Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule 1919 bis 1924. Band I

Rudolf Steiner Archive

Steiner

Rudolf Steiner

Document text

RUDOLF STEINER G ES AMT AUSG ABE 
VEROFFENTLICHUNGEN AUS DEM ARCHIV 

Erganzungen zu den 
padagogischen Grundkursen 



Verdffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach 
als Studienmaterial fiir die Lehrer an Waldorfschulen 

Aus verschiedenen, von Rudolf Steiner nicht durchgesehenen unvollstandigen 
Nachschriften und handschriftlichen Notizen der Teilnehmer zusammengestellt und 
herausgegeben von Erich Gabert (+) und Hans Rudolf Niederhauser 
unter redaktioneller Mitarbeit von Anton Rodi 



Erste Veroffentlichung als Vervielfaltigung fiir 
Lehrer der Waldorfschulen, o. J. (intern) 

Zweite Veroffentlichung (mit Auslassungen) 
in „Die Menschenschule", 1946—1956 

Dritte, erweiterte Ausgabe (Vervielfaltigung) 
in 8 Heften, Stuttgart 1962-1964 

Vierte, neu durchgesehene und erweiterte Ausgabe 

(erste Buchauflage in 3 Banden), Gesamtausgabe Dornach 1975 



Bibliographie-Nr. 300 / 1 

Alle Rechte fiir die Wortlaute Rudolf Steiners bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, 

Dornach / Schweiz 
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz 
Abdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet 
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Meier + Cie AG Schaffhausen 

ISBN 3-7274-3000-1 (Reihe) 
ISBN 3-7274-3001-X (l.Band, Ln.) ISBN 3-7274-3004-4 (l.Band,Kt.) 



RUDOLF STEINER 

Konferensen 

mit den Lehrern 
der Freien Waldorfschule in Stuttgart 
1919 bis 1924 

Erster Band 
Das erste und 2weite Schuljahr 



1975 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Veroffentlichung aus dem Archiv der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
als Studienmaterial fur die Lehrer an Waldorfschulen 



Obersicht tiber die Konferenzen in drei Banden 



Erster Band 

1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920 
Konferenzen vom 8. September 1919 bis 31. Juli 1920 

2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921 
Konferenzen vom 21. September 1920 bis 26. Mai 1921 



Zweiter Band 

3. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922 
Konferenzen vom 16. Juni 1921 bis 10. Mai 1922 

4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis 24. Marz 1923 
Konferenzen vom 20. Juni 1922 bis 8. Marz 1923 



Dritter Band 

5. Schuljahr: 24. April 1923 bis 7. April 1924 
Konferenzen vom 30. Marz 1923 bis 27. Marz 1924 



6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925 
Konferenzen vom 9. April 1924 bis 3. September 1924 



Als lebensmafiige Voraussetzung gait fiir die Teil- 
nehmer dieser Konferenzen die Kenntnis der 
Anthroposophie, der drei grundlegenden Vor- 
tragskurse: ,,Allgemeine Menschenkunde als 
Grundlage der Padagogik", ,,Erziehungskunst. 
Methodisch-Didaktisches" und die ,,Seminar- 
besprechungen", sowie der anderen Kurse, die 
Rudolf Steiner fiir die Lehrer der Waldorfschule 
gehalten hat: „Menschenerkenntnis und Unter- 
richtsgestaltung", 1921, ,,Meditativ erarbeitete 
Menschenkunde", 1920, ,,Erziehungsfragen im 
Reifealter" und ,,Zur kiinstlerischen Gestaltung 
des Unterrichts", 1922, ,,Anregungen zur inner- 
lichen Durchdringung des Lehrerberufs", 1923. 
Diese Kenntnis mufi als Grundlage zur Beurtei- 
lung des Ganzen wie der Einzelheiten dieser Kon- 
ferenzen auch beim Leser vorausgesetzt werden. 

Die Wortlaute der Konferenzen waren nicht zur 
Veroffentlichung gedacht. Es mufi hinge no m men 
werden, daft in den von Rudolf Steiner nicht 
durchgesehenen, unvollstandigen Aufzeichnun- 
gen Fehlerhaftes enthalten ist. 



INHALT 



Vorwort 9 

Einleitungen von Erich Gabert 13 

Sieben Themen, die oft erwahnt werden: 

1. Rudolf Steiner; Anthroposophische Gesellschaft; 
Weihnachtstagung 13 

2. Dreigliederung des sozialen Organismus 16 

3. Emil Molt; Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik; 
Waldorfschulverein, Weltschulverein 20 

4. Staatliche Schulbehorden 26 

5. Schulbewegung 30 

6. Jugendbewegung 32 

7. Konfessioneller und freier Religionsunterricht; 
Christengemeinschaft 35 

Die sechs einzelnen Schuljahre: 

1. Schuljahr September 1919 bis Juli 1920 42 

2. Schuljahr September 1920 bis Juni 1921 48 

3. Schuljahr Juni 1921 bis Mai 1922 51 

4. Schuljahr Juni 1922 bis Marz 1923 53 

5. Schuljahr April 1923 bis April 1924 56 

6. Schuljahr April 1924 bis Marz 1925 57 

Anspr ache am 20. August 1919 61 

Konferenzen vom: 

8. September 1919 65 

25. September 1919 69 

26. September 1919 96 

22. Dezember 1919 > 112 

23. Dezember 1919 115 

l.Januarl920 117 

6. Marz 1920 . < 120 

8. Marz 1920 122 

14. Marz 1920 125 



9.Junil920 127 

12.Junil920 131 

14. Junil920 136 

23. Junil920 155 

24. Julil920 162 

29. Julil920 182 

30. Julil920 193 

31. Julil920 201 

21. September 1920 205 

22. September 1920 214 

15. November 1920 235 

22. November 1920 244 

16. Januar 1921 255 

23. Marz 1921 273 

26. Mai 1921 278 

Zeittafel 290 

Hinweise 300 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 315 



Das Sachwortverzeichnis und die Liste zu den drei Banden (1, 2, 3) 
sind am Schlufi des 3. Bandes 



VORWORT 



Siebzig Konferenzen hat Rudolf Steiner mit dem Lehrerkollegium 
der von ihm geleiteten Freien Waldorfschule abgehalten, die erste am 
8. September 1919, am Tage nach der feierlichen Schuleroffnung, 
die letzte am 3. September 1924. Aufier am 25. und 26. September 
1919 wurde nie ein Stenograph hinzugezogen. Von dem, was uns 
heute an Nachschriften iiber den Inhalt der Konferenzen vorliegt, 
verdanken wir weitaus das meiste dem treuen Mitstenographieren 
von Dr. Karl Schubert. Aus der Zeit, ehe er im Sommer 1920 in das 
Lehrerkollegium eintrat, sind nur kurze Notizen vorhanden. Als 
spater das Kollegium grofter wurde, entstanden immer mehr, zum 
Teil auch stenographische Aufzeichnungen, die den Schubertschen 
Text erganzen konnten. 

Weil Konferenzgesprache nie so liickenlos und zuverlassig nach- 
geschrieben werden konnen wie Vortrage, tragen alle vorliegenden 
Aufzeichnungen einen oft recht fragmentarischen Charakter, und 
die Herausgeber sahen sich vor die Aufgabe gestellt, die Bruchstucke 
richtig ineinanderzufiigen, damit sie sich gegenseitig erganzen und 
stiitzen. Der Leser aber ist zu starker und aktiver innerer Arbeit 
aufgerufen, um das, was uns nur wie in einer andeutenden Partitur 
vorliegt, zu einem erklingenden Bilde lebendig zu machen. Der ge- 
naue Wortlaut bleibt nicht selten unsicher, nur wenn Rudolf Steiner 
langere zusammenhangende Ausfiihrungen machte, von denen dann 
vielleicht mehrere Nachschriften erhalten sind, kann der Text als 
verhaltnismafiig authentisch angesehen werden. 
Die erste Vervielfaltigung der Konferenz-Nachschriften wurde im 
Anfang der dreifiiger Jahre intern an die Lehrer der Waldorfschulen 
ausgegeben. Diese Hefte sind langst vergriffen. Ebenso sind die Hefte 
der ,,Menschenschule" vergriffen, in der in den Jahrgangen 20 bis 30 
(1946 bis 1956) die Konferenzen abgedruckt waren, mit Auslassun 
gen, die durch den Charakter dieser Veroffentlichung gegeben 
waren. In die zweite vervielfaltigte Ausgabe von 1962 war es mog 
lich, bisher noch nicht zuganglich gewesene Notizen mit hineinzu 
arbeiten. So konnten besonders die so unbefriedigend knappen 
Texte zu den Konferenzen vom 8. September 1919, vom Dezembei 
1919 und vom Marz 1920 nicht unwesentlich erganzt werden. Voi 
allem aber konnte die Ansprache vom 20. August 1919 hinzugefiigt 
werden. Bis vor gar nicht langer Zeit war nur aus Emil Molts 
,,Lebenserinnerungen" bekannt, daft Rudolf Steiner am Vorabend 



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Vorwort 



der grofien padagogischen Kurse vor der Begriindung der Waldorf- 
schule eine Ansprache an die Kursteilnehmer gehalten habe, aber 
eine Nachschrift war nicht vorhanden. Jetzt liefl sich diese Anspra- 
che aus mehreren Aufzeichnungen wenigstens so weit wiederher- 
stellen, dafi dadurch doch ein Eindruck vermittelt werden kann von 
ihrem Inhalt, aber auch von der Stimmung, die sie in sich trug. 
Auch in der vorliegenden Buchausgabe sind, wie in den fruheren 
Vervielfaltigungen, im Prinzip die Namen der Lehrer wie vor allem 
der Schiiler unkenntlich gemacht. Obwohl oft das padagogisch Wich- 
tiee vom Personlichen nicht zu trennen ist, geht es in dieser Ver- 
offentlichung um die Erkenntnis des Allgemeingultigen, insofern es 
durch den Einzelfall zur Erscheinung kommt. Nur an solchen Stel- 
len, wo Rudolf Steiner einen Lehrer erwahnt oder mit Freude etwas 
Wohlwollendes, Lobendes iiber einen Lehrer sagt, ist der Name ge- 
nannt. 

Fur die vorliegende erste Buchausgabe wurde der Text nochmals 
sorgfaltig mit den Unterlagen verglichen, verbessert und erganzt. Vor 
allem wurden, soweit als moglich, vermehrt Voten der Lehrer auf- 
genommen, wodurch der Charakter des Gespraches starker in Er- 
scheinung tritt. 

Wir haben im Ablauf der einzelnen Konferenzen nicht einen geform- 
ten inneren Aufbau vor uns wie bei Vortragen. Nur zuweilen steht 
am Anfang eine Ansprache oder eine langere Ausfiihrung Rudolf 
Steiners, etwa iiber den Lehrplan einer neu zu errichtenden Ober- 
klasse. Aber meistens werden die im taglichen Schulleben gerade 
anstehenden Fragen, ohne dafi zwischen diesen ein naherer Zusam- 
menhang bestehen muBte, der Reihe nach durchgesprochen. Darauf 
folgen dann in lebendigem Gesprach die Fragen, die nun von den 
einzelnen Lehrern gestellt werden, wobei oft auf Dinge zuriickgegrif- 
fen wird, die in derselben Konferenz schon erwahnt waren, so daft 
Rudolf Steiners Aufierungen dazu im Text zerstreut dastehen. Eine 
gewisse Gliederung und Ordnung nach Themen schien moglich und 
geraten. Deshalb ist in dieser Buchausgabe wie in einigen fruheren 
Veroffentlichungen das, was innerhalb einer Konferenz an verschie- 
denen Stellen iiber ein und dasselbe Thema — beispielsweise iiber die 
Fremdsprachen — besprochen wurde, zusammengeriickt worden. 
Die Konferenzen waren eine lebendige Fortbildung der Lehrer- 
schaft. Sie bilden eine wichtige Erganzung zu den grundlegenden 
Kursen, die Rudolf Steiner den Lehrern vor und nach derGriindung 
der Waldorfschule gehalten hat. Ohne die Kenntnis dieser Kurse sind 
diese Ausfiihrungen nicht verstandlich. Denn die hier oft nur frag- 



Vorwort 



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mentarisch festgehaltenen Einzelheiten erhalten Licht und Bedeu- 
tung erst, wenn sie im Zusammenhang des Ganzen betrachtet wer- 
den. Durch die Veroffentlichung wird etwas vom Leben und der 
inneren Geschichte der ersten Waldorfschule unter Rudolf Steiners 
Leitung sichtbar. 

Mit dieser Waldorfschule wurde nicht ein ideales, fertig ausgedachtes 
Schulprogramm verwirklicht. Rudolf Steiner hat vielmehr bis in Ein- 
zelheiten vorbildlich dargelebt, wie ein Schulorganismus, wie das 
Schulwesen uberhaupt aus den individuell gegebenen Lebensmog- 
lichkeiten der beteiligten Menschen, der ortlichen und zeitlichen 
Verhaltnisse nach den Bedingungen des freien Geistesleben ent- 
wickelt und einmalig gestaltet werden mufi. 

So wird selbst durch alle Mangel der Nachschriften hindurcli in die 
sen Texten heute noch etwas vom sich gestaltenden Geist der ersten 
Waldorfschule erlebbar und vermag in der Seele des Lesers etwas in 
Bewegung zu bringen, was von der lebendig fortwirkenden Kraft der 
Waldorfschul-Padagogik zeugt. 

Erich Gabert 

Hans Rudolf Niederhauser 



EINLEITUNGEN 



Hier soli zunachst manches zusammengefaBt werden, was sonst in 
vielen einzelnen Hinweisen so sehr zerstreut dastehen wiirde, daft es 
kein wirkliches Bild geben kann. Fur das Verstandnis der Konferen 
zen wird aber viel darauf ankommen, daft auch der ganze Rahmen 
deutlich gesehen werde, alles was um die Schule herum und in ihr 
vorgingin diesen Jahren 1919 bis 1924. 

Zugleich kann damit ein kleiner Beitrag geleistet werden zu einer 
Aufgabe, die sehr groB vor uns stent, zu einer Geschichte, gleichsam 
einer Biographie der Waldorfschule in der Zeit, als Rudolf Steiner sic 
leitete. Es kann aber eben nur ein ,, Beitrag" sein, weil die Ausfuhrun 
gen hier einseitig auf den Text der Konferenzen hingeordnet sind 
und nur das erwahnen, was auch dortvorkommt oder vorausgesetzt 
wird, 

Sieben Themen, die oft erwdhnt werden 

1. Rudolf Steiner; 
Anthroposophische Gesellschaft; Weihnachtstagung 

Auch aus dem Gesamtkomplex Anthroposophische Gesellschaft 
konnen hier nur wenige Tatsachen herausgehoben werden. 

a) Wahrend die Waldorfschule entstand und heranwuchs, wurde in 
Dornach in der Schweiz das erste Goetheanum gebaut, an dem auch 
manche der Lehrermitgearbeitethatten. (Vgl. ,,Der Baugedanke des 
Goetheanum"; Liste Nr. 101.) Erwahnt werden in den Konferenzen 
die Saulenarchitrave (1/245), die Pflanzenfarben, mit denen die 
Kuppeln ausgemalt wurden, das farbige Glas der Fenster, in das 
Darstellungen hineingraviert waren (1/154, 245); auch der Verein 
,,Goetheanismus", der fur die Erstellung und Verwaltung desBaufcs 
geschaffen worden war (1/184). 

In dem 1920 provisorisch eroffneten, aber noch nicht vollendeten 
Bau hielt Rudolf Steiner Hunderte von Vortragen. Auch die Hocli 
schulkurse (1/153, 2/47) fanden hier statt, ebenso die Fachkurse: 
fur die Theologen (2/39), die Arzte (1/153) und fur viele andere 
Gruppen. Den am Bau Arbeitenden hielt Rudolf Steiner seine 
„Arbeiter-Vortrage" (3/34, 77), von denen seit August 1922 Nach- 
schriften vorliegen (Liste Nr. 112, 113, 119, 128-134). Im Umkreis 
des Goetheanums, in Arlesheim, entstanden im Juni 1921 das von 



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Einleitungen 



Dr. med. Ita Wegman geleitete Klinisch-Therapeutische Institut und 
nahebei die Weleda, in der Heilmittel und Kosmetika hergestellt wer- 
den. — Mehrfach bezieht sich Rudolf Steiner auf die seit 1921 am 
Goetheanum erscheinende und von Albert Steffen geleitete Wochen- 
schrift „Das Goetheanum" (2/93, 3/89, 126. ListeNr. 139). 

b) Die Anthroposophische Gesellschaft hatte zunachst noch ihren 
Sitz in Deutschland. Rudolf Steiner stand neben ihr als Lehrer und 
Berater. Er gehorte ihrem Vorstand nicht an, war selbst nicht einmal 
Mitglied (3/114). Im Rahmen der Gesellschaft wurden in Munchen 
1910 bis 1913 die vier Mysteriendramen (1/136, 2/36) aufgefiihrt. 
In Munchen war auch am 28. August 1913 die erste Eurythmieauf- 
fiihrung (1/288). Sie wurde, wie viele spatere, von Rudolf Steiner 
mit einer Ansprache eingeleitet (3/89). In den Konferenzen ist auch 
die Rede von der Ausbildung der Eurythmistinnen durch Frau 
Dr. Steiner (1/199), von dem in Stuttgart 1922 gebauten Euryth- 
meum (1/135, 202, 3/27), von dem Kurs fur Heileurythmie 1921 
(1/190, 269) und von den von Rudolf Steiner entworfenen und zum 
Teil selbst bemalten Eurythmiefiguren (2/294, 3/96), deren Nach- 
bildungen auch in der Waldorfschule aufgestellt wurden. 
Vom Jahre 1919 ab wurden fur die Anthroposophische Gesellschaft 
die Schwierigkeiten zunehmend grofter, sowohl von auften wie 
innen. Auften meldeten sich die Gegner. In der Presse, zum Beispiel 
in der Arlesheimer ,,Birseck-Post" (2/58) erschienen Angriffe iiDel- 
ster Art. In Stuttgart hetzte General Gerold von Gleich (2/137) in 
Schrift und Vortragen. In Munchen kam es nach Rudolf Steiners 
Vortrag vom 15. Mai 1922 zu Krakeel (3/192), und es wurden tat- 
liche Angriffe versucht. 

Im Inneren der Gesellschaft hatten junge Mitglieder manche in den 
Universitaten iiblichen ,,Methoden" oder ,,Unmethoden" (2/226) 
auch in die an throposophische Arbeit hineingetragen. Darausergaben 
sich Reibereien zwischen den jungeren und den alteren Mitgliedern. 
Eigene Jugendgruppen wurden gegriindet. (Vgl. Abschnitt 6, 
,Jugendbewegung".) 

Rudolf Steiner brauchte scharfe Worte, zum Beispiel daft ,,die Ge- 
sellschaft schlaft" (2/147), oder daft sie ,,zerfallt in lauter Cliquen" 
(2/225). Er sprach auch eindringlich tadelnd vom ,, Mangel an Ver- 
antwortungsgefiihl" (2/180). Viele Mitglieder, auch ein Komitee von 
sieben Waldorflehrern (2/237—239), versuchten, dem Unheil Ein- 
halt zu tun. 

Die Krisen wurden grell beleuchtet durch ein ,,unermeftliches Un- 



Einleitungen 



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gliick" (2/224), den Brand des Goetheanums in der Neujahrsnacht 
1922/23. Bei der nun fur Marz 1923 einberufenen Delegiertenver- 
sammlung (2/292) versuchte Rudolf Steiner, die Gesellschaft zu 
reorganisieren. Ein neuer Vorstand wurde eingesetzt. Aber weil sich 
keine Hoffnung mehr zeigte fur ein gutes Zusammenarbeiten der 
Alteren und der Jiingeren, schlug Rudolf Steiner vor, daft neben der 
bisherigen Gesellschaft noch eine zweite, die ,,Freie" Anthroposo- 
phische Gesellschaft gebildet werden solle mit eigenem Vorstand, 
genannt Komitee (3/17, 20). Doch alle diese Anderungen konnten 
der Schwierigkeiten nicht mehr Herr werden. 

c) Da berief Rudolf Steiner die Mitglieder zu einer Tagung an das 
Goetheanum in der Weihnachtszeit 1923/24, um eine ,,vollstandige 
Neugestaltung" (3/110) der Gesellschaft vorzunehmen. Auf dieser 
,,Weihnachtstagung" wurde die ,,Allgemeine Anthroposophische 
Gesellschaft" gegriindet (Zeittafel). Ihr Sitz sollte am Goetheanum 
sein. Das Amt des Vorsitzenden iibernahm Rudolf Steiner selbst. Die 
anderen Vorstandsmitglieder waren Albert Steffen, Marie Steiner, 
Ita Wegman, Elisabeth Vreede, Gunther Wachsmuth. (Vgl. ,,Die 
Weihnachtstagung zur Begriindung der Allgemeinen Anthroposo- 
phischen Gesellschaft". Liste Nr. 118.) 

Viele Lehrer hatten die Weihnachtstagung mitgemacht, aber kaum 
jemand hatte die grundlegenden Vortrage horen konnen, die Rudolf 
Steiner am 18. und 30, Januar 1924 hielt, ehe er die Erste Klasse der 
Hochschule ins Leben rief. Deshalb besprach er die Fragen nach der 
Hochschule und besonders die nach deren Verhaltnis zu den ,,Sek- 
tionen", insbesondere auch der padagogischen, soweit esdie Schule 
anging, eingehend in der Konferenz vom 5. Februar 1924 (vgl. ,,Die 
Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 
und der Freien Hochschule fur Geisteswissenschaft — Der Wieder- 
aufbau des Goetheanum". Liste Nr. 50). 

Die Vorstandsmitglieder und die Leiter der Sektionen werden in den 
Konferenzen mehrfach erwahnt. Ebenso die Tatsache, dafl jetzt fur 
die Mitglieder dem ,, Goetheanum" ein Nachrichten- oder Mittei- 
lungsblatt, auch ,,Mitteilungen" genannt, beigelegt werden soli mit 
dem Titel „Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht" 
(3/120, 122, 138). Auch von Rundbriefen der Sektionen fiir deren 
Mitglieder wird gesprochen (3/118, 121). 

Ober die Kurse, die Rudolf Steiner im Jahre 1924 hielt, soweit sie 
nicht in der Zeittafel enthalten sind, wird in den ,,Hinweisen" das 
Notige vermerkt. 



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Einleitungen 



2. Dreigliederungdes sozialen Organismus 

Gleich nachdem Anfang November 1918 in Deutschland der Zusam- 
menbruch und die Revolution erfolgt waren, begann Rudolf Steiner 
die Gedanken der sozialen Dreigliederung ausgiebig vor denMitglie- 
dern der Anthroposophischen Gesellschaft und vom Februar 1919 
ab auch vor der Schweizer Offentlichkeit zu entwickeln. 
In noch viel starkerem MaBe geschah das von Ende April ab in 
Deutschland. Schon im Februar hatte Rudolf Steiner seinen ,,Aufruf 
an das deutsche Volk und an die Kulturwelt" geschrieben. Er war im 
Marz als Flugblatt und in vielen Zeitungen erschienen und wurde in 
kurzer Zeit von einer groflen Anzahl Personlichkeiten des offent- 
lichen Lebens in Deutschland, Osterreich und der Schweiz unter- 
zeichnet. Im April erschien dann sein Buch ,,Die Kernpunkte der 
sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und 
Zukunft" (Liste Nr. 47). 

Am 22. April hielt Rudolf Steiner seinen ersten Stuttgarter Drei- 
gliederungsvortrag in einer offentlichen Versammlung der Unter- 
zeichner des „Aufrufs". Nach dem Vortrag wurde der ,,Bund fiir 
Dreigliederung des sozialen Organismus" gegrundet (1/252). Dieser 
Bund war nicht eine Unterabteilung der Anthroposophischen Gesell- 
schaft, sondern er griff weit iiber deren Mitgliedschaft hinaus; in 
seinem Komitee safi zum Beispiel der Tubinger Staatsrechtslehrer 
Professor Dr. W. v. Blume. Parallel arbeitende Organisationen bilde- 
ten sich in der Schweiz und in Osterreich. Auf diesen Bund wurden 
grofie Hoffnungen gesetzt, auch von Rudolf Steiner. „Von seiner 
Regsamkeit hangt alles ab" (1/253). 

Der Bund hatte allein in Deutschland 56 Ortsgruppen. Von seiner 
Stuttgarter Zentralstelle aus wurde durch viele Redner eine aus- 
gebreitete Vortragstatigkeit fiir den Gedanken der sozialen Drei- 
gliederung veranstaltet. Vor allem hielt Rudolf Steiner selbst in vie- 
len Orten Siiddeutschlands, besonders natiirlich in Stuttgart, bis 
Ende Juli 1919 vor manchmal iiber tausend Zuhorern mehr als vier- 
zig offentliche Vortrage iiber diese Fragen; davon sind vierzehn 
erhalten geblieben (,,Neugestaltung des sozialen Organismus"; Liste 
Nr. 84). In Stuttgart wurden vom 21. April bis 3. August fiir die 
Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft iiber denselben 
Themenkreis mehr als siebzehn Vortrage gehalten (Liste Nr. 83; 
,,Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und padagogischer 
Fragen" und ,,Volkspadagogische Vortrage"). 

Um die Dreigliederung in weiteren Kreisen bekannt zu machen und 



Einleitungen 



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um den sozialen Willen anzufeuern, wurden zwei Zeitschriften be- 
griindet. Vom 8. Juli 1919 ab erschien die Wochenschrift „Dreiglie- 
derung des sozialen Organismus"; und spater, vom April 1921 ab die 
Monatsschrift „Die Drei" (Liste Nrn. 136 und 138). 
Zur Vorbereitung einer weiteren Organisation, die im besonderen fur 
das Gebiet des Geisteslebens wirken wollte, wurde ein „Aufruf zur 
Begriindung eines Kulturrates" (1/85, 164) verfafit; er ist abgedruckt 
im Buche von Emil Leinhas ,,Aus der Arbeit mit Rudolf Steiner", 
Basel 1950, S. 211—217. Begriindet wurde der Kulturrat im Juni 
1919 (1/85,95). 

Ebenfalls auf dem Gebiet des Geisteslebens suchte der hauptsachlich 
von Studenten begriindete ,,Bund fur anthroposophische Hochschul- 
arbeit" zu wirken, der sich im Herbst 1920 mit einem ,,Aufruf an die 
akademische Jugend" (1/254) an die Kommilitonen aller Hoch- 
schulen wandte. Der Aufruf ist abgedruckt in ,,Die Erkenntnisauf- 
gabe der Jugend*', Dornach 1957, S. 134-137 (Liste Nr. 87). Die- 
sem Bunde und seinen Bitten an Rudolf Steiner ist es wohl mit zu 
verdanken, wenn von 1920 bis 1922 eine Anzahl von bedeutsamen 
,,Hochschul"-Veranstaltungen zustande kamen, auf die auch in den 
Konferenzen Bezug genommen wird: 

Erster Anthroposophischer Hochschulkurs in Dornach, 26. Septem- 
ber bis 16. Oktober 1920 (1/153, 2/47, Liste Nr. 95). 
Zweiter Anthroposophischer Hochschulkurs in Dornach (Oster- 
kurs), 3.-10. April 1921 (Liste Nr. 100). 

Freie Anthroposophische Hochschulkurse (Ferienkurs) in Stuttgart, 
16.-23. Marz 1921 (Liste Nr. 99). 

,,Anthroposophie und Wissenschaft", Hochschulveranstaltung in 
Darmstadt, 25.-30. Juli 1921 (Liste Nr. 102). 

Sommerkurs (Summer Art Course) in Dornach, 21.— 28. August 
1921 (Liste Nr. 103). 

Anthroposophischer Hochschulkurs in Berlin, 5.— 12. Marz 1922 
(2/65, 69, 70, 76-79. Liste Nr. 107). 

Anthroposophisch-wissenschaftlicher Kurs fur Akademiker in Den 
Haag (Holland), 7.-12. April 1922 (2/89. Liste Nr. 108). 

Hierher gehoren auch die ,,Kongresse", die von der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft veranstaltet wurden: 

Allgemeiner offentlicher Kongreft „Kulturausblicke der anthropo- 
sophischen Bewegung" in Stuttgart, 28. August bis 7. September 
1921 (2/44,78. Liste Nr. 104). 



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Einleitungen 



,,West — Ost. Zweiter internationaler Kongreft der anthroposo- 
phischen Bewegung" in Wien, 1.-12. Juni 1922 (2/117. Liste 
Nr. 110). 

Ebenso sind hier zu erwahnen die Stuttgarter Hochschulkurse, bei 
denen durch viele Semester hindurch vor allem die Waldorflehrer 
vortrugen, nicht aber Rudolf Steiner selbst (1/233, 234 und Sach- 
wortverzeichnis). 

Aber damit, daft so die Dreigliederung und die Anthroposophie weit- 
hin bekannt wurden, trat auch deren intellektuelie, politische und 
wirtschaftliche Gegnerschaft starker und starker hervor. 
Schon im Hochsommer 1919 erkannte Rudolf Steiner, daft vor allem 
auch wegen solcher gegnerischen Stromungen die Zeit fur ein schnel- 
les Durchdringen der Dreigliederungsgedanken in der breiten Offent- 
lichkeit bereits voriibergegangen war. Es war ,,zu spat" geworden 
(2/254). Am 31. August 1919 hielt er seinen letzten Dreigliede- 
rungsvortrag in der Offentlichkeit. 

Gewift lief die Bewegung noch weiter, aber die erste Begeisterung 
und Stoftkraft Heft nach. Rudolf Steiner sprach es schonungslos aus. 
,,Der gut gemeinte Aufruf zum Kulturrat . . . war vollstandig ins 
Wasser gefallen" (1/164); der Kulturrat war „nach einigen Wochen 
sanft entschlafen" (3/39). Und am 22. November 1920 hieft es: Die 
Wochenschrift ,, Dreigliederung des sozialen Organismus", aus der 
man ,,moglichst schnell eine Tageszeitung" hatte machen wollen, 
hat ,,in den letzten fiinf Monaten nicht an Leserzahl zugenom- 
men . . auch nicht an Mitarbeiterzahl" (1/253). Der Bund fur Drei- 
gliederung war ,,in eine Art von Theoretisieren verfallen" (2/251). 
Rudolf Steiner sah, daft es nur einen einzigen Weg zum Weiterkom- 
men gab. Er regte an, den ,,alten Dreigliederungsbund" umzuwan- 
deln in einen ,,Bund fur freies Geistesleben" (2/255). Zur selben 
Zeit, Sommer 1922, wurde die Dreigliederungszeitung umbenannt 
in ,, Anthroposophie. Wochenschrift fur freies Geistesleben". Rudolf 
Steiner hatte schon am 26. Marz 1922 im Dornacher ,,Goetheanum" 
wahrend der Konferenz von Genua seinen letzten Dreigliederungs- 
artikel erscheinen lassen (Liste Nr. 58). Die Zeit der nach auften 
gerichteten Dreigliederungsbewegung war zu Ende gegangen. Daft 
diese Gedanken aber im Inneren als zukunfthaltige Keime kraftig 
weiter wirkten, darauf wies Rudolf Steiner 1924 nach der Weih- 
nachtstagung eindringlich hin (3/ 118). 

Es ist nun notig, den Blick noch einmal in die Anfangszeit zuriick- 
zuwenden, auf eine Unternehmung, die fur die wirtschaftliche 



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Grundlage der Waldorfschule eine grofie Bedeutung hatte. Schon im 
Herbst 1919 wurde der Plan erwogen, und im Marz 1920 erfolgte 
dann die notarielle Griindung von ,,Der Kommende Tag. Aktien- 
gesellschaft zur Forderung wirtschaftlicher und geistiger Werte" 
(1/182, 253, 256). Rudolf Steiner iibernahm selbst den Vorsitz im 
Aufsichtsrat. Das Unternehmen sollte als ein Beispiel assoziativer 
Zusammenarbeit wirtschaftliche Betriebe verschiedenster Art 
(Landwirtschaft, Industrie, Bankwesen usw.) umfassen, um aus 
deren Ertragen geistige Arbeit, besonders wissenschaftliche For- 
schungzu finanzieren. 

Dem Kommenden Tag gehorten aufter kleineren an: die Werkzeug- 
Maschinenfabrik Carl Unger (1/254), die Kartonagenfabrik Jose 
del Monte (1/254), spater auch die von Emil Molt geleitete Waldorf- 
Astoria-Zigarettenfabrik; ferner eine Offsetdruckerei mit Grofibuch- 
binderei und ein Verlag (1/230), in dem die 3. Auflage der ,,Kern- 
punkte" (40.— 80. Tausend) erschien, wie auch Werke von Solow- 
jow, die Moltke-Erinnerungen, zahlreiche Schriften der Goethea- 
nisten und anderes. 

Die geistigen Unternehmungen waren vor allem das von Dr. Rudolf 
Maier und Alexander Strakosch geleitete Forschungsinstitut fur bio- 
logische (3/119) und physikalische Untersuchungen (1/126, 257, 
3/119), das Laboratorium fur die Herstellung neuer Heilmittel und 
das Klinisch-Therapeutische Institut auf der Gansheide in Stuttgart 
(2/119, 192, 289, 3/116-119). Fur die Waldorfschule kaufte der 
Kommende Tag weitere Grundstucke hinzu, baute Schulbaracken, 
ein Lehrerhaus, auch 1921 das neue Haupthaus und verpachtete das 
alles an den Waldorf schulverein (1/256, vgl. nachsten Abschnitt). 
Wegen scharfster Gegnerschaft aus Wirtschaftskreisen, wegen finan- 
zieller Schwierigkeiten durch Inflation und Wahrungsreform, aber 
auch, weil trotz bester Bemtihungen die Krafte der daran Beteiligten 
nicht ausreichten, war auch dem Kommenden Tag kein Erfolg be- 
schieden. Ebenso nicht dem fur dieselben Ziele in der Schweiz 
begriindeten ,,Futurum" (1/184). 

Rudolf Steiner trat 1923 vom Vorsitz im Aufsichtsrat zuriick. Bei 
beiden Unternehmungen wurde von da ab schrittweise die Liquida- 
tion eingeleitet. Die Fabriken wurden wieder selbstandig. Die klei- 
neren Wirtschaftsbetriebe losten sich heraus oder wurden aufgege- 
ben. Der Verlag wurde in den Philosophisch-Anthroposophischen 
Verlag in Dornach ubernommen. Das Klinisch-Therapeutische Insti- 
tut in Stuttgart blieb als Privatklinik bestehen unter der Leitung von 
Dr. Otto Palmer. Von den Forschungsinstituten blieben das von 



20 



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Frau Lilly Kolisko geleitete biologische Institut in Stuttgart und die 
Heilmittelbetriebe in Stuttgart und Schwab isch Gmiind erhalten; 
letztere wurden an die „Internationalen Laboratorien" in Arles- 
heim, spater ,,Weleda", verkauft. Alles iibrige wurde nach Dornach 
verlegt oder aufgelost. 

Die Waldorfschule konnte durch besondere Fursorge Rudolf Stei- 
ners und durch groftziigige Verzichte vieler anthroposophischer 
Aktionare vor diesen Schwierigkeiten verhaltnismaBig gut bewahrt 
bleiben. 

3. Emil Molt; Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik; 
Waldorf schulverein; Weltschulverein 

In Emil Molt lebten gleichsam zwei verschiedene Naturen, die lange 
getrennt nebeneinander hergingen. Er hatte sich aus Armut und Ein- 
samkeit heraufgearbeitet, hatte seine eigene Firma gegriindet, die 
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, und war jetzt deren General- 
direktor. Mit grower Kraft des Willens stand er wach in der handgreif- 
lichen Welt des Wirtschaftslebens darinnen. Aber in der Tiefe seiner 
Seele und in seinen reichen Gemiitskraften war er ein treuer und nie 
erlahmender Sucher nach den tieferen und wahren, nach den geisti- 
gen Griinden des Lebens. 

Schon 1903 hatte er Rudolf Steiner gehort, und ganz besonders 
imponierten ihm die Konzentrationsiibungen. ,,Daskann man in der 
Praxis brauchen." Er wurde Schiiler von Dr. Carl Unger und stu- 
dierte, was damals von Schriften Rudolf Steiners schon vorhanden 
war. So lebte in ihm, ohne daB es ihm recht bewuBt wurde, auch der 
Stuttgarter Vortrag vom 8. Dezember 1906, der vor gerade zwolf 
Jahren gehalten worden war: ,,Erziehungsfragen vom Gesichts- 
punkte der Geisteswissenschaft" (Liste Nr. 1). Jetzt horte er, als er 
eben geschaftlich in der Schweiz war, Rudolf Steiners Dornacher 
Vortrage vom 9. und 10. November 1918, die ersten nach der Revo- 
lution. Was da gesagt wurde iiber die tieferen Ursachen des Zeit- 
geschehens und der sozialen Not, aber auch iiber die Dreigliederung 
des sozialen Organismus, das traf in Molt auf ein starkes naturliches 
Sozialgefiihl und bewegte ihn tief. 

Die praktisch tatige, rein ,,hiesige", und die durch Anthroposophie 
belebte geistige Seite seines Wesens wollten sich einigen und durch- 
dringen. Aber es war noch ein weiter Weg bis dahin. 
Emil Molt wurde in seiner Firma durch die krassen Wirkungen des 
Kriegsendes und Zusammenbruches erneut vor die sozialen Fragen 



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gestellt. Er suchte in seiner vaterlich fiirsorgenden Art durch viel- 
fache humanitare Einrichtungen zu helfen, vor allem auch nach der 
menschlich-geistigen Seite hin. Er lieB die ,,Waldorf-Nachrichten" 
herausgeben (1/80). Er richtete Arbeiterbildungskurse ein (1/110, 
127), fur deren Leitung er Herbert Hahn als ,,Kultusminister" der 
Firma berief. Und als die Arbeiter sich als ,,zu alt" vorkamen fur 
solche geistige Arbeit, blickte er auf die kommende Generation. Er 
plante eine Schule fiir die Kinder ,, seiner" Arbeiter und wollte damit 
zugleich fiir gute Nachwuchskrafte sorgen. 

Fiir dieses Projekt gewann er auch das Vertrauen der Arbeiter in 
seinem Betriebsrat, die dafiir einen Fonds von 100 000 damals noch 
guten Reichsmark zur Verfugung stellten. Der Aufsichtsrat, die 
Aktienbesitzer, erfuhren es erst hinterher. Ihnen war die Schulsache 
eigentlich ,,ein Greuel" (1/210). 

Molt ging schnell geradeaus weiter. Er erbat sich Rudolf Steiners 
zunachst nur bedingungsweise, dann unbedingt gegebene Zusage, die 
Leitung der Schule ubernehmen zu wollen. Er kaufte das bisherige 
Restaurant ,,Uhlandshohe" mit dem Gelande. Die Kosten dafiir und 
fiir den Umbau des Hauses, das er der Schule mietfreizur Verfugung 
stellte, iibernahm er auf sein Privatvermogen. 

Molt war anwesend bei der ersten Verhandlung Rudolf Steiners mit 
dem Kultusminister Heymann, bei der unter ertraglichen Kompro- 
missen (1/61) die vorlaufige Genehmigung der Schule erreicht wurde. 
Und er war auch bei Besprechungen mit Hahn und Stockmeyer, in 
denen Rudolf Steiner das Bild der neuen Schule, wenn auch erst in 
Umrissen, zeichnete. Weil immer noch in erster Linie an die Kinder 
von Werkangehorigen gedacht wurde und an nur wenige Kinder von 
Anthroposophen, waren zunachst Doppelklassen vorgesehen, 1. und 
2. Klasse zusammen und so weiter. Jedenfalls dachte niemand an 
mehr als acht Klassen, die sogenannten Volksschulklassen. Fiir sie 
wurden die kiinftigen Lehrer gefunden und eingeladen. 
Die Feier zur Eroffnung der Schule am 7. September 1919 war der 
Hdhepunkt in Molts Leben. Als dann am 16. September der Unter- 
richt endgiiltig anfing, hielt Molt, weil Rudolf Steiner nicht anwe- 
send sein konnte, die Ansprache (1/69). 

Wirtschaftlich und rechtlich gesehen war die Schule ein Teil der 
Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, von der sie ja auch ihren Namen 
hatte. Molt stellte die Lehrer an, und ihr Gehalt wurde von der Firma 
ausgezahlt. Schulgeld wie Lehrmittel waren fiir alle Kinder von 
Werkangehorigen frei. Als „Waldorfkind" gait aber schon, wer auch 
nur „ einen naheren Verwandten in der Firma" hatte. 



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Die patriarchalische, oft eigenwillige Art, in der Emil Molt seine 
Fabrik leitete, rief jedoch eine doppelte Schwierigkeit hervor. Die 
Lehrer muftten mehr und mehr ihr Verhaltnis zu Molt als ihrer 
Unterrichtsarbeit und -verantwortlichkeit unangemessen, ja unwiir- 
dig empfinden. Auf der anderen Seite traten wirtschaftliche und 
rechtliche Fragen auf. 

Entgegen Molts ursprtinglicher Absicht kamen immer mehr Kinder 
in die Schule hinein, die keinerlei Zusammenhang mit der Waldorf- 
Astoria hatten. Das Zahlenverhaltnis war bei Schulbeginn das fol- 
gende: 191 Kinder von der Waldorf-Astoria, 65 sonstige, zusammen 
256. Bei Beginn des zweiten Schuljahres stand das Verhaltnis schon 
1:1, und in jedem kommenden Jahr wurde die Ubermacht der nicht 
aus der Waldorf-Astoria stammenden Kinder grofter. 
Die Fabrik hatte keinerlei Ursache, fur die werkfremden Kinder die 
Schulkosten zu iibernehmen. Fur diese muftte eben — nach Selbst- 
einschatzung der Eltern — Schulgeld entrichtet werden. Aber wer 
sollte und wollte es einnehmen und verwalten? Sache der Fabrik 
war das sicherlich nicht. Deshalb mufke im Mai 1920 ein eigener 
Rechtstrager geschaffen werden, ein ,,Verein Freie Waldorfschule", 
wie er zuerst amtlich hieft. Im Alltag nannte man ihn damals wie 
heute „Waldorfschulverein". 

,,Die Waldorf-Astoria hat nichts verbrochen" (1/186), daft der 
Verein begriindet werden muftte. Sie war ,, nicht einmal so ehrgeizig, 
als Tragerin der Schule zu gelten" (1/187). Die Firma, dasheifttder 
Aufsichtsrat, die Geldgeber, die mit der Zeit wieder das Heft in die 
Hand bekommen hatten, tolerierten die Schule, weil sie eine ,,per- 
sonliche Herzenssache" (1/210) ihres geschatzten Generaldirektors 
war. ,,Die haben sich einverstanden erklart, wie man sich als Vater 
einem Sohn gegeniiber einverstanden erklart, der zuviel ausgibt" 
(1/213). 

Die Firma trug auch weiterhin die Schulkosten fur die Waldorfkin- 
der, und Emil Molt wollte von seiner Stellung aus sorgen, daft soweit 
moglich auch sonst noch Stiftungsgelder gegeben wiirden (1/189). 
Er wollte versuchen, auch weiterhin Geld ,,abzuknupfen" (1/211, 
213). Aber damit war fur die Firma die Grenze erreicht. Mit der 
Grundung des Vereins war fur sie die Sache geregelt. 
Die Form des Vereins hat wohl im einzelnen gewechselt, im ganzen 
blieb sie. Zuerst war die Gefahr vorhanden, weil der Gegnerschaft 
alle Mittel recht waren, daft der Verein als der Besitzer von Schule, 
Gebaude und Gelande ,,tiberfremdet" werden konnte, wenn es jeder- 
mann freistiinde, Mitglied zu werden. Deshalb waren nur die sieben 



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Griinder ordentliche, stimmberechtigte Mitglieder. Rudolf Steiner 
nannte sie einmal ,,die sieben weisen Manner, die iiber die Schule 
beraten" (3/120). Damit die Waldorf-Astoria ,,geldgeberischer" 
wiirde (1/183), ernannte man den Vorsitzenden ihres Aufsichtsrates 
zum Ehrenvorsitzenden im Waldorfschulverein. GroBere Bedeutung 
hatte das kaum. Neben Rudolf Steiner als eigentlichem ersten Vor- 
sitzenden waren im Vorstand noch Molt, Stockmeyer, Leinhas. 
,,Nur" Mitglieder waren Hahn und Benkendorffer. Spater hatten 
auch ein standiger Vertreter des Kollegiums und das jeweils ge- 
schaftsfuhrende Mitglied des Verwaltungsrates Sitz und Stimme im 
Vorstand (2/254). 

Aufierdem gehorten zum Verein als auflerordentliche Mitglieder die 
Lehrer, sonstige Mitarbeiter der Schule und die Eltern. Auch die 
Schulpaten zahlten dazu, die fur unbemittelte Eltern das Schulgeld 
iibernahmen (1/188). Schliefilich gab es noch einfach nur ,,beitra- 
gende" Mitglieder. Rudolf Steiner hoffte auf ,,Tausende von Mitglie- 
dern" (1/131, 132), damit „der Verein Millionen bringt" (1/145). 
Die aufterordentlichen und die beitragenden Mitglieder fiihlten sich 
aber zuriickgesetzt. Deshalb wurden nach wenigen Jahren auch Leh- 
rer, Eltern und Paten ,, ordentliche" Mitglieder; einige Jahre nach 
dem Tode Rudolf Steiners dann auch die nur ,, beitragenden". 
Rudolf Steiner mufite anfangs oft drangen auf eine straffe undiiber- 
sichtliche Kassenfuhrung, wenn er nachfragte, wieviel Geld jetzt 
eben ,,in der Kasse sci" (1/189), oder ,,was die reale Bilanz sei" 
(1/212,213). 

Die Generalversammlungen des Waldorfschulvereins wurden von 
den Mitgliedern gut besucht, weil sie darauf rechnen konnten, dabei 
nicht nur Kassen- und Revisionsberichte zu horen, sondern auch 
Vortrage Rudolf Steiners. (,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule. 
Ansprachen . . ." S. 80, 131, 151, 178; Liste Nr. 8.) 
Aber auch nachdem der Waldorfschulverein schon gegrtindet war, 
schwelte es noch innerhalb des Kollegiums weiter. Die Aversionen 
kamen in mehreren Konferenzen vor und nach den Sommerferien 
1920 heraus. Die Lehrer meinten, es handle sich in erster Linie um 
die wirtschaftliche Grundlage der Schule (1/182). Es ging aber in 
Wahrheit um die Unabhangigkeit der Schule von der Waldorf-Astoria 
(1/205), und damit auch von Emil Molt selbst, der sichja weitgehend 
mit ihr identifizierte. Erst nach langwierigen Aussprachen gelang es 
Rudolf Steiners geduldiger und sicherer Fuhrung, all diese Span- 
nungen in einer uberraschend, ja verbluffend einfachen Weise aufzu- 
losen. 



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Er zeigte, wie sich auf der einen Seite durch die Griindung des Ver- 
eins die Schule radikal von der Fabrik getrennt habe. Auf der ande- 
ren Seite aber bekomme erst jetzt die enge Verbindung Emil Molts 
zur Schule ihre richtige Form. Molt habe nicht als Generaldirektor 
der Firma, sondern als Privatmann die Schule gegriindet durch seine 
groften personlichen Stiftungen, die jetzt erst in der Konferenz 
bekannt wurden (1/187). Rudolf Steiner deckte auch die tieferen 
Griinde des Ringens auf. ,,Es handelt sich darum, daft das Kollegium 
jederzeit bereit sein wird, . . . ganz mit Herrn Molt zu gehen, daft es 
aber nichts mit der Waldorf-Astoria zu tun haben will" (1/209). 
Deshalb sei Molt mit Fug und Recht Mitglied des Kollegiums, aber 
„ganz und gar nicht als Finanzier" (1/210), sondern ,,als Protektor" 
der Schule (1/206), so wie es Frau Bertha Molt sei ,,als Schulmutter" 
(1/199). 

Emil Molt hat sich in dies Bild der Tatsachen zunachst nurlangsam, 
ja fast widerwillig hineingefunden. Gar zu sehr hatte er sich immer 
als eine Einheit mit seiner Firma empfunden. Aber immer freudiger 
ergriff er in tiefer Bescheidenheit die Aufgabe des selbstlosen Hei- 
fers, groftztigig und unermudlich, bis an die Grenzen seiner finanziel- 
len Moglichkeit und seiner korperlichen Krafte. Als er in den dreifti- 
ger Jahren mit groftem Schmerz die Firma in andere Hande iiber- 
gehen lassen muftte, setzte er doch noch in den Kaufvertrag den 
Passus hinein, daft noch zehn Jahre lang derselbe Betrag wie bisher an 
die Schule bezahlt werden miisse als Schulgeld fiir die ,,Waldorfkin- 
der". 

Wie exakt die Form des Waldorfschulvereins den Schulbedurfnissen 
angepaftt war, zeigt sich darin, daft noch heute (1966) wohljede der 
liber siebzig Waldorfschulen der Welt ihren „Waldorfschurverein" 
hat, wie er auch im einzelnen Falle benannt sein mag. 
Aber mit einem Waldorfschulverein war dennoch in keiner Weise 
erreicht, was Rudolf Steiner vorgeschwebt hatte. Ein solcher Schul- 
verein wird iiberwiegend doch nur fiir seine eigene Schule sorgen. Das 
ist sein Hauptzweck. Aber fiir Rudolf Steiner war das, jedenfalls in 
jener Dreigliederungszeit, stets nur ein kleiner Teil in dem groften 
Plan, eine weitausgreifende, internationale Bewegung zu entfachen 
zur Erneuerung des ganzen Schulwesens. Die Grundlage einer sol- 
chen Bewegung sollte ein Weltschulverein sein, der die notigen Geld- 
summen herbeischaffen muftte. ,,Es ist sehr leicht moglich, daft wir 
vielleicht, wenn wir einen Weltschulverein griinden, uberhaupt fiir 
solche Schulen, international, daft wir Geld kriegen" (1/177). Dabei 
war durchaus nicht nur an Schulen fiir Kinder gedacht, sondern 



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ebensogut an Hochschulen. ,,Es miilke auch die Freie Hochschule in 
Dornach aus diesen Geldern gespeist werden . . . Wir streben an eine 
zentrale Finanzierung, . . . eine Zentralkasse" (1/184). Dafiir hatte 
die Stuttgarter Schule das weithin leuchtende Fanal sein konnen, als, 
wie es in der Abendansprache des 20. August 1919 geheiflen hatte, 
,,ein praktischer Beweis fur die Durchschlagskraft der anthroposo- 
phischen Weltorientierung" (1/61). 

Aber das wurde in Stuttgart nicht verstanden. Das erste Jahr der 
Waldorfschule hatte den Beweis fiir die neue Padagogik erbracht. 
Jetzt, als zum zweiten Schuljahr viele Kinder neu angemeldet wur- 
den, die nichts mit der Waldorf-Astoria zu tun hatten, ware der 
richtige Augenblick gewesen, um auch fiir das Finanzielle das Be- 
wufksein wach zu machen. Man hatte sagen miissen, ,,wir konnen 
nur weiterarbeiten, wenn von seiten der Allgemeinheit die notigen 
Mittel der Sache zuflieflen" (1/182). ,,Wir muftten die neuangemel- 
deten Kinder abweisen, wenn wir nicht Mittel bekommen" (1/183). 
,,Da miissen wir einen Weltschulverein griinden, der im Programm 
nicht die Unterstiitzung der Stuttgarter Waldorfschule hat, sondern 
die Griin dung von Schulen nach diesen Prinzipien" (1/184). 
Das hatte bei der Gelegenheit eines offentlichen Vortrages von 
Rudolf Steiner am 29. Juli 1920 (Liste Nr. 94) ausgesprochen wer- 
den miissen. Aber an jenem Abend wurde zwar fiir die Stuttgarter 
Schule eine gewisse Hilfe erreicht, aber das unendlich viel wichtigere 
Ziel, eine Weltbewegung und einen Schulverein zu begriinden, wurde 
gar nicht erwahnt. Der fruchtbare Moment wurde versaumt. ,,Durch 
das, was gestern geschah, ist der Plan des Weltschulvereins durch- 
kreuzt worden" (1/202). „Dieser Agitationsstoff ist uns jetzt ent- 
zogen. Nun miissen wir den Weltschulverein anders anfangen" 
(1/229). 

Dafi der Weltschulverein jetzt nicht mehr von Stuttgart aus begriin- 
det werden konne, sprach Rudolf Steiner in aller Scharfe aus. ,,Es ist 
doch besser, wenn nicht die Bettler und Landstreicher den Verein 
gegen Verarmung griinden, sondern die, die etwas in der Tasche 
haben" (1/233). 

Deshalb machte Rudolf Steiner noch einen Versuch in Dornach am 
12. und 16. Oktober 1920 bei Gelegenheit des ersten Hochschul- 
kurses (Liste Nr. 95) und wiederum einen in Holland bei mehreren 
offentlichen Vortragen im Februar undMarz 1921 (Zeittafel). Aber 
auch diese beiden Male wurde der Gedanke nicht aufgegriffen, 
Spater schwieg Rudolf Steiner dariiber. 

Mehrere Jahre nach seinem Tode setzten hollandische Freunde viele 



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Krafte daran, doch noch einen Weltschulverein ins Leben zu rufen. 
Aber es fiihrte zu keinem Erfolg. Es blieb bei der einen Waldorf- 
schule in Stuttgart und bei einigen wenigen Nachfolgeschulen. Erst 
nach dem zweiten Weltkrieg wurde deren Zahl grower. 

4. Staatliche Schulbehorden 

In derselben Zeit, in der die Dreigliederungsbewegungmit ihrer For- 
derung nach volliger Loslosung alles Schulwesens vom Staate in voll- 
stem Gange war, im Sommer 1919, wurde als ein Beispiel einer 
staatsfreien Schule die Entstehung der Waldorfschule vorbereitet. 
Aber die staatlichen Schulgesetze waren ja noch keineswegs aufier 
Kraft gesetzt, die staatlichen Schulbehorden bestanden noch, und so 
mufke die Genehmigung der neuen Schule in Verhandlung mit ihnen 
erreicht werden. 

Der Zeitpunkt fur diese Verhandlungen war so giinstig wie niemals 
vorher oder nachher. Der alte Obrigkeitsstaat mit seiner festgefugten 
Beamtenhierarchie war durch den Umsturz vom November 1918 
von Grund auf erschuttert. An die Stelle der alten, konservativ den- 
kenden Minister, waren die durch die Revolution heraufgekomme- 
nen getreten, die fur neue Ideen und Initiativen sehr viel zuganglicher 
waren. Der Kultusminister Heymann war Sozialdemokrat. Auf der 
anderen Seite war die Zeit vom November 1918 bis zum Sommer 
1919 viel zu kurz, als dafl schon alle Schulgesetze hatten im sozia- 
listischen Sinne umgeformt sein konnen. Die neue Reichsverfassung, 
die auch Bestimmungen iiber die Schulen enthalten sollte, war noch 
nicht in Kraft. So gait in Wurttemberg noch wie bisher ein Schul- 
gesetz vom Jahre 1836. Es war wohl 1909 in manchen Punkten 
geandert worden, aber gerade die Artikel, die sich auf Privatschulen 
bezogen, waren tatsachlich noch die von 1836. Und diese Artikel 
waren so weitmaschig wie in keinem anderen deutschen Lande. 
Rudolf Steiner hat den Kultusminister niemals in Zweifel gelassen, 
daft er grundsatzlich keineswegs gewillt war, von seiner Forderung 
nach einem vom Staate losgelosten Schulwesen auch nur einen 
Schritt zuriickzugehen. Er hat dem auch deutlich Ausdruck gegeben 
durch den Namen Freie Waldorfschule. Aber mit den tatsachlich 
bestehenden Rechtsverhaltnissen war nicht anders als durch Kom- 
promisse zurechtzukommen (1/61). Sie muftten nur als solche 
unmiBverstandlich ausgesprochen werden. Und das geschah. 
Dieser Kompromisse waren es vor allem drei: 



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a) Im Artikel 26 jenes Gesetzes von 1836 hieB es: ,,Privatanstalten 
konnen, wenn die Beniitzung derselben von dem Besuche der offent- 
lichen Volksschule befreien soil, mit Genehmigung des Oberschul- 
rates errichtet werden." Eine solche, wenn auch wie tiblich nurvor- 
laufige Genehmigung wurde damals bald gegeben; die endgiiltige 
erfolgte nach einer ersten Inspektion (1/273) erst am 8. Marz 1920. 
Aber weil durch die Genehmigung die Waldorfschule der staatlichen 
Schulaufsicht unterstand, mufiten an ihr auch spater die tiblichen 
Revisionen durch den Schulrat abgehalten werden. 

b) Im weiteren Text jenes Gesetzesartikels heiBt es: ,,. . . es diirfen 
dabei nur Lehrer, welche diese Behorde nach Kenntnissen und Sitt- 
lichkeit fur befahigt erkennt, angestellt werden." Es wurde von den 
kiinftigen Waldorrlehrern nicht die Ablegung einer staatlichen Leh- 
rerpriifung verlangt, und tatsachlich besaBen von den zwolf Lehrern, 
die zu Beginn der ersten Konferenzvom 8. September 1919 genannt 
werden (1/65), nur drei bis vier ein solches Zeugnis. Diese Lehrer 
muBten alle einen ausfuhrlichen Lebenslauf einreichen und sich im 
Ministerium personlich vorstellen (1/64), aber sie wurden samtlich 
ohne weiteres ,,fur befahigt erkannt". Solche, gewiB noch nicht 
absolute, aber doch sehr weitgehende Freiheit der Lehrerwahl ware 
damals anderswo nicht moglich gewesen. Rudolf Steiner sprach 
ofter von einer ,,Liicke im wurttembergischen Schulgesetz" (3/49). 
Aber der Griff des Staates wurde wieder fester, und die Liicke wurde 
durch Verordnungen geschlossen, so daB dann, von wenigen Ausnah- 
men abgesehen, von alien Lehrern der Waldorfschule staatliche 
Priifungszeugnisse gefordert wurden. 

c) Uber den Lehrplan einer privaten Volksschule enthielt das Ge- 
setz von 1836 keine Bestimmungen. Es war aber zweifellos voraus- 
gesetzt, daft es der auch an den offentlichen Volksschulen gebrauch- 
liche sein sollte. 

Das kam natiirlich fur die Waldorfschule nicht in Frage (1/62). Der 
Lehrplan muBte frei sein, das heiBt, nur von den inneren Bediirfnis- 
sen der heranwachsenden Kinder abgelesen. Andererseits aber 
meinte Rudolf Steiner, doch Rucksicht nehmen zu sollen auf Kin- 
der, die, weil etwa die Eltern an einen anderen Ort verzogen, auf eine 
offentliche Schule ubergehen muBten. Er arbeitete deshalb einen 
KompromiBvorschlag aus, der dann von der Behorde auch angenom- 
men wurde. Danach sollten die Schuler der Waldorfschule jeweils am 
Ende des 3., 6. und 8. Schuljahres das Lehrziel der offentlichen 
Schule erreicht haben. Weil alle Akten der Waldorfschule beschlag- 



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nahmt wurden, als sie Ostern 1938 verboten wurde, sind dort keine 
Kopien der damaligen Eingaben an die Schulbehorde mehr vorhan- 
den. Von dem oben erwahnten Vorschlag aber hat sich in Rudolf 
Steiners Handschrift ein Entwurf erhalten, dessen Text hier folgt. 

,,Das Lehrercollegium der Waldorfschule mochte den Unterricht 
methodisch in der Art gestalten, daft ihm fur die Gliederung des 
Lehrstoffes innerhalb der drei ersten Schuljahre vollig freie Hand 
bleibt; dagegen wird es bestrebt sein, mit dem Abschlufl des dritten 
Schuljahres die Kinder einem Lehrziele zuzufiihren, das ganz iiber- 
einstimmt mit demjenigen der 3. Klasse der offentlichen Volks- 
schule. Diese Absicht soli so durchgefiihrt werden, dafl ein aus der 
dritten Klasse der Waldorfschule etwa abgehendes Kind in die vierte 
Klasse einer anderen Volksschule ohne Storung iibertreten kann. Im 
vierten, fiinften und sechsten Schuljahr soil wieder die Gliederung 
des Unterrichtes frei vorgenommen werden konnen. Mit dem voll- 
endeten sechsten Schuljahre sollen die Kinder bei dem Lehrziele der 
sechsten Volksschulklasse und zugleich bei dem einer hoheren 
Schule angekommen sein, das klassengemafl dem vollendeten 
zwolften Lebensjahre entspricht. Dasselbe soil gelten fur Gliede- 
rung des Lehrstoffes und Erreichung des Lehrzieles bis zum voll- 
endeten achten Schuljahre. Die Kinder sollen Realschulmaflige Lehr- 
ziele vollendet erreichen und auch befahigt werden, in die dem Alter 
entsprechende Klasse einer anderen hoheren Schule iiberzutreten. 
Freie Hand erbittet sich das Lehrercollegium nur fur die Gestaltung 
des Unterrichts auf jeder der drei von ihm festgelegten Stufen: 

1. Schulanfang bis zum vollendeten neunten Lebensjahre; 

2. von diesem bis zum vollendeten zwolften Lebensjahre; 

3. von diesem bis zur Vollendung der dritten Stufe. 

Am Ende dieser Stufen sollen die den offentlichen Schulen vorge- 
schriebenen Lehrziele auch von der Waldorfschule erreicht werden." 

Uber eine etwa zu errichtende 9. Klasse fur die iiber Vierzehnjahrigen 
war in dem Gesetz von 1836 keinerlei Bestimmungenthalten, weil es 
sich nur mit der Volksschule befaBte. Hierfiir war also die Schule 
ganz frei (1/119, 3/117). 

Ein anderer Teil des Kompromisses bezog sich nicht eigentlich auf 
das Verhaltnis zum Staat, sondern auf den Religionsunterricht 
(1/63). Davon wird noch besonders gesprochen werden (Einleitung 
S. 37). 

Die oben erwahnte giinstige Lage bestand nicht lange. Schon kurz 
vor der Schuleroffnung (Anfang September) verschlechterte sie sich, 



Einleitungen 



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als am 11. August 1919 die neue Reichsverfassung, die sogenannte 
,,Weimarer Verfassung" (1/71) in Kraft trat. Sie enthielt im Artikel 
147 die Bestimmung, daB private Schulen staatlich genehmigt wer- 
den konnen, wenn sie in Lehrzielen, Einrichtungen und in der wis- 
senschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrer nicht hinter den offent- 
lichen Schulen zurtickstehen. Weiter: ,, Private Volksschulen sind nur 
zuzulassen, wenn . . . die Unterrichtsverwaltung ein besonderes 
padagogisches Interesse anerkennt. Private Vorschulen sind aufzu- 
heben." 

Dieser Artikel der Reichsverfassung wurde damit zwar bindendes 
Recht fur alle Lander des Reiches, also fur die bisherigen Konig- und 
Furstentumer. Aber weil die Schulen auch weiterhin unter der Ho- 
heit der Lander standen, zog es sich lange hin, bis der Artikel 147 
sich voll auswirkte. 

Nur in einem Punkte griff die Reichsregierung noch direkt ein. 
Durch das Reichsgesetz vom 28. April 1920, das sogenannte 
„Grundschulgesetz" (2/242, 250, 3/145) wurde der Besuch der 
untersten drei, spater vier Klassen der staatlichen Volksschule fur 
schlechthin alle Kinder fur verbindlich erklart. Alle privaten Vor- 
schulen sollten abgebaut werden, indem sie keine neue unterste 
Klasse mehr eroffnen und die Schulerzahl ihrer schon bestehenden 
Klassen nicht vergroftern durften. 

Das gait naturgemafi auch fur Wiirttemberg, und es wurde der Wal- 
dorfschule durch Erlafi vom 31. Dezember 1920 von der Behorde 
mitgefeilt (1/255), dafl laut Grundschulgesetz jetzt schrittweise die 
untersten Klassen geschlossen werden miiflten, weil sie eine ,, private 
Vorschule" seien. Es konne nur der Waldorfschule auf Antrag geneh- 
migt werden, daB sie fur das Schuljahr 1921/22 noch eine erste 
Klasse eroffne, aber ihre vier Grundschulklassen — mit a- und b- Klas- 
sen waren es acht — durften nicht mehr Kinder fiihren als bisher, also 
zusammen 240. Dieser Zustand wurde zwar verlangert, aber er 
bewirkte doch, daft erst in die 5. Klasse, die nicht mehr zur Grund- 
schule zahlte, neue Kinder aufgenommen werden konnten. Weil nun 
der Andrang dazu sehr groB war, muBte im 5., 6. und 7. Schuljahr 
jedesmal eine dritte 5. Klasse, eine Klasse 5c errichtet werden 
(3/93, 100, 145). 

Erst im Jahre 1926, also schon nach dem Tode Rudolf Steiners, 
anderte sich das. Damals nahm der Schulrat Friedrich Hartlieb die 
vorgeschriebene Priifung (s. unten) vor. Bei ihm lag hinter allei 
behordlichen Unbestechlichkeit und Strenge eine ganz ursprungliche 
padagogische Genialitat vor. Auf Grund seiner eingehenden und sehr 



30 



Einleitungen 



gunstigen Beurteilung der Waldorfschule (abgedruckt im ,,Nachrich- 
tenblatt", 3. Jg., 1926, Nrn. 2—6) wurde vom Ministerium das 
,,besondere padagogische Interesse anerkannt", und die Beschran- 
kung wurde aufgehoben. 

Aber diese ,,gesetzliche Limitierung" (3/145) der ersten vier Klassen 
und andere Wahrnehmungen bewirkten, daB Rudolf Steiner eine 
zunehmende Einengung der urspriinglichen Bedingungen feststellen 
muftte. ,,Heute (im Mai 1923) konnte man auch hier nicht mehr eine 
Waldorfschule errichten" (3/49). 

Im iibrigen hatten es die Lander nicht eilig mit neuen und griind- 
lichen eigenen Schulgesetzen. In Wiirttemberg erschien zwar eines, 
das sogenannte „kleine Schulgesetz", schon 1920, aber es enthielt 
nur Bestimmungen, die die Waldorfschule nicht angingen. Ein wirk- 
lich umfassendes Schulgesetz kam biszu Rudolf SteinersTode nicht 
heraus. Die Schulbehorden behalfen sich mit Erlassen und Verfiigun- 
gen. - 

Nachdem nun der Unterricht der Waldorfschule einmal im Gange 
war, beschrankte sich die Beriihrung mit den Behorden, innerhalb 
der Grenzen der oben genannten Kompromisse, hauptsachlich auf 
wenige Gebiete. 

RegelmaBig wurden im Abstand weniger Jahre die vorgeschriebenen 
Schulrats-Revisionen vorgenommen (1/273, 2/59, 65—69, 141), 
und ebenso regelmaBig iiberpriifte der Amtsarzt den allgemeinen 
Gesundheitszustand der Kinder (1/121, 2/20). Wegen der beiden 
anderen Beriihrungsstellen mit den Behorden sind die Ausftihrungen 
iiber die einzelnen Schuljahre nachzulesen; liber die Fortbildungs- 
schule EinleitungS. 46, 47; iiber das Abiturium Einleitung S. 56, 58. 

5. Schulbewegung 

Von der Waldorfschule in Stuttgart ist die anthroposophische Schul- 
bewegung ausgegangen. Rudolf Steiner betonte die grofie Verant- 
wortung, die ihrer Lehrerschaft damit zufiel. „Die ganze zivilisierte 
Welt schaut auf die Waldorfschule" (2/75, 77). 
Rudolf Steiner baute diese Bewegung auf durch die grofte Zahl von 
Vortragen und Kursen, die er iiber Padagogik abhielt. Zuerst waren 
es die Vortrage wahrend der Dreigliederungsbewegung, in denen er, 
zum Beispiel fur den Verein junger Lehrer und Lehrerinnen in Stutt- 
gart am 19. Juni 1919, die entstehende Schule und ihre Padagogik 
hinstellte als ein praktisches Beispiel fiir eine „freie" Schule, eine 



Einleitungen 



31 



Institution des vom Staate, soweit als damals moglich, losgelosten 
Geisteslebens (ListeNr. 84). 

Dann folgte im August/September 1919 der grofte dreigeteilte Kurs, 
in dem er die kiinftigen Lehrer der Waldorfschule fiir ihre Aufgabe 
vorbereitete (Liste Nrn. 4—6). Dieser Kurs wurde in jedem folgen- 
den Jahre fortgefiihrt durch eine kiirzere oder langere Reihe von 
Vortragen fur die Waldorflehrer (Liste Nrn. 13, 17, 21, 28). Noch 
weitere Vortrage waren schon in Aussicht genommen, konnten aber 
nicht mehr ausgefiihrt werden (Einleitung S. 59). 
Zu Ostern 1923 trat die Schule zum ersten Male vor die Offentlich- 
keit mit der Stuttgarter „Kimstlerisch-padagogischen Tagung", auf 
der Rudolf Steiner drei Vortrage und drei Ansprachen hielt (Liste 
Nr. 25). Im folgenden Jahr, Ostern 1924, wurde die ,,Erziehungs- 
tagung" veranstaltet, die fiinf Vortrage Rudolf Steiners in sich 
schloft (ListeNr. 29). 

Zu diesen Kursen kamen die vielen Vortrage und Ansprachen Rudolf 
Steiners hinzu, die er sonst noch im Rahmen der Waldorfschule 
hielt: fur die Eltern (1/110, 2/269), bei den Mitgliederversammlun- 
gen des Waldorfschulvereins (2/81), und ganz besonders die herr- 
lichen Ansprachen an Kinder, Lehrer und Eltern bei den Monats- 
feiern (1/112) und bei den Feiern zu Schuljahrsbeginn und Schul- 
jahrsende (1/152, 157, 2/17, 36). Alle diese Vortrage und Anspra- 
chen sind enthalten in „Rudolf Steiner in der Waldorfschule. An- 
sprachen . . .", Stuttgart 1958 (ListeNr. 8). 

Rudolf Steiners Bemiihen, die Waldorfschule und ihre Padagogik 
bekanntzumachen, wurde gestiitzt durch eine wachsende Zahl von 
Vortragen, die von den Lehrern gehalten wurden. In den Konferen- 
zen sind sie kaum erwahnt. 

Als eine Art Antwort kamen an die Schule vielfache Wiinsche, sie 
besuchen und an ihrem Unterricht hospitieren zu diirfen (1/165). So 
wird die Anwesenheit von englischen Lehrern erwahnt (2/191, 
207—211). Damit die Schule nicht mit Hospitationen iiberlaufen 
werde, wurde festgesetzt, daft nie mehr als drei Besucher gleichzeitig 
in einer Klasse zuhoren diirften (3/191). 

Auch als die eigentliche Dreigliederungszeit voriiber war, hat Rudolf 
Steiner in alien Vortragen, in denenes durch innere Verbindungmit 
dem Thema gegeben war, auf die Freiheit des Geisteslebens hin- 
gewiesen. Dabei versaumte er wohl nie, in kiirzeren oder langeren 
Ausfiihrungen auch von dem praktischen Beispiel, von der Stuttgar- 
ter Schule zu sprechen. 

Aber die Zuhdrer wollten mehr dariiber wissen und baten ihn um 



32 



Einleitungen 



ganze Kurse iiber Waldorf-Padagogik. Rudolf Steiner hielt den ersten 
Kurs schon 1920 vor den Basler Lehrern (Liste Nr. 1 2). Dem folgten 
aufier in Dornach (Nrn. 19, 26) noch Kurse in Oxford, Ilkley, Bern, 
Arnheim, Torquay (Liste Nrn. 22, 27, 30, 32, 33). 
Alle diese Vortrage wurden weniger aus dem Interesse fur freies 
Kulturleben aufgenommen, sondern in erster Linie von Lehrern und 
Eltern, also in Gedanken an konkrete Kindergruppen. Deshalb war 
der Erfolg zunachst die Griindung neuer Waldorfschulen, nicht nur 
in Deutschland (Hamburg, Koln, Essen), sondern auch in England 
und Holland (Liste Nrn. 147,148, 149). 

Viele Plane kamen damals iiber gute Absichten und Vorbesprechun- 
gen nicht hinaus, so die von Paris (1/166), Berlin (1/178), Norwegen 
(2/100), Niirnberg (3/191). Auch die Basler Hoffnungen blieben 
noch in Vorverhandlungen stecken. Anfange zu einer Schule in 
Dornach wurden gleich anfangs durch Einspruch der Behorde im 
Keime erstickt (2/50), weil die Schulgesetze des Kantons Solothurn 
keine privaten Volksschulen zuliefien. Man mufite sich 1921 begnii- 
gen mit einer Fortbildungsschule fur die nicht mehr Schulpflichti- 
gen, mit der spateren ,,Friedwart-SchuIe" (3/44, 143). 
Aber alle diese Schulgriindungen, so erfreulich sie waren, entspra- 
chen doch ganz und gar nicht dem, was Rudolf Steiner in der Drei- 
gliederungszeit erhofft hatte. Es wurden keineswegs in kiirzester Zeit 
„viele" solcher Schulen eingerichtet. Die Waldorfschule blieb 
,,Modell" (1/289) mit nur sehr wenigen Nachfolgeschulen. Dennoch 
waren es die wenigen Waldorf- und Rudolf Steiner-Schulen auBer- 
halb Deutschlands, die, zum Teil erst nach Rudolf Steiners Tode 
gegriindet, die Waldorf-Padagogik in der Praxis am Leben erhielten, 
als in den dreifiiger Jahren die deutschen Schulen verboten wurden. 
Auch heute (1975) ist Rudolf Steiners Ziel nicht erreicht, obwohl 
die Zahl der Schulen bis auf 105 hinaufging. In Deutschland sind es 
46, im iibrigen Europa 36 und in den auftereuropaischen Erdteilen 
23 Schulen. 

6. Jugendbewegung 

Sowohl in die Anthroposophische Gesellschaft wie in die Waldorf- 
schule schlugen die Wellen der Jugendbewegung hinein. Das ist gut 
zu verstehen, denn auch schon in ihren Anfangen um 1900 umfaftte 
sie beide Arten von jungen Menschen, ebenso die, die schon in der 
Berufsvorbereitung standen, wie auch die Gymnasiasten, die den 
Schiilern der oberen Klassen der Waldorfschule entsprachen. Beide 



Einleitungen 



33 



Gruppen lagen Rudolf Steiner am Herzen, denn er kannte die tiefe- 
ren Ursachen der Jugendbewegung, die denen unbewuBt blieben, die 
selbst darin steckten. ,,Die Jugendbewegung hat durchaus ubersinn- 
liche Griinde" (2/46). Diese jungen Menschen suchten sehnsuchtig 
den Geist, um menschenwiirdig ihr Leben fiihren zu konnen. Weil sie 
ihn nicht fanden, bot die Jugendbewegung nach aufien hin das wirre 
Bild des Unbefriedigtseins, des eitel Absonderlichen, des fanatisch 
Uberheblichen. Dieses selbe den Geist-nicht-finden-Konnen fuhrte 
ebenso zu den Unzutraglichkeiten bei den Schiilern der oberen Klas- 
sen der Waldorfschule, aber auch bei den schon alteren in die 
Anthroposophische Gesellschaft hineinkommenden jungen Men- 
schen. Rudolf Steiner zeigte beide Male den Weg zur Heilung. 
Es lag aber bei den beiden genannten Gruppen ein entscheidender 
Unterschied vor. Wahrend der Schiilerzeit muftte das Geistige ins 
gedankliche Blickfeld hineingebracht werden;leise schon von der 7., 
8. Klasse an, spater immer deutlicher und konkreter. Um nur zwei 
Beispiele zu nennen: schon vor dem achtzehnten, neunzehnten Jahr, 
so sagte Rudolf Steiner, musse das ,,Jiingerwerden der Menschheit" 
als eine der wichtigsten Geschichtsursachen verstanden werden 
(3/35), und ebenso jene chemischen Wirkungen, die speziell inner- 
halb des menschlichen Korpers, also unter dem Einfluft des Ich ein- 
treten. Solche spirituelle Chemie, die ,,Koliskosche Chemie", solle 
diesem Alter dargestellt werden (3/36). 

Ebenso liegt es fur die in diesem Alter von vierzehn bis achtzehn 
Jahren schon in der Berufsausbildung Stehenden. Sie brauchen in 
der Fortbildungsschule eine wirkliche, das Spirituelle enthaltende 
„Lebenskunde" (1/286, 287, Einleitung S. 44). Auch fur die Dor- 
nacher Fortbildungsschule gilt dasselbe, um zum Beispiel den Unter- 
schied zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang kunstlerisch 
zu erfassen (3/44). Wenn da etwas versaumt wird im Hinweisen auf 
das Geistige, entsteht seelische Leerheit und damit alle die Schwie- 
rigkeiten, mit denen sich so viele Konferenzen der Jahre 1922—24 zu 
befassen hatten. 

Diesen durch die Fiihrung des Unterrichts hilfreichen Mafinahmen 
steht aber nun etwas zunachst recht Uberraschendes gegeniiber. Ein 
scheinbar so naheliegendes Mittel ist durchaus zu vermeiden. Essoll 
und darf in diesen Jahren noch nicht die Aufmerksamkeit der 
Schiiler hingelenkt werden auf die eigenen Seelenzustande, auf die in 
ihnen rumorende Sehnsucht nach dem Geistigen. Das soli noch im 
Unterbewu/ken verbleiben, soil noch verhullt und damit vor dem 
Intellektuellwerden behiitet werden. Schiiler sollen nicht ,,die Ge- 



34 



Einleitungen 



heimkunst des Erziehens kennenlernen und mitdiskutieren" (3/80). 
Daraus erklart sich auch Rudolf Steiners Schrecken, als er erfuhr, 
daB an einigen Abenden Lehrer und Schtiler wie auf gleicher Stufe 
stehend miteinander diskutiert hatten (2/120—122, 145). 
Daft dies in der Jugendbewegung nicht beachtet wurde — einfach 
weil man es nicht wuBte — , gehort neben dem Nicht-ergreifen-K6n- 
nen des Geistigen zu den Hauptgriinden qualender Note. Wieviel und 
wie endlos ist da diskutiert worden, auch gerade schon mit und unter 
den jiingeren Jahrgangen. Das muBte die Jungeren unnaiv und hoch- 
miitig machen. Bei den Alteren fiihrte es den raschen Zerfall der 
Jugendbewegung mit herbei. Leitungen und Zielsetzungen konfes- 
sioneller, politischer, rassenmaBiger Art bemachtigten sich des ihnen 
dienlich erscheinenden Instrumentes der Jugendbewegung. 
Als deutschvolkische Umtriebe auch in die Waldorfschule hinein- 
zuwirken drohten, sprach Rudolf Steiner von ,,freimaurerischen 
Ordensgriindungen in der Jugend", wie sie damals an manchen 
Orten, zum Beispiel in Munchen, von Vereinigungen ausgingen, die 
etwas wie Rasse-Okkultismus pflegten (3/135). Er empfahl dagegen 
innerhalb der Waldorfschiilerschaft durch ,,unsere eigenen treuen 
jungen Leute aus der Freien Gesellschaft" eigene Gruppen zu bilden, 
,,denen sich die Jungen und Madchen ebensogut anschlieften" 
(3/134,135). 

Aber fur die alteren Jahrgange dieser jungen Menschen, die das 
18. Lebensjahr schon vollendet haben, gilt grundsatzlich ein ande- 
res, ja entgegengesetztes. Sie sollen sich gerade selbst moglichst weit- 
gehend dessen bewuBt werden, was tief in ihren Seelen die Unruhe 
bewirkt, und sie sollen daraus den WillensentschluB fassen, den 
gewiesenen Weg auch wirklich zu betreten. 

Junge Menschen in groBer Zahl wandten sich an Rudolf Steiner, 
wobei anstelle ihrer eigentlichen Schwierigkeiten freilich oft die 
mehr auBeren Fragen nach dem rechten Weg zum Beruf heraus- 
kamen. Diese jungen Menschen kamen auch nicht gut zurecht mit 
den herkommlichen ,,Zweigen" der Anthroposophischen Gesell- 
schaft, in denen die Mitglieder seit Jahren miteinander arbeiteten. 
Deshalb bildeten sich an manchen Orten Gruppen einer ,, Freien 
anthroposophischen Jugend", so in Stuttgart (2/46), in Jena (2/60, 
61, 116, 117), in Breslau (3/177). Was von Besprechungen Rudolf 
Steiners mit ihnen schriftlich erhalten ist — er hatte hier besonders 
ungerne Stenographen dabei — , ist gedruckt in ,,Die Erkenntnis- 
Aufgabe der Jugend" (ListeNr. 14). 

Mehrfach wurde, aber zunachst ohne Erfolg, versucht, in Jena eine 



Einleitungen 



35 



grofie Jugendtagung mit Vortragen von Rudolf Steiner zustande zu 
bringen (2/60, 61, 116, 117). Erst im Oktober 1922 kam es zum 
,,Padagogischen Jugendkurs" in Stuttgart (2/154). Rudolf Steiner 
hielt dort dreizehn Vortrage iiber ,,Geistige Wirkenskrafte im Zusam- 
menleben von alter undjunger Generation" (Liste Nr. 23). Ein zwei- 
ter Jugendkurs (3/94, 95) kam nicht mehr zustande. Uber die von 
der Christengemeinschaft veranstaltete Jugendtagung in Kassel am 
2.-8. Januar 1924 wurde im Dornacher ,,Nachrichtenblatt" (1. Jg., 
Nr. 5) ein Bericht gegeben. Auch in Dornach selbst wurden Jugend- 
versammlungen abgehalten (3/137, 138). 

Das Entscheidende aber geschah, als sich Rudolf Steiner selbst in 
Briefen ,,Von der Jugendsektion der freien Hochschule fur Geistes- 
wissenschaft" an die ,,jungeren Mitglieder" wandte (Nachrichten- 
blatt 1. Jg., Nrn. 9—12), nachdem er den Entschluft gefaBt hatte: um 
alle Jugendprobleme in groBtem MaBstab in Angriff zu nehmen, 
solle am Goetheanum eine Jugendsektion, eine „Sektion fiir das 
Geistesstreben der Jugend" geschaffen werden. (Vgl. ,,Die Konsti- 
tution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft . . ." bes. 
S. 146-158. Liste Nr. 50.) 



7. Konfessioneller und freier Religionsunterricht; 
Christengemeinschaft 

In einem Verhaltnis ganz eigener Art stand die Waldorfschule zur 
umgebenden Welt in bezug auf den Religionsunterricht. Er wurde 
in den Raumen der Schule erteilt und war doch nicht deren eigene 
Sache. Er war, wie Rudolf Steiner wohl sagte, ,, exterritorial". 
Das gait sichtlich von dem sogenannten konfessionellen Religions- 
unterricht, von dem anfangs allein die Rede war. Schon am Abend 
des 20. August, noch vor dem grundlegenden padagogischen Kurs, 
sprach Rudolf Steiner von dem ,,Kompromift", der hier gemacht 
werden miisse (1/63). ,,Wir wollen keine anthroposophische Dog- 
matik lehren. . . . Wir wollen umsetzen das, was auf anthroposo- 
phischem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichts- 
praxis. . . . Die religiose Unterweisung wird in den Religions- 
gemeinschaften erteilt werden." Und am Ende des Kurses, in der 
Rede zur Eroffnungsfeier am 7. September hiefl es: ,,Ehrlich wer- 
den wir einhalten, was wir gelobt haben: daft die verschiedenen 
Religionsbekenntnisse, die von sich aus den Religionsunterricht 
erteilen wollen, ihre Weltanschauungsprinzipien in unsere Schule 



36 



Einleitungen 



hineintragen konnen." (,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule" 
S. 27;ListeNr. 8.) 

Fiir Rudolf Steiner schien es dem Wesen und den Bediirfnissen des 
heranwachsenden Menschen unangemessen, ja schadlich, wenn er 
ohne jegliche religiose Unterweisung aufwachsen miiftte. Deshalb 
wurden gleich von Anfang an Zeit und Raume bereitgestellt fiir die 
von den Konfessionen beauftragten Lehrer, selbst wenn dafiir an sich 
bessere Prinzipien des Stundenplans aufgeopfert werden muftten 
(1/65, 69). 

Und Rudolf Steiner bestand streng darauf, daft diese Ubergabe an die 
Religionsgemeinschaften in jedem Sinne ,,ehrlich" durchgefuhrt 
werde. Er wurde ungehalten, als von manchen Schulkindern einige 
Kameraden nicht recht ernst genommen wurden, nur weil sie aus 
anderen Konfessionszusammenhangen stammten (2/111, 112). 
Aber schon gegen Ende des padagogischen Kurses muB Rudolf Stei- 
ner gebeten worden sein, auch fiir solche Kinder, deren Eltern gar 
keiner Konfession angehorten, und das war bei den Arbeiterkindern 
vielfach der Fall, einen auf anthroposophischer Erkenntnis gegriin- 
deten Religionsunterricht einzurichten, einen ,,freien Religions- 
unterricht" von durchaus christlichem Charakter. 
In der ersten Lehrerkonferenz am 8. September 1919 wurde ein 
Doppeltes bemerkbar. Es war schon die Rede vom ,,anthroposo- 
phischen Unterricht, dem freien Religionsunterricht", aber es wurde 
auch deutlich, daB die Gedanken uber die Gestalt dieses Unterrichts 
noch nicht voll ausgereift waren. So hiefi es, die Klassenlehrer 
konnten ihn geben (1/67). Davon war zwei Wochen spater, in den 
Konferenzen vom 25. und 26. September (1/79-81, 98—105) nicht 
mehr die Rede. Es wurden Herbert Hahn und Friedrich Oehlschlegel 
mit diesem Unterricht beauftragt. Nun wurde auch der gesamte 
Lehrplan des Religionsunterrichts fiir alle damals vorhandenen acht 
Klassen gegeben. Sie sollten in zwei Gruppen zusammengefafit wer- 
den, 1.— 4. und 5.-8. Klasse. Als dann im Herbst 1920 die 9. Klasse 
hinzukam, wurden es drei Gruppen, 1.— 3., 4.-6., 7.-9., und stufen- 
weise naherte sich die Einteilung fiir den Religionsunterricht der 
iiblichen Klasseneinteilung (3/157). Das machte auch immer mehr 
Lehrer notig fiir diesen Unterricht. Dem Lehrplan wurden standig 
Einzelheiten und die Erweiterungen fiir die neu hinzukommenden 
Klassen angefiigt. (Naheres vgl. Sachwortverzeichnis.) 
Bei einem Elternabend am 3. November 1919 wurde nun gefragt, ob 
nicht auch fiir die Schiiler des freien Religionsunterrichts an den 
Sonntagen eine religiose Feier eingerichtet werden konne. Nachdem 



Einleitungen 



37 



Uberlegungen dariiber unbefriedigend verlaufen waren, baten die 
beiden Religionslehrer in der Weihnachtszeit 1919 Rudolf Steiner 
urn seinen Rat. Wenige Tage spater iibergab er ihnen das Ritual fiir 
die Sonntagshandlung. Weil Oehlschlegel bald fiir geraume Zeit nach 
Amerika reiste und dann nicht mehr an die Schule zuriickkam, hatte 
Herbert Hahn lange allein fiir die Sonntagshandlung zu sorgen. Sie 
wurde zum ersten Male gehalten am 1. Februar 1920. Rudolf Steiner 
war immer, wenn er in Stuttgart war, dabei anwesend, zuerst am 
29. Februar 1920. 

Die Teilnahme an diesen Sonntagshandlungen war strenge be- 
schrankt auf die Schuler des freien Religionsunterrichtes, auf die 
Lehrer der Schule, die Eltern und diejenigen, ,,die anerkannt werden 
konnen durch die Lehrerschaft als moralische Vormiinder" (1/137). 
Rudolf Steiner rechnete darauf, daB moglichst viele Lehrer der 
Schule, nicht nur die Religionslehrer, bei den Handlungen dabei 
seien(2/58, 199). 

Nach und nach kamen die anderen Handlungen hinzu, die Weih- 
nachtshandlung (1/252) zum ersten Male am 25. Dezember 1920, 
die Jugendfeier (1/136) am Palmsonntag, dem 20. Marz 1921. Als 
letztes wurde von Rudolf Steiner, nachdem im September 1922 
schon die Wirksamkeit der Christengemeinschaft angefangen hatte, 
im Friihling 1923 fiir die beiden obersten Klassen die Opferfeier 
hinzugefugt (2/222, 241, 305). Sie fand zum ersten Male statt in der 
Osterzeit 1923. 

Die Absicht Rudolf Steiners war, man solle all diesen Kultus ein- 
richten ,,mit grofter Innigkeit und Herzlichkeit . . . als etwas Ernstes, 
aber ohne schwiil zu sein", dennoch ,, auf der anderen Seite ihn so 
schlicht halten, als es moglich ist" (2/199). 

So wie der freie Religionsunterricht selbstverstandlich kein „obliga- 
torischer" Unterricht war (2/305), so war auch die Teilnahme an den 
Sonntagshandlungen den Schiilern des freien Religionsunterrichtes 
durchaus ,,freigestellt, ob sie kommen wollen oder nicht" (2/304). 
Das Wesen des freien Religionsunterrichtes und die Art, wie Rudolf 
Steiner ihm gleichsam eine Mittelstellung gab zwischen der Schule 
einerseits und der Anthroposophie und Anthroposophischen Gesell- 
schaft andererseits, ist nicht leicht zu durchschauen. Es stellte an die 
damaligen Waldorflehrer, und es stellt auch heute noch groBe Anfor- 
derungen an Erkenntnisbemiihen und BewuBtsein. Es miissen da 
jedesmal Aspekte zusammengeschaut werden, die einander zu wider- 
sprechen scheinen. 

Von der einen Seite her gesehen sollte nicht nur fiir den konfessio- 



38 



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nellen Unterricht, sondern auch fur den freien vermieden werden, 
,,dafl er als etwas in die Schule Eingereihtes erscheine" (2/19). Dem 
gegeniiber steht die Antwort, die von Rudolf Steiner an Emil Molt 
gegeben wurde, als der geauftert hatte, ,,eine reine Schulangelegen- 
heit soli es ja nicht sein; es ist ja losgelost von der Schule". Da sagte 
ihm Rudolf Steiner: ,,Die Sonntagshandlung ist etwas im Rahmen 
der Schule Liegendes. Eine Einzelheit innerhalb der Schule, . . . die 
nicht eine allgemeine Schulangelegenheit ist" (1/138), weil eben 
nicht alle Schiiler daran teilnehmen. Rudolf Steiner hat auch den 
Lehrplan und alle dessen spatere Erganzungen innerhalb der allge- 
meinen Lehrerkonferenz gegeben (vgl. Sachwortverzeichnis), hat 
auch seine Auswahl der Religionslehrer, die Handhabung der Hand- 
lungen, die Ausgestaltung des Handlungsraumes, und was es sonst 
noch sein mochte (vgl. wiederum Sachwortverzeichnis), fast aus- 
nahmslos dort besprochen. Er hat damit nicht nur die Religions- 
lehrer, sondern die gesamte Lehrerschaft aufgerufen zum Tragen 
dieses Unterrichts. Und es war keine AuBerlichkeit, wenn er sich 
dabei immer der Sprachform des ,,wir" bediente — ,,unser" Reli- 
gionsunterricht. Er tat das selbstverstandlich nicht, wenn er sich 
aufterte viber den konfessionellen Unterricht, aber auch spater nicht 
in bezug auf den Religionsunterricht der Christengemeinschaft, von 
dem noch zu reden sein wird. 

Ebenso treten in Rudolf Steiners Worten zwei ganz verschiedene 
Aspekte hervor in bezug auf das Verhaltnis zur Anthroposophischen 
Gesellschaft. So sagte er zu einem der Lehrer: „Als Religionslehrer 
gehoren Sie nicht der Schule an. Den erteilen Sie, wie wenn Sie 
Pastor in einer anthroposophischen Kirche draufien waren und her- 
einkommen" (1/286). (Dazu ist die Anmerkungeinzuschieben, daft 
mit der „anthroposophischen Kirche" keineswegs die Christen- 
gemeinschaft gemeint ist. Denn die gab es damals noch nicht; der 
erste, noch vorbereitende Theologenkurs fand erst einen Monat 
spater statt. Eine ,,anthroposophische Kirche" konnte und kann es 
selbstverstandlich gar nicht geben. Der Ausdruck ist iiberspitzt 
gebraucht.) 

Und dem steht das gegeniiber, was Rudolf Steiner im Hinweis auf die 
Weihnachtstagung sagte. Erst wies er darauf hin, daft „die Schule als 
eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhangige Insti- 
tution" geschaffen sei. Dann ging er auf die besondere Lage des 
Religionsunterrichtes ein. ,, Damit stimmt logisch ganz gut iiberein, 
daB der Religionsunterricht von den Religionsgemeinschaften aus 
besorgt wird, der freie Religionsunterricht von der Anthroposophi- 



Einleitungen 



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schen Gesellschaft aus, daft die Anthroposophische Gesellschaft mit 
dem freien Religionsunterricht darinnensteht wie die anderen reli- 
giosen Gemeinschaften. Die Anthroposophische Gesellschaft gibt 
eigentlich den Religionsunterricht unci den Kultus" (3/119). 
Das sagte Rudolf Steiner nach der Neubegriindung der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft und nachdem er selbst das Amt des Ersten 
Vorsitzenden und das des Leiters der Padagogischen Sektion iiber- 
nommen hatte. Damit waren auch fiir den freien Religionsunterricht 
Aufgaben gestellt, die sich in der kommenden Zeit auswirken soli- 
ten. Es kam praktisch nicht dazu, weil Rudolf Steiner starb. Diese 
Aufgaben aber stehen immer noch da und stehen vor uns. 

Als die zuletzt angefuhrten Worte am 5. Februar 1924 gesprochen 
wurden, bestand nun aber schon seit fast einundeinhalb Jahren die 
Christengemeinschaft. 

Im Jahre 1921 waren, zuerst unabhangigvoneinander, Gruppen von 
jungen Theologen, meist Studenten, an Rudolf Steiner herangetre- 
ten mit der Frage, ob und wie sie mit Hilfe der anthroposophischen 
Erkenntnis in der rechten Weise ihren Lebensberuf auf dem religio- 
sen Felde finden konnten. Daraufhin hielt ihnen Rudolf Steiner 
mehrere ,,Theologenkurse", an deren erstem auch die Lehrer des 
freien Religionsunterrichtes teilnahmen (2/39. Liste Nrn. 105, 126). 
Auf Grund dieser Kurse schlossen sich die jungen Theologen, in 
deren Namen Rudolf Steiner um seinen Rat gefragt worden war, im 
September 1922 von sich selbst aus zusammen. Es wurde zuerst der 
Name iiblich: ,,Bewegung fiir religiose Erneuerung" (2/199). Fried- 
rich Rittelmeyer, der wegen Krankheit an den ersten Kursen nicht 
hatte teilnehmen konnen, gab jetzt seine Stellung als Pfarrer in Ber- 
lin auf. Er hatte schon seit Jahren aktiv in der anthroposophischen 
Bewegung gestanden und tat das auch weiterhin; aber er trat nun 
auch an die Spitze der „Religionserneuerung", die den Namen „Chri- 
stengemeinschaft" annahm. Sie war nicht von der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft ausgegrundet und auch nicht von Rudolf Steiner. 
Er sprach vielfach von der ,,auf eigenen Fiiflen der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft gegenuberstehenden Christengemeinschaft" 
(3/123). Er aufierte, diese Bewegung ,, hatte den Keim in sich, etwas 
sehr Grofles zu werden" (2/199). Und fast zwei Jahre spater sagte er 
von den Priestern, daB sie ,,in kiirzester Zeit die grofiten Fortschritte 
gemachthatten" (3/177), 

Es ist verstandlich, daft nun Fragen heraufkamen, wie das Verhaltnis 
der Anthroposophie zur Christengemeinschaft sei und wie man sich 



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richtig zu verhalten habe. Fiir die Mitglieder der Gesellschaft suchte 
Rudolf Steiner Klarheit zu schaffen durch seinen Vortrag vom 
30. Dezember 1922. Es war der zweitletzte Abendvortrag, ehe das 
erste Goetheanum abbrannte (2/226, 227. Liste Nr. 111). 
Auch um die Waldorfschule herum entstand Unsicherheit. Sind 
jetzt, nachdem das neue Priestertum der Christengemeinschaft da 
ist, freier Religionsunterricht und Kulthandlung an der Waldorf- 
schule noch berechtigt? 

Als dann bald die Priester anfingen, fur die Kinder der Gemeinde- 
mitglieder auch Religionsunterricht zu geben, erhob sich die weitere 
Frage: „Wie ist der freie Religionsunterricht in der Waldorfschule 
vereinbar mit dem Religionsunterricht der Christengemeinschaft? " 
(3/175). 

Rudolf Steiner sprach daraufhin in den Konferenzen deutlich aus, 
daB jede von diesen beiden Arten von Religionsunterricht eigenen 
Charakter, eigene Ziele und voile Berechtigung habe, auch in die 
Zukunft hinein. Er gab jetzt fiir den freien Religionsunterricht nicht 
nur, wie schon erwahnt, etwa ein halbes Jahr nach der Entstehung 
der Christengemeinschaft, das neue Ritual der Opferfeier, um das die 
Schiiler der obersten Klassen gebeten hatten (2/222, 241, 305). Er 
hat auch das Weiterbestehen des freien Religionsunterrichtes teils als 
seibstverstandlich vorausgesetzt (3/175—179), teils im Gesprach 
ausdriicklich ausgesprochen. 

Es sollten keineswegs diese beiden Bewegungen ineinanderflieften. 
Rudolf Steiner wollte ,,so lange als moglich" vermeiden, ,,bei der 
Christengemeinschaft einen Religionslehrer zu suchen for die 
Schule". Aber man solle „nicht so exklusiv sein' (3/177). Einzelnen 
der jungen Priester hatte er, wie er sagte, diesen Unterrkht gerne 
anvertraut (2/169). 

Auf der anderen Seite gestand Rudolf Steiner auch der Christen- 
gemeinschaft, die inzwischen schon in ihren eigenen Raumen fiir die 
Kinder der Gemeindeglieder einen eigenen Religionsunterricht ein- 
gerichtet hatte, ohne weiteres zu, daft sie ,,wie die anderen Konfes- 
sionen" das Recht in Anspruch nehmen konnte, ebenfalls innerhalb 
der Waldorfschule ihren Religionsunterricht auszuiiben. ,,Dann 
wiirden wir also einen Religionsunterricht mehr haben" (3/176). Er 
fand es aber besser, wenn es dabei bliebe, dafl die Kinder der Ge- 
meindemitglieder, soweit sie in die Waldorfschule gingen, auch wei- 
terhin nur am freien Religionsunterricht teilnahmen (3/ 176). 
So ist es denn auch in den weitaus meisten Fallen geschehen, bis 
1938 die Schule verboten wurde. Erst nach dem zweiten Weltkrieg 



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ist auch der Religionsunterricht der Christengemeinschaft, ebenso 
wie der bisherige konfessionelle, in den Raumen der Waldorfschule 
eingerichtet worden. 

Zu Lebzeiten Rudolf Steiners wurde diese Frage nur insoweit prak- 
tisch, als Eltern.ausdrticklich wiinschten, ihre Kinder sollten an bei- 
den Unterrichten teilnehmen. Rudolf Steiner hielt das fur durchaus 
moglich. Hindern konnte ,,h6chstens der einzigePunkt derGesund- 
heit, daft es zuviel ware" . . . Die Waldorfschule miisse da nicht „dog- 
matisch entscheiden" (3/176). ,,Am schonsten wiirde ich finden, 
wenn dann, wenn sie an beiden teilnehmen, von dem Religionslehrer 
hier und dem Religionslehrer dort die Stoffe besprochen werden, so 
daft Einklang da ist" (3/177). 

Ernsthaftere Schwierigkeiten schienen aufzukommen bei der Frage, 
wie sich die Jugendfeier der Christengemeinschaft und die des freien 
Religionsunterrichtes miteinander vereinigen lieften. Aber auch hier 
seien keinerlei Verhandlungen mit der Christengemeinschaft notig. 
Sie sei ja in sich selbstandig. ,,Wir konnen doch machen, was wir 
wollen, und die konnen machen, was sie wollen" (2/305). 
Aber dann machte Rudolf Steiner den Weg frei, indem er auf den 
grundlegenden Unterschied hinwies in der Zielsetzung der beiden 
Handlungen. ,,Der innere Sinn unserer Jugendfeier ist, daft der 
Mensch ganz allgemein in die Menschheit hineingestellt wird . . . Die 
Christengemeinschaft aber stellt in eine bestimmte Religionsgemein- 
schafthinein" (3/178). 

Daraus ergeben sich zwanglos alle praktischen Handhabungen, die 
notig sind: etwa die, welche der beiden Handlungen vorausgehen 
miisse, und dergleichen (3/177, 178). 

Vor allem aber — und das ist das Allerwichtigste — weisen solche 
Unterschiede wohl auf Wesensverschiedenheitenhin, aber sie bedeu- 
ten keinerlei reale Widerspriiche und kein Gegeneinander. ,,Innerlich 
ist es durchaus vereinbar" (3/178). Es gilt auch hier, was fiir das 
ganze Verhaltnis des freien Religionsunterrichtes zur Christen- 
gemeinschaft gilt: ,,Eine Diskrepanz zwischen beiden in inhaltlicher 
Beziehung kann es eigentlich nicht geben" (3/176). 



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Die sechs einzelnen Schuljahre 

Durch die Unzahl der gestellten Fragen und behandelten Themen 
haben die Konferenzen eine schwer iiberschaubare Form. Sie sind 
nicht leicht als Ganzes zu lesen. Der Beniitzer sucht oft nur Rudolf 
Steiners AuBerungen heraus zu den Themen, die ihn im Moment 
besonders interessieren. 

Das ist aber unberechtigt, denn es ist sehr wohl ein durchgehender 
Duktus vorhanden. Er war gewift niemandem von den Sprechenden 
bewuBt, aber das Schicksal selbst hat eine Gesamtkomposition 
geschaffen. Um zur Erkenntnis dieser Kompositionhinzuleiten, sol- 
len hier flir jedes Schuljahr die charakteristische Stimmung und die 
Hauptthemen herausgehoben werden. Weil die Aufgabe schwer ist, 
kann es sich dabei gewifi nur um einen Versuch handeln. 

1. Schuljahr: 16. September 1919 bis 24. Juli 1920 

8 Klassen 
12 Lehrer 
256 Kinder 

Alte Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft versicherten 
oft, sie hatten Rudolf Steiner so ganz besonders strahlend gesehen, 
als die Waldorfschule eroffnet wurde. Dies Strahlen liegt, wie ein 
Nachklang des groBen dreifachen Griindungskurses vom August 
1919, auch noch iiber alien Konferenzen des ganzen ersten Jahres. 
Und wie Rudolf Steiner bei Kursbeginn den tiefen Dank aussprach 
an die iiber der Schule waltenden geistigen Machte, so richtete er in 
diesem ersten Jahre auch mehrere Male den Dank an EmilMolt und 
an die Lehrer der Schule (1/162 und in den Ansprachen, siehe 
,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", besonders S. 51/52, Liste 
Nr. 8). 

Diese Stimmung tragt und beflugelt die Lehrer und schafft ihnen 
erstaunliche Krafte. Mit Schwung und Begeisterunggehen sie an ihre 
Aufgaben heran und suchen sich noch neue hinzu. Rudolf Steiner 
feuert wohl die Lehrer mehrfach an zu Enthusiasmus (1/63) und 
Mut (1/95, 117), aber er ruft sie auch auf zum Bewufltsein und zur 
Besinnung (1/63) und warnt sie vor Zersplitterung ihrer Krafte 
(1/84, 124). 



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Am 7. September 1919 fand die Eroffnungsfeier fur die Freie Wal- 
dorfschule statt, in der Rudolf Steiner seine grundlegende An- 
sprache hielt (Liste Nr. 8). Aber der Unterricht konnte noch nicht 
beginnen, weil die Raume des ehemaligen Kaffeerestaurants Uh- 
landshohe, Kanonenweg 44, erst zum Teil fertig waren. In der ,,ent- 
scheidenden Konferenz im engsten Kreise" vom 8. September 
(1/65), die Rudolf Steiner im Seminarkurs zuletzt (S. 184) fur ,,mor- 
gen oder iibermorgen" schon angekundigt hatte, wurde zwar ein 
provisorischer Plan ausgearbeitet, wie man unter Zuhilfenahme von 
,,Schichtunterricht" auch mit den noch zu wenigen Raumen zu- 
rechtkommen konnte (1/65, 66), aber der Unterrichtsbeginn ver- 
schob sich dann doch auf Dienstag den 16. September. Rudolf Stei- 
ner war nicht dabei anwesend. 

Das Auflere war denkbar primitiv. Schulbanke wurden erst nach und 
nach geliefert. Die Kinder mufiten in den ersten Wochen auf den vom 
Restaurant her vorhandenen Stiihlen sitzen und auf den Knien 
schreiben. 

Die Waldorfschule begann als ,,Volksschule", das heiBt mit nur acht 
Klassen. Sie hatte beim Beginn 256 Schuler; die einzelnen Klassen 
waren recht unterschiedlich besetzt, im Durchschnitt mit 32 Schii- 
lern, darunter meist ein wenigmehr Madchen als Jungen. 191 Kinder 
waren ,,Waldorfkinder", das heifit, sie hatten Eltern oder Verwandte 
in der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Die iibrigen Schuler waren 
fast ausschlieftlich Kinder von Anthroposophen. 
Dem Lehrerkollegium gehorten an: Rudolf Steiner als Leiter der 
Schule, Frau Marie Steiner „als Leiterin der eurythmischen Abtei- 
lung", Emil Molt als ,,Protektor der Schule", Frau Bertha Molt als 
,,Schulmutter" (1/198, 199) und anfangs zwolf Lehrer. DerenZahl 
veranderte sich im Laufe des Schuljahres, weil einige voriibergehend 
oder dauernd die Schule verliefien und andere hinzukamen; am 
Schuljahresende waren es vierzehn Lehrer. 

An die Stelle der ublichen „regierungsmafligen", rektoralen Schul- 
fiihrung stellte Rudolf Steiner die Verantwortung jedes einzelnen 
Lehrers, die sich in den Konferenzen auswirkt (1/62). ,, Recht 
republikanisch!" (1/83). ,, Konferenzen sind freie republikanische 
Unterredungen. Jeder ist darin ein Souveran" (1/68). Nachiiber drei 
Jahren schlug er fur die Schulverwaltungeinen drei- bis vierkopfigen 
Verwaltungsrat vor, ,,damit nicht die republikanische Verfassung 
durchbrochen wird" (2/235). 

Obwohl der Aufbau, die Gliederung und der Lehrplan des Unter- 
fichtes in den padagogischen Kursen von August und September von 



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Rudolf Steiner schon gegeben waren, war doch noch manches ein- 
zuftigen, zu andern oder genauer auszugestalten. Nicht alles, wasim 
ersten Schuljahre versucht wurde, Heft sich auch schon fur die Dauer 
ausfiihren. 

Die 7. und 8. Klasse sollten abwechselnd von zwei Lehrern gefuhrt 
werden, von Stockmeyer und Dr. Treichler (1/65). Weil Dr. Treich- 
ler nach einigen Wochen noch mehr Sprachunterricht zu iiberneh- 
men hatte, trat an seine Stelle als Klassenlehrer Dr. Stein (1/115, 
122). Stockmeyer und Stein riickten dann jahrlich mit ihren Klassen 
eine Stufe hoher, bis in die Oberklassen hinein. Die spateren 7. und 
8. Klassen hatten, wie die 1. bis 6., dann auch nur einen Klassen- 
lehrer (3/25). 

Uber den neu einzurichtenden Freien Religionsunterricht ist schon 
gesprochen worden im Abschnitt 7, S. 35—41. 

Uber die Eingliederung der ,,weiblichen Handarbeiten" hatte Rudolf 
Steiner im Seminarkurs noch nichts gesagt, ,,weil einfach die Beset- 
zung nicht da war" (Seminar S. 184). Deshalb wurde erst Ende 
Oktober mit diesem Unterricht begonnen, selbstverstandlich fiir 
Jungen und Madchen zusammen. Frau Bertha Molt und Fraulein 
Helene Rommel gaben den Unterricht lange gemeinsam; erst als zu 
viele neue Klassen hinzukamen, ubernahmen sie ihre Klassen einzeln. 
Bis in den Sommer 1922 wurde das Turnen von Paul Baumann und 
einzelnen Klassenlehrern schlecht und recht mitversehen. Die weni- 
gen in dieser Zeit gemachten Angaben Rudolf Steiners zu diesem 
Unterricht heben stark den von ihm gewunschten engen Zusam- 
menhang mit dem Eurythmieunterricht hervor (vgl. Sachwortver- 
zeichnis). Durch die Arbeit Graf Bothmers ergab sich spater fiir 
Rudolf Steiner die Moglichkeit, so konkret Grundlegendes uber das 
Turnen zu sagen, wie es in der Konferenz vom 1. Marz 1923 geschah 
(2/292 ff.). 

Handwerk undGartenbau wurden im methodisch-didaktischen Kurs 
und im Seminar nur ganz allgemein erwahnt, nicht als besondere 
Unterrichtsgegenstande. Wahrend nun Rudolf Steiner von Ende Sep- 
tember bis Mitte Dezember 1919 von Stuttgart abwesend war, 
wurde in der Waldorfschule eine Werkstatt mit Hobelbanken und 
einigem Schlosserwerkzeug eingerichtet, und es wurde ein junger 
Schlosser angestellt, zunachst um Apparate fiir den Physikunterricht 
herzustellen. Damit im Zusammenhang wurde Ende November, wie 
es scheint ohne Besprechung mit Rudolf Steiner, auch mit einem 
anfanglichen Handwerksunterricht durch den Schlosser begonnen, 
in zwei einzelnen Stunden jede Woche fiir die 6. bis 8. Klasse. Nach 



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den Osterferien kam unter derselben Leitune Gartenarbeit hinzu, 
schon von der 5. Klasse ab, aber zunachst nur fur Freiwillige, worauf 
Rudolf Steiner anordnete (1/121), dieser Unterricht solle fur alle 
Kinder als obligatorisch gelten. Zu der Frage, in welchem Alter der 
Handwerks- und Gartenbauunterricht beginnen sollte, vgl. Hinweis 
zu S. 196. — Vom Beginn des zweiten Schuljahres ab ging dieser 
Unterricht iiber an Max Wolffhugel, der Kunstmaler war und auch 
die Schreinerei erlernt hatte. Den Gartenbauunterricht konnte er im 
Herbst 1921 abgeben an GertrudMichels, die Gartnerin war. 
Um der in der ersten Zeit der Schule reichlich vorhandenen Unge- 
ziigeltheit ein Gegengewicht zu geben, fiihrte Rudolf Steiner einen 
Unterricht fur Takt und Moral" ein; er wurde meist ,,Anstands- 
unterricht" betitelt (1/125). Paul Baumann hatte ihnzu geben, und 
damalige Schiller berichten, er habe zum Beispiel eine Art Kultur- 
geschichte der Hoflichkeit behandelt: ,,H6flichkeit" vom Worte 
Hof, Rittertum und so weiter. Im Laufe des zweiten Schuljahres ist 
dieser Unterricht dann eingeschlafen (1/268). 

Hilfsklasse. Verstandlicherweise hatten die Eltern aus der Waldorf- 
Astoria-Zigarettenfabrik besonders bereitwillig diejenigen Kinder 
fur die neue Schule angemeldet, bei denen es in der offentlichen 
Schule nicht recht vorangehen wollte. Deshalb waren in den Klassen 
meist vier bis sechs ,,schwierige", zum Teil sogar sehr schwierige 
Kinder zu finden. Fur die, die als wirkliche Psychopathen besondere 
Sorgenkinder waren, richtete Rudolf Steiner schon im April 1920 
eine Hilfsklasse ein (1/123). Etwa zehn Kinder der 1.— 6. Klasse wur- 
den wahrend des Hauptunterrichtes, also nur von acht bis zehn Uhr, 
aus ihren Klassen herausgenommen und ,,separat" unterrichtet. Es 
sollten dabei besonders langsam und eindringlich dieselben Dinge 
durchgenommen werden wie im Klassenunterricht sonst auch 
(1/125), aber aufterdem sollten auch ganz spezielle Ubungen 
gemacht werden (1/264). Zu den Stunden nachzehn Uhr sollten die 
Kinder alle wieder in ihre regularen Klassen zuriickkehren. Diesen 
Hilfsunterricht iibergab Rudolf Steiner an Karl Schubert. 
Leider konnte diese Hilfsklasse zunachst nur bis zum Juni 1920 
durchgefiihrt werden, weil Dr. Schubert fur eine erkrankte Klassen- 
lehrerin einspringen mufite, und die Hilfsklassenkinder gingen wie- 
der ganz in ihre jeweilige Klasse zuriick. Erst im September 1921 
(2/37) konnte Dr. Schubert seine Hilfsklasse wieder ubernehmen, 
Sie veranderte sich im Laufe der Jahre zunehmend in der Richtung, 
daft immer mehr auch ganz schwere Falle, das heiftt Kinder, die 
iiberhaupt an keinem Klassenunterricht teilzunehmen in der Lage 



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waren, in die Hilfsklasse aufgenommen wurden. Dr. Schubert leitete 
dann die Hilfsklasse zum grolken Segen fur ,, seine", aber auch fiir 
alle Kinder der Waldorfschule ununterbrochen, bis die Schule Ostern 
1938 verboten wurde; ja es gelang ihm sogar, sie, im Verborgenen 
geduldet, auch dann noch bis 1945 weiterzuftihren (vgl. Sachwort- 
verzeichnis). 

Ebenfalls im Friihjahr 1920 wurde ein Kindergarten (Vorschule, 
Vorklasse) unter Leitung von Elisabeth von Grunelius eroffnet 
(1/121). Rudolf Steiner gab Ratschlage dafur (1/133, 134, 146, 
147). Leider mulke der Kindergarten wegen Geld- und Platzmangels 
schon nach wenigen Monaten wieder aufgegeben werden. Fraulein 
von Grunelius iibernahm zeitweise andere Aufgaben an der Schule. 
Ihr Kindergarten kam erst nach Rudolf Steiners Tode wieder zu- 
stande. 

Ebensowenig konnte der Versuch durchgefiihrt werden, fiir Kinder, 
die nachmittags unbeaufsichtigt waren und verwilderten, einen Hort 
(1/112) einzurichten. Auch hier reichten die Raume und Geldmittel 
nicht aus. Aufterdem war das Interesse gerade der Eltern dieser Kin- 
der doch nicht stark und zuverlassig genug. 

Auch die Versuche, fiir schulentlassene Kinder eine Fortbildungs- 
schule zu schaffen, muftten, allerdings aus anderen Griinden, immer 
wieder aufgegeben werden. 

Rudolf Steiner hatte urspriinglich gedacht an eine mit der Waldorf- 
schule nur locker zu verbindende Schule fiir junge Leute von vier- 
zehn bis fiinfzehn Jahren ab, als Vorbereitung fiir den Eintritt in die 
spezielle Berufsausbildung im Handwerk oder in der Fabrik. Diese 
Aufgabe sollte Dipl. Ing. Alexander Strakosch (1/121, 126) iiber- 
nehmen. Er war bis Herbst 1920 in Wien Vorstand eines Eisenbahn- 
werkstattenamtes und hatte durch Urlaub im August/September an 
deri padagogischen Kursen, und spater auch an den naturwissen- 
schaftlichen Kursen teilnehmen konnen. (Vgl. dazu: Alexander Stra- 
kosch, ,,Lebenswege mit Rudolf Steiner. 2. Teil." Dornach 1952, 
S. 60.) Aber dieser erste Plan erwies sich als undurchfiihrbar, weil die 
Bestimmungen iiber die staatlichen Fortbildungsschulen jede private 
Initiative auf diesem Felde ausschlossen. 

Jetzt (1/121) im Marz 1920 trat der zweite Plan auf: fiir Schiiler, die 
nach absolvierter Schulpflicht aus der 8. Klasse der Waldorfschule 
ausgetreten waren und nun schon in einer Berufsausbildung standen, 
eine solche Schule einzurichten. Sie sollte wirkliche ,,Lebenskunde" 
geben, und Rudolf Steiner wollte sie ,,Lebensschule fiir die Alte- 
sten" nennen. Er gab sogar schon einen skizzenhaften Lehrplan 



Einleitungen 



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dafiir (1/126). Aber auch dies scheiterte. Das Interesse der jungen 
Menschen selber war nicht nachhaltig genug, und die behordlichen 
Bestimmungen lieflen keinerlei Spielraum. Strakosch iibernahm 
dann im September 1920 als Klassenlehrer die 5. Klasse und war 
gleichzeitig in der Leitung des Forschungsinstitutes tatig (Einleitung 
S. 19). 

In gewisser, freilich recht anderer Weise ist spater der innerhalb des 
Waldorflehrplanes von Strakosch gegebene Unterricht in Technolo- 
gie (von der 10. Klasse ab) an diese Stelle getreten (1/286, 287, vgl. 
Sachwortverzeichnis) . 

Ganz aus der damals Deutschland ergreifenden Erregung iiber soziale 
Fragen und gleichzeitig aus der Begeisterung fur die Dreigliederungs- 
bewegung herausgeboren, waren die von Dr. Herbert Hahn fur die 6. 
bis 8. Klasse unternommenen Unterweisungen in ,,sozialer Erkennt- 
nis" (1/136). Es war das, wie Rudolf Steiner es nannte, ein ,, Unter- 
richt abseits vom iibrigen", der mit dem Wiedereintreten ,,ruhiger" 
Verhaltnisse sein natiirliches Ende fand. (Vgl. Sachwortverzeichnis.) 

Vier Dinge, die zu den besonders charakteristischen Lebensformen 
der Waldorfschule gehoren, nahmen schon im ersten Schuljahr ihre 
bleibende Gestalt an. 

1 . Dem in Wurttemberg damals iiblichen schulfreien ersten Montag 
im Monat gab Rudolf Steiner einen sinnvollen Inhalt. Er machte aus 
dem blofien freien Tag, den er auf den Donnerstag als den geeigneten 
Wochentag verlegte, ein Schulfest, die „Monatsfeier" (1/112), 
indem er einerseits den Inhalt des Festes ganz aus dem padagogi- 
schen Leben der Schule herauswachsen lieft — die Kinder sollten 
einander zeigen, was sie gearbeitet hatten — und andererseits darauf 
hinwies, daB dieser Tagetwas sein sollte wie ,,ein Gedankensammeln 
iiber den Monatsinhalt". Rudolf Steiners eigene Ansprachen bei die- 
sen Monatsfeiern und ahnlichen Gelegenheiten siehe in ,, Rudolf 
Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958, S. 29, 45, 55, 99, 
141, 171 (ListeNr. 8). 

2. Auch bei den Feiern zum Anfang und Abschlufi des Schuljahres 
erfiillte Rudolf Steiner den bisher iiblichen leeren Formalismus mit 
padagogischem Inhalt. Freilich war die Gestalt dieser Feiern, wie sie 
heute noch in den Waldorfschulen lebendig ist, bei Rudolf Steiner 
auch nicht mit einem Male vorhanden, sondern sie entwickelte sich 
schrittweise. Man vergleiche dazu Seite 157, ,,etwas, was den Schul- 
schlufi eurythmisch darstellt" mit Seite 289, wo er iiber die Anspra- 



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Einleitungen 



chen der Lehrer spricht. Er gab auch selbst Vorbilder fur die Art, wie 
da zu sprechen sei, in seinen eigenen Ansprachen, von denen sich 
sechs erhalten haben. Vgl. in ,, Rudolf Steiner in der Waldorfschule", 
S. 48,75,88, 126, 145, 175. 

3. Ein ahnlicher Prozeft des langsamen Wachsens einer Form zu 
innerer Realitat hin ist bei der Frage der Zeugnisgebung und der 
Versetzung zu beobachten. Im Seminarkurs am 6. September 1919 
(S. 183) ist noch von mehreren Zeugnissen die Rede, die im Laufe 
des Jahres zu geben seien, ,,als von der Aufienwelt Gefordertes"; 
ahnlich auch noch in der Konferenz am 23. Dezember 1919(1/116). 
Aber am 14. Juni 1920 (1/147) wird wie selbstverstandlich von nur 
einem Jahreszeugnis gesprochen. Der Kopf der Zeugnisse wurde 
spater von ihm so angegeben: 

Dieses Zeugnis 

wird 

geboren am in 

fur die Klasse im Schuljahr 19 /19 gegeben 

Uber die Art, wie diese Zeugnisse innerlich zu gestalten seien, sollten 
Rudolf Steiners mehrfache Aufierungen (vgl. Sachwortverzeichnis) 
nachgelesen werden. 

4. Der Ubergang in die nachsthohere Klasse wird von der iiblichen 
Versetzung oder Nichtversetzung hiniibergefuhrt zu dem Mitherauf- 
nehmen moglichst samtlicher Schuler mit dem Jahrgang, der ihrem 
Alter entspricht. In den beiden ersten Schuljahren wird noch bei 
alien besonders schwierigen Kindern einzeln besprochen, ob man sie 
,,versetzen", das heifit, weiter mitgehen lassen kann (1/168—171, 
281—283). Im dritten Schuljahr ist eine solche Besprechung schon 
unnotig geworden. 

2. Schuljahr: 20. September 1920 bis 11. Juni 1921 

11 Klassen 
19 Lehrer 
420 Schuler 

In den Konferenzen des zweiten Schuljahres herrscht iiberwiegend 
noch, ungeachtet gelegentlich aufziehender Wolken, die gleiche freu- 



Einleitungen 



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dige, kraftvolle Stimmung wie im Vorjahr, vielleicht bei den Lehrern 
etwas weniger draufgangerisch. Es werden im ganzen auch dieselben 
Probleme behandelt; sie werden ausgearbeitet und vertieft. 
Hauptsachlich an drei Stellen zeigt sich aber charakteristisch die 
Eigenart dieses zweiten Schuljahres: bei der Besprechung der neuen 
9. Klasse; dann als die Frage nach der wirtschaftlichen Grundlage 
und nach der geistigen Selbstandigkeit der Schule gestellt wird;und 
endlich, als Rudolf Steiner spricht iiber seine eigene Stellung als 
Leiter der Waldorfschule. 

Die Schule wachst auch dieses Jahr kraftig weiter. Fur die neue 1. 
und fur die 6. Stufe miissen Parallelklassen eingerichtet werden 
(1/169, 178). Besonders ausgestaltet werden die praktischen Fa- 
cher: Handwerk und Gartenbau (1/193—196, 270) sowie Hand- 
arbeit (1/199, 224, 225, 241, 249, 269, 270). Bei An stand sun ter- 
richt (1/268) und sozialer Erkenntnis (1/286, 287) wird festgestellt, 
daft sie jetzt aufhoren; beim Kindergarten und der Fortbildungs- 
schule (1/276—277), daft sie wieder zunachst nicht durchgefiihrt 
werden konnen. Die Art der Zeugnisgebung (1/284, 285) und der 
Versetzung (1/285) finden ihre endgiiltige Gestalt. 
Fur die neuen Klassen und fur den praktischen Unterricht, aber auch 
weil einige Kollegen fortgegangen sind, miissen neue Lehrer einge- 
stellt werden (1/199, 225, 226, 268, 274, 285). Bei dieser Gelegen- 
heit wird auch festgelegt, wer zum Lehrerkollegium gehoren soli und 
wer nicht (1/198, 199). 

Beim neusprachlichen Unterricht taucht die Frage auf, die dann nie 
zur Ruhe kommen will: ob und wie in diesen Fachern die Schiiler, 
ungeachtet ihres Klassenzusammenhanges und ihres Alters, rein 
nach dem Stande von Wissen und Fahigkeit zusammengefaftt werden 
sollen (1/171, 284;vgl. auch Sachwortverzeichnis). 
Das Problem eines eigenen Schularztes (1/263) und das der Heil- 
eurythmie (1/284) treten auf. 

Das Wichtige aber ist, daft auf die acht Volksschulklassen jetzt eine 
9. Klasse, eine Oberklasse, aufgebaut wird (Einleitung S. 28 und 
1/119). Freilich klingen die damit beriihrten Probleme vorerst nur 
leise an. Zunachst sollen die 8. und 9. Klasse von zwei Klassenlehrern 
ebenso abwechselnd weitergefiihrt werden wie bisher die 7. und 
8. Klasse (1/200). 

Auch bei dem Lehrplan fiir das 9. Schuljahr, der jetzt aufgestellt wird 
(1/191, 219—226), verbirgt sich das grundsatzlich Neue zunachst 
noch unter dem Scheine, als ob in der 9. Klasse nur das in der 
8. Klasse Besprochene „noch einmal" durchzunehmen sei. Aber 



50 



Einleitungen 



gerade in dem, wie dies ,,noch einmal" geschehen soil, steckt ja die 
entscheidende Anderung der Unterrichtsart, die diesem Lebensalter 
entsprechend und notwendig ist. Das wird dann bei den folgenden 
Klassen immer deutlicher. Hier schauen diese Fragen nur gleichsam 
wie zum Fenster herein. 

Aber schon als jetzt die Frage aufkommt, warum denn die Arbeiter- 
kinder, die proletarischen Kinder, lieber sofort ins Berufsleben ge- 
steckt werden, statt in die 9. Klasse weiterzugehen (1/260, 261), 
klingt schon das Problem des Abituriums an (1/260) und damit die 
Sorge, daft die heranwachsenden Oberklassen zu sehr in die Nachbar- 
schaft der ublichen ,,hoheren Lehranstalt" geraten konnten, so daft 
dadurch ,,irgendwelche Dinge" verhindert wiirden (1/260). ,,Irgend- 
welche Dinge", das waren nach den ,,Volkspadagogischen Vortra- 
gen" (Liste Nr. 3) diejenigen Unterrichtsgegenstande, durch die der 
junge Mensch so, wie es unserer Zeit entspricht, ins wirklich prak- 
tisch-tatige Leben hineingestellt werden sollte. Diese Frage stent von 
nun an, ob ausgesprochen oder unausgesprochen, hinter allem, was 
iiber die Oberstufe noch verhandelt wird. Es ist ein schwerer Ver- 
zicht, daft diese Ziele der ,,Volkspadagogischen Vortrage" fur die 
Oberklassen aufgegeben werden miissen. 

Und ein grofter Verzicht liegt auch in dem Fazit, das Rudolf Steiner 
am 26. Mai 1921 aus der sozialen Entwicklung der letzten Zeit Zie- 
hen muft. Die Stuttgarter Schule kann nicht mehr als der Anfang 
einer weit iiber Deutschland hinausgreifenden Bewegung der Schul- 
erneuerung gelten. Sie kann nur noch ,,Modell" sein. ,,Eine zweite 
Schule werden wir nicht mehr errichten konnen" (1/289). Tatsach- 
lich wurden die unvermeidbaren Kompromisse den Behorden gegen- 
iiber standig einschneidender,, nicht nur bei alien spater gegriindeten 
Waldorfschulen, sondern auch bei der Stuttgarter Schule selbst. 
Ein zweites Charakteristikum dieses Schuljahres ist die Frage nach 
der wirtschaftlichen Grundlage der Waldorfschule. Als sie zwischen 
den Schuljahren, bei den Konferenzen vom 29. und 31. Juli und 
21. September 1920 zur Verhandlung kommt, da lodert das Feuer 
hell auf, das lange schwelte. 

Aber in Wahrheit ist gar nicht das Materielle der Grund dafiir. Die 
Finanzierung bleibt in alien folgenden Jahren eine schwere Sorge. Es 
ist ja auch im Friihjahr 1920 der Waldorfschulverein begriindet 
(1/183, Einleitung S. 22), dessen damals gegebene Form in den 
Hauptziigen heute noch besteht. Der Weltschulverein freilich, um 
den Rudolf Steiner sich so sehr muhte (1/183-186, 189, 201, 202, 
228—233, 289), kam weder damals nochje spater zustande. 



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In Wahrheit ging die Auseinandersetzung um zweierlei: urn die gei- 
stige Selbstandigkeit der Schule, das heifit praktisch um ihre Unab- 
hangigkeit von der Waldorf-Astoria-Fabrik, und dann um das rich- 
tige Verhaltnis zur Person von Emil Molt. 

Jetzt macht Rudolf Steiner klar, daft in Wirklichkeit die Griindung 
der Schule auch finanziell das Werk von Emil Molt ist. ,,Die Schule 
ist //zrVerdienst" (1/213). 

Gerade dadurch aber wird Emil Molts Stellungzur Schule richtig. Er 
ist gleichsam als Privatmann ,,Protektor der Schule" und ,,Schul- 
vater", so wie Bertha Molt ,,Schulmutter" ist. Damit sind beide 
vollgultige Mitglieder des Lehrerkollegiums (1/199). Dies Kollegium 
wird ,,jederzeit . . . mit Herrn Molt gehen, will aber nichts mit der 
Waldorf-Astoria zu tun haben" (1/209). Die Fabrik wird auch wei- 
terhin Beitrage geben und fur die Kinder ihrer Werkangehorigen das 
Schulgeld bezahlen. Aber die Schule wird von ihr vollig frei und 
unabhangig sein. 

Damit ist auch das dritte und wesentlichste Element dieser Konfe- 
renzen innerlich auf das engste verbunden. Rudolf Steiner spricht es 
aus in seiner Ansprache vor den Lehrern beim Beginn des zweiten 
Schuljahres am 22. September 1920 (1/214-217), dafl seine Stel- 
lung als Leiter der Schule nie anders aufgefaftt werden diirfe als die 
des Esoterikers. Sie diirfe niemals auf Suggestion oder aufierer Macht 
beruhen, stets nur auf dem freien Willen und Vertrauen derLehrer. 
Damit wird — und das ist die innerste Lebensquelle der Schule — 
deren Zusammenhang mit Rudolf Steiner und also mit der Anthro- 
posophie auf das genaueste umschrieben und dargestellt. 



3. Schuljahr: 18. Juni 1921 bis 30. Mai 1922 

Die Zahlen liefien sich fiir dieses Jahr nicht genau feststellen. Es 
waren ungefahr: 15 

30 Lehrer 
540 Schiiler 

Uberwiegend klingt die Stimmung des freudigen Schaffens durch 
dies dritte Schuljahr weiter fort; ebenso beim fortgesetzten Aus- 
und Aufbau wie bei den ohne Unterbrechung durch die Konferen- 
zen aller Jahre durchlaufenden Themen der Besprechung einzelner 
schwieriger Kinder und der Beantwortung spezieller sachlicher 
oder methodischer Fragen. 



52 



Einleitungen 



Auch in der Stellungnahme gegeniiber der behordlichen Schulrevi- 
sion wird noch eine ungebrochene Einheitlichkeit erlebt. Daft die 
Revision von seiten der Lehrer unrichtig, weil einseitig gesehen 
wird, offenbart sich erst nach Monaten. Schrittweise aber werden 
kritische Worte Rudolf Steiners vernehmlicher. Die Wolken senken 
sich zuweilen drohend tief herunter. 

Wieder werden zwei neue 1. Klassen (2/17, 22) und neue Parallel- 
klassen (2/17) eingerichtet. Auch Fachlehrer werden neu berufen 
(2/19,53). 

Vor allem wird aber die zweite Oberklasse, die 10. Klasse begriindet 
und bekommt ihren Lehrplan (2/18, 22—31). Dabei wird der bis- 
herige Brauch verlassen, daft die obersten Klassen wechselweise von 
nur zwei Klassenlehrern betreut werden. Es sollen deren jetzt drei, 
womoglich sogar vier werden (2/18, 27, 38). Fur diese Klasse werden 
voile funf praktische Facher neu eingerichtet: Spinnen und Weben; 
Gesundheitslehre und Erste Hilfe; Feldmessen; technische Mechanik 
(2/18, 29, 30) und Stenographic (2/31). 

Sehr eingehend kummert sich Rudolf Steiner darum, daft fur den 
,,Asthetikunterricht", den Unterricht fur das Verstandnis des 
Kunstlerischen, ein guter Fachmann zugezogen wird (2/23, 38). Von 
nun an werden fur diesen Unterricht wiederholentlich eingehende 
Direktiven erbeten und gegeben (2/41, 64 und Sachwortver- 
zeichnis). 

Eine grofie Rolle spielt die Revision durch den zustandigen Schul- 
rat im Fruhjahr 1922 (2/68-72; Einleitung S. 22, 25). Rudolf 
Steiner laftt sich von den Klassenlehrern sehr genau berichten, was 
sie dabei erlebt haben. Er muft daraus zu der Ansicht kommen, die 
Priifung und Beurteilung sei engstirnig, nicht auf das Wesen der 
Waldorfschule eingehend, und keineswegs wohlwollend gewesen. 
Es werden deswegen eingehende Beschliisse gefaftt, wie man durch 
Artikel in den Zeitschriften ,,Die Drei" und ,,Anthroposophie" 
solchen unsachgemafien Einwendungen entgegentreten konne 
(2/68, Liste Nrn.136, 138). 

Desto harter ist der Schlag, als Rudolf Steiner im folgenden Schul- 
jahr den Bericht des Schulrates an das Ministerium gelesen hat. Er 
sagt es dann den Lehrern mit scharfen Worten. ,, Wohlwollend ist der 
Bericht!" — ,,Die Dinge sind wahr, die darin stehen; das ist das Bit- 
tere" (2/141). 

Aber auch schon in diesem 3. Schuljahr kommt gelegentlich derber 
Tadel zu Wort, noch schwach, aber unuberhorbar. Rudolf Steiner 



Einleitungen 



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klagt iiber mangelnde Mitarbeit, iiber mangelnde Lebendigkeit der 
Schiiler (2/20) und iiber zu geringen Zusammenhang unter den Leh- 
rern. „WilIig zusammenarbeiten! Gegenseitig sich verstehen im Kol- 
legium" (2/80). 

Es findet auch die erste, dieses Mai nurkurze, aber sehr eingreifende 
Besprechung statt iiber zwei besonders schwierige" Schiiler der beiden 
obersten Klassen. ,,Man mufi mit den Jungen fertig werden" 
(2/71,72). 

Rudolf Steiner tadelt aber nicht nur; er hebt auch wie immer gerne 
das Gute heraus. Er ist erfreut, „weil die Waldorfschule diesen guten 
Geist ausgebildet hat", und ,,weil sie im wesentlichen doch alles 
gehalten hat, was sie versprochen hat" (2/77). Er gibt auch an, was 
zu tun sei fur ein gutes Zusammenarbeiten. Er lobt die Dissertation 
von Dr. von Baravalle. „Das ist tatsachlich so, dafi spirituelle Krafte, 
die im Lehrerkollegium sind, das Lehrerkollegium tragen durch die 
Gegenseitigkeit des inneren wissenschaftlichen Erlebens" (2/44). 
Ganz am Ende des Schuljahres geschieht aber etwas, was einen bosen 
Schatten vorauswirft. Schiiler der obersten (10.) Klasse hatten gebe- 
ten um ein Gesprach mit Rudolf Steiner (2/93). Dabrachten sie alles 
vor, was sie an Kiimmernissen iiber einige ihrer Lehrer auf dem Her- 
zen hatten. Rudolf Steiner horte sie an, liefi sie ruhig alles ausspre- 
chen, fragte nicht nach und entliefi sie, ohne weiter darauf einzu- 
gehen. Dies Gesprach hatte eine starke Nachwirkung, aber erst im 
folgenden Jahr. 

4. Schuljahr: 20. Juni 1922 bis etwa 24. Marz 1923 

Auch hier sind die beiden ersten Zahlen nicht genau festzustellen: 

19 Klassen 
37 Lehrer 
640 Schiiler 

Gleich zu Beginn des Schuljahres, noch ehe der Unterricht beginnt, 
ziehen sich die Wolken zum ersten Male dicht zusammen und entla- 
den sich, wie auch dann im Lauf des Jahres, Schlag auf Schlag. 
Rudolf Steiner gebraucht immer wieder empdrte, tadelnde Worte, 
bis hin zum Februar 1923. 

Aber in die dadurch entstandene finster lastende Stimmung der Leh- 
rer hinein stellt er im letzten Vierteljahr, eine nach der anderen, 
sieben geschlossene Sonderdarstellungen, die jeweils ein wichtiges 



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Gebiet der Padagogik erhellen. Sie umfassen manchmal eine ganze 
Konferenz. Es wird so gleichsam das, was abzusinken droht, mit 
Riesenkraft wieder in die Hohe gehoben. 

Das erste Unwetter grollt gleich am Abend nach der Schuleroffnung 
1922. Nach kurzer Ansprache wird in einigen der wichtigsten Facher 
ein Austausch der Lehrer vorgenommen. Rudolf Steiner war dem, 
was die Schiiler der 10. Klasse ihm im Gesprach vorgebracht hatten, 
selbst griindlich beobachtend nachgegangen (2/93) und hatte den 
Eindruck bekommen, daft ,,die Waldorfschule (mit diesen Kindern) 
nicht eigentlich fertig geworden ware" (2/93). Ein schwerer Vor- 
wurf folgt dem anderen. (Es werden nur einige angefiihrt.) Statt des 
,,innigen Verbundenseins" mit der Klasse sei eine ,,gewisse . . . Ent- 
fremdung eingetreten". Es sei zu einem ,,Zerflattern" der Klasse 
gekommen, nicht zum ,,richtigen Zusammenwirken". Statt ,,Begei- 
sterung" habe sich ,, negative, skeptische Stimmung ... in den 
Unterricht hineingeschlichen" (2/95, 96). 

Der Unmut Rudolf Steiners ist so tief, dafi er am nachsten Abend die 
Konferenz schroff abbricht und im Zorn hinausgeht, als es sich zeigt, 
daB bei den Zeugnissen ,,ein Mangel an Ernst", ,,eine unerhorte 
Schlamperei" vorgekommen sei (2/110). Erst die Konferenz am drit- 
ten Tag (22. Juni 1922) verlauft in gewohnter Weise. 
Ganz besonders schlimm wird es, als im Herbst 1922 bei einer 
Gruppe von Schiilern der 9. bis 11. Klasse Ausschreitungen vorge- 
kommen waren, in denen sich eine moralische ,,Verwilderung" 
offenbarte. Die griindliche Besprechung dariiber nimmt zwei ganze 
Konferenzen (2/120—137) und dariiber in Anspruch. 
Mehrere Schiiler mussen von der Schule ausgeschlossen werden, und 
es gibt einigen Wirbel in den Klassen und bei den Menschen um die 
Schule herum. 

Rudolf Steiner gebraucht auch dieses Mai gegeniiber den Lehrern 
wieder harte Worte, und er wiederholt manche auch in anderen Kon- 
ferenzen dieses Jahres. (Auch hier wird nicht auf alles hingewiesen.) 
Er spricht von ,,gewohnlichem Schulschlendrian" (2/205), von 
,,innerer Bequemlichkeit" (2/225). ,,Die Waldorfschul-Methodik ist 
nicht iiberall angewendet" (2/205), ,,die Praxis ist noch nicht da" 
(2/108). ,,Das Dozieren ist nicht iiberwunden worden" (2/174). Es 
bestehe nicht genug ,,Interesse und Verstandnis for das Echo, das aus 
der Klasse entgegenkommt" (2/173); ,,die Kinder arbeiten nicht 
mehr innerlich seelisch mit" (2/173). So ist ,,der Kontakt verloren 
mit den Kindern" (2/204). ,,Selbstdisziplinierung" ist notig (2/224). 



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,,Frische, . . . Wurf, Schneid gehort in unsere Unterrichtstatigkeit" 
(2/206). „Wir miissen Feuer hineinbringen" (2/179). Vor allem 
aber: „Es muft Humor hinein!" (2/108). Gerade dies wird mehrfach 
auch an anderen Stellen wiederholt. „Die Stimmung ist hier eine so 
gespannte" (2/224). ,,Ein harmonisches Zusammenarbeiten miiftte 
geboren werden" (2/225). 

Es kommen noch Schwierigkeiten anderer Art hinzu. In iiber drei 
Konferenzen wird endlos verhandelt iiber die richtige Gestaltungdes 
Stundenplans (28. Oktober, 24. November, 5. und 9. Dezember 

1922) . Der Eindruck ist, daft Rudolf Steiner zuletzt resignieren muft, 
weil er kein Verstandnis findet. 

Und endlich zeigt es sich als notig, daft Rudolf Steiner die Schulver- 
waltung auf eine neue Grundlage stellt. Er schlagt vor, daft neben 
dem, der im Schulhause wohnt und deshalb gewisse laufende Ver- 
waltungsdinge zu fiihren hat (2/235), nun fur allesubrige ein ,,kleines 
Kollegium", ein drei- bis vierkopfiger Verwaltungsrat gebildet wird 
(2/235). Dies laftt sich aber erst in muhsamenundlangwierigen Ver- 
handlungen erreichen, bei denen Rudolf Steiner mit seinen tadeln- 
den Aufterungen nicht hinter dem Berge halt (23. und 31. Januar 

1923) . 

Wahrend dieser schweren Monate wird aber dennoch der Ausbau der 
Schule fortgefiihrt. Fiir die neue 11. Klasse wird ein ausfuhrlicher 
Lehrplan gegeben (2/97-99, 102-106, 109), und es sollen neue 
Lehrer berufen werden (2/151, 184). Durch neue Parallelklassen 
konnen nun die Volksschulklassen alle doppelziigig gefiihrt werden. 
Vor allem aber tut Rudolf Steiner etwas tief Eingreifendes. Gerade 
in dieser Zeit (Januar bis Marz 1923), als auch in der Anthroposo- 
phischen Gesellschaft grofte Schwierigkeiten zu uberwinden sind, 
wirkt Rudolf Steiner durch das Einflieftenlassen neuer spiritueller 
Krafte der niederdriickenden Stimmung entgegen. 
Er spricht erstens iiber den Bildschmuck in den Raumen der Schule 
(2/228—231, 240, 241); zweitens daruber, wie sich der Lehrer 
fruchtbar vorbereiten kann (2/232—235). Es folgt als drittes das 
iiber die Schulhygiene Gesagte (2/257—267), und viertens ein aus- 
fiihrliches Gesprach iiber die Stellung des franzosischen Unterrichts 
in der Schule (2/276—284). Als fiinftes schlieften sich an Ernah- 
rungsfragen (2/284—289) und sechstens die Grundlegung desTurn- 
unterrichts (2/218—220, 292—301). Schlieftlich als siebtes werden 
fur Lehrer und einige besonders interessierte Musikfreunde im Marz 
noch zwei grofte Vortrage gehalten iiber Wesen und Entwicklung der 
Musik (Zeittafel; Liste Nr. 24). 



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5. Schuljahr: 24. April 1923 bis etwa 7. April 1924 

21 Klassen 
39 Lehrer 
687 Schiiler 

Die Gewitterstiirme des Vorjahres haben die Luft gereinigt, wenn es 
auch noch keineswegs ohne Riickfalle und Riickschlage abgehen will. 
Im Zentrum des Interesses steht, auflerlich gesehen, wahrend des 
ganzen Jahres die Auseinandersetzung mit Staat und Auftenwelt, das 
heiBt hier also mit dem Abiturientenexamen. Das nimmt viel Zeit 
und Kraft in Anspruch. 

Grofite geistige Ereignisse geben die herrschende Stimmung. Erstens 
im Herbst 1923 die drei Vortrage fur die Waldorflehrer ,,Anregungen 
zur innerlichen Durchdringung des Lehr- und Erzieherberufes" 
(Liste Nr. 28). Zweitens am Ende des Schuljahres die ,,Erziehungs- 
tagung der Freien Waldorfschule" (Liste Nr. 29). Drittens, und mehr 
als alles andere, die Dornacher Weihnachtstagung vom 24. Dezember 
1923 bis zum 1. Januar 1924 (Liste Nr. 118). 

Es wird der Versuch gemacht, die Schuler schon am Ende des 
12. Schuljahres ins Abitur zu schicken. Davon ist in zwei Dritteln 
aller Konferenzen dieses Jahres die Rede; mehr oder weniger aus- 
fuhrlich, direkt oder indirekt. Besonders eindringlich wird es am 
25. April 1923 und ganz zuletzt, also schon nach der Priifung, am 
27. Marzl924. 

Diese Abituriumsnot ist auch der Grund dafiir, daft der Lehrplan der 
neueingerichteten 12. Klasse gar nicht so aufgestellt werden kann, 
wie es sein miifite. Immer wieder heiftt esahnlich wie 3/34—38: ,,Wir 
mtifiten den Lehrplan der 12. Klasse eigentlich . . .", und dann: 
,,aber wir konnen des Abiturs wegen nur . . ." Immerhin kann doch 
Wesentliches gegeben werden: iiber Chemie (3/35, 36, 76, 77), iiber 
Zoologie und Geologie (3/34, 35, 42-44, 77-79). Ausfiihrlich wird 
gesprochen iiber Interpunktion, ihr Wesen und die Methode ihrer 
Behandlung (3/56, 67-70). 

Im iibrigen Aufbau wird zum ersten Male eine dritte 5. Klasse, eine 
5c eingerichtet (3/93, 100) und wieder zwei 1. Klassen (3/21), Es 
gehen Lehrer fort, zumTeil nach schwierigen Auseinandersetzungen 
(3/21— 25), und neue kommenhinzu (2/302, 3/26). 
Aber wieder erheben sich Schwierigkeiten mit Schulern, diesmal 
nicht aus den drei obersten Klassen (dort ist eine gewisse Beruhigung 
eingetreten), sondern aus der 9. Klasse. Es ist in diesem Jahr nicht 



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alles gar so tragisch, es klingt auch Humor hinein. Ausschliisse kom- 
men nicht vor. Aber bei mehreren Schiilern wird die schwierige 
Psychologie eingehend durchgesprochen (3/60—63, 64—66, 71, 
82—86). Es handelt sich in erster Linie darum, daft die in diesem 
Alter heraufkommende ,,latente" Intelligenz sich von sich selbstaus 
nur an ,,riipelhaften Sachen iibt". ,,Die Intelligenz muft auf die rich- 
tigen Bahnen gelenkt werden" (3/72—74). 

Diesem Negativen stehen auch in diesem Jahre wieder herrlichste 
Geistgeschenke gegeniiber. Die ,,kunstlerisch-padagogische Tagung" 
vom 25.-29. Marz 1923 (Liste Nr. 25). Dann die ,,padagogischen 
Michaelsvortrage" vom 15. und 16. Oktober 1923 (Liste Nr. 28). 
Und schlieftlich Ostern 1924 die ,,Erziehungstagung" (Liste Nr. 29). 
In ihr wird schon spiirbar, was seit drei Monaten, alles iiberstrahlend, 
in die Schule hineinwirkte: die Dornacher Weihnachtstagung (Ein- 
leitungS. 15; Liste Nr. 118). 

Rudolf Steiner, der bei dieser Neubegriindung der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft in ihr jetzt selbst den Vorsitz iibernommen hatte, 
spricht in der nachstfolgenden Konferenz (3/110—123) erstmals 
iiber die neuen Aufgaben, aber auch iiber die neuen Krafte, die sich 
aus diesem Ereignis fur die Lehrer der Waldorfschule ergeben sollten. 
Es lag die Absicht vor, dies alles in der Folgezeit noch viel weiter und 
grofter auszubauen. 



6. Schuljahr: 30. April 1924 bis 30. Marz 1925 

1919 1924 

8 Klassen 23 Klassen 

12 Lehrer 47 Lehrer 

256 Schuler 784 Schuler 

Die von Rudolf Steiner geleiteten Konferenzen des ersten (1919/20) 
und die des letzten Schuljahres (1924) stehen einander seltsam 
gegeniiber. 

So riesenhaft sich 1919 alle Anfangsschwierigkeiten auch erheben 
mochten, sie verbrannten ganz und gar in dem Feuer der Begeiste- 
rung dariiber, daft diese Waldorfschule nun Wirklichkeit werden 
sollte. Die anthroposophische Geisteswissenschaft trat weithin sicht- 
bar in das allgemeine Kulturleben ein. Sie sollte der Erziehungskunst 
neue und befeuernde Impulse geben. Mit schier unerschopflichem 
Wagemut wurden die neuen Aufgaben angepackt. 



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Einleitungen 



Im letzten Jahr, 1924, mischen sich in den hellen Glanz, wie in den 
letzten zwei Jahren, auch wieder uniibersehbar getriibte Tone hinein. 
Sie gewinnen nicht die Ubermacht, gehen sogar zuriick, aber sie 
rufen auf zur Selbstbesinnung und zu erhohter Anspannung aller 
Krafte, um Begeisterung und Geistesgetragenheit standig neu erste- 
hen zu lassen. 

Der auBere Ausbau war in alien Grundziigen an sein Ende gelangt. 
Die zwolf Jahrgange, die die Schulpadagogik umfassen, standen, 
samt der Hilfsklasse, jetzt da. Parallelklassen wurden auch in diesem 
Jahr wieder neu eingerichtet (3/145), trotzdem die Schiilerzahl fiir 
die vier untersten Klassen von der Schulbehorde noch eingeschrankt 
war (3/145, Einleitung S. 29, 30); auch neue Lehrer wurden noch 
eingestellt (3/143, 145), aber es wurde nicht, wie bisher, eine neue 
Klasse auf die eigentliche Schule daraufgesetzt. 

Dafiir kam der weittragende Entschluft zustande, in diesem Schul- 
jahr nicht mehr die Reifepriifung am Ende der 12. Klasse abzuhalten. 
Dieser Versuch hatte im vorigen Jahr die oberste, 12. Klasse und 
ihren Lehrplan von Grund aus verdorben. 

Rudolf Steiner erwog lange (3/144, 146, 150, 194), wie diese Frage 
zu losen sei. Er sprach sie auch mit den Schiilern durch, die jetzt in 
die 12. Klasse eintraten (3/135, 150). Das endgiiltige Ergebnis war, 
daft vom iibernachsten Jahr, also von 1925 ab, eine eigene Klasse 
eingerichtet werden sollte fiir solche Schiiler, die ein staatliches 
Reifezeugnis benotigten fiir ihren Lebensweg. Damit aber diese 
Klasse nicht einfach als die hochste, die 13., angesehen werden 
konne, sollte sie schon durch die Namensgebung „Vorbereitungs- 
klasse fiir das Abiturium" (3/194) als eine Sondereinrichtung cha- 
rakterisiert werden. Die zwolf eigentlichen Klassen sollten ,,rein 
gehalten" werden (3/146). 

Fiir die zwolf Schulklassen aber konnte nun, ohne Rucksichtnahme 
auf Abschlufizeugnisse, der Lehrplan vervollstandigt werden, wie 
immer ausschlieBlich begriindet auf Wesen und Bediirfnisse der jun- 
gen Menschen selbst (3/146-149, 150—158). Er wurde erganzt 
durch einen jetzt neu gegebenen Gesamtlehrplan fiir den Unterricht 
in den neueren Fremdsprachen (3/161 — 165, 170—175). 
Das Hinausschieben der Abitursvorbereitung aus der eigentlichen 
Schule war aber nur ein Teil eines Kampfes, den Rudolf Steiner 
damals fuhrte, um die Waldorfschule ,,rein zu halten" von den Ein- 
fliissen, die aus deriiblichen, „bourgeoisen" (1/261) hoheren Schule 
hineinwehten. Denn diese veranlaBten zum guten Teil die erwahnten 
Triibungen des Gesprachstones in den Konferenzen. 



Einieitungen 



59 



Die Riicksicht auf die Priifung drohte, schon bis in die 9. Klasse 
hinunter, die Oberstufe einseitig intellektuell oder lernmafiig zu 
machen. Sie verhinderte, die Lebenskunde oder Technologie zu 
erweitern; sie drohte sogar, die bestehende einzuengen, die doch 
gerade ins Tatig-Menschliche, ins wirkliche Leben hineinfiihren 
sollte. Das ist in den Konferenzen nicht mit direkten Worten gesagt, 
aber wer diesen Ton in anderen Vortragen Rudolf Steiners, zum 
Beispiel 1/276, 277, oder ,,Die padagogische Praxis vom Gesichts- 
punkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis", 7. Vortrag, 
S. 142—145 (Liste Nr. 26), vernommen hat, hort ihn auch hier 
immer wieder durch. Manche Enttauschung und Bitterkeit, mancher 
Tadel (3/167-169, 182-185, 187-190), die schon im 5. Schuljahr 
ausgesprochen waren, kommen jetzt verstarkt wieder. Die strengen 
Worte beziehen sich, wenn von den Zeugnissen (3/141, 167, 168, 
180, 181) die Rede ist, auf samtliche Klassen, sonst aber vor allem 
auf die oberen. Und da trifft es besonders die Lehrer des Hauptunter- 
richts, die selbst einst durch staatliche Oberschule und Universitat 
mit ihren intellektuellen Forderungen hindurchgehen mufiten. 
Davon war ihnen zuruckgeblieben, womit sie jetzt zu ringen hatten: 
das Dozieren (3/187), die Miidigkeit. „Ein Mensch kann doch nicht 
miide sein, wenn erimGeiste leben soil" (3/190). Mit harten Worten 
bezeichnet Rudolf Steiner diese Fehler, die noch nicht durch 
Anthroposophie iiberwunden sind, und wiederholt das immer 
wieder. ,,Es fehlt der moralische EinfluB der Lehrerschaft auf die 
Schiilerschaft von der 8. Klasse ab eigentlich doch sehr stark" 
(3/183). Die Schwierigkeiten seien ,,vorzugsweise eine Sache des 
Interesses an den Kindern . . . und eine Sache des Enthusiasmus" 
(3/189). 

Aber so streng die Worte klingen mogen, so sind sie doch niemals in 
Resignation gesagt. Sie sind positiv gemeint, wollen weiterhelfen. 
,,Ich muB einen neuen Einschlag geben" (3/189). Fur die herandran- 
genden Aufgaben soli sich der Blick starker und klarer nach innen 
wenden, damit die Arbeit der Lehrer immer tiefer angeschlossen 
werde an das Geistige, an die wahre Menschenkunde. ,,Ich will Vor- 
trage halten im September oder in der ersten Oktoberwoche iiber die 
moralische Seite der Erziehung und des Unterrichts" (3/194). Aber 
dieser Kurs wurde nicht gehalten. Die eingetretene Krankheit 
Rudolf Steiners verhinderte es. Ebenso wird erwahnt ein zugesagtes 
Seminar iiber den Sprachunterricht, das nicht mehr zustande kam. 
Diese Liicken schmerzen seither wie brennende Wunden. Denn die 
Aufgaben wurden grofter und grofier. 



60 



Einleitungen 



Die erste Gruppe der Absolventen, der ,,ehemaligen" Schiiler stand 
schon da. Mit ihnen wurden zwei Besprechungen abgehalten (Zeit- 
tafel), und Rudolf Steiner stellte weitere Fiirsorge in Aussicht. 
Auch der Kreis der Jugendgruppen, die auf die Waldorfschule hin- 
schauten, war gewachsen. Erwahnt werden die in Breslau (3/177) 
und die in Dornach (3/137, 143 und Einleitung S. 35). Die Schul- 
bewegung erweiterte sich. Es wurden neue Schulen jetzt auch in 
Holland und England errichtet, fur die Rudolf Steiner padagogische 
Kurse hielt mit Hinweisen auf das Stuttgarter Urbild. Und ebenfalls 
wuchs das Bediirfnis, aus dem Munde der Lehrer Naheres iiber Wal- 
dorf-Padagogik zu horen. Solche Vortrage waren gehalten oder in 
Aussicht genommen in Niirnberg und Munchen (3/192). 
Die Eltern der Waldorfschiiler hatten gebeten um Belehrung und 
Hilfe. Ihnen hielt Rudolf Steiner einen Vortrag am 1. Juni 1924 
(Zeittafel. ListeNr. 8). 

Oberall tonte aus den Worten Rudolf Steiners die vertiefte Kraft 
heraus, die er in die Schule einflieflen lieft. Aber das geschah wohl 
niemals intensiver, freudiger, strahlender als in seiner Ansprache an 
Kinder, Eltern, Lehrer beim Schulbeginn am 30. April 1924 
(3/145). Und niemals war die Stimmung geloster und trotz allem 
hoffnungsfreudiger als in der Konferenz vom 3. September (3/191) 
in der Nacht, ehe Rudolf Steiner nach Dornach fuhr zum Kurs iiber 
Sprachgestaltung, auf den er sich so sichtlich freute. Es war die letzte 
Lehrerkonferenz mit ihm. 

Wahrend der ganzen zweiten Halfte dieses Schuljahres lag Rudolf 
Steiner krank in Dornach. Die Sorgen und Note der Lehrer konnten 
nur durch Briefe zu ihm gelangen, die dann durch ganz kurze Rand- 
bemerkungen oder durch nach Stuttgart zu schreibende Anweisun- 
gen beantwortet wurden. Am letzten Schultag, am 30. Marz 1925, 
starb Rudolf Steiner. 

Zwei Wochen vorher hatte er noch einmal selber einen Brief an die 
Waldorflehrer geschrieben (abgedruckt in ,,Die Konstitution der All- 
gemeinen Anthroposophischen Cesellschaft . . .", S. 405; Liste 
Nr. 50). In diesem Brief faflt Rudolf Steiner noch einmal die Kern- 
krafte der Waldorf-Padagogik zusammen. Er spricht da von der 
Fruchtbarkeit der Anthroposophie und sagt: ,,Wenn die Lehrer- 
schaft treu im Herzen das Bewufltsein tragt von dieser Fruchtbar- 
keit, dann werden die guten iiber dieser Schule waltenden Geister 
wirksam sein kor.nen, und in den Taten der Lehrer wird gottlich- 
geistige Kraft walten." 

Erich Gabert 



ANSPRACHE VON DR. RUDOLF STEINER 
am 20. August 1919 in Stuttgart 



bei einem BegriiBungsabend fur die Teilnehmer an den padagogi- 
schen Kursen, die vom 21. August bis zum 6. September fur die 
kiinftigen Waldorflehrer abgehalten wurden. 

Anwesend Herr Molt Frau Koegel 

Frau Molt Herr Baumann 

Herr Stockmeyer Herr Rudolf Meier 

Fraulein von Mirbach Herr Pastor Geyer 

Fraulein Herrmann Herr Hahn 

Herr Dr. Treichler Herr Oehlschlegel 
Fraulein Dr. C. von Heydebrand 

Rudolf Steiner: Heute Abend soil nur etwas Praliminarisches 
gesagt werden. Die Waldorfschule muB eine wirkliche Kulturtat 
sein, um eine Erneuerung unseres Geisteslebens der Gegenwart zu 
erreichen. Wir miissen mit Umwandlung in alien Dingen rechnen; die 
ganze soziale Bewegung geht ja zuletzt auf Geistiges zuriick, unddie 
Schulfrage ist ein Unterglied der groBen geistigen brennenden Fra- 
gen der Gegenwart. Die Moglichkeit der Waldorfschule muB dabei 
ausgeniitzt werden, um reformierend, revolutionierend im Schul- 
wesen zu wirken. 

Das Gelingen dieser Kulturtat ist in Ihre Hand gegeben. Viel ist damit 
in Ihre Hand gegeben, um, ein Muster aufstellend, mitzuwirken. Viel 
hangt davon ab, daB diese Tat gelingt. Die Waldorfschule wird ein 
praktischer Beweis sein fiir die Durchschlagskraft der anthroposo- 
phischen Weltorientierung. Sie wird eine Einheitsschule sein in dem 
Sinne, daB sie lediglich darauf Riicksicht nimmt, so zu erziehen und 
zu unterrichten, wie es der Mensch, wie es die menschliche Gesamt- 
wesenheit erfordert. Alles miissen wir in den Dienst dieses Zieles stel- 
len. 

Aber wir haben es notig, Kompromisse zu schlieBen. Kompromisse 
sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich 
freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte AbschluB- 
ziele werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die 
denkbar schlechtesten, und man bildet sich das denkbar Hochste auf 
sie ein. Die Politik, die politische Tatigkeit von jetzt wird sich da- 
durch auBern, daB sie den Menschen schablonenhaft behandeln 
wird, daB sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Men- 



62 



Ansprache 



schen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behan- 
deln wie einen Gegenstand, der an Drahten gezogen werden mufi, 
und wird sich einbiiden, daft das einen denkbar grofiten Fortschritt 
bedeutet. Man wird unsachgemafi und moglichst hochmiitig solche 
Dinge einrichten, wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und 
Vorgeschmack davon ist die Konstruktion der russischen bolsche- 
wistischen Schulen, die eine wahre Begrabnisstatte sind fur alles 
wirkliche Unterrichtswesen. Wir werden einem harten Kampf ent- 
gegengehen und miissen doch diese Kulturtat tun. 
Zwei widersprechende Krafte sind dabei in Einklang zu bringen. Auf 
der einen Seite miissen wir wissen, was unsere Ideale sind, und miis- 
sen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das, 
was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Krafte in 
Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein fur jeden einzelnen 
von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine voile 
Personlichkeit einsetzt. Jeder muft seine voile Personlichkeit einset- 
zen von Anfang an. 

Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemaft, sondernver- 
waltungsgema.fi einrichten und sie republikanisch verwalten. In einer 
wirklichen Lehrerrepublik werden wir nicht hinter uns haben Ruhe- 
kissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern wir 
miissen hineintragen (in uns tragen?) dasjenige, was uns die Moglich- 
keit gibt, was jedem von uns die voile Verantwortung gibt fur das, 
was wir zu tun haben. Jeder muft selbst voll verantwortlich sein. 
Ersatz fur eine Rektoratsleistung wird geschaffen werden konnen 
dadurch, daft wir diesen Vorbereitungskurs einrichten und hier das- 
jenige arbeitend aufnehmen, was die Schule zu einer Einheit macht. 
Wir werden uns das Einheitliche erarbeiten durch den Kurs, wenn 
wir recht ernstlich arbeiten. 

Fur den Kurs ist anzukiindigen, daft er enthalten wird: 

Erstens eine fortlaufende Auseinandersetzung iiber allgemein pad- 
agogische Fragen 

zweitens eine Auseinandersetzung iiber speziell methodische Fragen 
der wichtigsten Unterrichtsgegenstande 

drittens eine Art seminaristisches Arbeiten innerhalb dessen, was 
unsere Lehraufgaben sein werden. Solche Lehraufgaben werden wir 
ausarbeiten und in Disputationsubungen zur Geltung bringen. 

An jedem Tag werden wir vormittags das mehr Theoretische haben 
und nachmittags dann das Seminaristische. Wir werden also morgen 



Ansprache 



63 



um 9 Uhr beginnen mit der Allgemeinen Padagogik, haben dannum 
1/2 11 die speziell methodische Unterweisung und am Nachmittag 
von 3—6 Uhr die seminaristischen Ubungen. 

Wir miissen uns voll bewufit sein, daB eine grofte Kulturtat nach jeder 
Richtung hin getan werden soli. 

Wir wollen hier in der Waldorfschule keine Weltanschauungsschule 
einrichten. Die Waldorfschule soil keine Weltanschauungsschule 
sein, in der wir die Kinder moglichst mit anthroposophischen Dog- 
men vollstopfen. Wir wollen keine anthroposophische Dogmatik leh- 
ren, aber wir streben hin auf praktische Handhabung der Anthro- 
posophie. Wir wollen umsetzen dasjenige, was auf anthroposophi- 
schem Gebiet gewonnen werden kann, in wirkliche Unterrichts- 
praxis. 

Auf den Lehrinhalt der Anthroposophie wird es viel weniger ankom- 
men als auf die praktische Handhabung dessen, was in padagogischer 
Richtung im allgemeinen und im speziell Methodischen im besonde- 
ren aus Anthroposophie werden kann, wie Anthroposophie in Hand- 
habung des Unterrichts iibergehen kann. 

Die religiose Unterweisung wird in den Religionsgemeinschaften 
erteilt werden. Die Anthroposophie werden wir nur betatigen in der 
Methodik des Unterrichts. Wir werden also die Kinder an die Reli- 
gionslehrer nach den Konfessionen verteilen. 

Das ist der andere Teil des Kompromisses. Durch berechtigte Kom- 
promisse beschleunigen wir unsere Kulturtat. 

Wir miissen uns bewufit sein der groften Aufgaben. Wir diirfen nicht 
bloB Padagogen sein, sondern wir werden Kulturmenschen im 
hochsten Grade, im hochsten Sinne des Wortes sein miissen. Wir 
miissen lebendiges Interesse haben fur alles, was heute in der Zeit vor 
sich geht, sonst sind wir fiir diese Schule schlechte Lehrer. Wir diirfen 
uns nicht nur einsetzen fiir unsere besonderen Aufgaben. Wir werden 
nur dann gute Lehrer sein, wenn wir lebendiges Interesse haben fiir 
alles, was in der Welt vorgeht. Durch das Interesse fiir die Welt miis- 
sen wir erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen fiir die 
Schule und fiir unsere Arbeitsaufgaben. Dazu sind notig Elastizitat 
des Geistigen und Hingabe an unsere Aufgaben. 

Nur aus dem konnen wir schopfen, was heute gewonnen werden 
kann, wenn Interesse zugewendet wird 

erstens der grofien Not der Zeit, 

zweitens den groBen Aufgaben der Zeit, die man sich beide nicht 
groB genug vorstellen kann. 



64 



Ansprache 



Die Aufforderung zur Teilnahme am Kurs als Gaste ist nur an solche 
Anthroposophen ergangen, die spezielles Interesse haben, die an 
anderen Orten Ahnliches einrichten wollen. 

Gaste: Andreas Korner aus Niirnberg 
Fraulein Kieser aus Heilbronn 
Dr. W. Stein aus Wien 
Strakosch 
Wolfer 

An den beiden Sonntagen werden wir vormittags grofie Vortrage 
haben. 

Jeder Lehrer muB der Behorde einen Lebenslauf einreichen, aus dem 
hervorgeht, dafi er so viel gelernt hat, dafi er den Unterricht geben 
kann. Das wird von der Schulbehorde abhangen. Auch moralische 
Eignung. 



Konferenz vom Montag 8. September 1919, 10 Uhr 



Dr. Steiner: Wir werden den Schulanfang um 8 Uhr haben. Fur die 
Zeit vom 15. November bis zum 15. Februar kann 1/2 9 Uhr in 
Aussicht genommen werden. Klassenlehrer werden sein: 

1. Klasse Fraulein von Mirbach 

2. Klasse Herr Pastor Geyer 

3. Klasse Fraulein Lang 

4. Klasse Frau Koegel 

5. Klasse Fraulein Dr. von Heydebrand 

6. Klasse Herr Oehlschlegel 

7. und 8. Klasse Herr Dr. Treichler und Herr Stockmeyer. 

Aufterdem werden als Lehrer tatig sein: Herr Dr. Stein, Herr Hahn, 
Frau Baumann, Herr Baumann. 

Der Religionsunterricht ist auf den Nachmittag zu verlegen. Ebenso 
auch das Singen und der musikalische Unterricht; das wird von 
14—15.30 Uhr liegen. Auch die Eurythmie sollte nachmittags sein. 

Wir werden also am Nachmittag haben: 

von 14— 15.30 Uhr Musikalisches 

eine halbe Stunde Pause zur Erholung 
von 16—17 Uhr Religion 
von 17— 18 Uhr Eurythmie und Turnen 
um 18 Uhr werden die Kinder entlassen. 
Der Mittwoch- und Samstagnachmittag ist frei. 

Die Stunden werden sich in folgender Weise auf die Wochentage ver- 
teilen: 

14-15.30 Uhr 16-17 Uhr 17-18 Uhr 

Singen und Religion Eurythmie 
Musikalisches 

Montag 7./8. Klasse 7./8. Klasse 1./2. Klasse 

Dienstag 5./6. Klasse 5./6. Klasse 3./4. Klasse 

Mittwoch — — — 

Donnerstag 4./3. Klasse 4./3. Klasse 5./6. Klasse 

Freitag 2./1. Klasse 2./1. Klasse 7./8. Klasse 

Samstag — — — 



66 



8. 9. 1919 



Die Stundenzahl ist den Lehrern uberlassen. Der Religionsunter- 
richt ist in absteigender Linie zu unterrichten. Es ist gut fur den Leh- 
rer, den Sonntag nach den Kleinsten zu haben. Am Donnerstag und 
Freitag haben wir also in den vier niederen Klassen ab 16 Uhr den 
Religionslehrer. 

In der 1., 2., 3. Klasse haben wir nur Eurythmie, in der 4., 5., 6., 7., 
8. Klasse auch Turnen. Die Turner sollte man bei der Eurythmie, die 
Eury thmisten beim Turnen zuschauen lassen. 

Dann der Stundenplan fur den Vormittag: 

1. Klasse Montag Mittwoch Freitag 8 —10 Haupt- 

Dienstag Donnerstag Samstag 101/4 — 121/4 unterricht 

2. Klasse Dienstag Donnerstag Samstag 8 —10 Haupt- 

Montag Mittwoch Freitag 10 1/4 — 121/4 unterricht 

Es sollte in den ersten dreiviertel Jahren alles moglichst im Zusam- 
menhang durchgenommen werden, also die Facher ein Vierteljahr 
hintereinander, nach Wahl. Im letzten Vierteljahr kann man dann die 
Gegenstande trennen und sie abwechselnd nehmen zur Wiederho- 
lung. Nur bei der Wiederholung trennt man die Gegenstande, sonst 
nimmt man immer eine Zeitlang nur einen Gegenstand, also etwa 
Marchenerzahlen und dann Schreiben. 

3. Klasse Montag bis Samstag 8—10 Uhr fur den Klassenlehrer. 

Zwolf Stunden ist genugend fur den Lehrer. Das ist achtstundiger 
Arbeitstag mit der Vorbereitung. 

4. Klasse wie bei Klasse 3 

5. Klasse Montag Mittwoch Freitag 8 —10 

Dienstag Donnerstag Samstag IO1/4 — 121/4 

6. Klasse Dienstag Donnerstag Samstag 8 —10 

Montag Mittwoch Freitag 101/4 — 121/4 

In der 7. und 8. Klasse wechseln die beiden Klassenlehrer mitein- 
ander. 

7. Klasse 1. Lehrer Montag Mittwoch Freitag 8-10 

2. Lehrer Dienstag Donnerstag Samstag 8—10 

8. Klasse 1. Lehrer Dienstag Donnerstag Samstag 8—10 

2. Lehrer Montag Mittwoch Freitag 8—10 



8.9. 1919 



67 



Sprachunterricht : 

Die 1. Klasse hat taglich, je nachdem ob der Hauptunterricht urn 8 
oder um lO 1 /* beginnt, vorher oder nachher eine Stunde Englisch 
und Franzdsisch. Das ist eventuell auf den Nachmittag zu verlegen, 
aber womoglich sollte es am Vormittag sein. 

Die 2. Klasse ebenso. 

Die 3. Klasse hat auch taglich eine Stunde Englisch oder Franzd- 
sisch. 

Die 4. Klasse ebenso. Aber die haben dazu aufierdem taglich nach- 
mittags zwei Stunden Lateinisch, aufler Mittwoch und Samstag, also 
acht Stunden in der Woche. Aber alles womoglich am Vormittag. 

Spater wurde das von Dr. Steiner dahin abeeandert, dafi sowohl mit dem 
Lateinischen wie mit dem Griechischen in der 5. Klasse begonnen werden 
sollte. Siehe auch Seminarbesprechungen S. 182. 

Die 5. Klasse ebenso. 

In der 6. und 7. Klasse kommt Griechisch hinzu. Dafiir fallen 
wochentlich vom 6. Schuljahr ab drei englisch/franzosische Stunden 
weg. Statt dessen haben sie 1 1/2 Stunden Latein und 1 1 /2 Stunden 
Griechisch. 

Aller Sprachunterricht sollte zwischen Pausen gemacht werden. 

Das Englisch in der 1. und 2. Klasse ubernimmt Fraulein Dr. von 
Hey debrand ; alles iibrige Englisch Herr Oehlschlegel. 

Im Franzosischen ubernimmt Herr Hahn die 1. bis 3. Klasse, also 
neun Stunden; das iibrige, die 4. bis 8. Klasse Herr Dr. Treichler. 

Lateinisch: 4. (und 5.? ) Klasse Herr Pastor Geyer, 6. Klasse Herr 
Dr. Treichler. 

Griechisch: Herr Dr. Treichler. 

Herr Dr. Stein vertritt Fraulein von Mirbach fiir die Zeit ihrer Ab- 
wesenheit. Vielleicht kann Dr. Stein im Latein Dr. Treichler helfen, 
drei bis vier Wochen, bis Mitte Oktober. 

Handarbeit kann zum Teil im Hauptunterricht gegeben werden. 
Oder man kann es nachmittags einfugen. 

Der anthroposophische Unterricht, der freie Religionsunterricht, 
kann durch die Klassenlehrer gegeben werden. Aber damit soli man 
pausieren bis zum 23. September. 



68 



8.9 1919 



Vom 18. bis zum 21, September bin ich in Dresden, am 23. werde 
ich wieder hier sein. Da wird vieles zu besprechen sein. Da konnen 
Sie vieles fragen. Am 26. mufi ich wieder weg. 

Es wird gefragt nach Apparaten fur die Physik. 

Dr. Steiner: Lehrmittel muft man anschaffen, wenn sie gebraucht 
werden. Aber man sollte es vier Wochen vorher sagen, 

Es wird eine Frage gestellt nach dem Physikunterricht. 

Dr. Steiner: Man mui3 unterscheiden: geschlagene, gerissene, gestri- 
chene Tone. Am Monochord. 

Dr. Steiner weist fur den lateinischen und griechischen Unterricht auf in 

Osterreich gebrauchliche Lehrbiicher hin: 

Schmidt, ,,Lateinische Schulgrammatik", ed. Hofmann, 

Schenkel, ,,Griechisches Elementarbuch" und ,,Griechisches Obungsbuch". 

Marchen, Sagen, Erzahlungen. Geschichte (Lehrerbibliothek). 

Verein Freie Waldorfschule. 

Einheitliche Volks- und hohere Schule. 

Dr. Steiner: Konferenzen sind freie republikanische Unterredungen. 

Jeder ist darin ein Souveran. 

Jeder Lehrer sollte ein kurzes Tagebuch fiihren. 



Konferenz vom Donnerstag 25. September 1919, 8.30 Uhr 



Dr. Steiner: Meine lieben Freunde! Heute wird es sich darum han- 
deln, daft Sie die in den letzten zehn Tagen gesammelten Erfahrun- 
gen vorbringen und wir das Notige besprechen. 

Stockmeyer (als Verwalter der Schule) berichtet: Wir haben den Unterricht 
am 16. September angefangen mit einer kurzen Ansprache an die Schiiler 
durch Herrn Molt. 

An dem Stundenplan, wie er hier verabredet war, muftte einiges geandert wer- 
den, weil die evangelischen und katholischen Religionslehrer zu den von uns 
festgesetzten Stunden nicht Zeit haben. Es mufiten auch einige Klassen zu- 
sammengelegt werden. 

In den Unterricht von 8 — 10 mufite eine kleine Pause von funf Minuten ein- 
geschoben werden. 

Dr. Steiner: Das kann gemacht werden. Aber was in der Zeit ge- 
schieht, muB im freien Ermessen des Lehrers stehen. 

X. ; Beim Sprachunterricht in den oberen Klassen stellte sich heraus, dafi bei 
einzelnen Kindern noch gar keine Sprachkenntnisse vorhanden sind. Des- 
wegen miissen am Anfang statt eineinhalb Stunden nun drei englische und 
drei franzosische Stunden gegeben werden. Es muftte auch ein Anfangerkurs 
eingerichtet werden und einer fur Fortgeschrittenere. 

Dr. Steiner: Was unterrichten Sie in der 8. Klasse? 

X.: Zinsrechnung in repetierender Weise; ich will jetzt zu Diskont- und Wech- 
selrechnung iibergehen. 

Dr. Steiner: Die beiden Lehrer der 7. und 8. Klasse miissen sich eben 
fortlaufend miteinander verstandigen, daft immer, wenn ein Lehrer 
oder eine Lehrerin die Klasse verlafit, ein gewisser Abschluft vorhan- 
den ist. Wenn er dann in die Klasse zuruckkommt, mufi wiederholt 
werden. Ist es Ihnen in den paar Tagen schon gelungen, genau zu 
wissen, wieviel die Schiiler schon konnen? 

X.; Das konnte ich ungefahr schon feststellen. 

Dr. Steiner: Bei Ihrer beschrankten Schiilerzahl ist dies ja wohl 
moglich gewesen, aber die anderen werden es kaum gekonnt haben. 
Man kann durchaus daran festhalten, daft Sie vielleicht ungefahr im 
Mittel acht Tage nehmen zum Wechseln, aber es mufi dann speziell so 
eingerichtet werden, daft ein Kapitel abgeschlossen ist. 

X. : In der 7. Klasse konnen sie wenig Geschichte. 



70 



25.9. 1919 



Dr. Steiner: Sie werden wahrscheinlich in so etwas wie in der Ge- 
schichte in jeder Klasse von vorne anfangen mussen, denn eine 
ordentliche Geschichte wird keiner kennen. Die Kinder werden sich 
vielleicht das Landlaufige angeeignet haben, aber eine ordentliche 
Geschichte, wie wir sie hier angedeutet haben, werden Sie bei nie- 
mand finden. Sie werden sie in jeder Klasse von vorne anfangen 
mussen. 

X.: Viele Eltern konnten sich nicht entscheiden, ob sie den freien Religions- 
unterricht oder ob sie evangelischen oder katholischen fur ihre Kinder wahlen 
wollten. Sie haben in den Fragebogen geschrieben „beides". Sie mochten 
wegen der Familie nicht auf die Konfirmation verzichten. 

Dr. Steiner: Da diirfen wir nicht nachgeben; entweder-oder. Wir wer- 
den iiber die Frage spater noch extra sprechen. 

X.: Es ergab sich eine wirtschaftliche Frage: Sollen die Schuler, die Schulgeld 
zahlen, ihre Biicher selbst kaufen? Fur die Kinder aus der Waldorf-Astoria- 
Fabrik haben wir ja Lehrmittelfreiheit, und da konnten dann Kinder neben- 
einander sitzen, der eine hat ein Buch, das er wieder abgeben mufi, der andere 
kann es behalten. Das ist etwas, was die Klassengegensatze betont. 

Dr. Steiner: In dieser Form kann es nicht gemacht werden, daft die 
Kinder die Biicher kaufen und behalten. Es kann nur so eemacht 
werden, dafi man fur die Eltern, die das Schulgeld bezahlen, dies 
Schulgeld um die Lehrmittelpreise erhoht; es im iibrigen aber so halt, 
wie mit den anderen Kindern. Also die Biicher mussen zuriickgege- 
ben werden wie bei den anderen. 

X.: Soli das auch auf Hefte und solche Dinge ausgedehnt werden? Hier in 
Stuttgart ist das Usus geworden. Und wie soli es mit Atlanten und Zirkeln 
gehalten werden? 

Dr. Steiner: Es wiirde natiirlich das beste sein bezuglich der Hefte 
und Ahnlichem, wenn fiir jede Klasse ein Vorrat angeschafft wiirde, 
und die Kinder gezwungen waren, wenn sie ein Heft ausgeschrieben 
haben, zum Lehrer zu kommen, um ein neueszu bekommen, damit 
Rechnung getragen werden konnte dem Umstand, dafl das eine Kind 
mehr Hefte braucht als das andere. Es miiflte also ein Vorrat von 
Heften vorhanden sein, und die Hefte nach Bedarf von dem Lehrer 
den Kindern gegeben werden. 

Fiir Zirkel und dergleichen, da reiBen natiirlich auch Unsitten ein, 
wenn man es blofi in den Willen der Kinder stellt, was sie sich kaufen 
oder nicht kaufen sollen. Diejenigen, die mehr Geld haben, die kau- 
fen dann bessere Sachen. Das ist auch eine Kalamitat. Es ware schon 
vielleicht nicht schlecht, wenn man es auch da so machen wiirde, daB 



25.9. 1919 



71 



das ganze Handwerkzeug der Schule gehort, und die Kinder es nur 
zum Beniitzen bekommen. 

Fur den Atlas wiirde ich etwas anderes vorschlagen: Daft eine Art 
Fonds gestiftet wiirde fur solche Dinge, und daft die Atlanten, die 
wahrend des Jahres gebraucht werden, ebenso behandelt werden wie 
die anderen Lehrmittel. Dagegen sollte beim Abgang von der Schule 
jedes Kind einen Atlas bekommen. Das ware aufterdem eine sehr 
schone Sache, wenn die Kinder beim Abgang das eine oder andere 
bekommen wiirden. Vielleicht konnte man diese Dinge sogar als 
Pramie fur Fleift geben: ein grofteres, schoneres Buch dem, der mehr 
geleistet hat; ein kleineres dem, der weniger geleistet hat; und dem, 
der faul war, vielleicht nur eine Landkarte. Das ist etwas, was man 
tun konnte ; es darf nur nicht zu weit fiihren. 

X.: Wie sollen wir es handhaben mit den Biichern fur den konfessionellen 
Religionsunterricht? Bisher gab es da auch Lehrmittelfreiheit. Nach der 
neuen Verfassung wird es voraussichtlich nicht mehr so sein. Es war bei uns 
gemeint worden, dafi die Kinder diese Bucher selbst anschaffen sollten, und 
dafi auch der Unterricht des Pfarrers besonders bezahlt werden miifite. 

Dr. Steiner: Ich habe nichts dagegen, daft es so gemacht wird. Ich 
wiirde nur meinen, daft wir zunachst fur dieses Jahr, damit alles ohne 
Reibung ablauft, uns erkundigen sollten, wie es andere Schulen 
machen. In der Zukunft werden wir schon zu einem eigenen Modus 
kommen, aber in diesem Jahr sollten wir es so machen wie die ande- 
ren Schulen. Wir mussen uns nach den offentlichen Schulen richten. 
Wenn diese noch nicht verlangen, daft die Religionsbiicher bezahlt 
werden und der Unterricht bezahlt wird, dann mussen wir auch war- 
ten, bis die es verlangen. Das wiirde uns schon vie! helfen, wenn wir 
sagen wiirden, wir machen es genauso wie die anderen offentlichen 
Schulen. 

X.: Sollen wir uns da nach den hoheren Schulen richten? 

Dr. Steiner: Nein, die Volksschule kommt fur uns in Betracht. 

X.: Es ist darin noch nichts festgelegt. 

Dr. Steiner: Ja, ich wiirde es machen nach dem Usus der Volks- 
schule. Denn die sozialistische Regierung wird zunachst nichts tun, 
sondern alles beim alten lassen. Sie wird Gesetze machen, aber 
alles beim alten lassen. 

X.: Es scheint sich zu empfehlen, eine Art Klassenbuch zu fiihren. Naturlich 
nicht so, wie es sonst iiblich ist, sondern fur Eintragungen in ganz freier Weise, so 
daiS jeder Lehrer sich uber die Arbeit der anderen Lenrer ein wenig orientieren 
kann. 



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25.9. 1919 



Dr. Steiner: Ja, schreibt man etwas Ordentliches hinein, so braucht 
man Zeit. Das ist dann die Zeit, die zu den Allotria der Kinder fiihrt. 
In der Zeit, in der man als Lehrer mit den Kindern zusammen ist, 
sollte man nie irgend etwas anderes machen. Ich meine also, man ist 
nicht im Klassenzimmer darinnen, wenn man eine Tatigkeit ausiibt, 
die sich nicht auf die Kinder bezieht. Wenn man das Zimmer betritt, 
ist man mit den Kindern, bis man weggeht, und man sollte ihnen 
nicht einen Augenblick Veranlassung geben, etwa durch Eintragung 
ins Klassenbuch oder dergleichen, untereinander zu schwatzen und 
abgezogen zu werden. 

Viel besser ist es, diese Fragen unter sich zu erledigen. Wir setzen ja 
voraus, daft die Klassenlehrer keine Handel kriegen, sich sehr lieb 
haben und sich mundlich besprechen. Wer mit einer Klasse zu tun 
hat, bespricht sich mit den anderen, die auch damit zu tun haben. 
Und was sich die einzelnen aufschreiben wollen, das machen sie 
aufterhalb des Unterrichts. Nichts, gar nichts machen in den Unter- 
richtsstunden, was vom unmittelbaren Verkehr mit den Kindern 
abzieht. 

X.: Vielleicht kann man das in der Pause machen? 

Dr. Steiner: Wozu ist es denn notig, immer einzutragen? Erstens 
muft es eingetragen werden, zweitens muft es der andere lesen. Das ist 
ein Zeitaufwand, der verlorengeht fur den Verkehr mit den Schiilern. 

X.: Soil man auch nicht eintragen, wenn Schiiler fehlen? 

Dr. Steiner: Das ist ja eigentlich auch etwas, was man nicht braucht. 

X.: Nur wenn ein Kind langer fehlt, miifite man sich erkundigen, was los ist. 

Dr. Steiner: Das kann bei einer nicht allzu groften Klasse auch 
mundlich abgemacht werden im Verkehr mit den Schiilern. Man kann 
ja fragen, wer fehlt, und es sich dann eintragen ins eigene Notizbuch- 
lein. Das ist etwas, was man tun kann. Es wird ja sonst in den Schulen 
in die Zeugnisse eingetragen, wieviel ein Kind gefehlt hat, aber wir 
brauchen dafiir kein Klassenbuch. 

X.: Es war notwendig, den Schiilern das Klettern auf den Kastanienbaumen 
zu verbieten. Wir wollen aber moglichst wenig Verbote geben. 

Dr. Steiner: Es ist sehr notwendig, daft wir uns dariiber klar sind, daft 
wir in die Schule herein nicht lauter Engel bekommen. Das darf uns 
in keinem Falle hindern, unseren Ideen und unseren Idealen nach- 
zugehen. Diese Dinge diirfen uns nicht dazu fiihren, auch nur zu 



25. 9. 1919 



73 



denken: wir konnen nicht erreichen, was wir uns vorgenommen 
haben. Wir miissen immer klar vor uns haben auf der einen Seite, daft 
wir das, was in den Intentionen liegt, die wir im Kursus durchgefuhrt 
haben und auch sonst, verfolgen. Wieviel wir davon nicht erreichen, 
ist eine andere Frage; die miissen wir fiir sich behandeln und von Zeit 
zu Zeit genau besprechen. Heute ist noch zu kurze Zeit vergangen. 
Sie werden nur sagen konnen, wie stark die Rangenhaftigkeit zum 
Ausbruch gekommen ist. 

Aber eines mochte ich Sie doch bitten, daft Sie es recht beriicksich- 
tigen. Das ware das, daft wir als Lehrerschaft selbst — was die ande- 
ren machen durch die Kinder, das ist eine Sache fiir sich — , daft wir 
als Lehrerschaft versuchen, mogliclist nicht unsere Schulangelegen- 
heiten in die Offentlichkeit hinauszutragen. Ich bin jetzt erst seit 
Stunden wieder da, aber ich habe schon so viel Geschwatz gehort, 
wer eine Ohrfeige gekriegt hat und so weiter; es geht schon insGren- 
zenlose, dieses Geschwatz durch die Leute hindurch, daft es mir 
schrecklich war. Nicht wahr, wir brauchen uns nicht zu kummern, 
wenn es durch alle moglichen unrichtigen Fugen herauskommt. Da 
sind wir harthautig dagegen; aber tragen wir nur ja nicht selber dazu 
bei. Schweigen wir iiber alles das, was wir handhaben in der Schule. 
Halten wir uns an eine Art Schulgeheimnis. Reden wir nicht zu den 
Auftenstehenden, aufter zu den Eltern, die mit Fragen zu uns kom- 
men, und da wiederum immer nur iiber die eigenen Kinder, daft nicht 
zu Geschwatzen Veranlassunggegeben wird. Es gibt Leute, die reden 
aus Sensationslust und mit Wollust iiber solche Dinge. Das ist Gift fiir 
unsere ganze Unternehmung, wenn sie in dieser Weise in Klatsch 
iibergeht. Das ist ja leider besonders in Stuttgart, daft viel in anthro- 
posophischen Kreisen geklatscht wird. Das ist auch, was uns viel 
schadet, dieser Klatsch, der mir in widerwartiger Weise schon ent- 
gegengetreten ist, und der von uns Lehrern nicht in irgendeiner Weise 
unterstiitzt werden darf. 

X.: In einzelnen Fallen wird es vielleicht notig sein, unbegabte Kinder in nie- 
derere Klassen zuriickzuversetzen. Oder soli man empfehlen, diesen Kindern 
Nachhilfestunden geben zu lassen? 

Dr. Steiner: Das Zuriickversetzen ist natiirlich bei niedrigeren Klas- 
sen schwieriger; bei hoheren wird es sich leichter machen lassen. In 
den ersten zwei Klassen sollte man moglichst nicht zuriickversetzen. 

Es werden einzelne Falle besprochen. 

Dr. Steiner: Nachhilfestunden sind technisch nie zu empfehlen. Nur 
in den Fallen, wo die Eltern selbst an uns herankommen, wenn sie 



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25.9. 1919 



von schlechten Erfolgen horen, kann man ihnen zu Nachhilfestun- 
den raten. Wir selber als Lehrer werden nicht Nachhilfestunden 
geben. Das tun wir nicht. Da wiirde es dann noch besser sein, ein 
Kind herunterzuschieben in eine andere Klasse. 

X. spricht iiber zwei Kinder in der 4. Klasse, die beschrankt sind. 

Dr. Steiner: Diese Kinder miissen ganz nach vorn in die Nahe des 
Lehrers gesetzt werden, unbeschadet des Temperaments, damit sie 
jeden Augenblick im Auge behalten werden. 

Rabiate Kinder kann man dadurch bei der Stange halten, dafl man sie 
an die Ecken setzt oder ganz vorne oder ganz hinten hin, damit sie 
weniger Nachbarn haben, keine Vorder- und Hintermanner. 

X.: Manchmal sehen Kinder nicht richtig. Ich kenne Kinder, die nur deshalb 
zuriickblieben, weil die weitsichtig waren, und man das nicht beachtete. 

Dr. Steiner: Das mufl der aufmerksame Lehrer auch sehen, wo bei 
den Kindern Organfehler vorliegen wie Kurzsichtigkeit oder Schwer- 
horigkeit. Es ist schwierig, auf alles hin arztliche Untersuchungen 
anzustellen. Nur wenn der Lehrer es angibt, sollte eine solche statt- 
finden. 

Durch die schularztlichen Untersuchungen, wie sie an den Schulen 
iiblich sind, kommen wir zu stark in das Sachverstandigensystem 
hinein. Wir wollen jetzt lieber von einem Schularzt absehen, daja 
Herr Dr. Noll nicht hier sein wird; das wiirde etwas anderes sein. 
Jeder fremde Arzt wiirde uns Schwierigkeiten bereiten. Der Arzt 
sollte selbstverstandlich der Berater der Lehrer sein, und der Lehrer 
sich vertrauensvoll an ihn wenden konnen, wenn er etwas beiseinen 
Kindern bemerkt. 

Bei beschrankten Kindern ist es ja oftmals so, dafi plotzlich etwas bei 
ihnen aufspringt; sie bessern sich oft ganz plotzlich. Ich werde mor- 
gen der Schule einen Besuch machen und werde mir dann die ein- 
zelnen Kinder, besonders die beschrankten, daraufhin ansehen. 

X.: Meine 5. Klasse ist sehr grofi und sehr verschiedenartig. Es ist sehr schwer, sie 
miteinander zu unterrichten und besonders, sie ruhigzu halten. 

Dr. Steiner: Bei dieser Starke einer Klasse mufl man nach und nach 
immer mehr versuchen, die Klasse als Chor zu behandeln, und 
nicht einzelne unbeschaftigt zu lassen. Also mehr die ganze Klasse 
zusammen behandeln. Deshalb haben wir ja die lange Geschichte 
mit den Temperamenten gemacht. 

Das Begabtsein oder Unbegabtsein beruht ja manchmal auf einem 



25. 9. 1919 



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rein psychischen Unterschied. Die Kinder bringen oft nur nicht 
heraus, was sie in sich haben, und es ware sehr ungerecht, die Kin- 
der, die in dem richtigen Alter sind fur diese Klasse (zehn- bis elf- 
jahrig), nicht mitkommen zu lassen. Es wird ja immer darunterwel- 
che geben, die in dem einen oder anderen Fache schwach sind. Es 
sind das oft Fehler, die dann auf einmal aufhdren. Solche Fehler 
schleppen sich fort durch das kindliche Alter bis zu einem gewissen 
Schuljahr, und dann, wenn das Piinktlein aufspringt, werfen die Kin- 
der plotzlich die Fehler ab. Daher soil man die Kinder nicht zuriick- 
lassen. Gerade diese Schwierigkeit mit den Begabten und Unbegab- 
ten, die miissen wir tiberwinden. 

Wenn wir allerdings die Uberzeugung haben, dafi sie das Lehrziel der 
letzten Klasse nicht erreicht haben, dann miissen wir sie natiirlich 
zuruckschieben. Aber, das bitte ich Sie wohl zu unterscheiden, wir 
werden sie dann nicht als Unbegabte behandeln. Wenn Sie also sol- 
che haben, die das Lehrziel der letzten Klasse wirklich nicht erreicht 
haben, dann schieben Sie sie herunter. Sie miissen dies aber sehr bald 
tun. 

Man sieht an einem Fach abet nie genau, ob das Lehrziel erreicht ist 
oder nicht; man darf da nie nach einzelnen Fachern gehen. Das 
Heruntersetzen muBte aber noch im ersten Vierteljahr erfolgen. Die 
Lehrer miissen die friiheren Zeugnisse ihrer Schiiler natiirlich bekom- 
men. Aber ich bitte, immer durchaus streng zu beachten, daB wir 
nicht, um einen Schiiler rascher beurteilen zu konnen, nun zum 
iiblichen Stundenplansystem iibergehen diirfen. Immer erst ein Kapi- 
tel fertig machen, auch wenn es dann etwas langer dauert, bis die 
Beurteilung moglich ist. 

Beim Zuriickversetzen werden die einzelnen Falle genau gepriift wer- 
den miissen; man kann da nichts generaliter durchfuhren. Man darf 
da nichts leichtherzig tun, sondern nur nach strenger Priifung, und 
was man wirklich verantworten kann. 

Zu der Frage der Zuriickversetzung solcher Kinder, bei denen das 
Lehrziel der vorigen Schule nicht erreicht ist, ware noch zu sagen, 
daB man selbstverstandlich mit den Eltern sprechen mufl. Die Eltern 
miissen einverstanden sein. Man darf natiirlich den Eltern nicht 
sagen, daft ihre Kinder blode sind, sondern man mufi ihnen beweisen 
konnen, daB sie in der friiheren Schule das Lehrziel der letzten Klasse 
nicht erreicht haben, trotz des Zeugnisses. Das mufi beweisbar sein. 
Es muB aber ein Defekt der friiheren Schule sein, nicht ein Defekt 
der Kinder, um die es sich handelt. 



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X.: Kann man auch hinaufschieben in eine ho here Klasse? Ich habe in der 

7. Klasse zwei Kinder, die, wie mir scheint, gut in die 8. Klasse iibergehen 
konnten. 

Dr. Steiner: Ich wiirde das am Zeugnis priifen. Wenn Sie es aber 
verantworten konnen, kann es sehr gut gemacht werden. Gegen das 
Hinaufschieben in eine andere Klasse habe ich nichts. Das kann sogar 
auf die andere Klasse wirken, in die die Kinder hineinkommen. 

X.: Es ware doch wohl in der 7. Klasse nicht so erwunscht. Jetzt werden wir 
sie noch zwei Jahre zur Erziehung haben. Wenn wir sie heraufsetzen, haben 
wir sie nur noch ein Jahr. 

Dr. Steiner: Deswegen, weil wir die Kinder hinaufschieben, konnten 
wir sie doch auch noch zwei Jahre haben. Wir entlassen sie nicht, 
sondern behalten sie auch das nachste Jahr nochmals in der 

8. Klasse. Wenn sie das Alter in der 7. Klasse schon erreicht haben, 
nimmt man sie uns ja doch fort. Bei uns wird der Unterricht nicht so 
pedantisch sein, so daB er doch jedes Jahr eine grofte Verschieden- 
heit aufweist, namentlich in der Behandlung. Und das nachste Jahr, 
da werden wir doch schon viel ,,erleuchteter" sein als dieses Jahr, so 
daft es ganz gut zu machen ist, daft wir Kinder, die wir jetzt in der 
letzten Klasse haben, auch das nachste Jahr noch in der letzten 
Klasse haben. 

Es ist doch schon so: Dieses erste Jahr wird so ein Probejahr sein, 
namentlich fur die Lehrerschaft. Das liegt mir sehr auf der Seele. Auf 
die Lehrerschaft kommt alles an! Von Ihnen, liebe Freunde, wird es 
abhangen, ob die Ideale verwirklicht werden konnen. Es kommt 
wirklich darauf an, daft wir selber am meisten lernen. 

X.: Ich habe in der 6. Klasse ein Kind, das wirklich sehr minderbegabt ist. Es 
stort aber den Unterricht nicht, es hat sich sogar eigentlich fur die anderen 
vorteilhaft erwiesen, dafi es da ist. Ich mochte versuchen, es zu behalten. 

Dr. Steiner: Wenn das Kind die anderen nicht stort und wenn Sie 
glauben, doch noch etwas mit ihm erreichen zu konnen, dann wiirde 
ich meinen, daft Sie es in der Klasse behalten miissen. Es ist immer ein 
Ereignis, wenn wir jetzt umschieben. Lieber behalten! Gewisse Un- 
terschiede konnen wir sogar beniitzen; wir haben ja dariiber ein- 
gehend gesprochen. 

X.: Ich habe in der 8. Klasse einen Knaben, der melancholisch ist und zuriick- 
geblieben. Den mochte ich in die 7. zuriickschieben. 

Dr. Steiner: Das miiftte aber so gemacht werden, daft Sie das Kind 
dahin bringen, daft es sein eigener Wille ist, zuriickversetzt zu wer- 



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den. Sie mtiftten so mit ihm sprechen, daft Sie zuletzt seinen Willen 
dahin dirigieren, daft das Kind selber darum bittet. Nur nicht barsch 
zuriickversetzen. 

X.: In der 7. Klasse sind die Unterschiede sehr grofi. 

Dr. Steiner: Wenn Sie in der 7. und 8. Klasse nur fertig kriegen, daft 
die Kinder das Autoritatsgefiihl nicht verlieren! Das ist dasallernot- 
wendigste. Das erreicht man aber am besten dadurch, daft man auf 
die Art, wie die Kinder sind, in hochst vorsichtiger Weise eingeht und 
sich doch wiederum gar nichts vergibt. Also nicht bei den Kindern 
wie ein Pedant erscheinen, nicht wie einer, der Lieblingsmeinungen 
hat. Man muft den Kindern scheinbar nachgeben, in Wirklichkeit 
aber gar nichts nachgeben. Gerade in dem 7. und 8. Schuljahr 
kommt es sehr, sehr auf die Art der Behandlung an. Da darf man sich 
in keiner Minute etwas vergeben, so daft die Kinder nicht hinaus- 
gehen und iiber den Lehrer spotten. Die Kinder miissen immer ehr- 
geizig darauf sehen — wenn ich den Ausdruck brauchen darf, er 
betrifft nicht einen iiblen Ehrgeiz — , daft sie ihren Lehrer verteidigen 
und gliicklich sind, daft sie diesen Lehrer haben. Das kann man doch 
bei den starksten Rangen entwickeln. Man kann nach und nach das 
entwickeln, daft die Kinder den Drang haben, ihren Lehrer zu ver- 
teidigen, weil das ihr Lehrer ist. 

X.: Ist es richtig, dafi man im Sprachunterricht, selbst in der Klasse, wo die 
Kinder schon schreiben konnen, doch noch davon Abstand nimmt, das 
Schriftbild einzufuhren, so da/3 die Kinder sich zunachst nur an das Ausspre- 
chen gewohnen? 

Dr. Steiner: Ja, moglichst spat iibergehen zum Schreiben in den 
fremden Sprachen, das ist sehr wichtig. 

X.; Die Kinder werden ja eben erst eingefiihrt, und die Sprechubungen ermii- 
den zunachst sehr. Kann man da den Unterricht beleben durch Erzahlungen 
in der Muttersprache? 

Dr. Steiner: Das ist sehr gut. Aber wenn Sie etwas aus der Mutter- 
sprache nehmen, miissen Sie doch moglichst sehen, es irgendwie mit 
der fremden Sprache zu verbinden, die fremde Sprache hineinzukrie- 
gen. Stoff schaffen konnen Sie dadurch, daft Sie so etwas im Unter- 
richt machen. Das ist das Richtige. Dann auch kleine Gedichte, Lie- 
der der fremden Sprache, kleine Geschichten. 

Bei dem Sprachkurs miissen wir selbstverstandlich weniger auf Klas- 
sen sehen, sondern die Kinder zusammennehmen nach ihrem Kon- 
nen. 



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X.: Ich finde eineinhalb Stunden Musik und eineinhalb Stunden Eurythmie in 
derWoche zu wenig. 

Dr. Steiner: Da es sich um eine Frage der Verteilung in die Unter- 
richtsraume handelt, kann erst spater das Notige geschehen. 

X.: Bei meinen Kindern in der 6. Klasse ist ein grofies Bediirfnis, mehr zu sin- 
gen. Ich kann aber nicht mit ihnen singen, weil ich unmusikalisch bin. Konnte 
man musikalische Kinder herausnehmen, um ein Liedchen zu singen? 

Dr. Steiner: Das ist dasjenige, was man tun sollte. Dasrichtet sich ja 
vielleicht in der einfachsten Weise ein, indem den Kindern einfach so 
etwas mit auf den Weg gegeben wiirde, was Sie frei behandeln kon- 
nen. Dazu brauchen Sie nicht sehr musikalisch zu sein, um die Kin- 
der singen zu lassen. Die Kinder lernen die Lieder im Gesangsunter- 
richt und iiben sie, indem sie sie am Anfang oder am Ende der Stunde 
singen. 

X.; Ich lasse die Kinder Lieder singen, sie sind aber recht schwerfallig. Die 
musikalisch Veranlagten mochte ich zusammennehmen zu einer besonderen 
Chorstunde, wo schwerere Sachen gesungen werden. 

Dr. Steiner: Das wiirde der ganzen Konstitution nicht widerspre- 
chen, wenn nach und nach aus den vier oberen Klassen (5.-8.) und 
aus den vier unteren Klassen (1.— 4.) Chore zusammengestellt wiir- 
den, vielleicht fur Sonntagschore. Durch so etwas schmiedet man die 
Kinder mehr zusammen als durch etwas anderes. Aber ja keinen 
falschen Ehrgeiz begriinden; den schlieflen wir aus aus der Unter- 
richtsmethode. Der Ehrgeiz darf sich nur auf die Sache beziehen, 
nicht auf die Personlichkeit. Die vier oberen Klassen zusammen und 
die vier unteren Klassen zusammen ware deshalb gut, weil die Stim- 
men etwas anders sind. Sonst ist die Sache ja nicht an Klassen ge bun- 
den. Im Unterweisen mufi man sie als eine Klasse behandeln; da 
mussen wir auch fur die Musik streng einhalten, was wir fin* die 
Lebensepochen festgestellt haben. Die Epoche um das neunte Jahr 
und die Epoche um das zwolfte Jahr mussen wir streng beachten 
nach der inneren Struktur. Aber fur die Chore, mit denen man even- 
tuell Sonntagsveranstaltungen machen kann, konnen wir die vier 
jtingeren und die vier alteren Klassen extra zusammenstellen. 

X.: Es hat sich herausgestellt, dafi wir in der Eurythmie sehr langsam vor- 
waxtskommen. 

Dr. Steiner: Zunachst im Anfang nehmen Sie doch alles sehr stark im 
Zusammenhang mit der Musik. Die allerersten Anfangsiibungen ganz 
aus dem Musikalischen heraus entwickeln, das wiirde besonders 



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gepflegt werden miissen. Ohne das andere zu vernachlassigen, beson- 
ders in den spateren Jahrgangen. 

Jetzt ware noch iiber den freien Religionsunterricht zu sprechen. Da 
muB man den Kindern sagen: Wer freien Religionsunterricht haben 
will, mufi ihn als solchen wahlen, und es miifite dann einfach dieser 
freie Religionsunterricht als dritter sein neben den beiden anderen. 
Ein unklares Miteinandervermischen darf absolut nicht sein. Dage- 
gen konnen Sie ruhig diejenigen, die freien Religionsunterricht 
haben sollen, so nehmen, dafi Sie sie klassenweise zusammenstellen. 
Sagen wir, die unteren vier Klassen und die oberen vier Klassen 
zusammen. Es kann ihn irgend jemand von uns geben. Wie viele sind 
denn da, die sich auf freien Unterricht einiassen? 

X.: Es sind bis jetzt sechzig; dabei sechsundfunfzig Anthroposophenkinder. 
Die Zahlen werden sich noch andern, weil manche beides haben wollten. 

Dr. Steiner: Vermischen tun wir also nicht. Agitieren fur diesen 
Unterricht tun wir auch nicht. Wir kommen nur den Wiinschen ent- 
gegen. Wir raten mehr, den konfessionellen Unterricht zu nehmen. 
Die Kinder, die gar keinen Religionsunterricht nehmen sollen, die 
laftt man, aber immerhin konnte man doch nachforschen nach den 
Griinden, warum sie keinen haben sollen. Das mufite in jedem einzel- 
nen Falle festgestellt werden. Es lassen sich dann doch vielleicht die 
einen oder anderen dazu veranlassen, sich zum konfessionellen 
Unterricht zuriickzuwenden oder zu dem anthroposophischen 
Unterricht zu kommen. Irgend etwas mufi man da schon tun. Dafi 
man die Kinder einfach aufwachsen laftt ohne Religionsunterricht, 
das wollen wir nicht einfiihren. 

X.: Soil der freie Religionsunterricht vom Klassenlehrer gegeben werden? 

Dr. Steiner: Es kann jemand von uns sein, der es tibernimmt. Es mufi 
nicht der betreffende Klassenlehrer sein. Es ist nicht wiinschenswert, 
daft jemand genommen wird, der unbekannt an uns herankommt. 
Wir sollten schon innerhalb des Kreises unserer Lehrer bleiben. 
Bei sechzig Kindern wiirden wir ungefahr dreiftig zu dreifiig zusam- 
mennehmen; vielleicht die vier oberen und die vier unteren Klassen 
zusammen. Ich werde Ihnen dafiir noch einen Lehrplan geben. Die- 
sen Unterricht miissen wir sehr sorgfaltig machen. 
Bei der ersten Abteilung muB alles, was sich auf Reinkarnation und 
Karma bezieht, wegbteiben. Die miissen erst in der zweiten Gruppe 
besprochen werden. Aber da miissen sie auftreten. Vom zehnten 
Jahr ab miissen die Dinge durchgenommen werden. Gerade bei die- 



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sem Unterricht ist es aufterordentlich notwendig, daft man von An- 
fang an auf die Selbsttatigkeit der Schiiler sein Augenmerk richtet. 
Nicht theoretisch soil von Reinkarnation und Karma gesprochen 
werden, aber praktisch. 

Eine Art Riickschau auf allerlei Zustande, die da waren vor der Ge- 
burt, haben die Kinder noch, wenn sie dem siebenten Jahre nahe- 
kommen. Sie erzahlen manchmal die kuriosesten Dinge, die bild- 
hafte Dinge sind, von diesen friiheren Zustanden; zum Beispiel das ist 
nicht vereinzelt, sondern typiscb, daft die Kinder kommen und 
sagen: Ich bin in diese Welt gekommen, das war durch einen Trich- 
ter, das hat sich immer weitergezogen. — Sie beschreiben, wie sie in 
die Welt gekommen sind. Diese Dinge laftt man beschreiben, laftt sie 
mitarbeiten und pflegt das, so daft es heraufgeholt wird insBewuftt- 
sein. Das ist sehr gut, nur ist zu vermeiden, daft den Kindern etwas 
eingeredet wird. Man miiftte dasjenige herauskriegen, was sie selber 
sagen. Das sollte man tun. Das gehort zum Lehrplan. 
Dieser Unterricht konnte belebt werden im Sinne des gestrigen 
offentlichen Vortrages. Das konnte das Schonste sein, was man 
macht, ohne daft man zur Weltanschauungsschule wird, wenn man 
reine Menschenerkenntnis zugrunde legte, und jede Minute die Pad- 
agogik neu belebte. In dieser Richtung ist auch mein Aufsatz gehal- 
ten, der in der nachsten Waldorfzeitung stent. Er handelt iiber „Die 
padagogische Grundlage der Waldorfschule". Das, was ich da ange- 
deutet habe, das ist im wesentlichen eine Art Zusammenfassung fur 
das Publikum alles dessen, was wir im Kursus haben. Das bitte ich als 
Ideal zu betrachten, was dort stehen wird in dem Waldorfblatt. 
Es geniigt fur jede Abteilungeineinhalb Stunden Religionsunterricht 
die Woche; zweimal dreiviertel Stunden. Es ware besonders schon, 
wenn er sonntags sein konnte, aber das wiirde sich wohl schlecht 
machen lassen. Man konnte die Kinder auch an die ,,Wochen- 
spriiche" gewohnen bei diesem Unterricht. 

X.: Sind die nicht zu schwer? 

Dr. Steiner: Es darf niemals fur uns etwas geben, was zu schwer ist 
fur die Kinder. Es handelt sich da nicht um das Aufnehmen des 
Gedankens, sondern wie die Gedanken aufeinander folgen und so 
weiter. Ich mochte wissen, was fur die Kinder schwerer sein konnte 
als das Vaterunser. Das bildet man sich nur ein, daft das leichter ist als 
die Wochenspriiche im ,,Seelenkalender". Und das ,, Credo"! Daft die 
Leute sich gegen das ,, Credo" auflehnen, riihrt nur davon her, daft es 
kein Mensch versteht, sonst wiirden sich die Menschen nicht aufleh- 



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nen. Das enthalt nur dasjenige, was im Grunde selbstverstandlich ist, 
aber die Menschen kommen bis zum siebenundzwanzigsten Jahr 
nicht so weit, daft sie es verstehen konnen, und nachher lernen sie 
nichts mehr vom Leben. Die Verhandlungen iiber das ,, Credo" sind 
kindisch. Es steht nichts darinnen, was man von sich aus entscheiden 
kann. — Die Wochenspriiche kann man auch mit den Kindern vor der 
Stunde sprechen. 

X.: Wiirde es nicht gut sein, die Kinder eine Art Morgengebet sprechen zu 
lassen? 

Dr. Steiner: Das ist etwas, was gemacht werden konnte. Ich hatte 
auch schon die Aufmerksamkeit darauf gewendet. Ich werde Ihnen 
morgen noch etwas dariiber sagen; auch wegen eines Gebetes werden 
wir noch sprechen. Da wiirde ich nur Sie um eines bitten. Sehen Sie, 
bei diesen Dingen kommt es wahrhaftig auf Aufterlichkeiten an. 
Nennen Sie den Spruch niemals ,,Gebet", sondern ,,Eroffnungs- 
spruch der Schule". Vermeiden Sie es, daft man aus Lehrermund den 
Ausdruck ,,Gebet" hort. Dann haben Sie das Vorurteil, daft es eine 
anthroposophische Sache sei, schon fur ein gut Stuck iiberwunden. 
Das meiste, was bei uns gesiindigt wird, wird durch Worte gesiindigt. 
Die Leute gewohnen sich nicht ab, Worte zu gebrauchen, die uns 
schadlich sind. Was glauben Sie, was ich hier ausgestanden habe, daft 
ich den Leuten abgewohnt habe, zu den ,,Kernpunkten der sozialen 
Frage" Broschiire zu sagen. Es ist doch ein Buch, es schaut nur aus 
wie eine Broschiire. Es ist ein Buch! Das kriegt man nicht fertig, daft 
alle Leute sagen ,,das Buch"; sie sagen ,,die Broschiire". Es hat eine 
gewisse Bedeutung. Das Wort ist nicht unnotig. Das sind Dinge, um 
die es sich wirklich handelt. Anthroposophen sind aber diejenigen 
Menschen, die sich am wenigsten in etwas ftigen. Denen gegeniiber 
kann man gar nichts durchbringen. Die anderen Menschen sind so 
autoritatsglaubig. Und damit hat das zu tun, was ich gesagt habe: Die 
Anthroposophen sind storrig, und es kann gar nichts bei ihnen 
durchgesetzt werden; auch nichts, was berechtigt ist! 

X.: Meine 5. Klasse briillt und tobt, besonders in den Sprachstunden. Die 
franzosischen Satze empfindet sie als Witze. 

Dr. Steiner: Das Richtige ware, auf den Witz einzugehen und aus 
dem Witz heraus zu lernen. Auf Witz sollte man immer eingehen, und 
zwar mit Humor. Aber die Kinder miiftten gehorchen. Sie miiftten 
auf Befehl wieder schweigen. Sie miiftten sie mit der Gebarde ruhig 
kriegen. 

Von Anfang bis Ende der Stunde muft man suchen, den Kontakt zu 



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behalten. Wenn es auch ermudet, es muft unter alien Umstanden das 
Band zwischen Lehrer und Schiiler bestehen bleiben. Durch auftere 
Disziplin ist in solchen Fallen nichts zu regeln, sondern dadurch, daft 
man zunachst eingeht auf die Sache und dann aus der Sache heraus 
wirkt. 

Die groftte Schwierigkeit ist wohl, daft Sie das feine Stimmchen 
haben. Sie miissen Ihr Stimmchen ein biftchen schulen. Sie miissen 
,,unten" reden lernen, nicht piepsen beim Schreien. Es ware schade, 
wenn Sie nicht Ihre Stimme behandelten, so daft etwas Baft hinein- 
kame. Also Tiefe muft hineinkommen. 

X.: Wer soil den lateinischen Unterricht geben? 

Dr. Steiner: Das ist eine Frage des Lehrerkollegiums. Vorlaufig 
wiirde ich die Frage so regeln, daft Herr Pastor Geyer und Dr. Stein 
den Lateinunterricht erteilen. Es ist zuviel fur einen. 

X.: Wo soli man anfangen mit der Geschichte? 

Dr. Steiner: Sie werden fast bei jeder Klasse mit der Geschichte von 
vorne anfangen miissen. Beschranken Sie einfach den Unterricht 
nach Bedarf. Wenn Sie zum Beispiel im 8. Schuljahr genotigt sind, 
von Anfang an zu beginnen, dann nehmen Sie eben wenig, aber 
versuchen doch, ein Gesamtbild zu geben iiber die ganze Entwicke- 
lung der Menschheit, nur kiirzer. Also man muftte schon im 8. Schul- 
jahr die eanze Weltgeschichte durchmachen in unserem Sinn. 
Das trifft auch zu fur Physik. In der Naturgeschichte wird es sich sehr 
leicht machen lassen, daft die Kinder das, was sie gelernt haben, 
beniitzen und beleben. Es sind nur diejenigen Facher, die diesem 
Mangel unterliegen werden, von denen wir gesagt haben, daft sie nach 
dem zwolften Jahre anfangen, wo die Urteilskraft beginnt. In den 
beschreibenden Disziplinen wird man manches beniitzen konnen, 
was die Kinder, wenn auch vertrackt, gelernt haben. 

X. : In der griechischen Geschichte kann man wohl mehr auf die Kultur- 
geschichte und die Sagen eingehen und das Politische weglassen; die Perser- 
kriege zum Beispiel. 

Dr. Steiner: Die Perserkriege kann man schon so behandeln, daft 
man sie kulturgeschichtlich gestaltet. In alteren Zeiten kann man die 
Kriege noch kulturgeschichtlich behandeln; bis zu unserer Gegen- 
wart sind sie ja immer unerfreulicher geworden. Man kann die Perser- 
kriege schon wie ein Symptom betrachten der kulturgeschichtlichen 
Ziige. 



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X.: Das Innenpolitische ist doch weniger wichtig? 

Dr. Steiner: Doch, zum Beispiel, wie das Geld entstanden ist. 

X.: Die Verfassungen kann man wohl kurz behandeln? 

Dr. Steiner: Ja, aber den Geist der Lykurgischen Verfassung muft 
man schon schildern, zum Beispiel auch den Unterschied zwischen 
dem Athenertum und dem Spartanertum. 

X.: Bei den Romern ist das Verfassungswesen so breit dargestellt in den Lehr- 
biichern. 

Dr. Steiner: In den Lehrbuchern ist es breit und oftmals sehr falsch 
behandelt. Der Romer kannte keine Verfassung, aber er wuftte aus- 
wendig nicht nur die Zwolf-Tafel-Gesetze, sondern eine grofte An- 
zahl von Rechtsbuchern. Man bekommt eine falsche Vorstellung 
vom Romertum, wenn man nicht durchnimmt mit den Kindern, daft 
der Romer ein Rechtsmensch war, und daft das gewuftt worden ist. 
In den Lehrbuchern ist das langweilig dargestellt, aber man muft 
schon fur das Romertum die Vorstellung erwecken, daft jeder Romer 
ein Rechtskniippel war und die Gesetze an den Fingern herzahlen 
konnte. Die Zwolf-Tafel-Gesetze sind dort so gelehrt worden, wie 
bei uns das Einmaleins. 

X..- Wir wollen jede Woche eine Zusammenkunft machen zur Besprechung 
padagogischer Fragen, so dafi das, was der Einzelne sich erarbeitet, den ande- 
ren zugute kommt. 

Dr. Steiner: Das kann sehr gut geschehen. Das ist etwas, was mit 
Freude zu begriiften ware. Recht republikanisch miiftte es gehalten 
werden. 

X.: Wie weit geht man mit der Bestrafung der Kinder? 

Dr. Steiner: Das ist natiirlich ganz individuell. Am best en ware esja, 
wenn man so wenig wie moglich zu bestrafen brauchte. Man kann es 
vermeiden, Strafen herbeizufuhren. Aber unter Umstanden kann es 
auch einmal notwendig sein, daft man sogar ein biftchen priigelt. 
Aber man soil doch das Ideal befolgen, es zu vermeiden. Eigentlich 
sollte man die Ansicht haben, daft man die Dinge selber als Lehrer 
herbeifiihrt, daft weniger die Zoglinge sie herbeifiihren als der Lehrer. 
Trotzdem gebe ich Ihnen zu, daft Rangen da sind, aber die Rangen- 
haftigkeit wird durch Strafe nicht besser. Das kann nur dadurch 
besser werden, daft man allmahlich einen anderen Ton in die Klasse 
hineinkriegt. Dann werden die Rangen nach und nach auch wirklich 



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verwandelt, wenn der Ton in der Klasse ein guter wird. Jedenfalls 
versuchen Sie, in der Bestrafung nicht zu weit zu gehen. 

X.: Um dem Mangel an Lehrmitteln abzuhelfen, konnte man vielleicht eine 
Organisation ins Leben rufen und die Anthroposophen bitten, uns zur Verfu- 
gung zu stellen, was sie selbst an Lehrmitteln haben. Wir sollten auch alles 
bekommen, was an anthroposophischen Facharbeiten schon da ist. 

Dr. Steiner: Es ist projektiert gewesen, nach dieser Richtung hin 
dadurch etwas zu tun, dafi man die Lehrer, die in der Gesellschaft 
sind, einmal als solche organisiert. Es besteht also der Plan, alles, was 
anthroposophisch vorliegt, in irgendeiner Weise fruchtbar zu ma- 
chen fur den offentlichen Unterricht oder fur den Unterricht iiber- 
haupt. Vielleicht konnte man ankniipfen an diese bestehende Orga- 
nisation der Lehrerschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft. 

X. : Wir brauchen auch Lebenskunde iiber die verschiedenen Wirtschafts- 
gebiete. Da dachte ich, dafi in der Waldorfschule der Grund gelegt werden 
konnte fur eine kiinftige Wirtschaftswissenschaft. 

Dr. Steiner: Da muft man dann feststellen, wer fur die einzelnen 
Punkte Gewahrsmenschen sind. Das sind Leute, die Sinn haben, so 
etwas zu machen, die aber richtig praktische Fachmanner sind. Also 
es miifken sich nicht Leute finden, wie sie heute als Referenten 
angegeben werden, sondern richtig praktische Leute, die aber Sinn 
fiir unsere Sache haben. Solche Menschen mufiten sich finden. Die 
miiftten die einzelnen Zweige der Lebenskunde zusammenstellen. 
Ich glaube, wenn man es nur richtig machen wiirde, konnte nach 
dieser Richtung viel geleistet werden. Aber Sie haben als Lehrer im 
ersten Jahr viel zu tun, und konnen sich nicht zersplittern. Das 
muftten Sie schon durch andere besorgen lassen. Es mtifite eine sol- 
che Organisation ernsthaft gemacht werden. Es darf keine Art von 
Fatzkerei und von Vereinsmeierei hineinkommen, sondern es muB 
in groftem Umfang sachlich gemacht werden. Da mtiftte man Men- 
schen aufrufen, die im praktischen Leben darinnenstehen. 

X.: Herr van Leer hat schon geschrieben, daft er bereit ware, das Notige zu 
tun. 

Dr. Steiner: Ja, der konnte schon helfen nach dieser Richtung. Es 
konnte da einmal eine Art Plan ausgearbeitet werden, wie das im 
wesentlichen zu machen ware. Solche Herren wie Herr van Leer und 
Herr Molt und auch andere, die im praktischen Wirtschaftsleben 
drinstehen, die wissen, wie sie sich auf solche Fragen zu konzentrie- 
ren haben, wenn sie so etwas ausarbeiten. Da wiirde vielleicht die 



25.9. 1919 



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Lehrerschaft weniger leisten; das wird am besten geleistet werden, 
wenn man sich direkt an die Fachleute wendet. Das laftt sich viel- 
leicht in Zusammenhang bringen mit den Kulturratsbestrebungen. 
Ja, das muftte alles noch besprochen werden. 

X.: Wie kann man fur den geologischen Unterricht einen Zusammenhang her- 
stellen zwischen der Geologie und der Akasha-Chronik? 

Dr. Steiner: Da ware es natiirlich gut, wenn Sie es so machen wiirden, 
daft Sie den Kindern zunachst die Schichtenbildung zum Bewufttsein 
bringen, daft Sie ihnen einen Begriff beibringen, wie die Alpen ent- 
standen sind. Und daft Sie dann den ganzen von den Alpen ausgehen- 
den Komplex behandeln: Pyrenaen, Alpen, Karpaten, Altai und so 
weiter, was ja die eine Welle ist; daft Sie diese ganze Welle den Kin- 
dern klarmachen. Und dann die andere Welle, die von Nordamerika 
iiber Siidamerika geht. Da kriegt man also heraus diese eine Welle bis 
zum Altai, bis zu den asiatischen Bergen, die geht von Westen nach 
Osten. Und dann haben wir im Westen Amerikas oben die nordame- 
rikanischen und unten die sudamerikanischen Gebirge. Das ist die 
andere Welle, von Nord nach Siid. Die steht auf der ersten senkrecht 
darauf. 



(d^knA j, ^ Alport 




Von dieser Schichtung und Gliederung gehen wir aus, und da reihen 
wir dann die Vegetation und die Fauna an. Dann versuchen wir 
einfach die Westkiiste von Europa und die Ostkiiste von Amerika, die 
Fauna und Flora und die Schichtung zu studieren. Dann gehen wir 
dazu iiber, den Begriff davon hervorzurufen, wie der Osten von Ame- 
rika und der Westen von Europa zusammenhangen, und daft das 
Becken des Atlantischen Ozeans und die Westkiiste von Europa ein- 
fach Senkungsland ist. Von diesen Begrjffen aus versuchen wir dann 
auf naturgemafte Weise klarzumachen, daft sich das im Rhythmus 
auf und ab bewegt. Von dem Begriff des Rhythmus gehen wir aus. 
Wir zeigen, daft die britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen 



86 25.9.1919 

sind. Da kommen wir zuriick zu dem Begriff der alten Atlantis, auf 
geologischem Wege. 

Jftn&rikcL Bur op at. 




Dann konnen wir iibergehen, indem wir versuchen, in den Kindern 
die Vorstellung hervorzurufen, wie es anders war, als das eine da 
unten war, und das andere da oben. Wir gehen davon aus, daB die 
britischen Inseln viermal auf- und abgestiegen sind. Das ist einfach 
geologisch festzustellen an den Schichten. Wir versuchen also, diese 
Dinge in Zusammenhang zu stellen, aber wir diirfen nicht davor 
zunickschrecken, bei den Kindern von dem atlantischen Land zu 
sprechen. Wir diirfen das nicht iiberspringen. Auch im geschicht- 
lichen Zusammenhang konnen wir daran anknupfen. Nur werden Sie 
dann die gewohnliche Geologie desavouieren miissen. Denn die 
atlantische Katastrophe muB ja im 7. bis 8. Jahrtausend angesetzt 
werden. 

Die Eiszeit, das ist die atlantische Katastrophe. Die altere, mittlere 
und neuere Eiszeit, das ist nichts anderes als das, was vorgeht in 
Europa, wahrend die Atlantis untersinkt. Das ist gleichzeitig, also im 
7., 8. Jahrtausend. 

X.: In Pierers Konversationslexikon fand ich Artikel iiber Geologisches. Wir 
mochten gerne wissen, welche Artikel wirklich von Ihnen sind. 

Dr. Steiner: Diese Artikel sind von mir geschrieben, aber die Redak- 
tion bei dem Zustandekommen des Lexikons war so, da6 da zwei 
Redakteure waren. Es kann unter Umstanden etwas hineingepatzt 
sein; ich kann nicht fur die Einzelheiten garantieren. Der Artikel 
Basalt, Alluvium, Geologische Formationen, Eiszeit, das ist alles von 
mir. Der Artikel iiber Darwinismus ist nicht von mir. Der Artikel iiber 
Alchimie auch nicht. Nur streng die geologischen und mineralogi- 
schen, bis zu einem gewissen Buchstaben. G ist noch von mir; H nicht 
mehr, weil ich keine Zeit hatte. 

X.: Der Anschlufi ist sehr schwer zu finden hinter der Eiszeit. Wie ist da das, 
was die Wissenschaft sagt, in Parallele zu bringen mit dem, was die Geisteswis- 
senschaft vertritt? 



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Dr. Steiner: *Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. Sie 
haben in der Quartarzeit die erste und zweite Saugetierfauna, und 
Sie brauchen blofi das zu erganzen, was iiber den Menschen gilt. Sie 
konnen das schon parallelisieren. Die Quartarzeit konnen Sie gut mit 
der Atlantis parallelisieren, und die Tertiarzeit konnen Sie paralleli- 
sieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, was ich schildere 
als die lemurische Zeit. Da wiirde also die Tertiarzeit hineinkommen. 
Da haben Sie die alteren Amphibien und Reptilien, Da ist auch der 
Mensch noch in der aufteren Gestalt nur quallig da in der Substanz; er 
ist nur amphibienhaft gestaltet. 

X.: Da ist aber doch noch Feueratmung! 

Dr. Steiner: Aber diese Biester, die atmen ja auch Feuer, der Archa- 
opteryx zum Beispiel. 

X.; Also die Tiere, deren Knochen man heute im Museum sieht, die atmeten 
noch Feuer? 

Dr. Steiner: *Ja, alle die zu den Sauriern gehoren, die gehoren in das 
Ende der Tertiarzeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die 
Nachkommen. Ich meine die Saurier, die im Anfang der Tertiarzeit 
da waren. Die Juraformation erstreckt sich weiter fort. Es schiebt 
sich da alles ineinander. Nichts ist pedantisch zu behandeln. Vor dem 
Tertiaren liegt das Sekundarzeitalter; da gehort der Jura hinein. Da 
gehort der Archaopteryx hinein. Aber das wiirde bei uns schon die 
zweite Periode werden. Man mufi nicht pedantisch das eine dem 
anderen zuordnen. 

Anmerkung der Herausgeber: In den beiden mit * bezeichneten Absatzen lie- 
gen offensichtlich Stenogrammfehler vor. Der Text ist in sich widerspruchs- 
voll; er stimmt auch weder mit den erwahnten Artikeln und der Tabelle im 
Piererschen Lexikon uberein, noch mit Dr. Steiners Ausfiihrungen in der Kon- 
ferenz am folgenden Tage (26. September). Der Fehler scheint sich dadurch 
zu erklaren, dafi Dr. Steiner beim Sprechen auf die Tabelle hinwies, die der 
Stenograph nicht vor sich hatte. — Die Herausgeber schlagen folgende Text- 
anderung vor, in der die geanderten Worte kursiv sind. 

,,Da finden Sie aber in den Zyklen Anhaltspunkte. Sie haben in der Tertiar- 
zeit die erste und zweite Saugetierfauna, und Sie brauchen blofi das zu ergan- 
zen, was iiber den Menschen gilt. Sie konnen das schon parallelisieren. Die 
Tertiarzeit konnen Sie gut mit der Atlantis parallelisieren, und die Sekundar- 
zeit konnen Sie parallelisieren im wesentlichen, nicht pedantisch, mit dem, 
was ich schildere als lemurische Zeit. Da wiirde also die Sekundarzeit hinein- 
kommen. ..." 

,Ja, alle, die zu den Sauriern gehoren, die gehoren in das Ende der Sekundar- 
zeit. Die im Jura gefundenen, das sind schon die Nachkommen. Ich meine die 



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Saurier, die im Anfang der Sekunddrzeit da waren. . . . Vor dem Tertiaren 
liegt das Sekundarzeitalter; da gehort der Jura hinein. Da gehort der Archa- 
opteryx hinein. ..." 

X..* Wie ordnet sich ein, was wir tiber das Erdinnere gelernt haben? Dariiber 
findet man fast nichts in der aulJeren Wissenschaft. 

Dr. Steiner: Das, woriiber die auBere geologische Wissenschaft iiber- 
haupt handelt, bezieht sich ja nur auf die allerobersten Schichten. 
Diese Schichten, die bis zum Mittelpunkt der Erde gehen, die haben 
ja mit der Geologie nichts zu tun. 

X.: Kann man diese Schichten den Kindern beibringen? Man mufr doch die 
oben aufliegenden Schichten erwahnen. 

Dr. Steiner: Ja, moglichst die Schichten angeben. Man kann es nach 
einer Schichtenkarte machen, aber niemals ohne daft die Kinder 
etwas wissen von den Gesteinsarten. Die Kinder miissen die Anschau- 
ung bekommen, was das fur Steine sind. Bei der Erklarung fangt man 
an von oben herunter, weil man da leichter vermitteln kann, was da 
durchbricht. 

X.: Der Satz von der Erhaltung der Energie in der Warmelehre bereitet auch 
Schwierigkeiten. 

Dr. Steiner: Warum gibt es da Schwierigkeiten? Das Bestreben 
miifite sein, diese Dinge allmahlich hinuberzufiihren zu dem, was 
Goethe das Urphanomen nennt, also nur Phanomene zu behandeln. 
Der Satz von der Erhaltung der Energie diirfte nicht behandelt wer- 
den wie bisher. Er ist ein Postulat, kein Satz. Und zweitens ist hier 
etwas ganz anderes: Das Spektrum kann man behandeln, das ist das 
Phanomen; aber der Satz von der Erhaltung der Energie wird als phi- 
losophischer Satz behandelt. Als etwas anderes ist das mechanische 
Warmeaquivalent zu behandeln. Das ist das Phanomen. Warum nun 
nicht streng innerhalb der Phanomenologie stehenbleiben? Man 
arbeitet heute solche Gesetze heraus, die eigentlich Phanomene sind. 
Da ist es ein Unfug, daB man das ,,Gesetz" nennt, wie zum Beispiel 
das Fallgesetz. Das sind Phanomene, das sind keine Gesetze. Und 
man wird finden, daB man die ganze Physik von sogenannten Geset- 
zen freihalten kann, sie in Phanomene verwandeln und in sekundare 
und Urphanomene gruppieren kann. Wenn man in der Fall-Lehre 
anfangt die sogenannten Gesetze der Atwoodschen Fallmaschine zu 
beschreiben, so sind das Phanomene und keine Gesetze. 

X.: Da miilke man wohl so vorgehen, dafi man nicht das Fallgesetz zugrunde 
legt, zum Beispiel die Konstanz der Beschleunigung, und daraus das Fallgesetz 
entwickelt, sondern dafi man es als Tatsache behandelt. 



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Dr. Steiner: Zeichnen Sie es doch einfach auf, wenn Sie keine Fall- 
maschine haben. In der ersten Sekunde fallt es so, in der zweiten so, 
in der dritten so. Da kriegen Sie einfach die Zahlenreihen, und aus 
denen machen Sie das, was man das Gesetz nennt, was aber nur ein 
Phanomen ist. 

X.; Ober die Schwerkraft sollte man also gar nicht reden? 

Dr. Steiner: Das wiirde ja wunderbar sein, wenn Sie es dahin brach- 
ten, sich ganz abzugewohnen, von der Schwerkraft zu reden. Man 
kann es dahin bringen, wenn man nur Phanomene vorbringt. Das 
ware das schonste, denn die Schwerkraft ist ja nur eine Phrase. 

X. : Gilt das auch von der elektrischen Kraft? 

Dr. Steiner: Heute konnen Sie ja iiber Elektrizitat ganz reden, ohne 
von Kraften zu reden. Sie konnen streng in Phanomenen drinnen 
stehenbleiben. Bis zur Ionen- und Elektronentheorie konnen Sie her- 
unterkommen, ohne von etwas anderem als von Phanomenen zu 
reden. Das wiirde padagogisch ungeheuer wichtig sein, das zu 
machen. 

X. : Es ist sehr schwer, ohne Krafte auszukommen, wenn man das Mafisystem 
behandelt, das C-G-S-System, das man in den oberen Klassen haben mufi. 

Dr. Steiner: Was haben denn die Krafte damit zu tun? Wenn Sie 
Rechnungen haben, wo Sie eines mit dem anderen vertauschen 
konnen, konnen Sie es ja haben. 

X.: Dann wiirde man vielleicht fur das Wort Kraft etwas anderes setzen 
miissen. 

Dr. Steiner: Sobald der Zogling sich klar ist dariiber, dafi Kraft nichts 
weiter ist als das Produkt von Masse und Beschleunigung, sobald er 
keinen metaphysischen Begriff damit verbindet, sie also immer 
phanomenologisch behandelt, kann man ja von Kraft reden. 

X.: Konnten wir etwas Naheres horen iiber Planetenbewegung? Es ist vieles 
angedeutet worden, aber man hat noch keine klare Vorstellung iiber die wahre 
Bewegung der Planeten und der Sonne. 

Dr. Steiner: Das ist eigentlich so in Wirklichkeit: 

(Dr. Steiner demonstriert an der Zeichnung.) Jetzt mufi man einfach 
sich vorstellen, das schraubt sich fort. Das andere ist scheinbare Be- 
wegung. Die Schraubenlinie setzt sich im Weltenraum fort. Also 
nicht, dafi sich die Planeten um die Sonne bewegen, sondern diese 



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Himmelspitl 




drei: Merkur, Venus, Erde, ziehen der Sonne nach, und diese drei: 
Mars, Jupiter, Saturn, gehen voraus. Dadurch wird hervorgerufen, 
wenn also die Erde da stent, das hier ist die Sonne, dazieht die Erde 
nach. Da sieht man so hin auf die Sonne von hier aus, und das be- 
wirkt, daft es ausschaut, als wenn die Erde herumgehe, wahrend sie 
nur nachzieht. Die Erde zieht der Sonne nach. Die Steigung ist gleich 
dem, was man den Deklinationswinkel nennt; wenn Sie den Winkel, 
den Sie herausbekommen, wenn Sie den Ekliptikwinkel nehmen, 
den sie einschlieflt mit dem Aquator, dann kriegen Sie das heraus. 
Also nicht eine Spirale, sondern eine Schraubenlinie. Es ist nicht 
eben, sondern raumlich. 

X.: Wie steht jetzt die Erdachse in dieser Bewegung? 

Dr. Steiner: Wenn die Erde hier sein wiirde, wiirde die Erdachse eine 
Tangente sein. Der Winkel ist 231/2 Grad. Der Winkel, der mit der 



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Schraube eingeschlossen wird, ist derselbe, den Sie herauskriegen, 
wenn Sie den Nordpol nehmen, und da diese Lemniskate machen als 
Bahn eines der Sterne in der Nahe desNordpols. Das miiftte ich kon- 
statieren. Da bekommt man eine scheinbare Lemniskate heraus, 
wenn man diese Linie verlangert. Sie ist nicht vorhanden, weil der 
Nordpol fix bleibt, der Himmelsnordpol. 

X.: 1413 passierte doch eine besondere Konstellation? 

Dr. Steiner: Ich habe heute darauf hingedeutet. Es ist das so, daft Sie 
nehmen konnen etwa 7000 Jahre vor 1413. Da bekommen Sie her- 
aus ein Zusammenfallen der Erdachse, also den kleinsten Winkel. 
Dann wird er grofier, und dann jetzt wiederum kleiner zunachst; 
dadurch entsteht die Lemniskate. Also zeitweilig ist der Erdwinkel 
null. Also dann war die atlantische Katastrophe. Da waren nicht 
diese Jahreszeitenunterschiede. Da war immer Tagundnachtgleiche. 

X,: Wie kommt es, dafi der Himmelspol, der nichts anderes ist als der Punkt, 
auf den sich die Erdachse hinrichtet, gleich bleiben soli? Er andert sich doch 
im Laufe der Jahre. 

Dr. Steiner: Das ist eben dadurch bewirkt, daft die Erdachse einen 
Kegel beschreibt, einen Doppelkegel. Dadurch wird fortwahrend 
seine Bewegung ausgeglichen durch die Bewegung der Erdachse. 
Wenn Sie die Erdachse immerfort parallel zu sich hatten, dann wiirde 
der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben, aber er bleibt, wo er 
ist. Das geschieht dadurch, daft durch die Bewegung der Erdachse im 
Doppelkegel aufgehoben wird diese Bewegung, die dadurch heraus- 
kommt, daft der Himmelspol eine Lemniskate beschreiben wiirde; 
die wird dadurch aufgehoben. 

X.: Ich hatte mich eingestellt auf eine Bewegung der Erdachse, die Sie be- 
schrieben haben. Ich sagte mir, es mufi sich am Himmel scheinbar der Punkt, 
der am Himmel fix bleibt, im Laufe der Jahrhunderte andern. Das wiirde sein, 
glaubte ich, im Sinne der Lemniskate, also nicht etwa ein Kreis am Himmel 
im platonischen Jahr. 

Dr. Steiner: Das wird dadurch aufgehoben, daft diese Linie, die 
Achse der Schraube, nicht eine wirkliche Gerade ist, sondern eine 
Kurve. Das ist nur annahernd eine Gerade. In Wirklichkeit wird hier 
auch ein Kreis beschrieben. Man hat es zu tun mit einer Schraube, die 
eigentlich zu ihrem Gewinde einen Kreis hat. 

X.: Wie ist es moglich, das in Zusammenhang zu bringen mit dem Galileischen 
Relativitatsprinzip? Mit der Tatsache, daft wir keine absolute Raumbewegung 
feststellen konnen? 



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Dr. Steiner: Was heiftt das? 

X..' Dafi wir nicht von der absoluten Bewegung im Raum sprechen konnen. 
Wir konnen nicht sagen: dieser Korper steht im Raum still, sondern er bewegt 
sich. Es ist nur relativ. Wir konnen nur wissen, dafi ein Korper sich zum ande- 
ren hinbewegt. 

Dr. Steiner: Dies gilt eigentlich nur, solange man die Untersuchung 
nicht ausdehnt auf das Innere des betreffenden Korpers. Also, nicht 
wahr, wenn Sie zwei Menschen haben, die zueinander relativ in Be- 
wegung sind, so konnen Sie, solange Sie rein mathematisch raumlich 
untersuchen und den Untersuchungspunkt aufterhalb der betreffen- 
den Menschen nehmen — es kann Ihnen gleichgiiltig sein, was absolut 
vorgeht — , Sie werden nur die Relativitat der Bewegung bekommen. 
Aber dem Menschen ist es nicht gleichgiiltig. Zwei Meter zu laufen, 
ist ein anderes, als drei Meter zu laufen. Das Prinzip gilt also nur fur 
den Beobachter, der aufterhalb steht. In dem Augenblick, wo er drin- 
nensteht, wie wir es tun als Erdenmenschen — sobald die Unter- 
suchung beginnt, die innere Veranderung einzubeziehen, dann hort 
die Sache auf. In dem Augenblick, wo wir Untersuchungen so 
machen, daft wir absolute Veranderungen feststellen in den aufein- 
anderfolgenden Erdenepochen,
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