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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UND KURSE UBER
CHRISTLICH-RELIGIOSES WIRKEN
RUDOLF STEINER
Vortrage und Kurse iiber
christlich-religioses Wirken
Apokalypse und Priesterwirken
Achtzehn Vortrage, Gesprache
und Fragenbeantwortungen
in Dornach vom 5. bis 22. September 1924,
wiedergegeben nach Notizen von Teilnehmern
Mit Wandtafelzeichnungen und
Notizbucheintragungen
2001
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe und Bearbeitung besorgten Ulla Trapp und Paul G. Bellmann
1. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1995
2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 2001
Bibliographie-Nr. 346
Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 331
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1995 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Rudolf Steiner Verlag
Druck: Greiserdruck, Rastatt / Bindung: Spinner GmbH, Ottersweier
Printed in Germany
ISBN 3-7274-3460-0
Zw den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie-
dert sich in die drei groBen Abteilungen: Schriften - Vortrage -
Kimstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «miindliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlaBt, das
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, muB gegeniiber alien Vortrags veroffentli-
chungen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachge-
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen of-
fentlichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be-
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Rudolf Steiner iiber diesen Kurs 11
BegruBung durch Johannes Werner Klein 15
ERSTER VORTRAG, Dornach, 5. September 1924 .... 17
Menschenweihehandlung und Apokalipse. Bezeichnung des Be-
griffs «Apokalypse»: Okkulte Wahrheiten, die gegeben werden,
um der Menschheit den rechten priesterlichen Impuls zu verlei-
hen. Vier Stadien des Mysterienwesens.
zweiter vortrag, 6. September 1924 28
Wandlungen des Transsubstantiations-Erlebens in den verschie-
denen vergangenen Mysterienepochen.
dritter vortrag, 7. September 1924 43
Zukiinftiges Erleben der Transsubstantiation in der Ich-Organi-
sation. Von der Tragfahigkeit anthroposophischer Wahrheiten.
Alpha und Omega (Apk. 1, 11). Die Anfangsworte der Apoka-
lypse.
vierter vortrag, 8. September 1924 58
Sendschreiben an die Engel der Gemeinden von Ephesus und
von Sardes. Zum Verstandnis der Zahlenverhaltnisse in der
Apokalypse. Zwolf, Vierundzwanzig, Sieben.
funfter vortrag, 9. September 1924 72
In der fiinften nachatlantischen Zeit werden die Menschen mehr
und mehr das BewuBtsein entwickeln, den Tod als Begleiter
neben sich stehen zu sehen. Zum Lesen der Apokalypse gehort
das Dabeisein mit dem Wollen.
SECHSTER vortrag, 10. September 1924 88
Zahlengeheimnisse in der Apokalypse. Fruheres Hineingestellt-
sein der Menschen in die kosmischen Zahlengeheimnisse; heuti-
ges Entwicklungsstadium der Erde, in dem wir uns herausheben
aus den Zahlengesetzen. Die Erzengel-Epochen.
siebenter vortrag, 11. September 1924 100
Das Jahr 333. Prophetischer Blick des Apokalyptikers auf die
Moglichkeit eines Abfallens vom Christusprinzip und Riickkehr
zum Vaterprinzip. Die mohammedanische Lehre. 666 - die Zahl
des Tieres. Transsubstantiationslehre und Karmalehre.
achter vortrag, 12. September 1924 114
Zusammenhang des Christus mit der Sonne. Sonnengenius und
Sonnendamon. Sorat und die Zahl 666. Das Jahr 1998. Notwen-
digkeit des Strebens nach Spiritualitat. Michaelmysterium, Chri-
stusmysterium, Soratmysterium.
neunter vortrag, 13. September 1924 126
Die Apokalypse als weissagendes Bild von der Fortentwicklung
des Christentums nach dem Mysterium von Golgatha. Die we-
sentliche Unterscheidung des Christentums von anderen religio-
sen Bekenntnissen. Vom Bauen des alten und neuen Jerusalem.
zehnter vortrag, 14. September 1924 140
liber verschiedene Bilder aus dem 19. Kapitel der Apokalypse.
Priesterliches Wirken heute.
elfter vortrag, 15. September 1924 153
Vom dreifachen Sturz der Widersachermachte des Christus-Im-
pulses: Der Fall Babylons, der Sturz des Tieres und des falschen
Propheten, der Sturz der gottlichen Gegenmachte (Satan).
zwolfter vortrag, 16. September 1924 167
Ubergang von der vierten zur fiinften Kulturepoche. Bevorste-
hender Zeitraum, in dem die Menschen bewuBte Visionen haben
werden. Das Weib, mit der Sonne bekleidet (Apk. 12, 1).
dreizehnter vortrag, 17. September 1924 181
Vom Prinzip der Zahl. Die Zeitalter der Posaunenklange. Ich-
lose Menschen. Rassenentwicklung und individuelle Entwick-
lung der Menschen.
TEILNEHMERFRAGEN 196
vierzehnter vortrag, 18. September 1924 198
Zu Apk. 10,1. Wolkenmenschen, Regenbogenmenschen und
feuerfiiBige Menschen in der Gegenwart. Uber die durch das
Streben in Rassen, Volker und Nationen bewirkte Spaltung der
Menschen. Beispiele: RuBland (Bolschewismus), Tschechen und
Slowaken.
funfzehnter vortrag, 19. September 1924 210
Naturereignisse und geschichtliche Ereignisse. Das glaserne
Meer (Apk. 15,2). Licht und Liebe. AusgieBung der Zornesscha-
len. Beantwortung von Teilnehmerfragen.
vorbesprechung vor dem 16. Vortrag, 20. Sept. 1924. . 224
SECHZEHNTER vortrag, 20. September 1924 231
Uber die Einheit von Sternenwelt und Erdenwelt. Das sieben-
kopfige und das zweihornige Tier in der Apokalypse. Uber die
Natur der Kometen; der Bielasche Komet.
SIEBZEHNTER vortrag, 21. September 1924 242
Die Apokalypse als Einweihungsbuch. Etappen: Briefe, Siegel,
Posaunen, gottliche Liebe und gottlicher Zorn im Verhaltnis zu
physischer Welt, zu Seelenwelt und Geisterland. Wahrnehmen
der Hierarchien.
achtzehnter vortrag, 22. September 1924 256
Fragen der BewuBtseinsseelen-Entwicklung. Das Hereinbrechen
der Intellektualitat und das Wirken der satanischen Macht. Uber
die Gefahr neuer Gruppenseelenhaftigkeit. Gog und Magog.
Impulse der Apokalypse im Priesterwirken.
ANH ANG
Wandtafelzeichnungen zu den Vortragen 271
Notizbucheintragungen zu den Vortragen 285
Ubersicht iiber die Vortrage,
die Rudolf Steiner den Mitarbeitern der Bewegung
fur religiose Erneuerung gehalten hat 330
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 331
Textunterlagen 332
Hinweise zum Text 334
Namenregister 343
Rudolf Steiner liber die Vortragsnachschriften .... 345
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 347
Am 5. Oktober 1924 schrieb Rudolf Steiner im Nachrichtenblatt («Was in
der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten fur deren Mit-
glieder»):
An die Mitglieder!
Worte, die ich anlafilich des im September
am Goetheanum abgehaltenen Kurses
iiber die Apokalypse aussprechen mochte
Unter den Kursen, die zwischen dem 4. und 23. September hier am
Goetheanum gehalten worden sind, war ein solcher fiir die Priester der
Christengemeinschaft. Er war im strengsten Sinne nur auf diesen Kreis
beschrankt. Nur die Mitglieder des Vorstandes am Goetheanum waren
die einzigen Teilnehmer auBerhalb dieses Kreises.
Die Priesterschaft hatte schon vor langerer Zeit den Wunsch ausge-
driickt, fiir den Inhalt dieses Kurses die Apokalypse zugrunde zu
legen.
Es existiert ein vormals fiir die Mitglieder der Anthroposophischen
Gesellschaft gedruckter, von mir in Niirnberg vor den Mitgliedern der
damals Theosophischen Gesellschaft 1908 gehaltener Vortragszyklus
«Theosophie an der Hand der Apokalypse».
Mit dem damals Gesagten konnte sich das diesmal Vorgebrachte
nicht decken. Damals waren unsere lieben Freunde aus der Mitglied-
schaft von der Erwartung erfiillt, vor allem die Erkenntnisse kennen-
zulernen, die der Mensch iiber die Entwickelung der Menschheit auf
Erden und der Ercte innerhalb des Sternensystems durch die Anschau-
ung der iibersinnlichen Welt haben kann. Mit einem solchen Thema
kann man an den Inhalt der Apokalypse ankniipfen. Denn dieser
Inhalt ist eigentlich ein Ratsel fiir alle diejenigen Personlichkeiten, die
die Bibel lesen. Er steht ja am Ende dieses Buches. Und er enthalt in
einem prophetischen Charakter Angaben iiber die Erd- und Mensch-
heitsentwickelung. Indem ich in dem Niirnberger Vortragszyklus zei-
gen konnte, wie man in der Bildsprache des Apokalyptikers dasjenige
vielfach wiederfinden konne, was von den ins Geistige weitergefiihr-
ten, aber im Sinne neuerer wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit ge-
haltenen Forschungen der Anthroposophie iiber die Entwickelung der
Menschheit und der Erde innerhalb des Sonnensystem gesagt werden
kann, war es moglich, das Verhaltnis auch der esoterischen Wahrheiten
des Christentums zur Anthroposophie in das rechte Licht zu stellen.
Ich konnte gewissermaBen damals die Einsicht vor die Zuhorer stellen
davon, da6 man ewige, die Menschenseele tief beriihrende Wahrheiten
von zwei Seiten horen konne: von der Seite des im esoterischen
Christentum erworbenen Schauens und von der des geisteswissen-
schaftlichen Erkennens; und man hort ein Gleiches, wenn man richtig
hort.
Diesmal hatte ich eine andere Aufgabe. Und obwohl ich nicht iiber
das berichten werde, was seiner Wesenheit nach eben nur fur den
Priesterkreis bestimmt sein kann, fiihle ich mich doch verpflichtet, hier
das zu sagen, was Anthroposophen iiber einen Vorgang wissen sollen,
der sich innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft abspielt.
Was als geistige Substanz durch die Priesterschaft der Christenge-
meinschaft stromt, ist ihr vor zwei Jahren innerhalb des seither abge-
brannten Goetheanums aus der geistigen Welt durch meine Vermitt-
lung gereicht worden. Dieses Darreichen war ein solches, da6 die
Christengemeinschaft gegeniiber der Anthroposophischen Gesellschaft
vollig selbstdndig dasteht. Es konnte bei der Begriindung gar nichts
anderes als eine solche Selbstandigkeit angestrebt werden. Denn diese
Bewegung fur christliche Erneuerung ist nicht aus der Anthroposophie
herausgewachsen. Sie hat ihren Ursprung bei Personlichkeiten genom-
men, die vom Erleben im Christentum heraus, nicht vom Erleben in
der Anthroposophie heraus einen neuen religiosen Weg suchten. Sie
empfanden den Drang, in einem lebendigen Ergreifen des iibersinnli-
chen Gehaltes des Christentums die Verbindung der Menschen-seele
mit ihrer ewigen Wesenswelt zu finden. Sie glaubten fest daran, daB es
ein solches lebendiges Ergreifen geben miisse. Aber sie empfanden, daB
die Wege, die sich ihnen gegenwartig fur die Erlangung des Priesteram-
tes offnen, sie zu diesem Ergreifen nicht fiihren konnen. So kamen
denn diese Zoglinge eines ehrlich und geistgemaB gemeinten Priester-
tums vertrauensvoll zu mir. Sie hatten Anthroposophie kennen gelernt.
Sie waren iiberzeugt, daB ihnen Anthroposophie vermitteln konne, was
sie suchten. Aber sie suchten nicht den anthroposophischen Weg, sie
suchten einen spezifisch religiosen.
Ich verwies sie darauf, daB der Kultus und die ihm zugrunde
liegende Lehre allerdings durch die Anthroposophie dargereicht wer-
den konnen, trotzdem die anthroposophische Bewegung die Pflege des
geistigen Lebens von anderen Seiten aus als ihre Aufgabe betrachten
miisse.
Es gelang dann, an Dr. Rittelmeyer mit den Bestrebungen dieser
Zoglinge eines geistig orientierten christlichen Priestertums heranzu-
treten. In ihm war eine Personlichkeit vorhanden, die christlicher
Priester und Anthroposoph im wahrsten Sinne des Wortes war. Er
hatte, zwar ohne den Kultus, aber in weitem Sinne dem Geiste nach,
die christliche Erneuerung in dem Wirken seiner Person dargelebt. Aus
der Anthroposophischen Gesellschaft heraus fur die christliche Er-
neuerung etwas darreichen, forderte wie selbstverstandlich die prakti-
sche Frage heraus: wie wird Rittelmeyer das Dargereichte aufnehmen?
Wie wird er sich zu der Verwirklichung des Gewollten stellen? Denn
die anthroposophische Bewegung muBte in Rittelmeyer das Vorbild
einer Personlichkeit sehen, die Christentum und Anthroposophie in
der inneren Harmonie des Herzens und in der auBeren Harmonie des
Wirkens vereint hatte.
Und Rittelmeyer sagte aus vollem Herzen heraus «Ja». Damit war
fur die selbstandige Bewegung fur christliche Erneuerung ein fester
Ausgangspunkt gewonnen. Und es konnte, was geschehen sollte, hier
im Goetheanum vor zwei Jahren inauguriert werden.
Seither ist die Priestergemeinschaft der christlichen Erneuerung ih-
ren Weg in der energischsten Weise gegangen. Sie entfaltet eine segens-
reiche und heilsame Tatigkeit.
Nach zwei Jahren - der Jahrestag der eigentlichen Begriindung fiel
in die Kurszeit - empfanden nun diese Priester das Bediirfnis, in ein
naheres Verhaltnis zur Apokalypse zu treten.
Ich glaubte fur ein solches naheres Verhaltnis etwas tun zu konnen.
Meine Geisteswege hatten mir ermoglicht, den Spuren des Apokalyp-
tikers nachzugehen.
Und so meinte ich, daB ich in diesem Kurse eine Darstellung
ermoglichen werde, die dieses «Priesterbuch» im wahren Sinne dem
«Priester» als geistigen Fiihrer iibermitteln kann. Die Menschen-Wei-
hehandlung steht in der Mitte des Priesterwirkens; von ihr strahlt aus,
was durch Kultusart von der Geistwelt in die Menschenwelt dringt.
Die Apokalypse kann in der Mitte der Priesterseele stehen; von ihr
kann in alles Priesterdenken und Priesterempfinden einstrahlen, was
die opfernde Menschenseele aus der Geistwelt gnadevoll empfangen
soil.
So dachte ich iiber die Aufgaben dieses Kurses fur Priester, als an
mich der Wunsch herangetreten ist, ihn zu halten. In diesem Sinne
habe ich ihn nun gehalten.
BEGRUSSUNG
Dornach, 5. September 1924
Johannes Werner Klein: Weil Herr Dr. Rittelmeyer auf seine Krankheit
Riicksicht nehmen muB, ist mir der Auftrag zugef alien, aus unserem Kreise
heraus einige Worte zu sprechen und auszudriicken, wie wir das Schicksal
dankbar empfinden, wiederum vor Sie hintreten zu diirfen, und wie wir uns
empfinden miissen als eine Schar von Menschen, die in den Untergangswo-
gen und in den Sturmeswellen der Zeit wie in einem Schiff zusammenstehen
und immerdar die Gefahr des Ertrinkens vor sich sehen, und die sich weder
hinwenden konnen zu der Reprasentanz des auBeren, noch zu der des
sogenannten geistigen Kulturlebens unserer Zeit. Wir miissen es als beson-
dere Gnade betrachten, hier in Dornach vor Sie hintreten zu diirfen und
empfinden es besonders dankbar, daB Sie uns hergerufen haben und daB Sie
hier zu uns sprechen wollen.
Es ist jetzt zwei Jahre her, daB wir das letzte Mai als Kreis hier vor Ihnen
standen, in jener gewaltigen Zeit, wo der Lebensauftrag sich heruntergesenkt
hat auf uns. Die meisten von uns sehen zum ersten Male seitdem die Statte
wieder, wo dies geschah, sehen mit Erschutterung die letzten physischen
Reste des Goetheanums und konnen nicht anders, als mit ihren Gedanken
jenen Ort aufsuchen des weiBen Saales, wo das Schicksal des Lebens so stark
zu ihnen gesprochen hat, jenen Ort, wo da drauBen jetzt am tiefsten die Erde
aufgerissen ist.
Und doch lebt als das GroBte, als das Starkste in unserem BewuBtsein der
Abglanz der Tatsache, die sich seitdem hier abgespielt hat: Das Heruberklin-
gen jener Botschaft der Weihnachtstagung. Es lebt die Freude in uns, die in
jener Zeit uns gegeben wurde: Es gibt wiederum eine Mysterienstatte auf der
Erde. - Und deshalb ist es unser erstes, wenn wir jetzt wiederum als Kreis
vor Sie hintreten, zum Ausdrucke zu bringen, wie sehr es unser Wunsch ist,
so intensiv und so stark wie moglich AnschluB zu finden und uns hineinzu-
stellen in die Impulse, die seit jener Zeit ausgehen von dieser Statte hier. Es
haben die Freunde jetzt ausnahmslos alle ihr Gesuch eingereicht aus person-
licher Initiative um Aufnahme in die Hochschule fiir Geisteswissenschaft.
Wir wollen damit als Kreis zum Ausdruck bringen, daB wir uns denkbar
innigst und tiefst als Kreis hineinstellen wollen in das Werk von Dornach.
Nun haben wir inzwischen wieder ein Jahr lang drauBen gearbeitet.
Unsere Arbeit ist in den Grenzen von Deutschland geblieben, aber wir
haben als Kreis doch einen ziemlichen Zuwachs erfahren diirfen; und wenn
Sie es erlauben, werden wir jetzt Ihnen die neuen Freunde unseres Kreises
vorstellen. (Es werden elf Personlichkeiten vorgestellt, die sich nach der im
Herbst 1922 erfolgten Begrundung der Christengemeinschaft dem Priester-
kreis angeschlossen haben.)
Die Tagungen, die wir in dem letzten Jahre miteinander gehabt haben, sie
betrachten wir nicht als das wesentlichste, was wir geleistet haben. Aber
dennoch konnten diese Tagungen fur uns der klarste Spiegel dafiir werden,
daB die geistige Welt ein Interesse gewonnen hat an unserem Arbeiten, daB
wir einen Platz erhalten durften in den geistigen Welten, fur den eine
Fiihrung da ist. Aber dieses BewuBtsein kann uns jetzt die Plattform abge-
ben, daB das Vertrauen zu unserer Sache mehr und mehr keimend vom
Kopfe auch herunter in unsere wirklichen Tiefen wirken kann. Und mit
diesem heraufragenden Vertrauen zu unserer Sache treten wir vor Sie hin, da
Sie uns die Stimme der wahren Verkundigung der geistigen Welt sind und
mochten Sie bitten, das zu geben, was uns ermoglichen kann, weiter durch
die Zeit den Weg zu finden.
ERSTER VORTRAG
Dornach, 5. September 1924
Meine lieben Freunde! Wenn ich zunachst in Beantwortung dieser
lieben Worte einiges zu sagen habe, so ist es dieses: Es war voll
berechtigt, daB Sie im Namen der Priesterschaft diese Worte eben
gesprochen haben, und man kann nicht immer sagen, daB das, was
aus dem besten Willen heraus von Menschen gesprochen wird,
voll berechtigt ist. In diesem Falle konnte es gesagt werden. Es
wird das gesagt aus dem Grund, weil zu alle dem, was aus dem
inneren spirituellen Impuls, der hier vom Goetheanum aus durch
die anthroposophische Bewegung gehen soil, immer etwas hinzu-
gehort, was weit hinausgeht nicht nur iiber alles theoretische
Verstehen, sondern iiber alles Verstehen uberhaupt. Es ist etwas,
was sich dem nahert, das man so aussprechen kann: Heute werden
fur die Menschen die Aufgaben wieder groB. Sie werden groB aus
dem Grunde, weil die Krafte jener Zeiten erschopft sind, in denen
es der Menschheit moglich war, sich mehr oder weniger von den
Impulsen der alten Mysterien abzuwenden.
Die Impulse der alten Mysterien haben ja gottliche Substanzen
und gottliche Krafte in voller Realitat auf der Erde entfaltet. Die
Menschheit muBte sich so entwickeln, daB eine Zeit kam, in der
sie sich mehr oder weniger selbst uberlassen war, und daB in die-
ser Zeit die gottlichen Substanzen und Krafte nicht unmittelbar
durch die Menschen auf der Erde wirken konnten. Die Krafte, die
in dieser Zwischenzeit menschlicher Entwickelung durch die Er-
denmenschheit gegangen sind, sind erschopft. Und das ist viel-
leicht die allerbedeutsamste, wenn auch nicht die hochste, so doch
eine wichtige und tief einschneidende okkulte Wahrheit, daB die
Krafte, die ohne die Mysterien innerhalb der Menschheitsevolu-
tion wirksam werden durften, erschopft sind, und daB die
Menschheitsevolution nicht weitergeht, wenn nicht wieder My-
sterienkrafte in sie einziehen.
Unter dem EinfluB dieser Wahrheit muB es namentlich gefuhlt
werden, daB heute etwas anderes als nur Verstehen notwendig ist
fur denjenigen, der in irgendeinem Zweige der anthroposophi-
schen Bewegung aus wirklicher Spiritualitat heraus wirken will.
Es muB wieder etwas von dem kommen, was ahnlich ist dem
Wirken in den alten Mysterien und das man bezeichnet hat mit
dem opfernden Hingegebensein des ganzen Menschen, mit dem
Aufgehen des ganzen Menschen in seiner Aufgabe.
Wiirde nicht deutlich zu sehen sein - und es ist eben deutlich
zu sehen -, daB innerhalb Ihrer Priesterschaft dieser Impuls in
lauterer Innerlichkeit wirkend vorhanden ist, den ganzen Men-
schen opfernd hinzugeben fur die Sache, die Sie als heilig erkannt
haben, so wiirden Ihre Worte nicht die tiefe Wahrheit haben.
Aber ich darf Ihnen vor alien den gottlichen Machten, die unserer
Sache leuchtend vorstehen, sagen: Ihre Worte, die Sie ausgespro-
chen haben von Ihrer Begeisterung und Hingabe an die Sache,
sind voile, reine, lautere Wahrheit. Es war deutlich zu sehen, wie
diese Priesterschaft als Ganzes von dem edelsten innerlichsten
Streben beseelt ist, die Opfer, die heute gebracht werden mussen,
mit der inneren Spiritualitat des Menschen zur vollen Ausgestal-
tung zu bringen. Und es darf schon gesagt werden, daB dasjenige,
was Sie getan haben, der Anfang ist zu demjenigen, was die gott-
liche Wesenheit der Welt befriedigen kann. Ich sage Ihnen damit
ein gewichtiges Wort.
GewiB, Sie sind innerhalb Deutschlands geblieben mit Ihrer
Wirksamkeit. Aber das ist geschehen aus Gninden, die wahrschein-
lich doch in nicht allzu ferner Zeit gewiB uberwunden werden.
Denn das Interesse an jener religiosen Erneuerung, das in Ihren
Herzen geflammt hat, als Sie hier zu mir gekommen sind zur
Begriindung Ihres priesterlichen Wirkens, ergreift die Seelen auch
uber weite auBerdeutsche Gebiete hin. Und es wird ja nur von der
inneren Kraft, die in Ihnen sein kann, abhangen, wie weit die
Moglichkeit vorhanden ist, uber Deutschland hinauszukommen.
Naturlich kann man nur tiefbewegten Herzens daran denken,
wie die Inauguration und Initiation Ihrer Bewegung mit der hei-
ligen Menschenweihehandlung sich vor zwei Jahren hier vollzo-
gen hat, an der Statte, aus der wir zuerst die Flammen heraus-
schlagen sehen muBten, die dann unser geliebtes Goetheanum
zerstort haben. Sie sehen, daB heute an dieser Statte gerade am
tiefsten aufgegraben ist. Aber es ist ja auch tatsachlich durch Ihre
schone Hingabe begonnen worden, dasjenige, was dazumal in
dem dann von den Flammen zuerst verzehrten Raum geschehen
ist, in eine rechte heilige Erdentat zu verwandeln. Und wenn Sie
mit dem heiligen Eifer, der Sie zuerst ergriffen hat, fortfahren
werden, so werden die Impulse innerhalb Ihrer Priesterschaft sich
in der rechten Weise entwickeln.
Wir werden diesmal, wo Sie wiederum versammelt sind an
diesem Orte, in demjenigen Licht und in derjenigen Warme, die
uns aus der Geisteswelt entgegengekommen sind durch die Weih-
nachtstagung, gewissermaBen als geistige Gegenleistung fur die
irdischen Verluste, die durch die Flammen bereitet worden sind,
wichtige Fragen zu besprechen haben. Wir werden das zu bespre-
chen haben, was wirklich geeignet sein kann, die Impulse Ihrer
Seelen weiterzufuhren.
Wir werden diesmal versuchen, an uns herantreten zu lassen
den tiefen Gehalt der Apokalypse, werden aber von der Betrach-
tung der Apokalypse ausgehend alles an unserer Seele voriiberzie-
hen lassen, was gerade in diesem Augenblick fur Ihre Priester-
schaft von besonderer Wichtigkeit ist. Und wir werden gerade
durch die Betrachtung der Apokalypse das in den Mittelpunkt
unserer ganzen Arbeit hier setzen konnen, was dem priesterlichen
Wirken den Sinn gibt: die Menschenweihehandlung. Und so wer-
den vor uns stehen auf der einen Seite die Menschenweihehand-
lung und auf der anderen Seite die Apokalypse.
Mit einigen Worten wird es heute schon angedeutet werden,
wie wir dies jetzt hier inaugurieren wollen oder wie wir durch
diese Arbeit Ihre Priesterbewegung inaugurieren wollen. Und so
wollen wir das, was im Laufe der Zeit aus den unmittelbaren
Bedurfnissen Ihres Priesterwirkens heraus zu sagen sein wird,
was zu bringen sein wird uber dieses praktische Priesterwirken,
was an Ruckblicken auf die Vergangenheit und an Ausblicken
in die Zukunft zu leisten sein wird, all das wollen wir aufsparen
auf die Zeit, wo es sich an die innere Betrachtung anschlieBt.
Und heute werde ich zunachst vor Ihnen aussprechen, in wel-
cher Art diese unsere Arbeit hier in den nachsten Tagen einge-
richtet sein soil.
So begriiBe ich Sie zunachst alle aus dem vollsten Herzen her-
aus im Namen aller der Machte, die Sie hier vereinigt haben und
von denen Sie wissen, daB es die Scharen der Christus nachfolgen-
den Machte sind. Sie mogen geben die rechte religiose Impulsivi-
tat, die rechte theologische Einsicht und die rechten Impulse fur
das Kultuswirken in der Gegenwart, das Sie aus dem tiefsten
christlichen Sinne heraus religios, theologisch, zeremoniell uber-
nehmen mochten. In diesem Sinne wollen wir beisammen sein
und aus diesem Sinne soil die Arbeit gestaltet werden, die wir nun
zusammen vornehmen.
Wir gehen davon aus, daB wir auf das GroBe in unserer Zeit
hinweisen, auf jenes GroBe, das bestehen muB in einer ganz neuen
Stellung der Menschenseele zu dem, was durch priesterliches
Wirken geht. Das, was anwesend ist im priesterlichen Wirken,
wenn die Menschenweihehandlung vollzogen wird, ist etwas, was
die Menschen immer gesucht haben, solange es eine Menschheit
auf Erden gibt. Wollen wir aber durchschauen, in welchem Lichte
heute die Menschenweihehandlung dem Priester erscheinen muB,
der sie zelebriert und dem Laien, der sie aufnimmt, so mussen wir
zunachst einen Blick werfen auf das, was die Menschenweihe-
handlung im Laufe der Zeiten in der Menschheitsentwickelung
auf Erden gewesen ist, was sie ist, und was sie werden muB.
Aber zu dem, was die Menschenweihehandlung heute ist, wenn
sie zelebriert wird, muB von einer anderen Seite her kommen das
Durchdrungensein mit dem wahren Inhalt dessen, was Johannes,
der durch Christus selbst Eingeweihte, der christlichen Nachwelt
hat geben wollen mit der Apokalypse. Es gehort im Grunde ge-
nommen beides zusammen: rechter Sinn im Zelebrieren der Men-
schenweihehandlung und rechter Sinn im innerlichen Sichdurch-
dringen mit der Substanz der Apokalypse.
Sehen wir jetzt ab von der besonderen Gestalt, welche nun
einmal die Apokalypse des Johannes fur den Christen hat. Bezeich-
nen wir alles dasjenige als «Apokalypse», was als okkulte Wahrheit
gegeben wird, um der Menschheit den rechten priesterlichen Im-
puls fur ihre Fortentwickelung zu verleihen. Da fallt vieles unter
den Begriff der Apokalypse, was eben konzentriert zusammenge-
faBt ist in der Apokalypse des Johannes und das gestimmt ist auf
den Christus. Immer war, indem man gestrebt hat nach einer
Apokalypse, ein Verstandnis dafur vorhanden, daB der tiefe voile
Sinn fur die Aufnahme des Apokalyptischen in dem Darinnenste-
hen in der Menschenweihehandlung gegeben sein muB.
Es wird uns vieles anschaulich werden konnen, wenn wir zu-
nachst uns sagen: Es gab einst Mysterien, die ich nennen will die
alten Mysterien. Wir wollen uns jetzt in dieser Einleitung nicht
mit Zeitangaben aufhalten, sondern nur die vier aufeinanderfol-
genden Stadien der Mysterien charakterisieren. Es gab alte Myste-
rien, es gab halbalte Mysterien, es gab ein halbneues Mysterien-
wesen, und wir stehen jetzt am Ausgangspunkt eines neuen My-
sterienwesens. Vier Stadien haben wir damit vor uns, vier Stadien
in der Entwickelung der menschlichen Auffassung fur Apokalyp-
se und Menschenweihehandlung.
Wenn wir hinschauen auf die alten Mysterien, die in der ersten
Morgendammerung menschlicher Entwickelung auf der Erde
unter den Menschen bestanden, die alles, was heilig, wahr und
schon war, unter die Menschen zu bringen hatten, dann konnen
wir sagen: Das Wesentliche der alten Mysterien war dieses, daB in
ihnen die Gotter von ihren Gottersitzen zu den Menschen herun-
tergestiegen sind, und daB die Menschen in priesterlicher Wurde
innerhalb der Mysterien unmittelbar von Wesen zu Wesen mit
den Gottern verkehrt haben. So wie heute Mensch und Mensch
verkehren miteinander, Wesen mit Wesen, so verkehrten in jenen
alten Zeiten in den Mysterien die Gotter mit den Menschen und
die Menschen mit den Gottern.
Aber so wie es Naturgesetze gibt, die fur die Zeit gelten, so gibt
es urewige Gesetze, die aber die menschliche Freiheit durchaus
nicht beeintrachtigen; und unter diesen urewigen Gesetzen sind
auch solche, welche sich auf den Verkehr der Gotter mit den
Menschen beziehen. Diese urewigen Gesetze kamen namentlich
damals in Betracht, als in den heiligen Mysterien der menschlichen
Urzeit die Gotter selbst mit den Menschen verkehrten, und als alles,
was menschliche Unterweisung war, sich abspielte zwischen den
gottlichen Lehrern und den Menschen selbst. Als das, was sich im
Kultus abspielte, so vor sich ging, daB unter den Zelebrierenden
mitten drin auch die ubersinnlich kraftenden Gotter waren, da
vollzog man in jenen alten Mysterien dasjenige, was der Menschen-
weihehandlung immer den Sinn gegeben hat: die Transsubstantia-
tion. Was aber war in den alten Mysterien die Transsubstantiation?
In den alten Mysterien war die Transsubstantiation dasjenige,
was die Gotter betrachteten als das letzte, durch das sie mit den
Menschen in Beziehung traten. Die Zeremonien wurden bestimmt
nach den urewigen Gesetzen, von denen ich sprach. Aus gewissen
Konstellationen der Sterne, die man in der wahren alten Astrolo-
gie kennenlernte und dem Zusammenfallen dieser Konstellationen
mit den Verhaltnissen, die die Menschen bestimmen konnen,
wurde der Weg gebahnt von den Gottern zu den Menschen und
von den Menschen zu den Gottern.
Ihr konnt wahrnehmen, wenn Ihr die Zeitrechnungen alter
Zeiten iiberschaut: Es gab verschiedene Zeitrechnungen, solche
zum Beispiel, in denen 354 und andere, in denen 365 Tage ange-
nommen wurden. In diese Zeitrechnungen wurden Schalttage
oder Schaltwochen eingesetzt, um das auszugleichen, was in der
menschlichen Berechnung nicht ubereinstimmte mit dem, was der
wahre Gang des Kosmos ist. Nie stimmte das, was die Menschen
berechnen konnten, mit dem wahren Gang des Kosmos uberein.
Es blieb immer irgendwo ein kleiner Rest iibrig. Das nun, was ein
solcher kleiner Rest war, wo die menschliche Zeitberechnung
nicht ubereinstimmte mit dem kosmischen Weltengang, das faB-
ten die Priester der alten Mysterien ganz besonders ins Auge. Sie
bestimmten diese gewissen Zeiten, wo dieses Nicht-Zusammen-
fallen besonders auffallig war, indem sie das Jahr einteilten in
Monate und Wochen, wobei ihnen nach den Mondenmonaten
eine gewisse Anzahl Tage iibrigblieb bis zum Beginn des nachsten
Jahres.
Gerade auf diese Zeiten hinzuschauen, wo die Menschen, in-
dem sie solche Tage oder Wochen einschalteten, damit sozusagen
ausdruckten das Nicht-Zusammenfallen menschlicher Berech-
nung mit dem Gang des Kosmos, und wo die Priester diese Zeiten
als heilige Wochen ansahen, dazu ist alle Veranlassung fiir den,
der sich in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinfinden
will. In solchen heiligen Wochen, die so recht auffallig machten,
daB das Denken der Gotter anders ist als das der Menschen, in
solchen Zeiten, in denen diese Differenz anschaulich wird, kann
aber, wenn das Herz der Gotter und das Herz der Menschen
zusammenstimmen, der Weg gefunden werden von den Gottern
zu den Menschen und von den Menschen zu den Gottern.
Das war etwas, was die Menschen innerhalb der alten Astrolo-
gie beobachteten und was sie in der richtigen Weise durchschauen
lieB, wann die Gotter in die Mysterien kamen. Es gab am Ende
eines jeden Jahres oder am Ende eines Mondenzyklus von acht-
zehn Jahren oder am Ende von anderen Perioden immer heilige
Zeiten, welche die Differenz, die Grenze zwischen menschlicher
Intelligenz und gottlicher Intelligenz bezeichneten, und in denen
die Priester der Mysterien erkennen konnten, daB die Gotter den
Weg zu ihnen, und die Menschen den Weg zu den Gottern finden
konnten.
Solche Zeiten waren es auch, in denen jene alten Priester die
Sonnen- und Mondenwirksamkeit festzuhalten suchten in den
Substanzen, mit denen sie die Menschenweihehandlung zelebrier-
ten, um das, was sie in den heiligen Zeiten empfangen hatten,
auszudehnen iiber alle ubrigen Zeiten des Jahres, in denen sie zu
zelebrieren hatten. So bewahrten sie auch das, was die Gotter aus
den Erdensubstanzen und -kraften in den heiligen Zeiten gemacht
hatten. Sie behielten das Wasser jener Zeiten, das Merkurische,
um in der ubrigen Zeit des Jahres damit die Menschenweihehand-
lung so zu zelebrieren, daB sie die Transsubstantiation in der
Weise enthielt, wie es von den Gottern selbst getan worden war
bei jenen Menschenweihehandlungen, die in den «toten Zeiten»,
wie man es nannte, die aber eben die heiligen Zeiten waren, sich
vollzogen hatten.
So wollten die Menschen in jenen alten Mysterien, zu den
Zeiten, in denen die kosmische Sprache gait unter den Menschen,
nicht die menschliche Sprache, sich in Verbindung setzen mit den
Gottern, die dann herunterstiegen in die Mysterien und die jedes-
mal neu heiligten, was die Menschenweihehandlung war, die aber
jedesmal auch den Menschen, die diese Menschenweihehandlung
vollzogen oder an ihr teilnahmen, zuriicklieBen Verstandnis fur
das Apokalyptische. So wurden die groBen Wahrheiten gelehrt in
jenen alten Zeiten, als das Darinnenstehen in der Menschenweihe-
handlung bedeutete das Durchdrungenwerden mit der Substanz
des Apokalyptischen. Menschenweihehandlung ist der Erkennt-
nisweg, Apokalypse ist das Objekt der heiligen Erkenntnis.
Wir kommen dann zu den halbalten Mysterien, zu den Myste-
rien, von denen wenigstens ein kleiner Abglanz noch in das
Geschichtliche heraufgeht, wahrend von den Mysterien, die ich
Ihnen als die alten charakterisiert habe, nichts mehr in das Ge-
schichtliche heraufkommt, sondern nur erforscht werden kann
durch die okkulte Wissenschaft. Es war das schon die Zeit, in der
die Gotter sich zuriickzogen von den Menschen und nicht mehr
in ihrer eigenen Wesenheit herunterstiegen in die Mysterien, wo
sie aber noch ihre Krafte heruntersandten. Es war die Zeit, in der
die Menschenweihehandlung durch die Transsubstantiation jenen
Glanz des Gottlichen erhalten sollte, der immer iiber der Men-
schenweihehandlung zu strahlen hat.
Die Transsubstantiation wurde jetzt nicht mehr so vollzogen,
daB aus dem astrologischen Verfolgen der kosmischen Vorgange
hergenommen wurde, was an Substanzen und Kraften einflieBen
sollte in das Zelebrieren der Transsubstantiation, sondern es wur-
de das Geheimnis auf eine andere Weise gesucht. Es wurde na-
mentlich das innere Wesen desjenigen aufgesucht, was man in der
alten Alchimie noch genannt hat: die Fermente. Das, was ein be-
stimmtes Alter erreicht hat und in bezug auf sein substantielles
Dasein unverandert hindurchgegangen ist durch die verschiede-
nen Stadien, in denen es die Umwandlung anderer Substanzen
bewirkt hat, das ist ein Ferment. Wir brauchen uns, wenn wir
einen trivialen Vergleich wahlen wollen, nur zu erinnern, wie man
Brot backt; es geschieht nach demselben Prinzip. Man bewahrt
von dem alten Teig ein kleines Teil auf und gibt es als Ferment
dem neuen Teig zu. Wir stellen uns vor, wie in den Zeiten der
halbalten Mysterien uraltes Substantielles, das durch die Um-
wandlung anderer Substanzen durch die Zeiten hindurch seine
eigene innere Substanz bewahrt hat, aufbewahrt wurde in heiligen
GefaBen, die in den Mysterien selber etwas uralt Heiliges, etwas
Ehrwiirdiges waren.
Es wurden den heiligen GefaBen die Substanzen als Fermente
entnommen, mit denen die Transsubstantiation in der alten, noch
heiligen Alchimie vollzogen worden ist. In diesen Zeiten wuBte
man: Der Priester, der eingeweiht war, versteht die Verwandlung,
die Transsubstantiation durch die in den Substanzen bewahrten
Krafte, er wuBte, daB sie in den heiligen KristallgefaBen mit Son-
nenglanz erstrahlten. Das, was man darin suchte und wozu man
sie brauchte, das war, daB man darin das Erkenntnisorgan bei den
Zelebrierenden sah ftir die Aufnahme desjenigen, was das Apoka-
lyptische ist.
Es gab in der Zeit dieser halbalten Mysterien jene Erscheinung:
Der Priester wurde erprobt in dem Augenblick, wo er vor die
heilige Statte hintrat und die alten Fermente anfingen, die Substan-
zen in den heiligen KristallgefaBen so zu verwandeln, daB er in dem
KristallgefaB sehen konnte, wie die Substanzen Sonnenglanz ver-
breiteten. Das GefaB, in dem eine kleine Sonne war, war eine
Monstranz. Es war ein Sanktissimum, das heute nur nachgebildet
werden kann. In dem Moment, in dem er das Sonnenglanzen des
Sanktissimums sah, war er innerlich Priester geworden. Tafel 1*
Heute sieht in der katholischen Kirche ein jeglicher das Sank-
tissimum, der in die Kirche hineingeht, weil es nur ein Symbol ist
fur das, was es einmal war. Einmal aber war es so, daB nur der-
Zu den Tafelzeichnungen siehe Seiten 271ff. und 331.
25
jenige wirklich Priester war, der das Sanktissimum sah, wenn er in
den aufbewahrten Substanzen ein Sonnenglanzen sah. In diesem
Augenblick war seine Erkenntnis aufgeschlossen fiir das Apoka-
lyptische.
Dann kamen diejenigen Mysterien, deren Abglanz die Messe
der neueren Zeit ist. Denn auf eine sehr komplizierte Art sind aus
den halbneuen Mysterien die katholische Messe, die armenische
Messe und andere Messen zur Entwickelung gekommen. Trotz-
dem sie sich verauBerlicht haben, tragen diese Messen noch das
voile Initiationsprinzip in sich. In diesen halbneuen Mysterien trat
an die Stelle der Anwesenheit der Gotter in den alten Mysterien
und an die Stelle der von den Gottern ausgesandten Krafte in den
halb alten Mysterien dasjenige, was der Mensch wahrnehmen
kann, wenn innerlich in ihm wach wird das Wort, das magische
Wort, das Wort, in dem Innerlichkeit ertont, das Wort, das bis
zur tiefsten Erkenntnis der innerlichen Wesenheit des Lautes
geht. Denn in der Zeit der halbneuen Mysterien stand der Men-
schensprache gegeniiber die Kultussprache, jene Kultussprache,
von der in den einzelnen Religionsbekenntnissen noch letzte Re-
ste vorhanden sind, in der alles beruht auf Rhythmus, auf inner-
lichem Verstandnis des Lautes und auf Verstandnis fiir das innere
Eindringen des Lautes aus Priestermund in Menschenherzen. Das
magische Wort, das das Kultwort ist, gesprochen an heiliger Stat-
te, war der erste Weg hinauf zu den Gottern, zunachst zu den
gottlichen Kraften.
Also:
Erste Menschheitszeit - alte Mysterien - die Gotter steigen
herab.
Zweite Menschheitszeit - halbalte Mysterien - die Gotter
schicken ihre Krafte herab.
Dritte Menschheitszeit - halbneue Mysterien - der Mensch er-
lernt die magische Sprache und beginnt hinaufzusteigen in dem
Intonieren der magischen Sprache zu den Kraften der Gotter-
welt.
Das war der Sinn alles dessen, was intoniert wurde innerhalb
der Menschenweihehandlung in dem dritten Zeitalter der Myste-
rien. Und das war in jener Zeit, in welcher innerhalb der Myste-
rien als zeitgemaBer religioser Kultus das Kabiren-Element lebte.
Denn beteiligt sind die Kabirendienste, die Kabirenopfer, die in
Samothrake gefeiert wurden, an alle dem, was in den halbneuen
Mysterien das Zeremonielle ist und an allem, was dazugehort zu
dem priesterlichen Zeremonial.
Wir stellen vor unsere Seele den Kabirenaltar von Samothrake.
Die Kabiren, die daraufstanden als auBere Denkmaler, waren
Opferkriige, in denen jetzt nicht Fermentsubstanzen waren,
sondern Substanzen, welche die menschliche Erkenntnis finden
konnte, wenn sie in das innere Spirituelle der Substanz eindringen
konnte. Solche Substanzen, die in den Opferkriigen darin waren,
Opfersubstanzen, wurden entziindet, der Rauch stieg in die Hone,
und die magische Sprache wirkte so, daB in dem aufsteigenden
Rauch erschien die Imagination dessen, was das Wort intonierte.
So wurde auBerlich sichtbar im Opferrauch der Weg hinauf zu den
gottlichen Kraften. Im Opferrauch wuBten sich die Priester in der
Atmosphare, durch die die Transsubstantiation vollzogen wurde.*
Das war das dritte Stadium in der Entwickelung der Mysterien und
desjenigen, was in der Menschenweihehandlung fur den Menschen
enthalten ist.
Diese ersten Stadien sind zwar in die Dekadenz gekommen,
doch ist noch heute manches AuBerliche davon erhalten. Begon-
nen hat nun eine neue Zeit der Mysterien, eine neue Zeit fur die
Menschenweihehandlung und fur das Verstandnis des Apokalyp-
tischen, in dem Augenblick, wo Sie driiben in dem abgebrannten
Goetheanum inauguriert haben die neue Priesterschaft der Bewe-
gung fur eine christliche Erneuerung. Das, was nun Euer Herz
durchstromen muB, um die Menschenweihehandlung in dem vier-
ten Stadium der Mysterien richtig zu vollziehen, damit wollen wir
morgen beginnen.
* Siehe Hinweis.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 6. September 1924
Den Zusammenhang zwischen der Menschenweihehandlung und
dem Apokalyptischen wollen wir zunachst naher betrachten, um
dann an die Apokalypse des Johannes und ihre Bedeutung fur das
gegenwartige und zukunftige Priesterwirken selbst herangehen zu
konnen.
Wir muBten gestern hinweisen auf drei vergangene Epochen
der Mysterien, insofern diese Mysterien versuchten, durch dasje-
nige, was im Priester vorging, den Priester zur apokalyptischen
Stimmung zu bringen. Wir haben auf sehr alte Mysterien hinge-
wiesen, in denen die Gotter selbst herabstiegen, um in den Myste-
rien mit den Menschen zusammen zu wirken, und wir haben auf
halbalte Mysterienzeiten hingewiesen, in denen die Gotter ihre
Krafte herabschickten und so den Menschen ermoglichten, da-
durch, daB sie in dem Bereich der Gotterkrafte lebten, mit den
Gottern zusammen im Weltall zu wirken.
Ich sagte: Der Weg kehrte sich vollig um in der dritten Epoche,
in den halbneuen Mysterien. Da handelte es sich darum, daB der
Mensch diejenigen Krafte, die er zunachst selbst entwickeln muB-
te, so gestaltete, daB sie zu den Gottern hinauffuhren konnten.
Und wir sehen da, wie der Mensch durch die Intonierung des
magischen Wortes in der Kultuszeremonie den Weg zu den gott-
lich-geistigen Kraften der Welt suchte - sei es, daB er dieses ma-
gische Wort in den Rauch sprach auf die gestern angedeutete
Weise und durch das Wort aus dem Rauch die Imaginationen
hervorholte, sei es, daB das Wort unmittelbar in der ganzen
Seelenstimmung des Menschen wirkte -, so daB er im Worte
gewahr wurde des gottlich-geistigen Wirkens.
Und diesem Entwickeln eines gewissen religiosen Sinnes durch
den Menschen - den man eigentlich nur gesondert beschreiben
kann -, ging ja immer parallel das, was notwendige Voraussetzung
war: eine gewisse Form der Transsubstantiation, die der Mittel-
punkt der heiligen Menschenweihehandlung war. Die Priester der
Gegenwart und der nachsten Zukunft sind dazu berufen, diese
Transsubstantiation und damit alles, was eigentlich im priester-
lichen Wirken liegt, in einer neuen Form zu erleben. Das wird
nicht gut moglich sein, ohne grundlich zu verstehen, worin die
Transsubstantiation und die Apokalypse in den vier aufeinander
folgenden Perioden der Menschheitsentwickelung eigentlich dem
Leben nach bestehen.
Das eine haben wir gesehen: Die Menschenweihehandlung -
mit der Transsubstantiation - ist ein Handeln der Menschen in
Gemeinschaft mit der gottlich-geistigen Welt. Ohne das BewuBt-
sein, daB der Mensch gemeinschaftlich mit den Gottern handeln
kann, ohne dieses BewuBtsein ist ein priesterliches Wirken uber-
haupt nicht moglich.
Werfen wir noch einmal den Blick auf die alteste Form der
Menschenweihehandlung und auf die alteste Form des Transsub-
stantiierens, dann finden wir, daB zu gewissen Zeiten, die eigent-
lich Differenzzeiten darstellen zwischen dem, was der Mensch als
Zeitfolge im Jahreslauf berechnen kann und dem, was im Kosmos
sich vollzieht, die Gotter den Weg zu den Menschen finden. Die
Gotter stiegen herab in solchen ausgesparten Zeiten, in den heili-
gen Zeiten, in denen der Mensch in die von ihm berechnete Zeit
gewissermaBen etwas einfugen muBte, weil der Gang des Kosmos
nicht mit seinen Berechnungen ubereinstimmt. In diesen Zeiten
also, in denen der Mensch sich unmittelbar unter kosmischen
EinfluB stellen muBte, um die Transsubstantiation zu vollziehen,
bewahrte er dann etwas von diesen Substanzen auf, die aus dem
Kosmos heraus eine Verwandlung erfahren hatten, um mit diesem
Aufbewahrten die Transsubstantiation in den folgenden Zeiten zu
vollziehen.
In diesen Zeiten war der angemessene Aufenthalt der Priester
und der Laienglaubigen fur die Transsubstantiation die Erdhohle,
die Felsenhohle. Und in der Tat, uberall in den alten Mysterienzei-
ten, in denen ein voiles BewuBtsein von der Anwesenheit der Gotter
und derBedeutung der Transsubstantiation entwickelt wurde, sehen
wir, daB erstrebt wird, die heilige Handlung zu verlegen in Felsen-
tempel, in Erdtempel, in das Unterirdische der Erde.
DaB das versucht wurde, hangt zusammen mit den Erfahrun-
gen und Erlebnissen, die der Priester bei der Transsubstantiation
machte. Die Transsubstantiation besteht ja in der Verwandlung
der in der irdischen Materie gegebenen Substantialitat. Und man
kann, wenn man den ProzeB vollstandig uberschauen will, die
Kommunion, das Aufnehmen des Transsubstantiierten in die ei-
gene Menschenwesenheit, dazurechnen, so daB eigentlich die zwei
letzten Hauptteile der Menschenweihehandlung, die Transsub-
stantiation und die Kommunion, in dieser Beziehung eine Einheit
bilden, und das Evangeliumlesen und das Offertorium die Vorbe-
reitung dazu darstellen. Wenn wir in diesem Zusammenhang in
der Transsubstantiation und in der Kommunion eine einheitliche
priesterliche Handlung, eine einheitliche Kultushandlung sehen,
so konnen wir auf jene Auffassung deuten, die in den altesten
Mysterien jene Initiierten hatten, die man auch wohl die «Vater»
nannte. Die «Vater», das bezeichnete einen Grad des Initiiertseins,
den Grad des «Vaters». Daher ist ja der Name geblieben, den
heute noch die Priester vieler Konfessionen tragen: Pater.
Nun, der Priester erlebte, wahrend er die Transsubstantiation
im Erdtempel, im Felsentempel vollzog, das Einswerden seines
physischen Organismus mit der ganzen Erde. Deshalb der Felsen-
tempel, deshalb der Erdtempel. In Wahrheit mussen wir uns ja -
auch wenn wir in unserem heutigen gewohnlichen ErdenbewuBt-
sein leben zwischen Geburt und Tod - in der Wirklichkeit eins
fuhlen mit dem, was uns im Kosmos umgibt. Und so war es ja
wahrend der ganzen irdischen Entwickelung der Menschheit.
Die Luft, die Sie jetzt in ihrem Leib haben, war ja kurz vorher
auBerhalb des Leibes, und sie wird kurze Zeit nachher wieder
auBerhalb des Leibes sein. Die Luft, die auBerhalb Ihres Leibes
ist, und die Luft, die innerhalb Ihres Leibes ist, ist ein Ganzes. Die
ganze Erscheinung ist diese: Es ist ein Luftmeer da, und indem
der Mensch einatmet, verwandelt sich ein Teil dieses Luftmeeres
in den Menschen. Die Luft ist aufgenommen, sie dringt uberall
hinein, sie fiillt den Menschen aus, sie wird selbst menschliche
Form. Diese Form lost sich beim Ausatmen sogleich wieder auf in
das Luftmeer. Es ist ein fortwahrendes Entstehen und Vergehen
des luftformig gestalteten Menschen. Es fallt uns nur nicht ins
BewuBtsein.
Wenn der alte indische Yogi seine Atemiibungen bewuBt voll-
zogen hat, war das jedesmal auch in seinem BewuBtsein. Er fiihlte
sich nicht abgesondert, sondern eins mit dem ganzen Luftmeer
der Erde, er fiihlte das fortwahrende Entstehen und Vergehen des
luftformigen Menschen in jeder Systole und Diastole. Das kann
man ohne weiteres durch bloBe Atemiibungen erleben, die nur
heute nicht mehr angemessen sind fur die Menschen.
Aber der Mensch ist ja nicht bloB im Physischen irdischer
Mensch. Er ist irdischer Mensch, indem vorzugsweise das tatig ist,
was wir den physischen Leib nennen, er ist aber auch Fliissig-
keitsmensch. Der ganze Mensch ist ausgefiillt von der in ihm zir-
kulierenden Fliissigkeit, wodurch irdischer Mensch und Fliissig-
keitsmensch aufeinander wirken und sich gegenseitig beeinflus-
sen. Der Fliissigkeitsmensch ist vorzugsweise abhangig von dem
Atherleib, denn die Krafte des Atherleibes wirken weniger in
dem, was fest ist, sondern mehr in dem, was fliissig ist.
Und dann tragen wir noch den Luftmenschen und den Warme-
menschen in uns. Der Luftmensch, der die Atmung besorgt, steht
unter den Kraften des astralischen Leibes, und der Warmemensch
ist vorzugsweise unter die Wirkung der Ich-Organisation gestellt.
Sie brauchen nur sich daran zu erinnern, daB, wenn Sie mit dem
Thermometer an irgendeiner Stelle des Korpers messen, auBen
oder innen, diese Temperatur differenziert ist. Schon bei dieser
groben Art der Warmemessung zeigt sich, daB der Mensch ein
differenzierter Warmeorganismus ist.
So finden wir im Menschen die vier Elemente: die Erde unter
dem EinfluB des physischen Leibes, das Wasser unter dem Ein-
fluB des Atherleibes, die Luft unter dem EinfluB des astralischen
Leibes, und die Warme, das Feuer, unter dem EinfluB der Ich-
Organisation.
Das, was durch die Transsubstantiation im Verein mit der
Kommunion bei den alten Vatern bewirkt worden ist, ist das, daB
sie nun die physische Organisation in Zusammenhang mit der
Erde fuhlten, wenn sie sich in den Felsen- oder Erdtempel bege-
ben hatten, um unmittelbar zusammenzuwachsen mit dieser irdi-
schen Entwickelung.
Alles, was der Mensch heute denkt iiber seine eigene Wesenheit
- wie er sagt: wissenschaftlich denkt -, ist ja eigentlich grund-
falsch, ist ja im Grunde genommen Unsinn. Alles, was sich auf
den Menschen bezieht, muB ganz anders vorgestellt werden. Und
diese Vorstellungen ergaben sich fiir die alten Vater aus dem hei-
ligen Menschenweiheopfer durch eine unmittelbare Anschauung
infolge der Transsubstantiation. Sie wuBten, wir atmen nicht nur
Luft durch unsere Atmungsorgane, wir nehmen fortwahrend aus
dem Kosmos alle moglichen Stoffe durch unsere Sinnesorgane
auf; durch das Haar, durch die Haut werden fortwahrend alle
moglichen Stoffe aus dem Kosmos aufgenommen. Und so, wie
der bewuBt Atmende die Luft einziehen fiihlt in seine Atmungs-
organe, so fiihlte der alte Priester aus der Kieselumgebung, in der
er im unterirdischen Weihetempel war, die Substanzen in sich
ubergehen und seine Nerven-Sinnesorganisation durchdringen.
So wie der Luftmensch die Luft weitergehen fiihlt, wenn er be-
wuBt atmet, so durchdringen diese Substanzen den ganzen Orga-
nismus. Der alte Priester wuBte, daB der Stoffwechsel-Glied-
maBen-Mensch in seiner substantiellen Zusammensetzung nichts
hat von dem, was man iBt. Nichts von dem, was man iBt, geht in
den Stoffwechsel-GliedmaBen-Menschen hinein.
Substantielles wird aufgenommen aus dem Kosmos. Die ganze
Ernahrungstheorie von heute ist in Wahrheit unwahr. Dasjenige,
was gegessen wird und umgewandelt wird durch die Verdauungs-
organisation, das fiihlte der zelebrierende Vater den Weg nehmen
vom Stoffwechsel-Menschen zum Nerven-Sinnes-Menschen, vor-
zugsweise zum Kopf, und er wuBte: Was du iBt, wird in dir ver-
wandelt zur Substanz des Hauptes und desjenigen, was damit
zusammenhangt. Gerade das aber, was in dir die Organe bildet,
welche den Stoffwechsel besorgen, wird aus dem Kosmos durch
eine feinere Atmung aufgenommen. Und so fiihlte er die Substan-
tialitat des Kosmos von alien Seiten aufgenommen durch die
Sinne und Nerven und konstituieren seinen Stoffwechsel-Glied-
maBen-Menschen. Er fiihlte die nach unten gehende Stromung,
die von alien Seiten des Kosmos ihren Ursprung nimmt und von
oben nach unten in seinen Organismus stromt. Und er fiihlte, daB
das, was der Mensch unmittelbar als Nahrung aufnimmt und was
im Korper verwandelt wird, den umgekehrten Weg nimmt und
gerade den oberen Menschen konstituiert.
Eine abwartsflieBende und eine aufwartsflieBende Stromung
hatte der Vater in sich, indem er die Transsubstantiation vollzog.
Vollzog er dann die Kommunion, so wuBte er, weil sein physi-
scher Leib ihm in diesen Stromungen bewuBt geworden war, sich
in Zusammenhang mit dem Kosmos. Er einverleibte das, was er
eben durch das Zelebrieren auf dem Altar erhalten hatte, der von
oben nach unten gehenden und der von unten nach oben gehen-
den Stromung in sich; er einverleibte, indem er eins geworden war
mit der Erde, das, was er auf dem Altar zubereitet hatte, mit
Stromungen, die gemeinsam der Erde und seinem Leib angehoren,
mit dem Gottlichen auf der Erde, das ein Spiegel ist des Uni-
versums. Er wuBte sich eins mit dem Universum, mit dem, was
auBerhalb war. Er wuBte, daB diese Mahlzeit, die er auf diese
Weise eingenommen hatte, eine Mahlzeit war, die sein kosmischer
Mensch vollzog. Aufgehen fiihlte er durch das, was einstromte in
die nach abwarts und in die nach aufwarts gehende Stromung, den
gottlichen Menschen selber, der ein Genosse der herabgestiegenen
Gotter sein durfte. Er fiihlte sich von den Gottern in seinem
physischen Leibe zum gottlichen Menschen umgestaltet, selber
transsubstantiiert. Und in diesem Augenblick war es, daB er aus
dem tiefsten Herzen das aussprach: Ich bin jetzt nicht der, der da
herumgeht in der physischen Welt; ich bin der, in dem der Gott,
der herabgestiegen ist, lebt; ich bin der, dessen Name alle Laute
umfaBt, der gewesen ist im Anfang, der ist in der Mitte, der sein
wird am Ende. Ich bin das Alpha und das Omega.
Und es hing dann ab von der Art und Weise, wie sein Inneres
durch dieses Erfiihlen sich gestaltete, wieweit er wirklich teilneh-
men konnte an den Geheimnissen des Kosmos, an dem gottlichen
Wirken und Schaffen im Kosmos, an dem Sich-Offenbaren der
Krafte und Substanzen und Wesenheiten im Kosmos unter dem
gottlich-geistigen Schaffen. Das war das Wirken des Priesters in
den alten Mysterien.
Gehen wir in die halbalten Mysterien, dann finden wir, daB da
innerhalb der Tempel, die nun nicht mehr aus denselben Sehnsuch-
ten heraus in das Unterirdische der Erde verlegt wurden - oder
wenn sie dahin verlegt wurden, so geschah es aus Tradition, es
wurde nicht mehr lebendig verstanden, aber es lebte gerade dadurch
die Tradition weiter, auch wenn sie den lebendigen Inhalt verloren
hatte -, daB da in den Tempeln, die bereits iiber die Erde herauf sich
erhoben hatten, namentlich alles das eine groBe Rolle spielte, was
Weihwasser ist, was Waschungen sind, was solche Opferhandlun-
gen sind, die mit dem Wasser zusammenhangen.
Es sind ja noch solche Traditionen vorhanden geblieben in dem
Vollziehen der Taufe, in dem Untertauchen ins Wasser beim Tau-
fen. Es handelt sich hier darum, daB nun dasjenige, was der Prie-
ster vollzog, weniger mit dem unmittelbaren Elemente zusam-
menhing, sondern daB schon durch die aufgewandte innere Kraft
der Opferhandlung nunmehr eins wurde mit dem Universum der
Flussigkeitsmensch, der Mensch, in dem die Krafte des Atherlei-
bes wirken. Es war so, daB jetzt, wenn die Transsubstantiation
vollzogen wurde und wenn alles das in der Weihehandlung vor-
ausging und folgte, was in irgendeiner Weise zu tun hat mit dem
fliissigen Element, daB dann der Mensch wieder fuhlte, wie in ihm
nunmehr zeitlich arbeitete die Organisation des atherischen Lei-
bes. Und im Vollzug der Transsubstantiation fuhlte der Mensch,
wie gewissermaBen sein Wachstum von Kindheit auf sich gestal-
tete unter dem EinfluB des fliissigen Elementes in ihm, wie es sich
weitergestaltete und wie in diesem Stromen von der Vergangen-
heit durch die Gegenwart bis in die Zukunft hinein der Atherleib
wirkt.
Wie sich durch den physischen Leib die alten Priester eins
fiihlten mit dem irdischen Element, so fiihlte sich der Transsub-
stantiierende in den halbalten Mysterien der zweiten Mysterien-
epoche eins mit dem, was als WaBriges im ganzen Kosmos lebt.
Er fiihlte die Wachstumskrafte von alien Wesen in sich selbst
aufkeimen, sprossen, wachsen, sich entfalten zu dem entwickelten
Organismus und sich wieder zusammenziehen zum Keim. Er
fiihlte diese sprossende, sprieBende, lebende, sterbende Tatigkeit,
indem er die Transsubstantiation vollzog. Er konnte sich in jedem
Moment sagen: Jetzt weiB ich, wie Wesen in der Welt entstehen,
wie Wesen in der Welt sterben. - Denn die aufsteigenden und die
absteigenden Krafte des Atherischen waren in ihm tatig. Er fiihlte
sozusagen die Ewigkeit in der heiligen Transsubstantiation.
Und wenn wir wiederum zusammennehmen die Transsubstan-
tiation mit der Kommunion als eine einheitliche Opferhandlung,
Weihehandlung, dann wuBte der kommunizierende Priester von
dem Aufgehen der auf diese Art verwandelten Substanzen, wie es
gestern geschildert worden ist, in seinem atherischen Wasser-
Menschenwesen. Eins fiihlte er sich da mit allem, was bewahrt die
Unsterblichkeit, was entsteht und vergeht, geboren wird und
stirbt im Weltenall. Geburt und Tod wehten iiber den Altar und
vom Altar in die Schar der Glaubigen hinein. Es war ein Durch-
stromtwerden mit Ewigkeitsgefiihlen. Und dieses Durchstromt-
werden mit Ewigkeitsgefiihlen war eben dasjenige, das an die
Stelle des Alten getreten war, das ein Sich-Einsfiihlen war mit
dem gesamten Kosmos durch die Erde.
Und als dann das dritte Zeitalter heraufkam, sollte gerade der
Mensch in der heiligen Weihehandlung bewuBt miterleben sein
Einswerden mit dem Luftelement und durch das Luftelement mit
dem Kosmos.
In einer anderen Weise wurde driiben im Orient bei dem als
Menschenindividualitat einsam strebenden Yogi bewirkt, daB er
sich bewuBt wurde des Stromens gottlich-geistiger iibersinnlicher
Weltenkrafte im Einatmen und im Ausatmen. Der Yogi ergriff
direkt den Atem. Schon in Westasien, noch mehr in Europa,
wurde nicht mehr direkt, unmittelbar der undifferenzierte Atem
ergriffen, sondern es wurde in den Atem hinein intoniert das
magische Wort. Dadurch wurde im magischen Wort, im Kult-
wort, der Atem, die im Menschen ein- und ausstromende Luft
erfaBt. Daher kam es, daB in dem, was entweder in den Opfer-
rauch gesagt wurde oder was unmittelbar durch die Intonation
des magischen, des Kultuswortes erlebt wurde, sich offenbarte das
Hinaufstreben der menschlichen Krafte zu den gottlichen Kraf-
ten. Man fiihlte gewissermaBen: Man selber intonierte das magi-
sche, das Kultuswort, das Gebetswort. - Jedes Gebet hat im
Grunde genommen diesen Sinn: Der Mensch bemuht sich, mit
seinen Kraften hinaufzusteigen in die gottlich-geistige Region; er
begegnet da den Gottern. Und indem er da das Wort intoniert,
spricht nicht mehr er, sondern es spricht im Kultwort die sich
offenbarende Gottheit; sie offenbart sich im Luftelement. Der
Mensch fiihlte sich von seinem eigenen Astralleib aus in demjeni-
gen, was die Krafte der Luft beherrscht.
Und nun mussen Sie sich einmal uberlegen, wie groB, wie stark
der Ubergang war von den halbalten Mysterien zu den halbneuen
Mysterien, von der zweiten in die dritte Epoche. Das, was die alten
Vater erlebten, wurde ja im physischen Leib erlebt. Es war eine
Steigerung der Tatigkeit des physischen Leibes. Das, was der Son-
nenpriester der zweiten Epoche erlebte, war eine Steigerung des
Atherleibes, des Flussigkeits-Menschenleibes. Das, was derPriester
der dritten Epoche erlebte, indem er das Kultwort intonierte und
da erlebte das Stromen der gottlich-geistigen Krafte, das wurde im
Astralleib erlebt. Der astralische Leib ist fur das gewohnliche
BewuBtsein da schon nur mehr zum geringsten Teil ein Vermittler
des BewuBtseins gewesen. Nur in den alteren Zeiten der dritten
Epoche konnten die Priester noch im magisch gesprochenen Kult-
wort erfuhlen: Indem ich spreche, spricht der Gott in mir. - Dann
aber nahm das ab. Der astralische Leib blieb in seinen Wirkungen
unbewuBt dem BewuBtsein, das immer mehr heraufkam. Er ist ja
vollig unbewuBt dem heute vorhandenen BewuBtsein. Daher wur-
de nach und nach der verbale Inhalt des Kultus etwas, was bei
denjenigen, die berufen waren, die gottliche Gegenwart bedeuten
konnte, und bei denen, die unberufen waren, das Intonieren eines
ihnen nicht zum BewuBtsein Kommenden war.
Das ist ja dann immer mehr so geworden bei einer groBen
Anzahl der Priester, die im Katholizismus dienten. Es kam daher
so, daB die Menschenweihehandlung, die Messe, nach und nach
das wurde, was allerdings der Priester zelebrierte, in dem er aber
nicht mehr selbst anwesend war. Aber man kann nicht mit diesen
intonierten Worten zelebrieren, ohne die Inkorporation von Luft-
wesenheiten, das heiBt, ohne daB Geistigkeit anwesend ist. Es gibt
nirgends ein gestaltetes Materielles, in dem nicht sofort Geistig-
keit Platz greifen wiirde. Und so ist, wenn mit dem wirklichen
Kultwort die Weihehandlung zelebriert wird - sei es auch durch
den unwiirdigsten Priester -, vielleicht nicht seine Seele, aber
immer Geistiges vorhanden; so daB in der Tat der Glaubige unter
alien Umstanden, wenn die Liturgie eine richtige ist, einem geisti-
gen Vorgang beiwohnt.
Aber nachdem das im letzten Stadium der dritten Epoche im-
mer mehr dekadent wurde, glaubten die mehr nach dem Rationa-
listischen hin arbeitenden Bekenntnisse, die evangelischen Be-
kenntnisse, das Zelebrieren im Kultus uberhaupt von sich abwer-
fen zu konnen. Es war kein BewuBtsein von der Bedeutung des
Kultus mehr vorhanden, von der unmittelbar realen Zusammen-
arbeit der Menschen mit den Gottern. Das hat dann die Zeiten
innerlichen Erlebens herbeigefuhrt, in denen wir heute leben. Die
Menschenweihehandlung, die unmittelbar das gottlich-geistige
Leben herunterbringt auf die Erde, wurde allmahlich etwas Un-
verstandenes. Was durch sie erlebt werden soil, Apokalyptik,
wurde etwas Unverstandenes.
Das waren im Grunde genommen die Erlebnisse, die diejenigen
von Euch gehabt haben, die da eines Tages gekommen sind und
gesagt haben: Es muB eine christliche Erneuerung eintreten. - Sie
empfanden das, was in der heutigen Zivilisation lebt und was auch
im religiosen Leben der heutigen Zivilisation lebt, sie empfanden
das religiose Leben aller Konfessionen bereits als getrennt von der
wirklichen, realen geistigen Welt. Sie suchten den Weg wieder zur
wirklichen, realen geistigen Welt.
Das ist es ja, was wegweisend ist und was uns zugleich in die
Tiefe der Mysterien hineinfuhren wird, die mit der Apokalypse
zusammenhangen: daB die Transsubstantiation in der ersten Epo-
che zusammenhangt durch das Erleben mit dem physischen Leib,
in der zweiten Epoche durch das Erleben mit dem Atherleib und
in der dritten Epoche durch das Erleben mit dem Astralleib; und
an Euch, an Eurem innerlichen Erleben des Wirkens und Webens
der Geistigkeit in der Welt hangt es, daB die Weihehandlung und
die Apokalyptik von dem Ich der Menschheit ergriffen werde.
Damit ist aber jede richtige Auffassung von dem, was durch
diese Bewegung fur religiose Erneuerung getan werden soil, davon
abhangig, daB dies zu Tuende unmittelbar aufgefaBt werde als die
Ausfuhrung einer uns gestellten, einer uns ubersinnlich gestellten
Aufgabe, einer Aufgabe, die in den Dienst der tibersinnlichen Machte
das stellt, was sie tut. Denn entweder muB das, was Ihr tut, in das
Wesenlose verrinnen und nur eine Art von Storung gewesen sein
in der jetzigen Evolution des Weltalls, wenn Ihr nicht die Tiefe
Eurer Aufgabe erfaBt; oder aber Ihr erfaBt die Tiefe Eurer Aufgabe,
Ihr fuhlt diese Aufgabe von vornherein verbunden nicht mit dem
Wirken von Menschen, sondern verbunden mit dem Wirken von
Gottern durch die Erdenevolution hindurch. Dann muBt Ihr Euch
sagen: Wir sind dazu berufen, die vierte Mysterienepoche der
menschlichen Erdenentwickelung mitzugestalten. - Dann allein,
wenn Ihr den Mut und die Kraft und den Ernst und die Ausdauer
habt, in dieser Weise Euch in Eure Aufgabe zu finden, dann allein
ist diese Aufgabe in den Dienst der Machte gestellt, welche den
Inhalt jenes Kultus haben unmittelbar herunterflieBen lassen aus
der geistigen Welt, als wir vor zwei Jahren hier zusammen waren.
Dann allein ist das real, was Ihr durch den Inhalt dieses Kultus, der
eine Offenbarung aus der geistigen Welt ist und der als solcher
Euch uberstrahlt hat, ubernommen habt.
Und dann werdet Ihr immer mehr fiihlen und empfinden, es
war so: Der Christus ist zunachst in einer kosmisch realen, tellu-
risch realen Handlung in das Erdenleben eingezogen. Das Myste-
rium von Golgatha ist als reale Handlung da. Der Mensch muB es
in unserer Zeit mit seinem Ich erst vereinigen. Denn das erste
Angedenken an das heilige Abendmahl war noch getaucht in die
dritte Mysterienepoche, in die Epoche, wo der astralische Leib die
in dem Luftigen sich vollziehenden Kultwirkungen aufnahm und
beherrschte. Jetzt aber handelt es sich darum, daB mit voller Be-
wuBtheit der Mensch sein tiefstes Inneres verbindet mit dem
Christus und anfangt, die Apokalypse in einer neuen Weise zu
verstehen.
Und wie verstand man in der ersten Mysterienepoche die Apo-
kalypse? Man erlebte sie als die Anwesenheit der Gotter, die da
sind der Anfang, die Mitte und das Ende, das Alpha und das
Omega.
Wie verstand man in der zweiten Mysterienepoche die Anwe-
senheit der gottlichen Krafte? Man erlebte sie in dem, was als
Spharenmusik durch die Welt klang, in dem vom Himmel zur
Erde stromenden Weltenwort, das alles geschaffen hat, das in al-
lem schafft, in allem lebt. Man erlebte in dieser Zeit dasjenige wie
in einem Augenblick, was im Anfang, in der Mitte und am Ende
ist. Man erlebte in dem kosmischen Weltenwort das Alpha und
das Omega. Und immer, wenn in den verschiedenen Epochen von
dem Alpha und dem Omega gesprochen wurde - gewiB mit
anderen Lauten, aber eigentlich ahnlich noch den griechischen
Lauten -, immer war das Bestreben da, zu erkennen, was eigent-
lich in diesem Alpha und Omega enthalten ist, in dem Ersten und
dem Letzten.
Und in der dritten Mysterienepoche, wie verstand man da die
Apokalyptik? Man verstand die Apokalyptik so, daB der Mensch
das noch halbbewuBte Kultwort entfaltete. Wenn der Mensch dies
halbbewuBte Kultwort intonierte und dies sich selber transsub-
stantiierte, wie ich es durch das folgende veranschaulichen kann,
dann wurde in der dritten Epoche das Apokalyptische wahrge-
nommen. Vielleicht hat jemand von Euch - oder die meisten von
Euch - an einem Tage, wo er empfanglich mit Sinnen und Seele
den Eindriicken der AuBenwelt hingegeben sein konnte, irgend
etwas Musikalisches gehort, ist mit diesem musikalischen Ein-
druck schlafen gegangen, und ist dann mitten im Schlafen aufge-
wacht. Da war es vielleicht so, wie wenn er lebte in einem Gewo-
ge, aber in einem transformierten Gewoge desjenigen, was er am
Tage als Symphonie gehort hatte. So war es bei den Priestern in
der dritten Mysterienepoche. Es ist das, was fur sie geschah, ver-
gleichbar mit diesem trivialen Erleben, das ich eben herangezogen
habe. Sie zelebrierten die Weihehandlung mit dem Kultwort, von
dem sie erlebten, daB in ihm anwesend wurde die Gottheit. Sie
hatten das Kultwort hinaufgeschickt, die Gottheit war in das
Kultwort eingestromt. Sie gingen in jener Stimmung, in der es
sich gebuhrt von der heiligen Handlung wegzugehen, von ihr
weg, und sie erlebten in dem Transsubstantiierten nicht nur das,
was menschliches Kultwort war, in dem anwesend wurde die
gottliche Geistigkeit, sondern sie erlebten nun dasjenige, was sie
ausgesprochen hatten, transsubstantiiert, transformiert; sie erleb-
ten das ubersinnliche Echo dessen, was sie selbst intoniert hatten
in der Liturgie der Messe, indem es ihnen transformiert zustromte
und ihnen das Apokalyptische offenbarte. Der Gott offenbarte als
Gegengabe fur die entsprechend zelebrierte Opferhandlung das
Apokalyptische. So empfand man das Apokalyptische in der drit-
ten Mysterienepoche.
Derjenige, der sich zum Priester gemacht fuhlte durch den
Christus Jesus selber, der Verfasser der Apokalypse, die uns be-
schaftigen soil, er fuhlte gewissermaBen als der erste, was nachher
kaum je oder wenigstens nur von sehr wenigen wiedererlebt
worden ist; er fuhlte das Aufgehen des apokalyptischen Inhaltes
in dem eigenen Ich. Denn der astralische Leib war es, der das
Echo in sich aufnahm, von dem ich gesprochen habe, wo der Gott
das Apokalyptische gab als Gegengabe gegenuber dem Worte.
Derjenige, der die Apokalypse des Johannes verfaBt hat, der
fuhlte sein vollbewuBtes Ich eins mit jenem Inhalt, den er nieder-
gelegt hat in der Apokalypse. Das war so, daB gerade aus dem
langst verglommenen Opferdienst von Ephesus aus inspirierende
Anregung kam fur den von Christus Jesus selber sich gesalbt fuh-
lenden Priester, den Verfasser der Apokalypse, so daB er sich
fiihlte wie in einem fortwahrenden Zelebrieren der uralt heiligen
Weihehandlung. Er fiihlte, wie dieses vollige Erfulltsein des Ich
mit dem Sinn der Weihehandlung nun auch ein volliges Erfullt-
sein mit dem Inhalt des Apokalyptischen war.
So ist die Apokalypse so aus Johannes herausgesprochen, wie
eigentlich im gewohnlichen BewuBtsein einzig das Wortchen
«Ich» herausgesprochen wird aus dem Menschen. Wenn der
Mensch «Ich» sagt, spricht er sein Inneres aus in diesen wenigen
Lauten. Es kann nichts anderes damit gemeint sein als die eine,
individuelle menschliche Wesenheit. Aber dieses eine enthalt
einen reichen Inhalt. Und ein reicher Inhalt ist der Inhalt der
Apokalypse.
Wenn wir alles das, was religioses Fuhlen und Vertiefen der
Seele geben kann, wenn alles das, was als energisch angestrebte
Erleuchtung, als Hinstreben zum Verstandnis des Ubersinnlichen,
im Geiste des Menschen wirken kann, wenn wir uns anregen
lassen durch die Betrachtung der drei vergangenen Mysterien-
epochen, wenn dasjenige, was in der ersten, zweiten und dritten
Mysterienepoche lebte, uns zum lebendigen Inspirator fur die
vierte werden kann, und wenn wir die Kraft des Geistes Gottes in
der Seele wirken lassen, wie es heute wiederum moglich ist -,
dann werden wir erleben konnen, daB es numerisch nicht nur eine
Apokalypse gibt, sondern daB es so viele Apokalypsen gibt, wie
menschliche Gott-hingegebene Iche aus den einzelnen Priestern
zu Christus sprechen, der durch diese Bewegung fiir christliche
Erneuerung wiedergefunden werden soil.
Die Apokalypse bleibt eine ihrer Qualitat nach, numerisch
kann sie der Inhalt werden jeder einzelnen Priesterseele. Umge-
kehrt, jede einzelne Seele, die die Menschenweihehandlung voll-
zieht, kann Priesterseele werden dadurch, daB sie in sich die Vor-
bereitung durchmacht, das Ich zu identifizieren mit dem Inhalt
der Apokalypse. Wir sind als Menschen Iche, wir werden im
modernen Sinne des Wortes Priester, wenn die Apokalypse nicht
bloB im Evangelium steht, wenn die Apokalypse aber auch nicht
nur in unseren Herzen steht als ein fertig Geschriebenes, sondern
wenn das Ich sich bewuBt wird, daB es in jedem Augenblick des
Lebens selbsterzeugend einen Abdruck der Apokalypse hervor-
bringt.
Nehmen Sie dies als Bild: Jemand schreibt den Inhalt eines
Buches. Es wird in die Druckerei geschickt. Es ist das ein schein-
bar pedantisch-philistroses Bild, das Ihnen aber doch dienen
kann. Das Buch wird gedruckt und geht in soundsovielen nume-
risch voneinander verschiedenen, aber inhaltlich einsseienden Ex-
emplaren in die Welt. Eines ist es, worauf Ihr hingewiesen werdet
gleich im Beginn der Apokalypse, eines ist es, was von Christus
selbst dem Johannes geoffenbart wird. Denn «dies ist die Offen-
barung Jesu Christi, empfangen von seinem Diener Johannes»
(Apk. 1, 1). Eines ist der Inhalt, aber vervielfaltigt wird es im
Selbsterzeugen dieses Inhalts aus der Weisheit der iibersinnlichen
Welten.
Das ist Verstehen der Apokalypse des Johannes. Das heiBt aber
auch, im tieferen Sinne des Wortes das Wort verstehen: Der Chri-
stus hat uns zu Priestern geweiht. - Ihr habt gefuhlt, was es be-
deutet, wenn der Apokalyptiker sagt, ihn habe der Christus selber
zum Priester gesalbt. Die Salbung zum Priester erfolgt, wenn
gefuhlt wird, wie in Johannes der Inhalt der Apokalypse entstan-
den ist. Wenn gefuhlt wird, daB diese Menschen von heute, die
Priester werden wollen, es dadurch werden, daB sie selbsterzeu-
gend in sich selbst das Ich in der Apokalypse erleben, wird das
Ich apokalyptisch; dann ist das Ich priesterlich.
Davon dann morgen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 7. September 1924
Wir haben gestern hingewiesen auf den bedeutenden Einschnitt,
der dadurch in der Menschheitsentwickelung entstanden ist, daB
ja von der dritten Mysterienepoche an die Teilnahme des Men-
schen am Kosmischen innerhalb der Menschenweihehandlung,
die Transsubstantiation, sich vollzieht im astralischen Leibe. Das
ist in demjenigen Glied der menschlichen Wesenheit, welches fur
das gewohnliche BewuBtsein wahrend des Schlafes herausgeht aus
dem physischen Leibe, und das wahrend der Zeit des Getrennt-
seins vom physischen Leibe nicht empfanglich ist fur Wahrneh-
mungen aus der Umgebung.
Nun machen wir uns einmal klar, wie dieser astralische Leib
eigentlich im heutigen Menschen wirkt. Er ist es ja, der eigentlich
die Gedanken uber die Umgebung, die Gedanken, durch die wir
die Welt begreifen, dem Menschen vermittelt. Denn in dem
Augenblick, wo der astralische Leib aus dem physischen und dem
atherischen Leib fort ist, sind Gedanken uber die Umgebung
nicht mehr da.
Wir konnen diesen Gedanken noch dadurch erganzen, daB wir
uns klarmachen, daB die Ich-Organisation, das eigentliche Ich im
Menschen, wie er heute ist, der Empfanger der Sinneseindriicke
ist. Die Sinneseindriicke ersterben wiederum, wenn die Ich-Orga-
nisation herausschlupft aus dem physischen und dem Atherleib.
So daB wir zeichnen konnen: Hier ist der physische Leib des
Menschen (Tafei2), hier ist der Atherleib des Menschen. Der Tafei 2
astralische Leib und die Ich-Organisation sind ja wahrend des
Schlafes auBerhalb. Diese Ich-Organisation liefert die Sinnesemp-
findungen, die Sinneswahrnehmungen, wenn der Mensch wacht.
Die Sinneswahrnehmungen sind daher nicht da im Schlaf, weil die
Ich-Organisation nicht im physischen und im Atherleib ist, und
weil, wahrend der Mensch schlaft, die Ich-Organisation nicht fur
die Eindriicke der Umgebung empfanglich ist. Der astralische
Leib liefert die Gedanken nur, wenn er im physischen und im
Atherleib ist. Wenn er aus diesen heraus ist, ist er unempfindlich
fur die Dinge der Welt und liefert keine Eindriicke.
Dieser astralische Leib war es aber, der in der dritten Mysterien-
epoche - als der Mensch durch das Kultuswort sich in Verbindung
setzen sollte mit den gottlich-geistigen Wesenheiten - durch alles
dasjenige, was der Priester durchmachte an vorbereitenden Ubun-
gen, empfanglich wurde fur das, was ich Ihnen beschrieben habe,
empfanglich wurde dafur, in der Kommunion die Transsubstantia-
tion selber in sich zu verarbeiten, und nach Verarbeiten dieser Trans -
substantiation empfanglich zu werden fur das Apokalyptische.
Dieselbe Art des Vorganges muB nun von unserer gegenwarti-
gen Epoche an stattfinden bei den Menschen in der Ich-Organi-
sation. Diese Ich-Organisation muB so beschaffen werden, daB
die Transsubstantiation von ihr erlebt werden kann, obwohl im
gewohnlichen BewuBtsein durch die Ich-Organisation nur Sin-
neseindnicke erlebt werden konnen; und sie muB so beschaffen
sein, daB sie durch die Transsubstantiation teilnehmen kann an
dem Apokalyptischen.
Dafur kann der Mensch wirklich heute empfanglich werden,
das heiBt, es kann der Mensch wirklich zum Priester werden,
wenn er diejenigen Vorstellungen in sich aufnimmt, die wahrhaft
spirituelle Abbilder der ubersinnlichen Welt sind. Und damit
haben wir im Grunde den inneren Zusammenhang gekennzeich-
net zwischen der heute zu Recht bestehenden Esoterik und dem-
jenigen, was in der Priesterseele leben muB. Wir haben das ge-
kennzeichnet, was die Christengemeinschaft zum Trager eines
wesentlichen Teils der neuen Mysterien machen kann. Wir mus-
sen nur bedenken, wie eigentlich das beschaffen ist, was heute als
Anthroposophie an die Menschen herantritt.
Ich habe oftmals ein Bild gebraucht. Ich sagte: Der Mensch ist
ja heute geneigt, alles das als Inhalt der Erkenntnis in sich aufzu-
nehmen, was irgendwie durch die auBere Wahrnehmung, durch
das auBere Experiment gestiitzt ist. Er will aber alles das nicht als
Erkenntnis aufnehmen, was nicht durch auBere Wahrnehmung
oder durch Experiment gestiitzt ist. Wer sich so verhalt, der
gleicht aber einem Menschen, der sagte: Auf der Erde muB jeder
Stein, damit er nicht herunterfallt, gestiitzt werden; also miissen
auch die Planeten im Weltall gestiitzt werden, damit sie nicht her-
unterfallen. - DaB die Planeten sich ohne Stiitzen gegenseitig tra-
gen im Weltall, ist heute selbstverstandlich, weil es traditionell
und autoritativ gelehrt wird. DaB die anthroposophischen Wahr-
heiten auch solche sind, die nicht durch auBere Beobachtung oder
durch das Experiment gestiitzt zu werden brauchen, sondern sich
gegenseitig stiitzen und tragen, das wird vielfach bezweifelt.
In dem Augenblick, wo man gewahr werden kann, anthropo-
sophische Wahrheiten gelten dadurch, daB eine Wahrheit die an-
dere stiitzt, so daB diese Wahrheiten sich gegenseitig stiitzen, in
dem Augenblick fangt man auch an, die ubliche Redensart nicht
mehr zu gebrauchen: Ich sehe noch nicht selber hinein in die
geistige Welt und kann daher nicht begreifen, was Inhalt der An-
throposophie ist. - In dem Augenblick beginnt man damit, An-
throposophie zu verstehen durch das gegenseitige Sich-Stutzen
ihrer Wahrheiten und kann sich dann weiter hineinarbeiten.
Diese Aufgabe, das, was durch die Anthroposophie gegeben
wird an Erkenntnissen iiber die geistige Welt, zu durchdringen,
das ist es ja, was die Priesterschaft zunachst auf ihren inneren Weg
bringen kann, auch bringen muB. Wir brauchen ja nur uns klar-
zumachen, daB die Seelenverfassung, die Seelenstellung, in die der
Mensch wirklich hineinkommt, wenn er in ehrlicher Weise An-
throposophie zu seinem Besitz macht, geeignet ist, an so etwas
wie die Apokalypse heranzutreten, so daB man sich sagen kann:
Zwar ist die Apokalypse einmal vorliegend, aber diese Apokalyp-
se, indem ich sie auf mich wirken lasse, wird in jedem ihrer Bilder,
in jeder Imagination, eins mit meinem eigenen Ich. - Und es
kommt dann der Augenblick, wo diese Apokalypse nicht nur
eigene Erfahrung, sondern eigenes Erzeugnis des menschlichen
Ichs sein kann. Wir miissen nur versuchen, an die Apokalypse in
einem anthroposophischen Sinn heranzutreten. Einen anderen
Zugang zu ihr gibt es heute nicht.
Nun werden wir einmal versuchen, zunachst einige Haupt-
punkte der Apokalypse spirituell zu begreifen.
Den Satz «Ich bin das Alpha und das Omega» (Apk. 1, 8)
versteht man nur, wenn man weiB, daB der Laut A - Alpha - in
alten Zeiten nicht jener abstrakte, gesonderte, nichtsbedeutende
Bestandteil des Wortes war, als den wir ihn heute empfinden,
sondern der Laut war wirklich wert, eine Benennung zu tragen.
Die Menschheit hat ja die Laute der Sprache, die eigentlich ein
so groBes Mysterium umschlieBen, in einer merkwurdigen Weise
behandelt. Die Menschheit hat die Laute der Sprache behandelt
wie ein Polizeisoldat einen Verbrecher behandelt. Sie hat die Lau-
te der Sprache numeriert, wie wir die Verbrecher numerieren,
wenn sie in ihre Zelle kommen. Und wie sie da ihre Namen ver-
lieren und Nummern bekommen, so haben auch die Laute durch
die Numerierung ihre Wesenheit uberhaupt verloren. Es ist das
bildlich gesprochen, aber es ist eine voile Wahrheit.
Denn gehen wir zuriick hinter jene romisch-lateinische Zeit, in
der man die Laute numeriert hat, dann finden wir in der Mensch-
heit das voile BewuBtsein davon - was ja im Hebraischen durch-
aus der Fall war -, daB der Laut mit vollem Recht einen Namen
tragen kann, daB man zu ihm sagen kann: Alpha - oder Aleph im
Hebraischen -, weil er eine Wesenheit ist, weil er ein Gottliches
ist, ein ubersinnlich Wesenhaftes. Und schauen wir uns diesen
ersten Laut des sogenannten Alphabets an, so haben wir schon
eine Art von geistiger Begriffsentwickelung durchzumachen,
wenn wir darauf kommen wollen, was das Alpha eigentlich ist.
Sie wissen, Anthroposophie geht zuriick bei der Darstellung
der Evolution des Irdischen zu den vorirdischen planetarischen
Daseinsstufen Mond, Sonne, bis zum Saturnzustand, und es wird
versucht, dasjenige heraufzuholen innerhalb der Betrachtung der
Weltentwickelung, was mit der Evolution des Menschen zusam-
menhangt. Denn auf dem alten Saturn finden wir den ersten kos-
mischen Menschenkeim, der dann, nach den mannigfaltigsten
Transformationen durch die Daseinsstufen von Sonne, Mond und
Erde, der heutige physische Menschenleib geworden ist. Der
Mensch ist schon auf dem alten Saturn in seiner ersten Keim-
anlage vorhanden.
Vielleicht ist fur denjenigen, der mit ernster Ehrlichkeit die
Wahrheit auf diesem Gebiete durchschauen will, doch von groBer
Bedeutung, einmal die Frage auf zuwerfen: Wie war das Erleben
dieses Menschenkeimes auf dem alten Saturn? Das Leben auf dem
alten Saturn war in Warmezustanden verlaufend. Warme- und
Kaltedifferenzen nahm der Mensch in sich auf. Der Mensch lebte
in solchen Zustanden, die ihm von den Warmeverhaltnissen des
Kosmos viel sagten, die ihm auch viel Geistiges sagten, die ihm
aber nur ein gewisses Gebiet des Geistigen erschlossen, das wirkte
in Warme- und Kaltedifferenzen.
Wenn wir dann vorschreiten von dem alten Saturn zur alten
Sonne, so finden wir, daB nun der Mensch innerhalb seines physi-
schen Korpers so lebte, daB dieser physische Korper nun differen-
ziert ist in Warme und Luft, so daB der Mensch im Sonnendasein
einen aus Warmeather und dem Luftelement bestehenden Organis-
mus hatte. Wir haben da schon im Menschen selber eine Differen-
zierung. Der Mensch wird innerlich reicher. Er nimmt nicht nur
Warmedifferenzen wahr, wie er es wahrend des Saturnzustandes
der Erde erlebte, sondern es taucht auch etwas auf, was man ein
Innerliches nennen kann. Was Warme ist, nimmt der Mensch auf
der Sonne wahr, aber er nimmt auch einen innerlichen Atmungs-
rhythmus in sich wahr, der wiederum Geheimnisse des Kosmos
ausdriickt, der ein Spiegelbild ist von Geheimnissen des Kosmos.
Wir brauchen nur darauf hinzuschauen, wie die menschliche
Wesenheit reicher wird, indem sie sich entwickelt in der Zeit vom
Saturnzustand zum Sonnenzustand der Erde, und wiederum
reicher wird, wahrend die Erde vom Sonnenzustand zum Mond-
zustand sich entwickelt, und vom Mondzustand zur Erde. Und
noch reicher wird die menschliche Wesenheit werden, indem sie
sich weiterentwickelt durch die zukunftigen planetarischen Zu-
stande hindurch bis zum Jupiter und weiter bis zum Vulkan.
Fragen wir uns: Wie war das Verhaltnis des Menschen zur Welt
auf dem alten Saturn? Das Verhaltnis des Menschen zur Welt war
auf dem alten Saturn so, daB er von der Welt zwar quantitativ
unendlich viel in Warmedifferenzen wahrnahm, aber qualitativ
zunachst noch wenig. Noch wenig Welt war in dem Menschen.
Der Mensch war zwar als Mensch vorhanden, aber er war sozu-
sagen bloB Mensch, es war noch nicht viel Welt in ihm. Indem er
vorriickt durch Sonne, Mond, Erde, bis zum Jupiter, wird sein
Inneres mehr und mehr von Welt erfullt. Immer reicher wird sein
Leben an Welt. Hier auf der Erde haben wir schon ein groBes
Stuck Welt in uns. Und wenn einst die Erde angekommen ist in
dem Stadium, wo sie wieder vergehen wird, dann wird der
Mensch ein groBes Stuck Makrokosmos in irdischen Abbildern
verarbeitet in sich tragen.
Wir tragen schon einen Teil des Kosmos in uns, aber mit dem
gewohnlichen Erkennen weiB man es nicht. Indem der Mensch
aufruckt durch Imagination, Inspiration, Intuition zum Geist-
Erkennen, wird zugleich sein inneres Erleben immer groBartiger
und groBartiger im Seelischen. Ach, was ist das Auge des Men-
schen, wie es heute das gewohnliche BewuBtsein kennt! Aber
dieses Auge des Menschen ist in jeder seiner Einzelheiten ein
Kosmos, groBartig und gewaltig wie der Makrokosmos. Wunder-
bar enthullt sich jedes einzelne Organ im Menschen schon im
physischen Leib als eine Welt. So daB der Mensch, wenn er um
sich blickt als Initiierter, eine Welt sieht, eine Welt da unten mit
ihren Elementen, oben mit den Sternen, mit Sonne und Mond.
Schaut er in sich: Jedes Organ, Auge, Ohr, Lunge, Leber und so
weiter ist fur sich eine Welt, und ein groBartiges Ineinanderwir-
ken von Welten ist dieser physische Leib des Menschen: Welten,
die fertig sind, Welten, die erst im Keime sind, Welten, die sinn-
lich sind, die halb ubersinnlich, die ganz ubersinnlich sind. Der
Mensch tragt wahrhaft, indem er sich durch Evolutionen hin-
durch entwickelt, immer mehr Welten in sich.
So konnen wir unterscheiden den Menschen im Beginn der
alten Saturnentwickelung, wo er ganz im Anfang des Menschseins
ist, aber noch nicht Welt in sich tragt. Das erste, was der Mensch
wahrend der alten Saturnentwickelung erhalten hat, war die Emp-
findung, daB er Warmekorper war, daB er den Umfang dieses
Warmekorpers wahrnahm. So daB wir sagen konnen, schematisch:
Der Mensch empfand sich auf dem alten Saturn als Warme, aber
er empfand nach und nach, nachdem er sich zuerst als eine Art
Warmemolluske gefiihlt hatte, etwas wie eine Ansammlung von
Warme, dann etwas wie eine auBere Haut, eine Warmehaut, eine
etwas kaltere Umhiillung, als die Warme in ihm war. Das Innere
fuhlte er etwas warmer, in mannigfaltiger Differenzierung, auBen
die Warme von der geringsten Intensitat als Warmehaut.
Wir sprechen das in unserer Sprache heute aus, aber unsere
Sprache hat etwas Abstraktes, unsere Sprache zaubert nicht das
GroBartige einer solchen Vorstellung vor unsere Seele, wenn wir
hineinsehen in die vergangenen Zeitenlaufe bis zum alten Saturn
zuriick. Aber diejenigen, die nur ein wenig von dieser Anschau-
ung beriihrt werden, werden wiederum beriihrt von der heiligen
Scheu, in der diese Dinge angesehen wurden in den alten Myste-
rien. Noch in den altgriechischen chthonischen Mysterien sprach
man von diesen Dingen so, daB man in einer gewissen Weise den
Saturnmenschen kannte, der noch nicht die Warmehaut hatte, und
man wuBte von diesem Saturnmenschen, daB er als erstes von der
umgebenden Welt die Warmehaut angenommen hat, die in ihrer
Konfiguration die Welt nachahmte. Das war das erste, was der
Mensch von der Welt angenommen hat.
Wie schaute damals seelisch-subjektiv das aus, was der Mensch,
als er noch ein Warmemensch war, in sich erlebte? Er erlebte in
sich reine Verwunderung iiber die Welt. Wenn es ausgednickt
werden soil, was er erlebte, so war es reine Verwunderung. Denn
man kann die Warme nicht anders begreifen denn als reine Ver-
wunderung. AuBerlich ist es Warme, innerlich wird es empfunden
als reine Verwunderung. BloB weil die Menschen so unendlich
tolpatschig geworden sind mit ihren Begriffen, sprechen sie von
der Unerklarbarkeit des «Dinges an sich» wie der alte Kant. Das
«Ding an sich» der Warme ist Verwunderung; und der Mensch
war als Saturnmensch ebensogut Verwunderung, wie er Warme
war. Er lebte in Verwunderung, in Staunen iiber sein eigenes
Dasein, denn er kam nun erst in dieses Dasein. Das ist Alpha: Der
in Verwunderung lebende Warmemensch, der Saturnmensch.
Und das erste, was der Mensch als Welt, als das Gehause der Welt
empfand, die Haut, das ist Beta, das Haus, dieses Haus des Men-
Tafei 2 sehen. Der Mensch in seinem Haus, in seinem Tempel. Und das
Haus war das erste, was der Mensch von der Welt bekommen hat;
die Haut - Beta.
Und gehen wir so durch das Alphabet, so gehen wir damit
durch die Welt. Indem der Mensch alles, was Welt ist, nach und
nach aufnimmt und mit seinem ganzen Wesen vereint, bis er der-
einst auf dem Vulkan den ganzen Umfang der Welt, dieses ganze
groBe All, zu dem er gehort, mit sich vereinigt haben wird, da
wird er derjenige sein, der er war im Beginn der Saturnentwicke-
lung und die ganze Welt. Er wird sein Alpha und Omega, der
Mensch, und in ihm alles vereinigt, was Welt ist. Mit dem «Ich bin
das Alpha und das Omega» der Apokalypse des Johannes haben
wir das bezeichnet, was der Mensch sein wird am Ende der Vul-
kanzeit. Am Ende der Vulkanentwickelung wird auch der Mensch
sagen durfen: Ich bin das Alpha und das Omega.
Schauen wir von dem aus, was wir uns vorgestellt haben als
Anfang, Mitte und Ende der Menschheitsevolution, zu dem My-
sterium von Golgatha. Wir haben jene Wesenheit, die in Jesus sich
verkorperte durch das Mysterium von Golgatha, ungefahr in der
halben Weltzeit der menschlichen Entwickelung auf dem Standort
in der Weltenevolution, auf dem der Mensch am Ende der
Vulkanentwickelung sein wird. Wir haben da die Wesenheit als
Gott, die der Mensch als Mensch am Ende der Vulkanentwicke-
lung sein wird.
Worin besteht das Gott-Sein gegeniiber dem Menschsein? Das
Gott-Sein gegeniiber dem Menschsein besteht darin, daB in der
Zeitenreihe der Gott vorher das ist, was der Mensch spater sein
wird. Sagen Sie nicht, dadurch wiirde der Gott zum Menschen
heruntergeholt oder zum Menschen gemacht. Das wird er nicht.
Denn fur die ubersinnliche Anschauung ist zwar die Zeit - wenn
ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen darf - gleichzeitige
Realitat. Der Abstand zwischen dem Menschen und Gott aber
erscheint in dem, was zur Zeit des Mysteriums von Golgatha
stattfindet. Man darf, wenn man diese Verhaltnisse ins Auge fas-
sen will, nicht verschiedene Zeiten und nicht Wesen verschiedener
Zeiten miteinander in ein Verhaltnis bringen.
Sehen Sie, in solchen Schriften, wie die Apokalypse des Johan-
nes eine ist, ist vieles noch ausgedriickt in der Mysteriensprache
und kann nur verstanden werden, wenn es aus der Mysterienspra-
che herausgeholt wird. Und es darf durchaus nicht uberraschen,
daB der Verfasser der Apokalypse in der Mysteriensprache
spricht, denn in seiner Zeit war das den Menschen noch gelaufig.
Sie wuBten damals noch, daB die Laute ubersinnliche Wesenhei-
ten sind, daB Alpha der Mensch als ubersinnliche Wesenheit an
seinem Anfang ist, und daB, wenn man vom Alpha zum Beta
kommt, man sich vom Menschen zur Welt, das heiBt auch zur
gottlichen Welt wendet, und daB, wenn man durch alle Laute des
Alphabets hindurch bis zum Omega kommt, man die ganze gott-
liche Welt in sich schlieBt.
Das ist im Grunde genommen das Erschutternde, daB wir heute
die Laute nur so erleben, daB sie fur uns Trivialitaten sind. Denn
was sind alle die Laute anderes fur uns als Trivialitaten? Wer nur
das Abe kennt, kennt nicht viel. Das sind Trivialitaten. Aber diese
Trivialitaten, sie weisen im Ausgangspunkt hin auf gottlich-geistige
Wesenheiten, und unsere trivialen Buchstaben sind die Abkomm-
linge von dem, was fur die Menschheit einstmals gottlich-geistige
Wesenheiten waren. Das ganze Alphabet war eine Summe von
solchen gottlich-geistigen Wesenheiten. Gotter waren die Laute,
die von alien Seiten an den Menschen herantonten. Die Laute A,
B - Alpha, Beta -: der Mensch, der Mensch in seinem Haus und
so weiter. Alpha und Omega: der Mensch mit der ganzen Welt. Die
Laute empfand der Mensch als dasjenige, was - wenn er es aus-
sprach - ihn durchdrang mit Geistigkeit.
Was in dem Intonieren der Kultussprache in der dritten Myste-
rienepoche noch da war, das war der letzte Rest dieses Lebens des
Gottlich-Geistigen in den Lauten. Das wurde in den alleraltesten
Zeiten noch voll verstanden. Wenn der Mensch nacheinander das
intonierte, was heute unser abstraktes traditionelles Alphabet ist,
da intonierte er das Weltenwort. Durch das, was er intonierte,
verband er sich mit alien Gottern: Im Urbeginne war das Wort. -
Das heiBt dasselbe, wie wenn der Christus sagt: Ich bin das
Wort -, oder wenn er sagt: Ich bin das Alpha und das Omega.
Sehen Sie, die Apokalypse ist noch in der Mysteriensprache
abgefaBt und sie bedient sich noch solcher Bezeichnungen, die an
die groBe Zeit erinnern, wo der Mensch den Makrokosmos als
sprechendes Weltall gefiihlt hat. Wir haben heute das, was in alten
Zeiten ein hochstes Geistiges war fur die Menschen, die Laute der
Sprache, abgeschattet zur Trivialitat. Wir mussen fuhlen konnen,
was da geschehen ist. Was ist denn geschehen? Die Laute sind da,
aber die Gotter sind fur den Menschen nicht mehr in den Lauten
da. Die Gotter haben die Laute verlassen. Und die ahrimanischen
Wesenheiten stecken auf damonische Art in unseren Lauten. Die
Volksvorstellung, daB die Laute unserer Sprache, wenn sie nur-
mehr fixiert werden, etwas von schwarzer Magie in sich enthalten,
ist durchaus nicht unbegriindet. Darin ist eine gesunde Volksvor-
stellung enthalten. Denn die gottlichen Laute von ehemals sind
ahrimanisiert. Die Gotter von ehemals haben die Laute verlassen,
ahrimanische Wesenheiten sind eingezogen. Und wenn wir nicht
wieder den Weg zuriick finden auf diesem Gebiet, dann wird der
Mensch schon durch die Sprache sich immer mehr mit ahrimani-
schen Machten durchdringen.
So fuhlend gegenuber der Sprache mussen wir an die Apoka-
lypse herantreten. Dann wird uns erst in aller GroBe und Gewalt
dasjenige erscheinen, was in der Apokalypse vor unsere Seele
gestellt ist. Denn was will der Verfasser der Apokalypse? Er will
das, was auch alle anderen wollen, die zu Recht von Christus so
sprechen, daB sie aus der Erkenntnis heraus sprechen.
Johannes will den Christus vor die Menschheit hinstellen. Er
macht aufmerksam darauf, daB der Christus da ist. Er beginnt die
Apokalypse damit, daB der Christus da ist. Denn nimmt man die
ersten Worte der Apokalypse und ubersetzt sie sinngemaB in
unsere Sprache, so heiBt es nicht anders als: Sieh die Erscheinung
Jesu Christi! Sieh hin, ich will sie dir zeigen, diese Erscheinung
Jesu Christi, die Gott gegeben hat!
Zuerst also wird durch den Verfasser der Apokalypse in seiner
Art, eben auf apokalyptische Art, darauf hingewiesen, daB der
Christus vor der Menschheit erscheinen will. Aber er macht zu-
gleich darauf aufmerksam, daB er nicht bloB von der Erscheinung,
von der Imagination Jesu Christi, die gewissermaBen ein Schauen
voraussetzt, berichten will, sondern er will auch darauf aufmerk-
sam machen, daB die gottliche Weltenmacht, die diese Erschei-
nung hereingestellt hat in die Welt, dasjenige, was sie in die Sicht-
barkeit gestellt hat, auch in Worten zum Ausdruck bringt.
Diese Worte, die von Gott selbst sind, sie sind die Interpreta-
tion der Erscheinung Jesu Christi und Gott hat sie geschickt
durch einen Engel an seinen Diener Johannes. So mussen wir den
Anfang der Apokalypse auffassen.
Es ist da eigentlich von einem Zweifachen die Rede: Es ist die
Rede von einem Imaginativen, von einem Bilde des Christus, und
von dem, was die Botschaft des Christus ist. Und das, wovon in
dem zweiten Satz gesprochen wird, daB es von Johannes bekraf-
tigt und bezeugt wird, das ist die Erscheinung des Christus und
die Interpretation dieser Erscheinung: Der Christus im Bilde und
der Christus im Worte. Den Christus im Bilde und den Christus
im Worte will der Verfasser der Apokalypse vor den Menschen
hinstellen.
Damit werden wir zugleich auf etwas hingewiesen, was dazu-
mal den Menschen ganz selbstverstandlich war, was aber heute
vollstandig fur den Menschen verlorengegangen ist. Wir sprechen
heute in unserer armlichen Psychologie von Sinneswahrnehmung
und von Vorstellung. Und damit die Sache moglichst arm wird,
lassen die Leute die Sinneswahrnehmung durch die Sinne entste-
hen, und die Vorstellung laBt man den Menschen im Innern ma-
chen. Alles ist nur subjektiv, es ist gar nichts von Kosmischem da.
Die Leute machen aus einer reichen Welt eine «kantige», und es
wird vollstandig vergessen, daB der Mensch im Weltall darinsteht.
Das, was bei uns zur Armut der Vorstellung zusammenge-
schrumpft ist, ist das intuitive Element des Wortes: das zweite,
was Johannes bekraftigt, wovon er Zeugnis gibt, Mitteilung
macht. Das, was wir Wahrnehmung mit Bezug auf Ubersinnliches
nennen, stellt der Apokalyptiker als die Erscheinung des Christus
hin. So daB wir sagen miissen:
Sieh die Erscheinung Jesu Christi, gegeben von Gott,
dessen Dienern zu zeigen, was im Laufe kurzer Zeiten
geschehen soil;
Ich werde das Wort spater deuten.
Gott hat sie ins Wort gebracht und gesandt durch seinen
Engel an den Diener Johannes. Dieser hat bekraftigt
Gottes Wort und die Erscheinung Jesu Christi, die er
gesehen hat.
Das, was Johannes im Brief von Gott empfangen hat, und das,
was er gesehen hat, das will er den Menschen geben.
Es ist notwendig, daB wir in dieser Weise wieder konkret auf
das Schrifttum des Christentums eingehen. Und es ist Ihre Aufga-
be als Priester, die das nun wiederum aus dem tiefsten ehrlichsten
Impuls ihrer Herzen sein wollen, darauf zu dringen, daB Kon-
kretheit in das Schrifttum hineinkommt. Denn es ist doch so, daB
der Mensch, wenn er mit dem, was heute seine Sprache ist, die
Evangelien liest, er im Grunde genommen unehrlich zu Werke
geht, wenn er sagt, er verstehe sie. Das, was ich Ihnen gesagt habe,
steht so im Beginn der Apokalypse.
«Dies ist die Offenbarung Jesu Christi» - so steht es in einer
Ubersetzung -, «die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu
zeigen, was in der Ktirze geschehen soil; und hat sie gedeutet und
gesandt durch seinen Engel zu seinem Knechte Johannes. » - So
steht es da, und es wird in aller Welt dies als Wortlaut der Apo-
kalypse den Leuten gesagt. Aber niemand kann in Wirklichkeit
sich darunter etwas vorstellen. Und so ist es bei dem groBten Teil
der Evangelien. Weil man mit dem Wortlaut, der nichts mehr gibt
von dem, was urspriinglich dasteht, den Leuten klarzumachen
versucht, daB dieser Wortlaut etwas sei, dadurch ist allmahlich die
Vorstellung entstanden, daB man iiberhaupt nicht tiefer eindrin-
gen solle in die Evangelien. Denn wie sollte man das auch ma-
chen? Wenn man die Evangelien in irgendeiner modernen Sprache
liest, so versteht man, wenn man ehrlich ist, nichts mehr. Denn
was da in den modernen Sprachen steht, driickt nichts mehr aus.
Man muB erst wieder zuriickgehen auf das, was urspriinglich da
ist, wie wir es in bezug auf die zwei ersten Satze gemacht haben
und wie wir es fur weitere machen werden.
Man sagt auch, fur gewisse Partien der Evangelien musse man
zum Griechischen zuriickgehen. - Nun, ich habe alien schuldi-
gen Respekt vor dem Griechisch-Konnen unserer Zeitgenossen,
die sich redlich Miihe geben mit dem Verstandnis des Griechi-
schen. Aber die Wahrheit ist, daB heute kein Mensch mehr
richtig Griechisch versteht, weil wir iiberhaupt nicht mehr das in
uns haben, was der Grieche in sich hatte, wenn er sprach oder
wenn er zuhorte. Wenn wir jemandem zuhoren oder selbst
sprechen, sind wir ja im Grunde genommen wie Mehlsacke. Wir
bleiben innerlich so ruhig, wie das Mehl im Sack ruhig bleibt,
wenn es ordentlich verpackt ist. Das war bei dem Griechen nicht
der Fall. In dem Griechen vibrierte sein BewuBtsein, wenn er
zuhorte, er wurde innerlich lebendig, und aus der Lebendigkeit
heraus sprach er. Die Worte, die er horte und die, die er sprach,
waren fur ihn noch lebendige Korper, sie waren fur ihn lebendig.
Gar nicht zu reden von den orientalischen Volkern. Heute sind
sie zwar in der Dekadenz, aber sie sind nicht so wie der
europaische Mensch, der nicht mehr innerlich lebendig verneh-
men kann, wenn er spricht oder zuhort. Horen Sie nur einem
Orientalen zu, wie Sie es zum Beispiel bei Rabindranath Tagore
tun konnen, horen Sie zu, wie diese Menschen selbst in ihren
wenig bedeutenden Exemplaren das innere Weben und Leben
darstellen, das in der Sprache lebt.
Heute ist es so, daB man sogar meint, man hatte die Sprache,
wenn man ein Lexikon nimmt, in dem auf der einen Seite das
englische Wort und auf der anderen Seite das deutsche Wort steht.
In vollkommener Rune setzen die Menschen die deutschen Worte
so hin, wie die englischen Worte dastehen. Gar keine Ahnung
haben die Menschen, daB man da iiber einen Abgrund schreitet,
daB man in eine ganz andere Welt hineinkommt, und daB wirklich
das, was in der Sprache lebt, behandelt werden muB als ein Gott-
liches.
Das muB dem Menschen wieder zum BewuBtsein kommen.
Dann wird er innerlich die Forderung stellen, zuruckzukehren zu
dem, was herausschwingt aus solchen alten Mitteilungen wie zum
Beispiel der Apokalypse, die vor unsere Seele hinzaubert die Er-
scheinung Jesu Christi. Wie eine gewaltige Erscheinung wird sie
vor uns stehen, wenn wir sie so schauen konnen, wie wenn das
ganze Wolkenelement sich plotzlich konzentrierte und uns ganz
wunderbare Herrlichkeit hergabe, Menschengestalt und Engelge-
stalt annahme. Wie wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
aus der Wolkensubstanz herauswellte und offenbarte den spiri-
tuellen Substanzgehalt der Welt, die den Menschen in sich ein-
schlieBt, so ist da hingestellt die Erscheinung Jesu Christi.
Die Erscheinung, sie ist zunachst so da, daB wir vor ihr ver-
stummen, daB wir eins mit der Welt werden und aufhoren, fiir
unser BewuBtsein da zu sein. Wir stehen der Erscheinung so ge-
geniiber, daB die Erscheinung allein da ist und wir selber nichtig
werden. Darauf gewahren wir hinter der Erscheinung den offen-
barenden Gott, den Vatergott, der die Erscheinung gegeben hat:
Er halt hinter der Erscheinung das inspirierende Wort. Das Wort,
das die Interpretation der Erscheinung ist, es ist sein Geheimnis.
Aber es ist die Zeit da, in welcher das Geheimnis von Gott einem
Engel gegeben wird, der es als die briefliche Botschaft Gottes
herunterbringt zu den Menschen, auf dem Wege, auf dem die
Inspiration von Gott zu den Menschen kommt.
Sobald der Mensch verstummt ist, verschwunden ist, aufgegan-
gen ist in der Erscheinung und beginnt, nicht nur in sich selbst zu
sein, sondern innerlich aufnimmt den gottlichen Brief, den er nur
erst zu entsiegeln hat, der mit sieben Siegeln verschlossen ist, den
er aufnimmt als den ihm mit sieben Siegeln von der Gottheit
ubersandten Brief, dann wird er das selber, was in dem Brief steht.
Dann kommt er dazu, das als seine eigene Ich-Wesenheit zu se-
hen, was in dem Brief steht. Dann steht er mit den gottlichen
Ideen, mit dem gottlichen Begriff, mit der geistigen Vorstellung
vor der Erscheinung.
Wenn Sie sich den Priester Johannes so vorstellen, die Erschei-
nung Jesu Christi vor sich, so selbstlos fur sich verschwindend,
wenn Sie ihn so von den Engeln empfangen sehen den siebenfach
versiegelten Brief Gottes, und wenn Sie entstehen sehen den Ent-
schluB, den Brief des Gottes selbst zu entsiegeln und den Inhalt der
Menschheit mitzuteilen -, dann haben Sie das Bild, die Imagination,
die am Ausgangspunkt der Apokalypse steht. Denn im Aufgenom-
menen mussen wir das Wort, das dasteht, deuten, daB es so ist, wie
ich es in der Imagination beschrieben habe. - Das will der Verfasser
der Apokalypse sagen. Deshalb spricht er: Selig ist, wer da lieset
und horet die Worte des Makrokosmos, und der da aufnimmt und
in sich bewahrt, was geschrieben ist in dem Buch - wenn der
Mensch es versteht -, denn die Zeit ist gekommen.
Sie ist gekommen. Es ist nicht bloBe Willkur, es liegt im Karma
der Gemeinschaft fur christliche Erneuerung, daB wir uns jetzt in
diesem Zusammenhang iiber die Apokalypse besprechen.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 8. September 1924
Das Bild, das der Verfasser der Apokalypse uns zeigt, stellten wir
gestern vor unsere Seelen hin, das Bild der Erscheinung Jesu Chri-
sti, das der Vatergott gegeben hat, und bemerken durfte ich, wie
dann dasjenige, was als Erklarung zum Verstandnis des Bildes fiih-
ren soil, aufzufassen ist wie ein Brief von Gott selbst an Johannes.
Es liegt durchaus im Wesen des Mysteriums und in der Art,
wie man aus dem Mysterium heraus spricht und vorstellt, daB
dann im weiteren der Verfasser der Apokalypse auch selber als
der Briefschreiber aufgefaBt wird. Denn im Wesen des Mysteri-
ums war es so, daB der Schreiber eines solchen Dokumentes sich
durchaus nicht als dessen Verfasser fuhlte in dem Sinne, wie wir
heute den Verfasser eines Werkes auffassen, sondern er fuhlte sich
gewissermaBen als das Werkzeug des geistigen Schreibers. Er
fuhlte, daB in dem unmittelbaren Aufschreiben nichts Person-
riches mehr enthalten sei. Deshalb darf Johannes nun durchaus
weiter so handeln, wie wenn er das, was er zu schreiben hat, unter
gottlichem Befehl als eine gottliche Botschaft schriebe. Das geht
in einer wirklich mysterienhaften Art aus allem folgenden hervor.
Man kann schon sagen: Die Gegenwart bedarf wieder des Ver-
standnisses fur solche Dinge, wie es der Ubergang ist von der
Erscheinung Jesu Christi in den ersten Versen der Apokalypse zu
den folgenden, den sieben Sendschreiben an die einzelnen Ge-
meinden. Denn die Gegenwart hat eigentlich das Verstandnis fiir
diese Dinge, das gang und gabe war in den Mysterien und das
auch durchaus noch in der Denkweise des ersten Christentums
lag, einfach ganz und gar vergessen.
Das ist wieder etwas von dem, was an Euch ist, in der weiteren
Entwickelung Eures Priestertums weiterzufuhren. Ihr muBt be-
denken, das, was in der Apokalypse gesagt wird und das inspiriert
geschrieben worden ist, das wird gerichtet an die Engel der Ge-
meinde zu Ephesus, der Gemeinde zu Thyatira, der Gemeinde zu
Sardes und so weiter. An Engel sollen diese Briefe gerichtet werden.
Das ist etwas, woriiber ja das moderne Verstandnis sogleich stol-
pern muB. Wesentlich ist, daB wir das folgende richtig auffassen.
Zu mir kam einmal ein Mann, der eigentlich sich in der letzten
Zeit seines Lebens ungeheuer stark bemiiht hatte, zum vollen
Verstandnis der anthroposophischen Geistesanschauung zu kom-
men. Ihr muBt solche Dinge gerade in Eurem Priestertum wissen,
denn es sind ja schlieBlich typische Erscheinungen der Gegen-
wart. Es ist nur ein Beispiel, das ich herausgreife, bei dem die
Sache, auf die es ankommt, besonders eklatant hervortritt, aber es
ist etwas, was Euch auf Euren Priesterwegen immer wieder begeg-
nen wird; und auf das Wirken auf Eurem Priesterweg kommt es
ja an. Er sagte zu mir: «Es scheint eigentlich so, als ob durch die
Anthroposophie angestrebt wtirde, die Bibel wortlich zu neh-
men». - Ich sagte ihm: «Ja». - Dann brachte er mir allerlei Beispie-
le vor, von denen er meinte, daB die Bibel doch nicht wortlich
genommen werden konne, sondern nur symbolisch. Ich sagte zu
ihm: «GewiB, es gibt sehr viele sogenannte Mystiker, Theosophen
und so weiter, die suchen in der Bibel allerlei Symbole und der-
gleichen, sie losen die Bibel auf in lauter Symbole. Das tut An-
throposophie nicht. Sie sucht nur durch das, was, vielleicht von
der symbolischen Sprache ausgehend, dazu fuhren kann, den
ursprunglichen Text in seiner wirklichen Bedeutung zu lesen.
Und da», sagte ich, «habe ich noch nie gefunden, daB, wenn man
nur den ursprunglichen Text den im Laufe der Zeit entstandenen
spateren MiBverstandnissen gegenuberstellt, die Bibel nicht iiber-
all, wo ich es nachpriifen konnte, wortlich zu nehmen ware.»
Das ist gerade als letztes Ziel zu erreichen: das Wortlichneh-
men der Bibel. Man kann geradezu sagen: Wer die Bibel noch
nicht wortlich nehmen kann, hat ja die Stellen, wo er die Bibel
nicht wortlich nehmen kann, auch noch nicht begriffen. Das ist
allerdings in der neuen Zeit bei sehr vielen der Fall.
Hier beriihren wir etwas Esoterisches, das vielleicht im bis-
herigen Verlauf unseres Zusammenseins uberhaupt noch nicht so
stark hervorgetreten ist, das aber doch einmal auch vor Euren
meditativen Sinn treten muB. Denn zuweilen sprieBt und spritzt
heute - ich mochte sagen, nicht wie Blitzesflammen, denn die
kommen von oben her, aber wie Vulkanflammen, denn die kom-
men von unten her - mancherlei, was in diesem oder jenem Be-
kenntnis von alten Mysterien zuriickgeblieben ist. So gab es ja -
ich habe diese Tatsache schon ofter erwahnt - einen Hirtenbrief
eines Erzbischofs, welcher nichts Geringeres als das folgende be-
hauptete. In dem Brief war die Frage aufgeworfen: Wer ist
hoher, der Mensch oder Gott? - Und es wurde in diesem Hirten-
brief, obwohl in einer gewundenen Rede, aber doch auf der ande-
ren Seite auch wieder unverbliimt, darauf aufmerksam gemacht,
daB, wenn der Priester am Altar steht, wenn also der Mensch als
Priester am Altar steht - von den ubrigen Menschen gilt das
nicht, aber fur die Priester -, er hoher sei als Gott, machtiger als
Gott, denn er konne Gott zwingen, irdische Gestalt in Brot und
Wein anzunehmen. Wenn der Priester konsekriert, wenn er die
Transsubstantiation vollzieht, dann musse der Gott am Altar an-
wesend sein.
Das ist eine Auseinandersetzung, die tief in altes Mysterienwe-
sen zuriickgeht, und es ist auch eine Auseinandersetzung, die in-
nerhalb des esoterischen Brahmanismus im Orient, insofern er aus
dem Mysterienwissen heraus ist, heute durchaus noch gelaufig ist.
Es ist gelaufig und im Einvernehmen mit allem Mysterienwesen
die Vorstellung, daB der Mensch ein Wesen ist, das die Gottheit
mit umspannt, eigentlich der Hohere gegeniiber der Gottheit.
Und es fuhlte sich der Brahmanenpriester, namentlich der von
ehemals, in dieser Verfassung seiner Seele als - wenn ich mich so
ausdriicken darf - uberpersonlicher Trager der Gottheit.
Das ist eine schwerwiegende Vorstellung, die da hereinleuchtet
aus altem Mysterienwesen. Aber sie muB schlieBlich wenigstens
einmal dem meditativen Leben der Priesterseele anvertraut wer-
den. Denn es widerspricht ja vollstandig dem, was sich namentlich
im evangelischen BewuBtsein nach und nach ergeben hat. Dem
evangelischen BewuBtsein gegeniiber ist das, was in dem angezo-
genen Hirtenbriefe steht, naturlich eine Torheit. Nun, wir werden
darauf noch zuriickkommen im Laufe dieser Auseinandersetzun-
gen liber die Apokalypse. Es liegt ja in dem alien nur die ins
GroBe erhobene Vorstellung von dem, was uns an dieser Stelle
der Apokalypse, auf die ich hier hinweise, entgegentritt.
Johannes schreibt in gottlichem Auftrage, unter gottlicher In-
spiration, an die Engel der sieben Gemeinden. Er fiihlt sich also
in demjenigen Zustand, in dem er da schreibt, durchaus als derje-
nige, der den Engeln der sieben Gemeinden Rat, Mahnung, Mis-
sion und so weiter geben soil. Wie ist das konkret vorzustellen?
Auf wen hat man deuten miissen, wenn zum Beispiel von dem
Engel der Gemeinde von Ephesus oder von Sardes oder von Phil-
adelphia die Rede war? Auf wen hat man deuten miissen? So
wenig das dem heutigen Menschen verstandlich ist, damals gab es
durchaus Menschen, welche man heute gebildete Menschen nen-
nen wiirde - christlich gebildete Menschen wiirde man heute zu
den in analoger Lebensstellung Befindlichen sagen -, es gab da-
mals durchaus einen Kern von Menschen, die verstanden, was das
heiBt: Es schreibt eine prophetische Natur, eine weissagende
Natur wie die des Johannes, der, indem er in dieser Seelenverfas-
sung ist, in der er schreibt, hoher steht als die Engel; er schreibt
an die Engel der Gemeinden. Aber man hatte unter den Leuten,
die das verstanden, gar nicht einmal hingedeutet etwa auf ein
Ubersinnliches, indem man «Engel» sagte. Man hatte die Vorstel-
lung: Christliche Gemeinden sind gegnindet worden, bestehen
fort; und der Schreiber der Apokalypse denkt daran, daB er seine
Briefe richtet an zukunftige Zeiten, in denen das, was er von die-
sen Gemeinden sagen muB, kommen wird. Er spricht durchaus
nicht von den gegenwartigen Zustanden. Er spricht von zukunf-
tigen Zustanden. Aber hatten diejenigen, die dazumal aus dem,
was sich als traditionelle Anschauung ergab aus den alten Myste-
rien heraus, deuten miissen auf den, der der Briefempfanger sein
soil, sie hatten gedeutet auf den der Gemeinde vorstehenden
Bischof.
Auf der einen Seite waren sie sich durchaus klar dariiber, daB
der eigentliche Leiter der Gemeinde der tibersinnliche Angelos ist,
auf der anderen Seite wiirden sie gedeutet haben auf den Bischof,
den kanonischen Verwalter der Gemeinde. Denn es war die dama-
lige Vorstellung, daB jemand, der der Verwalter einer solchen
Gemeinde wie die zu Sardes, zu Ephesus, zu Philadelphia war, als
Wiirdentrager der wirkliche irdische Trager der iibersinnlichen
Angelos-Wesenheit ist. So daB also tatsachlich Johannes, indem er
schreibt, sich innerlich erfaBt turrit von einem hoheren Wesen als
es der Angelos ist. Er schreibt an die Bischofe der sieben Gemein-
den als an Menschen, die durchdrungen sind nicht nur von ihrem
eigenen Engel - das ist ja jeder -, sondern die durchdrungen sind
von dem leitenden, fuhrenden Engel der Gemeinde.
Und nun spricht er davon, was er diesen Gemeinden zu sagen
hat, und er weist durchaus auf die Zukunft hin. Wir mussen die
Frage aufwerfen: Warum werden sieben Briefe an sieben Gemein-
den gerichtet? Diese sieben Gemeinden sind ja selbstverstandlich
die Reprasentanten der verschiedenen Nuancen des Heidentums
und des Judentums, aus denen Christus hervorgegangen ist. Fur
Konkreta war in jenen Zeiten ein viel intensiveres Verstandnis als
spater. Man wuBte in der Zeit, aus der die Apokalypse stammt,
selbstverstandlich ganz genau: Da ist zum Beispiel die Gemeinde
zu Ephesus, die einstmals die ganz grandiosen Mysterien von
Ephesus geboren hat, in denen auf die Weise, wie es in alten Zeiten
eben durchaus ublich sein konnte, auf die kunftige Erscheinung
Christi hingewiesen worden war. Einen Kultus gab es in Ephesus,
der vermitteln sollte die Verbindung der in Ephesus Opfernden
und der Zeugen des Opferdienstes mit den gottlich-geistigen
Machten und auch mit dem kommenden Christus. Die alte heid-
nische Gemeinde von Ephesus war wohl diejenige, die mit ihrer
Vorprophetie des kunftigen Christentums und mit ihrem heidni-
schen Kult diesem Christentum ganz besonders nahegestanden hat.
Daher wird an den Engel der Gemeinde von Ephesus geschrie-
ben von den sieben Leuchtern. Die Leuchter sind ja die Gemein-
den selber, das wird ausdrucklich ausgesprochen in der Apoka-
lypse. Gerade der Brief an die Gemeinde von Ephesus muB in
seiner wahren Gestalt genommen werden, so wie es dasteht.
Deutlich wird darauf hingewiesen, daB eigentlich diese Gemeinde
von Ephesus diejenige war, die am intensivsten das Christentum
aufgenommen hat, die mit der ersten Liebe dem Christentum
zugetan war. Denn es wird ja gesagt, sie habe sich diese erste
Liebe nicht bewahrt. Von der kiinftigen Zeit, die in Aussicht
steht, von der will der Apokalyptiker in seinem Brief sprechen. So
sehen wir schon an dem Beispiel dieses Mahnbriefes an die Ge-
meinde zu Ephesus, daB der Apokalyptiker die Entwicklung,
welche die Gemeinde nimmt, so charakterisiert, daB in der Ge-
meinde auf das geschaut wird, was aus alten Zeiten herauflebt.
Es war in der Tat so, daB die einzelnen Gemeinden, von denen
hier die Rede ist, verschiedene Nuancen des Heidnischen oder des
Judischen darstellen, daB sie verschiedene Kulte hatten und durch
diese verschiedenen Kulte sich in verschiedener Weise den gott-
lichen Welten naherten. Und jeder Brief beginnt immer so, daB man
sieht, in jeder dieser Gemeinden hat sich das Christentum auf be-
sondere Art aus den alten heidnischen Diensten herausentwickelt.
Man muB sich nur klar dariiber sein, daB in den ersten Zeiten
der christlichen Entwickelung noch eine Seelenverfassung der
Menschen da war, die wirklich ganz verschieden ist von der heu-
tigen Seelenverfassung, insbesondere der von Europa - im Orient
ist es ja nicht so. Dieses Sehen des Religiosen in einem begriff-
lichen Inhalt, den man logisch charakterisieren kann, das war den
alten Mysterienvorstellungen der ersten christlichen Jahrhunderte
noch ganz, ganz fremd, wirklich ganz fremd. Da sagte man sich
etwa: Der Christus ist eine Erscheinung des gewaltigen Sonnen-
wesens. Hinstreben zu ihm aber muB die Gemeinde von Ephesus,
die Gemeinde von Sardes, die Gemeinde von Thyatira und so
weiter, jede auf ihre Art, aus ihrem Kultus heraus. Jede kann auf
ihre besonders nuancierte Weise sich ihm nahern. Und daB das
durchaus zugegeben wird, das ist ja uberall angedeutet.
Man nehme eine solche Gemeinde wie die von Ephesus, die
fortsetzen muBte die alten tiefen Mysterien von Ephesus; sie muBte
anders sein als zum Beispiel die Gemeinde von Sardes. Die Gemein-
de von Ephesus hatte einen Kultus, der tief durchdrungen war von
der Anwesenheit gottlich-geistiger Substanzen im irdischen Leben.
Der Priester, der in Ephesus herumging, hatte sich ebenso gut als
Gott wie als Mensch bezeichnen konnen. Er wuBte sich als Trager
des Gottes. Das ganze BewuBtsein des Religiosen in Ephesus wurzelt
eigentlich in Theophanie, in der Erscheinung des Gottes in den
Menschen. Die Priesterschaft von Ephesus stellte jeweilig den
entsprechenden Gott dar, und es war sogar eine bestimmte Auf-
gabe, dieses Theophanische, dieses Zur-Erscheinung-Bringen des
Gottlichen so recht in die Seelen hineinzubringen.
Nehmen wir an, unter den Priesterinnen von Ephesus ging in
der Verrichtung der Kulthandlungen diejenige herum, die im we-
sentlichen die lebendige menschliche Ausgestaltung der Artemis,
der Diana, der Mondgottin war. Verlangt wurde von den Leuten,
daB die irdische Erscheinung nicht unterschieden wurde von der
Gottin selber, also daB in der irdisch-menschlichen Erscheinung
die Gottin gesehen wurde. Alte Mysterienveranstaltungen, sagen
wir zum Beispiel offentliche Aufzuge, stellten hintereinanderge-
hende Menschen dar, die die Gotter waren. Und wie man heute
lernen muB, adaquate Begriffe von den Dingen zu haben, so
muBte man dazumal die Seelenvorstellungen und Seelenempfin-
dungen sich beibringen, in dem Menschen, der Priester oder
Priesterin war, den Gott zu sehen.
Daher ist es auch kein Wunder, daB, nachdem nun einmal der
Apokalyptiker, wie ich es angedeutet habe, in der Mysterienspra-
che spricht, er sich gerade an die Gemeinde von Ephesus wendet,
wo diese besondere Art zu denken, zu fuhlen, zu empfinden am
intensivsten ausgebildet war. Daher war es der Gemeinde von
Ephesus naturlich, das wesentlichste Symbol des Kultus in den
sieben Leuchtern zu sehen. Diese stellten das Licht dar, das auf
Erden lebt, das aber gottliches Licht ist.
Ganz etwas anderes war es bei der Gemeinde von Sardes. Diese
Gemeinde war die christliche Fortsetzung eines alten, sehr ausge-
bildeten astrologischen Sternendienstes, wo man wirklich wuBte,
wie der Gang der Sterne mit den irdischen Angelegenheiten zu-
sammenhangt, und wo man alles, was im Irdischen geschah, was
etwa hohere oder niedere Haupter befahlen, aus den Sternen ab-
las. Die Gemeinde von Sardes war herausentwickelt aus einem
Mysterienwesen, das in hochstem Grade zahlte auf die Erfor-
schung der Lebensgeheimnisse und Lebensimpulse aus dem
nachtlichen Sternenhimmel. Bevor man von der Gemeinde von
Sardes als einer christlichen Gemeinde reden konnte, muBte man
gerade von ihr sprechen als derjenigen, die am meisten festhielt an
dem alten traumhaften Hellseherzustand, denn gerade diesem
traumhaften Hellsehertum ergab sich das nachtliche Geheimnis
des Makrokosmos. Und da, wo festgehalten wurde an dem alten
traumhaften Hellsehertum, das als Tradition fortbewahrt wurde,
wurde wenig gesehen auf das, was der Tag gibt.
In dieser Beziehung ist schon wirklich sehr bezeichnend der
Unterschied des Sonnendienstes und der Sonnenlehre zu Ephesus
und zu Sardes, insofern man wirklich bei Ephesus wie bei Sardes
von den alten Weistumern sprechen kann. Man lehrte ja in alien
diesen alten Mysterien - und die Lehre der Mysterien ging hinaus
zu den Laien - das, was fur die damalige Zeit auch Wissenschaft
war, denn eine von den Mysterien getrennte Wissenschaft gab es
nicht. In Ephesus war die Sonnenlehre eine solche, daB man schon
unterschied zwischen den funf Planeten, die man annahm auf der
einen Seite: Saturn, Jupiter, Mars, Venus, Merkur, und auf der
anderen Seite die Sonne mit dem Mond. Man zeichnete die Sonne
aus, die wir ja heute gegenuber den Planeten einen Fixstern nen-
nen, indem man sie abtrennte von den Planeten und sie als Tages-
gestirn verehrte - vor allem in Ephesus -, weil man in der Sonne
von ihrem Aufgang bis zum Niedergang das lebenspendende
Prinzip sah.
So war es nicht in den alten Zeiten in Sardes. In Sardes gab man
nichts auf die Tagessonne, man empfing ihr Licht als eine Selbst-
verstandlichkeit, aber man gab nichts auf die Tagessonne in der
Stadt Sardes, sondern da gait nur die Nachtsonne, die man in den
alten Mysterien die «Mitternachtssonne» nennt und die als gleich-
bedeutend mit den Planeten angesehen wurde. Den Mond unter-
schied man nicht von den ubrigen Planeten, und die Sonne wurde
angesehen als ein wirklich mit den anderen Planeten gleichstehen-
der Planet.
In Sardes zahlte man so auf: Saturn, Jupiter, Mars, Venus,
Merkur, Sonne, Mond. - So hatte man es in Ephesus nicht gemacht.
In Ephesus sagte man: Saturn, Jupiter, Venus, Merkur auf der einen
Seite, auf der anderen Seite die dem Erdenleben nahestehenden
Tag- und Nachtgotter Sonne und Mond. - Das ist also der groBe
Unterschied, und darauf bezog sich alles Kultische in Sardes.
Es war in dieser ersten christlichen Zeit sogar so, daB in Ephe-
sus der alte heidnische Kult fortlebte, der nur nach dem Christ-
lichen hin orientiert war, wahrend in Sardes fortlebte die Nuance
des alten heidnischen Kultes, der nach dem Astrologischen hin
orientiert war, wie ich das eben dargestellt habe. Daher ist es
naturlich, daB der Apokalyptiker schreibt von Sardes: «das da hat
die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne» (Apk. 3, 1). -
Jetzt sind es nicht die Leuchter, welche auf dem Altar stehen,
nicht das Licht, das mit der Erde verbunden ist, sondern es ist das
Licht, das oben steht im Makrokosmos.
Wie tief der Apokalypseschreiber noch im alten Mysterienwesen
steht, konnt Ihr entnehmen, wenn Ihr Euch die Frage beantwortet:
Was wirft der Apokalypseschreiber der Gemeinde von Sardes vor,
worauf sie besonders zu achten hat? Der Gemeinde von Sardes
wirft er in erster Linie vor, daB sie wachen soil, daB sie den Uber-
gang finden soil zur Tagessonne, der Ausgangsstatte des Christus.
Bis ins Wort hinein ist dasjenige, was dasteht, daher im eigent-
lichen Sinn zu nehmen, wenn man nur zu dem ursprunglichen
Sinn wirklich vordringt und weiB, wie in alten Zeiten mit dem
religiosen Leben verfahren worden ist und wie eigentlich als der
Letzte im groBen Stil - Nachwirkungen sind immer da - der
Apokalypseschreiber gesprochen hat. So ist zum Beispiel Alexan-
der der GroBe bei seiner Ausbreitung des Griechentums muster-
gultig mit dem religiosen Leben verfahren, was uns ja uberall
entgegentritt, wenn wir die Ausbreitungszuge Alexanders in reli-
gioser Beziehung ins Auge fassen. Da ist kein Uberreden der
Menschen und da sind keine Dogmen. Da wird einer Volksge-
meinschaft alles das gelassen, was sie hat an Kultus, an Uberzeu-
gung, und nur soviel wird hineingegossen, wie gerade aufgenom-
men werden kann. So sind auch die Sendboten Buddhas verfah-
ren, die heraufzogen nach dem babylonischen Gebiete und
hiniiber nach agyptischem Gebiete. Nachdem sie gewirkt hatten,
konnte man auBerlich im Kultus und im Gebrauch des Wortes im
wesentlichen nicht unterscheiden die spatere Zeit von der fruhe-
ren. Innerlich war sie jedoch gewaltig zu unterscheiden, denn
hineingegossen war in das, was dem Gott dieser Volker geheiligt
war, alles das, was die besondere Nuance des Kultus, des Opfer-
dienstes, der Uberzeugung aufnehmen konnte. Im Grunde ge-
nommen fand etwas Ahnliches ja auch in den europaischen
Gebieten in den alteren Zeiten statt: nicht ein eigenmachtiges
Uberfluten der Menschen mit vielen Dogmen, sondern ein An-
kniipfen an das alte Mysterienwesen der jeweiligen Volker.
Sehen Sie, das sind zunachst Bausteine, die man kennenlernen
muB, damit man so etwas wie die Apokalypse richtig liest, damit
nicht ein auch nur sparlicher Rest zuriickbleibt von dem Absur-
den, zu dem die heutige Theologie vielfach in bezug auf die Apo-
kalypse gekommen ist. Dieses tolerante Hineinbauen in das Be-
stehende, das zum Beispiel dem Apokalypseschreiber ofter das
Wort in den Mund gibt: «Ihr wollt Juden sein und seid es nicht»
(Apk. 2, 9; 3, 9), das will er aus den Herzen, aus den Seelen der
dort sitzenden Leute sprechen. Solche Dinge und andere haben ja
dazu gefuhrt, die Apokalypse uberhaupt nicht als christliches
Dokument gelten zu lassen, sondern als ein judisches Dokument
anzusehen. Man muB es eben verstehen, wie diese Dinge aus der
alten Vorstellungsweise hervorgegangen sind.
Nun, wir werden auf die Einzelheiten dann noch genauer
einzugehen haben, aber eine Vorstellung muB moglichst heute
schon beriihrt werden: Derjenige, der dazumal unter Inspiration
geschrieben hat, der war sich klar dariiber, daB man mit einer
bestimmten Anzahl typischer Erscheinungen eine Wirklichkeit
erschopfend darstellen kann. Sehen Sie sich an, wie wunderbar
individuell die sieben Gemeinden in den sieben Brief en der Apo-
kalypse charakterisiert werden. Ganz wunderbar. Sie sind da alle
so beschrieben, daB sie sich scharf voneinander abheben, daB sich
jede in ihrer besonderen Eigenart uns darstellt. Der Schreiber der
Apokalypse war sich klar dariiber gewesen: Wiirde er eine achte
Gemeinde beschreiben, so wiirde er etwas beschreiben miissen,
was wiederum mit einer der vorhandenen Gemeinden ahnlich
ware. Ebenso wiirde das bei einer neunten sein. Mit diesen sieben
Nuancen ist zugleich alles beschrieben, was moglich ist. Dariiber
war er sich klar.
Dies ist wiederum eine wunderbare Vorstellung, die aus alten
Zeiten heraufragt. Mir ist das vor kurzer Zeit wiederum so leben-
dig entgegengetreten, als wir von Torquay, wo wir unsere eng-
lischen Sommerkurse hatten, hinausfuhren nach der Statte, wo
einst das SchloB des Konigs Artus stand, des Artus mit seinen
zwolf Rittern. Man sieht es heute dieser Statte noch an, was sie
einmal an lebendigem Leben bedeutete. Wenn man diese in das
Meer hinausgehenden Landvorspninge sieht, die besetzt sind mit
den sparlichen noch vorhandenen Ruinen der alten Artusschlos-
ser, die wunderbare Gestalt hatten, und dort den Blick hinaus-
Tafei 3 richtet auf das Meer - (es wird an die Tafel gezeichnet:) in der
Mitte ist ein Berg, hier das Meer und da das Meer -, dann sieht
man das Meer diese dortige Gegend so merkwurdig durchseelend.
Ein Bild, das einen Eindruck darbietet, der fortwahrend wechselt.
Wahrend wir dort waren, wechselten in verhaltnismaBig kurzer
Zeit rasch hintereinander Sonnenschein und Regen. Das ist natiir-
lich in der alten Zeit auch der Fall gewesen. Heute ist es sogar
stiller; in dieser Beziehung hat sich das Klima dort geandert. Nun
schaut man in dieses wunderbare Wechselspiel, in das Ineinander-
spielen der elementarischen Lichtgeister, die Beziehungen einge-
hen mit den Wassergeistern, die von unten nach oben heraufstrah-
len, und wiederum sieht man ganz besondere Geister-Erscheinun-
gen, wenn das Meer anbrandet an das Land und sich losringend
zuriickgeworfen wird, oder wenn das Meer sich aufkrauselt. Nir-
gends sonst als an dieser Statte der Erde findet man dieses eigen-
tumliche Leben und Weben der elementarischen Weltwesen.
Das, was ich dort sehen durfte, war das Instrument der Inspi-
ration fur die Teilnehmer der Artustafelrunde. Sie empfingen
wirklich die Antriebe zu dem, was sie tun sollten, aus dem, was
ihnen mit Hilfe dieser Meer- und Luftwesen gesagt wurde. Diese
Artusritter wiederum, sie konnten nur zwolf sein. Ich sage, es trat
mir das entgegen, weil man tatsachlich heute noch wahrnehmen
kann, worauf die Einsetzung dieser Zwolfzahl beruhte. Es gibt
eben zwolf Nuancen des Wahrnehmens, wenn man es in dieser
Art mit durch elementarische Wesen zustande gekommenen
Weltwahrnehmungen zu tun hat, zwolf Arten des Wahrnehmens.
Wenn man aber als einzelner Mensch alle zwolf erfassen will, so
wird immer eine durch die andere undeutlich. Die Ritter der
Artustafelrunde haben ihre Aufgaben daher so verteilt, daB jede
immer als eine dieser zwolf Nuancen aufgefaBt werden kann. Sie
waren uberzeugt, damit hatte jeder ein von dem anderen scharf
differenziertes Gefuhl von dem Weltall, dessen Aufgabe sie uber-
nahmen. Aber es konnte keinen Dreizehnten geben, denn der
hatte wieder einem von den Zwolfen ahnlich sein mussen.
Es liegt hier klar die Vorstellung zugrunde: Wenn Menschen
sich ihre Aufgaben in der Welt teilen wollen, mussen es zwolf
sein. Die bilden ein Ganzes, sie stellen die zwolf Nuancen dar.
Wenn Menschen in Gemeinschaften, in Gemeinden, der Welt
gegenuberstehen, bringt dies die Siebenzahl. Diese Dinge wuBte
man dazumal.
Der Apokalyptiker schreibt noch aus diesem ubersinnlichen
Zahlenverstandnis heraus, und so spricht er auch im weiteren
Verlauf der Apokalypse. Ich will heute zunachst nur uber das
Lesen der Apokalypse reden. Johannes macht uns darauf auf-
merksam, wie da unter den Erscheinungen die ist, daB er sieht den
Stuhl Christi, den Stuhl des verklarten Menschensohnes, um den
herum 24 Alteste sitzen (Apk. 4, 4). Hier haben wir eine Nuan-
cierung nach der Zahl Vierundzwanzig. Was bedeutet diese
Nuancierung nach der Zahl Vierundzwanzig?
Gemeinden haben eine Nuancierung nach Sieben, leibhaftige
Menschen auf dem physischen Erdengrund haben eine Nuancie-
rung nach Zwolf. Wenn es sich aber darum handelt, den Men-
schen als Reprasentanten der menschlichen Entwickelung im
iiberirdischen Leben anzusehen, dann kommen wir wiederum zu
einer anderen Zahl. Es gab ja Fiihrer der Menschheit, die von
Epoche zu Epoche das zu offenbaren hatten, was die Menschheit
an Offenbarungen aufzunehmen hatte, die einfach eingeschrieben
sind in dem Weltenather, den man auch die Akasha-Chronik
nennt. Wenn wir die aufeinanderfolgenden groBen Offenbarer der
sich entwickelnden Menschheit nehmen, so konnen wir finden,
wie da im ubersinnlichen Reiche eingeschrieben ist, was die ein-
zelnen Offenbarer zu geben hatten.
Eigentlich sollte man solch eine Individualist wie zum Beispiel
Moses nicht nur aufsuchen, wie er als der Erden-Moses war, auch
nicht nur, wie er nach den biblischen Dokumenten war, denn
diese sind schon nach der Akasha-Chronik gegeben. Man sollte
Moses aufsuchen, wie er auf dem Stuhle Christi sitzt. Das, was
von seinem Erdensein das Ewige ist, das Bleibende sub specie
aeternitatis, das ist fest eingegraben im Weltenather. Es kann aber
nur vierundzwanzig solche fur die Ewigkeit gewahlte Menschen-
wirksamkeiten geben, denn bei der fiinfundzwanzigsten wurde
eine Wiederholung einer vorhergehenden auftreten. Das war ein
Wissen in der Vorzeit.
Wollen Menschen auf Erden zusammenwirken, mussen es
zwolf sein. Wollen menschliche Gemeinschaften zusammenwir-
ken, mussen es sieben sein; die achte ware eine Wiederholung von
einer der sieben. Wirken aber sub specie aeternitatis die zusam-
men, die im Laufe der Menschheitsentwickelung sich vergeistig-
ten, die eine Etappe des Menschlichen darstellen, mussen es vier-
undzwanzig sein. Das sind die 24 Altesten.
Wenn wir nun diese 24 Altesten nehmen, von deren Offen-
barungen einzelne schon da sind, andere erst kommen werden,
so haben wir sie um den Stuhl Christi herum wie die Synthese,
wie die Zusammenfassung aller Menschenoffenbarungen. Aber
wir haben vor diesem Stuhl Christi den Menschen selber, der jetzt
als Mensch aufgefaBt wird gegeniiber dem, was als Glied, als ein-
zelne Etappe des Menschlichen dasteht. Ich mochte sagen: Der
Mensch an sich, wie man ihn auffassen muB, der ist unter dem
Bilde der vier Tiere dargestellt.
Ein grandioses Bild steht da vor uns. Der verklarte Menschen-
sohn in der Mitte, auf dem Stuhl die einzelnen Etappen der
Menschheit durch die Zeitenfolgen in den 24 Lenkern der 24
Stunden des groBen Weltentages, und, ausgebreitet iiber alles das
unter dem Bilde der vier Tiere, den Menschen selber, der alle
einzelnen Etappen zu umfassen hat. Ein Wichtiges, Wesentliches
tritt uns da entgegen.
Was geschieht denn da vor dem sehenden Schauen des Apoka-
lyptikers, der des Gottes Botschaft den Engeln ihrer Gemeinden
uberliefert und damit der ganzen Menschheit uberliefert? Was
geschieht da? Als die vier Tiere in Aktion treten, das heiBt, als der
Mensch seine Beziehung zur Gottheit entdeckt, da fallen die 24
Lenker der 24 Tagesstunden des groBen Weltentages auf ihr Ant-
litz. Da verehren sie dasjenige als das Hohere, was der ganze
Mensch ist, gegeniiber dem, was sie darstellen: eine Etappe der
Menschheit. In den Altesten sah man wirklich dieses Bild, das
dann der Apokalyptiker vor die Menschheit hinstellt. Nur daB
man in jenen altesten Zeiten sagte: Derjenige, der auf dem Stuhl
sitzt, wird kommen -, und der Apokalyptiker hat zu sagen: Der-
jenige, der auf dem Stuhl sitzt, ist schon dagewesen.
Ich wollte heute iiber die Bedeutung des Lesens der Apokalyp-
se sprechen. Aber richtig lesen lernen wir nur dann, wenn wir in
die Lage kommen, von den alten Mysterien ausgehend eben das
Lesen zu lernen.
Nun wollen wir versuchen, in der Apokalypse weiter zu leben.
Denn es stehen tiefe Geheimnisse darin, die nicht nur so sind, daB
Ihr sie kennenlernen sollt, sondern die schon so sind, daB manche
derselben von Euch ausgefuhrt werden sollen, getan werden
sollen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 9. September 1924
Uns muB es ja vor alien Dingen darauf ankommen, die Apokalyp-
se so zu lesen, wie sie in der Gegenwart gelesen werden soil.
Schon aus dem Grunde, weil in der Gegenwart die geistige Ent-
wicklung des Menschen im Zeichen der BewuBtseinsseele sich zu
entfalten hat, muB dasjenige, was die Fuhrung des geistigen
Lebens ist, auch voll ins BewuBtsein hineintreten. Daher wird es
sich fur uns darum handeln, die Orientierung iiber das, was der
Apokalyptiker gibt, vollbewuBt in uns aufzunehmen.
In fruheren Zeitaltern bedeuteten die Mitteilungen des Apoka-
lyptikers vielleicht mehr oder weniger nur etwas fur die hochsten
Eingeweihten, die es ja in spateren Zeiten immer weniger gab,
aber sie bedeuteten nichts fur die gewohnliche Priesterschaft.
Heute muB das, was in der Apokalypse enthalten ist, wirklich in
das BewuBtsein der Priesterschaft einziehen.
Nun haben wir gestern hingewiesen auf die sieben Gemeinden,
und wir haben von einem Gesichtspunkt aus hingewiesen auf die
Gemeinde von Ephesus. Die Welt ist wahrhaftig reich an Gesichts-
punkten, und in ein und dieselbe Sache konnen viele Gesichtspunk-
te hereinspielen. Wir konnen die Gemeinde von Ephesus so charak-
terisieren, wie wir das gestern getan haben, und wir finden dann, wie
aus heidnischen Voraussetzungen heraus innerhalb dieser einen
Gemeinde das Christentum entwickelt worden ist. Wir konnen aber
auch darauf hinweisen, wie in diesen Impulsen wirklich viel von
dem enthalten war, was die Grundstruktur der ersten nachatlanti-
schen Zeit war, mehr als das im Indien der spateren Zeit der Fall war.
So daB man in dem, was zu Ephesus sich als Christentum entwickel-
te, in gewissem Sinne die christliche Fortsetzung der Weltauffas-
sung und Lebensanschauung der ersten nachatlantischen Zeit sehen
kann, wahrend in der Gemeinde von Smyrna, die in der Apokalypse
an zweiter Stelle genannt wird, zunachst die urpersische Kultur
gelebt hat, die dann ubergegangen ist in das Christentum.
Pergamon wiederum wird angefuhrt als diejenige Gemeinde,
in der die dritte nachatlantische Kultur gelebt hat. Wir finden,
wenn wir gerade das Sendschreiben an die Gemeinde von Perga-
mon auf uns wirken lassen, wie da mehr oder weniger deutlich
hingewiesen wird auf das Hermeswort, das innerhalb dieser
Kultur gelebt hat.
Dann werden wir in dem Brief an die Gemeinde von Thyatira
verwiesen auf jene Kultur, die wir die vierte nachatlantische nennen,
das ist diejenige, in die das Mysterium von Golgatha selbst hinein-
fallt. Wir werden da, wenn wir dieses bedeutende Sendschreiben auf
uns wirken lassen, uberall daran erinnert, wie wirklich die Botschaft
des Mysteriums von Golgatha unmittelbar wirkte.
Und dann die schon gestern besprochene Gemeinde von Sar-
des. Ich zeigte Ihnen, wie diese Gemeinde von Sardes ja in einer
gewissen Weise astrologisch orientiert war, wie sie auf den Ster-
nendienst hinorientiert war. Damit aber tragt diese Gemeinde von
Sardes, wie es ja gewiB historisch nicht anders sein kann, viel
Vergangenheit in sich, aber vor alien Dingen tragt gerade diese
Gemeinde Zukunft in sich. Und jetzt wollen wir versuchen, das in
unsere spirituelle Anschauung der Gegenwart hineinzubekom-
men. Wir leben in der funften nachatlantischen Periode. Wenn
man hinschaut auf das, was in Sardes Vergangenheit war, so ist da
auch etwas Keimhaftes, was noch nicht vollendet war zur Zeit, als
Johannes die Apokalypse schrieb. Der ganze Ton dieses funften
Sendschreibens ist schon auch ein anderer als bei den vier voran-
gehenden. Johannes weist im Schreiben an die Gemeinde von
Sardes hin auf die Zukunft. Die Zukunft, auf die er damals hin-
wies, die gewissermaBen keimhaft in Sardes verkorpert war, das
ist unsere Zeit; das ist die Zeit, in der wir selber leben.
Nun aber wird ja die aufeinanderfolgende Epochenreihe der
Entwickelung der nachatlantischen Zeit und zugleich die innere
Entwickelung des Christentums noch von einer anderen Seite her
in den sieben Siegeln angedeutet; in diesem Sendschreiben ist ja
ineinander geheimniBt die Entwickelung der nachatlantischen
Zeit und die Entwickelung des Christentums. Auch da haben wir
in den sieben Siegeln die Geheimnisse der sieben Gemeinden an-
gedeutet. Wir werden da gewahr - den anderen Sinn der sieben
Siegel werden wir noch beschreiben -, wie auf die Eroffnung des
vierten Siegels, das also entspricht einem Geheimnis der vierten
nachatlantischen Epoche, ein fahles Pferd erscheint, und wie nun
die Rede ist von dem Tode, der in die Welt gekommen ist (Apk.
6, 8). Damit wird zunachst eines der wichtigsten Geheimnisse der
Apokalypse beruhrt, insofern dieses Geheimnis ganz besonders
wichtig ist fur unsere Zeit. In der vierten nachatlantischen Epoche
tritt in gewissem Sinne wirklich der Tod in die Menschheit ein.
Machen Sie sich das nur klar. Man lernt die menschliche Natur
gut erkennen, wenn man so etwas wie den Tod betrachtet.
Gehen wir zunachst in die erste, zweite und dritte nachatlan-
tische Epoche zuriick. Die menschliche Seelenverfassung, uber-
haupt die ganze Verfassung des Menschen, sein Sich-Fuhlen, ist in
den fruheren Epochen anders, als sie spater geworden ist. Es war
einst so, daB der Mensch ein deutliches inneres Fuhlen seines
Hineinwachsens in den Erdenaufenthalt hatte. Der Mensch hatte
in seinem gewohnlichen BewuBtsein noch eine deutliche Erinne-
rung daran, daB er vor seinem irdischen Leben droben in der
Geisteswelt lebte. Wenn auch in der letzten Zeit vor dem Myste-
rium von Golgatha dieses BewuBtsein schon stark abgeschwacht
war, es war doch in der ersten, zweiten und dritten nachatlanti-
schen Epoche so bedeutsam vorhanden in jeder menschlichen
Personlichkeit, daB der Mensch wuBte: Ich bin auch ein geistiges
Wesen gewesen, bevor ich ein Kind geworden bin. - Diese Art
von Seelenverfassung ist weniger in auBeren Dokumenten ent-
halten, aber es war so. Man rechnete nicht allein mit dem Erden-
aufenthalt, man rechnete mit einer Fortsetzung des Erdenaufent-
haltes nach riickwarts in die geistige Welt hinein. Das war es, was
in der vierten nachatlantischen Epoche auftrat, gerade in der Epo-
che, die zusammenfiel mit dem Mysterium von Golgatha, daB der
Mensch sein irdisches Leben sozusagen deutlich eingeschlossen
sah durch die zwei Tore: das Tor der Geburt oder Empfangnis
und das Tor des Todes.
Dieses BewuBtsein, diese Art von Seelenverfassung, trat wirk-
lich erst in der vierten nachatlantischen Epoche ein, so daB wir es
also zu tun haben mit der Entfaltung dieses BewuBtseins, daB der
Mensch streng eingeschlossen ist innerhalb der Grenzen des irdi-
schen Lebens, etwa vom achten vorchristlichen Jahrhundert an bis
in das 15. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. Seit
dieser Zeit bereitet sich ja ein neues BewuBtsein vor, aber da ste-
hen wir erst im Anfang. Sie mussen nur denken, es sind ja seit
dem Beginn dieser Zeit erst vier, funf Jahrhunderte vergangen; das
ist so, wie sich das vierte nachatlantische BewuBtsein im dritten
vorchristlichen Jahrhundert entwickelt hatte. Es war eben dazu-
mal noch ein ganz anderes BewuBtsein, als es in der Zeit der
vollen Entfaltung der vierten nachatlantischen Epoche war. Die
Menschheit der Gegenwart tragt ja zumeist noch nicht das Kleid
des neuen BewuBtseins an sich, sondern sie tragt vielfach noch an
sich das BewuBtsein, das eigentlich das BewuBtsein der vierten
nachtatlantischen Epoche ist. Dafur sorgt eigentlich die ganze
Zivilisation.
Bedenken Sie nur, wieviel eigentlich herubergetragen worden
ist aus der vierten nachatlantischen Epoche, wie stark die Men-
schen noch wie in der vierten nachatlantischen Epoche auf selbst-
verstandliche oder auch auf kokette Weise leben. Unsere ganze
Gymnasialbildung ist so, daB noch die vierte nachatlantische Epo-
che in ihr wirkt. Solange das Lateinische die Gelehrtensprache
war - vierte nachatlantische Epoche. Und wir denken ja im 6f-
fentlichen Leben durchaus auch noch so, wie in der vierten nach-
atlantischen Epoche gedacht worden ist. Wir sind sozusagen fiir
die funfte nachatlantische Epoche, fiir die Entwickelung der Be-
wuBtseinsseele noch gar nicht zur vollen Menschlichkeit gekom-
men. Und deshalb sehen die Menschen der Gegenwart noch im-
mer die Sache so, daB ihr Erdenleben zwischen den beiden Toren,
dem Tor der Geburt und dem Tor des Todes, eingeschlossen ist.
Es ist dieses BewuBtsein schon in der Entwickelung begriffen,
es kommt nur bei den meisten Menschen noch nicht heraus; es
kommt nur heraus bei einzelnen, besonders dafiir Veranlagten.
Ich habe eine Anzahl von so veranlagten Menschen in meinem
Leben kennengelernt, aber man beachtet sie fur gewohnlich nicht.
Es ist das BewuBtsein, das der Mensch in der funften nachatlan-
tischen Zeit entwickelt so, daB es gar nicht vollig hinreicht fur das
Leben zwischen der Geburt und dem Tode, sondern so, daB der
Tod eigentlich immer hereinspielt in das Erdenleben. Dem Men-
schen wird bewuBt werden, daB man eigentlich jeden Tag ein
biBchen stirbt, daB eigentlich fortwahrend das Sterben im Men-
schen anfangt, daB der Tod fortwahrend da ist. Einzelne Men-
schen gibt es, die entweder den Tod stark furchten, indem sie ihn
als zehrend an ihrer Erdenmenschlichkeit empfinden; aber ich
habe auch solche Menschen kennengelernt, die den Tod liebten,
weil er sie immer begleitet, und die eigentlich immer nach ihm
verlangten.
Das ist etwas, was in der funften nachatlantischen Epoche
immer mehr und mehr heraufkommen wird: das BewuBtsein, den
Tod neben sich hergehen zu sehen. Ich will es noch konkreter
beschreiben. Der Mensch wird jenen intimen FeuerprozeB, der
mit der Entwickelung der BewuBtseinsseele zusammenhangt, an
sich wahrnehmen. Insbesondere wird der Mensch in solchen
Momenten, wo er aus dem SchlafbewuBtsein heraustritt und in
das WachbewuBtsein tritt, dieses WachbewuBtsein wie eine Art
FeuerprozeB in sich erleben, der ihn verzehrt. Denn die BewuBt-
seinsseele ist schon ein Hochgeistiges; das Geistige aber verzehrt
immer das Materielle. Und die Art und Weise, wie die BewuBt-
seinsseele das Materielle und das Atherische im Menschen ver-
zehrt, ist eine Art intimer FeuerprozeB, ein VerwandlungsprozeB.
Das wird der Mensch im Verlauf dieser funften nachatlantischen
Epoche immer mehr und mehr in sich wahrnehmen. Nur diirfen
Sie sich dieses Feuer nicht so vorstellen wie eine brennende Ker-
zenflamme; so physisch muB man sich das nicht vorstellen. Son-
dern der Mensch wird es sozusagen in seiner Seele moralisch sich
konstituieren fiihlen, dieses Neben-ihm-Stehen des Todes.
Bei den meisten Menschen ist es ja heute so: Wenn sie sehen,
wie gute Vorsatze oder starke Absichten, die sie haben, in dem
nachsten Augenblick, in der nachsten Stunde, dem nachsten Tage,
dem nachsten Monat sich verfliichtigen, so nimmt man das ja bei
der herrschenden materiellen Weltanschauung als etwas hin, was
eben einfach geschieht. Das wird man aber immer mehr anders
fuhlen lernen. Man wird ftihlen lernen, wie eine gute Absicht, zu
deren Erfullung man zu schwach war, am Leben zehrt, den Men-
schen vermindert in seinem moralischen Gewicht, man wird fuh-
len lernen, wie er dadurch moralisch leichter, unbedeutender wird
im Weltenall. Heute empfindet man das nur als eine Schwache der
Seele, nicht aber als etwas im Weltenall Fortwirkendes. Das wird
man aber in der Zukunft empfinden. Ebenso wird der Mensch
gewisse intellektuelle Tatigkeiten immer mehr als an ihm zehrend
empfinden, wie durch ein seelisches Feuer zehrend. Es sind ja
diese Erscheinungen durchaus heute schon gegeben, auch in gro-
Bem MaBstab, aber sie sind bisher nicht in dieser Weise empfun-
den worden.
Es gibt eine Art, sich in die geistige Welt Stufe fur Stufe hin-
einzufinden, zum Beispiel indem man das beriicksichtigt, was in
dem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»
angegeben ist. Dadurch kommt man in eine Harmonie hinein
zwischen Geist, Seele und Leib. Aber so, wie die meisten Men-
schen heute das geistige Leben betreiben, ohne diese Ubungen,
namentlich auch, wie in einzelnen Konfessionen das religiose
Leben betrieben wird, da wird dieses religiose Leben in dem
Menschen so wirksam, daB es ihn an moralischem Gewicht ver-
mindert, leichter macht.
Das sind Dinge, die immer mehr im BewuBtsein wahrgenom-
men werden. Es ist schon so, daB der Mensch in dieser funften
nachatlantischen Epoche sich sehr andern wird. Denn es ist eine
bedeutende Anderung, wenn man durch das, was man seelisch ist,
in seiner ganzen Menschlichkeit sich gekraftigt oder vermindert
fiihlt, wenn man das Schicksal nicht bloB als eine Sache der Ver-
haltnisse fiihlt, die auBerlich um einen herum sind und auf einen
wirken, sondern wenn man das Schicksal als etwas fiihlt, das einen
moralisch leichter oder schwerer macht.
Sehen Sie, das ist das BewuBtsein, das sich in den Menschen
vorbereitet, das man auch auBerlich, empirisch sich vorbereiten
sehen kann. Es beginnt heute die Zeit, wo die Priesterschaft auf
diese Dinge hinzuschauen hat, wenn die Glaubigen vor ihr stehen.
Denn da handelt es sich nun darum, das, was da heraufzieht in das
BewuBtsein der Menschen - was jetzt noch nicht voll bewuBt ist,
aber in allerlei Unruhe, Nervositat, disharmonischen Empfin-
dungsgehalten sich zeigt -, dies so zu behandeln, daB der Mensch
Trost hat, Starkung hat.
Es wird immer weniger moglich sein, von seiten der Priester-
schaft sich nur allgemeine Ideen zu bilden, nach denen man die
einzelnen Menschen behandelt. In gewissem Sinn - Sie nehmen
mir das nicht iibel - war und ist ja auch heute noch die Schablone
in vieler Beziehung das MaBgebende. Man kann ja wirklich horen,
wenn man bei einem Menschen nachfragt, der irgendwie an
Wahnideen leidet und der bei einem Pfarrer Zuflucht gesucht hat,
was der Pfarrer mit ihm gemacht hat. Nun, da konnte man horen,
daB der Pfarrer versuchte, bei dem Menschen das SundenbewuBt-
sein zu erwecken. Und auch in einem zweiten Fall konnte man
horen, daB der Pfarrer wiederum versuchte, das SundenbewuBt-
sein zu erwecken. So geht die Schablone durch alles hindurch.
Als ich einmal an einem Tage drei Begrabnisse anhorte, ist mir
aufgefallen, daB von demselben Pfarrer jedes Begrabnis mit dem-
selben Satz begonnen wurde: «So hoch der Himmel uber der Erde
ist, so viel sind meine Gedanken hoher als eure Gedanken.» -
Immer war da diese Schablone, die noch verhaltnismaBig berech-
tigt war in der vierten nachatlantischen Epoche. Das hat sich, mit
anderem, das ich erwahnt habe, herubererstreckt auch in die funf-
te Epoche und herrscht noch bei uns, wahrend gerade in unserer
Kulturepoche in alldem eine feinere Beobachtung und eine Um-
wandlung eintreten muB.
Damit muB heute die Priesterschaft beginnen. Die Priester-
schaft muB damit beginnen, wieder den Seelenblick hinuberlenken
zu konnen in das Herz des anderen Menschen. Das konnen ja
heute die wenigsten Menschen. Der Mensch bleibt dem anderen
Menschen heute furchtbar unbekannt. Sehen Sie, wenn man mit
einer gewissen Ehrfurcht - und ohne Ehrfurcht geht ja das Lesen
der Apokalypse nicht -, wenn man mit Ehrfurcht in der Apoka-
lypse die Stelle von den weiBen Kleidern liest (Apk. 3, 4-5), mit
denen diejenigen angetan werden miissen, die die Aufgabe der
fiinften Kulturepoche erfiillt haben, dann bekommt man den Ein-
druck: Hier handelt es sich darum, tief in diese besondere Be-
wuBtseinsart des Menschen durch den Priesterblick hineinzu-
schauen, den Menschen, wie er nun im fiinften nachatlantischen
Zeitraum vor ihn hintritt, sozusagen kennenzulernen. Das ist die
Mahnung: den Menschen kennenzulernen, nicht an den Kleidern,
die er tragt, nicht durch das, was er in der auBeren Welt darstellt,
sondern ihn an seinen Seelenkleidern kennenzulernen. Durch die-
sen Brief an die Gemeinde von Sardes spricht der Apokalyptiker
diese Mahnung gerade in unsere Gegenwart hinein.
In unserer Gegenwart muB der Priester von allem AuBeren, in
das der Mensch gestellt ist, durchdringen in seine Seele hinein.
Der Priester muB in gewissem Sinne anfangen, den Menschen so
anzusehen, wie ich es vorgestern charakterisiert habe, daB man
den Menschen ansehen muB, wenn man auf sein Karma kommen
will. Ich habe gesagt: Wenn man auf das Karma des Menschen
kommen will, darf man ihn nicht auf seinen Beruf, nicht auf seine
sozialen Verhaltnisse und nicht auf sein Konnen oder Nichtkon-
nen ansehen, sondern man muB tief in seine Seele hineingehen, in
die Eigenschaften, in die Fahigkeiten, die in jedem Beruf im
Grunde genommen zum Ausdruck kommen konnen. Denn man
muB ja hinschauen auf dasjenige, was der Mensch im vorigen
Erdenleben war. Nun, soweit braucht ja der Priester nicht zu
gehen. Aber anfangen muB der Priester damit, alles AuBerliche zu
durchschauen und auf das Innerliche zu sehen, das rein Mensch-
liche, das, wodurch der Mensch jedesmal innerlich eben Mensch,
individuell gearteter Mensch ist.
Es ist schon so, wenn wir uns bis zu diesem Sendschreiben an
die Gemeinde von Sardes in dem Buch der Apokalypse herauf-
lesen, dann fuhlen wir das, was da steht, wie eine unmittelbare
Aufforderung an die Gegenwart. Und wir konnen dann beim
weiteren Lesen schon einen noch tieferen Eindruck empfangen.
Denken Sie nur einmal liber das folgende nach. Denken Sie,
die fiinfte nachatlantische Epoche geht voriiber. Wahrend dieser
Epoche verandert der Mensch sein BewuBtsein so, daB er das
Arbeiten, das Wirken, das Werk des Todes an sich durchschaut.
Er wird es durchschauen lernen, aber er wird es nicht so durch-
schauen, daB ihm in jedem Augenblick sein Alter, das er erreichen
kann, vor der Seele steht. Sehen wird er das Arbeiten des Todes
an sich. Er wird den Tod fortwahrend als Begleiter um sich haben.
Um sich haben wird er ihn naturlich, aber was neu geschaffen
werden muB auf den verschiedenen Lebensgebieten, das ist, daB
der Mensch einen seelischen Gehalt wird haben miissen, der ihm
dieses Den-Tod-neben-sich-stehen-Haben als etwas Naturgema-
Bes erscheinen laBt. In sich die Krafte ewigen Seelenwachens er-
weckt zu haben, das bedeutet: den Tod neben sich als einen guten
Freund immerfort als Begleiter haben zu konnen.
Wenn Sie hinausschauen in die Umgebung, so sehen Sie sie
heute noch ganz im Lichte der vierten nachatlantischen Epoche.
Sie sehen im Grunde genommen Leben, das den Tod in sich tragt,
in jeder Pflanze, in jedem Stein, aber Sie sehen den Tod nicht, weil
Sie ihn noch nicht in sich sehen. Die Menschen werden aber an-
fangen, den Tod immer zu sehen. So wird man zu den Menschen
der Gegenwart immer mehr sprechen miissen, denn wenn man
mehr und mehr den Tod sieht, verwandelt sich ja das ganze
Schauen des Menschen.
Ja, den Tod sehen, heiBt mancherlei zu sehen, das sich heute
hinter den Erscheinungen ganz und gar verbirgt. Wir sehen in
einem gewissen Sinn die Natur heute sehr stabil, weil wir in ge - wisse feine Intimi
gehen durch das Land und sehen zum Beispiel Tafeln, auf denen
steht: In diesem Ort ist Maul- und Klauenseuche. - In Wirklich-
keit ist uber einem solchen Ort etwas im Intimeren geschehen,
was so gesehen werden kann, daB es sich vergleichen laBt mit
demjenigen, was das sturmbewegte Meer oder ein Vulkanaus-
bruch darstellt. Und so wird das sein, was in der sechsten nach-
atlantischen Epoche an den Menschen herantritt.
Weil der Mensch noch nicht den Tod schaut, sieht er heute nur,
wenn zum Beispiel der Vesuv speit oder wenn machtige Erdbeben
durch den Seismographen wahrgenommen werden, aberjene Span-
nung im Atherischen, die sich zum Beispiel dann auslebt, wenn in
irgendeiner Gegend ein bedeutender Genius lebt oder geboren
wird, sieht der heutige Mensch nicht. Ebensowenig sieht der Mensch
jenes gewaltige Geisterwalten und Geisterweben, fur das ja die
Sterne und ihre Konfigurationen nur der auBere Ausdruck sind.
Das alles in einem gewissen Sinne zu sehen, steht dem Men-
schen in der sechsten nachatlantischen Epoche bevor. Die Sonne,
wie sie jetzt ist, wird vom Himmel heruntergef alien sein, die Ster-
ne werden vom Himmel heruntergef alien sein. Wo jetzt die Sterne
in ihrer materiellen Abstraktheit erglanzen, wird man Geisteswal-
ten und Geistesweben schauen. So wird sich im Laufe der funften
nachatlantischen Epoche die Selbstanschauung des Menschen sehr
andern und im Laufe der sechsten Epoche wird sich die ganze
Welt um den Menschen herum andern. Aber glauben Sie nicht,
daB zum Beispiel der Initiierte die Welt geradeso sieht wie der
Nicht-Initiierte. Und so ist es auch mit den aufeinanderfolgenden
BewuBtseinsstufen. Der Mensch in den aufeinanderfolgenden
BewuBtseinsstufen sieht die Welt nicht in gleicher Weise.
DaB wir als Menschen in einem solchen UmwandlungsprozeB
leben, in einem ProzeB der menschlichen Umwandlung und der
Umwandlung des Weltbildes, das wird in der Apokalypse unter
anderem dadurch angedeutet, daB in den ersten vier Briefen ver-
haltnismaBige Gleichheit herrscht. Der erste Brief wird entsiegelt:
ein weiBes Pferd erscheint, ein Pferd. Der zweite Brief wird ent-
siegelt: ein rotes Pferd erscheint, wieder ein Pferd. Der dritte Brief
wird entsiegelt: ein schwarzes Pferd erscheint, wiederum ein
Pferd. Der vierte Brief wird entsiegelt: es erscheint ein falbes
Pferd, aber eben ein Pferd (Apk. 6. Kapitel).
Der fiinfte Brief wird entsiegelt: es erscheint nicht mehr ein
Pferd; es ist nicht mehr vom Pferd die Rede. Es wird das, um was
es sich handelt, ganz anders angedeutet. Wenn wir fortschreiten
im Lesen der Briefe, finden wir, wie in dieser Weise hingedeutet
wird auf eine grundbedeutsame Verwandlung, die gerade wahrend
unserer Zeitepoche eintritt.
Und man kann nicht anders als sagen: Wir miissen uns schon
vorbereiten, die neue, verwandelte Gemeinde von Sardes zu wer-
den. Diese neue, verwandelte Gemeinde von Sardes, die wird
Verstandnis dafiir haben miissen, daB es ja schlieBlich ein Triviales
ist, Pflanzen, Tiere, Steine zu kennen, und daB man das alles erst
richtig kennt, wenn man in jedem Stein, injeder Pflanze die Ster-
ne wirksam findet. Auch geistig miissen die Sterne herunterfallen
vom Himmel. Man kann auch das schon wahrnehmen.
Ich mochte dafiir nur ein besonderes Beispiel anfuhren. Solche
Dinge werden ja in ihrer auBeren Konfiguration von den Men-
schen genommen, aber man sieht nicht viel hin auf die Art, wie so
etwas in der ganzen geistigen Entwickelung der Menschheit drin-
nensteht. Jeder kann nur etwas tun auf seinem Platz, auf dem
Platz, auf dem er steht. Bevor ich auf die letzte Reise nach Eng-
land gefahren bin, ergab sich hier folgendes. Sie wissen ja viel-
leicht, daB ich, wenn ich in Dornach bin, den Arbeitern dieses
Baues jede Woche wahrend der Arbeitszeit eine oder zwei Stun-
den gebe, in denen ich ihnen von naturwissenschaftlichen und von
geisteswissenschaftlichen Dingen spreche. Weil das unter der Ar-
beiterschaft sehr gerne gesehen wird, mache ich das so, daB ich
mir von den Arbeitern das Thema geben lasse. Die Arbeiter haben
es gerne, wenn sie das Thema selbst geben konnen, und sie begeh-
ren von mir auch solche Dinge zu wissen, wie sie im heutigen
Geistesleben moglich sind. Das gehort schon zu dem, wofiir auch
die Priester voiles Verstandnis haben miissen.
Bevor ich die englische Reise machte, da kam ich in die Stun-
de, und ein Arbeiter hatte die Frage prapariert: Ja, woher kommt
es eigentlich, daB manche Pflanzen duften und andere nicht?
Woher kommt der Duft der Blumen? - Ja, soweit sind nun diese
Arbeiter erzogen durch die Vortrage, die ja schon seit langem
stattfinden, schon seit Jahren, daB sie naturlich nicht vorlieb neh-
men damit, daB man ihnen irgendeine chemische Erklarung gibt
und ihnen etwa sagt: das ist dieser oder jener Stoff, der diesen
oder jenen Duft verbreitet - Sie kennen ja die Art, wie unsere
naturwissenschaftlichen Erklarungen meistens sind: die Armut
kommt von der pauvrete -, sondern die Arbeiter verlangen nach
wirklichen Erklarungen.
Nun, sehen Sie, da muBte ich ihnen das folgende sagen - ich
will hier nur kurz wiederholen, was ich eine Stunde lang ausein-
andergesetzt habe -: Zunachst weist uns das, was duftet, auf un-
sere Sinnesorgane hin; wir nehmen den Duft durch unser Ge-
ruchsorgan wahr. Aber fragen wir uns einmal, ob wir unser Ge-
ruchsorgan so ungeheuer fein ausgearbeitet haben, daB wir es bis
zum Polizeihund bringen konnen. DaB das nicht gut moglich ist,
werden Sie wohl zugeben mussen. Im Gegenteil, Sie werden zu-
geben mussen, daB der Mensch ein grobes Geruchsorgan hat,
nicht ein feines, und daB man, wenn man die Reihe in der Natur
heruntergeht, auf verfeinerte Geruchsorgane trifft.
Nehmen Sie zum Beispiel den Hund, der so feine Geruchsor-
gane hat, daB er es zum Polizeihund bringen kann. Wenn Sie den
Hund betrachten, so werden Sie sehen, daB seine Stirne zuruck-
geht, sie folgt den sich fortsetzenden Geruchsnerven, die hinein-
tragen in das Wesen des Hundes den Geruch. Bei uns Menschen
ist das aufgeplustert zur Stirne. Unser Intelligenzapparat ist ein
umgewandeltes Geruchsorgan, besonders das Apperzeptionsver-
mogen. Schon daraus geht hervor: Wenn wir zu niederen Wesen
heruntersteigen, kommen wir zu feineren Geruchsorganen.
Nun lehrt die Geisteswissenschaft: Eine groBe Anzahl von
Pflanzen sind nichts weiter in ihrer Blute und in ihrer Geruchs-
entfaltung als Geruchsorgane, richtige vegetabilische Geruchssor-
gane von ungeheurer Feinheit. Und was riechen diese? Sie riechen
den Weltgeruch, der immer vorhanden ist. Und der Weltgeruch,
der von der Venus ausgeht, ist ein anderer als der, der vom Mars
oder vom Saturn ausgeht. Es ist zum Beispsiel so, daB Veilchen-
geriiche das Geruchsecho desjenigen sind, was das Veilchen als
Weltgeruch wahrnimmt. Solche wohlriechenden Pflanzen nehmen
aus dem Weltgeruch dasjenige wahr, was von Venus, Merkur oder
Mars kommt. Der Stinkasant, Ferula asa-foetida, nimmt den Ge-
ruch vom Saturn wahr und gibt ihn wieder.
Da muB man den Leuten erklaren, weil sie es verlangen, wie
gewissermaBen die Sterne herunterf alien. Denn was sind schlieB-
lich die Wesen der Welt anderes als das, was die Sterne herunter-
geben. Wenn man der Realitat nach uber diese Dinge spricht, so
muB man sagen: Jetzt fallen ja wirklich schon die Sterne herunter,
denn sie sind in den Pflanzen drinnen. Nicht nur der Geruch ist
in ihnen, sondern die Pflanzen sind richtige Geruchsorgane.
Nun kam ich heute zur ersten Stunde wieder zu den Arbeitern
und lieB mir die Fragen geben, die sie beantwortet haben wollten.
Da haben sie die Frage gestellt: Wenn nun das in der letzten Stun-
de uber die Geriiche Gesagte richtig ist und die Pflanzen feine
Geruchsorgane sind, woher kommen dann aber die Farben der
Pflanzen?
Nun muBte ich die Erklarung abgeben, daB allerdings die
Dufte der Pflanzen von den Planeten kommen, aber die Farben
der Pflanzen von der Kraft der Sonne. Ich setzte das weiter aus-
einander an Beispielen, aus denen das ersehen werden kann. Da
war aber einer unzufrieden und sagte: Da haben Sie noch iiberse-
hen, warum auch die Steine Farben haben. Ich verstehe schon - so
sagte er -, warum die Pflanzen Farben haben, und daB eine Pflan-
ze, wenn sie im Keller wachst, wo die Sonne nicht hinkommt,
zwar Form und Duft hat, aber weil die Sonne nicht die Keller-
mauern durchdringt, die Pflanzen fahl bleiben, sogar bis zur Farb-
losigkeit. Wie ist es aber mit den Steinen?
Jetzt muBte ich auseinandersetzen: Es gibt einen Tageslauf der
Sonne, eine Umdrehung der Erde in 24 Stunden, einen Jahreslauf,
der die Jahreszeiten bewirkt, der die Sonne hinaufgehen laBt bis
zum Zenit und heruntergehen laBt. Es gibt aber noch etwas ande-
res. Jetzt muBte ich das platonische Weltenjahr klarmachen, ich
muBte erklaren, daB die Sonne ihren Friihlingsaufgangspunkt -
den sie jetzt in den Fischen hat - fniher im Widder, noch friiher
im Stier, in den Zwillingen hatte und so weiter, und daB sie im
Verlaufe von 25 920 Jahren einmal mit dieser Konstellation rund
herum durch den ganzen Tierkreis geht, daB es also einen Tages-
lauf, einen Jahreslauf und einen Weltenjahreslauf der Sonne gibt.
Und wahrend der Jahreslauf der Sonne den Pflanzen ihre Farben
gibt, brauchen die Steine, um ihre Farben zu bekommen, den
Weltenjahreslauf der Sonne. In den Farben der Steine, im Grun
des Smaragd, im Weingelb des Topas, im Rot des Korund, da lebt
die Kraft, die sich entwickelt durch den Umgang der Sonne durch
das platonische Weltenjahr.
Sehen Sie, wenn man da anfangt, aus dem Spirituellen heraus
tiber die Welt zu sprechen, dann fragen die Leute auch iiber das
Irdische so, daB sie nicht mehr zufrieden sind, wenn man ihnen
das Irdische mit den Trivialitaten unserer Laboratorien und Se-
ziersale erklart. Sie wollen schon richtig erkennen und fiihlen sich
dann sehr zufrieden, die Sache auf «Sardessche» Weise zu erken-
nen, indem man die Sterne und ihre Wirksamkeit zu Hilfe nimmt.
Was tut man da schlieBlich anderes, als es der Schreiber der Apo-
kalypse tut: man stellt Sardes hinein in die Gegenwart.
Sehen Sie, es ist das nur ein Beispiel. Aber es muB eben damit
begonnen werden, dieses Sternenempfinden, diese Sternenwesen-
Empfindung hereinzutragen in die Gegenwart. Es muB damit be-
gonnen werden, daB die Menschen wieder einsehen: Der Christus
ist ein Sonnenwesen. - Das wird aber am allermeisten bekampft.
Wenn ich Ihnen solche Dinge sage, namentlich wenn ich
Ihnen sage, wie diese moderne funfte nachatlantische Epoche ge-
wissermaBen das auferweckte Sardes sein muB, wie wir es kurz,
pragnant, groBartig charakterisiert finden in der funften Gemein-
de und im funften Siegel, das nun entsiegelt werden muB, wenn
ich Ihnen das sage, werden Sie fiihlen, wir haben heute die Auf-
gabe, dieses besondere Verstandnis der Apokalypse zu entfalten:
Die Apokalypse verstehen zu konnen als Aufgabe, die taglich an
unser Herz herandringt. Es niitzt heute nichts, die Apokalypse
bloB zu interpretieren. Es ist notwendig, daB wir die Apokalypse
in allem tun, sonst konnen wir es uberhaupt lassen. Das bloBe
Interpretieren wollen hat nicht viel Wert.
So habe ich Ihnen das zweite anzudeuten versucht, was zum
Lesen der Apokalypse gehort. Gestern versuchte ich ja, das
Formale anzugeben, heute versuchte ich Ihnen zu zeigen, wie
zum Lesen der Apokalypse das Dabeisein mit dem Wollen
gehort. Und das ist auch naturlich, denn die Apokalypsen sind
immer entstanden durch Inspirationen des Willens. Und hier
beriihren wir einen wirklichen, einen lebensvollen apokalypti-
schen Punkt.
Es gibt heute schon Leute, die in gewisser Beziehung apoka-
lyptisch erzogen werden, aber sie werden apokalyptisch so
erzogen, daB sie eine Art und Weise der Willenserziehung
erhalten, die spezifisch auf die romisch-katholische Kirche hin-
orientiert ist: das sind die Jesuiten. In der Jesuitenerziehung,
namentlich in den Jesuitenexerzitien, liegt etwas stark Apokalyp-
tisches. Die Jesuitenexerzitien enthalten eine Schulung des Wil-
lens, wie sie immer dem Schauen des Apokalyptischen zugrunde
liegt.
Die Willens erziehung ist also dasjenige, was vor alien Dingen
ins Auge gefaBt werden muB von demjenigen, der es heute mit
einer wirklichen Priesterschaft im Sinne der christlichen Erneue-
rung ernst nimmt. Er muB die Apokalypse verstehen, damit er
in ihr sehen kann den richtigen Impuls fur den Willen, wahrend
in der Tat ein sehr einseitiger Impuls fur den Willen gegeben
worden ist durch Ignatius von Loyola, zwar in groBartiger
Weise, aber in auBerordentlich einseitiger Weise. Heute ist das
schon ahrimanisch verhartet, aber gerade bei der Betrachtung des
Ignatius von Loyola zeigt sich, wie falsch wir die Welt anschau-
en, wenn wir sie nicht geisteswissenschaftlich erkennen. Die
Leute fuhren die heutige Jesuitenentwickelung noch immer auf
Ignatius von Loyola zuriick. Das ist aber nicht richtig. Ignatius
von Loyola war langst wieder da in einer neuen Verkorperung
und hat sich damit naturlich ganz herausgelost aus der friiheren
Stromung. Er hat wieder gelebt als Emanuel Swedenborg, und
die Jesuitenentwickelung ist seit jener Zeit vollig ins Ahrimani-
sche hineingesegelt; sie kniipft nicht mehr an Ignatius an, son-
dem sie ist heute in ahrimanischem Sinne wirksam. Sie haben da,
ich mochte sagen, das Schatten-Gegenbild dessen, was Sie selber
sich anerziehen miissen, indem Sie, wie ich gesagt habe, in Ihr
Ich das Apokalyptische aufnehmen, so daB Ihr Ich zur Summe
von Wirkenskraften wird, die selber apokalyptisch sind.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 10. September 1924
Wenn jemand in die alten Mysterien eingeweiht worden ist, so
bestand das erste, was er erfahren sollte, darin, daB sein Sinn, seine
ganze menschliche Seelenverfassung, hingelenkt wurde auf die
Bedeutung des in der Siebenzahl verlaufenden Zyklus der Welt-
kulturentwickelung. Und wir sehen ja deutlich in der Apokalypse
nachwirken dasjenige, was gerade aus dem Einweihungsprinzip
der alten Mysterien heraus sich ergibt. Die Apokalypse hat diese
Siebenzahl in der mannigfaltigsten Weise sowohl in ihrer Gliede-
rung, in ihrer Komposition, wie auch in ihrem Inhalt. Nun han-
delt es sich darum, daB ja damals dasjenige, was mit dieser Sieben-
zahl verbunden worden ist, nicht in auBerlicher Weise mit ihr
verbunden wurde, wie man sich das gewohnlich heute vorstellt,
sondern man weihte den Betreffenden ein in das Wirken und
Weben der Zahlen iiberhaupt.
Nun mochte ich Sie hier, meine lieben Freunde, auf etwas auf-
merksam machen, was ich auseinandergesetzt habe driiben in
ganz anderem Zusammenhang, in dem Kurs uber Sprachwissen-
schaft. Da muBte ich auseinandersetzen, wie ein Erleben im Laute
moglich ist, wie aber tatsachlich die Menschheit heute das Erleben
im Laute verloren hat. Sie mussen nur sich einmal vor die Seele
stellen, wie ja im Laute Elemente des gestaltenden und wesenden
Wortes gegeben sind, und wie durch das Erleben dieser Laute der
mannigfaltigste, ja der wundervollste Welteninhalt gestaltet wer-
den kann durch die Kombination der etwa 32 Lautelemente. Ver-
setzen Sie sich einmal in eine solche Zeit - und es gab ja Zeiten,
wo der Menschheit das noch eine Realitat war -, versetzen Sie
sich in eine Zeit, welche ganz lebhaft weste in diesen Elementen
der Laute und ganz lebhaft empfand das Wunderbare, das darin
liegt, aus dem Erleben dieser 32 Lautelemente heraus eine Welt
gestalten zu konnen. Man empfand wirklich in der Sprach-Gestal-
tung, in der bildenden Gestaltung des Wortes, das Weben eines
Geistigen, das man miterlebt im Sprechen. Man erlebte, daB in
den Lauten Gotter leben.
Wenn Sie diese 32 Laute nehmen, dann werden Sie sich leicht
ausrechnen konnen, daB dabei etwa 24 Laute auf die Konsonanten
und etwa sieben auf die Vokale kommen - naturlich sind die
Dinge immer approximativ -, und Sie konnen jetzt im Sinne des
Anfanges des Johannes-Evangeliums «Im Urbeginne war das
Wort» ein Licht fallen lassen auf jenes Bild, das ja auch als apo-
kalyptisches Bild gedacht werden kann: Das Alpha und das
Omega ist umgeben von den sieben Engeln - den Vokalen - und
von den 24 Altesten - den Konsonanten. Und so empfand man
auch, daB das Geheimnis des Weltenalls ganz in dem webte und
lebte - mit der Bedeutung, die ich schon auseinandergesetzt
habe -, was man in der heiligen Sprache des Kultus intonierte.
Und man fiihlte im Zelebrieren des Kultus die machtige Anwe-
senheit desjenigen, was von dem Welteninhalt in diesem symbo-
lischen Bilde war.
Uberhaupt muB wiederum von der Menschheit gefuhlt werden,
wo gerade von der Mysterienweisheit die Gotter gesucht worden
sind. Sie sind nicht in einem so Fernen, Transzendenten gesucht
worden, wie man sich das heute vorstellt. Ihre Verleiblichung hat
man in so etwas gesucht wie in den Lauten; und wenn man vom
«Weltenwort» gesprochen hat, so hat man eben von demjenigen
gesprochen, was wirklich durch die Welt webt und an dem der
Mensch mit seiner Sprache teilnimmt.
Ebenso ist es mit den Zahlen. Wir haben ja heute eine durch
und durch abstrakte Vorstellung von den Zahlen, gemessen an
einer solchen Vorstellungsart, wie sie noch in der Apokalypse
waltet. Nun, sehen Sie, wenn man in die ersten christlichen Jahr-
hunderte zuriickgeht, so findet man, daB damals deshalb ein ge-
wisses Verstandnis fur so etwas wie die Apokalypse bei manchen
Menschen da war, weil das Geheimnis der Zahl noch gefuhlt
wurde, weil noch erlebt wurde dieses eigentumliche Verhaltnis in
der Gliederung einer Zahlenreihe. Man hat durchaus nicht in die-
ser Weise wie heute die Zahlenreihe als ein Aneinanderfugen von
Eins zu Eins genommen, sondern man hat erlebt, was da liegt in
der Drei, in der Vier, man hat erlebt das geschlossene Wesen der
Drei, das offene Wesen der Vier, das mit dem Menschen verwand-
te Wesen der Fiinf. In der Zahl selbst fiihlte man so ein Gottli-
ches, wie man in den Buchstaben und Lauten ein Gottliches fand.
Und wenn nun in den alten Mysterien der Mensch soweit war,
daB er in dieses Zahlengeheimnis eingeweiht wurde, dann war es
seine Verpflichtung, in dem Lauf dieser Zahlengeheimnisse zu
denken, zu fuhlen, zu empfinden. Denken Sie, was damit gegeben
ist. Wir haben in der Musik sieben Tone. Die Oktave, der achte,
ist ja wie der erste. Wir haben im Regenbogen sieben Farben. Wir
haben auch in anderem in der Natur die Siebenzahl. Denken wir
uns, meine lieben Freunde, der Natur fiele es ein, im Regenbogen
eine andere Anordnung der Farben zu treffen; es wurde das ganze
Weltenall durcheinanderfallen. Oder in der Tonskala wurde man
eine andere Einteilung der Tone machen - die Musik wurde
unertraglich werden.
DaB es auch im Menschenseelenwesen eine richtige Gesetzma-
Bigkeit gibt, wie im Lauf der Natur selbst, darauf wurde der Ein-
zuweihende hingewiesen, und daB er nun nach seiner Einweihung
nicht mehr willkurlich seine Gedanken hin- und herzuwerfen
habe, sondern verpflichtet ist, innerlich in der Zahl zu denken,
innerlich zu erleben das Zahlengeheimnis, so wie es in alien We-
sen und Vorgangen webt und lebt und so wie in der Natur die
Zahl lebt.
Aber die Apokalypse ist ja nun noch in einem Zeitalter verfaBt
worden, in dem ein solches Hineinstellen des Menschen in das
kosmische Geheimnis der Siebenzahl oder der Zwolf- oder der
Vierundzwanzig- oder der Dreizahl eine absolute Gultigkeit hat-
te. Seit dem Beginn unseres BewuBtseinsseelenzeitalters, also seit
dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, kommt wieder das zur
Geltung, was vor dem strikten Gelten der Siebenzahl war, und es
kommen allmahlich Verschiebungen in der Siebenzahl heraus.
Wir sind nicht mehr in der glucklichen Lage, eine Evolution so zu
erleben, daB sie genau in der Siebenzahl verlauft. Wir sind schon
in demjenigen Entwickelungsstadium der Erde, wo gegeniiber den
Zahlengeheimnissen eine UnregelmaBigkeit beginnt, so daB fiir
uns die Zahlengeheimnisse eine neue Bedeutung gewonnen haben.
Wenn wir uns erbauen an den Zahlengeheimnissen, wie sie in
solch einem Dokument wie der Apokalypse leben, so ist es fiir
uns so, daB wir durch dieses Sicheinleben in einen solchen Stoff
wie die. Apokalypse fahig werden, auch dasjenige, was immer
mehr und mehr auBerhalb der Zahlengeheimnisse verlauft, mit
unseren Sinnen aufzufassen. Und so konnen wir sagen, wir leben
uns in einer gewissen Weise heraus aus den Zahlengeheimnissen.
Aber wir mussen sie uns aneignen, um sie in den Formen dann zu
gebrauchen, wie es nunmehr dem menschlichen Geschehen auf
der Erde entspricht und wie sie durch die Priesterschaft auf dem
Gebiete des Religiosen zu behandeln sind.
Indem ich dies voraussetze, darf ich jetzt uber gewisse Erschei-
nungen doch noch so sprechen, als ob sie durchaus in Zahlenge-
heimnissen verliefen, denn in einem gewissen Sinne diirfte ja das
Weltgeschehen langsam erst aus den Zahlengeheimnissen heraus-
kommen und in eine freilich nicht in der Zahl verlaufende Art des
Weltgeschehens hineinkommen. Das war die Art des Denkens in
den alten Mysterien: groBe Zyklen zu sehen, die in der Siebenzahl
verlaufen, und andere, kleinere und kleinste Zyklen zu sehen.
So haben wir in den sieben Gemeinden, die gleichzeitig als
konkrete wirkliche Bildungen auf der Erde vorhanden waren, den
Fortbestand der alten Kulturen und das Eintreten der neuen
Kulturperioden gesehen, aber auf der anderen Seite haben wir
auch einen kleineren Zyklus, den man in einer gewissen Weise
verstehen lernt durch die Apokalypse. Wie dieser kleinere Zyklus
ist, meine lieben Freunde, das wollen wir jetzt bedenken.
Wenn wir zuriickblicken auf die Zeit, in der das Mysterium
von Golgatha stattgefunden hat auf der Erde, so treffen wir ge-
geniiber der geistigen Entwickelung der Menschen auch auf die
Erzengelherrschaft des Oriphiel, desjenigen Erzengels, der vor-
zugs weise von den Saturnkraften seine Impulse erhalt (Tafel 4). Tafei 4
Wir kommen dann in ein Zeitalter hinein, das als regierenden
Erzengel Anael hat, dann in das Zeitalter des Zachariel, dann in
das Zeitalter des Raphael, dann des Samael, des Gabriel und in das
jetzige, das Zeitalter des Michael. Wir haben ein erstes, ein zwei-
tes, drittes, viertes, fiinftes, sechstes und siebentes Zeitalter, so daB
wir in bezug auf diesen kleineren Zyklus innerhalb unseres fiinf-
ten groBen Zyklus im siebenten Zeitalter sind. Wir leben in dem
Zeitalter, von dem man, wenn man mit heutigen Formen schrei-
ben wollte, sagen muBte: Wir leben in dem Zeitalter Funf/Sieben,
im funften nachatlantischen Kulturzeitraum, dem funften groBen
Zyklus der Menschheitsentwickelung, und in bezug auf eine an-
dere Gliederung - die Epochen der Erzengelherrschaften -, die
sich mit dieser durchkreuzt, leben wir im siebenten Zyklus.
Ein siebenter Zyklus, meine lieben Freunde, bedeutet einen
Endzustand. Dem jetzigen ging voran der sechste Zyklus, der
Gabriel-Zyklus. In einem sechsten Zyklus entscheidet sich immer
sehr viel; das Ende wird vorbereitet. Aber der letzte Zyklus, der
vorherging, wirkt in diesen sechsten Zyklus noch hinein. Der
Michael-Zyklus begann etwa 1879, der Gabriel-Zyklus etwa 1471.
Vorher war der Zyklus des Samael, jenes Erzengels, welcher seine
Impulse vom Mars empfangt; es war der funfte Zyklus.
Zu dem Zeitpunkt, in dem das funfte nachatlantische Zeitalter
beginnt, ist eben der Erzengel des funften kleineren Zyklus an der
Regierung. Er leitet aber schon durch drei bis vier Jahrhunderte
vorher den Beginn dieses funften nachatlantischen Zyklus wah-
rend des funften Erzengel-Zyklus ein. Es fallt also der kleine
Zyklus mit dem Beginn des groBen Zyklus zusammen. Das heiBt
aber nichts Geringeres als: Die groBen Zyklen werden bewirkt
von Geistern der mittleren Hierarchic Die dritte Hierarchie, zu
der auch die Erzengel gehoren, sind die dienenden Glieder der
hoheren Hierarchien. Das Gesetz der Zahl wirkt also so, daB
beim Beginn des funften Zyklus der funfte Erzengel in seiner
Haupttatigkeitszeit zusammenfallt mit den wiederum in der Funf-
zahl stehenden hoheren Wesen aus einer hoheren Hierarchie.
Es ist verhaltnismaBig lange her, daB von diesen Dingen geredet
wurde, aber immerhin ist davon langer geredet worden in der Welt,
als man gewohnlich denkt. In solchen Statten wie zum Beispiel der
Schule von Chartres ist schon im 12. Jahrhundert von diesen
Geheimnissen gesprochen worden. Damals gab es noch eine apo-
kalyptische Sprache. Diese ist immer so, daB das Weltenall sozu-
sagen in der Perspektive, im Aspekt der Zahl gesehen wird.
Wenn Plato sagt: Gott mathematisiert, Gott geometrisiert -, so
ist mit diesem gottlichen Geometrisieren oder Mathematisieren
nicht unser biBchen abstrakte Geometrie oder Mathematik ge-
meint, sondern jenes tiefe Erleben, das die Alten gehabt haben
den Formen und den Zahlen gegeniiber. Und es wird ja heute
verspottet von dem Materialismus, aber es ist iiberall sichtbar, daB
auch im organischen Leben das Gesetz der Zahl Sieben waltet.
Man verfolge nur einmal in bezug auf die Zeit des Werdens das
Auskriechen von Schmetterlingen und Larven oder die Entwicke-
lung gewisser Krankheiten - iiberall wird man das Gesetz der
Sieben waltend finden. DaB die Zahl etwas aus der Natur der
Dinge Folgendes sei, das wurde den Eingeweihten klargemacht,
und dadurch wurden sie hingewiesen darauf, zu sehen, wie die
Dinge im Weltzusammenhange liegen.
Denn wie merkt man auf, meine lieben Freunde, wenn man
sich sagen muB: Der in der Zahl Funf stehende Erzengel beginnt
die Zeit seiner Herrschaft im funften nachatlantischen Zeitraum
mit aus den Marskraften herauskommenden Kraften. Wird ein
Zeitalter mit Marskraften begonnen - das wird ja schon in der
trivialen Vorstellung angedeutet -, so liegt etwas Kriegerisches
darin.
Wenn wir auf die aufeinanderfolgenden Kulturperioden sehen,
so sind sie abgeteilt durch bedeutsame Ereignisse. Und wenn wir
zuriickblicken auf das bedeutsame Ereignis, das den vorigen, den
atlantischen Zeitraum von dem jetzigen, dem nachatlantischen
Zeitraum trennt, der als der funfte Zeitraum in seiner funften
Kulturperiode steht, so haben wir als Grenze zwischen beiden die
als «Sintflut» bekannte Eiszeitperiode, den Untergang der alten
Atlantis, und das Aufsteigen neuer Weltteile. Wir leben in der
funften nachatlantischen Periode, eine sechste und eine siebente
werden folgen. Die Katastrophe, die uns trennt von der nachsten
groBen Periode, die kommen wird - nach der funften die sechste
und siebente Periode -, die wird dann nicht bloB ein so auBerli-
ches Naturereignis sein, wie die Eiszeit eines war und wie alles
das war, was durch die Erzahlungen von der Sintflut angedeutet
ist, sondern es wird sich die Scheidung der funften von der sech-
sten Periode mehr zeigen auf dem moralischen Felde, Ein Krieg
aller gegen alle, auf den ich schon ofter hingedeutet habe, wird als
eine moralische Katastrophe die funfte von der sechsten groBen
Erdperiode trennen, allerdings verbunden mit Naturereignissen,
aber die Naturereignisse werden mehr zuriicktreten.
Die funfte Kulturperiode wurde eingeleitet von dem, was vom
Mars kommt durch Samael, den Streitgeist, indem Streitelemente
aus der geistigen Welt heruntergeholt wurden. Und im Beginn des
BewuBtseinsseelenzeitalters sehen wir auch in unserem kleineren
Zyklus, wie unser funftes Zeitalter in sich etwas enthalt von der
Vorbedeutung, der prophetischen Vorbedeutung dessen, womit
das groBe Zeitalter abschlieBen wird, nachdem auf den funften der
sechste und siebente Kulturzeitraum gefolgt sein werden.
Wenn man diejenigen Stimmen vernimmt, die herriihren von
Menschen an der Scheide des 14. zum 15. Jahrhundert, die noch
etwas wuBten von den geheimen Vorgangen, die hinter den offen-
baren stehen, dann, meine lieben Freunde, finden wir schon in
dieser Zeit, gerade in dieser Zeit der Marsregierung des Samael,
Hinweise auf das Ende unseres groBen Zeitalters, wenn sie auch
nur in kleinen Andeutungen bestehen. Wenn man so die Zahl in
Zusammenhang bringt mit dem, was geschieht, dann kommt man
in das apokalyptische Denken hinein, dann lernt man gewisser-
maBen apokalyptisch das Weltall lesen, und man wird uberall
finden, daB sich einem unzahlige Geheimnisse enthullen, wenn
man in dieser Art apokalyptisch die Welt betrachten lernt.
Nun bedenken wir, wie unser Zeitalter in dem kleinen Micha-
el-Zyklus steht und in dem funften nachatlantischen Kulturzeit-
raum, im funften groBen Erdenzeitalter. Wir wollen untersuchen,
was das bedeutet. Wir leben im funften groBen Erdenzeitalter, in
der nachatlantischen Periode. Dieses fiinfte Zeitalter ist dasjenige,
das den Menschen in einem gewissen starken Sinne losgelost hat
von der gottlichen Welt. Die atlantischen Menschen waren durch-
aus noch so, daB sie sich Gott-durchdrungen fuhlten, eigentlich
nicht als einzelne Menschen sich fuhlten, sondern wie in einer
Umkleidung der Gottheit. Die Gottheit ist da, nicht der einzelne
Mensch; so fiihlte sich der atlantische Mensch.
Unser Zeitalter ist im wesentlichen dazu da, den Menschen auf
sich selbst zu stellen, ihn abzulosen von der Gottheit, und das ist
ja durch vier Kulturperioden hindurch geschehen, langsam und
allmahlich. Das begann langsam in der altindischen Kulturperi-
ode, die man wirklich noch nachfuhlen konnte in den Mysterien
von Ephesus. In der altindischen Kulturperiode fiihlte sich der
Mensch noch fast ganz darin in der Gottheit. Stark loste er sich
los in der Zeit gegen die urpersische Periode hin. VerhaltnismaBig
weit ist er losgelost in der dritten Periode, so daB er den Tod
schon empfand als sich von der Feme annahernd. In der grie-
chisch-lateinischen Kulturperiode wird der Tod so weit empfun-
den, daB aus dieser Zeit das bekannte Wort herruhrt: «Lieber ein
Bettler in der Oberwelt als ein Konig im Reiche der Schatten.»
Jetzt, wo die fiinfte nachatlantische Kulturperiode - wie ich
gestern sagte - dazu ausersehen ist, den Tod wie einen Begleiter
allmahlich mehr und mehr neben sich zu haben, werden wir
moralische Kraft brauchen, um diese immerwahrende Gegenwart
des Todes zu ertragen. Da ist es wichtig fiir uns, daB gerade in
unserer unmittelbaren Gegenwart zusammenfallen dieses Zeit-
alter, wo die BewuBtseinsseele und damit die standige Begleitung
des Menschen durch den Tod hereinbricht, und die Zeit der Herr-
schaft des Michael, jener Erzengelherrschaft, die in gewissem Sin-
ne eine Art Ende, eine Art Vollkommenheitsziel bedeutet, aber
Dekadenz und Vollkommenheit zugleich.
Michael, jener Geist, der in der Sonne lebte, der der wichtigste
Diener des Christus-Geistes in der Sonne war, der erlebte zur Zeit
des Mysteriums von Golgatha dieses von der anderen Seite her.
Die Menschheit auf der Erde hat das Mysterium von Golgatha so
erlebt, daB sie den Christus ankommen sah. Michael und die Sei-
nen, die damals noch in der Sonne waren, haben es so erlebt, daB
sie Abschied nehmen muBten von dem Christus.
Nun, meine lieben Freunde, man muB schon auf seine Seele
wirken lassen die beiden Pole dieses alles uberragenden kosmi-
schen Ereignisses: das Hosianna auf der Erde, die Ankunft des
Christus auf der Erde, und den Abschied von den.Scharen des
Michael oben auf der Sonne. Das gehort zusammen.
Aber Michael erlebte eine groBe Metamorphose gerade in un-
serem Zeitalter. Sein Regierungsbeginn bedeutet ein Dem-Chri-
stus-Nachziehen auf die Erde herunter und wird in der Zukunft
bedeuten ein Voranschreiten vor den Taten des Christus auf Er-
den. Man wird wiederum verstehen lernen, was es heiBt: Michael
geht vor dem Herrn her. Wie im Alten Testament - vor Oriphiel
war ja auch eine Michaelzeit - die Eingeweihten Asiens driiben
davon gesprochen haben, daB Michael vor Jahwe einhergeht, wie
das Antlitz als vorderster Teil eines Menschen vor ihm hergeht, so
sprachen sie von Michael als dem Antlitz Jahwes, und so mussen
wir lernen von Michael zu sprechen als von dem Antlitz Christi.
Aber es ist ein anderes Zeitalter. Gewisse Dinge mussen zur hoch-
sten Vollkommenheit kommen. Ja, wir mussen in einer gewissen
Weise lernen, etwas fruchtbar zu machen, was bisher noch nicht
fruchtbar sein konnte.
Nehmen wir einmal die sieben Gemeinden in der Apokalypse.
Wenn wir sie zuteilen - was wir auch konnen - den Herrschafts-
zeiten der Erzengel, und wenn wir den ersten Zeitraum nehmen,
der dem Christus-Ereignis und der Entstehung des Christentums
parallel ging und der noch andauerte, als die Apokalypse verfaBt
wurde, dann wird er uns reprasentiert durch die Gemeinde von
Ephesus. Wir konnen auch nach der Apokalypse in dieser Ge-
meinde von Ephesus diejenige sehen, die in erster Liebe mit dem
Christentum verbunden war. Das alles ist aber aus dem Geheim-
nis der Zahl heraus zu verstehen.
Wir finden darauffolgend das Zeitalter des Anael, der seine
Krafte aus der Venus zieht. In diesem Zeitalter finden wir die
groBen Liebestaten, die fur die Ausbreitung des Christentums
geschahen, unzahlige Liebestaten, namentlich diejenigen, die noch
in den Spuren der irischen Monche leben, die das Christentum
verbreiteten in Europa. Aber wir finden auch im iibrigen Leben
des Christentums die Liebe als das Praponderierende unter dieser
Herrschaft des Anael.
Es folgt die Herrschaft des Zachariel, der seine Krafte aus dem
Jupiter zieht, Weisheitskrafte vorzugsweise, Krafte, welche aber
in diesem Zeitalter wenig verstanden werden konnten. Und statt
einer eigentlichen Jupiterherrschaft beginnt schon damals die Erz-
engelherrschaft sich mehr in den Hintergrund zu ziehen. Die
Menschheit ist gewissermaBen nicht mehr heranreichend bis zu
der Region des Jupiter und verleugnet den Jupitergeist. Das be-
deutsame, von der Entwickelung der Menschheit zunachst viel
hinwegnehmende Konzil von Konstantinopel, das achte, das die
Trichotomie ausgeschaltet hat, fallt in diese Zeit.
Dann kommt das Zeitalter, in dem etwas tatig ist, was in der
auBeren Geschichte wenig beachtet wird. Die Menschheit ist, als
das Zeitalter des Zachariel vorbei ist, im Grunde genommen
krank an der Seele. Die Menschheit ist recht krank, und Krank-
heitsstoffe verbreiten sich von Ost nach West, furchtbare Krank-
heitsstoffe, die dem Christentum gefahrlich werden, weil sie vom
Materialismus herruhren, denn er ist es ja, der sich hereindrangte
in das Christentum; und weil ja die Periode der Jupiterweisheit
abgeschlossen ist, war es moglich, daB der Materialismus inner-
halb der christlichen Kultur sich geltend machen konnte.
Aber hinter all dem steht etwas Merkwiirdiges, das auf der
Erde nur als Projektion vorhanden ist. Hinter all dem, was wie
etwas Krankes zunickgelassen ist, steht etwas Merkwiirdiges in
dem Zeitalter, das auf Zachariel folgt seit dem 10., 11. Jahrhun-
dert, dem Zeitalter des Raphael, des Arztes unter den Erzengeln.
Es war das Zeitalter, in dem hinter den Kulissen der Weltge-
schichte geheilt wurde, nicht offenbar im AuBeren, aber viel im
Innern; viel wurde namentlich geheilt in bezug auf die Rettung
gewisser moralischer Qualitaten, die damals daran waren zugrun-
dezugehen. Gegeniiber dem, was durch den Mohammedanismus
an Krankheitsstoffen nach Europa gebracht worden ist, wurde
dasjenige heraufgerufen, was in einer anderen Form, durchdrun-
gen von dem christlichen Prinzip, vom Orient kommen muBte.
Man muB hinter den Kreuzziigen den Willen suchen - und im
Prinzip liegt da die Ursache der Kreuzztige -, die Menschheit zu
heilen, zu heilen von dem Materialismus, der sowohl vom Mo-
hammedanismus wie vom romischen Katholizismus drohte. Und
Raphael, der Arzt unter den Erzengeln, ist im Grunde genommen
der Inspirator derjenigen, die zuerst die Menschheit prapariert
haben, jenen Orient zu suchen, nach dem ja die Kreuzztige sich
richteten.
Da aber, meine lieben Freunde, stehen wir ja in dem vierten
kleineren Zyklus innerhalb des eben ablaufenden vierten nach-
atlantischen Zeitalters, innerhalb des vierten groBeren, des grie-
chisch-lateinischen Zeitalters. Aber dieser vierte groBere Zeitraum
war ja ausersehen, in sich das Mysterium von Golgatha zu be-
schlieBen. Der vierte kleinere Zyklus, der Raphael-Zyklus, ist
intim verwandt mit der ganzen Grundstruktur des vierten groBe-
ren. Denn wir sehen, wie der Erzengel Raphael, indem er die
Menschen inspiriert zu den Kreuzziigen, zu der gewaltigen Ent-
faltung ihres Blickes nach dem Orient hinuber, um das Mysterium
Christi im Orient zu finden, wie Raphael die Impulse Christi
besorgt, wie also gewissermaBen eine Atmosphare spiritueller Art
schwebt uber dem Erdboden, uber allem Geschehen. Diejenigen,
die damals nur ein wenig hinter die Kulissen des auBeren Gesche-
hens schauen konnten, waren eigentlich nur durch ein Spinnweb-
chen von der unmittelbar anstoBenden geistigen Welt getrennt, so
wie auch wir nur durch ein Spinnwebchen getrennt waren davon,
als im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Michael auf Erden
sichtbar wirksam wurde.
Es lebten damals in jenem Raphael-Zeitalter hervorragende
Geister, zu denen zum Beispiel Joachim von Floris und Alanus ab
Insulis gehorten. Sie sahen hinein in dieses Wirken Raphaels, in
dieses hinter den Kulissen des auBeren Geschehens vor sich ge-
hende Heilen der Menschheit. Das war der Hintergrund fur das
Zeitalter des substantiell kranken Geistigen, was auch dadurch
bezeugt wird, daB in diesem Zeitalter ganz besonders damit ange-
fangen wurde, das Lukas-Evangelium, das Evangelium der Hei-
lung, zu verstehen. So findet man, wenn man die Zeit nach dem
Geheimnis der Zahl anschaut, Gewichtiges zum Verstandnis der
Bedeutung der Ereignisse.
Es folgte das Samael-Zeitalter, das aus dem Mars seine Grund-
impulse empfangt. Streit-Krafte beginnen, sie werden der
Menschheit eingeimpft. Die Ftinf gerat in Opposition zur Vier.
Das ist immer das Eigentumliche beim Ubergang von der Vier zur
Ftinf, daB die Ftinf immer in Opposition gegen die Vier kommt.
Gehen wir in die alten Mysterien zuriick, in denen durch lange
Zeit hindurch die Schiiler, die Adepten, eingeweiht wurden in das
Geheimnis der Zahlen, so finden wir da in einer gewissen Zeit,
wie diese Schiiler mit einer tiefen Uberzeugung aus ihrem Unter-
richt herausgehen, einer Uberzeugung, die sie in die Worte klei-
deten: Nun kenne ich die Zahl des Bosen, das ist die Zahl Ftinf.
- Uberall, wo im Weltenall nach dem Zahlengeheimnis die Zahl
Ftinf waltet, hat man es mit der Welt des Bosen zu tun; sie lehnt
sich auf gegen die Vier, und es folgen groBe Entscheidungen, die
dahin gehen, entweder im Guten oder im Bosen zur Sechs hinauf-
zukommen.
Doch inwiefern eben das immer mehr in Konkretes hinein-
fiihrt, in die Weisheit des Herzens und der Menschenseele, davon
morgen weiter. Ich wollte Ihnen zeigen, wie man an dem Faden
der Zahl hineinkommen kann in das Betrachten der Ereignisse.
SIEBENTER VORTRAG
Dornach, 11. September 1924
Ehe wir in der Betrachtung der Apokalypse weiterschreiten,
miissen wir nun zu den Mitteln des richtigen Lesens noch eines
hinzufiigen, das aber mehr von auBen genommen ist. Es handelt
sich ja durchaus darum, daB wir uns mit der gelesenen Apokalyp-
se dann in unsere Gegenwart hineinstellen. Dazu miissen wir
zunachst ins Auge fassen, aus welchen spirituellen Untergriinden
heraus diese Apokalypse entstanden ist. Ich meine das natiirlich in
diesem Augenblick nicht so, wie man heute ein Werk aus seiner
Zeit heraus im trivialen historischen Sinn erklaren will. Das ist
nicht anwendbar auf Werke, die ja in der in der Apokalypse ge-
schilderten Art aus der geistigen Welt heraus konzipiert sind.
Aber dennoch miissen wir uns klar sein dariiber: Die Apokalypse
ist ja entstanden auf die Weise, wie sie eben nach den geistigen
Bedingungen ihrer Zeit entstehen konnte, nicht nach den auBeren
historischen Bedingungen, sondern nach den geistigen Bedingun-
gen ihrer Zeit.
Fassen wir nun einmal diese Zeit ins Auge, diese Zeit der ersten
Jahrhunderte des Christentums, und bringen wir sie in spirituel-
lem Sinne in Zusammenhang mit der allgemeinen Weltevolution.
Ein wichtiges Jahr, wenn wir die Evolution ansehen, die hinter
Tafei 5 den auBeren Ereignissen vor sich geht, ist das Jahr 333 nach Chri-
stus. Dieses Jahr 333 stellt ja denjenigen Zeitpunkt dar, in dem das
Ich hereinschlug in die Verstandes- oder Gemutsseele des Men-
schen, wie sie sich ausgebildet hat zwischen dem Jahr 747 vor
Christi Geburt und dem Beginn des Zeitalters der BewuBtseins-
seele im 15. Jahrhundert. Dieses Jahr 333 steht da mitten drin. In
diesem Zeitalter der Verstandes- oder Gemutsseele hat ja eine
groBe Rolle gespielt die Ausbildung der griechischen Geistesart,
und diese wirkte nach, bis eben das Zeitalter der BewuBtseinsseele
kam. In dieses Zeitalter der Entwickelung der Verstandes- oder
Gemutsseele fallt ja das Mysterium von Golgatha.
Nun miissen wir uns dariiber klar sein, daB dieses Hineinschla-
gen des Ich in die Verstandes- oder Gemiitsseele etwas auBeror-
dentlich Bedeutsames darstellt. Dieses Hineinschlagen des Ich, das
um das Jahr 333 stattfindet, das erschiittert doch in der Tiefe der
Seele und in der allerernstesten Weise gerade die Menschheit, die
in Betracht kommt fur das Empfangen der spirituellen Einfliisse.
Von demjenigen, der Anteil haben will am spirituellen Leben und
der in der Richtung des spirituellen Lebens wirken will, miissen die
auBeren Tatsachen der geschichtlichen Entwickelung durchaus
hinorientiert werden auf die spirituellen Hintergriinde.
Was haben wir denn in der Zeit, als gewissermaBen hinter den
Kulissen der auBeren Ereignisse das Hereintreten des Ich in die
Menschenseele stattfand, was haben wir denn da fur hervorragen-
de auBere Ereignisse, und wie miissen diese alle im Lichte dieses
Hereintretens des Ich angesehen werden? Ja, meine lieben Freun-
de, da beginnt plotzlich fur den Menschen das ganze Verhaltnis
des Gottlichen zum Menschen unverstanden und wankend und
strittig zu werden.
Wir haben in diesem Zeitpunkt den bedeutsamen Streit zwi-
schen Arius und Athanasius. Mit dem Hereinschlagen des Ich in
die Verstandes- oder Gemiitsseele tauchen im Innersten des Men-
schen, wenn auch noch etwas unbewuBt, die Unklarheiten auf
und damit die Frage: Wie lebt denn eigentlich das gottliche Ich in
der Menschennatur? - In dieser Zeit wurde der Mensch wankend
dariiber, wie er sich das Verhaltnis des Gottlichen zur Welt und
zum Menschen selber zu denken hatte. Und da standen sich die
beiden Anschauungen des Arius und des Athanasius in schroffer
Weise gegenuber. Wir sehen dann, wie in Westeuropa die Ansicht
des Athanasius die Oberhand gewinnt, und wie die Anschauung
des Arius einem allmahlichen Untergang entgegengeht.
Fassen wir diesen Gegenstand jetzt einmal vom spirituellen
Standpunkte auf, denn das ist ja vor allem wichtig, wenn wir den
inneren Sinn und den inneren Geist von so etwas, wie es die
Apokalypse ist, wirklich verstehen wollen. Arius sieht auf der
einen Seite den Menschen, wie er immer hoher und hoher steigt
und sozusagen dem Gottlichen immer naher kommen soil, und er
sieht auf der anderen Seite die gottliche Wesenheit; und er hat
neben diesen groBen Weltenprinzipien nun das Mysterium von
Golgatha zu verstehen, die Natur Christi. Er will sich die Frage
beantworten: Wie steckt in Christus selber die menschliche und
wie die gottliche Natur? Hat man in Christus wirklich ein gott-
liches Wesen zu sehen oder nicht? - Und er beantwortet eigent-
lich diese Frage mit Nein. Er steht im Grunde genommen auf dem
Boden, der dann bei einem groBen Teil der europaischen Bevol-
kerung der allgemeine geworden ist: die Grenzscheide aufzurich-
ten zwischen dem Menschen und Gott, die Innewohnung Gottes
im Menschen nicht eigentlich zugeben zu wollen und einen Ab-
grund zu setzen zwischen Gott und dem Menschen.
Wir mussen uns nun ohne Vorurteil zunickversetzen in jene
Zeit der ersten christlichen Entwickelung, die im Grunde nichts
gemein hat mit derjenigen des spateren romischen Katholizismus,
da spater innerhalb des romischen Katholizismus das Christen-
tum in die Dekadenz gekommen ist. Deshalb mussen wir uns
auch dariiber klar werden, daB ja in der Tat fur die Weiterentwik-
kelung der Menschheit es dazumal notwendig war, die ganze Fra-
ge im Sinne des Athanasius zu entscheiden, der in dem Christus
eben ein unmittelbar gottliches Wesen sah, der in dem Christus
den wirklichen gottlichen Sonnengeist sah, wenn das auch in spa-
terer Zeit wegen der Abneigung, den Christus kosmologisch vor-
zustellen, in den Hintergrund trat. Aber in der ganzen Geistesart
des Athanasius lag das, daB er den Christus wirklich als einen dem
Vatergott gleichen Gott ansah.
Diese Anschauung hat dann weitergewirkt, sie hat nur ihre
Spitze verloren im Jahr 869 durch das achte Konzil in Konstan-
tinopel, das im Grunde genommen dadurch die Lehre des ersten
Konzils von Nicaa zerstort hat, daB die Trichotomie fur ketze-
risch erklart worden ist. Damit beginnt dann auch die Dekadenz
des kirchlichen Christentums, denn damit war das Hineinwachsen
in die Geistigkeit fur spatere Jahrhunderte innerhalb der katholi-
schen Kirchenentwickelung durchaus abgeschnitten.
Es ist durchaus jene Erschiitterung, die im Innern des Men-
schen stattfand beim Hereinbrechen des Ich in die Verstandes-
oder Gemiitsseele, welche durch dieses auBere Ereignis koloriert
wird und welche diesem auBeren Ereignis den eigenen inneren
Sinn gibt.
Und wenn wir diese Dinge weiter historisch betrachten, so
miissen wir uns sagen: Nach diesem Jahr 333 folgten diejenigen
Zeiten, vor allem fur die europaische Entwicklung, die mit dem
alten Romertum brachen. Wir sehen, wie das alte Romertum, so
wie es geworden war, eigentlich im Grunde genommen das Chri-
stentum nicht aufnehmen konnte. Es ist ein grandioses Bild, das
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