Document text
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
Vortrage fur die Arbeiter am Goetheanumbau
Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und
Geist. Uber friihe Erdzustande
Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1 922 (Bibl.-Nr. 347)
Band 2 Tiber Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geistes-
wissenschaftlichen Sinneslehre
Achtzehn Vortrage, 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923 (Bibl.-Nr. 348)
Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Tiber das Wesen des
Christentums
Vierzehn Vortrage, 17. Februar bis 9. Mai 1 923 (Bibl.-Nr. 349)
Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt
man zum Schauen der geistigen Welt?
Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1923 (Bibl.-Nr. 350)
Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur -
Tiber das Wesen der Bienen
Fiinfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923 (Bibl.-Nr. 351)
Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung
Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1924 (Bibl.-Nr. 352)
Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen
der Kulturvolker
Siebzehn Vortrage, 1. Marz bis 25. Juni 1924 (Bibl.-Nr. 353)
Band 8 Die Schopfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und
Sternenwirken
Vierzehn Vortrage, 30. Juni bis 24. September 1924 (Bibl.-Nr. 354)
RUDOLF STEINER
Uber Gesundheit und Krankheit
Grundlagen einer geisteswissenschaftlichen
Sinneslehre
Achtzehn Vortrage
gehalten fur die Arbeiter am Goetheanumbau
in Dornach
vom 19. Oktober 1922 bis 10. Februar 1923
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWE1Z
Nach \om Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben \on der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgten P G Bellmann und J Waeger (f)
1 Auflage, Gesamtausgabe Dornach 19S9
2 Auflage
neu durchgesehen und mit den Stenogrammen verglichen
Gesamtausgabe Dornach 1976
3 Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1983
Weitere Veroffentlichungen siehe zu Beginn der Hinweise
Bibhographie-Nr 348
Zeichnungen im Text nach Tafelskizzen Rudolf Steiners
ausgefiihrt von Leonore Uhhg
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1959 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed m Switzerland by Schuler AG, Biel
ISBN 3-7274-3480-5 (Ln) ISBN 3-7274-348 1 -3 (Kt)
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und veroffent-
lichten Werke. Daneben hielt er m den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche
Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der
Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daB seine durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht
schriftlich festgehalten wurden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und ver-
breitet wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers Ihr oblag die Be-
stimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften
und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortragsveroffenthchun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden. «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet »
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be-
gonnen Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
Die besondere Stellung, welche die Vortrage fur die Arbeiter am
Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen, schildert
Marie Steiner m ihrem Geleitwort, welches diesem Band vorangestellt ist
INHALT
Geleitwort von Marie Steiner
ERSTER VORTRAG, Dornach, 19. Oktober 1922
Uber die Weltlage — Krankheitsursachen
Zur gegenwartigen Weltlage: Wie alles in der groBen Politik heute ein
Chaos ist. William Windoms letzte Rede, bevor er vom Schlag getrof-
fen wurde Der Arzt Ludwig Schleich und der Mann, der von einem
sehr schwer konstatierbaren Schlag getroffen worden war Uber
Krankheiten im Kindesalter
zweiter vortrag, 24. Oktober 1922
Die Krankheiten im Verlauf der verschiedenen Lebensalter
Der besondere Charakter der Kinderkrankheiten- Bluteiterungen,
gelbsuchtartige Erscheinungen - Durchfall - Schwammchen - die sog
Fraisen, Kinderkrampfe - Kinderlahmung - Scharlach - Masern Gei-
steskrankheiten sind immer korperliche Krankheiten Ursprung und
Bedeutung der seelisch-geistigen Krafte, die im kindlichen Organismus
vom Kopfe ausgehen Von den Krankheiten, die dadurch entstehen,
daB vom Kopfe aus das Geistig-Seelische arbeitet und der Korper nicht
m Ordnung ist und von den Krankheiten, die dadurch entstehen, daB
der Korper zu schwach ist.
dritter vortrag, 29. November 1922
Die Bildung des menschlichen Ohres - Adler, Lowe, Stier,
Mensch
Uber die Ohrbildung: Schnecke, Hammer, AmboB und Steigbiigel, die
Eustachische Trompete und die drei halbzirkelformigen Kanale. Im
Ohr tragen wir einen kleinen Menschen in uns. Adler, Lowe und Stier
als Reprasentanten der drei Glieder der menschlichen Natur und der
eigentliche Mensch, der diese drei Glieder zusammenfaBt. Die Symbole
der vier Evangelisten.
vierter vortrag, 2. Dezember 1922
Uber die Schilddruse und die Hormone - Steinachs Versuche
- Geistige und stoffliche Verjungungskuren
Die Schilddruse in ihrer Bedeutung fiir die gesamte menschliche Or-
ganisation. Die Wirkung der Schilddrusenhormone. Der menschliche
LebensprozeB besteht dann, daB sich der Mensch innerlich fortwah-
rend vergiftet und daB ihm durch die Hormondrusen die Wirkung der
Gifte weggenommen wird Die Steinachsche Theorie von den Hor-
mondrusen Die Anschauungen Metschnikows iiber die Alterser-
scheinungen Schattenseiten der Verjungungskuren Innerliche Durch-
dringung mit einer geistigen Tatigkeit als ein Quell der Ver|ungung
funfter vortrag, 13. Dezember 1922
Das Auge — Die Farbe der Haare
Ausfuhrliche Darstellung der Augenbildung. Das Auge ist eigentlich
eine kleine Welt Kur/sichtigkeit und Weitsichtigkeit. Warum wir zwei
Augen haben Sprache der Augen Ins und Augenfarbe. Aussterben
der Blonden Korperkrafte und seelische Krafte.
SECHSTER VORTRAG, 16. Dezember 1922 106
Die Nase - Riechen und Schmecken
Der Geruchssinn bei den wilden Volkern und bei den Hunden. Warum
der Elefant das intelligenteste Tier ist Die Nasenfliigel, die Nasen-
scheidewand, die Schleimhaut und das Siebbein. Siebbein und Riech-
nerv. Tiber Quermenschen. Prof. Benedikt und seine Untersuchungen
an Verbrecherschadeln. Morder oder andere Verbrecher haben einen
zu kurzen Hinterhauptslappen. Wir riechen nur dasjenige, was zuerst
verdunstet. Vom Schwanzwedeln des Hundes. Umkehrung der Wedel-
kraft beim Menschen: Sinn fur Mitgefuhl, fiir Verstandnis des Men-
schen iiberhaupt. Der Hund als Spurenverfolger Die Gescheitheit, das
Unterscheidungsvermogen riihrt beim Menschen davon her, daB er den
Geruchssinn iiberwindet. Vergleich des Geruchssinnes mit dem Ge-
schmackssinn. Von den Nerven hangt die Gestaltung des Menschen ab.
SIEBENTER VORTRAG, 20. Dezember 1922 123
Geisteswissenschaftliche Grundlagen einer Sinneslehre
Betrachtung des iiber den ganzen Menschen ausgebreiteten Gefuhlssin-
nes, des Geschmackssinnes, des Geruchssinnes und des Warmesinnes.
Tiber die Haut in ihrer Zusammensetzung: Die verschiedenen Haut-
schichten. Die sog. Pacinischen Korperchen. Die Hautnerven sind
umgestaltete Geschmacksnerven. Nichts konnen wir schmecken, was
nicht erst m Wasser verwandelt worden ist Verinnerlichung des Ge-
schmackes. Wanderungen der SiiBwasserfische. Tiber den Vogelflug.
Alle Gedanken sind eigentlich umgewandelte Geruche. Der Wasser-
mensch, der Luftmensch und der Warmemensch. Das Schmeckende ist
eigentlich der wasserige Mensch und das Riechende der luftformige
8
Mensch. Nur dadurch, daB wir auch ein Stuck Weltenwarme sind,
warmer als unsere Umgebung, fiihlen wir uns selbstandig m der Welt.
Der ganze Mensch nimmt die Warme wahr, d.h. es sind keine beson-
deren Wahrnehmungsorgane fur die Warme da.
achter vortrag, 23. Dezember 1922 139
Vom Leben der Seele im AtmungsprozeB
Der Mensch lebt durch seinen AtmungsprozeB Darm besteht unser
Leben, daB wir Sauerstoff einatmen und Kohlensaure ausatmen. Sauer-
stoff, Kohlenstoff und Kohlensaure Die Bakterien miissen geschiitzt
sein vor der Erde; sie leben vor allem im MondeneinfluB. Durch die
Befruchtung wird der Menschenkeim geschiitzt vor der Vernichtung
durch die Erdenkrafte Das Leben der unbefruchteten Keime. Wir
leben mit unserem Seelischen in der Luft drinnen; dadurch schiitzen
wir uns vor den Kraften der Erde Das seelische Leben kommt von
auBerhalb der Erde Der sog. Plateausche Versuch. Tiber die Gicht.
Gerade dadurch ist der Mensch gesund, daB er fortwahrend vor den ir-
dischen Einfliissen geschiitzt ist Alles Heilen der Krankheiten beruht dar-
auf, daB man den Menschen wieder wegkriegt vom irdischen EinfluB.
NEUNTER VORTRAG, 27. Dezember 1922 158
Wodurch werden wir von einer Krankheit befallen? - Grippe
— Heuschnupfen — Geisteskrankheiten
Wie die von innen heraus auftretenden Krankheiten entstehen. Fort-
wahrende Vernichtung der Nahrungsstoffe durch den Astralleib, der
Astralleib verteilt die Nahrungsstoffe zu den einzelnen Organen. Un-
geniigende Tatigkeit des Astralleibes. Worin das Zuhoren besteht.
Tiber die Ansteckung von Krankheiten. Das Heufieber und was das
Heufiebermittel bewirkt. Worauf die sog. physischen Krankheiten,
wenn sie von innen kommen, beruhen und worauf die sog. Geistes-
krankheiten beruhen Der Geist wird nicht krank. Anlage zu physi-
scher Krankheit und Anlage zur sog. geistigen Erkrankung. Dementia
praecox, der sog Jugendwahnsinn.
ZEHNTER VORTRAG, 30. Dezember 1922 175
Fieber — Kollaps - Schwangerschaft
Fieber und Kollaps als zwei entgegengesetzte Erscheinungen, die m
der Krankheit hauptsachlich auftreten. Tiber das Bilsenkrautgift. Der
Unterleib und das Vorderhirn, das Herz und das mittlere Gehirn, die
Atmung und der hinterste Teil des Gehirns gehoren zusammen.
Schwangerschaft: ungeheure Erhohung der Unterleibstatigkeit. Ein-
gehen auf die Schwangere. Kinder mit Wasserkopfen und Kinder mit
sog. Spitzkopfen Seelisch hangt das vordere Gehirn mit dem Wollen
zusammen, das mittlere Gehirn mit dem Fuhlen und der hintere Teil
des Gehirns mit dem Denken Uber das Versehen der Schwangeren
Uber die sog Praexistenz, das vorirdische Dasein des Menschen
ELFTER VORTRAG, 5. Januar 1923 194
Gehirn und Denken
Worte an die Arbeiter nach dem Brand des Goetheanumbaues Uber
Gegnerschaften Beweise fur die Unsinnigkeit des Satzes, daB das
Gehirn denkt, die weisen Verrichtungen des Totengraberkafers und
der Schlupfwespen Die Wespen haben das Papier viel friiher herge-
stellt als die Menschen Der Verstand ist iiberall ausgebreitet Durch
sein Gehirn kann der Mensch den Verstand, der iiberall m den Dingen
drinnen ist, fur sich gebrauchen, aber er erzeugt den Verstand nicht
Das Geistig-Seelische benutzt das Gehirn, um den Verstand zusam-
menzusammeln Frau Kohskos Experimente iiber die Milz als eine Art
Regulator des Nahrungsrhythmus und was ein Munchner Professor
dazu zu sagen hat
ZWOLFTER VORTRAG, 8. Januar 1923 211
Die Wirkung des Alkohols auf den Menschen
Die Wirkung des Alkohols auf die ganze Seelenverfassung Die Er-
scheinung des Katzenjammers Uber den Sauferwahnsinn, das sog
Delirium tremens Der Alkohol greift im eminentesten Sinne das Blut
an, doch ist das Blut stark geschutzt gegen diese Angriffe Die roten
Blutkorperchen sind wichtiger bei der Frau, die weiBen Blutkorper-
chen sind wichtiger beim Mann Die weibliche Periode und der mannli-
che Same Wenn die Frau sauft, werden die inneren Organe des Kindes
ruiniert durch die Schwere, wenn der Mann sauft, dann wird das
Nervensystem des Kindes ruiniert Schadliche Wirkungen des Phos-
phors, wenn er von auBen an den Korper herangebracht wird Bei
chronischem AlkoholgenuB wirkt der Alkohol als Alkohol, dann wird
zu viel konserviert Beim sog chronischen Alkoholismus wird das
Knochenmark schwach mit der Zeit und nach und nach das Blut
ruiniert. Alkoholverbot und KokaingenuB
dreizehnter vortrag, 10. Januar 1923 229
Verstandeskraft als Sonnenwirkung — Von den Bauten der
Biber und Wespen
Der Kanadische Biber und sein phlegmatisches Wesen Von den ein
siedlerischen Sommerwohnungen und den winterlichen Gemein-
schaftsbauten der Biber Wie die Biber ihren Winterbau verfertigen
Wie richtiges Denken zustandekommt Uber die kunstvollen Wespen-
10
nester Das Fortpflanzungsleben der Wespen in seiner Abhangigkeit
vom Jahreslauf Das, was von der Erde kommt, das erzeugt die
Geschlechtskrafte, dasjenige, was vom Weltenall kommt, das erzeugt
den Verstand und totet die Geschlechtskrafte Es hangt einfach von der
Sonne ab, daB Wespennester und Biberdorfer gebaut werden Die
Menschen sind eigentlich Sonnenwesen und sind nur auf die Erde
hereingestellt In der Natur gibt es Krafte, die, wenn sie von der einen
Seite wirken, wohltatig wirken, wirken sie aber von der anderen Seite
her, so wirken sie als Gift
VIERZEHNTER VORTRAG, 13. Januar 1923 249
Die Wirkung von Nikotin — Pflanzenkost und tierische Nah-
rungsmittel - AbsinthgenuB — Zwillingsgeburten
Durch das Nikotin wird eine starkere Herztatigkeit hervorgerufen Die
Folgen der Nikotinvergiftung sind, daB der Mensch langsam zugrunde
geht an allerlei inneren, das Herz beeinflussenden Angstzustanden
Behandlung des zu schwachen Blutkreislaufes durch Rauchen Von
den Osteophagen Tiber Pflanzen- und Tiernahrung Kriegerische Vol-
ker sind fleischessende Volker Gunstige Wirkung des Vegetarismus
Diabetes der Mensch unterliegt der Zerstorung des Korpers durch zu
viel Zuckererzeugung Mosaische Speisevorschriften. Folgen des Ab-
sinthgenusses Wie Zwillinge entstehen
FUNFZEHNTER VORTRAG, 20. Januar 1923 266
Diphtherie und Grippe — Schielen
Die wichtigsten Erscheinungen bei der Diphtherie Baderbehandlung
der Diphtherie es muB eine richtige Hauttatigkeit hervorgerufen wer-
den Tiber die zu harte Haut und die zu weiche Haut Die Grippe ist
eigentlich eine Gehirnerkrankung Der groBe Wert des richtigen Pfle-
gens der Kranken Rosmarinbader bei Diphtherie Schieloperation und
Gehirnkrankheit
SECHZEHNTER VORTRAG, 27. Januar 1923 283
Der Zusammenhang von Atmung und Blutzirkulation — Gelb-
sucht - Pocken - Hundswut
Wie sich die Atmung zur Blutzirkulation verhalt die Blutbewegung
geht beim Menschen viermal schneller vor sich als die Atmung Die
Lebertatigkeit als Gegenteil der Haut-Lungen-Tatigkeit Zu starke
Lebertatigkeit Gelbsucht, zu schwache Lebertatigkeit Pocken, Blat-
tern Tiber die Hundswut und die Hundswutimpfung Zum Denken
muB ich fortwahrend Gift in mir haben, das Nervensystem braucht die
totmachende Kohlensaure Die heutige Atmung und die alte Stick-
stoffatmung Das platonische Weltenjahr
11
siebzehnter vortrag, 3. Februar 1923 . . 301
Die Wirkung von Absinth - Bluterkrankheit - Eiszeit — Ab-
sterbende orientalische und aufgehende europaische Kultur —
Uber die Bienen
Der Mensch als Flussigkeitswesen und als Luftwesen Uber die sog
Bleivergiftung Die Bluterkrankheit und ihre prophylaktische Behand-
lung Soziale Medizin Im Flussigen ist das Atherische wirksam, im
Luftformigen das eigentlich Seelische Weiteres uber Absinthwirkung
Benennung der Wochentage Absterbende orientalische Kultur Die
Asiaten hatten allmahlich ein ungeheures Wissen aufgestapelt, aber sie
wuBten nichts mehr damit zu machen Die Eiszeit vor vier- bis fiinf
tausend Jahren Uber die Foraminiferenschalen Uber den Untergang
des Romerreiches und die erste Ausbreitung des Christentums Das
Geheimnis des Bienenstockes
ACHTZEHNTER VORTRAG, 10. Februar 1923 . . . . . .
320
Der Zusammenhang der Planeten mit den Metallen und deren
Heilwirkungen
Quecksilberkuren bei syphilitischen Erkrankungen Wie die Menschen
friiherer Zeiten nach und nach aus der Wirkung auf den Menschen die
Planeten und die Metalle zusammengestellt haben Durch welche Ver-
haltnisse sich die syphilitischen Erkrankungen herausgebildet haben
Uber die Schriften des Basilius Valentinus Die Kirche unterdruckt
eine Wissenschaft, die fiber die Erde hinausgeht, Beispiel des Pater
Mager Metalle aus der Pflanze Heilinstinkte der Tiere Bluten als
Heilmittel fur den Unterleib, Wurzeln als Heilmittel fur alles, was mit
dem Kopf zusammenhangt Winterkraft und Sommerkraft der Erde
und die Pflanzenwelt Kieselsaure und menschliche Kopfkrafte
Hinweise 339
Ubersicht fiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 347
12
GELEITWORT
zum Erscheinen von Veroffentlichungen
aus den Vortragen Rudolf Steiners fur die Arbeiter am Goetheanumbau
vom August 1922 bis September 1924
Marie Steiner
Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr Inhalt
wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den Arbeitern
selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen; er regte sie zu
Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu auBern, ihre Ein-
wendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes wurde beriihrt. Ein
besonderes Interesse zeigte sich fur die therapeutische und hygienische
Seite des Lebens; man sah daraus, wie stark diese Dinge zu den tag-
lichen Sorgen des Arbeiters gehdren. Aber auch alle Erscheinungen der
Natur, des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Daseins wurden
beriihrt, und dieses fiihrte wieder in den Kosmos hinaus, zum Ursprung
der Dinge und Wesen. Zuletzt erbaten sich die Arbeiter eine Einfiihrung
in die Geisteswissenschaft und Erkenntnisgrundlagen fur das Verstand-
nis der Mysterien des Christentums.
Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus eini-
gen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fur die an solchen Fragen
Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, gehalten hat;
sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der Anthroposophi-
schen Gesellschaft weitergefuhrt. Doch erging nun die Bitte von seiten
der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst sich ihrer annehmen
und ihren Wissensdurst stillen wurde - und ob es moglich ware, eine
Stunde der ublichen Arbeitszeit dazu zu verwenden, in der sie noch
frischer und aufnahmefahiger waren. Das geschah dann in der Morgen-
stunde nach der Vesperpause. Auch einige Angestellte des Baubiiros
hatten Zutritt und zwei bis drei aus dem engeren Mitarbeiterkreise
Dr. Steiners. Es wurden auch praktische Dinge besprochen, so zum Bei-
spiel die Bienenzucht, fur die sich Imker interessierten. Die Nachschrift
jener Vortrage iiber Bienen wurde spater, als Dr. Steiner nicht mehr
13
unter uns weilte, zunachst vom Landwirtschaftlichen Versuchsring am
Goetheanum als Broschiire fur seine Mitglieder herausgebracht.
Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch, diese
Vortrage kennenzulernen. Sie waren aber fur ein besonderes Publikum
gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz aus dem Steg-
reif gesprochen, wie es die Umstande und die Stimmung der zuhorenden
Arbeiter eingaben - durchaus nicht im Hinblick auf Veroffentlichung
und Druck. Aber gerade die Art, wie sie gesprochen wurden, hat
einen Ton der Frische und Unmittelbarkeit, den man nicht vermissen
mochte. Man wiirde ihnen die besondere Atmosphare nehmen, die auf
dem Zusammenwirken dessen beruht, was in den Seelen der Fragenden
und des Antwortenden lebte. Die Farbe, das Kolorit mochte man nicht
durch pedantische Umstellung der Satzbildung wegwischen. Es wird
deshalb der Versuch gewagt, sie moglichst wenig anzutasten. Wenn auch
nicht alles darin den Gepflogenheiten literarischer Stilbildung ent-
spricht, so hat es dafiir das unmittelbare Leben.
14
ERSTER VORTRAG
Dornach, 19. Oktober 1922
Guten Morgen, meine Herren! Haben Sie sich noch etwas zu fragen
ausgedacht?
Es wird gefragt in bezug auf die politische Lage: ob es der Englander wohl ehrlich
mit Deutschland meine, oder ob der nur vorgeschoben werde, und der Franzose doch
mit dem Englander Hand in Hand gehe, um Deutschland zu vernichten; auf der einen
Seite wird von den Franzosen Deutschland zu bekampfen versucht durch die Repara-
tionen, und auf der anderen Seite stehen die GroBkapitalisten. Und ebenso jetzt in
RuBland. Von der einen Seite ist doch bekannt, daB Deutschland mit RuBland ein
Wirtschaftsabkommen getroffen hat; jetzt liest man aber wieder, daB der Franzose
ebenfalls mit RuBland ein Wirtschaftsabkommen getroffen haben soli, um eventuell
das deutsche Abkommen zu hintertreiben? - und was sonst deutsche Angelegenheiten
sind. Wenn Herr Doktor vielleicht in der Lage ware, einige Andeutungen zu geben?
Ja, wissen Sie, das ist ja vielleicht der Grand, warum wir in der letz-
ten Zeit, ich mochte sagen, aus einer gewissen Ubereinstimmung heraus,
mehr uber wissenschaftliche Angelegenheiten gesprochen haben, was in
der gegenwartigen Zeit namlich viel gescheiter ist, als uber politische
Angelegenheiten zu sprechen, aus dem Grande, weil alle diese Verhalt-
nisse, alle diese Angelegenheiten, die Sie beriihrt haben, eigentlich zu
nichts fuhren. Aus alien diesen Dingen kommt in Wirklichkeit doch gar
nichts heraus. Sie miissen nur bedenken, daB die Sachen ja so liegen, daB
gegenwartig im Grande genommen alle miteinander eigentlich nicht
wissen, was sie in der Zukunft machen sollen. Und alle diese Dinge, die
geschehen, sind eigentlich nur Angstprodukte, richtige Angstprodukte.
Viel wichtiger als alle diese Dinge, die ja zum Beispiel einfach darauf
berahen, daB England augenblicklich nicht weiB, was es tun soil - denn
auf der einen Seite kann es noch nicht recht von Frankreich sich trennen,
nachdem in England immer die Meinung vertreten wird, man muB
Versprechen einhalten -, viel wichtiger sind ja den Leuten ganz andere
Dinge. Das ist eine allgemeine Meinung dort: Man muB Versprechen
einhalten. Nicht wahr, inwiefern darinnen Aufrichtigkeit oder nicht
Aufrichtigkeit ist, das ist ja etwas, was also eigentlich die wirklichen
Verhaltnisse nicht viel angeht; das geht die einzelnen Menschen an, ob
15
sie wahre oder unwahre Menschen sind. Aber im offentlichen Leben
kann man eben nur sagen: Es herrscht so der Grundsatz, man muB Ver-
sprechen einhalten, man muB fair play machen, daB heiBt, man muB
anstandiges Spiel machen. So also steht naturlich England auf dem
Boden, man kann sich von der alten Entente nicht trennen. Auf der
andern Seite widerspricht das ja im Grunde genommen wiederum dem
ganzen Sinn, der vom Anfange an mit dieser Kriegsunternehmung ver-
bunden war. Denn diese Kriegsunternehmung war ja darauf berechnet,
die Produktion allmahlich ganz nach dem Westen zu ziehen und die
europaischen, die ostlichen und mitteleuropaischen Produktionen zu
unterdriicken, um diese mehr als Absatzgebiete zu haben. Das war ja
eigentlich die urspriingliche Absicht. Die Produktion ist einfach in
Mitteleuropa — und das ware auch in Osteuropa gekommen — den Leu-
ten im Westen zu iippig geworden. Sie wollten sie nicht so haben.
Nun, jetzt besteht auch in England die Meinung: Wenn man Deutsch-
land ganz unterdriickt, dann hat man kein Absatzland. Man will es auf-
recht erhalten. Die Franzosen aber, die spiiren vor alien Dingen ihren
Mangel an Geld, an Finanzen, iiberhaupt ihren Mangel an finanzieller
Kraft. Die wollen ja vor alien Dingen auf einem Gewaltwege aus
Deutschland nun wieder etwas herausschlagen. Nun, nicht wahr, setzt
man sich in England zwischen zwei Stuhle. Und so pendelt man halt
hin und her. Dabei kommt nichts Besonderes heraus. Wenn man einmal
glaubt, man tut Deutschland zu weh, so macht man da und dort etwas,
das ein biBchen bessere Stimmung machen soli. Dazu kommen die
orientalischen Angelegenheiten, wo Frankreich und England einander
schroff gegeniiberstehen, weil England im gegenwartigen Zeitpunkt die
Tiirken zuriickdrangen muB, weil es ja mit einem Schlag die Welt be-
herrschen will. DaB es die Christen in Schutz nimmt — nicht wahr, das
tut es ja in Wirklichkeit wiederum auch; inwieweit das aufrichtig ist,
braucht man wiederum nicht zu untersuchen. Aber Frankreich, das legt
gegenwartig darauf keinen Wert, da es vor alien Dingen sein Geld
hereinbekommen will, und unterstiitzt also die Tiirken. So stehen sich
im Orient die beiden Machte schroff gegeniiber. So ist im Grunde ge-
nommen alles in der Welt heute in der groBen Politik ein Chaos.
Dazu kommt etwas anderes. Gerade in England zeigt sich das gegen-
16
wartig. Da kommt man auf den Punkt, worauf es eigentlich ankommt.
Das ist nun sehr wichtig, daB viele Leute sehen, worauf es eigentlich
ankommt. Alle die Dinge, die so besprochen werden, auf die kommt es
eigentlich gar nicht an. Sehen Sie, was Lloyd George postuliert, oder
irgendeiner spricht, darauf kommt es gar nicht an, denn das redet alles
an den Tatsachen vorbei - nicht bewuBt, denn die Leute glauben, daB
sie von den Tatsachen reden, aber sie reden eben gar nicht von den Tat-
sachen, sondern sie reden vorbei an den Tatsachen.
Aber eine andere Sache ist viel wichtiger. Sehen Sie, jetzt ist ja in
England der groBe Kampf um Lloyd George, ob er uberhaupt bleiben
soli oder gehen soil. Warum kann sich denn dieser Mensch, der immer-
hin die schonsten Worte der Welt gegenwartig machen kann, nicht
halten? Er kann sich nicht halten aus dem Grunde, weil er keine ge-
niigend groBe Partei mehr hat. Das sind lauter kleine Parteien, die er
hat. Er kann sich nicht mehr halten, weil er nicht mehr geniigend groBe
Parteien hat. Wenn man Lloyd George jetzt ersetzen wollte, so konnte
man es nicht recht. Man kann weiterhin einen Minister obenauf bringen,
aber der wiirde sehr bald auch wieder abgesetzt. Und so ist es unmog-
lich, an die S telle von Lloyd George jemand andern zu bringen. Also
muB man ihn behalten! Und darauf beruht das Ganze. Es ist gegen-
wartig kein Nachwuchs. Man muB iiberall diejenigen Leute nehmen,
von denen man noch weiB: Ja, der ist einmal etwas gewesen. Aber
irgend jemand darauf anzuschauen, ob er etwas versteht, ob er etwas
kann, ob er die Verhaltnisse iiberschaut, das ist bei niemandem mehr
vorhanden.
Das ist auch nicht mehr bei der Sozialdemokratischen Partei vor-
handen. Die halt auch nur ihre alten Bonzen aufrecht, laBt nicht die
neuen heran. Also iiberall haben die Menschen die Moglichkeit verloren,
noch irgendwie zu sehen, ob einer etwas versteht oder nicht. Und daher
ist man gezwungen, die alten Leute, die gar nichts mehr von der Gegen-
wart wissen, iiberall in den Stellungen zu haben. Dadurch kann natiir-
lich nirgends etwas herauskommen! So daB es heute ganz gleich ist, ob
einer der oder jener Partei angehort, der dann irgendwie in eine Stellung
hineinkommt; sondern darauf kommt es an, daB wir wiederum die Zeit
herbeifuhren, wo es Leute gibt, die von den Verhaltnissen etwas ver-
17
stehen, die also tatsachlich aus den Tatsachen heraus reden, nicht immer
an den Tatsachen vorbeireden und -handeln. Das wird mit jedem Tag
weniger, dafi die Leute erkennen, was eigentlich geschehen soil. Das
wird mit jedem Tag schlechter. Und daher ist es im Grande genommen
auch heute ein ganz unniitzes Reden, wenn man sagt: Ja, ware es nun
gescheiter, wenn die Englander das taten, oder die Franzosen das taten,
oder die Deutschen oder die Tiirken das und das taten. — Nicht wahr,
was auch geschieht von alten Standpunkten aus, das ist eine Sache, die
gar keine Erfolge hat.
Nehmen Sie irgendeine Tatsache in den allerletzten Tagen. Eine Tat-
sache: Nicht wahr, Deutschland leidet in der letzten Zeit ungeheuer
unter den sogenannten Devisenspekulationen. Die Schulbuben kauften
schon Devisen, «machten in Devisen». Es war ja so: Wenn irgendeiner
50 Mark hatte, so kaufte er sich Devisen, und am nachsten Tage hatte er
75 Mark. Man konnte durch die Devisenspekulationen ungeheuer viel
verdienen. Was tut also die deutsche Regierung? Sie macht ein Gesetz
- Sie wissen ja, ein Notgesetz ist gemacht worden gegen diese Devisen-
spekulationen -, also die Regierung macht ein Gesetz: Die Devisen-
spekulation soli kontrolliert werden. Nehmen wir an, die Regierung ist
so gescheit in ihren Organen - was ich ja noch nicht glaube -, aber
nehmen wir an, sie kann wirklich mit Devisen spekulieren: sie hat dann
giinstige Erfolge. Nehmen wir das an. Dann wird also in den nachsten
Wochen in Deutschland weniger mit Devisen gehandelt. Wie gesagt, es
ist nicht iibertrieben, daB dreizehn-, vierzehnjahrige Schulbuben in
Devisen Spekulationen gemacht haben. Nehmen wir also an, das wird
fur einige Wochen untergraben. Was wird kommen? Es wird eine riesige
Differenz eintreten zwischen dem, was Nahrungsmittel und andere
lebensnotwendige Dinge kosten, und demjenigen, was man haben wird
zum Bezahlen. Also nehmen Sie zum Beispiel an, eine Zigarette kostet
heute in Deutschland 7 Mark. Nun, sie wird gekauft. Waram? Weil die
Devisenspekulation da war. Nicht wahr, ein alter Mann kann ja heute
keine Zigarette kaufen; die jungen Leute kaufen sie sich, diejenigen, die
unter alien mdglichen Devisenspekulationen viel Geld verdienen. Nun
nehmen wir an, sie verdienen nicht mehr. Ja, jetzt, in den nachsten
Tagen und Wochen kauft keiner eine gute Zigarette. Dies nur als Bei-
18
spiel. Noch ein anderer Punkt: Dann ist es ganz selbstverstandlich, daB
die Zigarettenfabrikation in die Notwendigkeit kommt, wiederum die
Arbeitslohne zu driicken. Und dann haben Sie das: Die Dinge haben
noch ihren Preis von friiher; keiner kann sie kaufen. Eine neue Krisis
ist da. Das ist die nachste Krisis, die kommen wird.
Alles dasjenige, was kommen wird, wird nur aus dem allernachsten
Augenblick gemacht. Die Leute sehen nur das nachste, und das ist, daB
immer dafiir gesorgt wird auf diese Weise, daB die eine Krise in die
nachste hinuberlauft. Auf diese Weise kann man ja nicht zu einem
Resultat kommen. Das ist ganz unmoglich, daB man aus diesen Ver-
haltnissen, die ein Chaos sind, heute anders herauskommt als dadurch,
daB man wieder tiichtige Kerle hat, die zu irgendeinem Resultat kom-
men. Das allerwichtigste ist, daB wieder tiichtige Kerle da sind. Und da
ist es eben doch so - das zeigt die gegenwartige Zeit -: es werden keine
wirklich tiichtigen Menschen herangezogen. Also miissen wir sehen,
daB wir wieder eine Zeit haben, die tiichtige Menschen heranzieht. Mit
den alten Phrasen geht es nicht weiter. Die alten Phrasen sprechen alle
Leute aus. Daher hat es gar keinen Wert. Wenn Sie heute irgendeine
Zeitung in die Hand nehmen, welcher Partei sie auch angehort, da lesen
Sie allerlei - es kann Ihnen gerade gefallen, daB die Zeitung aus einer
Partei heraus spricht, der Sie selber angehoren -, aber dasjenige, was
Ihnen da an Tatsachen aufgetischt wird, hat ja nicht den allergeringsten
Wert. Es kommt dabei gar nichts heraus. So daB man sagen kann: Es ist
heute fast eine verlorene Zeit, wenn man sich mit all diesen Dingen
beschaftigt, die da in der Welt als politische herumgehen. Es kommt
nichts dabei heraus! Und wenn irgend etwas behandelt werden soil, ist
es nur das, daB wiederum tiichtige Kerle erzogen werden. Das ist das
einzige, was man anstreben kann; denn es weiB eben niemand heute
etwas.
Am meisten wissen schlieBlich diejenigen, die den Europaern gegen-
iiberstehen. Die Turken zum Beispiel wissen ganz genau, was sie wollen.
Die Japaner wissen auch, was sie wollen. Die wollen aber alle ihre
eigene Kultur fordern - ihre eigene Kultur! Und just dem Europaer ist
seine Kultur ganz einerlei! Und das ist dasjenige, was es heute macht,
daB man eigentlich nichts mehr sagen kann zur Politik. Es ist so, nicht
19
wahr, wie wenn Sie sich in eine Gesellschaft setzen und Sie horen eine
Zeitlang zu, und Sie kommen darauf, daB die Leute eigentlich bloB leere
Phrasen dreschen. Da werden Sie sagen: Da rede ich nicht mit. - So ist
es namlich fast mit der Politik der Gegenwart.
Sehen Sie, der Lloyd George hat vor ein paar Tagen eine Rede gehal-
ten. Wenn Sie diese Rede bildlich ausdriicken wollen und Sie nehmen
Strohhalme, in denen man einzelne Weizenkorner noch drinnengelassen
hat, trifft das Bild nicht mehr zu; es muB ganz ausgedroschenes Stroh
sein, es muB das letzte Weizenkorn herausgedroschen sein, dann ist das
ein Bild der Rede, die der Lloyd George vor einigen Tagen gehalten hat.
Aber trotzdem stehe ich keinen Augenblick an zu sagen, daB es die
bedeutendste Rede ist, die ein Staatsmann in den letzten Wochen ge-
halten hat. Denn, nicht wahr, wenn schon gar nichts mehr drinnen ist,
so ist doch das einzige, was drinnen ist, die Faust. Man spurt, wenn er
es auch nicht wirklich tut, wie er alle Augenblicke auf den Tisch ge-
schlagen hat. Das kann er. In der Faust ist etwas drinnen. Aber in den
Worten ist nichts drinnen.
Und so ist es iiberall. Wirthsche Reden lese ich nicht mehr, weil ich
genug habe aus den paar Zeilen, die vorne in den «Basler Nachrichten»
stehen. Da hat man schon genug ungefahr iiber den Inhalt, und daB,
was er geredet hat, nichts ist, kann man ja sehen. Also es ist absolut
trostlos, das ganze Treiben. Und so ist es so, daB es eigentlich voll-
standig iiberfliissig ist, sich nach irgendeiner Seite hin zu begeistern oder
zu entgeistern. Das ist eben die Sache. Also wer es heute ehrlich und
aufrichtig mit der Menschheit meint, der muB eigentlich sich sagen: Es
kommt alles darauf an, daB man tiichtige Kerle kriegt, die wiederum
etwas von der Welt verstehen, die iiberhaupt denken konnen, wirklich
denken konnen.
Denn nicht wahr, wenn man Lloyd George betrachtet, vielleicht ist
er eben durchaus der tiichtigste Mensch von alien diesen, aber er hat
niemals einen Gedanken gehabt. Und gerade dadurch halt er sich, daB
er keine Gedanken hat. Da kann er fortwahrend nach dieser Richtung
und nach jener Richtung hiniiber schwimmein, und er redet eigentlich
dummes Zeug. Aber nicht wahr, sobald er einen Gedanken auBern
wiirde, da kann die Unionistische Partei, oder die Konservative Partei,
20
oder die Labour Party sehen, wie sie dran ist. Sowie er irgendeinen
Gedanken auBert, dann weiB man, wie man dran ist mit ihm. Dann sagt
man inn ab selbstverstandlich, wenn man weiB, wie man dran ist mit
ihm. Seine ganze Kunst besteht darin, daB man nicht wissen kann, wie
man dran ist mit ihm. Aber wenn einer immerfort inhaltloses Zeug
redet, weiB niemand, wie man dran ist mit ihm - kein Mensch weiB es.
Und seine groBe Kunst besteht darinnen, daB er eigentlich keine Ge-
danken hat. Die Kunst kann er namlich ausiiben, weil er selber auch
nicht weiB, wie er dran ist.
So sind eben die Dinge heute. Aber das war noch nicht der Fall vor
einigen Jahren. Vor zwei, drei Jahren muBte man immer sagen: Es muB
etwas geschehen, ehe es zu spat ist. Heute ist es nach dieser Richtung zu
spat. Es ist gar nichts zu sagen. Es ist zu spat — es ist zu spat. Heute
kommt es darauf an, daB tiichtige Leute wiederum an die Oberflache
der Dinge kommen. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Denn, nicht
wahr, Sie konnen ja Vertrage schlieBen, so viel Sie wollen, zwischen
Deutschland und RuBland; heraus kommt dabei nichts. Es kommt ja
nicht darauf an, daB man Vertrage schlieBt, sondern wirtschaftliches
Leben entfaltet.
Nehmen Sie den Stinnes-Konzern. Dieser ist ein Beispiel dafur.
Glauben Sie einen einzigen Augenblick, daB der Stinnes irgendwie mit,
sagen wir zum Beispiel der deutschen Arbeiterschaft etwas machen
konnte? Das werden Sie doch nicht glauben! Das ist ja ausgeschlossen.
Also er ist wirtschaftlicher GroBunternehmer, der sich dadurch, daB er
lange Zeit geschickt gewirtschaftet hat mit seinen reinen Devisen, her-
aufgebracht hat. Er weiB sonst nichts, als wie man sich auf diese Weise
heraufbringt. Er weiB sonst nichts. Nicht wahr, jetzt sehen einfach sehr
viele Leute, daB mit der Regierung nichts zu machen ist. Die kann so
viele Vertrage schlieBen, als nur irgend moglich sind, es kommt nichts
dabei heraus im wirtschaftlichen Leben. Nun sagen diese Leute: Wenn
das der Stinnes ohne die Regierung macht, wird es vielleicht gescheiter
sein. Aber sie haben keinen anderen Grund, als daB der Stinnes sowohl
in Deutschland wie in Frankreich geschickt arbeitet. Das ist der einzige
Grund. Aber, meine Herren, wenn Sie die Stinnes-Abkommen studie-
ren, dann miissen Sie sehen, daB, wenn sie realisiert werden sollen, sie
21
fmanziert werden miissen. Dasjenige, was der Stinnes beabsichtigt, muB
ja finanziert werden. Nun ist es heute schon ungefahr so, daB, wenn
man diese Dinge finanzieren sollte, man wirklich fast alle Walder in
Osterreich abrasieren miiBte! Nicht wahr, man kann sagen, man wird
das tun, aber man kann es nie eigentlich ausfuhren. Es geht nicht.
Sobald man die Dinge daraufhin ansieht, wie man sie ausfuhren soil, da
geht es nicht mehr. Nun, die Leute haben gesehen: Mit den Regierungs-
vertragen geht es nicht; da kommt kein wirtschaftliches Leben heraus.
Der Stinnes macht es ohne die Regierung; so wird es auf diese Weise
gehen. - Es wird auf diese Weise auch nicht gehen. Der Stinnes macht
es natiirlich mit GroBkapitalisten. Aber es kommt auch da nichts weiter
heraus. Es gibt keine Moglichkeit, das zu realisieren, denn selbst der
Stinnes kann nicht die Finanzkrafte finden, um da irgend etwas zu
realisieren. Also ist es auch nichts.
Es ist ja fur denjenigen, der bloB ein Feuilleton oder einen Zeitungs-
artikel uberhaupt schreiben will, ganz interessant, dieses ungeheuer
interessante Treiben zu beobachten, wie der da mit allerlei Zahlen-
reihen aufspielt. Ja, meine Herren, Leitartikel oder Feuilletons schrei-
ben, das legt heute keine Verpflichtung, keine Verantwortung auf. Das
kann man ganz nett machen, denn, ich bitte Sie, lesen Sie jetzt einmal
- Sie heben sich vielleicht die Zeitungen nicht auf -, aber lesen Sie jetzt
einmal die Artikel, die im Jahre 1912 geschrieben sind, und vergleichen
Sie sie mit den Artikeln derselben Zeitung von heute, so werden Sie ein
kurioses Bild finden. Nicht wahr, Zeitungsartikel, die verfliegen; um
die kummert sich spater kein Mensch. Daher kann man natiirlich da
allerlei interessante Betrachtungen anstellen. Aber wer unter Verant-
wortlichkeit redet, wer nicht Zeitungsartikel in den Tag hinein fabri-
ziert, sondern unter Verantwortung reden will, kann natiirlich nicht in
den Tag hinein reden. Der weiB, daB das alles Wischiwaschi ist. So sind
eben die Dinge einmal, und so kann man iiber alle Dinge reden. Es ist
eben trostlos, wenn die Leute keine neuen Gedanken haben. Und was
wir vor alien Dingen brauchen, das sind neue Gedanken. Wenn wir
nicht neue Gedanken kriegen, so geht alles in die Binsen - ich weiB
nicht, ob man hier auch so sagt -, alles geht in die Binsen. Eine Zahn-
biirste kostet jetzt in Deutschland 215 Mark. Nun ja, aber was sind
22
215 Mark? Das ist ja kein Franken; also ist das eine billige Zahnbiirste.
Aber, nicht wahr, woher soil man schlieBlich die 215 Mark nehmen?
Und entsprechend teurer sind ja alle anderen Dinge. Einen Regen-
schirm kann sich ja heute iiberhaupt kein Mensch mehr leisten. Also
da ist nichts zu machen.
Sehen Sie, als ich in Wien war, bin ich einmal in einem Auto ge-
fahren, weil ich recht rasch wohin fahren muBte. Es war an einem
Feiertag, und ich muBte rasch noch wohin fahren. Es war ungefahr so
weit, als wenn ich von hier nach Dornach himiber fahre, nur nach
Dornach, Oberdornach, nicht weiter. Ja, meine Herren, als ich fragte,
was es kostet, waren es 3600 Kronen! Das ist heute das Zehnfache; heute
wiirde es 36 000 Kronen kosten fur dieselbe Fahrt. An diesen Dingen
sehen Sie das Kopflose, weil es einem jajeden Tag entgegentritt. Aber
dieses Kopflose ist in alien iibrigen Dingen auch drinnen; da sehen es
die Leute nur nicht. Was machen denn die Leute? SchlieBlich, wenn ein
Auto fur eine kurze Strecke 36 000 Kronen kostet, so miiBten eben die
Leute 500 000-Kronen-Noten drucken, und wenn es 360000 Kronen
kostet, so wiirde man halt 1-Million-Kronen-Noten drucken! Aber
damit andert man die Verhaltnisse doch gar nicht! Es andert sich doch
gar nichts, als daB immer wieder diejenigen Leute, die heute etwas Geld
in der Tasche haben, morgen nichts mehr haben, und diejenigen, die
geschickt spekuliert haben, die haben morgen das Doppelte. Aber damit
hat man doch wirklich nichts getan, daB man in Geld spekuliert. Damit
ist nichts in der Welt getan. Es wird eigentlich mit dem Devisenhandel
in der Valuta nichts erreicht, als daB jeder ohne Gedanken Geld er-
reichen kann, ohne Arbeit Geld erreichen kann. Wenn natiirlich die
Arbeit aufhort in der Welt und uberwuchert wird von der Devisen-
spekulation, dann geht alles eben in die Briiche. Es ist also auf diese
Weise nichts zu wollen. Es kommt ganz und gar darauf an, daB man
endlich darauf kommt, daB wiederum Menschen da sein miissen, die
etwas von der Welt verstehen, die wirklich etwas von der Welt ver-
stehen. Anders geht es nicht.
Aber dazu muB man eben in der Schule anfangen. Das ist dringend
notwendig, daB man in der Schule schon anfangt. Denn da ist not-
wendig, daB man wirklich etwas von den Dingen versteht. Ich habe
23
neulich in einem Schulbuch gelesen; da wird erne Rechnungsaufgabe
empfohlen fur die Lehrer. Diese Rechnungsaufgabe will ich Ihnen ein-
mal angeben, und Sie werden sagen: Das ist eine Lappalie. Aber es ist
eine allerwichtigste Sache von der Welt, diese Rechnungsaufgabe, die
in diesem Schulbuch angegeben wird. Es ist diese:
Es gibt einen Menschen von 85 712 Jahren
einen anderen Menschen von 18 712 Jahren
einen anderen Menschen von 36 4 /12 Jahren
einen anderen Menschen von 33 712 Jahren.
Wieviel Jahre haben diese vier Menschen zusammen?
Das sollen nun die Kinder ausrechnen! Das wird in dem Schulbuch
empfohlen. Nun frage ich Sie, meine Herren: Wenn die Kinder das aus-
rechnen - die Kinder rechnen brav das aus, das sind dann im ganzen
173 712 Jahre -, was bedeuten diese 173 /12 Jahre? Was sind die in
der
Welt? Wer kommt jemals in die Lage, das ausrechnen zu miissen? Wenn
Sie sich iiberlegen, daB das irgend die geringste Bedeutung haben sollte,
so muB das so sein, daB die erste Personlichkeit gerade stirbt, wenn die
zweite in dem Momente geboren wird, und die zweite hier stirbt, wenn
die dritte geboren wird und so weiter; dann weiB man wenigstens,
wieviel Jahre verflossen sind von der Geburt des ersten bis zum Tode
des letzten. Aber das wird niemals vorkommen in der Welt, daB man
das iiberhaupt ausrechnet. Also denken Sie sich, wenn das Kindern ge-
boten wird, so ist das doch die wesenloseste Rechnerei, die man den
Kindern vormachen kann. Das ist ja ganz wesenlose Rechnerei! Und
die Kinder miissen ihren Verstand dazu verwenden, unwirkliches Zeug
zu rechnen.
Also der Kerl, der das ausgedacht hat, der hat einmal gehort, daB
man zusammenrechnen kann. Aber nehmen wir einen an, der zu einer
bestimmten Zeit geboren wird, bis 14 '/2 Jahre in die Schule ging; dann
hat er eine Lehrzeit von 5 '/2 Jahren; dann geht er noch 3 Jahre auf
Wanderschaft; dann heiratet er, hat nach 4 Jahren einen Sohn, und als
er stirbt, ist sein Sohn 22 Jahre alt. Wenn man diese Dinge zusammen-
zahlt, kriegt man das Lebensalter des Menschen heraus: 49 Jahre. Das
ist eine Realitat, eine Wirklichkeit. Solche Rechnungsaufgaben soil man
den Kindern geben. Das fiihrt sie ins Leben hinein, wenn man ihnen
24
diese Rechnung gibt aus dem Leben heraus. Und das iibertragt sich auf
alle Verhaltnisse.
Sonst sitzen die Kinder eine Stunde lang iiber einer Rechnung, die
eigentlich gar nicht auszufuhren ist im Leben. Aber wenn Sie das heute
einem Menschen sagen — ja, den schockiert das nicht! Der sagt: Das
kommt ja nicht darauf an, daB die Kinder an dem oder jenem das Rech-
nen lernen. Der findet das gar nicht furchtbar wichtig. Aber das ist in
erster Linie wichtig! Denn wenn ein solches Strohzeug in den Schul-
biichern steht, reden die Leute, die aus solchen Schulbiichern unter-
richtet werden, spater in der Welt nur Unsinn, unwichtiges Zeug.
Daraus ersehen Sie, daB es gar nicht irgendein Wischiwaschi ist, wenn
man heute von einer Erneuerung des Erziehungswesens spricht. In dem
Erziehungswesen, von dem ich rede, versucht man alles aus der Wirk-
lichkeit heraus zu machen, von dem untersten Anfang an, so daB die
Menschen in die Wirklichkeit hineinwachsen. Auf diese Dinge kommt
es halt an. Und deshalb kann man sagen: Man kann ganz iiberzeugt
sein, daB, wenn die Leute so fortmachen, wie sie es jetzt machen, so
wird eben die alte Geschichte weitergehen; da konnen sie machen, was
sie wollen. Da konnen sie noch so viel neue Zeitungen griinden - wenn
sie aus demselben Geist heraus geschrieben werden, ist alles nur einfach
Chaos. Deshalb ist es so wichtig, sich heute mit dem zu beschaftigen,
was wiederum denkende Menschen macht, damit es nicht solche Schul-
biicher und solche Lehrer in der Schule gibt, die das (die erste Aufgabe
aus dem Schulbuch) zusammenrechnen.
Und so ist es auch im andern Unterricht. So lernen die Leute Sprach-
unterricht, so lernen die Leute Naturunterricht, und so zuletzt sozialen
Unterricht. Alles, alles auBerhalb der Wirklichkeit!
Ich habe Ihnen erzahlt: In England erhalt man, wenn man «Master
of Am» wird, von der Universitat dort ein mittelalterliches Gewand -
das ist eine mittelalterliche Gewohnheit. Das war wenigstens vor Jahr-
hunderten eine Realitat, hat etwas bedeutet. Aber heute bedeutet es
nichts, wenn einer Regierungsrat oder so etwas ist; es bedeutet nichts.
Das ist der Unterschied. In den Landern, die eine Revolution durch-
gemacht haben, ist es auch nicht besser geworden, gar nicht besser
geworden.
25
Sie miissen sich klar machen, es kommt alles darauf an, daB einmal
Erziehung und Unterricht von Grand auf geandert wird. Das ist das,
was notwendig ist.
Hat vielleicht sonst noch jemand eine Frage, die Sie sozial inter-
essiert?
Frage: In bezug auf Blinddarmoperationen: Es wird behauptet, daB es gar nicht
schadlich sei fur die Gesundheit des Menschen, wenn Organe herausoperiert werden,
einfach fortgenommen werden. Es ist auffallend, daB heute so oft Organe heraus-
geschnitten werden bei den Operationen, und da von der Wichtigkeit der inneren
Organe gesprochen worden sei, mochte der Fragesteller wissen, wie es damit sei, wenn
diese Organe dann fehlen.
Dr. Steiner: Diese Frage kann ich Ihnen erst beantworten, wenn wir
noch etwas anderes besprochen haben. Das will ich nun ganz gern tun.
Weitere Frage: In den letzten Vortragen wurde iiber die Einwirkung der Planeten
auf den Menschen gesprochen; kann dariiber noch etwas mehr gehort werden?
Dr. Steiner: Das fuhrt uns alles darauf. Ich werde also heute an-
fangen, diese Fragen zu beantworten und sehen, wie weit wir kommen.
Ich will Ihnen zunachst eine Geschichte erzahlen, die Sie aufmerksam
machen kann auf dasjenige, was wir jetzt weiter als Wissen, als Er-
kenntnis verfolgen wollen. Es war Anfang der neunziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts - also es ist jetzt vielleicht dreiBig oder einund-
dreiBig Jahre her -, da hat eine nordamerikanische Handels- und
Transportgesellschaft, eine amtliche Handels- und Transportgesell-
schaft einen KongreB abgehalten, und zu diesem KongreB war auch
eine FinanzgroBe eingeladen: William Windom hat der Mann geheiBen.
Der war tatsachlich ein recht gescheiter Mensch im Sinne der Leute, die
eben da zusammengekommen sind, also jemand, dem man geradezu
ansah, daB er eine Kapazitat war. Und man hat erwartet, daB er auf
diesem Handels- und TransportkongreB eine Rede halt. Die hat er auch
gehalten. Diese Rede begann so, daB er sagte: Wir brauchen eine Reform
unserer gesamten Handels- und Transportverhaltnisse, denn innerhalb
dieser Handels- und Transportverhaltnisse, wie wir sie heute haben, da
ist etwas Ungesundes. Und nun ging er dazu iiber, den Leuten in einer
kurzen Rede zu erortern, was das Geld ist, was das Geld bedeutet - es
26
waren natiirlich nur so kurze Andeutungen, was das Geld bedeute.
Er sagte: Ja, meine Herren, ich habe Ihnen jetzt auseinandergesetzt
volkswirtschaftliche Sachen. Aber es kommt darauf an, daB man auch
einsieht, daB das Ganze nicht geht. Mag das Geld noch so durch die
Verkehrswege dahinrollen, von Hand zu Hand gehen, das macht nicht
dasjenige aus, was eigentlich eine Volkswirtschaft gesund macht. Denn
dasjenige, was eine Volkswirtschaft gesund macht, das sind die mora-
lischen Begriffe, die die Leute haben. Und ohne daB die moralischen
Begriffe durch die Verkehrswege gehen und das Geld so zirkuliert, daB
auch moralische Begriffe damit verbunden sind, ohne das kommen wir
nicht weiter. - So sagte er. Und er sagte weiter: Wenn unmoralische
Begriffe im Verkehrsleben und im Wirtschaftsleben drinnen sind, da
ist es geradeso, wie wenn Gift durch die menschlichen Adern rollt und
das Blut ungesund macht. Alles dasjenige, was an Geld durch die Ver-
kehrswege und durch das Wirtschaftsleben geht, wenn nicht zugleich
moralische Begriffe, sondern unmoralische Begriffe durchgehen, ist
geradeso, wie wenn Gift durch die Adern geht und der Mensch durch
dieses Gift zur Erkrankung getrieben wird, denn das racht sich. So wird
der Wirtschaftskorper krank, wenn Gift, das heiBt unmoralische Be-
griffe, durch seine Adern getrieben wird.
Nun fiel den Leuten auf, die bei seiner Rede waren, daB er etwas
grau wurde, als er dieses Bild brauchte von seinen Adern und das auf
das Wirtschaftsleben anwendete. Und auBerdem, man wunderte sich
dariiber, daB der Mensch, der fruher immer bloB davon geredet hatte,
was im Wirtschaftsleben ist und was Finanzen sind - so hat er ja auch
angefangen -, nun plotzlich dieses eigentlich ganz schone Bild brauchte,
das er noch im einzelnen ausgefiihrt hat. Er hat es so beschrieben, wie
das durch das ganze Blut geht. Dieses plotzliche Beschreiben der mo-
ralischen Begriffe, das war wie ein Abspringen vom Thema. Und wie er
den Satz ausgesprochen hat: Das ist im Wirtschaftsleben so, daB dann
ein Gift durch die Adern des wirtschaftlichen Verkehrs geht - fallt er
um. Der Schlag hat ihn getroffen! Und er ist tot.
Nun, sehen Sie, das ist eines von jenen Naturexperimenten, von
denen ich Ihnen oftmals gesprochen habe, an denen man viel lernen
kann; denn da ist es namlich mit Handen zu greifen, was vorgegangen
27
ist. Der Mensch ist natiirlich nicht von der Rede getotet worden, denn
da hat er sich nicht so furchtbar aufgeregt. Der Mensch ware selbst-
verstandlich in dem Momente, in welchem er irgendwo etwas anderes
getan hatte, auch vom Schlage getroffen worden. Die Bedingungen
lagen in ihm. Also ich werde keinen Moment behaupten, daB er vom
Schlag getroffen worden ware, weil er die Rede gehalten hat. Das ist
ganz gewiB nicht der Fall. Vielleicht ist es durch die Aufregung eine
Stunde friiher eingetreten. Das kann ja kommen. Aber jedenfalls ist das
langst veranlagt gewesen in ihm. Es lag in ihm. Er ware vom Schlag
auch anderswo getroffen worden. Aber das andere, was der Fall ist, das
ist, daB er plotzlich von seinem Thema abspringt, aber noch auf eine
ganz logische Weise, und seinen eigenen Zustand, der dazumal in ihm
vorgegangen ist, schildert, mitten aus seinem Thema heraus. Also
denken Sie sich, der Mensch steht vor seinen Zuhorern und redet ihnen
pflichtgemaB iiber ein ganz wirtschaftliches Thema. Plotzlich springt
er ab, in dem Momente, wo er etwas grau wird, und schildert, was in
ihm vor sich geht! Nur, daB er Riicksicht nimmt auf seine wirtschaft-
liche Rede. Denn das, was er da geschildert hat, das war sein eigener
Zustand vor dem Tod, und zu dem ist er abgesprungen. DaB er so seine
Rede eingerichtet hat, das war eine Folge seines Zustandes. Und aus
einer solchen Sache kann man ungeheuer viel lernen. Denn sie kommt
sonst auch vor, wenn auch nicht in dieser krassen Weise.
Und jetzt nehmen wir einmal an, es ware passiert, daB dem Manne
der Faden ausgegangen ware. Nun, ich habe mehr als einmal Redner
erlebt, denen der Faden einer Rede ausgegangen ist. Die haben dann
gewohnlich, wahrend sie vorher stolz dagestanden waren, eine Bewe-
gung gemacht, und hinuntergeschielt - sie hatten vorher ihren Zylinder
vor sich hingetan: da war die Rede drunter! Da haben sie dann den
Faden wieder gefunden. So etwas kommt j a vor. Ich habe einen Biirger-
meister gesehen, der nach den ersten zehn Worten stecken blieb; da hat
er seinen Klapphut genommen und hat dann die Rede wacker abgelesen!
Nun, lesen hat er konnen. Wenn er das weiter geredet hatte, was ihm
dazumal noch eingefallen ware - nun ja, nicht wahr, dann ware nichts
herausgekommen; nur Kohl ware herausgekommen.
Nun, dem William Windom, wie war es dem gegangen? Nicht wahr,
28
der Schlag saB in ihm, war in ihm. Und ob einen nun gerade der Schlag
trifft, und die Zustande, die dem Schlag vorangehen, da sind, oder ob
man so ist, wie der betreffende Biirgermeister dazumal, der eben fort-
wahrend von der Intelligenz ist, wo einen ein Schlag treffen kann, das
macht schon keinen groBen Unterschied in bezug auf die ganze Ver-
fassung des Menschen. Nun, lesen konnte der Biirgermeister noch. Und
der, den gleich nachher der Schlag traf, der konnte auch noch lesen,
aber wo las der? Der las in seinem eigenen Korper. Der las das ab, was
in seinem eigenen Korper vor sich ging.
Daraus konnen Sie aber sehen, daB das richtig ist, was man durch
anthroposophische Geisteswissenschaft herauskriegt: daB wir eigent-
lich immer, wenn wir reden, etwas ablesen von unserem eigenen Kor-
per. Natiirlich, wir reden nach unseren auBeren Erfahrungen. Aber
in das mischen wir dasjenige hinein, was wir in uns selber ablesen.
Es ist nur nicht immer etwas so Trauriges, wie es vor sich geht, wenn
uns gleich nachher der Schlag trifft. Aber eigentlich lesen wir das,
was wir aussprechen, von unseren eigenen inneren Vorgangen im Kor-
per ab. Jedesmal, und wenn Sie fiinf Worte sagen, so ist das abgelesen,
abgelesen von Ihren eigenen Korpervorgangen. Wenn Sie sich vor
fiinf Tagen etwas aufgeschrieben haben, und Sie nehmen Ihr Notiz-
buch heute heraus und lesen es ab, so lesen Sie es auBerlich ab. Wenn
Sie es gedachtnismaBig aufschreiben, so ist es in Ihnen aufgeschrieben
durch diejenige Schrift, die da innen ist - wir werden das jetzt nach
und nach kennenlernen -, aber Sie lesen es von innen ab. Es ist ganz
dasselbe, ob Sie von einem Buch oder von innen ablesen; da ist nur
die Richtung, in der Sie hineinschauen, verschieden. Also es kommt
tatsachlich nicht darauf an, ob Sie da in Ihrem Notizbuch sich notiert
haben, sagen wir: 5 Nagel, 7 Heftel -, oder ob Sie sich das in Ihrem
Gehirn notieren. Wenn Sie sich das im Buch notiert haben, so lesen
Sie das ab von der Seite, wo Sie es notiert haben. Wenn in Ihnen aber
dadurch, daB Sie vor fiinf Tagen das notiert haben in Ihrem Gehirn-
kasten, sich da so eine Zelle, die das fiinf bewirkt hat, verschlungen
hat mit einer anderen Zelle, und das wieder mit einer anderen Zelle
und dadurch das sieben bewirkt hat, und das wiederum sich verschlun-
gen hat mit dem anderen: Heftel, so ist da eine ganze Schlingelei in
29
Ihnen entstanden durch das, was Sie erlebt haben. Und unbewuBt, ohne
daB Sie es wissen, gucken Sie hin auf diese Schlingelei, die da in Ihnen
entstanden ist und lesen das ab.
Das ist also das, worauf Sie geradezu gefuhrt werden, wenn Sie ein
solches eklatantes Beispiel haben wie dasjenige von diesem William
Windom.
Ein anderes Beispiel habe ich Ihnen schon erzahlt. Wir wollen es
kurz noch einmal ins Gedachtnis zuriickrufen, was der Arzt Ludwig
Schleich erzahlt, der das selber einmal erlebt hat. Zu ihm kam eines
Tages furchtbar schnell ein Mensch gelaufen und sagte: Ich habe mich
jetzt gerade mit der Feder in die Hand gestochen. Sehen Sie, es ist noch
Tinte drin. Sie miissen mir die Hand mit dem ganzen Arm wegnehmen,
denn ich miiBte sonst an Blutvergiftung sterben. - Schleich, den ich gut
kannte - er ist erst vor kurzem gestorben -, hat es mir selber erzahlt.
Er sagte zu dem Mann: Was fallt Ihnen denn ein? Ich kann doch als
Chirurg nicht die Verantwortung ubernehmen, Ihnen jetzt den Arm
wegzunehmen! Das brauchen wir ja nur auszusaugen, das ist eine ganz
unbedeutende Sache. Das ist ja ein Unsinn, daB ich Ihnen den Arm
wegnehmen soil! - Der Mann erwiderte: Ja, aber dann sterbe ich! Sie
miissen mir den Arm wegnehmen, ich sterbe sonst! - Da sagte Schleich:
Ich kann es nicht machen, ich kann doch nicht fur nichts und wieder
nichts den Arm wegnehmen! - Ja nun, sagte der Patient, dann sterbe
ich. - Schleich lieB ihn weggehen. Der Mann aber lief zu einem zweiten
Arzt und wollte haben, daB der ihm den Arm abnehme. Der tat es
natiirlich, selbstverstandlich, wiederum nicht, und der Mensch lief
den ganzen Abend noch herum und sagte, er stirbt in der Nacht. Das
hatte er dem Schleich ja auch gesagt.
Schleich war natiirlich sehr besorgt um den Menschen; den Arm
konnte er ihm natiirlich nicht abnehmen, da gar kein Grund dazu vor-
lag, aber er hat sich gleich am nachsten Morgen erkundigt nach dem
Manne, dem er die kleine Wunde ausgesaugt hatte. Das ist ja natiirlich
eine Kleinigkeit, wenn sich einer mit der Feder sticht; das ist durch
Aussaugen bald drauBen. Aber als der Schleich am nachsten Morgen
hinkommt, da war der Mann tot, war gestorben! Nun, was sagte der
Schleich? Der Mann ist an Autosuggestion gestorben, er hat sich den
30
Tod eingeredet und ist an seinem eigenen Gedanken gestorben. Nicht
wahr, man sagt da: Autosuggestion, Selbstsuggestion.
Ich sagte zu Schleich: Es kommt ja manches vor in der Autosugge-
stion, aber ein solcher Tod tritt nicht durch bloBe Autosuggestion ein;
das ist ein Unsinn. Aber der Schleich hat es nicht geglaubt.
Was ist aber in Wirklichkeit vorgegangen? Sehen Sie, nur derjenige,
der den Menschen ganz durchschaut, kann in diesem Falle sehen, was
wirklich vorgegangen ist. Nicht wahr, die Arzte haben dann naturlich
eine Sektion ausgefuhrt, haben gefunden, daB nicht im geringsten eine
Blutvergiftung vorlag, und waren damit zufrieden: Tod durch Auto-
suggestion, weil gar nichts da war. Aber was geschehen ist, war, daB
der Mann in Wirklichkeit auch von einem sehr schwer konstatierbaren
Schlag getroffen worden war. Der Schlag hat sich aber schon tagelang
vorbereitet, wie Sie sehen, denn das geschieht naturlich auch nicht auf
einmal; der Schlag hat sich in den feineren Organen tagelang vor-
bereitet. Da hat er in seinem Innern gesehen — geradeso wie der
Windom im letzten Momente sieht, wie das Gift durch seine Adern
geht, das durch irgendwelche Nahrungsmittel hereingekommen ist -,
da hat er gesehen: mein Korper ist im Absterben. Man kann auBerlich
naturlich lange herumgehen, gar nicht verandert, im Innern bereitet
sich der Tod schon vor. Das hat er gesehen, und dadurch ist er nervos
geworden. DaB er sich in die Hand gestochen hat, war bloB die Ner-
vosity. Er hatte sich gar nicht gestochen, wenn er nicht im Innern so
nervos gewesen ware. Weil er sich das nicht im Innern klar gemacht hat,
hat er es vorher nicht gewuBt. Jetzt, wo er sich gestochen hat, hat er
gesagt, was er naturlich vorher nicht sagen konnte - es sagt auch keiner:
ich fuhle es in meinem Innern, daB der Tod herankommt, wenn er sich
sonst als ein gesunder Mensch fuhlt -, aber das hat er jetzt gesagt, was
er eigentlich ganz falschen Ursachen zugeschrieben hat: Von dem Fe-
derstich sterbe ich! - Das war nicht eine Autosuggestion, denn er ware
in der nachsten Nacht auf jeden Fall gestorben. Nur ist er nervos ge-
worden und hat sich die Feder in die Hand gestochen, und dadurch ist
der Gedanke in einer ganz falschen Form bewuBt geworden. Er hat die
Arzte konsultiert; aber selbst Schleich, der ein ganz gescheiter Mann
war, glaubte nicht daran, glaubte, daB eine Autosuggestion vorliege.
31
Er glaubte also, daB der Mann sich den Tod selber eingeredet hatte.
Das ist aber ein Unsinn. Die Todesursache war da, und dieser Federstich
war erst die Folge der Nervositat.
Daraus sehen Sie aber, daB viel im Innern vorgeht. Und wenn man
diese Dinge nicht ordentlich studiert, so kommt man einfach nicht zur
Klarheit iiber den Menschenursprung und iiber die Art und Weise, wie
der Mensch schon gelebt hat in der uralten Zeit, wo die Ichthyosaurier
und die Plesiosaurier und die Megatherien in einer dicklichen Sauce
herumgeschwommen sind. Man kommt gar nicht darauf, wie das alles
zusammenhangt, wenn man nicht wiederum zuriickgeht und den
Menschen ordentlich studiert. Man muB den Menschen ordentlich
studieren.
Da aber muB man wieder viel zu Hilfe nehmen. In welchem Lebens-
alter sterben die allermeisten Menschen? Nun weiB man, daB die Saug-
linge am haufigsten sterben in den allerersten Monaten, und allmahlich
nimmt die Sterblichkeit ab. Die Kinder bekommen noch ihre Kinder-
krankheiten bis ungefahr zum Zahnwechsel. Und dann, wenn die Men-
schen mehr verniinftig waren, wiirden wahrend der Schulzeit die
wenigsten Krankheiten kommen — manche sind aber auch durch fal-
sches Sitzen und so weiter gekommen. Zwischen dem siebenten und
vierzehnten Jahre kommen die allerwenigsten Krankheiten. Dann
fangt es wieder an. Aber es ist ein groBer Unterschied zwischen den
Krankheiten, die im allerersten Kindesalter auftreten und denen, die
dann in der Geschlechtsreifezeit auftreten. Wenn wir die Krankheiten
nehmen, die die Kinder ruinieren im allerersten Lebensalter, so ist es
erstens immer eine ganz bestimmte Art von Bluteiterung. Das Blut wird
eiterig. Das Kind, das zarte Lebensverhaltnisse hat, stirbt eben sehr
bald, und daher wird das nicht konstatiert, was aus jeder solchen
Eiterung wurde. Das Kind wiirde eben die Gelbsucht bekommen. Wenn
ein erwachsener Mensch die Sache kriegt, die das Kind kriegt, so kommt
es eben bis zu der Gelbsucht, die man sogar in den meisten Fallen glatt-
weg heilen kann. Aber das Kind bringt es gar nicht bis zur Gelbsucht,
sondern stirbt schon vorher.
Eine Krankheit, die sehr viele Kinder bekommen, ist Durchfall. Und
da stellt sich das Wichtige heraus: Wenn man einen solchen Durchfall
32
beim Kind ebenso kurieren will wie beim erwachsenen Menschen, er-
reicht man dadurch nichts. Man muB durch ein Klistier behandeln, nur
durch auBere Eingriffe, hochstens noch durch Umschlage, jedenfalls
nicht durch Eingeben von Arzneimitteln. Da erreicht man nichts beim
Kinde. Und so ist es, daB die Kinder die bekannten Schwammchen
kriegen, die Blasen, die aufsprieBen, namentlich auf der Zunge, spater
die bekannten Kinderkrankheiten, die aus dem Inneren herauf sprieBen,
wie wenn das ganze Innere bluhen wiirde, Scharlach, Masern und so
weiter. GewiB, diese Dinge konnen die alten Leute auch bekommen,
aber vorwiegend sind sie doch Kinderkrankheiten. Und die Neigung zu
diesen Kinderkrankheiten hort auf, wenn der Mensch die Zahne be-
kommen hat. Da kommen diese Krankheiten, die also vorzugsweise
auch von auBen behandelt werden miissen und bei denen man den
Kindern sorgfaltigste Diat geben muB, in dieser Art nicht mehr vor.
Wenn das Kind eiteriges Blut hat, so kann man eigentlich niemals so
recht sagen, woher das kommt. Es kommt eben aus dem tiefsten Inneren
des Kindes heraus. - Eine oftmals vorkommende Kinderkrankheit sind
ja die Krampfe, die sogenannten Kinderkrampfe.
Ganz anders geartet sind die Krankheiten, welche die Menschen
bekommen, wenn sie geschlechtsreif geworden sind. Sie brauchen sich
ja nur an die Krankheiten zu erinnern, die die Madchen bekommen,
wenn sie geschlechtsreif werden: Bleichsucht zum Beispiel. Da geht die
Geschichte direkt vom Blut aus; da weiB man, daB der Korper das Blut
nicht ordentlich ernahrt. Wenn das Kind Bluteiterung kriegt, wird das
Blut eben schlecht gemacht von etwas anderem im Innern. Wenn das
Madchen bleichsiichtig wird, wird direkt das Blut krank. Das ist etwas
anderes, ob im Innern etwas sitzt, das das Blut krank macht, oder ob
direkt das Blut krank wird, wenn das Blut beim Madchen oder Knaben
dick wird und sie nachher Hamorrhoiden bekommen.
Das sind also Tatsachen, daB der Mensch zweimal in seinem Leben
vorzugsweise Krankheitsursachen ausgesetzt ist: zuerst in seinen ersten
sieben Jahren, und dann in seinen dritten sieben Lebensjahren.
Zwischendrinnen ist der Mensch zur Gesundheit veranlagt. Das ist eine
wichtige Sache, daB der Mensch nicht immer in gleicher Weise zu
Krankheit und Gesundheit veranlagt ist, sondern sehr unterschiedlich
33
zu den verschiedenen Zeiten, und diese Krankheiten haben auch zu
diesen verschiedenen Zeiten ganz verschiedenen Charakter. Das kann
uns eben noch tiefer hineinweisen in das menschliche Innere, als uns
dasjenige hineinweist, was wir schon besprochen haben. Dadurch, daB
man es so betrachtet, lernt man die Organe kennen.
Sehen Sie, auf der einen Seite haben Sie den Mr. William Windom,
der plotzlich anfangt, als es zum Tode geht, von seinen Organen zu
sprechen. Auf der anderen Seite verraten uns die Krankheiten, wenn
wir sie im ersten Kindheitsalter und im spateren Kindheitsalter betrach-
ten, daB da verschiedenes vorgeht in den aufeinanderfolgenden Lebens-
altern. Aber wir miissen lesen lernen, was im Menschen vorgeht. Wir
miissen lernen zu lesen. Wenn zum Beispiel das Kind Schwammchen
im Munde kriegt, oder wenn das Kind rote Stellen an verschiedenen
Stellen des Korpers kriegt, miissen wir lernen zu lesen, was da im Innern
vorgeht. Und dann erst kann man eine wirkliche Menschenkenntnis
entwickeln, wenn man lernt zu lesen. Und so ist es schon einmal: Wenn
Sie einfach den Menschen, wenn er tot ist, auf den Seziertisch legen und
nun das einzelne Organ sich anschauen, was, wenn man es heraus-
schneidet, keinen besonderen EinfluB hat, zum Beispiel die Milz - das
ist solch ein Organ, das herausoperiert werden kann, wenn es krank
wird, und der Mensch kann ja wirklich etwas von der Operation haben,
er wird dann eine Zeitlang gesiinder sein, als wenn er seine kranke Milz
drinnen hat -, ja, meine Herren, wenn Sie sich einfach die Milz an-
schauen, nachdem sie herausoperiert worden ist, dann finden Sie eben
nicht den Unterschied heraus zwischen der Milz und, sagen wir, dem
Magen. Wenn man naturlich dem Menschen den ganzen Magen aus-
schneidet, so hat er es sehr schwer. Es geht ja auch fast nicht. Auf sehr
lange Zeit wird ein solcher Mensch mit kiinstlichem Magen nicht mehr
geheilt sein. Aber es gibt eben Organe, die nicht entfernt werden kon-
nen, zum Beispiel die Lunge und so weiter, und am wenigsten das Ge-
hirn - da gibt es einen Punkt, wenn Sie da nur mit einer Nadel hinein-
stechen und Sie treffen gerade diesen Punkt, dann fallt der Mensch
sofort tot hin.
Dieses Organ hat zum Beispiel auch der Elefant. Wenn Sie da hin-
einstechen und gerade dieses Organ treffen - man braucht es gar nicht
34
herauszuschneiden -, fallt dieses ganze groBe Tier tot hin. Sie konnen
natiirlich einem Elefanten, wenn Sie wollen, die Milz herausschneiden:
er lebt noch Jahre. Da bekommen Sie den Unterschied. Es ist eben nicht
so einerlei, ob Sie dem Menschen die Milz oder den Blinddarm heraus-
schneiden, oder etwas anderes. Um das einzusehen, dazu ist aber not-
wendig, daB man den Menschen richtig studiert. Nun erinnern Sie sich,
daB ich Ihnen gesagt habe: Diese Gehirnviecherchen, diese Zellen, die
ich Ihnen da hingemalt habe fur die Erinnerung, die sind beim Kind
noch weich, lebendig, und erst allmahlich verharten sie, so daB diese
Gehirnzellen erst in den ersten Kindesjahren, bis zum siebenten Jahre,
verharten mussen. Sie sind namlich erst in der richtigen Verhartung,
wenn der Mensch durch den Zahnwechsel durchgegangen ist. Wenn nun
der Mensch geschlechtsreif wird, dann werden namlich die anderen
Zellen, von denen ich Ihnen gesagt habe, daB sie sich durch das ganze
Blut bewegen, spater durch die Geschlechtsreife viel beweglicher - sie
sind bis dahin wenigstens trage, und gehen trage durchs Blut bis zur
Geschlechtsreife. Man hat zweimal Gelegenheit, krank zu werden: das
eine Mai, wenn der Korper, eigentlich die Seele im Korper, sich Miihe
geben muB, um die Gehirnzellen ordentlich steif zu machen bis zum
siebenten Jahre hin. Auf der anderen Seite, wenn sie sich bei der Ge-
schlechtsreife Miihe geben muB, um diese Tiere, die da herumschwim-
men im Blute, beweglich zu machen.
Wenn man das auBerlich beschreiben wollte, konnte man sagen:
Denken Sie sich, Sie bauen ein Haus und Sie verwenden einen Mortel,
der nicht richtig hart wird - es geht nicht. So ist es, wenn die Gehirn-
zellen nicht in der richtigen Weise erhartet werden. Und das ist bei
jenen Kindern der Fall, die diese oder jene Krankheit kriegen. Wir
wollen diese Krankheitsursachen das nachste Mai noch weiter be-
schreiben. Nach der Geschlechtsreife hat man es zu tun mit einer ganzen
Herde, riesigen Herde von Millionen solcher weiBen Blutkorperchen.
Die sind bis dahin trage, und wenn es eine richtige Herde ware, eine
Millionenherde, miiBten schon sehr viele Hirten dahinter sein, die an-
treiben, damit sie fleiBiger werden. Ja, dieses Antreiben muB da sein.
Wenn es nicht da ist, kommt Bleichsucht heraus. Und so hangt es von
diesen Dingen ab, daB im ersten Kindesalter der eine Ausgangspunkt
35
ist fur eine gewisse Art von Krankheiten, una im letzten Kindesalter,
im Geschlechtsreifwerden, der andere Ausgangspunkt.
Aber so muB man den Menschen studieren, dann kommt man all-
mahlich darauf, wie die Dinge zusammenhangen. Uberhaupt, Sie kon-
nen auch im sozialen Leben nichts machen, wenn Sie nicht diese Tat-
sachen der Naturwissenschaft kennen.
36
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 24. Oktober 1922
Nun, meine Herren, ist gewiinscht worden, daB wir etwas sprechen
uber die inneren menschlichen Organe, und ich habe damit das letzte
Mai angefangen. Solch eine Sadie kann man natiirlich nur, ich mochte
sagen, von weit her besprechen. Man kann sie nur so besprechen, daB
man wirklich auf die Sache von Anfang an eingeht. Und ich habe Ihnen
gesagt, nicht nur, daB das vorkommen kann, daB der Mensch gewisser-
maBen, wie ich Ihnen das an dem Beispiel von William Windom erklart
habe und noch an einem andern Beispiel, aus sich heraus redet wie dieser
Windom, der wahrend einer Rede gestorben ist und fast ganz seinen
eigenen Zustand in Worten geschildert hat - ich habe Ihnen nicht nur
das gesagt, sondern ich habe Ihnen gewisse Dinge gesagt iiber den Ver-
lauf des menschlichen Lebens so, daB wir finden, daB in den allerersten
Lebenszeiten, also wahrend der Mensch Saugling ist, in den ersten Kin-
derjahren ist, die Sterblichkeit am allergroBten ist. Da sterben die
Menschen am haufigsten. Und wenn das auch spater mit dem dritten,
vierten, fiinften Jahre abnimmt, so kann man trotzdem sagen: Die
groBte Sterblichkeit ist bis zum Zahnwechsel, so um das siebente Jahr
herum.
Dann, von dem Zahnwechsel an, bis das Kind geschlechtsreif wird,
ist eigentlich der Mensch am allergesiindesten. Tatsachlich ist es so.
Wenn wir nicht selber in der Schule die Kinder ungesund machen, wenn
wir sie nicht durch allerlei falsches Sitzen und dergleichen dazu bringen,
daB sie Verkrummungen oder durch schlechte Luft irgendwelche
inneren Erkrankungen zeigen, wenn wir achtgeben, so konnen wir in
der Tat wahrend des sogenannten schulpflichtigen Alters, wahrend der
Volksschulzeit, darauf rechnen, daB wir da die Kinder im allgemeinen
am gesiindesten haben. Was da vorkommt an Erkrankungsfallen, das
ist meistens von auBen verschuldet. Die groBe Gefahr, daB der Mensch
wiederum durch sich selber krank wird, die beginnt eigentlich erst wie-
derum im fiinfzehnten, sechzehnten Lebensjahre. Und dann treten ganz
andere Krankheiten auf, als im Kindesalter auftreten.
37
Sehen Sie, da ist es so: Bei ganz kleinen Kindern — ich habe es schon
zum Teil gesagt - fmden wir, daB sie zum Beispiel sehr leicht Vereite-
rungen des Blutes kriegen. Das Blut wird eiterig. Das kann so weit
kommen, daB gelbsuchtartige Erscheinungen auftreten. Dann tritt sehr
haufig bei den Kindern eine unregelmaBige Verdauung in Form von
Durchfall auf. Dann bekommen die Kinder diese kleinen weiBen
Pustelchen an den verschiedenen Stellen, Schwammchen, wie man sagt,
und dergleichen; und dann bekommen die Kinder noch eine ganz an-
dere Art von Erkrankung, die sogenannten Fraisen - Kinderkrampfe
sind das. Heute tritt ja ganz besonders stark auf als eine Kinderkrank-
heit die sogenannte Kinderlahmung, die auch noch im spateren Alter
auftritt, die aber eine furchtbar verderbliche Krankheit ist. Die Kinder
kommen in die Unmdglichkeit, zum Beispiel ihre Beine zu bewegen.
Sie haben ganz gelahmte Beine und dergleichen. Diese Krankheit tritt
heute immer starker auf. Sie haben ja vielleicht gelesen, daB von
Thuringen gemeldet wird, daB selbst Schulen geschlossen werden muB-
ten, weil die Kinderlahmung epidemisch auftritt.
Aus alledem und noch aus manchem anderen kann man sehen, daB
die Kinderkrankheit einen ganz besonderen Charakter hat. Die Kinder-
krankheiten schauen anders aus als die Krankheiten, die der Mensch
spater bekommt. Die Kinderkrankheiten sind ja gerade Scharlach,
Masern - allerdings, Masern ist ja eine Krankheit, die der Mensch auch
spater bekommen kann, und wir miissen uns fragen: Warum bekom-
men sie die Kinder am allerhaufigsten?
Sehen Sie, man kann diese Dinge nur verstehen, wenn man weiB, wie
eigentlich im menschlichen Leib die Krafte wirken. Wenn man das Kind
als Menschenkeim betrachtet, bevor es geboren wird, sagen wir sogar,
betrachtet im ersten, zweiten, dritten Monat, so ist ja das Kind eigent-
lich im Grunde genommen etwas ganz anderes als der spatere Mensch.
Das Kind ist im ersten Monat, und im zweiten auch noch, so, daB es
eigentlich nur Kopf ist, und die anderen Organe sind eigentlich nur ein
Anhang am Kopfe. Alles das, was spater GliedmaBen sind, Hande,
FiiBe, sind ja kleine Stumpfe; und auch die eigentliche Brust- und
Bauchgegend funktioniert ja noch nicht, ist ja noch nicht tatig. Es ist ja
so, sehen Sie, daB wenn man den Kindeskeim hat, so schaut er ja eigent-
38
lieh so aus: Da hier ist dann, ich mochte sagen, eine Art von Sack, in
dem er drinnen ist, und in diesem Sack sind vom mutterlichen Leibe aus
BlutgefaBe. Diese BlutgefaBe, die gehen dann in das Kind hinein und
fullen es aus. Das Blut kriegt das Kind von der Mutter, und ebenso die
Nahrungsstoffe. Das sind Anhangsorgane, die spater abfallen. Das fallt
ja alles ab. Der Kopf ist im Verhaltnis zu dem Korper bei dem Kindes-
keim riesengroB. Das ist der Kopf (siehe Zeichnung); das andere sind
rot:
Kopf , wie (? r
vom TVerkreis
5< > t>l'/c)e^ wire).
SeKfi<j-5<?eli'sches,
welches den
weicnes oer
A\ensch<?r\
gestciltet-.
nur Anhangsel - das ist noch nicht tatig. Da entsteht spater das Herz
und der Verdauungsapparat. Die Blutzirkulation wird von auBen, von
der Blutzirkulation der Mutter besorgt. Da sind nur kleine Stumpfel als
Hande und FiiBe; das wird spater erst entwickelt. So daB man sagen
muB: Das ist alles der Kopf, und alles andere sind unbedeutende Or-
gane, denn alles, was Nahrungs- und Luftaufnahme ist, das wird beim
Kind von der Mutter aus besorgt. Also das Kind ist eigentlich in den
ersten Monaten von der Mutter aus ganz Kopf.
Sehen Sie, meine Herren, die Leute wundern sich dariiber, daB Gei-
steskrankheiten, wie man sie nennt, durch Vererbung entstehen. Geistes-
krankheiten sind aber immer korperliche Krankheiten, die sich dadurch
ausdriicken, daB der Korper seine Funktionen nicht ordentlich ausfuhrt.
Der Geist wird nicht krank, die Seele auch nicht; Geisteskrankheit ist
39
immer etwas Korperliches. Also die Leute wundern sich dariiber, daB
jemand, wie man also sagt, geisteskrank wird durch Vererbung. Ja,
gewiB, der Mensch wird geisteskrank durch Vererbung. Wenn die
Eltern, namentlich die Mutter, an Schwindsucht leiden, oder wenn sie
an irgendwelchen Krankheiten, sagen wir zum Beispiel an Arterien-
verkalkung leiden - das kommt ja in der Jugend v/eniger vor, aber es
kommt bei manchen Leuten vor — , wenn also die Eltern leiden an
Schwindsucht, an Tuberkulose, an Arterienverkalkung, so werden die
Kinder nicht durchaus wieder an Schwindsucht, an Tuberkulose, an
Arterienverkalkung leiden, sondern sie konnen geisteskrank werden.
Da wundern sich die Leute.
Ja, meine Herren, braucht man sich dariiber zu wundern? Das-
jenige, was der Mensch erben kann, muB er ja zunachst iiber den Kopf
erben. Also wenn die Mutter schwindsiichtig ist, so braucht man sich
nicht zu wundern, daB das nicht iibergeht auf die Lunge — die ist ja
noch gar nicht tatig — , sondern auf den Kopf geht das iiber, so daB es
im Kopf zur Ausgestaltung kommt. Also man braucht sich gar nicht
dariiber zu verwundern, daB dasjenige, was vererbt wird, ganz anders
Krankheiten sind als diejenigen, die dieEltern hatten, die sie vererbten.
Sehen Sie, wenn die Eltern zum Beispiel irgendwie geschlechtskrank
sind, so konnen die Kinder eine Augenkrankheit zeigen. Das ist nicht
zu verwundern. Wie soli man sich denn nicht verwundern, wenn die
Eltern geschlechtskrank sind, und das Kind den Kopf ausgebildet hat -
die Augen sind ja am meisten ausgesetzt dem, was die Eltern haben;
sie sind ja in einer geschlechtskranken Umgebung! Ober diese Sache
braucht man sich also gar nicht zu verwundern.
Und nun wird das Kind geboren. Das weiB nun jeder von Ihnen
auch: Wenn das Kind geboren ist, dann ist der Kopf zunachst auch
noch am meisten ausgebildet. Das Kind muB mit dem anderen Korper
erst in der spateren Zeit am meisten wachsen. Der Kopf ist am meisten
ausgebildet, wachst nicht mehr so stark wie die andern Organe, wachst
viel weniger. Und daran, an alledem kann man ja sehen, wie eigentlich
die inneren Organe eines Menschen arbeiten. Dariiber kann sich die
materialistische Wissenschaft keine richtige Vorstellung bilden. Das ist
ganz unmoglich, weil sie gar nicht so richtig darauf kommt, daB beim
40
Kinde alles Wachstum vom Kopfe ausgeht. Alles wird vom Kopfe aus
geregelt. Beim Kindeskeim ist es am auffallendsten, daB vom Kopfe
aus alles geregelt wird, weil es nur den Kopf hat. Spater aber ist noch
immer, was im menschlichen Leibe vor sich gent, vom Kopfe aus ge-
regelt. Vom Kopfe aus wird alles geregelt im menschlichen Organismus.
Der Magen, die Darmtatigkeit und der Blutumlauf, alles wird vom
Kopfe aus geregelt.
Nehmen Sie jetzt einmal an, ein Kind wird geboren, und durch
irgend etwas hat es einen zu langsamen Blutumlauf. Das kann also vor-
kommen. Es kann das vorkommen, daB das Kind durch Vererbung
einen zu langsamen Blutumlauf hat; das gibt es einmal. Nun denken Sie
sich einmal, das Kind - ich will jetzt Adern zeichnen - hat so die Adern
und da geht das Blut zu langsam durch; da ist das Herz, da geht das
Blut zu langsam durch. Aber das Herz wird vom Kopfe aus gebildet.
Der Kopf kann ganz in Ordnung sein, doch der Blutumlauf ist zu lang-
sam. So kommt es, daB das Herz zwar ordentlich ausgebildet ist, aber
daB das Blut nicht ordentlich hereinflieBt ins Herz. Das ist bei Kindern
im allerersten Sauglingsalter sehr haufig der Fall, daB der Kopf ganz
ordentlich ist, aber nicht ein ordentlicher Blutumlauf stattfindet. Das
kann einfach dadurch geschehen, daB das Kind in stickiger Luft lebt;
so kann es dann nicht richtig atmen, und der Blutkreislauf stockt. Oder
41
wenn es nicht die richtige Nahrung kriegt, kann das Blut nicht richtig
in den Korper ubergefuhrt werden; der Blutkreislauf kann stocken.
Der Kopf ist ganz in Ordnung, will das Herz richtig ausbilden, aber der
Blutumlauf stockt. Statt daB die Sache richtig abgefuhrt wird vom
Herz in die Nieren und herausginge, bleibt sie im Korper, bleibt sie im
Blut drinnen. Sind Stoffe, die nicht im Korper sein sollten, die schon
herausgeschafft sein sollten, noch im Blut drinnen, so vereitert das
Blut.
Sehen Sie, diese Gefahr ist eben spater, sagen wir, im achten, neunten
Jahre nicht mehr so stark vorhanden, als sie vorhanden ist im allerersten
Kindesalter. Warum? Nun, wenn das Kind die zweiten Zahne ordent-
lich gekriegt hat, so ist das schon ein Beweis dafiir, daB sein Korper
eigentlich stark ist. Sonst kriegt es die zweiten Zahne nicht ordentlich.
Warum? Ja, sehen Sie, die zweiten Zahne, die werden ja aus dem gan-
zen Korper herausgetrieben. Was da in einem Zahn sitzt, das kommt
aus dem ganzen Korper heraus; das ist nicht bloB etwa da im Kiefer,
sondern beim zweiten Zahnekriegen ist der ganze Korper tatig. Aber
nur bei den zweiten Zahnen. Bei den ersten Zahnen noch nicht. Die
ersten Zahne, die das Kind kriegt, die sogenannten Milchzahne, die sind
etwas ganz anderes als die zweiten Zahne. Die ersten Zahne kriegt das
Kind durch Vererbung, weil seine Mutter und sein Vater auch Zahne
haben. Diese werden im Lauf der ersten sieben Jahre ausgestoBen, und
dann kriegt das Kind erst seine eigenen Zahne, die zweiten Zahne, die
der Korper selber fabrizieren muB.
Uberhaupt, wenn Sie ein Kind angucken, das neun oder zehn Jahre
alt ist, so hat es ja schon seinen zweiten Korper. Da ist der erste, den es
geerbt hat, ganz weggeschmissen. Eigentlich kriegt das Kind seinen
eigenen Korper erst so um das siebente Jahr herum. Und wahrend der
ganzen Zeit bis zum siebenten Jahre, da zeigt es sich, daB das Kind so
stark geboren ist, daB es die Luft und die Nahrung vertragt. Hat es
gezeigt, daB es die zweiten Zahne kriegen kann, dann ist die Gefahr,
krank zu werden, nicht mehr so groB, weil es schon seinen Korper auf-
gebaut hat; dann hat es eben die Zahne schon. Und deshalb ist die Ge-
fahr am allergroBten beim Saugling. Er muB in alles, was er sonst im
Schutze des Mutterleibes getan hat, sich hineinfinden. Der Kopf ist
42
eigentlich immer im ersten Stadium gut; er wird erst spater schlecht.
Wenn man einmal alt wird, ist der Kopf nicht mehr so ordentlich. Da
soil er denken, sich mit der AuBenwelt beschaftigen. Da muB er sich
auch erst hineinfinden. Da hapert es auch haufig! Aber in den aller-
ersten Lebensjahren braucht das Kind noch nicht Geschicklichkeit fur
die Arbeit, braucht noch nicht in die Schule zu gehen, noch nichts zu
lernen. Der Kopf arbeitet nur am eigenen Korper. Dazu ist er meistens
gut. Aber der eigene Korper, der ist im zarten Kindesalter am alier-
schlechtesten, denn da muB man sich erst eingewohnen in die Welt.
Nun, nicht ganz so, wie ich es erzahle, weil ich Ihnen die Tatsachen
ganz genau erzahle, aber so ahnlich erzahlt das ja auch die auBere Wis-
senschaft. Aber diese auBere Wissenschaft versteht eigentlich den gan-
zen Vorgang nicht. Diese ganze auBere Wissenschaft steht eigentlich
wie vor einem Ratsel, wenn sie nun sieht, wie der Mensch in den aller-
ersten Jahren den groBten Krankheiten ausgesetzt ist. Aber das ist aus
dem Grunde, weil diese auBere Wissenschaft glaubt, daB das, was man
Seele und Geist nennt, eigentlich nichts Rechtes ist.
In Wirklichkeit ist das so: Wenn das Kind noch im Leibe der Mutter
ist und dann geboren wird, so ist ja das Seelisch-Geistige hauptsachlich
mit dem Kopf verbunden. Was da drinnen arbeitet, sind ja Krafte, ist
ja dasjenige, was man nicht sieht. Diese Krafte, diese geistig-seelischen
Krafte arbeiten an dem Kinde.
Sie werden sagen: Ja, das ist eine Ansicht, die man haben kann oder
nicht. Aber wenn Sie glauben, daB man diese Ansicht haben kann oder
nicht, dann machen Sie sich desselben Irrtums schuldig, wie jemand,
der sagt: Da ist ein Stuck Eisen; ein anderer kommt und sagt: Her
damit, damit will ich mein Pferd beschlagen! — Der erste sagt ihm
aber: Kerl, du bist aber dumm, wenn du damit dein Pferd beschla-
gen willst! Das ist namlich ein Magnet, da ist eine Kraft drinnen.
Diesen Magnet, den verwendet man zu etwas ganz anderem als zum
Pferdebeschlagen! - Der eine weiB, das ist einfach ein Hufeisen; der
andere weiB, daB es ein Magnet ist, in dem eine unsichtbare Kraft
drinnen ist. Sie konnen das ja nicht sehen. Und ebenso ist der, der mit
der materialistischen Wissenschaft sagt: Nun ja, das ist ein Stuck
Fleisch, der Kopf. — Der ist geradeso wie der, der sagt: Das ist ein Huf-
43
eisen! - Der kindliche Kopf ist eben nicht bloB ein Stuck Fleisch, son-
dern da drinnen arbeiten die unsichtbaren Krafte, die wie ein Bildhauer
den ganzen menschlichen Organismus aufbauen. Sie bauen ganz frisch
auf in den ersten sieben Jahren. Der Mensch behalt ja manches davon
als die Form, die Gestalt, was er geerbt hat. Und die Krafte, mit denen
der Mensch da ganz frisch aufgebaut wird, das sind die seelisch-geistigen
Krafte, die vom Kopfe ausgehen, und die bringt der Mensch von ganz
woanders her als von den Eltern.
Wenn er sie sich von den Eltern herbrachte - ja, meine Herren, wenn
mal einer ein Genie ist, haben Sie gesehen, daB dann die Kinder auch
Genies werden? Oder wenn die Kinder Genies sind, haben Sie gesehen,
daB die Eltern es auch sind? Das ist ganz gewiB nicht der Fall! Nehmen
Sie zum Beispiel Goethe, der ganz gewiB ein Genie war: sein Vater war
ein furchtbarer Philister, seine Mutter war auch kein Genie - sie war
eine liebe, nette Frau, die schone Geschichten erzahlen konnte -, und
sein Sohn war dumm, der war gar kein Genie. Also dasjenige, was
geistig-seelisch ist, das kann man nicht vererben, das bringt man sich
aus ganz anderen Welten mit. Das vereinigt sich nur mit dem, was man
vererbt. Der Mensch hat eben auBer dem, daB er ein Dasein hat im
Mutterleibe, ein Dasein vorher als geistig-seelischer Mensch.
Sehen Sie, daB die Menschen das heute ableugnen, das beruht ja nur
darauf, daB das ganze Mittelalter hindurch die katholische Kirche
gesagt hat: Man darf dem Menschen nicht ein geistig-seelisches Dasein
vor der Geburt zuschreiben — weil die katholische Kirche angenommen
hat, die Seele muB geschaffen werden bei der Geburt von irgendeinem
solchen Gotte, wie ihn eben die katholische Kirche angenommen hat.
Und dasjenige, was die katholische Kirche das ganze Mittelalter hin-
durch verboten hat anzunehmen, daB man eine, wie man es dazumal
nannte, Praexistenz hatte - das heiBt vorexistieren, vorher existieren -,
das beobachtet heute die materialistische Wissenschaft auch und fiihlt
sich furchtbar gescheit. Das ist es eben, daB die Leute gar nicht wissen,
wie sie erst dressiert worden sind zu solcher Ansicht, und nachher glau-
ben, gerade mit einer solchen Ansicht besonders gescheit zu sein.
In Wahrheit ist es so, daB tatsachlich der Mensch, geradeso wie er ein
physisches Dasein in seinen Eltern, GroBeltern und so weiter hat, ein
44
geistig-seelisches Dasein hat, das er sich mitbringt. Das arbeitet in ihm.
Das ist das Geistig-Seelische. Und derjenige, der nicht einsieht, daB das
Geistig-Seelische vor dem Korper schon da ist, sieht auch nicht ein, daB
das Geistig-Seelische nach dem Tode bleibt, sondern er kann hochstens
daran glauben. Ein Wissen von der Unsterblichkeit der menschlichen
Seele kann man nur dadurch bekommen, daB man auch weiB: sie ist
vorher schon da. Natiirlich stiinde es einem gottlichen Schopfer zu,
wenn er den Menschen schaffen wiirde, die Seele auch wieder ver-
schwinden zu lassen, wenn der Mensch stirbt; aber wenn diese Seele erst
da sein muB, damit der Korper aufgebaut werden kann, dann bleibt
sie natiirlich auch vorhanden, wenn der Korper stirbt.
Also Sie konnen sich sagen: Aus alle den Dingen, welche man richtig
beobachten kann, folgt ganz ohne weiteres das Dasein der menschlichen
Seele. Und wie soil sie denn sterben, wenn sie es ist, die das Sterbliche
erst aufgebaut hat! Man miiBte ja in ganz andere Welten gehen, um ein-
zusehen, daB die Seele sterben konnte. Dariiber wollen wir dann in
spateren Vortragen reden, daB sie dort auch nicht sterben kann. Aber
durch den Korper kann sie nicht sterben, weil sie den Korper erst selber
aufbaut.
Jetzt haben wir solche Krankheiten kennengelernt, die dadurch ent-
stehen, daB vom Kopfe aus das Geistig-Seelische arbeitet und der Kor-
per nicht in Ordnung ist. Es kann aber noch anderes eintreten. Es kann
das eintreten, daB der Blutkreislauf zu langsam ist und die Stockung
eintritt, von der ich Ihnen gesagt habe, daB das Blut vereitert. Aber es
kann noch etwas ganz anderes eintreten. Es kann das eintreten, daB das
Kind Nahrung bekommt und es zu schwach ist, diese Nahrung iiber-
haupt vom Darm aus nur ins Blut hinein zu kriegen. Es geht nicht durch
die Darmzotten durch. Der Korper ist zu schwach. Was tritt dann ein?
Dann kriegt das Kind zunachst einmal Durchfall. Natiirlich, was nicht
aufgenommen wird, muB heraus; aber es sollte eigentlich im Korper
bleiben und aufgenommen werden. Statt dessen geht es im Durchfall
unverarbeitet hinaus. Aber das ist noch mit etwas anderem verbunden.
GewiB, das Kind kriegt ein biBchen Durchfall, starkeren Durchfall,
kriegt vielleicht Brechdurchfall. Das ist oftmals nur das erste Stadium.
Aber wenn das Kind liingere Zeit die Nahrungsstoffe nicht verarbeiten
45
kann, dann konnen j a die inneren Organe nicht aufgebaut werden. Der
Kopf will sie fortwahrend aufbauen. Die inneren Organe konnen nicht
aufgebaut werden, weil kein Stoff durchgeht. Es ist so, wie wenn Sie,
sagen wir, an irgendeiner Bildsaule arbeiten und keinen Stoff haben,
aus dem Sie sie machen konnen, und Sie fuchteln in der Luft herum.
So fuchtelt der Kopf in der Luft herum, wenn zum Beispiel das Kind
keinen Stoff bekommt, aus dem es die Organe formen kann. Er will das
Herz formen, den Magen formen. Er fuchtelt in der Luft herum, weil
er keinen Stoff kriegt, weil der durch den Durchfall weggegangen ist.
Ja, wenn man nun materialistischer Gelehrter ist, kann man jetzt
iiberhaupt nichts begreifen. Da sagt man sich halt: Ich untersuche das
Kind; nun, das hat Durchfall. Geben wir ihm irgendwelche Mittel, daB
es nicht weiter Durchfall hat. - Da wird nur die Folge sein, daB die
Nahrungsstoffe sich im Darm ansammeln, denn aufgenommen konnen
sie nicht werden, und das Kind kriegt einen dicken Bauch, aber weiter
nichts. Man untersucht weiter und findet, daB zum Beispiel die Lunge
nichts anderes als ein leerer Beutel wird. Sie will gebildet werden, aber
die Stoffe sind nicht da. Man findet nichts als einen leeren Beutel
anstelle der Lunge.
Derjenige, der also die Lunge anguckt und nur einen leeren Beutel
findet, der muB aber wissen, daB in diese Lunge eben gerade diejenigen
Krafte hineingehen, die vom Kopfe ausgehen. Das, was vom Kopfe aus-
geht, das geht in die Lunge, durch die Lunge. Jetzt wollen die Krafte
vom Kopfe aus etwas haben, wodurch sie sich betatigen konnen. Die
greifen etwas an, was ihnen keinen Halt gibt. Jetzt ist das so: Wenn ich
den Stuhl schuttle, da habe ich Halt am Stuhl; wenn ich aber so herum-
46
fuchtle und nicht den Stuhl kriege, habe ich keinen Halt. Sie sehen
dann nur, daB ich wie ein Narr herumfuchtle. Aber wenn der Kopf
herumfuchtelt in der Lunge und keinen Halt kriegt, dann entstehen
Krampfe, die Fraisen.
Sehen Sie, wenn einer iiberhaupt verniinftigerweise die Krampfe
erklaren will, dann muB er wissen, daB da der Kopf herumfuchtelt und
keinen Halt kriegt. Durchfalle kann man noch auf materialistische
Weise erklaren; Krampfe kann man nicht mehr auf materialistische
Weise erklaren.
Also das zeigt einem, daB gerade beim Kind am meisten geistige
Tatigkeit vorhanden ist. Die hort spater auf. Denn so viel geistige
Tatigkeit ist beim Kind vorhanden, daB aus alledem, was es iBt bis zu
seinem sechsten, siebenten Jahre, immer nur ganz kleine, winzige Par-
tikel, Teile, ausgesondert werden, und aus denen werden nun die zwei-
ten Zahne gemacht. Denken Sie, meine Herren, wenn Sie das selber
machen miiBten! Sie miiBten erstens so gescheit sein, daB Sie wissen
konnten, wie in den Nahrungsmitteln da drinnen Magnesiumsalze und
kohlensaure Salze sind. Das kann man zur Not noch lernen, aber man
kann es auch nur dadurch, daB man die Zahne zuerst chemisch analy-
siert, selber erst aus den Zahnen lernt. Denn kein Mensch kann natiir-
lich heute sagen, wie man solche Zahne macht, denn die kiinstlichen
Zahne, die gemacht werden, sind ja natiirlich keine Zahne, keine leben-
digen Zahne. Also da wird aus alledem, was das Kind iBt bis zum
siebenten Jahre, immer in ganz kleinen Portionen dasjenige heraus-
geholt, was als zweite Zahne erscheint.
Aber man muB nicht nur wissen, was fur Stoffe drinnen sind, son-
dern man muB wissen, was machen sie im Magen, damit der richtige
Stoff ausgesondert wird, oder was machen diese kleinen Partikelchen,
die Sie ausgesondert haben im zweiten, dritten Jahre? Wenn Sie das
ausgesondert haben, wie halten Sie das lange genug im Blutkreislauf
fest, daB es weiter mitgeht, gerade just im sechsten, siebenten, achten
Jahr in die Kiefer hineingeht, so daB die Zahne daraus werden? Das
alles muB ja gemacht werden und wird gemacht von dem Geistig-
Seelischen des Kindes, das nur unbewuBt ist. Aber gemacht wird es.
Ich glaube, Sie werden sich gar nicht beleidigt fuhlen, wenn ich Ihnen
47
sage: Sie sind nicht imstande, wenn ich sage, laB da irgendwo ein ein-
ziges Haar wachsen -, Sie sind nicht imstande, dieses Haar irgendwie
wachsen zu lassen! Aber das Kind ist dazu imstande, indem es die
notigen Stoffe hintreibt bis zu dem Ort, wo die Haarwurzeln sich ein-
gliedern, diese Stoffe dem Lichte entgegenzubringen - denn die Haare
wachsen, werden aus Licht.
Also das alles geschieht in dem Kinde. Sehen Sie, das alles ist etwas,
wovon die heutige Wissenschaft nicht reden will. Sie macht den Leuten
diese Dinge durchaus unklar. Sie weiB nichts dariiber und will nicht
reden davon, daB da das Geistig-Seelische drinnen arbeitet, und daB
das Geistig-Seelische nicht vererbt wird, sondern daB das Geistig-
Seelische eben aus einer geistigen Welt kommt.
Nun, ich habe Ihnen das Beispiel von den Haaren erzahlt. Sehen Sie,
der Mensch ist ja im allgemeinen wahrend seines normalen Lebens nicht
behaart, sondern nur an gewissen Stellen bleiben die Haare, sonst ist er
unbehaart. Aber der Mensch war einmal auf der Erde auch behaart. Er
hat die Haare verloren. Er war ein ganz behaarter Mensch. Einmal, in
sehr alten Zeiten war der Mensch auch zottelig behaart, ganz zottelig
behaart. Er hat die Haare verloren. Ja, wodurch hat der Mensch die
Haare verloren? Ich will Ihnen dariiber keine Theorie geben, denn die
kann man sich ausdenken, aber ich will Sie auf Tatsachen verweisen.
Andere Wesen zum Beispiel, welche auch, wenn sie in der Natur her-
umgehen, behaart sind, verlieren die Haare, wenn sie zahm gemacht
werden: das sind die Schweine. Schauen Sie sie an im wilden Zustande:
da haben sie Haare; und wenn sie gezahmt werden, wenn sie also in
solchen Verhaltnissen leben, in denen sie urspriinglich nicht gelebt
haben, da verlieren sie die Haare. Der Mensch hat auch urspriinglich
nicht in solchen Verhaltnissen gelebt wie heute. Der Mensch ist nam-
lich auch wie solch ein gezahmtes Tier. DaB er aber Haare bekommen
hat, unter dem EinfluB von Licht und Warme Haare bekommen hat,
das zeigt das Kind ja heute noch; denn in den ersten Monaten, wo es
fast nur Kopf ist, da ist der ganze Kindeskeim behaart - im Mutterleib
ist das Kind in den ersten Monaten sogar behaart! Die Haare verliert es
wieder; die gehen weg. Es ist ganz behaart. Geradeso wie ich Ihnen
erklart habe, daB die Pflanzen im ersten Stadium das Licht und die
48
Warme noch vom vorigen Jahr haben, so hat das Kind Licht und
Warme von der Mutter, so bekommt es das Licht und verliert erst
spater die Haare. Also auch daraus konnen Sie sehen, wie das Geistig-
Seelische am Korper arbeitet.
Nun sagte ich Ihnen: Wahrend des schulpflichtigen Alters, da ist
der Mensch eigentlich von Natur aus am allergesiindesten. Das ist so.
Warum? Ja, das ist so, weil nur diejenigen Menschen iibrig bleiben, die
die Krafte entwickelt haben, durch die sie die zweiten Zahne ent-
wickeln konnen, denn das sind starke Krafte. Man treibt da ganz harte
Krafte aus sich heraus. Diese Krafte, die muB man durch eine ganz
furchtbar starke Angewohnung erst erwerben wahrend des kindlichen
Alters. In den ersten Kindesjahren ist also alles dasjenige, was der Kopf
am Innern des Menschen macht, am starksten entwickelt. Und da ist es
wirklich so, daB man sagen muB - natiirlich weiB der Mensch nichts
davon -: Dieser Kopf, der muB sich anstrengen, der muB ein ganz
groBer Kiinstler sein. Und der Korper gibt ihm fortwahrend Wider-
stande. Dagegen muB der Kopf fortwahrend ankampfen. Es hilft ihm
nichts. In den ersten sieben Jahren kann er nichts haben, was ihm rich-
tig hilft. Man muB solch eine furchtbare Kraft anwenden. Und unter
dieser Kraftanstrengung kommen eben alle diese Krankheiten, von
denen ich Ihnen erzahlt habe.
Nehmen Sie aber jetzt an, der Blutkreislauf ist nicht dadurch in
Unordnung, daB nicht geniigend abgeht, sondern daB zu viel iiber-
gefuhrt wird. Das kann ja auch sein. Es gibt schon einmal dieses, daB
die Eltern eben nicht so weise sind, wie der menschliche Organismus
eigentlich ist. Die Eltern glauben oftmals: Wenn man moglichst viel
hineinstopf t, so ist das das allerbeste. Nun, man kann ja daraus niemand
einen Vorwurf machen, denn es ist wirklich im allgemeinen schwer zu
wissen, wann das Kind genug hat. Es weiB es meistens nur durch seinen
eigenen Instinkt, durch seine eigene Weisheit, die in ihm ist. Wenn es zu
viel Milch kriegt, weil die Mutter zu viel erzeugt, bekommt das Kind
einen unsicheren Instinkt und iBt selber zu viel. Dann wird zu viel
hineingestopft, da kann der Kopf nicht nach; dann ist er zu langsam,
um das Viele da hineinzukriegen. Dann muB er sich wehren, damit das
ausgeworfen wird, damit das weggeht. Aber das ist ja schon von dem
49
Darm ins Blut hineingegangen; er kann es nicht mehr auf dem natiir-
lichen Wege des Wiederablassens oder der Verdauung wegwerfen, denn
es ist schon ins Blut hineingegangen. Was tut er? Er muB es auswerfen
durch die Haut. Scharlach, Masern entstehen! Scharlach und Masern
sind ganz andere Krankheiten als Durchfall oder die Krampfe. Durch-
fall und Krampfe, das sind Krankheiten, die das Kind kriegt, weil es
im Innern einfach herumfuchtelt und zu wenig Nahrung bekommt.
Wenn aber zu viel hineinkommt, dann muB das ausgeworfen werden,
und dann entstehen solche Dinge, selbst dasjenige, v/as dann durch die
Lungen ausgeworfen wird, wenn es zu viel ist. Diphtherie, Lungen-
entziindung, die werden dadurch hervorgerufen, daB der Korper sich
dadurch hilft, daB er noch durch die Haut wegwirft, was er sonst nicht
herauskriegt. Wenn man den Menschen versteht, versteht man, wie das
eigentlich vor sich geht, und es ist ganz natiirlich, daB ein Kind solche
Krankheiten kriegen kann.
Es kann noch andere Krankheiten kriegen. Denken Sie einmal, es ist
gerade zufallig das Kind zu schwach, um die zweiten Zahne heraus-
zutreiben. Es hat die ersten Zahne gekriegt, die hat es geerbt; da
braucht es sich nicht anzustrengen. Aber es ist zu schwach, um die zwei-
ten herauszutreiben. Jetzt gehen die Krafte, die da nicht ankommen, in
die Lunge, und das Kind zeigt eine Lungenentziindung. Das kann auch
sein. Der menschliche Leib ist ein furchtbar kompliziertes Ding. Wenn
also ein Kind eine Lungenentziindung kriegt, so ist nicht nur nach-
zuschauen, wie es mit dem Kind auf der Lunge ist, sondern wie es ist
mit den Nieren, wie mit dem Magen und so weiter. Man muB also bei
jeglicher Krankheit den ganzen menschlichen Korper untersuchen,
nicht nur einen Teil, an dem gerade die Krankheit auftritt.
Wenn aber das Kind jetzt sieben Jahre alt ist, dann sind auch seine
Atmungsorgane so weit, daB nicht mehr der ganze Korper vom Kopf
aus die Atmung besorgen muB. Beim ganz kleinen Kind muB der Kopf
noch fortwahrend die Atmungsorgane in Ordnung bringen. So wie er
die Zahne aufbauen muB, so muB er die Atmungsorgane aufbauen. Mit
dem siebenten, achten Jahre ist das Kind so weit, daB sie in Ordnung
sind. Jetzt kann das Kind ordentlich atmen. Das ist gerade das Alier-
wichtigste, daB man einsieht: Wenn das Kind die zweiten Zahne ge-
50
kriegt hat, ist sein Atmungsorganismus in Ordnung gekommen; es hat
seine zweiten Lungen bekommen, seine zweiten Bronchien - alles ist
aufgebaut. Es atmet nicht mehr mit dem schwachen vererbten Organis-
mus, sondern es atmet mit dem zweiten, aufgebauten Organismus.
Dadurch steht es ganz anders da. Jetzt hat es eine Hilfe. Das ist eben
die Geschichte. Es ist etwas ganz anderes, ob ich von einem schwachen
Vater oder einer schwachen Mutter meinetwillen einen Atmungsorga-
nismus habe, den ich vom Kopf aus dirigieren soli, der aber zu schwach
ist, oder ob ich mir als Kind richtig einen zweiten Atmungsorganismus
aufgebaut habe, wie ich ihn brauche. Denn der Kopf baut ihn sich
ordentlich auf. Und dadurch, daB dieser zweite Atmungsorganismus
bei Kindern, die uberhaupt so alt werden — die andern sind vorher
weggestorben — , in Ordnung ist, dadurch sind diese Kinder zwischen
sieben und vierzehn Jahren am allergesiindesten, denn bei den Kindern
ist es vorzugsweise der Atmungsorganismus, der ganz gesund wird. Das
ist das Gute in diesem zweiten Lebensalter, daB der Atmungsorganis-
mus da am allergesiindesten wird.
Wenn aber die Geschlechtsreife eingetreten ist, dann nimmt namlich
diese Geschlechtsreife etwas von den Nahrungssubstanzen fur sich weg.
Friiher, wenn das Kind noch nicht geschlechtsreif ist, geschieht das
nicht. Da nimmt die Geschlechtsreife noch nicht etwas von den Nah-
rungsmitteln fur sich weg. Jetzt muB eine ganz andere Art von Ver-
dauung eintreten. Das konnen Sie leicht einsehen, weil etwas ganz
anderes nun eingetreten ist, weil die Nahrungsmittel zu etwas anderem
hingeleitet werden. Diese neue Art zu atmen, die macht, daB von der
Geschlechtsreife an uberhaupt die Verdauungsorgane sich erst neu ein-
richten miissen, daB also erst vom Magen, von den Gedarmen aus der
richtige Gegendruck eintreten muB, weil von dem, was friiher Druck
war, etwas weggenommen ist. Jetzt muB der richtige Gegendruck ein-
treten. Kein Wunder, daB Bleichsucht bei den Madchen und andere
Krankheiten in diesem Alter auftreten, weil sich der Organismus erst
einrichten muB.
So ist das Kind in dieser Zeit vom siebenten bis vierzehnten Jahre
am allermeisten geschiitzt. Denn in den ersten Jahren muB vom Kopfe
aus so furchtbar stark hineingearbeitet werden in den Organismus.
51
Daran muB er sich erst gewohnen. In dieser Zeit vom siebenten bis vier-
zehnten Jahre, also in der Volksschulzeit, ist das Kind am allergesun-
desten. Dieser zweite Atmungsorganismus, der ist von nichts beein-
trachtigt, und der kann ganz fein den Sauerstoff iiberliefern. Der wirkt
auf der einen Seite gunstig nach dem Kopf hinauf, auf der andern Seite
giinstig nach der Verdauung zu. Da miiBte man, wie gesagt, schon von
auBen durch eigene Schulgeschichten die Sache verderben.
Jetzt kommen wir zur Geschlechtsreife. Sehen Sie sich den Knaben
an. Bis zur Geschlechtsreife hat er seinen Organismus ausgebildet mit
den gesiindesten Kraften, die der Mensch hat. Er hat den Ansturm
unternommen, zum erstenmal seinen Organismus neu zu machen.
Nichts hat ihm das verdorben, wenn er eben iibrig geblieben ist. Doch
jetzt kommt die Geschlechtsreife heran. Sehen Sie sich den Knaben an:
Der ganze Atmungsorganismus wird da durch die Verdauung beein-
trachtigt. Nicht einmal die Stimme behalt er. Die Stimme wird tiefer.
Der Stimmwechsel zeigt ja, daB die Verdauung heraufwirkt bis in den
Atmungsorganismus. Also das zweite Mai, wenn er seinen Organismus
bilden muB, da pfuscht ihm die Verdauung hinein. Dieses Hinein-
pfuschen, das ist eben im Stimmwechsel zum Ausdruck kommend. Da
muB er ganz andere Saiten anschlagen. Da stiirmen nun wiederum die
Krankheiten heran.
Und sehen Sie, erst wenn man den Menschen nun so betrachtet, dann
kriegt man die Moglichkeit, iiberhaupt iiber eine solche Frage nachzu-
denken, wie sie einer der Herren das letzte Mai gestellt hat. Vorher kann
man ja iiber diese Fragen iiberhaupt gar nicht nachdenken, denn man
kriegt nichts heraus. Wenn man weiB, daB es einfach der Kopf ist, der
in den ersten sieben Lebensjahren am meisten arbeiten muB, was wird
man sich da sagen?
Ja, nicht wahr, im miitterlichen Leibe wird das gebildet (auf die
Zeichnung deutend); aber der Kopf, der im miitterlichen Leibe gebildet
wird, der wird ja wirklich nicht bloB gebildet durch die Befruchtung,
nur durch die Substanz, sondern dieser Kopf wird gebildet aus dem
ganzen Weltenall herein. Die mutterliche Substanz bildet nur die
Grundlage, daB sich das bilden kann. Aber der Kopf des Menschen
wird aus dem ganzen Weltenall herein gebildet. Er ist ja auch ein Ab-
52
bild, er ist ein Bild des Weltenalls. Er ist deshalb oben rund, weil er
nachgebildet ist dem Weltenall. Da drauf auf diesen Hirnschadel, den
manchmal etwas so Dummes bedeckt beim Menschen, da drauf wirkt
die ganze Sternenwelt. Da wirkt wirklich die ganze Sternenwelt. Das
ist nicht eine Phantasterei. Das ist ebenso wahr, wie es das Folgende ist,
ich habe es Ihnen schon einmal gesagt: Denken Sie sich, es ware hier
eine Magnetnadel; diese Magnetnadel konnen Sie nicht beliebig zum
Stillstand bringen. Sie steht immer von Norden nach Siiden. Keinem
Menschen wird es einfallen, zu sagen, da sitzen Krafte in der Magnet-
nadel drinnen, die diese von Norden nach Siiden stellen, sondern jeder
sagt: Die Erde ist selber ein Magnet und die Magnetnadel richtet sich
nach der Erde. - Das sieht jeder ein. Nur in bezug auf das, was sich da
im miitterlichen Leibe drinnen entwickelt, sind die Menschen so dumm,
da!3 sie sagen: Das kommt von der Befruchtung. - Das ist ebenso ge-
scheit, wie wenn man sagen wiirde: DaB sich die Magnetnadel immer
von Siiden nach Norden richtet, das kommt von Kraften in der Magnet-
nadel! - DaB sich da dieser Kopf ausbildet wie ein Abbild von der gan-
zen Welt, das zeigt eben, daB die ganze Welt wirkt auf den Menschen-
kopf. Und die Krafte, mit denen der Kopf dann wiederum im Kinde
weiter wirkt, die hat der Mensch aus dem Weltenall bekommen. Wenn
also meine Lunge aufgebaut wird, dann hat der Kopf die Kraft zum Auf-
bauen meiner Lunge bekommen aus dem Weltenall. Namentlich wenn
zum Beispiel die Nieren ausgebildet werden, so hat der Mensch die
Krafte von weit im Weltenall drauBen liegenden Korpern bekommen,
vom Jupiter zum Beispiel. Also das sind keine Phantastereien. Das
kann man ebenso untersuchen, wie man andere physikalische Sachen
untersucht. So daB der Mensch, wenn er mit seinem Kopfe geboren
wird, wirklich in seinem Kopf die Krafte der ganzen Welt drinnen tragt.
Naturlich ist es ein Unsinn, wenn einer sagt, der Mond oder die
Sonne oder der Jupiter wirken auf irgendein menschliches Organ. Also
wenn die Leute sich hinsetzen und ein Horoskop stellen, weil sie glau-
ben, der Mond, die Sonne, der Jupiter und so weiter wirken, das ist
Blech! Aber der Kopf ist herausgebildet aus dem ganzen Weltenall.
Und die Krafte, die dem Kopf aus dem ganzen Weltenall mitgeteilt
worden sind, die wirken dann in den ersten sieben Jahren auf den Men-
53
sehen. Und in den zweiten sieben Jahren gewohnt sich der Mensch
mehr an den Umkreis der Erde, so daB er herauswachst aus dem Welten-
all. Er wird also, wahrend er vorher ein Sternenmensch war, mehr ein
Luftmensch.
Und nachher, wenn da die Verdauungsstoffe eine so besondere Rolle
spielen beim Menschen, daB sie ihm sogar die Stimme verandern, was ist
denn das? Ja, das ist nichts anderes als das, was wir hereinbringen von
der Erde. Was wir von der Erde hereinbringen, das miissen wir dann
verarbeiten. Ich habe Ihnen gezeigt, daB das erst getotet werden muB
in den Gedarmen und so weiter. Das wird erst zur Hauptsache in den
Zeiten, in denen der Mensch geschlechtsreif wird. Da wird er haupt-
sachlich von der Erde abhangig. Wir haben als Manner zuerst die
Stimme von der Luft; daB die Stimme dann dumpf wird, das kommt
davon her, daB spater die Erdensubstanzen und die Erdenstoffe drinnen
wirken.
Erst kommen wir zur Welt, indem wir Sternenmenschen sind, vom
Kopf aus die Krafte nachwirken lassen, die wir aus der Sternenwelt zu-
erst hereingebracht haben. Dann werden wir Luftmenschen. Und mit
der Geschlechtsreife werden wir erst Erdenmenschen, werden erst rich-
tig dem Erdigen zugeteilt. Spater werden wir erst den Dingen zugeteilt,
die uns mehr an die Erde fesseln. Und so sehen Sie, daB der Mensch erst
von der Welt herein auf die Erde versetzt wird.
Wenn man nicht so verstockt ist wie die Materialisten oftmals, die
dariiber phantasieren, daB der Mensch wachst und so weiter, dann sieht
man ja, wie der Mensch in die Erde hineinwachst. Und wenn er alt
genug dazu wird, wachst er namlich im Alter wieder heraus. Was
geschieht zum Beispiel im Alter? Die Krafte, die wir im Alter haben,
die haben wir auch in der Jugend; die haben unsere Knochengebilde
sehr, sehr hart gemacht; aber die anderen Teile bleiben weich. Wenn
aber im Alter die Kraft, die in den Knochen ist, in den andern Korper
iibergeht, so verharten zuerst die Adern, und dann kommt, was man
Arteriosklerose nennt. Das Gehirn kann auch verkalken. Das Gehirn
muB immer ein biBchen von dem haben, durch das die Verkalkung ein-
tritt. Sehen Sie, wenn das Kind nicht ein wenig Kalksand im Kopfe hat,
der von der Zirbeldriise ausgestreut wird, verteilt wird, wenn es nicht
54
ein wenig Kalksand im Kopfe hat, dann bleibt es dumm, dann kann die
Seele nicht eingreifen, denn die bildet in den Kalk hinein. Wenn aber
spater (im Alter) zu viel Kalk abgelagert wird, dann kommt eben die
Verkalkung, und dann kann wiederum die Seele nicht eingreifen, weil
das zu stark ist. Dann kommt die Lahmung, der Gehirnschlag, oder so
etwas, oder man wird eben ergriffen von Altersschwachsinn, weil man
das Gehirn nicht mehr ergreifen kann, nicht mehr verwenden kann.
Aber wenn im iibrigen Korper eine Verkalkung eintritt, ist es ebenso.
Man wird wieder herausgenommen aus den Kraften der Erde. Man
kann also sehen, wie der Mensch hineinwachst in die Krafte der Erde
bis zu seiner Geschlechtsreife, und wie er dann wieder herauswachst
aus der Erde, wie die abgelagerten Schichten immer dicker und dicker
werden und dadurch die Seele nicht mehr eingreifen kann.
So sehen Sie tatsachlich, daB man studieren kann das, was der Mensch
vom Weltenall hat. Er tragt es selber herein. Man muB nur nicht der
aberglaubischen Ansicht huldigen, daB auf die Lunge meinetwillen
irgendeines funfunddreiBigjahrigen Menschen irgendwie ein Stern
wirkt! Aber die Lunge ist aufgebaut nach den Kraften, die zuerst im
Kindeskopf von den Sternen hereingekommen sind.
Also wenn man die Sache richtig wissenschaftlich anschaut, dann
gibt es eben eine Geisteswissenschaft. Die gibt es einmal, und die kann
man ebenso studieren, wie die andere Wissenschaft. Und es ist einmal
so, man mag ja noch so stark schimpfen iiber friihere Zeiten - gewiB,
wir konnen nicht wieder dieselben Zeiten heraufholen, die fruher
waren -, aber sie waren halt fur die Menschen, die fruher da waren,
brauchbar, fur uns nicht mehr. Aber die Zeit, in der wir leben, die ist
nur brauchbar fur uns. Wenn wieder Leute da sein werden, die etwas
wissen von der Welt, die nicht bloB glauben, der Menschenkopf wird
nur als, was weiB ich, so eine kleine Kugel im Mutterleibe erzeugt,
sondern die etwas wissen von der Sache, wird es auch wieder bessere
Politiker geben. Wenn man nichts weiB, kann man auch kein ordent-
licher Politiker sein. Denn derjenige, der nichts weiB vom Menschen,
der weiB auch nicht, was die Menschen tun sollen. Daher ist es so
dringend notwendig, daB Leute entstehen, die wiederum etwas wissen
von der Welt. Das ist dasjenige, was unbedingt angestrebt werden muB.
55
Die Schulen sollen den Menschen wiederum etwas lehren, was einen
Wert hat. Heute hat das einen groBen Wert, womit man Maschinen
machen kann. Dagegen wird auch nichts gesagt von der Geisteswissen-
schaft, denn das hat ja seinen groBen Wert; aber wodurch man unter
den Menschen zurechtkommt, das wird gar nicht gelehrt, sondern es
wird irgendeine abstrakte soziale Wissenschaft gelehrt, die man erfin-
det, weil man den Menschen nicht kennt. Den muB man erst kennen-
lernen, dann aber so, wie wir es hier tun. Das aber, was ich Ihnen hier
sage, das wird ja leider nicht gelehrt. Erinnern Sie sich an Ihre eigene
Schulzeit! Wo wird denn so etwas gelehrt? Und das ist dasjenige, was
heute dem Menschen fehlt. Dasjenige, was der Mensch heute lernt, das
ist geradeso in ihm, wie wenn Sie ihm Steine in den Magen hineinlegen.
Das vertragt hochstens eine Gans, aber nicht der Mensch. Wenn Sie dem
Menschen Steine in den Magen hineingeben, dann ruiniert er seinen
Verdauungsapparat. Wenn Sie den Menschen das lehren, was heute
gelehrt wird, so ruinieren Sie eigentlich seinen Kopf. Nicht wahr, wenn
ich meinen Arm nicht gebrauche, wird er schwach. Wenn ich meinen
Kopf nicht richtig gebrauche, wird der Kopf schwach. Aber der Kopf
hat auch wahrend des mutterlichen Keimens schon Sternenkrafte be-
kommen. Wenn Sie ihm nichts erzahlen und er keine Gedanken haben
kann von den Sternen, so bleibt er schwach, geradeso wie die Muskeln,
wenn man sie nicht gebraucht. Wenn man dem Kind nichts beibringt
von der Welt, so muB der Kopf schwach bleiben. Und der hauptsach-
lichste Schaden des heutigen Zustandes ist — Sie miissen das nicht iibel
nehmen -, daB die Menschen schwache Kopfe haben und nichts ver-
stehen voneinander, sich nach Klassen trennen und gar nichts verstehen
voneinander. Das ist geradeso, wie wenn ich Menschen zu Athleten
machen will und ihnen ihren Bizeps ganz schwach lasse. So ist es mit
Menschen, die ich ausbilde und deren Kopf ich schwach lasse, weil sie
dann gerade dasjenige nicht wissen, was sie wissen sollten. Das ist
schon so.
Wenn die Kinder mit der unbewuBten Weisheit, durch die sie ihren
Korper aufbauen, fertig sind und ihre zweiten Zahne gekriegt haben,
ist es von besonderer Wichtigkeit, daB man ihnen jetzt bewuBt etwas
beibringt von dem, was sie friiher unbewuBt angewendet haben. Dann
56
werden sie auch richtige Menschen, solche Menschen, die nicht so ver-
kehrt denken wie die heutigen, sondern Menschen, die richtig denken
eine gesunde Geisteswissenschaft.
Richtet man alles soziale Denken erst zugrunde, so kriegen wir kein
verniinftiges Denken iiber das, was man tun soli. Wenn wir eine rich-
tige Geisteswissenschaft anwenden, so wird in dieser Beziehung vieles
besser werden konnen.
57
DRITTER VORTRAG
Dornach, 29. November 1922
Es wird gefragt wegen des Motives auf der Zeitschrift «Anthroposophie, osterreichi-
scher Bote von Menschengeist zu Menschengeist»: Adler, Lowe, Stierkopf und
Menschenkopf.
Dr. Steiner: Ich glaube, meine Herren, ich werde das am besten so
machen, daB ich Thnen den Menschen erst noch ganz fertig erklare,
soweit es notwendig ist, und daB ich dann den Menschen als in diesen
vier Symbolen sich darstellend, das nachste Mai gebe. Nicht wahr, es
ist nicht moglich, immer alles ohne Voraussetzungen zu sagen. Ich
werde versuchen, heute noch diese Voraussetzungen zu schaffen. Denn
sehen Sie, diese vier Tiere, wovon eigentlich das eine der Mensch ist, die
gehen auf eine sehr fruhe in der Menschheit vorhandene Menschen-
erkenntnis zuriick. Heute konnte man nicht mehr so, wie das zum Bei-
spiel die alten Agypter gemacht haben, diese vier Tiere erklaren, son-
dern heute muB man sie etwas anders erklaren. Naturlich muB man sie
richtig erklaren, aber man muB heute von etwas anderen Voraussetzun-
gen ausgehen.
Nun mochte ich Sie noch einmal aufmerksam machen, wie ich Sie
immer wieder und wieder darauf hingewiesen habe, wie der Mensch j a
hervorgeht aus dem Menschenkeim, der zunachst im Leibe der Mutter
sich entwickelt. Ich habe Ihnen auch schon manches von diesem Men-
schenkeim gesagt. Nun mochte ich heute noch einmal zuriickkehren
zum allerersten Stadium, zu der allerersten Zeit, in der der Menschen-
keim nach der Befruchtung im Leibe der Mutter sich entwickelt. Sehen
Sie, da ist der Menschenkeim eben eine einzige Zelle, also eine Zelle, die
im Innern EiweiBstoff hat und einen Kern (es wird gezeichnet). Das ist
so klein, daB man es nur im Mikroskop erkennen kann. Und der Mensch
nimmt eigentlich im physischen Leben seinen Anfang von einer ein-
zigen solchen Eizelle, die befruchtet worden ist.
Nun miissen wir die nachsten Vorgange ins Auge fassen. Sehen Sie,
die nachsten Dinge, die sich mit diesem kleinen Ei, das im Leib der
Mutter ist, abspielen, das sind diese, daB sich solch ein Ei teilt; es ent-
58
stehen aus einem zwei, und aus jedem solchen wiederum zwei, die so
nebeneinander sind, und so entstehen durch Teilung immer mehr und
mehr solche Zellen. Unser ganzer Korper ist ja spater aus solchen Zel-
len zusammengesetzt. Aber sie bleiben nicht so rund, sondern sie
nehmen verschiedenste Formen an. Diese Zellen bekommen die ver-
schiedensten Gestalten.
Nun mussen wir da etwas beriicksichtigen, was ich Ihnen schon ein-
mal gesagt habe, namlich: Wenn diese kleine Zelle im Leibe der Mutter
ist, dann wirkt eigentlich die ganze Welt auf diese Zelle ein - die ganze
Welt. Heute kann man natiirlich auf diese Dinge noch nicht mit dem
notigen Verstandnis eingehen. Aber dennoch: Es wirkt die ganze Welt
auf eine solche Zelle ein. Es ist nicht einerlei, ob, sagen wir, dieses Ei sich
teilt, wenn da oben der Mond vor der Sonne steht; da ist es anders, als
wenn der Mond abseits von der Sonne steht und so weiter. Also dei
ganze Sternenhimmel hat auf diese Zelle einen EinfluB. Und unter
dem EinfluB dieses Sternenhimmels bildet sich auch das Innere der
Zelle aus.
Nun, sehen Sie, wenn das Kind in den ersten Monaten ist - ich habe
es Ihnen schon gesagt -, da ist ja eigentlich vom Kind nur der Kopf aus-
gebildet (es wird gezeichnet). Der Kopf ist ausgebildet, und der iibrige
Korper ist eigentlich nur solch ein Anhangsel; da sind dann kleine
Stummel, die Hande, und andere kleine Stummel, die Beine. Und immer
mehr und mehr wird dieses kleine Wesen eben so, daB es seine Hande
und Arme umbildet, und diese Stummel da zu FiiBen umbildet und so
weiter.
Woher kommt das? Das mussen wir uns fragen: Woher kommt das?
Das kommt davon her, daB der Mensch, je friiher er im Keimzustand
ist, desto mehr noch der Sternenwelt ausgesetzt ist, und je mehr er sich
entwickelt, je langere Monate er im Mutterleibe ist, desto mehr der
Schwerkraft der Erde ausgesetzt wird. Solange der Sternenhimmel auf
den Menschen wirkt, ordnet er alles so an, daB die Hauptsache der
Kopf ist. Erst die Schwerkraft treibt das andere da heraus. Und es ist
so, daB eigentlich, je weiter wir zuriickgehen in den ersten, zweiten
Monat der Schwangerschaft, wir da um so mehr finden, daB alle diese
Zellen, die da entstehen - Millionen von solchen Zellen bilden sich nach
59
und nach -, dem SterneneinfluB ausgesetzt sind und dann immer mehr
und mehr von der Erde abhangig werden.
Sehen Sie, in dieser Beziehung kann man sich iiberzeugen, wie wun-
derbar eigentlich der menschliche Korper eingerichtet ist. Und das
mochte ich Ihnen anschaulich machen an einem Sinnesorgan. Ich konnte
es Ihnen ebensogut am Auge anschaulich machen; ich will es Ihnen
heute am Ohr anschaulich machen. Denn, sehen Sie, eine von diesen
Zellen, die wird das Ohr. Das Ohr ist da drinnen eingesetzt in einer
Hohle der Kopfknochen. Eine solche Zelle wird also Ohr. Aber wenn
Sie dieses Ohr, dieses menschliche Ohr richtig betrachten, dann ist das
eigentlich ein ganz merkwiirdiges Gebilde. Ich will es Ihnen einmal,
damit Sie einen Begriff davon bekommen, darstellen, damit Sie auch
sehen, wie eine solche Zelle allmahlich sich gestaltet, teilweise noch
unter dem SterneneinfluB, teilweise unter dem irdischen EinfluB, in
einer so merkwiirdigen Weise, daB der Mensch dann die Sache brauchen
kann.
Gehen wir zunachst einmal von auBen nach innen. Da konnen Sie ja
ein jeder sich beim Ohrwaschel anfassen; da haben wir also zunachst
einmal das auBere Ohr. Das auBere Ohr, von der Seite gezeichnet,
besteht aus Knorpel und ist mit einer Haut iiberzogen. Es ist eigentlich
dazu da, daB recht viel von dem Ton, von dem Schall, der da ankommt,
aufgefangen wird. Wenn wir bloB ein Loch da hatten, dann wiirde
weniger von dem Schall aufgefangen werden konnen. Sie konnen hin-
eingreifen ins Ohr; da geht dann ein Kanal ins Innere der sogenannten
Paukenhohle, ins Innere des Kopfknochensystems. Sehen Sie, dieser
Kanal, der ist nun nach innen abgeschlossen von dem sogenannten
Trommelfell. Da ist richtig an diesem Kanal angesetzt so etwas wie ein
diinnes Hautchen, so daB man sagen kann: Es ist wie ein Trommelfell.
Sie brauchen nur an eine Trommel zu denken, wo eine Haut oben ist,
auf die man klopft; so ist das Ohr nach innen durch dieses Trommel-
fell abgeschlossen.
Und wenn wir da dann weitergehen, da will ich Ihnen die Hohlung
zeichnen, die man am Skelett sieht. Sehen Sie, da sind iiberall die Kopf-
knochen, hier gehen die Knochen nach dem Kiefer hin; da ist eine
Hohle drin, und in diese Hohle der Kopfknochen fuhrt dieser Kanal,
60
der durch das Trommelfell abgeschlossen ist, hinein. Hinter Ihrem
Ohrwaschel haben Sie da drinnen eine Hohle; was da alles drinnen ist,
will ich Ihnen nun sagen. Aber es geht nicht nur dieser auBere Kanal, in
den Sie mit Ihrem kleinen Finger hineingreifen konnen, in diese Hohle
hinein, sondern vom Mund geht auch wiederum ein solcher Kanal in
diese Hohle hinein. Wenn da also der Mund ist (siehe Zeichnung), so
geht auch wieder ein solcher Kanal da hinein. So daB also in diese
Hohle zwei Kanale hineingehen: einer von auBen, einer vom Mund.
Diesen Kanal, der vom Mund hineingeht, den nennt man die Eustachi-
sche Rohre, die Ohrtrompete. Nun, es kommt ja nicht auf die Namen an.
Nun, sehen Sie, jetzt ist hier ein merkwiirdiges Ding. Da wiirde man
dann wiederum auf Knochen kommen. Es ist nun ein Loch, das in den
Kopf hineingeht, im Knochen. Das ganze Ohr ist hier in einer Knochen-
hohle drinnen. Aber hier ist ein merkwiirdiges Ding, so ein richtiges
Schneckenhaus (siehe Zeichnung). Und das Ganze besteht aus zwei
Teilen; da hier ist eine Haut (das Spiralblatt), und da ist ein Raum
(die Vorhoftreppe) und da ist der andere Raum (die Trommelhohlen-
treppe). Das Ganze ist ausgefullt mit Wasser, mit lebendigem Wasser,
wie ich es Ihnen beschrieben habe. Und da drinnen ist so etwas wie ein
Schneckenhaus, aber aus Haut. Und in dem Schneckenhaus drinnen,
da sind lauter Fransen, lauter solche Fransen. Das ist auBerordentlich
interessant. Wenn Sie da das Trommelfell durchstoBen und weiter
61
hineingehen wiirden, so wiirden Sie da drinnen ein Schneckenhaus fin-
den, dieses weiche Schneckenhaus, und das ist innerlich mit solchen
hautartigen Fransen besetzt. Was ist denn das eigentlich, dieses Schnek-
kenhaus da drinnen? Ja, meine Herren, wenn man mit wirklicher Wis-
senschaft an diese Sache herangeht, dann merkt man, was das ist. Das
ist namlich nichts anderes als ein Stiickchen kleiner Darm, der sich ins
Ohr verirrt hat. Geradeso wie wir im Bauch unsere Gedarme haben, so
haben wir im Ohr ein Stiickchen kleinen Darm. Das Ohr ist also so
gestaltet, daB es, wie der Mensch selber seinen groBen Darm hat, da
einen kleinen Darm hat. Und der ist sowohl im Innern ausgefullt mit
solchem lebendigen Wasser, wie auch auBerlich umgeben von solchem
lebendigen Wasser. Das ist auBerordentlich interessant. Und dieses
ganze Schneckenhaus, das ist hier abgeschlossen (siehe Zeichnung) - es
ist alles mit Wasser gefullt - durch ein Hautchen (ovales Fenster). Hier
ist wiederum so ein Hautchen darauf (rundes Fenster). Ebenso wie,
wenn man auf die Trommel klopft, das Trommelfell der Trommel in
Bewegung kommt, so kann, wenn der Schall von beiden Seiten kommt,
dieses Hautchen in Schwingung kommen.
Da in der Mitte, sagte ich Ihnen, ist eine Haut. Diese Haut schlieBt
ab das, was mit dickerem lebendigen Wasser durchsetzt ist, und da ist
diinneres Wasser; und da ist wiederum solch ein Hautchen zwischen
den beiden Raumen. Da kommt nun etwas ganz besonders Interessan-
tes. Da ist namlich etwas, ich mochte sagen, ganz Wunderbares drinnen.
Auf diesem Hautchen (des ovalen Fensters), da sitzt namlich solch eine
Sache darauf: Da sind zwei ganz feine, winzige Knochen; die sitzen so
darauf und schauen aus wie ein Steigbiigel. Daher haben die Leute das
auch einen Steigbiigel genannt. Das ist etwas ganz anderes; ich werde
es Ihnen nachher sagen, was es ist. Wenn da dieses Hautchen ist, so sitzt
da drauf dieser Steigbiigel, und der hat richtig hier einen Knochen-
fortsatz. Und dieser Knochenfortsatz, der ist hier so wie der Oberarm
und der Unterarm. Das sitzt dann hier auf diesem Ding drauf, auf die-
sem Hautchen. Also wenn Sie sich vorstellen wiirden, da ware ein sol-
dier Arm, der Oberarm da, der Unterarm da, so ist hier noch kurioser-
weise ein Knochen, der frei aufsitzt. Die sind im Gelenk miteinander
verbunden, der sitzt hier frei auf. Das sind kleine, winzige Knochen.
62
Nun, die materialistische Denkweise, die alles auBerlich betrachtet, die
nennt diesen Knochen hier, der unmittelbar am Trommelfell aufsitzt
und da aufschlagt, den Hammer, und das da hier, das Stiickchen Kno-
chen nennt sie den AmboB. Und das nennt sie den Steigbiigel. Diese drei
kleinen Knochelchen werden also von der gewdhnlichen Wissenschaft
genannt: Hammer, AmboB und Steigbiigel.
Aber die gewohnliche Wissenschaft weiB eigentlich nicht, was das
ist. Dasjenige, was da ist in Steigbugelform, das ist namlich, nur ein
biBchen anders gestaltet, dasselbe, was hier im Oberarm ist. Sehen Sie,
wie da das Gelenk ansitzt, so sitzt auf diesem Hautchen drauf das
Gelenk. Und hier ist der Ellbogen; das ist also eine Art von Hand. Und
da drauf, da sitzt ein freier Knochen. Den haben wir zwar nicht an der
Hand, aber da an der Kniescheibe. Wir konnten ebensogut sagen: Das
ist ein Bein, ein FuB; dann ware das ein Oberschenkel, das ware das
Knie (Zeichnung), da saBe der FuB darauf, und da ist die Kniescheibe.
Es ist sehr interessant, sehen Sie: Wir haben da in unserer Ohrhohle
drinner. zuerst eine Art von Eingeweide, und nachher eine richtige
Hand oder Arm oder einen richtigen FuB. Wozu ist denn das Ganze
da? Nun, denken Sie sich, es kommt ein Schall. Der Schall, der schlagt
da ans Trommelfell an. Das Ganze, was da ist, kommt in Erschiitterung.
So probiert der Mensch, ganz ohne daB er es weiB, im Innern des Ohres,
was da fur Erschutterungen anschlagen. Und denken Sie einmal nach,
Sie werden das schon einmal gespiirt haben, wenn Sie irgendwo auf der
StraBe stehen, und da hinten explodiert etwas - ich meine, Sie haben es
schon bemerkt -: das spiiren Sie in Ihren Eingeweiden! Ja, es kann sogar
sein, daB man in den Eingeweiden krank wird von einer solchen Er-
schiitterung. Die feinste Erschiitterung aber, die da durch diesen Arm
zieht, die verspurt das Wasser in diesem Schneckenhaus. Dieses Wasser
im Schneckenhaus, das macht die Schwingungen mit, die der Mensch
dadurch kennenlernt, daB er mit dieser Hand das Trommelfell angreift.
Konnen Sie das verstehen? (Ja!)
Nun will ich Ihnen aber noch etwas sagen. Wozu ist denn diese
Trompete da, die da vom Mund in das Ohr hineingeht? Ja, wenn da hier
ein gewohnlicher Schall hineingeht, da braucht man eigentlich diese
Trompete nicht. Aber wenn wir einer dem andern zuhoren, wenn einer
63
redet zu dem andern und wir wollen ihn verstehen, denn wir haben ja
reden gelernt — wenn wir selber nicht reden gelernt haben, konnen wir
den andern nicht gut verstehen; dadurch, daB wir reden gelernt haben,
dadurch gehen die Tone der Sprache durch die Eustachische Rohre, die
Ohrtrompete so hiniiber; und wenn der andere so her redet, dann geht
das so her, erschiittert da; das geht iiber in diese Flussigkeit. Und da-
durch, daB die Luft durchgeht, durch die Eustachische Trompete ins
Ohr hineingeht, und ich gewohnt worden bin, diese Luft selber zu be-
wegen durch meine eigene Sprache, kann ich den andern verstehen. Da
drinnen in dem Ohr, da trifft sich dasjenige, was ich gewohnt bin, von
meiner eigenen Sprache zu haben, und dasjenige, was von der Sprache
des andern kommt. Das trifft sich hier.
Sie wissen, wenn ich spreche: Haus — da bin ich gewohnt, daB da
drinnen in meiner Eustachischen Trompete gewisse Erschiitterungen
vorgehen; wenn ich sage: Pulver - eine andere Erschiitterung. Diese
Erschiitterungen kenne ich. Wenn ich sage: Haus - so kommt die Er-
schiitterung von auBen, und ich bin gewohnt, wenn ich sage: Haus -
dies wahrzunehmen. Und da treffen die beiden zusammen, meine Er-
kenntnis und die Erschiitterung von auBen, und ich verstehe, was «das
Haus» heiBt. Nicht wahr, das ist doch zu verstehen? Meine Trompete,
die vom Mund ins Ohr hineingeht, die ist da, wenn wir selber als Kind
reden lernen, damit wir zugleich den andern verstehen. Die Dinge sind
auBerordentlich interessant.
Jetzt ist die Sache aber so: Denken Sie sich, es ware alles da im Ohr,
was ich Ihnen aufgezeichnet habe, aber nichts anderes zunachst. Sie
wiirden allenfalls, sagen wir, den anderen verstehen konnen, Sie wiir-
den auch ein Musikstiick anhoren konnen; aber Sie wiirden sich das,
was Sie anhoren, nicht merken konnen. Sie hatten kein Gedachtnis fur
Sprache oder Tone. Wenn das Ohr nur so ware, so hatten Sie kein
Gedachtnis fur Sprache oder Tone. Damit Sie ein Gedachtnis haben, ist
noch etwas anderes im Ohr. Damit Sie nun auch im Gedachtnis das-
jenige, was Sie horen, behalten konnen, ist noch eine andere Einrichtung
da. Da sind namlich hier drei solche B6gen; die sind da oben (siehe
Zeichnung). Sie miissen sich vorstellen also solche Bogen, die hohl sind.
Da ist der zweite, der steht senkrecht drauf auf dem ersten; und da ist
64
noch ein dritter, der steht wiederum senkrecht auf dem andern. Sie
stehen in den drei Richtungen senkrecht aufeinander. Das ist also noch
ein weiteres wunderbares Gebilde, das in diesem Ohr drinnen ist.
Diese Kanale da oben sind aber hohl - natiirlich, weil es Kanale sind.
Und da drinnen ist wiederum ein feines, lebendiges Wasser. Das sitzt
da drinnen.
Aber das Merkwiirdige an diesem lebendigen Wasser ist das, daB sich
fortwahrend kleine Kristalle aus diesem Wasser heraus bilden, winzige
kleine Kristalle. Wenn Sie zum Beispiel horen: Haus, oder ein C horen,
so bilden sich da drinnen solche kleine Kristalle; wenn Sie horen:
Mensch, bilden sich etwas andere Kristalle. In diesen drei winzigen
Kanalen bilden sich winzige Kristalle, und diese winzigen Kristalle,
die machen, daB wir nicht nur verstehen konnen, sondern auch das
Verstandene im Gedachtnis behalten konnen. Denn was tut der Mensch
unbewuBt?
Sie brauchen sich nur vorzustellen, Sie horen, sagen wir: funf Fran-
ken; Sie wollen das Gesprochene erinnern, schreiben sich das in Ihr
Notizbuch. Das, was Sie da mit Blei in Ihr Notizbuch eingeschrieben
haben, das hat nichts mit den funf Franken zu tun, aber Sie erinnern
sich daran durch die Notiz. Geradeso wird in diese feinen Kanale durch
die winzigen Kristalle, die eigentlich wie Buchstaben sind, eingeschrie-
ben, was man hort. Und durch einen unbewuBten Verstand wird das
wiederum, wenn wir es brauchen, gelesen. So daB wir sagen konnen:
Da drinnen (in den drei halbkreisformigen Kanalen), da ist das Ge-
dachtnis fur die Tone und fur die Laute. Da hier, bei diesem Arm oder
Bein (Zeichnung, Gehorknochelchen), da ist das Verstandnis. Da
drinnen in dieser Schnecke, da ist ein Stiickchen Gemiit vom Menschen,
ein Stiickchen Gefuhl. Da fiihlen wir die Tone in diesem (Teil des)
Labyrinth, in diesem Schneckenhauswasser drinnen. Da fiihlen wir die
Tone. Und wenn wir reden und selbst den Ton hervorbringen, so geht
durch unsere Eustachische Trompete der Wille zum Sprechen. Da ist
das ganze Seelische des Menschen drinnen im Ohr: In dieser Trompete
hier, da lebt der Wille; da drinnen (in der Schnecke) lebt das Gefuhl;
da drinnen (bei diesem Arm oder Bein, den Gehorknochelchen) lebt der
Verstand; und da in diesem (in den drei kleinen halbkreisformigen
65
Kanalen) lebt das Gedachtnis. Und damit der Mensch sich das, wenn es
fertig ist, zum BewuBtsein bringen kann, geht von hier aus durch diese
Hohle hier (siehe Zeichnung), durch dieses Loch hier ein Nerv. Der
Nerv breitet sich iiberall aus, kleidet alles aus, geht iiberall hin. Und
durch diesen Nerv kommt uns das Ganze dann zum BewuBtsein hier im
Gehirn.
Sehen Sie, meine Herren, etwas hochst Eigentiimliches! Wir haben
da in unserem Schadel, in unseren ScMdelknochen, eine Hohle drinnen;
es geht einfach eine solche Hohle hinein. In die Hohle kommt man hin-
ein, wenn man vom auBeren Ohr durch den Gehdrgang mit Durch-
stoBung vom Trommelfell hineingeht. In dieser Hohle ist all das
drinnen, was ich Ihnen gezeigt habe. Zunachst streckt man die Hand
aus, welche die Tone, die hereinkommen, beriihrt, so daB wir die Tone
verstehen konnen. Dann ubertragen wir das auf diese Schnecke, auf das
lebendige Wasser; dadurch fuhlen wir den Ton. Wir stoBen mit dem
Willen hinein durch unsere Eustachische Trompete. Und durch die
kleinen Kristallzeichen, die in diesen drei, wie man sie nennt, halbkreis-
formigen Kanalen sind, erinnern wir uns an dasjenige, was gesprochen
oder gesungen wird, oder was uns sonst als Klang kommt.
Wir konnen also sagen: Da drinnen tragen wir eigentlich wiederum
einen kleinen Menschen, richtig einen kleinen Menschen. Denn der
Mensch hat Wille, Gefiihl, Verstandnis, Verstand und Gedachtnis. In
dieser kleinen Hohle tragen wir wieder einen kleinen Menschen drinnen.
Wir bestehen halt nur aus lauter kleinen Menschen. Unser groBer
Mensch ist nur die Zusammenfassung von lauter kleinen Menschen. Ich
werde Ihnen nachstens zeigen, daB das Auge auch ein kleiner Mensch
ist. Die Nase ist auch ein kleiner Mensch. Und diese kleinen Menschen
werden durch das Nervensystem zusammengehalten und geben dann
den Gesamtmenschen. Und diese kleinen Menschen entstehen dadurch,
daB eigentlich all dasjenige, was da drinnen sich bildet, solange der
Mensch im Keimzustand im Leibe der Mutter ist, noch unter dem Ge-
stirneinfluB steht. Denn all diese wunderbaren Gebilde da, also die
Kanale, die die Kristalle bilden, und dieser Arm, die kann die Schwer-
kraft der Erde und alles, was auf der Erde ist, nicht bilden. Die werden
noch im Mutterleibe veranlagt durch die Krafte, die von den Sternen
66
hereinwirken. Und erst dasjenige, was zum Menschen gehort, also diese
Partie dahier, die Schnecke und die Eustachische Trompete, das wird
spater ausgebildet. Die wird dazu gemacht durch dasjenige, was von
der Erde ausgeht, geradeso wie wir als ganzer Mensch unsere ganze
Gestalt durch die Erdenschwere kriegen, und wir uns ja erst aufrichten
als Kind, das schon langst geboren ist.
Sehen Sie, wenn man zunachst weiB, wie der ganze Mensch ausgeht
von einer kleinen Zelle, und die eine Zelle sich zum Auge umbildet, die
andere Zelle - es sind eigentlich zehn Haufen, die sich umbilden, es ist
nicht nur eine Zelle, aber das macht nicht viel Unterschied, wenn man
sich vorstellt, daB das nur eine ist — , also die eine sich zum Auge um-
bildet, die andere zum Ohr, die dritte zur Nase, dann sieht man, wie
sich der Mensch nach und nach aufbaut dadurch, daB er zuerst nur aus
einer einzigen Zelle besteht, die eine zweite erzeugt, und dadurch, daB
sie an einen andern Ort geht, unter einen andern EinfluB kommt, sie
wird jetzt anders, wird zum Ohr, eine andere wird zur Nase, eine dritte
zum Auge und so weiter. Aber das ist wahrhaftig nicht alles von den
Erdenkraften ausgehend. Die Erdenkrafte konnten nur dasjenige bil-
den, was im ausgesprochenen Sinne rund ist, geradeso wie in unserem
Bauch die Erde unser Gedarm bildet. Aber alles iibrige wird noch von
den Sternen herein gebildet.
Nun, nicht wahr, das alles wissen wir heute dadurch, daB wir eben
Mikroskope haben, durch die wir diese Sachen beobachten konnen.
Diese Knochelchen sind ja ganz furchtbar klein. Nun aber, das Merk-
wiirdige ist eben, daB man in alteren Zeiten so etwas auch gewuBt hat,
und daB man das aus einer ganz anderen Art von Erkenntnis heraus
gewuBt hat, als wir heute das wissen. Und nun haben, sagen wir zum
Beispiel, die alten Agypter vor dreitausend Jahren sich auch mit einer
solchen Erkenntnis beschaftigt und haben auch schon in ihrer Art ge-
wuBt, wie wunderbar das in dem menschlichen Ohr drinnen ist. Und
sie haben sich dann gesagt: Der Mensch hat an seinem Kopf Ohren,
Augen und andere Organe. Wenn wir uns diese Organe erklaren wollen,
so konnen wir nur sagen: Wodurch ist das Ohr, das Auge - wie gesagt,
das werde ich Ihnen nachstens einmal erklaren - so geworden, ganz
anders als die Organe sonst am Korper? Da haben sie gesagt: Diese
67
Organe am Kopf, Ohr, Auge, die sind deshalb so geworden, weil vor-
zugsweise auf diese Organe das wirkt, was von auBen zum Irdischen
kommt, von oben herunter. - Dann haben sie hinauf geschaut und haben
gesagt: Da oben fliegt ein Adler zum Beispiel, der bildet sich aus hoch
in den Liiften; da hinauf muB man schauen, wenn man auf die Krafte
schauen will, die im menschlichen Kopfe die Organe bilden. - Deshalb
haben sie zunachst, wenn sie den Menschen aufgezeichnet haben, fur
den Kopf den Adler gezeichnet.
Wenn wir zum Beispiel Herz und Lunge anschauen, so schauen die
ganz anders aus als Auge und Ohr. Wenn wir die Lunge anschauen, da
konnen wir nicht viel zu den Sternen gehen, und beim Herz konnen wir
auch nicht viel zu den Sternen gehen. Die Kraft der Sterne wirkt im
Herzen ganz besonders, aber die Form, die Gestalt, die konnen wir
nicht so auf die Sterne beziehen. Das wuBten auch schon die alten
Agypter vor dreitausend Jahren: die konnen wir nicht so auf die Sterne
beziehen wie die Kopforgane. Nun dachten sie nach: Wo gibt es ein
Tier, welches besonders diejenigen Organe ausbildet, die ahnlich sind
dem menschlichen Herzen und der menschlichen Lunge und so weiter?
Der Adler bildet besonders diejenigen Organe aus, die ahnlich sind dem
menschlichen Kopfe. Das Tier - haben die Alten gefunden -, das am
meisten das Herz ausbildet, daher auch das mutigste Tier ist, ganz Herz
ist, das ist der Lowe. Daher haben sie diese Organpartie, Lunge, Herz
und so weiter, «L6we» genannt. So haben sie also gesagt: Kopf = Adler.
Dann der Lowe, der den mittleren Menschen ausmacht. Und dann
haben sie gesagt: Aber noch ganz anders schauen des Menschen Ge-
darme aus. Sehen Sie, der Lowe hat namlich sehr kurze Gedarme; bei
dem sind die Gedarme zu kurz gekommen. Also die Gedarme schauen
ganz anders aus. Im Ohr ist eigentlich nur das ganz kleine Gedarm; das
ist zierlich gebildet. Unsere ubrigen Gedarme sind gar nicht so zierlich
gebildet. Wenn man auf die Gedarme hinschauen will, so muB man die
Bildung der Gedarme vergleichen mit den Tieren, welche besonders
unter dem EinfluB ihrer Gedarme stehen. Der L6we steht unter dem
EinfluB des Herzens; der Adler steht unter dem EinfluB der oberen
Krafte. Unter dem EinfluB der Gedarme - ja, wenn Sie hinschauen,
wenn die Kiihe gefressen haben, dann konnen Sie anmerken den Ochsen
68
und Kiihen: diese Tiere stehen ganz unter dem EinfluB ihrer Gedarme.
Denen ist furchtbar wohl, wenn sie verdauen. Daher nannten die alten
Menschen das, was beim Menschen zu den Gedarmen gehort, den Stier-
oder Kuh-Menschen.
Und jetzt haben Sie die drei Glieder der menschlichen Natur:
Adler = Kopf
Lowe = Brust
Stier = dasjenige, was zum Verdauungssystem gehort.
Das wuBten natiirlich diese alten Menschen auch: Wenn ich nun
einem Menschen begegne - der Kopf, der ist doch nicht eigentlich ein
Adler, und der mittlere Mensch ist auch nicht ein Lowe, der untere ist
auch nicht ein Stier oder ein Ochs. Das wuBten sie schon. Daher sagten
sie: Ja, wenn nichts anderes da ware, so gingen wir alle so herum, daB
wir oben einen Adlerkopf hatten, dann einen Lowen im Korper, und
dann wiirden wir in den Stier auslaufen. So wiirden wir alle herum-
laufen. Aber nun kommt noch etwas, was den Kopf da oben so um-
bildet und macht wie einen Menschenkopf, und das wiederum, was
macht, daB wir nicht ein eigentlicher Lowe sind und so weiter, das ist
der eigentliche Mensch. Der faBt dann alles zusammen. (Siehe Zeich-
nung S. 70.)
Und es ist wirklich eigentlich merkwiirdig, wie diese alten Menschen
gewisse Wahrheiten, die wir heute wieder erkennen, dadurch zum
Ausdrucke gebracht haben, daB sie Bilder geformt haben. Allerdings,
diese Bilder waren ihnen leichter zu formen als uns. Sehen Sie, wir
heutigen Menschen, wir konnen ja manches lernen, aber man kann
nicht sagen, daB uns diese Gedanken, die wir heute furs gewohnliche
lernen, wenn wir sie drauBen in der Schule lernen, so sehr zu Herzen
gehen. Das war bei diesen alten Menschen doch ganz anders. Die wur-
den wirklich von Gefiihl ergriffen von diesen Gedanken, und deshalb
traumten sie auch davon. Und richtig traumten diese Menschen: sie
sahen im Bilde den ganzen Menschen und gewissermaBen aus der
Stirne heraus einen Adler blickend, aus dem Herzen einen Lowen und
aus dem Bauch einen Stier. Das malten sie dann zum ganzen Menschen
zusammen, ein sehr schones Bild. So daB man sagen kann: Die Alten
69
haben eben den Menschen zusammengesetzt aus Mensch, Stier, Adler,
Lowe.
Das hat sich ja noch fortgesetzt in die Beschreibungen der Evan-
gelien hinein. Man ist viel von diesen Dingen ausgegangen. So zum Bei-
spiel sagte man: Nun, es gibt ein Evangelium nach Matthaus, das be-
schreibt eigentlich den Menschen Jesus geradeso wie einen Menschen,
und deshalb wurde dieser Schreiber des Matthaus-Evangeliums der
«Mensch» genannt. Aber nehmen wir den Johannes, sagten die Alten:
Ja, der beschreibt den Jesus so, wie wenn er iiber der Erde schwebte, wie
wenn er iiber die Erde floge; er beschreibt eigentlich nur dasjenige, was
im menschlichen Kopfe vorgeht. Das ist der «Adler». Wenn Sie das
Evangelium des Markus lesen, so werden Sie sehen, da wird Jesus als
70
der Kampfer dargestellt, als der Streitbare, der «L6we». Der beschreibt
so wie einer, der vorzugsweise die Brustorgane darstellt. Und der Lukas,
wie beschreibt denn der? Lukas ist ja sogar vorgestellt worden als ein
Arzt, der vorzugsweise auf die Heilung ausgeht. Das sieht man dem
Evangelium auch an. Heilen muB man, indem man nun in die Ver-
dauungsorgane etwas hereinbringt. Daher beschreibt er den Jesus als
«Stier», der vorzugsweise in die Verdauung etwas hereinbringt.
Und so kann man die vier Evangelien zusammenfassen:
Nun, bei dieser Zeitung [an deren Kopf die vier Gestalten dargestellt
sind, nach denen gefragt wurde] war ich ja vor die Aufgabe gestellt, daB
darin gegeben werden sollte, was von Menschengeist zu Menschengeist
geht, was ein Mensch dem andern Wertvolles sagen kann. So sollte man
auch den Menschen darstellen. Es ist also in dieser Figur dargestellt
oben der Adler, dann der Lowe, der Stier, die Kuh, und dann der
Mensch selbst, der sie zusammenfaBt. Das ist also so, damit man sehen
kann, diese Zeitung soli etwas recht Menschliches sein. Sie werden ja
begreifen, meine Herren, daB man das heute gern den Menschen sagen
mochte, daB man ihnen etwas Menschliches sagen mochte. Denn in
dem, was heute vielfach auch durch die Zeitungen gegeben wird, ist ja
nicht viel Menschliches enthalten. Also das sollte zum Ausdruck ge-
bracht werden, daB in dieser Zeitung wirklich der Mensch so recht voll
alle seine Organe ausleben soli. Es soli nicht dumm sein, was er redet,
also: Adler; es soil auch nicht feige sein, also: L6we. Aber es soli auch
nicht in der Luft verfliegen, sondern praktisch auf der Erde stehen,
also: Stier, Kuh. Und das Ganze soil dem Menschen etwas geben, soli
zum Menschen sprechen. Das mochte man ja heute, daB alles, alles
wirklich vom Menschen zum Menschen gehen konnte.
Nun bin ich doch noch dazu gekommen, von dem Ausgangspunkte
aus mich dem zu nahern, was Sie gefragt haben, und ich hoffe, daB diese
Frage verstandlich werden konnte.
Matthaus
Markus
Lukas
Johannes
Mensch
Lowe
Stier
Adler
71
Hat gerade die Ohrengeschichte Sie etwas interessiert? Man soil
wissen, was man eigentlich in sich tragt!
Frage betreffs der Lotosblumen, von denen manchmal gesprochen werde, ob
dariiber etwas noch gesagt werden konne.
Dr. Steiner: Dazu werde ich dann kommen, wenn ich Ihnen die ein-
zelnen Organe erklare.
Die nachste Vortragsstunde werden wir dann am Samstag um zehn
Uhr haben.
72
VIERTER VORTRAG
Dornach, 2. Dezember 1922
Meine Herren, es hat hier jemand eine Frage aufgeschrieben in bezug
auf die Schilddriise:
Die Schilddriise kann anschwellen, und es entsteht dann der Kropf. Da dieser auf
die Luftrohre einen einengenden EinfluB haben kann, also storend wirkt, wurde ein
operativer Eingriff gemacht, wuBte man doch den Zweck der Druse nicht. Aber bald
nach dem operativen Eingriff zeigte sich eine merkwiirdige Erscheinung. Leute, denen
man die ganze Schilddriise weggeschnitten hatte, veranderten sich an Geist und Ge-
stalt. Das Wachstum horte auf, die GliedmaBen dunsteten auf, es sonderte sich kein
SchweiB mehr ab, teilweise Verblodung trat ein. Als man die Ursache entdeckt hatte,
wollte man den Schaden wieder beheben und gab den ungliicklichen Menschen Schild-
driisen von frisch geschlachteten Kalbern oder Hammeln ein. Der Erfolg war iiber-
raschend. Alle schadliche Wirkung trat zuriick; doch war der Erfolg nur scheinbar.
Nach einigen Wochen verblaBte er, war nicht lebensfahig. Auch revoltierte bald der
Magen. Man schritt dazu, Schilddriisenteile in den Hals zu bringen. Auch hier ver-
bliiffende Wirkungen; doch traten auch hier wieder Verfallserscheinungen auf. Nicht
besser ging es mit Einspritzungen von Schilddriisensekret. Eine englische Fabrik hatte
mit Tabletten iiberraschende Resultate erreicht, darunter bei Kretins. Eine kurze
Unterbrechung im Benutzen dieser Tabletten laBt einen Stillstand der Heilung ein-
treten. Was ist beim Fortsetzen der Tablettenkur zu erwarten?
Nun, meine Herren, mit dem, was wir bisher schon besprochen
haben, konnen Sie ungefahr die Dinge verstehen, urn die es sich da
handelt. Sehen Sie, es war so ungefahr bis vor vielleicht siebzig Jahren,
so bis in die vierziger, fiinfziger Jahre des 19. Jahrhunderts, da
schrieb man der Schilddriise, also derjenigen Druse, die hier an der
Vorderseite des Halses beim Menschen zu fmden ist, keine besondere
Bedeutung zu. Man dachte sich, solch eine Druse sei vielleicht von einer
ahnlichen Bedeutung wie der Blinddarm oder so etwas, riihre her von
friiherer Bedeutung, die die Sache bei den Vorfahren des Menschen
hatte, und dergleichen. Kurz, man schrieb der Schilddriise keine beson-
dere Bedeutung bei, bis man merkte, daB die Entartung der Schilddriise,
also die Kropfbildung, einen besonderen EinfluB sogar auf die geistigen
Fahigkeiten des Menschen hat. Und man studierte die Bedeutung der
Schilddriise, der Wucherung und VergroBerung der Schilddriise bei
73
Kretins, bei blode gebliebenen Menschen. Sehen Sie, solche Erscheinun-
gen, daB Menschen blode bleiben und stark vergroBerte, also wuchemde
Schilddriisen haben, die fmdet man besonders in gewissen Gegenden.
Es ist ja wohl weit in der Welt bekannt, daB die Halberstadter Trottel
machtige Schilddriisen haben, die sie sogar iiber die Schultern hiniiber-
legen konnen.
Nun handelt es sich darum, daB die Leute zunachst gedacht haben:
Nun, wenn die Schilddriisenentartung, die Schilddriisenwucherung
einen solchen EinfluB auf die geistigen Fahigkeiten des Menschen hat,
dann wird man ja gut tun - so denkt man in unserer Zeit, wo man
besondere Vorliebe fur operative Eingriffe hat, denn die Operations-
kunst hat ja den groBten Fortschritt gemacht im 19. Jahrhundert
und ist eigentlich der bedeutendste Teil der Medizin geworden,
wirklich anerkennenswert -, zunachst an die Entfernung zu denken.
Man denkt wirklich zunachst an die Entfernung solcher Organsysteme,
denen man keine besondere Bedeutung zuschreibt. Dieselbe Sache wird
ja in bezug auf die Blinddarmfunktionen gemacht, und der Blinddarm
wird ja heute noch zunachst, wenn er sich irgendwie schadigend be-
merkbar macht, durch operativen Eingriff entfernt.
Alle diese Dinge beruhen naturlich darauf, daB etwas nicht ein-
gehalten wird, auf was ich hier immer wiederum aufmerksam gemacht
habe. Sie werden sich erinnern: Derjenige, der den ganzen Menschen
beobachtet, der sieht manchmal beim Kind in gewissen Vorgangen, daB
sich das im spatesten Alter in seinen Folgen zeigt. Die gewohnlichen
medizinischen Ansichten gehen naturlich nur auf das, was augenblick-
lich die Gegenwart fordert. Also man nimmt dasjenige vor, was in der
Gegenwart giinstig ist, und man sieht dann nicht auf den weiteren Ver-
lauf. Es ist schwer, iiber solche Dinge, ich mochte sagen, ein radikales
Urteil abzugeben, denn wenn man bei irgend jemandem, der die scha-
digende Blinddarmentzundung zeigt, die Operation unterlaBt, so kann
er unmittelbar an der Blinddarmentartung sterben, und man hat dann
die Verantwortung vor sich, nicht wahr. Es handelt sich naturlich nur
darum, daB man darauf hinarbeitet, daB solche Dinge auch in einer
anderen Weise behoben werden als durch Operationen. Zum Beispiel
ist aufgetaucht in der neueren Zeit - das wissen Sie ja -, daB man die
74
Kinder mit moglichst nackten FuBen, Beinen, bis iiber die Knie, herum-
gehen laBt. Ja, das ziichtet die Blinddarmentartung! Und dann, wenn
der Blinddarm schon krank ist, kann man natiirlich nichts anderes
machen als operieren. Aber derjenige, der die Sachen in einem groBeren
Zusammenhang sieht, der weiB, wie man diesen Dingen so begegnen
kann, daB die Sache eben uberhaupt nicht in dieser Weise auftritt.
Was nun die Schilddriise betrifft, so muB man folgendes sagen.
Richtig ist, daB die Schilddriise - das weiB man, wie gesagt, seit der
letzten Halfte des vorigen Jahrhunderts - nicht bedeutungslos ist, son-
dern daB sie eine groBe Bedeutung hat fur die gesamte menschliche
Organisation, daB also eine entartete Schilddriise dem Menschen nicht
moglich macht, seinen Korper so zu den geistigen Tatigkeiten zu ge-
brauchen, daB er als ein normaler Mensch erscheinen kann.
Nun ist alles das, was hier in der Frage beschrieben worden ist, ja
geschehen: Man hat zunachst versucht, die Schilddriise wegzuoperieren.
Sind da noch Reste der Schilddriise geblieben, so zeigte sich in der Tat
fur den Betreffenden eine Art von Besserung. Der Betreffende hatte
nicht die Folgen der entarteten Schilddriise, und er wurde wenigstens
nicht diimmer als er schon war. Wenn man aber die ganze Schilddriise
wegoperierte, so daB also gar nichts mehr von der Schilddriise drinnen
war, dann wurde er bidder, als er schon war. Daraus erkannte man
natiirlich, daB die Schilddriise dennoch, selbst wenn sie erkrankt ist,
ihre Bedeutung hat fur die AuBerung der geistigen und der seelischen
Eigenschaften eines Menschen.
Nun hat man auch wiederum das Schilddriisensekret — man nennt
eine Fliissigkeit, die in einer Druse drinnen ist, Sekret — in der verschie-
densten Weise den Menschen zugefiihrt. Man hat also teilweise dadurch,
daB man Schilddriisensubstanz dem menschlichen Korper, ich mochte
sagen, eingeimpft hat, die Ausbreitung dieser Driisenfliissigkeit im
Korper wiederum bewirkt. Es hat sich aber herausgestellt, daB das
keine besondere dauernde Besserung hervorruft, weil eben der ganze
Korper doch nicht recht teilnehmen will an dem, was man da hinein-
gibt. Den besten Erfolg hat eigentlich noch erlebt die Verabreichung
von Schilddriisensaft in der Form, daB man sie dem Magen einfiihrt,
also durch diese Tabletten, die da beschrieben worden sind. Dadurch,
75
daB man den Schilddriisensaft in den Magen einfuhrt und dadurch in
die ganze Blutzirkulation, wird der Korper durchdrungen von dem,
was in dem Schilddriisensaft drinnen ist. Und das zeigt, daB er ihn
braucht, diesen Schilddriisensaft, das zeigt, daB, wenn die Schilddriise
ordentlich in einem Menschen vorhanden ist, ihr Sekret ins Blut iiber-
geht, und im Blut durch den ganzen Korper durch geht in sehr kleinen,
feinen Mengen. Wenn man nun, statt direkt in den Korper, den Schild-
driisensaft in den Magen einfuhrt, so geht dies auch durch das Blut
durch. Aber sehen Sie, die Sache ist natiirlich so, daB wenn ich durch
den Magen Schilddriisensaft einfiihre, das nur solange anhalt, als eben
die Sache im Blut drinnen zirkuliert. Hore ich wiederum auf mit dem
Eingeben von Tabletten, dann verliert sich auch der Saft im Blute. Also
solche Leute, die auf diese Weise Schilddriisensaft kriegen, die miissen
ihn fortwahrend kriegen. Und dann hat er auch seine bestimmte Wir-
kung.
Man konnte nun sagen: Ja, das ist erst ein richtiger Beweis fur den
Materialismus; denn man sieht, daB man dem Menschen nur diesen oder
jenen Stoff zufiihren darf, dann heben sich seine geistig-seelischen
Fahigkeiten; oder wenn er diesen Stoff selber in sich fabriziert, wie es
beim Schilddriisenstoff der Fall ist, dann ist das auch so der Fall. Aber
die Sache ist so: Wenn man viel genauer noch die ganzen Versuche
priift, die nach dieser Richtung gemacht werden, so sieht man namlich
noch etwas ganz anderes. Die Schilddriisen, die sind ja ziemlich groB;
Sie wissen ja, daB die ziemlich groB sind. Aber in dieser groBen Schild-
driise, die da vorne am Hals ist, sind namlich noch ganz kleine, winzige
Driisen rechts und links da drinnen. Ganz kleinwinzige Driisen sind da
drinnen; die sind nicht groBer als ein kleiner Stecknadelkopf. Diese
kleinwinzigen Driisen, die sondern einen Stoff ab, der an verschiedenen
Stellen des Korpers iiberhaupt abgesondert wird. Nicht derselbe Stoff,
aber ahnliche Stoffe werden an verschiedenen Stellen des Korpers von
ganz kleinen, winzigen Driisen abgesondert. So zum Beispiel wird in
den sogenannten Nebennieren — da sind auch solche kleinwinzigen Drii-
sen drinnen - auch ein solcher Stoff abgesondert; es ist ein anderer Stoff
als der, der von der Schilddriise abgesondert wird. Und an anderen
Stellen des Korpers sind auch noch so kleine, winzige Driisen. Kurz, der
76
menschliche Korper hat ganz feine Stoffe in sich, die an den verschie-
densten Stellen abgesondert werden. Diese Stoffe, die der Mensch da
hat, die nennt man Hormone; und ein solches Hormon, ein solcher
Stoff, der also ganz fein im Korper verteilt ist, solcher Stoff ist auch da
drinnen in den kleinen Driisen der Schilddriise.
Sie konnen sich das so vorstellen: Wenn Sie einen Fisch haben, der
gewohnt ist im Wasser zu leben, so kann er, wenn Sie ihn heraus-
nehmen, in der Luft nicht leben; da muB er sterben. Diese Hormon-
driisen, die etwas wie kleine, winzige Lebewesen sind, die konnen eben-
so nur in der Schilddriise leben wie der Fisch im Wasser. Also die
Schilddriise ist eigentlich dazu da, daB diese kleinen winzigen Driisen,
die ich da als gelbe Punkte gezeichnet habe, in ihr leben. Operiert man
nun die Schilddriise heraus, dann hat der Korper das Schilddriisen-
hormon nicht. Wenn man mit der Schilddriise diese kleinen winzigen
Driisen herausoperiert, dann hat der Mensch das nicht und dann ist es
uberhaupt aus; wenn man nur so viel wegschneidet, daB diese kleinen
winzigen Driisen bleiben, dann wird es besser. Nur muB in der Schild-
driise so viel drinnen sein, daB eben diese kleinen Driisen noch in der
Schilddriise drinnen leben konnen. Wenn Sie also die ganze Schilddriise
herausschneiden, so schneiden Sie auch die Hormondriisen mit heraus -
dann ist es aus; wenn Sie nicht zu viel herausschneiden und die Hor-
mondriisen drinnen lassen, haben Sie, wenn ich so sagen darf, seinen
Tod aufgehalten. Also, die Operation gelingt eigentlich am besten,
wenn man nur so viel wegschneidet von der Schilddriise, daB die Hor-
mondriisen drinnenbleiben. Gelingt es dann, dasjenige, was die Hor-
mondriisen brauchen und was von der wenigen Substanz der Schild-
77
druse nicht mehr da ist, durch die Tabletten zu ersetzen, so daB die
Hormondriisen, wahrend das Blut durch sie durchsickert, etwas haben,
dann ist auch eine Besserung da. Also die Sache ist eben ziemlich kom-
pliziert, und es hangt sehr viel davon ab, wie nun iiberhaupt das Sekret,
das in die Schilddriise hineinkommt, gemacht wird.
Nimmt man einen Hammel und schneidet nicht die ganze Schild-
driise heraus, laBt man also die Hormondriisen drinnen, dann ist das
Sekret nicht so gut, als wenn man die ganze Schilddriise herausschnei-
det. Denn in dem Moment, wo man beim Hammel die ganze Schild-
driise herausschneidet, rinnt also der Saft, der in den Hormon-
driisen drinnen ist, in das Sekret hinein und man hat ein gutes Sekret;
es zirkuliert schon das Hormon in seinem Blut. Schneidet man die
Schilddriise so heraus, daB die Hormondriisen drinnen bleiben, dann
ist das Schilddriisensekret schlechter, und die Tabletten helfen nicht
so gut.
Also Sie sehen, es kommt nicht allein auf die Schilddriise an; die
Schilddriise gibt eigentlich nur den Driisen, die kleinwinzig sind, Nah-
rung. Und Sie konnen sich denken, daB man diese Driisen, die klein-
winzig wie Stecknadelkopfe sind, auch lange nicht gefunden hat. Denn
wie soli man denn darauf aufmerksam sein, daB da diese kleinwinzigen
Driisen sind?
Daraus aber konnen Sie sehen, daB der Mensch ein Wesen ist, das
einfach gewisse Stoffe braucht. Sie brauchen sich namlich an gar nichts
anderes zu erinnern, als daB ja auch die geistig-seelischen Fahigkeiten
eines Menschen verandert werden, wenn er zum Beispiel Wein trinkt.
Wenn er Wein trinkt, wird er lustig zunachst; spater vielleicht anders.
Die geistig-seelischen Fahigkeiten am nachsten Tag, die zeigen ja das
Gegenteil. Ja, geradeso ist es mit diesem Stoffe, den der Mensch ja aller-
dings nur in ganz feinen Verteilungen braucht, der da in den Hormon-
driisen der Schilddriise drinnen ist. Der Mensch bedient sich dieses
Stoffes. Er braucht ihn. Die Tiere brauchen ihn auch. Und man kann
naturlich sehr viel machen, wenn man im menschlichen Organismus
mit solchen Stoffen manipulieren kann.
Nun, sehen Sie, das hat dazu gefiihrt, daB man iiberhaupt in der
letzten Zeit aufmerksamer geworden ist auf diese ganz feinen Stoffe.
78
Worauf beruht denn eigentlich die Wirkung solcher Stoffe, wie sie da
aus den Hormondriisen herauskommen? Nun, meine Herren, das ver-
stehen Sie nur dann, wenn Sie begreifen, daB eigentlich der menschliche
Korper fortwahrend der Zerstorung ausgesetzt ist. Der menschliche
Korper ist eigentlich fortwahrend der Zerstorung ausgesetzt, und im
menschlichen Korper bilden sich fortwahrend Gifte. Das ist schon ein-
mal die Eigentiimlichkeit des menschlichen Korpers, daB sich in ihm
fortwahrend Gifte bilden.
Was aus diesen kleinen Driisen kommt, das nimmt die Wirkung der
Gifte, die sich im menschlichen Korper bilden, weg. Das ist eine sehr
interessante Sache, daB der menschliche LebensprozeB eigentlich dar-
innen besteht, daB sich der Mensch innerlich fortwahrend vergiftet,
und daB ihm diese kleinen Driisen eingesetzt sind, die die Wirkung der
Gifte fortwahrend wegnehmen. Zum Beispiel fmden sich auch in den
Nebennieren solche Hormondriisen. Wenn diese ordentlich funktio-
nieren, dann ist der Mensch so, wie Sie alle sind. Wenn aber diese kleinen
Nebennierendriisen aufhoren zu funktionieren, so wird der Mensch
braun von Hautfarbe, gelbbraun. Diese Krankheit gibt es. Man nennt
sie Addisonsche Krankheit, weil der Addison sie zuerst beobachtet hat.
Es war sogar ein solcher Patient einmal hier, aus unserer Gesellschaft,
der hier Heilung gesucht hat. Dieses Braunwerden der Haut, immer
Dunkler- und Dunklerwerden der Haut, das riihrt davon her, daB
gewisse Gifte im Korper sind, denen die Gegengifte fehlen aus den
Hormondriisen in den Nebennieren. Und ebenso riihrt das Trottelhafte
von dem her, daB die Gegengifte von diesen Hormondriisen in der
Schilddriise nicht an den Korper abgefuhrt werden.
Wenn Sie also Tabletten einfuhren, namentlich solche, die noch
durchsetzt sind von solchen Hormon-Gegengiften, dann werden sie
eben einfach diese Gegengiftwirkung auf den menschlichen Korper aus-
iiben. Und das hat dazu gefiihrt, daB man iiberhaupt solche Dinge mehr
beachtet hat. Und es ist ja interessant, daB die Frage gleich auftaucht im
Zusammenhange mit der Steinachschen Theorie. Sie ist damit namlich
etwas verwandt, und es ist richtig, sie zusammen zu denken. Sehen Sie,
die Steinachsche Theorie ist eigentlich in diesen Tagen, konnte man
sagen, gerade im Anfang Dezember 1922, zehn Jahre alt. Vor etwa zehn
79
Jahren hat der Steinach, der Professor in Wien, zum erstenmal die Mit-
teilungen von seinen Versuchen dazumal an die Akademie der Wissen-
schaften geschickt. Diese Steinachsche Theorie beruht nun auch darauf,
daB der menschliche Korper von Hormonen, also von den Wirkungen
ganz kleiner, winziger Driisen fortwahrend durchsetzt ist.
Sehen Sie, es ist ja interessant: Wie Sie dastehen als Mensch, da sind
Sie eigentlich darauf aus, sich fortwahrend innerlich von alien Organen
her zu vergiften. Aber da sitzen iiberall solche winzigkleine Driisen,
und die wirken fortwahrend als Gegengifte. So daB Sie, vom Hals her
ausgehend, die Hormondrusen des Halses, der Schilddriise haben, die
also bewirken, daB Sie nicht lallen, sondern sprechen, daB Sie mit Ihrer
Sprache Gedanken verkniipfen konnen und so weiter. Sie haben Hor-
mondriisen in den Nebennieren; die bewirken, daB Sie nicht schwarz
werden, sondern schone weiBe Menschen bleiben und so weiter. Und
so gehen auch kleine Mengen feiner Safte, die von Hormondrusen her-
riihren, von den tierischen und menschlichen Geschlechtsorganen aus.
Der Geschlechtsapparat der Tiere und der Menschen hat, sowohl beim
mannlichen wie weiblichen Geschlechte, dasjenige, was man Pubertats-
driisen nennt. Die liegen noch im Innern des Korpers. Sie sind beim
Kinde noch ganz wenig ausgebildet. Und wenn der Mensch geschlechts-
reif wird, im vierzehnten, funfzehnten Jahre, dann bilden sich sowohl
beim weiblichen wie beim mannlichen Geschlechte diese Pubertats-
driisen voll aus. Sie liegen im Innern des Korpers, beim Manne oberhalb
der Hoden, des Hodensackes. Und diese Pubertatsdriisen, die haben
auch solche kleinen Hormondrusen in sich, und da wird ebenso ein
Hormon abgesondert, das nun in die ganze Blutzirkulation geht in sehr
feiner Verteilung. Und dieses Hormon, das da in die Blutzirkulation
geht, das hat die Eigenschaft - das haben die Steinachschen Experi-
mente gezeigt -, die Alterserscheinungen zuriickzudrangen.
Sehen Sie, mit den Alterserscheinungen beschaftigt man sich ja schon
sehr, sehr lange, und auBerordentlich interessante Ansichten hat iiber
die Alterserscheinungen der Pariser Arzt und Naturforscher Metschni-
kow schon vor langer Zeit veroffentlicht, lange bevor die Steinach-
schen Theorien bekanntgeworden sind. Metschnikow ist dazumal da-
von ausgegangen, daB der menschliche Korper sich fortwahrend ver-
80
giftet. Namentlich ist er sehr davon ausgegangen, daB durch den Ver-
dauungsprozeB in dem Darm fortwahrend Gifte angesammelt werden,
namentlich giftige mikroskopisch kleine Tiere, Pflanzen, und daB der
Mensch eigentlich unter dem EinfluB dieser Gifte alt wird.
Nun, Steinach ist darauf gekommen, daB man diesem Altwerden,
das heiBt, diesem innerlichen VergiftungsprozeB, der ganz natiirlich ist
beim Menschen, auch entgegenarbeiten kann. Er hat seine Versuche
vorzugsweise mit Ratten angestellt. Nun muB man ja bei solchen
Dingen immer sagen: Die Tierversuche sind nicht vollstandig fur den
Menschen anwendbar. Nicht alles, was bei Tieren, besonders bei solchen
Tieren wie den Ratten vor sich geht, kann man ohne weiteres auch vom
Menschen aussagen. Denn die tierische Organisation ist doch etwas
anders als die menschliche. Und man muB schon sagen, wenn man auch
von den Menschen eine noch so geringe Ansicht hat meinetwillen im
Vergleich zu der GroBe des Weltenalls - ein ganz geringfugiger Unter-
schied zwischen einem Menschen und einer Ratte ist denn doch noch
immer auch in der physischen Organisation vorhanden.
Also dasjenige, was wissenschaftlich vorliegt, ist vorzugsweise an
Ratten experimentiert worden. Die Ratten eignen sich gerade zu diesen
Experimenten am allerbesten. Sehen Sie, eine Ratte, wenn sie sich ge-
sund entwickelt, wird etwa zweieinhalb Jahre alt, und sie zeigt, bevor
sie wirklich stirbt, ganz ausgesprochene Alterserscheinungen. Diese
Alterserscheinungen einer solchen Ratte zeigen sich darin, daB vor alien
Dingen die Ratte etwas unlustiger wird, als sie sonst ist. Die Ratten sind
ja sehr bewegliche Tiere, auch sehr aggressive, angriffslustige Tiere.
Und wenn sie alt werden, solche Rattengreise werden, werden sie dann
unlustig, schlapp. Dann verlieren sie an gewissen Stellen die Haare, so
daB sie ganz nackte Hautstellen zeigen; an den anderen Stellen werden
die Haare so ruppig, struppig, borstig. Dann haben sie keinen rechten
Appetit mehr, und namentlich zeigt sich das Greiswerden der Ratten
darinnen, daB sie, wenn man sie zusammensperrt in einen Kafig mit
anderen Rattenmannchen, nicht mehr raufen; sie ziehen sich zuriick;
und wenn man sie mit Weibchen zusammensperrt, so hat man sich,
wenn die Weibchen nicht auch schon alt geworden sind, dariiber zu
beklagen, daB sie sich nicht mehr fur sie interessieren. Man muB natiir-
81
lieh auBerordentlich achtgeben beim Experimentieren. Die Ratten sind
alien moglichen Krankheiten ausgesetzt, sie werden sehr leicht tuber-
kulos, sehr leicht von Bandwiirmem befallen, Eingeweidewiirmem,
und namentlich alle moglichen ansteckenden Krankheiten, wie man sie
nennt, haben sie auch. So daB man, wenn man eine Ratte hat, die ein
solcher Greis geworden ist, wie ich es beschrieben habe, achtgeben muB,
ob das herriihrt von solchen Krankheiten, oder ob es natiirliche Alters-
erscheinung ist.
Man muB also erst, wenn man solche Versuche macht, eine ganze
Menge von Ratten sammeln. Und diese Ratten muB man fortwahrend
priifen, ob sie diese oder jene Eingeweidewiirmer haben oder nicht;
man muB iiberhaupt diejenigen ganz wegtun, welche von Krankheiten
ihr ruppiges, struppiges Haar oder ihren Haarausfall haben. Und dann
bleiben eigentlich immer ganz wenige von einer groBen Zahl iibrig, so
daB man also dann eine Anzahl Ratten hat, die Rattengreise sind.
Steinach hat die Versuche zunachst
, hauptsachlich mit mannlichen Ratten
; { , gemacht. Diese Rattengreise, die also
' { t'o-l ... schlapp sind und zuweilen nackt sind
/ •'/; auf der Haut, denen die Haare aus-
• •. '
''S.jh'fy, gefallen sind, die sich nicht mehr fur
''fffytfi ^ e Weibchen interessieren, diese Rat-
.,/;v,.l-'9 a * v,r tengreise werden nun behandelt. Und
zwar werden sie so behandelt, sehen
'^'Vf' ^ a ' St a ^ S ° ' n e ^ ner R atte die
Wi' Pubertatsdriise. Diese Pubertatsdriise
sitzt im Korper, oberhalb des Hoden-
sackes. Von dieser Pubertatsdriise ge-
hen fortwahrend Safte in feine Kanale.
Man konnte es so zeichnen: Wenn das
die Pubertatsdriise ist, so gehen da feine Kanalchen in den sogenannten
Samenstrang, wo ja der Same auch abgelassen wird. Und das Hormon
der Pubertatsdriise geht also durch diese Kanale und vermischt sich mit
dem Samen, der abgelassen wird, so daB also der Same durchdrungen
ist von diesem Hormon. Wenn also das Tier noch jugendlich ist, so
82
sondert die Pubertatsdriise dieses Hormon ab. Das geht durch diese
Kanale. Man nennt diese Kanale die Vasa deferentia; es geht durch diese
Kanale das Hormon in den Samenkanal. Und der Same, der vom
mannlichen Organ abgelassen wird und das weibliche befruchtet, der
enthalt dieses Hormon. Aber das Hormon, das da in der Pubertatsdriise
erzeugt wird, das ich hier rot skizziert habe, das geht auch in den ganzen
Korper iiber. So daB also die Ratte ja allerdings das Hauptsachliche
dieses Hormons in den Samenkanal ablaBt, aber es geht dieses Hormon
auch fein verteilt zuriick in den ganzen Korper, so daB der ganze Kor-
per der Ratte eben in seiner Blutzirkulation dieses Hormon der Puber-
tatsdriise hat.
Nun denken Sie sich, die Ratte wird alt, schlaff. Die Schlaffheit,
das Schlaffwerden des Korpers, das driickt sich darinnen aus, daB der
Korper seine Abgange nicht mehr halten kann; er kann sie nicht mehr
bei sich halten. Sie werden gehort haben, daB Leute, die hingerichtet
werden, ihre Abgange hinter sich gelassen haben. Der Korper kann,
wenn er schlaff wird, diese Abgange nicht mehr halten. Und wird nun
die Ratte beziehungsweise der Organismus iiberhaupt alt, so rinnt zu
viel von diesem Hormon in den Samenkanal hinein, und zu wenig geht
in den Korper zuriick, so daB der Korper die Altersgifte dann in sich
hat, und dieses Hormon, das von der Pubertatsdriise kommt, wirkt zu
wenig als Gegengift. Dadurch wird die Ratte und der Organismus
iiberhaupt alt. Alt wird er durch die Gifte, die er in sich selber erzeugt.
Diese Gifte dringen in den ganzen Korper ein und der Mensch kann
dadurch also nicht Jugend haben.
Wenn das Kind geschlechtsreif wird, dann geht sehr viel von diesem
Hormonstoff in den ganzen Korper iiber. Aber das ist sogar weniger
wichtig. Der Korper ist frisch und halt das, was er selber braucht von
diesem Pubertatshormon, in sich, laBt nur so viel abgehen, als er selber
nicht braucht.
Wenn die Ratte, an der diese Versuche gemacht worden sind, alt
wird, dann laBt sie zu viel ab von dem Pubertatsdriisenhormon. Nun
hat der Steinach die Sache so gemacht, sehen Sie: Er bindet diesen Kanal
ab; der wird dahier mit einem feinen Faden abgebunden, so daB die
Ratte den Weg von der Pubertatsdriise zum Samenkanal unterbrochen
83
hat. Jetzt kann das Hormon von der Pubertatsdriise nicht heraus und
geht wiederum in den Korper zuriick. Sie konnen verstehen, wie das ist?
Also, es ist einfach so, wie wenn man ein Rohr abschlieBt; dann geht
das Ganze zuriick. Und so schlieBt er hier ab, das Vas deferens bindet er
ab, macht eine Ligatur, wie man es nennt, und das ganze Hormon
schieBt in den Korper zuriick; die Ratte fangt an, wieder lustig zu
werden, kriegt sogar wieder Haare, und wenn man sie zusammensperrt
mit Weibchen, so kann sie diese zwar nicht befruchten, denn dieses ist
ja abgeschlossen, aber sie wird wieder geschlechtslustig und geht wieder
los auf die weiblichen Ratten. Die Sache ist schon so.
Sie sehen also, daB die Sache einfach dadurch gemacht wird, daB
man mechanisch verhindert, daB der schlaffwerdende Korper zu viel
ablaBt; da aber geht das in ihn zuriick und er bekommt eine vielleicht
voriibergehende, aber immerhin doch eine gewisse Jugend wieder zu-
riick. Es ist ganz interessant, zu sehen, wie diese Rattenmannchen
wiederum ganz frisch und beweglich werden, wenn ihnen die Ligatur
gemacht ist an der Stelle, wo ich es angezeichnet habe.
Nun, diese Sache hier, dieses Abschniiren, kann in der verschieden-
sten Weise gemacht werden. Es kann so gemacht werden, wie ich es eben
angedeutet habe. Das ist ziemlich schwer, denn es ist natiirlich eine
Operation notwendig, um erst beizukommen. Man muB von auBen
einen Schnitt machen, um hereinzukommen, und dann einen Faden
herumfuhren, daB man die Sache abbindet. Aber es sind die Versuche
auch in anderer Weise gemacht worden, zum Beispiel dadurch, daB
man die Hoden mit Rontgenstrahlen bestrahlt hat. Dadurch sterben sie
ab und dadurch wird auch das Hormon der Pubertatsdriise zuriick-
gedrangt. Diese Sache wurde namentlich auch bei Menschen gemacht.
Kurz, das Ganze beruht darauf, daB man den Saft, den Hormonsaft
wieder in den Korper zuriickbringt. Sie sehen da die Verwandtschaft
mit der Schilddriise, bei der es sich auch darum handelt, daB man auf
irgendeine Weise das Hormon in die Blutzirkulation hineinbringt. Hier
handelt es sich auch darum, daB man das Hormon der Pubertatsdriise
dadurch in die Blutzirkulation hineinbringt, daB man im Alter, wenn
der Mensch schwach geworden ist, das eben einfach abdrosselt. Die
Sache ist also naturwissenschaftlich absolut in Ordnung.
84
Diese Versuche hat in den zehn Jahren der Steinach sehr gut fort-
gesetzt, und man kann heute schon sagen, daB dasjenige, was sich an
Ratten gezeigt hat, in gewissem Sinne sogar an Menschen nachgepriift
werden konnte. Man hat die Sache auch an Menschen ausgefuhrt und
konnte entweder damit Wirkungen erzielen oder dadurch, daB man
direkt von einem jiingeren Menschen Pubertatsdriisen-Sekret in die
Pubertatsdriisen einfuhrte. Man kann es auch durch Einimpfen hinein-
bringen, oder man kann die Hoden impfen, daB man also Hodensaft
von einem jiingeren Tier in die Hoden des Menschen einfuhrt — kurz,
auf die verschiedenste Weise hat man versucht, dieses Hormon in den
Korper zuriickzubringen.
Und in der Tat, die Wirkungen, die sich dabei bei Menschen gezeigt
haben, werden ja natiirlich immer ein biBchen ubertrieben, aber weg-
zuleugnen sind sie schon durchaus nicht. Es ist so, daB tatsachlich die
Versuche nicht bloB mit Ratten gemacht worden sind, sondern auch
mit alten, mit schlapp gewordenen Menschen, die wiederum einen Teil
ihrer Jugend dadurch zuriickgekriegt haben.
Lange wird ja die Geschichte selbstverstandlich nicht dauern, denn
der menschliche Korper hat ja doch nur ein begrenztes Alter. Es ist auch
durchaus heute noch nicht ausgemacht, ob man dadurch etwa die
Lebensdauer verlangert. Man kann die Jugend etwas zuriickgeben, aber
nicht die Lebensdauer verlangern. Aber auch das ist wahrscheinlich,
daB man dadurch die Lebensdauer wird verlangern konnen.
Aber sehen Sie, alle diese Dinge haben auch ihre Schattenseiten, denn
ich will Ihnen etwas sagen: Nicht wahr, es gibt Menschen, die schlecht
schlafen konnen. Wenn man junge Menschen hat, die schlecht schlafen
konnen, und man gibt ihnen ein Schlafmittel, Opium, Morphium, nun
ja, dann schlafen sie halt besser; das ist untriiglich, sie schlafen dann.
Es ist gar nichts einzuwenden. Aber die Sache ist doch so, daB, wenn
man jugendlichen Menschen immer wieder als Schlafmittel Morphium
gibt oder irgendwie iiberhaupt ein Schlafmittel, ein physisches, dann
wird doch der Korper mit der Zeit schwach. Er braucht vorzugsweise
dieses Schlafmittel immer mehr. Er kann nicht mehr sein ohne dieses
Schlafmittel. Er wird abhangig von diesem Schlafmittel, und man hat
es spater doch nicht mit einem Menschen zu tun, der im vollen Besitz
85
seiner Krafte ist. Daher ist es schon besser, wenn man dariiber nach-
denkt, wie man die Schlaflosigkeit mehr auf innerliche Weise bekamp-
fen kann. Und man kann sie auch auf innerliche Weise bekampfen.
Wenn man den Menschen wirklich dazu bringt, daB er sich anstrengt,
nur immer dasselbe Wort zu denken, dann kriegt er nach und nach von
innen die Kraft, einzuschlafen. Und das ist besser. Dadurch schwacht
sich der Mensch nicht.
Man kann also schon sagen: Die Wirkung der Schlafmittel ist un-
bestreitbar. Es ist ganz ausgeschlossen, daB der Mensch nicht durch die
Schlafmittel doch besser schlaft. Aber man sollte eigentlich die Sache in
einer ganz anderen Weise deichseln. Man sollte versuchen, dem Men-
schen den Schlaf auf innerliche Weise beizubringen. Naturlich ist das
schwerer und hangt etwas mit der Erziehungsmethode zusammen. Wenn
man namlich die Kinder ordentlich erzieht, so ist es einfach so, daB man
sie auch leicht dazu bringen wird, daB sie ordentlich ihr Quantum
Schlaf absolvieren; und man braucht den Menschen spater nicht Schlaf-
mittel zu geben, wenn sie in der Schule ordentlich behandelt worden
sind.
Man kann schon gerade diese Verjungungsmethode vergleichen mit
dem Schlafmittelgeben. Ja, meine Herren, da ist ganz besonders das
interessant: Ich sagte Ihnen schon, der Metschnikow hat zuerst sich mit
diesen Alterserscheinungen beschaftigt und hat den Leuten ein anderes
Mittel gegeben - dazumal gab es noch keine Steinachschen Versuche.
Sie werden vielleicht sehr erstaunt sein: Ein ganz materialistischer Arzt
hat den Leuten anempfohlen, sie sollen hauptsachlich so etwas lesen wie
den Goetheschen «Faust»! Tatsachlich, sie sollen so etwas lesen, wie den
Goetheschen «Faust»; dann werden sie auch zu einer Art Verjiingungs-
kur kommen.
Ja, daran ist namlich ungeheuer viel Wahres. Wenn man namlich im
richtigen Alter so etwas hat, was einen geistig innerlich ganz in An-
spruch nimmt, was einen auch in Begeisterung bringt - Begeisterung
heiBt ja nicht deshalb Begeisterung, weil es nicht den Geist in Bewegung
bringt, sondern gerade weil es den Geist in Bewegung bringt, heiBt es
Begeisterung, sonst wiirde es «Bestofflichung» heiBen; selbst die Ma-
terialisten, wenn sie ihre Volksreden halten, sagen nicht: Wir wollen
86
uns durchdringen mit Bestofflichung, sondern sie sagen, trotzdem sie
an den Geist nicht glauben: Wir wollen uns durchdringen mit Begeiste-
rung -, wenn man sich also wirklich durchdringt mit Begeisterung, so
ist das ein Quell der Verjungung. Das kann man allerdings bei Ratten
nicht nachpriifen! Aber es ist ein Quell der Verjungung bei Menschen.
Und wenn man die Beobachtungen im Leben dahin machen wiirde,
wiirde man finden, daB das, was man einem Menschen iiberhaupt an
Verjungung beibringen kann nach dem Quantum seiner Kraft, seiner
Lebenskrafte, daB man ihm das viel besser beibringt, wenn man ihm in
der richtigen Weise Zeit laBt, innerlich sich zu durchdringen mit einer
geistigen Tatigkeit. Denn eine geistige Tatigkeit hat namlich die Eigen-
tumlichkeit, daB sie die Driisenwande zusammenhalt und stark erhalt.
Wenn einer sein ganzes Leben hindurch nur Interesse hat fur ober-
flachliches Zeug, dann werden seine Driisen, alle diese GefaBwande viel
eher schlaff, als wenn er fur Geistiges Interesse hat. Und man braucht
bei einem Menschen, wenn man ihn erstens als Kind ordentlich erzogen
hat, und dem man zweitens Zeit gelassen hat, sich in der richtigen Weise
mit dem Geiste zu durchdringen, bei einem solchen Menschen braucht
man nachher nicht eine solche Ligatur zu machen, weil er diesen Kanal
stark erhalt, und selber in den Leib dasjenige zuriickgehen laBt, was er
braucht.
Das ist anders als bei der Schilddriisengeschichte. Bei der Schild-
driise, da muB man schon zuweilen eingreifen, weil es auBerordentlich
schwer ist, die Schilddriise, ich mochte sagen, durch Geistiges besser zu
machen; aber auch da wird man Resultate erzielen. Sie sind schon
erzielt worden. Wenn man in einer ganz bestimmten Weise, in einer
gesangartigen Sprache, immer und immer wieder, jeden Tag Sachen
wiederholen laBt, dann geht auch die Schilddriise zuriick.
So daB man also in der Tat sagen muB: Die Sachen sind ebenso rich-
tig wie die Wirksamkeit der Schlafmittel; aber es ware besser, wenn die
Menschheit endlich daran denken wiirde, nicht alles auf solch eine
materielle Weise zu machen, sondern wenn die Menschheit endlich
daran denken wiirde, der Zivilisation die Moglichkeit zu geben, daB
ein jeder zu seinem Quantum geistiger Tatigkeit kommen kann. Dann
wiirde man iiberhaupt auf diese Dinge auch nicht einen so groBen Wert
87
legen, sondern dann wiirde man sehen, daB die Tatsache, da!3 man da
zusammenklappt im Alter, eigentlich erst hervorgerufen wird durch
die Schadlichkeit unserer Zivilisation. Alle diese Operationen am Men-
schen sind ja im Grunde genommen nur dazu da, daB man das, was man
auf der einen Seite verschuldet am Menschen, durch ein paar Monate
Verjiingung im Alter wiederum ausgleichen will. Medizinisch ist die
Sache natiirlich genial, groBartig; aber man muB sie in einem groBeren
Kulturzusammenhange sehen. Dann gewinnt sie eine andere Seite.
Natiirlich kommt da noch etwas anderes dazu. Ich habe zuvor
gesagt, daB man, wenn man einem jiingeren Menschen Schlafmittel gibt,
ihn eigentlich schwacht. Das ist ja, wenn man bei alten, zusammen-
geschrumpelten, nicht mehr recht tapsen konnenden Menschen eine
solche Verjungungskur anwendet, fur diese natiirlich eine groBe Freude,
wenn sie wiederum anfangen konnen, ein biBchen lustig zu sein im
Leben. Man braucht da nicht so stark besorgt zu sein, daB es fur das
Alter schaden konnte, denn eine solche Verjungungskur wird in einem
Alter angewendet, wo es sich nicht mehr recht auspriifen laBt, ob es
ihnen hinterher schadet oder nicht. Die materialistische Weltanschau-
ung bringt groBartige Resultate heute, aber sie miissen in einem groBeren
Kulturzusammenhang betrachtet werden. Dann nehmen sie sich anders
aus. Deshalb sage ich immer, die Menschen sollten nachdenken, wie sie
die Kinder in der Schule und dann im spateren Alter davor behuten,
solche fruhzeitigen Alterserscheinungen zu bekommen. Das ist nicht auf
Klassen beschrankt, sondern schon mit dreiBig Jahren, gerade wenn sie
den sogenannten hoheren Standen angehoren, laufen die Leute mit
furchtbaren Glatzen herum. Das kommt davon her, daB schon in den
hoheren Schulen unnatiirlich erzogen wird. Es ware viel gescheiter,
wenn so erzogen wiirde, daB der menschliche Korper selbst alles zu-
sammenhalt, solange er Lebenskrafte hat.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen iiber die Sache sagen kann. Es ist ja
sehr interessant, gerade diese Dinge immer von den zwei Seiten aus zu
betrachten, die sie haben.
Was etwa noch zu sagen ware, will ich Ihnen das nachste Mai sagen.
Ich muB fur acht Tage verreisen, werde dann langere Zeit da sein, und
wir konnen dann weiter iiber die Sache reden.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 13. Dezember 1922
Nun, meine Herren, vielleicht haben Sie heute einen besonderen Wunsch.
1st Ihnen etwas eingefallen, das Sie fragen wollen?
Fragesteller: Ich mochte wissen, woher das riihrt, daB die blonden Menschen
immer seltener werden. In meiner Heimat hat es friiher noch sehr viele blonde Men-
schen gegeben - jetzt immer weniger. Was hat es fur eine Bewandtnis damit?
Dr. Sterner: Das paBt ja sehr gut zu unserer Betrachtung. Ich werde
Ihnen das ganz gut erklaren konnen, wenn ich Ihnen zuerst noch das
Auge erklare. Wir haben das Ohr betrachtet; jetzt werde ich Ihnen das
Auge erklaren. Sie werden bemerkt haben, daB die Blondheit sehr stark
zusammenhangt mit den blauen Augen. Blonde Leute haben meistens,
das ist schon eine Regel, blaue Augen. Mit dem hangt zusammen, was
Sie fragen. Sie werden das ganz gut begreifen, wenn wir das Auge
betrachten. Das Auge ist in der Tat im Menschen etwas auBerordentlich
Wichtiges. Denn, sehen Sie, man konnte zum Beispiel glauben, wenn
Menschen blind geboren sind, dann hatten sie eigentlich vom Auge gar
nichts. GewiB, Menschen, die blind geboren sind, die haben von ihren
Augen das nicht, daB sie sehen konnen — das konnen sie ja nicht, wenn
sie blind geboren sind. Aber die ganze Augenorganisation steckt ja in
ihnen. Und das Auge hat eben nicht bloB die eine Bedeutung, daB wir
sehen, sondern das Auge hat auch die Bedeutung, daB es eigentlich
unser ganzes Nervensystem, soweit das Nervensystem vom Gehirn
ausgeht, beeinfluBt. Das Auge kann zwar nicht sehen beim Blind-
geborenen, aber es ist doch in der Augenhohle drinnen, und es ist nur im
Innern, besonders im Sehnerv, nicht in Ordnung. Aber die Muskeln,
die bei jedem Menschen zum Auge hingehen, die sind auch beim Blinden
vorhanden, und die beeinflussen eigentlich das Nervensystem fort-
wahrend - auch beim Blinden. Und deshalb ist das Auge schon eines
der wichtigsten Organe, die wir in unserem Organismus, in unserem
Korper haben.
Das Auge sitzt ja in einer Hohlung drinnen, die von den Kopf-
knochen, dem Kopfskelett aus gebildet wird, und das Auge ist tatsach-
89
lieh so etwas wie eine kleine Welt. Es ist auBerordentlich interessant,
sich zu sagen: das Auge ist etwas wie eine kleine Welt. Denn, sehen Sie,
wenn wir das Auge betrachten, so sitzt zunachst der Sehnerv in der
Gehirnmasse drinnen. Also ich will die Gehirnmasse so andeuten (es
wird gezeichnet); da geht dann das Gehirn ins Ruckenmark iiber; da
geht das Ruckenmark herunter. Nun sitzt da der Sehnerv drinnen. Der
fullt dann das Auge aus. Das Auge selbst will ich etwas groBer hin-
zeichnen. Wenn das Auge so hinschaut, dann ist hier dieser Kanal, durch
den der Sehnerv geht. Was ich hier rot gezeichnet habe, geht da durch;
dann sitzt das Auge, wenn ich es von der Seite zeichne, so in der Augen-
hohle drinnen. Da hier ist iiberall Fett, und da sind dann die Augen-
muskeln; die sitzen hier; die gehen dann so da hinein, und da hier sind
dann die Knochen. Das sitzt unmittelbar auf dem auf, was hier hinter
dem Oberkiefer ist. Also so sitzt das Auge da drinnen.
Und wenn Sie das Auge von vorne anschauen, so sehen Sie zunachst
durch eine ganz durchsichtige, glashelle Haut durch. Das, was ich hier
grim mache, ist also diese Haut; die geht so durch; da ist sie iiberall
undurchsichtig, aber hier ist sie ganz durchsichtig, so daB hier das Licht
in das Auge herein kann. Das ist also, wenn Sie in das Schwarze hinein-
schauen. Das Schwarze, das ist namlich gar nicht etwas. Das Schwarze,
das ist nichts, sondern beim Schwarzen sehen Sie hindurch durch das
ganze Auge, und dahinten am Auge, da ist es schwarz. Sie sehen also
durch diese durchsichtige Haut bis an die hintere Wand des Auges, und
deshalb erscheint Ihnen das, was man die Pupille nennt, schwarz.
Geradeso wie wenn Sie zum Fenster hereinschauen und die Hinterwand
schwarz ware, so tauschen Sie sich und meinen, da vorne sei das
Schwarze. Innen ist das Auge ganz durchsichtig. Und dieses hier ist
tatsachlich eine hier undurchsichtige, hier durchsichtige harte Haut.
Und innerhalb dieser harten Haut, da befindet sich ein Netz, das
ganz feine Blutadern enthalt. Da sind ganz feine Blutadern, und diese
feinen Blutadern bilden hier einen Wulst. Wenn man es von vorne sieht,
so sieht man es so, wie es die Zeichnung hier zeigt. Und was man da um
den schwarzen Punkt herum sieht, das ist die sogenannte Regenbogen-
haut oder Iris; und die ist - ich werde gleich ausfuhrlicher dariiber
reden - bei manchen Menschen blau, bei manchen grau, bei manchen
90
ganz schwarz, nicht wahr. Also das ist dasjenige, was urn das Schwarze
herum ist.
Zwischen dieser durchsichtigen Haut — Hornhaut nennt man sie -
und dieser Iris, da ist drinnen ein hartes, man kann sagen, hartes Wasser.
Das ist wieder ganz durchsichtig. Also wo Sie das Schwarze sehen, da
ist zunachst die durchsichtige Haut, und hinter der durchsichtigen Haut
liegt ein hartes Wasser, geradeso wie wenn Sie zum Fenster herein-
schauen wiirden, und da ware hartes Wasser liegend, - vordere Augen-
kammer nennt man es. Es ist lebendiges Wasser, was also so ist wie ein
ganz kleinwinziges Glaslinschen. Wie eine kleine Linse sieht es aus, wenn
man es herausnehmen konnte, nur nicht ganz wie eine Linse. Eine Linse
ist so (es wird gezeichnet), wahrend dieses so ist, daB es hinten mehr
eben ist und vorne mehr gebogen ist; und da hier, wo diese feinen Adern
hierhergehen und die Regenbogenhaut bilden, da ist die eigentliche
Linse. Das ist wiederum ein, ich mochte sagen, lebendiges Wasser;
das ist die Linse. Die auBere Haut dieser Linse ist wieder ganz durch-
sichtig, so daB Sie eben, wenn Sie hineinschauen, das Schwarze dahinten
sehen konnen.
Diese Linse, die ist also da von der Aderhaut eingefaBt; sie ist aber
nicht so wie eine Glaslinse unbeweglich, sondern sie ist beweglich. Wenn
Sie in der Nahe sehen, ganz in der Nahe, dann ist diese Linse so gebogen.
Wenn Sie mehr in die Feme sehen, dann ist diese Linse so gebogen. Also
in der Mitte ist sie dick, wenn Sie in der Nahe sehen, und in der Mitte
diinn, wenn Sie in die Feme sehen.
Und das da hier, was Regenbogenhaut ist, das enthalt ganz feine
Muskeln. Mit diesen feinen Muskeln machen Sie die Linse in der Mitte
dick, wenn Sie in die Nahe sehen; oder wir machen die Muskeln schlaf-
fer, dann wird sie so diinn. Der Mensch gewohnt sich auch durch seine
Lebensweise daran. Wenn einer also ein Biirokrat ist und immer schreibt,
immer in der Nahe das Auge hat, dann wird seine Linse allmahlich in
der Mitte dick: er wird kurzsichtig. Wenn einer ein Jager ist und immer
in die Feme sehen muB, wird seine Linse in der Mitte diinn, und er wird
weitsichtig.
Aber die Sache ist auch so, daB in der Jugend diese Muskeln, diese
kleinwinzigen, die da in dieser Iris, in der Regenbogenhaut drinnen
91
sind, noch stark sind; da konnen wir uns noch anpassen an das, was wir
sehen. Im Alter werden die Muskeln schlaffer. Daher werden wir im
Alter fast alle weitsichtig. Darauf beruht es ja, daB wir abhelfen kon-
nen. Wenn einer eine Linse hat, die in der Mitte zu dick ist, so geben wir
ihm eine Brille, die solche Glaser hat im Durchschnitt (es wird gezeich-
net); dadurch wird hier - da ist sie dick, da diinn - die Dicke der
Linse ausgeglichen. Manche haben sogar zweierlei; je nachdem sie etwas
ansehen wollen im Raume drauBen, brauchen sie eine weitsichtige Brille;
wenn sie in der Nahe sehen wollen, brauchen sie eine kurzsichtige Brille.
Wenn einer also die Linse so hat (es wird auf die Zeichnung gewiesen),
so miissen wir ihm eine solche Brille geben. Dann gleichen wir das aus.
Dann kommt dadurch, daB es da dicker ist, diese Dicke der Brille zu
unserer Augenlinse dazu, und es wird ausgeglichen.
Das ist nun eben so, daB man schon sagen kann: Weil man das aus-
gleichen kann, was die Linse im Auge schlecht hat, kann man sehen.
Die Linse im Auge ist eine Linse wie unsere Brille. Jeder hat da eine
Brille, mit der er weit und nah sehen kann. Da sind Sie allmahlich
jedem gewachsen. Die Brille bleibt natiirlich wie sie ist, aber die Linse
im Auge ist eine lebendige Linse; die paBt sich an.
Und da, hinter der Linse, ist nun wiederum etwas, was wie ein leben-
diges Wasser ist, und das ist wiederum ganz durchsichtig, so daB das
Licht iiberall herein kann. Es fullt das ganze Innere des Auges aus,
so daB wir eigentlich das Auge im Innern zunachst ganz durchsichtig
haben. Hier (vordere Augenkammer) ist etwas wie ein hartes Wasser,
durchsichtig; eine Linse, durchsichtig; ein Glaskorper, alles wieder
durchsichtig.
Der Sehnerv, der geht da ins Auge hinein, geht ungefahr bis hier-
her; und dieser Sehnerv, der ist nun ein furchtbar kompliziertes Ding.
Ich habe ihn hier so gezeichnet, als ob sich einfach der Hauptstrang
des Nervs in diese hier teilte; aber es ist nicht ganz so, sondern wenn
wir diese Nerven studieren, so miiBte ich eigentlich hier vier Schich-
ten zeichnen. Also vier Nervenschichten umgeben unseren Glaskorper;
es ist so wie ein Glas, aber das Glas hat dann zu seiner Wandung vier
Schichten. Ich werde jetzt ein Stiickchen von einem solchen Nerv
zeichnen (es wird gezeichnet): Da ist eine auBere Schichte; diese
92
auBere Schichte, die wirkt wie ein starker Spiegel. Also das Licht
kommt da herein und fallt dann auch iiberall an diese Schichten hier
und wird iiberall zuriickgespiegelt. Das Licht geht nicht in das hier
herein, sondern es bleibt im Auge. Aber das wirkt wie eine Spiegelwand.
Das Licht wird hierher zuriickgestoBen. Das ist die auBerste Schichte.
In dieser ist dann weiter drinnen noch eine Schichte; die verstarkt noch
den Spiegel. So daB wir diesen Nerv, der unser Auge auskleidet wie
eine Blase, aus vier Schichten bestehend haben. Die auBerste Schichte
und die zweitauBerste Schichte, die werfen alles Licht wiederum in das
Auge zuriick, so daB wir da drinnen in diesem Glaskorper eigentlich das
ganze zuriickgeworfene Licht haben. Dann ist eine dritte Schichte; das
ist diese (es wird gezeichnet); die besteht aus derselben Substanz, aus der
unser graues Hirn besteht. Ich habe Ihnen gesagt: auBen ist das Gehirn
grau, nicht weiB. Also da ist ein Stiickchen Gehirn als die dritte Schichte
drinnen. Und als die vierte Schichte haben wir noch extra da drinnen
eine Haut. Also dieser Glaskorper ist eigentlich in einem sehr kompli-
zierten Sack drinnen. Alles Licht, das in den Glaskorper hineinkommt
durch die Pupille, wird in dem Glaskorper zuriickgeworfen und lebt
da nun darinnen.
Sie sehen, wir haben zunachst eigentlich im Auge etwas, was aussieht
wie ein furchtbar komplizierter physikalischer Apparat. Wozu ist das
alles? Nehmen Sie an: Hier irgendwo, da steht ein Mensch. Durch
dieses, was da ist - diesen Glaskorper, diese Linse - wird da hinten, weil
das alles gespiegelt wird, ein umgekehrtes Bild von diesem Menschen
erzeugt. Also wenn da ein Mensch steht, so haben Sie im Menschen
durch diesen ganzen Apparat einen kleinen Menschen, ein kleines Men-
schenbild, das aber auf dem Kopf steht; das haben Sie da hinten (im
Auge), so wie bei einem photographischen Apparat. Es ist richtig wie
ein photographischer Apparat: es wird abphotographiert, das Bild steht
auf dem Kopf. Das haben wir in unserem Auge. Das kommt daher, weil
das Auge ein Spiegelungsapparat ist. Es geht das Licht hinein, und es
spiegelt hierher. So haben wir also einen kleinen Menschen im Auge
drinnen.
Nun, sehen Sie, man kann sich wiederum sagen: So etwas, wie dieses
Menschenauge, das konnten wir heute mit all unseren noch so kompli-
93
zierten Apparaten natiirlich nicht herstellen. Dieses Menschenauge, das
ist iiberhaupt etwas auBerordentlich Wunderbares. Wenn Sie sich das
ganze Firmament vorstellen mit den Sternen, die das Licht auf die Erde
hereinstrahlen, also einen, wie man sagt, lichtausgefullten Raum den-
ken, und das dann ganz klein denken, dann haben Sie eigentlich das
Innere des Menschenauges. Es ist eigentlich eine ganze Welt im kleinen.
Und diese Spiegelung dahier, die wirkt eigentlich, wie wenn lauter
Sterne dastehen wiirden; denn diese auBeren Wande, die sind nicht so,
daB sie gleichmaBig spiegeln, sondern ich miiBte eigentlich so zeichnen:
das sind lauter solche kleine Korperchen, wie kleine Sterne, und von
diesen strahlt es ins Innere des Korpers herein. Wenn wir also selber ein
so winzig kleiner Mensch sein konnten wie das Bildchen und konnten
uns das Innere eines Auges betrachten - wenn wir solche winzigkleinen
Zwerge waren, wenn wir nicht gewohnt waren, solche groBen Men-
schen zu sein, wie wir sind, so wiirden wir ja das, wenn wir so klein
waren, fur riesenhaft halten, wenn wir da drinnen selber dieses kleine
Menschlein waren und das betrachten wiirden; wir wiirden uns gar
nicht anders vorkommen als in der Nacht, wenn wir auf der Erde
stehen und die strahlenden Sterne sehen. Es ist ganz so. Es ist dies furcht-
bar interessant, sich klarzumachen, daB eigentlich das Auge eine kleine
Welt ist. Und wenn das, was erzeugt wird durch Spiegelung, das Bild-
chen, bewuBt sein konnte, so wiirde das sich vorkommen, wie wir uns
vorkommen in einer sternenhellen Nacht. Sehr interessant ist das.
Nun, ich sage: wenn das sich bewuBt sein konnte. Aber wenn wir
nicht das Auge hatten, dann wiirden wir auch die sternenhelle Nacht ja
nicht sehen. Wir sehen die sternenhelle Nacht eben dadurch, daB wir
das Auge haben. Wenn wir es zumachen, ist die sternenhelle Nacht
nicht da. DaB wir den ganzen Sternenhimmel sehen, das hangt eigent-
lich vom Auge ab, daB da zuerst diese kleinwinzige Welt drinnen ist,
und wir uns sagen: Diese kleinwinzige Welt, die bedeutet eigentlich die
groBe Welt. Das ist etwas, das Sie sich nur klarmachen miissen.
Denken Sie, es zeigt Ihnen einer von Ihnen selber oder von einem
anderen Menschen eine ganz winzig kleine Photographic Sie werden
sagen: Das ist ja so winzig klein und riihrt von einem groBen Menschen
her. Den haben Sie aber gar nicht vor sich. Eigentlich haben Sie immer
94
nur in sich diesen kleinen, winzigen Sternenhimmel, und Sie sagen sich:
Was ich da vor mir habe, ist die Photographie vom groBen Sternen-
himmel. Das tun Sie immer, fortwahrend. So daB Sie eigentlich in Wirk-
lichkeit in sich den kleinen, winzigen Sternenhimmel des Auges haben
und sich dann sagen: Das ist die Photographie vom groBen Sternen-
himmel. Sie stellen sich eigentlich den wirklichen Sternenhimmel
immerfort nach dem kleinen Sternenhimmel im Auge vor. Das ist also
nur eine Vorstellung, die Sie sich selber machen. Das, was Sie wirklich
erleben, das ist der kleine Sternenhimmel im Auge.
Nun konnen Sie sagen: Das ware ja alles der Fall, wenn wir nur ein
einziges Auge hatten wie die Zyklopen; aber wir haben ja zwei Augen.
Warum haben wir eigentlich zwei Augen? Ja, sehen Sie, probieren Sie
es einmal: Wenn Sie mit einem Auge irgendwohin schauen, da kommt
es Ihnen vor, wie wenn alles auf der Riickwand aufgemalt ware. Sie
sehen die Korper nicht doppelt. Korperlich sehen Sie die Korper nur
dadurch, daB Sie zwei Augen haben. Wenn Sie mit zwei Augen schauen,
so ist das gerade so, wie wenn Sie Ihre linke Hand mit der rechten Hand
angreifen. Dadurch, daB wir schon als Kinder gewohnt worden sind,
uns selbst zu beriihren, dadurch sagen wir eigentlich zu uns «Ich»,
dadurch nehmen wir uns selber wahr. Wenn niemals unsere rechte Seite
unsere linke wahrnehmen konnte, wiirden wir in der Sprache gar nicht
das Wortchen «Ich» haben. Wir wuBten nichts von uns. Da gewohnt
man sich so hinein in die wichtigsten Dinge, daB man sie wie etwas
Selbstverstandliches anschaut.
Nun, irgendeiner, der heute so ein rechter Philister ist, der sagt: Ich
werde doch nicht weiter nachdenken dariiber, warum ich «Ich» sage.
Das ist doch selbstverstandlich, daB man «Ich» sagt! - Aber er ist dann
eben ein Philister. Er weiB nicht, daB gerade die feinsten Dinge auf den
kompliziertesten Sachen beruhen. Er weiB nicht, daB er sich als Kind
angewohnt hat, sich selber anzugreifen, namentlich mit der rechten
Hand die linke anzugreifen, und dadurch zu sich «Ich» zu sagen.
Sehen Sie, das geht bis in die Kultur hinein. Wenn wir in die ganz
alten Menschheitszeiten gehen, meinetwillen nur bis in die Zeiten des
Alten Testamentes, da haben die Priester, die in alteren Zeiten - ver-
zeihen Sie den ketzerischen Ausspruch - oftmals viel gescheiter waren
95
als in der neueren Zeit, gesagt: Wir wollen die Menschen zum Selbst-
bewuBtsein bringen. Da haben sie die Hande falten lassen. Das ist der
Ursprung des Handefaltens: sich selber beriihren, um in sich das starke
Ich zu finden, Wille zu entwickeln. Alles das sagt man ja heute nicht,
weil man die Dinge nicht begreift. Heute sagen die Priester den Men-
schen, sie sollen die Hande falten zum Gebet, aber sie sagen ihnen nicht,
was es fur eine Bedeutung hat. Es ist tatsachlich so.
So ist es auch beim Auge. Wenn wir mit zwei Augen schauen, haben
wir die Vorstellung, daB das, was im Licht ist, raumlich ist, nicht bloB
Krafte. Wenn wir ein Auge hatten, wiirden wir immer nur das Firma-
ment sehen, und alles ware auf dem Firmament aufgemalt. DaB wir die
Vorstellung haben, daB alles
…[truncated]