Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UND KURSE UBER
CHRISTLICH-RELIGIOSES WIRKEN
RUDOLF STEINER
Vortrage und Kurse liber
christlich-religioses Wirken
II
Spirituelles Erkennen
Religioses Empfinden
Kultisches Handeln
Neunundzwanzig Vortrage mit Fragenbeantwortungen,
gehalten in Dornach
vom 26. September bis 10. Oktober 1921
Mit Dokumetarischen Erganzungen:
Wandtaf elzeichnungen ,
Notizbucheintragungen, Textiibertragungen
(in separatem Band)
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RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Ulla Trapp und Paul G. Bellmann
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1993
Bibliographie-Nr. 343 (1)
Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 649
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1993 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg
Druck: Greiserdruck, Rastatt / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3430-9
Xu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Sterner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl dffentlich wie fiir
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horermitschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Mit-
schreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er seine engste
Mitarbeiterin und Mitbegrunderin der anthroposophischen Be-
wegung, Marie Steiner-von Sivers (1867-1948, seit 1914 Marie
Steiner). Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die notwendige Durchsicht
der Texte fiir die von den Mitgliedern gewiinschte Herausgabe,
die von Rudolf Steiner selbst aus Zeitmangel nicht vorgenommen
werden konnte.
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner wurde gemafi ihren Richt-
linien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser
Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben
zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Ausfuhrliche Inhaltsangaben siehe Seite 675 ff.
Zu dieser Ausgabe 9
Erster Vortrag, Dornach, 26. September 1 92 1 , nachmittags . 1 3
Zweiter Vortrag, 27. September 1921, vormittags .... 33
Offener Brief Friedrich Rittelmeyers an Rudolf Steiner ... 49
Dritter Vortrag, 27. September 1921, nachmittags .... 54
Vierter Vortrag, 28. September 1921, vormittags .... 72
Funfter Vortrag, 28. September 1921, nachmittags . ... 91
Sechster Vortrag, 29. September 1921, vormittags .... 109
Siebenter Vortrag, 29. September 1921, nachmittags . . . 131
Achter Vortrag, 30. September 1921, vormittags .... 150
Neunter Vortrag, 30. September 1921, nachmittags. . . . 169
Zehnter Vortrag, 1 . Oktober 1921, vormittags 190
Elfter Vortrag, 1 . Oktober 1 921 , nachmittags 211
Zwolfter Vortrag, 2. Oktober 1 921 , vormittags 232
Dreizehnter Vortrag, 2. Oktober 1921, nachmittags . . . 250
Vierzehnter Vortrag, 3. Oktober 1921, vormittags . . . . 267
Funfzehnter Vortrag, 3. Oktober 1921, nachmittags . . . 286
Sechzehnter Vortrag, 4. Oktober 1921, vormittags. . . . 308
Siebzehnter Vortrag, 4. Oktober 1921, nachmittags . . . 333
Entwurf der Kursteilnehmer fur eine «Erklarung zur Mitarbeit
an einer religiosen Erneuerung» 354
Besprechung, 4. Oktober 1921, nachmittags 355
Korrigierte Fassung der «Erklarung zur Mitarbeit an einer reli-
giosen Erneuerung» 365
Achtzehnter Vortrag, 5. Oktober 1921, vormittags . . . 368
Neunzehnter Vortrag, 5. Oktober 1921, nachmittags . . . 390
Zwanzigster Vortrag, 6. Oktober 1921, vormittags. . . . 406
Einundzwanzigster Vortrag, 6. Oktober 1921, nachmittags 430
Zweiundzwanzigster Vortrag, 7. Oktober 1921, vormittags 458
Dreiundzwanzigster Vortrag, 7. Oktober 1 921 , nachmittags 479
Vierundzwanzigster Vortrag, 8. Oktober 1921, vormittags 506
Funfundzwanzigster Vortrag, 8 . Oktober 1 92 1 , nachmittags 530
Sechsundzwanzigster Vortrag, 9. Oktober 1 921 , vormittags 553
Siebenundzwanzigster Vortrag, 9. Oktober 1921 , nachmittags 574
Achtundzwanzigster Vortrag, 10. Oktober 1921, vormittags 594
Neunundzwanzigster Vortrag, 10. Oktober 1921, nachmittags 616
Anhang
Verzeichnis der Originalhandschriften Rudolf Steiners . . . 645
Chronologische Ubersicht iiber die Vortrage, die Rudolf Stei-
ner den Mitarbeitern der Bewegung fur religiose Erneuerung
gehalten hat 646
Teilnehmerliste 647
Hinweise Textgrundlagen / Hinweise zum Text 649
Namenregister 673
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 675
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 685
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 687
Dokumentarische Erganzungen Separater Band
Wandtafelzeichnungen, Notizbucheintragungen,
Textiib ertragungen
ZU DIESER AUSGABE
In den Jahren 1920 und 1921, kurz nach der Beendigung des Weltkrieges
von 1914-1918, hatten sich junge Menschen mit ihren Fragen an Rudolf
Steiner gewandt. Es waren Studenten, vornehmlich der protestantischen
Theologie, die in dieser Zeit des Zusammenbrechens alter Strukturen,
die den Menschen bislang aufieren und inneren Halt gegeben hatten,
nach neuen und zeitgemaflen Wegen fur ein religioses Leben und Wirken
suchten. «Sie hatten die Anthroposophie kennengelernt. Sie waren iiber-
zeugt, dafi Ihnen Anthroposophie vermitteln konne, was sie suchten. » 1
Wie es zu den ersten Vortragen iiber christlich-religioses Wirken
gekommen ist, hat Rudolf Steiner am 2. August 1922 vor Mitgliedern der
Anthroposophischen Gesellschaft folgendermafien ausgesprochen: 2
«Es ist nun einige Zeit verflossen, da kamen einige jiingere Studierende
der Theologie zu mir, um von ihren inneren No ten zu sprechen; und die
Art und Weise, wie sie sprachen, machte den Eindruck des ungeheuer-
sten Ernstes. Das war aus dem Grunde, weil aus diesem Sprechen heraus
ein ganz bestimmter Seelenunterklang ertonte, der im Grunde dazumal
nicht deutlich ausgesprochen wurde, der aber aufierordentlich stark in
diesen jiingeren Seelen lebte. Wenn ich charakterisieren soli, was als
dieser Seelenunterklang sich eigentlich kundgab, so ist es dieses: Es
handelte sich um junge Theologen, die daran waren, ihr Studium zu
vollenden und die hinaussahen in ihre Zukunft mit einer gewissen Ver-
antwortlichkeit, die aber zuruckschauten auf dasjenige, was sie wahrend
ihres Studiums der Theologie durchlebt hatten, mit einer gewissen
1 «An die Mitglieder», 5. Oktober 1924, in GA 260 a.
2 Das Zitat ist einer kurzen Ansprache Rudolf Steiners vom 2. August 1922 entnom-
men, mit der er eine Orientierungsstunde abschlofi, in welcher Pfarrer Dr. Fried-
rich Rittelmeyer, Pfarrer Dr. Christian Geyer und Lizentiat Emil Bock die in
Dornach anwesenden Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft orientiert
hatten iiber die fur den folgenden Monat vorgesehene Begriindung der Bewegung
fur religiose Erneuerung. Die bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprachen sind
leider nicht mitgeschricben warden, mit Ausnahme des Schlufiwortes von Rudolf
Steiner. Vollstandiger Abdruck des SchlufWortes in Heft Nr. 110 der «Beitrage zur
Rudolf Steiner Gesamtausgabe».
Trostlosigkeit, jedenfalls so darauf zuriickschauten, dafi sie zeigten: Sie
fiihlen sich nicht in der Lage, der Verantwortlichkeit, die sie gegeniiber
ihrer Aufgabe empfanden, wirklich gerecht zu werden.
Es liegt ja nahe, daran zu denken, woher dieser Seelenunterklang kam,
der im Grunde genommen eine Art von innerer Disharmonie war. Er
kam daher, dafi in der Gegenwart gerade die ernstesten Seelen, diejeni-
gen Seelen, die eben ihre Lebensaufgabe auf dem Boden des religiosen
Wirkens mit Ernst auffassen wollen, nicht jene innere Kraft mitnehmen
konnen aus ihren Studien, die notig ist, urn diese Mission auszufiihren.»
Der erste Vortragskurs wurde im Juni 1921 in Stuttgart fur 18 junge
Menschen gehalten («Anthroposophische Grundlagen fiir ein erneuertes
christlich-religioses Wirken», GA 342). Noch wahrend dieses Kurses
baten die Teilnehmer um eine Fortsetzung der Vortrage. In den folgen-
den Wochen suchten und fanden sie noch weitere Menschen, die eine
Vertiefung und Erneuerung des religiosen Lebens aus den Quellen der
anthroposophischen Christus-Erkenntnis erhofften. So kam es im
Herbst 1921 in Dornach zu dem hier vorliegenden Vortragskurs, der
aufier von den Teilnehmern des ersten Kurses von einer Reihe erfahrener
Pfarrer der verschiedenen Konfessionen besucht wurde, aber auch von
vielen Menschen aus anderen Berufen.
Nachdem sich im Verlaufe dieses Kurses eine Gruppe der Teilnehmer
entschlossen hatte, fur die Begriindung einer Bewegung fiir religiose
Erneuerung einzutreten, wurde von Rudolf Steiner damit begonnen,
erste Elemente fiir erneuerte kultische Handlungen zu entwickeln. Die
von ihm vorgetragenen und besprochenen Texte sind hier so wiederge-
geben, wie sie in seiner Handschrift vorliegen, auch Orthographie und
Interpunktion wurden nicht verandert. Bei dieser Wiedergabe handelt es
sich nicht um die vollstandigen Ritualtexte, wie sie in der Christen-
gemeinschaft zelebriert werden, da diese zum Teil erst spater von Rudolf
Steiner gegeben wurden.
Ein Jahr nach diesem Kursus, im September 1922, grundeten 45 Per-
sonlichkeiten aus dem Teilnehmerkreis unter der Leitung von Pfarrer
Dr. Friedrich Rittelrneyer die religiose Erneuerungsbewegung «Die
Christengemeinschaft». Schon in den Vortragen des ersten Kurses und
auch spater immer wieder hat Rudolf Steiner betont, dafi es nicht die
Aufgabe der anthroposophischen Bewegung sei, neue religiose Gemein-
schaften zu griinden, «denn diese anthroposophische Bewegung kann
heute durch ihre innere Natur nichts anderes sein als eine ganz univer-
selle Bewegung. Sie mufi sich gewissermafien auf alle Gebiete des Lebens
verlegen». 3 Rudolf Steiner erkannte aber die Bedeutung des an ihn
herangetragenen Anliegens und hat darauf mit seinem personlichen Rat
geantwortet. So konnte die religiose Erneuerungsbewegung ihre Ver-
wirklichung finden. Aus der Veroffentlichung dieser Vortrage (siehe
Seite 646) werden Art und Umfang der von ihm geleisteten Ratschlage
und Hilfen ersichtlich.
Die vorliegende Ausgabe der Vortrage wird erganzt durch einen Band
mit dokumentarischem Material: Wandtafelzeichnungen, Notizbuch-
eintragungen und anderen Handschriften Rudolf Steiners.
3 Vortrag vom 13. Juni 1921 in GA 342.
ERSTER VORTRAG
Dornach, 26. September 1921, nachmittags
Meine lieben Freunde! Ich danke Herrn Lizentiat Bock herzlich fur
seine Begriifiung, und ich verspreche Ihnen, dafi ich mit allem, was
in meinen Kraften ist, dazu beitragen will, dafi Sie wahrend dieses
Ihres Aufenthaltes hier wirklich, wenigstens teilweise, dasjenige fin-
den konnen, was Sie suchen.
Heute mochte ich zunachst einiges Orientierendes besprechen,
damit wir uns im richtigen Sinne verstehen konnen. Denn das wird
ja besonders unsere Aufgabe sein - auch in den verschiedenen Dis-
kussionsstunden, die wir halten werden -, dafi wir uns genau aus-
sprechen werden iiber dasjenige, was eigentlich Ihnen fur ihr zu-
kunftiges Wirken ganz besonders auf dem Herzen liegt. Und ich
hoffe, dafi das, was ich Ihnen werde zu sagen haben, gerade dadurch
in der richtigen Weise wird gesagt werden konnen, wenn ich in den
nachsten Diskussionsstunden Ihre Wunsche und die Aufgaben, die
Sie sich stellen, werde vernehmen konnen.
Anthroposophie, meine lieben Freunde, mufi ja durchaus ehrlich
auf dem Boden stehenbleiben, von dem ich oftmals gesprochen ha-
be, indem ich sagte: Anthroposophie als solche kann nicht religions-
bildend auftreten; Anthroposophie als solche mufi sich die begrenz-
te Aufgabe stellen, als Geisteswissenschaft die gegenwartige Kultur
und Zivilisation zu befruchten, und es kann nicht in ihren Absich-
ten liegen, selber religionsbildend aufzutreten. Eigentlich liegt es ihr
ganz fern, in irgendeiner Weise in den Entwickelungsprozefi des
religiosen Lebens als solchen unmittelbar einzugreifen. Dennoch ist
es, wie mir scheint, durchaus berechtigt gegeniiber den Aufgaben,
die Sie sich gerade gesetzt haben, dafi wir fur das religiose Wirken
dasjenige suchen, was aus Anthroposophie gewonnen werden kann.
Denn da£ mittelbar durch die AiitlirQpGSophie gerade fiir das reli-
giose Wirken nicht hloE vie! gewonnen werden kann, sondern audi
gewonnen werden mufi, das muE gesagt werden; und Hire Empfin-
dung ist jedenfalls ganz richtig, &2& das religiose Leben als solches
eine Vertiefung braucht, die nur aus den Quellen der anthroposo-
phischen Wissenschaft kommen kann.
Ich nehme an, meine lieben Freunde, dafi Sie sich wirkend in
dieses religiose Leben hineinstellen wollen, und dafi Sie diesen an-
throposophischen Kurs gesucht haben, weil Sie fiihlen, dafi man mit
dem religiosen Wirken gewissermafien immer mehr und mehr in
eine Sackgasse hineinkommt, und dafi in diesem religiosen Wirken
heute - durch unsere Traditionen, durch die geschichtliche Entwik-
kelung und durch manches andere, das wir ja noch besprechen wer-
den - Elemente fehlen, die eben darin sein mufiten. Wir sehen ja,
wie gerade die heute vielleicht bedeutsamsten Personlichkeiten, wel-
che fur das religiose Wirken eine neue Grundlegung suchen, weil sie
glauben, dafi man einer solchen bedarf, in einer ganz bestimmten
Richtung sich bewegen. Und ich mochte darauf hinweisen als erstes,
wie gerade die gewissenhaftesten Personlichkeiten sich fragen, wie
man zu einer sicheren Fundierung des religiosen Bewulkseins
kommt, und wie dann diese Personlichkeiten eigentlich alle mehr
oder weniger suchen nach einer Art — man kann es schon nicht
anders nennen -, nach einer Art von Philosophic Ich erinnere Sie
nur daran, wie etwa Heim gerade eine Art philosophische Grundle-
gung fiir das religiose Bewufksein sucht. Gewifi, man mufi das aus
dem heutigen Zeitbewufitsein heraus durchaus als etwas absolut
Notwendiges anerkennen, und man darf nicht iibersehen, dafi auf
diesem Wege ja aufierordentlich viel geleistet wird. Aber man kann
sich dennoch nicht enthalten, bei unbefangenem Hinsehen auf das-
jenige, was da angestrebt wird, zu der Ansicht zu kommen: Solch
ein Bestreben fiihrt ja eigentlich statt in das religiose Leben hinein,
aus diesem religiosen Leben heraus. - Denn das religiose Leben, Sie
werden es fiihlen, es mufi ein unmittelbares sein, es mufi etwas sein,
was elementar mit der ganzen Menschennatur zusammenhangt, was
elementar aus den innersten Griinden dieser menschlichen Natur
heraus lebt. Alles philosophische Nachdenken ist ja Reflexion und
entfernt sich von diesem unmittelbaren elementaren Erleben. Und
wenn ich eine personliche Empfindung ausdriicken darf, so ist es
diese: Wenn jemand tiber das religiose Leben philosophiert und
glaubt, eine philosophische Grundlegung niitze etwas fur das reli-
giose Erleben, so kommt mir das eigentlich immer so vor, wie wenn
man die Ernahrungsphysiologie dazu verwenden mochte, um zur
Ernahrung selbst zu kommen. Nicht wahr, man kann noch so rich-
tig die Grundsatze der Ernahrungswissenschaft feststellen, das gibt
ja fiir die Ernahrung selbst nichts. Die Ernahrungswissenschaft klart
auf uber die Ernahrung, aber die Ernahrung mufi doch in der Reali-
tat fundiert sein, sie mufi in der Wirklichkeit wurzeln; erst dann
kann man iiber die Ernahrung philosophieren. So mufi auch das
religiose Leben in der Wirklichkeit wurzeln. Es mufi in der Realitat
bestehen, und erst wenn es da ist, kann man dariiber philosophie-
ren. Aber fundieren, begriinden kann man das religiose Leben ganz
gewifi nicht mit irgendeiner philosophischen Erwagung.
Das ist das eine. Das andere ist etwas, was ich am besten dadurch
bezeichnen mochte - ich weise immer gern auf Realitaten hin — , dafi
vor jetzt schon mehreren Jahrzehnten gerade in Basel ein Buch
entstanden ist, welches den Titel tragt: «Uber die Christlichkeit
unserer heutigen Theologie» - das Buch ist von Overbeck -, worin
der Nachweis gefiihrt wird, daft die moderne Theologie zwar eine
Theologie ist, aber eben nicht mehr eigentlich christlich ist. Und
nun, wenn man Harnacks Buch «Das Wesen des Christentums»
nimmt und bei den Auseinandersetzungen, die er dort gibt, iiberall
statt des Namens «Christus» einfach «Gott» hinsetzt, so wiirde man
an dem inneren Gehalt dieses Harnackschen Buches «Das Wesen
des Christentums» nichts besonderes andern. Das driickt sich ja
schon darin aus, daft Adolf Harnack sagt, in die Evangelien gehore
eigentlich nur die Verkiindigung vom Vater hinein und nicht die des
Christus Jesus, wahrend naturlich die fruheren Jahrhunderte der
christlichen Entwickelung in den Evangelien vor alien Dingen die
Verkiindieune des Christus Tesus selber eesehen haben. Aber wenn
man in den Evangelien wirklich die eigentliche Verkiindigung des
Christus jesus sieht, dann muls man neben dem Vater-Erlebnis, das
heiftt neben dem Erlebnis eines die Welt allgemein durchwirkenden
Gottes, das Christus-Erlebnis als ein besonderes haben. Man muE
beide Erlebnisse haben konnen. Ein Theologe wie Adolf Harnack
hat nicht mehr die beiden Erlebnisse, sondern nur das eine Gottes-
Erlebnis, daher ist er genotigt, dasjenige, was er bei der Vorstellung
des Gottes erlebt, auf den Christus-Namen zu taufen; blofi aus dem
historischen Grunde, weil er eben ein Vertreter des Christentums
ist, tauft er sein Gottes -Erlebnis auf den Namen Christus.
Diese einschneidenden, bedeutsamen Dinge sind schon durchaus
da. Gewifi, man macht sie sich nicht immer in der gehorigen Weise
klar, aber gefuhlt werden sie, und ich nehme an, dafi in der Gegen-
wart, wo ja alles in den Gemiitern der Menschen aufgeriittelt ist,
sich insbesondere jungen Theologen zeigen mufi, wie man mit die-
sen Dingen eben nicht fertig werden kann, wie man gewissermafien
heute Theologe sein kann, ohne von dem eigentlichen Wesen des
Christus durchdrungen zu sein. Aus diesem Erlebnis heraus ist ja
auch solch ein Buch wie das von Overbeck iiber die Christlichkeit
der heutigen Theologie entstanden, worin im Grunde die Antwort
gegeben wird, dafi die moderne Theologie nicht mehr christlich ist,
weil man es nur zu tun hat mit einem allgemeinen Philosophieren
iiber einen die Welt durchziehenden Gott, aber nicht im eigent-
lichen Sinn das Christus-Erlebnis der ganzen Behandlung der reli-
giosen Probleme zugrundegelegt werden kann. Es wird der Behand-
lung der religiosen Probleme nur das Vater-Problem zugrundege-
legt, nicht eigentlich das Christus-Erlebnis.
Nun haben wir ja im Grunde heute alle die Erziehung im Leibe,
die von der modernen Wissenschaftlichkeit herriihrt, von jener Wis-
senschaftlichkeit, die eigentlich erst seit der Mitte des 15.Jahrhun-
derts in der modernen Zivilisation zu wirken begonnen hat, die aber
heute eingegangen ist in alles Denken der modernen Menschen.
Man kann im Grunde gar nicht anders, weil man von der Schule so
erzogen wird von der untersten Volksschulklasse her, als in den
Formen denken, wie die moderne Wissenschaftlichkeit sie ange-
nommen hat. Daher ist es gekommen, dafl auch die Theologie des
19.Jahrhunderts sich orientieren wollte in Gemafiheit dieser For-
men der modernen Wissenschaftlichkeit. Ich mochte sagen, sie fiihl-
te sich verantwortlich vor dem Richterstuhl dieser modernen Wis-
senschaftlichkeit und ist dadurch das geworden, was sie eben heute
geworden ist. Man kann eben heute nicht anders den rechten Weg
zur Begriindung einer echten Religiositat finden, als dadurch, dafi
man zugleich die ganze Berechtigung und die ganze Bedeutung des
wissenschaftlichen Lebens ins Auge fafit.
Ich habe vielleicht vor einigen von Ihnen schon hingewiesen auf
einen in bezug auf das religiose Leben ernst zu nehmenden Mann,
auf Gideon Spicker, der lange Zeit an der Universitat Munster Phi-
losophic gelehrt hat, der ausgegangen ist von einem streng christ-
lichen Erfassen der Welt, und der dann immer mehr und mehr hin-
iiber sich entwickelt hat zur Philosophic, der aber niemals eigentlich
die Philosophic als etwas anderes betrachtet hat, als ein Instrument
zur Erfassung der religiosen Probleme. Aber es gab ihm das moder-
ne Denken nicht die Moglichkeit, eine sichere Grundlage dafiir zu
finden. Und so finden wir in seinem Buchelchen, das den Titel tragt
«Am Wendepunkt der christlichen Weltperiode», die Ratlosigkeit
des modernen Menschen von ihm so charakterisiert, dafi er sagt:
Wir haben heute eine Metaphysik ohne transzendentale Uberzeu-
gung, wir haben eine Erkenntnistheorie ohne objektive Bedeutung,
wir haben eine Psychologie ohne Seele, eine Logik ohne Inhalt, eine
Ethik ohne Verbindlichkeit, und wir konnen deshalb im Grunde
genommen nicht irgendeine Fundierung fur das religiose Bewufit-
sein finden. — Gideon Spicker stand da sehr, sehr nahe an der eigent-
lichen Crux, die doch alien religiosen Zwiespalten des modernen
Menschen zugrundeliegt. Man kann da wie an einem Symptom zei-
gen, wo die eigentliche Crux, mochte ich sagen, liegt. Wenn der
moderne Mensch erkennt, wenn er also versucht, sich durch Vor-
stellungen ein Bild von der Welt zu machen, so hat er zugleich das
Gefuhl, dafi dieses Erkennen nicht in die Tiefen eindringt. Gideon
Spicker driickt es so aus: «Wir haben eine Erkenntnistheorie ohne
objektive Bedeutung», das heifit, wir haben unsere Erkenntnisse,
ohne dafi wir in der Lage sind, in uns die Kraft zu finden, dasjenige,
was wir als Erkenntnisse bilden, auf cin wirklich Objektives zu
beziehen. Und so krankt der erkennende Mensch in der modernen
Zeit daran, daft er eben nicht die Moglichkeit finder, in seiner Er-
kenntnis eine Garantie fur die Objektivitat des Wesens der Welt, fur
das Dasein als solches zu haben. Er findet sich aus dem, was er
subjektiv erlebt in der Erkenntnis, eigentlich nicht richtig heraus.
Das alles hat selbstverstandlich, eben weil es Philosophic ist, mit
dem religiosen Erleben nichts zu tun. Dennoch kann man sagen,
dafi das religiose Erleben heute durchaus unter einem Einflufi steht,
der nach einer ahnlichen Richtung geht. Denn eine Menschheit,
welche nicht in der Lage ist, von der Erkenntnis zu sagen: in dieser
Erkenntnis ergibt sich mir ein objektives Sein — , eine solche
Menschheit fuhlt dieselbe Haltlosigkeit dann an einem anderen
Punkte auftauchen, und das ist das religiose Leben. Da taucht die-
selbe Haltlosigkeit da auf, wo der eigentliche Angelpunkt des reli-
giosen Lebens heute liegt. Wir werden sehen, wie sich um diesen
Angelpunkt die verschiedensten anderen Probleme herumgruppie-
ren. Dieser Angelpunkt liegt in dem Gebet, in der Bedeutung des
Gebetes. Der religiose Mensch raufi fuhlen, dafi das Gebet eine reale
Bedeutung haben mufi; man mufi im Gebet mit irgendeiner Realitat
zusammenhangen. Aber in einem Zeitalter, in dem der erkennende
Mensch aus seiner [subjektiven] Erkenntnis nicht herauskommt und
in der Erkenntnis nicht eine Realitat ergreifen kann, in demselben
Zeitalter findet der religiose Mensch nicht die Moglichkeit, wenn er
betet, sich bewufit zu werden, dafi das Gebet nicht blofi eine sub-
jektive Tat ist, sondern dafi in diesem Gebet ein objektives Erleben
vorhanden ist. Und der Mensch, der sich nicht klar dariiber werden
kann, dafi im Beten ein objektives Erleben vorhanden ist, fur den ist
es unmoglich, einen richtigen religiosen Halt zu finden. Im Gebete
mufi sich, gerade fur den heutigen Menschen bei seiner Veranla-
gung, das religiose Leben konzentrieren. Die verschiedenen anderen
Gebiete miissen sich im Gebet konzentrieren. Aber ein Gebet, das
nur subjektive Bedeutung hatte, das wiirde den Menschen religios
haltlos machen miissen.
Es ist dieselbe Wurzel, aus der heute bei uns auf der einen Seite
herauswachst die Haltlosigkeit der Erkenntnis, das Ignorabimus,
und auf der anderen Seite die Angst, die Sorge, dafi man mit dem
Gebete nicht in einer gottlichen Objektivitat lebt, sondern vielleicht
nur mit seiner Subjektivitat beschaftigt ist.
Sehen Sie, das Glaubensproblem und das Wissensproblem, alle
Probleme, die von der theologischen Seite her den Menschen be-
schaftigen, sie hangen mit dem eben Charakterisierten zusammen.
Und auch alles dasjenige, was den Menschen bedriickt von der Seite
des unmittelbaren religiosen Erlebens her, das Sicherheit haben
muE, Halt haben mufi, das riihrt auch aus dieser selben Quelle her.
Und man kommt gegeniiber dieser Frage wohl kaum zurecht, wenn
man nicht sich ein wenig geschichtlich orientiert, wo es uns ganz
deutlich vor Augen tritt, wie weit wir eigentlich mit der heutigen
Wissenschaftlichkeit von dem entfernt sind, was wir die Christlich-
keit nennen konnen, wahrend auf der anderen Seite heute fortwah-
rend das Bestreben vorhanden ist, die Christlichkeit mit der Wissen-
schaftlichkeit auszusohnen. Nehmen Sie alles dasjenige, was Evan-
gelium, was christliche Tradition ist. Sie konnen nicht anders, als
sich sagen: darin ist eine andere Auffassung des Menschen als in der
modernen Wissenschaftlichkeit. In der modernen Wissenschaftlich-
keit wird der Mensch zuriickgefuhrt auf irgendeinen primitiven Ur-
menschen - ich will gar nicht sagen, dafi der sich nun vielleicht gar
aus tierischen Vorfahren entwickelt haben soli -, wir werden zu-
riickgefuhrt auf einen Urmenschen primitiver Art, der sich allmah-
lich entwickelt hat, und in dessen Entwickelung eine Progression,
ein Fortschritt liegt. Und die moderne Menschheit ist aus naturwis-
senschaftlichen Untergriinden befriedigt im Hinblicken auf den pri-
mitiven Urmenschen, der durch eine gewisse in ihm liegende Kraft,
wie man sagt, sich zu immer grofierer und noch grofierer Kultur-
vollkommenheit heraufgebildet hat, und dem ungeahnte Zukunften
in bezug auf diese Vollendung vor Augen stehen konnen. Stellt man
in diese Entwickelung den Christus hinein, das Mysterium von Gol-
gatha, so kann man, wenn man in ehrlicher Weise an den Evangelien
festhalt, nicht anders als sagen: da hinein pafit er nicht, da hinein
pafit eine Geschichtsauffassung, die gewissermafien urn das Myste-
rium von Golgatha herumgeht und es auslafit, aber es palRt nicht
eigentlich der Christus der Evangelien in diese Auffassung hinein.
Der Christus der Evangelien ist nicht anders denkbar, als wenn man
etwas voraussetzt, was noch im 18. Jahrhundert gerade bei den auf-
geklartesten, bei den geistigsten Menschen als eine Selbstverstand-
lichkeit vorhanden war. Zum Beispiel bei Saint-Martin - ich will
jetzt absehen von der religiosen Entwickelung und will nur hinwei-
sen auf jemanden, der im eminentesten Sinne Wissenschaftler war
fiir das 18. Jahrhundert, und das war Saint-Martin — , da ist durchaus
ein deutliches Bewufitsein vorhanden davon, dafi der Mensch im
Beginne seiner Erdenentwickelung aus einer gewissen Hohe herun-
tergestiirzt ist, dafi er friiher in einem anderen Weltmilieu war, in
einer anderen Umgebung, und durch ein gewaltiges Ereignis, durch
eine Krise heruntergeworfen worden ist in eine Sphare, die unter-
halb seines friiheren Daseinsniveaus lag, so dafi der Mensch in seiner
gegenwartigen Entwickelung gewissermafien dasjenige nicht ist, was
er einmal war.
Wahrend also unsere neuzeitliche Naturwissenschaft auf die Ent-
wickelung des primitiven Urmenschen zuriickweist, der sich herauf-
gearbeitet hat, mufi diese andere Anschauung, die Anschauung
Saint-Martins, zuriickweisen auf den gefallenen Menschen, auf den
Menschen, der einmal etwas Hoheres war. Das ist etwas, wie gesagt,
was bei Saint-Martin wie eine Selbstverstandlichkeit auftritt, und bei
Saint-Martin herrscht etwas, was er wie eine Art Schamgefuhl des
Menschen iiber seinen Fall empfindet. Sehen Sie, wenn man den
Christus in eine solche [Auffassung der] Menschenentwickelung
hineinstellt, wo der Mensch, indem er das Erdendasein beginnt,
heruntergestiegen ist und nun niedriger ist, als er einmal war, dann
wird der Christus zu demjenigen Wesen, das den Menschen rettet
vor dem Zustande des fortlaufenden Fallens, dann tragt der Christus
den Menschen wiederum hinauf zu demjenigen Zustande, in dem er
friiher war.
Wir werden ja sehen, in welcher Modifikation diese Vorstellung
vor unsere Seele treten mufi. Aber jedenfalls haben wir es da durch-
aus zu tun mit einer Inkommensurabilitat zwischen unserer moder-
nen Auffassung von der Entwickelung des Menschen und der Auf-
fassung der Evangelien, und es ist immer eine Unehrlichkeit, wenn
man hin und her laboriert und sich nicht gesteht, dafi man eigentlich
nicht zu gleicher Zeit ein Anhanger der modernen naturwissen-
schaftlichen Denkweise und ein Christ sein kann. Das miifite eigent-
lich fiir jeden ehrlichen, insbesondere fiir den religios ehrlich emp-
findenden Menschen klar sein. Da gibt es etwas, was als erstes iiber-
briickt werden mufi, wenn das religiose Leben wieder gesunden soli.
Ohne diese Uberbriickung gesundet das religiose Leben nie und
nimmermehr. Eigentlich erscheinen einem Leute wie David Fried-
rich Straufi, der die Frage «Sind wir noch Christen ?» mit einem
Nein beantwortet hat, doch ehrlicher als manche der neueren Theo-
logen, die immer wieder und wiederum die eigentlich radikale Dif-
ferenz zwischen dem, was der moderne Mensch als seine Wissen-
schaft ansieht und der Evangelien-Auffassung des Christus nicht
uberblicken. Und diesen Charakter tragt ja die moderne Theologie.
Sie ist im Grunde genommen der ohnmachtige Versuch, die Chri-
stus-Auffassung der Evangelien in irgendeiner Weise so zu behan-
deln, dafi man sich vor der modernen Wissenschaft rechtfertigen
kann. Und da entsteht ja nichts, was sich irgendwie halten lafit.
Ja, aber eine Theologie ist doch da. Der moderne Seelsorger hat
eigentlich an der Theologie, die ihm heute die Schule gibt, eine sehr
geringe Stiitze fiir sein Amt, aus Griinden, die schon in dem Ange-
deuteten liegen, auf die wir ja noch zu sprechen kommen im Verlau-
fe unserer Auseinandersetzungen. Der moderne Seelsorger mufi ja
natiirlich Theologe sein, obwohl ganz gewifi Theologie nicht Reli-
gion ist. Aber um zu wirken, braucht man eine theologische Durch-
bildung, und diese theologische Vorbildung leidet an all den Gebre-
chen, die ich kurz in dieser Einleitung heute angedeutet habe.
Sehen Sie, die katholische Kirche weifi ganz gut, was sie tut,
indem sie die moderne Wissenschaft nicht in die Theologie eindrin-
gen lafit. Nicht als ob die katholische Kirche nicht die moderne
Wissenschaft pflegte, die pflegt sie erst recht. Die grofiten Gelehrten
kann man durchaus innerhalb der katholischen Theologenschaft fin-
den. Ich erinnere nur an den Pater Secchi, einen grofien Astrophysi-
ker, ich erinnere an seiche Menschen wie Wasmann, der ein bedeu-
tender Zoologe ist, und an viele andere ware zu erinnern, vor alien
Dingen ware zu erinnern an die aufierordentlich bedeutsamen wis-
senschaftlicken Leistungen, weltlich-wissenschaftlichen Leistungen
des Benediktinerordens und so weiter. Aber welche Rolle spielt die
moderne Wissenschaftlichkeit innerhalb der katholischen Kirche?
Die katholische Kirche will, dafi die moderne Wissenschaftlichkeit
gepflegt wird, dafi in ihr wirkliche Koiyphaen vorhanden sind.
Aber man will diese moderne Wissenschaftlichkeit lediglich betati-
gen in bezug auf die aufiere Sinneswelt, sie soil sich streng fernhal-
ten von der Erfassung von irgend etwas Geistigem, sie soli gar
nichts aussagen iiber dieses Geistige. Ihr ist geradezu verboten, iiber
das Geistige etwas auszusagen; da haben sich die Wissenschaften
nicht hineinzumischen, wenn iiber die Berechtigung des geistigen
Lebens irgend etwas gesagt wird. So verweist der Katholizismus die
Wissenschaft in ihre Grenzen, er weist sie hinaus aus alle dem, was
Theologie ist. Dafi sie, wie zum Beispiel im Modernismus, nach und
nach doch hineingekommen ist, das hat ja der Katholizismus als
etwas sehr Unzukommliches empfunden; daher sein Kampf gegen
den Modernismus. Die katholische Kirche weifi eben genau: In dem
Augenblick, wo Wissenschaft in die Theologie eindringt, da liegen
aufierordentliche Gefahren vor, und man kann unmoglich mit wis-
senschaftlichen Forschungen in der Theologie zurechtkommen. - Es
ist eigentlich im Grunde genommen etwas Trostloses, wenn man es
in dieser Abstraktheit ausspricht: Theologie miissen wir doch ha-
ben, aber sie wird uns versengt, verbrannt von der modernen Wis-
senschaftlichkeit. - Woher kommt das? Das ist zunachst die grofie
brennende Frage. Woher kommt das?
Ja, meine lieben Freunde, die Theologie, wie wir sie zunachst
haben, wurzelt eben in ganz anderen Voraussetzungen als es diejeni-
gen des modernen Menschen eigentlich sind. Schliefilich sind schon
die Grundlagen der Theologie — wenn sie nur richtig verstanden
werden - auch genau dieselben wie die Grundlagen des Evangeliums
selber. Ich spreche damit einen Satz aus, der natiirlich, indem er so
ausgesprochen wird, nicht gleich verstandlich sein wird, der aber
gerade fur unsere Auseinandersetzungen hier von aufierordentlicher
Wichtigkeit und Bedeutung ist. Die Theologie, wie sie uberliefert
ist, tritt eben gar nicht in der Form auf, in der die moderne Wissen-
schaftlichkeit auftritt. Die Theologie ist zum grofien Teil auch in
ihren Formen etwas Uberlief ertes ; sie fiihrt als solche zuriick in
friihere Auffassungsweisen der Menschen. Gewifi, man hat spater ja
die moderne Logik auf die moderne Theologie angewendet, dadurch
ist die Form der Theologie etwas verandert worden; man sieht da-
durch nicht mehr recht zuriick auf dasjenige, was Theologie einmal
war. Wiederum ist es der Katholizismus, der eigentlich in dieser
Beziehung etwas in sich hat, was aufierordentlich beriickend wirkt
auf die mehr intelligenten Leute, und festgehalten werden viele Kle-
riker im Katholizismus, wenn sie Theologie studieren, durch dasje-
nige, was ihnen da uberliefert wird als die Kunde von der sogenann-
ten Uroffenbarung.
Uroffenbarung! Man mufi sich namlich klar sein dariiber, dafi der
Katholizismus nicht blofi die Offenbarung hat, von der man ge-
wohnlich spricht als der Offenbarung des Neuen Testamentes, und
auch nicht nur die Offenbarung, von der man gewohnlich als von
der Offenbarung des Alten Testamentes spricht, sondern der Katho-
lizismus - soweit er Theologie ist - spricht von einer Uroffenba-
rung. Und es wird diese Uroffenbarung zumeist so charakterisiert,
dafi gesagt wird: Dasjenige, was durch Christus offenbart worden
ist, das ist den Menschen schon fruher einmal offenbart worden;
damals haben die Menschen diese Offenbarung in einem anderen, in
einem kosmischen Weltenmilieu bekommen, und durch den Sun-
denfall ist diese Offenbarung verlorengegangen, aber eine Erbschaft
dieser Uroffenbarung war noch vorhanden durch das Alte Testa-
ment und durch die heidnischen Lehren. — Das ist katholische Auf-
fassung. Es war einmal, bevor der Mensch stindig geworden ist, an
den Menschen eine Offenbarung ergangen; hatte sich der Mensch
nicht in die Siinde geworfen, so ware die ganze Erlosungstat des
Christus-Jesus nicht notig geworden. Aber die Uroffenbarung ist
getriibt worden, indem der Mensch heruntergestiegen ist in die stin-
dige Welt, und im Verlaufe der Zeit bis zu dem Mysterium von
Golgatha hat der Mensch inimer mehr und mehr das vergessen, was
der Inhalt der Uroffenbarung war. Gewissermafien im Anfange er-
glanzte der Inhalt dieser Uroffenbarung noch, dann aber, als die
Generationen weiter- und weiterschritten, verdunkelte sich diese
Uroffenbarung, und sie war vollig verdunkelt in der Zeit, als durch
das Mysterium von Golgatha die neue Offenbarung kam. - So sieht
das Christentum — wo Theologie gelehrt wird - heute noch in den
alttestamentlichen Lehren und vor alien Dingen auch in den heidni-
schen Lehren eine korrumpierte Uroffenbarung. Der Katholizismus
hat schon eine Einsicht in das, woriiber ich ja oftmals in der An-
throposophie gesprochen habe: in die alten Mysterien. In meinem
Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» habe ich auf diese
Dinge hingedeutet, aber, nicht wahr, nur soweit es eben geht, weil
die Dinge ja der heutigen Welt so unbekannt wie nur moglich sind
und die meisten Menschen auf diese Dinge gar nicht vorbereitet
sind. Aber hier konnen wir genauer dariiber sprechen, namentlich
liber einen Punkt.
Es gab iiberall in den heidnisch-religiosen Mysterien gewisse Er-
fahrungen, durch welche die Leute mehr erfuhren, als eben aufier-
lich, exoterisch, der grofien Menge mitgeteilt werden konnte. Dieses
Erfahren aber geschah nicht durch Unterweisung, sondern es ge-
schah durch Askesis, durch Ubung, es geschah, indem der Mensch
gewisse Erlebnisse durchmachte; er erlebte eine Art Dramatik mit
einem Hohepunkt, mit einer Katharsis, bis er hinkam zu einem
Erleben des Aufleuchtens der gottlichen Weltgesetze. Dies ist ein-
fach eine Tats ache, und es gibt schon innerhalb des esoterischen
Katholizismus ein Bewufitsein davon, dafi so etwas wie diese My-
sterien vorhanden war. Aber man sagt eben, die moderne Zeit ist
von weltlicher Wissenschaft erfullt, und diese weltliche Wissen-
schaft hat in die Theologie nicht hineinzureden; daher bewahren wir
lieber unser Wissen von den Mysterien, damit nicht die weltliche
Wissenschaft herankommt und diese Mysterien erklart. Denn das
Erklaren der Mysterien wiirde unter alien Umstanden eine grofie
Gefahr sein. Der Katholizismus furchtet sich davor, die Wissen-
schaft herankommen zu lassen an dasjenige, was man iiber solche
Dinge wissen kann.
Nun handelt es sich um die Frage: Was haben denn die Mysterien
eigentlich vermittelt in jenen alten Zeiten? Die Mysterien lieferten
nicht blofi eine theoretische Erkenntnis, sie lieferten eine Umwand-
lung des Bewulkseins, eine richtige Umwandlung des Bewufitseins.
Der Mensch, der durch die Mysterien gegangen war, lernte die Welt
anders zu erleben als derjenige, der nicht durch die Mysterien ge-
gangen war. Der Mensch, der wachend in der Welt drinnensteht,
erlebt aufierhalb des Schlafzustandes die aufiere Sinneswelt, er erlebt
seine Erinnerung, er kann durch die Erinnerung sein eigenes Leben
innerlich zuriickerleben, wenn auch vielleicht mit vielfachen Unter-
brechungen, bis zu einem gewissen Punkt seines Lebens, der ein
paar Jahre nach der Geburt liegt. Bei dem Menschen nun, der in den
Mysterien durch harte Ubungen gegangen war, leuchtete in sein
Bewufttsein etwas ganz anderes herein als das, was er in seinem
gewohnlichen Bewufitsein haben konnte. Man driickte das in den
alten Mysterien dadurch aus, dafi man das, was der Mensch da
erlebte, eine «Wiedergeburt» nannte. Warum nannte man das eine
Wiedergeburt? Weil in der Tat bei dem Menschen dadurch ein Be-
wufitsein auftrat von einer Art embryonalen Erfahrens; ein Bewufit-
sein trat auf von der Art und Weise des Lebens, das der Mensch
durchmacht wahrend der Embryonalzeit. Nun ist es wahrend der
Ernbryonalzeit so, dafi der Mensch innerlich nur so erlebt, wie wir
sonst Gedanken erleben, wahrend er dasjenige, was die Sinne wahr-
nehmen, durch den miitterlichen Leib erlebt. Dieses scheinbar mit-
telbare, aber eigentlich viel unmittelbarere Erleben der Welt, das
wurde in dem Mysterienschuler erweckt. Ein embryonales Erleben
wurde erweckt; deshalb nannte man dies die «Wiedergeburt». Man
ging die Zeit des embryonalen Erlebens durch bis zur Geburt, und
so, wie sonst Erinnerungen auftauchen, so tauchte durch das, was
da erlebt wurde, auf, dafi der Mensch sich herauskommend fuhlte
aus einer geistigen Welt, wie noch halb zusammenhangend mit einer
geistigen Welt. Das waren die Mysterien der Geburt, und darunter
verstand man in der Zeit der Bliite der Mysterien dasjenige, was der
Mensch durch eine solche Einweihung erhalten konnte. Dasjenige,
was er durch eine solche Einweihung erhielt, das betrachtete man als
ein abgeschattetes Wissen von einern solchen Zustande, [in dem der
Mensch war,] bevor er in die Sinneswelt heruntergefallen ist. Also
durch die «Wiedergeburt» versetzte man sich in einer gewissen
Weise zuriick in eine siindenfreie menschliche Daseinsform. Und
man nannte [in friiherer Zeit] nur das Wissen «Theologie», das nicht
von dieser Welt war, sondern das nur zu gewinnen war durch Zu-
riickgehen auf ein Wissen, das der Mensch vor [dem Eintreten in]
diese Welt hatte, und das korrumpiert worden ist, indem der
Mensch in diese Welt eingezogen ist.
Ich schildere Ihnen diese Dinge, und wir werden sie naturlich
spater in bezug auf unser heutiges Bewufitsein zu betrachten haben.
Theologie war [in der alten Zeit] eine Gabe Gottes, die nur erlangt
werden konnte durch solche Ubungen, die den Menschen aus der
Welt der Sinne heraushoben, ihn wieder zuruckbrachten wenigstens
bis zu dem Erleben im miitterlichen Leibe, und ihn dadurch fahig
machten, dasjenige [Wissen] wiederum aufzunehmen, das noch un-
korrumpiert war. Aber das kann man nicht so aufnehmen, dafi man
es [in der Form] moderner logischer Begriffe bekommt. In den
Mysterien bekamen die Leute nicht logische Begriffe im modernen
Sinn, sondern sie bekamen Bilder. Alles Wissen, das auf diese Weise
errungen wird, wird in Bildern, in Anschauungen errungen. Je mehr
man namlich in die wirkliche Welt des Daseins hineintaucht - nicht
blofi «herumgeht» im Dasein -, je mehr man drinnenlebt im Dasein,
so wie man auch im miitterlichen Leibe im Dasein drinnenlebt,
desto mehr hort das Bewufitsein auf, in logisch abstrakten Begriffen
zu leben, desto mehr lebt es in Bildern. Daher war dasjenige, was
«Theologie» bei den Alten war, die Theologie der vorchristlichen
Zeit, bildhafte Wissenschaft, Wissenschaft, die in Bildern lebte. Und
deshalb darf ich sagen: Diese Theologie war durchaus einer solchen
Ausdrucksform ahnlich, wie sie in den Evangelien lebt. Denn in den
Evangelien finden wir eben auch Bilder, und je weiter wir zuriickge-
hen, desto mehr finden wir, dafi in den Evangelien noch gesprochen
wird in der Haltung der alten Theologie; da ist durchaus nicht eine
Differenzierung vorhanden zwischen Religion und Theologie, da ist
die Theologie selbst etwas, was man von Gott empfangt, da sieht
man in der Theologie hinauf zu Gott, da sieht man, wie einem die
Theologie gegeben ist durch einen Verkehr mit Gott. Da ist es etwas
Lebendiges, Theologie zu haben. Dann ist das gekommen, dafi die
Theologie [anders] erlebt wurde, etwa wie die Zustande, in die man
sich hineinlebt, indem man alter wird. Damals also, in alten Zeiten,
nahrte sich die Theologie aus dem religiosen Erleben. Und diese be-
sondere Art des Sich-Hineinlebens in die Welt [des religiosen Erie-
bens], sie ging eigentlich fur die Menschheit aufierlich verloren in der-
selben Zeit, in der das Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat.
Sehen Sie, wenn Sie nach dem Orient blicken, mit dem ja durch-
aus die Quellen unseres religiosen Lebens in historischer Beziehung
zusammenhangen, haben Sie, sagen wir, das indische religiose Le-
ben. Woraus nahrt sich denn dieses indische religiose Leben? Es
nahrt sich aus der Naturwahrnehmung, aber die Naturwahrneh-
mung war fur die Inder eben ganz etwas anderes, als sie es fur den
modernen Menschen ist. Diese Naturwahrnehmung war fur den
Inder durchaus so, dafi man sagen kann: Er nahm, indem er die
Natur beobachtete, geistig wahr, aber er nahm nur solches geistig
wahr, das unterhalb der eigentlichen Wesenheit des Menschen lag.
Er nahm geistig wahr die mineralische Welt, die pflanzliche Welt,
die tierische Welt, er war sich sogar einer gottlich-geistigen Grand-
lage dieser Welt bewufit; aber wollte er zu dem Menschlichen selbst
kommen, dann enthiillte sich ihm das nicht in seiner Welt. Da,
indem er das eigentliche Wesen des Menschen heraufbringen wollte
in die Welt, die er hatte, da ergab sich ihm nichts : Nirwana, Eintritt
ins Nichts gegeniiber dem, was [in bezug auf den Menschen] wahr-
genommen werden konnte. Daher diese Inbrunst [des indischen re-
ligiosen Lebens], das durchaus noch in dem Zeitalter lag, wo Theo-
logie, Religion und Wissenschaft eins waren, fur das Nirwana. Wir
haben da eine Flucht aus dem, was aus der Naturgrundlage mit dem
alten Bilderbewufitsein wahrgenommen wird, eine Flucht in das
Nirwana hinein, wo alles verweht, was den Sinnen gegeben ist.
Dieses Sichhingebenwollen an das Nirwana mu£ man ganz religids
[nach-]ernpfinden, um eine der maglichen Fornien zu haben fur die
religiosen Empfindungsstrdme der Menschen.
Dann, wenn wir das religiose Anschauen der Welt etwas weiter
herauf bei den Persern und bei den spateren Chaldaern betrachten,
sehen wir: sie wen den den Blick hinaus, sie erleben die Welt nicht
so wie wir, sie erleben eine durchgeistigte Welt, sie erleben iiberall
in den Dingen die geistigen Untergriinde, aber sie halten sie fest. Es
ist eine andere Charakteranlage bei diesen Volkern als bei den In-
dern. Die Inder streben nach dem Menschen hin, und den finden sie
nicht. Die anderen Volker, die nordlich und westlich von Indien
lebten, streben nicht nach dem Menschen hin, sondern sie streben
nach der Welt, nach dem Geistigen in der Welt hin. Sie konnen
dieses Geistige der Welt nicht anders erfassen, als indem sie mit aller
Kraft das vermeiden, was in der spateren Menschheitsentwickelung
nicht mehr vermieden werden konnte.
Es ist ungeheuer bedeutsam, meine lieben Freunde, wahrzuneh-
men, wie auf der einen Seite der alte Inder herausstrebt aus dem,
was er sieht, weil er, wenn er nach dem Menschen strebt, ich mdch-
te sagen, in die Bewufitlosigkeit fallt, in das Nirwana, wahrend der
Urperser stehenbleibt in dem, was er sieht. Das Gottliche, das der
mineralischen, der pflanzlichen, der tierischen Welt zugrundeliegt,
wird von dem Urperser ergriffen, nach dem geht sein religioses
Streben, aber nun uberfallt ihn die Angst, er konnte gedrangt wer-
den, den Menschen zu suchen, und das wiirde ihn zu einer abstrak-
ten Gedankenauffassung desjenigen gefuhrt haben, was er da in Bil-
dern wahrnahm. So ist eigentlich die Grundempfindung dieser vor-
derasiatischen Volker bis heriiber nach Afrika. Sie sehen auf dem
Grund der Natur eine geistige Welt; sie sehen den Menschen nicht,
aber sie haben auch Angst, den Menschen zu sehen, denn sie fiihlen,
sie kommen da in eine abstrakte Region hinein, in die Region, in die
spater die Romer hineingekommen sind mit ihrer Religion. Wir
haben vor der romischen Zeit, im zweiten, dritten Jahrtausend,
iiberall das Bestreben, das Hineinkommen in die Abstraktheit zu
vermeiden, dafur aber das Bestreben, dasjenige zu erfassen, was sich
in Bildern ergibt. Und man sucht eben, dasjenige, was man in Bil-
dern erfafit, selber in Bildern auszudriicken, man sucht, die Bezie-
hung zum Gottlichen, das man erschaut, nicht durch abstrakte Be-
griffe, sondern in Bildhandlungen zu finden; das ist der Ursprung
des Kultus. Auf diesem religiosen Gebiet, auf das ich hindeute, da
ist der Ursprung des Kultus.
Und nun stellen Sie sich in diese ganze Entwickelung das alte
hebraische Volk hinein, das Judentum, das vermoge seiner Volks-
entwickelung den Drang stark verspiirt, den Menschen nun hinein-
zustellen in dasjenige, was man im Bewufitsein hat. Ich will heute
nur andeutend sprechen, damit wir uns orientieren. Der Angehorige
des hebraischen Volkes wollte vor alien Dingen den Gott, der der
menschlichen Natur zugrundeliegt, erfuhlen. Der Inder hat nur den
Gott oder die Gotter gefuhlt, die der untermenschlichen Natur zu-
grundeliegen, und als er heraufgedrungen ist mit seinem Bewufitsein
zum Menschlichen, da wollte er aufgehen im Nirwana. Die anderen,
die persischen, chaldaischen, agyptischen Volker suchten die Ver-
bindung mit der Gottheit im Bilde und vermieden es infolge ihrer
Charakteranlage, bis zum Menschen heraufzudringen. Und so kon-
nen wir sehen, wie im Judentum dieser Drang, das Gottliche mit
dem Menschlichen zusammenzubringen, das Gottliche mit dem
Menschen in ein Verhaltnis zu bringen, [dazu fuhrt,] dafi das Gottli-
che zu gleicher Zeit als die Grundlage des Menschlichen selbst er-
scheint. Dazu war keine Veranlagung da im Indischen, da segelte
man hinein ins Nirwana; man hatte keine Vorstellungen mehr,
wenn man [zum Bewufitsein] des Menschlichen kommen wollte. Es
mufite [im Indischen] vermieden werden dieser Eigenweg der
menschlichen Seele. Dieser Eigenweg der menschlichen Seele hat
eben dazu gefuhrt, gewissermafien aus dem Dasein heraus ins
Nichtdasein hineinzugleiten. Der andere, der persische Weg, ist bei
Bildern stehengeblieben, er ist beim blofien Kultus stehengeblieben.
Wir sehen das jiidische Volk gewissermafien mitten in diesen Be-
strebungen drinnen seine besondere Eigenart entwickeln, und da
ergab sich zunachst die Unmoglichkeit, aus dem Eigenleben heraus
zum Gott zu kommen. Man mufite abwarten, was der Gott selber
gab, und es entstand da der eigentliche Offenbarungsbegriff. Man
mufite abwarten, was der Gott gab, und auf der anderen Seite wollte
man sich hiiten, den Bilderweg zu suchen, den man fiirchtete. Wenn
man den Bilderweg sucht, kommt man zu einem untermenschlichen
Gott, nicht zu dem das Menschliche tragenden Gott. Der Bilderweg
sollte nicht gesucht werden [im judentum, und] nicht dure;! Kultus-
handlungen wollte man mit dem Gotte sprechen, aber auch nicht
durch Erkenntnisinhalt. Der alte Jude wollte den Gott so erkunden,
dafi der Gott sich offenbaren sollte, und der Mensch sollte mensch-
lich mit dem Gott verkehren, indem er seinerseits nun nicht Opfer-
handlungen in Anschlag brachte, die sich im Aufieren vollzogen,
sondern etwas, was nur aus der Subjektivitat hervorgeht: das Ver-
sprechen - Offenbaren, Versprechen, und der Vertrag zwischen
beiden, ein juristisches Verhaltnis, mochte man sagen, zwischen
dem Menschen und seinem Gott.
So stellte sich die jiidische Religion hinein und so steht die jiidi-
sche Religion drinnen in der ganzen Entwickelung der Menschheit.
So dafi man sagen kann: Da ist schon dasjenige Verhaltnis vorgebil-
det, das noch in unsere moderne Zeit sehr hereinspielt, wo man die
Wissenschaft beseitigen mochte [aus der Religion], so dafi die Wis-
senschaft nichts zu sagen habe [in der Religion], ebenso wie der alte
Jude alles wegtat, was in Bildern vorhanden war. Das alles ist im
Judentum schon vorgebildet, und gerade in der modernen Unter-
scheidung zwischen Wissen und Glauben liegt ungeheuer viel Ju-
dentum. In Harnacks «Wesen des Christentums» ist alles wieder
aufgenommen aus dem Judentum. Das mufi man durchschauen, dafi
wir an diesen Dingen kranken.
Immer mehr und mehr drangen in die Menschheitsentwickelung
andere Dinge ein. Immer mehr entwickelte sich dasjenige, was dem
Juden eigen war: das Personlichkeitsbewufitsein, das nach der Ich-
Entwickelung hindrangt. Beim Griechen entwickelte sich neben
dem aufieren Naturanschauen eine machtige innere Welt, aber sie
war eine Welt, deren Giiltigkeit man bezweifeln konnte, weil man
sie blofi als eine Welt des Mythologischen anschaute. Fiihlen Sie im
Griechentum, im religiosen Element des Griechentums, dieses Auf-
leuchten, das durch die griechische Mythologie, durch die mytholo-
gisierende Phantasie lebt, die den Menschen zu finden sucht - den
man nicht in der Natur finden kann - durch dasjenige, was im
Menschen aufsteigt. Aber der Grieche erfafit noch nicht den eigent-
lichen Schwerpunkt im menschlichen Inneren, daher die mythologi-
sierende Phantasie, die dann der Rdmer uberfuhrt in das abstrakte
Denken, das ja allerdings schon bei Aristoteles beginnt, aber in Rom
besonders ausgebildet wird. Dieses abstrakte Denken, das dann
machtig genug ist, den Menschen auf den Punkt seines Ich zu stel-
len, den Menschen zum Selbstbewufitsein, zum Ichbewufitsein zu
bringen, das tragen wir heute noch in uns, und wir tragen es schwer
in uns in [der Form des] neuzeitlichen Agnostizismus.
Meine lieben Freunde, es gibt keine geistigere Lehre im Grunde
genommen als den modernen Materialismus. Das scheint ein son-
derbares Paradoxon zu sein, und doch ist es so. Dasjenige, was der
moderne materialistische Denker in seinem Kopf tragt, das ist ganz
vergeistigt, so vergeistigt, dafi es iiberhaupt abstrakt ist, dafi es gar
keinen Bezug mehr hat zur Wirklichkeit. Das ist ausgelebtes R6-
mertum. Wir sind eigentlich ungeheuer geistige Menschen geworden
im Laufe des 19.Jahrhunderts, aber wir verleugnen diese Geistig-
keit, indem wir behaupten, durch diese Geistigkeit nur die Materie
begreifen zu konnen. Wir haben in Wirklichkeit in der Seele einen
ganz durchgeistigten Inhalt, bis zur Idee vergeistigt, aber wir be-
haupten, dafi wir durch all das nur eine materielle Welt begreifen
konnen. So hat der Mensch sein Ich durch diese Vergeistigung er-
griffen, das Selbstbewufitsein ist so stark geworden, aber er hat sich
[dadurch] von der Welt getrennt. Heute mu& er wiederum den Zu-
sammenhang mit der Welt suchen, er mufi ihn suchen in der Er-
kenntnis, er mufi die Mdglichkeit haben, nicht nur eine «Erkenntnis
ohne objektive Bedeutung» zu haben, sondern eine Erkenntnis mit
objektiver Bedeutung, so dafi er im Erkennen erleben kann das Sein
der Welt, und auf der anderen Seite mufi er das haben, was dem
Innern des Menschen verbiirgt das Objektive.
Sehen Sie, die Griechen haben gegenuber der orientalischen Welt
einen grofien Vorsprung gehabt, sie haben gewissermafien das Inne-
re zusammennehmen konnen. Sie haben aus diesem Innern heraus
zu eineni Inhalt kommen konnen, aber der Inhalt befestigte sich erst
bis zum PhantasievolJen. Aber etwas haben die Griechen nicht ge-
konnt. Sie haben zwar die Entwickelung der Menschheit zur Verin-
nerlichung gebracht, aber nicht bis zu der Befestigung im fnneren.
Die Verinnerlichung, die Verhartung ist im Romertum und in alle
dem, was dann gekommen ist, noch weitergegangen, und man mufi-
te verstehen lernen ~ wir sind heute noch in der Notwendigkeit
dieses Verstehenlernens darin -, wie man nun im Innern dasjenige
befestigt, was dieses Innere seinsdurchdrungen macht. Der Grieche
konnte Gotter denken in grandiosen Phantasiebildern, aber was der
Grieche nicht konnte: er konnte nicht beten. Das ist das Wichtige:
der Grieche konnte nicht beten. Das Gebet ist eigentlich erst spater
gekommen; und fur das Gebet mufi gesucht werden die Moglich-
keit, in ihm Realitaten zu erfassen. Dazu mufi angeknupft werden
an diejenigen Zeiten, in denen das Gebet nicht blofi gesprochen,
nicht blofi gedacht oder nicht blofi gefuhlt worden ist, sondern in
denen das Gebet eins war mit der Opferhandlung. Und wiederum
weifi der Katholizismus sehr gut, warum er sich vom Kultus, von
der Opferhandlung, von der zentralen Opferhandlung, von dem
Mefiopfer nicht trennt.
Nun, liber diese Dinge werden wir dann weiter verhandeln.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 27. September 1921, vormittags
Meine lieben Freunde! Gestern bin ich davon ausgegangen, zu-
nachst wenigstens mit ein paar Worten anzudeuten, wie Anthropo-
sophie selbst durchaus nicht religionsbildend auftreten kann, in kei-
ner Weise unmittelbar eingreifen kann in die Entwickelung des reli-
giosen Lebens, sondern nur, wie ich gesagt habe, mittelbar. Denn
Anthroposophie muE ja ihrem Wesen nach eine freie Tat des Men-
schengeistes sein, sie mufi beruhen auf einer freien Tat des Men-
schengeistes — wie die Naturwissenschaft selber, die allerdings nach
der anderen Seite hingeht -, wahrend das religiose Leben beruhen
mufi auf dem Verkehr mit der Gotthek, mit der man sich verbunden
weifi, und von der man sich auch im religiosen Leben abhangig
weifi.
So konnte zunachst ein ernster Abgrund klaffen zwischen demje-
nigen, was Anthroposophie der gegenwartigen Zivilisation geben
kann, und einer Befruchtung des religiosen Lebens. Nur vielleicht
die Gesamtheit des hier zu Besprechenden wird Ihnen zeigen kon-
nen, dafi dieser Abgrund nicht besteht. Aber ich will schon heute
darauf aufmerksam machen, wie das anthroposophische Leben
selbst auch in den Wissenschaftsbetrieb so eingreift, dafi dieses Ein-
greifen bereits eine religiose Farbung hat.
Es ist ja ganz ohne Zweifel, dafi die gegenwartige Welt fur das
Verhaltnis des Menschen zum Kosmos und zu seiner irdischen Um-
gebung eben vom Agnostizismus beherrscht ist, und derjenige, der
als religioser Mensch das nicht wiirdigt, wiirde einen schweren, ei-
nen sehr schweren Irrtum begehen. Denn er wiirde gewissermafien
aus einer inneren Bequemlichkeit heraus stehenbleiben wollen bei
dem Alten und wiirde nichts beitragen dazu, dafi gerade das Ewige
im Alten wirkiich auch £iir die Erdenentwickelung erhalten bleiben
kann. Diesem Irrtum geben sich ja leider in der Gegenwart sehr
vieie Menschen hin. Sie verschliefien sich davor, dafi wir in ein
Zeitalter eintreten, in dem es einmal notwendig sein wird, liberal!
hineinzuleuchten mit menschlicher Besonnenheit, mit zum Bewufit-
sein erwachter Erkenntnis. Wiirde man kiinstlich das religiose Le-
ben fernhalten von dieser Erkenntnis, so wiirde es - weil ja zweifel-
los die Erkenntnis die grofiere Autoritat beanspruchen wiirde - in
dieser Erkenntnis untergehen, wie ihm das schon einmal drohte im
19. Jahrhundert, als die materialises chen Erkenntnisse das religiose
Leben in einem gewissen Sinne vernichten wollten.
Dasjenige, was ich damit gesagt habe, mufi uns einfach gefiihls-
mafiig durchdringen, es mu6 uns klar sein; und wenn es uns klar ist,
meine lieben Freunde, dann werden unsere Vorstellungen, wie ich
sie jetzt hervorrufen mufi, nicht so paradox erscheinen, wie sie viel-
leicht fiir das erste Anhoren erscheinen konnten.
Der Agnostizismus, das Ignorabimus, ist etwas, was herausent-
sprungen ist aus der naturwissenschaftlichen Denkweise der neue-
sten Zeit. Worauf beruht denn die Erkenntnis, die sich sagt: Igno-
rabimus, oder die sich zum Agnostizismus bekennt? Sie beruht auf
etwas, mit dem sie durchaus recht hat; sie beruht namlich darauf,
dafi der Mensch allmahlich versucht hat, fiir seine Erkenntnis sein
Seelenleben ganz auszuschalten. Es ist ja so, dafi das Ideal der
menschlichen Erkenntnis fiir den modernen Wissenschaftler, auch
fiir den Historiker, das geworden ist, die Subjektivitat auszuschalten
und nur dasjenige, was er als das Objektive gelten lafit, zur Sprache
bringen zu lassen. Damit aber wird der Erkenntnisprozefi, gerade
auch fiir den geisteswissenschaftlich Erkennenden, ein durchaus an
den physischen Leib des Menschen gebundener Prozeft. Bitte fassen
Sie das, meine lieben Freunde, in allem Ernste auf. Der Materialis-
mus hat namlich recht, wenn er diejenige Erkenntnis, die ihm zu-
ganglich ist, als etwas durch und durch nicht nur materiell Beding-
tes, sondern sogar materiell Verlaufendes ansieht. Das, was wirklich
geschieht zwischen dem Menschen, wenn er naturwissenschaftlich
erkennt, und der Aufienwelt, das geht vor zwischen den aufieren
materiellen Dingen und ihrer Beziehung zu den Sinnesorganen, das
heifit ihrer Beziehung zu dem materiellen physischen Leib. Der
reale Erkenntnisprozefi in bezug auf die Erdenwelt ist ein materiel-
ler Prozefi bis in die letzten Phasen des Erkennens hinein. Und das,
was der Mensch [beim Erkennen] erlebt, erlebt er nur als Zuschau-
er, er erlebt es, indem er mit seinem Seelisch-Geistigen «nebenher-
geht», so dafi der Mensch eigentlich durchaus im Recht ist, der den
Erkenntnisprozefi materiell auffafk und diese Auffassung als einzig
und allein mafigebend in der Gegenwart anerkennt. Der Mensch als
Zuschauer, der keinerlei Aktivitat in sich hat - das ist ja oftmals
schon von Leuten, die Naturwissenschaftler sind und dariiber nach-
gedacht haben, erkannt und ausgesprochen worden.
Sehen Sie, fur diesen Erkenntnisprozefi, bei dem der Mensch ei-
gentlich ein blofier Zuschauer ist, fliegt alles aus der Realitat heraus,
was der Mensch in seinem seelischen Leben durchmacht. Der
Mensch nimmt die aufieren Dinge wahr, er denkt iiber die aufieren
Dinge, er erinnert sich an die aufieren Dinge, er nimmt allerdings
auch wahr, wie in seine Erinnerungen, in seine Gedankenerinnerun-
gen Gefiihle und Willensemotionen hineinspielen, allein wie das ge-
schieht, das weifi er nicht, weil er iiber den Ursprung der Gefiihle
und des Willens vollstandig im Unklaren ist, so dafi man fur diese
Erkenntnis, die in der Gegenwart allein anerkannt wird, nur das in
Anspruch nehmen kann, was sich zwischen Wahrnehmen und Erin-
nerung zutragt. Das aber ist blofi Bild, das lauft wie eine Parallel-
erscheinung neben dem realen materiellen Prozefi nebenher. Der
materielle Prozefi ist die Realitat, und das [Erkennen] lauft neben
dem materiellen Prozefi nebenher.
Wenn man ein Organ dafur hat, das richtig aufzunehmen, was in
der Epoche, als das Mysterium von Golgatha herannahte, die My-
sterienlehrer und die Mysterienschiiler, und was in der Zeit, man
kann sagen, durch drei Jahrhunderte, nachdem es sich abgespielt
hat, die damals zu Gnostikern gewordenen Mysterienlehrer als ihre
innerste Herzensiiberzeugung ausgesprochen haben, dann kann man
nicht anders, als sich dazu so verhalten, dafi man sagen mull: Sie
haben vorausgesehen, dafi der Mensch dies eirtma! so erfahren wird,
daw er nur Zuschauer der Welt ist, und dafi selbst sem Erkenntnis-
prozefi gewisserniafien ohne Beteiligung seiner Seele ablauft. Diese
Empfindung beherrschte durchaus ais eine Grundstinimung das
Mysterienwesen zur Zeit des Mysteriums von Golgatha.
Wie kommen wir aber heute gegeniiber dieser Erkenntnis mit
ihrem Ignorabimus, mit ihrem Agnostizismus zurecht? Da komme
ich eben auf dasjenige, was, wie gesagt, zunachst als ein Paradoxon
erscheint. Die Erkenntnis ist dadurch, dafi sie ein materieller Prozefi
ist, eben auch gefesselt an die materielle Welt, wahrend der Mensch
sich im Geiste empfindet, im Geiste aber ein blofier Zuschauer ist.
Wenn wir nun die christliche Anschauung auf diese ganze Erschei-
nung ausdehnen, dann kommen wir letzten Endes dazu, dieses Er-
kennen selbst in denjenigen Prozefi einzugliedern, den das christ-
liche Anschauen von den verschiedenen menschlichen Vorgangen
iiberhaupt hat. Wir kommen dazu, in dem Sinne, wie ich das gestern
charakterisiert habe, das Erkennen unserer Zeit als die letzte Phase
der menschlichen Siindhaftigkeit anzusehen, als die letzte Phase des
menschlichen Fallens aus einem fruheren Zustande [in die Siindhaf-
tigkeit]. Erst dann haben wir aus einem religiosen Untergrunde her-
aus unsere heutige Wissenschaft begriffen, wenn wir sie als die letzte
Phase der Aufierung des sundhaften Menschen ansehen, wenn wir
sie in das Gebiet der Sxinde versetzen konnen. Das ist dasjenige, was
paradox erscheint. Aus der Siindhaftigkeit klingt heraus das Igno-
rabimus, aus der Siindhaftigkeit klingt heraus, religios gesprochen,
der Agnostizismus.
Nur wenn wir so empfinden gegeniiber der modernen Wissen-
schaftlichkeit, empfinden wir dieser Wissenschaftlichkeit gegeniiber
christlich. Dann aber - und das werden wir namentlich in den
folgenden Tagen sehen — ergibt sich aus der Erfassung der Siind-
haftigkeit der heutigen Wissenschaftlichkeit ein ganz notwendiger
Weg, ein innerer menschlicher Weg zu dem, was als Gnade aufzu-
fassen ist.
Damit habe ich zunachst nur etwas angedeutet, was in den fol-
genden Tagen zur Ausfiihrung kommen soil; denn man mufi mitun-
ter schon etwas anders vorgehen, als man es in der heutigen Wissen-
schaft gewohnt ist, wenn man diese Dinge sachgemafi auseinander-
setzen will. Man muE gewissermafien erst die aufieren Kreise ziehen
und von da nach innen gehen, und nicht von Axiomen ausgehen
und daraus Folgerungen ziehen.
Damit ist nun auf etwas Reales zumindest im Menschen hinge-
deutet. Denn wenn wir einfach bei dem gewohnlichen [Erkenntnis]-
erleben, das der heutige Wissenschaftler hat, stehenbleiben, dann
bleiben wir ja im Bilde stehen. In dem Augenblick, wo wir im Bilde
— und die ganze Wissenschaft von heute ist ja Bild - das Sundhafte
[der modernen Wissenschaftlichkeit] fiihlen, da erfassen wir mit ei-
ner Realitat in uns selbst die Sache, da sind wir auf dem Wege, die
Wissenschaftflichkeit] selbst in die Realitat hineinzunehmen. Man
mufi dieses Gefuhl entwickeln konnen, wenn man sich dazu auf-
schwingen will, die Frage nun so zu stellen, dafi man auch etwas
Reales dabei empfindet: Wie ist es im religiosen Sinne moglich,
dasjenige, was der Mensch zunachst als Zuschauer erlebt, hineinzu-
bringen in das Reale, damit das menschliche Leben hier auf der Erde
nicht blofi ein aufiermenschliches, ein materielles ist und der
Mensch sich als blofier Zuschauer verhalt, sondern damit der
Mensch mit seinem wahren Wesen eine Wirkung auf dieses Mate-
rielle ausiibt? Wann geht das innerliche Leben in eine aufiere Reali-
tat iiber, so dafi wirklich etwas entsteht durch das, was innerlich
erlebt wird und der Mensch da nicht blofi Zuschauer ist?
Sehen Sie, diese Frage versuchte man von alters her mit dem
Wesen des Sakramentalismus zu beantworten, und man kommt
nicht anders zur Erfassung des Wesens des Sakramentalismus, als
wenn man von solchen Erwagungen ausgeht, wie ich sie angestellt
habe. Da tritt uns zunachst eines entgegen im Menschen, was etwas
anderes ist als der Gedanke, der beschaut, da tritt uns entgegen: das
Wort.
Das Wort ist ja fur die heutige Wissenschaft eigentlich etwas
Mysteridses, etwas Geheimnisvolles; denn das Wort, das der
Mensch aufiert, es wird ja zugleich auch vom Menschen durch das
Gehor wahrgenommen. Im Menschen ist der Anlafi vorhanden fur
das, was im Worte liegt, er bringt das Wort hervor, abcr zugleich
Iiort er sich auch seiber. Im Auge, im Sehvermogen, ist dieser Pro-
zeiL das aktive und das passive Element, ganz zusammengedrangt,
aber er ist auch da vorhanden, nur analysiert ihn heute nocii keine
Physiologic. Eigentlich ist er bei alien Sinnen vorhanden, aber in
bezug auf das Horen und Sprechen sind die beiden Elemente, das
Aktive und das Passive, deutlich voneinander getrennt. Und indem
wir sprechen, verhalten wir uns allerdings nicht mehr als blofie
Zuschauer zu unserem Leben, sondern indem wir sprechen, nehmen
wir im Sprechen schaffend an unserem Leben teil, denn das Spre-
chen hangt gleichzeitig zusammen mit dem Atmungsprozefi. Dasje-
nige, was im Sprechen waltet, stromt iiber in den Atmungsprozefi.
Indem wir einatmen, bringen wir den Atmungsdruck bis zu unse-
rem Ruckenmarkskanal; dadurch bewegt sich dieser Druck nach
dem Gehirn zu und wirkt formend auf das Gehirnwasser. Im At-
mungsprozefi liegt also dasjenige, was, von der Aufienwelt her in
uns einstromend, an uns selbst gestaltet. Die Atemluft ist zunachst
draufien, sie dringt in uns, sie wirkt gestaltend auf unser Gehirnwas-
ser und formt dadurch auch mit die halbfesten Teile des Gehirns.
Wir begreifen das Gehirn nur so [richtig], wenn wir es nicht nur
ansehen als im Menschen gewachsen, sondern es sehen in fortwah-
rendem Verkehr mit der Aufienwelt.
In dieses Hereinstromen des Atems verweben wir nun das Wort,
das wir selber aussprechen. Ich will diese Dinge zunachst nur an-
deuten, wie gesagt, ich will einen aufiersten Kreis ziehen und dann
immer mehr und mehr nach dem Inneren gehen. Indem sich unser
Wort verwebt mit der Atemluft - was ja vom Alten Testament
angedeutet wird als das dem Erdenmenschen den Ursprung Geben-
de: das Einblasen der Atemluft -, indem sich also unser Wort verei-
nigt mit dem, was in der Atemluft als das Gottliche gesehen wird,
erleben wir das Wort als das Schaffende in uns selber. Wir nehmen
vom Weltenprozefi etwas wahr, wo wir nicht blofi Zuschauer sind,
sondern wo das, was in der Seele lebt, in unseren eigenen Leib
hinunter schaffend wirkt.
Wir sind da angekommen, wo wir mit Verstandnis aussprechen
konnen: Im Menschenanfange ist das Wort, und alles im Menschen
wird mit durch das Wort geschaffen. - Studieren Sie einmal, was es
bedeutet, wie der Mensch, indem er die Sprache lernt, gerade an der
Sprache nach und nach seine physische Organisation herausgliedert.
Wir sind noch nicht angekommen bei den Worten des Johannes-
Evangeliums selber, aber wir sind angekommen bei der Auspragung
von etwas dem Johannes-Evangelium Ahnlichem in der Organisation
des Menschen. Da haben wir, wenn wir zunachst den Menschen
betrachten, der sich geistig-seelisch darlebt, von ihm ausgehend das
Wort, in den physischen Organismus einziehend und an ihm schaf-
fend, und da haben wir vieles in diesem physischen Organismus, das
im Laufe unseres Lebens in seiner Form sich entwickelt am Worte
selber; denn wir sind so, wie wir uns am Worte entwickeln.
Was die Sprache fur den Menschen bedeutet, das kann eigentlich
nur geisteswissenschaftlich in seiner vollen Tiefe studiert werden.
Wir haben ja schon im Sinne des Testamentes eine Verwebung des
Wortes mit demjenigen, was den Menschen als das erste Gottliche
durchzieht, dem Atmungsprozefi. Das blofie Denken, das in der
Zuschauersphare waltet, ist da hineingedrangt in das Schaffende.
Indem das Denken ubergeht zum Wort, bemachtigt sich das Gottli-
che dieses Denkens; es ist, man mochte sagen, die Vergottlichung
des Denkens, die in dem Worte eintritt. Und wenn man sich be-
wufit ist, dafi man in dem Worte etwas mehr hat als das Sprechen,
dann wird das Wort wie etwas, wodurch der Mensch schon die erste
Verbindung, den ersten Verkehr mit dem Gottlichen gewahr wird
an seinem eigenen Verhalten, an demjenigen Verhalten, das wie ein
Verdichten, wie ein in das Fiihlen getauchtes Denken ist. Und weil
das gewissermafien ein Weg ist von der Subjektivitat des Denkens
zur Objektivitat, haben wir dann die Moglichkeit, dafi in das Wort
etwas einfliefit, das geistig objektiv ist. Daran kniipft sich die Vor-
stellung, dafi im Worte mehr gegeben sein kann als im blofi vom
Menschen erzeugten Denken, dafi in das Wort ein Gottliches ein-
fliefien kann, und dafi sich im Wort gewissermafien durch den Men-
schen das Gottliche ausspricht, dafi die Botschaft von dem Gott-
lichen in dem Worte liesen kann.
Und so haben wir das erste Element, das den Menschen auf sei-
nem Wege aus sich selbst heraus zur Umwelt fiihrt, durchtrankt von
dem Gottlichen in dem Worte. So etwa wurde das Wort des Evan-
geliums empfunden, da£ einstromt ein Gottliches in dieses Wort des
Evangeliums, das wir nachfiililen konnen an der schopferischen
Tatigkeit des Wortes an uns selber; und wir haben das erste Element
von dem, wie der Mensch kultusartig ubergeht aus seinem Subjekti-
ven zum Objektiven.
Nun blicken wir auf dasjenige hin, was der Mensch iiber die Welt
nicht denkt, sondern auf das, was er in der Welt tut. Blicken wir auf
das menschliche Handeln. Dieses menschliche Handeln wird durch
den neueren Materialismus heute selten im richtigen Lichte gesehen.
Wiederum kann ich Ihnen furs erste nur andeuten, um was es sich
dabei eigentlich handelt; wir werden, wie gesagt, auf diese Dinge
weiter eingehen.
Wenn Sie sich folgende Vorrichtung vorstellen: um eine Rolle ein
Seil, hier ein Gewicht, hier ein etwas grofteres Gewicht angelegt
Tafeii* (siehe Tafell), zwei verschieden grofte Gewichte, so wird durch die
Schwerkraft das Seil hier (links) heruntergezogen, und es wird das
andere Gewicht hier (rechts) hinaufgezogen. Dasselbe konnen Sie
auch ausfiihren, wenn Sie selber hier (links am Seil) ziehen, und
zwar starker, als das Gewicht hier (rechts) zieht. Sie konnen also
etwas selber ausfiihren, was in einem objektiven Vorgang auch ge-
schehen kann. Das eine Mai, wenn Sie hier ein grofteres Gewicht
anhangen, geschieht der Vorgang, ohne daft Sie dabei sind, aber
wenn Sie dabei sind, konnen Sie das Gewicht ersetzen. Dasjenige,
was in der Auftenwelt geschieht, kann durchaus auch ohne Sie ge-
schehen.
Nun ist das allerdings ein Vorgang in der anorganischen Natur.
Wer aber das studiert, was der Mensch in der Auftenwelt vollbringt,
der kommt darauf, daft das, was durch den Menschen in der Auften-
welt geschieht, eigentlich so geschieht, daft es ganz aus den geistigen
Zusammenhangen hervorgeht, und daft der Leib des Menschen nur
die Gelegenheit dazu abgibt, daft er dabei sein kann. Wir sind nam-
lich - wahrend wir bei dem Welterkennen mit unserem Geistig-
Seelischen Zuschauer sind - bei unserem Handeln so dabei, daft
unser Leib nur eine Zutat ist. Was in unserem Leibe vor sich geht,
* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 649.
P:r»i-»wi-inht P i iHnlf Ctainor Marhlacc.V/oru/alti inn Pi i/^h ■ ^ A *i Ccito' A fl
das sind Bewegungsprozesse, Ernahrungsprozesse, Auflosungspro-
zesse und so weiter; das, was in unserem Leibe vor sich geht, ist
eine Zutat, etwas, was hinzukommt zu dem, was objektiv geschieht.
Unser Leib nimmt eigentlich an unseren Handlungen nicht teil; wir
verstehen unsere Handlungen nur, wenn wir sie abgesondert von
unserem Leib verstehen. Geradeso wie wir im Erkenntnisprozefi,
materialistisch aufgefafit, etwas haben, was uns zum Zuschauer
macht, so haben wir im Prozefi des Handelns fur die Welt, in dem
Prozefi des Handelns, der sich abspielt in der Welt, etwas, woran
unser Leib gar keinen Anteil nimmt. Die Prozesse, die sich im Leibe
abspielen, bleiben ohne eine kosmische Bedeutung, [ebenso] wie das
materialistische Erkennen zunachst keine kosmische Bedeutung hat.
Der Mensch bleibt mit seinem Materiellen in seinem Handeln, wenn
es sich nur auf das Irdische bezieht, wie ein Eremit in der Welt
stehen, er hat keine Beziehung zu etwas aufier ihm. Sucht er diese
Beziehung, dann mufi er in seine Handlungen selbst schon etwas
von seinem eigenen Geiste hineinmischen, dann mufi er die Hand-
lungen so vollziehen, dafi sie nicht abgesondert von ihm nur da
sind, wie alle irdischen Handlungen, dann mufi er seine Gedanken
und seine Empfindungen in die Handlungen hineinleben, dann mufi
die Handlung zum Zeichen werden fur das, was er da hineinlebt.
Dann ist sie aber Opferhandlung, dann ist sie das Opfer.
Sehen wir auf das Erkennen hin, so sehen wir das Objektivwer-
den des Erkennens in dem Geltendmachen der Botschaft im Worte;
sehen wir auf das Handeln hin, dann haben wir das Objektivwerden
des Handelns, das Hinausziehen des Handelns aus dem Menschen
allein, in der Opferhandlung gegeben. Hier haben wir zunachst die
Beziehung des Menschen zur aufieren Welt real insofern gegeben,
als sie aus dem geistig-seelischen Menschen heraus entsteht. Aus
dem geistig-seelischen Menschen heraus quillt dann auch die Imagi-
nation - gegeniiber dem Worte, das man nicht mehr als mensch-
liche, sondern als gottliche Offenbarung empfindet, und gegeniiber
der Opferhandlung, die nicht mehr als eine Handhabung der
nienschlichen Welt empfunden wird, an der der Mensch unbeteiligt
ist, sondern [als eine solche], an der seine Gedanken, seine Gefiihle
mit beteiligt sind; diese empfindet er wiederum mit seinem inneren
Erleben.
Die andere Beziehung, die der Mensch hat gegeniiber der Aufien-
welt, tritt uns entgegen in der Ernahrung des Menschen. Wir haben
ja drei Beziehungen eigentlich zur Aufienwelt: die durch die Sinne
in der Wahrnehmung, die durch die Atmung und die durch die
Ernahrung. Alles iibrige ist auf diese zuriickzufuhren. Die Atmung
steht aber eigentlich zwischen der Wahrnehmung und der Ernah-
rung mitten drinnen, denn man konnte sagen, die Atmung ist halb
Wahrnehmung und halb Ernahrung. Es ist nicht zu leugnen, der
Atmungsprozefi steht zwischen Wahrnehmungs- und Ernahrungs-
prozefi drinnen. Sie sehen, er ist zugleich mit dem Wahrnehmungs-
und mit dem Ernahrungsprozefi verbunden. Die Atmung ist die
Synthese zwischen Wahrnehmung und Ernahrung.
Unsere Physiologie betrachtet die Ernahrung ja durchaus falsch.
Unsere Physiologie meint, wir nehmen die Nahrung zu uns. Wir
sondern aus der Nahrung dasjenige aus, was fur uns geeignet ist und
stofien das andere ab. So ist es aber nicht. Dafi wir das Substantielle
aufnehmen, ist blofi Begleiterscheinung. Der Lebensprozefi besteht
durchaus darin, dafi wir uns eigentlich fortwahrend gegen dasjenige
wehren, was durch die Einnahme eines Nahrungsmittels in uns be-
wirkt wird. Wir essen, wir trinken — dadurch geschieht etwas, was
wahrhaftig sehr tief unter unserem Bewufitsein, unter unserem be-
wufiten Seelenleben liegt. Dasjenige, was da geschieht, ist ein fort-
wahrendes Abwehren. Und in diesem physisch-physiologischen
Prozefi des Abwehrens liegt der eigentliche Lebensprozefi der Er-
nahrung. Der Lebensprozefi der Ernahrung ist ein Abwehrprozefi.
Erst wenn man einsehen wird, wie der Organismus darauf hinorga-
nisiert ist, die Anregung zu einer Abwehr zu erhalten - damit er die
Abwehr haben kann, mufi naturlich die Anregung dazu da sein -,
erst wenn man einsehen wird, dafi in der Abwehr einer von aufien
kommenden [Substanz die] Anregung zu dem Lebensprozefi der
Ernahrung liegt, wird man die Ernahrung richtig verstehen konnen.
Man hat es beim Ernahren mit einem Abwehrprozefi zu tun, bei
dem das Aufnehmen von Substanzen nur als eine Begleiterscheinung
[anzusehen ist], durch die in die feinsten Verfaserungen des Wesens
des Menschen von aufien die Anregungen zu Widerstanden geleitet
werden, damit bis in die aufieren Peripheriegebiete [des Organis-
mus] diese Abwehr Platz greifen kann. Erst in diesem Abwehren
liegt der wirkliche Lebensprozefi der Ernahrung, so dafi dasjenige,
was der gewdhnliche irdische Ernahrungsprozefi des Menschen ist,
eigentlich ein Abwehren des Irdischen ist. Das Irdische dringt als
Nahrungsmittel in den Menschen ein, der Mensch mufi es aufneh-
men, aber es ist dies ein Prozefi des Abwehrens.
Das ist die Wirklichkeit, aber so sieht der Mensch in der Wissen-
schaft das Ganze eigentlich nicht an. Was geschieht aber in diesem
Abwehren? Da geschieht etwas, was ganz aufierhalb des mensch-
lichen Bewufitseins liegt. Wenn namlich der Mensch die Nahrung
aufnimmt, so ist ja die Nahrung eigentlich ein Prozefi [der Aufien-
welt]. Jeder Stoff ist eigentlich ein konzentrierter, gedrosselter Wel-
tenprozefi. Prozesse der Aufienwelt nehmen wir in uns auf, wir
wehren sie ab, aber indem wir sie abwehren, entsteht ja der Gegen-
prozefi: Der Prozefi der Aufienwelt wird in etwas ganz anderes
verwandelt und dieses Verwandeln geschieht in uns. Das aufiere
Materielle wird in uns verwandelt. Und was wird daraus? Es wird in
uns ein Geistiges. Das ist es, was gewohnlich nicht gesehen wird,
dafi der Mensch eigentlich in seinem Verdauungsprozefi in der Ver-
wandlung der Aufienwelt bis zu der Vergeistigung der aufieren ma-
teriellen Prozesse geht. In der aufieren Natur spielen sich eben die
Weltenprozesse ab, es spielen sich die Weltenprozesse im Fragment
ab, sagen wir, bis zur Entstehung des Kornes, bis zur Entstehung
der anderen Dinge, die als Nahrungsmittel aufgenommen werden.
Dasjenige, was da in der Aufienwelt entsteht, das wird erst verwan-
delt im Innern des Menschen, das ist dadurch auf dem Wege nach
dem Geistigen hin. In der Aufienwelt kann es sich nicht bis zum
Geistigen hin verwandeln, erst im Innern des Menschen kann es sich
bis zum Geistigen Kin verwandeln. Das ist einfach eine objektive
Tatsache, die ich Ihnen hier erzahie, nichts anderes. Aber das, was
ich Ihnen da auseinandersetze, spiek sich aufierhaib der rnensch-
lichen Gedankenwelt ab. Es spielt sich in den tieferen Regionen des
menschlichen Wollens und nur teilweise in den Gefiihlsregionen ab.
Nur gewisse Partien des Gefiihlslebens und das Wollen nehmen teil
an dem [Ernahrungsj-prozefi, den ich eben geschildert habe. Der
Gedankenprozefi nimmt daran nicht teil, der geht gerade den entge-
gengesetzten Weg, durch das Wort geht er hinunter in die Gestal-
tung. Hier unten haben wir, wieder von aufien kommend und in der
entgegengesetzten Richtung drangend wie der Gedankenprozefi weg,
den Verwandlungsprozefi.
Will man den Verwandlungsprozefi so hinstellen vor den Men-
schen, dafi der Mensch ihn anschaut, wie er die aufiere Welt an-
schaut, so mufi man in die aufiere Welt etwas hinstellen, was in der
aufieren Welt sonst nicht geschieht, sondern nur im Menschen sich
abspielt. Damit aber hat man in die aufiere Welt eine sakramentale
Handlung hingestellt, etwas, was nicht in Naturerscheinungen ver-
lauft, was aber im Menschen als des Menschen Geheimnis sich ab-
spielt. Will man dasjenige, was zum innersten Wesen des Menschen
gehort, auf dem Gebiet, das wir eben charakterisiert haben, vor den
Menschen hinstellen, so hat man die Wandlung, die Wandlung des
Brotes und des Weines in Leib und Blut [Christi], man hat die
Transsubstantiation. Die Transsubstantiation ist nicht eine Erfin-
dung innerhalb der aufieren Welt, die Transsubstantiation ist das
Hinausstellen desjenigen in die Aufienwelt, was im tiefsten mensch-
lichen Innern wirklich sich vollzieht. Wir schauen in der Transsub-
stantiation dasjenige, was wir nicht in der Aufienwelt schauen kon-
nen, weil die Aufienwelt ein Fragment des Daseins ist, nicht eine
Totalitat; und wir fugen im Sakramente dasjenige zu der Aufienwelt
hinzu, was im Reiche der Natur erst vollzogen wird innerhalb des
Menschen.
Das, meine lieben Freunde, ist der urspriingliche Begriff des Sa-
kramentes, dafi zu dem Phanomen der Aufienwelt hinzugefugt wird
dasjenige, was im Innern des Menschen nicht zum Bewufitsein
kommt, weil der Mensch es nicht erkennt, sondern [unbewufit] er-
lebt, was aber im Zeichen in die Aufienwelt hineingestellt werden
kann. Und so mufi der Mensch, indem er die Transsubstantiation
vollzieht, etwas, was mit dem innersten Wesen seines Selbst unbe-
wufit zusammenhangt, im Zeichen mitempfinden. Er bahnt in der
Tat den Verkehr an mit dem Geiste der Aufienwelt dadurch, dafi er
die Verwandlung, welche sich sonst hinter dem Schleier des Erinne-
rungsvermogens in seinem Innern vollzieht, als Sakrament hinstellt.
Damit aber haben wir noch nicht dasjenige erfafit, was nun im
Menschen als Hochstes sich vollzieht, wir haben nur erfafit das
Geistigwerden des Materiellen im Menschen, die Verwandlung, die
Transsubstantiation. Dasjenige, was da im Menschen als objektiver
Vorgang geschieht, das vollzieht sich, ich mochte sagen, nur durch
einen dxinnen Schleier von unserem Bewufitsein getrennt, hinter un-
serem Bewufitsein. Denn von dieser Seite her wird in jedem Augen-
blick unseres Lebens unser Ich angefacht. Wir tauchen unter in
diese verwandelte Materie, und indem wir die Stoffe der Aufienwelt
aufnehmen und unser Lebensprozefi darin besteht, sie zu verwan-
deln, indem wir mit unserem Geistig-Seelischen untertauchen in
diese Verwandlung der Aufienwelt, hat unser Ich fortwahrend Nah-
rung, wird unserem Ich fortwahrend nahegelegt die Vereinigung mit
der durch diesen Prozefi verwandelten Substanz. Die Vereinigung
mit der Substanz nach ihrer Verwandlung stellt die Ichwerdung des
uns im Menschen zuganglichen Geistigen dar. Nehmen wir auch
dies sakramental. Stellen wir es sakramental vor uns hin, so ist es
das Sakrament, an dem der Mensch teilnimmt, wenn die Materie so
vorgestellt wird, dafi sie nur Zeichen ist; wenn sie transsubstantiiert
ist, vereinigt sich der Mensch mit ihr, und wir haben damit das
vierte Glied desjenigen, was im Kultus als sakramentales Zeichen
den Zusammenhang des Menschen mit der Welt darstellen kann.
Sehen wir auf den Menschen hin, insofern er sich der Aufienwelt
hingibt, so haben wir dasjenige, was, ich mochte sagen, [als] die
Realisation des Erkenntnisprozesses [im Geiste erlebt] wird, im
Worte; und in der Opferhandlung, die ja in dem, was sie aufierlich
ist, nur Zeichen ist, haben wir alles das angedeutet, was der Mensch
[geistig-seelisch mit semen Handlungen] verbinden kann. Sehen wir
auf den Menschen hin, indem er aufnehmend aus der Auftenwelt ist,
so haben wir die Verkiindigung der Botschaft im Worte und die
Opferhandlung; sehen wir auf den Menschen hin, der fortwahrend
aus sich heraus das Geistige gebiert, dann haben wir dies vergegen-
wartigt in den sakramentalen Handlungen der Transsubstantiation
und der Kommunion.*
Damit haben wir aber die Moglichkeit, einen realen Sinn nun
auch mit demjenigen zu verbinden, was der Mensch in bezug auf
sein ganzes Handeln sonst in der Aufienwelt ist. Das Handeln son-
dert sich von ihm ab, sein eigener Korper geht neben ihm her. In
der Transsubstantiation wird gerade das zum Geschehen gemacht,
was in der Aufienwelt sich nicht vollzieht, weil die Aufienwelt nur
ein Fragment des moglichen Geschehens ist. Und in der Kommu-
nion verbindet sich der Mensch mit demjenigen der Aufienwelt, mit
dem er sich durch den Gedanken nicht verbindet. Objektive Vor-
gange haben wir in der Transsubstantiation und in der Kommunion.
Wir haben den Menschen dadurch hineingestellt in physisch-see-
lisch-geistiger Art in den Weltenzusammenhang. Wir haben aufge-
hort, in dem Menschen etwas von der Welt Abgesondertes, einen
Eremiten des Daseins zu sehen; wir haben angefangen, in ihm zu
sehen ein Glied der ganzen Welt. Wir haben gelernt, die Welt als
Materialitat anzusehen, aber da, wo wir sie als Fragment erkannt
haben, sie so anzusehen, dafi der Grundboden das Geistige ist, auf
dem sich dieses Materielle ausnimmt nur als ein Teil, sich vergeisti-
gend und vollendend; und wir haben den gottlichen Kreislauf, der
sich im Aufieren und Inneren des Menschen vollzieht, vor uns hin-
gestellt . . . [Liicke]
Das wollten diejenigen vor die Menschen hinstellen, die sagten:
Des Menschen physisch-seelisch-geistiges Verhaltnis zum Univer-
sum kann euch vergegenwartigt werden durch Sakramente: erken-
nend durch das Wort und durch die Opferhandlung, handelnd
durch die Transsubstantiation und die Kommunion. Ihr konnt euch
einleben in ein Zusammenleben mit der ganzen Welt, indem ihr
dasjenige, was sonst auf zwei Half ten im Menschen verteilt ist, das
Geistig-Seelische, das blofi zuschaut, und das Korperliche, das blofi
* Der vorangehende Textabschnitt ist in der Ubertragung des Stenographen sehr lucken-
haft und muftte deshalb durch Emfugungen der Herausgeber erganzt werden.
eine Zugabe ist zu den aufieren Handlungen, [vereinigt], indem ihr
dasjenige, was sonst blofi Zuschauer bleiben will in dem Verhaltnis
des Menschen zur Aufienwelt, sakramentalisiert in der Botschaft
vom Wort, im Evangelium - das aus dem «Angelum», aus dem Orte
der geistigen Welt dringt - und in der Opferhandlung; und indem
ihr dasjenige, was der Mensch in seinem Innern erlebt und wodurch
der Mensch erst vollstandig wird, sakramentalisiert in der Transsub-
stantiation, der Verwandlung, und indem ihr dann den Menschen
hineingliedert in dieses Ganze in der Kommunion, in der Vereini-
gung. Da habt ihr einen realen ProzelS, der nun kein blofier Er-
kenntnisprozefi ist, sondern ein Prozefi, an dem ihr hangt mit eurem
Fiihlen und Wollen, wahrend der Erkenntnisprozel? im kalten, eisi-
gen Gebiet des blofi Abstrakten verlauft.
Dasjenige, was in der Erkenntnis eisig verlauft, wird gewisserma-
fien erwarmt in der Botschaft des Wortes und in der Opferhand-
lung. Dasjenige aber, was durch Uberhitzung nicht mehr im Be-
wufitsein leben kann, weil die Hitze das Bewulksein betaubt und es
dadurch im Innern nicht wahrgenommen werden kann, das kann,
wenn das Phenomenon zum Noumenon erhoben wird, das heifit
wenn an die Stelle des aufieren Vorganges, der mit den Sinnen ange-
schaut wird, der dem menschlichen Wesen selbst nachgebildete au-
fiere Prozefi der sakramentalen Handlung gesetzt wird, in der sakra-
mentalen Handlung angeschaut werden als dasjenige, was hinter der
Natur ist, und was durch nichts anderes hervorgebracht werden
kann, was aber eine objektive Bedeutung in der Welt hat, weil es das
Geschehen des menschlichen Lebens selber in den Kosmos hinein-
stellt.
Damit aber haben wir etwas gegeben, was unseren heutigen ab-
strakten Erkenntnisprozefi ins reale Leben hineinstellt. Nun bleibt
nur noch eine Frage iibrig, die eine ganz bedeutsame Frage ist.
Einsehen konncn wir, dafi im Menschen etwas geschieht durch das
Wort, denn das Wort wirkt hinunter in seine Korperlichkeit und
der Mensch gestaltet sich in dem Worte. Einsehen konnen wir auch
das, dafi durch die Opferhandiung etwas im Innern des Menschen
geschieht, denn die Opferhandiung vollzieht der Mensch so, dafi er
nicht blofi dasjenige zuriickhalt, was in seinem Leibe liegt, sondern
daft er Gefuhl und Willen an dieser Opferhandlung beteiligt. Da-
durch aber wird ein irdisches Geschehen des Leibes an ein aufier-
irdisches Geschehen gebunden. Das kann eingesehen werden. Tat-
sachlich gehen bei der Opferhandlung ganz andere Gefuhle vor sich
durch die Vorgange, die an der Opferhandlung erlebt werden, als
bei der gewohnlichen aufieren Handlung. Es geschieht ein Abdamp-
fen des das Bewufitsein betaubenden innerlich im Menschen Getra-
genen. Und wenn wir uns so sagen konnen: da geschieht etwas im
Menschen—, da entsteht die grofie Frage, die wir uns in der nachsten
Zeit zu beantworten haben: Tritt eigentlich dieses Geschehen, das
zunachst ein unabhangiges Geschehen ist, auch herein in den Gang
des aufieren Geschehens? Ist es auch ein Weltgeschehen? Und
ebenso miissen wir uns fragen: Die Transsubstantiation und die
Kommunion, die zunachst etwas sind, was der Mensch erlebt an
einer aufieren Handlung, die aber Zeichen sind und daher heraustre-
ten aus dem Gang der Naturereignisse -, treten sie wiederum ir-
gendwo hinein in den Gang der Naturereignisse? Sind sie aufierhalb
des Menschen etwas Reales? Dies ist der andere Bestandteil der
Frage. Wie gesagt, diese Frage wird uns in den nachsten Tagen zu
beschaftigen haben.
Sie werden schon bemerkt haben: damit ist dasjenige vor Sie hin-
gestellt, was die vier Hauptglieder des Mefiopfers sind, die ja durch-
aus beruhen auf Urbewufitseinserfahrungen der Mysterien. Die vier
Hauptbestandteile des Mefiopfers sind ja: das Lesen des Evange-
1 Hums, das Offertorium (Opferung), die Transsubstantiation (Wand-
lung) und die Kommunion (Vereinigung).
Ich habe bei alledem, was ich Ihnen vortrage, meine lieben Freun-
de, kein anderes Ziel, als Ihnen diese Dinge zunachst mitzuteilen.
Alles, was nun werden soil, wird darauf beruhen, dafi eben in unse-
ren gemeinschaftlichen Auseinandersetzungen aus dem, was man
wissen kann, dasjenige herausgeholt wird, was gerade nach den Auf-
gaben unserer Zeit aus einem wahrhaft religiosen Bewufitsein heraus
zu geschehen hat. Davon wollen wir morgen weiter sprechen.
Friedrich Rittelmeyer
Offener Brief an Herrn Dr. Rudolf Steiner
September 1921
Hochverehrter Herr Doktor!
Durch die deutsche Welt geht, nach den erschutternden Eindriicken der
letzten Jahre, ein Sehnen nach religidser Erneuerung. Zwar sind es, auf
das Ganze gesehen, recht kleine Kreise, in denen dies Sehnen wirklich
ernst und lebendig ist. Aber es sind Kreise, in denen man Krafte zu
finden hoffen kann, wie man ihrer fur den inneren Aufbau bedarf.
Manches hohe starke Wollen gliiht hier in jugendlichen Herzen und
wartet auf Ziel und Fuhrung. Dort, wo man friiher nicht von feme
daran hatte denken diirfen, werden Vortrage gehalten iiber die innere
Wiedergeburt des deutschen Volkes, und man lafk sich entschiedene
religiose Klange gern gefallen, wenn man auch von Kirchentum aller-
meist nichts wissen will. Auch in Zeitungen und Zeitschriften, viel
mehr aber noch in ungezahken Einzelgesprachen, wendet sich das In-
teresse hoheren Fragen zu. Die Empfindung, dafi im Reich der Inner-
lichkeit etwas Neues, Grofies kommen sollte und kommen konnte, lebt
deutlicher oder dumpfer in vielen der Besten. So hoffnungsvoll uns
solche Stimmungen manchmal anwehen, so entdeckt man doch bei na-
herem Zusehen eine Ratlosigkeit, die wahrhaft zum Erbarmen ist. Fast
aberglaubisch wartet man in diesen Kreisen auf religiose Fuhrer, aber
man hat keine Ahnung, wohin man gefuhrt werden wird und schwankt
zwischen Hoffnung und tiefem Mifkrauen gegen die eigne Hoffnung.
Man feiert begeistert bald den einen bald den anderen, der auf dem
Gebiet der Innerlichkeit stark und sicher zu reden scheint, erkennt aber
schon nach kurzer Zeit enttauscht, dafi das Wort der Erfullung doch
wieder nicht gesprochen wurde. Man hofft auf Intuitionen, weifi nicht
im geringsten, woher sie kommen sollen und welches ihre Beglaubi-
gung ist, und verwechselt immer gefahrlicher die Neigungen des Trieb-
lebens mit gottlichen Offenbarungen. Man schaut auf die Grofien der
Vergangenheit, Fichte, Goethe, auch Luther, und vermag doch aus ih-
ren Werken nur Anregungen, keine wirklich befreienden zeitgemaEen
Losungen zu gewinnen. Man sucht Ersatz in allerlei Gerneinschaftsge-
fiihlen und Gemeinsamkeitserlebnissen und vergifit vollig, dafi je und je
von den grofien Einzelnen der Gerneinschaft eine Seek gegeben word. en
ist. Man fragt nach einem neuen «Kultus» und weifi nicht, da!5 nur ein
neuer Geist einen neuen Kultus bringen kann, dafi der rechte Geist
allein ganz von selbst zum befriedigenden Kultus fuhren wird. Man
erbaut sich an allerlei Tanz und Spiel, geniefit darin den starken siche-
ren Geist vergangener Zeiten, und erwartet davon, was man nicht selbst
schaffen kann, aber schaffen sollte.
In diese allgemeine Ratlosigkeit, die immer offenkundiger werden
wird, und die einem manchmal das Herz umdrehen konnte, tritt nun
die Anthroposophie hinein und - vermehrt zunachst diese Ratlosigkeit!
Aus diesem Ersterlebnis an der Anthroposophie erklart sich viel von
der leidenschaftlichen Ablehnung, die sie erfahrt. Als einer, der sonst in
diesen Kreisen, wo er nur konnte, fur das Verstandnis Ihres Werkes
eingetreten ist, mochte ich hier einmal ganz der Sprecher dieser Kreise
Ihnen gegemiber werden. Auf diese Weise hoffe ich, Sie zu veranlassen,
etwas Zusammenhangendes und Zusammenfassendes fur die Stimmung
dieser Menschen zu sagen, was ihnen hilft, das anthroposophische Den-
ken und Handeln besser zu verstehen. Denn so lebhaft ich auf der
einen Seite mitempfinde, wie fremd, ja abstofiend vielen dieser Men-
schen die Anthroposophie zunachst erscheint, so sicher ist auf der an-
deren Seite meine Erfahrung, dafi eine Erfullung des grofien, tiefen
Sehnens unserer Zeit gerade durch die rechte Erkenntnis der anthropo-
sophischen Lebenserrungenschaften gewonnen wird.
Die Menschen, von denen und fur die ich hier reden will, sehnen sich
nach einem grofien Lebensinhalt. Aber sie stellen sich diesen Lebensin-
halt wohl vor, bewufit oder unbewufit, als einen einheitlichen, gewalti-
gen Gedanken, als ein einziges seelenmachtiges Gefiihl, von dem das
ganze Leben getragen und hoch emporgehoben wird. Und nun kom-
men sie zur Anthroposophie und finden dort eine Fiille von Behaup-
tungen auf alien moglichen Gebieten, eine Masse von Einzelerkenntnis-
sen, grofie und kleine, zu denen sie zunachst keinen Zugang wissen und
denen gegeniiber sie sich hilflos fiihlen. Es ist ihnen, als wolle sie das
alles gefahrlich abdrangen von dem: Eins ist not! -, das sie doch als ein
tiefes menschliches Bedurfnis in sich empfinden.
Sie wollen einen klaren, sicheren Weg in die Hohe gezeigt erhalten,
der sich ihnen einleuchtend und einladend selbst empfiehlt, auf dem sie
mit ruhigem Gewissen und frohem Mut vorwarts wandern konnen.
Und nun horen sie von alien moglichen Ubungen, die gemacht werden
konnen und sollen und durch die man sich miihselig allerlei Fahigkeiten
erwirbt, die ihnen nicht als wesentlich und entscheidend erscheinen -
wie man zum Beispiel seinen Geist auf das Bliihen und Verwelken einer
Pflanze richten soil, um einen Eindruck von der Verganglichkeit des
Lebens und von dem Geistigen einer Blume zu gewinnen und derglei-
chen mehr. Eine verwirrende Fiille von Ratschlagen breitet sich vor
ihnen aus, von denen ihnen die einen, die moralischen, bekannt und
selbstverstandlich vorkommen, die andern, die «okkulten», absonder-
lich oder sogar bedenklich. Sie mochten sich gerne frei und grofi fuh-
len, gewissermafien an der Spitze der Menschheit schreitend, und nun
sollen sie sich darein finden, daft einige Einzelne ihnen an Tiefenein-
sichten weit voraus sein sollen, und daft sie keine Aussicht haben in
diesem Leben, sie auch nur annahernd zu erreichen. Dadurch fiihlen sie
sich zu Menschen niederer Klasse herabgedriickt und ihres Menschen-
konigtums gleichsam beraubt. Wie ein Attentat auf ihre Menschenwur-
de empfinden sie es - auch wenn sie gerade dies vielleicht nicht aus-
sprechen.
Viele dieser Menschen haben ein starkes Gefiihl dafiir, dafi die Hilfe
nur aus einer hoheren Welt kommen kann. Aber gerade da scheint sie
nun die Anthroposophie gleichsam auf sich selbst zuriickzuwerfen. Es
ist ihnen, als ob sich hier der Mensch selbst gleichsam von unten her in
die Hohe pumpen wolle und solle, mit unendlicher Miihe und Lang-
samkeit, wahrend sie sich sehnen, von oben her ergriffen zu werden,
von oben her mit neuem, kraftvollem Leben erfiillt zu werden.
Manche unter ihnen sind durch einen grofien Teil des Wissens unse-
rer Zeit hindurchgegangen. Gerade von der Wissenschaft der Gegen-
wart haben sie stark erkaltende und lahmende Eindriicke empfangen.
Und nun soli auch noch das Reich des Glaubens in ein Reich des
Wissens verwandelt werden? Sollen die zartesten und hochsten Erleb-
nisse in den inneren Reichen der Seele einer forschenden und beschrei-
benden «Wissenschaft» preisgegeben werden? Davon befiirchten sie ein
Zuriickfallen in einen oden Intellektualismus, befiirchten eine Verfal-
schung, ja Schandung des inneren Lebens iiberhaupt! Es scheint ihnen
eine grundsatzliche, gefahrliche Verkennung des tiefen Unterschieds
vorzuliegen zwischen dem Wissen, das durch Sinnenschein und Beweis
sich aufzwingt, und dem Glauben, der innere Wahrheiten frei aner-
kennt. Gar nicht wenige dieser Menschen tragen eine starke Gewifiheit
davon in sich, daft die Hilfe nur irgendwie von Christus her erwartet
werden konne, nicht vom kirchlichen Christentum, wohl aber vom
rechtverstandenen Christus selbst. ja, in Einzelnen findet sich ein in-
stinktives Bewufitsein davon, dafi ein «lebendiger Christus» der
Menschheit grofier Heifer ist. Und nun wird ihnen erzahlt, dafi die
Anthroposophie von Christus als dem «Regenten der Sonne » spricht,
oder da£ sie von zwei Jesusknaben zu Beginn unserer Zeitrechnung
alierlei Merkwurdigkeiten zu berichten hat, lauter Behauptungen, die
ihnen, soweit sie ihnen nicht von vornherein ganz unertraglich sind,
jedenfalls religios gar nichts zu bedeuten und vor allem gar nicht zu
helfen scheinen.
Manchen ist auch durch das «Kultur»treiben der letzten Jahrzehnte
das Wort «Kultur» selbst so fragwiirdig geworden, dafi sie es kaum
horen konnen. Sie schauen nach allem andern eher aus, als nach einer
«neuen Kultur». Und nun erfahren sie, dafi die Anthroposophie bis in
alle Aufiengebiete hinein, Architektur und Bewegungskunst, unsere
Kultur erneuern will. Da scheint ihnen die Kraft der Menschheit wieder
von der religiosen Hauptsache abgedrangt und auf Vielgeschaftigkeit
und allerlei Aufienwerk heillos abgelenkt zu werden.
Vor allem aber ist auch derer zu gedenken, denen die soziale Frage
gerade vom religiosen Empfinden aus die machtig brennende Zeitfrage
geworden ist, und die sich allein von einem neuen Geist, der die
Menschheit ergreift und mit einer reinen starken, briiderlichen Gesin-
nung wirklich erfullt, das Heil der Welt versprechen konnen. Ihnen
erscheint die Anthroposophie weder schlicht noch warm, weder iiber-
zeugend noch zeitgemaft noch volkstumlich genug, um der Menschheit
aus ihrer gegenwartigen Hauptnot irgendwie heraushelfen zu konnen.
Wie sehr die bisherigen theologischen Bestreitungen der Anthropo-
sophie unzureichend geblieben sind, weifi ich nur allzu gut. Ich habe in
den letzten Jahren manche Stunde der Beschamung dariiber gehabt, dafi
meine theologischen Fachgenossen dieser neuen groften Geistesbewe-
gung gegeniiber so versagt haben, geistig, und viel leider auch mensch-
lich. In den oben geschilderten Stimmungen glaube ich die tieferen
Griinde suchen zu miissen fur die starke instinktive Antipathie, der die
Anthroposophie in theologischen, aber auch in anderen religiosen Krei-
sen begegnet.
Lassen Sie mich noch fur unverstandige Leser - die sonst sagen
konnten, man habe den deutlichen Eindruck, dafi ich selbst schon wie-
der an der Anthroposophie irre geworden sei — , wenigstens andeuten,
dafi ich glaube, recht wohl zu wissen, was auf alle diese Einwande zu
antworten ist, und daft ich es fast taglich tue. Ich sehe klar, dafi diese
Gegenstimmungen teils aus einer falschen Auffassung von der Aufgabe
stammen, die sich die Anthroposophie gestellt, einer Aufgabe, die wohl
sehr umfassend, aber doch zugleich bescheidener ist, als viele ihrer
Gegner denken, teils aber aus einer unzulanglichen Einsicht in die Tiefe
und in den Charakter der geistigen Gegenwartskrisis iiberhaupt, und
aus einer ebenso ungeniigenden Erkenntnis der wirklichen Moglichkei-
ten zu ihrer Losung. Aber da Sie selbst bisher meines Wissens niemals
gerade auf diesen ganzen Stimmungskreis ausdrucklich und ausfuhrlich
eingegangen sind, glaube ich, dafi es fur viele ein wirkliches Bediirfnis
ist, Sie einmal auf solche Fragen antworten zu horen. Erleuchtend ware
es wohl besonders auch, wenn Sie sich dariiber aussprachen, wie Sie
von Ihren Anschauungen aus die Fahigkeiten des eigentlichen Gegen-
wartsmenschen beurteilen, «religiose Eindriicke» iiberhaupt zu haben.
Wendet man sich nicht an Seelenkrafte, die unerbittlich im Abnehmen
sind, wenn man irgendwie im alten Sinn «rein religios» zu den Gegen-
wartsmenschen reden will? Was liegt vor, wenn Menschen heute noch
von «religiosem Erleben» und von Gotteseindriicken und dergleichen
sprechen? Wie konnen die Krafte, die den Menschen fur die hohere
Welt empfanglich machen, wieder lebendig und in welcher Weise sollen
sie neu werden? Wie stellen Sie sich eine wirksame religiose Verkiindi-
gung in der Zukunft vor? Die Hauptsache aber ware doch wohl, von
Ihnen zu horen, wie Sie die religiose Gegenwartskrise von Ihrem
Standort aus iiberhaupt sehen, und was die Anthroposophie zu ihrer
Losung beitragen kann und will.
Wie immer in grofier Dankbarkeit und Verehrung
Ihr Friedrich Rittelmeyer
DRITTER VORTRAG
Dornach, 27. September 1921, nachmittags
Emit Bock: Ich mochte unsere Diskussionsstunde eroffnen und mochte sogleich
meinen Auftrag ausrichten, indem ich Herrn Dr. Steiner bitte, auf den Brief von
Dr. Rittelmeyer vor uns zu antworten. Dieser Brief ist wohl aus dem vielfachen
Wunsche herausgewachsen, Richtlinien zu bekommen fiir die Antworten ge-
geniiber denen, die eben diese Einwande machen.
Rudolf Steiner: Wenn wir damit beginnen sollen, will ich zunachst
mir gestatten, einiges iiber die einzelnen Punkte zu sagen. Ich bitte
Sie aber, dann selber ihre Bemerkungen auch wiederum an die Be-
merkungen, die ich mache, anzukniipfen, weil ja natiirlich das eine
oder das andere von Ihnen hier auch in anderer Richtung gemeint
sein konnte, als es von Dr. Rittelmeyer formuliert ist.
Da finde ich zunachst den Gedanken, dafi ja heute vielfach das
Gefiihl besteht, es miisse eine Art von Einschlag in das religiose
Leben kommen, es bediirfe das religiose Leben in den verschieden-
sten Punkten einer Art Erneuerung. Dr. Rittelmeyer hat ja diese
Empfindung, die, wie er meint, bei vielen vorhanden ist, so formu-
liert, wie es Ihnen bekannt ist, und ich mufi gestehen, es ist mir ja
etwas Ahnliches zuweilen auch entgegengetreten. Aber gerade mit
Bezug auf den ersten Punkt, der hier angefuhrt worden ist, man
erwarte einen einheitlichen Gedanken, ein seelenmachtiges Gefiihl -
was dann zusammengefafit wird in die Worte «Eins ist not» - und
man finde in der Anthroposophie eine Summe, vielleicht sogar eine
sehr grofie Summe von Erklarungen iiber Welteninhalte und der-
gleichen, zu denen man zunachst keinen Zugang wisse, mufi ich
sagen: Es scheint mir in einer solchen Empfindung gerade dasjenige
zu liegen, was in vieler Beziehung so seit langer Zeit schon da war,
und was gerade viel dazu beigetragen hat, dafi wir in der abendlan-
dischen Zivilisation in der neuesten Zeit in eine Art von Sackgasse
hineingeraten sind.
Bedenken wir nur einmal, wie vage, wie unbestimmt eine Emp-
findung ware, welche geradezu erwartete, dafi vielleicht irgend
etwas in kurzer Weise formuliert wiirde, was erlosend sein sollte.
Man konnte ja sogar auf unserem Gebiete auf Anlagen hierzu hin-
weisen. Es ist auf unserem Gebiete, auf einem Gebiete, das in ande-
rer Art aus dem anthroposophischen Grundstreben hervorgeht, et-
was dergleichen ja sogar geschehen, wie es, wenn ich recht verstehe,
hier in diesem Punkte gemeint ist. Das ist auf dem Gebiete des
sozialen Denkens. Da ist es zu so etwas, wie, ich mochte sagen,
einer Art von einheitlichem Gedanken gekommen: das ist der Ge-
danke der Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich will jetzt
zunachst nur vergleichend charakterisieren. Ich mufi gestehen, daft
gerade dieses Beispiel nicht zeigt, dafi es irgend etwas Erhebliches
ist, wenn ein so Kurzformuliertes vor die Offentlichkeit tritt. Denn
im Leben erzeugt ein solch Kurzformuliertes doch nicht dasjenige,
was eine wirklich einschneidende Bedeutung haben kann. Mir
kommt solch ein Einwand immer vor, wie wenn einer sagt: Du
willst mir etwas sagen iiber den menschlichen Organismus, und statt
mir einen einheitlichen Gedanken zu geben, reichst du mir eine
ganze Physiologic - Man mufi versuchen zu verstehen, wie gerade
aus dem zweifellos vorhandenen bequemen Denken der neueren
Zeit ein grofier Teil unseres Ungliickes in aufierer und innerer Be-
ziehung entstanden ist, und wie dasjenige, worunter wir leiden, ge-
rade darauf beruht, dafi man in unbestimmter Weise Begierden hat
nach irgend etwas, was sich kurz fassen lafit. Und man wird sich
sagen mussen: Gerade, dafi ein solcher Gedanke auftaucht, beweist,
dafi eben manches anders werden mufi, wenn die Dinge eintreten
sollen, die viele in unbestimmter Weise erwarten. Und insbesonde-
re, wenn dann gesagt wird, statt eines solchen « einheitlichen Gedan-
kens», statt eines «seelenmachtigen Gefuhls» werde eine Anzahl von
Ubungen gegeben, von denen einzelne ja moralischer Natur seien
- die seien bekannt -, und andere - sie werden hier in dem Brief
«okkulte» genannt, die auf manche einen absoriderlichen, bedenk-
lichen Eindruck machen ja, so mufi eben gesagt v/erden: Was kann
man denn eigentlich erwarten? - Man kann erwarten, dafi auftrete
einfach eine Auseinandersetzung dariiber, was der gegenwartigen
Menschheit fehlt. Ich rede jetzt zunachst so, wie es auf antliroposo-
phischem Gebiet durchaus notwendig ist; wir werden schon auf das
Spezielle der religiosen Frage durch den Brief selber kommen.
Sehen Sie, die moralischen Ubungen, die hier als bekannt bezeich-
net werden, das sind solche, die ja gewifi ihrem Wortlaut nach
bekannt waren, wenn sie moralische Anweisungen waren. Aber zu-
nachst, im anthroposophischen Zusammenhang, sind sie das ja
nicht. Im anthroposophischen Zusammenhang sind sie Anweisun-
gen zur Erlangung einer hoheren Erkennntnis. Und sie sind durch-
aus so vorgebracht, dafi es klar sein mufi : sie sind Anweisungen zur
Erlangung einer hoheren, einer ubersinnlichen Erkenntnis. Man
mufi doch sagen: Ob ich das sage, was notwendig ist, wenn der
Mensch eine iibersinnliche Erkenntnis erlangen mochte, oder ob ich
zum Beispiel sage, eine gewisse Gelassenheit gegeniiber dem «him-
melhoch jauchzend„zu Tode betriibt» ist etwas, was dem Menschen
einen moralischen Halt gibt, das ist durchaus ein grofier, durchgrei-
fender Unterschied. Indem ich eine Sache so ausspreche wie die
Forderung der Gelassenheit, spreche ich etwas aus, was ja vielleicht
ganz gut bekannt sein mag und was auch zunachst so etwas wie eine
moralische Anweisung selbstverstandlich klingt, aber das ist ja alles
gar nicht in Diskussion gestellt auf dem Boden, auf dem die Forde-
rung der Gelassenheit auftritt [in meinem Buche «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?»]. Wird denn da gesagt, es sei fiir
den Menschen zwecks des Moralischen, zwecks des Bekommens
eines moralischen Haltes notwendig, Gelassenheit zu entwickeln?
Nein! Es wird etwas ganz anderes gesagt. Es wird gesagt, dafi eine
Ubung gemacht werden soil; es wird gesagt, dafi diese Ubung wie-
derholt gemacht werden soil, dafi also in einem gewissen Rhythmus
eine ganz bestimmte Ubung gemacht werden soil, welche dann so
charakterisiert wird, dafi man sie als «Gelassenheit» bezeichnen
kann. Wiederholt eine bestimmte Ubung machen, das ist etwas an-
deres als ein moralisches Tun. Also das mussen Sie vor alien Dingen
ins Auge fassen bei alle dem, worum es sich handelt in meinem
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?».
Sehen Sie, es ist eigentlich das Selbstverstandlichste, was man ei-
nem Menschen sagen kann: Du sollst dich bemuhen, die Wahrheit
zu erforschen. Es ist eine Selbstverstandlichkeit. Aber hier handelt
es sich nicht darum, sondern hier handelt es sich darum, dafi man in
rhythmischer Folge sich dem Gedanken an die Wahrheit hingibt, an
die Beziehung des Menschen zur Wahrheit. Und diese Ubung, die-
ses Sich~im-Bewufitsein-gegenwartig-Machen eines solchen Inhaltes,
dieses wiederholte rhythmische Sich-im-Bewufitsein-gegenwartig-
Machen, das ist dasjenige, urn was es sich handelt. Es handelt sich
darum, dafi eine ganz bestimmte Gesinnung fur die Geist-Erkennt-
nis angewendet werden muE. Ich will Ihnen diese Gesinnung etwas
genauer noch prazisieren. Ich weiche dabei ab von der strengen
Formulierung des Briefes, aber vielleicht wird dadurch manches viel
klarer werden.
Sehen Sie, nehmen Sie einen heutigen Professor oder einen Do-
zenten oder einen sonstigen Gelehrten, der Vortrage halt. Sehr hau-
fig geschieht das so, dafi er sich einen Vortrag ausarbeitet, dann hat
er ihn im Gedachtnis, und dann spricht er. Ja, das kann man nicht,
wenn man wirklich in der Geisteswissenschaft darinnen lebt. Das
wiirde einen, wenn man in der Geisteswissenschaft darinnen lebt, zu
einem unwahrhaftigen Menschen machen. Die Vorbereitung kann
da lediglich darin bestehen, dafi eine gewisse innere Sammlung iiber
den Gegenstand eintritt. Durch diese innere Sammlung tritt man in
der Tat - auch wenn man schon tausendmal mit dem Gegenstand in
Verbindung war — jedesmal wiederum neu an den Gegenstand her-
an, so dafi man ihn gewissermafien im Geiste greifbar vor sich hat
und aus der unmittelbaren Anschauung heraus jedesmal unmittelbar
spricht. Sehen Sie, wenn man etwas lernt, sagen wir Geographie,
irgendein Kapitel - schon, man lernt's, man hat's, und dann behalt
man es gedachtnismafiig. Das gibt es aber gar nicht in der Geistes-
wissenschaft, wenn sie lebendig werden soil. Derjenige, der Geistes-
wissenschaftler in Wirklichkeit sein will, der mufi gerade immer
wieder und wiederum die elementarsten Dinge durch seine Seele
ziehen lassen. Dafi ich zum Beispiel mein Buch «Theosophie» ge-
schneben hab hat fur mich selbst nicht eine abgeschlossene
Bedeutung. Dasjenige, was darin steht, mufi ich immer wieder und
wiederum durch meine Seele ziehen lassen, wenn es Bedeutung;
haben soli. Es geht nicht, zu sagen: Die «Theosophie» ist da, ich
habe ihren Inhalt nun inne. - Das wiirde auf dem Boden der Gei-
steswissenschaft ganz dasselbe sein, wie wenn einer sagen wiirde -
ich glaube aber nicht, dafi es einen Menschen gibt, der das sagt -:
Ich habe vor acht Tagen gegessen, und ich brauche nicht jeden Tag
immer dasselbe zu wiederholen. - Wir setzen uns jeden Tag wieder
hin und tun jeden Tag dasselbe. Warum? Weil das Leben ist, weil
das nicht etwas ist, was blofi gedachtnismafiig aufbewahrt werden
kann. Das Leben der Geisteswissenschaft ist Leben, und es ist abge-
tan, wenn man es nicht immer wieder und wiederum erlebt. Das ist
dasjenige, was dabei beachtet werden mufi.
Sie werden, wenn Sie an das durch die Geisteswissenschaft gege-
bene Leben herantreten, wohl auch vernommen haben, dafi es zum
Beispiel wirklich moglich ist, denjenigen Menschen, die durch die
Pforte des Todes gegangen sind, dadurch zu helfen, dafi man sich in
einer Art meditativen Weise irgendeinem Inhalt hingibt, der sich auf
die geistige Welt bezieht, in welcher ja dann diese durch die Pforte
des Todes gegangenen Menschen sind. Da handelt es sich nicht
darum, dafi man ihnen etwas, sagen wir, einmal vorliest und dann
darauf rechnet: nun haben sie es. — Sondern das immer fortdauernde
Wiederholen ist es, dieses Sich-Zusammenleben mit dem Inhalt, im-
mer von neuem; das wird viel zu wenig beachtet. Die Leute sind
heute gewohnt, alles als Theorien zu betrachten. Geisteswissen-
schaft ist keine Theorie, sie ist Leben; aber wenn man sie so behan-
delt, dafi man meint, man lerat sie so, wie man andere Dinge lernt,
dadurch macht man sie erst zur Theorie. Naturlich kann man sie
zur Theorie machen, aber sie wird nur durch diejenigen, die sie so
aufnehmen, zur Theorie. Jeder ernste Geistesforscher weifi, dafi
man in ihr leben mufi; die Ubungen sind nicht erschopft dadurch,
dafi man ihren Inhalt kennt.
Das sind Dinge, die aus dem abendlandischen Bewufitsein ver-
schwunden sind. Wie das abendlandische Bewufitsein ist, zeigt sich
aber noch in anderen Dingen. Zu mir sind Leute gekommen, die
sagten: Es ist etwas Furchterliches mit den Buddha-Reden, da sind
ja lauter Wiederholungen drinnen, und man sollte doch eine Aus-
gabe machen, wo nur der Inhalt der Reden drin ist und die Wieder-
holungen weglassen. — Aber niemand versteht die Buddha-Reden
wirklich, der eine solche Forderung stellt, denn darauf beruht ja das
Wesentliche der Buddha-Reden, dafi man in rhythmischer Folge,
mit ganz kleinen Einschiebseln, immer dasselbe wiederholt. Nun ist
das eine orientalische Methode, die mit dem, was hier zu wirken
und zu arbeiten ist, nicht zusammenfallt, aber um so etwas zu erkla-
ren, mufi ich eben darauf aufmerksam machen.
Weiter wird in dem Brief uber die Ubungen gesagt, manche seien
absonderlich und bedenklich. Ja, da mufi man ins Auge fassen, aus
was fur Urteils- oder Beurteilungsuntergriinden heute ein solches
Urteil gefafit wird. Wenn man davon redet, dafi heute eine Sehn-
sucht vorhanden ist nach etwas Neuem, dann muE man sich ja auch
damit bekanntmachen, wodurch eine solche Sehnsucht vorhanden
ist; da mufi man schon wirklich dasjenige charakterisieren, was vor-
handen ist. Ich darf, um mich deutlich zu machen, vielleicht erin-
nern an das Buch von Oswald Spengler «Der Untergang des Abend-
landes». Spengler hat nun eine kleine Broschiire folgen lassen: «Pes-
simismus?». Ich will einen Satz aus diesem Spenglerschen «Pessimis-
mus» herausgreifen; er sagt, es kame ihm nicht darauf an, Wahrhei-
ten zu erkennen, sondern Tatsachen geltend zu machen. - Und nun
folgen Auseinandersetzungen dariiber, was er unter «Wahrheit» ver-
steht und was unter «Tatsachen». Da sagt er an einer Stelle: Wahr-
heiten sind Grofien des Denkens. . . . Was in einer Dissertation
steht, sind Wahrheiten; dafi ein Kandidat mit der Dissertation
durchfallt, ist eine Tatsache. - Nun soil man sich vorstellen, dafi mit
einem solchen Satz iiberhaupt etwas gesagt sein soil; er ist ein volli-
ger Unsinn. Aber die Leute lesen uber so etwas hinweg, sie nehmen
es als etwas hin, was etwas sagen soil, und man merkt daran nichts
Absonderliches und halt dann etwas anderes fur absonderlich. Uber
einen solchen Satz kann man iiberhaupt nicht diskutieren, er ist ein
absolute!" Unsiim. A.ber es wird heute n !cHt cinmcil diskutiert, wenn
jernand einen solchen Unsinn sagt; es fallt gar nicht auf. So kann es
ja nicht ausbleiben, dafi eine Zeit, in der ein soldier Urteilsduktus
herrscht, manches absonderlich und bedenklich findet. Aber man
stelle sich einmal vor, wohin wir - allerdings in anderer Beziehung,
als Spengler meint - eigentlich gekommen sind. Wir absolvieren
heute sozusagen ohne Aufregung bis zu den hochsten Stufen hinauf
unser Studium, da gibt es in der Erkenntnis selbst nicht eigentlich
Katastrophen oder Peripetien. Man konnte sagen, Katastrophen gibt
es hochstens dann, wenn ein Student durchfallt, aber nicht an der
Erkenntnis selber. Dieses Inanspruchnehmen des ganzen Menschen,
so daft man in der Lage ist, ein Problem mit einem solchen inneren
Hingenommensein zu erleben, wie man vielleicht irgendein aufieres
Ereignis erlebt, das ist etwas, was es kaum gibt. Man fiihlt sich,
wenn man ein Buch geschrieben hat oder wenn man Privatdozent
ist, sehr befriedigt, aber man macht keine Katastrophen oder Peripe-
tien durch wegen des Stoffes selbst. Das ist etwas, was sich, ich
mochte sagen, iiber das ganze wissenschaftliche Leben ausgedehnt
hat.
Was aber notwendig ist, das ist, dafi wir dazu kommen, im Geiste
wiederum zu leben, dafi der Geist eine Wirklichkeit wird, dessen
Prozesse wir mitmachen. Das ist kejn Widerspruch etwa gegen die
Gelassenheit. Gerade wenn man Gelassenheit hat, wird man das,
was objektiv vorgeht und zu starkerer oder konkreterer Anteilnah-
me fiihrt, in der richtigen Weise miterleben konnen; und schliefilich
ist es kein Widerspruch gegen die Gelassenheit, wenn man die ganze
Entsetzlichkeit eines Vulkanausbruches oder ahnlicher Ereignisse
wahrnimmt.
So mochte ich sagen: Es mufi eben in die heutige Zeit, in der man
gar keine Empfanglichkeit hat fur die besondere Art, die zur Gei-
steswissenschaft notwendig ist, einfach die ganze Art des Denkens,
die ganz andere Art, die Wahrheit zu erleben, eigentlich erst hinein-
geworfen werden. Sehen Sie, wenn jemand sagt: Ja, wir brauchen
nicht das Denken, wir brauchen nicht den Intellektualismus, wir
brauchen das Gefuhl! -, so liegt das ja daran, dafi er nicht das
Gefiihl bekommt, dafi er innerlich bewegt wird; dasjenige, was ge-
geben werden soil, ist ja das, [was ihm fehlt].
Sehen Sie, ist man denn wirklich heute weit genug, um gewisse
ururalte Religionsregeln einzuhalten? Wenn man heute eine einzige
Rede halt - und ich rede aus Erfahrung -, wenn man heute eine
einzige Rede halt, die sagen wir, von gewissen Einzelheiten der
sozialen Frage handelt, da gibt es zahlreiche Zuhorer, die sagen oder
schreiben dann: Ja, das mag alles sein, aber in diesem Vortrag kam
nicht ein einziges Mai der Name Christus vor. - Ja, meine lieben
Freunde, es gibt doch ein gottliches Gebot, das heifit: Du sollst den
Namen deines Herrn nicht eitel aussprechen -, und es gibt ein
Gebot: Du sollst nicht fortwahrend Herr, Herr sagen. - Es kann
etwas sehr christlich sein, ohne dafi der Name des Christus fortwah-
rend ausgesprochen wird; ja, vielleicht ist es eben deshalb christlich,
weil der Name Christus nicht mifibraucht wird. Nicht dadurch wird
etwas christlich, dafi der Name Christus nach jeder dritten Zeile
gebraucht wird.
Allen diesen Dingen gegeniiber sollte die alte Bequemlichkeit des
Denkens aufhoren. Denn derjenige, der nicht diese Bequemlichkeit
des Denkens ablegt - mag er auch das unbestimmte Gefuhl haben,
dafi irgend etwas anders werden mufi -, der kann sich doch an der
Zeitforderung nicht beteiligen, weil er die ganze voile Tiefe desjeni-
gen, was als Zeitforderung dasteht, gar nicht zu empfinden in der
Lage ist; er kann es nicht, weil er sich blofi einbildet, dafi er sie
empfindet und im Grunde genommen doch alles so haben mochte,
wie es schon ist, und nicht eigentlich sich dazu bekennt, tatsachlich
zu Losungen uberzugehen, die versucht werden mussen, um nun
wirklich den Forderungen der Zeit zu geniigen. Das wird eben oft-
mals nicht bedacht, welch ein gewaltiger Unterschied ist zwischen
dem theoretischen Denken und dem Im-Geiste-Leben. Aber schon
der erste Schritt in die Geisteswissenschaft hinein mufi ein Im-
Geiste-Leben sein. Ich sage nicht, es mufi ein Hellsehen oder der-
gleichen sein, sondern ein Im-Geiste-Leben; das mufi eine andere
Form des Erlebens der Wahrheiten, der Inhalte haben, als man sie
gewohnt ist, heute zu haben.
Ein weiterer Einwand hat mich, mufi ich sagen, eigentlich aufier-
ordentlich iiberrascht, aber da ihn Dr. Rittelmeyer ausgeprochen
hat, so wird er ja eben schon vorkommen. Das ist der Einwand, dafi
die Menschen sich beleidigt fiihlen dariiber, d?fi sie, statt auf etwas
gewiesen zu werden, das in ihnen selbst liegt, darauf gewiesen wer-
den, was vielleicht einzelne wissen, was einzelne geschaut haben.
Die Menschen fuhlten sich, so wird gesagt, «ihres Menschenkonig-
turns beraubt», sie fiihlen sich grofi und sollten sich klein fiihlen. -
Ja, ich mufi gestehen, dieser Einwand hat mich aus dem Grunde
iiberrascht, weil ich eigentlich gar nicht recht sehe, was er fur einen
Inhalt hat. Denn, nicht wahr, es wird gleich darauffolgend [in dem
Briefe] gesagt, ja, die Menschen erwarteten, es kame etwas, was sie
von oben ergreife, aber nun fuhlten sie sich auf sich selbst zuriickge-
worfen, auf Ubungen, die sie machen sollten, auf Anstrengungen,
um etwas zu begreifen. - Ich fiihle erstens einen aufierordentlichen
Widerspruch zwischen diesen beiden Behauptungen. Zweitens mufi
ich dazu sagen: Mir ging es mein ganzes Leben hindurch so - und
das ist jetzt schon ziemlich lang -, dafi ich aufierordentlich froh war,
wenn mir eine Wahrheit von irgendeiner Seite zukam, und ich fand
es eigentlich immer entsetzlich, wenn jemand eine Wahrheit deshalb
abwies, weil sie nicht auf seinem eigenen Grund und Boden ge-
wachsen war. Das ist ja eine ganz egoistisch-subjektive Beurteilung,
aber in solchen egoistischen, subjektiven Beurteilungen stecken wir
darinnen, und deshalb brauchen wir eine Erneuerung [des Denkens
in] der [heutigen] Zeit, weil das vorhanden ist.
So haben wir hier ein Biindel von Beurteilungen, die gerade zei-
gen, wie notwendig es ist, dafi ein Wandel eintritt. Denn wenn diese
Urteilsrichtungen weiter bestehen, die gerade die Not unserer Zeit
hervorgerufen haben, dann kommen wir nicht weiter. Daher ist es
schon notwendig, dafi man sagt, wenn es auch grob klingen mag: In
bezug auf diese Einwande ist vor alien Dingen das zu sagen, dafi die
Einwendenden dariiber nachdenken sollten, inwiefern sie sie nicht
machen sollten, damit sie nicht das Hereinkommen des Neuen gera-
de durch ihre ururaltesten Vorurteile storen. - Das ist dasjenige, was
da vor alien Dingen gesagt werden mufi.
Ein weiterer Einwand, der ja natiirlich viel gemacht wird, ist der,
dafi Anthroposophie in Form einer Wissenschaft auftritt, und daran
wird dann die Folgerung geknupft, dafi das Reich des Glaubens in
ein Reich des Wissens verwandelt werden solle. Eigentlich beruht
der Einwand, wenn er gemacht wird, auf einer ungenauen Erfassung
desjenigen, was in der Anthroposophie auf tritt. In der Anthroposo-
phie tritt gar nicht die Forderung auf, man solle irgend etwas, was
man geglaubt hat, in ein Wissen verwandeln oder dergleichen, son-
dern in der Anthroposophie tritt zunachst ein Positives auf: Es wird
gezeigt, dafl man durch das Wissen nicht nur etwas haben kann iiber
die aufiere sinnliche Erscheinungswelt, sondern auch iiber die geisti-
ge Welt. Die Frage kann hochstens sein: Fiihren die Methoden, die
dabei angewendet werden, zu Realem, Sicherem und dergleichen? -
Dariiber kann es dann Priifung iiber Priifung geben. Wenn die Sa-
che sich so stellen wiirde, dafi gesagt wiirde, gegen Imagination habe
man dies einzuwenden, gegen Inspiration das einzuwenden und so
weiter, nun, dariiber lafit sich in ganz sachlicher Weise diskutieren.
Aber es ist gar kein Urteil da, wenn man sagt: Mir ist es unange-
nehm, wenn dariiber irgend etwas gewufit werden kann. - Es
kommt nicht darauf an, ob es einem unangenehm ist, es kommt
darauf an, dafi durch gewisse Methoden iiber das Ubersinnliche
etwas gewufit werden kann, so wie iiber das Sinnliche etwas gewufit
werden kann. Und das, was gewufit werden kann, das kann gar
nicht so beurteilt werden, dafi man sagt, die Gegenstande des Glau-
bens beruhten auf einem freien Anerkennen von inneren Wahrhei-
ten, wahrend Anthroposophie ein Wissen durch «Sinnenschein und
Beweise» erzwingen wolle. - Anthroposophie ist eben eine Wissen-
schaft und begriindet sich als eine Wissenschaft, sie kann es gar
nicht zu tun haben mit einem solchen Einwand, indem sie eine
Wissenschaft ist. Man konnte ja dasselbe gegen die Mathematik sa-
gen; man konnte sagen, es sei einem zuwider, dafi die mathemati-
schen Wahrheiten eben ein Wahres sind. Man kann solch einen
Einwand eben eigentlich nicht machen, weil er im Grunde genom-
men gegenstandslos ist.
Ein Einwand, den auch ich in den verschiedensten Nuancen ge-
hort habe, ist der, dafi man etwas erwartet, was einen vielleicht
erschiittert, was einen hinnimmt, und dafi man dann von solchen
Dingen hore wie «Christus sei der Regent der Sonne» oder die
Sache von den «zwei Jesusknaben», die einem eigentlich gleichgiiltig
sind. - Meine lieben Freunde, da mufi ich nun gestehen, ich kann
nicht recht begreifen, wie einem diese Dinge gleichgiiltig sein kon-
nen, wenn man sie versteht. Denn das ist ja die grofie, die ungeheure
Frage der Gegenwart: Wie griindet sich das Reich des Moralischen
in dem Reich der Naturnotwendigkeiten? Wir leben heute auf der
einen Seite in dem wissenschaftlich anerkannten Reich der Natur-
notwendigkeiten, und man gestattet sich, innerhalb dieses Reiches
der Naturnotwendigkeiten Hypothesen auch iiber dasjenige zu ma-
chen, was der unmittelbaren Beobachtung nicht unterliegt. Man
sieht zum Beispiel die Entwickelung der Erde nur durch eine gewis-
se Spanne der Geschichte, der Geologie und so weiter und macht
sich danach Vorstellungen iiber das Herkommen der Erde aus ei-
nem Urnebel heraus, oder so wie es die modifizierten Hypothesen
im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie annehmen, die ja heute
nicht mehr gilt; man hat daraus die Vorstellung vom Anfang der
Erdenentwickelung gewonnen und aus dem zweiten Hauptsatz der
mechanischen Warmetheorie, dem Satz von der Entropie, die
Vorstellung, wie alles dem Warmetod entgegengeht. Wer diese
Hypothesen iiber den Anfang und das Ende der Erdenentwickelung
konstruiert, der mufi sich sagen - denn das ist nach der Wissen-
schaftsgesinnung, die da zugrundeliegt, einfach nicht anders anzu-
nehmen -, dafi der Urnebel da war als ein souveranes Gebilde mit
den Gesetzen der Aerodynamik und den Gesetzen der Aerostatik,
und aus denselben haben sich die Gesetze der Hydrodynamik und
der Hydrostatik gebildet, und dann sind einmal jene glucklichen
Umstande eingetreten, durch welche sich ein solcher Zusammen-
hang gebildet hat, wie er uns in der einfachsten Zelle, der Amobe,
zutage tritt, und dann ist alles dasjenige geworden, was komplizier-
tere Organismen sind, auch der Mensch, und im Menschen sind
dann moralische Ideale aufgetaucht, durch die er seine eigentliche
Menschenwiirde fiihlt.
Was waren wir als Menschen vor uns selbst, wenn wir nicht
unsere moralischen Ideale hatten, und wenn wir nicht durch diese
moralischen Ideale, durch die Aufnahme in eine gottliche Welten-
ordnung, in einen ganzen Weltenzusammenhang, geadelt wiirden?
Es niitzt nichts, sich dariiber einfach hinwegzutauschen und zu sa-
gen: Wir trennen das Reich der Glaubensgewifiheit, das wir mit den
moralischen Idealen haben, von dem, was wir haben als Naturord-
nung. Zu einer solchen Abtrennung kann nur der gefiihrt werden,
der nicht wirklich innerlich ernst sich das vor Augen stellt, was in
der Naturordnung vor uns hingestellt ist.
Meine lieben Freunde, ich habe einmal eine Personlichkeit ken-
nengelernt, die hat sich in der Zeit, als ich sie kennengelernt habe,
zunachst mit dem grofien Problem des Todes in der Welt befafit
und ist dann iibergegangen zu einer Weltanschauung wie sie der
Haeckelismus darstellt, um mit ernstester Gesinnung, mit innerstem
Enthusiasmus eine solche Weltanschauung zu ergreifen, die eben
ganz ehrlich auf dem Boden der Naturwissenschaft steht. Was hat
diese Personlichkeit damals iiber die moralisch-religiosen Ideale ge-
sagt? Sie hat gesagt: Das sind religiose Schaumblasen, die auftauchen
im menschlichen Erleben, das ist etwas, was sich der Mensch vor-
macht, und das ist dasjenige, wovon das Menschengeschlecht lebt,
von dem das Menschengeschlecht seine Wiirde hernimmt; aber ein-
mal wird kommen der grofie Friedhof des Warmetodes, dann wird
mit den aufieren Formen der Organismen auch alles das begraben
sein, was als moralisch-religioses Schaumgebilde aufgetaucht ist,
und im Weltenraum wird eine Schaluppe kreisen in irgendeiner
Kurve, von der man wird sagen konnen: da haben sich einmal aus
mechanischen oder dynamischen Gesetzen Menschen gebildet, diese
Menschen haben Schaumblasen aufsteigen gehabt und davon haben
diese Menschen ihre Wiirde hergeleitet; und das alles ist ein kosmi-
scher Friedhof geworden. —
Sehen Sie, diese Personlichkeit war ehrlich, und aus ihrer Ehrlich-
keit heraus ist sie, weil sie es nicht aushalten konnte, vor einigen
Jahren in den seligmachenden Schofi der romisch-katholischen Kir-
che zuriickgekehrt. Das ist ein Beispiel, das ich Ihnen leicht durch
zahlrciche andcre vermehren konnte.
Das ist der Abgrund, der sich aufgetan hat zwischen moralisch-
religidser Weltordnung und naturwissenschaftlich-mechanischer
Weltordnung. Nur einige Leute von geniigend Gefuhl sind da, die
halten es nicht aus mit ihrer ganzen Weltauffassung gegeniiber dem,
was die Naturwissensehaft iiber Erdenanfang und Erdenende sagt.
So sagt zum Beispiel Herman Grimm, ein Aasknochen, der verfault
und verwest, ware ein appetitliches Stuck im Vergleich zu dem, was
die Kant-Laplacesche Theorie aus der Erde gemacht hat. - Wahr ist,
was Herman Grimm hinzugefiigt hat, dafi kiinftige Gelehrtengene-
rationen scharfsinnige Abhandlungen werden machen konnen, um
den Blodsinn zu erklaren, den die Kant-Laplacesche Theorie in die
Kopfe der Menschen zu ihrem Unheil hineingebracht hat.
Meine lieben Freunde, wer in seiner vollen Tiefe einsieht, was mit
einer solchen Anschauung angerichtet wird, von der untersten
Schulklasse an, zum Unheil der menschlichen Seelenverfassung, der
mufi allerdings dasjenige, was heute getan werden mufi, viel tiefer
suchen, als man es gewohnlich sucht. Der darf nicht bei einer Halb-
heit steckenbleiben und sagen: Wir miissen eben aussondern von
dem Allgemeinen der Weltanschauung dasjenige, was Glaubensin-
halt sein mufi, wir miissen eine eigene Glaubensgewifiheit haben,
und daneben mag die Naturwissensehaft ihr Dasein haben. - Denn
dann hilft dem Menschen fur seine moralisch-religiose Weltauffas-
sung hochstens noch, dafi er in den Schofi der seligmachenden ro-
misch-katholischen Kirche zuriickkehrt, um sich zu betauben, wenn
er noch zu einer solchen Betaubung kommt.
Wir haben es eben im Laufe der Entwickelung dahin gebracht,
dafi wir nicht mehr wissen, dafi in alien Naturordnungen auch Gei-
stiges lebt, dafi zum Beispiel tatsachlich im Menschen selber drinnen
ein Herd ist, wo sich dasjenige vollendet, was draufien in der Natur
geschieht. Meine lieben Freunde, die Menschen des 19. Jahrhunderts
hat mit Recht das stark beriihrt, was zum Beispiel von Julius Robert
Mayer ausgesprochen worden ist als das Gesetz von der Erhaltung
der Kraft und des Stoffes. So recht zur Geltung gekommen ist das
Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes im 19. Jahrhun-
dert, und es beherrscht heute unsere Physik. Aber es gilt nur fur die
aufiere Natur und auch da nur innerhalb gewisser Grenzen, die der
Zeit nach beschrankt sind; es gilt aber selbst in bezug auf die Zeit
nicht fur den Menschen. Fur den Menschen ist einfach wahr, dafi in
ihm ein Herd ist, wo alles Materielle, das er zu sich nimmt, ins
Nichts verwandelt wird, wo Materie vernichtet, wo Materie aufge-
lost wird. Indem wir unsere reinen Gedanken unserem Atherleib
einverleiben und diese Gedanken durch unseren Atherleib auf unse-
ren physischen Leib wirken, wird Materie in unserem physischen
Leib vernichtet. Wir haben in uns einen Ort, an dem Materie ver-
nichtet wird. (Wahrend der folgenden Ausfiihrungen wird an die Tafel ge-
zeichnet. Die Original-Tafelzeichnung liegt nicht mehr vor.) Ich zeichne
schematisch, es ist intensiv iiber den ganzen Menschen ausgebreitet,
ich zeichne es so, als wenn es ein Teil ware. Dieser Ort, wo Materie
vernichtet wird, dieses Snick des Menschen, wo Materie vernichtet
wird, das ist zu gleicher Zeit der Ort, wo Materie wieder entsteht,
wenn moralisch, wenn religios Empfundenes uns durchgliiht. Und
dasjenige, was hier entsteht, einfach dadurch, dafi wir religiose, mo-
ralische Ideale erleben, das wirkt so wie ein Keim fur kunftige Wel-
ten. Wenn die materielle Welt von jetzt zugrundegegangen sein
wird, wenn die materielle Welt von jetzt dem Warmetod verf alien
sein wird, dann wird diese Erde sich verwandeln in einen anderen
Weltenkorper, und dieser Weltenkorper wird aus demjenigen beste-
hen, was sich als eine aus den moralischen Idealen entstandene neue
Materialitat bildet. Weil unsere Naturwissenschaft nicht imstande
ist, tief genug in das Materielle hineinzudringen, ist sie auch nicht
imstande, den Gedanken zu erfassen, dafi das Materielle selber nur
eine Abstraktion ist. Wir konnen zwar vom Warmetode [der Erde]
sprechen, aber zugleich miissen wir von dem Warmetod so sprechen
wie bei der Pflanze von dem, was von der Pflanze abfallt im Ver-
welken und Verdorren, und von dem, was als Keim bleibt fur das
nachste Jahr; ebenso konnen wir [in bezug auf den Warmetod der
Erde] davon sprechen, dafi die Keime uns bleiben, [die den Erden-
tod iiberdauern].
Es gibt ein Territorium, wo die naturwissenschaftlichen Wahrhei-
ten aufhoren, blofi naturwis senschaftliche Wahrheiten im heutigen
Sinne zu sein, wo moralische Ideale aufhoren, Schaumblasen zu
sein, wenn die Erde dem Warmetod verf alien wird. Es gibt ein
Gebiet, das man erreichen kann, wo die moralischen Ideale sich
erhalten werden, wenn die physische Materialitat vernichtet wird,
wo das Wort eine naturwissenschaftliche Wahrheit wird: Himmel
und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht verge-
hen! - Es gibt ein Territorium, wo die Bibel Naturwissenschaft
wird; und eher - das mufi man in den Untergriinden des heutigen
Zeitstrebens erkennen - kann keine Heilung eintreten, bevor wir
nicht die Moglichkeit haben, zu einer Wissenschaft vorzudringen,
die weder einseitige heutige Naturwissenschaft, noch einseitige ab-
strakte Geisteswissenschaft ist.
Heute nennt man vielfach dasjenige «Geisteswissenschaft», was
nur Ideenwissenschaft ist. Fur die Anthroposophie ist Geisteswis-
senschaft nicht nur etwas, was dasjenige jenseits von der Materie
erfafit, sondern etwas, das in seinem Wirken in das Materielle ein-
greift.
Von diesen Forschungsergebnissen ausgehend, ergibt sich dann,
durchaus durch streng geisteswissenschaftliche Methoden, alles das,
was gesagt werden mufi iiber den Zusammenhang der Sonne mit
dem Christus. Man mufi diese Dinge im rechten Lichte sehen. Wir
sind mit einer gewissen Berechtigung im Laufe der letzten drei Jahr-
hunderte dazu gekommen, in den Sternen, in Sonne und Mond
etwas zu sehen, woriiber man rechnet. Was uns Unheil gebracht
hat, ist, dafi wir nur rechnen. Wir miissen wieder dazu kommen
einzusehen, dafi das Rechnen xiber das Weltengebaude so ist, wie
wenn wir am Menschen blofi den Leichnam untersuchen wurden.
Wir miissen wiederum den Geist des Weltenalls untersuchen lernen.
Daran hangt alles. Denn wir finden den Geist nicht, wenn uns die
Materie so, ich mochte sagen, vergewaltigt, dafi sie sich uns im
Universum so zeigt, dafi wir sie nur berechnen oder hochstens nach
den Grundsatzen der Mechanik beurteilen konnen. Deshalb mufi
schon gesagt werden, es liegt durchaus an dem einzelnen Menschen,
wenn er sagt: Mir ist es nicht wichtig, dafi der Christus der Regent
der Sonne ist. - Man mufi den Satz in der richtigen Weise auffassen:
Mir ist es gleichgiiltig.
Nun, meine lieben Freunde, ich habe manche Menschen gehort,
die sagten, es sei ihnen gleichgiiltig, dafi der Christus mit der Sonne
zu tun hat, denen es aber nicht gleichgultig war, wenn ihre Steuern
um 50 Prozent erhoht wurden. Und dennoch ist es fur das Gesamt-
heil der Menschen notwendiger, dafi der Christus mit der Sonne
zusammenhangt, als dafi die Steuern um 50 Prozent erhoht werden.
Wie wir im einzelnen denken iiber die beiden Jesusknaben,
dariiber lafit sich wieder diskutieren. Aber was soli man zu einem
Einwand sagen, der sagt, wir sollen irgend etwas iiben, das, ja ich
weifi schon nicht von was handelt, und dann wird uns die Sache von
den zwei Jesusknaben aufgetischt, die uns gleichgultig lafit. Ich
schlage das Evangelium auf und lese sehr vieles, was in ganz ahn-
licher Weise dasteht wie die Sache von den zwei Jesusknaben, iiber
die in der Anthroposophie gesprochen wird. Da wiederum sagt man
nicht: Wir wollen Religion, uns ist es ganz gleichgultig, ob Jesus der
Sohn des Josef und der Maria war oder dergleichen, uns ist jede
einzelne Evangelienwahrheit ganz gleichgultig. - Ich weifi nicht,
was einem noch alles gleichgultig ist. Man braucht sich ja nicht
darauf einzulassen, was einen nicht interessiert, aber ein Einwand ist
das doch nicht, ganz gewifi nicht.
Nun mochte ich noch, weil die Zeit schon vorgeschritten ist, auf
den achten Punkt eingehen, den ich mir aufgeschrieben habe. Da
wird ja gesagt, man erwarte einen gewissen Fortschritt in der Ver-
innerlichung des Menschen; durch dasjenige, wie Kultur gemacht
worden ist, sei den Menschen schon die Kultur etwas Verhafites
geworden, sie wollen gar nichts mehr horen von Kultur; und nun
komme [mit der Anthroposophie] wieder etwas, was nicht nur von
Verinnerlichung spricht, sondern was sogar in Architektur und in
Bewegungskunst sich auswirken will.
Ja, meine lieben Freunde, wer es mit dem Leben ernst nimmt,
kann doch nichts anderes wollen, als dafi dasjenige, was als Anthro-
posophie auftritt, dasjenige, was er als die geistige Weltengrundlage
ansieht, dafi das eindringen soli in alles aufiere Leben. Ich rede noch
iimner von Anthroposophie, wir werden dann auch dasjenige zu
beriihren haben, was in bezug auf das Religiose zu sagen ist. Das ist
ja gerade das Unheil, dafi wir nicht mehr in der Lage sind, in das
au.fi ere Leben wirklich das hineinzutragen, was wir im Geiste erle-
ben, und das kommt schliefllich auf diesen Gebieten heraus, wo das
besonders bemerkbar ist. Denken Sie, wenn man einem Griechen
gesagt hatte, das, was er geistig erlebt, solle sich nicht im Aufieren
ausleben. So wie der Grieche uber seinen Apollo dachte, so wie er
dachte iiber Zeus, so hat er seine Zeustempel, seine Saulentempel
hingestellt. Nur wir schaffen nichts, wir machen es den Alten nach,
wir haben keine Moglichkeit, auf den Gebieten, die dem Geiste
entsprechen, wirklich audi eine aufiere Lebensphysiognomie zu
schaffen. Das einzige, was wir schaffen konnen, ist ein Warenhaus.
Das Warenhaus ist eine grandiose Schopfung fur den materialisti-
schen Geist der Gegenwart. Aber wenn wir irgend etwas haben
wollen, ein Haus des Geistes, und wir wenden uns an einen Bau-
meister, dann wird er es im romanischen, im gotischen oder in
irgendeinem alten Stil erbauen, und dann haben wir kein Gefiihl
dafur, dafi wir da innerhalb von Wandungen stehen, die gar nicht
dasselbe ausdrticken, was wir innerlich geistig erleben.
Sehen Sie, als der Gedanke entstanden ist — nicht durch mich,
sondern durch andere -, der Anthroposophie ein Haus zu erbauen,
da konnte keinen Augenblick der Gedanke dasein, man geht zu
einem Baumeister und lafit sich einen Renaissance- oder Barockbau
auffuhren und haust dann da drinnen, sondern da konnte nur der
Gedanke dastehen: In diesem Bau wird das und jenes gesprochen,
und die Formen, die ringsum sichtbar sind, miissen ganz genau
dasselbe sagen wie dasjenige, was darin gesprochen wird. Wenn das
nicht nur Theorie ist, sondern Leben ist, wenn die Formen schopfe-
risch sind, dann stellen sie sich lebendig in die Welt. Man kann gar
nicht abmessen dasjenige, was hier als Selbstverstandliches mit-
entsteht gegemiber dem verlogenen Kulturtreiben der Zeit, das uns
in die Not gebracht hat.
Das ist zunachst das, was ich vorbringen mochte, meine lieben
Freunde. Die Fragen sind zuviele, um sie auf einen Anhub zu be-
waltigen, ich werde also morgen weiter dariiber sprechen. Ich habe
mich heute zunachst darauf beschrankt, auf das einzugehen, was
gegen die Anthroposophie im allgemeinen eingewendet wird. Ich
werde mich aber noch dariiber verbreiten miissen, was nun gerade
gegen den Dienst, den Anthroposophie der religidsen Erneuerung
leisten soli, im besonderen vorgebracht worden ist. Denn ich moch-
te immer betonen: Wenn etwa gar der Gedanke auftaucht, dafi man
irgendein schon bestehendes Religionsbekenntnis gleichsam vertritt,
oder ein Bekenntnis, das man etwa erst glaubt zu begriinden mit der
Anthroposophie, dann tut man der Anthroposophie ganz unrecht,
weil sie niemals behauptet hat, religionsbildend aufzutreten oder
selber eine Religion zu sein oder eine Religion begriinden zu wol-
len. Das tut sie als Anthroposophie nicht. Anthroposophie verfolgt
Erkenntniszwecke, Erkenntnisziele; und wer sagt, Anthroposophie
ist keine Religion, denn sie hat alle die Eigenschaften nicht, die eine
Religion hat -, der sagt etwas, was die Anthroposophie selbst von
vornherein von sich sagen mufi. Aber man mufi doch jemandem
nicht vorwerfen, dafi er etwas nicht ist, was er gar nicht sein will!
Die Einwande, die gerade von religioser Seite gemacht werden, die
kommen mir so vor, wie, sagen wir, wenn man jemandem, der auf
einem Gebiete tiichtig ist, dariiber Vorwurfe macht, dafi er auf ei-
nem anderen Gebiete nicht das leistet, was er auch leisten konnte.
Aber die Einwande, die Dr. Rittelmeyer verzeichnet hat, sind ja,
soweit ich sie beriicksichtigt habe, durchaus solche, die sich gewis-
sermafien auf das Verhaltnis des Menschen zur Anthroposophie
selbst beziehen. Deshalb habe ich sie zunachst von dieser Seite her
behandelt und werde morgen auf die religiose Seite eingehen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 28. September 1921, vormittags
Meine lieben Freunde! Ich habe gestern abend eine Zuschrift be-
komtnen von Pfarrer Dr. Schairer in Nagold, die eine Anzahl von
Thesen enthalt,* welche darauf hinauslaufen, die Fragen zu beant-
worten, wie Anthroposophie sich zur Religion, und wie Religion
zur Anthroposophie sich verhalten soil, und wie die Wege gefunden
werden sollen, um dieses Verhalten einzuleiten. Herr Dr. Schairer
meint, dafi den Diskussionen diese Sache zugrundgelegt werden
kann. Das scheint mir auch durchaus zutreffend zu sein nach dem
ersten Teil der Zuschrift — ich konnte sie noch nicht ganz lesen, ich
habe die letzten Seiten noch nicht gelesen -, denn es wird manches
in einer aufierordentlich treffenden Weise prazisiert; und es wird
vielleicht gerade dieses in mancher Beziehung eine gute Diskus-
sionsgrundlage abgeben konnen, denn es mul? uns ja gerade fur
Ihr zukiinftiges Wirken vor alien Dingen daran liegen, diese prinzi-
piellen Dinge durchaus, wenn ich so sagen darf, in Ordnung zu
bringen.
Auch das, was ich heute zu Ihnen sagen will - alles ist ja vorlaufig
noch einleitungs weise —, benihrt ja von einer gewissen Seite her das
Prinzipielle dieser Frage, allerdings nur von einer gewissen Seite her.
Wir mussen uns durchaus klar sein, dafi Anthroposophie als solche
in einer positiven Weise zu dem Mysterium von Golgatha kommt,
so daft der Art und Weise, wie das geschieht, wirklich der Begriff
des Wissens, der Erkenntnis zugeschrieben werden kann, wenn man
diesen Begriff « Erkenntnis » ernst nimmt, auch in dem Sinne des
modernen Naturwissenschaftlichen. Und es ist andererseits ganz
richtig, dafi an dieser besonderen Art, wie zunachst - ich betone
zunachst - Anthroposophie an das Mysterium von Golgatha heran-
kommen mufi, dafi daran zunachst namentlich das evangelische Re-
ligions empfinden aus gewissen Untergrunden heraus, die eben [ins
* Der Brief von Pfarrer Dr. Schairer ist nicht erhalten.
Bewufitsein] gehoben werden miissen, Anstofi nehmen kann. So
kann also auch nur die vollige Klarheit iiber diese Dinge zu irgend-
einem heilsamen Ziele fiihren.
Ich mufi also, wenn ja das auch vielleicht etwas entlegen scheint,
durchaus eingehen auf das, was ich Ihnen heute sagen mufi. Anthro-
posophie oder Geisteswissenschaft schopft ja aus wirklichem uber-
sinnlichen Erkennen, und sie lehnt es ab - prinzipiell lehnt sie es ab — ,
irgend etwas zu entnehmen aus alteren Uberlieferungen, sagen wir,
der orientalischen Weisheit oder des historischen Gnostizismus, um
gewissermafien daraus sich einen Inhalt zu geben oder ihren Urn-
fang zu vergrofiern; sie lehnt das ganz entschieden zunachst ab, weil
sie vor alien Dingen ihrer ganzen Aufgabe nach darauf ausgehen
mufi, praktisch die Frage zu beantworten: Wieviel kann der gegen-
wartige Mensch, wenn er die in der Seele latenten, im gewohnlichen
Leben nicht bewufiten Krafte ins Bewufitsein, ins voile Bewufitsein
und bei voller menschlicher Besonnenheit herauffiihrt, wieviel kann
er von der ubersinnlichen Welt unmittelbar erkennen? — Die Geistes-
wissenschaft mochte bei diesem Erkennen so vorgehen wie etwa,
sagen wir, der Mathematiker vorgeht, wenn er heute den pythago-
reischen Lehrsatz beweist. Er beweist ihn aus demjenigen heraus,
was man heute wissen kann, und er entlehnt ihn nicht etwa blofi
historisch von den Schriftstellern, wo er zuerst aufgetreten ist, wenn
er auch natiirlich nachher, beim Studium des Geschichtlichen, auf
die Art eingeht, wie der Lehrsatz gefunden worden ist. Man kommt
ja dann, wenn man in dieser Art geisteswissenschaftlich forscht,
allerdings dazu, sich zu sagen, dafi ein Abgrund liegt zwischen der
Art und Weise, wie diese heutige Geisteswissenschaft zu ihren Er-
gebnissen kommt durch vollbewufites Forschen, und demjenigen,
was auch noch im Gnostizismus oder gar in der orientalischen
Weisheit erhalten ist, was aber doch einen mehr instinktiven Cha-
rakter tragt. Aber gerade um dasjenige, was der heutige Mensch
vermag, unvermischt der Erkenntnis zuzufiihren, mufi eben so, wie
ich gesagt habe, geforscht werden. Man findet dann allerdings, da£
man im Verlaufe dieses Forschens etwas braucht, was dann neuer-
lich den Schein hervorruft, als ob man zu Altem zuriickginge. Im
Verlaufe des Forschens stellen sich namlich geistige Erlebnisse ein,
fur die dem modernen Menschen, der ganzen modernen Zivilisa-
tion, eigentlich die pragnanten Wbrte fehlen. Unsere moderne Spra-
che hat sich namlich der materialistischen Denkungsweise ganz an-
geschlossen; unsere moderne Sprache hat die Worte durchaus zu
beziehen gelernt entweder auf das blofi aufiere Materielle oder auf
das Intellektuelle - beides gehort ja zusammen. Der Intellektualis-
mus im Innern ist nichts anderes als das Korrelat der materialisti-
schen Anschauungsweise nach aufien. Man wird einfach intellektua-
listisch, wenn man Materialist ist; beides gehort zusammen. Dasje-
nige, was man von der Materie aus erkennen kann, wenn man nach
materieller Methode vorgeht, das spiegelt sich einem eben im Innern
als Intellektualismus. Es ist so, dafi etwa eine Philosophic, welche
den Geist beweisen wollte aus dem blofien Intellekt heraus oder das
Geistige aus Intellekt bestehend, in der Luft schweben wiirde; sie
wurde zwar anerkennen kdnnen, dafi das Intellektuelle mit Recht
ein Geistiges ist, aber der Inhalt dieses Intellektuellen kann kein
anderer sein als der der materiellen Welt. Man mufi in solchen Din-
gen immer genau sprechen. Indem ich diesen Satz ausspreche: «Der
Inhalt des Intellektuellen kann kein anderer als der der materiellen
Welt sein», sage ich nur, er kann kein anderer sein als der Inhalt der
Welt, welche als eine Summe von materiellen Wesen und Erschei-
nungen angesehen wird; ob sie das auch ist, das ist damit noch nicht
ausgemacht. Diese intellektuelle materielle Welt konnte ja durch
und durch Geist sein, und dasjenige, was den Intellektualismus aus-
macht, konnte ja eine Illusion sein. Also es handelt sich darum, dafi
fiir geisteswissenschaftliche Erorterungen schon eine aufierordent-
lich starke Gewissenhaftigkeit gegeniiber der Erkenntnis vorhanden
sein mufi, sonst kommt man uberhaupt in der Geisteswissenschaft
nicht vorwarts. Diese Gewissenhaftigkeit wird ja von den Menschen
der Gegenwart auch bemerkt; sie sehen, wie man genotigt ist, seine
Satze nach alien Seiten hin durchzuhecheln, damit sie pragnant wer-
den, und diese Menschen der Gegenwart, die heute gewohnt sind an
die journalistische Handhabung des Stils, nennen dieses Kingen
nach Pragnanz einen schlechten Stil.
Nun, man mufi solche Dinge eben durchaus aus der Eigenartig-
keit der Zeit heraus verstehen. Und deshalb, weil die Gegenwart aus
ihrem Materialismus und Intellektualismus heraus auch die Sprache
in einer gewissen Weise so bedrangt hat, dafi die Sprache, indem wir
sie handhaben, nurmehr sich bezieht auf Materielles, kann man
schwer die Worte finden, die man zuweilen braucht, um dasjenige
zu bezeichnen, was man erlebt und muE dann greifen zu alteren,
noch aus dem instinktiven Schauen herausgeholten Worten, die ei-
nem viel mehr die Moglichkeit geben, dasjenige auszudriicken, was
man ausdriicken will. Darauf beruht dann wieder das Miftverstand-
nis, dafi die Leute, die nur am Worte haften, nun glauben, dafi man
mit dem Worte dasjenige entlehnt, was in der Ubersetzung des
Wortes enthalten ist. Das ist nicht so. Das Wort «Lotosblume», das
ist ein aus der orientalischen Weisheit entlehnter Ausdruck, aber
dasjenige, was ich schildere [in meinem Buch «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten?»], ist durchaus nicht aus der
orientalischen Weisheit entlehnt. Das ist es, worauf ich bitte, immer
Rucksicht zu nehmen, wenn ich mich notgedrungenerweise aus der
Geschichte entlehnter Ausdriicke bedienen mufi, wie ich das heute
werde tun miissen.
Sehen Sie, Geisteswissenschaft kommt namlich dazu, indem sie
zunachst als Anthroposophie Menschenerkenntnis gewinnen will,
die moderne Physiologie und Biologie gewissermafien als das unge-
eignetste Instrument zur wirklichen Menschenerkenntnis ansehen
zu miissen. Diese moderne Physiologie und Biologie baut ja ihre
Erkenntnis lediglich auf demjenigen auf, was sich auch am Leich-
nam des Menschen konstatieren lafit. Auch wenn sie den lebendigen
Menschen studiert, studiert sie eigentlich nur den Leichnam des
Menschen. Und hochstens gibt sie sich dann einer gewissen Tau-
schung hin, die aufierordentlich charakteristisch einmal zutage ge-
treten ist, als damals Du Bois-Reymond seine beruhmte Ignorabi-
mus-Rcde gehaltcn hat. Er ist sich ja schon klar dariiber, weil er
neben dem Naturforscher auch ein Denker war, dafi auf diese mo-
derne Art des Forschens man iiber die Seele - er nannte sie Bewufk-
sein — nichts gewinnen kann; so dafi man also eigentlich durch
Naturwissenschaft iiber das eigentliche Wesen des Menschen auch
nach Du Bois-Reymond nichts wissen kann. Aber er gibt sich noch
einer gewaltigen Tauschung hin; er sagt, mit der aufieren Naturwis-
senschaft seien wir eigentlich niemals imstande, den wachenden
Menschen zu erkennen, hochstens den schlafenden. Wenn der
Mensch schlafend im Bette liegt, halt er das fur eine Summe von
Prozessen, die da im Menschen vorgehen, in dem Augenblicke aber,
wo beim Erwachen [des Menschen] der Funke des Bewufitseins
einschlagt, hort die Moglichkeit des Begreifens nach Du Bois-Rey-
mond auf. Das ware dann richtig, wenn man heute etwa in der Lage
ware, wissenschaftlich das Leben und Werden der Pflanzenwelt zu
begreifen. Aber das Leben und Werden der Pflanzenwelt ist ja im-
mer noch nicht wissenschaftlich begreifbar, weil man die Methode
nicht anerkennt, durch die es begriffen werden kann. Und so ist
auch das eine Illusion, dafi die heutige Wissenschaft den schlafenden
Menschen erklart; es kann ihr Bereich nur sein, den to ten Menschen
zu erklaren, den Leichnam, bis zu dem dringt sie, weiter dringt sie
nicht. Auch den schlafenden Menschen, der ein lebendiger Mensch
ist, kann sie nicht erklaren.
Anthroposophie geht nun nicht auf dem Wege der philosophi-
schen Spekulation an den Menschen heran, sondern auf dem Wege
des in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren
Welten?» geschilderten in die Seele hereingezogenen Anschauens,
und dann gelangt man dazu, nicht mehr stehenbleiben zu mussen
bei dem, was im Menschen Mineralreich ist, was also fortwahrend
tot ist und was als totes Mineralreich eingegliedert ist der mensch-
lichen Wesenheit, sondern man gelangt dazu, in dem, was man
Atherleib oder Bildekrafteleib nennen kann, dasjenige zu sehen, was
eigentlich der menschlichen Schlaflebewesenheit zugrundeliegt.
Nun kommen die Leute, die von dem gegenwartigen philosophi-
schen Bewufksein ausgehen; ich kann Ihnen auch da einen Fall
angeben. Als meine «Geheimwissenschaft» erschienen ist, da wurde
sie besprochen von einem polnischen Philosophen, Lutoslawski, in
einer alldeutschen Monatsschrift. In dieser Besprechung wurde un-
ter anderem auch gesagt, das ware ja nur eine Abstraktion, wenn
man den Menschen gliedere in physischen Leib, Atherleib, astrali-
schen Leib und Ich, man konne durchaus durch Abstraktion den
Menschen so gliedern, aber es fiihre einen nicht weiter. - Soviel
Lutoslawski dazumal von der Sache eingesehen hat, hatte er mit
seiner Behauptung recht, aber er blieb im Felde der Abstraktion
stehen, und das beruht auf folgendem: Sobald man namlich aufruckt
zur Anschauung des Atherleibes, kann man nicht mehr [nur] beim
[Physischen des] Menschen stehenbleiben; solange man [nur] den
physischen Leib betrachtet, hat man nichts notig, als bei der Unter-
suchung innerhalb der menschlichen Haut stehenzubleiben und
hochstens die Wechselwirkung mit der Aufienwelt im Atmen und
so weiter zu untersuchen; aber man untersucht ja auch da nichts
anderes als das, was eben im Grunde genommen an der Hautgrenze
des Menschen nach innen zu beginnt.
Die Charakteristik, die ich gebe, werden Sie schon ganz richtig
finden, wenn Sie nur richtig daruber nachdenken. Man kann, wenn
man den physischen Menschen betrachtet, stehenbleiben bei dem,
was in der physischen Leibeshaut eingeschlossen ist, aber man kann
nicht mehr stehenbleiben in der physischen Leibeshaut, wenn man
vollstandig den Atherleib betrachtet. Gewifi, man wird zunachst die
Grundlinien ziehen, wie ich es in meiner «Geheimwissenschaft» ge-
tan habe, da wird man darauf aufmerksam machen, dafi der Mensch
aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und so weiter besteht.
Aber Anthroposophie bleibt dabei nicht stehen, sondern Anthropo-
sophie mufi dann die Dinge weiter ausbauen, und sobald man die
Erkenntnis von dem Atherleib ausbaut, kann man nicht innerhalb
des Menschen stehenbleiben, sondern man mufi den Menschen im
Zusammenhang mit allem Irdischen als eine einzelne Wesenheit be-
trachten; man mufi den Menschen im Zusammenhang mit dem Irdi-
schen betrachten. Das heifit, insofern der Mensch in seinem physi-
schen Leib eingeschlossen ist, fiihrt er ein verhaltnismafiig selbstan-
diges Leben, ein verhaltnismdfiig selhstandiges. Man ist in hohem
Grade abhangig von allem indglichen, von Luft, Licht und so weiter
im physischen Leib, allein man ist auch in hohem Grade davon
unabhangig. Das konnen Sie einfach aus dem folgenden ersehen: Als
die Hochbliite des Materialismus war, Wolff, Buchner, Czolbe, da
wurde sehr haufig gerade auf die Abhangigkeit des physischen
Menschen von der physischen Umgebung hingewiesen und eine
Stelle bei einem dieser Schriftsteller zahlt ja alles auf, wovon der
Mensch abhangig ist, von der Schwerkraft, vom Licht, von dem
Klima und so weiter und schliefit dann damit, der Mensch sei in
seinem Leibe ein Ergebnis von jedem Hauche der Luft. Er meint
damit - der Betreffende war ja Materialist -, die physische Organi-
sation sei abhangig von jedem Hauche der Luft. Ja, meine lieben
Freunde, wenn man die Schilderung der Materialisten in dieser Be-
ziehung ganz ernst nimmt und sich die Sache so ausdenken wurde,
wie sie da geschildert ist, wenn der Mensch also so ware, wie ihn
die Materialisten schildern, dann wiirde man gewahr werden, dafi
dieser Mensch die hochste Potenzierung eines Hysterikers oder
Neurasthenikers ware. Die Materialisten haben schon den materiel-
len Menschen geschildert, aber nicht den, der herumgeht in der
Welt, sondern einen solchen, der eine Hochpotenzierung des Hy-
sterikers ware. Der Hysteriker in hochster Potenz wiirde so ab-
hangig sein von der Umgebung, wie ihn die Materialisten geschil-
dert haben. - Der wirkliche Mensch ist schon in einem hohen Gra-
de unabhangig von demjenigen, was die physische Erdenumgebung
ist. Aber nicht mehr kann man das so sagen von dem atherischen
Menschen. Sobald man zum atherischen Menschen aufriickt, kann
man den atherischen Leib nicht gesondert fur sich betrachten, son-
dern man mufi die Atherizitat der ganzen Erde betrachten, und der
Mensch lebt einfach in einem viel hoheren - natiirlich nicht im
physischen Sinne hoheren - Niveau, als er mit seinem physischen
Leibe lebt. Und wenn man zu dem Bereich des Atherischen
kommt bei der Betrachtung der Erde, kann man nicht mehr sich
halten an [Begriffe der] Chemie, der Mineralogie und so weiter,
sondern man mufi ganz andere Vorstellungen aufsuchen, und da
wird man dann in die Notwendigkeit versetzt, das, was man sagen
will, wenigstens mit den Ausdrucken zu belegen, die die Griechen
gehabt haben, weil eben die gegenwartige Sprache nicht mehr die
Moglichkeit gibt, sich auszudriicken.
Der Grieche wiirde, wenn wir ihm die heutige Chemie vorfiihren
wiirden, sich in folgender Weise aufiern. Denken wir uns einmal, wir
hatten auf der einen Seite einen richtigen modernen Chemiker und auf
der anderen Seite einen Griechen, einen gebildeten alten Griechen, der
sich unterreden wiirde mit dem Chemiker, da wiirde der moderne
Naturwissenschaftler etwa folgendes sagen: Ihr Griechen wart ja weit
zuriick, ihr habt vier Elemente angenommen: Feuer, Erde, Wasser,
Luft. Das sind fur uns hochstens noch Aggregatzustande: das Feuer
die alles durchdringende Warme, die Luft der luftformige, das Wasser
der flussige, die Erde der feste Aggregatzustand. Wir wollen euch das
zugeben. Aber wir haben etliche siebzig Elemente an die Stelle eurer
vier Elemente gesetzt. - Der Grieche, wenn er studieren wiirde, was da
vorliegt in den etlichen siebzig Elementen, wiirde sagen: Was wir
unter den vier Elementen verstehen, das wird von euren etlichen
siebzig Elementen nicht beriihrt. Wir haben fiir das, was ihr da in den
etlichen siebzig Elementen habt, den Sammelnamen «Erde»; das
bezeichnen wir alles mit «Erde». Mit unseren vier Elementen bezeich-
nen wir etwas ganz anderes, wir bezeichnen damit etwas, was in
Zustanden sich aufiert, etwas, was innere Wesenheit ist. Und dasjeni-
ge, was ihr iiber alle eure Elemente ausgiefit, das ist auch fiir uns
luftformiger und so weiter Zustand der Erde. Etwas viel Innerlicheres,
als ihr anerkennt mit euren Elementen, bezeichnen wir mit den
Ausdriicken Erde, Wasser, Luft, Feuer oder Warme. —
Aber gerade zu diesen vier Elementen wird man eben gefuhrt, wenn
man all das Wogende, Webende betrachtet, in das aus dem Irdisch-
Atherischen das Menschlich-Atherische eingesponnen ist. Und nur
wenn man dieses Atherische, das sich in den vier Elementen darlebt,
bei sich verfolgt, versteht man den Erdenkreislauf des webenden
Daseins, versteht man Friihling, Sommer, Herbst, Winter. Und in
Friihling, Sommer, Herbst, Winter, denen in ihrer Verwandlung
zugrundeliegt das Atherwirken der Erde - nicht blofi das physische
Wirken der Erde in dieses Atherweben der Erde ist eingesponnen
der menschliche Atherleib, so dafi man, wenn man gewissermafien
zum Atherleib vorschreitet, den Atherleib eingewurzelt finden mufi
im IrdischF-Atherischlen.
Das, was wir so wiederfinden - ich habe das ganze Verhaltnis
einmal ausfiihrlich dargestellt und zwar im Haag — , das klingt an das
instinktive Wissen der Alten, das noch bis zu den Griechen gereicht
hat, durchaus an. Und wir verstehen die Kontinuitat in der Mensch-
heit nicht, wenn wir nicht auf unsere Art wieder daraufkommen,
was der Inhalt dieses Instinktiven war.
Nun gehen wir weiter und kommen zum Astralleib des Men-
schen. An der Terminologie liegt mir nichts, vom Astralleib wurde
viel spater noch gesprochen, bis in das Mittelalter hinein, ja sogar
bis in die Neuzeit herauf, aber man mufi eben eine Terminologie
haben. Wenn man heraufsteigt bis zum Astralleib, der der eigent-
liche Trager des Denkens, Fuhlens und Wollens im Menschen ist,
dann kommt man wiederum dazu, den Menschen nicht abgesondert
betrachten zu konnen. Ebenso wie man sein Atherisches eingliedern
mufi in das Atherweben der Erde, so mufi man das Astralische
eingliedern in dasjenige, was - nun schon in geistigerer Art - zu-
grundeliegt dem, was sich in dem Gang und in der Stellung der
Sterne ausdriickt. Das Astralische im Menschen ist einfach der Aus-
druck der kosmischen, der astralen Verhaltnisse; wie die Sterne sich
bewegen und zueinander stehen, das ist ausgedriickt im mensch-
lichen Astralleib. Geradeso wie der Mensch durch seinen Atherleib
mit dem Irdisch-Atherischen zusammenhangt, so hangt der Mensch
durch seinen Astralleib mit der Erdenumgebung zusammen; es lebt
die Erdenumgebung in seinem Astralleib weiter, sie lebt in den
Geschehnissen, in den Prozessen seines Astralleibes weiter.
Sie sehen, das ist keine Abstraktion, wenn wir den Menschen
gliedern, sondern wir sind genotigt, ihn zu gliedern, weil wir, wenn
wir aufsteigen von dieser Gliederung des Menschen, von der
Menschenerkenntnis zur Welterkenntnis kommen, ganz naturge-
mafi. Nun konnen wir zuriickgehen in der Menschheitsentwicke-
lung, aber jetzt in noch altere Zeiten, die nicht mehr eigentlich in
die griechische hereingereicht haben; da finden wir auch ein instink-
tives Bewufitsein dieses Zusammenhanges des Menschen mit der
Sternenwelt. Nicht als ob in diesen alten Zeiten Astronomie getrie-
ben worden ware, oder soweit sie getrieben worden ist, wichtig
gewesen ist, sondern es war ein unmittelbares Erleben [dieses Zu-
sammenhanges]. Der Mensch erlebte sich in gewissen Zeiten der
Erdenentwickelung viel weniger als ein Erdenbiirger, denn als ein
Burger der Himmel. Wir kommen forschend schon in eine Zeit
zuriick, wo der Mensch zwar durchaus innerlich miterlebte das
Wachsen und Gedeihen des Irdischen in der Pflanzenwelt, auch in
der Tierwelt, wo er miterlebte alles, was in der Luft, im Wasser sich
darbot, wo aber das alles von ihm wie eine Selbstverstandlichkeit
erlebt wurde. So wie der Mensch etwa in der heutigen Zeit seine
inneren Prozesse, seine Ernahrungs- und Verdauungsprozesse erlebt
und sie als eine Selbstverstandlichkeit hinnehmen kann, so nahm er
einmal alles dasjenige, was er im Zusammenhang mit der physischen
Welt erlebte, noch wie ein Selbstverstandliches hin, aber nicht nahm
er das als ein Selbstverstandliches hin, was er in seinem astralischen
Leibe erlebte durch den Einflufi der himmlischen Welten. Das war
etwas, was sich herausdifferenzierte, sich ihm zu stark aufdrangte,
um es so selbstverstandlich hinnehmen zu konnen. Wenn der Win-
ter herannahte, wenn die Nachte lang wurden und Frost um die
Erde herum war und der Mensch in diesem Frost sich befand, dann
fuhlte er in einer gewissen Weise, wie er einfach durch sein Hinein-
gestelltsein in die Welt darauf angewiesen war, in seinem Innern
etwas zu fiihlen wie eine Erinnerung an die Himmel. Er fuhlte sich
im Winter in einer gewissen Weise getrennt von den Himmeln, er
fuhlte etwas in sich, was wie eine blofie Erinnerung an die Himmel
war. Wenn dagegen der Fruhling herannahte und Warme die Erde
umgab und der Mensch hineinverwoben war in diese Warme, dann
fuhlte er, wie wenn etwas in seinem Innern sich aufschlosse, wie
wenn er miterlebte, ich mochte sagen, in einem ausgebreiteten Atem
die Geschehnisse der Himmel. Da hatte er die himmlische Wirklich-
keit, nicht blofi die Erinnerung an die Himmel, die er zur Winters-
zeit hatte. Und so differenziert erlebte er auch die anderen Jahres-
zeiten; er erlebte den Jahreslauf tatsachlich mil.
Wir haben lieute, ins Innere reflektiert, eine schwache Erinnerung
an das, was dazumal lebendig von den Mensch en instinktiv durcher-
lebt worden ist. Wir begehen das Weihnachtsfest, und ein eeschicht-
licher Blick enthiillt es uns in Zusammenhang stehend mit dem inneren
Erinnerungsleben des einzelnen Menschen, der sich gewissermafien
zur Winterszeit verlassen fiihlte von den Himmeln, damit er seine
Erinnerung in Einsamkeit auf der Erde pflegen konnte. Wir haben
noch Anklange an das, was einstmals nicht astronomische Spekulatio-
nen oder astronomische Wissenschaft, sondern unmittelbares Erleben
war, in der Festsetzung des Osterfestes im Friihling, das sich ja nach
der Beziehung von Sonne und Mond richtet. Was heute unserem
abstrakten Verstand sich enthiillt durch Berechnung und was wir
benutzen, um das Osterfest festzusetzen, das war ein unmittelbares
Erleben fur den friiheren Menschen, es war ein Wiederaufgenommen-
werden in die Himmel nach dem Abgeschlossensein [im Winter], und
zur Johannizeit ein seliges Sichfuhlen in dem in den Himmeln weben-
den Gottlichen, in gottlicher Seligkeit die Vereinigung mit dem wirk-
lich Geistig- Gottlichen, von dem sie zu Weihnachten nur die Erinne-
rung hatten und in das sie sich hineinlebten zur Friihlingszeit. Die
altere Sommersonnenwende war ja zunachst so, da£ sie gefeiert wurde
wie ein inneres Aufsuchen der Vereinigung mit dem Gottlichen, bei
dem man mitfuhlte, wie wenn die Erde nicht in sich abgeschlossen
ware, sondern wie wenn die Erde nun ein im Kosmos wirkendes
Wesen ware und der Mensch mit seinem ganzen Wesen mit dazuge-
horte zu diesem kosmischen Erleben.
Mit anderen Worten, dasjenige, worauf wir in der Geisteswissen-
schaft hinweisen als auf etwas objektiv Erlebtes, das wir als astrali-
schen Leib hinstellen, das wurde von einer alteren Menschheit als ein
unmittelbares Erleben empfunden, aber als ein unmittelbares Erleben,
das nicht nur im Augenblick da war, sondern das ausgespannt war in
die Zeit, und von dem man wulke, darin wirken die Sterne mit ihrer
Gesetzmafiigkeit, mit ihrer Bewegung. Nicht als ob man viel gegeben
hatte auf das, was Sonnen- und Mondfinsternisse darboten; das ist erst
geschehen, als die Religion iibergegangen ist in die Wissenschaft. In
alten Zeiten hat man in glaubiger Einfalt zum Himmel aufgeschaut,
aber den Himmel auch zu einer gewissen Zeit in sich gefiihlt.
Sehen Sie, meine lieben Freunde, was mufi man denken, wenn
heute Theologen auftreten und sagen: Das, was der Mensch zu-
nachst in der Sinneswelt erlebt, das kann unmoglich zum Ubersinn-
lichen fiihren, und das, was er durch seine Wissenschaft hat, das
kann auch unmoglich zum Ubersinnlichen fiihren; es mufi etwas
ganz besonderes im Menschen eintreten, wenn er fiir die iibersinnli-
che Welt sich erschliefien will -? Eine solche Auseinandersetzung
heutiger Theologen zeigt, dafi der Mensch heute darauf angewiesen
ist, Religion zu rechtfertigen, weil das Leben, das er in der Aufien-
welt fiihrt, zunachst keinen religiosen Charakter hat; er will sich
gewissermafien herausstellen aus dem gewohnlichen Leben in der
Aufienwelt und in ein besonderes Leben hineinstellen, um religios
zu fiihlen. Es gab aber einmal eine Erdenzeit, wo das religiose Fuh-
len das unmittelbar Gegenwartige, das Selbstverstandliche war, und
wo man sich fiir das Erdenleben herausstellen muftte aus dem Reli-
giosen. So wie wir heute materialistisch fiihlen, wenn wir zur Pflan-
zenwelt, zur Tierwelt und zu den Sternen aufblicken und dann
Einkehr halten miissen in uns, wenn wir religios erleben wollen, so
war einmal religioses Erleben fiir den Menschen dasjenige, was fiir
ihn als das Gegebene da war, und gerade dann, wenn er sich von
diesem Gegebenen abkehren wollte, ging er aus dem religiosen Le-
ben erst heraus.
Solange man diese Dinge nicht vollig durchschaut, wird man
iiberhaupt nicht Klarheit gewinnen konnen iiber das Verhaltnis von
Wissenschaft, alltaglichem Leben und religiosem Erleben. Man mufi
schon einmal im Leben wenigstens den Blick auf diese Dinge der
Menschheitsentwickelung hingelenkt haben, dafi einmal ein altes
Weltbild dagewesen ist, dem die aufieren Erscheinungen von Sonne,
Mond und Sternen verhaltnismafiig gleichgultig waren, wo diese
von aufien kommenden Erscheinungen nur zum Gefiihl gesprochen
haben; aber im Innern wurde etwas erlebt. Was Wirkung war der
Himmel, das war inneres Erlebnis des Menschen, das er mit sich
selbst abmachen konnte, das aber dock Wirkung war des Himrn-
lischen und in Ihm wie eine Selbstverstandlichkeit gegeben war.
Nun gab es ja selbstverstandlich dann eine Zeit 9 wo gewisser -
mafien das ineinandergefiigt wurde, was iebt und webt im Innere
des astralischen Leibes als ein Ergebnis des Sternenprozesses und
dasjenige Erleben, das im Innern sich abspielt im Zusammenhang mit
der Erde, das wir erkennend durchdringen konnen, wenn wir zum
Atherleib heute vordringen. Der Mensch fiihlt sich mehr im Seelisch-
Geistigen, wenn er astralisch die Ergebnisse der Himmelsvorgange in
sich erlebt. Dann sieht der Mensch wohl auf das Irdische, aber er
dringt noch nicht bis zu dem, was wir heute sehen; er dringt bis zum
Atherischen, bis zu dem, wo Feuer, Wasser, Luft und Erde walten.
Da gewahrt er dann ein Verhaltnis, das sich heute dem Blick des
Menschen, insbesondere dem wissenschaftlichen Blick, eigentlich
vollig entzieht. Aber bis in die Empfindungen, die man iiber dieses
Verhaltnis hatte, gehen die Kultushandlungen zuriick, die ja fur
unsere Bekenntnisse eigentlich nur Uberlieferungen sind.
Ich habe Ihnen gestern dargestellt, wie die Kultushandlungen ver-
standen werden konnen aus dem Menschenverstandnis heraus. Sie
konnen aber auch verstanden werden aus einem Einblick in jene
Wechselwirkung, die da statt hat zwischen dem, was erlebt werden
kann im astralischen Leib, und dem, was erlebt werden kann im
atherischen Leib; sie gehen zuriick auf eine Empfindung, die man
haben kann, wenn man das Leben und Weben des Himmels in dem
Irdisch- Atherischen verfolgt, und da stellt sich dann heraus, dafi der
Mensch hineingestellt ist in eine kosmische Wirkung, in eine kosmi-
sche Bewegung, die ich Ihnen durch folgendes ausdriicken mochte.
Sehen Sie, wenn wir uns an den Ton wenden, der dann im Worte
lautet, wenn wir uns also dem nahern, was zum Beispiel im griechi-
schen Logos, im Worte Logos liegt — das, was ich jetzt sage, wurde
durchaus noch empfunden in Griechenland und durchaus noch
empfunden bei der Abfassung des Johannes-Evangeliums -, wenn
man sich dem nahert, was als Ton lebt, was als Ton lautet und mit
dem sich nach aufien wendet, dann hat man es mit Vorgangen zu
tun, die sich ankiindigen, die sich offenbaren durch die Luft. Wenn
wir aber den Ton oder das Wort horen und jene Wirkung entsteht,
die ich gestern geschildert habe als nach dem Inneren des Menschen
gehend, dann haben wir es da zwar auch zunachst mit dem zu tun,
was Bewegung der eingeatmeten Luft ist, die dann an das Riicken-
mark und Gehirn wasser stofit und sich da als Bewegung fortsetzt;
wir haben es also auch mit der Fortsetzung des in der Luft Vorge-
henden in den Menschen hinein zu tun. Wenn wir aber weiter for-
schen, haben wir es nicht blofi damit zu tun, sondern, indem das
Wort seine Wirkung in den Menschen hinein aufiert, wirkt es auf
den Warmezustand des Menschen. Der Mensch wird innerlich von
dem Element der Warme durchtrankt, er erhalt das Element der
Warme differenziert durch den nach innen gehenden Ton, durch das
nach innen gehende Wort. Das heifit, im Aufieren ist Warme oder
Kalte hochstens Nebenerscheinung fur den Ton, wenn der Ton zu
hoch oder zu tief ist, aber es hat, wenn wir beim Ton stehenbleiben,
zunachst keine Bedeutung. Beim Menschen driickt sich in einem
innerlich differenzierten Warm- oder Kaltwerden tatsachlich jede
Differenzierung des Wortes und des Tones aus, so dafi wir sagen
konnen: Indem wir das Wort erfassen, finden wir es sich manifestie-
rend nach aufien in der Luft, wir finden es sich manifestierend nach
innen in der Warme.
Gehen wir jetzt zu dem, was wir gestern als zweites kennenge-
lernt haben, gehen wir zu der Opferhandlung. Diese Dinge werden
ja spater, wie so manches andere, klarer hervortreten, aber sie wer-
den Ihnen einen Anhaltspunkt bieten konnen. Da wird Ihnen zu-
nachst in der Opferhandlung dasjenige gegeben, was charakteri-
stisch eigentlich war in den Zeiten, in denen man die Opferhand-
lung in ihrer vollen Realitat empfunden hat. Eigentlich hangt fur
altere Vorstellungen mit der Opferhandlung durchaus zusammen
das Rauchartige, das Luftartige, und das ist deshalb, weil die Opfer-
handlung aus dem Inneren des Menschen hervorfliefit und man
wufite - wie man es auch heute bei einer Opferhandlung wirklich
empfinden kann -, dafi geradeso, wie das Wort nach innen tont und
sich auslebt in der Warme, die Opferhandlung sich auslebt in der
Luft. Nach innen lebt sie sich aus in der Luft. Nach aufien kann die
wahre Opferhandlung eigentlich nicht erscheinen, ohne da£ sie
irgendwic durch das Licht sich offenbart. Aber auf diese Dinge
werden wir spater zu sprechen kommen.
Wenn wir nun zu dem gehen, was wir gestern die Wandlung
genannt haben, da finden wir, dafi bei der Wandlung wir hingewie-
sen worden sind auf dasjenige, was schon in die Materie eingreift,
was sich schon dem Materiellen stark nahert, was aber sich noch
nicht konfiguriert, was noch nicht Kontur angenommen hat; das
empfindet man bei der Wandlung als das Charakteristische, und
man bezog deshalb, in demselben Sinne, wie man das Wort auf die
Warme, das Opfer auf die Luft bezog, die Wandlung, die Trans sub-
stantiation auf das Wasser.
Und in demjenigen, was man erlebte in der Kommunion, in der
Vereinigung, fuhlte man sich nun verbunden durch das Atherische
hindurch mit dem Irdischen; man fuhlte sich als Erdenmensch, als
richtiger Erdenmensch nur, indem man sich mit diesem Irdischen so
verbunden fuhlte, dafi man die Vereinigung bezog auf das Element
der Erde.
Das aber ergab fur die alten Mysterien nun das folgende: Sie
sahen, nach aufien hin gesehen manifestiert sich das Wort in der
Luft, nach innen als Warme. (Wahrend der folgenden Ausfuhrungen
wird an die Tafel geschrieben):
Wort - Luft - Warme
Opfer - Wasser ~ Luft
Wandlung - Erde - Wasser
Vereinigung - Erde
Das Opfer manifestiert sich nach innen gesehen als Luft. Warum sie
fur ihr Anschauen zu den folgenden Dingen kamen, werde ich spa-
ter sagen, ich mache aber darauf aufmerksam, dafi in alteren Myste-
rien die Opferhandlung aufierlich ebenso auf das Wasser bezogen
worden ist, und dafi noch die Taufe ein Rest davon ist. Wie das
Wort nach aufien auf die Luft bezogen worden ist und innerlich auf
die Warme, so wurde die Wandlung demgemafi aufierlich auf die
Erde bezogen, auf das Feste, und nur innerlich auf das Wasser; und
fur dasjenige, was der Vereinigung entsprach, hatte man ja nun
nichts. Im Menschen, so sagte man sich, verschiebt sich der Zusam-
menhang mit den Elementen. Aber schon in der Wandlung ist ja fur
das Aufierirdische die Erde vorhanden, die der Mensch erlebt, in-
dem er sich zur Vereinigung wendet. Wie kann er also die Vereini-
gung mit dem Irdischen erleben? - Das war die grofie Frage in den
alten Mysterien. Wie kann man iiberhaupt irgend etwas fiihlen iiber
das wahrhaft Irdische?
Ich habe es eben von einem anderen Gesichtspunkt besprochen.
Man wendete den Blick rings umher, nahm es selbstverstandlich,
wie man heute seine inneren Vorgange als selbstverstandlich nimmt,
aber man fand nicht irgend etwas, was man aufnehmen wollte in
sein Bewufitsein. Fur die symbolische Handlung hatte man die Ver-
einigung, aber es blieb nach aufien der Platz leer, es mufite erst
etwas kommen, so sagte man sich, wenn dieser Platz erfullt werden
sollte, wenn man sich im Irdischen selber zu etwas wenden konnte,
was der Vereinigung, der Kommunion entspricht. Man fuhlte es,
man konnte hinuntersehen zur Erde. Was einem im Innern die Erde
gab, darin konnte sich die Kommunion erfiillen, aber ein Aufieres
war nicht da. So fuhlte man im Grunde genommen auch in den
alten Mysterien, wenn man von der Kommunion sprach. Man
sprach dariiber, aber man fuhlte so, als ob sie durchaus nicht ein
vollendetes Ereignis sein konne. Und wir fiihlen im Grunde genom-
men das nach, wenn wir in den aufieren Mitteilungen iiber die alten
Mysterien unterrichtet werden, wie im Bilde das Ereignis von Gol-
gatha vorgeahnt wurde, wie es symbolisch vollzogen wurde, worauf
die heutigen Forscher immer wieder deuten, indem sie darauf hin-
weisen wollen, als sei das Mysterium von Golgatha nur etwas, was
einen spateren Entwickelungszustand darstellt gegeniiber dem, was
in den verschiedenen Opferhandlungen friiher geiibt wurde in den
Tempeln, indem man das Sinnbild hinstellte, den gestorbenen
Menschheitsreprasentanten begrub und ihn nach drei Tagen aufer-
stehen liefi.
Sie wissen, wie wirklich eine Crux in der Christus-Auffassung
dadurch entstanden ist, da$ man aufmerksam geworden ist auf et-
was, was in den alten syoiboiischen Religionshandlungen dem gan-
zen Vorgang von Golgatha so ahnlich sab, dafi die Leute gegiaubt
haben, selbst Theologen, sie miifiten nun blofi von dem Christus als
einem Mythus reden oder als von etwas, das eben entstanden ist aus
dem, was friiher in den Tempeln vollzogen worden ist. Das ganze
hat jetzt einen Gipfelpunkt erreicht dadurch, dafi dieselbe Denkwei-
se nun auf einem anderen Gebiete hervorgetreten ist: man hat das
Vaterunser [in derselben Weise] angesehen und kann nun nachwei-
sen, dafi fast jeder Satz des Vaterunsers schon in der vorchristlichen
Zeit da war. Das hat man angesehen als einen ganz besonderen Fang
fur die moderne Religionsforschung. Fur denjenigen, der erkennt,
wirklich erkennt, ist diese Denkweise ein solches Schliefien, wie
wenn man von den Kleidern auf die Leute schliefien wollte. Wenn
der Vater ein Kleid anzieht und es dann auf den Sohn vererbt, so
darf man daraus nicht schliefien, dafi der Sohn wieder der Vater ist,
denn der Sohn ist etwas ganz anderes als der Vater, wenn er auch
dasselbe Kleid anhat. So kann auch das Vaterunser seinem Wortlaut
nach iibergegangen sein auf das Christentum, seinem Inbalt nach ist
es etwas wesentlich Neues geworden. Aber um diese Dinge zu
durchschauen, mufi man eben tiefer in die ganzen Zusammenhange
hineinsehen; man mufi die Untergriinde kennen, aus denen heraus
im Grunde genommen fur die alten Mysterienpriester etwas geblie-
ben ist wie eine Erwartung, das ihnen erschien wie etwas, das auf
der Erde noch nicht erreicht werden konnte.
Und da werden wir, ich mochte sagen, in einem ersten Elemente
dazu gefuhrt, wenn auch durch ganz behutsame Erwagungen, wie
eine erwartungsvolle Stimmung in den alten Mysterien waltete,
durchaus aus instinktiver Wissenschaftlichkeit, die aber ganz und
gar religionsdurchtrankt war, wie in alien alten Mysterien eine Chri-
stus-Erwartungsstimmung war, die dann erfiillt worden ist durch
das Mysterium von Golgatha.
Das ganze Problem miissen wir morgen noch von einer anderen
Seite betrachten, wo wir dann viel tiefer in die Sache hineingefuhrt
werden. Aber Sie sehen, dafi Anthroposophie auf eine durchaus
wissenschaftlich zu nennende Weise an das Christus-Problem her-
antritt, indem sie lebendig macht die Anschauung des Atherleibes
und des Astralleibes und wiederum dasjenige, was sich aus dem
Zusammenwirken beider ergibt. Sie sehen, dafi sie, indem sie gewis-
sermafien entdeckt das Christus-Erlebnis an der Grenze zwischen
Astralleib und Atherleib, dadurch in einer positiven Weise zum
Christus-Erlebnis stehen mufi. Ich mufi schon zu Ihnen sagen, mei-
ne lieben Freunde, darin ruht ja zum grofien Teil die ganz besonde-
re Schwierigkeit der Anthroposophie mit ihrer Aufgabe in der Ge-
genwart. Sehen Sie, die etwas verwaschene Theosophie, wie sie zum
Beispiel in der Theosophical Society vorliegt, hat es in dieser Bezie-
hung viel, viel leichter. Sie geht nicht bis zu dem Christus-Erlebnis,
sondern sie macht vorher halt. Daher hat sie es leichter. Sie statuiert
gewissermafien alien Religionen die gleiche Geltung und sucht darin
das Allgemein-Menschliche, das natiirlich jeder Wissenschaft zu-
grundeliegen mufi.
Anthroposophie wird durch ihren eigenen Fortgang, durch den
Nerv ihres ganzen Seins an das Mysterium von Golgatha in einer
positiven Weise herangeriickt und hat, weil sie nun wissenschaftlich
bleiben will, die Aufgabe, das Ereignis von Golgatha aus wissen-
schaftlichen Untergriinden heraus fur die Menschheit geradeso klar-
zumachen, wie die Mathematik den pythagoreischen Lehrsatz klar-
zumachen hat. Dem stehen alle diejenigen Religionsbekenntnisse
entgegen, die das Ereignis von Golgatha als solches abweisen. Die
Weltenaufgabe der Anthroposophie, die aber notwendig ist in unse-
rer Zeit, ist daher nicht ganz leicht. Wie schwierig sie ist, das ent-
nehmen Sie bitte aus einer Schrift, die eben erschienen ist von einem
Prager Dichter, Max Brod - er hat auch manches andere geschrieben
- «Heidentum, Christentum, Judentum», in welcher auch diese
Dinge behandelt werden und wo aus dem wiederauflebenden jiidi-
schen Bewufitsein heraus alles dasjenige von Jesus weggenommen
wird, was ihn zum Christus macht, urn nur dasjenige zu behalten,
was den Jesus nicht zum Christus macht. Und was ist die Tendenz,
die hier zugrundelieet? Das ist die Tendenz, es dem modernen Tu-
den moglich zu machen, ein Verhaltnis zu dem Jesus zu gewinnen,
durch welches er den jesus zugeben kann, aber nicht genotigt ist,
ihn als den Trager des Christus anzusehen.
Anthroposophie ist genotigt — und wir werden dariiber noch viel
zu SDrechen haben — , den lesus als Christus anzusehen. Den jesus
gelten zu lassen, danach strebt heute auch der Jude, danach strebt
auch der Inder, danach strebt der ganze Orient, aber sie streben
danach, ihn nur so gelten zu lassen, wie er ist, wenn er nicht der
Christus ist.
Nun, meine lieben Freunde, Harnacks Buch vom Wesen des
Christentums und die Forschungen Weinels iiber Jesus, Sie konnen
sie alle so gestalten, daft sie auch von den Nichtchristen iiberall bis
zu einem gewissen Grade angenommen werden konnen. Ich weifi,
dafi sich da manches einwenden lafit, deshalb sage ich, Sie konnen
sie so gestalten -, sie sind naturlich nicht so. Aber dasjenige, was
wir als Aufgabe haben, ist: Christentum zu begreifen, Christentum
zu verstehen — , nicht Jesus zu behalten auf Kosten dessen, dafi er
der Trager des Christus war.
Und hier liegt von einer ganz anderen Seite her eine Begrundung
des wahren, des ehrlichen Christentums durch die Anthroposophie,
weil man einsehen mufi, dafi eine gemeinsame Weltenaufgabe zu
losen ist, die auf die furchtbarsten Vorurteile stofit. Diese Welten-
aufgabe hangt mit alle dem zusammen, was heute als unbefriedigend
empfunden wird in dem religiosen Erleben. Deshalb darf man nicht
in engherzigem Sinne diese Dinge auffassen, sondern man mufi sich
darauf einlassen, dasjenige, was heute als unbefriedigend in unser
religioses Leben eindringt, von einer hoheren Warte zu betrachten.
Davon wollen wir morgen weiter sprechen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 28. September 1921, nachmittags
Zu Beginn der Stunde wurden von verschiedenen Teilnehmern Fragen und
Einwande vorgebracht. Der Stenograph hat hierbei nicht mitgeschrieben, doch
hat Rudolf Steiner selbst in einem Notizbuch die folgenden Stichworte festge-
halten (siehe Faksimile Seiten 38-40, NB 127, in den Dokumentarischen Ergan-
zungen):
Discussion —
? Konnen wir Religion definieren?
Unmoglichkeit -
Luther als Anwort —
- Verzichten auf Wissen um zur Religion zu kommen! —
Welt Riicken - und zum Gottlichen wenden -
Kluft - Welt = Gott
? - Ein Anderer: Gegensatz zwischen Gott u. Welt findet er nicht
Rel. Verbindung mit Gott - 3 Wege
Denken Fiihlen Wollen
Anthrop.
nicht klar:
Dr. Geyer:
Ein Andrer:
Ein Andrer:
Ein Andrer:
wegen Verbauung der Welt durch Naturwissenschaft
ob nicht Religion abhangig gemacht von Erkenntnis -
dafi dann Menschen, die nicht Erkenntnis haben,
zu kurz haben. -
Treu u. Glauben. =
Paradoxon
Man sagt:
Anthrop. in die Welt
Religion allein zu Gott
Wird Religion selbstandig sein? -
oder Kunst - Wissensch. etc.
wird Rel. aufhoren selbstandig sein
wenn es jemand zuwider
Glaube — gefdbrdet
Geheimnis. - tiefste Wesen. Trotz aller Schwierig-
keiten in die Hand des Unentratselbar. iibergeb. durch
seelische
Religion - Beziehung der Einzelseele und Gott -
Aber auswirkt gegeniiber andern Menschen — dieses ge-
steigert durch Anthroposophie
Ein Andrer: ? fiihrt uns heute zu Gott?
Ein Andrer: 1st ein Wertunterschied z. A. u. Rel. beide nbtig*
Ein Andrer: Lebendige Beziehung zu den Begriffen - stehen den
Begriffen corrumpierte Form gegeniiber -
Hauptbegriff = Glaube geloben
Glaube hat Wissensinhalt. -
allmahlig verloren gegangen
Bewufksein, dafi Wissensinhalt gegeben —
das heutige herausgekommen. —
Inwiefern aus Paulinischem Gegensatz von Pistis u. Gnosis. -
Rudolf Steiner: Ich mochte Ihnen am liebsten mehr konkret ant-
worten als in Abstraktionen. Ich mochte da zunachst dieser aufge-
worfenen schwierigen Frage dadurch naherkommen, dafi ich viel-
leicht das folgende sage.
Wir haben in der Anthroposophie ja zunachst etwas, was die
Beschaftigung, die seelische Beschaftigung von gegenwartig nur we-
nigen Menschen bildet. Sie ist im Anfang ihrer Arbeit, die Anthro-
posophie, und man kann sagen, dafi man ja ganz gut einsehen kann,
dafi sie in verhaltnismafiig kurzer Zeit vielleicht in einer anderen
Weise in den Menschenseelen leben wird, als das heute der Fall sein
kann. Aber eines ist heute gut bemerkbar, und vielleicht werden Sie
gerade das tadelnswert finden, aber es ist vielleicht besser, sich eben
da an die Zeiterscheinungen zu halten, als einen abstrakten Tadel
auszusprechen.
Anthroposophie wird gelehrt, vorgetragen, in Biichern geschrie-
ben; und ich habe die, wie ich glaube, begriindete Uberzeugung,
dafi in der Art, wie es durch die Fragesteller hier, durch einzelne
Fragesteller wenigstens, verlangt wird, dafi Anthroposophie fur den
einzelnen Menschen ein Wissen sei -, dafi ein solches Wissen, ein
solches Verstandnis fur die meisten, fur sehr viele wenigstens, ja fur
die Majoritat derjenigen, die sich heute fur Anthroposophie ganz
intensiv interessieren, noch nicht vorhanden ist. Es gibt heute sehr
viele Menschen, die eben auf das hin, was sie gehort haben, auf Treu
und Glauben hin die Anthroposophie annehmen. Aber warum tun
sie denn das? Warum sind gerade solche Menschen in grofier An-
zahl da, die auf Treu und Glauben die Anthroposophie aufnehmen?
Sehen Sie, unter denen sind die meisten in einer ganz bestimmten
Richtung angelegte religiose Naturen, und ohne dafi sie eigentlich
Anspruch darauf machen, die Dinge gleich bis in den Grund hinein
zu verstehen, folgen sie der Anthroposophie, weil sie einen gewissen
religiosen Duktus in der ganzen Fiihrung, mochte ich sagen, der
anthroposophischen Angelegenheiten verspiiren. Es ist gerade eine
Art religioses Gefiihl, ein religioses Empfinden, was heute zahlrei-
che von den Menschen zur Anthroposophie bringt, die nicht in der
Lage sind, die Anthroposophie so zu durchschauen, wie der Bota-
niker die Botanik durchschaut; und das wird ja eigentlich hier
gefordert.
Man berucksichtigt gewohnlich nicht stark, dafi in bezug auf das-
jenige, was ich hier jetzt meine, Anthroposophie doch anders ist als
die anderen, die aufieren, die mehr naturwissenschaftlichen Wissen-
schaften. Die naturwissenschaftliche Wissenschaft ist ja wirklich so,
dafi man sagen kann: nimmt sie den Menschen ganz in Anspruch, so
wird sie tatsachlich gefahrlich sein fur den Glauben, sie wird den
Glauben beeintrachtigen. Es handelt sich nicht blofi darum, dafi
einem die Wissenschaft unbequem ist, sondern darum, dafi man sie
wie etwas empfindet, was das Geheimnis des Glaubens einfach
stort. Aber man wird in der praktischen Handhabung [dieser Frage]
finden, dafi man dariiber hinauskommt, wo es sich um eine anders
geartete Wissenschaft handelt, wie es bei der Anthroposophie der
Fall ist, so dafi in der Tat zahlreiche Menschen einfach die Art, wie
Anthroposophie auftritt, wie einen durchgehenden religiosen Halt
empfinden. Trotzdem sie eben nicht, wie ich immer sage, religions-
bildend auftreten will, wird dennoch verspiirt, dafi sie in einer Rich-
tung sich bewegt, in der gerade das religiose Gefiihl auch mitgehen
kann. So miifite also eigentlich gerade dieser Begriff, da£ das Wissen
den Glauben ertotet — wofiir ich viel Verstandms habe — , revidiert
werden gegeniiber der Anthroposophie. Man miifite erst fragen, ob
denn nicht dadurch, dafi Anthroposophie ja nicht ein Begriffswissen
ist, sondern ein Anschauuneswissen, dieses Verhaltnis von Glauben
und Wissen eben ein ganz anderes wird. Vergessen wir nicht, dafi
wir uns diese Anschauung, dafi das Wissen den Glauben getotet hat,
eben nur gebildet haben an der Hand derjenigen Wissenschaft, die
ganz und gar Begriffswissenschaft ist, die ganz und gar intellektuali-
stisch ist. Das Intellektualistische ist aber fur die Anthroposophie
nur der Ausgangspunkt, es ist nur dasjenige, was man als den
Grund und Boden betrachtet, dann kommt man zu Anschauungen,
ganz gleichgultig, ob das jetzt eigene Anschauungen oder mitgeteilte
Anschauungen sind.
Meine Meinung ist die, dafi es durchaus nicht notig ist, ich moch-
te sagen, auch vor die Anthroposophie diese Wand zu stellen, dafi
man die Dinge auf Treu und Glauben hin aufnehmen mufi. Das ist
doch nicht so. Es ist nur noch eine gewisse Scheu heute vorhanden,
ganz griindlich in das hineinzuleuchten, was der einzelne anthropo-
sophische Forscher sagt. Wenn man diese Scheu iiberwindet,
braucht man nicht irgendein Anschauen oder Hellsehen. Geradeso
wie man den Traum als einen Irrtum oder eine Wahrheit erkennen
kann, auch wenn man den Traum durchaus nur als das erfahrt, was
er eben ist, als eine Anschauung, so kann man auch bei dem, was
einem im Bilde geschildert wird, eine Wahrheit oder einen Irrtum
erkennen. Im Grunde genommen hat man damit fur das Leben
ebensoviel. Aber das wird nicht leicht verstanden werden; das weifi
nur derjenige, der als Forscher in der Geisteswissenschaft drinnen-
steht. Man hat namlich mehr fur das Leben, wenn man die Dinge
mitgeteilt bekommt, als wenn man sie selber anschaut, denn das
Anschauen nimmt fur das Leben aufierordentlich viel. Aber die Din-
ge miissen erforscht werden, damit sie in die Welt treten konnen.
Nun, so etwas wie ein Hinblicken auf diesen Wissensbegriff, an
den man sich schon gewohnt hat, habe ich bemerkt in der Frage des
verehrten Fragestellers, der zuerst die Frage gestellt hat: Konnen
wir Religion definieren? Und man konne eigentlich - so ist im
weiteren Verlauf der Rede gesagt worden - nur verzichten auf das
Wissen, man miisse die Welt im Riicken lassen und sich nach dem
Gottlichen hinwenden, es bestiinde eine Kluft zwischen Welt und
Gott und so weiter. Das wurde im Zusammenhang damit gesagt.
Nun, wenn Sie ofter von mir Auseinandersetzungen gehort hatten,
dann wiirden Sie gefunden haben, dafi ich nirgends Definitionen
gebe, ja, dafi ich mich sogar scharf gegen das Definieren in der
Anthroposophie wende. Ich mufi ja manchmal, da ich popular zu
sprechen habe, die Dinge begrifflich darstellen. Und obwohl ich ganz
gut weifi, dafi Definitionen eine gewisse Hilfe sein konnen fiir das
mehr naturwissenschaftliche oder historisch im heutigen Sinne gear-
tete Wissen, obwohl ich mir also des eingeschrankten Rechtes von
Definitionen bewufit bin, so erinnere ich doch daran, wie innerhalb
der griechischen Philosophic gesagt wurde, man solle einen Men-
schen definieren. Es wurde da die Definition gegeben, ein Mensch sei
ein Lebewesen, das zwei Beine und keine Federn hat. Und da brachte
am nachsten Tage jemand einen gerupften Hahn und sagte, das ware
ein Mensch. - Sehen Sie, so weit entfernt man sich sehr haufig von
der unmittelbaren Anschauung, auch mit brauchbaren Definitionen.
Man mufi nur auf die Dinge eingehen.
Das ist eben eine Eigentiimlichkeit des intellektualistischen Wis-
sens, und darin steckt vielfach auch dasjenige, was nun zu dem Urteil
gefuhrt hat, das in so scharfer Weise die Grenzen sehen will zwischen
Glauben und Wissen. Man mufi da schon ein wenig auf die Feinhei-
ten eingehen. Sehen Sie, schon in unseren einfachsten Wissenschaften
stecken Definitionen, die eigentlich gar keine Berechtigung haben.
Schlagen Sie irgendein Physikbuch auf. Sie finden darin eine Definiti-
on: Was ist Undurchdringlichkeit? Undurchdringlichkeit ist die Ei-
genschaft der Korper, dafi an dem Orte, wo ein Korper ist, nicht
zugleich ein anderer sein kann. - Das ist eine Definition der Un-
durchdringlichkeit. Im ganzen Umfange des Wissens und Erkennens
darf aber so gar nicht definiert werden, sondern diese [Definition der]
Undurchdringlichkeit ist eigentlich blofl ein maskiertes Postulat. In
Wirklichkeit mulke gesagt werden: Man nennt einen Korper un-
durchdringlich, wenn er so beschaffen ist, dafi an dem Orte, wo er ist,
nicht zugleich ein anderer sein kann. - Es ist das namlich blofi eine
Anleitung, einen Korper zu bestimmen, seine Eigenart zu postulie-
ren; und erst unter dem Einfiufi der materialistischen Denkweise
werden Postulate maskiert als Definitionen gegeben.
Das alles bildet ein ganzes Meer von Schwierigkeiten, deren sich
die heutige Menschheit gar nicht bewufit ist, weil sie es wirklich von
der untersten Volksschulklasse an eingesaugt hat; man weifi gar
nicht, auf welchem briichigen Boden, auf welchem Glatteis man in
Wirklichkeit herumgeht mit dem, was heute als Begriffssystem aus-
gebildet ist. Dieses Begriffssystem, das nun tatsachlich fast noch
mehr korrumpiert ist als die theologischen Begriffe — denn die Physi-
ker haben oftmals gar keine Ahnung, wie ihre Wissensbegriffe kor-
rumpiert sind -, das ist dasjenige, was nun nicht nur den Glauben
totet, sondern was in vieler Beziehung auch das Leben totet. Diese
korrumpierten Wissensbegriffe sind nicht nur der Seele, sondern
sogar dem leiblichen Leben schadlich. Wer Padagoge ist, weifi das.
Also es handelt sich viel mehr darum, dafi der Geisteswissen-
schaftler, der Anthroposoph heute sagen mufi: Gerade dieser Wis-
sensbegriff mufi zum Heile der Menschheit umgestaltet werden. -
Und darin werden nun Anthroposophen beirrt, wenn von religioser
Seite aus geltend gemacht wird, man miisse unter alien Umstanden
eine Kluft setzen zwischen Glauben und Wissen, denn zwischen
dem, was man da als Wissen ins Auge fafit und der Anthroposophie
ist nun erst recht eine grofie Kluft. Das ist es, was eben von der
anthroposophischen Seite her dazu gesagt werden mufi.
Nun mochte ich gleich hier diese Frage auch von der religiosen
Seite aus betrachten, und vielleicht werden wir uns dadurch, dafi ich
selber etwas von der religiosen Seite aus betrachte, nun religios
besser verstehen. Sehen Sie, ich kann es vollstandig auffassen und
verstehen, dafi etwas nach der Richtung gesagt wird, man miisse
sich von der Welt abwenden, um den Weg zu Gott zu finden. Die
Grundempfindung, die da vorliegt, die Wege, die da eingeschlagen
werden, ich kenne sie. Ich kann auch durchaus verstehen, wenn
jemand davon spricht, dafi es notig sei, dafi in einem gewissen Sinn
der Tau des Geheimnisses iiber demjenigen liege, was religioser In-
halt ist. Ich will mich nur kurz so ausdrticken, es ist das ja in den
Fragen schon ausgedriickt worden, was gemeint ist. Kurz, ich kann
vollstandig verstehen, wenn jemand in einer gewissen Beziehung
danach strebt, alles, was nun uberhaupt gewufit werden kann, auf
die eine Seite zu stellen und den religiosen Weg von solchen Grund-
lagen aus zu suchen, wie er, sagen wir, bei einer ganzen Reihe
moderner evangelischer Menschen gesucht wird. Dieses Suchen soli
nicht geschehen durch Wissen, sondern auf eine viel unmittelbarere
Art. In dem Elaborat von Dr. Schairer ist das wiederum recht gut
beschrieben; auch in der Fragestellung, die mir gestern iibergeben
worden ist, von Herrn Bruno Meyer, glaube ich, ist es sehr gut
ausgedriickt. Also ich kann das recht gut verstehen. Aber ich sehe
ein anderes.
Sehen Sie, bei dem, was der Mensch sich erobert in der Anthro-
posophie, ganz gleichgiiltig jetzt, wie weit er als Forscher selber
kommt oder wie weit er die Dinge einsieht — und wie gesagt, man
kann sie einsehen, ohne Forscher oder Schauender zu sein, durch
das, was sich der Mensch erobert in der Anthroposophie -, mufi er
eine ganze Menge von seinem Ich aufgeben, ich meine von seinem
Egoismus aufgeben. Es gehort in gewissem Sinne zu diesem Aus-
sich-Herausgehen, zu diesem Aufgehen in der Welt, schon eine ge-
wisse Selbstlosigkeit. Man mufi, mochte ich sagen, vieles recht radi-
kal aus dem eingelebten Egoismus herausreifien, um auch nur zu
den einfachsten anthroposophischen Erkenntnissen ein wirklich
menschliches Verhaltnis zu finden. Ein Weltgefuhl mufi sich gegen-
iiber dem Ichgefiihl in starkem Mafie entwickeln, und allmahlich
wachst gerade im Verfolgen dieses scheinbaren Wissensweges etwas,
was der inbriinstigen Liebe nicht nur ahnlich ist, sondern ihr gleich-
kommt; das wachst alles heran. Und im Grunde genommen lernt
man wirklich die Hingabe an das Objektive recht sehr kennen im
Verfolgen des anthroposophischen Inhaltes.
Dagegen stelle ich jetzt das andere. Man kann absehen von allem
solchen Hingeben an die Welt, von allem solchen wissensmafiigen
Sichhingeben an die Welt und kann versuchen, aus sich selbst her-
aus, ich will nicht sagen <<gefuhlsmafiig», sondern wie zum Beispiel
Dr. Schairer gesagt hat, durch «Anschlufi an Gott» seinen Weg zu
machen. Man kann ver
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