Aus der Akasha-Chronik

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GE SAMTAUSGABE 
SCHRIFTEN 


RUDOLF  STEINER 


AUS  DER  AKASHA-CHRONIK 


Herausgegeben  von  Marie  Steiner 


1986 


RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH  /  SCHWEIZ 


Herausgegebcn  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 


ErstmaJs  erschiencn  in  der  Zeitschrift  «Lucifer  -  Gnosis*  Nrn.  14-35 

Berlin  1904  bis  1908 

1.  Auflage  in  Buchform,  Dornach  o.  J.  (1939) 
2.  Auflage  (3.-6.  Tsd.),  Basel  1955 

Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 
3.  Auflage  (7.-8.  Tsd.),  Dornach  1964 

4.  Auflage  (9.-10.  Tsd.),  Dornach  1969 

5.  Auflage  (11.-14.  Tsd.),  Dornach  1973 

6.  Auflage  (15.-17.  Tsd.),  Dornach  1986 


Einzelausgabe  siehe  Seite  251 


Bibliographie-Nr.  11 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1973  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Switzerland  by  Zbinden  Druck  und  Verlag  AG,  Basel 

ISBN  3-7274-0110-9 


INHALT 


Vorwort  Marie  Steiners  zur  ersten  Buchausgabc  1939 ....  7 

Die  Kuitur  der  Gegenwart  im  Spiegel  der  Geisteswissenschaft  9 

Aus  der  Akasha-Chronik 

Vorwort   21 

Unsere  atlantischen  Vorfahren   26 

Ubergang  der  vierten  in  die  fiinfte  Wurzelrasse   ....  44 

Die  lemurische  Rasse   57 

Die  Trennung  in  Geschlechter   74 

Die  letzten  Zeiten  vor  der  Geschlechtertrennung  ....  87 

Die  hyper boraische  und  die  polarische  Epoche     ....  98 

Anfang  der  gegenwartigen  Erde .  Austritt  der  Sonne      .    .  Ill 

Austritt  des  Mondes   120 

Einige  notwendige  Zwischenbemerkungen   129 

Von  der  Herkunft  der  Erde   141 

Die  Erde  und  ihre  Zukunft   151 

Das  Leben  des  Saturn   161 

Das  Leben  der  Sonne   171 

Das  Leben  auf  dem  Monde   183 

Das  Leben  der  Erde   196 

Der  viergliedrige  Erdenmensch   213 

Fragenbeantwortung   233 

Vorurteile  aus  vermeintlicher  Wissenschaft   238 

Hinweise   251 

Ubersicht  uber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe    .    .    .    .  253 


VORWORT  MARIE  STEINERS 
zur  ersten  Buchausgabe  1939 

Auf  vielfachen  Wunsch  werden  diese  im  Jahre  1904  zu- 
erst  erschienenen  Aufsatze  Dr.  Rudolf  Steiners  nun  nach 
fiinfunddreifiig  Jahren  in  Buchform  herausgebracht. 
Geschrieben  waren  sie  fiir  die  zuerst  monatlich,  dann  in 
grofieren  Zwischenraumen  erscheinende  Zeitschrift  «Luci- 
fer-Gnosis».  Dadurch  erklart  sich  das  oftere  Zuriick- 
greifen  und  Hinweisen  auf  vorher  Gesagtes.  Doch  sind 
ja  Wiederholungen  dem  Studium  der  Geisteswissenschaft 
besonders  forderlich.  Verwirrend  konnte  es  neute  man- 
cher  empfinden,  dafi  neben  der  neuen  fiir  das  Abend- 
land  gepragten  Terminologie  auch  diejenige  miterwahnt 
wird,  die  orientalischer  Esoterik  entnommen  ist.  Sie  war 
durch  dieLiteratur  der  Theosophischen  Gesellschaft  in  der 
Zeit  der  Jahrhundertwende  in  Europa  popular  geworden. 
Die  exotischen  Namen  waren  im  Gedachtnis  haftenge- 
blieben;  die  feineren  Nuancen,  die  der  Orientale  damit 
verbindet,  blieben  ja  trotzdem  dem  Europaer  verschlossen. 
Die  Durchgestaltung  unserer  der  Sinneswahrnehmung  an- 
gepafken  Sprache  zu  feinerer  geistiger  Begrifflichkeit 
und  zur  konkreten  Bildhaftigkeit  auch  des  ObersinnHchen 
war  etwas,  woran  Dr.  Steiner  unablassig  gearbeitet  hat. 
Bei  der  Schilderung  der  Wirksamkeit  der  Hierarchien 
benutzt  er  die  dafiir  iibliche  christliche  Terminologie. 

Was  hier  in  der  «Aka$ha-Chronik»  in  knapper  Uber- 
sichtlichkeit  vor  Augen  gefiihrt  wird,  findet  seine  Fort- 
setzung  in  den  Buchern  «Theosophie»  und  «Geheim- 
wissenschaft  im  Umrifi». 


Die  Zeitschrift  «Lucifer-Gnosis»  konnte  wegen  iiber- 
maftiger  Inanspruchnahme  durch  Vortragstatigkeit  und 
anderer  Betatigungen  nicht  weitergefiihrt  werden.  Neben 
den  Ergebnissen  der  Geheimforschung  enthalt  sie  viele 
Aufsatze,  in  denen  Dr.  Steiner  mit  dem  naturwissen- 
schaftlichen  Denken  der  Gegenwart  sich  auseinandersetzt. 
Da  es  nicht  ausbleiben  kann,  dafi  Niederschriften  wie  die- 
jenige  iiber  die  «Aka$ha~Chronik»  den  meisten  unvor- 
bereiteten  Lesern  heute  noch  als  wilde  Phantastik  er- 
scheinen,  so  sollen  zwei  die  Erkenntnisprobleme  der  Gegen- 
wart beriihrende  Aufsatze  aus  jener  Zeitschrift  voran- 
gehen  und  folgen.  Sie  durften  in  ihrer  niichternen  Logik 
den  Beweis  erbringen,  dafi  der  Erforscher  iibersinnlicher 
Welten  auch  Probleme  der  Gegenwart  ruhig  und  sach- 
lich  iiberschauen  kann. 

Die  Zeitschrift  widmete  sich  auch  der  Beantwortung 
von  Fragen,  die  aus  dem  Leserkreise  gestellt  wurden.  Dem 
entnehmen  wir  einiges  auf  die  atlantische  Menschheit  und 
die  Geheimwissenschaft  Beziigliche.  Wer  sich  klarwerden 
mochte  iiber  die  Art,  wie  das  Lesen  in  der  «Akasha- 
Cbronik»  zustande  kommt,  mufi  sich  freilich  dem  Stu- 
dium  der  Anthroposophie  eingehend  widmen. 

Neben  den  oben  erwahnten  Buchern  sei  fur  Fortge- 
schrittene  im  Studium  der  Geisteswissenschaft  hinge- 
wiesen  auf  die  Esoterischen  Betrachtungen  iiber  «Okkultes 
Lesen  und  okkultes  Horen»  und  auf  den  eben  erschei- 
nenden  dritten  Band  der  Schriftenreihe:  Geistige  Wesen 
und  ihre  Wirkungen,  der  heute  besonders  interessieren 
diirfte:  «Geschichtliche  Notwendigkeit  und  Freiheit. 
Schicksalseinwirkungen  aus  der  Welt  der  Toten». 


DIE  KULTUR  DER  G E G E N WART  IM  SPIEGEL 
DER  GEISTESWISSENSCHAFT 


Fur  denjenigen,  welcher  den  Gang  der  wissenschaftlichen 
Entwickelung  in  den  letzten  Jahrzehnten  verfolgt,  kann 
kein  Zweifel  dariiber  bestehen,  daft  sich  innerhalb  des- 
selben  ein  machtiger  Umschwung  vorbereitet.  Ganz  anders 
als  vor  kurzer  Zeit  klingt  es  heute,  wenn  ein  Natur- 
forscher  sich  iiber  die  sogenannten  Ratsel  des  Daseins 
ausspricht.  —  Es  war  um  die  Mitte  des  neunzehnten 
Jahrhunderts,  als  einige  der  kuhnsten  Geister  in  dem 
wissenschaftlichen  Materialismus  das  einzig  mogliche 
Glaubensbekenntnis  sahen,  das  jernand  haben  kann,  der 
mit  den  neueren  Ergebnissen  der  Forschung  bekannt  ist. 
Beriihmt  geworden  ist  ja  der  derbe  Ausspruch,  der  da- 
mals  gefallen  ist,  daft  «die  Gedanken  etwa  in  demselben 
Verhaltnisse  zum  Gehirne  stehen  wie  die  Galle  zu  der 
Leber ».  Karl  Vogt  hat  ihn  getan,  der  in  seinem  «K6hler- 
glauben  und  Wissenschaft»  und  in  anderen  Schriften 
alles  fiir  iiberwunden  erklarte,  was  nicht  die  geistige 
Tatigkeit,  das  seelische  Leben  aus  dem  Mechanismus  des 
Nervensystems  und  des  Gehirnes  so  hervorgehen  Heft, 
wie  der  Physiker  erklart,  daft  aus  dem  Mechanismus  der 
Uhr  das  Vorwartsriicken  der  Zeiger  hervorgeht.  Es  war 
die  Zeit,  in  welcher  Ludwig  Buchners  «Kraft  und  Stoff» 
fiir  weite  Kreise  von  Gebildeten  zu  einer  Art  Evangelium 
geworden  ist.  Man  darf  wohl  sagen,  daft  vortreffliche, 
unabhangig  denkende  Kopfe  zu  solchen  Oberzeugungen 
durch  den  gewaltigen  Eindruck  gekommen  sind,  welchen 
die  Erfolge  der  Naturwissenschaft  in  neuerer  Zeit  ge- 
macht  haben.  Das  Mikroskop  hatte  kurz  vorher  die  Zu- 


sammensetzung  der  Lebewesen  aus  ihren  kleinsten  Tei- 
len,  den  Zellen,  gelehrt.  Die  Geologie,  die  Lehre  von  der 
Erdbildung,  war  dahin  gekommen,  das  Werden  unseres 
Planeten  nach  denselben  Gesetzen  zu  erklaren,  die  heute 
noch  tatig  sind.  Der  Darwinismus  versprach  auf  eine  rein 
natiirliche  Weise  den  Ursprung  des  Menschen  zu  erklaren 
und  trat  seinen  Siegeslauf  durch  die  gebildete  Welt  so 
verheiftungsvoll  an,  dafi  fiir  viele  durch  ihn  aller  «alte 
Glaube»  abgetan  zu  sein  schien.  Das  ist  seit  kurzem  ganz 
anders  geworden.  Zwar  finden  sich  noch  immer  Nach- 
ziigler  dieser  Ansichten,  die  wie  Ladenburg  auf  der  Na- 
turforscher-Versammlung  von  1903  das  materialistische 
Evangelium  verkiindigen;  aber  ihnen  gegenuber  stehen 
andere,  welche  durch  ein  reiferes  Nachdenken  iiber  wis- 
senschaftliche  Fragen  zu  einer  ganz  anderen  Sprache  ge- 
kommen sind.  Eben  ist  eine  Schrift  erschienen,  welche  den 
Titel  tragt  «Naturwissenschaft  und  Weltanschauung*. 
Sie  hat  Max  Verworn  zumVerfasser,  einen  Physiologen, 
der  aus  Haeckels  Schule  hervorgegangen  ist.  In  dieser 
Schrift  ist  zu  lesen:  «In  der  Tat,  selbst  wenn  wir  die  voll- 
kommenste  Kenntnis  besa£en  von  den  physiologischen 
Ereignissen  in  den  Zellen  und  Fasern  der  Grofihirnrinde5 
mit  denen  das  psychische  Geschehen  verkmipft  ist,  selbst 
wenn  wir  in  die  Mechanik  des  Hirngetriebes  hineinschauen 
konnten  wie  in  das  Getriebe  der  Rader  eines  Uhrwerkes, 
wir  wiirden  doch  niemals  etwas  anderes  finden  als  be- 
wegte  Atome.  Kein  Mensch  konnte  sehen  oder  sonst  ir- 
gendwie  sinnlich  wahrnehmen,  wie  dabei  Empfindungen 
und  Vorstellungen  entstehen.  Die  Resultate,  welche  die 
materialistische  Auffassung  bei  ihrem  Versuch  der  Zu- 
ruckfiihrung  geistiger  Vorgange  auf  Atombewegungen  ge- 


habt  hat,  illustrieren  denn  auch  sehr  anschaulich  ihre  Lei- 
stungsfahigkeit:  Solange  die  materialistische  Anschauung 
besteht,  hat  sie  nicht  die  einfachste  Empfindung  durch 
Atombewegungen  erklart.  So  war  es  und  so  wird  es  sein 
in  Zukunf t.  Wie  ware  es  auch  denkbar,  dass  jemals  Dinge, 
die  nicht  sinnlich  wahrnehmbar  sind  wie  die  psychi- 
schen  Vorgange,  ihre  Erklarung  finden  konnten  durch 
eine  blofie  Zerlegung  grofier  Korper  in  ihre  kleinsten 
Teile!  Es  bleibt  ja  das  Atom  doch  immer  noch  ein  Korper 
und  keine  Bewegung  von  Atomen  ist  jemals  imstande,  die 
Kluft  zu  iiberbriicken  zwischen  Korperwelt  und  Psyche. 
Die  materialistische  Auffassung,  so  fruchtbar  sie  als  natur- 
wissenschaftliche  Arbeitshypothese  gewesen  ist,  so  frucht- 
bar sie  in  diesem  Sinne  auch  zweifellos  noch  in  Zukunf t 
bleiben  wird  —  ich  verweise  nur  auf  die  Erfolge  derStruk- 
tur-Chemie  — ,  so  unbrauchbar  ist  sie  doch  als  Grundlage 
fur  eine  Weltanschauung.  Hier  erweist  sie  sich  als  zu  eng. 
Der  philosophiscbe  Materialismus  hat  seine  historische 
Rolle  ausgespielt.  Dieser  Versuch  einer  naturwissenschaft- 
lichen  Weltanschauung  ist  fur  immer  miftlungen.»  So 
spricht  ein  Naturforscher  am  Anfang  des  zwanzigsten 
Jahrhunderts  iiber  die  Anschauung,  die  um  die  Mitte  des 
neunzehnten  wie  ein  neues,  durch  die  wissenschaftlichen 
Fortschritte  gef ordertes  Evangelium  verktindet  worden  ist. 

Insbesondere  sind  es  die  fiinfziger,  sechziger  und  sieb- 
ziger  Jahre  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  welche  als  die- 
jenigen  der  materialistischen  Hochflut  bezeichnet  werden 
diirfen.  Einen  wahrhaft  faszinierenden  Einflufi  iibte  da- 
mals  die  Erklarung  der  geistigen  und  seelischen  Erchei- 
nungen  aus  rein  mechanischen  Vorgangen  aus.  Und  die 
Materialisten  durften  sich  damals  sagen,  dafi  sie  einen 


Sieg  iiber  die  Anhanger  der  geistigen  Weltanschauung 
davongetragen  haben.  Auch  solche,  die  nicht  von 
naturwissenschaftlichen  Studien  ausgegangen  waren, 
traten  in  ihr  Gefolge.  Hatten  noch  Buchner,  Vogt,  Mole- 
schott  und  andere  auf  rein  naturwissenschaftliche  Vor- 
aussetzungen  gebaut,  so  versuchte  David  Friedrich  Straufi 
1872  in  seinem  «Alten  und  neuen  Glauben»  aus  seinen 
theologischen  und  philosophischen  Erkenntnissen  heraus 
die  Stutzpunkte  fiir  das  neue  Bekenntnis  zu  gewinnen.  Er 
hatte  schon  vor  Jahrzehnten  in  aufsehenerregender  Weise 
in  das  Geistesleben  durch  sein  «Leben  Jesu»  eingegriffen. 
Er  schien  ausgeriistet  zu  sein  mit  der  vollen  theologischen 
und  philosophischen  Bildung  seiner  Zeit.  Er  sprach  es 
jetzt  kiihn  aus,  dass  die  im  materialistischen  Sinne  ge- 
haltene  Erklarung  der  Welterscheinungen  einschliefilich 
des  Menschen  die  Grundlage  bilden  miisse  fiir  ein  neues 
Evangelium,  fiir  eine  neue  sittliche  Erfassung  und  Gestal- 
tung  des  Daseins.  Die  Abkunft  des  Menschen  von  rein 
tierischen  Vorfahren  schien  ein  neues  Dogma  werden  zu 
wollen,  und  alles  Festhalten  an  einem  geistig-seelischen 
Ursprung  unseres  Geschlechtes  gait  in  den  Augen  der 
naturforschenden  Philosophen  als  stehengebliebener  Aber- 
glaube  aus  dem  Kindheitsalter  der  Menschheit,  mit  dem 
man  sich  nicht  weiter  zu  beschaftigen  habe. 

Und  denen,  welche  auf  der  neueren  Naturwissenschaft 
bauten,  kamen  die  Kulturhistoriker  zu  Hilfe.  Die  Sitten 
und  Anschauungen  wilder  Volksstamme  wurden  zum  Stu- 
dium  gemacht.  Die  Ueberreste  primitiver  Kulturen,  die 
man  aus  der  Erde  grabt,  wie  die  Knochen  vorweltlicher 
Tiere  und  die  Abdriicke  untergegangener  Pflanzenwelten: 
sie  sollten  ein  Zeugnis  abgeben  fiir  die  Tatsache,  dafi  der 


Mensch  bei  seinem  ersten  Auftreten  auf  dem  Erdball  sich 
nur  dem  Grade  nach  von  den  hoheren  Tieren  unterschie- 
den  habe,  dafi  er  aber  geistig-seelisch  sich  durchaus  von 
der  bloften  Tierheit  zu  seiner  jetzigen  Hohe  heraufent- 
wickelt  habe.  Es  war  ein  Zeitpunkt  eingetreten,  wo  alles 
in  diesem  matenalistischen  Baue  zu  stimmen  schien.  Und 
unter  einem  gewissen  Zwange,  den  die  Vorstellungen  der 
Zeit  auf  sie  ausiibten,  dachten  die  Menschen  so,  wie  ein 
glaubiger  Materialist  schreibt:  *Das  eifrige  Studium  der 
Wissenschaft  hat  mich  dazu  gebracht,  alles  ruhig  aufzu- 
nehmen,  das  Unabanderliche  geduldig  zu  tragen  und  iibri- 
gens  dafiir  sorgen  zu  helfen,  dafi  der  Menschheit  Jammer 
allmahlich  gemindert  werde.  Auf  die  phantastischen  Tro- 
stungen,  die  ein  glaubiges  Gemiit  in  wunderbaren  Formeln 
sucht,  kann  ich  um  so  leichter  verzichten,  als  meine  Phan- 
tasie  durch  Literatur  und  Kunst  die  schonste  Anregung 
findet.  Wenn  ich  dem  Gang  eines  grofien  Dramas  folge 
oder  an  der  Hand  von  Gelehrten  eine  Reise  zu  anderen 
Sternen,  eine  Wanderung  durch  vorweltliche  Landschaf- 
ten  unternehme,  wenn  ich  die  Erhabenheit  der  Natur 
auf  Bergesgipfeln  bewundere  oder  die  Kunst  des  Men- 
schen in  Tonen  und  Farben  verehre,  habe  ich  da  nicht 
des  Erhebenden  genug?  Brauche  ich  dann  noch  etwas,  das 
meiner  Vernunft  widerspricht?  —  Die  Furcht  vor  dem 
Tode,  die  so  viele  Fromme  qualt,  ist  mir  vollstandig 
fremd.  Ich  weifi,  daft  ich,  wenn  mein  Leib  zerfallt,  so 
wenig  fortlebe,  wie  ich  vor  meiner  Geburt  gelebt  habe. 
Die  Qualen  des  Fegefeuers  und  einer  Holle  sind  fur  mich 
nicht  vorhanden.  Ich  kehre  in  das  grenzenlose  Reich  der 
Natur  zuriick,  die  alle  Kinder  liebend  umfaftt.  Mein  Le- 
ben  war  nicht  vergeblich.  Ich  habe  die  Kraft,  die  ich  be- 
safi,  wohl  angewendet.  Ich  scheide  von  der  Erde  in  dem 


festen  Glauben,  daft  sich  alles  besser  und  schoner  ge- 
stalten  wird!»  (Vom  Glauben  zum  Wissen.  Ein  lehrrei- 
cher  Entwickelungsgang  getreu  nach  dem  Leben  geschil- 
dert  von  Kuno  Freidank.)  So  denken  heute  viele,  auf 
welche  die  Zwangsvorstellungen  noch  Gewalt  haben,  die 
in  der  genannten  Zeit  auf  die  Vertreter  der  materialisti- 
schen  Weltanschauung  wirkten. 

Diejenigen  aber,  die  versuchten,  sich  auf  der  Hohe  des 
wissenschaftlichen  Denkens  zu  halten,  sind  zu  anderen 
Vorstellungen  gekommen.  Beriihmt  geworden  ist  ja  die 
erste  Entgegnung,  die  von  Seite  eines  hervorragenden  Na- 
tur  for  setters  auf  der  Naturforscher-Versammlung  in  Leip- 
zig (1876)  auf  den  naturwissenschaftlichen  Materialismus 
ausgegangen  ist.  Du  Bois-Reymond  hat  damals  seine  «Ig- 
norabimus-Rede»  gehalten.  Er  versuchte  zu  zeigen,  daft 
dieser  naturwissenschaftliche  Materialismus  in  der  Tat 
nichts  vermag  als  die  Bewegungen  kleinster  Stoffteilchen 
festzustellen,  und  er  forderte,  daft  er  sich  damit  begniigen 
musse,  solches  zu  tun.  Aber  er  betonte  zugleich,  daft  da- 
mit auch  nicht  das  Geringste  geleistet  ist  zur  Erklarung 
der  geistigen  und  seelischen  Vorgange.  Man  mag  sich  zu 
diesen  Ausfiihrungen  Du  Bois-Reymonds  stellen  wie  man 
wolle:  soviel  ist  klar,  sie  bedeutete  eine  Absage  an  die 
materialistische  Welterklarung.  Sie  zeigte,  wie  man  als 
Naturforscher  an  dieser  irre  werden  konne. 

Die  materialistische  Welterklarung  war  damit  in  das 
Stadium  eingetreten,  auf  dem  sie  sich  bescheiden  er- 
klarte  gegeniiber  dem  Leben  der  Seele.  Sie  stellte  ihr 
«Nichtwissen»  (Agnostizismus)  fest.  Zwar  erklarte  sie, 
daft  sie  «wissenschaftlich»  bleiben  und  nicht  ihre  Zuflucht 
zu  anderen  Wissensquellen  nehmen  wolle;  aber  sie  wollte 


auch  nicht  mit  ihren  Mitteln  aufsteigen  zu  einer  hoheren 
Weltanschauung.  (In  umfassender  Art  hat  in  neuerer  Zeit 
Raoul  France,  ein  Naturforscher,  die  Unzulanglichkeit 
der  naturwissenschaftlichen  Ergebnisse  fur  eine  hohere 
Weltanschauung  gezeigt.  Dies  ist  ein  Unternehmen,  auf 
das  wir  noch  ein  anderes  Mai  zuruckkommen  mochten.) 

Und  nun  mehrten  sich  auch  stetig  die  Tatsachen,  welche 
das  Unmogliche  des  Unterfangens  zeigten,  auf  die  Er- 
forschung  der  materiellen  Erscheinungen  eine  Seelenkunde 
aufzubauen.  Die  Wissenschaft  wurde  gezwungen,  gewisse 
«abnorrne»  Erscheinungen  des  Seelenlebens,  den  Hypno- 
tismus,  die  Suggestion,  den  Somnambulismus  zu  studie- 
ren.  Es  zeigte  sich,  dafi  diesen  Erscheinungen  gegeniiber 
fiir  den  wirklich  Denkenden  eine  materialistische  An- 
schauung  ganz  unzulanglich  ist.  Es  waren  keine  neuen 
Tatsachen,  die  man  kennenlernte.  Es  waren  vielmehr  Er- 
scheinungen, die  man  in  alten  Zeiten  schon  und  bis  in 
den  Anfang  des  neunzehnten  Jahrhunderts  herein  studiert 
hatte,  die  aber  in  der  Zeit  der  materialistischen  Hochflut 
als  unbequem  einfach  beiseite  gesetzt  worden  waren. 

Dazu  kam  noch  etwas  anderes.  Immer  mehr  zeigte  sich, 
auf  welch  schwachem  Untergrunde  die  Naturforscher 
selbst  mit  ihren  Erklarungen  von  der  Entstehung  der 
Tierformen  und  folglich  auch  des  Menschen  gebaut  hat- 
ten.  Welche  Anziehungskraft  iibten  doch  die  Vorstellun- 
gen  von  der  «Anpassung»  und  dem  «Kampf  urns  Dasein* 
bei  der  Erklarung  der  Artentstehung  eine  Zeitlang  aus. 
Man  lernte  einsehen,  dafi  man  mit  ihnen  Blendwerken 
nachgegangen  war.  Es  bildete  sich  eine  Schule  —  unter 
Weismanns  Fiihrung — ,die  nichts  davon  wissenwollte,  dafi 
sich  Eigenschaften,  welche  ein  Lebewesen  durch  Anpas- 


sung  an  die  Umgebung  erworben  hat,  vererben  konnten, 
und  daft  so  durch  sie  eine  Umbildung  der  Lebewesen  ein- 
trete.  Man  schrieb  daher  alles  dem  «Kampf  urns  Dasein» 
zu  und  sprach  von  einer  «Allmacht  der  Naturziichtung». 
In  schroffen  Gegensatz  dazu  traten,  gestutzt  auf  unbe- 
zweifelbare  Tatsachen,  solche,  die  erklarten,  man  habe 
in  Fallen  von  einem  «Kampf  urns  Dasein*  gesprochen, 
wo  er  gar  nicht  existiere.  Sie  wollten  dartun,  daft  nichts 
durch  ihn  erklart  werden  konne.  Sie  sprachen  von  einer 
«Ohnmacht  der  Naturzuchtung».  Weiter  konnte  de  Vries 
in  den  letzten  Jahren  durch  Versuche  zeigen,  daft  es  ganz 
sprungweise  Veranderungen  einer  Lebensform  in  die  an- 
dere  gebe  (Mutation).  Damit  ist  auch  erschuttert,  was 
man  von  seiten  der  Darwinianer  als  einen  festen  Glau- 
bensartikel  angesehen  hat,  daft  sich  Tier-  und  Pflanzen- 
formen  nur  allmahlich  umwandelten.  Immer  mehr 
schwand  einfach  der  Boden  unter  den  Fiiften,  auf  dem 
man  jahrzehntelang  gebaut  hatte.  Denkende  Forscher  hat- 
ten  ohnedies  schon  friiher  diesen  Boden  verlassen  zu  mus- 
sen  geglaubt,  wie  der  jung  verstorbene  W.  H.  Rolph,  der 
in  seinem  Buche:  «Biologische  Probleme,  zugleich  als  Ver- 
such  zur  Entwicklung  einer  rationellen  Ethik»  schon 
1884  erklart:  «Erst  durch  die  Einfuhrung  der  Unersatt- 
lichkeit  wird  das  darwinistische  Prinzip  im  Lebenskampfe 
annehmbar.  Denn  nun  erst  haben  wir  eine  Erklarung  fur 
die  Tatsache,  daft  das  Geschopf ,  wo  immer  es  kann,  mehr 
erwirbt,  als  es  zur  Erhaltung  des  status  quo  bedarf ,  daft 
es  im  Obermaft  wachst,  wo  die  Gelegenheit  dazu  gegeben 
ist . . .  Wahrend  es  fur  den  Darwinisten  iiberall  da  kei- 
nen  Daseinskampf  gibt,  wo  die  Existenz  des  Geschopf  es 
nicht  bedroht  ist,  ist  fur  mich  der  Kampf  ein  allgegen- 


wartiger.  Er  ist  eben  primar  ein  Lebenskampf ,  ein  Kampf 
urn  Lebensmehrung,  aber  kein  Kampf  urns  Dasein.* 

Nur  natiirlich  ist  es,  daft  sich  bei  solcher  Lage  der  Tat- 
sachen  die  Einsichtigen  gestehen:  Die  materialistische  Ge- 
dankenwelt  taugt  nicht  zum  Aufbau  einer  Weltanschau- 
ung. Wir  diirfen,  von  ihr  ausgehend,  nichts  iiber  die  see- 
lischen  und  geistigen  Erscheinungen  aussagen.  Und  es  gibt 
heute  schon  zahlreiche  Naturforscher,  welche  auf  ganz 
anderen  Vorstellungen  sich  ein  Weltgebaude  zu  errichten 
suchen.  Es  braucht  nur  an  das  Werk  des  Botanikers 
Reinke  erinnert  zu  werden  «Die  Welt  als  Tat».  Dabei 
zeigt  es  sich  allerdings,  dafi  solche  Naturforscher  nicht 
ungestraft  in  den  rein  materialistischen  Vorstellungen  er- 
zogen  worden  sind.  Was  sie  von  ihrem  neuen  idealisti- 
schen  Standpunkte  aus  vorbringen,  das  ist  armlich,  das 
kann  sie  einstweilen  befriedigen,  nicht  aber  diejenigen, 
welche  tiefer  in  die  Weltratsel  hineinblicken.  Solche  Na- 
turforscher konnen  sich  nicht  entschliefien,  an  diejenigen 
Methoden  heranzutreten,  die  von  der  wirklichen  Betrach- 
tung  des  Geistes  und  der  Seele  ausgehen.  Sie  haben  die 
grofite  Furcht  vor  der  «Mystik»,  vor«Gnosis»  oder«Theo- 
sophie».  Das  leuchtet  zum  Beispiel  klar  aus  der  angefuhr- 
ten  Schrift  Verworns  heraus.  Er  sagt:  «Es  gart  in  der 
Naturwissenschaft.  Dinge,  die  alien  klar  und  durchsich- 
tig  erschienen,  haben  sich  heute  getriibt.  Langerprobte 
Symbole  und  Vorstellungen,  mit  denen  noch  vor  kurzem 
ohne  Bedenken  jeder  auf  Schritt  und  Tritt  umging  und 
arbeitete,  sind  ins  Wanken  geraten  und  werden  mit  Mifi- 
trauen  betrachtet.  Grundbegriffe,  wie  die  der  Materie, 
erscheinen  erschuttert,  und  der  festeste  Boden  beginnt  un- 
ter  den  Schritten  des  Naturforschers  zu  schwanken.  Fel- 


senfest  allein  stehen  gewisse  Probleme,  an  denen  bisher 
alle  Versuche,  alle  Anstrengungen  der  Naturwissenschaft 
zerschellt  sind.  Der  Verzagte  wirft  sich  bei  dieser  Er- 
kenntnis  resigniert  der  Mystik  in  die  Arme,  die  von  je- 
her  die  letzte  Zuflucht  war,  wo  der  gequalte  Verstand 
keinen  Ausweg  mehr  sah.  Der  Besonnene  sieht  sich  nach 
neuen  Symbolen  um  und  versucht  neue  Grundlagen  zu 
schaffen,  auf  denen  er  weiter  bauen  kann.»  Man  sieht, 
der  naturforschende  Denker  von  heme  ist  durch  seine 
Vorstellungsgewohnheiten  nicht  in  der  Lage,  sich  einen 
andern  Begriff  von  « Mystik*  zu  machen  als  einen  sol- 
chen,  der  Verworrenheit,  Unklarheit  des  Verstandes  ein- 
schliefit.  —  Und  zu  welchen  Vorstellungen  von  dem  See- 
lenleben  kommt  ein  solcher  Denker!  Wir  lesen  am  Schlufi 
der  angefuhrten  Schrift:  «Der  prahistorische  Mensch  hatte 
die  Idee  einer  Trennung  von  Leib  und  Seele  gebildet  beim 
Anblick  des  Todes.  Die  Seele  trennte  sich  vom  Leibe  und 
fuhrte  ein  selbstandiges  Dasein.  Sie  fand  keine  Ruhe  und 
kam  wieder  als  Geist,  wenn  sie  nicht  durch  sepulkrale 
Zeremonien  gebannt  wurde.  Furcht  und  Aberglauben 
angstigten  den  Menschen.  Die  Reste  dieser  Anschauungen 
haben  sich  bis  in  unsere  Zeit  gerettet.  Die  Furcht  vor  dem 
Tode,  das  heifk  vor  dem,  was  nachher  kommen  wird, 
ist  noch  heute  weit  verbreitet.  —  Wie  anders  gestaltet  sich 
das  alles  vom  Standpunkte  des  Psychomonismus!  Da  die 
psychischen  Erlebnisse  des  Individuums  nur  zutande  kom- 
men, wenn  bestimmte,  gesetzmaftige  Verkniipfungen  exi- 
stieren,  so  fallen  sie  weg,  sobald  diese  Verkniipfungen  ir- 
gendwie  gestort  werden,  wie  das  ja  schon  wahrend  des 
Tages  unaufhorlich  geschieht.  Mit  den  korperlichen  Ver- 
anderungen  beim  Tode  horen  diese  Verkniipfungen  ganz 


auf.  So  kann  also  keine  Empfindung  und  Vorstellung, 
kein  Gedanke  und  kein  Gefiihl  des  Individuums  mehr  be- 
stehen.  Die  individuelle  Seele  ist  tot.  Dennoch  leben  die 
Empfindungen  und  Gedanken  und  Gefiihle  weiter.  Sie 
leben  weiter  iiber  das  vergangliche  Individuum  hinaus 
in  anderen  Individuen,  uberall  da,  wo  die  gleichen  Kom- 
plexe  von  Bedingungen  existieren.  Sie  pflanzen  sich  fort 
von  Individuum  zu  Individuum,  von  Generation  zu  Ge- 
neration, von  Volk  zu  Volk.  Sie  wirken  und  weben  am 
ewigen  Webstuhl  der  Seele.  Sie  arbeiten  an  der  Ge- 
schichte  des  menschlichen  Geistes.  —  So  leben  wir  alle 
nach  dem  Tode  weiter  als  Glieder  in  der  grofien,  zusam- 
menhangenden  Kette  geistiger  Entwicklung.»  Aber  ist 
denn  das  etwas  anderes  als  das  Fortleben  der  Wasser- 
welle  in  anderen,  die  sie  aufgeworfen  hat,  wahrend  sie 
selbst  vergeht?  Lebt  man  wahrhaft  weiter,  wenn  man  nur 
in  seinen  Wirkungen  weiterbesteht?  Hat  man  solches  Wei- 
terleben  nicht  mit  alien  Erscheinungen  auch  der  physi- 
schen  Natur  gemein?  Man  sieht,  die  materialistische  Welt- 
auffassung  mufite  ihre  eigenen  Grundlagen  untergraben. 
Neue  vermag  sie  noch  nicht  zu  bauen.  Erst  das  wahre 
Verstandnis  von  Mystik,  Theosophie,  Gnosis  wird  ihr 
solches  moglich  machen.  Der  Chemiker  Ostwald  hat  vor 
mehreren  Jahren  auf  der  Naturforscher-Versammlung  zu 
Liibeck  von  der  «Oberwindung  des  Materialismus*  ge- 
sprochen  und  fur  das  damit  angedeutete  Ziel  eine  neue 
naturphilosophische  Zeitschrift  begrundet.  Die  Natur- 
wissenschaft  ist  reif,  die  Friichte  einer  hoheren  Welt- 
anschauung in  Empfang  zu  nehmen.  Und  alles  Strauben 
wird  ihr  nichts  niitzen;  sie  wird  den  Bediirfnissen  der 
sehnenden  Menschenseele  Rechnung  tragen  miissen. 


AUS  DER  AKASHA-CHRONIK 


Vorwort 


Durch  die  gewohnliche  Geschichte  kann  sich  der  Mensch 
nur  iiber  einen  geringen  Teil  dessen  belehren,  was  die 
Menschheit  in  der  Vorzeit  erlebt  hat.  Nur  auf  wenige 
Jahrtausende  werfen  die  geschichtlichen  Zeugnisse  Licht. 
Und  auch  was  uns  die  Altertumskunde,  die  Palaontolo- 
gie,  die  Geologie  lehren  konnen,  ist  nur  etwas  sehr  Be- 
grenztes.  Und  zu  dieser  Begrenztheit  kommt  noch  die 
Unzuverlassigkeit  alles  dessen,  was  auf  aufiere  Zeugnisse 
aufgebaut  ist.  Man  bedenke  nur,  wie  sich  das  Bild  dieser 
oder  jener  gar  nicht  so  lange  hinter  uns  liegenden  Be- 
gebenheit  oder  eines  Volkes  geandert  hat,  wenn  neue 
geschichtliche  Zeugnisse  aufgefunden  worden  sind.  Man 
vergleiche  nur  einmal  die  Schilderungen,  die  von  verschie- 
denen  Geschichtsschreibern  iiber  eine  und  dieselbe  Sache 
gegeben  werden;  und  man  wird  sich  bald  uberzeugen,  auf 
welch  unsicherem  Boden  man  da  steht.  Alles,  was  der 
aufieren  Sinnenwelt  angehort,  unterliegt  der  Zeit.  Und 
die  Zeit  zerstort  auch,  was  in  der  Zeit  entstanden  ist.  Die 
aufterliche  Geschichte  ist  aber  auf  das  angewiesen,  was 
in  der  Zeit  erhalten  geblieben  ist.  Niemand  kann  sagen, 
ob  das,  was  erhalten  geblieben  ist,  auch  das  Wesentliche 
ist,  wenn  er  bei  den  aufieren  Zeugnissen  stehenbleibt.  — 
Aber  alles,  was  in  der  Zeit  entsteht,  hat  seinen  Ursprung 
im  Ewigen.  Nur  ist  das  Ewige  der  sinnlichen  Wahrneh- 
mung  nicht  zuganglich.  Aber  dem  Menschen  sind  die 
Wege  offen  zur  Wahrnehmung  des  Ewigen.  Er  kann  die 
in  ihm  schlummernden  Krafte  so  ausbilden,  daft  er  die- 


ses  Ewige  zu  erkennen  vermag.  In  den  Aufsatzen  iiber 
die  Frage:  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren 
Welten?*,  die  in  dieser  Zeitschrift  erscheinen*,  wird  auf 
diese  Ausbildung  hingewiesen.  In  ihrem  Verlaufe  werden 
diese  Aufsatze  auch  zeigen,  dafi  der  Mensch  auf  einer 
gewissen  hohen  Stufe  seiner  Erkenntnisfahigkeit  auch  zu 
den  ewigen  Urspriingen  der  zeitlich  verganglichen  Dinge 
dringen  kann.  Erweitert  der  Mensch  auf  diese  Art  sein 
Erkenntnisvermogen,  dann  ist  er  behufs  Erkenntnis  der 
Vergangenheit  nicht  mehr  auf  die  aufieren  Zeugnisse  an- 
gewiesen.  Dann  vermag  er  zu  schauen,  was  an  den  Ereig- 
nissen  nicht  sinnlich  wahrnehmbar  ist,  was  keine  Zeit  von 
ihnen  zerstoren  kann.  Von  der  verganglichen  Geschichte 
dringt  er  zu  einer  unverganglichen  vor.  Diese  Geschichte 
ist  allerdings  mit  andern  Buchstaben  geschrieben  als  die 
gewohnliche.  Sie  wird  in  der  Gnosis,  in  der  Theosophie  die 
«Akasha-Chronik»  genannt.  Nur  eine  schwache  Vorstel- 
lung  kann  man  in  unserer  Sprache  von  dieser  Chronik 
geben.  Denn  unsere  Sprache  ist  auf  die  Sinnenwelt  berech- 
net.  Und  was  man  mit  ihr  bezeichnet,  erhalt  sogleich  den 
Charakter  dieser  Sinnenwelt.  Man  macht  daher  leicht 
auf  den  Uneingeweihten,  der  sich  von  der  Tatsachlich- 
keit  einer  besonderen  Geisteswelt  noch  nicht  durch  eigene 
Erfahrung  iiberzeugen  kann,  den  Eindruck  eines  Phan- 
tasten,  wenn  nicht  einen  noch  schlimmeren.  —  Wer  sich 
die  Fahigkeit  errungen  hat,  in  der  geistigen  Welt  wahrzu- 
nehmen,  der  erkennt  da  die  verflossenen  Vorgange  in 
ihrem  ewigen  Charakter.  Sie  stehen  vor  ihm  nicht  wie 
die  toten  Zeugnisse  der  Geschichte,  sondern  in  vollem 
Leben.  Es  spielt  sich  vor  ihm  in  einer  gewissen  Weise  ab, 

*  In  Buchform  Berlin  1909  (Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe,  Bibl.- 
Nr.  10). 


was  geschehen  ist.  —  Die  in  das  Lesen  solcher  lebenden 
Schrift  eingeweiht  sind,  konnen  in  eine  weit  fernere  Ver- 
gangenlieit  zuriickblicken  als  in  diejenige,  welche  die 
aufiere  Geschichte  darstellt;  und  sie  konnen  auch  —  aus 
unmitteJbarer  geistiger  Wahrnehmung  —  die  Dinge,  von 
denen  die  Geschichte  berichtet,  in  einer  weit  zuverlassi- 
geren  Weise  schildern,  als  es  dieser  moglich  ist.  Um  einem 
moglichen  Irrtum  vorzubeugen,  sei  hier  gleich  gesagt, 
dafi  auch  der  geistigen  Anschauung  keine  Unfehlbarkeit 
innewohnt.  Auch  diese  Anschauung  kann  sich  tauschen, 
kann  ungenau,  schief,  verkehrt  sehen.  Von  Irrtum  frei  ist 
auch  auf  diesem  Felde  kein  Mensch;  und  stiinde  er  noch 
so  hoch.  Deshalb  soil  man  sich  nicht  daran  stofien,  wenn 
Mitteilungen,  die  aus  solchen  geistigen  Quellen  stammen, 
nicht  immer  vollig  ubereinstimmen.  Allein  die  Zuverlas- 
sigkeit  der  Beobachtung  ist  hier  eine  doch  weit  groftere  als 
in  der  aufierlichen  Sinnenwelt.  Und  was  verschiedene  Ein- 
geweihte  iiber  Geschichte  und  Vorgeschichte  mitteilen 
konnen,  wird  im  wesentlichen  in  Uebereinstimmung  sein. 
Tatsachlich  gibt  es  solche  Geschichte  und  Vorgeschichte 
in  alien  Geheimschulen.  Und  hier  herrscht  seit  Jahrtau- 
senden  so  voile  Uebereinstimmung,  dafi  sich  damit  die 
Obereinstimmung,  die  zwischen  den  aufieren  Geschichts- 
schreibern  auch  nur  eines  Jahrhunderts  besteht,  gar  nicht 
vergleichen  lafit.  Die  Eingeweihten  schildern  zu  alien  Zei- 
ten  und  alien  Orten  im  wesentlichen  das  Gleiche. 

Nach  diesen  Vorbemerkungen  sollen  hier  mehrere  Ka- 
pitel  aus  der  Akasha-Chronik  wiedergegeben  werden.  Der 
Anfang  soil  gemacht  werden  mit  Schilderungen  derjeni- 
gen  Tatsachen,  die  sich  abspielten,  als  zwischen  Amerika 
und  Europa  noch  das  sogenannte  atlantische  Festland  vor- 


handen  war.  Auf  diesem  Teil  unserer  Erdoberflache  war 
einstmals  Land.  Der  Boden  dieses  Landes  bildet  heme 
den  Grund  des  Atlantischen  Ozeans.  Plato  erzahlt  noch 
von  dem  letzten  Rest  des  Landes,  der  Insel  Poseidonis,  die 
westwarts  von  Europa  und  Afrika  lag.  Dafi  der  Meeres- 
boden  des  Atlantischen  Ozeans  einstmals  Festland  war, 
dafi  er  durch  etwa  eine  Million  von  Jahren  der  Schauplatz 
einer  Kultur  war,  die  allerdings  von  unserer  heutigen  sehr 
verschieden  gewesen  ist:  dies,  sowie  die  Tatsache,  dafi 
die  letzten  Reste  dieses  Festlandes  im  zehnten  Jahrtausend 
v.  Chr.  untergegangen  sind,  kann  der  Leser  in  dem  Biich- 
lein  « Atlantis,  nach  okkulten  Quellen,  von  W.  Scott- 
Elliot »  nachlesen.  Hier  sollen  Mitteilungen  gegeben  wer- 
den  iiber  diese  uralte  Kultur,  welche  Erganzungen  bilden 
zu  dem  in  jenem  Buche  Gesagten.  Wahrend  dort  mehr 
die  Auftenseite,  die  aufteren  Vorgange  bei  diesen  unseren 
atlantischen  Vorfahren  geschildert  werden,  soil  hier  eini- 
ges  verzeichnet  werden  iiber  ihren  seelischen  Charakter 
und  iiber  die  innere  Natur  der  Verhaltnisse,  unter  denen 
sie  lebten.  Der  Leser  mufi  sich  also  in  Gedanken  zurtick- 
versetzen  in  ein  Zeitalter,  das  fast  zehntausend  Jahre  hin- 
ter  uns  liegt  und  das  viele  Jahrtausende  hindurch  gedauert 
hat.  Was  hier  geschildert  wird,  hat  sich  aber  nicht  allein 
auf  dem  von  den  Wassern  des  Atlantischen  Ozeans  iiber- 
fluteten  Festland  abgespielt,  sondern  auch  auf  den  be- 
nachbarten  Gebieten  des  heutigen  Asien,  Afrika,  Europa 
und  Amerika.  Und  was  sich  in  diesen  Gebieten  spater  ab- 
spielte,  hat  sich  aus  jener  friiheren  Kultur  heraus  ent- 
wickelt.  —  Ueber  die  Quellen  der  hier  zu  machenden 
Mitteilungen  bin  ich  heute  noch  verpflichtet,  Schweigen 
zu  beobachten.  Wer  iiber  solche  Quellen  iiberhaupt  etwas 


weifi,  wird  verstehen,  warum  das  so  sein  mufi.  Aber  es 
konnen  Ereignisse  eintreten,  die  auch  em  Sprechen  nach 
dieser  Richtung  hin  sehr  bald  moglich  machen.  Wieviel 
von  den  Erkenntnissen,  die  im  Schofie  der  theosophischen 
Stromung  verborgen  liegen,  nach  und  nach  mitgeteilt 
werden  darf ,  das  hangt  ganz  von  dem  Verhalten  unserer 
Zeitgenossen  ab.  —  Und  nun  soli  das  erste  der  Schrift- 
sriicke  f  olgen,  die  hier  verzeichnet  werden  konnen. 


UNSERE  ATLANTI SCHEN  VORFAHREN 


Unsere  atlantischen  Vorfahren  waren  mehr  verschieden 
von  den  gegenwartigen  Menschen  als  sich  derjenige  vor- 
stellt,  der  mit  seinen  Erkenntnissen  sich  ganz  auf  die 
Sinnenwelt  beschrankt.  Nicht  nur  auf  das  aufiere  Aus- 
sehen  erstreckt  sich  diese  Verschiedenheit,  sondern  auch 
auf  die  geistigen  Fahigkeiten.  Ihre  Erkenntnisse  und  auch 
ihre  technischen  Kiinste,  ihre  ganze  Kultur  war  anders,  als 
das  ist,  was  heme  beobachtet  werden  kann.  Gehen  wir 
in  die  ersten  Zeiten  der  atlantischen  Menschheit  zuriick, 
so  finden  wir  eine  von  der  unsrigen  ganz  verschiedene 
Geistesfahigkeit.  Der  logische  Verstand,  die  rechnerische 
Kombination,  auf  denen  alles  beruht,  was  heme  hervor- 
gebracht  wird,  fehlten  den  ersten  Atlantiern  ganz.  Dafur 
hatten  sie  ein  hochentwickeltes  Gedachtnis.  Dieses  Ge- 
dachtnis war  eine  ihrer  hervorstechendsten  Geistesfahig- 
keiten.  Sie  rechneten  zum  Beispiel  nicht,  wie  wir,  da- 
durch,  dafi  sie  sich  gewisse  Regeln  aneigneten,  die  sie 
dann  anwendeten.  Ein  «Einmaleins»  war  etwas  in  den 
atlantischen  Zeiten  ganz  Unbekanntes.  Niemand  hatte 
seinem  Verstande  eingepragt,  dafi  dreimal  vier  zwolf  ist. 
Dafi  er  sich  in  dem  Falle,  wo  er  eine  solche  Rechnung 
auszufiihren  hatte,  zurechtfand,  beruhte  darauf,  dafi  er 
sich  auf  gleiche  oder  ahnliche  Falle  besann.  Er  erinnerte 
sich,  wie  das  bei  fruheren  Gelegenheiten  war.  Man  mufi 
sich  nur  klarmachen,  dafi  jedesmal,  wenn  sich  in  einem 
Wesen  eine  neue  Fahigkeit  ausbildet,  eine  alte  an  Kraft 
und  Scharfe  verliert.  Der  heutige  Mensch  hat  gegeniiber 
dem  Atlantier  den  logischen  Verstand,  das  Kombinations- 
vermogen  voraus.  Das  Gedachtnis  ist  dafur  zuriickgegan- 


gen.  Jetzt  denken  die  Menschen  in  Begriffen;  der  Atlan- 
tier  dachte  in  Bildern.  Und  wenn  ein  Bild  vor  seiner 
Seele  auftauchte,  dann  erinnerte  er  sich  an  so  und  so 
viele  ahnliche  Bilder,  die  er  bereits  erlebt  hatte.  Danach 
richtete  er  sein  Urteil  ein.  Deshalb  war  damals  auch  aller 
Unterricht  anders  als  in  spateren  Zeiten.  Er  war  nicht 
darauf  berechnet,  das  Kind  mit  Regeln  auszur listen,  sei- 
nen  Verstand  zu  scharfen.  Es  wurde  ihm  vielmehr  in  an- 
schaulichen  Bildern  das  Leben  vorgefuhrt,  so  dafi  es  spater 
sich  an  moglichst  viel  erinnern  konnte,  wenn  es  in  diesen 
oder  jenen  Verhaltnissen  handeln  sollte.  War  das  Kind 
erwachsen  und  kam  es  ins  Leben  hinaus,  so  konnte  es 
sich  bei  allem,  was  es  tun  sollte,  erinnern,  daft  ihm  etwas 
Ahnliches  in  seiner  Lehrzeit  vorgefuhrt  worden  war.  Es 
fand  sich  am  besten  zurecht,  wenn  der  neue  Fall  irgend- 
einem  schon  gesehenen  ahnlich  war.  Unter  ganz  neuen 
Verhaltnissen  war  der  Atlantier  immer  wieder  aufs  Pro- 
bieren  angewiesen,  wahrend  dem  heutigen  Menschen  in 
dieser  Beziehung  vieles  erspart  ist,  weil  er  mit  Regeln  aus- 
geriistet  wird.  Diese  kann  er  auch  in  den  Fallen  leicht 
anwenden,  welche  ihm  noch  nicht  begegnet  sind.  Ein  sol- 
ches  Erziehungssystem  gab  dem  ganzen  Leben  etwas 
Gleichformiges.  Durch  sehr  lange  Zeitraume  hindurch 
wurden  immer  wieder  und  wieder  die  Dinge  in  der  gleichen 
Weise  besorgt.  Das  treue  Gedachtnis  lieft  nichts  aufkom- 
men,  was  der  Raschheit  unseres  heutigen  Fortschrittes 
auch  nur  im  entferntesten  ahnlich  ware.  Man  tat,  was  man 
friiher  immer  «gesehen»  hatte.  Man  er  dachte  nicht;  man 
erinnerte  sich.  Eine  Autoritat  war  nicht  der,  welcher  viel 
gelernt  hatte,  sondern  wer  viel  erlebt  hatte  und  sich  da- 
her  an  viel  erinnern  konnte.  Es  ware  unmoglich  gewesen, 


dafi  in  der  atlantischen  Zeit  jemand  vor  Erreichung  eines 
gewissen  Alters  iiber  irgendeine  wichtige  Angelegenheit 
zu  entscheiden  gehabt  hatte.  Man  hatte  nur  zu  dem  Ver- 
trauen,  der  auf  lange  Erfahrung  zuriickblicken  konnte. 

Das  hier  Gesagte  gilt  nicht  von  den  Eingeweihten  und 
ihren  Schulen.  Denn  sie  sind  ja  dem  Entwickelungsgrade 
ihres  Zeitalters  voraus.  Und  fur  die  Aufnahme  in  solche 
Schulen  entscheidet  nicht  das  Alter,  sondern  der  Um- 
stand,  ob  der  Aufzunehmende  in  seinen  friiheren  Verkor- 
perungen  sich  die  Fahigkeiten  erworben  hat,  hohere  Weis- 
heit  aufzunehmen.  Das  Vertrauen,  das  den  Eingeweihten 
und  ihren  Agenten  wahrend  der  atlantischen  Zeit  entge- 
gengebracht  worden  ist,  beruhte  nicht  auf  der  Fulle  ihrer 
personlichen  Erfahrung,  sondern  auf  dem  Alter  ihrer 
Weisheit.  Beim  Eingeweihten  hort  die  Personlichkeit  auf, 
eine  Bedeutung  zu  haben.  Er  steht  ganz  im  Dienste  der 
ewigen  Weisheit.  Daher  gilt  ja  fur  ihn  auch  nicht  die 
Charakteristik  irgendeines  Zeitabschnittes. 

Wahrend  also  die  logische  Denkkraft  den  (namentlich 
friiheren)  Atlantiern  noch  fehlte,  hatten  sie  an  der  hoch- 
entwickelten  Gedachtniskraft  etwas,  was  ihrem  ganzen 
Wirken  einen  besonderen  Charakter  gab.  Aber  mit  dem 
Wesen  der  einen  menschlichen  Kraft  hangen  immer  an- 
dere  zusammen.  Das  Gedachtnis  steht  der  tieferen  Natur- 
grundlage  des  Menschen  naher  als  die  Verstandeskraft, 
und  mit  ihm  im  Zusammenhange  waren  andere  Krafte 
entwickelt,  die  auch  noch  denjenigen  untergeordneter  Na- 
turwesen  ahnlicher  waren  als  die  gegenwartigen  mensch- 
lichen Betriebskrafte.  So  konnten  die  Atlantier  das  be- 
herrschen,  was  man  Lebenskraft  nennt.  Wie  man  heute 
aus  den  Steinkohlen  die  Kraft  der  Warme  herausholt,  die 


man  in  fortbewegende  Kraft  bei  unseren  Verkehrsmitteln 
verwandelt,  so  verstanden  es  die  Atlantier,  die  Samen- 
kraft  der  Lebewesen  in  ihren  technischen  Dienst  zu  stel- 
len.  Von  dem,  was  hier  vorlag,  kann  man  sich  durch  fol- 
gendes  eine  Vorstelhmg  machen.  Man  denke  an  ein  Ge- 
treidesamenkorn.  In  diesem  schlummert  eine  Kraft.  Diese 
Kraft  bewirkt  ja,  dafi  aus  dem  Samenkorn  der  Halm  her- 
vorspriefk.  Die  Natur  kann  diese  im  Korn  ruhende  Kraft 
wecken.  Der  gegenwartige  Mensch  kann  es  nicht  will- 
kiirlich.  Er  mu£  das  Korn  in  die  Erde  senken  und  das 
Aufwecken  den  Naturkraften  iiberlassen.  Der  Atlantier 
konnte  noch  etwas  anderes.  Er  wufite,  wie  man  es  macht, 
urn  die  Kraft  eines  Kornhaufens  in  technische  Kraft  um- 
zuwandeln,  wie  der  gegenwartige  Mensch  die  Warmekraft 
eines  Steinkohlenhaufens  in  eine  solche  Kraft  umzuwan- 
deln  vermag.  Pflanzen  wurden  in  der  atlantischen  Zeit 
nicht  blofi  gebaut,  urn  sie  als  Nahrungsmittel  zu  benut- 
zen,  sondern  um  die  in  ihnen  schlummernden  Krafte  dem 
Verkehr  und  der  Industrie  dienstbar  zu  machen.  Wie  wir 
Vorrichtungen  haben,  um  die  in  den  Steinkohlen  schlum- 
mernde  Kraft  in  unseren  Lokomotiven  in  Bewegungskraft 
umzubilden,  so  hatten  die  Atlantier  Vorrichtungen,  die 
sie  —  sozusagen  —  mit  Pflanzensamen  heizten,  und  in 
denen  sich  die  Lebenskraft  in  technisch  verwertbare  Kraft 
umwandelte.  So  wurden  die  in  geringer  Hohe  uber  dem 
Boden  schwebenden  Fahrzeuge  der  Atlantier  fortbewegt. 
Diese  Fahrzeuge  fuhren  in  einer  Hohe,  die  geringer  war 
als  die  Hohe  der  Gebirge  der  atlantischen  Zeit,  und  sie 
hatten  Steuervorrichtungen,  durch  die  sie  sich  liber  diese 
Gebirge  erheben  konnten. 

Man  mufi  sich  vorstellen,  dafi  mit  der  fortschreitenden 


Zeit  sich  alle  Verhaltnisse  auf  unserer  Erde  sehr  veran- 
dert  haben.  Die  genannten  Fahrzeuge  der  Atlantier  waren 
in  unserer  Zeit  ganz  unbrauchbar.  Ihre  Verwendbarkeit 
beruhte  darauf,  dafi  in  dieser  Zeit  die  LufthiiJle,  welche 
die  Erde  umschliefit,  viel  dichter  war  als  gegenwartig. 
Ob  man  sich  nach  heutigen  wissenschaftlichen  Begriffen 
eine  solch  grofiere  Dichte  der  Luft  leicht  vorstellen  kann, 
darf  uns  hier  nicht  beschaftigen.  Die  Wissenschaft  und 
das  logische  Denken  konnen,  ihrem  ganzen  Wesen  nach, 
niemals  etwas  dariiber  entscheiden,  was  moglich  oder  un- 
moglich ist.  Sie  haben  nur  das  zu  erklaren,  was  durch 
Erfahrung  und  Beobachtung  festgestellt  ist.  Und  die  be- 
sprochene  Dichtigkeit  der  Luft  steht  fur  die  okkulte  Er- 
fahrung so  fest,  wie  nur  irgendeine  sinnlich  gegebene  Tat- 
sache  von  heute  feststehen  kann.  —  Ebenso  steht  fest  aber 
auch  die  vielleicht  der  heutigen  Physik  und  Chemie  noch 
unerklarlichere  Tatsache,  daft  damals  das  Wasser  auf  der 
ganzen  Erde  viel  diinner  war  als  heute.  Und  durch  diese 
Diinnheit  war  das  Wasser  durch  die  von  den  Atlantiern 
verwendete  Samenkraft  in  technische  Dienste  zu  lenken, 
die  heute  unmoglich  sind.  Durch  die  Verdichtung  des 
Wassers  ist  es  unmoglich  geworden,  dasselbe  in  solch 
kunstvoller  Art  zu  bewegen,  zu  lenken,  wie  das  ehedem 
moglich  war.  Daraus  geht  wohl  zur  Genuge  hervor,  dafi 
die  Zivilisation  der  atlantischen  Zeit  von  der  unsrigen 
grundlich  verschieden  gewesen  ist.  Und  es  wird  daraus 
weiter  begreiflich  sein,  dafi  auch  die  physische  Natur  eines 
Atlantiers  eine  ganz  andere  war  als  die  eines  gegenwarti- 
gen  Menschen.  Der  Atlantier  genofi  ein  Wasser,  das  von 
der  in  seinem  eigenen  Korper  innewohnenden  Lebenskraf t 
ganz  anders  verarbeitet  werden  konnte,  als  dies  im  heu- 


tigen  physischen  Korper  moglich  ist.  Und  daher  kam  es, 
dafl  der  Atlantier  willkurlich  seine  physischen  Krafte 
auch  ganz  anders  gebrauchen  konnte  als  der  heutige 
Mensch.  Er  hatte  sozusagen  die  Mittel,  in  sich  selbst  die 
physischen  Krafte  zu  vermehren,  wenn  er  sie  zu  seinen 
Verrichtungen  brauchte.  Man  macht  sich  nur  richtige  Vor- 
srellungen  von  den  Atlantiern,  wenn  man  weifi,  daft  sie 
auch  ganz  andere  Begriffe  von  Ermiidung  und  Krafte- 
verbrauch  hatten  als  der  Mensch  der  Gegenwart. 

Eine  atlantische  Ansiedlung  —  das  geht  wohl  schon 
aus  allem  Beschriebenen  hervor  —  trug  einen  Charakter, 
der  in  nichts  dem  einer  modernen  Stadt  glich.  In  einer 
solchen  Ansiedlung  war  vielmehr  noch  alles  mit  der  Na- 
tur  im  Bunde.  Nur  ein  schwach  ahnliches  Bild  gibt  es, 
wenn  man  erwa  sagt:  In  den  ersten  atlantischen  Zeiten  — 
etwa  bis  zur  Mitte  der  dritten  Unterrasse  —  glich  eine 
Ansiedlung  einem  Garten,  in  dem  die  Hauser  sich  auf- 
bauen  aus  Baumen,  die  in  kiinstlicher  Art  mit  ihren  Zwei- 
gen  ineinandergeschlungen  sind.  Was  Menschenhand  da- 
mals  erarbeitete,  wuchs  gleichsam  aus  der  Natur  heraus. 
Und  der  Mensch  selbst  fiihlte  sich  ganz  und  gar  mit  der 
Natur  verwandt.  Daher  kam  es,  daft  auch  sein  gesell- 
schaftlicher  Sinn  noch  ein  ganz  anderer  war  als  heute. 
Die  Natur  ist  ja  alien  Menschen  gemeinsam.  Und  was  der 
Atlantier  auf  der  Naturgrundlage  aufbaute,  das  betrach- 
tete  er  ebenso  als  Gemeingut,  wie  der  heutige  Mensch 
nur  natiirlich  denkt,  wenn  er  das,  was  sein  Scharfsinn, 
sein  Verstand  erarbeitet,  als  sein  Privatgut  betrachtet. 

"Wer  sich  mit  dem  Gedanken  vertraut  macht,  dafi  die 
Atlantier  mit  solchen  geistigen  und  physischen  Kraften 
ausgestattet  waren,  wie  sie  geschildert  worden  sind,  der 


wird  audi  begreifen  lernen,  dafi  in  noch  friiheren  Zeiten 
die  Menschheit  ein  Bild  aufweist,  das  nur  noch  in  weni- 
gem  erinnert  an  das,  was  man  heute  zu  sehen  gewohnt 
ist.  Und  nicht  nur  die  Menschen,  sondern  audi  die  sie 
umgebende  Natur  hat  sich  im  Laufe  der  Zeiten  gewaltig 
verandert.  Die  Pflanzen-  und  Tierformen  sind  andere  ge- 
worden.  Die  ganze  irdische  Natur  hat  Wandlungen  durch- 
gemacht.  Vorher  bewohnte  Gebiete  der  Erde  sind  zer- 
stort  worden;  andere  sind  entstanden.  —  Die  Vorfahren 
der  Atlantier  wohnten  auf  einem  verschwundenen  Lan- 
desteil,  dessen  Hauptgebiet  siidlich  vom  heutigen  Asien 
lag.  Man  nennt  sie  in  theosophischen  Schriften  die  Lemu- 
rier.  Nachdem  diese  durch  verschiedene  Entwickelungs- 
stufen  durchgegangen  waren,  kam  der  groftte  Teil  in  Ver- 
f all.  Er  wurde  zu  verkiimmerten  Menschen,  deren  Nach- 
kommen  heute  noch  als  sogenannte  wilde  Volker  gewisse 
Teile  der  Erde  bewohnen.  Nur  ein  kleiner  Teil  der  lemu- 
rischen  Menschheit  war  zur  Fortentwickelung  fahig.  Aus 
diesen  bildeten  sich  die  Atlantier.  —  Auch  spater  fand 
wieder  etwas  ahnliches  statt.  Die  grofite  Masse  der  atlan- 
tischen  Bevolkerung  kam  in  Verfall,  und  von  einem  klei- 
nen  Teil  stammen  die  sogenannten  Arier  ab,  zu  denen 
unsere  gegenwartige  Kulturmenschheit  gehort.  Lemurier, 
Atlantier  und  Arier  sind,  nach  der  Benennung  der  Ge- 
heimwissenschaft,  Wurzelrassen  der  Menschheit.  Man 
denke  sich  zwei  solcher  Wurzelrassen  den  Lemuriern  vor- 
angehend  und  zwei  den  Ariern  in  der  Zukunft  folgend, 
so  gibt  das  im  ganzen  sieben.  Es  geht  immer  eine  aus  der 
andern  in  der  Art  hervor,  wie  dies  eben  in  bezug  auf  Le- 
murier,  Atlantier  und  Arier  angedeutet  worden  ist.  Und 
jede  Wurzelrasse  hat  physische  und  geistige  Eigenschaf- 


ten,  die  von  denen  der  vorhergehenden  durchaus  verschie- 
den  sind.  Wahrend  zum  Beispiel  die  Atlantier  das  Ge- 
dachtnis  und  alles,  was  damit  zusammenhangt,  zur  be- 
sonderen  Entfaltung  brachten,  obliegt  es  in  der  Gegen- 
wart  den  Ariern,  die  Denkkraft  und  das,  was  zu  ihr 
gehort,  zu  entwickeln. 

Aber  auch  in  jeder  Wurzelrasse  selbst  mtissen  verschie- 
dene  Stufen  durchgemacht  werden.  Und  zwar  sind  es 
irnmer  wieder  sieben.  Im  Anfange  des  Zeitraumes,  der 
einer  Wurzelrasse  zugehort,  finden  sich  die  Haupteigen- 
schaften  derselben  gleichsam  in  einem  jugendiichen  Zu- 
stande;  und  allmahlich  gelangen  sie  zur  Reife  und  zuletzt 
auch  zum  Verfall.  Dadurch  zerfallt  die  Bevolkerung 
einer  Wurzelrasse  in  sieben  Unterrassen.  Nur  hat  man 
sich  das  nicht  so  vorzustellen,  als  ob  eine  Unterrasse  gleich 
verschwinden  wiirde,  wenn  eine  neue  sich  entwickelt.  Es 
erhalt  sich  vielleicht  eine  jede  noch  lange,  wenn  neben 
ihr  andere  sich  entwickeln.  So  leben  immer  Bevolkerun- 
gen  auf  der  Erde  nebeneinander,  die  verschiedene  Stufen 
der  Entwickelung  zeigen. 

Die  erste  Unterrasse  der  Atlantier  entwickelte  sich  aus 
einem  sehr  fortgeschrittenen  und  entwickelungsfahigen 
Teile  der  Lemurier.  Bei  diesen  zeigte  sich  namlich  die 
Gabe  des  Gedachtnisses  nur  in  den  allerersten  Anfangen 
und  nur  in  der  letzten  Zeit  ihrer  Entwickelung.  Man  mufi 
sich  vorstellen,  dafi  ein  Lemurier  sich  zwar  Vorstellungen 
bilden  konnte  von  dem,  was  er  erlebte;  aber  er  konnte 
diese  Vorstellungen  nicht  bewahren.  Er  vergafi  sofort 
wieder,  was  er  sich  vorgestellt  hatte.  Dafi  er  dennoch 
in  einer  gewissen  Kultur  lebte,  zum  Beispiel  Werkzeuge 
hatte,  Bauten  ausfiihrte  und  so  weiter,  das  verdankte  er 


nicht  seinem  eigenen  Vorstellungsvermogen,  sondern  einer 
geistigen  Kraft  in  sich,  die,  um  das  Wort  zu  brauchen, 
instinktiv  war.  Nur  hat  man  sich  darunter  nicht  den  heu- 
tigen  Instinkt  der  Tiere,  sondern  einen  solchen  anderer 
Art  vorzustellen. 

In  theosophischen  Schriften  wird  die  erste  Unterrasse 
der  Atlantier  Rmoahals  genannt.  Das  Gedachtnis  dieser 
Rasse  war  vorziiglich  auf  lebhafte  Sinneseindriicke  ge- 
richtet.  Farben,  die  das  Auge  gesehen  hatte,  Tone,  die 
das  Ohr  gehort  hatte,  wirkten  lange  in  der  Seele  nach. 
Das  driickte  sich  darin  aus,  daft  die  Rmoahals  Gefuhle  ent- 
wickelten,  die  ihre  lemurischen  Vorfahrennoch  nicht  kann- 
ten.  Die  Anhanglichkeit  zum  Beispiel  an  das,  was  in  der 
Vergangenheit  erlebt  worden  ist,  gehort  zu  diesen  Gefiihlen. 

An  der  Entwickelung  des  Gedachtnisses  hing  nun  auch 
diejenige  der  Sprache.  Solange  der  Mensch  das  Vergan- 
gene  nicht  bewahrte,  konnte  auch  eine  Mitteilung  des  Er- 
lebten  durch  die  Sprache  nicht  stattfinden.  Und  weil  in 
der  letzten  lemurischen  Zeit  die  ersten  Ansatze  zu  einem 
Gedachtnisse  stattfanden,  so  konnte  damals  auch  die  Fa- 
higkeit  ihren  Anfang  nehmen,  das  Gesehene  und  Gehorte 
zu  benennen.  Nur  Menschen,  die  ein  Erinnerungsvermo- 
gen  haben,  konnen  mit  einem  Namen,  der  einem  Dinge 
beigelegt  ist,  etwas  anfangen.  Die  atlantische  Zeit  ist  da- 
her  auch  diejenige,  in  welcher  die  Sprache  ihre  Entwicke- 
lung far^d.  Und  mit  der  Sprache  war  ein  Band  hervor- 
gebracht  zwischen  der  menschlichen  Seele  und  den  Din- 
gen  aufter  dem  Menschen.  Dieser  erzeugte  das  Lautwort 
in  seinem  Innern;  und  dieses  Lautwort  gehorte  zu  den 
Gegenstanden  der  Auftenwelt.  Und  auch  ein  neues  Band 
entsteht  zwischen  Mensch  und  Mensch  durch  die  Mittei- 


lung  auf  dem  Wege  der  Sprache.  Das  alles  war  zwar  bei 
den  Rmoahals  noch  in  einer  jugendlichen  Form;  aber  es 
unterschied  sie  doch  in  tiefgehender  Art  von  ihren  lemu- 
rischen  Vorvatern. 

Nun  hatten  die  Krafte  in  den  Seelen  dieser  ersten  At- 
lantier  noch  etwas  Naturkraftiges.  Diese  Menschen  wa- 
ren  gewissermafien  noch  verwandter  den  sie  umgebenden 
Naturwesen  als  ihre  Nachfolger.  Ihre  Seelenkrafte  waren 
noch  mehr  Naturkrafte  als  die  der  gegenwartigen  Men- 
schen. So  war  auch  das  Lautwort,  das  sie  hervorbrachten, 
etwas  Naturgewaltiges.  Sie  benannten  nicht  blofi  die 
Dinge,  sondern  in  ihren  Worten  lag  eine  Macht  iiber  die 
Dinge  und  auch  iiber  ihre  Mitmenschen.  Das  Wort  der 
Rmoahals  hatte  nicht  bloft  Bedeutung,  sondern  auch 
Kraft.  Wenn  man  von  einer  Zaubermacht  der  Worte 
spricht,  so  deutet  man  etwas  an,  was  fur  diese  Menschen 
weit  wirklicher  war  als  fur  die  Gegenwart.  Wenn  der 
Rmoahalsmensch  ein  Wort  aussprach,  so  entwickelte  dieses 
Wort  eine  ahnliche  Macht  wie  der  Gegenstand  selbst,  den 
es  bezeichnete.  Darauf  beruht  es,  dafi  Worte  in  dieser 
Zeit  heilkraftig  waren,  daft  sie  das  Wachstum  der  Pflan- 
zen  fordern,  die  Wut  der  Tiere  zahmen  konnten,  und 
was  ahnliche  Wirkungen  mehr  sind.  All  das  nahm  an 
Kraft  bei  den  spateren  Unterrassen  der  Atlantier  immer 
mehr  und  mehr  ab.  Man  konnte  sagen,  die  naturwuch- 
sige  Kraftfiille  verlor  sich  allmahlich.  Die  Rmoahals- 
menschen  empfanden  diese  Kraftfiille  durchaus  als  eine 
Gabe  der  machtigen  Natur;  und  dieses  ihr  Verhaltnis 
zur  Natur  trug  einen  religiosen  Charakter.  Insbesondere 
die  Sprache  hatte  fiir  sie  etwas  Heiliges.  Und  der  Mifi- 
brauch  gewisser  Laute,  denen  eine  bedeutende  Kraft  inne- 


wohnte,  ist  etwas  Unmogliches  gewesen.  Jeder  Mensch 
fiihlte,  daft  solcher  Miftbrauch  ihm  einen  gewaltigen 
Schaden  bringen  mufite.  Der  Zauber  derartiger  Worte 
hatte  in  sein  Gegenteil  umgeschlagen;  was,  in  richtiger 
Art  gebraucht,  Segen  gestiftet  hatte,  ware,  frevelhaft  an- 
gewendet,  dem  Urheber  zura  Verderben  geworden.  In 
einer  gewissen  Unschuld  des  Gefiihles  schrieben  die 
Rmoahals  weniger  sich  selbst,  als  vielmehr  der  in  ihnen 
wirkenden  gottlichen  Natur  ihre  Macht  zu. 

Das  wurde  schon  anders  bei  der  zweiten  Unterrasse 
(den  sogenannten  Tlavatli-Volkern).  Die  Menschen  dieser 
Rasse  fingen  an,  ihren  personlichen  Wert  zu  fiihlen.  Der 
Ehrgeiz,  der  eine  den  Rmoahals  unbekannte  Eigenschaft 
war,  machte  sich  bei  ihnen  geltend.  Die  Erinnerung  iiber- 
trug  sich  in  gewissem  Sinne  auf  die  Auffassung  des  Zu- 
sammenlebens.  Wer  auf  gewisse  Taten  zuriickblicken 
konnte,  der  forderte  von  seinen  Mitmenschen  dafur  An- 
erkennung.  Er  verlangte,  daft  seine  Werke  im  Geddcbt- 
rtisse  behalten  werden.  Und  auf  dieses  Gedachtnis  von 
den  Taten  war  es  auch  begriindet,  dafi  eine  zusammen- 
gehorige  Gruppe  von  Menschen  Einen  als  Fiihrer  erkor. 
Eine  Art  Konigswiirde  entwickelte  sich.  Ja  diese  Aner- 
kennung  wurde  bis  iiber  den  Tod  hinaus  bewahrt.  Das 
Gedachtnis,  das  Andenken  an  die  Vorfahren  oder  an  die- 
jenigen,  die  sich  im  Leben  Verdienste  erworben  hatten, 
bildeten  sich  heraus.  Und  daraus  ging  dann  bei  einzelnen 
Stammen  eine  Art  religioser  Verehrung  Verstorbener  her- 
vor,  ein  Ahnenkultm.  Dieser  hat  sich  in  viel  spatere 
Zeiten  fortgepflanzt  und  die  verschiedensten  Formen  an- 
genommen.  Noch  bei  den  Rmoahals  gait  der  Mensch 
eigentlich  nur  in  dem  Mafie,  als  er  sich  im  Augenblicke 


durch  seine  Machtfulle  Geltung  verschaffen  konnte. 
Wollte  da  jemand  Anerkennung  fiir  das,  was  er  in  frii- 
heren  Tagen  getan  hatte,  so  mufite  er  zeigen  —  durch 
neue  Taten  — ,  dafi  ihm  die  alte  Kraft  noch  eigen  ist. 
Er  mufke  gewissermafien  durch  neue  Werke  die  alten  ins 
Gedachtnis  rufen.  Das  Getane  als  solches  gait  noch  nichts. 
Erst  die  zweite  Unterrasse  rechnete  so  weit  mit  dem  per- 
sonlichen  Charakter  eines  Menschen,  dafi  sie  dessen  ver- 
gangenes  Leben  bei  der  Schatzung  dieses  Charakters  mit 
in  Anschlag  brachte. 

Eine  weitere  Folge  der  Gedachtniskraft  fiir  das  Zu- 
sammenleben  der  Menschen  war  die  Tatsache,  daft  sich 
Gruppen  von  Menschen  bildeten,  die  durch  die  Erinne- 
rung  an  gemeinsame  Taten  zusammengehalten  wurden. 
Vorher  war  solche  Gruppenbildung  ganz  von  den  Natur- 
machten,  von  der  gemeinsamen  Abstammung  bedingt. 
Der  Mensch  tat  durch  seinen  eigenen  Geist  noch  nichts 
hinzu  zu  dem,  was  die  Natur  aus  ihm  gemacht  hatte. 
Jetzt  warb  eine  machtige  Personlichkeit  eine  Anzahl  von 
Leuten  zu  einer  gemeinsamen  Unternehmung,  und  die  Er- 
innerung  an  dieses  gemeinsame  Werk  bildete  eine  gesell- 
schaf  tliche  Gruppe. 

Diese  Art  gesellschaftlichen  Zusammenlebens  pragte 
sich  erst  so  recht  bei  der  dritten  Unterrasse  (den  Tol- 
teken)  aus.  Die  Menschen  dieser  Rasse  begriindeten  daher 
auch  erst  das,  was  man  Gemeinwesen,  was  man  die  erste 
Art  der  Staatenbildung  nennen  kann.  Und  die  Fuhrung, 
die  Regierung  dieser  Gemeinwesen  ging  von  den  Vor- 
fahren  auf  die  Nachkommen  iiber.  Was  vorher  nur  im 
Gedachtnisse  der  Mitmenschen  weiterlebte,  das  iibertrug 
jetzt  der  Vater  auf  den  Sohn.  Dem  ganzen  Geschlechte 


soil  ten  die  Werke  der  Vorfahren  nicht  verge ssen  werden. 
In  den  Nachkommen  noch  wurde  das  geschatzt,  was  der 
Ahne  getan  hatte.  Man  mufi  sich  nur  klar  daruber  sein, 
dafi  in  jenen  Zeiten  die  Menschen  wirklich  auch  die  Kraft 
hatten,  ihre  Gaben  auf  die  Nachkommen  zu  ubertragen. 
Die  Erziehung  war  ja  darauf  berechnet,  in  anschaulichen 
Bildern  das  Leben  vorzubilden.  Und  die  Wirkung  dieser 
Erziehung  beruhte  auf  der  personlichen  Macht,  die  von 
dem  Erzieher  ausging.  Er  scharfte  nicht  die  Verstandes- 
kraft,  sondern  Gaben,  die  mehr  instinktiver  Art  war  en. 
Durch  ein  solches  Erziehungssystem  ging  wirklich  die 
Fahigkeit  des  Vaters  in  den  meisten  Fallen  auf  den  Sohn 
iiber. 

Unter  solchen  Verhaltnissen  gewann  bei  der  dritten 
Unterrasse  die  persdnliche  Erfahrung  immer  mehr  an  Be- 
deutung.  Wenn  sich  eine  Menschengruppe  von  einer  an- 
deren  abgliederte,  so  brachte  sie  zur  Begriindung  ihres 
neuen  Gemeinwesens  die  lebendige  Erinnerung  mit  an 
das,  was  sie  am  alten  Schauplatz  erlebt  hatte.  Aber  zu- 
gleich  lag  in  dieser  Erinnerung  etwas,  was  sie  fur  sich 
nicht  entsprechend  fand,  worinnen  sie  sich  nicht  wohl 
fiihlte.  In  bezug  darauf  versuchte  sie  dann  etwas  Neues. 
Und  so  verbesserten  sich  mit  jeder  neuen  solchen  Griin- 
dung  die  Verhaltnisse.  Und  es  war  nur  natiirlich,  dafi 
das  Bessere  auch  Nachahmung  fand.  Das  waren  die  Tat- 
sachen,  auf  Grund  derer  es  in  der  Zek  der  dritten  Unter- 
rasse zu  jenen  bliihenden  Gemeinwesen  kam,  die  in  der 
theosophischen  Literatur  beschrieben  werden.  Und  die 
personlichen  Erfahrungen,  die  gemacht  wurden,  fanden 
Unterstutzung  von  seiten  derer,  die  in  die  ewigen  Gesetze 
der  geistigen  Entwickelung  eingeweiht  waren.  Machtige 


Herrscher  empfingen  selbst  die  Einweihung,  auf  dafi  die 
personliche  Tiichtigkeit  den  vollen  Riickhalt  habe.  Durch 
seine  personliche  Tiichtigkeit  macht  sich  der  Mensch  all- 
mahlich  zur  Einweihung  fahig.  Er  mu£  erst  seine  Krafte 
von  unten  herauf  entwickeln,  damit  dann  die  Erleuch- 
tung  von  oben  ihm  erteilt  werden  konne.  So  entstanden 
die  eingeweihten  Konige  und  Volkerfiihrer  der  Atlantier. 
Gewaltige  Machtfiille  war  in  ihrer  Hand;  und  groft  war 
auch  die  Verehrung,  die  ihnen  entgegengebracht  wurde. 

Aber  in  dieser  Tatsache  lag  auch  der  Grund  zum  Nie- 
dergang  und  zum  Verfall.  Die  Ausbildung  der  Gedacht- 
niskraft  hat  zur  Machtfiille  der  Persdnlichkeit  gefiihrt. 
Der  Mensch  wollte  etwas  durch  diese  seine  Machtfiille 
gelten.  Und  je  grower  die  Macht  wurde,  desto  mehr  wollte 
er  sie  fur  sich  ausniitzen.  Der  Ehrgeiz,  der  sich  entwickelt 
hatte,  wurde  zur  ausgesprochenen  Selbstsucht.  Und  da- 
mit war  der  Mifibrauch  der  Krafte  gegeben.  Wenn  man 
bedenkt,  was  die  Atlantier  durch  die  Beherrschung  der 
Lebenskraft  vermochten,  so  wird  man  begreifen,  da£  die- 
ser Mifibrauch  gewaltige  Folgen  haben  mufke.  Es  konnte 
eine  weite  Macht  iiber  die  Natur  in  den  Dienst  der  per- 
sonlichen  Eigenliebe  gestellt  werden. 

Das  geschah  in  vollem  Mafie  durch  die  vierte  Unter- 
rasse  (die  Ur-Turanier).  Die  Angehorigen  dieser  Rasse, 
die  in  der  Beherrschung  der  genannten  Krafte  unter- 
richtet  wurden,  gebrauchten  diese  vielfach,  um  ihre  eigen- 
sinnigen  Wiinsche  und  Begierden  zu  befriedigen.  In  sol- 
dier Art  gebraucht,  zerstoren  sich  aber  diese  Krafte  in 
ihrer  Wirkung  aufeinander.  Es  ist  so,  wie  wenn  die  Fiifie 
einen  Menschen  eigensinnig  vorwarts  bewegten,  wahrend 
sein  Oberkorper  nach  riickwarts  wollte. 


Solche  zerstorende  Wirkung  konnte  nur  dadurch  auf- 
gehalten  werden,  dafi  im  Menschen  sich  eine  hdhere  Kraft 
ausbildete.  Und  das  war  die  Denkkraft.  Das  logische 
Denken  wirkt  zuriickhaltend  auf  die  eigensiichtigen  per- 
sonlichen  "Wunsche.  Den  Ursprung  dieses  logischen  Den- 
kens  haben  wir  bei  der  fiinften  Unterrasse  (den  Ur- 
semiten)  zu  suchen.  Die  Menschen  fingen  an,  iiber  die 
blofie  Erinnerung  an  Vergangenes  hinauszugehen  und  die 
verschiedenen  Erlebnisse  zu  vergleichen.  Die  Urteilskraft 
entwickelte  sich.  Und  nach  dieser  Urteilskraft  wurden 
die  Wunsche,  die  Begierden  geregelt.  Man  f ing  an,  zu  rech- 
nen,  zu  kombinieren.  Man  lernte,  in  Gedanken  zu  arbeiten. 
Hat  man  friiher  sich  jedem  Wunsche  hingegeben,  so  fragt 
man  jetzt  erst,  ob  der  Gedanke  den  Wunsch  auch  billigen 
konne.  Sturmten  die  Menschen  der  vierten  Unterrasse 
wild  los  auf  die  Befriedigung  ihrer  Begierden,  so  began- 
nen  diejenigen  der  fiinften  auf  eine  innere  Stimme  zu 
horen.  Und  diese  innere  Stimme  wirkt  eindammend  auf 
die  Begierden,  wenn  sie  auch  die  Anspriiche  der  eigen- 
siichtigen Personlichkeit  nicht  vernichten  kann. 

So  hat  die  fiinfte  Unterrasse  die  Antriebe  zum  Han- 
deln  in  das  menschliche  Innere  verlegt.  Der  Mensch  will 
in  diesem  seinem  Innern  mit  sich  ausmachen,  was  er  zu 
tun  oder  zu  lassen  hat.  Aber  das,  was  so  im  Innern  an 
Kraft  des  Denkens  gewonnen  wurde,  ging  an  Beherr- 
schung  aufkrer  Naturgewalten  verloren.  Mit  diesem  kom- 
binierenden  Denken  kann  man  nur  die  Krafte  der  mine- 
ralischen  Welt  bezwingen,  nicht  die  Lebenskraft.  Die 
fiinfte  Unterrasse  entwickelte  also  das  Denken  auf  Kosten 
der  Herrschaft  iiber  die  Lebenskraft.  Aber  gerade  da- 
durch erzeugte  sie  den  Keim  zur  Weiterentwickelung  der 


Menschheit.  Jetzt  mochte  die  Personlichkeit,  die  Selbst- 
liebe,  ja  die  Selbstsucht  noch  so  grofi  werden:  das  blofie 
Denken,  das  ganz  im  Innern  arbeitet  und  nicht  mehr 
unmittelbar  der  Natur  Befehle  erteilen  kann,  vermag 
solche  verheerende  Wirkungen  nicht  anzurichten  wie 
die  mifibrauchten  friiheren  Krafte.  Aus  dieser  funften 
Unterrasse  wurde  der  begabteste  Teil  ausgewahlt,  und 
dieser  lebte  hinuber  iiber  den  Niedergang  der  vierten 
Wurzelrasse  und  bildete  den  Keim  zur  funften,  der 
arischen  Rasse,  welche  die  vollstandige  Auspragung  der 
denkenden  Kraft  mit  allem,  was  dazu  gehort,  zur  Auf- 
gabe  hat. 

Die  Menschen  der  sechsten  Unterrasse  (der  Akkadier) 
bildeten  die  Denkkraft  noch  weiter  aus  als  die  fiinfte.  Sie 
unterschieden  sich  von  den  sogenannten  Ursemiten  da- 
durch,  dafi  sie  die  angefiihrte  Fahigkeit  in  einem  um- 
fassenderen  Sinne  zur  Anwendung  brachten  als  jene.  — 
Es  ist  gesagt  worden,  daft  die  Ausbildung  der  Denkkraft 
zwar  die  Anspriiche  der  eigensiichtigen  Personlichkeit 
nicht  zu  den  verheerenden  Wirkungen  kommen  lieU,  die 
bei  den  friiheren  Rassen  moglich  waren,  dafi  aber  diese  An- 
spriiche durch  sie  nicht  vernichtet  wurden.  Die  Ursemiten 
regelten  zunachst  ihre  personlichen  Verhaltnisse  so,  wie 
es  ihnen  ihre  Denkkraft  eingab.  An  die  Stelle  der  blofien 
Begierden  und  Geluste  trat  die  Klugheit.  Andere  Lebens- 
verhaltnisse  traten  auf .  Waren  vorhergehende  Rassen  ge- 
neigt,  den  als  Fiihrer  anzuerkennen,  dessen  Taten  tief  in 
das  Gedachtnis  sich  eingepragt  hatten  oder  der  auf  ein 
Leben  reicher  Erinnerung  zuruckblicken  konnte,  so  wurde 
jetzt  solche  Rolle  dem  Klugen  zuerkannt.  Und  war  vor- 
dem  das  mafigebend,  was  in  guter  Erinnerung  lebte,  so 


betrachtete  man  jetzt  das  als  das  Beste,  was  dem  Gedan- 
ken  am  besten  einleuchtete.  Unter  dem  Einflusse  des  Ge- 
dachtnisses  hielt  man  ehedem  so  lange  an  einer  Sache 
fest,  bis  man  sie  als  unzureichend  erfand,  und  dann  er- 
gab  sich  im  letzteren  Falle  von  selbst,  dafi  derjenige  mit 
einer  Neuerung  durchdrang,  welcher  einem  Mangel  ab- 
zuhelfen  in  der  Lage  war.  Unter  der  "Wirkung  der  Denk- 
kraft  aber  entwickelte  sich  eine  Neuerungssucht  und 
Veranderungslust.  Jeder  wollte  durchsetzen,  was  seine 
Klugheit  ihm  eingab.  Unruhige  Zustande  beginnen  daher 
unter  der  funften  Unterrasse,  und  sie  fuhren  in  der  sech- 
sten  dazu,  dafi  man  das  Bedurfnis  empfand,  das  eigen- 
sinnige  Denken  des  Einzelnen  unter  allgemeine  Gesetze 
zu  bringen.  Der  Glanz  in  den  Staaten  der  dritten  Unter- 
rasse beruhte  darauf,  dass  gemeinsame  Erinnerungen  Ord- 
nung  und  Harmonie  bewirkten.  In  der  sechsten  mufite 
durch  atisgedachte  Gesetze  diese  Ordnung  bewirkt  wer- 
den.  So  hat  man  in  dieser  sechsten  Unterrasse  den  Ur- 
sprung  von  Rechts-  und  Gesetzesordnungen  zu  suchen. 
—  Und  wahrend  der  dritten  Unterrasse  geschah  die  Ab- 
sonderung  einer  Menschengruppe  nur,  wenn  sie  gewisser- 
maften  dadurch  aus  ihrem  Gemeinwesen  hinausgedrdngt 
wurde,  weil  sie  sich  innerhalb  der  durch  Erinnerung  vor- 
handenen  Zustande  nicht  mehr  wohl  fuhlte.  In  der  sech- 
sten war  das  wesentlich  anders.  Die  berechnende  Denk- 
kraft  suchte  das  Neue  als  solches,  sie  spornte  zu  Unter- 
nehmungen  und  Neugriindungen.  Daher  waren  die  Ak- 
kadier  ein  unternehmungslustiges  Volk,  zur  Kolonisation 
geneigt.  Insbesondere  mufite  der  Handel  der  jung  auf- 
keimenden  Denk-  und  Urteilskraft  Nahrung  geben. 

Bei  der  siebenten  Unterrasse  (den  Mongolen)  bildete 


sich  ebenfalls  die  Denkkraft  aus.  Aber  es  blieben  bei  ihnen 
Eigenschaften  der  friiheren  Unterrassen,  namentlich  der 
vierten,  in  viel  starkerem  Mafie  vorhanden  als  bei  der 
fiinften  und  sechsten.  Dem  Sinn  fur  die  Erinnerung  blie- 
ben sie  treu.  Und  so  gelangten  sie  zu  der  Oberzeugung, 
dafi  das  Alteste  auch  das  Kliigste  sei,  das,  was  sich  am 
besten  vor  der  Denkkraft  verteidigen  kann.  Die  Beherr- 
schung  der  Lebenskrafte  ging  zwar  auch  ihnen  verloren; 
aber  was  sich  in  ihnen  an  Gedankenkraft  entwickelte, 
das  hatte  selbst  etwas  von  dem  Naturgewaltigen  dieser 
Lebenskraft.  Zwar  hatten  sie  die  Macht  iiber  das  Leben 
verloren,  niemals  aber  den  unmittelbaren  naiven  Glauben 
an  dasselbe.  Ihnen  war  diese  Kraft  zu  ihrem  Gotte  ge- 
worden,  in  dessen  Auftrage  sie  alles  taten,  was  sie  fur 
richtig  hielten.  So  erschienen  sie  ihren  Nachbarvolkern 
wie  von  dieser  geheimen  Kraft  besessen  und  ergaben  sich 
ihr  selbst  auch  in  blindem  Vertrauen.  Ihre  Nachkommen 
in  Asien  und  einigen  europaischen  Gegenden  zeigten  und 
zeigen  noch  viel  von  dieser  Eigenart. 

Die  in  den  Menschen  gepflanzte  Denkkraft  konnte 
ihren  vollen  Wert  in  der  Entwickelung  erst  erlangen,  als 
sie  einen  neuen  Antrieb  erhielt  in  der  fiinften  Wurzelrasse. 
Die  vierte  konnte  doch  nur  diese  Kraft  in  den  Dienst  des- 
sen stellen,  was  ihr  durch  die  Gabe  des  Gedachtnisses  an- 
erzogen  war.  Die  fiinfte  gelangte  erst  zu  solchen  Lebens- 
formen,  fur  welche  die  Fahigkeit  des  Gedankens  das 
rechte  Werkzeug  ist. 


OBERGANG  DER  VIERTEN 
IN  DIE  FUNFTE  WURZELRASSE 


Die  folgenden  Mitteilungen  beziehen  sich  auf  den  Ober- 
gang  der  vierten  (atlantischen)  Wurzelrasse  in  die  fiinfte 
(arische),  welcher  die  gegenwartige  zivilisierte  Mensch- 
heit  angehort.  Nur  derjenige  wird  sie  richtig  auffassen, 
der  sich  von  dem  Gedanken  der  Entwickelung  in  seinem 
ganzen  Umfange  und  in  seiner  ganzen  Bedeutung  durch- 
dringen  kann.  Alles,  was  der  Mensch  um  sich  herum  ge- 
wahr  wird,  ist  in  Entwickelung.  Und  auch  die  Eigenschaft 
der  Menschen  unserer  fiinften  Wurzelrasse,  die  im  Ge- 
brauche  des  Gedankens  liegt,  hat  sich  erst  entwickelt.  Ja, 
gerade  diese  Wurzelrasse  ist  es,  welche  die  Kraft  des  Den- 
kens  langsam  und  allmahlich  zur  Reife  bringt.  Der  ge- 
genwartige Mensch  entschlieftt  sich  (im  Gedanken)  zu 
etwas,  und  dann  fuhrt  er  es  aus  als  die  Folge  des  eigenen 
Gedankens.  Bei  den  Atlantiern  bereitete  sich  diese  Fahig- 
keit  erst  vor.  Nicht  die  eigenen  Gedanken,  sondern  die 
ihnen  von  hohergearteten  Wesenheiten  zustromenden 
beeinflufrten  ihren  Willen.  Dieser  wurde  also  gewisser- 
maften  von  aulkn  gelenkt.  —  Wer  sich  mit  diesem  Ent- 
wickelungsgedanken  beim  Menschen  vertraut  macht  und 
zugeben  lernt,  daft  dieser  in  der  Vorzeit  ein  ganz  anders 
geartetes  Wesen  —  als  irdischer  Mensch  —  war,  der 
wird  auch  zu  der  Vorstellung  von  den  vollig  anderen 
Wesenheiten  aufsteigen  konnen,  von  denen  in  den  Mit- 
teilungen gesprochen  wird.  Ungeheuer  grofie  Zeitraume 
nahm  die  Entwickelung  in  Anspruch,  von  der  berichtet 
wird. 


Was  in  dem  Vorhergehenden  von  der  vierten  Wurzel- 
rasse,  den  Atlantiern,  gesagt  worden  ist,  das  bezieht  sich 
auf  die  grofte  Masse  der  Menschheit.  Aber  diese  stand 
unter  Fiihrern,  die  in  ihren  Fahigkeiten  hoch  emporrag- 
ten  iiber  sie.  Die  Weisheit,  welche  diese  Fuhrer  besafien, 
und  die  Krafte,  welche  sie  beherrschten,  waren  durch 
keinerlei  irdische  Erziehung  zu  erlangen.  Sie  waren  ihnen 
von  hoheren,  nicht  unmittelbar  zur  Erde  gehorenden  ¥e- 
senheiten  erteilt  worden.  Es  war  daher  nur  natiirlich,  dafi 
die  grofie  Masse  der  Menschen  diese  ihre  Fuhrer  als  We- 
sen  hoherer  Art  empfanden,  als  «Boten»  der  Gotten  Denn 
mit  den  menschlichen  Sinnesorganen,  mit  dem  mensch- 
lichen  Verstande  ware  nicht  zu  erreichen  gewesen,  was 
diese  Fuhrer  wufiten  und  ausfiihren  konnten.  Man  ver- 
ehrte  sie  als  «Gottesboten»  und  empfing  ihre  Befehle,  Ge- 
bote  und  auch  ihren  Unterricht.  Durch  Wesen  solcher 
Art  wurde  die  Menschheit  unterwiesen  in  den  Wissen- 
schaften,  Kiinsten,  in  der  Verfertigung  von  Werkzeugen. 
Und  solche  «G6tterboten»  leiteten  entweder  selbst  die  Ge- 
meinschaften  oder  unterrichteten  Menschen,  die  weit  ge- 
nug  vorgeschritten  waren,  in  den  Regierungskiinsten.  Man 
sagte  von  diesen  Fiihrern,  dafi  sie  «mit  den  Gottern  ver- 
kehren»  und  von  diesen  selbst  in  die  Gesetze  eingeweiht 
werden,  nach  denen  sich  die  Menschheit  entwickeln  musse. 
Und  das  entsprach  der  Wirklichkeit.  An  Orten,  von 
denen  die  Menge  nichts  wufite,  geschah  diese  Einweihung, 
dieser  Verkehr  mit  den  Gottern.  Mysterientempel  wur- 
den  diese  Einweihungsorte  genannt.  Von  ihnen  aus  also 
geschah  die  Verwaltung  des  Menschengeschlechts. 

Das,  was  in  den  Mysterientempeln  geschah,  war  dem- 
gemafi  auch  dem  Volke  unverstandlich.  Und  ebensowenig 


verstand  dieses  die  Absichten  seiner  grofien  Fiihrer.  Das 
Volk  konnte  mit  seinen  Sinnen  ja  nur  verstehen,  was  sich 
auf  der  Erde  unmittelbar  zutrug,  nicht  was  zum  Heile 
dieser  aus  hoheren  Welten  geoffenbart  wurde.  Daher 
mufken  auch  die  Lehren  der  Fiihrer  in  einer  Form  abge- 
fafit  sein,  die  nicht  den  Mitteilungen  uber  irdische  Ereig- 
nisse  ahnlich  war.  Die  Sprache,  welche  die  Gotter  mit 
ihren  Boten  in  den  Mysterien  sprachen,  war  ja  auch  keine 
irdische,  und  die  Gestalten,  in  denen  sich  diese  Gotter 
of fenbar ten,  waren  ebensowenig  irdisch.  «In  feurigen 
Wolken*  erschienen  die  hoheren  Geister  ihren  Boten,  urn 
ihnen  mitzuteilen,  wie  sie  die  Menschen  zu  fuhren  haben. 
In  menschlicher  Gestalt  kann  nur  ein  Mensch  erscheinen; 
Wesenheiten,  deren  Fahigkeiten  uber  das  Menschliche 
hinausragen,  miissen  in  Gestalten  sich  offenbaren,  die 
nicht  unter  den  irdischen  zu  finden  sind. 

Da$  die  «Gottesboten»  diese  Offenbarungen  empfan- 
gen  konnten,  riihrt  davon  her,  dalS  sie  selbst  die  vollkom- 
mensten  unter  ihren  Menschenbriidern  waren.  Sie  hatten 
auf  friiheren  Entwickelungsstufen  bereits  durchgemacht, 
was  die  Mehrzahl  der  Menschen  noch  durchzumachen 
hat.  Nur  in  einer  gewissen  Beziehung  gehorten  sie  dieser 
Mitmenschheit  an.  Sie  konnten  die  menschliche  Gestalt 
annehmen.  Aber  ihre  seelisch-geistigen  Eigenschaften 
waren  ubermenschlicher  Art.  Sie  waren  also  gottlich- 
menschliche  Doppelwesen.  Man  konnte  sie  daher  auch 
als  hohere  Geister  bezeichnen,  die  menschliche  Leiber  an- 
genommen  hatten,  um  der  Menschheit  auf  ihrem  irdischen 
Wege  weiter  zu  helfen.  Ihre  eigentliche  Heimat  war  nicht 
auf  der  Erde.  —  Diese  Wesen  fiihrten  die  Menschen,  ohne 
ihnen  die  Grundsatze  mitteilen  zu  konnen,  nach  denen 


sie  sie  fiihrten.  Denn  bis  zur  funften  Unterrasse  der  At- 
lantier,  den  Ursemiten,  hatten  die  Menschen  eben  gar 
keine  Fahigkeit,  um  diese  Grundsatze  zu  begreifen.  Erst 
die  Denkkraft,  die  sich  in  dieser  Unterrasse  entwickelte, 
war  eine  solche  Fahigkeit.  Aber  diese  Fahigkeit  entwik- 
kelte  sich  langsam  und  allmahlich.  Und  auch  die  letzten 
Unterrassen  der  Atlantier  konnten  noch  sehr  wenig  be- 
greifen von  den  Grundsatzen  ihrer  gottlichen  Fiihrer.  Sie 
fingen  an,  erst  ganz  unvollkommen,  etwas  von  solchen 
Grundsatzen  zu  ahnen.  Daher  waren  ihre  Gedanken  und 
auch  die  Gesetze,  von  denen  bei  ihren  Staatseinrichtungen 
gesprochen  worden  ist,  mehr  geahnt  als  klar  gedacht. 

Der  Hauptfuhrer  der  funften  atlantischen  Unterrasse 
bereitete  diese  nach  und  nach  vor,  damit  sie  in  spaterer 
Zeit,  nach  dem  Untergange  der  atlantischen  Lebensart, 
eine  neue  beginnen  konne,  eine  solche,  welche  ganz  durch 
die  Denkkraft  geregelt  wird. 

Nun  mufi  man  sich  vergegenwartigen,  dafi  man  es  am 
Ende  der  atlantischen  Zeit  mit  drei  Gruppen  menschen- 
artiger  Wesenheiten  zu  tun  hat.  1.  Mit  den  genannten 
«G6tterboten»,  die  der  grofien  Volksmasse  weit  voraus  in 
der  Entwickelung  waren,  die  gottliche  Weisheit  lehrten 
und  gottliche  Taten  verrichteten.  2.  Die  grofie  Masse 
selbst,  bei  welcher  die  Denkkraft  in  einem  dumpfen  Zu- 
stande  war,  trotzdem  sie  Fahigkeiten  naturwiichsiger  Art 
besaft,  welche  der  heutigen  Menschheit  verlorengegangen 
sind.  3.  Eine  kleinere  Schar  von  solchen,  welche  die  Denk- 
kraft entwickelten.  Diese  verlor  dadurch  zwar  allmahlich 
die  urwuchsigen  Fahigkeiten  der  Atlantier;  aber  sie  bil- 
dete  sich  dafiir  heran,  die  Grundsatze  der  «Gotterboten» 
denkend  zu  erf  assen.  —  Die  zweite  Gruppe  der  Menschen- 


wesen  war  dem  allmahlichen  Aussterben  geweiht.  Die 
dritte  aber  konnte  von  dem  Wesen  der  ersten  Art  dazu 
herangezogen  werden,  ihre  Fiihrung  selbst  in  die  Hand 
zu  nehmen. 

Aus  dieser  dritten  Gruppe  nahm  der  genannte  Haupt- 
fiihrer,  welchen  die  okkultistische  Literatur  als  Mann 
bezeichnet,  die  Befahigtesten  heraus,  urn  aus  ihnen  eine 
neue  Menschheit  hervorgehen  zu  lassen.  Diese  Befahig- 
testen waren  in  der  fiinften  Unterrasse  vorhanden.  Die 
Denkkraft  der  sechsten  und  siebenten  Unterrasse  war 
schon  in  einer  gewissen  Weise  auf  Abwege  geraten  und 
nicht  mehr  zur  Weiterentwickelung  geeignet.  —  Die  be- 
sten  Eigenschaften  der  Besten  mufiten  entwickelt  wer- 
den. Das  geschah,  indem  der  Fiihrer  die  Auserlesenen  an 
einem  besonderen  Orte  der  Erde  —  in  Innerasien  —  ab- 
sonderte  und  sie  vor  jedem  Einflusse  der  Zuruckgeblie- 
benen  oder  der  auf  Abwege  Geratenen  befreite.  —  Die 
Aufgabe,  die  sich  der  Fiihrer  stellte,  war,  seine  Schar 
so  weit  zu  bringen,  dafi  ihre  Zugehorigen  in  der  eigenen 
Seele,  mit  eigener  Denkkraft  die  Grundsatze  erfassen 
konnten,  nach  denen  sie  bisher  auf  eine  von  ihnen  geahnte, 
aber  nicht  klar  erkannte  Art  gelenkt  worden  waren.  Die 
Menschen  sollten  erkennen  die  gottlichen  Krafte,  denen 
sie  unbewufit  gefolgt  waren.  Bisher  hatten  die  Gotter 
durch  ihre  Boten  die  Menschen  gefiihrt;  jetzt  sollten  die 
Menschen  von  diesen  gottlichen  Wesenheiten  wissen.  Sie 
sollten  sich  selbst  als  die  ausfuhrenden  Organe  der  gott- 
lichen Vorsehung  ansehen  lernen. 

Vor  einer  wichtigen  Entscheidung  stand  die  also  ab- 
gesonderte  Schar.  Der  gottliche  Fiihrer  war  in  ihrer  Mitte, 
in  Menschengestalt.  Von  solchen  Gotterboten  hatte  die 


Menschheit  vorher  Anweisungen,  Befehle  erhalten,  was 
sie  zu  tun  oder  zu  lassen  hatte.  Sie  war  in  den  Wissen- 
schaften  unterrichtet  worden,  die  sich  auf  dasjenige  be- 
zogen,  was  sie  mit  den  Sinnen  hatte  wahrnehmen  kon- 
nen.  Eine  gottliche  Weltregierung  hatten  die  Menschen 
geahnt,  hatten  sie  in  ihren  eigenen  Handlungen  empfun- 
den;  aber  klar  gewuftt  hatten  sie  nichts  von  ihr.  —  Nun 
sprach  ihr  Fuhrer  in  einer  ganz  neuen  Art  zu  ihnen.  Er 
lehrte  sie,  dafi  unsichtbare  Machte  das  lenken,  was  sie 
sichtbar  vor  sich  hatten;  und  dafi  sie  selbst  Diener  dieser 
unsichtbaren  Machte  seien,  daft  sie  mit  ihren  Gedanken 
die  Gesetze  dieser  unsichtbaren  Machte  zu  vollziehen 
hatten.  Von  einem  Oberirdisch-Gottlichen  horten  die 
Menschen.  Und  daft  das  unsichtbare  Geistige  der  Schop- 
fer  und  Erhalter  des  sichtbaren  Korperlkhen  sei.  Zu  ihren 
sichtbaren  Gotterboten,  zu  den  iibermenschlichen  Ein- 
geweihten,  von  denen  der  selbst  einer  war,  der  so  zu  ihnen 
sprach,  hatten  sie  bisher  aufgesehen,  und  von  ihnen  wurde 
mitgeteilt,  was  zu  tun  und  was  zu  lassen  sei.  Jetzt  aber 
wurden  sie  dessen  gewurdigt,  daft  der  Gotterbote  ihnen 
von  den  Gottern  selbst  sprach.  Gewaltig  war  die  Rede, 
die  er  seiner  Schar  immer  wieder  einscharfte.  «Ihr  habt 
bis  jetzt  gesehen  diejenigen,  die  euch  fuhrten;  aber  es  gibt 
hohere  Fuhrer,  die  ihr  nicht  sehet.  Und  diesen  Fiihrern 
seid  ihr  untertan.  Ihr  sollt  vollziehen  die  Befehle  des  Got- 
tes,  den  ihr  nicht  sehet;  und  ihr  sollt  gehorchen  einem 
solchen,  von  dem  ihr  euch  kein  Bild  machen  konnet.*  So 
klang  aus  dem  Munde  des  grofien  Fiihrers  das  neue 
hochste  Gebot,  das  da  die  Verehrung  vorschrieb  eines 
Gottes,  dem  kein  sinnlich-sichtbares  Bild  ahnlich  sein 
konnte,  von  dem  daher  auch  keines  gemacht  werden  sollte. 


Von  diesem  grofien  Urgebote  der  fiinften  Menschenrasse 
ist  ein  Nachklang  das  bekannte:  «Du  sollst  dir  kein 
Gotzenbild  machen,  noch  irgendein  Abbild  von  etwas, 
was  droben  im  Himmel  oder  unten  auf  der  Erde,  oder 
was  im  Wasser  unter  der  Erde  ist  ...».* 

Dem  Hauptfuhrer  (Manu)  standen  andere  Gotterboten 
zur  Seite,  welche  fur  die  einzelnen  Lebenszweige  seine 
Absichten  ausfuhrten  und  an  der  Entwickelung  der  neuen 
Rasse  arbeiteten.  Denn  es  handelte  sich  darum,  das  ganze 
Leben  im  Sinne  der  neuen  Auffassung  von  einer  gott- 
lichen  Weltregierung  einzurichten*  Die  Gedanken  der 
Menschen  sollten  uberall  von  dem  Sichtbaren  auf  das 
Unsichtbare  hingelenkt  werden.  Das  Leben  wird  durch 
die  Naturmachte  bestimmt.  Von  Tag  und  Nacht,  von 
Winter  und  Sommer,  von  Sonnenschein  und  Regen  hangt 
der  Verlauf  dieses  menschlichen  Lebens  ab.  Wie  diese 
einfluftreichen  sichtbaren  Tatsachen  mit  den  unsichtbaren 
(gottlichen)  Kraften  im  Zusammenhang  stehen  und  wie 
der  Mensch  sich  verhalten  solle,  damit  er  diesen  unsicht- 
baren Machten  gemafi  sein  Leben  einrichte:  das  wurde 
ihm  gezeigt.  Alles  Wissen  und  alle  Arbeit  sollte  in  diesem 
Sinne  getrieben  werden.  Im  Gang  der  Sterne  und  der 
Witterungsverhaltnisse  sollte  der  Mensch  die  gottlichen 
Ratschliisse  sehen,  den  Ausflufi  der  gottlichen  Weisheit. 
Astronomie  und  Witterungskunde  wurden  in  diesem  Sinne 
gelehrt.  Und  seine  Arbeit,  sein  sittliches  Leben  solle  der 
Mensch  so  einrichten,  dafi  sie  den  weisheitsvollen  Geset- 
zen  des  Gottlichen  entsprechen.  Nach  gottlichen  Gebo- 
ten  wurde  das  Leben  geordnet,  wie  im  Gang  der  Sterne, 
in  den  Witterungsverhaltnissen  und  so  weiter  die  gbtt- 

*  2.  Buch  Moses,  20.  Kap. 


lichen  Gedanken  erforscht  wurden.  Durch  Opferhandlun- 
gen  sollte  der  Mensch  seine  Werke  mit  den  Fugungen 
der  Gotter  in  Einklang  bringen.  —  Es  war  die  Absicht 
des  Manu,  alles  im  menschlichen  Leben  auf  die  hoheren 
Welten  hinzulenken.  Alles  menschliche  Tun,  alle  Ein- 
richtungen  sollten  einen  religiosen  Charakter  tragen.  Da- 
durch  wollte  der  Manu  das  einleiten,  was  der  funften 
Wurzelrasse  als  ihre  eigentliche  Aufgabe  obliegt.  Diese 
sollte  lernen,  sich  selbst  durch  ihre  Gedanken  zu  leiten. 
Aber  zum  Heile  kann  solche  Selbstbestimmung  nur  ftth- 
ren,  wenn  sich  der  Mensch  auch  selbst  in  den  Dienst  der 
hoheren  Kraf  te  stellt.  Der  Mensch  soil  sich  seiner  Gedan- 
kenkraft  bedienen;  aber  diese  Gedankenkraft  soli  gehei- 
ligt  sein  durch  den  Hinblick  auf  das  Gottliche. 

Man  begreift  nur  vollstandig,  was  damals  geschah, 
wenn  man  auch  weifi,  daft  die  Entwickelung  der  Denk- 
kraft,  von  der  funften  Unterrasse  der  Atlantier  angefan- 
gen,  noch  etwas  anderes  im  Gefolge  gehabt  hat.  Die  Men- 
schen  waren  namlich  von  einer  gewissen  Seite  her  in  den 
Besitz  von  Kenntnissen  und  Kunsten  gekommen,  die  nicht 
unmittelbar  mit  dem  zusammenhingen,  was  der  obenge- 
nannte  Manu  als  seine  eigentliche  Aufgabe  ansehen  mufite. 
Diesen  Kenntnissen  und  Kunsten  fehlte  zunachst  der  re- 
ligiose Charakter.  Sie  kamen  so  an  den  Menschen  her- 
an,  daft  dieser  an  nichts  anderes  denken  konnte,  als  sie 
in  den  Dienst  des  Eigennutzes,  seiner  personlichen  Be- 
diirfnisse  zu  stellen*  . . .  Zu  solchen  Kenntnissen  gehort 
zum  Beispiel  die  des  Feuers  in  seiner  Anwendung  zu 

*  Ober  den  Ursprung  dieser  Kenntnisse  und  Kiinste  Sffentliche 
Mitteilungen  zu  machen,  ist  vorlaufig  nicht  erlaubt.  Daher  mufi  hier 
eine  Stelle  der  Akasha-Cbronik  wegbleiben. 


menschlichen  Verrichtungen.  In  den  ersten  atlantischen 
Zeiten  brauchte  der  Mensch  das  Feuer  nicht,  denn  es 
stand  ja  die  Lebenskraft  zu  seinen  Diensten.  Je  weniger 
er  aber  mit  fortschreitender  Zeit  in  der  Lage  war,  sich 
dieser  Kraft  zu  bedienen,  desto  mehr  mufke  er  lernen, 
sich  Werkzeuge,  Gerate  aus  sogenannten  leblosen  Dingen 
zu  machen.  Dazu  diente  ihm  der  Gebrauch  des  Feuers. 
Und  ahnlich  war  es  mit  anderen  Naturkraften.  Der 
Mensch  hatte  also  gelernt,  sich  solcher  Naturkrafte  zu 
bedienen,  ohne  sich  ihres  gottlichen  Ursprungs  bewuftt 
zu  sein.  Und  so  sollte  es  auch  sein.  Der  Mensch  sollte 
durch  nichts  gezwungen  sein,  diese  im  Dienste  seiner 
Denkkraft  stehenden  Dinge  auf  die  gottliche  Weltordnung 
zu  beziehen.  Er  sollte  das  vielmehr  freiwillig  in  seinen 
Gedanken  tun.  So  ging  denn  die  Absicht  des  Manu  da- 
hin,  die  Menschen  dazu  zu  bringen,  dafi  sie  selbstandig, 
aus  einem  inneren  Bediirfnis  heraus,  solche  Dinge  in  Zu- 
sammenhang  brachten  mit  der  hoheren  Weltordnung. 
Gleichsam  wahlen  konnten  die  Menschen,  ob  sie  die  er- 
langten  Erkenntnisse  rein  im  personlichen  Eigennutz  oder 
im  religiosen  Dienste  einer  hoheren  Welt  anwenden  woll- 
ten.  —  War  also  der  Mensch  vorher  gezwungen,  sich  als 
Glied  der  gottlichen  Weltlenkung  zu  betrachten,  von  der 
ihm  zum  Beispiel  die  Beherrschung  der  Lebenskraft  zu- 
flofi,  ohne  dafi  er  die  Denkkraft  anzuwenden  brauchte,  so 
konnte  er  jetzt  die  Naturkrafte  auch  anwenden,  ohne  den 
Gedanken  auf  das  Gottliche  zu  lenken.  —  Dieser  Ent- 
scheidung  waren  nicht  alle  Menschen  gewachsen,  welche 
der  Manu  um  sich  gesammelt  hatte,  sondern  vielmehr 
nur  eine  geringe  Zahl  derselben.  Und  nur  aus  dieser  letz- 
teren  Zahl  konnte  der  Manu  den  Keim  zur  neuen  Rasse 


wirklich  bilden.  Mit  ihr  zog  er  sich  dann  zuriick,  urn  sie 
weiterzuentwickeln,  wahrend  die  anderen  sich  mit  der 
iibrigen  Menschheit  vermischten.  —  Von  der  genannten 
geringen  Zahl  von  Menschen,  die  sich  zuletzt  urn  den 
Manu  geschart  hatte,  stammt  dann  alles  ab,  was  die  wah- 
ren  Fortschrittskeime  der  fiinften  Wurzelrasse  bis  heute 
noch  bildet.  Daher  ist  es  aber  auch  erklarlich,  dafi  zwei 
Charakterziige  durch  die  ganze  Entwickelung  dieser  fiinf- 
ten Wurzelrasse  durchgehen.  Der  eine  Zug  ist  den  Men- 
schen eigen,  die  beseelt  sind  von  hoheren  Ideen,  die  sich 
als  Kinder  einer  gottlichen  Weltmacht  betrachten;  der 
andere  kommt  denen  zu,  die  alles  nur  in  den  Dienst  der 
personlichen  Interessen,  des  Eigennutzes  stellen. 

So  lange  blieb  die  kleine  Schar  um  den  Manu,  bis  sie 
hinlanglich  gekraftigt  war,  um  in  dem  neuen  Geiste  zu 
wirken,  und  bis  ihre  GHeder  hinausziehen  konnten,  die- 
sen  neuen  Geist  der  iibrigen  Menschheit  zu  bringen,  die 
von  den  vorhergehenden  Rassen  ubriggeblieben  war.  Es 
ist  naturlich,  dafi  dieser  neue  Geist  bei  den  verschiedenen 
Volkern  einen  verschiedenen  Charakter  annahm,  je  nach- 
dem  sich  diese  selbst  in  den  verschiedenen  Gebieten  ent- 
wickelt  hatten.  Die  alten  zuriickgebliebenen  Charakter- 
ziige vermischten  sich  mit  dem,  was  die  Sendboten  des 
Manu  in  die  verschiedenen  Teile  der  Welt  trugen.  Da- 
durch  entstanden  mannigfaltige  neue  Kulturen  und  Zi- 
vilisationen. 

Die  befahigtesten  Personlichkeiten  aus  der  Umgebung 
des  Manu  wurden  dazu  ausersehen,  nach  und  nach  un- 
mittelbar  in  seine  gottliche  Weisheit  eingeweiht  zu  wer- 
den,  auf  daft  sie  Lehrer  der  iibrigen  werden  konnten.  So 
kam  es,  dafi  zu  den  alten  Gotterboten  jetzt  auch  eine 


neue  Art  von  Eingeweihten  kam.  Es  sind  diejenigen, 
welche  ihre  Denkkraft  geradeso  wie  ihre  ubrigen  Mit- 
menschen  in  irdischer  Art  ausgebildet  haben.  Die  vorher- 
gehenden  Gotterboten  —  auch  der  Manu  —  hatten  das 
nicht.  Ihre  Entwkkelung  gehort  hoheren  Welten  an.  Sie 
brachten  ihre  hohere  Weisheit  in  die  irdischen  Verhalt- 
nisse  herein.  Was  sie  der  Menschheit  schenkten,  war  eine 
«Gabe  von  oben».  Die  Menschen  waren  noch  vor  der 
Mitte  der  atlantischen  Zeit  nicht  so  wek,  mit  eigenen 
Kraften  begreifen  zu  konnen,  was  die  gottlichen  Rat- 
schlusse  sind.  Jetzt  —  in  der  angedeuteten  Zeit  —  sollten 
sie  dazu  kommen.  Das  irdische  Denken  sollte  sich  erheben 
bis  zu  dem  Begriffe  vom  Gottlichen.  Menschliche  Einge- 
weihte  traten  zu  den  ubermenschlichen.  Das  bedeutet 
einen  wichtigen  Umschwung  in  der  Entwickelung  des 
Menschengeschlechtes.  Noch  die  ersten  Atlantier  hatten 
nicht  die  Wahl,  ihre  Fuhrer  als  gottliche  Sendboten  an- 
zusehen  oder  auch  nicht.  Denn  was  diese  vollbrachten, 
drangte  sich  auf  als  Tat  hoherer  Welten.  Es  trug  den 
Stempel  des  gottlichen  Ursprungs.  So  waren  die  Boten 
der  atlantischen  Zeit  durch  ihre  Macht  geheiligte  Wesen- 
heiten,  umgeben  von  dem  Glanze,  den  ihnen  diese  Macht 
verlieh.  Die  menschlichen  Eingeweihten  der  Folgezeit 
sind,  auiSerlich  genommen,  Menschen  unter  Menschen. 
Allerdings  aber  verblieben  sie  im  Zusammenhang  mit  den 
hoheren  Welten,  und  die  Offenbarungen  und  Erscheinun- 
gen  der  Gotterboten  dringen  zu  ihnen.  Nur  ausnahms- 
weise,  wenn  sich  eine  hohere  Notwendigkeit  ergibt, 
machen  sie  Gebrauch  von  gewissen  Kraften,  die  ihnen 
von  dorther  verliehen  sind.  Dann  vollbringen  sie  Taten, 
welche  die  Menschen  nach  den  ihnen  bekannten  Gesetzen 


nicht  verstehen  und  daher  mit  Recht  als  Wunder  ansehen. 
—  Die  hohere  Absicht  aber  bei  alledem  ist,  die  Mensch- 
heit  auf  eigene  Fufie  zu  stellen,  deren  Denkkraft  voll- 
kommen  zu  entwickeln.  —  Die  menschlichen  Eingeweih- 
ten  sind  heute  die  Vermittler  zwischen  dem  Volke  und 
den  hoheren  Machten;  und  nur  die  Einweihung  befahigt 
zum  Umgange  mit  den  Gotterboten. 

Die  menschlichen  Eingeweihten,  die  heiligen  Lehrer, 
wurden  nun  im  Beginne  der  fiinften  Wurzelrasse  Fiihrer 
der  iibrigen  Menschheit.  Die  grofien  Priesterkonige  der 
Vorzeit,  von  denen  nicht  die  Geschichte,  wohl  aber  die 
Sagenwelt  Zeugnis  ablegt,  gehoren  der  Schar  dieser  Einge- 
weihten an.  Immer  mehr  zogen  sich  die  hoheren  Gotter- 
boten von  der  Erde  zuriick  und  iiberliefien  die  Fiihrung 
diesen  menschlichen  Eingeweihten,  denen  sie  aber  mit  Rat 
und  Tat  zur  Seite  stehen.  Ware  das  nicht  so,  so  kame 
der  Mensch  niemals  zum  freien  Gebrauch  seiner  Denk- 
kraft. Die  Welt  steht  unter  gottlicher  Fiihrung;  aber  der 
Mensch  soil  nicht  gezwungen  werden,  das  zuzugeben,  son- 
dern  er  soli  in  freier  Ueberlegung  es  einsehen  und  begrei- 
fen.  Ist  er  erst  so  weit,  dann  enthiillen  ihm  die  Eingeweih- 
ten stufenweise  ihre  Geheimnisse.  Aber  dies  kann  nicht 
plotzlich  geschehen.  Sondern  die  ganze  Entwickelung  der 
fiinften  Wurzelrasse  ist  der  langsame  Weg  zu  diesem 
Ziele.  Wie  Kinder  fiihrte  der  Manu  erst  selbst  noch  seine 
Schar.  Dann  ging  die  Fiihrung  ganz  allmahlich  auf 
menschliche  Eingeweihte  iiber.  Und  heute  besteht  der 
Fortschritt  noch  immer  in  einer  Mischung  von  bewufitem 
und  unbewufitem  Handeln  und  Denken  der  Menschen. 
Erst  am  Ende  der  fiinften  Wurzelrasse,  wenn  durch  die 
sechste  und  siebente  Unterrasse  hindurch  eine  geniigend 


grofie  Anzahl  von  Menschen  des  Wissens  fahig  ist,  wird 
sich  der  grofite  Eingeweihte  ihnen  offentlich  enthullen 
konnen.  Und  dieser  menschliche  Eingeweihte  wird  dann 
die  weitere  Hauptfiihrung  ebenso  iibernehmen  konnen, 
wie  das  der  Manu  am  Ende  der  vierten  Wurzelrasse  ge- 
tan  hat.  So  ist  die  Erziehung  der  fiinften  Wurzelrasse 
die,  dafi  ein  grofierer  Teii  der  Menschheit  dazu  kommen 
wird,  einem  menschlichen  Manu  frei  zu  folgen,  wie  das 
die  Keimrasse  dieser  fiinften  mit  dem  gottlichen  getan  hat. 


DIE  LEMURISCHE  RASSE 


Hier  wird  ein  Stiick  aus  der  Akasha-Chronik  mitgeteilt, 
das  sich  auf  eine  sehr  feme  Urzeit  in  der  Menschheitsent- 
wickelung  bezieht.  Diese  Zeit  geht  derjenigen  voraus, 
welche  in  den  vorhergehenden  Darstellungen  geschildert 
worden  ist.  Es  handelt  sich  um  die  dritte  menschliche 
Wurzelrasse,  von  welcher  in  theosophischen  Biichern  ge- 
sagt  wird,  dafi  sie  den  lemurischen  Kontinent  bewohnt 
hat.  Dieser  Kontinent  lag  —  im  Sinne  dieser  Bucher  — 
im  Siiden  von  Asien,  dehnte  sich  aber  ungefahr  von  Cey- 
lon bis  Madagaskar  aus.  Auch  das  heutige  siidliche  Asien 
und  Teile  von  Afrika  gehorten  zu  ihm.  —  Wenn  auch 
beim  Entziffern  der  „ Akasha-Chronik"  alle  mogliche 
Sorgfalt  angewendet  worden  ist,  so  mufi  doch  betont  wer- 
den,  dafi  nirgends  fur  diese  Mitteilungen  irgendwelcher 
dogmatischer  Charakter  in  Anspruch  genommen  werden 
soil.  Ist  schon  das  Lesen  von  Dingen  und  Ereignissen, 
welche  dem  gegenwartigen  Zeitalter  so  fernliegen,  nicht 
leicht,  so  bietet  die  Obersetzung  des  Geschauten  und  Ent- 
zifferten  in  die  gegenwartige  Sprache  fast  uniibersteig- 
liche  Hindernisse.  —  Zeitangaben  werden  s pater  gemacht 
werden.  Sie  werden  besser  verstanden  werden,  wenn  die 
ganze  lemurische  Zeit  und  auch  noch  diejenige  unserer 
(funf  ten)  Wurzelrasse  bis  zur  Gegenwart  durchgenommen 
sein  werden.  —  Die  Dinge,  die  hier  mitgeteilt  werden, 
sind  auch  fiir  den  Okkultisten,  der  sie  zum  ersten  Male 
liest,  iiberraschend  —  obgleich  das  Wort  nicht  ganz  zu- 
treffend  ist.  Deshalb  darf  er  sie  nur  nach  der  sorgfaltig- 
sten  Priifung  mitteilen. 


Der  vierten  (atlantischen)  Wurzelrasse  ging  die  soge- 
nannte  lemurische  voran.  Innerhalb  ihrer  Entwickelung 
vollzogen  sich  mit  Erde  und  Mensch  Tatsachen  von  der 
aUergrdfken  Bedeutung.  Doch  soli  hier  zuerst  etwas  iiber 
den  Charakter  dieser  Wurzelrasse  nach  diesen  Tatsachen 
gesagt  und  dann  erst  auf  die  letzteren  eingegangen  wer- 
den.  Im  grofien  und  ganzen  war  bei  dieser  Rasse  das  Ge- 
ddchtnis  noch  nicht  ausgebildet.  Die  Menschen  konnten 
sich  zwar  Vorstellungen  machen  von  den  Dingen  und 
Ereignissen;  aber  diese  Vorstellungen  blieben  nicht  in  der 
Erinnerung  haften.  Daher  hatten  sie  auch  noch  keine 
Sprache  im  eigentlichen  Sinne.  Was  sie  in  dieser  Bezie- 
hung  hervorbringen  konnten,  waren  mehr  Naturlaute,  die 
ihre  Empfindungen,  Lust,  Freude,  Schmerz  und  so  wei- 
ter  ausdriickten,  die  aber  nicht  aufterliche  Dinge  bezeich- 
neten.  —  Aber  ihre  Vorstellungen  hatten  eine  ganz  an- 
dere  Kraft  als  die  der  spateren  Menschen.  Sie  wirkten 
durch  diese  Kraft  auf  ihre  Umgebung.  Andere  Menschen, 
Tiere,  Pflanzen  und  selbst  leblose  Gegenstande  konnten 
diese  Wirkung  empf inden  und  durch  blofie  Vorstellungen 
beeinfluftt  werden.  So  konnte  der  Lemurier  seinen  Neben- 
menschen  Mitteilungen  machen,  ohne  daft  er  eine  Sprache 
notig  gehabt  hatte.  Diese  Mitteilung  bestand  in  einer  Art 
«Gedankenlesen».  Die  Kraft  seiner  Vorstellungen  schopfte 
der  Lemurier  unmittelbar  aus  den  Dingen,  die  ihn  um- 
gaben.  Sie  flofi  ihm  zu  aus  der  Wachstumskraft  der  Pflan- 
zen, aus  der  Lebenskraft  der  Tiere.  So  verstand  er  Pflan- 
zen und  Tiere  in  ihrem  inneren  Weben  und  Leben.  Ja, 
er  verstand  so  auch  die  physischen  und  chemischen  Krafte 
der  leblosen  Dinge.  Wenn  er  etwas  baute,  brauchte  er 
nicht  erst  die  Tragkraft  eines  Holzstammes,  die  Schwere 


eines  Bausteines  zu  berechnen,  er  sab  dem  Holzstamme  an, 
wieviel  er  tragen  kann,  dem  Baustein,  wo  er  durch  seine 
Schwere  angebracht  ist,  wo  nicht.  So  baute  der  Lemu- 
rier  ohne  Ingenieurkunst  aus  seiner  mit  der  Sicherheit 
einer  Art  Instinktes  wirkenden  Vorstellungskraft  heraus. 
Und  er  hatte  dabei  seinen  Korper  in  hohem  Mafie  in  sei- 
ner Gewalt.  Er  konnte  seinen  Arm  stahlen,  wenn  es  notig 
war,  durch  blofie  Anstrengung  des  Willens.  Ungeheure 
Lasten  konnte  er  zum  Beispiel  heben  durch  blofie  Wil- 
lensentwickelung.  Diente  spater  dem  Atlantier  die  Herr- 
schaft  iiber  die  Lebenskraft,  so  diente  dem  Lemurier  die 
Bemeisterung  des  Willens.  Er  war  —  der  Ausdruck  soli 
nicht  mifiverstanden  werden  —  auf  alien  Gebieten  nie- 
derer  menschlicher  Verrichtungen  der  geborene  Magier. 

Auf  die  Ausbildung  des  Willens,  der  vorstellenden 
Kraft  war  es  bei  den  Lemuriern  abgesehen.  Die  Kinder- 
erziehung  war  ganz  darauf  angelegt.  Die  Knaben  wur- 
den  in  der  kraftigsten  Art  abgehartet.  Sie  mufiten  lernen, 
Gefahren  bestehen,  Schmerzen  iiberwinden,  kiihne  Hand- 
lungen  vollziehen.  Diejenigen,  welche  Martern  nicht  er- 
tragen,  Gefahren  nicht  bestehen  konnten,  wurden  als 
keine  nutzlichen  Mitglieder  der  Menschheit  angesehen. 
Man  liefi  sie  unter  den  Strapazen  zugrunde  gehen.  Was 
die  Akasha-Chronik  in  bezug  auf  diese  Kinderzucht  zeigt, 
ubersteigt  alles,  was  sich  der  gegenwartige  Mensch  in  der 
kuhnsten  Phantasie  auszumalen  vermag.  Das  Ertragen 
von  Hitze  bis  zur  versengenden  Glut,  das  Durchstechen 
des  Korpers  mit  spitzen  Gegenstanden  waren  ganz  ge- 
wohnliche  Prozeduren.  —  Anders  war  die  Madchenzucht. 
2 war  wurde  auch  das  weibliche  Kind  abgehartet;  aber 
es  war  alles  iibrige  darauf  angelegt,  dafi  es  eine  kraftige 


Phantasie  entwickele.  Es  wurde  zum  Beispiel  dem  Sturm 
ausgesetzt,  um  seine  grausige  Schonheit  ruhig  zu  empfin- 
den;  es  mufite  den  Kampfen  der  Manner  zusehen,  angst- 
los,  nur  durchdrungen  von  dem  Gefuhle  fiir  die  Starke 
und  Kraft,  die  es  vor  sich  sah.  Die  Anlagen  zur  Traume- 
rei,  zum  Phantasieren  entwickelten  sich  dadurch  bei  dem 
Madchen;  aber  diese  schatzte  man  besonders  hoch.  Und 
da  ein  Gedachtnis  nicht  vorhanden  war,  so  konnten  diese 
Anlagen  auch  nicht  ausarten.  Die  betreffenden  Traum- 
oder  Phantasievorstellungen  hielten  nur  solange  an,  als 
die  entsprechende  auftere  Veranlassung  vorlag.  Sie  hatten 
also  insofern  ihren  guten  Grund  in  den  aufieren  Dingen. 
Sie  verloren  sich  nicht  ins  Bodenlose.  Es  war  sozusagen 
die  Phantastik  und  Traumerei  der  Natur  selbst,  die  in 
das  weibliche  Gemiit  gesenkt  wurde. 

Wohnungen  in  unserem  Sinne  hatten  die  Lemurier,  aus- 
genommen  in  ihrer  letzten  Zeit,  nicht.  Sie  hielten  sich  da 
auf,  wo  die  Natur  selbst  dazu  Gelegenheit  gab.  Erdhoh- 
len  zum  Beispiel,  die  sie  benutzten,  gestalteten  sie  nur  so 
um,  statteten  sie  mit  solchen  Zutaten  aus,  wie  sie  dies 
brauchten.  Spater  bauten  sie  sich  auch  aus  Erdreich  solche 
Hohlen;  und  dann  entwickelten  sie  bei  solchen  Bauten 
eine  grofte  Geschicklichkeit.  Man  darf  sich  aber  nicht 
vorstellen,  dafi  sie  nicht  auch  kunstliche  Bauten  auffuhr- 
ten.  Nur  dienten  diese  nicht  zur  Wohnung.  Sie  entspran- 
gen  in  der  ersten  Zeit  dem  Bediirfnis,  den  Naturdingen 
eine  durch  den  Menschen  herbeigefuhrte  Form  zu  geben. 
Hugel  wurden  so  umgeformt,  dafi  der  Mensch  seine 
Freude,  sein  Behagen  an  der  Form  hatte.  Steine  wurden 
aus  demselben  Grunde  zusammengefiigt,  oder  auch  darum, 
bei  gewissen  Verrichtungen  zu  dienen.  Die  Orte,  an  de- 


nen  man  die  Kinder  abhartete,  wurden  mit  Mauern  die- 
ser  Art  umgeben.  —  Immer  gewaltiger  und  kunstvoller 
wurden  aber  gegen  das  Ende  dieses  Zeitalters  die  Bauten, 
welche  der  Pflege  der  «gottlichen  Weisheit  und  gottlichen 
Kunst»  dienten.  Diese  Anstalten  waren  in  jeder  Art  ver- 
schieden  von  dem,  was  der  spateren  Menschheit  die  Tem- 
pel  waren,  denn  sie  waren  zugleich  Unterrichtsanstalten 
und  Wissenschaftsstatten.  Wer  dazu  geeignet  befunden 
wurde,  durfte  hier  eingeweiht  werden  in  die  Wissenschaft 
von  den  Weltgesetzen  und  in  der  Handhabung  dieser  Ge- 
setze.  War  der  Lemurier  ein  geborener  Magier,  so  wurde 
hier  diese  Anlage  zur  Kunst  und  zur  Einsicht  ausgebildet. 
Nur  diejenigen,  welche  im  hochsten  Mafie  durch  jegliche 
Abhartung  die  Fahigkeit  erworben  hatten,  zu  iiberwin- 
den,  konnten  zugelassen  werden.  Fiir  alle  anderen  war 
das,  was  in  diesen  Anstalten  vorging,  das  tiefste  Geheim- 
nis.  Man  lernte  hier  die  Naturkrafte  in  unmittelbarer  An- 
schauung  kennen  und  auch  beherrschen.  Aber  das  Lernen 
war  so,  dafi  die  Naturkrafte  beim  Menschen  sich  in  Wil- 
lenskrafte  umsetzten.  Er  konnte  dadurch  selbst  ausfuh- 
ren,  was  die  Natur  vollbringt.  Was  die  spatere  Mensch- 
heit durch  Oberlegung,  durch  Kombination  vollbrachte, 
das  hatte  damals  den  Charakter  einer  instinktiven  Tatig- 
keit.  Doch  darf  man  das  Wort  «Instinkt»  hier  nicht  in 
demselben  Sinne  gebrauchen,  wie  man  gewohnt  ist,  es 
auf  die  Tierwelt  anzuwenden.  Denn  die  Verrichtungen 
der  lemurischen  Menschheit  standen  turmhoch  iiber  allem, 
was  die  Tierwelt  durch  den  Instinkt  hervorzubringen  ver- 
mag.  Sie  standen  sogar  weit  iiber  dem,  was  sich  seither 
die  Menschheit  durch  Gedachtnis,  Verstand  und  Phanta- 
sie  an  Kiinsten  und  Wissenschaften  angeeignet  hat.  Wollte 


man  einen  Ausdruck  fur  diese  Anstalten  gebrauchen,  der 
das  Verstandnis  erleichtert,  so  konnte  man  sie  «Hoch- 
schulen  der  Willenskrafte  und  der  hellsehenden  Vorstel- 
lungsgewalt»  nennen.  —  Aus  ihnen  gingen  die  Menschen 
hervor,  welche  zu  Herrschern  der  andern  in  jeder  Be- 
ziehung  wurden.  Eine  richtige  Vorstellung  von  all  diesen 
Verhaltnissen  ist  heute  in  Worten  schwer  zu  geben.  Denn 
alles  hat  sich  seither  auf  der  Erde  geandert.  Die  Natur 
selbst  und  alles  menschliche  Leben  waren  anders;  daher 
waren  ganz  verschieden  von  dem  heute  iiblichen  die 
menschliche  Arbeit  und  das  Verhaltnis  von  Mensch  zu 
Mensch. 

Noch  viel  dichter  als  spater  in  atlantischen  Zeiten  war 
die  Luft,  noch  viel  dunner  das  Wasser.  Und  auch  das,  was 
heute  unsere  feste  Erdkruste  bildet,  war  noch  nicht  so 
verhartet  wie  spater.  Die Pf lanzen- und  die  Tierwelt  waren 
erst  vorgeschritten  bis  zur  Amphibien-,  Vogelwelt  und 
den  niederen  Saugetieren,  ferner  bis  zu  Gewachsen,  die 
Ahnlichkeit  haben  mit  unseren  Palmen  und  ahnlichen 
Baumen.  Doch  waren  alle  Formen  anders  als  heute.  Was 
jetzt  nur  in  kleinen  Gestalten  vorkommt,  war  damals  rie- 
sig  entwickelt.  Unsere  kleinen  Fame  waren  damals  Baume 
und  bildeten  machtige  Walder.  Die  gegenwartigen  hohe- 
ren  Saugetiere  gab  es  nicht.  Dagegen  war  ein  grofier  Teil 
der  Menschheit  auf  so  niedriger  Entwickelung,  dafi  man 
ihn  durchaus  als  tierisch  bezeichnen  muf$.  Uberhaupt  gilt 
nur  von  einem  kleinen  Teil  der  Menschen  das,  was  hier 
von  ihnen  beschrieben  ist.  Der  andere  Teil  lebte  ein  Leben 
in  Tierheit.  Ja,  diese  Tiermenschen  waren  in  dem  aufieren 
Bau  und  in  der  Lebensweise  durchaus  verschieden  von 
jenem  kleinen  Teil.  Sie  unterschieden  sich  gar  nicht  be- 


sonders  von  den  niederen  Saugetieren,  die  ihnen  in  ge- 
wisser  Beziehung  auch  in  der  Gestalt  ahnlich  waren. 

Es  miissen  noch  einige  Worte  gesagt  werden  iiber  die 
Bedeutung  der  erwahnten  Tempelstatten.  Es  war  nicht 
eigentlich  Religion,  was  da  gepflegt  wurde.  Es  war  «gott- 
liche  Weisheit  und  Kunst».  Der  Mensch  empfand,  was 
ihm  da  gegeben  wurde,  unmittelbar  als  ein  Geschenk  der 
geistigen  Weltkrafte.  Und  wenn  er  dieses  Geschenkes  teil- 
haftig  wurde,  so  sah  er  sich  selbst  als  einen  «Diener»  die- 
ser  Weltkrafte  an.  Er  fuhlte  sich  «geheiligt»  vor  allem 
Ungeistigen.  Will  man  von  Religion  auf  dieser  Stufe  der 
Menschheitsentwickelung  sprechen,  so  konnte  man  sie 
«Willensreligion»  nennen.  Die  religiose  Stimmung  und 
Weihe  lag  darinnen,  dafi  der  Mensch  die  ihm  verKehenen 
Krafte  als  strenges,  gottliches  „Geheimnisa  hiitete,  dafi  er 
ein  Leben  fiihrte,  durch  das  er  seine  Macht  heiligte.  Die 
Scheu  und  Verehrung,  mit  der  man  Personen  von  seiten 
der  andern  begegnete,  die  solche  Krafte  hatten,  waren 
groft.  Und  sie  waren  nicht  irgendwie  durch  Gesetze  oder 
dergleichen  bewirkt,  sondern  durch  die  unmittelbare 
Macht,  die  von  ihnen  ausgeiibt  wurde.  Wer  uneingeweiht 
war,  stand  ganz  selbstverstandlich  unter  dem  magischen 
Einfluft  der  Eingeweihten.  Und  selbstverstandlich  war  es 
ja  auch,  da£  diese  sich  als  geheiligte  Personen  betrach- 
teten.  Denn  sie  wurden  ja  in  ihren  Tempelstatten  in  vol- 
ler  Anschauung  teilhaftig  der  wirkenden  Naturkrafte.  Sie 
blickten  hinein  in  die  schaffende  Werkstatt  der  Natur. 
Was  sie  erlebten,  war  ein  Verkehr  mit  den  Wesenheiten, 
die  an  der  Welt  selbst  bauen.  Man  darf  diesen  Verkehr 
einen  Umgang  mit  den  Gottern  nennen.  Und  was  sich 
spater  als  «Einweihung»,  als  «Mysterium»  entwickelt  hat, 


ist  aus  dieser  urspriinglichen  Art  des  Verkehrs  der  Men- 
schen  mit  den  Gottern  hervorgegangen.  In  folgenden  Zei- 
ten  mufite  dieser  Verkehr  sich  anders  gestalten,  weil  das 
menschliche  Vorstellen,  der  menschliche  Geist  andere  For- 
men  annahmen. 

Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  etwas,  was  mit  dem 
Fortschritte  der  lemurischen  Entwickelung  dadurch  ge- 
schah,  daft  die  Frauen  in  der  geschilderten  Art  lebten.  Sie 
bildeten  dadurch  besondere  menschliche  Krafte  aus.  Ihre 
mit  der  Natur  im  Bunde  befindliche  Einbildungskraft 
wurde  die  Grundlage  fur  eine  hohere  Entwickelung  des 
Vorstellungslebens.  Sie  nahmen  sinnig  die  Krafte  der  Na- 
tur in  sich  auf  und  liefien  sie  in  der  Seele  nachwirken. 
Damit  bildeten  sich  die  Keime  des  Gedachtnisses.  Und 
mit  dem  Gedachtnis  trat  auch  die  Fahigkeit  in  die  Welt, 
die  ersten  allereinfachsten  moralischen  Begriffe  zu  bil- 
den.  —  Die  Willensausbildung  des  mannlichen  Elemen- 
tes  kannte  derartiges  zunachst  nicht.  Der  Mann  folgte  in- 
stinktiv  entweder  den  Antrieben  der  Natur  oder  den  Ein- 
flussen,  die  von  den  Eingeweihten  ausgingen.  —  Aus  der 
Frauenart  heraus  entstanden  die  ersten  Vorstellungen  von 
«gut  und  bose».  Da  fing  man  an,  das  eine,  das  auf  das 
Vorstellungsleben  einen  besonderen  Eindruck  gemacht 
hat,  zu  Heben,  anderes  zu  verabscheuen.  War  die  Herr- 
schaft,  welche  das  mannliche  Element  ausubte,  mehr 
auf  die  aufSere  Wirkung  der  Willenskrafte,  auf  die 
Handhabung  der  Naturmachte  gerichtet,  so  entstand  da- 
neben  in  dem  weiblichen  Element  eine  Wirkung  durch  das 
Gemiit,  durch  die  inneren,  personlichen  Krafte  des  Men- 
schen.  Nur  derjenige  kann  die  Entwickelung  der  Mensch- 
heit  rich  tig  verstehen,  der  berucksichtigt,  dafi  die  ersten 


Fortschritte  im  Vorstellungsleben  von  den  Frauen  ge- 
macht  worden  sind.  Die  mit  dem  sinnigen  Vorstellungs- 
leben, mit  der  Ausbildung  des  Gedachtnisses  zusammen- 
hangende  Entwickelung  von  Gewohnheiten,  welche  die 
Keime  zu  einem  Rechtsleben,  zu  einer  Art  von  Sitte  bil- 
deten,  kam  von  dieser  Seite.  Hatte  der  Mann  die  Natur- 
krafte  geschaut  und  ausgeiibt:  die  Frau  wurde  die  erste 
Deuterin  derselben.  Es  war  eine  besondere  neue  Art,  durch 
das  Nachdenken  zu  leben,  die  hier  entstand.  Diese  Art 
hatte  etwas  viel  Persdnlicheres  als  diejenige  der  Manner. 
Nun  mull  man  sich  vorstellen,  dafi  diese  Art  der  Frauen 
doch  auch  eine  Art  von  Hellsehen  war,  wenn  sie  sich 
auch  von  der  Willensmagie  der  Manner  unterschied.  Die 
Frau  war  in  ihrer  Seele  einer  anderen  Art  von  geistigen 
Machten  zuganglich.  Solchen,  die  mehr  zu  dem  Gefuhls- 
element  der  Seele  sprachen,  weniger  zu  dem  geistigen, 
dem  der  Mann  unterworfen  war.  So  ging  von  den 
Mannera  eine  Wirkung  aus,  die  mehr  natiirlich-gottlich, 
von  den  Frauen  eine  solche,  die  mehr  seelisch-gottlich  war. 

Die  Entwickelung,  welche  die  Frau  wahrend  der  lemu- 
rischen  Zeit  durchgemacht  hatte,  brachte  es  mit  sich, 
dafi  ihr  beim  Auftreten  der  nachsten  —  der  atlantischen 
—  Wurzelrasse  auf  der  Erde  eine  wichtige  Rolle  zufiel. 
Dieses  Auftreten  fand  statt  unter  dem  Einflusse  hoch- 
entwickelter  Wesenheiten,  die  bekannt  waren  mit  den 
Gesetzen  der  Rassenbildung  und  die  imstande  waren,  die 
vorhandenen  Krafte  der  Menschennatur  in  solche  Bahnen 
zu  leiten,  dafi  eine  neue  Rasse  entstehen  konnte.  Uber 
diese  Wesen  soli  noch  besonders  gesprochen  werden. 
Vorlaufig  mag  es  geniigen,  zu  sagen,  dafi  ihnen  iiber- 
menschliche  Weisheit  und  Macht  innewohnte.  Sie  son- 


derten  nun  eine  kleine  Schar  aus  der  lemurischen  Mensch- 
heit  ab  und  bestimmten  diese  zu  Stammeltern  der  kom- 
menden  atlantischen  Rasse.  Der  Ort,  an  dem  sie  das  taten, 
lag  in  der  heifien  Zone.  Die  Manner  dieses  Haufleins 
hatten  unter  ihrer  Anleitung  sich  in  der  Beherrschung 
der  Naturkrafte  ausgebildet.  Sie  waren  kraf tvoll  und  ver- 
standen  es,  der  Erde  die  mannigfaltigsten  Schatze  abzu- 
gewinnen.  Sie  konnten  den  Acker  bebauen  und  seine 
Friichte  ihrem  Leben  nutzbar  machen.  Sie  waren  starke 
Willensnaturen  geworden  durch  die  Zucht,  die  man  ihnen 
hatte  angedeihen  lassen.  In  geringem  Mafte  war  bei 
ihnen  Seele  und  Gemiit  ausgebildet.  Diese  waren  dafiir 
bei  den  Frauen  zur  Entfaltung  gelangt.  Gedachtnis  und 
Phantasie  und  alles,  was  mit  diesem  verbunden  ist,  fan- 
den  sich  bei  ihnen. 

Die  genannten  Fuhrer  bewirkten,  daft  sich  das  Hauf- 
lein  in  kleine  Gruppen  ordnete.  Und  sie  iibertrugen  den 
Frauen  die  Ordnung  und  Einrichtung  dieser  Gruppen. 
Durch  ihr  Gedachtnis  hatte  die  Frau  die  Fahigkeit  erwor- 
ben,  die  Erfahrungen  und  Erlebnisse,  die  einmal  gemacht 
worden  waren,  fur  die  Zukunft  nutzbar  zu  machen.  Was 
gestern  sich  als  zweckmaflig  erwies,  das  verwertete  sie 
heute  und  war  sich  klar  dariiber,  daft  es  auch  morgen 
nutzbringend  sein  werde.  Die  Einrichtungen  fur  das  Zu- 
sammenleben  gingen  dadurch  von  ihr  aus.  Unter  ihrem 
Einflusse  bildeten  sich  die  Begriffe  von  «gut  und  bose» 
aus.  Durch  ihr  sinnendes  Leben  hatte  sie  sich  Verstand- 
nis  fin*  die  Natur  erworben.  Aus  der  Beobachtung  der 
Natur  erwuchsen  ihr  die  Vorstellungen,  nach  denen  sie 
das  Treiben  der  Menschen  leitete.  Die  Fuhrer  hatten  es 
so  eingerichtet,  dafi  durch  die  Seele  der  Frau  die  Willens- 


natur,  das  Kraftstrotzende  der  Manner  veredelt  und  ge- 
lautert  wurde.  Natiirlich  mufi  man  sich  das  alles  in  kind- 
lichen  Anfangen  denken.  Die  Worte  unserer  Sprache 
ruf en  nur  zu  leicht  sogleich  Vorstellungen  hervor,  die  dem 
Leben  der  Gegenwart  entnommen  sind. 

Auf  dem  Umwege  durch  das  erwachte  Seelenleben  der 
Frauen  entwickelten  die  Fiihrer  erst  dasjenige  der  Manner. 
In  der  gekennzeichneten  Kolonie  war  der  Einfluft  der 
Frauen  daher  ein  sehr  grofier.  Bei  ihnen  mufite  man  Rat 
holen,  wenn  man  die  Zeichen  der  Natur  deuten  wollte. 
Die  ganze  Art  ihres  Seelenlebens  war  aber  noch  eine 
solche,  die  beherrscht  war  von  den  «geheimen»  Seelen- 
kraften  des  Menschen.  Man  trifft  die  Sache  nicht  ganz, 
aber  annahernd,  wenn  man  von  einem  somnambulen  An- 
schauen  dieser  Frauen  spricht.  In  einem  gewissen  hoheren 
Traumen  enthullten  sich  ihnen  die  Geheimnisse  der  Natur 
und  erflossen  ihnen  die  Antriebe  zu  ihrem  Handeln.  Alles 
war  fur  sie  beseelt  und  zeigte  sich  ihnen  in  seelischen 
Kraften  und  Erscheinungen.  Sie  iiberliefien  sich  dem  ge- 
heimnisvollen  Weben  ihrer  seelischen  Krafte.  Das,  was 
sie  zu  ihren  Handlungen  trieb,  waren  «innere  Stimmen» 
oder  das,  was  Pflanzen,  Tiere,  Steine,  Wind  und  Wolken, 
das  Sauseln  der  Baume  und  so  weiter  ihnen  sagten. 

Aus  solcher  Seelenverfassung  erstand  das,  was  man 
menschliche  Religion  nennen  kann.  Das  Seelenhafte  in 
der  Natur  und  im  Menschenleben  wurde  allmahlich  ver- 
ehrt  und  angebetet.  Einzelne  Frauen  gelangten  zu  beson- 
derer  Vorherrschaft,  weil  sie  aus  besonderen  geheimnis- 
vollen  Tiefen  heraus  zu  deuten  wufiten,  was  in  der  Welt 
enthalten  ist. 

So  konnte  es  kommen,  dafi  bei  solchen  Frauen  das, 


was  in  ihrem  Innern  lebte,  sich  in  eine  Art  Natursprache 
umsetzte.  Denn  der  Anfang  der  Sprache  liegt  in  etwas, 
was  dem  Gesange  ahnlich  ist.  Die  Kraft  des  Gedankens 
setzte  sich  in  die  horbare  des  Lautes  um.  Der  innere 
Rhythmus  der  Natur  erklang  von  den  Lippen  «weiser» 
Frauen.  Man  versammelte  sich  um  solche  Frauen  und 
empfand  in  ihren  gesangartigen  Satzen  die  Aufierungen 
hoherer  Machte.  Der  menschliche  Gottesdienst  hat  mit 
solchen  Dingen  seinen  Anfang  genommen.  —  Von  einem 
«Sinn»  in  dem  Gesprochenen  kann  fur  die  damalige  Zeit 
nicht  die  Rede  sein.  Man  empfand  Klang,  Ton  und 
Rhythmus.  Man  stellte  sich  dabei  nichts  weiter  vor,  son- 
dern  sog  die  Kraft  des  Gehorten  in  die  Seele.  Der  ganze 
Vorgang  stand  unter  der  Leitung  der  hoheren  Fiihrer. 
Sie  hatten  in  einer  Art,  iiber  welche  jetzt  nicht  weiter 
gesprochen  werden  kann,  Tone  und  Rhythmen  den 
«weisen»  Priesterinnen  eingeflofk.  So  konnten  sie  ver- 
edelnd  auf  die  Seelen  der  Menschen  wirken.  Man  kann 
sagen,  dass  in  dieser  Art  iiberhaupt  erst  das  eigentliche 
Seelenleben  erwachte. 

Die  Akasha-Chronik  zeigt  auf  diesem  Gebiete  schone 
Szenen.  Es  soil  eine  solche  beschrieben  werden.  Wir  sind 
in  einem  Walde,  bei  einem  machtigen  Baum.  Die  Sonne 
ist  eben  im  Osten  aufgegangen.  Machtige  Schatten  wirft 
der  palmenartige  Baum,  um  den  ringsherum  die  anderen 
Baume  entfernt  worden  sind.  Das  Antlitz  nach  Osten 
gewendet,  verzuckt,  sitzt  auf  einem  aus  seltenen  Natur- 
gegenstanden  und  Pflanzen  zurechtgemachten  Sitz  die 
Priesterin.  Langsam,  in  rhythmischer  Folge  stromen  von 
ihren  Lippen  wundersame,  wenige  Laute,  die  sich  immer 
wiederholen.  In  Kreisen  herum  sitzt  eine  Anzahl  Manner 


und  Frauen  mit  traumverlorenen  Gesichtern,  inneres  Le- 
ben  aus  dem  Gehorten  saugend.  —  Noch  andere  Szenen 
konnen  gesehen  werden.  An  einem  ahnlich  eingerichteten 
Platze  «singt»  eine  Priesterin  ahnlich,  aber  ihre  Tone 
haben  etwas  Machtigeres,  Kraftigeres.  Und  die  Menschen 
um  sie  herum  bewegen  sich  in  rhythmischen  Tanzen. 
Denn  dies  war  die  andere  Art,  wie  «Seele»  in  die  Mensch- 
heit  kam.  Die  geheimnisvollen  Rhythmen,  die  man  der 
Natur  abgelauscht  hatte,  wurden  in  den  Bewegungen  der 
eigenen  Glieder  nachgeahmt.  Man  fiihlte  sich  dadurch 
eins  mit  der  Natur  und  den  in  ihr  waltenden  Machten. 

Der  Platz  der  Erde,  an  dem  dieser  Stamm  einer  kom- 
menden  Menschenrasse  herangebildet  wurde,  war  dazu 
besonders  geeignet.  Er  war  ein  solcher,  in  dem  die  damals 
noch  sturmbewegte  Erde  einigermafien  zur  Ruhe  gekom- 
men  war.  Denn  Lemurien  war  sturmbewegt.  Die  Erde 
hatte  ja  damals  noch  nicht  ihre  spatere  Dichte*  Oberall 
war  der  diinne  Boden  von  vulkanischen  Kraften  unter- 
wiihlt,  die  in  kleineren  oder  grofiereii  Stromen  hervor- 
brachen.  Machtige  Vulkane  waren  fast  allerorten  vor- 
handen  und  entwickelten  fortdauernd  eine  zerstorende 
Tatigkeit.  Die  Menschen  waren  gewohnt,  bei  alien  ihren 
Verrichtungen  mit  dieser  Feuertatigkeit  zu  rechnen.  Sie 
benutzten  auch  dieses  Feuer  bei  ihren  Arbeiten  und  Ein- 
richtungen.  Die  Verrichtungen  waren  vielfach  so,  dafi 
das  Feuer  der  Natur  so  als  Grundlage  diente  wie  heute 
das  kunstliche  Feuer  bei  der  menschlichen  Arbeit. 

Durch  die  Tatigkeit  dieses  vulkanischen  Feuers  ist 
auch  der  Untergang  des  lemurischen  Landes  herbeigefuhrt 
worden.  Der  Teil  von  Lemurien,  aus  dem  sich  die  Stamm- 
rasse  der  Atlantier  entwickeln  sollte,  hatte  zwar  heiftes 


Klima,  doch  war  er  im  grofien  und  ganzen  von  der  vul- 
kanischen  Tatigkeit  ausgenommen.  —  Stiller  und  fried- 
licher  als  in  den  iibrigen  Erdgebieten  konnte  sich  Her 
die  Menschennatur  entfalten.  Das  mehr  herumschweifende 
Leben  der  friiheren  Zeiten  wurde  aufgegeben,  und  die 
festen  Ansiedlungen  wurden  immer  zahlreicher. 

Man  mull  sich  vorstellen,  daft  der  Menschenleib  zu 
dieser  Zeit  noch  etwas  sehr  Bildsames  und  Geschmeidiges 
hatte.  Er  bildete  sich  noch  fortwahrend  um,  wenn  das 
innere  Leben  sich  veranderte.  Nicht  lange  vorher  waren 
namlich  die  Menschen  in  bezug  auf  den  aufteren  Bau 
noch  recht  verschieden.  Der  aufiere  Einfluft  der  Gegend, 
des  Klimas  waren  da  noch  fur  den  Bau  entscheidend. 
Erst  in  der  bezeichneten  Kolonie  wurde  der  Leib  des 
Menschen  immer  mehr  ein  Ausdruck  seines  inneren  see- 
lischen  Lebens.  Diese  Kolonie  hatte  zugleich  eine  vor- 
geschrittene  aufterlich  edler  gebildete  Menschenart.  Man 
muE  sagen,  durch  das,  was  die  Fiihrer  getan  hatten,  haben 
sie  eigentlich  erst  das  geschaffen,  was  die  richtige  mensch- 
liche  Gestalt  ist.  Das  ging  allerdings  ganz  langsam  und 
allmahlich.  Aber  es  ist  so  vor  sich  gegangen,  daft  zuerst 
das  Seelenleben  in  dem  Menschen  entfaltet  wurde,  und 
diesem  paftte  sich  der  noch  weiche  und  schmiegsame  Leib 
an.  Es  ist  ein  Gesetz  in  der  Menschheitsentwickelung, 
daft  der  Mench  mit  dem  Fortschritte  immer  weniger  und 
weniger  umgestaltenden  Einf  luft  auf  seinen  physischenLeib 
hat.  Eine  ziemlich  feste  Form  hat  dieser  physische  Men- 
schenleib eigentlich  erst  mit  der  Entwickelung  der  Ver- 
standeskraft  erhalten  und  mit  der  damit  zusammen- 
hangenden  Verfestigung  der  Gesteins-,  Mineral-  und 
Metallbildungen  der  Erde.  Denn  in  der  lemurischen  und 


noch  in  der  atlantischen  Zeit  waren  Steine  und  Metalle 
viel  weicher  als  spater.  —  (Dem  widerspricht  nicht,  dafi 
noch  Nachkommen  der  letzten  Lemurier  und  Atlantier 
vorhanden  sind,  die  heute  ebenso  feste  Formen  aufwei- 
sen  wie  die  spater  gebildeten  Menschenrassen.  Diese  t)ber- 
bleibsel  mulken  sich  den  geanderten  Umgebungsverhalt- 
nissen  der  Erde  anpassen  und  wurden  so  auch  starrer. 
Gerade  darin  liegt  der  Grund,  warum  sie  im  Niedergang 
begriffen  sind.  Sie  bildeten  sich  nicht  von  innen  heraus 
um,  sondern  es  wurde  ihr  weniger  entwickeltes  Innere  von 
aufien  in  die  Starrheit  gezwangt  und  dadurch  zum  Still- 
stande  gezwungen.  Und  dieser  Stillstand  ist  wirklich 
Ruckgang,  denn  auch  das  Innenleben  ist  verkommen,  weil 
es  sich  in  der  verfestigten  aufieren  Leiblichkeit  nicht  aus- 
leben  konnte.) 

Einer  noch  grofieren  Verwandlungsfahigkeit  war  das 
Tierleben  unterworfen.  Ober  die  zur  Zeit  der  Menschen- 
entstehung  vorhandenen  Tierarten  und  ihr  Herkommen, 
sowie  iiber  die  Entstehung  neuer  Tierformen,  nachdem 
der  Mensch  schon  da  war,  wird  noch  zu  sprechen  sein. 
Hier  soil  nur  gesagt  werden,  dafi  die  vorhandenen  Tier- 
arten sich  fortwahrend  umbildeten  und  neue  entstanden. 
Diese  Umwandlung  war  natiirlich  eine  allmahliche.  Die 
Griinde  zur  Umwandlung  lagen  zum  Teil  in  der  Ver- 
anderung  des  Aufenthaltes,  der  Lebensweise.  Die  Tiere 
hatten  eine  aufterordentlich  schnelle  Anpassungsfahigkeit 
an  neue  Verhaltnisse.  Der  bildsame  Korper  anderte  ver- 
haltnismafiig  schnell  die  Organe,  so  dafi  nach  mehr  oder 
weniger  kurzer  Zeit  die  Nachkommen  einer  gewissen 
Tierart  ihren  Vorfahren  nur  mehr  wenig  ahnlich  sahen. 
Dasselbe,  ja  in  einem  noch  grofieren  Mafie,  war  fur  die 


Pflanzen  der  Fall.  Den  grofiten  Einflufi  auf  die  Um- 
gestaltung  von  Menschen  und  Tieren  hatte  der  Mensch 
selbst.  Sei  es,  dafi  er  instinktiv  die  Lebewesen  in  eine 
solche  Umgebung  brachte,  dafi  sie  bestimmte  Formen  an- 
nahmen,  sei  es,  dass  er  durch  Ziichtungsversuche  solches 
bewirkte.  Der  umgestaltende  Einfluft  des  Menschen  auf  die 
Natur  war,  verglichen  mit  heutigen  Verhaltnissen,  damals 
unermefilich  grofi.  Insbesondere  war  das  in  der  beschrie- 
benen  Kolonie  der  Fall.  Denn  da  leiteten  die  Fiihrer  in 
einer  den  Menschen  unbewufiten  Art  diese  Umgestaltung. 
Es  war  das  in  einem  Mafie  der  Fall,  daft  die  Menschen 
dann,  als  sie  auszogen,  die  verschiedenen  atlantischen 
Rassen  zu  begriinden,  sich  hoch  entwickelte  Kenntnisse 
iiber  Zuchtung  von  Tieren  und  Pflanzen  mitnehmen 
konnten.  Die  Kulturarbeit  in  Atlantis  war  dann  im 
wesentlichen  eine  Folge  dieser  mitgebrachten  Kenntnisse. 
Doch  mufi  auch  hier  betont  werden,  da£  diese  Kennt- 
nisse einen  instinktiven  Charakter  hatten.  So  blieb  es 
auch  im  wesentlichen  bei  den  ersten  atlantischen  Rassen. 

Die  gekennzeichnete  Vorherrschaft  der  Frauenseele  ist 
besonders  stark  in  der  letzten  lemurischen  Zeit  und  dauert 
bis  in  die  atlantischen  Zeiten,  in  denen  sich  die  vierte 
Unterrasse  vorbereitete.  Aber  man  darf  sich  nicht  vor- 
stellen,  dafi  dies  etwa  bei  der  ganzen  Menschheit  der  Fall 
war.  Wohl  aber  gilt  es  fur  denjenigen  Teil  der  Erden- 
bevolkerung,  aus  welchem  spater  die  eigentlichen  fort- 
geschrittenen  Rassen  hervorgegangen  sind.  Und  dieser 
Einflufi  war  auf  alles  das  im  Menschen  am  starksten, 
was  «unbewufk»  in  und  an  ihm  ist.  Die  Bildung  gewisser 
standiger  Gebarden,  die  Feinheiten  der  sinnlichen  An- 
schauung,  die  Schonheitsempfindungen,  ein  guter  Teil 


des  den  Menschen  gemeinsamen  Empfindungs-  und  Ge- 
fiihlslebens  iiberhaupt  ging  urspriinglich  aus  von  dem 
seelischen  Einflufi  der  Frau.  Es  ist  nicht  zu  viel  gesagt, 
wenn  man  die  Berichte  der  Akasha-Chronik  so  auslegt, 
dafi  man  behauptet:  «Die  Kulturnationen  haben  eine 
Leibesbildung  und  einen  Leibesausdruck,  sowie  gewisse 
Grundlagen  des  leiblich-seelischen  Lebens,  die  ihnen  von 
der  Frau  aufgepragt  worden  sind.» 

Im  weiteren  Verlaufe  wird  auf  altere  Zeiten  der 
Menschheitsbildung  zuriickgegrif fen  werden,  in  denen  die 
Erdbevolkerung  noch  eingeschlechtlich  war.  Es  wird 
dann  das  Hervortreten  des  doppelten  Geschlechtes  dar- 
gestellt  werden. 


DIE  TRENNUNG  IN  GESCHLECHTER 


So  verschieden  auch  die  Gestalt  des  Menschen  von  seiner 
gegenwartigen  in  den  alten  Zeiten  war,  die  in  den  vor- 
hergehenden  Auszugen  «Aus  der  Akasha-Chronik»  be- 
schrieben  worden  sind:  wenn  man  noch  weiter  zuriick- 
geht  in  der  Menschheitsgeschkhte,  kommt  man  zu  noch 
viel  verschiedeneren  Zustanden.  Denn  auch  die  Formen 
des  Mannes  und  der  Frau  sind  erst  im  Laufe  der  Zeiten 
aus  einer  alteren  Grundform  entstanden,  in  welcher  der 
Mensch  weder  das  eine  noch  das  andere,  sondern  beides 
zugleich  war.  Wer  sich  einen  Begriff  machen  will  von 
diesen  urfernen  Zeiten  der  Vergangenheit,  der  mufi  sich 
aller dings  vollstandig  befreien  von  gewohnten  Vorstel- 
lungen,  die  dem  entnommen  sind,  was  der  Mensch  urn 
sich  herum  sieht.  —  Die  Zeiten,  in  die  wir  nunmehr 
zuriickblicken,  liegen  etwas  vor  der  Mitte  der  Epoche, 
die  in  den  vorhergehenden  Abschnitten  als  die  lemurische 
bezeichnet  worden  ist.  Der  Menschenleib  bestand  da 
noch  aus  weichen  bildsamen  Stoffen.  Es  waren  auch  die 
iibrigen  Bildungen  der  Erde  noch  weich  und  bildsam. 
Gegenuber  ihrem  spateren  verfestigten  war  die  Erde  noch 
in  einem  quellenden,  flussigeren  Zustande.  Indem  die 
Menschenseele  damals  sich  im  Stoffe  verkorperte,  konnte 
sie  sich  diesen  Stoff  in  einem  viel  hoheren  Grade  an- 
passen  als  spater.  Denn  dafi  die  Seele  einen  mannlichen 
oder  weiblichen  Leib  annimmt,  riihrt  davon  her,  dafi  ihr 
die  Entwickelung  der  aufieren  Erdennatur  den  einen  oder 
den  andern  aufdrangt.  Solange  die  Stoffe  noch  nicht 
verfestigt  waren,  konnte  die  Seele  diese  Stoffe  unter  ihre 
eigenen  Gesetze  zwingen.  Sie  machte  den  Leib  zu  einem 


Abdruck  ihres  eigenen  Wesens.  Als  aber  der  Stoff  dicht 
geworden  war,  mufite  sich  die  Seele  den  Gesetzen  fiigen, 
welche  diesem  Stoff e  von  der  aulSeren  Erdennatur  auf- 
gepragt  wurden.  Solange  die  Seele  noch  iiber  den  Stoff 
herrschen  konnte,  gestaltete  sie  ihren  Leib  weder  mann- 
lich  noch  weiblich,  sondern  gab  ihm  Eigenschaften,  die 
beides  zugleich  waren.  Denn  die  Seele  ist  mannlich  und 
weiblich  zugleich.  Sie  tragt  in  sich  diese  beiden  Naturen. 
Ihr  mannliches  Element  ist  dem  verwandt,  was  man 
Willen  nennt,  ihr  weiblkhes  dem,  was  als  Vorstellung 
bezeichnet  wird.  —  Die  aufkre  Erdenbildung  hat  dazu 
gefiihrt,  dafi  der  Leib  eine  einseitige  Bildung  angenommen 
hat.  Der  mannliche  Leib  hat  eine  Gestalt  angenommen, 
die  aus  dem  Element  des  Willens  bestimmt  ist,  der  weib- 
liche  hingegen  tragt  mehr  das  Geprage  der  Vorstellung. 
So  kommt  es  denn,  daft  die  zweigeschiechtliche,  mann- 
lich-weibliche  Seele  in  einem  eingeschlechtlichen,  mann- 
lichen  oder  weiblichen  Leib  wohnt.  Der  Leib  hatte  also 
im  Lauf e  der  Entwickelung  eine  durch  die  aufieren  Erden- 
krafte  bestimmte  Form  angenommen,  dafi  es  fortan  der 
Seele  nicht  mehr  moglich  war,  ihre  ganze  innere  Kraft 
in  diesen  Leib  auszugiefien.  Sie  muftte  etwas  von  dieser 
ihrer  Kraft  in  ihrem  Innern  behalten  und  konnte  nur 
einen  Teil  derselben  in  den  Leib  einflieften  lassen. 

Verfolgt  man  die  Akasha-Chronik,  so  zeigt  sich  fol- 
gendes.  In  einer  alten  Zeit  erscheinen  menschliche  Formen 
vor  uns,  weich,  bildsam,  ganz  verschieden  von  den  spa- 
teren.  Sie  tragen  noch  die  Mannes-  und  die  Frauennatur 
gleichmafiig  in  sich.  Im  Verfolg  der  Zeit  verdichten  sich 
die  Stoff e;  der  Menschenleib  tritt  in  zwei  Formen  auf, 
von  denen  die  eine  der  spateren  Mannes-,  die  andere  der 


spateren  Frauenbildung  ahnlich  wird.  Als  dieser  Unter- 
schied  noch  nicht  aufgetreten  war,  konnte  jeder  Mensch 
einen  anderen  aus  sich  hervorgehen  lassen.  Die  Befruch- 
tung  war  kein  aufierer  Vorgang,  sondern  etwas,  was  sich 
im  Innern  des  Menschenleibes  selbst  abspielte.  Dadurch, 
dafi  der  Leib  mannlich  oder  weiblich  wurde,  verlor  er 
diese  Moglichkeit  der  Selbstbefruchtung.  Er  mufke  mit 
einem  anderen  Leibe  zusammenwirken,  um  einen  neuen 
Menschen  hervorzubringen. 

Die  Trennung  in  Geschlechter  tritt  auf,  als  die  Erde 
in  einen  bestimmten  Zustand  ihrer  Verdichtung  kommt. 
Die  Dichtigkeit  des  Stoffes  unterbindet  einen  Teil  der 
Fortpflanzungskraft.  Und  derjenige  Teil  dieser  Kraft, 
der  noch  wirksam  ist,  bedarf  der  Erganzung  von  auften, 
durch  die  entgegengesetzte  Kraft  eines  anderen  Menschen. 
Die  Seele  aber  muft  sowohl  im  Manne,  wie  in  der  Frau 
einen  Teil  ihrer  friiheren  Kraft  in  sich  selbst  behalten. 
Sie  kann  diesen  Teil  nicht  in  der  leiblichen  Auftenwelt 
verwenden.  —  Dieser  Kraftteil  richtet  sich  nun  nach  dem 
Innern  des  Menschen.  Er  kann  nicht  nach  aufien  treten; 
deshalb  wird  er  fiir  innere  Organe  frei.  —  Und  hier  tritt 
ein  wichtiger  Punkt  in  der  Menschheitsentwickelung  ein. 
Vorher  hat  das,  was  man  Geist  nennt,  die  Fahigkeit  des 
Denkens,  nicht  im  Menschen  Platz  finden  konnen.  Denn 
diese  Fahigkeit  hatte  kein  Organ  gefunden,  um  sich  zu 
betatigen.  Die  Seele  hatte  all  ihre  Kraft  nach  auften  ver- 
wendet,  um  den  Leib  aufzubauen.  Jetzt  aber  kann  die 
Seelenkraft,  die  nach  aufien  hin  keine  Verwendung  fin- 
det,  mit  der  Geisteskraft  in  Verbindung  treten;  und  durch 
diese  Verbindung  entwickeln  sich  die  Organe  im  Leibe, 
die  spater  den  Menschen  zum  denkenden  Wesen  machen. 


So  konnte  der  Mensch  einen  Teil  der  Kraft,  die  er  frii- 
her  zur  Hervorbringung  von  seinesgleichen  verwendet, 
zu  einer  Vervollkommnung  seines  eigenen  Wesens  ver- 
wenden.  Die  Kraft,  durch  die  sich  die  Menschheit  ein 
denkendes  Gehirn  formt,  ist  dieselbe,  durch  welche  sich 
in  alten  Zeiten  der  Mensch  befruchtet  hat.  Das  Denken 
ist  erkauft  durch  die  Eingeschlechtlichkeit.  Indem  die 
Menschen  nicht  mehr  sich  selbst,  sondern  sich  gegenseitig 
bef ruchten,  konnen  sie  einen  Teil  ihrer  produktiven  Kraft 
nach  innen  wenden  und  zu  denkenden  Geschopfen  wer- 
den.  So  stellt  der  mannliche  und  der  weibliche  Leib  je 
eine  unvollkommene  Gestaltung  der  Seele  nach  aufien 
dar;  aber  sie  werden  dadurch  in  ihrem  Inneren  voll- 
kommenere  Geschopfe. 

Ganz  langsam  und  allmahlich  vollzieht  sich  diese  Um- 
wandlung  mit  dem  Menschen.  Nach  und  nach  treten 
neben  den  alten  zweigeschlechtlichen  Menschenformen 
die  jiingeren  eingeschlechtlichen  auf . 

Es  ist  wieder  eine  Art  Befruchtung,  die  da  im  Men- 
schen sich  einstellt,  als  er  ein  Geistwesen  wird.  Die  inne- 
ren Organe,  welche  durch  die  uberschussige  Seelenkraft 
aufgebaut  werden  konnen,  werden  von  dem  Geiste  be- 
fruchtet. Die  Seele  ist  in  sich  selbst  zweigliedrig:  mann- 
lich-weiblich.  So  gestaltete  sie  in  alten  Zeiten  auch  ihren 
Leib.  Spater  kann  sie  ihren  Leib  nur  so  gestalten,  dafi  er 
fur  das  Aufiere  mit  einem  anderen  Leibe  zusammenwirkt; 
sie  selbst  erhalt  dadurch  die  Fahigkeit,  mit  dem  Geiste 
zusammenzuwirken.  Fur  das  Aufiere  wird  fortan  der 
Mensch  von  au£en  befruchtet,  fur  das  Innere  von  innen, 
durch  den  Geist.  Man  kann  nun  sagen,  dafi  der  mann- 
liche Leib  eine  weibliche  Seele,  der  weibliche  Leib  eine 


mannliche  Seeie  hat.  Diese  innere  Einseitigkeit  im  Men- 
schen  wird  nun  durch  die  Befruchtung  mit  dem  Geiste 
ausgeglkhen.  Die  Einseitigkeit  wird  aufgehoben.  Die 
mannliche  Seele  im  weiblichen  Leibe  und  die  weibliche 
Seele  im  mannlichen  Leibe  werden  beide  wieder  zwei- 
geschlechtlich  durch  die  Befruchtung  mit  dem  Geist.  So 
sind  Mann  und  Weib  in  der  aufteren  Gestalt  verschieden; 
im  Innern  schliesst  sich  bei  beiden  die  seelische  Einseitig- 
keit zu  einer  harmonischen  Ganzheit  zusammen.  Im  In- 
nern verschmelzen  Geist  und  Seele  zu  einer  Einheit.  Auf 
die  mannliche  Seele  im  Weibe  wirkt  der  Geist  weiblich 
und  macht  sie  so  mannlich- weiblich;  auf  die  weibliche 
Seele  im  Manne  wirkt  der  Geist  mannlich  und  bildet  sie 
so  gleichfalls  mannlich-weiblich.  Die  Zweigeschlechtlich- 
keit  des  Menschen  hat  sich  aus  der  Auftenwelt,  wo  sie  in 
der  vorlemurischen  Zeit  vorhanden  war,  in  das  Innere 
des  Menschen  zuriickgezogen. 

Man  sieht,  das  hohere  Innere  des  Menschen  hat  nichts 
zu  tun  mit  Mann  und  Weib.  Doch  kommt  die  innere 
Gleichheit  aus  einer  mannlichen  Seele  bei  der  Frau,  und 
entsprechend  aus  einer  weiblichen  beim  Mann.  Die  Ver- 
einigung  mit  dem  Geiste  be  wirkt  zuletzt  die  Gleichheit; 
aber  dafi  vor  dem  Zustandekommen  dieser  Gleichheit  eine 
Verschiedenheit  vorhanden  ist:  dies  schlieftt  ein  Gekeim- 
nis  der  Menschennatur  ein.  Die  Erkenntnis  dieses  Geheim- 
nisses  ist  fiir  alle  Geheimwissenschaft  von  grower  Be- 
deutung.  Denn  es  ist  der  Schlussel  zu  wichtigen  Lebens- 
ratseln.  Vorlaufig  ist  es  nicht  erlaubt,  den  Schleier,  der 
iiber  dieses  Geheimnis  gebreitet  ist,  hinwegzuheben  . . . 

So  hat  sich  der  physische  Mensch  von  der  Zwei- 
geschlechtlichkeit  zur  Eingeschlechtlichkeit,  zur  Tren- 


nung  in  Mann  und  Frau  hin  entwickelt.  Und  dadurch  ist 
der  Mensch  ein  solches  geistiges  Wesen  geworden,  wie  er 
es  jetzt  ist.  Aber  man  darf  nichr  glauben,  dafi  nicht  auch 
vorher  mit  der  Erde  erkennende  Wesen  in  Verbindung 
gestanden  hatten.  Wenn  man  die  Akasha-Chronik  ver- 
folgt,  so  zeigt  sich  aller dings,  dafi  in  der  ersten  lemuri- 
schen  Zeit  der  spatere  physische  Mensch  durch  sein  dop- 
peltes  Geschlecht  ein  ganz  anderes  Wesen  war,  als  das 
ist,  was  man  heute  als  Mensch  bezeichnet.  Er  konnte  keine 
sinnlichen  Wahrnehmungen  mit  Gedanken  verbinden:  er 
dachte  nicht.  Sein  Leben  war  ein  triebartiges.  Seine  Seele 
aufierte  sich  lediglich  in  Instinkten,  Begierden,  anima- 
lischen  Wunschen  und  so  weiter.  Sein  Bewufitsein  war 
ein  traumartiges;  er  lebte  in  Dumpfheit.  —  Aber  es  gab 
andere  Wesen  inmitten  dieser  Menschheit.  Diese  waren 
natiirlich  auch  zweigeschlechtlich.  Denn  beim  damaligen 
Zustande  der  Erdentwickelung  konnte  kein  mannlicher, 
oder  weiblicher  Menschenleib  hervorgebracht  werden. 
Dazu  fehlten  noch  die  aufteren  Bedingungen.  Aber  es  gab 
andere  Wesen,  die  trotz  der  Zweigeschlechtlichkeit  Er- 
kenntnis  und  Weisheit  erwerben  konnten.  Das  war  da- 
durch moglich,  dafi  diese  eine  ganz  andere  Entwickelung 
in  einer  noch  weiter  zuriickliegenden  Vergangenheit 
durchgemacht  hatten.  Ihrer  Seele  ist  es  moglich  gewor- 
den,  ohne  erst  die  innere  Organentwickelung  des  phy- 
sischen  Leibes  der  Menschheit  abzuwarten,  mit  dem 
Geiste  sich  zu  befruchten.  Des  jetzigen  Menschen  Seele 
kann  nur  mit  Hilfe  des  physischen  Gehirns  denken,  was 
sie  durch  die  physischen  Sinne  von  auften  empf angt.  So 
hat  es  die  Seelenentwickelung  des  Menschen  mit  sich 
gebracht.  Die  Menschenseele  mufite  warten,  bis  ein  Ge- 


hirn  da  war,  das  zum  Vermittler  mit  dem  Geiste  wurde. 
Ohne  diesen  Umweg  ware  diese  Seele  geistlos  geblieben. 
Sie  ware  auf  der  Stufe  des  traumartigen  Bewufitseins 
stehengeblieben.  Anders  war  es  bei  den  gekennzeichneten 
ubermenschlichen  Wesen.  Ihre  Seele  hatte  auf  friiheren 
Stufen  seelische  Organe  entwickelt,  die  nichts  Physisches 
brauchten,  um  mit  dem  Geiste  in  Verbindung  zu  kom- 
men.  Ihre  Erkenntnis  und  Weisheit  war  eine  iibersinnlich 
erworbene.  Man  nennt  eine  solche  Erkenntnis  intuitiv. 
Der  gegenwartige  Mensch  kommt  erst  auf  einer  spateren 
Stufe  seiner  Entwickelung  zu  solcher  Intuition,  die  es 
ihm  moglich  macht,  ohne  sinnliche  Vermittelung  mit  dem 
Geiste  in  Beriihrung  zu  kommen.  Er  muft  den  Umweg 
durch  die  sinnliche  Stofflichkeit  machen.  Man  nennt 
diesen  Umweg  das  Herabsteigen  der  Menschenseele  in  die 
Materie  oder  popular  den  «Siindenfall».  —  Durch  eine 
anders  geartete  friihere  Entwickelung  brauchten  die  uber- 
menschlichen Naturen  dieses  Herabsteigen  nicht  mitzu- 
machen.  Weil  ihre  Seele  schon  eine  hohere  Stufe  erlangt 
hatte,  war  ihr  Bewufitsein  nicht  traumartig,  sondern  in- 
nerlich  hell.  Und  die  Auffassung  der  Erkenntnis  und 
Weisheit  durch  sie  war  ein  Hellsehen,  das  keiner  Sinne 
und  keines  Denkorgans  bedurfte.  Unmittelbar  strahlte  die 
Weisheit,  nach  welcher  die  Welt  gebaut  ist,  in  ihre  Seele 
ein.  Dadurch  konnten  sie  die  Fiihrer  der  noch  in  Dumpf- 
heit  befangenen  jungen  Menschheit  sein.  Sie  waren  die 
Trager  einer  «uralten  Weisheit»,  zu  deren  Verstandnis  sich 
die  Menschheit  auf  dem  angedeuteten  Umwege  erst  hin- 
aufringt.  Sie  unterschieden  sich  nun  dadurch  von  dem, 
was  man  «Mensch»  nennt,  dafi  ihnen  die  Weisheit  zu- 
strahlte  wie  uns  das  Sonnenlicht,  als  eine  freie  Gabe  «von 


oben».  Der  «Mensch»  war  in  einer  anderen  Lage.  Er  mufite 
sich  die  Weisheit  durch  die  Arbeit  der  Sinne  und  des 
Denkorgans  erwerben.  Sie  kam  ihm  zunachst  nicht  als  eine 
freie  Gabe  zu.  Er  mufke  sie  begehren.  Nur  wenn  im  Men- 
schen  die  Begierde  nach  Weisheit  lebte,  dann  erarbeitete 
er  sich  dieselbe  durch  Sinne  und  Denkorgan.  So  mufke 
in  der  Seele  ein  neuer  Trieb  erwachen:  die  Begierde,  das 
Verlangen  nach  Wissen.  Dieses  Verlangen  konnte  die 
Menschenseele  auf  ihren  fruheren  Stufen  nicht  haben. 
Ihre  Triebe  gingen  nur  nach  Gestaltung  in  dem,  was 
aufterlich  Gestalt  annahm,  was  als  ein  traumartiges  Leben 
sich  in  ihr  abspielte;  aber  nicht  nach  Erkenntnis  einer 
Auftenwelt,  nicht  nach  Wissen.  Mit  der  Geschlechter- 
trennung  tritt  zuerst  der  Trieb  nach  Wissen  auf. 

Den  iibermenschlichen  Wesen  wurde  die  Weisheit 
gerade  dadurch  auf  dem  Wege  des  Hellsehens  kund,  weil 
sie  nicht  dieses  Verlangen  darnach  trugen.  Sie  warteten, 
bis  die  Weisheit  in  sie  einstrahlte,  wie  wir  das  Sonnen- 
licht  abwarten,  das  wir  nicht  in  der  Nacht  erzeugen 
konnen,  sondern  das  uns  am  Morgen  von  selbst  kommen 
rauE.  —  Das  Verlangen  nach  dem  Wissen  wird  eben  da- 
durch hervorgebracht,  dafi  die  Seele  innere  Organe  (Ge- 
hirn  und  so  weiter)  ausarbeitet,  durch  die  sie  sich  in  den 
Besitz  des  Wissens  setzt.  Das  ist  eine  Folge  davon,  da£ 
ein  Teil  der  Seelenkraft  nicht  mehr  nach  aufien  arbeitet, 
sondern  nach  innen.  Die  iibermenschlichen  Wesen  aber, 
welche  diese  Trennung  ihrer  Seelenkrafte  nicht  vollzogen 
haben,  richten  ihre  ganze  Seelenenergie  nach  aufien.  Ihnen 
stent  daher  nach  auften  hin  zur  Befruchtung  durch  den 
Geist  auch  diejenige  Kraft  zur  Verfiigung,  welche  der 
«Mensch»  nach  innen  kehrt  zum  Bau  der  Erkenntnis- 


organe.  —  Nun  ist  diejenige  Kraft,  durch  welche  der 
Mensch  sich  nach  auften  kehrt,  um  mit  einem  andern  zu- 
sammenzuwirken,  die  Liebe.  Die  ubermenschlichen  Wesen 
richteten  ihre  ganze  Liebe  nach  aufien,  um  die  Welten- 
weisheit  in  ihre  Seele  einstromen  zu  lassen.  Der  «Mensch» 
aber  kann  nur  einen  Teil  nach  aufien  richten.  Der 
«  Mensch  »  wurde  sinnlich;  und  damit  wurde  seine  Liebe 
sinnlich.  Er  entzieht  den  Teil  seines  Wesens  der  Aufien- 
welt,  den  er  auf  seinen  inneren  Ausbau  wendet.  Und 
damit  ist  das  gegeben,  was  man  Selbstsucht  nennt.  Der 
« Mensch*  konnte,  als  er  im  physischen  Leibe  Mann  oder 
Weib  wurde,  nur  mit  einem  Teile  seines  Wesens  sich  hin- 
geben;  mit  dem  andern  sonderte  er  sich  ab  von  der  Um- 
welt.  Er  wurde  selbstsiichtig.  Und  selbstsiichtig  wurde 
seine  Wirkung  nach  aufien,  selbstsiichtig  sein  Streben  nach 
innerer  Entwickelung.  Er  liebte,  weil  er  verlangte,  und 
er  dachte,  weil  er  ebenfalls  verlangte,  namlich  nach  Wis- 
sen.  —  Als  selbstlose,  alliebende  Naturen  standen  die 
Fiihrer,  die  ubermenschlichen  Wesen,  dem  noch  kindlkh 
selbstsiichtigen  Menschen  gegeniiber.  —  Die  Seele,  die  bei 
ihnen  nicht  in  einem  mannlichen  oder  weiblichen  Leib 
wohnt,  ist  selbst  mannlich-weiblich.  Sie  liebt  ohne  Ver- 
langen.  So  liebte  die  unschuldige  Seele  des  Menschen  vor 
der  Geschlechtertrennung;  doch  konnte  sie  damals,  weil 
sie  eben  noch  auf  einer  untergeordneten  Stufe  war  — 
im  Traumbewufitsein  —  nicht  erkennen.  So  liebt  aber 
auch  die  Seele  der  ubermenschlichen  Wesen,  die  aber 
trotzdem,  wegen  ihrer  vorgeriickten  Entwickelung  erken- 
nen kann.  Der  «Mensch»  mufi  durch  die  Selbstsucht  durch- 
gehen,um  auf  einer  hoheren  Stufe  wieder  zur  Selbstlosigkeit 
zu  kommen,  dann  aber  bei  vollig  hellem  Bewufitsein. 


Das  war  nun  die  Aufgabe  der  iibermenschlichen  Na- 
turen,  der  grofien  Ftthrer,  dafi  sie  den  jungen  Menschen 
ihren  eigenen  Charakter,  den  der  Liebe  aufpragten.  Sie 
konnten  das  nur  bei  dem  Teile  der  Seelenkraft,  der  sich 
nach  aufien  richtete.  Es  entstand  dadurch  die  sinnliche 
Liebe.  Diese  ist  daher  die  Begleiterscheinung  des  Wirkens 
der  Seele  in  einem  mannlichen  oder  weiblichen  Leibe. 
Die  sinnliche  Liebe  wurde  die  Kraft  der  physischen  Men- 
schenentwickelung.  Diese  Liebe  fuhrt  Mann  und  Weib 
zusammen,  sofern  sie  physische  Wesen  sind.  Auf  dieser 
Liebe  beruht  das  Fortschreiten  der  physischen  Mensch- 
heit.  —  Nur  iiber  diese  Liebe  hatten  die  genannten  iiber- 
menschlichen Naturen  Gewalt.  Der  Teil  der  menschlichen 
Seelenkraft,  welcher  nach  innen  geht  und  auf  dem  Um- 
wege  durch  die  Sinnlichkeit  Erkenntnis  bringen  soli,  ent- 
zieht  sich  der  Macht  jener  iibermenschlichen  Wesen.  Sie 
waren  ja  selbst  nie  bis  zur  Entwickelung  entsprechender 
Innenorgane  herabgestiegen.  Sie  konnten  den  Trieb  nach 
aufien  in  Liebe  einkleiden,  weil  sie  die  nach  aufien  wir- 
kende  Liebe  als  ihre  eigene  Wesenheit  hatten.  Dadurch 
war  eine  Kluft  zwischen  ihnen  und  der  jungen  Mensch- 
heit  gegeben.  Die  Liebe,  zunachst  in  sinnlicher  Form, 
konnten  sie  dem  Menschen  einpflanzen;  Erkenntnis 
konnten  sie  nicht  geben,  denn  ihre  eigene  Erkenntnis 
hatte  nie  den  Umweg  durch  die  Innenorgane  genommen, 
welche  der  Mensch  nun  bei  sich  herausbildete.  Sie  konn- 
ten keine  Sprache  sprechen,  die  ein  Gehirnwesen  hatte 
verstehen  konnen. 

Nun  wurden  die  genannten  Innenorgane  des  Menschen 
zwar  erst  auf  der  Stufe  des  Erdendaseins,  die  in  der 
Mitte  der  lemurischen  Zeit  liegt,  reif  zur  Beriihrung  mit 


dem  Geiste;  in  einer  unvollkommenen  Anlage  wurden 
sie  aber  schon  einmal  auf  einer  viel  fruheren  Entwicke- 
lungsstufe  ausgebildet.  Denn  schon  in  vorhergehenden 
Zeiten  ist  die  Seele  durch  physische  Verleiblichungen  hin- 
durchgeschritten.  Sie  hatte  zwar  nicht  auf  der  Erde,  aber 
auf  anderen  Himmelskorpern  in  verdichtetem  Stoffe  ge- 
lebt.  Das  Genauere  dariiber  kann  erst  spater  ausgefiihrt 
werden.  Jetzt  soli  nur  so  viel  gesagt  werden,  dafi  die 
Erdenwesen  vorher  auf  einem  andern  Planeten  lebten 
und  sich  gemafi  den  Verhaltnissen  auf  diesem  so  weit  ent- 
wickelten,  wie  sie  waren,  als  sie  auf  der  Erde  anlangten. 
Sie  haben  die  Stoffe  dieses  vorhergehenden  Planeten  wie 
ein  Kleid  abgelegt  und  wurden  auf  der  dadurch  erlangten 
Entwickelungsstufe  zu  reinen  Seelenkeimen,  mit  der  Fa- 
higkeit  zu  empfinden,  zu  fiihlen  und  so  weiter,  kurz  jenes 
traumartige  Leben  zu  fuhren,  das  ihnen  auch  noch  auf 
den  ersten  Stufen  ihres  Erdendaseins  eigen  blieb.  —  Die 
genannten  iibermenschlichen  Wesenheiten,  die  Fuhrer  auf 
dem  Felde  der  Liebe,  waren  aber  auch  schon  auf  dem 
vorhergehenden  Planeten  so  vollkommen,  dafi  sie  nicht 
mehr  herunterzusteigen  brauchten  bis  zur  Ausbildung  der 
Anlagen  jener  inneren  Organe.  —  Aber  es  gab  andere 
Wesen,  die  nicht  so  weit  waren  wie  diese  Fuhrer  der  Liebe, 
die  vielmehr  auf  dem  vorhergehenden  Planeten  noch  zu 
den  «Menschen»  zahlten,  die  aber  damals  den  Menschen 
voraneilten.  So  waren  sie  beim  Beginn  der  Erdbildung 
zwar  weiter  als  die  Menschen,  aber  doch  noch  auf  der 
Stufe,  wo  durch  innere  Organe  die  Erkenntnis  erworben 
werden  muE.  Diese  Wesen  waren  in  einer  besonderen 
Lage.  Sie  waren  zu  weit,  um  durch  den  physischen  Men- 
schenleib,  den  mannlichen  oder  weiblichen,  hindurchzu- 


gehen,  aber  doch  noch  nicht  so  weit,  um  durch  voiles 
Hellsehen  gleich  den  FUhrern  der  Liebe  wirken  zu  kon- 
nen.  Liebewesen  konnten  sie  noch  nicht,  «Menschen» 
konnten  sie  nicht  mehr  sein.  So  war  es  ihnen  nur  mog- 
lich,  als  halbe  Uebermenschen,  aber  mit  Hilfe  der  Men- 
schen  ihre  eigene  Entwickelung  fortzusetzen.  Sie  konnten 
zu  Gehirnwesen  in  einer  diesen  verstandlichen  Sprache 
reden.  Dadurch  wurde  die  nach  innen  gekehrte  mensch- 
liche  Seelenkraft  angeregt,  und  sie  konnte  sich  mit  der 
Erkenntnis  und  Weisheit  verbinden.  Es  kam  dadurch 
iiberhaupt  erst  eine  Weisheit  menschlicher  Art  auf  die 
Erde.  Von  dieser  Menschenweisheit  konnten  die  genann- 
ten  „halben  Dbermenschen"  zehren,  um  selbst  das  zu  er- 
reichen,  was  ihnen  noch  an  Vollkommenheit  fehlte.  So 
wurden  sie  die  Erreger  von  Menschenweisheit.  Man  nennt 
sie  deshalb  Bringer  des  Licbtes  (Luzifer).  Zweierlei  Fiih- 
rer  hatte  also  die  kindliche  Menschheit:  Liebewesen  und 
Weisheitswesen.  Zwischen  Liebe  und  Weisheit  war  die 
menschliche  Natur  eingespannt,  als  sie  auf  dieser  Erde 
ihre  gegenwartige  Form  annahm.  Durch  die  Liebewesen 
wurde  sie  zur  physischen  Entwickelung  angeregt,  durch 
die  Weisheitswesen  zur  Vervollkommnung  des  inneren 
Wesens.  Infolge  der  physischen  Entwickelung  schreitet  die 
Menschheit  von  Generation  zu  Generation  vor,  bildet 
neue  Stamme  und  Rassen;  durch  die  Innenentwickelung 
wachseri  die  einzelnen  zur  inneren  Vollkommenheit,  wer- 
den  Wissende,  Weise,  Kunstler,  Techniker  usw.  Von  Rasse 
zu  Rasse  schreitet  die  physische  Menschheit;  jede  Rasse 
vererbt  auf  folgende  durch  die  physische  Entwicke- 
lung hindurch  ihre  sinnlich  wahrnehmbaren  Eigenschaf- 
ten.  Hier  herrscht  das  Gesetz  der  Vererbung.  Die  Kinder 


tragen  in  sich  die  physischen  Charaktere  der  Vater.  Dar- 
tiber  hinaus  liegt  eine  geistig-seelische  Vervollkommnung, 
die  nur  durch  die  Entwickelung  der  Seele  selbst  vor  sich 
gehen  kann.  —  Und  damit  stehen  wir  vor  dem  Gesetze 
der  Seelenentwickelung  innerhalb  des  Erdendaseins.  Sie 
hangt  zusammen  mit  dem  Gesetze  und  Geheimnis  von 
Geburt  und  Tod. 


DIE  LETZTEN  ZEITEN 
VOR  DER  GESCHLECHTER-TRENNUNG 


Es  soil  nunmehr  die  Beschaffenheit  des  Menschen  vor 
seiner  Spaltung  in  Mannliches  und  Weibliches  geschildert 
werden.  Der  Leib  bestand  damals  aus  einer  weichen  bild- 
samen  Masse.  Ober  diese  hatte  der  Wille  eine  viel  hohere 
Gewalt,  als  dies  beim  spateren  Menschen  der  Fall  war. 
Der  Mensch  erschien,  wenn  er  sich  von  seinem  Eltern- 
wesen  losloste,  zwar  schon  als  gegliederter  Organismus, 
aber  unvollkommen.  Die  Fortentwickelung  der  Organe 
fand  aufierhalb  des  Elternwesens  statt.  Vieles  von  dem, 
was  spater  innerhalb  des  Mutterwesens  zur  Reife  ge- 
bracht  wurde,  war  damals  aulkrhalb  desselben  durch  eine 
Kraft  vervollkommnet,  die  mit  unserer  Willenskraft  ver- 
wandt  ist.  Um  solche  auEere  Reifung  zu  bewirken,  war 
die  Pflege  von  seiten  des  Vorfahrenwesens  notig.  Der 
Mensch  brachte  gewisse  Organe  mit  zur  Welt,  die  er  dann 
spater  abwarf.  Andere,  die  noch  ganz  unvollkommen 
waren  bei  seinem  ersten  Erscheinen,  bildeten  sich  aus.  Der 
ganze  Vorgang  hatte  etwas,  das  man  vergleichen  kann 
mit  dem  Herausarbeiten  aus  einer  Eiform  und  dem  Ab- 
legen  einer  Eihiille;  doch  darf  man  nicht  an  eine  feste 
Eischale  denken. 

Der  Korper  des  Menschen  war  warmblutig.  Das  mu£ 
ausdriicklich  gesagt  werden,  denn  es  war  in  noch  friihe- 
ren  Zeiten  anders,  wie  spater  gezeigt  werden  wird.  Die 
aufler  dem  Mutterwesen  stattfindende  Reifung  geschah 
unter  dem  Einflufi  von  erhohter  Warme,  die  ebenfalls 
von  auften  zugefiihrt  wurde.  Doch  darf  man  durchaus 
nicht  an  ein  Bebriiten  des  Eimenschen  —  so  soli  er  der 


Kiirze  halber  genannt  werden  —  denken.  Die  Warme- 
und  Feuerverhaltnisse  auf  der  damaligen  Erde  waren  an- 
ders  als  spater.  Der  Mensch  verraochte  durch  seine  Krafte 
das  Feuer,  beziehungsweise  die  Warme  in  einen  gewissen 
Raum  zu  bannen.  Er  konnte  —  sozusagen  —  Warme 
zusammenziehen  (konzentrieren).  Dadurch  war  er  in  der 
Lage,  dem  jungen  Wesen  die  War  me  zuzufuhren,  die  es 
zu  seiner  Reifung  brauchte. 

Die  ausgebildetsten  Organe  des  Menschen  waren  damals 
die  Bewegungsorgane.  Die  heutigen  Sinnesorgane  waren 
noch  ganz  unentwickelt.  Am  weitesten  vorgeschritten  waren 
das  Gehororgan,  die  Wahrnehmungsorgane  fiir  kalt  und 
warm  (Gefuhlssinn),  weit  zuriick  war  noch  die  Lichtwahr- 
nehmung.  Mit  Gehor  und  Gefuhl  kam  der  Mensch  zur 
Welt;  die  Lichtwahrnehmung  entwickelte  sich  dann  etwas 
spater. 

Alles,  was  hier  gesagt  wird,  entspricht  den  letzten  Zei- 
ten  vor  der  Geschlechtertrennung.  Diese  ging  langsam  und 
allmahlich  vonstatten.  Lange  Zeit  vor  ihrem  eigentHchen 
Auftreten  entwickelten  sich  die  Menschen  schon  so,  dafi 
das  eine  Individuum  mehr  mit  mannlichen,  das  andere 
mehr  mit  weiblichen  Charakteren  geboren  wurde.  Doch 
waren  bei  jedem  Menschen  auch  die  entgegengesetzten  Ge- 
schlechtscharaktere  vorhanden,  so  dafi  Selbstbefruchtung 
moglich  war.  Diese  war  aber  nicht  immer  moglich,  son- 
dern  hing  von  den  Einflussen  der  aufteren  Verhaltnisse 
in  gewissen  Jahreszeiten  ab.  Der  Mensch  hing  iiberhaupt 
in  vielen  Dingen  von  solchen  aufieren  Verhaltnissen  in 
hohem  Grade  ab.  Daher  mufite  er  auch  alle  seine  Einrich- 
tungen  nach  solchen  aufieren  Verhaltnissen  regeln,  zum 
Beispiel  nach  dem  Laufe  von  Sonne  und  Mond.  Diese  Re- 


gelung  geschah  aber  nicht  etwa  im  heutigen  Sinne  be- 
wufit,  sondern  sie  wurde  in  einer  Art  vollzogen,  die  man 
mehr  instinktiv  nennen  mufi.  Und  damit  ist  schon  auf 
das  Seelenleben  des  damaligen  Menschen  gewiesen. 

Dieses  Seelenleben  kann  man  nicht  als  ein  eigentliches 
Innenleben  bezeichnen.  Leibliche  und  seelische  Tatigkei- 
ten  und  Eigenschaften  waren  noch  nicht  streng  voneinan- 
der  geschieden.  Das  aufiere  Naturleben  wurde  von  der 
Seele  noch  mitgelebt.  Vor  allem  war  es  der  Gehorsinn, 
auf  den  jede  einzelne  Erschiitterung  in  der  Umgebung 
machtig  wirkte.  Jede  Lufterschiitterung,  jede  Bewegung 
in  der  Umgebung  wurde  «gehort».  "Wind  und  Wasser  in 
ihren  Bewegungen  fuhrten  fiir  den  Menschen  eine  «beredte 
Sprache».  Es  war  ein  Wahrnehmen  des  geheimnisvollen 
Webens  und  Treibens  in  der  Natur,  die  auf  diese  Art  auf 
den  Menschen  eindrangen.  Und  dieses  Weben  und  Treiben 
klang  auch  in  seiner  Seele  nach.  Seine  Tatigkeit  war  ein 
Widerhall  dieser  Einwirkungen.  Er  setzte  die  Tonwahr- 
nehmungen  in  seine  Tatigkeit  um.  Er  lebte  in  solchen 
Klangbewegungen  und  brachte  sie  durch  seinen  Willen 
zum  Ausdruck.  Er  wurde  auf  solche  Art  zu  all  seinem 
Tagewerk  gebracht.  —  Schon  in  etwas  geringerem  Grade 
war  er  beeinflufit  von  den  Wirkungen,  die  sich  dem  Ge- 
fiihle  mitteilten.  Doch  spielten  auch  diese  eine  bedeutungs- 
volle  Rolle.  Er  «spiirte»  in  seinem  Leibe  die  Umgebung 
und  verhielt  sich  darnach.  Er  wufite  aus  solchen  Gefuhls- 
wirkungen,  wann  und  wie  er  zu  arbeiten  hatte.  Er  wufke 
daraus,  wo  er  sich  niederzulassen  hatte.  Er  erkannte  dar~ 
aus  Gefahren,  die  sich  fiir  sein  Leben  ergaben,  und  ver- 
mied  sie.  Er  regelte  darnach  seine  Nahrungsaufnahme. 

Ganz  anders  als  spater  verlief  das  iibrige  Seelenleben. 


In  der  Seele  lebten  Bilder,  nicht  Vorstellungen  von  aufle- 
ren  Dingen.  Wenn  der  Mensch  zum  Beispiel  von  einem 
kalteren  in  einen  warmeren  Raum  trat,  so  stieg  in  der 
Seele  ein  bestimmtes  Farbenbild  auf.  Aber  dieses  Farben- 
bild  hatte  nichts  zu  tun  mit  irgendeinem  auiSeren  Gegen- 
stande.  Es  entsprang  aus  einer  inneren  mit  dem  Willen 
verwandten  Kraft.  Solche  Bilder  erfiillten  fortwahrend 
die  Seele.  Man  kann  das  Ganze  nur  vergleichen  mit  den 
auf-  und  abwogenden  Traumvorstellungen  des  Menschen. 
Nur  waren  damals  die  Bilder  nicht  regellos,  sondern  ge- 
setzmafiig.  Man  soli  deshalb  nicht  von  einem  Traumbe- 
wufttsein,  sondern  von  einem  Bilderbewulksein  auf  die- 
ser  Stufe  der  Menschheit  sprechen.  In  der  Hauptsache 
waren  es  Farbenbilder,  welche  dieses  Bewulksein  erfiill- 
ten.  Doch  waren  diese  nicht  die  einzige  Art.  So  wandelte 
der  Mensch  durch  die  Welt  dahin  und  lebte  durch  sein 
Gehor  und  Gefiihi  die  Vorgange  dieser  Welt  mit,  durch 
sein  Seelenleben  spiegelte  sich  aber  diese  Welt  in  ihm  in 
Bildern,  die  sehr  unahnlich  dem  waren,  was  sich  in  der 
aufteren  Welt  befand.  In  viel  geringerem  Grade  verban- 
den  sich  mit  diesen  Seelenbildern  Lust  und  Leid,  als  dies 
heute  bei  den  Vorstellungen  des  Menschen  der  Fall  ist, 
welche  die  Wahrnehmungen  der  au£eren  Welt  wieder- 
geben.  Allerdings  bereitete  das  eine  Bild  Freude,  das  an- 
dere  Unlust,  das  eine  Hafi,  das  andere  Liebe;  aber  diese 
Gefiihle  trugen  einen  viel  blasseren  Charakter.  —  Dage- 
gen  wurden  starke  Gefiihle  durch  etwas  anderes  bewirkt. 
Der  Mensch  war  damals  viel  regsamer,  tatiger  als  spater. 
Alles  in  seiner  Umgebung  und  auch  die  Bilder  in  seiner 
Seele  regten  ihn  zu  Tatigkeit,  zu  Bewegung  an.  Nun  emp- 
fand  er  dann,  wenn  sich  seine  Tatigkeit  ungehindert  aus- 


leben  konnte,  Wohlgefuhl;  wenn  aber  diese  Tatigkeit 
nach  irgendeiner  Seite  gehemmt  wurde,  befiel  ihn  Unlust 
und  Mifibehagen.  Die  Abwesenheit  oder  das  Vorhanden- 
sein  von  Hemmungen  seines  Willens  bestimmte  den  In- 
halt  seines  Gefuhlslebens,  seine  Lust  und  seinen  Schmerz. 
Und  diese  Lust,  beziehungsweise  dieser  Schmerz  entluden 
sich  in  seiner  Seele  selbst  wieder  in  einer  lebendigen  Bil- 
der welt.  Lichte,  helle,  schone  Bilder  lebten  in  ihm,  wenn 
er  sich  ganz  frei  entfalten  konnte;  finstere,  mifigestaltete 
stiegen  in  seiner  Seele  auf,  wenn  er  in  seiner  Beweglich- 
keit  gehemmt  wurde. 

Es  ist  bisher  die  Durchschnittsmenschheit  beschrieben 
worden.  Anders  war  das  Seelenleben  bei  denjenigen,  wel- 
che  sich  zu  einer  Art  ubermenschlicher  Wesen  entwickelt 
hatten  (siehe  Seite  84).  Bei  ihnen  hatte  dieses  Seelenleben 
nicht  den  instinktiven  Charakter.  Was  sie  durch  ihren 
Gehor-  und  Gefuhlssinn  wahrnahmen,  waren  tiefere  Ge- 
heimnisse  der  Natur,  die  sie  bewufit  deuten  konnten.  Im 
Brausen  des  Windes,  im  Rauschen  der  Baume  enthiillten 
sich  ihnen  die  Gesetze,  die  Weisheit  der  Natur.  Und  in 
den  Bildern  ihrer  Seele  waren  nicht  blofi  Spiegelungen 
der  Aufienwelt  gegeben,  sondern  Abbilder  der  geistigen 
Machte  in  der  Welt.  Nicht  sinnliche  Dinge  nahmen  sie 
wahr,  sondern  geistige  Wesenheiten.  Der  Durchschnitts- 
mensch  empfand  zum  Beispiel  Furcht,  und  ein  hafiliches, 
finsteres  Bild  stieg  in  seiner  Seele  auf.  Das  ubermensch- 
Hche  Wesen  erhielt  durch  solche  Bilder  Mitteilung,  Offen- 
barung  von  den  geistigen  Wesenheiten  der  Welt.  Ihm  er- 
schienen  die  Naturvorgange  nicht  von  toten  Naturgeset- 
zen  abhangig  wie  dem  heutigen  Wissenschafter,  sondern 
sie  erschienen  ihm  als  die  Taten  geistiger  Wesen.  Die 


aufiere  Wirklichkeit  war  noch  nicht  vorhanden,  denn  es 
gab  keine  aufieren  Sinne.  Aber  die  geistige  Wirklichkeit 
erschlofi  sich  den  hoheren  Wesen.  Es  strahlte  der  Geist  in 
sie  ein,  wie  in  das  leibliche  Auge  des  Menschen  von  heute 
die  Sonne  einstrahlt.  Es  war  in  diesen  Wesen  die  Erkennt- 
nis  in  vollstem  Sinne  das,  was  man  intuitives  Wissen 
nennt.  Kein  Kombinieren  und  Spekulieren  gab  es  bei 
ihnen,  sondern  ein  unmittelbares  Anschauen  des  Schaffens 
geistiger  Wesenheiten.  Diese  ubermenschlichen  Individua- 
litaten  konnten  daher  die  Mitteilungen  aus  der  geistigen 
Welt  unmittelbar  in  ihren  Willen  aufnehmen.  Sie  leiteten 
bewufit  die  anderen  Menschen.  Sie  empfingen  ihre  Mission 
aus  der  Geisterwelt  und  handelten  darnach. 

Als  nun  die  Zeit  kam,  in  der  sich  die  Geschlechter 
trennten,  da  mufken  es  diese  Wesen  als  ihre  Aufgabe  be- 
trachten,  auf  das  neue  Leben  im  Sinne  ihrer  Mission  ein- 
zuwirken.  Von  ihnen  ging  die  Regelung  des  Geschlechts- 
lebens  aus.  Alle  Einrichtungen,  die  sich  auf  die  Fortpflan- 
zung  der  Menschheit  bezogen,  haben  von  ihnen  den  Ur- 
sprung  genommen.  Sie  handelten  dabei  durchaus  bewufk; 
aber  die  anderen  Menschen  konnten  diese  Einwirkung  nur 
als  einen  ihnen  eingepflanzten  Instinkt  empfinden.  Die 
Geschlechtsliebe  wurde  durch  unmittelbare  Gedanken- 
iibertragung  in  den  Menschen  gepflanzt.  Und  alle  ihre 
Aufterungen  waren  zunachst  von  der  edelsten  Art.  Alles, 
was  auf  diesem  Gebiete  einen  hafilichen  Charakter  ange- 
nommen  hat,  rtihrt  aus  spateren  Zeiten  her,  in  denen  der 
Mensch  selbstandiger  geworden  ist  und  in  denen  er  einen 
urspriinglichen  reinen  Trieb  verdorben  hat.  Es  gab  in  die- 
sen  alteren  Zeiten  keine  Befriedigung  des  Geschlechts- 
triebes  um  seiner  selbst  willen.  Alles  war  hier  Opferdienst 


zur  Fortfiihrung  des  menschlichen  Daseins.  Die  Fort- 
pflanzung  wurde  als  eine  heilige  Sache  betrachtet,  als  ein 
Dienst,  den  der  Mensch  der  Welt  zu  leisten  hat.  Und 
Opferpriester  waren  die  Lenker  und  Regler  auf  diesem 
Gebiete. 

Anders  geartet  waren  die  Einf lusse  der  halbiibermensch- 
lichen  Wesen  (siehe  Seite  84/85).  Diese  waren  nicht  bis 
zu  der  Stufe  entwickelt,  daiS  sie  vollig  rein  die  Offen- 
barungen  der  geistigen  Welt  hatten  empfangen  konnen. 
In  ihren  Seelenbildern  stiegen  neben  diesen  Eindrucken 
der  geistigen  Welt  auch  die  Wirkungen  der  sinnlichen 
Erde  auf.  Die  im  volien  Sinne  ubermenschltchen  Wesen 
fiihlten  nichts  von  Lust  und  Schmerz  durch  die  aufiere 
Welt.  Sie  waren  ganz  hingegeben  den  Offenbarungen  der 
geistigen  Machte.  Die  Weisheit  flofi  ihnen  zu  wie  Sinnen- 
wesen  das  Licht;  ihr  Wille  war  auf  nichts  anderes  gelenkt, 
als  im  Sinne  dieser  Weisheit  zu  handeln.  Und  in  diesem 
Handeln  lag  ihre  hochste  Lust.  Weisheit,  Wille  und  Tatig- 
keit  machten  ihr  Wesen  aus.  Anders  war  es  bei  den  halb- 
iiber menschlichen  Wesenheiten.  Sie  empfanden  den  Trieb, 
von  aufSen  Eindriicke  zu  empfangen,  und  verbanden  mit 
der  Befriedigung  dieses  Triebes  Lust,  mit  der  Nichtbefrie- 
digung  Unlust.  Dadurch  unterschieden  sie  sich  von  den 
iibermenschlichen  Wesenheiten.  Diesen  waren  die  Ein- 
driicke von  aufien  nichts  weiter  als  Bestatigungen  der 
geistigen  Offenbarungen.  Sie  konnten  in  die  Welt  hin- 
ausschauen  und  empfingen  nichts  weiter  als  ein  Spiegel- 
bild  dessen,  was  sie  aus  dem  Geiste  schon  erhalten  hatten. 
Die  halbubermenschlichen  Wesen  erfuhren  etwas  ihnen 
Neues,  und  deswegen  konnten  sie  die  Fiihrer  der  Men- 
schen  werden,  als  diesen  sich  ihre  blofien  Bilder  in  der 


Seele  verwandelten  in  Abbilder,  Vorstellungen  aufkrer 
Gegenstande.  Das  geschah,  als  ein  Teil  der  friiheren  Fort- 
pflanzungskraft  der  Menschen  sich  nach  innen  wandte, 
als  sich  Gehirnwesen  entwickelten.  Mit  dem  Gehirn  ent- 
wickelte  dann  auch  der  Mensch  die  Fahigkeit,  die  aufie- 
ren  Sinneseindriicke  zu  Vorstellungen  umzuwandeln. 

Man  mufi  also  sagen,  daft  der  Mensch  durch  halbiiber- 
menschliche  Wesen  dazu  gebracht  worden  ist,  sein  Inne- 
res  auf  die  sinnliche  Auftenwelt  zu  lenken.  Ihm  war  es 
ja  versagt,  seine  Seelenbilder  unmittelbar  den  reinen  gei- 
stigen  Einf liissen  auszusetzen.  Er  hat  von  den  iibermensch- 
lichen  Wesen  die  Fahigkeit,  sein  Dasein  fortzupflanzen, 
als  einen  instinktiven  Trieb  eingepflanzt  erhalten.  Geistig 
hatte  er  zunachst  nun  eine  Art  Traumdasein  weiterzu- 
fuhren  gehabt,  wenn  nicht  die  halbiibermenschlichen  We- 
sen eingegrif fen  hatten.  Durch  ihren  Einflufi  wurden  seine 
Seelenbilder  auf  die  sinnliche  Auftenwelt  gelenkt.  Er 
wurde  ein  Wesen,  das  sich  in  der  Sinnenwelt  seiner  selbst 
bewufit  ist.  Und  damit  war  das  erreicht,  dafi  sich  der 
Mensch  in  seinen  Handlungen  bewufit  richten  konnte  nach 
den  Wahrnehmungen  der  Sinnenwelt.  Friiher  hat  er  aus 
einer  Art  Instinkt  gehandelt,  er  hat  im  Banne  seiner  aulte- 
ren  Umgebung  und  der  auf  ihn  einwirkenden  Krafte 
hoherer  Individualitaten  gestanden.  Jetzt  fing  er  an,  den 
Antrieben,  Anlockungen  seiner  Vorstellungen  zu  folgen. 
Und  damit  war  die  Willkur  des  Menschen  in  die  Welt  ge- 
kommen.  Das  war  der  Anfang  von  «Gut  und  B6se». 

Bevor  in  dieser  Richtung  weitergeschritten  wird,  soli 
nun  erst  einiges  gesagt  werden  iiber  die  Umgebung  des 
Menschen  auf  der  Erde.  Neben  dem  Menschen  waren 
Tiere  vorhanden,  die  in  ihrer  Art  auf  derselben  Entwicke- 


lungsstufe  standen  wie  er.  Man  wurde  sie  nach  heutigen 
Begriffen  zu  den  Reptilien  rechnen.  Aufter  ihnen  gab  es 
niedrigere  Formen  der  Tierwelt.  Nun  war  zwischen  den 
Menschen  und  den  Tieren  ein  wesentlicher  Unterschied. 
Der  Mensch  konnte  wegen  seines  noch  bildsamen  Leibes 
nur  auf  den  Gebieten  der  Erde  leben,  die  selbst  noch  nicht 
in  die  derbste  stoffliche  Form  ubergegangen  waren.  Und 
in  diesen  Gegenden  wohnten  mit  ihm  tierische  "Wesen, 
die  von  einem  ahnlich  plastischen  Leib  waren.  In  anderen 
Gegenden  lebten  jedoch  Tiere,  welche  bereits  dichte  Lei- 
ber  hatten  und  welche  auch  schon  die  Eingeschlechtlich- 
keit  und  die  Sinne  ausgebildet  hatten.  "Woher  sie  gekom- 
men  waren,  werden  spatere  Mitteilungen  zeigen.  Sie  konn- 
ten  sich  nicht  mehr  weiterentwickeln,  weil  ihre  Leiber 
zu  friih  die  dichtere  Stofflichkeit  angenommen  hatten. 
Einige  Arten  von  ihnen  sind  dann  untergegangen;  einige 
haben  sich  in  ihrer  Art  bis  zu  den  heutigen  Formen  ge- 
bildet.  Der  Mensch  konnte  dadurch  zu  hoheren  Formen 
gelangen,  daft  er  in  den  Gebieten  geblieben  ist,  die  seiner 
damaligen  Beschaffenheit  entsprochen  haben.  Dadurch 
blieb  sein  Leib  so  biegsam  und  weich,  daft  er  die  Organe 
aus  sich  auszusondern  vermochte,  welche  vom  Geiste  be- 
f ruchtet  werden  konnten.  Dann  war  sein  aufterer  Leib  so 
weit,  daft  er  in  die  dichtere  Stofflichkeit  ubergehen  und 
den  feineren  Geistorganen  eine  schutzende  Hiille  werden 
konnte.  —  Aber  es  waren  nicht  alle  menschlichen  Leiber 
so  weit.  Es  gab  wenig  vorgeschrittene.  Diese  wurden  zu- 
nachst  vom  Geiste  belebt.  Andere  wurden  nicht  belebt. 
Ware  auch  in  sie  der  Geist  eingedrungen,  so  hatte  er  sich 
wegen  der  noch  unvollkommenen  inneren  Organe  nur 
mangelhaft  entfalten  konnen.  So  mufiten  sich  denn  diese 


Menschenwesen  zunachst  in  einer  geistlosen  Art  weiter- 
bilden.  Eine  dritte  Art  war  so  weit,  dafi  sich  schwache  gei- 
stige  Einflusse  in  ihnen  geltend  machen  konnten.  Sie  Stan- 
den  zwischen  den  beiden  anderen  Arten.  Ihre  Geistes- 
tatigkeit  blieb  eine  dumpfe.  Sie  mufken  von  hoheren  gei- 
stigen  Machten  gefiihrt  werden.  Zwischen  diesen  drei  Ar- 
ten gab  es  alle  moglichen  Obergange.  Eine  Weiterent- 
wickelung  war  jetzt  nur  dadurch  moglich,  daft  sich  ein 
Teil  der  Menschenwesen  auf  Kosten  der  anderen  hoher 
hinauf  bildete.  Zunachst  muftten  die  ganz  geistlosen  preis- 
gegeben  werden.  Eine  Vermischung  mit  ihnen  zum  Zwecke 
der  Fortpflanzung  hatte  auch  die  besser  entwickelten  auf 
ihre  Stufe  hinabgedrangt.  Alles,  was  Geist  empfangen 
hatte,  wurde  daher  von  ihr  abgesondert.  Dadurch  fielen 
sie  immer  mehr  auf  die  Stufe  der  Tierheit  hinunter.  Es 
bildeten  sich  also  neben  den  Menschen  menschenahnliche 
Tiere.  Der  Mensch  liefi  sozusagen  auf  seiner  Bahn  einen 
Teil  seiner  Briider  zuriick,  um  selbst  hoher  zu  steigen. 
Dieser  Vorgang  war  nun  keineswegs  abgeschlossen.  Auch 
von  den  Menschen  mit  dumpfem  Geistesleben  konnten 
diejenigen,  die  etwas  hoher  standen,  nur  dadurch  weiter- 
kommen,  daft  sie  in  die  Gemeinschaft  mit  hoheren  ge- 
zogen  wurden  und  sich  von  den  minder  geisterfiillten 
absonderten.  Nur  dadurch  konnten  sie  Leiber  entwickeln, 
die  dann  zur  Aufnahme  des  ganzen  menschlichen  Geistes 
geeignet  waren.  Erst  nach  einer  gewissen  Zeit  war  die 
physische  Entwickelung  so  weit,  dafi  nach  dieser  Richtung 
hin  eine  Art  Stillstand  eintrat,  indem  alles,  was  uber  einer 
gewissen  Grenze  lag,  sich  innerhalb  des  menschlichen  Ge- 
bietes  hielt.  Die  Lebensverhaltnisse  der  Erde  hatten  sich 
mittlerweile  so  verandert,  dafi  weiteres  Hinabstofien 


nicht  tierahnliche,  sondern  iiberhaupt  nicht  mehr  lebens- 
fahige  Geschopfe  ergeben  hatte.  Was  aber  in  die  Tierheit 
hinabgestofien  worden  ist,  das  ist  entweder  ausgestorben, 
oder  es  lebt  in  den  verschiedenen  hoheren  Tieren  fort.  In 
diesen  Tieren  bat  man  also  Wesen  zu  seben,  welche  auf 
einer  friiheren  Stufe  der  Menschenentwickelung  stehen- 
bleiben  muftten.  Nur  haben  sie  nicht  dieselbe  Form  behal- 
ten,  die  sie  bei  ihrer  Abgliederung  hatten,  sondern  sind 
zuriickgegangen  von  hoherer  zu  tieferer  Stufe.  So  sind  die 
Affen  riickgebildete  Menschen  einer  vergangenen  Epoche. 
So  wie  der  Mensch  einstmals  unvollkommener  war  als 
heute,  so  waren  sie  einmal  vollkommener,  als  sie  heute 
sind,  —  Was  aber  im  Gebiet  des  Menschlichen  geblieben 
ist,  hat  einen  ahnlichen  Prozefl,  nur  innerhalb  dieses 
Menschlichen,  durchgemacht.  Auch  in  mancher  wilden 
Volkerschaft  haben  wir  die  heruntergekommenen  Nach- 
fahren  einstmals  hoher  stehender  Menschenformen  zu 
sehen.  Sie  sanken  nicht  bis  zur  Stufe  der  Tierheit,  son- 
dern nur  bis  zur  Wildheit. 

Das  Unsterbliche  im  Menschen  ist  der  Geist.  Es  wurde 
gezeigt,  wann  der  Geist  in  den  Leib  eingezogen  ist.  Vor- 
her  gehorte  der  Geist  anderen  Regionen  an.  Er  konnte  sich 
mit  dem  Leibe  erst  verbinden,  als  dieser  eine  gewisse 
Stufe  der  Entwickelung  erlangt  hatte.  Erst  wenn  man 
ganz  versteht,  wie  diese  Verbindung  zustande  gekommen 
ist,  kann  man  sich  uber  die  Bedeutung  von  Geburt  und 
Tod  aufklaren,  so  wie  auch  das  Wesen  des  ewigen  Geistes 
erkennen. 


DIE  HYPERBORAISCHE 
UND  DIE  POLARISCHE  EPOCHE 


Die  folgenden  Ausfiihrungen  aus  der  «Akasha-Chronik» 
fiihren  in  die  Zeiten  zuriick,  die  dem  vorausgehen,  was 
in  den  letzten  Kapiteln  geschildert  worden  ist.  Das  Wag- 
nis,  das  mit  diesen  Mitteilungen  unternommen  wird,  ist 
vielleicht  gegeniiber  der  materialistischen  Denkweise  un- 
serer  Zeit  ein  noch  grofteres  als  das,  welches  mit  dem  be- 
reits  in  den  vorhergehenden  Ausfiihrungen  Geschilderten 
verknupft  war.  Der  Vorwurf  der  Phantastik  und  grund- 
losen  Spekulation  liegt  gegeniiber  solchen  Dingen  in  der 
Gegenwart  so  nahe.  Wenn  man  weifi,  wie  fern  es  dem 
naturwissenschaftlich  im  Sinne  der  heutigen  Zeit  Gebil- 
deten  liegen  kann,  diese  Dinge  auch  nur  ernst  zu  nehmen, 
so  kann  nur  das  Bewufksein  zu  ihrer  Mitteilung  fiihren, 
dafi  man  treu  im  Sinne  der  geistigen  Erfahrung  berich- 
tet.  Nichts  ist  hier  gesagt,  was  nicht  sorgfaltig  mit  den 
Mitteln  der  geistigen  Wissenschaft  gepriift  ist.  Der  Natur- 
f orscher  moge  nur  so  tolerant  gegeniiber  der  Geisteswis- 
senschaft  sein,  wie  diese  es  gegeniiber  der  naturwissen- 
schaftlichen  Denkungsart  ist.  (Vergleiche  meine  «Welt- 
und  Lebensanschauungen  im  neunzehnten  Jahrhundert», 
wo  ich  glaube  gezeigt  zu  haben,  da£  ich  die  materiali- 
stisch-naturwissenschaftliche  Anschauung  zu  wiirdigen 
weifi.*)  Fur  diejenigen  aber,  welche  diesen  geisteswissen- 
schaf  tlichen  Dingen  geneigt  sind,  mochte  ich  in  bezug  auf 

*  1914  erfolgte  eine  neue  Ausgabe  des  Werkes,  erganzt  durch 
eine  «Vorgeschichte  iiber  abendlandische  Philosophic  und  bis  zur 
Gegenwart  fortgesetzt»,  unter  dem  Titel  «Die  Ratsel  der  Philosophic 
in  ihrer  Geschichte  als  Umrifi  dargestellt»>  Gesamtausgabe  1968. 


die  diesmaligen  Ausfiihrungen  noch  etwas  Besonderes  be- 
merken.  Es  kommen  im  folgenden  besonders  wichtige 
Dinge  zur  Sprache.  Und  alles  gehort  langstverflossenen 
Zeiten  an.  Die  Entzifferung  der  Akasha-Chronik  auf  die- 
sem  Gebiete  ist  nicht  gerade  leicht.  Der  das  geschrieben 
hat,  macht  auch  keineswegs  den  Anspruch  auf  irgend- 
einen  Autoritatsglauben.  Er  will  lediglich  mitteilen,  was 
nach  besten  Kraften  erforscht  worden  ist.  Jede  Korrek- 
tur,  die  auf  Sachkenntnis  beruht,  ware  ihm  lieb.  Er  fiihlt 
sich  verpflichtet,  diese  Vorgange  in  der  Menschheitsent- 
wickelung  mitzuteilen,  weil  die  Zeichen  der  Zeit  dazu 
drangen.  Zudem  mufite  diesmal  ein  grower  Zeitraum  in 
Umrissen  geschildert  werden,  damit  einmal  eine  Uber- 
sicht  geschaffen  werde.  Genaueres  iiber  vieles  jetzt  blofi 
Angedeutete  wird  ja  noch  spater  folgen.  —  Die  Einzeich- 
nungen  in  der  « Akasha-Chronik*  sind  nur  schwer  in  un- 
sere  Umgangssprache  zu  iibersetzen.  Leichter  ist  die  Mit- 
teilung  in  der  in  Geheimschulen  ublichen  symbolischen 
Zeichensprache,  deren  Mitteilung  aber  gegenwartig  noch 
nicht  erlaubt  ist.  Deshalb  moge  der  Leser  manches  Dunkle 
und  Schwerverstandliche  hinnehmen  und  sich  zu  einem 
Verstandnisse  durchwinden,  wie  sich  der  Schreiber  zu 
einer  allgemeinverstandlichen  Darstellungsart  durchzu- 
winden  suchte.  Man  wird  manche  Schwierigkeit  des  Le- 
sens  belohnt  finden,  wenn  man  auf  die  tiefen  Geheim- 
nisse,  auf  die  bedeutungsvollen  Menschenratsel  blickt, 
welche  angedeutet  sind.  Eine  wirkliche  Selbsterkenntnis 
des  Menschen  ersprielk  ja  doch  aus  diesen  «Akasha-Auf- 
zeichnungen*,  die  fiir  den  Geheimforscher  so  sichere 
Wirklichkeiten  sind  wie  Gebirge  und  Flusse  fiir  das 
sinnliche  Auge.  Ein  Wahrnehmungsirrtum  ist  natiirlich 


dort  wie  da  moglich.  —  Hingewiesen  soil  nur  darauf  wer- 
den,  daft  in  dem  vorliegenden  Abschnitt  nur  die  Ent- 
wickelung  des  Menschen  zunachst  besprochen  worden  ist. 
Neben  dieser  lauft  naturgemafi  diejenige  der  anderen 
Naturreiche,  des  mineralischen,  pflanzlichen,  tierischen. 
Davon  sollen  die  nachsten  Abschnitte  handeln.  Es  wird 
dann  auch  noch  manches  zur  Sprache  kommen,  was  die 
Auseinandersetzungen  iiber  den  Menschen  in  einem  ver- 
standlicheren  Lichte  erscheinen  lassen  wird.  Umgekehrt 
aber  kann  im  geisteswissenschaftlichen  Sinne  von  der  Ent- 
wickelung  der  anderen  irdischen  Reiche  nicht  gesprochen 
werden,  bevor  das  allmahliche  Fortschreiten  des  Menschen 
dargestellt  worden  ist. 

Wenn  man  in  der  Erdentwickelung  noch  weiter 
zuriickgeht,  als  dies  in  den  vorhergehenden  Aufsatzen 
geschehen  ist,  so  kommt  man  auf  immer  feinere  stoffliche 
Zustande  unseres  Himmelskorpers.  Die  Stoffe,  die  spater 
fest  geworden  sind,  waren  vorher  in  fliissigen,  noch  friiher 
in  dunst-  und  dampfformigen,  und  in  weiterer  Vergangen- 
heit  in  feinsten  (atherischen)  Zustanden.  Erst  die  ab- 
nehmende  Warme  hat  die  Verfestigung  der  Stoffe  be- 
wirkt.  Hier  soli  nun  zuriickgegangen  werden  bis  zu  dem 
feinsten  atherischen  Zustande  der  Stoffe  unseres  irdischen 
Wohnplatzes.  Als  sich  die  Erde  in  einer  solchen  Ent- 
wickelungsepoche  befand,  betrat  sie  der  Mensch.  Friiher 
gehorte  er  anderen  Welten  an,  von  denen  spater  gespro- 
chen werden  soli.  —  Nur  auf  die  unmittelbar  vorher- 
gehende  soil  noch  gedeutet  werden.  Sie  war  eine  soge- 
nannte  astrale  oder  seelische  Welt.  Die  Wesen  dieser  Welt 


fiihrten  kein  aufieres  (physisches),  leibliches  Dasein.  Auch 
der  Mensch  nicht.  Er  hatte  bereits  das  im  vorhergehenden 
Aufsatz  erwahnte  Bilderbewufksein  ausgebildet.  Er  hatte 
Gefiihle,  Begierden.  Doch  alles  das  war  in  einem  Seelen- 
leib  beschlossen.  Nur  dem  hellseherischen  Blick  ware  ein 
solcher  Mensch  wahrnehmbar  gewesen.  —  Und  allerdings 
hatten  alle  hoher  entwickelten  damaligen  Menschenwesen 
ein  solches  Hellsehen,  obgleich  es  ganz  dumpf  und  traum- 
artig  war.  Es  war  nicht  selbstbewulkes  Hellsehen.  — 
Diese  Astralwesen  sind  die  Vorfahren  des  Menschen  in 
einem  gewissen  Sinne.  Was  man  heute  « Mensch*  nennt, 
tragt  ja  bereits  den  selbstbewufiten  Geist  in  sich.  Dieser 
vereinigte  sich  mit  dem  Wesen,  das  aus  jenem  Vorfahren 
in  der  Mitte  der  lemurischen  Zeit  entstanden  war.  (Auf 
diese  Vereinigung  ist  in  den  friiheren  Aufsatzen  bereits 
hingedeutet.  Wenn  hier  der  Entwickelungsgang  der  Men- 
schenvorfahren  bis  in  diese  Zeit  dargelegt  sein  wird,  soli 
die  Sache  noch  einmal  genauer  zur  Sprache  kommen.) 
—  Die  Seelen-  oder  Astralvorfahren  des  Menschen  wur- 
den  in  die  feine  oder  Aethererde  hereinversetzt.  Sie  sogen 
den  feinen  Stoff  gleichsam  —  wie  ein  Schwamm,  urn 
grob  zu  sprechen  —  in  sich  auf.  Indem  sie  sich  so  mit 
Stoff  durchdrangen,  bildeten  sie  sich  atherische  Leiber. 
Dieselben  hatten  eine  langlich  elliptische  Form,  doch 
waren  durch  zarte  Schattierungen  des  Stof fes  GliedmaJ&en 
und  andere  spater  zu  bildende  Organe  bereits  ver- 
anlagt.  Der  ganze  Vorgang  in  dieser  Masse  war  aber  ein 
rein  physisch-chemischer;  nur  war  er  geregelt  und  be- 
herrscht  von  der  Seele.  —  Hatte  eine  solche  Stoffmasse 
eine  bestimmte  Grofie  erreicht,  so  spaltete  sie  sich  in  zwei, 
von  denen  eine  jede  dem  Gebilde  ahnlich  war,  aus  dem 


sie  entstanden  war,  und  in  der  auch  dieselben  Wirkungen 
sich  vollzogen  wie  in  jenem.  —  Es  war  ein  jegliches  sol- 
ches  neue  Gebilde  wieder  so  seelenbegabt  wie  das  Mutter- 
wesen.  Das  riihrte  davon  her,  dafi  nicht  etwa  nur  eine 
bestimmte  Anzahl  von  Menschenseelen  den  irdischen 
Schauplatz  betrat,  sondern  gleichsam  ein  Seelenbaum,  der 
ungezahlte  Einzeiseelen  aus  seiner  gemeinsamen  Wurzel 
hervorgehen  lassen  konnte.  Wie  eine  Pflanze  aus  unzah- 
ligen  Samenkornern  immer  aufs  neue  ersprieftt,  so  das 
seelische  Leben  in  den  zahllosen  Sprossen,  die  sich  aus 
den  fortdauernden  Spaltungen  ergaben.  (Allerdings  war 
vom  Anfang  an  eine  engbegrenzte  Zahl  von  Sedenarten 
vorhanden,  wovon  spater  gesprochen  werden  soil.  Doch 
innerhalb  dieser  Arten  ging  die  Entwickelung  in  der 
beschriebenen  Weise  vor  sich.  Jede  Seelenart  trieb  un- 
gezahlte Sprossen.) 

Mit  dem  Eintritt  in  die  irdische  Stofflichkeit  war  aber 
in  den  Seelen  selbst  eine  bedeutungsvolle  Veranderung 
vor  sich  gegangen.  Solange  die  Seelen  selbst  nicht  Stoff- 
liches  an  sich  hatten,  konnte  auch  kein  aufierer  stoffHcher 
Vorgang  auf  sie  wirken.  Alle  Wirkung  auf  sie  war  eine 
reine  seelische,  hellseherische.  Sie  lebten  so  das  Seelische 
in  ihrer  Umgebung  mit.  Alles,  was  damals  vorhanden 
war,  wurde  in  dieser  Art  miterlebt.  Die  Wirkungen  der 
Steine,  Pflanzen,  Tiere,  die  ja  in  dieser  Zeit  auch  nur 
als  astrale  (seelische)  Gebilde  existierten,  wurden  als  innere 
Seelenerlebnisse  empfunden.  —  Dazu  kam  nun  beim  Be- 
treten  der  Erde  etwas  ganz  Neues.  Aufiere  stoffliche  Vor- 
gange  ubten  eine  Wirkung  auf  die  selbst  in  stofflichem 
Kleide  auftretende  Seele  aus.  Zunachst  waren  es  nur  die 
Bewegungsvorgange  dieser  stofflichen  Aufienwelt,  die  im 


Innern  des  Aetherleibes  selbst  Bewegungen  hervorriefen. 
Wie  wir  heute  das  Erzittern  der  Luft  als  Schall  wahr- 
nehmen,  so  diese  Atherwesen  die  Erschiitterungen  des  sie 
umgebenden  atherischen  Stoffes.  Ein  solches  Wesen  war 
im  Grunde  ein  einziges  Gehororgan.  Dieser  Sinn  ent- 
wickelte  sich  zuerst.  Aber  man  sieht  hieraus,  dafi  das  ab- 
gesonderte  Gehororgan  sich  erst  spater  bildete. 

Mit  der  fortschreitenden  Verdichtung  des  irdischen 
Stoffes  verlor  das  Seelenwesen  allmahlich  die  Fahigkeit, 
diesen  zu  gestalten.  Nur  die  schon  gebildeten  Leiber  konn- 
ten  noch  ihresgleichen  aus  sich  hervorbringen.  Eine  neue 
Art  der  Fortpflanzung  tritt  auf.  Das  Tochterwesen  er- 
scheint  als  ein  betrachtlich  kleineres  Gebilde  als  das 
Mutterwesen  und  wachst  erst  allmahlich  zu  dessen  Grofie 
heran.  Wahrend  friiher  keine  Fortpflanzungsorgane  vor- 
handen  waren,  treten  jetzt  solche  auf.  —  Aber  nunmehr 
spielt  sich  auch  nicht  mehr  blofi  ein  physisch-chemischer 
Vorgang  in  dem  Gebilde  ab.  Ein  solcher  chemisch-phy- 
sischer  Vorgang  konnte  jetzt  die  Fortpflanzung  nicht 
bewirken.  Der  aufiere  Stoff  ist  eben  wegen  seiner  Ver- 
dichtung nicht  mehr  so,  dafi  die  Seele  ihm  unmittelbar 
Leben  geben  kann.  Es  wird  daher  im  Innern  des  Gebildes 
eine  besondere  Partie  abgesondert.  Diese  entzieht  sich  den 
unmittelbaren  Einwirkungen  des  aufteren  Stoffes.  Nur 
der  aufier  dieser  abgesonderten  Partie  befindliche  Leib 
bleibt  diesen  Einwirkungen  ausgesetzt.  Er  ist  noch  in  der- 
selben  Verfassung  wie  friiher  der  ganze  Leib.  In  der  ab- 
gesonderten Partie  wirkt  nun  das  Seelische  weiter.  Hier 
wird  die  Seele  der  Trager  des  Lebensprinzipes  (in  der 
theosophischen  Liter atur  Prana  genannt).  So  erscheint 
jetzt  der  leibliche  Menschenvorfahr  mit  zwei  Gliedern 


ausgestattet.  Das  eine  ist  der  physische  Leib  (die  phy- 
sische  Hulle).  Sie  ist  den  chemischen  und  physischen 
Gesetzen  der  umgebenden  Welt  unterworfen.  Das  zweite 
ist  die  Summe  von  Organen,  die  dem  besonderen  Lebens- 
prinzip  unterworfen  sind.  —  Nun  ist  aber  dadurch  ein 
Teil  der  Seelentatigkeit  freigeworden.  Diese  hat  keine 
Macht  mehr  iiber  den  physischen  Teil  des  Leibes.  Dieser 
Teil  der  Seelentatigkeit  wendet  sich  nun  nach  innen  und 
gestaltet  einen  Teil  des  Leibes  zu  besonderen  Organen 
aus.  Und  dadurch  beginnt  ein  Innenleben  des  Leibes. 
Dieser  lebt  nicht  mehr  blofi  die  Erschiitterungen  der 
Auftenwelt  mit,  sondern  er  fangt  an,  sie  im  Innern  als 
besondere  Erlebnisse  zu  empfinden.  Hier  liegt  der  Aus- 
gangspunkt  der  Empfindung.  Zuerst  tritt  diese  Empfin- 
dung  als  eine  Art  Tastsinn  auf.  Das  Wesen  fiihlt  die 
Bewegungen  der  Aufienwelt,  den  Druck,  den  die  Stoffe 
ausiiben  und  so  weiter.  Auch  die  Anfange  einer  Warme- 
und  Kalteempfindung  treten  auf. 

Damit  ist  eine  wichtige  Entwickelungsstuf  e  der  Mensch- 
heit  erreicht.  Dem  physischen  Korper  ist  die  unmittel- 
bare  Einwirkung  der  Seele  entzogen.  Er  ist  ganz  der 
physischen  und  chemischen  Stoffwelt  uberantwortet.  Er 
zerfallt  in  dem  Augenblicke,  in  dem  die  Seele  in  ihrer 
Wirksamkeit,  von  den  anderen  Teilen  aus,  seiner  nicht 
mehr  Herr  werden  kann.  Und  damit  tritt  eigentlich  erst 
das  auf,  was  man  «Tod»  nennt.  In  bezug  auf  die  Zu- 
stande  vorher  kann  von  einem  Tode  nicht  die  Rede  sein. 
Bei  der  Teilung  lebt  das  Muttergebilde  restlos  in  den 
Tochtergebilden  fort.  Derm  in  diesen  wirkt  die  ganze 
umgebildete  Seelenkraft  wie  vorher  in  dem  Muttergebilde. 
Es  bleibt  bei  der  Teilung  nichts  iibrig,  in  dem  nicht  Seele 


ware.  Jetzt  wird  das  anders.  Sobald  die  Seele  keine  Macht 
mehr  iiber  den  physischen  Leib  hat,  unterliegt  dieser  den 
chemischen  und  physischen  Gesetzen  der  Auftenwelt,  das 
heifk  er  stirbt  ab.  Als  Seelenwirksamkeit  bleibt  nur,  was 
in  der  Fortpflanzung  und  in  dem  entwickelten  Innenleben 
tatig  ist.  Das  heifk:  es  entstehen  Nachkommen  durch  die 
Fortpflanzungskraft,  und  zugleich  sind  diese  Nachkom- 
men mit  einem  Oberschufi  an  organbildender  Kraft  be- 
gabt.  In  diesem  Oberschufi  lebt  immer  von  neuem  das 
Seelenwesen  auf.  Wie  friiher  der  ganze  Leib  von  Seelen- 
tatigkeit  erfullt  wurde  bei  der  Teilung,  so  jetzt  die  Fort- 
pflanzungs-  und  Empfindungsorgane.  Man  hat  es  also 
mit  einer  Wiederverkorperung  des  Seelenlebens  in  dem 
neu  entstehenden  Tochterorganismus  zu  tun. 

In  der  theosophischen  Literatur  werden  diese  beiden 
Entwickelungsstufen  des  Menschen  als  die  beiden  ersten 
Wurzelrassen  unserer  Erde  beschrieben.  Die  erste  heifk 
die  polarische,  die  zweite  die  hyperboraische  Rasse. 

Man  mufi  sich  vorstellen,  daft  die  Empfindungswelt 
dieser  Menschen vorfahren  noch  eine  ganz  allgemeine,  un- 
bestimmte  war.  Nur  zweierlei  von  unseren  heutigen  Emp- 
findungsarten  waren  doch  schon  geschieden:  die  Gehor- 
und  die  Tastempfindung.  Durch  die  Veranderung  sowohl 
des  Leibes  wie  auch  der  physischen  Umgebung  war  aber 
nicht  mehr  das  ganze  Menschengebilde  geeignet,  sozu- 
sagen  «Ohr»  zu  sein.  Ein  besonderer  Teil  des  Leibes  blieb 
geeignet,  die  feinen  Erschutterungen  fortan  mitzuerleben. 
Er  lieferte  das  Material,  aus  dem  sich  dann  allmahlich 
unser  Gehdrorgan  entwickelte.  Doch  Tastorgan  blieb  so 
ziemlich  der  ganze  iibrige  Leib. 

Es  ist  ersichtlich,  dafi  der  ganze  bisherige  Entwicke- 


lungsvorgang  des  Menschen  mit  einer  Veranderung  des 
Warmezustandes  der  Erde  zusammenhangt.  Die  in  seiner 
Umgebung  befindliche  Warme  war  es  in  der  Tat,  welche 
den  Menschen  bis  zu  der  geschilderten  Stufe  gebracht 
hat.  Nun  war  aber  die  aufiere  "Warme  auf  einem  Punkte 
angelangt,  bei  dem  ein  weiteres  Fortschreiten  des  Men- 
schengebildes  nicht  mehr  moglich  gewesen  ware.  Es  tritt 
nunmehr  im  Innengebilde  eine  Gegenwirkung  gegen  die 
weitere  Abkiihlung  der  Erde  ein.  Der  Mensch  wird  zum 
Erzeuger  einer  eigenen  Warmequelle.  Bisher  hatte  er  den 
Warmegrad  seiner  Umgebung.  Jetzt  treten  Organe  in  ihm 
auf,  die  ihn  f  ahig  machen,  sich  den  Warmegrad  selbst  zu 
entwickeln,  den  er  fur  sein  Leben  notig  hat.  Bisher  war 
sein  Inneres  von  zirkulierenden  Stoffen  durchzogen,  die 
in  dieser  Richtung  von  der  Umgebung  abhangig  waren. 
Jetzt  konnte  er  fur  diese  Stoffe  Eigenwarme  entwickeln. 
Die  Leibessafte  wurden  zum  war  men  Blute.  Damit  war 
er  als  physisches  Wesen  zu  einem  weit  hoheren  Grade  von 
Selbstandigkeit  gelangt,  als  er  ihn  friiher  hatte.  Das 
ganze  Innenleben  wurde  gesteigert.  Die  Empfindung  hing 
noch  ganz  von  den  Wirkungen  der  Aufienwelt  ab.  Die 
Erfiillung  mit  Eigenwarme  gab  dem  Korper  ein  selb- 
standiges  physisches  Innenleben.  Nun  hatte  die  Seele 
einen  Schauplatz  im  Innern  des  Leibes,  auf  dem  sie  ein 
Leben  entwickeln  konnte,  das  nicht  mehr  blofi  ein  Mit- 
leben  der  Aufienwelt  war. 

Durch  diesen  Vorgang  ist  das  Seelenleben  in  den  Be- 
reich  des  Irdisch-Stofflichen  hineingezogen  worden.  Vor- 
her  konnten  Begierden,  Wunsche,  Leidenschaften,  konnten 
Lust  und  Leid  der  Seele  nur  wieder  durch  Seelisches  ent- 
stehen.  Was  von  einem  anderen  seelischen  Wesen  ausging, 


erweckte  in  einer  bestimmten  Seele  Neigung,  Abneigung, 
erregte  die  Leidenschaften  und  so  weiter.  Kein  aufierer 
physischer  Gegenstand  hatte  eine  solche  Wirkung  tun 
konnen.  Jetzt  erst  trat  die  Moglichkeit  ein,  daft  solche 
aufSere  Gegenstande  fur  die  Seele  etwas  zu  bedeuten  hat- 
ten.  Denn  sie  empfand  die  Forderung  des  mit  der  Eigen- 
warme  erwachten  Innenlebens  als  Wohlgefiihl,  die 
Stoning  dieses  Innenlebens  als  Mifibehagen.  Ein  aufierer 
Gegenstand,  der  geeignet  ist,  zur  Unterhaltung  des 
leiblichen  Wohlbehagens  beizutragen,  konnte  begehrt,  ge- 
wiinscbt  werden.  Das,  was  man  in  der  theosophischen 
Literatur  «Kama»  —  den  Wunschleib  —  nennt,  war  mit 
dem  irdischen  Menschen  verbunden.  Die  Gegenstande  der 
Sinne  wurden  Gegenstande  des  Begehrungsvermogens. 
Der  Mensch  wurde  durch  seinen  Wunschleib  an  das 
irdische  Dasein  gebunden. 

Nun  fallt  diese  Tatsache  mit  einem  grofien  "Weltereig- 
nisse  zusammen,  mit  dem  es  ursachlich  verkniipft  ist.  Bis- 
her  war  zwischen  Sonne,  Erde  und  Mond  keine  materielle 
Trennung.  Diese  drei  waren  in  ihrer  Wirkung  auf  den 
Menschen  ein  Korper.  Jetzt  trat  die  Trennung  ein;  die 
feinere  Stofflichkeit,  die  alles  in  sich  schliefit,  was  vor- 
her  der  Seele  die  Moglichkeit  gegeben  hatte,  unmittelbar 
belebend  zu  wirken,  sonderte  sich  als  Sonne  ab;  der 
derbste  Teil  trat  als  Mond  heraus;  und  die  Erde  hielt  mit 
ihrer  Stofflichkeit  die  Mitte  zwischen  beiden.  Natiir- 
lich  war  diese  Trennung  keine  plotzliche,  sondern  der 
ganzeProzeft  vollzog  sich  allmahlich,  wahrend  der  Mensch 
von  dem  Zustande  der  Fortpflanzung  durch  Teilung  bis 
zu  dem  zuletzt  geschilderten  vorriickte.  Ja,  gerade  durch 
die  genannten  Weltprozesse  wurde  diese  Fortentwicke- 


lung  des  Menschen  bewirkt.  Zuerst  zog  die  Sonne  ihre 
Stofflichkeit  aus  dem  gemeinsamen  Weltkorper  heraus. 
Dadurch  wurde  dem  Seelischen  die  Moglichkeit  entzogen, 
die  zuriickbleibende  Erdmaterie  unmittelbar  zu  beleben. 
Dann  fing  der  Mond  an,  sich  herauszubilden.  Dadurch 
kam  die  Erde  in  den  Zustand,  der  das  charakterisierte 
Empfindungsvermogen  gestattete.  —  Und  im  Verein  mit 
diesem  Fortgang  entwickelte  sich  auch  ein  neuer  Sinn.  Die 
Warmeverhaltnisse  der  Erde  wurden  solche,  daft  die  Kor- 
per  allmahlich  die  feste  Begrenzung  annahmen,  die  Durch- 
sichtiges  von  Undurchsichtigem  trennte.  Die  aus  der  Erd- 
masse  herausgetretene  Sonne  erhielt  ihre  Aufgabe  als  Licht- 
spenderin.  Im  Menschenleibe  entstand  der  Sinn  des  Se- 
hens.  Zunachst  war  dieses  Sehen  nicht  ein  solches,  wie 
wir  es  heute  kennen.  Licht  und  Dunkelheit  wirkten  als 
unbestimmte  Gefiihle  au£  den  Menschen.  Er  empfand  zum 
Beispiel  das  Licht  unter  gewissen  Verhaltnissen  als  behag- 
lich,  sein  Leibesleben  fordernd,  und  suchte  es  auf,  strebte 
ihm  zu.  Dabei  verlief  das  eigentliche  Seelenleben  noch 
immer  in  traumhaften  Bildern.  In  diesem  Leben  stiegen 
Farbenbilder  auf  und  ab,  die  sich  nicht  unmittelbar  auf 
auftere  Dinge  bezogen.  Diese  Farbenbilder  bezog  der 
Mensch  noch  auf  seelische  Wirkungen.  Helle  Farbenbil- 
der erschienen  ihm,  wenn  ihn  angenehme  seelische  Wir- 
kungen  trafen,  finstere  Bilder,  wenn  er  von  unangeneh- 
men  seelischen  Einfliissen  beruhrt  wurde.  —  Es  ist  in  dem 
bisherigen  das,  was  durch  das  Auftreten  der  Eigenwarme 
bewirkt  worden  ist,  als  «Innenleben»  bezeichnet  worden. 
Man  sieht  aber,  daft  es  ein  Innenleben  im  Sinne  der  spa- 
teren  Menschheitsentwickelung  noch  nicht  ist.  Alles  geht 
stufenweise  vor  sich,  auch  die  Entwickelung  des  Innen- 


lebens.  In  dem  Sinne,  wie  das  im  vorigen  Auf  satz  gemeint 
ist,  tritt  dieses  wahre  Innenleben  erst  auf,  wenn  die  Be- 
fruchtung  mit  dem  Geiste  kommt,  wenn  der  Mensch  be- 
ginnt  zu  denken  iiber  das,  was  von  aufien  auf  ihn  wirkt. 
—  Aber  alles,  was  hier  geschildert  wurde,  zeigt,  wie  der 
Mensch  hineinwachst  in  den  Zustand,  der  im  vorigen  Ab- 
schnitt  dargestellt  worden  ist.  —  Und  man  bewegt  sich 
eigentlich  schon  in  der  Zeit,  die  dort  charakterisiert  wor- 
den ist,  wenn  man  das  folgende  beschreibt:  Immer  mehr 
lernt  die  Seele  das,  was  sie  vorher  in  sich  erlebt  und  nur 
auf  Seelisches  bezogen  hat,  auf  das  aufiere  korperliche 
Dasein  anwenden.  Das  geschieht  nun  mit  den  Farbenbil- 
dern.  Wie  friiher  ein  sympathischer  Eindruck  eines  See- 
lischen  mit  einem  Farbenbilde  von  heller  Art  in  der  eige- 
nen  Seele  verknupft  wurde,  so  jetzt  ein  heller  Lichtein- 
druck  von  auften.  Die  Seele  fing  an,  die  Gegenstande  um 
sich  her  f arbig  zu  sehen.  Das  war  verknupft  mit  der  Aus- 
bildung  neuer  Sehwerkzeuge.  Zu  dem  unbestimmten  Fiihlen 
des  Lichtes  und  der  Dunkelheit  in  friiheren  Zustanden 
hatte  der  Leib  ein  heme  nicht  mehr  vorhandenes  Auge. 
(Die  Sage  von  den  Zyklopen  mit  dem  einen  Auge  ist 
eine  Er inner ung  an  diese  Zustande.)  Die  beiden  Augen 
entwickelten  sich,  als  die  Seele  anfing,  die  aufieren  Licht- 
eindriicke  intimer  mit  ihrem  Eigenleben  zu  verbinden.  Es 
verlor  sich  damit  das  Wahrnehmungsvermogen  fur  das 
Seelische  in  der  Umgebung.  Die  Seele  wurde  immer  mehr 
und  mehr  zum  Spiegel  der  Aufienwelt.  Diese  Aufienwelt 
wird  als  Vorstellung  im  Innern  der  Seele  wiederholt.  — 
Hand  in  Hand  damit  ging  die  Trennung  der  Geschlechter. 
Auf  der  einen  Seite  wurde  der  Menschenleib  nur  empf  ang- 
lich  fur  die  Befruchtung  durch  ein  anderes  Menschen- 


wesen,  auf  der  anderen  entwickelten  sich  die  korperlichen 
«Seelenorgane»  (Nervensystem),  durch  welche  die  sinn- 
Hchen  Eindriicke  der  Aufienwelt  in  der  Seele  abgespiegelt 
wurden.  —  Und  damit  war  der  Einzug  des  denkenden 
Geistes  in  den  Menschenleib  vorbereitet. 


ANFANG  DER  GEGENWARTIGEN  ERDE 
AUSTRITT  DER  SONNE 


Es  soli  nunmehr  die  Akasha-Chronik  zuriickverfolgt 
werden  bis  in  die  urferne  Vergangenheit,  in  welcher  die 
gegenwartige  Erde  ihren  Anfang  genommen  hat.  Unter 
Erde  soli  dabei  verstanden  werden  derjenige  Zustand  un- 
seres  Planeten,  durch  welchen  dieser  der  Trager  von  Mi- 
neralien,  Pflanzen,  Tieren  und  Menschen  in  ihrer  jetzigen 
Gestalt  ist.  Denn  diesem  Zustande  gingen  andere  voran, 
in  welchen  die  genannten  Naturreiche  in  wesentlich  an- 
deren  Gestalten  vorhanden  waren.  Das,  was  man  jetzt 
Erde  nennt,  hat  viele  Wandlungen  durchlaufen,  ehe  es 
Trager  unserer  gegenwartigen  Mineral-,  Pflanzen-  Tier- 
und  Menschenwelt  hat  werden  konnen.  Auch  wahrend 
solch  friiherer  Zustande  waren  zum  Beispiel  Mineralien 
vorhanden:  aber  sie  haben  ganz  anders  ausgesehen  als 
unsere  heutigen.  Uber  diese  vergangenen  Zustande  wird 
hier  noch  gesprochen  werden.  Diesmal  soil  nur  darauf 
aufmerksam  gemacht  werden,  wie  der  nachstvorhergegan- 
gene  Zustand  sich  in  den  gegenwartigen  umgewandelt  hat. 
—  Man  kann  solche  Umwandlung  dadurch  ein  wenig 
zur  Vorstellung  bringen,  dafi  man  sie  vergleicht  mit  dem 
Durchgang  eines  Pflanzen wesens  durch  den  Keimzustand. 
Man  stelle  sich  eine  Pflanze  vor  mit  Wurzel,  Stengel, 
Blattern,  Blute  und  Frucht.  Sie  nimmt  Stoffe  aus  ihrer 
Umgebung  auf  und  scheidet  solche  wieder  aus.  Doch  alles, 
was  an  ihr  Stoff,  Gestalt  und  Vorgang  ist,  entschwindet, 
bis  auf  den  kleinen  Keim.  Durch  diesen  entwickelt  sich 
das  Leben  hindurch,  um  im  neuen  Jahre  in  gleicher  Form 
wieder  zu  erstehen.  So  ist  alles,  was  im  vorhergehenden 


Zustande  auf  unserer  Erde  vorhanden  war,  geschwunden, 
um  im  gegenwartigen  wieder  zu  erstehen.  Was  man  fur 
den  vorhergehenden  Zustand  Mineral,  Pflanze,  Tier  nen- 
nen  konnte,  ist  vergangen,  wie  bei  der  Pflanze  Wurzel, 
Stengel  und  so  weiter  vergangen  sind.  Und  dort  wie  hier 
ist  ein  Keimzustand  geblieben,  aus  dem  sich  die  alte  Form 
wieder  neu  bildet.  In  dem  Keim  liegen  die  Krafte  verbor- 
gen,  welche  die  neue  Form  aus  sich  hervorgehen  lassen. 

Man  hat  es  also  in  dem  Zeitpunkt,  von  dem  hier  ge- 
sprochen  werden  soli,  mit  einer  Art  von  Erdenkeim  zu 
tun,  Dieser  hat  in  sich  die  Krafte  enthalten,  welche  zu  der 
heutigen  Erde  fiihrten.  Diese  Krafte  sind  durch  die  friihe- 
ren  Zustande  erworben  worden.  Diesen  Erdenkeim  hat 
man  sich  aber  nicht  als  einen  dichtstoff lichen  wie  denjeni- 
gen  einer  Pflanze  vorzustellen.  Er  war  vielmehr  seelischer 
Natur.  Er  bestand  aus  jenem  feinen,  bildsamen,  beweg- 
lichen  Stoff,  den  man  in  der  okkultistischen  Literatur  den 
«astralen»  nennt.  —  In  diesem  Astralkeim  der  Erde  sind 
zunachst  nur  menschliche  Anlagen.  Es  sind  die  Anlagen 
zu  den  spateren  Menschenseelen.  Alles,  was  sonst  schon 
in  friiheren  Zustanden  in  minerahscher,  pflanzlicher,  tieri- 
scher  Natur  vorhanden  war,  ist  in  diese  menschlichen  An- 
lagen aufgesogen,  mit  ihnen  verschmolzen  worden.  Bevor 
also  der  Mensch  die  physische  Erde  betritt,  ist  er  Seele, 
astralische  Wesenheit.  Als  solche  findet  er  sich  auf  der 
physischen  Erde  ein.  Diese  ist  in  einer  aufierst  feinen 
Stofflichkeit  vorhanden,  die  man  in  der  okkultistischen 
Literatur  den  feinsten  Ather  nennt.  —  Woher  diese 
Athererde  stammt,  kommt  in  den  nachsten  Aufsatzen  zur 
Darstellung.  Mit  diesem  Ather  verbinden  sich  die  astra- 
lischen  Menschenwesen.  Sie  pragen  ihre  Wesenheit  diesem 


Ather  gleichsam  ein,  so  daft  er  ein  Abbild  der  astralischen 
Menschenwesenheit  wird.  Man  hat  es  also  in  diesem  An- 
fangszustande  mit  einer  Athererde  zu  tun,  die  eigentlich 
nur  aus  diesen  Athermenschen  besteht,  die  nur  ein  Kon- 
glomerat  aus  ihnen  ist.  Der  Astralleib  oder  die  Seele  des 
Menschen  ist  eigentlich  noch  zum  grofiten  Teile  aufier  dem 
Atherleib  und  organisiert  ihn  von  auften.  Fur  den  Ge- 
heimforscher  nimmt  sich  diese  Erde  etwa  folgendermaften 
aus.  Sie  ist  eine  Kugel,  die  sich  wieder  aus  unzahligen 
kleinen  Atherkugeln  —  den  Athermenschen  —  zusam- 
mensetzt,  und  ist  von  einer  astralen  Hiille  umgeben,  wie 
die  gegenwartige  Erde  von  einer  Lufthiille  umgeben  ist. 
In  dieser  astralen  Hiille  (Atmosphare)  leben  die  Astral- 
menschen  und  wirken  von  da  aus  auf  ihre  atherischen 
Abbilder.  Die  astralen  Menschenseelen  schaffen  in  den 
Atherabbildern  Organe  und  bewirken  in  diesen  ein 
menschliches  Atherleben.  Es  ist  innerhalb  der  ganzen 
Erde  nur  ein  Stoffzustand,  eben  der  feine  lebendige  Ather, 
vorhanden.  In  theosophischen  Biichern  wird  diese  erste 
Menschheit  die  erste  (polarische)  Wurzelrasse  genannt. 

Die  Weiterentwickelung  der  Erde  geschieht  nun  so, 
daft  sich  aus  dem  einen  Stoffzustand  zwei  bilden.  Es 
scheidet  sich  gleichsam  eine  dichtere  aus  und  lafit  eine 
diinnere  Stofflichkeit  zuriick.  Die  dichtere  Stofflichkeit 
ist  ahnlich  unserer  heutigen  Luft;  die  diinnere  ist  gleich 
derjenigen,  welche  bewirkt,  dafi  sich  chemische  Elemente 
aus  der  friiheren  ungeteilten  Stofflichkeit  herausbilden. 
Daneben  bleibt  ein  Rest  der  friiheren  Stofflichkeit,  des 
belebten  Athers,  bestehen.  Nur  ein  Teil  desselben  gliedert 
sich  in  die  beiden  genannten  Stoffzustande.  Man  hat  es 
also  jetzt  mit  drei  Stoffen  innerhalb  der  physischen  Erde 


zu  tun.  Wahrend  vorher  die  astralischen  Menschenwesen 
in  der  Erdenhiille  nur  auf  eine  Stofflichkeit  wirkten, 
haben  sie  jetzt  auf  drei  zu  wirken.  Und  sie  wirken  darauf 
in  folgender  Weise.  Was  luftartig  geworden  ist,  leistet  der 
Arbeit  der  Astralmenschen  zunachst  Widerstand.  Es 
nimmt  nicht  alles  an,  was  an  Anlagen  in  den  vollkomme- 
nen  Astralmenschen  enthalten  ist.  Die  Folge  davon  ist, 
da&  sich  die  astralische  Menschheit  in  zwei  Gruppen  tei- 
len  mufi.  Die  eine  Gruppe  ist  eine  solche,  welche  die  luft- 
formige  Stofflichkeit  bearbeitet  und  darinnen  ein  Ab- 
bild  von  sich  selbst  schafft.  Die  andere  Gruppe  vermag 
mehr.  Sie  kann  die  beiden  anderen  Stofflichkeiten  bear- 
beiten,  sie  kann  von  sich  ein  solches  Abbild  schaffen,  dafi 
dieses  aus  dem  lebendigen  Ather  und  der  anderen  die 
chemischen  Elementarstoffe  bewirkenden  Atherart  be- 
steht.  Es  soil  diese  Atherart  hier  der  chemische  Ather 
genannt  werden.  Diese  zweite  Gruppe  der  Astralmenschen 
hat  diese  ihre  hohere  Fahigkeit  aber  nur  dadurch  erwor- 
ben,  dafi  sie  einen  Teil  —  die  erste  Gruppe  —  der  astra- 
lischen Wesenheit  von  sich  ausgeschieden  und  zu  niedriger 
Arbeit  verurteilt  hat.  Hatte  sie  die  Krafte  in  sich  be- 
halten,  welche  diese  niedere  Arbeit  bewirkten,  so  hatte 
sie  selbst  nicht  hoher  steigen
…[truncated]