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RUDOLF STEINER G ES AMT AUSG ABE
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM ARCHIV
Erganzungen zu den
padagogischen Grundkursen
Verdffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach
als Studienmaterial fiir die Lehrer an Waldorfschulen
Aus verschiedenen, von Rudolf Steiner nicht durchgesehenen unvollstandigen
Nachschriften und handschriftlichen Notizen der Teilnehmer zusammengestellt und
herausgegeben von Erich Gabert (+) und Hans Rudolf Niederhauser
unter redaktioneller Mitarbeit von Anton Rodi
Erste Veroffentlichung als Vervielfaltigung fiir
Lehrer der Waldorfschulen, o. J. (intern)
Zweite Veroffentlichung (mit Auslassungen)
in „Die Menschenschule", 1946—1956
Dritte, erweiterte Ausgabe (Vervielfaltigung)
in 8 Heften, Stuttgart 1962-1964
Vierte, neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe
(erste Buchauflage in 3 Banden), Gesamtausgabe Dornach 1975
Bibliographie-Nr. 300 / 1
Alle Rechte fiir die Wortlaute Rudolf Steiners bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung,
Dornach / Schweiz
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz
Abdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Meier + Cie AG Schaffhausen
ISBN 3-7274-3000-1 (Reihe)
ISBN 3-7274-3001-X (l.Band, Ln.) ISBN 3-7274-3004-4 (l.Band,Kt.)
RUDOLF STEINER
Konferensen
mit den Lehrern
der Freien Waldorfschule in Stuttgart
1919 bis 1924
Erster Band
Das erste und 2weite Schuljahr
1975
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Veroffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
als Studienmaterial fur die Lehrer an Waldorfschulen
Obersicht tiber die Konferenzen in drei Banden
Erster Band
1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920
Konferenzen vom 8. September 1919 bis 31. Juli 1920
2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921
Konferenzen vom 21. September 1920 bis 26. Mai 1921
Zweiter Band
3. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922
Konferenzen vom 16. Juni 1921 bis 10. Mai 1922
4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis 24. Marz 1923
Konferenzen vom 20. Juni 1922 bis 8. Marz 1923
Dritter Band
5. Schuljahr: 24. April 1923 bis 7. April 1924
Konferenzen vom 30. Marz 1923 bis 27. Marz 1924
6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925
Konferenzen vom 9. April 1924 bis 3. September 1924
Als lebensmafiige Voraussetzung gait fiir die Teil-
nehmer dieser Konferenzen die Kenntnis der
Anthroposophie, der drei grundlegenden Vor-
tragskurse: ,,Allgemeine Menschenkunde als
Grundlage der Padagogik", ,,Erziehungskunst.
Methodisch-Didaktisches" und die ,,Seminar-
besprechungen", sowie der anderen Kurse, die
Rudolf Steiner fiir die Lehrer der Waldorfschule
gehalten hat: „Menschenerkenntnis und Unter-
richtsgestaltung", 1921, ,,Meditativ erarbeitete
Menschenkunde", 1920, ,,Erziehungsfragen im
Reifealter" und ,,Zur kiinstlerischen Gestaltung
des Unterrichts", 1922, ,,Anregungen zur inner-
lichen Durchdringung des Lehrerberufs", 1923.
Diese Kenntnis mufi als Grundlage zur Beurtei-
lung des Ganzen wie der Einzelheiten dieser Kon-
ferenzen auch beim Leser vorausgesetzt werden.
Die Wortlaute der Konferenzen waren nicht zur
Veroffentlichung gedacht. Es mufi hinge no m men
werden, daft in den von Rudolf Steiner nicht
durchgesehenen, unvollstandigen Aufzeichnun-
gen Fehlerhaftes enthalten ist.
INHALT
Vorwort 9
Einleitungen von Erich Gabert 13
Sieben Themen, die oft erwahnt werden:
1. Rudolf Steiner; Anthroposophische Gesellschaft;
Weihnachtstagung 13
2. Dreigliederung des sozialen Organismus 16
3. Emil Molt; Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik;
Waldorfschulverein, Weltschulverein 20
4. Staatliche Schulbehorden 26
5. Schulbewegung 30
6. Jugendbewegung 32
7. Konfessioneller und freier Religionsunterricht;
Christengemeinschaft 35
Die sechs einzelnen Schuljahre:
1. Schuljahr September 1919 bis Juli 1920 42
2. Schuljahr September 1920 bis Juni 1921 48
3. Schuljahr Juni 1921 bis Mai 1922 51
4. Schuljahr Juni 1922 bis Marz 1923 53
5. Schuljahr April 1923 bis April 1924 56
6. Schuljahr April 1924 bis Marz 1925 57
Anspr ache am 20. August 1919 61
Konferenzen vom:
8. September 1919 65
25. September 1919 69
26. September 1919 96
22. Dezember 1919 > 112
23. Dezember 1919 115
l.Januarl920 117
6. Marz 1920 . < 120
8. Marz 1920 122
14. Marz 1920 125
9.Junil920 127
12.Junil920 131
14. Junil920 136
23. Junil920 155
24. Julil920 162
29. Julil920 182
30. Julil920 193
31. Julil920 201
21. September 1920 205
22. September 1920 214
15. November 1920 235
22. November 1920 244
16. Januar 1921 255
23. Marz 1921 273
26. Mai 1921 278
Zeittafel 290
Hinweise 300
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 315
Das Sachwortverzeichnis und die Liste zu den drei Banden (1, 2, 3)
sind am Schlufi des 3. Bandes
VORWORT
Siebzig Konferenzen hat Rudolf Steiner mit dem Lehrerkollegium
der von ihm geleiteten Freien Waldorfschule abgehalten, die erste am
8. September 1919, am Tage nach der feierlichen Schuleroffnung,
die letzte am 3. September 1924. Aufier am 25. und 26. September
1919 wurde nie ein Stenograph hinzugezogen. Von dem, was uns
heute an Nachschriften iiber den Inhalt der Konferenzen vorliegt,
verdanken wir weitaus das meiste dem treuen Mitstenographieren
von Dr. Karl Schubert. Aus der Zeit, ehe er im Sommer 1920 in das
Lehrerkollegium eintrat, sind nur kurze Notizen vorhanden. Als
spater das Kollegium grofter wurde, entstanden immer mehr, zum
Teil auch stenographische Aufzeichnungen, die den Schubertschen
Text erganzen konnten.
Weil Konferenzgesprache nie so liickenlos und zuverlassig nach-
geschrieben werden konnen wie Vortrage, tragen alle vorliegenden
Aufzeichnungen einen oft recht fragmentarischen Charakter, und
die Herausgeber sahen sich vor die Aufgabe gestellt, die Bruchstucke
richtig ineinanderzufiigen, damit sie sich gegenseitig erganzen und
stiitzen. Der Leser aber ist zu starker und aktiver innerer Arbeit
aufgerufen, um das, was uns nur wie in einer andeutenden Partitur
vorliegt, zu einem erklingenden Bilde lebendig zu machen. Der ge-
naue Wortlaut bleibt nicht selten unsicher, nur wenn Rudolf Steiner
langere zusammenhangende Ausfiihrungen machte, von denen dann
vielleicht mehrere Nachschriften erhalten sind, kann der Text als
verhaltnismafiig authentisch angesehen werden.
Die erste Vervielfaltigung der Konferenz-Nachschriften wurde im
Anfang der dreifiiger Jahre intern an die Lehrer der Waldorfschulen
ausgegeben. Diese Hefte sind langst vergriffen. Ebenso sind die Hefte
der ,,Menschenschule" vergriffen, in der in den Jahrgangen 20 bis 30
(1946 bis 1956) die Konferenzen abgedruckt waren, mit Auslassun
gen, die durch den Charakter dieser Veroffentlichung gegeben
waren. In die zweite vervielfaltigte Ausgabe von 1962 war es mog
lich, bisher noch nicht zuganglich gewesene Notizen mit hineinzu
arbeiten. So konnten besonders die so unbefriedigend knappen
Texte zu den Konferenzen vom 8. September 1919, vom Dezembei
1919 und vom Marz 1920 nicht unwesentlich erganzt werden. Voi
allem aber konnte die Ansprache vom 20. August 1919 hinzugefiigt
werden. Bis vor gar nicht langer Zeit war nur aus Emil Molts
,,Lebenserinnerungen" bekannt, daft Rudolf Steiner am Vorabend
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Vorwort
der grofien padagogischen Kurse vor der Begriindung der Waldorf-
schule eine Ansprache an die Kursteilnehmer gehalten habe, aber
eine Nachschrift war nicht vorhanden. Jetzt liefl sich diese Anspra-
che aus mehreren Aufzeichnungen wenigstens so weit wiederher-
stellen, dafi dadurch doch ein Eindruck vermittelt werden kann von
ihrem Inhalt, aber auch von der Stimmung, die sie in sich trug.
Auch in der vorliegenden Buchausgabe sind, wie in den fruheren
Vervielfaltigungen, im Prinzip die Namen der Lehrer wie vor allem
der Schiiler unkenntlich gemacht. Obwohl oft das padagogisch Wich-
tiee vom Personlichen nicht zu trennen ist, geht es in dieser Ver-
offentlichung um die Erkenntnis des Allgemeingultigen, insofern es
durch den Einzelfall zur Erscheinung kommt. Nur an solchen Stel-
len, wo Rudolf Steiner einen Lehrer erwahnt oder mit Freude etwas
Wohlwollendes, Lobendes iiber einen Lehrer sagt, ist der Name ge-
nannt.
Fur die vorliegende erste Buchausgabe wurde der Text nochmals
sorgfaltig mit den Unterlagen verglichen, verbessert und erganzt. Vor
allem wurden, soweit als moglich, vermehrt Voten der Lehrer auf-
genommen, wodurch der Charakter des Gespraches starker in Er-
scheinung tritt.
Wir haben im Ablauf der einzelnen Konferenzen nicht einen geform-
ten inneren Aufbau vor uns wie bei Vortragen. Nur zuweilen steht
am Anfang eine Ansprache oder eine langere Ausfiihrung Rudolf
Steiners, etwa iiber den Lehrplan einer neu zu errichtenden Ober-
klasse. Aber meistens werden die im taglichen Schulleben gerade
anstehenden Fragen, ohne dafi zwischen diesen ein naherer Zusam-
menhang bestehen muBte, der Reihe nach durchgesprochen. Darauf
folgen dann in lebendigem Gesprach die Fragen, die nun von den
einzelnen Lehrern gestellt werden, wobei oft auf Dinge zuriickgegrif-
fen wird, die in derselben Konferenz schon erwahnt waren, so daft
Rudolf Steiners Aufierungen dazu im Text zerstreut dastehen. Eine
gewisse Gliederung und Ordnung nach Themen schien moglich und
geraten. Deshalb ist in dieser Buchausgabe wie in einigen fruheren
Veroffentlichungen das, was innerhalb einer Konferenz an verschie-
denen Stellen iiber ein und dasselbe Thema — beispielsweise iiber die
Fremdsprachen — besprochen wurde, zusammengeriickt worden.
Die Konferenzen waren eine lebendige Fortbildung der Lehrer-
schaft. Sie bilden eine wichtige Erganzung zu den grundlegenden
Kursen, die Rudolf Steiner den Lehrern vor und nach derGriindung
der Waldorfschule gehalten hat. Ohne die Kenntnis dieser Kurse sind
diese Ausfiihrungen nicht verstandlich. Denn die hier oft nur frag-
Vorwort
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mentarisch festgehaltenen Einzelheiten erhalten Licht und Bedeu-
tung erst, wenn sie im Zusammenhang des Ganzen betrachtet wer-
den. Durch die Veroffentlichung wird etwas vom Leben und der
inneren Geschichte der ersten Waldorfschule unter Rudolf Steiners
Leitung sichtbar.
Mit dieser Waldorfschule wurde nicht ein ideales, fertig ausgedachtes
Schulprogramm verwirklicht. Rudolf Steiner hat vielmehr bis in Ein-
zelheiten vorbildlich dargelebt, wie ein Schulorganismus, wie das
Schulwesen uberhaupt aus den individuell gegebenen Lebensmog-
lichkeiten der beteiligten Menschen, der ortlichen und zeitlichen
Verhaltnisse nach den Bedingungen des freien Geistesleben ent-
wickelt und einmalig gestaltet werden mufi.
So wird selbst durch alle Mangel der Nachschriften hindurcli in die
sen Texten heute noch etwas vom sich gestaltenden Geist der ersten
Waldorfschule erlebbar und vermag in der Seele des Lesers etwas in
Bewegung zu bringen, was von der lebendig fortwirkenden Kraft der
Waldorfschul-Padagogik zeugt.
Erich Gabert
Hans Rudolf Niederhauser
EINLEITUNGEN
Hier soli zunachst manches zusammengefaBt werden, was sonst in
vielen einzelnen Hinweisen so sehr zerstreut dastehen wiirde, daft es
kein wirkliches Bild geben kann. Fur das Verstandnis der Konferen
zen wird aber viel darauf ankommen, daft auch der ganze Rahmen
deutlich gesehen werde, alles was um die Schule herum und in ihr
vorgingin diesen Jahren 1919 bis 1924.
Zugleich kann damit ein kleiner Beitrag geleistet werden zu einer
Aufgabe, die sehr groB vor uns stent, zu einer Geschichte, gleichsam
einer Biographie der Waldorfschule in der Zeit, als Rudolf Steiner sic
leitete. Es kann aber eben nur ein ,, Beitrag" sein, weil die Ausfuhrun
gen hier einseitig auf den Text der Konferenzen hingeordnet sind
und nur das erwahnen, was auch dortvorkommt oder vorausgesetzt
wird,
Sieben Themen, die oft erwdhnt werden
1. Rudolf Steiner;
Anthroposophische Gesellschaft; Weihnachtstagung
Auch aus dem Gesamtkomplex Anthroposophische Gesellschaft
konnen hier nur wenige Tatsachen herausgehoben werden.
a) Wahrend die Waldorfschule entstand und heranwuchs, wurde in
Dornach in der Schweiz das erste Goetheanum gebaut, an dem auch
manche der Lehrermitgearbeitethatten. (Vgl. ,,Der Baugedanke des
Goetheanum"; Liste Nr. 101.) Erwahnt werden in den Konferenzen
die Saulenarchitrave (1/245), die Pflanzenfarben, mit denen die
Kuppeln ausgemalt wurden, das farbige Glas der Fenster, in das
Darstellungen hineingraviert waren (1/154, 245); auch der Verein
,,Goetheanismus", der fur die Erstellung und Verwaltung desBaufcs
geschaffen worden war (1/184).
In dem 1920 provisorisch eroffneten, aber noch nicht vollendeten
Bau hielt Rudolf Steiner Hunderte von Vortragen. Auch die Hocli
schulkurse (1/153, 2/47) fanden hier statt, ebenso die Fachkurse:
fur die Theologen (2/39), die Arzte (1/153) und fur viele andere
Gruppen. Den am Bau Arbeitenden hielt Rudolf Steiner seine
„Arbeiter-Vortrage" (3/34, 77), von denen seit August 1922 Nach-
schriften vorliegen (Liste Nr. 112, 113, 119, 128-134). Im Umkreis
des Goetheanums, in Arlesheim, entstanden im Juni 1921 das von
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Einleitungen
Dr. med. Ita Wegman geleitete Klinisch-Therapeutische Institut und
nahebei die Weleda, in der Heilmittel und Kosmetika hergestellt wer-
den. — Mehrfach bezieht sich Rudolf Steiner auf die seit 1921 am
Goetheanum erscheinende und von Albert Steffen geleitete Wochen-
schrift „Das Goetheanum" (2/93, 3/89, 126. ListeNr. 139).
b) Die Anthroposophische Gesellschaft hatte zunachst noch ihren
Sitz in Deutschland. Rudolf Steiner stand neben ihr als Lehrer und
Berater. Er gehorte ihrem Vorstand nicht an, war selbst nicht einmal
Mitglied (3/114). Im Rahmen der Gesellschaft wurden in Munchen
1910 bis 1913 die vier Mysteriendramen (1/136, 2/36) aufgefiihrt.
In Munchen war auch am 28. August 1913 die erste Eurythmieauf-
fiihrung (1/288). Sie wurde, wie viele spatere, von Rudolf Steiner
mit einer Ansprache eingeleitet (3/89). In den Konferenzen ist auch
die Rede von der Ausbildung der Eurythmistinnen durch Frau
Dr. Steiner (1/199), von dem in Stuttgart 1922 gebauten Euryth-
meum (1/135, 202, 3/27), von dem Kurs fur Heileurythmie 1921
(1/190, 269) und von den von Rudolf Steiner entworfenen und zum
Teil selbst bemalten Eurythmiefiguren (2/294, 3/96), deren Nach-
bildungen auch in der Waldorfschule aufgestellt wurden.
Vom Jahre 1919 ab wurden fur die Anthroposophische Gesellschaft
die Schwierigkeiten zunehmend grofter, sowohl von auften wie
innen. Auften meldeten sich die Gegner. In der Presse, zum Beispiel
in der Arlesheimer ,,Birseck-Post" (2/58) erschienen Angriffe iiDel-
ster Art. In Stuttgart hetzte General Gerold von Gleich (2/137) in
Schrift und Vortragen. In Munchen kam es nach Rudolf Steiners
Vortrag vom 15. Mai 1922 zu Krakeel (3/192), und es wurden tat-
liche Angriffe versucht.
Im Inneren der Gesellschaft hatten junge Mitglieder manche in den
Universitaten iiblichen ,,Methoden" oder ,,Unmethoden" (2/226)
auch in die an throposophische Arbeit hineingetragen. Darausergaben
sich Reibereien zwischen den jungeren und den alteren Mitgliedern.
Eigene Jugendgruppen wurden gegriindet. (Vgl. Abschnitt 6,
,Jugendbewegung".)
Rudolf Steiner brauchte scharfe Worte, zum Beispiel daft ,,die Ge-
sellschaft schlaft" (2/147), oder daft sie ,,zerfallt in lauter Cliquen"
(2/225). Er sprach auch eindringlich tadelnd vom ,, Mangel an Ver-
antwortungsgefiihl" (2/180). Viele Mitglieder, auch ein Komitee von
sieben Waldorflehrern (2/237—239), versuchten, dem Unheil Ein-
halt zu tun.
Die Krisen wurden grell beleuchtet durch ein ,,unermeftliches Un-
Einleitungen
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gliick" (2/224), den Brand des Goetheanums in der Neujahrsnacht
1922/23. Bei der nun fur Marz 1923 einberufenen Delegiertenver-
sammlung (2/292) versuchte Rudolf Steiner, die Gesellschaft zu
reorganisieren. Ein neuer Vorstand wurde eingesetzt. Aber weil sich
keine Hoffnung mehr zeigte fur ein gutes Zusammenarbeiten der
Alteren und der Jiingeren, schlug Rudolf Steiner vor, daft neben der
bisherigen Gesellschaft noch eine zweite, die ,,Freie" Anthroposo-
phische Gesellschaft gebildet werden solle mit eigenem Vorstand,
genannt Komitee (3/17, 20). Doch alle diese Anderungen konnten
der Schwierigkeiten nicht mehr Herr werden.
c) Da berief Rudolf Steiner die Mitglieder zu einer Tagung an das
Goetheanum in der Weihnachtszeit 1923/24, um eine ,,vollstandige
Neugestaltung" (3/110) der Gesellschaft vorzunehmen. Auf dieser
,,Weihnachtstagung" wurde die ,,Allgemeine Anthroposophische
Gesellschaft" gegriindet (Zeittafel). Ihr Sitz sollte am Goetheanum
sein. Das Amt des Vorsitzenden iibernahm Rudolf Steiner selbst. Die
anderen Vorstandsmitglieder waren Albert Steffen, Marie Steiner,
Ita Wegman, Elisabeth Vreede, Gunther Wachsmuth. (Vgl. ,,Die
Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposo-
phischen Gesellschaft". Liste Nr. 118.)
Viele Lehrer hatten die Weihnachtstagung mitgemacht, aber kaum
jemand hatte die grundlegenden Vortrage horen konnen, die Rudolf
Steiner am 18. und 30, Januar 1924 hielt, ehe er die Erste Klasse der
Hochschule ins Leben rief. Deshalb besprach er die Fragen nach der
Hochschule und besonders die nach deren Verhaltnis zu den ,,Sek-
tionen", insbesondere auch der padagogischen, soweit esdie Schule
anging, eingehend in der Konferenz vom 5. Februar 1924 (vgl. ,,Die
Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft
und der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft — Der Wieder-
aufbau des Goetheanum". Liste Nr. 50).
Die Vorstandsmitglieder und die Leiter der Sektionen werden in den
Konferenzen mehrfach erwahnt. Ebenso die Tatsache, dafl jetzt fur
die Mitglieder dem ,, Goetheanum" ein Nachrichten- oder Mittei-
lungsblatt, auch ,,Mitteilungen" genannt, beigelegt werden soli mit
dem Titel „Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht"
(3/120, 122, 138). Auch von Rundbriefen der Sektionen fiir deren
Mitglieder wird gesprochen (3/118, 121).
Ober die Kurse, die Rudolf Steiner im Jahre 1924 hielt, soweit sie
nicht in der Zeittafel enthalten sind, wird in den ,,Hinweisen" das
Notige vermerkt.
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Einleitungen
2. Dreigliederungdes sozialen Organismus
Gleich nachdem Anfang November 1918 in Deutschland der Zusam-
menbruch und die Revolution erfolgt waren, begann Rudolf Steiner
die Gedanken der sozialen Dreigliederung ausgiebig vor denMitglie-
dern der Anthroposophischen Gesellschaft und vom Februar 1919
ab auch vor der Schweizer Offentlichkeit zu entwickeln.
In noch viel starkerem MaBe geschah das von Ende April ab in
Deutschland. Schon im Februar hatte Rudolf Steiner seinen ,,Aufruf
an das deutsche Volk und an die Kulturwelt" geschrieben. Er war im
Marz als Flugblatt und in vielen Zeitungen erschienen und wurde in
kurzer Zeit von einer groflen Anzahl Personlichkeiten des offent-
lichen Lebens in Deutschland, Osterreich und der Schweiz unter-
zeichnet. Im April erschien dann sein Buch ,,Die Kernpunkte der
sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und
Zukunft" (Liste Nr. 47).
Am 22. April hielt Rudolf Steiner seinen ersten Stuttgarter Drei-
gliederungsvortrag in einer offentlichen Versammlung der Unter-
zeichner des „Aufrufs". Nach dem Vortrag wurde der ,,Bund fiir
Dreigliederung des sozialen Organismus" gegrundet (1/252). Dieser
Bund war nicht eine Unterabteilung der Anthroposophischen Gesell-
schaft, sondern er griff weit iiber deren Mitgliedschaft hinaus; in
seinem Komitee safi zum Beispiel der Tubinger Staatsrechtslehrer
Professor Dr. W. v. Blume. Parallel arbeitende Organisationen bilde-
ten sich in der Schweiz und in Osterreich. Auf diesen Bund wurden
grofie Hoffnungen gesetzt, auch von Rudolf Steiner. „Von seiner
Regsamkeit hangt alles ab" (1/253).
Der Bund hatte allein in Deutschland 56 Ortsgruppen. Von seiner
Stuttgarter Zentralstelle aus wurde durch viele Redner eine aus-
gebreitete Vortragstatigkeit fiir den Gedanken der sozialen Drei-
gliederung veranstaltet. Vor allem hielt Rudolf Steiner selbst in vie-
len Orten Siiddeutschlands, besonders natiirlich in Stuttgart, bis
Ende Juli 1919 vor manchmal iiber tausend Zuhorern mehr als vier-
zig offentliche Vortrage iiber diese Fragen; davon sind vierzehn
erhalten geblieben (,,Neugestaltung des sozialen Organismus"; Liste
Nr. 84). In Stuttgart wurden vom 21. April bis 3. August fiir die
Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft iiber denselben
Themenkreis mehr als siebzehn Vortrage gehalten (Liste Nr. 83;
,,Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und padagogischer
Fragen" und ,,Volkspadagogische Vortrage").
Um die Dreigliederung in weiteren Kreisen bekannt zu machen und
Einleitungen
17
um den sozialen Willen anzufeuern, wurden zwei Zeitschriften be-
griindet. Vom 8. Juli 1919 ab erschien die Wochenschrift „Dreiglie-
derung des sozialen Organismus"; und spater, vom April 1921 ab die
Monatsschrift „Die Drei" (Liste Nrn. 136 und 138).
Zur Vorbereitung einer weiteren Organisation, die im besonderen fur
das Gebiet des Geisteslebens wirken wollte, wurde ein „Aufruf zur
Begriindung eines Kulturrates" (1/85, 164) verfafit; er ist abgedruckt
im Buche von Emil Leinhas ,,Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner",
Basel 1950, S. 211—217. Begriindet wurde der Kulturrat im Juni
1919 (1/85,95).
Ebenfalls auf dem Gebiet des Geisteslebens suchte der hauptsachlich
von Studenten begriindete ,,Bund fur anthroposophische Hochschul-
arbeit" zu wirken, der sich im Herbst 1920 mit einem ,,Aufruf an die
akademische Jugend" (1/254) an die Kommilitonen aller Hoch-
schulen wandte. Der Aufruf ist abgedruckt in ,,Die Erkenntnisauf-
gabe der Jugend*', Dornach 1957, S. 134-137 (Liste Nr. 87). Die-
sem Bunde und seinen Bitten an Rudolf Steiner ist es wohl mit zu
verdanken, wenn von 1920 bis 1922 eine Anzahl von bedeutsamen
,,Hochschul"-Veranstaltungen zustande kamen, auf die auch in den
Konferenzen Bezug genommen wird:
Erster Anthroposophischer Hochschulkurs in Dornach, 26. Septem-
ber bis 16. Oktober 1920 (1/153, 2/47, Liste Nr. 95).
Zweiter Anthroposophischer Hochschulkurs in Dornach (Oster-
kurs), 3.-10. April 1921 (Liste Nr. 100).
Freie Anthroposophische Hochschulkurse (Ferienkurs) in Stuttgart,
16.-23. Marz 1921 (Liste Nr. 99).
,,Anthroposophie und Wissenschaft", Hochschulveranstaltung in
Darmstadt, 25.-30. Juli 1921 (Liste Nr. 102).
Sommerkurs (Summer Art Course) in Dornach, 21.— 28. August
1921 (Liste Nr. 103).
Anthroposophischer Hochschulkurs in Berlin, 5.— 12. Marz 1922
(2/65, 69, 70, 76-79. Liste Nr. 107).
Anthroposophisch-wissenschaftlicher Kurs fur Akademiker in Den
Haag (Holland), 7.-12. April 1922 (2/89. Liste Nr. 108).
Hierher gehoren auch die ,,Kongresse", die von der Anthroposo-
phischen Gesellschaft veranstaltet wurden:
Allgemeiner offentlicher Kongreft „Kulturausblicke der anthropo-
sophischen Bewegung" in Stuttgart, 28. August bis 7. September
1921 (2/44,78. Liste Nr. 104).
18
Einleitungen
,,West — Ost. Zweiter internationaler Kongreft der anthroposo-
phischen Bewegung" in Wien, 1.-12. Juni 1922 (2/117. Liste
Nr. 110).
Ebenso sind hier zu erwahnen die Stuttgarter Hochschulkurse, bei
denen durch viele Semester hindurch vor allem die Waldorflehrer
vortrugen, nicht aber Rudolf Steiner selbst (1/233, 234 und Sach-
wortverzeichnis).
Aber damit, daft so die Dreigliederung und die Anthroposophie weit-
hin bekannt wurden, trat auch deren intellektuelie, politische und
wirtschaftliche Gegnerschaft starker und starker hervor.
Schon im Hochsommer 1919 erkannte Rudolf Steiner, daft vor allem
auch wegen solcher gegnerischen Stromungen die Zeit fur ein schnel-
les Durchdringen der Dreigliederungsgedanken in der breiten Offent-
lichkeit bereits voriibergegangen war. Es war ,,zu spat" geworden
(2/254). Am 31. August 1919 hielt er seinen letzten Dreigliede-
rungsvortrag in der Offentlichkeit.
Gewift lief die Bewegung noch weiter, aber die erste Begeisterung
und Stoftkraft Heft nach. Rudolf Steiner sprach es schonungslos aus.
,,Der gut gemeinte Aufruf zum Kulturrat . . . war vollstandig ins
Wasser gefallen" (1/164); der Kulturrat war „nach einigen Wochen
sanft entschlafen" (3/39). Und am 22. November 1920 hieft es: Die
Wochenschrift ,, Dreigliederung des sozialen Organismus", aus der
man ,,moglichst schnell eine Tageszeitung" hatte machen wollen,
hat ,,in den letzten fiinf Monaten nicht an Leserzahl zugenom-
men . . auch nicht an Mitarbeiterzahl" (1/253). Der Bund fur Drei-
gliederung war ,,in eine Art von Theoretisieren verfallen" (2/251).
Rudolf Steiner sah, daft es nur einen einzigen Weg zum Weiterkom-
men gab. Er regte an, den ,,alten Dreigliederungsbund" umzuwan-
deln in einen ,,Bund fur freies Geistesleben" (2/255). Zur selben
Zeit, Sommer 1922, wurde die Dreigliederungszeitung umbenannt
in ,, Anthroposophie. Wochenschrift fur freies Geistesleben". Rudolf
Steiner hatte schon am 26. Marz 1922 im Dornacher ,,Goetheanum"
wahrend der Konferenz von Genua seinen letzten Dreigliederungs-
artikel erscheinen lassen (Liste Nr. 58). Die Zeit der nach auften
gerichteten Dreigliederungsbewegung war zu Ende gegangen. Daft
diese Gedanken aber im Inneren als zukunfthaltige Keime kraftig
weiter wirkten, darauf wies Rudolf Steiner 1924 nach der Weih-
nachtstagung eindringlich hin (3/ 118).
Es ist nun notig, den Blick noch einmal in die Anfangszeit zuriick-
zuwenden, auf eine Unternehmung, die fur die wirtschaftliche
Einleitungen
19
Grundlage der Waldorfschule eine grofie Bedeutung hatte. Schon im
Herbst 1919 wurde der Plan erwogen, und im Marz 1920 erfolgte
dann die notarielle Griindung von ,,Der Kommende Tag. Aktien-
gesellschaft zur Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte"
(1/182, 253, 256). Rudolf Steiner iibernahm selbst den Vorsitz im
Aufsichtsrat. Das Unternehmen sollte als ein Beispiel assoziativer
Zusammenarbeit wirtschaftliche Betriebe verschiedenster Art
(Landwirtschaft, Industrie, Bankwesen usw.) umfassen, um aus
deren Ertragen geistige Arbeit, besonders wissenschaftliche For-
schungzu finanzieren.
Dem Kommenden Tag gehorten aufter kleineren an: die Werkzeug-
Maschinenfabrik Carl Unger (1/254), die Kartonagenfabrik Jose
del Monte (1/254), spater auch die von Emil Molt geleitete Waldorf-
Astoria-Zigarettenfabrik; ferner eine Offsetdruckerei mit Grofibuch-
binderei und ein Verlag (1/230), in dem die 3. Auflage der ,,Kern-
punkte" (40.— 80. Tausend) erschien, wie auch Werke von Solow-
jow, die Moltke-Erinnerungen, zahlreiche Schriften der Goethea-
nisten und anderes.
Die geistigen Unternehmungen waren vor allem das von Dr. Rudolf
Maier und Alexander Strakosch geleitete Forschungsinstitut fur bio-
logische (3/119) und physikalische Untersuchungen (1/126, 257,
3/119), das Laboratorium fur die Herstellung neuer Heilmittel und
das Klinisch-Therapeutische Institut auf der Gansheide in Stuttgart
(2/119, 192, 289, 3/116-119). Fur die Waldorfschule kaufte der
Kommende Tag weitere Grundstucke hinzu, baute Schulbaracken,
ein Lehrerhaus, auch 1921 das neue Haupthaus und verpachtete das
alles an den Waldorf schulverein (1/256, vgl. nachsten Abschnitt).
Wegen scharfster Gegnerschaft aus Wirtschaftskreisen, wegen finan-
zieller Schwierigkeiten durch Inflation und Wahrungsreform, aber
auch, weil trotz bester Bemtihungen die Krafte der daran Beteiligten
nicht ausreichten, war auch dem Kommenden Tag kein Erfolg be-
schieden. Ebenso nicht dem fur dieselben Ziele in der Schweiz
begriindeten ,,Futurum" (1/184).
Rudolf Steiner trat 1923 vom Vorsitz im Aufsichtsrat zuriick. Bei
beiden Unternehmungen wurde von da ab schrittweise die Liquida-
tion eingeleitet. Die Fabriken wurden wieder selbstandig. Die klei-
neren Wirtschaftsbetriebe losten sich heraus oder wurden aufgege-
ben. Der Verlag wurde in den Philosophisch-Anthroposophischen
Verlag in Dornach ubernommen. Das Klinisch-Therapeutische Insti-
tut in Stuttgart blieb als Privatklinik bestehen unter der Leitung von
Dr. Otto Palmer. Von den Forschungsinstituten blieben das von
20
Einleitungen
Frau Lilly Kolisko geleitete biologische Institut in Stuttgart und die
Heilmittelbetriebe in Stuttgart und Schwab isch Gmiind erhalten;
letztere wurden an die „Internationalen Laboratorien" in Arles-
heim, spater ,,Weleda", verkauft. Alles iibrige wurde nach Dornach
verlegt oder aufgelost.
Die Waldorfschule konnte durch besondere Fursorge Rudolf Stei-
ners und durch groftziigige Verzichte vieler anthroposophischer
Aktionare vor diesen Schwierigkeiten verhaltnismaBig gut bewahrt
bleiben.
3. Emil Molt; Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik;
Waldorf schulverein; Weltschulverein
In Emil Molt lebten gleichsam zwei verschiedene Naturen, die lange
getrennt nebeneinander hergingen. Er hatte sich aus Armut und Ein-
samkeit heraufgearbeitet, hatte seine eigene Firma gegriindet, die
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, und war jetzt deren General-
direktor. Mit grower Kraft des Willens stand er wach in der handgreif-
lichen Welt des Wirtschaftslebens darinnen. Aber in der Tiefe seiner
Seele und in seinen reichen Gemiitskraften war er ein treuer und nie
erlahmender Sucher nach den tieferen und wahren, nach den geisti-
gen Griinden des Lebens.
Schon 1903 hatte er Rudolf Steiner gehort, und ganz besonders
imponierten ihm die Konzentrationsiibungen. ,,Daskann man in der
Praxis brauchen." Er wurde Schiiler von Dr. Carl Unger und stu-
dierte, was damals von Schriften Rudolf Steiners schon vorhanden
war. So lebte in ihm, ohne daB es ihm recht bewuBt wurde, auch der
Stuttgarter Vortrag vom 8. Dezember 1906, der vor gerade zwolf
Jahren gehalten worden war: ,,Erziehungsfragen vom Gesichts-
punkte der Geisteswissenschaft" (Liste Nr. 1). Jetzt horte er, als er
eben geschaftlich in der Schweiz war, Rudolf Steiners Dornacher
Vortrage vom 9. und 10. November 1918, die ersten nach der Revo-
lution. Was da gesagt wurde iiber die tieferen Ursachen des Zeit-
geschehens und der sozialen Not, aber auch iiber die Dreigliederung
des sozialen Organismus, das traf in Molt auf ein starkes naturliches
Sozialgefiihl und bewegte ihn tief.
Die praktisch tatige, rein ,,hiesige", und die durch Anthroposophie
belebte geistige Seite seines Wesens wollten sich einigen und durch-
dringen. Aber es war noch ein weiter Weg bis dahin.
Emil Molt wurde in seiner Firma durch die krassen Wirkungen des
Kriegsendes und Zusammenbruches erneut vor die sozialen Fragen
Einleitungen
21
gestellt. Er suchte in seiner vaterlich fiirsorgenden Art durch viel-
fache humanitare Einrichtungen zu helfen, vor allem auch nach der
menschlich-geistigen Seite hin. Er lieB die ,,Waldorf-Nachrichten"
herausgeben (1/80). Er richtete Arbeiterbildungskurse ein (1/110,
127), fur deren Leitung er Herbert Hahn als ,,Kultusminister" der
Firma berief. Und als die Arbeiter sich als ,,zu alt" vorkamen fur
solche geistige Arbeit, blickte er auf die kommende Generation. Er
plante eine Schule fiir die Kinder ,, seiner" Arbeiter und wollte damit
zugleich fiir gute Nachwuchskrafte sorgen.
Fiir dieses Projekt gewann er auch das Vertrauen der Arbeiter in
seinem Betriebsrat, die dafiir einen Fonds von 100 000 damals noch
guten Reichsmark zur Verfugung stellten. Der Aufsichtsrat, die
Aktienbesitzer, erfuhren es erst hinterher. Ihnen war die Schulsache
eigentlich ,,ein Greuel" (1/210).
Molt ging schnell geradeaus weiter. Er erbat sich Rudolf Steiners
zunachst nur bedingungsweise, dann unbedingt gegebene Zusage, die
Leitung der Schule ubernehmen zu wollen. Er kaufte das bisherige
Restaurant ,,Uhlandshohe" mit dem Gelande. Die Kosten dafiir und
fiir den Umbau des Hauses, das er der Schule mietfreizur Verfugung
stellte, iibernahm er auf sein Privatvermogen.
Molt war anwesend bei der ersten Verhandlung Rudolf Steiners mit
dem Kultusminister Heymann, bei der unter ertraglichen Kompro-
missen (1/61) die vorlaufige Genehmigung der Schule erreicht wurde.
Und er war auch bei Besprechungen mit Hahn und Stockmeyer, in
denen Rudolf Steiner das Bild der neuen Schule, wenn auch erst in
Umrissen, zeichnete. Weil immer noch in erster Linie an die Kinder
von Werkangehorigen gedacht wurde und an nur wenige Kinder von
Anthroposophen, waren zunachst Doppelklassen vorgesehen, 1. und
2. Klasse zusammen und so weiter. Jedenfalls dachte niemand an
mehr als acht Klassen, die sogenannten Volksschulklassen. Fiir sie
wurden die kiinftigen Lehrer gefunden und eingeladen.
Die Feier zur Eroffnung der Schule am 7. September 1919 war der
Hdhepunkt in Molts Leben. Als dann am 16. September der Unter-
richt endgiiltig anfing, hielt Molt, weil Rudolf Steiner nicht anwe-
send sein konnte, die Ansprache (1/69).
Wirtschaftlich und rechtlich gesehen war die Schule ein Teil der
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, von der sie ja auch ihren Namen
hatte. Molt stellte die Lehrer an, und ihr Gehalt wurde von der Firma
ausgezahlt. Schulgeld wie Lehrmittel waren fiir alle Kinder von
Werkangehorigen frei. Als „Waldorfkind" gait aber schon, wer auch
nur „ einen naheren Verwandten in der Firma" hatte.
22
Einleitungen
Die patriarchalische, oft eigenwillige Art, in der Emil Molt seine
Fabrik leitete, rief jedoch eine doppelte Schwierigkeit hervor. Die
Lehrer muftten mehr und mehr ihr Verhaltnis zu Molt als ihrer
Unterrichtsarbeit und -verantwortlichkeit unangemessen, ja unwiir-
dig empfinden. Auf der anderen Seite traten wirtschaftliche und
rechtliche Fragen auf.
Entgegen Molts ursprtinglicher Absicht kamen immer mehr Kinder
in die Schule hinein, die keinerlei Zusammenhang mit der Waldorf-
Astoria hatten. Das Zahlenverhaltnis war bei Schulbeginn das fol-
gende: 191 Kinder von der Waldorf-Astoria, 65 sonstige, zusammen
256. Bei Beginn des zweiten Schuljahres stand das Verhaltnis schon
1:1, und in jedem kommenden Jahr wurde die Ubermacht der nicht
aus der Waldorf-Astoria stammenden Kinder grofter.
Die Fabrik hatte keinerlei Ursache, fur die werkfremden Kinder die
Schulkosten zu iibernehmen. Fur diese muftte eben — nach Selbst-
einschatzung der Eltern — Schulgeld entrichtet werden. Aber wer
sollte und wollte es einnehmen und verwalten? Sache der Fabrik
war das sicherlich nicht. Deshalb mufke im Mai 1920 ein eigener
Rechtstrager geschaffen werden, ein ,,Verein Freie Waldorfschule",
wie er zuerst amtlich hieft. Im Alltag nannte man ihn damals wie
heute „Waldorfschulverein".
,,Die Waldorf-Astoria hat nichts verbrochen" (1/186), daft der
Verein begriindet werden muftte. Sie war ,, nicht einmal so ehrgeizig,
als Tragerin der Schule zu gelten" (1/187). Die Firma, dasheifttder
Aufsichtsrat, die Geldgeber, die mit der Zeit wieder das Heft in die
Hand bekommen hatten, tolerierten die Schule, weil sie eine ,,per-
sonliche Herzenssache" (1/210) ihres geschatzten Generaldirektors
war. ,,Die haben sich einverstanden erklart, wie man sich als Vater
einem Sohn gegeniiber einverstanden erklart, der zuviel ausgibt"
(1/213).
Die Firma trug auch weiterhin die Schulkosten fur die Waldorfkin-
der, und Emil Molt wollte von seiner Stellung aus sorgen, daft soweit
moglich auch sonst noch Stiftungsgelder gegeben wiirden (1/189).
Er wollte versuchen, auch weiterhin Geld ,,abzuknupfen" (1/211,
213). Aber damit war fur die Firma die Grenze erreicht. Mit der
Grundung des Vereins war fur sie die Sache geregelt.
Die Form des Vereins hat wohl im einzelnen gewechselt, im ganzen
blieb sie. Zuerst war die Gefahr vorhanden, weil der Gegnerschaft
alle Mittel recht waren, daft der Verein als der Besitzer von Schule,
Gebaude und Gelande ,,tiberfremdet" werden konnte, wenn es jeder-
mann freistiinde, Mitglied zu werden. Deshalb waren nur die sieben
Einleitungen
23
Griinder ordentliche, stimmberechtigte Mitglieder. Rudolf Steiner
nannte sie einmal ,,die sieben weisen Manner, die iiber die Schule
beraten" (3/120). Damit die Waldorf-Astoria ,,geldgeberischer"
wiirde (1/183), ernannte man den Vorsitzenden ihres Aufsichtsrates
zum Ehrenvorsitzenden im Waldorfschulverein. GroBere Bedeutung
hatte das kaum. Neben Rudolf Steiner als eigentlichem ersten Vor-
sitzenden waren im Vorstand noch Molt, Stockmeyer, Leinhas.
,,Nur" Mitglieder waren Hahn und Benkendorffer. Spater hatten
auch ein standiger Vertreter des Kollegiums und das jeweils ge-
schaftsfuhrende Mitglied des Verwaltungsrates Sitz und Stimme im
Vorstand (2/254).
Aufierdem gehorten zum Verein als auflerordentliche Mitglieder die
Lehrer, sonstige Mitarbeiter der Schule und die Eltern. Auch die
Schulpaten zahlten dazu, die fur unbemittelte Eltern das Schulgeld
iibernahmen (1/188). Schliefilich gab es noch einfach nur ,,beitra-
gende" Mitglieder. Rudolf Steiner hoffte auf ,,Tausende von Mitglie-
dern" (1/131, 132), damit „der Verein Millionen bringt" (1/145).
Die aufterordentlichen und die beitragenden Mitglieder fiihlten sich
aber zuriickgesetzt. Deshalb wurden nach wenigen Jahren auch Leh-
rer, Eltern und Paten ,, ordentliche" Mitglieder; einige Jahre nach
dem Tode Rudolf Steiners dann auch die nur ,, beitragenden".
Rudolf Steiner mufite anfangs oft drangen auf eine straffe undiiber-
sichtliche Kassenfuhrung, wenn er nachfragte, wieviel Geld jetzt
eben ,,in der Kasse sci" (1/189), oder ,,was die reale Bilanz sei"
(1/212,213).
Die Generalversammlungen des Waldorfschulvereins wurden von
den Mitgliedern gut besucht, weil sie darauf rechnen konnten, dabei
nicht nur Kassen- und Revisionsberichte zu horen, sondern auch
Vortrage Rudolf Steiners. (,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule.
Ansprachen . . ." S. 80, 131, 151, 178; Liste Nr. 8.)
Aber auch nachdem der Waldorfschulverein schon gegrtindet war,
schwelte es noch innerhalb des Kollegiums weiter. Die Aversionen
kamen in mehreren Konferenzen vor und nach den Sommerferien
1920 heraus. Die Lehrer meinten, es handle sich in erster Linie um
die wirtschaftliche Grundlage der Schule (1/182). Es ging aber in
Wahrheit um die Unabhangigkeit der Schule von der Waldorf-Astoria
(1/205), und damit auch von Emil Molt selbst, der sichja weitgehend
mit ihr identifizierte. Erst nach langwierigen Aussprachen gelang es
Rudolf Steiners geduldiger und sicherer Fuhrung, all diese Span-
nungen in einer uberraschend, ja verbluffend einfachen Weise aufzu-
losen.
24
Einleitungen
Er zeigte, wie sich auf der einen Seite durch die Griindung des Ver-
eins die Schule radikal von der Fabrik getrennt habe. Auf der ande-
ren Seite aber bekomme erst jetzt die enge Verbindung Emil Molts
zur Schule ihre richtige Form. Molt habe nicht als Generaldirektor
der Firma, sondern als Privatmann die Schule gegriindet durch seine
groften personlichen Stiftungen, die jetzt erst in der Konferenz
bekannt wurden (1/187). Rudolf Steiner deckte auch die tieferen
Griinde des Ringens auf. ,,Es handelt sich darum, daft das Kollegium
jederzeit bereit sein wird, . . . ganz mit Herrn Molt zu gehen, daft es
aber nichts mit der Waldorf-Astoria zu tun haben will" (1/209).
Deshalb sei Molt mit Fug und Recht Mitglied des Kollegiums, aber
„ganz und gar nicht als Finanzier" (1/210), sondern ,,als Protektor"
der Schule (1/206), so wie es Frau Bertha Molt sei ,,als Schulmutter"
(1/199).
Emil Molt hat sich in dies Bild der Tatsachen zunachst nurlangsam,
ja fast widerwillig hineingefunden. Gar zu sehr hatte er sich immer
als eine Einheit mit seiner Firma empfunden. Aber immer freudiger
ergriff er in tiefer Bescheidenheit die Aufgabe des selbstlosen Hei-
fers, groftztigig und unermudlich, bis an die Grenzen seiner finanziel-
len Moglichkeit und seiner korperlichen Krafte. Als er in den dreifti-
ger Jahren mit groftem Schmerz die Firma in andere Hande iiber-
gehen lassen muftte, setzte er doch noch in den Kaufvertrag den
Passus hinein, daft noch zehn Jahre lang derselbe Betrag wie bisher an
die Schule bezahlt werden miisse als Schulgeld fiir die ,,Waldorfkin-
der".
Wie exakt die Form des Waldorfschulvereins den Schulbedurfnissen
angepaftt war, zeigt sich darin, daft noch heute (1966) wohljede der
liber siebzig Waldorfschulen der Welt ihren „Waldorfschurverein"
hat, wie er auch im einzelnen Falle benannt sein mag.
Aber mit einem Waldorfschulverein war dennoch in keiner Weise
erreicht, was Rudolf Steiner vorgeschwebt hatte. Ein solcher Schul-
verein wird iiberwiegend doch nur fiir seine eigene Schule sorgen. Das
ist sein Hauptzweck. Aber fiir Rudolf Steiner war das, jedenfalls in
jener Dreigliederungszeit, stets nur ein kleiner Teil in dem groften
Plan, eine weitausgreifende, internationale Bewegung zu entfachen
zur Erneuerung des ganzen Schulwesens. Die Grundlage einer sol-
chen Bewegung sollte ein Weltschulverein sein, der die notigen Geld-
summen herbeischaffen muftte. ,,Es ist sehr leicht moglich, daft wir
vielleicht, wenn wir einen Weltschulverein griinden, uberhaupt fiir
solche Schulen, international, daft wir Geld kriegen" (1/177). Dabei
war durchaus nicht nur an Schulen fiir Kinder gedacht, sondern
Einleitungen
25
ebensogut an Hochschulen. ,,Es miilke auch die Freie Hochschule in
Dornach aus diesen Geldern gespeist werden . . . Wir streben an eine
zentrale Finanzierung, . . . eine Zentralkasse" (1/184). Dafiir hatte
die Stuttgarter Schule das weithin leuchtende Fanal sein konnen, als,
wie es in der Abendansprache des 20. August 1919 geheiflen hatte,
,,ein praktischer Beweis fur die Durchschlagskraft der anthroposo-
phischen Weltorientierung" (1/61).
Aber das wurde in Stuttgart nicht verstanden. Das erste Jahr der
Waldorfschule hatte den Beweis fiir die neue Padagogik erbracht.
Jetzt, als zum zweiten Schuljahr viele Kinder neu angemeldet wur-
den, die nichts mit der Waldorf-Astoria zu tun hatten, ware der
richtige Augenblick gewesen, um auch fiir das Finanzielle das Be-
wufksein wach zu machen. Man hatte sagen miissen, ,,wir konnen
nur weiterarbeiten, wenn von seiten der Allgemeinheit die notigen
Mittel der Sache zuflieflen" (1/182). ,,Wir muftten die neuangemel-
deten Kinder abweisen, wenn wir nicht Mittel bekommen" (1/183).
,,Da miissen wir einen Weltschulverein griinden, der im Programm
nicht die Unterstiitzung der Stuttgarter Waldorfschule hat, sondern
die Griin dung von Schulen nach diesen Prinzipien" (1/184).
Das hatte bei der Gelegenheit eines offentlichen Vortrages von
Rudolf Steiner am 29. Juli 1920 (Liste Nr. 94) ausgesprochen wer-
den miissen. Aber an jenem Abend wurde zwar fiir die Stuttgarter
Schule eine gewisse Hilfe erreicht, aber das unendlich viel wichtigere
Ziel, eine Weltbewegung und einen Schulverein zu begriinden, wurde
gar nicht erwahnt. Der fruchtbare Moment wurde versaumt. ,,Durch
das, was gestern geschah, ist der Plan des Weltschulvereins durch-
kreuzt worden" (1/202). „Dieser Agitationsstoff ist uns jetzt ent-
zogen. Nun miissen wir den Weltschulverein anders anfangen"
(1/229).
Dafi der Weltschulverein jetzt nicht mehr von Stuttgart aus begriin-
det werden konne, sprach Rudolf Steiner in aller Scharfe aus. ,,Es ist
doch besser, wenn nicht die Bettler und Landstreicher den Verein
gegen Verarmung griinden, sondern die, die etwas in der Tasche
haben" (1/233).
Deshalb machte Rudolf Steiner noch einen Versuch in Dornach am
12. und 16. Oktober 1920 bei Gelegenheit des ersten Hochschul-
kurses (Liste Nr. 95) und wiederum einen in Holland bei mehreren
offentlichen Vortragen im Februar undMarz 1921 (Zeittafel). Aber
auch diese beiden Male wurde der Gedanke nicht aufgegriffen,
Spater schwieg Rudolf Steiner dariiber.
Mehrere Jahre nach seinem Tode setzten hollandische Freunde viele
26
Einleitungen
Krafte daran, doch noch einen Weltschulverein ins Leben zu rufen.
Aber es fiihrte zu keinem Erfolg. Es blieb bei der einen Waldorf-
schule in Stuttgart und bei einigen wenigen Nachfolgeschulen. Erst
nach dem zweiten Weltkrieg wurde deren Zahl grower.
4. Staatliche Schulbehorden
In derselben Zeit, in der die Dreigliederungsbewegungmit ihrer For-
derung nach volliger Loslosung alles Schulwesens vom Staate in voll-
stem Gange war, im Sommer 1919, wurde als ein Beispiel einer
staatsfreien Schule die Entstehung der Waldorfschule vorbereitet.
Aber die staatlichen Schulgesetze waren ja noch keineswegs aufier
Kraft gesetzt, die staatlichen Schulbehorden bestanden noch, und so
mufke die Genehmigung der neuen Schule in Verhandlung mit ihnen
erreicht werden.
Der Zeitpunkt fur diese Verhandlungen war so giinstig wie niemals
vorher oder nachher. Der alte Obrigkeitsstaat mit seiner festgefugten
Beamtenhierarchie war durch den Umsturz vom November 1918
von Grund auf erschuttert. An die Stelle der alten, konservativ den-
kenden Minister, waren die durch die Revolution heraufgekomme-
nen getreten, die fur neue Ideen und Initiativen sehr viel zuganglicher
waren. Der Kultusminister Heymann war Sozialdemokrat. Auf der
anderen Seite war die Zeit vom November 1918 bis zum Sommer
1919 viel zu kurz, als dafl schon alle Schulgesetze hatten im sozia-
listischen Sinne umgeformt sein konnen. Die neue Reichsverfassung,
die auch Bestimmungen iiber die Schulen enthalten sollte, war noch
nicht in Kraft. So gait in Wurttemberg noch wie bisher ein Schul-
gesetz vom Jahre 1836. Es war wohl 1909 in manchen Punkten
geandert worden, aber gerade die Artikel, die sich auf Privatschulen
bezogen, waren tatsachlich noch die von 1836. Und diese Artikel
waren so weitmaschig wie in keinem anderen deutschen Lande.
Rudolf Steiner hat den Kultusminister niemals in Zweifel gelassen,
daft er grundsatzlich keineswegs gewillt war, von seiner Forderung
nach einem vom Staate losgelosten Schulwesen auch nur einen
Schritt zuriickzugehen. Er hat dem auch deutlich Ausdruck gegeben
durch den Namen Freie Waldorfschule. Aber mit den tatsachlich
bestehenden Rechtsverhaltnissen war nicht anders als durch Kom-
promisse zurechtzukommen (1/61). Sie muftten nur als solche
unmiBverstandlich ausgesprochen werden. Und das geschah.
Dieser Kompromisse waren es vor allem drei:
Einleitungen
27
a) Im Artikel 26 jenes Gesetzes von 1836 hieB es: ,,Privatanstalten
konnen, wenn die Beniitzung derselben von dem Besuche der offent-
lichen Volksschule befreien soil, mit Genehmigung des Oberschul-
rates errichtet werden." Eine solche, wenn auch wie tiblich nurvor-
laufige Genehmigung wurde damals bald gegeben; die endgiiltige
erfolgte nach einer ersten Inspektion (1/273) erst am 8. Marz 1920.
Aber weil durch die Genehmigung die Waldorfschule der staatlichen
Schulaufsicht unterstand, mufiten an ihr auch spater die tiblichen
Revisionen durch den Schulrat abgehalten werden.
b) Im weiteren Text jenes Gesetzesartikels heiBt es: ,,. . . es diirfen
dabei nur Lehrer, welche diese Behorde nach Kenntnissen und Sitt-
lichkeit fur befahigt erkennt, angestellt werden." Es wurde von den
kiinftigen Waldorrlehrern nicht die Ablegung einer staatlichen Leh-
rerpriifung verlangt, und tatsachlich besaBen von den zwolf Lehrern,
die zu Beginn der ersten Konferenzvom 8. September 1919 genannt
werden (1/65), nur drei bis vier ein solches Zeugnis. Diese Lehrer
muBten alle einen ausfuhrlichen Lebenslauf einreichen und sich im
Ministerium personlich vorstellen (1/64), aber sie wurden samtlich
ohne weiteres ,,fur befahigt erkannt". Solche, gewiB noch nicht
absolute, aber doch sehr weitgehende Freiheit der Lehrerwahl ware
damals anderswo nicht moglich gewesen. Rudolf Steiner sprach
ofter von einer ,,Liicke im wurttembergischen Schulgesetz" (3/49).
Aber der Griff des Staates wurde wieder fester, und die Liicke wurde
durch Verordnungen geschlossen, so daB dann, von wenigen Ausnah-
men abgesehen, von alien Lehrern der Waldorfschule staatliche
Priifungszeugnisse gefordert wurden.
c) Uber den Lehrplan einer privaten Volksschule enthielt das Ge-
setz von 1836 keine Bestimmungen. Es war aber zweifellos voraus-
gesetzt, daft es der auch an den offentlichen Volksschulen gebrauch-
liche sein sollte.
Das kam natiirlich fur die Waldorfschule nicht in Frage (1/62). Der
Lehrplan muBte frei sein, das heiBt, nur von den inneren Bediirfnis-
sen der heranwachsenden Kinder abgelesen. Andererseits aber
meinte Rudolf Steiner, doch Rucksicht nehmen zu sollen auf Kin-
der, die, weil etwa die Eltern an einen anderen Ort verzogen, auf eine
offentliche Schule ubergehen muBten. Er arbeitete deshalb einen
KompromiBvorschlag aus, der dann von der Behorde auch angenom-
men wurde. Danach sollten die Schuler der Waldorfschule jeweils am
Ende des 3., 6. und 8. Schuljahres das Lehrziel der offentlichen
Schule erreicht haben. Weil alle Akten der Waldorfschule beschlag-
28
Einleitungen
nahmt wurden, als sie Ostern 1938 verboten wurde, sind dort keine
Kopien der damaligen Eingaben an die Schulbehorde mehr vorhan-
den. Von dem oben erwahnten Vorschlag aber hat sich in Rudolf
Steiners Handschrift ein Entwurf erhalten, dessen Text hier folgt.
,,Das Lehrercollegium der Waldorfschule mochte den Unterricht
methodisch in der Art gestalten, daft ihm fur die Gliederung des
Lehrstoffes innerhalb der drei ersten Schuljahre vollig freie Hand
bleibt; dagegen wird es bestrebt sein, mit dem Abschlufl des dritten
Schuljahres die Kinder einem Lehrziele zuzufiihren, das ganz iiber-
einstimmt mit demjenigen der 3. Klasse der offentlichen Volks-
schule. Diese Absicht soli so durchgefiihrt werden, dafl ein aus der
dritten Klasse der Waldorfschule etwa abgehendes Kind in die vierte
Klasse einer anderen Volksschule ohne Storung iibertreten kann. Im
vierten, fiinften und sechsten Schuljahr soil wieder die Gliederung
des Unterrichtes frei vorgenommen werden konnen. Mit dem voll-
endeten sechsten Schuljahre sollen die Kinder bei dem Lehrziele der
sechsten Volksschulklasse und zugleich bei dem einer hoheren
Schule angekommen sein, das klassengemafl dem vollendeten
zwolften Lebensjahre entspricht. Dasselbe soil gelten fur Gliede-
rung des Lehrstoffes und Erreichung des Lehrzieles bis zum voll-
endeten achten Schuljahre. Die Kinder sollen Realschulmaflige Lehr-
ziele vollendet erreichen und auch befahigt werden, in die dem Alter
entsprechende Klasse einer anderen hoheren Schule iiberzutreten.
Freie Hand erbittet sich das Lehrercollegium nur fur die Gestaltung
des Unterrichts auf jeder der drei von ihm festgelegten Stufen:
1. Schulanfang bis zum vollendeten neunten Lebensjahre;
2. von diesem bis zum vollendeten zwolften Lebensjahre;
3. von diesem bis zur Vollendung der dritten Stufe.
Am Ende dieser Stufen sollen die den offentlichen Schulen vorge-
schriebenen Lehrziele auch von der Waldorfschule erreicht werden."
Uber eine etwa zu errichtende 9. Klasse fur die iiber Vierzehnjahrigen
war in dem Gesetz von 1836 keinerlei Bestimmungenthalten, weil es
sich nur mit der Volksschule befaBte. Hierfiir war also die Schule
ganz frei (1/119, 3/117).
Ein anderer Teil des Kompromisses bezog sich nicht eigentlich auf
das Verhaltnis zum Staat, sondern auf den Religionsunterricht
(1/63). Davon wird noch besonders gesprochen werden (Einleitung
S. 37).
Die oben erwahnte giinstige Lage bestand nicht lange. Schon kurz
vor der Schuleroffnung (Anfang September) verschlechterte sie sich,
Einleitungen
29
als am 11. August 1919 die neue Reichsverfassung, die sogenannte
,,Weimarer Verfassung" (1/71) in Kraft trat. Sie enthielt im Artikel
147 die Bestimmung, daB private Schulen staatlich genehmigt wer-
den konnen, wenn sie in Lehrzielen, Einrichtungen und in der wis-
senschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrer nicht hinter den offent-
lichen Schulen zurtickstehen. Weiter: ,, Private Volksschulen sind nur
zuzulassen, wenn . . . die Unterrichtsverwaltung ein besonderes
padagogisches Interesse anerkennt. Private Vorschulen sind aufzu-
heben."
Dieser Artikel der Reichsverfassung wurde damit zwar bindendes
Recht fur alle Lander des Reiches, also fur die bisherigen Konig- und
Furstentumer. Aber weil die Schulen auch weiterhin unter der Ho-
heit der Lander standen, zog es sich lange hin, bis der Artikel 147
sich voll auswirkte.
Nur in einem Punkte griff die Reichsregierung noch direkt ein.
Durch das Reichsgesetz vom 28. April 1920, das sogenannte
„Grundschulgesetz" (2/242, 250, 3/145) wurde der Besuch der
untersten drei, spater vier Klassen der staatlichen Volksschule fur
schlechthin alle Kinder fur verbindlich erklart. Alle privaten Vor-
schulen sollten abgebaut werden, indem sie keine neue unterste
Klasse mehr eroffnen und die Schulerzahl ihrer schon bestehenden
Klassen nicht vergroftern durften.
Das gait naturgemafi auch fur Wiirttemberg, und es wurde der Wal-
dorfschule durch Erlafi vom 31. Dezember 1920 von der Behorde
mitgefeilt (1/255), dafl laut Grundschulgesetz jetzt schrittweise die
untersten Klassen geschlossen werden miiflten, weil sie eine ,, private
Vorschule" seien. Es konne nur der Waldorfschule auf Antrag geneh-
migt werden, daB sie fur das Schuljahr 1921/22 noch eine erste
Klasse eroffne, aber ihre vier Grundschulklassen — mit a- und b- Klas-
sen waren es acht — durften nicht mehr Kinder fiihren als bisher, also
zusammen 240. Dieser Zustand wurde zwar verlangert, aber er
bewirkte doch, daft erst in die 5. Klasse, die nicht mehr zur Grund-
schule zahlte, neue Kinder aufgenommen werden konnten. Weil nun
der Andrang dazu sehr groB war, muBte im 5., 6. und 7. Schuljahr
jedesmal eine dritte 5. Klasse, eine Klasse 5c errichtet werden
(3/93, 100, 145).
Erst im Jahre 1926, also schon nach dem Tode Rudolf Steiners,
anderte sich das. Damals nahm der Schulrat Friedrich Hartlieb die
vorgeschriebene Priifung (s. unten) vor. Bei ihm lag hinter allei
behordlichen Unbestechlichkeit und Strenge eine ganz ursprungliche
padagogische Genialitat vor. Auf Grund seiner eingehenden und sehr
30
Einleitungen
gunstigen Beurteilung der Waldorfschule (abgedruckt im ,,Nachrich-
tenblatt", 3. Jg., 1926, Nrn. 2—6) wurde vom Ministerium das
,,besondere padagogische Interesse anerkannt", und die Beschran-
kung wurde aufgehoben.
Aber diese ,,gesetzliche Limitierung" (3/145) der ersten vier Klassen
und andere Wahrnehmungen bewirkten, daB Rudolf Steiner eine
zunehmende Einengung der urspriinglichen Bedingungen feststellen
muftte. ,,Heute (im Mai 1923) konnte man auch hier nicht mehr eine
Waldorfschule errichten" (3/49).
Im iibrigen hatten es die Lander nicht eilig mit neuen und griind-
lichen eigenen Schulgesetzen. In Wiirttemberg erschien zwar eines,
das sogenannte „kleine Schulgesetz", schon 1920, aber es enthielt
nur Bestimmungen, die die Waldorfschule nicht angingen. Ein wirk-
lich umfassendes Schulgesetz kam biszu Rudolf SteinersTode nicht
heraus. Die Schulbehorden behalfen sich mit Erlassen und Verfiigun-
gen. -
Nachdem nun der Unterricht der Waldorfschule einmal im Gange
war, beschrankte sich die Beriihrung mit den Behorden, innerhalb
der Grenzen der oben genannten Kompromisse, hauptsachlich auf
wenige Gebiete.
RegelmaBig wurden im Abstand weniger Jahre die vorgeschriebenen
Schulrats-Revisionen vorgenommen (1/273, 2/59, 65—69, 141),
und ebenso regelmaBig iiberpriifte der Amtsarzt den allgemeinen
Gesundheitszustand der Kinder (1/121, 2/20). Wegen der beiden
anderen Beriihrungsstellen mit den Behorden sind die Ausftihrungen
iiber die einzelnen Schuljahre nachzulesen; liber die Fortbildungs-
schule EinleitungS. 46, 47; iiber das Abiturium Einleitung S. 56, 58.
5. Schulbewegung
Von der Waldorfschule in Stuttgart ist die anthroposophische Schul-
bewegung ausgegangen. Rudolf Steiner betonte die grofie Verant-
wortung, die ihrer Lehrerschaft damit zufiel. „Die ganze zivilisierte
Welt schaut auf die Waldorfschule" (2/75, 77).
Rudolf Steiner baute diese Bewegung auf durch die grofte Zahl von
Vortragen und Kursen, die er iiber Padagogik abhielt. Zuerst waren
es die Vortrage wahrend der Dreigliederungsbewegung, in denen er,
zum Beispiel fur den Verein junger Lehrer und Lehrerinnen in Stutt-
gart am 19. Juni 1919, die entstehende Schule und ihre Padagogik
hinstellte als ein praktisches Beispiel fiir eine „freie" Schule, eine
Einleitungen
31
Institution des vom Staate, soweit als damals moglich, losgelosten
Geisteslebens (ListeNr. 84).
Dann folgte im August/September 1919 der grofte dreigeteilte Kurs,
in dem er die kiinftigen Lehrer der Waldorfschule fiir ihre Aufgabe
vorbereitete (Liste Nrn. 4—6). Dieser Kurs wurde in jedem folgen-
den Jahre fortgefiihrt durch eine kiirzere oder langere Reihe von
Vortragen fur die Waldorflehrer (Liste Nrn. 13, 17, 21, 28). Noch
weitere Vortrage waren schon in Aussicht genommen, konnten aber
nicht mehr ausgefiihrt werden (Einleitung S. 59).
Zu Ostern 1923 trat die Schule zum ersten Male vor die Offentlich-
keit mit der Stuttgarter „Kimstlerisch-padagogischen Tagung", auf
der Rudolf Steiner drei Vortrage und drei Ansprachen hielt (Liste
Nr. 25). Im folgenden Jahr, Ostern 1924, wurde die ,,Erziehungs-
tagung" veranstaltet, die fiinf Vortrage Rudolf Steiners in sich
schloft (ListeNr. 29).
Zu diesen Kursen kamen die vielen Vortrage und Ansprachen Rudolf
Steiners hinzu, die er sonst noch im Rahmen der Waldorfschule
hielt: fur die Eltern (1/110, 2/269), bei den Mitgliederversammlun-
gen des Waldorfschulvereins (2/81), und ganz besonders die herr-
lichen Ansprachen an Kinder, Lehrer und Eltern bei den Monats-
feiern (1/112) und bei den Feiern zu Schuljahrsbeginn und Schul-
jahrsende (1/152, 157, 2/17, 36). Alle diese Vortrage und Anspra-
chen sind enthalten in „Rudolf Steiner in der Waldorfschule. An-
sprachen . . .", Stuttgart 1958 (ListeNr. 8).
Rudolf Steiners Bemiihen, die Waldorfschule und ihre Padagogik
bekanntzumachen, wurde gestiitzt durch eine wachsende Zahl von
Vortragen, die von den Lehrern gehalten wurden. In den Konferen-
zen sind sie kaum erwahnt.
Als eine Art Antwort kamen an die Schule vielfache Wiinsche, sie
besuchen und an ihrem Unterricht hospitieren zu diirfen (1/165). So
wird die Anwesenheit von englischen Lehrern erwahnt (2/191,
207—211). Damit die Schule nicht mit Hospitationen iiberlaufen
werde, wurde festgesetzt, daft nie mehr als drei Besucher gleichzeitig
in einer Klasse zuhoren diirften (3/191).
Auch als die eigentliche Dreigliederungszeit voriiber war, hat Rudolf
Steiner in alien Vortragen, in denenes durch innere Verbindungmit
dem Thema gegeben war, auf die Freiheit des Geisteslebens hin-
gewiesen. Dabei versaumte er wohl nie, in kiirzeren oder langeren
Ausfiihrungen auch von dem praktischen Beispiel, von der Stuttgar-
ter Schule zu sprechen.
Aber die Zuhdrer wollten mehr dariiber wissen und baten ihn um
32
Einleitungen
ganze Kurse iiber Waldorf-Padagogik. Rudolf Steiner hielt den ersten
Kurs schon 1920 vor den Basler Lehrern (Liste Nr. 1 2). Dem folgten
aufier in Dornach (Nrn. 19, 26) noch Kurse in Oxford, Ilkley, Bern,
Arnheim, Torquay (Liste Nrn. 22, 27, 30, 32, 33).
Alle diese Vortrage wurden weniger aus dem Interesse fur freies
Kulturleben aufgenommen, sondern in erster Linie von Lehrern und
Eltern, also in Gedanken an konkrete Kindergruppen. Deshalb war
der Erfolg zunachst die Griindung neuer Waldorfschulen, nicht nur
in Deutschland (Hamburg, Koln, Essen), sondern auch in England
und Holland (Liste Nrn. 147,148, 149).
Viele Plane kamen damals iiber gute Absichten und Vorbesprechun-
gen nicht hinaus, so die von Paris (1/166), Berlin (1/178), Norwegen
(2/100), Niirnberg (3/191). Auch die Basler Hoffnungen blieben
noch in Vorverhandlungen stecken. Anfange zu einer Schule in
Dornach wurden gleich anfangs durch Einspruch der Behorde im
Keime erstickt (2/50), weil die Schulgesetze des Kantons Solothurn
keine privaten Volksschulen zuliefien. Man mufite sich 1921 begnii-
gen mit einer Fortbildungsschule fur die nicht mehr Schulpflichti-
gen, mit der spateren ,,Friedwart-SchuIe" (3/44, 143).
Aber alle diese Schulgriindungen, so erfreulich sie waren, entspra-
chen doch ganz und gar nicht dem, was Rudolf Steiner in der Drei-
gliederungszeit erhofft hatte. Es wurden keineswegs in kiirzester Zeit
„viele" solcher Schulen eingerichtet. Die Waldorfschule blieb
,,Modell" (1/289) mit nur sehr wenigen Nachfolgeschulen. Dennoch
waren es die wenigen Waldorf- und Rudolf Steiner-Schulen auBer-
halb Deutschlands, die, zum Teil erst nach Rudolf Steiners Tode
gegriindet, die Waldorf-Padagogik in der Praxis am Leben erhielten,
als in den dreifiiger Jahren die deutschen Schulen verboten wurden.
Auch heute (1975) ist Rudolf Steiners Ziel nicht erreicht, obwohl
die Zahl der Schulen bis auf 105 hinaufging. In Deutschland sind es
46, im iibrigen Europa 36 und in den auftereuropaischen Erdteilen
23 Schulen.
6. Jugendbewegung
Sowohl in die Anthroposophische Gesellschaft wie in die Waldorf-
schule schlugen die Wellen der Jugendbewegung hinein. Das ist gut
zu verstehen, denn auch schon in ihren Anfangen um 1900 umfaftte
sie beide Arten von jungen Menschen, ebenso die, die schon in der
Berufsvorbereitung standen, wie auch die Gymnasiasten, die den
Schiilern der oberen Klassen der Waldorfschule entsprachen. Beide
Einleitungen
33
Gruppen lagen Rudolf Steiner am Herzen, denn er kannte die tiefe-
ren Ursachen der Jugendbewegung, die denen unbewuBt blieben, die
selbst darin steckten. ,,Die Jugendbewegung hat durchaus ubersinn-
liche Griinde" (2/46). Diese jungen Menschen suchten sehnsuchtig
den Geist, um menschenwiirdig ihr Leben fiihren zu konnen. Weil sie
ihn nicht fanden, bot die Jugendbewegung nach aufien hin das wirre
Bild des Unbefriedigtseins, des eitel Absonderlichen, des fanatisch
Uberheblichen. Dieses selbe den Geist-nicht-finden-Konnen fuhrte
ebenso zu den Unzutraglichkeiten bei den Schiilern der oberen Klas-
sen der Waldorfschule, aber auch bei den schon alteren in die
Anthroposophische Gesellschaft hineinkommenden jungen Men-
schen. Rudolf Steiner zeigte beide Male den Weg zur Heilung.
Es lag aber bei den beiden genannten Gruppen ein entscheidender
Unterschied vor. Wahrend der Schiilerzeit muftte das Geistige ins
gedankliche Blickfeld hineingebracht werden;leise schon von der 7.,
8. Klasse an, spater immer deutlicher und konkreter. Um nur zwei
Beispiele zu nennen: schon vor dem achtzehnten, neunzehnten Jahr,
so sagte Rudolf Steiner, musse das ,,Jiingerwerden der Menschheit"
als eine der wichtigsten Geschichtsursachen verstanden werden
(3/35), und ebenso jene chemischen Wirkungen, die speziell inner-
halb des menschlichen Korpers, also unter dem Einfluft des Ich ein-
treten. Solche spirituelle Chemie, die ,,Koliskosche Chemie", solle
diesem Alter dargestellt werden (3/36).
Ebenso liegt es fur die in diesem Alter von vierzehn bis achtzehn
Jahren schon in der Berufsausbildung Stehenden. Sie brauchen in
der Fortbildungsschule eine wirkliche, das Spirituelle enthaltende
„Lebenskunde" (1/286, 287, Einleitung S. 44). Auch fur die Dor-
nacher Fortbildungsschule gilt dasselbe, um zum Beispiel den Unter-
schied zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang kunstlerisch
zu erfassen (3/44). Wenn da etwas versaumt wird im Hinweisen auf
das Geistige, entsteht seelische Leerheit und damit alle die Schwie-
rigkeiten, mit denen sich so viele Konferenzen der Jahre 1922—24 zu
befassen hatten.
Diesen durch die Fiihrung des Unterrichts hilfreichen Mafinahmen
steht aber nun etwas zunachst recht Uberraschendes gegeniiber. Ein
scheinbar so naheliegendes Mittel ist durchaus zu vermeiden. Essoll
und darf in diesen Jahren noch nicht die Aufmerksamkeit der
Schiiler hingelenkt werden auf die eigenen Seelenzustande, auf die in
ihnen rumorende Sehnsucht nach dem Geistigen. Das soli noch im
Unterbewu/ken verbleiben, soil noch verhullt und damit vor dem
Intellektuellwerden behiitet werden. Schiiler sollen nicht ,,die Ge-
34
Einleitungen
heimkunst des Erziehens kennenlernen und mitdiskutieren" (3/80).
Daraus erklart sich auch Rudolf Steiners Schrecken, als er erfuhr,
daB an einigen Abenden Lehrer und Schtiler wie auf gleicher Stufe
stehend miteinander diskutiert hatten (2/120—122, 145).
Daft dies in der Jugendbewegung nicht beachtet wurde — einfach
weil man es nicht wuBte — , gehort neben dem Nicht-ergreifen-K6n-
nen des Geistigen zu den Hauptgriinden qualender Note. Wieviel und
wie endlos ist da diskutiert worden, auch gerade schon mit und unter
den jiingeren Jahrgangen. Das muBte die Jungeren unnaiv und hoch-
miitig machen. Bei den Alteren fiihrte es den raschen Zerfall der
Jugendbewegung mit herbei. Leitungen und Zielsetzungen konfes-
sioneller, politischer, rassenmaBiger Art bemachtigten sich des ihnen
dienlich erscheinenden Instrumentes der Jugendbewegung.
Als deutschvolkische Umtriebe auch in die Waldorfschule hinein-
zuwirken drohten, sprach Rudolf Steiner von ,,freimaurerischen
Ordensgriindungen in der Jugend", wie sie damals an manchen
Orten, zum Beispiel in Munchen, von Vereinigungen ausgingen, die
etwas wie Rasse-Okkultismus pflegten (3/135). Er empfahl dagegen
innerhalb der Waldorfschiilerschaft durch ,,unsere eigenen treuen
jungen Leute aus der Freien Gesellschaft" eigene Gruppen zu bilden,
,,denen sich die Jungen und Madchen ebensogut anschlieften"
(3/134,135).
Aber fur die alteren Jahrgange dieser jungen Menschen, die das
18. Lebensjahr schon vollendet haben, gilt grundsatzlich ein ande-
res, ja entgegengesetztes. Sie sollen sich gerade selbst moglichst weit-
gehend dessen bewuBt werden, was tief in ihren Seelen die Unruhe
bewirkt, und sie sollen daraus den WillensentschluB fassen, den
gewiesenen Weg auch wirklich zu betreten.
Junge Menschen in groBer Zahl wandten sich an Rudolf Steiner,
wobei anstelle ihrer eigentlichen Schwierigkeiten freilich oft die
mehr auBeren Fragen nach dem rechten Weg zum Beruf heraus-
kamen. Diese jungen Menschen kamen auch nicht gut zurecht mit
den herkommlichen ,,Zweigen" der Anthroposophischen Gesell-
schaft, in denen die Mitglieder seit Jahren miteinander arbeiteten.
Deshalb bildeten sich an manchen Orten Gruppen einer ,, Freien
anthroposophischen Jugend", so in Stuttgart (2/46), in Jena (2/60,
61, 116, 117), in Breslau (3/177). Was von Besprechungen Rudolf
Steiners mit ihnen schriftlich erhalten ist — er hatte hier besonders
ungerne Stenographen dabei — , ist gedruckt in ,,Die Erkenntnis-
Aufgabe der Jugend" (ListeNr. 14).
Mehrfach wurde, aber zunachst ohne Erfolg, versucht, in Jena eine
Einleitungen
35
grofie Jugendtagung mit Vortragen von Rudolf Steiner zustande zu
bringen (2/60, 61, 116, 117). Erst im Oktober 1922 kam es zum
,,Padagogischen Jugendkurs" in Stuttgart (2/154). Rudolf Steiner
hielt dort dreizehn Vortrage iiber ,,Geistige Wirkenskrafte im Zusam-
menleben von alter undjunger Generation" (Liste Nr. 23). Ein zwei-
ter Jugendkurs (3/94, 95) kam nicht mehr zustande. Uber die von
der Christengemeinschaft veranstaltete Jugendtagung in Kassel am
2.-8. Januar 1924 wurde im Dornacher ,,Nachrichtenblatt" (1. Jg.,
Nr. 5) ein Bericht gegeben. Auch in Dornach selbst wurden Jugend-
versammlungen abgehalten (3/137, 138).
Das Entscheidende aber geschah, als sich Rudolf Steiner selbst in
Briefen ,,Von der Jugendsektion der freien Hochschule fur Geistes-
wissenschaft" an die ,,jungeren Mitglieder" wandte (Nachrichten-
blatt 1. Jg., Nrn. 9—12), nachdem er den Entschluft gefaBt hatte: um
alle Jugendprobleme in groBtem MaBstab in Angriff zu nehmen,
solle am Goetheanum eine Jugendsektion, eine „Sektion fiir das
Geistesstreben der Jugend" geschaffen werden. (Vgl. ,,Die Konsti-
tution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft . . ." bes.
S. 146-158. Liste Nr. 50.)
7. Konfessioneller und freier Religionsunterricht;
Christengemeinschaft
In einem Verhaltnis ganz eigener Art stand die Waldorfschule zur
umgebenden Welt in bezug auf den Religionsunterricht. Er wurde
in den Raumen der Schule erteilt und war doch nicht deren eigene
Sache. Er war, wie Rudolf Steiner wohl sagte, ,, exterritorial".
Das gait sichtlich von dem sogenannten konfessionellen Religions-
unterricht, von dem anfangs allein die Rede war. Schon am Abend
des 20. August, noch vor dem grundlegenden padagogischen Kurs,
sprach Rudolf Steiner von dem ,,Kompromift", der hier gemacht
werden miisse (1/63). ,,Wir wollen keine anthroposophische Dog-
matik lehren. . . . Wir wollen umsetzen das, was auf anthroposo-
phischem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichts-
praxis. . . . Die religiose Unterweisung wird in den Religions-
gemeinschaften erteilt werden." Und am Ende des Kurses, in der
Rede zur Eroffnungsfeier am 7. September hiefl es: ,,Ehrlich wer-
den wir einhalten, was wir gelobt haben: daft die verschiedenen
Religionsbekenntnisse, die von sich aus den Religionsunterricht
erteilen wollen, ihre Weltanschauungsprinzipien in unsere Schule
36
Einleitungen
hineintragen konnen." (,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule"
S. 27;ListeNr. 8.)
Fiir Rudolf Steiner schien es dem Wesen und den Bediirfnissen des
heranwachsenden Menschen unangemessen, ja schadlich, wenn er
ohne jegliche religiose Unterweisung aufwachsen miiftte. Deshalb
wurden gleich von Anfang an Zeit und Raume bereitgestellt fiir die
von den Konfessionen beauftragten Lehrer, selbst wenn dafiir an sich
bessere Prinzipien des Stundenplans aufgeopfert werden muftten
(1/65, 69).
Und Rudolf Steiner bestand streng darauf, daft diese Ubergabe an die
Religionsgemeinschaften in jedem Sinne ,,ehrlich" durchgefuhrt
werde. Er wurde ungehalten, als von manchen Schulkindern einige
Kameraden nicht recht ernst genommen wurden, nur weil sie aus
anderen Konfessionszusammenhangen stammten (2/111, 112).
Aber schon gegen Ende des padagogischen Kurses muB Rudolf Stei-
ner gebeten worden sein, auch fiir solche Kinder, deren Eltern gar
keiner Konfession angehorten, und das war bei den Arbeiterkindern
vielfach der Fall, einen auf anthroposophischer Erkenntnis gegriin-
deten Religionsunterricht einzurichten, einen ,,freien Religions-
unterricht" von durchaus christlichem Charakter.
In der ersten Lehrerkonferenz am 8. September 1919 wurde ein
Doppeltes bemerkbar. Es war schon die Rede vom ,,anthroposo-
phischen Unterricht, dem freien Religionsunterricht", aber es wurde
auch deutlich, daB die Gedanken uber die Gestalt dieses Unterrichts
noch nicht voll ausgereift waren. So hiefi es, die Klassenlehrer
konnten ihn geben (1/67). Davon war zwei Wochen spater, in den
Konferenzen vom 25. und 26. September (1/79-81, 98—105) nicht
mehr die Rede. Es wurden Herbert Hahn und Friedrich Oehlschlegel
mit diesem Unterricht beauftragt. Nun wurde auch der gesamte
Lehrplan des Religionsunterrichts fiir alle damals vorhandenen acht
Klassen gegeben. Sie sollten in zwei Gruppen zusammengefafit wer-
den, 1.— 4. und 5.-8. Klasse. Als dann im Herbst 1920 die 9. Klasse
hinzukam, wurden es drei Gruppen, 1.— 3., 4.-6., 7.-9., und stufen-
weise naherte sich die Einteilung fiir den Religionsunterricht der
iiblichen Klasseneinteilung (3/157). Das machte auch immer mehr
Lehrer notig fiir diesen Unterricht. Dem Lehrplan wurden standig
Einzelheiten und die Erweiterungen fiir die neu hinzukommenden
Klassen angefiigt. (Naheres vgl. Sachwortverzeichnis.)
Bei einem Elternabend am 3. November 1919 wurde nun gefragt, ob
nicht auch fiir die Schiiler des freien Religionsunterrichts an den
Sonntagen eine religiose Feier eingerichtet werden konne. Nachdem
Einleitungen
37
Uberlegungen dariiber unbefriedigend verlaufen waren, baten die
beiden Religionslehrer in der Weihnachtszeit 1919 Rudolf Steiner
urn seinen Rat. Wenige Tage spater iibergab er ihnen das Ritual fiir
die Sonntagshandlung. Weil Oehlschlegel bald fiir geraume Zeit nach
Amerika reiste und dann nicht mehr an die Schule zuriickkam, hatte
Herbert Hahn lange allein fiir die Sonntagshandlung zu sorgen. Sie
wurde zum ersten Male gehalten am 1. Februar 1920. Rudolf Steiner
war immer, wenn er in Stuttgart war, dabei anwesend, zuerst am
29. Februar 1920.
Die Teilnahme an diesen Sonntagshandlungen war strenge be-
schrankt auf die Schuler des freien Religionsunterrichtes, auf die
Lehrer der Schule, die Eltern und diejenigen, ,,die anerkannt werden
konnen durch die Lehrerschaft als moralische Vormiinder" (1/137).
Rudolf Steiner rechnete darauf, daB moglichst viele Lehrer der
Schule, nicht nur die Religionslehrer, bei den Handlungen dabei
seien(2/58, 199).
Nach und nach kamen die anderen Handlungen hinzu, die Weih-
nachtshandlung (1/252) zum ersten Male am 25. Dezember 1920,
die Jugendfeier (1/136) am Palmsonntag, dem 20. Marz 1921. Als
letztes wurde von Rudolf Steiner, nachdem im September 1922
schon die Wirksamkeit der Christengemeinschaft angefangen hatte,
im Friihling 1923 fiir die beiden obersten Klassen die Opferfeier
hinzugefugt (2/222, 241, 305). Sie fand zum ersten Male statt in der
Osterzeit 1923.
Die Absicht Rudolf Steiners war, man solle all diesen Kultus ein-
richten ,,mit grofter Innigkeit und Herzlichkeit . . . als etwas Ernstes,
aber ohne schwiil zu sein", dennoch ,, auf der anderen Seite ihn so
schlicht halten, als es moglich ist" (2/199).
So wie der freie Religionsunterricht selbstverstandlich kein „obliga-
torischer" Unterricht war (2/305), so war auch die Teilnahme an den
Sonntagshandlungen den Schiilern des freien Religionsunterrichtes
durchaus ,,freigestellt, ob sie kommen wollen oder nicht" (2/304).
Das Wesen des freien Religionsunterrichtes und die Art, wie Rudolf
Steiner ihm gleichsam eine Mittelstellung gab zwischen der Schule
einerseits und der Anthroposophie und Anthroposophischen Gesell-
schaft andererseits, ist nicht leicht zu durchschauen. Es stellte an die
damaligen Waldorflehrer, und es stellt auch heute noch groBe Anfor-
derungen an Erkenntnisbemiihen und BewuBtsein. Es miissen da
jedesmal Aspekte zusammengeschaut werden, die einander zu wider-
sprechen scheinen.
Von der einen Seite her gesehen sollte nicht nur fiir den konfessio-
38
Einleitungen
nellen Unterricht, sondern auch fur den freien vermieden werden,
,,dafl er als etwas in die Schule Eingereihtes erscheine" (2/19). Dem
gegeniiber steht die Antwort, die von Rudolf Steiner an Emil Molt
gegeben wurde, als der geauftert hatte, ,,eine reine Schulangelegen-
heit soli es ja nicht sein; es ist ja losgelost von der Schule". Da sagte
ihm Rudolf Steiner: ,,Die Sonntagshandlung ist etwas im Rahmen
der Schule Liegendes. Eine Einzelheit innerhalb der Schule, . . . die
nicht eine allgemeine Schulangelegenheit ist" (1/138), weil eben
nicht alle Schiiler daran teilnehmen. Rudolf Steiner hat auch den
Lehrplan und alle dessen spatere Erganzungen innerhalb der allge-
meinen Lehrerkonferenz gegeben (vgl. Sachwortverzeichnis), hat
auch seine Auswahl der Religionslehrer, die Handhabung der Hand-
lungen, die Ausgestaltung des Handlungsraumes, und was es sonst
noch sein mochte (vgl. wiederum Sachwortverzeichnis), fast aus-
nahmslos dort besprochen. Er hat damit nicht nur die Religions-
lehrer, sondern die gesamte Lehrerschaft aufgerufen zum Tragen
dieses Unterrichts. Und es war keine AuBerlichkeit, wenn er sich
dabei immer der Sprachform des ,,wir" bediente — ,,unser" Reli-
gionsunterricht. Er tat das selbstverstandlich nicht, wenn er sich
aufterte viber den konfessionellen Unterricht, aber auch spater nicht
in bezug auf den Religionsunterricht der Christengemeinschaft, von
dem noch zu reden sein wird.
Ebenso treten in Rudolf Steiners Worten zwei ganz verschiedene
Aspekte hervor in bezug auf das Verhaltnis zur Anthroposophischen
Gesellschaft. So sagte er zu einem der Lehrer: „Als Religionslehrer
gehoren Sie nicht der Schule an. Den erteilen Sie, wie wenn Sie
Pastor in einer anthroposophischen Kirche draufien waren und her-
einkommen" (1/286). (Dazu ist die Anmerkungeinzuschieben, daft
mit der „anthroposophischen Kirche" keineswegs die Christen-
gemeinschaft gemeint ist. Denn die gab es damals noch nicht; der
erste, noch vorbereitende Theologenkurs fand erst einen Monat
spater statt. Eine ,,anthroposophische Kirche" konnte und kann es
selbstverstandlich gar nicht geben. Der Ausdruck ist iiberspitzt
gebraucht.)
Und dem steht das gegeniiber, was Rudolf Steiner im Hinweis auf die
Weihnachtstagung sagte. Erst wies er darauf hin, daft „die Schule als
eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhangige Insti-
tution" geschaffen sei. Dann ging er auf die besondere Lage des
Religionsunterrichtes ein. ,, Damit stimmt logisch ganz gut iiberein,
daB der Religionsunterricht von den Religionsgemeinschaften aus
besorgt wird, der freie Religionsunterricht von der Anthroposophi-
Einleitungen
39
schen Gesellschaft aus, daft die Anthroposophische Gesellschaft mit
dem freien Religionsunterricht darinnensteht wie die anderen reli-
giosen Gemeinschaften. Die Anthroposophische Gesellschaft gibt
eigentlich den Religionsunterricht unci den Kultus" (3/119).
Das sagte Rudolf Steiner nach der Neubegriindung der Anthroposo-
phischen Gesellschaft und nachdem er selbst das Amt des Ersten
Vorsitzenden und das des Leiters der Padagogischen Sektion iiber-
nommen hatte. Damit waren auch fiir den freien Religionsunterricht
Aufgaben gestellt, die sich in der kommenden Zeit auswirken soli-
ten. Es kam praktisch nicht dazu, weil Rudolf Steiner starb. Diese
Aufgaben aber stehen immer noch da und stehen vor uns.
Als die zuletzt angefuhrten Worte am 5. Februar 1924 gesprochen
wurden, bestand nun aber schon seit fast einundeinhalb Jahren die
Christengemeinschaft.
Im Jahre 1921 waren, zuerst unabhangigvoneinander, Gruppen von
jungen Theologen, meist Studenten, an Rudolf Steiner herangetre-
ten mit der Frage, ob und wie sie mit Hilfe der anthroposophischen
Erkenntnis in der rechten Weise ihren Lebensberuf auf dem religio-
sen Felde finden konnten. Daraufhin hielt ihnen Rudolf Steiner
mehrere ,,Theologenkurse", an deren erstem auch die Lehrer des
freien Religionsunterrichtes teilnahmen (2/39. Liste Nrn. 105, 126).
Auf Grund dieser Kurse schlossen sich die jungen Theologen, in
deren Namen Rudolf Steiner um seinen Rat gefragt worden war, im
September 1922 von sich selbst aus zusammen. Es wurde zuerst der
Name iiblich: ,,Bewegung fiir religiose Erneuerung" (2/199). Fried-
rich Rittelmeyer, der wegen Krankheit an den ersten Kursen nicht
hatte teilnehmen konnen, gab jetzt seine Stellung als Pfarrer in Ber-
lin auf. Er hatte schon seit Jahren aktiv in der anthroposophischen
Bewegung gestanden und tat das auch weiterhin; aber er trat nun
auch an die Spitze der „Religionserneuerung", die den Namen „Chri-
stengemeinschaft" annahm. Sie war nicht von der Anthroposophi-
schen Gesellschaft ausgegrundet und auch nicht von Rudolf Steiner.
Er sprach vielfach von der ,,auf eigenen Fiiflen der Anthroposophi-
schen Gesellschaft gegenuberstehenden Christengemeinschaft"
(3/123). Er aufierte, diese Bewegung ,, hatte den Keim in sich, etwas
sehr Grofles zu werden" (2/199). Und fast zwei Jahre spater sagte er
von den Priestern, daB sie ,,in kiirzester Zeit die grofiten Fortschritte
gemachthatten" (3/177),
Es ist verstandlich, daft nun Fragen heraufkamen, wie das Verhaltnis
der Anthroposophie zur Christengemeinschaft sei und wie man sich
40
Einleitungen
richtig zu verhalten habe. Fiir die Mitglieder der Gesellschaft suchte
Rudolf Steiner Klarheit zu schaffen durch seinen Vortrag vom
30. Dezember 1922. Es war der zweitletzte Abendvortrag, ehe das
erste Goetheanum abbrannte (2/226, 227. Liste Nr. 111).
Auch um die Waldorfschule herum entstand Unsicherheit. Sind
jetzt, nachdem das neue Priestertum der Christengemeinschaft da
ist, freier Religionsunterricht und Kulthandlung an der Waldorf-
schule noch berechtigt?
Als dann bald die Priester anfingen, fur die Kinder der Gemeinde-
mitglieder auch Religionsunterricht zu geben, erhob sich die weitere
Frage: „Wie ist der freie Religionsunterricht in der Waldorfschule
vereinbar mit dem Religionsunterricht der Christengemeinschaft? "
(3/175).
Rudolf Steiner sprach daraufhin in den Konferenzen deutlich aus,
daB jede von diesen beiden Arten von Religionsunterricht eigenen
Charakter, eigene Ziele und voile Berechtigung habe, auch in die
Zukunft hinein. Er gab jetzt fiir den freien Religionsunterricht nicht
nur, wie schon erwahnt, etwa ein halbes Jahr nach der Entstehung
der Christengemeinschaft, das neue Ritual der Opferfeier, um das die
Schiiler der obersten Klassen gebeten hatten (2/222, 241, 305). Er
hat auch das Weiterbestehen des freien Religionsunterrichtes teils als
seibstverstandlich vorausgesetzt (3/175—179), teils im Gesprach
ausdriicklich ausgesprochen.
Es sollten keineswegs diese beiden Bewegungen ineinanderflieften.
Rudolf Steiner wollte ,,so lange als moglich" vermeiden, ,,bei der
Christengemeinschaft einen Religionslehrer zu suchen for die
Schule". Aber man solle „nicht so exklusiv sein' (3/177). Einzelnen
der jungen Priester hatte er, wie er sagte, diesen Unterrkht gerne
anvertraut (2/169).
Auf der anderen Seite gestand Rudolf Steiner auch der Christen-
gemeinschaft, die inzwischen schon in ihren eigenen Raumen fiir die
Kinder der Gemeindeglieder einen eigenen Religionsunterricht ein-
gerichtet hatte, ohne weiteres zu, daft sie ,,wie die anderen Konfes-
sionen" das Recht in Anspruch nehmen konnte, ebenfalls innerhalb
der Waldorfschule ihren Religionsunterricht auszuiiben. ,,Dann
wiirden wir also einen Religionsunterricht mehr haben" (3/176). Er
fand es aber besser, wenn es dabei bliebe, dafl die Kinder der Ge-
meindemitglieder, soweit sie in die Waldorfschule gingen, auch wei-
terhin nur am freien Religionsunterricht teilnahmen (3/ 176).
So ist es denn auch in den weitaus meisten Fallen geschehen, bis
1938 die Schule verboten wurde. Erst nach dem zweiten Weltkrieg
Einleitungen
41
ist auch der Religionsunterricht der Christengemeinschaft, ebenso
wie der bisherige konfessionelle, in den Raumen der Waldorfschule
eingerichtet worden.
Zu Lebzeiten Rudolf Steiners wurde diese Frage nur insoweit prak-
tisch, als Eltern.ausdrticklich wiinschten, ihre Kinder sollten an bei-
den Unterrichten teilnehmen. Rudolf Steiner hielt das fur durchaus
moglich. Hindern konnte ,,h6chstens der einzigePunkt derGesund-
heit, daft es zuviel ware" . . . Die Waldorfschule miisse da nicht „dog-
matisch entscheiden" (3/176). ,,Am schonsten wiirde ich finden,
wenn dann, wenn sie an beiden teilnehmen, von dem Religionslehrer
hier und dem Religionslehrer dort die Stoffe besprochen werden, so
daft Einklang da ist" (3/177).
Ernsthaftere Schwierigkeiten schienen aufzukommen bei der Frage,
wie sich die Jugendfeier der Christengemeinschaft und die des freien
Religionsunterrichtes miteinander vereinigen lieften. Aber auch hier
seien keinerlei Verhandlungen mit der Christengemeinschaft notig.
Sie sei ja in sich selbstandig. ,,Wir konnen doch machen, was wir
wollen, und die konnen machen, was sie wollen" (2/305).
Aber dann machte Rudolf Steiner den Weg frei, indem er auf den
grundlegenden Unterschied hinwies in der Zielsetzung der beiden
Handlungen. ,,Der innere Sinn unserer Jugendfeier ist, daft der
Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineingestellt wird . . . Die
Christengemeinschaft aber stellt in eine bestimmte Religionsgemein-
schafthinein" (3/178).
Daraus ergeben sich zwanglos alle praktischen Handhabungen, die
notig sind: etwa die, welche der beiden Handlungen vorausgehen
miisse, und dergleichen (3/177, 178).
Vor allem aber — und das ist das Allerwichtigste — weisen solche
Unterschiede wohl auf Wesensverschiedenheitenhin, aber sie bedeu-
ten keinerlei reale Widerspriiche und kein Gegeneinander. ,,Innerlich
ist es durchaus vereinbar" (3/178). Es gilt auch hier, was fiir das
ganze Verhaltnis des freien Religionsunterrichtes zur Christen-
gemeinschaft gilt: ,,Eine Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher
Beziehung kann es eigentlich nicht geben" (3/176).
42
Einleitungen
Die sechs einzelnen Schuljahre
Durch die Unzahl der gestellten Fragen und behandelten Themen
haben die Konferenzen eine schwer iiberschaubare Form. Sie sind
nicht leicht als Ganzes zu lesen. Der Beniitzer sucht oft nur Rudolf
Steiners AuBerungen heraus zu den Themen, die ihn im Moment
besonders interessieren.
Das ist aber unberechtigt, denn es ist sehr wohl ein durchgehender
Duktus vorhanden. Er war gewift niemandem von den Sprechenden
bewuBt, aber das Schicksal selbst hat eine Gesamtkomposition
geschaffen. Um zur Erkenntnis dieser Kompositionhinzuleiten, sol-
len hier flir jedes Schuljahr die charakteristische Stimmung und die
Hauptthemen herausgehoben werden. Weil die Aufgabe schwer ist,
kann es sich dabei gewifi nur um einen Versuch handeln.
1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920
8 Klassen
12 Lehrer
256 Kinder
Alte Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft versicherten
oft, sie hatten Rudolf Steiner so ganz besonders strahlend gesehen,
als die Waldorfschule eroffnet wurde. Dies Strahlen liegt, wie ein
Nachklang des groBen dreifachen Griindungskurses vom August
1919, auch noch iiber alien Konferenzen des ganzen ersten Jahres.
Und wie Rudolf Steiner bei Kursbeginn den tiefen Dank aussprach
an die iiber der Schule waltenden geistigen Machte, so richtete er in
diesem ersten Jahre auch mehrere Male den Dank an EmilMolt und
an die Lehrer der Schule (1/162 und in den Ansprachen, siehe
,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", besonders S. 51/52, Liste
Nr. 8).
Diese Stimmung tragt und beflugelt die Lehrer und schafft ihnen
erstaunliche Krafte. Mit Schwung und Begeisterunggehen sie an ihre
Aufgaben heran und suchen sich noch neue hinzu. Rudolf Steiner
feuert wohl die Lehrer mehrfach an zu Enthusiasmus (1/63) und
Mut (1/95, 117), aber er ruft sie auch auf zum Bewufltsein und zur
Besinnung (1/63) und warnt sie vor Zersplitterung ihrer Krafte
(1/84, 124).
Einleitungen
43
Am 7. September 1919 fand die Eroffnungsfeier fur die Freie Wal-
dorfschule statt, in der Rudolf Steiner seine grundlegende An-
sprache hielt (Liste Nr. 8). Aber der Unterricht konnte noch nicht
beginnen, weil die Raume des ehemaligen Kaffeerestaurants Uh-
landshohe, Kanonenweg 44, erst zum Teil fertig waren. In der ,,ent-
scheidenden Konferenz im engsten Kreise" vom 8. September
(1/65), die Rudolf Steiner im Seminarkurs zuletzt (S. 184) fur ,,mor-
gen oder iibermorgen" schon angekundigt hatte, wurde zwar ein
provisorischer Plan ausgearbeitet, wie man unter Zuhilfenahme von
,,Schichtunterricht" auch mit den noch zu wenigen Raumen zu-
rechtkommen konnte (1/65, 66), aber der Unterrichtsbeginn ver-
schob sich dann doch auf Dienstag den 16. September. Rudolf Stei-
ner war nicht dabei anwesend.
Das Auflere war denkbar primitiv. Schulbanke wurden erst nach und
nach geliefert. Die Kinder mufiten in den ersten Wochen auf den vom
Restaurant her vorhandenen Stiihlen sitzen und auf den Knien
schreiben.
Die Waldorfschule begann als ,,Volksschule", das heiBt mit nur acht
Klassen. Sie hatte beim Beginn 256 Schuler; die einzelnen Klassen
waren recht unterschiedlich besetzt, im Durchschnitt mit 32 Schii-
lern, darunter meist ein wenigmehr Madchen als Jungen. 191 Kinder
waren ,,Waldorfkinder", das heifit, sie hatten Eltern oder Verwandte
in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Die iibrigen Schuler waren
fast ausschlieftlich Kinder von Anthroposophen.
Dem Lehrerkollegium gehorten an: Rudolf Steiner als Leiter der
Schule, Frau Marie Steiner „als Leiterin der eurythmischen Abtei-
lung", Emil Molt als ,,Protektor der Schule", Frau Bertha Molt als
,,Schulmutter" (1/198, 199) und anfangs zwolf Lehrer. DerenZahl
veranderte sich im Laufe des Schuljahres, weil einige voriibergehend
oder dauernd die Schule verliefien und andere hinzukamen; am
Schuljahresende waren es vierzehn Lehrer.
An die Stelle der ublichen „regierungsmafligen", rektoralen Schul-
fiihrung stellte Rudolf Steiner die Verantwortung jedes einzelnen
Lehrers, die sich in den Konferenzen auswirkt (1/62). ,, Recht
republikanisch!" (1/83). ,, Konferenzen sind freie republikanische
Unterredungen. Jeder ist darin ein Souveran" (1/68). Nachiiber drei
Jahren schlug er fur die Schulverwaltungeinen drei- bis vierkopfigen
Verwaltungsrat vor, ,,damit nicht die republikanische Verfassung
durchbrochen wird" (2/235).
Obwohl der Aufbau, die Gliederung und der Lehrplan des Unter-
fichtes in den padagogischen Kursen von August und September von
44
Einleitungen
Rudolf Steiner schon gegeben waren, war doch noch manches ein-
zuftigen, zu andern oder genauer auszugestalten. Nicht alles, wasim
ersten Schuljahre versucht wurde, Heft sich auch schon fur die Dauer
ausfiihren.
Die 7. und 8. Klasse sollten abwechselnd von zwei Lehrern gefuhrt
werden, von Stockmeyer und Dr. Treichler (1/65). Weil Dr. Treich-
ler nach einigen Wochen noch mehr Sprachunterricht zu iiberneh-
men hatte, trat an seine Stelle als Klassenlehrer Dr. Stein (1/115,
122). Stockmeyer und Stein riickten dann jahrlich mit ihren Klassen
eine Stufe hoher, bis in die Oberklassen hinein. Die spateren 7. und
8. Klassen hatten, wie die 1. bis 6., dann auch nur einen Klassen-
lehrer (3/25).
Uber den neu einzurichtenden Freien Religionsunterricht ist schon
gesprochen worden im Abschnitt 7, S. 35—41.
Uber die Eingliederung der ,,weiblichen Handarbeiten" hatte Rudolf
Steiner im Seminarkurs noch nichts gesagt, ,,weil einfach die Beset-
zung nicht da war" (Seminar S. 184). Deshalb wurde erst Ende
Oktober mit diesem Unterricht begonnen, selbstverstandlich fiir
Jungen und Madchen zusammen. Frau Bertha Molt und Fraulein
Helene Rommel gaben den Unterricht lange gemeinsam; erst als zu
viele neue Klassen hinzukamen, ubernahmen sie ihre Klassen einzeln.
Bis in den Sommer 1922 wurde das Turnen von Paul Baumann und
einzelnen Klassenlehrern schlecht und recht mitversehen. Die weni-
gen in dieser Zeit gemachten Angaben Rudolf Steiners zu diesem
Unterricht heben stark den von ihm gewunschten engen Zusam-
menhang mit dem Eurythmieunterricht hervor (vgl. Sachwortver-
zeichnis). Durch die Arbeit Graf Bothmers ergab sich spater fiir
Rudolf Steiner die Moglichkeit, so konkret Grundlegendes uber das
Turnen zu sagen, wie es in der Konferenz vom 1. Marz 1923 geschah
(2/292 ff.).
Handwerk undGartenbau wurden im methodisch-didaktischen Kurs
und im Seminar nur ganz allgemein erwahnt, nicht als besondere
Unterrichtsgegenstande. Wahrend nun Rudolf Steiner von Ende Sep-
tember bis Mitte Dezember 1919 von Stuttgart abwesend war,
wurde in der Waldorfschule eine Werkstatt mit Hobelbanken und
einigem Schlosserwerkzeug eingerichtet, und es wurde ein junger
Schlosser angestellt, zunachst um Apparate fiir den Physikunterricht
herzustellen. Damit im Zusammenhang wurde Ende November, wie
es scheint ohne Besprechung mit Rudolf Steiner, auch mit einem
anfanglichen Handwerksunterricht durch den Schlosser begonnen,
in zwei einzelnen Stunden jede Woche fiir die 6. bis 8. Klasse. Nach
Einleitungen
45
den Osterferien kam unter derselben Leitune Gartenarbeit hinzu,
schon von der 5. Klasse ab, aber zunachst nur fur Freiwillige, worauf
Rudolf Steiner anordnete (1/121), dieser Unterricht solle fur alle
Kinder als obligatorisch gelten. Zu der Frage, in welchem Alter der
Handwerks- und Gartenbauunterricht beginnen sollte, vgl. Hinweis
zu S. 196. — Vom Beginn des zweiten Schuljahres ab ging dieser
Unterricht iiber an Max Wolffhugel, der Kunstmaler war und auch
die Schreinerei erlernt hatte. Den Gartenbauunterricht konnte er im
Herbst 1921 abgeben an GertrudMichels, die Gartnerin war.
Um der in der ersten Zeit der Schule reichlich vorhandenen Unge-
ziigeltheit ein Gegengewicht zu geben, fiihrte Rudolf Steiner einen
Unterricht fur Takt und Moral" ein; er wurde meist ,,Anstands-
unterricht" betitelt (1/125). Paul Baumann hatte ihnzu geben, und
damalige Schiller berichten, er habe zum Beispiel eine Art Kultur-
geschichte der Hoflichkeit behandelt: ,,H6flichkeit" vom Worte
Hof, Rittertum und so weiter. Im Laufe des zweiten Schuljahres ist
dieser Unterricht dann eingeschlafen (1/268).
Hilfsklasse. Verstandlicherweise hatten die Eltern aus der Waldorf-
Astoria-Zigarettenfabrik besonders bereitwillig diejenigen Kinder
fur die neue Schule angemeldet, bei denen es in der offentlichen
Schule nicht recht vorangehen wollte. Deshalb waren in den Klassen
meist vier bis sechs ,,schwierige", zum Teil sogar sehr schwierige
Kinder zu finden. Fur die, die als wirkliche Psychopathen besondere
Sorgenkinder waren, richtete Rudolf Steiner schon im April 1920
eine Hilfsklasse ein (1/123). Etwa zehn Kinder der 1.— 6. Klasse wur-
den wahrend des Hauptunterrichtes, also nur von acht bis zehn Uhr,
aus ihren Klassen herausgenommen und ,,separat" unterrichtet. Es
sollten dabei besonders langsam und eindringlich dieselben Dinge
durchgenommen werden wie im Klassenunterricht sonst auch
(1/125), aber aufterdem sollten auch ganz spezielle Ubungen
gemacht werden (1/264). Zu den Stunden nachzehn Uhr sollten die
Kinder alle wieder in ihre regularen Klassen zuriickkehren. Diesen
Hilfsunterricht iibergab Rudolf Steiner an Karl Schubert.
Leider konnte diese Hilfsklasse zunachst nur bis zum Juni 1920
durchgefiihrt werden, weil Dr. Schubert fur eine erkrankte Klassen-
lehrerin einspringen mufite, und die Hilfsklassenkinder gingen wie-
der ganz in ihre jeweilige Klasse zuriick. Erst im September 1921
(2/37) konnte Dr. Schubert seine Hilfsklasse wieder ubernehmen,
Sie veranderte sich im Laufe der Jahre zunehmend in der Richtung,
daft immer mehr auch ganz schwere Falle, das heiftt Kinder, die
iiberhaupt an keinem Klassenunterricht teilzunehmen in der Lage
46
Einleitungen
waren, in die Hilfsklasse aufgenommen wurden. Dr. Schubert leitete
dann die Hilfsklasse zum grolken Segen fur ,, seine", aber auch fiir
alle Kinder der Waldorfschule ununterbrochen, bis die Schule Ostern
1938 verboten wurde; ja es gelang ihm sogar, sie, im Verborgenen
geduldet, auch dann noch bis 1945 weiterzuftihren (vgl. Sachwort-
verzeichnis).
Ebenfalls im Friihjahr 1920 wurde ein Kindergarten (Vorschule,
Vorklasse) unter Leitung von Elisabeth von Grunelius eroffnet
(1/121). Rudolf Steiner gab Ratschlage dafur (1/133, 134, 146,
147). Leider mulke der Kindergarten wegen Geld- und Platzmangels
schon nach wenigen Monaten wieder aufgegeben werden. Fraulein
von Grunelius iibernahm zeitweise andere Aufgaben an der Schule.
Ihr Kindergarten kam erst nach Rudolf Steiners Tode wieder zu-
stande.
Ebensowenig konnte der Versuch durchgefiihrt werden, fiir Kinder,
die nachmittags unbeaufsichtigt waren und verwilderten, einen Hort
(1/112) einzurichten. Auch hier reichten die Raume und Geldmittel
nicht aus. Aufterdem war das Interesse gerade der Eltern dieser Kin-
der doch nicht stark und zuverlassig genug.
Auch die Versuche, fiir schulentlassene Kinder eine Fortbildungs-
schule zu schaffen, muftten, allerdings aus anderen Griinden, immer
wieder aufgegeben werden.
Rudolf Steiner hatte urspriinglich gedacht an eine mit der Waldorf-
schule nur locker zu verbindende Schule fiir junge Leute von vier-
zehn bis fiinfzehn Jahren ab, als Vorbereitung fiir den Eintritt in die
spezielle Berufsausbildung im Handwerk oder in der Fabrik. Diese
Aufgabe sollte Dipl. Ing. Alexander Strakosch (1/121, 126) iiber-
nehmen. Er war bis Herbst 1920 in Wien Vorstand eines Eisenbahn-
werkstattenamtes und hatte durch Urlaub im August/September an
deri padagogischen Kursen, und spater auch an den naturwissen-
schaftlichen Kursen teilnehmen konnen. (Vgl. dazu: Alexander Stra-
kosch, ,,Lebenswege mit Rudolf Steiner. 2. Teil." Dornach 1952,
S. 60.) Aber dieser erste Plan erwies sich als undurchfiihrbar, weil die
Bestimmungen iiber die staatlichen Fortbildungsschulen jede private
Initiative auf diesem Felde ausschlossen.
Jetzt (1/121) im Marz 1920 trat der zweite Plan auf: fiir Schiiler, die
nach absolvierter Schulpflicht aus der 8. Klasse der Waldorfschule
ausgetreten waren und nun schon in einer Berufsausbildung standen,
eine solche Schule einzurichten. Sie sollte wirkliche ,,Lebenskunde"
geben, und Rudolf Steiner wollte sie ,,Lebensschule fiir die Alte-
sten" nennen. Er gab sogar schon einen skizzenhaften Lehrplan
Einleitungen
47
dafiir (1/126). Aber auch dies scheiterte. Das Interesse der jungen
Menschen selber war nicht nachhaltig genug, und die behordlichen
Bestimmungen lieflen keinerlei Spielraum. Strakosch iibernahm
dann im September 1920 als Klassenlehrer die 5. Klasse und war
gleichzeitig in der Leitung des Forschungsinstitutes tatig (Einleitung
S. 19).
In gewisser, freilich recht anderer Weise ist spater der innerhalb des
Waldorflehrplanes von Strakosch gegebene Unterricht in Technolo-
gie (von der 10. Klasse ab) an diese Stelle getreten (1/286, 287, vgl.
Sachwortverzeichnis) .
Ganz aus der damals Deutschland ergreifenden Erregung iiber soziale
Fragen und gleichzeitig aus der Begeisterung fur die Dreigliederungs-
bewegung herausgeboren, waren die von Dr. Herbert Hahn fur die 6.
bis 8. Klasse unternommenen Unterweisungen in ,,sozialer Erkennt-
nis" (1/136). Es war das, wie Rudolf Steiner es nannte, ein ,, Unter-
richt abseits vom iibrigen", der mit dem Wiedereintreten ,,ruhiger"
Verhaltnisse sein natiirliches Ende fand. (Vgl. Sachwortverzeichnis.)
Vier Dinge, die zu den besonders charakteristischen Lebensformen
der Waldorfschule gehoren, nahmen schon im ersten Schuljahr ihre
bleibende Gestalt an.
1 . Dem in Wurttemberg damals iiblichen schulfreien ersten Montag
im Monat gab Rudolf Steiner einen sinnvollen Inhalt. Er machte aus
dem blofien freien Tag, den er auf den Donnerstag als den geeigneten
Wochentag verlegte, ein Schulfest, die „Monatsfeier" (1/112),
indem er einerseits den Inhalt des Festes ganz aus dem padagogi-
schen Leben der Schule herauswachsen lieft — die Kinder sollten
einander zeigen, was sie gearbeitet hatten — und andererseits darauf
hinwies, daB dieser Tagetwas sein sollte wie ,,ein Gedankensammeln
iiber den Monatsinhalt". Rudolf Steiners eigene Ansprachen bei die-
sen Monatsfeiern und ahnlichen Gelegenheiten siehe in ,, Rudolf
Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958, S. 29, 45, 55, 99,
141, 171 (ListeNr. 8).
2. Auch bei den Feiern zum Anfang und Abschlufi des Schuljahres
erfiillte Rudolf Steiner den bisher iiblichen leeren Formalismus mit
padagogischem Inhalt. Freilich war die Gestalt dieser Feiern, wie sie
heute noch in den Waldorfschulen lebendig ist, bei Rudolf Steiner
auch nicht mit einem Male vorhanden, sondern sie entwickelte sich
schrittweise. Man vergleiche dazu Seite 157, ,,etwas, was den Schul-
schlufi eurythmisch darstellt" mit Seite 289, wo er iiber die Anspra-
48
Einleitungen
chen der Lehrer spricht. Er gab auch selbst Vorbilder fur die Art, wie
da zu sprechen sei, in seinen eigenen Ansprachen, von denen sich
sechs erhalten haben. Vgl. in ,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule",
S. 48,75,88, 126, 145, 175.
3. Ein ahnlicher Prozeft des langsamen Wachsens einer Form zu
innerer Realitat hin ist bei der Frage der Zeugnisgebung und der
Versetzung zu beobachten. Im Seminarkurs am 6. September 1919
(S. 183) ist noch von mehreren Zeugnissen die Rede, die im Laufe
des Jahres zu geben seien, ,,als von der Aufienwelt Gefordertes";
ahnlich auch noch in der Konferenz am 23. Dezember 1919(1/116).
Aber am 14. Juni 1920 (1/147) wird wie selbstverstandlich von nur
einem Jahreszeugnis gesprochen. Der Kopf der Zeugnisse wurde
spater von ihm so angegeben:
Dieses Zeugnis
wird
geboren am in
fur die Klasse im Schuljahr 19 /19 gegeben
Uber die Art, wie diese Zeugnisse innerlich zu gestalten seien, sollten
Rudolf Steiners mehrfache Aufierungen (vgl. Sachwortverzeichnis)
nachgelesen werden.
4. Der Ubergang in die nachsthohere Klasse wird von der iiblichen
Versetzung oder Nichtversetzung hiniibergefuhrt zu dem Mitherauf-
nehmen moglichst samtlicher Schuler mit dem Jahrgang, der ihrem
Alter entspricht. In den beiden ersten Schuljahren wird noch bei
alien besonders schwierigen Kindern einzeln besprochen, ob man sie
,,versetzen", das heifit, weiter mitgehen lassen kann (1/168—171,
281—283). Im dritten Schuljahr ist eine solche Besprechung schon
unnotig geworden.
2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921
11 Klassen
19 Lehrer
420 Schuler
In den Konferenzen des zweiten Schuljahres herrscht iiberwiegend
noch, ungeachtet gelegentlich aufziehender Wolken, die gleiche freu-
Einleitungen
49
dige, kraftvolle Stimmung wie im Vorjahr, vielleicht bei den Lehrern
etwas weniger draufgangerisch. Es werden im ganzen auch dieselben
Probleme behandelt; sie werden ausgearbeitet und vertieft.
Hauptsachlich an drei Stellen zeigt sich aber charakteristisch die
Eigenart dieses zweiten Schuljahres: bei der Besprechung der neuen
9. Klasse; dann als die Frage nach der wirtschaftlichen Grundlage
und nach der geistigen Selbstandigkeit der Schule gestellt wird;und
endlich, als Rudolf Steiner spricht iiber seine eigene Stellung als
Leiter der Waldorfschule.
Die Schule wachst auch dieses Jahr kraftig weiter. Fur die neue 1.
und fur die 6. Stufe miissen Parallelklassen eingerichtet werden
(1/169, 178). Besonders ausgestaltet werden die praktischen Fa-
cher: Handwerk und Gartenbau (1/193—196, 270) sowie Hand-
arbeit (1/199, 224, 225, 241, 249, 269, 270). Bei An stand sun ter-
richt (1/268) und sozialer Erkenntnis (1/286, 287) wird festgestellt,
daft sie jetzt aufhoren; beim Kindergarten und der Fortbildungs-
schule (1/276—277), daft sie wieder zunachst nicht durchgefiihrt
werden konnen. Die Art der Zeugnisgebung (1/284, 285) und der
Versetzung (1/285) finden ihre endgiiltige Gestalt.
Fur die neuen Klassen und fur den praktischen Unterricht, aber auch
weil einige Kollegen fortgegangen sind, miissen neue Lehrer einge-
stellt werden (1/199, 225, 226, 268, 274, 285). Bei dieser Gelegen-
heit wird auch festgelegt, wer zum Lehrerkollegium gehoren soli und
wer nicht (1/198, 199).
Beim neusprachlichen Unterricht taucht die Frage auf, die dann nie
zur Ruhe kommen will: ob und wie in diesen Fachern die Schiiler,
ungeachtet ihres Klassenzusammenhanges und ihres Alters, rein
nach dem Stande von Wissen und Fahigkeit zusammengefaftt werden
sollen (1/171, 284;vgl. auch Sachwortverzeichnis).
Das Problem eines eigenen Schularztes (1/263) und das der Heil-
eurythmie (1/284) treten auf.
Das Wichtige aber ist, daft auf die acht Volksschulklassen jetzt eine
9. Klasse, eine Oberklasse, aufgebaut wird (Einleitung S. 28 und
1/119). Freilich klingen die damit beriihrten Probleme vorerst nur
leise an. Zunachst sollen die 8. und 9. Klasse von zwei Klassenlehrern
ebenso abwechselnd weitergefiihrt werden wie bisher die 7. und
8. Klasse (1/200).
Auch bei dem Lehrplan fiir das 9. Schuljahr, der jetzt aufgestellt wird
(1/191, 219—226), verbirgt sich das grundsatzlich Neue zunachst
noch unter dem Scheine, als ob in der 9. Klasse nur das in der
8. Klasse Besprochene „noch einmal" durchzunehmen sei. Aber
50
Einleitungen
gerade in dem, wie dies ,,noch einmal" geschehen soil, steckt ja die
entscheidende Anderung der Unterrichtsart, die diesem Lebensalter
entsprechend und notwendig ist. Das wird dann bei den folgenden
Klassen immer deutlicher. Hier schauen diese Fragen nur gleichsam
wie zum Fenster herein.
Aber schon als jetzt die Frage aufkommt, warum denn die Arbeiter-
kinder, die proletarischen Kinder, lieber sofort ins Berufsleben ge-
steckt werden, statt in die 9. Klasse weiterzugehen (1/260, 261),
klingt schon das Problem des Abituriums an (1/260) und damit die
Sorge, daft die heranwachsenden Oberklassen zu sehr in die Nachbar-
schaft der ublichen ,,hoheren Lehranstalt" geraten konnten, so daft
dadurch ,,irgendwelche Dinge" verhindert wiirden (1/260). ,,Irgend-
welche Dinge", das waren nach den ,,Volkspadagogischen Vortra-
gen" (Liste Nr. 3) diejenigen Unterrichtsgegenstande, durch die der
junge Mensch so, wie es unserer Zeit entspricht, ins wirklich prak-
tisch-tatige Leben hineingestellt werden sollte. Diese Frage stent von
nun an, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, hinter allem, was
iiber die Oberstufe noch verhandelt wird. Es ist ein schwerer Ver-
zicht, daft diese Ziele der ,,Volkspadagogischen Vortrage" fur die
Oberklassen aufgegeben werden miissen.
Und ein grofter Verzicht liegt auch in dem Fazit, das Rudolf Steiner
am 26. Mai 1921 aus der sozialen Entwicklung der letzten Zeit Zie-
hen muft. Die Stuttgarter Schule kann nicht mehr als der Anfang
einer weit iiber Deutschland hinausgreifenden Bewegung der Schul-
erneuerung gelten. Sie kann nur noch ,,Modell" sein. ,,Eine zweite
Schule werden wir nicht mehr errichten konnen" (1/289). Tatsach-
lich wurden die unvermeidbaren Kompromisse den Behorden gegen-
iiber standig einschneidender,, nicht nur bei alien spater gegriindeten
Waldorfschulen, sondern auch bei der Stuttgarter Schule selbst.
Ein zweites Charakteristikum dieses Schuljahres ist die Frage nach
der wirtschaftlichen Grundlage der Waldorfschule. Als sie zwischen
den Schuljahren, bei den Konferenzen vom 29. und 31. Juli und
21. September 1920 zur Verhandlung kommt, da lodert das Feuer
hell auf, das lange schwelte.
Aber in Wahrheit ist gar nicht das Materielle der Grund dafiir. Die
Finanzierung bleibt in alien folgenden Jahren eine schwere Sorge. Es
ist ja auch im Friihjahr 1920 der Waldorfschulverein begriindet
(1/183, Einleitung S. 22), dessen damals gegebene Form in den
Hauptziigen heute noch besteht. Der Weltschulverein freilich, um
den Rudolf Steiner sich so sehr muhte (1/183-186, 189, 201, 202,
228—233, 289), kam weder damals nochje spater zustande.
Einleitungen
51
In Wahrheit ging die Auseinandersetzung um zweierlei: urn die gei-
stige Selbstandigkeit der Schule, das heifit praktisch um ihre Unab-
hangigkeit von der Waldorf-Astoria-Fabrik, und dann um das rich-
tige Verhaltnis zur Person von Emil Molt.
Jetzt macht Rudolf Steiner klar, daft in Wirklichkeit die Griindung
der Schule auch finanziell das Werk von Emil Molt ist. ,,Die Schule
ist //zrVerdienst" (1/213).
Gerade dadurch aber wird Emil Molts Stellungzur Schule richtig. Er
ist gleichsam als Privatmann ,,Protektor der Schule" und ,,Schul-
vater", so wie Bertha Molt ,,Schulmutter" ist. Damit sind beide
vollgultige Mitglieder des Lehrerkollegiums (1/199). Dies Kollegium
wird ,,jederzeit . . . mit Herrn Molt gehen, will aber nichts mit der
Waldorf-Astoria zu tun haben" (1/209). Die Fabrik wird auch wei-
terhin Beitrage geben und fur die Kinder ihrer Werkangehorigen das
Schulgeld bezahlen. Aber die Schule wird von ihr vollig frei und
unabhangig sein.
Damit ist auch das dritte und wesentlichste Element dieser Konfe-
renzen innerlich auf das engste verbunden. Rudolf Steiner spricht es
aus in seiner Ansprache vor den Lehrern beim Beginn des zweiten
Schuljahres am 22. September 1920 (1/214-217), dafl seine Stel-
lung als Leiter der Schule nie anders aufgefaftt werden diirfe als die
des Esoterikers. Sie diirfe niemals auf Suggestion oder aufierer Macht
beruhen, stets nur auf dem freien Willen und Vertrauen derLehrer.
Damit wird — und das ist die innerste Lebensquelle der Schule —
deren Zusammenhang mit Rudolf Steiner und also mit der Anthro-
posophie auf das genaueste umschrieben und dargestellt.
3. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922
Die Zahlen liefien sich fiir dieses Jahr nicht genau feststellen. Es
waren ungefahr: 15
30 Lehrer
540 Schiiler
Uberwiegend klingt die Stimmung des freudigen Schaffens durch
dies dritte Schuljahr weiter fort; ebenso beim fortgesetzten Aus-
und Aufbau wie bei den ohne Unterbrechung durch die Konferen-
zen aller Jahre durchlaufenden Themen der Besprechung einzelner
schwieriger Kinder und der Beantwortung spezieller sachlicher
oder methodischer Fragen.
52
Einleitungen
Auch in der Stellungnahme gegeniiber der behordlichen Schulrevi-
sion wird noch eine ungebrochene Einheitlichkeit erlebt. Daft die
Revision von seiten der Lehrer unrichtig, weil einseitig gesehen
wird, offenbart sich erst nach Monaten. Schrittweise aber werden
kritische Worte Rudolf Steiners vernehmlicher. Die Wolken senken
sich zuweilen drohend tief herunter.
Wieder werden zwei neue 1. Klassen (2/17, 22) und neue Parallel-
klassen (2/17) eingerichtet. Auch Fachlehrer werden neu berufen
(2/19,53).
Vor allem wird aber die zweite Oberklasse, die 10. Klasse begriindet
und bekommt ihren Lehrplan (2/18, 22—31). Dabei wird der bis-
herige Brauch verlassen, daft die obersten Klassen wechselweise von
nur zwei Klassenlehrern betreut werden. Es sollen deren jetzt drei,
womoglich sogar vier werden (2/18, 27, 38). Fur diese Klasse werden
voile funf praktische Facher neu eingerichtet: Spinnen und Weben;
Gesundheitslehre und Erste Hilfe; Feldmessen; technische Mechanik
(2/18, 29, 30) und Stenographic (2/31).
Sehr eingehend kummert sich Rudolf Steiner darum, daft fur den
,,Asthetikunterricht", den Unterricht fur das Verstandnis des
Kunstlerischen, ein guter Fachmann zugezogen wird (2/23, 38). Von
nun an werden fur diesen Unterricht wiederholentlich eingehende
Direktiven erbeten und gegeben (2/41, 64 und Sachwortver-
zeichnis).
Eine grofie Rolle spielt die Revision durch den zustandigen Schul-
rat im Fruhjahr 1922 (2/68-72; Einleitung S. 22, 25). Rudolf
Steiner laftt sich von den Klassenlehrern sehr genau berichten, was
sie dabei erlebt haben. Er muft daraus zu der Ansicht kommen, die
Priifung und Beurteilung sei engstirnig, nicht auf das Wesen der
Waldorfschule eingehend, und keineswegs wohlwollend gewesen.
Es werden deswegen eingehende Beschliisse gefaftt, wie man durch
Artikel in den Zeitschriften ,,Die Drei" und ,,Anthroposophie"
solchen unsachgemafien Einwendungen entgegentreten konne
(2/68, Liste Nrn.136, 138).
Desto harter ist der Schlag, als Rudolf Steiner im folgenden Schul-
jahr den Bericht des Schulrates an das Ministerium gelesen hat. Er
sagt es dann den Lehrern mit scharfen Worten. ,, Wohlwollend ist der
Bericht!" — ,,Die Dinge sind wahr, die darin stehen; das ist das Bit-
tere" (2/141).
Aber auch schon in diesem 3. Schuljahr kommt gelegentlich derber
Tadel zu Wort, noch schwach, aber unuberhorbar. Rudolf Steiner
Einleitungen
53
klagt iiber mangelnde Mitarbeit, iiber mangelnde Lebendigkeit der
Schiiler (2/20) und iiber zu geringen Zusammenhang unter den Leh-
rern. „WilIig zusammenarbeiten! Gegenseitig sich verstehen im Kol-
legium" (2/80).
Es findet auch die erste, dieses Mai nurkurze, aber sehr eingreifende
Besprechung statt iiber zwei besonders schwierige" Schiiler der beiden
obersten Klassen. ,,Man mufi mit den Jungen fertig werden"
(2/71,72).
Rudolf Steiner tadelt aber nicht nur; er hebt auch wie immer gerne
das Gute heraus. Er ist erfreut, „weil die Waldorfschule diesen guten
Geist ausgebildet hat", und ,,weil sie im wesentlichen doch alles
gehalten hat, was sie versprochen hat" (2/77). Er gibt auch an, was
zu tun sei fur ein gutes Zusammenarbeiten. Er lobt die Dissertation
von Dr. von Baravalle. „Das ist tatsachlich so, dafi spirituelle Krafte,
die im Lehrerkollegium sind, das Lehrerkollegium tragen durch die
Gegenseitigkeit des inneren wissenschaftlichen Erlebens" (2/44).
Ganz am Ende des Schuljahres geschieht aber etwas, was einen bosen
Schatten vorauswirft. Schiiler der obersten (10.) Klasse hatten gebe-
ten um ein Gesprach mit Rudolf Steiner (2/93). Dabrachten sie alles
vor, was sie an Kiimmernissen iiber einige ihrer Lehrer auf dem Her-
zen hatten. Rudolf Steiner horte sie an, liefi sie ruhig alles ausspre-
chen, fragte nicht nach und entliefi sie, ohne weiter darauf einzu-
gehen. Dies Gesprach hatte eine starke Nachwirkung, aber erst im
folgenden Jahr.
4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis etwa 24. Marz 1923
Auch hier sind die beiden ersten Zahlen nicht genau festzustellen:
19 Klassen
37 Lehrer
640 Schiiler
Gleich zu Beginn des Schuljahres, noch ehe der Unterricht beginnt,
ziehen sich die Wolken zum ersten Male dicht zusammen und entla-
den sich, wie auch dann im Lauf des Jahres, Schlag auf Schlag.
Rudolf Steiner gebraucht immer wieder empdrte, tadelnde Worte,
bis hin zum Februar 1923.
Aber in die dadurch entstandene finster lastende Stimmung der Leh-
rer hinein stellt er im letzten Vierteljahr, eine nach der anderen,
sieben geschlossene Sonderdarstellungen, die jeweils ein wichtiges
54
Einleitungen
Gebiet der Padagogik erhellen. Sie umfassen manchmal eine ganze
Konferenz. Es wird so gleichsam das, was abzusinken droht, mit
Riesenkraft wieder in die Hohe gehoben.
Das erste Unwetter grollt gleich am Abend nach der Schuleroffnung
1922. Nach kurzer Ansprache wird in einigen der wichtigsten Facher
ein Austausch der Lehrer vorgenommen. Rudolf Steiner war dem,
was die Schiiler der 10. Klasse ihm im Gesprach vorgebracht hatten,
selbst griindlich beobachtend nachgegangen (2/93) und hatte den
Eindruck bekommen, daft ,,die Waldorfschule (mit diesen Kindern)
nicht eigentlich fertig geworden ware" (2/93). Ein schwerer Vor-
wurf folgt dem anderen. (Es werden nur einige angefiihrt.) Statt des
,,innigen Verbundenseins" mit der Klasse sei eine ,,gewisse . . . Ent-
fremdung eingetreten". Es sei zu einem ,,Zerflattern" der Klasse
gekommen, nicht zum ,,richtigen Zusammenwirken". Statt ,,Begei-
sterung" habe sich ,, negative, skeptische Stimmung ... in den
Unterricht hineingeschlichen" (2/95, 96).
Der Unmut Rudolf Steiners ist so tief, dafi er am nachsten Abend die
Konferenz schroff abbricht und im Zorn hinausgeht, als es sich zeigt,
daB bei den Zeugnissen ,,ein Mangel an Ernst", ,,eine unerhorte
Schlamperei" vorgekommen sei (2/110). Erst die Konferenz am drit-
ten Tag (22. Juni 1922) verlauft in gewohnter Weise.
Ganz besonders schlimm wird es, als im Herbst 1922 bei einer
Gruppe von Schiilern der 9. bis 11. Klasse Ausschreitungen vorge-
kommen waren, in denen sich eine moralische ,,Verwilderung"
offenbarte. Die griindliche Besprechung dariiber nimmt zwei ganze
Konferenzen (2/120—137) und dariiber in Anspruch.
Mehrere Schiiler mussen von der Schule ausgeschlossen werden, und
es gibt einigen Wirbel in den Klassen und bei den Menschen um die
Schule herum.
Rudolf Steiner gebraucht auch dieses Mai gegeniiber den Lehrern
wieder harte Worte, und er wiederholt manche auch in anderen Kon-
ferenzen dieses Jahres. (Auch hier wird nicht auf alles hingewiesen.)
Er spricht von ,,gewohnlichem Schulschlendrian" (2/205), von
,,innerer Bequemlichkeit" (2/225). ,,Die Waldorfschul-Methodik ist
nicht iiberall angewendet" (2/205), ,,die Praxis ist noch nicht da"
(2/108). ,,Das Dozieren ist nicht iiberwunden worden" (2/174). Es
bestehe nicht genug ,,Interesse und Verstandnis for das Echo, das aus
der Klasse entgegenkommt" (2/173); ,,die Kinder arbeiten nicht
mehr innerlich seelisch mit" (2/173). So ist ,,der Kontakt verloren
mit den Kindern" (2/204). ,,Selbstdisziplinierung" ist notig (2/224).
Einleitungen
55
,,Frische, . . . Wurf, Schneid gehort in unsere Unterrichtstatigkeit"
(2/206). „Wir miissen Feuer hineinbringen" (2/179). Vor allem
aber: „Es muft Humor hinein!" (2/108). Gerade dies wird mehrfach
auch an anderen Stellen wiederholt. „Die Stimmung ist hier eine so
gespannte" (2/224). ,,Ein harmonisches Zusammenarbeiten miiftte
geboren werden" (2/225).
Es kommen noch Schwierigkeiten anderer Art hinzu. In iiber drei
Konferenzen wird endlos verhandelt iiber die richtige Gestaltungdes
Stundenplans (28. Oktober, 24. November, 5. und 9. Dezember
1922) . Der Eindruck ist, daft Rudolf Steiner zuletzt resignieren muft,
weil er kein Verstandnis findet.
Und endlich zeigt es sich als notig, daft Rudolf Steiner die Schulver-
waltung auf eine neue Grundlage stellt. Er schlagt vor, daft neben
dem, der im Schulhause wohnt und deshalb gewisse laufende Ver-
waltungsdinge zu fiihren hat (2/235), nun fur allesubrige ein ,,kleines
Kollegium", ein drei- bis vierkopfiger Verwaltungsrat gebildet wird
(2/235). Dies laftt sich aber erst in muhsamenundlangwierigen Ver-
handlungen erreichen, bei denen Rudolf Steiner mit seinen tadeln-
den Aufterungen nicht hinter dem Berge halt (23. und 31. Januar
1923) .
Wahrend dieser schweren Monate wird aber dennoch der Ausbau der
Schule fortgefiihrt. Fiir die neue 11. Klasse wird ein ausfuhrlicher
Lehrplan gegeben (2/97-99, 102-106, 109), und es sollen neue
Lehrer berufen werden (2/151, 184). Durch neue Parallelklassen
konnen nun die Volksschulklassen alle doppelziigig gefiihrt werden.
Vor allem aber tut Rudolf Steiner etwas tief Eingreifendes. Gerade
in dieser Zeit (Januar bis Marz 1923), als auch in der Anthroposo-
phischen Gesellschaft grofte Schwierigkeiten zu uberwinden sind,
wirkt Rudolf Steiner durch das Einflieftenlassen neuer spiritueller
Krafte der niederdriickenden Stimmung entgegen.
Er spricht erstens iiber den Bildschmuck in den Raumen der Schule
(2/228—231, 240, 241); zweitens daruber, wie sich der Lehrer
fruchtbar vorbereiten kann (2/232—235). Es folgt als drittes das
iiber die Schulhygiene Gesagte (2/257—267), und viertens ein aus-
fiihrliches Gesprach iiber die Stellung des franzosischen Unterrichts
in der Schule (2/276—284). Als fiinftes schlieften sich an Ernah-
rungsfragen (2/284—289) und sechstens die Grundlegung desTurn-
unterrichts (2/218—220, 292—301). Schlieftlich als siebtes werden
fur Lehrer und einige besonders interessierte Musikfreunde im Marz
noch zwei grofte Vortrage gehalten iiber Wesen und Entwicklung der
Musik (Zeittafel; Liste Nr. 24).
56
Einleitungen
5. Schuljahr: 24. April 1923 bis etwa 7. April 1924
21 Klassen
39 Lehrer
687 Schiiler
Die Gewitterstiirme des Vorjahres haben die Luft gereinigt, wenn es
auch noch keineswegs ohne Riickfalle und Riickschlage abgehen will.
Im Zentrum des Interesses steht, auflerlich gesehen, wahrend des
ganzen Jahres die Auseinandersetzung mit Staat und Auftenwelt, das
heiBt hier also mit dem Abiturientenexamen. Das nimmt viel Zeit
und Kraft in Anspruch.
Grofite geistige Ereignisse geben die herrschende Stimmung. Erstens
im Herbst 1923 die drei Vortrage fur die Waldorflehrer ,,Anregungen
zur innerlichen Durchdringung des Lehr- und Erzieherberufes"
(Liste Nr. 28). Zweitens am Ende des Schuljahres die ,,Erziehungs-
tagung der Freien Waldorfschule" (Liste Nr. 29). Drittens, und mehr
als alles andere, die Dornacher Weihnachtstagung vom 24. Dezember
1923 bis zum 1. Januar 1924 (Liste Nr. 118).
Es wird der Versuch gemacht, die Schuler schon am Ende des
12. Schuljahres ins Abitur zu schicken. Davon ist in zwei Dritteln
aller Konferenzen dieses Jahres die Rede; mehr oder weniger aus-
fuhrlich, direkt oder indirekt. Besonders eindringlich wird es am
25. April 1923 und ganz zuletzt, also schon nach der Priifung, am
27. Marzl924.
Diese Abituriumsnot ist auch der Grund dafiir, daft der Lehrplan der
neueingerichteten 12. Klasse gar nicht so aufgestellt werden kann,
wie es sein miifite. Immer wieder heiftt esahnlich wie 3/34—38: ,,Wir
mtifiten den Lehrplan der 12. Klasse eigentlich . . .", und dann:
,,aber wir konnen des Abiturs wegen nur . . ." Immerhin kann doch
Wesentliches gegeben werden: iiber Chemie (3/35, 36, 76, 77), iiber
Zoologie und Geologie (3/34, 35, 42-44, 77-79). Ausfiihrlich wird
gesprochen iiber Interpunktion, ihr Wesen und die Methode ihrer
Behandlung (3/56, 67-70).
Im iibrigen Aufbau wird zum ersten Male eine dritte 5. Klasse, eine
5c eingerichtet (3/93, 100) und wieder zwei 1. Klassen (3/21), Es
gehen Lehrer fort, zumTeil nach schwierigen Auseinandersetzungen
(3/21— 25), und neue kommenhinzu (2/302, 3/26).
Aber wieder erheben sich Schwierigkeiten mit Schulern, diesmal
nicht aus den drei obersten Klassen (dort ist eine gewisse Beruhigung
eingetreten), sondern aus der 9. Klasse. Es ist in diesem Jahr nicht
Einleitungen
57
alles gar so tragisch, es klingt auch Humor hinein. Ausschliisse kom-
men nicht vor. Aber bei mehreren Schiilern wird die schwierige
Psychologie eingehend durchgesprochen (3/60—63, 64—66, 71,
82—86). Es handelt sich in erster Linie darum, daft die in diesem
Alter heraufkommende ,,latente" Intelligenz sich von sich selbstaus
nur an ,,riipelhaften Sachen iibt". ,,Die Intelligenz muft auf die rich-
tigen Bahnen gelenkt werden" (3/72—74).
Diesem Negativen stehen auch in diesem Jahre wieder herrlichste
Geistgeschenke gegeniiber. Die ,,kunstlerisch-padagogische Tagung"
vom 25.-29. Marz 1923 (Liste Nr. 25). Dann die ,,padagogischen
Michaelsvortrage" vom 15. und 16. Oktober 1923 (Liste Nr. 28).
Und schlieftlich Ostern 1924 die ,,Erziehungstagung" (Liste Nr. 29).
In ihr wird schon spiirbar, was seit drei Monaten, alles iiberstrahlend,
in die Schule hineinwirkte: die Dornacher Weihnachtstagung (Ein-
leitungS. 15; Liste Nr. 118).
Rudolf Steiner, der bei dieser Neubegriindung der Anthroposophi-
schen Gesellschaft in ihr jetzt selbst den Vorsitz iibernommen hatte,
spricht in der nachstfolgenden Konferenz (3/110—123) erstmals
iiber die neuen Aufgaben, aber auch iiber die neuen Krafte, die sich
aus diesem Ereignis fur die Lehrer der Waldorfschule ergeben sollten.
Es lag die Absicht vor, dies alles in der Folgezeit noch viel weiter und
grofter auszubauen.
6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925
1919 1924
8 Klassen 23 Klassen
12 Lehrer 47 Lehrer
256 Schuler 784 Schuler
Die von Rudolf Steiner geleiteten Konferenzen des ersten (1919/20)
und die des letzten Schuljahres (1924) stehen einander seltsam
gegeniiber.
So riesenhaft sich 1919 alle Anfangsschwierigkeiten auch erheben
mochten, sie verbrannten ganz und gar in dem Feuer der Begeiste-
rung dariiber, daft diese Waldorfschule nun Wirklichkeit werden
sollte. Die anthroposophische Geisteswissenschaft trat weithin sicht-
bar in das allgemeine Kulturleben ein. Sie sollte der Erziehungskunst
neue und befeuernde Impulse geben. Mit schier unerschopflichem
Wagemut wurden die neuen Aufgaben angepackt.
58
Einleitungen
Im letzten Jahr, 1924, mischen sich in den hellen Glanz, wie in den
letzten zwei Jahren, auch wieder uniibersehbar getriibte Tone hinein.
Sie gewinnen nicht die Ubermacht, gehen sogar zuriick, aber sie
rufen auf zur Selbstbesinnung und zu erhohter Anspannung aller
Krafte, um Begeisterung und Geistesgetragenheit standig neu erste-
hen zu lassen.
Der auBere Ausbau war in alien Grundziigen an sein Ende gelangt.
Die zwolf Jahrgange, die die Schulpadagogik umfassen, standen,
samt der Hilfsklasse, jetzt da. Parallelklassen wurden auch in diesem
Jahr wieder neu eingerichtet (3/145), trotzdem die Schiilerzahl fiir
die vier untersten Klassen von der Schulbehorde noch eingeschrankt
war (3/145, Einleitung S. 29, 30); auch neue Lehrer wurden noch
eingestellt (3/143, 145), aber es wurde nicht, wie bisher, eine neue
Klasse auf die eigentliche Schule daraufgesetzt.
Dafiir kam der weittragende Entschluft zustande, in diesem Schul-
jahr nicht mehr die Reifepriifung am Ende der 12. Klasse abzuhalten.
Dieser Versuch hatte im vorigen Jahr die oberste, 12. Klasse und
ihren Lehrplan von Grund aus verdorben.
Rudolf Steiner erwog lange (3/144, 146, 150, 194), wie diese Frage
zu losen sei. Er sprach sie auch mit den Schiilern durch, die jetzt in
die 12. Klasse eintraten (3/135, 150). Das endgiiltige Ergebnis war,
daft vom iibernachsten Jahr, also von 1925 ab, eine eigene Klasse
eingerichtet werden sollte fiir solche Schiiler, die ein staatliches
Reifezeugnis benotigten fiir ihren Lebensweg. Damit aber diese
Klasse nicht einfach als die hochste, die 13., angesehen werden
konne, sollte sie schon durch die Namensgebung „Vorbereitungs-
klasse fiir das Abiturium" (3/194) als eine Sondereinrichtung cha-
rakterisiert werden. Die zwolf eigentlichen Klassen sollten ,,rein
gehalten" werden (3/146).
Fiir die zwolf Schulklassen aber konnte nun, ohne Rucksichtnahme
auf Abschlufizeugnisse, der Lehrplan vervollstandigt werden, wie
immer ausschlieBlich begriindet auf Wesen und Bediirfnisse der jun-
gen Menschen selbst (3/146-149, 150—158). Er wurde erganzt
durch einen jetzt neu gegebenen Gesamtlehrplan fiir den Unterricht
in den neueren Fremdsprachen (3/161 — 165, 170—175).
Das Hinausschieben der Abitursvorbereitung aus der eigentlichen
Schule war aber nur ein Teil eines Kampfes, den Rudolf Steiner
damals fuhrte, um die Waldorfschule ,,rein zu halten" von den Ein-
fliissen, die aus deriiblichen, „bourgeoisen" (1/261) hoheren Schule
hineinwehten. Denn diese veranlaBten zum guten Teil die erwahnten
Triibungen des Gesprachstones in den Konferenzen.
Einieitungen
59
Die Riicksicht auf die Priifung drohte, schon bis in die 9. Klasse
hinunter, die Oberstufe einseitig intellektuell oder lernmafiig zu
machen. Sie verhinderte, die Lebenskunde oder Technologie zu
erweitern; sie drohte sogar, die bestehende einzuengen, die doch
gerade ins Tatig-Menschliche, ins wirkliche Leben hineinfiihren
sollte. Das ist in den Konferenzen nicht mit direkten Worten gesagt,
aber wer diesen Ton in anderen Vortragen Rudolf Steiners, zum
Beispiel 1/276, 277, oder ,,Die padagogische Praxis vom Gesichts-
punkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis", 7. Vortrag,
S. 142—145 (Liste Nr. 26), vernommen hat, hort ihn auch hier
immer wieder durch. Manche Enttauschung und Bitterkeit, mancher
Tadel (3/167-169, 182-185, 187-190), die schon im 5. Schuljahr
ausgesprochen waren, kommen jetzt verstarkt wieder. Die strengen
Worte beziehen sich, wenn von den Zeugnissen (3/141, 167, 168,
180, 181) die Rede ist, auf samtliche Klassen, sonst aber vor allem
auf die oberen. Und da trifft es besonders die Lehrer des Hauptunter-
richts, die selbst einst durch staatliche Oberschule und Universitat
mit ihren intellektuellen Forderungen hindurchgehen mufiten.
Davon war ihnen zuruckgeblieben, womit sie jetzt zu ringen hatten:
das Dozieren (3/187), die Miidigkeit. „Ein Mensch kann doch nicht
miide sein, wenn erimGeiste leben soil" (3/190). Mit harten Worten
bezeichnet Rudolf Steiner diese Fehler, die noch nicht durch
Anthroposophie iiberwunden sind, und wiederholt das immer
wieder. ,,Es fehlt der moralische EinfluB der Lehrerschaft auf die
Schiilerschaft von der 8. Klasse ab eigentlich doch sehr stark"
(3/183). Die Schwierigkeiten seien ,,vorzugsweise eine Sache des
Interesses an den Kindern . . . und eine Sache des Enthusiasmus"
(3/189).
Aber so streng die Worte klingen mogen, so sind sie doch niemals in
Resignation gesagt. Sie sind positiv gemeint, wollen weiterhelfen.
,,Ich muB einen neuen Einschlag geben" (3/189). Fur die herandran-
genden Aufgaben soli sich der Blick starker und klarer nach innen
wenden, damit die Arbeit der Lehrer immer tiefer angeschlossen
werde an das Geistige, an die wahre Menschenkunde. ,,Ich will Vor-
trage halten im September oder in der ersten Oktoberwoche iiber die
moralische Seite der Erziehung und des Unterrichts" (3/194). Aber
dieser Kurs wurde nicht gehalten. Die eingetretene Krankheit
Rudolf Steiners verhinderte es. Ebenso wird erwahnt ein zugesagtes
Seminar iiber den Sprachunterricht, das nicht mehr zustande kam.
Diese Liicken schmerzen seither wie brennende Wunden. Denn die
Aufgaben wurden grofter und grofier.
60
Einleitungen
Die erste Gruppe der Absolventen, der ,,ehemaligen" Schiiler stand
schon da. Mit ihnen wurden zwei Besprechungen abgehalten (Zeit-
tafel), und Rudolf Steiner stellte weitere Fiirsorge in Aussicht.
Auch der Kreis der Jugendgruppen, die auf die Waldorfschule hin-
schauten, war gewachsen. Erwahnt werden die in Breslau (3/177)
und die in Dornach (3/137, 143 und Einleitung S. 35). Die Schul-
bewegung erweiterte sich. Es wurden neue Schulen jetzt auch in
Holland und England errichtet, fur die Rudolf Steiner padagogische
Kurse hielt mit Hinweisen auf das Stuttgarter Urbild. Und ebenfalls
wuchs das Bediirfnis, aus dem Munde der Lehrer Naheres iiber Wal-
dorf-Padagogik zu horen. Solche Vortrage waren gehalten oder in
Aussicht genommen in Niirnberg und Munchen (3/192).
Die Eltern der Waldorfschiiler hatten gebeten um Belehrung und
Hilfe. Ihnen hielt Rudolf Steiner einen Vortrag am 1. Juni 1924
(Zeittafel. ListeNr. 8).
Oberall tonte aus den Worten Rudolf Steiners die vertiefte Kraft
heraus, die er in die Schule einflieflen lieft. Aber das geschah wohl
niemals intensiver, freudiger, strahlender als in seiner Ansprache an
Kinder, Eltern, Lehrer beim Schulbeginn am 30. April 1924
(3/145). Und niemals war die Stimmung geloster und trotz allem
hoffnungsfreudiger als in der Konferenz vom 3. September (3/191)
in der Nacht, ehe Rudolf Steiner nach Dornach fuhr zum Kurs iiber
Sprachgestaltung, auf den er sich so sichtlich freute. Es war die letzte
Lehrerkonferenz mit ihm.
Wahrend der ganzen zweiten Halfte dieses Schuljahres lag Rudolf
Steiner krank in Dornach. Die Sorgen und Note der Lehrer konnten
nur durch Briefe zu ihm gelangen, die dann durch ganz kurze Rand-
bemerkungen oder durch nach Stuttgart zu schreibende Anweisun-
gen beantwortet wurden. Am letzten Schultag, am 30. Marz 1925,
starb Rudolf Steiner.
Zwei Wochen vorher hatte er noch einmal selber einen Brief an die
Waldorflehrer geschrieben (abgedruckt in ,,Die Konstitution der All-
gemeinen Anthroposophischen Cesellschaft . . .", S. 405; Liste
Nr. 50). In diesem Brief faflt Rudolf Steiner noch einmal die Kern-
krafte der Waldorf-Padagogik zusammen. Er spricht da von der
Fruchtbarkeit der Anthroposophie und sagt: ,,Wenn die Lehrer-
schaft treu im Herzen das Bewufltsein tragt von dieser Fruchtbar-
keit, dann werden die guten iiber dieser Schule waltenden Geister
wirksam sein kor.nen, und in den Taten der Lehrer wird gottlich-
geistige Kraft walten."
Erich Gabert
ANSPRACHE VON DR. RUDOLF STEINER
am 20. August 1919 in Stuttgart
bei einem BegriiBungsabend fur die Teilnehmer an den padagogi-
schen Kursen, die vom 21. August bis zum 6. September fur die
kiinftigen Waldorflehrer abgehalten wurden.
Anwesend Herr Molt Frau Koegel
Frau Molt Herr Baumann
Herr Stockmeyer Herr Rudolf Meier
Fraulein von Mirbach Herr Pastor Geyer
Fraulein Herrmann Herr Hahn
Herr Dr. Treichler Herr Oehlschlegel
Fraulein Dr. C. von Heydebrand
Rudolf Steiner: Heute Abend soil nur etwas Praliminarisches
gesagt werden. Die Waldorfschule muB eine wirkliche Kulturtat
sein, um eine Erneuerung unseres Geisteslebens der Gegenwart zu
erreichen. Wir miissen mit Umwandlung in alien Dingen rechnen; die
ganze soziale Bewegung geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick, unddie
Schulfrage ist ein Unterglied der groBen geistigen brennenden Fra-
gen der Gegenwart. Die Moglichkeit der Waldorfschule muB dabei
ausgeniitzt werden, um reformierend, revolutionierend im Schul-
wesen zu wirken.
Das Gelingen dieser Kulturtat ist in Ihre Hand gegeben. Viel ist damit
in Ihre Hand gegeben, um, ein Muster aufstellend, mitzuwirken. Viel
hangt davon ab, daB diese Tat gelingt. Die Waldorfschule wird ein
praktischer Beweis sein fiir die Durchschlagskraft der anthroposo-
phischen Weltorientierung. Sie wird eine Einheitsschule sein in dem
Sinne, daB sie lediglich darauf Riicksicht nimmt, so zu erziehen und
zu unterrichten, wie es der Mensch, wie es die menschliche Gesamt-
wesenheit erfordert. Alles miissen wir in den Dienst dieses Zieles stel-
len.
Aber wir haben es notig, Kompromisse zu schlieBen. Kompromisse
sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich
freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte AbschluB-
ziele werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die
denkbar schlechtesten, und man bildet sich das denkbar Hochste auf
sie ein. Die Politik, die politische Tatigkeit von jetzt wird sich da-
durch auBern, daB sie den Menschen schablonenhaft behandeln
wird, daB sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Men-
62
Ansprache
schen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behan-
deln wie einen Gegenstand, der an Drahten gezogen werden mufi,
und wird sich einbiiden, daft das einen denkbar grofiten Fortschritt
bedeutet. Man wird unsachgemafi und moglichst hochmiitig solche
Dinge einrichten, wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und
Vorgeschmack davon ist die Konstruktion der russischen bolsche-
wistischen Schulen, die eine wahre Begrabnisstatte sind fur alles
wirkliche Unterrichtswesen. Wir werden einem harten Kampf ent-
gegengehen und miissen doch diese Kulturtat tun.
Zwei widersprechende Krafte sind dabei in Einklang zu bringen. Auf
der einen Seite miissen wir wissen, was unsere Ideale sind, und miis-
sen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das,
was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Krafte in
Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein fur jeden einzelnen
von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine voile
Personlichkeit einsetzt. Jeder muft seine voile Personlichkeit einset-
zen von Anfang an.
Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemaft, sondernver-
waltungsgema.fi einrichten und sie republikanisch verwalten. In einer
wirklichen Lehrerrepublik werden wir nicht hinter uns haben Ruhe-
kissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern wir
miissen hineintragen (in uns tragen?) dasjenige, was uns die Moglich-
keit gibt, was jedem von uns die voile Verantwortung gibt fur das,
was wir zu tun haben. Jeder muft selbst voll verantwortlich sein.
Ersatz fur eine Rektoratsleistung wird geschaffen werden konnen
dadurch, daft wir diesen Vorbereitungskurs einrichten und hier das-
jenige arbeitend aufnehmen, was die Schule zu einer Einheit macht.
Wir werden uns das Einheitliche erarbeiten durch den Kurs, wenn
wir recht ernstlich arbeiten.
Fur den Kurs ist anzukiindigen, daft er enthalten wird:
Erstens eine fortlaufende Auseinandersetzung iiber allgemein pad-
agogische Fragen
zweitens eine Auseinandersetzung iiber speziell methodische Fragen
der wichtigsten Unterrichtsgegenstande
drittens eine Art seminaristisches Arbeiten innerhalb dessen, was
unsere Lehraufgaben sein werden. Solche Lehraufgaben werden wir
ausarbeiten und in Disputationsubungen zur Geltung bringen.
An jedem Tag werden wir vormittags das mehr Theoretische haben
und nachmittags dann das Seminaristische. Wir werden also morgen
Ansprache
63
um 9 Uhr beginnen mit der Allgemeinen Padagogik, haben dannum
1/2 11 die speziell methodische Unterweisung und am Nachmittag
von 3—6 Uhr die seminaristischen Ubungen.
Wir miissen uns voll bewufit sein, daB eine grofte Kulturtat nach jeder
Richtung hin getan werden soli.
Wir wollen hier in der Waldorfschule keine Weltanschauungsschule
einrichten. Die Waldorfschule soil keine Weltanschauungsschule
sein, in der wir die Kinder moglichst mit anthroposophischen Dog-
men vollstopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik leh-
ren, aber wir streben hin auf praktische Handhabung der Anthro-
posophie. Wir wollen umsetzen dasjenige, was auf anthroposophi-
schem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichts-
praxis.
Auf den Lehrinhalt der Anthroposophie wird es viel weniger ankom-
men als auf die praktische Handhabung dessen, was in padagogischer
Richtung im allgemeinen und im speziell Methodischen im besonde-
ren aus Anthroposophie werden kann, wie Anthroposophie in Hand-
habung des Unterrichts iibergehen kann.
Die religiose Unterweisung wird in den Religionsgemeinschaften
erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir nur betatigen in der
Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kinder an die Reli-
gionslehrer nach den Konfessionen verteilen.
Das ist der andere Teil des Kompromisses. Durch berechtigte Kom-
promisse beschleunigen wir unsere Kulturtat.
Wir miissen uns bewufit sein der groften Aufgaben. Wir diirfen nicht
bloB Padagogen sein, sondern wir werden Kulturmenschen im
hochsten Grade, im hochsten Sinne des Wortes sein miissen. Wir
miissen lebendiges Interesse haben fur alles, was heute in der Zeit vor
sich geht, sonst sind wir fiir diese Schule schlechte Lehrer. Wir diirfen
uns nicht nur einsetzen fiir unsere besonderen Aufgaben. Wir werden
nur dann gute Lehrer sein, wenn wir lebendiges Interesse haben fiir
alles, was in der Welt vorgeht. Durch das Interesse fiir die Welt miis-
sen wir erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen fiir die
Schule und fiir unsere Arbeitsaufgaben. Dazu sind notig Elastizitat
des Geistigen und Hingabe an unsere Aufgaben.
Nur aus dem konnen wir schopfen, was heute gewonnen werden
kann, wenn Interesse zugewendet wird
erstens der grofien Not der Zeit,
zweitens den groBen Aufgaben der Zeit, die man sich beide nicht
groB genug vorstellen kann.
64
Ansprache
Die Aufforderung zur Teilnahme am Kurs als Gaste ist nur an solche
Anthroposophen ergangen, die spezielles Interesse haben, die an
anderen Orten Ahnliches einrichten wollen.
Gaste: Andreas Korner aus Niirnberg
Fraulein Kieser aus Heilbronn
Dr. W. Stein aus Wien
Strakosch
Wolfer
An den beiden Sonntagen werden wir vormittags grofie Vortrage
haben.
Jeder Lehrer muB der Behorde einen Lebenslauf einreichen, aus dem
hervorgeht, dafi er so viel gelernt hat, dafi er den Unterricht geben
kann. Das wird von der Schulbehorde abhangen. Auch moralische
Eignung.
Konferenz vom Montag 8. September 1919, 10 Uhr
Dr. Steiner: Wir werden den Schulanfang um 8 Uhr haben. Fur die
Zeit vom 15. November bis zum 15. Februar kann 1/2 9 Uhr in
Aussicht genommen werden. Klassenlehrer werden sein:
1. Klasse Fraulein von Mirbach
2. Klasse Herr Pastor Geyer
3. Klasse Fraulein Lang
4. Klasse Frau Koegel
5. Klasse Fraulein Dr. von Heydebrand
6. Klasse Herr Oehlschlegel
7. und 8. Klasse Herr Dr. Treichler und Herr Stockmeyer.
Aufterdem werden als Lehrer tatig sein: Herr Dr. Stein, Herr Hahn,
Frau Baumann, Herr Baumann.
Der Religionsunterricht ist auf den Nachmittag zu verlegen. Ebenso
auch das Singen und der musikalische Unterricht; das wird von
14—15.30 Uhr liegen. Auch die Eurythmie sollte nachmittags sein.
Wir werden also am Nachmittag haben:
von 14— 15.30 Uhr Musikalisches
eine halbe Stunde Pause zur Erholung
von 16—17 Uhr Religion
von 17— 18 Uhr Eurythmie und Turnen
um 18 Uhr werden die Kinder entlassen.
Der Mittwoch- und Samstagnachmittag ist frei.
Die Stunden werden sich in folgender Weise auf die Wochentage ver-
teilen:
14-15.30 Uhr 16-17 Uhr 17-18 Uhr
Singen und Religion Eurythmie
Musikalisches
Montag 7./8. Klasse 7./8. Klasse 1./2. Klasse
Dienstag 5./6. Klasse 5./6. Klasse 3./4. Klasse
Mittwoch — — —
Donnerstag 4./3. Klasse 4./3. Klasse 5./6. Klasse
Freitag 2./1. Klasse 2./1. Klasse 7./8. Klasse
Samstag — — —
66
8. 9. 1919
Die Stundenzahl ist den Lehrern uberlassen. Der Religionsunter-
richt ist in absteigender Linie zu unterrichten. Es ist gut fur den Leh-
rer, den Sonntag nach den Kleinsten zu haben. Am Donnerstag und
Freitag haben wir also in den vier niederen Klassen ab 16 Uhr den
Religionslehrer.
In der 1., 2., 3. Klasse haben wir nur Eurythmie, in der 4., 5., 6., 7.,
8. Klasse auch Turnen. Die Turner sollte man bei der Eurythmie, die
Eury thmisten beim Turnen zuschauen lassen.
Dann der Stundenplan fur den Vormittag:
1. Klasse Montag Mittwoch Freitag 8 —10 Haupt-
Dienstag Donnerstag Samstag 101/4 — 121/4 unterricht
2. Klasse Dienstag Donnerstag Samstag 8 —10 Haupt-
Montag Mittwoch Freitag 10 1/4 — 121/4 unterricht
Es sollte in den ersten dreiviertel Jahren alles moglichst im Zusam-
menhang durchgenommen werden, also die Facher ein Vierteljahr
hintereinander, nach Wahl. Im letzten Vierteljahr kann man dann die
Gegenstande trennen und sie abwechselnd nehmen zur Wiederho-
lung. Nur bei der Wiederholung trennt man die Gegenstande, sonst
nimmt man immer eine Zeitlang nur einen Gegenstand, also etwa
Marchenerzahlen und dann Schreiben.
3. Klasse Montag bis Samstag 8—10 Uhr fur den Klassenlehrer.
Zwolf Stunden ist genugend fur den Lehrer. Das ist achtstundiger
Arbeitstag mit der Vorbereitung.
4. Klasse wie bei Klasse 3
5. Klasse Montag Mittwoch Freitag 8 —10
Dienstag Donnerstag Samstag IO1/4 — 121/4
6. Klasse Dienstag Donnerstag Samstag 8 —10
Montag Mittwoch Freitag 101/4 — 121/4
In der 7. und 8. Klasse wechseln die beiden Klassenlehrer mitein-
ander.
7. Klasse 1. Lehrer Montag Mittwoch Freitag 8-10
2. Lehrer Dienstag Donnerstag Samstag 8—10
8. Klasse 1. Lehrer Dienstag Donnerstag Samstag 8—10
2. Lehrer Montag Mittwoch Freitag 8—10
8.9. 1919
67
Sprachunterricht :
Die 1. Klasse hat taglich, je nachdem ob der Hauptunterricht urn 8
oder um lO 1 /* beginnt, vorher oder nachher eine Stunde Englisch
und Franzdsisch. Das ist eventuell auf den Nachmittag zu verlegen,
aber womoglich sollte es am Vormittag sein.
Die 2. Klasse ebenso.
Die 3. Klasse hat auch taglich eine Stunde Englisch oder Franzd-
sisch.
Die 4. Klasse ebenso. Aber die haben dazu aufierdem taglich nach-
mittags zwei Stunden Lateinisch, aufler Mittwoch und Samstag, also
acht Stunden in der Woche. Aber alles womoglich am Vormittag.
Spater wurde das von Dr. Steiner dahin abeeandert, dafi sowohl mit dem
Lateinischen wie mit dem Griechischen in der 5. Klasse begonnen werden
sollte. Siehe auch Seminarbesprechungen S. 182.
Die 5. Klasse ebenso.
In der 6. und 7. Klasse kommt Griechisch hinzu. Dafiir fallen
wochentlich vom 6. Schuljahr ab drei englisch/franzosische Stunden
weg. Statt dessen haben sie 1 1/2 Stunden Latein und 1 1 /2 Stunden
Griechisch.
Aller Sprachunterricht sollte zwischen Pausen gemacht werden.
Das Englisch in der 1. und 2. Klasse ubernimmt Fraulein Dr. von
Hey debrand ; alles iibrige Englisch Herr Oehlschlegel.
Im Franzosischen ubernimmt Herr Hahn die 1. bis 3. Klasse, also
neun Stunden; das iibrige, die 4. bis 8. Klasse Herr Dr. Treichler.
Lateinisch: 4. (und 5.? ) Klasse Herr Pastor Geyer, 6. Klasse Herr
Dr. Treichler.
Griechisch: Herr Dr. Treichler.
Herr Dr. Stein vertritt Fraulein von Mirbach fiir die Zeit ihrer Ab-
wesenheit. Vielleicht kann Dr. Stein im Latein Dr. Treichler helfen,
drei bis vier Wochen, bis Mitte Oktober.
Handarbeit kann zum Teil im Hauptunterricht gegeben werden.
Oder man kann es nachmittags einfugen.
Der anthroposophische Unterricht, der freie Religionsunterricht,
kann durch die Klassenlehrer gegeben werden. Aber damit soli man
pausieren bis zum 23. September.
68
8.9 1919
Vom 18. bis zum 21, September bin ich in Dresden, am 23. werde
ich wieder hier sein. Da wird vieles zu besprechen sein. Da konnen
Sie vieles fragen. Am 26. mufi ich wieder weg.
Es wird gefragt nach Apparaten fur die Physik.
Dr. Steiner: Lehrmittel muft man anschaffen, wenn sie gebraucht
werden. Aber man sollte es vier Wochen vorher sagen,
Es wird eine Frage gestellt nach dem Physikunterricht.
Dr. Steiner: Man mui3 unterscheiden: geschlagene, gerissene, gestri-
chene Tone. Am Monochord.
Dr. Steiner weist fur den lateinischen und griechischen Unterricht auf in
Osterreich gebrauchliche Lehrbiicher hin:
Schmidt, ,,Lateinische Schulgrammatik", ed. Hofmann,
Schenkel, ,,Griechisches Elementarbuch" und ,,Griechisches Obungsbuch".
Marchen, Sagen, Erzahlungen. Geschichte (Lehrerbibliothek).
Verein Freie Waldorfschule.
Einheitliche Volks- und hohere Schule.
Dr. Steiner: Konferenzen sind freie republikanische Unterredungen.
Jeder ist darin ein Souveran.
Jeder Lehrer sollte ein kurzes Tagebuch fiihren.
Konferenz vom Donnerstag 25. September 1919, 8.30 Uhr
Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Heute wird es sich darum han-
deln, daft Sie die in den letzten zehn Tagen gesammelten Erfahrun-
gen vorbringen und wir das Notige besprechen.
Stockmeyer (als Verwalter der Schule) berichtet: Wir haben den Unterricht
am 16. September angefangen mit einer kurzen Ansprache an die Schiiler
durch Herrn Molt.
An dem Stundenplan, wie er hier verabredet war, muftte einiges geandert wer-
den, weil die evangelischen und katholischen Religionslehrer zu den von uns
festgesetzten Stunden nicht Zeit haben. Es mufiten auch einige Klassen zu-
sammengelegt werden.
In den Unterricht von 8 — 10 mufite eine kleine Pause von funf Minuten ein-
geschoben werden.
Dr. Steiner: Das kann gemacht werden. Aber was in der Zeit ge-
schieht, muB im freien Ermessen des Lehrers stehen.
X. ; Beim Sprachunterricht in den oberen Klassen stellte sich heraus, dafi bei
einzelnen Kindern noch gar keine Sprachkenntnisse vorhanden sind. Des-
wegen miissen am Anfang statt eineinhalb Stunden nun drei englische und
drei franzosische Stunden gegeben werden. Es muftte auch ein Anfangerkurs
eingerichtet werden und einer fur Fortgeschrittenere.
Dr. Steiner: Was unterrichten Sie in der 8. Klasse?
X.: Zinsrechnung in repetierender Weise; ich will jetzt zu Diskont- und Wech-
selrechnung iibergehen.
Dr. Steiner: Die beiden Lehrer der 7. und 8. Klasse miissen sich eben
fortlaufend miteinander verstandigen, daft immer, wenn ein Lehrer
oder eine Lehrerin die Klasse verlafit, ein gewisser Abschluft vorhan-
den ist. Wenn er dann in die Klasse zuruckkommt, mufi wiederholt
werden. Ist es Ihnen in den paar Tagen schon gelungen, genau zu
wissen, wieviel die Schiiler schon konnen?
X.; Das konnte ich ungefahr schon feststellen.
Dr. Steiner: Bei Ihrer beschrankten Schiilerzahl ist dies ja wohl
moglich gewesen, aber die anderen werden es kaum gekonnt haben.
Man kann durchaus daran festhalten, daft Sie vielleicht ungefahr im
Mittel acht Tage nehmen zum Wechseln, aber es mufi dann speziell so
eingerichtet werden, daft ein Kapitel abgeschlossen ist.
X. : In der 7. Klasse konnen sie wenig Geschichte.
70
25.9. 1919
Dr. Steiner: Sie werden wahrscheinlich in so etwas wie in der Ge-
schichte in jeder Klasse von vorne anfangen mussen, denn eine
ordentliche Geschichte wird keiner kennen. Die Kinder werden sich
vielleicht das Landlaufige angeeignet haben, aber eine ordentliche
Geschichte, wie wir sie hier angedeutet haben, werden Sie bei nie-
mand finden. Sie werden sie in jeder Klasse von vorne anfangen
mussen.
X.: Viele Eltern konnten sich nicht entscheiden, ob sie den freien Religions-
unterricht oder ob sie evangelischen oder katholischen fur ihre Kinder wahlen
wollten. Sie haben in den Fragebogen geschrieben „beides". Sie mochten
wegen der Familie nicht auf die Konfirmation verzichten.
Dr. Steiner: Da diirfen wir nicht nachgeben; entweder-oder. Wir wer-
den iiber die Frage spater noch extra sprechen.
X.: Es ergab sich eine wirtschaftliche Frage: Sollen die Schuler, die Schulgeld
zahlen, ihre Biicher selbst kaufen? Fur die Kinder aus der Waldorf-Astoria-
Fabrik haben wir ja Lehrmittelfreiheit, und da konnten dann Kinder neben-
einander sitzen, der eine hat ein Buch, das er wieder abgeben mufi, der andere
kann es behalten. Das ist etwas, was die Klassengegensatze betont.
Dr. Steiner: In dieser Form kann es nicht gemacht werden, daft die
Kinder die Biicher kaufen und behalten. Es kann nur so eemacht
werden, dafi man fur die Eltern, die das Schulgeld bezahlen, dies
Schulgeld um die Lehrmittelpreise erhoht; es im iibrigen aber so halt,
wie mit den anderen Kindern. Also die Biicher mussen zuriickgege-
ben werden wie bei den anderen.
X.: Soli das auch auf Hefte und solche Dinge ausgedehnt werden? Hier in
Stuttgart ist das Usus geworden. Und wie soli es mit Atlanten und Zirkeln
gehalten werden?
Dr. Steiner: Es wiirde natiirlich das beste sein bezuglich der Hefte
und Ahnlichem, wenn fiir jede Klasse ein Vorrat angeschafft wiirde,
und die Kinder gezwungen waren, wenn sie ein Heft ausgeschrieben
haben, zum Lehrer zu kommen, um ein neueszu bekommen, damit
Rechnung getragen werden konnte dem Umstand, dafl das eine Kind
mehr Hefte braucht als das andere. Es miiflte also ein Vorrat von
Heften vorhanden sein, und die Hefte nach Bedarf von dem Lehrer
den Kindern gegeben werden.
Fiir Zirkel und dergleichen, da reiBen natiirlich auch Unsitten ein,
wenn man es blofi in den Willen der Kinder stellt, was sie sich kaufen
oder nicht kaufen sollen. Diejenigen, die mehr Geld haben, die kau-
fen dann bessere Sachen. Das ist auch eine Kalamitat. Es ware schon
vielleicht nicht schlecht, wenn man es auch da so machen wiirde, daB
25.9. 1919
71
das ganze Handwerkzeug der Schule gehort, und die Kinder es nur
zum Beniitzen bekommen.
Fur den Atlas wiirde ich etwas anderes vorschlagen: Daft eine Art
Fonds gestiftet wiirde fur solche Dinge, und daft die Atlanten, die
wahrend des Jahres gebraucht werden, ebenso behandelt werden wie
die anderen Lehrmittel. Dagegen sollte beim Abgang von der Schule
jedes Kind einen Atlas bekommen. Das ware aufterdem eine sehr
schone Sache, wenn die Kinder beim Abgang das eine oder andere
bekommen wiirden. Vielleicht konnte man diese Dinge sogar als
Pramie fur Fleift geben: ein grofteres, schoneres Buch dem, der mehr
geleistet hat; ein kleineres dem, der weniger geleistet hat; und dem,
der faul war, vielleicht nur eine Landkarte. Das ist etwas, was man
tun konnte ; es darf nur nicht zu weit fiihren.
X.: Wie sollen wir es handhaben mit den Biichern fur den konfessionellen
Religionsunterricht? Bisher gab es da auch Lehrmittelfreiheit. Nach der
neuen Verfassung wird es voraussichtlich nicht mehr so sein. Es war bei uns
gemeint worden, dafi die Kinder diese Bucher selbst anschaffen sollten, und
dafi auch der Unterricht des Pfarrers besonders bezahlt werden miifite.
Dr. Steiner: Ich habe nichts dagegen, daft es so gemacht wird. Ich
wiirde nur meinen, daft wir zunachst fur dieses Jahr, damit alles ohne
Reibung ablauft, uns erkundigen sollten, wie es andere Schulen
machen. In der Zukunft werden wir schon zu einem eigenen Modus
kommen, aber in diesem Jahr sollten wir es so machen wie die ande-
ren Schulen. Wir mussen uns nach den offentlichen Schulen richten.
Wenn diese noch nicht verlangen, daft die Religionsbiicher bezahlt
werden und der Unterricht bezahlt wird, dann mussen wir auch war-
ten, bis die es verlangen. Das wiirde uns schon vie! helfen, wenn wir
sagen wiirden, wir machen es genauso wie die anderen offentlichen
Schulen.
X.: Sollen wir uns da nach den hoheren Schulen richten?
Dr. Steiner: Nein, die Volksschule kommt fur uns in Betracht.
X.: Es ist darin noch nichts festgelegt.
Dr. Steiner: Ja, ich wiirde es machen nach dem Usus der Volks-
schule. Denn die sozialistische Regierung wird zunachst nichts tun,
sondern alles beim alten lassen. Sie wird Gesetze machen, aber
alles beim alten lassen.
X.: Es scheint sich zu empfehlen, eine Art Klassenbuch zu fiihren. Naturlich
nicht so, wie es sonst iiblich ist, sondern fur Eintragungen in ganz freier Weise, so
daiS jeder Lehrer sich uber die Arbeit der anderen Lenrer ein wenig orientieren
kann.
72
25.9. 1919
Dr. Steiner: Ja, schreibt man etwas Ordentliches hinein, so braucht
man Zeit. Das ist dann die Zeit, die zu den Allotria der Kinder fiihrt.
In der Zeit, in der man als Lehrer mit den Kindern zusammen ist,
sollte man nie irgend etwas anderes machen. Ich meine also, man ist
nicht im Klassenzimmer darinnen, wenn man eine Tatigkeit ausiibt,
die sich nicht auf die Kinder bezieht. Wenn man das Zimmer betritt,
ist man mit den Kindern, bis man weggeht, und man sollte ihnen
nicht einen Augenblick Veranlassung geben, etwa durch Eintragung
ins Klassenbuch oder dergleichen, untereinander zu schwatzen und
abgezogen zu werden.
Viel besser ist es, diese Fragen unter sich zu erledigen. Wir setzen ja
voraus, daft die Klassenlehrer keine Handel kriegen, sich sehr lieb
haben und sich mundlich besprechen. Wer mit einer Klasse zu tun
hat, bespricht sich mit den anderen, die auch damit zu tun haben.
Und was sich die einzelnen aufschreiben wollen, das machen sie
aufterhalb des Unterrichts. Nichts, gar nichts machen in den Unter-
richtsstunden, was vom unmittelbaren Verkehr mit den Kindern
abzieht.
X.: Vielleicht kann man das in der Pause machen?
Dr. Steiner: Wozu ist es denn notig, immer einzutragen? Erstens
muft es eingetragen werden, zweitens muft es der andere lesen. Das ist
ein Zeitaufwand, der verlorengeht fur den Verkehr mit den Schiilern.
X.: Soil man auch nicht eintragen, wenn Schiiler fehlen?
Dr. Steiner: Das ist ja eigentlich auch etwas, was man nicht braucht.
X.: Nur wenn ein Kind langer fehlt, miifite man sich erkundigen, was los ist.
Dr. Steiner: Das kann bei einer nicht allzu groften Klasse auch
mundlich abgemacht werden im Verkehr mit den Schiilern. Man kann
ja fragen, wer fehlt, und es sich dann eintragen ins eigene Notizbuch-
lein. Das ist etwas, was man tun kann. Es wird ja sonst in den Schulen
in die Zeugnisse eingetragen, wieviel ein Kind gefehlt hat, aber wir
brauchen dafiir kein Klassenbuch.
X.: Es war notwendig, den Schiilern das Klettern auf den Kastanienbaumen
zu verbieten. Wir wollen aber moglichst wenig Verbote geben.
Dr. Steiner: Es ist sehr notwendig, daft wir uns dariiber klar sind, daft
wir in die Schule herein nicht lauter Engel bekommen. Das darf uns
in keinem Falle hindern, unseren Ideen und unseren Idealen nach-
zugehen. Diese Dinge diirfen uns nicht dazu fiihren, auch nur zu
25. 9. 1919
73
denken: wir konnen nicht erreichen, was wir uns vorgenommen
haben. Wir miissen immer klar vor uns haben auf der einen Seite, daft
wir das, was in den Intentionen liegt, die wir im Kursus durchgefuhrt
haben und auch sonst, verfolgen. Wieviel wir davon nicht erreichen,
ist eine andere Frage; die miissen wir fiir sich behandeln und von Zeit
zu Zeit genau besprechen. Heute ist noch zu kurze Zeit vergangen.
Sie werden nur sagen konnen, wie stark die Rangenhaftigkeit zum
Ausbruch gekommen ist.
Aber eines mochte ich Sie doch bitten, daft Sie es recht beriicksich-
tigen. Das ware das, daft wir als Lehrerschaft selbst — was die ande-
ren machen durch die Kinder, das ist eine Sache fiir sich — , daft wir
als Lehrerschaft versuchen, mogliclist nicht unsere Schulangelegen-
heiten in die Offentlichkeit hinauszutragen. Ich bin jetzt erst seit
Stunden wieder da, aber ich habe schon so viel Geschwatz gehort,
wer eine Ohrfeige gekriegt hat und so weiter; es geht schon insGren-
zenlose, dieses Geschwatz durch die Leute hindurch, daft es mir
schrecklich war. Nicht wahr, wir brauchen uns nicht zu kummern,
wenn es durch alle moglichen unrichtigen Fugen herauskommt. Da
sind wir harthautig dagegen; aber tragen wir nur ja nicht selber dazu
bei. Schweigen wir iiber alles das, was wir handhaben in der Schule.
Halten wir uns an eine Art Schulgeheimnis. Reden wir nicht zu den
Auftenstehenden, aufter zu den Eltern, die mit Fragen zu uns kom-
men, und da wiederum immer nur iiber die eigenen Kinder, daft nicht
zu Geschwatzen Veranlassunggegeben wird. Es gibt Leute, die reden
aus Sensationslust und mit Wollust iiber solche Dinge. Das ist Gift fiir
unsere ganze Unternehmung, wenn sie in dieser Weise in Klatsch
iibergeht. Das ist ja leider besonders in Stuttgart, daft viel in anthro-
posophischen Kreisen geklatscht wird. Das ist auch, was uns viel
schadet, dieser Klatsch, der mir in widerwartiger Weise schon ent-
gegengetreten ist, und der von uns Lehrern nicht in irgendeiner Weise
unterstiitzt werden darf.
X.: In einzelnen Fallen wird es vielleicht notig sein, unbegabte Kinder in nie-
derere Klassen zuriickzuversetzen. Oder soli man empfehlen, diesen Kindern
Nachhilfestunden geben zu lassen?
Dr. Steiner: Das Zuriickversetzen ist natiirlich bei niedrigeren Klas-
sen schwieriger; bei hoheren wird es sich leichter machen lassen. In
den ersten zwei Klassen sollte man moglichst nicht zuriickversetzen.
Es werden einzelne Falle besprochen.
Dr. Steiner: Nachhilfestunden sind technisch nie zu empfehlen. Nur
in den Fallen, wo die Eltern selbst an uns herankommen, wenn sie
74
25.9. 1919
von schlechten Erfolgen horen, kann man ihnen zu Nachhilfestun-
den raten. Wir selber als Lehrer werden nicht Nachhilfestunden
geben. Das tun wir nicht. Da wiirde es dann noch besser sein, ein
Kind herunterzuschieben in eine andere Klasse.
X. spricht iiber zwei Kinder in der 4. Klasse, die beschrankt sind.
Dr. Steiner: Diese Kinder miissen ganz nach vorn in die Nahe des
Lehrers gesetzt werden, unbeschadet des Temperaments, damit sie
jeden Augenblick im Auge behalten werden.
Rabiate Kinder kann man dadurch bei der Stange halten, dafl man sie
an die Ecken setzt oder ganz vorne oder ganz hinten hin, damit sie
weniger Nachbarn haben, keine Vorder- und Hintermanner.
X.: Manchmal sehen Kinder nicht richtig. Ich kenne Kinder, die nur deshalb
zuriickblieben, weil die weitsichtig waren, und man das nicht beachtete.
Dr. Steiner: Das mufl der aufmerksame Lehrer auch sehen, wo bei
den Kindern Organfehler vorliegen wie Kurzsichtigkeit oder Schwer-
horigkeit. Es ist schwierig, auf alles hin arztliche Untersuchungen
anzustellen. Nur wenn der Lehrer es angibt, sollte eine solche statt-
finden.
Durch die schularztlichen Untersuchungen, wie sie an den Schulen
iiblich sind, kommen wir zu stark in das Sachverstandigensystem
hinein. Wir wollen jetzt lieber von einem Schularzt absehen, daja
Herr Dr. Noll nicht hier sein wird; das wiirde etwas anderes sein.
Jeder fremde Arzt wiirde uns Schwierigkeiten bereiten. Der Arzt
sollte selbstverstandlich der Berater der Lehrer sein, und der Lehrer
sich vertrauensvoll an ihn wenden konnen, wenn er etwas beiseinen
Kindern bemerkt.
Bei beschrankten Kindern ist es ja oftmals so, dafi plotzlich etwas bei
ihnen aufspringt; sie bessern sich oft ganz plotzlich. Ich werde mor-
gen der Schule einen Besuch machen und werde mir dann die ein-
zelnen Kinder, besonders die beschrankten, daraufhin ansehen.
X.: Meine 5. Klasse ist sehr grofi und sehr verschiedenartig. Es ist sehr schwer, sie
miteinander zu unterrichten und besonders, sie ruhigzu halten.
Dr. Steiner: Bei dieser Starke einer Klasse mufl man nach und nach
immer mehr versuchen, die Klasse als Chor zu behandeln, und
nicht einzelne unbeschaftigt zu lassen. Also mehr die ganze Klasse
zusammen behandeln. Deshalb haben wir ja die lange Geschichte
mit den Temperamenten gemacht.
Das Begabtsein oder Unbegabtsein beruht ja manchmal auf einem
25. 9. 1919
75
rein psychischen Unterschied. Die Kinder bringen oft nur nicht
heraus, was sie in sich haben, und es ware sehr ungerecht, die Kin-
der, die in dem richtigen Alter sind fur diese Klasse (zehn- bis elf-
jahrig), nicht mitkommen zu lassen. Es wird ja immer darunterwel-
che geben, die in dem einen oder anderen Fache schwach sind. Es
sind das oft Fehler, die dann auf einmal aufhdren. Solche Fehler
schleppen sich fort durch das kindliche Alter bis zu einem gewissen
Schuljahr, und dann, wenn das Piinktlein aufspringt, werfen die Kin-
der plotzlich die Fehler ab. Daher soil man die Kinder nicht zuriick-
lassen. Gerade diese Schwierigkeit mit den Begabten und Unbegab-
ten, die miissen wir tiberwinden.
Wenn wir allerdings die Uberzeugung haben, dafi sie das Lehrziel der
letzten Klasse nicht erreicht haben, dann miissen wir sie natiirlich
zuruckschieben. Aber, das bitte ich Sie wohl zu unterscheiden, wir
werden sie dann nicht als Unbegabte behandeln. Wenn Sie also sol-
che haben, die das Lehrziel der letzten Klasse wirklich nicht erreicht
haben, dann schieben Sie sie herunter. Sie miissen dies aber sehr bald
tun.
Man sieht an einem Fach abet nie genau, ob das Lehrziel erreicht ist
oder nicht; man darf da nie nach einzelnen Fachern gehen. Das
Heruntersetzen muBte aber noch im ersten Vierteljahr erfolgen. Die
Lehrer miissen die friiheren Zeugnisse ihrer Schiiler natiirlich bekom-
men. Aber ich bitte, immer durchaus streng zu beachten, daB wir
nicht, um einen Schiiler rascher beurteilen zu konnen, nun zum
iiblichen Stundenplansystem iibergehen diirfen. Immer erst ein Kapi-
tel fertig machen, auch wenn es dann etwas langer dauert, bis die
Beurteilung moglich ist.
Beim Zuriickversetzen werden die einzelnen Falle genau gepriift wer-
den miissen; man kann da nichts generaliter durchfuhren. Man darf
da nichts leichtherzig tun, sondern nur nach strenger Priifung, und
was man wirklich verantworten kann.
Zu der Frage der Zuriickversetzung solcher Kinder, bei denen das
Lehrziel der vorigen Schule nicht erreicht ist, ware noch zu sagen,
daB man selbstverstandlich mit den Eltern sprechen mufl. Die Eltern
miissen einverstanden sein. Man darf natiirlich den Eltern nicht
sagen, daft ihre Kinder blode sind, sondern man mufi ihnen beweisen
konnen, daB sie in der friiheren Schule das Lehrziel der letzten Klasse
nicht erreicht haben, trotz des Zeugnisses. Das mufi beweisbar sein.
Es muB aber ein Defekt der friiheren Schule sein, nicht ein Defekt
der Kinder, um die es sich handelt.
76
25 9. 1919
X.: Kann man auch hinaufschieben in eine ho here Klasse? Ich habe in der
7. Klasse zwei Kinder, die, wie mir scheint, gut in die 8. Klasse iibergehen
konnten.
Dr. Steiner: Ich wiirde das am Zeugnis priifen. Wenn Sie es aber
verantworten konnen, kann es sehr gut gemacht werden. Gegen das
Hinaufschieben in eine andere Klasse habe ich nichts. Das kann sogar
auf die andere Klasse wirken, in die die Kinder hineinkommen.
X.: Es ware doch wohl in der 7. Klasse nicht so erwunscht. Jetzt werden wir
sie noch zwei Jahre zur Erziehung haben. Wenn wir sie heraufsetzen, haben
wir sie nur noch ein Jahr.
Dr. Steiner: Deswegen, weil wir die Kinder hinaufschieben, konnten
wir sie doch auch noch zwei Jahre haben. Wir entlassen sie nicht,
sondern behalten sie auch das nachste Jahr nochmals in der
8. Klasse. Wenn sie das Alter in der 7. Klasse schon erreicht haben,
nimmt man sie uns ja doch fort. Bei uns wird der Unterricht nicht so
pedantisch sein, so daB er doch jedes Jahr eine grofte Verschieden-
heit aufweist, namentlich in der Behandlung. Und das nachste Jahr,
da werden wir doch schon viel ,,erleuchteter" sein als dieses Jahr, so
daft es ganz gut zu machen ist, daft wir Kinder, die wir jetzt in der
letzten Klasse haben, auch das nachste Jahr noch in der letzten
Klasse haben.
Es ist doch schon so: Dieses erste Jahr wird so ein Probejahr sein,
namentlich fur die Lehrerschaft. Das liegt mir sehr auf der Seele. Auf
die Lehrerschaft kommt alles an! Von Ihnen, liebe Freunde, wird es
abhangen, ob die Ideale verwirklicht werden konnen. Es kommt
wirklich darauf an, daft wir selber am meisten lernen.
X.: Ich habe in der 6. Klasse ein Kind, das wirklich sehr minderbegabt ist. Es
stort aber den Unterricht nicht, es hat sich sogar eigentlich fur die anderen
vorteilhaft erwiesen, dafi es da ist. Ich mochte versuchen, es zu behalten.
Dr. Steiner: Wenn das Kind die anderen nicht stort und wenn Sie
glauben, doch noch etwas mit ihm erreichen zu konnen, dann wiirde
ich meinen, daft Sie es in der Klasse behalten miissen. Es ist immer ein
Ereignis, wenn wir jetzt umschieben. Lieber behalten! Gewisse Un-
terschiede konnen wir sogar beniitzen; wir haben ja dariiber ein-
gehend gesprochen.
X.: Ich habe in der 8. Klasse einen Knaben, der melancholisch ist und zuriick-
geblieben. Den mochte ich in die 7. zuriickschieben.
Dr. Steiner: Das miiftte aber so gemacht werden, daft Sie das Kind
dahin bringen, daft es sein eigener Wille ist, zuriickversetzt zu wer-
25. 9. 1919
77
den. Sie mtiftten so mit ihm sprechen, daft Sie zuletzt seinen Willen
dahin dirigieren, daft das Kind selber darum bittet. Nur nicht barsch
zuriickversetzen.
X.: In der 7. Klasse sind die Unterschiede sehr grofi.
Dr. Steiner: Wenn Sie in der 7. und 8. Klasse nur fertig kriegen, daft
die Kinder das Autoritatsgefiihl nicht verlieren! Das ist dasallernot-
wendigste. Das erreicht man aber am besten dadurch, daft man auf
die Art, wie die Kinder sind, in hochst vorsichtiger Weise eingeht und
sich doch wiederum gar nichts vergibt. Also nicht bei den Kindern
wie ein Pedant erscheinen, nicht wie einer, der Lieblingsmeinungen
hat. Man muft den Kindern scheinbar nachgeben, in Wirklichkeit
aber gar nichts nachgeben. Gerade in dem 7. und 8. Schuljahr
kommt es sehr, sehr auf die Art der Behandlung an. Da darf man sich
in keiner Minute etwas vergeben, so daft die Kinder nicht hinaus-
gehen und iiber den Lehrer spotten. Die Kinder miissen immer ehr-
geizig darauf sehen — wenn ich den Ausdruck brauchen darf, er
betrifft nicht einen iiblen Ehrgeiz — , daft sie ihren Lehrer verteidigen
und gliicklich sind, daft sie diesen Lehrer haben. Das kann man doch
bei den starksten Rangen entwickeln. Man kann nach und nach das
entwickeln, daft die Kinder den Drang haben, ihren Lehrer zu ver-
teidigen, weil das ihr Lehrer ist.
X.: Ist es richtig, dafi man im Sprachunterricht, selbst in der Klasse, wo die
Kinder schon schreiben konnen, doch noch davon Abstand nimmt, das
Schriftbild einzufuhren, so da/3 die Kinder sich zunachst nur an das Ausspre-
chen gewohnen?
Dr. Steiner: Ja, moglichst spat iibergehen zum Schreiben in den
fremden Sprachen, das ist sehr wichtig.
X.; Die Kinder werden ja eben erst eingefiihrt, und die Sprechubungen ermii-
den zunachst sehr. Kann man da den Unterricht beleben durch Erzahlungen
in der Muttersprache?
Dr. Steiner: Das ist sehr gut. Aber wenn Sie etwas aus der Mutter-
sprache nehmen, miissen Sie doch moglichst sehen, es irgendwie mit
der fremden Sprache zu verbinden, die fremde Sprache hineinzukrie-
gen. Stoff schaffen konnen Sie dadurch, daft Sie so etwas im Unter-
richt machen. Das ist das Richtige. Dann auch kleine Gedichte, Lie-
der der fremden Sprache, kleine Geschichten.
Bei dem Sprachkurs miissen wir selbstverstandlich weniger auf Klas-
sen sehen, sondern die Kinder zusammennehmen nach ihrem Kon-
nen.
78
25.9. 1919
X.: Ich finde eineinhalb Stunden Musik und eineinhalb Stunden Eurythmie in
derWoche zu wenig.
Dr. Steiner: Da es sich um eine Frage der Verteilung in die Unter-
richtsraume handelt, kann erst spater das Notige geschehen.
X.: Bei meinen Kindern in der 6. Klasse ist ein grofies Bediirfnis, mehr zu sin-
gen. Ich kann aber nicht mit ihnen singen, weil ich unmusikalisch bin. Konnte
man musikalische Kinder herausnehmen, um ein Liedchen zu singen?
Dr. Steiner: Das ist dasjenige, was man tun sollte. Dasrichtet sich ja
vielleicht in der einfachsten Weise ein, indem den Kindern einfach so
etwas mit auf den Weg gegeben wiirde, was Sie frei behandeln kon-
nen. Dazu brauchen Sie nicht sehr musikalisch zu sein, um die Kin-
der singen zu lassen. Die Kinder lernen die Lieder im Gesangsunter-
richt und iiben sie, indem sie sie am Anfang oder am Ende der Stunde
singen.
X.; Ich lasse die Kinder Lieder singen, sie sind aber recht schwerfallig. Die
musikalisch Veranlagten mochte ich zusammennehmen zu einer besonderen
Chorstunde, wo schwerere Sachen gesungen werden.
Dr. Steiner: Das wiirde der ganzen Konstitution nicht widerspre-
chen, wenn nach und nach aus den vier oberen Klassen (5.-8.) und
aus den vier unteren Klassen (1.— 4.) Chore zusammengestellt wiir-
den, vielleicht fur Sonntagschore. Durch so etwas schmiedet man die
Kinder mehr zusammen als durch etwas anderes. Aber ja keinen
falschen Ehrgeiz begriinden; den schlieflen wir aus aus der Unter-
richtsmethode. Der Ehrgeiz darf sich nur auf die Sache beziehen,
nicht auf die Personlichkeit. Die vier oberen Klassen zusammen und
die vier unteren Klassen zusammen ware deshalb gut, weil die Stim-
men etwas anders sind. Sonst ist die Sache ja nicht an Klassen ge bun-
den. Im Unterweisen mufi man sie als eine Klasse behandeln; da
mussen wir auch fur die Musik streng einhalten, was wir fin* die
Lebensepochen festgestellt haben. Die Epoche um das neunte Jahr
und die Epoche um das zwolfte Jahr mussen wir streng beachten
nach der inneren Struktur. Aber fur die Chore, mit denen man even-
tuell Sonntagsveranstaltungen machen kann, konnen wir die vier
jtingeren und die vier alteren Klassen extra zusammenstellen.
X.: Es hat sich herausgestellt, dafi wir in der Eurythmie sehr langsam vor-
waxtskommen.
Dr. Steiner: Zunachst im Anfang nehmen Sie doch alles sehr stark im
Zusammenhang mit der Musik. Die allerersten Anfangsiibungen ganz
aus dem Musikalischen heraus entwickeln, das wiirde besonders
25.9. 1919
79
gepflegt werden miissen. Ohne das andere zu vernachlassigen, beson-
ders in den spateren Jahrgangen.
Jetzt ware noch iiber den freien Religionsunterricht zu sprechen. Da
muB man den Kindern sagen: Wer freien Religionsunterricht haben
will, mufi ihn als solchen wahlen, und es miifite dann einfach dieser
freie Religionsunterricht als dritter sein neben den beiden anderen.
Ein unklares Miteinandervermischen darf absolut nicht sein. Dage-
gen konnen Sie ruhig diejenigen, die freien Religionsunterricht
haben sollen, so nehmen, dafi Sie sie klassenweise zusammenstellen.
Sagen wir, die unteren vier Klassen und die oberen vier Klassen
zusammen. Es kann ihn irgend jemand von uns geben. Wie viele sind
denn da, die sich auf freien Unterricht einiassen?
X.: Es sind bis jetzt sechzig; dabei sechsundfunfzig Anthroposophenkinder.
Die Zahlen werden sich noch andern, weil manche beides haben wollten.
Dr. Steiner: Vermischen tun wir also nicht. Agitieren fur diesen
Unterricht tun wir auch nicht. Wir kommen nur den Wiinschen ent-
gegen. Wir raten mehr, den konfessionellen Unterricht zu nehmen.
Die Kinder, die gar keinen Religionsunterricht nehmen sollen, die
laftt man, aber immerhin konnte man doch nachforschen nach den
Griinden, warum sie keinen haben sollen. Das mufite in jedem einzel-
nen Falle festgestellt werden. Es lassen sich dann doch vielleicht die
einen oder anderen dazu veranlassen, sich zum konfessionellen
Unterricht zuriickzuwenden oder zu dem anthroposophischen
Unterricht zu kommen. Irgend etwas mufi man da schon tun. Dafi
man die Kinder einfach aufwachsen laftt ohne Religionsunterricht,
das wollen wir nicht einfiihren.
X.: Soil der freie Religionsunterricht vom Klassenlehrer gegeben werden?
Dr. Steiner: Es kann jemand von uns sein, der es tibernimmt. Es mufi
nicht der betreffende Klassenlehrer sein. Es ist nicht wiinschenswert,
daft jemand genommen wird, der unbekannt an uns herankommt.
Wir sollten schon innerhalb des Kreises unserer Lehrer bleiben.
Bei sechzig Kindern wiirden wir ungefahr dreiftig zu dreifiig zusam-
mennehmen; vielleicht die vier oberen und die vier unteren Klassen
zusammen. Ich werde Ihnen dafiir noch einen Lehrplan geben. Die-
sen Unterricht miissen wir sehr sorgfaltig machen.
Bei der ersten Abteilung muB alles, was sich auf Reinkarnation und
Karma bezieht, wegbteiben. Die miissen erst in der zweiten Gruppe
besprochen werden. Aber da miissen sie auftreten. Vom zehnten
Jahr ab miissen die Dinge durchgenommen werden. Gerade bei die-
80
25.9. 1919
sem Unterricht ist es aufterordentlich notwendig, daft man von An-
fang an auf die Selbsttatigkeit der Schiiler sein Augenmerk richtet.
Nicht theoretisch soil von Reinkarnation und Karma gesprochen
werden, aber praktisch.
Eine Art Riickschau auf allerlei Zustande, die da waren vor der Ge-
burt, haben die Kinder noch, wenn sie dem siebenten Jahre nahe-
kommen. Sie erzahlen manchmal die kuriosesten Dinge, die bild-
hafte Dinge sind, von diesen friiheren Zustanden; zum Beispiel das ist
nicht vereinzelt, sondern typiscb, daft die Kinder kommen und
sagen: Ich bin in diese Welt gekommen, das war durch einen Trich-
ter, das hat sich immer weitergezogen. — Sie beschreiben, wie sie in
die Welt gekommen sind. Diese Dinge laftt man beschreiben, laftt sie
mitarbeiten und pflegt das, so daft es heraufgeholt wird insBewuftt-
sein. Das ist sehr gut, nur ist zu vermeiden, daft den Kindern etwas
eingeredet wird. Man miiftte dasjenige herauskriegen, was sie selber
sagen. Das sollte man tun. Das gehort zum Lehrplan.
Dieser Unterricht konnte belebt werden im Sinne des gestrigen
offentlichen Vortrages. Das konnte das Schonste sein, was man
macht, ohne daft man zur Weltanschauungsschule wird, wenn man
reine Menschenerkenntnis zugrunde legte, und jede Minute die Pad-
agogik neu belebte. In dieser Richtung ist auch mein Aufsatz gehal-
ten, der in der nachsten Waldorfzeitung stent. Er handelt iiber „Die
padagogische Grundlage der Waldorfschule". Das, was ich da ange-
deutet habe, das ist im wesentlichen eine Art Zusammenfassung fur
das Publikum alles dessen, was wir im Kursus haben. Das bitte ich als
Ideal zu betrachten, was dort stehen wird in dem Waldorfblatt.
Es geniigt fur jede Abteilungeineinhalb Stunden Religionsunterricht
die Woche; zweimal dreiviertel Stunden. Es ware besonders schon,
wenn er sonntags sein konnte, aber das wiirde sich wohl schlecht
machen lassen. Man konnte die Kinder auch an die ,,Wochen-
spriiche" gewohnen bei diesem Unterricht.
X.: Sind die nicht zu schwer?
Dr. Steiner: Es darf niemals fur uns etwas geben, was zu schwer ist
fur die Kinder. Es handelt sich da nicht um das Aufnehmen des
Gedankens, sondern wie die Gedanken aufeinander folgen und so
weiter. Ich mochte wissen, was fur die Kinder schwerer sein konnte
als das Vaterunser. Das bildet man sich nur ein, daft das leichter ist als
die Wochenspriiche im ,,Seelenkalender". Und das ,, Credo"! Daft die
Leute sich gegen das ,, Credo" auflehnen, riihrt nur davon her, daft es
kein Mensch versteht, sonst wiirden sich die Menschen nicht aufleh-
25.9. 1919
81
nen. Das enthalt nur dasjenige, was im Grunde selbstverstandlich ist,
aber die Menschen kommen bis zum siebenundzwanzigsten Jahr
nicht so weit, daft sie es verstehen konnen, und nachher lernen sie
nichts mehr vom Leben. Die Verhandlungen iiber das ,, Credo" sind
kindisch. Es steht nichts darinnen, was man von sich aus entscheiden
kann. — Die Wochenspriiche kann man auch mit den Kindern vor der
Stunde sprechen.
X.: Wiirde es nicht gut sein, die Kinder eine Art Morgengebet sprechen zu
lassen?
Dr. Steiner: Das ist etwas, was gemacht werden konnte. Ich hatte
auch schon die Aufmerksamkeit darauf gewendet. Ich werde Ihnen
morgen noch etwas dariiber sagen; auch wegen eines Gebetes werden
wir noch sprechen. Da wiirde ich nur Sie um eines bitten. Sehen Sie,
bei diesen Dingen kommt es wahrhaftig auf Aufterlichkeiten an.
Nennen Sie den Spruch niemals ,,Gebet", sondern ,,Eroffnungs-
spruch der Schule". Vermeiden Sie es, daft man aus Lehrermund den
Ausdruck ,,Gebet" hort. Dann haben Sie das Vorurteil, daft es eine
anthroposophische Sache sei, schon fur ein gut Stuck iiberwunden.
Das meiste, was bei uns gesiindigt wird, wird durch Worte gesiindigt.
Die Leute gewohnen sich nicht ab, Worte zu gebrauchen, die uns
schadlich sind. Was glauben Sie, was ich hier ausgestanden habe, daft
ich den Leuten abgewohnt habe, zu den ,,Kernpunkten der sozialen
Frage" Broschiire zu sagen. Es ist doch ein Buch, es schaut nur aus
wie eine Broschiire. Es ist ein Buch! Das kriegt man nicht fertig, daft
alle Leute sagen ,,das Buch"; sie sagen ,,die Broschiire". Es hat eine
gewisse Bedeutung. Das Wort ist nicht unnotig. Das sind Dinge, um
die es sich wirklich handelt. Anthroposophen sind aber diejenigen
Menschen, die sich am wenigsten in etwas ftigen. Denen gegeniiber
kann man gar nichts durchbringen. Die anderen Menschen sind so
autoritatsglaubig. Und damit hat das zu tun, was ich gesagt habe: Die
Anthroposophen sind storrig, und es kann gar nichts bei ihnen
durchgesetzt werden; auch nichts, was berechtigt ist!
X.: Meine 5. Klasse briillt und tobt, besonders in den Sprachstunden. Die
franzosischen Satze empfindet sie als Witze.
Dr. Steiner: Das Richtige ware, auf den Witz einzugehen und aus
dem Witz heraus zu lernen. Auf Witz sollte man immer eingehen, und
zwar mit Humor. Aber die Kinder miiftten gehorchen. Sie miiftten
auf Befehl wieder schweigen. Sie miiftten sie mit der Gebarde ruhig
kriegen.
Von Anfang bis Ende der Stunde muft man suchen, den Kontakt zu
82
25.9. 1919
behalten. Wenn es auch ermudet, es muft unter alien Umstanden das
Band zwischen Lehrer und Schiiler bestehen bleiben. Durch auftere
Disziplin ist in solchen Fallen nichts zu regeln, sondern dadurch, daft
man zunachst eingeht auf die Sache und dann aus der Sache heraus
wirkt.
Die groftte Schwierigkeit ist wohl, daft Sie das feine Stimmchen
haben. Sie miissen Ihr Stimmchen ein biftchen schulen. Sie miissen
,,unten" reden lernen, nicht piepsen beim Schreien. Es ware schade,
wenn Sie nicht Ihre Stimme behandelten, so daft etwas Baft hinein-
kame. Also Tiefe muft hineinkommen.
X.: Wer soil den lateinischen Unterricht geben?
Dr. Steiner: Das ist eine Frage des Lehrerkollegiums. Vorlaufig
wiirde ich die Frage so regeln, daft Herr Pastor Geyer und Dr. Stein
den Lateinunterricht erteilen. Es ist zuviel fur einen.
X.: Wo soli man anfangen mit der Geschichte?
Dr. Steiner: Sie werden fast bei jeder Klasse mit der Geschichte von
vorne anfangen miissen. Beschranken Sie einfach den Unterricht
nach Bedarf. Wenn Sie zum Beispiel im 8. Schuljahr genotigt sind,
von Anfang an zu beginnen, dann nehmen Sie eben wenig, aber
versuchen doch, ein Gesamtbild zu geben iiber die ganze Entwicke-
lung der Menschheit, nur kiirzer. Also man muftte schon im 8. Schul-
jahr die eanze Weltgeschichte durchmachen in unserem Sinn.
Das trifft auch zu fur Physik. In der Naturgeschichte wird es sich sehr
leicht machen lassen, daft die Kinder das, was sie gelernt haben,
beniitzen und beleben. Es sind nur diejenigen Facher, die diesem
Mangel unterliegen werden, von denen wir gesagt haben, daft sie nach
dem zwolften Jahre anfangen, wo die Urteilskraft beginnt. In den
beschreibenden Disziplinen wird man manches beniitzen konnen,
was die Kinder, wenn auch vertrackt, gelernt haben.
X. : In der griechischen Geschichte kann man wohl mehr auf die Kultur-
geschichte und die Sagen eingehen und das Politische weglassen; die Perser-
kriege zum Beispiel.
Dr. Steiner: Die Perserkriege kann man schon so behandeln, daft
man sie kulturgeschichtlich gestaltet. In alteren Zeiten kann man die
Kriege noch kulturgeschichtlich behandeln; bis zu unserer Gegen-
wart sind sie ja immer unerfreulicher geworden. Man kann die Perser-
kriege schon wie ein Symptom betrachten der kulturgeschichtlichen
Ziige.
25. 9. 1919
83
X.: Das Innenpolitische ist doch weniger wichtig?
Dr. Steiner: Doch, zum Beispiel, wie das Geld entstanden ist.
X.: Die Verfassungen kann man wohl kurz behandeln?
Dr. Steiner: Ja, aber den Geist der Lykurgischen Verfassung muft
man schon schildern, zum Beispiel auch den Unterschied zwischen
dem Athenertum und dem Spartanertum.
X.: Bei den Romern ist das Verfassungswesen so breit dargestellt in den Lehr-
biichern.
Dr. Steiner: In den Lehrbuchern ist es breit und oftmals sehr falsch
behandelt. Der Romer kannte keine Verfassung, aber er wuftte aus-
wendig nicht nur die Zwolf-Tafel-Gesetze, sondern eine grofte An-
zahl von Rechtsbuchern. Man bekommt eine falsche Vorstellung
vom Romertum, wenn man nicht durchnimmt mit den Kindern, daft
der Romer ein Rechtsmensch war, und daft das gewuftt worden ist.
In den Lehrbuchern ist das langweilig dargestellt, aber man muft
schon fur das Romertum die Vorstellung erwecken, daft jeder Romer
ein Rechtskniippel war und die Gesetze an den Fingern herzahlen
konnte. Die Zwolf-Tafel-Gesetze sind dort so gelehrt worden, wie
bei uns das Einmaleins.
X..- Wir wollen jede Woche eine Zusammenkunft machen zur Besprechung
padagogischer Fragen, so dafi das, was der Einzelne sich erarbeitet, den ande-
ren zugute kommt.
Dr. Steiner: Das kann sehr gut geschehen. Das ist etwas, was mit
Freude zu begriiften ware. Recht republikanisch miiftte es gehalten
werden.
X.: Wie weit geht man mit der Bestrafung der Kinder?
Dr. Steiner: Das ist natiirlich ganz individuell. Am best en ware esja,
wenn man so wenig wie moglich zu bestrafen brauchte. Man kann es
vermeiden, Strafen herbeizufuhren. Aber unter Umstanden kann es
auch einmal notwendig sein, daft man sogar ein biftchen priigelt.
Aber man soil doch das Ideal befolgen, es zu vermeiden. Eigentlich
sollte man die Ansicht haben, daft man die Dinge selber als Lehrer
herbeifiihrt, daft weniger die Zoglinge sie herbeifiihren als der Lehrer.
Trotzdem gebe ich Ihnen zu, daft Rangen da sind, aber die Rangen-
haftigkeit wird durch Strafe nicht besser. Das kann nur dadurch
besser werden, daft man allmahlich einen anderen Ton in die Klasse
hineinkriegt. Dann werden die Rangen nach und nach auch wirklich
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25. 9. 1919
verwandelt, wenn der Ton in der Klasse ein guter wird. Jedenfalls
versuchen Sie, in der Bestrafung nicht zu weit zu gehen.
X.: Um dem Mangel an Lehrmitteln abzuhelfen, konnte man vielleicht eine
Organisation ins Leben rufen und die Anthroposophen bitten, uns zur Verfu-
gung zu stellen, was sie selbst an Lehrmitteln haben. Wir sollten auch alles
bekommen, was an anthroposophischen Facharbeiten schon da ist.
Dr. Steiner: Es ist projektiert gewesen, nach dieser Richtung hin
dadurch etwas zu tun, dafi man die Lehrer, die in der Gesellschaft
sind, einmal als solche organisiert. Es besteht also der Plan, alles, was
anthroposophisch vorliegt, in irgendeiner Weise fruchtbar zu ma-
chen fur den offentlichen Unterricht oder fur den Unterricht iiber-
haupt. Vielleicht konnte man ankniipfen an diese bestehende Orga-
nisation der Lehrerschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft.
X. : Wir brauchen auch Lebenskunde iiber die verschiedenen Wirtschafts-
gebiete. Da dachte ich, dafi in der Waldorfschule der Grund gelegt werden
konnte fur eine kiinftige Wirtschaftswissenschaft.
Dr. Steiner: Da muft man dann feststellen, wer fur die einzelnen
Punkte Gewahrsmenschen sind. Das sind Leute, die Sinn haben, so
etwas zu machen, die aber richtig praktische Fachmanner sind. Also
es miifken sich nicht Leute finden, wie sie heute als Referenten
angegeben werden, sondern richtig praktische Leute, die aber Sinn
fiir unsere Sache haben. Solche Menschen mufiten sich finden. Die
miiftten die einzelnen Zweige der Lebenskunde zusammenstellen.
Ich glaube, wenn man es nur richtig machen wiirde, konnte nach
dieser Richtung viel geleistet werden. Aber Sie haben als Lehrer im
ersten Jahr viel zu tun, und konnen sich nicht zersplittern. Das
muftten Sie schon durch andere besorgen lassen. Es mtifite eine sol-
che Organisation ernsthaft gemacht werden. Es darf keine Art von
Fatzkerei und von Vereinsmeierei hineinkommen, sondern es muB
in groftem Umfang sachlich gemacht werden. Da mtiftte man Men-
schen aufrufen, die im praktischen Leben darinnenstehen.
X.: Herr van Leer hat schon geschrieben, daft er bereit ware, das Notige zu
tun.
Dr. Steiner: Ja, der konnte schon helfen nach dieser Richtung. Es
konnte da einmal eine Art Plan ausgearbeitet werden, wie das im
wesentlichen zu machen ware. Solche Herren wie Herr van Leer und
Herr Molt und auch andere, die im praktischen Wirtschaftsleben
drinstehen, die wissen, wie sie sich auf solche Fragen zu konzentrie-
ren haben, wenn sie so etwas ausarbeiten. Da wiirde vielleicht die
25.9. 1919
85
Lehrerschaft weniger leisten; das wird am besten geleistet werden,
wenn man sich direkt an die Fachleute wendet. Das laftt sich viel-
leicht in Zusammenhang bringen mit den Kulturratsbestrebungen.
Ja, das muftte alles noch besprochen werden.
X.: Wie kann man fur den geologischen Unterricht einen Zusammenhang her-
stellen zwischen der Geologie und der Akasha-Chronik?
Dr. Steiner: Da ware es natiirlich gut, wenn Sie es so machen wiirden,
daft Sie den Kindern zunachst die Schichtenbildung zum Bewufttsein
bringen, daft Sie ihnen einen Begriff beibringen, wie die Alpen ent-
standen sind. Und daft Sie dann den ganzen von den Alpen ausgehen-
den Komplex behandeln: Pyrenaen, Alpen, Karpaten, Altai und so
weiter, was ja die eine Welle ist; daft Sie diese ganze Welle den Kin-
dern klarmachen. Und dann die andere Welle, die von Nordamerika
iiber Siidamerika geht. Da kriegt man also heraus diese eine Welle bis
zum Altai, bis zu den asiatischen Bergen, die geht von Westen nach
Osten. Und dann haben wir im Westen Amerikas oben die nordame-
rikanischen und unten die sudamerikanischen Gebirge. Das ist die
andere Welle, von Nord nach Siid. Die steht auf der ersten senkrecht
darauf.
(d^knA j, ^ Alport
Von dieser Schichtung und Gliederung gehen wir aus, und da reihen
wir dann die Vegetation und die Fauna an. Dann versuchen wir
einfach die Westkiiste von Europa und die Ostkiiste von Amerika, die
Fauna und Flora und die Schichtung zu studieren. Dann gehen wir
dazu iiber, den Begriff davon hervorzurufen, wie der Osten von Ame-
rika und der Westen von Europa zusammenhangen, und daft das
Becken des Atlantischen Ozeans und die Westkiiste von Europa ein-
fach Senkungsland ist. Von diesen Begrjffen aus versuchen wir dann
auf naturgemafte Weise klarzumachen, daft sich das im Rhythmus
auf und ab bewegt. Von dem Begriff des Rhythmus gehen wir aus.
Wir zeigen, daft die britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen
86 25.9.1919
sind. Da kommen wir zuriick zu dem Begriff der alten Atlantis, auf
geologischem Wege.
Jftn&rikcL Bur op at.
Dann konnen wir iibergehen, indem wir versuchen, in den Kindern
die Vorstellung hervorzurufen, wie es anders war, als das eine da
unten war, und das andere da oben. Wir gehen davon aus, daB die
britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen sind. Das ist einfach
geologisch festzustellen an den Schichten. Wir versuchen also, diese
Dinge in Zusammenhang zu stellen, aber wir diirfen nicht davor
zunickschrecken, bei den Kindern von dem atlantischen Land zu
sprechen. Wir diirfen das nicht iiberspringen. Auch im geschicht-
lichen Zusammenhang konnen wir daran anknupfen. Nur werden Sie
dann die gewohnliche Geologie desavouieren miissen. Denn die
atlantische Katastrophe muB ja im 7. bis 8. Jahrtausend angesetzt
werden.
Die Eiszeit, das ist die atlantische Katastrophe. Die altere, mittlere
und neuere Eiszeit, das ist nichts anderes als das, was vorgeht in
Europa, wahrend die Atlantis untersinkt. Das ist gleichzeitig, also im
7., 8. Jahrtausend.
X.: In Pierers Konversationslexikon fand ich Artikel iiber Geologisches. Wir
mochten gerne wissen, welche Artikel wirklich von Ihnen sind.
Dr. Steiner: Diese Artikel sind von mir geschrieben, aber die Redak-
tion bei dem Zustandekommen des Lexikons war so, da6 da zwei
Redakteure waren. Es kann unter Umstanden etwas hineingepatzt
sein; ich kann nicht fur die Einzelheiten garantieren. Der Artikel
Basalt, Alluvium, Geologische Formationen, Eiszeit, das ist alles von
mir. Der Artikel iiber Darwinismus ist nicht von mir. Der Artikel iiber
Alchimie auch nicht. Nur streng die geologischen und mineralogi-
schen, bis zu einem gewissen Buchstaben. G ist noch von mir; H nicht
mehr, weil ich keine Zeit hatte.
X.: Der Anschlufi ist sehr schwer zu finden hinter der Eiszeit. Wie ist da das,
was die Wissenschaft sagt, in Parallele zu bringen mit dem, was die Geisteswis-
senschaft vertritt?
25. 9. 1919
87
Dr. Steiner: *Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. Sie
haben in der Quartarzeit die erste und zweite Saugetierfauna, und
Sie brauchen blofi das zu erganzen, was iiber den Menschen gilt. Sie
konnen das schon parallelisieren. Die Quartarzeit konnen Sie gut mit
der Atlantis parallelisieren, und die Tertiarzeit konnen Sie paralleli-
sieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, was ich schildere
als die lemurische Zeit. Da wiirde also die Tertiarzeit hineinkommen.
Da haben Sie die alteren Amphibien und Reptilien, Da ist auch der
Mensch noch in der aufteren Gestalt nur quallig da in der Substanz; er
ist nur amphibienhaft gestaltet.
X.: Da ist aber doch noch Feueratmung!
Dr. Steiner: Aber diese Biester, die atmen ja auch Feuer, der Archa-
opteryx zum Beispiel.
X.; Also die Tiere, deren Knochen man heute im Museum sieht, die atmeten
noch Feuer?
Dr. Steiner: *Ja, alle die zu den Sauriern gehoren, die gehoren in das
Ende der Tertiarzeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die
Nachkommen. Ich meine die Saurier, die im Anfang der Tertiarzeit
da waren. Die Juraformation erstreckt sich weiter fort. Es schiebt
sich da alles ineinander. Nichts ist pedantisch zu behandeln. Vor dem
Tertiaren liegt das Sekundarzeitalter; da gehort der Jura hinein. Da
gehort der Archaopteryx hinein. Aber das wiirde bei uns schon die
zweite Periode werden. Man mufi nicht pedantisch das eine dem
anderen zuordnen.
Anmerkung der Herausgeber: In den beiden mit * bezeichneten Absatzen lie-
gen offensichtlich Stenogrammfehler vor. Der Text ist in sich widerspruchs-
voll; er stimmt auch weder mit den erwahnten Artikeln und der Tabelle im
Piererschen Lexikon uberein, noch mit Dr. Steiners Ausfiihrungen in der Kon-
ferenz am folgenden Tage (26. September). Der Fehler scheint sich dadurch
zu erklaren, dafi Dr. Steiner beim Sprechen auf die Tabelle hinwies, die der
Stenograph nicht vor sich hatte. — Die Herausgeber schlagen folgende Text-
anderung vor, in der die geanderten Worte kursiv sind.
,,Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. Sie haben in der Tertiar-
zeit die erste und zweite Saugetierfauna, und Sie brauchen blofi das zu ergan-
zen, was iiber den Menschen gilt. Sie konnen das schon parallelisieren. Die
Tertiarzeit konnen Sie gut mit der Atlantis parallelisieren, und die Sekundar-
zeit konnen Sie parallelisieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem,
was ich schildere als lemurische Zeit. Da wiirde also die Sekundarzeit hinein-
kommen. ..."
,Ja, alle, die zu den Sauriern gehoren, die gehoren in das Ende der Sekundar-
zeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die Nachkommen. Ich meine die
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25.9. 1919
Saurier, die im Anfang der Sekunddrzeit da waren. . . . Vor dem Tertiaren
liegt das Sekundarzeitalter; da gehort der Jura hinein. Da gehort der Archa-
opteryx hinein. ..."
X..* Wie ordnet sich ein, was wir tiber das Erdinnere gelernt haben? Dariiber
findet man fast nichts in der aulJeren Wissenschaft.
Dr. Steiner: Das, woriiber die auBere geologische Wissenschaft iiber-
haupt handelt, bezieht sich ja nur auf die allerobersten Schichten.
Diese Schichten, die bis zum Mittelpunkt der Erde gehen, die haben
ja mit der Geologie nichts zu tun.
X.: Kann man diese Schichten den Kindern beibringen? Man mufr doch die
oben aufliegenden Schichten erwahnen.
Dr. Steiner: Ja, moglichst die Schichten angeben. Man kann es nach
einer Schichtenkarte machen, aber niemals ohne daft die Kinder
etwas wissen von den Gesteinsarten. Die Kinder miissen die Anschau-
ung bekommen, was das fur Steine sind. Bei der Erklarung fangt man
an von oben herunter, weil man da leichter vermitteln kann, was da
durchbricht.
X.: Der Satz von der Erhaltung der Energie in der Warmelehre bereitet auch
Schwierigkeiten.
Dr. Steiner: Warum gibt es da Schwierigkeiten? Das Bestreben
miifite sein, diese Dinge allmahlich hinuberzufiihren zu dem, was
Goethe das Urphanomen nennt, also nur Phanomene zu behandeln.
Der Satz von der Erhaltung der Energie diirfte nicht behandelt wer-
den wie bisher. Er ist ein Postulat, kein Satz. Und zweitens ist hier
etwas ganz anderes: Das Spektrum kann man behandeln, das ist das
Phanomen; aber der Satz von der Erhaltung der Energie wird als phi-
losophischer Satz behandelt. Als etwas anderes ist das mechanische
Warmeaquivalent zu behandeln. Das ist das Phanomen. Warum nun
nicht streng innerhalb der Phanomenologie stehenbleiben? Man
arbeitet heute solche Gesetze heraus, die eigentlich Phanomene sind.
Da ist es ein Unfug, daB man das ,,Gesetz" nennt, wie zum Beispiel
das Fallgesetz. Das sind Phanomene, das sind keine Gesetze. Und
man wird finden, daB man die ganze Physik von sogenannten Geset-
zen freihalten kann, sie in Phanomene verwandeln und in sekundare
und Urphanomene gruppieren kann. Wenn man in der Fall-Lehre
anfangt die sogenannten Gesetze der Atwoodschen Fallmaschine zu
beschreiben, so sind das Phanomene und keine Gesetze.
X.: Da miilke man wohl so vorgehen, dafi man nicht das Fallgesetz zugrunde
legt, zum Beispiel die Konstanz der Beschleunigung, und daraus das Fallgesetz
entwickelt, sondern dafi man es als Tatsache behandelt.
25. 9. 1919
89
Dr. Steiner: Zeichnen Sie es doch einfach auf, wenn Sie keine Fall-
maschine haben. In der ersten Sekunde fallt es so, in der zweiten so,
in der dritten so. Da kriegen Sie einfach die Zahlenreihen, und aus
denen machen Sie das, was man das Gesetz nennt, was aber nur ein
Phanomen ist.
X.; Ober die Schwerkraft sollte man also gar nicht reden?
Dr. Steiner: Das wiirde ja wunderbar sein, wenn Sie es dahin brach-
ten, sich ganz abzugewohnen, von der Schwerkraft zu reden. Man
kann es dahin bringen, wenn man nur Phanomene vorbringt. Das
ware das schonste, denn die Schwerkraft ist ja nur eine Phrase.
X. : Gilt das auch von der elektrischen Kraft?
Dr. Steiner: Heute konnen Sie ja iiber Elektrizitat ganz reden, ohne
von Kraften zu reden. Sie konnen streng in Phanomenen drinnen
stehenbleiben. Bis zur Ionen- und Elektronentheorie konnen Sie her-
unterkommen, ohne von etwas anderem als von Phanomenen zu
reden. Das wiirde padagogisch ungeheuer wichtig sein, das zu
machen.
X. : Es ist sehr schwer, ohne Krafte auszukommen, wenn man das Mafisystem
behandelt, das C-G-S-System, das man in den oberen Klassen haben mufi.
Dr. Steiner: Was haben denn die Krafte damit zu tun? Wenn Sie
Rechnungen haben, wo Sie eines mit dem anderen vertauschen
konnen, konnen Sie es ja haben.
X.: Dann wiirde man vielleicht fur das Wort Kraft etwas anderes setzen
miissen.
Dr. Steiner: Sobald der Zogling sich klar ist dariiber, dafi Kraft nichts
weiter ist als das Produkt von Masse und Beschleunigung, sobald er
keinen metaphysischen Begriff damit verbindet, sie also immer
phanomenologisch behandelt, kann man ja von Kraft reden.
X.: Konnten wir etwas Naheres horen iiber Planetenbewegung? Es ist vieles
angedeutet worden, aber man hat noch keine klare Vorstellung iiber die wahre
Bewegung der Planeten und der Sonne.
Dr. Steiner: Das ist eigentlich so in Wirklichkeit:
(Dr. Steiner demonstriert an der Zeichnung.) Jetzt mufi man einfach
sich vorstellen, das schraubt sich fort. Das andere ist scheinbare Be-
wegung. Die Schraubenlinie setzt sich im Weltenraum fort. Also
nicht, dafi sich die Planeten um die Sonne bewegen, sondern diese
90
25.9. 1919
Himmelspitl
drei: Merkur, Venus, Erde, ziehen der Sonne nach, und diese drei:
Mars, Jupiter, Saturn, gehen voraus. Dadurch wird hervorgerufen,
wenn also die Erde da stent, das hier ist die Sonne, dazieht die Erde
nach. Da sieht man so hin auf die Sonne von hier aus, und das be-
wirkt, daft es ausschaut, als wenn die Erde herumgehe, wahrend sie
nur nachzieht. Die Erde zieht der Sonne nach. Die Steigung ist gleich
dem, was man den Deklinationswinkel nennt; wenn Sie den Winkel,
den Sie herausbekommen, wenn Sie den Ekliptikwinkel nehmen,
den sie einschlieflt mit dem Aquator, dann kriegen Sie das heraus.
Also nicht eine Spirale, sondern eine Schraubenlinie. Es ist nicht
eben, sondern raumlich.
X.: Wie steht jetzt die Erdachse in dieser Bewegung?
Dr. Steiner: Wenn die Erde hier sein wiirde, wiirde die Erdachse eine
Tangente sein. Der Winkel ist 231/2 Grad. Der Winkel, der mit der
25.9. 1919
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Schraube eingeschlossen wird, ist derselbe, den Sie herauskriegen,
wenn Sie den Nordpol nehmen, und da diese Lemniskate machen als
Bahn eines der Sterne in der Nahe desNordpols. Das miiftte ich kon-
statieren. Da bekommt man eine scheinbare Lemniskate heraus,
wenn man diese Linie verlangert. Sie ist nicht vorhanden, weil der
Nordpol fix bleibt, der Himmelsnordpol.
X.: 1413 passierte doch eine besondere Konstellation?
Dr. Steiner: Ich habe heute darauf hingedeutet. Es ist das so, daft Sie
nehmen konnen etwa 7000 Jahre vor 1413. Da bekommen Sie her-
aus ein Zusammenfallen der Erdachse, also den kleinsten Winkel.
Dann wird er grofier, und dann jetzt wiederum kleiner zunachst;
dadurch entsteht die Lemniskate. Also zeitweilig ist der Erdwinkel
null. Also dann war die atlantische Katastrophe. Da waren nicht
diese Jahreszeitenunterschiede. Da war immer Tagundnachtgleiche.
X,: Wie kommt es, dafi der Himmelspol, der nichts anderes ist als der Punkt,
auf den sich die Erdachse hinrichtet, gleich bleiben soli? Er andert sich doch
im Laufe der Jahre.
Dr. Steiner: Das ist eben dadurch bewirkt, daft die Erdachse einen
Kegel beschreibt, einen Doppelkegel. Dadurch wird fortwahrend
seine Bewegung ausgeglichen durch die Bewegung der Erdachse.
Wenn Sie die Erdachse immerfort parallel zu sich hatten, dann wiirde
der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben, aber er bleibt, wo er
ist. Das geschieht dadurch, daft durch die Bewegung der Erdachse im
Doppelkegel aufgehoben wird diese Bewegung, die dadurch heraus-
kommt, daft der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben wiirde;
die wird dadurch aufgehoben.
X.: Ich hatte mich eingestellt auf eine Bewegung der Erdachse, die Sie be-
schrieben haben. Ich sagte mir, es mufi sich am Himmel scheinbar der Punkt,
der am Himmel fix bleibt, im Laufe der Jahrhunderte andern. Das wiirde sein,
glaubte ich, im Sinne der Lemniskate, also nicht etwa ein Kreis am Himmel
im platonischen Jahr.
Dr. Steiner: Das wird dadurch aufgehoben, daft diese Linie, die
Achse der Schraube, nicht eine wirkliche Gerade ist, sondern eine
Kurve. Das ist nur annahernd eine Gerade. In Wirklichkeit wird hier
auch ein Kreis beschrieben. Man hat es zu tun mit einer Schraube, die
eigentlich zu ihrem Gewinde einen Kreis hat.
X.: Wie ist es moglich, das in Zusammenhang zu bringen mit dem Galileischen
Relativitatsprinzip? Mit der Tatsache, daft wir keine absolute Raumbewegung
feststellen konnen?
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25. 9. 1919
Dr. Steiner: Was heiftt das?
X..' Dafi wir nicht von der absoluten Bewegung im Raum sprechen konnen.
Wir konnen nicht sagen: dieser Korper steht im Raum still, sondern er bewegt
sich. Es ist nur relativ. Wir konnen nur wissen, dafi ein Korper sich zum ande-
ren hinbewegt.
Dr. Steiner: Dies gilt eigentlich nur, solange man die Untersuchung
nicht ausdehnt auf das Innere des betreffenden Korpers. Also, nicht
wahr, wenn Sie zwei Menschen haben, die zueinander relativ in Be-
wegung sind, so konnen Sie, solange Sie rein mathematisch raumlich
untersuchen und den Untersuchungspunkt aufterhalb der betreffen-
den Menschen nehmen — es kann Ihnen gleichgiiltig sein, was absolut
vorgeht — , Sie werden nur die Relativitat der Bewegung bekommen.
Aber dem Menschen ist es nicht gleichgiiltig. Zwei Meter zu laufen,
ist ein anderes, als drei Meter zu laufen. Das Prinzip gilt also nur fur
den Beobachter, der aufterhalb steht. In dem Augenblick, wo er drin-
nensteht, wie wir es tun als Erdenmenschen — sobald die Unter-
suchung beginnt, die innere Veranderung einzubeziehen, dann hort
die Sache auf. In dem Augenblick, wo wir Untersuchungen so
machen, daft wir absolute Veranderungen feststellen in den aufein-
anderfolgenden Erdenepochen,
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