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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Metamorphosen des Seelenlebens
Pfade der Seelenerlebnisse
Achtzehn offentlicbe Vortrdge
Berlin 1909/1910
ZWEITER TEIL
Neun Vortrdge, gehalten zwischen dem
20. Januar und 12. Mai 1910
im Architektenhaus zu Berlin
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe dieser Auflage besorgte Caroline Wispier
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1984
Ein Nachweis der friiheren Auflagen und Herausgeber
findet sich auf Seken 304/305
Bibliographie-Nr. 59
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachla&verwaltung, Dornach/Schweiz
© 1984 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0595-3
2.U den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Sterner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861—1925) ge-
schriebenen und verdffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der TTieoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, daft seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sit als
«miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffendichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer-
den; «Es wird eben nur hingenommen werden rniissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
X. Die Geisteswissenschaft und die Sprache
Berlin, 20. Januar 1910 9
XL Lachen und Weinen
Berlin, 3. Februar 1910 42
XII. Was ist Mystik?
Berlin, 10. Februar 1910 71
XIII. Das Wesen des Gebetes
Berlin, 17. Februar 1910 103
XIV. Krankheit und Heilung
Berlin, 3. Marz 1910 135
XV. Der positive und der negative Mensch
Berlin, 10. Marz 1910 171
XVI. Irrtum und Irresein
Berlin, 28. April 1910 203
XVII. Das menschliche Gewissen
Berlin, 5. Mai 1910 236
XVIII. Die Mission der Kunst
(Homer, Aschylos, Dante, Shakespeare, Goethe)
Berlin, 12. Mai 1910 269
Nachweis friiherer Veroffentlichungen und Herausgeber . 304
Hinweise 306
Personenregister 312
Ausfiihrliche Inhaltsangaben 314
Inhalt Erster Teil, Vortrage I. bis IX 318
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 319
ZU DIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfiihrung in die Geisteswissenschaft
und konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rech-
nen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefien-
den Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukom-
menden die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer
wieder gegeben wurden.» (Marie Steiner)
Seit 1903 hatten in jedem Winterhalbjahr solche offentlichen
Vortragsreihen im Architektenhaus stattgefunden. Die vorliegen-
den Vortrage bilden den zweiten Teil der siebenten dieser Reihen
von 1909/1910.
In diesen Vortragen fuhrt Rudolf Steiner den Horer und Leser in
die verschiedensten Bereiche des Seelenlebens und Geistesstrebens.
Er zeigt die Sprache als Wesensausdruck des Menschen und Er-
scheinungen wie Lachen und Weinen als Ausdruck des menschli-
chen Ich. Er schildert die Mystik als geistigen Weg und das Gebet
als die Verbindung der Seele mit dem Gottlichen, endlich innere
Festigkeit und Empfanglichkeit als Elemente der menschlichen Ent-
wicklung. Die Krankheit erscheint als Grenzuberschreitung und
seelische Erkrankung als Storung der menschlichen Wesensglieder.
Das Gewissen wird dargestellt als gottliche Stimme in der menschli-
chen Seele und das kiinstlerische Schaffen als Offenbarung der
menschlichen Schopferkraft, die das Gleichnis des Verganglichen
mit der Botschaft vom Unverganglichen verbindet.
8
DIE GEISTESWISSENSCHAFT UND DIE SPRACHE
Berlin, 20. Januar 1910
Es ist reizvoll, die verschiedenen Aufierungen der
menschlichen Wesenheit vom geisteswissenschaftlichen
Standpunkt, so wie hier Geisteswissenschaft gemeint ist,
zu betrachten. Denn indem wir gieichsam um das
menschliche Leben herumgehen, wie es im Verlaufe
dieser Vortrage geschehen ist, und es von seinen ver-
schiedenen Seiten betrachten, konnen wir uns einen
Gesamteindruck von demseiben verschaffen. Heute soil
von jener universellen Aufterung des menschlichen Gei-
stes die Rede sein, die sich in der Sprache zu erkennen
gibt, und das nachste Mai soil dann unter dem Titel
«Lachen und Weinen» gieichsam eine Abart der mensch-
lichen Ausdrucksfahigkeit betrachtet werden, die zwar
mit der Sprache verbunden, aber doch wieder grundver-
schieden von ihr ist.
Wenn von der menschlichen Sprache die Rede ist,
dann fiihlen wir wohl hinlanglich, wie sehr die ganze
Bedeutung und Wiirde und das ganze Wesen des Men-
schen mit dem zusammenhangt, was eben als Sprache
bezeichnet wird. Unser innerstes Leben, alle unsere Ge-
danken, Gefuhle und Willensimpulse fliefien gieichsam
nach aufien zu unseren Mitmenschen hin und verbinden
uns mit denselben durch die Sprache. So fiihlen wir eine
unendliche Erweiterungsfahigkeit unseres Wesens, eine
Moglichkeit des Ausstrahlens dieses Wesens in die Um-
gebung durch die Sprache. Auf der anderen Seite aller-
dings wird gerade derjenige, der das menschliche Innen-
leben einer bedeutungsvollen Individuality zu durch-
dringen vermag, empfinden konnen, wie die menschliche
Sprache doch wiederum eine Art Tyrann ist, eine Macht,
die auf unser Innenleben ausgeiibt wird. Fiihlen wir es
doch, wenn wir nur wollen, dafi dasjenige, was wir uns
selber zu sagen haben iiber unsere Gefiihle und Gedan-
ken, iiber das, was durch die Seele zieht mit all seiner
Intimitat und Besonderheit, nur sparlich und schwach in
dem Wort, in der Sprache zum Ausdruck kommen kann.
Und fiihlen wir doch auch, wie die Sprache, in die wir
hineingestellt sind, uns sogar ein bestimmtes Denken
aufzwingt. Wer sollte es denn nicht wissen, wie der
Mensch in bezug auf sein Denken abhangig ist von der
Sprache! Worte sind es vielfach, an die sich unsere
Begriffe heften, und in einem unvollkommenen Entwik-
kelungszustand wird der Mensch sogar leicht das Wort
oder das, was ihm das Wort einimpft, mit dem Begriffe
verwechseln konnen. Daher die Unmoglichkeit mancher
Menschen, sich eine Begriffswelt aufzubauen, welche
hinausreicht iiber das, was ihnen die Worte geben, die in
ihrer Umgebung iiblich sind. Und wissen wir doch auch,
wie der Charakter eines ganzen Volkes, das eine gemein-
same Sprache spricht, in gewisser Weise von dieser
Sprache abhangig ist. Wenigstens mull derjenige, der
intimer die Volkscharaktere, die Sprachencharaktere in
ihren Zusammenhangen betrachtet, einsehen, wie die Art
und Weise, in welcher der Mensch das, was in seiner
Seele liegt, in Laute umzupragen vermag, wiederum
zuriickwirkt auf die Starke und Schwache seines Charak-
ters, auf den Ausdruck seines Temperamentes, ja auf
seine ganze Lebensauffassung. Und der Kenner wird
imstande sein, aus der Konfiguration der Sprache eines
Volkes mancherlei entnehmen zu konnen in bezug auf
den Charakter eines Volkes. Da aber die Sprache einem
Volke gemeinschaftlich ist, so ist der einzelne von einer
Gemeinsamkeit abhangig, gleichsam von einem Durch-
schnittsmafi, wie es in dem Volke herrscht. Er steht
dadurch gewissermafien unter der Tyrannei, unter der
Macht der Gemeinsamkeit. Wenn man aber fuhlt, dafi
auf der einen Seite unser individuelles Geistesleben, auf
der anderen Seite das Geistesleben von Gemeinsamkei-
ten sozusagen in der Sprache niedergelegt ist, so er-
scheint einem dasjenige, was man das Geheimnis der
Sprache nennen konnte, als etwas ganz besonders Bedeu-
tungsvolles. Man kann sagen, dafi man gewift einiges
iiber das Seelenleben des Menschen erfahren kann, wenn
man die Aufierungen betrachtet, wie dieses menschliche
Wesen gerade in der Sprache sich gibt.
Das Geheimnis der Sprache, ihre Entstehung, ihre
Fortentwickelung in den verschiedenen Zeiten, war von
jeher eine Ratselfrage fur gewisse fachwissenschaftliche
Gebiete. Aber man kann nicht sagen, dafi diese fachwis-
senschaftlichen Gebiete in unserem Zeitalter besonders
gliicklich darin waren, hinter das Geheimnis der Sprache
zu kommen. Deshalb soli heute sozusagen aphoristisch,
skizzenhaft von dem Gesichtspunkt der Geisteswissen-
schaft, wie wir ihn gewohnt sind auf den Menschen und
seine Entwickelung anzuwenden, einiges Licht auf die
Sprache, ihre Entwickelung und ihren Zusammenhang
mit dem Menschen geworfen werden.
Das ist es ja, was zunachst so geheimnisvoll erscheint,
wenn wir irgendein Ding, eine Sache, einen Vorgang mit
einem Worte bezeichnen. Wie hangt da jene eigentiim-
liche Lautzusammensetzung, die das Wort oder den Satz
bildet, mit dem zusammen, was aus uns kommt und als
Wort das Ding bedeutet? Da hat man vom Standpunkte
der aufieren Wissenschaft die mannigfaltigsten Erfah-
rungen zu den verschiedensten Kombinationen zusam-
menzufiigen versucht. Man hat aber auch das Unbefrie-
digende einer solchen Betrachtungsweise empfunden.
Die Frage ist ja so einfach und dennoch so schwierig zu
beantworten: Wie kam der Mensch dazu, wenn ihm
irgend etwas in der Auftenwelt entgegentrat, gerade aus
sich heraus, wie ein Echo dieses oder jenes Gegenstandes
oder Vorganges, nun diesen oder jenen besonderen Laut
hervorzubringen?
Von einem gewissen Gesichtspunkte aus stellte man
sich die Sache recht einfach vor. Man dachte zum Bei-
spiel daran, daft die Sprachbildung davon ausgegangen
sei, dasjenige, was man aufierlich schon als Laut hort wie
den Laut gewisser Tiere, oder wenn etwas an ein anderes
anschlagt, durch die innere Fahigkeit unserer Sprach-
organe nachzuahmen, etwa so wie das Kind, wenn es
den Hund «wau-wau!» bellen hort und diesen Laut
nachahmt, den Hund den «Wauwau» nennt. Eine solche
Wortbildung konnte man eine onomatopoetische nen-
nen, eine Nachahmung des Tones. Eine derartige Nach-
ahmung sollte der urspriinglichen Laut- und Wortbil-
dung - so ist es von gewissen Gesichtspunkten aus
behauptet worden - zugrunde liegen. Natiirlich bleibt
die Frage ganz unbeantwortet : Wie kommt der Mensch
dann dazu, jene stummen Wesenheiten, die keinen Ton
von sich geben, zu benennen? Wie steigt er auf von dem
Lautausdruck eines Tieres oder eines Vorganges, den
man horen kann, zu einem solchen, den man nicht horen
kann? - Der grofie Sprachforscher Max Mutter hat diese
Theorie, weil er das Unbefriedigende einer solchen Spe-
kulation einsah, verspottet und sie die «Wauwau-Theo-
rie» genannt. Dafiir hat er eine andere Theorie aufge-
stellt, welche die Gegner nun ihrerseits - und hier ist das
Wort in dem Sinne gebraucht, wie es nicht gebraucht
werden sollte - «mystisch» genannt haben. Max Miiller
meint namlich, dafi einem jeden Ding in sich selber
sozusagen etwas zukomme, was wie Klang sei. Alles
habe in gewisser Weise einen Klang, nicht nur ein Glas,
das man fallen lafit, nicht nur die Glocke, die ange-
schlagen wird, sondern jedes Ding. Und die Fahigkeit
des Menschen, eine Beziehung herzustellen zwischen
seiner Seele und diesem, gleichsam als inneres Wesen an
dem Dinge befindlichen Klange, ruft in der Seele die
Moglichkeit hervor, dieses innere Klangwesen des Din-
ges auszudriicken, wie man etwa das Innere der Glocke
ausdriicken kann, wenn man ihren Ton in «Bim-bam»
nachfuhlt. Und die Gegner Max Mullers haben ihm
seinen Spott zuriickgegeben, indem sie nun seine Theo-
rie die «Bimbam-Theorie» nannten. Wenn wir fortfahren
wollten, von den mit grofiem Fleift gemachten Zusam-
menstellungen weiteres aufzuzahlen, so wiirden wir se-
hen, dafi immer etwas Unbefriedigendes bleiben mufite,
wenn man dasjenige, was der Mensch gleichsam wie ein
Echo seiner Seele dem Wesen der Dinge entgegentonen
lalk, in dieser Weise aufierlich charakterisieren wollte.
Da mufi man schon tiefer hineindringen in das Innere
des Menschen.
Fur die Geisteswissenschaft ist der Mensch im Grunde
genommen ein sehr kompliziertes Wesen. So wie er vor
uns steht, hat er zunachst seinen physischen Leib, der in
sich dieselben Gesetze und Substantialitaten hat, die wir
auch in der mineralischen Welt finden. Dann hat der
Mensch fur die Geisteswissenschaft als ein zweites, hohe-
res Glied seiner Wesenheit den Atherleib oder Lebens-
leib. Sodann dasjenige Glied, das wir den Trager von
Lust und Leid, Freude und Schmerz, von Trieb, Begier-
de und Leidenschaft nennen, den astralischen Leib, der
fiir die Geisteswissenschaft ein ebenso reales, ja realeres
Glied der Menschennatur ist als das, was man mit Augen
sehen und mit Handen greifen kann. Und das vierte
Glied der menschlichen Wesenheit haben wir den Trager
des Ich genannt. Wir haben ferner gesehen, dafi die
Entwickelung des Menschen auf der gegenwartigen Stufe
darinnen besteht, dafi er von seinem Ich aus an der
Umgestaltung der drei anderen Glieder seiner Wesenheit
arbeitet. Wir haben auch darauf hingedeutet, daft in einer
fernen Zukunft das menschliche Ich diese drei Glieder so
umgestaltet haben wird, daft nichts mehr von dem zu-
riickgeblieben sein wird, was die Natur oder die in der
Natur liegenden geistigen Machte aus diesen drei
menschlichen Gliedern gemacht haben.
Der astralische Leib, der Trager von Lust und Leid,
von Freude und Schmerz, von alien auf und ab wogen-
den Vorstellungen, Empfindungen und Wahrnehmun-
gen, ist zunachst ohne unser Zutun, das heiftt, ohne die
Arbeit unseres Ich zustande gekommen. Nun aber arbei-
tet das Ich an ihm, und es arbeitet so, dafi es lautert und
reinigt und unter seine Herrschaft alles bringt, was
Eigenschaften und Tatigkeiten des astralischen Leibes
sind. Wenn das Ich nur wenig an dem astralischen Leibe
gearbeitet hat, ist der Mensch ein Sklave seiner Trieb e
und Begierden; wenn es aber Triebe und Begierden
lautert zu Tugenden, wenn es das, was irrlichtelierendes
Denken ist, an dem Faden der Logik geordnet hat, dann
ist ein Teil des astralischen Leibes umgewandelt, er ist
aus einem Produkte, an dem das Ich noch nichts gearbei-
tet hat, zu einem Produkte des Ich geworden. Wenn das
Ich diese Arbeit bewufk vollbringt, wozu heute in der
menschlichen Entwickelung erst der Anfang gemacht ist,
nennen wir diesen vom Ich aus bewulk umgearbeiteten
Teil des astralischen Leibes Geistselbst oder mit einem
Ausdruck der orientalischen Philosophic Manas. Wenn
das Ich in einer anderen, intensiveren Weise nicht nur in
den astralischen Leib, sondern auch in den Atherleib
hineinarbeitet, nennen wir den vom Ich aus umgearbei-
teten Teil des Atherleibes den Lebensgeist oder mit
einem Ausdruck der orientalischen Philosophic die
Buddhi. Und wenn das Ich endlich so stark geworden
ist, was aber erst einer fernen Zukunft angehort, dafi es
den physischen Leib umwandelt und seine Gesetze regu-
liert, so dafi das Ich iiberall dabei ist und der Herrscher
dessen ist, was im physischen Leibe lebt, dann nennen
wir diesen so unter die Herrschaft des Ich gelangten Teil
des physischen Leibes den Geistesmenschen oder auch,
weil jene Arbeit mit einem Regulieren des Atmungs-
prozesscs beginnt, mit einem Worte der orientalischen
Philosophic Atman, was mit dem Atmen zusammen-
hangt.
So haben wir zunachst den Menschen als eine vierglie-
drige Wesenheit: bestehend aus physischem Leib, Ather-
leib, astralischem Leib und Ich. Und so wie wir drei aus
der Vergangenheit herriihrende Glieder unserer Wesen-
heit haben, so konnen wir - durch die Arbeit des Ich -
auch sprechen von drei in die Zukunft hinein sich
entwickelnden Gliedern des Menschen. Und wir spre-
chen so von einer siebengliedrigen Natur der mensch-
lichen Wesenheit, indem wir zu physischem Leib, Ather-
leib, astralischem Leib und Ich noch hinzuzahlen Geist-
selbst, Lebensgeist und Geistesmenschen. Wenn wir aber
auf diese drei letzteren Glieder als auf etwas Femes,
Zukunftiges der menschlichen Entwickelung hinschauen,
so miissen wir sagen, dafi doch in einer gewissen Weise
der Mensch heute fur diese Entwickelung schon vorbe-
reitet ist. Bewufk wird der Mensch erst in einer fernen
Zukunft von seinem Ich aus diese drei Glieder - physi-
schen Leib, Atherleib und astralischen Leib - bearbeiten.
Unterbewufit aber, das heifk ohne sein voiles Bewufit-
sein, hat das Ich aus einer dumpfen Tatigkeit heraus
diese drei Glieder seiner Wesenheit schon umgestaltet.
Das ist schon als Resultat vorhanden. Was wir in den
vergangenen Vortragen als innere Wesensglieder des
Menschen erwahnten, konnte nur dadurch entstehen,
dafi das Ich an den drei Gliedern gearbeitet hat. An dem,
was wir den astralischen Leib nennen, hat es die Empfin-
dungsseele herausgearbeitet, gleichsam als inneres Spie-
gelbild des Empfindungsleibes. Wiihrend uns der Emp-
findungsleib dasjenige vermittelt, was wir Genufi nennen
- Empfindungsleib und astralischer Leib ist fiir den
Menschen dasselbe, ohne Empfindungsleib wiirden wir
keine Geniisse haben konnen - spiegelt sich der Genuft
im Inneren, Seelenhaften als die Begierde, und Begierden
schreiben wir dann der Seele zu. So gehoren die beiden
Dinge, der Astralleib und der umgewandelte Astralleib
oder die Empfindungsseele, zusammen, wie Genufi und
Begierde zusammengehoren. Ebenso hat das Ich in der
Vergangenheit bereits am Atherleibe gearbeitet. Was es
da gearbeitet hat, fuhrt im Inneren, Seelenhaften des
Menschen dazu, dafi er in sich die Verstandesseele oder
Gemiitsseele tragt, so daft die Verstandesseele, die zu-
gleich auch der Trager des Gedachtnisses ist, mit einer
unterbewufken Umarbeitung des Atherleibes vom Ich
aus zusammenhangt. Und endlich hat das Ich in Zeiten
der Vergangenheit, um den Menschen in der gegenwar-
tigen Gestalt moglich zu machen, auch schon an der
Umgestaltung des physischen Leibes gearbeitet, und was
dadurch entstanden ist, nennen wir die Bewufttseinssee-
le, durch die der Mensch zu einem Wissen iiber die
Dinge der Auftenwelt kommt. So konnen wir also auch
in dieser Weise von einem siebengliedrigen Menschen
sprechen, indem wir sagen: Durch eine vorbereitende,
unterbewuike Tatigkeit des Ich sind die drei Seelen-
glieder, Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewufit-
seinsseele entstanden. Aber alles dies ist eine unbewuike
oder unterbewulke Arbeit des Ich an seinen Umhiil-
lungen.
Nun fragen wir uns: Sind denn nicht die drei Glieder
- der physische Leib, der Atherleib und der Astralleib -
komplizierte Wesenheiten? - Oh, welcher Wunderbau
ist dieser physische Menschenleib ! Und wenn wir ihn
naher priifen, wiirden wir finden, dafi dieser physische
Leib viel komplizierter ist als nur jener Teil, den sich das
Ich zur Bewufitseinsseele herausgearbeitet hat und den
wir den physischen Trager der Bewufkseinsseele nennen
konnen. Ebenso ist der Atherleib viel komplizierter als
dasjenige, was man den Trager der Verstandes- oder
Gemiitsseele nennen konnte. Und auch der astralische
Leib ist komplizierter als dasjenige, was wir den Trager
der Empfindungsseele nennen konnen. Geradezu arm
sind diese Teile gegeniiber dem, was schon da war, bevor
der Mensch ein Ich hatte. Daher sprechen wir in der
Geisteswissenschaft davon, dafi der Mensch sich so ent-
wickelt hat, daft in einer urfernen Vergangenheit die
erste Anlage des physischen Leibes, und zwar aus geisti-
gen Wesenheiten heraus, entstanden ist. Dann ist hinzu-
gekommen der Atherleib, noch spater der astralische
Leib und zuletzt erst das Ich. Daher hat der physische
Leib des Menschen vier Stufen der Entwickelung hinter
sich. Erst war der physische Leib in unmittelbarer Korre-
spondenz mit der geistigen Welt, dann wurde er heraus-
gearbeitet und durchwoben und durchwirkt mit dem
Atherleib; dadurch wurde er komplizierter. Dann wurde
er durchsetzt mit dem astralischen Leib, wodurch er
wieder komplizierter wurde. Dann kam das Ich hinzu.
Und erst, was dieses an dem physischen Leibe getan hat,
formte einen Teil des physischen Leibes heraus und
machte ihn zum Trager dessen, was man menschliches
Bewulksein nennt, die Fahigkeit, dafi wir uns ein Wissen
von der Aufienwelt verschaffen. Aber dieser physische
Leib hat weit mehr zu tun, als uns durch uns ere Sinne
und unser Gehirn ein Wissen von der Aufienwelt zu
verschaffen, er hat eine Anzahl von Tatigkeiten zu ver-
richten, welche die Grundlage des Bewufttseins sind, die
aber vollig aufierhalb des Bereiches des Gehirns ablau-
fen. So ist es auch mit dem Atherleib und dem Astral-
leib.
Wenn wir uns nun klar dariiber sind, daft alles, was
wir in der Aufienwelt um uns herum haben, Geist ist,
dafi Geist, wie wir so oft betont haben, allem Materiel-
len, allem Atherischen und Astralischen zugrunde liegt,
dann miissen wir uns sagen: Gerade so, wie das Ich
selber als ein Geistiges von innen heraus arbeitet, indem
der Mensch sich entwickelt in seinen drei Wesensglie-
dern, so miissen - nennen wir es nun geistige Wesen-
heiten oder geistige Tatigkeiten, darauf kommt es nicht
an - gearbeitet haben an unserem physischen Leib,
Atherleib und Astralleib, bevor das Ich sich geltend
machte und in dem schon Bearbeiteten ein Stuck weiter-
arbeitete. Wir schauen damit zuriick in Zeiten, in denen
sozusagen eine ebensolche Tatigkeit auf unseren Astral-
leib, Atherleib und physischen Leib stattgefunden hat,
wie heme eine Tatigkeit stattfindet vom Ich nach aufien
in diese drei Glieder hinein. Das heifit, wir miissen
davon sprechen, dafi geistiges Schaffen, geistige Tatigkeit
an dem gearbeitet hat, worinnen wir eingehiillt sind, und
Form, Bewegung, Gestalt und alles gegeben haben, be-
vor das Ich in die Lage kam, sich darinnen festzusetzen.
Wir miissen davon sprechen, dafi es geistige Betatigun-
gen im Menschen gibt, die vor der Tatigkeit des Ich
liegen, und dafi wir geistige Tatigkeiten in uns tragen,
welche die Voraussetzung fur die Ich-Tatigkeit sind, und
die vorhanden waren, bevor das Ich eingreifen konnte.
Scheiden wir daher fur einen Augenblick alles aus, was
unser Ich herausgearbeitet hat aus den drei Gliedern
unserer Wesenheit als Empfindungsseele, Verstandes-
oder Gemiitsseele und Bewulkseinsseele, und betrachten
wir den Bau, die innere Bewegung und Tatigkeit dieser
drei Hiillen der menschlichen Wesenheit, so miissen wir
sagen, dafi vor der Tatigkeit des Ich eine geistige Tatig-
keit auf uns ausgeiibt worden ist.
Daher sprechen wir in der Geisteswissenschaft davon,
dafi wir es beim Menschen, so wie er heute ist, mit einer
individuellen Seele zu tun haben, mit einer von einem
Ich durchwobenen Seele, wodurch jeder Mensch eine in
sich selbst geschlossene Individualist ist. Und wir spre-
chen davon, dafi, bevor der Mensch eine solche in sich
geschlossene Ich-Wesenheit geworden ist, er das Ergeb-
nis war einer Gruppenseele, einer Seelenhaftigkeit, so
wie wir heute in der Tierwelt von Gruppenseelen noch
sprechen. Da sagen wir: Was wir beim Menschen in
jeder einzelnen Wesenheit als individuelle Seele suchen,
das finden wir beim Tier in demjenigen, was einer
ganzen Art oder Gattung im Tierreich zugrunde liegt.
Eine ganze Tiergattung hat eine gemeinsame tierische
Gruppenseele. Was beim Menschen die individuelle See-
le ist, das ist beim Tier die Gattungsseele.
So arbeitete beim Menschen in seinen drei WesensgHe-
dern, bevor er eine individuelle Seele wurde, eine andere
Seele - von der wir heute nur noch durch die Geisteswis-
senschaft Kunde erhalten -, welche die Vorgangerin
unseres eigenen Ich war. Und diese Vorgangerin unseres
Ich, diese Gruppen- oder Gattungsseele des Menschen,
welche dann dem Ich die von ihr bearbeiteten drei
Wesensglieder iibergab, den physischen Leib, Atherleib
und Astralleib, um sie vom Ich weiter bearbeiten zu
lassen, hat in ganz ahnlicher Art von ihrem Inneren,
Seelenhaften heraus den physischen Leib, Atherleib und
astralischen Leib umgestaltet, bearbeitet, nach sich gere-
gelt. Und die letzte Tatigkeit, die dem menschlichen
Wesen zugrunde liegt, bevor es mit einem Ich begabt
worden ist, die letzten Einflusse, die vor der Geburt des
Ich liegen, sie sind heute in dem niedergelegt, was wir
die menschliche Sprache nennen. Wenn wir daher von
unserem Bewufitseinsleben, von unserem Verstandes-
und Gemiitsleben, von unserem Empfindungsleben aus-
gehen und auf das schauen, was seine Voraussetzungen
sind, so kommen wir zu einer Seelenarbeit, die noch
nicht von unserem Ich durchwirkt war, und deren Er-
gebnis wir in dem niedergelegt finden, was heute in der
Sprache zum Ausdruck kommt.
Worin beruht denn aufierlich das, was wir als die vier
Glieder der menschlichen Wesenheit bezeichnen? Wie
driickt es sich im physischen Leibe rein aufierlich aus?
Der physische Leib einer Pflanze sieht anders aus als der
physische Leib eines Menschen. Warum? Weil in der
Pflanze nur der physische Leib und der Atherleib vor-
handen sind, wahrend im menschlichen physischen Lei-
be noch der astralische Leib und das Ich wirken. Was da
innerlich wirkt, das formt und gestaltet audi den physi-
schen Leib entsprechend um. Was hat denn in unseren
physischen Leib hineingewirkt, indem er von einem
Atherleib oder Lebensleib durchsetzt worden ist?
Was wir in uns das Gefafi- oder Driisensystem nen-
nen, ist beim Menschen und auch beim Tier der aufiere
physische Ausdruck des Ather- oder Lebensleibes, das
heilk, der Atherleib ist der Architekt oder Bildner von
dem, was wir das Driisen- oder Gefafisystem nennen.
Der astralische Leib ist wiederum der Bildner von dem,
was wir das Neryensys tern nennen. Daher haben wir nur
dort ein Recht von einem Nervensystem zu sprechen,
wo ein astralischer Leib in einem Wesen vorhanden ist.
Was ist nun beim Menschen der Ausdruck seines Ich?
Das ist das Blutsystem, und zwar beim Menschen spe-
ziell das, was wir Blut unter dem Einflufi der inneren
Lebenswarme nennen konnen. Alles, was das Ich am
Menschen arbeitet, geht, wenn es in den physischen Leib
hineingestaltet werden soil, auf dem Umwege durch das
Blut. Deshalb ist das Blut ein so ganz «besonderer Saft».
Wenn das Ich die Empfindungsseele, die Verstandesseele
und die Bewufitseinsseele ausarbeitet, so dringt das, was
das Ich vermag auszugestalten, zu konfigurieren, nur
dadurch in den physischen Leib, dafi das Ich die Fahig-
keit hat, auf dem Umwege durch das Blut in den physi-
schen Leib arbeitend einzugreifen. Unser Blut ist der
Vermittler fur astralischen Leib und Ich und alle ihre
Tatigkeiten.
Wer wird nun daran zweifeln, wenn er das mensch-
liche Leben auch nur oberflachlich betrachtet, dafi der
Mensch, so wie er von seinem Ich aus in der Bewufit-
seinsseele, Verstandesseele und Empfindungsseele arbei-
tet, auch seinen physischen Leib umformt und umge-
staltet? Wer wiirde nicht in dem physiognomischen Aus-
druck eine Ausgestaltung dessen sehen, was im Inneren
wirkt und lebt? Und wer wiirde nicht zugeben, dafi
selbst das, was innere Gedankenarbeit ist, wenn es die
ganze Seele ergreift, auch noch im Verlaufe eines Men-
schenlebens umgestaltend auf unser Gehirn wirkt? Un-
ser Gehirn pafit sich unserem Denken an; es ist ein
Werkzeug, das sich nach den Bediirfnissen unseres Den-
kens formt. Aber wenn wir uns das anschauen, was der
Mensch heute schon von seinem Ich aus an seiner eige-
nen aufieren Wesenheit auszuarbeiten, gleichsam kiinstle-
risch zu gestalten vermag, so ist es sehr wenig. Es ist
wenig, was wir von unserem Blut aus dadurch zu tun
vermogen, dafi wir das Blut von dem aus, was wir unsere
innerliche Warme nennen, in Bewegung setzen.
Mehr haben diejenigen geistigen Wesenheiten ver-
mocht, welche der Arbeit unseres Ich vorangegangen
sind. Denn sie haben sich sozusagen eines wirksameren
Mittels bedienen konnen, und so bildete sich unter
ihrem EinfluE die menschliche Form so aus, daft sie im
ganzen ein Ausdruck dessen ist, was diese vor dem
menschlichen Ich arbeitenden geistigen Wesenheiten aus
dem Menschen gemacht haben. In welchem Mittel arbei-
teten denn diese Wesenheiten? Sie arbeiteten in keinem
anderen Mittel als in der Luft. Wie wir in der innerlichen
Warme arbeiten und unser Blut pulsieren machen und
dadurch das Blut in unserer eigenen Form zur Wirkung
bringen, so brachten die vor unserem Ich an uns arbei-
tenden Wesenheiten die Luft zur Wirkung. Und von der
Arbeit dieser Wesenheiten durch die Luft an uns selber
ging etwas aus, was uns als Menschen eigentlich unsere
Gestalt gegeben hat.
Es kann sonderbar erscheinen, wenn hier davon ge-
sprochen wird, dafl geistige Tatigkeiten durch die Luft
am Menschen in urferner Vergangenheit gearbeitet ha-
ben. Ich habe schon einmal gesagt: Was in unserem
Inneren auflebt als unser eigenes geistig-seelisches Le-
ben, das wiirden wir verkennen, wenn wir es als blofie
Vorstellungen aufnahmen und nicht wiilken, dafi es aus
der ganzen Aufienwelt genommen ist. Wer da behaupten
wollte, dafi in uns Begriffe und Ideen entstanden, wenn
es auch draufien keine Ideen gabe, der sollte auch nur
gleich behaupten, dafi er Wasser aus einem Glase schop-
fen kann, in welchem kein Wasser ist. Unsere Begriffe
waren Schaumgebilde, wenn sie etwas anderes waren als
das, was auch in den Dingen draufien lebt, und was an
den Dingen als ihre Gesetze vorhanden ist. Wir holen
das, was wir in unserer Seele aufleben las sen, aus unserer
Umgebung heraus. Deshalb konnen wir sagen: Alles,
was uns materiell umgibt, ist durchwirkt und durchwo-
ben von geistigen Wesenheiten.
So sonderbar es klingen mag: Was uns als Luft um-
gibt, ist nicht nur der Stoff, den uns die Chemie zeigt,
sondern darinnen wirken geistige Wesenheiten und gei-
stige Tatigkeiten. - Und so wie wir durch die Blutwar-
me, die von unserem Ich ausgeht - denn das ist das
Wesentliche dabei -, unseren physischen Leib ein klein
wenig formen konnen, so formten in machtiger Weise
diese Wesenheiten, die dem Ich vorangingen, an der
aufieren Gestalt unseres physischen Menschen durch die
Luft. Das ist fur uns das Wesentliche. Wu^sin^Men-
jschen durch unsere Kehlkopfeinrichtung und durch al-
les, was damit zusammenhangt. Was uns von aufien als
dieses wunderbare kunstlerische Organ des Kehlkopfes
im Zusammenhange mit den iibrigen Stimm- und
Sprachwerkzeugen eingeformt ist, ist aus dem herausge-
arbeitet, was die Luft geistig ist. Goethe hat so schon in
bezug auf das Auge gesagt: Das Auge ist am Lichte fur
das Licht gebildet! - Wenn man im Schopenhauerischen
Sinne nur betont: Ohne ein lichtempfindendes Auge
ware fur uns der Lichteindruck nicht da so sagt man
damit nur eine halbe Wahrheit. Die andere Halfte ist die,
dafi wir kein Auge haben wiirden, wenn nicht aus
unbestimmten Organen in urferner Vergangenheit das
Licht gleichsam plastisch aus uns das Auge herausge-
bildet hatte. Wir haben daher im Lichte nicht blofi jene
abstrakte Wesenheit zu sehen, die man heute physika-
Hsch als Licht beschreibt, sondern im Lichte haben wir
jene verborgene Wesenheit zu suchen, die imstande ist,
sich ein Auge zu schaffen.
Das ist auf einem anderen Gebiete dasselbe, als wenn
wir davon sprechen, da£ die Luft von einer Wesenheit
durchwirkt und durchlebt ist, die imstande war, in einer
gewissen Zeit dem Menschen das kunstvolle Organ des
Kehlkopfes und alles, was damit zusammenhangt, einzu-
pragen. Und alle iibrige menschliche Gestalt - bis ins
Kleinste hinein - ist so geformt und plastisch gestaltet
worden, dafi der Mensch auf der gegenwartigen Stufe
gleichsam eine weitere Ausfiihrung seiner Sprachwerk-
zeuge ist. Die Sprachwerkzeuge sind etwas, was zu-
nachst fur die Form des Menschen das eigentlich mafige-
bende ist. Daher hebt gerade die Sprache den Menschen
uberjiie Tierheit hinaus, weil jenes geistige Wesen, das
wir den Geist der Luft nennen, zwar auch in der Tierheit
geformt und gearbeitet hat, aber nicht so, dafi diese
Wirksamkeit bis dahin gelangt ware, wo sich ein Sprach-
organismus entwickeln konnte, wie ihn der Mensch hat.
Alles, mit Ausnahme dessen, was das Ich unbewufit,
zum Beispiel als Gehirn herausgearbeket hat, was es an
den Sinnen vervollkommnet hat, alles, mit Ausnahme
dessen, was Ich-Tatigkeit ist, ist eine vor dieser Ich-Ta-
tigkeit des Menschen liegende Tatigkeit, die darauf be-
dacht war, den Menschenleib so auszubilden, dafi er ein
weiterer Ausdruck dieses Sprachorganes ist. Es ist jetzt
kerne Zeit dazu, auszufuhren, warum zum Beispiel die
Vogel trotz ihres vollkommenen Gesanges auf einer
Stufe stehengeblieben sind, auf der sie in ihrer Form
nicht ein Ausdruck desjenigen Organes sein konnen, das
wir im weitesten Umfange das Stimmorgan nennen.
So sehen wir, wie der Mensch innerlich schon in
seinen Sprachorganen organisiert gewesen ist, bevor er
zu seinem jetzigen Denken, zu seinem Gemiit und sei-
nem Willen gekommen ist, das heifit zu allem, was mit
dem Ich zusammenhangt. Nun werden wir es begreiflich
finden, dafi diese geistigen Tatigkeiten nur so am physi-
schen Leib formen konnten, dafi der Mensch zuletzt
gleichsam ein Anhangorgan seiner Sprachwerkzeuge
wurde, indem sie den astralischen Leib, den Atherleib,
den physischen Leib durch die Einfliisse, durch die
Konfiguration der Luft ausbauten. Nachdem der
Mensch so fahig geworden war, in sich ein Organ zu
haben, das dem entspricht, was wir die geistige Wesen-
heit der Luft nennen, geradeso wie das Auge der geisti-
gen Wesenheit des Lichtes entspricht, konnte er da
hineinkonfigurieren, was sein Ich als Ver stand, als Be-
wufitsein, Empfindung, Gemiit sich selber einpragte. So
miissen wir eine dreifache Tatigkeit im Unterbewufiten
suchen, eine gleichsam vor dem Ich liegende Tatigkeit
fur den physischen Leib, den Atherleib und den astrali-
schen Leib. Wir finden Anhaltspunkte dazu, indem wir
wissen, dafi dies die Gruppenseele gewesen ist, und dafi
die Gruppenseele in einer unvollkommenen Tatigkeit am
Tier gearbeitet hat.
Das miissen wir betrachten, wenn wir die Arbeit
dieser vor dem Ich liegenden geistigen Tatigkeit im
astralischen Leib ins Auge fassen. Da miissen wir alles
Ich ausgeschaltet denken, aber dabei das ins Auge fassen,
was das Gruppen-Ich wie aus einem dunklen Unter-
grunde heraus gearbeitet hat. Da stehen sich im astrali-
schen Leib auf einer unvollkommenen Stufe gegeniiber
Begierde und Genuft. Und die Begierde konnte dadurch
gleichsam verseelt werden, in eine innere Fahigkeit um-
gearbeitet werden, dafi sie schon einen Vorlaufer in dem
astralischen Leib des Menschen hatte.
Wie Begierde und Genufi im astralischen Leib, so
stehen sich gegeniiber im Atherleibe Bildhaftigkeit, Sym-
bolik und aufterer Reiz. Das ist das Wesentliche, daft wir
diese vor dem Ich liegende Tatigkeit unseres Atherleibes
so auffassen, dafi sie sich von der Ich-Tatigkeit im
Atherleib unterscheidet. Wenn unser Ich tatig ist als
Verstandesseele oder Gemutsseele, so sucht es auf der
heutigen Entwickelungsstufe des Menschen sozusagen
eine Wahrheit, die moglichst ein getreues Abbild der
aufieren Dinge ist. Was nicht genau den aufieren Dingen
entspricht, nennt man nicht wahr. Diejenigen geistigen
Tatigkeiten, die vor der Wirksamkeit unseres Ich liegen,
arbeiteten nicht so; sie arbeiteten mehr symbolisch,
mehr bildhaft, wie etwa der Traum arbeitet. Der Traum
arbeitet zum Beispiel so, daft jemand traumt, es werde
ein Schuft abgefeuert, und wenn er aufwacht, sieht er,
daft der Stuhl neben seinem Bett umgefallen ist. Was
aufterliches Geschehnis und aufterer Eindruck ist - der
umgefallene Stuhl -, wird im Traum in ein Sinnbild
umgewandelt, in den abgefeuerten Schuft. So arbeiteten
die vor dem Ich liegenden geistigen Wesenheiten symbo-
lisch, wie wir wiederum arbeiten, wenn wir uns zu einer
hoheren geistigen Tatigkeit durch die Initiation oder
Einweihung hinaufarbeiten, wo wir wiederum versuchen
- jetzt aber mit vollem Bewufksein -, von der blofien
abstrakten Aufienwelt uns in die Symbolik, in die Bild-
haftigkeit hineinzuarbeiten.
Dann arbeiteten diese geistigen Wesenheiten an dem
menschlichen physischen Leib, indem sie den Menschen
zu dern machten, was man nennen kann Entsprechung
von aufieren Geschehnissen, aufieren Tatsachen und
Nachahmung. Nachahmung ist etwas, was wir zum
Beispiel beim Kind finden, wenn noch die anderen See-
lenglieder wenig entwickelt sind. Nachahmung ist etwas,
was zum unterbewuiken Wesen der Menschennatur ge-
hort. Daher sollen wir die erste Erziehung auf Nach-
ahmung begriinden, weil im Menschen, bevor das Ich
beginnt, in semen inneren Tatigkeiten Ordnung zu
schaffen, der Nachahmungstrieb wie ein natiirlicher
Trieb vorhanden ist.
Was jetzt auseinandergesetzt worden ist; der Nachah-
mungstrieb im physischen Leibe gegeniiber den aufieren
Tatigkeiten, das Symbolisieren im Atherleibe gegeniiber
dem aufieren Reiz, und das, was wir nennen konnen das
Entsprechen von Begierde und Genufi im astralischen
Leib, das alles denken wir uns ausgearbeitet mit Hilfe
des Werkzeuges der Luft und hineingearbeitet in uns so,
dafi gleichsam ein plastischer, ein kiinstlerischer Ein-
druck davon entstanden ist in unserem Kehlkopf und in
unserem ganzen Stimmapparat. Dann werden wir uns
sagen konnen: Diese vor dem Ich liegenden Wesenheiten
arbeiteten am Menschen so, dafi sie durch die Luft an
dem Menschen in der Weise formten und gliederten, dafi
nach dieser dreifachen Richtung hin die Luft im Men-
schen zum Ausdruck kommen konnte.
Wenn wir namlich im wahren Sinne des Wortes das
Sprachvermogen betrachten, so miissen wir fragen: 1st es
der Ton, was wir hervorbringen? - Nein, der Ton ist es
nicht. Was wir tun, das ist, dafi wir von unserem Ich aus
dasjenige in Bewegung setzen und formen, was durch
die Luft in uns hineingeformt und hineingegliedert ist.
Gerade so, wie wir das Auge in Bewegung setzen, um
das aufzunehmen, was aufierlich als Licht wirkt, wah-
rend das Auge selbst zu dieser Aufnahme von Licht da
ist, so sehen wir, wie in uns selber vom Ich aus jene
Organe in Bewegung gesetzt werden, die aus dem Geisti-
gen der Luft heraus gebildet worden sind. Wir setzen die
Organe in Bewegung durch das Ich; wir greifen in die
Organe ein, die dem Geist der Luft entsprechen, und wir
miissen abwarten, bis der Geist der Luft, von dem die
Organe gebildet sind, uns selber - als Echo unserer
Lufttatigkeit - den Ton entgegentont. Den Ton erzeugen
wir nicht, wie auch nicht die einzelnen Teile einer Pfeife
den Ton erzeugen. Wir erzeugen von uns aus dasjenige,
was unser Ich als Tatigkeit entfalten kann durch die
Benutzung jener Organe, die aus dem Geiste der Luft
heraus gebildet sind. Dann miissen wir es dem Geist der
Luft iiberlassen, daft die Luft wieder in Bewegung
kommt durch jene Tatigkeit, durch welche die Organe
erzeugt worden sind, so daft das Wort erklingt.
So sehen wir in der Tat, wie die menschliche Sprache
auf diesem dreifachen Entsprechen, das wir angefiihrt
haben, beruhen mufi. Aber, was soil sich entsprechen?
Worauf soli gerade die Nachahmung im physischen
Leibe beruhen? Die Nachahmung im physischen Leibe
mufi darauf beruhen, daft wir dasjenige, was wir als
aufierhche Tatigkeiten, als aufiere Dinge wahrnehmen,
was einen Eindruck auf uns macht, in den Bewegungen
unserer Stimmorgane nachahmen, da£ wir alles, was wir
zunachst als Ton widerklingend horen, hervorbringen,
indem wir durch das Prinzip des physischen Leibes
Nachahmende dessen sind, was einen aufieren Eindruck
auf uns macht, geradeso wie der Maler eine Szene nach-
ahmt, die in ganz anderen Elementen als Farbe und
Leinwand, Hell und Dunkel besteht. Wie der Maler mit
Hell und Dunkel nachahmt, so ahmen wir nach, was
au£erlich an uns herantritt, indem wir unsere Organe
nachahmend in Bewegung setzen, jene Organe, die aus
dem Element der Luft gebildet worden sind. Deshalb ist
das, was wir im Laut hervorbringen, eine wirkliche
Nachahmung des Wesens der Dinge, und unsere Konso-
nanten und Vokale sind nichts anderes als Abbilder und
Nachahmungen dessen, was von aufien einen Eindruck
auf uns macht.
Was wir dann im Atherleib haben, ist eine bildhafte
Arbeit. Da wird in den Atherleib hineingearbeitet, was
wir Symbolik nennen konnen. Daher miissen wir es
begreiflich fin den, dafi allerdings zuerst durch Nachah-
mung dasjenige entstanden ist, was die ersten Elemente
unserer Sprache sind, da£ dies dann aber fortgebildet
wurde, indem es sich gleichsam losrifi von den aufieren
Eindriicken und dann weiterverarbeitet wurde. Da verar-
beitet der Atherleib in der Symbolik, wie beim Traum,
dasjenige, was den aufieren Eindriicken nicht mehr ahn-
lich ist, und darinnen besteht das Fortwirkende des
Lautes. Zunachst verarbeitet der Atherleib dasjenige,
was eine blofie Nachahmung ist, dann arbeitet sich das,
was blofie Nachahmung ist, im Atherleib selbstandig
um, so dafi es dadurch ein Selbstandiges wird. So ist das,
was wir innerlich verarbeitet haben, nur noch symbo-
lisch, sinnbildlich den aufteren Eindriicken entspre-
chend. Da sind wir nicht mehr blo£e Nachahmencle.
Und endlich kommt ein Drittes. Begierde, Affekt,
alles, was innerlich lebt, driickt sich im astralischen Leib
aus, und das wirkt wieder so, dafi es den Ton weiter
umformt. Das hei£t, die innerlichen Erlebnisse strahlen
gleichsam von innen heraus in den Ton ein. Schmerz
und Freude, Lust und Leid, Begierde, Wunsch, das alles
strahlt in den Ton ein, und dadurch kommt das subjekti-
ve Element in den Ton hinein. Was blofte Nachahmung
ist, was weitergebildet ist als Sprachsymbolum in dem
selbstandig gewordenen Tonbild oder Wortbild, das
wird jetzt weiter umgebildet, indem es durchstrahlt wird
von dem, was der Mensch innerlich erlebt als Schmerz
und Freude, Lust und Leid, Entsetzen und Furcht und
so weiter. Immer mufi es ein aufierliches Entsprechen
sein, was sich im Ton von der Seele losringt. Aber wenn
die Seele innerlich das, was sie erlebt, ausdriickt, es
gleichsam im Ton ausklingen lalk, dann mufi sie das
aufiere Erlebnis erst dazu suchen. Daher mussen wir
sagen: Das dritte Element, wo sich innerlich, seelenhaft,
Lust und Leid, Schmerz und Freude, Entsetzen und so
weiter im Ton ausdriickt, das mufi erst suchen, was ihm
entspricht. Bei der Nachahmung ist der aufiere Eindruck
nachgeahmt, das innere Tonbild oder dasjenige, was als
Symbol entstanden ist, ist eine Weiterbildung. Aber
dasjenige, was der Mensch nur aus innerer Freude,
Schmerz und so weiter ertonen liefie, das wiirde ja nur
eine Ausstrahlung sein, dem nichts entsprechen konnte.
Was hier die Entsprechung zwischen aulterem Wesen
und innerem Erleben ist, das heifit, was hier geschieht,
das konnen wir fortwahrend bei unseren Kindern beob-
achten, wenn sie sprechen lernen. Da konnen wir sehen,
wie das Kind beginnt, irgend etwas, was es fiihlt, in den
Ton umzusetzen. Wenn das Kind zuerst Ma und Pa
schreit, so ist das nichts anderes als ein innerliches
Umgiefien des Affektes in den Laut. Es ist nur die
Aufierung eines Inner en. Wenn aber dieses Kind sich so
aufiert, dann kommt zum Beispiel die Mutter herbei,
und das Kind merkt dann, dafi demjenigen, was sich
innerlich als Freude aufiert, indem es sich umgiefk in den
Laut Ma, ein aufteres Ereignis entspricht. Das Kind fragt
naturlich nicht, wie das geschieht, daft es in diesem Falle
dem Herbeieilen der Mutter entspricht. Da gesellt sich
zusammen inneres Erlebnis von Freude oder Schmerz
und aufterer Eindruck, und es verbindet sich das, was
von innen hervorstrahlt mit dem aufieren Eindruck. Das
ist eine dritte Art, wie die Sprache wirkt. Daher konnen
wir sagen: Die Sprache ist ebensosehr von aufien nach
innen durch Nachahmung entstanden, wie sie entstanden
ist durch das, was man nennen kann das Hinzugesellen
der au£eren Wirklichkeit zu dem, was unser Inneres
auflert. Denn das, was dazu gefuhrt hat aus einer inneren
Aufierung - Ma, Pa - die Worte Mama und Papa zu
bilden, weil diese Aufierung sich im Herbeieilen von
Mutter oder Vater befriedigt fuhlte, das geschieht in
unzahligen Fallen. Uberall, wo der Mensch sieht, daft
irgend etwas auf eine innere Aufierung folgt, da verbin-
det sich fur ihn das, was der Ausdruck der inneren
Wesenheit ist, mit einem Aufieren.
Das alles geschieht ohne Zutun des Ich. Erst spater
ubernimmt das Ich diese Tatigkeit. Auf diese Art sehen
wir das, was vor dem Ich liegt, an jener Konfiguration
arbeiten, welche der menschlichen Sprachausdrucksfa-
higkeit zugrunde liegt. Und dadurch, dafi das Ich da
hineintritt, nachdem die Grundlage zur Sprache bereits
geschaffen ist, gliedert sich entsprechend dem Wesen des
Ich wiederum die Sprache. Dadurch werden die Aufie-
rungen, welche dem Empfindungsieib entsprechen, von
der Empfindungsseele durchdrungen; die Bilder und
Symbole, welche dem Atherleib entsprechen, werden
von der Verstandesseele durchdrungen. Der Mensch
gielk hinem in den Laut, was er in der Verstandesseele
erlebt, und er giefit ebenso hinein, was er in der Bewufit-
seinsseele erlebt, was zunachst blofte Nachahmung war.
Auf diese Weise sind dann nach und nach jene Gebiete
unserer Sprache entstanden, welche Wiedergaben dessen
sind, was innere Erlebnisse der Seele darstellen.
So miissen wir uns klar sein, um das Wesen der
Sprache zu verstehen, daft sozusagen in uns etwas lebt,
was vor dem Ich und vor aller Tatigkeit des Ich wirkte,
und daft darin erst das Ich hineingegossen hat, was es
ausbilden kann. Dann miissen wir aber auch keinen
Anspruch darauf machen, daft die Sprache genau dem
entspreche, was aus dem Ich stammt, und daft unserem
Geistigen, allem Intimeren unserer individuellen Wesen-
heit genau die Sprache entspricht, sondern wir miissen
uns klar sein, daft wir in der Sprache niemals den
unmittelbaren Ausdruck des Ich sehen konnen. Symbo-
lisch zum Beispiel arbeitet der Sprachgeist in dem Ather-
leib, nachahmend in dem physischen Leib, das alles
zusammen mit dem, was der Sprachgeist aus der Emp-
findungsseele herausarbeitet, indem er die innerlichen
Erlebnisse aus ihr herauspreftt, so daft wir in dem Laut
eine Ausstrahlung des Innenlebens haben. Das alles zu-
sammengenommen soli uns rechtfertigen, wenn wir sa-
gen: Nicht nach der Art des im heutigen Sinne bewuftten
Ich ist die Sprache ausgearbeitet, sondern, wenn wir die
Ausarbeitung der Sprache mit irgend etwas vergleichen
wollen, konnen wir sie nur mit dem kiinstlerischen
Arbeiten vergleichen. Ebensowenig wie wir von der
Nachahmung, die der Kiinstler gibt, verlangen konnen,
dafi sie der Wirklichkeit entspricht, ebensowenig konnen
wir verlangen, daft die Sprache dasjenige nachbildet, was
sie darstellen soli. - Wir haben in der Sprache etwas, was
nur so wiedergibt, was draufien ist, wie das Bild, wie der
Kiinstler iiberhaupt wiedergibt, was draufien ist. Und
wir diirfen sagen: Ehe der Mensch ein selbstbewulker
Geist im heutigen Sinne war, war in ihm ein Kiinstler
tatig, der als Sprachgeist gewirkt hat. - Wir haben unser
Ich hineingelegt in eine Statte, wo vorher ein Kiinstler
seine Tatigkeit ausgeiibt hat. Das ist zwar selbst wieder
etwas bildhaft gesprochen, aber es gibt die Wahrheit auf
diesem Gebiete wieder. Wir sehen in eine unterbewulke
Tatigkeit und fiihlen, daft wir da etwas haben, was aus
uns selber den sprechenden Menschen als kiinstlerisches
Werk gemacht hat. Und die Sprache miissen wir daher
nach Analogie eines Kunstwerkes auffassen. Dazu miis-
sen wir nicht vergessen, daft wir jedes Kunstwerk nur so
auffassen konnen, wie es die Mittel der betreffenden
Kunst gestatten. Daher wird uns auch die Sprache gewis-
se Beschrankungen auferlegen miissen. Wenn man das
beriicksichtigte, wiirde es von vornherein ausgeschlossen
sein, daft ein aus einem pedantischen Wurf hervorgegan-
genes Werk zustande kommen konnte wie die «Kritik
der Sprache» von Fritz Mauthner. Da geht die Sprach-
kritik von ganz falschen Voraussetzungen aus, namlich
davon, daft, wenn man die Sprachen der Menschen
iibersieht, sie einem in keiner Weise die objektive Wirk-
lichkeit rich tig geben. Sollen sie diese denn geben? Ist
denn eine Moglichkeit, daft sie diese geben? Geradeso-
wenig ist eine Moglichkeit dafiir vorhanden, daft die
Sprache die Wirklichkeit wiedergibt, als das Bild, wenn
es auf der Leinwand mit Farben und Hell und Dunkel
die aufiere Wirklichkeit darstellen soil. Mit kiinstleri-
schem Sinn mufi aufgefafit werden, was als der Sprach-
geist dem Menschenwirken zugrunde liegt.
Das alles konnte nur skizzenhaft dargestellt werden.
Wenn man aber weifi, daft ein Kiinstler in der Mensch-
heit wirkt, der die Sprache formt, dann wird man verste-
hen - so verschieden auch die einzelnen Sprachen sich
ausnehmen mogen daft selbst in den einzelnen Spra-
chen der Menschheit der kiinstlerische Sinn in der ver-
schiedensten Weise gearbeitet hat. Da werden wir verste-
hen, wie dieser Sprachgeist - nennen wir jetzt diese
durch die Luft wirkende Wesenheit den Sprachgeist -,
wenn er sich auf einer verhaltnismaftig niederen Stufe im
Menschen manifestierte, so arbeitete wie der atomisti-
sche Geist, der alles aus den einzelnen Teilen zusammen-
setzen mochte. Da haben wir denn die Moglichkeit, dafi
eine Sprache so gefugt ist, dafi aus einzelnen Lautbildern
der ganze Satz sich zusammensetzt.
Wenn wir zum Beispiel im Chinesischen den Laut schi
und king haben, so haben wir darin zwei Atome der
Sprachbildung. Die eine Silbe schi = Lied, Gesang; die
andere wiirde bedeuten: Buch. Wenn wir die beiden
Lautbilder zusammensetzten: schi-king, dann wiirde
man es so gemacht haben, wie wenn wir im Deutschen
zusammensetzen Lied-Buch, dann wiirde sich durch die-
se Atomisierung etwas ergeben, was nun - als Ganzes
erfafk - Lieder-Buch wird. Das wiirde ein kleines Bei-
spiel dafiir geben, wie die chinesische Sprache ihre Be-
griffe und Vorstellungen bildet.
Wenn wir das, was wir heute betrachtet haben, in
unserer Seele verarbeiten, konnen wir nun auch begrei-
fen, wie erne so wunderbar gebildete Sprache wie die
semitische zum Beispiel in ihrem Geiste zu betrachten
ist. In der semitischen Sprache haben wir als Grundlage
gewisse Tonbilder, weiche eigentlich nur aus Konso-
nanten bestehen. Und nun setzt der Mensch in diese
Tonbilder Vokale hinein. Wenn wir also, um das nur
durch ein Beispiel zu erklaren, die Konsonanten nehmen
q, t y I, und da hineinsetzen ein a und wiederum ein
dann ware, wahrend das nur aus den Konsonanten gebil-
dete Wort die blofte Nachahmung eines aufteren Laut-
eindruckes ist, durch das Hineinfugen der Vokale ent-
standen: qatal = toten.
So haben wir hier ein merkwiirdiges Durchdringen,
indem toten als Tonbild dadurch entstanden ist, dafi der
aufiere Vorgang einfach durch die Sprachorgane nach-
geahrnt worden ist; das ist zunachst das urspriingliche
Tonbild. Dann wird das, was die Seele weiter zu bilden
hat und was nur innerlich erlebt werden kann, weiterge-
bildet, indem aus dem Inneren noch etwas hinzugefugt
wird. Es wird das Tonbild weitergebildet, damit das
Toten auf ein Subjekt zuriickgeht. In dieser Weise ist im
Grunde genommen die ganze semitische Sprache zu-
sammengesetzt, und es driickt sich in ihr aus, was wir als
das Zusammenwirken der verschiedenen Elemente der
Sprachbildung in dem ganzen Bau der Sprache aufge-
zahlt haben. In der Symbolik, die vorzugsweise in der
semitischen Sprache wirksam ist - also, was wir im
Atherleib als Sprachgeist wirksam gefunden haben -,
zeigt sich uns die ganze Eigentiimlichkeit der semiti-
schen Sprache, die alle die nachgeahmten einzelnen Ton-
bilder weiterbildet und durch die Einfugung von Voka-
len zu Sinnbildern umbildet.
Daher sind im Grunde genommen alle Worte der
semitischen Sprache so gebildet, dafi sie sich wie Sinnbil-
der auf das beziehen, was uns in der Aufienwelt umgibt.
Dagegen ist alles, was in den indogermanischen Sprachen
auftritt, mehr angeregt von dem, was wir innere Aufie-
rung des astralischen Leibes genannt haben, der inneren
Wesenheit. Der Astralleib ist schon etwas, was mit dem
Bewufksein zusammenhangt. Wenn man sich der Au-
fienweit entgegenstellt, unterscheidet man sich von der
Aufienwelt. Wenn man sich nur vom Gesichtspunkte des
Atherleibes der Aufienwelt gegeniiberstellt, verschmilzt
man mit ihr, ist mit ihr eins. Erst wenn sich die Dinge
im Bewufksein spiegeln, unterscheidet man sich von den
Dingen. Dieses Arbeiten des astralischen Leibes mit
seinen ganzen inneren Erlebnissen ist in den indogerma-
nischen Sprachen im Unterschiede zu den semitischen
Sprachen dadurch wunderbar ausgedriickt, dafi sie das
Verbum sein haben, das Konstatieren dessen, was ohne
unser Zutun vorhanden ist. Das ist dadurch moglich,
dafi man sich mit seinem Bewulksein unterscheidet von
dem, was einen aufieren Eindruck macht. Wenn daher
im Semitischen zum Beispiel ausgedriickt werden sollte:
Gott ist gut -, so wiirde man das nicht unmittelbar
konnen, denn man kann das Wort ist, welches das Sein
ausdruckt, nicht wiedergeben, weil es schon von der
Entgegensetzung des astralischen Leibes und der Au-
fienwelt herkommt. Der Atherleib stellt die Dinge ein-
fach hin. Daher wiirde man in der semitischen Sprache
zu sagen haben: Gott, der Gute. - Es wird nicht die
Gegeniiberstellung des Subjektes und des Objektes cha-
rakterisiert. Diese sich von der Auftenwelt unterschei-
denden Sprachen, welche als ein Wesentliches enthalten,
dafi ein Teppich von Wahrnehmungen iiber die Aufien-
welt ausgegossen wird, sind vorzugsweise die indoger-
manischen Sprachen. Diese wirken nun auch wieder so
auf den Menschen zuriick, dafi sie die Innerlichkeit, das
heifk alles, was man die Anlage nennen kann, um eine
starke Individualist, ein starkes Ich auszubilden, unter-
stiitzen. Das liegt hier schon in der Sprache ausgedriickt.
Das alles, was ich Ihnen geben konnte, wird von
manchen vielleicht nur wie unbefriedigende Andeu-
tungen hingenommen werden, aus dem einfachen Gran-
de, weil man ja vierzehn Tage reden miifite, wenn man
auf diesem Gebiet alles ausfiihrlicher darstellen wollte.
Allein, wer ofter hier diese Vortrage gehort hat und in
den Geist der Sache eingedrungen ist, wird sehen, dafi
eine solche Anregung, wie sie heute gegeben worden ist,
nicht unberechtigt ist. Sie soil nur zeigen, wie eine
geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtung angeregt
werden kann, welche im Grunde genommen zu dem
Resultat fuhrt, dafi die Sprache gar nicht anders verstan-
den werden kann, als dafi man sie mit einem kiinstleri-
schen Sinn zu begreifen versucht, den man sich zu eigen
gemacht haben mull. Daher wird alle Gelehrsamkeit
scheitern, wenn sie nicht nachschaffen will, was der
Sprachkiinstler im Menschen getan hat, bevor das Ich in
uns wirken konnte. Kiinstlerischer Sinn allein kann die
Geheimnisse der Sprache erfassen, wie auch kiinstleri-
scher Sinn iiberhaupt nur nachschaffen kann. Nicht ge-
lehrte Abstraktionen konnen jemals ein Kunstwerk be-
greiflich machen. Erst jene Ideen leuchten hinein in die
Kunstwerke, welche als Ideen in fruchtbarer Art dasjeni-
ge nachzuschaffen imstande sind, was der Kiinstler mit
anderen Mitteln, mit Farbe, Ton und so weiter zum
Ausdruck gebracht hat. Kiinstlerischer Sinn begreift al-
lein den Kiinstler, und Sprachkiinstler allein begreifen
das Schopferisch-Geistige im Entstehen der Sprache. Das
ist das eine, was die Geisteswissenschaft in bezug auf die
Sprache zu leisten hat.
Das andere ist etwas, was im Praktischen seine Bedeu-
tung hat. Wenn wir verstehen, wie die Sprache aus einem
inneren, vormenschlichen Kiinstler entstanden ist, wer-
den wir uns auch dazu aufschwingen konnen, dafi wir
da, wo wir etwas sprechen wollen oder etwas durch die
Sprache darstellen wollen, was Anspruch darauf macht,
Geltung zu erhalten, auch diesen kiinstlerischen Sinn
miissen wirken lassen. Dafur ist aber in unserer heutigen
Zeit, wo man in bezug auf das lebendige Fiihlen der
Sprache nicht besonders weit ist, nur wenig Sinn vorhan-
den. Heute glaubt ein jeder, wenn er nur iiberhaupt
reden kann, alles ausdrucken zu diirfen. Aber wir miis-
sen uns dariiber klar sein, dafi wir wieder in unserer
Seele einen unmittelbaren Zusammenhang schaffen miis-
sen zwischen dem, was wir durch die Sprache ausdriik-
ken wollen, und dem, wie wir es ausdrucken. Wir
miissen den Sprachkiinstler in uns auf alien Gebieten
wiedererwecken. Heute sind die Menschen zufrieden,
wenn in einer noch so beliebigen Form dasjenige ausge-
driickt wird, was sie sagen wollen. Und wie viele Men-
schen haben einen Begriff davon, was auf geisteswissen-
schaftlichem Gebiet unbedingt notwendig ist, dafi
sprachkiinstlerischer Sinn fur eine jegliche Darstellung
notig ware! Versuchen Sie einmal, wirkliche Darstel-
lungen der geisteswissenschaftlichen Materie zu priifen.
Da werden Sie finden, dafi derjenige, der als wahrer,
echter Geisteswissenschafter solche Dinge geschrieben
hat, auch wirklich daran gearbeitet hat, um kunstlerisch
einen jeden Satz auszugestalten, und da£ da nicht in
beliebiger Weise ein Zeitwort am Ende oder am Anfang
steht. Da werden Sie finden, daft ein jeder solcher Satz
eine Geburt ist, well er innerlich, seelisch, nicht bloft als
Gedanke, sondern als unmittelbare Form erlebt werden
soli. Und wenn Sie den Zusammenhang des Dargestell-
ten verfolgen, dann werden Sie sehen, daft bei drei
aufeinanderfolgenden Satzen der mittlere nicht bloft an
den ersten angehangt ist und der dritte wiederum an den
vorhergehenden, sondern Sie werden finden, daft derjeni-
ge, der Geisteswissenschaftliches darstellt, nicht bloft
den ersten Satz, sondern auch den dritten Satz bereits
fertig in seiner Anlage hat, bevor er den mittleren gestal-
tet, weil die Wirkung des mittleren Satzes von dem
abhangen soil, was als Wirkung des ersten Satzes zuriick-
bleibt und wiederum auf den nachstfolgenden Satz iiber-
gehen kann.
In der Geisteswissenschaft ist nicht ohne kiinstlerisch
wirkenden Sprachsinn zu schaffen. Alles andere ist vom
Ubel. Da handelt es sich darum, daft wir loskommen
von dem sklavischen Gekettetsein an die Worte. Das
konnen wir aber nicht, wenn wir denken, daft irgendein
Wort den Gedanken ausdriicken konnte, den wir haben,
denn dann sind wir schon im Irrtum mit unserer Sprach-
bildung. Aus den Worten, die ganz auf die Sinneswelt
hin gepragt sind, konnen wir nimmermehr gewinnen,
was Ausdruck fur iibersinnliche Tatsachen sein soli. Wer
fragen kann: Wie soil man den Atherleib oder den
astralischen Leib in Wirklichkeit ganz konkret durch ein
Wort ausdriicken? - hat noch nichts davon verstanden.
Erst der hat etwas verstanden, der so zu Werke geht, daft
er sich sagt: Ich werde erfahren, was der Atherleib ist,
wenn ich mir zuerst einmal von der einen Seite dariiber
etwas erzahlen lasse, und mir bewuftt bin, daft es sich
dabei um kiinstlerisch gebildete Reflexbilder handelt;
und dann lasse ich mir dasselbe von drei anderen Seiten
darstellen. - Da haben wir dieselbe Sache von vier
verschiedenen Seiten her dargestellt, so daft wir in den
Darstellungen, die wir durch die Sprache geben, indem
wir gieichsam um die Sache herumgehen, kiinstlerische
Reflexbilder der Sache darstellen. Wenn man sich dessen
nicht bewuftt ist, wird man nichts anderes herausbe-
kommen als Abstraktionen und eine verknocherte Wie-
dergabe dessen, was man schon weift. Daher wird Ent-
wickelung in der Geisteswissenschaft immer verbunden
sein mit dem, was wir Fortbildung des inneren Sinnes
und der inneren Gestaltungskraft unserer Sprache nen-
nen konnen.
In diesem Sinne wird Geisteswissenschaft befruchtend
auf den heutigen Sprachstil wirken, wird umgestaltend
auf unseren heutigen entsetzlichen Sprachstil wirken, der
gar keine Ahnung davon hat, was sprachkunstlerisches
Vermogen ist. Denn sonst wiirden nicht so viele Leute,
die kaum sprechen und schreiben konnen, anfangen
schriftstellerisch tatig zu sein. Das ist heute langst abge-
kommen, daft man sich dessen bewuftt ist, daft zum
Beispiel Prosa schreiben etwas viel Hoheres ist als Verse
schreiben; nur ist die Prosa, die heute geschrieben wird,
selbstverstandlich eine viel niedrigere Prosa. Aber die
Geisteswissenschaft ist dazu da, auf jenen Gebieten die
Anregungen zu geben, die mit den tiefsten Gebieten der
Menschheit zusammenhangen. Denn Geisteswissen-
schaft wird auf diesen Gebieten so wirken, daft sie
erfiillt, was die groftten Personlichkeiten werden ge-
traumt haben. Geisteswissenschaft wird durch den Ge-
danken die iibersinnlichen Welten erobern konnen, wird
vermogend werden, den Gedanken so in das Lautbild
umzugieften, daft auch unsere Sprache wieder ein Mittei-
lungsmittel dessen werden kann, was die Seele im Uber-
sinnlichen erschaut. Dann wird Geisteswissenschaft das
sein, was bewirken wird, dafi in einem grofien Umkreise
zur Wahrheit werden wird, was fiir ein wichtigstes
Gebiet des menschlichen Inneren der Spruch sagt:
Unermefilich tief ist der Gedanke,
Und sein gefliigelt Werkzeug ist das Wort!
LACHEN UND WEINEN
Berlin, 3. Februar 1910
In einem Zyklus von Vortragen iiber geisteswissenschaft-
liche Tatsachen konnte es manchem erscheinen, als ob
der Gegenstand, der heute besprochen werden soli, un-
bedeutend ware. Das aber ist gerade oftmals als ein
Fehler solcher Betrachtungen zu bezeichnen, die ihren
Weg hinaufnehmen in die hoheren Gebiete des Daseins,
daft die Einzelheiten des Lebens, die unmittelbaren Wirk-
lichkeiten des Tages von den Betrachtenden vernachlas-
sigt werden. Im allgemeinen haben es die Menschen ja
gern, wenn in Vortragen dieser Art von der Unendlich-
keit oder Endlichkeit des Lebens gesprochen wird, von
den hochsten Eigenschaften der Seele, von den groften
Fragen der Welt- und Menschheitsentwickelung - und
vielleicht von noch hoheren Dingen; und gern laftt man
sich nicht auf sogenannte Alltaglichkeiten ein, wie dieje-
nigen sind, wenigstens scheinbar, die uns heute beschaf-
tigen sollen. Wer aber auf dem Wege, der in diesen
Vortragen geschildert wird, einzudringen versucht in die
Gebiete des geistigen Lebens, der wird sich immer mehr
davon iiberzeugen, daft gerade das ruhige Vordringen
Schritt fur Schritt - von dem Allerbekanntesten in die
unbekannteren Gebiete - sehr vom Heile ist. Im iibrigen
konnen Sie es schon aus der Erinnerung an so manche
Erscheinung entnehmen, daft die bedeutendsten Geister
der Menschheit, daft das Bewufttsein der Menschheit
iiberhaupt in dem, was man gewohnlich als Lachen und
Weinen bezeichnet, keineswegs etwas nur Alltagliches
A.1
sieht. Hat doch jenes Bewufttsein, welches in den Legen-
den und in den groften Uberlieferungen der Menschheit
arbeitet - und so oft viel weiser als das einzelne indivi-
duelle menschliche Bewufttsein arbeitet - die grofte
Personlichkeit, die fiir die morgenlandische Kultur von
so grofier Bedeutung geworden ist, den Zarathustra,
ausgestattet mit dem beriihmten « Zarathustra- Lacheln»;
und das Legenden-Bewufttsein sieht etwas Besonderes
darin, daft dieser grofte Geist lachelnd in die Welt getre-
ten ist. Und aus einem welthistorischen Tiefsinn heraus
kniipft es an diese Tatsache des Zarathustra-Lachelns die
andere Bemerkung, dafi durch dieses Lacheln aufge-
jauchzt hatten alle Geschopfe des Erdenrundes, und daft
geflohen waren vor dem Zarathustra-Lacheln alle die
bosen Geister und Widersacher des Erdenrundes. -
Wenn wir nun von einem solchen, in Legenden-Uberlie-
ferung wirkenden Bewufttsein zu den Schopfungen eines
einzelnen groften Geistes iibergehen, diirfen wir uns
auch erinnern an jene Gestalt, in welche Goethe am
meisten von seinem eigenen Fiihlen und Vorstellen hin-
eingelegt hat, an die «Faust»-Gestalt. Nachdem Faust in
die tiefste Verzweiflung an allem Dasein gefallen ist und
nahe war der Vernichtung des eigenen Daseins, da laftt
Goethe diese Gestalt beim Anhoren der Osterglocken
ausrufen: «Die Trane quillt, die Erde hat mich wieder!»
Als das Symbolum der Seelenverfassung, die es Faust
moglich macht, nach den Gedanken schlimmster, argster
Verzweiflung sozusagen wieder zuriickzukehren in die
Welt: als das Symbolum des Sich-Wiederfindens eines
Menschen in irdische Verhaltnisse stellt uns hier Goethe,
der Dichter, die Trane hin.
So sehen wir, daft eigentlich, wenn man nur daran
denken wollte, bedeutungsvoll angekniipft werden kann
an das, was durch Lachen und Weinen bezeichnet wird.
Aber es mag schon geglaubt werden, dafi es bequemer
ist, gleich iiber das Wesen des Geistes zu spekulieren, als
den Geist in soichen Offenbarungen aufzusuchen, in
denen wir ihn finden, wenn wir die Welt, wie sie
unmittelbar um uns herum ist, betrachten. Und wir
konnen den Geist - und zunachst den Geist des Men-
schen - in seiner Wesenheit gerade in jenem Ausdrucke
der menschlichen Seele finden, der sich im Lachen und
Weinen kundgibt. Verstehen kann man das, was uns in
dieser eigenartigen Seelenoffenbarung vor das Auge tritt,
nur wenn man wirklich diese beiden Aufierungen des
Menschen als Ausdruck seines inneren geistigen Lebens
betrachtet. Da muE man aber ein solches geistiges Wesen
nicht nur anerkennen, sondern verstehen. Dem Ver-
standnis dieses geistigen Wesens des Menschen waren ja
alle die Vortrage gewidmet, die gerade in diesem Winter-
zyklus hier gehalten worden sind. Nur fluchtig braucht
daher heute darauf hingedeutet zu werden, wie wir
geisteswissenschaftlich das Wesen des Menschen betrach-
ten. Denn auch um Lachen und Weinen zu verstehen,
miissen wir diese Wesenheit des Menschen im geisteswis-
senschaftlichen Sinne zugrunde legen.
Wir haben gesehen, wie sich der Mensch uns darstellt,
wenn wir ihn in seiner vollstandigen Wesenheit betrach-
ten, bestehend aus seinem physischen Leib, den er ge-
meinschaftlich hat mit der ganzen mineralischen Natur;
aus seinem Ather- oder Lebensleib, den er gemein-
schaftlich hat mit der ganzen pflanzlichen Natur; weiter
aus dem astralischen Leib, den er mit der tierischen
Natur gemeinsam hat, und der der Trager ist von Lust
und Leid, Freude und Schmerz, von Entsetzen und
Verwunderung und auch von all den Ideen, welche
taglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen in unserem
Seelenleben auf und ab fluten. So besteht fiir uns die
Wesenheit des Menschen zunachst aus diesen drei au$e-
ren Umhiillungen; und in dieser Umhullung lebt erst
dasjenige, wodurch der Mensch die Krone der Erden-
schopfung wird, das menschliche Ich. Dieses Ich arbeitet
nun wieder in dem Seelenleben, das aus den drei Seelen-
gliedern aufgebaut ist, aus der Empfindungsseele als dem
untersten Glied, aus dem nachsten Glied, der Verstandes-
oder Gemiitsseele, und aus dem dritten Glied, der Be-
wulkseinsseele; und wir haben auch gesehen, wie das Ich
an diesen Seelengliedern arbeitet, um den Menschen zu
immer hoherer Vollkommenheit zu bringen.
Was liegt denn diesem ganzen Arbeiten des Ich inner-
halb der Seele des Menschen zugrunde?
Betrachten wir einmal dieses Ich in verschiedenen
seiner Aufierungen. Es tritt vor dieses Ich des Menschen,
vor das tiefste Zentrum seines geistigen Lebens irgendei-
ne Erscheinung, irgendein Gegenstand oder Wesen der
Aufienwelt. Das Ich bleibt diesem Wesen oder Gegen-
stand gegeniiber nicht gleichgiiltig, sondern es aufiert
sich in einer gewissen Weise; es erlebt innerlich, in der
Seele, dieses oder jenes. Ein Gegenstand gefallt oder
mififallt dem Ich. Das Ich kann aufjauchzen bei irgendei-
nem Ereignis, oder es kann in tiefste Betriibnis verf alien;
es kann in Entsetzen und Furcht zuriickbeben, oder es
kann das Ereignis oder das Wesen liebevoll anschauen
oder umfassen. Es kann innerlich das Erlebnis haben:
Ich verstehe einen Vor gang, der mir gegenubertritt,
oder: Ich verstehe ihn nicht.
Wenn wir das Ich in seiner Tatigkeit belauschen vom
Aufwachen bis zum Einschlafen, dann sehen wir, wie es
sich in Einklang zu bringen versucht mit der Aufienwelt.
Wenn ihm irgendein Gegenstand gefallt, wenn jenes
Gefuhl in uns aufsteigt: Das ist ein uns erwarmendes
Wesen - dann ist ein Band geflochten zwischen uns und
dem Gegenstand; dann schlingt sich etwas hinuber von
uns zu dem Gegenstand. Das tun wir im Grunde ge-
nommen mit der ganzen um uns herum liegenden Welt.
Unser ganzes Tagesleben erscheint uns in bezug auf die
inneren Seelenvorgange als die Schopfung eines Einklan-
ges zwischen unserem Ich und der iibrigen Welt. Was
wir erleben an den Gegenstanden und Wesenheiten der
Aufienwelt, und was sich in den Vorgangen unseres
Seelenlebens spiegelt, das wirkt nicht blofi auf unsere
drei Seelenglieder, weil in ihnen gerade das Ich wohnt,
sondern das wirkt auch auf den astralischen Leib, auf
den Atherleib und den physischen Leib. Wir haben
schon ofter beispielsweise angefuhrt, wie jenes Verhalt-
nis, das das Ich herstellt zwischen sich und irgendeiner
Wesenheit oder einem Gegenstand, nicht nur die Emo-
tionen des astralischen Leibes aufriittelt, nicht nur die
Stromungen und Bewegungen des Atherleibes in einen
Umschwung bringt, sondern auch bis in den physischen
Leib hineinwirkt. Oder sollte nicht der Mensch Gelegen-
heit haben, zu beobachten, wie zum Beispiel eine
menschliche Personlichkeit erbleichen kann, wenn ir-
gend etwas Furchtbares in ihre Nahe tritt? Was ist da
anderes geschehen, als dafi das Verhaltnis, welches das
Ich hergestellt hat zwischen sich und dem Furchtbaren,
das Band, das es geschlungen hat zwischen sich und dem
Gegenstand, hineingewirkt hat bis in den physischen
Leib und das Blut in andere Bewegung gebracht hat, als
es sonst der Fall ist? Es hat sich gleichsam das Blut
zuriickgezogen von der aufteren Leiblichkeit und hat
dadurch das Erbleichen bewirkt. Auch das andere, be-
sonders charakteristische Beispiei ist schon angefiihrt
worden: die Schamrote. Wenn wir irgendein derartiges
Verhaltnis glauben herstellen zu miissen zwischen uns
und der betreffenden Wesenheit der Umgebung, dafi wir
am liebsten uns fur einen Augenblick selbst ausloschen
mochten, dafi man uns nicht sieht, da steigt das Blut ins
Gesicht. Da wird in diesen beiden Fallen eine bestimmte
Wirkung auf das Blut hervorgebracht durch dasjenige,
was sich als das Verhaltnis des Ich zur Aufienwelt
darstellt. - So konnten wir viele Beispiele anfiihren, wie
dasjenige, was das Ich an der Aufienwelt erlebt, sich
ausdriickt im astralischen Leib, im Atherleib und im
physischen Leib.
Indem nun das Ich den Einklang oder ein bestimmtes
Verhaltnis sucht zwischen sich und der Umgebung, sind
wieder ganz besondere Falle moglich in bezug auf solche
Verhaltnisse. So konnten wir von gewissen Verhaltnissen
zu unserer Umgebung sagen: Wir finden die richtige
Stellung des Ich gegeniiber diesem oder jenem Gegen-
stand oder Wesen. Selbst wenn wir Furcht vor einem
Wesen haben, vor dem es begriindet ist, Furcht zu
haben, konnen wir sagen: Unser Ich fuhlt, wenn es nur
hinterher Gelegenheit hat, in der richtigen Weise dieses
Verhaltnis zu beachten, daft es in einem Einklang gestan-
den hat auch im Furchtgefuhl mit seiner Umgebung.
Insbesondere aber fuhlt unser Ich seinen Einklang mit
seiner Umgebung, wenn es zum Beispiei danach trachtet,
diese oder jene Dinge der Auftenwelt zu verstehen, und
imstande ist, durch seine Begriffe, Gefuhle, Empfin-
dungen und so weiter iiber diejenigen Gegenstande, iiber
die es Verstandnis sucht, wirklich sich aufzuklaren. Da
fiihlt sich das Ich wie vereint mit den Gegenstanden,
iiber die es sich aufklart. Da fiihlt es sich wie iiber sich
hinausgehend, wie wenn es untergetaucht ist in die
Gegenstande, und fiihlt, daft das Band ein richtiges ist.
Oder aber das Ich lebt mit anderen Menschen zusam-
men, zu denen es in ganz bestimmte Verhaltnisse tritt,
die es lieb hat. Das Ich fiihlt sich jedem dieser anderen
Menschen gegeniiber in dem Verhaltnis, das es ange-
sponnen hat, befriedigt, beseligt; fiihlt, dafi ein harmoni-
sches Verhaltnis zwischen sich und der Auftenwelt be-
steht. Dieses Verhaltnis pragt sich zunachst in dem Ich
darin aus, daft sich das Ich behaglich fiihlt und diese
Behaglichkeit auf seine Hiillen, astralischen Leib oder
Atherleib, iibertragt.
Es kann aber auch eintreten, dafi das Ich einmal nicht
imstande ist, diesen Einklang, das heiftt, das Verhaltnis,
das man in einem gewissen Sinne ein normales nennen
konnte, zu schaffen. Kann es dieses normale Verhaltnis
nicht sogleich finden, dann kann das Ich dadurch in eine
besondere Lage kommen. Nehmen wir an, das Ich findet
etwas in der Aufienwelt, irgendeinen Gegenstand oder
eine Wesenheit, dem gegeniiber es nicht in ein solches
Verhaltnis treten kann, dafi es zum Beispiel die Sache
versteht, daft es mit seinen Begriffen und Vorstellungen
das Dasein dieser Wesenheit oder Tatsache als ein be-
rechtigtes anerkennt. Nehmen wir an, das Ich ist auf der
Suche, ein Verhaltnis zur Auftenwelt zu finden; aber es
kommt nicht in die Lage, wirklich ein solches Verhalt-
nis, das ein normales Band bildet zwischen Ich und
Auftenwelt, zu finden. In einer solchen Lage wird unser
Ich notig haben, dennoch in sich selber eine gewisse
Stellung gegeniiber diesem Ding der Aufienwelt zu ge-
winnen. Nehmen wir einen konkreten Fall an: Wir
treten irgendeinem Wesen der Aufienwelt gegeniiber,
welches wir aus dem Grunde nicht verstehen wollen,
weil in sein Wesen einzudringen unserem Ich nicht der
Miihe wert erscheint, weil wir sozusagen fuhlen, wir
wiirden, wenn wir in sein Wesen eindringen wollten, zu
viel hingeben von unserer eigenen Erkenntnis- und unse-
rer eigenen Verstandniskraft. Wahrend wir einem ande-
ren Wesen so gegeniibertreten, dafi wir sagen: Ich will
meine Kraft aufwenden, um dich zu verstehen, will in
dich untertauchen, was in mir ist, mit dir vereinigen -
halten wir es bei dieser Wesenheit so, daft es uns nicht
der Miihe wert ist, unterzutauchen. Wir wiirden die
Krafte unseres Verstandnisses verschwenden, wenn wir
darin untertauchen wollten. Dann haben wir notig, eine
ganz besondere Stellung zu gewinnen, haben notig, eine
Art Scheidewand aufzurichten. Einem solchen Wesen
wie dem geschilderten gegeniiber wollen wir jene Hinga-
be nicht iiben; wir wollen nicht in dasselbe untertau-
chen; das heiftt, wir wollen uns von diesem vor uns
stehenden Wesen befreien, uns frei halten; wir wollen
uns in uns selber finden, nicht durch Untertauchen,
sondern dadurch, daft wir unsere Kraft von diesem We-
sen ablenken und, in unserem eigenen Selbstbewuftt-
sein uns iiber das Wesen erhebend, sie gewahr werden.
Wenn wir in einem solchen Verhaltnis zu einem Wesen
stehen, dann ist das Gefiihl, das uns beschleichen mull, das-
jenige einer Befreiung von einem Wesen. Bei einem We-
sen, das wir verstehen, und in das wir untertauchen -
entweder durch Erkenntniskraft oder durch Liebe oder
Mitleid -, da fuhlen wir nicht das Zuriickziehen des
Ich; im Gegenteil da fuhlen wir uns zu diesem We-
sen hingezogen. Bei einem solchen Wesen aber, wie es
eben geschildert worden ist, fuhlen wir: Unser Ich wiirde
etwas verlieren, wenn es in das andere Wesen untertauch-
te; da miissen wir unsere Krafte zusammenhalten.
Bei einem solchen Bewulksein kann die hellseherische
Beobachtung bemerken, wie das Ich gleichsam den astra-
lischen Leib zuriickzieht vor den Eindriicken, die auf
ihn gemacht werden konnten aus der Umgebung oder
von diesem anderen Wesen. Dieses Wesen wird natiirlich
einen Eindruck auf unseren physischen Leib machen,
wenn wir nicht die Augen verschliefien oder die Ohren
verstopfen. Aber weil wir unseren physischen Leib weni-
ger in der Hand haben als unseren astralischen Leib,
ziehen wir unseren astralischen Leib fur einen Augen-
blick zuriick aus dem physischen Leib, ja auch aus dem
Atherleib her aus und bewahren ihn dadurch davor, da$
er sich beriihren lafit von dem anderen Wesen. Dieses
Zuriickziehen des astralischen Leibes, der sonst seine
Kraft im physischen Leibe verbraucht, um dessen Krafte
zusammenzuhalten, stellt sich fur das hellseherische Be-
wufitsein so dar, dafi der astralische Leib sich ausdehnt;
er geht gleichsam auseinander bei einer solchen Befrei-
ung. Wo wir uns iiber ein Wesen erheben, lassen wir
unseren astralischen Leib wie eine elastische Substanz
sich erweitern, schlaff werden, wahrend wir ihn sonst
angespannt haben. Indem sich der astralische Leib erwei-
tert, befreien wir uns von irgendeinem Bande mit der
betreffenden Wesenheit; wir ziehen uns gleichsam in uns
selber zuriick, erheben uns iiber die ganze Situation.
Und weil alles, was im astralischen Leibe geschieht, sich
im physischen Leibe ausdriickt, so driickt sich auch
dieses Zuriickziehen des astralischen Leibes im physi-
schen Leibe aus; und der Ausdruck der Erweiterung des
astralischen Leibes im physischen Leibe ist das Lachen
oder das Lacheln; so dafi mit jedem Lachen oder La-
cheln, das aus keiner anderen Stimmung als aus der
geschilderten hervorgehen kann, verbunden ist ein elasti-
sches Ausdehnen des astralischen Leibes. - Wir diirfen
also sagen: Was durch das Ausdehnen des astralischen
Leibes und seinen physiognomischen Ausdruck als La-
chen oder Lacheln an der menschlichen Wesenheit auf-
tritt, ist ein Sich-Erheben liber das, was in der Umge-
bung geschieht, weil wir nicht Verstandnis aufwenden
wollen, und nach der ganzen Art, wie wir zu der
betreffenden Sache stehen, dafiir auch nicht Verstandnis
aufwenden sollen. Im Extrem mufi daher alles, was uns
kein Verstandnis abringen soli, eine solche Erweiterung
des astralischen Leibes nach sich ziehen und damit das
Lachen hervorrufen. - Witzblatter haben die Gewohn-
heit gehabt, dafi sie gewisse Personen des offentlichen
Lebens abbildeten mit riesigen Kopfen und sehr kleinen
Korpern, wodurch grotesk ausgedriickt werden sollte,
was der Betreffende fur seine Zeit bedeutet. Dies zu
verstehen, wiirde ein Unding sein, denn es gibt kein
Gesetz, was einen so grofien Kopf und einen so kleinen
Korper verbinden wiirde. Wenn wir in diesen Gegen-
stand mit unserer Erkenntniskraft untertauchten, so
ware das eine verlorene Kraft, denn wir wiirden unsere
Verstandniskraft dabei verschwenden. Die einzige Be-
friedigung dabei soli eben die sein, sich zu erheben iiber
das Objekt, beziehungsweise von dem Eindruck, der auf
unseren physischen Leib gemacht wird, frei zu werden
in dem Ich, und den astralischen Leib auszudehnen.
Denn was das Ich erlebt, setzt es zunachst fort auf die
intimste Hiille, auf den astralischen Leib; und der physio-
gnomische Ausdruck dafiir ist das Lachen.
Es kann aber auch der Fall eintreten, dafi wir ein
Verhaltnis, das wir zu unserer Umgebung suchen und
nach unserer ganzen Seelenverfassung berechtigt sind zu
suchen, nicht finden konnen. Nehmen wir an, wir haben
eine Zeitlang eine Personlichkeit geliebt; dieselbe steht
nicht nur zu unseren Handlungen in Beziehung, sondern
ganz bestimmte Seelenerlebnisse kniipfen sich an das
Dasein dieser Personlichkeit an und an das Verbunden-
sein unserer Personlichkeit mit ihr. Nehmen wir an, die
Personlichkeit wird uns eine Zeitlang entrissen. Mit dem
Entreifien dieser Personlichkeit fallt ein Teil unserer
eigenen Seelenerlebnisse fort; etwas, was ein Band bedeu-
tet zwischen uns und einer Wesenheit der Aufienwelt,
fallt fort. Unsere Seele ist durch jene Seelenverfassung,
die sich durch die Beziehung zu dieser Personlichkeit
herangebildet hat, berechtigt, dieses Band zu suchen,
weil sie sich erzogen hat, dieses Band zu haben. Jetzt
kann sie es nicht mehr haben. Es ist etwas herausgerissen
aus diesem Ich, und was da herausgerissen ist, bewirkt in
dem letzteren etwas, was sich wiederum ubertragt auf
den astralischen Leib. Und weil jetzt dem astralischen
Leib etwas entzogen ist, weil er ein Verhaltnis zur
Aufienwelt sucht, das er nicht finden kann, so zieht er
sich jetzt in sich selber zusammen; oder besser gesagt,
das Ich prefk diesen astralischen Leib zusammen.
Das konnen wir mit dem hellseherischen Bewulksein
immer beobachten, wenn im Menschen Trauer oder
Schmerz eintritt iiber einen Verlust, wie das Ich, dem
etwas entzogen ist, den astralischen Leib zusammen-
prefit. Gerade so wie der auseinandergetriebene astrali-
sche Leib schlaff wird und sich dadurch den physiogno-
mischen Ausdruck im physischen Leibe verschafft, der
eben als Lachen oder Lacheln bezeichnet werden mufi,
so wird ein astralischer Leib, der sich zusammenprefit,
gleichsam tiefer eindringen in alle Kraft e des physischen
Leibes. Das ist auch der Fall. Wenn der astralische Leib
sich zusammenprefk, so preftt er den physischen Leib
mit zusammen. Und der physische Ausdruck des Zu-
sammeapressens des Ich in sich selber, damit des astrali-
schen Leibes in sich selber, und damit des physischen
Leibes in sich selber, das ist das Hervorquellen der
Tranen. Der astralische Leib, der gleichsam in sich Liik-
ken erhalten hat, und diese Liicken durch sein Zusarn-
menpressen ausfiillen will, indem er die Substanzen aus
der Umgebung heranzieht, er prefit dadurch den physi-
schen Leib mit zusammen und treibt die Substanzen des
physischen Leibes in der Trane nach aufien. Was ist die
Trane dadurch zugleich? - Das Ich hat etwas verloren in
der Trauer, in dem Verlust. Es prefit sich zusammen,
weil es armer geworden ist, weil es seine Selbstheit
weniger stark fiihlen kann als friiher; denn es fiihlt seine
Eigenheit um so starker, je reicher es ist an Erlebnissen
mit der umgebenden Welt. Wir geben nicht nur etwas
den Dingen, die wir lieben, sondern wir bereichern
unsere Seele selber durch unsere Liebe. Und indem uns
die Erlebnisse unserer Liebe entrissen werden, und der
astralische Leib Liicken erhalt und sich zusammenprefk,
sucht er durch diesen gleichsam in sich selber ausgeiibten
Druck die Krafte wiederzugewinnen, die er verloren hat
durch den Verlust. Er sucht sich durch ein Zusammen-
nehmen in sich selber reicher zu machen, weil er armer
geworden ist durch das, was er verloren hat. Was in der
Trane zum Vorschein kommt, ist nicht nur ein Abflie-
fienlassen der Tranen, nicht nur eine Offnung nach
aufien, sondern etwas, was man einen Ersatz nennen
konnte fur das armer gewordene Ich. Wahrend sich
friiher das Ich bereichert fiihlte an der Aufienwelt, fiihlt
es sich jetzt in der Produktion, die es selber hervor-
bringt, starker, fiihlt sich als etwas, indem es die Tranen
hervorprefit. Was die Personlichkeit an Selbstbewulksein
geistig verloren hat, sucht sie sich zu ersetzen, indem sie
sich zu einer innerlichen Schopfung, zu dem Hervor-
bringen der Tranen anspornt. Daher ist die Trane in
gewisser Beziehung ein Ausgleich, ein Ersatz fur das
Armerwerden des Ich. Deshalb konnen wir sagen: Wenn
das Ich, das einen Verlust erlebt hat, vordringen kann bis
zur Trane, wenn es sein Bewufitsein hebt durch das
Gewahrwerden seines Verlustes in der Trane, dann gibt
diese Trane dem Ich ein gewisses unterbewufites Wohlge-
fiihl. Man konnte sogar sagen: Die Trane ist in gewisser
Beziehung ein Anlafi zu einer Art innerer Wollust. Ein
Ausgleich wird durch die Trane geschaffen. Es wird
Ihnen ja bekannt sein, wie der Mensch, wenn er sich so
recht in der Trauer elend fuhlt, in der Trane eine Art
von Trost hat, weil die Trane etwas ist, was ihm einen
gewissen Ersatz bieten kann. Und Sie werden auch
wissen, wie es fur gewisse Menschen, von denen man
sagt, sie konnen nicht weinen, viel schwieriger ist, die
Trauer und den Schmerz zu ertragen als fur diejenigen,
welche sich das innere Wohlbehagen durch die Trane bei
jeder Gelegenheit verschaffen konnen.
So sehen wir, daft das Ich es ist, das ein gesuchtes
Verhaltnis zur Aufienwelt nicht finden kann, und sich
entweder erheben mufi zu einer inneren Freiheit, oder in
sich untertauchen mufi, um sich zu starken iiber einen
inneren Verlust. Wir sehen, wie das Ich es ist, das
Mittelpunktswesen des Menschen, das sich ausdriickt in
Lachen und Weinen. Daher konnen wir es auch begreif-
lich finden, dafi das Ich, das den Menschen zum Men-
schen macht, in gewisser Weise Voraussetzung ist des
wahren Lachens und des wahren Weinens.
Wenn wir das Kind beobachten, wie es geboren wird,
so finden wir, dafi es in den ersten Tagen weder lachen
noch weinen kann. Wahres Lachen und wahres Weinen
tritt erst auf vom sechsunddreiEigsten oder vierzigsten
Lebenstage an. Vorher kann das Kind nicht lachen und
nicht weinen; und der Grund dafur ist der: Obwohl es
entschieden ist, was fur ein Ich aus einer vorher gehenden
Verkorperung gerade in dies em Kinde lebt, so wirkt
dieses Ich doch nicht gleich in den ersten Lebenstagen in
dem Menschen gestaltend; es wirkt nicht gleich so, dafi
es Beziehungen zur Aufienwelt sucht. Der Mensch ist ja
in das Leben so hineingestellt, daft dasjenige, was in ihm
und an ihm ist, von zwei Seiten herstammt. Die eine
Seite ist die, welche alle Eigenschaften und Betatigungen
des Menschen enthalt, die er von Vater, Mutter, Grofiva-
ter und so weiter erbt, kurz, die Eigenschaften und
Betatigungen aus der Vererbungslinie. Aber darinnen
arbeitet die Individualist, das Ich des Menschen, das
von Leben zu Leben geht, von Verkorperung zu Verkor-
perung, seine seelischen Eigenschaften hinein. Wenn wir
einen Menschen mit der Geburt ins Dasein treten sehen,
zeigt sich uns zunachst das Unbestimmte der Physiogno-
mic des Menschen, und wie unbestimmt dasjenige ist,
was der Mensch einmal als Talente, Anlagen und beson-
dere Eigenschaften darleben wird. Aber wir sehen auch,
wie das schaffende, wirkende Ich, das sich Entwicke-
lungskrafte aus den vorhergehenden Leben hereinge-
bracht hat, die unbestimmten Ziige immer bestimmter
und bestimmter heraus arbeitet und dasjenige modifi-
ziert, was durch die Vererbung gegeben worden ist. So
sehen wir zusammenfliefiend die vererbten Eigenschaf-
ten mit denen, die von Verkorperung zu Verkorperung
gehen. - Ein Genaueres liber den Werdegang des Men-
schen konnen Sie jetzt mit einer ge wis sen Deutlichkeit in
meinem eben erschienenen Buche «Die Geheimwissen-
schaft im Umrift>> finden, wo in den ersten Partien diese
Dinge gerade so besprochen sind, wie es dem heutigen
Verstandnisse der Menschen angemessen ist.
So sehen wir, wie in dem Kind das Ich sich herausar-
beitet. Aber es dauert eine Zeit, bis das Ich aus dem
Kinde heraus umgestaltet an dem Korperlichen und an
dem Seelischen. Daher tritt der Mensch so ins Dasein
hinein, daft er in den ersten Tagen einzig und allein die
vererbten Merkmale zeigt. Das Ich sitzt in den ersten
Tagen noch tief verborgen darinnen und wartet, bis es in
die unbestimmte Physiognomie dasjenige hineinarbeiten
kann, was es aus den friiheren Leben heriibergetragen
hat, was es von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr herausar-
beiten kann.
Bevor nun das Kind den individuellen, nur fur diesen
Menschen geltenden Charakter annimmt, ist es nicht
moglich, daft das Ich irgendeine Beziehung zur Auften-
welt ausdriicken kann durch Lachen und Weinen. Denn
auf das Ich kommt es an, auf das Individuellste, das ein
Band sucht, das sich in Harmonie, in Einklang bringen
will mit der Umgebung. Das Ich mufi es sein, was im
Lachen oder Lacheln sich zu befreien sucht von den
Gegenstanden; das Ich muft es sein, das bei einem
gesuchten Verhaltnis, das es nicht finden kann, in dem
Verlust zusammenpreftt das Innere der menschlichen
Wesenheit. Das Ich nur kann sich ausdriicken im Lachen
oder Weinen. Wir sehen daraus, daft wir es mit der
tiefinnersten Geistigkeit des Menschen zu tun haben,
wenn wir die Offenbarungen des Menschen im Lachen
oder Weinen vor uns haben.
Diejenigen, die gern alles mit allem zusammenwerfen
und deshalb keine wirklichen realen Unterschiede zuge-
ben wollen zwischen Mensch und Tier, werden natiirlich
auch noch Analogien fiir Lachen und Weinen im Tier-
reich finden. Wer aber die Dinge richtig versteht, wird
dem deutschen Dichter recht geben, der sagt, daft es das
Tier nicht bis zum Weinen bringt, sondern hochstens bis
zum Heulen, und nicht bis zum Lachen, sondern nur bis
zum Grinsen. Darinnen liegt eine tiefe Wahrheit, die
sich, wenn sie in Worte gebracht wird, dadurch aus-
driickt, daft das Tier sich nicht erhebt zu jener indivi-
duellen Ichheit, die in dem Wesen selber sitzt, sondern
daft das Tier von Gesetzen beherrscht wird, die zwar
dem Ich-Menschen ahnlich sehen, die aber dem Tier so
eingepflanzt sind, daft sie ihm zeitlebens als auftere
verbleiben. Das Tier bringt es nicht zur Individuality.
Es ist hier schon dieser bedeutsame Unterschied des
Menschen von der tierischen Wesenheit erwahnt wor-
den. Es ist gesagt worden, was uns am Tier interessiert,
laftt sich zusammenfassen in dem Gattungs- oder Artcha-
rakter. Versuchen Sie sich klar zu machen, ob das, was
uns am Tier hauptsachlich interessiert, auch so grofte
Unterschiede aufweist - zum Beispiel zwischen Lowen-
sohnchen, Lowenvater, Lowengroftvater und so weiter -,
wie wir es beim Menschen finden. Was sich uns beim
Tier zeigt, das geht im Artcharakter auf. Im Menschen-
reiche ist aber jeder Mensch fiir sich eine eigene Gat-
tung, und was uns am Tier in der Art oder Gattung
erscheint, das mull uns beim Menschen in jedem einzel-
nen Menschen interessieren. Das heifit: Bei den Men-
schen hat jeder Mensch seine einzeine Biographic Die
interessiert uns so stark wie die Art- oder Gattungsbio-
graphie beim Tier. Gewifi, es hat auch manchen Hunde-
vater und manche Katzenmutter gegeben, die behaupte-
ten, sie konnten auch eine Hunde- oder Katzenbiogra-
phie schreiben. Aber ich habe auch einen Schullehrer
gekannt, der seinen Schiilern regelmafiig die Aufgabe
gegeben hat, die Biographie ihrer Stahlfeder zu schrei-
ben. Nicht darauf kommt es an, dafi sich ein Gedanke
auf alles anwenden lafit, sondern darauf, dafi sich unser
Verstandnis dazu hindurchringt, was an einer Sache oder
Wesenheit das Wesentliche ist. Bis zum Tier herauf ist
das biographisch Individuelle das Unwesentliche; beim
Menschen aber wird es das Wesentliche, weil beim Men-
schen ja die Hauptsache dasjenige ist, was sich als Indivi-
dualist von Leben zu Leben weiter entwickelt, was
beim Tier nur von Gattung zu Gattung geht. Wenn eine
solche Wichtigkeit des biographischen Elementes nicht
zugegeben wird, so liegt es nicht daran, dafi diese Wich-
tigkeit nicht eine ebenso bedeutungsvolle ist wie die,
welche wir naturwissenschaftlichen Gesetzen der Au-
fienwelt beilegen, sondern daran, da£ derjenige, der sie
nicht zugibt, nicht das Gewicht von irgendwelchen Er-
scheinungen empfinden kann.
In der Geisteswissenschaft nennen wir das, was beim
Tier von Art zu Art geht, was sich von Gattung zu
Gattung fortlebt, des Tieres Gruppen-Seele oder Grup-
pen-Ich, das wir aber als etwas Reales ansehen. Und wir
sprechen davon, daft das Tier sein Ich nicht in sich hat,
sondern aufter sich. Wir verneinen auf dem Gebiete der
Geisteswissenschaft nicht etwa das tierische Ich, sondern
wir sprechen von einem Gruppen-Ich, welches das Tier
von auften her dirigiert. Beim Menschen dagegen spre-
chen wir von einem individuellen Ich, das in das Innerste
der menschlichen Wesenheit hineingeht und von innen
heraus jede einzelne menschliche Wesenheit als die ihm
zugrunde liegende Individualist so dirigiert, daft der
Mensch in ein personliches Verhaltnis zu den Wesen
seiner Umgebung tritt. Dasjenige allgemeine Verhaltnis,
welches sich die Tierheit herstellen kann nach ihrer
Lenkung durch das aufiere Gruppen-Ich, hat auch einen
typischen, allgemeinen Charakter. Was dieses oder jenes
Tier liebt oder hafit, wovor dieses oder jenes Tier sich
fiirchtet, hat einen allgemeinen, einen typischen Charak-
ter und modifiziert sich nur fur gewisse Kleinigkeiten,
zum Beispiel bei unsern Haustieren oder bei den Tieren,
die mit dem Menschen zusammenleben. Was aber beim
Menschen Liebe und Hafi in bezug auf seine Umgebung,
was Furcht und Schrecken fur die Seele bedeuten, was
Sympathie und Antipathie ist, das erzieht sich der
Mensch in seiner Individualitat, in der Ichheit, die von
Verkorperung zu Verkorperung geht, auf individuelle
Art. Daher ist das besondere Verhaltnis, durch das der
Mensch sich von irgendeinem Wesen der Umgebung
befreit, das dann physiognomisch im Lachen zum Aus-
druck kommt, oder das andere Verhaltnis, wo wir etwas
suchen und nicht mehr finden konnen, und was sich im
Weinen seinen physiognomischen Ausdruck sucht, im-
mer etwas, was das menschliche Ich allein entfalten
kann. Daher konnen wir auch sagen: Je mehr das Kind
sich herauswindet aus dem blofi Animalischen, aus dem
blofi Tierischen, je mehr sich seine Individualitat zeigt,
desto mehr zeigt sich seine Menschlichkeit im Lachen
oder in den aus den Augen quillenden Tranen. Wenn wir
das Leben in seiner Wahrheit betrachten, miissen wir
nicht in den groben Tatsachen des Lebens, nicht in der
Ahnlichkeit der Knochen und Muskeln zwischen
Mensch und Tier, oder in der bis zu einem gewissen
Grade vorhandenen Ahnlichkeit der anderen Organe das
Wichtigste suchen, wenn wir die Entscheidung treffen
wollen fur die hohere Stellung des Menschen iiber die
Erdenwesen; sondern wir miissen da, wo wir die feine-
ren Tatsachen erblicken, das Wesentliche zur Charakte-
ristik der Menschennatur suchen. Wem solche Tat-
sachen wie Lachen und Weinen zu unbedeutend erschei-
nen, urn sie fur die eigentliche Charakteristik der Mensch-
heit und der Tierheit anzuwenden, dem muft man sa-
gen: Nicht zu helfen ist dem, der nicht vermag sich auf-
zuschwingen zu den Tatsachen, auf die es ankommt,
wenn wir den Menschen in seiner Geistigkeit verstehen
wollen.
Diese Tatsachen, die uns hier geisteswissenschaftlich
entgegentreten, konnen uns nun allerdings auch hinein-
leuchten in gewisse naturwissenschaftliche Errungen-
schaften, aber nur dann, wenn diese Tatsachen wieder
hineingestellt werden in ein groftes und geisteswissen-
schaftliches Ganzes. Mit Lachen und Weinen ist beim
Menschen noch etwas anderes verbunden. Wer Lachen
und Weinen beim Menschen beobachtet, der wird fin-
den, daft bei diesen Aufterungen der menschlichen We-
senheit nicht nur der physiognomische Ausdruck des
Lachens oder der Trauer vorhanden ist, sondern daft
dabei auch eine Anderung, eine Modifikation des At-
mungsprozesses auftritt. Wenn der Mensch traurig ist
bis zum Vergieften von Tranen, und wenn seine Traurig-
keit zu einem solchen Zusammenpressen des astralischen
Leibes fiihrt, daft der physische Leib mit zusammenge-
preftt wird, dann kann man beobachten, daft das Einat-
men immer kiirzer und kiirzer wird, und daft das Ausat-
men in langen Atemziigen geschieht. Und beim Lachen
ist das Umgekehrte der Fall; da bemerken wir ein langes
Einatmen und ein kurzes Ausatmen. In dieser Weise
wird der Atmungsprozeft modifiziert. Und es ist nicht
bloft ein Bild, sondern es entspricht einer tieferen Wirk-
lichkeit, wenn wir sagen: Wenn beim lachenden Men-
schen der astralische Leib schlaff wird, und wenn der
physische Leib in seiner feineren Gliederung auch er-
schlafft, dann tritt so etwas ahnliches ein, wie wenn wir
einen leeren Raum erzeugen, indem wir die Luft aus ihm
auspumpen und diesen leergemachten Raum dann der
aufieren Luft aussetzen: dann pfeift die Luft da hinein.
Eine Art Freimachen der au£eren Leiblichkeit tritt also
im Lachen ein, und dann dringt in einem langen Atem-
zuge die Luft nach innen. Beim Weinen ist das umge-
kehrt der Fall: Wir pressen den astralischen Leib zusam-
men - und auch den physischen Leib, und die Folge ist,
dafi das lange Ausatmen durch das Zusammenpressen
wie in einem Zuge bewirkt wird.
So sehen wir, wie wiederum mit den physischen Le-
bensaufSerungen und bis in das aulSere Physische hinein
dasjenige zusammenhangt, was seelisch im Menschen
erlebt wird durch die Anwesenheit des Ich.
Wenn wir diese physiologischen Tatsachen nehmen,
so wird uns in merkwiirdiger Weise eine geisteswissen-
schaftliche Tatsache beleuchtet, welche bildlich ihren
Ausdruck gefunden hat - wie in der Regel geisteswissen-
schaftliche Tatsachen bildlich ihren Ausdruck finden - in
den religiosen Urkunden der Menschheit. Erinnern wir
uns an jene bedeutungsvolle Stelle des Alten Testamen-
tes, wo dargestellt wird, dafi der Mensch zu seiner
gegenwartigen Menschlichkeit heraufgehoben wird, in-
dem ihm Jahve oder Jehova einstromen laftt den lebendi-
gen Odem und ihn dadurch zu einer in sich lebendigen
Seele macht. Das ist der Moment, wo auf das Werden
der Ichheit im grofien hingedeutet wird. Es wird im
Alten Testament die Art und Weise des Atmungspro-
zesses hingestellt als der Ausdruck der eigentlichen Ich-
heit des Menschen; das Atmen wird in Zusammenhang
gebracht mit der inneren Seelenhaftigkeit des Menschen.
Wenn wir nun sehen, wie das menschliche Ich sich im
Lachen und Weinen einen besonderen Ausdruck ver-
schafft, dann zeigt sich uns schon der intime Zusammen-
hang zwischen dem menschlichen Atmungsprozefi und
der inneren Beseelung des Menschen, und wir blicken
dann von einer solchen Erkenntnis aus auf die religiosen
Urkunden mit jener Demut, die uns ein solches tieferes,
wahres Verstandnis gibt.
In der Geisteswissenschaft gehen uns zunachst alle
diese Urkunden nichts an. Denn selbst wenn auch durch
eine groEe Katastrophe alle diese Urkunden zugrunde
gehen wiirden, die Geistesforschung hat die Mittel, daft
sie dasjenige, was ihnen zugrunde liegt, durch die Gei-
stesforschung selbst finden kann. Nie ist die Geistesfor-
schung auf Urkunden angewiesen. Wenn aber die Tatsa-
chen gefunden sind, und man nachher in den Urkunden
den unzweifelhaften bildlichen Ausdruck dessen wieder-
erkennt, was man vorher mit der Geisteswissenschaft
unabhangig von den Urkunden gefunden hat, dann
wachst unser Verstandnis fur diese Urkunden. Dann sagt
man sich: Es kann dasjenige, was da besprochen ist,
nicht anders hineingekommen sein als durch Wesen-
heiten, die das gewufk haben, was der Geistesforscher in
ihnen wiederfinden kann; und es spricht durch die Jahr-
tausende Geistesforscher zu Geistesforscher, Geistes-
blick zu Geistesblick! Dadurch gewinnt man gerade aus
der Erkenntnis heraus die richtige Stellung zu diesen
Urkunden. Und wenn erzahlt wird, wie der Gott ein-
pragte dem Menschen seinen lebendigen Odem, wo-
durch der Mensch eine sich innerlich findende Ichheit
wurde, so finden wir gerade aus einer solchen Betrach-
tung, wie diese iiber « Lachen und Weinen», wie wahr
eine solche bildlich dargestellte Tatsache in bezug auf die
Menschennatur ist.
Nur auf einzelnes soli jetzt noch hingewiesen werden,
weil es uns sonst zu weit fiihren wiirde. Es konnte zum
Beispiel jetzt jemand sagen: Du hast die ganze Be-
trachtung an einem falschen Ende angefafit, denn du
hattest dort anfangen miissen, wo die aufieren Tatsachen
sprechen. Das geistige Element mufit du dort suchen, wo
es nur als eine reine Naturwirkung auftritt, zum Beispiel
wenn der Mensch gekitzelt wird. Da haben wir die
elementarste Tatsache des Lachens. Wie kommst du da
zurecht mit all deinen Phantastereien uber das Ausdeh-
nen des astralischen Leibes - und so weiter?
Oh, dann vollzieht sich gerade erst recht das Ausdeh-
nen des astralischen Leibes. Denn alle die Dinge, die als
Charakteristik angefuhrt sind, sind dann vorhanden,
wenn auch auf untergeordneter Stufe. Wenn der Mensch
gekitzelt wird an der Fufisohle, so ist das eine Tatsache,
auf die er sich nicht einlassen kann mit seinem Verstan-
de. Er will es nicht, lehnt es ab. Er wird sie nur dann mit
seinem Verstandnis umfassen, wenn er sich selber kit-
zelt. Aber dann lacht er nicht; denn dann kennt er den
Urheber. Wenn ihn aber ein anderer kitzelt, hat es fur
ihn etwas Unverstandliches. Dariiber erhebt sich das Ich,
sucht davon frei zu werden und sucht den astralischen
Leib davon loszubekommen. Und gerade das Loskom-
men des astralischen Leibes von einer unpassenden Be-
riihrung driickt sich aus durch das nicht motivierte
Lachen. Das ist gerade eine Befreiung, eine Rettung des
Ich auf elementarer Stufe von jener Attacke, die auf uns
ausgeiibt wird, wenn wir an der Fufisohle gekitzelt
werden, wo wir mit unserem Verstandnis der Sache doch
nicht beikommen konnen.
Jedes Lachen iiber einen Witz oder iiber etwas, was
komisch ist, steht auf derselben Stufe. Wir lachen iiber
den Witz, weil wir durch das Lachen in das richtige
Verhaltnis zu ihm kommen. Im Witz werden Dinge
zusammengebracht, die im ernsten Leben nicht zusam-
mengebracht werden konnen; denn wenn sie logisch zu
begreifen waren, wiirden sie nicht witzig sein. Im Witz
werden Verhaltnisse zusammengebracht, die, wenn man
nicht gerade auf den Kopf gefallen ist, nicht unser
Verstandnis unbedingt herausfordern, sondern nur von
uns gerade das herausfordern, daft wir mit einem gewis-
sen Spiel des geistigen Lebens die Dinge zusammen-
bringen, die da zusammengebracht sind. In dem Augen-
blick, wo wir uns als im Besitz dieses Spieles fuhlen,
machen wir uns frei und erheben uns iiber den Inhalt,
der im Witz liegt. Die Tatsache des Sich-Freimachens,
des Sich-Erhebens iiber irgendeine Erscheinung werden
Sie iiberall finden, wo Lachen zutage tritt. Und ebenso
werden Sie die Tatsache, daft der Mensch etwas sucht,
was er nicht finden kann, und sich daher in sich selber
zusammenprefk, beim Weinen zugrunde liegen sehen.
Es kann aber diese Art des Verhaltnisses zur Aufien-
welt, wie sie jetzt geschildert worden ist, berechtigt oder
unberechtigt sein. Wir konnen uns aus einer gewissen
Berechtigung frei machen wollen im Lachen; oder aber
durch unsere Eigentiimlichkeit den betreffenden Vor-
gang auch nicht verstehen wollen oder nicht verstehen
konnen. Dann liegt das Lachen nicht in der Natur der
Tatsachen, sondern in unserer Unvollkommenheit. Das
tritt iiberall dort zutage, wo irgendein unentwickelter
Mensch iiber einen andern lacht, weil er ihn nicht verste-
hen kann. Wenn ein unentwickelter Mensch bei einem
andern das Alltagliche und Philistrose, das er fur das
richtige halt, nicht findet, dann denkt er, es sei nicht
notig, da mit dem Verstandnis heranzukommen; er sucht
sich davon frei zu machen - vielleicht gerade deshalb,
weil er es nicht verstehen will. Daher iibertragt es sich
leicht bei uns in die Gewohnheit, sich durch Lachen von
allem frei zu machen. Das ist auch oft die Natur gewis-
ser Menschen: sie lachen und meckern iiber alles; sie
wollen gar nichts verstehen; sie plustern sich auf in
ihrem Astralleib und kommen dadurch immerfort zum
Lachen. Das ist durchaus dieselbe Grundtatsache. Nur
kann es auf der einen Seite berechtigt erscheinen, nicht
eindringen zu wollen in das Verstandnis einer Sache, und
auf der andern Seite kann es unberechtigt sein. Es kann
auch an den Unvollkommenheiten der Mode liegen, dafi
etwas dem gewohnlichen Betragen nicht ganz geeignet
erscheint, um dafiir Verstandnis zu haben. Da hat man
dann ein Lacheln, indem man sich erhaben diinkt iiber
das eine oder andere. Es braucht also das Lachen nicht
ein berechtigtes Gefuhl des Sich-Zuriickziehens auszu-
driicken, sondern es kann auch ein unberechtigtes Zu-
riickziehen ausdriicken. Damit wird aber die Grundtat-
sache nicht geandert, wodurch das Lachen charakteri-
siert worden ist.
Es kann aber auch vorkommen, dafi jemand auf dasje-
nige, was menschliche Lebensaufierung ist, rechnet.
Nehmen wir an, irgend jemand rechnet als Redner mit
dem, was durch seine Rede aufgehen soli, als Zustim-
mung oder dergleichen. Da rechnet er selbstverstandlich
mit dem, was die menschliche Seele erleben kann. Nun
wird es in einzelnen Fallen vielleicht berechtigt sein, auf
Dinge hinzuweisen, die so minderwertig sind oder so
unter dem Kreise des Verstandnisses von gewissen Zuho-
rern, daft man sie charakterisieren darf, ohne daft ein
besonders intimes Band von der Seele der Zuhorer zu
diesen Gegenstanden geschlungen wird; sondern man
wird gerade den Zuhorern helfen, sich zu befreien von
dem, was unter dem Kreise dessen liegt, woriiber der
Redner Verstandnis ausgieften soil. Da wird der Redner
damit rechnen diirfen, dafi die Zuhorer seine Stellung
der Ablehnung der betreffenden Gegenstande teilen. Es
gibt aber auch Redner, die immer die Lacher auf ihrer
Seite haben wollen. Ich habe schon gehort, dafi Redner
sagten: Ich werde da, wo ich siegen will, die Lachmus-
keln antreiben, so dafi ich die Lacher auf meiner Seite
habe - und wer die Lacher auf seiner Seite hat, der hat
eben gesiegtl Das kann aber auch aus einer inneren
Unehrlichkeit kommen. Denn appelliert man an das
Lachen, so appelliert man an etwas, wodurch sich der
Mensch uber eine Sache erheben soil. Man rechnet aber
auch mit der Eitelkeit der Menschen - wenn sie sich
dessen auch nicht bewulk sind -, wenn man die Sache so
darstellt, daft sie nicht angewiesen sind, in ihr unterzu-
tauchen und blofi deswegen dariiber lachen diirfen, weil
sie auf ein Niveau geriickt wird, wo sie zu minderwertig
erscheint. Es kann also das Rechnen auf das Lachen
einem Prinzip der Unehrlichkeit entspringen. Und man
wird in einer gewissen Weise zuweilen auch dadurch den
Menschen gewinnen konnen, dafi man in ihm jenes
Wohlbehagen und Wohlgefiihl erregt, das in dem heuti-
gen Vortrage geschildert worden ist als mit der Trane
verbunden. Der Mensch fiihlt dann, wenn ihm sozusa-
gen ein Verlust nur fur die Phantasie vorgefiihrt wird,
da£ er sich sagen konnte: Du darfst jetzt etwas suchen,
was du eigentlich nicht findest! Er fiihlt sich durch das
Zusammenpressen des Ich in seiner Egoitat, in seiner
Selbstsucht bestarkt; und manches Rechnen auf die Riih-
rung ist oft im groften nichts anderes als ein Rechnen auf
die Selbstsucht des Menschen. Alle diese Dinge konnen
daher arg mifibraucht werden, weil Running und
Schmerz, Trauer, Hohn und Spott, die von Lachen oder
Weinen begleitet sind, mit dem zusammenhangen, was
das Ich starkt und befreit, also mit der menschlichen
Ichheit, der Egoitat. Es kann daher auch, wenn diese
Dinge sich geltend machen, die Selbstsucht angespro-
chen werden, an die Selbstsucht appelliert werden; und
dann ist es die Selbstsucht, die ebenso zerstoren kann,
was Mensch an Mensch bindet.
Da sehen wir also, dafi das menschliche Ich im Lachen
und dem, was dem Lachen zugrunde liegt, frei sich
hinaufgehoben fuhlt, und dafi die Selbstheit sich zusam-
mengedrangt fuhlt in der Trane und dem, was damit
verbunden ist. Wir haben aber in anderen Vortragen
auch gesehen, wie das Ich mcht nur an der Empfindungs-
seele, Verstandesseele und Bewufitseinsseele arbeitet,
sondern wie es durch diese Arbeit selbst immer voll-
kommener und starker werden soil. Wir werden daher
leicht begreifen, da£ Lachen und Weinen in gewisser
Weise Erziehungsmittel sein konnen. Indem das Ich sich
zum Lachen erhebt, wird es die Krafte aufrufen seiner
Selbstbefreiung, seines Erhabenseins und Insichgeschlos-
senseins in der Welt. In der Trane kann es sich dazu
erziehen, sich zu verbinden mit dem, wozu es gehort;
und indem es den Mangel fuhlt gegenuber dem, wozu es
gehort, bereichert es sich doch in anderer Weise mit
seiner eigenen Ichheit, indem es sich zusammenprefit.
Oh, im Lachen und Weinen liegen damit zu gleicher Zeit
Erziehungsmittel des Ich und der Krafte des Ich. Das
Ich steigt sozusagen herauf in seiner Freiheit und Zu-
sammengeschlossenheit mit der Welt, indem es sich au-
ftert im Lachen und Weinen. Daher ist es kein Wunder,
daft zu den groften Erziehungsmitteln der menschlichen
Entwickelung diejenigen Produktionen und menschli-
chen Schopfungen gehoren, die gerade auf die Erregung
derjenigen Seelenkrafte hinarbeiten, die dem Lachen und
Weinen zugrunde liegen.
Wir sehen im Trauerspiel, in der Tragodie etwas hinge-
stellt, was tatsachlich den astralischen Leib zusammen-
preftt, um in unser Ich Festigkeit, innere Geschlossenheit
hineinzubringen, wahrend im Lustspiei das hinges tellt
wird, was den astralischen Leib weitet, indem sich der
Mensch erhebt iiber das Torichte, iiber das in sich selbst
Zusammenfallende und dadurch das Ich zur Befreiung
bringen will. Wir sehen, wie es mit der Entwickelung
des Menschen zusammenhangt, daft durch das Trauer-
spiel, das Lustspiei kiinstliche Schopfungen vor seine
Seele hingestellt werden.
Wer die menschliche Natur und Wesenhek auch in
den kleinsten Dingen beobachten kann, der wird sehen,
daft ihn die alltaglichen Erlebnisse auch zum Verstandnis
der groften Tatsachen fiihren konnen. Solche Dinge, die
uns zum Beispiel in der Kunst vor Augen treten, zeigen
uns, daft wir in der menschlichen Natur etwas haben,
was wie ein Pendel hin und her zu schlagen hat zwischen
dem, was in der Trane und was im Lachen sich auftert.
Nur dadurch, daft das Ich in der Bewegung ist, entwik-
kelt es sich weiter. In der ruhigen Pendellage wiirde es
sich nicht vergroftern und weiter entwickeln, wiirde dem
inneren Tode verfallen mussen. Recht ist es fur die
menschliche Entwickelung, daft das Ich sich auf der
einen Seite befreien kann durch das Lachen und auf der
anderen Seite sich selber sucht noch in seinem Verlust, in
der Trane. Allerdings, wenn zwischen zwei Polen der
Ausgleich gesucht werden soil, so mufi er auch gefunden
werden. Daher wird das Ich sich voll finden konnen nur
im Ausgleich, niemals in dem Hinundherpendeln zwi-
schen «himmelhoch jauchzend» und «zu Tode betriibt»;
es wird sich nur finden konnen in der Ruhelage, die
sowohl zu dem einen wie zu dem andern hingehen kann.
Lenker und Leiter seines Daseins mufi der Mensch
allmahlich im Laufe seiner Entwickelung werden. Wenn
wir Lachen und Weinen verstehen, begreifen wir sie
gerade als Geist-Offenbarungen und werden sagen: Der
Mensch wird uns so recht durchsichtig, wenn wir sehen,
wie er sich im Lachen einen aufieren Ausdruck fur ein
inneres Befreiungsgefiihl sucht, und wie sich in der
Trane ein inneres Befestigungsgefuhl ausdriickt, wenn
das Ich in der Aufienwelt etwas verloren hat. - So haben
wir im Lachen und Weinen zwei Pole, an denen sich uns
die Geheimnisse der Welt zum Ausdruck bringen.
Und fragen wir uns: Was ist im letzten Grunde das
Lachen auf dem Menschenantlitz? - so wissen wir, es ist
die geistige Offenbarung dafiir, dafi der Mensch heran-
strebt zur Befreiung, dafi er sich nicht umschlingen lalk
von den Dingen, die seiner nicht wiirdig sind, sondern
sich mit Lacheln im Antlitz erhebt uber das, dessen
Sklave er nie werden darf. Und die Trane auf dem
Antlitz des Menschen ist uns der geistige Ausdruck fur
die geistige Tatsache, dafi der Mensch selbst dann, wenn
er den Faden zerrissen fuhlt zwischen sich und irgend-
einem Wesen der Aufienwelt, diesen Faden noch sucht
im Verlust; da£ er dann, wenn er sein Ich verfestigen
will in der Trane, gerade darin zum Ausdruck bringen
will: Ich gehore der Welt, und die Welt gehort zu mir,
denn ich kann nicht ertragen das Losgerissensein von
der Wek
Nun verstehen wir, wie die Befreiung, die sich iiber
alles Niedere und Bose erhebt, ausgedriickt werden durf-
te durch das «Zarathustra- Lacheln », und wie man sagen
konnte: bei diesem Lacheln jauchzten alle Geschopfe der
Erde, und es flohen die Geister des Bosen! Denn dieses
Lacheln ist das weltgeschichtliche Symbolum der geisti-
gen Erhebung der freien Ich-Wesenheit iiber das, worin-
nen sie nicht verstrickt werden soli. Und alles, was auf
der Erde ist, darf aufjauchzen, wenn das, was seine
Wesenheit ist, sich mit dem Lacheln der Zarathustra-
Wesenheit erheben kann. Dann aber, wenn das Ich einen
Augenblick hat, wo es sagt: Das Dasein ist nichts wert;
ich will nichts mehr gemein haben mit der Welt! - Und
wenn dann in seiner Seele aufzucken soil die Kraft,
welche die Worte zum Bewulksein bringen soil: Die
Welt gehort zu mir, ich gehore der Welt! - dann darf ein
solcher Ausdruck gefunden werden in den Worten Goe-
thes: «Die Trane quillt! Die Erde hat mich wieder!»
Darin wird gefiihlt, dafi wir nicht ausgeschlossen sein
diirfen von allem, was die Erde ist, dafi wir die Zusam-
mengehorigkeit mit der Welt fiihlen diirfen, die sich in
der Trane einen Ausdruck verschafft, wenn sie uns
genommen wird. Das ist berechtigt in den tiefen Ge-
heimnissen der Welt.
Die Zusammengehorigkeit des Menschen mit der Welt
kann uns die Trane auf seinem Antlitz verkiindigen, und
des Menschen Befreiung von allem Niedrigen, das seiner
habhaft werden will, kann uns das Lachen auf seinem
Antlitz verkunden.
WAS 1ST MYSTIK?
Berlin, 10. Februar 1910
Uber den Begriff, durch welchen die Betrachtung des
heutigen Vortrags zusammengefalk wird, herrscht in den
weitesten Kreisen vollstandige Verwirrung. Es ist noch
nicht lange her, da konnte ich von jemand mit einer
gewissen gelehrten Bildung horen: «Nun ja, man kann
Goethe ja auch zu den Mystikern rechnen, denn Goethe
hat doch zugegeben, dafi es etwas Dunkles und Uner-
forschliches gebe.» Und man darf sagen, dafi das Urteil
weiter Kreise im Grunde genommen mit einem solchen
Ausdrucke getroffen ist. Was alles wird in der Welt nicht
«Mystik», was alles insbesondere nicht «mystisch» ge-
nannt! Wenn man von irgendeiner Sache nicht klar
Bescheid weifi, wenn man so etwas hat von ihr, was da
schwebt zwischen Nichtwissen und einer recht unklaren,
dunklen Ahnung, sagt man: diese Sache sei mystisch
oder mysterios; wenn man versucht ist, aus einer gewis-
sen Bequemlichkeit des Denkens und der seelischen
Forschung heraus festzustellen, dafi man uber irgendeine
Sache nichts Rechtes weifi, und dann, wie es fur viele
Menschen selbstverstandlich ist, auch aller Welt verbie-
tet, dariiber etwas zu wissen, dann sagt man: das ist eben
eine mystische Sache. Kurz, eigentlich wird dasjenige,
woriiber man hochstens erlaubt, eine Gefiihlsahnung zu
haben, sehr haufig als der Gegenstand der Mystik be-
zeichnet.
Allerdings wird man, wenn der Ausdruck «Mystik»
auch nur in bezug auf seine historische Herkunft in
71
Betracht gezogen wird, eine ganz andere Anschauung
gewinnen miissen iiber dasjenige, was bedeutsame Gei-
ster der Menschheit unter Mystik verstanden haben, und
was sie vor alien Dingen an der Mystik glauben besessen
zu haben. Man wird dann insbesondere auch bemerken
konnen, dafi es schon menschliche Persdnlichkeiten gibt,
welche den Gegenstand der Mystik nicht etwas Uner-
forschliches und Unklares nennen, sondern welche als
Gegenstand der Mystik gerade dasjenige bezeichnen,
was durch eine gewisse hohere Klarheit, durch ein gewis-
ses helleres Licht unserer Seele zu erringen ist, und daft
da gerade jene Klarheit aufhort, welche die anderen
Wissenschaften geben konnen, wo die Klarheit der My-
stik beginnt. Das ist die Uberzeugung derjenigen, welche
vermeinen, wirklich Mystik besessen zu haben. Nun
treffen wir Mystik in uralten Zeiten der Menschheitsent-
wickelung. Jedoch dasjenige, was zum Beispiel innerhalb
der hier auch schon ofter erwahnten Mysterien, sagen
wir Mysterien der Agypter, Mysterien der asiatischen
Volker und der Griechen, was da Mystik genannt wur-
de, liegt dem heutigen Vorstellungsvermogen und der
ganzen heutigen Vorstellungsart so fern, dafi es etwas
schwierig ist, von vornherein einen Begriff der Mystik
zu geben, wenn man auf diese alten Formen des mysti-
schen Erlebens der Menschen hinweist. Am nachsten
wird man dem gegenwartigen Vorstellen noch kommen,
wenn man zunachst hinweist auf die der Gegenwart
sozusagen noch nahe liegenden Formen der Mystik, wie
sie bei den deutschen Mystikern auftritt, bei Meister
Eckhart angefangen - etwa im 13., 14. Jahrhundert -,
und dann einen gewissen Hohepunkt erreicht in dem
unvergleichlichen Mystiker Angelus Silesius. Wenn wir
die Mystik da aufsuchen, werden wir finden, dafi diese
Mystik ein wirkliches Erkennen der tiefsten Welten-
griinde sucht; und zwar ist das Suchen dieser Mystiker,
die heute noch am besten verstanden werden konnen,
auf eine besondere Art zu denken. Es ist ein Suchen
nach den Gninden des Daseins durch ein rein inneres
Seelenerleben, eine Erkenntnis, welche gesucht wird vor
alien Dingen dadurch, dafi sich die Seele frei macht von
alien Eindriicken der Aufienwelt und au£eren Wahrneh-
mungen, da& sie sich sozusagen zuriickzieht von dem
Leben der Auftenwelt und versucht, hinunterzusteigen
in die tiefen Untergriinde des Seelenlebens. Wenn gleich-
sam ein solcher Mystiker ailes dasjenige vergessen kann
auf lange oder kurze Zeit, was ihm seine Sinne iiberlie-
fern, was ihm der Verstand sagen kann iiber dasjenige,
was ihm die Sinne iiberliefern, wenn er sozusagen ganz
ablenkt die Aufmerksamkeit von aller Auftenwelt und
ganz und gar in der eigenen Seele lebt und dann dasjeni-
ge sucht, was da noch erhalten bleibt und sich noch
erleben lafit, wenn die Seele mit sich ganz allein ist: dann
fuhlt sich ein solcher Mystiker auf dem Wege zu der von
ihm gesuchten Erkenntnis, und er vermeint, durch ein
solches Innenleben dessen, was die Seele in sich selber
erschafft und in sich selber in Tatigkeit zu setzen ver-
mag, nicht nur auf das zu blicken, was man im gewohnli-
chen Leben denken, fiihlen und wollen kann, sondern er
glaubt hinter all dem, was das gewohnliche Denken,
Fiihlen und Wollen ist, den Grund zu erschauen, aus
dem die Seele heraus entsprossen ist: namlich den gott-
lich-geistigen Urgrund der Dinge. Und weil ein solcher
Mystiker in der Seele die wertvollste Form des Daseins
sieht, weil er in der Seele dasjenige sieht, was zunachst
im wahren Sinne des Wortes sich ein Kind der gottlichen
Geistigkeit nennen darf, so glaubt er einen sicheren Weg
zu haben, wenn er durch das gewdhnliche Seelenleben
hindurchblickt auf den Quell, aus dem diese Seele ent-
sprungen ist, und von dem er glaubt, dafi sie zu ihm
auch zuriickkehren mufi. Mit anderen Worten: der My-
stiker ist der Meinung, daft er durch das Versenken ins
innere Seelenleben den gottlichen Weltengrund findet,
den er nicht finden kann, wenn er die aufieren Erschei-
nungen der Natur noch so sehr zergliedert und mit dem
Verstande zu begreifen sucht. Ein solcher Mystiker ver-
meint, dafi dasjenige, was sich den aufieren Sinnen dar-
bietet, einen Schleier bildet, durch den das menschliche
Erkennen nicht unmittelbar durchdringen kann bis zu
den gottlichen Urgriinden; dafi aber dasjenige, was man
in der Seele erlebt, ein viel diinneres Gewebe, ein viel
diinneres Schleiergewebe darstellt, und dafi man auf dem
Wege nach innen vordringen kann zu dem, was der
gottliche Weltengrund ist, der ja auch den aufteren Er-
scheinungen zugrunde liegen mufi. Das ist die Mystik,
die in der Form des Erlebens zunachst sich uns charakte-
risiert als der mystische Weg des Meisters Eckhart, der
Weg des Johannes Tauler und der Weg des Suso; und
dann welter durch die Mystik dieses Zeitalters, bis zu
dem oben genannten Angelus Silesius.
Man muft sich allerdings klar dariiber sein, daft diese
Geister und Personlichkeiten auf solchem Wege des
Erkenntnisstrebens nicht allein glaubten, nur dasjenige
blofi zu finden, was man von vornherein unmittelbar
betrachten konnte als das Ergebnis innerer Seelenfor-
schung. Wir haben uns ja in den Vortragen dieses Win-
ters in der mannigfaltigsten Art und von den verschie-
densten Seiten her mit dieser inneren Seelenforschung
beschaftigt; wir haben darauf hinweisen konnen, dafi,
wenn man hineinblickt in das, was man berechtigt ist,
das menschliche Innere zu nennen, man da zunachst
findet die dunkelsten Untergriinde der Seek, da wo die
Seele noch hingegeben ist den Affekten wie Schrecken,
Furcht, Angst und Hoffnung, was wir die Skala von
Lust und Leid, Freude und Schmerz nennen konnen.
Wir haben gesagt, dafi wir diesen Teil des Seelenlebens
zusammenfassen in dem, was man Empfindungsseele
nennt. Wir haben weiter gesagt, wie nun ferner unter-
schieden werden mufi in dem dunklen Grunde des
menschlichen Seelenlebens das, was man Verstandes-
oder Gemutsseele nennt, in das man gelangt, wenn das
Ich, der Mittelpunkt des Seelenlebens, die aufteren Ein-
driicke verarbeitet, wenn es in stiller Hingabe wirken
und ausgleichen lafit, was in der Empfindungsseele aufle-
ben kann. Wir haben gesagt, dafi das, was man innere
Wahrheit nennt, in der Verstandesseele aufgeht. Wenn
dann das Ich weiter arbeitet in innerer Tatigkeit an dem,
was es gewonnen hat auf diesem Wege zur Verstandes-
seele, dann arbeitet das Ich sich hinauf zur Bewufitseins-
seele, wo erst eine klare Ich-Erkenntnis moglich ist, wo
das moglich ist, was aus einem blofien Innenleben wie-
derum hinauffuhrt zu einem Wissen, zu einem wirkli-
chen Wissen iiber die Welt. So haben wir gleichsam,
wenn wir diese drei Glieder des Seelenlebens uns vor
Augen stellen, das Gewebe dessen, was wir finden, wenn
wir uns zunachst unmittelbar in unser Inneres versen-
ken. Wir finden, wie das Ich an diesen drei Seelenglie-
dern arbeitet.
Diejenigen, die als Mystiker Erkenntnis gesucht haben
in der angegebenen Art, die glaubten allerdings noch
etwas anderes zu finden durch das Untertauchen in die
Tiefe des Seelenlebens. Fur sie war das, was eben ge-
nannt wurde, nur eine Art Schleiergewebe, durch das
man hindurch mu£, um zu dem Quell des Daseins zu
gelangen. Und vor alien Dingen glaubten diejenigen, die
genannt worden sind, wenn sie zu dem Quell des Seelen-
daseins gelangen, dann wiirden sie als inneres Erlebnis
dasjenige durchmachen, was in der aufieren Geschichte
dargestellt wird als das Ereignis des Christus-Lebens
und Christus-Sterbens.
Nun liegt ja allerdings folgendes vor, wenn diese
mystische Vertiefung auch nur im mittelalter lichen Sinne
in der Seele stattfindet: Der Gang eines solchen Mysti-
kers ist der, daft er zunachst der Auftenwelt gegeniiber-
steht mit den mannigfaltigsten Eindriicken auf das Ge-
sicht, Gehor und andere Sinne. Er sagt sich: Ich habe die
Licht-, Farben-, Ton- und Warmewelt und alles das vor
mir, was mir meine Sinne ixberliefern; und ich bearbeite
zunachst dasjenige, was mir meine Sinne iiberliefern
durch meinen Verstand. Da bin ich aber immer an die
Auftenwelt hingegeben, da kann ich nicht durch das
dichte Gewebe durchdringen bis zu dem Quell, aus dem
das stammt, was sich mir als Tone, Farben und Empfin-
dungen darlegt. Meine Seele aber behalt in ihren Vorstel-
lungen dasjenige zuriick, was Bilder dieser Aufienwelt
sind, meine Seele behalt vor alien Dingen auch dasjenige
in sich, was sie wahrend der Eindriicke empfunden und
gefiihlt hat. Die Eindriicke der Aufienwelt bleiben ja fur
unsere Seelenwelt nicht das, was wir kalte, niichterne
Vorstellungen nennen konnen. Denn das eine beriihrt
uns so, dafi wir mit Lust, das andere so, dafi wir mit
Schmerz erfullt werden; das eine beriihrt uns mit Sympa-
thie und das andere mit Antipathic Mit unseren Interes-
sen und mit unserem ganzen Innenleben weist uns sozu-
sagen unser Ich auf die Welt, die auf uns Eindriicke
macht, welche uns bald erheben und bald erdriicken, so
dafi, wenn wir uns als Mystiker zunachst abwenden von
dieser Aufienwelt, wir zuriickbehalten die Vorstellungen
und Erinnerungen, die uns innere Bilder geben von der
Aufienwelt, aber auch das, was wir in unseren Empfin-
dungen und Gefiihlen als den subjektiven Eindruck von
der Aufienwelt empfangen haben. Da stehen wir nun mit
all dem, so wiirde der Mystiker sagen, was die Aufien-
welt in uns hineingewirkt hat. So leben wir zunachst mit
dem, was die Aufienwelt in der Seele vom Morgen bis
zum Abend erzeugt, und dem, was als Lust und Leid in
unserer Seele auflebt. So erscheint uns das innere Leben
zunachst als eine Wiederholung und Abspiegelung des
aufieren Lebens.
Bleibt unsere Seele nun leer, wenn sie sich bemuht,
alles das zu vergessen, was von der Aufienwelt in ihr
gespiegelt wird, wenn sie alle Eindrucke und Vorstel-
lungen der Aufienwelt tilgt? Das eben ist das Erleben des
Mystikers, da£ es fur die Seele eine andere Moglichkeit
gibt: daft diese Seele, wenn sie sozusagen vergifit nicht
nur alle Erinnerungen, sondern auch alles, was sie als
Sympathie und Antipathie fuhlt, dann noch eine Mog-
lichkeit hat, dafi in ihr noch etwas da ist. So fuhlt der
Mystiker, dafi die Eindrucke der Aufienwelt mit den
bunten Bildern und ihren Wirkungen auf die Seele, dafi
diese zunachst das Lebendige sind, was uns hinnimmt in
unserem Innenleben; dafi die etwas erdruckt haben, was
in den geheimen Untergriinden der Seele vorhanden ist.
Das fuhlt der Mystiker. Er sagt sich: Wenn wir dem
Auftenleben hingegeben sind, dann wirkt dieses Leben in
der Aufienwelt wie ein starkes, machtiges Licht, das die
feineren, inneren Seelenerlebnisse iiberleuchtet und aus-
loscht, wie ein starkes Licht ein geringeres Licht aus-
loscht. Und dann, wenn wir alle die Eindrucke der
Aufienwelt tilgen, dann leuchtet auf das sonst iiberleuch-
tete innere Fiinklein, wie Eckhart sich ausdriickt - dann
erfahren wir in unserer Seele nicht ein Nichts, sondern
wir erfahren dann in der Seele etwas, was vorher schein-
bar nicht vorhanden war, was unwahrnehmbar gewesen
ist durch das laute Getose der Auftenwelt.
Aber das, was wir in unserem Inneren erleben, lafit
sich das, so fragt sich der Mystiker, wenn er sich selber
klarwerden will, vergleichen mit dem, was wir in der
Aufienwelt erleben? Nein, das lafit sich damit nicht
vergleichen. Das unterscheidet sich radikal von dem, was
wir in der Aufienwelt erleben. Allen Dingen der Auften-
welt stehen wir ja so gegemiber, dafi wir zunachst in ihr
Inneres nicht hineindringen konnen, dafi sie uns wirklich
nur ihre Aufienseite darbieten. So dafi wir denken kon-
nen: wenn wir auch blo£ die Farben und Tone wahr-
nehmen, hinter ihnen steckt etwas, was zunachst als das
Verborgene der Dinge angesehen werden muft; bei dem
aber, was wir in der Seele erleben, wenn wir die Ein-
driicke und Vorstellungen der Aufienwelt tilgen, bei
dem liegt es so, dafi wir selber darinnen stecken, dafi wir
es selber sind, dafi wir nicht sagen konnen, es zeigt uns
nur seine Aufienseite. Denn gerade das, was sonst macht,
dafi wir ein verborgenes Inneres vermuten konnen, das
fallt weg beim wirklichen inneren Erleben. Und wenn
wir nun die Gabe haben, dafi wir uns dem hingeben, was
da im Innern aufleuchtet, dann zeigt es sich in seiner
wahren Wesenheit so, dafi es sich wiederum unter-
scheidet gegeniiber all dem, was uns in der Aufienwelt
entgegentritt. Das letztere zeigt sich uns so, dafi es
entsteht und vergeht, dafi es aufbluht und verwelkt, dafi
es geboren wird und stirbt. Wenn wir aber dieses beob-
achten, was in der Seele sich zeigt, wenn jenes kleine
Fiinklein anfangt zu leuchten, so merken wir in der
Sache selber, dafi alle die Begriffe von Entstehen und
Vergehen, Geburt und Tod darauf nicht anwendbar
sind; dafi uns etwas Selbstandiges entgegentritt, dem
gegeniiber alle Begriffe von Entstehen und Vergehen,
von Bliihen und Welken, von Aufien und Innen, die uns
in der Aufienwelt begegnen, keinen Sinn mehr haben. So
ergreifen wir nicht eine Oberflache, eine Aufienseite der
Offenbarung des Dinges in der Seele, sondern wir ergrei-
fen das Ding selber in seiner wahren Wesenheit, und
gerade dadurch konnen wir durch diese innere Erkennt-
nis dazu kommen, Burgschaft zu erlangen von dem, was
in uns selber unverganglich ist, was in uns selber gleich
ist dem, was wir uns als den Begriff des Geistes bilden
miissen, in dem alle Materie ihren Urgrund hat. Dieses
Erlebnis empfindet nun der Mystiker so, dafi er sagt:
Also mufi ich in mir ertoten, in mir iiberwinden alle die
Erlebnisse, die ich sonst habe; sterben mull in mir das
gewohnliche Seelenleben und Tod mufi sich ausbreiten;
dann steigt herauf die wahre Seele, die Siegerin iiber
Geburt und Tod. Und diese Erweckung des inneren
Seelenkernes nach dem Tode des gewohnlichen Seelenle-
bens, das empfindet der Mystiker wie eine innere Auf er-
weckung, wie ein Nachleben dessen, was ihm vorgestellt
wird in dem Bilde, das die Geschichte iiberliefert im
Leben, Sterben und Auferstehen des Christus. So sieht
der Mystiker in sich selber seelisch-geistig ablaufen das
Christus-Ereignis als inneres mystisches Erlebnis.
Nun miissen wir uns, wenn wir den Mystikern folgen
auf dies em Pfade, klar sein dariiber, dafi Mystik, so
betrieben, iiberall hinfiihren mufi zu dem, was man
nennen kann eine gewisse Einheit in allem Erleben. Das
liegt eben in der Natur unseres Seelenlebens, dafi wir aus
der Mannigfaltigkeit der Sinnesimpulse, aus der Mannig-
faltigkeit der auf und ab wogenden Wahrnehmungen
und Gefuhle, aus der Mannigfaltigkeit und Fiille der
Gedanken heraus zur Vereinfachung vorschreiten, und
zwar aus dem einfachen Grunde, weil in der Seele das
Ich lebt, das Zentrum des Lebens, das immer daran
arbeitet, Einheit zu schaffen in unserem ganzen Seelen-
leben. So dafi wir uns sagen mussen: Es ist uns ganz
erklarlich, dafi, wenn der Mystiker die Pfade der Seelen-
erlebnisse beschreitet, sich ihm diese so darstellen, dafi
alles Mannigfaltige und alles Viele nach der Einheit
hinstrebt, die einfach durch das in unserem Innern le-
bendige Ich gegeben ist. Daher werden wir bei alien
Mystikern eine Weltanschauung ausgepragt finden, wel-
che man geistigen Monismus nennen konnte, ein Streben
nach der Einheit. Und da der Mystiker sich bis zu der
Erkenntnis erhebt, da£ das innere Seelenwesen Eigen-
schaften hat, die radikal verschieden sind von den Eigen-
schaften der aufierlich sich offenbarenden Welt, so erlebt
er sozusagen auch in seinem Innern die Gleichartigkeit
des sen, was in der Seele als ihr Kern ist, mit dem
gottlich-geistigen Weltengrund, den er daher als einen
einheitlichen darstellt.
Was jetzt erzahlt worden ist, soli nur als eine Erzah-
lung hingenommen werden. Es ist unmoglich, die Aussa-
gen eines Mystikers anders im neuzeitlichen Sinne wie-
derzugeben, als etwa von einem mystischen Erlebnis aus,
von den mystischen Erlebnissen aus, die eben die eigene
Seele als ureigenste Erfahrung durchmacht. Da kann
man dann das Fremde, was der Mystiker uns erzahlt,
vergleichen mit den eigenen Erlebnissen. Aber eine aufie-
re Kritik ist unmoglich, weil man sich nur erzahlen
lassen kann, was erlebt wird, wenn man es nicht selbst
erlebt hat. Aber es stellt sich uns, wenn wir von dem
Gesichtspunkte ausgehen, der immer unseren Vortragen
zugrunde gelegen hat, ein klarer Weg hin, den der
Mystiker beschreitet. Es stellt sich fur unsere Seele der
Weg nach dem Innenleben dar; und das ist zunachst,
wenn wir die Dinge auch nur geschichtlich betrachten,
wie sie sich in der Menschheitsgeschichte ergeben haben,
eben einer der Wege. Wenn man auch diesen oder jenen
fur richtig halt, es ist einer der Wege, den der mensch-
liche Geist zur Erforschung der Dinge ergriffen hat, und
man wird sich iiber die eigentliche Antwort auf die
Frage: Was ist Mystik? - nur Klarheit verschaffen kon-
nen, wenn auch ein wenig hineingeleuchtet wird auf den
anderen Weg, der eingeschlagen werden kann. Den My-
stiker fuhrt sein Weg zur Einheit, zu einem gottlich-
geistigen Wesen. Das hat sich ihm ergeben dadurch, daft
er den Weg nach innen einschlug, wo das Ich die Einheit
der Seelenerlebnisse ist. Der andere Weg, an dem sozusa-
gen das mystische Erforschen des Daseins oder der
Daseinsgriinde beleuchtet werden muft, das ist der Weg,
den der Menschengeist doch immer versucht hat - durch
den Schleier der Aufienwelt zu dringen nach den Griin-
den des Daseins. Da ist es vor alien Dingen neben vielem
anderen die menschliche Gedankenarbeit gewesen, wel-
che versucht hat, durch das, was die Sinne sehen konnen,
und durch das, was der Alltagsverstand begreifen kann,
im tieferen Denken doch dasjenige zu begreifen, was so
unter der Oberflache der Dinge Iiegt. Wohin kommt
naturgemaft im Gegensatz zur Mystik zuletzt ein solcher
Weg? Ein solcher Weg kann eigentlich, wenn man alle
Verhaltnisse, die dabei in Betracht kommen, beriick-
sichtigt, im Grunde genommen zu nichts anderem fiih-
ren, als aus der Vielheit und der Mannigfaltigkeit der
aufteren Erscheinungen zuriickzuschlieften auch auf eine
Vielheit der geistigen Untergriinde des Daseins. Darum
finden in den neueren Zeiten die Menschen, welche, wie
etwa Leibniz oder spater Herbart, durch das Denken
diesen Weg betreten haben, daft es nicht angeht, aus
irgendeiner Einheit heraus die Fiille der aufteren Erschei-
nungen zu erklaren. Sie fanden kurz dasjenige, was man
als den wahren Gegensatz aller Mystik bezeichnen mufi :
sie fanden die Monadologie, sie kamen dazu, die Welt
anzusehen, oder sagen wir, das Reich der Urgriinde der
Welt anzusehen als eine Vielheit von Monaden, von
geistigen Wesenheiten.
So sagt sich Leibniz, der grofte Denker des 17. und 18.
Jahrhunderts: Wenn wir da hinblicken auf das, was uns
im Raum und in der Zeit entgegentritt, so kommen wir
nicht mehr zurecht, wenn wir glauben, daft das aus einer
Einheit stammt; da miissen viele Einheiten zusammen-
wirken.
Und durch die gegenseitige Tatigkeit der Monaden,
die er sich geistig vorstellt, durch die Tatigkeit einer
Monadenwelt kommt das zustande, was dem Auge, dem
Ohr und den aufteren Sinnen sich darbietet. Es kann
heute nicht ausgefiihrt werden, aber einer tieferen Be-
trachtung der Entwickelung des Geistes wiirde sich erge-
ben, daft alle diejenigen, welche Einheit auf dem Wege
nach auften suchten, zunachst im Grunde genommen
sich einer Tauschung hingaben, der Tauschung, daft sie
das, was nur im Innern mystisch erlebt wird, die Einheit,
nach auften warfen wie eine Projektion oder eine Art
Schattenbild und glaubten, die Einheit, die sie durch den
Weg nach innen fanden, die liege auch durch das Den-
ken erreichbar der Auftenwelt zugrunde und ware dort
auch zu finden. Ein gesundes Denken findet aber keine
Moglichkeit, in der Aufienwelt durch das Denken zur
Einheit zu kommen, sondern findet, dafi das, was uns da
in bunter Mannigfaltigkeit entgegentritt, durch das Zu-
sammenwirken und Einflieften von verschiedenen We-
senheiten, die sich gegenseitig beeinflussen, zustande
kommen mufi durch Monaden. So fiihrt Mystik zur
Einheit, weil das Ich in unserem Innern arbeitet als ein
Einheitliches; weil es als Zentrum der Seele arbeitet. So
fiihrt der Weg durch die Aufienwelt notwendigerweise
zur Vielheit, zur Monadologie, sozusagen zur Anschau-
ung, dafi viele Geistwesen zusammenwirken miissen, um
unser Weltbild zustande zu bringen, weil wir von vorn-
herein als menschliche Beobachter der Welt, wenn wir
nach aufien blicken, durch eine Vielheit von Organen
und eine Vielheit von einzelnen Beobachtungen uns die
Erkenntnis der Aufienwelt verschaffen.
Hier kommen wir an einen Punkt, der einmal ausge-
sprochen werden darf , der von einer grenzenlosen Wich-
tigkeit und Bedeutung ist, der aber sozusagen in der
Geschichte des Geisteslebens nur allzuwenig beriick-
sichtigt worden ist: Mystik fiihrt zur Einheit; aber die
Tatsache, dafi sie das gottliche Grundwesen als Einheit
erkennt, riihrt von der inneren Seelenverfassung, von
dem Ich her. Das Ich driickt seinen Stempel der Einheit
auf, wenn man den gottlichen Geist ansieht als Mystiker.
Das Schauen nach der Aufienwelt fiihrt zur Vielheit der
Monaden. Aber nur unser Anschauen und die Art und
Weise, wie die Aufienwelt uns entgegentritt, fiihrt zur
Vielheit, und daher schauen Leibniz und Herbart die
Untergriinde der Welt in einer Vielheit. Das, was sich
durch ein tieferes Forschen aus dieser Tatsache ergibt,
ist, dafi Einheit und Vielheit Begriffe sind, die gar nicht
angewendet werden diirfen da, wo man eigentlich den
gottlich-geistigen Weltengrund vermutet; dafi Einheit
und Vielheit etwas sind, was uns gar nicht dienen soil
zur Charakteristik des gottlich-geistigen Weltengrundes;
dafi dieser gottlich-geistige Weltengrund nicht dadurch
charakterisiert werden kann, wenn er in seiner Wesen-
heit charakterisiert werden soil, dafi wir sagen, er sei ein
einheitlicher, oder dafi wir sagen, er sei ein monadologi-
scher, ein vielheitlicher. Sondern wir miissen sagen, er ist
erhaben iiber das, was Einheit und Vielheit zunachst
sind; Vielheit und Einheit sind Begriffe, die gar nicht
dahin reichen, wo das Gottlich-Geistige zu fassen ist.
Damit wird allerdings ein Gesetz ausgesprochen, wel-
ches Licht werfen kann auf vieles, was man Streit nennt
in der Weltanschauung, den Streit zwischen Monismus
und Monadologismus. Sie treten so oft als Gegensatz in
den Weltanschauungen auf. Wiirden diejenigen, die da
streiten und diskutieren, sich bewulk sein, dafi sie mit
unzulangiichen Begriffen gegeniiber dem Weltengrund
arbeiten, dann erst wiirden sie das richtige Licht werfen
auf den Gegenstand ihrer Diskussion.
Wir haben nun sozusagen gefunden, worin das Wesen
der eigentlichen Mystik besteht. Wir konnen sagen: es
ist ein inneres Erleben, aber ein so geartetes inneres
Erleben, dafi es den Mystiker zu einer wirklichen Er-
kenntnis fiihren soil. Darf er auch nicht sagen, daft es
Wahrheit ist, wenn er den Gegenstand seines Erlebens
als Einheit bezeichnet, weil die Form der Einheit nur aus
dem eigenen Ich kommt, so darf er doch immerhin
sagen, daft er als ein Darinnenstehender die geistige
Substantiality in sich erlebt.
Wenn wir nun von dieser allgemeinen Darstellung und
Charakteristik der Mystik zu den einzelnen Mystikern
iibergehen, dann finden wir gar haufig dasselbe, worauf
sich ja die Gegner aller Mystik berufen. Da finden wir,
da£ jenes innere Erleben in der einzelnen Individualist,
in der einzelnen Personlichkeit eben auch individuelle
Formen annimmc; das heifit, dafi die Erlebnisse, die
inneren Seelenerfahrungen des einen Mystikers nicht
vollig zusammenstimmen mit den Seelenerfahrungen des
anderen Mystikers. Nun braucht man sich iiber diese
Tatsache bei einem klaren Denken nicht sonderlich zu
verwundern, denn dadurch, dafi zwei Menschen etwas
Verschiedenes erleben, folgt noch gar nicht, dafi die
Sache falsch sei, iiber die sie sprechen. Wenn einer einen
Baum von rechts, ein anderer denselben Baum von links
ansieht und sie beschreiben ihn, so wird es derselbe
Baum sein, aber jeder wird ihn anders beschreiben, und
doch kann jede Beschreibung wahr sein. Aus diesem
einfachen Bilde kann man auch verstehen, warum die
Seelenerfahrungen der einzelnen Mystiker verschieden
sind: der Mystiker tritt ja nicht als eine sozusagen
absolut leere Tafel vor sein Innenerleben. Wenn es auch
sein Ideal ist, die aufieren Erlebnisse abzutoten und
auszutilgen und die Aufmerksamkeit von ihnen vollig
abzuziehen, so ist es doch so, dafi die aufieren Erlebnisse
in ihm einen Seelenrest lassen, und daft es nicht gleich-
gultig ist, ob einer, der Mystiker wird, dieses oder jenes
erlebt hat. Es bleibt schon von Einflufi, ob der Mystiker
aus diesem oder jenem Volkscharakter herausgewachsen
ist, ob er dieses oder jenes im Leben erfahren hat. Wenn
er jetzt auch alles das, was er erfahren hat, aus der Seele
herauswirft, so wird dennoch, was er innerlich erlebt,
einen Ausdruck erhalten von dem, was er vorher erlebt
hat. Er mufi es auch beschreiben mit Begriffen und Ideen
und Worten, die er hereinbringt aus seinem bisherigen
Leben. Es kann bei verschiedenen Mystikern durchaus
dasselbe sein, was sie erleben, auch wenn sie es mit
verschiedenen Mitteln der vorherigen Erlebnisse be-
schreiben. Und erst fiir den, der imstande ist, durch
selbsteigenes inneres Erleben abzusehen von dem, was
Individuelles an der Beschreibung und Darstellung
ist, fiir den wird es moglich sein, doch zu erkennen,
daft, wenn sich die verschiedenen Mystiker noch so
verschieden ausdriicken, das was sie erleben, das Re-
ale der Erfahrung, im Grunde genommen doch das glei-
che ist; gerade so, wie wenn man einen Baum von ver-
schiedenen Seiten photographiert, diese Photographien
verschieden aussehen und doch derselbe Baum zugrun-
de liegt.
Ein anderes aber gibt es, was allerdings in einer gewis-
sen Weise ein Einwand ist gegen mystisches Erleben;
und da hier nicht aus einer Sympathie oder Antipathie
geschildert werden soli, sondern in objektiver Darstel-
lung, so darf nicht verschwiegen werden, daft dieser
Einwand berechtigt ist gegen alle Mystik. Dadurch, daft
das mystische Erleben ein intimes inneres Seelenerleben
sein muft, und der Mystiker den Rest mit hineinnimmt,
der von seinen individuellen Erlebnissen und Erfah-
rungen, bevor er Mystiker geworden ist, herruhrt, so
wird es in der Regel aufterordentlich schwierig sein, daft
dasjenige, was ein Mystiker sagt, weil es so sehr an die
eigene Seele gebunden ist, richtig verstanden und iiber-
haupt von einer anderen Seele voll aufgenommen werden
kann. Das Intimste wird immer bis zu einem Grade
intim bleiben miissen in aller Mystik und wird sich
aufterordentlich schwer mitteilen lassen; selbst dann,
wenn man einen noch so hohen Grad des Verstandnisses
und Entgegenkommens dem Mystiker entgegenbringt,
wird es schwierig sein. Warum? Das wird aus dem
Grunde der Fall sein, weil zwar das, was verschiedene
Mystiker wahrend ihres mystischen Erlebens erfahren,
dasselbe ist, wenn nur beide Mystiker weit genug vorge-
schritten sind - und derjenige, der den guten Willen hat,
sich eine Uberzeugung davon zu verschaffen, der wird
schon erkennen, daft beide Mystiker auf dasselbe hinwei-
sen daft es aber ein anderes ist, was der eine Mystiker
und der andere vor seinem mystischen Erlebnis erlebt
hat. Daher - weil das mystische Erlebnis gefarbt wird
durch das vorhergehende Erleben -, daher werden die
Ausdriicke, das Geprage der Darstellung, die gerade
nicht aus dem mystischen Erleben, sondern aus dem
vormystischen Leben des Mystikers stammen, uns im-
mer etwas unverstandlich bleiben, wenn wir uns nicht
auch bemiihen, den Mystiker so aufzufassen, daft wir
eingehen auf sein vormystisches Erleben; daft wir uns
eine Anschauung verschaffen, warum er seine mysti-
schen Erlebnisse gerade so darstellt. Dadurch wird aber
der Blick abgelenkt von dem allgemeinen Giiltigen zu
einem personlichen Interesse an dem Mystiker. Das ist
nun eine Tats ache, die wir auch in gewisser Beziehung in
der Entwickelungsgeschichte der Mystik beobachten.
Wir konnen sagen, daft wir gerade bei den intimsten
Mystikern absehen miissen davon, daft sozusagen das,
was sie hinstellen als ihre Erkenntnis, so wie es ist, auch
auf einen anderen iibertragen und von ihm angenommen
werden kann. Es kann schwer verallgemeinert werden,
es kann sozusagen die mystische Erkenntnis nicht leicht
allgemeine Welterkenntnis werden.
Um so starker kann aber gerade das Interesse an der
Individuality, an der Personlichkeit des Mystikers wer-
den, und wir konnen unendlich reizvoll finden, die
mystische Personlichkeit zu betrachten, insofern sich in
ihr das allgemeine Weltbild spiegelt. So wird gewisser-
mafien das, was der Mystiker darstellt, und was doch
von ihm nur deshalb geschatzt wird, weil es ihn zu den
Untergriinden und Quellen des Daseins fiihrt, uns von
einem geringeren Interesse sein in bezug auf das Objekti-
ve, was es uns iiber die Welt sagt; und es wird uns
gerade interessant mit Bezug auf den einzelnen Men-
schen, mit Bezug auf das Subjektive, das heifit auf die
mystische Individuality. Fur den also, der den Mystiker
mit seiner Mystik betracbtet, ist eigentlicb gerade das
wertvoll, was der Mystiker selber iiberwinden will, das
Personliche, das Unmittelbare, wie er der Welt gegen-
iibersteht. So konnen wir allerdings unendlicb viel iiber
die Tiefe der menschlichen Natur erfahren, wenn wir
sozusagen die Menschheitsgeschichte betrachten, von
Mystiker zu Mystiker schreitend; aber es wird uns
schwerfallen - das kann nie genug betont werden - zu
sagen: dieser oder jener Mystiker liefert uns dieses oder
jenes, was fur uns, so wie er es sagt, unmittelbare
Giiltigkeit haben kann.
Da stellt sich vielleicht doch objektiv der Mystik
gegeniiber die Monadologie, welche darauf ausgeht, die
alien Menschen gemeinsame Aufienwelt denkend zu be-
trachten. Daher hat man auch das Gefuhl gegeniiber
diesen monadologischen Systemen, daft zwar in ihnen
Irrtum iiber Irrtum vorkommen kann, daft man aber
iiber sie diskutieren und nach seinem subjektiven Ent-
wickelungsstandpunkt etwas daruber ausmachen kann.
Ein Irrtum des Monadologen ware in diesem Sinne
wenigstens nur nach seiner Entwickelungsstufe denkbar.
So kann also die Mystik, die zunachst hier geschildert
worden ist, unendlich reizvoll sein, aber wir werden
doch ihre Grenze ganz objektiv ins Auge fassen, wenn
wir das auf die Seele wirken lassen, was zu ihrer Charak-
teristik eben jetzt gesagt worden ist.
Eine andere Beleuchtung erfahrt dasjenige, was das
Wesen der Mystik ist, dann, wenn wir es messen an
dem, was wir sozusagen aus dem tieferen Geistesleben
unserer Gegenwart heraus gewinnen als die eigentliche
geisteswissenschaftliche Methode, zu den Urgriinden des
Daseins vorzudringen. Man versteht ja in der Regel eine
Sache, die gewisse Schwierigkeiten durch die Feinheit
ihrer Begriffe macht, dann erst richtig, wenn man sie
abmessen kann an etwas anderem, das ihr verwandt ist.
Es ist hier oft in den Vortragen gesagt worden, daft es
einen Aufstieg zu den hoheren Welten gibt. Wir haben
hier in gewisser Beziehung einen dreifachen Weg. Wir
haben hingedeutet auf den Weg nach auften und dann
auf den Weg nach innen, den nicht die Mystiker der
alten Mysterien, wohl aber die mittelalterlichen Mystiker
eingeschlagen haben, und hierbei haben wir beim letzte-
ren klarstellen konnen, wo seine Grenzen liegen. Wir
wollen nun von den beiden den Blick abwenden zu dem,
was hier als der eigentlich geisteswissenschaftliche oder
geistig-forscherische Weg bezeichnet werden kann.
Es ist schon gesagt worden, daft diese geisteswissen-
schaftliche Erkenntnis darin besteht, daft der Mensch
nun nicht einfach einen Weg einschlagt, entweder nach
auften zu den Untergriinden dessen, was sich fur die
Sinne offenbart, also zu den Monaden; oder nach innen
zu dem, was sich als die Untergriinde des eigenen Seelen-
lebens darlebt, zur mystischen Einheit der Welt; sondern
es wurde betont, daft die geisteswissenschaftliche Metho-
de darin besteht, daft gesagt wird, der Mensch kann
nicht nur Wege gehen, welche ihm seine unmittelbar
vorhandene Erkenntnis moglich macht, sondern er hat in
sich verborgene, schlummernde Erkenntniskrafte; und er
findet von diesen ausgehend dann andere Wege als die
beiden angegebenen. Was tut derjenige, der einen der
beiden gekennzeichneten Wege geht? Er sagt: Nun, ich
bleibe als Mensch wie ich bin; so bin ich geworden. Ich
kann hinausgehen und versuchen, den Schleier der Sin-
neswelt zu durchdringen und vordringen bis zu den
Untergriinden des Daseins; ich kann austilgen die AuEen-
erlebnisse und dann auferstehen lassen das Fiinklein, das
von der Auftenwelt nur ubertont und iiberleuchtet wird,
das sich sonst der Aufmerksamkeit entzieht. Aber was
der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zugrunde liegt,
ist das, dafi der Mensch nicht mit seinen Erkenntnis-
kraften bleiben will, was er ist, sondern dafi er sagt: So
wahr ich mich entwickelt habe zu dem, was ich heute
bin, so wahr kann ich mich zunachst selber, wenn ich
nur die entsprechende Methode anwende, in meiner
Seele entwickeln, kann hohere Erkenntniskrafte entwik-
keln, als ich sie schon habe. Wiirde man etwa das, was
jetzt gesagt worden ist, mit der mystischen Art des
Erkennens zusammenstellen, wiirde man sagen mussen:
Gewifi, man kann, wenn man das aufiere Seelenleben
austilgt, dazu kommen, dafi man das innere Fiinkchen
finden kann und beobachtet, wie es dann leuchtet und
wie es auflebt, wenn man das andere vertilgt hat; aber
eben doch nur beobachtet, was schon da ist. Geisteswis-
senschaftliche Forschung aber wiirde dem Mystiker sa-
gen: Nein, nicht blofi das tun wir; wir kommen schon
zu dem Fiinkchen, aber bleiben nicht dabei stehen,
sondern suchen die Methoden herbeizuschaffen, die die-
ses Fiinkchen zu einem viel starkeren Licht entfalten
konnen. Wir nehmen den Weg nach aufien und nach
innen; wir entwickeln neue Erkenntniskrafte, gehen also
nicht sogleich den Weg nach aufien oder nach innen. Die
neuere geisteswissenschaftliche Forschung charakterisiert
sich im Gegensatz zu der Mystik des Mittelalters wie
auch zur Monadologie und den alten Mysterienlehren
dadurch, dafi sie so die inneren Erkenntniskrafte entwik-
kelt, dafi die beiden Wege, der Weg nach aufien und der
Weg nach innen zu dem Fiinkchen des Mystikers, mit-
einander vereinigt werden, dafi ein Weg gegangen wird,
auf welchem man zu dem einen und anderen Ziele auf
gleiche Weise kommt. Wieso das?
Das kommt dadurch zustande, dafi die Entwickelung
der hoheren Erkenntniskrafte durch eine Methode der
neueren Geisteswissenschaft den Menschen fuhrt iiber
drei Erkenntnisstufen. Die erste Erkenntnisstufe, die
iiber das gewohnliche Erkennen hinausgeht, nennt man
imaginatives Erkennen. Die zweite Stufe ist das inspi-
rierte Erkennen, und die dritte Stufe ist das, was man im
wahren Sinne intuitives Erkennen nennt. Wie kommt
nun die erste Erkenntnisstufe zustande? - Was macht
man da in der Seele, um hohere Erkenntniskrafte zu
entwickeln? An der Art, wie sie zustande kommt, kon-
nen Sie ersehen, wie sich Monadologie und Mystik
durch diesen Erkenntnisweg der neueren geisteswissen-
schaftlichen Forschung iiberwindet. Das Beispiel, wel-
ches besonders leicht hineinfuhrt in das Begreifen der
imaginativen Erkenntnis, ist hier schon ofter erwahnt
worden. Es ist eben ein Beispiel aus den Methoden, die
der Geisteswissenschafter auf sich anwendet; es ist ein
Beispiel unter vielen, das man am besten darstellt, wenn
man das, was geschieht zwischen Lehrer und Schiller, in
einen Dialog fafit.
Der Lehrer, welcher in einem Schuler jene hoheren
Erkenntniskrafte erziehen wollte, welche zur Imagina-
tion fuhren, der wiirde so zu dem Schiiler sagen: Sieh dir
die Pflanze an, sie wachst aus dem Boden heraus und
entfaltet Blatt nach Blatt bis zur Bliite. Diese Pflanze
vergleiche mit dem Menschen, wenn er vor dir steht.
Dieser Mensch hat etwas voraus vor der Pflanze; er hat
das voraus, dafi sich die Welt in ihm in seinen Vorstel-
lungen, Gefiihlen und Empfindungen spiegelt; er hat das
voraus, was man menschliches Bewufksein zu nennen
hat. Aber er hat sich dieses menschliche BewuEtsein mit
etwas erkaufen mussen; namlich damit, dafi er aufneh-
men mufke auf seinem Wege zum Menschen herauf
Leidenschaften, Triebe und Begierden, die ihn in Irrtum,
Unrecht und in das Bose hineinfuhren konnen. Die
Pflanze wachst sozusagen nach den ihr eingeborenen
Gesetzen, sie entfaltet ihr Wesen nach diesen eingebo-
renen Gesetzen, und sie steht vor uns in ihrer griinen
Saftigkeit keusch, ohne daft wir ihr zuschreiben konnen,
wenn wir nicht Phantasten sind, Leidenschaften, Triebe
und Begierden, die sie ablenken konnen von dem richti-
gen Wege. Betrachten wir nun aber das, was der aufiere
Ausdruck ist des menschlichen Bewufitseinslebens, des
menschlichen Ich - wenn wir das Blut betrachten, wie es
den Menschen durchkreist wie der griine Chlorophyll-
saft die Pflanze, dann mussen wir sagen: Das Blut
durchpulst und durchkreist den Menschen, indem es ein
Ausdruck ist ebenso fur seine Erhebung zu hoheren
Bewulkseinsstufen wie auch seiner Leidenschaften und
Begierden, die ihn herunterziehen. Und jetzt konnte der
geisteswissenschaftliche Lehrer zu seinem Schiiler sagen:
Stelle dir vor, daft der Mensch sich weiter entwickelt,
daft der Mensch durch sein Ich Herr wird iiber Irrtum,
Boses und Hafiliches, iiber alles das, was ihn herunter-
ziehen will in das Bose, da£ er lautert und reinigt seine
Affekte und Leidenschaften. Stelle dir ein reales Ideal
vor, dem der Mensch zustrebt, und wo dann sein Blut
nicht mehr der Ausdruck sein wird irgendwelcher Lei-
denschaften, sondern dessen, was in ihm selber Herr ist
iiber alles das, was ihn herunterziehen kann; dann lalk
sich sein rotes Blut vergleichen mit dem, was aus dem
griinen Pflanzensaft selbst bei der roten Rose geworden
ist. Wie die rote Rose uns darstellt den Pflanzensaft in
keuscher Reinheit, uns auf einer vollkommeneren Stufe
vor Augen bringt, was die Pflanze auf einer unvollkom-
meneren darstellt, so wiirde uns das rote Blut beim
gelauterten und gereinigten Menschen dasjenige darstel-
len, was es ist, wenn der Mensch Herr iiber alles Herab-
ziehende geworden ist.
Diese Empfindungen und Vorstellungen kann der Gei-
steslehrer in dem Gemiit, in der Seele des Geistesschii-
lers erwecken. Wenn nun der Geistesschiiler kein trocke-
ner, niichterner Schiiler, kein Stock ist, wenn er empfin-
den und fiihlen kann das ganze Geheimnis, das in einem
solchen Vergleiche sich uns bildlich darstellt, dann wird
es wirken auf seine Seele, dann wird fur ihn ein Erlebnis
sein, was ihm als ein Symbolum fur das Erleben in
geistiger Anschauung vor die Seele tritt. Dieses Symbo-
lum kann sein das Rosenkreuz: das schwarze Kreuz, das
ausdriicken soli, was in der niederen Natur des Men-
schen ertotet ist; und die Rosen wie das rote Blut, das
hinaufgelautert und gereinigt ist bis zu einem keuschen
Ausdruck seiner hoheren Seele in ihm selber. Das
schwarze Kreuz, von roten Rosen umrankt, wird damit
eine symbolische Zusammenfassung dessen, was die See-
le erlebt in jenem Zwiegesprach zwischen Geistesschiiler
und Lehrer. Wenn der Geistesschiiler ein solches Symbo-
lum sich mit dem Blut seiner Seele erkauft hat, indem er
alle die Vorstellungen und Gefuhle und Empfindungen
auf die Seele hat wirken lassen, die ihn innerlich berech-
tigen, etwas zusammenzufassen in dem Rosenkreuz,
wenn er nicht nur glaubt: ich stelle einfach ein Rosen-
kreuz vor mich hin, sondern wenn er in ihm die Essenz
hat eines ganz in blutender Seele errungenen inneren
hoheren Stimmungsgehaltes, dann wird er sehen, dafi ein
solches Bild - und andere ahnliche Bilder - in seiner
Seele etwas heraufholt. Das ist etwas, was nicht mehr
blo£ das geistige Fiinkchen ist, sondern eine neue Er-
kenntniskraft, die ihn fahig macht, in neuer Art die Welt
anzusehen. Da ist er nicht stehen geblieben bei dem, was
er war in seinem bisherigen Leben, sondern er hat seine
Seele hinaufentwickelt. Und wenn er das immer wieder
tut, kommt er endlich zur imaginativen Erkenntnis, die
ihm zeigt, dafi es draufien in der Welt noch etwas
anderes gibt. Da entwickelt sich also eine neue Art von
Erkenntnis gegeniiber dem Erkennen, das er schon hat,
wenn er bei dem stehen bleibt, was er bisher war.
Und jetzt fuhren wir uns vor die Seele, wie der Weg
zustande gekommen ist. Hat da der Mensch gesagt: Ich
gehe den Weg nach aufien und suche nach den Unter-
griinden der Dinge? - Das hat er nur zum Teil gesagt. Er
sagt sich so: Ich gehe nun in die Aufienwelt und suche
nicht die Untergriinde der Dinge, suche nicht nach
Molekiilen und Atomen, ich nehme nicht einmal das von
der Au£enwelt, was sie mir darbietet, aber ich behalte
etwas bei mir von dem, was diese Aufienwelt mir darbie-
tet. Das schwarze Kreuz ist nicht etwas, was in der Seele
entstehen wiirde, wenn man nicht das Holz draufien
hatte; die rote Rose ist etwas, was sich die Seele nie
konstruieren konnte, wenn sie nicht einen aufieren Ein-
druck von der roten Rose hatte. So ist allerdings dasjeni-
ge, was der Inhalt in der Seele ist, aus der Aufienwelt
entnommen.
Wir konnen nicht sagen wie der Mystiker, dafi wir
alles Aufiere getilgt haben, dafi wir die Aufmerksamkeit
ganz abgelenkt haben von der Aufienwelt; wir konnen
sagen, wir haben von der Aufienwelt das hereinge-
nommen, was sie uns selber geben kann - wir haben
nicht das Tor vor der Aufienwelt zugeschlossen, haben
uns ihr hingegeben -, aber wir haben es nicht so genom-
men, wie sie es uns gibt; denn nirgends ist in der
Wirklichkeit ein Rosenkreuz. Das, woraus wir das Ro-
senkreuz als Sinnbild gebildet haben, ist in der Aufien-
welt vorhanden; das Rosenkreuz selber ist nicht in der
Aufienwelt. Wo ist denn die Veranlassung dazu, dafi wir
diese beiden, daft wir Rose und Holz zu einem Sinnbild
zusammengefafit haben? Diese Veranlassung ist in der
Bearbeitung unserer eigenen Seele. Wir haben das, was
wir in der eigenen Seele erleben konnen, wenn wir die
Seele hingeben an die Aufienwelt, und das, was wir
erleben konnen in der Aufienwelt, wenn wir sie nicht
blo£ anstarren, wie sie ist, sondern wenn wir uns in die
Aufienwelt vertiefen - so erleben wir mystisch innerlich
das, was sich uns ergibt aus dem Vergleich der Pflanze
mit dem sich entwickelnden Menschen. Wir haben dar-
auf verzichtet, dieses Seelenerlebnis unmittelbar wie der
Mystiker aufzunehmen, sondern hingeopfert die Seelen-
erlebnisse dem, was die Aufienwelt zu geben hat, und
mit Hilfe dessen, was die Seele innerlich geben kann, ein
Sinnbild uns geformt. In dem Sinnbild ist zusammenge-
flossen mystisches Innenleben und Aufienleben. Wir
durfen niemals sagen, das Rosenkreuz sei eine Wahrheit
gegenuber der sinnlichen Welt und auch nicht gegeniiber
der Innenwelt; denn niemand konnte in der Innenwelt,
wenn er nicht die Eindriicke der Aufienwelt empfinge,
ein Rosenkreuz konstruieren. Es ist zusammengeflossen
in dem Sinnbild dasjenige, was die Seele von sich aus in
ihrem Inneren erleben und erfahren kann mit dem, was
sie von auften empfangen kann. Dafiir stent dieses Sinn-
bild jetzt auch wieder so vor uns, daft es zunachst
unmittelbar nicht in die Aufienwelt und nicht unmit-
telbar in die Innenwelt fiihrt, sondern daft es wirkt wie
eine Kraft. Stellen wir es in der Meditation vor unsere
Seele hin, dann bringt diese Kraft ein neues geistiges
Auge hervor, und wir sehen jetzt hinein in die geistige
Welt, die wir fruher weder im Inneren noch im Aufieren
finden konnten; und wir bekommen zunachst eine Ah-
nung davon, daft das, was der Auftenwelt zugrunde liegt,
und was wir jetzt durch imaginative Erkenntnis erfahren
konnen, daft das dasselbe ist, identisch mit dem, was wir
auch im Innern haben.
Wenn wir nun aufriicken zur inspirierten Erkenntnis,
dann miissen wir etwas abstreifen von unserem Bilde.
Wir miissen etwas machen, was unmittelbar ahnlich ist
dem ganzen Verfahren des Mystikers, der nach innen
geht. Da miissen wir die Rose und das Kreuzesholz
vergessen. Es ist das eine schwierige Prozedur, aber sie
kann ausgefiihrt werden. Wir miissen das ganze Sinnbild
dem Inhalte nach aus unserer Vorstellung entfernen.
Aber was schwer gelingen wird, das mufi gelingen.
Es war seelische Tatigkeit, die notig war, um den oben
gegebenen Vergleich in einem Sinnbild vor die Seele zu
riicken. Wir miissen die Seele selber beobachten, das,
was sie getan hat, um das schwarze Kreuz als den zu
iiberwindenden Menschen vor die Seele zu riicken; ihre
inneren Erlebnisse an der Bildung von Symbolen muft
man sich vor Augen stellen. Wenn also der Mensch sich
in seine Seelenerlebnisse mystisch vertieft, dann kommt
er zur inspirierten Erkenntnis. Und dann erlebt er in
einer neuen Fahigkeit, in der Fahigkeit der Inspiration,
daft ihm nicht nur das Fiinkchen im Inneren erscheint,
sondern daft es sich ihm erhellt zu einer machtig flam-
menden Erkenntniskraft, durch die er etwas erlebt, was
sich zeigt als vollig verwandt und doch vollig unabhan-
gig von seinem Inneren. Denn er hat ja seine Tatigkeit
nicht so belauscht, wie sie nur als eine innerliche ist,
sondern als eine solche, die er an einem Aufieren geiibt
hat. So ist selbst hier in diesem mystischen Rest dasjeni-
ge vorhanden, was bloft eine Erkenntnis des Inneren ist
und doch eine Erkenntnis von dem, was mit der Auften-
welt zusammenhangt.
Jetzt kommt eine Arbeit, die entgegengesetzt ist der
Arbeit des Mystikers. Da miissen wir etwas tun, was der
gewohnlichen Naturwissenschaft ahnlich ist, wir miissen
hinausgehen in die Auftenwelt. Das letztere ist das
Schwierige dabei, ist aber erforderlich, wenn die intuitive
Erkenntnis zustande kommen soli. Hier mufi der
Mensch die Aufmerksamkeit von seiner eigenen Tatig-
keit abwenden, er muft vergessen, was er getan hat, um
das Rosenkreuz zustande zu bringen. Wenn er aber
Geduld hat, wenn er seine Ubungen lange genug und
richtig ausfuhrt, so wird er sehen, daft ihm etwas zu-
riickbleibt, von dem er ganz gewift weift, daft es von
seinem eigenen inneren Erlebnis absolut unabhangig ist,
nicht subjektiv gefarbt ist, sondern ihn hinauffuhrt zu
etwas, was von seiner subjektiven Personlichkeit unab-
hangig ist, was aber durch seine objektive Wesenheit
zeigt, dafi es gleich ist dem, was das Zentrum des
menschlichen Wesens, des menschlichen Ich ist. In der
intuitiven Erkenntnis gehen wir, um sie zu erreichen, aus
uns heraus und kommen doch zu etwas, was unserem
eigenen inneren Wesen gleich ist. So steigen wir auf von
dem, was wir im Innern erleben, zu dem Geistigen, das
wir jetzt nicht im Inneren, sondern in der Aufienwelt
erleben.
Im ersten, in der imaginativen Erkenntnis, macht der
Mensch etwas, was sowohl Mystik ist wie Monadologie,
was ihn erhebt iiber die Mystik wie iiber die Monado-
logie. In der inspirierten Erkenntnis tut er einen Schritt
auf einer hoheren Stufe, den der Mystiker, der sich als
Mensch lafit, so wie er ist, unten macht. In der intuitiven
Erkenntnis tut der Geistesschiiler einen Schritt, der ihn
auf einer richtigen Stufe, nicht unmittelbar so wie er ist,
in die Aufienwelt hinausfuhrt. So werden wir gerade
dasjenige, was die Schattenseiten sowohl der Monado-
logie wie der gewohnlichen Mystik sind, bei der geistes-
wissenschaftlichen Forschung, beim Aufsteigen in Imagi-
nation, Inspiration und Intuition iiberwinden.
Und jetzt konnen wir uns auf die Frage: Was ist
Mystik? - eine Antwort geben. Es ist ein Unternehmen
der menschlichen Seele, durch Vertiefung in das eigene
Innere den gottlich-geistigen Quell des Daseins zu fin-
den. Im Grunde genommen mull auch geisteswissen-
schaftliche Erkenntnis diesen mystischen Weg machen.
Klar ist sie sich aber, dafi sie ihn nicht zu friih machen
darf, dafi sie erst die Vorbereitungen treffen mufi, um
ihn in der Seele machen zu dlirfen. So konnen wir sagen:
Mystik ist ein solches Unternehmen, das einem berech-
tigten Impuls und Drang der menschlichen Seele ent-
springt, etwas formal durchaus Richtiges; das nur dann
von der menschlichen Seele zu friih unternommen wird,
wenn diese menschliche Seele nicht zuerst Fortschritte
zu machen versucht hat in der imaginativen Erkenntnis.
Wenn man das gewohnliche menschliche Leben vertiefen
will in der Mystik, so liegt die Gefahr vor, daft man sich
nicht tief genug von sich frei und unabhangig gemacht
hat, um etwas anderes als ein individuell gefarbtes Bild
der Welt zu liefern. Wenn man aber zur imaginativen
Erkenntnis aufgestiegen ist, dann hat man sein Inneres
ausgegossen in etwas, was man der Aufienwelt entnom-
men hat; da hat man sich das Recht erworben, auch ein
Mystiker sein zu durfen. Alle Mystik sollte daher auf der
richtigen Entwickelungsstufe des Menschen unter-
nommen werden. Die Schaden der Mystik treten dann
hervor, wenn der Mensch zu friih dasjenige tun will, was
der mystischen Erkenntnis zugrunde liegt.
So durfen wir sagen: In dem, was als berechtigte
Mystik vorliegt, haben wir fur die Geisteswissenschaft
eine Etappe, um gerade dasjenige genau verstehen zu
lernen, was das wirkliche Ziel und die Intention der
geisteswissenschaftlichen Forschung ist. Kaum durch ir-
gend etwas kann man so viel lernen iiber das Ziel und
die Intentionen der geistigen Forschung als durch die
hingebende Betrachtung der Mystiker. Man kann sich
hinaufringen an den Mystikern zu den Erkenntnissen
der geistigen Forschung. Man darf nur nicht glauben,
dafi der wahre Geistesforscher, wenn er etwas als berech-
tigt mit Mystik bezeichnet zu werden anerkennt, dann
alle Entwickelung leugnet. Gerade so erscheint Mystik
dem Geistesforscher als etwas Berechtigtes; es mufi je-
doch hinaufgestiegen werden bis zu einem gewissen
Grade der Entwickelung, wenn ihre Methoden nicht zu
subjektiven Ergebnissen, sondern zu solchen fiihren sol-
len, die nun als wirkliche Wahrheit iiber die geistige
Welt gelten konnen. So kann man schliefilich sagen, daft
die Frage: Was ist Mystik? - damit beantwortet werden
kann, daft Mystik ein Unternehmen der menschlichen
Seele ist, das innerhalb der Entwickelung der mensch-
lichen Seele oftmals zu frtih vollfuhrt wird. Dann
braucht nicht viel gesagt zu werden iiber Gefahren, die
eine verfriihte mystische Vertiefung im Menschen her-
vorrufen kann. Die verfriihte mystische Vertiefung ist
ein Gang in die Tiefe der menschlichen Seele, bevor der
Mensch Anstalt dazu gemacht hat, daft sein Inneres
verwachst mit der Auftenwelt. Damit schlieftt er sich oft
unberechtigterweise von der Auftenwelt ab. Das kann
aber im Grunde genommen nur ein raffinierter und
verfeinerter Egoismus sein. Das ist auch bei vielen My-
stikern so, wenn sie die Aufmerksamkeit abwenden von
der Auftenwelt und sich ergehen in inneren Entziik-
kungen und Beseligungen, Erhebungen und Befreiungen,
die sie in ihrem Innenleben haben in jener goldenen
Stimmung, welche sich iiber die Seele ausgieften kann,
wenn sie so recht in ihrem Inneren schwelgt. Dieser
Egoismus aber kann iiberwunden werden, wenn das Ich
gezwungen ist, zunachst aus sich herauszugehen, und
seine Tatigkeit an der Bildung der Symbole in die Au-
ftenwelt flieften la£t. Daher wird eine Symbolik der
imaginativen Erkenntnis zu einer Wahrheit fiihren, wel-
che den egoistischen Charakter von sich abstreift. Daft
der Mensch ein Sonderling oder ein verfeinerter Egoist
auf einer hoheren Stufe werden kann, das ist die Gefahr,
die zuletzt den Mystiker treffen kann, die vorhanden
sein kann, wenn auf einer zu wenig entwickelten Stufe
ein mystisches Erkenntnisstreben unternommen wird.
Mystik ist berechtigt, und wahr ist es, was Angelus
Silesius gesagt hat:
Wann du dich iiber dich erhebst und Gott laftt wal-
ten, / Dann wird in deinem Geist die Himmelfahrt ge-
halten. - Wahr ist es, durch die Entwickelung der Seek
gelangt der Mensch nicht nur in sein Inneres, sondern
auch in die geistigen Reiche, die der Auftenwelt zugrun-
de liegen. In vollkommenem Ernste aber mufi er das
Erheben iiber sich selbst nehmen, und er darf das Hin-
ausgehen iiber sich selbst nicht verwechseln mit einem
blofien Hineinbriiten in das Selbst, wie es schon im
Menschen ist. Wir miissen vol! ernst nehmen den ersten
Teil des Satzes: «Wann du dich iiber dich erhebst», und
auch vollen Ernst machen mit dem zweiten Teil des
Satzes: «und Gott lafit walten». Den lassen wir aber
nicht waken, wenn wir uns zuriickziehen von irgend-
einer Seite der gottlichen Offenbarung, sondern wenn
wir vereinigen Inneres und Au&eres als zwei Seiten der
go ttlich- geistigen Offenbarungen. Wir lassen nicht den
Gott wahrhaft walten, wenn wir uns nur zuriickziehen
von der Auftenwelt, sondern wir lassen ihn walten, wenn
wir unser Inneres opfern konnen dem, was uns als
Offenbarung der Aufienwelt entgegenflieften kann.
Wenn wir diese Gesinnung hegen in bezug auf unsere
geisteswissenschaftliche Erkenntnis, dann nehmen wir
auch in der richtigen Weise den zweiten Satz des Ange-
lus Silesius: Wir lassen den geistig-gottlichen Grund der
Auften- und Innenwelt in uns walten; und dann erst
konnen wir hoffen, daft auch der dritte Teil uns sich
erfiillt, dafi wir erhoben werden durch eine Himmel-
fahrt, das heifk, zu einem geistigen Reiche kommen, das
weder von unserer Innen-, noch von der Aufienwelt
gefarbt ist, sondern das gleichen Grundes ist mit all dem,
was uns die unendliche Sternenwelt leuchtend von aufien
entgegenstrahlt, was Luftkreis unsere Erde umgibt,
was als Pflanze grunt, was als Wesen die Flusse durch-
lebt und die Meere ausfiillt; was aber zu gleicher Zeit als
Gottlich-Geistiges lebt, wenn wir denken und sinnen,
fiihlen und wollen iiber die Welt, was im Aufieren und
im Inneren Gottlich-Geistiges ist. So sehen wir insbe-
sondere an einem solchen Beispiele, dafi es nicht gemi-
gend ist, dafi wir einen Satz wie den des Angelus Silesius
hinnehmen, sondern dafi wir diesen Satz auf der richti-
gen Stufe, wo er einzig und allein allseitig und wahr von
uns verstanden wird, in uns aufnehmen. Dann werden
wir sehen, dafi Mystik uns, weil sie den richtigen Kern
enthalt, wirklich dahin fuhrt, wo wir reif sind, die
geistigen Reiche allmahlich zu schauen, und dafi Mystik
im hochsten und wahrsten Sinne dasjenige in uns ver-
wirklichen kann, was in diesem schonen Satze des Ange-
lus Silesius gesucht und entdeckt werden kann:
Wenn du dich iiber dich selbst erhebst und wahrhaftig
den gottlich-geistigen Weltengrund in dir lafit waken:
dann wird in dir die Himmelfahrt zu den gottlich-gei-
stigen Urgriinden des Daseins gehalten.
DAS WESEN DES GEBETES
Berlin, 17. Februar 1910
In dem Vortrage «Was ist Mystik?» wurde hier vor acht
Tagen von jener besonderen Art mystischer Versenkung
gesprochen, die im Mittelalter in der Zeit von Meister
Eckhart angefangen bis zu Angelus Silesius hervorge-
treten ist. Diese besondere Art mystischer Versenkung
wurde dadurch charakterisiert, dafi der Mystiker ver-
sucht, frei und unabhangig zu werden von all jenen
Erlebnissen, die durch die aufiere Welt in unserer Seele
angeregt werden, und daft er versucht vorzudringen zu
jener Erfahrung, zu jenem Erlebnis, das ihm zeigt: wenn
auch alles aus unserer Seele, was den gewohnlichen
Ereignissen des Tages entstammt, ausgeloscht wird, und
sozusagen die Seele sich in sich selbst zuriickzieht, so
bleibt innerhalb dieser menschhchen Seele eine Welt fur
sich, eine Welt, die ja immer da ist, die nur iiberleuchtet
wird von den sonst so machtig und gewaltig auf den
Menschen wirkenden aufieren Erlebnissen, und die des-
halb zunachst nur als ein schwaches Licht erscheint; als
ein so schwaches Licht, dafi sie wohl von vielen Men-
schen gar nicht beachtet wird. Darum nennt der Mysti-
ker diese innere Seelenwelt zunachst das «Fiinklein».
Aber er ist sich klar, dafi dieses unscheinbare Fiinklein
seiner Seelenerlebnisse angefacht werden kann zu einer
machtigen Flamme, die dann erleuchtet die Quellen und
Untergriinde des Daseins; mit anderen Worten: die den
Menschen auf dem Wege in die eigene Seele hinfiihrt zu
der Erkenntnis seines eigenen Ursprunges, was man ja
wohl «Gott-Erkenntnis» nennen kann.
Weiter ist in jenem Vortrag darauf hingewiesen wor-
den, wie die Mystiker des Mittelalters zunachst davon
ausgingen, dafi dieses Funklein sozusagen durch sich
selbst, so wie es ist, wachsen miisse. Im Gegensatz dazu
wurde hervorgehoben, wie dasjenige, was man heute
«Geistesforschung» nennt, auf Entwickelung, auf bewufi-
te und in den menschlichen Willen gestellte Entwicke-
lung dieser inneren Seelenkrafte ausgeht und zu hoheren
Arten der Erkenntnis hinaufsteigt, wie wir sie bezeichnet
haben als imaginative, als inspirierte und als intuitive
Erkenntnis. So erschien uns jene mittelalterliche mysti-
sche Versenkung wie der Ausgangspunkt der wahren
hoheren Geistesforschung, welche den Geist zwar zu-
nachst durch Entwickelung des Innern sucht, welche
aber gerade durch die Art und Weise, wie sie ihre
eigenen Wege einschlagt, iiber dieses Innere hinausge-
fiihrt wird; und hinausgefuhrt wird zu dem, was als
Quellen und Untergriinde des Daseins alien Erschei-
nungen und Tatsachen zugrunde liegt, und zu denen wir
ja mit unserer Seele selbst gehoren. So erschien uns jene
Mystik des Mittelalters wie eine Art Vorstufe zur wah-
ren Geistesforschung. Und wer den Sinn hat, sich in die
Innigkeit eines Meisters Eckhart zu vertiefen, wer den
Sinn hat, zu erkennen, welche unermefiliche Kraft der
spirituellen Erkenntnis jene mystische Versenkung dem
Johannes Tauler gebracht hat; wer einen Sinn hat zu
sehen, wie tief in die Geheimnisse des Daseins spater
Valentin Weigel oder Jakob Bohme hineingefiihrt wur-
den durch alles, was sie aus solcher mystischen Versen-
kung gewinnen konnten - indem sie allerdings dariiber
hinausgehen — ; wer einen Sinn hat zu verstehen, was ein
Angelus Silesius geworden ist gerade durch solche mysti-
sche Versenkung, wie er imstande war, nicht nur in
leuchtender Einsicht in die grofien Gesetze der geisti-
gen Weltordnung hinein zu schauen, sondern was dieser
Angelus Silesius auch an hinreifiender, erwarmender
Schonheit geleistet hat in bezug auf die Ausspriiche, die
er tun durfte iiber die Weltengeheimnisse: wer das alles
erkennt, wird ermessen, welche Kraft der Innerlichkeit
der Menschennatur in dieser mitteialterlichen Mystik
liegt, und welche unendliche Hilfe aus dieser Mystik
demjenigen werden kann, der die Wege der Geistesfor-
schung selber gehen will. So erscheint uns - gerade mit
Riicksicht auf jenen Vortrag vor acht Tagen - die mittel-
alterliche Mystik wie die grofte, wunderbare Vorschule
der Geistesforschung. Und wie sollte das auch anders
sein? Will denn der Geistesforscher etwas anderes, als
jenes Funklein, von dem die Mystiker gesprochen, durch
seine eigenen inneren Krafte zur Entfaltung bringen? Er
unterscheidet sich ja von den Mystikern nur dadurch,
dafi sie glaubten, in ruhiger Seele sich hingeben zu
diirfen jenem kleinen ieuchtenden Funklein, damit es
von selber anfange, immer herrlicher zu brennen und zu
leuchten; wahrend der Geistesforscher sich klar ist, dafi
der Mensch seine Fahigkeiten und Krafte, die von der
Weisheit der Welt in seinen Willen gestellt sind, anwen-
den mu£ auf die Vergro&erung jenes Fiinkchens*
Wenn so die mystische Stimmung eine gute Vorbe-
reitung ist und iiberall hinweist auf Geistesforschung, so
diirfen wir andererseits wiederum sagen: Eine Vorbe-
reitung, eine Vorstufe zu jener mystischen Versenkung,
wie sie in der Zeit des Mittelalters hervorgetreten ist, ist
diejenige Seelentatigkeit, welche uns heute etwas genauer
beschaftigen soil, und die man im wahren Sinne das
Gebet nennen kann. Und man konnte sagen: Wie der
Mystiker fahig wird zu seiner Versenkung dadurch, daft
er schon in einer gewissen Weise - vielleicht unbewuftt,
aber doch - gearbeitet hat an seiner Seele, daft er schon
eine Stimmung mitbringt zur mystischen Versenkung, so
wird derjenige, der hinarbeiten will zu dieser mystischen
Versenkung, welcher Wege gehen will, die zuletzt in
diese mystische Versenkung einmunden konnen, eine
Vorstufe finden konnen in dem wahren Gebet.
Allerdings durch die Entwickelung der letzten Jahr-
hunderte in geistiger Beziehung ist das Wesen des Gebe-
tes in der mannigfaltigsten Weise von dieser oder jener
Geistesstromung verkannt worden. Daher wird es heute
nicht leicht sein, zu dem wahren Wesen des Gebetes
vorzudringen. Wenn wir bedenken, daft mit aller geisti-
gen Entwickelung der letzten Jahrhunderte ja verkniipft
war etwas, was man nennen konnte ein Hervortreten
namentlich egoistischer Geistesstromungen, von denen
weite Kreise ergriffen worden sind, so wird es nicht
verwunderlich sein, daft gerade das Gebet mit hineinge-
zogen worden ist in die egoistischen Wiinsche, in die
egoistischen Begierden der Menschen. Und man darf
wohl sagen: Kaum ist durch etwas anderes das Gebet
mehr miftzuverstehen als durch das Durchtranktsein mit
irgendeiner Form des Egoismus. In diesem Vortrage soli
versucht werden, das Gebet ganz unabhangig von ir-
gendeiner Partei- oder sonstigen Richtung, rein aus den
geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen heraus zu un-
tersuchen.
Wenn man das Gebet kennenlernen will - das sei nur
zu einer vorlaufigen Verstandigung gesagt -, so konnte
man sagen: Wahrend der Mystiker voraussetzt, daft er in
seiner Seele irgendein kleines Funkchen finden werde,
das dann weiter leuchten und weiter brennen kann durch
seine mystische Versenkung, so will der Betende gerade
jenes Funkchen, jenes selbsteigene Seelenleben erst er-
zeugen. Und das Gebet, aus welchen Voraussetzungen
heraus es auch auftrete, erweist sich dadurch gerade in
seiner Wirksamkeit, dafi es die Seele anregt, jenes Fiink-
chen des Mystikers allmahlich entweder aufzufinden,
wenn es da ist und, verborgen zwar, in der Seele leuch-
tet, oder aber es selbst zum Aufleuchten zu bringen.
Wenn wir das Bediirfnis nach Gebet, das Wesen des
Gebetes untersuchen wollen, miissen wir aber eingehen
auf eine Charakteristik der menschlichen Seele in ihren
Tiefen, von denen wir ja in einem der vorhergehenden
Vortrage sagten, dafi auf sie so recht anwendbar ist der
Spruch des alten griechischen Weisen Heraklit: Der
Seele Grenzen wirst du niemals finden, und wenn du
auch alle Strafien durchliefest; so weit ist das, was sie mit
ihren Geheimnissen umschliefit. Und wenn auch der
Betende zunachst nur auf der Suche ist nach den Ge-
heimnissen der Seele, so darf man doch sagen: Aus jenen
Stimmungen intimster Art heraus, welche durch das
Gebet angeregt werden konnen, erahnt selbst der naivste
Mensch etwas von den unendlichen Weiten des Seelenle-
bens. Wir miissen diese Seele, wie sie in uns lebt und uns
lebendig vorwarts bringt, in ihrer Entwickelung einmal
in folgender Weise erfassen:
Wir miissen uns klar werden, daft so etwas, was wie
die Seele in lebendiger Entwickelung lebt, nicht nur von
der Vergangenheit kommt und in die Zukunft weiter-
schreitet, sondern dafi sie in jedem Augenblick ihres
gegenwartigen Lebens etwas in sich tragt von der Ver-
gangenheit - und sogar in gewisser Weise etwas von der
Zukunft. In den Augenblick, den wir die Gegenwart
nennen, erstrecken sich hinein, insbesondere fur das
Seelenleben, die Wirkungen von der Vergangenheit und
die Wirkungen, die wie aus der Zukunft uns entgegen-
eilen. Demjenigen, der tiefer hineinblickt in das Seelen-
leben, wird es schon so vorkommen konnen, als ob in
der Menschenseele zwei Stromungen sich fortwahrend
begegneten: eine Stromung, die aus der Vergangenheit
sich herauflebt, aber auch eine Stromung, die aus der
Zukunft uns entgegenkommt. Es mag sein, daft man es
fur andere Gebiete des Lebens als eine Traumerei und
Phantasterei zunachst findet, wenn man von einem Her-
aneilen der Ereignisse aus der Zukunft spricht. Denn es
ist ja leicht, wenn auch trivial, zu sagen: Was zukiinftig
geschieht, ist eben noch nicht da; daher konnen wir
nicht sagen, daft das, was morgen geschehen werde, uns
«entgegeneilt», wahrend wir sehr wohl sagen konnen:
was in der Vergangenheit geschehen ist, erstreckt seine
Wirkungen in die Gegenwart herein. - Fur das letztere
ist es natiirlich sehr leicht, Begriindung uber Begriin-
dung zu finden. Wer wollte denn hinwegleugnen, daft
unser Leben von heute das Ergebnis unseres Lebens von
gestern ist? Wer mochte leugnen, daft wir heute unter
der Wirkung unseres Fleiftes oder unserer Lassigkeit von
gestern oder vorgestern stehen? Das Hereinragen der
Vergangenheit in unser Seelenleben wird niemand leug-
nen. Aber ebensowenig sollte die Realitat des Zukiinf-
tigen geleugnet werden, wenn wir in der Seele selber die
Wirklichkeit eines solchen Hereintretens der Zukunftser-
eignisse, bevor sie da sind, sehen. Oder gibt es denn
nicht so etwas wie Angst vor irgend etwas, was wir
morgen erwarten, oder Furcht vor irgend etwas, was
morgen geschehen kann? Ist denn das nicht etwas wie
ein Fiihlen, ein Empfinden, das wir einer, wenn auch fur
uns unbekannten Zukunft entgegensenden? In jedem
Moment, wo sich die Seele fiirchtet und angstet, beweist
sie durch die Realitat ihrer Gefiihle und Empfindungen,
dafi sie nicht nur mit den Wirkungen der Vergangenheit
rechnet, sondern dafi sie in sich selber lebensvoll rechnet
mit dem, was aus der Zukunft in sie hineineilt. Das seien
nur einzelne Andeutungen. Wer das Seelenleben ausmes-
sen will, wird Zahlreiches finden, das vielleicht wider-
spricht den Abstraktionen des Verstandes, die da sagen:
das Zukiinftige ist noch nicht da; es kann deshalb noch
nicht wirken, das sich aber in seiner lebendigen Realitat
zeigt, wenn wir auf das unmittelbare Seelenleben eben
hinblicken.
In unserer Seele flie£en zwei Strome gleichsam zu-
sammen von der Vergangenheit und von der Zukunft
und bilden dort - wer wollte das leugnen, wenn er sich
selber beobachtet? - etwas wie einen «Wirbel», ganz
ahnlich wie beim Zusammenflufi von zwei Stromen
draufien. Wenn wir nun dasjenige genauer betrachten,
was aus der Vergangenheit hereinlebt in unsere Seele, da
miissen wir sagen: Unter dem Eindrucke des in der
Vergangenheit Erlebten ist unsere Seele geworden. Wie
wir die Erlebnisse der Vergangenheit angewendet haben,
so sind wir heute, und wir tragen das Vermachtnis
unserer Taten, unseres Fiihlens und Denkens aus der
Vergangenheit in unserer Seele. Wir sind so, wie wir
geworden sind. Wenn wir nun zuruckblicken wollen
von unserem heutigen Standpunkt auf unsere friiheren
Erlebnisse, namentlich auf jene Erlebnisse, an deren
Zustandekommen und Verwertung fur unsere Seele wir
selber beteiligt waren, wenn wir also die Erinnerung
schweifen lassen in die Vergangenheit, werden wir gar
oft, wenn wir Einkehr halten in uns, auch zu einem
Urteil iiber uns selber kommen und uns sagen: Jetzt sind
wir so; und so, wie wir sind, sind wir imstande, zu
manchem, was in unserer Vergangenheit sich abgespielt
hat, durch uns selbst nicht «Ja» zu sagen; wir sind fahig
geworden, jetzt mit manchem nicht einverstanden zu
sein, vielleicht mancher Tat der Vergangenheit uns sogar
zu schamen. Wenn wir so unsere Gegenwart an unsere
Vergangenheit anreihen, dann wird uns ein Gefuhl von
dem iiberschleichen, was wir so nennen konnen: Oh, es
ist etwas in uns, was unendlich viel reicher, unendlich
viel bedeutsamer ist als das, was wir durch unsern
Willen, durch unser Bewulksein, durch unsere indivi-
duellen Krafte aus uns gemacht haben! Denn gabe es
nicht in uns etwas, was hinausragt iiber das, was wir aus
uns gemacht haben, so konnten wir uns auch nicht
selber tadeln, auch uns nicht selber erkennen. Wir miis-
sen sagen: In uns lebt etwas, was grofier ist als das, was
wir bisher an uns selber ausgeniitzt haben! Wenn wir ein
solches Urteil in ein Gefuhl verwandeln, dann werden
wir hinschauen auf das uns Bekannte, das wir in unsern
vergangenen Taten und Erlebnissen beobachten konnen;
und das klar vor uns liegen kann - so klar als eben die
Erinnerung moglich ist und wir werden dieses Klare,
Offenliegende vergleichen konnen mit etwas in uns, was
grofier ist als das Offenliegende, mit etwas in der Seele,
was sich herausarbeiten will, was uns anleitet, uns iiber
uns selbst zu stellen und uns zu beurteilen auf dem
Standpunkte der Gegenwart. Kurz, wir werden etwas in
uns ahnen, was iiber uns selber hinausragt, wenn wir
jenen Strom ansehen, der aus der Vergangenheit in die
Seele fliefit. Und diese Ahnung eines Grofieren in uns
selber ist im Grunde das erste Aufleuchten des inneren
Gottesgefiihles in der Seele; ein Gefuhl davon, daft in
uns selber etwas lebt, was grofier ist als alles, was
zunachst in unsere Willkiir gestellt ist, und das bewirkt,
dafi das Gottesgefiihl in uns erwacht, dafi wir hinschau-
en auf etwas, was uns iiber unser engbegrenztes Ich
hinausfiihrt zu einem geistig-gottlichen Ich. So spricht
eine in das Gefiihl, in die Empfindung verwandelte
Betrachtung der Vergangenheit.
Wie spricht nun das, was wir das Hineinfliefien des
Zukunftsstromes in die Seele nennen konnen, wenn wir
es in ein Gefiihl, in eine Empfindung verwandeln?
Das spricht noch deutlicher und noch wesentlicher zu
uns. Wahrend beim Zuriickblicken in die Ereignisse der
Vergangenheit sich unsere Empfindung und unser Ge-
fiihl wie ein abweisendes Urteil, wie Reue, wie Scham
vielleicht geltend macht, so stehen der Zukunft gegen-
iiber von vornherein die Empfindungen und Gefiihle da
von Angst und Furcht, von Hoffnung, von Freude. Aber
diesen Gefiihlen gegeniiber steht zunachst fur den Men-
schen der Strom der Ereignisse noch nicht selber da; er
durchschaut ihn noch nicht. Er kann hier leichter sogar
den Begriff, die Idee in ein Gefiihl verwandeln, als im
ersten Falle. Denn das tut die Seele selber. Weil sie uns
der Zukunft gegeniiber nur die Gefiihle der Wirklichkeit
gibt, so stehen unsere Gefiihle und Empfindungen der
Zukunft da wie etwas, was sich herausgebiert aus einem
unbekannten Strom, von dem wir wissen: er kann so
oder so auf uns wirken, er kann uns das oder jenes
gewahren. Wenn wir nun dies in die richtige Empfin-
dung verwandeln, was aus dem dunklen Schofi der Zu-
kunft mit Sicherheit uns entgegenkommt, und wenn wir
fiihlen, wie es hereinstromt in unsere Seele, und wie sich
ihm entgegenstellen unsere Empfindungswelten, dann
fiihlen wir, wie unsere Seele immer von neuem sich
entziindet an den Erlebnissen, die uns aus der Zukunft
entgegenkommen. Wir fiihlen hier erst recht, wie unsere
Seek reicher, umfassender werden kann als sie ist; wir
fiihlen unsere Seele schon in der Gegenwart so, dafi sie
sicher in der Zukunft einen unendlich reicheren und
machtigeren Inhalt umfassen wird. Wir fiihlen uns schon
verwandt mit dem, was uns aus der Zukunft entgegen-
kommt, miissen uns damit verwandt fiihlen. Wir miissen
unsere Seele gewachsen fiihlen dem ganzen Inhalt, den
ihr die Zukunft noch geben kann.
Betrachten wir so Vergangenheit und Zukunft in dem
Hereinstromen in die Gegenwart, dann zeigt sich uns,
wie das Seelenleben iiber sich selber ahnend hinaus-
wachst. Wir werden es daher begreiflich finden, wenn
die Seele, zuriickblickend auf die Vergangenheit, gewahr
wird jenes Bedeutungsvolle, das in sie hineinspielt, und
dem sie nicht gewachsen ist; daft sie entfalten kann eine
Stimmung, eine Grundempfindung gegeniiber dem, was
sich so als Ergebnis der Vergangenheit zeigt. Wenn so
die Seele - sei es im Urteil oder in Reue und Scham iiber
sich selber - das Machtige im Strom aus der Vergan-
genheit in sich hineinfliefien fiihlt, dann erzeugt sich das,
was man nennen konnte die Andacht gegeniiber dem
Gottlichen, das uns aus der Vergangenheit anschaut.
Und diese Andacht gegeniiber dem Gottlichen, das uns
aus der Vergangenheit anschaut, das wir ahnen konnen
als etwas, was auf uns wirkt, dem wir aber mit unserm
Bewufttsein nicht gewachsen sind, erzeugt die eine Ge-
betsstimmung - denn es gibt zwei Gebetsstimmungen -;
jene Gebetsstimmung, die wir bezeichnen konnen als
diejenige, welche zur Gottinnigkeit fiihrt. Denn was
wird die Seele wollen konnen, wenn sie still und intim
sich diesen Empfindungen und Gefiihlen gegeniiber sol-
cher Vergangenheit hingibt? Sie wird wollen konnen,
da£ das Machtigere, das sie unbenutzt gelassen hat, das
sie mit ihrem Ich nicht durchdrungen hat, in ihr gegen-
wartig werde. Die Seek wird sich sagen konnen: Ware
dieses Machtigere in mir, dann ware ich heute eine
andere; es hat in mir nicht gelebt, es war in mir nicht
gegenwartig. Das Gottliche, was ich ahne, war nicht
etwas, was zu meinem Innenleben gehorte; deshalb habe
ich mich nicht so gemacht, dafi ich zu mir selber heute
ganz «Ja» sagen kann. - Wenn die Seele so empfindet,
\iberkommt sie jene Stimmung, durch die sie sich sagt:
Wie kann ich in diese Seele hereinbekommen, was in
alien meinen Taten und Erlebnissen zwar gelebt hat, was
aber mir unbekannt war? Wie kann ich -hereinziehen
dieses Unbekannte, von meinem Ich nicht Erfafite?
Wenn diese Stimmung in der Seele sich auslebt, sei es
durch ein Gefiihl, durch ein Wort oder eine Idee, dann
haben wir das Gebet gegeniiber der Vergangenheit.
Dann suchen wir uns auf einem Wege dem Gottlichen
andachtig zu nahern.
Demjenigen, was wir charakterisieren konnten als aus
dem Strome der unbekannten Zukunft uns das Gott-
liche leuchten lassend, dem gegeniiber gibt es nun eine
andere Stimmung. Und wenn wir sie vergleichen wollen
mit der eben charakterisierten, dann fragen wir uns noch
einmal: Was fiihrt uns zur Gebetsstimmung gegeniiber
der Vergangenheit? Dafi wir unvollkommen geblie-
ben sind, trotzdem wir ahnen konnen, dafi ein Gott-
liches in uns hineinleuchtet; dafi wir nicht alle Fahigkei-
ten, nicht alle Krafte entwickelt haben, die aus diesem
Gottlichen fliefien konnen; unsere Mangel, was uns ge-
ringer macht, als das Gottliche ist, das in uns hineinleuch-
tet: das fiihrt uns zur Gebetsstimmung gegeniiber der
Vergangenheit, Was macht uns aus der Zukunft herein
in einer ahnlichen Weise mangelhaft? Was hemmt aus
der Zukunft unsere Entwickelung, unseren Aufstieg
zum Geistigen?
Da brauchen wir nur daran zu denken, dafi gerade
jene Gefiihle und Empfindungen, die wir schon nennen
konnten, fressen an unserem Seelenleben: Angst und
Furcht vor dem Unbekannten der Zukunft. Gibt es aber
etwas, was in die Seele sich ergiefien kann als Kraft der
Sicherheit gegeniiber dem Zukiinftigen? - Ja, das gibt es.
Richtig wird es aber in der Seele nur wirken, wenn es als
Gebetsstimmung auftritt. Und das ist das, was man
nennen kann das Ergebenheitsgefuhl gegeniiber dem,
was aus dem dunklen Schofi der Zukunft in unsere Seele
eintritt. Mifiverstehen wir uns auf diesem Gebiete nicht.
Es wird hier nicht etwa dem ein Loblied gesprochen,
was man von da und dorther als Ergebenheit bezeichnen
kann, sondern es wird eine ganz bestimmte Art von
Ergebenheit charakterisiert: Ergebenheit gegeniiber dem,
was uns die Zukunft bringen kann. Wer angstlich und
furchtsam hinblickt auf das, was ihm die Zukunft brin-
gen kann, der hindert seine Entwickelung, hemmt die
freie Entfaltung seiner Seelenkrafte. Nichts ist eigentlich
dieser freien Entfaltung der Seelenkrafte so hinderlich als
die Furcht und Angst vor dem Unbekannten, das aus
dem Strome der Zukunft in die Seele hereintritt. Was die
Ergebenheit gegeniiber der Zukunft bringen kann, dar-
iiber kann eigentlich nur die Erfahrung urteilen. Was ist
Ergebenheit gegeniiber den Zukunftsereignissen?
In ihrer idealen Gestalt ware diese Ergebenheit jene
Seelenstimmung, die sich immer sagen konnte: Was auch
kommt, was mir auch die nachste Stunde, der nachste
Morgen bringen mag, ich kann es zunachst, wenn es mir
ganz unbekannt ist, durch keine Furcht und Angst an-
dern. Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelen-
ruhe, mit vollkommener Meeresstille des Gemiites! Jene
Erfahrung, die sich aus einem solchen Ergebenheitsge-
fiihl gegeniiber den Zukunftsereignissen ergibt, geht da-
hin, daft derjenige, der so gelassen, mit vollstandiger
Meeresstille des Gemiites der Zukunft entgegenleben
kann und dennoch seine Energie, seine Tatkraft in keiner
Weise darunter leiden lafit, die Krafte seiner Seele in der
intensivsten Weise, in der freiesten Art zu entfalten
vermag. Es ist, wie wenn gleichsam Hemmnis nach
Hemmnis von der Seele fiele, wenn sie immer mehr und
mehr jene Stimmung iiberkommt, die jetzt als «Ergeben-
heit» charakterisiert worden ist gegeniiber den aus der
Zukunft uns zustromenden Ereignissen.
Dieses Ergebenheitsgefuhl kann sich die Seele nicht
auf einen Machtspruch geben, nicht durch eine aus dem
Nichts hervorgeholte Willkiir. Dieses Ergebenheitsge-
fuhl ist das Resultat dessen, was man die andere Gebets-
stimmung nennen kann, jene Gebetsstimmung, welche
sich richtet an die Zukunft und ihren von Weisheit
durchdrungenen Lauf der Ereignisse. Hingabe an das,
was man gottliche Weisheit in den Ereignissen nennt;
hervorrufen in sich selber immer wieder den Gedanken,
die Empfindung, den Impuls des Gemutslebens, daft das,
was da kommen werde, sein mufi, und dafi es nach
irgendeiner Richtung seine guten Wirkungen haben miis-
se: das Hervorrufen dieser Stimmung in der Seele und
das Ausleben dieser Stimmung in Worten, in Empfin-
dungen, in Ideen, das ist die zweite Art der Gebetsstim-
mung, die Stimmung des Ergebenheitsgebetes.
Aus diesen Stimmungen der Seele mussen hervorge-
holt werden die Impulse zu dem, was man Gebet nennt.
Denn in der Seele selber sind die Antriebe gegeben, und
im Grunde kommt Gebetsstimmung in eine jede Seele,
die sich nur ein wenig erhebt iiber die unmittelbare
Gegenwart. Gebetsstimmung, konnte man sagen, ist das
Hinaufblicken der Seele aus dem zeitlich voriiberge-
henden Gegenwartigen in das Ewige, das Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft umschliefit. Aus dem Grande,
weil fiir den Menschen dieses Hinausblicken und Hinaus-
leben aus dem Augenblick der Gegenwart so notwendig
ist, lafk Goethe seinen Faust das gro£e, bedeutsame
Wort zu Mephistopheles sprechen:
Werd' ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schon!
das heilk: konnte ich mich je mit einem Leben im
bIo£en Augenblicke begniigen -
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zu Grande gehn!
Man konnte also auch sagen: Es ist Gebetsstimmung, die
sich Faust erfleht, um aus den Fesseln des Gesellen, des
Mephistopheles, herauszukommen.
Gebetsstimmung fuhrt uns also auf der einen Seite zur
Betrachtung unseres engbegrenzten Ich, das aus der
Vergangenheit herauf in die Gegenwart gearbeitet hat,
und das, wenn wir es ansehen, uns klar zeigt, wie
unendlich mehr in uns ist, als wir benutzt haben; und
auf der andern Seite fuhrt uns diese Betrachtung in die
Zukunft und zeigt uns, wie aus dem unbekannten Schofi
der Zukunft unendlich viel mehr in das Ich hineinfliefien
kann, als dieses Ich bereits in der Gegenwart erfafit hat.
In eine dieser zwei Stimmungen hinein ist jede Gebets-
stimmung zu bringen. Wenn wir so die Stimmung des
Gebets erfassen und das Gebet als einen Ausdruck dieser
Stimmung, dann werden wir in dem Gebete selber jene
Kraft finden, die uns iiber uns selbst hinausfiihrt. Denn
was ist denn das Gebet anders, wenn es so in uns
auftritt, als das Aufleuchten jener Kraft in uns, die
hinaus will iiber das, was unser Ich in einem Augen-
blicke war! Und wenn das Ich nur erfaik wird von
diesem seinem Hinausstreben, dann lebt schon in ihm
jene Kraft, die Entwickelungskraft ist. Wenn wir aus der
Vergangenheit lernen: Wir haben mehr in uns, als wir
benutzt haben! — da ist unser Gebet ein Aufschreien zu
dem Gottlichen: es moge da sein, es moge uns erfullen
mit seiner Gegenwart! Wenn wir zu dieser Erkenntnis
gefiihls- und empfindungsmafiig gekommen sind, dann
ist das Gebet Ursache der Weiterentwickelung in uns.
Und wir konnen das Gebet dann zahlen zu den Entwik-
kelungskraften unseres eigenen Ich.
Ebenso konnen wir es halten mit der Gebetsstimmung
gegeniiber der Zukunft, wenn wir in Furcht und Angst
dem gegeniiber leben, was die Zukunft uns bringen
kann. Denn da fehlt uns jene Ergebenheit, die aus dem
Gebete stromt, das wir entgegensenden unseren Geschik-
ken, die uns aus der Zukunft entgegeneilen, und von
denen wir sagten: Sie sind aus der Weisheit der Welt
iiber uns verhangt. Die Hingabe an diese Ergebenheits-
stimmung wirkt anders, als wenn wir Furcht und Angst
dem entgegensenden, was uns entgegenkommen soil.
Durch Angst und Furcht wird unsere Entwickelung
gehemmt; wir weisen durch die Wellen der Furcht und
der Angst das zuriick, was in unsere Seele aus der
Zukunft herein will. Aber wir nahern uns ihm in be-
fruchtender Hoffnung, so dafi es in uns hineinkommen
kann, wenn wir ihm in Ergebenheit entgegenleben. So ist
diese Ergebenheit, die uns scheinbar klein macht, eine
starke Kraft, die uns der Zukunft entgegentragt, so dafi
die Zukunft den Inhalt der Seele bereichert und unsere
Entwickelung auf eine immer neue Stufe bringt.
Da haben wir das Gebet erfafit, wie es eine wirkende
Kraft in uns selber ist. Daher sehen wir in dem Gebet
eine Ursache in uns, die unmittelbare Wirkungen nach
sich zieht, namlich die Vergrofterung und Entwickelung
unseres Ich. Wir brauchen dann gar nicht besondere
aufiere Wirkungen abzuwarten; sondern wir sind uns
klar: Wir haben mit dem Gebete selber etwas in unsere
Seele gesenkt, das wir erleuchtende und erwarmende
Kraft nennen konnen. Erleuchtende Kraft, weil wir die
Seele frei machen gegeniiber dem, was uns aus der
Zukunft entgegeneilt, und sie geeignet machen, das auf-
zunehmen, was uns aus dem dunklen Schofi der Zukunft
werden kann; erwarmend wirken wir auf die Seele, weil
wir sagen konnen: Zwar haben wir in der Vergangenheit
versaumt, vollig das Gottliche in unserem Ich zur Entfal-
tung zu bringen; jetzt aber haben wir uns in unseren
Empfindungen und Gefuhlen mit ihm durchdrungen,
und es kann wirken in uns. Die Gebetsstimmung, die
uns aus dem Gefiihl fur die Vergangenheit kommt,
erzeugt jene innere Seelenwarme, von der alle diejenigen
zu erzahlen wissen, welche das Gebet in seiner Wahrheit
zu empfinden vermogen. Und die erleuchtende Wirkung
zeigt sich bei denen, die das Ergebenheitsgefiihl des
Gebetes kennen.
Wenn wir so das Wesen des Gebetes betrachten,
werden wir uns nicht wundern, dafi gerade die groEen
Mystiker in der Hingabe an das Gebet die beste Vorschu-
le fanden fur das, was sie in der mystischen Versenkung
dann suchten. Sie leiteten sozusagen die Stimmung ihrer
Seele durch das Gebet vorher hin zu jenem Punkt, wo
sie dann fahig wurden, das charakterisierte «Fiinklein»
aufleuchten zu las sen. Gerade durch die Vergangenheits-
betrachtung kann uns erklarlich erscheinen jene tiefe
Innigkeit, jene wunderbare Intimitat des Seelenlebens,
die den Menschen beim wahren Gebet uberkommen
kann. Es ist doch das Erleben, das Erfahren in der
Aufienwelt, was uns uns selber entfremdet, auch ganz
genau das gleiche, das in der Vergangenheit das in uns
Machtigere - unser bewufites Ich - nicht hat aufkommen
lassen. Wir waren hingegeben den aufieren Eindriicken,
wir gingen auf in dem Mannigfaltigen des aufieren Le-
bens, was uns zerstreut und uns nicht zur Sammlung
kommen lafit. Das ist aber dasselbe, was die machtigere,
starkere Gotteskraft in uns nicht zur Entfaltung kom-
men liefi. Jetzt aber, wo wir dies in einer solchen
Stimmung der Gottinnigkeit in uns entfalten, fiihlen wir
uns in uns selber nicht hingegeben an die zerstreuenden
Wirkungen der Aufienwelt. Das ist es
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