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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE
UND AUS DEN INHALTEN
DER ESOTERISCHEN SCHULE
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 1
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE UND
AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE
Bisher erschienene Bdnde
Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage GA 264
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen
Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Dokumente und Vortrage GA 265
Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band I
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern aus den Jahren 1904-1909 GA 266/1
Esoterische Unterweisungen fur die erste Klasse der Freien Hoch-
schule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924 GA 270
Erganzende Veroffentlichungen
Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener und zukunftiger Entwickelungsgeheim-
nisse des Menschen. Aus den Inhalten der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904
und dem 2. Januar 1906 GA 93
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen,
gehalten in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 GA 93a
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 2
RUDOLF STEINER
Aus den Inhalten
der esoterischen Stunden
Gedachtnisaufzeichnungen
von Teilnehmern
Band I: 1904 - 1909
sowie Notizen von Vortragen aus dem Jahre 1904
und Meditationstexte
nach Niederschriften Rudolf Steiners
1995
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 3
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger
und Martina Maria Sam
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1995
Anderweitige Veroffentlichungen einzelner
Stunden siehe Seite 568
Bibliographie-Nr. 266/1
Motiv auf dem Einband von Rudolf Steiner, Schrift von B. Marzahn
Die Zeichnungen im Text sind nach den uberlieferten Unterlagen wiedergegeben;
ausgefiihrt von Carlo Frigeri.
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1995 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag, Dornach / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2661-6
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 4
INHALT
Vorbemerkungen der Herausgeber 9
Zur Einfiihrung:
Carl Unger: Rudolf Steiner und das Wesen der Esoterik . . 13
I
ERLAUTERUNGEN DER GRUNDBEDINGUNGEN
ZUM SELBSTANDIGEN ERLANGEN
HOHERER ERKENNTNISSE
Notizen von vier Vortragen
Erster Vortrag, Berlin, 8. Februar 1904. 21
Zweiter Vortrag, Berlin, 15. Februar 1904. 29
Dritter Vortrag, Berlin, 21. Februar 1904. 38
Vierter Vortrag, Berlin, 14. Marz 1904. 44
II
MEDITATIONSTEXTE
NACH NIEDERSCHRIFTEN RUDOLF STEINERS
Aufzeichnungen von zwei esoterischen Stunden
Berlin, 4. Oktober 1905 57
Berlin, 24. Oktober 1905 58
Meditationsspriiche, mit denen die esoterischen Stunden
jeweils begonnen und geschlossen wurden 63
Fiinf individuell gegebene sogenannte Hauptubungen ... 93
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 5
Ill
AUS DEN INHALTEN DER
ESOTERISCHEN STUNDEN 1904 - 1909
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern
Zur Einfiihrung: Die Aufgabe der Geisteswissenschaft
Notizen von einer esoterischen Privatstunde
Berlin, 1903 oder 1904 107
1904
Berlin, 14. November .
A
173
Berlin, 9. Juli . . .
1 1 1
in
B
177
Berlin, 14. Juli
1 1 A
Hamburg, 18. November .
c
180
181
1905
Munchen, 10./11. November
115
Berlin, 13. Dezember .
118
Koln, 1. Dezember . . .
182
Munchen, 15./16. Dezember.
120
Berlin, 18. Dezember . .
A
186
Berlin, 28. Dezember .
122
B
C
190
192
1906
Koln, 12. Februar . .
124
1907
Hamburg, 3 . Marz . .
126
Stuttgart, 20. Januar . .
193
Berlin, 13. April .
131
A
196
Berlin, 18. April . . .
. A
136
Berlin, 29. Januar . . .
B
205
B
141
A
207
C
143
Hamburg, 11. Februar .
B
210
Berlin, 6. Mai
. A
144
A
213
B
149
Munchen, 1. Juni . . .
B
222
Berlin, 26. Juni . . .
157
C
228
Berlin, 2. Oktober . .
. A
158
D
228
B
161
Munchen, 6. Juni . .
A
230
Berlin, 22. Oktober . .
. A
164
B
237
B
164
Kassel, 20./27. Juni . .
241
Munchen, 29. Oktober
167
Stuttgart, 15. September .
243
Munchen, 1. November
169
Hannover, 25. September
250
Munchen, 6. November
171
Berlin, 9. Oktober . .
A
251
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 6
B
254
B
382
Berlin, 18. Oktober. .
. A
255
Hamburg, 24. Mai . . .
A
385
B
256
B
387
C
257
Hamburg, 31. Mai . .
A
389
Hamburg, 23. Oktober
260
B
393
Hamburg, 26. Oktober
263
Berlin, 5. Juni
. A
394
Berlin, 1. November
. A
265
B
396
B
268
Munchen, 14. Juni . . .
A
397
C
272
B
403
Basel, 23. November .
273
Munchen, 15. Juni . . .
404
Berlin, 29. November .
. A
275
Kassel, 4. Juli
406
B
276
Stuttgart, 5. August. . .
A
407
Munchen, 5. Dezember
281
B
C
410
412
1908
D
412
Berlin, 7. Januar . . .
A
290
Stuttgart, 9. August . .
413
B
292
Stuttgart, 13. August . .
415
Munchen 16 Januar
294
Stuttgart, 16. August . .
420
Berlin, 26. Januar . .
. A
302
Leipzig, 2.-14. September
422
B
304
Berlin, 25. Oktober. . .
424
308
Munchen, 8. November
426
Berlin, 12. Februar .
A
B
313
315
Berlin, 11. November . .
A
B
431
433
c
320
Berlin, 17. November . .
A
435
A
324
B
436
Bprlin 26 Fpbmar
UUl 1111. . — , V f • A V/Ul Ulil . .
B
329
Hamburg, 6. Dezember .
437
* C
333
Berlin, 21. Dezember . .
439
D
338
Berlin, 28. Dezember . .
440
A
340
Berlin, 14. Marz . . .
B
344
C
348
1909
D
356
Munchen, 7. Januar . .
A
441
Munchen, 17,-20. Marz
362
B
446
A
364
Munchen, 11. Januar . .
447
Berlin, 12. April . . .
• B
366
Kassel, 26. Februar . . .
449
A
372
Berlin, 3. Marz . . . .
A
453
Berlin, 15. Mai . . .
• B
375
B
456
A
378
Munchen, 8. Marz . . .
A
458
Hamburg, 22. Mai .
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a
Seite:7
B
463
Hamburg, 14. Marz .
. A
464
-
B
468
Berlin, 21. Marz . . .
. A
470
-.
B
473
Diisseldorf, 15. April.
. A
475
-
B
479
Diisseldorf, 19. April .
. A
480
-.
B
484
Berlin, 5. Mai.
. A
486
B
489
Berlin, 27. Mai.
.490
Kassel 27 Juni
. A
492
B
494
. C
495
D
496
Kassel, 4. Juli.
A
497
B
500
C
501
Miinchen, 27. August
. A 502
—
B
506
—
C
512
—
D
518
—
E
519
—
F
522
Miinchen, 30. August .
. A
524
—
B
528
Berlin, 26. 0 k t o b e r .
534
Berlin, 29. Oktober . .
538
Miinchen, 5. Dezember
542
Berlin, 7. Dezember
546
Berlin, 22. Dezember .
551
ANHANG
Uber Ernahrung
Notizen von einem internen Vortrag oder einer esoterischen Stunde,
ohne Orts- und Datumangabe 553
Zu dieser Ausgabe
Zu den Textunterlagen 565
Hinweise zu den Texten 568
Namenregister 605
Inhaltsangaben 607
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VORBEMERKUNGEN DER HERAUSGEBER
Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil der Gesamtausgabe der
Werke Rudolf Steiners, die sich in die drei groBen Abteilungen Schrif-
ten - Vortrage - kiinstlerisches Werk gliedert (siehe die Ubersicht am
SchluB des Bandes).
Rudolf Steiner (1861-1925) vertrat seine anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft von 1900 an bis zu seinem Tode durch Pu-
blikationen, zahlreiche Vortrage und Vortragskurse. Auf Ersuchen von
deutschen Theosophen hatte er sein geisteswissenschaftliches Wirken
im Zusammenhang mit der 1875 von der Russin Helena Petrowna
Blavatsky u. a. begriindeten Theosophical Society begonnen, deren
deutsche Sektion im Jahre 1902 mit ihm als Generalsekretar begriindet
und von ihm europaweit ausgebaut wurde. Als es zehn Jahre spater
(1912/13) aufgrund von Differenzen mit der Zentralleitung in Indien
zum AusschluB der deutschen Sektion kam, verselbstandigte sich diese
als Anthroposophische Gesellschaft.
Auch seine von 1904 an aufgebaute Esoterische Schule, in der er einem
engeren Schiilerkreis Unterweisungen gab, war anfanglich an die Esoteric
School of Theosophy in London angeschlossen. Dieser Zusammenhang
wurde jedoch in noch durchaus freundschaftlicher Verstandigung mit der
damaligen Leiterin der Esoteric School of Theosophy, Annie Besant, schon
nach drei Jahren wieder gelost. Uber diese fur Rudolf Steiner aus esoteri-
schen Verwaltungsgriinden notwendig gewordene MaBnahme verstandigte
er sich mit Annie Besant personlich im Mai 1907 wahrend ihrer Anwe-
senheit beim JahreskongreB der Foderation europaischer Sektionen der
Theosophical Society in Miinchen.-* Auch orientierte er sogleich seine dort
anwesenden esoterischen Schiiler (siehe die esoterische Stunde vom 1. Juni
1907,S.213ff.).
Nach weiteren sieben Jahren (1914) wurde die Schule von Rudolf Stei-
ner eingestellt, weil sie infolge des im Sommer dieses Jahres ausgebroche-
nen Ersten Weltkrieges in ihrer bisherigen Form als geschlossener Kreis
nicht hatte weitergefiihrt werden konnen. In den Jahren nach dem Ende
des Krieges kam es dann zwar vereinzelt wieder zu esoterischen Veranstal-
* Naheres hierzu in «Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung
der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 9
tungen, die Schule selbst wurde jedoch erst zur Jahreswende 1923/24 neu
konstituiert. Im Zusammenhang mit der notwendig gewordenen Neuord-
nung des ganzen anthroposophischen Lebens sollte sie nunmehr, dem
Verlangen der Zeit nach voller Offentlichkeit entsprechend, als «Freie
Hochschule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum» mit drei esote-
rischen Klassen sowie wissenschaftlichen und kiinstlerischen Sektionen
eingerichtet werden. Da Rudolf Steiner jedoch schon im Herbst darauf
schwer erkrankte und im Friihjahr 1925 verstarb, hatte er nur noch die
ersten Einrichtungen konkretisieren konnen. Und so wurde die Einrich-
tung einer Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft der letzte entschei-
dende Schritt in seinem lebenslangen Bemiihen, die moderne Initia-
tionswissenschaft im offentlichen Kulturleben zu verankern.
Wie unendlich viel ihm daran gelegen hatte, daB auch von den Mit-
gliedern der Anthroposophischen Gesellschaft dies richtig verstanden
wurde, geht aus manchen seiner AuBerungen hervor, die er im Zusam-
menhang mit der Weihnachten 1923 begonnenen Neuordnung machte.
So heiBt es zum Beispiel in seinen «An die Mitglieder!» gerichteten
Briefen:*
«Wir diirfen nicht uns mit dem Flitter der Geheimnistuerei umge-
ben. Die Gegenwart vertragt solchen Flitter nicht. Sie will wirken in
voller Offentlichkeit. Das <Geheimnis> liegt nicht in der Geheimnistue-
rei, sondern in dem innerlichen Ernste, mit dem in jedem Herzen
Anthroposophie neu erlebt werden muB. Sie kann nicht auf auBerliche
Art ubertragen werden. Sie kann nur in innerem Erleben von der Seele
erfaBt werden. Dadurch wird sie zum <Geheimnis>, das jedesmal im
Verstandnis neu entsiegelt werden muB. Begreift man diese Art von
<Geheimnis>, so wird man auch die rechte <esoterische> Gesinnung in
seiner Seele tragen.»
Der Impuls, alles in die Offentlichkeit zu stellen, diirfte auch die im
Verhaltnis zu friiher veranderte Art der esoterischen Unterweisungen
mitbestimmt haben. Wahrend in der neuen Schule die Meditationsubun-
gen mit den entsprechenden Erlauterungen zusammen in den fur alle Zu-
gehorigen gehaltenen Vortragen (Klassenstunden) gegeben wurden, war
dies in der ersten Schule auf zweifache Art erfolgt: einerseits durch jedem
Schiiler personlich gegebene Ubungen, andererseits durch die fur alle Schii-
Brief II, «Nachrichtenblatt» vom 27. Januar 1924, siehe «Die Konstitution der
Allgemeinen Anthroposophischen und der Freien Hochschule fiir Geisteswissen-
schaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum», GA 260a , S. 4 Iff.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 10
ler gehaltenen sogenannten esoterischen Stunden. Auch war bei den Klas-
senstunden bestimmten Personlichkeiten erlaubt worden, mitzustenogra-
phieren, bei den friiheren esoterischen Stunden hingegen war jegliches
Mitschreiben untersagt. Was gleichwohl an Aufzeichnungen vorliegt, ist
von verschiedenen Teilnehmern hinterher aus dem Gedachtnis nieder-
geschrieben worden.
Dokumentensammlungen von Rudolf Steiners esoterischer Lehrta-
tigkeit erscheinen innerhalb der Gesamtausgabe in der Reihe «Verof-
fentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der Esoterischen
Schule» (siehe die Ubersicht S. 2). Die beiden bereits erschienenen er-
sten Bande dieser Reihe dokumentieren vornehmlich die Geschichte der
Schule, wie sie von 1904-1914 bestanden hat. Mit dem vorliegenden
Band hingegen beginnt die Veroffentlichung der Gedachtnisaufzeich-
nungen von esoterischen Stunden; die Ubungen werden in einem eige-
nen Band erscheinen.
Esoterische Stunden diirfte Rudolf Steiner insgesamt mehrere hun-
dert gehalten haben, da im Verlaufe des zehnjahrigen Bestehens der
Schule immer, wenn irgendwo Vortrage stattfanden und esoterische
Schiiler anwesend waren, auch esoterische Stunden gehalten wurden.
Die genaue Anzahl ist jedoch nicht festgehalten worden. So weiB man
nur von jenen, von denen Aufzeichnungen vorliegen. Fur die Beurtei-
lung dieser aus dem Gedachtnis erfolgten Niederschriften muB in weit
hoherem MaBe auf jene «Urteils-Voraussetzung» hingewiesen werden,
die Rudolf Steiner schon in bezug auf den Druck von stenographischen
Vortragsmitschriften geltend gemacht hat. Der entsprechende Wortlaut
aus seiner Autobiographie «Mein Lebensgang»* ist am SchluB des Ban-
des wiedergegeben.
Der vorliegende Band umfaBt nun so vollstandig als moglich in
streng chronologischer Reihenfolge, was an Gedachtnisaufzeichnungen
von esoterischen Stunden von 1904 bis einschlieBlich 1909 vorliegt. Die
weiteren Jahre werden folgen. Dankenswerterweise wurden sowohl
von der Goetheanum-Leitung wie auch von verschiedenen anderen Stel-
len deren Sammlungen zum Vergleichen und Erganzen zur Verfiigung
gestellt.
Wenn nun diese Gedachtnisaufzeichnungen auch zumeist als frag-
mentarisch, mitunter verstummelt und vielleicht manchmal auch als
* «Mein Lebensgang» (1923-25), GA 28, Kap. 35.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 266a Seite: 11
fehlerhaft gewertet werden miissen, so zeugen sie doch von einem so
gewichtigen Teil von Rudolf Steiners Gesamtwirken, daB ihre Einglie-
derung in die Gesamtausgabe unumganglich war. Auch sind Schiiler-
niederschriften in der Literatur nichts Unbekanntes; z.B. sind die von
Martin Buber herausgegebenen «Geschichten des Rabbi Nachman»
ebenfalls nur in Schiilerniederschriften erhalten, iiber die - nach Mar-
tin Buber - zwei friihe Geschichtsschreiber des Chassidismus urteilten:
«Sie schrieben Dinge, die er nie gesagt hatte» - so der eine - und der
andere: «Sie glichen das Wort, das er gesprochen hatte, ihrem eigenen
Gedanken an».*
Die Gedachtnisaufzeichnungen von esoterischen Stunden Rudolf
Steiners stammen jedoch von Schiilern, die mit den allgemeinen geistes-
wissenschaftlichen Lehrinhalten gut vertraut waren. AuBerdem lassen
sich die Unzulanglichkeiten und etwaigen Fehler in den Schiilernieder-
schriften korrigieren und erganzen durch Heranziehen seiner Schriften
und Vortrage iiber den Schulungsweg.** Denn wie aus manchen Auf-
zeichnungen hervorgeht, wurde von ihm selbst darauf hingewiesen, daB
sich das in den esoterischen Stunden vermittelte Lehrgut weniger dem
Inhalt als der Art nach von dem der andern Vortrage unterscheidet.
Und so konnen sie trotz ihres fragmentarischen Charakters starke
Eindriicke vermitteln von der Art der esoterischen Unterweisungen, wie
sie damals vor dem Ersten Weltkrieg kontinuierlich durch ein ganzes
Jahrzehnt hindurch zahlreiche Menschen erhalten konnten, die auf dem
von Rudolf Steiner gewiesenen Weg eine meditative Schulung anstreb-
ten.
Fur die Herausgabe ist, abgesehen von Korrekturen eindeutig sinn-
entstellender Fehler, von einer stilistischen Redaktion der esoterischen
Stunden weitgehend Abstand genommen worden. Kursivsetzungen so-
wie Einfiigungen, die sich in runden Klammern finden, gehen auf die
Aufzeichner zuriick. Durch die Herausgeber vorgenommene Ergan-
zungen und Einfiigungen sind in den Texten in eckige Klammern ge-
stellt, auBerhalb der Texte in Kleindruck gehalten. Naheres zu den
Textunterlagen findet sich in den Hinweisen am SchluB des Bandes.
Siehe Martin Buber, «Die Geschichten des Rabbi Nachman», Frankfurt-Ham-
burg: Fischer 1955.
Siehe vor allem die grundlegenden Darstellungen in «Wie erlangt man Erkennt-
nisse der hoheren Welten?» (1904/05), GA 10, und in «Die Geheimwissenschaft
im UmriB» (1910), GA 13, sowie in zahlreichen Vortragen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:12
Zur Einfuhrung
RUDOLF STEINER UND DAS WESEN DER ESOTERIK
Carl Unger
Aus dem bei der Eroffnungstagung des zweiten Goetheanum-Baues Michaeli 1928
gehaltenen Vortrag «Esoterik»/' Carl Unger (1878-1929) war einer der ersten An-
gehdrigen aller Abteilungen der Esoterischen Schule Rudolf Steiners und von 1908
bis zu seinem Tode in der Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft.
Das Wesen der Esoterik laBt sich nicht mit wenigen Worten beschrei-
ben. Ich mochte versuchen, iiber die Stellung der Esoterik in der Ge-
genwart einige Gesichtspunkte zu gewinnen.
Rudolf Steiner sprach oft aus, daB es in den verschiedenen Zeitepo-
chen zwar immer ein Esoterisches gab, aber daB immer ein Anderes
als Esoterik bezeichnet wurde. Zu alien Zeiten jedoch umschloB Eso-
terik eine Seelenhaltung, die auBerhalb der gewohnlichen Lebens- und
Erkenntnisfahigkeit der jeweiligen Zeit lag, eine Seelenart, die erst er-
rungen werden muBte, um die der Mensch sich miihen, sich fortent-
wickeln muBte.
Da mochte ich auf die Ubergange von der dritten Kulturepoche zur
vierten und von dieser zur fiinften Epoche hindeuten. Der Impuls der
dritten Epoche taucht gerade in unserer Zeit wieder herauf, und so ist
in weitgehendem MaBe Grund vorhanden, sich damit zu beschaftigen.
Aus der «Geheimwissenschaft»** Rudolf Steiners wissen wir, wie
die kosmischen Entwicklungsvorgange einer friiheren Zeit zum Initia-
tionsweg einer folgenden werden.
In diesem Sinne konnen wir hinschauen auf die altindischen Myste-
rien als die Wiederholung der Saturnentwicklung in der polarischen Zeit,
schauen auf den persischen Einweihungsweg, in dem sich die alte Son-
nenentwicklung in ihrer Wiederholung wahrend der hyperboraischen Zeit
spiegelte. Dann stehen wir in der dritten nachatlantischen Kultur, der
agyptisch-chaldaischen Epoche, die in sich auch die Geschichte des he-
* Carl Unger, «Schriften» II, Stuttgart 1966, Verlag Freies Geistesleben. Esoteri-
sches (1928), Vortrag «Esoterik», S. 224ff
** «Die Geheimwissenschaft im Umri6» (1910), GA 13
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 13
braischen Volkes birgt. Altes Mondenwesen drangt da in den Seelen
herauf, so, wie es sich gewandelt hatte durch die lemurische Zeit hin-
durch. Im alten Lemurien lebte der Mensch noch in magischer Verbun-
denheit mit den Elementen der Erde; weitgehend konnte er die Natur-
gewalten beeinflussen und sie bezwingen. Diese magische Wirkenskraft
der alten Zeit finden wir in der dritten Kultur, gewandelt, in deren My-
sterienstatten weiterleben; die in ihnen waltende Esoterik miissen wir
durchaus als eine magische bezeichnen. Was da als Kulturzeichen aus
jener Zeit erhalten geblieben war, das konnte nur unter dem EinfluB
einer magischen Esoterik gestaltet werden. Zu ihr hatten nur einige we-
nige Auserwahlte Zutritt, die durch ungeheuer harte und schwere Pro-
ben heranerzogen wurden. Oft schon als junge Kinder ausgewahlt, muB-
ten sie durch seelische und geistige Schulung langer Jahre vorbereitet
werden, bis in den organischen Kraftezusammenhang ihres Leibes hin-
ein, zum Erleben des Mystentodes. Dazu war die unbedingte Unterwer-
fung des S chillers gegeniiber dem Lehrer notwendig, der durch Handha-
bung geistiger Krafte dessen hohere Glieder vom physischen Leib loste
und wieder zuruckfiihrte. Die Einweihung konnte nur durch die magi-
sche Mitwirkung des Hierophanten erreicht werden. Und durch magi-
sche Krafte und gewaltige Suggestionen wurden die Volker von den
Mysterienstatten aus geleitet und zum Kulturfortschritt gefiihrt.
Die Mysterienstatten selber waren gegen das Eindringen Unbefugter
durch magische Mittel geschiitzt. Wer unbefugt eindrang, oder auch wer
sich nicht bewahrte, ging zugrunde. Andeutungen iiber diesen Schutz
der heiligen Statten finden wir bis ins Alte Testament herein: das Alier-
heiligste darf niemand auBer dem Hohepriester selbst betreten, jeder
Ungeweihte, der sich ihm nahert, erleidet den Tod. - GewiB, ich weiB,
daB es dafiir bis in alle Einzelheiten hinein materialistische Ausdeutun-
gen gibt; sie zeigen nur, daB, wer solche macht oder glaubt, nichts von
den Dingen, um die es sich dabei handelt, versteht, noch weiB.
Dann folgte die griechische Zeit, in der besonders lebendig die Erin-
nerung an die Atlantis das Mysterienwesen durchdrang. Sie hatte eine
«geheime Esoterik». Sie gestaltete nicht mehr unmittelbar bis ins Phy-
sisch-Leibliche herein, sondern sie wurde mittelbar iiber das seelische
Erleben im erwachenden BewuBtsein wirksam. Sie entfachte Enthusias-
mus, die Krafte der Begeisterung, «das Erfiilltsein von dem Gotte», und
entfaltete durch die Kunst Geist-zeugende Krafte im Menschenleben.
In demselben MaBe, in dem man die Kraft verlor, die Mysterien
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 14
durch Magie zu schiitzen, wurde die Geheimhaltung der Esoterik ein-
gesetzt und unter Eiden und Drohungen zu erreichen gesucht. Wer die
Mysterien verriet, wurde verfolgt und mit dem Tode bestraft.
Wir haben in der Gegenwart noch Spuren der geheimen Esoterik in
den verschiedenen Geheimgesellschaften; sie pflegen in Formen und
Ritualien, die sie sich bemiihen, streng geheimzuhalten, die Uberreste
alter Zeit. Auch da wird Verrat geahndet.
Heute aber haben wir es mit ganz anderen Impulsen zu tun. Wir
sind aus der Epoche der magischen Wirksamkeit und der geheimen
Esoterik heraus, denn das Mysterium wurde an das Licht der Offent-
lichkeit gefiihrt. Das Mysterium von Golgatha brachte die Wende, in-
dent Christus vollbewuBt die Schranken alter Wirksamkeit durchbrach
- und dann mit seinem Tod und der Auferstehung die Mysterienweis-
heit aller Zeiten «erfiillte», und zwar «vor allem Volk». Das erkannten
auch die wissenden Menschen jener Zeit, deshalb wurde er des Myste-
rienverrates angeklagt. Im Neuen Testament heiBt es von Christus:
«Denn er hat Zeichen vor dem Volk getan», da suchten sie, wie sie
«eine Sache wider ihn fanden».
Rudolf Steiner stellt in seinem Buche «Das Christentum als mysti-
sche Tatsache»* und in vielen Vortragen gerade diesen Grundunter-
schied der Christus-Tat gegeniiber alien vorhergehenden Einweihun-
gen dar. Das Mysterium von Golgatha soil zur ganzen Welt kommen,
es ist ein kosmisches Ereignis; in ihm haben wir die Befreiung des
Mysterienwesens. Seit dem Mysterium von Golgatha miissen wir die
Esoterik als eine freie anerkennen, das ist das Wesentliche. An diese
Tatsache kniipfte Rudolf Steiner an, und fiihrte uns wahrend der
zweiten Periode seiner Wirksamkeit in der Anthroposophischen Ge-
sellschaft an Hand der Evangelien immer tiefer in das Mysterium von
Golgatha ein. Indem er uns seine geisteswissenschaftlichen For-
schungsergebnisse iiber die kosmische Tat des Christus Jesus mitteilte,
eroffnete er uns ein neues Verstandnis auch fur die biblischen Darstel-
lungen; echte und wahre Ehrfurcht erwuchs der Seele neu aus solchem
Einblick in die religiosen Dokumente. Das einzelne Wort der Bibel
gewann, in solchen Zusammenhang gestellt, seine heilige, Welten um-
fassende Wahrheit zuriick, das einzelne Wort wurde in seiner esoteri-
schen Kraft erlebt.
«Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums»
(1902), GA 8
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Rudolf Steiner wollte den Menschen, die sich in der Anthroposo-
phischen Gesellschaft zusammengefunden hatten, eine der Geisteslage
unserer fiinften Kulturepoche gemaBe Esoterik iibermitteln. Er wollte
ihnen die Wege zu einer christlichen esoterischen Entwicklung zeigen,
indem er, aus einem Verstandnis fur alte okkulte Tradition, errang die
der BewuBtseinsseelenzeit entsprechende Weitergestaltung der iibersinn-
lichen Forschungsmethoden.
Ich mochte dies ein wenig belegen mit Worten, die er selber ge-
brauchte. Rudolf Steiner sagte einmal: die Menschen bedenken nicht,
daB in jedem meiner Vortrage, auch in den offentlichen Vortragen, eine
Fiille von Esoterik darinnen ist. Die Vortrage miissen nur richtig auf-
genommen werden konnen. - Er sprach dies aus, nachdem es in den
Kriegsjahren nicht mehr moglich gewesen war, in der bis dahin iibli-
chen Weise Esoterik zu pflegen, und Mitglieder an ihn herantraten mit
der Bitte, diese Esoterik wieder aufzunehmen. Rudolf Steiner wollte
damit charakterisieren, was er in heutiger Zeit unter «esoterisch» ver-
standen haben wollte. Ein anderes Mai sagte er: Ich will Sie auf ein
esoterisches Buch hinweisen, das, obgleich es vor jedermanns Augen
liegt, doch von niemandem als solches verstanden wird, namlich Fich-
tes «Wissenschaftslehre». In demselben Sinn bezeichnete Rudolf Stei-
ner jede Logarithmentafel als esoterisch, d.h. es gehort zum Verstandnis
derselben hinzu, daB der Mensch sich die wissenschaftlichen Voraus-
setzungen lernend erwirbt, den guten Willen aufbringt, die notigen Vor-
bereitungen sich zu erarbeiten. Es kommt fur uns alles darauf an, sol-
che Worte recht ernst zu nehmen.
Wie aber pflegte Rudolf Steiner in unserer Gesellschaft das Esoteri-
sche?
Wer den Gang Rudolf Steiners seit der Jahrhundertwende mitge-
macht hat, der konnte folgendes erleben: Rudolf Steiner suchte haufig
den Boden fiir gewisse Darstellungen, und da konnte es eintreten, daB
er in einem ganz kleinen Kreise, manchmal sogar nur zu drei, zwei
oder auch nur zu einem Menschen, etwas aus seiner geistigen Forschung
mitteilte - probeweise. Er machte gleichsam ein Urexperiment, wie weit
das gegenwartige BewuBtsein diese Dinge «ertragen» kann. Es war dann
irgendein neues Forschungsergebnis, das er so vor ein paar Menschen
stellte. Man konnte danach fragen, die Dinge erortern. Nach einiger
Zeit aber konnte man erleben, daB er dieselbe Frage vor einen groBe-
ren Kreis trug, z.B. vor den Kreis von Menschen, die eine esoterische
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Gruppe bildeten. Dann aber geschah es, daB Rudolf Steiner den Zu-
sammenhang alien Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft
vorbrachte; und wartete man noch ein wenig, dann begann er iiber die
gleiche Tatsache vor der Offentlichkeit in Vortragen zu sprechen.
Sie sehen, wie das Esoterische, d.h. das Geistige, das dem gewohn-
lichen Erleben noch unzuganglich ist, in das gegenwartige BewuBtsein
Schritt fur Schritt hineingepflanzt werden muBte. Es muBte schrittwei-
se der Boden beackert werden, damit die Saat ausgestreut werden kon-
ne. Aber bestimmt waren diese Dinge von allem Anfang an fur alle
Menschen. Die Mauer, die bis zum Ende des Kaliyuga [1899] das Gei-
stesleben der neuen Zeit umschloB, durchstieB Rudolf Steiner. Es gibt
auch heute noch Eingeweihte verschiedener Richtungen, fortschrittli-
che und konservative. Rudolf Steiner aber wollte den Menschen alles
geben, wozu sie sich reif erweisen wiirden. So, wie der Christus Jesus
das Mysterium von Golgatha fur alle Menschen durchgemacht hat, so
sollte auch hier keiner ausgeschlossen sein.
Es ist aber zu beachten, daB auch die geistige Welt ihre Gesetze
hat, und denjenigen, der nicht den Willen hat, sich vorzubereiten, nicht
herankommen laBt. DaB kein Unbefugter an die Dinge herankommt,
dafiir sorgt die Miihewaltung, die der einzelne aufzuwenden hat, dafiir
sorgen die Verhaltnisse und der Zustand des BewuBtseins. Das Myste-
rium schiitzt sich durch sich selbst; es braucht heute keiner Mittel mehr,
weder der Magie noch des Geheimnisses.
In der Methodik der Wege zum Esoterischen barg Rudolf Steiner
den Schutz fur das Mysterium. Diese Wege sind so, daB in der Vorbe-
reitung, in dem, was Rudolf Steiner das «Studium» der Anthroposo-
phie nannte, die weckende Kraft liegt zur wahren Selbsterkenntnis des
Menschen. Der Ruf: «0 Mensch, erkenne dich selbst», der aus den
Mysterien erklingt, dringt in die um die Geist-Erkenntnis der Anthro-
posophie ernsthaft ringende Seele. Sie wandelt im Uben der Seele das
gewohnliche Ich-Erleben zu wahrhaftigem SelbstbewuBtsein, aus dem
heraus im neuen Sinn Verantwortlichkeit des Menschen erwachst: die
Verantwortung gegeniiber dem Geiste. Im Erwachen des Geistselbstes
fiihlt die Seele ihre Heimat unter Geisteswesen, unter ihrem Blick ent-
steht ihr eine neue moralische Seelenhaltung. Wie «altes Wissen» des
Schutzes durch Magie oder Geheimhaltung bedurfte, so steht die neue
Erkenntnis gegriindet auf der wahren Selbsterkenntnis des Menschen
und der aus ihr erbliihenden geistigen Verantwortung. Daher kommt
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es, daB mit der Weihnachtstagung* Rudolf Steiner alles in die Offent-
lichkeit stellte. Er wollte eine neue Mysterienbewegung, deren Impulse
unmittelbar an das Christus-Ereignis heranfiihren konnen; die freie
Esoterik ist das heute einzig Mogliche. Wie magische Esoterik bis in
physische Geschehen hinein gestaltete, wie geheime Esoterik durch die
Kunst der Seele neue Erlebniskrafte erweckte, so wendet sich die freie
Esoterik an den Geist des Menschen.
Siehe «Die Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposophi-
schen Gesellschaft 1923/24», GA 260.
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I
ERLAUTERUNGEN
DER GRUNDBEDINGUNGEN
ZUM SELBSTANDIGEN ERLANGEN
HOHERER ERKENNTNISSE
Notizen von vier Vortragen,
gehalten in Berlin am 8., 15., 21. Februar
und 14. Miirz 1904
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite
ERSTER VORTRAG
Berlin, 8. Februar 1904
Viele von denen, die gehort haben, was ich selbst ausgefiihrt habe,
und die lesen, was in den theosophischen Buchern angegeben wird
als Mittel, die dahin fiihren, selbst zu sehen, zu erkennen, zu
schauen dasjenige, wovon die Theosophie berichtet, werden sa-
gen, daB diese Mittel - Gedankenkontrolle, Duldsamkeit und das-
jenige, was ich die Sehnsucht nach Freiheit genannt habe - nicht
danach aussehen, daB man durch sie wirklich zu solchen Erkennt-
nissen kommen konne.
Die meisten machen sich eben ganz falsche Vorstellungen. Sie
denken, daB man durch besondere Kunststucke, durch besonde-
re geistige Trainierung zur Erkenntnis der hoheren Welten auf-
steigen musse. Viele werden sagen: Wie oft habe ich versucht,
meine Gedanken zu kontrollieren; wie oft habe ich versucht, die
Mittel, die da angegeben sind, anzuwenden: ich habe gar nichts
dabei erreicht. - Alles das glaube ich recht gern. Ich habe ja auch
durch meine Ausfuhrungen weder die Uberzeugung hervorrufen
wollen, daB es besonders schwierig ist, den Weg zu betreten, auf
dem wir hohere Erkenntnisse erwerben, noch habe ich die Uber-
zeugung hervorrufen wollen, daB es - in dem Sinne, wie es viele
meinen - ganz besonders leicht sei. Denn beides ist im Grunde
genommen nicht richtig. Ich mochte mich daher etwas genauer
dariiber aussprechen, namentlich gegenuber denjenigen, welche
immer und immer wieder einwenden: wie kann ich glauben, daB
ich durch Gedankenkontrolle, Duldsamkeit und so weiter zu dem
komme, was man einen Seher im Astralraum, einen Seher im
Devachan nennt?
Diejenigen, welche diese Anschauung haben, kommen mir vor
wie die, welche behaupten wollten: Es ist unbegreiflich, wie die
Eisenbahnzuge vorwartskommen, da wir nichts anderes sehen, als
daB ein Mann Steinkohlen in die Maschine hineinwirft.
Nun, der Mann tut allerdings etwas, was ganz und gar keine
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Ahnlichkeit hat mit der Bewegung eines Eisenbahnzuges; und
dennoch erzeugt er durch sein Heizen die Warme, welche den
Dampf erzeugt, der die Bewegung hervorruft. Dieses Bild zeigt
deutlich, was auch auf dem geistigen Gebiete der Fall ist. Wenn
wir wirklich danach streben, unsere Gedanken zu kontrollieren,
dann nimmt sich die Tatigkeit der Gedankenkontrolle zu dem,
was zuletzt erreicht wird, in einem ahnlichen Verhaltnis stehend
aus, wie der Heizer zur Lokomotive eines Schnellzuges, der,
sagen wir von St. Petersburg nach Paris fahrt.
Dieses Bild konnen wir noch weiter ausmalen. Stellen Sie sich
vor, daB der Mann immer heizt und heizt, aber die Hitze im-
merzu ausstromen laBt in die Umgebung, daB also nichts getan
wird, um die Warme umzuwandeln in die vorwartsbewegende
Kraft: wie unendlich viel Kraft da verschwendet wird. Tatsach-
lich verschwenden die Menschen unserer Kultur, ganz so, wie
die Warme verschwendet wird, wenn sie an die Umgebung ab-
gegeben wird, unendlich viel Kraft, welche in unserem Gedan-
ken- und Empfindungsleben sich entwickelt. Was so taglich ver-
lorengeht und ins Wesenlose stromt, konnte dazu verwendet wer-
den, um direkte ubersinnliche Erkenntnisse zu erlangen. Dann
wiirden wir einen raschen Aufstieg vollziehen in der Entwick-
lung, welche die theosophische Bewegung anstrebt.
Lassen Sie mich mit ein paar Worten schildern, in welcher Weise
die Verschwendung dieser Krafte vor sich geht. Unsere abendlan-
dische Kultur ist darauf angelegt, den Menschen eine Unmenge
von Kraften verschwenden zu lassen, einfach deshalb, weil wir im
Abendlande mehr als irgendwo anders Gedanken entwickeln. Aber
fast alle diese Gedanken sind unkontrolliert: unkontrolliert, wie
sie entstehen, unkontrolliert, wie sie weitergetragen werden, und
unkontrolliert, wie sie wieder aufgenommen werden. So gehen sie
verloren, ohne daB sie uns zu einem Erkenntnisziele fuhren. Die
Schwierigkeit, das, was man Gedankenkontrolle nennt, zu errei-
chen, obwohl es kinderleicht ist, wenn es ernstlich angestrebt wird,
liegt darin, daB ihr unendlich viele Vorurteile widerstreben. Das
mochte ich an einem konkreten Beispiele zeigen.
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Sie werden zugeben, daB unendliche Mengen von Gedanken
heute aufgewendet werden, um die sozialen Verhaltnisse zu ver-
bessern. Unendlich viel wird dariiber gedacht. Aber fiir jemand,
der wirklich weiB, weil es ihm in Fleisch und Blut lebt, was
Gedankenkontrolle ist, ist alle diese Gedankenkraft zum groBen
Teil verschwendet.*
Jeder, der seine Gedanken nicht zu Ende denkt, der nicht
bestrebt ist, sich auch den Kontrollgedanken klarzumachen, der
nicht bedenkt, daB in dem Augenblicke, in dem in der Welt
etwas gedacht wird, auch ein anderer Gedanke gedacht werden
muB, der den ersten Gedanken erganzt, kontrolliert, der kann
nicht seine Gedanken kontrollieren. Denn was nutzt es, wenn
der Wohltater Wohltaten erweist und nicht daran denkt, woher
das Geld dazu geflossen ist?
Das ist nicht als Vorwurf gemeint, denn das hangt von unse-
ren Verhaltnissen ab. Es wird den Menschen ja ungeheuer schwer
gemacht, die Gedanken zu kontrollieren, weil wir sozusagen gar
nicht anders konnen, als unter Millionen und aber Millionen von
Vorurteilen zu leben. Ist nicht fast jeder Begriff, den wir haben,
einfach ein Vorurteil? Wenn wir uns nicht bemuhen, uns diese
Vorurteile klar vor die Seele zu stellen, um wenigstens innerlich
frei zu werden von der Welt der Vorurteile, die taglich in uns
einstromen, dann ist Gedankenkontrolle nicht moglich; es ist nicht
moglich, zum wirklichen Sehen zu kommen.
Diejenigen, welche wirklich Gedankenkontrolle uben und sich
die Sehergabe erwerben, sie wissen, daB durch Gedankenkontrol-
le das erworben wird, was wir astralisches und devachanisches
Die folgenden Ausfiihrungen sind so mangelhaft festgehalten, daB sich der ur-
spriingliche Wortlaut nicht mehr rekonstruieren laBt. Dem Sinn nach wurde zum
Problem der Ausbeutung gesprochen, daB diejenigen, die unter der Ausbeutung
zu leiden haben, selber auch ausbeuten. Zum Beispiel: Eine Naherin, die fiir ei-
nen Hungerlohn arbeitet, tragt die Kleider, die wiederum fiir einen Hungerlohn
hergestellt worden sind. Man vergleiche hierzu die Abschnitte iiber das Problem
der Ausbeutung in Rudolf Steiners Aufsatz «Geisteswissenschaft und soziale
Frage» in GA 34 «Lucifer - Gnosis». Grundlegende Aufsatze zur Anthroposo-
phie und Berichte aus den Zeitschriften «Luzifer» und «Lucifer - Gnosis» 1903
bis 1908.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 23
Schauen nennen. Das ist einfach eine Erfahrung. Das ganze mo-
derne Leben ist aber darauf angelegt, ein Abieiter der Gedan-
kenkraft zu sein. Es ist so, als ob es von auBen mit magnetischer
Kraft die Gedankenkraft ableiten wiirde. Es ist der Vernichter
der wirklich sehenden Kraft. Ein bedeutsames Beispiel mochte
ich anfuhren.
Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Schriftsteller, der hier
in Berlin sehr geschatzt wird. Ich sprach davon, was fur eine
Unsumme von Kraft, die verwendet werden konnte fur die
Menschheit, durch die Eitelkeit verlorengeht. Die Tragweite des-
sen, was da gesagt wurde, verstand er so wenig, daB er erwider-
te: Eitel sind wir ja doch alle, und das ist ja auch der Antrieb
zum Erfolg! - Diese Menschen wissen, daB sie eitel sind bis zum
ExzeB, sie wissen, daB das, was unsere jetzige Kunst groB und
bedeutend macht, auch erreicht werden kann unter dem EinfluB
der sturmischen Eitelkeiten. Aber groBe Eitelkeit kann keinen
Menschen verinnerlichen. Die Uberwindung der Eitelkeit ist fur
den, der sie anstrebt, ebenso kinderleicht, wie es kinderleicht ist,
Gedankenkontrolle zu iiben, fur den, der nicht in den Vorurtei-
len der Welt steckenbleiben will.
So wie der Ehrgeiz, so wirkt auch die Neugierde vernichtend
auf die Sehergabe. Wie neugierig lesen die Menschen nicht schon
in den friihen Morgenstunden die Zeitungen. Das neugierige
Wissenwollen dessen, was sich abgespielt hat, muB uberwunden
werden. Die Menschen glauben nicht, daB Neugierde so nachtei-
lig ist fur die Sehergabe; sie konnen vielleicht auch nicht unter-
scheiden, wie der eine und wie der andere die Dinge auffaBt. Der
eine faBt sie nicht deshalb auf, weil er neugierig ist, sondern weil
er sie wie ein wirksames Instrument beniitzt. Er tut es nicht um
seiner selbst willen, sondern vielleicht gerade umgekehrt, um ein-
greifen zu konnen, wenn es gilt, den Menschen zu helfen.
Um noch ein Beispiel zur Erlauterung zu geben, nehmen Sie
die ersten Satze in «Licht auf den Weg». Sie sollen zur Schulung
der Seherkraft dienen und sind so unglaublich leicht zu befolgen:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:2 4
1. Ertote den Ehrgeiz.
2. Ertote die Liebe zum Leben.
3. Ertote den Wunsch nach Behagen.
Diese drei sind tief eingewurzelt in unser Leben; aber auch
sie lassen unmoglich die Sehergabe aufkommen. Und dann:
4. Wirke gleich denen, die ehrgeizig sind. Achte das Leben
gleich denen, die's lieben. Sei gliicklich gleich dem, der dem
Gliicke nur lebt.
Der Seher wird nicht unbrauchbar fur das Leben. Er ver-
schwendet nur nicht Krafte; er stellt selbst das Kleinste in den
Dienst seines hoheren Wirkens. Das wird ihm zur selbstverstand-
lichen Natur.
Diesen vier Satzen in «Licht auf den Weg» ist vorausgeschickt
eine Reihe von Bedingungen:
Bevor das Auge sehen kann, muB es der Tranen sich entwoh-
nen. Bevor das Ohr vermag zu horen, muB die Empfindlich-
keit ihm schwinden. Eh' vor den Meistern kann die Stimme
sprechen, muB das Verwunden sie verlernen. Und eh' vor ih-
nen stehen kann die Seele, muB ihres Herzens Blut die FuBe
netzen.
Wir mussen unsere Taten, unsere Handlungen fruchtbar ma-
chen, so daB sie jedem helfen, daB sie zum Streben anfeuern, da
sie Taten lebendiger Kraft sind.
Alles das ist nahezu unmoglich in unserer Kultur, wo jeder
glaubt, tiber alles ein Urteil haben zu konnen, glaubt, berechtigt
zu sein, das eine gut und groB, das andere schlecht zu finden.
Dadurch bringt es unsere Kultur nicht einmal zur ersten Stufe
auf dem Pfade der hoheren Erkenntnis, zur Stufe des «Raben».
«Rabe» bedeutet in der Sprache der Eingeweihten einen, der sich
ganz selbstlos bemuht, nicht zu urteilen. Es ist damit nicht ge-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 266a Seite: 25
meint, daB er sein eigenes Urteil stumpf mache, sondern nur, daB
er sich enthalte, zu urteilen. Unter «Rabe» versteht man einen,
der sich nicht sagt, es ist das Wichtigste, was du iiber Menschen
und Dinge denkst, sondern der sich sagt, du muBt auskundschaf-
ten, was die anderen daniber denken, du muBt untertauchen in
die Seele der anderen und ergninden, was in jenen lebt. - Ist man
imstande, das zu tun, so ist man auf der ersten Stufe angelangt.
Es ist dies wiederum kinderleicht fur den, welcher nicht in Vor-
urteilen lebt, aber schwer fur den, der in der modernen Kultur
lebt, und da sich enthalten soil, Kritik zu iiben.
Der «Rabe» ist die erste Stufe der persischen Mithras-Einwei-
hung. Die hoheren Eingeweihten sind alle durch diese Stufe hin-
durchgegangen. Sie muBten zuerst in jede Seele sich versenken
konnen. Sie muBten verstehen, warum ein Mensch das tut und
warum er jenes tut. Sehen Sie sich um in Ihrer Welt: der eine tut
dieses, der andere jenes. Die Menschen sind so geneigt, zu sagen:
der hat das getan, das hatte er nicht tun sollen. - Worauf es aber
ankommt, das ist, nicht zu werten, warum ein Mensch das oder
jenes getan hat. Also derjenige, der das innere Leben ergreifen will,
muB das Leben des «Raben» durchgemacht haben. Er muB in je-
der Seele vorurteilslos die Motive aufgesucht haben. Von einem
solchen sagt man: «Er sendet die Raben aus». Davon klingt noch
etwas nach in der Kyffhauser-Sage, wenn es heiBt: Kaiser Rotbart
sendet die Raben aus. - Aber damit ist nicht gemeint, um Kund-
schaft aus der Umgebung einzuholen, sondern um in den Seelen
der Menschen zu erkunden, ob er jetzt selbst eingreifen kann.
Man muB «verstehen» lernen, und das ist im hoheren Sinne das,
was Duldsamkeit ist. Wer spitzig und kuhn von dem eigenen Stand-
punkte ausgeht, wird ebensowenig zur Sehergabe kommen, wie
der, welcher in ungeduldiger Erwartung nach Erfolg strebt. Den-
ken Sie an all das Streben aus Eitelkeit, an all die Neugierde - alles
das flieBt aus, wie die Hitze des Dampfkessels in den Raum.
Unzahlige Krafte gehen dadurch verloren. Das mussen Sie als
Grundregel ansehen. In dem Augenblick, wo Sie danach streben,
Ihre Neugierde zu befriedigen, verschwenden Sie Krafte. Wurden
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 26
Sie sie bei sich behalten, so wiirden Sie sie umzuwandeln vermo-
gen in hohere Erkenntnisse. Wenn Sie es ein einziges Mai fertig-
bringen, etwas, was Sie gern sehen wiirden, nicht zu sehen, dann
sparen Sie Kraft, Kraft, die Ihnen bleibt, die Ihnen nicht verloren-
geht. Ebenso, wenn Sie Ihren Mitteilungstrieb bezahmen. Gewohn-
lich ist es doch so: Wenn irgendwo etwas gesagt wird, so muB es
weiter gesagt werden, damit die Umgebung auch etwas davon hat.
Aber nicht um des Redens willen sollte man Dinge mitteilen, son-
dern bei jedem Wort nur das zum Ausdruck bringen, was gesagt
werden soil. Wenn das zum Grundsatz wird, dann entwickelt sich
allmahlich die Gabe des hoheren Schauens. Dies ist eine Erfah-
rung derjenigen, welche schauen. Wer immer alles mitteilen will,
obgleich es ganz wesenlos ist, wird es nicht weit bringen. Nur
durch das Uberwinden des wesen- und bedeutungslosen Mittei-
lungstriebes speichern wir in uns Krafte auf.
Das sind Wege, die an und fur sich leicht zu gehen sind, wenn
man sie gehen will, die aber trotzdem sehr wenig gegangen wer-
den, weil man sie fur bedeutungslos halt. Aber es kommt nicht
auf eine besondere Trainierung an, sondern darauf, daB unser
Inneres im alltaglichen Leben sich weiterbildet. Dadurch stieg man
in den Eingeweihtenschulen zu dem zweiten Grad empor, zu dem
Grade der «Verhullten» (Okkulten).
Diejenigen, welche bei jedem Wortpriifen, ob es so gesagt wer-
den soil oder anders, die durch das fortwahrende Priifen das «Ver-
wunden» verlernt haben, die einen Schleier um sich breiten und
gleichsam durch den Schleier sprechen, das waren die «Verhullten».
Sie waren so weit, daB sie sich selbst zum Schopfer ihrer eigenen
Personlichkeit machten, die sich priiften bei jeder Handbewegung,
bei jedem Wort. Ohne daB ein anderer etwas davon merkte, konnte
so einer durch den ersten und zweiten Grad hindurchgehen. Er
durfte aber nicht glauben: jetzt bin ich auf der Stufe, daB ich in die
Seelen anderer eindringen kann, jetzt kann ich auch etwas sagen.
Denn wer etwas sagen will, wer Lehrer sein, wer eine autoritative
Bedeutung haben will, der muBte warten, bis er den dritten Grad
der Einweihung erreicht hatte: den Grad der «Streiter».
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:2 7
Fur sie gait dasjenige, was im zweiten Kapitel von «Licht auf
den Weg» iiber die «Streiter» steht. Das erste Kapitel ist geschrie-
ben fur jeden Menschen; das zweite Kapitel ist geschrieben fiir
diejenigen, die ihre Mitmenschen belehren wollen. Aber in ge-
wissem Sinne ist es auch fiir alle Menschen geschrieben, denn
jeder Mensch soil seine Mitmenschen belehren. Nur der, welcher
jene Regeln beobachtet, kann hoffen, daB seine Worte den rich-
tigen Widerhall finden. Kein theosophischer Lehrer sollte jemals
ein Wort aussprechen, ohne Beobachtung des Grundsatzes:
1. Tritt zur Seite im kommenden Kampfe, und so du auch
streitest, sei du nicht der Streiter.
2. Span' nach dem Streiter; in dir laB ihn kampfen.
3. Seine Weisung erwarte zum Kampfe; ihr folge.
Niemand kann zum «Streiter» werden, der fiir sich selbst
kampft, der nicht zur Seite tritt.
Die groBten Feinde einer hoheren inneren Entwicklung sind
also Neugierde, Eitelkeit, wesenlose Schwatzhaftigkeit - wo ge-
redet wird, um zu reden, statt abzuwarten, ob das Wort not-
wendig ist und man es horen will - und endlich das Verfallen
der Versuchung.
Nicht vermeidet es der wahrhafte Theosoph und Mystiker, daB
Versuchung an ihn herantritt. Er laBt sie so an sich herankom-
men, wie nur irgend jemand, um dann trotz der Versuchung der
Stimme in sich selbst zu folgen. Sobald er Lehrer wird, hat er
beiseite zu treten. Selbst durch die kleinste Versuchung, wenn er
ihr verfallt, wiirden seine Krafte verschwendet, die ausflieBen, wie
die Warme aus dem Dampfkessel. Wenn es ihm aber gelingt, der
kleinsten, unbedeutendsten Versuchung zu widerstehen, so be-
halt er die Kraft in sich, und sie wird ihre Friichte tragen.
So konnen wir aus dem, was sonst verlorengeht, wenn wir es
durch die angegebenen Mittel aufspeichern, wenn wir es akku-
mulieren, nach und nach ganz unvermerkt die Gabe des inneren
Schauens erwerben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 28
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 15. Februar 1904
Innerhalb der abendlandischen Kultur muB die Entwicklung
hauptsachlich von der sogenannten Gedankenkontrolle ausgehen.
Obwohl das ganze ungeordnete, hochst willkiirliche abendlandi-
sche Denken gar nicht geeignet ist, kontrollierte Gedanken, Ge-
danken von strenger Folge zu entwickeln, so ist dies doch als
-erstes notwendig. Und damit mochte ich zuruckkommen auf das,
wo von ich bereits gesprochen habe: daB wir die Empfindlichkeit
ausbilden miissen fur das Wahrnehmen unlogischer, schlecht kon-
trollierter Gedankenfolgen. Der gewohnliche Mensch wird bei
jeder Gelegenheit, wenn stark auf seine Sinne gewirkt wird, eine
Art von Schmerz empfinden; aber die Menschen, welche dafiir
empfanglich sind, unkontrollierte, nicht folgerichtige Gedanken
als schmerzlich zu empfinden, sind doch sehr selten. Und doch
ist das eine Stufe, die jeder einmal durchmachen muB, und nicht
nur gegeniiber dem Denken, sondern auch gegeniiber dem Lesen
in unserer abendlandischen Literatur. Ich nehme dabei eine gro-
Be Anzahl von Buchern der theosophischen Literatur nicht aus.
Sie stoBen auch da auf viele unkontrollierte Gedanken.
Die meisten Menschen der Gegenwart denken unkontrolliert.
Und jeder unkontrollierte Gedanke bedeutet einen nicht vollzo-
genen Ausgleich, ein Sich-nicht-in-ein-entsprechendes-Verhaltnis-
setzen-Konnen zu der Erscheinung. Es ist wie ein Ausgleiten, und
ein Ausgleiten im Physischen ist ja auch ein Sich-nicht-in-ein-
richtiges-Verhaltnis-setzen-Konnen zur physischen Welt. Wir
miissen in uns ein so starkes Gefuhl fur richtige, bis zu Ende
gehende Gedanken entwickeln, daB wir eine Art von physischem
Schmerz empfinden, wenn bei uns selbst oder bei einem andern
ein unrichtiger Gedanke auftritt.
Im gewohnlichen Leben ist es nicht moglich, seine Gedanken
in dieser Weise zu kontrollieren. Bedenken Sie, daB Sie, wenn
Sie im Berufsleben drinnenstehen, gezwungen sind, fortgesetzt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:2 9
unlogisch zu denken. Denn iiberall wird unlogisch gedacht. Im
taglichen Leben, im Geschaft, in den hoheren Berufen, in der
Naturwissenschaft, in der Geschichte, iiberall treffen Sie unlogi-
sche Gedanken; und am unlogischsten finden Sie die Gedanken
in der Jurisprudenz, da, wo man am meisten logisch denken sollte.
Wer also selber zu hoheren Erkenntnissen kommen will und
sie nicht nur anhoren will von anderen, die sie haben, der muB
beginnen, von innen heraus zu leben. Dazu muB man sich, wenig-
stens fur ganz kurze Zeit des Tages, ausschlieBen von dem ganzen
ubrigen Leben. Man muB sich - und wenn es nur funf bis zehn
oder nur drei bis vier Minuten sind - hingeben lediglich seinem
eigenen inneren Leben und solchen Gedanken, die nicht aus unse-
rer unmittelbaren Kultur, nicht aus unserem taglichen Leben sind,
sondern von denen man weiB, daB sie einen hoheren Ursprung
haben und Gedanken sind, zu denen man Vertrauen haben kann.
Dieses Zuriickziehen, dieses Leben und Weben in einer Ge-
dankenwelt, die streng geordnet ist, diese Hingabe an eine sol-
che Gedankenwelt, wenn auch nur fur kurze Zeit, das ist es, was
uns entschadigt fur das ganze Zerstreut- und Zerrissenwerden in
der auBeren Kultur. Dann gehen wir gestarkt mit einem inneren
Zentrum durch die alltagliche Welt und fuhren uns selbst durch
die Alltagswelt dadurch, daB wir einen Gedanken, wenn er nicht
zu unserem geordneten Leben gehort, aus unserem Blickfelde
wieder herausbringen. Glauben Sie nicht, daB Sie imstande sind,
dies immer zu tun! Erinnern Sie sich nur, daB, wenn Sie uber
die StraBe gehen, Sie nicht Herr Ihrer Gedanken sind; daB von
alien Seiten her, ohne daB Sie etwas dazu tun, die Gedanken aus
der Umgebung auf Sie einsturmen, auf Ihr BewuBtsein wirken
und durch dasselbe spielen, so daB Sie ein Spielball Ihres BewuBt-
seins sind. Solange Sie nicht selbst die Gewalt haben, die Gedan-
ken wie an einer Schnur aufzurollen, so lange konnen Sie nicht
erwarten, daB sich das Innere offenbart. Dieses Herrwerden uber
unsere Gedankenwelt konnen wir nur erwarten, wenn es uns
gelingt, uns fur eine geringfugige Zeit herauszulosen aus dem
Alltagsleben und uns zum Idealen zu erheben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:30
Wenn man einen idealen Gedanken lieb gewinnt, dann erreicht
man das, was innere Starkung ist. Nicht darauf kommt es an,
mit dem Verstande einen Gedanken begriffen zu haben.
Nehmen Sie den ersten Gedanken in «Licht auf den Weg»:
«Bevor das Auge sehen kann, muB es der Tranen sich entwoh-
nen.» Nehmen Sie ihn heute, morgen, und immer wieder und
wieder - dann fangt er an lebendig zu werden. Und wenn Sie
alles andere abweisen, was sich da hineinmischen will, dann wird
er zum Mittelpunkte Ihres Wesens. Er lebt und webt in Ihnen.
Er wird Ihnen zeigen, daB er andere Gedanken aus sich hervor-
gehen laBt, daB er von unendlicher Fruchtbarkeit ist. Und Sie
werden sehen, was Sie von innen heraus zu uberwinden haben.
Es muB sich eine Empfindlichkeit gegen unrichtige Gedanken
einstellen. Es muB so sein, wie wenn Sie mit Nadeln gestochen
werden von unrichtigen Gedanken. Dies mussen Sie auch emp-
finden, wenn Sie Bucher lesen. Konnen Sie nicht Schmerz emp-
finden bei unlogischem Denken, dann konnen Sie auch nicht
richtiges Denken entwickeln.
Sie mussen aber richtiges Denken nicht nur verstehen, son-
dern auch lieben. Sie mussen einen Gedanken so lieben, wie man
ein Kind liebt. Ihr Kind haben Sie heute, gestern und vorgestern
gesehen, und immer noch lieben Sie es. So mussen Sie es mit der
Gedankenwelt machen. Wenn Sie glauben, einen Gedanken ver-
standen zu haben, mussen Sie ihn nicht aus dem BewuBtsein
herausschieben, sondern sich immer wieder mit ihm beschafti-
gen. Wenn Sie das konnen, dann sind Sie mit einer Art Gedan-
kenpanzer versehen, dann hort das auf, was als Ubergangsstadi-
um da war: der Kampf gegenuber dem, was unlogisch war; es
hort auf, wenn Ihnen ein Gedanke so Tatsache ist, wie ein Stuhl,
ein Tisch und so weiter. Sie werden positiv. Das weiB der, wel-
cher in der geistigen Welt lebt. Er weiB auch, daB er immer
umgeben ist von Gedanken als von Machten und Kraften, die
auf uns wirken. Wer Empfanglichkeit dafur hat, der sieht, wel-
che HaBgedanken, welche Gedanken des Wohlwollens die Men-
schen einander zuschicken. Er sieht, wie sie in sie hineinziehen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 31
und er sieht, wie sie abprallen. Es gibt Menschen, die merkwiir-
dig dastehen vor uns; sie stehen da, wie von einem Kristallkor-
per umgeben, in dessen Mitte sie leben. Und an dieser Kristall-
hiille prallen alle ungeeigneten Gedanken ab. Das sind Menschen,
die in solcher Weise meditativ zu leben verstehen, die von innen
heraus ihr Leben zu regeln verstehen.
Sie konnen priifen, ob Ihre Gedankenkontrolle einen Erfolg
hat. Aber nicht dadurch, daB Sie sich sagen: ich denke jetzt rich-
tig -, sondern indem Sie sich einen Barometer zulegen, der In-
nen zeigen kann, wie Ihr Gedankenleben von innen heraus kon-
trolliert wird. Und das ist fur denjenigen, der den Erkenntnis-
pfad geht, das Traumleben. Fur denjenigen, der die Dinge in
Wirklichkeit erkennt, wird es nicht etwa in demselben Sinne
hochgeschatzt wie bei anderen aberglaubischen Menschen. Fur
ihn hat es eine ganz andere Bedeutung als fur den, der es noch
nicht dazu gebracht hat, sein Gedankenleben zu kontrollieren.
Bei den meisten Menschen ist das Traumleben ein wiistes
Durcheinanderwogen. Das hort aber vollstandig auf, wenn wir
uns eine Zeit lang dem meditativen Leben hingegeben haben.
Dann gewinnen die Traume eine tiefe, symbolische Bedeutung.
In der RegelmaBigkeit, in der Schonheit der Traume liegt ein
Barometer fur die Gedankenkontrolle.
Solange man hintaumelt im AuBeren, so lange sind unsere
Traume ein wiistes Abbild des auBeren Lebens. In dem Augen-
blicke aber, wo wir uns wenigstens eine kurze Zeit aussondern,
um kraftig und machtig zu werden gegen alles, was auf uns ein-
sturmt, nehmen unsere Traume eine symbolische Bedeutung an.
Dann mussen wir uns kontrollierend bemuhen, uns zu fragen:
Was mag er mir darstellen, dieser Traum, der so auftritt? -
Das ist auch der Unterschied zwischen den hoheren Traumen
und den niederen. Es ist nicht wahr, daB man Traume und Trau-
me auf ein und dasselbe Blatt schreiben kann. Das Leben, das
der Mensch im Zustande des Schlafes entfaltet, ist bei demjeni-
gen, welcher seinen Geistkorper ausbildet, vollig verschieden von
demjenigen, der das nicht tut. Das weiB der, welcher geistige
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 32
Erfahrungen gemacht hat. Wer nichts anderes weiB, als was die
Augen, die Ohren, die Zunge zu ihm sagen, wer ganz aufgeht in
dieser Sinnenwelt, der kann wahrend des Schlafes nichts anderes
erfahren als eine wiiste Reminiszenz der Sinneseindriicke. Das,
was Sie sich aber in den fiinf Minuten geistig erarbeiten, ist et-
was, was den Geist erregt und in Tatigkeit versetzt; etwas, das
Sie iiberall mitnehmen, gleichviel ob Ihr Korper dabei ist oder
nicht. Wenn dann unsere Traume anfangen, regelmaBig zu wer-
den, zu kleinen Dramen mit einer Entwicklung und regelmaBi-
gen Handlungen werden, dann ist dasjenige tatig, was wir unser
wahres inneres Geistesleben nennen.
Das ist aber ja nur die unterste Stufe. Was sich daran schlie-
Ben muB, ist dies: Wenn Sie die Augenblicke, die Sie aussondern
- die Sie aber nicht dem Berufsleben entziehen diirfen, denn der
Theosoph darf dem Berufsleben nichts entziehen - und fur den
inneren Fortschritt verwenden, dann wird Ihnen etwas auffallen,
was sehr bald eintritt bei denjenigen, die einige Zeit im Meditie-
ren, im inneren Geistesleben zubringen. Es wird Ihnen auffallen,
daB Sie sich in einer ganz anderen Weise an Ihre Traume erin-
nern, als es sonst der Fall war. Das ist jene Kontinuitat des Be-
wuBtseins, die immer mehr eintritt, je weiter der Mensch sich
entwickelt, und die so eintritt, daB Sie sich in Ihrem Selbst ge-
genstandlich werden. Solange Sie sich ganz mit dem Korper iden-
tifizieren, solange es nicht der Geist ist, mit dem Sie eins gewor-
den sind, so lange konnen Sie nicht, wenn Sie entkorpert sind,
das heiBt im Schlafzustande, ein BewuBtsein entwickeln. Daher
der bewuBtlose Zustand des groBten Teiles der Menschheit
wahrend des Schlafes. Erst ganz langsam tritt eine solche Konti-
nuitat des BewuBtseins ein, daB Sie eben wach sind im Schlafe,
wie Sie wach sind im physischen Korper und daB Sie dieses
WachbewuBtsein wieder heriiberbringen in das alltagliche Wach-
bewuBtsein.
Da haben Sie einen MaBstab, etwas, an dem Sie einen Baro-
meter gewinnen konnen gegeniiber dem physischen Leben. Die
Widerstandsfahigkeit gegeniiber dem gewohnlichen Leben wird
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266a Seite:33
erhoht. Der Korper muB werden wie ein Werkzeug. Sie konnen
dann den Korper betrachten auBer sich, neben sich liegend. Im
Geiste aber leben Sie, wenn Sie anfangen, sich zuriickzuziehen
von dem, was mit dem Korper zusammenhangt. Dadurch wer-
den Sie nicht untiichtiger, sondern tiichtiger fur das Leben, denn
der, welcher den Geist kennt, ist immer tiichtiger.
Es kommt also darauf an, daB Sie einen Teil des Tages aus-
sondern, um sich hohen Gedanken hinzugeben, die nichts zu tun
haben mit alltaglicher Selbstsucht, mit Ehrgeiz, mit gewohnlichem
sinnlichen Behagen, und daB Sie das Licht solcher Gedanken in
das alltagliche Leben hineinleuchten lassen.
So haben wir die allerersten Lehren in «Licht auf den Weg»
zu verstehen. Sie wollen den Menschen nicht zur Askese fuhren,
ihn nicht zum Fremdling in dieser Welt machen. Nicht derjenige
entspricht dem theosophischen Ideal, welcher zur Askese kommt,
sondern derjenige, der aus dem gewohnlichen Leben heraus zum
Geiste kommt.
Wenn es also in «Licht auf den Weg» heiBt:
1. Ertote den Ehrgeiz.
2. Ertote die Liebe zum Leben.
3. Ertote den Wunsch nach Behagen.
so heiBt es gleich darauf:
4. Wirke gleich denen, die ehrgeizig sind. Achte das Leben
gleich denen, die's lieben. Sei glticklich gleich dem, der dem
Glucke nur lebt.
Und weiter:
Such in dem Herzen die Wurzel des Bosen und reiBe sie aus.
Der Theosoph muB fiihlen, daB wir ein Glied des Ganzen sind,
daB wir fur alles, was es gibt, mitverantwortlich sind. Wer nicht
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 34
imstande ist, zu fiihlen, daB er mit schuld daran ist, wenn morgen
einer stiehlt, der ist auch nicht imstande zu wissen, wie er mit dem
Ganzen zusammenhangt; er ist nicht imstande, die Wurzel des
Bosen zu suchen. Weil wir nicht die Moglichkeit und Fahigkeit
haben, bei anderen Menschen damit anzufangen, daher heiBt es:
Such in dem Herzen - in deinem Herzen - die Wurzel des
Bosen und reiBe sie aus. Denn es treibt und es wuchert im
Herzen des eifrigen Jungers gleichwie in den Herzen der Kin-
der der Welt.
Niemand darf sich einbilden, gut zu sein - als ob wir das
konnten, als ob wir dies auch nur einen Augenblick konnten -
oder viel besser zu sein als die anderen. Der Gedanke, daB wir
nicht viel besser sein konnen als ein anderer, muB uns vollig er-
fullen. Was haben wir zum Beispiel getan, wenn wir Menschen
gliicklich machen, wahrend wir, weil wir in dieser Weise leben,
wie wir leben, viele unglucklich machen. Unwissenheit ist die
Wurzel des Leidens im Leben. Unwissend, wie wir es haufig sind,
sind wir es, die wir das Messer geschliffen haben demjenigen, der
es zum Bosen verwendet.
Nur der Starke vermag es zu toten. Der Schwache jedoch muB
sein Wachstum erwarten, sein Reifen, sein Sterben.
Durch Weltenalter wachst dies Kraut im Menschen. Es wu-
chert, doch in Blute tritt es erst, wenn vieler Leben Unzahl er
durchlaufen.
Manches ist so, daB es erst in sehr spaten Inkarnationen auftritt:
daB einer, der schon einmal hochgestiegen war, spater tief gefallen
ist. Nicht selten ist es dazu gekommen, daB die Tiefst-Erkennen-
den zu den Tiefst-Gefallenen geworden sind. Jene Abenteurer-
naturen hat man nicht unterscheiden konnen von den GroBen.
Wer der Beherrschung Weg betreten will, muB dieses Kraut
aus seinem Herzen reiBen. Wohl wird alsdann das Herzblut
reichlich flieBen, das ganze Leben wird vernichtet scheinen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:35
Nehmen Sie diesen Spruch fast wortlich, aber im geistigen Sinn.
Nehmen Sie, was im hochsten Sinne und Stile das Leben wert ist.
Sagen Sie sich: Wie unendlich viel Wertvolles habe ich betrachtet,
und wie unendlich viel, um dessentwillen ich gelebt habe, ist viel-
leicht ganz wertlos. Ich muB ein neues Leben beginnen, wenn ich
nicht so leben will, wie ich es gewohnt bin; wenn ich es nicht von
fremdem EinfluB, sondern durch mein eigenes inneres Leben ge-
stagen will. Wir werden dann auBerlich scheinbar keine anderen,
aber wir fuhren das Leben unter anderen Antrieben. Wir werden
es nicht aus Eitelkeit, nicht aus Ehrgeiz, nicht aus Sinnesbehagen
fuhren, denn das werden wir nicht mehr konnen, sondern aus
Pflicht, weil es geschehen muB aus hochster Einsicht heraus.
Die Priifung aber muB bestanden werden. Vielleicht tritt sie
an dich heran schon bei dem ersten Schritt des wagnisvollen
Klimmens hinauf zum Lebensweg, vielleicht beim letzten. Be-
denke wohl: sie muB bestanden werden, - und setze alle Krafte
ans Vollbringen. Nicht in dem Augenblicke darfst du leben,
nicht in der Zukunft, - nur im Ewigen.
Wer im Augenblick lebt, bei dem kann der Seher wahrneh-
men, wie die Gedanken der AuBenwelt sich wie SpieBe in ihn
einbohren. Wer im Ewigen lebt, von dem prallen die Gedanken,
die ihm ungunstig sein konnen, ab. Nicht auBerer Erfolg, nicht
dasjenige, was wir erreichen konnen, ist das, was uns weiterbringt,
sondern daB wir in jedem Augenblicke in dem Ewigen leben. Wir
werden nichts erreichen, wenn wir es mit Gier anstreben. Nicht
in der Zukunft sollen wir leben, nur im Ewigen.
Dort kann dies Riesenunkraut nicht gedeihen: der Hauch schon
eines Ewigkeitsgedankens tilgt diesen Flecken aus von deinem
Dasein.
Dann kommt die Ausbildung des Astralkorpers. So wie wir
durch Gedankenkontrolle arbeiten an dem Mentalkorper, so miis-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 36
sen wir an dem Astralkorper arbeiten dadurch, daB das Gedacht-
nis geordnet wird. Es muB auch kontrolliert, muB zum Gegen-
stand der Priifung gemacht werden. Das iibt einen groBen, be-
deutsamen EinfluB auf das ganze Leben aus. Sie miissen sich ab-
gewohnen, wenn Sie auf Ihre Handlungen zuriickschauen, dabei
egoistische Reuegedanken zu haben. Das, woran Sie sich erinnern,
muB fiir Sie lediglich da sein, damit Sie daran lernen, die Dinge
besser zu machen. Wir miissen von der Vergangenheit lernen und
das Gedachtnis dazu benutzen, daB unsere Seele fahiger wird. Wenn
wir unsere Erinnerung so regeln, daB wir nicht zuriickblicken in
beliebiger Weise, sondern auch fiir das scheinbar Unbedeutendste
so zuriickblicken, damit es fiir uns eine Schule des Lernens wird,
dann starken wir uns das seelische Ruckgrat.
Wenn wir in dieser Weise das Gedachtnis kontrollieren, dann
bildet sich das astrale Schauen heraus. Das macht den Astralkor-
per zu einem Willensorgan, das wir gebrauchen konnen. Der
Tranen miissen wir uns entwohnen, die Antipathie und Sympa-
thie iiberwinden, damit wie die richtige Auffassung unseren
Erinnerungsvorstellungen entgegenbringen konnen.
Wenn wir Herr sind iiber unser Erinnerungs-, iiber unser Vor-
stellungsvermogen, dann haben wir unser vorlaufiges Ziel erreicht.
Wir erkennen, daB derjenige, der das nicht iibt, fortwahrend an
sich spiiren muB, daB er abhangig ist von jedem geistigen Luftzug
in seiner Umgebung, wie ein schwankendes Rohr, das von jedem
Gedanken da und dorthin gerissen wird. Es gibt kein anderes
Mittel, in die Astral- und in die Mentalwelt zu gelangen, als sich
von innen heraus dazu auszubilden. Bei dem, der sein Erinne-
rungsvermogen gliedert, der abendlich die wolkenartigen Gebilde
in regelmaBige Strahlengebilde formt, namentlich die oberen Par-
tien, welche von Herz und Kopf ausgehen, bei dem wird sich zei-
gen, daB der Mensch von innen nach auBen lebt. Wenn der Mensch
so weit ist, dann kann ihm nichts mehr etwas anhaben. In seiner
Gegenwart konnen wir ihm Gedanken zuschicken der iibelsten
Art, sie gehen zuriick, als ob sie ihn nicht beruhrt hatten. Er hat
in der Meditationsarbeit eine geistige Schale um sich gebildet.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 37
DRITTER VORTRAG
Berlin, 21. Februar 1904
Am Ende der letzten Stunde habe ich noch davon gesprochen,
daB der Mensch die Moglichkeit hat, durch ein solch intimes
Mittel wie Gedachtniskontrolle auch auf seinen sogenannten
Astralkorper zu wirken. Ich will heute noch einiges hinzufugen.
Dieser Astralkorper, der uns wie eine Wolke umhiillt, in dem
sich unsere Begierden, Instinkte und Leidenschaften zum Aus-
druck bringen, ist auBerdem der Trager von etwas, was fortwah-
rend in unserem Geiste lebt und arbeitet: er ist der Trager unse-
res Gedachtnisses. Alles, was wir als Gedachtnis oder als Erin-
nerung bezeichnen, haftet an dem Astralkorper. Der Gedanke,
den Sie gestern gefaBt haben, ist heute noch in Ihnen. Er hat aber
keine Moglichkeit, in Ihnen zu bleiben, wenn er nicht im Astral-
korper eingebettet ist, wenn er nicht Schwingungen anregt, die
bleiben und heute wieder zum Dasein zuriickrufen, was Sie ge-
stern als Erlebnis gehabt haben. Nun ist es unmoglich, daB der
Mensch auch nur einen Schritt in der Entwicklung des Astral-
korpers vorwarts macht, wenn er nicht an seinem Erinnerungs-
vermogen, an seinem Gedachtnis arbeitet.
Ich habe gesagt, wie der Mensch arbeiten soil an der strengen
Kontrolle des Denkens, an der Kontrolle des ganzen Gedanken-
lebens; wie er sich klar sein muB, daB seine Gedanken wirkliche
Vorgange sind, daB es die groBte Unwahrhaftigkeit ist, wenn
gesagt wird, daB die Gedanken «zollfrei» sind und daB wir fur
die Gedanken keine Zuschauer haben. Wer wirkliches Schauen
in sich entwickeln will, der muB an seiner Erinnerung, an sei-
nem Gedachtnis arbeiten. Das konnen wir nur dadurch, daB wir
unsere Erinnerungen nicht in wirrer Weise uber den Horizont
unseres BewuBtseins heraufkommen und ebenso wieder ver-
schwinden lassen.
Wie gehen denn unsere Erinnerungen durch unser BewuBt-
sein? Sie kommen und gehen. Der Mensch uberlaBt sich ihnen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:3 8
Der Mensch ist gejagt von auf- und abflutenden Erinnerungen.
Solange er dies ist, ist er auch alien Zufallen und Einfliissen hin-
gegeben, die von auBen auf den Astralkorper fortwahrend aus-
geubt werden. Dies kann nur dadurch beseitigt werden, daB wir
uns taglich eine kurze, wenn auch nur ganz kurze Zeit, der Pfle-
ge unseres Gedachtnisses widmen. Es darf uns das aber nicht
hindern, unseren ganzen ubrigen Lebensverpflichtungen getreu-
lich zu obliegen. Das ist der oberste Grundsatz der Theosophie,
daB niemand dadurch von dem Berufe, den er im Leben hat,
abgehalten wird.
Also nur wenige Minuten taglich fur die Pflege des Gedacht-
nisses sollen tatsachlich Wunder in unserem Astralkorper hervor-
bringen.
Das, was wir erreichen sollen, kann mit wenigen Worten ge-
sagt werden: Wir mussen unser Leben zu einer Schule des Ler-
nens machen. Fur die wenigsten Menschen ist das Leben eine
Schule des Lernens. Die meisten geben sich der Lust und dem
Schmerz hin. Und wenn das Leben an ihnen voriiberzieht, zieht
Schmerz, Freude und Behagen voriiber; sie lernen von ihrem Le-
ben gar nichts. Der Theosoph dagegen sagt sich: Jeder Tag muB
mich vorwartsbringen; jeder Tag muB fur mich eine Stufe der
Entwicklung sein.
Darum laBt der Theosoph keinen Tag vortibergehen, ohne die
wichtigen Ereignisse des Tages vor seinem Geiste, vor seinem
geistigen Blicke voriiberziehen zu lassen. Der beste Augenblick
ist der letzte Augenblick, den wir im wachen Zustande verbrin-
gen: also der Augenblick unmittelbar vor dem Einschlafen. Wenn
wir imstande sind, uns da noch zwei, drei, vier, funf Minuten
mit den Erlebnissen des Tages auszufullen, sie in einer objekti-
ven Weise an uns voriiberziehen zu lassen, dann erreichen wir
fur den Astralkorper vieles.
Wahrend des Tages empfinden wir Lust und Schmerz, Freude
und Behagen. Der Theosoph soil nun nicht etwa sein Leben ab-
stumpfen, sondern er soil lebhaftes Mitgefuhl und lebhaften Ab-
scheu empfinden, und das wahrend des ganzen gewohnlichen
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 39
Tageslebens. Niemand soil ihn da von andern Menschen unter-
scheiden konnen. Unterscheiden soil er sich von den andern nur
wahrend der ausgesonderten vier, fiinf bis zwanzig Minuten.
Dann laBt er die Empfindungen - Lust und Schmerz, Freude und
Unbehagen - nicht in der gewohnlichen Weise an sich voruber-
ziehen, sondern er denkt dariiber nach: Was hat mir Lust und
Schmerz bereitet? Was hat mir Behagen und Unbehagen gemacht?
War diese Lust, war dieser Schmerz berechtigt? Konnte es nicht
anders sein, wenn ich den Gedanken etwas anders angesehen
hatte? Konnte ich das Behagen und Unbehagen nicht in einer
anderen Weise erregen? Konnte ich nicht EinfluB haben auf den
Gang der Ereignisse? Habe ich so gehandelt, wie ich immer han-
deln mochte? Habe ich so gehandelt, daB ich es in Einklang brin-
gen kann mit der ganzen Harmonie der Weltenordnung? - Kurz,
es ist das Hinaufheben des Tageslebens auf einen hoheren Stand-
punkt.
Wenn wir in diesen vier, fiinf bis zwanzig Minuten unsere
Empfindungen betrachten, sie nochmals erleben, aber nicht so,
daB wir den gleichen Eindruck haben, sondern uns objektiv ih-
nen gegenuberstellen, so daB wir unser Sehen sehen, unser H6-
ren horen und uber unseren Schmerz und unsere Lust uns klar
werden, uns klar werden dariiber, ob wir die Lust, den Schmerz
nicht vielleicht verschuldet haben in unserer Trivialitat, kurz, daB
wir uns klar werden uber unsere ganze Stellung in der Welt, dann
haben wir aus unseren Erlebnissen etwas gelernt, dann arbeiten
wir an der Entwicklung unserer Astralorgane.
Derjenige, welcher auf dem Astralplane sehend ist, der schau-
en kann, der kann sehen, wie der Astralleib eines Menschen sich
verandert, wenn dieser wachsam ist und jahrelang diese Ubun-
gen macht. Dann fangt sein Astralleib an, organisiert zu werden.
Wahrend er friiher chaotisch war, ein wahres Durcheinander -
Schlangenlinien in grotesken Windungen konnen Sie in den
Astralleibern der Menschen sehen -, treten jetzt bestimmte
Formen in ihm auf, regelmaBige Formen, er fangt an, sich zu
gliedern.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:4 0
Das kann der Mensch heute gewohnlich zwar noch nicht se-
hen, aber die Pflege des Gedachtnisses ist gerade der Weg, wo-
durch wir instand gesetzt werden, selbst diese Verwandlung bei
uns und unseren Mitmenschen zu sehen. Das, was wir heute er-
lebt haben, ist morgen unsere Erfahrung, und die Erfahrung ist
der Priifstein fiir unsere kunftigen Erlebnisse. Das erhoht unsere
Entwicklung und organisiert unseren Astralkorper. So unbedeu-
tend dies auch erscheint, so sicher wirkt es. Es tragt dazu bei,
daB das geistige Auge geoffnet wird, hineinschaut in die Gefuhle
der anderen, wirklich sehend wird in der geistigen Welt. Und
dann mussen Sie dem zu Hilfe kommen dadurch, daB Sie alles
dasjenige von sich abstreifen, was sich an Ihr Selbst heftet, an
Ihre Eigenheit, an Ihr Sonderwesen. Wenn Sie imstande sind,
irgend etwas, was zu Ihrem Sonderwesen gehort, zu unterdriik-
ken, dann entwickeln Sie dadurch Ihren Astralkorper.
Diejenigen, welche Erfahrung haben, wissen, daB es eine un-
geheure Wirkung hat, wenn es gelingt, folgendes zuwege zu brin-
gen. Der Mensch hat hundert und aberhundert von Meinungen.
Es ist aber sehr unwichtig, ob der A oder der B zu einer Sache
etwas meint. Der Weise meint etwas und der Tolpel auch. Jeder
halt seine Meinung fiir das unendlich Wichtigste, und diese Mei-
nung will er zunachst geltend machen. Daher horen Sie so oft
die Menschen sagen: Ich glaube das, ich glaube jenes. - Versu-
chen Sie daher einmal in der Ruckschau sich klar dariiber zu
werden, wie unbedeutend es ist, wenn man bei jeder Gelegenheit
seine eigene Meinung vorbringt; sie kann ja das Unwichtigste,
das Unrichtigste sein, denn das, was wir meinen, hangt gewohn-
lich von Lust und Unlust ab. Bringen wir es zustande, unsere
Meinung nicht vorzubringen, dann uben wir etwas Wichtiges und
speichern eine ungeheure Kraft auf.
Jede solche unterdnickte Offenbarung des Sonderwesens, jedes
Stillschweigen ist eine neue Anhaufung von Kraft fiir unsere Er-
kenntnis. Je mehr wir imstande sind, zuzuhoren und nicht unsere
Meinung zu sagen, desto rascher steigen wir auf zu den direkten
Erkenntnissen und zum direkten Schauen. Das ist fiir denjenigen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 41
der keinen Einblick hat in die Organisation der menschlichen See-
le, etwas Unglaubliches. Aber ebenso sicher, wie im Akkumulator
die Krafte sich sammeln, so konnen sich die Seelenkrafte akkumu-
lieren, wenn wir unsere Meinungen unterdriicken. Kraft und Star-
ke gibt dies. Wer iiberall Meinungen zu auBern hat, wird nur lang-
sam aufsteigen konnen; wer viel schweigen kann, wer die Dinge
zu sich reden lassen kann, der wird rasch aufsteigen. Das ist eine
goldene Regel in bezug auf die direkte Erkenntnis: Wenn wir nicht
den Dingen unsere Meinungen entgegenhalten, dann werden die
Dinge zu uns sprechen.
Ein sehr bedeutsamer Ausspruch der Geheimlehre sagt: Ich
habe sehr viel gelernt von denjenigen, die uber mir stehen; ich
habe viel gelernt von denjenigen, die gleich mir sind; und ich habe
am meisten gelernt von denjenigen, die unter mir stehen! - Es
ist das Lernen von denen, die unter uns stehen, das Lernen durch
Zuhoren und durch Unterdriicken unserer Meinungen, was uns
in die Hone bringt. Und am meisten lernen wir, wenn wir die
Natur zu uns sprechen lassen und ihr zuhoren. Dann erreichen
wir das, was erreicht werden muB, namlich die Kraft, mit unse-
ren Meinungen wirklich auszusetzen. Haben wir uns die vier bis
funf Minuten gegonnt, um den Astralleib auszubilden, dann
kommt noch etwas anderes.
Was machen die Menschen, wenn sie vor einer Frage stehen?
Sie mag GroBes oder Kleines bedeuten. Was machen da die Men-
schen? Sie denken dariiber nach, zerbrechen sich den Kopf und
glauben, daB sie es sein mussen, welche die Losung der Frage
aus den Tiefen des Denkens herausholen. Wer den Weg der Er-
kenntnis geht, macht es nicht so. Goethe hat es charakterisiert,
wie er auch sonst vieles angedeutet hat als Eingeweihter. Er sagt
einmal: Wir sind nicht berufen, die Frage zu losen, sondern zu-
nachst aufzustellen und zu warten, wie sich die Frage selbst lost.
Unterschatzen Sie diese Art, Fragen zu losen, nicht! Sie wirkt
ganz gewaltig. Wir suchen uns ganz klar die Frage zu stellen,
denken aber nicht uber die Antwort nach, sondern uber die
Mittel, die geeignet sind, die Frage zu losen. Sagen wir, ich stehe
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:4 2
zum Beispiel vor der Frage, ob ein Mensch schuldig ist oder
unschuldig, ob er aus bosem Willen oder aus unschuldigem Her-
zen heraus gehandelt hat. Denke ich dariiber nach, so werde ich
kein richtiges Urteil erhalten. Aber ich werde zu einer Antwort
kommen, wenn ich sein Leben betrachte, soweit es mir zugang-
lich ist; wenn ich mich frage: Was ist mir mit ihm passiert? Wie
ist er mir entgegengetreten? Was sprach er zu mir? Was sprach
er mit anderen Menschen? - Das sind also keine Antworten, son-
dern Fragen, die ich mir selbst geschaffen habe. Die sind zu be-
denken. Wenn ich dies in reger Weise tue und die Antwort un-
terdriicke, so kommt es dazu, daB das Bild, das ich mir schaffe,
selbst die Antwort gibt. Mich schalte ich gleichsam aus.
Wenn Sie dies mit all Ihrer Willenskraft tun, sich ausschalten,
so daB Ihr Selbst nicht dabei ist, daB Ihr Denken unterdriickt
ist, wenn Sie sich uberwinden dazu, sich keine Antwort zu ge-
ben, sondern mit der vorbereiteten Frage einschlafen, dann wer-
den Sie die Erfahrung machen, daB Sie morgens aufwachen wer-
den mit einer Antwort, die viel richtiger und sicherer ist, als die,
welche sich Ihnen abends hatte ergeben konnen. Wahrend Ihr
physischer Korper ruhte, war Ihr Geist entkorpert und hat die
Mittel zur Beantwortung der Frage aus den hoheren Welten ge-
holt. Es empfiehlt sich, einen Bleistift sich zurecht zu legen, denn
man muB morgens beim Erwachen die Antwort gleich aufschrei-
ben. UnterlaBt man es, so vergiBt man sie wieder, weil man
unter ganz andere Einfliisse kommt.
Der ohrenbetaubende Larm des Alltags laBt die Menschen
nicht dazu kommen, die hoheren geistigen Fahigkeiten auszubil-
den. Deshalb mussen wir lernen, durch diese Ubungen, die jeder
kennt, der sich mit dem intimeren Geistes- und Seelenleben be-
kannt macht, das Alltagsleben fur kurze Zeit vor uns verschwin-
den zu lassen. Sind wir dazu imstande, so konnen wir in diesen
ausgesonderten Momenten das entwickeln, was die Theosophen
«Spiritualitat», «geistiges Schauen» nennen. Eine ganz neue Welt
geht dann um uns herum auf.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:4 3
VIERTER VORTRAG
Berlin, 14. Marz 1904
Ich mochte zunachst das eine bemerken, daB Sie nicht unterschat-
zen sollten die Stimmung, in die der Mensch sich zu versetzen
hat, um dem Weltall gegeniiber das richtige Verhaltnis zu haben.
Fur denjenigen, der noch nicht auf dem Pfade der Erkenntnis
ist, ist diese Stimmung vielleicht etwas, was scheinbar keine durch-
greifende Bedeutung hat. Sie hat sie aber. Aus diesem Grunde
haben auch alle Religionen die Menschen durch das Gebet zu
dieser Stimmung zu erziehen versucht, und auch das Gebet, das
von Esoterikern ausgegangen ist, hat keinen anderen Sinn.
Damit Sie die Bedeutung einer solchen Stimmung gegeniiber
dem Universum richtig wiirdigen, mochte ich zunachst einmal
zeigen, wie nicht allein solche, die in bezug auf ihr inneres Le-
ben vorwartskommen wollen, sondern auch solche, die in der Er-
kenntnis der AuBenwelt vorwartskommen wollen, sich dadurch
die Wege ebnen.
Man hat in unserem materialistischen Zeitalter uber groBe
Entdecker und Pfadfinder manche recht irrtumliche Meinungen.
Insbesondere unter denen, die sich mit den Wissenschaften be-
schaftigen, glauben viele von vorneherein, daB die Wissenschaf-
ten zum Unglauben, zum Leugnen der geistigen Welt fuhren.
Darum mochte ich Ihnen heute von der Stimmung eines groBen
Geistes erzahlen, dessen Namen ich Ihnen erst nennen werde,
wenn ich Ihnen ein paar seiner Ausspriiche vorgelesen haben
werde. Denn diese Ausspriiche zeigen, wie er zu den groBen Ent-
deckungen, die eine Wohltat fur die neuere Zeit geworden sind,
gekommen ist dadurch, daB er einen intimeren Zusammenhang
mit dem das ganze Universum durchflutenden Geiste hatte. Er
sagt:
«Wahr ist's, daB der gottliche Ruf, welcher die Menschen
Astronomie lernen heiBt, in der Welt selbst geschrieben steht,
nicht zwar in Worten und Silben, aber der Sache nach vermoge
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 44
der Angemessenheit der menschlichen Begriffe und Sinne zu der
Verkettung der himmlischen Korper und Zustande. Ein verbor-
genes Schicksal treibt den einen Menschen zu diesem, den ande-
ren zu jenem Beruf, damit sie iiberzeugt werden, daB sie, wie sie
ein Teil des Schopfungswerkes sind, so auch unter der Leitung
der gottlichen Vorsehung stehen.»
Ein anderer Satz desselben Mannes:
«Was ich vor 25 Jahren vorausgeahnt habe [...] das habe ich
also [...] endlich ans Licht gebracht. In einem hoheren MaBe als
ich je hoffen konnte, habe ich als durchaus wahr und richtig er-
kannt, daB sich die ganze Welt der Harmonik, so groB sie ist,
mit alien ihren im III. Buch auseinandergesetzten Teilen bei den
himmlischen Bewegungen findet, zwar nicht in der Art, wie ich
mir vorgestellt hatte (und das ist nicht der letzte Teil meiner Freu-
de), sondern in einer ganz anderen, zugleich hochst ausgezeich-
neten und vollkommenen Weise. In der Zwischenzeit, in der mich
die hochst muhsame Verbesserung der Theorie der Himmelsbe-
wegungen in Spannung hielt, kam zu besonderer Steigerung mei-
nes leidenschaftlichen Wissensverlangens und zum Ansporn mei-
nes Vorsatzes die Lektiire der harmonischen Schrift des Ptole-
maus hinzu [...] Darin fand ich wider Erwarten und zu meiner
hochsten Verwunderung, daB sich fast das ganze III. Buch schon
vor 1500 Jahren mit einer gleichen Betrachtung der himmlischen
Harmonie beschaftigte. Allein es fehlte zu jener Zeit der Astro-
nomie noch vieles. [...] Mich jedoch hat in der nachdriicklichen
Verfolgung meines Vorhabens nicht nur der niedere Stand der
alten Astronomie gewaltig bestarkt, sondern auch die auffallend
genaue Ubereinstimmung unserer funfzehn Jahrhunderte ausein-
anderliegenden Betrachtungen. Denn wozu bedarf es vieler Wor-
te? Die Natur selber wollte sich den Menschen offenbaren durch
den Mund von Mannern, die sich zu ganz verschiedenen Jahr-
hunderten an ihre Deutung machten. Es liegt ein Fingerzeig
Gottes darin, um mit den Hebraern zu reden, daB im Geist von
zwei Mannern, die sich ganz der Betrachtung der Natur hinge-
geben hatten, der gleiche Gedanke an die harmonische Gestal-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 45
tung der Welt auftauchte; denn keiner war Fiihrer des andern
beim Beschreiten dieses Weges. Jetzt, nachdem vor achtzehn
Monaten das erste Morgenlicht, vor drei Monaten der helle Tag,
vor ganz wenigen Tagen aber die voile Sonne einer hochst wun-
derbaren Schau aufgegangen ist, halt mich nichts zuriick ...»
Diese Worte hat der groBe Astronom Johannes Kepler ge-
schrieben, der zum ersten Mai die Menschen gelehrt hat, wie die
Planeten sich bewegen, welche Bahnen sie einschlagen. Daraus
werden Sie ersehen, daB es gegeniiber wahrer Wissenschaft sich
nicht handeln kann um den Unglauben an den Geist und daB
derjenige eine ganz merkwurdige Lage einnehmen wiirde, der
heute auf Grundlage solcher Entdeckungen, wie sie Kepler, Ko-
pernikus, Galilei und so weiter gemacht haben, behaupten woll-
te, daB die Welt nicht vom Geist durchflutet sei, daB eine geisti-
ge Anschauung der Welt iiberwunden sei. Denn denjenigen,
welche aus dieser andachtigen Stimmung heraus wie Kepler die
Entdeckungen der Naturwissenschaft gemacht haben, ist die Har-
monie des Weltsystems aufgegangen.
Wozu wir uns aufschwingen mussen, das ist zunachst, daB wir
erkennen, daB des Menschen Personlichkeit noch nicht sein wah-
res Selbst ist, sondern daB dieses wahre Selbst etwas ist, zu dem
wir aufstreben mussen, etwas, das sich in uns immer mehr und
mehr entwickeln muB durch die Inkarnationen. Das meint auch
Goethe, wenn er sagt: «Wer immer strebend sich bemuht, den
konnen wir erlosen. Und hat an ihm die Liebe gar von oben
teilgenommen, begegnet ihm die sel'ge Schar mit herzlichem
Willkommen!» Und Christus hat mit dem Ausdruck «Gnade»
nichts anderes gemeint als die «Buddhi», die sich herunterneigt
und unser Selbst hinaufzieht zu sich.
Buddhi ist Gnade. Und dieses fortwahrende Aufstreben zu den
Gefilden, welche der Theosoph die Ebene, den Plan der Buddhi,
den Plan der Gluckseligkeit nennt, ist es, was uns Erkenntnis
bringt. Und jeder wahre Erkenner, jeder, der es zur Erkenntnis
brachte, der Erkenntnis hatte, ist sich bewuBt geworden, von der
Natur zur Gnade und von da zur Herrlichkeit gekommen zu sein.
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 46
Und das war das Gebet Keplers. Als er die ganze Bedeutung
seiner Entdeckung in sich fiihlte, da war er nicht der hochmuti-
ge Gelehrte, der sagte, er habe das jetzt gefunden, sondern Kep-
lers Stimmung war die Stimmung, aus welcher seine groBe Ent-
deckung geboren ist und diese Stimmung war diese:
«0 du, der du durch das Licht der Natur Verlangen in uns
weckest nach dem Licht der Gnade, um durch dieses uns iiber-
zufuhren zum Licht der Herrlichkeit, ich sage dir Dank, Herr
und Schopfer, daB du mich erfreut hast durch deine Schopfung
und daB ich uber den Werken deiner Hande frohlockt habe; sie-
he, nun habe ich vollendet das Werk meines Berufes, ausniitzend
das MaB der Krafte, das du mir verliehen; ich habe die Herrlich-
keit deiner Werke den Menschen offenbart, soviel mein be-
schrankter Verstand deine Unendlichkeit zu fassen vermochte. Ist
etwas von mir vorgebracht worden, das deiner unwiirdig ist, oder
habe ich eigene Ehre gesucht, so verzeihe mir gnadiglich.»
Die menschliche Seele wird oftmals ein Spiegelbild der gottli-
chen Wesenheit genannt. Vertieft man sich in dieses Bild, so wird
einem klar, daB man seine Wesenheit nicht in sich, sondern auBer
sich hat, daB das hohere Selbst auBerhalb ist und wir es nur spie-
geln konnen. Dann wird man sich aber auch klar, daB der Mensch
teilhaftig ist des hoheren Selbstes, teilhaftig ist einer ewigen We-
senheit. DaB die Bilder der Theosophen nicht willkurlich sind, das
moge Ihnen wiederum ein Ausspruch Keplers beweisen, ein Aus-
spruch uber die Seele, der so vollig ubereinstimmt mit dem, was
die theosophische Wahrheit uber die Seele ist: Uber die Seele den-
ke ich ungefahr so, wie von Spiegeln, welche die Sonne bescheint.
Hort man auf, sie sinnlich zu empfinden, so horen sie doch nicht
auf zu sein. Es liegt in ihnen der Ausdruck des Gottlichen. Was in
diesem materialisiert ist, lost sich auf. -
Was Kepler gesprochen hat, hat er erlauscht von dem Geiste,
der zu ihm gesprochen hat. Dies ist hier angefuhrt, um zu zei-
gen, wie bei allem die andachtige Stimmung in Betracht kommt.
Niemand sonst kann eine hohere Erkenntnis gewinnen als derje-
nige, der zunachst glaubt und sich selbst zum Erkennen aufstei-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 47
gen heiBt. Wer weiB, daB der Mensch bei jedem Gedanken einen
gottlichen Strom in sich einstromen laBt, wer sich dessen bewuBt
ist, der erhalt als Folgeerscheinung die Gabe der hoheren Erkennt-
nis. Wer weiB, daB Erkenntnis Kommunion ist, der weiB auch,
daB sie nichts anderes ist, als dasjenige, was sich symbolisiert in
dem Abendmahl.
So heilig, so groB als es nur zu fassen ist, soil es vorgestellt
werden als die Vereinigung mit dem Weltgeist. Wer sich unwiir-
dig fiihlen konnte, nun - der muB sich eben durchringen, muB
sich wiirdig und fahig machen zu der Erkenntnis. Die andachti-
ge Stimmung ist etwas, was Wunder wirkt auf diesem Gebiete.
Wer die Stimmung des Aburteilens gar nicht kennt, der ist auf
dem richtigen Pfade.
Die Jugend macht gewohnlich den Fehler, zu fruh zu urtei-
len, wenn sie sagt: ich steh auf dem und dem Standpunkt der
Erkenntnis. - Der junge Mensch muB mit Ehrerbietung und
Achtung die Wissenschaft aufnehmen. Es ist ein Unterschied
zwischen dem, der von Jugend auf kritisiert, und dem, der an-
dachtig aufnimmt. Der Talmud fuhrt sieben Eigenschaften an fiir
denjenigen, der weise werden will:
1. Er ergreift nicht das Wort zuerst, wenn ein GroBer zugegen ist.
2. Er fallt niemandem in die Rede.
3. Er antwortet nicht voreilig, bevor er gedacht hat.
4. Er fragt und antwortet sachgemaB.
5. Er behandelt eines um das andere nach der Ordnung.
Diese funfte Regel ist eine goldene Regel fiir die Gegenwart.
Gehen Sie in Hunderte von Versammlungen unserer Zeit und
sehen Sie einmal, ob Sie in diesen finden konnen, daB die Dinge
sachgemaB, nach der Ordnung behandelt werden.
6. Von dem, was er nicht weiB, gesteht er: ich weiB es nicht.
7. Er bekennt seinen Irrtum, wenn er glaubt, einen begangen
zu haben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:4 8
Das sind wichtige Satze, die aussehen wie ganz profane Lebens-
regeln, die aber unendlich wichtig sind, weil sie Ehrerbietung vor
der Erkenntnis anregen, und das ist es, was mehr wirkt fur die
spirituelle Erkenntnis als alles andere. Man muB die Erfahrung
gemacht haben, wie verschieden die Auren sind der jungen Men-
schen, welche diese ehrerbietige Stimmung haben und derjenigen
jungen Menschen, welche sie nicht haben. Der Hellseher kann
genau unterscheiden, ob jemand, sagen wir, in einem Horsaale sitzt
und mit wirklicher Ehrerbietung lauscht, denn dann hat er die
blauen und violetten Strahlen und Stromungen in seiner Aura. Und
dann auch kann man genau unterscheiden diejenigen Zuhorer -
namentlich in der Studentenschaft sind sie haufig -, die schon mit
zwanzig Jahren den Gedanken hegen und ihn auch aussprechen:
Ich stehe auf diesem Standpunkt; das erscheint mir richtig, das
erscheint mir falsch. - Dagegen gibt es junge Leute, welche mit
einer heiligen Scheu nur ergreifen die Klinke der Tur, die zu ir-
gendeinem groBen Manne fuhrt. Und diese kommen am allerhoch-
sten und allerweitesten in der Erkenntnis.
Und dann ist von Bedeutung, daB wir in unseren Gedanken-
gangen Ordnung halten. Die folgenden Worte in «Licht auf den
Weg» scheinen einen Wider spruch zu enthalten. Aber damit muB
der, welcher hoher kommen will, leben. Er muB zwei entgegen-
gesetzte Satze vor sich haben:
9. Trachte nach dem nur, was in dir wohnt.
10. Trachte nach dem nur, was jenseits des Selbsts liegt.
Sie werden vielleicht fragen: Brauche ich denn alle beiden Sat-
ze und wozu? -Jawohl, wir brauchen sie beide. Und wir wollen
uns beide Satze klarmachen, denn darinnen besteht namlich die
Gedankenkontrolle. Wir mussen sie iiben, damit wir nicht eine
Wahrheit uns einseitig klarmachen, sondern die Welt von alien
Seiten betrachten.
Nehmen wir zuerst den Satz: «Trachte nach dem nur, was in
dir wohnt», und dann den zweiten Satz, den zweiten Gedanken:
«Trachte nach dem nur, was jenseits des Selbsts liegt.»
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 49
Das Leben wechselt zwischen Gut und Bose, zwischen Schon-
heit und HaBlichkeit und so weiter. Das sind Dinge, die sich
immer widersprechen. Wir werden das Leben des Geistes aber
nur kennenlernen, wenn wir in den Einzelheiten nicht stecken-
bleiben. Wir stoBen uns einfach nicht an den Widerspriichen,
sondern begreifen, daB die Widerspriiche das Leben bedeuten.
Auf diese Weise iiben wir Gedankenkontrolle, daB wir uns
stets klar sind: Wenn wir einen Gedanken gefaBt haben, so mus-
sen wir gleich den entsprechenden anderen suchen, der sich zu
dem ersteren verhalt wie der Hunger zur Sattheit. Dadurch wird
die eine Seite des Gedankens durch die andere erganzt, so wie
Licht und Schatten, Positiv und Negativ einander erganzen. So
mussen also die Gedanken in uns streng nach der Ordnung ver-
laufen. Merken wir uns also die Regel: Fuge zu jedem Gedanken
den entgegengesetzten! - Wer dies beachtet, wird in lebendiger
Spiritualitat allmahlich leben konnen. Er wird leben in einem
geistigen Leben, das hoher ist als das sinnliche.
Wenn wir eine Stufe erreicht haben, so mussen wir uns klar
sein, daB noch eine hohere Stufe iiber uns liegt. Alles, was wir
jetzt erreichen konnen, sind ja so niedrige Stufen gegeniiber dem,
was wir noch erreichen mussen. Nicht umsonst hat die christliche
Weisheit gesagt: Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es ge-
hort, was Gott denen zeigen wird, die ihm liebend entgegengehen.
Der zehnte Gedanke in «Licht auf den Weg»: «Trachte nach
dem nur, was jenseits des Selbsts liegt» wird kontrolliert durch
den elften:
11. Trachte nach dem nur, was stets unerreichbar ist.
Der Schreiber von «Licht auf den Weg» hat unter dem Ein-
fluB eines hochentwickelten Meisters geschrieben. «Licht auf den
Weg» ist inspiriert von einem abendlandischen Meister, welcher
ganz wortlich jeden einzelnen Satz in die Feder sorgfaltig dik-
tierte. Derjenige, welcher das Buch geschrieben hat, war bloB der
Schreiber, das schreibende Medium.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:5 0
Im Sinne dieses Satzes: «Trachte nach dem nur, was stets un-
erreichbar ist.» sagt auch Goethe auf der Hone seiner Erkennt-
nis: Nur den lob ich mir, der Unerreichbares begehrt.
Es kommt nicht darauf an, daB man diese Satze versteht, daB
man imstande ist, sie sich verstandesmaBig klarzumachen. Viel
wichtiger ist es, mit drei solchen Satzen den Tag zu beginnen, ganz
gleich, wie Sie sie verstanden haben. Beginnen wir zum Beispiel
mit dem Satz: «Trachte nach dem nur, was stets unerreichbar ist».
Fur den, welcher mit diesem Satze lebt, wird er eine innere Kraft
werden; er wird ihm eigen. Dann ist aber auch eine Anderung in
der Aura zu finden. An gewissen Stellen der Aura finden sich et-
was dunklere Kreise. Je mehr sich der Mensch entwickelt, desto
mehr verwandeln sich diese dunklen Stellen, welche wie Rader
aussehen. Und wenn der Mensch anfangt, solche Satze sich in ein-
samer Gedankenarbeit zu eigen zu machen, dann fangen diese
Rader an sich zu drehen. Das sind die «Rader», von denen die
Schriften der Inder und die Vertreter der alten Religionen spre-
chen. Das sind die «Chakrams», und wenn diese beginnen sich zu
drehen, dann beginnt die hohere Erkenntnis.
12. Denn in dir wohnt das Licht der Welt, - das einzige, das
deinen Weg bestrahlt. Vermagst du nicht, es in dir zu er-
kennen, du wirst es anderwarts vergebens suchen. Und
dennoch liegt es jenseits deiner Selbst. Dringst du zu ihm,
hast du dich selbst verloren. Und unerreichbar ist's, denn
immer weicht's zunick. In seinen Lichtkreis magst du drin-
gen, doch seine Flamme wirst du nie beriihren.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 51
Aufzeichnung Rudolf Steiners zum Vortrag Berlin, 14. Marz 1904, vgl. S. 48
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 52
Handschriftliche Widmung Rudolf Steiners in Marie von Sivers' Exemplar
von «Licht auf den Weg»
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Jl. Sh .
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 53
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite
n
MEDITATIONSTEXTE NACH
NIEDERSCHRIFTEN RUDOLF STEINERS
Aufzeichnungen von zwei esoterischen Stunden,
Berlin 4. und 24. Oktober 1905
Meditations spriiche ,
mit denen die esoterischen Stunden
eroffnet und geschlossen wurden
Fiinf individuell gegebene
sogenannte Hauptiibungen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 55
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buoh: 266a Seite
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 4. Oktober 1905
AUM
«Suche den Weg»
«Suche den Weg in der inneren Versenkung»
«Suche den Weg, indem kiihn du heraus aus dir selbst trittst.»*
Nur scheinbar widersprechen sich die beiden letzten Satze. In
Wahrheit driicken sie zwei ganz auBerordentlich richtige Tat-
sachen aus.
Die innere Versenkung ist namlich die erste Halfte eines We-
ges. Zunachst lebt der Mensch auf seiner gegenwartigen Entwik-
kelungsstufe in den Sinneswahrnehmungen der AuBenwelt. Auch
wenn er mit seinem Verstande und seiner Vernunft diese Sinnes-
eindriicke verarbeitet, bleibt er doch «im AuBen».
Macht er sich nun frei von den Sinneseindriicken, zieht er sich
in sich selbst zuriick, so bleibt ihm die Kraft des Denkens. Die-
ses Denken ist dann ausgeleert von dem auBeren Inhalte. Das ist
die «innere Versenkung». Aber eben deshalb, weil das Denken
«entleert» ist, kann ihm nun neuer Inhalt von Innen zuflieBen.
Und dieser Inhalt ist geistiger Art, wie der vorhergehende sinn-
licher Art war. - Eben dadurch aber tritt nun der Mensch wie-
der aus sich heraus. Er tritt aus der Sphare des niederen Ich in
die «geistige AuBenwelt». Und das wird mit dem Satze angedeu-
tet: «Suche den Weg, indem kiihn du heraus aus dir selbst trittst».
Nun verbindet der Mystiker mit der Silbe AUM alle drei
Satze. Das A ist zunachst das Festhalten des Zustandes, in dem
sich der Mensch immer befindet auf der gegenwartigen Stufe sei-
ner Evolution.
Das U ist das Sinnbild der inneren Versenkung und das M ist
der Heraustritt in die geistige AuBenwelt.
Satze aus «Licht auf den Weg».
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:5 7
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 24. Oktober 1905
Der Spruch: Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich,
Ich bin dies Selbst
erhebt uns jeden Morgen zu unserem hoheren Selbst. Solche Sprii-
che sind nicht durch die Willkur einer Personlichkeit ersonnen,
sondern sie sind herausgeholt aus der geistigen Welt. Viel mehr
ist deshalb in ihnen enthalten, als man gewohnlich glaubt. Und
man denkt dann richtig iiber sie, wenn man voraussetzt, daB man
ihren Inhalt nie ganz ergriinden kann, sondern immer mehr in
ihnen finden kann, je mehr man sich in sie vertieft. Von der Eso-
terischen Schule konnen daher immer nur einzelne Hinweise gege-
ben werden, wie man den Inhalt sucht. Einige solche Hinweise
werden im Folgenden gegeben.
Strahlender als die Sonne
Der Mensch sieht die Gegenstande um sich herum nur, wenn
diese von der Sonne beschienen werden. Was sie sichtbar macht,
sind die von ihnen in das Auge des Beschauers zunickgeworfe-
nen Sonnenstrahlen. Ware kein Licht, so waren die Dinge nicht
sichtbar. Aber durch dieses auBere Licht werden nur die Gegen-
stande der physischen Welt sichtbar. Ein Licht, das «Strahlender
ist als die Sonne», muB dem Menschen leuchten, wenn er die
seelischen und die geistigen Wesen und Dinge sehen soil. Dieses
Licht geht von keiner auBeren Sonne aus. Es geht aus von der
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 58
Lichtquelle, die wir in uns selbst entziinden, wenn wir in un-
serm Innern das hohere, ewige Selbst aufsuchen. Dieses hohere
Selbst ist andern Ursprungs als das niedere Selbst. Das letztere
empfindet die alltagliche Umgebung. Aber, was in dieser alltag-
lichen Umgebung lebt, ist einmal entstanden und wird vergehen.
Was wir daran empfinden, hat so selbst nur einen verganglichen
Wert. Und aus solchen Empfindungen und den Gedanken dar-
iiber ist auch unser vergangliches Selbst aufgebaut. Alle Dinge,
welche durch die Sonne sichtbar werden, sie sind einmal nicht
gewesen und sie werden einmal nicht mehr sein. Und auch die
Sonne ist einmal entstanden und wird dereinst vergehen. Aber
die Seele ist gerade dazu da, in den Dingen das Ewige zu erken-
nen. Wenn einstmals die ganze Erde nicht mehr sein wird, dann
werden noch die Seelen sein, die sie bewohnt haben. Und was
diese Seelen auf der Erde erlebt haben, das werden sie als eine
Erinnerung anderswohin tragen. Es ist, wie wenn mir ein Mensch
Gutes getan hat. Die Tat vergeht. Aber was er in meine Seele
dadurch verpflanzt hat, das bleibt. Und das Band von Liebe, das
dadurch mich mit ihm verbunden hat, das vergeht nicht. Was man
erlebt, ist immer der Ursprung von etwas Bleibendem in uns. Wir
selbst holen so aus den Dingen das Bleibende heraus und tragen
es in die Ewigkeit hinuber. Und wenn die Menschen dereinst auf
einen ganz anderen Schauplatz verpflanzt werden, dann werden
sie das mitbringen, was sie hier gesammelt haben. Und ihre Ta-
ten in der neuen Welt werden aus der Erinnerung an die alte
gewoben sein. Denn kein Same ist, der nicht Frucht erzeugt. Sind
wir mit einem Menschen in Liebe verbunden, so ist diese Liebe
ein Same, und die Frucht erleben wir in aller Zukunft, indem
wir mit einem solchen Menschen zusammengehoren in aller Zu-
kunft. So lebt etwas in uns, was mit der gottlichen Kraft verwo-
ben ist, die alle Dinge zum ewigen Weltgewebe verbindet. Die-
ses «Etwas» ist unser hoheres Selbst. Und dieses ist «strahlender
als die Sonne». Das Licht der Sonne beleuchtet nur einen Men-
schen von auBen. Meine Seelensonne beleuchtet ihn von innen.
Deshalb ist sie strahlender als die Sonne.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 59
Reiner als der Schnee
In sich ist jedes Ding rein. Verunreinigt kann es nur werden,
wenn es sich mit anderem verbindet, was nicht so mit ihm
verbunden sein sollte. Das Wasser fur sich ist rein. Aber auch
das, was als der Schmutz im Wasser enthalten ist, ware rein, wenn
es in sich ware, wenn es sich nicht unrechtmaBigerweise mit dem
Wasser verbunden hatte. Kohle fur sich ist rein. Zum Schmutze
wird sie nur, wenn sie sich mit dem Wasser unrichtig verbindet.
Wenn nun das Wasser seine eigene Form im Schneekristall an-
nimmt, dann sondert sie aus alles, was sich unrechtmaBig mit ihm
verbunden hat. So wird die Menschenseele rein, wenn sie alles
aussondert, was zu Unrecht mit ihr verbunden ist. Und zu ihr
gehort das Gottliche, das Unvergangliche. Jedes Ideal, jeder Ge-
danke an etwas GroBes und Schones gehort zur inneren Form
der Seele. Und wenn sie sich auf solche Ideale, auf solche Ge-
danken besinnt, dann reinigt sie sich, wie sich das Wasser rei-
nigt, wenn es Schneekristall wird. Und weil das Geistige reiner
als aller Stoff ist, so ist das «hohere Selbst», das heiBt die Seele,
die im Hohen lebt, «reiner als der Schnee».
Feiner als der Ather
Der Ather ist der feinste Stoff. Aber aller Stoff ist noch dicht im
Verhaltnis zum Seelischen. Nicht das Dichte ist das Bleibende,
sondern das «Feine». Der Stein, an den man denkt als Stoff, ver-
geht als Stoff. Aber der Gedanke an den Stein, der in der Seele
lebt, bleibt. Gott hat diesen Gedanken gedacht. Und er hat dar-
aus den dichten Stein gemacht. Wie das Eis nur verdichtetes
Wasser ist, so ist der Stein nur ein verdichteter Gedanke Gottes.
Alle Dinge sind solche verdichtete Gedanken Gottes. «Das ho-
here Selbst» aber lost alle Dinge auf, und in ihm leben dann die
Gottesgedanken. Und wenn von solchen Gottesgedanken das
Selbst gewoben ist, dann ist es «feiner als der Ather».
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:6 0
Der Geist in meinem Herzen
Erst dann hat der Mensch ein Ding begriffen, wenn er es mit
dem Herzen erfaBt hat. Verstand und Vernunft sind bloB Ver-
mittler fur die Auffassung des Herzens. Durch Verstand und
Vernunft dringt man zu den Gottesgedanken. Aber wenn man
so den Gedanken hat, dann muB man ihn lieben lernen. Der
Mensch lernt nach und nach alle Dinge lieben. Das will nicht
sagen, daB er urteilslos sein Herz an alles hangen soil, was ihm
begegnet. Denn unsere Erfahrung ist zunachst eine trugerische.
Aber wenn man sich bemuht, ein Wesen oder Ding auf seinen
gottlichen Grund hin zu erforschen, dann beginnt man es auch
zu lieben. Wenn ich einen verworfenen Menschen vor mir habe,
so soil ich nicht etwa seine Verworfenheit lieben. Dadurch wur-
de ich nur im Irrtum sein, und ihm wurde ich nicht helfen. Wenn
ich aber dariiber nachdenke, wie dieser Mensch zu seiner Ver-
worfenheit gekommen ist, und wenn ich ihm beistehe, die Ver-
worfenheit abzulegen, dann helfe ich ihm, und ich selbst ringe
mich zur Wahrheit durch. Ich muB uberall suchen, wie ich lie-
ben kann. Gott ist in alien Dingen, aber dieses Gottliche in ei-
nem Dinge muB ich erst suchen. Nicht die AuBenseite eines
Wesens oder Dinges soil ich ohne weiteres lieben, denn diese ist
trugerisch, und da konnte ich leicht den Irrtum lieben. Aber hin-
ter aller Illusion liegt die Wahrheit, und die kann man immer
lieben. Und sucht das Herz die Liebe der Wahrheit in alien
Wesen, dann lebt der «Geist im Herzen». Solche Liebe ist das
Kleid, das die Seele immer tragen soli. Dann webt sie selbst das
Gottliche in die Dinge hinein.
Die Mitglieder der Schule sollen manche freie Minute des Tages
benutzen, um solche Gedanken an die gottlichen Weisheitssprii-
che zu knupfen, die uns von den Meistern aus einer unermeBlich
groBen Welterfahrung gegeben sind. Nie sollten sie glauben, daB
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 61
sie einen solchen Spruch schon ganz verstanden haben, sondern
immer voraussetzen, daB noch mehr darinnenliegt, als sie schon
gefunden haben. Durch solche Gesinnung erlangt man das Ge-
fiihl, daB in aller wahren Weisheit der Schliissel liegt zum
Unendlichen, und man verbindet sich durch solche Gesinnung
mit diesem Unendlichen.
Nicht darauf kommt es an, daB man viele Satze meditiert, son-
dern darauf, daB man weniges immer wieder in der ruhig gewor-
denen Seele leben laBt.
In der Meditation selbst soil man wenig spekulieren, sondern
gelassen den Inhalt der Meditationssatze auf sich wirken lassen.
Aber aufier der Meditation in den freien Augenblicken des Ta-
ges soil man immer wieder auf den Inhalt der Meditationssatze
zuruckkommen und sehen, welche Betrachtungen man aus ihnen
saugen kann. Dann werden sie lebendige Kraft, die sich in die
Seele senkt und diese stark und kraftig macht. Denn wenn die
Seele sich mit der ewigen Wahrheit verbindet, lebt sie selbst im
Ewigen. Und wenn die Seele im Ewigen lebt, dann haben die
hoheren Wesen den Zugang zu ihr und konnen ihre eigene Kraft
in sie senken.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:6 2
Meditationen,
die das Zeitwesen der Hierarchien erfassen
Spriiche an den jeweiligen Geist des Tages,
sogenannte Tagesspriiche, mit denen
von einem gewissen Zeitpunkte an
die esoterischen Stunden begonnen wurden*
«... sieben Spriiche,** die sich auf die sieben Wochentage vertei-
len. Man iibt sie so, daB man sich am Freitag in den fur Sonn-
abend, am Sonnabend in den fur Sonntag usw. vertieft.*** Sie
konnen dies mehrmals im Tage machen und versuchen, 20 bis 30
Minuten die Tiefe eines solchen Spruches auszuschopfen. Sie
werden sehr viel davon haben fur die Gewinnung eines Zusam-
menhanges mit dem Mysterium der alldurchdringenden Sieben-
heit.»
Rudolf Steiner an Michael Bauer
4. August 1907 (GA 264)
Die von den Handschriften abweichende gedruckte Zeilengliederung wurde von
Marie Steiner fur den Erstdruck vorgenommen und beruht offensichtlich auf
der Art, wie die Spriiche von Rudolf Steiner gesprochen worden sind.
Zum achten Spruch siehe unter Hinweise S. 571.
Der Tag fangt im okkulten Sinne um sechs Uhr nachmittags an.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 63
Freitag Abend fur Sonnabend Saturn
GroBer umfassender Geist,
der Du den endlosen Raum erfulltest,
als von meinen Leibesgliedern
keines noch vorhanden war:
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Kraft.
Du sandtest Deine Krafte aus,
und in der Erde Urbeginn spiegelte sich
meiner Leibesform erstes Urbild.
In Deinen ausgesandten Kraften
war ich selbst.
Du warst.
Mein Urbild schaute Dich an.
Es schaute mich selbst an,
der ich war ein Teil von Dir.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 64
«U um+ a* Jti JLu^c^U^ -JGyr^
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 65
Sonnabendabend fur Sonntag Sonne
GroBer umfassender Geist,
viele Urbilder sproBten aus Deinem Leben,
damals, als meine Lebenskrafte
noch nicht vorhanden waren.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Krafte.
Du verbandest Dich
mit der Erde Urbeginn
zur Lebenssonne
und gabest mir die Lebenskraft.
In Deinen strahlenden Lebenskraften
war ich selbst.
Du warst.
Meine Lebenskraft strahlte in der Deinen
in den Raum.
Mein Leib begann sein Werden
in der Zeit.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:6 6
Jfl^A fr-L^/-^ C^WD j^w I^W^ ^ /jrHH/„
Jtt% 4*%4r i*» Svv ' Jed, **m, ***** <%**t
J j»4**4> nun, *iti, <£ttom0***ff*
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:6 7
Sonntagabend fur Montag Mond
GroBer umfassender Geist,
in Deinen Lebensformen leuchtete Empfindung,
als meine Empfindung
noch nicht vorhanden war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich war in Dir.
Ich war ein Teil Deiner Empfindungen.
Du verbandest Dich
mit der Erde Urbeginn,
und in meinem Leibe begann
das Leuchten der eignen Empfindung.
In Deinen Gefuhlen
fuhlte ich mich selbst.
Du warst.
Meine Empfindungen fuhlten Dein Wesen in sich.
Meine Seele begann in sich zu sein,
weil Du in mir warst.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 68
3* 9* JU*(.
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 69
Montag fur Dienstag Mars
GroBer umfassender Geist,
in Deinen Empfindungen lebte Erkenntnis,
als mir noch nicht Erkenntnis gegeben war.
Du warst.
Ich erhebe meine Seele zu Dir.
Ich zog ein in meinen Leib.
In meinen Empfindungen lebte ich mir selbst.
Du warst in der Lebenssonne.
In meiner Empfindung
lebte Dein Wesen als mein Wesen.
Meiner Seele Leben
war auBerhalb Deines Lebens.
Du warst.
Meine Seele fiihlte ihr eigenes Wesen in sich.
In ihr entstand Sehnsucht.
Die Sehnsucht nach Dir,
aus dem sie geworden.
Du warst.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 70
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:71
Dienstag fur Mittwoch
Merkur
GroBer umfassender Geist,
in Deines Wesens Erkenntnis ist Welterkenntnis,
die mir werden soil.
Du bist.
Ich will meine Seele einigen mit Dir.
Dein erkennender Fiihrer
beleuchte meinen Weg.
Fuhlend Deinen Fiihrer
durchschreite ich die Lebensbahn.
Dein Fiihrer ist in der Lebenssonne.
Er lebte in meiner Sehnsucht.
Aufnehmen will ich sein Wesen
in meines.
Du bist.
Meine Kraft nehme auf
des Fuhrers Kraft in sich.
Seligkeit zieht in mich.
Die Seligkeit, in der die Seele
den Geist findet.
Du bist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 72
i- r ' *\ 't . ' A/1 ^
<*M*U^, 4U2lttr,UI*£je.- mJ
: ^W* &*f* -y
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 73
Mittwoch fur Donnerstag Jupiter
GroBer umfassender Geist,
in Deinem Lichte strahlt der Erde Leben,
mein Leben ist in dem Deinen.
Du bist.
Meine Seele wirkt in der Deinen.
Mit Deinem Fuhrer gehe ich meinen Weg.
Ich lebe mit Ihm.
Sein Wesen ist Bild
meines eigenen Wesens.
Du bist.
Des Fuhrers Wesen in meiner Seele
findet Dich, umfassender Geist.
Seligkeit ist mir
aus Deines Wesens Hauch.
Du bist.
In einer anderen Niederschrift lautet die drittletzte Zeile: «Seligkeit wird mir».
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 74
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 75
Donnerstag fur Freitag Venus
GroBer umfassender Geist,
in Deinem Leben lebe ich mit der Erde Leben.
In Dir bin ich.
Du bist.
Ich bin in Dir.
Der Fuhrer hat mich zu Dir gebracht.
Ich lebe in Dir.
Dein Geist ist
meines eigenen Wesens Bild.
Du bist.
Gefunden hat Geist
den umfassenden Geist.
Gottseligkeit schreitet
zu neuem Weltschaffen.
Du bist. Ich bin. Du bist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:7 6
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:7 7
[Nach dem Vorigen jeden Tag*]
GroBer umfassender Geist,
mein Ich erhebe sich von unten nach oben,
ahnen mog es Dich im Allumfassen.
Der Geist meines Wesens durchleuchte sich
mit dem Licht Deiner Boten,
Die Seele meines Wesens entziinde sich
an den Feuerflammen Deiner Diener
Der Wille meines Ich erfasse
Deines Schopferwortes Kraft.
Du bist.
Dein Licht strahle in meinen Geist,
Dein Leben erwarme meine Seele,
Dein Wesen durchdringe mein Wollen,
daB Verstandnis fasse mein Ich
fur Deines Lichtes Leuchten,
Deines Lebens Liebewarme,
Deines Wesens Schopferworte.
Du bist.
* Diese im Original fehlende Angabe wurde von Marie Steiner fiir den Erstdruck
in «Aus den Inhalten der Esoterischen Schule», Heft III, Dornach 1951, gegeben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 78
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buoh:266a Seite: 79
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite
Der Meditations spruch
«Im Geiste lag der Keim meines Leibes ...»
mit dem von einem gewissen Zeitpunkte an
die esoterischen Stunden geschlossen wurden
Vier handschriftliche Aufzeichnungen
und der Wortlaut, wie er von einem Teilnehmer
iiberliefert wurde und aufgrund friiherer
Veroffentlichungen bekannt ist
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:81
Zu Seite 83: Notizblatt Archiv-Nr. 4405
Reinschrift des Textes aus Notizbuch Archiv-Nr. 187, gleichlautend wie in der
esoterischen Stunde Berlin, 2. Oktober 1906 (siehe Seite 158).
Zu den Seiten 84 und 85: Notizbuch Archiv-Nr. 187
Vermutlich die erste Niederschrift.
Zu den Seiten 86 und 87: Notizbuch Archiv-Nr. 488
Fassung mit einigen Varianten gegeniiber der ersten Niederschrift.
Zu Seite 88: Notizbuch Archiv-Nr. 487
Vierte Niederschrift. Dies diirfte der spater zumeist gebrauchte Wortlaut sein,
da hier zum ersten Male am SchluB jeder Strophe die erste Zeile wiederholt wird.
Zu Seite 89: Wortlaut, wie er von einem Teilnehmer uberliefert wurde und aufgrund
fruherer Veroffentlichungen bekannt ist.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 82
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 83
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 84
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 85
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 86
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:87
Copyright Rudolf Steinei Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 88
Im Geiste lag der Keim meines Leibes.
Und der Geist hat eingegliedert meinem Leibe
Die sinnlichen Augen,
Auf daB ich durch sie schaue
Das Licht der Korper.
Und der Geist hat eingepragt meinem Leibe
Empfindung und Denken
Und Gefiihl und Wille
Auf daB ich durch sie wahrnehme die Korper
Und auf sie wirke.
Im Geiste lag der Keim meines Leibes.
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim.
Und ich will eingliedern meinem Geiste
Die ubersinnlichen Augen,
Auf daB ich durch sie schaue das Licht der Geister.
Und ich will einpragen meinem Geiste
Weisheit und Kraft und Liebe,
Auf daB durch mich wirken die Geister
Und ich werde das selbstbewuBte Werkzeug
Ihrer Taten.
In meinem Leibe liegt des Geistes Keim.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 89
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite
Fiinf individuell gegebene
sogenannte Hauptiibungen
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:91
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite-
Hauptiibimg: Handschrift Archiv-Nr. 6912/13
Fur die ersten Wochen bitte ich folgendes zu beobachten:
I. Eine Morgenmeditation, die in folgendem besteht.
1. Man erhebt sein Gefiihl zum hoheren Selbst. Es kommt
dabei weniger an, sich irgendwie theoretisch iiber das hohere
Selbst zu unterrichten, vielmehr darauf, daB man in ganz leb-
hafter Weise fuhlt: man hat in sich eine hohere Natur. Man
stellt sich vor, daB das gewohnliche Selbst wie eine Schale diese
hohere Natur umgibt, daB also diese letztere in dem niederen
Selbst wie dessen Kern vorhanden ist. Hat man sich in ein sol-
ches Gefiihl versetzt, dann spricht man gebetartig zu dem
«hoheren Selbst» die folgenden Worte (nicht laut, sondern in
Gedanken):
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
Ist das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin «Ich»; «Ich» bin dies Selbst.
Wahrend man dies sich ganz genau vorhalt, soil sich keine an-
dere Vorstellung einmischen. Man soil nur den Seelenblick nach
dem hoheren Selbst gerichtet fuhlen. Von den Worten der
obigen Satze fuhlt man allmahlich eine wunderbare Starkung
ausgehen. Man fuhlt sich wie aus sich selbst herausgehoben.
Es tritt allmahlich ein Zustand ein, wie wenn die Seele Fliigel
bekame. Dies ist der Anfang, auf den dann weiter gebaut wer-
den wird. Dies soil 2-3 Minuten dauern.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 93
2. Man versenkt sich ganz in den ersten Satz von «Licht auf
den Weg»:
«Bevor das Auge sehen kann, muB es der Tranen sich ent-
wohnen»
Man laBt keinem andern Gedanken Zutritt zur Seele. Man geht
ganz in diesem Gedanken auf. Der Sinn muB dann einem je-
den selbst wie blitzartig aufgehen. Das kommt ganz gewiB an
einem Tage, wenn man die Geduld hat. Es muB nun durch
einige Minuten hindurch vollige Stille in der Seele herrschen.
Diese muB wie blind und taub sein gegen alle auBeren Sinnes-
eindriicke und gegen alle Gedachtnisbilder. Wieder 2-3 Mi-
nuten.
3. Es folgt eine devotionelle Hingabe an dasjenige, was man
als das hochste Gottliche verehrt. Es kommt auf die Stimmung
dabei an. Inbrunstiges Aufschauen und Sehnsucht nach Verei-
nigung mit diesem Gottlichen. -
II. Am Abend vor dem Einschlafen hat man eine kurze Ruck-
schau dariiber zu halten, was man am Tage erlebt hat. Es
kommt dabei nicht auf Vollstandigkeit an, sondern darauf, daB
man sich wirklich so richtend gegenubersteht wie wenn man
eine andere Person ware. Man soil von sich selbst lernen. Das
Leben soli immer mehr und mehr Lektion werden. Man be-
ginnt mit dem Abend und schreitet bis zum Morgen vorwarts.
Allmahlich merkt man, daB das Traumleben einen regelmaBige-
ren Charakter annimmt. In diesem flieBt zunachst die spirituelle
Welt ein. Die Meditation ist der okkulte Schlussel dazu. Man soil
ein Buchlein sich anlegen, und morgens ganz kurz, mit ein paar
Worten, charakteristische Traume aufschreiben. Dadurch erhalt
man Praxis im Behalten dessen, was aus den hoheren Welten ei-
nem zuflieBt. Es ist dies die erste elementare Methode, durch die
man spater dazu kommt, daB man die spirituellen Erlebnisse
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:94
durchbringt, d.h. daB sie in das helle TagesbewuBtsein herein-
brechen. Traume, die nur Reminiscenzen aus dem taglichen Le-
ben sind, oder die auf korperlichen Zustanden (Kopfschmerz,
Herzklopfen etc. etc.) beruhen, haben nur dann einen Wert, wenn
sie sich in eine symbolische Form kleiden. Z.B. wenn das klop-
fende Herz als ein kochender Ofen erscheint, oder das schmer-
zende Gehirn als ein Gewolbe, in dem Tiere kriechen etc. etc.
Nur die Symbolik hat dabei Wert, nicht der Inhalt des Traumes.
Denn die Form der Symbolik wird zuerst von der spirituellen
Welt dazu benutzt, um uns uberhaupt in die Krafte der hoheren
Welten einzufuhren. Man muB deswegen auf die Feinheiten die-
ser Symbolik achten. Bei Ihnen - nach Ihrer Anlage - wird es
ferner gut sein, wenn Sie die Traume, die Ihnen bewuBt werden,
mit den Erlebnissen des nachsten Tages vergleichen. Denn wahr-
scheinlich werden Ihre Traume in nicht sehr ferner Zeit etwas
vorbedeutendes annehmen. Tritt dieser Punkt ein, dann werden
wir weiter davon sprechen, wie diese Sache fur Ihr spirituelles
Leben fruchtbar gemacht werden kann.
Bitte es mit dieser Anweisung nun zu versuchen, und mir nach
etwa 8 Tagen zu sagen, wie alles gelingt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:9 5
Hauptubung: Handschrift Archiv-Nr. 7074
Meditation.
Morgens:
1. ) Aum
2. ) Erhebung zum hoheren Selbst durch die Formel:
«Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich. Ich bin dies Selbst.»
3. ) Kontemplative Meditation in «Licht auf den Weg»
a. ) 14 Tage: «Bevor das Auge...»
b. ) 14 Tage: «Ehe das Ohr...»
c. ) 14 Tage: «Ehe vor den Meistern...»
d. ) 14 Tage: «Ehe vor ihnen stehen...»*
4. ) Devotionelle Hingabe an das absolut verehrungs-
wiirdige Ideal.
Abends:
Tagesriickschau. Anfang mit den letzten Erlebnissen und
Handlungen am Abend und aufsteigend bis zum Morgen.
Der voile Wortlaut der vier Satze siehe Seite 25. Diese und die folgende Ubung
waren fiir denselben Meditanten bestimmt. Die Anweisung auf der folgenden
Seite loste die hier gegebene Hauptubung nach geraumer Zeit ab.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 96
Hauptiibimg: Handschrift Archiv-Nr. 4401/02
Morgens nach dem Erwachen, wenn noch keine anderen Eindriik-
ke durch die Seele gezogen sind, lenkt man die Aufmerksamkeit
ab von alien Sinneseindriicken, von alien Erinnerungen an das
alltagliche Leben. Man sucht auch ganz frei zu werden von alien
Sorgen, Bekummernissen usw.
Hat man diese innere Windstille der Seele hergestellt, dann laBt
man
1. ) 5 Minuten lang nur die folgenden sieben Zeilen in der Seele
leben:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst
Der Geist in meinem Herzen
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst.
2. ) In den zweiten 5 Minuten folgt
1. ) Konzentration auf den Punkt zwischen und etwas hinter
den Augenbrauen und dabei Meditation von
Ich bin
2. ) Konzentration auf das Innere des Kehlkopfes und dabei
Meditation:
Es denkt
3. ) Konzentration auf die beiden Arme und Hande und dabei
Meditation:
Sie fiihlt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 97
Dabei konnen die Hande gefaltet sein, oder die rechte Hand wird
iiber die linke gelegt. Nach einiger Zeit fiihlt man, wie die Han-
de durch ihre eigene Kraft auseinandergehen wollen. Doch darf
man dies auf keinen Fall durch eine Selbsttauschung herbeifuh-
ren.
4.) Konzentration auf die ganze Korperoberflache und dabei
Meditation:
Er will.
Dann folgt Konzentration auf die Magengrube und dabei Medi-
tation:
Gottliches Leben.
3.) Nach alledem folgt
5 Minuten lang eine andachtige Vertiefung in das eigene
gottliche Ideal.
Abends Ruckschau wie bisher.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:9 8
Hauptubung: Handschrift Archiv-Nr. 6915-6918
An die bisherige Ubung,* die ich bitte beizubehalten bis auf wei-
teres, ist nunmehr folgendes anzuschlieBen, und zwar unmittel-
bar an die Stelle, wo das «Er will» iiber die ganze Korperober-
flache stromt:
es sind von der Korperoberflache Strome (Strahlen) zu bilden und
diese gegen das Herz, als den Mittelpunkt, hinzuziehen. Das
Ganze ist langsam und mit dem stillen Ruhen des BewuBtseins
auf dem Vorgange zu machen.
Wahrend dieses Vorgangs ist der Gedanke (aus «Licht auf den
Weg») zu meditieren:
Suche den Weg
Dann bitte ich still mit der ganzen Empfindung im Herzen zu
ruhen und dabei zu meditieren:
Suche den Weg in der innern Versenkung
Dann ist der Strom gegen die Korperoberflache wieder zuruck-
zuleiten und dabei zu meditieren:
Suche den Weg, indent kiihn du heraus aus dir selbst trittst.
* *
Es wird bald eine Zeit kommen, in welcher Sie die angegebenen
Strahlen als wirkliche Warmestromungen wahrnehmen werden.
Diese Ubungen bereiten den ZusammenschluB der eigenen
Personlichkeit (Mikrokosmos) mit der groBen Welt und ihren Ge-
heimnissen (Makrokosmos) vor, so wie die bisher schon angege-
benen Ubungen die Erweckung der eigenen Individualist vor-
zubereiten haben.
Diese Ubung liegt nicht vor. Es kann sich aber nur um eine Ubung ahnlich
derjenigen von S. 97/98 gehandelt haben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 99
In der Zukunft wird der Mensch in einem viel intimeren Zu-
sammenhange mit der Weltgesetzlichkeit stehen als gegenwartig.
Und der Geheimschuler nimmt diese Intimitat in der Entwicke-
lung voraus. Der Kopf mit dem Gehirn ist nur ein Ubergangs-
organ der Erkenntnis. Das Organ, welches die eigentlich tiefen
und zugleich machtvollen Blicke in die Welt tun wird hat seine
Anlage in dem gegenwartigen Herzen. Aber wohlgemerkt: die
Anlage zu diesem Organ ist im heutigen Herzen. Um Erkennt-
nisorgan zu werden, muB sich das Herz noch in der mannigfal-
tigsten Weise umbilden. Aber dieses Herz ist der Quell und Born
zur Menschheitsstufe der Zukunft. Die Erkenntnis wird dann,
wenn das Herz ihr Organ sein wird, warm und innig sein, wie
heute nur die Gefuhle der Liebe und des Mitleids sind. Aber diese
Gefuhle werden aus der Dumpfheit und Dunkelheit, in der sie
heute nur fasten, sich zu der Helligkeit und Klarheit hindurch-
ringen, welche heute erst die feinsten, logischen Begriffe des
Kopfes haben.
Zu solchen Dingen bereitet sich der wahre Schiller vor. Und
die Vorbereitung ist nur die richtige, wenn er dies mit der ange-
deuteten Gesinnung in seiner Seele tut. Diese Gesinnung ist die
Mutter der Perspektive, welche er braucht. Ich bitte eben durch-
aus festzuhalten, daB wir durch unsere Meditations- und Kon-
zentrationsubungen nur dann erreichen, was wir erreichen sol-
len, wenn wir sie durchdrungen von den groBen, erhabenen
Zielen in heller, voller Klarheit vollbringen.
In diesem Sinne bitte ich stets die Ubungen zu betrachten und
vorzunehmen. Dadurch gliedern Sie sich ein in die Gemeinschaft
der Geister, die aus den Inkarnationen der Gegenwart heraus zu
den Sehenden und Helfenden der Zukunft werden sollen. Wir
konnen zur Fortentwickelung der Welt nichts besseres tun, als
uns selbst fortzuentwickeln. Das aber miissen wir tun. Und wir
zweifeln keinen Augenblick daran, dafi wir es miissen, sobald wir
die Wahrheit uber unser eigenes Wesen und den Zusammenhang
dieses Wesens mit der Welt erkannt haben. Diese Erkenntnis aber
kann nur allmahlich erkannt werden. Sie ist ein Kind
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 100
des Willens
und
der Geduld.
Versuchen Sie bitte die verschiedenen Auseinandersetzungen
dieses Winters mit den 4 ersten Satzen in «Licht auf den Weg»
in Zusammenhang zu bringen und zwanglos Ihre Gedanken dar-
iiber niederzuschreiben.
Sie werden finden, daB diese vier Satze
1. «Bevor das Auge ...»
2. «Bevor das Ohr ...»
3. «Eh' vor den Meistern ...»
4. «Und eh' vor ihnen ...»
unendlich viel enthalten und daB die wichtigsten theosophischen
Welt- und Selbsterkenntnislehren nach und nach intuitiv vor Ihre
Seele treten werden, wenn Sie ganz in diesen Satzen leben. Diese
Satze sind nicht blofi Satze, sondern Krdfte, die Wahrheit und
Kraft und Leben wecken, wenn man sich an sie hingibt.
* *
Alle vier Wochen ungefahr schreiben Sie mir bitte regelmaBig
und wenn etwas besonderes in Ihrem geistigen Leben sich ereig-
net, so oft Sie wollen - iiber Fortschritt, gewonnene Ideen, sen-
den Sie mir etwaige Ausarbeitungen. Meine Antworten werden
Sie dann jeweilig weiter leiten.
Friede.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vewaltung Buch: 266a Seite: 101
Hauptubung: Handschrift Archiv-Nr. 3052
Morgens:
Ruhe
r In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglanzt die Gottheit der Welt.
In der reinen Liebe zu alien Wesen
Erstrahlt die Gottlichkeit meiner Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
5 Min. Ich werde mich finden
In der Gottheit der Welt.
5 Min. Wachsende Pflanze.
5 Min. \ Verdorrende Pflanze.
Devotionelle Hingabe an das eigene gottliche Ideal.
* *
Abends:
Devot. Hingabe.
Riickschau auf die Tageserlebnisse. Bildsam.
Von nickwarts nach vorn.
1. Gedankenkonzentration
2. Handlungsinitiative
3. Gelassenheit in Lust u. Leid
4. Positivitat (Legende von Christus)
5. Unbefangenheit (Kirchturm)
6. Wiederholung der 5 Ubungen
Nebeniibung
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 102
Meditationsspruch. Handschrift Archiv-Nr. 3104
*^ eU M
. fit**** cUt cl^ CuMsia,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 103
Meditationsspruch. Handschrift Archiv-Nr. 3060
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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266a Seite: 104
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AUS DEN INHALTEN
DER ESOTERISCHEN STUNDEN
1904 BIS 1909
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 105
Bevor Rudolf Steiner von Mai 1904 an offiziell die Einrichtung und den
Aufbau einer deutschen Abteilung der «Esoteric School of Theosophy» der
«Theosophical Society» in London ubernahm, waren diejenigen deutschen
Theosophen, die eine esoterische Schulung suchten, der Schule in London
angeschlossen (Naheres siehe in «Zur Geschichte und aus den Inhalten der
ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914», GA 264). Da dort
indische Esoterik gelehrt wurde, knupfte er aus Grunden der Kontinuitat
anfanglich daran an, wie die Aufzeichnungen von seinen esoterischen Stun-
den der ersten Zeit zeigen. Bald leitete er jedoch mehr und mehr zu der
christlich-rosenkreuzerischen Esoterik hin, wie er sie schon vor seiner offi-
ziellen esoterischen Lehrtatigkeit innehalb der «Esoteric School of Theoso-
phy» einzelnen Schulern in Privatstunden gelehrt hatte. Notizen von einer
solchen fur Marie Steiner, damals Marie von Sivers, privat gegebenen esote-
rischen Stunde, in der das echte Christentum als die Zusammenfassung al-
ler bisherigen Initiationsstufen behandelt wurde, sind daher den innerhalb
der Schule gehaltenen Stunden vorangestellt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 106
Zur EinfUhrung
DIE AUFGABE DER GEISTES WISSENSCHAFT
Notizen von einer esoterischen Privatstunde
Berlin, 1903 oder 1904
Es gibt ein schones Wort Hegels: der tiefste Gedanke ist mit der
Gestalt Christi, der geschichtlichen und auBerlichen, verbunden.
Und es ist das GroBe an der christlichen Religion, daB sie fur jede
Stufe der Bildung da ist. Das naivste BewuBtsein kann sie erfassen
und zugleich ist sie eine Aufforderung zur tiefsten Weisheit.
DaB die christliche Religion fur jede Stufe des BewuBtseins
begreiflich ist, das hat schon die Geschichte ihrer Entwicklung
gelehrt. DaB sie auffordert zum Eindringen in die tiefsten Weis-
heitslehren des Menschentums uberhaupt, das zu zeigen, muB die
Aufgabe der theosophischen Geistesstromung sein, oder der Gei-
steswissenschaft uberhaupt, wenn diese ihre Aufgabe versteht.
Theosophie ist keine Religion, sondern ein Werkzeug zum Ver-
standnis der Religionen. Sie verhalt sich zu den religiosen Urkun-
den so, wie etwa die mathematische Lehre zu den Urkunden,
welche als mathematische Lehrbucher aufgetreten sind. Man kann
die Mathematik verstehen aus den eigenen Geisteskraften heraus,
die Gesetze des Raumes einsehen ohne Rucksicht auf jenes alte
Buch. Aber wenn man sie eingesehen hat, die geometrischen Leh-
ren in sich aufgenommen hat, so wird man dies alte Buch desto
mehr schatzen, das zuerst vor den menschlichen Geist diese Ge-
setze hingestellt hat. So ist es mit der Theosophie. Ihre Quellen
sind nicht in den Urkunden, beruhen nicht auf Uberlieferung. Ihre
Quellen sind in den realen geistigen Welten; dort hat man sie zu
finden und zu fassen, indem man seine eigenen geistigen Krafte
entwickelt, wie man die Mathematik erfaBt, indem man die Krafte
seiner Intellektualitat zu entwickeln sucht. Unser Intellekt, der uns
zum Erfassen der Gesetze der Sinneswelt dient, wird getragen von
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 107
einem Organ, dem Gehirn. Zum Erfassen der Gesetze geistiger
Welten bediirfen wir ebenfalls entsprechender Organe. Wie haben
sich unsere physischen Organe entwickelt?
Dadurch, daB auBere Krafte an ihnen gearbeitet haben: die
Krafte der Sonne, die Krafte des Schalles. So entstand das Auge,
so entstand das Ohr - aus neutralen dumpfen Organen, die ein
Eindringen der Sinneswelt zunachst nicht gestatteten und nur
langsam sich offneten. So werden sich auch unsere geistigen
Organe offnen, wenn die richtigen Krafte an ihnen arbeiten.
Welches sind nun die Krafte, die auf unsere jetzt noch dump-
fen geistigen Organe einsturmen? Tagsuber dringen auf den astra-
lischen Leib des heutigen Menschen solche Krafte ein, die seiner
Entwicklung entgegenarbeiten, die sogar solche Organe, die er
fruher hatte, als das helle TagesbewuBtsein sich ihm noch nicht
erschlossen hatte, ertoten. Fruher nahm der Mensch astralische
Eindriicke unmittelbar wahr. Die Umwelt sprach zu ihm durch
Bilder, durch die Ausdrucksform der astralischen Welt. Lebendi-
ge, in sich gegliederte Bilder, Farben schwebten frei umher im
Raum als Ausdruck von Lust und Unlust, Sympathie und Anti-
pathic Dann legten sich diese Farben gleichsam um die Oberfla-
che der Dinge, die Gegenstande bekamen feste Konturen. Das
war, als des Menschen physischer Leib immer fester und geglie-
derter wurde. Als seine Augen sich voll dem physischen Licht
offneten, als der Schleier der Maya sich vor die geistige Welt legte,
erhielt der astralische Leib des Menschen die Eindriicke der
Umwelt auf dem Wege durch den physischen und Atherleib, er
selbst ubermittelte sie dann dem Ich, von wo aus sie in das Be-
wuBtsein des Menschen traten. Er war somit bestandig in An-
spruch genommen, bestandig tatig. Aber was so an ihm arbeite-
te, waren nicht plastische, bildsame Krafte seiner eigenen We-
sensart entsprechend. Es waren Krafte, die an ihm zehrten, ihn
ertoteten, um das Ich-BewuBtsein zu erwecken. Nur in der Nacht,
wenn er untertauchte in die ihm homogene, rhythmisch-geistige
Welt, starkte er sich neu und konnte auch dem physischen und
Atherleib wieder Krafte zufiihren. Aus dem Widerstreit der Ein-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:108
driicke, aus dem Abtoten der friiher im Menschen unbewuBt
wirkenden astralen Organe, war das Leben des einzelnen Ich, das
Ich-BewuBtsein entstanden. Aus Leben Tod, aus Tod Leben. Der
Kreis der Schlange war geschlossen. Jetzt muBten aus diesem
wachgewordenen Ich-BewuBtsein heraus die Krafte kommen, die
in den erstorbenen Uberresten fruherer astralischer Organe wie-
der Leben entfachten, sie plastisch bildeten.
Zu diesem Ziele bewegt sich die Menschheit, dahin wird sie
geleitet durch ihre Lehrer, ihre Fuhrer, die groBen Eingeweih-
ten, deren Symbol ja auch die Schlange ist. Es ist eine Erziehung
zur Freiheit hin, deshalb eine langsame, eine schwierige. Die gro-
Ben Eingeweihten konnten sozusagen sich und den Menschen die
Aufgabe leichter machen, wenn sie den astralischen Leib des
Nachts, wenn er frei ist, so bearbeiteten, daB sie die astraHschen
Organe in ihn hineinpragten, von auBen auf ihn wirkten. Aber
das ware dann ein Wirken innerhalb des TraumbewuBtseins des
Menschen, ein Eingreifen in seine Freiheitssphare. Das hochste
Prinzip des Menschen, der Wille, kame nie zur Entfaltung. Stu-
fenweise wird der Mensch gefuhrt. Es hat eine Initiation gege-
ben in der Weisheit, eine im Gemut, eine im Willen. Das echte
Christentum ist die Zusammenfassung aller Initiationsstufen. Die
Initiation des Altertums war die Vorherverkundigung, die Vor-
bereitung. Langsam und allmahlich emanzipierte sich der neuere
Mensch von seinem Einweiher, seinem Guru. Zunachst in vol-
lem TrancebewuBtsein, aber ausgeriistet mit den Mitteln, hinein-
zupragen in den physischen Leib die Erinnerung an das, was
auBerhalb des physischen Leibes geschehen war, ging die Ein-
weihung vor sich. Deshalb die Notwendigkeit, auch den Ather-
leib, den Trager des Gedachtnisses, herauszulosen mitsamt dem
astralen. In das Meer der Weisheit, in Mahadeva, in das Licht
des Osiris, tauchten beide unter. In dem tiefsten Geheimnis,
in volliger Abgeschlossenheit, ging diese Einweihung vor sich.
Kein Hauch der AuBenwelt durfte sich dazwischen drangen. Der
Mensch war dem auBeren Leben wie erstorben, die zarten Kei-
me wurden abseits des blendenden Tageslichts gepflegt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 109
Dann trat die Einweihung heraus aus dem Dunkel der Myste-
rien in das hellste Licht des Tages. In einer groBen, gewaltigen
Personlichkeit, dem Trager des hochsten einigenden Prinzips, des
Wortes, das den verborgenen Vater ausdriickt, das seine Manife-
station ist, das, indem es menschliche Gestalt annahm, deshalb
zum Menschensohn wurde und Reprasentant sein konnte fiir die
ganze Menschheit, einigendes Band aller Iche: in Christus, dem
Lebensgeist, dem Ewig-Einigenden vollzog sich historisch - zu-
gleich sinnbildlich - die Einweihung der ganzen Menschheit auf
der Stufe des Gefuhls, des Gemiits. Von einer Gewalt war dieses
Ereignis, daB es nachwirken konnte in jedem Einzelnen, der ihm
nachlebte, bis ins Physische hinein, bis in das Auftreten der
Wundmale, bis in die bohrendsten Schmerzen. Und alle Gefuhls-
tiefen wurden aufgeriittelt. Eine Intensitat des Empfindens ent-
stand, wie sie in solch machtigen Wogen sonst nie die Welt durch-
flutet hat. In der Initiation am Kreuz der gottlichen Liebe hatte
die Opferung des Ich fiir alle stattgefunden. Der physische Aus-
druck des Ich, das Blut, war hingeflossen in Liebe fiir die Mensch-
heit und wirkte so, daB Tausende sich zu dieser Initiation, zu
diesem Tode drangten und ihr Blut hinstromen lieBen in Liebe,
in Enthusiasmus fiir die Menschheit. Wieviel Blut auf diese Wei-
se hingeflossen ist, ist nie genug betont worden, kommt den Men-
schen nicht mehr zum BewuBtsein, auch nicht in theosophischen
Kreisen. Doch die Wellen der Begeisterung, die in diesem hin-
stromenden Blut niederflossen und aufstiegen, haben ihre Auf-
gabe getan. Sie sind machtige Impulsgeber geworden. Sie haben
den Menschen reif gemacht zur Initiation des Willens.
Und dies ist das Vermachtnis des Christus.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 110
ES OTERIS CHE STUNDE
Berlin, 9. Juli 1904
Zunachst ein von Dr. Steiner gesprochenes Gebet. Dann Hin-
weis darauf, daB die Meister durch Dr. Steiner sprechen, daB er
nur das Mittel ist, die Gedanken der Meister zum Ausdruck zu
bringen.
Meister Morya gibt uns AufschluB iiber das Ziel der mensch-
lichen Entwicklung. Er ist es, welcher die Menschheit ihrem Ziele
zufuhrt. Meister Kuthumi ist derjenige, welcher uns die Wege
zu diesem Ziele weist.
Darstellung des niederen Ich und des hoheren Ich. In jedem
Menschen ist ein niederes Ich, das es zu iiberwinden gilt.
Sodann wird die Verganglichkeit der Leiber betrachtet. Mein
Korper wird vergehen und auch Ihre Korper werden in ihre klein-
sten Atome zerfallen, aber die Worte, die jetzt gesprochen wer-
den, werden nicht vergehen, weil wir selbst dasjenige werden
werden, was wir jetzt sprechen. Das ist der Same, aus dem wir
einst wieder hervorgehen werden.
Gedanken und Gefuhle sind Wirklichkeiten, sie sind dasjeni-
ge, was das Material zum Bau des Spateren abgibt. Wir mussen
darum bestrebt sein, so hohe und edle Gedanken und Gefuhle
zu hegen, wie es nur immer moglich ist. Durch diese Gedanken
und Gefuhle sind wir gefesselt an dasjenige, was diesen Gedan-
ken und diesen Gefuhlen ahnlich ist. Wir kniipfen da Tausende
und Abertausende von Beziehungen.
Es gibt vier Grade, Teile oder Wege der Entwicklung.
Es gibt auch sieben Sinne; fiinf Sinne, wie wir sie auch im phy-
sischen Leben kennen, und zwei Sinne, die noch zur Entfaltung
kommen mussen.
Zehn Kraftzentren im Menschen:
1. Prana - in der Brust; 2. Apan - in der Gegend der Sekre-
tionsorgane; 3. Saman - im Nabel; 4. Udan - in der Mitte der
Gurgel; 5. Vayu - durchdringt den ganzen Korper; 6. Kurm -
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 111
im Auge, hilft dasselbe offnen; 7. Krikala - im Magen, ruft Hun-
ger hervor; 8. Nag - verursacht Erbrechen; 9. Devadatta - verur-
sacht Gahnen; 10. Dhananjaya - dasjenige, was den Korper nicht
einmal nach dem Tode verlaBt.
Prana entspricht der achtblattrigen Lotosbliite, Udan entspricht
der sechzehnblattrigen Lotosbliite. Die zweiblattrige Lotosbliite
befindet sich zwischen den Augenbrauen.
Von dem Sterben wurde gesagt: so wie man sterben lernen muB,
so muB man auch den Gefiihlen absterben lernen. Aber das Erste,
was zu lernen ist, ist das Stehenlernen, das heiBt, daB wir in den
Wirrsalen des Lebens einen sicheren Halt haben, daB wir keine
Furcht und keine Angst mehr kennen, sondern ruhig und sicher
jedem Ereignis, wie es auch kommen mag, ins Auge schauen.
Sodann gibt es vier Etappen, die wir zu ersteigen haben. Zu-
erst gilt es das Ich, den Kern in uns zu suchen. Dann werden
wir auch das Nicht-Ich erkennen. Wir mussen diesen Mittelpunkt
in uns suchen, denn dieser Mittelpunkt liegt in jedem einzelnen
Wesen. Uberall ist Mittelpunkt, uberall ist Peripherie. Sie mogen
sich an die auBersten Grenzen versetzt denken, uberall konnen
Sie den Mittelpunkt finden. Die Erde dreht sich um die Sonne;
die Sonne dreht sich mit der Erde durch den groBen Welten-
raum. Und neben ihr drehen sich unendlich viele andere Him-
melskorper. Jedes einzelne Wesen bildet einen Mittelpunkt. Auf
jenen Himmelskorpern leben keine Menschen, wie wir sind. Es
leben zwar auch Wesen darauf, aber keine Menschen. Die Men-
schen haben keine Verbindung mit ihnen, es ist keine Beziehung
vorhanden. Diese Beziehung konnen sie nur erringen, wenn sie
sich innerlich auf eine Stufe erheben, wo alle jene Wesen ihre
gemeinsame Grundlage haben.
Das zweite ist, den Astralkorper lebendig zu machen, das heiBt,
sich in dem astralen Meer zu fuhlen als Ich.
Das dritte ist die Uberwindung des astralen Meeres und die
Erreichung der tiefen Stille.
Das vierte ist die Vernehmung der Stimme der Stille. Das ist
da, wo der Meister ruft wie von auBen: Das bist Du!
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:112
Das beste Bild fur diese Entwicklung ist das folgende: Hat man
sein Ich gefunden, so denkt man sich hinausgefahren auf das
groBe Weltmeer. Nichts ist auf der Wasserflache zu erblicken.
Soweit das Auge reicht, nur Wasser und Himmel. Die Enden des
Meeres sind vom Horizont begrenzt. Auf dieser Flache denken
wir uns als eine Welle im bewegten Meer, als eine einzige Woge
unter den vielen Wogen. Wenn wir uns dann so recht eins fuh-
len, so mussen wir die Wogen des Meeres beruhigen. Tiefe Stille
muB eintreten. Nichts ist zu horen, nichts ist zu sehen. Das
Wasser, in das wir eingetaucht sind, ist vollkommen ruhig. Kei-
ne Bewegung macht sich geltend. In dieser vollkommenen Stille,
in dieser vollkommenen Abgeschlossenheit wird die Stimme des
Meisters ertonen konnen, sie wird nicht mehr ubertaubt werden
konnen von dem Gerausch des Alltagslebens. Hierauf schlieBt sich
diese Ubung in der Praxis an. Wir iibten alle dieses Bild, indem
wir uns alle in den Gedanken des Ich versetzten, dann in das
Meeresgewoge, dann in die tiefe Meeresstille.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 113
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 14. Juli 1904
1. Die Mahatmas [Meister] werden uns heute etwas zu sagen
haben.
2. Es werden uns drei Pflichten des Geheimschiilers genannt:
Stolz und Eitelkeit zu iiberwinden, Theosophie praktisch zu
leben, fur die Theosophie einzutreten.
3. / 4. / 5. / 6.: [Als Punkte in den Notizen angefuhrt, aber
ohne Text]
7. Jetzt wird der Meister Morya sprechen.
8. Die Meister konnen von uns als Ideal angesehen werden, sie
haben das erreicht, was wir noch erreichen mussen. Wir kon-
nen sie daher befragen uber unsere weitere Entwicklung.
9. In uns liegen die Krafte keimartig, welche in den Meistern
zur vollen Blute erwachsen sind.
10. Zum Verstandnis der Entwicklung kann die Entwicklung von
der Pflanze zum Tier, zum Menschen betrachtet werden.
11. Als Symbol fur die Entwicklung der Pflanze wird uns dieses
Zeichen gezeigt: -L
12. Als Symbol fur die Entwicklung des Tieres: T
13. Als Symbol fur die Entwicklung des Menschen: +
14. [kein Text]
15. Drei Stufen der Entwicklung gibt es und dementsprechend
drei Tugenden. AuBerdem
16. finden sich zwei Stromungen in jedem Menschen: Kama und
Manas, die gute und die schlechte Stromung; die schlechte
ist Kama.
17. Der Weg der Erlosung wird uns im Johannes-Evangelium
gezeigt. Wir finden da 1. die FuBwaschung, 2. den Backen-
streich, 3. die GeiBelung, 4. die Dornenkronung, 5. Jesus
nimmt sein Kreuz auf sich, 6. die Kreuzigung, 7. die Wund-
male.
18. Das kann sein der Weg fur eine vollkommene Umwandlung.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 114
ES OTERIS CHE STUNDE
Mimchen, 10. oder 11. November 1905
Notwendigkeit fur den Esoteriker, den Plan zu verstehen, den
die Menschheit unbewuBt unter Fiihrung der weiBen Loge aus-
arbeitet.
Die Menschheit der Erde ist deren Mittelpunkt, dasjenige, wor-
auf es in dieser Welt ankommt. Auf vielen anderen Welten wirken
andere Wesenheiten und die Menschen jener Welten sind wie
unsere hoheren Tiere. Die Menschen der Erde haben den Planeten
von den Gottern gestaltet erhalten und gestalten ihn sich gewis-
sermaBen um. Zuerst geht ihre Entwicklung auf dem Plane des
Sinnlichen - in der weitesten Bedeutung dieses Wortes - vor sich.
Dazu war es notwendig, ihre Intelligenz auszubilden, damit ein
logisches Denken die Menschen zu einer Menschheit verbinde.
Die Atlantier konnten noch nicht denken; sie wurden von den
Gottern gefuhrt. Die Arier mussen aus sich heraus zu Herren
ihrer Welt werden. Intellektuell ist die Einheit, die verschiedene
Ansichten ausschlieBt, schon erreicht. Es gibt nicht verschiedene
Ansichten iiber den Bau einer Dampfmaschine oder dergleichen.
Die Wissenschaft und ihre Produkte, die Nutzbarmachung der
Naturkrafte, die Verkehrsmittel haben die verschiedenen Rassen
und Nationen zu einer Einheit verbunden. Vor 5000 Jahren:
welche Verschiedenheit zum Beispiel zwischen den Produkten des
chinesischen und europaischen Volkes. Heute ist eine gewisse
Uberbnickung selbst zwischen diesen absterbenden Volkern und
dem Abendlande hergestellt. Ein Bischof von Bremen schreibt
iiber die Gebrauche in der Mark im 11. und 12. Jahrhundert, wie
in den religiosen Kulten Tiere geschlachtet, Pferdeblut getrun-
ken wurde. Dies im Osten Deutschlands, wahrend im Westen
schon das Aufbluhen der Stadte vor sich ging. Solche Gegen-
satze nebeneinander waren heute unmoglich.
Nun hat die Menschheit aber erst angefangen, sich Naturkraf-
te dienstbar zu machen. Dies wird schon in der nachsten Zeit
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 115
und hinein in die nachsten Jahrtausende ganz anders werden. Die
Menschen werden die Krafte im flieBenden Wasser herausziehen
und sich dienstbar machen, sie werden die machtigen Krafte, die
in den Sonnenstrahlen liegen, durch machtige Spiegel auffangen
und sich dienstbar zu machen verstehen; sie werden die Krafte
im Erdinnern, die jetzt durch vulkanische Ausbriiche sich auslo-
sen und die von einem machtigen Geistwesen im Erdinnern her-
ruhren, zu beherrschen lernen; die wunderbarsten Maschinen
werden von den Menschen ersonnen werden, um all diese ausge-
losten Krafte in den Dienst der Menschheit zu stellen, ja sie
werden die Magnetkraft der ganzen Erde in ihre Gewalt bekom-
men, denn die Erde ist nur ein groBer Magnet, dessen Sudpol
am Nordpol und dessen Nordpol am Sudpol steht. Jetzt vermo-
gen sie nur ihre Schiffe durch diese Kraft zu leiten. Als vor Ur-
zeiten die Veranderungen der Erde notwendig waren, haben die
Krafte der Gotter die Achse der Erde schief gestellt; in kom-
menden Zeiten wird die Menschheit die Achse zu drehen ver-
mogen. Die Ausbildung der Intelligenz und Logik der Mensch-
heit vollzieht sich also immer mehr und fuhrt die Einheit der
Menschheit auf sinnlichem Gebiet herbei.
Die Ausbildung des Sittlichen wurde erst von den Gottern
durch die ethischen Lehren aller groBen Religionen ermoglicht.
Es muB aber eine Zeit kommen, wo die Menschen das Gesetz
des Guten so klar erkennen wie heute Gesetze der Logik. Was
gut und was wahr ist auf spirituellem Gebiet, kann dann nicht
mehr Ansichtssache sein, so wie es heute noch durch die ver-
schiedenen Religionen, durch Bildung von Parlamenten, um die-
se oder jene Rechtsfrage zu losen, zum Ausdruck kommt. Wenn
die Menschen sich bewuBt werden, daB es ein Gutes, ein Sitt-
liches gibt, das so bestimmt und klar ist wie ein mathematischer
Lehrsatz, dann haben sich die Menschen auch auf diesem Gebiet
zu einer Menschheit vereint, die eine ganz andere Physiognomie
tragt als die Menschheit von heute.
Zu dieser Erkenntnis des Sittlichen zu fiihren, der Menschheit
dessen Gesetze zu offenbaren, damit eine Schar auf diesem Felde
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch :266a Seite:116
bewuBt aus sich heraus arbeitender Menschen erstehe, griindete
der vierte Meister, Christian Rosenkreutz, den Rosenkreutzeror-
den. Die andere intellektuelle Ausbildung des Westens verlangt
andere Lehre. Im Osten wirkte die spirituelle Lehre, von den alten
Rischis den Indern gegeben, stark im Volke nach. Christian Ro-
senkreutz und seine sieben Schuler legten den Anfang zur Er-
kenntnis des Gesetzes des Sittlichen, damit dieses nicht in dem
von den Religionen Gegebenen in den Menschen nachklinge,
sondern damit das Gesetz, als solches erkannt, in jedem Men-
schen zum individuellen Leben erwache. Die Wahrheit auf den
Gebieten der Moral, der Sittlichkeit, der Giite, soil als ein Er-
kanntes und Empfundenes im Menschen erstehen.
Diese die Menschen zu einer Menschheit verbindende Einheit
anzubahnen, ist Arbeit der esoterischen Schulen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:117
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 13. Dezember 1905
Nach einigen einleitenden Worten fiir ein neu aufzunehmendes
Mitglied sprach er hinreiBend schon, so daB ich, glaube ich,
schlieBlich noch mehr empfand als am 4. Oktober.
Er sprach iiber das wichtigste Ereignis unserer Zeit: die Er-
oberung Tibets durch die Englander, dem Volke des Egoismus,
wodurch der letzte Rest von Spiritualitat auf Erden verschwin-
den wiirde. Sprach iiber die Religion der Tibetaner, ihre innere
Reinheit in der Auffassung, iiber den Buddhismus, wie ihn Bud-
dha ganz im Intimen seinen Jungern gelehrt; daB der inkarnier-
te Lehrer auf Erden das weibliche Element ware, welches vom
Gottlichen, dem mannlichen Elemente, befruchtet werden muB-
te. Aus dieser Ehe entstande der Boddhisattva, von dem die
Tibetaner sagen: er hat Avalokiteshvara, Gottesweisheit. Sprach
iiber den Dalai Lama und seine Wahl aus Kindern, die unter
besonderen Naturereignissen geboren werden. Sprach liber die
Geister des Feuernebels, deren Schuler unsere Meister gewesen;
sprach iiber die Entwicklung des Menschen zu so machtigem
Wesen. Sprach iiber den Rhythmus in der Natur, den Gestirnen,
dem ganzen Weltsystem; daB nur der Astralkorper des Menschen
noch chaotisch sei und daB der Mensch diesen auch rhythmisch
machen muBte, sonst store er die Evolution.
Kam dann auf Weihnachten zu sprechen und auf die Wichtig-
keit der Feste des Jahres; daB Weihnachten die Sonne am tiefsten
stande und am 25. wieder den Aufstieg beganne und daB in die-
ser Nacht die Meister der weiBen Loge eine Sitzung hatten, in
der sie die Sonnenkraft des kommenden Jahres ausstromten auf
die Menschen, die sich ihnen ganz hingeben wollen, ihre Person-
lichkeit ganz aufgeben wollen und sie um Kraft bitten. Wenn man
in diesem Sinne Weihnachten feiert, in diesem Sinne die Meister
bittet, dann senden sie ihre Kraft in den Menschen hinein an
diesem 25. Dezember, so daB des Meisters Kraft durch sie wirkt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 118
Dann sprach er von der letzten Inkarnation des Meisters Kut-
humi und seinem Besuch von Universitaten, um in anderen Spra-
chen und in modernem Geiste die hohe Weisheit interpretieren
zu konnen, daB diese Inkarnation aber nicht in einer bestimmten
Persdnlichkeit gewesen sei, sondern seine Kraft bald hier, bald
dort gewirkt hatte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 119
ESOTERISCHE STUNDE
Miinchen, [15. oder 16.] Dezember 1905
Zweifel, ob Kuthumi auf europaischen Universitaten gewesen.
Notwendigkeit dessen, um europaische Begriffe zu lernen. Glei-
che Notwendigkeit, chinesisch zu lernen, um sich den Chinesen
verstandigen zu konnen. Okkultes Gesetz: Ausloschen des Per-
sonlichen. Christus historisch nicht nachweisbar, ebenso die Mei-
ster der alten Dome, der Verfasser der «Theologia Deutsch» etc.
Rhythmus des Lebens okkultes Gesetz. Der Geist Gottes
schwebt uber den Wassern. Anfang Chaos. Umwandelung des
Chaos in Rhythmus. Arbeit der Dhyan Chohans. Korperaufbau
des Menschen ihm gegeben, hohere Korper noch chaotisch. Ei-
gene Arbeit, sie in den groBen Weltenrhythmus einstromen zu
lassen, sie ganz hineinzufugen durch Ausloschen, Annullieren des
Personlichen. Drei groBe Rhythmen im All. Das Ausstromen der
gottlichen Krafte - diese chaotisch durcheinander wogenden Kraf-
te in Rhythmus und Form zu bringen - und das Wiederhin-
einstromen in das Urgottliche, was Auflosung der Form bedingt
und eigene Arbeit des Menschen ist. Eines der Symbole: das
AUM. Das Ausstromen des Gottlichen: A; das kurze (?) Weilen
in der Materie: U; und das individualisierte Zuruckstromen in
das Gottliche: das langausklingende M.
Sage und Mystik hat zu alien Zeiten auf diese Entwicklung
des Lebens hingewiesen. Macht findet der Mensch nur in dem
Ausloschen des Personlichen und Hingabe an den groBen Rhyth-
mus des Alls. Alles Naturleben vollzieht sich rhythmisch: das
wiederkehrende Leben in der Pflanzenwelt, die Begattungszeit der
Tiere, die Funktionen des menschlichen physischen Korpers, der
von den groBen Bildnern der Formen gemacht und ihm gegeben
wurde. Vollendung des menschlichen Korpers, Huftknochen und
Pfanne. - Die astralen und mentalen Krafte des Menschen noch
chaotisch; seine eigene Arbeit muB es sein, sie zu harmonisieren
und in absoluten Einklang zu bringen mit dem Allrhythmus.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:120
Notwendigkeit des Herausbildens des Sonderdaseins, damit der
Mensch als Ich, im klaren SelbstbewuBtsein sich wieder hinein-
fuge in das Ganze. Der noch chaotische Astralkorper ist nur ein
Teil des groBen Weltenastralkorpers, aus dem die Sterne gewor-
den. Wie deren Vollendung sich durch Rhythmus vollzog und
vollzieht, so die menschliche Vollendung, indem der Mensch lernt,
sich ganz und voll diesem All hinzugeben. Christi Wort: «Wer
das Leben verliert, der wird es finden.»
Die persische okkulte Schule hatte sieben Initiationen [Initia-
tionsgrade]: 1. der Rabe, der noch mit der AuBenwelt verbun-
den, der Kundschafter (Raben des Wotan, Elias, Barbarossa); 2.
[der Okkulte; 3. der Streiter; 4.] der Lowe; 5. der Perser [der
wahre Reprasentant seines Volkes; Manas]; 6. der Sonnenheld
(Untergehen des Sonderdaseins durch das Eingehen in den All-
rhythmus, die Buddhi (Christus); 7. der Vater (Atma).
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 121
ES OTERIS CHE STUNDE
Berlin, 28. Dezember 1905
Zweierlei wollte er uns heute sagen iiber Mantrams und iiber die
wichtigsten Vorschriften, die der erhabene Meister Morya seinen
Schulern gabe.
Es sind 9 Eigenschaften, die den Meistern eigen sind:
1. Wahrheit
2. Weisheit
3. UnermeBlichkeit
4. Giite
5. Unendlichkeit
6. Schonheit
7. Friede
8. Segen
9. Einheitlichkeit.
Verlangen tut er von uns funferlei:
1. Lauterung des Gemuts
2. Reinigung der Liebe
3. Leerheit des Gedachtnisses
4. Klarheit des Verstandes
5. Ausloschen oder Entflammen des Willens.
Das Gemut muB gelautert werden. Die Liebe muB alles Un-
keusche verlieren und gottlich werden. Das Gedachtnis soil, um
objektiv zu werden, nichts festhalten, was Vorurteile erwecken
konnte. Der Verstand soil klar sein und der Wille soil, wo er
selbstisch ist, verloschen, wo er aber als Werkzeug der Meister
dient, entflammt werden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 122
Mantren erzeugen Schwingungen des Wortes, die mit den
Schwingungen des Gedankens in der Akasha-Materie iiberein-
stimmen.
Uber den Weihnachtsspruch «Gloriam in excelsis deo et pax
hominibus bonae voluntatis»: er wirkt mantrisch im Lateinischen.
Dann sagte er noch ein indisches Mantram ahnlichen Inhalts, mit
dem er auch schloB.
Die Feste sind von den Meistern festgesetzte Knotenpunkte.
Neujahr auch. Daher Erhebung wichtig.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:123
ES OTERIS CHE STUNDE
Koln, 12. Februar 1906
Johannes der Taufer hat Christus Jesus vorausverkiindet in der
Mitte der vierten Unterrasse. Jetzt leitet dagegen die Individuali-
tat des Meisters Jesus die Menschheit hinuber von der funften in
die sechste Unterrasse - wieder zu Johannes dem Taufer hin, dem
Wassermann.
Christus Jesus ist das lebendige Wort. Alle Wesen der Natur
stromen im Menschen zusammen und bilden in ihm das Wort.
Das ist das Ich im Menschen - Jesus Christus. Der Mensch wird
zum Christus, wenn er innerlich erlebt, daB die ganze Welt in
ihm zusammenstromt, mit ihm eins ist. Die Zeit, wo Christus
zuerst unter den Menschen erschien, war die, wo er als erster
der Menschheit in seiner Verkorperung das Ich darstellte. Das
war der Same, aus dem alles SelbstbewuBtsein, IchbewuBtsein,
alles Personliche aufsproBte.
Er hat aber sein Ich an die Welt zuriickgegeben. Damit zeigte
er den Menschen den Weg der Entselbstung.
Am jungsten Tag, wenn alle auferstehen werden, dann wird
sich zeigen, ob der Mensch das Ich nur bis zum Egoismus oder
bis zur Entselbstung gefuhrt hat. Dann findet die Trennung
zwischen den Menschen statt. Die, welche sich zur Selbstlosig-
keit hinaufentwickelt haben, deren Auferweckung, Aufwachen im
Ich enthalt die Zukunftskeime der Menschheit. Das ist die sech-
ste Unterrasse, von der die sechste Wurzelrasse abstammen wird.
Die, welche nur bis zum Egoismus das Ich gefuhrt haben, erle-
ben keine wirkliche Auferstehung; sie haben den Todeskeim in
sich - das wird die siebte Unterrasse, die zum Reich des Bosen
sich entwickelt und zur Schlacke wird. Das ist die Spreu, die ins
Feuer geworfen wird; die sechste Unterrasse ist der Weizen, aus
dem Neues hervorsprieBen kann.
Diese Trennung wird jetzt vorbereitet. Durch das Prinzip der
bruderlichen Liebe, welches seinen Vertreter in dem Meister
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 124
Jesus hat, wird der ZusammenschluB der Menschheit zu der sech-
sten Unterrasse bewirkt, die, auf diesem briiderlichen Liebesprin-
zip fuBend, in die Zukunft hineinwachst.
Wenn die sechste Unterrasse zur Vollendung gelangt, dann
wird das Wort, Christus, nicht nur in einer Individualist, son-
dern in alien da sein und die einzelnen Menschen bilden dann
zusammen die Buchstaben zu diesem Wort, dem neuen Christus,
der dann in noch ganz anderem Sinne der Auferstandene ist. Als
Ich wurde sein Leben schon in der dritten Wurzelrasse in die
Menschheit versenkt. In voller Entfaltung ersteht Er dann in der
sechsten Wurzelrasse, in der Gesamtheit der Menschheit.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 125
ESOTERISCHE STUNDE
Hamburg, 3. Marz 1906
Wer im theosophischen Sinne Esoteriker werden will, der muB
sein Gedankenleben dahin schulen, daB jeder Gedanke ausrei-
chend durchdacht wird. Das kurze, zu kurze Denken ist ein
Merkmal des Menschen, der Materialist ist. Der theosophische
Esoteriker darf in dies bequeme Denken nicht verfallen.
Nehmt den Gedanken der Sozialdemokratie: Andert die Ver-
haltnisse, und der Mensch wird in seinen sozialen Arbeits- und
Lebensbedingungen sich verbessern. - Ein Glaube des Materia-
lismus, kurz und betorend. Dieser Glaube ist im hochsten Grade
lahmend fiir jede Betrachtung des [wirklichen] sozialen Lebens.
Wie kann nun ein Theosoph aus diesem materialistischen Glau-
ben sich befreien, daB die Existenz, ja sogar die Moral sich ver-
bessern wurde, wenn man nur die auBeren Verhaltnisse verbes-
sern wurde?
Beginnen wir mit dem Nachdenken dartiber, daB doch jede
Veranderung durch Menschen zu geschehen hat und daB dem-
nach jeder Zustand, der herbeigefuhrt wird fiir die soziale Ord-
nung, aus Menschengedanken und Menschenempfindungen er-
folgt. Hat man diesen Gedanken fest in der Hand, so kann man
sich mit ihm aus der materialistischen Anschauung, alles werde
durch die auBeren Verhaltnisse herbeigefuhrt, losen.
Ihr muBt zum Erleben solcher Tatsachen kommen. Ihr muBt
auch erleben, wie lahmend der Glaube wirkt, der Mensch sei ein
Produkt der auBeren Verhaltnisse.
Der nachste Schritt ist so auszufuhren, daB der angehende Eso-
teriker die Beweise sich sammelt, wie durch die Herbeifuhrung
der besseren auBeren Verhaltnisse keine Weltverbesserung eintritt.
Man braucht nicht weit zu gehen, um geniigend Anschauungs-
material zu bekommen, da die Weltverbesserer es tiberall in die
Welt schreien, daB man nur die auBeren Verhaltnisse zu andern
brauche. Nicht so leicht ist es, die Gedanken dieser Weltverbes-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite:12 6
serer zu verfolgen und sich nicht ablahmen zu lassen. - Viele
Menschen denken also nach, und aus ihrem Denken und Fuhlen
werden sie zu Weltverbesserern. Nun ist man reif, weiter zu
denken.
Der folgende Gedanke ist dieser:
Ist es egal, ob ein guter Mensch oder ein boser Mensch iiber
die Weltverbesserung denkt und fuhlt?
Die Theosophie sagt uns, daB die soziale Ordnung von Men-
schen geschaffen wird und daB sie die Folge von Menschenge-
danken und Menschenempfindungen ist.
Also sind die Menschengedanken und die Menschenempfin-
dungen zu kultivieren, nicht die soziale Ordnung zu verandern.
Was wird ein echter Sozialdemokrat tun, wenn er etwas an-
dern will? Er wird die Gesetze andern, damit die unerfahrenen
Menschen nicht ausgeliefert sind diesen oder jenen Menschen.
Priift das in jedem Einzelfalle nach, wie ein Gesetz zustande
kommt. Der Sozialdemokrat will nicht die Menschheit belehren,
d. h. ihre Gedanken reinigen, kultivieren, ihre Gefuhle veredeln,
um eine erfahrene Menschheit zu schaffen, die selbstbestimmend
ist fur ihre Taten.
Der Esoteriker fragt: Woher kommt dieser Zustand, der ver-
anderungswiirdig ist? Und wenn der Zustand nicht von der Na-
tur verhangt ist, so erkennt er, daB der Zustand durch die Ge-
danken und Willensimpulse herbeigefuhrt wurde von den Men-
schen, die vor ihm gelebt haben. Die Verhaltnisse sind also so,
wie sie jetzt sind, weil Menschen mit ihren ungeniigenden Ge-
danken und ungeniigenden Empfindungen sie so gemacht haben.
Wenn der Sozialdemokrat als radikalster Sozialtheoretiker neue
Verhaltnisse schaffen will, so werden diese Verhaltnisse genauso
ungenugend sein wie die bisherigen, weil er namlich aus densel-
ben ungeniigenden Gedanken und ungeniigenden Empfindungen
schopft wie die, die vor ihm diesen Zustand herbeigefuhrt haben.
Was will also Geisteswissenschaft? Sie will eine machtige Er-
ziehung unserer innersten Seelenkrafte bewirken, damit aus an-
deren Gedanken und anderen Empfindungen heraus das soziale
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:127
Leben sich gestaltet. Das heiBt gar nichts anderes als: Die Gei-
steswissenschaft hat kein Patentrezept, wie dies oder jenes auf
diesem oder jenem Posten gemacht werden soil; sie schreibt nie-
mandem sein Urteil vor, sondern sie hat das unbedingte Vertrau-
en, daB jeder selbst zu einem richtigen Urteil kommt, wenn er
durchdrungen ist von den Grundwahrheiten.
Und ich werde Euch einen solchen Satz aus den Grundwahr-
heiten hinschreiben:
Not, Elend und Leid sind nichts anderes als eine Folge des
Egoismus.
Dies ist wie ein Naturgesetz aufzufassen. Aber dieser Satz ist
nicht so aufzufassen, daB es etwa bei einem einzelnen Menschen
eintreten musse. Es kann an ganz anderen Orten zur Erschei-
nung kommen.
Auch hier kommt es darauf an, nicht kurz zu denken, son-
dern weit im Umkreis um einen solchen Satz herumzugehen.
Ich habe offentlich bereits gesagt: Der Mensch lebt bereits
unter dem Prinzip des Egoismus, sobald er dem Prinzip lebt: Ich
muB personlich entlohnt werden; das, was ich arbeite, muB mir
bezahlt werden. Oder versteckter Egoismus: ihr muBt personlich
entlohnt werden, denn das, was ihr arbeitet, das muB euch auch
bezahlt werden.
Der Esoteriker muB sich nun Gedanken machen, ob denn die
Arbeit das wirklich Lebenerhaltende ist. Arbeit als solche hat gar
keine Bedeutung, wenn sie nicht «weise» geleitet wird! Nur durch
von Menschen hineingelegte Weisheit ist dasjenige hervorzubrin-
gen und zu schaffen, was dem Menschen dient. Wer dieses nicht
versteht und auch nur im Kleinsten dagegen siindigt, siindigt
gegen das soziale Denken der heutigen Zeit.
Dieses zu durchdenken in alien seinen moglichen Phasen, das
macht das Denken stark. Wer - wie die Sozialdemokraten - dar-
iiber nachdenkt, wie man Arbeit schafft, um die Arbeitslosigkeit
abzuschaffen, der denkt im hochsten Grade unsozial. Es kommt
vielmehr nur darauf an, daB Arbeit nur, ausschlieBlich, fur Men-
schen verwendet wird, um wertvolles Gut zu schaffen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite:128
Und damit kommt Ihr zu dem uralten Satz jeder Esoterik: In
einem sozialen Zusammenleben muB der Antrieb zur Arbeit nie-
mals in der eigenen Personlichkeit des Menschen liegen, sondern
einzig und allein in der Hingabe fiir das Ganze.
Daraus ergibt sich, daB wahrer sozialer Fortschritt nur moglich
ist, wenn ich dasjenige, was ich erarbeite, im Dienste der Gesamt-
heit tue. Mit anderen Worten: Das, was ich arbeite, darf nicht mir
selber dienen. Von der Anerkenntnis dieses Satzes, daB einer das
Ertragnis seiner Arbeit nicht in Form einer personlichen Entloh-
nung haben will, hangt allein der soziale Fortschritt ab.
Solange die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft zu dem Den-
ken veranlaBt: Der Mensch muB den vollen Ertrag seiner Arbeit
beanspruchen, so lange wird die Menschheit in tiblere und tible-
re Lagen hineinkommen.
Die Geisteswissenschaft muB das Umgekehrte entwickeln aus
dem Denken und Fuhlen heraus: Der Mensch darf nichts fiir sich
haben wollen von dem, was er erarbeitet. Der Mensch schuldet
der sozialen Gemeinschaft Arbeit. Der Mensch muB umgekehrt
seine Existenz einzig und allein auf das beschranken, was ihm
die soziale Gemeinschaft schenkt.
Das Gegenstiick solchen sozialen Denkens muB nun aber auch
genau verfolgt werden. Ihr kennt das Beispiel, daB eine Naherin fiir
billigen Lohn arbeitet und daB die Sozialdemokratie den Arbeitern
einredet: Ihr werdet ausgebeutet! Nun geht aber die Naherin hin
und kauft sich ein billiges Kleid, um am Sonntag zum Tanzen zu
gehen. Sie verlangt nach einem billigen Kleid. Warum ist das Kleid
aber billig? Weil eine andere Arbeitskraft ausgebeutet wurde. Wer
beutet also schlieBlich die Arbeitskraft aus? Ganz sicher die Nahe-
rin, die zum Tanzen am Sonntag das billige Kleid tragt.
Wer hier klar zu denken vermag, der ist bereits los von dem
Unterschied reich und arm, denn dies hat gar nichts mit Reich-
turn und Armut zu tun.
Es mussen demnach erst die Griinde geschaffen werden, da-
mit in der Zukunft die Menschen recht fleiBig und hingebungs-
voll arbeiten, ohne an den Eigennutz zu denken.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 129
Stellt Euch vor, jemand wiirde ein Heilmittel erfinden und
wiirde es sofort patentieren lassen. Was zeigt er damit? Er zeigt,
daB er sofort an den Eigennutz denkt und gar nicht durch Liebe
zu dieser Schaffung des Heilmittels gefiihrt wurde, daB er gar
nicht von der Liebe zur ganzen Menschheit erfiillt ist. Denn ware
ihm die Gesundheit der Menschen am wichtigsten, so wiirde er
froh sein, wenn auch andere das Heilmittel herstellen, um der
Menschheit zu dienen. Ja, er wiirde geradezu darauf brennen, daB
bekannt werde, was in dem Heilmittel enthalten ist und wie es
hergestellt wird. Und noch etwas anderes wiirde eintreten: daB
er iiberzeugt ware, daB jenes Heilmittel von ihm, mit seiner Ge-
sinnung hergestellt, das Bessere sei.
Und hier haben wir einen wichtigen Satz erreicht, der in der
Esoterik eine groBe Rolle spielt:
Es mussen Mittel herbeigeschafft werden, wodurch die Seele
veredelt wird.
Wer das Denken anwendet, um einen segensreichen Fortschritt
zu erzielen, der muB vor allem die Kraft des Denkens darauf rich-
ten, daB die Menschenseelen veredelt werden.
Damit haben wir an den SchluB den Rosenkreuzerspruch zu
stellen:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 130
ESOTERISCHE STUNDE
Berlin, 13. April 1906
Alles Physische um uns her entsteht und vergeht, nur die Ur-
bilder der Dinge entstehen und vergehen nicht; sie sind nicht
geschaffen und vergehen nicht, sie sind ewig. Die physische
Erde entsteht und vergeht, aber das Urbild der Erde entsteht
und vergeht nicht. Das Urbild der Erde ist ewig. Und in dem
Urbild der Erde sind enthalten alle andern Urbilder der physi-
schen Welt. Wie das Urbild der Erde, so entstehen und verge-
hen sie nicht, sie sind ewig. Wie die Erde ihr ewiges Urbild
hat, so hat auch jedes Mineral, jede Pflanze, jedes Tier, jeder
Mensch das seinige, das in Ewigkeit erstrahlt in Schonheit und
Herrlichkeit. Mit den Urbildern der Dinge muB der Mensch
sich immer mehr vereinigen lernen. Zu ihnen muB er aufstei-
gen. Er lernt mit diesen sich verbinden durch das Leben mit
der Erinnerung. Wenn der Schiller in der Abendruckschau auf
den Tag zuriickblickt, der verstrichen ist, und sich erinnert an
die Szenen des Tages, an Freudiges und Schmerzliches, was er
erlebt hat, wenn er die Freuden und Schmerzen, die mit den
Ereignissen des Tages verkniipft waren, in der Erinnerung wie-
der durch die Seele Ziehen laBt, dann setzt er sich mit jenem
Leben in Verbindung, das bleibt, das noch vorhanden ist auch
ohne die materielle Wirklichkeit. Der Mensch muB durch seine
Phantasie sich zuriickrufen die Ereignisse in seinem eigenen
Leben und dem Leben anderer und muB sich durch seine Seele
fluten lassen Freude und Schmerz, die mit den Ereignissen
verkniipft waren: dadurch lernt er den Aufstieg zu den Wesen-
heiten, die sich in Freude und Schmerz verkorpern und lernt
bewuBt leben in der Seelenwelt. Bestandig sind wir von solchen
Wesenheiten umgeben. Dann lernt man sie wahrnehmen.
Wenn wir versuchen, uns in die Erinnerung zu rufen Erleb-
nisse aus der Vergangenheit, bei denen wir dabei gewesen, so ist
das etwas anderes, als wenn wir zuriickdenken an Ereignisse, von
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 266a Seite: 131
denen wir gelesen oder gehort haben. Der Unterschied ist der,
daB wir bei den ersteren mit unserem Selbst dabei gewesen sind.
Und darauf kommt es an. Es ist gut, wenn wir uns darin iiben,
Erlebnisse aus unserer Vergangenheit in die Erinnerung zuriick-
zurufen. Ein Schmerz, eine Freude, die wir einst empfanden, sieht
in der Erinnerung ganz anders aus, als damals in der Gegenwart.
Durch dieses Zuriickrufen nahern wir uns der wahren Erkennt-
nis. Wir sehen die Dinge, wie sie wirklich sind, wenn wir es er-
reichen konnen, einen Schmerz, eine Freude, die wir nicht ha-
ben, wirklich zu fuhlen. Wenn wir fahig sind, Bilder in uns auf-
steigen zu lassen von dem, was wir jetzt nicht sehen, so nahern
wir uns damit der schaffenden Gottlichkeit.
In den Rosenkreuzerschulen wurden solche Lehren den Schu-
lern gegeben. Sie muBten aus eigener Willktir Lust und Unlust,
die mit fruheren Vorgangen im Leben verkniipft waren, jetzt ohne
die brutale Wirklichkeit durch ihre Seele ziehen lassen. Wenn man
in dieser Weise Lust und Unlust in der Seele aufsteigen laBt, so
erweckt man die seelischen Organe. Dem, der das noch nicht
selber herbeifuhren konnte, wurden zur Erweckung der Seelen-
organe von den Eingeweihten dramatische Bilder vorgefuhrt,
Szenen aus dem menschlichen Leben, bei denen der Mensch lern-
te, auch ohne die brutale Wirklichkeit das zu empfinden, was
sonst mit den Ereignissen selbst verkniipft ist. Das ist das, was
von den Ereignissen in der Welt bleibt. Dazu muB der Mensch
sich emporschwingen lernen.
Der Mensch wird sich in dem MaBe an fruhere Erdenleben
erinnern, als er gelernt hat, das Ewige in den Dingen zu erken-
nen und als er selbst solches Ewige in die Welt hineinbringt.
Der Yogaschuler macht Atemubungen. Das Atmen des ge-
wohnlichen Menschen ist unregelmaBig, unrhythmisch. Der Yo-
gaschuler lernt seinen Atem in Rhythmus bringen. Das unrhyth-
mische Atmen ist eigentlich ein Toten. Durch seinen Atem, den
der Mensch ausstromt, totet er. Sich und anderen Lebewesen
bringt er den Tod, so lange nicht der Atem durch die Yogaiibung
rhythmisch und lebensvoll geworden ist. Durch das rhythmische
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:266a Seite: 132
Atmen wird das Atmen des Menschen auch individuell. Bei den
Wilden sind selbst die Handlungen wenig individuell. Je hoher
der Mensch steigt in der Entwicklung, desto mehr werden seine
Handlungen ein individuelles Geprage tragen. Aber das Atmen
ist zunachst auch bei alien entwickelten Mensch
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