen Den- 
Tafei 2 kens, so dafi fortwahrend hier (siehe Tafel 2) abgebaut wird, das 
heifit, die Prozesse gestoppt werden, die die Naturprozesse sind. Also 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:317 Seite:30 



im Gehirn wird der Anfang damit gemacht, daft die Naturprozesse 
gestoppt werden und die Materie fortwahrend in Absonderung her- 
ausfallt. Die herausgefallene Materie, die also ausgeschiedene und un- 
brauchbar gewordene Materie: das sind die Nerven. Und diese Nerven 
bekommen dadurch, daft sie in dieser Weise vom lebendigen Denken 
bearbeitet werden, bekommen dadurch, daft sie fortwahrend ertotet 
werden, eine Fahigkeit, die der Spiegelungsfahigkeit ahnlich ist. Da- 
durch bekommen sie die Fahigkeit, daft sich durch sie die Gedanken 
des umliegenden Athers spiegeln, und dadurch entsteht das subjektive 
Denken, das oberflachliche Denken, das nur in Spiegelbildern besteht, 
das wir in uns tragen zwischen Geburt und Tod. Wir werden also da- 
durch, daft wir das lebendige Denken in uns wirkend tragen, fahig 
gemacht, der Welt unser Sinnes- und Nervensystem entgegenzustellen, 
die Eindrucke, die im umliegenden Ather leben, in Spiegelbildern zu 
erzeugen und in unser Bewufttsein zu schmeiften. So daft also dieses 
Denken und Vorstellen des oberflachlichen Seelenlebens nichts anderes 
ist, als der Reflex der im Weltenather lebenden Gedanken. 

Nun, wenn Sie sich selber mit Ihrem Spiegelbild vergleichen, so wer- 
den Sie darauf kommen, daft Sie etwas anderes sind als das Spiegelbild. 
Ebenso konnen Sie die Gedanken mit ihren Spiegelbildern vergleichen 
und bekommen dadurch das tote Denken, wie das Spiegelbild tot ist 
Ihnen gegeniiber, der Sie als Lebender vor dem Spiegelbild stehen. Es 
kann ein verzerrter, ein unlogischer, ein verriickter Gedanke niemals 
im Weltenather vorhanden sein. Die Gedanken aber, welche das ge- 
wohnliche, das oberflachliche Seelenleben enthalt, sind ja nur die Spie- 
gelungen der Gedanken im Weltenather. Woher kann nun ein verriick- 
ter, ein querkopfiger Gedanke kommen? Dadurch, daft der Spiegel, 
all dasjenige, was da entstanden ist im Aufbau des Gehirns, nicht in 
Ordnung ist. Also handelt es sich darum, daft wir in richtiger Weise 
den Weg zuriickfinden von den verzerrten Gedanken zu dem, was im 
menschlichen Gehirn beziehungsweise im Sinnes-Nervensystem eigent- 
lich wirkt, was der Mensch sich aufgebaut hat aus dem wirklichen 
lebendigen Gedankenleben heraus. Daraus ersehen Sie, daft es sich 
eigentlich ungeheuer stark darum handeln wird, daft wir von dem Be- 
wufitsein ausgehen: an den Gedankeninhalt selber, an die eigentlichen 



Gedanken konnen wir gar nicht herankommen, denn die sind ja im 
Weltenather in ihrer absoluten Richtigkeit vorhanden. 

Wir mussen nun alles versuchen, damit der Zogling, der uns angeht, 
der uns iibergeben ist, in der richtigen Weise an diesen Weltenather 
herankommen kann. Wir werden das nie tun, wenn wir nicht wirklich 
gefiihlsmaftig als Erzieher durchdrungen sind davon, daft die allrichtig 
waltende Gedankenlebendigkeit im Weltenather enthalten ist. Ohne 
daft wir diese kosmische religiose Einstellung haben, werden wir un- 
moglich dazu vorriicken konnen, die richtige Haltung gegeniiber dem 
Kinde zu entwickeln. Und auf diese Haltung kommt es an. Und ich 
will Ihnen beweisen, warum es auf die Haltung ankommt. 

Was ist es denn, was auf das Kind wirkt, was in dem Kinde lebt, 
wenn es zu verzerrten Gedanken kommt, und was ist es, was vom Er- 
zieher aus in einem solchen Fall auf das Kind wirken kann? Sehen Sie, 
aus dem, was ich gesagt habe, konnen Sie entnehmen, daft der Ather- 
leib nicht in der richtigen Weise geformt worden ist, wenn so etwas 
zugrunde liegt. Auch wenn der Mensch aus dem vorirdischen Dasein 
heruntersteigend ankommt, sind natiirlich nur richtige Gedanken im 
Weltenather, aber diese richtigen Gedanken mussen aufgenommen 
werden von demjenigen, der sich in seinen Atherleib einkleidet. 

Nun gehen wir noch einmal zu unserem Milchtopf zuriick. Die 
Milch, wir konnen von ihr nicht sagen, daft sie irgendwie falsch ge- 
formt ist: sie nimmt die Form eben an, die ihr durch die Umhiillung 
gegeben werden kann. Wenn wir ein verniinftiges Gefaft haben, so 
haben wir die Milch darin verniinftig untergebracht. Nehmen wir an, 
einem Querkopf , der recht querkopf ig ware, dem f iele es ein, ein Milch- 
Tafel 2 gefaft so zu formen (siehe Tafel 2, rechts), und jetzt gieftt er die Milch 
hinein, da kann sie nicht herunter. Nun rechnet er aber, und wenn er 
den Kubikinhalt ausrechnet, dann rechnet er das - den unteren Teil - 
hinzu. Das ist der extremste Fall. Man kann nach alien Richtungen 
das Milchgefaft ungeschickt machen. Man kann es zum Beispiel so 
machen, daft es umfallt und von dreiftig Monatstagen dadurch, daft 
man den Boden ungeschickt gemacht hat, an siebenundzwanzig Tagen 
die Milch ausflieftt. Also es handelt sich darum, daft die Milch so sein 
wird in dem Gefaft, wie das Gefaft ist. Der Atherleib mit all seiner 



Lebendigkeit ist so in dem Menschen, wie der Mensch aus dem vor- 
irdischen Dasein mit seinem Karma ankommt und den Atherleib in 
sich aufnehmen kann. Dessen mussen wir uns bewuftt sein. 

Nun, da ist es gar nicht so unmoglich, daft der Mensch ankommt 
durch sein Karma mit etwas, das gar nicht unahnlich sieht diesem 
Milchgefaft. Wenn er zum Beispiel so ankommt, daft er seinem Karma 
gemaft das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem nicht ordentlich durch- 
dringen kann, so wird dieses in kiimmerlicher Weise mit dem Atherleib 
versorgt, und der Mensch hat dann seinen Atherleib in der Kopfgegend 
ordentlich ausgebildet, er hat ihn in der Unterleibsgegend und Glied- 
maftengegend schlecht ausgebildet. Er ist leer von den formenden Ge- 
danken an diesen Stellen. So daft wir uns vor alien Dingen dariiber 
klar sein mussen, daft wir einen mangelhaft ausgebildeten Atherleib bei 
zahlreichen seelisch minderwertigen Kindern vorliegend haben. Und 
fragen mussen wir uns: Was wirkt auf einen Atherleib, der in den Ent- 
wicklungsjahren der Kinder vorhanden ist, was wirkt auf einen Ather- 
leib? 

Da tritt uns eben ein padagogisches Gesetz entgegen, das ja in aller 
Padagogik erscheint. Das ist dieses, daft wirksam ist in der Welt auf 
irgendein Glied der menschlichen Wesenheit, wo es auch immer her- 
kommt, das nachsthohere Glied, und daft es nur dadurch wirksam zur 
Entwickelung kommt. ZurEntwickelung auf den physischen Leib kann 
wirksam sein ein im Atherleib Lebendes, in einem atherischen Leib 
Lebendes. Zur Entwickelung auf einen Atherleib kann nur wirksam 
ein in einem astralischen Leib Lebendes sein. Zur Entwickelung auf 
einen astralischen Leib kann wirksam nur ein in einem Ich Lebendes 
sein. Und auf ein Ich kann wirksam sein nur ein in einem Geistselbst 
Lebendes. Ich konnte es noch weiter fortfiihren iiber das Geistselbst 
hinaus, aber da wiirden wir schon in die Unterweisung des Esoteri- 
schen hineinkommen. 

Was heifit das? Wenn Sie gewahr werden, daft in einem Kinde der 
Atherleib in irgendeiner Weise verkummert ist, so mussen Sie Ihren 
eigenen astralischen Leib so gestalten, daft er korrigierend auf den 
Atherleib des Kindes wirken kann. Wir konnen geradezu sagen, mit 
Bezug auf das Erziehungsschema kann hierher geschrieben werden: 



Tafel 3 



Kind: physischer Leib 



Erzieher: Atherleib 



Atherleib 
astralischer Leib 
Ich 



astralischer Leib 
Ich 

Geistselbst 



Der eigene Atherleib des Erziehers mufi - und das mufi durch seine 
Seminarvorbildung geschehen -, er muft auf den physischen Leib des 
Kindes wirken konnen. Der eigene astralische Leib mufi auf den Ather- 
leib des Kindes wirken konnen. Das eigene Ich des Erziehers raufi auf 
den Astralleib des Kindes wirken konnen. Und jetzt werden Sie inner- 
lich sogar erschrecken, denn hier steht das Geistselbst des Erziehers, 
von dem Sie glauben werden, daft es nicht entwickelt ist. Das muE auf 
das Ich des Kindes wirken. Aber das Gesetz ist so. Und ich werde 
Ihnen zeigen, inwiefern tatsachlich nicht bloft im Idealerzieher, son- 
dern oftmals im allerschlechtesten Erzieher das Geistselbst des Er- 
ziehers, das ihm selber gar nicht zum Bewufttsein kommt, auf das Ich 
des Kindes wirkt. Das Erziehungswesen ist in der Tat in eine Reihe 
von Mysterien eingehiillt. 

Aber jetzt geht uns auf, daft auf den verkummerten Atherleib des 
Kindes der gesundende astralische Leib des Erziehers wirken muft. Und 
sehen Sie, wie kann mit Rucksicht gerade auf diese Dinge der Astral- 
leib des Erziehers erzogen werden, selbsterzogen werden, wie es ja 
heute noch sein muft? Denn Anthroposophie kann heute nur Anregung 
geben, nicht fiir alles gleich Seminare begriinden. Der eigene Astralleib 
des Erziehers muft so beschaffen sein, daft er ein instinktives Verstand- 
nis hat fiir die Verkummerungen im Atherleibe des Kindes. 

Nehmen wir an, es sei in der Lebergegend des Kindes der Atherleib 
verkummert. Dadurch wird in dem Kinde die Erscheinung hervor- 
gebracht, daft es mit seinen Intentionen dasteht, immer will, aber dieses 
Wollen ihm immer vor der Tat stoppt. Wenn nun der Erzieher inner- 
lich sich ganz hineinfiihlen kann in diese Lage, daft man mit seinem 
Willen sich durchdnicken muft in die Tat, wenn man mitfiihlen kann 
dieses Stoppen und zu gleicher Zeit entwickeln kann aus seiner eigenen 
Energie heraus ein tiefes Mitleid mit diesem so innerlich Erlebten, dann 
bildet man im eigenen Astralleib das Verstandnis aus fiir diese Lage 



des Kindes, und man wird nach und nach dazu kommen, jede Spur von 
Sympathie oder Antipathie mit dieser Erscheinung bei dem Kinde in 
sich auszutilgen. Dadurch, daft der Erzieher die Sympathie und Anti- 
pathie in sich austilgt, dadurch wirkt er erzieherisch auf seinen eigenen 
Astralleib. Solange man mit einer solchen Eigenschaft des Kindes, daft 
es zum Beispiel gehen will und nicht gehen kann - das kann bis in 
pathologische Zustande hineingehen, das kann in auffallige Zustande 
hineingehen; es geht immer in pathologische Zustande hinein, bis, ich 
mochte sagen, bis in ganz auffallige pathologische Zustande, die man 
so bezeichnet, daft man sagt, das Kind kann nicht gehen lernen -, so- 
lange man damit Sympathie oder Antipathie hat, wenn es in gelindem 
Mafie auftritt, solange man in Erregung kommen kann dabei, so lange 
kann man eigentlich noch nicht wirksam erziehen. Erst dann, wenn 
man es so weit gebracht hat, daft einem eine solche Erscheinung zum 
objektiven Bild wird, daft man sie mit einer gewissen Gelassenheit als 
objektives Bild nimmt und nichts anderes dafiir empfindet als Mitleid, 
dann ist die im astralischen Leib befindliche Seelenverfassung da, die 
in richtiger Weise den Erzieher neben das Kind hinstellt. Und dann 
wird er alles iibrige mehr oder weniger richtig besorgen. Denn, meine 
lieben Freunde, Sie glauben gar nicht, wie gleichgiiltig es im Grunde 
genommen ist, was man als Erzieher oberflachlich redet oder nicht 
redet, und wie stark es von Belang ist, wie man als Erzieher selbst ist. 

Wie aber kommt man zu einem solchen Verstandnis? Zu einem sol- 
chen Verstandnis kommt man eben dadurch, daft man ein grofteres und 
immer grofteres Interesse entwickelt fur das Mysterium der mensch- 
lichen Organisation iiberhaupt. Dieses Mysterium, dieses Interesse fur 
die menschliche Organisation iiberhaupt, das fehlt ja der heutigen Zi- 
vilisation vollstandig. Daher weift die heutige Zivilisation eines nicht. 
Die heutige Zivilisation sieht hin auf einen, sagen wir, schwer Geistes- 
kranken [Lucke im Text], Selbstverstandlich, die Dinge gehen ja nicht 
anders, die Dinge konnen ja nur innerhalb der Zivilisation sich ab- 
spielen, daher konnen die Dinge, die wir begreifen sollen, auch nicht 
in dieser Art, wie wir sie im Begreifen hinstellen, von uns selbst in 
jedem einzelnen Fall ausgefiihrt werden. Deshalb ist es von grofter 
Wichtigkeit, daft unter Ihnen nicht Fanatiker sitzen, nicht Leute sitzen, 



die von Anfang an fanatisch sind, und die nicht verstehen die Trag- 
weite einer Wahrheit zu nehmen in bezug auf die Dinge, die esoterisch 
ins praktische Leben eingreifen sollen. Daher kann man heute die 
Kreise, in denen man die Dinge mitteilt, nicht eng genug ziehen, weil 
der Mensch der heutigen Zivilisation nicht einsehen kann, warum es 
notwendig ist, dafi man in zahlreichen Fallen sich nicht nach der Richt- 
schnur richten kann. Aber wissen mufi man es und dann streben nach 
der Verniinftigkeit, und sie dort anwenden, wo sie doch anzuwenden 
ist, und - das wird bei der Erziehung der Fall sein, bei minderwertigen 
Kindern - sie in den entsprechenden Grenzen anzuwenden. Den er- 
wachsenen Geisteskranken gegenuber konnen Sie sie nicht anwenden, 
weil sich da etwas Unsachliches hineinmischt, die Polizei. In dem Au- 
genblicke, wo man es in einer solchen Angelegenheit mit andersgearte- 
ten Impulsen zu tun hat als mit solchen, die aus der Sache folgen, wenn 
man es mit der Gesetzgebung zu tun hat, ist die Sache nicht durchfuhr- 
bar. Denn die Gesetzgebung ist ein Generelles und kann nicht fur das 
Individuelle angewendet werden, sie kann nur allgemein sein. Die 
Jurisprudenz ist in alien Fallen fur die Behandlung von abnormen 
Menschen ein wirklicherGiftstoff. Aber der stehen Sie doch gegenuber. 
Sie konnen nicht in fanatischer Weise die Dinge anwenden, Sie miissen 
sie einfliefien lassen in das Leben in der Weise, wie es geht, wie es eben 
moglich ist. 

Nehmen Sie etwa an, Sie haben einen Menschen, von dem man sagt, 
er sei schwer geistig krank, und Sie konnen so, wie es heute ublich ist, 
psychographisch, das heifit in den Symptomen, beschreiben: Er macht 
die allerverriicktesten Sachen - nach der Ansicht, die eben bestehen 
mufi. Ja, dariiber denkt doch der Mensch der heutigen Zivilisation gar 
nicht nach, was da vorliegt, er denkt nicht nach. Sehen Sie, dasjenige, 
was da vorliegt, ist dieses: Dieser Mensch, der heute also als ein ganz 
verriickter sich auslebt, der kann unter Umstanden eine sehr bedeu- 
tende Inkarnation gewesen sein in friiheren Zeiten, in genialischer 
Weise sich in friiheren Zeiten ausgelebt haben irgendeinmal. Aber 
sagen wir, dieses geniale Ausleben ware in einer zweiten zuriickliegen- 
Tafel 3 den Inkarnation dagewesen (siehe Tafel 3, unten). Dann ware eine an- 
dere Inkarnation gefolgt, in der man den betreffenden Menschen in 



verhaltnismaftig friihem Alter eingekerkert hat, so dafi er gar nicht mit 
der Welt in Beziehung gekommen ist. Dann ist er durch den Tod ge- 
gangen und hat weitergelebt. Dann ist er als verriickterMensch wieder- 
erschienen. Gerade deshalb, weil das, was er in der Inkarnation auf- 
genommen hat, vollstandig aufier dem Bereich des Erlebens des 
physischen und atherischen Leibes geblieben ist, deshalb hat er nicht 
Gelegenheit gehabt, es zu verarbeiten, und er kommt daher in volliger 
Unkenntnis des Inneren des menschlichen Leibes zur Inkarnation, er 
kann nicht hinein in den physischen Leib und Atherleib, bleibt immer 
draulSen, und, weil er sich nicht bedienen kann des physischen Leibes, 
ist er eben verriickt. Er lebt sich so aus, daft wir das, was er ist, erst 
sehen, wenn wir ganz absehen von seinem physischen und seinem 
Atherleib, wenn wir hinsehen auf seinen astralischen Leib und sein Ich. 

Denken Sie, wir haben also einen solchen Menschen als Kind vor 
uns. Da haben wir dieses fortwahrende Versuchen im kindlichen Men- 
schenwesen, in den physischen Leib und in den Atherleib hineinzu- 
kommen, und dann wiederum dieses Zuriickstoften. Nun, wir konnen 
durchaus den Fall so haben, daft, sagen wir - schematisch ware hier 
physischer Leib und Atherleib (siehe Tafel 3, rechts) -, irgendwelche Tafel 3 
Organe da sind, die durch die Vorbedingungen nicht in Ordnung sind; 
der Astralleib und das Ich wollen hinein. Sie kommen da iiberall hin- 
ein, aber da (siehe Tafel 3) kommen sie nicht ordentlich hinein, sie Tafel 3 
miissen jedesmal eine Anstrengung machen. Sagen wir, der astralische 
Leib und das Ich miissen jedesmal eine Anstrengung machen, wenn 
Leber und Magen durchdrungen werden sollen. Diese Anstrengung 
wirkt sich nun in merkwiirdiger Weise aus: es entsteht etwas wie ein 
abnormer Rhythmus, die Anstrengung fuhrt dazu, daft das Ich in 
einem entsprechenden Momente sich verstarkt und dann sich wieder 
abschwacht. Und wir haben abwechselnd in dem Kinde ein starkes 
Leber-Magengefuhl, und ehe das noch zum Bewulksein gekommen ist, 
dann ein abgeschwachtes Leber-Magengefuhl da. Und immer pendelt 
das Kind hin und her zwischen diesem starken Leber-Magengefiihl 
und dem abgeschwachten Leber-Magengefuhle. Dadurch kommt das 
Kind nicht dazu, seinen Korper in sogenannt normaler Weise zu be- 
nutzen. Denn den kann man nur benutzen, wenn dieser Rhythmus 



nicht eintritt, unterbleibt, und in ruhiger Weise der Astralleib und das 
Ich von den einzelnen Organen Besitz ergreifen. 

Ja, aber wie kommt man zum Verstehen einer solchen Sache? Zum 
Verstehen einer solchen Sache kommt man eben dann, wenn man den 
ganzen Vorgang etwa so ansieht. 

Nehmen wir an, wir haben einen sehr, sehr gescheiten Menschen 
vor uns, der aber eben gerade kein Uhrmacher ist. Aber er ist genotigt, 
sich seine Uhr, die stehengeblieben ist, selber zu reparieren. Es passiert 
ihm, daft, statt daft er die Uhr repariert, er sie total zugrunde richtet. 
Das hindert ja nicht daran, daft er ganz gescheit ist. Es ist ihm halt in 
einer Maftnahme aus Mangel an Beherrschung der Moglichkeiten, nicht 
aus Mangel an Gescheitheit seine Gescheitheit gescheitert. So scheitert 
unter Umstanden beim Heruntersteigen aus dem vorirdischen Dasein 
in das irdische Dasein die Genialitat generaliter, nur daft sich eben das 
Scheitern nicht in so kurzer Zeit abspielt, sondern im ganzen Erden- 
leben. 

Das aber fordert uns erst recht auf, hinzuschauen auf das, was da 
heruntersteigt, liebevoll hinzuschauen auf dasjenige, was sich da in der 
sogenannten Verriicktheit auslebt, auf all die Einzelheiten hinzu- 
schauen, die sich in der Verriicktheit ausleben, und hinauszukommen 
liber die blofte Symptomatologie des Seelenlebens, die zur Psycho- 
graphie fiihren kann, und mehr auf die karmischen Zusammenhange 
hinzuschauen, in die dieser Verriickte hineinkommt, mehr auf seine 
Verbindung mit der Auftenwelt zu schauen, in welche Lebenslagen er 
kommt - denn diese Lebenslagen sind unglaublich interessant -, auf 
dieses mehr objektiv zu schauen, und dann diese Verriicktheit aufter- 
ordentlich interessant finden und sie zu nehmen fur ein verzerrtes Ab- 
bild der hochsten Weisheit, fur ein Toroffnen von seiten der geistigen 
Welt, die eben nur durch verzerrte Ausgangsmittel hereinkommt, 
immer mehr und mehr sich hineinzuleben in das Interessantfinden, 
nicht etwa sensationell, sondern tief innerlich Interessantfinden der 
Abnormitaten. Denn ergreift einmal eine Abnormitat in Wirklichkeit 
den physischen und Atherleib, kommt es dazu, daft dasjenige, was ich 
Ihnen da angedeutet habe, eintritt, daft ein Rhythmus entsteht durch 
starke Entfaltung astralisch-ichlicher Tatigkeit und daft physischer 



und Atherleib stark ergrif fen werden, dann iiberwunden werden, dann 
wieder schwach werden, und kommt man an das heran, dafi man dem 
entgegenkommt, kommt man so heran, daft man beobachten kann, was 
eintritt in dem Momente des Sich-intensiv-Ergreifens, in dem Momente 
des Sich-schwach-Ergreifens, geht man selbst mit voller Liebefahigkeit 
daran, dann kann aus diesem Rhythmus das herauskommen, dafi spa- 
ter, wenn der Rhythmus iiberwunden ist, gerade in einer intensiveren 
Weise, als dies gewohnlich der Fall ist, Leber und Magen ergriffen 
werden, dann kann ein Genie der Tat, des Tuns, doch noch daraus her- 
vorgehen, wahrend es sonst dem iiberlassen bleibt, dafi in dem Weiter- 
leben zwischen Tod und neuer Geburt diese Sachen ausgeglichen wer- 
den. Denken Sie sich nur einmal, man mufi sich bewufit sein, dafi, wenn 
man minderwertige Kinder erzieht, man eingreift in dasjenige, was 
sich im naturgemafien Gang ohne Eingreifen erst vollzieht, oder bei 
falschem Eingreifen sich erst vollzieht, wenn das Kind durch dieTodes- 
pforte gegangen ist und im nachsten Leben wiedergeboren wird, wo- 
durch ins Karma tief eingegriffen wird. Bei jedem Behandeln eines 
minderwertigen Kindes wird in das Karma eingegriffen, und selbst- 
verstandlich mufi eingegriffen werden. Es ist ein richtiges Eingreifen 
ins Karma, es miissen da gewisse Dinge iiberwunden werden. 

Daft gewisse Dinge iiberwunden werden, dafiir haben ein paar von 
denen, die hier sind und in Breslau waren, vor kurzer Zeit ein Beispiel 
erlebt, das ich Ihnen hier erzahlen will, damit Sie in der richtigen Weise 
in das Denken kommen iiber solche Dinge. Ich habe auf dem Landwirt- 
schaftlichen Kursus in Breslau Richtlinien angegeben, um die Land- 
wirtschaft in der richtigen Weise zu behandeln. Nun safi bei diesem 
Breslauer Kursus auch ein alterer Landwirt, der auch ein altes Mitglied 
der Gesellschaft ist. Er kam bei dem ganzen Kursus nicht hinaus iiber 
eine gewisse Empf indung, und immer in der Diskussion trat diese Emp- 
findung wieder hervor. Er sagte fortwahrend: Ja, wenn man aber das 
tut, da benutzt man ja okkulte Mittel, um praktische Dinge auszu- 
fiihren. Beriihrt das nicht die menschliche Moralitat in einem zu inten- 
siven Sinne? Kann das nicht auch in unmoralischem Sinne ausgenutzt 
werden? - Er kam gar nicht hinaus iiber diesen Skrupel, er witterte in 
Anwendung solcher Dinge schwarze Magie. Natiirlich wird diese Sache 



schwarze Magie, wenn man sie nicht so behandelt, wie sie behandelt 
werden mufi. Deshalb habe ich einmal ganz klar gesagt: Ja, Moralitat 
mufi bei alien diesen Dingen sein. Deshalb setze ich voraus, daft die, 
welche teilgenommen haben, in voller Moralitat der Menschheit zu 
dienen, der Landwirtschaft zu helfen, an diesem Kursus teilgenommen 
haben. Deshalb soli man nehmen den Landwirtschaftlichen Ring auch 
als einen moralischen Ring, der sich zur Aufgabe setzt, daft diese Dinge 
richtig angewendet werden. Die Magie, die Gotter wenden sie an, aber 
der Unterschied zwischen weifier und schwarzer Magie besteht ledig- 
lich darin, dafi man in der weifien Magie eingreift in moralischer Art, 
in selbstloser Art, bei der schwarzen Magie auf unmoralische, auf 
selbstische Art. Einen andern Unterschied gibt es nicht. Und so kann 
selbstverstandlich, da alles Reden iiber die Erziehung minderwertiger 
Kinder ein blofies Gerede ist, wo nichts dabei herauskommt, diese Er- 
ziehung nur mit Mitteln wirken, die auch hiniibergehen konnen in die 
unmoralische Anwendung. Da kommt vor alien Dingen in Betracht die 
Erstarkung des Verantwortungsgefiihles. 

Nun mufi ich Ihnen of fen gestehen, meine lieben Freunde, konnte 
man heute innerhalb unserer gegenwartigen Zeit mit einem starkeren 
Verantwortungsgefuhl rechnen, so konnte man vieles machen. Aber es 
mufi heute, weil in unserer Zeit die Gewissenhaftigkeit nicht stark aus- 
gebildet ist, auch gerade deshalb iiber vieles geschwiegen werden. Wenn 
die Leute horen: das kann man machen und das kann man machen, so 
wollen sie es machen. Denn Lust, etwas zu tun, haben sie. Aber sobald 
es ans wirkliche Tun kommt, nicht blofi an die Fortsetzung der ehe- 
maligen Impulse, sobald es darauf ankommt, dafi wieder neue Impulse 
aus der geistigen Welt herausgeholt werden - und die mussen heraus- 
geholt werden -, dann handelt es sich vor alien Dingen darum, dafi 
Verantwortlichkeitsgefiihl und Gewissenhaftigkeit gefordert werden 
mussen. Das wird nur gefordert, wenn man weifi, um was es sich han- 
delt. Und so mufi man wissen, dafi es sich handelt um ein tiefes Ein- 
greifen in die karmischen Tatigkeiten, die sich sonst vollziehen wiirden 
zwischen Tod und einer nachsten Geburt. Bei der Erziehung minder- 
wertiger Kinder ist es so, dafi nun das, was man hier tut, dafi das nun 
eingreift in die Arbeit der Gotter, die dann sich vollziehen wiirde 



spater. Stellt man das nicht als eine Theorie sich vor, sondern laftt man 
das fest auf sein Gemiit wirken, so wird man natiirlich immer davor 
stehen, entweder das, was geschehen soli, zu tun, oder es zu unterlassen. 
Aber es darf nicht vergessen werden: jeder Schritt, der getan wird aus 
der geistigen Welt heraus, der fuhrt den Menschen dazu, nach links, 
nach rechts zu blicken und stets einen neuen Entscheid durch den 
inneren Mut des Lebens herbeizufiihren. Das gewohnliche Leben zwi- 
schen Geburt und Tod, das bewahrt den Menschen vor der Notwendig- 
keit dieses inneren Mutes. Da kann er fortwahrend das tun, was er 
gewohnt ist, woran er sich gewohnt hat. Da trollt er fort nach dem, 
was in ihm steckt, da sieht er die Ansichten immer als die Richtigen an, 
hat nicht notig, sich neue Ansichten zu geben. Das ist gut fur das Leben, 
das bloft in der physischen Welt sich vollzieht, so darinnen zu stehen. 
Aber wenn man zum Wirken aus dem Geistigen kommt, muft man sich 
taglich, stiindlich vor Entscheidungen gestellt fiihlen, bei jeder Tat 
sich vor die Moglichkeit gestellt fiihlen, sie tun zu konnen oder unter- 
lassen zu konnen, oder sich vollig neutral verhalten zu konnen. Und 
zu diesen Entscheidungen gehort eben Mut, innerer Mut. Das ist die 
allererste Bedingung, wenn man auf einem solchen Felde etwas tun 
will. Und der erwacht nur, wenn man sich die Grofte der Dinge immer 
vor Augen stellt: du tust etwas, was die Gotter sonst tun im Leben 
zwischen Tod und nachster Geburt. Das zu wissen, ist von gar grofter 
Bedeutung. Nehmen Sie das meditierend auf. Es denken zu konnen, 
hat eine grofte Bedeutung. Fuhrt man sich das jeden Tag meditierend 
vor die Seele, daft es so ist, wie man ein Gebet jeden Tag betet, sich das 
jeden Tag vor die Seele zu riicken, dann erzeugt das in uns die Ver- 
fassung des astralischen Leibes, die wir brauchen, um uns in der rich- 
tigen Weise dem minderwertigen Kinde gegeniiberzustellen. Erst wenn 
wir daran glauben, daft wir selber uns so zurichten miissen, dann 
konnen wir iiber die weiteren Dinge reden. Daher wollen wir diese 
Dinge als die Einleitung betrachten und wollen sie uns ernstlich iiber- 
legen. Es kommt auf die Gemiitsvorbereitung an, wenn man an solche 
Aufgaben herangehen will, wie diejenigen sind, von denen wir hier 
sprechen. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 27.Juni 1924 



Nun, meine lieben Freunde,wir haben gesprochen vom Zusammenhang 
von atherischem, physischem, astralischem Leib und Ich-Organisation, 
wie er sich darstellen kann, dieser Zusammenhang, beim sogenannten 
abnormen Kinde. Aus dem, was ich gestern auseinandersetzte iiber die 
eigentiimliche Art, wie der Atherleib abnorm gestaltet sein kann durch 
eine nicht entsprechende Einfiigung in das allgemeine Gedankensystem 
des Weltenathers, haben wir uns versucht auseinanderzusetzen, daft 
dies, was da eintritt, nach den verschiedenen Seiten hin unregelmaftig 
sein kann. Wenn Sie dies begreifen konnen, werden Sie auch im Ver- 
laufe der Vortrage vielleicht eine Oberzeugung mitnehmen konnen; 
das ist diese: Man wird im einzelnen die Behandlungsmethode fast 
jeder kindlichen Individuality gegeniiber finden miissen, wenn man 
eine allgemeine Seelenstimmung ins Erziehen hineintragt. Aber man 
mu!5 etwas wissen zunachst, und das Wesentliche ist dieses, daft eigent- 
lich die gesamte heutigePsychiatrie von den sogenannten Seelenerkran- 
kungen der Methode nach nichts wissen kann. Wenn man die Dinge 
kennt, wird man zu den Behandlungsmethoden im einzelnen kommen. 
Daher ist es viel weniger wichtig, daft Sie Maftregeln fiir das einzelne 
bekommen, sondern besonders wichtig ist es, daft Sie im Prinzipe ein- 
sehen, daft auch auf diesem Felde eine gesunde Pathologie, eine ge- 
sunde Diagnose von selbst sich in das Therapeutische hinein entwickelt. 

Nun liegt es ja bei vielen sogenannten Geisteskrankheiten so, daft 
man sie aus Griinden, die Sie auch im Laufe dieser Vortrage einsehen 
konnen, nicht mehr heilen kann, oder wenigstens nur unter aufterst 
schwierigen Verhaltnissen heilen konnte, selbst wenn man auch das 
Geisteswissenschaftliche berucksichtigen konnte. Dazu wiirde man ei- 
gene Sanatorien brauchen fiir diese Geisteskranken, wo man erwachsene 
Geisteskranke - wenn auch aufterordentlich schwer - heilen konnte; 
ich meine Kranke besonderer Art, besonders solche Falle, die uns fiir 
das kindliche Alter wichtig sind. Andererseits werden Sie sehen, daft 
man durch eine richtige padagogische Behandlung im kindlichen Alter 



durchaus helfen kann. Und wir werden sehen, daft dasjenige, was auch 
zu dem Schwersten gehort, wenn man es bei dem Erwachsenen vor- 
liegen hat, zum Beispiel die Epilepsie, eigentlich in friihem Kindheits- 
stadium viel Aussicht hat, ausgebessert oder gar weggebracht zu wer- 
den, wenn man die Sache nur richtig ansehen kann. Man kommt dann 
schon im einzelnen individuellen Falle zu den Maftregeln, wenn man 
das Prinzip desOberganges kennt von dem, was zugrunde liegt, zu dem, 
was man tun soil. Aber man mufi eben wissen, was der Erkrankung 
zugrunde liegt. 

Nun, sehen Sie, daft man das mit der heutigen Psychiatrie nicht 
wissen kann, das beruht darauf, daft man heute gar keine Ahnung hat, 
daft es so etwas wie eine besondere Ich-Organisation oder einen beson- 
deren astralischen Leib gibt, sogar den Atherleib leugnet man heute 
noch vielfach. Ich bestehe nicht auf Namen, aber wenn gewisse Leute 
aus der Theorie heraus von gewissen Begriffen sprechen wie Driesch, 
so erkennen sie den Atherleib nicht, weil sie sich davor furchten. Aber 
immerhin vom Physischen aus dringt zu der Erkenntnis des Organisch- 
Atherischen die heutige Wissenschaft schon vor. Nun ist das Wichtige, 
was man nicht wissen kann, wenn man vom astralischen Leib und der 
Ich-Organisation nichts weift, dieses: Nehmen Sie einmal zuerst den 
Zusammenhang zwischen physischem Leib und atherischem Leib. Er 
bleibt aufrechterhalten das ganze Leben hindurch, von der Konzep- 
tion, vom Embryonalzustand bis zum Tode, denn er geht durch alle 
Schlafzustande hindurch. Dagegen wird durch jeden Schlaf hindurch 
unterbrochen der Zusammenhang mit astralischem Leib und Ich- 
Organisation. 

Die Art und Weise, wie sich nun die Ich-Organisation und der astra- 
lische Leib im Wachzustande im physischen Leib und Atherleib ver- 
halten, muft richtig angesehen werden, wenn man iiberhaupt einen 
realen Begriff iiber sogenannte Geisteskranke haben will. Es ist uner- 
laftlich, daft man diese Eingliederung des astralischen Leibes und des 
Ichs in den physischen Leib und atherischen Leib ihrem Wesen nach 
kennt, wenn man iiberhaupt einen vernunftigen Gedanken fassen will 
iiber eine sogenannte Geisteskrankheit. Nun, sehen Sie, gewohnlich 
glauben auch die Anthroposophen - nicht weil die Anthroposophie, 



die sehr prazise in ihren Formulierungen vorgeht, dazu Veranlassung 
gibt, aber weil man eben alte Denkgewohnheiten hat gewohnlich 
glauben auch die Anthroposophen: wenn der Mensch aufwacht, gehen 
halt sein astralischer Leib und die Ich-Organisation iiber in den phy- 
sischen und atherischen Leib, verbinden sich so, wie sich Wasserstoff 
und Sauerstoff verbinden. So ist es nicht. Wenn man die Sache hell- 

Tafel 4 seherisch anschaut, so ist es so (siehe Tafel 4): wenn man hier den 
physischen Leib, hier den atherischen Leib hat, so kommt der astra- 
lische Leib allerdings hinein und auch die Ich-Organisation kommt 
hinein; das kommt alles hinein und man sieht diesen Obergang. Aber 
dieser Obergang, der also darin besteht, daft der astralische Leib und 
die Ich-Organisation den physischen und Atherleib ergreifen, das ist 
nicht alles. Und hier beginnt eben, mochte ich sagen, eine Tatsache des 
menschlichen Lebens, die von aufierordentlicher Wichtigkeit ist. 

Gehen wir zunachst zur Ich-Organisation. Die Ich-Organisation er- 
greift nicht blofi den atherischen und den physischen Leib, wenn sie zu- 
riickgeht beim Aufwachen, sondern sie ergreift im menschlichen Leibe 
die aufiere Welt, die Krafte der aufteren Welt. Was heifk das? Nun 
stellen Sie sich vor, wir haben die Schwerkraft, die so wirkt (siehe 

Tafel 4 Tafel 4). Innerhalb der Richtung der Schwerkraft stehen wir ja auf- 
recht, wenn wir wachen. Stellen Sie sich einfach die Schwerkraft als 
solche vor, die da wirkt, also die Richtung der Gewichtskrafte. Nun 
gibt es zwei Vorstellungen; machen wir uns das recht klar: die eine 
konnte darin bestehen, dafi das Ich - sehen wir zunachst vom atheri- 
schen Leibe ab - den physischen Leib ergreift, der physische Leib fiigt 
sich dann der Schwerkraft, nicht wahr, wir stellen uns in die Schwer- 
kraft hinein, wenn wir gehen, wir miissen das Gleichgewicht aufsuchen 
und so weiter. Das ware die eine Vorstellung: wir ergreifen im Auf- 
wachen mit dem Ich den physischen Leib; der physische Leib, der ist 
schwer und unterliegt dem Gewichte der Erde, und jetzt unterliegen 
wir mit unserem physischen Leib dem Gewichte der Erde und haben 
dadurch mittelbar eine Beziehung zur physischen Schwerkraft. Das ist 
die eine Moglichkeit. Es ist gerade so, wie wenn ich mit dem Gewichte 
des Buches eine mittelbare Beziehung zur Schwerkraft habe, indem ich 
das Buch ergreife. Das ist die eine Vorstellung; die ist falsch, unrichtig. 



Die andere Vorstellung ist diese: das Ich schlupft hinein in den phy- 
sischen Leib, ergreift den physischen Leib, aber schlupft so weit hinein, 
daft es den physischen Leib unschwer macht; der physische Leib ver- 
liert, indem das Ich hineinschlupft, seine Schwerkraft. Wenn ich also 
als wacher Mensch aufrecht stehe, so ist fiir mein Bewufitsein, fiir das 
Ich selbst, fiir die Ich-Organisation, die auch im Warmeorganismus 
ihren physischen Ausdruck hat, die Schwerkraft uberwunden. Es ist 
keineMoglichkeit vorhanden,in mittelbare Beziehung zur Schwerkraft 
zu treten. Das Ich tritt in unmittelbare Beziehung, stellt sich als Ich in 
die Schwerkraft hinein, schaltet also den physischen Leib aus. Das ist 
dasjenige, um was es sich handelt. Sie stellen sich fortwahrend in die 
wirkliche Schwerkraft der Erde hinein mit der Ich-Organisation, wenn 
Sie gehen, nicht auf dem Umwege durch den physischen Leib, Sie treten 
in unmittelbare Beziehung zu dem Tellurischen. 

Ebenso ist es mit dem Atherleib. Auch der Atherleib ist in Krafte 
eingeschaltet. Nehmen wir eine von diesen Kraften. Ich habe oft dar- 
auf aufmerksam gemacht, wir unterliegen, indem wir als Mensch auf 
der Erde herumgehen, einem sehr starken Auftrieb. Wir haben unser 
Gehirn; das ist durchschnittlich 1500 Gramm schwer. Wenn diese TafeM 
Schwere von 1500 Gramm auf die Basis unseres Gehirns mit den feinen 
Adern driicken wiirde, wiirden diese so fort zerquetscht werden. Es 
dnickt eben nicht, es schwimmt in Wahrheit in dem Gehirnwasser. 
Dadurch erleidet es einen Auftrieb, es verliert soviel von seinem Ge- 
wicht, als die verdrangte Wassermasse Gewicht hat. Diese verdrangte 
Wassermasse hat ein Gewicht, das ungefahr 20 Gramm weniger ist als 
das Gewicht des Gehirns selbst, so dafi das Gehirn nur mit einem Ge- 
wichte von 20 Gramm auf seine Unterlage driickt. Wir haben also ein 
schweres Gehirn, das aber nicht hinuntergedriickt wird, sondern einen 
Auftrieb hat. In diesem Auftrieb leben wir darinnen, unser Atherleib 
lebt darinnen. Aber indem wir hineinschliipfen mit unserer Ich- 
Organisation in unseren Atherleib, stehen wir nicht mittelbar in dem 
Auftrieb darinnen, sondern direkt mit der Ich-Organisation. Mit alien 
Kraften der Erde, mit der ganzen physischen Welt steht unsere mensch- 
liche Organisation in Beziehung, und zwar in direkter unmittelbarer 
Beziehung, nicht in indirekter Beziehung. 



Nun, sehen Sie, womit steht da unsere Ich-Organisation in Bezie- 
hung? Da steht unsere Ich-Organisation erstens in Beziehung zur 
Schwerkraft, das heifk zu dem Irdischen. Denn, meine lieben Freunde, 
das, was die Physiker Materie nennen, das gibt es ja nicht. In Wirk- 
lichkeit existieren nur Krafte, und die Krafte sind durchaus ahnlich 
wie zum Beispiel die Schwerkraft - es gibt natiirlich noch andere 
Krafte, gewisse elektrische Krafte, magnetische Krafte mit alien 
steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Beziehung und ist wahrend 
des ganzen Wachzustandes im normalen Menschen darinnen. Wir kon- 
nen sagen, alles dasjenige, was wir unter Erde umfassen, das sind diese 
Krafte. Alles dasjenige, was wir unter Wasser umfassen, was im Gleich- 
gewichtszustande ist, mit dem steht die Ich-Organisation in unmittel- 
barer Verbindung, Alles, was luftformig ist - nicht wahr, wir miissen 
in der Physik neben der gewohnlichen Mechanik auch eine Hydro- 
mechanik, eine Aeromechanik lernen, weil die Gleichgewichtsprozesse 
und meteorologischen Prozesse in der Luft ihre besondere Formung 
haben -, mit dem steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Verbin- 
dung. Dann steht die Ich-Organisation noch in Verbindung mit einem 
Teile des allgemeinen Warmezustandes, mit einem Teile der allgemei- 
nen Warmekrafte, durch den wir immer durchgehen, wenn wir in der 
physischen Welt leben. (Siehe Tafel 5): 
Tafel 5 Ich-Organisation: Erde 

Wasser 

Luft 

Wiirmo 

Astralleib: Warmo 

Licht 

Chemismus 
Lebensather 

Ich durchstreiche «Warme», weil es nur ein Teil ist. - Wir wachen auf 
und stellen uns als Geist mit unserer Ich-Organisation in die Welt der 
irdischen Krafte hinein. Unsere Beziehung ist in Wirklichkeit nicht 
eine physisch vermittelte, sondern eine magische. Nur daft diese nur 
raumlich ausgeiibt werden kann, rein raumlich begrenzt durch die 
Grenzen unseres Organismus. Wenn Sie anfangen zu begreifen, dafi die 



Beziehung unserer Ich-Organisation nicht eine physische, sondern eine 
magische ist, dann haben Sie sehr vie! gewonnen. 

Wenn wir jetzt zum Astralleib gehen: der Astralleib steht nun auch 
nicht etwa bloft durch den Atherleib, sondern in unmittelbarer Bezie- 
hung zu gewissen Kraften, die auf uns wirken, wenn wir im Wach- 
zustand sind. Nun, das ist wiederum ein Teil der Warmekraft; die 
Warme namlich wirkt mit einem Teil auf den physischen Organismus 
und mit einem Teil auf den Atherorganismus zuriick. Dann ist der 
astralische Leib in unmittelbarer Beziehung zu den Lichtkraften. Aber 
da miissen Sie wissen, daft Lichtkrafte fiir Geisteswissenschaft etwas 
anderes sind als das, was die Physik heute darunter versteht. Wir wol- 
len nicht auf Theorien eingehen, aber nicht wahr, dem, was die Welt 
rings um uns herum in Beleuchtung wahrnehmen kann, dem liegt na- 
turlich etwas zugrunde, und zwar im Ather, so daft wir schon sagen 
konnen: Licht ist eine Atherkraft. - Wir sprechen nun in der gewohn- 
lichen Wissenschaft heute von dem Licht, als in dem Beleuchteten ent- 
halten. Geisteswissenschaft spricht so vom Licht: sie nennt Licht auch 
dasjenige, was andern Sinneswahrnehmungen zugrunde liegt, wie zum 
Beispiel das Licht der Tonwahrnehmungen. Wenn wir Tonwahrneh- 
mungen haben, so ist die auftere Physik uberhaupt nur versucht, als 
von dem aufteren Korrelat der Tonwahrnehmung, von der bewegten 
Luft zu reden. Die bewegte Luft ist nur das Medium des wirklichen 
Tonelementes. Das wirkliche Tonelement ist ein Atherisches, und die 
Vibration der Luft ist nur die Wirkung dieses atherischen Vibrierens. 
Licht lebt auch in der Geruchswahrnehmung. Kurz, fiir alle Wahr- 
nehmungen liegt zugrunde ein viel Allgemeineres als Licht, als was man 
in der Physik heute Licht nennt. Es ist gewifi irrefuhrend, das gebe ich 
Ihnen zu, daft so vom Licht gesprochen wird. Denn im Grunde ge- 
nommen hat man so vom Lichte gesprochen in der alten Geisteswissen- 
schaft bis zum 12., 13. nachchristlichen Jahrhundert. Dann hat sich 
das Verstandnis dafiir verloren, und man hat versucht, andere Aus- 
driicke anzuwenden, die aber noch unverstandlicher sind. Deshalb 
sind die Biicher iiber Alchimie, die auf das 12. Jahrhundert folgen, so 
unverstandlich. Fiir Sie ist von Bedeutung, daft man dies Licht nennt. 
Mit diesem Licht nun steht der astralische Leib in Verbindung mit all- 



dem, was den Sinneswahrnehmungen unterliegt auf der Erde, nicht auf 
dem Umweg durch den Atherleib, sondern direkt in Beziehung. Das ist 
ganz besonders interessant. Drauften lebt das Licht im Ather, aber wir 
haben auch Atherisches in uns. Das Licht wirkt auf den Atherleib. 
Aber mit diesem Licht, das in uns ist, kommen wir beim Aufwachen 
nicht allein in Beziehung, sondern mit Umgehung dieses Lichtes glie- 
dern wir uns in das aufSerlich stromende Licht ein. Ebenso ist es auch 
mit dem auftern, durch die Welt wirkenden Chemismus. Auch in den 
Chemismus gliedern wir uns ein auf eine unmittelbare Art. Und das 
ist besonders wichtig,denn damit wird gesagt,dafi derMensch wachend 
in eine Art kosmischen Chemismus eingegliedert ist. Nun kennt unsere 
heutige Wissenschaft nur den leblosen Chemismus, hochstens ein bifi- 
chen den organischen Chemismus, aber sie kennt gar nicht jenen Che- 
mismus, der ein allgemeiner Weltenchemismus ist. In den gliedern wir 
uns ein, wenn wir aufwachen. Und ebenso gliedern wir uns ein in das 
allgemeine Weltenleben, in den Lebensather; alles unmittelbar. 

Und das, was ich Ihnen jetzt skizziert habe, das mufi erreicht wer- 
den, wenn der Mensch so, wie ich es geschildert habe, nach und nach 
seinen zweiten Korper aus dem ersten aufbaut und auch den dritten 
aufbaut. Das alles mufi erreicht werden, indem der Mensch in sich 
untertaucht, mit Durchdringung seines eigenen Wesens, in die irdisch- 
kosmischen Agenzien hinein. Er muft die Welt ergreifen konnen durch 
sich. Wir haben heute in unserer Wissenschaft noch eine solche Sache 
nur ganz klar auf einem einzigen Gebiet, wo in der Tat die Physik in 
ahnlicher Art vorgeht, wie man es auf vielen Gebieten wiinschen 
konnte. Das ist die Augenorganisation. 

Denken Sie, wenn man das Auge betrachtet, richtig wie ein kniippel- 
dicker Physiker, wie eine physische Vorrichtung, ein physikaHsches 
Instrument: man zeichnet ins Auge hinein genau dieselben Figuren, 
wenn man das Auge begreifen will, von Lichtbrechung durch die Linse, 
Bildung des objektiven Bildes und so weiter, nur dafi man nicht iiber- 
gehen kann zu der Art, wie das Seelische in das Physikalische eingreift. 
Aber das Ganze ist furchtbar interessant. Denn nun hat man, wenn 
man so physikalisch vorgeht, diese ganze Zeichnung da vor sich, und 
jetzt stockt man, jetzt will man durch das Gehirn hindurch an das 



Seelische heran. Schauen Sie sich einmal diese drolligen philosophischen 
Purzelbaume an, alle diese interessanten, aber in der Tat blitzdummen 
Theorien vom psychophysischen Parallelismus oder von der Wechsel- 
wirkung. In Wahrheit kommen eben im Auge die Ich-Organisation und 
der astralische Leib unmittelbar an das, was wir physisch zeichnen, 
heran, ergreifen innerhalb des Auges das Physische. Fur das Auge ist 
man also nahe daran, den richtigen Tatbestand zu ergreifen, weil man 
dazu genotigt ist durch diese eigentumliche Absonderung des Auges, 
weil das Auge fast nach auften liegt und in der embryonalen Entwicke- 
lung von auften eingebaut wird. Beim Auge macht man das. Das ist 
aber beim ganzen Menschen der Fall. Man miiftte den ganzen Menschen 
innerlich physikalisch, geist-physikalisch erfassen, so daft man zu den 
irdischen Kraften auch die fliichtigen Lichtkrafte hinzufugen kann. 
Man miiftte innerhalb der menschlichen Organisation dasjenige, was 
eigentlich aus der Umgebung heraus am Menschen da vorhanden ist 
und was vom Menschen so unmittelbar ergriffen wird, das physika- 
lisch Konstruierte, das miiftte man erkennen. 

Wie kann nun aber die Sache in abnormen Zustanden liegen? Im 
abnormen Zustande kann tatsachlich irgend etwas, irgendein Organ - 
es kann nicht der ganze Organismus sein - so liegen, daft der Mensch 
keine Moglichkeit hat, durch dieses Organ hindurch den Anschluft an 
die Auftenwelt unmittelbar zu finden. Ein Organ kann sozusagen sich 
in den Weg stellen, so daft der Mensch durch dieses Organ nicht den 
Anschluft an die Auftenwelt findet. Was muft dann eintreten? Nehmen 
Sie irgendein Organ (siehe Tafel 5, rechts), die Lunge meinetwegen, die Tafel 5 
Lunge stellt sich so hinein in den menschlichen Organismus, daft der 
Mensch, wenn er aufwacht, nicht den Anschluft an die Aufienwelt fin- 
det. Nehmen Sie aber an, der Mensch schlaft, und es tritt da wahrend 
des Schlafes etwas in der Lunge auf, was die Lunge so organisiert, daft 
der Mensch, wenn er nun aufwachen wiirde, untertauchen wiirde in 
die Lunge, aber nicht in die Auftenwelt heraus konnte. Dann ist sein 
Ich und astralischer Leib fur die Lungenorganisation genotigt, sich in 
die Lunge hineinzupressen, aber sie konnen nicht wieder herauskom- 
men. Denn die Sache muft so sein, daft der Mensch mit seinem Astral- 
leib untertaucht, aber wieder heraus kann nach alien Seiten in die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:317 Seite:49 



Welt hinein. Die Lunge mulS bloft den Obergang darstellen konnen. 
Nun liefert sie den Obergang nicht, sondern halt Astralleib und Ich 
fest, das heiftt, wiirde sie festhalten, wenn der Mensch aufwachen 
wiirde. Das Ungliick ist, daft er unter solchen Umstanden auf jeden 
Fall aufwacht, weil dasjenige, was in die Lunge eintritt, durch den be- 
sonderen Chemismus eine Infiltration irgendeines Stoffes in feiner 
Verteilung ist. Die so verlegte Organisation fiillt irgendein feiner Stoff 
aus, der besondere Affinitat zur Lunge hat. Dann ist die Lunge un- 
regelmaftig, und der Mensch wacht infolgedessen auf. Aber wie? Er 
wacht auf, aber ohne daft er das Bewufttsein kriegt. Daft man das Be- 
wufttsein kriegt, dazu ist es notwendig, daft man herauskommt. Man 
bekommt das Bewufttsein, wenn man durchgedrungen ist. Wenn man 
bloft hineingekommen ist, wacht man auf; wenn man durchdringt, 
bekommt man das Bewufttsein. Man bleibt darin stehen, man bleibt 
darin stecken, und es setzt sich der Schlaf, der gesunde Bewufttseins- 
losigkeit ist, in die kranke Bewufttseinslosigkeit fort, das heiftt, der 
Mensch wacht zwar auf, kriegt aber nicht das Bewufksein. 

Sie sehen, man schildert nach der einen Seite genau aus dem Innern 
heraus den Zustand des Epileptikers. Die Epilepsie ist so, und ist ins- 
besondere im kindlichen Alter so, wie ich es geschildert habe. So daft 
also gesagt werden muft: Was liegt bei einem Epileptiker eigentlich 
vor? - Bei einem Epileptiker liegt das vor, daft er mit seiner Ich- 
Organisation und seinem astralischen Leib zwar in den physischen und 
Atherleib untertauchen kann, daft er aber auf der andern Seite nicht 
herauskommt in die physische Welt, daft er darinnen festgehalten wird. 
Nun denken Sie sich doch, wie ist es denn da eigentlich, wenn nun da 
der astralische Leib hineingeht, sagen wir in die Lunge, da drinnen 
festgehalten wird, da nicht wieder heraus kann? So wird er ja an der 
Oberflache der Lunge gepreftt. Der astralische Leib und die Ich- 
Organisation werden da gepreftt, stauen sich da. Sehen Sie, deshalb 
entsteht in einem solchen Falle unter der Oberflache der Organe eine 
Stauung der Ich-Organisation und des astralischen Leibes. Das tritt in 
der Auftenwelt als Krampf auf. Das sind Krampfe. Jedesmal, wenn 
Krampf auftritt, findet eine innere Stauung an der Oberflache irgend- 
eines Organs statt. Diese Stauungen sind ja vorzugsweise in den Ge- 



hirnpartien vorhanden - und wir wissen ja, wie sich die Gehirnpartien 
zu den andern verhalten -, konnen aber durchaus darin bestehen, daft 
sich in Leber oder Lunge etwas staut und die Gehirnstauung nur eine 
Projektion, ein schwacheres Abbild ist. Jedesmal, wenn ein Krampf 
vorliegt, bemerkt man diese Stauung der Ich-Organisation und des 
astralischen Leibes innerhalb eines Organs. Und dann ist man erst auf 
der wahren Ursache der epileptischen Krampfe, fur die man sonst 
nichts hat als die auftere Deskriptive. Man kann nicht diesen Zustand 
wirklich kennenlernen, wenn man nicht in der Lage ist, von physi- 
schem und Atherleib aufzuriicken zu Ich und astralischem Leib. Sonst 
hat man keinen Inhalt, wenn man von Krampfen spricht, wenn man 
nicht weift, daft da an der Oberflache Astralleib und Ich-Organisation 
furchtbar zusammengeschoppt sind. Sie konnen nicht heraus, drangen 
dann nach auften und werden zuriickgehalten. 

Wenn Sie nun dasjenige nehmen, was wir da auseinandergesetzt 
haben, dann werden Sie sich von selbst sagen: Was tue ich nun, wenn 
im kindlichen Lebensalter die Symptome der Epilepsie vorliegen, Be- 
wufttseinsausfalle mit Krampfen verknupft oder ihre Ersatzerschei- 
nungen, von denen wir noch sprechen werden? Was kann man tun im 
einzelnen Fall? - Im einzelnen Fall mufi man sozusagen aus dem In- 
stinkte heraus probieren. Man probiert zunachst, ob die Bewufttseins- 
storungen sehr verwandt sind, wie es bei manchen Epileptikern durch- 
aus der Fall ist, den Erscheinungen des gewohnlichen Schwindels. Es 
treten die Schwindelerscheinungen auf. Man wird sie beim Kinde be- 
merken in der Anlage. Man wird sich klar sein konnen, wenn, sagen 
wir, die Bewufttseinsausfalle nur kurz sind, dafiir aber stark bemerk- 
bare Schwindelerscheinungen auftreten, wo es irgendwie fehlt. Es wird 
hier fehlen: die Ich-Organisation und der astralische Leib kommen 
nicht in unmittelbare Beziehung zu den Gleichgewichtskraften. Da 
miissen Sie zunachst erforschen, ob bei irgendeinem Kinde das vorliegt, 
daft die Ich-Organisation und der astralische Leib nicht in die richtige 
Beziehung zu den Gleichgewichtskraften kommen. Jetzt lassen Sie es 
turnen oder eurythmisieren, indem Sie beim Turnen oder Eurythmisie- 
ren ihm immer auftere Gegenstande geben, die bekannten Hanteln 
(siehe Tafel 5, unten) oder dergleichen, lassen es namentlich Gleich- Tafel 5 



gewichtsiibungen machen, lassen es diese Gleichgewichtsubungen 
machen im Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. 
Dann wird das Kind noch die Moglichkeit haben, daft es, wenn Sie 
ihm zwei gleichschwere Hanteln geben - die miissen aber apotheker- 
maftig ausgewogen sein - und lassen es hanteln und eurythmische Be- 
wegungen oder sonstige Turnbewegungen mit Hanteln machen, dann 
werden Sie eines getan haben. Jetzt geben Sie in die linke Hand eine 
Hantel,welcheleichter ist als die in der rechten, lassen es wieder turnen, 
dann in die rechte Hand eine leichtere Hantel als in die linke, lassen es 
wieder turnen, dann binden Sie ihm etwas, was schwer ist, es braucht 
nicht besonders schwer zu sein, an das eine Bein an, lassen es damit 
gehen, daft es gewahr wird die Kraft, die da am Bein zieht. Wenn es ge- 
wohnlich geht, wird es nicht gewahr die Kraft; es mufi sich aber mit 
der Ich-Organisation hineinversetzen und es wird es gleich gewahr, 
wenn Sie ihm etwas anhangen. Dann hangen Sie das Gewicht an das 
andere Bein an, dann veranlassen Sie es, die Sache mehr geistig zu 
machen, veranlassen Sie es zu spiiren, sich hineinzudenken in die Be- 
wegungen, in die Streckbewegung des linken Armes, in die Streck- 
bewegung des rechten Armes, in die Streckbewegung beider Arme; 
lassen es bewuftt wahrnehmen die Schwere, indem Sie es ein Bein auf- 
heben lassen, das andere stehen lassen. Kurz, Sie machen in diesen 
Fallen, wo Sie durch die Schwindelanfalle merken: in die irdischen 
Krafte geht es nicht recht herein, solche Bewegungen, in denen das 
Kind genotigt ist, die auftere Gleichgewichtslage beherrschen zu lernen. 
Ebenso wird man es dazu bringen, epileptische und epileptoide Kin- 
der zu behandeln, wenn man sie in die andern Krafte sich einfugen 
laftt. 

Nun, nicht wahr,bis hierher geht es ja noch. Sie werden schon etwas 
erreichen bei manchen Epileptikern, bei denen Sie etwa sehen, daft sie 
namentlich ein gestortes Zirkulationssystem haben, daft der Safte- 
umlauf eigentlich die Erscheinungen bewirkt. Wenn Sie also wahr- 
nehmen, daft mit den epileptischen Anfallen, wenn sie als Krampfe 
oder auch noch als Schwindelanfalle auftreten, da besondere Obelkeits- 
empf indungen verbunden sind, dann hat man es zu tun mit dem Nicht- 
einfiigen-Konnen ins Wasserelement. Dann wird man gut tun, wenn 



man dem Kinde moglichst bemerkbar macht das waftrige Element, 
bevor es in den Organismus aufgenommen wird, wenn man versucht, 
dem Kinde die Speisen so vorzubereiten, daft es die Speisen stark spurt. 
Aufterlich konnte man etwas erreichen, wenn man es schwimmen ler- 
nen lassen konnte. Schwimmenlernen ist fiir Epileptiker ein sehr gutes 
Mittel, nur mull man verstandig hinschauen auf das, um was es sich 
handelt. 

Fiir die eigentlichen Bewufttseinstriibungen, die auftreten, aber ohne 
daft der Betreffende starke Obelkeiten hat, sind dann sorgfaltig regu- 
lierte Atemubungen nicht schlecht, um die Verbindung mit der Luft 
herzustellen. Und fiir den richtigen Zusammenhang mit der Warme ist 
es notig, daft man besonders epileptische Kinder daran gewohnt, daft 
sie die Warme fiihlen. Das heiftt, wenn es schon bei gewohnlichen Kin- 
dern etwas Schauderhaftes ist, wenn man sie halb nackt herumgehen 
laftt mit unbedeckten Unterschenkeln,was ja sehr haufig dieUrsache ist 
von Blinddarmreizungen, sogar Blinddarmentziindungen im spateren 
Lebensalter - die Leute wissen das nicht - so ist das bei epileptischen 
Kindern durchaus Gift. Epileptische Kinder sollte man so anziehen, 
daft sie immer etwas neigen zum Schwitzen, so daft das Schwitzen 
immer ein biftchen im Status nascendi vorhanden ist, daft sie ein bifi- 
chen zu warm angezogen sind. Das ist eigentlich Therapie. All dieses 
schreckliche Reden von Abhartung ftihrt dazu, daft die Leute als Kin- 
der furchtbar abgehartet werden, und die Ergebnisse dieser Abhartung 
bestehen darinnen, daft, wenn sie nachher alt geworden sind, sie nicht 
einmal iiber einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen konnen, ohne 
in die Knie zu sinken. Man ist nicht abgehartet, wenn man nicht un- 
beschadet iiber einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen kann. Sie 
sollen nur sehen die Herren, wie sie den Zylinder abnehmen, wenn sie 
iiber einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen und fortwahrend in 
die Knie sinken wollen. Das sind in der Regel die Lebensergebnisse der 
heutigen Abhartungen. 

Nun damit sind wir hauptsachlich auf die Dinge eingegangen, wel- 
che gerade im kindlichen Alter die Ich-Organisation noch hineinleiten 
in die Elemente, in die sie hineingeleitet werden muft. Hier beginnt 
aber schon das Gebiet, wo unmittelbar an das Padagogische der Arzt 



herantreten mufi. Denn bei diesen Dingen, da konnen wir, wenn epi- 
leptische Erscheinungen da sind, eben nur auf dem Wege des Heil- 
mittels der Sache beikommen, und wir miissen auch nicht zuriick- 
schrecken, auf dem Wege des Heilmittels der Sache beizukommen. 
Sobald die epileptischen Erscheinungen verknupft sind, namentlich 
mit demjenigen, mit dem sie verknupft werden, wenn der astralische 
Leib in der Hauptsache dabei engagiert ist, wenn also die oberen, die 
atherischen Elemente aufhalten das Durchdringen des astralischen 
Leibes in die Aufienwelt, dann miissen wir ja auf diese Elemente im 
Menschen drinnen selber wirken. Und da handelt es sich darum, daft 
wir wirklich den Weg finden, aber vor alien Dingen zuerst erkennen, 
ob der astralische Leib engagiert ist oder nicht. 

Und wie erkennen wir, ob der astralische Leib engagiert ist? Nun, 
wer viel epileptische oder epileptoid veranlagte Kinder beobachtet hat, 
wird zwei voneinander sehr verschiedene Zustande bemerken. Das eine 
sind diejenigen Zustande, wo, ich mochte sagen, gegenuber einer mo- 
ralischen Beurteilung das Kind nicht herausfordernd ist, weil das Kind 
sich in das, was man jedem Kinde in moralischer Beziehung beibringen 
will, hineinfiigt. Wenn man es also mit epileptischen oder epileptoiden 
Kindern zu tun hat, die sich leicht in die moralische Weltordnung hin- 
einfiigen, kann man vielleicht bei dem stehenbleiben, was ich gesagt 
habe. Wenn man es aber zu tun hat mit solchen Kindern, die unzugang- 
lich werden fiir das Moralische, die also zum Beispiel leicht gewalttatig 
werden in ihren Anfallen - denn die epileptischen Anfalle konnen 
sich dadurch maskieren, dafi zum Beispiel Gewalttatigkeiten beim 
Kinde auftreten, an die oftmals keine Erinnerung vorhanden ist 
wenn dies eintritt, dafi also moralisch erscheinende Defekte auftreten, 
dann handelt es sich darum, dafi man im kindlichen Alter noch mit 
wirklichen Heilmitteln eingreift, so daft man tatsachlich also die Epi- 
lepsie zum Beispiel versucht zu bekampfen mit den Mitteln, die iiber- 
haupt gebrauchlich oder von uns angegeben werden in gewisser Be- 
ziehung, wie Schwefel oder Belladonna, und hier eine regelmafiige 
Therapie einleitet. Nun, iiber diesen mehr medizinischen Teil werden 
wir noch sprechen. Ich mochte heute nur hinweisen darauf, wie man 
aus den aufieren Anschauungen ubergehen mufi von der mehr padago- 



gischen Behandlung in die mehr medizinische Behandlung. Und bei 
gewissen epileptischen Kindern wird es sich durchaus darum handeln, 
daft man sogar, weil sie ja ganz gut in die auftere Welt eingeschaltet 
sind, vermeiden muft die auftere Obung und vorzugsweise durch innere 
Therapie zu wirken hat. 

Nun ist hier zu gleicherZeit der Punkt,wo die epileptischen Erschei- 
nungen ganz sukzessive iibergehen in andere Erscheinungen. Ich habe 
gestern davon gesprochen, daft Gedanken eigentlich nicht falsch sein 
kdnnen, und jetzt habe ich fortwahrend davon gesprochen, von dieser 
Art und Weise, wie der Mensch sich die Gedanken eingliedert. Solch 
eine Erscheinung, daft der Astralleib sich staut in der Lunge, beruht 
darauf, daft der Gedanke der Lunge nicht richtig eingegliedert ist. Also 
das sind alles Gedankendefekte. Die treten ein, wenn wir nicht im- 
stande sind, beim Heruntersteigen unseren Organismus in der richtigen 
Weise zu beherrschen, daft wir ihn das zweite Mai aufbauen konnen. 
Aber wir bringen auch das Willensmaftige, das auf die einzelnen Organe 
verteilt ist, aus unserem friiheren Erdenleben mit. Wenn nun die Ge- 
danken iiberhaupt nicht falsch sein konnen, sondern immer richtig 
sind, sie nur verzerrt durch unseren Organismus in uns erscheinen, 
dadurch also auch Organe verzerrt aufbauen konnen, so ist es beim 
Willen, wie er aus dem vorirdischen Dasein ins irdische Dasein eintritt, 
so, daft er kaum richtig sein kann. Er kommt in volliger Unsicherheit 
an und muft sich im Gedankensystem aufbauen. Beim Gedankensystem 
ist es so, daft es in der Welt nirgends unrichtig ist, beim Willenssystem 
ist es so, daft es kaum irgendwie richtig ist, ohne daft der Mensch etwas 
dazu tut. Der Mensch bringt unter alien Umstanden ein unrichtiges 
Willenssystem in die Welt herein. Und das bewirkt, daft wir niemals in 
die Welt, indem wir physische Menschen werden, mit Moralitat her- 
untersteigen. Die Moralitat miissen wir uns erst nach und nach er- 
werben. Das, was Moralitat war fur unsere friihere Inkarnation, das 
haben wir gebraucht zwischen Tod und neuer Geburt, wo wir be- 
schaftigt waren mit unserem weisheitsvollen Bauen, das haben wir 
langst verschwitzt; die Moral miissen wir uns immer in jedem einzelnen 
Erdenleben neu erwerben. Das heiftt, jetzt tritt etwas sehr bedeutungs- 
volles ein: jetzt miissen wir, indem wir aus dem vorirdischen Dasein 



amoralisch hereinkommen, in unserem Willen Sinn entwickeln; wir 
kommen mit unserem Willen herein in unsere Organe, wir miissen in 
unserem Willen Sinn entwickeln fur dasjenige, was uns moralisch ent- 
gegengebracht wird. 

Da ist es aufterordentlich wunderbar, wie mit dem Sprechenlernen 
die moralischen Impulse in das Kind hineinflieften. Deshalb ist es uns 
von so ungeheurer Bedeutung, zu erkennen, daft das Imitieren bis in 
die intimsten Dinge hineingeht. Daft das beachtet wird, ist sehr bedeut- 
sam: denn wenn die Erzieher und Eltern in der Umgebung des Kindes 
unmorali'sch sind, unmoralisch reden, so wird nicht die auftere Hand- 
lung, sondern der unmoralische Gehalt in der tiefen Innenorganisation 
des Kindes mit imitiert. Da handelt es sich also darum, daft wir auch 
mit der Auftenwelt in Beziehung treten, aber auf dem Umwege durch 
den ganzen Organismus, nicht durch einzelne Organe. Und wenn da 
eine Stauung auftritt, dann tritt diese Stauung auf dadurch, daft wir, 
wahrend wir vorher nicht mit unseren Gedanken iiberail herauskom- 
men, hier nicht mit unserem Willen herauskommen. Und das tritt in 
den moralischen Defekten zutage. Jetzt sehen Sie die inneren Ursachen 
der moralischen Defekte, wenn im ganzen menschlichen Organismus 
sich staut dasjenige, was aus dem vorirdischen Dasein hereinkommt 
und durchstoften und sich durchfinden soli, wenn es den Durchgang 
zur moralischen Beurteilung unserer Umwelt finden soil. Wir miissen 
die Moral unserer Umwelt aufnehmen konnen. Das konnen wir unter 
Umstanden nicht, wenn unsere geistig-seelische Organisation sich staut, 
wenn wir darinnen steckenbleiben - in der physischen Organisation 
wenn wir nicht durchkommen mit unserer geistig-seelischen Organi- 
sation. 

Nun, sehen Sie, da handelt es sich darum, daft man in der Tat ganz 
auf moralischem Gebiete steht. Nur muft das auch in der richtigen 
Weise erkannt werden. Sie werden, wenn Sie es mit eigentlichen epilep- 
tischen Erscheinungen zu tun haben, das aus den Symptomen, die ich 
angefiihrt habe, Schwindelanfalle, Bewufttseinsausloschung und so 
weiter, das werden Sie aus solchen Erscheinungen, die am Menschen 
auftreten, vorubergehend auftreten, diagnostizieren miissen. Wollen 
Sie im moralischen Gebiete moralische Defekte erkennen, dann miissen 



Sie nicht an die voriibergehenden Symptome denken, sondern an die 
bleibenden Symptome. 

Die hauptsachlichsten Storungen, wodurch konnen sie auftreten? 
Natiirlich ist alles im Karma bedingt; man mufi von zwei Seiten spre- 
chen, von der Beschaffenheit, mit der der Mensch auftritt, und von 
seiner karmischen Bedingtheit. Nun denken Sie sich einmal, der Embryo 
lagert so im Organismus, daft er hier zusammengedruckt wird, daft das 
Gehirn zu schmal gebildet wird fur die ganze iibrige Organisation. 
Jetzt haben Sie dies zu beachten: wahrend der kindlichen Entwicke- 
lung durch das zu schmal entwickelte Gehirn haben Sie jene Strah- 
lungen von dem Gehirn, die gerade wichtig sind vom siebenten bis zum 
vierzehnten Lebensjahre, dadurch gestort und gestaut, weil von dem, 
was hier sich staut, ein Abbild eintritt in der Milzfunktion. Was ist die 
Folge? Die Folge dieses Stauens ist, daft das Kind keine innerliche Sym- 
pathie entwickelt fiir irgend etwas, was ein moralisches Urteil ist; es 
fehlt ihm die Sympathie dafiir. Wie fiir einen Farbenblinden die Far- 
ben nicht da sind, so sind fiir gewisse Kinder die moralischen Impulse, 
die in unserem Sprechen, in unseren Ermahnungen liegen, nicht da. 
Das Kind wird dadurch moralblind. Und wir haben dann die Aufgabe, 
diese Moralblindheit zu beheben. - Wir werden also an aufteren De- 
formationen, wenn wir sorgfaltig vorgehen, immer ein wunderbares 
Symptom haben konnen. Und man wird immer gar vieles finden, was 
gegen diese scharlatanhafte Betatigung aller Phrenologie eingewendet 
wird, aber zur Beurteilung von moralischen Defekten sollte eigentlich 
von jedem eine echte Phrenologie schon studiert werden. Denn es ist 
schon interessant, zu sehen, daft moralische Defekte, die mit dem Kar- 
ma zusammenhangen, daft diese so starke Krafte sind, wo karmische 
Immoralitat ist, daft sie unweigerlich in Deformationen des physischen 
Organismus auftreten. 

Aber auf der andern Seite sind gerade auf diesem Gebiete heilpad- 
agogische Versuche aufterordentlich angezeigt, und man wird, wenn 
man die gestern erwahnten Eigenschaften mitbringt, diesen inneren 
Mut und dieses Sich-Stellen vor Entscheidungen, seinen Ermahnungen, 
die man dann braucht, eben auch die notige innere Kraft geben kon- 
nen. Innere Kraft braucht man dazu. Daft Heilung eintreten kann, das 



habe ich ofter schon an einem bestimmten Beispiel klargemacht. Sehen 
Sie, ein ganz bekannter deutscher Dichter liefi sich einmal phrenologi- 
sieren von einem Sachverstandigen. Er war schon ein beriihmter Dich- 
ter. Und der Phrenologe, der gedacht hat, allerlei Interessantes zu fin- 
den, wurde plotzlich leichenblafi, als er eine bestimmte Stelle betastete, 
und da getraute er sich nicht weiterzureden, wahrend er sonst bei inter - 
essanten Dingen immer redselig war. Der Dichter fing an zu lachen und 
sagte: Ich weifi schon, Sie haben den Diebssinn entdeckt; den habe ich 
stark gehabt! - Er hatte entdeckt, daft der Betreffende ein Kleptoman 
hatte werden konnen. Nun hat er die Kleptomanie in Dichtkunst um- 
gewandelt. 

Da ist eben das, wo man die Dinge so anfassen mufi, wie ich es ge- 
stern erklart habe; und man darf tatsachlich schon von vorneherein 
diese Dinge nicht so beurteilen, wie man sie sonst beurteilt. Denn sehen 
Sie, es ist ja so: wenn man dem Menschen gegeniibersteht, so hat er 
seine menschlichen Eigenschaften nach zwei Polen hin hauptsachlich 
ausgebildet, nach dem Pol des mehr Gedanklich-Vorstellungsmafiigen 
und nach dem Pol des Willensmafiigen. Ja, das Vorstellungsmafiige ist 
krank, wenn es nicht ein Dieb ist, und zwar ein ganz ausgiebiger Dieb. 
Die Hirn-Vorstellungsorganisation mufi ein furchtbarer Dieb sein, 
nicht Moral anwenden auf das, was sie aufnehmen soil. Sie mufi den 
Sinn haben, sich alles anzueignen. Das ist der eine Pol. Und man ist 
eben geneigt, entweder zur Epiiepsie oder zu irgend etwas, wenn man 
nicht nach alien Seiten hin mit der Vorstellungsorganisation grapst. 
Aber das darf um Gottes Willen nicht hinunterschliipfen in die Willens- 
organisation! Die mufi zuriickhaltend sein, sie mufi empfanglich sein, 
sie mufi einen Sinn haben fur Mein und Dein, der erst am aufieren Le- 
ben entwickelt wird. Denken Sie: die Tiere, die mehr im Vorstellungs- 
leben leben als die Menschen, die wiirden fortwahrend verhungern, 
wenn sie nicht den Sinn hatten, sich alles anzueignen. Diese Dinge mufi 
man durchschauen. Das darf nicht in die Willensorganisation hinunter- 
schliipfen, das mufi in der feinen Vorstellungsart bleiben. Wenn ich so 
sagen darf, wenn die astrale Infiltration unseres Gehirns, die ganz be- 
rechtigt ist, sich alles anzueignen, hinunterschltipft bis in die Stoff- 
wechsel-Gliedmafienorganisation oder in das rhyxhmische System hin- 



ein, dann entsteht im Willen als Tendenz dasjenige, was in der Vor- 
stellungsorganisation da sein mull: es entsteht dieser Drang, sich alles 
anzueignen. Er kann in verhaltnismaftig harmlosem Sinne auftreten, 
was Sie dann beobachten konnen, wenn ein Kind anfangt, alles was es 
findet, aufzuheben und sich eine Sammlung davon anzulegen. Natiir- 
lich, man bekampft solche Dinge fortwahrend; deshalb treten sie nicht 
so kraft auf. Man mufi sich angewohnen, die Anlage dazu zu sehen. 
Gewifi, das Kind bringt es gewohnlich nicht dazu, weil man anfangt, 
es durchzuprtigeln. Aber darauf mufi man sorgfaltig aufpassen, ob das 
Kind diese Neigung hat, irgendwie Dinge sich zuriickzulegen, sich 
zusammenzulegen, und man mufi eine Empfindung dafiir haben, wo 
das Krankhafte beginnt. Es beginnt das Krankhafte, wenn es iiber ein 
gewisses Maft hinausgeht. Die Philistrositat hat vieles, aber hat kein 
Urteil dariiber, wenn nicht gerade eine Veranlassung dazu vorliegt, 
wieviel man sammeln darf. Man kann ein grandioser Philister sein und 
Postmarken sammeln, da ist die Sammelwut mehr unschadlich. Wenn 
sie aber beim Kinde auftritt im Nachahmen, dann deutet das darauf, 
daft das Kind das heruntergerutscht hat, dieses Sich-Aneignen, in die 
Willenssphare. Da handelt es sich wirklich darum, daft Sie sorgfaltig 
sehen, wenn es sich um karmisch-moralische Defekte handelt in der 
Kleptomanie, daft Sie es sehen aus den Zusammenhangen heraus, die 
ich gestern geschildert habe, und aus einer solchen Seelenverfassung 
heraus an das Kind herankommen, indem Sie moglichst wirksam mo- 
ralisch erziehen mit einer ungeheuren inneren Lebendigkeit, nicht mit 
Lassigkeit. Mit innerer Lebendigkeit erfindet man Geschichten, wo- 
durch dasjenige, was das Kind tut, im Leben ad absurdum gefiihrt 
wird. Man erzahlt ihm einen Fall von Stehlen und macht das wiederum 
und immer wiederum. Das greift tatsachlich in das Karma ein. 

Da wirkt man auf dem Wege des Heilpadagogischen, das im Mora- 
lischen stehenbleiben kann, wenn man wirklich ganz dabei ist, wenn 
man sich ganz individuell interessiert, wie die Dinge gemacht werden. 
Jeder Kleptomane ist aufierordentlich interessant. Es sind ihm bis in 
die Zehenspitzen, bis in die Fingerspitzen die Vorstellungseigenschaf ten 
hineingerutscht. Das mull man natiirlich wissen,wenn man ihn erziehen 
will. Man mufi in die Erzahlungen unter Umstanden Gesten hinein- 



flechten, die der Kleptomane gern macht. Man versetzt sich ganz in 
diesen Fall hinein, erfindet Legenden, Marchen, in denen diese Dinge 
ad absurdum gefuhrt werden. 

Denken Sie nach, wir werden auch Kleptomanen vorfiihren, den- 
ken Sie die Dinge immer weiter durch, Sie werden sehen, gerade da- 
durch kommen Sie auf diesem Gebiet durch die Diagnostik in die The- 
rapie hinein. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 28Juni 1924 



Nun, meine lieben Freunde, wir wollen heute eine Art Abrundung ver- 
suchen der einleitenden Betrachtungen und werden dann von morgen 
ab zu der praktischen Betrachtung einzelner Falle Ubergehen konnen. 
Es handelt sich darum, daft eine wirkliche Betrachtung des Wesens des 
sogenannten seelischen Krankseins auch notwendigerweise dazu fuhren 
mufi, Anhaltspunkte zu gewinnen fur dieBehandlung. Daft dieBehand- 
lung bei Erwachsenen unseren Methoden heute noch Schwierigkeiten 
bieten mufi, das hat seine Griinde in dem, was ich gestern ausgefuhrt 
habe: daft zu der Behandlung solcher Dinge gewisse Vorbedingungen 
da sein miissen, die, solange die Weltverhaltnisse so stehen, wie sie jetzt 
stehen, uberhaupt nicht innerhalb unserer Gesellschaft fur seelisch 
Kranke verwirklicht werden konnen. Dagegen liegt bei Kindern die 
Sache so, daft die Erziehung in der Tat aufterordentlich viel machen 
kann. Wie Sie aber eingesehen haben, meine lieben Freunde, handelt es 
sich bei seelischen Erkrankungen - nauirlich bei andern auch, aber hier 
viel tiefer, in viel tieferem Sinne, in viel bestimmterem Sinne - um 
karmische Zusammenhange, die in den Krankheiten zum Vorschein 
kommen. 

So ist natiirlich die Frage berechtigt aufgeworfen - nicht so sehr 
ausdrucklich, sie mulS unbewuftt aufgeworfen werden, wir miissen es 
fiihlen, was da zugrunde liegt -: Wie weit kann eine Besserung herbei- 
gefiihrt werden? - Jeder Grad von Besserung, den wir herbeifuhren 
konnen, ist fur den kranken Menschen ein Gewinn. Wir diirfen uns 
niemals trosten damit: das Karma ist so, und daher nehmen die Dinge 
so diesen Verlauf. Das sagen wir bei aufteren Schicksalsereignissen und 
konnen es auch tun; konnen es aber niemals tun bei demjenigen, was 
die freistromende Gedanken-, Gefuhls-,Tatenrichtung ist im Menschen 
selbst. Denn da kann das Karma verschiedene Wege gehen. Und es kann 
ein Abbiegen des Karmas stattfinden, so daft nicht etwa die Dinge 
nicht erfiillt werden, die zu erfiillen sind, aber sie konnen auf verschie- 
dene Weise erfiillt werden. Ich habe oftmals, wenn davon gesprochen 



worden ist, vorgeburtliche Erziehung soil geiibt werden, womit man 
meint, Erziehung in der Embryonalzeit, ich habe oftmals gesagt: 
Solange das Kind nicht atmet, handelt es sich um Erziehung und das 
Verhalten der Mutter. Und im ubrigen soil man nicht in das Werk der 
Gotter eingreifen. Da handelt es sich ganz um das, was sich abspielt bei 
der Mutter selbst. 

Nun aber, eine sachgemafte Betrachtung kann so angestellt werden, 
wie wir sie fur das epileptische Irresein gestern begonnen haben, wobei 
beriicksichtigt wird physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib und 
Ich-Organisation. Nun, was haben wir herausbekommen fur all die 
Formen des kindlichen Irreseins, die epileptisch oder epileptoid sind? 
Wir haben gefunden, daft es sich handelt um ein Stauen des astralischen 
Leibes und der Ich-Organisation in irgendeinem Organ. Die Oberflache 
eines Organs laftt nicht heraus den Astralleib und die Ich-Organisation, 
die stauen sich. Die stauen sich innerhalb des Organs. Es entsteht eine 
verdichtete astralische und Ich-Atmosphare innerhalb des Organs. Das 
gibt die Veranlassung zu den Krampfen. Denn jedesmal, wenn ein 
Krampf vorhanden ist, ist folgendes vorhanden: Das Wesen des 
Krampfes besteht darinnen, daft wenn hier ein Organ ist (siehe Ta- 
fel 6, links), mit seinem Atherleib darin, so besteht ein ganz bestimmtes 
Verhaltnis zwischen diesem physischen Leib und Atherleib fur jedes 
Organ, zum astralischen Leib und zum Ich. 

Nicht wahr, Sie alle kennen ja das - man kann nur, wenn man sol- 
che Voraussetzungen macht, dariiber sprechen -, was die bestimmten 
aufteren Verhaltnisse sind, in denen sich in der unorganischen aufteren 
Natur die Stoffe miteinander verbinden. Wie es die Chemie tut, ist es 
zwar nicht richtig, aber bestimmte Verhaltnisse bestehen - ich sage 
nicht Atom- oder Gewichtsverhaltnisse, weil das schon in die Theorie 
greift -, aber die Tatsache besteht, daft in einem bestimmten Verhaltnis 
Wasserstoff und Sauerstoff sich verbinden. Wenn wir die Schwefel- 
Tafel 6 saure haben, H 2 S0 4 , so haben wir darinnen Wasserstoff, Schwefel und 
Sauerstoff in einem bestimmten Verhaltnis, in dem sie zueinander ge- 
horen. Wenn dieses ein anderes wird, so kann unter Umstanden der 
Stof f , der da entsteht, ein ganz anderer sein. Wenn wir ein anderes Ver- 
haltnis haben als in der Schwefelsaure zwischen Wasserstoff, Schwefel 



und Sauerstoff, so bekommen wir da die schweflige Saure, H 2 SO a , 
obwohl dieselben Stoffe darinnen enthalten sind. 

So besteht ein ganz bestimmtes Verhaltnis im sogenannten normalen 
Menschen; ich sage sogenannt, weil der Ausdruck «bei dem normalen 
Menschen» absolut philistros ist, da glaubt man, es ist eine Grenze da. 
Nun, innerhalb bestimmter Grenzen ist das Verhaltnis variabel. Aber 
wenn es liber eine bestimmte Variabilitat hinauskommt, und die kann 
wiederum individuell sein fur einzelne Menschen, wenn es iiber eine 
bestimmte Grenze hinauskommt, so ist Abnormitat, Krankhaftigkeit 
vorhanden. - Es ist also so, daft in einem Organ astralischer Leib und 
Ich-Organisation darinnen sitzen, so daft sie es in einem bestimmten 
Verhaltnis nicht ausfiillen konnen und nicht iiber das Organ so hinaus- 
ragen konnen, wie wir es gestern als notwendig erkannt haben, iiber 
den physischen Leib. Staut sich nun der Astralleib und das Ich in einem 
bestimmten Organ, dann ist der iiberschiissige Astralleib und die iiber- 
schiissige Ich-Organisation in diesem Organ drinnen, dann ist nicht die 
gehorige Menge darinnen, sondern es ist eine gestaute Menge, eine iiber- 
schiissige Menge darinnen, und das Organ wird dadurch so, daft es die 
Astralitat spiiren muft, empfinden muft. Wenn die richtige Menge der 
Astralitat darinnen ist, so empfindet das Organ die Astralitat nicht. 
Denn jede nicht ins Organ gehorige Tatigkeit des Astralleibes und der 
Ich-Organisation muft das Organ empfinden. Geht irgend etwas nicht 
ins Bewufttsein iiber, staut es sich, so daft eine zu grofte Menge von 
Astralitat und Ich-Organisation da ist, die nicht ins Bewufttsein iiber- 
geht, dann entsteht der Krampf. Und damit haben Sie schon die Be- 
gleiterscheinung gegeben, die Bewufttseinsstorung. Die Bewufttseins- 
storung muft dann immer eintreten,wenn es sich um ein Organ handelt, 
das uberhaupt mit Bewufttsein zu tun hat. Handelt es sich um ein Or- 
gan, das nicht direkt etwas mit dem Bewufttsein zu tun hat - es gibt 
auch solche Organe, welche nicht direkt, sondern invers mit dem Be- 
wufttsein etwas zu tun haben, welche Hemmungsorgane sind -, dann 
entsteht nicht Bewufttlosigkeit, sondern Schmerz. Schmerz ist erhohtes, 
nicht abgeschwachtes Bewufttsein. Der Krampfzustand als solcher ist 
ja nicht schmerzhaft, das ist einfach eineTatsache; das, was als Schmerz 
eintreten kann, ist dann das, was eintritt, wenn in einem Hemmungs- 



organ, nicht in einem bewufttseinsfordernden Organ, sondern in einem 
bewufttseineinhaltenden Organ die Stauung stattfindet. Da tritt er- 
hohtes Bewufttsein, Schmerz ein. Das ist das Wesen des Schmerzes. 

Nun, damit haben wir alle diejenigen Formen des Irreseins erfaftt, 
auch im kindlichen Organismus, die ins Epileptische oder Epileptoide 
ausmiinden, die wir genau besprechen werden, aber am besten an in- 
dividuellen Fallen. 

Nun werden Sie aber leicht einsehen, die Sache kann ja auch anders 
sein. Sie kann so sein, daft nun nicht ein Organ auftritt so, daft seine 
Oberflache in sich die Ich-Organisation und den Astralleib zuriickhalt, 
sondern daft die Oberflache zu viel durchlaftt, daft gewissermaften das 
Organ nicht geniigend fur seinen eigenen Verbrauch in sich selber zu- 
riickhalt, so daft hier also nicht die Astralitat, wozu auch die Ich- 
Organisation gehort, sich staut, sondern daft sie gewissermaften iiber 
Tafel 6 das Organ leicht hinausflieftt (siehe Tafel 6). Man konnte sagen, 
die Oberflache wird fur die Astralitat und die Ich-Organisation zu 
durchlassig, das Organ rinnt aus in bezug auf seine Astralitat und Ich- 
Organisation. Wir sehen dann mit dem imaginativen Bewufttsein das 
Organ ausstrahlen,es rinnt aus. Solch ein ausrinnendes Organ ist immer 
verbunden mit dem physischen Korrelat der Sekretion, die naturlich 
bei gewissen Organen nicht stark auftritt, die aber durchaus auch be- 
merkbar auftreten kann. Wir werden davon zu sprechen haben. Sehen 
Sie, da haben wir es dann, wenn es das kindliche Alter betrifft, zu tun 
mit einer Erscheinung, die nur dadurch geheilt werden kann, daft man 
den Astralleib und die Ich-Organisation befestigt, sozusagen zuriick- 
bringt ins Organ. 

Nun, zu welchen Formen, zu welchen aufterlich wahrnehmbaren 
Symptomkomplexen fiihrt dann eine solche innere Beschaffenheit? Da 
kommen wir auf ein Kapitel, wo fur das kindliche Alter etwas anderes 
auftritt als fur den Erwachsenen. Da kommen wir zu Formen des Irre- 
seins, die fur die Zeit der menschlichen Entwickelung von der Geburt 
bis zur Geschlechtsreife besondere Formen annehmen miissen, wir 
kommen da zu Formen des hysterischen Irreseins. In diesen Formen 
des hysterischen Irreseins leben heute alle Unklarheiten der aufteren 
Wissenschaft. Es leben darinnen alle unsachhchen Wortpragereien. 



Das beginnt schon bei der allerersten Anschauung, die man iiber diese 
Sache hat; denn man wird natiirlich in irgendeiner Weise nach den 
heutigen Anschauungen dieses hysterische Irresein mehr oder weniger 
in Zusammenhang zu bringen haben mit dem Geschlechtsleben. Man 
bringt es sogar in Formen, die man darunter notifiziert, mehr als mit 
dem Geschlechtsleben des Mannes mit dem Geschlechtsleben der Frau 
in Zusammenhang. Nicht die Wortbezeichnung ist es, worauf es an- 
kommt. Welche Falle man heute darunter notifiziert, ob sie die Be- 
zeichnung hysterisches Irresein, so wie man das meint, verdienen, oder 
ob man einen viel grofieren Komplex erfassen muE, darauf kommt 
es an. 

Nun liegt die Sache so, daft einfach das Kind bis zur Geschlechts- 
reife diese Form des Irreseins eigentlich gar nicht haben kann, die man 
ihm zuschreibt, wenn man an das Geschlecht bei der Hysterie denkt, 
sondern dafi das Kind iiberhaupt in seinen ersten Lebensepochen etwas 
haben kann, was ich beschrieben habe als das Hinausragen des astra- 
lischen Leibes und der Ich-Organisation iiber ein Organ. Nur das kann 
es haben. Wir mussen von alien Beschreibungen, die da bestehen fur 
das Erfassen des hysterischen Irreseins, absehen, denn alle diese Be- 
schreibungen haben das schon an sich,daf5 man an gewisseOberbegriffe 
dabei denkt; wenn man aber dabei an einen gewissen Oberbegriff 
denkt, so wird die Beschreibung falsch. Und so sind heute zahlreiche 
Beschreibungen auf dem Gebiet der Psychiatrie einfach falsch. Man 
kann so etwas nicht machen, wie man es heute eben macht. 

Sehen wir uns einmal an, was da in Wirklichkeit vorliegt. Das Kind 
erfafit die Auflenwelt, wie ich es gestern gesagt habe, schwer. Es erfaftt 
schwer den Gleichgewichtszustand mit der Fliissigkeit, den Gleich- 
gewichtszustand mit der Luft, die Differenzierungen in der Warme, 
die Differenzierungen im Lichte, die Differenzierungen im Chemismus, 
die Differenzierung im allgemeinen Weltenleben, diese erfaftt es, statt, 
wie es bei dem epileptischen Irresein der Fall ist, zu schwach, zu stark; 
es steckt uberall in die Umgebung, in die Schwere, in die Warme steckt 
es seinen Astralleib und das Ich hinein, es erfaik ein jegliches in so in- 
tensiver Weise, wie es eigentlich beim sogenannten Normalen nicht 
moglich ist. Was entsteht denn da? 



Nun, Sie brauchen sich nur vorzustellen, Sie haben irgendwo die 
Haut geritzt und Sie greifen ein Ding an mit einer wunden Flache, mit 
einer Flache, wo Sie die Haut abgeschiirft haben, wo Sie empfmdlich 
sind. Sie sind deshalb empfindlich, weil Sie da mit Ihrem innerlich 
astralischen Leibe zu stark an die Auftenwelt kommen. Man darf mit 
seinem astralischen Leib und der Ich-Organisation nur in einem ge- 
wissen Mafie an die Auftenwelt herankommen. Das Kind, das nun von 
vorneherein seinen astralischen Leib hinausbringt, ergreift in feiner 
Art alle Dinge gerade so, wie wenn es verwundet ware. Dadurch ent- 
steht ganz selbstverstandlich das Erlebnis einer Hyperempfindlichkeit, 
einer hyperempfindlichen Hingabe an die ganze Umgebung. Es emp- 
findet dann ein solches Menschenwesen viel starker, viel intensiver die 
Umgebung, spiegelt sie auch viel starker in sich. Es entstehen daher 
auch Vorstellungen, die in sich weh tun. In dem Augenblicke, wo man 
den Willen entfaltet demgegenuber, greift man hinein in etwas, dem- 
gegenuber man uberempfindlich ist. Es entsteht in den bewufiten Par- 
tien eine eigentumliche Tatsache, wenn man den Willen entfaltet: es 
entsteht ein zu groftes Bewufksein an der Willensentfaltung, es entsteht 
ein Schmerz bei der Willensentfaltung; im Entstehungsstadium ist die- 
ser Schmerz da, im Status nascendi. Man will ihn zuriickhalten. Das 
geschieht intensiv. Man zappelt im Tun, weil man den Schmerz zuriick- 
halten will. 

Sie sehen, man bekommt da Beschreibungen, die in ganz bestimm- 
tem Sinne ins Leben miinden. Sie bekommen da Beschreibungen her- 
aus, wo das Kind etwas tun will, und die Sache ist so: es spurt einen 
Schmerz und kann es nicht tun, hat aber statt dessen, dafi das Seelen- 
leben ins Tun ausfliefit, ein furchtbar starkes Innenerleben, vor dem es 
zuriickschaudert. Es schaudert vor sich selbst zuriick. Oder auch, wenn 
es sich nicht um ein Tun handelt, sondern urn ein maskiertes Tun, das 
im Vorstellungsleben liegt - da lebt namlich der Wille mit -, wenn es 
sich um ein Tun im Vorstellungsleben handelt, wenn Vorstellungen 
sich entwickeln sollen, so kann es sein, daft die Vorstellungen im Mo- 
ment, wo sie entstehen sollen, bei gewissen Formen des Krankseins 
Angst hervorrufen und nicht entstehen konnen. Jede solche Vorstel- 
lung, die im Moment, wo sie ins Bewufitsein kommen soil, im Moment 



des Entstehens Angst hervorruft, jede solche Vorstellung bewirkt zu 
gleicherZeit, daft das Gefiihlsleben unter ihr sich entfaltet. Die Gefuhle 
schaumen auf, der depressive Zustand beginnt dann immer. Die Ge- 
fuhle, die von Vorstellungen nicht erfaftt werden, sind depressiv; nur 
die Gefuhle sind nicht depressive Gefuhle, die sogleich vom Vorstel- 
lungsleben erfaftt werden, wenn sie entstehen. 

Das, was man aus der Sache heraus beschreibt, kann man sehen, 
und das ist schon im Grunde ein Symptomenkomplex. Lernt man also 
erkennen das Wesen einer solchen Abnormitat, dann kann man es in 
der Anschauung unmittelbar sehen. Das ist es, um was es sich handeln 
mulS, wenn Geisteswissenschaft mit ihrer Anschauung in diese prak- 
tischen Gebiete des Lebens eingreift. Da mussen fur die, die da ein- 
greifen sollen, die Beschreibungen nun ganz aus dem Abstrakten her- 
ausgehen, ganz ins Lebendige hineingehen, so daft die Beschreibung 
dort miindet, wo dann derjenige, der die Beschreibung hat, es am 
Kranken sieht. Und hier sehen Sie formlich das, was da geschieht: das 
Ausrinnen irgendeines Organes oder irgendeines Organkomplexes an 
Astralitat oder Ich-Organisation. 

Eine ganz grobe Erscheinung beim Kinde, die aufterlich gewisser- 
maften den Symptomenkomplex vergrobert ausdriicken wird, wird das 
Bettnassen sein. Es ist ganz selbstverstandlich. Damit aber riicken Sie 
das Bettnassen des Kindes erst in seine richtige Perspektive. Es hat sei- 
nen Ursprung in dieser Tatsache. Sie konnen also liberal!, wo es sich 
um das Bettnassen handelt, voraussetzen: Da rinnt der astralische Leib 
heraus. Denn alle Art von Aus- und Abscheidungen hat es zu tun mit 
der Tatigkeit des astralischen Leibes und der Ich-Organisation. Die 
mussen in Ordnung sein, wenn die Aus- und Abscheidungen in Ord- 
nung sein sollen. 

Nun konnen wir wiederum sagen, daft also die Ich-Organisation 
und der astralische Leib durch den physischen Leib im Zusammenhang 
stehen mit den gewohnlichen sogenannten vier Elementen, daft im 
Atherleib die Ich-Organisation und der astralische Leib mehr im Zu- 
sammenhang stehen mit den oberen Elementen, mit einem Teil der 
Warme, mit dem Lichte, mit dem Chemismus und mit dem allgemeinen 
Weltenleben. Wenn man also Ausdriicke, die ganz bezeichnend sein 



konnen, ausdehnt auf das Geistige, wie es durchaus auch friiher im 
instinktiven Hellsehen geschehen ist, wo man noch nicht so stark das 
Physische von dem Geistigen unterschieden hat, so kann man sagen: 
Es gibt ein seelisches Wundsein des Kindes. Und dieses seelische Wund- 
sein des Kindes, das umgreift als Oberbegriff all das, was da auftritt. 
Und es wird, wenn dieses seelische Wundsein eben durch Heilpadagogik 
nicht gebessert werden kann, dann bei der Geschlechtsreife die weib- 
liche oder die mannliche Form dieses Wundseins auftreten. Die weib- 
liche Form wird dann den Charakter des Hysterischen haben, wie man 
es bezeichnet hat, solange man eine Anschauung gehabt hat; die mann- 
liche Form hat eine andereGestaltung, die wir auch besprechen konnen, 
aber die in anderer Art auftritt. 

So werden Sie also iiberall dazu gefuhrt, uberall wo ein solches dem 
epileptischen oder epileptoiden Irresein Entgegengesetztes vorliegt, 
darauf zu achten, wie die Ausscheidungen beschaffen sind. Sie werden 
darauf gefuhrt, insbesondere die Schwitzverhaltnisse des Kindes or- 
dentlich ins Auge zu fassen. Sie werden namentlich sorgfaltig acht- 
geben miissen darauf, ob, wenn Sie dem Kinde etwas beibringen wollen, 
also Vorstellungen hervorrufen wollen, die innere Wundheit gegenuber 
einer Vorstellung sich auslebt in Schwitzzustanden. Dabei besteht eine 
gewisse Schwierigkeit. Sie werden unter den gewohnlichen Verhalt- 
nissen glauben, daft, wenn man nun irgend etwas hervorgerufen hat 
von einem solchen inneren Zustand, dann nachtraglich gleich die 
Schwitzverhaltnisse beobachtet werden konnen. Das kann in gewissen 
Verhaltnissen der Fall sem, braucht aber nicht der Fall zu sein. Denn 
da tritt das Eigentiimliche ein, daft das, was da an innerer Angst oder 
innerer Zurikkhaltung, an Empfindung des inneren Wundseins da ist, 
nicht so wirkt wie eine auftere Wundempfindung, sondern daft das- 
jenige, was da entsteht, erst im Menschen verdaut wird und manchmal 
noch die sonderbarsten Wege im Inneren des Menschen durchmacht 
und nicht in der allernachsten Zeit, sondern kurioserweise erst nach 
einiger Zeit, im Laufe der nachsten drei oder dreieinhalb Tage, zum 
Vorschein kommt. Man hat es bei alledem, was bei der Vergrofterung 
des Astralleibes und der Ich-Organisation eintritt, mit demjenigen zu 
tun, was bei der normal eintretenden Vergrofterung des Astralleibes 



und der Ich-Organisation im Tode eintritt. Wenn es sich um eine Stau- 
ung gehandelt hat, da tritt das Entgegengesetzte vom Sterben ein. Im 
Epileptischen liegt der Versuch vor, das Leben im Organismus zusam- 
menzustauen, nachzuahmen in einem abnormen Verhaltnis das Hinein- 
kriechen in den physischen Organismus beim Heruntersteigen. Bei den 
Zustanden, von denen wir jetzt sprechen, hat man es mit dem Nach- 
ahmen dessen zu tun, was im Sterben geschieht: Der Astralleib und das 
Ich dehnen sich aus mit dem Zerflieften des Lebens nach dem Tode. 
Mit dem hat man es zu tun. 

Hat man dieses Gefiihl, so eignet man sich nach und nach das an, 
was wichtig ist bei der Beobachtung solcher Falle: Man bekommt ein 
Geruchsorgan fur dasjenige, was im Kinde vorhanden ist, man riecht 
dieses Ausflieften. Man riecht es namlich in Wirklichkeit. Und das ist 
schon zu dem esoterischen Teil dieser Dinge gehorig, daft man sich eine 
Geruchsempfindung dafiir aneignet, daft das Aurische anders sich an- 
riecht von solchen Kindern als von normalen Kindern. Und tatsach- 
lich: etwas leise Leichenartiges haben solche Kinder in ihren aurischen 
Ausschwitzungen. Dadurch aber sehen Sie, daft das so ist, es treten 
auch die Begleiterscheinungen dieses Sterbens auf, namlich dieses 
Schwitzen aus dem einen oder andern Grund. Die konnen auftreten im 
Laufe der nachsten drei Tage, annahernd in dem Zeitraum, in dem 
diese Riickschau nach dem Tode auch auftritt, wenn die Vergrdfterung 
stattfindet von astralischem Leib und Ich-Organisation. 

Sie miissen sich also aus einer solchen Erkenntms heraus angewoh- 
nen, festzuhalten an irgend etwas, was Sie in dem Vorstellungs- oder 
Willenszusammenhang eines solchen Kindes bemerkt haben, und miis- 
sen dann das Kind durch die nachsten drei bis vier Tage verfolgen. 
Dann bekommen Sie heraus, ob nun wirklich die Form vorliegt des 
abnormen Seelenlebens, von der ich eben gesprochen habe. Dann ent- 
steht fur Sie schon mit ganz entsprechenden Vorbedingungen die Frage: 
Wie behandele ich ein solches Kind? 

Ein solches Kind tritt mir so entgegen, daft ich in jeder Handlung, 
die es tut, schon seine Seele offen daliegen habe, Seine Seele fliefit mit 
hinein in alles dasjenige, was das Kind um mich herum tut. Sie begrei- 
fen, daft in einem solchen Falle, wenn gewissermaften die Seele des 



Kindes an einen heranflutet, die Erziehung ganz besonders von dem 
abhangt, was nun der Erzieher seinerseits in seiner Seelenverfassung, 
in seiner ganzen Stimmung dem Kinde entgegenbringen kann, indem 
er selber irgend etwas in seiner Umgebung handhabt, indem er selber 
etwas tut. Nehmen wir nun an, Sie seien ein zappliger Erzieher, so ein 
Mensch, der fortwahrend so handelt, dafi er mit dem, was er tut, den 
andern Menschen einen Schock verursacht. Diese Charaktereigentiim- 
lichkeit, die eine menschliche Temperamentseigentumlichkeit ist, ist im 
Leben viel verbreiteter, als man denkt. Sie ist haufig in der Lehrer- 
schaft ganz aufierordentlich verbreitet. Wenn man einen trivialen Aus- 
druck gebrauchen diirfte: Sind merit die meisten Lehrer heute hase- 
basig? Dieses zapplige Wesen, das sich im Tun fortwahrend iiber- 
schlagt! Das mufi so sein, weil die Seminarbildung so ist, wie sie ist. 
Die Seminarbildung ist heute so, dafi sie tatsachlich hypertrophiert 
dasjenige, was in den Menschen hineingebracht werden soli. Vor alien 
Dingen diirften die Seminaristen - und da ich heute nur die Aufgabe 
habe, liber die Lehrerseminaristen zu sprechen, kommen die andern 
nicht in Betracht -, vor allem diirften die Lehrerseminaristen niemals 
einem Examen unterzogen werden. Denn das Examen ist schon das- 
jenige, was einen in Stimmungen hineinbringt, die in diese Zappligkeit 
hineinfuhren. 

Nun sehen Sie gleich, in welche sonderbare Lage man hineinkommt, 
wenn man aus der Sache heraus die Dinge entwickeln mufi, Es handelt 
sich um die Einrichtung des Lauensteinschen Institutes fur minderwer- 
tige Kinder. Aus der Polizeigesetzgebung heraus mufi denjenigen, die 
das Institut iibernehmen, geraten werden, dafi sie ihr Examen machen. 
Wenigstens einer mufi es machen. Aber das ist ganz unsachlich, weil es 
selbstverstandlich ein weiteres Mittel zum Zappligwerden ist. Das ist 
etwas, was in ganz trockenem Sinne einfach eingesehen werden mufi, 
sonst geht man mit verbundenen Augen durch die Welt. Es bleibt also 
nichts anderes iibrig, als nach dem Examen sich die Zappligkeit wieder 
abzugewohnen. Das tun die meisten nicht. 

Also alles mufi vermieden werden in der Umgebung des Kindes, was 
leise Schockwirkungen hervorruft, wenn sie aus dem Unbewufiten, aus 
dem Temperament des Lehrers kommen. Warum? Weil der Lehrer es 



ganz in der Hand haben mufi, ganz aus seinem Bewufttsein heraus, mit 
Willkiirlichkeit, solche Schockwirkungen auszufuhren. Denn sie sind 
manchmal fur solche Zustande die allerbesten Heilmittel. Aber sie wir- 
ken nur, wenn man sie nicht gewohnheitsmaftig tut; sie wirken nur 
dann, wenn man sie in vollem Bewufttsein, durch und durch beobach- 
tend, vor dem Kinde vollbringt. 

Sie miissen also, wenn Sie einen solchen Symptomenkomplex beim 
Kinde bemerken, das Kind nehmen, und - nun bringen Sie ihm bei, 
irgend etwas zu schreiben, zu lesen oder zu malen -, aber jetzi, was 
tun? Sie versuchen, das Kind so weit kommen zu lassen, als es eben 
seiner besonderen Menschenbeschaffenheit nach kommen kann. An 
einem bestimmten Punkte versuchen Sie, das ganze Tempo der Arbeit 
in ein schnelleres iibergehen zu lassen. Dadurch wird das Kind genotigt, 
nicht dasWundsein zurucktreten zu lassen, wohl aber die Angstlichkeit 
gegeniiber dem Wundsein, weil Sie ja yor dem Kinde sind und das 
Kind dadurch in die Angstlichkeit hineinsteigen muft. Dadurch aber, 
daft es in diesem Moment in die Angstlichkeit hineinsteigen muft, daft 
das Kind jetzt in einen kiinstlich hervorgerufenen Eindruck hinein- 
geht, der von dem vorhergehenden Eindruck abweicht, dadurch, daft 
es in einen solchen Eindruck hineingeht, starkt es dasjenige, was aus- 
fliefien will in seinem Innern, konsolidiert es. Und wenn Sie solches 
systematisch mit einem Kinde immer und immer wieder durchfuhren, 
dann tritt die Konsolidierung des Ich und des Astralleibes ein. Nur 
miissen Sie nicht ermiiden, miissen es immer und immer wieder machen, 
den ganzen Unterricht so vorbereiten, daft er methodisch so verflieftt, 
daft er an gewissen Stellen einfach sich umbiegt. Dazu miissen Sie den 
Unterricht selber in der Hand haben. Wenn Sie alle dreiviertel Stunde 
einen andern Gegenstand haben, dann konnen Sie nach dieser Rich- 
tung nichts beabsichtigen. Sie konnen aufbauen einen Unterricht fur 
abnorme Kinder, wenn Sie auf Grundlage desjenigen, was wir in der 
Waldorfschule eingefiihrt haben, auf der Grundlage des Epochen- 
unterrichtes arbeiten, wo also in den hauptsachlichsten Unterrichts- 
stunden ein einziger Gegenstand durch Wochen hindurch fortgefiihrt 
wird, wo man also durch Wochen hindurch die Moglichkeit hat, zwi- 
schen acht und zehn Uhr gar keinen Stundenplan zu haben; man kann 



machen, was man will, was man eben methodisch als das Richtige 
einsieht. 

Aus einer solchen padagogischen Grundlage konnen Sie nun auch 
herausarbeiten dasjenige, was Sie dann fiir die abnormen Kinder tun 
miissen. Da konnen Sie hineinbringen jene Methode, die fortwahrend 
die Umwandlung des Unterrichtes, die Anderungen im Tempo des 
Unterrichtes bewirkt. Und mit solchen Dingen werden Sie ungeheuer 
stark auf die Drusensekretion und damit auf die Konsolidierung des 
astralischen Leibes beim Kinde wirken. Sie miissen dabei nur eine ge- 
wisse Resignation haben; denn die Welt wird nicht bemerken, wo 
Heilung eingetreten ist, wenn die Kinder so behandelt worden sind, 
daft die Kinder gesund geworden sind. Die Welt wird nur bemerken, 
daft im einzelnen Fall keine Heilung eingetreten ist, weil man immer 
im Leben das Normalwerden als etwas Selbstverstandliches ansieht. 
Es ist aber das Normalwerden gar nicht etwas so Selbstverstandliches. 
Das ist das eine. 

Sie sehen also: hat es sich beim epileptischen und epileptoiden Irre- 
sein darum gehandelt, mehr manuelle und moralische MalSnahmen zu 
ergreifen, wie ich gestern ausgefuhrt habe, so handelt es sich bei diesem 
Irresein, das ich heute behandelt habe, vorzugsweise darum, didak- 
tische Methoden auszubilden, welche die Sache bekampfen konnen. 
Diese Schockwirkungen hervorrufen, ist das eine. Das andere ist: sorg- 
faltig beobachten, wie die Zustande zwischen Depression und einer 
Art Maniewirkungen, Heiterkeits-Lustanwandlungen, abwechseln. 

Denn wodurch entsteht nun bei diesen Formen des Krankseins der 
Wechsel von Depressionszustanden und manischen Zustanden? Er fin- 
det ja fortwahrend statt deshalb, weil das Kind innerlich wund ist und 
die Sehnsucht hat, den Willen iiberhaupt nicht zur Entfaltung kommen 
zu lassen. Kommt derWille im Vorstellungsleben nicht zur Entfaltung, 
dann entstehen die depressiven Zustande. Wiederum, wenn das lange 
geschehen ist und das Kind nicht mehr zuruckhalten kann, sondern 
sich einmal entladen mufi, dann entsteht, weil zuriickgedampft wird 
das innere Wundsein, weil das Kind im Herausfliefien im Astralischen 
ganz ausflieften kann, ein erhohtes Wohlgefuhl, und es wechseln dann 
Zustande von Traurigsein und Heitersein, die man gerade bei einem 



solchen Kinde, das die andern Symptome: Schwitzen, Bettnassen, 
aufterlich zeigt, sorgfaltig beobachten mufi. 

Denn man mufi nun gerade die Didaktik in diese Wechselzustande 
hineintreiben. Nehmen wir an, wir haben einen depressiven Zustand 
des Kindes. Wir werden einem solchen depressiven Zustand in dem 
Augenblick beikommen, wo das Kind das Gefuhl bekommt: wir sind 
recht stark mit seinem Inneren verbunden, wir verstehen es. Aber das 
Kind hat gerade, weil es sich da handelt um eine Art Hypertrophic 
des Vorstellungs- und Willenslebens, das Bediirfnis, da nicht zu erleben 
eine Teilnahme blofS an der Traurigkeit. Wenn wir mit dem Kinde 
blofi verstimmt und traurig werden, hat das Kind nichts davon. Son- 
dern es wird nur etwas davon haben, wenn wir dem Zustande, den wir 
miterleben konnen, gewachsen sind, und das Kind wirksam trosten 
konnen, wenn das Kind einen wirksamen Trost erhalt. 

Da wird der Erzieher, der verstandnisvoll auf diese Dinge eingehen 
kann, sich Typisches aneignen. Er wird zum Beispiel wissen, daft eine 
standige Vorstellung bei solchen Kindern die ist, daft sie meinen, sie 
sollten etwas tun, konnen es aber nicht. Es ist eine komplizierte Vor- 
stellung, aber man mufi sie studieren konnen: Sie sollen etwas tun und 
konnen es nicht, sie miissen es doch tun, dann wird es anders, als sie es 
haben tun wollen. Priifen Sie nur bei solchen Kindern, von denen ich 
gesprochen habe, das Seelenleben und gehen Sie geradezu darauf aus, 
abzufangen im Seelenleben dasjenige, was man so bezeichnen kann: 

Ich will etwas tun: ich kann es eigentlich nicht; ich muft es aber doch Tafel 6 
tun - deshalb wird es anders, als es sein soil. 

In diesem Vorstellungskomplex lebt namlich die ganze Krankheit 
des Kindes. Das Kind spurt, fuhlt die eigentiimliche Konstitution, die 
in dem AusfliefSen des Astralleibes und der Ich-Organisation besteht. 
Das selber wirkt schon so, wie ein Hinauswirken in die Welt des Astral- 
leibes. Ich will etwas tun - aber das Kind weifl, es kommt sogleich an 
die auftere Welt, an die Agenzien heran. Da ist die Wundheit, es 
schmerzt; und es mufi spiiren: Ich kann es eigentlich nicht. - Aber nun 
weift das Kind: Es mufi ja doch geschehen. Ich mufi hinausgreifen mit 



meinem Astralleib in die Agenzien der Welt. Da bewaltige ich das 
nicht, was ich in die Hand nehme; da bin ich so ungeschickt mit mei- 
nem ausfliefienden astralischen Leib; es wird anders, weil ich nicht 
ganz dabei sein kann. Der Leib fliefit zu stark aus. 

Gerade an solchen Kindern bemerkt man in der wunderbarsten 
Weise, was das Unterbewufksein, das in das Empfindungsleben hin- 
aufragt, was es eigentlich tut. Es ist ja so furchtbar gescheit. Es pragt 
in die deutlichsten Begriffe dasjenige, was in der inneren Konstitution 
und im Verhaltnis zwischen Menschen und der Umgebung vorgeht. 
Das lost sich im Unterbewufitsein los, nur kommt es nicht in sein Be- 
wufksein herauf. So also kann man sagen: Man mufi losgehen darauf, 
diese inneren unbewuftten Vorstellungskomplexe beim Kinde zu ent- 
decken. - Und jetzt: Er tritt auf. Man merkt ihn. Er ist fast jedesmal 
da, wenn das Kind etwas beginnen soil im aufieren Tun oder durch 
Denken. Er ist fast immer da. Greifen Sie in diesem Moment so ein, 
daft Sie sanft und mild mittun in dem, was das Kind tun soli, daft Sie 
gewissermafien jede Handbewegung in der eigenen Handbewegung 
fiihlen, dann hat das Kind das Gefiihl, der zweite Teil wird korrigiert 
durch das, was Sie tun. Aber natiirlich hat das Kind nichts davon, 
wenn Sie wirklich alles machen, was das Kind machen soli. Sie miissen 
nur fiktiv eingreifen. Sie lassen das Kind malen, malen aber nicht 
selbst, fahren aber mit dem Pinsel nebenher, nahe in der Nachbarschaft 
weiter, indem Sie jede Bewegung begleiten. Sie lassen das Kind so vor- 
stellen, dafi Sie das Kind, indem es seine Vorstellungen bildet, sanft 
leiten, indem Sie moglichst wohlwollend und deutlich dasjenige, was 
das Kind machen soli, mitmachen, es seelisch in der Nachbarschaft 
streichelnd begleiten. Bis in solche Intimitaten hinein konnen wir durch 
wirkliche Beobachtung der Sachlage finden, was wir zu tun haben. 

Nun miissen wir wissen, daft es bei dem, was Geisteswissenschaft 
geben kann, sich immer nur handeln kann um den Appell an den Men- 
schen. Man strebt immer nach Vorschriften: Das sollst du so machen 
und das andere so. - Derjenige, der Erzieher werden will fur abnorme 
Kinder, der ist nie fertig, fur den ist jedes Kind wieder ein neues 
Problem, ein neues Ratsel. Aber er kommt nur darauf, wenn er nun 
gefuhrt wird durch die Wesenheit im Kinde, wie er es im einzelnen 



Fall machen mufi. Es ist eine unbequeme Arbeit, aber sie ist die einzig 
reale. 

Daher handelt es sich im Sinne dieser Geisteswissenschaft so stark 
darum, dafi wir gerade als Erzieher im allereminentesten Sinne Selbst- 
erziehung pflegen. 

Wir werden die beste Selbsterziehung iiben, wenn wir mit Interesse 
die Krankheitssymptome verfolgen. Wenn wir das Gefuhl haben: so 
ein Krankheitssymptom ist eigentlich etwas Wunderbares. Man darf 
es aber nicht hinausposaunen: Die Irrsinnigen sind die eigentlich gott- 
lichen Menschen. - Man darf es nicht tun in unserer Zeit. Aber man 
mufi sich klar sein: Wenn ein abnormes Symptom auftritt, so ist etwas 
da, das, geistig angesehen, naher dem Geistigen steht als dasjenige, was 
der Mensch in seinem gesunden Organismus tut. Dies Naher-dem- 
Geistigen-Stehen kann nur nicht in der entsprechenden Weise im ge- 
sunden Organismus sich betatigen. Hat man einmal das, dann wird 
man auf solche Intimitaten hingewiesen werden. 

Sie sehen: es ist einmal so, daft auf jedem Gebiete die Diagnostik 
und Pathologie zu einer wirklichen Therapie fiihrt, wenn die Diagno- 
stik auf das Wesen der Sache eingehen kann. 



FONFTER VORTRAG 
Dornach, 30Juni 1924 



Sie konnten schon sehen, wie gewisse Abnormitaten in der Seele, im 
Seelenleben, die als Erkrankungssymptome auftreten, bei Kindern in 
einer unbestimmten Weise zutage treten, um sich dann spater in be- 
stimmterer Art auszubilden.Undsokonnte ich Sie aufmerksam machen 
darauf, wie dasjenige, was spater hysterische Erscheinung wird, im 
kindlichen Alter in einer ganz eigenartigen, noch unbestimmten Weise 
auftritt. Um aber die eigentlichen Abnormitaten des kindlichen Alters 
richtig beurteilen zu konnen, mufi man doch den ganzen Zusammen- 
hang ins Auge fassen zwischen dem vorgeburtlichen Leben des Men- 
schen,das sozusagen denKarmaimpuls hereintragt ins physische Leben, 
und der allmahlichen Entwickelung des Kindes durch die zwei ersten 
Lebensepochen, vielleicht sogar dariiber hinaus durch die drei ersten 
Lebensepochen des Kindes. 

Da werden wir heute zur Vorbereitung zunachst noch etwas mehr 
Theoretisches besprechen, dann werden wir an praktischen Beispielen 
alles weiter Notige besprechen konnen. Und es wird ja Frau Dr. Weg- 
man uns zunachst schon morgen friih einen Jungen hier zur Verfugung 
stellen, den wir schon langere Zeit hier in Behandlung des Klinisch- 
Therapeutischen Institutes sehen, und an dem wir dann demonstrieren 
konnen einiges ganz besonders Charakteristisches. 

Um Ihnen das aber zu zeigen, was Sie noch vorher wissen mussen, 
mochte ich schematisch den menschlichen Organismus, die menschliche 
Tafel 7 Totalorganisation vor Sie hinstellen (siehe Tafel 7). Ich mochte, da- 
mit das alles deutlich wird, in der folgenden Zeichnung die Ich-Or- 
ganisation immer rot zeichnen. Ich mochte dann die astralische Or- 
ganisation mit diesem Violett zeichnen, mochte dann die Atherorgani- 
sation in diesem Gelb zeichnen, und mochte die physische Organisation 
in diesem Weift zeichnen. Wollen wir also heute dasjenige, was fur uns 
in Betracht kommt, ganz genau einmal festhalten, wollen wir uns be- 
miihen, die Sache genau ins Auge zu fassen. Es ist namlich nicht so in 
der menschlichen Organisation, daft wir sagen konnen: Da ist die Ich- 



Organisation, da ist die astralische Organisation, da ist die Ather- 
organisation und so weiter sondern die Sache ist so: Stellen Sie sich 
einmal vor eine Wesenheit, welche so organisiert ist, daft die Ich- 
Organisation zunachst auften liegt; daft dann weiter nach innen die 
Astralorganisation liegt, dann die Atherorganisation kommt, und dann 
die physische Organisation. So daft wir also gewissermaften hier ein 
Wesen haben, das seine Ich-Organisation nach auften prasentiert, wei- 
ter nach innen drangt die Astralorganisation, weiter nach innen die 
Atherorganisation und am weitesten nach innen drangt die physische 
Organisation (siehe Tafel 7, Mitte). Tafel i 

Stellen wir daneben eine andere Anordnung, wo wir hatten die Ich- 
Organisation ganz im Innern, nach auften gewissermaften strahlend die 
Astralorganisation, noch weiter nach auften die Atherorganisation, und 
noch weiter nach auften die physische Organisation (siehe Tafel 7, oben Tafel 7 
links). Sehen Sie, jetzt haben wir zwei polarisch sozusagen entgegen- 
gesetzte Wesenheiten. Wenn Sie ansehen diese zwei polarisch einander 
entgegengesetzten Wesenheiten, so konnen Sie sich sagen: Die zweite 
Wesenheit wird nach auften eine starke physische Organisation zeigen, 
in die noch die atherische Organisation hineinspielt, dann wird mehr 
nach innen verschwinden die Astral- und Ich-Organisation. - Nun 
kann aber dadurch, daft das so ist, die Konfiguration etwas sich andern. 
DieKonfiguration desjenigen,was ich hier an zweiter Stelle hergezeich- 
net habe,kann so sein: wir konnen die physische Organisation gewisser- 
maften nach oben voll ausgebildet haben und nach unten offen, ver- 
kummert. Wir konnen dann die atherische Organisation wiederum 
nach unten etwas starker als die physische Organisation ausgebildet, 
aber doch noch verkummert haben. Wir konnen die Astralorganisation 
schon mehr nach unten ausschweifend haben und die Ich-Organisation 
gewissermaften wie eine Art von Faden nach unten gehend. Denn das- 
jenige, was schematisch hier in Kugelform angeordnet ist, kann nam- 
lich durchaus so erscheinen (siehe Tafel 7, unten links). Tafel 7 

Nun will ich aber die Sache noch etwas anschaulicher machen, in- 
dem ich diese Ich-Organisation hier Ihnen so zeichne, darauf die Astral- 
organisation, die Atherorganisation und die physische Organisation. 
Und jetzt wollen wir anschlieften das andere Wesen. Dieses andere 



Wesen wollen wir so anschlieften, daft wir zunachst die Ich-Organisa- 
tion, die hier auften ist, etwas konfiguriert sein lassen; also statt daft 
ich einen Kreis gezogen habe, habe ich den Kreis etwas konfiguriert 
sein lassen. So ist es ja immer in den Bildsamkeiten des Naturwesens, 
des Weltwesens iiberhaupt, daft dasjenige, was kugelig, was kreisig ist, 
sich in verschiedener Weise konfiguriert. Weiter nach innen habe ich 
jetzt an die Ich-Organisation anzuschlieften die Astralorganisation, 
noch weiter nach innen die Atherorganisation und endlich ganz nach 
Tafel 7 innen geschlagen die physische Organisation (siehe Tafel 7, rechts). 
Und Sie haben das eine, erste Wesen, in den Kopf des Menschen 
verwandelt. Sie haben das zweite Wesen in das Stoffwechsel-Glied- 
maftenwesen des Menschen verwandelt. Und, in der Tat, in Wirklich- 
keit ist es so, daft wir in der Kopforganisation des Menschen dasjenige 
haben, wo das Ich sich im Innern verbirgt, der Astralleib auch noch 
verhaltnismaftig sich im Innern verbirgt, und nach auften konfiguriert 
der physische Leib und der Atherleib auftreten und die Form geben des 
Antlitzes. 

Dagegen im Stoffwechsel-Gliedmaftensystem haben Sie die Sache 
so, daft eigentlich iiberall auften in der Warme- und Drucksinnlichkeit 
des Organismus, iiberall auften vibriert das Ich, und vom Ich ausgehend 
vibriert nach innen der Astralleib, dann weiter drinnen wird es athe- 
risch, und in den Rohrenknochen wird es physisch nach innen. 

So daft wir zentrifugal, vom Ich zum physischen Leibe nach auften, 
die Anordnung in der Kopforganisation haben, zentripetal, von auften 
nach innen, vom Ich bis zum Physischen, die Stoffwechsel-Gliedmaften- 
organisation angeordnet haben. Und fortwahrend durcheinander- 
flutend, so daft man gar nicht weift: ist das von auften nach innen oder 
von innen nach auften, so ist die Anordnung im rhythmischen System 
dazwischen. Das rhythmische System ist halb Kopf, halb Stoffwechsel- 
Gliedmaftensystem. Wenn wir einatmen, ist es mehr Stoffwechsel- 
Gliedmaftensystem, wenn wir ausatmen ist es mehr Kopfsystem. So 
daft zwischen Systole und Diastole die Sache so verlauft, daft man 
sagen kann: Kopfsystem -Gliedmaftensy stem — Ausatmung-Einat- 
mung. Nun sehen Sie also, daft wir, vermittelt durch den mittleren Teil 
des rhythmischen Organismus, eigentlich zwei vollstandig polarisch 



entgegengesetzte Wesenheiten in uns tragen. Was folgt daraus? Daraus 
folgt etwas aufterordentlich wichtiges. 

Denken Sie sich, wir nehmen etwas auf durch unseren Kopf, wie bei 
der Vermittlung durch die Sprache des andern, nehmen etwas auf mit 
dem Kopf, so geht das zunachst in das Ich hinein, in den Astralleib. 
Aber die Dinge stehen im Organismus in Wechselwirkung, und in dem 
Augenblicke, wo etwas hier angeschlagen wird, durch einen Eindruck 
in der einen Ich-Organisation, vibriert das auch in die andere Ich- 
Organisation, und in dem Augenblick, wo etwas in die eine astralische 
Organisation einschlagt, vibriert das auch durch in die andere astra- 
lische Organisation. Wenn das nicht ware, meine lieben Freunde, 
hatten wir kein Gedachtnis, denn alle Eindrucke, die wir von der 
Auftenwelt bekommen, haben ihre Spiegelbilder in der Stoffwechsel- 
Gliedmaftenorganisation; und habe ich einen Eindruck von aufien, so 
verschwindet er von der Kopforganisation, die vom Physischen nach 
dem Ich hinein zentripetal angeordnet ist. Das Ich mufi sich aufrecht 
erhalten, das kann nicht einen einzigen Eindruck stundenlang haben, 
sonst wiirde es identisch werden mit dem Eindruck. Aber unten bleiben 
die Eindrucke, und da mussen sie wieder herauf, wenn erinnert wird. 

Wenn Sie das aber bedenken, so bekommen Sie folgende Moglich- 
keit: Es kann das ganze untere System, das polarisch entgegengesetzt 
ist dem oberen System, im Menschen zu schwach veranlagt sein. Dann 
geschehen Eindrucke. Diese Eindrucke pragen sich nicht tief genug dem 
unteren System ein. Das Ich bekommt einen Eindruck. Ist alles normal, 
so pragt sich das dem unteren System ein, und es wird nur heraufgeholt 
in der Erinnerung. Ist das System unten, die Ich-Organisation, die 
ganz peripherisch herumhegt, zu schwach, pragen sich die Eindrucke 
nicht stark genug ein, so strahlt fortwahrend das, was nicht unter- 
taucht in die Ich-Organisation, nach oben zuriick, strahlt in den Kopf 
hinein. 

Wir haben ein Kind, das so organisiert ist. Wir haben ihm einmal, 
sagen wir, zum erstenmal eine Uhr gezeigt. Die hat es interessiert. Aber 
seine Gliedmafienorganisation ist zu schwach. Dann taucht der Ein- 
druck nicht unter, sondern strahlt zuriick. Jetzt beschaftige ich mich 
mit dem Kinde, fortwahrend sagt es: Die Uhr ist schon. - Kaum bin 



ich ein paar Worte weitergegangen, so sagt es wieder: Die Uhr ist 
schon. - Es kommt zuriick. Auf solche Anlagen, die manchmal nur 
ganz leise angedeutet sind, die aber aufterordentlich wichtig sind, miis- 
sen wir die Aufmerksamkeit in der Erziehung des Kindes richten. Denn 
bringen wir es nicht zustande, die schwache Gliedmafien-Stoffwechsel- 
organisation zu starken, dann wird das auch immer starker, dieses 
Zuriickschlagen, und im spateren Leben tritt jene paranoische Erkran- 
kung auf, die mit Zwangsvorstellungen verkniipft ist. Dann wird das 
zu festen, konsolidierten Zwangsvorstellungen. Es weift, daft sie sich 
ganz unrichtig hineinstellen in sein Seelenleben, es kann sie aber nicht 
abweisen. Warum kann es sie nicht abweisen? Weil da oben das be- 
wufke Seelenleben ist, aber das unbewuftte unten ist unbeherrscht, es 
stofk zuriick gewisse Vorstellungen, und es treten Zwangsvorstellun- 
gen auf, 

Sie sehen, wir haben es da zu tun mit einem zu schwach ausgebilde- 
ten Stoffwechsel-Gliedmafiensystem. Was heilk das? Ein zu schwach 
ausgebildetes Stoffwechsel-Gliedmaftensystem ist dasjenige, welches 
verhindert, daft die Eiweiftsubstanz im menschlichen Organismus die 
richtige Menge des Schwefels enthalt. Also ein Stoffwechselsystem, das 
schwefelarmes Eiweifi entwickelt. Das kann namlich da sein. Da gilt 
eine andere Stochiometrie als sonst. Dann tritt dieses ein, was ich jetzt 
beschrieben habe, daft diese sich im kindlichen Organismus ankiindi- 
genden Zwangsvorstellungen kommen. 

Aber es kann ja auch das Umgekehrte da sein. Das Stoffwechsel- 
Gliedmaftensystem kann so veranlagt sein, daft es eine zu starke An- 
ziehung zum Schwefel hat: dann wird das Eiweift zu schwefelreich. 
Dann haben wir im Eiweift Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstof f, Wasser- 
stoff, und im Verhaltnis dazu zuviel Schwefel. Wir bekommen dann in 
dieser Stoffwechselorganisation, die ja namentlich von der Zusammen- 
setzung der Substanzen, die darinnen sind, in ihrer Offenbarung beein- 
fluftt ist, den Drang, nicht alles zuriickzustoften, sondern im Gegenteil: 
Durch den iiberreichlichen Schwefel werden die Eindriicke zu stark 
absorbiert, sie nisten sich da zu stark ein. Das ist noch etwas anderes 
als das Stauen an der Oberflache der Organe, das ich das friihere Mai 
beschrieben habe. Das Stauen bewirkt Krampfzustande. Aber hier 



haben wir es zu tun nicht mit dem Stauen, sondern mit einem Einsaugen 
der Eindriicke. Und die Folge davon ist, daft die Eindriicke verschwin- 
den. Wir verursachen, daft das Kind Eindriicke hat, aber wir konnen 
nichts machen: gewisse Eindriicke, nach ihrer besonderen Beschaffen- 
heit, verschwinden hinein in die schwefelreiche Eiweiftsubstanz. Und 
nur, wenn wir es dann dahin bringen, diese Eindriicke aus der schwefel- 
haltigen Eiweiftsubstanz wieder herauszukriegen, dann bringen wir ein 
gewisses Gleichgewicht im geistig-seelisch-physischen Organismus her- 
vor. Denn dieses Verschwinden der Eindriicke in die Schwefelhaltigkeit 
hinein bewirkt in der Tat einen hochst unbefriedigenden Seelenzustand, 
weil es innerlich aufregt. Fein, gelinde regt es auf, macht den ganzen 
Organismus innerlich fein erbeben. 

Sehen Sie, ich habe ofters gesagt: Psychoanalyse ist Dilettantismus 
im Quadrat, weil der Psychoanalytiker weder die Seele,noch den Geist, 
noch den Korper, noch den Atherleib kennt, er weift uberhaupt nicht, 
was da vorgeht, er beschreibt nur. Und weil er nicht mehr kann, als 
beschreiben, sagt er: Die Dinge sind unten verschwunden, man mufi 
sie wieder heraufholen. - Das Merkwiirdige ist, daft der Materialismus 
die Eigenschaften des Materiellen nicht erforschen kann. Sonst wiirde 
man wissen, daft dasjenige, was vorliegt, in der Eiweiftsubstanz des 
Willensorganismus, die zu schwefelreich ist, seinen Grund hat. Die 
Eigentiimlichkeit der physischen Substanz findet man erst auf geistes- 
wissenschaftlichem Wege. 

Und so ware es schon gut, wenn derjenige, der abnorme Kinder zu 
erziehen hat, sich einen Blick dafiir aneignet, ob ein Kind schwefelreich 
oder schwefelarm ist. Wir werden ja von den verschiedensten Formen 
der seelischen Abnormitaten sprechen konnen, aber wir sollten uns 
aneignen die Moglichkeit, wirklich nach bestimmten Symptomen in 
bestimmte Fahrte hingetrieben zu werden. Wenn ich ein Kind zur Er- 
ziehung bekomme, bei dem ich sehe, daft Eindriicke zunachst Schwie- 
rigkeiten machen, so kann das naturiich zuruckzufiihren sein auf solche 
Zustande, wie ich sie in den letzten Tagen beschrieben habe. Es kann 
aber auch auf das heute Beschriebene zuriickzufiihren sein. Wie kann 
ich da vorgehen? 

Zunachst sehe ich mir das Kind an. Man hat es zunachst kennen- 



gelernt; man mufi es kennenlernen. Zunachst sehe ich es mir an und 
nehme eines der oberflachlichsten Symptome: die Farbung der Haare. 
Hat das Kind schwarze Haare, so werde ich nicht viel danach suchen, 
ob es schwefelreich sein konnte; denn wenn es schwarze Haare hat, 
kann es hochstens schwefelarm sein. Und ich werde dann, wenn ab- 
norme Symptome da sind, sie in irgendeiner andern Sphare suchen 
miissen als in einem Schwefelreichtum, hochstens in der Schwefelarmut 
bei schwarzhaarigenKindern. Und wenn sich dann noch zeigen wieder- 
kehrende Vorstellungen, so mufi ich woanders suchen als im Schwefel- 
reichtum. Habe ich aber ein blondes oder ein rothaariges Kind, so 
werde ich in der Richtung des Schwefelreichtums der Eiweiftsubstanz 
suchen. Blonde Haare kommen von zu reichlichem Schwefel, schwarze 
Haare von Eisenhaltigkeit des menschlichen Organismus. So konnen 
wir bis in die physische Substantiality hinein die sogenannten geistig- 
seelischen Abnormitaten verfolgen. 

Nun, nehmen wir einen solchen feuerspeienden Berg, ein schwefel- 
haltiges Kind, das also gewissermaften in die Willensregion hineinsaugt 
die Eindriicke, so daft sie sich darin versteifen und nicht heraus konnen. 
Diese Erscheinung konnen wir beim Kinde sehr bald bemerken. Das 
Kind wird Depressionszustanden unterworfen sein, melancholischen 
Zustanden. Es qualen diese verborgenen Eindriicke, die da im Inneren 
sind. Wir miissen sie an die Oberflache heben, miissen nicht psycho- 
analytisch im heutigen Sinne vorgehen, sondern im richtigen Sinne 
psychoanalytisch. Das konnen wir dadurch, daft wir uns nun bekannt- 
machen mit demjenigen, wovon wir merken, daft es beim Kinde mehr 
oder weniger verschwindet. Und so sollten wir das Kind, das uns ent- 
gegentritt auf der einen Seite mit innerlicher Aufgeregtheit, auf der 
andern Seite mit einer gewissen aufteren Apathie, so ins Auge fassen, 
daft wir uns genau bewuftt werden: an was erinnert sich dieses Kind 
leicht, was laftt es in sein Inneres verschwinden? Dasjenige, was ihm 
nicht wieder auftritt, sollten wir moglichst in rhythmischer Folge 
immer wieder und wiederum vor das Kind bringen. In dieser Bezie- 
hung, meine lieben Freunde, laftt sich sehr viel tun. Manchmal auf eine 
viel einfachere Weise, als man denkt; denn Heilen und Erziehen - und 
beide sind ja miteinander verwandt - beruht ja nicht so sehr darauf, 



daft man allerlei Mixturen, seien es physische, seien es seelische, kom- 
pliziert hervorbringt, sondern daft man weift, was eigentlich hilft. 

Deshalb haben wir es ja auch mit unseren Heilmitteln etwas schwer. 
Mit Recht verlangt nattirlich der Arzt von unseren Heilmitteln, daft 
wir ihm sagen, was es ist, weil er es wissen mochte. Aber da die Heil- 
mittel in der Regel darauf beruhen, daft man weift, was hilft, da es ein- 
fache Substanzen sind, so kann in dem Augenblick, wo man es gesagt 
hat, jeder sie nachmachen. Rechnet man zu gleicher Zeit auf okono- 
mische Arbeit, so ist man in einer Zwickmiihle. Es handelt sich also 
darum, das, was angewendet werden soil, wirklich zu kennen, darauf 
wirklich zu kommen. 

Ich habe es in der Waldorfschule ofters erlebt, daft Kinder da sind, 
die in einer gewissen Weise Apathie zeigen, aber auch wieder innere 
Aufgeregtheit zeigen. So hatten wir insbesondere in der Klasse, die 
Herr Killian hat, einen in dieser Richtung sehr sonderbaren Kauz. Er 
war aufgeregt und apathisch zugleich. Jetzt ist er schon besser gewor- 
den. Als er in der dritten Klasse war - jetzt ist er in der fiinften -, aber 
als er noch in der dritten Klasse war, zeigte sich seine Apathie darin, 
daft man nicht leicht etwas an ihn heranbrachte. Er nahm nichts auf, 
lernte langsam und schwer. Aber kaum ging Herr Killian von der 
hinteren Bank weg und beugte sich vorn zu einem andern, flugs war 
der Feuerstein da und gab dem Herrn Killian eins hintendrauf. Und 
so war er zu gleicher Zeit innerlich willensmaftig ein Quecksilber, 
intellektuell ein apathisches Kind. 

Ja sehen Sie, solche Kinder, mehr oder weniger mit solchen Anlagen, 
gibt es viele. Nun handelt es sich darum, daft bei solchen Kindern in 
der Regel das da ist, daft sich die Absorptionsfahigkeit fur auftere Ein- 
driicke auf ganz bestimmte Arten von Eindriicken beschrankt, die be- 
stimmten, typischen Charakter haben. Wenn man nun einen richtigen 
Einfall hat - und das kommt einem, wenn die richtige Gesinnung da 
ist -, dann findet man zum Beispiel fur das Kind einen bestimmten 
Satz, und man bringt das Kind gerade auf diesen Satz. Das kann Wun- 
der wirken. Es handelt sich nur darum, daft man die ganze Strebens- 
richtung des Kindes in einer gewissen Weise orientiert. Dahin muft es 
aber eigentlich doch der Erzieher bringen. Er kann es leicht dahin 



bringen, wenn er nicht gar zu gescheit sein will, wenn er so leben will, 
daft ihm die Welt anschaulich wird, daft er nicht zuviel iiber die Welt 
nachdenkt, sondern sie anschaulich nimmt. 

Denken Sie doch nur einmal - und das ist etwas, was Sie in die Ge- 
sinnung aufnehmen miissen, wenn Sie abnorme Kinder erziehen wol- 
len -, wie langweilig es ist, immer wieder mit ein paar Begriffen, die 
der Mensch hat, operieren zu miissen. Es ist furchtbar langweilig und 
ode, das Seelenleben vieler Menschen, weil sie mit ein paar Begriffen 
operieren miissen. Die Menschheit kommt zu stark in die Dekadenz 
hinein mit diesen paar Begriffen. Wie schwer ist es heute schon fiir den 
Dichter, Reime zu finden, weil alles schon abgereimt ist. Ebenso ist es 
in den andern Kiinsten: uberall Anklange, weil eigentlich alles schon 
durchgemacht ist. Denken Sie sich nur, wie Richard Straufi, der jetzt 
so beriihmte und beriichtigte, alles mogliche schon ins Orchester hinein- 
setzt, um nicht nur die ewigen alten Dinge zu bringen! Dagegen, wie 
interessant ist es, ich will sagen, nur einmal alle moglichen Nasenfor- 
men zu studieren - jeder Mensch hat eine andere Nase - und sich einen 
Blick anzueignen fiir alle moglichen Nasenformen! Da hat man Man- 
nigfaltigkeit darinnen. Da hat man auch die Moglichkeit, die Begriffe 
innerlich lebendig zu machen, da geht man immer iiber von einem zum 
andern. Nun, nicht wahr, ich habe nur die Nasenformen herausgegrif- 
fen; wenn man fiir Formen, fiir Anschaubares Sinn entwickelt, dann 
lebt man sich allmahlich in eine Seelenstimmung hinein, bei der einem 
etwas einfallt, wenn die Veranlassung dazu da ist. 

Und Sie werden es eben erleben, meine lieben Freunde, daft, wenn Sie 
sich so in ein anschauliches, wenn ich so sagen soil, Anschauen der Welt 
hineinleben, nicht in ein denkendes, dann werden Sie es erleben, daft, 
wenn Sie so ein Kind haben, das innerlich schwefelig, regsam ist, aufter- 
lich apathisch ist, Ihnen dann durch die Anschauung an seiner Kon- 
figuration so etwas aufgeht an dem Kinde, das Ihnen die richtige Idee 
herbeifiihrt. Sie werden das Gefiihl haben, diesem Kinde muft ich sagen 
jeden Morgen: Die Sonne bescheint den Berg - oder irgend etwas; es 
kann eine ganz gleichgiiltige Sache sein. Es handelt sich darum, daft so 
etwas rhythmisch an das Kind von auften dringt. Wenn es so rhyth- 
misch von auften herandringt, wird alles in ihm befindliche Schweflige 



entlastet, wird freier. Und wir erreichen also bei solchen Kindern, wel- 
che behiitet werden sollen in zarter Kindheit, daft sie mcht spater die 
beliebten Objekte der Psychoanalytiker werden, wir erreichen bei sol- 
chen Kindern sehr viel, wenn wir gerade auf ihr rhythmisches Wesen 
rechnen, und wenn ihnen immer wieder von auften herein durch uns so 
etwas beigebracht wird. 

Aber sehen Sie, es wirkt schon giinstig, wenn man so etwas iiber- 
haupt zur allgemeinen Regel macht. Bei uns in der Waldorfschule wer- 
den die Stunden begonnen mit einem Spruch, der schon an sich in 
rhythmischer Folge jeden Tag das Vorstellungsleben in einer gewissen 
Weise durchsetzt. Dadurch wird schon manches gerade von dem zu 
starken Absorbieren im Organismus freigelegt. 

Nun sollten abnorme Kinder, wenn man sie richtig behandeln will, 
doch eigentlich jeden Morgen in gewissen Gruppen vereinigt werden. 
Hat man eine geringe Anzahl von abnormen Kindern, so kann man ja 
zunachst alle einmal zusammennehmen. Und da kann etwas ganz Wun- 
derbares herauskommen, wenn man einen gebetartigen Spruch die Kin- 
der sagen laftt, selbst wenn solche darunter sind, die nichts sagen kon- 
nen. Es ist doch eine wunderbar ausgleichende Wirkung in dem, was da 
chormaftig zustande kommt. Es wird also sich vorzugsweise darum 
handeln, daft man fur solche Kinder, bei denen Eindriicke verschwin- 
den, durch rhythmischeWiederholung hervorruft bestimmte Eindriicke, 
die man etwa alle drei bis vier Wochen wechseln kann, daft man immer 
wieder von auften solche Eindriicke bringt und dadurch das Innere 
f reilegt, so daft auch das Eiweift sich allmahlich seinen hoheren Schwe- 
felgehalt abgewohnt. Worauf beruht da die Sache? Die Sache beruht 
darauf, daft das Innere die Eindriicke nicht zuriickgibt, also es geht 
etwas zu Schwaches von unten herauf, das ist negativ. Bringen wir 
dagegen ein Starkes von oben heran, so regen wir das Schwache hier 
zu einer starkeren Tatigkeit an (siehe Tafel 8). Tafel 8 

Nehmen wir an, wir haben den umgekehrten Fall: wir haben es mit 
Kindern zu tun, die schon die erste Keimanlage zu Zwangsvorstellun- 
gen haben. Es strahlt zu stark zuriick, es ist zu wenig Schwefel im 
Plasma. Da werden wir auch wirklich das Entgegengesetzte tun miis- 
sen. Und da ist von besonderer Wirkung, wenn wir merken, es kommt 



immer wiederum derselbe Satz, derselbe Eindruck an das Kind heran, 
wenn wir jetzt von auften wiederum einen Eindruck formen, von dem 
wir instinktiv glauben, daft er fur dieses Kind passen kann, aber jetzt 
diesen Eindruck wie in ganz leisem Raunen ihm beibringen, lispelnd 
diesen Eindruck an das Kind heranbringen. Also die Behandlung kann 
die folgende sein: Sieh' einmal, das ist rot! - Das Kind: Die Uhr ist 
schon. - Der Lehrer: Du muftt auf das Rote aufmerksam sein! - Das 
Kind: Die Uhr ist schon. - Jetzt versuche man immer leiser und leiser 
einen bestimmten Eindruck, der sogar einfach den ersten paralysierend 
ist, ganz leise zu wiederholen: Die Uhr vergift! - Die Uhr vergift! - 
Die Uhr vergift! - Also in dieser Weise raunen zum Kinde, und Sie 
werden sehen, nach und nach, durch dieses Raunen, durch dieses rhyth- 
misch raunende Absprechen von der Zwangsvorstellung, wird die 
Zwangsvorstellung sich bequemen, auch immer leiser zu werden. Es ist 
das Merkwiirdige, wenn sie ausgesprochen wird, wird sie schwacher 
gemacht, sie dampft sich allmahlich ab, und zuletzt kommt das Kind 
iiber die Sache hinaus, so daft wir auch das in der Hand haben und in 
der Tat durch unsere einfache seelische Behandlung aufterordentlich 
viel bewirkt werden kann. 

Ja, solche Dinge miissen nur gewuftt werden. Denn stellen Sie sich 
nur vor, in der gewohnlichen Schule: Sie haben eine Klasse, darin sind 
Kinder, die zunachst schon solche Anlagen zu Zwangsvorstellungen 
haben, aber noch leise. Sie werden nicht in Klassen fur Minderbegabte 
versetzt, sondern sie gehen mit in der Klasse. Aber es ist ein donnernder 
Lehrer da, der alles so andonnert, daft die Wande einstiirzen. Dann 
werden aus solchen Kindern richtige Verriickte, die an Zwangsvorstel- 
lungen leiden. Es ware nicht eingetreten,wenn der Lehrer gewuftt hatte, 
daft er unter Umstanden auch seine Stimme dampfen muft, und daft er 
den Kindern leise hatte etwas zuraunen miissen. Es kommt viel darauf 
an, daft wir uns in der richtigen Art zu den Kindern verhalten. 

Dann kann naturlich gerade bei diesen Dingen sich die psychische 
Behandlung einfach mit dem gewohnlichen Therapeutischen verbinden. 
Wir werden naturlich, wenn wir ein Kind haben, bei dem Eindriicke 
verschwinden, gut tun, uns zu sagen: Nun, wir wollen bei diesem Kinde 
vor alien Dingen einmal die starke Neigung zur Schwefelbildung im 



Eiweift bekampfen.- Das konnen wir schon dadurch> daft wir das Kind 
in der richtigen Weise ernahren. Geben wir ihm zum Beispiel viel 
Fruchtnahrung oder viel von derjenigen Art von Nahrung, die aus der 
Fruchtsubstanz kommt, so werden wir sein schwefliges Wesen fordern. 
Geben wir ihm eine Diat, die mit Wurzeligem zusammenhangt, die zu- 
sammenhangt mit alledem, was nicht zuckerreich, sondern salzreich 
ist - natiirlich diirfen wir ihm nicht die Suppe versalzen, sondern wir 
miissen das geben, wo das Salz verarbeitet ist -, dann werden wir ein 
solches Kind heilen konnen. Und sehen Sie, man kommt auf solche 
Dinge dadurch, daft man sich einenBlick aneignet fur das, was geschieht. 

Herr Dr. Steiner erzahlt eine Beobachtung aus seinem Leben: Die Bevolkerung 
einer bestimmten Gegend bevorzugte instinktiv eine bestimmte Diat, die einem in der 
dortigen Gegend herrschenden Leiden entgegenwirkte. 

Also durch eine entsprechende Diat gerade bei solchen Kindern, die 
spater das Objekt fiir Psychoanalytiker werden, ware es viel besser, 
statt sie dem Psychoanalytiker auszuliefern, sie mit etwas salzhaltiger 
Nahrung im kindlichen Alter zu behandeln. 

Nehmen Sie den umgekehrten Fall: Kinder, die nicht absorbieren 
die Eindriicke, bei denen sie zuriickstromen, die schwefelarm sind, die 
wird man physisch am besten so behandeln miissen, daft man ihnen 
moglichst viel Obstnahrung beibringt, daft man sie gewohnt, gerne 
Obst zu essen. Und kommt das schon stark ins Pathologische heriiber, 
dann versucht man, ihnen auch namentlich Aromatisches beizubringen, 
Fruchte mit Aroma. Denn im Aroma liegt ein starkes schwefeliges Ele- 
ment. Und wenn es gar zu pathologisch wird, muft man direkt thera- 
peutisch mit Sulfur vorgehen. Aber Sie sehen, gerade aus der geistigen 
Betrachtung der Sache kommt man auch auf die Therapie, die man in 
einem solchen Fall anzuwenden hat. Und das ist wichtig, daft man sich 
niemals zufrieden gibt mit der bloften Beschreibung einer Erscheinung - 
denn da hat man nur die Symptomatologie -, sondern daft man ver- 
sucht, wie ich es dargestellt hatte, in das innere Gefiige des Organismus 
hineinzusteigen. 

Nun sehen Sie, das sind Unregelmaftigkeiten, die dadurch hervor- 
gerufen werden, daft sozusagen das Untere zum Oberen im Menschen 
nicht richtig paftt, daft die Eindnicke, die das Obere, die Kopforganisa- 



tion bekommt, nicht die richtige Resonanz f inden in der Stof fwechsel- 
Gliedmaftenorganisation. Nun kann es aber auch so sein, dafi im gan- 
zen die Ich-Organisation, die astralische und die atherisch-physische 
Organisation nicht zusammenpassen, dafi, sagen wir, die physische 
Organisation zu dicht ist. Ja, dann haben wir das vor uns, dafi das 
Kind absolut nicht in die Lage kommt, seinen Astralleib in diese ver- 
dichtete physische Organisation unterzutauchen. Es bekommt also 
einen Eindruck in den Astralleib, der Astralleib kann die entsprechende 
Astralitat des Stoffwechselsystems zwar anregen, aber diese Anregung 
geht nun nicht in den Atherleib und namentlich nicht in den physischen 
Leib iiber. Wir konnen dieses beobachten, ob es so ist, wenn wir merken, 
dafi das Kind es nicht recht zustande bringt,wenn wir sagen: Marschiere 
einmal, gehe einmal fiinf, sechs Schritte! - Es versteht nicht recht, was 
es tun soil, das heifit, es versteht das Wort ganz gut, aber es bringt es 
nicht in die Beine hinein, es ist, ais ob die Beine es nicht aufnehmen 
wollten. Daft der physische Korper zu verhartet ist und auch Gedan- 
ken nicht aufnehmen will, das Kind schwachsinnig erscheint, das mer- 
ken wir am ehesten, wenn wir Schwierigkeiten finden beim Kinde, 
wenn wir ihm etwas befehlen, was durch die Beine ausgefuhrt werden 
soil, und das Kind zogert, seine Beine iiberhaupt in Bewegung zu setzen. 
Solche Zustande werden dann, weil eben der Korper zu schwer wirkt, 
seelisch begleitet sein von depressiv-melancholischen Stimmungen. 

Dagegen, wenn die Beine gar nicht abwarten irgendeine Aufforde- 
rung, sondern immer laufen wollen, dann haben wir im Kinde die An- 
lage zum Maniakalischen. Es braucht sich zunachst nur ganz schwach 
zu zeigen, aber in den Beinen merkt man das alles zuallererst. Daher 
sollte es durchaus auch in den Bereich der Beobachtung fallen, was das 
Kind sonst mit seinen Beinen und mit seinen Fingern tut. Sehen Sie, ein 
Kind, welches am liebsten seine Hande und Beine - man kann es auch 
an den Handen beobachten - auf alles fallen lalk, iiberall aufliegen 
lalk, das hat die Anlage zum schwachsinnig werden. Ein Kind, das 
fortwahrend seine Finger bewegt, das alles anfafit, iiberall mit den 
Fiiften herumschlagt, hat die Anlage, stark maniakalisch zu werden, 
tobend eventuell zu werden. Aber, was wir am starksten an den Glied- 
mafien bemerken, konnen wir an aller Tatigkeit bemerken; nur bei 



gewissen, mit Geistigem verkniipften Tatigkeiten tritt es schwacher, 
aber besonders charakteristisch hervor. Denken Sie nur einmal, wie 
stark bei manchem Kinde das Folgende der Fall ist: Es lernt irgend- 
einen Handgrif f, sagen wir, es eignet sich an die Moglichkeit, ein Ge- 
sichtsprofil zu zeichnen. Es kann gar nicht mehr aufhoren, uberall, 
wenn es einen Menschen sieht, mochte es sein Gesichtsprofil zeichnen. 
Es wird ganz mechanisch. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen fur ein 
Kind. Und es laftt sich gar nicht davon abbringen. Wenn es dabei ist, 
ein Profil zu zeichnen, kann ich zu ihm reden, was ich will, ihm selbst 
eine Leckerei bringen, es bleibt dabei, das Gesichtsprofil muE auf- 
gezeichnet werden. Das hangt zusammen mit dem maniakalischen 
Charakter des Ausschweifens des Intellektualistischen. Dagegen der 
Drang, selbst wenn alle Bedingungen dazu da sind, nichts zu tun, nicht 
iiberzugehen zur Arbeit, das hangt wiederum zusammen mit dem 
Schwachsinn, der im Anzuge sein kann. 

Das alles weist uns doch eben darauf hin, wie nach beiden Richtun- 
gen hin, indem wir die Glieder in regelmafiiger Weise beherrschen 
lernen, wir dem Schwachsinn und dem Maniakalischen entgegenwirken 
konnen. Und da haben Sie den unmittelbaren Obergang gerade bei 
schwachsinnigen Kindern zur Heileurythmie. Wenn Sie ein schwach- 
sinniges Kind vor sich haben, so haben Sie die Notwendigkeit, sein 
Stoffwechsel-Gliedmafiensystem uberzufiihren in die Beweglichkeit. 
Dadurch wird angeregt sein Geistiges. Lassen Sie es R L S I machen, Tafel 8 
und Sie werden sehen, wie giinstig Sie auf das Kind wirken. Haben Sie 
es mit einem maniakalischen Kinde zu tun, wissen Sie, wie es zusam- 
menhangt mit dem Gliedmafien-Stoffwechselsystem, lassen Sie es MN 
BPAU machen, und Sie werden wiederum sehen, wie das auf seinen 
maniakalischen Charakter zuriickwirkt. Wir miissen eben uberall die- 
sen innigen Zusammenhang, der beim Kinde noch da ist, zwischen dem 
Physisch-Atherischen und dem Seelisch-Geistigen beriicksichtigen. 
Dann kommen wir auch zu den entsprechendenBehandlungsmethoden. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, l.Juli 1924 



Meine lieben Freunde, den heutigen Tag mochte ich so betrachten, daft 
wir ihn als Beispiel auffassen, das nach den verschiedenen Seiten dann 
ausgreifen kann. Ich mochte zunachst, damit wir eine Grundlage haben 
fur das Besprechen, die Krankengeschichte des Sandroe behandeln. 

Der Junge ist hier seit dem 11. September 1923; er ist neunjahrig 
hier angekommen. Wahrend der Schwangerschaft fiihlte sich die Mut- 
ter sehr gut und machte im funften Monat eine Reise durch Spanien. 
Die Geburt war sehr schwer, er mufke gewendet und mit der Zange 
geholt werden. Der Junge befand sich im ersten Jahr sehr gut, so daft 
man gar nicht an eine Abnormitat dachte. Mit sechs Monaten hat er 
einmal sehr lange in der Sonne gelegen, und bekam danach durch die- 
ses Lange-in-der-Sonne-Sein eine Art Ohnmacht und nachher Fieber. 
Er ist nur drei Monate mit Muttermilch ernahrt worden. Dann vom 
neunten Monate bis zum dritten Jahre afi er sehr schlecht. Er wollte 
damals gar nichts essen. Im zweiten Sommer fiel den Eltern auf, dafi 
die Augen sich veranderten und weniger klar wurden. Und er konnte 
auch im zweiten Jahre noch nicht sprechen und noch nicht gehen und 
begann meistens nachts um vier Uhr ohne Ursache zu schreien. Er hat 
die Gewohnheit entwickelt - die Gewohnheit, die wir immer zu be- 
achten haben -, am Daumen zu lutschen. Er bekam deshalb Kartons 
am Ellbogen und nachts bekam er Aluminiumglocken an der Hand zu 
tragen. Die trug er drei Jahre. Dann blieb die Entwickelung immer zu- 
rtick. Mit funf Jahren konnte er noch immer nicht zusammenhangend 
sprechen. Nun beginnt die Periode des Zahnwechsels. Sie beginnt mit 
dem siebenten Jahre, die mittleren Zahne sind gewechselt, die oberen 
noch nicht alle gewechselt. - Hat er noch Zahne gewechselt? Einen 
Zahn hat er noch bekommen. Der eine Vorderzahn ist auch noch nicht 
da? - Jetzt ist er da. Der andere war schon dazumal stark entwickelt. 
Die Mutter gibt an, daft auch sein Vater sich spat entwickelt und auch 
sehr spat den Zahnwechsel gehabt hat. Nun war er dazumal, als er an- 
kam, schwachlich; 24 Kilo Gewicht. Er hat zarte Knochen. Hande und 



Fiifte im Verhaltnis zum Korper sind sehr groft. Die Hande sind sehr 
ungeschickt. Aller aufiere Befund ist negativ. Dann haben wir fort- 
schreitend ein Unruhiger- und Schwierigerwerden zu beobachten. Er 
iftt etwas unmanierlich. Die korperlichen Funktionen sind in Ordnung. 
Seit Januar 1924 ist er wesentlich ruhiger, menschlicher geworden. Die 
Dinge der Auftenwelt begannen ihn zu interessieren und setzten ihn in 
Erstaunen. Dasjenige ist eingetreten, was gesucht werden mufi herbei- 
zufuhren: Aufmerksamkeit auf die Auftenwelt, und zwar nicht bloft 
intellektuelle, sondern vor alien Dingen gemuthafte Aufmerksamkeit 
auf die Dinge der Auftenwelt zu entwickeln. Dinge der Auftenwelt 
setzen ihn in Erstaunen. Es handelt sich darum, daft intellektuelle Auf- 
merksamkeit nicht therapeutisch wirken kann, sondern daft man das 
Gefiihl, den Willen engagieren mulS bei der Aufmerksamkeit gegen- 
iiber der Auftenwelt. Er wird zu den Menschen zutraulich, und, wahrend 
er anfangs ziemlich teilnahmslos an den Menschen vorbeigegangen ist, 
erkennt er sie jetzt wieder. Zum Handeln ist er schwer zu bringen. Was 
er tut, tut er nicht gern, doch hat er bis zum Januar die nutzliche Be- 
schaftigung des Strickens etwas gelernt. Es handelt sich darum, daft 
man eine solche Beschaftigung an das Kind heranbringt, die es auf der 
einen Seite zum Mechanischen, zum Bewegtwerden bringt, und auf der 
andern Seite dazu, doch aufmerksam zu sein; denn man kann beim 
Stricken Maschen verlieren. Sein liebstes Spiel ist ein Wagen oder 
Schlitten. Er kann stundenlang nichts anderes sprechen als von seinem 
Wagen; das ist eine Sache, die anklingt an dasjenige, was ich gestern 
besprochen habe. Er lernt schnell deutsch sprechen und verstehen. Nun, 
das ist dasjenige, was der unmittelbare Befund war. 

Nun, wenn Sie den Jungen einmal betrachten - komm einmal her, 
Sandroe! -, dann werden Sie allerlei bemerken. Vor alien Dingen mache 
ich Sie aufmerksam darauf, daft er eine stark ausgebildete untere Ge- 
sichtshalfte hat: Sehen Sie sich diesen Nasenschnitt an und die Mund- 
partie. Er tragt den Mund ein biftchen offen, wodurch die Zahnbildung 
bewirkt ist und was nicht unberiicksichtigt bleiben darf aus dem 
Grund, weil diese Dinge Zusammenhang haben durchaus mit der gan- 
zen geistig-seelischen Konstitution. Und man darf hier nicht das Umge- 
kehrte sagen, wegen der Zahnbildung ist der Mund offen; sondern 



das fiihrt auf gemeinschaftiiche Ursachen zuriick, daft namlich von 
seiten des oberen Menschen der untere Mensch nicht vollkommen be- 
herrscht werden kann. Indem Sie sich das ansehen, werden Sie viel 
bemerken. Stellen wir uns vor, daft hier der Sitz der Kraft des oberen 
Menschen ist, des Sinnes-Nervenmenschen. Der wirkt auf den ganzen 
iibrigen Menschen ein. Denn dieser Teil ist ja in der ersten Lebenszeit 
derjenige, der am meisten entwickelt ist und die meisten Krafte mit- 
bringt, aus der Embryonalzeit mitbringt und in der Embryonalzeit die 
meist entwickelten Krafte hat. Alles iibrige ist sozusagen wiederum 
abhangig. Wahrend das Untere direkt aus der Konstitution des mutter- 
lichen Leibes sich bildet, ist alles iibrige abhangig mittelbar von dem, 
was sich hier bildet. Dasjenige,was sich hier alsKiefersystem, als Glied- 
maftensystem bildet - und zu ihm gehort auch das Kiefersystem; das 
ist Gliedmaftensystem -, das ist vollig einbezogen in das Kopfsystem. 
Hier ist das Kopfsystem nicht stark genug, urn das Gliedmaftensystem 
vollig einzubeziehen, daher wirken auf das Gliedmaftensystem die 
aufteren Krafte zu stark ein. Wenn Sie einen wohlgebildeten Menschen 
haben mit einem harmonischen Ansatz der unteren Kopfpartie, dann 
mussen Sie sich vorstellen, daft in moglichst groftem Mafte das Nerven- 
system der Beherrscher des Stoffwechsel-Gliedmaftensystems ist. Dann 
wirken keine aufteren Krafte in iibermaftiger Weise ein. Ist der Kopf 
nicht fahig, das ganze iibrige System zu beherrschen, dann wirken zu 
stark die aufteren Krafte ein auf das iibrige System. Insbesondere kon- 
nen Sie das sehen daran, daft die Arme nicht das Maft haben und die 
Beine auch nicht, das sie haben wiirden, wenn sie einbezogen wiirden, 
aber sie sind zu groft entwickelt, weil zu viel auftere Krafte hinein- 
wirken. Er faftt das mit Humor auf. Ich glaube, Fraulein Dr. Bockholt 
fragte ihn, warum er den Mund offen habe. Er sagte, damit die Fliegen 
hereinkommen. Er ist fest dieser Ansicht. Das alles ist zunachst das 
Obere der Organisation. 

Sie konnen nun beobachten, daft der Kopf nach beiden Seiten hier 
(vorne)etwas schmalist undgerade nach riickwarts zusammengedriickt 
ist. Da haben Sie wiederum die Schmalkopfigkeit hier. Die driickt aus, 
daft das intellektuelle System wenig vom Willen durchdrungen ist. 
Diese Partie (riickwartige Partie) driickt aus, daft sie stark willens- 



durchdrungen ist; diese Partie des Kopfes (Vorderkopf) ist diejenige, 
die fiir aufiere Einfliisse nur zuganglich ist auf dem Wege der Sinnes- 
wahrnehmung, wahrend der Hinterkopf alien moglichen aufteren
…[truncated]