Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt man zum Schauen der geistigen Welt?

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge fur die arbeiter am goetheanumbau 



RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



Vortrage fur die Arbeiter am Goetheanumbau 

Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und 
Geist. Uber friihe Erdzustande 

Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1922 Bibl.-Nr. 347 

Band 2 Uber Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geistes- 
wissenschaftlichen Sinneslehre 

Achtzehn Vortrage, 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923 Bibl.-Nr. 348 

Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Uber das Wesen 
des Christentums 

Dreizehn Vortrage, 17. Februar bis 9. Mai 1 923 Bibl.-Nr. 349 

Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt 
man zum Schauen der geistigen Welt? 

Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1923 Bibl.-Nr. 350 

Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des. Geistes in der Natur - 
Uber das Wesen der Bienen 

Fiinfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923 Bibl.-Nr. 351 

Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung 

Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1 924 Bibl.-Nr. 352 

Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen 
der Kulturvolker 

Siebzehn Vortrage, 1. Marz bis 25. Juni 1924 Bibl.-Nr. 353 

Band 8 Die Schdpfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und 
Sternenwirken 

Vierzehn Vortrage, 30. Juni bis 24. September 1 924 Bibl.-Nr. 354 



RUDOLF STEINER 



Rhythmen im Kosmos 
und im Menschenwesen 

Wie kommt man zum Schauen 
der geistigen Welt? 

Vom Wirken des Atherischen und Astralischen 
im Menschen und in der Erde 

Ursprung und Bedeutung der Kulte 
Ernahrungsfragen 

Sechzehn Vortrage 
gehalten vor den Arbeitern am Goetheanumbau in Dornach 
vom 30. Mai bis 22. September 1923 



1991 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1962 

2. Auflage, 

neu durchgesehen und mit den Stenogrammen verglichen 
Gesamtausgabe Dornach 1980 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991 



Fruhere Ausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 350 

Die Zeichnungen sind nach den Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners 
von Leonore Uhlig angefertigt worden (siehe auch S. 309) 

AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1962 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 



ISBN 3-7274-3500-3 



7,u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo- 
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner- 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 

Die besondere Stellung, welche die Vortrage fiir die Arbeiter am 
Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen, schil- 
dert Marie Steiner in ihrem Geleitwort, welches diesem Band 
vorangestellt ist. 



INHALT 



Geleitwort von Marie Steiner 



VOM WIRKEN DES ATHERISCHEN UND ASTRALISCHEN 
IM MENSCHEN UND IN D.ER ERDE 

ERSTER VORTRAG, Dornach 30. Mai 1923 

Von der Wiederkunft des Menschen - Turnen, Tanz und Sport 
Wodurch die Verschiebungen der Erdenbevolkerung entstehen. War- 
um erinnert man sich nicht an friihere Inkamationen? Der Mensch 
erinnert sich nur an dasjenige, was er am Tage wachend erlebt hat. Im 
Schlaf wird aber ungeheuer viel mehr erlebt. Nachtodliche Zustande. 
Im gewohnlichen Tanz folgt der Mensch nicht seinem physischen 
Leib, sondern seinem Atherleib; das Turnen besteht darin, daft der 
Mensch sich mehr der Erde anpafSt, als er sich sonst ihr anpassen 
kann. Im Sport folgt er ganz nur den physischen Erdenbewegungen. 
Diesen Bewegungen miissen andere entgegengesetzt werden: die 
eurythmischen Bewegungen. Cber das erste Kapkel der «Kernpunkte». 
Denken kann man nur mit dem Atherleib. Cber die heutige Sport- 
sucht. 



ZWEITER VORTRAG, 2. Juni 1923 

Das Wirken des Atherischen und Astralischen im Menschen 
und in der Erde 

Die Starkrankheit des Auges. Lebendige Linse und Brille. Wir sehen 
dadurch, dafi unser astralischer Leib in unserem Atherleib drinnen 
ist. Die Starkrankheit kommt da von her, dafi die im Auge, in der 
Linse abgelagerten Salze den Atherleib nicht hineinlassen ins Auge. 
Ober feuerspeiende Berge. Erdbeben und Vulkanausbriiche kommen 
von den Sternkonstellationen. Falbsche Theorie. Schlagende Wetter. 
Pflanzen, die das Astralische aufnehmen: Giftpflanzen. Behandlung 
des Stars mit Tollkirschensaft. Die menschliche Leber als innerer Be- 
obachter. 



DRITTER VORTRAG, 6. Juni 1923 

Blutkreislauf und Herzbewegung - Geistiges Wahrnehmen 
durch die Augenlinse 

Falsche Ansichten iiber die Herzbewegung. Uber das Hydratierchen. 
Das Herz wird bewegt durch unseren astralischen Leib. Das Herz 
als das innere Sinnesorgan. Linksherzer und Rechtsherzer. Man kann 
aufierlich sehen, wenn alles durchsichtig ist im Auge, und man kann 
innerlich sehen, wenn etwas willkiirlich undurchsichtig gemacht wird. 
Richtige und falsche Bewegungen. Alles Maschinelle mufi sich nach 
dem Menschen rich ten. 



VlERTER VORTRAG, 9. Juni 1923 

Licht- und Farbenwirkungen in Erdenstoffen und in den 
Weltenkorpern 

Die Farbe eines Korpers hangt zusammen mit der ganzen Art und 
Weise, wie er in der Welt drinnensteht. Die sieben Regenbogenfar- 
ben. Die Farben des Prismas. Gasige Flammen. Spektralanalyse. Wo- 
durch entstehen Farben? Natriumflamme. Ausstrahlende Substanzen. 
Eisen im Blut. Mars und Saturn als Gegensatze. 



FUNFTER VORTRAG, 13. Juni 1923 

Vom Wirken des Schutzengels 

Beispiele fur das Wirken der geistigen Wesenheit, die den Menschen 
von Erdenleben zu Erdenleben fiihrt und die ihn warnt. Stephenson 
und die Vorurteile der damaligen Gelehrten. Uber Schleichs Erfah- 
rungen mit Patienten, die Vorahnungen von ihrem Tode hatten, Uber 
Sir Oliver Lodge, der einen Sohn im Weltkrieg verlor und sich mit 
Medien in Verbindung gesetzt hat, die Angaben iiber seinen Sohn 
machten. 



SECHSTER VORTRAG, 16. Juni 1923 

Uber die tieferen Ursachen der Weltkriegskatastrophe 
Wie die seelische Starke des einen Menschen die Seek des andern, der 
selber ganz schwach ist, aufierordentlich stark beeinflussen kann. Bei- 
spiele dafiir, daft wir in unserem Atherleib alle viel gescheiter sind als 
in unserem Astralleib und in unserem Ich. Julius Robert Mayer und 
seine Beobachtungen als Schiffsarzt. Weil die Menschen nichts Gei- 
stiges haben lernen wollen bis 1914, haben sie vom Weltenschicksal 
die Priigel dafiir bekommen. 



SlEB ENTER VORTRAG, 25. Juni 1923 

Die Einwirkung der Gestirnkonstellationen auf die Erde und 
auf den Menschen 

Die aufierordentlichen Witterungsverhaltnisse der letzten Jahre. Ober 
die sibirischen Mammutfunde. Kaltewellen, Vulkanausbriiche und 
Erdbeben riihren von aufierordentlichen Gestirneinfliissen her. Blut- 
sturz. Mondeneinfliisse auf den Menschen, Was die Entdeckung von 
Amerika eigentlich bedeutet. Christoph Kolumbus und Kopernikus: 
Kugelgestalt der Erde und die Bewegung der Erde um die Sonne. 
Robert Hamerlings Erlebnis mit der Somnambulen Filomena Gavazzi 
in Triest. Die Wirkungen von Sternkonstellationen auf Erde, Mensch 
und Tier. 



WIE KOMMT MAN ZUM SCHAUEN DER GEISTIGEN WELT? 

ACHTER VORTRAG, 28. Juni 1923 

Ausbildung eines selbstandigen Denkens und des Ruckwarts- 
denkens 

Ober die sogenannten Geistesgestorten. Bei einem Geisteskranken 
ist der Korper so krank, daft er den Geist, der immer gesund ist, nicht 
beniitzen kann. Warum die Menschen nicht denken konnen. Eigen- 
tiimlichkeiten der lateinischen Sprache. Denken kann man nur mit 
dem Atherkorper. Ohne daft man selbstandig denken kann, kann 
man nicht in die geistige Welt hineinkommen. «Die Philosophic der 
Freiheit» als Erziehungsmittel. Die Begriffe miissen beweglich wer- 
den. Durch ganz bewufites und ganz genaues Riickwartsdenken reifit 
sich der Mensch los vom physischen Leib. Ruckschau auf die Tages- 
ereignisse. 



NEUNTER VORTRAG, 30. Juni 1923 

Erzeugen kiinstlicher Langeweile - Die Umkehrung der Urteile 
der physischen Welt in der geistigen Welt 

Das Erzeugen kiinstlicher Lange-weile durch das Nachdenken iiber 
bestimmte Satze als Weg, um in die geistige Welt hineinzukommen. 
Ober Nietzsche, der sich in seiner Jugend immerfort mit solchen Sat- 
zen gequalt hat. Sich immerfort amiisieren wollen heiftt, vor dem 
Geiste davonlaufen. Die geistige Welt hat die entgegengesetzten 
Eigenschaften der physischen Welt. Umkehrung der Urteile der phy- 
sischen Welt in der geistigen Welt. Geistige Verwandlung. 



Zehnter Vortrag, 7. Juli 1923 

Entwickeln innerlicher Ehrlichkeit 

Der Mensch kann heute in Wirklichkeit gar nicht denken; durch die 
heutige Bildung wird er gar nicht dazu veranlalk, sein Denken auszu- 
bilden. Besprechung eines Beispiels dafiir aus den «Basler N v achrich- 
ten» (iiber den sogenannten «Flugtraum»). Uber den Spiritismus als 
das Allermaterialistischste, was es gibt. Uber Angsttraume. Denken- 
lernen am Sprechen. Sprechen und richtiges Atmen. Entwickeln inner- 
licher Ehrlichkeit im Denken. 

Elfter Vortrag, 18. Juli 1923 . . 

Sich-Einleben in die aufiere Welt - Ernahrungsfragen: 
Wirkung von Kartoffeln, Roter Riibe und Rettich 
Warum die Eidechse ihren Schwanz verliert, wenn man sie fangt. 
Die Angst halt unseren Organismus zusammen. Seelische Heilung 
rachitischer Kinder. Man mufi Mut haben und die Angst ertragen, 
wenn man hohere Erkenntnisse erwerben will. Man mufi sich in die 
ganze Natur hineinstellen, wenn man geistige Erkenntnis gewinnen 
will. Alle festen Stoffe geben fortwahrend Tone von sich, die man 
noch beim Aufwachen horen kann. Das Ankiindigen Sterbender. Der 
Mensch verlafit tonend das irdische Dasein. Schadliche Wirkungen 
der Kartoffelnahrung. Bei der Pflanze ist die Wurzel salzreich und die 
Bliite olreich; die Salze regen unser Gehirn an, die Ole haben ihre 
Wirkung auf den Unterleib. Wenn man Rote Ruben i£t, bekommt 
man eine grofie Sehnsucht, viel zu denken. Wenn jemand nicht sehr 
regsam im Kopfe ist, so tut ihm das gut, wenn er Rettich zu den 
Speisen hinzunimmt. Wir bauen uns auf aus dem, was aulSer der Erde 
ist, was im Lichte die Erde umgibt. 



RHYTHMEN IM KOSMOS UND IM MENSCHENWESEN 

ZWOLFTER VORTRAG, 20. Juli 1923 

Menschliche und kosmische Atmung - Das Lichtatmen der 
Erde - Die Befruchtung bei der Pflanze und beim Menschen; 
die Befruchtung des Wassers durch den Blitz 
Uber kataleptische Zustande. Hansens hypnotische und posthypno- 
tische Experimente. Der Kopf denkt langsam, der Bauch schnell. 
Ausgleich entgegengesetzter Zustande. Im Leben macht der Mensch 
soviele Tage durch wie Atemzuge im Tag. Die Lichtatmung der Erde. 
Uberwiegt Kopfatmung: Willensstarre, iiberwiegt Bauchatmung: Ge- 
dankenflucht. Der weibliche Organismus nimmt durch die Befruch- 
tung die ganze Welt auf in seinen Atmungsprozefi. Durch das Licht, 



das aus dem Weltenall kommt, wird die Pflanzenbliite befruchtet. 
Befruchtung des Wassers vom Weltenall her durch Licht und Warme 
- das ist im Blitze sichtbar. Kataleptische Zustande: wurzelahnlich, 
immer schwatzende Menschen: der Bliite ahnlich. 25920 Jahre lebt 
die Erde, so wie sie jetzt ist; wir sind jetzt etwas iiber die Mitte hin- 
aus. 



DREIZEHNTER VORTRAG, 25. Juli 1923 

Die Entstehung des Gewissens im Verlaufe der Menschheits- 
entwickelung -- Ungeborenheit und Unsterblichkeit - Lehre 
des Aristoteles und der Katholischen Kirche 
Der Mensch kommt mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib 
aus der geistigen Welt herunter. Die urindische Kultur vor 8000 Jah- 
ren: die Menschen fuhlten sich als Gottersohne. In der urpersischen 
Zeit kam zum ersten Mai eine gewisse Schatzung der Erde auf. Den 
alten Agyptern wurde immer wichtiger das Leben nach dem Tode; 
sie hatten eine furchtbare Angst vor dem Sterben. Die alten Griechen 
haben die Erde am meisten geliebt. Die alten Ansichten des Aristo- 
teles wurden dann spater christliches Kirchendogma. Die friiheren 
Menschen haben ihre sittlichen Impulse aus der geistigen Welt herun- 
tergebracht. Entstehung des Gewissens. Die Kirche als Verwalterin 
des Gewissens. Das tragische Lebensschicksal des Augustin Smetana. 
Das Dogma von der Ewigkeit der Hollenstrafe. Das Gewissen als 
Erbschaft des vorirdischen Lebens. 



VlERZEHNTER VORTRAG, 28. Juli 1923 

Lungen-Wissen und Nieren-Wissen 

Wir brauchen in unserem Korper immer einen bestimmten Blutdruck. 
Der zu schwache und der zu starke Blutdruck. Bei zu starkem Blut- 
druck werden die Nieren untauglich. Im richtigen Blutdruck breitet 
sich der astralische Leib aus. Bei zu geringem Blutdruck fuhlt der 
Mensch immer etwas wie eine kleine Ohnmacht und infolgedessen 
wird er schwach und seine Organe konnen nicht in der richtigen 
Weise gebildet werden; durch zu starken Blutdruck altern wir zu 
schnell und wir bekommen fruh entartete Nieren. Ober die Kartoffel- 
nahrung. Die Menschen sind eigentlich durch und durch unwissend. 
Die Luft ist es, die den Kopf in Bewegung setzt. Vor 6000, 8000 Jah- 
ren haben die Menschen sehr ihr Atmen geiibt, um zu einem Wissen 
zu kommen. Obergang vom Lungen-Wissen zum Nieren-Wissen. 
Der Weltkrieg als eine Nieren-Krankheit der Menschheit. Durch 
keine aufieren Mittel wird heute die Welt besser, sondern nur da- 
durch, daf? man anfangt, etwas zu wissen. 



URSPRUNG UND BEDEUTUNG DER KULTE 



FUNFZEHNTER VORTRAG, 10. September 1923 271 

Druidenweisheit - Mithraskult - Katholischer Kultus - Kultus 
der Freimaurer - Kultus der Christengemeinschaft 
Druidenzirkel und Dolmen oder Kromlechs. Bei den Druiden wurde 
das ganze Leben nach dem Sonnenumgange bestimmt. Svastika. Ru- 
nenschrift. Mithraskult. Aus dem Zusammenschmelzen der verschie- 
densten Kulte ist der katholische Kultus entstanden. Altar und Mon- 
stranz. Uber den aus lauter Symbolen bestehenden Freimaurerkultus. 
Zum Kultus der Christengemeinschaft. 



ERNAHRUNGSFRAGEN 



SECHZEHNTER VORTRAG, 22. September 1923 290 

Die Bedeutung von Eiweifi, Fetten, Kohlehydraten und Salzen 
fur die Ernahrung - Wirkung der Kartoffelnahrung - Gegner 
der Anthroposopnie 

Wer nicht imstande ist, die Wirkung des Salzes im Gehirn zu haben, 
der wird schwachsinnig, dumm. Die Kohlehydrate tragen insbeson- 
dere dazu bei, daft wir als Mensch die menschliche Gestalt haben. 
Das Fett dient dazu, daf§ wir in der richtigen Weise Material in uns 
haben. Eiweift ist notwendig, damit der Mensch iiberhaupt lebt. Wir- 
kung der Kartoffelnahrung. Gefahrlichkeit iibermafiigen Kartoffel- 
genusses. Das Eiweifi hangt mit Geburt und Tod des physischen 
Menschen zusammen; der Atherleib hat sein hauptsachlichstes Feld 
in den Fetten, der Astralleib in den Kohlehydraten und das Ich hat 
sein Feld in den Salzen. Bluten und Friichte werden in den Gedarmen 
verarbeitet, Wurzeln im Kopf. Kartoffel- und Getreidenahrung. Was- 
serkopfe. Die wissenschaftlichen und die theologischen Gegner der 
Anthroposophie. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 309 

Hinweise zum Text 310 

Namenregister 317 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 319 



GELEITWORT 
zum Erscheinen von Veroffentlichungen aus den Vortragen 
Rudolf Steiners fiir die Arbeiter am Goetheanumbau 
vom August 1922 bis September 1924 

Marie Steiner 



Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr Inhalt 
wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den Arbei- 
tern selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen; er regte 
sie zu Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu auftern, 
ihre Einwendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes wurde be- 
riihrt. Ein besonderes Interesse zeigte sich fiir die therapeutische und 
hygienische Seite des Lebens; man sah daraus, wie stark diese Dinge zu 
den taglichen Sorgen des Arbeiters gehoren. Aber auch alle Erschei- 
nungen der Natur, des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Da- 
seins wurden beriihrt, und dieses fuhrte wieder in den Kosmos hinaus, 
zum Ursprung der Dinge und Wesen. Zuletzt erbaten sich die Arbeiter 
eine Einfiihrung in die Geisteswissenschaft und Erkenntnisgrundlagen 
fiir das Verstandnis der Mysterien des Christentums. 

Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus eini- 
gen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fiir die an solchen Fragen 
Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, gehalten hat; 
sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft weiter gefiihrt. Doch erging nun die Bitte von seiten 
der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst sich ihrer annehmen 
und ihren Wissensdurst stillen wiirde, - und ob es moglich ware, eine 
Stunde der ublichen Arbeitszeit dazu zu verwenden, in der sie noch fri- 
scher und aufnahmefahiger waren. Das geschah dann in der Morgen- 
stunde nach der Arbeitspause. Auch einige Angestellte des Baubiiros 
batten Zutritt und zwei bis drei aus dem engeren Mitarbeiterkreise Dr. 
Steiners. Es wurden auch praktische Dinge besprochen, so zum Beispiel 
die Bienenzucht, fiir die sich Imker interessierten. Die Nachschnft je- 
ner Vortrage iiber Bienen wurde spater, als Dr. Steiner nicht mehr un- 



ter uns weilte, vom Landwirtschaftlichen Versuchsring am Goetheanum 
als Broschiire fur seine Mitglieder herausgebracht. 

Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch, diese 
Vortrage kennen zu lernen. Sie waren aber fiir ein besonderes Publikum 
gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz aus dem Steg- 
reif gesprochen, wie es die Umstande und die Stimmung der zuhoren- 
den Arbeiter eingaben, - durchaus nicht im Hinblick auf Veroffentli- 
chung und Druck. Aber gerade die Art, wie sie gesprochen wurden, hat 
einen Ton der Frische und Unmittelbarkeit, den man nicht vermis sen 
mochte. Man wiirde ihnen die besondere Atmosphare nehmen, die auf 
dem Zusammenwirken dessen beruht, was in den Seelen der Fragenden 
und des Antwortenden lebte. Die Farbe, das Kolorit mochte man nicht 
durch pedantische Umstellung der Satzbildung wegwischen. Es wird 
deshalb der Versuch gewagt, sie moglichst wenig anzutasten. Wenn 
auch nicht alles darin den Gepflogenheiten literarischer Stilbildung ent- 
spricht, so hat es dafiir das unmittelbare Leben. 



Vom Wirken des Atherischen 

und Astralischen 
im Menschen und in der Erde 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 30. Mai 1923 



Guten Morgen, meine Herren! Da Sie heute ja nicht alle da sind, werde 
ich vielleicht so sprechen, dafi diejenigen, die nicht da sind, nicht viel 
versaumen. Vielleicht haben Sie etwas zu fragen? 

Ein Fragesteller (Herr Burle) wiinscht Auskunft iiber die Reinkarnation. Es gibt doch 
heute viel mehr Menschen auf Erden als friiher! 

Eine andere Frage: Es sei ihm schon oft aufgefallen, dafi sich die Menschen so gerne 
drehen, sei es im Tanz oder auch sonst. Auch wenn ein Hund lauft, kommt er immer 
wieder zuriick an denselben Ort. Auch wenn man sich verirre im Wald oder bei Nebel, 
komme man wieder an denselben Ort. 

Dr. Steiner: Das ist sogar eine sehr interessante Frage! 

Zunachst die Frage, die gestellt worden ist in bezug auf die Inkarna- 
tionen. Nicht wahr, wir kommen darauf, wenn wir die anthroposophi- 
sche Geisteswissenschaft beriicksichtigen, dafi jeder Mensch, der jetzt 
lebt, eine ganze Anzahl von Erdenleben hinter sich hat und noch vor 
sich haben wird, so dafi also die menschliche Seele immer wiederkehrt. 
Man darf sich nicht vorstellen, dafi dasjenige, was damit gemeint ist, ir- 
gend etwas zu tun hat mit dem, was in alten Zeiten auch vielfach ge- 
glaubt worden ist: dafi der Mensch durch Tierleiber durchgegangen sei 
und dergleichen. Das hangen uns unsere Gegner an. Davon kann nicht 
die Rede sein. Aber gegen das Immerwiederkehren des Menschen kon- 
nen zwei Einwande gemacht werden. Den ersten meint jetzt Herr 
Burle. 

Die gewohnliche Ansicht ist diese, dafi die Bevolkerung der Erde 
immer zunimmt, dafi wir also heute in Europa wesentlich viel mehr 
Menschen haben als, sagen wir zum Beispiel, vor ungefahr hundert- 
fiinfzig Jahren. Nicht wahr, das meinen Sie? Wenn also alle diejenigen, 

die heute da sind bei einer grofien Bevolkerung, zuriickverfolgt werden 
sollten in ihre friiheren Erdenleben, so warden viel zu viel herauskom- 
men? Man wiirde also sagen miissen: Es haben friiher doch viel weniger 
Menschen gelebt, und heute leben viel mehr Menschen. Wie kann es 
also sein, dafi die Menschen von friiher in den gegenwartigen Leibern 



erscheinen? - Das ist die Frage. Diese Frage wird sehr oft gestellt. Es 
waren also zu viele Menschen heute da, als daft man sagen konnte, die 
waren alle schon dagewesen. 

Nun, da mufi man auf Verschiedenes Riicksicht nehmen. Erstens, die 
Statistiken, die gemacht werden, werden ja immer nur gemacht nach 
bestimmten Gegenden, wo gerade die Bevolkerung aufterordentlich 
stark zunimmt, und dadurch bekommt man die Vorstellung, als wenn 
iiberhaupt auf der Erde die Bevolkerung immerfort zugenommen hatte, 
wie wenn also, sagen wir, vor meinetwillen drei- bis viertausend Jahren 
ganz wenige Menschen auf der Erde gewesen waren und heute unge- 
heuer viel Menschen auf der Erde waren. Man rechnet so zuriick. Man 
sagt also zum Beispiel, in Europa hatte die Bevolkerung seit hundert- 
funfzig Jahren etwa urn das Doppelte zugenommen. Nun rechnet man 
weiter zuriick und sagt sich, vor zwei- bis dreitausend Jahren miiftten 
furchtbar wenig Menschen auf der Erde gewesen sein. 

Aber, meine Herren, dies ist zugleich in vollem Widerspruch mit den 
Tatsachen, die wir sonst kennen. Ich mache Sie nur auf folgendes auf- 
merksam. Sehen Sie, wenn wir hinter Christi Geburt zuriickgehen, sa- 
gen wir also vielleicht zweitausend Jahre, da sind in der Nilgegend in 
Afrika, in Agypten, die riesigsten Pyramiden gebaut worden; der ganze 
Nil ist reguliert worden. Und wenn Sie nachdenken dariiber, welche 
Menschenmassen notwendig waren, um diese riesigen Gebaude aufzu- 
fiihren, zum Beispiel nur die Sphingen, die eine Riesengrofte haben, in so 
grower Anzahl herzustellen, wie sie hergestellt worden sind, da be- 
kommen Sie die Ansicht: Das ist ganz unrichtig, daft dazumal in Agyp- 
ten eine diinne Bevolkerung war, sondern es mufi eine dichte Bevolke- 
rung gewesen sein in Agypten, viel dichter, als zum Beispiel heute in 
Sachsen oder in Belgien die Bevolkerung ist. Also dem, daft man zu- 
riickgeht in der Erdenentwickelung und auf immer weniger und weni- 
ger Menschen trifft, widersprechen ganz entschieden die Tatsachen der 
Geschichte. 

Aufterdem, wenn wir viel weiter nach Asien hiniiberkommen, finden 
wir riesige Kanalbauten angelegt. Nicht wahr, wenn wir Europa hier 
Tafel i* haben (es wird gezeichnet) - ich habe es Ihnen schon einmal aufge- 
zeichnet -, so haben wir da Afrika. Da ware der Nil und Agypten ge- 



18 



* Zu den Tafelzeichnungen siehe audi S. 309. 



wesen, und hier driiben haben wir dann Asien. Das ist ein riesiger Kon- 
tment, der geht da dann weiter. Und hier haben wir diese wimmelnde 
Bevolkerung, die die Pyramiden aufgebaut hat und so weiter. Da drii- 
ben haben wir das alte chaldaische Land in Asien. Sie wissen ja, daft in 
der Bibel von Abraham gesagt wird, er kam aus Ur in Chaldaa. Dieses 
chaldaische Land, das gab es damals. Und in diesem Lande wurden in 
alten Zeiten - davon sind auch heute noch die Reste vorhanden - riesige 
Kanalbauten angelegt, wozu auch wiederum riesige Menschenmassen 
notwendig waren. Sie miissen sich also vorstellen, daft, einfach durch 
die Tatsachen bewiesen, einige tausend und noch tausend Jahre vor 
Christi Geburt in Afrika und Asien riesige Menschenmassen vorhanden 
waren. 

Ferner miissen Sie bedenken: Als die Europaer nach Amerika ge- 
kommen sind, haben sie sich dort angesiedelt. Aber Amerika war da- 
zumal mcht leer von Bevolkerung. Jene alte Indianerbevolkerung, von 
der ich Ihnen erzahlt habe, die so kupferfarben war, ist ja ganz ausge- 
storben. Wenn man da die Uberreste anschaut, die zum Teil verschiittet 
sind, so kommt man darauf, daft da eine riesige Bevolkerung war, mit 
der die Europaer nicht zusammengekommen sind. 

Also dies ist einfach etwas, das nicht stimmt, daft fruher viel weniger 
Menschen da waren auf der Erde. Denken Sie doch nur einmal, selbst 
iiber die gegenwartige Bevolkerung gibt es ja keine genauen Angaben, 
sondern nur iiber einen gewissen Raum kann man Angaben machen. 
Was weift heute der europaische Statistiker, wie es mit der chinesischen 
Bevolkerung heute ist und vor tausend Jahren war! Alles dasjenige, was 
da wiederum Reisende dariiber erzahlen, das weist darauf hin, daft die 
Bevolkerung durchaus nicht immer so abnimmt, wenn man zuriick- 
geht, wie man es gewohnlich annimmt, sondern daft es durchaus Zeiten 
gegeben hat, wo die Erde aufterordentlich stark bevolkert war. Es hat 
dann allerdings Zeiten gegeben, wo namentlich gewisse Gegenden 
schwacher bevolkert worden sind, aber wir werden gleich sehen, daft 
das nichts Besonderes ausmacht. So daft also im allgemeinen auch ge- 
geniiber dem, was man durch die auftere Wissenschaft kennen kann, 
der Einwand durchaus beseitigt werden kann, daft zuviele Menschen 
heute da waren als Wiederinkarnationen aus friiheren Zeiten. 



Aber es kommt noch etwas anderes in Betracht. Sehen Sie, wenn man 
die heutigen Menschen betrachtet, kommt man darauf, daft der eine, 
sagen wir, zwischen dem Tod und der jetzigen Geburt die tausend Jah- 
re, der andere vielleicht nur funfhundert Jahre durchgemacht hat, der 
andere vielleicht tausendfunfhundert Jahre in der geistigen Welt lebte, 
bevor er wieder heruntergekommen ist. So daft also die Menschen, die 
heute leben, durchaus nicht alle zu gleicher Zeit da waren, sondern zu 
verschiedenen Zeiten. Wenn einmal weniger Bevolkerung war auf der 
Erde, dann haben eben die Seelen oben gewartet, bis wieder mehr Be- 
volkerung da war. 

Es stimmt .also, was man iiber die Inkarnation und Reinkarnation, 
die Wiederinkarnation sagen kann, mit den Tatsachen durchaus iiber- 
ein. Ich habe oftmals gesagt - das ist ja ein Einwand, der im Laufe der 
vielen Jahre, in denen ich vorgetragen habe, immer wieder gemacht 
wird -: Das ist ja nur ein Rechenexempel. - Nehmen wir einmal an, im 
Jahre 800 nach Christus ware ein Mensch dagewesen, irgendwo; jetzt 
im Jahre 1000 nach Christus ware ein anderer Mensch dagewesen (es 
Tafel 1 wird gezeichnet). Nun haben wir 1923. Jetzt kann es ganz gut sein, daft 
der von da mit dem zusammenkommt, der da ist, weil der einen kiirze- 
ren Weg durchmacht. Jetzt haben Sie hier [1923] schon zweie, und hier 
[800 und 1000 n.Chr.] haben Sie zu diesen verschiedenen Zeiten immer 
einen. Also es brauchen nicht alle zu gleicher Zeit da zu sein und wie- 
der zu gleicher Zeit zu kommen. So daft also auch fur diejenigen Zei- 
ten, wo die Erde diinner bevolkert ist, durchaus das gilt, daft eben da 
weniger Seelen herunterkommen auf die Erde. 

Nicht wahr, man muft durchaus, wenn man nicht phantastisch, son- 
dern richtig denkt, sich klar sein dariiber, daft das nicht einfach so war, 
daft einmal zwei Leute da waren, nachher vier, nachher sechs und so 
weiter, sondern je weiter man zuriickgeht in der Erdenbevolkerung, 
kommt man eben darauf, daft das ganz rhythmisch ablauft. Es gibt Zei- 
ten, wo viele Leute auf der Erde sind, und Zeiten, wo wieder weniger 
Leute auf der Erde sind. Und wir kommen niemals zuriick zu einem 
einzigen Paar, wie es die Bibel angibt. Das ist nicht so gemeint. Von 
«einem Paar» kann in der Weise, wie es da steht, nicht die Rede sein. So 
daft man also sagen muftte, nimmt man nur an, daft einmal zwei Leute 

in 



vorhanden waren, so miifken da immer nur zwei dasein und in der Zwi- 
schenzeit gar keine. Aber das ist nicht so. Da widerspricht die wirkliche 
Wissenschaft dem, was die phantastische Wissenschaft heute glaubt. 

Nun aber noch etwas anderes. Sehen Sie, man mufi sich klar sein 
dariiber, dafi eine gewisse Zeit eben vergehen mufi, bis der Mensch 
wieder herunterkommt auf die Erde. Und da konnen Sie fragen: Ja, 
wann kommt er herunter? - Da bekommt man dann, wenn man wirk- 
lich diese Sache zu Ende forscht, das heraus: Der eine hat sich sehr viel 
auf der Erde hier mit der geistigen Welt beschaftigt, der wachst leichter 
hinein in die geistige Welt nach dem Tode. Er braucht dann verhaltnis- 
mafiig, weil er sich viel mit der geistigen Welt beschaftigt hat, lange Zeit 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie werden vielleicht iiber- 
rascht sein, daft ich sage: lange. Er kann sich lange aufhalten in der gei- 
stigen Welt, weil er hier schon viel gelernt hat von der geistigen Welt. 
Solche Leute, die sich hier viel mit der geistigen Welt beschaftigt haben, 
konnen sich dort besser entwickeln, bleiben dort langer und kommen 
spater wieder zuriick. Dagegen derjenige, der sich nur mit der materiel- 
len Welt beschaftigt, der kommt verhaltnismaftig wiederum bald. Und 
so verschieben sich auch die Dinge. 

Dies ist der eine Einwand. Dann gibt es noch einen ganz anderen 
Einwand. Auf den habe ich Sie schon aufmerksam gemacht. Der ist die- 
ser: Warum erinnert man sich nicht an die friiheren Inkarnationen? - Ja, 
sehen Sie, meine Herren, das ist so: Wenn einer sagt, der Mensch kann 
rechnen, so ist das nicht zu bezweifeln - der Mensch kann rechnen. 
Nun sagt einer: Ich werde dir aber beweisen, dafi der Mensch nicht 
rechnen kann. - Nun, wie tust du das? - Dann bringt er ein kleines 
Kind, das kann nicht rechnen. Das ist doch auch ein Mensch -, sagt er. 

So ist es mit den friiheren Erdenleben. Der Mensch kann das schon 
nach und nach lernen, und er wird es lernen, sich zu erinnern an seine 
friiheren Erdenleben, wenn er sich immer weiter und weiter auf der 
Erde entwickelt. Das ist gerade auch etwas, von dem eben die Geistes- 
wissenschaft sagt, da£ der Mensch in der Gegenwart noch nicht so weit 
ist, sich erinnern zu konnen an dasjenige, was er im vorhergehenden 
Leben eriebt hat. Aber was wir in der Geisteswissenschaft sagen kon- 
nen, das stimmt ja ganz mit dem iiberein. Sehen Sie einmal, meine Her- 



ren, Sie sind im wachen Zustande, vom Morgen bis zum Abend. Da 
erleben Sie das alles, was urn Sie herum ist. Und wenn Sie sich dann er- 
innern, so erinnern Sie sich da auch nur an das, was Sie so, wachend, 
erlebt haben. Denken Sie nur, wie schnell man selbst die Traume - die 
ja nichts besonderes bedeuten, wie ich Ihnen gesagt habe - vergiftt! 
Also der Mensch erinnert sich an dasjenige, was er hier wachend erlebt 
hat. Aber an etwas anderes erinnert er sich schon nicht hier auf der 
Erde. Das ist dasjenige, was er im Schlafzustande erlebt. Und im 
Schlafzustande erleben wir namlich furchtbar viel mehr, als wir im 
Wachzustande erleben, nur kann der Mensch mit dem gegenwartigen 
Bewufitsein die Schlaferlebnisse noch nicht auffassen. Wenn einmal die 
Fahigkeit dazu errungen worden ist - was eben errungen werden kann 
vom Menschen -, dann weifi man, im Schlaf wird ungeheuer viel erlebt. 
Aber der Mensch weifi es ja im allgemeinen noch nicht. Jetzt stirbt der 
Mensch, und dasjenige, was er im Wachen erlebte, geht ja nach zwei, 
drei Tagen fort. Das kommt einem so vor, als ob alle die Gedanken, die 
man im Wachzustande erlebt hat, nach zwei, drei, vier Tagen einfach 
fortgingen. Und dann tauchen auf alle die Dinge, die man im Schlafe 
erlebt hat. Die brauchen dann, wie ich Ihnen gesagt habe, ein Drittel 
vom ganzen Erdenleben. Also dasjenige, was vom Menschen ganz in- 
nerlich erlebt wird, das weift er ja auch noch nicht jetzt hier auf der 
Erde. Er wird es wissen, wenn er sich immer mehr und mehr geistes- 
wissenschaftlich vertieft. 

Daher brauchen wir uns auch nicht zu verwundern, dafi im gegen- 
wartigen Erdenleben die Dinge noch unbewulk sind, die im friiheren 
Erdenleben sich zugetragen haben. Ich habe Ihnen ja neulich auch ge- 
sagt, was fur ein Unterschied ist, wenn ich einen Hemdknopf hingelegt 
habe, ohne mit dem Bewufksein dabei zu sein - da kann ich am Morgen 
herumlaufen und suchen, immer suchen - und wenn ich mich aus- 
driicklich erinnere: Du hast dieses Knopf chen hierhergelegt -; da werde 
ich nicht herumlaufen, sondern gerade darauf losgehen. Es kommt eben 
darauf an, ob man an irgend etwas denkt. 

In alten Zeiten haben die Menschen gewulk, daft sie wiederholt auf 
der Erde leben, aber durch die Jahrtausende hindurch haben sie gar 
nicht daran gedacht als an etwas Geistiges. Daher konnen sie sich im 



gegenwartigen Erdenleben nicht daran erinnern. Aber es kommt eine 
Zeit, wo sie sich erinnern werden, geradeso wie fur das vierjahrige Kind 
eine Zeit kommt, in der es wird rechnen konnen. 

Nun kommt die andere Frage: Der Mensch hat so ein Bestreben, sich 
im Kreis zu drehen. - Das ist durchaus eine ganz richtige Bemerkung. 
Da mufi ich Sie auf folgendes aufmerksam machen. Wir lernen, was wir 
schon ofter betont haben, als Kind ja eigentlich erst stehen und gehen, 
wir lernen uns als Kind erst richtig aufrecht bewegen und so weiter. 
Jetzt denken Sie sich nur einmal, Sie liegen im Bett und schlafen, wa- 
chen wieder auf mit einem Traum, so kann der Traum nicht nur so 
sein, daft Sie sich da - im Traume natiirlich ist das zunachst - drehen, 
sondern da konnen Sie sogar f liegen! Und die Traume, in denen der 
Mensch fliegt, zunachst natiirlich seelisch, die sind ja gar nicht so sel- 
ten. Daft der Mensch im Traume fliegt, das kommt ja in der Regel da- 
her: Er wacht auf. Er ist gewohnt, wenn er im Wachzustande ist, unter 
sich entweder den Boden zu fiihlen unter den Fufisohlen oder unter 
sich den Stuhlsitz zu fiihlen, etwas unter sich zu haben, worauf er senk- 
recht sitzt, kurz, immer etwas unter sich zu fiihlen, wenn er wach ist. 
Wenn der Mensch jetzt liegt, dann kommt es ja sehr selten vor, daft er 
mit seinen Fuftsohlen unten am Bett anstdftt, sondern die Fuftsohlen 
sind frei. Er wacht also auf in einer Lage, die er nicht gewohnt ist. Er 
glaubt, er ist in der Luft und fliegt. Das ist also zunachst sein Glaube. 

Aber jetzt miissen Sie folgendes nehmen. Wenn wir erst im Leben als 
Kinder gehen und stehen lernen, also aufrecht sein, dann liegt ja das 
Sich-Aufrichtert nicht von Geburt an in uns; das lernen wir ja erst. Da- 
gegen fragen wir uns nun: Woher kommt denn dieses Sich- Auf richten? 
Was tun wir, wenn wir aufrecht gehen? - Das miissen Sie sich nur ein- 
mal sehr gut iiberlegen, was Sie da tun. Denken Sie sich, da ware die 
Oberflache der Erde (Zeichnung S. 24). Wenn Sie da hier einen Stein Tafei2 
loslosen, so fliegt er zur Erde. Warum? Wir sagen, weil die Erde ihn 
anzieht. Ob das nun ganz genau so stimmt, daft die Erde ihn wie an 
einem Faden anzieht oder nicht, rniiftte man erst richtig auffassen, Dar- 
iiber konnten wir auch einmal reden. Aber jedenfalls ist ja eine Kraft 
da, die ihn da herunterzieht, sonst wiirde er nicht fallen. Und iiberall, 
wo der Stein auch ist, falit er senkrecht auf die Erde hin. 




Da, in diese Linie miissen wir uns auch hineinstellen leraen. Wir 
miissen uns in die senkrechte Linie hineinstellen lernen, wenn wir Er- 
denmensch sind. Wir passen uns also in diese senkrechte Linie hinein. 
Unser ganzer physischer Korper hatte gar keinen Sinn, wenn wir uns 
nicht hineinpassen wiirden in die senkrechte Lage. Denn schauen Sie 
die Tiere an, die nicht in der senkrechten Lage gehen, sondern die mit 
alien vieren gehen: Ja, deren Zehen sind ganz anders gestaltet als unsere 
Finger! Wir miissen uns also, wenn unser physischer Korper einen Sinn 
haben soli, in die senkrechte Lage hineinpassen; das ist ganz notwen- 
dig. 

Aber dasjenige, was da der physische Korper notig hat, hat das auch 
der Atherleib notig? Sie wissen, ich habe Ihnen gesagt: Wir haben nicht 
nur diesen physischen Korper, den wir mit Augen sehen, wenn wir den 
Menschen ansehen, den wir mit Handen betasten konnen, sondern wir 
haben auch einen feinen Atherleib. Ja, dieser Atherleib, der hat nicht 
notig, sich so anzupassen. Der behalt andere Gewohnheiten bei. Wel- 
che Gewohnheiten? Nun, meine Herren, Sie wissen, die Erde ist rund, 
Tag und Nacht wechseln. Wodurch wechseln denn Tag und Nacht? 
Tafel2 Nicht wahr, die Sonne steht hier (es wird gezeichnet), und wenn die 
Sonnenstrahlen so auf die Erde fallen, dann ist auf der Seite Tag. Es 
wiirde immer Tag bleiben, wenn die Erde sich nicht drehen wiirde. 
Wenn dann diese Halfte, da hier, die rot ist, hier heriiberkommt, dann 
ist es auf dieser Halfte Nacht und auf der anderen Halfte - sie kommt 
dann hier heriiber - ist es Tag. 

Also Tag und Nacht entstehen dadurch, dafi sich die Erde dreht. 
Jetzt denken Sie sich einmal: Der Atherleib des Menschen, dieser feine 



24 



Korper, den der Mensch auch hat, der gewohnt sich als Kind nicht so 
in die senkrechte Stellung hinein, sondern der will immer diese Dre- 
hung der Erde mitmachen. Dieser Atherleib, der will sich immer um die 
Erde herum bewegen; so will er immer sein, diese Bewegung will er 
immer machen. Wenn der Atherleib nicht diese Bewegung machen 
wollte, dann wiirden Sie, wenn Sie gerade in der Richtung der Erde ge- 
hen, weil die Erde diese Bewegung macht, fortwahrend sich umdrehen 
wollen, weil Ihnen immer alles weh tate von dem Stoft, den Sie kriegen. 
Es mufi etwas sein in Ihnen, was die Bewegung der Erde immer mit- 
macht, sonst wiirde Ihnen immer alles weh tun. 

Daraus konnen Sie auch sehen, wie gedankenlos die gegenwartige 
Wissenschaft ist. Die weifi ganz gut, dafi die Erde sich dreht, nicht nur 
diese Bewegung macht, die der physische Leib macht, wo er sich ange- 
pafit hat an diese senkrechte Lage. Aber man hat jetzt keinen Korper, 
der diese Bewegung mitmacht! Das ist die Geschichte. 

Jetzt denken Sie sich einmal, dafS Sie in Ohnmacht fallen. Wenn Sie 
in Ohnmacht fallen, dann geht aus Ihrem physischen Leib und dem 
Atherleib etwas heraus, das Ich und der astralische Leib, also das ei- 
gentliche Geistig-Seelische. Und dabei verspuren Sie, dal? der Atherleib 
sich drehen will. Da drehen Sie sich zunachst seelisch-geistig geradeso 
wie am Morgen beim Traum, wo Sie gespiirt haben, da ist der Erdbo- 
den nicht unter Ihnen. Also wenn Sie in Ohnmacht fallen, drehen Sie 
sich zunachst geistig. Wenn der Mensch Schwindel hat zum Beispiel, da 
will sich bloft das drehen, was seelisch ist. Denken Sie sich aber, Sie ge- 
hen jetzt gedankenlos fort. Ja, wenn Sie gedankenlos fortgehen, da be- 
wegen Sie mechanisch den physischen Leib. Da denken Sie gar nicht an 
Ihr Gehen, und insbesondere, wenn es im Walde neblig ist, da konnen 
Sie nicht an Ihr Gehen denken; Sie wissen ja nicht wo aus, wo ein - wo 
soil ich hin? Sie richten sich ja, wenn Sie mit dem physischen Korper 
gehen, nach einem bestimmten Punkt. Manchmal wissen Sie es gar 
nicht, aber der Weg selber leitet Sie an, an einen bestimmten Punkt 
hinzugchen. Wenn es aber neblig ist, sehen Sie nichts; da kennt sich Ihr 
physischer Leib nicht aus. Dann kommt Ihr Atherleib; der will nur 
seine Bewegung machen, und die ist eine runde Bewegung. Da folgt er 
der runden Bewegung, da zieht er den physischen Leib mit! Wenn Sie 



blofi traumen oder Schwindel haben, da macht der astralische Leib die 
Bewegung. Wenn Sie aber im Gang sind, da zieht der Atherleib die 
physische Bewegung hinein in den physischen Leib, und Sie machen 
das mit. Daraus aber ersehen Sie, daft der Atherleib gar nicht erdge- 
bunden ist. Der Atherleib im Menschen macht also nicht mit, was auf 
der Erde ist. 

Nun denken Sie sich einmal: Der Mensch ist ja als solcher ein Er- 
denwesen zwischen der Geburt und dem Tode. Da muS er arbeiten. 
Aber Sie wissen ja, immer geht es nicht mit der Arbeit. Der physische 
Leib wiirde abgenutzt und so weiter. Da will der Mensch nun seinen 
physischen Leib zwar bewegen, aber er will ihn nicht so bewegen, wie 
sich der physische Leib an die Erde angepaftt hat, er will sich nach dem 
Atherleib richten. Der Atherleib will aber runde Bewegungen machen, 
und da tanzt der Mensch. Und der gewohnliche Tanz besteht eben ein- 
fach darinnen, daft der Mensch nicht seinem physischen Leib folgen 
will, sondern seinem Atherleib. Die Begierde, zu tanzen, ist gerade dazu 
da, daft der Mensch seinen physischen Leib vergessen kann und sich fiih- 
len kann als ein Wesen, das der Welt angehort. 

Allerdings wiirde der Mensch nach seinem inneren Gefiihl viel zu viel 
der Welt angehoren wollen und seinem Atherleib folgen. Eigentlich 
mochte der Mensch meistens sich nicht so bewegen, wie es die Erde 
von ihm haben will, sondern er mochte eigentlich seinem Atherleib fol- 
gen. Und es konnte ihm recht gut gefallen, recht viel sich in der Runde 
zu bewegen, wie der Atherleib sich bewegen will. Daher muE der 
Mensch sich gewohnen an solche Bewegungen, die der Erde angehoren. 
Und diese gewohnlichen Bewegungen haben wir auch in die Erziehung 
aufgenommen: man turnt. Warum turnt man? Das Turnen besteht dar- 
in, daft der Mensch sich noch mehr anpaftt der Erde, als er sich sonst 
der Erde anpassen kann. Daft der Mensch also mehr abkommt von sei- 
nem Atherleib, nicht immer seinem Atherleib folgt, deshalb turnt er. 
Aber der Mensch muft natiirlich auch, damit er nicht ganz entfremdet 
wird der groften Welt, der Auftenwelt, auch solche Bewegungen ma- 
chen, die ihn nicht an die Erde binden. 

Nun, sehen Sie, wir leben heute in der Zeit des Materialismus. Dieje- 
nigen Menschen, die am meisten Sehnsucht haben nach dem Materia- 



lismus, die leben im Westen. Die Morgenlander, die eine alte Kultur 
gehabt haben, die Asiaten, die haben keine grofte Sehnsucht, der Erde 
anzugehoren. Die betrachten die Erde als ein rechtes Jammertal, viel 
mehr als der Christ, und diejenigen, die im Orient, in Asien leben, die 
mochten sich so schnell als moglich wieder aus dem Staube machen. 

Aber die westlichen Leute, die haben die Erde so gern, furchtbar 
gern. Nicht, daft sie sich das sagen, aber sie mochten eigentlich immer 
auf der Erde bleiben. Deshalb mochten sie auch folgendes. Und jetzt 
muft ich Ihnen etwas sagen: Der Atherleib, der will sich himmelsgemaft 
bewegen. Die Planeten bewegen sich im Kreis, also die Erde bewegt 
sich im Kreis. Der Atherleib mochte sich im Kreis bewegen, der physi- 
sche Leib mochte aus diesem Kreis heraus. Wenn er viel zu arbeiten 
hat, kommt er schon aus diesem Kreis heraus; aber nehmen wir an, die 
hoheren Stande im Westen, die nichts zu arbeiten haben, wie kommt es 
denen vor? Denen kommt es etwas eigentiimlich vor, die fuhlen sich 
unbehaglich, weil der Atherleib sie fortwahrend sekkiert. Wenn so ein 
beefsteakessender Mensch durch die Welt geht, da sekkiert ihn, da 
qualt ihn fortwahrend der Atherleib, und er mochte runde Bewegungen 
machen. Und dieser beefsteakessende Mensch will dann diesen runden 
Bewegungen vom Atherleib folgen. Donnerwetter, das ist so unange- 
nehm! Der Atherleib will fortwahrend tanzen, runde, schon runde Be- 
wegungen machen, und der Beefsteakessende, der kann nicht nach. 
Nun will er seinen physischen Leib gewohnen, daft er stark genug ist, 
sich nicht immerfort vom Atherleib in die Runde reiften zu lassen. Jetzt 
macht er Sport; nicht nur Turnen, sondern Sport. Und dieser Sport hat 
das Ergebnis, daft der Mensch ganz herauskommt aus seinem Atherleib, 
ganz nur den physischen Erdenbewegungen folgt. Dadurch wird der 
Mensch immer mehr der Erde befreundet und kommt ab von der gei- 
stigen Welt. 

Sie diirfen nicht glauben, daft man von der geistigen Welt bloft da- 
durch abkommt, daft man nicht iiber sie nachdenkt, sondern auch 
durch solche Sachen: wenn man viel zu viel Sport treibt, wenn man also 
den physischen Leib ganz und gar abbringt vom Atherleib. Das ist fur 
den Menschen schreckiich, und das ist sogar etwas, was eine, ich 
mochte sagen, ganz besorgliche Sache ist. je mehr Sport getrieben wird, 



desto mehr vergessen die Menschen das Geistige und kommen nach ih- 
rem Tode sogleich, in ganz kurzer Zeit, wieder zuriick aus der geistigen 
Welt. So daft also, wenn alles das, was im Westen ist, nicht etwas Geist 
empfangen wiirde, nach und nach die Erde iiberhaupt nur von Men- 
schen bewohnt wiirde, die schon gar nicht rnehr zuriick wollen in die 
geistige Welt. Aber da wiirden ja auf der Erde nach und nach nur Men- 
schen sein, die die Erde allmahlich ganz zugrunde richten. Ein biftchen 
fangen wir ja schon an damit. Das biftchen ist fur die Menschen der 
Gegenwart schon recht stark. Aber wenn die Menschen anfangen, sich 
gar nicht mehr nach ihrem Atherleib zu richten, sondern nur nach ih- 
rem physischen Leib, das ist etwas, was auf der Erde furchtbare Zu- 
stande hervorrufen wird. Und da muft man wiederum mit der Geistes- 
wissenschaft eingreifen. Das kann man nur dadurch, daft man nun den 
Bewegungen, die ganz und gar darauf angelegt sind, den Menschen in 
seinen physischen Leib hereinzutreiben, ganz zum Erdenmenschen zu 
machen, auch andere Bewegungen entgegensetzt. 

Jetzt sind die Menschen schon so gesinnt, daft ihnen das Wichtigste 
ist, Erdenmenschen zu werden. Sie werden schon jetzt, nachdem ich 
Ihnen so viele Vortrage gehalten habe, begreifen, daft einem bei solchen 
Dingen, ohne daft man ein Philister ist, das Herz weh tut. 

Sehen Sie, ich war im letzten Sommer auch in England. Gerade als 
wir abreisten, war ganz England voll von Erregung, wartete auf die 
Blatter, die abends erscheinen sollten iiber das wichtigste Ereignis. Al- 
les wartete gespannt auf die Abendblatter. Auf was warteten sie? Auf 
den Ausgang des Fuftballspieles! 

Jetzt sind wir gerade von Norwegen heruntergefahren. Wie wir ein- 
stiegen, waren viele da, die uns begleiteten. Der Bahnsteig stand voller 
Menschen. Und als der Zug sich in Bewegung setzte, erscholl es: Hur- 
rah! Hurrah! - Und auf der nachsten Station schrien sie: Hoch soil er 
leben! - Ja, unseretwegen geschah das naturlich nicht, sondern es fragt 
sich, was da war. Ich konnte gerade noch erfahren: Das waren Fuftbal- 
ler, die von Mitteleuropa da hinaufgekommen waren und nun wieder 
zuriickfuhren. 

Ja, wofiir interessieren sich heute die Menschen? Also viel mehr als 
fur irgendein Ereignis, das mit Wohl und Wehe von Millionen Men- 



schen etwas zu tun hat, interessieren sich heute die Leute fur diese Din- 
ge, die nach und nach den physischen Leib wegziehen vom Atherleib, 
so dafl der Mensch iiberhaupt nurmehr ein Erdentier wird. 

Das ist der Grund, warum den Bewegungen, die heute in aller Welt 
gemacht werden und die immer weiter und weiter sich verbreiten, an- 
dere entgegengesetzt werden miissen: das sind die eurythmischen Be- 
wegungen. Die richten sich nach dem Atherleib. Wenn Sie Eurythmie 
sehen, da werden Sie alle diejenigen Bewegungen sehen, die der atheri- 
sche Leib ausfuhrt. Wenn Sie Sport sehen, werden Sie alle diejenigen 
Bewegungen sehen, die der physische Leib ausfuhrt. 

Ja, meine Herren, das ist aufierordentlich wichtig, denn zugleich gibt 
es die Sehnsucht nach dem Sport. Ich will nun nicht gegen den Sport im 
allgemeinen reden. Der Sport ist natiirlich, wenn er getrieben wird von 
Menschen, die aufierdem arbeiten, ganz gut, denn in der Arbeit mufi 
man sich mehr unnatiirliche Bewegungen angewohnen; wenn man dann 
im Sport naturliche Bewegungen hineinbringt, die mehr dem physischen 
Menschen angepaftt sind, dann ist das Erholen im Sport gut, Aber die- 
ses heutige Treiben von Sport, wo auch viele Menschen teilnehmen, die 
gar nicht sich zu erholen brauchen, was ist denn dies? Ja es gibt heute 
Sportsleute, die gehen unter Umstanden - natiirlich nicht alle, aber ein- 
zelne gibt es schon - rasch einmal morgens in die Kirche, da beten sie: 
Ich glaube an einen Gott im Himmel und so weiter. Dann gehen sie auf 
den Sportplatz. Ja, da sprechen sie es nicht mit Worten aus, aber was 
sie da tun, wenn man es in Worte fafit, so heifit das: Ich glaube ja nicht 
an einen Gott im Himmel. Der hat mir den Atherleib gegeben, aber 
von dem will ich nichts wissen. Ich glaube an Fleisch und Knochen, das 
ist meine einzige Seligkeit. - Sehen Sie, das ist natiirlich die notwendi- 
ge, unbewufite Folge desjenigen, was heute getrieben wird. Nicht blofi 
dadurch, dafi man sagt, man will nichts wissen vom Geistigen, ist man 
Materialist, sondern durch solche Sachen, durch die man den ganzen 
Menschen losreifit vom Geistigen. 

So dail man in bezug auf I lire Fragestellung vorhin sagen kann : Wenn 
einer in den Wald geht und es ist neblig, und er verirrt sich, da kommt 
es vor, daft er einmal seinem Atherleib nachlauft. Das ist nicht so 
schlimm, er kommt eben wieder an cense! her, Ort zuriick. Wenn man 



sich dreht - das ist nicht so schlimm, da ist viel hin- und hergependelt, 
einmal hin- und hergependelt zum Atherleib, einmal hin- und herge- 
pendelt zum physischen Leib. Das ist, weil der Mensch alle zwei hat 
und auch alle zwei ausbilden soil. Das ist da drinnen enthalten. Aber 
dafi heute im allgemeinen im Westen eine Neigung ist, sich ganz loszu- 
reifien vom Atherleib und den physischen Leib allein zu pflegen, das 
macht den furchtbaren Materialismus aus, der der eigentlich schadliche 
Materialismus ist. Denn der Gedanken-Materialismus ist nicht einmal 
der allerschadlichste. Der allerschadlichste ist der Materialismus, wo 
der ganze Mensch zum Tier herunterkommt. Das ist ja das, was man 
bedenken mufi. 

Man kommt sehr leicht dazu, dafi einem die Leute sagen: Ja, der ist 
ein Philister, der wettert gegen den Sport! Sport ist etwas aufierordent- 
lich Nutzliches. - Aber ich wettere gar nicht gegen den Sport. Die 
Leute sollen nur Sport treiben, sie sind eben freie Wesen. Aber sie wer- 
den sich dann eben ganz und gar als Menschen zugrunde richten, wenn 
sie blofi den sportlichen Dingen huldigen. 

In dieser Beziehung mufi man sich nur klar sein dariiber, dafi das, 
was ich in dem ersten Kapitel der «Kernpunkte» gesagt habe, im weite- 
sten Umfange gilt. Ich habe natiirlich gedacht, als ich diese «Kernpunk- 
te» geschrieben habe, ich werde so schreiben, dafi die Leute dariiber 
nachdenken. Nun, sie haben sich ja einen Deut darum gekiimmert! Sie 
haben gar nicht nachgedacht, und die «Kernpunkte» sind gar nicht ver- 
standen worden. Ich habe gesagt: Gewifi, wir haben eine grofie demo- 
kratische, proletarische Bewegung, aber wenn man hinschaut, so ma- 
chen ja die meisten Proletarier heute das nach, was die Bourgeois friiher 
ihnen vorgemacht haben, so machen sie alles der Wissenschaft nach 
und glauben an dasjenige, was ihnen an den Universitaten vorgebracht 
wird. Manchmal sind die proletarischen Parteien die ersten, die Geset- 
zen zustimmen - ich erinnere an die Kurierfreiheit -; die Sozialisten 
sind meistens die ersten, die sagen: Ja, da mufi ein Sachverstandigenkol- 
legium sein und dergleichen. - Und in bezug auf Sport: Der Sport ist 
natiirlich eine Bourgeois-Erfindung, die wird womoglich auch nachge- 
macht! Es wird ja natiirlich nicht ganz gehen; aber immerhin, in der 
Gesinnung macht man das einfach nach und betrachtet es als etwas, was 



das einzig Heilsame ist, wahrenddem tatsachlich die proletarische Be- 
wegung erst etwas werden kann, wenn sie einen eigenen Impuls be- 
kommt, wenn sie nicht das nachmacht, was die friiheren Klassen ge- 
macht haben. Deshalb habe ich gerade dieses erste Kapitel geschrieben. 
Oberall konnte man sehen, wie die proletarische Bewegung leider iiber- 
all unter den Einflufi des Autoritatsglaubens kommt. Deshalb habe ich 
dieses erste Kapitel in den «Kernpunkten» geschrieben und habe ge- 
dacht, dafi man dariiber nachdenkt. 

Aber natiirlich, das Nachdenken ist etwas, was die sporttreibenden 
Leute uberhaupt nicht gern haben; denn wenn einer so recht Sport 
treibt, so ist es ja so, dafi er aus dem Nachdenken herauskommt. Den- 
ken kann man namlich nur mit dem Atherleib. Sie konnen sich noch so 
anstrengen, mit dem physischen Leib konnen Sie nicht denken. Daher 
kann man nur sagen, wenn gefragt wird: Soil man nun Fleisch essen 
oder blofi Pflanzen, um besser denken zu konnen? - so kann man im- 
mer nur sagen: Durch das Essen kann man nicht das Denken kultivie- 
ren; das miifk ihr durch den Atherleib machen. Da miifit ihr in den 
Atherleib hineingehen. 

Also Sie sehen, der Atherleib zeigt geradezu seine Anwesenheit im 
Menschen durch diese runden Bewegungen, die der Mensch machen 
will, durch die Sehnsucht zu tanzen oder durch dieses Sich-Verirren 
und Im-Kreise-Gehen. 

Ja, meine Herren, wenn Sie zum Beispiel einmal in Wien gelebt ha- 
ben, dann wissen Sie: die Wiener sind leichtlebige Menschen. Das sind 
sie schon; sie sind ja gemutlich, aber sie sind leichtlebige Menschen. In 
Wien gibt es den Prater. Das ist ein grofier Lustgarten, ein riesiger 
Lustgarten. Der Prater ist etwas, wissen Sie, wo man eigentlich am 
Sonntag hingeht, wenn man nicht ein Taugenichts war, der jeden Tag in 
den Prater ging. Wiirstl gibt es im Prater, Bajazzi und so weiter, alles 
mogliche. Aber die Wege sind im Prater schon in einer eigentiimlichen 
Weise als Wege eingerichtet. Dort kommen Sie namlich, weil die Wege 
schon so eingerichtet sind, immer wieder an denselben Ort. Man geht 
durch eine lange Stra£e, geht irgendwo in den Wald hinein; ja, nach 
einiger Zeit ist man wieder dort, wo man gewesen war! War man bei 
einer Wiirstlbude, so ist man jetzt wieder da. Da sind schon die Wege so 



angelegt. Sehen Sie, die haben sich natiirlich nicht gesagt: Da werden 
wir die Wiener herauslocken, daft sie sich belustigen - aber sie haben es 
gefiihlt, empfunden, und deshalb haben sie die Wege schon so angelegt, 
daft die Leute gar nicht den Nebel brauchen, urn wieder an denselben 
Ort zuriickzukommen, sondern sie haben solche kreisformige Wege 
gemacht, die der Atherleib will, wo der Mensch sich schon ganz ent- 
riickt fuhlt dem physischen Leib. Man kann sich namlich auch entriickt 
fiihlen, so dafi man in ein rechtes Wohlgefuhl hineinkommt. Wenn man 
keine Orientierung hat, dann geht man im Kreis. Wenn man aber schon 
so die Wege hat, daft man von selbst im Kreis geht, so hat man auch das 
Wohlgefuhl. Und das wollten die Leute, die den Prater angelegt haben, 
bei den Wienern hervorrufen: daft ihr Atherleib da ein rechtes Wohlge- 
fuhl hat, wenn sie immer wieder bei einer solchen Wiirstlbude zuriick- 
kommen. Das ist sehr raffiniert eingerichtet. Das besteht ja jetzt noch. 
Sie konnen es sich anschauen, wie immer die Wege so gehen. Wenn 
man sich hineinverliert - man kommt schon wieder zuriick, aber man 
dreht sich. Und dieses Drehen, das ist etwas, was die Leute, namentlich 
wenn sie es so den ganzen Sonntagnachmittag machen, in ein richtiges 
Wohlgefuhl hineinfuhrt. 

Nun ist das ein viel unschuldigeres Wohlgefuhl als manches andere 
Wohlgefuhl. Sie wissen, daft auch sonst die Orientierung aufhort, ich 
habe Ihnen die Geschichte schon einmal erzahlt: Wenn man abends 
spat nach Hause kommt und man nicht recht weift, ob man betrunken 
ist oder nicht, so legt man sich den Zylinderhut aufs Bett. Sieht man 
ihn einmal, ist man nicht betrunken, sieht man ihn doppelt, so ist man 
betrunken. Das ist dadurch, daft es sich dreht. Sehen Sie, da dreht sich 
auch etwas: der Astralleib. Wenn der, der im Bett liegt, betrunken ist, 
so dreht sich sein Astralleib. Wenn aber einer auf mehr geistige Art, da- 
durch, daft er auf runden Wegen geht, den Atherleib hineinbringt, da 
dreht sich der Atherleib. Das ist die mehr unschuldige Art des Drehens. 

Das Trinken geht in den Astralleib, das Drehen geht mehr in den 
Atherleib. Da versteht man auch, was fur ein Unterschied da ist. Denn 
schaue ich hin auf einen, der betrunken ist: J a, der dreht sich nicht wie 
einer, der auf runden Wegen geht, sondern bei dem dreht sich ja alles, 
wie wenn sein Astralleib selber nun die Erdkugel geworden ware. Der 



dreht sich, wie die Erde sich dreht. Das ist der astralische Leib, der sich 
dreht. 

Wenn aber die Leute tanzen oder sich im Wiener «Wurstl-Prater» 
herumdrehen, dann dreht sich der Atherleib. Der nimmt den physi- 
schen Leib mit; das ist das unschuldigere. Man kann sagen: Bei einem, 
der tanzt, da dreht sich der Atherleib, bei einem, der betrunken ist, da 
dreht sich der Astralleib. - Man kann also am Leben unterscheiden, an 
dem, was der Mensch tut, ob es der Atherleib ist, der das macht, oder 
der Astralleib. 

Sehen Sie, auf solche Sachen geht die heutige Wissenschaft noch nicht 
ein. Daher kann sie auch die grofien Fragen der Zivilisation gar nicht 
beantworten, denn die Leute wissen nicht, wie man die Dinge einrich- 
ten mufi, damit der Mensch nicht ganz und gar unmenschlich wird. Die 
Menschheit wird immer tierischer, wenn die heutige Sportsucht so 
bleibt, wie sie ist. 

Es mufi schon etwas Geistiges in die Menschheit hineinkommen. 
Und ich bin iiberzeugt davon, dafi diejenigen Menschen, die auf der ei- 
nen Seite die Erde kennenlernen durch die Arbeit, daft sie auch auf der 
anderen Seite die Sehnsucht haben werden, hineinzukommen in das 
Geistige, und nach und nach verstehen lernen werden, dafi man eben 
auch das Geistige durchaus pflegen mufi, dafi das notwendig ist. 

Nun, das ist zunachst einmal dasjenige, was ich Ihnen sagen wollte. 
Wir wollen schon von diesen Dingen recht viel weiter reden, damit die 
Sachen alien klar werden. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 2. Juni 1923 



Guten Morgen! Eigentlich mochte ich heute noch etwas hinzufugen zu 
dem, was ich das letzte Mai vorgebracht habe. Ich glaube, dafi wir im- 
mer besser wissen werden, was eigentlich der Mensch im Weltenzu- 
sammenhange ist, wenn wir gerade solche Dmge betrachten. Ich 
mochte Ihnen also heute noch hinzufugen zu dem, was wir das letzte 
Mai besprochen haben, wie sich die Dinge eigentlich in Wirklichkeit 
verhalten, wenn so etwas iiber den Menschen kommt, wie zum Beispiel 
der graue oder der schwarze Star im Auge. Das Auge wird dann un- 
brauchbar. Der Mensch bekommt zunachst den Eindruck, als ob er vor 
den Augen etwas Flimmerndes hatte. Dann wird es immer undeutlicher 
und undeutlicher vor den Augen, und er kann dann nicht mehr sehen, 
was er eben friiher gesehen hat. 

Nun, worauf beruht diese Starkrankheit des Auges? Sie beruht dar- 
auf, dafi etwas im Auge, das durchsichtig sein mufi, wie Glas durch- 
sichtig sein muft, undurchsichtig wird. Wenn Sie statt des durchsichti- 
gen Glases am Fenster irgendein undurchsichtiges Papier haben oder 
einen Pappendeckel, so konnen Sie nicht mehr durchsehen. So ist es 
auch beim starkranken Auge. Da ist etwas, was durchsichtig sein sollte, 
undurchsichtig geworden. 

Machen wir uns das ganz klar. Ich habe Ihnen ja das Auge ofter auf- 
Tafel3 gezeichnet. Es wachst so heraus aus dem Gehirn (siehe Zeichnung), 
aus dem Schadel; das ist von der Seite angeschaut. Es ist vorne etwas 
mit einem Vorsprung versehen, und da drinnen im Auge selbst breiten 
sich Blutadern, breitet sich der Sehnerv aus. Da kommen also Blutadern 
und der Sehnerv zusammen. 

Dann ist aber noch etwas im Auge, was eine Art Muskelansatz ist. 
Dieser Muskelansatz tragt hier dasjenige, was man die Linse nennt. 
Also im Auge drinnen wird vom Muskel ein ganz kleiner durchsichti- 
ger, linsenformiger Korper getragen. Wenn Sie sich eine kleine Linse 
denken, die aber durchsichtig ist, so ist diese im Auge drinnen aufge- 
hangt. Und durch diese Linse muft man quer durchsehen. Von vorne 

1A 




angesehen, sieht ja diese Linse so aus (siehe Zeichnung), und man Mkteunten 
mufi da durchsehen konnen. Schon daraus sehen Sie, dafi es sich darum 
handelt, da£ wir ein durchsichtiges Auge haben miissen, wenn wir se- 
hen sollen. Das Auge mull durchsichtig sein. Nicht wahr, wenn man 
sich das richtig iiberlegt, wird man sich sagen: Es kann nicht das Auge 
sein, was sieht, denn das Auge mufi sich ja gerade wegtun, sich durch- 
sichtig machen, damit es sehen kann. Wenn Sie diese Fensterglaser zum 
Beispiel beschmieren, so dafi Sie nicht durchsehen konnen, so sehen Sie 
nicht mehr hinaus. Ja, Sie sind es, der da sieht durch die Glkser. Die 
Glaser konnen nicht sehen, sondern Sie selbst sehen. Ebenso ist es nicht 
das Auge, das sieht, sondern es ist etwas im Menschen, das durch das 
durchsichtige Auge durchsieht. 

Nun, was geschieht, wenn der Mensch starkrank wird? Wenn der 
Mensch starkrank wird, dann wird diese Linse im Auge undurchsichtig. 
Sie ist ja sehr klein, diese Linse, aber wenn man sie aus dem Auge her- 
aus hat und durchschaut, ist sie durchsichtig. Eine Linse von einem 
starkranken Menschen ist aber weifi, miichig, nicht durchsichtig. Also 
ich miifite dann die schon e durchsichtige Linse des gesunden Auges so 
zeichnen, und die undurchsichtige Linse, die rniifke ich so zeichnen. Mine umen 
Da ist also die Linse miichig und undurchsichtig geworden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:35 



Sehen Sie, es kommt einem ja bei diesen Dingen immer zugute, dafi 
der menschliche Korper in seinen einzelnen Teilen elastisch ist, in vieler 
Beziehung elastisch ist. Wenn Sie also ein starkrankes Auge haben und 
Sie schneiden in einer gewissen Richtung da hinein, dann macht dieser 
Muskel hier seine Elastizitat geltend, und die Linse, die sonst gehalten 
wird von dem Muskel, springt heraus, wenn Sie hier ein Loch machen. 
Also denken Sie sich, Sie haben ein starkrankes Auge. Sie schneiden in 
einer gewissen Weise hinein. Die Operationen sind verhaltnismafiig 
sehr einfach, weil ihnen iiberall der Korper zu Hilfe kommt. Die Linse 
springt heraus. Da haben Sie sie in der Hand, legen sie in das Praparier- 
glas, die undurchsichtig gewordene Linse. Nun kann der Mensch na- 
tiirlich erst recht nicht sehen, wenn er die Linse heraufien hat, denn er 
braucht die Linse zum Sehen. Ich werde Ihnen gleich zeigen, warum er 
die Linse zum Sehen braucht. 

Wenn man also einen Menschen in dieser Weise operiert hat, da& 
man ihm die Linse herausgenommen hat, dann wird es wieder hell um 
inn, wahrend er fruher gar nichts gesehen hat. Er kann zwar schon hin- 
aussehen, aber er wird, wenn er jetzt operiert ist, wenn die Linse her- 
ausgenommen ist, nur ganz weit entfernte Gegenstande sehen. Aber die 
Sehkraft reicht wiederum nicht aus. Also wir haben ein unbrauchbares 
Auge bekommen. Die Sehkraft reicht nicht so weit, daft wir das, was 
wir zum Beispiel hier bei der heraus genommenen Linse sehen konnten, 
noch sehen konnen. Das Auge ist unbrauchbar geworden. 

Jetzt gibt man einem solchen Menschen, den man in dieser Weise 
operiert hat, eine Brille. Sehen Sie, das ist namlich eine kiinstliche Linse. 
Fruher hat er die Linse im Auge drinnen gehabt und jetzt hat er eine 
kiinstliche Linse. Jetzt werden durch die kiinstliche Linse seine Sen- 
strahlen, die fruher, bevor die Linse herausgenommen war, so gingen, 
daft er nur ganz weit gesehen hatte, so gemacht, daft er wiederum in der 
Nahe sehen kann. Das bewirkt also dieses Glas, das er vor dem Auge 
hat. Man kann also die Linse, die er drinnen im Auge hatte, ersetzen 
durch ein durchsichtiges Glas. Natiirlich ist es unvollkommener, weil 
es nicht lebt. Die Linse im Auge lebt, die kann man bewegen, und das 
hat natiirlich seine Vorteile. Aber jedenfalls, fur den Notfall kann man 
sehen, wenn man einfach die undurchsichtig gewordene Linse heraus- 



nimmt und diese Linse durch die Glasbrille, durch die Starbrille ersetzt. 
Dann sieht der Mensch wiederum. 

Auf diese Weise ist man also imstande, genau gewahr zu werden, wie 
eigentlich die Sache mit dem Sehen liegt: daft man im Auge einen Appa- 
rat, ein Werkzeug zum Sehen hat, denn man kann sogar ein Stuckchen 
vom Auge, eben durch ein aufieres Werkzeug, ersetzen, durch die Star- 
brille. Dafi die lebendige Brille, also die Linse, einen Vorzug hat vor 
dieser Starbrille, diesem Ersatz, das mag Ihnen daraus hervorgehen, dafi 
man die Linse, die so ist (es wird gezeichnet), wenn man etwas ganz Tafel3 
weit Entferntes sehen will, ein bifichen diinner machen mufi. Dann r s en 
sieht man etwas weiter Entferntes. Wenn also der Jager anschlagt und 
etwas weiter schiefien will, dann mufi er seine Linse diinn machen. Das 
macht der Muskel, der hier sitzt (auf die Zeichnung deutend, S. 35); der links oben 
macht sie diinner. Wenn man etwas ganz in der Nahe sehen will, in der 
Nahe etwas Kleines lesen will, dann mufi man die Linse dicker machen. recks oben 
Das macht wiederum der Muskel. Das kann man mit der Starbrille na- 
tiirlich nicht, denn sonst miifite man immer eine andere aufsetzen. Das 
tut man auch zuweilen. Es gibt heute schon durchaus Menschen, die 
zweierlei Brillen haben mussen, fur Nahe und fur Feme. Aber weil die 
Linse im Auge etwas Lebendiges ist, kann man sie innerlich richten und 
nah und fern sehen. 

Jetzt konnen Sie auch einsehen, warum, wenn ich die Linse ganz 
herausgenommen habe, nur feme Gegenstande gesehen werden kon- 
nen, denn es ist, wie wenn ich die Linse ganz flach gemacht hatte, wenn 
ich sie herausgenommen habe. Da sehe ich dann wieder Dinge, die ganz 
weit weg sind. Da reicht aber dann wiederum die Sehkraft nicht aus. 

Hinter der Linse ist noch ein ganz schleimartiger Korper, der soge- 
nannte Glaskorper. Der kann auch undurchsichtig werden. Wenn der 
undurchsichtig geworden ist, kann man nicht operieren, denn den kann 
man nicht auf irgendeine Weise ersetzen. 

Wenn man von aufien ins Auge hineinsieht, so ist es schwarz. Da ist links oben 
eben die Linse, hinter dieser schwarzen Pupille. Und schwarz ist es 
deshalb, weil man namlich auf den Hintergrund des Auges sieht. Da 
schaut man durch die ganze Linse und durch alles das [den Glaskorper] 
durch. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:37 



Jetzt aber miissen wir uns fragen: Was geschieht denn da eigentlich, 
wenn die Linse undurchsichtig wird? - Stellen Sie sich doch einmal das 
Glas vor. Wenn das Glas durchsichtig ist, geht das Licht durch. Wenn 
Sie etwas Undurchsichtiges haben, so bedeutet es, dafi das Licht nicht 
durchgeht, dafi das Licht aufgehalten wird. Nun, beim Auge ist es 
so, dal5 bei der Linse Licht hinein- und herausgehen mufi. Sehen Sie, 
das Licht, das gehort zum Ather. Das gehort nicht zu der Materie, zu 
dem Stoff der Schwere, der aufien ist, sondern das Licht gehort zum 
Ather. 

Nun habe ich Ihnen gesagt: Der Mensch hat aufier seinem physischen 
Leib auch noch einen Atherleib. Und was bedeutet das, daft die Linse 
durchsichtig ist? Daft die Linse durchsichtig ist, das bedeutet, dafi der 
Atherleib des Menschen, der iiberall hindurchgeht - ich zeichne ihn 
jetzt rot -, durch die Linse einfach hindurch kann. Wenn die Linse 
schon durchsichtig ist, so kann der Atherleib durch die Linse durch. 
Das heilk, der Mensch hat dann an der Stelle, wo die Linse ist, ein 
Stiickchen Atherleib. Wenn die Linse undurchsichtig wird, so ist es 
deshalb, weil der Stoff in der Linse sich zusammenschoppt. Wenn sich 
Salz oder so etwas absetzt in der Linse, dann wird sie undurchsichtig. 
Es ist gerade so, wie wenn Sie in einem Glas Wasser Salz aufgelost ha- 
ben. Solange das Salz aufgelost ist, haben Sie eine fast durchsichtige 
Tafd 3 Salzlosung. Wenn sich das Salz da unten absetzt (es wird gezeichnet), 
dann wird es da unten undurchsichtig. Das heilk, der Stoff lafk das 
Licht nicht durch. So wird, wenn sich salzige Teile absetzen, die Linse 
undurchsichtig. Im Alter setzen sich solche salzigen Teile ab. Da wer- 
den die durchsichtigen Teile des Menschen undurchsichtig. 

Es kann also bei Starkrankheit die durchsichtige Linse undurchsichtig 
werden. Was ist die Folge davon? Die Folge ist, daft in die undurch- 
sichtige Linse der Atherleib des Menschen nicht mehr herein kann. 
Jetzt ist da ein kleines Lochelchen. Der Mensch hat iiberall seinen 
Atherleib, und wenn er gesund ist, fiillt dieser Atherleib alles aus. Wenn 
die Linse krank wird, undurchsichtig wird, dann kann der Atherleib an 
dem Platz nicht hinein, wo die Linse ist. Jetzt haben Sie an dem Platz, 
wo die Linse ist, keinen Atherleib. Wir miissen also sagen: Worin be- 
steht die Starkrankheit? - Die Starkrankheit besteht darin, dafi der 



Mensch an dem Platz, wo die Linse undurchsichtig geworden ist im 
Auge, keinen Atherleib hat. 

Aber mit dem Atherleib allein kann man namlich noch nicht sehen. 
Wenn man mit dem Atherleib sehen konnte, dann wiirde man in der 
Nacht immer sehen, denn man hat in der Nacht im Bett auch den 
Atherleib, es ist nur der astralische Leib herauflen. Man sieht also nicht 
mit dem Atherleib. Man sieht mit der Seele. Aber man braucht den 
Atherleib zum Sehen. Der astralische Leib, der ist auch noch da - er ist 
das Dritte, was der Mensch hat -, der fullt wiederum alles aus. Wenn 
nun dieser astralische Leib an der Stelle hier, wo kein Atherleib ist, se- 
hen will, so kann er nicht, weil eben an der Stelle der Atherleib fehlt. 
Und so konnen wir sagen: Wodurch geschieht so etwas, dafi wir sehen? 
Dadurch, dafi unser astralischer Leib in unserem Atherleib drinnen ist. - 
Wenn aber an einer Stelle der Atherleib ausgeschaltet ist, weggeschoben 
ist dadurch, daft die Linse, das Auge undurchsichtig ist, konnen wir 
nicht sehen. Da kann der Astralleib nicht sehen. Ist das verstandlich? 

Es wird bestatigt: Ja! 

Dadurch also wird unser astralischer Leib fahig zu sehen, dafi an der 
Stelle, wo eben die Linse ist, wo es am notwendigsten ist, der Atherleib 
iiberhaupt hinein kann. Wenn man also so etwas wie die Starkrankheit 
richtig versteht, so kann man daran wirklich sehen, wie der Mensch 
einen Atherleib und einen Astralleib hat. 

Wenn der Mensch nun richtig im Anfange einer solchen Starkrank- 
heit steht, so kann man sagen: Diese Starkrankheit kommt davon her, 
daft die im Auge, in der Linse abgelagerten Salze den Atherleib nicht 
hineinlassen ins Auge. - Nun miifite man etwas tun, um diese Linse 
durchsichtig zu machen. Wenn die Sache eben ganz fortgeschritten ist, 
wenn die Linse schon ganz durchsetzt ist mit Salzen, also undurchsich- 
tig geworden ist, dann kann man nichts anderes mehr machen als sie 
herausoperieren, und sie eben durch eine Starbrille ersetzen. Aber nun 
ist die Sache so, dafi man, wenn die Starkrankheit ganz im Anfange ist, 
doch auch noch etwas anderes tun kann. Und daran gerade will ich 
Ihnen nun zeigen, wie der Mensch mit seiner Umgebung zusamrnen- 
hangt. 




Nehmen Sie an, Sie haben hier die Erde. Aus dieser Erde wachsen 
Pflanzen heraus. Sehen Sie, solch eine Pflanze hat naturlich einen 
physischen Leib. Wir kdnnen ihn angreifen, ihn anschauen. Aber diese 
Pflanze hat auch einen Atherleib, denn sie lebt, und alles, was lebt, hat 
einen Atherleib. Wenn die Pflanze keinen Atherleib hatte, ware sie ein 
Stein. Sie hat einen Atherleib, sie lebt. Aber die Pflanze kann nicht 
empfinden, nicht fuhlen. Sie hat keinen Astralleib. Aber iiberall in der 
Umgebung der Erde ist dasjenige, was astralische Substanz ist. Uberall 
ist das Astralische. Wir haben einen Astralleib in uns, aber auch uberall 
in der Umgebung der Erde ist das Astralische. Ich will Ihnen sagen, 
wie man darauf kommen kann, dafi das Astralische uberall ist. Da 
werden wir eine recht entlegene Tatsache, die scheinbar zu dem gar 
nicht hinzugehort, heranziehen rmissen. 

Sie wissen ja alle, daft feuerspeiende Berge ab und zu, nun ja, eben 
ins Speien kommen, wie man sagt, da£ eben gliihende Massen heraus- 
fliegen. Ich will Ihnen einmal solch einen feuerspeienden Berg ein we- 
nig beschreiben. Da ist zunachst unten der Boden, mit einem gewohnli- 
chen Gestein ausgefullt. Also wenn wir den Vesuv zum Beispiel, der in 
Italien ist, bei Neapel, betrachten, so ist der Boden dort, der Grundbo- 
den, aus apenninischem Gestein bestehend, wie man es nennt. Also wir 
haben da unten das gewohnliche Gestein, das sonst auch ringsherum in 
der betreffenden Gegend ist. Dann aber schichten sich da etwas andere 

cchts 

oben Schichten auf. Es schichtet sich so auf (siehe Zeichnung). An der Stelle, 



a r\ 



wo zum Beispiel der Vesuv ausbricht, da ist eine Erdspalte. Und wenn 
nun ein Ausbruch des Vesuvs ist, dann kommen aus dieser Erdspalte 
heraus zuerst Aschenbestandteile mit Wasser; dann kommen bomben- 
artige Gesteine heraus. Das alles wird da an die Oberflache geschleu- 
dert. Das ist zuweilen flussig, zuweilen bombenartig. Dann rinnt das 
herunter, rinnt weiter herunter. Und iiberall da kommen dann diese 
Gesteine, die wie Bomben hinausgeworfen werden. Die flieften wieder 
herunter. Dazwischen ein Regen, der mit Schlamm untermischt ist. Das 
alles tiirmt dann einen solchen Berg erst auf, macht einen solchen Berg. 
Da wird also aus dem Inneren der Erde zunachst heifies Wasser, das 
mit Asche vermischt ist, herausgeschleudert. Das gibt, wenn es herun- 
terrinnt, einen sehr zahen Schlamm. Dann, etwas spater, kommen diese 
bombenartigen Brocken, die da heraufsausen und die da iiberall herum- 
geschleudert werden. Auf diese Weise werden solche feuerspeienden 
Berge aufgeworfen. 




Nun, meine Herren, mochte ich Ihnen erzahien, wie sich die Wissen- 
schaft gewohnlich einer solchen Erscheinung gegeniiber, wie den feuer- 
speienden Bergen, benimmt. Die Wissenschaft sagt: ja, da stiirmt alles 
mogliche, was unter der Erde ist, heraus. Die feuerspeienden Berge, die 



sind in der Regel in der Nahe von Wasser. ~ Gewifi, das ist auch wahr. 
Mitten im Land sind wenig feuerspeiende Berge, sie sind in der Regel in 
der Nahe vom Ufer, vom Wasser. - Da konnte also, weil ja da ohnehin 
ein Erdspalt ist, das Wasser hineindringen, und das Wasser, das wird da 
drinnen dann durch die im Inneren der Erde befindliche Hitze siedend. 
Und dieses siedende Wasser, das stofit dann alles das, was da unten an 
Stoffen ist, heraus. - So sagt nun zunachst einer der Gelehrten, schreibt 
dariiber ein Buch und hat auf diese Weise die Entstehung der feuerspei- 
enden Berge, wie man sagt, erklart. 

Jetzt kommt ein anderer und sagt: Ja, aber wir haben Griinde, anzu- 
nehmen, daE diese Spalten gar nicht so weit ausgedehnt sind, dal$ da 
das Wasser hereinkann. Wir konnen nicht annehmen, dafi das Wasser, 
wenn die feuerspeienden Berge auch beim Wasser liegen, durch diese 
Risse in der Erde da hereinkann. Also wird es nicht ganz richtig sein, 
was der erste Gelehrte gesagt hat. Man mufi auf eine andere Weise die 
Sache erklaren. 

Nun, da kommt der und sagt: Ja, im Inneren der Erde, da ist die Sa- 
che nicht so wie da drau&en, sondern im Inneren der Erde sind die Me- 
talle fliissig. Wie das Eisen im Schmelzofen, wenn man es bearbeitet, 
fliissig ist, so sind da im Inneren der Erde die Metalle fliissig. Da sind 
fliissige Metalle drinnen. - Nun - Namen finden sich leicht -, diese 
fliissigen Metalle nennt man dann Magma. Es ist also da Magma drin- 
nen - nun schon, fliissige Metalle. Und jetzt, wenn dieses fliissige Me- 
tall, dieses Magma, an eine solche Stelle kommt, wo es leichter auswei- 
chen kann - hier ist es ihm iiberall zu schwer zum Ausweichen, sonst 
speit es iiberall heraus -, wenn es da also an eine Stelle kommt, wo es 
leichter ausweichen kann, dann weicht es eben da aus, und da kommt 
es heraus. - So sagt der andere. Also es geschieht, sagt der andere, 
durch die Ungleichmafiigkeiten in der Dichte der Erde; das Magma, das 
strahlt nach der einen oder anderen Richtung aus. 

Da kommt nun ein dritter wiederum oder ein vierter, und der sagt: 
J a, aber das Magma kann nicht die starke Kraft haben, so machtig die 
Bomben da herauszuschmeifien! Das kann auch nicht die Erklarung 
sein. - Dann kommen noch ein paar andere, die sagen noch etwas ande- 
res. Und dann wird das in die gewohnlichen Biicher, die fur das Volk 



sind, geschrieben. Da schreibt man dann hinein: Also eigentlich weiS 
man heute noch nicht die Ursache, warum die feuerspeienden Berge 
entstehen. - Das ist so ungefahr heute der Tatbestand. Gewohnlich 
werden Sie finden: Der eine hat das behauptet, der andere das -, aber 
man weifl eigentlich nicht, worin die Ursache liegt. Bei den wichtigsten 
Dingen weifi man nicht, worin die Ursache liegt! 

Aber nun will ich Ihnen etwas sagen. Die Sache ist diese: Wenn man 
gerade in die Gegend kommt, wo der Vesuv schon ganz nahe ist, in die 
Nachbarschaft von feuerspeienden Bergen, da gibt es namlich eine sehr 
schone Erscheinung. Wenn Sie ein Stuck Papier nehmen und es anziin- 
den, dann fangt plotzlich die Erde zu rauchen an. Also Sie haben hier 
die Erde (es wird gezeichnet), ziinden ein Stiickchen Papier hier an, links unten 
jetzt brennt das (rot), und jetzt fangt hier tiberall unter der Papier- 
flamme die Erde zu rauchen an, ganz von selber, und Sie konnen da 
nach und nach, wahrend Sie ein grofies Snick Papier verbrennen, ganz 
von dem aufsteigenden Rauch umgeben werden. Das ist naturlich eine 
sehr schone Erscheinung. Den Leuten, die da in Italien reisen, zeigen 
die Fremdenfuhrer, wie der Rauch aus der Erde herauskommt, wenn 
man blofi ein Stiickchen Papier anziindet. 




Nun, was bedeutet denn das iiberhaupt? Ja, sehen Sie, meine Herren: 
An der Stelle da drinnen, da ist eine gewisse Ansammlung von Wasser- 
dampf. Da in der Erde - an der Stelie, wo dann dieser Dampf heraus- 

4^ 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:43 



kommt -, da ist der drinnen angesammelt. Der kann nun nicht heraus, 
wenn die Luft da driiber eine bestimmte Dichte hat. Die Luft halt die- 
sen Dampf da drinnen. Nun wissen Sie alle: Wenn man die Luft war- 
mer macht, wird sie dunner. Wenn Sie im Zimmer einheizen, dann 
wird die Luft auch dunner. Die warme Luft ist immer dunner als die 
kalte Luft. Wenn Sie also hier anziinden, so wird die Luft dunner. Die 
diinnere Luft kann dann den Dampf nicht mehr unten halten, und da 
stromt er heraus. Naturlich mufi er zuerst unten sein. Es mufi etwas 
unten sein, das herausstromen kann. Ja, aber, meine Herren, denken 
Sie, was Sie da getan haben! Sie sind nicht da unten gewesen und haben 
den Dampf hinaufgeblasen. Das haben Sie nicht gemacht, sondern Sie 
haben von aufien den Dampf herausgelockt, indem Sie ein Stuck Papier 
angeziindet haben. Also wenn Sie hier oben iiber der Erde etwas an- 
ziinden, konnen Sie den Dampf herauslocken. Weil Sie die Luft dunner 
machen, locken Sie den Dampf heraus. 

Sehen Sie, die gelehrten Herren suchen nun fortwahrend die Ursa- 
chen dafiir, da$ da Wasserdampf aus dem Vulkan herauskommt, dafi da 
sogar Bomben herausfliegen; diese Ursachen suchen sie, ja die suchen 
sie unter der Erde. Aber da sind sie namlich gar nicht, geradesowenig 
wie die Ursachen des Herausdringens des Wasserdampfes, wenn Sie ein 
Papier anziinden, unter der Erde sind, sondern die Ursachen sind drau- 
15en, aufierhalb der Erde. 

Sie miissen eben die Dinge, die Tatsachen sind, in der richtigen Weise 
verstehen konnen, dann kommen Sie auf die Sachen drauf. Also gerade- 
sowenig wie Sie hier drinnen sind und den Dampf aus der Erde her- 
aufblasen, sondern ihn herauslocken durch die diinne, erwarmte Luft, 
ebenso lockt da etwas das alles, was da drunten ist, heraus. Und sehen 
Sie, feste Erdgesteine kriegt man da nicht heraus, wenn man da nur ein 
Papier anziindet, sonst wiirden die reisenden neugierigen Englander, 
wenn sie in der Nahe von Neapel Papier anziinden wiirden, nicht nur 
in Rauch eingehullt werden, sondern auch allerlei Steine auf die Nase 
kriegen! Das kriegt man da nicht, sondern da wird nur die Luft ver- 
dunnt und der Dampf steigt auf. Hier aber iiber dem Vesuv, wenn er 
anfangt zu speien, auszubrechen, da wird iiber ihm alles das verdiinnt, 
was an Astralischem iiber ihm liegt. Und dieses Astralische, das wird 



verdiinnt durch weit draufien liegende Krafte der Sterne, der Planeten. 
Wenn also eine bestimmte Sternkonstellation uber dem Vesuv ist, wie 
sie oft ist - sie kommt sonst nicht so vor, sie kommt gerade an der 
Stelle vor -, da wird, geradeso wie hier durch das Papier, hier durch die 
Sternkonstellation, weil das Astralische oben verdiinnt wird, das, was 
unten ist, herausgerissen. 

Also Sie zeigen einen kleinen Vesuvausbruch, wenn Sie da die Schwe- 
feldiinste - es ist nicht nur Wasser-, sondern auch Schwefeldampf - her- 
auskriegen. Man nennt das Solfatare. So ist iiberall da, wo diese mach- 
tigen Vulkanausbriiche stattfinden, nicht tatig das, was da drunten ist, 
sondern das, was draufien ist, was gerade von den Sternkonstellationen 
herkommt. 

Natiirlich, bei solchen Dingen kommt manchmal auch ein bifichen, 
wie soil ich sagen, Gschaftlhuberei, Wichtigtuerei vor. So ist ja einer 
einmal daraufgekommen, dafi gewisse solche Sachen von den Sternkon- 
stellationen, von der Stellung zum Beispiel von Sonne und Mond 
kommen. Das war der Falb. Vielleicht haben die alteren von Ihnen 
schon etwas gehort von der beriihmten Falbschen Theorie. Falb hat 
nicht blofi gesagt, dafi die Erdbeben, sondern auch die Vulkanausbru- 
che zum Beispiel von den Sternkonstellationen kommen. Das war 
schon richtig. Aber er war auch ein furchtbar eitler Mensch und hat 
gern wichtig getan mit der Sache. 

Nun ist er noch auf etwas anderes draufgekommen, was auch wichtig 
ist. Sie wissen ja, in Bergwerken sind eine furchtbare Plage die soge- 
nannten schlagenden Wetter. Da geschieht etwas in den Bergwerken, 
weil sich die Gase entziinden, weil sie machtig das Werk durchstromen. 
Nun hat Falb gesagt: Auch dieses Besondere der Gase kommt nicht 
vom Unterirdischen der Erde, sondern zum Beispiel von der Stellung 
von Sonne und Mond. - Und der Falb hat nach diesem, was er sich da 
ausgedacht hat, sogar Prophezeiungen von Erdbeben und von schla- 
genden Wettern in Bergwerken zusammengestellt. Nun, das hat oftmals 
nicht gestimrnt, manchmal auch gestimrnt. Die Dinge sind natiirlich so, 
dafi bei naturlichen Ereignissen manchmal Unvorhergesehenes eintritt; 
dann stimmt die Geschichte nicht. Aber Falb hat dann so einen Kalen- 
der herausgegeben durch das Jahr. Da hat er die sogenannten kritischen 



Tage angegeben. Wenn besondere Sternkonstellationen, wenn beson- 
dere Stellungen von Sonne und Mond da waren, hat er gesagt: An dem 
Tage rmissen da schlagende Wetter sein -, oder: Es raufi ein Erdbeben 
kommen. 

Ich war einmal - es ist jetzt schon lange her, viel mehr als dreifiig 
Jahre - bei einem Vortrag von Falb. Da hat der Falb, der ein grofier 
schlanker Mensch war, iiberzeugend seine Theorien vorgetragen, hat 
also vorgetragen, wie da - er hat nichts gewufk vom Astralischen, son- 
dern er hat geglaubt, das komme nur von dieser Warmeverdiinnung -, 
wie da die Warme verdiinnt wird und wie dann von unten heraufge- 
lockt werden, wie eben bei solchen Solfataren, die Gase von Bergwer- 
ken entweder zu schlagenden Wettern werden oder so etwas. Nun war 
das ein grofier SaaL Der Falb stand da oben. Er hat das erklart, fein er- 
klart. Es war viel Richtiges in seiner Erklarung. Plotzlich, wie er mitten 
in seiner Erklarung drinnen ist und sagt: Also da wird durch eine be- 
stimmte Stellung von Sonne und Mond eine Veranderung in der Luft 
hervorgerufen, schlagende Wetter miissen sich bilden, sie werden her- 
ausgelockt - bums, klopft es an der Tiire. Es kommt ein Zeitungsjunge 
herein von der «Neuen Freien Presse», bringt ein Telegramm, legt es 
hin auf den Vortragstisch. Der Falb ist eben nicht fein, sagt: Es mufi 
was Wichtiges sein ! - macht wahrend des Vortrags das Telegramm auf, 
liest: In dem und dem Bergwerk sind soeben grofie schlagende Wetter 
geschehen. - Nun hatte der Falb gerade in seinem Vortrag diese schla- 
genden Wetter prophezeit gehabt und hatte sich mit der «Neuen Freien 
Presse» in Verbindung gesetzt: Wenn da etwas kommt, schickt mir das 
in den Vortragssaal herein! - Falb hat ofters mit solchen Dingen gear- 
beitet, er war eben etwas eitel. Aber geschehen ist es eben doch, meine 
Herren. Gerade als Falb erklart hatte, jetzt raufi wieder etwas kommen 
wie eine Art schlagende Wetter, bringt ihm der Zeitungsjunge das Tele- 
gramm. Und er sagte noch: Sehen Sie, meine Damen und Herren, so 
werden einem die Beweise auf den Tisch hin geliefert! 

Nun ja, das war naturlich eine Wichtigtuerei. Aber hinter solchen 
Dingen steckte gerade bei Falb etwas aufierordentlich Wahres wieder- 
um. Die Sache ist schon so, dafi man sagen mufi: Auch diese dicken, 
schweren Massen werden nicht von unten durch StdfSe herausgeworfen, 



wie es die Gelehrten immer sagen, sondern herausgelockt von oben, 
durch die Stellung der Sterne. Nur, mochte ich sagen, wenn da bei die- 
sem brennenden Papier der Dampf heraufsteigt und man ganz in diesem 
Dampf drinnen ist, da ist die Luft ein biftchen verdiinnt. So stark ver- 
diinnt, daft die festen Massen hinaufgeschleudert werden konnen, kann 
es naturlich von der blofien Luft nicht werden; da mufi schon der Ather 
verdiinnt werden und dann noch das Astralische. Dadurch kommen wir 
darauf, wenn wir richtige Erklarungen haben fur unsere feuerspeienden 
Berge, dafi unsere Erde iiberall nicht nur von der Erdensubstanz, son- 
dern auch vom Astralischen eingehiillt ist. Die heutige Wissenschaft hat 
eben keine Courage, solche Dinge wirklich sachgemafi zu erklaren. Sie 
hat keine Courage! 

Wir mussen uns also, wenn wir uns die Erde vorstellen, diese Erde 
iiberall umgeben denken erstens vom. Ather, dann aber auch vom 
Astralischen. Nun dringt aber auch das Astralische wiederum iiberall 
ein. Aber die Pflanzen nehmen im allgemeinen das Astralische nicht 
auf. Sie haben nur einen Atherleib. Sie nehmen nur den Ather auf, sie 
nehmen das Astralische nicht auf. Aber es gibt gewisse Pflanzen, die 
nehmen das Astralische auf. Das sind die Giftpflanzen. Und das ist der 
Unterschied zwischen den nichtgiftigen Pflanzen und den giftigen 
Pflanzen: Die nichtgiftigen Pflanzen haben kein Astralisches in sich, 
und die giftigen Pflanzen haben ein Astralisches in sich. 

Nun, was bedeutet denn das? Sehen Sie, eine der giftigsten Pflanzen 
ist ja die Tollkirsche. Wenn Sie eine Tollkirsche hier haben, so ist die 
Tollkirsche dadurch so schwarz, wie Sie sie haben, daft eben in sie das 
Astralische aufgenommen wird. Also die Tollkirsche nimmt das Astra- 
lische auf. Dadurch aber, meine Herren, dafi die Tollkirsche das Astra- 
lische aufnimmt - sie zerstort sich in Wirklichkeit nicht ganz -, hat sie 
die Kraft in sich, immerfort die physische Materie zu zerstoren. Die 
Tollkirsche ist im Inneren ganz scharf; sie will die physische Materie 
zerstoren. Wenn wir daher eine Tollkirsche essen, so fangt der Tollkir- 
schensaft, sobald er m uns ist, gleich an, unsere innere Materie zu zer- 
storen. Da miissen wir unter der Tollkirsche zugrunde gehen. Die 
Tollkirsche hat innerlich die Kraft, die physische Materie zu zerstoren. 

Denken Sie, wir bringen nun in der richtigen Weise, indem wir ihn 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:47 



einimpfen, ganz verdiinnten, richtig verdiinnten Tollkirschensaft ins 
Blut des Menschen. Dann konnen wir, wenn die Linse anfangt, Salze 
zu kriegen, dunkel zu werden, gerade durch den Tollkirschensaft, 
wenn er richtig verdiinnt ist, so diinn geworden ist, dafi er keine Gift- 
wirkung mehr hat, diese Starkrankheit bekampfen, dasjenige zer- 
Tafel 3 streuen, was als Absatz entstanden ist. Ich habe Ihnen hierher (auf der 

rcctits • 

Tafel) den Satz gezeichnet. Wenn wir also den Zerstorungssaft der 
Tollkirsche, der iiberall alles andere auseinandertreibt, durch eine rich- 
tige Impfung hierhergebracht haben auf die Linse, dann treibt er auch 
die Salze auseinander, die sich dort abgelagert haben, und die Linse 
kann unter Umstanden geheilt werden. 

Man kann naturlich, wenn der Star schon zu weit fortgeschritten ist, 
nicht allzuviel bauen auf diese Geschichte. Aber wenn man bei einem 
Menschen, bei dem der Star noch nicht so stark fortgeschritten ist, die 
Sache zur rechten Zeit bemerkt, dann kann man, ohne dal5 man die 
Linse spater herausoperieren mufi, den Star noch bekampfen. 

Daher ist es gewohnlich nichts, wie es die homoopathischen Arzte 
machen. Die geben die verdiinnte Tollkirsche ein. Da wirkt es zwar 
auch, aber nicht sehr stark; die Sache kommt immer wieder zuriick. 
Also auf diese Weise kann man gewohnlich nichts bewirken. Aber man 
kann sehr viel bewirken, wenn man es ins Blut einimpft. Das Blut geht 
dann iiberallhin, kommt auch ins Auge. 

Daran sehen Sie auch gleich wiederum etwas anderes. Namlich Sie se- 
hen dies : Wenn wir ein solches Gift haben wie das von der Tollkirsche, 
wenn wir viel von der Tollkirsche essen - es geniigt naturlich wenig, 
aber das ist viel in diesem Fall -> wenn wir verhaltnisma&g viel von der 
Tollkirsche essen, so zerstort es uns vom Magen, schon vom Schlund 
aus unsere physische Materie. Wir konnen nicht mehr leben. Wenn wir 
immer mehr und mehr diesen Tollkirschensaft verdiinnen, dann werden 
dadurch die physischen Teile nicht mehr angegriffen, aber der Tollkir- 
schensaft wird verdaut und greift noch sehr stark den Kopf an. Man 
kann dann den Tollkirschensaft dazu verwenden, wenn Menschen ganz 
nervos geworden sind, wenn es ihnen schwummerig geworden ist, sie 
dadurch wieder zurechtzuriicken, dafi man ihnen stark verdiinnten 
Tollkirschensaft zu essen gibt, der das, was sich da abgelagert hat, her- 

A O 



austreibt. Aber wenn man ihn so dunn nimmt, daft er auch den Kopf 
nicht mehr angreift, dann wirkt er noch immer auf das Auge. Das Auge 
ist dasjenige Organ, das empfindKch ist fur die dunnsten Mengen von 
Tollkirsche. Belladonna, «die schone Frau», heifit sie, die Tollkirsche, 
weil sie so schon schwarzaugig ist. Also das Auge ist fur die kleinsten 
Mengen von Tollkirschensaft noch empfanglich. So ist es merkwurdig, 
daft unser menschliches Wesen fiir die verschiedenen Stoffe der Umge- 
bung in der verschiedensten Weise empfanglich ist. Wie schon gesagt, 
zu viel Tollkirschensaft zerstort das ganze Auge, aber in der Verdiin- 
nung ist das Auge fiir den Tollkirschensaft empfanglich. Fiir andere 
Safte sind wieder andere Organe empfanglich. So daft fiir jede Substanz 
irgend etwas in unserem Leib besonders empfanglich ist und verschie- 
denes bewirkt. 

Nehmen Sie zum Beispiel die menschliche Leber. J a, da ist es so, daft 
die menschliche Leber eigentlich furchtbar viel tun muft. Ich habe Ih- 
nen ja gesagt, wie sie ein innerer Beobachter ist. Sie mufi furchtbar viel 
tun bei der Verdauung. Insbesondere mu£ die Leber im menschlichen 
Leib einen groften Dienst leisten bei der Verarbeitung der Fettstoffe. 
Wenn die Leber nicht richtig arbeiten kann, dann sammelt sich beim 
Menschen alles das, was er an Fett hat, auf und wandert im Korper in 
der verschiedensten Weise herum. Es geschehen Fettwanderungen, statt 
daft das Fett in der Leber verarbeitet wird. Das Fett also, das der 
Mensch zu sich nimmt, das hat wiederum ein besonderes Verhaltnis zur 
Leber. So wie gute Stoffe ein Verhaltnis haben zu den Gliedern des 
menschlichen Korpers, so haben auch Giftstoffe zu alien Gliedern des 
Menschen ein bestimmtes Verhaltnis. 

Und so konnen wir sagen: Wir konnen gewissermaften die Linse im 
Auge wiederum hell machen, wenn sie sich verdunkelt hat, dadurch 
den Astralkorper in dieses Stiickchen Mensch wiederum hineinschik- 
ken, wenn wir dem Menschen aus der Umgebung etwas einimpfen, was 
das Auge besonders angreift. Das ist also der Tollkirschensaft in ent- 
sprechender Verdiinnung. Daraus schcn Sie: Im Tollkirschensaft haben 
wir etwas, was gerade im Auge das Astralische wieder heranzieht, so daft 
der Mensch durch das Astralische sehen kann; es zieht das Astralische 
lie ran, und das Astralische zieht dann wiederum das Atherhafte he ran. 



Deshalb mochte ich auch sagen: Auch wenn die Tollkirsche draufien 
wachst, zieht sie das Astralische an. Das Atherische ist ja schon drin- 
nen, das braucht nicht angezogen zu werden. Wenn man daher diesen 
feinen Vorgang, der bei der Tollkirschenheilung bei starkranken Augen 
geschieht, richtig studieren kann, dann versteht man namlich auch, was 
draufien in der Tollkirsche vor sich geht. Das ausgeschlossene Astrali- 
sche, das wird durch den Tollkirschensaft herangezogen. Also zieht der 
Tollkirschensaft auch aus der Welt das Astralische heran. Der Tollkir- 
schensaft ist eine Anziehungskraft fur das Astralische. Und wenn wir 
vergiftet werden mit Tollkirsche, so wird eben zuviel Astralisches in 
uns hereingezogen, dieses Astralische fangt zu kochen an und dieses 
Kochen zerstort unser Physisches. 

Wenn aber zuviel Physisches zerstort ist - im starkranken Auge ist es 
dadurch zerstort, dafi zu viel abgelagert ist -, dann mussen wir es wie- 
der wegschaffen. Weg damit! Dann konnte man ja hoffen, meine Her- 
ren, daft man mit Belladonna, mit Tollkirsche, auch heilen konnte, 
wenn sonst sich irgendwo Salze oder ahnliche Stoffe im Korper abla- 
gern. Wenn der Mensch zum Beispiel Gallensteine oder Harnsteine be- 
kommt, so lagert sich ja auch etwas Festes ab, was eigentlich nicht sein 
sollte. Dann miifite man hoffen, dafi, wenn man das in der Linse im 
starkranken Auge mit Belladonna heilen kann, man auch die Gallen- 
steine und die Blasensteine mit Belladonna heilen konnte. Das kann 
man auch, wenn man die Sache nur richtig verwendet. Das kann man! 

So kann man sehen, dafi die Sachen alle zusammenstimmen, und 
wenn man die Natur richtig versteht, kann man auch den Menschen 
richtig verstehen. Nun sind wir von dieser Seite wieder auf den Ather- 
und Astralleib gekommen, wie wir das letzte Mai beim Herumdrehen 
auf den Ather- und Astralleib gekommen sind. Man kommt, wenn man 
die Dinge einfach richtig betrachtet, iiberall auf diese iibersinnlichen 
Glieder des Menschen. Die Sachen sind wirklich nicht ausgedacht, son- 
dern sind aus einer Wissenschaft heraus, die eben iiberall weiter geht als 
die gewohnliche Wissenschaft. 

Am nachsten Mittwoch werden wir, wenn Sie nicht Fragen vorberei- 
ten, iiber diese Sachen weiter reden. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 6. Juni 1923 



Guten Morgen, meine Herren! Will jemand noch eine Frage stellen? 

Es wird eine Frage gestellt in bezug auf den grauen Star. Der Fragesteller sagt, dafl er 
im Jahre 1916 in Basel im Spital war wegen einer Irisentziindung, und da habe er Ein- 
spritzungen in den Kopf bekommen. Nun mochte er fragen, ob diese Einspritzungen 
nicht schadlich gewirkt haben konnten. 

Dr. Steiner: Haben Sie denn etwas bemerkt an sich? Daran ist natiir- 
lich nicht zu denken, dafi durch diese Einspritzungen etwa eine Star- 
krankheit gefordert werden konnte. Diese sogenannten Fliegen, diese 
Erscheinungen, von denen Sie sprechen, die miissen nicht hindeuten auf 
irgendeine Starkrankheit, sondern die kommen von etwas anderem. 
Nicht wahr, die Einspritzungen, die haben die Eigentumlichkeit, dafi 
sie zuweilen die Muskeln, die in der Nahe sind, etwas schwacher ma- 
chen, und dann kann man nicht mehr so frei die Muskeln entfalten; das 
Auge wird ein birchen starr. Wenn man nun das Auge auf etwas ein- 
stellt, stellt es sich nicht gleich richtig ein, und dadurch kommen diese 
«Miicken und Fliegen» heraus. Also es ruhrt dies oftmals nur her, ich 
mochte sagen, von einer kleinen Schwache in der Einstellung. Warum 
haben Sie denn die Iriseinspritzungen bekommen? 

Fragesteller: Man dachte, es sei der Glaskorper. 

Dr. Steiner: Es ist ja so, dafi man immer besser tut, solche Dinge 
durch andere Mittel zu bekampfen, also so lange es geht, durch innere 
Mittel. Manche Dinge kann man nicht durch innere Mittel bekampfen; 
dann versucht man zu impfen. Aber eine Sorge brauchen Sie deshalb 
doch nicht zu haben. Das ist nicht notig. 

Ist vielleicht noch eine andere Fraee aufzuwerfen, die wir beantwor- 
ten konnen? 

Fragesteller: Ich mochte noch einmal zuriickkommen auf das Drehen. Mir und auch 
meinen Kollegen ist aufgefallen, wenn wir auf das Herz zu sprechen kommen, da£ da ei- 
nige Unklarheit ist. Ich habe dariiber nachgedacht, wie Herr Doktor uns einmal aufge- 
zeichnet hat, wie die Erde mit dem Mond zusammenhangt und das Fluidum - ich weif? 



nicht, ob ich mich richtig ausdrucke -, die Sonne drum herum ist. Das Herz ist auf der 
linken Seite im Korper. Ich mochte nun fragen, ob das Herz eigentlich auch mit diesem 
ganzen Weltgetriebe zusammenhangt? 

Dr. Steiner: Da miissen wir an verschiedenes erinnern, was wir auch 
schon besprochen haben. Ich habe einmal gesagt: Uber das Herz hat 
man heute in der Wissenschaft iiberhaupt falsche Ansichten. Man denkt 
sich, das Herz sei eine Art von Pumpe, und das Herz pumpe das Blut 
iiberall hin in den Korper. Man denkt sich also: Das Herz zieht sich 
zusammen. Wenn sich das Herz zusammenzieht, wird es kleiner, halt 
weniger Blut in sich. Dadurch stoftt es das Blut durch die Adern aus, es 
wird in den Korper gestoften, und weil das Herz elastisch ist, denkt 
man, dehnt es sich wiederum aus. Dadurch kommt das Blut wiederum 
zuriick. - Also man schreibt heute dem Herzen zu, dafi es sich wie eine 
Pumpe verhalt, dafi es also das Blut durch den Korper hindurchpumpt. 

Sehen Sie, das ist eine ganz falsche Ansicht. Es ist iiberhaupt eine 
Ansicht, die nur aus der materialistischen Zeit stammt, die also alles zu- 
riickfuhrt auf das Maschinelle, wenn man meint, das Herz soil eine 
richtige mechanische Pumpeinrichtung sein, die das Blut durch den 
ganzen Korper pumpt. Dabei nimmt man gar keine Riicksicht darauf, 
wie eigentlich das ganze Leben in einem lebendigen Wesen vor sich 
geht. Ich mochte Sie dabei auf eines aufmerksam machen. 

Es gibt ein ganz kleines, niederes Tierchen, das besteht eigentlich nur 
aus einer Art von Schlauch. Wenn ich dieses Tierchen aufzeichnen 
Tafels wollte, so miiftte ich es etwa so aufzeichnen (siehe Zeichnung): Da 
ware eine Haut. Solch ein Schlauch ist das Tier. Da drinnen ist es 
hohl, und da ist es einfach so wie ein kleiner Hafen, ein kleiner Napf. 
Da hat es noch kleine Fangwimpern, solche Harchen, mit denen es 
sich bewegen kann. Es lebt im Wasser, dieses Tierchen. Hydra heifk es, 
weil es im Wasser lebt. Dieses Tierchen, Hydra, hat die Eigentumlich- 
keit, daft es eigentlich, wenn man es mit hoheren Tieren oder mit dem 
Menschen vergleicht, nichts anderes als ein blofier Magen ist. Und die- 
ser Schlauch tut eigentlich nichts anderes, als dafi er allerlei Kornchen, 
also allerlei Nahrungsmittel, die in seine Nahe kommen, aufnimmt und 
da drinnen verdaut. Das Tierchen lebt also im Wasser; im Wasser 
schwimmen allerlei Nahrungsstoffe. Das Tierchen schwimmt herum, 



schwimmt an die Nahrungsstoffe heran, nimmt diese Nahrungsstoffe 
auf, macht es also geradeso wie unser Magen; der nimmt auch auf. Den 
Schlund, den Mund, der die Nahrungsstoffe vorbereitet, den hat natiir- 
lich dieses kleine Tierchen nicht. Die Hydra nimmt einfach diese Nah- 
rungsmittel auf und verdaut sie. Das Eigentumliche ist allerdings dies, 
dafi es das Abscheidungsorgan, den After, mit dem Mund zugleich hat. 
Es sondert auch gleich wieder durch den Mund ab. Also, es ist alles 
beisammen bei diesem Tierchen. 



Nun ist es ja naturlich: Wenn etwas iiberhaupt ein lebendes Wesen, 
namentlich ein Tierchen sein will, so muE es nicht nur essen - essen 
mufi es aber es mufi auch atmen. Und dieses Tierchen, das atmet 
namlich mit der Aufienseite seiner Haut. Da iiberall sind ganz kleine 
Lochelchen. Die sind ja iiberall, wo organischer Stoff ist, lebendiger 
Stoff ist, diese Lochelchen. Und durch diese Lochelchen saugt es aus 
dem Wasser die Luft ein, die es braucht. Also man kann sagen: Dieses 
Tierchen, die Hydra, hat eine Innenseite, einen Hohlraum, mit dem es 
frilk, Aufierlich, an seiner Auftenseite, hat es seine Atmungsorgane. 
Das Tier zieht also die Luft ein, und die Luft kommt auch da in der 

itte nerein m aiesen nonieri rUum. - ju»as lierchen kann tressen, at- 
men. Damit beschaftigt es sich iiberhaupt. Das Tierchen schwimmt 
iiberall im Wasser herum, frifk und atmet aus dem Wasser die Luft ein, 
die ja auch im Wasser enthaken ist. 




Tafel 5 
links 



Was wird nun der materialistische Mensch sagen? Der wird sagen: 
Nun ja, dieses Tierchen, das besteht einfach aus dieser Haut. Diese 
Haut, die ist im Inneren so gewachsen, dafi sie im Inneren ein Ernah- 
rungsapparat ist, und aulSen ist sie ein Atmungsapparat. - So sagt der 
Materialist. Aber wir konnen nicht so sagen, denn wir miissen das als 
eine hdchst oberflachliche Ansicht betrachten und miissen sagen: Nein, 
dieses Tierchen hat auch einen Atherleib, in dem es drinnensteckt, und 
auch einen Astralleib, in dem es eben auch drinnensteckt. Das hat es 
noch, das sind die unsichtbaren Glieder. 

Nun, meine Herren, kann man durch irgend etwas beweisen, daft das 
Tier auch noch etwas Unsichtbares ist aufier dem Sichtbaren? Der Ma- 
terialist sagt: Um das Sichtbare kummere ich mich, um das Unsichtbare 
kiimmere ich mich nicht. Das Sichtbare, das zeigt mir im Inneren eine 
Art Magen, aufien ist das eine Art Lunge, und damit bin ich zufrieden. 

Nun kann man etwas Besonderes machen mit diesem Tier. Nicht 
wahr, meine Herren, unsereiner tragt keine Handschuhe, aber man 
weifi doch noch, wie das ausschaut. Wenn Sie einen Handschuh haben, 
so konnen Sie den umdrehen. Denken Sie sich also, der Handschuh ist 
aufien meinetwillen braun und innen hat er ein graues Futter. Wenn Sie 
ihn nun umdrehen, so dafi das Graue auften ist und das Braune innen, 
so haben Sie ihn ganz richtig umgestiilpt; jetzt ist das Innere aufien und 
das Aufiere innen. Sie konnen ja einen Fingerling davon abschneiden 
und das jetzt mit dem einzelnen Fingerling machen. Dann haben Sie 
namlich, wenn Sie den Fingerling abschneiden und umdrehen, so etwas 
wie diese Hydra. Die Hydra schaut so aus wie ein einzelner Fingerling. 
Und das Merkwiirdige ist: So wie man diesen Fingerling umdrehen 
kann, so dafi das Innere aulten und das Aufiere innen ist, so kann man 
auch diese Hydra umdrehen. Man kann das machen, kann sie richtig ura- 
Tafel 5 drehen. Und dann ist das, was ich hier (in der Zeichnung, S. 53) rot ge- 

links • 

und Mkte zeichnet habe, aufien und das, was ich blauviolett gezeichnet habe, das 
ist jetzt da drinnen. Aber der Hohlraum ist ja jetzt auch da drauften, 
und was fruher draufien war, das ist jetzt drinnen. Und das Merkwiir- 
dige dabei ist: Jetzt fangt plotzlich die Hydra an, auch wiederum her- 
umzuschwimmen. Es macht ihr gar nichts aus. Sie schwimmt wiederum 
im Wasser herum, sie frifit und atmet. Sie frifit jetzt geradeso die Korn- 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:54 



chen in diesen Hohlraum hinein, der neu entstanden ist, und atmet 
durch das, was friiher die Magenwand war. Also der Hydra macht das 
gar nichts aus. Es schadet ihr gar nichts. Sie fangt an, mit dem, womit 
sie friiher geatmet hat, zu fressen, und mit dem, womit sie friiher ge- 
fressen hat, zu atmen. 



Ja, meine Herren, wenn das so ware, daft das nur so gewachsen ware, 
und da im Inneren nur ein Magen ware und auften Atmungsorgane, 
da konnte ja die Hydra gar nichts anderes machen, als da innen ein- 
zuatmen und von auften anfangen zu fressen. Das tut sie aber nicht, 
sondern im Moment, wo sie umgedreht wird, macht sie ihren Magen 
zur Lunge und ihre Lunge zum Magen. Ja, nun mochte ich wissen, 
wenn sonst nichts da ware als Magen und Lunge, wie das geschehen 
ware! Wenn Sie ein Werkzeug haben, einen Handschuh oder was es ist 
- den konnen Sie umdrehen, wenn es etwas Aufteres ist. Wenn es etwas 
Inneres ist, konnen Sie es natiirlich nicht einfach umdrehen. Also das- 
jenige, was da als Atherleib und astralischer Leib noch daran ist, das 
Unsichtbare, das bleibt. Und weil das da ist, kann einfach der Korper 
der Hydra umgedreht werden. Also Sie sehen: Betrachtet man nur mit 
einem klaren Blick dasjenige, was eigentlich in der Natur vorgeht, dann 
findet man sogleich heraus, daft die materialistische Ansicht absolut 
falsch sein muft. So daft man sagen kann: Dasjenige, was da eigentlich 
friftt und was atmet, das ist etwas Unsichtbares. Und weil der Korper 




Tafel 5 
Mitte 



der Hydra nicht so festgemacht ist wie bei uns, nicht Knochen und 
Muskeln hat, sondern alles ein und derselbe Stoff ist, deshalb kann eben 
die Hydra diesen einen Stoff zu allem brauchen. 

Nicht wahr, wir konnen nur deshalb nicht unseren Magen nach au- 
ften drehen, weil er so besonders ausgestaltet ist, weil wir nicht aus 
einer solchen gleichen Stofflichkeit bestehen wie die Hydra, sondern 
unsere Stoffe verschieden sind. Aber im Inneren muE unser Magen auch 
atmen, und die Luft, die wir in ihm haben, die zieht er ebenso von 
auften ein. Also unser Magen ist schon eine Art von Hydra. 

Aus alien diesen Dingen, zu denen man noch vieles hinzufiigen 
kdnnte, geht aber hervor, daft man am kleinsten Tier schon nachweisen 
kann: Da ist etwas Unsichtbares, was diesem Tier zugrunde liegt. 

Nun, meine Herren, daraus sehen Sie aber, daft auch, wenn wir da- 
von sprechen, was eigentlich unseren ganzen Menschen bewegt, wir 
darauf kommen, daft es etwas Unsichtbares ist. Wenn Sie die auftere 
Bewegung nehmen, wenn wir gehen, da werden Sie gar nicht darauf 
kommen, daft etwa Ihre grofte Zehe es ist, die den Schritt macht, son- 
dern da sagen Sie: Ich gehe, mein Wille ist es, der da verursacht, daft 
ich gehe. - Wenn im Inneren die Organe sich bewegen - und es bewegt 
sich ja nicht bloft das Herz, es bewegen sich zum Beispiel die Gedarme 
fortwahrend; die Gedarme bewegen sich in Wellenbewegungen, sonst 
konnte der Speisebrei nicht verdaut werden; also im Inneren des Men- 
schen bewegt sich ja auch alles, fortwahrend geschehen Bewegungen im 
Inneren -, wenn also im Inneren die Organe sich bewegen, so werden 
diese Bewegungen nicht hervorgerufen durch dasjenige, was Materielles 
in uns ist, sondern sie werden hervorgerufen durch dasjenige, was un- 
sichtbar in uns ist. So daft wir sagen miissen: Das Herz ist nicht eine 
Pumpe, sondern das Herz wird bewegt durch unseren astralischen 
Leib. - Also wir haben einen astralischen Leib, und der bewegt das 
Herz, respektive weil im astralischen Leib auch unser eigentliches Ich 
drinnen ist, bewegen wir auch mit unserem Ich unser Herz, und zwar 
bewegen wir es jetzt auf eine ganz besondere Weise. 

Wenn Sie das Herz anschauen, so liegt es, wie der Herr Burle ganz 
richtig gesagt hat, bei einem normalen Menschen etwas an der linken 
Seite, nicht stark, nicht so stark als man gewohnlich meint, aber es liegt 



etwas an der linken Seite. Und dann gehen vom Herzen hier die grofien Tafel 5 
Adern aus. Die grofie Schlagader und die anderen Adern gehen eigent- 
lich vom Herzen aus. 

Nun ist das so: Wenn ich zum Beispiel einatme, da ernahre ich mich 
gewissermafien mit dem Sauerstoff. Wenn ich ausatme, gebe ich die 
Kohlensaure von mir. Wenn ich die Kohlensaure von mir gegeben 
habe, bekomme ich sogleich Sauerstoffhunger. Ich will wieder einat- 
men. Ja, das hat zunachst mit meinem Herzen gar nichts zu tun, son- 
dern mit meinem ganzen Leib. Mein ganzer Leib bekommt den Sauer- 
stoffhunger. Dadurch, dafi er den Sauerstoffhunger bekommt, kommt 
er in den Trieb hinein, all sein Blut zu bewegen, denn das Blut mufi 
Sauerstoff haben. Der Korper schickt durch seinen astralischen Leib das 
Blut dahin, wo es den Sauerstoff kriegen kann. 

Oder nehmen Sie an, ich gehe oder ich arbeite. Da verbrennt in mir 
die Nahrung. Das habe ich Ihnen ja schon einmal ausgefiihrt. Dadurch 
wird das Blut arm an Nahrung. Wenn man arbeitet, wird immer das 
Blut arm an Nahrung. Jetzt, was will das Blut? Das Blut will wiederum 
Nahrung bekommen. Das Blut reifk gewissermafien die Nahrung, die 
der Magen und die Gedarme aufgenommen haben, an sich. Das alles, 
dieser Lufthunger, Nahrungshunger, das bringt das Blut in Bewegung. 
Das Blut ist es, das zunachst sich bewegt, und das Blut reifit das Herz 
mit. Also es ist nicht das Herz, das das Blut durch den Leib pumpt, 
sondern das Blut bewegt sich durch Lufthunger, durch Nahrungshun- 
ger, und dadurch wird das Herz bewegt. So dafi wir also sagen miissen: 
Unser unsichtbarer Mensch ist es, der das Herz bewegt. 

Nun, meine Herren, wenn Sie das jetzt horen, so konnen Sie eine 
Frage aufwerfen. Sehen Sie, bei unserer Anthroposophie ist es immer 
so, daft die Gegner meinen, sie machten die Einwande. Die Einwande 
kennt man aber lange vorher. Die macht man sich vorher selber. Des- 
halb mache ich Sie immer auch auf die Einwande aufmerksam. Sie kon- 
nen einwenden: Ja, wozu haben wir denn das Herz, wenn es nicht das 
Blut durch den Korper pumpt? Wenn das Blut sich bewegt, brauchten 
wir vielleicht gar nicht das Herz, das da mitgerissen werden soil. 

ja, sehen Sie, das sagen diejenigen Menschen, die keinen rechten Be- 
griff haben vom ganzen rnenschlichen Leib. Es ist ein grofter unter- 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:57 



schied zwischen dem menschlichen Kopf und dem iibrigen Menschen. 
Ich habe Ihnen schon einmal etwas von diesem Unterschied gesagt. 
Nehmen Sie einmal an, Sie gehen oder Sie arbeiten. Ja, der Kopf arbei- 
tet da nicht mit. Der Kopf sitzt am iibrigen Korper, wie man ungefahr 
in einer Kutsche sitzt. Da sitzt man ganz ruhig. Die Kutsche mufi ihre 
Rader bewegen, die Rosse miissen ziehen. Aber so miissen unsere 
Hande, unsere Fiifie arbeiten, und der Kopf, der sitzt drinnen als der- 
jenige, der nicht mitarbeitet, nicht wahr? Sonst miifiten wir an den 
Ohrwascherln irgendwie Seile haben, und mit denen miifken wir die 
Rader an den Maschinen in Bewegung setzen. Das tun wir nicht. Der 
Kopf arbeitet nicht mit. Denken Sie sich einmal, man konnte da sich 
einmal am Haarschopf - die meisten Menschen in der Gegenwart konn- 
ten das nicht mehr, weil sie eine Glatze haben - solche Seile anmachen. 
Das wiirde dem Menschen sehr schlecht bekommen. Der Kopf arbeitet 
eigentlich nicht mit, der sitzt ruhig auf unserem iibrigen Organismus. 
Allein, warum tut er das? Ja, sehen Sie, der Kopf ist eben etwas ganz 
anderes als der andere Mensch. Der andere Mensch ist ein Bewegungs- 
apparat. Der Kopf ist nur insofern ein Bewegungsapparat, als er die 
Bewegungen mitmacht und so weiter; da wirken eben die Bewegungen 
herauf in unseren Kopf. Aber der Kopf ist nicht dasjenige, was selber 
die Bewegungen macht. 

Der Kopf hat nach auften hin die Sinnesorgane. Da nimmt er das 
wahr, was drauften ist. Aber der Kopf nimmt auch noch das wahr, nur 
unbewufit bei den meisten Menschen, was im Inneren vorgeht. Wenn 
ich nach auften gucken will, damit ich weifi, was draufien vorgeht, 
brauche ich meine Augen. Wenn ich nach innen gucken will, nach der 
Blutzirkulation, brauche ich mein Herz. Das Herz ist nicht dazu da, 
dafi es das Blut durch den Korper pumpt, sondern es ist ein Sinnesor- 
gan, das alles wahrnimmt, wie der ganze Kopf. Wir konnten nichts 
wissen von unserer Blutzirkulation - natiirlich, mit unserem Oberstiib- 
chen wissen wir auch nichts davon, aber im Kopf drinnen muft ein Wis- 
sen sein -, wenn der Kopf nicht durch das Herz unsere ganze Blutzir- 
kulation wahrnehmen wiirde. 

Ich habe Ihnen gesagt, wie die Leber ein Wahrnehmungsorgan ist. 
Die unteren Bewegungen nimmt zum Beispiel die Leber wahr. Aber 



was der ganze Mensch fiir Bewegungen hat, nimmt schon das Herz 
wahr. Dadurch wird das Herz in Bewegung gesetzt. Durch die Bewe- 
gungen, die hervorgerufen werden durch Atmungshunger und Nafr- 
rungshunger, wird das Herz in Bewegung gesetzt. Und an den Bewe- 
gungen des Herzens merkt man,,ob im Korper eben etwas in Ordnung 
oder in Unordnung ist. 

Meine Herren, das konnen Sie ja leicht sehen. Was tut man denn, 
wenn einer krank wird? Das erste ist, man fuhlt den Puis. Derjenige, 
der sich angewohnt hat, den Puis zu erkennen, der kann ungeheuer viel 
am Pulsschlag erkennen. Der Pulsschlag ist wirklich ein Barometer fiir 
den ganzen Gesundheits- und Krankheitszustand. Aber der Pulsschlag 
ist ja nichts anderes als die Bewegungen des Blutes. Dasjenige, was man 
tut, wenn man beim Kranken den Puis fuhlt, das macht der Kopf fort- 
wahrend. Er fuhlt fortwahrend durch das Herz die ganze Blutzirkula- 
tion. Uberhaupt alles, was im Leibe vorgeht, fuhlt der Kopf durch das 
Herz. 

Nun, denken Sie sich, einer hat an einem gewissen Abend furchter- 
lich viel Alkohol getrunken, war, wie man sagt, griindlich betrunken. 
Dadurch kommt diese ganze Blutzirkulation in Unordnung. Am nach- 
sten Tage merkt der Kopf durch das Herz: Die ganze Blutzirkulation 
ist in Unordnung. Er bekommt dasjenige, was der Katerzustand ist, 
nicht wahr, den bekannten Brummschadel. Ja, warum brummt es denn 
da im Kopf? Sehen Sie, wenn ein schoner Tag ist, und ich gehe mit 
meinen Augen durch die Gegend, da habe ich einen schonen Eindruck. 
Wenn da draufien ein furchtbares Wetter ist, da habe ich einen schlech- 
ten Eindruck. Ja, meine Herren, wenn im Blut alles ordentlich sich be- 
wegt, da hat der Kopf einen guten Eindruck, da ist im Kopf alles ge- 
ordnet. Wenn es aber so zugeht, dafi ein Gewitter ist im Blute - das ist 
es, wenn einer sich am Abend betrunken hat -, dann hat der Kopf 
durch das Herz eben einen eewitterieen Eindruck, da schwummelt alles 
durcheinander. 

Also wir verstehen das, was das Herz ist, erst dann, wenn wit wis- 
sen: Das Herz ist eigentlich das innere Sinnesorgan, durch das der Kopf 
alles das wahminimt, was im Korper vor sich geht. 

Wenn wir uns umsehen in der Welt, dann stel.lt sich heraus, dafi der 



Mensch durch seinen unsichtbaren Teil, durch dasjenige, was ich seinen 
astralischen Leib genannt habe, im Verhaltnis zu der ganzen Welt steht. 
Die wichtigsten Sterne, zu denen der Mensch im Verhaltnis steht, sind 
Sonne und Mond. Nun, mit der Sonne, da steht hauptsachlich der 
menschliche Kopf in Beziehung, aber % der iibrige Mensch steht tatsach- 
lich mit dem Mond in Beziehung. Und man kann sagen, es ist natiirlich 
ein furchtbarer Aberglaube, wenn man meint, mit den jetzigen Mondes- 
phasen konne man irgend etwas machen. Aber im Menschen ist ein 
Rhythmus, der sich auch im Blute ausdriickt und der ahnlich ist dem 
Mondenrhythmus. Der Mensch richtet sich schon nach der ganzen 
Welt. Und so ist es auch der Fall, daft tatsachlich die innere Bewegung 
des Blutes nicht allein von der Nahrung abhangt. Wenn der Mensch 
ganz gesund ist - er ist ja in gewisser Weise ein freies Wesen -, dann 
macht er sich in gewissem Sinne unabhangig von den au£eren Naturein- 
fliissen, macht sich auch in gewissem Sinne unabhangig von der ganzen 
Welt. Aber in dem Augenblick, wo der Mensch anfangt ein biftchen 
krank zu werden, da wird er abhangig von der ganzen Welt. 

Nehmen Sie an, irgend jemand ist krank und man merkt die Krank- 
heit an seinem Puis. Es ist dann fur denjenigen, der das wahrnehmen 
kann, ein riesengrolSer Unterschied zwischen dem Puis am Morgen und 
dem Puis am Abend. Man kann viel daran sehen, wie sich der Morgen- 
puls und der Abendpuls unterscheiden. Aber aufierdem ist fur gewisse 
Kranke ein grower Unterschied zwischen dem Puis, der bei Vollmond 
und dem Puis, der bei Neumond ist. Der Mensch ist eben abhangig. 
Wenn er sich auch in gesundem Zustand unabhangig machen kann, eine 
gewisse Abhangigkeit bleibt vorhanden, und die zeigt sich besonders 
bei der Krankheit. So daft wir sagen miissen: Wir sind in dem, was 
einen Eindruck auf unser Herz macht, schon in einer Beziehung zu der 
Bewegung der Weltkorper, namentlich des Mondes. Wir sind in Bezie- 
hung zu der Bewegung des Mondes. - In dieser Beziehung mitfken 
eigentlich noch recht, recht viel Beobachtungen gemacht werden. 

Ich habe Ihnen vorhin gesagt: Bei einem normalen Menschen ist es 
so, daft das Herz etwas nach links geriickt ist. Aber geradeso wie es 
Linkshander gibt und die meisten Menschen Rechtshander sind, mit der 
Rechten alles machen, so gibt es kurioserweise auch Rechtsherzer. Es 



gibt namlich Menschen, die haben das Herz nicht links, sondern auf 
der rechten Seite. Meistens wird das iiberhaupt nicht bemerkt, weil der 
Unterschied da naturlich ein innerlicher ist. Wenn einer ein Linkshan- 
der ist, nicht wahr, so merkt man das sehr bald, aber wenn sein Herz 
etwas nach rechts statt nach links geschoben ist, so merkt man das nicht 
so bald. Aber es ware interessant, gerade solche Leute, die das Herz auf 
der rechten Seite haben, auch einmal zu priifen, wie sie im Leben etwas 
anders sind als diejenigen, die das Herz auf der linken Seite haben. Der- 
jenige, der das Herz auf der rechten Seite, also nach rechts hin verscho- 
ben hat, der ist namlich ein Mensch, welcher gewisse Dinge, die er 
macht, eigentlich immer zu einer gewissen Jahreszeit oder zu einer ge- 
wissen Tageszeit machen mufi. Der Rechtsherzer, der ist viel mehr ab- 
hangig von der aufieren Umgebung als der Linksherzer. Und wenn das 
Herz nur ein kleines bifichen nach rechts geriickt ist - es sitzt ja nicht 
iiberall bei jedem Menschen an derselben Stelle, sondern ein biffchen 
anders bei jedem Menschen -, wenn es noch immer links ist, aber doch 
ein klein bifichen nach rechts geriickt ist, so hat er gleich die Sehnsucht, 
sich mehr nach der aufieren Umgebung zu richten. Er will gleich, sagen 
wir, im Friihling etwas Besonderes tun und im Herbst etwas Besonde- 
res tun. Man kann das natiirlich nicht immer und ruiniert sich dann. 
Die Menschen wissen ja gar nicht, wodurch sie sich ruinieren konnen. 

Man mufi zum Beispiel in der Schule bei Kindern, die das Herz etwas 
nach rechts geriickt haben, gleich etwas anders vorgehen - das braucht 
ja gar nicht bemerkt zu werden - als bei denjenigen Kindern, die das 
Herz an der rechten Stelle haben. Der Mensch wird dann, wenn er das 
Herz nach rechts geriickt hat, dazu veranlalk, seinen astralischen Leib 
viel mehr in Anspruch zu nehmen. 

Sehen Sie, meine Herren, das ist die Geschichte: Wenn einer lange 
Zeit an einer Maschine arbeitet, da werden Sie sich sagen konnen, es 
wird im allgemeinen so, daft die Arbeit mechanisch wird. Sie wird ja 
unangenehmer dadurch, dafi man selber zu einem Stuck Maschine wird, 
aber wenn man lange Zeit an einer Maschine arbeitet, so macht man die 
Handgriffe und so weiter mechanisch. Denken Sie sich, man ist ganz 
normal ein richtiger linksherziger Mensch. Der Vater war auch ein 
linksherziger Mensch, der Grofivater auch, der Urgrofivater auch. Da 



hat sich langsam das schon eingeschlichen. Und wenn man da nun als 
Sohn geboren wird, so macht man natiirlich dieselbe Bewegung inner- 
lich, die schon Vater und Grofivater und Urgrofi vater gemacht haben. 
Das geht so leicht, wie wenn man an einer Maschine schon lange gear- 
beitet hat. 

Wenn man ein rechtsherziger Mensch ist, da ist die Lage des Herzens 
nicht vom Vater geerbt. Der Vater ist in der Regel nicht auch ein 
rechtsherziger Mensch. Das vererbt sich nicht. Da mufi man erst aus 
seinem astralischen Leib heraus die Dinge gewissermafien immer wieder 
neu anfangen. Da hat man nicht die ganze Vererbung drinnen. Und die 
Folge davon ist, dafi ein solcher Mensch, der ein rechtsherziger Mensch 
ist, eben viel mehr innere Kraft anwenden mufi, um die ganze Blutzir- 
kulation in Ordnung zu haben. Und daher kommt es, dafi ein solcher 
Rechtsherzmensch sich viel mehr nach dem Aulteren richtet. 

Es ist sogar folgendes moglich. Nehmen Sie an, Sie seien gar kein 
Rechtsherzmensch, sondern ein ganz normaler Linksherzmensch. Aber 
wenn Sie nun Ballettanzer werden - das passiert ja auch den Mannern, 
aber den Frauen noch mehr -, so wird durch den Ballettanz auch das 
Herz beeinflufit. Jetzt ist ja der Ballettanz so, da!5 er eben auch sehr 
materialistisch ist. Aber in alten Zeiten, wenn die Menschen zum Tanz 
angehalten wurden, zum Beispiel im alten Griechenland, da wurde da- 
durch, daft sie sich dann hineinfugten in Bewegungen, die den Sternen 
nachgemacht sind, das Herz sogar wahrend des Lebens ein Stiickchen 
nach rechts geriickt, wie iiberhaupt beim Tanzer auch heute noch der 
Tanz durchaus, wenn er auch materialistisch geworden ist, auf das 
Herz einen starken Eindruck macht, weil es eben etwas nach rechts 
riickt. Und wenn man mehr auf diese Dinge achten wurde, wiirde man, 
wenn man den Menschen dann seziert nach dem Tode, schon sehen, 
wie das Herz gewisse Gefafte auseinandergedehnt hat. Dadurch, daft 
der Betreffende ein Tanzer oder eine Tanzerin war, ist das Herz - das 
kann man ihm nach dem Tode noch ansehen - eben ein Stiickchen nach 
rechts geriickt worden. 

Dadurch beantwortet sich die Frage, die Herr Burle gestellt hat. Sie 
beantwortet sich dadurch, dafi man sieht: Der Mensch will eigentlich, 
wenn er mehr seinem astralischen Leib iiberlassen ist, nicht seiner ge- 



wohnlichen Blutzirkulation folgen, sondern er will diese noch mehr 
beherrschen, und dadurch gibt er sich Bewegungen hin, die eben mehr 
nach den Bewegungen aufierhalb der Erde, nach dem Mond geartet sind. 
Kann man das verstehen? (Antwort: Ja!) 

Also das, was Sie heute gefragt haben, dafi sehr leicht bemerkt wird, 
dafi der Mensch eine gewisse Sehnsucht hat, das zu machen, hangt eben 
damit zusammen, dafi der Mensch seine ganze Herzbewegung von dem 
unsichtbaren Teil aus beherrscht, dafi er ja dann, ich mochte sagen, ein 
bifichen hinuberrutscht nach dem Unsichtbaren und dafi er dann eigent- 
lich nach dem Aufieren sich richtet und nicht blofi nach der inneren 
Blutbewegung, die sich nach Atmung und Nahrung richtet. Alle diese 
Dinge kann man erklaren, wenn man den Menschen wirklich versteht. 

Und jetzt mochte ich Ihnen etwas sagen, was noch ein bifichen mit 
dem zusammenhangt, was wir das letzte Mai besprochen haben. Wir 
haben das letzte Mai gesehen: Da im Auge drinnen, da ist diese kleine 
Linse (es wird gezeichnet). Wenn der Mensch ganz normales Sehen hat, Tafel 5 
dann ist diese kleine Linse durchsichtig. Wenn der Mensch den Star be- 
kommt, dann wird die Linse undurchsichtig. Salze lagern sich ab. So 
dafi wir also sagen konnen: Bei einem gesunden Menschen ist hier im 
Auge - wenn das das Vordere des Auges ist - die Linse; die ist durch- 
sichtig. Bei einem Menschen, der starkrank ist, haben wir die Linse, in 
der sich Salze abgelagert haben, undurchsichtig. Dadurch, dafi die 
Linse durchsichtig ist, kann der astralische Leib des Menschen mit der 
durchsichtigen Linse die Welt sehen. Er sieht alles in der Welt. 

Wenn man sich durch solche Dinge, wie ich sie beschrieben habe in 
dem Biichelchen: «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?», an ein ganz, ganz intensives Denken gewohnt, so kommt einmal 
ein Moment, wo man etwas ganz Besonderes kann. Aber an ein ganz 
intensives Denken sich gewohnen, das wollen ja die Menschen heute 
nicht leicht. Denn sich ganz zuriickziehen auf sein eigenes Denken, das 
machen eben die Menschen heute nicht, weil sie sagen: Es mufi uns al- 
les von aufien gegeben werden; die Geheimnisse der Welt miissen 
wir von aufien erforschen. - Naturlieh, es ist ja auch unbequem, denn 
man mufi sehr achtgeben bei diesem Denken. Wenn man sehr leben- 
dig denkt, mufi man natiirlich furchtbar achtgeben. Aber es kommt 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:S3 



dann einmal ein Moment im Leben, wo man etwas ganz Besonderes 
kann. 

Nicht wahr, daft ich mit meiner Hand einen Stuhl hebe, das begreift 
jeder, weil es fortwahrend geschieht. Aber ich kann auch meine Hand 
in Ruhe lassen, kann sie nicht gebrauchen zu dem, was sie sonst tut. 
Dasjenige, was die Augenlinse tut, das steht nicht so in der Macht der 
Menschen. Wenn Sie von aufien einen Eindruck haben, nun, dann guk- 
ken Sie durch Ihre Augenlinse eben nach diesem Eindruck hin. Wenn 
Sie keinen Eindruck haben, dann bleibt die Augenlinse in Ruhe. 

Aber, meine Herren, denken Sie sich, jemand hat sich wirklich Miihe 
gegeben, ein ganz starkes Denken zu haben. Er ist ganz nur im innerli- 
chen Denken. Er guckt nicht nach aufien, er lafit seine Augenlinse so in 
Ruhe, wie man die Hand in Ruhe lafk, wenn man nichts tut mit ihr. Ja, 
da spiegelt sich dann an der Stelle, wo man sonst die durchsichtige 
Linse hat, mit der man sonst sieht, der ganze Sternenhimmel. Das ist 
namlich, ich mochte sagen, das geradezu Wunderbare, dafi man durch 
diese Methode, die man ausbildet auf die Art, wie ich es beschrieben 
habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», die ein- 
zelnen Organe nicht nur fur die Erde, sondern eben fur die andere Welt 
gebrauchen lernt. Wenn sich natiirlich Salze abgelagert haben, wird die 
Linse starkrank, da wird sie unwillkurlich undurchsichtig. Wenn einer 
recht tief nachdenkt, bleibt sie durchsichtig, aber der Mensch sieht 
nicht durch die Linse, er guckt nicht nach aufien. Und da fangt es an, 
von der Linse aus die ganze Welt zu beleuchten. Aber man sieht dann 
das Geistige. Und zwar sieht man den ganzen Sternenhimmel nach sei- 
ner wahren, inneren Bedeutung. Diese kleine Stelle im Menschen, wo 
die Linse sitzt, die kann einen unterrichten iiber all dasjenige, was man 
sich dann getraut zu sagen iiber Sterne und so weiter. Sehen Sie, so 
groftartig ist es eigentlich mit dem Menschen, dafi „an dem kleinsten 
Punkte der Sitz von Erkenntnissen ist, die ungeheuer sind. 

Derjenige, der starkrank ist - man braucht das natiirlich keinem 
Menschen zu wiinschen -, der hat sogar diese ganze Geschichte leich- 
ter, der braucht sich nicht so stark mit dem Denken anzustrengen. Er 
braucht nur ein ganz wenig sich zu konzentrieren, so kann er es dahin 
bringen, dafi er innerlich sieht, wenn er aufierlich das Sehen verlernt 



hat. Das ist aber dasjenige, was immer betont werden mufi, wenn man 
von solchen hoheren Erkenntnissen spricht: Wenn man von solchen 
hoheren Erkenntnissen spricht, dann liegt es immer so nahe, dafi man 
sich natiirlich zu stark anstrengen kann, und dann kann statt der hohe- 
ren Erkenntnis schon etwas eintreten wie, sagen wir, die Stoning der 
Linse. Die Linse kann dann durch dieses starke innere Konzentrieren, 
wenn man auch nicht starkrank wird, aber etwas undurchsichtiger wer- 
den. Daher ist in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der 
hoheren Welten?» alles so beschrieben, dafi ein Mensch das, was da be- 
sprochen ist, erreichen kann, aber eben nicht krank wird dadurch. Es 
darf eben keine Ubung so beschrieben werden, dafi man auch krank 
werden kann dadurch. Aber diese Linse, die ist der Ort im Menschen, 
der uns tatsachlich im Inneren des Auges die ganze Geisteswelt enthul- 
len kann. Und so konnen wir sagen: Man kann aufierlich sehen, wenn 
alles durchsichtig ist im Auge. Man kann innerlich sehen, wenn etwas 
willkurlich undurchsichtig gemacht wird. 

Ja, meine Herren, das ist schon etwas, was Ihnen deutlich machen 
kann, wie eigentlich die Erkenntnis von geistigen Welten entsteht. Die 
Erkenntnis von geistigen Welten entsteht eben dadurch, daft man zuerst 
in seinem Kopfe die einzelnen Punkte findet, die man also nicht 
braucht zu der gewohnlichen Tatigkeit, dadurch, dafi sie ruhen. Durch 
die Linse lernt man zunachst die auftere Welt kennen. Aber man kann 
den ganzen Korper so weit bringen, dafi alles mogliche innerlich fur 
einen Augen^lick nicht gebraucht wird. Wenn man zum Beispiel das 
Herz nicht gebraucht - die Blutzirkulation kann weitergehen, aber man 
schaltet das Herz aus als Sinnesorgan -, dann fangt man erst an, die 
ganze Blutzirkulation wahrzunehmen. Aber dann nimmt man nicht 
blofi die Blutzirkulation wahr. Wenn Sie Ihr Herz so machen, daft Sie 
gewissermaften durch Ihren Korper durchschauen auf die Blutzirkula- 
tion, wenn Sie also innerlich das Herz nicht empfinden und nicht den 
Pulsschlag empfinden, sondern durchschauen, wie Sie durch die Linse 
lernen durchschauen in die Welt hmaus mit dem Kopf, wenn Sie also 
durch sich selber durchschauen lernen, dann, meine Herren, dann se- 
hen Sie namlich jetzt nicht die Blutzirkulation allein, sondern Sie sehen 
die ganze Mondenbewegung, alles, was der Mond tut, und Sie sehen, 



wie der Mond sich zur Sonne verhalt. Und dann sehen Sie die Ver- 
wandtschaft des Herzens mit Sonne und Mond. 

Sehen Sie, in alten Zeiten ging das alles leichter fiir die Menschen. Da 
waren tatsachlich die Menschen noch nicht so eingeschult, nur alle Wis- 
senschaft von der AufSenwelt zu erfahren. Sie wollten ja iiberhaupt 
nicht alles blofi vor sich sehen. Wenn man einen Griechen, also einen 
Menschen, der gelebt hatte vor siebenundzwanzig-, achtundzwanzig- 
hundert Jahren, ins Kino gefuhrt hatte, ja, der hatte sich das Kino nicht 
lange angesehen, denn der ware namlich in Ohnmacht gefallen, weil in 
dem Momente, wo der alte Grieche darauf hingeschaut hatte, in seinem 
Inneren, aber nicht blofi in einem Gliede, sondern im ganzen Menschen 
das geworden ware, was Sie bekommen, wenn Ihnen ein Glied ein- 
schlaft, wenn etwas darauf driickt. Nicht einen richtigen Schlaf hatte 
der Mensch bekommen, aber dieses Einschlafen des ganzen Menschen 
ware entstanden, wenn Sie den alten Griechen in eine Kinovorstellung 
hingesetzt hatten. Er ware naturlich davon in Ohnmacht gefallen. Der 
alte Grieche hatte sich das also iiberhaupt nicht anschauen konnen, weil 
in dem Momente sein Kopf durch das Herz eine solche Stoning im 
ganzen Blutsystem bekommen hatte, dafi ihm sein ganzer Korper, nicht 
blol? einzelne Glieder, eingeschlafen ware, und der Kopf hatte nichts 
mehr beherrschen konnen. Er ware in Ohnmacht gefallen. Der Mensch 
ist eben ganz anders geworden, als er in alten Zeiten war. Heute hat der 
Mensch schon eine so unordentliche Blutzirkulation durch die moderne 
Kultur, dafi er nicht ohnmachtig wird im Kino. 

Wenn man sich mit Geisteswissenschaft wirklich innerlich ein bifi- 
chen beschaftigt hat und man kommt dann ins Kino, mufi man sich 
sehr zusammennehmen, sonst kann man heute noch in Ohnmacht fal- 
len. Aber nicht wahr, wir sind eben alle Menschen, und der eine nimmt 
die Eigenschaften des anderen an. Und es ist so, dafi der Mensch nicht 
mehr das Blutzirkulationssystem hat wie in alten Zeiten, wie der alte 
Mensch. Daher konnten die alten Menschen leichter durchschauen auf 
das Blutzirkulationssystem und konnten leichter reden von Sonne und 
Mond als wir. Wir sind abgeschnkten davon und mussen erst wieder 
dazu kommen durch Obungen. Wir mussen die Organe erst richtig 
wieder so machen, daft wir sehen konnen. 



Sehen Sie, der alte Grieche konnte daher noch verstehen, wenn altere 
Menschen eben ihm etwas erzahlt haben von dem, wie es auf der Erde 
eigentlich zugeht. Man darf nicht glauben, daft dasjenige, was aus dem 
Altertum iiberliefert ist, immer Aberglaube ist, nur haben es vielfach 
die Spateren so umgestaltet, daft es zum Aberglauben geworden ist. Es 
ist ja merkwiirdig, wie Dinge, die zuerst ganz verniinftig sind, eben 
spater einfach zum Aberglauben werden. Wenn man nicht mehr weifi, 
wie eigentlich die Sachen ausgefiihrt werden sollen, dann werden die 
Dinge zum Aberglauben. So zum Beispiel haben die alten Juden kein 
Schweinefleisch gegessen. Ja, die haben gewuftt, daft bei ihrer Rasse 
und der Gegend, in der sie waren, das Schweinefleisch sie schwach 
macht. Dann ist es spater Aberglaube geworden. Die Dinge, die spater 
zum Aberglauben werden, gehen immer auf friihere verniinftige Dinge 
zuriick. Wir miissen also nicht glauben, daft das, was als altes Wissen 
fruher vorhanden war, immer unsinnig ist, aber man kann sich nicht 
immer auf das Alte verlassen, weil die alten Dinge vielfach verfalscht 
sind. Deshalb mufi man alles neu erforschen. 

Deshalb ist es so unsinnig, wenn die Leute von der Anthroposophie 
sagen: Da wird zusammengesammelt, was einmal schon da war. - Es 
wird nichts zusammengesammelt, sondern alles neu erforscht! Und 
denjenigen, meine Herren, der Ihnen sagt: Da in der Anthroposophie 
sammeln sie nur alle moglichen alten Gnostiker zusammen — , den fra- 
gen Sie nur einmal, wo er nachweisen kann, daft die Geschichte von der 
Augenlinse stent, wie ich sie Ihnen das letzte Mai und heute gesagt 
habe, wo man das in irgendeinem Buche finden kann. Das kann man 
namlich nicht finden, weil die Geschichte ganz vergessen worden ist. 
Sie konnen deshalb jedem antworten, der sagt, es seien die Dinge zu- 
sammengesammelt: Du liigst, denn du weiftt gar nicht, was dort gesagt 
wird -, daft also die ganze Anschauung vom Herzen und so weiter er- 
neuert wird. 

Es ist so, daft hier alles urspriinglich erforscht wird und dann an den 

ganzen Menschen herankommt. Und an solchen einfachen Sachen wie, 
daft der Mensch sich tanzend, drehend bewegt, was ich das letzte Mai 
und heute bertihrt habe, hervorgerufen durch die Frage des Herrn 
Burle, kann man vieles einsehen. Das kann man verstehen. 



Aber, meine Herren, dann wird etwas anderes herauskommen, vor 
dem sich die Menschheit am meisten fiirchtet. Derm, sehen Sie, wenn 
Anthroposophie einmal durchdringt - heute kann man ja gar nichts ma- 
chen; wenn man praktisch etwas tun will, geht ja gleich der Teufel los; 
selbst wenn man die Sachen nur sagt, entstehen ja gleich die Gegner- 
schaften, die Sie ja geniigend kennen aber wenn Anthroposophie 
einmal so weit sein wird, daft sie in unsere Schulen eindringt, daft sie 
iiberall die Dinge geltend macht, wird etwas anderes noch kommen. 
Dann wird man namlich wissen, welche Bewegungen beim Menschen 
fur seine Gesundheit und seine ganze Stoffwechselentwickelung richtig 
und welche falsch sind. Dann wird die Zeit kommen, wo man die Ar- 
beit nach dem Menschen richten wird. Heute richtet man die Arbeit 
nach den Maschinen. Heute muft der Mensch so sich bewegen, wie es 
die Leute, welche die Maschine entdeckt haben, angemessen finden. 
Spater wird man finden: Nicht dasjenige, was von den Maschinen 
kommt, ist die Hauptsache, sondern der Mensch ist die Hauptsache. 
Deshalb darf es nur solche Maschinen geben, die hergerichtet sind fiir 
den Menschen. Das wird man einmal nur konnen, wenn die Anthropo- 
sophie ganz angenommen sein wird. Dann wird man sagen konnen: Es 
muft alles Maschinelle sich nach dem Menschen richten. 

Aber dazu ist etwas notwendig. Zuerst muft man verstehen, wie das 
Herz nichts Maschinelles ist, sondern sich nach dem Menschen richtet. 
Dann wird man auch fiir die auftere Maschine die Grundlage finden 
konnen, die sie so gestaltet, daft sie sich nach dem Menschen richtet. 
Aber eine Wissenschaft, die es sich so bequem gemacht hat, daft sie das 
Herz so beschreibt, als wenn der Mensch in seiner Blutzirkulation nur 
eine Pumpe hatte, die macht sich kein Gewissen daraus, auch die Ma- 
schine so zu machen, daft sich der Mensch darnach richten muft. Mit 
dieser falschen Ansicht in der Wissenschaft hangt namlich unsere ganze 
falsche soziale Lage zusammen. Und deshalb muft man schon begrei- 
fen, daft erst ein richtiges Denken iiber den Menschen kommen muft; 
dann kann erst ein richtiges soziales Leben anfangen. Solange man 
glaubt, das Herz sei eine Pumpe, solange wird man auch im aufteren 
Leben nicht richtig sich einstellen konnen. Erst dann, wenn man weift, 
der unsichtbare Mensch ist hoher als sein Herz, er ist es, der sein Herz 



bewegt, dann wird man auch die Maschinen nach dem Menschen rich- 
ten. Das muft man erst anfangen einzusehen. 

Heute machen es sich die Menschen viel zu bequem. Sie machen es 
sich wirklich viel zu bequem. Was ist heute am meisten international? 
Das Fufiballspiel! Ich habe es Ihnen neulich erklart. Dasjenige aber, 
was geistig ist, das wird immer auf kleine Zirkel und so weiter zusam- 
mengedrangt. Das zersplittert sich. Nicht wahr, in Norwegen kann 
man horen: Hoch soli er leben! -, oder man hort ein deutsches Lied 
singen, wenn Fufiballspieler (aus Deutschland) oben sind. Aber sonst 
sondern sich die Leute ab. 

Das, was ergriffen werden rauE, ist der Geist, aber so, dafi er im ein- 
zelnen ergriffen wird. Nicht dafi man im allgemeinen redet von Geist, 
Geist, sondern er mufi im einzelnen ergriffen werden. 

Wir wollen dann am nachsten Samstag davon weiter reden. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 9. Juni 1923 



Nun, meine Herren, auf was haben Sie sich besonnen? 

Frage: Die verschiedenen chemischen Stoffe haben die Eigenschaft, gewisse Farben 
zum Beispiel der Flamme zu geben. Andererseits haben aber auch viele Sterne einen Far- 
benschimmer, wie der Mars. Ich hatte gern einiges gewufit iiber diese Sache. Zum Bei- 
spiel der Mars hat einen rotlichen Schimmer. Das Eisen, wenn es oxydiert, der Rost, hat 
auch eine rotliche Farbe. Ob da Zusammenhange sind? 

Dr. Steiner: Das ist naturlich eine sehr schwierige Frage. Zunachst 
miiftte man sich erinnern an das, was wir schon iiber die Farben be- 
sprochen haben. Wir haben ja schon verschiedenes iiber die Farben be- 
sprochen. Sie miissen bedenken, dafi die Farbe eines Korpers doch zu- 
sammenhangt mit der ganzen Art und Weise, wie er in der Welt drin- 
nensteht. Denken wir uns also, wir haben irgendeinen Stoff . Der Stoff, 
der hat eine ganz bestimmte Farbe. Nun meinen Sie, dafi diese Farbe 
unter Umstanden ganz anders sich aufiern kann, wenn man diesen Stoff 
an die Flamme bringt, so dafi man also dann eine gewisse Farbung der 
Flamme bekommt? - Da mufi man sich klar sein dariiber, dafi ja, wenn 
die Flamme fur sich entsteht, die Flamme auch schon eine bestimmte 
Farbe hat und daft dann, wenn wir einen Stoff in die Flamme bringen, 
zwei Farben zusammenwirken, die des Stoffes und die der Flamme. 
Nun ist es aber iiberhaupt etwas hochst Eigentumliches, wie sich die 
Farben in der Welt verhalten. Dariiber will ich Ihnen jetzt einiges 
erzahlen. 

Sie kennen ja den gewohnlichen Regenbogen. Der Regenbogen hat 
ein rotes Band, dann geht das iiber in orange und gelb, dann wird das 
Band griin, dann blau, dann wird das Band etwas dunkler blau, indigo- 
blau und dann wird das Band violett. So bekommen wir eine Anzahl 
von sieben Farben ungefahr, die der Regenbogen an sich hat (siehe 
Tafd 6 Zeichnung). Diese sieben Farben haben naturlich die Menschen immer 
beobachtet und in der verschiedensten Weise erklart, denn eigentlich 
sind diese sieben Farben, die man da vom Regenbogen bekommt, die 
allerschonsten Farben, die man iiberhaupt in der Natur sehen kann. 

-rr\ 



Und aufterdem miissen Sie ja wissen, dafi diese Farben so sind, als ob 
sie ganz frei schweben wiirden. Sie entstehen ja, wie Sie wissen, wenn 
irgendwo die Sonne scheint und vor der Sonne Regenwetter ist. Dann 
erscheint der Regenbogen auf der anderen Seite am Himmel. Wenn Sie 
also irgendwo einen Regenbogen sehen, so miissen Sie sagen: Wo ist 
nun das Wetter? Ja, auf der entgegengesetzten, auf der abgewendeten 
Seite vom Regen mufi die Sonne sein. - So mull die Ordnung sein. So 
entstehen diese sieben Farben des Regenbogens. 



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Nun kommen aber diese sieben Farben auch noch anders vor. Den- 
ken Sie sich, wir verbrennen einen metallartigen Korper, bringen ihn 
immer mehr und mehr zur Erhitzung, so dafi dieser metallartige Korper 
sehr heifi wird. Dann wird dieser metallartige Korper zunachst, wie Sie 
ja wissen, rotgliihend, zuletzt weifigliihend, wie man sagt. Also denken 
Sie sich, wir haben eine Art von Flamme dadurch hervorgerufen, dafi 
wir, ich mochte sagen, eigentlich eine Metallflamme da haben. Aber es 
ist nicht eine eigentliche Flamme, es ist ein gliihendes Metall, ein Me- 
tall, das ganz gliiht. Wenn man nun ein solches Metall, das ganz gliiht, 
durch ein sogenanntes Prisma anschaut, dann sieht man nicht eine 
weifigluhende Masse, sondern man sieht dieselben sieben Farben wie 
beim Regenbogen. 

Ich werde das jetzt schematisch zeichnen (Zeichnung Seite 72). Denken links untcn 
Sic sich, da hicr ware dieses gliilicr.de Metall, und nun habe ich hicr ein 
solches Prisma. Sie wissen ja, was ein Prisma ist. Da ist es von der Seite 
gezeichnet, so ein dreieckiges Glas. Da ist mein Auge. Jetzt schaue ich da 
durch. Da sehe ich jetzt nicht einen weifien Korper, sondern ich sehe die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:71 



sieben Farben des Regenbogens, die sieben aufeinanderfolgenden Farben 
Rot, Orange, Gelb, Grim, Blau, Indigoblau, Violett. Also durch das 
Prisma sehe ich dasjenige, was eigentlich weift ist, was weifigluhend ist, 
in sieben Farben. Daraus geht Ihnen hervor, daft man dasjenige, was 
weiftgliihend ist, in den Regenbogenfarben schimmern sehen kann. 



el 6 




Nun kann man noch etwas anderes machen, was ganz aufierordent- 
lich interessant ist. Sehen Sie, eine solche weifigluhende Masse kann 
man nur hervorrufen, wenn man ein Metall, iiberhaupt einen festen 
Korper, gliihend macht. Wenn ich aber ein Gas habe und verbrenne das 
Gas, dann bekomme ich, wenn ich durchs Prisma schaue, nicht die sie- 
ben Farben, nicht ein solches Siebenfarbenband, sondern etwas ganz 
anderes. 

Sie konnen nun sagen: Wie bekommt man denn ein gliihendes Gas? 
Ja, ein gliihendes Gas kann man sehr einfach bekommen. Denken Sie 
sich zum Beispiel, ich habe das gewohnliche Kochsalz. In dem gewohn- 
lichen Kochsalz sind zwei Stoffe drinnen, erstens ein metallartiger 
Stoff, den man Natrium nennt, und dann ist noch Chlor drinnen. Das 
ist ein Gas, das, wenn man es irgendwo ausbreitet, wenn es irgendwo 
ist, einem gleich scharf in die Nase faucht. Das ist dasselbe Gas, das 
man zum Beispiel zum Bleichen von Wasche verwendet. Die Wasche- 
stiicke werden gebleicht davon, wenn man Chlor dariiberstreichen lafit. 

Wenn man also Natrium und Chlor zusammen hat, als einen Korper, 
ist es unser gewohnliches Kochsalz, mit dem wir unsere Speisen salzen. 
Wenn man das Chlor wegnimmt und das Natrium, das dann weifilich 
ist, in eine Flamme gibt, so wird die Flamme ganz gelb. Woher kommt 
das? Ja, meine Herren, das kommt davon her, weil das Natrium, wenn 
die Flamme heifi genug ist, zum Gas wird, und dann verbrennt das Na- 



triumgas gelb, gibt eine gelbe Flamme. Wir haben also jetzt nicht nur 
einen richtig gliihenden Metallkorper, sondern wir haben eine gasige 
Flamme. Wenn ich jetzt dieses durch mein Prisma anschaue, dann wird 
das nicht in derselben Weise siebenfarbig, sondern es bleibt im wesent- 
lichen gelb. Nur auf der einen Seite hat es - da raufi man aber schon 
sehr, sehr scharf zuschauen - etwas Blauliches und etwas Rotliches. 




Maul Ufa Tafel7 

links unten 



I*/ * 



/ 



Aber im ganzen bemerkt man das eigentlich nicht; man sieht da auch 
nur das Gelbe. 

Aber das ist nun alles noch nicht das Interessante. Das Allerinteres- 
santeste ist das: Wenn ich die ganze Geschichte hier aufstelle, die gelbe 
Flamme hier hereingebe (Zeichnung Seite 72) und nun wieder durch Tafel6 
mein Prisma gucke, was werden Sie sagen? Sie werden sagen: >jX7enn ich 
da durchgucke, habe ich da Rot, Orange, Gelb, Grim und so weiter. Da 
ist auch Gelb, werden Sie sagen. Also wenn ich da durchgucke, wird das 
Gelbe hier besonders stark sein, werden Sie sagen, es wird ein besonders 
helles Gelb sein, ein recht leuchtendes Gelb. - Ja, sehen Sie, das ist nicht 
der Fall. Was da ist, das ist, dafi gar kein Gelb erscheint, dafi das Gelbe 
ganz ausgeschieden wird, weggeloscht wird, und eine schwarze Stelle da 
ist. Geradeso wie es eine gelbe Gasflamme geben kann, so gibt es ja auch 
zum Beispiel eine blaue. Man kann auch Stoffe finden, wie zum Beispiel 
Lithium, das eine rote Flamme hat. Kalium und ahnliche haben eine 
blaue Flamme. Wenn Sie nun zum Beispiel eine blaue Flamme hier her- 
einstellen, so ist es nicht etwa so, daft das Blau hier starker erscheint, 
sondern wiederum ist hier eine schwarze Stelle. Das Eigenturniiche ist 
also: Wenn man etwas gliihend macht, wenn etwas als fester Korper 
ganz punt und nicht Gas ist, sondern gliiht, dann bekomrnt man dieses 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:73 



Farbenband von sieben Farben. Wenn man aber nur ein brennendes 
Gas hat, dann bekommt man mehr oder weniger eine einzelne Farbe, 
und diese einzelne Farbe loscht dann dasjenige aus in dem ganzen Far- 
benband, was sie selber als Farbe hat. 

Das, was ich Ihnen jetzt erzahle, das wissen die Menschen verhalt- 
nismaftig noch nicht seit sehr langer Zeit, sondern das ist erst 1859 ge- 
funden worden. 1859 hat man erst gefunden: In einem siebenfarbigen 
Farbenband, das von einem gliihenden festen Korper ausgeht, loschen 
einzelne Farben, die von gliihenden Gasen, brennenden Gasen her- 
kommen, die entsprechenden Farben aus. 

Daraus sehen Sie schon, wie aufierordentlich kompliziert eine Farbe 
auf die andere wirkt. Und damit hangt es jetzt zusammen, dafi, wenn 
man gewohnlich die Sonne anschaut, sie ja so beschaffen ist, als wenn 
sie ein weiftgliihender Korper ware. Es ist richtig so: Wenn man ober- 
flachlich durch ein Prisma schaut, so sieht man auch an der Sonne diese 
sieben aufeinanderfolgenden Farben Rot, Orange, Gelb, Griin, Blau, 
Indigo, Violett. Aber wenn man genauer zuschaut, dann sind in der 
Sonne, in der Sonnenscheibe nicht diese sieben Farben, sondern nur 
annahernd sind die sieben Farben, und dazwischen sind lauter 
schwarze Linien, eine ganze Menge schwarze Linien. Also wenn man 
genau hinschaut auf die Sonne, so hat man nicht ein siebenfarbiges 
Band, sondern man hat die sieben Farben, aber die sind iiberall unter- 
brochen von lauter schwarzen Linien. 

Was muE man sich denn da sagen? Wenn einem nicht das richtige, 
ununterbrochene Farbenband von der Sonne entgegenscheint, sondern 
das von lauter schwarzen Linien unterbrochene Farbenband, ja, da mufi 
man sagen: Zwischen uns und der Sonne sind lauter brennende Gase, 
die immer unterwegs die entsprechenden Farben ausloschen. - Also 
wenn ich statt auf ein gluhendes Metall auf die Sonne schaue und die 
schwarzen Linien sehe, so mufi ich iiberall, wo ich die schwarzen Li- 
nien sehe, mir sagen: Da, also immer an der betreffenden Stelle, wird 
ausgeloscht zum Beispiel hier vom Natrium das Gelb. Wenn ich in die 
Sonne schaue und im Gelb drinnen eine schwarze Linie ist, so mu$> ich 
sagen: Zwischen mir und der Sonne ist Natrium. - Und so bekomme 
ich fur alle Metalle schwarze Linien im Sonnenlicht. Also ist zwischen 



mir und der Sonne alles mogliche an Metallen im Weltenraum gasfor- 
mig ausgebreitet. 

Was geht daraus hervor? Meine Herren, daraus geht hervor, dafi der 
Weltenraum, wenigstens die Umgebung der Erde zunachst, angefullt ist 
mit lauter nicht nur gliihenden, sondern brennenden Metallen. Wenn 
man das bedenkt, dann mufi man sich ja iiberhaupt klar sein, dafi im 
Grunde genommen nirgends von dem geredet werden kann, dafi wir da 
auf der Erde stehen und da oben die gluhende Sonne ist, sondern das, 
was wir sehen, das hangt eigentlich von dem ab, was zwischen uns und 
der Sonne ist. Und die Physiker, die wiirden sehr iiberrascht sein, wenn 
sie einmal wirklich in die Sonne kommen konnten, denn da wiirde es 
nicht so ausschauen, wie sie es vermuten, sondern dasjenige, was man 
sieht, riihrt eigentlich her von dem, was zwischen dem Menschen und 
der Sonne ist. Da sehen Sie schon an einem Beispiel, wie kompliziert 
eigentlich der Zusammenhang zwischen Substanzen und Farben ist. 

Wenn Sie also irgendwo eine Flamme haben, und die Flamme, etwa 
eine Kerzenflamme, hat eine bestimmte Farbung, so miissen Sie zu- 
nachst fragen: Ja, was ist denn in der Kerze drinnen? - In der Flamme 
haben Sie diejenigen Stoffe gasformig - sie werden zumeist durch die 
Hitze der Flamme gasformig -, die in festem Zustande in der Kerze 
drinnen sind. Blicken wir dann, wie ich es hier mit der Flamme getan Tafel 7 

links ui 

habe, durch ein Prisma: ein Stoff, der gasformig ist, farbt die ganze 
Flamme. Durch das Natrium zum Beispiel wird die Flamme gelb. 
Wenn Sie irgendwo, zum Beispiel in diesem Raume, eine Flamme hatten 
und dann durch ein Prisma schauten - die Natriumschwarze haben Sie 
fast uberall. Man braucht gar nicht das Natrium erst irgendwie hin- 
zutun. Wenn die Apparate ganz genau angeordnet sind, so dafi man 
richtig schauen kann, findet man uberall diese schwarzen Linien, die 
eigentlich gelb sein sollten und die im Grunde genommen davon herriih- 
ren, dafi uberall ganz kleine Spuren von Natrium sind. Es gibt eigent- 
lich kaum irgend etwas auf der Erde, wo nicht kleine Spuren von Na- 
trium sind. Das beweist I linen aber, da£ das Natrium iiberhaupt rtot- 
wendig ist in der Natur. Wo es nicht ist, konnten wir nicht leben. Wir 
miissen auch ein bestirnrntes Quantum, eine bestimmte Menge Natrium 
immer in uns selber haben, miissen das Natrium verarbeiten. Und es 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:75 



verrat sich eigentlich nur dadurch, dafi es iiberall die gelben Linien aus- 
loscht und sie zu schwarzen macht. 

Nun, jetzt miissen Sie sich an das erinnern, was ich Ihnen schon 
einmal gesagt habe: Wodurch entstehen blaue und violette Farben? 
Wodurch entstehen rote und gelbe? - Nun, bku, das habe ich Ihnen 
gesagt, erscheint der weite Weltenraum, denn da draufien, wo wir das 
Firmament sehen, da ist nichts. Es ist der weite, schwarze Weltenraum. 
Wir sehen also den weiten schwarzen Weltenraum. Aber wir sehen ihn 
ja nicht, indem er einfach vor uns ist. Zwischen uns und diesem weiten 
schwarzen Weltenraum sind die Wasserdiinste, die fortwahrend auf stei- 
gen. Auch wenn die Luft rein ist, sind fortwahrend Wasserdiinste in der 
Tafel 7 Luft. Wenn hier (es wird gezeichnet) die Erde ist, hier die Wasserdiinste 
sind und ringsherum der schwarze Weltenraum ist, so scheint dann die 
Sonne durch diese Diinste durch. Wenn Sie da unten stehen und hinauf- 
schauen, sehen Sie nicht Schwarz, sondern Blau. Durch das Beleuchtete 
sehen Sie den dunklen Raum nun in einem Blau. Das heilk, wenn ich ein 
Dunkles, ein Finsteres durch ein Beleuchtetes sehe, sehe ich es blau. 

Die Morgen- und Abendrote ist ja, wie Sie wissen, gelblich oder 
Mitte unten gelblich-rotlich. Wenn das hier (es wird gezeichnet) die Erde ist, da die 
Diinste ringsherum sind und nun die Sonne hier heraufkommt, sehe ich 
das hier beleuchtet. Ich sehe da hier ein Helles, aber ich sehe es zu- 
nachst durch die dunklen Diinste. Dadurch wird es fur mich gelb. 
Wenn ich ein Helles durch ein Dunkles sehe, wird es gelb. Wenn ich 
ein Dunkles durch ein Helles sehe, wird es blau. Blau ist die Dunkel- 
heit, die durch Helles gesehen wird, Gelb ist die Helligkeit, die durch 
Dunkles gesehen wird. Das ist doch zu verstehen! 

Wenn ich nun das Gelb durch die gelbe Natriumflamme habe, so be- 
deutet diese gelbe Natriumflamme, dafi das Natrium ein Stoff ist, der, 
wenn er verdunstet, sehr hell wird, aber zugleich urn sich etwas Dunk- 
les erzeugt. Also das Natrium brennt eigentlich so : Wenn hier das Na- 
trium verbrennt, so schielk in der Mitte das weifie Licht in die Hohe 
Mitte unten (Zeichnung Seite 77, links) und ringsherum schiefit die Dunkelheit in 
die Hohe, und dadurch sehe ich das Ganze gelb. Also das Natrium 
strahlt Licht aus, aber ringsherum, weil es gar so stark Licht ausstrahlt, 
erzeugt es die Dunkelheit. 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:7S 



Das braucht Sie nicht zu verwundern, dafi das stark Licht ausstrah- 
lende Natrium Dunkelheit um sich erzeugt, denn wenn Sie ein Schnell- 
laufer sind und recht schnell rennen und ein anderer mitkommen will 
mit Ihnen, so bleibt er eben dann zuriick. Das, was da herausspritzt, das 
ist eben ein Schnellaufer; es erscheint also leuchtend durch die Dunkel- 
heit, es erscheint mir gelb. 

Bei der gewohnlichen Kerzenflamme ist es so, dafi die Teilchen so 
zersplittern. Dadurch wird es hier ringsherum hell und in der Mitte 
bleibt es dunkel. Wenn Sie daher eine gewohnliche Kerzenflamme 
haben, so sehen Sie das Dunkel durch das Helle. Hier spritzen die hel- 
len Piinktchen (siehe Zeichnung, rechts). Hier in der Mitte bleibt es dun- Tafel 7 
kel, es erscheint daher blau. Wenn man also eine gelbe Flamme hat, wie 
beim Natrium, so bedeutet das, da6 das aufierordentlich stark spritzt. 
Wenn man eine blaue Flamme hat, bedeutet das, dafi es eigentlich nicht 
stark spritzt, sondern sich zersplittert. 



Das ist iiberhaupt in der Welt der Unterschied zwischen den Wir- 
kungen der Substanzen. Denken Sie sich, ich hatte hier eine Glasrohre; 
die schmelze ich an beiden Enden zu. Jetzt pumpe ich aber aufierdem 
die Luft aus, so dafi ich eine ganz luftleere Glasrohre bekomme. Jetzt 
mache ich folgendes: Ich leite hier einen elektrischen Strom herein, der 
da endet, und hier [auf der anderen Seite] auch einen; das ist ein Strom, 
der dann hier geschlossen ist. Also da stehen sich jetzt die zwei Pole der 
Elektrizitat gegeniiber. Zwischen ihnen ist der luftleere Raum. Da ent- 
steht jetzt etwas sehr Sonderbares: auf der einen Seite spritzt die Elek- 
trizitat und auf der anderen Seite, indem es blauiich erscheint, bilden 
sich solche Wellen (Zeichnung Seite 78), und das geht dann zusammen. rechts unten 





i 



Mitte unten 
und 

rechts oben 



77 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite: 7 7 



Da spritzt fortwahrend sozusagen das Helle in das Dunkle hinein, die 
helle Elektrizitat in das Dunkle hinein. Da haben Sie also die beiden 
Flammen, die ich Ihnen gezeigt habe, getrennt. Die haben Sie auf dem 
einen Pol der Elektrizitat und die da auf dem anderen Pol. Was die Na- 
triumflamme macht, wird hier auf der einen Seite gemacht, was die ge- 
wohnliche Kerzenflamme macht, wird auf der anderen Seite gemacht. 



Wenn man in der richtigen Weise verfahrt, bekommt man hier ver- 
schiedene Strahlenarten, unter anderem auch die Rontgenstrahlen, 
durch die man ja, wie Sie wissen, die festen Bestandteile, Knochen und so 
weiter, oder fremde Bestandteile, die der Korper in sich hat, sehen kann. 

Also die Sache ist so, dafi es in der Welt Substanzen gibt, die aus- 
strahlen. Andere Substanzen gibt es, die strahlen nicht aus, sondern, man 
kann sagen, die glimmen und iiberziehen sich an der Oberflache mit 
solchen Wellen. Die Substanzen, die sich an der Oberflache mit solchen 
Wellen iiberziehen, sind blaulich; die Substanzen, die ausstrahlen, sind 
gelblich. Wenn dann vor das Gelbliche ein dunkler Korper tritt, wird 
das Gelbliche rotlich. Also wenn man das Gelbliche wiederum dunkler 
macht, kann es rotlich werden. 

Sie sehen also, meine Herren, wir haben in der Welt die Korper so, 
dafi sie zum Teil strahlen und dadurch die hellen Farben zeigen, die auf 
der einen Seite vom Regenbogen sind, und daft sie auf der anderen Seite 
nicht strahlen, sondern solche Wellen aussenden. Dadurch bekommt 
man die blaulichen Farben, die auf der anderen Seite des Regenbogens 
sind. 

Wenn Sie das wissen, dann werden Sie sich sagen: Es gibt solche 
Sterne wie zum Beispiel den Mars, der strahlt gelblich-rotlich, oder wie 
zum Beispiel den Saturn, der strahlt blaulich. Jetzt kann man aus dem, 
wie der Stern beschaffen ist, sehen, wie er sich verhalt. Der Mars ist 



Tafel 7 
rechts unten 



/ 



'/ 




Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:78 



einfach ein Stern, der viel ausstrahlt, dadurch mufi er gelblich-rotlich 
erscheinen. Er ist ein Stern, der viel ausstrahlt. Der Saturn ist ein Kor- 
per, der sich ruhiger verhalt und sich mit Wellen iiberzieht. Man sieht 
fast die Wellen um ihn herum. Wenn man den Saturn hat, so kann man 
noch die Wellen um ihn herum als Ringe sehen. Er erscheint blau, weil 
er sich mit Wellen umgibt. 

Nun, das, was man da an den Erdenkorpern beobachtet, das zeigt 
uns ja, wenn man diese nur nicht stumpfsinnig, sondern richtig beob- 
achtet, wie die Korper draufien im Weltenraume sind. Nur mufi man 
sich klar sein dariiber, dafi eben der ganze Weltenraum ausgefiillt ist, 
wie ich Ihnen gesagt habe, mit alien moglichen Substanzen, die immer 
eigentlich in einem verbrennlichen Zustande sind. 

Nehmen Sie nun einen Korper, zum Beispiel das Eisen: es rostet. 
Das haben Sie ja wohl mit der Frage gemeint? Das Eisen rostet, und 
dadurch wird es rotlicher als es sonst ist. Wir haben also einen Korper, 
der verhaltnismafiig dunkel ist, der rostet und der dadurch rotlich wird. 
Nachdem wir jetzt die Farben studiert haben, werden wir uns Auf- 
schlufi dariiber geben konnen, was denn das eigentlich heifit: Das Eisen 
wird durch das Rosten, also wenn es fortwahrend der Luft ausgesetzt 
ist, rotlich. - Machen wir uns das ganz klar, was das heifit. Ich habe 
hier naturlich nicht alle Farben, aber Sie werden sich schon vorstellen 
konnen, was ich meine. Nehmen wir also an, wir haben das blaue 
Eisen. Jetzt ist es der Luft ausgesetzt. Jetzt wird es dadurch, dafi es der 
Luft ausgesetzt wird, rotlich durch das Rosten. 

Nun konnen Sie sich sagen, dafi das Rotliche dadurch entsteht, dafi 
man ein Helles hat, das man durch Dunkelheit sieht. Also ein Helles, 
durch Dunkelheit gesehen, wird rotlich. Wenn ich das Eisen, wie es in 
seinem gewohnlichen Zustand ist, anschaue, so ist es zunachst dunkel, 
das heifit, es wirft Wellenlinien aus. Wenn ich aber das Eisen der Luft 
lange Zeit aussetze, wenn das Eisen lange in der Luft ist, dann kommt 
die Luft an das Eisen heran; und das Eisen wird allmahlich so an der 
Luft, dafi es anfangt, sich innerlich gegen die Luft zu wehren. Es wehrt 
sich gegen die Luft, fangt an zu strahlen. Und dasjenige, was strahlt, 
wie hier die Natriumflamme, wo dann ringsheruni das Dunkle ist, das 
wird gelblich oder rotlich. So dafi Sie also sagen konnen: Das Verhalt- 



nis zwischen dem Eisen und der Luft ist ein solches, dafi das Eisen in- 
nerlich anfangt kribbelig zu werden und strahlt. Das Eisen wird kribbe- 
lig und strahlt. 

Nun wissen Sie ja, dafi das Eisen auch im menschlichen Kdrper vor- 
handen ist, und zwar als ein sehr wichtiger Stoff. Das Eisen ist im Blut 
des Menschen enthalten, und das Eisen ist ein sehr wichtiger Bestand- 
teil des Blutes. Wenn wir zuwenig Eisen im Blut haben, dann sind wir 
Menschen, die nicht ordentlich gehen konnen, die rasch miide werden, 
die also schlapp werden. Wenn wir zuviel Eisen im Blute haben, dann 
werden wir aufgeregte Menschen und schlagen alles zusammen. Wir 
miissen also gerade die richtige Menge von Eisen im Blut haben, sonst 
geht es uns eben schlecht. Nun, meine Herren, heutzutage beschaftigt 
man sich ja weniger mit diesen Dingen, aber ich habe Sie schon einmal 
darauf aufmerksam gemacht: wenn man nachforscht, wie der Mensch 
zusammenhangt mit der ganzen Welt, so findet man heraus: Das Blut 
hangt beim Menschen zusammen mit dem Einwirken vom Mars. Der 
Mars, der sich ja bewegt, regt eigentHch in uns immer die Tatigkeit des 
Blutes an. Das ist durch seine Verwandtschaft mit dem Eisen. Daher 
haben schon alte Gelehrte, die das gewuftt haben, dem Mars dieselbe 
Natur zugeschrieben, die das Eisen hat. Man kann also den Mars in 
gewissem Sinne anschauen als etwas, was gleich ist unserem Eisen. 
Aber zugleich schimmert er rotlichgelb, das heifit, er wird fortwahrend 
strahlend in seinem Inneren. Im Mars sehen wir also einen Korper, der 
fortwahrend im Inneren strahlend wird. 

Diese ganze Sache begreift man nur, wenn man eben aus diesen Stu- 
dien heraus sich sagt: Der Mars hat eisenahnliche Art, ist eine eisenahn- 
liche Substanz; aber es kribbelt fortwahrend, er will fortwahrend strah- 
lig werden. Wie das Eisen durch den EinfluS der Luft, so will der Mars 
durch den Einflufi seiner Umgebung fortwahrend strahlen. Er hat also 
eigentlich eine Natur, die fortwahrend innerlich kribbelig, das heilk, 
lebendig werden will. Der Mars will fortwahrend ins Leben ubergehen. 
- Das kann man an seiner ganzen Farbung und an seiner ganzen Art 
und Weise, wie er sich verhalt, sehen. Hat man es mit dem Mars zu 
tun, so mufi man wissen, dafi das ein Weltenkorper ist, der eigentlich 
fortwahrend ins Leben ubergehen will. 



Mit dem Saturn ist es anders. Der Saturn ist von blaulichem Schim- 
mer, das heifit, er strahlt nicht, sondern er umgibt sich mit einem Wel- 
ligen. Er ist gerade das Gegenteil vom Mars. Der Saturn will fortwah- 
rend in das Tote iibergehen, fortwahrend Leichnam werden. Man sieht 
am Saturn, dafi er sich gewissermafien mit Helligkeit umgibt, so dafi 
wir dann seine Dunkelheit durch die Helligkeit blaulich sehen. 

Nun mache ich Sie aufmerksam auf etwas: Sie konnen eine ganz nette 
Erscheinung haben, wenn Sie einmal in einer nicht ganz dunklen, aber 
in einer stark dammerigen Nacht durch einen Weidenforst gehen, durch 
einen Wald gehen, wo Weiden sind. Da konnen Sie ab und zu etwas se- 
hen, was Sie veranlafit, sich zu fragen: Donnerwetter, was leuchtet 
denn dort so? Was ist das, was so leuchtet? - Dann gehen Sie nahe hin 
und das Leuchtende stellt sich heraus als verfaulendes Holz. Also das 
Verfaulende wird leuchtend. Wenn Sie dann sehr weit weggehen und 
das anschauen wiirden und Sie wiirden dahinter, hinter diesem Leuch- 
tenden ein Dunkles haben, dann wiirde Ihnen das Leuchtende nicht 
mehr leuchtend, sondern blau erscheinen. Und so ist es beim Saturn. Tafei 7 
Der Saturn, der verwest eigentlich fortwahrend. Der Saturn verwest. 
Dadurch hat er ringsherum ein Helles, aber er selber ist dunkel, und 
dadurch erscheint er blau, weil wir seine eigene Dunkelheit, ich mochte 
sagen, durch seine Verwesungsstoffe, die er um sich herum hat, an- 
schauen. Beim Mars sieht man also, wie er fortwahrend leben will, 
beim Saturn sieht man, wie er fortwahrend sterben will. 

Das ist das Interessante, daft man Weltkorper so betrachten kann, 
daft man von ihnen sagen kann: Die Weltkorper, die einem in blauli- 
chem Schimmer erscheinen, gehen zugrunde, und diejenigen, die einem 
in rotlichem, gelblichem Schimmer erscheinen, das sind erst entste- 
hende. Und so ist es ja in der Welt: An einem Orte ist etwas, was ent- 
steht, am anderen Ort ist etwas, was vergeht. Wie auf der Erde an einem 
Orte ein Kind ist, an dem anderen Orte ein Greis, so ist es im Welten- 
all. Der Mars, der ist noch ein Jiingling, der will fortwahrend leben. 
Der Saturn ist schon ein alter Greis. 

Sehen Sie, das haben die Alten studiert. Wir miissen es wieder studie- 
ren. Wir konnen es aber erst verstehen, was die Alten gemeint haben, 
wenn wir es wieder finden. Daher ist es, wie ich schon das letzte Mai 



gesagt habe, so dumm, wenn die Leute sagen, man schreibe in der An- 
throposophie nurdasjenige zusammen, was man in altenSchriften finde. 
Denn das kann man gar nicht verstehen, was man in alten Schriften 
findet! Sehen Sie, man versteht das, was in alten Schriften steht und aus 
einer richtigen alten Weisheit heraus ist, erst, wenn man es wieder ge- 
funden hat. So gab es noch im Mittelalter, bevor Amerika entdeckt 
worden ist, einen Spruch. Der war sehr interessant; den sagte fast jeder 
einzelne Mensch. Wenn Sie damals gelebt hatten, hatten Sie auch den 
Spruch gewufit. Im Mittelalter sagten den Spruch alle moglichen Men- 
schen, denn man lernte den Spruch noch so, wie man heute, ja, was 
weifi ich, einen Agitationsspruch etwa, lernt. 
Dieser Spruch heifit: 

O Sonn', ein Konig dieser Welt! 

Luna dein Geschlecht erhalt. 
Luna ist der Mond. 

Merkur kopuliert euch fix. 

Ohn' Venus waret ihr alle nix, 

Die Marten sich zum Mann erwahlt. 
Also den Mars. 

Da wird also in dem Spruch angedeutet: die Venus, die auch eine 
junge Gestalt ist, hat sich Marten zum Mann erwahlt, den Mars. Es 
wird also angedeutet, wie der Mars ein Jungling ist da drau£en im 
Weltenall. 

Ohn' Jupiters Macht euch alles fehlt. 
Also auch von Jupiter wird angedeutet, wie er iiberall eingreift. Und 
dann wird zuletzt gesagt: 

Damit Saturn, alt und greis, 
In vielen Farben sich erweis'. 
Denken Sie, wie schon in diesem mittelalterlichen Spruch die Jugend 
vom Mars entgegengestellt ist dem Alter von Saturn! 

O Sonn', ein Konig dieser Welt! 
Luna dein Geschlecht erhalt. 
Merkur kopuliert euch fix. 
Ohn' Venus' Gunst erreicht ihr alle nix, 



Die Marten sich zum Mann erwahlt. 
Ohn* Jupiters Macht euch alles fehlt. 
Dafi Saturn, alt und greis, 
In vielen Farben sich erweis'. 

Also Sie sehen, verstehen wird man das nicht, und das zeigen ja auch 
die Leute. Denn wenn ein heutiger Gelehrter einen solchen Spruch 
liest, dann sagt er: Nun ja, das ist ein dummer Aberglaube! - Er lacht 
dariiber. Wenn man wieder findet, was in einem solchen Spruch Wahr- 
heit ist, dann sagt er, man habe das abgeschrieben. Also, nicht wahr, es 
ist gar nicht auszudenken, wie toricht eigentlich sich die Leute verhal- 
ten, denn sie konnen das ja nicht verstehen. Kein heutiger Gelehrter 
versteht das, was in einem solchen Spruch hegt. Aber wenn man geistig 
forschen kann, dann kommt man wieder darauf, dann versteht man das 
erst. Man mufi ja diese Sachen erst wieder selber finden, sonst bleiben 
diese alten Spriiche, die Volksweisheit sind, wirklich ganz wertlos. 
Aber es ist auch wunderschon, wenn man diese Sachen durch geistige 
Forschung findet, und dann entdeckt man in einfachen Volksspriichen 
diese ungeheure Weisheit! Das bezeugt eben, dafl die alten Volkssprii- 
che genommen sind von dem, was in alten Weisheitsschulen gelehrt 
worden ist. Von da stammen diese Spriiche her. Heute kann das Volk 
nicht in der Weise zu seinen Gelehrten gehen, denn aus der Wissen- 
schaft von heute werden keine Spriiche! Man kann nicht viel nehmen, 
was man anwenden kann im Leben. Aber es gab eben einmal eine Zeit, 
wo die Menschen solche Dinge, wie ich sie Ihnen auch heute wieder ge- 
sagt habe, gewufit haben. Die haben sie dann in solche schonen Spriiche 
hineingewebt. Und dann natiirlich ist allerlei daraus entstanden, 
manchmal natiirlich auch Mifrverstandnisse. Nun, dieser Spruch, den 
ich Ihnen gerade angefiihrt habe von all den Planeten, ja, der ist verges- 
sen worden, aber andere Spriiche, die sind dann entstellt worden. 

Natiirlich ist es ja so, dafi es auch etwas bedeutet, wenn, sagen wir, 
die Tiere das oder jenes vornehmen. Sie stehen im Zusammenhang mit 
dem Weltenall. Vom Laubfrosch konnen wir schon wissen, daft irgend 
etwas mit dem Wetter los ist, wenn er hinaufsteigt. Nicht wahr, man 
verwendet ja den Laubfrosch als Wetterpropheten, wenn er hinauf- 



oder herunterkraxelt an seiner Leiter. Das ist, weil alles das, was lebt, 
mit dem ganzen Weltenall in Beziehung steht. Nur ist das dann spater 
entstellt worden, und es ist natiirlich nicht ganz unberechtigt, wenn 
man auch wiederum solche Spriiche hat, iiber die man sich lustig ma- 
chen kann, wenn man die anhort, weil sich die Dummheit ihrer be- 
machtigt hat. Denn wenn einer zum Beispiel sagt: Kraht der Hahn auf 
dem Mist, so andert sich das Wetter oder bleibt, wie es ist - nun ja, das 
zeigt eben wiederum, dafi man nicht alles durcheinandermischen und 
auch das Dumme nicht mit dem Gescheiten mischen soli. 

Der Spruch, den ich Ihnen angefiihrt habe, der ist natiirlich schon ein 
solcher, der hinweist auf Geheimnisse im Weltenall, die mit Licht und 
Farbe zusammenhangen. Dagegen was die Leute oftmals sagen von 
demjenigen, was der Hahn tut und dergleichen, iiber das kann man 
natiirlich spotten, wie das in dem Ausspruch selber geschieht, den ich 
Ihnen angefiihrt habe. Aber auf der anderen Seite liegt manchmal gerade 
in Bauernausspriichen heme noch - sie werden ja nach und nach verges- 
sen - etwas aufierordentlich Tiefes, etwas sehr Weises. Und der Bauer 
ist nicht umsonst traurig, wenn es im Marz noch schneit, denn gewisse 
Zusammenhange zwischen dem Getreidesamen und dem Marzenschnee 
gibt es halt einmal. 

So konnen wir gerade an solchen Dingen sehen, wie man an dem, 
was man beobachtet auf der Erde, eben die ganze Welt verstehen kann. 
Es ware schon besser, wenn man sich mehr an das hielte, was der Laub- 
frosch kann, der hinaufkraxelt und herunterkraxelt, je nach dem Wet- 
ter, als dafi man sich heute mehr, ich mochte sagen, an das Murmeltier 
halt, das schlaft, und man alle Geheimnisse des Weltenalls verschlaft. 

Hoffentlich ist Ihnen verstandlich geworden, was ich entwickelte in 
bezug auf Ihre Frage. Das ist natiirlich kompliziert und man kann das 
nicht in ein paar Worten sagen. Ich mufite also alles das sagen, aber Sie 
werden sich das schon zusammenfassen konnen. Es ist doch ganz inter- 
essant, nicht wahr, in dieser Weise den Zusammenhang zu sehen. 

Am nachsten Mittwoch weiter. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 13. Juni 1923 



Hat jemand eine Frage? 

Fragesteller (Herr Burle): Ich mochte ein Erlebnis aus meiner Jugend schildern, das 
mit dem Schicksal zusammenhangt und das man zum Beispiel in der Religion so schildert, 
als wenn wir einen Schutzengel hatten. Ich habe einmal als KegeJjunge Kegel aufgestellt, 
ich war damals neun oder zehn Jahre alt, und wie ich eben damit beschaftigt war, aufzu- 
stellen, da ruft eine Stimme: Weg! - so intensiv, dafi ich rasch weggesprungen bin. Und 
einen Augenblick spater ist gerade die grofie Kugel mit grower Wucht dahergesprungen, wo 
ich stand. Ich fragte: Wer hat mich gerufen? - aber es wollte es niemand gewesen sein, 
und die Stimme konnte auch nicht daher gekommen sein. 

Der andere Fall war in einer Schmiede, wo die Leute ihre Pflugschare geschliffen ha- 
ben. Es war da ein grofies Rad. Wir waren fiinf, sechs Knaben und amiisierten uns dort. 
Ich war vielleicht elf Jahre alt. Ich stand auf die Radspeiche, urn das Rad hinunterzudruk- 
ken. Das hatte mir gef alien. Da sagte ich zu den andern Knaben: Zieht die Schnellfalle 
hervor, dann werde ich von einer Stufe auf die andere treten. Sie haben alle fest gezogen, 
aber es nicht fertig gebracht. Trotzdem ich der Kleinste war, bin ich hin, um nachzuse- 
hen. Das Rad war sehr schnell herumgesaust, und es ware offenbar mein Tod gewesen, 
wenn sie die Schnellfalle in die Hohe gebracht hatten. 

Es wiirde mich freuen, wenn Herr Doktor sich aufiern wiirde, ob in einem solchen 
Falle sich eine hohere Macht aufiern kann. 

Dr. Steiner: Nun, meine Herren, mochte ich zu Ihnen einmal iiber 
solche Dinge sprechen, aber hier mufi natiirlich alles so besprochen 
werden, da£ es sich wissenschaftlich rechtfertigen lafit. Solche Dinge 
werden von anthroposophischer Geisteswissenschaft nicht blofi so ge- 
nommen, wie sie sehr haufig von den Leuten genommen werden, die 
sich allerlei Aberglauben hingeben, sondern diese Dinge miissen natiir- 
lich auch - denn sie sind viel wichtiger fur das Leben, als man denkt - 
durchaus wissenschaftlich betrachtet werden. Nun will ich Ihnen zu- 
nachst eines sagen, wie zur Vorbereitung. 

Sehen Sie, es ist ja eigentlich nur ein ganz kleiner Teil des Lebens, 
den der Mensch beachtet. Einen groikn Teil beachtet er nicht, und weil 
er ihn nicht beachtet, so glaubt er, dieser Teil des Lebens sei nicht da. 
Nehmen Sie zum Beispiel an: Wenn irgendwo jernand an einem Hause 
voriibergeht und es failt in diesem Augenblick von oben ein Ziegeistein 
herunter und erschlagt ihn, so beachtet man das sehr stark, und es 



macht natiirlich in den Kreisen, in denen der Betreffende bekannt ist, 
und auch sonst, ein grofies Aufsehen. Man redet viel dariiber. Man hat 
das eben beobachtet und redet viel dariiber. 

Nehmen Sie nun aber folgendes an: Irgend jemand will des Morgens 
weggehen. Nun bemerkt er im letzten Augenblick, als er weggehen 
will, dafi er etwas vergessen hat, was unbedingt noch geordnet werden 
mufi, und dadurch verzogert er sich um fiinf Minuten. Jetzt geht er 
weg. Nun fallt der Ziegelstein fiinf Minuten bevor er vorbeikommt 
herunter, und da er vorbeikommt, tut er ihm nichts. Ware er fiinf Mi- 
nuten friiher gegangen, so wiirde ihm der Ziegelstein den Kopf einge- 
schlagen haben. Aber kein Mensch redet dann natiirlich dariiber, denn 
kein Mensch kann ja auch das iibersehen. Kein Mensch kann wissen - 
er selber vergifk ja das natiirlich, kein Mensch beachtet das -, was da 
geschehen ware, wenn er sich nicht ein paar Minuten verzogert hatte. 
Nun, sehen Sie, diese Dinge werden eben nicht beachtet, aber sie sind 
ja geradeso im Leben vorhanden. Unzahlige solche Dinge, wo wir 
durch unser Schicksal abgehalten werden von einem Ungliick, sind da, 
sie werden aber gar nicht beachtet. Die studiert man aus dem Grunde 
nicht, weil sie sich nicht so leicht verfolgen lassen. Man kann sie nur 
verfolgen, wenn irgendwie die Sache besonders auffallend ist, wenn sie 
die Aufmerksamkeit herausfordert. Dann verfolgt man solche Dinge. 

Da war einmal ein Mensch, der sehr viel an seinem Schreibtisch safi, 
und unten hat die iibrige Familie gelebt. Er ging oft in diese seine obere 
Stube hinauf. Nun traumte ihm einmal, dafi fur ihn an einem bestimm- 
ten Tag ein grofies Ungliick bevorstiinde, dafi er erschossen wiirde. 
Nun, was tat der Betreffende? Er erzahlte das den anderen; man sagte 
ihm, er solle sehr vorsichtig sein, denn er konnte in diesen Tagen 
erschossen werden. Er ging deshalb nicht aus, sondern blieb den gan- 
zen Tag in seiner Stube sitzen. Aber er hatte doch so einen unheim- 
lichen Eindruck von dem Traume, denn er hatte ja schon ofter erfah- 
ren - es liegt das eben weiter in der Zeit zuriick, als die Menschen 
auf solche Dinge mehr geachtet haben -, dafi es solche Wahrtraume 
gibt. Er hatte ein unangenehmes Gefiihl. Und durch dieses unange- 
nehme Gefiihl wurde er eben auch auf sich aufmerksam. Und da 
stellte sich das ein, dafi er in einem bestimmten Augenblick unruhig 



wird und durch diese innere Unruhe aufstehen mufi von seinem Sitz. In 
demselben Moment kracht ein Schufi gerade an seinem Stuhl vorbei! Er 
besafl namlich ein altes Gewehr von viel friiher her, das da im Vorraum 
hing - die Tiir war offen das hatte ein Diener in die Hand genom- 
men. Er hatte nicht daran gedacht, dafi es geladen ist, hat unvorsichti- 
gerweise das Gewehr so gehalten, es ist losgegangen, und der Schufi ist 
da vorbeigegangen, wo der Mensch vorher gesessen hat. 

Also sehen Sie, da ist eine doppelte Verkettung von Schicksal. Da ist 
zuerst ein banaler Traum da. Auf der anderen Seite wird er wiederum, 
weil sein Schicksal eben noch nicht erfiillt ist, weil er noch leben soli, 
just im rechten Momente durch einen inneren Drang weggetrieben. 
Aber jetzt kommt das andere in Betracht. Sehen Sie, er hatte ja in dem- 
selben Momente auch ganz gut horen konneh: Geh weg! - wie Sie es 
gehort haben (zu Herrn Burle gewendet). Er hatte das ebensogut horen 
konnen, Wie ware das zustandegekommen? Sehen Sie, wenn man von 
einer geistigen Welt spricht, so mufi man sich klar sein dariiber, daft 
man nicht dumm reden darf von der geistigen Welt. Man wiirde aber 
immerhin dumm reden von der geistigen Welt, wenn man glauben 
wiirde - was ja iibrigens viele Leute, wenigstens diejenigen, die Spiriti- 
sten sind, glauben -, in der geistigen Welt seien Deutsche und Franzo- 
sen und Englander und Spanier und Chinesen. Aber die miifiten doch 
da sein, wenn man aus der geistigen Welt «Geh weg!» horen wiirde, 
denn dann mulke irgendein geistiges Wesen deutsch reden. Zu einem 
Franzosen wiirde es ja franzosisch reden, denn wenn es deutsch reden 
wiirde, dann wiirde der ja das fur einen unartikulierten Laut halten 
oder wiirde es heute gar fiir etwas sehr Boses halten. Also das ware sehr 
toricht gedacht, wenn man sich vorstellen wiirde, das «Geh weg!» hatte 
ein Geist gesprochen, denn der Geist kann nicht ein Deutscher oder ein 
Franzose oder ein Englander sein. Das ist ja der Unsinn der Spiritisten, 
dafi man sich durch ein Medium in Verbindung zu setzen meint mit den 
Toten und Antwort bekommt und glaubt, so sprechen die Geister. Sie 
tun das natiirlich nicht. Trotzdem sie vorhanden sind, tun sie es nicht. 
Aber das Folgende ist der Fall. 

Diese Art von Verbindung mit der geistigen Welt, die einem die 
Moglichkeit gibt, von einer geistigen Welt auch wissenschaftlich zu 



sprechen, die setzt voraus, daft man sich erst abgewohnt zu meinen, 
daf? die Geister in einer irdischen Sprache sprechen. Man mulS erst die 
iibersinnliche Welt kennenlernen und dann erst iibersetzen konnen in 
eine gewohnliche Sprache, was die Geister in einer iibersinnlichen Spra- 
che sprechen. Wenn der Betreffende, der an seinem Schreibtisch geses- 
sen hat, also gehort hatte «Geh weg!» - so hatte das auch ganz gut sein 
konnen. Aber die Sache ist namlich so, meine Herren: Sie haben von 
mir gehort, dafi der ganze Mensch erfullt ist von Vernunft. Ich habe 
Ihnen ja einmal auseinandergesetzt: Die Leber nimmt Vorgange wahr 
im menschlichen Unterleib, die Lunge nimmt wahr, der ganze Mensch 
ist ein Sinnesorgan. Das Herz nimmt wahr, durch das Herz nimmt man 
die Blutzirkulation wahr. Aber im gewohnlichen Leben braucht man 
diese Organe nicht zum Wahrnehmen. Man braucht seine Augen und 
seine Nase, aber man braucht diese Organe nicht zum Wahrnehmen. 
Diese Organe haben eine ganz bestimmte Eigentumlichkeit. Nehmen 
Sie zum Beispiel die Leber, meine Herren! Sehen Sie, wenn man die 
Leber herausschneidet aus dem Korper, dann ist sie also dieses Organ, 
das Sie bei den Tieren kennen, weil Sie ja wahrscheinlich schon irgend- 
welche Leber gesehen haben, mindestens Ganseleber. Aber dieses Organ 
hat einen Atherleib, der mit dem anderen Atherleib in Zusammenhang 
TafeU steht (Zeichnung, gelb), und hat auch einen astralischen Leib (violett) 
und dann wird es erst noch durchzogen von dem Ich. Also dieses Or- 
gan, die Leber, hat ja etwas Geistiges. In Ihrem Kopf nehmen Sie das 
Geistige wahr, aber in ihrer Leber nehmen Sie das Geistige bewufit nicht 




finm/rinht RuHnlf Stpinpr Narhlass-Vprwaltiinn Rurh- 3 5 fl £pifp' 8 fl 



wahr. Da konnen Sie, so wie Sie im gewohnlichen Leben organisiert 
sind, nichts iibersehen, geradeso wie ich Ihnen neulich erklart habe, 
daft Sie das Geistige nicht wahrnehmen in Ihrer kleinen Augenlinse. 
Aber man kann den ganzen Himmel mit der kleinen Augenlinse sehen. 
Durch alle Kopforgane sprechen eigentlich geistige Wesenheiten fast 
nicht. Da spricht die ganze Welt, die Sterne mit ihren Bewegungen und 
so weiter, die sprechen durch die Kopforgane. Aber durch die anderen 
Organe, zum Beispiel durch die Leber, da sprechen tatsachlich auch 
geistige Wesenheiten. Zu der Leber spricht der Magen, aber auch gei- 
stige Wesenheiten, zu der Lunge auch. Zu all den Organen, die man im 
gewohnlichen bewufiten Leben nicht braucht, sprechen geistige Wesen- 
heiten. 

Nun, meine Herren, wenn der Kopf eigentlich darauf angewiesen ist, 
nur dasjenige wahrzunehmen, was er draufien in der aufieren Welt er- 
blickt, so ist gerade das Innere des Menschen, die unteren Organe, dar- 
auf angelegt, in der geistigen Welt wahrzunehmen. Diese Organe sind 
aber aufSerordentlich fein. Sie sind wirklich recht fein. Und dafi sie fein 
sind, das konnen Sie schon daraus entnehmen, was manchmal fur Zu- 
stande aus solchen Organen herauskommen. Diese Zustande beachtet 
man meistens nicht, und man beachtet sie nicht, weil unsere Medizin so 
unvollkommen ist. Sehen Sie, Sie werden ja schon irgendeinmal erfah- 
ren haben, daft einer von einer riesigen Angst Diarrhoe kriegt. Man be- 
achtet es nicht, weil man sich gar nicht vorstellt, dafi von der Angst die 
Diarrhoe kommen kann. Sie kommt aber davon. Da ist ein Einflufi von 
der Aufienwelt da. Aber dieser Einflufi kann dann auch von der geisti- 
gen Welt da sein. Und aus der geistigen Welt heraus geschieht es schon 
so, dafi diese Organe in der Tat wahrnehmen, aber ganz andere Dinge 
wahrnehmen, als in der Aufienwelt sind. 

Ich habe Ihnen ja jetzt schon ofter gesagt: Wir Menschen gehen 
durch verschiedene Erdenleben. Ja, wenn die Menschen bisher so ohne 
weiteres durch verschiedene Erdenleben hatten durchgehen sollen, so 
wiirden sie das nicht gekonnt haben. Wenn der Mensch sich hier auf 
der Erde von klein auf entwickeln soli, so muE er einen Fiihrer haben, 
narnlich einen Erzieher oder Lehrer oder so etwas, sonst wiirde er ja 
ganz dumni bleiben. Soldi einen Fiihrer hat aber wirklich der Mensch 



in der geistigen Welt, der ihn von Erdenleben zu Erdenleben fuhrt und 
der auch wirklich achtgibt im einzelnen Erdenleben nicht fiir die Dinge, 
iiber die wir frei sind, iiber die wir selber verniinftig nachdenken, aber 
fiir die Dinge, iiber die wir nicht nachdenken konnen, mit denen aber 
unsere Menschenorganisation zusammenhangt. Und so kommt es, dafi, 
wenn da einer sitzt und in einer gewissen Angstlichkeit ist, er dann be- 
sonders empfindlich wird fiir dasjenige, was ihm bevorsteht. Diese 
Empfindlichkeit mufi man auch in der richtigen Weise beurteilen. Man 
mufi ganz genau unterscheiden: Tritt diese Empfindlichkeit fiir das Gei- 
stige ein, oder ist diese Empfindlichkeit doch noch physisch erklarbar. 
Wenn einer nicht kritisch ist, so kann er gar nicht iiber diese Dinge 
richtig sprechen. 

Ich will Ihnen hiervon auch noch ein Beispiel sagen. Da gab es ein- 
mal eine Kranke, die wohnte im vierten Stock eines Hauses, und der 
Arzt mulke taglich zu ihr kommen auch noch in der Zeit, in der sie 
schon am gesunden war, denn die Sache war ziemlich gefahrlich. Der 
Arzt kam zu dieser Kranken nicht etwa jeden Tag zu derselben Stunde, 
sondern zu ganz verschiedenen Stunden, aber diese Kranke wufite jeden 
Tag oben im vierten Stock ganz genau: Jetzt kommt der Arzt - auch 
wenn er noch ganz unten war, Wenn er noch aufter dem Hause vor 
dem Tore war, da wulke sie schon: Jetzt kommt der Arzt. - Nament- 
lich aber wulke sie es, wenn er noch ganz unten war im Flur des Hau- 
ses, bevor er noch eine Stufe erstiegen hatte. Das erzahlten die Leute 
dem Arzt und sagten: Ja, die weifi das durch Hellsehen. - Nun, der 
Arzt war zunachst ein bilkhen kribbelig. Arzte glauben das nicht 
gleich. Aber nun, als er immer wieder und wieder angeranzt wurde von 
den Leuten, die ihm sagten: Ja, unsere Tochter ist hellsehend, die weifi, 
wenn Sie da unten sind - da sagte er einmal: Ich will die Geschichte 
doch ausprobieren! - Und er zog sich ganz leise die Stiefel aus, bevor er 
ins Tor hineinging. Und da wufke sie es nicht! Nun, sehen Sie, solche 
Falle gibt es natiirlich auch, und die mull man richtig priifen. Denn 
diese Kranke hatte einfach ein fein empfindliches Gehor gekriegt durch 
das lange Liegen und hat unten die Tritte wahrgenommen, die man 
sonst von unten nicht horte. Wenn man von allem gleich sagt, das ist 
Hellsichtigkeit, so hat man natiirlich kein Recht, von geistigen Welten 



zu reden. Man mufi ganz genau zu unterscheiden wissen zwischen dem, 
was eben mit den Sinnen noch wahrgenommen werden kann und dem, 
was nicht mehr mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. 

Die Dinge, die da spielen, zeigen aber, dafi die Sinne aufSerordentlich 
empfindlich werden konnen. Denn im gewohnlichen Leben ist ja natiir- 
lich der Mensch nicht fahig, wenn er im vierten Stock ist und unten 
Tritte sind, sie gleich zu horen. Aber wie die Sinne am Kopfe und sonst 
die Sinne empfindlich werden konnen, so konnen auch die inneren Or- 
gane, die ja auch Sinne sind, eben empfindlich werden fur das Geistige. 
Und wenn also dann zum Beispiel die Leber unter dem Eindruck stent: 
heute konnte ich erschossen werden -, so ist sie besonders empfindlich, 
und die Folge davon ist, daft die Leber horen kann, aber jetzt nicht in 
irgendeiner italienischen oder deutschen Sprache, die Warnung von 
dem geistigen Wesen, das ja wirklich da ist. 

Aber denken Sie sich, nun geschieht das Wunderbare: Die Leber 
mufi das ja erst abgeben an den Kopf, sonst kann es der Mensch nicht 
wahrnehmen; denn da wird das auf dem Wege von der Leber bis zum 
Kopf iibersetzt in die Sprache, die der Mensch spricht. Das ist das 
Wunderbare dabei, da liegt namlich erst das Ratselvolle. Da konnen Sie 
erst sagen, was fur ein merkwiirdiges Wesen dieser Mensch denn ist. Er 
ist nicht etwa allein imstande, Ahnungen zu haben, sondern, was viel 
wunderbarer ist, dasjenige, was ihm in der geistigen Sprache zukommt, 
das iibersezt er eigentlich unbewuftt in seine Sprache. 

Daraus konnen Sie aber sehen: Alles das, was in manchen spiritisti- 
schen Zirkeln aufgeschrieben wird, das wird zu den Unterleibern ge- 
sagt. Nur sind die Leute darauf aus, das nicht zuzugeben. Sie glauben, 
die Geister sprechen italienisch oder franzosisch, aber das kommt alles 
aus dem Menschen selber. Und dennoch, es ist eine Beziehung zur 
geistigen Welt auch in diesen Sitzungen vorhanden, nur eine sehr 
schlimme. Die wird dann in allerlei Dinge iibersetzt. 

Aber aus diesem sehen Sie, daft man ja, wenn so etwas auftritt wie 
dieses «Geh weg!», sich klar sein muS: Die eigentliche Verbindung mit 
der geistigen Welt bleibt einem immer noch dunkel. Man hat keine 
rechte Vorstellung, wenn man sich einfach vorstellt: der Schutzgeist hat 
einem ins Ohr geraunt -, sondern man mufi wissen, auf welchem Urn- 



wege das geschieht. Dann begreift man auch noch etwas anderes. Dann 
begreift man, daft die Leute so etwas sehr leicht widerlegen konnen. 
Denn fiir einen gewohnlichen Menschen ist das mit dem Menschen, der 
sich die Schuhe ausgezogen hat, eine Widerlegung. Der sagt: Die Leute 
glauben, das sei Hellsehen, Hellhoren, aber es war da kein Hellhoren, 
sondern ein gewohnliches Horen. Also ist das bei dem anderen Fall 
auch so. 

Ja, das ist eben das, meine Herren, was man zuerst untersuchen 
mufi! Und da sieht man dann, wenn man die ndtige Vorsicht iibt, daft 
in der Tat auf diesen Umwegen fortwahrend von der geistigen Welt aus 
mit menschlichem Schicksal gearbeitet wird, besonders stark natiirlich 
in der Kindheit. Warum in der Kindheit? Ja, in der Kindheit ist nam- 
lich der astralische Leib viel tatiger, da arbeitet der astralische Leib viel 
intensiver. Spater arbeitet er nicht mehr so intensiv. Wenn die Leber 
beim Kind noch weich ist, so kann der astralische Leib das, was er in 
der geistigen Welt hort, auf die Leber iibertragen. Spater, wenn die Le- 
ber hart geworden ist, kann er nichts mehr iibertragen. 

Nun miissen Sie denken, was solch ein Ereignis wie das, was von 
Herrn Burle erlebt worden ist, fiir eine Bedeutung hat, wenn einem 
also eigentlich der Tod bevorsteht und nicht das eintritt, was durch die 
aufiere Natur der Dinge ganz gut vorgesehen ist. Denn Sie hatten da- 
zumal, wie Sie das «Geh weg!» gehort haben, draufgehen konnen? 
(Wird bestatigt.) Also Sie waren draufgegangen. Solche Falle gibt es 
viele im Leben des Menschen. Nur, viele bemerkt man nicht. Aber das 
ist einer, den Sie stark bemerkt haben. 

Nun aber haben Sie, bevor Sie Ihr jetziges Erdenleben durchgemacht 
haben, viele friihere durchgemacht. Ja, meine Herren, was man friiher 
in den Erdenleben durchgemacht hat, das will sich ja in der richtigen 
Weise ausleben. Das will sich so ausleben, daft man zum Beispiel in die- 
sem Leben jetzt ein richtig langes Leben hat, damit alles sich so ausle- 
ben kann, wie es durch die friiheren Erdenleben bedingt ist. Nun kann 
dem die auftere Natur sogar widersprechen. Ich kann eines Tages durch 
die aufieren Verhaltnisse einem Ungluck ausgesetzt sein, konnte sterben 
miissen, und die Sache konnte so werden, dafi ich, sagen wir, wenn ich 
sterbe, eigentlich meinem vorigen Erdenleben nach in unverhaltnismafiig 



friiher Zeit sterbe. Es ist nach dem vorigen Erdenleben nicht richtig, 
dafi ich so friih sterbe, weil ich noch etwas zu tun habe auf der Erde. 
Nun konnte ich auch sterben. Glauben Sie nicht, dafi das ganz unbe- 
dingt gesichert ist, dafi ich nicht sterbe! Ich konnte auch sterben, das 
Ungliick konnte eintreten. Ich konnte sterben, aber mein ganzes 
Schicksal wiirde geandert. Denn ich habe eben das Stiickchen Erdenle- 
ben, das ich noch hatte durchleben sollen, dann nicht. Das ganze 
Schicksal wiirde geandert! Da greift nun diese geistige Wesenheit ein, 
die den Menschen von Erdenleben zu Erdenleben fuhrt, und kann ihn 
warnen. Da liegt immer ein Grund vor, dafi sie ihn warnen kann. Aber 
natiirlich sind die Verhaltnisse aufierordentlich verwickelt, und irgend- 
einmal kann es auch so liegen, dafi diese Wesenheit, die den Menschen 
schiitzen will, wenn wir das Wort so anwenden wollen, anderen We- 
senheiten unterliegt, die sie abhalten, die sie weghalten. In der geistigen 
Welt konnen durchaus auch solche Kampfe stattfinden. Aber wenn 
bose Wesenheiten, wenn ich mich so ausdriicken darf, kein besonderes 
Interesse daran haben, dann kommt die Warnung durch. Und so ist sie 
dazumal durchgekommen. Und daft da ganz besondere Dinge eintreten 
konnen, auch aufterlich, ja, das kommt auch unzahlige Male vor. 

Sie haben sich gewundert, nicht wahr, beim zweiten Fall, den Sie aus 
Ihrem Leben erzahlten, warum da nicht weiter gedreht worden ist. 
Denn wenn da weiter gedreht worden ware, so hatten Sie zugrundege- 
hen miissen. Die anderen konnten das Wasser nicht laufen lassen, Sie 
allein konnten es dann. Nun, woran lag das? Sie konnten gar nicht au- 
fierlich sehen, woran das lag. (Herr Burle: Nein!) Es lag daran, dafi 
diese Sie warnen oder Sie erhalten wollende geistige Wesenheit den Wil- 
len der anderen in diesem Moment gelahmt hat. Das wirkt immer durch 
den Menschen selber durch, nicht auf eine auftere Weise, nicht durch 
einen anderen. Der Wille war in diesem Moment in den anderen ge- 
lahmt, sie kriegten es nicht fertig, die Muskeln zu bewegen. Also so 
sind die Dinge, so hangen die Dinge zusammen. So daft man immer, 
wenn man von der geistigen Welt reden will, sicher sein mu6, daft die 
geistige Welt durch den Menschen wirkt. Geradeso wie man ohne 
Auge nicht eine Faroe sehen kann, so kann man ohne diese innere 
Tatigkeit des Menschen nicht die geistige Welt wahrnehmen. Das 



ist ja dasjenige, was man immer beachten mufi, wenn man richtige 
Wissenschaft treiben und nicht in Aberglauben kommen will. Denn 
das ist also so, dafi das, was auf der Erde ist, die verschiedenen Spra- 
chen, nicht mehr gilt fur die geistige Welt, sondern es gelten da nur 
solche Sprachen, die man eben erst lernen mui Will man in die geistige 
Welt eindringen - und ich habe ja beschrieben, was man da fur Ubun- 
gen machen mufi, um in die geistige Welt einzudringen -, dann muE 
man vor alien Dingen, wahrend man in die geistige Welt eindringt, sich 
abgewohnen konnen das Denken. Nicht fur immer, das ware ja 
schlimm, aber fur die Momente, wo man in die geistige Welt eindringen 
will. Denn das menschliche Denken, das ist nur fur diese irdische Welt. 
Daher ist das Denken auch so verwandt mit dem Sprechen. Wir denken 
ja eigentlich in Worten in der physischen Welt, und nur dadurch, daft 
man sich allmahlich gewohnt, nicht in Worten zu denken, kommt man 
der geistigen Welt nahe. 

Und jetzt will ich Ihnen erklaren, wie es ist, wenn der Mensch direkt 
in die geistige Welt hineinsieht. Denken Sie sich also, der Herr Burle 
ware in dem Momente, wo ihm das passiert ist, daft dann zu ihm «Geh 
weg!» gesagt worden ist, ein Hellseher gewesen, aber ein rich tiger 
Hellseher, was ware dann geschehen ? Wenn der Herr Burle ein Hellse- 
her gewesen ware, dann hatte er nicht innerlich diese furchtbar geistrei- 
che Arbeit zu verrichten gebraucht, das erst ins Deutsche zu iiberset- 
zen, was ihm ein geistiges Wesen gesagt hatte, aber etwas anderes ware 
gekommen. Denn da hatte er gelernt, wie dasselbe geistige Wesen deu- 
ten kann, Gebarden machen kann, Zeichen machen kann. Denn die 
geistigen Wesen reden nicht in Worten, sondern die machen Gebarden. 
Naturlich nicht solche Gebarden, wie ein Taubstummer sie macht, aber 
sie machen Gebarden. Die Menschen sind eben meistens nicht zufrie- 
den mit diesen Gebarden, weil sie wie die Spiritisten etwas horen wol- 
len. Aber in der wirklichen geistigen Welt ist es nicht so, da sind die 
Dinge nicht mit aufierem Ohr horbar. Man kann gar nicht begreifen, 
wie ein verniinftiger Mensch sich das vorstellen kann, daft er mit physi- 
schen Ohren die Geister hort, denn physische Ohren konnen da nicht 
zuhoren. Es ist ein Unsinn, zu glauben, die physischen Ohren konnten 
die Geister horen. Das mufi naturlich der Astralkorper von irgendei- 



nem Organ sein, der die Geister hort. Aber das ist auch kein wirkliches 
aufteres Sehen und Horen, sondern das ist ein Wissen, wie man die Zei- 
chen auffassen mufi, die einem diese Wesenheiten machen. Und dann 
wiirde Herr Burle, wenn er hellsehend gewesen ware, statt zu horen: 
«Geh weg!», ein geistiges Bild gesehen haben, wissen Sie, so wie wenn 
einer ihn wegschiebt. Und hatte er dann richtig innerlich geistigwahrge- 
nommen, dann hatte er es nicht erst zu iibersetzen gebraucht ins «Geh 
weg!». Aber das geschieht alles still und in Ruhe, und daran sind die 
Leute nicht gewohnt, die geistige Welt still, in Ruhe, in Schweigsamkeit 
aufzunehmen. Man wiirde auch, wenn irgendwo eine Gefahr schwebt, 
gar nicht darauf kommen, recht ruhig sein zu wollen. Man ist dann aufge- 
regt, aber durch die Aufregung wird gerade die geistige Welt dann nicht 
wahrgenommen. Und wenn dann doch das Schicksal sprechen soli, 
dann spricht es eben so, dafi der Mensch das erst in sich iibersetzt. 

Sehen Sie, es gibt, wie Sie ja wissen, Menschen, welche sehr leicht 
mathematisch denken konnen und solche, die gar nicht mathematisch 
denken konnen, solche, die gut rechnen konnen und solche, die gar 
nicht rechnen konnen. Es gibt ja diese verschiedenen Fahigkeiten. Aber 
gerade wenn man sich recht anstrengt im mathematischen Denken, 
dann kommt man leichter in das wirkliche Hellsehen hinein, als wenn 
man gar keinen Begriff hat von mathematischem Denken. Und darin 
liegt schon der Grund, warum die Menschen heute so schwer hinein- 
kommen in die Anschauung der geistigen Welt. Denn diejenigen, die 
heute eine Schulung durchmachen, sind ja noch zumeist diejenigen, die 
durch Griechisch und Latein, Literatur und alles mogliche durchgehen, 
durch all das, wobei man schlampig denken kann. Ja, die meisten soge- 
nannten gebildeten und gelehrten Leute haben eigentlich nur «schlam- 
pet» denken gelernt, weil sie denken in demjenigen, in dem eigentlich 
die alten Romer oder Griechen gedacht haben, und die anderen lernen 
das dann von ihnen. Und so existiert heute eben ein furchtbar schlam- 
piges Denken, gar kein Denken, das wirklich Kraft in sich hat. Davon 
kommt es, daft man heute solche Dinge gar nicht richtig verstehen 
kann, die aus der geistigen Welt herausgeholt sind. Wiirden die Leute 
ein richtiges scharfes Denken haben, dann wiirden sie ja gerade vie! 
eher zum Verstehen dessen kommen, was in der geistigen Welt vorgeht. 



Sie konnen an aufteren Dingen, die in den letzten Jahrhunderten sich 
abgespielt haben, sehen, wie der Mensch aber wiederum geradezu be- 
strebt ist, nicht zu der geistigen Welt hinzukommen. Das will ich Ihnen 
an einem Beispiel erklaren. 

Sehen Sie, als ein gewisser Stephenson zuerst darauf aufmerksam ge- 
macht hat, man konne Wagen machen mit eisemen Radern, die auf 
Schienen fahren, da wurde das den Gelehrten seiner Zeit vorgelegt. Die 
Sache ist noch gar nicht lange her. Nun haben die Gelehrten zu rechnen 
angefangen, haben eine richtige Rechnung gemacht. Was haben sie her- 
ausgekriegt? Sie haben ausgerechnet: Niemals wurde, wenn hier eine 
Tafel 8 Schiene ist und da ein Rad (es wird gezeichnet), ein Wagen vorwarts- 
kommen, wo das Rad so iiber die Schiene gehen soil. Es kann nicht 
sein. - Und sie rechneten weiter und rechneten aus: Es kann nur dann 
das Rad vorwartsgehen, wenn die Schiene so gezahnt ist und das Rad 
auch gezahnt ist, so daft immer ein Zahn, der erhoht ist, in ein solches 
eingreift. - Also die Gelehrten haben ausgerechnet, daft, wenn die Wa- 
gen Zahnrader hatten und die Schienen auch Zahne hatten, in die die 
Wagenzahnrader eingreifen, es dann gehe, daft die Wagen sich vor- 
wartsbewegen und haben bewiesen, nur auf diese Weise konnten sich 
Eisenbahnzuge vorwartsbewegen. Nun, meine Herren, Sie sehen, es 
geht ganz famos heute, ohne daft man Zahnrader und gezahnte Schie- 
nen hat! Was haben die Leute getan? Es ist noch gar nicht sehr lange 
Zeit her. Ja, sie haben gerechnet. Das Rechnen behalten sie aber bloft 
im Kopf, sie lassen nicht den iibrigen Menschen darin wirken. Dadurch 
wird es stumpf, das Rechnen. Gerade das Rechnen ist etwas, wodurch 
man hell werden kann. Aber die Menschen haben sich im letzten Jahr- 
hundert sogar gegen das Rechnen gestellt. Dadurch ist aber das ganze 
ubrige Denken auch in Verwirrung gekommen. Und 1835, als es soweit 
war, daft man nicht mehr iiber «Zahnrader» debattiert hat, sondern die 
erste Eisenbahn in Deutschland von Fiirth nach Nurnberg eingerichtet 
wurde, da hat man wiederum das Bayerische Arztekollegium zusam- 
mengerufen und hat die gefragt, ob man die Eisenbahn bauen solle, ob 
es gesund sei. Dieses Dokument ist aufterordentlich mteressant. Es ist 
noch nicht so lange her, als Sie denken, das ist noch nicht ein Jahrhun- 
dert her. Diese Versammlung von gelehrten Herren hat das Dokument 



ausgestellt, man solle lieber keine Eisenbahnen bauen, denn diejenigen 
Leute, die darinnen sitzen, wiirden aufierordentlich nervos werden. 
Wenn aber die Leute einen zwingen wiirden, doch Eisenbahnen zu 
bauen, wenn sie so schnell vorwartskommen wollen, dann miisse man 
wenigstens links und rechts vom Zuge grofie, hohe Bretterwande auf- 
richten, damit, wenn die Ziige vorbeifahren, von dem raschen Vorbei- 
fahren die Bauern nicht Gehirnerschiitterungen kriegen wiirden. Das 
steht in dem Dokument der gelehrten Herren drinnen. 

Ja, so haben die Leute geurteilt. Aber glauben Sie nicht, daft sie heute 
anders urteilen iiber diejenigen Dinge, die wirklich vorwartsweisend in 
die Welt dringen. Sie urteilen heute auch nicht anders. Denn dafi man 
heute lacht iiber das, was 1835 vorgekommen ist, das ist eben hinterher, 
und so werden die Leute iiber das, was heute geschieht, auch erst hin- 
terher lachen konnen, wenn es fast hundert Jahre her sein wird. Die 
Leute haben ja iiberhaupt sich ganz besondere Ideen gemacht iiber die 
Dinge, die neu sein sollen. Mit den Eisenbahnen ist es gar nicht so 
leicht gegangen, denn das hat dem Denken der Menschen lebhaft wi- 
derstrebt. Als zum Beispiel in Berlin die erste Eisenbahn nach Potsdam 
gebaut werden sollte, da mufite der Generalpostmeister gefragt werden, 
denn er hatte jede Woche die vier Postwagen beaufsichtigt, die von Ber- 
lin nach Potsdam und wieder zuriick gegangen sind, und da mufke er 
sein Gutachten abgeben, ob eine Eisenbahn gebaut werden solle. Da 
gab er sein Gutachten ab: Ja, er lasse doch viermal in der Woche einen 
Postwagen von Berlin nach Potsdam gehen, und da sitze kaum jemand 
drinnen. Warum soli man denn eine Eisenbahn bauen, wo im Postwa- 
gen niemand drinnen sitzt? - Heute ist es so, dafi von Berlin nach Pots- 
dam zehn bis zwolf Ziige taglich gehen, und sie sind alle voll. Nur 
nicht gerade jetzt, in diesem Augenblick, aber sie waren alle voll. Sehen 
Sie, so schwer konnen sich die Leute seit ein paar Jahrhunderten hin- 
einfinden in dasjenige, was eigentlich in der Welt geschieht. Daher 
nimmt man die Dinge nicht wahr, die sich abspielen, und hochstens 
glaubt man einem Menschen, der, ich rnochte sagen, eine aufSerliche 
Autoritat ist. Dem glaubt man manchmal etwas. So will ich Ihnen eine 
Geschichte erzahlen. 

Da war ein ganz beriihmter Techniker in England - die Sache ist 



noch nicht lange her, es ist etwa vierzig Jahre her -, ich glaube, er hiefi 
Varley y ein ganz beriihmter Techniker, an (lessen Verstand niemand 
zweifelte. Diesem ganz beriihmten Manne passierte folgendes. Er fuhr 
mit seiner Frau von London aufs Land hinaus, weil seine Schwagerin, 
die Schwester seiner Frau, sehr krank war; sie war fast eine Sterbende 
schon. Sie blieben ein paar Tage draufien. Nun, in der ersten Nacht, in 
der dieser Herr, der also ein ganz be
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