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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge fur die arbeiter am goetheanumbau
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
Vortrage fur die Arbeiter am Goetheanumbau
Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und
Geist. Uber friihe Erdzustande
Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1922 Bibl.-Nr. 347
Band 2 Uber Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geistes-
wissenschaftlichen Sinneslehre
Achtzehn Vortrage, 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923 Bibl.-Nr. 348
Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Uber das Wesen
des Christentums
Dreizehn Vortrage, 17. Februar bis 9. Mai 1 923 Bibl.-Nr. 349
Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt
man zum Schauen der geistigen Welt?
Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1923 Bibl.-Nr. 350
Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des. Geistes in der Natur -
Uber das Wesen der Bienen
Fiinfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923 Bibl.-Nr. 351
Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung
Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1 924 Bibl.-Nr. 352
Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen
der Kulturvolker
Siebzehn Vortrage, 1. Marz bis 25. Juni 1924 Bibl.-Nr. 353
Band 8 Die Schdpfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und
Sternenwirken
Vierzehn Vortrage, 30. Juni bis 24. September 1 924 Bibl.-Nr. 354
RUDOLF STEINER
Rhythmen im Kosmos
und im Menschenwesen
Wie kommt man zum Schauen
der geistigen Welt?
Vom Wirken des Atherischen und Astralischen
im Menschen und in der Erde
Ursprung und Bedeutung der Kulte
Ernahrungsfragen
Sechzehn Vortrage
gehalten vor den Arbeitern am Goetheanumbau in Dornach
vom 30. Mai bis 22. September 1923
1991
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlafSverwaltung
Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1962
2. Auflage,
neu durchgesehen und mit den Stenogrammen verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1980
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1991
Fruhere Ausgaben siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 350
Die Zeichnungen sind nach den Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners
von Leonore Uhlig angefertigt worden (siehe auch S. 309)
AUe Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaSverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1962 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3500-3
7,u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner-
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
Die besondere Stellung, welche die Vortrage fiir die Arbeiter am
Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen, schil-
dert Marie Steiner in ihrem Geleitwort, welches diesem Band
vorangestellt ist.
INHALT
Geleitwort von Marie Steiner
VOM WIRKEN DES ATHERISCHEN UND ASTRALISCHEN
IM MENSCHEN UND IN D.ER ERDE
ERSTER VORTRAG, Dornach 30. Mai 1923
Von der Wiederkunft des Menschen - Turnen, Tanz und Sport
Wodurch die Verschiebungen der Erdenbevolkerung entstehen. War-
um erinnert man sich nicht an friihere Inkamationen? Der Mensch
erinnert sich nur an dasjenige, was er am Tage wachend erlebt hat. Im
Schlaf wird aber ungeheuer viel mehr erlebt. Nachtodliche Zustande.
Im gewohnlichen Tanz folgt der Mensch nicht seinem physischen
Leib, sondern seinem Atherleib; das Turnen besteht darin, daft der
Mensch sich mehr der Erde anpafSt, als er sich sonst ihr anpassen
kann. Im Sport folgt er ganz nur den physischen Erdenbewegungen.
Diesen Bewegungen miissen andere entgegengesetzt werden: die
eurythmischen Bewegungen. Cber das erste Kapkel der «Kernpunkte».
Denken kann man nur mit dem Atherleib. Cber die heutige Sport-
sucht.
ZWEITER VORTRAG, 2. Juni 1923
Das Wirken des Atherischen und Astralischen im Menschen
und in der Erde
Die Starkrankheit des Auges. Lebendige Linse und Brille. Wir sehen
dadurch, dafi unser astralischer Leib in unserem Atherleib drinnen
ist. Die Starkrankheit kommt da von her, dafi die im Auge, in der
Linse abgelagerten Salze den Atherleib nicht hineinlassen ins Auge.
Ober feuerspeiende Berge. Erdbeben und Vulkanausbriiche kommen
von den Sternkonstellationen. Falbsche Theorie. Schlagende Wetter.
Pflanzen, die das Astralische aufnehmen: Giftpflanzen. Behandlung
des Stars mit Tollkirschensaft. Die menschliche Leber als innerer Be-
obachter.
DRITTER VORTRAG, 6. Juni 1923
Blutkreislauf und Herzbewegung - Geistiges Wahrnehmen
durch die Augenlinse
Falsche Ansichten iiber die Herzbewegung. Uber das Hydratierchen.
Das Herz wird bewegt durch unseren astralischen Leib. Das Herz
als das innere Sinnesorgan. Linksherzer und Rechtsherzer. Man kann
aufierlich sehen, wenn alles durchsichtig ist im Auge, und man kann
innerlich sehen, wenn etwas willkiirlich undurchsichtig gemacht wird.
Richtige und falsche Bewegungen. Alles Maschinelle mufi sich nach
dem Menschen rich ten.
VlERTER VORTRAG, 9. Juni 1923
Licht- und Farbenwirkungen in Erdenstoffen und in den
Weltenkorpern
Die Farbe eines Korpers hangt zusammen mit der ganzen Art und
Weise, wie er in der Welt drinnensteht. Die sieben Regenbogenfar-
ben. Die Farben des Prismas. Gasige Flammen. Spektralanalyse. Wo-
durch entstehen Farben? Natriumflamme. Ausstrahlende Substanzen.
Eisen im Blut. Mars und Saturn als Gegensatze.
FUNFTER VORTRAG, 13. Juni 1923
Vom Wirken des Schutzengels
Beispiele fur das Wirken der geistigen Wesenheit, die den Menschen
von Erdenleben zu Erdenleben fiihrt und die ihn warnt. Stephenson
und die Vorurteile der damaligen Gelehrten. Uber Schleichs Erfah-
rungen mit Patienten, die Vorahnungen von ihrem Tode hatten, Uber
Sir Oliver Lodge, der einen Sohn im Weltkrieg verlor und sich mit
Medien in Verbindung gesetzt hat, die Angaben iiber seinen Sohn
machten.
SECHSTER VORTRAG, 16. Juni 1923
Uber die tieferen Ursachen der Weltkriegskatastrophe
Wie die seelische Starke des einen Menschen die Seek des andern, der
selber ganz schwach ist, aufierordentlich stark beeinflussen kann. Bei-
spiele dafiir, daft wir in unserem Atherleib alle viel gescheiter sind als
in unserem Astralleib und in unserem Ich. Julius Robert Mayer und
seine Beobachtungen als Schiffsarzt. Weil die Menschen nichts Gei-
stiges haben lernen wollen bis 1914, haben sie vom Weltenschicksal
die Priigel dafiir bekommen.
SlEB ENTER VORTRAG, 25. Juni 1923
Die Einwirkung der Gestirnkonstellationen auf die Erde und
auf den Menschen
Die aufierordentlichen Witterungsverhaltnisse der letzten Jahre. Ober
die sibirischen Mammutfunde. Kaltewellen, Vulkanausbriiche und
Erdbeben riihren von aufierordentlichen Gestirneinfliissen her. Blut-
sturz. Mondeneinfliisse auf den Menschen, Was die Entdeckung von
Amerika eigentlich bedeutet. Christoph Kolumbus und Kopernikus:
Kugelgestalt der Erde und die Bewegung der Erde um die Sonne.
Robert Hamerlings Erlebnis mit der Somnambulen Filomena Gavazzi
in Triest. Die Wirkungen von Sternkonstellationen auf Erde, Mensch
und Tier.
WIE KOMMT MAN ZUM SCHAUEN DER GEISTIGEN WELT?
ACHTER VORTRAG, 28. Juni 1923
Ausbildung eines selbstandigen Denkens und des Ruckwarts-
denkens
Ober die sogenannten Geistesgestorten. Bei einem Geisteskranken
ist der Korper so krank, daft er den Geist, der immer gesund ist, nicht
beniitzen kann. Warum die Menschen nicht denken konnen. Eigen-
tiimlichkeiten der lateinischen Sprache. Denken kann man nur mit
dem Atherkorper. Ohne daft man selbstandig denken kann, kann
man nicht in die geistige Welt hineinkommen. «Die Philosophic der
Freiheit» als Erziehungsmittel. Die Begriffe miissen beweglich wer-
den. Durch ganz bewufites und ganz genaues Riickwartsdenken reifit
sich der Mensch los vom physischen Leib. Ruckschau auf die Tages-
ereignisse.
NEUNTER VORTRAG, 30. Juni 1923
Erzeugen kiinstlicher Langeweile - Die Umkehrung der Urteile
der physischen Welt in der geistigen Welt
Das Erzeugen kiinstlicher Lange-weile durch das Nachdenken iiber
bestimmte Satze als Weg, um in die geistige Welt hineinzukommen.
Ober Nietzsche, der sich in seiner Jugend immerfort mit solchen Sat-
zen gequalt hat. Sich immerfort amiisieren wollen heiftt, vor dem
Geiste davonlaufen. Die geistige Welt hat die entgegengesetzten
Eigenschaften der physischen Welt. Umkehrung der Urteile der phy-
sischen Welt in der geistigen Welt. Geistige Verwandlung.
Zehnter Vortrag, 7. Juli 1923
Entwickeln innerlicher Ehrlichkeit
Der Mensch kann heute in Wirklichkeit gar nicht denken; durch die
heutige Bildung wird er gar nicht dazu veranlalk, sein Denken auszu-
bilden. Besprechung eines Beispiels dafiir aus den «Basler N v achrich-
ten» (iiber den sogenannten «Flugtraum»). Uber den Spiritismus als
das Allermaterialistischste, was es gibt. Uber Angsttraume. Denken-
lernen am Sprechen. Sprechen und richtiges Atmen. Entwickeln inner-
licher Ehrlichkeit im Denken.
Elfter Vortrag, 18. Juli 1923 . .
Sich-Einleben in die aufiere Welt - Ernahrungsfragen:
Wirkung von Kartoffeln, Roter Riibe und Rettich
Warum die Eidechse ihren Schwanz verliert, wenn man sie fangt.
Die Angst halt unseren Organismus zusammen. Seelische Heilung
rachitischer Kinder. Man mufi Mut haben und die Angst ertragen,
wenn man hohere Erkenntnisse erwerben will. Man mufi sich in die
ganze Natur hineinstellen, wenn man geistige Erkenntnis gewinnen
will. Alle festen Stoffe geben fortwahrend Tone von sich, die man
noch beim Aufwachen horen kann. Das Ankiindigen Sterbender. Der
Mensch verlafit tonend das irdische Dasein. Schadliche Wirkungen
der Kartoffelnahrung. Bei der Pflanze ist die Wurzel salzreich und die
Bliite olreich; die Salze regen unser Gehirn an, die Ole haben ihre
Wirkung auf den Unterleib. Wenn man Rote Ruben i£t, bekommt
man eine grofie Sehnsucht, viel zu denken. Wenn jemand nicht sehr
regsam im Kopfe ist, so tut ihm das gut, wenn er Rettich zu den
Speisen hinzunimmt. Wir bauen uns auf aus dem, was aulSer der Erde
ist, was im Lichte die Erde umgibt.
RHYTHMEN IM KOSMOS UND IM MENSCHENWESEN
ZWOLFTER VORTRAG, 20. Juli 1923
Menschliche und kosmische Atmung - Das Lichtatmen der
Erde - Die Befruchtung bei der Pflanze und beim Menschen;
die Befruchtung des Wassers durch den Blitz
Uber kataleptische Zustande. Hansens hypnotische und posthypno-
tische Experimente. Der Kopf denkt langsam, der Bauch schnell.
Ausgleich entgegengesetzter Zustande. Im Leben macht der Mensch
soviele Tage durch wie Atemzuge im Tag. Die Lichtatmung der Erde.
Uberwiegt Kopfatmung: Willensstarre, iiberwiegt Bauchatmung: Ge-
dankenflucht. Der weibliche Organismus nimmt durch die Befruch-
tung die ganze Welt auf in seinen Atmungsprozefi. Durch das Licht,
das aus dem Weltenall kommt, wird die Pflanzenbliite befruchtet.
Befruchtung des Wassers vom Weltenall her durch Licht und Warme
- das ist im Blitze sichtbar. Kataleptische Zustande: wurzelahnlich,
immer schwatzende Menschen: der Bliite ahnlich. 25920 Jahre lebt
die Erde, so wie sie jetzt ist; wir sind jetzt etwas iiber die Mitte hin-
aus.
DREIZEHNTER VORTRAG, 25. Juli 1923
Die Entstehung des Gewissens im Verlaufe der Menschheits-
entwickelung -- Ungeborenheit und Unsterblichkeit - Lehre
des Aristoteles und der Katholischen Kirche
Der Mensch kommt mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib
aus der geistigen Welt herunter. Die urindische Kultur vor 8000 Jah-
ren: die Menschen fuhlten sich als Gottersohne. In der urpersischen
Zeit kam zum ersten Mai eine gewisse Schatzung der Erde auf. Den
alten Agyptern wurde immer wichtiger das Leben nach dem Tode;
sie hatten eine furchtbare Angst vor dem Sterben. Die alten Griechen
haben die Erde am meisten geliebt. Die alten Ansichten des Aristo-
teles wurden dann spater christliches Kirchendogma. Die friiheren
Menschen haben ihre sittlichen Impulse aus der geistigen Welt herun-
tergebracht. Entstehung des Gewissens. Die Kirche als Verwalterin
des Gewissens. Das tragische Lebensschicksal des Augustin Smetana.
Das Dogma von der Ewigkeit der Hollenstrafe. Das Gewissen als
Erbschaft des vorirdischen Lebens.
VlERZEHNTER VORTRAG, 28. Juli 1923
Lungen-Wissen und Nieren-Wissen
Wir brauchen in unserem Korper immer einen bestimmten Blutdruck.
Der zu schwache und der zu starke Blutdruck. Bei zu starkem Blut-
druck werden die Nieren untauglich. Im richtigen Blutdruck breitet
sich der astralische Leib aus. Bei zu geringem Blutdruck fuhlt der
Mensch immer etwas wie eine kleine Ohnmacht und infolgedessen
wird er schwach und seine Organe konnen nicht in der richtigen
Weise gebildet werden; durch zu starken Blutdruck altern wir zu
schnell und wir bekommen fruh entartete Nieren. Ober die Kartoffel-
nahrung. Die Menschen sind eigentlich durch und durch unwissend.
Die Luft ist es, die den Kopf in Bewegung setzt. Vor 6000, 8000 Jah-
ren haben die Menschen sehr ihr Atmen geiibt, um zu einem Wissen
zu kommen. Obergang vom Lungen-Wissen zum Nieren-Wissen.
Der Weltkrieg als eine Nieren-Krankheit der Menschheit. Durch
keine aufieren Mittel wird heute die Welt besser, sondern nur da-
durch, daf? man anfangt, etwas zu wissen.
URSPRUNG UND BEDEUTUNG DER KULTE
FUNFZEHNTER VORTRAG, 10. September 1923 271
Druidenweisheit - Mithraskult - Katholischer Kultus - Kultus
der Freimaurer - Kultus der Christengemeinschaft
Druidenzirkel und Dolmen oder Kromlechs. Bei den Druiden wurde
das ganze Leben nach dem Sonnenumgange bestimmt. Svastika. Ru-
nenschrift. Mithraskult. Aus dem Zusammenschmelzen der verschie-
densten Kulte ist der katholische Kultus entstanden. Altar und Mon-
stranz. Uber den aus lauter Symbolen bestehenden Freimaurerkultus.
Zum Kultus der Christengemeinschaft.
ERNAHRUNGSFRAGEN
SECHZEHNTER VORTRAG, 22. September 1923 290
Die Bedeutung von Eiweifi, Fetten, Kohlehydraten und Salzen
fur die Ernahrung - Wirkung der Kartoffelnahrung - Gegner
der Anthroposopnie
Wer nicht imstande ist, die Wirkung des Salzes im Gehirn zu haben,
der wird schwachsinnig, dumm. Die Kohlehydrate tragen insbeson-
dere dazu bei, daft wir als Mensch die menschliche Gestalt haben.
Das Fett dient dazu, daf§ wir in der richtigen Weise Material in uns
haben. Eiweift ist notwendig, damit der Mensch iiberhaupt lebt. Wir-
kung der Kartoffelnahrung. Gefahrlichkeit iibermafiigen Kartoffel-
genusses. Das Eiweifi hangt mit Geburt und Tod des physischen
Menschen zusammen; der Atherleib hat sein hauptsachlichstes Feld
in den Fetten, der Astralleib in den Kohlehydraten und das Ich hat
sein Feld in den Salzen. Bluten und Friichte werden in den Gedarmen
verarbeitet, Wurzeln im Kopf. Kartoffel- und Getreidenahrung. Was-
serkopfe. Die wissenschaftlichen und die theologischen Gegner der
Anthroposophie.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 309
Hinweise zum Text 310
Namenregister 317
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 319
GELEITWORT
zum Erscheinen von Veroffentlichungen aus den Vortragen
Rudolf Steiners fiir die Arbeiter am Goetheanumbau
vom August 1922 bis September 1924
Marie Steiner
Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr Inhalt
wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den Arbei-
tern selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen; er regte
sie zu Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu auftern,
ihre Einwendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes wurde be-
riihrt. Ein besonderes Interesse zeigte sich fiir die therapeutische und
hygienische Seite des Lebens; man sah daraus, wie stark diese Dinge zu
den taglichen Sorgen des Arbeiters gehoren. Aber auch alle Erschei-
nungen der Natur, des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Da-
seins wurden beriihrt, und dieses fuhrte wieder in den Kosmos hinaus,
zum Ursprung der Dinge und Wesen. Zuletzt erbaten sich die Arbeiter
eine Einfiihrung in die Geisteswissenschaft und Erkenntnisgrundlagen
fiir das Verstandnis der Mysterien des Christentums.
Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus eini-
gen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fiir die an solchen Fragen
Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, gehalten hat;
sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der Anthroposophi-
schen Gesellschaft weiter gefiihrt. Doch erging nun die Bitte von seiten
der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst sich ihrer annehmen
und ihren Wissensdurst stillen wiirde, - und ob es moglich ware, eine
Stunde der ublichen Arbeitszeit dazu zu verwenden, in der sie noch fri-
scher und aufnahmefahiger waren. Das geschah dann in der Morgen-
stunde nach der Arbeitspause. Auch einige Angestellte des Baubiiros
batten Zutritt und zwei bis drei aus dem engeren Mitarbeiterkreise Dr.
Steiners. Es wurden auch praktische Dinge besprochen, so zum Beispiel
die Bienenzucht, fiir die sich Imker interessierten. Die Nachschnft je-
ner Vortrage iiber Bienen wurde spater, als Dr. Steiner nicht mehr un-
ter uns weilte, vom Landwirtschaftlichen Versuchsring am Goetheanum
als Broschiire fur seine Mitglieder herausgebracht.
Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch, diese
Vortrage kennen zu lernen. Sie waren aber fiir ein besonderes Publikum
gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz aus dem Steg-
reif gesprochen, wie es die Umstande und die Stimmung der zuhoren-
den Arbeiter eingaben, - durchaus nicht im Hinblick auf Veroffentli-
chung und Druck. Aber gerade die Art, wie sie gesprochen wurden, hat
einen Ton der Frische und Unmittelbarkeit, den man nicht vermis sen
mochte. Man wiirde ihnen die besondere Atmosphare nehmen, die auf
dem Zusammenwirken dessen beruht, was in den Seelen der Fragenden
und des Antwortenden lebte. Die Farbe, das Kolorit mochte man nicht
durch pedantische Umstellung der Satzbildung wegwischen. Es wird
deshalb der Versuch gewagt, sie moglichst wenig anzutasten. Wenn
auch nicht alles darin den Gepflogenheiten literarischer Stilbildung ent-
spricht, so hat es dafiir das unmittelbare Leben.
Vom Wirken des Atherischen
und Astralischen
im Menschen und in der Erde
ERSTER VORTRAG
Dornach, 30. Mai 1923
Guten Morgen, meine Herren! Da Sie heute ja nicht alle da sind, werde
ich vielleicht so sprechen, dafi diejenigen, die nicht da sind, nicht viel
versaumen. Vielleicht haben Sie etwas zu fragen?
Ein Fragesteller (Herr Burle) wiinscht Auskunft iiber die Reinkarnation. Es gibt doch
heute viel mehr Menschen auf Erden als friiher!
Eine andere Frage: Es sei ihm schon oft aufgefallen, dafi sich die Menschen so gerne
drehen, sei es im Tanz oder auch sonst. Auch wenn ein Hund lauft, kommt er immer
wieder zuriick an denselben Ort. Auch wenn man sich verirre im Wald oder bei Nebel,
komme man wieder an denselben Ort.
Dr. Steiner: Das ist sogar eine sehr interessante Frage!
Zunachst die Frage, die gestellt worden ist in bezug auf die Inkarna-
tionen. Nicht wahr, wir kommen darauf, wenn wir die anthroposophi-
sche Geisteswissenschaft beriicksichtigen, dafi jeder Mensch, der jetzt
lebt, eine ganze Anzahl von Erdenleben hinter sich hat und noch vor
sich haben wird, so dafi also die menschliche Seele immer wiederkehrt.
Man darf sich nicht vorstellen, dafi dasjenige, was damit gemeint ist, ir-
gend etwas zu tun hat mit dem, was in alten Zeiten auch vielfach ge-
glaubt worden ist: dafi der Mensch durch Tierleiber durchgegangen sei
und dergleichen. Das hangen uns unsere Gegner an. Davon kann nicht
die Rede sein. Aber gegen das Immerwiederkehren des Menschen kon-
nen zwei Einwande gemacht werden. Den ersten meint jetzt Herr
Burle.
Die gewohnliche Ansicht ist diese, dafi die Bevolkerung der Erde
immer zunimmt, dafi wir also heute in Europa wesentlich viel mehr
Menschen haben als, sagen wir zum Beispiel, vor ungefahr hundert-
fiinfzig Jahren. Nicht wahr, das meinen Sie? Wenn also alle diejenigen,
die heute da sind bei einer grofien Bevolkerung, zuriickverfolgt werden
sollten in ihre friiheren Erdenleben, so warden viel zu viel herauskom-
men? Man wiirde also sagen miissen: Es haben friiher doch viel weniger
Menschen gelebt, und heute leben viel mehr Menschen. Wie kann es
also sein, dafi die Menschen von friiher in den gegenwartigen Leibern
erscheinen? - Das ist die Frage. Diese Frage wird sehr oft gestellt. Es
waren also zu viele Menschen heute da, als daft man sagen konnte, die
waren alle schon dagewesen.
Nun, da mufi man auf Verschiedenes Riicksicht nehmen. Erstens, die
Statistiken, die gemacht werden, werden ja immer nur gemacht nach
bestimmten Gegenden, wo gerade die Bevolkerung aufterordentlich
stark zunimmt, und dadurch bekommt man die Vorstellung, als wenn
iiberhaupt auf der Erde die Bevolkerung immerfort zugenommen hatte,
wie wenn also, sagen wir, vor meinetwillen drei- bis viertausend Jahren
ganz wenige Menschen auf der Erde gewesen waren und heute unge-
heuer viel Menschen auf der Erde waren. Man rechnet so zuriick. Man
sagt also zum Beispiel, in Europa hatte die Bevolkerung seit hundert-
funfzig Jahren etwa urn das Doppelte zugenommen. Nun rechnet man
weiter zuriick und sagt sich, vor zwei- bis dreitausend Jahren miiftten
furchtbar wenig Menschen auf der Erde gewesen sein.
Aber, meine Herren, dies ist zugleich in vollem Widerspruch mit den
Tatsachen, die wir sonst kennen. Ich mache Sie nur auf folgendes auf-
merksam. Sehen Sie, wenn wir hinter Christi Geburt zuriickgehen, sa-
gen wir also vielleicht zweitausend Jahre, da sind in der Nilgegend in
Afrika, in Agypten, die riesigsten Pyramiden gebaut worden; der ganze
Nil ist reguliert worden. Und wenn Sie nachdenken dariiber, welche
Menschenmassen notwendig waren, um diese riesigen Gebaude aufzu-
fiihren, zum Beispiel nur die Sphingen, die eine Riesengrofte haben, in so
grower Anzahl herzustellen, wie sie hergestellt worden sind, da be-
kommen Sie die Ansicht: Das ist ganz unrichtig, daft dazumal in Agyp-
ten eine diinne Bevolkerung war, sondern es mufi eine dichte Bevolke-
rung gewesen sein in Agypten, viel dichter, als zum Beispiel heute in
Sachsen oder in Belgien die Bevolkerung ist. Also dem, daft man zu-
riickgeht in der Erdenentwickelung und auf immer weniger und weni-
ger Menschen trifft, widersprechen ganz entschieden die Tatsachen der
Geschichte.
Aufterdem, wenn wir viel weiter nach Asien hiniiberkommen, finden
wir riesige Kanalbauten angelegt. Nicht wahr, wenn wir Europa hier
Tafel i* haben (es wird gezeichnet) - ich habe es Ihnen schon einmal aufge-
zeichnet -, so haben wir da Afrika. Da ware der Nil und Agypten ge-
18
* Zu den Tafelzeichnungen siehe audi S. 309.
wesen, und hier driiben haben wir dann Asien. Das ist ein riesiger Kon-
tment, der geht da dann weiter. Und hier haben wir diese wimmelnde
Bevolkerung, die die Pyramiden aufgebaut hat und so weiter. Da drii-
ben haben wir das alte chaldaische Land in Asien. Sie wissen ja, daft in
der Bibel von Abraham gesagt wird, er kam aus Ur in Chaldaa. Dieses
chaldaische Land, das gab es damals. Und in diesem Lande wurden in
alten Zeiten - davon sind auch heute noch die Reste vorhanden - riesige
Kanalbauten angelegt, wozu auch wiederum riesige Menschenmassen
notwendig waren. Sie miissen sich also vorstellen, daft, einfach durch
die Tatsachen bewiesen, einige tausend und noch tausend Jahre vor
Christi Geburt in Afrika und Asien riesige Menschenmassen vorhanden
waren.
Ferner miissen Sie bedenken: Als die Europaer nach Amerika ge-
kommen sind, haben sie sich dort angesiedelt. Aber Amerika war da-
zumal mcht leer von Bevolkerung. Jene alte Indianerbevolkerung, von
der ich Ihnen erzahlt habe, die so kupferfarben war, ist ja ganz ausge-
storben. Wenn man da die Uberreste anschaut, die zum Teil verschiittet
sind, so kommt man darauf, daft da eine riesige Bevolkerung war, mit
der die Europaer nicht zusammengekommen sind.
Also dies ist einfach etwas, das nicht stimmt, daft fruher viel weniger
Menschen da waren auf der Erde. Denken Sie doch nur einmal, selbst
iiber die gegenwartige Bevolkerung gibt es ja keine genauen Angaben,
sondern nur iiber einen gewissen Raum kann man Angaben machen.
Was weift heute der europaische Statistiker, wie es mit der chinesischen
Bevolkerung heute ist und vor tausend Jahren war! Alles dasjenige, was
da wiederum Reisende dariiber erzahlen, das weist darauf hin, daft die
Bevolkerung durchaus nicht immer so abnimmt, wenn man zuriick-
geht, wie man es gewohnlich annimmt, sondern daft es durchaus Zeiten
gegeben hat, wo die Erde aufterordentlich stark bevolkert war. Es hat
dann allerdings Zeiten gegeben, wo namentlich gewisse Gegenden
schwacher bevolkert worden sind, aber wir werden gleich sehen, daft
das nichts Besonderes ausmacht. So daft also im allgemeinen auch ge-
geniiber dem, was man durch die auftere Wissenschaft kennen kann,
der Einwand durchaus beseitigt werden kann, daft zuviele Menschen
heute da waren als Wiederinkarnationen aus friiheren Zeiten.
Aber es kommt noch etwas anderes in Betracht. Sehen Sie, wenn man
die heutigen Menschen betrachtet, kommt man darauf, daft der eine,
sagen wir, zwischen dem Tod und der jetzigen Geburt die tausend Jah-
re, der andere vielleicht nur funfhundert Jahre durchgemacht hat, der
andere vielleicht tausendfunfhundert Jahre in der geistigen Welt lebte,
bevor er wieder heruntergekommen ist. So daft also die Menschen, die
heute leben, durchaus nicht alle zu gleicher Zeit da waren, sondern zu
verschiedenen Zeiten. Wenn einmal weniger Bevolkerung war auf der
Erde, dann haben eben die Seelen oben gewartet, bis wieder mehr Be-
volkerung da war.
Es stimmt .also, was man iiber die Inkarnation und Reinkarnation,
die Wiederinkarnation sagen kann, mit den Tatsachen durchaus iiber-
ein. Ich habe oftmals gesagt - das ist ja ein Einwand, der im Laufe der
vielen Jahre, in denen ich vorgetragen habe, immer wieder gemacht
wird -: Das ist ja nur ein Rechenexempel. - Nehmen wir einmal an, im
Jahre 800 nach Christus ware ein Mensch dagewesen, irgendwo; jetzt
im Jahre 1000 nach Christus ware ein anderer Mensch dagewesen (es
Tafel 1 wird gezeichnet). Nun haben wir 1923. Jetzt kann es ganz gut sein, daft
der von da mit dem zusammenkommt, der da ist, weil der einen kiirze-
ren Weg durchmacht. Jetzt haben Sie hier [1923] schon zweie, und hier
[800 und 1000 n.Chr.] haben Sie zu diesen verschiedenen Zeiten immer
einen. Also es brauchen nicht alle zu gleicher Zeit da zu sein und wie-
der zu gleicher Zeit zu kommen. So daft also auch fur diejenigen Zei-
ten, wo die Erde diinner bevolkert ist, durchaus das gilt, daft eben da
weniger Seelen herunterkommen auf die Erde.
Nicht wahr, man muft durchaus, wenn man nicht phantastisch, son-
dern richtig denkt, sich klar sein dariiber, daft das nicht einfach so war,
daft einmal zwei Leute da waren, nachher vier, nachher sechs und so
weiter, sondern je weiter man zuriickgeht in der Erdenbevolkerung,
kommt man eben darauf, daft das ganz rhythmisch ablauft. Es gibt Zei-
ten, wo viele Leute auf der Erde sind, und Zeiten, wo wieder weniger
Leute auf der Erde sind. Und wir kommen niemals zuriick zu einem
einzigen Paar, wie es die Bibel angibt. Das ist nicht so gemeint. Von
«einem Paar» kann in der Weise, wie es da steht, nicht die Rede sein. So
daft man also sagen muftte, nimmt man nur an, daft einmal zwei Leute
in
vorhanden waren, so miifken da immer nur zwei dasein und in der Zwi-
schenzeit gar keine. Aber das ist nicht so. Da widerspricht die wirkliche
Wissenschaft dem, was die phantastische Wissenschaft heute glaubt.
Nun aber noch etwas anderes. Sehen Sie, man mufi sich klar sein
dariiber, dafi eine gewisse Zeit eben vergehen mufi, bis der Mensch
wieder herunterkommt auf die Erde. Und da konnen Sie fragen: Ja,
wann kommt er herunter? - Da bekommt man dann, wenn man wirk-
lich diese Sache zu Ende forscht, das heraus: Der eine hat sich sehr viel
auf der Erde hier mit der geistigen Welt beschaftigt, der wachst leichter
hinein in die geistige Welt nach dem Tode. Er braucht dann verhaltnis-
mafiig, weil er sich viel mit der geistigen Welt beschaftigt hat, lange Zeit
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie werden vielleicht iiber-
rascht sein, daft ich sage: lange. Er kann sich lange aufhalten in der gei-
stigen Welt, weil er hier schon viel gelernt hat von der geistigen Welt.
Solche Leute, die sich hier viel mit der geistigen Welt beschaftigt haben,
konnen sich dort besser entwickeln, bleiben dort langer und kommen
spater wieder zuriick. Dagegen derjenige, der sich nur mit der materiel-
len Welt beschaftigt, der kommt verhaltnismaftig wiederum bald. Und
so verschieben sich auch die Dinge.
Dies ist der eine Einwand. Dann gibt es noch einen ganz anderen
Einwand. Auf den habe ich Sie schon aufmerksam gemacht. Der ist die-
ser: Warum erinnert man sich nicht an die friiheren Inkarnationen? - Ja,
sehen Sie, meine Herren, das ist so: Wenn einer sagt, der Mensch kann
rechnen, so ist das nicht zu bezweifeln - der Mensch kann rechnen.
Nun sagt einer: Ich werde dir aber beweisen, dafi der Mensch nicht
rechnen kann. - Nun, wie tust du das? - Dann bringt er ein kleines
Kind, das kann nicht rechnen. Das ist doch auch ein Mensch -, sagt er.
So ist es mit den friiheren Erdenleben. Der Mensch kann das schon
nach und nach lernen, und er wird es lernen, sich zu erinnern an seine
friiheren Erdenleben, wenn er sich immer weiter und weiter auf der
Erde entwickelt. Das ist gerade auch etwas, von dem eben die Geistes-
wissenschaft sagt, da£ der Mensch in der Gegenwart noch nicht so weit
ist, sich erinnern zu konnen an dasjenige, was er im vorhergehenden
Leben eriebt hat. Aber was wir in der Geisteswissenschaft sagen kon-
nen, das stimmt ja ganz mit dem iiberein. Sehen Sie einmal, meine Her-
ren, Sie sind im wachen Zustande, vom Morgen bis zum Abend. Da
erleben Sie das alles, was urn Sie herum ist. Und wenn Sie sich dann er-
innern, so erinnern Sie sich da auch nur an das, was Sie so, wachend,
erlebt haben. Denken Sie nur, wie schnell man selbst die Traume - die
ja nichts besonderes bedeuten, wie ich Ihnen gesagt habe - vergiftt!
Also der Mensch erinnert sich an dasjenige, was er hier wachend erlebt
hat. Aber an etwas anderes erinnert er sich schon nicht hier auf der
Erde. Das ist dasjenige, was er im Schlafzustande erlebt. Und im
Schlafzustande erleben wir namlich furchtbar viel mehr, als wir im
Wachzustande erleben, nur kann der Mensch mit dem gegenwartigen
Bewufitsein die Schlaferlebnisse noch nicht auffassen. Wenn einmal die
Fahigkeit dazu errungen worden ist - was eben errungen werden kann
vom Menschen -, dann weifi man, im Schlaf wird ungeheuer viel erlebt.
Aber der Mensch weifi es ja im allgemeinen noch nicht. Jetzt stirbt der
Mensch, und dasjenige, was er im Wachen erlebte, geht ja nach zwei,
drei Tagen fort. Das kommt einem so vor, als ob alle die Gedanken, die
man im Wachzustande erlebt hat, nach zwei, drei, vier Tagen einfach
fortgingen. Und dann tauchen auf alle die Dinge, die man im Schlafe
erlebt hat. Die brauchen dann, wie ich Ihnen gesagt habe, ein Drittel
vom ganzen Erdenleben. Also dasjenige, was vom Menschen ganz in-
nerlich erlebt wird, das weift er ja auch noch nicht jetzt hier auf der
Erde. Er wird es wissen, wenn er sich immer mehr und mehr geistes-
wissenschaftlich vertieft.
Daher brauchen wir uns auch nicht zu verwundern, dafi im gegen-
wartigen Erdenleben die Dinge noch unbewulk sind, die im friiheren
Erdenleben sich zugetragen haben. Ich habe Ihnen ja neulich auch ge-
sagt, was fur ein Unterschied ist, wenn ich einen Hemdknopf hingelegt
habe, ohne mit dem Bewufksein dabei zu sein - da kann ich am Morgen
herumlaufen und suchen, immer suchen - und wenn ich mich aus-
driicklich erinnere: Du hast dieses Knopf chen hierhergelegt -; da werde
ich nicht herumlaufen, sondern gerade darauf losgehen. Es kommt eben
darauf an, ob man an irgend etwas denkt.
In alten Zeiten haben die Menschen gewulk, daft sie wiederholt auf
der Erde leben, aber durch die Jahrtausende hindurch haben sie gar
nicht daran gedacht als an etwas Geistiges. Daher konnen sie sich im
gegenwartigen Erdenleben nicht daran erinnern. Aber es kommt eine
Zeit, wo sie sich erinnern werden, geradeso wie fur das vierjahrige Kind
eine Zeit kommt, in der es wird rechnen konnen.
Nun kommt die andere Frage: Der Mensch hat so ein Bestreben, sich
im Kreis zu drehen. - Das ist durchaus eine ganz richtige Bemerkung.
Da mufi ich Sie auf folgendes aufmerksam machen. Wir lernen, was wir
schon ofter betont haben, als Kind ja eigentlich erst stehen und gehen,
wir lernen uns als Kind erst richtig aufrecht bewegen und so weiter.
Jetzt denken Sie sich nur einmal, Sie liegen im Bett und schlafen, wa-
chen wieder auf mit einem Traum, so kann der Traum nicht nur so
sein, daft Sie sich da - im Traume natiirlich ist das zunachst - drehen,
sondern da konnen Sie sogar f liegen! Und die Traume, in denen der
Mensch fliegt, zunachst natiirlich seelisch, die sind ja gar nicht so sel-
ten. Daft der Mensch im Traume fliegt, das kommt ja in der Regel da-
her: Er wacht auf. Er ist gewohnt, wenn er im Wachzustande ist, unter
sich entweder den Boden zu fiihlen unter den Fufisohlen oder unter
sich den Stuhlsitz zu fiihlen, etwas unter sich zu haben, worauf er senk-
recht sitzt, kurz, immer etwas unter sich zu fiihlen, wenn er wach ist.
Wenn der Mensch jetzt liegt, dann kommt es ja sehr selten vor, daft er
mit seinen Fuftsohlen unten am Bett anstdftt, sondern die Fuftsohlen
sind frei. Er wacht also auf in einer Lage, die er nicht gewohnt ist. Er
glaubt, er ist in der Luft und fliegt. Das ist also zunachst sein Glaube.
Aber jetzt miissen Sie folgendes nehmen. Wenn wir erst im Leben als
Kinder gehen und stehen lernen, also aufrecht sein, dann liegt ja das
Sich-Aufrichtert nicht von Geburt an in uns; das lernen wir ja erst. Da-
gegen fragen wir uns nun: Woher kommt denn dieses Sich- Auf richten?
Was tun wir, wenn wir aufrecht gehen? - Das miissen Sie sich nur ein-
mal sehr gut iiberlegen, was Sie da tun. Denken Sie sich, da ware die
Oberflache der Erde (Zeichnung S. 24). Wenn Sie da hier einen Stein Tafei2
loslosen, so fliegt er zur Erde. Warum? Wir sagen, weil die Erde ihn
anzieht. Ob das nun ganz genau so stimmt, daft die Erde ihn wie an
einem Faden anzieht oder nicht, rniiftte man erst richtig auffassen, Dar-
iiber konnten wir auch einmal reden. Aber jedenfalls ist ja eine Kraft
da, die ihn da herunterzieht, sonst wiirde er nicht fallen. Und iiberall,
wo der Stein auch ist, falit er senkrecht auf die Erde hin.
Da, in diese Linie miissen wir uns auch hineinstellen leraen. Wir
miissen uns in die senkrechte Linie hineinstellen lernen, wenn wir Er-
denmensch sind. Wir passen uns also in diese senkrechte Linie hinein.
Unser ganzer physischer Korper hatte gar keinen Sinn, wenn wir uns
nicht hineinpassen wiirden in die senkrechte Lage. Denn schauen Sie
die Tiere an, die nicht in der senkrechten Lage gehen, sondern die mit
alien vieren gehen: Ja, deren Zehen sind ganz anders gestaltet als unsere
Finger! Wir miissen uns also, wenn unser physischer Korper einen Sinn
haben soli, in die senkrechte Lage hineinpassen; das ist ganz notwen-
dig.
Aber dasjenige, was da der physische Korper notig hat, hat das auch
der Atherleib notig? Sie wissen, ich habe Ihnen gesagt: Wir haben nicht
nur diesen physischen Korper, den wir mit Augen sehen, wenn wir den
Menschen ansehen, den wir mit Handen betasten konnen, sondern wir
haben auch einen feinen Atherleib. Ja, dieser Atherleib, der hat nicht
notig, sich so anzupassen. Der behalt andere Gewohnheiten bei. Wel-
che Gewohnheiten? Nun, meine Herren, Sie wissen, die Erde ist rund,
Tag und Nacht wechseln. Wodurch wechseln denn Tag und Nacht?
Tafel2 Nicht wahr, die Sonne steht hier (es wird gezeichnet), und wenn die
Sonnenstrahlen so auf die Erde fallen, dann ist auf der Seite Tag. Es
wiirde immer Tag bleiben, wenn die Erde sich nicht drehen wiirde.
Wenn dann diese Halfte, da hier, die rot ist, hier heriiberkommt, dann
ist es auf dieser Halfte Nacht und auf der anderen Halfte - sie kommt
dann hier heriiber - ist es Tag.
Also Tag und Nacht entstehen dadurch, dafi sich die Erde dreht.
Jetzt denken Sie sich einmal: Der Atherleib des Menschen, dieser feine
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Korper, den der Mensch auch hat, der gewohnt sich als Kind nicht so
in die senkrechte Stellung hinein, sondern der will immer diese Dre-
hung der Erde mitmachen. Dieser Atherleib, der will sich immer um die
Erde herum bewegen; so will er immer sein, diese Bewegung will er
immer machen. Wenn der Atherleib nicht diese Bewegung machen
wollte, dann wiirden Sie, wenn Sie gerade in der Richtung der Erde ge-
hen, weil die Erde diese Bewegung macht, fortwahrend sich umdrehen
wollen, weil Ihnen immer alles weh tate von dem Stoft, den Sie kriegen.
Es mufi etwas sein in Ihnen, was die Bewegung der Erde immer mit-
macht, sonst wiirde Ihnen immer alles weh tun.
Daraus konnen Sie auch sehen, wie gedankenlos die gegenwartige
Wissenschaft ist. Die weifi ganz gut, dafi die Erde sich dreht, nicht nur
diese Bewegung macht, die der physische Leib macht, wo er sich ange-
pafit hat an diese senkrechte Lage. Aber man hat jetzt keinen Korper,
der diese Bewegung mitmacht! Das ist die Geschichte.
Jetzt denken Sie sich einmal, dafS Sie in Ohnmacht fallen. Wenn Sie
in Ohnmacht fallen, dann geht aus Ihrem physischen Leib und dem
Atherleib etwas heraus, das Ich und der astralische Leib, also das ei-
gentliche Geistig-Seelische. Und dabei verspuren Sie, dal? der Atherleib
sich drehen will. Da drehen Sie sich zunachst seelisch-geistig geradeso
wie am Morgen beim Traum, wo Sie gespiirt haben, da ist der Erdbo-
den nicht unter Ihnen. Also wenn Sie in Ohnmacht fallen, drehen Sie
sich zunachst geistig. Wenn der Mensch Schwindel hat zum Beispiel, da
will sich bloft das drehen, was seelisch ist. Denken Sie sich aber, Sie ge-
hen jetzt gedankenlos fort. Ja, wenn Sie gedankenlos fortgehen, da be-
wegen Sie mechanisch den physischen Leib. Da denken Sie gar nicht an
Ihr Gehen, und insbesondere, wenn es im Walde neblig ist, da konnen
Sie nicht an Ihr Gehen denken; Sie wissen ja nicht wo aus, wo ein - wo
soil ich hin? Sie richten sich ja, wenn Sie mit dem physischen Korper
gehen, nach einem bestimmten Punkt. Manchmal wissen Sie es gar
nicht, aber der Weg selber leitet Sie an, an einen bestimmten Punkt
hinzugchen. Wenn es aber neblig ist, sehen Sie nichts; da kennt sich Ihr
physischer Leib nicht aus. Dann kommt Ihr Atherleib; der will nur
seine Bewegung machen, und die ist eine runde Bewegung. Da folgt er
der runden Bewegung, da zieht er den physischen Leib mit! Wenn Sie
blofi traumen oder Schwindel haben, da macht der astralische Leib die
Bewegung. Wenn Sie aber im Gang sind, da zieht der Atherleib die
physische Bewegung hinein in den physischen Leib, und Sie machen
das mit. Daraus aber ersehen Sie, daft der Atherleib gar nicht erdge-
bunden ist. Der Atherleib im Menschen macht also nicht mit, was auf
der Erde ist.
Nun denken Sie sich einmal: Der Mensch ist ja als solcher ein Er-
denwesen zwischen der Geburt und dem Tode. Da muS er arbeiten.
Aber Sie wissen ja, immer geht es nicht mit der Arbeit. Der physische
Leib wiirde abgenutzt und so weiter. Da will der Mensch nun seinen
physischen Leib zwar bewegen, aber er will ihn nicht so bewegen, wie
sich der physische Leib an die Erde angepaftt hat, er will sich nach dem
Atherleib richten. Der Atherleib will aber runde Bewegungen machen,
und da tanzt der Mensch. Und der gewohnliche Tanz besteht eben ein-
fach darinnen, daft der Mensch nicht seinem physischen Leib folgen
will, sondern seinem Atherleib. Die Begierde, zu tanzen, ist gerade dazu
da, daft der Mensch seinen physischen Leib vergessen kann und sich fiih-
len kann als ein Wesen, das der Welt angehort.
Allerdings wiirde der Mensch nach seinem inneren Gefiihl viel zu viel
der Welt angehoren wollen und seinem Atherleib folgen. Eigentlich
mochte der Mensch meistens sich nicht so bewegen, wie es die Erde
von ihm haben will, sondern er mochte eigentlich seinem Atherleib fol-
gen. Und es konnte ihm recht gut gefallen, recht viel sich in der Runde
zu bewegen, wie der Atherleib sich bewegen will. Daher muE der
Mensch sich gewohnen an solche Bewegungen, die der Erde angehoren.
Und diese gewohnlichen Bewegungen haben wir auch in die Erziehung
aufgenommen: man turnt. Warum turnt man? Das Turnen besteht dar-
in, daft der Mensch sich noch mehr anpaftt der Erde, als er sich sonst
der Erde anpassen kann. Daft der Mensch also mehr abkommt von sei-
nem Atherleib, nicht immer seinem Atherleib folgt, deshalb turnt er.
Aber der Mensch muft natiirlich auch, damit er nicht ganz entfremdet
wird der groften Welt, der Auftenwelt, auch solche Bewegungen ma-
chen, die ihn nicht an die Erde binden.
Nun, sehen Sie, wir leben heute in der Zeit des Materialismus. Dieje-
nigen Menschen, die am meisten Sehnsucht haben nach dem Materia-
lismus, die leben im Westen. Die Morgenlander, die eine alte Kultur
gehabt haben, die Asiaten, die haben keine grofte Sehnsucht, der Erde
anzugehoren. Die betrachten die Erde als ein rechtes Jammertal, viel
mehr als der Christ, und diejenigen, die im Orient, in Asien leben, die
mochten sich so schnell als moglich wieder aus dem Staube machen.
Aber die westlichen Leute, die haben die Erde so gern, furchtbar
gern. Nicht, daft sie sich das sagen, aber sie mochten eigentlich immer
auf der Erde bleiben. Deshalb mochten sie auch folgendes. Und jetzt
muft ich Ihnen etwas sagen: Der Atherleib, der will sich himmelsgemaft
bewegen. Die Planeten bewegen sich im Kreis, also die Erde bewegt
sich im Kreis. Der Atherleib mochte sich im Kreis bewegen, der physi-
sche Leib mochte aus diesem Kreis heraus. Wenn er viel zu arbeiten
hat, kommt er schon aus diesem Kreis heraus; aber nehmen wir an, die
hoheren Stande im Westen, die nichts zu arbeiten haben, wie kommt es
denen vor? Denen kommt es etwas eigentiimlich vor, die fuhlen sich
unbehaglich, weil der Atherleib sie fortwahrend sekkiert. Wenn so ein
beefsteakessender Mensch durch die Welt geht, da sekkiert ihn, da
qualt ihn fortwahrend der Atherleib, und er mochte runde Bewegungen
machen. Und dieser beefsteakessende Mensch will dann diesen runden
Bewegungen vom Atherleib folgen. Donnerwetter, das ist so unange-
nehm! Der Atherleib will fortwahrend tanzen, runde, schon runde Be-
wegungen machen, und der Beefsteakessende, der kann nicht nach.
Nun will er seinen physischen Leib gewohnen, daft er stark genug ist,
sich nicht immerfort vom Atherleib in die Runde reiften zu lassen. Jetzt
macht er Sport; nicht nur Turnen, sondern Sport. Und dieser Sport hat
das Ergebnis, daft der Mensch ganz herauskommt aus seinem Atherleib,
ganz nur den physischen Erdenbewegungen folgt. Dadurch wird der
Mensch immer mehr der Erde befreundet und kommt ab von der gei-
stigen Welt.
Sie diirfen nicht glauben, daft man von der geistigen Welt bloft da-
durch abkommt, daft man nicht iiber sie nachdenkt, sondern auch
durch solche Sachen: wenn man viel zu viel Sport treibt, wenn man also
den physischen Leib ganz und gar abbringt vom Atherleib. Das ist fur
den Menschen schreckiich, und das ist sogar etwas, was eine, ich
mochte sagen, ganz besorgliche Sache ist. je mehr Sport getrieben wird,
desto mehr vergessen die Menschen das Geistige und kommen nach ih-
rem Tode sogleich, in ganz kurzer Zeit, wieder zuriick aus der geistigen
Welt. So daft also, wenn alles das, was im Westen ist, nicht etwas Geist
empfangen wiirde, nach und nach die Erde iiberhaupt nur von Men-
schen bewohnt wiirde, die schon gar nicht rnehr zuriick wollen in die
geistige Welt. Aber da wiirden ja auf der Erde nach und nach nur Men-
schen sein, die die Erde allmahlich ganz zugrunde richten. Ein biftchen
fangen wir ja schon an damit. Das biftchen ist fur die Menschen der
Gegenwart schon recht stark. Aber wenn die Menschen anfangen, sich
gar nicht mehr nach ihrem Atherleib zu richten, sondern nur nach ih-
rem physischen Leib, das ist etwas, was auf der Erde furchtbare Zu-
stande hervorrufen wird. Und da muft man wiederum mit der Geistes-
wissenschaft eingreifen. Das kann man nur dadurch, daft man nun den
Bewegungen, die ganz und gar darauf angelegt sind, den Menschen in
seinen physischen Leib hereinzutreiben, ganz zum Erdenmenschen zu
machen, auch andere Bewegungen entgegensetzt.
Jetzt sind die Menschen schon so gesinnt, daft ihnen das Wichtigste
ist, Erdenmenschen zu werden. Sie werden schon jetzt, nachdem ich
Ihnen so viele Vortrage gehalten habe, begreifen, daft einem bei solchen
Dingen, ohne daft man ein Philister ist, das Herz weh tut.
Sehen Sie, ich war im letzten Sommer auch in England. Gerade als
wir abreisten, war ganz England voll von Erregung, wartete auf die
Blatter, die abends erscheinen sollten iiber das wichtigste Ereignis. Al-
les wartete gespannt auf die Abendblatter. Auf was warteten sie? Auf
den Ausgang des Fuftballspieles!
Jetzt sind wir gerade von Norwegen heruntergefahren. Wie wir ein-
stiegen, waren viele da, die uns begleiteten. Der Bahnsteig stand voller
Menschen. Und als der Zug sich in Bewegung setzte, erscholl es: Hur-
rah! Hurrah! - Und auf der nachsten Station schrien sie: Hoch soil er
leben! - Ja, unseretwegen geschah das naturlich nicht, sondern es fragt
sich, was da war. Ich konnte gerade noch erfahren: Das waren Fuftbal-
ler, die von Mitteleuropa da hinaufgekommen waren und nun wieder
zuriickfuhren.
Ja, wofiir interessieren sich heute die Menschen? Also viel mehr als
fur irgendein Ereignis, das mit Wohl und Wehe von Millionen Men-
schen etwas zu tun hat, interessieren sich heute die Leute fur diese Din-
ge, die nach und nach den physischen Leib wegziehen vom Atherleib,
so dafl der Mensch iiberhaupt nurmehr ein Erdentier wird.
Das ist der Grund, warum den Bewegungen, die heute in aller Welt
gemacht werden und die immer weiter und weiter sich verbreiten, an-
dere entgegengesetzt werden miissen: das sind die eurythmischen Be-
wegungen. Die richten sich nach dem Atherleib. Wenn Sie Eurythmie
sehen, da werden Sie alle diejenigen Bewegungen sehen, die der atheri-
sche Leib ausfuhrt. Wenn Sie Sport sehen, werden Sie alle diejenigen
Bewegungen sehen, die der physische Leib ausfuhrt.
Ja, meine Herren, das ist aufierordentlich wichtig, denn zugleich gibt
es die Sehnsucht nach dem Sport. Ich will nun nicht gegen den Sport im
allgemeinen reden. Der Sport ist natiirlich, wenn er getrieben wird von
Menschen, die aufierdem arbeiten, ganz gut, denn in der Arbeit mufi
man sich mehr unnatiirliche Bewegungen angewohnen; wenn man dann
im Sport naturliche Bewegungen hineinbringt, die mehr dem physischen
Menschen angepaftt sind, dann ist das Erholen im Sport gut, Aber die-
ses heutige Treiben von Sport, wo auch viele Menschen teilnehmen, die
gar nicht sich zu erholen brauchen, was ist denn dies? Ja es gibt heute
Sportsleute, die gehen unter Umstanden - natiirlich nicht alle, aber ein-
zelne gibt es schon - rasch einmal morgens in die Kirche, da beten sie:
Ich glaube an einen Gott im Himmel und so weiter. Dann gehen sie auf
den Sportplatz. Ja, da sprechen sie es nicht mit Worten aus, aber was
sie da tun, wenn man es in Worte fafit, so heifit das: Ich glaube ja nicht
an einen Gott im Himmel. Der hat mir den Atherleib gegeben, aber
von dem will ich nichts wissen. Ich glaube an Fleisch und Knochen, das
ist meine einzige Seligkeit. - Sehen Sie, das ist natiirlich die notwendi-
ge, unbewufite Folge desjenigen, was heute getrieben wird. Nicht blofi
dadurch, dafi man sagt, man will nichts wissen vom Geistigen, ist man
Materialist, sondern durch solche Sachen, durch die man den ganzen
Menschen losreifit vom Geistigen.
So dail man in bezug auf I lire Fragestellung vorhin sagen kann : Wenn
einer in den Wald geht und es ist neblig, und er verirrt sich, da kommt
es vor, daft er einmal seinem Atherleib nachlauft. Das ist nicht so
schlimm, er kommt eben wieder an cense! her, Ort zuriick. Wenn man
sich dreht - das ist nicht so schlimm, da ist viel hin- und hergependelt,
einmal hin- und hergependelt zum Atherleib, einmal hin- und herge-
pendelt zum physischen Leib. Das ist, weil der Mensch alle zwei hat
und auch alle zwei ausbilden soil. Das ist da drinnen enthalten. Aber
dafi heute im allgemeinen im Westen eine Neigung ist, sich ganz loszu-
reifien vom Atherleib und den physischen Leib allein zu pflegen, das
macht den furchtbaren Materialismus aus, der der eigentlich schadliche
Materialismus ist. Denn der Gedanken-Materialismus ist nicht einmal
der allerschadlichste. Der allerschadlichste ist der Materialismus, wo
der ganze Mensch zum Tier herunterkommt. Das ist ja das, was man
bedenken mufi.
Man kommt sehr leicht dazu, dafi einem die Leute sagen: Ja, der ist
ein Philister, der wettert gegen den Sport! Sport ist etwas aufierordent-
lich Nutzliches. - Aber ich wettere gar nicht gegen den Sport. Die
Leute sollen nur Sport treiben, sie sind eben freie Wesen. Aber sie wer-
den sich dann eben ganz und gar als Menschen zugrunde richten, wenn
sie blofi den sportlichen Dingen huldigen.
In dieser Beziehung mufi man sich nur klar sein dariiber, dafi das,
was ich in dem ersten Kapitel der «Kernpunkte» gesagt habe, im weite-
sten Umfange gilt. Ich habe natiirlich gedacht, als ich diese «Kernpunk-
te» geschrieben habe, ich werde so schreiben, dafi die Leute dariiber
nachdenken. Nun, sie haben sich ja einen Deut darum gekiimmert! Sie
haben gar nicht nachgedacht, und die «Kernpunkte» sind gar nicht ver-
standen worden. Ich habe gesagt: Gewifi, wir haben eine grofie demo-
kratische, proletarische Bewegung, aber wenn man hinschaut, so ma-
chen ja die meisten Proletarier heute das nach, was die Bourgeois friiher
ihnen vorgemacht haben, so machen sie alles der Wissenschaft nach
und glauben an dasjenige, was ihnen an den Universitaten vorgebracht
wird. Manchmal sind die proletarischen Parteien die ersten, die Geset-
zen zustimmen - ich erinnere an die Kurierfreiheit -; die Sozialisten
sind meistens die ersten, die sagen: Ja, da mufi ein Sachverstandigenkol-
legium sein und dergleichen. - Und in bezug auf Sport: Der Sport ist
natiirlich eine Bourgeois-Erfindung, die wird womoglich auch nachge-
macht! Es wird ja natiirlich nicht ganz gehen; aber immerhin, in der
Gesinnung macht man das einfach nach und betrachtet es als etwas, was
das einzig Heilsame ist, wahrenddem tatsachlich die proletarische Be-
wegung erst etwas werden kann, wenn sie einen eigenen Impuls be-
kommt, wenn sie nicht das nachmacht, was die friiheren Klassen ge-
macht haben. Deshalb habe ich gerade dieses erste Kapitel geschrieben.
Oberall konnte man sehen, wie die proletarische Bewegung leider iiber-
all unter den Einflufi des Autoritatsglaubens kommt. Deshalb habe ich
dieses erste Kapitel in den «Kernpunkten» geschrieben und habe ge-
dacht, dafi man dariiber nachdenkt.
Aber natiirlich, das Nachdenken ist etwas, was die sporttreibenden
Leute uberhaupt nicht gern haben; denn wenn einer so recht Sport
treibt, so ist es ja so, dafi er aus dem Nachdenken herauskommt. Den-
ken kann man namlich nur mit dem Atherleib. Sie konnen sich noch so
anstrengen, mit dem physischen Leib konnen Sie nicht denken. Daher
kann man nur sagen, wenn gefragt wird: Soil man nun Fleisch essen
oder blofi Pflanzen, um besser denken zu konnen? - so kann man im-
mer nur sagen: Durch das Essen kann man nicht das Denken kultivie-
ren; das miifk ihr durch den Atherleib machen. Da miifit ihr in den
Atherleib hineingehen.
Also Sie sehen, der Atherleib zeigt geradezu seine Anwesenheit im
Menschen durch diese runden Bewegungen, die der Mensch machen
will, durch die Sehnsucht zu tanzen oder durch dieses Sich-Verirren
und Im-Kreise-Gehen.
Ja, meine Herren, wenn Sie zum Beispiel einmal in Wien gelebt ha-
ben, dann wissen Sie: die Wiener sind leichtlebige Menschen. Das sind
sie schon; sie sind ja gemutlich, aber sie sind leichtlebige Menschen. In
Wien gibt es den Prater. Das ist ein grofier Lustgarten, ein riesiger
Lustgarten. Der Prater ist etwas, wissen Sie, wo man eigentlich am
Sonntag hingeht, wenn man nicht ein Taugenichts war, der jeden Tag in
den Prater ging. Wiirstl gibt es im Prater, Bajazzi und so weiter, alles
mogliche. Aber die Wege sind im Prater schon in einer eigentiimlichen
Weise als Wege eingerichtet. Dort kommen Sie namlich, weil die Wege
schon so eingerichtet sind, immer wieder an denselben Ort. Man geht
durch eine lange Stra£e, geht irgendwo in den Wald hinein; ja, nach
einiger Zeit ist man wieder dort, wo man gewesen war! War man bei
einer Wiirstlbude, so ist man jetzt wieder da. Da sind schon die Wege so
angelegt. Sehen Sie, die haben sich natiirlich nicht gesagt: Da werden
wir die Wiener herauslocken, daft sie sich belustigen - aber sie haben es
gefiihlt, empfunden, und deshalb haben sie die Wege schon so angelegt,
daft die Leute gar nicht den Nebel brauchen, urn wieder an denselben
Ort zuriickzukommen, sondern sie haben solche kreisformige Wege
gemacht, die der Atherleib will, wo der Mensch sich schon ganz ent-
riickt fuhlt dem physischen Leib. Man kann sich namlich auch entriickt
fiihlen, so dafi man in ein rechtes Wohlgefuhl hineinkommt. Wenn man
keine Orientierung hat, dann geht man im Kreis. Wenn man aber schon
so die Wege hat, daft man von selbst im Kreis geht, so hat man auch das
Wohlgefuhl. Und das wollten die Leute, die den Prater angelegt haben,
bei den Wienern hervorrufen: daft ihr Atherleib da ein rechtes Wohlge-
fuhl hat, wenn sie immer wieder bei einer solchen Wiirstlbude zuriick-
kommen. Das ist sehr raffiniert eingerichtet. Das besteht ja jetzt noch.
Sie konnen es sich anschauen, wie immer die Wege so gehen. Wenn
man sich hineinverliert - man kommt schon wieder zuriick, aber man
dreht sich. Und dieses Drehen, das ist etwas, was die Leute, namentlich
wenn sie es so den ganzen Sonntagnachmittag machen, in ein richtiges
Wohlgefuhl hineinfuhrt.
Nun ist das ein viel unschuldigeres Wohlgefuhl als manches andere
Wohlgefuhl. Sie wissen, daft auch sonst die Orientierung aufhort, ich
habe Ihnen die Geschichte schon einmal erzahlt: Wenn man abends
spat nach Hause kommt und man nicht recht weift, ob man betrunken
ist oder nicht, so legt man sich den Zylinderhut aufs Bett. Sieht man
ihn einmal, ist man nicht betrunken, sieht man ihn doppelt, so ist man
betrunken. Das ist dadurch, daft es sich dreht. Sehen Sie, da dreht sich
auch etwas: der Astralleib. Wenn der, der im Bett liegt, betrunken ist,
so dreht sich sein Astralleib. Wenn aber einer auf mehr geistige Art, da-
durch, daft er auf runden Wegen geht, den Atherleib hineinbringt, da
dreht sich der Atherleib. Das ist die mehr unschuldige Art des Drehens.
Das Trinken geht in den Astralleib, das Drehen geht mehr in den
Atherleib. Da versteht man auch, was fur ein Unterschied da ist. Denn
schaue ich hin auf einen, der betrunken ist: J a, der dreht sich nicht wie
einer, der auf runden Wegen geht, sondern bei dem dreht sich ja alles,
wie wenn sein Astralleib selber nun die Erdkugel geworden ware. Der
dreht sich, wie die Erde sich dreht. Das ist der astralische Leib, der sich
dreht.
Wenn aber die Leute tanzen oder sich im Wiener «Wurstl-Prater»
herumdrehen, dann dreht sich der Atherleib. Der nimmt den physi-
schen Leib mit; das ist das unschuldigere. Man kann sagen: Bei einem,
der tanzt, da dreht sich der Atherleib, bei einem, der betrunken ist, da
dreht sich der Astralleib. - Man kann also am Leben unterscheiden, an
dem, was der Mensch tut, ob es der Atherleib ist, der das macht, oder
der Astralleib.
Sehen Sie, auf solche Sachen geht die heutige Wissenschaft noch nicht
ein. Daher kann sie auch die grofien Fragen der Zivilisation gar nicht
beantworten, denn die Leute wissen nicht, wie man die Dinge einrich-
ten mufi, damit der Mensch nicht ganz und gar unmenschlich wird. Die
Menschheit wird immer tierischer, wenn die heutige Sportsucht so
bleibt, wie sie ist.
Es mufi schon etwas Geistiges in die Menschheit hineinkommen.
Und ich bin iiberzeugt davon, dafi diejenigen Menschen, die auf der ei-
nen Seite die Erde kennenlernen durch die Arbeit, daft sie auch auf der
anderen Seite die Sehnsucht haben werden, hineinzukommen in das
Geistige, und nach und nach verstehen lernen werden, dafi man eben
auch das Geistige durchaus pflegen mufi, dafi das notwendig ist.
Nun, das ist zunachst einmal dasjenige, was ich Ihnen sagen wollte.
Wir wollen schon von diesen Dingen recht viel weiter reden, damit die
Sachen alien klar werden.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 2. Juni 1923
Guten Morgen! Eigentlich mochte ich heute noch etwas hinzufugen zu
dem, was ich das letzte Mai vorgebracht habe. Ich glaube, dafi wir im-
mer besser wissen werden, was eigentlich der Mensch im Weltenzu-
sammenhange ist, wenn wir gerade solche Dmge betrachten. Ich
mochte Ihnen also heute noch hinzufugen zu dem, was wir das letzte
Mai besprochen haben, wie sich die Dinge eigentlich in Wirklichkeit
verhalten, wenn so etwas iiber den Menschen kommt, wie zum Beispiel
der graue oder der schwarze Star im Auge. Das Auge wird dann un-
brauchbar. Der Mensch bekommt zunachst den Eindruck, als ob er vor
den Augen etwas Flimmerndes hatte. Dann wird es immer undeutlicher
und undeutlicher vor den Augen, und er kann dann nicht mehr sehen,
was er eben friiher gesehen hat.
Nun, worauf beruht diese Starkrankheit des Auges? Sie beruht dar-
auf, dafi etwas im Auge, das durchsichtig sein mufi, wie Glas durch-
sichtig sein muft, undurchsichtig wird. Wenn Sie statt des durchsichti-
gen Glases am Fenster irgendein undurchsichtiges Papier haben oder
einen Pappendeckel, so konnen Sie nicht mehr durchsehen. So ist es
auch beim starkranken Auge. Da ist etwas, was durchsichtig sein sollte,
undurchsichtig geworden.
Machen wir uns das ganz klar. Ich habe Ihnen ja das Auge ofter auf-
Tafel3 gezeichnet. Es wachst so heraus aus dem Gehirn (siehe Zeichnung),
aus dem Schadel; das ist von der Seite angeschaut. Es ist vorne etwas
mit einem Vorsprung versehen, und da drinnen im Auge selbst breiten
sich Blutadern, breitet sich der Sehnerv aus. Da kommen also Blutadern
und der Sehnerv zusammen.
Dann ist aber noch etwas im Auge, was eine Art Muskelansatz ist.
Dieser Muskelansatz tragt hier dasjenige, was man die Linse nennt.
Also im Auge drinnen wird vom Muskel ein ganz kleiner durchsichti-
ger, linsenformiger Korper getragen. Wenn Sie sich eine kleine Linse
denken, die aber durchsichtig ist, so ist diese im Auge drinnen aufge-
hangt. Und durch diese Linse muft man quer durchsehen. Von vorne
1A
angesehen, sieht ja diese Linse so aus (siehe Zeichnung), und man Mkteunten
mufi da durchsehen konnen. Schon daraus sehen Sie, dafi es sich darum
handelt, da£ wir ein durchsichtiges Auge haben miissen, wenn wir se-
hen sollen. Das Auge mull durchsichtig sein. Nicht wahr, wenn man
sich das richtig iiberlegt, wird man sich sagen: Es kann nicht das Auge
sein, was sieht, denn das Auge mufi sich ja gerade wegtun, sich durch-
sichtig machen, damit es sehen kann. Wenn Sie diese Fensterglaser zum
Beispiel beschmieren, so dafi Sie nicht durchsehen konnen, so sehen Sie
nicht mehr hinaus. Ja, Sie sind es, der da sieht durch die Glkser. Die
Glaser konnen nicht sehen, sondern Sie selbst sehen. Ebenso ist es nicht
das Auge, das sieht, sondern es ist etwas im Menschen, das durch das
durchsichtige Auge durchsieht.
Nun, was geschieht, wenn der Mensch starkrank wird? Wenn der
Mensch starkrank wird, dann wird diese Linse im Auge undurchsichtig.
Sie ist ja sehr klein, diese Linse, aber wenn man sie aus dem Auge her-
aus hat und durchschaut, ist sie durchsichtig. Eine Linse von einem
starkranken Menschen ist aber weifi, miichig, nicht durchsichtig. Also
ich miifite dann die schon e durchsichtige Linse des gesunden Auges so
zeichnen, und die undurchsichtige Linse, die rniifke ich so zeichnen. Mine umen
Da ist also die Linse miichig und undurchsichtig geworden.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:35
Sehen Sie, es kommt einem ja bei diesen Dingen immer zugute, dafi
der menschliche Korper in seinen einzelnen Teilen elastisch ist, in vieler
Beziehung elastisch ist. Wenn Sie also ein starkrankes Auge haben und
Sie schneiden in einer gewissen Richtung da hinein, dann macht dieser
Muskel hier seine Elastizitat geltend, und die Linse, die sonst gehalten
wird von dem Muskel, springt heraus, wenn Sie hier ein Loch machen.
Also denken Sie sich, Sie haben ein starkrankes Auge. Sie schneiden in
einer gewissen Weise hinein. Die Operationen sind verhaltnismafiig
sehr einfach, weil ihnen iiberall der Korper zu Hilfe kommt. Die Linse
springt heraus. Da haben Sie sie in der Hand, legen sie in das Praparier-
glas, die undurchsichtig gewordene Linse. Nun kann der Mensch na-
tiirlich erst recht nicht sehen, wenn er die Linse heraufien hat, denn er
braucht die Linse zum Sehen. Ich werde Ihnen gleich zeigen, warum er
die Linse zum Sehen braucht.
Wenn man also einen Menschen in dieser Weise operiert hat, da&
man ihm die Linse herausgenommen hat, dann wird es wieder hell um
inn, wahrend er fruher gar nichts gesehen hat. Er kann zwar schon hin-
aussehen, aber er wird, wenn er jetzt operiert ist, wenn die Linse her-
ausgenommen ist, nur ganz weit entfernte Gegenstande sehen. Aber die
Sehkraft reicht wiederum nicht aus. Also wir haben ein unbrauchbares
Auge bekommen. Die Sehkraft reicht nicht so weit, daft wir das, was
wir zum Beispiel hier bei der heraus genommenen Linse sehen konnten,
noch sehen konnen. Das Auge ist unbrauchbar geworden.
Jetzt gibt man einem solchen Menschen, den man in dieser Weise
operiert hat, eine Brille. Sehen Sie, das ist namlich eine kiinstliche Linse.
Fruher hat er die Linse im Auge drinnen gehabt und jetzt hat er eine
kiinstliche Linse. Jetzt werden durch die kiinstliche Linse seine Sen-
strahlen, die fruher, bevor die Linse herausgenommen war, so gingen,
daft er nur ganz weit gesehen hatte, so gemacht, daft er wiederum in der
Nahe sehen kann. Das bewirkt also dieses Glas, das er vor dem Auge
hat. Man kann also die Linse, die er drinnen im Auge hatte, ersetzen
durch ein durchsichtiges Glas. Natiirlich ist es unvollkommener, weil
es nicht lebt. Die Linse im Auge lebt, die kann man bewegen, und das
hat natiirlich seine Vorteile. Aber jedenfalls, fur den Notfall kann man
sehen, wenn man einfach die undurchsichtig gewordene Linse heraus-
nimmt und diese Linse durch die Glasbrille, durch die Starbrille ersetzt.
Dann sieht der Mensch wiederum.
Auf diese Weise ist man also imstande, genau gewahr zu werden, wie
eigentlich die Sache mit dem Sehen liegt: daft man im Auge einen Appa-
rat, ein Werkzeug zum Sehen hat, denn man kann sogar ein Stuckchen
vom Auge, eben durch ein aufieres Werkzeug, ersetzen, durch die Star-
brille. Dafi die lebendige Brille, also die Linse, einen Vorzug hat vor
dieser Starbrille, diesem Ersatz, das mag Ihnen daraus hervorgehen, dafi
man die Linse, die so ist (es wird gezeichnet), wenn man etwas ganz Tafel3
weit Entferntes sehen will, ein bifichen diinner machen mufi. Dann r s en
sieht man etwas weiter Entferntes. Wenn also der Jager anschlagt und
etwas weiter schiefien will, dann mufi er seine Linse diinn machen. Das
macht der Muskel, der hier sitzt (auf die Zeichnung deutend, S. 35); der links oben
macht sie diinner. Wenn man etwas ganz in der Nahe sehen will, in der
Nahe etwas Kleines lesen will, dann mufi man die Linse dicker machen. recks oben
Das macht wiederum der Muskel. Das kann man mit der Starbrille na-
tiirlich nicht, denn sonst miifite man immer eine andere aufsetzen. Das
tut man auch zuweilen. Es gibt heute schon durchaus Menschen, die
zweierlei Brillen haben mussen, fur Nahe und fur Feme. Aber weil die
Linse im Auge etwas Lebendiges ist, kann man sie innerlich richten und
nah und fern sehen.
Jetzt konnen Sie auch einsehen, warum, wenn ich die Linse ganz
herausgenommen habe, nur feme Gegenstande gesehen werden kon-
nen, denn es ist, wie wenn ich die Linse ganz flach gemacht hatte, wenn
ich sie herausgenommen habe. Da sehe ich dann wieder Dinge, die ganz
weit weg sind. Da reicht aber dann wiederum die Sehkraft nicht aus.
Hinter der Linse ist noch ein ganz schleimartiger Korper, der soge-
nannte Glaskorper. Der kann auch undurchsichtig werden. Wenn der
undurchsichtig geworden ist, kann man nicht operieren, denn den kann
man nicht auf irgendeine Weise ersetzen.
Wenn man von aufien ins Auge hineinsieht, so ist es schwarz. Da ist links oben
eben die Linse, hinter dieser schwarzen Pupille. Und schwarz ist es
deshalb, weil man namlich auf den Hintergrund des Auges sieht. Da
schaut man durch die ganze Linse und durch alles das [den Glaskorper]
durch.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:37
Jetzt aber miissen wir uns fragen: Was geschieht denn da eigentlich,
wenn die Linse undurchsichtig wird? - Stellen Sie sich doch einmal das
Glas vor. Wenn das Glas durchsichtig ist, geht das Licht durch. Wenn
Sie etwas Undurchsichtiges haben, so bedeutet es, dafi das Licht nicht
durchgeht, dafi das Licht aufgehalten wird. Nun, beim Auge ist es
so, dal5 bei der Linse Licht hinein- und herausgehen mufi. Sehen Sie,
das Licht, das gehort zum Ather. Das gehort nicht zu der Materie, zu
dem Stoff der Schwere, der aufien ist, sondern das Licht gehort zum
Ather.
Nun habe ich Ihnen gesagt: Der Mensch hat aufier seinem physischen
Leib auch noch einen Atherleib. Und was bedeutet das, daft die Linse
durchsichtig ist? Daft die Linse durchsichtig ist, das bedeutet, dafi der
Atherleib des Menschen, der iiberall hindurchgeht - ich zeichne ihn
jetzt rot -, durch die Linse einfach hindurch kann. Wenn die Linse
schon durchsichtig ist, so kann der Atherleib durch die Linse durch.
Das heilk, der Mensch hat dann an der Stelle, wo die Linse ist, ein
Stiickchen Atherleib. Wenn die Linse undurchsichtig wird, so ist es
deshalb, weil der Stoff in der Linse sich zusammenschoppt. Wenn sich
Salz oder so etwas absetzt in der Linse, dann wird sie undurchsichtig.
Es ist gerade so, wie wenn Sie in einem Glas Wasser Salz aufgelost ha-
ben. Solange das Salz aufgelost ist, haben Sie eine fast durchsichtige
Tafd 3 Salzlosung. Wenn sich das Salz da unten absetzt (es wird gezeichnet),
dann wird es da unten undurchsichtig. Das heilk, der Stoff lafk das
Licht nicht durch. So wird, wenn sich salzige Teile absetzen, die Linse
undurchsichtig. Im Alter setzen sich solche salzigen Teile ab. Da wer-
den die durchsichtigen Teile des Menschen undurchsichtig.
Es kann also bei Starkrankheit die durchsichtige Linse undurchsichtig
werden. Was ist die Folge davon? Die Folge ist, daft in die undurch-
sichtige Linse der Atherleib des Menschen nicht mehr herein kann.
Jetzt ist da ein kleines Lochelchen. Der Mensch hat iiberall seinen
Atherleib, und wenn er gesund ist, fiillt dieser Atherleib alles aus. Wenn
die Linse krank wird, undurchsichtig wird, dann kann der Atherleib an
dem Platz nicht hinein, wo die Linse ist. Jetzt haben Sie an dem Platz,
wo die Linse ist, keinen Atherleib. Wir miissen also sagen: Worin be-
steht die Starkrankheit? - Die Starkrankheit besteht darin, dafi der
Mensch an dem Platz, wo die Linse undurchsichtig geworden ist im
Auge, keinen Atherleib hat.
Aber mit dem Atherleib allein kann man namlich noch nicht sehen.
Wenn man mit dem Atherleib sehen konnte, dann wiirde man in der
Nacht immer sehen, denn man hat in der Nacht im Bett auch den
Atherleib, es ist nur der astralische Leib herauflen. Man sieht also nicht
mit dem Atherleib. Man sieht mit der Seele. Aber man braucht den
Atherleib zum Sehen. Der astralische Leib, der ist auch noch da - er ist
das Dritte, was der Mensch hat -, der fullt wiederum alles aus. Wenn
nun dieser astralische Leib an der Stelle hier, wo kein Atherleib ist, se-
hen will, so kann er nicht, weil eben an der Stelle der Atherleib fehlt.
Und so konnen wir sagen: Wodurch geschieht so etwas, dafi wir sehen?
Dadurch, dafi unser astralischer Leib in unserem Atherleib drinnen ist. -
Wenn aber an einer Stelle der Atherleib ausgeschaltet ist, weggeschoben
ist dadurch, daft die Linse, das Auge undurchsichtig ist, konnen wir
nicht sehen. Da kann der Astralleib nicht sehen. Ist das verstandlich?
Es wird bestatigt: Ja!
Dadurch also wird unser astralischer Leib fahig zu sehen, dafi an der
Stelle, wo eben die Linse ist, wo es am notwendigsten ist, der Atherleib
iiberhaupt hinein kann. Wenn man also so etwas wie die Starkrankheit
richtig versteht, so kann man daran wirklich sehen, wie der Mensch
einen Atherleib und einen Astralleib hat.
Wenn der Mensch nun richtig im Anfange einer solchen Starkrank-
heit steht, so kann man sagen: Diese Starkrankheit kommt davon her,
daft die im Auge, in der Linse abgelagerten Salze den Atherleib nicht
hineinlassen ins Auge. - Nun miifite man etwas tun, um diese Linse
durchsichtig zu machen. Wenn die Sache eben ganz fortgeschritten ist,
wenn die Linse schon ganz durchsetzt ist mit Salzen, also undurchsich-
tig geworden ist, dann kann man nichts anderes mehr machen als sie
herausoperieren, und sie eben durch eine Starbrille ersetzen. Aber nun
ist die Sache so, dafi man, wenn die Starkrankheit ganz im Anfange ist,
doch auch noch etwas anderes tun kann. Und daran gerade will ich
Ihnen nun zeigen, wie der Mensch mit seiner Umgebung zusamrnen-
hangt.
Nehmen Sie an, Sie haben hier die Erde. Aus dieser Erde wachsen
Pflanzen heraus. Sehen Sie, solch eine Pflanze hat naturlich einen
physischen Leib. Wir kdnnen ihn angreifen, ihn anschauen. Aber diese
Pflanze hat auch einen Atherleib, denn sie lebt, und alles, was lebt, hat
einen Atherleib. Wenn die Pflanze keinen Atherleib hatte, ware sie ein
Stein. Sie hat einen Atherleib, sie lebt. Aber die Pflanze kann nicht
empfinden, nicht fuhlen. Sie hat keinen Astralleib. Aber iiberall in der
Umgebung der Erde ist dasjenige, was astralische Substanz ist. Uberall
ist das Astralische. Wir haben einen Astralleib in uns, aber auch uberall
in der Umgebung der Erde ist das Astralische. Ich will Ihnen sagen,
wie man darauf kommen kann, dafi das Astralische uberall ist. Da
werden wir eine recht entlegene Tatsache, die scheinbar zu dem gar
nicht hinzugehort, heranziehen rmissen.
Sie wissen ja alle, daft feuerspeiende Berge ab und zu, nun ja, eben
ins Speien kommen, wie man sagt, da£ eben gliihende Massen heraus-
fliegen. Ich will Ihnen einmal solch einen feuerspeienden Berg ein we-
nig beschreiben. Da ist zunachst unten der Boden, mit einem gewohnli-
chen Gestein ausgefullt. Also wenn wir den Vesuv zum Beispiel, der in
Italien ist, bei Neapel, betrachten, so ist der Boden dort, der Grundbo-
den, aus apenninischem Gestein bestehend, wie man es nennt. Also wir
haben da unten das gewohnliche Gestein, das sonst auch ringsherum in
der betreffenden Gegend ist. Dann aber schichten sich da etwas andere
cchts
oben Schichten auf. Es schichtet sich so auf (siehe Zeichnung). An der Stelle,
a r\
wo zum Beispiel der Vesuv ausbricht, da ist eine Erdspalte. Und wenn
nun ein Ausbruch des Vesuvs ist, dann kommen aus dieser Erdspalte
heraus zuerst Aschenbestandteile mit Wasser; dann kommen bomben-
artige Gesteine heraus. Das alles wird da an die Oberflache geschleu-
dert. Das ist zuweilen flussig, zuweilen bombenartig. Dann rinnt das
herunter, rinnt weiter herunter. Und iiberall da kommen dann diese
Gesteine, die wie Bomben hinausgeworfen werden. Die flieften wieder
herunter. Dazwischen ein Regen, der mit Schlamm untermischt ist. Das
alles tiirmt dann einen solchen Berg erst auf, macht einen solchen Berg.
Da wird also aus dem Inneren der Erde zunachst heifies Wasser, das
mit Asche vermischt ist, herausgeschleudert. Das gibt, wenn es herun-
terrinnt, einen sehr zahen Schlamm. Dann, etwas spater, kommen diese
bombenartigen Brocken, die da heraufsausen und die da iiberall herum-
geschleudert werden. Auf diese Weise werden solche feuerspeienden
Berge aufgeworfen.
Nun, meine Herren, mochte ich Ihnen erzahien, wie sich die Wissen-
schaft gewohnlich einer solchen Erscheinung gegeniiber, wie den feuer-
speienden Bergen, benimmt. Die Wissenschaft sagt: ja, da stiirmt alles
mogliche, was unter der Erde ist, heraus. Die feuerspeienden Berge, die
sind in der Regel in der Nahe von Wasser. ~ Gewifi, das ist auch wahr.
Mitten im Land sind wenig feuerspeiende Berge, sie sind in der Regel in
der Nahe vom Ufer, vom Wasser. - Da konnte also, weil ja da ohnehin
ein Erdspalt ist, das Wasser hineindringen, und das Wasser, das wird da
drinnen dann durch die im Inneren der Erde befindliche Hitze siedend.
Und dieses siedende Wasser, das stofit dann alles das, was da unten an
Stoffen ist, heraus. - So sagt nun zunachst einer der Gelehrten, schreibt
dariiber ein Buch und hat auf diese Weise die Entstehung der feuerspei-
enden Berge, wie man sagt, erklart.
Jetzt kommt ein anderer und sagt: Ja, aber wir haben Griinde, anzu-
nehmen, daE diese Spalten gar nicht so weit ausgedehnt sind, dal$ da
das Wasser hereinkann. Wir konnen nicht annehmen, dafi das Wasser,
wenn die feuerspeienden Berge auch beim Wasser liegen, durch diese
Risse in der Erde da hereinkann. Also wird es nicht ganz richtig sein,
was der erste Gelehrte gesagt hat. Man mufi auf eine andere Weise die
Sache erklaren.
Nun, da kommt der und sagt: Ja, im Inneren der Erde, da ist die Sa-
che nicht so wie da drau&en, sondern im Inneren der Erde sind die Me-
talle fliissig. Wie das Eisen im Schmelzofen, wenn man es bearbeitet,
fliissig ist, so sind da im Inneren der Erde die Metalle fliissig. Da sind
fliissige Metalle drinnen. - Nun - Namen finden sich leicht -, diese
fliissigen Metalle nennt man dann Magma. Es ist also da Magma drin-
nen - nun schon, fliissige Metalle. Und jetzt, wenn dieses fliissige Me-
tall, dieses Magma, an eine solche Stelle kommt, wo es leichter auswei-
chen kann - hier ist es ihm iiberall zu schwer zum Ausweichen, sonst
speit es iiberall heraus -, wenn es da also an eine Stelle kommt, wo es
leichter ausweichen kann, dann weicht es eben da aus, und da kommt
es heraus. - So sagt der andere. Also es geschieht, sagt der andere,
durch die Ungleichmafiigkeiten in der Dichte der Erde; das Magma, das
strahlt nach der einen oder anderen Richtung aus.
Da kommt nun ein dritter wiederum oder ein vierter, und der sagt:
J a, aber das Magma kann nicht die starke Kraft haben, so machtig die
Bomben da herauszuschmeifien! Das kann auch nicht die Erklarung
sein. - Dann kommen noch ein paar andere, die sagen noch etwas ande-
res. Und dann wird das in die gewohnlichen Biicher, die fur das Volk
sind, geschrieben. Da schreibt man dann hinein: Also eigentlich weiS
man heute noch nicht die Ursache, warum die feuerspeienden Berge
entstehen. - Das ist so ungefahr heute der Tatbestand. Gewohnlich
werden Sie finden: Der eine hat das behauptet, der andere das -, aber
man weifl eigentlich nicht, worin die Ursache liegt. Bei den wichtigsten
Dingen weifi man nicht, worin die Ursache liegt!
Aber nun will ich Ihnen etwas sagen. Die Sache ist diese: Wenn man
gerade in die Gegend kommt, wo der Vesuv schon ganz nahe ist, in die
Nachbarschaft von feuerspeienden Bergen, da gibt es namlich eine sehr
schone Erscheinung. Wenn Sie ein Stuck Papier nehmen und es anziin-
den, dann fangt plotzlich die Erde zu rauchen an. Also Sie haben hier
die Erde (es wird gezeichnet), ziinden ein Stiickchen Papier hier an, links unten
jetzt brennt das (rot), und jetzt fangt hier tiberall unter der Papier-
flamme die Erde zu rauchen an, ganz von selber, und Sie konnen da
nach und nach, wahrend Sie ein grofies Snick Papier verbrennen, ganz
von dem aufsteigenden Rauch umgeben werden. Das ist naturlich eine
sehr schone Erscheinung. Den Leuten, die da in Italien reisen, zeigen
die Fremdenfuhrer, wie der Rauch aus der Erde herauskommt, wenn
man blofi ein Stiickchen Papier anziindet.
Nun, was bedeutet denn das iiberhaupt? Ja, sehen Sie, meine Herren:
An der Stelle da drinnen, da ist eine gewisse Ansammlung von Wasser-
dampf. Da in der Erde - an der Stelie, wo dann dieser Dampf heraus-
4^
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:43
kommt -, da ist der drinnen angesammelt. Der kann nun nicht heraus,
wenn die Luft da driiber eine bestimmte Dichte hat. Die Luft halt die-
sen Dampf da drinnen. Nun wissen Sie alle: Wenn man die Luft war-
mer macht, wird sie dunner. Wenn Sie im Zimmer einheizen, dann
wird die Luft auch dunner. Die warme Luft ist immer dunner als die
kalte Luft. Wenn Sie also hier anziinden, so wird die Luft dunner. Die
diinnere Luft kann dann den Dampf nicht mehr unten halten, und da
stromt er heraus. Naturlich mufi er zuerst unten sein. Es mufi etwas
unten sein, das herausstromen kann. Ja, aber, meine Herren, denken
Sie, was Sie da getan haben! Sie sind nicht da unten gewesen und haben
den Dampf hinaufgeblasen. Das haben Sie nicht gemacht, sondern Sie
haben von aufien den Dampf herausgelockt, indem Sie ein Stuck Papier
angeziindet haben. Also wenn Sie hier oben iiber der Erde etwas an-
ziinden, konnen Sie den Dampf herauslocken. Weil Sie die Luft dunner
machen, locken Sie den Dampf heraus.
Sehen Sie, die gelehrten Herren suchen nun fortwahrend die Ursa-
chen dafiir, da$ da Wasserdampf aus dem Vulkan herauskommt, dafi da
sogar Bomben herausfliegen; diese Ursachen suchen sie, ja die suchen
sie unter der Erde. Aber da sind sie namlich gar nicht, geradesowenig
wie die Ursachen des Herausdringens des Wasserdampfes, wenn Sie ein
Papier anziinden, unter der Erde sind, sondern die Ursachen sind drau-
15en, aufierhalb der Erde.
Sie miissen eben die Dinge, die Tatsachen sind, in der richtigen Weise
verstehen konnen, dann kommen Sie auf die Sachen drauf. Also gerade-
sowenig wie Sie hier drinnen sind und den Dampf aus der Erde her-
aufblasen, sondern ihn herauslocken durch die diinne, erwarmte Luft,
ebenso lockt da etwas das alles, was da drunten ist, heraus. Und sehen
Sie, feste Erdgesteine kriegt man da nicht heraus, wenn man da nur ein
Papier anziindet, sonst wiirden die reisenden neugierigen Englander,
wenn sie in der Nahe von Neapel Papier anziinden wiirden, nicht nur
in Rauch eingehullt werden, sondern auch allerlei Steine auf die Nase
kriegen! Das kriegt man da nicht, sondern da wird nur die Luft ver-
dunnt und der Dampf steigt auf. Hier aber iiber dem Vesuv, wenn er
anfangt zu speien, auszubrechen, da wird iiber ihm alles das verdiinnt,
was an Astralischem iiber ihm liegt. Und dieses Astralische, das wird
verdiinnt durch weit draufien liegende Krafte der Sterne, der Planeten.
Wenn also eine bestimmte Sternkonstellation uber dem Vesuv ist, wie
sie oft ist - sie kommt sonst nicht so vor, sie kommt gerade an der
Stelle vor -, da wird, geradeso wie hier durch das Papier, hier durch die
Sternkonstellation, weil das Astralische oben verdiinnt wird, das, was
unten ist, herausgerissen.
Also Sie zeigen einen kleinen Vesuvausbruch, wenn Sie da die Schwe-
feldiinste - es ist nicht nur Wasser-, sondern auch Schwefeldampf - her-
auskriegen. Man nennt das Solfatare. So ist iiberall da, wo diese mach-
tigen Vulkanausbriiche stattfinden, nicht tatig das, was da drunten ist,
sondern das, was draufien ist, was gerade von den Sternkonstellationen
herkommt.
Natiirlich, bei solchen Dingen kommt manchmal auch ein bifichen,
wie soil ich sagen, Gschaftlhuberei, Wichtigtuerei vor. So ist ja einer
einmal daraufgekommen, dafi gewisse solche Sachen von den Sternkon-
stellationen, von der Stellung zum Beispiel von Sonne und Mond
kommen. Das war der Falb. Vielleicht haben die alteren von Ihnen
schon etwas gehort von der beriihmten Falbschen Theorie. Falb hat
nicht blofi gesagt, dafi die Erdbeben, sondern auch die Vulkanausbru-
che zum Beispiel von den Sternkonstellationen kommen. Das war
schon richtig. Aber er war auch ein furchtbar eitler Mensch und hat
gern wichtig getan mit der Sache.
Nun ist er noch auf etwas anderes draufgekommen, was auch wichtig
ist. Sie wissen ja, in Bergwerken sind eine furchtbare Plage die soge-
nannten schlagenden Wetter. Da geschieht etwas in den Bergwerken,
weil sich die Gase entziinden, weil sie machtig das Werk durchstromen.
Nun hat Falb gesagt: Auch dieses Besondere der Gase kommt nicht
vom Unterirdischen der Erde, sondern zum Beispiel von der Stellung
von Sonne und Mond. - Und der Falb hat nach diesem, was er sich da
ausgedacht hat, sogar Prophezeiungen von Erdbeben und von schla-
genden Wettern in Bergwerken zusammengestellt. Nun, das hat oftmals
nicht gestimrnt, manchmal auch gestimrnt. Die Dinge sind natiirlich so,
dafi bei naturlichen Ereignissen manchmal Unvorhergesehenes eintritt;
dann stimmt die Geschichte nicht. Aber Falb hat dann so einen Kalen-
der herausgegeben durch das Jahr. Da hat er die sogenannten kritischen
Tage angegeben. Wenn besondere Sternkonstellationen, wenn beson-
dere Stellungen von Sonne und Mond da waren, hat er gesagt: An dem
Tage rmissen da schlagende Wetter sein -, oder: Es raufi ein Erdbeben
kommen.
Ich war einmal - es ist jetzt schon lange her, viel mehr als dreifiig
Jahre - bei einem Vortrag von Falb. Da hat der Falb, der ein grofier
schlanker Mensch war, iiberzeugend seine Theorien vorgetragen, hat
also vorgetragen, wie da - er hat nichts gewufk vom Astralischen, son-
dern er hat geglaubt, das komme nur von dieser Warmeverdiinnung -,
wie da die Warme verdiinnt wird und wie dann von unten heraufge-
lockt werden, wie eben bei solchen Solfataren, die Gase von Bergwer-
ken entweder zu schlagenden Wettern werden oder so etwas. Nun war
das ein grofier SaaL Der Falb stand da oben. Er hat das erklart, fein er-
klart. Es war viel Richtiges in seiner Erklarung. Plotzlich, wie er mitten
in seiner Erklarung drinnen ist und sagt: Also da wird durch eine be-
stimmte Stellung von Sonne und Mond eine Veranderung in der Luft
hervorgerufen, schlagende Wetter miissen sich bilden, sie werden her-
ausgelockt - bums, klopft es an der Tiire. Es kommt ein Zeitungsjunge
herein von der «Neuen Freien Presse», bringt ein Telegramm, legt es
hin auf den Vortragstisch. Der Falb ist eben nicht fein, sagt: Es mufi
was Wichtiges sein ! - macht wahrend des Vortrags das Telegramm auf,
liest: In dem und dem Bergwerk sind soeben grofie schlagende Wetter
geschehen. - Nun hatte der Falb gerade in seinem Vortrag diese schla-
genden Wetter prophezeit gehabt und hatte sich mit der «Neuen Freien
Presse» in Verbindung gesetzt: Wenn da etwas kommt, schickt mir das
in den Vortragssaal herein! - Falb hat ofters mit solchen Dingen gear-
beitet, er war eben etwas eitel. Aber geschehen ist es eben doch, meine
Herren. Gerade als Falb erklart hatte, jetzt raufi wieder etwas kommen
wie eine Art schlagende Wetter, bringt ihm der Zeitungsjunge das Tele-
gramm. Und er sagte noch: Sehen Sie, meine Damen und Herren, so
werden einem die Beweise auf den Tisch hin geliefert!
Nun ja, das war naturlich eine Wichtigtuerei. Aber hinter solchen
Dingen steckte gerade bei Falb etwas aufierordentlich Wahres wieder-
um. Die Sache ist schon so, dafi man sagen mufi: Auch diese dicken,
schweren Massen werden nicht von unten durch StdfSe herausgeworfen,
wie es die Gelehrten immer sagen, sondern herausgelockt von oben,
durch die Stellung der Sterne. Nur, mochte ich sagen, wenn da bei die-
sem brennenden Papier der Dampf heraufsteigt und man ganz in diesem
Dampf drinnen ist, da ist die Luft ein biftchen verdiinnt. So stark ver-
diinnt, daft die festen Massen hinaufgeschleudert werden konnen, kann
es naturlich von der blofien Luft nicht werden; da mufi schon der Ather
verdiinnt werden und dann noch das Astralische. Dadurch kommen wir
darauf, wenn wir richtige Erklarungen haben fur unsere feuerspeienden
Berge, dafi unsere Erde iiberall nicht nur von der Erdensubstanz, son-
dern auch vom Astralischen eingehiillt ist. Die heutige Wissenschaft hat
eben keine Courage, solche Dinge wirklich sachgemafi zu erklaren. Sie
hat keine Courage!
Wir mussen uns also, wenn wir uns die Erde vorstellen, diese Erde
iiberall umgeben denken erstens vom. Ather, dann aber auch vom
Astralischen. Nun dringt aber auch das Astralische wiederum iiberall
ein. Aber die Pflanzen nehmen im allgemeinen das Astralische nicht
auf. Sie haben nur einen Atherleib. Sie nehmen nur den Ather auf, sie
nehmen das Astralische nicht auf. Aber es gibt gewisse Pflanzen, die
nehmen das Astralische auf. Das sind die Giftpflanzen. Und das ist der
Unterschied zwischen den nichtgiftigen Pflanzen und den giftigen
Pflanzen: Die nichtgiftigen Pflanzen haben kein Astralisches in sich,
und die giftigen Pflanzen haben ein Astralisches in sich.
Nun, was bedeutet denn das? Sehen Sie, eine der giftigsten Pflanzen
ist ja die Tollkirsche. Wenn Sie eine Tollkirsche hier haben, so ist die
Tollkirsche dadurch so schwarz, wie Sie sie haben, daft eben in sie das
Astralische aufgenommen wird. Also die Tollkirsche nimmt das Astra-
lische auf. Dadurch aber, meine Herren, dafi die Tollkirsche das Astra-
lische aufnimmt - sie zerstort sich in Wirklichkeit nicht ganz -, hat sie
die Kraft in sich, immerfort die physische Materie zu zerstoren. Die
Tollkirsche ist im Inneren ganz scharf; sie will die physische Materie
zerstoren. Wenn wir daher eine Tollkirsche essen, so fangt der Tollkir-
schensaft, sobald er m uns ist, gleich an, unsere innere Materie zu zer-
storen. Da miissen wir unter der Tollkirsche zugrunde gehen. Die
Tollkirsche hat innerlich die Kraft, die physische Materie zu zerstoren.
Denken Sie, wir bringen nun in der richtigen Weise, indem wir ihn
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:47
einimpfen, ganz verdiinnten, richtig verdiinnten Tollkirschensaft ins
Blut des Menschen. Dann konnen wir, wenn die Linse anfangt, Salze
zu kriegen, dunkel zu werden, gerade durch den Tollkirschensaft,
wenn er richtig verdiinnt ist, so diinn geworden ist, dafi er keine Gift-
wirkung mehr hat, diese Starkrankheit bekampfen, dasjenige zer-
Tafel 3 streuen, was als Absatz entstanden ist. Ich habe Ihnen hierher (auf der
rcctits •
Tafel) den Satz gezeichnet. Wenn wir also den Zerstorungssaft der
Tollkirsche, der iiberall alles andere auseinandertreibt, durch eine rich-
tige Impfung hierhergebracht haben auf die Linse, dann treibt er auch
die Salze auseinander, die sich dort abgelagert haben, und die Linse
kann unter Umstanden geheilt werden.
Man kann naturlich, wenn der Star schon zu weit fortgeschritten ist,
nicht allzuviel bauen auf diese Geschichte. Aber wenn man bei einem
Menschen, bei dem der Star noch nicht so stark fortgeschritten ist, die
Sache zur rechten Zeit bemerkt, dann kann man, ohne dal5 man die
Linse spater herausoperieren mufi, den Star noch bekampfen.
Daher ist es gewohnlich nichts, wie es die homoopathischen Arzte
machen. Die geben die verdiinnte Tollkirsche ein. Da wirkt es zwar
auch, aber nicht sehr stark; die Sache kommt immer wieder zuriick.
Also auf diese Weise kann man gewohnlich nichts bewirken. Aber man
kann sehr viel bewirken, wenn man es ins Blut einimpft. Das Blut geht
dann iiberallhin, kommt auch ins Auge.
Daran sehen Sie auch gleich wiederum etwas anderes. Namlich Sie se-
hen dies : Wenn wir ein solches Gift haben wie das von der Tollkirsche,
wenn wir viel von der Tollkirsche essen - es geniigt naturlich wenig,
aber das ist viel in diesem Fall -> wenn wir verhaltnisma&g viel von der
Tollkirsche essen, so zerstort es uns vom Magen, schon vom Schlund
aus unsere physische Materie. Wir konnen nicht mehr leben. Wenn wir
immer mehr und mehr diesen Tollkirschensaft verdiinnen, dann werden
dadurch die physischen Teile nicht mehr angegriffen, aber der Tollkir-
schensaft wird verdaut und greift noch sehr stark den Kopf an. Man
kann dann den Tollkirschensaft dazu verwenden, wenn Menschen ganz
nervos geworden sind, wenn es ihnen schwummerig geworden ist, sie
dadurch wieder zurechtzuriicken, dafi man ihnen stark verdiinnten
Tollkirschensaft zu essen gibt, der das, was sich da abgelagert hat, her-
A O
austreibt. Aber wenn man ihn so dunn nimmt, daft er auch den Kopf
nicht mehr angreift, dann wirkt er noch immer auf das Auge. Das Auge
ist dasjenige Organ, das empfindKch ist fur die dunnsten Mengen von
Tollkirsche. Belladonna, «die schone Frau», heifit sie, die Tollkirsche,
weil sie so schon schwarzaugig ist. Also das Auge ist fur die kleinsten
Mengen von Tollkirschensaft noch empfanglich. So ist es merkwurdig,
daft unser menschliches Wesen fiir die verschiedenen Stoffe der Umge-
bung in der verschiedensten Weise empfanglich ist. Wie schon gesagt,
zu viel Tollkirschensaft zerstort das ganze Auge, aber in der Verdiin-
nung ist das Auge fiir den Tollkirschensaft empfanglich. Fiir andere
Safte sind wieder andere Organe empfanglich. So daft fiir jede Substanz
irgend etwas in unserem Leib besonders empfanglich ist und verschie-
denes bewirkt.
Nehmen Sie zum Beispiel die menschliche Leber. J a, da ist es so, daft
die menschliche Leber eigentlich furchtbar viel tun muft. Ich habe Ih-
nen ja gesagt, wie sie ein innerer Beobachter ist. Sie mufi furchtbar viel
tun bei der Verdauung. Insbesondere mu£ die Leber im menschlichen
Leib einen groften Dienst leisten bei der Verarbeitung der Fettstoffe.
Wenn die Leber nicht richtig arbeiten kann, dann sammelt sich beim
Menschen alles das, was er an Fett hat, auf und wandert im Korper in
der verschiedensten Weise herum. Es geschehen Fettwanderungen, statt
daft das Fett in der Leber verarbeitet wird. Das Fett also, das der
Mensch zu sich nimmt, das hat wiederum ein besonderes Verhaltnis zur
Leber. So wie gute Stoffe ein Verhaltnis haben zu den Gliedern des
menschlichen Korpers, so haben auch Giftstoffe zu alien Gliedern des
Menschen ein bestimmtes Verhaltnis.
Und so konnen wir sagen: Wir konnen gewissermaften die Linse im
Auge wiederum hell machen, wenn sie sich verdunkelt hat, dadurch
den Astralkorper in dieses Stiickchen Mensch wiederum hineinschik-
ken, wenn wir dem Menschen aus der Umgebung etwas einimpfen, was
das Auge besonders angreift. Das ist also der Tollkirschensaft in ent-
sprechender Verdiinnung. Daraus schcn Sie: Im Tollkirschensaft haben
wir etwas, was gerade im Auge das Astralische wieder heranzieht, so daft
der Mensch durch das Astralische sehen kann; es zieht das Astralische
lie ran, und das Astralische zieht dann wiederum das Atherhafte he ran.
Deshalb mochte ich auch sagen: Auch wenn die Tollkirsche draufien
wachst, zieht sie das Astralische an. Das Atherische ist ja schon drin-
nen, das braucht nicht angezogen zu werden. Wenn man daher diesen
feinen Vorgang, der bei der Tollkirschenheilung bei starkranken Augen
geschieht, richtig studieren kann, dann versteht man namlich auch, was
draufien in der Tollkirsche vor sich geht. Das ausgeschlossene Astrali-
sche, das wird durch den Tollkirschensaft herangezogen. Also zieht der
Tollkirschensaft auch aus der Welt das Astralische heran. Der Tollkir-
schensaft ist eine Anziehungskraft fur das Astralische. Und wenn wir
vergiftet werden mit Tollkirsche, so wird eben zuviel Astralisches in
uns hereingezogen, dieses Astralische fangt zu kochen an und dieses
Kochen zerstort unser Physisches.
Wenn aber zuviel Physisches zerstort ist - im starkranken Auge ist es
dadurch zerstort, dafi zu viel abgelagert ist -, dann mussen wir es wie-
der wegschaffen. Weg damit! Dann konnte man ja hoffen, meine Her-
ren, daft man mit Belladonna, mit Tollkirsche, auch heilen konnte,
wenn sonst sich irgendwo Salze oder ahnliche Stoffe im Korper abla-
gern. Wenn der Mensch zum Beispiel Gallensteine oder Harnsteine be-
kommt, so lagert sich ja auch etwas Festes ab, was eigentlich nicht sein
sollte. Dann miifite man hoffen, dafi, wenn man das in der Linse im
starkranken Auge mit Belladonna heilen kann, man auch die Gallen-
steine und die Blasensteine mit Belladonna heilen konnte. Das kann
man auch, wenn man die Sache nur richtig verwendet. Das kann man!
So kann man sehen, dafi die Sachen alle zusammenstimmen, und
wenn man die Natur richtig versteht, kann man auch den Menschen
richtig verstehen. Nun sind wir von dieser Seite wieder auf den Ather-
und Astralleib gekommen, wie wir das letzte Mai beim Herumdrehen
auf den Ather- und Astralleib gekommen sind. Man kommt, wenn man
die Dinge einfach richtig betrachtet, iiberall auf diese iibersinnlichen
Glieder des Menschen. Die Sachen sind wirklich nicht ausgedacht, son-
dern sind aus einer Wissenschaft heraus, die eben iiberall weiter geht als
die gewohnliche Wissenschaft.
Am nachsten Mittwoch werden wir, wenn Sie nicht Fragen vorberei-
ten, iiber diese Sachen weiter reden.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 6. Juni 1923
Guten Morgen, meine Herren! Will jemand noch eine Frage stellen?
Es wird eine Frage gestellt in bezug auf den grauen Star. Der Fragesteller sagt, dafl er
im Jahre 1916 in Basel im Spital war wegen einer Irisentziindung, und da habe er Ein-
spritzungen in den Kopf bekommen. Nun mochte er fragen, ob diese Einspritzungen
nicht schadlich gewirkt haben konnten.
Dr. Steiner: Haben Sie denn etwas bemerkt an sich? Daran ist natiir-
lich nicht zu denken, dafi durch diese Einspritzungen etwa eine Star-
krankheit gefordert werden konnte. Diese sogenannten Fliegen, diese
Erscheinungen, von denen Sie sprechen, die miissen nicht hindeuten auf
irgendeine Starkrankheit, sondern die kommen von etwas anderem.
Nicht wahr, die Einspritzungen, die haben die Eigentumlichkeit, dafi
sie zuweilen die Muskeln, die in der Nahe sind, etwas schwacher ma-
chen, und dann kann man nicht mehr so frei die Muskeln entfalten; das
Auge wird ein birchen starr. Wenn man nun das Auge auf etwas ein-
stellt, stellt es sich nicht gleich richtig ein, und dadurch kommen diese
«Miicken und Fliegen» heraus. Also es ruhrt dies oftmals nur her, ich
mochte sagen, von einer kleinen Schwache in der Einstellung. Warum
haben Sie denn die Iriseinspritzungen bekommen?
Fragesteller: Man dachte, es sei der Glaskorper.
Dr. Steiner: Es ist ja so, dafi man immer besser tut, solche Dinge
durch andere Mittel zu bekampfen, also so lange es geht, durch innere
Mittel. Manche Dinge kann man nicht durch innere Mittel bekampfen;
dann versucht man zu impfen. Aber eine Sorge brauchen Sie deshalb
doch nicht zu haben. Das ist nicht notig.
Ist vielleicht noch eine andere Fraee aufzuwerfen, die wir beantwor-
ten konnen?
Fragesteller: Ich mochte noch einmal zuriickkommen auf das Drehen. Mir und auch
meinen Kollegen ist aufgefallen, wenn wir auf das Herz zu sprechen kommen, da£ da ei-
nige Unklarheit ist. Ich habe dariiber nachgedacht, wie Herr Doktor uns einmal aufge-
zeichnet hat, wie die Erde mit dem Mond zusammenhangt und das Fluidum - ich weif?
nicht, ob ich mich richtig ausdrucke -, die Sonne drum herum ist. Das Herz ist auf der
linken Seite im Korper. Ich mochte nun fragen, ob das Herz eigentlich auch mit diesem
ganzen Weltgetriebe zusammenhangt?
Dr. Steiner: Da miissen wir an verschiedenes erinnern, was wir auch
schon besprochen haben. Ich habe einmal gesagt: Uber das Herz hat
man heute in der Wissenschaft iiberhaupt falsche Ansichten. Man denkt
sich, das Herz sei eine Art von Pumpe, und das Herz pumpe das Blut
iiberall hin in den Korper. Man denkt sich also: Das Herz zieht sich
zusammen. Wenn sich das Herz zusammenzieht, wird es kleiner, halt
weniger Blut in sich. Dadurch stoftt es das Blut durch die Adern aus, es
wird in den Korper gestoften, und weil das Herz elastisch ist, denkt
man, dehnt es sich wiederum aus. Dadurch kommt das Blut wiederum
zuriick. - Also man schreibt heute dem Herzen zu, dafi es sich wie eine
Pumpe verhalt, dafi es also das Blut durch den Korper hindurchpumpt.
Sehen Sie, das ist eine ganz falsche Ansicht. Es ist iiberhaupt eine
Ansicht, die nur aus der materialistischen Zeit stammt, die also alles zu-
riickfuhrt auf das Maschinelle, wenn man meint, das Herz soil eine
richtige mechanische Pumpeinrichtung sein, die das Blut durch den
ganzen Korper pumpt. Dabei nimmt man gar keine Riicksicht darauf,
wie eigentlich das ganze Leben in einem lebendigen Wesen vor sich
geht. Ich mochte Sie dabei auf eines aufmerksam machen.
Es gibt ein ganz kleines, niederes Tierchen, das besteht eigentlich nur
aus einer Art von Schlauch. Wenn ich dieses Tierchen aufzeichnen
Tafels wollte, so miiftte ich es etwa so aufzeichnen (siehe Zeichnung): Da
ware eine Haut. Solch ein Schlauch ist das Tier. Da drinnen ist es
hohl, und da ist es einfach so wie ein kleiner Hafen, ein kleiner Napf.
Da hat es noch kleine Fangwimpern, solche Harchen, mit denen es
sich bewegen kann. Es lebt im Wasser, dieses Tierchen. Hydra heifk es,
weil es im Wasser lebt. Dieses Tierchen, Hydra, hat die Eigentumlich-
keit, daft es eigentlich, wenn man es mit hoheren Tieren oder mit dem
Menschen vergleicht, nichts anderes als ein blofier Magen ist. Und die-
ser Schlauch tut eigentlich nichts anderes, als dafi er allerlei Kornchen,
also allerlei Nahrungsmittel, die in seine Nahe kommen, aufnimmt und
da drinnen verdaut. Das Tierchen lebt also im Wasser; im Wasser
schwimmen allerlei Nahrungsstoffe. Das Tierchen schwimmt herum,
schwimmt an die Nahrungsstoffe heran, nimmt diese Nahrungsstoffe
auf, macht es also geradeso wie unser Magen; der nimmt auch auf. Den
Schlund, den Mund, der die Nahrungsstoffe vorbereitet, den hat natiir-
lich dieses kleine Tierchen nicht. Die Hydra nimmt einfach diese Nah-
rungsmittel auf und verdaut sie. Das Eigentumliche ist allerdings dies,
dafi es das Abscheidungsorgan, den After, mit dem Mund zugleich hat.
Es sondert auch gleich wieder durch den Mund ab. Also, es ist alles
beisammen bei diesem Tierchen.
Nun ist es ja naturlich: Wenn etwas iiberhaupt ein lebendes Wesen,
namentlich ein Tierchen sein will, so muE es nicht nur essen - essen
mufi es aber es mufi auch atmen. Und dieses Tierchen, das atmet
namlich mit der Aufienseite seiner Haut. Da iiberall sind ganz kleine
Lochelchen. Die sind ja iiberall, wo organischer Stoff ist, lebendiger
Stoff ist, diese Lochelchen. Und durch diese Lochelchen saugt es aus
dem Wasser die Luft ein, die es braucht. Also man kann sagen: Dieses
Tierchen, die Hydra, hat eine Innenseite, einen Hohlraum, mit dem es
frilk, Aufierlich, an seiner Auftenseite, hat es seine Atmungsorgane.
Das Tier zieht also die Luft ein, und die Luft kommt auch da in der
itte nerein m aiesen nonieri rUum. - ju»as lierchen kann tressen, at-
men. Damit beschaftigt es sich iiberhaupt. Das Tierchen schwimmt
iiberall im Wasser herum, frifk und atmet aus dem Wasser die Luft ein,
die ja auch im Wasser enthaken ist.
Tafel 5
links
Was wird nun der materialistische Mensch sagen? Der wird sagen:
Nun ja, dieses Tierchen, das besteht einfach aus dieser Haut. Diese
Haut, die ist im Inneren so gewachsen, dafi sie im Inneren ein Ernah-
rungsapparat ist, und aulSen ist sie ein Atmungsapparat. - So sagt der
Materialist. Aber wir konnen nicht so sagen, denn wir miissen das als
eine hdchst oberflachliche Ansicht betrachten und miissen sagen: Nein,
dieses Tierchen hat auch einen Atherleib, in dem es drinnensteckt, und
auch einen Astralleib, in dem es eben auch drinnensteckt. Das hat es
noch, das sind die unsichtbaren Glieder.
Nun, meine Herren, kann man durch irgend etwas beweisen, daft das
Tier auch noch etwas Unsichtbares ist aufier dem Sichtbaren? Der Ma-
terialist sagt: Um das Sichtbare kummere ich mich, um das Unsichtbare
kiimmere ich mich nicht. Das Sichtbare, das zeigt mir im Inneren eine
Art Magen, aufien ist das eine Art Lunge, und damit bin ich zufrieden.
Nun kann man etwas Besonderes machen mit diesem Tier. Nicht
wahr, meine Herren, unsereiner tragt keine Handschuhe, aber man
weifi doch noch, wie das ausschaut. Wenn Sie einen Handschuh haben,
so konnen Sie den umdrehen. Denken Sie sich also, der Handschuh ist
aufien meinetwillen braun und innen hat er ein graues Futter. Wenn Sie
ihn nun umdrehen, so dafi das Graue auften ist und das Braune innen,
so haben Sie ihn ganz richtig umgestiilpt; jetzt ist das Innere aufien und
das Aufiere innen. Sie konnen ja einen Fingerling davon abschneiden
und das jetzt mit dem einzelnen Fingerling machen. Dann haben Sie
namlich, wenn Sie den Fingerling abschneiden und umdrehen, so etwas
wie diese Hydra. Die Hydra schaut so aus wie ein einzelner Fingerling.
Und das Merkwiirdige ist: So wie man diesen Fingerling umdrehen
kann, so dafi das Innere aulten und das Aufiere innen ist, so kann man
auch diese Hydra umdrehen. Man kann das machen, kann sie richtig ura-
Tafel 5 drehen. Und dann ist das, was ich hier (in der Zeichnung, S. 53) rot ge-
links •
und Mkte zeichnet habe, aufien und das, was ich blauviolett gezeichnet habe, das
ist jetzt da drinnen. Aber der Hohlraum ist ja jetzt auch da drauften,
und was fruher draufien war, das ist jetzt drinnen. Und das Merkwiir-
dige dabei ist: Jetzt fangt plotzlich die Hydra an, auch wiederum her-
umzuschwimmen. Es macht ihr gar nichts aus. Sie schwimmt wiederum
im Wasser herum, sie frifit und atmet. Sie frifit jetzt geradeso die Korn-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:54
chen in diesen Hohlraum hinein, der neu entstanden ist, und atmet
durch das, was friiher die Magenwand war. Also der Hydra macht das
gar nichts aus. Es schadet ihr gar nichts. Sie fangt an, mit dem, womit
sie friiher geatmet hat, zu fressen, und mit dem, womit sie friiher ge-
fressen hat, zu atmen.
Ja, meine Herren, wenn das so ware, daft das nur so gewachsen ware,
und da im Inneren nur ein Magen ware und auften Atmungsorgane,
da konnte ja die Hydra gar nichts anderes machen, als da innen ein-
zuatmen und von auften anfangen zu fressen. Das tut sie aber nicht,
sondern im Moment, wo sie umgedreht wird, macht sie ihren Magen
zur Lunge und ihre Lunge zum Magen. Ja, nun mochte ich wissen,
wenn sonst nichts da ware als Magen und Lunge, wie das geschehen
ware! Wenn Sie ein Werkzeug haben, einen Handschuh oder was es ist
- den konnen Sie umdrehen, wenn es etwas Aufteres ist. Wenn es etwas
Inneres ist, konnen Sie es natiirlich nicht einfach umdrehen. Also das-
jenige, was da als Atherleib und astralischer Leib noch daran ist, das
Unsichtbare, das bleibt. Und weil das da ist, kann einfach der Korper
der Hydra umgedreht werden. Also Sie sehen: Betrachtet man nur mit
einem klaren Blick dasjenige, was eigentlich in der Natur vorgeht, dann
findet man sogleich heraus, daft die materialistische Ansicht absolut
falsch sein muft. So daft man sagen kann: Dasjenige, was da eigentlich
friftt und was atmet, das ist etwas Unsichtbares. Und weil der Korper
Tafel 5
Mitte
der Hydra nicht so festgemacht ist wie bei uns, nicht Knochen und
Muskeln hat, sondern alles ein und derselbe Stoff ist, deshalb kann eben
die Hydra diesen einen Stoff zu allem brauchen.
Nicht wahr, wir konnen nur deshalb nicht unseren Magen nach au-
ften drehen, weil er so besonders ausgestaltet ist, weil wir nicht aus
einer solchen gleichen Stofflichkeit bestehen wie die Hydra, sondern
unsere Stoffe verschieden sind. Aber im Inneren muE unser Magen auch
atmen, und die Luft, die wir in ihm haben, die zieht er ebenso von
auften ein. Also unser Magen ist schon eine Art von Hydra.
Aus alien diesen Dingen, zu denen man noch vieles hinzufiigen
kdnnte, geht aber hervor, daft man am kleinsten Tier schon nachweisen
kann: Da ist etwas Unsichtbares, was diesem Tier zugrunde liegt.
Nun, meine Herren, daraus sehen Sie aber, daft auch, wenn wir da-
von sprechen, was eigentlich unseren ganzen Menschen bewegt, wir
darauf kommen, daft es etwas Unsichtbares ist. Wenn Sie die auftere
Bewegung nehmen, wenn wir gehen, da werden Sie gar nicht darauf
kommen, daft etwa Ihre grofte Zehe es ist, die den Schritt macht, son-
dern da sagen Sie: Ich gehe, mein Wille ist es, der da verursacht, daft
ich gehe. - Wenn im Inneren die Organe sich bewegen - und es bewegt
sich ja nicht bloft das Herz, es bewegen sich zum Beispiel die Gedarme
fortwahrend; die Gedarme bewegen sich in Wellenbewegungen, sonst
konnte der Speisebrei nicht verdaut werden; also im Inneren des Men-
schen bewegt sich ja auch alles, fortwahrend geschehen Bewegungen im
Inneren -, wenn also im Inneren die Organe sich bewegen, so werden
diese Bewegungen nicht hervorgerufen durch dasjenige, was Materielles
in uns ist, sondern sie werden hervorgerufen durch dasjenige, was un-
sichtbar in uns ist. So daft wir sagen miissen: Das Herz ist nicht eine
Pumpe, sondern das Herz wird bewegt durch unseren astralischen
Leib. - Also wir haben einen astralischen Leib, und der bewegt das
Herz, respektive weil im astralischen Leib auch unser eigentliches Ich
drinnen ist, bewegen wir auch mit unserem Ich unser Herz, und zwar
bewegen wir es jetzt auf eine ganz besondere Weise.
Wenn Sie das Herz anschauen, so liegt es, wie der Herr Burle ganz
richtig gesagt hat, bei einem normalen Menschen etwas an der linken
Seite, nicht stark, nicht so stark als man gewohnlich meint, aber es liegt
etwas an der linken Seite. Und dann gehen vom Herzen hier die grofien Tafel 5
Adern aus. Die grofie Schlagader und die anderen Adern gehen eigent-
lich vom Herzen aus.
Nun ist das so: Wenn ich zum Beispiel einatme, da ernahre ich mich
gewissermafien mit dem Sauerstoff. Wenn ich ausatme, gebe ich die
Kohlensaure von mir. Wenn ich die Kohlensaure von mir gegeben
habe, bekomme ich sogleich Sauerstoffhunger. Ich will wieder einat-
men. Ja, das hat zunachst mit meinem Herzen gar nichts zu tun, son-
dern mit meinem ganzen Leib. Mein ganzer Leib bekommt den Sauer-
stoffhunger. Dadurch, dafi er den Sauerstoffhunger bekommt, kommt
er in den Trieb hinein, all sein Blut zu bewegen, denn das Blut mufi
Sauerstoff haben. Der Korper schickt durch seinen astralischen Leib das
Blut dahin, wo es den Sauerstoff kriegen kann.
Oder nehmen Sie an, ich gehe oder ich arbeite. Da verbrennt in mir
die Nahrung. Das habe ich Ihnen ja schon einmal ausgefiihrt. Dadurch
wird das Blut arm an Nahrung. Wenn man arbeitet, wird immer das
Blut arm an Nahrung. Jetzt, was will das Blut? Das Blut will wiederum
Nahrung bekommen. Das Blut reifk gewissermafien die Nahrung, die
der Magen und die Gedarme aufgenommen haben, an sich. Das alles,
dieser Lufthunger, Nahrungshunger, das bringt das Blut in Bewegung.
Das Blut ist es, das zunachst sich bewegt, und das Blut reifit das Herz
mit. Also es ist nicht das Herz, das das Blut durch den Leib pumpt,
sondern das Blut bewegt sich durch Lufthunger, durch Nahrungshun-
ger, und dadurch wird das Herz bewegt. So dafi wir also sagen miissen:
Unser unsichtbarer Mensch ist es, der das Herz bewegt.
Nun, meine Herren, wenn Sie das jetzt horen, so konnen Sie eine
Frage aufwerfen. Sehen Sie, bei unserer Anthroposophie ist es immer
so, daft die Gegner meinen, sie machten die Einwande. Die Einwande
kennt man aber lange vorher. Die macht man sich vorher selber. Des-
halb mache ich Sie immer auch auf die Einwande aufmerksam. Sie kon-
nen einwenden: Ja, wozu haben wir denn das Herz, wenn es nicht das
Blut durch den Korper pumpt? Wenn das Blut sich bewegt, brauchten
wir vielleicht gar nicht das Herz, das da mitgerissen werden soil.
ja, sehen Sie, das sagen diejenigen Menschen, die keinen rechten Be-
griff haben vom ganzen rnenschlichen Leib. Es ist ein grofter unter-
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:57
schied zwischen dem menschlichen Kopf und dem iibrigen Menschen.
Ich habe Ihnen schon einmal etwas von diesem Unterschied gesagt.
Nehmen Sie einmal an, Sie gehen oder Sie arbeiten. Ja, der Kopf arbei-
tet da nicht mit. Der Kopf sitzt am iibrigen Korper, wie man ungefahr
in einer Kutsche sitzt. Da sitzt man ganz ruhig. Die Kutsche mufi ihre
Rader bewegen, die Rosse miissen ziehen. Aber so miissen unsere
Hande, unsere Fiifie arbeiten, und der Kopf, der sitzt drinnen als der-
jenige, der nicht mitarbeitet, nicht wahr? Sonst miifiten wir an den
Ohrwascherln irgendwie Seile haben, und mit denen miifken wir die
Rader an den Maschinen in Bewegung setzen. Das tun wir nicht. Der
Kopf arbeitet nicht mit. Denken Sie sich einmal, man konnte da sich
einmal am Haarschopf - die meisten Menschen in der Gegenwart konn-
ten das nicht mehr, weil sie eine Glatze haben - solche Seile anmachen.
Das wiirde dem Menschen sehr schlecht bekommen. Der Kopf arbeitet
eigentlich nicht mit, der sitzt ruhig auf unserem iibrigen Organismus.
Allein, warum tut er das? Ja, sehen Sie, der Kopf ist eben etwas ganz
anderes als der andere Mensch. Der andere Mensch ist ein Bewegungs-
apparat. Der Kopf ist nur insofern ein Bewegungsapparat, als er die
Bewegungen mitmacht und so weiter; da wirken eben die Bewegungen
herauf in unseren Kopf. Aber der Kopf ist nicht dasjenige, was selber
die Bewegungen macht.
Der Kopf hat nach auften hin die Sinnesorgane. Da nimmt er das
wahr, was drauften ist. Aber der Kopf nimmt auch noch das wahr, nur
unbewufit bei den meisten Menschen, was im Inneren vorgeht. Wenn
ich nach auften gucken will, damit ich weifi, was draufien vorgeht,
brauche ich meine Augen. Wenn ich nach innen gucken will, nach der
Blutzirkulation, brauche ich mein Herz. Das Herz ist nicht dazu da,
dafi es das Blut durch den Korper pumpt, sondern es ist ein Sinnesor-
gan, das alles wahrnimmt, wie der ganze Kopf. Wir konnten nichts
wissen von unserer Blutzirkulation - natiirlich, mit unserem Oberstiib-
chen wissen wir auch nichts davon, aber im Kopf drinnen muft ein Wis-
sen sein -, wenn der Kopf nicht durch das Herz unsere ganze Blutzir-
kulation wahrnehmen wiirde.
Ich habe Ihnen gesagt, wie die Leber ein Wahrnehmungsorgan ist.
Die unteren Bewegungen nimmt zum Beispiel die Leber wahr. Aber
was der ganze Mensch fiir Bewegungen hat, nimmt schon das Herz
wahr. Dadurch wird das Herz in Bewegung gesetzt. Durch die Bewe-
gungen, die hervorgerufen werden durch Atmungshunger und Nafr-
rungshunger, wird das Herz in Bewegung gesetzt. Und an den Bewe-
gungen des Herzens merkt man,,ob im Korper eben etwas in Ordnung
oder in Unordnung ist.
Meine Herren, das konnen Sie ja leicht sehen. Was tut man denn,
wenn einer krank wird? Das erste ist, man fuhlt den Puis. Derjenige,
der sich angewohnt hat, den Puis zu erkennen, der kann ungeheuer viel
am Pulsschlag erkennen. Der Pulsschlag ist wirklich ein Barometer fiir
den ganzen Gesundheits- und Krankheitszustand. Aber der Pulsschlag
ist ja nichts anderes als die Bewegungen des Blutes. Dasjenige, was man
tut, wenn man beim Kranken den Puis fuhlt, das macht der Kopf fort-
wahrend. Er fuhlt fortwahrend durch das Herz die ganze Blutzirkula-
tion. Uberhaupt alles, was im Leibe vorgeht, fuhlt der Kopf durch das
Herz.
Nun, denken Sie sich, einer hat an einem gewissen Abend furchter-
lich viel Alkohol getrunken, war, wie man sagt, griindlich betrunken.
Dadurch kommt diese ganze Blutzirkulation in Unordnung. Am nach-
sten Tage merkt der Kopf durch das Herz: Die ganze Blutzirkulation
ist in Unordnung. Er bekommt dasjenige, was der Katerzustand ist,
nicht wahr, den bekannten Brummschadel. Ja, warum brummt es denn
da im Kopf? Sehen Sie, wenn ein schoner Tag ist, und ich gehe mit
meinen Augen durch die Gegend, da habe ich einen schonen Eindruck.
Wenn da draufien ein furchtbares Wetter ist, da habe ich einen schlech-
ten Eindruck. Ja, meine Herren, wenn im Blut alles ordentlich sich be-
wegt, da hat der Kopf einen guten Eindruck, da ist im Kopf alles ge-
ordnet. Wenn es aber so zugeht, dafi ein Gewitter ist im Blute - das ist
es, wenn einer sich am Abend betrunken hat -, dann hat der Kopf
durch das Herz eben einen eewitterieen Eindruck, da schwummelt alles
durcheinander.
Also wir verstehen das, was das Herz ist, erst dann, wenn wit wis-
sen: Das Herz ist eigentlich das innere Sinnesorgan, durch das der Kopf
alles das wahminimt, was im Korper vor sich geht.
Wenn wir uns umsehen in der Welt, dann stel.lt sich heraus, dafi der
Mensch durch seinen unsichtbaren Teil, durch dasjenige, was ich seinen
astralischen Leib genannt habe, im Verhaltnis zu der ganzen Welt steht.
Die wichtigsten Sterne, zu denen der Mensch im Verhaltnis steht, sind
Sonne und Mond. Nun, mit der Sonne, da steht hauptsachlich der
menschliche Kopf in Beziehung, aber % der iibrige Mensch steht tatsach-
lich mit dem Mond in Beziehung. Und man kann sagen, es ist natiirlich
ein furchtbarer Aberglaube, wenn man meint, mit den jetzigen Mondes-
phasen konne man irgend etwas machen. Aber im Menschen ist ein
Rhythmus, der sich auch im Blute ausdriickt und der ahnlich ist dem
Mondenrhythmus. Der Mensch richtet sich schon nach der ganzen
Welt. Und so ist es auch der Fall, daft tatsachlich die innere Bewegung
des Blutes nicht allein von der Nahrung abhangt. Wenn der Mensch
ganz gesund ist - er ist ja in gewisser Weise ein freies Wesen -, dann
macht er sich in gewissem Sinne unabhangig von den au£eren Naturein-
fliissen, macht sich auch in gewissem Sinne unabhangig von der ganzen
Welt. Aber in dem Augenblick, wo der Mensch anfangt ein biftchen
krank zu werden, da wird er abhangig von der ganzen Welt.
Nehmen Sie an, irgend jemand ist krank und man merkt die Krank-
heit an seinem Puis. Es ist dann fur denjenigen, der das wahrnehmen
kann, ein riesengrolSer Unterschied zwischen dem Puis am Morgen und
dem Puis am Abend. Man kann viel daran sehen, wie sich der Morgen-
puls und der Abendpuls unterscheiden. Aber aufierdem ist fur gewisse
Kranke ein grower Unterschied zwischen dem Puis, der bei Vollmond
und dem Puis, der bei Neumond ist. Der Mensch ist eben abhangig.
Wenn er sich auch in gesundem Zustand unabhangig machen kann, eine
gewisse Abhangigkeit bleibt vorhanden, und die zeigt sich besonders
bei der Krankheit. So daft wir sagen miissen: Wir sind in dem, was
einen Eindruck auf unser Herz macht, schon in einer Beziehung zu der
Bewegung der Weltkorper, namentlich des Mondes. Wir sind in Bezie-
hung zu der Bewegung des Mondes. - In dieser Beziehung mitfken
eigentlich noch recht, recht viel Beobachtungen gemacht werden.
Ich habe Ihnen vorhin gesagt: Bei einem normalen Menschen ist es
so, daft das Herz etwas nach links geriickt ist. Aber geradeso wie es
Linkshander gibt und die meisten Menschen Rechtshander sind, mit der
Rechten alles machen, so gibt es kurioserweise auch Rechtsherzer. Es
gibt namlich Menschen, die haben das Herz nicht links, sondern auf
der rechten Seite. Meistens wird das iiberhaupt nicht bemerkt, weil der
Unterschied da naturlich ein innerlicher ist. Wenn einer ein Linkshan-
der ist, nicht wahr, so merkt man das sehr bald, aber wenn sein Herz
etwas nach rechts statt nach links geschoben ist, so merkt man das nicht
so bald. Aber es ware interessant, gerade solche Leute, die das Herz auf
der rechten Seite haben, auch einmal zu priifen, wie sie im Leben etwas
anders sind als diejenigen, die das Herz auf der linken Seite haben. Der-
jenige, der das Herz auf der rechten Seite, also nach rechts hin verscho-
ben hat, der ist namlich ein Mensch, welcher gewisse Dinge, die er
macht, eigentlich immer zu einer gewissen Jahreszeit oder zu einer ge-
wissen Tageszeit machen mufi. Der Rechtsherzer, der ist viel mehr ab-
hangig von der aufieren Umgebung als der Linksherzer. Und wenn das
Herz nur ein kleines bifichen nach rechts geriickt ist - es sitzt ja nicht
iiberall bei jedem Menschen an derselben Stelle, sondern ein biffchen
anders bei jedem Menschen -, wenn es noch immer links ist, aber doch
ein klein bifichen nach rechts geriickt ist, so hat er gleich die Sehnsucht,
sich mehr nach der aufieren Umgebung zu richten. Er will gleich, sagen
wir, im Friihling etwas Besonderes tun und im Herbst etwas Besonde-
res tun. Man kann das natiirlich nicht immer und ruiniert sich dann.
Die Menschen wissen ja gar nicht, wodurch sie sich ruinieren konnen.
Man mufi zum Beispiel in der Schule bei Kindern, die das Herz etwas
nach rechts geriickt haben, gleich etwas anders vorgehen - das braucht
ja gar nicht bemerkt zu werden - als bei denjenigen Kindern, die das
Herz an der rechten Stelle haben. Der Mensch wird dann, wenn er das
Herz nach rechts geriickt hat, dazu veranlalk, seinen astralischen Leib
viel mehr in Anspruch zu nehmen.
Sehen Sie, meine Herren, das ist die Geschichte: Wenn einer lange
Zeit an einer Maschine arbeitet, da werden Sie sich sagen konnen, es
wird im allgemeinen so, daft die Arbeit mechanisch wird. Sie wird ja
unangenehmer dadurch, dafi man selber zu einem Stuck Maschine wird,
aber wenn man lange Zeit an einer Maschine arbeitet, so macht man die
Handgriffe und so weiter mechanisch. Denken Sie sich, man ist ganz
normal ein richtiger linksherziger Mensch. Der Vater war auch ein
linksherziger Mensch, der Grofivater auch, der Urgrofivater auch. Da
hat sich langsam das schon eingeschlichen. Und wenn man da nun als
Sohn geboren wird, so macht man natiirlich dieselbe Bewegung inner-
lich, die schon Vater und Grofivater und Urgrofi vater gemacht haben.
Das geht so leicht, wie wenn man an einer Maschine schon lange gear-
beitet hat.
Wenn man ein rechtsherziger Mensch ist, da ist die Lage des Herzens
nicht vom Vater geerbt. Der Vater ist in der Regel nicht auch ein
rechtsherziger Mensch. Das vererbt sich nicht. Da mufi man erst aus
seinem astralischen Leib heraus die Dinge gewissermafien immer wieder
neu anfangen. Da hat man nicht die ganze Vererbung drinnen. Und die
Folge davon ist, dafi ein solcher Mensch, der ein rechtsherziger Mensch
ist, eben viel mehr innere Kraft anwenden mufi, um die ganze Blutzir-
kulation in Ordnung zu haben. Und daher kommt es, dafi ein solcher
Rechtsherzmensch sich viel mehr nach dem Aulteren richtet.
Es ist sogar folgendes moglich. Nehmen Sie an, Sie seien gar kein
Rechtsherzmensch, sondern ein ganz normaler Linksherzmensch. Aber
wenn Sie nun Ballettanzer werden - das passiert ja auch den Mannern,
aber den Frauen noch mehr -, so wird durch den Ballettanz auch das
Herz beeinflufit. Jetzt ist ja der Ballettanz so, da!5 er eben auch sehr
materialistisch ist. Aber in alten Zeiten, wenn die Menschen zum Tanz
angehalten wurden, zum Beispiel im alten Griechenland, da wurde da-
durch, daft sie sich dann hineinfugten in Bewegungen, die den Sternen
nachgemacht sind, das Herz sogar wahrend des Lebens ein Stiickchen
nach rechts geriickt, wie iiberhaupt beim Tanzer auch heute noch der
Tanz durchaus, wenn er auch materialistisch geworden ist, auf das
Herz einen starken Eindruck macht, weil es eben etwas nach rechts
riickt. Und wenn man mehr auf diese Dinge achten wurde, wiirde man,
wenn man den Menschen dann seziert nach dem Tode, schon sehen,
wie das Herz gewisse Gefafte auseinandergedehnt hat. Dadurch, daft
der Betreffende ein Tanzer oder eine Tanzerin war, ist das Herz - das
kann man ihm nach dem Tode noch ansehen - eben ein Stiickchen nach
rechts geriickt worden.
Dadurch beantwortet sich die Frage, die Herr Burle gestellt hat. Sie
beantwortet sich dadurch, dafi man sieht: Der Mensch will eigentlich,
wenn er mehr seinem astralischen Leib iiberlassen ist, nicht seiner ge-
wohnlichen Blutzirkulation folgen, sondern er will diese noch mehr
beherrschen, und dadurch gibt er sich Bewegungen hin, die eben mehr
nach den Bewegungen aufierhalb der Erde, nach dem Mond geartet sind.
Kann man das verstehen? (Antwort: Ja!)
Also das, was Sie heute gefragt haben, dafi sehr leicht bemerkt wird,
dafi der Mensch eine gewisse Sehnsucht hat, das zu machen, hangt eben
damit zusammen, dafi der Mensch seine ganze Herzbewegung von dem
unsichtbaren Teil aus beherrscht, dafi er ja dann, ich mochte sagen, ein
bifichen hinuberrutscht nach dem Unsichtbaren und dafi er dann eigent-
lich nach dem Aufieren sich richtet und nicht blofi nach der inneren
Blutbewegung, die sich nach Atmung und Nahrung richtet. Alle diese
Dinge kann man erklaren, wenn man den Menschen wirklich versteht.
Und jetzt mochte ich Ihnen etwas sagen, was noch ein bifichen mit
dem zusammenhangt, was wir das letzte Mai besprochen haben. Wir
haben das letzte Mai gesehen: Da im Auge drinnen, da ist diese kleine
Linse (es wird gezeichnet). Wenn der Mensch ganz normales Sehen hat, Tafel 5
dann ist diese kleine Linse durchsichtig. Wenn der Mensch den Star be-
kommt, dann wird die Linse undurchsichtig. Salze lagern sich ab. So
dafi wir also sagen konnen: Bei einem gesunden Menschen ist hier im
Auge - wenn das das Vordere des Auges ist - die Linse; die ist durch-
sichtig. Bei einem Menschen, der starkrank ist, haben wir die Linse, in
der sich Salze abgelagert haben, undurchsichtig. Dadurch, dafi die
Linse durchsichtig ist, kann der astralische Leib des Menschen mit der
durchsichtigen Linse die Welt sehen. Er sieht alles in der Welt.
Wenn man sich durch solche Dinge, wie ich sie beschrieben habe in
dem Biichelchen: «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?», an ein ganz, ganz intensives Denken gewohnt, so kommt einmal
ein Moment, wo man etwas ganz Besonderes kann. Aber an ein ganz
intensives Denken sich gewohnen, das wollen ja die Menschen heute
nicht leicht. Denn sich ganz zuriickziehen auf sein eigenes Denken, das
machen eben die Menschen heute nicht, weil sie sagen: Es mufi uns al-
les von aufien gegeben werden; die Geheimnisse der Welt miissen
wir von aufien erforschen. - Naturlieh, es ist ja auch unbequem, denn
man mufi sehr achtgeben bei diesem Denken. Wenn man sehr leben-
dig denkt, mufi man natiirlich furchtbar achtgeben. Aber es kommt
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:S3
dann einmal ein Moment im Leben, wo man etwas ganz Besonderes
kann.
Nicht wahr, daft ich mit meiner Hand einen Stuhl hebe, das begreift
jeder, weil es fortwahrend geschieht. Aber ich kann auch meine Hand
in Ruhe lassen, kann sie nicht gebrauchen zu dem, was sie sonst tut.
Dasjenige, was die Augenlinse tut, das steht nicht so in der Macht der
Menschen. Wenn Sie von aufien einen Eindruck haben, nun, dann guk-
ken Sie durch Ihre Augenlinse eben nach diesem Eindruck hin. Wenn
Sie keinen Eindruck haben, dann bleibt die Augenlinse in Ruhe.
Aber, meine Herren, denken Sie sich, jemand hat sich wirklich Miihe
gegeben, ein ganz starkes Denken zu haben. Er ist ganz nur im innerli-
chen Denken. Er guckt nicht nach aufien, er lafit seine Augenlinse so in
Ruhe, wie man die Hand in Ruhe lafk, wenn man nichts tut mit ihr. Ja,
da spiegelt sich dann an der Stelle, wo man sonst die durchsichtige
Linse hat, mit der man sonst sieht, der ganze Sternenhimmel. Das ist
namlich, ich mochte sagen, das geradezu Wunderbare, dafi man durch
diese Methode, die man ausbildet auf die Art, wie ich es beschrieben
habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», die ein-
zelnen Organe nicht nur fur die Erde, sondern eben fur die andere Welt
gebrauchen lernt. Wenn sich natiirlich Salze abgelagert haben, wird die
Linse starkrank, da wird sie unwillkurlich undurchsichtig. Wenn einer
recht tief nachdenkt, bleibt sie durchsichtig, aber der Mensch sieht
nicht durch die Linse, er guckt nicht nach aufien. Und da fangt es an,
von der Linse aus die ganze Welt zu beleuchten. Aber man sieht dann
das Geistige. Und zwar sieht man den ganzen Sternenhimmel nach sei-
ner wahren, inneren Bedeutung. Diese kleine Stelle im Menschen, wo
die Linse sitzt, die kann einen unterrichten iiber all dasjenige, was man
sich dann getraut zu sagen iiber Sterne und so weiter. Sehen Sie, so
groftartig ist es eigentlich mit dem Menschen, dafi „an dem kleinsten
Punkte der Sitz von Erkenntnissen ist, die ungeheuer sind.
Derjenige, der starkrank ist - man braucht das natiirlich keinem
Menschen zu wiinschen -, der hat sogar diese ganze Geschichte leich-
ter, der braucht sich nicht so stark mit dem Denken anzustrengen. Er
braucht nur ein ganz wenig sich zu konzentrieren, so kann er es dahin
bringen, dafi er innerlich sieht, wenn er aufierlich das Sehen verlernt
hat. Das ist aber dasjenige, was immer betont werden mufi, wenn man
von solchen hoheren Erkenntnissen spricht: Wenn man von solchen
hoheren Erkenntnissen spricht, dann liegt es immer so nahe, dafi man
sich natiirlich zu stark anstrengen kann, und dann kann statt der hohe-
ren Erkenntnis schon etwas eintreten wie, sagen wir, die Stoning der
Linse. Die Linse kann dann durch dieses starke innere Konzentrieren,
wenn man auch nicht starkrank wird, aber etwas undurchsichtiger wer-
den. Daher ist in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?» alles so beschrieben, dafi ein Mensch das, was da be-
sprochen ist, erreichen kann, aber eben nicht krank wird dadurch. Es
darf eben keine Ubung so beschrieben werden, dafi man auch krank
werden kann dadurch. Aber diese Linse, die ist der Ort im Menschen,
der uns tatsachlich im Inneren des Auges die ganze Geisteswelt enthul-
len kann. Und so konnen wir sagen: Man kann aufierlich sehen, wenn
alles durchsichtig ist im Auge. Man kann innerlich sehen, wenn etwas
willkurlich undurchsichtig gemacht wird.
Ja, meine Herren, das ist schon etwas, was Ihnen deutlich machen
kann, wie eigentlich die Erkenntnis von geistigen Welten entsteht. Die
Erkenntnis von geistigen Welten entsteht eben dadurch, daft man zuerst
in seinem Kopfe die einzelnen Punkte findet, die man also nicht
braucht zu der gewohnlichen Tatigkeit, dadurch, dafi sie ruhen. Durch
die Linse lernt man zunachst die auftere Welt kennen. Aber man kann
den ganzen Korper so weit bringen, dafi alles mogliche innerlich fur
einen Augen^lick nicht gebraucht wird. Wenn man zum Beispiel das
Herz nicht gebraucht - die Blutzirkulation kann weitergehen, aber man
schaltet das Herz aus als Sinnesorgan -, dann fangt man erst an, die
ganze Blutzirkulation wahrzunehmen. Aber dann nimmt man nicht
blofi die Blutzirkulation wahr. Wenn Sie Ihr Herz so machen, daft Sie
gewissermaften durch Ihren Korper durchschauen auf die Blutzirkula-
tion, wenn Sie also innerlich das Herz nicht empfinden und nicht den
Pulsschlag empfinden, sondern durchschauen, wie Sie durch die Linse
lernen durchschauen in die Welt hmaus mit dem Kopf, wenn Sie also
durch sich selber durchschauen lernen, dann, meine Herren, dann se-
hen Sie namlich jetzt nicht die Blutzirkulation allein, sondern Sie sehen
die ganze Mondenbewegung, alles, was der Mond tut, und Sie sehen,
wie der Mond sich zur Sonne verhalt. Und dann sehen Sie die Ver-
wandtschaft des Herzens mit Sonne und Mond.
Sehen Sie, in alten Zeiten ging das alles leichter fiir die Menschen. Da
waren tatsachlich die Menschen noch nicht so eingeschult, nur alle Wis-
senschaft von der AufSenwelt zu erfahren. Sie wollten ja iiberhaupt
nicht alles blofi vor sich sehen. Wenn man einen Griechen, also einen
Menschen, der gelebt hatte vor siebenundzwanzig-, achtundzwanzig-
hundert Jahren, ins Kino gefuhrt hatte, ja, der hatte sich das Kino nicht
lange angesehen, denn der ware namlich in Ohnmacht gefallen, weil in
dem Momente, wo der alte Grieche darauf hingeschaut hatte, in seinem
Inneren, aber nicht blofi in einem Gliede, sondern im ganzen Menschen
das geworden ware, was Sie bekommen, wenn Ihnen ein Glied ein-
schlaft, wenn etwas darauf driickt. Nicht einen richtigen Schlaf hatte
der Mensch bekommen, aber dieses Einschlafen des ganzen Menschen
ware entstanden, wenn Sie den alten Griechen in eine Kinovorstellung
hingesetzt hatten. Er ware naturlich davon in Ohnmacht gefallen. Der
alte Grieche hatte sich das also iiberhaupt nicht anschauen konnen, weil
in dem Momente sein Kopf durch das Herz eine solche Stoning im
ganzen Blutsystem bekommen hatte, dafi ihm sein ganzer Korper, nicht
blol? einzelne Glieder, eingeschlafen ware, und der Kopf hatte nichts
mehr beherrschen konnen. Er ware in Ohnmacht gefallen. Der Mensch
ist eben ganz anders geworden, als er in alten Zeiten war. Heute hat der
Mensch schon eine so unordentliche Blutzirkulation durch die moderne
Kultur, dafi er nicht ohnmachtig wird im Kino.
Wenn man sich mit Geisteswissenschaft wirklich innerlich ein bifi-
chen beschaftigt hat und man kommt dann ins Kino, mufi man sich
sehr zusammennehmen, sonst kann man heute noch in Ohnmacht fal-
len. Aber nicht wahr, wir sind eben alle Menschen, und der eine nimmt
die Eigenschaften des anderen an. Und es ist so, dafi der Mensch nicht
mehr das Blutzirkulationssystem hat wie in alten Zeiten, wie der alte
Mensch. Daher konnten die alten Menschen leichter durchschauen auf
das Blutzirkulationssystem und konnten leichter reden von Sonne und
Mond als wir. Wir sind abgeschnkten davon und mussen erst wieder
dazu kommen durch Obungen. Wir mussen die Organe erst richtig
wieder so machen, daft wir sehen konnen.
Sehen Sie, der alte Grieche konnte daher noch verstehen, wenn altere
Menschen eben ihm etwas erzahlt haben von dem, wie es auf der Erde
eigentlich zugeht. Man darf nicht glauben, daft dasjenige, was aus dem
Altertum iiberliefert ist, immer Aberglaube ist, nur haben es vielfach
die Spateren so umgestaltet, daft es zum Aberglauben geworden ist. Es
ist ja merkwiirdig, wie Dinge, die zuerst ganz verniinftig sind, eben
spater einfach zum Aberglauben werden. Wenn man nicht mehr weifi,
wie eigentlich die Sachen ausgefiihrt werden sollen, dann werden die
Dinge zum Aberglauben. So zum Beispiel haben die alten Juden kein
Schweinefleisch gegessen. Ja, die haben gewuftt, daft bei ihrer Rasse
und der Gegend, in der sie waren, das Schweinefleisch sie schwach
macht. Dann ist es spater Aberglaube geworden. Die Dinge, die spater
zum Aberglauben werden, gehen immer auf friihere verniinftige Dinge
zuriick. Wir miissen also nicht glauben, daft das, was als altes Wissen
fruher vorhanden war, immer unsinnig ist, aber man kann sich nicht
immer auf das Alte verlassen, weil die alten Dinge vielfach verfalscht
sind. Deshalb mufi man alles neu erforschen.
Deshalb ist es so unsinnig, wenn die Leute von der Anthroposophie
sagen: Da wird zusammengesammelt, was einmal schon da war. - Es
wird nichts zusammengesammelt, sondern alles neu erforscht! Und
denjenigen, meine Herren, der Ihnen sagt: Da in der Anthroposophie
sammeln sie nur alle moglichen alten Gnostiker zusammen — , den fra-
gen Sie nur einmal, wo er nachweisen kann, daft die Geschichte von der
Augenlinse stent, wie ich sie Ihnen das letzte Mai und heute gesagt
habe, wo man das in irgendeinem Buche finden kann. Das kann man
namlich nicht finden, weil die Geschichte ganz vergessen worden ist.
Sie konnen deshalb jedem antworten, der sagt, es seien die Dinge zu-
sammengesammelt: Du liigst, denn du weiftt gar nicht, was dort gesagt
wird -, daft also die ganze Anschauung vom Herzen und so weiter er-
neuert wird.
Es ist so, daft hier alles urspriinglich erforscht wird und dann an den
ganzen Menschen herankommt. Und an solchen einfachen Sachen wie,
daft der Mensch sich tanzend, drehend bewegt, was ich das letzte Mai
und heute bertihrt habe, hervorgerufen durch die Frage des Herrn
Burle, kann man vieles einsehen. Das kann man verstehen.
Aber, meine Herren, dann wird etwas anderes herauskommen, vor
dem sich die Menschheit am meisten fiirchtet. Derm, sehen Sie, wenn
Anthroposophie einmal durchdringt - heute kann man ja gar nichts ma-
chen; wenn man praktisch etwas tun will, geht ja gleich der Teufel los;
selbst wenn man die Sachen nur sagt, entstehen ja gleich die Gegner-
schaften, die Sie ja geniigend kennen aber wenn Anthroposophie
einmal so weit sein wird, daft sie in unsere Schulen eindringt, daft sie
iiberall die Dinge geltend macht, wird etwas anderes noch kommen.
Dann wird man namlich wissen, welche Bewegungen beim Menschen
fur seine Gesundheit und seine ganze Stoffwechselentwickelung richtig
und welche falsch sind. Dann wird die Zeit kommen, wo man die Ar-
beit nach dem Menschen richten wird. Heute richtet man die Arbeit
nach den Maschinen. Heute muft der Mensch so sich bewegen, wie es
die Leute, welche die Maschine entdeckt haben, angemessen finden.
Spater wird man finden: Nicht dasjenige, was von den Maschinen
kommt, ist die Hauptsache, sondern der Mensch ist die Hauptsache.
Deshalb darf es nur solche Maschinen geben, die hergerichtet sind fiir
den Menschen. Das wird man einmal nur konnen, wenn die Anthropo-
sophie ganz angenommen sein wird. Dann wird man sagen konnen: Es
muft alles Maschinelle sich nach dem Menschen richten.
Aber dazu ist etwas notwendig. Zuerst muft man verstehen, wie das
Herz nichts Maschinelles ist, sondern sich nach dem Menschen richtet.
Dann wird man auch fiir die auftere Maschine die Grundlage finden
konnen, die sie so gestaltet, daft sie sich nach dem Menschen richtet.
Aber eine Wissenschaft, die es sich so bequem gemacht hat, daft sie das
Herz so beschreibt, als wenn der Mensch in seiner Blutzirkulation nur
eine Pumpe hatte, die macht sich kein Gewissen daraus, auch die Ma-
schine so zu machen, daft sich der Mensch darnach richten muft. Mit
dieser falschen Ansicht in der Wissenschaft hangt namlich unsere ganze
falsche soziale Lage zusammen. Und deshalb muft man schon begrei-
fen, daft erst ein richtiges Denken iiber den Menschen kommen muft;
dann kann erst ein richtiges soziales Leben anfangen. Solange man
glaubt, das Herz sei eine Pumpe, solange wird man auch im aufteren
Leben nicht richtig sich einstellen konnen. Erst dann, wenn man weift,
der unsichtbare Mensch ist hoher als sein Herz, er ist es, der sein Herz
bewegt, dann wird man auch die Maschinen nach dem Menschen rich-
ten. Das muft man erst anfangen einzusehen.
Heute machen es sich die Menschen viel zu bequem. Sie machen es
sich wirklich viel zu bequem. Was ist heute am meisten international?
Das Fufiballspiel! Ich habe es Ihnen neulich erklart. Dasjenige aber,
was geistig ist, das wird immer auf kleine Zirkel und so weiter zusam-
mengedrangt. Das zersplittert sich. Nicht wahr, in Norwegen kann
man horen: Hoch soli er leben! -, oder man hort ein deutsches Lied
singen, wenn Fufiballspieler (aus Deutschland) oben sind. Aber sonst
sondern sich die Leute ab.
Das, was ergriffen werden rauE, ist der Geist, aber so, dafi er im ein-
zelnen ergriffen wird. Nicht dafi man im allgemeinen redet von Geist,
Geist, sondern er mufi im einzelnen ergriffen werden.
Wir wollen dann am nachsten Samstag davon weiter reden.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 9. Juni 1923
Nun, meine Herren, auf was haben Sie sich besonnen?
Frage: Die verschiedenen chemischen Stoffe haben die Eigenschaft, gewisse Farben
zum Beispiel der Flamme zu geben. Andererseits haben aber auch viele Sterne einen Far-
benschimmer, wie der Mars. Ich hatte gern einiges gewufit iiber diese Sache. Zum Bei-
spiel der Mars hat einen rotlichen Schimmer. Das Eisen, wenn es oxydiert, der Rost, hat
auch eine rotliche Farbe. Ob da Zusammenhange sind?
Dr. Steiner: Das ist naturlich eine sehr schwierige Frage. Zunachst
miiftte man sich erinnern an das, was wir schon iiber die Farben be-
sprochen haben. Wir haben ja schon verschiedenes iiber die Farben be-
sprochen. Sie miissen bedenken, dafi die Farbe eines Korpers doch zu-
sammenhangt mit der ganzen Art und Weise, wie er in der Welt drin-
nensteht. Denken wir uns also, wir haben irgendeinen Stoff . Der Stoff,
der hat eine ganz bestimmte Farbe. Nun meinen Sie, dafi diese Farbe
unter Umstanden ganz anders sich aufiern kann, wenn man diesen Stoff
an die Flamme bringt, so dafi man also dann eine gewisse Farbung der
Flamme bekommt? - Da mufi man sich klar sein dariiber, dafi ja, wenn
die Flamme fur sich entsteht, die Flamme auch schon eine bestimmte
Farbe hat und daft dann, wenn wir einen Stoff in die Flamme bringen,
zwei Farben zusammenwirken, die des Stoffes und die der Flamme.
Nun ist es aber iiberhaupt etwas hochst Eigentumliches, wie sich die
Farben in der Welt verhalten. Dariiber will ich Ihnen jetzt einiges
erzahlen.
Sie kennen ja den gewohnlichen Regenbogen. Der Regenbogen hat
ein rotes Band, dann geht das iiber in orange und gelb, dann wird das
Band griin, dann blau, dann wird das Band etwas dunkler blau, indigo-
blau und dann wird das Band violett. So bekommen wir eine Anzahl
von sieben Farben ungefahr, die der Regenbogen an sich hat (siehe
Tafd 6 Zeichnung). Diese sieben Farben haben naturlich die Menschen immer
beobachtet und in der verschiedensten Weise erklart, denn eigentlich
sind diese sieben Farben, die man da vom Regenbogen bekommt, die
allerschonsten Farben, die man iiberhaupt in der Natur sehen kann.
-rr\
Und aufterdem miissen Sie ja wissen, dafi diese Farben so sind, als ob
sie ganz frei schweben wiirden. Sie entstehen ja, wie Sie wissen, wenn
irgendwo die Sonne scheint und vor der Sonne Regenwetter ist. Dann
erscheint der Regenbogen auf der anderen Seite am Himmel. Wenn Sie
also irgendwo einen Regenbogen sehen, so miissen Sie sagen: Wo ist
nun das Wetter? Ja, auf der entgegengesetzten, auf der abgewendeten
Seite vom Regen mufi die Sonne sein. - So mull die Ordnung sein. So
entstehen diese sieben Farben des Regenbogens.
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Nun kommen aber diese sieben Farben auch noch anders vor. Den-
ken Sie sich, wir verbrennen einen metallartigen Korper, bringen ihn
immer mehr und mehr zur Erhitzung, so dafi dieser metallartige Korper
sehr heifi wird. Dann wird dieser metallartige Korper zunachst, wie Sie
ja wissen, rotgliihend, zuletzt weifigliihend, wie man sagt. Also denken
Sie sich, wir haben eine Art von Flamme dadurch hervorgerufen, dafi
wir, ich mochte sagen, eigentlich eine Metallflamme da haben. Aber es
ist nicht eine eigentliche Flamme, es ist ein gliihendes Metall, ein Me-
tall, das ganz gliiht. Wenn man nun ein solches Metall, das ganz gliiht,
durch ein sogenanntes Prisma anschaut, dann sieht man nicht eine
weifigluhende Masse, sondern man sieht dieselben sieben Farben wie
beim Regenbogen.
Ich werde das jetzt schematisch zeichnen (Zeichnung Seite 72). Denken links untcn
Sic sich, da hicr ware dieses gliilicr.de Metall, und nun habe ich hicr ein
solches Prisma. Sie wissen ja, was ein Prisma ist. Da ist es von der Seite
gezeichnet, so ein dreieckiges Glas. Da ist mein Auge. Jetzt schaue ich da
durch. Da sehe ich jetzt nicht einen weifien Korper, sondern ich sehe die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:71
sieben Farben des Regenbogens, die sieben aufeinanderfolgenden Farben
Rot, Orange, Gelb, Grim, Blau, Indigoblau, Violett. Also durch das
Prisma sehe ich dasjenige, was eigentlich weift ist, was weifigluhend ist,
in sieben Farben. Daraus geht Ihnen hervor, daft man dasjenige, was
weiftgliihend ist, in den Regenbogenfarben schimmern sehen kann.
el 6
Nun kann man noch etwas anderes machen, was ganz aufierordent-
lich interessant ist. Sehen Sie, eine solche weifigluhende Masse kann
man nur hervorrufen, wenn man ein Metall, iiberhaupt einen festen
Korper, gliihend macht. Wenn ich aber ein Gas habe und verbrenne das
Gas, dann bekomme ich, wenn ich durchs Prisma schaue, nicht die sie-
ben Farben, nicht ein solches Siebenfarbenband, sondern etwas ganz
anderes.
Sie konnen nun sagen: Wie bekommt man denn ein gliihendes Gas?
Ja, ein gliihendes Gas kann man sehr einfach bekommen. Denken Sie
sich zum Beispiel, ich habe das gewohnliche Kochsalz. In dem gewohn-
lichen Kochsalz sind zwei Stoffe drinnen, erstens ein metallartiger
Stoff, den man Natrium nennt, und dann ist noch Chlor drinnen. Das
ist ein Gas, das, wenn man es irgendwo ausbreitet, wenn es irgendwo
ist, einem gleich scharf in die Nase faucht. Das ist dasselbe Gas, das
man zum Beispiel zum Bleichen von Wasche verwendet. Die Wasche-
stiicke werden gebleicht davon, wenn man Chlor dariiberstreichen lafit.
Wenn man also Natrium und Chlor zusammen hat, als einen Korper,
ist es unser gewohnliches Kochsalz, mit dem wir unsere Speisen salzen.
Wenn man das Chlor wegnimmt und das Natrium, das dann weifilich
ist, in eine Flamme gibt, so wird die Flamme ganz gelb. Woher kommt
das? Ja, meine Herren, das kommt davon her, weil das Natrium, wenn
die Flamme heifi genug ist, zum Gas wird, und dann verbrennt das Na-
triumgas gelb, gibt eine gelbe Flamme. Wir haben also jetzt nicht nur
einen richtig gliihenden Metallkorper, sondern wir haben eine gasige
Flamme. Wenn ich jetzt dieses durch mein Prisma anschaue, dann wird
das nicht in derselben Weise siebenfarbig, sondern es bleibt im wesent-
lichen gelb. Nur auf der einen Seite hat es - da raufi man aber schon
sehr, sehr scharf zuschauen - etwas Blauliches und etwas Rotliches.
Maul Ufa Tafel7
links unten
I*/ *
/
Aber im ganzen bemerkt man das eigentlich nicht; man sieht da auch
nur das Gelbe.
Aber das ist nun alles noch nicht das Interessante. Das Allerinteres-
santeste ist das: Wenn ich die ganze Geschichte hier aufstelle, die gelbe
Flamme hier hereingebe (Zeichnung Seite 72) und nun wieder durch Tafel6
mein Prisma gucke, was werden Sie sagen? Sie werden sagen: >jX7enn ich
da durchgucke, habe ich da Rot, Orange, Gelb, Grim und so weiter. Da
ist auch Gelb, werden Sie sagen. Also wenn ich da durchgucke, wird das
Gelbe hier besonders stark sein, werden Sie sagen, es wird ein besonders
helles Gelb sein, ein recht leuchtendes Gelb. - Ja, sehen Sie, das ist nicht
der Fall. Was da ist, das ist, dafi gar kein Gelb erscheint, dafi das Gelbe
ganz ausgeschieden wird, weggeloscht wird, und eine schwarze Stelle da
ist. Geradeso wie es eine gelbe Gasflamme geben kann, so gibt es ja auch
zum Beispiel eine blaue. Man kann auch Stoffe finden, wie zum Beispiel
Lithium, das eine rote Flamme hat. Kalium und ahnliche haben eine
blaue Flamme. Wenn Sie nun zum Beispiel eine blaue Flamme hier her-
einstellen, so ist es nicht etwa so, daft das Blau hier starker erscheint,
sondern wiederum ist hier eine schwarze Stelle. Das Eigenturniiche ist
also: Wenn man etwas gliihend macht, wenn etwas als fester Korper
ganz punt und nicht Gas ist, sondern gliiht, dann bekomrnt man dieses
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:73
Farbenband von sieben Farben. Wenn man aber nur ein brennendes
Gas hat, dann bekommt man mehr oder weniger eine einzelne Farbe,
und diese einzelne Farbe loscht dann dasjenige aus in dem ganzen Far-
benband, was sie selber als Farbe hat.
Das, was ich Ihnen jetzt erzahle, das wissen die Menschen verhalt-
nismaftig noch nicht seit sehr langer Zeit, sondern das ist erst 1859 ge-
funden worden. 1859 hat man erst gefunden: In einem siebenfarbigen
Farbenband, das von einem gliihenden festen Korper ausgeht, loschen
einzelne Farben, die von gliihenden Gasen, brennenden Gasen her-
kommen, die entsprechenden Farben aus.
Daraus sehen Sie schon, wie aufierordentlich kompliziert eine Farbe
auf die andere wirkt. Und damit hangt es jetzt zusammen, dafi, wenn
man gewohnlich die Sonne anschaut, sie ja so beschaffen ist, als wenn
sie ein weiftgliihender Korper ware. Es ist richtig so: Wenn man ober-
flachlich durch ein Prisma schaut, so sieht man auch an der Sonne diese
sieben aufeinanderfolgenden Farben Rot, Orange, Gelb, Griin, Blau,
Indigo, Violett. Aber wenn man genauer zuschaut, dann sind in der
Sonne, in der Sonnenscheibe nicht diese sieben Farben, sondern nur
annahernd sind die sieben Farben, und dazwischen sind lauter
schwarze Linien, eine ganze Menge schwarze Linien. Also wenn man
genau hinschaut auf die Sonne, so hat man nicht ein siebenfarbiges
Band, sondern man hat die sieben Farben, aber die sind iiberall unter-
brochen von lauter schwarzen Linien.
Was muE man sich denn da sagen? Wenn einem nicht das richtige,
ununterbrochene Farbenband von der Sonne entgegenscheint, sondern
das von lauter schwarzen Linien unterbrochene Farbenband, ja, da mufi
man sagen: Zwischen uns und der Sonne sind lauter brennende Gase,
die immer unterwegs die entsprechenden Farben ausloschen. - Also
wenn ich statt auf ein gluhendes Metall auf die Sonne schaue und die
schwarzen Linien sehe, so mufi ich iiberall, wo ich die schwarzen Li-
nien sehe, mir sagen: Da, also immer an der betreffenden Stelle, wird
ausgeloscht zum Beispiel hier vom Natrium das Gelb. Wenn ich in die
Sonne schaue und im Gelb drinnen eine schwarze Linie ist, so mu$> ich
sagen: Zwischen mir und der Sonne ist Natrium. - Und so bekomme
ich fur alle Metalle schwarze Linien im Sonnenlicht. Also ist zwischen
mir und der Sonne alles mogliche an Metallen im Weltenraum gasfor-
mig ausgebreitet.
Was geht daraus hervor? Meine Herren, daraus geht hervor, dafi der
Weltenraum, wenigstens die Umgebung der Erde zunachst, angefullt ist
mit lauter nicht nur gliihenden, sondern brennenden Metallen. Wenn
man das bedenkt, dann mufi man sich ja iiberhaupt klar sein, dafi im
Grunde genommen nirgends von dem geredet werden kann, dafi wir da
auf der Erde stehen und da oben die gluhende Sonne ist, sondern das,
was wir sehen, das hangt eigentlich von dem ab, was zwischen uns und
der Sonne ist. Und die Physiker, die wiirden sehr iiberrascht sein, wenn
sie einmal wirklich in die Sonne kommen konnten, denn da wiirde es
nicht so ausschauen, wie sie es vermuten, sondern dasjenige, was man
sieht, riihrt eigentlich her von dem, was zwischen dem Menschen und
der Sonne ist. Da sehen Sie schon an einem Beispiel, wie kompliziert
eigentlich der Zusammenhang zwischen Substanzen und Farben ist.
Wenn Sie also irgendwo eine Flamme haben, und die Flamme, etwa
eine Kerzenflamme, hat eine bestimmte Farbung, so miissen Sie zu-
nachst fragen: Ja, was ist denn in der Kerze drinnen? - In der Flamme
haben Sie diejenigen Stoffe gasformig - sie werden zumeist durch die
Hitze der Flamme gasformig -, die in festem Zustande in der Kerze
drinnen sind. Blicken wir dann, wie ich es hier mit der Flamme getan Tafel 7
links ui
habe, durch ein Prisma: ein Stoff, der gasformig ist, farbt die ganze
Flamme. Durch das Natrium zum Beispiel wird die Flamme gelb.
Wenn Sie irgendwo, zum Beispiel in diesem Raume, eine Flamme hatten
und dann durch ein Prisma schauten - die Natriumschwarze haben Sie
fast uberall. Man braucht gar nicht das Natrium erst irgendwie hin-
zutun. Wenn die Apparate ganz genau angeordnet sind, so dafi man
richtig schauen kann, findet man uberall diese schwarzen Linien, die
eigentlich gelb sein sollten und die im Grunde genommen davon herriih-
ren, dafi uberall ganz kleine Spuren von Natrium sind. Es gibt eigent-
lich kaum irgend etwas auf der Erde, wo nicht kleine Spuren von Na-
trium sind. Das beweist I linen aber, da£ das Natrium iiberhaupt rtot-
wendig ist in der Natur. Wo es nicht ist, konnten wir nicht leben. Wir
miissen auch ein bestirnrntes Quantum, eine bestimmte Menge Natrium
immer in uns selber haben, miissen das Natrium verarbeiten. Und es
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:75
verrat sich eigentlich nur dadurch, dafi es iiberall die gelben Linien aus-
loscht und sie zu schwarzen macht.
Nun, jetzt miissen Sie sich an das erinnern, was ich Ihnen schon
einmal gesagt habe: Wodurch entstehen blaue und violette Farben?
Wodurch entstehen rote und gelbe? - Nun, bku, das habe ich Ihnen
gesagt, erscheint der weite Weltenraum, denn da draufien, wo wir das
Firmament sehen, da ist nichts. Es ist der weite, schwarze Weltenraum.
Wir sehen also den weiten schwarzen Weltenraum. Aber wir sehen ihn
ja nicht, indem er einfach vor uns ist. Zwischen uns und diesem weiten
schwarzen Weltenraum sind die Wasserdiinste, die fortwahrend auf stei-
gen. Auch wenn die Luft rein ist, sind fortwahrend Wasserdiinste in der
Tafel 7 Luft. Wenn hier (es wird gezeichnet) die Erde ist, hier die Wasserdiinste
sind und ringsherum der schwarze Weltenraum ist, so scheint dann die
Sonne durch diese Diinste durch. Wenn Sie da unten stehen und hinauf-
schauen, sehen Sie nicht Schwarz, sondern Blau. Durch das Beleuchtete
sehen Sie den dunklen Raum nun in einem Blau. Das heilk, wenn ich ein
Dunkles, ein Finsteres durch ein Beleuchtetes sehe, sehe ich es blau.
Die Morgen- und Abendrote ist ja, wie Sie wissen, gelblich oder
Mitte unten gelblich-rotlich. Wenn das hier (es wird gezeichnet) die Erde ist, da die
Diinste ringsherum sind und nun die Sonne hier heraufkommt, sehe ich
das hier beleuchtet. Ich sehe da hier ein Helles, aber ich sehe es zu-
nachst durch die dunklen Diinste. Dadurch wird es fur mich gelb.
Wenn ich ein Helles durch ein Dunkles sehe, wird es gelb. Wenn ich
ein Dunkles durch ein Helles sehe, wird es blau. Blau ist die Dunkel-
heit, die durch Helles gesehen wird, Gelb ist die Helligkeit, die durch
Dunkles gesehen wird. Das ist doch zu verstehen!
Wenn ich nun das Gelb durch die gelbe Natriumflamme habe, so be-
deutet diese gelbe Natriumflamme, dafi das Natrium ein Stoff ist, der,
wenn er verdunstet, sehr hell wird, aber zugleich urn sich etwas Dunk-
les erzeugt. Also das Natrium brennt eigentlich so : Wenn hier das Na-
trium verbrennt, so schielk in der Mitte das weifie Licht in die Hohe
Mitte unten (Zeichnung Seite 77, links) und ringsherum schiefit die Dunkelheit in
die Hohe, und dadurch sehe ich das Ganze gelb. Also das Natrium
strahlt Licht aus, aber ringsherum, weil es gar so stark Licht ausstrahlt,
erzeugt es die Dunkelheit.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:7S
Das braucht Sie nicht zu verwundern, dafi das stark Licht ausstrah-
lende Natrium Dunkelheit um sich erzeugt, denn wenn Sie ein Schnell-
laufer sind und recht schnell rennen und ein anderer mitkommen will
mit Ihnen, so bleibt er eben dann zuriick. Das, was da herausspritzt, das
ist eben ein Schnellaufer; es erscheint also leuchtend durch die Dunkel-
heit, es erscheint mir gelb.
Bei der gewohnlichen Kerzenflamme ist es so, dafi die Teilchen so
zersplittern. Dadurch wird es hier ringsherum hell und in der Mitte
bleibt es dunkel. Wenn Sie daher eine gewohnliche Kerzenflamme
haben, so sehen Sie das Dunkel durch das Helle. Hier spritzen die hel-
len Piinktchen (siehe Zeichnung, rechts). Hier in der Mitte bleibt es dun- Tafel 7
kel, es erscheint daher blau. Wenn man also eine gelbe Flamme hat, wie
beim Natrium, so bedeutet das, da6 das aufierordentlich stark spritzt.
Wenn man eine blaue Flamme hat, bedeutet das, dafi es eigentlich nicht
stark spritzt, sondern sich zersplittert.
Das ist iiberhaupt in der Welt der Unterschied zwischen den Wir-
kungen der Substanzen. Denken Sie sich, ich hatte hier eine Glasrohre;
die schmelze ich an beiden Enden zu. Jetzt pumpe ich aber aufierdem
die Luft aus, so dafi ich eine ganz luftleere Glasrohre bekomme. Jetzt
mache ich folgendes: Ich leite hier einen elektrischen Strom herein, der
da endet, und hier [auf der anderen Seite] auch einen; das ist ein Strom,
der dann hier geschlossen ist. Also da stehen sich jetzt die zwei Pole der
Elektrizitat gegeniiber. Zwischen ihnen ist der luftleere Raum. Da ent-
steht jetzt etwas sehr Sonderbares: auf der einen Seite spritzt die Elek-
trizitat und auf der anderen Seite, indem es blauiich erscheint, bilden
sich solche Wellen (Zeichnung Seite 78), und das geht dann zusammen. rechts unten
i
Mitte unten
und
rechts oben
77
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite: 7 7
Da spritzt fortwahrend sozusagen das Helle in das Dunkle hinein, die
helle Elektrizitat in das Dunkle hinein. Da haben Sie also die beiden
Flammen, die ich Ihnen gezeigt habe, getrennt. Die haben Sie auf dem
einen Pol der Elektrizitat und die da auf dem anderen Pol. Was die Na-
triumflamme macht, wird hier auf der einen Seite gemacht, was die ge-
wohnliche Kerzenflamme macht, wird auf der anderen Seite gemacht.
Wenn man in der richtigen Weise verfahrt, bekommt man hier ver-
schiedene Strahlenarten, unter anderem auch die Rontgenstrahlen,
durch die man ja, wie Sie wissen, die festen Bestandteile, Knochen und so
weiter, oder fremde Bestandteile, die der Korper in sich hat, sehen kann.
Also die Sache ist so, dafi es in der Welt Substanzen gibt, die aus-
strahlen. Andere Substanzen gibt es, die strahlen nicht aus, sondern, man
kann sagen, die glimmen und iiberziehen sich an der Oberflache mit
solchen Wellen. Die Substanzen, die sich an der Oberflache mit solchen
Wellen iiberziehen, sind blaulich; die Substanzen, die ausstrahlen, sind
gelblich. Wenn dann vor das Gelbliche ein dunkler Korper tritt, wird
das Gelbliche rotlich. Also wenn man das Gelbliche wiederum dunkler
macht, kann es rotlich werden.
Sie sehen also, meine Herren, wir haben in der Welt die Korper so,
dafi sie zum Teil strahlen und dadurch die hellen Farben zeigen, die auf
der einen Seite vom Regenbogen sind, und daft sie auf der anderen Seite
nicht strahlen, sondern solche Wellen aussenden. Dadurch bekommt
man die blaulichen Farben, die auf der anderen Seite des Regenbogens
sind.
Wenn Sie das wissen, dann werden Sie sich sagen: Es gibt solche
Sterne wie zum Beispiel den Mars, der strahlt gelblich-rotlich, oder wie
zum Beispiel den Saturn, der strahlt blaulich. Jetzt kann man aus dem,
wie der Stern beschaffen ist, sehen, wie er sich verhalt. Der Mars ist
Tafel 7
rechts unten
/
'/
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:350 Seite:78
einfach ein Stern, der viel ausstrahlt, dadurch mufi er gelblich-rotlich
erscheinen. Er ist ein Stern, der viel ausstrahlt. Der Saturn ist ein Kor-
per, der sich ruhiger verhalt und sich mit Wellen iiberzieht. Man sieht
fast die Wellen um ihn herum. Wenn man den Saturn hat, so kann man
noch die Wellen um ihn herum als Ringe sehen. Er erscheint blau, weil
er sich mit Wellen umgibt.
Nun, das, was man da an den Erdenkorpern beobachtet, das zeigt
uns ja, wenn man diese nur nicht stumpfsinnig, sondern richtig beob-
achtet, wie die Korper draufien im Weltenraume sind. Nur mufi man
sich klar sein dariiber, dafi eben der ganze Weltenraum ausgefiillt ist,
wie ich Ihnen gesagt habe, mit alien moglichen Substanzen, die immer
eigentlich in einem verbrennlichen Zustande sind.
Nehmen Sie nun einen Korper, zum Beispiel das Eisen: es rostet.
Das haben Sie ja wohl mit der Frage gemeint? Das Eisen rostet, und
dadurch wird es rotlicher als es sonst ist. Wir haben also einen Korper,
der verhaltnismafiig dunkel ist, der rostet und der dadurch rotlich wird.
Nachdem wir jetzt die Farben studiert haben, werden wir uns Auf-
schlufi dariiber geben konnen, was denn das eigentlich heifit: Das Eisen
wird durch das Rosten, also wenn es fortwahrend der Luft ausgesetzt
ist, rotlich. - Machen wir uns das ganz klar, was das heifit. Ich habe
hier naturlich nicht alle Farben, aber Sie werden sich schon vorstellen
konnen, was ich meine. Nehmen wir also an, wir haben das blaue
Eisen. Jetzt ist es der Luft ausgesetzt. Jetzt wird es dadurch, dafi es der
Luft ausgesetzt wird, rotlich durch das Rosten.
Nun konnen Sie sich sagen, dafi das Rotliche dadurch entsteht, dafi
man ein Helles hat, das man durch Dunkelheit sieht. Also ein Helles,
durch Dunkelheit gesehen, wird rotlich. Wenn ich das Eisen, wie es in
seinem gewohnlichen Zustand ist, anschaue, so ist es zunachst dunkel,
das heifit, es wirft Wellenlinien aus. Wenn ich aber das Eisen der Luft
lange Zeit aussetze, wenn das Eisen lange in der Luft ist, dann kommt
die Luft an das Eisen heran; und das Eisen wird allmahlich so an der
Luft, dafi es anfangt, sich innerlich gegen die Luft zu wehren. Es wehrt
sich gegen die Luft, fangt an zu strahlen. Und dasjenige, was strahlt,
wie hier die Natriumflamme, wo dann ringsheruni das Dunkle ist, das
wird gelblich oder rotlich. So dafi Sie also sagen konnen: Das Verhalt-
nis zwischen dem Eisen und der Luft ist ein solches, dafi das Eisen in-
nerlich anfangt kribbelig zu werden und strahlt. Das Eisen wird kribbe-
lig und strahlt.
Nun wissen Sie ja, dafi das Eisen auch im menschlichen Kdrper vor-
handen ist, und zwar als ein sehr wichtiger Stoff. Das Eisen ist im Blut
des Menschen enthalten, und das Eisen ist ein sehr wichtiger Bestand-
teil des Blutes. Wenn wir zuwenig Eisen im Blut haben, dann sind wir
Menschen, die nicht ordentlich gehen konnen, die rasch miide werden,
die also schlapp werden. Wenn wir zuviel Eisen im Blute haben, dann
werden wir aufgeregte Menschen und schlagen alles zusammen. Wir
miissen also gerade die richtige Menge von Eisen im Blut haben, sonst
geht es uns eben schlecht. Nun, meine Herren, heutzutage beschaftigt
man sich ja weniger mit diesen Dingen, aber ich habe Sie schon einmal
darauf aufmerksam gemacht: wenn man nachforscht, wie der Mensch
zusammenhangt mit der ganzen Welt, so findet man heraus: Das Blut
hangt beim Menschen zusammen mit dem Einwirken vom Mars. Der
Mars, der sich ja bewegt, regt eigentHch in uns immer die Tatigkeit des
Blutes an. Das ist durch seine Verwandtschaft mit dem Eisen. Daher
haben schon alte Gelehrte, die das gewuftt haben, dem Mars dieselbe
Natur zugeschrieben, die das Eisen hat. Man kann also den Mars in
gewissem Sinne anschauen als etwas, was gleich ist unserem Eisen.
Aber zugleich schimmert er rotlichgelb, das heifit, er wird fortwahrend
strahlend in seinem Inneren. Im Mars sehen wir also einen Korper, der
fortwahrend im Inneren strahlend wird.
Diese ganze Sache begreift man nur, wenn man eben aus diesen Stu-
dien heraus sich sagt: Der Mars hat eisenahnliche Art, ist eine eisenahn-
liche Substanz; aber es kribbelt fortwahrend, er will fortwahrend strah-
lig werden. Wie das Eisen durch den EinfluS der Luft, so will der Mars
durch den Einflufi seiner Umgebung fortwahrend strahlen. Er hat also
eigentlich eine Natur, die fortwahrend innerlich kribbelig, das heilk,
lebendig werden will. Der Mars will fortwahrend ins Leben ubergehen.
- Das kann man an seiner ganzen Farbung und an seiner ganzen Art
und Weise, wie er sich verhalt, sehen. Hat man es mit dem Mars zu
tun, so mufi man wissen, dafi das ein Weltenkorper ist, der eigentlich
fortwahrend ins Leben ubergehen will.
Mit dem Saturn ist es anders. Der Saturn ist von blaulichem Schim-
mer, das heifit, er strahlt nicht, sondern er umgibt sich mit einem Wel-
ligen. Er ist gerade das Gegenteil vom Mars. Der Saturn will fortwah-
rend in das Tote iibergehen, fortwahrend Leichnam werden. Man sieht
am Saturn, dafi er sich gewissermafien mit Helligkeit umgibt, so dafi
wir dann seine Dunkelheit durch die Helligkeit blaulich sehen.
Nun mache ich Sie aufmerksam auf etwas: Sie konnen eine ganz nette
Erscheinung haben, wenn Sie einmal in einer nicht ganz dunklen, aber
in einer stark dammerigen Nacht durch einen Weidenforst gehen, durch
einen Wald gehen, wo Weiden sind. Da konnen Sie ab und zu etwas se-
hen, was Sie veranlafit, sich zu fragen: Donnerwetter, was leuchtet
denn dort so? Was ist das, was so leuchtet? - Dann gehen Sie nahe hin
und das Leuchtende stellt sich heraus als verfaulendes Holz. Also das
Verfaulende wird leuchtend. Wenn Sie dann sehr weit weggehen und
das anschauen wiirden und Sie wiirden dahinter, hinter diesem Leuch-
tenden ein Dunkles haben, dann wiirde Ihnen das Leuchtende nicht
mehr leuchtend, sondern blau erscheinen. Und so ist es beim Saturn. Tafei 7
Der Saturn, der verwest eigentlich fortwahrend. Der Saturn verwest.
Dadurch hat er ringsherum ein Helles, aber er selber ist dunkel, und
dadurch erscheint er blau, weil wir seine eigene Dunkelheit, ich mochte
sagen, durch seine Verwesungsstoffe, die er um sich herum hat, an-
schauen. Beim Mars sieht man also, wie er fortwahrend leben will,
beim Saturn sieht man, wie er fortwahrend sterben will.
Das ist das Interessante, daft man Weltkorper so betrachten kann,
daft man von ihnen sagen kann: Die Weltkorper, die einem in blauli-
chem Schimmer erscheinen, gehen zugrunde, und diejenigen, die einem
in rotlichem, gelblichem Schimmer erscheinen, das sind erst entste-
hende. Und so ist es ja in der Welt: An einem Orte ist etwas, was ent-
steht, am anderen Ort ist etwas, was vergeht. Wie auf der Erde an einem
Orte ein Kind ist, an dem anderen Orte ein Greis, so ist es im Welten-
all. Der Mars, der ist noch ein Jiingling, der will fortwahrend leben.
Der Saturn ist schon ein alter Greis.
Sehen Sie, das haben die Alten studiert. Wir miissen es wieder studie-
ren. Wir konnen es aber erst verstehen, was die Alten gemeint haben,
wenn wir es wieder finden. Daher ist es, wie ich schon das letzte Mai
gesagt habe, so dumm, wenn die Leute sagen, man schreibe in der An-
throposophie nurdasjenige zusammen, was man in altenSchriften finde.
Denn das kann man gar nicht verstehen, was man in alten Schriften
findet! Sehen Sie, man versteht das, was in alten Schriften steht und aus
einer richtigen alten Weisheit heraus ist, erst, wenn man es wieder ge-
funden hat. So gab es noch im Mittelalter, bevor Amerika entdeckt
worden ist, einen Spruch. Der war sehr interessant; den sagte fast jeder
einzelne Mensch. Wenn Sie damals gelebt hatten, hatten Sie auch den
Spruch gewufit. Im Mittelalter sagten den Spruch alle moglichen Men-
schen, denn man lernte den Spruch noch so, wie man heute, ja, was
weifi ich, einen Agitationsspruch etwa, lernt.
Dieser Spruch heifit:
O Sonn', ein Konig dieser Welt!
Luna dein Geschlecht erhalt.
Luna ist der Mond.
Merkur kopuliert euch fix.
Ohn' Venus waret ihr alle nix,
Die Marten sich zum Mann erwahlt.
Also den Mars.
Da wird also in dem Spruch angedeutet: die Venus, die auch eine
junge Gestalt ist, hat sich Marten zum Mann erwahlt, den Mars. Es
wird also angedeutet, wie der Mars ein Jungling ist da drau£en im
Weltenall.
Ohn' Jupiters Macht euch alles fehlt.
Also auch von Jupiter wird angedeutet, wie er iiberall eingreift. Und
dann wird zuletzt gesagt:
Damit Saturn, alt und greis,
In vielen Farben sich erweis'.
Denken Sie, wie schon in diesem mittelalterlichen Spruch die Jugend
vom Mars entgegengestellt ist dem Alter von Saturn!
O Sonn', ein Konig dieser Welt!
Luna dein Geschlecht erhalt.
Merkur kopuliert euch fix.
Ohn' Venus' Gunst erreicht ihr alle nix,
Die Marten sich zum Mann erwahlt.
Ohn* Jupiters Macht euch alles fehlt.
Dafi Saturn, alt und greis,
In vielen Farben sich erweis'.
Also Sie sehen, verstehen wird man das nicht, und das zeigen ja auch
die Leute. Denn wenn ein heutiger Gelehrter einen solchen Spruch
liest, dann sagt er: Nun ja, das ist ein dummer Aberglaube! - Er lacht
dariiber. Wenn man wieder findet, was in einem solchen Spruch Wahr-
heit ist, dann sagt er, man habe das abgeschrieben. Also, nicht wahr, es
ist gar nicht auszudenken, wie toricht eigentlich sich die Leute verhal-
ten, denn sie konnen das ja nicht verstehen. Kein heutiger Gelehrter
versteht das, was in einem solchen Spruch hegt. Aber wenn man geistig
forschen kann, dann kommt man wieder darauf, dann versteht man das
erst. Man mufi ja diese Sachen erst wieder selber finden, sonst bleiben
diese alten Spriiche, die Volksweisheit sind, wirklich ganz wertlos.
Aber es ist auch wunderschon, wenn man diese Sachen durch geistige
Forschung findet, und dann entdeckt man in einfachen Volksspriichen
diese ungeheure Weisheit! Das bezeugt eben, dafl die alten Volkssprii-
che genommen sind von dem, was in alten Weisheitsschulen gelehrt
worden ist. Von da stammen diese Spriiche her. Heute kann das Volk
nicht in der Weise zu seinen Gelehrten gehen, denn aus der Wissen-
schaft von heute werden keine Spriiche! Man kann nicht viel nehmen,
was man anwenden kann im Leben. Aber es gab eben einmal eine Zeit,
wo die Menschen solche Dinge, wie ich sie Ihnen auch heute wieder ge-
sagt habe, gewufit haben. Die haben sie dann in solche schonen Spriiche
hineingewebt. Und dann natiirlich ist allerlei daraus entstanden,
manchmal natiirlich auch Mifrverstandnisse. Nun, dieser Spruch, den
ich Ihnen gerade angefiihrt habe von all den Planeten, ja, der ist verges-
sen worden, aber andere Spriiche, die sind dann entstellt worden.
Natiirlich ist es ja so, dafi es auch etwas bedeutet, wenn, sagen wir,
die Tiere das oder jenes vornehmen. Sie stehen im Zusammenhang mit
dem Weltenall. Vom Laubfrosch konnen wir schon wissen, daft irgend
etwas mit dem Wetter los ist, wenn er hinaufsteigt. Nicht wahr, man
verwendet ja den Laubfrosch als Wetterpropheten, wenn er hinauf-
oder herunterkraxelt an seiner Leiter. Das ist, weil alles das, was lebt,
mit dem ganzen Weltenall in Beziehung steht. Nur ist das dann spater
entstellt worden, und es ist natiirlich nicht ganz unberechtigt, wenn
man auch wiederum solche Spriiche hat, iiber die man sich lustig ma-
chen kann, wenn man die anhort, weil sich die Dummheit ihrer be-
machtigt hat. Denn wenn einer zum Beispiel sagt: Kraht der Hahn auf
dem Mist, so andert sich das Wetter oder bleibt, wie es ist - nun ja, das
zeigt eben wiederum, dafi man nicht alles durcheinandermischen und
auch das Dumme nicht mit dem Gescheiten mischen soli.
Der Spruch, den ich Ihnen angefiihrt habe, der ist natiirlich schon ein
solcher, der hinweist auf Geheimnisse im Weltenall, die mit Licht und
Farbe zusammenhangen. Dagegen was die Leute oftmals sagen von
demjenigen, was der Hahn tut und dergleichen, iiber das kann man
natiirlich spotten, wie das in dem Ausspruch selber geschieht, den ich
Ihnen angefiihrt habe. Aber auf der anderen Seite liegt manchmal gerade
in Bauernausspriichen heme noch - sie werden ja nach und nach verges-
sen - etwas aufierordentlich Tiefes, etwas sehr Weises. Und der Bauer
ist nicht umsonst traurig, wenn es im Marz noch schneit, denn gewisse
Zusammenhange zwischen dem Getreidesamen und dem Marzenschnee
gibt es halt einmal.
So konnen wir gerade an solchen Dingen sehen, wie man an dem,
was man beobachtet auf der Erde, eben die ganze Welt verstehen kann.
Es ware schon besser, wenn man sich mehr an das hielte, was der Laub-
frosch kann, der hinaufkraxelt und herunterkraxelt, je nach dem Wet-
ter, als dafi man sich heute mehr, ich mochte sagen, an das Murmeltier
halt, das schlaft, und man alle Geheimnisse des Weltenalls verschlaft.
Hoffentlich ist Ihnen verstandlich geworden, was ich entwickelte in
bezug auf Ihre Frage. Das ist natiirlich kompliziert und man kann das
nicht in ein paar Worten sagen. Ich mufite also alles das sagen, aber Sie
werden sich das schon zusammenfassen konnen. Es ist doch ganz inter-
essant, nicht wahr, in dieser Weise den Zusammenhang zu sehen.
Am nachsten Mittwoch weiter.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 13. Juni 1923
Hat jemand eine Frage?
Fragesteller (Herr Burle): Ich mochte ein Erlebnis aus meiner Jugend schildern, das
mit dem Schicksal zusammenhangt und das man zum Beispiel in der Religion so schildert,
als wenn wir einen Schutzengel hatten. Ich habe einmal als KegeJjunge Kegel aufgestellt,
ich war damals neun oder zehn Jahre alt, und wie ich eben damit beschaftigt war, aufzu-
stellen, da ruft eine Stimme: Weg! - so intensiv, dafi ich rasch weggesprungen bin. Und
einen Augenblick spater ist gerade die grofie Kugel mit grower Wucht dahergesprungen, wo
ich stand. Ich fragte: Wer hat mich gerufen? - aber es wollte es niemand gewesen sein,
und die Stimme konnte auch nicht daher gekommen sein.
Der andere Fall war in einer Schmiede, wo die Leute ihre Pflugschare geschliffen ha-
ben. Es war da ein grofies Rad. Wir waren fiinf, sechs Knaben und amiisierten uns dort.
Ich war vielleicht elf Jahre alt. Ich stand auf die Radspeiche, urn das Rad hinunterzudruk-
ken. Das hatte mir gef alien. Da sagte ich zu den andern Knaben: Zieht die Schnellfalle
hervor, dann werde ich von einer Stufe auf die andere treten. Sie haben alle fest gezogen,
aber es nicht fertig gebracht. Trotzdem ich der Kleinste war, bin ich hin, um nachzuse-
hen. Das Rad war sehr schnell herumgesaust, und es ware offenbar mein Tod gewesen,
wenn sie die Schnellfalle in die Hohe gebracht hatten.
Es wiirde mich freuen, wenn Herr Doktor sich aufiern wiirde, ob in einem solchen
Falle sich eine hohere Macht aufiern kann.
Dr. Steiner: Nun, meine Herren, mochte ich zu Ihnen einmal iiber
solche Dinge sprechen, aber hier mufi natiirlich alles so besprochen
werden, da£ es sich wissenschaftlich rechtfertigen lafit. Solche Dinge
werden von anthroposophischer Geisteswissenschaft nicht blofi so ge-
nommen, wie sie sehr haufig von den Leuten genommen werden, die
sich allerlei Aberglauben hingeben, sondern diese Dinge miissen natiir-
lich auch - denn sie sind viel wichtiger fur das Leben, als man denkt -
durchaus wissenschaftlich betrachtet werden. Nun will ich Ihnen zu-
nachst eines sagen, wie zur Vorbereitung.
Sehen Sie, es ist ja eigentlich nur ein ganz kleiner Teil des Lebens,
den der Mensch beachtet. Einen groikn Teil beachtet er nicht, und weil
er ihn nicht beachtet, so glaubt er, dieser Teil des Lebens sei nicht da.
Nehmen Sie zum Beispiel an: Wenn irgendwo jernand an einem Hause
voriibergeht und es failt in diesem Augenblick von oben ein Ziegeistein
herunter und erschlagt ihn, so beachtet man das sehr stark, und es
macht natiirlich in den Kreisen, in denen der Betreffende bekannt ist,
und auch sonst, ein grofies Aufsehen. Man redet viel dariiber. Man hat
das eben beobachtet und redet viel dariiber.
Nehmen Sie nun aber folgendes an: Irgend jemand will des Morgens
weggehen. Nun bemerkt er im letzten Augenblick, als er weggehen
will, dafi er etwas vergessen hat, was unbedingt noch geordnet werden
mufi, und dadurch verzogert er sich um fiinf Minuten. Jetzt geht er
weg. Nun fallt der Ziegelstein fiinf Minuten bevor er vorbeikommt
herunter, und da er vorbeikommt, tut er ihm nichts. Ware er fiinf Mi-
nuten friiher gegangen, so wiirde ihm der Ziegelstein den Kopf einge-
schlagen haben. Aber kein Mensch redet dann natiirlich dariiber, denn
kein Mensch kann ja auch das iibersehen. Kein Mensch kann wissen -
er selber vergifk ja das natiirlich, kein Mensch beachtet das -, was da
geschehen ware, wenn er sich nicht ein paar Minuten verzogert hatte.
Nun, sehen Sie, diese Dinge werden eben nicht beachtet, aber sie sind
ja geradeso im Leben vorhanden. Unzahlige solche Dinge, wo wir
durch unser Schicksal abgehalten werden von einem Ungliick, sind da,
sie werden aber gar nicht beachtet. Die studiert man aus dem Grunde
nicht, weil sie sich nicht so leicht verfolgen lassen. Man kann sie nur
verfolgen, wenn irgendwie die Sache besonders auffallend ist, wenn sie
die Aufmerksamkeit herausfordert. Dann verfolgt man solche Dinge.
Da war einmal ein Mensch, der sehr viel an seinem Schreibtisch safi,
und unten hat die iibrige Familie gelebt. Er ging oft in diese seine obere
Stube hinauf. Nun traumte ihm einmal, dafi fur ihn an einem bestimm-
ten Tag ein grofies Ungliick bevorstiinde, dafi er erschossen wiirde.
Nun, was tat der Betreffende? Er erzahlte das den anderen; man sagte
ihm, er solle sehr vorsichtig sein, denn er konnte in diesen Tagen
erschossen werden. Er ging deshalb nicht aus, sondern blieb den gan-
zen Tag in seiner Stube sitzen. Aber er hatte doch so einen unheim-
lichen Eindruck von dem Traume, denn er hatte ja schon ofter erfah-
ren - es liegt das eben weiter in der Zeit zuriick, als die Menschen
auf solche Dinge mehr geachtet haben -, dafi es solche Wahrtraume
gibt. Er hatte ein unangenehmes Gefiihl. Und durch dieses unange-
nehme Gefiihl wurde er eben auch auf sich aufmerksam. Und da
stellte sich das ein, dafi er in einem bestimmten Augenblick unruhig
wird und durch diese innere Unruhe aufstehen mufi von seinem Sitz. In
demselben Moment kracht ein Schufi gerade an seinem Stuhl vorbei! Er
besafl namlich ein altes Gewehr von viel friiher her, das da im Vorraum
hing - die Tiir war offen das hatte ein Diener in die Hand genom-
men. Er hatte nicht daran gedacht, dafi es geladen ist, hat unvorsichti-
gerweise das Gewehr so gehalten, es ist losgegangen, und der Schufi ist
da vorbeigegangen, wo der Mensch vorher gesessen hat.
Also sehen Sie, da ist eine doppelte Verkettung von Schicksal. Da ist
zuerst ein banaler Traum da. Auf der anderen Seite wird er wiederum,
weil sein Schicksal eben noch nicht erfiillt ist, weil er noch leben soli,
just im rechten Momente durch einen inneren Drang weggetrieben.
Aber jetzt kommt das andere in Betracht. Sehen Sie, er hatte ja in dem-
selben Momente auch ganz gut horen konneh: Geh weg! - wie Sie es
gehort haben (zu Herrn Burle gewendet). Er hatte das ebensogut horen
konnen, Wie ware das zustandegekommen? Sehen Sie, wenn man von
einer geistigen Welt spricht, so mufi man sich klar sein dariiber, daft
man nicht dumm reden darf von der geistigen Welt. Man wiirde aber
immerhin dumm reden von der geistigen Welt, wenn man glauben
wiirde - was ja iibrigens viele Leute, wenigstens diejenigen, die Spiriti-
sten sind, glauben -, in der geistigen Welt seien Deutsche und Franzo-
sen und Englander und Spanier und Chinesen. Aber die miifiten doch
da sein, wenn man aus der geistigen Welt «Geh weg!» horen wiirde,
denn dann mulke irgendein geistiges Wesen deutsch reden. Zu einem
Franzosen wiirde es ja franzosisch reden, denn wenn es deutsch reden
wiirde, dann wiirde der ja das fur einen unartikulierten Laut halten
oder wiirde es heute gar fiir etwas sehr Boses halten. Also das ware sehr
toricht gedacht, wenn man sich vorstellen wiirde, das «Geh weg!» hatte
ein Geist gesprochen, denn der Geist kann nicht ein Deutscher oder ein
Franzose oder ein Englander sein. Das ist ja der Unsinn der Spiritisten,
dafi man sich durch ein Medium in Verbindung zu setzen meint mit den
Toten und Antwort bekommt und glaubt, so sprechen die Geister. Sie
tun das natiirlich nicht. Trotzdem sie vorhanden sind, tun sie es nicht.
Aber das Folgende ist der Fall.
Diese Art von Verbindung mit der geistigen Welt, die einem die
Moglichkeit gibt, von einer geistigen Welt auch wissenschaftlich zu
sprechen, die setzt voraus, daft man sich erst abgewohnt zu meinen,
daf? die Geister in einer irdischen Sprache sprechen. Man mulS erst die
iibersinnliche Welt kennenlernen und dann erst iibersetzen konnen in
eine gewohnliche Sprache, was die Geister in einer iibersinnlichen Spra-
che sprechen. Wenn der Betreffende, der an seinem Schreibtisch geses-
sen hat, also gehort hatte «Geh weg!» - so hatte das auch ganz gut sein
konnen. Aber die Sache ist namlich so, meine Herren: Sie haben von
mir gehort, dafi der ganze Mensch erfullt ist von Vernunft. Ich habe
Ihnen ja einmal auseinandergesetzt: Die Leber nimmt Vorgange wahr
im menschlichen Unterleib, die Lunge nimmt wahr, der ganze Mensch
ist ein Sinnesorgan. Das Herz nimmt wahr, durch das Herz nimmt man
die Blutzirkulation wahr. Aber im gewohnlichen Leben braucht man
diese Organe nicht zum Wahrnehmen. Man braucht seine Augen und
seine Nase, aber man braucht diese Organe nicht zum Wahrnehmen.
Diese Organe haben eine ganz bestimmte Eigentumlichkeit. Nehmen
Sie zum Beispiel die Leber, meine Herren! Sehen Sie, wenn man die
Leber herausschneidet aus dem Korper, dann ist sie also dieses Organ,
das Sie bei den Tieren kennen, weil Sie ja wahrscheinlich schon irgend-
welche Leber gesehen haben, mindestens Ganseleber. Aber dieses Organ
hat einen Atherleib, der mit dem anderen Atherleib in Zusammenhang
TafeU steht (Zeichnung, gelb), und hat auch einen astralischen Leib (violett)
und dann wird es erst noch durchzogen von dem Ich. Also dieses Or-
gan, die Leber, hat ja etwas Geistiges. In Ihrem Kopf nehmen Sie das
Geistige wahr, aber in ihrer Leber nehmen Sie das Geistige bewufit nicht
finm/rinht RuHnlf Stpinpr Narhlass-Vprwaltiinn Rurh- 3 5 fl £pifp' 8 fl
wahr. Da konnen Sie, so wie Sie im gewohnlichen Leben organisiert
sind, nichts iibersehen, geradeso wie ich Ihnen neulich erklart habe,
daft Sie das Geistige nicht wahrnehmen in Ihrer kleinen Augenlinse.
Aber man kann den ganzen Himmel mit der kleinen Augenlinse sehen.
Durch alle Kopforgane sprechen eigentlich geistige Wesenheiten fast
nicht. Da spricht die ganze Welt, die Sterne mit ihren Bewegungen und
so weiter, die sprechen durch die Kopforgane. Aber durch die anderen
Organe, zum Beispiel durch die Leber, da sprechen tatsachlich auch
geistige Wesenheiten. Zu der Leber spricht der Magen, aber auch gei-
stige Wesenheiten, zu der Lunge auch. Zu all den Organen, die man im
gewohnlichen bewufiten Leben nicht braucht, sprechen geistige Wesen-
heiten.
Nun, meine Herren, wenn der Kopf eigentlich darauf angewiesen ist,
nur dasjenige wahrzunehmen, was er draufien in der aufieren Welt er-
blickt, so ist gerade das Innere des Menschen, die unteren Organe, dar-
auf angelegt, in der geistigen Welt wahrzunehmen. Diese Organe sind
aber aufSerordentlich fein. Sie sind wirklich recht fein. Und dafi sie fein
sind, das konnen Sie schon daraus entnehmen, was manchmal fur Zu-
stande aus solchen Organen herauskommen. Diese Zustande beachtet
man meistens nicht, und man beachtet sie nicht, weil unsere Medizin so
unvollkommen ist. Sehen Sie, Sie werden ja schon irgendeinmal erfah-
ren haben, daft einer von einer riesigen Angst Diarrhoe kriegt. Man be-
achtet es nicht, weil man sich gar nicht vorstellt, dafi von der Angst die
Diarrhoe kommen kann. Sie kommt aber davon. Da ist ein Einflufi von
der Aufienwelt da. Aber dieser Einflufi kann dann auch von der geisti-
gen Welt da sein. Und aus der geistigen Welt heraus geschieht es schon
so, dafi diese Organe in der Tat wahrnehmen, aber ganz andere Dinge
wahrnehmen, als in der Aufienwelt sind.
Ich habe Ihnen ja jetzt schon ofter gesagt: Wir Menschen gehen
durch verschiedene Erdenleben. Ja, wenn die Menschen bisher so ohne
weiteres durch verschiedene Erdenleben hatten durchgehen sollen, so
wiirden sie das nicht gekonnt haben. Wenn der Mensch sich hier auf
der Erde von klein auf entwickeln soli, so muE er einen Fiihrer haben,
narnlich einen Erzieher oder Lehrer oder so etwas, sonst wiirde er ja
ganz dumni bleiben. Soldi einen Fiihrer hat aber wirklich der Mensch
in der geistigen Welt, der ihn von Erdenleben zu Erdenleben fuhrt und
der auch wirklich achtgibt im einzelnen Erdenleben nicht fiir die Dinge,
iiber die wir frei sind, iiber die wir selber verniinftig nachdenken, aber
fiir die Dinge, iiber die wir nicht nachdenken konnen, mit denen aber
unsere Menschenorganisation zusammenhangt. Und so kommt es, dafi,
wenn da einer sitzt und in einer gewissen Angstlichkeit ist, er dann be-
sonders empfindlich wird fiir dasjenige, was ihm bevorsteht. Diese
Empfindlichkeit mufi man auch in der richtigen Weise beurteilen. Man
mufi ganz genau unterscheiden: Tritt diese Empfindlichkeit fiir das Gei-
stige ein, oder ist diese Empfindlichkeit doch noch physisch erklarbar.
Wenn einer nicht kritisch ist, so kann er gar nicht iiber diese Dinge
richtig sprechen.
Ich will Ihnen hiervon auch noch ein Beispiel sagen. Da gab es ein-
mal eine Kranke, die wohnte im vierten Stock eines Hauses, und der
Arzt mulke taglich zu ihr kommen auch noch in der Zeit, in der sie
schon am gesunden war, denn die Sache war ziemlich gefahrlich. Der
Arzt kam zu dieser Kranken nicht etwa jeden Tag zu derselben Stunde,
sondern zu ganz verschiedenen Stunden, aber diese Kranke wufite jeden
Tag oben im vierten Stock ganz genau: Jetzt kommt der Arzt - auch
wenn er noch ganz unten war, Wenn er noch aufter dem Hause vor
dem Tore war, da wulke sie schon: Jetzt kommt der Arzt. - Nament-
lich aber wulke sie es, wenn er noch ganz unten war im Flur des Hau-
ses, bevor er noch eine Stufe erstiegen hatte. Das erzahlten die Leute
dem Arzt und sagten: Ja, die weifi das durch Hellsehen. - Nun, der
Arzt war zunachst ein bilkhen kribbelig. Arzte glauben das nicht
gleich. Aber nun, als er immer wieder und wieder angeranzt wurde von
den Leuten, die ihm sagten: Ja, unsere Tochter ist hellsehend, die weifi,
wenn Sie da unten sind - da sagte er einmal: Ich will die Geschichte
doch ausprobieren! - Und er zog sich ganz leise die Stiefel aus, bevor er
ins Tor hineinging. Und da wufke sie es nicht! Nun, sehen Sie, solche
Falle gibt es natiirlich auch, und die mull man richtig priifen. Denn
diese Kranke hatte einfach ein fein empfindliches Gehor gekriegt durch
das lange Liegen und hat unten die Tritte wahrgenommen, die man
sonst von unten nicht horte. Wenn man von allem gleich sagt, das ist
Hellsichtigkeit, so hat man natiirlich kein Recht, von geistigen Welten
zu reden. Man mufi ganz genau zu unterscheiden wissen zwischen dem,
was eben mit den Sinnen noch wahrgenommen werden kann und dem,
was nicht mehr mit den Sinnen wahrgenommen werden kann.
Die Dinge, die da spielen, zeigen aber, dafi die Sinne aufSerordentlich
empfindlich werden konnen. Denn im gewohnlichen Leben ist ja natiir-
lich der Mensch nicht fahig, wenn er im vierten Stock ist und unten
Tritte sind, sie gleich zu horen. Aber wie die Sinne am Kopfe und sonst
die Sinne empfindlich werden konnen, so konnen auch die inneren Or-
gane, die ja auch Sinne sind, eben empfindlich werden fur das Geistige.
Und wenn also dann zum Beispiel die Leber unter dem Eindruck stent:
heute konnte ich erschossen werden -, so ist sie besonders empfindlich,
und die Folge davon ist, daft die Leber horen kann, aber jetzt nicht in
irgendeiner italienischen oder deutschen Sprache, die Warnung von
dem geistigen Wesen, das ja wirklich da ist.
Aber denken Sie sich, nun geschieht das Wunderbare: Die Leber
mufi das ja erst abgeben an den Kopf, sonst kann es der Mensch nicht
wahrnehmen; denn da wird das auf dem Wege von der Leber bis zum
Kopf iibersetzt in die Sprache, die der Mensch spricht. Das ist das
Wunderbare dabei, da liegt namlich erst das Ratselvolle. Da konnen Sie
erst sagen, was fur ein merkwiirdiges Wesen dieser Mensch denn ist. Er
ist nicht etwa allein imstande, Ahnungen zu haben, sondern, was viel
wunderbarer ist, dasjenige, was ihm in der geistigen Sprache zukommt,
das iibersezt er eigentlich unbewuftt in seine Sprache.
Daraus konnen Sie aber sehen: Alles das, was in manchen spiritisti-
schen Zirkeln aufgeschrieben wird, das wird zu den Unterleibern ge-
sagt. Nur sind die Leute darauf aus, das nicht zuzugeben. Sie glauben,
die Geister sprechen italienisch oder franzosisch, aber das kommt alles
aus dem Menschen selber. Und dennoch, es ist eine Beziehung zur
geistigen Welt auch in diesen Sitzungen vorhanden, nur eine sehr
schlimme. Die wird dann in allerlei Dinge iibersetzt.
Aber aus diesem sehen Sie, daft man ja, wenn so etwas auftritt wie
dieses «Geh weg!», sich klar sein muS: Die eigentliche Verbindung mit
der geistigen Welt bleibt einem immer noch dunkel. Man hat keine
rechte Vorstellung, wenn man sich einfach vorstellt: der Schutzgeist hat
einem ins Ohr geraunt -, sondern man mufi wissen, auf welchem Urn-
wege das geschieht. Dann begreift man auch noch etwas anderes. Dann
begreift man, daft die Leute so etwas sehr leicht widerlegen konnen.
Denn fiir einen gewohnlichen Menschen ist das mit dem Menschen, der
sich die Schuhe ausgezogen hat, eine Widerlegung. Der sagt: Die Leute
glauben, das sei Hellsehen, Hellhoren, aber es war da kein Hellhoren,
sondern ein gewohnliches Horen. Also ist das bei dem anderen Fall
auch so.
Ja, das ist eben das, meine Herren, was man zuerst untersuchen
mufi! Und da sieht man dann, wenn man die ndtige Vorsicht iibt, daft
in der Tat auf diesen Umwegen fortwahrend von der geistigen Welt aus
mit menschlichem Schicksal gearbeitet wird, besonders stark natiirlich
in der Kindheit. Warum in der Kindheit? Ja, in der Kindheit ist nam-
lich der astralische Leib viel tatiger, da arbeitet der astralische Leib viel
intensiver. Spater arbeitet er nicht mehr so intensiv. Wenn die Leber
beim Kind noch weich ist, so kann der astralische Leib das, was er in
der geistigen Welt hort, auf die Leber iibertragen. Spater, wenn die Le-
ber hart geworden ist, kann er nichts mehr iibertragen.
Nun miissen Sie denken, was solch ein Ereignis wie das, was von
Herrn Burle erlebt worden ist, fiir eine Bedeutung hat, wenn einem
also eigentlich der Tod bevorsteht und nicht das eintritt, was durch die
aufiere Natur der Dinge ganz gut vorgesehen ist. Denn Sie hatten da-
zumal, wie Sie das «Geh weg!» gehort haben, draufgehen konnen?
(Wird bestatigt.) Also Sie waren draufgegangen. Solche Falle gibt es
viele im Leben des Menschen. Nur, viele bemerkt man nicht. Aber das
ist einer, den Sie stark bemerkt haben.
Nun aber haben Sie, bevor Sie Ihr jetziges Erdenleben durchgemacht
haben, viele friihere durchgemacht. Ja, meine Herren, was man friiher
in den Erdenleben durchgemacht hat, das will sich ja in der richtigen
Weise ausleben. Das will sich so ausleben, daft man zum Beispiel in die-
sem Leben jetzt ein richtig langes Leben hat, damit alles sich so ausle-
ben kann, wie es durch die friiheren Erdenleben bedingt ist. Nun kann
dem die auftere Natur sogar widersprechen. Ich kann eines Tages durch
die aufieren Verhaltnisse einem Ungluck ausgesetzt sein, konnte sterben
miissen, und die Sache konnte so werden, dafi ich, sagen wir, wenn ich
sterbe, eigentlich meinem vorigen Erdenleben nach in unverhaltnismafiig
friiher Zeit sterbe. Es ist nach dem vorigen Erdenleben nicht richtig,
dafi ich so friih sterbe, weil ich noch etwas zu tun habe auf der Erde.
Nun konnte ich auch sterben. Glauben Sie nicht, dafi das ganz unbe-
dingt gesichert ist, dafi ich nicht sterbe! Ich konnte auch sterben, das
Ungliick konnte eintreten. Ich konnte sterben, aber mein ganzes
Schicksal wiirde geandert. Denn ich habe eben das Stiickchen Erdenle-
ben, das ich noch hatte durchleben sollen, dann nicht. Das ganze
Schicksal wiirde geandert! Da greift nun diese geistige Wesenheit ein,
die den Menschen von Erdenleben zu Erdenleben fuhrt, und kann ihn
warnen. Da liegt immer ein Grund vor, dafi sie ihn warnen kann. Aber
natiirlich sind die Verhaltnisse aufierordentlich verwickelt, und irgend-
einmal kann es auch so liegen, dafi diese Wesenheit, die den Menschen
schiitzen will, wenn wir das Wort so anwenden wollen, anderen We-
senheiten unterliegt, die sie abhalten, die sie weghalten. In der geistigen
Welt konnen durchaus auch solche Kampfe stattfinden. Aber wenn
bose Wesenheiten, wenn ich mich so ausdriicken darf, kein besonderes
Interesse daran haben, dann kommt die Warnung durch. Und so ist sie
dazumal durchgekommen. Und daft da ganz besondere Dinge eintreten
konnen, auch aufterlich, ja, das kommt auch unzahlige Male vor.
Sie haben sich gewundert, nicht wahr, beim zweiten Fall, den Sie aus
Ihrem Leben erzahlten, warum da nicht weiter gedreht worden ist.
Denn wenn da weiter gedreht worden ware, so hatten Sie zugrundege-
hen miissen. Die anderen konnten das Wasser nicht laufen lassen, Sie
allein konnten es dann. Nun, woran lag das? Sie konnten gar nicht au-
fierlich sehen, woran das lag. (Herr Burle: Nein!) Es lag daran, dafi
diese Sie warnen oder Sie erhalten wollende geistige Wesenheit den Wil-
len der anderen in diesem Moment gelahmt hat. Das wirkt immer durch
den Menschen selber durch, nicht auf eine auftere Weise, nicht durch
einen anderen. Der Wille war in diesem Moment in den anderen ge-
lahmt, sie kriegten es nicht fertig, die Muskeln zu bewegen. Also so
sind die Dinge, so hangen die Dinge zusammen. So daft man immer,
wenn man von der geistigen Welt reden will, sicher sein mu6, daft die
geistige Welt durch den Menschen wirkt. Geradeso wie man ohne
Auge nicht eine Faroe sehen kann, so kann man ohne diese innere
Tatigkeit des Menschen nicht die geistige Welt wahrnehmen. Das
ist ja dasjenige, was man immer beachten mufi, wenn man richtige
Wissenschaft treiben und nicht in Aberglauben kommen will. Denn
das ist also so, dafi das, was auf der Erde ist, die verschiedenen Spra-
chen, nicht mehr gilt fur die geistige Welt, sondern es gelten da nur
solche Sprachen, die man eben erst lernen mui Will man in die geistige
Welt eindringen - und ich habe ja beschrieben, was man da fur Ubun-
gen machen mufi, um in die geistige Welt einzudringen -, dann muE
man vor alien Dingen, wahrend man in die geistige Welt eindringt, sich
abgewohnen konnen das Denken. Nicht fur immer, das ware ja
schlimm, aber fur die Momente, wo man in die geistige Welt eindringen
will. Denn das menschliche Denken, das ist nur fur diese irdische Welt.
Daher ist das Denken auch so verwandt mit dem Sprechen. Wir denken
ja eigentlich in Worten in der physischen Welt, und nur dadurch, daft
man sich allmahlich gewohnt, nicht in Worten zu denken, kommt man
der geistigen Welt nahe.
Und jetzt will ich Ihnen erklaren, wie es ist, wenn der Mensch direkt
in die geistige Welt hineinsieht. Denken Sie sich also, der Herr Burle
ware in dem Momente, wo ihm das passiert ist, daft dann zu ihm «Geh
weg!» gesagt worden ist, ein Hellseher gewesen, aber ein rich tiger
Hellseher, was ware dann geschehen ? Wenn der Herr Burle ein Hellse-
her gewesen ware, dann hatte er nicht innerlich diese furchtbar geistrei-
che Arbeit zu verrichten gebraucht, das erst ins Deutsche zu iiberset-
zen, was ihm ein geistiges Wesen gesagt hatte, aber etwas anderes ware
gekommen. Denn da hatte er gelernt, wie dasselbe geistige Wesen deu-
ten kann, Gebarden machen kann, Zeichen machen kann. Denn die
geistigen Wesen reden nicht in Worten, sondern die machen Gebarden.
Naturlich nicht solche Gebarden, wie ein Taubstummer sie macht, aber
sie machen Gebarden. Die Menschen sind eben meistens nicht zufrie-
den mit diesen Gebarden, weil sie wie die Spiritisten etwas horen wol-
len. Aber in der wirklichen geistigen Welt ist es nicht so, da sind die
Dinge nicht mit aufierem Ohr horbar. Man kann gar nicht begreifen,
wie ein verniinftiger Mensch sich das vorstellen kann, daft er mit physi-
schen Ohren die Geister hort, denn physische Ohren konnen da nicht
zuhoren. Es ist ein Unsinn, zu glauben, die physischen Ohren konnten
die Geister horen. Das mufi naturlich der Astralkorper von irgendei-
nem Organ sein, der die Geister hort. Aber das ist auch kein wirkliches
aufteres Sehen und Horen, sondern das ist ein Wissen, wie man die Zei-
chen auffassen mufi, die einem diese Wesenheiten machen. Und dann
wiirde Herr Burle, wenn er hellsehend gewesen ware, statt zu horen:
«Geh weg!», ein geistiges Bild gesehen haben, wissen Sie, so wie wenn
einer ihn wegschiebt. Und hatte er dann richtig innerlich geistigwahrge-
nommen, dann hatte er es nicht erst zu iibersetzen gebraucht ins «Geh
weg!». Aber das geschieht alles still und in Ruhe, und daran sind die
Leute nicht gewohnt, die geistige Welt still, in Ruhe, in Schweigsamkeit
aufzunehmen. Man wiirde auch, wenn irgendwo eine Gefahr schwebt,
gar nicht darauf kommen, recht ruhig sein zu wollen. Man ist dann aufge-
regt, aber durch die Aufregung wird gerade die geistige Welt dann nicht
wahrgenommen. Und wenn dann doch das Schicksal sprechen soli,
dann spricht es eben so, dafi der Mensch das erst in sich iibersetzt.
Sehen Sie, es gibt, wie Sie ja wissen, Menschen, welche sehr leicht
mathematisch denken konnen und solche, die gar nicht mathematisch
denken konnen, solche, die gut rechnen konnen und solche, die gar
nicht rechnen konnen. Es gibt ja diese verschiedenen Fahigkeiten. Aber
gerade wenn man sich recht anstrengt im mathematischen Denken,
dann kommt man leichter in das wirkliche Hellsehen hinein, als wenn
man gar keinen Begriff hat von mathematischem Denken. Und darin
liegt schon der Grund, warum die Menschen heute so schwer hinein-
kommen in die Anschauung der geistigen Welt. Denn diejenigen, die
heute eine Schulung durchmachen, sind ja noch zumeist diejenigen, die
durch Griechisch und Latein, Literatur und alles mogliche durchgehen,
durch all das, wobei man schlampig denken kann. Ja, die meisten soge-
nannten gebildeten und gelehrten Leute haben eigentlich nur «schlam-
pet» denken gelernt, weil sie denken in demjenigen, in dem eigentlich
die alten Romer oder Griechen gedacht haben, und die anderen lernen
das dann von ihnen. Und so existiert heute eben ein furchtbar schlam-
piges Denken, gar kein Denken, das wirklich Kraft in sich hat. Davon
kommt es, daft man heute solche Dinge gar nicht richtig verstehen
kann, die aus der geistigen Welt herausgeholt sind. Wiirden die Leute
ein richtiges scharfes Denken haben, dann wiirden sie ja gerade vie!
eher zum Verstehen dessen kommen, was in der geistigen Welt vorgeht.
Sie konnen an aufteren Dingen, die in den letzten Jahrhunderten sich
abgespielt haben, sehen, wie der Mensch aber wiederum geradezu be-
strebt ist, nicht zu der geistigen Welt hinzukommen. Das will ich Ihnen
an einem Beispiel erklaren.
Sehen Sie, als ein gewisser Stephenson zuerst darauf aufmerksam ge-
macht hat, man konne Wagen machen mit eisemen Radern, die auf
Schienen fahren, da wurde das den Gelehrten seiner Zeit vorgelegt. Die
Sache ist noch gar nicht lange her. Nun haben die Gelehrten zu rechnen
angefangen, haben eine richtige Rechnung gemacht. Was haben sie her-
ausgekriegt? Sie haben ausgerechnet: Niemals wurde, wenn hier eine
Tafel 8 Schiene ist und da ein Rad (es wird gezeichnet), ein Wagen vorwarts-
kommen, wo das Rad so iiber die Schiene gehen soil. Es kann nicht
sein. - Und sie rechneten weiter und rechneten aus: Es kann nur dann
das Rad vorwartsgehen, wenn die Schiene so gezahnt ist und das Rad
auch gezahnt ist, so daft immer ein Zahn, der erhoht ist, in ein solches
eingreift. - Also die Gelehrten haben ausgerechnet, daft, wenn die Wa-
gen Zahnrader hatten und die Schienen auch Zahne hatten, in die die
Wagenzahnrader eingreifen, es dann gehe, daft die Wagen sich vor-
wartsbewegen und haben bewiesen, nur auf diese Weise konnten sich
Eisenbahnzuge vorwartsbewegen. Nun, meine Herren, Sie sehen, es
geht ganz famos heute, ohne daft man Zahnrader und gezahnte Schie-
nen hat! Was haben die Leute getan? Es ist noch gar nicht sehr lange
Zeit her. Ja, sie haben gerechnet. Das Rechnen behalten sie aber bloft
im Kopf, sie lassen nicht den iibrigen Menschen darin wirken. Dadurch
wird es stumpf, das Rechnen. Gerade das Rechnen ist etwas, wodurch
man hell werden kann. Aber die Menschen haben sich im letzten Jahr-
hundert sogar gegen das Rechnen gestellt. Dadurch ist aber das ganze
ubrige Denken auch in Verwirrung gekommen. Und 1835, als es soweit
war, daft man nicht mehr iiber «Zahnrader» debattiert hat, sondern die
erste Eisenbahn in Deutschland von Fiirth nach Nurnberg eingerichtet
wurde, da hat man wiederum das Bayerische Arztekollegium zusam-
mengerufen und hat die gefragt, ob man die Eisenbahn bauen solle, ob
es gesund sei. Dieses Dokument ist aufterordentlich mteressant. Es ist
noch nicht so lange her, als Sie denken, das ist noch nicht ein Jahrhun-
dert her. Diese Versammlung von gelehrten Herren hat das Dokument
ausgestellt, man solle lieber keine Eisenbahnen bauen, denn diejenigen
Leute, die darinnen sitzen, wiirden aufierordentlich nervos werden.
Wenn aber die Leute einen zwingen wiirden, doch Eisenbahnen zu
bauen, wenn sie so schnell vorwartskommen wollen, dann miisse man
wenigstens links und rechts vom Zuge grofie, hohe Bretterwande auf-
richten, damit, wenn die Ziige vorbeifahren, von dem raschen Vorbei-
fahren die Bauern nicht Gehirnerschiitterungen kriegen wiirden. Das
steht in dem Dokument der gelehrten Herren drinnen.
Ja, so haben die Leute geurteilt. Aber glauben Sie nicht, daft sie heute
anders urteilen iiber diejenigen Dinge, die wirklich vorwartsweisend in
die Welt dringen. Sie urteilen heute auch nicht anders. Denn dafi man
heute lacht iiber das, was 1835 vorgekommen ist, das ist eben hinterher,
und so werden die Leute iiber das, was heute geschieht, auch erst hin-
terher lachen konnen, wenn es fast hundert Jahre her sein wird. Die
Leute haben ja iiberhaupt sich ganz besondere Ideen gemacht iiber die
Dinge, die neu sein sollen. Mit den Eisenbahnen ist es gar nicht so
leicht gegangen, denn das hat dem Denken der Menschen lebhaft wi-
derstrebt. Als zum Beispiel in Berlin die erste Eisenbahn nach Potsdam
gebaut werden sollte, da mufite der Generalpostmeister gefragt werden,
denn er hatte jede Woche die vier Postwagen beaufsichtigt, die von Ber-
lin nach Potsdam und wieder zuriick gegangen sind, und da mufke er
sein Gutachten abgeben, ob eine Eisenbahn gebaut werden solle. Da
gab er sein Gutachten ab: Ja, er lasse doch viermal in der Woche einen
Postwagen von Berlin nach Potsdam gehen, und da sitze kaum jemand
drinnen. Warum soli man denn eine Eisenbahn bauen, wo im Postwa-
gen niemand drinnen sitzt? - Heute ist es so, dafi von Berlin nach Pots-
dam zehn bis zwolf Ziige taglich gehen, und sie sind alle voll. Nur
nicht gerade jetzt, in diesem Augenblick, aber sie waren alle voll. Sehen
Sie, so schwer konnen sich die Leute seit ein paar Jahrhunderten hin-
einfinden in dasjenige, was eigentlich in der Welt geschieht. Daher
nimmt man die Dinge nicht wahr, die sich abspielen, und hochstens
glaubt man einem Menschen, der, ich rnochte sagen, eine aufSerliche
Autoritat ist. Dem glaubt man manchmal etwas. So will ich Ihnen eine
Geschichte erzahlen.
Da war ein ganz beriihmter Techniker in England - die Sache ist
noch nicht lange her, es ist etwa vierzig Jahre her -, ich glaube, er hiefi
Varley y ein ganz beriihmter Techniker, an (lessen Verstand niemand
zweifelte. Diesem ganz beriihmten Manne passierte folgendes. Er fuhr
mit seiner Frau von London aufs Land hinaus, weil seine Schwagerin,
die Schwester seiner Frau, sehr krank war; sie war fast eine Sterbende
schon. Sie blieben ein paar Tage draufien. Nun, in der ersten Nacht, in
der dieser Herr, der also ein ganz be
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