Drei Perspektiven der Anthroposophie

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTR AGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Drei Perspektiven 
der Anthroposophie 



Kulturphanomene 

geisteswissenschaftlich betrachtet 

Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach 
zwischen dem 5. Mai und 23. September 1923 



1990 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Hella Wiesberger und Ruth Moering 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
unter dem Titel: «Kulturphanomene. 
Drei Perspektiven der Anthroposophie» 
Gesamtausgabe Dornach 1961 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 



Einzelausgaben und Veroffentlichungen 
in Zeitschriften siehe Seite 220 



Bibliographie-Nr. 225 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 219) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1990 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz und Druck von Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany 

ISBN 3-7274-2252-1 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaftbilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, muft gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermaften auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INH ALT 



Das Wesen der geistigen Krisis des neunzehnten Jahrhunderts 

Dornach, 5. Mai 1923 

Eine Wendung im menschlichen Geistesleben. Erfolge der Naturwissen- 
schaft gegeniiber dem Idealismus. Materialismus ist nicht widerlegbar. 
Der Geist ist unabhangig vom Materiellen. Bindungen zwischen Geist 
und Materie. Personlichkeiten, die hinter Natur und Geschichte Ideen 
finden. Uber Schwaben-Vischer und dessen Herausarbeiten der Idee zum 
Schonen, Erhabenen und Anmutigen. Humor bei Vischer. Charakteristik 
seines Romans «Auch Einer». Einteilung der Baustile nach Semper und 
nach Vischer. Aphorismen bei Vischer und bei Nietzsche. Materie und 
Ideale bei Vischer. Vischers Darstellung der Weltereignisse. Vischers Hu- 
morverstandnis. 

Das Wesen des Kopfes und das des unteren Menschen 

Dornach, 6. Mai 1923 

Vom Machtbewufitsein der naturwissenschafdichen Erkenntnisse. Fried- 
rich Albert Langes «Geschichte des Materialismus ». Der Begriff der Ato- 
menwelt. Das Interesse an der geistigen Welt und die Entwickelung der 
Menschheit. Tatsachen der Naturwissenschaft anthroposophisch betrach- 
tet. Den Intellektualismus ins Spirituelle fuhren. Anthroposophie ist kein 
Gemiitstrost. Impulsives Wirken im geistigen Leben. Der Kopf und die 
vorhergehende Inkarnation. Das Mysterium des Kopfes und das des unte- 
ren Menschen. Rhythmische Region des Menschen und des Zentrums 
des Freiheitsimpulses. Mangelhafte Begriffe bringen lebensfremde morali- 
sche, religiose und soziale Systeme. 

Kulturphanomene 

Dornach, 1. Juli 1923 

Die Zivilisation und der «Kulturtod der Gegenwart». Rede Rubners vom 
Oktober 1910 und die herrschende Geisteskultur. Rubners These «Den- 
ken ist Gehirnsport». Vom Ungeist der Wissenschaft. Albert Schweitzer 
zum Verfall der Kultur. Die Naturwissenschaft und der Glaube an sittliche 
Ideale. Schweitzer zur geistlos gewordenen Kultur. Wie kommt der Geist 
wieder in die Kultur? Die Anthroposophie zur Kulturkritik Schweitzers. 



Eine Jahrhundertbetrachtung 1823 bis 1923 

Dornach, 6. Juli 1923 

George Sands literarische Charakteristik und die wissenschaftliche Ge- 
schichtsbetrachtung. Goethes «Wilhelm Meister» im Vergleich zu Sands 
Roman «Le Compagnon du tour de France*. Goethe schildert weltbtirge/- 
lich, Sand national, politisch. Franzosische Handwerkerverbande - 
«Loups devorants» und «Gavots». Unterschiede dieser Verbande. Devo- 
rants und menschliche Astralitat; Gavots und menschliches Ich. Die Hin- 
neigung zum Geistigen bei Handwerkern. Nachahmung geistiger Bindun- 
gen in freimaurerischen Geheimgesellschaften. Unterschiede der Blutfarbe 
in klimatischen Zonen. Der Mensch in den geographisch unterschiedlich 
wirksamen geistigen Impulsen. Ein Katechismus fur wandernde Tischler- 
gesellen in Frankreich. Geschichtsbetrachtung geisteswissenschaftlich. 

Gemeinschaftsbildungen in Mitteleuropa 

Dornach, 7. Juli 1923 

Seit dem 15. Jahrhundert existieren in Europa unterschiedliche Auffassun- 
gen zum Intellektualismus. Leben und Beruf im Westen im Gegensatz 
zur freien Geistigkeit in der Mitte Europas. Einzelne Handwerker mit 
Drang nach Erkenntnissen der Alchimie und Astrologie. Bildung in Euro- 
pas Westen und Mitte. Goethes Menschenweisheit im «Wilhelm Meister». 
Weibliche Personlichkeiten als «Seherinnen» Anfang des 19. Jahrhunderts. 
Beitrag der Zeitungen zur Vernichtung des Geisteslebens. Wirksamkeit 
der Astrologie im Nerven-Sinnes-System. Wirksamkeit der Alchimie im 
Stoffwechsel-System. Ausgleich zwischen beiden Systemen bei Paracelsus, 
Faust. Erziehung des Menschen in Mitteleuropa und im Westen Europas. 
Die Toleranz des Ostens anhand von Briefen Dostojewskijs iiber die 
Schweiz und Deutschland. Zur Notwendigkeit, vom nationalen Stand- 
punkt zum Erdenburger zu finden. Geschichte und Geographie bediirfen 
einer geistigen Metamorphose. 

Die europaische Kultur und ihr Zusammenhang mit der lateinischen 

Sprache. Griechisches und romisches Mysterienwesen 

Dornach, 8. Juli 1923 

Verstandeslogik fordert Materialismus. Der Osten Europas und griechi- 
sches Empfinden. Der Westen und die Mitte Europas und lateinische 
Bildung. Mitteleuropas Krankwerden am Lateinischen. Seele und Geist 
in der Anschauung in Mitteleuropa. Mauthners Kritik der Sprache. Latei- 



nische Sprache ist nur auf AufSerliches, Sinnliches anwendbar. Lateinische 
Sprache und Wissenschaft. Wissenschaft und Glaube. Von der Volksspra- 
che mit innerer Geistigkeit. Der Materialismus in der Volkssprache kommt 
vom Lateinischen. Nationalokonomie ist von lateinischen Einflussen ge- 
pragt. Vermeintliche Wissenschaft, soweit Latein gebraucht wird. Ver- 
meintlicher Aberglaube, soweit die Volkssprache verwendet wird. Du 
Bois-Reymonds «ignorabimus» als Konsequenz des lateinisch geworde- 
nen Denkens. Die eleusinischen Mysterien und die Eingeweihten des 
Romertums. Anthroposophische Erkenntnis sammelt nicht Ideen, son- 
dern hilft aufwachen. Unterscheidung von Telesten und Initiierten. 



Die gnostischen Grundlagen des Vorchristentums. Imaginationen von 
Europa 

Dornach, 15. Juli 1923 

Der Weltschopfer Demiurg und die Aonen. Jehovas Erschaffen des Men- 
schen. Pleroma als Welt individualistischer Wesen. Achamoths Streben 
zum Geistigen. Das Geheimnis, welches den Menschen Jesus umschwebte. 
Ideen und Begriffe der Scholastiker iiber die Welt. Die Praxis des Denkens 
der Scholastiker ging verloren. In der Gegenwart wird zumeist Erkenntnis 
passiv empfangen. Gegenwartige Denkpraxis in Europa ist ohne Ausblick 
in die geistige Welt. Dekadente Reste des Schauens in Asien. Magische 
Zauberei der Schamanen. Magismus und Bolschewismus. Die metamor- 
phosierten Satyrn und Faune im Bereich von Ural und Wolga. Ahrimani- 
sche Wesen in der an das Irdische angrenzenden Welt. Zusammenstreben 
luziferischen Denkens des Westens mit ahrimanisch-asiatischen Wesen- 
heiten. Eine kosmische Ehe. Verfuhrer und Versucher des physischen 
Menschen. 



Drei Perspektiven der Anthroposophie 



I. Die physische Perspektive 

Dornach, 20. Juli 1923 133 

Die Schwierigkeit der Wissenschaft, anthroposophische Auffassungen zu 
akzeptieren. Erlebnisse des Menschen nach seinem Tode. Die Aufnahme 
aufSerer Materie (Nahrung) im Erdenleben. Regenerieren aus dem Kos- 
mos. Veranlagung zum Kranksein. Athermaterie und Naturwissenschaft. 
Kosmische Tatigkeit iiber dem Irdischen. Eine Botanik vom geisteswissen- 
schaftlichen Standpunkt (Usteri). Die Psychoanalyse von Karl Rosen- 
kranz aus dem Jahre 1841. Anthroposophie erweitert den Horizont der 
Wissenschaft. 



II. Die seelische Perspektive 

Dornach, 21. Juli 1923 

Der Gegenwartszivilisation fehlt Seele. Das Zeitalter des Intellektualis- 
mus. Vom physischen Leib und dem Intellekt. Eduard von Hartmann: 
«der gescheiteste Mensch». Hartmanns Philosophic des unbewufken Gei- 
stes. Hartmann und die Sphare der Lieblosigkeit. Ursachen zu Hartmanns 
Pessimismus. Hartmann widerlegt seine eigene Philosophic Vom Ather- 
leib mit konzentrierter Weisheit im Verhaltnis zum physischen Leib. 
Atherleib ohne physischen Leib. Anregung des astralischen Leibes durch 
den Atherleib. Drei Stufen der Initiation. Der Genius und der Damon 
eines Zeitalters. Hamerlings «Homunkulus» als Satire der Seelenlosigkeit 
einer Zeit. 



III. Die geistige Perspektive 

Dornach, 22. Juli 1923 

Uber wechselnde Bewufitseinszustande. Zwei Seiten des Denkens. Nach 
aufien gerichtete Sinne. Der nach innen schaffende Ather- und Biidekrafte- 
leib. Erfassen der Aktivitat des Denkens. Moralische Impulse und Frei- 
heitsbewufitsein. Erinnerungskraft, traumbildende Kraft und astralischer 
Leib. Die zur Hingabe an die Aufienwelt fuhrende Liebekraft. Verbindung 
zu Toten durch Erinnerung. Wege des Menschen in die geistige Welt. 
Kausalitat bringt dogmatische Wissenschaft und totet das Lebensgefiihl 
im Menschen. Gegensatz zwischen Liebe und Erotik. Interpretation der 
Sexualitat in der heutigen Zivilisation. Anthroposophie findet zum Geist 
im Inneren der Seele. 



Die Traumeswelt als eine Ubergangsstromung zwischen der physisch- 

natiirlichen Welt und der Welt der sittlichen Anschauungen 

Dornach, 22. September 1923 185 

Traum und Gefuhl aufterhalb logischer Zusammenhange. Wille als ein 
Verbrennungsprozeft. Ubergange von Traum zu Schlaf und Schlaf zu 
Traum. Der Traum als Protest gegen Naturgesetze. Das menschliche Inne- 
re handelt nicht nach Naturgesetzen. Wissenschaft und Wirklichkeit am 
Beispiel der Ernahrung mit Kartoffel und mit Getreide. Staudenmaiers 
Experimente mit Medien. Staudenmaiers protestierendes Unterbewufit- 
sein gegen Naturgesetze und das Erscheinen von Damonen. Veranderung 
von Naturgesetzen wie Gravitation auf der Erde und im Weltenall. Johann 
Miillers Anschauung iiber das Traumen. Der griechische Begriff des 
Chaos. Die Traumwelt als Ubergang zwischen Geist- und Naturgesetzen. 



Jakob Bohme, Paracelsus, Swedenborg 

Dornach, 23. September 1923 

Intellektuelles In-Begriffe-Fassen und Traum mit Empfindung und Ge- 
fuhl. Somnambule wie Bohme und Swedenborg und deren Beeinflussun- 
gen durch den Mond. Grofte Lehrer der Erdenweisheit als heutige Mon- 
denwesenheiten. Zum Fortpflanzungsleben auf der Erde. Das Innere des 
Mondes und was von ihm zuriickgestrahlt wird. Erdenschwere und Mon- 
denkraft beim Atherleib des Menschen. Geistfeindliches Auftreten Som- 
nambuler im vorirdischen Dasein. Somnambule und das Erleben des Gei- 
stigen auf der Erde. Bdhmes und Paracelsus' Fahigkeiten, Grenziibergange 
zu sehen. Erkenntnisse der Druiden in Zusammenhangen mit Sonnenlicht 
und Schatten. Atavismen bei Bohme und Paracelsus. Musikalische Kom- 
positionen Ende des 19. Jahrhunderts und Angaben Bdhmes im Vergleich. 
Swedenborgs Saturnkraft. Nachirdische Aufgaben solcher Menschen wie 
Swedenborg. Ubersinnliche Wesenheiten mit Wohnung im Menschen. 



Hirrweise 

Zu dieser Ausgabe 219 

Hirrweise zum Text 221 

Namenregister 226 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 229 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 231 



DAS WESEN DER GEISTI GEN KRISIS 
DES NEUNZEHNTENJAHRHUNDERTS 



Dornach, 5. Mai 1923 



Heute mochte ich etwas von einer ganz anderen Seite aus beleuchten, 
was uns in den letzten Zeiten hier viel beschaftigt hat. Ich mochte 
heute von einer, man kann sagen, historischen Seite aus namlich die 
Tatsache beleuchten, daft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in 
der Tat eine entscheidende Wendung vorhanden war fur das mensch- 
liche Geistesleben. Diese entscheidende Wendung hat sich in den 
verschiedensten Tatsachen ausgelebt. Und diese Tatsachen sind ja im 
wesentlichen die Untergriinde fur all, ich mochte sagen, den Jammer, 
der die Menschheit im 20. Jahrhundert ergriffen hat, denn die Unter- 
griinde fur all diesen Jammer liegen dennoch im Geistigen. 

Nun mochte ich aber vorausschicken eine kurze Charakteristik 
liber das eigentliche Wesen der geistigen Krisis vom letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts. Es ist ja in dieser Zeit so gewesen, daf? auf der 
einen Seite stand der Materialismus, der Materialismus des aufieren 
Lebens, und hinter ihm der Materialismus der Weltanschauung. Und 
man mochte sagen, wie verschamt und allmahlich die Position voll- 
standig aufgebend war der Idealismus als Weltanschauung. Ich habe 
gerade auf diesen Gegensatz zwischen dem Materialismus, der oft- 
mals keiner sein wollte und doch einer war, und dem Idealismus im 
vorletzten Hefte des «Goetheanum» hinzuweisen versucht. Da habe 
ich mit ein paar Strichen angedeutet, wie in dieses letzte Drittel des 
19. Jahrhunderts hineinragten idealistische Geister, gewisse Geister, 
welche den Idealismus von der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts 
fortsetzten, wie aber diese Geister, diese Denker gerade deshalb, weil 
sie das geistige Leben nur in der Idee kannten, nicht durchdringen 
konnten gegen alles das, was sich geltend machen konnte auf jener 
Grundlage, die die Naturwissenschaft gewissermafien souveran er- 
klarte, die die Naturwissenschaft, gegen die ja gar nichts eingewendet 
werden kann, iiber ihren Geltungsbereich hinausfiihrte, so, als ob 



iiber alle Weltangelegenheiten durch reine Naturwissenschaft ent- 
schieden werden konne. Diese Naturwissenschaft hatte ja in der 
charakterisierten Zeit ihre grofien Erfolge, Erfolge in bezug auf die 
Erkenntnis, Erfolge in bezug auf das aufierlich praktisch-technische 
Leben. Auf diese Erfolge konnten diejenigen hinweisen, die alles das 
zuriickweisen wollten, was eben nicht nach ihrer Ansicht aus den 
Ergebnissen dieser Naturwissenschaft folgte. 

Und so standen einander gegeniiber, ich mochte sagen, die Erfolg- 
reichen, welche die Naturwissenschaft souveran erklarten und die 
doch nichts anderes vertraten und bis heute nichts anderes vertreten 
als einen Materialismus, und auf der andern Seite standen diejenigen 
Denker, die Behuter des Idealismus sein wollten. Aber sie kannten 
das geistige Leben nur in den Ideen. Sie sahen sozusagen hinter dem 
materiellen Wesen der Welt nur Ideen, und hinter den Ideen nichts 
weiter, keinen wirkenden Geist. Die Ideen waren ihnen Abschlufi, 
das Letzte, zu dem sie kommen konnten. Aber diese Ideen sind eben 
abstrakt. Sie waren so, wie sie in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts 
von diesen Denkern gepflegt worden sind, abstrakt und blieben ab- 
strakt, so wie sie von den Idealisten in dem letzten Drittel des 19. 
Jahrhunderts noch ausgesponnen wurden. Und so konnten sich diese 
Idealisten mit den abstrakten Ideen, was fur sie der einzige Geist 
war, eben nicht halten gegeniiber den, ich mochte sagen, handfesten 
Resultaten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. 

Das ist das aufiere Historische. Aber das innere Historische, das 
dahinter liegt, ist noch etwas anderes. Das ist, dafi der Materialismus, 
wenn er nur konsequent bleibt und Geist hat - wenn er auch den 
Geist ableugnet, kann der Materialismus sehr viel Geist haben -, 
eigentlich nicht zu widerlegen ist. Der Materialismus kann nicht 
widerlegt werden. Es ist ganz vergeblich, zu glauben, dafi der Materia- 
lismus eine Weltanschauung ist, die widerlegt werden kann. Es gibt 
keine Grunde, mit denen man beweisen kann, dal5 der Materialismus 
unrichtig ist. Daher das ganz uberflussige Reden derjenigen, die im- 
mer mit irgendwelchen theoretischen Griinden den Materialismus 
widerlegen wollen. 

Warum kann der Materialismus nicht widerlegt werden? Nun, 



sehen Sie, aus dem folgenden Grunde kann er nicht widerlegt werden. 
Nehmen wir dasjenige Stiick der Materie, welches im Menschen 
selber die Grundlage fiir die geistige Tatigkeit abgibt, nehmen wir 
das Gehirn oder im weiteren Umfange das Nervensystem. Dieses 
Gehirn, im weiteren Umfange das Nervensystem, ist richtig ein Ab- 
bild des Geistes. Alles, was im Geiste des Menschen vorkommt, kann 
man auch in irgendeiner Form, in irgendeinem Vorgang des Gehirns 
beziehungsweise des Nervensystems nachweisen. So daft alles, was 
man geistig anfuhren kann als Aufierung des Menschen, sich einfach 
in seiner Abbildung, in seinem materiellen Gegenbilde, im Gehirn, 
im Nervensystem findet. 

Wie sollte also jemand, der auf dieses Nervensystem hinweist, 
nicht sagen konnen: Nun seht ihr, alles das, was ihr von der Seele, 
was ihr vom Geiste redet, das ist ja im Nervensystem enthalten. 
Wenn jemand ein Portrat ansieht und sagen wiirde: Dies ist das 
einzige vom Menschen, was da abgebildet ist, es gibt iiberhaupt kein 
Original - und man konnte den Menschen nicht auftreiben, von dem 
das Portrat ist, so konnte man vielleicht auch da nicht nachweisen, 
dafi es ein Original gibt. Man kann gar nicht aus dem Portrat den 
Beweis liefern, dafi es das Original gibt. Ebensowenig kann man aus 
der materiellen Nachbildung der geistigen Welt den Beweis liefern, 
dafl es Geist gibt. Es gibt keine Widerlegung des Materialismus. Es 
gibt nur einen Weg, hinzuweisen auf den Willen, wie man den Geist 
als solchen findet. Man mufi den Geist ganz unabhangig von dem 
Materiellen finden, dann findet man ihn allerdings auch schopferisch 
wirksam im Materiellen. Aber durch irgendwelche Beschreibungen 
des Materiellen, durch irgendwelche Schlusse aus dem Materiellen 
kann nie auf den Geist hin geschlossen werden, weil im Materiellen 
alles im Abbild ist, was im Geiste ist. 

Das ist das Geheimnis, warum in einer Zeit wie dem letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts, wo die Menschen nicht den direkten Zugang 
zum Geiste hatten, der Materialismus eben unwiderlegt, unwiderleg- 
lich dastand, und warum diejenigen, die nun nicht auf den Geist, 
sondern nur auf das abstrakte tote Restgebilde des Geistes, auf die 
Ideen im Menschen hinweisen konnten, warum diese idealistischen 



Denker nicht aufkommen konnten in dieser Zeit gegen die materiali- 
stischen Denker. Der Streit konnte sich eben durchaus nicht abspielen 
in Beweis und Gegenbeweis. Er spielte sich sozusagen unter dem 
Einflusse der sich gegenliberstehenden grofieren oder geringeren 
Macht der streitenden Parteien ab. Und im letzten Drittel des 19. 
Jahrhunderts hatten eben diejenigen die grofiere Macht, die hinweisen 
konnten auf die ja leicht einzusehenden, weil handfest daliegenden 
Fortschritte und Erfolge der Naturwissenschaft mit ihren technischen 
Ergebnissen. 

GewiE, jene Menschen, die als Idealisten, als idealistische Denker, 
wie ich es charakterisiert habe in der vorletzten Nummer des «Goe- 
theanum», die Traditionen von der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts 
bewahrten, sie waren die geistvolleren, die tieferen Denker, sie waren 
diejenigen, deren Ausfiihrungen den Menschen viel mehr ins Gemiit 
gehen konnten als die Ausfiihrungen der Materialisten; aber die Mate- 
rialisten waren die Machtigeren. Und der Streit entschied sich nicht 
durch Beweise, er entschied sich damals als eine Machtfrage. Dem 
muE man nur ganz ohne Illusion ins Auge schauen. Man mufi sich 
klar sein dariiber, da$ zum Geiste gelangen die Notwendigkeit vor- 
aussetzt, direkt einen Weg zu ihm zu suchen, nicht um ihn zu erschlie- 
£en, ihn beweisen wollen aus den materiellen Erscheinungen. Denn 
alles, was im Geiste ist, findet sich auch in der Materie. Wenn also 
jemand keinen direkten Weg zum Geistigen hat, so findet er irgend- 
wo in der Materie alles, was er in der Welt konstatieren kann. 

Da nun selbst die edelsten Geister im letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts nicht einen Zugang zum Geiste eroffnen konnten, so kamen 
sie, weil in ihnen doch noch die Bediirfnisse und Sehnsuchten nach 
dem Geistigen lebten, geradezu in eine Unsicherheit der ganzen 
menschlichen Seelenverfassung hinein. Und hinter mancher wirklich 
au£erordentlich bedeutsamen Personlichkeit vom letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts steht wie ein Hintergrund eigentlich die Haltlosig- 
keit, steht das, dafi sich die Leute sagten, die, trotzdem sie aufteror- 
dentlich intellektualistisch sind, oftmals aufterordentlich gemutvoll 
sind: Ja, da ist die materielle Welt, da sind die Ideen. Die Ideen sind 
das einzige, das man finden kann hinter den Natur- und Menschheits- 



erscheinungen, hinter Natur und Geschichte. - Aber dann fiihlten 
doch wieder diese Menschen: Die Ideen sind etwas Abstraktes, etwas 
Totes. Und da kamen sie in die Unsicherheit, in die Haltlosigkeit 
hinein. 

Ein Beispiel mochte ich Ihnen sehr empfehlen, eine eigentlich 
recht bedeutende Personlichkeit mochte ich heute vorfuhren, damit 
Sie auch im einzelnen darauf hingewiesen werden, wie diese Geistes- 
entwickelung, die endlich zu unserer Gegenwart gefiihrt hat, eigentlich 
war. Ich mochte heute auf den sogenannten Schwaben-Vischer hin- 
weisen, den man auch den V-Vischer nennt, weil er sich ja so schreibt, Tafel 1* 
im Unterschiede zu den andern gelehrten Fischern. Auf den Schwa- 
ben-Vischer, auf den Asthetiker mochte ich Sie heute hinweisen. 

Sehen Sie, er war ganz herausgewachsen aus dem Idealismus der 
ersten Halfte des 19. Jahrhunderts. Er konnte sich zu dem groben 
Materialismus nicht bekennen. Er sah hinter den materiellen Wesen- 
heiten und hinter den materiellen Vorgangen iiberall Ideen, sah auch 
im Grunde genommen in der moralischen Weltordnung eine Summe 
von Ideen. Er beschaftigte sich namentlich damit, das Wesen des 
Schonen zu finden. Ganz im hegelschen Sinne suchte er das Wesen 
des Schonen in dem Herausscheinen der Idee aus der sinnlichen 
Materie. 

Wenn der Kiinstler irgendeinen Stoff in eine solche Form bringt, 
daft durch diese Form hindurch ein Ideelles erscheint, dafi man also 
nicht nur ein Produkt der Natur vor sich hat, das nicht ein Ideelles 
offenbart, sondern wenn der Kiinstler die Materie, sei es die Materie 
des Erzes, sei es die Materie der musikalischen Tone, sei es die Materie 
der Worte, so anordnet, dafi man ein Ideelles verspiirt aus seiner 
Anordnung, dann ist es eben die Erscheinung der Idee in einer sinn- 
lichen Form, in einer sinnlichen Gestalt, und das ist das Schone. Es 
kann dabei so sein, da& die Idee sich als so machtig zeigt, daJft man 
die sinnliche Erscheinung als zu ohnmachtig empfindet, die Grofte 
der Idee auszudriicken. Wenn etwa der Bildhauer etwas so Gewaltiges 
in seiner Idee hat, dafi kein sinnlicher Stoff hinreicht, um die Idee 
zu gestalten, so daft man die Idee nur als etwas unermefilich Grofies 

* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 219. 



hinter dem Stoff ahnen kann, so wird das Schone zum Erhabenen. 
1st die Idee klein, so dafi man mit dem Stoffe spielen kann, und die 
Idee kommt in der spielerischen Behandlung des Stoffes iiberall in 
liebenswiirdiger Weise zum Ausdruck, so wird das Schone zum An- 
mutigen. 

So sind Anmutiges und Erhabenes verschiedene Formen des Scho- 
nen. Dann, wenn der Mensch die Weltenharmonie empfindet in dem, 
was kunstlerisch gestaltet wird, dann kann er sich entweder zu einem 
Erhabenen wenden oder zu einem Anmutigen, je nachdem der Kiinst- 
ler es darstellt. Dann aber kann man sehen, wie es etwa bei Jean Paul 
so sehr haufig geschehen ist, wie die Weltenereignisse so dargestellt 
werden, daft man nirgends eine Harmome sieht, da$ man iiberall nur 
sieht, wie Widerspriiche da sind in der Welt, dafi eigentlich die Har- 
monie als etwas Unerreichbares hinter allem steckt, wie aber doch 
wiederum die Welterscheinungen einem als das Nachstangehende 
vorkommen. Man sieht zum Beispiel, wie etwa, sagen wir, ein kleiner 
Schulmeister da ist, der einen ungeheuer idealistischen Sinn hat, der 
eine grofie Sehnsucht hat nach Wissen, aber kein Geld hat, sich 
Biicher zu kaufen, und statt der Biicher sich nur Biicherkataloge in 
den Antiquariaten geben lafit und da wenigstens nun die Buchertkel 
hat statt der Biicher. WeifSes Papier kann er sich noch kaufen, er 
schreibt sich nun die Biicher selber zu all diesen Titeln, die er da in 
dem Antiquariatskataloge hat. Ja, aber dann merkt er an dem Stoff, 
den der Dichter behandelt, da ist trotzdem eine Harmonie wiederum 
vorhanden, es ist schon harmonisch, wie der sich die Disharmonie, 
die durch das Geld eintritt, ausgleicht. Und dann sind doch wiederum 
die Biicher, die er sich selber schreibt, nicht so gescheit wie diejenigen, 
die in den Katalogen stehen. Der Widerspruch bleibt bestehen. Man 
wird hin und her geworfen zwischen dem, was sein soil, und dem, 
was da ist und was nicht sein soil. 

Wenn man sich nun im Gemiite zurechtfindet mit diesem Wider- 
spruch, der nicht zu losen ist, wo immer ein Widersprechendes das 
andere ablost, wo man gar nicht iiber den Widerspruch hinauskom- 
men wiirde, sondern sich selbst in Staub auflosen miifke, wenn man 
so hinschlenkert von Widerspruch zu Widerspruch, wenn man sich 



dann im Gemtite dennoch zu beruhigen weifi, so ist das die Stimmung 
desjenigen Schonen, das man geniefit im Humor. 

Ja, bei dem Schwaben-Vischer, dem V-Vischer, war es eben so, 
daft er geradezu den Humor als Asthetiker verherrlicht hat, daft er, 
weil er eben in dem Zeitalter lebte, wo man ratios den Widerspriichen 
gegeniiberstand, ratios dem Gegensatz zwischen Geist und Materie 
gegeniiberstand, daft er, weil es ein Durchdringen der Weltenharmo- 
nien eigentHch fur die menschliche Einsicht nicht als etwas Erreichba- 
res gab, sich durch den Humor hinweghelfen wollte iiber das alles. 
Und so verherrlichte er gerade den Humor. Aber wiederum, es ist 
ja der Humor so, daft hinter ihm dennoch irgendwo eine Harmonisie- 
rung stecken rau!5, sonst kommt doch wiederum kein Humor zustan- 
de, sonst sieht man ja zuletzt, daft man sich durch das Gemiit beruhigt 
bei etwas, wobei man sich eigentlich nicht beruhigen sollte, wenn 
man nicht ein Wischi-Waschi-Mensch werden will. Und so steckt 
hinter all dem, wie der Schwaben-Vischer die Welt genieften wollte 
- er ist ja fur die zweite Halfte des 19. Jahrhunderts eine tonangeben- 
de Personlichkeit -, hinter all dem steckt ein Streben, weil man nicht 
hineinkommen kann in das Geistige der Welt, sondern nur in die 
Ideen, ein Streben, das doch wiederum etwas furchtbar Philistroses 
hat. Ein lachender Humor, hinter dem aber eigentlich nicht die Aus- 
geglichenheit des Gemiites, sondern etwas Krampfhaftes steckt, ein 
Humor, der leicht, wenn er die Gegensatze erkundet, die in der Welt 
sind, statt des humoristischen Ausgleiches nur das narrische Neben- 
einanderstellen findet. 

Das alles hangt damit zusammen, daft eben edlere Geister in dieser 
zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts gar nicht dasjenige finden konn- 
ten, was eigentlich geistig hinter der Welt steckt, daft sie daher nach 
Auskunftsmitteln suchten, die sie aber zuletzt in eine gewisse Haltlo- 
sigkeit, in etwas Krampfhaftes hineinfiihrten. Und aus diesen Kramp- 
fen vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts konnte dennoch nur 
das Tragische, das Ungesunde vom Beginn, von der ersten Halfe des 
20. Jahrhunderts hervorgehen. 

Nun, als dieser Schwaben-Vischer, man mochte sagen, obwohl er 
sich dagegen gewehrt hat, sein eigenes Selbst - es ist doch sein eigenes 



Selbst - einmal so hinstellen wollte vor die Welt, da schrieb er den 
Roman «Auch Einer». Man kann sagen, der «Held» dieses Romans, 
wie man das ja in der Asthetik so philistros, wollte sagen, wissen- 
schaftlich nennt, der Held dieses Romans - in Wirklichkeit heifit er 
Tafel l Albert Einhart, aber V-Vischer kiirzt ihn ab: A. E., nennt ihn eben 
«Auch Einer», und so heilk auch der Titel des Romans - nun, dieser 
«Auch Einer», in ihm steckt ja etwas. Er mochte gerne eine Eins sein 
als Mensch, eine richtige Eins. «Einer» mochte er sein, so eine Indivi- 
dualist, die etwas fur sich ist. Aber nun wird er trotz grofiartiger, 
gewaltiger Anlagen nur « Auch Einer», nicht «Einer», sondern «Auch 
Einer», so wie vielleicht nicht gerade zwolf, aber wovon doch immer- 
hin eine erkleckliche Anzahl auf ein Dutzend kommen! Ja, wie gesagt, 
Vischer hat sich dagegen gewehrt, da£ etwa der «Auch Einer» ein 
Portrat seines eigenen Wesens ist. Das ist er auch nicht, aber dennoch 
hat Vischer dasjenige, was als innere Disharmonie in ihm lebte, in 
diesen «Auch Einer» hineingeheimnifk. Es sind zugleich die Diskre- 
panzen der Seele vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Dieser Roman «Auch Einer» besteht eigentlich aus drei Teilen. 
Der erste schildert uns, wie V- Vischer bekannt wird mit dem Albert 
Einhart, mit dem « Auch Einer». Es ist eine interessante Reisebekannt- 
schaft, wie sie nicht gerade alltaglich vorkommt. 

Sehen Sie, dieser V- Vischer hat ja zuletzt auch, sagen wir, in dem 
Herankommen des Mysteriums von Golgatha an die Erdenentwik- 
kelung nichts anderes sehen konnen als eine Ideenentwickelung. Der 
Christus war eigentlich eine abstrakte Idee fur ihn, die so die Mensch- 
heitsentwickelung durchzogen hat. Und auf Golgatha, in dem Leibe 
des Jesus von Nazareth, ist eigentlich eine abstrakte Idee - Christus 
- gekreuzigt worden. Nicht wahr, das atmet wenig Wirklichkeit. Das 
fuhrt ja schon zuriick in die David-Friedrich-Straufi-Zeit und so 
weiter, wo man den eigentlichen Inhalt der Religion nur so aufgefaftt 
hat, als ob die Religion nur Bilder enthalten wiirde fur etwas, was 
eigentlich ideell, abstrakt gemeint ist. Also Christus und die Ge- 
schichte vom Christus wiirden nur aufzufassen sein als Bilder, sind 
das Einziehen der hochsten Ideen in die Erdenentwickelung, die 
Kreuzigung nur die Erscheinung der Idee in einer besonders hervor- 



ragenden sinnlichen Menschengestalt und so weiter. Das alles hat ja 
den Gegenstand grofter intellektualistischer Anstrengungen im 19. 
Jahrhundert gebildet und hat den Gegenstand ungeheuer bitterer 
Enttauschungen der tieferen Germiter in diesem 19. Jahrhundert ge- 
bildet, weil eben da hinter ail dem Ideellen ein wirklich Geistiges 
nicht gefunden werden konnte. Und die Menschen diirsteten natiir- 
lich nach dem Geistigen, wie sie immer nach dem Geistigen diirsten, 
und am meisten, wenn sie es nicht haben. Und am meisten diirsten 
darnach diejenigen Denker, welche glauben beweisen zu konnen, 
daft es ein Geistiges gar nicht gibt, sondern nur Materie oder nur 
Ideen. Man konnte sagen: Am Ende des 19. Jahrhunderts und am 
Beginne des 20. Jahrhunderts waren eigentlich die hervorragenderen 
Geister schon mude geworden iiber diesem intellektualistischen Stre- 
ben nach der Beantwortung der Frage: Wie wirken die Ideen eigent- 
lich in der Natur? Wie wirken die Abstraktionen eigentlich in der 
Geschichte? Nur hochstens so quecksilberne Flachlinge wie Arthur 
Drews, die haben dann wieder dasjenige gebracht, was langst etwas 
Abgetanes war unter denen, die wirklich denken konnten. Daher 
ragt eben in der Personlichkeit dieses quecksilbernen Nicht-Denkers 
in das 20. Jahrhundert noch etwas herein von diesem: eine Idee sei 
gekreuzigt worden, nicht eine wirkliche Geistwesenheit. 

Aber aus dem, was ich sage, konnen Sie entnehmen, daft schlieftlich 
auch fur einen solchen Denker wie den Schwaben-Vischer zuletzt 
alles, was geistig war, sich in Ideen aufloste. Die Ideen, die waren 
zuletzt in ihrer Abstraktheit dasjenige, was da als Gespinst durch 
die Welt hindurch wirkte. Und alles, was in den Mythologien erzahlt 
wurde, in den Religionen bis herauf in die christliche Religion, das 
war, nur in Materielles gekleidet, etwas, was hochstens Bild war fur 
die Idee. Und zuletzt muftte ja den Leuten aus diesem Streben, iiberall 
nur die Idee im sinnlichen Bilde zu sehen, die Anschauung hervorge- 
hen, daft es eigentlich gleichgiiltig ist, in welchem sinnlichen Bilde 
man das Weben und Spinnen der Idee in der Materie ausdriickt. 

Und fur einen solchen Kauz wie Albert Einhart, der « Auch Einer» 
ist, fur den macht sich nun die Materie in einer ganz merkwiirdigen 
Weise geltend. Es passiert namlich dem Albert Einhart bei jeder 



moglichen Gelegenheit, daft er ins Erhabene steigen will. Wenn er 
zu den hochsten Hohen des Geistigen, das bei ihm also nur das 
Ideelle ist, hinaufsteigen will, dann kriegt er einen Katarrh, dann 
muft er furchtbar niesen, oder er mufi sich furchtbar rauspern. Da 
macht sich die Materie geltend, nicht wahr, das ist die Materie. Er 
spurt sonst die Materie nicht so stark als dann, wenn er einen Katarrh 
kriegt oder wenn er ein Huhnerauge hat. Man weift schlieftlich nicht, 
wenn man so ein Denker von der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts 
ist, an welchem Ende man anfassen soli den Materialismus, der eben 
die Ideen abbildet. Man wird ja am besten da anfassen, wo die Materie 
sich am meisten geltend macht, wo sie immer so auftritt, daft sie 
sogar den Geist bezwingt. Und zuletzt wird man sogar wie der Albert 
Einhart, der «Auch Einer», zu einem Kritiker dessen, was schon 
da ist. 

Denn dem Albert Einhart kommt einmal doch die Idee: Diejeni- 
gen, die die Materie nur so mehr neutral angefaftt haben, die haben 
sich eigentlich einem Irrtum hingegeben. Schiller hat den Tell ganz 
falsch dargestellt, denn so kann es nicht sein, die Materie wird da 
auf einem viel zu hohen Niveau erfaftt. Man muE tiefer hinein. Man 
mufi in das Katarrhalische hinein, wenn man will, daft man die Materie 
wirklich erfaftt. Und daher miiftte die richtige Komposition des Tell 
diese sein, daft er, wie er mit dem Schifflein da abstoftt, nicht einfach 
gleich hinuberkommt, sondern kentert, herausfallt und von den Man- 
nen des Geftler aufgefangen wird, ordentlich durchgewichst wird, 
aber wieder entkommt, ein zweites Mai ins Wasser fallt und sich 
dabei erkaltet. Nun bekommt er einen furchtbaren Schnupfen, und 
gerade in dem Moment, wo er die Armbrust anlegt, mull er niesen. 
Und der Landvogt kann nicht sagen: Das ist Tells Geschoft - sondern: 
Das ist Tells Niesen ! So miiftte eigentlich Tell sein, meint der Albert 
Einhart, der «Auch Einer». Nicht wahr, man mufi tiefer, griindlicher 
in den Materialismus hinein, wenn man schon konsequent sein will. 

Da hat es alle moglichen Auslegungen, Erklarungen gegeben fur 
den Othello, psychologische Erklarungen; aber man soli doch einmal 
sehen, meint der Einhart, daft der Othello fortwahrend um ein 
Schnupftuch sich bemiiht, daft er einen Stockschnupfen hat, der ihn 



so in Verzweiflung bringt, daft er endlich die Desdemona erwiirgt. 
Nichts anderes als ein Stockschnupfen! Man mufi eben tiefer in die 
Materie hineingehen, in das eigentlich Materielle. Man mufi es an 
dem richtigen Punkte finden. 

Das ist es, was Vischer durch die gemutvolle, humorvolle Auffas- 
sung sucht. Er kann iiber den Materialismus nicht hinauskommen. 
Er kann ihn nicht wegbeweisen, und so will er sich wenigstens im 
Gemiit dariiber hinwegsetzen. Er kann sich doch nicht iiber Wasser- 
stoff und Sauerstoff gemiitvoll hinwegsetzen; nun, iiber Katarrhe 
mu!5 man sich doch gemiitvoll hinwegsetzen. Und das ist doch eben 
ein Standpunkt, den man einnehmen kann gegeniiber der Materiahtat. 

Die Sache hat ja auch dazu gefuhrt, dafi Vischer darauf aufmerk- 
sam machen konnte, wie er eigentlich die Bekanntschaft dieses son- 
derbaren Kauzes macht. Der ist da in einem Hotel, das - nach den 
verschiedensten Umstanden kann man es annehmen - gar nicht so 
weit von hier sein mufi, allerdings in den Hochbergen drinnen, und 
er gerat, weil nun schon der Katarrh in ihm steckt, in Zwiespalt mit 
dem Hotelbedienten, wird etwas tatlich, und da kommen ihm nun 
aus dieser materiellen Affare alle Skrupel des Lebens vor die Seele. 
Und es kommt so weit, daft er sogar seinem Leben ein Ende machen 
will. Er stiirzt sich herunter. Aber bei dieser Gelegenheit sieht ihn 
der Schwaben- Vischer und schickt sich an, ihn zu retten, und kollert 
dabei hinunter iiber den Abhang. Das sieht wieder der andere, der 
vergifit, daft er eigentlich selbst sich hat morden wollen und kommt 
dem Schwaben- Vischer zu Hilfe. So machen sie ihre Bekanntschaft. 
Das ist nicht eine alltagliche Bekanntschaft. So kollern sie beide 
hinunter. Und da hort man noch die Fliiche dieses «Auch Einer», 
der nun seine Weltanschauung kundgibt. Man hort es eigentlich nicht, 
weil von alien moglichen Gewassern da ein Getose ist; es ist nicht 
still, nur einzelne Teile hort man wie: Welt - eine Erkaltung des 
Absoluten - in der Einsamkeit - spuckte aus und die Welt war - die 
Welt vom Ewigen gehustet, gerauspert - Schandgallert - Briitnest 
der Plagteufel - und so weiter, das hort man so durch. Er wird viel 
mehr gesagt haben, natiirlich! 

Nun haben sie Bekanntschaft gemacht auf diese Weise, der Schwa- 



ben-Vischer und der «Auch Einer». Aber sie konnen sich nicht gleich 
verstandigen, weil sie beide namlich einen Katarrh kriegen und 
furchtbar niesen miissen. Und so dauert es mit der Verstandigung 
etwas langer. In solcher Art, wie man auf nicht ganz gewohnliche, 
alltagliche Weise Reisebekanntschaft macht, verlauft der erste Teil. 
Der zweite Teil ist ein Werk des «Auch Einer», das eingeschoben 
ist, eine Pfahldorfgeschichte. Da wird das Leben und Treiben in 
einem Pfahldorf geschildert. Nicht wahr, man konnte sich ja nun 
lange unterhalten iiber das Zeitalter, in dem dieses Pfahldorf existiert 
hat und so weiter, aber manches steht auch da drinnen, woraus man 
entnehmen kann, dafi er dieses Pfahldorf des «Auch Einer» in der 
Nahe der Stadt Turik sein lalk. Diese Stadt liegt in der Nahe. Und 
iiber die Zeit - ja nun, da miissen die Pfahldorfler einmal einen rufen, 
einen Bardenknaben aus Turik. Und dieser Bardenknabe aus Turik, 
Tafel 2 der heifk Guffrud Kullur. Ja, man kann nicht so recht diskutieren 
iiber die Zeit, in der dieses Pfahldorf existiert hat. 

Es wird nun diese Pfahldorfgeschichte in ihren Einzelheiten ent- 
wickelt in der Erzahlung von dem «Auch Einer», und wir werden 
da eingefiihrt in die Art und Weise, wie zum Beispiel die Pfahldorfler 
ihre religiosen Bediirfnisse besorgen. Da kommt eben das heraus, 
was fur den Schwaben-Vischer und sein Abbild, den Albert Einhart, 
in den Religionen geschildert wird: Das ist iiberall der materiell- 
bildhafte Ausdruck fur das Waken der Ideen gewesen. Und so ist 
halt auch diese Religion bei den Pfahldorflern eine solche, daft sie 
eine Zeit angenommen haben, in der alles noch keinen Schnupfen 
kriegen konnte. Es war eine ganz paradiesische Zeit, wo man keinen 
Schnupfen kriegen konnte. Aber es wurde dies en Paradies -Pfahldorf- 
lern doch nicht so wohl dabei. Es stachelte sie etwas in dieser ganz 
schnupfenlosen unkatarrhalischen Zeit, und so verfielen sie der Ver- 
suchung des grofien Gottes Grippo. Dieser Grippo, der eigentlich 
im Kalten west, schafft und wirkt aber durch Feuer, durch Erhitzung. 
Und so kam es, daft sie der Versuchung des Gottes Grippo verfielen, 
die Pfahldorfler-Paradiesesmenschen! Und sie kriegten Schnupfen, 
mufken immer niesen, und da ergaben sie sich der Weltenspinnerin, 
die oftmals als weifte Kuh den Leuten erscheint. Sie sehen: materiell- 



bildhafte Auspragung, Ausgestaltung des Geistigen. Die Weltenspin- 
nerin rat ihnen, sie sollen ihr Dorf auf dem See begriinden, da schickt 
der See immerfort feucht-kaltliche Nebel. Der Schnupfen wird or- 
dentlich ausgetrieben. Die Ergebnisse des Gottes Grippo, die kom- 
men heraus und werden endlich geheilt. Das kann nur in Pfahldorf ern 
geschehen. 

Da kommt auch so eine Art Ketzer einmal in dieses Pfahldorf 
hinein. Aber die Pfahldorfler sind in einer aufier'ordentlich guten 
Weise gefiihrt von einem Druiden. Ein Druide, der eigentlich nicht 
besonders viel gescheiter ist als die anderen Pfahldorfler, der aber 
gelernt hat, die Katarrh-Religion ordentlich zu lehren, der beherrscht 
ganz diese Pfahldorfler. Und da ist nur das eine: Die Druiden miissen 
ehelos leben, er hat also nicht eine Ehegattin, sondern eine Hauserin, 
Urhixidur, die beherrscht wieder ihn und von der geht sehr vieles 
aus in diesem Pfahldorfe. Da kommt nun also so ein Ketzer dahin, 
der die Pfahldorfler eine Art aufgeklarter Religion lehren will, so 
eine Religion ohne Gott. Die Pfahldorfler haben aber nicht nur die 
guten Gotter, sondern auch den Grippo und alles mogliche kennenge- 
lernt. Und der Druide, noch dazu aufgestachelt von der Urhixidur, 
stellt ein Ketzergericht an. Ein bifichen werden ja die Pfahldorfler 
irre an dem Druiden, denn man grabt da noch ein tieferes Pfahldorf 
heraus, und nun kann er das nicht erklaren. Und nun beruft man 
von der benachbarten Stadt den Guffrud Kullur und noch einen 
anderen Gelehrten, Feridan Kallar. Aber da ist wiederum das Merk- Tafel 2 
wiirdige, dafi, als man nicht in Turik, aber einer anderen schweizeri- 
schen Stadt Pfahldorf er ausgegraben hat, einer der Erklarer Ferdinand 
Keller war, der da nicht von einer Stadt mit jetzigem Namen, sondern 
von Turik berufen wird, so wie nattirlich selbstverstandlich nicht auf 
Gottfried Keller hingewiesen ist, sondern auf Guffrud Kullur. Nun, 
es spielen sich da die Kampfe ab zwischen den Menschen mit einer 
urspriinglichen Religion, mit der Religion der katarrhalischen Zu- 
stande, und einem Ketzer, der nun eine Religion ohne Gott lehren 
will, eine Religion der moralischen Weltordnung. Es sind interessante 
Kampfe. Die spitzen sich insbesondere zu, als von den Pfahldorflern 
ein Fest gefeiert wird, das der katholischen Firmung und der prote- 



stantischen Konfirmation entspricht, das ist namlich das Fest der 
Betuchung. Da werden die Kinder eingefiihrt in die Gemeinde. Aber 
natiirlich, den Ereignissen angemessen bekommen sie ein Schnupf- 
tuch, nicht die Dinge, die bei der Firmung sonst vor sich gehen, 
sondern sie miissen ein ordentliches Schnupftuch auf den Weg fiir 
das Leben bekommen. 

Da spielen sich noch allerlei Kulturkampfe ab. Die Kulturkampfe 
waren ja, wie es scheint nach «Auch Einer», nicht nur aufierlich in 
der Welt iiberall in dieser Zeit sichtbar, sondern sie scheinen auch 
in die Pfahldorfer hineingespielt zu haben. 

Ja, so mdchte ich sagen, krampft der Schwaben-Vischer einen 
Humor heran, urn in diesem Kauz das Nicht-zu-Rande-Kommen 
mit dem Materialismus darzustellen. Ob man nun schliefilich - so 
meinte wahrscheinlich in seinem Herzen der Schwaben-Vischer - 
diejenigen Begriffe nimmt, welche von den materialistischen Kunst- 
historikern ausgehen, die j a an so neutrale Materie ankniipfen, oder 
andere, die die Materie deutlicher zeigen: da kommt es vielleicht 
doch nur darauf an, daft man eben die deutlicheren Begriffe nimmt. 

So ein Mann wie Gottfried Semper, der macht geltend die Bearbei- 
tung der Steine, die Bearbeitbarkeit des Holzes, wenn man diesen 
oder jenen Baustil erklaren will. Ja, warum soil man denn daruber 
sprechen, inwieweit das Holz oder der Stein bearbeitbar ist? Warum 
soil man denn von dieser Seite der Materie ausgehen? Es ist ja viel 
gescheiter, wenn man einmal priift, wie die Menschen von den ver- 
schiedenen Baustilen beriihrt wurden, dann hat man den Zusammen- 
hang dieser Baustile mit der menschlichen Wesenheit und mit der 
menschlichen Entwickelung. Bei den Griechen wird es wohl so gewe- 
sen sein, weil ihre Bauart eine nach alien Seiten offene war, daft, 
wenn man sich eine gehorige Zeit da in den Bauten aufgehalten hat, 
man halt einen ordentlichen vehementen Schnupfen kriegte. Das sind 
die rein katarrhalischen Baustile, die antiken Baustile. Und die goti- 
schen Baustile, da war man mehr geschiitzt, da kriegte man nur ab 
und zu den Schnupfen, wenn man Fenster aufmachte: Das sind also 
die gemischt-katarrhalischen Baustile. Und das Ideal ist erst in ferner 
Zukunft: Das sind dann diejenigen Bauten, in denen man gar keinen 



Schnupfen kriegt. Man kann sehr schon unterscheiden -so macht 
man es ja in gelehrten Schriften - Baustil A: rein-katarrhalisch, Baustil 
B: gemischt-katarrhalisch, und Baustil C: wo man gar keinen Schnup- 
fen mehr kriegt. Das ist die Einteilung der Baustile von « Auch Einer». 

Sie sehen, V-Vischer wufite nicht, wie er sich eigentlich gegeniiber 
dem Materialismus stellen sollte. Er wollte sich mit Humor stellen, 
und da nahm er halt diese Seite des Materialismus heraus, wo der 
Mensch die Materie in sich so oder so verspiirt. Das ist ja dasjenige, 
was wirklich doch diesem Roman «Auch Einer» zugrunde liegt. 

In einem dritten Teil hat man dann noch Sentenzen des Albert 
Einhart. Man lernt ihn sozusagen naher kennen. Man lernt seinen 
Kampf gegen die Natur, man lernt seinen Kampf mit dem Geiste, 
mit der moralischen Weltordnung, mit dem reinen Idealismus ken- 
nen; sehr geistreiche Ausfuhrungen, die in Aphorismen vorgetragen 
werden. Man hat manchmal das Gefuhl, da£ der etwas philistrose 
Schwaben-Vischer schon die geistreichen Einfalle von Friedrich 
Nietzsche vorausgenommen hat. Es ist wirklich manchmal etwas 
aufierordentlich Geistreiches in diesem dritten Teil der Aphorismen 
des Albert Einhart. 

Und Albert Einhart ist auch eine ganz originelle Personlichkeit. 
Er ist, als man ihn im Romane kennenlernt, pensioniert selbstver- 
standlich, denn er war so etwas wie ein Polizeidirektor, aber da auch 
schon eigentlich eine bedeutende Personlichkeit. Also offenbar will 
der Schwaben-Vischer darauf hindeuten, dafi das schon an sich mit 
Humor aufgefafit werden mufi: ein bedeutender Polizeidirektor. 
Aber weil er eben bedeutend war, wahlte man ihn auch einmal zum 
Abgeordneten fur die Kammer, und da hielt er eine aufierordentlich 
bedeutende Rede. In dieser bedeutenden Rede wirkte ziindend ein 
Satz, dann ein zweiter Satz wieder ziindend. Aber der zweite ziin- 
dende Satz wirkte auf den ersten so, wie wenn man den ersten mit 
schauderhaft kaltem Wasser begossen hatte. Merkwiirdig, das Ziin- 
dende wirkte, wie wenn die erste Feuerflamme ausgeloscht werden 
sollte: Nun sind wiederum die Menschen da, welche der alten furcht- 
baren, barbarischen Zeit angehoren und beim Militar und in der 
Schule die Priigelstrafen in den verschiedensten Formen einfuhren 



mochten. Das ist ja etwas, was uns in der schreiendsten Form in die 
Zeit fuhrt, wo es noch keinen Idealismus gab, wo man noch in keinen 
bildhaften Religionen lebte, wo man noch die rein moralische An- 
schauung hatte, die Religion ohne Gott. Dem diirfen wir uns nicht 
aussetzen in unserer Zeit. In unserer Zeit darf nicht gepnigelt werden, 
das Priigeln muE grundlich ausgemerzt werden. In unserer Zeit miis- 
sen noch manche andere Schaden ausgemerzt werden. Wir sehen, 
wie in unsere Zeit doch noch viel Barbarei hineinragt. Denn da sehen 
wir zum Beispiel, wie auf der Strafte von rohen Leuten die Tiere 
gequalt werden, wie diese armen Pferde, die nicht dafur veranlagt 
sind, mit den Peitschen geschlagen werden. Oder da sehen wir, wie 
die Hunde, die ja nicht Hufe, sondern andere Organe an den Fiifien 
haben, die nicht fur das Ziehen von Wagen angetan sind, Wagen 
ziehen mussen. Kurz, wir sehen, wie die Tiere gequalt werden, und 
ich mochte den Antrag stellen hier in der Kammer, dafi alle Tierqualer 
offentlich ausgepeitscht werden! 

Das sind wiederum die Dinge, iiber die man sich, wenn so der 
zweite ziindende Feuerfunke auf den ersten wie ein kalter Wasser- 
strahl sich ergielk, nur mit einem gewissen Humor hinweghelfen 
kann. Ja, dieser Albert Einhart, dieser «Auch Einer», ist wirklich so 
ein richtiges Geschopf vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts! Und 
vieles von dem, was der V-Vischer an eigenen Diskrepanzen der Seele 
fuhlte, brachte er in diesem «Auch Einer» zum Vorschein. Man darf 
aber nicht wiederum den V-Vischer mit dem «Auch Einer» identifi- 
zieren, auch nicht mit demjenigen, der da als ein Ketzer etwa in das 
Pfahldorf hineingekommen war und iiber den ein Ketzergericht ver- 
anstaltet worden ist, sonst wiirde man zu sonderbaren Kommen- 
taren kommen. 

Nicht wahr, der Schwaben-Vischer hat ja, zwar nicht in Turik, 
aber in einer anderen Stadt, eine Zeitlang eine Art Ketzerprotektorat 
versehen, und es ist ihm schlecht bekommen. Aber man kame in eine 
allzu humorvolle Stellung zu dem V-Vischer selber, wenn man solche 
Dinge deuten wollte. Denn der V-Vischer wollte nicht einmal den 
zweiten Teil des Goetheschen «Faust» gelten lassen und verspottete 
die Kommentare, die Deuter, indem er sich selbst in einem dritten 



Teil des «Faust», den er schrieb, mit Anspielung an all diejenigen, 
die so viel geistreiche Dinge im zweiten Teil des «Faust» finden, 
Deutobold Allegoriowitsch Mystifizinsky nannte; Deutobold Sym- 
bolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky und so weiter nannte er sich. 
Und als solcher schrieb er den dritten Teil des Goetheschen «Faust», 
urn die Kommentare zu verspotten, die eine tiefere Weisheit im Goe- 
theschen «Faust» sehen wollten. - Man will doch nicht auch so ein 
Allegoriowitsch werden und da die eigenen Schicksale des Schwaben- 
Vischer in seinem «Auch Einer» etwa ausgesprochen oder irgendwie 
angedeutet finden. 

Man mochte sagen, es ist schon bemerkenswert, wie in diesem 
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dastehen auf der einen Seite der 
so tief tragisch zu nehmende Nietzsche, der an den Diskrepanzen, 
die in seiner Seele sich abgespielt haben, zugrunde gegangen ist, und 
dieser Schwaben-Vischer, der nicht anders konnte, als die Haltlosig- 
keit der Weltanschauungen seiner Zeit in einer solchen Weise zum 
Ausdruck zu bringen, wie er das getan hat in dem Roman «Auch 
Einer». Man kann nur sagen, es ist eine gewisse Einheit sogar in 
diesem Romane, wie in gewissen naturwissenschaftlichen materiali- 
stischen Anschauungen eine gewisse Einheit ist. Schliefilich, wenn 
man auf den Wasserstoff schaut, auf den Sauerstoff schaut, auf das 
Zink schaut, auf das Gold schaut, es sind ja so verschiedene Dinge, 
aber zusammen findet man iiberall die eine atomistische Einheit. Es 
sind iiberall die Atome, sie sind nur ein birchen anders zusammenge- 
kollert, so da£ sie sich ein bifichen anders ausnehmen. Und hier in 
diesem Roman herrscht auch eine ganz merkwiirdige Einheit. 

So findet zum Beispiel der «Auch Einer» die Personlichkeit, die 
weibliche Personlichkeit, die ihm wirklich einen groften Respekt 
eingeflofit hat im Leben, nun als Witwe wiederum. Es ist fur ihn ein 
grofier Moment. Dem Manne ist er zu tiefem Dank verpflichtet, der 
ist gestorbeh. Er findet die von ihm tief verehrte Personlichkeit als 
Witwe wieder in einem Hotel. Sie kommt mit ihm in ein Gesprach. 
Und dieses Gesprach wird unterbrochen, weil eben der « Auch Einer» 
in einen furchtbaren Nieskrampf verfallt. Dieses Gesprach geht nicht 
zu Ende. Es ist immer die Materie, was da vernichtend wirkt, was 



in dieser Suche nach einer Weltanschauung, nach dem Geist sich 
auflehnt, es ist immer die Materie, die da eingreift und die zum 
Schlusse eben alles materiell macht. Man kann ja schon gar nicht 
anders als alles dem Materialismus zuschreiben, wenn man die erha- 
bensten Offenbarungen der Menschenseele gerade auftern will, und 
nun, nicht wahr, kommt nicht einmal das Wort «Ideal» zustande, 
sondern «Ide-», und dann kommt ein langer Nieser! Man sieht ja, 
wie sich die Materie iiberall geltend macht und wie das Ideale eben 
verschwindet gegeniiber der Materie. 

Er ist schon eine aufierordentlich bedeutsame kulturhistorische 
Erscheinung, dieser Roman «Auch Einer» von dem Schwaben-Vi- 
scher, wenn man natiirlich auch sagen mufi, dafi da vieles Philistrose 
drinnen ist. Aber dadurch ist er gerade wiederum ein besonderer 
Ausdruck fur die Zeit. Und er driickt eben das aus, dafi man schliefi- 
lich als ein geistig veranlagter Mensch sich fur die Bediirfnisse der 
menschlichen Seele nicht mehr zurechtfand in dem, was geworden 
war aus Geist, aus Materie, so dafi man eben, wie der «Auch Einer», 
mit dem Geist auf die abstraktesten Ideen kommen konnte, die ein- 
ander so totschlugen wie die Abschaffung der Priigelstrafen und die 
offentliche Auspeitschung der Tierqualer. So schlagt eine Idee die 
andere tot. Und wendete man sich nun zur Materie, so bekam man 
die Materie da, wo sie einem am wahrnehmbarsten wurde: in dem 
Nasenschleim. 

Das war nicht gerade fein, mochte man sagen, aber der Schwaben- 
Vischer hat ja auch ein sehr interessantes Buch geschrieben iiber 
Frivolitat und Zynismus. Er wo lite niemals frivol werden, halke 
daher furchtbar die ausgeschnittenen Taillen der Damen, aber er f and 
in dem Zynismus etwas aufierordentlich Richtiges, was man iiberall 
anwenden miisse, wo man das oder jenes ordentlich darstellen wollte. 
Und deshalb schreckte er auch nicht zuriick, man mochte sagen, 
nicht frivol, aber manchmal etwas unappetitlich, die Weltenereignisse 
im materialistischen Sinne, aber humoristisch, wie er meinte, darzu- 
stellen. 

Man mufi schon das, was in den Zeiten lebt, nicht nur durch 
abstrakte Gedanken begreifen wollen und auch nicht blo$ durch 



Sentimentalitat erfassen wollen, sondern man mull es in Stimmungen 
erfassen wollen. Und ich meine wirklich, dafi etwas von der Stim- 
mung des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts in jenen Empfindun- 
gen lag, die diese Schwabenseele durchdrungen haben, die Vischer- 
sche, als er den Roman «Auch Einer» geschrieben hat. 



DAS MYSTERIUM DES KOPFES 
UND DAS DES UNTEREN MENSCHEN 



Dornach, 6. Mai 1923 



Wenn wir eine solche Erscheinung ins Auge fassen wie die, von der 
wir gestern gesprochen haben, dann tritt uns ja so klar wie moglich 
eigentlich entgegen, daft nicht nur im letzten Drittel des 19. Jahrhun- 
derts der Materialismus heraufgekommen ist in der geistigen Mensch- 
heitsentwickelung, sondern etwas, was im Grunde genommen noch 
schlimmer ist als der Materialismus, daft heraufgekommen ist eine 
gewisse Unsicherheit und Haltlosigkeit gerade derjenigen Geister 
und Denker, die nicht so bedingungslos mit dem Materialismus gehen 
konnten. Wir finden ja eigentlich in diesem letzten Drittel des 19. 
Jahrhunderts den folgenden Tatbestand. Wir finden, daft die eigentli- 
chen materialistisch gesinnten und gestimmten Menschen gerade da- 
mals eine gewisse innere Sicherheit schon hatten. Man braucht ja nur 
einen Blick zu werfen auf all diejenigen Menschen, welche aus ihrem, 
man mochte sagen, Erkenntnis-Machtbewufttsein heraus die natur- 
wissenschaftlichen Ergebnisse fur souveran erklarten, von da aus eine 
Weltanschauung begriindeten. Sie traten mit einer gewissen ungeheu- 
ren Sicherheit auf. Und nicht eigentlich der Inhalt desjenigen, was 
sie gaben, sondern die Sicherheit ihres Auftretens hat dazumal die 
zahlreiche materialistische Anhangerschaft hervorgebracht. Dagegen 
alle diejenigen, die, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, ja nur 
mit den abstrakten Ideen noch zum Geiste hielten, die fuhlten sich 
mehr oder weniger so unsicher wie eben der Schwaben-Vischer, von 
dem ich gestern gesprochen habe. Sie konnten an dem Geiste nur 
noch so festhalten, daft sie sagten: Da sind eben hinter den Erschei- 
nungen der aufteren Sinneswelt wirkende Ideen. - Aber diese Ideen 
konnten sie nur abstrakt darstellen. Sie konnten nicht ein wirkliches 
geistiges Leben hinter diesen Ideen den Menschen vor Augen riicken. 
Sie konnten nicht sprechen von einem wirklichen geistigen Leben. 
Daher hatten die abstrakten Ideen fur sie selber nicht eine richtungge- 



bende Kraft. Und daher war schon in den neunziger Jahren eigentlich 
im offentlichen Leben nichts mehr da von jenem Idealismus, der ja in 
der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts durchaus noch Geltung hatte, 
der dann von vereinzelten Menschen vertreten worden ist, wie ich ja 
in der vorletzten Nummer des «Goetheanum» angedeutet habe, der 
aber eben doch versiegt war, als die Wende des Jahrhunderts da war. 

Charakteristisch ist ja, daft eingeleitet wurde das letzte Drittel des 
19. Jahrhunderts durch ein sehr wirksames Buch, die «Geschichte 
des Materialismus» von Friedrich Albert Lange. Diese «Geschichte 
des Materialismus» hat einen aufterordentlich tiefen Eindruck ge- 
macht. Sie ist 1866 zuerst erschienen, leitet also eigentlich das letzte 
Drittel des 19. Jahrhunderts ein. Diese «Geschichte des Materialis- 
mus» kann so recht als ein Symptom fur die Seelenverfassung, der 
die Menschheit nunmehr entgegenging, aufgefaftt werden. Denn was 
ist enthalten gerade in dieser «Geschichte des Materialismus»? 

Friedrich Albert Lange stellt ungefahr dar, daft der Mensch zu 
keiner anderen verniinftigen Weltanschauung kommen konne als 
zum Materialismus, daft er eigentlich nicht anders konne, wenn er 
sich nicht Illusionen hingeben will, als die atomistisch angeordnete 
Materie fur dasjenige zu erklaren, von dem man ausgehen miisse fur 
eine Welterkenntnis. Also man miisse fur die Wirklichkeit zugrunde 
legen diese den Raum erfiillende, materielle Atomenwelt. 

Friedrich Albert Lange fiel es ja allerdings auf, daft man sich 
Begriffe machen miisse iiber diese Welt und daft diese Begriffe, Ideen, 
doch etwas anderes seien als dasjenige, was in Atomen lebt. Aber er 
sagte: Nun ja, die Begriffe sind eben eine Erdichtung. - Von ihm 
kam ja gerade der Ausdruck Begriffs-Dichtung. Und so dichtet der 
Mensch sich seine Begriffe zusammen. Nur tritt die aufterordentlich 
merkwiirdige Tatsache ein, daft sich nicht jeder Mensch seine eigenen 
Begriffe dichtet; sondern damit man sich so ein birchen versteht, 
kommt zustande, daft die Menschen gemeinsame Begriffe erdichten. 
Aber erdichtet sind die Begriffe. Real ist eben nur die in den Raum 
gestreute atomische Materie. 

Sehen Sie, das ware krasser Materialismus, der alles, was iiber den 
Materialismus hinausgeht, als Dichtung erklart. Und man konnte 



sagen: Wenigstens ein konsequenter Standpunkt! Allein das ist die 
Sache nicht in Friedrich Albert Langes Buch. Wenn er nur so weit 
ginge, wie ich Ihnen bis jetzt erzahlt habe, so ware er eben ein 
konsequenter Materialist. Schon. Ich habe Ihnen ja gestern gesagt, 
der konsequente Materialismus ist gar nicht zu widerlegen. Und 
wenn jemand nun keinen Zugang zur geistigen Welt hat - Friedrich 
Albert Lange hatte ganz gewift keinen -, dann kann er eigentlich 
nichts anderes, als eben den Materialismus aufstellen als die einzig 
giiltige Weltansicht. 

Aber das tut er namlich nicht, sondern Friedrich Albert Lange 
sagt noch etwas anderes, was, ich mochte sagen, wie der rote Faden 
durch alle Ausfuhrungen seines Buches hindurchgeht. Er sagt: Das 
ist schon richtig, man kann nur die materielle Atomenwelt als real 
annehmen. Aber wenn man das annimmt, wenn man nun hergeht 
und sagt, da wirkt im Raume die materielle Atomenwelt, so und so 
angeordnet im Wasserstoff, im Stickstoff, so und so zusammenwir- 
kend, wenn Vorstellungen im Gehirn ausgekocht werden, und so 
weiter - wenn man das alles annimmt, so ist das zuletzt auch nur 
eine Begriffs-Dichtung. Also der Materialismus, zu dem man sich 
notwendig bekennen mu$, der ist selbst eigentlich nur ein Idealismus, 
denn man erdichtet ja wiederum nur die Atomenwelt. 

Es gibt ein viel einfacheres Bild, urn dasjenige auszudriicken, was 
da Friedrich Albert Lange in seinem weltberuhmten Buche zum 
Ausdruck gebracht hat; mit Bezug auf die logische Form gibt es ein 
viel einfacheres Bild. Das ist namlich die beruhmte Munchhausensche 
Personlichkeit, die sich an dem eigenen Haarschopf anfalk und sich 
nun da in die Hohe zieht. Der Idealist nimmt sich beim idealistischen 
Haarschopf und zieht sich in den Materialismus hinein. 

Wir sehen, schon eines der weltberiihmtesten Werke im Beginne 
des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts ist eigentlich nichts anderes 
als ein ganz gewohnlicher Unsinn, man kann gar nicht anders sagen, 
es ist eigentlich ein ganz gewohnlicher Unsinn. Nicht wahr, wenn 
es Materialismus ware, diese «Geschichte des Materialismus », dann 
ware es wenigstens neu. Aber da£ es ein materialistischer Materialis- 
mus ist, ein erdichteter Materialismus ist, ja, das ist der reine Unsinn. 



Aber was geschieht in diesem naturwissenschaftlich so erfolgrei- 
chen letzten Drittel des 19. Jahrhunderts? Diese historische Tatsache 
raufi man ja vor die Seele hinstellen. Was geschieht? Friedrich Albert 
Langes Buch wird weltberiihmt, denn es ist so ziemlich in alle Kultur- 
sprachen iibersetzt worden, und die hervorragendsten, erleuchtetsten 
Geister haben es als eine erlosende Tat aufgefafit. 

Sie kennen ja die Sache, die jetzt so haufig in der Eurythmie 
aufgefuhrt worden ist: «Bim, Bam, Bum», wo der eine Ton, Bam, 
hinter dem Tone Bim dahinfliegt; aber Bim hat sich dem Bum er- 
geben: 

«der ist zwar auch ein guter Christ, 
allein das ist es eben». 

Ich mufi Sie daran erinnern: Alle diejenigen, die dann ihre Weisheit 
aus Friedrich Albert Lange gesogen haben und die wiederum die 
Ausgangspunkte dafiir gebildet haben, dafi ja im Grunde genommen 
unser ganzes offentliches Denken von dieser Sache durchsetzt ist, es 
waren ja alle erleuchtete Geister - allein das ist es eben: fur das letzte 
Drittel des 19. Jahrhunderts! Und diejenigen, die blofi Publikum 
waren, die haben von alledem nichts gemerkt. Und so ist ja wirklich 
mit Bezug auf die tiefsten Interessenfragen der Menschheit ein unge- 
heuer intensiver Schlafzustand heraufgezogen. 

Sie werden sagen: Die Dinge sind iibertrieben. - Sie sind eben 
nicht iibertrieben! Blofi die Tiefe des Schlafzustandes, der die 
Menschheit befallen hat in bezug auf die grolken Fragen des geistigen 
Lebens, die Tiefe dieses Schlafzustandes ist eben wwfertrieben, nicht 
ist das, was ich gesagt habe, iibertrieben, sondern die allgemeine 
Anschauung iiber diese Dinge ist eben untertrieben. Und man mufS, 
wenn iiberhaupt ein gesundes Fundament entstehen soil fur ein zu- 
kiinftiges Geistesleben, diese ganze schwerwiegende Tatsache, wie 
ich sie eben charakterisiert habe, sich vor die Seele riicken, mit aller 
Intensitat sich vor die Seele riicken. Denn dadurch ist ja iiberhaupt 
das Interesse der Menschheit fiir die geistige Welt ausgeschaltet 
worden aus der Entwickelung dieser Menschheit. Und nach und nach 
wurde die Sache so, daft man jemanden um so mehr fiir einen grofien 



Wissenschafter gehalten hat, je weniger er geistige Probleme nur 
iiberhaupt beriihrt hat. Das war die Situation um die Jahrhundert- 
wende. 

In diese Situation hinein versetzt war dann dasjenige, was Anthro- 
posophie sein wollte. Und so mufi, wenn ich mich so ausdriicken 
darf, die Aufgabe der Anthroposophie aufgefaftt werden. Sie mufi 
so aufgefaftt werden, daft sie tatsachlich aus dem Fundamente heraus 
arbeiten mufi, nicht ankniipfen darf an dies oder jenes, das bei der 
einen oder anderen Richtung schon da ist. Es ist eben nichts da, und 
man raufi aus dem Fundamente heraus das Wesen des Anthroposo- 
phischen verstehen. Dann, wenn man aus dem Fundamente heraus 
das Wesen des Anthroposophischen versteht, wird man finden, daft 
die Tatsachen, die gerade durch die Naturwissenschaften vorliegen, 
iiberall im hochsten Ma£e brauchbar sind fur anthroposophische 
Forschung und daft diese Tatsachen der Naturwissenschaft erst ihre 
richtige Beleuchtung finden durch anthroposophische Forschung. So 
muft die Situation aufgefaftt werden. Aber dazu ist notwendig, daft 
sich wirklich ein gewisser Teil der Menschheit entschlieftt, den Intel- 
lektualismus ins Spirituelle hinuberzufiihren. 

Gewift, die Menschen, die sich der anthroposophischen Bewegung 
anschlieften, sind ja alle tief erfullt von einem gewissen Drang und 
Hang nach der geistigen Welt. Aber die wenigsten lieben es, auch 
die Ideenwelt der Gegenwart hinuberzufiihren ins Spirituelle. Man 
mochte mit Ausschaltung der Ideenwelt Anthroposophie sozusagen 
wie eine Art Gemiitstrost in sich aufnehmen. Das aber wird nicht 
geniigen, um der Anthroposophie ihre impulsive Kraft im geistigen 
Leben zu geben. Sehen Sie, was da in Betracht kommt, das muft 
wirklich im einzelnen, Konkreten erfaftt werden, und da will ich 
Ihnen heute gerade ein einzelnes konkretes Beispiel vorfiihren. 

Ich habe es Ihnen ja ofter gesagt: Dasjenige, was Sie heute als 
Kopf aufgesetzt haben, das ist der umgewandelte Organismus des 
vorigen Lebens. Nur muft man von diesem Organismus des vorigen 
Erdenlebens den Kopf wegdenken. Es ist wirklich so. Da war man 
im vorigen Erdenleben, den Kopf muft man wegdenken, der lost sich 
auf im Weltenall. Dasjenige aber, was der iibrige Organismus ist, das 



wird nun der Kopf des nachsten Erdenlebens. Und aus diesem Orga- 
nismus wird wiederum der Kopf des nachsten Erdenlebens und so 
weiter. So ist die Sache. 

Nun kann ja heute wiederum jemand sagen: Aber nicht nur mein 
Kopf ist begraben worden im vorigen Erdenleben, sondern auch 
mein iibriger Organismus. Der hat ja gar keine Gelegenheit gehabt, 
sich zu verwandeln in den Kopf meines diesmaligen Erdenlebens. - 
Ja, das ist ja eine ganz oberflachliche Auffassung. Da sehen Sie nicht 
hm auf Ihren Kopf und auf den iibrigen Organismus, sondern da 
sehen Sie hin auf die physische Materie, die heute Ihren Kopf ausfiillt. 
Ja, die andert sich auch wahrend des Erdenlebens ungefahr alle sieben 
Jahre. Was Sie heute als Ihre Materie in sich tragen, das haben Sie 
vor acht Jahren noch nicht gehabt. Dasjenige, was durch das Erdenle- 
ben durchgeht, das ist ja die durchaus unsichtbare iibersinnliche 
Form. 

Die Materie, die Ihren Kopf ausfiillt, die haben Sie natiirlich erst 
in diesem Erdenleben aufgenommen. Aber die Form, die iibersinnli- 
chen Krafte, die sich heute zu den Augen runden, die die Nase 
aufstiilpen, sind dieselben Krafte, die im vorigen Erdenleben Arme 
und Beine und den iibrigen Organismus eben gebildet haben. Dafi 
Sie mit physischen Sinnen von den anderen Menschen gesehen wer- 
den, das riihrt davon her, dafi ganz gestaltlose Materie Ihre Gestalt 
ausfiillt. Es ist ja nicht die Materie, die Ihnen die Gestalt gibt. Wenn 
Sie Salz essen, so will ja das Salz wiirfelformig sein, es will nicht 
nasenformig sein, auch nicht augenformig, es will wiirfelformig sein 
und so weiter. Da$ Sie die Gestalt haben, als die Sie als Mensch 
erscheinen, das haben Sie ja nicht von der Materie, die der Grund 
Ihrer physischen Sichtbarkeit ist; aber die Gestalt Ihres gegenwartigen 
Kopfes, die ist wirklich durch Metamorphosen hindurchgegangen, 
durch die Gestalt Ihres Organismus aufier dem Kopfe des vorigen 
Erdenlebens. Dadurch aber war ja Ihr Kopf wirklich in einer aufteror- 
dentlich giinstigen Situation. Weil er so gut behandelt worden ist im 
Weltenall, deshalb ist er auch zuerst, als ein richtig gestalteter Kopf, 
im Embryonalleben aufgetreten. Denken Sie sich nur, der Kopf ist 
ja zuerst sehr schon ausgebildet, das andere hangt im ersten Embryo- 



nalleben wirklich nur wie Nebenorgane daran. Das raufi erst von 
aufien gestaltet werden, sieht eigentlich furchtbar aus im Verhaltnis 
zur Menschengestalt, wenn man es betrachtet, wahrend der Kopf 
von Anfang an eigentlich sehr schon schon ausgebildet ist. Wer aller- 
dings nur den ausgewachsenen Menschen gelten lafit, fur den wird 
ja auch der Kopf des Embryos etwas Unsympathisches haben, aber 
eigentlich ist er schon schon ausgebildet. Das ist, weil er sich seine 
Gestaltungskrafte aus dem vorigen Leben mitbringt. 

An diesem Kopfe ist also eigentlich so gearbeitet worden zwischen 
dem Tod und der jetzigen Geburt, wie ich das in den Vortragen iiber 
Kosmologie, Religion und Philosophic vor langerer Zeit im Goethea- 
num driiben aufgestellt habe. Dieses Arbeiten zwischen Tod und 
neuer Geburt bezieht sich eben auf die Ausgestaltung der Formkrafte 
des menschlichen Hauptes. 

Deshalb aber ist das Haupt des Menschen gegenuber dem Kosmos 
etwas aufierordentlich Vollkommenes. Das Haupt des Menschen ent- 
halt eigentlich materiell das Abbild des Geistes, der Seele und des 
Leibes des Menschen. Wenn man also das Haupt ins Auge faik, so 
Tafel 3 hat man da auf materielle Art, indem sie in der gestalteten Materie 
erscheinen, zusammenwirkend Geist, Seele und Leib. Man konnte 
sagen: Fur das Haupt des Menschen ist Geist, Seele und Leib noch 
leiblich. Sehen Sie, das ist das Geheimnis des menschlichen Hauptes, 
daft auf leibliche Art da der Geist auftritt, dafi wir an dem Wunderbau 
des Gehirns materiell aufzeigen konnen: dieser Wunderbau ist ein 
Bild des Geistes. Wie der Siegellack das ausdriickt, was auf dem 
Petschaft ist, so haben wir durch das Haupt materiell Geist, Seele 
und Leib gegeben. 

Bei dem Stoffwechsel-Gliedmaften-Menschen ist es so, daft Sie 
sagen konnen: Da ist eigentlich alles mehr oder weniger physisch 
vorhanden. Die Beine, diese zwei Saulen, haben ja noch nichts von 
dem Wunderbau des menschlichen Hauptes. Sie werden erst eine 
Metamorphose durchmachen. Sie werden als Unterkiefer mit seiner 
wunderbaren Funktion und Beweglichkeit im nachsten Erdenleben 
erscheinen, wahrend die Arme nach der Umwandlung im nachsten 
Leben hineingeheimnifit sind in den Oberkiefer und so weiter. So 



daft man sagen kann: In dem Bewegungssystem - es sind allerdings 
schon die Arme etwas umgestaltet, nachdem der Mensch seinen auf- 
rechten Gang sich angeeignet hat -, da ist im wesentlichen das Umge- 
kehrte der Fall, da ist Geist, Seele und Leib eigentlich geistig. Da 
sind Geist, Seele und Leib durchaus ein Geistiges. 

Man mochte sagen, so wie der Mensch materiell aussieht in bezug 
auf seine Beine und alles dasjenige, was da dran hangt, so ist das 
nicht wahr. Es wird erst in seiner wahren materiellen Gestalt sich 
im nachsten Erdenleben zeigen, wenn es Kopf geworden ist. Jetzt 
ist es ganz im Anfange, ist eigentlich in dem, als was es materiell 
erscheint, ganz unwesentlich. Das Wesentliche daran ist dasjenige, 
was es erst durch den Willen wird: die Bewegung, die Dynamik, die 
Statik, alles dasjenige, was der Mensch von seinem Bewegungssystem 
in den Willen uberfiihrt. Also was geistig ungreifbar, was geistig 
iibersinnlich ist, das ist dasjenige, was dieser iibrige Mensch ist. Wah- 
rend also der Kopf bei jedem materiellen Wesen ein Abbild des 
Geistes ist und der Geist selbst da leiblich erscheint, ist beim Bewe- 
gungssystem der Leib kaum leiblich. Man mufi uberall, wenn man 
iiberhaupt in dem ganzen Bewegungssystem einen Sinn finden will, 
aufsuchen: Inwiefern taugt das Leibliche zum Geistigen, zur geistigen 
Offenbarung des Menschen? So daft man sagen kann: Das ist das 
ganz groftartige Mysterium des Kopfes, daft Geist, Seele und Leib 
leiblich sind. Daft Geist, Seele und Leib geistig sind, das ist das 
groftartige Mysterium des unteren Menschen. 

Sehen Sie, das Alte Testament hat aus dem instinktiven Hellsehen 
viel besser iiber diese Dinge Bescheid gewuftt als der heutige Mensch. 
Der heutige Mensch iiberschatzt eigentlich den Kopf. Ich habe das 
ja von verschiedenen Gesichtspunkten aus schon auseinandergesetzt. 
Im Alten Testament werden Sie niemals die Illusion hingestellt finden, 
als ob das Gehirn Traume aushecke! Es wird davon geredet: Jahve 
peinigte den Menschen im Schlafe in bezug auf seine Nieren. Da 
wuftte man, daft im Stoffwechselsystem dasjenige liegt, was sich im 
Traumen darstellt. Da schrieb man nicht alles dem Kopfe zu. Warum 
schreibt man denn heute eigentlich alles dem Kopfe zu? Das will ich 
Ihnen sagen: An den Geist glaubt man nicht, deshalb schaut man auf 



dasjenige am Menschen nicht hin, wo selbst der Leib noch geistig 
ist. Auf den unteren Menschen schaut man eigentlich nicht hin, da 
ist man nicht stolz darauf. Aber man schaut auf das, wo selbst der 
Geist leiblich-materiell ist, auf den Kopf: Auf das ist man stolz, weil 
da der Geist materiell-leiblich wird. 

Also Uberschatzung des Kopfes, das ist schon Materialismus. Man 
will bloft die Materie und will auch den Geist bloft als Materie haben. 
Deshalb findet man heute in unseren physiologischen, in unseren 
wissenschaftlichen Darstellungen den Kopf so beschrieben, wie er 
beschrieben wird, weil man den Geist nur materiell haben will. Das 
ist er, aber im Kopfe. Nur naturlich weift man nichts davon, daft, 
bevor dieser Kopf den Geist bis zur leiblichen, das heiftt materiellen 
Bildhaftigkeit herunterbringen konnte, er durchgehen muftte durch 
das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Daft 
iiberhaupt dieses materielle Abbild des Geistes des Menschen im 
Kopf hat entstehen konnen, dem muftte eine lange geistige Entwik- 
kelung vorangehen. Diese materielle Wunderbildung des menschli- 
chen Gehirns ist der Abschluft einer wunderbaren Geistesentwik- 
kelung. Aber man will bloft auf das Materielle sehen, will auch bloft 
den Geist in seiner materiellen Form gelten lassen. 

Nun, jetzt wollen wir einmal uns entschlieften, meine lieben 
Freunde, recht achtzugeben. Man kann ja auch, wenn man schon 
iiber das vierzehnte Jahr hinaus ist, trotzdem noch recht achtgeben. 
Nicht wahr, da haben wir oben eine Region im Menschen, die ist 
ganz leiblich, und da haben wir unten eine Region im Menschen, die 
ist ganz geistig. Ja, muft es da nicht einen Zwischenpunkt geben, 
Tafel 3 der weder ganz leiblich noch ganz geistig ist, der beides ist, 
folglich keines von beiden? Es muft also da in der Mitte einen 
neutralen Punkt geben, wo das Geistige ins Leibliche und das Leib- 
liche ins Geistige ubergeht, wo keines von beiden da ist, wo der 
Mensch weder abhangig von oben, noch abhangig von unten ist, wo 
er unabhangig von beiden ist. Das muft es da irgendwo in der Mitte 
geben. 

Wollen wir uns die Bedeutung dieses Punktes, der also im mittle- 
ren Menschen, im Brust-Menschen, liegen muft, einmal klarmachen. 



Denken Sie sich, Sie haben hier eine Waage. Denken Sie sich hier Tafel 4 
eine Last, auf der anderen Seite Gewichte; nun bringen Sie ein Gleich- 
gewicht hervor. Ich darf nicht hier ein Ubergewicht geben, sonst 
geht das herunter, ich darf auch nicht dort ein Ubergewicht geben, 
sonst geht das herunter, ich darf auch nichts wegnehmen, sonst be- 
wegt sich das Ganze. Aber sehen Sie, hier ist ein Punkt, ein neutraler 
Punkt. In diesen Punkt konnten Sie hineinbringen so viel Sie wollten, 
nichts wiirde geandert im Gleichgewicht der Waage. Sie konnten 
auch die Waage da nehmen, und wenn Sie vermeiden, dafi irgendwo 
ein Ubergewicht entsteht durch irgendeinen Schwung oder so etwas, 
so konnen Sie die Waage iiberall herumbewegen, das Gleichgewicht 
bleibt dasselbe. Sie konnen wahrend der Bewegung richtig das Wagen 
ausfuhren. Das ist ein Punkt, der iiberhaupt das ganze System der 
Waage nichts angeht, ein Gleichgewichtspunkt. An dem konnen Sie 
ausfuhren, was Sie wollen, so andert sich fur die iibrigen Verhaltnisse 
der Waage gar nichts. Da hat zum Beispiel einer hier eine Last darauf, 
auf der anderen Seite Gewichte. Jetzt fallt ihm ein: Der Waagebalken 
ist von Eisen, das gefallt mir nicht, ich mache ihn aus Gold. - Nun 
braucht er nur den Mittelpunkt etwas zu vergroftern, denn eigentlich 
ist der Ruhepunkt ein mathematischer Punkt, aber man wird ihn 
etwas vergroftern konnen. Man kann ganz gut Gold hier herein- 
bringen in den Ruhepunkt: Das Gleichgewicht wird nicht geandert. 
Wenn Sie das Gold hier irgendwo hinbringen - aufierhalb des Mittel- 
punktes -, dann andert sich gleich das Gleichgewicht. Aber wenn 
einer da einen hohlen Raum erzeugen und Fleisch hineinbringen will, 
so kann er das auch, es andert sich das Gleichgewicht dadurch nicht. 
Ein anderer bringt Butter hinein: Die Butter schmilzt in der Sonne, 
das Gleichgewicht der Waage andert sich nicht. Kurz, es ist eben 
hier ein Punkt, ganz unabhangig von dem ganzen System der Waage, 
wo Sie machen konnen, was Sie wollen. 

In derselben Lage ist der Punkt, der da zwischen dem Leiblichen 
und Geistigen als ein Ausgleichspunkt drinnen liegt. Der ist weder 
vom Leiblichen noch vom Geistigen irgendwie abhangig. Da kann 
der Mensch aus diesem Punkt heraus machen, was er will. 

Wenn man sich einfach vorstellt, der Mensch ist ein leibliches 



Wesen und alles hangt einseitig nach Ursache und Wirkung zusam- 
men, da findet man diesen Punkt nicht. Wenn man sich vorstellt, der 
Mensch ist nur ein geistiges Wesen und alles ist von oben herunter 
durch gottliche Welten determiniert, dann ist wiederum nichts zu 
machen, denn dann mulS der Mensch das ausfiihren, was von den 
Gottern determiniert ist. Wenn man aber weifi: Da ist ein Gleichge- 
wichtspunkt, da ist der Mensch gottbestimmt nach oben, materiebe- 
stimmt nach unten, und mit dem einen Punkt, der nun nachweisbar 
ist in seinem mittleren Menschen, mit dem kann er anfangen in der 
Welt, was er nur aus sich heraus anfangen will - wenn Sie diese 
dreifache Konstitution des Menschen haben, dann finden Sie in dem 
mittleren Teil wissenschaftlich streng nachweisbar die Tatsache der 
menschlichen Freiheit. Das kann man so sagen, das ist so wissen- 
schaftlich, wie irgendeine quadratische Gleichung gelost werden 
kann oder ein Differentialquotient gesucht werden kann oder irgend 
etwas. Es ist etwas, was nach den strengen Regeln der Wissenschaft 
behandelt werden kann. Also Freiheit ist das Ergebnis einer wirkli- 
chen Kenntnis der Konstitution des Menschen, weil es im Menschen 
einen Punkt gibt, der nach oben hin und nach unten so unabhangig 
ist, wie von der Last rechts und links das Hypomochlion der Waage 
unabhangig ist. Sie konnen die Waage iiberall herumtragen, konnen 
diesen Punkt ersetzen, wie ich Ihnen erzahlt habe, durch was Sie 
wollen. So konnen Sie auch einen Punkt im Menschen finden, wo 
die Naturkausalitat, die Ursachen- und Wirkungszusammenhange 
aufhoren, wo auch die Zusammenhange von oben aufhoren, die De- 
termination durch die geistige Welt, wo sich beide das Gleichgewicht 
halten. Da, in diesem Hypomochlion der menschlichen Natur ist 
verbiirgt die menschliche Freiheit. Und sie ist wissenschaftlich streng 
nachweisbar, wenn man eine wahre Physiologie und eine wahre Psy- 
chologie hat, nicht dasjenige, was man heute hat und was ja, wie ich 
Ihnen schon gezeigt habe, sich zum Dilettantismus im Quadrat zu- 
sammensetzt in der Psychoanalyse. 

Das sind die Dinge, die den Menschen, die davon erfahren, zu 
denken geben sollten, indem sie folgendes ins Auge fassen. Sie konnen 
sich ja die ganze Literatur und Philosophic hernehmen, konnen iiber- 



all nachlesen von dem Problem der Freiheit - keiner kommt mit dem 
Problem der Freiheit zurecht. Warum? Weil er ja gar keine wirkliche 
Anschauung vom Menschen hat. Die gibt es eben heute nicht aufier 
in der Anthroposophie. Und die Tatsache, daft man mit dem Frei- 
heitsproblem nicht zurechtkommt, die weist wiederum zuriick auf 
die andere Tatsache, die ich Ihnen gestern, allerdings mehr mit einem 
humoristischen Tone, zu beleuchten versucht habe. Aber das, was 
ich gestern versuchte, aus einer wenigstens angeblich humoristischen 
Schopfung heraus, auf humoristische Weise zu charakterisieren, das 
lafk sich eben durchaus auch mit allem Ernste darstellen. 

Und mit Ernst mulS man diese Dinge behandeln, wenn man sich 
auch im Ernste zur Anthroposophie bekennen will. Dann handelt 
es sich wirklich darum, dafi man auf die echten Realitaten losgeht 
und diese aber auch in der entsprechenden Weise verwendet. Nicht 
wahr, wenn man doch nicht recht weifi: Soli man sich zum Geist 
bekennen, weil man den Geist nur in abstrakten Ideen kennt, oder 
soil man sich zum Materialismus bekennen, ja, dann wird man eben 
ein solcher Humorist wie der Schwaben-Vischer, dann denkt man 
als ein solcher Humorist ein humoristisches Weltensystem aus, das 
gar nicht fur einen feineren Geschmack, mochte ich sagen, ist, das 
katarrhalische Weltensystem. Gewift, man kann ja dariiber lachen - 
aber so mit absoluter Gewifiheit kann man ja auch nicht sagen, daft 
das nun nicht stimmt, die Welt sei entstanden durch einen «Nieser 
des Absoluten». Da ist eben wiederum ein Materielles nicht in der 
richtigen Weise verwendet. Es handelt sich nur darum, das Materielle 
immer in der richtigen Weise zu verwenden. Man mufi - ob man es 
nur erkennen will oder ob man es gebrauchen will - dieses Materielle 
in der richtigen Weise verwenden. Ich habe Ihnen ja davon gestern 
ein Beispiel gegeben, ich habe Ihnen dargestellt die Anschauung des 
Schwaben-Vischers, wie er tatsachlich aus dem Katarrh als aus einer 
zwingenden, iiberwaltigenden Realitat heraus ein ganzes Weltensy- 
stem schafft. Ja, auf dem Gebiete der Anthroposophie tut man das 
nicht! Da hat man auch einen Katarrh wie ich gestern, aber ich habe 
ihn immer nur ab und zu zur Illustration verwendet: Ab und zu kam 
das Katarrhalische, das Husten heraus; das war nur zur Illustration 



verwendet, nicht um gleich irgendwie die Grundlage zu einer Weltan- 
schauung zu gewinnen, sondern nur um Anschauungsunterricht zu 
geben. 

Nicht wahr, wenn man so haltlos hinwankt zwischen der katarrha- 
len Materie und dem bloft ideellen Geiste, dann kommt man darauf, 
von der Verfiihrung und Versuchung durch den Gott Grippo zu 
sprechen. Das ist ja auch nicht mehr auf dem Boden der Anthroposo- 
phie moglich. Da propagiert man ein Grippemittel, um eben der 
Versuchung nicht ausgesetzt zu sein, eine ganze Sundenfallmythe an 
den Gott Grippo anzukniipfen! Es handelt sich darum, daft man 
auch das Materielle an der richtigen Ecke erfaftt und es an seinen 
richtigen Platz stellt. 

Also die Dinge miissen sich wesentlich andern. Wenn man ein 
solcher Geist war wie der Schwaben-Vischer im letzten Drittel des 
19. Jahrhunderts, da argerte man sich und spuckte und rausperte sich 
und fand schlieftlich die Farce von dem Gotte Grippo. Wenn man 
Anthroposoph ist, so versucht man die Grippe mit unserem ja sehr 
wirksamen Grippemittel einfach zu bekampfen! Das sind die Dinge, 
die Sie hinweisen auf den richtigen Unterschied, wie man aus dem 
Geiste heraus das Materielle behandelt. 

Schon an der ganzen Art, wie man heute das menschliche Haupt, 
den menschlichen Kopf erkenntnismaftig betrachtet, sieht man, daft 
eigentlich die gesamte heutige Weltanschauung eine tiefe Sympathie 
fur den Materialismus hat. Und an der Tatsache, daft man dem Frei- 
heitsproblem ratios gegenubersteht, driickt sich das aus, daft man 
eben nicht weift, daft zwei ganz verschiedene Weltenimpulse an dem 
oberen Menschen und an dem unteren Menschen tatig sind. Und 
diejenigen, die in alten Zeiten bloft nach dem oberen Menschen ge- 
schaut haben, die haben gefunden: Der Mensch kann nicht frei sein, 
denn er ist iiberall determiniert aus der geistigen Welt heraus. Diejeni- 
gen, die heute nach dem Menschen hinschauen, die schreiben alle 
dem, was sich am Menschen auftert, einfach eine Naturkausalitat zu. 
Von beiden Gesichtspunkten aus kann der Mensch nicht frei sein. 
Aber die geistige Kausalitat gilt fur den Kopf, die Naturkausalitat 
gilt fur den Stoffwechsel-Gliedmaften-Menschen. Dazwischen liegt 



die rhythmische Organisation, die eben deshalb rhythmisch ist, weil 
sich in ihr die Dinge rhythmisch ausgleichen. In der rhythmischen 
Organisation liegt etwas, was weder im geistigen noch im materiellen 
Sinne determiniert ist, was weder determiniert noch kausalisiert ist, 
was darstellt den Punkt, aus dem heraus der Freiheitsimpuls beim 
Menschen kommt. 

Sie sehen, an solchen konkreten Punkten kann man aufzeigen, 
wie Anthroposophie gerade hineinleuchtend wirkt in die tiefsten 
Probleme des Menschendaseins. In demselben Augenblicke, in dem 
aufgestellt worden ist in meinem Buche «Von Seelenratseln» die 
dreigliedrige Menschennatur: Nerven-Sinnes-Mensch, rhythmischer 
Mensch, Stoffwechsel-Gliedmaften-Mensch, in demselben Augen- 
blicke war eben zuriickgeleuchtet auf die «Philosophie der Freiheit», 
in der die Freiheit einfach als eine Tatsache hingestellt worden ist. 
Es war hingeleuchtet auf diese Tatsache der Freiheit, so daft man 
sagen konnte: Betrachtet ihr den Menschen seiner wahren Wesenheit 
nach als eine solche dreigliedrige Organisation, dann konnt ihr ganz 
wissenschaftlich exakt zur Darstellung der Freiheit im Menschen 
kommen, wie man zur Darstellung des Hypomochlions bei der Waa- 
ge kommt oder irgendwo bei einem Kraftesystem eben zur Darstel- 
lung eines Gleichgewichtspunktes kommt, der dann da ist, unabhan- 
gig von dem ubrigen Spiel der betreffenden Krafte des Kraftesystems. 
Aber Sie werden daraus auch sehen, wie Sie eigentlich heute iiberall 
hinschauen konnen: Nirgends finden Sie ja die Wahrheit iiber diese 
Dinge vertreten. Und aus jenen mangelhaften Begriffen heraus, die 
ganz fernestehen der wahren Organisation des Menschen, werden 
die Menschen heute erzogen, bilden daraus moralische Systeme, Reli- 
gionssysteme, bilden daraus namentlich soziale Systeme. Ja, kein 
Wunder, daft diese sozialen Systeme in solchen Ausgeburten des 
Denkens sich darleben, wie das -an dem Beispiel so deutlich zutage 
tritt, das neulich von Leinhas im «Goetheanum» charakterisiert 
wurde, wo einer zugeben raulS, daft ja die Anschauungen, die an den 
Marxismus ankniipfen, sich im Leben selber widerlegt haben, das 
Leben zeigt, daft sie nicht gelten konnen. Aber das ist nicht ausschlag- 
gebend, man mufi erst abwarten, bis einer wissenschaftlich beweist, 



dafi sie nichts gelten konnen. Man kann eigentlich, wie es ja durch 
Leinhas geschehen ist, solche Dinge nur noch in Gansefiifichen mit 
den eigenen Worten der Autoritat anfiihren, denn will man sie wie- 
derholen, dann glaubt man, es zerspringt einem der Kopf. Es dreht 
sich nicht nur ein Miihlrad im Kopf herum, sondern man glaubt 
iiberhaupt, es zerspringt einem der Kopf, wenn man solche Dinge 
nur nachdenken soil. 

Das ist notwendig, daft man nicht bloE innerhalb der anthroposo- 
phischen Bewegung sich mitbewegt und draufien alles grad und 
krumm gehen lafit, sondern dafi man sich interessiert zunachst dafiir, 
wie chaotisch allmahlich unsere Erkenntnis und dasjenige, was aus 
dieser Erkenntnis in der Welt vielfach geschopft worden ist, sich 
eigentlich ausnimmt. 



kulturphAnomene 



Dornach, 1. Juli 1923 



Der heutige Vortrag soil in der Reihe derjenigen, die ich gehalten 
habe, nur eine Episode sein, ein Einschiebsel also, und zwar aus dem 
Grunde, weil es notwendig ist, daft Anthroposophen wache Leute 
seien, das heiftt sich ein Urteil bilden durch ein gewisses Hinschauen 
auf die Welt. Und so ist eben schon von Zeit zu Zeit einmal notwen- 
dig, daft auch innerhalb der Vortrage, die sonst den anthroposophi- 
schen Stoff behandeln, das eine oder das andere eingeschoben werde, 
was einen Blick eroffnet auf die sonstigen Vorgange, auf die sonstige 
Verfassung unserer Zivilisation. Und zwar mochte ich heute etwas 
weiter ausfiihren dasjenige, was ich kurz dargestellt habe in dem 
letzten Artikel des «Goetheanum», wo ich uber eine Schrift gespro- 
chen habe, die jetzt eben neu erschienen ist: «Verfall und Wiederauf- 
bau der Kultur» von Albert Schweitzer. Sie bezeichnet sich als der 
erste Teil einer Kulturphilosophie und beschaftigt sich im wesentli- 
chen mit einer Art Kritik der gegenwartigen Kultur. Ich mochte aber, 
um die Charakteristik, die Albert Schweitzer uber die Gegenwart 
gibt, auf einiges zu stiitzen, davon ausgehen, daft ich den Bestand 
derjenigen Kultur, die Albert Schweitzer treffen will, durch ein ein- 
zelnes, aber vielleicht charakteristisches Beispiel vor Sie hinstelle. Ich 
hatte ja Tausende wahlen konnen. Man braucht nur so hineinzugrei- 
fen, man kann nicht sagen, in das voile Kulturleben der Gegenwart, 
sondern in den vollen Kulturtod der Gegenwart, und man findet 
immer Geniigendes. Gerade darum handelt es sich ja, wie ich auch 
in den padagogischen Vortragen gestern und heute bemerkt habe, 
daft wir uns gewohnen, in solche Dinge mit ehrlich wachem Auge 
zu sehen. Und so habe ich denn zu einer Art von Grundlage etwas 
herausgegriffen aus der Reihe, die ja immer wie eine Representation 
der gegenwartigen Geisteskultur gelten kann, ich habe eine Rekto- 
ratsrede gewahlt, die gehalten worden ist 1910, am 15. Oktober in 
Berlin. Ich habe diese Rede deshalb gewahlt, weil sie gerade von 



einem Mediziner herriihrt, von einer Personlichkeit, die also nicht 
etwa einseitig in irgendeiner philosophischen Kulturbetrachtung 
darinnensteht, sondern die aus naturwissenschaftlichem Denken 
heraus eine Art Zeittableau hat geben wollen. 

Nun will ich Sie nicht mit dem ersten Teile dieser Rektoratsrede 
plagen, wo vorzugsweise von der Berliner Universitat die Rede ist, 
sondern ich mochte Sie mehr mit den allgemeinen Weltanschauungs- 
gedanken bekanntmachen, die der Mediziner Rubner - er ist es nam- 
lich - dazumal bei feierlicher Gelegenheit aufterte. Es ist schon des- 
halb das Beispiel vielleicht charakteristisch, weil es eben in das Jahr 
1910 fallt, wo alles in Europa und weit iiber Europa hinaus in dem 
optimistischen Glauben war, dafi ein ungeheurer geistiger Auf- 
schwung da sei, dafi man es eben so herrlich weit gebracht habe. 
Das, was ich auswahlen will, ist eine Art Apostrophe an die Studen- 
tenschaft, aber eine solche Apostrophe, die einen so recht in dasjenige 
hineinsehen lalk, was eine representative Personlichkeit der Gegen- 
wart in ihrem Herzen eigentlich herumwalzt. Da wird zunachst die 
Studentenschaft so angeredet: «Wir miissen alle lernen. Wir bringen 
auf die Welt nichts anderes mit als unser Instrument zur geistigen 
Arbeit, ein unbeschriebenes Blatt, das Gehirn, verschieden veran- 
lagt, verschieden entwickelungsfahig; wir empfangen alles aus der 
Au£enwelt.» 

Nun ja, man kann, wenn man durch diese materialistische Kultur 
der Gegenwart durchgegangen ist, ja auch diese Ansicht haben. Man 
braucht nicht engherzig zu sein. Man muE sich klar sein daruber, 
welche Macht die materialistische Kultur auf die gegenwartigen Per- 
sonlichkeiten ausiibt, und man kann dann begreifen, wenn jemand 
so spricht, daft man in die Welt hereinkomme mit einem unbeschrie- 
benen Blatt, dem Gehirn, und daft man alles von der Auftenwelt 
empfange. Aber horen wir doch weiter, wie diese Ansprache an die 
Studenten nun weitergeht. Da wird zunachst ausgefuhrt, scheinbar 
etwas klarer, wie wir ein unbeschriebenes Blatt sind, wie das Kind 
des bedeutendsten Mathematikers wieder das Einmaleins lernen muft, 
weil es ja leider von seinem Vater die hohe Mathematik nicht vererbt 
hat, wie das Kind des grofken Sprachforschers wiederum seine Mut- 



tersprache lernen muE und so weiter. Kein Gehirn mochte auch das 
alles fassen, was seine Vorfahren insgesamt erlebt und erfahren haben. 
Nun aber wird diesen Gehirnen angeraten, was sie, weil sie so ganz 
unbeschriebene Blatter sind, tun sollen in der Welt, um beschrieben 
zu werden. Da heiftt es weiter: «Was Milliarden Gehirne im Laufe 
der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was unsere Gei- 
stesheroen mitgeschaffen haben ...» - nicht wahr, das wird so zwei 
Seiten lang hintereinander gesagt, es wird den Menschen eingescharft: 
Sie kommen mit ihren Gehirnen als mit einem unbeschriebenen Blatt 
zur Welt und sollen nur recht achtgeben, daft sie das aufnehmen, 
was die Geistesheroen geschaffen haben. 

Ja, wenn diese Geistesheroen alle unbeschriebene Blatter waren, 
woher soil denn das alles gekommen sein, was die geschaffen haben 
und was nun die anderen unbeschriebenen Blatter aufnehmen sollen? 
Ein merkwiirdiger Gedankengang, nicht wahr! - Also: «Was unsere 
Geistesheroen mitgeschaffen haben, empfangt es», dieses unbeschrie- 
bene Blatt Gehirn, «in kurzen Satzen durch die Erziehung, und daraus 
kann nun seine Eigenart und sein individuelles Leben sich entfalten.» 

Auf der nachsten Seite wird diesen unbeschriebenen Blattern, 
diesen Gehirnen, nun ein merkwiirdiger Satz vorgesetzt: «Das Erlern- 
te gibt das Grundmaterial fur das produktive Denken.» Also jetzt 
figuriert auf einmal das produktive Denken auf den unbeschriebenen 
Blattern, diesen Gehirnen. Es ware doch selbstverstandlich, daft je- 
mand, der von den Gehirnen als unbeschriebenen Blattern spricht, 
da nicht sprechen wiirde von produktivem Denken. 

Nun ein Satz, der so recht zeigt, wie massiv materialistisch die 
Besten eigentlich allmahlich gedacht haben. Denn Rubner ist nicht 
einer der schlechtesten. Er ist ein Mediziner und hat sogar den Philo- 
sophen Zeller gelesen, was etwas heiften will. Also er ist gar nicht 
engherzig, sehen Sie. Aber wie denkt er? Er will das Erfrischende 
des Lebens darstellen, da sagt er: «Aber es hat stets etwas Erfrischen- 
des, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu 
arbeiten.» Wenn also der Student eine Zeitlang etwas gelernt hat und 
nun zu einem anderen Fache iibergeht, dann bedeutet das, daft er 
nun ein neues Feld des Gehirns beackert. Sie sehen, die Denkformen 



haben allmahlich eine ganz charakteristische materialistische Note 
bekommen. «Denn», so sagt er weiter, «manche Felder des Gehirns 
werden erst ertragnisreich, wenn man sie wiederholt beackert, tragen 
aber schliefilich dieselben guten Friichte wie andere, die miiheloser 
sich erschlie£en.» 

Man kann aufierordentlich schwer jetzt diesem Gedanken nachge- 
hen, denn es soli das Gehirn ein unbeschriebenes Blatt sein, und nun 
soil es von den beschriebenen Blattern, die aber auch einmal bei ihrer 
Geburt unbeschriebene gewesen sein miissen, alles lernen. Nun soli 
dieses Gehirn beackert werden. Aber nun miifite wenigstens ein Ak- 
kersmann da sein. Je weiter man eingehen wiirde auf solch ganz 
unglaubliches, unmogliches Denken, desto verwirrter wiirde man 
werden. Aber Max Rubner ist sehr besorgt um seine Studenten, und 
daher rat er ihnen, das Gehirn nur ja recht zu beackern. Sie sollen 
also das Gehirn beackern. Nun kann er doch nicht anders als sagen, 
daft nun das Denken das Gehirn beackert. Aber nun will er das 
Denken eben empfehlen. Da schlagt ihm wieder seine materialistische 
Denkweise in den Nacken, und da findet sich denn ein aufterordent- 
lich hubscher Satz: «Das Denken starkt das Gehirn, letzteres nimmt 
durch Ubung ebenso in den Leistungen zu wie ein anderes Organ, 
wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und Sport. Studieren ist Ge- 
hirnsport.» 

Nun, j etzt wurken die Berliner Studenten 1910, was sie vom Denken 
zu halten haben: «Denken ist Gehirnsport.» Ja, da fallt der reprasenta- 
tiven Personlichkeit der Gegenwart gar nicht ein, was beim Sport 
noch viel interessanter ist als dasjenige, was da aufierlich sich abspielt. 
Ungeheuer viel interessanter beim Sport ware namlich das zu betrach- 
ten, was sich wahrend der verschiedenen sportlichen Bewegungen in 
den Gliedern der Menschen eigentlich abspielt, was da fur innere 
Vorgange geschehen. Dann wiirde man sogar auf etwas sehr Interes- 
santeskommen.Wennman dieses InteressanteredesSportesbetrachten 
wiirde, dann wiirde man darauf kommen, daft der Sport ja zu denjeni- 
gen Betatigungen gehort, die dem GliedmalSenmenschen, dem Stoff- 
wechselmenschenangehoren. Das Denken gehortdemNerven-Sinnes- 
Menschen an. Da kehrt sich das Verhaltnis um. Was beim Menschen 



nach innen gewendet ist, die Vorgange im Innern des menschlichen 
Wesens, die treten beim Denken nach auften. Und dasjenige, was 
beim Sport nach auften tritt, das tritt nach innen. Also miiftte man 
gerade beim Denken das Interessantere in Betracht ziehen. Aber die 
representative Personlichkeit hat eben das Denken verlernt, kann 
iiberhaupt nicht irgendeinen Gedanken zu Ende bringen. 

Aus einem solchen, eigentlich in sich ganz unvollendeten, immer 
unvollendet bleibenden Denken ist ja unsere ganze neuzeitliche Kul- 
tur hervorgegangen. Man fangt nur gewissermaften bei solchen repra- 
sentativen Gelegenheiten dieses Denken, das unsere Kultur hervorge- 
bracht hat, eben ab. Man ertappt es gewissermaften da, Aber leider 
sind diejenigen, die solches Ertappen anstellen, ja nicht allzu haufig. 
Denn bei einer Berliner Rektoratsrede, also einer Universitatsrede 
bei feierlicher Gelegenheit: «Unsere Ziele fur die Zukunft» - da wird 
man, wenn man ein richtiger Mensch der Gegenwart ist, doch ernst. 
Das sagt ja die Wissenschaft, das sagt ja die unbesiegbare Autoritat 
Wissenschaft, die weift ja alles. Und wenn es der bewiesen ist, daft 
Denken Gehirnsport ist, nun, dann mufi man sich eben damit ab- 
find en; dann sind die Menschen nach Jahrtausenden und Jahrtau- 
senden so gescheit geworden, daft sie endlich darauf gekommen sind: 
Denken ist Gehirnsport. 

Ich konnte diese Betrachtungen jetzt fortsetzen in die verschieden- 
sten Gebiete hinein, und wir wiirden liberall sehen, daft, der gleiche 
Geist kann ich nicht sagen, daft der gleiche Ungeist waltet, der aber 
natiirlich bewundert wird. Nun, was da geworden ist, das haben 
doch einige Einsichtige auch schon, bevor der so aufterlich sichtbare 
Verfall da war, gesehen. Und man muft zum Beispiel sagen: Albert 
Schweitzer, dem ausgezeichneten Verfasser des Buches «Geschichte 
der Leben-Jesu-Forschung, von Reimarus zu Wrede», der immerhin 
durch ein umsichtiges, griindliches, tiefdringendes und scharfes Den- 
ken vorriicken konnte in der Leben-Jesu-Forschung bis zu der Apo- 
kalyptik, dem war schon zuzutrauen, daft er auch einen freien Blick 
bekam iiber die Verfallserscheinungen in der Kultur der Gegenwart. 
Nun versicherte er, daft diese seine Schrift « Verfall und Wiederaufbau 
der Kultur» nicht etwa erst nach dem Kriege entstanden sei, sondern 



in der ersten Form schon 1900 konzipiert worden ist, daft sie dann 
ausgearbeitet wurde von 1914 bis 1917. Jetzt ist sie erschienen. Und 
man mufi schon sagen, hier sieht einmal jemand den Verfall der 
Kultur mit einem offenen Auge. Und es ist immerhin interessant, 
dasjenige ein wenig vor die Seele sich hinzustellen, was ein solcher 
Verfallskultur-Betrachter, ich mochte sagen, wie mit scharfen kriti- 
schen Messern an dieser Kultur bearbeitet. Es fallen in der Tat die 
Satze, mit denen die gegenwartige Kultur bezeichnet wird, wie 
schneidende Messer heraus. Lassen wir ein paar solcher Satze auf 
unsere Seele wirken. Der erste Satz des Buches heiftt: «Wir stehen 
im Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation 
nicht geschaffen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was 
geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrer- 
seits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zu- 
riickwirken.» - «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken 
iiber Kultur unter uns vorhanden war.» - «So iiberschritten wir die 
Schwelle des Jahrhunderts mit unerschiitterten Einbildungen iiber 
uns selbst.» - «Nun ist fiir alle offenbar, da£ die Selbstvernichtung 
der Kultur im Gange ist.» 

Auch das sieht Albert Schweitzer in seiner Art - ich mochte sagen, 
etwas kraftmeierisch driickt er es aus -, daft dieser Verfall der Kultur 
um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen hat, um jene Mitte des 
19. Jahrhunderts, die ich so oft hier bezeichnet habe als einen wichti- 
gen Zeitpunkt, der betrachtet werden muft, wenn man die Gegenwart 
irgendwie wachend verstehen will. Dariiber sagt Schweitzer: «Aber 
um die Mitte des 19. Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung 
ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im 
Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Still- 
stand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. 
Ihre Gedanken blieben hinter der Zeit zuriick, als waren sie zu er- 
schopft, mit ihr Schritt zu halten.» - Und noch etwas bringt Schweit- 
zer vor, was eigentlich uberraschend ist, was aber von uns gut verstan- 
den werden kann, weil es in einem viel tieferen Sinne, als Schweitzer 
es vorzubringen vermag, hier oftmals besprochen worden ist. Ihm 
ist klar: In friiheren Zeiten gab es eine Totalweltanschauung. Alle 



Erscheinungen des Lebens, von dem Stein unten angefangen bis hin- 
auf zu den hochsten menschlichen Idealen, waren eine Lebenstotali- 
tat. In dieser Lebenstotalitat wirkte das gottlich-geistige Sein. Wenn 
man wissen wollte, wie die Naturgesetze wirken in der Natur, wandte 
man sich an das gottlich-geistige Sein. Wenn man wissen wollte, wie 
die Sittengesetze wirken, die religiosen Impulse wirken, wandte man 
sich an das gottlich-geistige Sein. Eine Totalweltanschauung war da, 
welche die Sittlichkeit ebenso verankert hatte in der Objektivitat, 
wie die Naturgesetze in der Objektivitat verankert sind. Die letzte 
Weltanschauung, die heraufgekommen ist und die noch etwas gewuftt 
hat von einer solchen Totalweltanschauung, das war die Aufklarung, 
die alles aus dem Intellekt heraus holen wollte, aber die noch die 
sittliche Welt in einen gewissen inneren Zusammenhang brachte mit 
dem, was die naturliche Welt ist. 

Bedenken Sie, wie oft ich es hier ausgesprochen habe: Glaubt 
heute einer ehrlich an die Naturgesetze, so wie sie dargestellt werden, 
so kann er nur glauben an einen Weltenbeginn, so ahnlich, wie die 
Kant-Laplacesche Theorie ihn darstellt, und an ein Weltenende, wie 
es einmal im Warmetod sein wird. Dann raufi man sich aber vorstel- 
len, daft alle sittlichen Ideale herausgekocht sind aus den durcheinan- 
derwirbelnden Teilen des Weltennebels, die sich allmahlich zusam- 
mengeballt haben, Kristalle und Organismen und endlich der Mensch 
geworden sind, und aus dem Menschen heraus wirbelt dann die 
idealistische ethische Anschauung. Aber diese ethischen Ideale, da 
sie nur Illusionen sind, herausgeboren aus den wirbelnden Atomen 
des Menschen, werden verschwunden sein, wenn die Erde im Warme- 
tod verschwunden sein wird. Das heiftt, eine Weltanschauung ist 
entstanden, die sich bloft auf das Naturliche bezieht, die die sittlichen 
Ideale nicht in ihr verankert hat. Und nur weil der Mensch der 
Gegenwart unehrlich ist und sich das nicht gesteht, nicht hinschauen 
will auf diese Tatsachen, glaubt er, daft die sittlichen Ideale noch 
irgendwie verankert sind. Aber wer an die heutige Naturwissenschaft 
glaubt und ehrlich ist, der darf nicht an die Ewigkeit der sittlichen 
Ideale glauben. Er tut es aus feiger Unehrlichkeit, wenn er es tut. 
Mit diesem Ernst muft in die Gegenwart hineingeschaut werden. 



Und gerade dies sieht auf seine Art auch Albert Schweitzer, und 
er sucht, wo die Schuld liegt, daft das so gekommen ist. Er sagt: «Das 
Entscheidende war das Versagen der Philosophic » Nun kann man 
uber diese Sache seine besonderen Gedanken haben. Man kann nam- 
lich glauben, daft ja die Philosophen die Einsiedler in der Welt sind, 
daft die anderen Menschen nichts zu tun haben mit den Philosophen. 
Aber Albert Schweitzer sagt ganz richtig an einer spateren Stelle 
seiner Schrift: «Kant und Hegel haben Millionen regiert, die nie eine 
Zeile von ihnen gelesen haben und nicht einmal wuftten, daft sie 
ihnen gehorchten.» Die Wege, die die Gedanken der Welt nehmen, 
sind eben durchaus nicht so, wie man es sich gewohnlich vorstellt. 
Ich weift sehr gut, denn ich habe es oft erfahren, daft bis in das Ende 
des 19. Jahrhunderts herein die wichtigsten Werke Hegels in den 
Bibliotheken lagen und nicht einmal aufgeschnitten waren. Studiert 
hat man sie nicht. Aber die wenigen Exemplare, die von wenigen stu- 
diert worden sind, sind iibergegangen in das ganze Bildungsleben. Und 
es gibt eigentlich kaum einen einzigenunter Ihnen, in dessen Denkleben 
nicht eben Kant und Hegel drinnenstecken, weil die Wege durchaus, 
ich mochte sagen, geheimnisvolle sind. Und wenn in den entlegensten 
Gebirgsdorfern die Leute schon dazu gekommen sind, Zeitungen zu 
lesen, so gilt das auch fur sie, fiir diese Leute in den Gebirgsdorfern, 
daft sie von Kant und Hegel beherrscht werden, nicht nur fiir diese 
erlauchte und erleuchtete Gesellschaft, die hier im Saale sitzt. 

Also man kann schon sagen wie Albert Schweitzer: «Das Entschei- 
dende war das Versagen der Philosophic Im 18. und im beginnenden 
19. Jahrhundert war die Philosophic die Anfuhrerin der offentlichen 
Meinung gewesen. Sie hatte sich mit den Fragen, die sich den Men- 
schen und der Zeit stellten, beschaftigt, und ein Nachdenken dariiber 
im Sinne der Kultur lebendig erhalten. In der Philosophic gab es 
damals ein elementares Philosophieren uber Mensch, Gesellschaft, 
Volk, Menschheit und Kultur, das in natiirlicher Weise eine lebendige, 
oftmals die Meinung beherrschende und Kulturenthusiasmus unter- 
haltende Popularphilosophie hervorbrachte.» 

Und nun iiber den weiteren Fortgang spricht sich Albert Schweit- 
zer so aus: «Der Philosophic ward nicht klar, daft die Energie der 



ihr anvertrauten Kulturideen anfing fraglich zu werden. Am Schlusse 
eines der hervorragendsten, am Ende des 19. Jahrhunderts erschiene- 
nen Werkes iiber Geschichte der Philosophie», es ist namlich dassel- 
be, das ich einmal in einem offentlichen Vortrage auch aufs Korn 
genommen habe, dieses Werk iiber die Geschichte der Philosophic, 
«wird diese als der Prozeft definiert, in dem sich», jetzt zitiert er den 
anderen, diesen Geschichtsschreiber der Philosophic: «mit immer 
klarerem und sichererem Bewulksein die Besinnung auf die Kultur- 
werte vollzogen hat, deren Allgemeingiiltigkeit der Gegenstand der 
Philosophic selbst ist.» Dazu sagt jetzt Schweitzer: «Dabei vergaf? 
der Verfasser das Wesentliche: daft namlich friiher die Philosophic 
sich nicht nur auf die Kulturwerte besann, sondern sie auch als wir- 
kende Ideen in die offentliche Meinung ausgehen liefi, wahrend sie 
ihr von der zweiten Half te des 1 9. Jahrhunderts an immer mehr zu 
einem gehiiteten, unproduktiven Kapital wurden.» 

Man hat namlich gar nicht bemerkt, wozu es eigentlich mit dem 
Denken der Menschheit gekommen ist. Man lese nur einmal die 
meisten dieser Jahrhundertbetrachtungen, die erschienen sind an der 
Wende des 19. und 20. Jahrhunderts. Hat man es einmal anders 
gemacht, wie ich es in meinem Buche, das dann spater «Die Ratsel 
der Philosophie» hie/?, gemacht habe, dann betrachtete man das natiir- 
lich als unhistorisch. Und einer von diesen edlen Philosophen hat 
mir, weil das Buch «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhun- 
dert» damals hieft, den Vorwurf gemacht, daft in diesem Buche nichts 
iiber Bismarck gesagt wird. Ja, ein Philosoph hat diesem Buch diesen 
Vorwurf gemacht. Manche andere ahnliche Vorwiirfe sind diesem 
Buche gemacht worden, weil es eben gerade versuchte, dasjenige, 
was in die Zukunft hinein wirkt, herauszuschalen aus dem Vergange- 
nen. Aber was taten denn diese Betrachter zumeist? Sie besannen 
sich. Sie besannen sich auf dasjenige, was Kultur ist, was schon da 
ist. Daft friihere Jahrhunderte Kultur gemacht haben, davon hatten 
diese Denker uberhaupt gar keine Ahnung mehr. 

Aber nun kommt Albert Schweitzer dazu, ich mochte sagen, mit 
Bezug auf diese Zukunft der Philosophic zu resignieren. Da sagt er: 
Es ist eigentlich nicht die Schuld der Philosophic, daft sie nicht mehr 



eine eigentliche produktive Denkrolle spielte. Das war mehr das 
Schicksal der Philosophic Denn die Welt hat im allgemeinen das 
Denken verlernt, und die Philosophic hat es halt mit verlernt. - In 
einer gewissen Beziehung ist sogar Schweitzer sehr nachsichtig, denn 
man konnte doch auch auf den Gedanken kommen: Wenn alle Welt 
das Denken verlernt, so hatten es doch wenigstens die Philosophen 
pflegen konnen. Aber Schweitzer findet es ganz naturlich, daft die 
Philosophen einfach mit alien anderen Leuten das Denken verlernt 
haben. So sagt er: «Daft das Denken es nicht fertig brachte, eine 
Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen 
und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begriin- 
den, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die 
sich in der Entwicklung des Denkens einstellte.» - Das war also 
bei alien Leuten. - «Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philo- 
sophie dadurch, daft sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der 
Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur 
unterhielte.» 

Also die Philosophen haben mit den anderen Leuten, so sagt 
Albert Schweitzer mit seiner messerscharfen Kritik, das Denken ver- 
lernt; aber das ist nicht eigentlich ihre Schuld, das ist nun einmal eine 
Tatsache, sie haben halt mit den andern Leuten das Denken verlernt. 
Aber ihre eigentliche Schuld besteht darinnen, daft sie das gar nicht 
gemerkt haben. Sie hatten es wenigstens merken sollen und hatten 
davon reden sollen. - Nur das ist es, was Schweitzer den Philosophen 
vorwirft. «Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophie Anfiih- 
rerin und Wachterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht ware es 
gewesen, unserer Welt einzugestehen, daft die ethischen Vernunft- 
ideale nicht mehr wie fruher in einer Totalweltanschauung Halt fan- 
den, sondern bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich 
allein durch ihre innere Kraft in der Welt behaupten muftten.» Und 
dann schlieftt er dieses erste Kapitel damit, daft er sagt: «So wenig 
philosophierte die Philosophie iiber Kultur, daft sie nicht einmal 
merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos 
wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wachter, der uns wach 
erhalten sollte. So kam es, daft wir nicht um unsere Kultur rangen.» 



Nun bitte ich Sie aber, mit diesen Satzen des Albert Schweitzer 
nicht etwa das nun so zu machen, daft Sie etwa sich sagen oder ein 
Teil von Ihnen sich sagt: Nun ja, das ist eben eine Kritik der deutschen 
Kultur, und die gilt ja nicht fur England, nicht fur Amerika, am 
wenigsten naturlich fur Frankreich! Albert Schweitzer hat namlich 
eine grofte Anzahl von Schriften geschrieben. Unter diesen sind in 
englischer Sprache geschrieben: «The Mystery of the Kingdom of 
God»; dann eine andere Schrift: «The Question of the historical 
Jesus»; dann eine dritte; dann hat er noch einige andere in franzosi- 
scher Sprache geschrieben. Also der Mann ist schon international 
und redet ganz gewift nicht etwa bloft von der deutschen Kultur, 
sondern er redet von der Kultur der Gegenwart. Daher ware es nicht 
sehr schon, wenn es dieser Betrachtung gegemiber so ginge, wie wir 
einmal in Berlin etwas erlebt haben. Da hatten wir einmal eine anthro- 
posophische Versammlung, und dabei war ein Mitglied, das hatte 
einen Hund. Nun muftte ich immer erklaren, die Menschen haben 
wiederholte Erdenleben, Reinkarnationen, und die Tiere nicht, da 
sind es die Gattungsseelen, die Gruppenseelen, welche in demselben 
Stadium sind, nicht das einzelne individuelle Tier. Diese Personlich- 
keit hatte aber ihren Hund so lieb, daft sie meinte, trotzdem sie 
zugab, daft andere Tiere, selbst die anderen Hunde, keine wiederhol- 
ten Erdenleben haben, ihr Hund habe aber wiederholte Erdenleben, 
das wisse sie ganz genau. Es wurde ein wenig diskutiert iiber diese 
Sache - Diskussionen sind ja manchmal anregend, wie Sie wissen - 
und man konnte nun denken, daft diese Personlichkeit niemals iiber- 
zeugt werden konnte und daft die anderen iiberzeugt seien. Das stellte 
sich auch sogleich heraus, als wir dann in einem Kaffeehause saften. 
Dieses andere Mitglied sagte, es ware eigentlich furchtbar toricht von 
dieser Personlichkeit, daft sie meinte, ihr Hund habe wiederholte 
Erdenleben; das habe sie gleich eingesehen, das gehe ja ganz klar aus 
der Anthroposophie hervor, daft das eine Unmoglichkeit sei. Ja, wenn 
das mein Papagei ware! Der - fur den gilt das! - Ich mochte nicht, 
daft etwa diese Gedankenform von den verschiedenen Nationalitaten 
in der Weise iibertragen wiirde, daft sie sagen: Ja, fur die Leute, fur 
die der Albert Schweitzer spricht, da gilt das, daft die Kultur im 



Niedergange ist, daft die Philosophen es selbst nicht gemerkt haben, 
aber - unser Papagei hat wiederholte Erdenleben! 

Im zweiten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer iiber «Kultur- 
hemmende Umstande in unserem wirtschaftlichen und geistigen Le- 
ben» ) und auch da ist er aufterordentlich scharf denkend. Zuweilen 
sind ja natiirlich auch Trivialitaten da, ich mochte sagen, desjenigen, 
was ganz offenbar ist. Aber dann durchschaut Albert Schweitzer 
einen Mangel des modernen Menschen, dieses kulturlosen modernen 
Menschen, indem er findet, daft der moderne Mensch dadurch, daft 
ihm die Kultur abhanden gekommen ist, erstens unfrei geworden ist, 
zweitens, daft er ungesammelt ist. Nun, ich habe Ihnen Satze vorgele- 
sen von Max Rubner - von starker Gedankensammlung zeugen sie 
allerdings nicht. Ungesammelt ist schon gerade der representative 
moderne Mensch. 

Dann legt Albert Schweitzer diesem modernen Menschen noch 
ein niedliches Pradikat bei. Er ist namlich aufterdem, daft er unfrei 
und ungesammelt ist, auch «unvollstandig». Nun denken Sie sich 
einmal, diese modernen Menschen glauben doch alle, daft sie als 
vollstandige Menschenexemplare durch die Welt gehen. Aber Albert 
Schweitzer ist der Ansicht, daft heute durch die moderne Erziehung 
ein jeder in ein ganz einseitiges Berufsleben hineingesteckt wird, nur 
einseitig seine Fahigkeiten ausbildet, die anderen verkummern laftt 
und daher in Wirklichkeit ein unvollstandiger Mensch wird. Und in 
Verbindung mit dieser Unfreiheit, Unvollstandigkeit und Ungesam- 
meltheit des modernen Menschen macht sich fur Albert Schweitzer 
geltend eine gewisse Unhumanitat des modernen Menschen: «Tat- 
sachlich bewegen sich Gedanken vollendeter Inhumanitat seit zwei 
Menschenaltern in der haftlichen Klarheit der Worte und mit der 
Autoritat logischer Grundsatze unter uns. Es hat sich eine Mentalitat 
der Gesellschaft herausgebildet, die die einzelnen von der Humanitat 
abbringt. Die Hoflichkeit des natiirlichen Empfindens schwindet.» 
- Ich erinnere an die Generalversammlung, die wir hier gehabt haben, 
wo iiber die Hoflichkeit geredet worden ist! - «An ihre Stelle tritt 
das mit mehr oder weniger Formen ausgestattete Benehmen der abso- 
luten Indifferenz. Die gegen Unbekannte auf jede Weise betonte 



Unnahbarkeit und Teilnahmslosigkeit wird gar nicht mehr als innere 
Roheit empfunden, sondern gilt als weltmannisches Verhalten. Auch 
hat unsere Gesellschaft aufgehort, alien Menschen als solchen Men- 
schenwert und Menschenwiirde zuzuerkennen. Teile der Menschheit 
sind fur uns Menschenmaterial und Menschendinge geworden. Wenn 
seit Jahrzehnten unter uns mit steigender Leichtfertigkeit von Krieg 
und Eroberungen geredet werden konnte, als ob es sich um ein 
Operieren auf dem Schachbrett handelte, so war dies nur moglich, 
weil eine Gesamtgesinnung geschaffen war, die sich das Schicksal 
der einzelnen nicht mehr vorstellte, sondern sie nur als Ziffern und 
Gegenstande gegenwartig hatte. Als der Krieg kam, erhielt die Inhu- 
manitat, die in uns war, freien Lauf. Und was ist in den letzten 
Jahrzehnten an feinen und groben Roheiten iiber die farbigen Men- 
schen in unserer Kolonialliteratur und in unseren Parlamenten als 
Vernunftwahrheit auf getreten und in die offentliche Meinung iiberge- 
gangen! Vor zwanzig Jahren wurde in einem Parlamente des europai- 
schen Festlandes sogar hingenommen, daft in bezug auf deportierte 
Schwarze, die man an Hunger und Seuchen hatte sterben lassen, 
von der Tribune herab gesagt wurde, sie seien <eingegangen>, als 
handelte es sich um Tiere.» 

Nun bespricht Albert Schweitzer auch noch die Rolle der Uberor- 
ganisation in unserem Kulturverfall. Kulturhemmend, meint er, wir- 
ken auch die offentlichen Verhaltnisse dadurch, daft Uberorganisa- 
tion iiberall auftrate. Es werden ja heute iiberall organisierende 
Verfiigungen, Verordnungen, Gesetze geschaffen. Man ist mit allem 
in einer Organisation darinnen. Die Menschen erleben das gedan- 
kenlos. Sie tun auch gedankenlos. Sie sind immer in irgend etwas 
organisiert, so daft Albert Schweitzer findet, daft auch diese «Uber- 
organisation» durchaus kulturhemmend gewirkt hat. 

«Die furchtbare Wahrheit, daft mit dem Fortschreiten der Ge- 
schichte und der wirtschaftlichen Entwicklung die Kultur nicht leich- 
ter, sondern schwerer wird, kam nicht zu Worte.» - «Der Bankerott 
des Kulturstaates, der von Jahrzehnt zu Jahrzehnt offenbarer wird, 
richtet den modernen Menschen zugrunde. Die Demoralisation des 
einzelnen durch die Gesamtheit ist in vollem Gange. 



Ein Unfreier, ein Ungesammelter, ein Unvollstandiger, ein sich 
in Humanitatlosigkeit Verlierender, ein seine geistige Selbstandigkeit 
und sein moralisches Urteil an die organisierte Gesellschaft Preisge- 
bender, ein in jeder Hinsicht Hemmungen der Kulturgesinnung Er- 
fahrender: so zog der moderne Mensch seinen dunklen Weg in dunk- 
ler Zeit. Fur die Gefahr, in der er sich befand, hatte die Philosophic 
kein Verstandnis. So machte sie keinen Versuch, ihm zu helfen. Nicht 
einmal zum Nachdenken iiber das, was mit ihm vorging, hielt sie 
ihn an.» 

Im dritten Kapitel spricht dann Albert Schweitzer davon, daft 
eine wirkliche Kultur einen ethischen Grundcharakter haben miiftte. 
Friihere Weltanschauungen haben ethische Werte geboren; seit der 
Mitte des 19. Jahrhunderts hat man mit den alten ethischen Werten 
weitergelebt, ohne sie irgendwie zu verankern in einer Totalweltan- 
schauung, und man bemerkte das gar nicht: «Man lebte in der durch 
die ethische Kulturbewegung geschaffenen Situation weiter, ohne 
sich dariiber klarzuwerden, daft sie nun unhaltbar geworden war, 
und ohne auf das, was sich zwischen den Volkern und in den Volkern 
vorbereitete, auszublicken. So kam unsere Zeit, gedankenlos wie sie 
war, zu der Meinung, daft Kultur vornehmlich in wissenschaftlichen, 
technischen und kiinstlerischen Leistungen bestehe und ohne Ethik 
oder mit einem Minimum von Ethik auskommen konne. Autoritat 
erlangte diese veraufterlichte Auffassung von Kultur in der offentli- 
chen Meinung dadurch, daft sie durchgangig auch von Personen ver- 
treten wurde, denen nach ihrer gesellschaftlichen Stellung und nach 
ihrer wissenschaftlichen Bildung Kompetenz in Sachen des geistigen 
Lebens zuzukommen schien.» - «Unser Wirklichkeitssinn besteht 
also darin, daft wir aus einer Tatsache durch Leidenschaften und 
kurzsichtige Nutzlichkeitserwagungen die nachstliegend andere her- 
vorgehen lassen, und so fort und fort. Da uns die zielbewufite Absicht 
auf ein zu verwirklichendes Ganzes fehlt, fallt unsere Aktivitat unter 
den Begriff des Naturgeschehens.» 

Und auch das sieht Albert Schweitzer mit voller Klarheit ein, daft 
die Leute, weil sie Kulturschopferisches nicht mehr hatten, zum 
Nationalismus gekommen sind. 



«Bezeichnend fur das krankhafte Wesen der Realpolitik des Natio- 
nalismus war, daft sie sich auf jede Weise mit dem Flitter des Ideals zu 
behangen suchte. Der Kampf urn die Macht wurde zum Kampf fur 
Recht und Kultur. Die egoistischen Interessengemeinschaften, die 
Volker untereinander gegen andere eingingen, prasentierten sich als 
Freundschaften und Seelenverwandtschaften. Als solche wurden sie 
in die Vergangenheit zuriickdatiert, wenn die Geschichte auch mehr 
von Erbfeindschaft als von innerer Verwandtschaft zu berichten wuftte. 

Zuletzt geniigte es dem Nationalismus nicht, in seiner Politik jede 
Absicht auf das Zustandekommen einer Kulturmenschheit beiseite 
zu setzen. Er zerstorte noch die Vorstellung der Kultur selber, indem 
er die nationale Kultur proklamierte.» 

Sehen Sie, auf den vers chied ens ten Gebieten des Lebens sieht 
schon Albert Schweitzer, man mufi sagen, recht klar. Und er findet 
Worte, um dieses Negative unserer Zeit auszudriicken. So, mochte 
ich sagen, ist es ihm auch ganz klar, was unsere Zeit geworden ist 
durch den groften Einfluft der Wissenschaft. Da ihm aber auch klar 
ist, daft unsere Zeit nicht denken kann - ich habe Ihnen das an dem 
Beispiel des Max Rubner gezeigt -, so weift Albert Schweitzer auch, 
daft die Wissenschaft erst recht gedankenlos geworden ist und daher 
in unserer Zeit gar nicht den Beruf zur Fuhrung der Menschheit in 
der Kultur haben kann. 

«Heute hat das Denken nichts mehr von der Wissenschaft, weil 
diese ihm gegemiber selbstandig und indifferent geworden ist. Fort- 
geschrittenstes Wissen vertragt sich jetzt mit gedankenlosester Welt- 
anschauung. Es behauptet, es nur mit Einzelfeststellungen zu tun 
zu haben, da nur bei diesen sachliche Wissenschaft gewahrt sei. Die 
Zusammenfassung der Erkenntnisse und die Geltendmachung ihrer 
Konsequenzen fur die Weltanschauung sei nicht seine Sache. Fruher 
war jeder wissenschaftliche Mensch», so sagt Albert Schweitzer, «zu- 
gleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner 
Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermogen ange- 
langt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu konnen. Dar- 
um gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast 
keine denkende Wissenschaft mehr.» 



Sie sehen, das Negative sieht Schweitzer aufierordentlich klar, und 
er weiE auch zu sagen, worauf es ankommt: dafi es darauf ankommt, 
den Geist wiederum in die Kultur hineinzubringen. Er weifi, daft die 
Kultur geistlos geworden ist. Aber ich habe heme vormittag im pad- 
agogischen Vortrag ausgefiihrt, wie von dem, was in friiherer Zeit 
die Menschen von der Seele wufiten, nur die Worte geblieben sind. 
Es wird fortgesprochen in Worten von der Seele, aber irgend etwas 
Reales wird mit den Worten nicht mehr verbunden. Und so ist es 
mit dem Geiste. Daher ist heute kein Bewufttsein vom Geiste vorhan- 
den. Man hat nur das Wort. Und dann, wenn dann nun jemand so 
scharfsinnig das Negative der modernen Kultur charakterisiert hat, 
dann kann er hochstens noch dazu kommen, nach gewissen traditio- 
nellen Empfindungen, die man hat, wenn heute von Geist gesprochen 
wird - weil ja aber niemand etwas von Geist weifi -, da kann man 
dann hochstens dazu kommen zu sagen: Der Geist ist notwendig. 

Aber wenn man sagen soil, wie der Geist nun in die Kultur 
hineinkommen soli, da wird es einem so - verzeihen Sie: Als ich ein 
ganz kleiner Junge noch war, da lebte ich in der Nahe eines Dorfes, 
und da waren einer Personlichkeit, die zu den hochsten Honoratioren 
des Dorfes gehorte, Hiihner gestohlen worden. Nun kam es zu einem 
Prozefi. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung. Der Richter wollte 
durchaus herausbringen, wie grofi er die Strafe bemessen sollte, und 
dazu war notwendig, dafi eine Vorstellung erweckt wurde, wie denn 
die Hiihner waren. Und da verlangte er von dieser Personlichkeit, 
die zu den Honoratioren des Dorfes gehorte, sie solle beschreiben, 
was das fur Hiihner waren. - Also sagen Sie uns etwas Naheres, was 
waren denn das fur Hiihner? Beschreiben Sie sie uns ein bifichen! - 
Ja, Herr Richter, es waren schone Hiihner. - Da kann man nichts 
Rechtes damit anfangen, wenn Sie uns nicht etwas Genaueres sagen 
konnen! Sie haben diese Hiihner doch gehabt, beschreiben Sie uns 
ein birchen diese Hiihner. - Ja, Herr Richter, es waren halt schone 
Hiihner! - Und so fuhr diese Personlichkeit fort. Weiteres war nicht 
aus ihr herauszubringen als: Es waren schone Hiihner. 

Und sehen Sie, da kommt ja nun auch im weiteren Kapitel Albert 
Schweitzer dazu, daft er positiv sagen soli, wie er sich nun vorstellt, 



dafi eine totale Weltanschauung wieder werden soil. «Welcher Art 
aber», so sagt er, «mufi die denkende Weltanschauung sein, damit 
Kulturideen und Kulturgesinnungen in ihr begriindet sein konnen? 
Optimistisch und ethisch.» Es waren halt schone Hiihner! Optimi- 
stisch und ethisch mufi sie sein. Ja, aber wie soli sie es sein? Denken 
Sie sich nur einmal, wenn ein Architekt jemandem ein Haus bauen 
sollte, und er will herausbekommen, wie das Haus sein soil, und der 
Betreffende erwidert ihm nur: Das Haus soil fest sein, wettersicher, 
schon, und es soli sich gut drinnen wohnen lassen — , nun machen 
Sie den Plan und wissen, wie er es haben will! Aber gerade so ist es, 
wenn einem jemand sagt, eine Weltanschauung soli optimistisch und 
ethisch sein. Wenn man ein Haus bauen will, so raufi man doch den 
Plan gestalten; das mufi ein konkret gestalteter Plan werden. Aber 
der so scharfsinnige Albert Schweitzer weil$ nichts zu sagen als: Es 
waren halt schone Hiihner. Oder: Das Haus soil schon sein, namlich 
es soli optimistisch und ethisch sein. 

Er geht sogar ein biftchen weiter, aber es kommt doch nicht viel 
anderes heraus als die schonen Hiihner. Er sagt zum Beispiel, weil 
nun das Denken so sehr aus der Mode gekommen ist, weil das Denken 
gar nicht mehr gekonnt wird und die Philosophen selbst nicht bemer- 
ken, dafi es gar nicht mehr da ist, sondern immer noch glauben, sie 
konnen denken, so sind viele Leute zur Mystik gekommen, die gedan- 
kenfrei arbeiten will, die ohne das Denken zu einer Weltanschauung 
kommen will. Nun sagt er: Ja, aber warum sollte man denn nicht 
auch mit dem Denken in die Mystik hineingehen? Also die Weltan- 
schauung, die da kommen soli, muE mit dem Denken in die Mystik 
hineingehen. Ja, aber wie wird denn das dann? Das Haus soil fest, 
wettersicher, schon sein und so, dafi man bequem drinnen wohnen 
kann. Die Weltanschauung soli so sein, dafi sie denkend in die Mystik 
eindringt. Das ist genau dasselbe. Ein wirklicher Inhalt wird nirgends 
auch nur sparlichst angedeutet. Das gibt es gar nicht. 

Nun, wodurch unterscheidet sich denn Anthroposophie von einer 
solchen Kulturkritik? Mit dem Negativen kann sie ja ganz einverstan- 
den sein, aber sie ist nicht zufrieden damit, das Haus so zu beschrei- 
ben: Es soil fest und wettersicher und schon und so sein, da$ man 



bequem drinnen wohnen kann sondern sie rnacht die Plane des 
Hauses, sie entwirft wirklich das Bild einer Kultur. Nun, dagegen 
wehrt sich zwar Albert Schweitzer etwas, indem er sagt: «Die grofte 
Revision der Uberzeugungen und Ideale, in denen und fur die wir 
leben, kann sich nicht so vollziehen, daft man in die Menschen unserer 
Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet als die, die sie haben. Sie 
kommt nur so in Gang, daft die vielen iiber den Sinn des Lebens 
nachdenkend werden ...» Also das geht nicht, in die Menschen unserer 
Zeit bessere Gedanken hineinzureden als die, die sie schon haben, 
das geht nicht! Ja, was soil man dann tun im Sinne von Albert 
Schweitzer? Er ermahnt die Menschen, sie sollen in sich gehen, sie 
sollen dasjenige aus sich herausholen, was sie aus sich selber haben, 
damit man ihnen nicht irgendwie andere Gedanken, als sie schon 
haben, einzureden braucht. 

Ja, aber indem die Menschen dasjenige in sich gesucht haben, was 
sie schon haben, kam eben das alles, was im Anfange steht: «Wir 
stehen im Zeichen des Niederganges der Kultur. » - «Wir kamen von 
der Kultur ab, weil kein Nachdenken iiber Kultur unter uns vorhan- 
den war» und so weiter. Ja, das ist ja alles dadurch geworden - was 
also Schweitzer so sehr scharf und mit einem intensiven Denken 
trifft -, daft die Menschen aufter acht gelassen haben jede wirkliche 
konkrete Planlegung der Kultur. Und jetzt sagt er: Das geht nicht, 
daft die Menschen irgend etwas aufnehmen; sie miissen in sich selber 
gehen. - Sehen Sie, da kann man sagen, nicht nur ein Max Rubner, 
der iiberall mit seinem Denken nicht fertig wird, sondern sogar ein 
so furchtbar scharfer Denker wie der Albert Schweitzer ist nicht 
imstande, den Ubergang zu machen von einer negativen Kritik der 
Kultur zu einer Anerkenntnis dessen, was als ein neues Geistesleben 
befruchtend in diese Kultur hereinkommen muft. Anthroposophie 
ist ja ebensolange da, als Albert Schweitzer, eingestandenermaften 
seit dem Jahre 1900, an diesem Buch geschrieben hat. Aber er hat 
nichts bemerkt davon, daft in positiver Weise Anthroposophie das 
will, was er bloft in negativer Weise kritisiert: Geist in die Kultur 
hmembringen. In dieser Beziehung wird er sogar sehr spaftig. Denn 
da sagt er ungefahr gegen das Ende des letzten Teiles seiner Schrift: 



«An sich schon hat das Besinnen auf den Sinn des Lebens eine 
Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder unter uns auf» - es 
ist der konditionelle Satz, nur verschlechtert, denn eigentlich miilke 
es heiften: Wenn solches Nachdenken wieder unter uns aufkame! -, 
«so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die jetzt wie 
boses Unkraut in den Uberzeugungen der Massen wuchern, rettungs- 
los dahin. Wieviel ware fur die heutigen Zustande schon gewonnen, 
wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den 
unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten ...» - also 
er kommt darauf, dafS es gut ware fur die Menschen, wenn sie jeden 
Abend drei Minuten zu dem gestirnten Himmel hinaufblickten! 
Wenn man es ihnen so sagt, werden sie es ganz gewifi nicht tun; aber 
lesen Sie nach, wie diese Dinge gemacht werden sollten, in meinem 
Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten ?». Man 
begreift es nicht, warum hier der Schritt vom Negativen zum Posi- 
tiven gar nicht gemacht werden kann, man begreift das nicht! - 
«... und bei der Teilnahme an einem Begrabnis uns dem Ratsel von 
Tod und Leben hingeben wiirden, statt in gedankenloser Unter- 
haltung hinter dem Sarg einherzugehen.» 

Sehen Sie, wenn man so negativ ist, dann schlieik man eine solche 
Betrachtung iiber den Kulturverfall so ab, da£ man sagt: «Das bisheri- 
ge Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem Sinn der Welt zu 
verstehen. Es kann sein, da$ wir uns darein schicken miissen, den 
Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm Leben aus 
dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu geben. Mogen 
auch die Wege, auf denen wir dem Ziele zuzustreben haben, noch 
im Dunkel liegen: Die Richtung, in der wir gehen miissen, ist klar.» 

So klar, wie es war, dafi seine Huhner schone Huhner waren, und 
so klar, wie das ist, dafi einer iiber den Plan seines Hauses sagt: Das 
Haus soil fest, wettersicher, schon sein. Die meisten Menschen der 
Gegenwart sehen es namlich als klar an, wenn sie irgend etwas in 
der Weise charakterisieren, und merken es uberhaupt gar nicht, wie 
unklar es ist. 

«Miteinander haben wir iiber den Sinn des Lebens denkend zu 
werden, mkeinander darum zu ringen, zu einer welt- und lebenbeja- 



henden Weltanschauung zu gelangen, in der unser von uns als not- 
wendig und wertvoll erlebter Trieb zu wirken Rechtfertigung, Orien- 
tierung, Klarung, Vertiefung, Versittlichung und Stahlung findet ...» 
- Das Haus soil schdn und fest und wettersicher sein und so, dafi 
man gut darin wohnen kann. In bezug auf ein Haus sagt man so, in 
bezug auf Weltanschauung sagt man: Die Weltanschauung soli so 
sein, dal$ sie wirken kann Rechtfertigung, Orientierung, Klarung, 
Vertiefung, Versittlichung und Stahlung! - «... und daraufhin fahig 
wird, definitive und vom Geist wahrer Humanitat eingegebene Kul- 
turideale aufzustellen und zu verwirklichen.» 

Nun haben wir es. Scharfstes, voll anzuerkennendes Denken iiber 
das Negative, absolute Ohnmacht, irgendwo ein Positives zu sehen. 
Diejenigen Menschen, die man am meisten heute loben muft - und 
Albert Schweitzer gehort zu denen, die man am meisten heute loben 
mufi -, die sind in solcher Lage. Dariiber sollen gerade Anthroposo- 
phen ein waches Bewufksein entwickeln, damit sie Bescheid wissen, 
wenn dann einer von denjenigen kommt, die im Sinne dieses scharf- 
sinnigen Albert Schweitzer «Philosophen» sind, zum Beispiel ein 
Neu-Kantianer, wie sich die Leute nennen, und die nun gar nicht 
merken, dafi sie nicht nur das Denken verschlafen haben, sondern 
da$ sie es auch gar nicht bemerkt haben, wie sie das Denken verschla- 
fen haben. Von denen kann man naturlich nicht verlangen, dafi sie 
Anthroposophie verstehen. Aber man soil doch ein waches Auge 
dariiber haben, in welcher Weise solche Menschen, die eben von 
Schweitzer mit Recht als die verschlafenen Philosophen des 19. und 
20. Jahrhunderts geschildert werden, nun von Anthroposophie reden. 
Wir sollen nach alien Seiten hin mit wachem Auge in die Gegenwart 
hineinschauen. 

Da wird in einer Zeitungsnotiz zunachst davon gesprochen, wie 
wenig gegen Kant Bergson wirkt. Dann aber wird gesagt: Noch viel 
weniger halten die wilden Spekulationen Steiners und seine grofien 
geistigen Tiraden einer an Kant orientierten erkenntnistheoretischen 
Priifung stand. Auch Steiner glaubt iiber Kant und die Neu-Kantianer 
hinaus zu dringen zu hoheren Erkenntnissen. Tatsachlich bleibt er 
weit hinter ihnen zuriick und hat sie, wie sich aus seinen Schriften 



leicht nachweisen lalk, an entscheidenden Punkten ganzlich mifiver- 
standen. 

Das wird natiirlich ohne jegliche Begriindung einfach in gelesenen 
Zeitungen der Welt so hinausposaunt. Und dann wird da gesagt von 
diesen Menschen, die so denken konnen, ja, die lange nicht so denken 
konnen, wie Rubner denken kann: Da braucht man ja nur die Wissen- 
schaft der Gegenwart zu fragen, dann weifi man ganz gut, was diese 
angeblichen Erkenntnisse - diese Hirnblasen, wie er sie nennt - 
eigentlich bedeuten. 

Aufmerksam mufi man auf diese Dinge schon sein, und man darf 
sie nicht verschlafen. Denn geltend machen kann sich eben diese - 
wie sie Albert Schweitzer nennt - gedankenlose Wissenschaft, geltend 
machen kann sie sich schon in der Welt, und Macht hat sie vorlaufig. 
Es sagen ja heute viele Menschen, dafi man nicht auf die Macht sehen 
soli, sondern auf das Recht; aber leider nennen sie dann die Macht, 
die sie haben, das Recht. Nun, was der weiter fur einen Galimathias 
vorbringt, das will ich Ihnen heute doch ersparen, denn da geht es 
nun fort in die spiritistischen Phanomene hinein, die ebenso heute 
von der Wissenschaft untersucht werden miissen und so weiter. 

Aber wenn nun die armen Studenten doch an die Anthroposophie 
herankommen und die «Gehirnblasen» aufnehmen, dann gibt ihnen 
Max Rubner den Rat: «Aber es hat stets etwas Erfrischendes, auf 
einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirns zu arbeiten.» 
Manche Felder sind wiederholt beackert! Nun, wenn da den armen 
Studenten in der Anthroposophie «Gehirnblasen» aufsteigen und sie 
dann diese Gehirne beackern, dann werden die Blasen vor der Pflug- 
schar doch ganz gewift hinschwinden. Also in dieser Beziehung 
stimmt ja die Geschichte wiederum. Dasjenige, was als etwas Positives 
hinein will in unsere, nach den besten Geistern eingestandenermafien 
zerfallende, ja schon zerfallene Kultur, einzusehen, das Positive ein- 
zusehen, das ist eben auch den besten Geistern der Gegenwart, inso- 
fern diese drinnen stehen im gegenwartigen Kulturbetriebe, eigentlich 
gar nicht gegeben. Da bleibt es dabei, daft, wenn sie nun sagen sollen, 
wie das Haus beschaffen sein soli, sie nicht den Stift nehmen oder 
die Modellsubstanz nehmen, um das Haus zu gestalten - was Anthro- 



posophie tut -, sondern dann sagen sie: Das Haus soil schon und 
fest und wettersicher sein und so, daft man bequem drin wohnen 
kann. Beim Haus sagt man so. Bei einer Weltanschauung sagt man, 
sie soli optimistisch, sie soli ethisch sein, man soli sich darinnen 
orientieren konnen, und wie nun die Dinge alle geheiften haben, die 
aber doch nichts anderes bedeuten, als was ich Ihnen gesagt habe. 

Sie sehen, daft es notwendig ist - und Sie werden es aus der Sache 
selber erkennen, daft dies notwendig ist -, manchmal so ein biftchen 
uber dasjenige hinauszudringen, was in der Zivilisation vorgeht. Des- 
halb habe ich die heutige episodenhafte Betrachtung angestellt. Nach- 
sten Freitag wollen wir von diesen Dingen weiterreden, nicht mehr 
sagen, das Haus soli schon und fest und wettersicher sein und so, 
daft man bequem darin wohnen kann, die Weltanschauung soil opti- 
mistisch und ethisch sein und so, daft man sich darinnen orientieren 
kann und so weiter, sondern wir wollen wirklich auf die wirkliche 
Anthroposophie, auf das Geistesleben, das unsere Kultur braucht, 
hinweisen. 



EINE JAHRHUNDERTBETRACHTUNG 

1 823 BIS 1923 



Dornachy 6. Juli 1923 



Heute mochte ich eine Art Jahrhundertbetrachtung machen. In einer 
eben mehr aufierlichen Weise kann ja die Veranlassung zu einer 
solchen Jahrhundertbetrachtung die Tatsache sein, daft in einem sehr 
bedeutenden Roman der franzosischen Schriftstellerin George Sand 
«Le compagnon du tour de France» gerade die Handlung, die ich 
hier jedenfalls nicht eingehend zu betrachten haben werde, in das 
Jahr 1823 verlegt wird, also hundert Jahre vor unserer Gegenwart. 
Es ist deshalb eine Moglichkeit fur manchen, eine Anregung gerade 
aus diesem Roman zu gewinnen, weil bei einer so ins Grofie und 
auch ins Eindringliche gehenden Phantasie, wie sie die George Sand 
hatte, eigentlich mehr geleistet wird fur die Charakteristik einer Zeit 
als durch die sogenannte wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung. 
Man kann schon sagen: Mit einer wirklichen Eindringlichkeit hat 
diese Schriftstellerin die Zeit um das Jahr 1823 - und gerade fur den 
franzosischen Westen Europas - zum Hintergrunde eines bedeut- 
samen Romans gemacht. 

Nun, ich werde nicht jenen Duktus einhalten, der in diesem Ro- 
man eingehalten ist, sondern ich werde versuchen, den sozialen Hin- 
tergrund aus den geistigen Grundlagen heraus fur die angedeutete 
Zeit zu geben. Die George Sand hat namlich eine Anzahl von Gestal- 
ten gezeichnet, die dem kleinburgerlichen Handwerkerstande ange- 
horen, und dann spielen auch in das Leben dieser Angehorigen des 
kleinburgerlichen Handwerkerstandes die Erlebnisse aristokrati- 
schen Familienwesens hinein. Das aber, was in diesem Roman grofkr- 
tig geschildert ist, das ist eben das soziale Leben des Handwerkerstan- 
des. Und man kann sagen: Mit demjenigen Unterschied, mit jener 
Differenz, die eben nach der Volkstumlichkeit vorhanden sein mufi, 
hat George Sand das Hineingestelltsein des Menschen in die sozialen 
Verhaltnisse dieses Zeitalters geschildert, das wir ja weiter zuriick- 



rechnen konnen, urn Jahrzehnte zuriickrechnen konnen, ich mochte 
sagen, gerade so weit fur Frankreich, wie zuriickreichen die sozialen 
Verhaltnisse, aus denen heraus Goethe seinen «Wilhelm Meister» 
geschaffen hat. Also mit jenem Unterschiede, der durch die Volks- 
tumlichkeit gegeben sein muft, sehen wir, wie da als Hintergrund 
des Romans die sozialen Verhaltnisse eindringlich geschildert wer- 
den, wie der Mensch herauswachst aus den sozialen Verhaltnissen, 
wie er seine eigene Personlichkeit in einer bestimmten Nuance zeigt 
dadurch, daft er aus diesen sozialen Verhaltnissen herauswachst. 

Sie wissen ja, daft auch Goethes Wilhelm-Meister-Gestalten aus 
diesen sozialen Verhaltnissen herauswachsen. Es ist schon in der 
ersten Halfte des 19. Jahrhunderts von verschiedenen Personlichkei- 
ten eine Art Parallele gezogen worden zwischen dem sozialen Hinter- 
grunde des Romans der George Sand und dem Goetheschen «Wil- 
helm Meister». Natiirlich miissen, wie gesagt, die Unterschiede 
beriicksichtigt werden, die sich aus dem volkstumlichen Wesen erge- 
ben. Goethes Roman ist durchaus weltburgerlich, hat nichts von 
Nationalem, hat auch nichts von Politischem. Der Roman der Sand 
ist durch und durch national, durch und durch politisch. Das miissen 
wir natiirlich voraussetzen, wenn der sonst ja berechtigte Vergleich 
zwischen den beiden Romanen hingestellt wird. 

Nun, diese Verhaltnisse, die als sozialer Hintergrund dastehen, 
sind ja wirklich aufterordentlich charakteristisch fur die ganze Art 
und Weise, wie sich das moderne Menschenwesen im Laufe der letzten 
Jahrzehnte des 1 8. Jahrhunderts und in der ersten Halfte des 19. Jahr- 
hunderts aus gewissen Untergriinden bis zur Oberflache des Men- 
schendaseins heraufgearbeitet hat. Heute macht sich der Mensch nicht 
leicht eine Vorstellung davon, wie die Dinge vor einem Jahrhundert 
noch waren, weil heute die menschliche Personlichkeit eigentlich 
vereinzelt dasteht innerhalb der sozialen Ordnung. Selbst diejenigen, 
die beruflich oder familienhaft zusammenhangen, gestalten ihr Leben 
allmahlich so, daft sie aus den Zusammenhangen, aus den sozialen Bin- 
dungen herauskommen, zu einer gewissen Individuality kommen. 

In dieser Beziehung hat sich ein ungeheurer Umschwung in der 
Entwickelung der Menschheit Europas gerade im 19. Jahrhundert 



vollzogen, und die innere Seelenverfassung in bezug auf das soziale 
Gebunden- oder Nicht-Gebundensein ist eben in der zweiten Halfte 
des 19. Jahrhunderts eine ganz andere als in der ersten Halfte. In der 
ersten Halfte suchte der Mensch - und wir wollen heute von den 
anderen Verhaltnissen absehen, vorzugsweise auf die westeuropai- 
schen Verhaltnisse Riicksicht nehmen -, es suchte dazumal der 
Mensch geradezu, sich hineinzustellen in ein soziales Gebunden- 
sein. Er suchte den Anschlufi an diejenigen Personlichkeiten, die 
mit ihm gemeinsame Interessen hatten, gemeinsame Interessen, die 
sich sozusagen zusammenstellten aus den Interessen des Standes 
auf der einen Seite und den Interessen des Berufes auf der andern 
Seite. 

Bei der bauerlichen Bevolkerung, die in jener Zeit noch mehr an 
die Scholle gebunden war, kommt eben die Gebundenheit durch den 
Erdboden in Betracht. Aber fur diejenigen, die aus dieser bauerlichen 
Seelenverfassung herauswuchsen durch ihr Handwerkertum zu einer 
gewissen Befreiung von dem Schollenhaften, fur die kommt es sehr 
in Betracht, dafi sie gerade in dieser Zeit, man mochte sagen, recht 
krampfhaft nach sozialen Vergesellschaftungen suchten. Und das 
Merkwiirdige ist fur diese erste Halfte des 19. Jahrhunderts, also fur 
diejenigen Zeiten, fur die wir heute eine Jahrhundertbetrachtung 
anstellen konnen, dafi trotz Klassen- und Kastenzusammenhangen 
und Berufszusammenhangen, die den aufieren Kitt bilden fur solche 
Vergesellschaftungen, doch uberall ein geistiger, ein konkret geistiger 
Hintergrund fur diese Vergesellschaftungen bestand. 

Im Franzosischen wachst allerdings alles mit dem Nationalen 
zusammen. Wiirde man dieselben Verhaltnisse - was wir vielleicht 
auch in einer gewissen Weise tun konnen - fur das deutsche Wesen 
betrachten, so wiirde man ja von vornherein darauf hinweisen miis- 
sen, dafi zum Beispiel der deutsche Lehrling auch auEer Landes 
wanderte wahrend seiner Wanderzeit, dafi er keine Riicksicht nahm 
auf politische Grenzen, wenn es sich ihm darum handelte, eine solche 
Vergesellschaftung zu suchen, wie ich sie angedeutet habe. Das fran- 
zosische Wesen, das durch und durch national ist, liefi auch den 
Handwerker nur innerhalb der Grenzen Frankreichs reisen. 



Aber da, innerhalb der Grenzen Frankreichs, ergaben sich eben 
solche Zusammenhange nach Klassen und nach Berufen, die krampf- 
haft gesucht wurden und bei denen im Hintergrunde iiberall die 
Wirkung geistiger Impulse zu sehen ist, die in die Menschenseelen 
hineinkraften. Diese Handwerker fuhlen sich, wenn sie von Stadt zu 
Stadt reisen, dadurch in einer Art geistiger Heimat, dafi sie in jeder 
Stadt diejenige Gemeinschaft finden, zu der sie gehoren. Man lie£ 
sich aufnehmen in eine Gemeinschaft in irgendeiner Stadt, die Ge- 
meinschaft reichte durch ganz Frankreich. Wie gesagt, so war es noch 
vor einem Jahrhundert. Wenn dann der Handwerkerlehrling reiste, 
so fand er in der Stadt, in der er wiederum sein Handwerk fortsetzen 
wollte, dieselbe Vereinigung. Er brachte sich nicht irgend etwas 
Schriftliches mit, sondern er brachte sich ein Erkennungszeichen mit, 
einen gewissen Handedruck oder ein anderes Erkennungszeichen. 
Wenn er dieses Erkennungszeichen geltend machte, so wufke man, 
der gehort eben dieser Vereinigung an, von der Zweige in alien Stadten 
zu finden waren. 

Nun waren solche Vereinigungen durchaus iiberall - ich mu£ das 
immer wieder betonen - mit einem geistigen Hintergrunde verbun- 
den, und es kann einem eigentlich, wenn man in ernster und ehrlicher 
Weise diese Dinge erforschen will, manche Schwierigkeiten machen, 
dahinterzukommen, wie dieser geistige Hintergrund beschaffen war. 

So gab es in Frankreich um die angedeutete Zeit im wesentlichen 
zwei solcher Handwerkerverbande. Der eine Verband wurde genannt 
«Loups devorants» oder «Loups garous». Das war der eine. Der 
andere wurde genannt «Gavots». Und die beiden waren so konstitu- 
iert, wie ich es beschrieben habe, und beide hatten in den Zeiten, in 
denen sie sich so einer Sache widmen konnten, Zusammenkunfte, 
die iiberall in den verschiedenen Stadten auf gleiche Art verliefen. In 
diesen Zusammenkunften gab es erstens ein sorgfaltiges Uben der 
Erkennungszeichen; dann aber Festlichkeiten, innerhalb welcher man 
in Symbolen sprach, durch Symbole den Festsaal ausstaffiert hatte. 
Es gab Festlichkeiten, in denen man Legenden erzahlte, durch welche 
solche Verbande weit zuriick in der Geschichte verfolgt wurden. So 
Tafel 5 fiihrte man bei den «Devorants», bei den «Loups garous» - wenn 



ich ein deutsches Wort gebrauchen wollte, miifite ich sagen «Werw6l- 
fe» -, die ganze Geschichte dieser Vereinigung zuriick bis auf den 
Konig Salomo und erzahlte eine Legende, die zuriickfuhrte bis auf 
den Konig Salomo. Bei den «Gavots» fiihrte die Legende, die man 
in der verschiedensten Weise erzahlte, zuriick auf den phrygischen 
Baumeister Hieram Abiff. Durch die mannigfaltigsten Dinge unter- 
schieden sich diese Vereinigungen. Und nur wenn man sorgfaltig auf 
die Usancen eingeht, kann man allmahlich auf die geistigen Hinter- 
griinde kommen, deren sich die Mitglieder durchaus bewuftt waren. 

So ist eine wichtige Differenz zwischen den beiden eine solche, 
die sich auf die Aufnahme bezog oder auch darauf bezog, daft, sagen 
wir, in irgendeiner Stadt beide Vereinigungen waren. Es waren ja 
sowohl Devorants wie Gavots in den verschiedensten Stadten. Nun 
war die Sitte ganz streng, da£ niemand irgendwie in einem Handwer- 
ke unterkam - man wachte dariiber sehr gut -, der nicht durch 
Vermittlung dieser Vereinigungen unterkam. Es gab also Mitglieder, 
die Devorants waren, bei der einen Vereinigung, Mitglieder, die Ga- 
vots waren, bei der andern Vereinigung. Jeder wandte sich, wenn er 
in eine Stadt kam, an seine Vereinigung, und die vermittelte ihm 
dann die betreffende Stellung in seinem Berufe, nachdem er sich in 
vorschriftsmafiiger Weise zu erkennen gegeben hatte, nachdem man 
also wufite, man hat es mit einem derjenigen zu tun, die dazu gehoren. 

Nun kam es naturlich vor, da$ in eine Stadt auch einmal, sagen 
wir, viel mehr Leute zureisten, als Stellen zu vergeben waren. Jetzt 
wulken die Leitungen der beiden Vereinigungen sich nicht von vorn- 
herein zu helfen. Jetzt handelte es sich darum: Sollen bei dieser 
Stellenjagd die Devorants siegen, das heilk, sollen die Devorants 
diejenigen, die angekommen sind, in der Mehrzahl unterbringen, 
oder sollen die Gavots siegen, sollen von denen mehr untergebracht 
werden? 

Nun ist es charakteristisch, dafi es dann gewohnlich zu heftigen 
Gegnerschaften zwischen den Vereinigungen als solchen kam, und 
so wie es heute allerlei viel trivialere aber brutalere, mochte ich sagen, 
Besprechungen gibt zwischen den verschiedenen Leitern der Ge- 
werkschaften und so fort, so gab es auch da Malkegeln, die dann 



dariiber entscheiden sollten, ob in einem solchen Fall die eine Partei 
oder die andere Partei siegen sollte. Da schlugen die Devorants ge- 
wohnlich nichts Besonderes vor, sondern sie rotteten sich zusammen 
auf den offentlichen Platzen und verpriigelten die Gavots. Dagegen 
schlugen die Gavots vor, daft man irgendeine Preisaufgabe ausschrei- 
ben solle, und da sollten dann die Richter von beiden Parteien zusam- 
men entscheiden, ob der Devorant oder der Gavot die bessere Lei- 
stung gemacht habe. Das ist ein sehr bedeutsamer Unterschied. Die 
Devorants waren im wesentlichen geneigt, durch Raufen und Aufter- 
liches die Entscheidung zu bringen, die Gavots durch geistigere Din- 
ge, und so war es denn so, daft manchmal der Usus der einen, manch- 
mal der der andern den Sieg davontrug. Das ist solch ein Unterschied, 
der darauf hinweist, wie die geistigen Untergriinde sind. 

Ein weiterer Unterschied, durch den sich hineinblicken laftt, ist 
der, wie jede der beiden Parteien ihre Toten begraben hat. Die Gavots 
haben ihre Toten so begraben, daft sie lautlos hinter dem Sarge einher- 
gingen. Der Sarg wurde lautlos in das Grab gesenkt. Links und rechts 
vora Grab standen hervorragendste Mitglieder der betreffenden Ver- 
einigung, und die sprachen tiber das Grab, der eine zum andern, 
gewisse geheimnisvolle Worte lispelnd. Und dann bildeten sie eine 
Art Kreis und sprachen wiederum in geheimnisvollen Worten. 

Dagegen die Devorants begleiteten ihre Toten mit einem ungeheu- 
er stark wirkenden Sprachorgan - ich will das so ausdriicken: Wenn 
man in der Feme gestanden und gehort hat, wie da ein Leichenzug 
ging, und namentlich, wie er dann bei dem Grabe war, und wahrend 
die Erde auf den Sarg geworfen wurde, dann kam einem das von der 
Feme wie Wolfsgeheul vor. Aber es war durchaus die Art, wie die 
Mitglieder dieser Vereinigung die ernstgemeinte Leichenfeier vollzo- 
gen. Sie waren eben der Anschauung, die sie auf alte Traditionen 
zuriickfuhrten, dafi der Mensch da seine Stimme verstarken und so 
nuancieren miisse, daft in gewaltiger, wilder Art die Tone erklingen, 
wie wenn aus derjenigen Welt, die der Tote unmittelbar betritt, diese 
Tone in die physische Welt hereinklangen. 

Da haben Sie schon den Hinweis darauf, wie bei diesen Vereini- 
gungen aus alter Zeit Traditionen vorhanden waren, die eben alten 



Erkenntnissen entstammten. Die Totengebrauche der Devorants wa- 
ren durchaus so, daft sie Riicksicht auf das nahmen, was alte Anschau- 
ungen uber, sagen wir, das Fegefeuer, wie es auch genannt wird, iiber 
Kamaloka und dergleichen wuftten. Aber der Ausdruck: Wolfe, 
«loups», deutet selber auf das hin, was da eigentlich zugrunde lag. 
Mit diesen Worten, oder wenigstens mit der Idee, die sich durch 
dieses Wort ausdriicken laftt, wurde in vielen Geheimlehren dasjenige 
bezeichnet, was wirksam ist im menschlichen astralischen Leibe, 
wenn die Intelligenz weg ist, wenn also der Regulator des Gehirns 
fehlt. Was sich da aus den Untergriinden der menschlichen Natur in 
leidenschaftlich emotioneller Weise geltend macht, was namentlich 
sich in der Begierde geltend macht, mit anderen Menschen so zusam- 
men zu sein, daft man, wie es ja sagenhaft ist, selbst nach deren Blut 
Lust hat, das bezeichnete man eben in vielen Geheimlehren mit Wolf. 
So daft man schon sagen kann, wenn man die Dinge ganz ehrlich 
und richtig betrachten will, diese Devorants meinten eigentlich, sie 
miiftten sich bei solch einer Gelegenheit, wie bei einem Begrabnis, 
so benehmen, wie wenn sie ihren physischen Leib, das heiftt nament- 
lich das Gehirn, verlassen hatten. 

Und so waren auch die Festlichkeiten. Wahrend die Festlichkeiten 
der Gavots still und sanft waren, waren die Festlichkeiten der Devo- 
rants laut, stiirmisch. Es war wie eine Entfesselung der astralischen 
Welt, die bei diesen Festlichkeiten sich auslebte. Die Symbole, die 
bei diesen Festlichkeiten ja eine grofte Rolle spielten, die Zusammen- 
setzung der Legenden, das alles zeigte, daft man eigentlich in einer 
wilden Weise das, was einmal in alten Zeiten anders war, bei diesen 
Gelegenheiten zur Geltung brachte. 

Dagegen ist es ja schon bezeichnend, daft die andere Partei den 
Namen «Gavots» tragt. Das kommt von «gave». Das ist der Name Tafel 5 
von ganz kleinen Geistern, die von den mit dichtem Baumwuchs 
bedeckten Flachen der Pyrenaenhange herunterkommen, die sich 
nicht bemerklich machen, die aber doch von den Hohen der Pyrenaen 
herunterkommen, man mochte sagen, wie ganz kleine Elementargei- 
ster hervortreten in Stellvertretung fur die sonst aus der Hohe der 
spanischen Gebirge herunterkommenden Gralsmenschen. Also als 



die kleinen Geister, die aber doch zum Heere der Gralsritter gehorten, 
fiihlten sich die Angehorigen dieser anderen Partei, der «Gavots». 

Wahrend also die eine Partei, die Devorants, mehr das geltend 
machen wollte, was in der menschlichen Astralitat lebt, wollten die 
Gavots mehr geltend machen, was eben im Ich nach der damaligen 
Auffassung lag. So liegt wirklich dem Gegensatz zwischen diesen 
beiden Parteien der Gegensatz zugrunde der menschlichen Astralitat, 
des astralischen Leibes und des menschlichen Ich. Und das ist das 
Frappierende, das ungeheuer Interessante, dafi wir noch in der ersten 
Halfte des 19. Jahrhunderts Vereinigungen haben, die einen ungeheu- 
ren Einfluft, eine ungeheure Macht ausiiben innerhalb des Standes 
und des Berufes, wo es Sitte ist, sich ihnen anzuschliefien, und die 
auf solchen geistigen Untergriinden eben fest standen. 

Es ist durchaus so: Der Mensch will seine sozialen Zusammenhan- 
ge in der aufieren Welt, allerdings weil das Leben es notwendig macht, 
nach Beruf und Klasse gestalten. Daher nehmen solche Vereinigungen 
eben das als Kitt: Beruf und Klasse. Aber solche Vereinigungen wiir- 
den es in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts noch ganz unbegreif- 
lich gefunden haben, blofte Gewerkschaften, Berufs vereinigungen zu 
sein. Berufs vereinigungen waren sie aufierlich, wie der Mensch aufier- 
lich einen physischen Leib hat. Innerlich aber waren sie seelisch- 
geistig konstituiert, legten einen ungeheuren Wert auf ihre Erken- 
nungszeichen, auf ihre Symbole, lebten in diesen und sahen darauf, 
daft durch diese Symbole der reine Charakter der Vereinigung sich 
bewahrte. 

Merken Sie den gewaltigen Unterschied dieser Zeit von der unsri- 
gen. Sie miissen ja nur ins Auge fassen: Was schulmafiig die Leute 
in jenen Zeiten noch lernten, war ja aufterordentlich gering, die geisti- 
ge Bildung, die diese Leute hatten, kam ihnen nicht auf schulmafiigem 
Wege zu. Auf schulmafiigem Wege lernten sie notdiirftig lesen und 
schreiben und ein wenig rechnen. Alles iibrige hat sich ja erst spater 
im schulmafiigen Betriebe fur die breite Masse der Bevolkerung einge- 
stellt. Dennoch waren diese breiten Massen der Bevolkerung nicht 
unwissend in jenen Zeiten. Und das ist das Betriibliche bei unserer 
Geschichtsbetrachtung, daft eigentlich immer nur die Geschichte 



nach solchen Dokumenten aufgebaut wird, die man in den Staats- 
oder Stadt- oder sonstigen Archiven findet. Das ist aber gar nicht 
die voile lebendige Geschichte. Die finden wir erst, wenn wir anzu- 
schauen vermogen, was da lebt in der Seele, in dem Geiste eines Men- 
schen irgendeiner Zeit, in irgendeinem Berufe, in irgendeiner Klasse. 

Nun, die Menschen, die eigentlich fur das allgemeine Berufsleben 
aufierordentlich maftgebend waren, sie schopften das, was der geistige 
Inhalt ihrer Seele war, aus diesen Zusammenkunften bei ihren Verei- 
nigungen. Sie hatten daher nicht eine schulmafiig abstrakte Bildung. 
Denn das ist das Eigentumliche: Als die Bildung schulmafiig wurde, 
nahm sie einen intellektualistisch-abstrakten Charakter an. In alien 
diesen Vereinigungen hatte die Bildung nicht einen intellektuali- 
stisch-abstrakten Charakter, sondern einen bildhaft-symbolisieren- 
den Charakter, etwas, was die Welt in Bildern erfassen wollte. Der 
Mensch redete, indem er iiber die Welt redete, in Bildern, und die 
Bilder bekam er aus diesen Vereinigungen. Und er wachte iiber die 
Bilder, die er in der einen oder in der andern Vereinigung erhielt, 
weil er wufite, dafi in dem Wissen und Handhaben solcher Bilder 
durch abgeschlossene Gesellschaften der Wille in eine bestimmte 
Richtung, aber vor alien Dingen zu einer bestimmten Starke gebracht 
wird. Wahrend die abstrakte Bildung den Willen ganz unbeeinflufk 
lafk, waren diese Menschen, die auf diese Art ihre Bildung bekamen, 
im ganzen Menschen ergriffen. Sie waren gewissermafien als ganzer 
Mensch immer Reprasentanten dessen, was geistig in diesen Vereini- 
gungen lebte. 

Und so hatte man es in der Welt wirklich mit diesen Vereinigungen 
zu tun. Und man wird iiber das 19. Jahrhundert erst dann eine soziale 
Geschichte haben, wenn man einmal in der richtigen Weise folgendes 
feststellen wird, wenn man sich sagen wird: Da haben in solchen 
Vereinigungen die geistigen Stromungen gelebt, die in all den Hand- 
werkern, also in alle dem, was zwischen dem bauerlichen Stande und 
dem Adelsstande mitten drinnen war, was in alien diesen Seelen lebte. 
Was in den Seelen dieser Leute lebte, lernt man ja aus der heutigen 
Geschichte nicht kennen, weil man sich gar nicht um diese Dinge 
kiimmert. 



Und kommt man dann in die Mitte des 19. Jahrhunderts herein, 
dann tauchen plotzlich Ideen auf. Bei den politischen Parteien, die 
sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts bilden, tauchen allerlei Ideen 
auf, bei den politisch gefarbten Dichtern tauchen allerlei Ideen auf. 
Was sind solche Ideen? Wer die Geschichte, die wirkliche Geschichte 
kennt, der wei& Diese Ideen leben in solchen Verbindungen, da 
werden sie nicht aufgeschrieben. Dann aber finden sich Leute, welche 
den Gebrauch annehmen, dafi alles aufgeschrieben wird, daft alles 
gedruckt wird. Das reifk ein, das reifit gerade um die Mitte des 19. 
Jahrhunderts ein. Die Mitglieder solcher Verbindungen hatten sich 
dafiir bedankt, wenn irgendeine journalistische Denkweise innerhalb 
ihrer Mitte sich geltend gemacht hatte. Da wiirden sie sehr bald zu 
dem Mittel gegriffen haben, den betreffenden Herrn zu bitten, die 
Ture von aufien zuzumachen! Da war alles ans lebendig Menschliche 
gebunden. 

Solche Menschen nun, die kein Empfinden mehr hatten fur dieses 
lebendig Menschliche, die trugen in die Dichtung, in die Journalistik 
und in all das, was dann um die Mitte des 19. Jahrhunderts sozusagen 
anfing, die Welt zu beherrschen, das hinein. Da stromt es von unten 
nach oben, aber oftmals treibt es oben sehr triibe Blasen, und dann 
werden diese triiben Blasen in der Geschichte erzahlt. Diese Ge- 
schichte ist nicht echt, denn diese Geschichte wei£ nicht, wo die 
Urspriinge von solchen Dingen sind; diese Geschichte verblaik alles 
und verkarikiert es, verschlechtert es, vertrivialisiert es. Es hat in 
solchen Verbindungen manches mit dem Charakter einer ungeheuren 
Tiefe gelebt, was spater ganz vertrivialisiert worden ist. Tatsachlich 
gaben diese Verbindungen den Angehdrigen eine gewisse Hinneigung 
ihrer Seelen zu der geistigen Welt in aller Breite. 

Nun miissen Sie bedenken, dafi das Jahr 1 823 gut gewahlt ist, um 
dieses anschaulich zu machen, denn da hatte man schon soundso 
viele Jahre das Nivellement, die Gleichmachung der Franzosischen 
Revolution hinter sich. Diese Dinge hatten sich aber uber die Franzo- 
sische Revolution hinweg in voller Lebendigkeit erhalten. Von den 
Ideen der Franzosischen Revolution redete man; Handeln in bezug 
auf die Art und Weise, wie man eine Lebensstellung bekam, wie man 



zu einem andern Menschen kam, wenn man von einer Stadt in die 
andere zog, das geschah nach den Usancen, die in diesen Gesellschaf- 
ten waren. Der Mensch fiihlte sich auch eingewurzelt in das soziale 
Leben dadurch, daft er sich als Mitglied einer solchen Gesellschaft 
fiihlte. 

Bedenken Sie: Das moderne Leben, das ja, und zwar in berechtig- 
ter Weise auf der einen Seite, zur Individuality, zur Freiheit fiihrt, 
das beginnt, wie ich oft ausgefiihrt habe, im 15. Jahrhundert. Da 
halten die alten Bande, die alten Bindungen die Menschen nicht mehr 
zusammen. Je weiter man nach Westen kommt, desto weniger werden 
die Menschen zusammengehalten von diesen alten Bindungen. Die 
Blutsbande spielen, je weiter man nach Osten kommt, eine um so 
grofiere Rolle noch, weil da die alten Usancen sich erhalten haben. 
Aber je weiter man nach Westen kommt, desto mehr vereinzeln sich 
die Menschen, desto mehr individualisiert sich der soziale Zusam- 
menhang. Doch die Menschen fuhlen, sie konnen noch nicht voll 
auf sich selbst gestellt sein, denn das voile Auf-sich-selbst-Gestellt- 
sein, das wird zwei Jahrtausende dauern vom 15. Jahrhundert an, 
und wir sind ja jetzt erst in dem ersten Jahrtausend. Es hat allerdings 
ein ungeheurer Umschwung gerade im 19. Jahrhundert stattgefunden. 
Aber wenn man absieht von den - wie nennt man es oftmals? - von 
den oberen Zehntausend, seien es die oberen Zehntausend des aufte- 
ren Adels oder des geistigen Adels, wenn man von diesen absieht 
und auf die breite Masse der Menschheit sieht, dann mufi man sagen: 
Die wehrt sich gegen das Individualisiertwerden. Nun, die von dem 
Individualisiertwerden ergriffen werden, die wehren sich auch dage- 
gen. Der Adel, der geistliche Stand, kann zusammenhalten, die haben 
Bindungen; der Handwerkerstand wird herausgerissen aus den Bin- 
dungen. Das, was in diesen Vereinigungen gesucht wird, ist eben ein 
krampfhaftes Suchen nach Bindungen, die nicht mehr historisch da 
sind, die man machen mufi. 

Und so sehen wir vom 15., 16. Jahrhundert an schon an solchen 
Vergesellschaftungen, die sich durch geistige Mittel zusammenhalten, 
gerade unter denjenigen, die sich als Handwerker herausheben aus 
der bauerlichen Beschaftigung und die nicht hinaufkommen entweder 



bis zum Adelstum oder bis zu den geistigen oberen Standen, dem 
Priestertum, Schreibertum und so weiter - wie bei all denen sich 
eben dieses Streben findet, zusammengehalten zu sein. Und es ist 
grofi und gewaltig zu sehen, wie der Zusammenhalt da noch nicht 
gesucht wird in dem gleichen Berufe, sondern - trotzdem man sich 
im Beruf abschliefk, trotzdem der Beruf den Rahmen bildet - wie 
er gesucht wird in Geistigem, in Seelischem, wie man sich nur dann 
als Mensch fiihlt, wenn man auf der einen Seite die Arbeit hat, auf 
der andern Seite aber in der Arbeit die Freiheit, sich in eine bildhafte 
Lebens- und Weltauffassung einfugen zu konnen, wenn man also 
dieses in sein Menschtum aufnimmt. Das ist eben das Kennzeichen 
fur den gro$en Umschwung im 19. Jahrhundert, dafi diese Hinnei- 
gung zum Geistigen verlorengeht, daft sie in dem Firlefanz von allerlei 
Geheimgesellschaften ja allerdings bewahrt wird, dafi diese Geheim- 
gesellschaften aber in gar keinem Zusammenhang mehr mit der realen 
Welt stehen. Es sind das freimaurerische und sonstige Geheimgesell- 
schaften, die nachaffen, was in solchen aufierlichen Berufsgesellschaf- 
ten, innerlich aber durch geistige Bindungen zusammengehaltenen 
Vergesellschaftungen, gepflegt worden ist. Und wenn man dazu 
nimmt, dal? man sogar gefuhrt wird bis zu der grofteren Pflege des 
Astralischen im Menschen, bis zu der grofteren Pflege des Ichgema- 
ften im Menschen durch diese zwei Schattierungen, Devorants und 
Gavots, dann haben wir ein Zeugnis dafiir, wie in der Geschichte 
der Menschheit etwas wirkt, was man als die Impulse in der Gliede- 
rung des Menschenwesens erkennt. 

Wenn man auf das Geographische hinschaut, dann sieht man, 
trotzdem es Gavots und Devorants eigentlich in ganz Frankreich 
gab, daft in den nordfranzosischen Stadten mehr die Devorants, in 
den sudfranzosischen mehr die Gavots ausgebreitet waren. Das hangt 
damit zusammen, da£ in der Tat jene feine Nuancierung zwischen 
siidlicherem, warmem Klima und nordlicherem, kalterem Klima sich 
da geltend macht, daft das kaltere Klima mehr das Astralische, das 
warmere Klima mehr die Ich-Natur des Menschen herausgestaltet. 
Daher sehen wir auch, je weiter wir in heifie Zonen kommen, wie 
der Unterschied in der Blutfarbung zwischen Arterien und Venen 



weniger differenziert ist, wahrend im Norden die Leute scharf ausge- 
pragte rote und blaue Blutadern haben. Der Unterschied zwischen 
roten und blauen Blutadern schwindet um so mehr, je weiter man 
in heifte Zonen kommt. Je weniger der Mensch diese zwei Sorten, 
das Arterienblut und das Venenblut, differenziert hat, desto tiefer 
ist sein astralischer Leib und darmt die gegenwartige Ich-Konfigura- 
tion in sein Ich eingetaucht; wir finden um so mehr Ich, je mehr wir 
in heiftere Klimate kommen. Das ist interessant, daft auch die auftere 
geographische Ausbreitung mit dem zusammenhangt, was einfach 
aus dem Geographischen heraus den Menschen mehr zum Ich oder 
mehr zum astralischen Leib macht. 

Und so sieht man, daft, wenn man die Geschichte verfolgt, man 
die aufteren Krafte der Geschichte nur erkennen kann, wenn man 
weift, bei der oder jener Mensch enzusammenfassung findet man mehr 
das Astralische tatig, bei der andern Menschenzusammenfassung fin- 
det man mehr das Ich-Wesen tatig. Erst wenn man astralisches Wesen 
und Ich-Wesen kennt, kann man die treibenden Krafte der Geschichte 
eigentlich verfolgen, wahrend das, was in den Geschichtsbuchern 
heute steht, eben so ist, als wenn da ein unwissender Diener irgendwo 
in einem Telegraphenburo aus seinem Wissen heraus ein Buch liber 
die elektrische Telegraphie schreibt, weil er sich sagt: Ich kann das 
besser als diejenigen, die das gelernt haben, denn ich bin immer dabei 
gewesen. So ungefahr sind die Geschichtsschreiber, die in der heuti- 
gen Zeit leben, bei den Tatsachen dabei. Derjenige ist erst bei den 
Tatsachen der Geschichte dabei, der die inneren wirksamen Krafte 
kennt. Die kann man aber nur aus der inneren Erkenntnis des Men- 
schenwesens heraus schopfen. Und ebenso nur kann man Geographie 
kennenlernen. Die Geographie zeigt uns, daft die Menschen nach Ras- 
sen iiber die verschiedenen Gebiete der Erde verteilt sind. Ja, die Rassen 
unterscheiden sich nicht bloft durch die Haarfarbe und durch die Na- 
senkonfiguration, sondern sie unterscheiden sich durch die Art und 
Weise, wie atherische, astralische und Ich-Wesenheit in den Men- 
schen eingegliedert sind. Das alles kommt aus dem Geistigen heraus. 

Und in den Zeiten, von denen ich jetzt gesprochen habe, um eine 
Jahrhundertbetrachtung anzustellen, richteten sich die Menschen 



auch bei dem, was sie willkurlich als Vereinigung bildeten, nach den 
geistigen, in den verschiedenen Gegenden wirksamen Impulsen. In 
Nordfrankreich wird dasjenige gesucht, was mehr aus dem Astrali- 
schen heraus wirkt, in Siidfrankreich eher das, was mehr aus dem 
Ich heraus wirkt. 

Aber daft die Menschheit ein Ganzes werde iiber die Erde hin, 
mussen diese Differenzen sich wiederum miteinander vermischen. 
Und daher sehen wir: Je langer diese Vereinigungen bestehen, desto 
mehr schleifen sich Gemeinschaftsgegensatze ab, vermischen sich 
diese Angehorigen untereinander. Am letzten Ende des 18. Jahrhun- 
derts oder vor der Franzosischen Revolution finden wir, wie mit 
ungeheurem Enthusiasmus und wahrer Wut und Emotion so man- 
cher zu seiner Vereinigung gehort, wie er alien Ehrgeiz da hineinsetzt, 
wenn er «Gavot» ist, zu siegen auf geistige Weise, wenn er «Devo- 
rant» ist, zu siegen mit dem Kniippel in der Hand. Aber es wird das 
ganze Menschentum eingesetzt, um in wiirdiger, in rechter Weise in 
einer solchen selbstgemachten Vereinigung drinnen zu stehen. Diese 
Vereinigungen rechnen mit dem, was iiber die Erde hin in geistiger 
Weise an Impulsen ausgebreitet ist. 

An solchen Dingen zeigt sich uns, wie rasch es mit der Verande- 
rung der menschlichen Seelenverfassung im Laufe der Zeiten geht. 
Die Menschen leben so blind dahin, indem sie eigentlich glauben: 
Wie ich lebe, hat eben mein Vater gelebt. Das mag ja fur die jetzigen 
Zeiten noch richtig sein, obwohl, wer Kinder heute kennt, ganz gut 
weift, daft die nicht so in ihrer Seele geartet sind, wie die Vater geartet 
waren, als sie noch in demselben Alter waren und so weiter. Aber 
wenn man nun noch um ein Jahrhundert zuriickgeht, gerade dort, 
wo um die Mitte des 19. Jahrhunderts jener gewaltige Umschwung 
stattgefunden hat, dann findet man, welcher ungeheure Unterschied 
in der Konfiguration der menschlichen sozialen Bindungen ein- 
getreten ist. 

Und diese Umgestaltung des sozialen Wesens, das ist Geschichte, 
nicht das, was man in Archiven findet. Und man kann wirklich, sagen 
wir, aus dem schlichten Biichlein, das ein Tischlergeselle, ich glaube 
1821, geschrieben hat als eine Art Katechismus fur seine wandernden 



Gesellen, wo nur aufterlich angefiihrt ist, wie es einem da ergeht, wie 
man reisen soil und dergleichen, man kann aus diesem schlichten 
Biichlein aufierordentlich viel Geschichtliches lernen, wenn man in 
der Lage ist, aus dem Aufteren auf die historischen Hintergriinde zu 
kommen. 

Sie sehen, auch im einzelnen werden die Dinge so gestaltet, daft 
auch Geschichte in Realitat nur belebt werden kann von der Geistes- 
wissenschaft aus. Und deshalb ist Geisteswissenschaft nicht eine Ver- 
mehrung von Erkenntnissen, nicht etwas, das eine gerade Fortsetzung 
dessen bilden wiirde, was man heute in den Schulen gewohnt ist zu 
lernen, sondern Geisteswissenschaft ist nur zu vergleichen mit einem 
Wachwerden iiber die Welt, mit einem Aufwachen. Die andere Wis- 
senschaft - und das konnen wir ja als unser Geheimnis betrachten 
- kann man eher vergleichen mit einem Ziehen der Schlafmiitze tief 
iiber die Ohren herunter. Aber Anthroposophie soil ein wirkliches 
Aufwachen sein. Daher weckt sie auch iiber die historischen Verhalt- 
nisse auf. 

Damitwollte ich heute, gerade imjahre 1923,inbezugauf einzelne 
konkrete Tatsachen einen Anfang machen mit einer Jahrhundertbe- 
trachtung, die perspektivisch zuriickgehen wollte bis eben 1823. Der 
Roman der George Sand kann nur eine aufiere Veranlassung sein, 
denn sie hatte natiirlich keine Ahnung von diesen geistigen Hinter- 
griinden. Aber sie hat mit einer gewissen instinktiven Genialitat das 
Jahr 1823, iiberhaupt jene Zeit in groftartiger Weise hingestellt, so 
dafi man sich angeregt fuhlt, gerade die Betrachtungen von 1 823 bis 
1923 fortzusetzen. 



GEMEINSCHAFTSBILDUNGEN IN MITTELEUROPA 



Dornach, 7. Juli 1923 



Gestern versuchte ich eine Art Jahrhundertbetrachtung anzustellen, 
indem ich Ihnen schilderte, wie namentlich in den westlichen europai- 
schen Gegenden der Mensch sich in gesellschaftliche Bindungen hin- 
einstellte, die zusammenhingen mit der Volksklasse auf der einen 
Seite und dem Berufsleben auf der andern Seite, und wir haben 
gesehen, wie diesen Verbindungen, diesen Vergesellschaftungen Gei- 
stiges zugrunde lag. Ja, wir mufken sogar bis zum Astralischen und 
bis zum Ich-Wesen des Menschen vordringen, damit wir die beiden 
einander entgegenstehenden Berufsvereinigungen, die «Devorants» 
und die «Gavots», studieren konnten. Und das Eigentumliche dieser 
Vereinigungen, die wie gesagt mehr westlichen Gegenden Europas 
angehoren und in denen sich die neuere Zivilisation vorzugsweise 
im Westen gebildet hat, das Wesentliche dieser Vereinigungen ist, 
dafi der Mensch sich mit seiner ganzen Seelenverfassung in einer 
solchen Gemeinschaft drinnen fiihlt und daE auch die verschiedenen 
Erkennungszeichen, die Symbole, von denen ich Ihnen gesprochen 
habe, die Legenden, irgendeinen Bezug zum Berufsleben haben, 
wenngleich sie einen durchaus geistigen Hintergrund haben. 

So wie ich gestern Ihnen dieses Leben vor einem Jahrhundert fur 
die westlichen europaischen Lander geschildert habe, ware es unmog- 
lich, das Leben zum Beispiel der mitteleuropaischen Gegenden zu 
schildern. Daher mufi es begreiflich erscheinen, dafi, als George Sand 
einen Roman schreiben wollte, in dem sie sich gewisse gesellschaftli- 
che Probleme stellte, sie als Hintergrund diese Vergesellschaftungen 
wahlte. Man kann durchaus sagen: Auch Goethe hat ja mit seinem 
«Wilhelm Meister» etwas Ahnliches angestrebt. Er wollte schildern, 
wie der Mensch mit der Menschheit und mit dem Geistes- und 
Berufsleben der Menschheit zusammenhangt, wie sich der einzelne 
Mensch aus der Menschheit heraus entwickelt. Goethe hat das ver- 
sucht in seinem «Wilhelm Meister». Er wiirde ganz zweifellos, wenn 



das fur ihn hatte eine Realitat sein konnen, auch solche Handwerker- 
verbindungen zur Grundlage gewahlt haben wie George Sand. Er 
hat es nicht getan, weil das in den Gegenden, denen Goethe mit 
seiner Bildung angehorte, einfach nicht moglich war. 

Das ist das Eigentumliche, daft in Mitteleuropa, seitdem iiberhaupt 
das an die Menschheit herangetreten ist, was ich Ihnen oftmals als 
den Intellektualismus bezeichnet habe, also seit dem 15. Jahrhundert, 
die menschlichen Probleme ganz anders aufgefaftt wurden als im 
Westen. Ich muftte Ihnen gestern schildern, wie der einzelne Hand- 
werker seine Tour durch Frankreich macht, wie er in irgendeiner 
Stadt sich in eine solche, man konnte fast sagen, Geheimverbindung 
aufnehmen laftt, wie er da seine Erkennungszeichen bekommt, wie 
er, wenn er nun seine Gesellenwanderung antritt, in irgendeiner an- 
deren Stadt einen ahnlichen Zweig seiner Vereinigung findet: er gibt 
sich zu erkennen, er wird innerhalb dieses Zweiges seiner Vereinigung 
aufgenommen. So war es, wie gesagt, durchaus noch 1823. Und diese 
Vereinigungen beeinfluftten dann das Leben des entsprechenden 
Standes tief. 

So konnte man eben nicht fur Mitteleuropa schildern. Fur Mittel- 
europa muftte man sagen, daft stets, seit dem Beginn dieser neueren 
Zeit, also seit dem 15. Jahrhundert, in den Menschen das Bestreben 
war, die Individuality, das menschliche Selbst zu pflegen. Es war 
kein so intensiver Zusammenhang zwischen dem einzelnen indivi- 
duellen Menschen und seinem Berufe oder seiner Gesellschaftsklasse 
wie im Westen. Daher war es so, daft der Mensch seinen Beruf - 
man mochte sagen: sine ira - in einer mehr aufterlichen Weise nahm. 
Er wuchs nicht so zusammen mit seinem Berufe, er verband nicht 
sein geistiges Leben mit seinem Berufe. 

Von den hauptsachlichsten Beruf en her waren im Westen die 
Bezeichnungen genommen, waren die Symbole genommen. So etwas 
war in Mitteleuropa nicht der Fall. Es war vielmehr so, daft das 
geistige Leben mehr abgesondert wurde vom Beruf, auch mehr abge- 
sondert wurde von der Klasse. Man steckte natiirlich auch in einer 
Volksklasse drinnen, aber wenn man sich dem geistigen Leben zu- 
wendete, so war dieses geistige Leben mehr herausgehoben, sowohl 



aus dem Berufe wie aus der Volksklasse. Daher lebte man mehr so, 
da$ man sich ganz vom Berufsleben frei machte in seinen Gedanken, 
wenn man sich der Geistigkeit hingeben wollte. Und es wurden daher 
in Mitteleuropa diejenigen Zweige der Geistigkeit besonders gepflegt, 
welche nichts mit dem Berufsleben, nichts mit dem Klassenleben zu 
tun hatten. 

Das Verhaltnis des Menschen zur Welt wurde aufgefalk ohne 
Riicksicht auf die Nation, ohne Riicksicht auf irgendeinen nationalen 
Zusammenhang. Der Mensch als solcher stand da im Vordergrund. 
Und dann, wenn der einzelne, sagen wir, auch der Handwerker, sich 
einem geistigen Leben hingeben wollte, so tat er dies als einzelner 
Mensch. Er sann iiber die Aufgaben des Lebens mehr als einzelner 
Mensch. Er hatte im Beginne des 19. Jahrhunderts wenig mehr aus 
irgendwelchen gesellschaftlichen Verbindungen heraus von einem 
solchen geistigen Leben, wie ich es gestern geschildert habe. Daher 
entwickelten sich die geistigen Anregungen in Mitteleuropa auf eine 
ganz andere Art. 

Der einzelne Handwerker, der einen besonderen Drang hatte, 
der, wenn man den mehr siiddeutschen Ausdruck gebraucht, ein 
Sinnierer wurde - es ist da das wunderschone Wort Sinnierer vorhan- 
den -, der also viel sann, der machte sich bekannt mit den Uberresten 
dessen, was von der alten Alchimie geblieben war an Erkenntnissen, 
was also nichts mit irgendeiner Klasse, nichts mit irgendeiner Natio- 
nalist oder mit einem Berufe zu tun hat; er machte sich bekannt mit 
dem, was von der alten Astrologie zuriickgeblieben war. Und was 
er so in sich aufnahm, das trug er wie einen seinen Mitmenschen 
wichtigen, wertvollen Schatz bei sich. Da wanderte er viel von Ort 
zu Ort. Es waren immer nur einzelne Menschen, man war nicht mit 
Erkennungszeichen, man war eben als Mensch gekommen. Da hatte 
man zunachst sonderbare Bezeichnungen fur solch einen Menschen. 
Diese Bezeichnungen sind aufgekommen in der Zeit, wo es eben 
drunter und driiber gegangen war mit den Anschauungen aus alten 
Zeiten und den neueren Zeiten; und denjenigen, der sich abhob vom 
Volke, den nahm man zunachst nicht gleich ganz gerne auf. Solche 
Sinnierer galten als Sonderlinge. «Spornritter» nannte man sie, wenn 



sie so auftraten. Und ein solcher mufite sich erst dadurch, daft er 
nun den Leuten etwas zu sagen hatte, mit den Leuten zusammenkam, 
sein Ansehen verschaffen. Da sich nicht standig gepflegte Verbindun- 
gen herausgebildet hatten, so muftte er bei den Leuten, mit denen er 
zusammenkam, die etwas wissen wollten von ihm, sich erst, wenn 
die Gelegenheit herbeigefiihrt wurde, sein Ansehen verschaffen. Und 
dadurch, daft er das geltend machte, was er sich ersinniert hatte, 
bekam er einen bestimmten Einfluft. Und lange vorher, bevor so 
einer kam, wurde schon in unbestimmter Weise gesprochen, daft 
einer kommen sollte. 

Nun, zunachst kam es den Leuten komisch vor, nachher aber, 
wenn er den Ort verlieft, dann dachte man lange nach iiber das, was 
so ein Sinnierer gesagt hatte, so ein besonders Gescheiter, der so viel 
Wissen in seinem Kopfe drinnen hatte, daft man es gar nicht zu 
begreifen vermochte, daft ein Menschenkopf so groft sein konne, 
daft man das alles drinnen habe, was der in seinem Menschenkopf 
drinnen hatte. 

Also es war die ganze Art, wie das geistige Leben gehandhabt 
wurde in dem Menschenmaftigen, eben anders. Und daher muftte es 
auch kommen, daft in westlichen Landern die Bildung viel popularer 
blieb, viel mehr ins Breite gehend blieb, denn sie hing zusammen 
mit dem Berufs- und Klassenleben. In Mitteleuropa dagegen trat 
eben allmahlich dieser Abgrund auf zwischen den Gebildeten und 
der groften Masse, die nicht mehr mitkonnte. Nun, das hangt vielfach 
zusammen mit der tiefen Tragik des mitteleuropaischen Lebens, 
dieser Abgrund zwischen denen, die dann unter den Forderungen 
der neueren Zeit das, was von alter Weisheit geblieben war - sei sie 
alchimistisch, sei sie astrologisch -, zusammenfaftten und von diesem 
Gesichtspunkte aus tiefer ins Menschenleben hineinschauten, und 
jenen, die nur bei den untergeordneten Bildungsbegriffen etwa eines 
religiosen Lebens stehenblieben. 

Diese Verhaltnisse hatte Goethe vor sich. So daft Goethe in seinem 
«Wilhelm Meister» nicht so hatte schildern konnen wie etwa die 
George Sand in dem Roman «Le compagnon du tour de France». 
Goethe schilderte den einzelnen Menschen, die einzelne menschliche 



Individualist, ihr Verhaltnis zu den oberen, ihr Verhaltnis zu den 
unteren Welten. So ist uns in Frankreich gewissermafien die Wirk- 
samkeit des Astralischen in den Devorants, die Wirksamkeit des Ich 
in den Gavots entgegengetreten, das wirkte hindurch durch die Ein- 
richtungen. Innerhalb Mitteleuropas wurde gesucht, wie der Mensch 
auf der einen Seite mit dem Himmel, wie der Mensch auf der andern 
Seite mit der Erde zusammenhangt. 

In einer schonen Weise hat Goethe - aber, ich mochte sagen, sehr 
in die Bildungs-Sublimierung hineingepragt, ins stark Abstrakte hin- 
eingetragen - dasjenige, was im Grunde genommen doch innerhalb 
Mitteleuropas an Menschenwissen und Menschenweisheit seit dem 
15. Jahrhundert gelebt hat, hineingebracht in die beiden Gestalten, 
die in seinem «Wilhelm Meister» auftreten: in Makarie auf der einen 
Seite und in der Metallfuhlerin auf der andern Seite. 

Da tritt diese merkwurdige Gestalt in Goethes «Wilhelm Meister» 
auf, Makarie, eine gereifte weibliche Personlichkeit, die durch ihr 
krankliches, krankhaftes Sein wenig mehr zusammenhangt mit dem 
irdischen Leben, die sozusagen sich ganz herausgehoben hat aus dem 
irdischen Leben, die kaum mehr viel sich bewegt innerhalb der irdi- 
schen Raumlichkeiten, die verehrt wird von alien, die um sie herum 
sind, von alien Familiengliedern im engeren, aber auch im weiteren 
Sinne, und die dadurch, da£ sie unabhangig geworden ist von dem 
Irdischen, ein merkwiirdiges kosmisches Leben entwickelt. Und die- 
ses kosmische Leben, das Goethe so schildert, wie wenn Makarie 
mitlebte mit den Eigentumlichkeiten der Sterne, nicht mit den Eigen- 
tumlichkeiten der Erde, das fiihrt dazu, da$ sozusagen alle physische 
Weltenbetrachtung aus dem Geiste, aus der Seele Makariens ver- 
schwindet und sie ganz den kosmischen Gesetzmaftigkeiten hinge- 
geben ist. Aber je mehr sie sich den kosmischen GesetzmafSigkeiten 
hingibt, desto mehr horen die irdischen Naturgesetze auf, fur sie eine 
Bedeutung zu haben, desto mehr verwandeln sich die Naturgesetze 
in kosmische Moralgesetze. Sie wird zur moralischen Autoritat fur 
alle, die sie kennenlernen. Und sie vertritt nicht eine Moralitat, die 
auf Geboten beruht, nicht irgendeine Moralitat, die von der oder 
jener Seite entlehnt ist, sondern sie vertritt eine Moralitat, die dem 



Menschen, wenn er sich vom Irdischen frei macht, aber es noch hat, 
so erscheint, als ob sie von den Sternen selber in ihrem Gange geof- 
fenbart wiirde. Und was auf diese Weise Makarie mit ihrer Sternen- 
schau fiir ihre Umgebung verkiindet, das interpretiert ihr Freund, 
der Astronom, der aber jetzt der Schiiler der Seherin in den kosmi- 
schen Welten wird. 

Goethe hat nur in einer fein sublimierten Weise dasjenige, was 
Sie sich noch fiir das erste Drittel des 19. Jahrhunderts iiberall lebend 
vorzustellen haben, in einer hoheren Gesellschaftsklasse dargestellt. 
Man mu$ sich zum Beispiel vorstellen, da$ es in dieser Zeit immerhin 
noch, zerstreut allerdings, Familien gab, welche Familienmitglieder 
hatten, weibliche Familienmitglieder, die von einem bestimmten Al- 
ter an einfach nicht mehr fahig waren, sich auf der Erde zu bewegen, 
die bettlagerig wurden, deren Haut wei$ und durchsichtig wurde, 
die durch die weifie, durchsichtig gewordene Haut interessant verlau- 
fendes blaues Geader bis an die Oberflache ihres Leibes zeigten, die 
selten sprachen. Wenn sie aber sprachen, dann horchten alle, die in 
der Umgebung waren, sorgfaltig auf das, was gesprochen wurde, 
denn dann erwiesen sich diese weiblichen Personlichkeiten als solche 
Seherinnen, wie Goethe sie nur typisiert herausgehoben hat in seiner 
Makarie. Und man findet immerhin in dem ersten Drittel des 19. 
Jahrhunderts in Mitteleuropa iiberall Sagenkreise. Da wird erzahlt: 
Dort und dort, in jenem Orte liegt eine solche Seherin; sie hat dieses 
oder jenes aus ihrer prophetischen Gabe heraus gesprochen. - Und 
solche Dinge wurden weit in den Gegenden herumgetragen. Und sie 
wurden mit jener Poesie herumgetragen, die moglich war in der 
menschheitlichen gesellschaftlichen Ordnung, als es noch keine 
Zeitungen gab, denn die Zeitungen haben ja im wesentlichen 
zur Vernichtung des Geisteslebens ein Ungeheures beigetragen. 

So lafit also Goethe in seiner Makarie eine solche Gestalt auftreten. 
Und nun steht an einer bestimmten Stelle der «Wanderjahre» dieser 
Makarie entgegen die Metallfiihlerin. Ihr Freund ist Montanus. Die 
Metallfuhlerin fiihlt ebenso, was im Innern der Erde vorgeht, also, 
ich mochte sagen, ganz und gar das Geistige der irdischen Natur. 
Sie weh3 von den Geheimnissen der Metalle der Erde zu sprechen, 



sie weijR davon zu sprechen, wie die einzelnen Metalle auf den Men- 
schen wirken. Und Montanus interpretiert dieses, was bei der Metall- 
fuhlerin geschieht, ebenso, wie der Astronom dasjenige interpretiert, 
was durch Makarie geoffenbart wird. 

So hat Goethe in einer aufierordentlich interessanten Weise der 
kosmischen Seherin gegeniibergestellt diese Metallfuhlerin, welche 
die Geheimnisse der Erde durch ihre besondere Organisation - wie- 
derum eine etwas krankhafte Organisation - enthiillt. Goethe zeigt, 
da$ er dasjenige, wodurch der Mensch tiichtig ist, wodurch der 
Mensch vor alien Dingen seine Taten auf der Erde ausfuhren kann, 
weder bei denen sucht, die nach der einen Seite im Kosmos leben, 
noch bei den anderen, die nach der andern Seite im Innern der Erde 
leben. Er sucht das, was den Menschen fur das Erdenleben tiichtig 
macht, da, wo der Mensch von beiden Fahigkeiten in seinem Bewufit- 
seinszustand nichts weifi, wo sie unbewufk hereinwirken, diese 
beiden Fahigkeiten, wo aber, wie im Waagebalken, ein Ausgleich 
zwischen beiden ist. 

Goethe weifi nicht, was da zugrunde liegt. Aber er fuhlt selber - 
aus dem Festhalten einer alten Bildung fuhlt er es -, wie diese beiden 
Lebensextreme, Geistesextreme, aufeinander wirken und eigentlich 
den Menschen zum rechten Menschen machen, wenn sie nicht ein- 
seitig eines oder das andere wirken, sondern wenn sie beide mit ihrer 
Eigenart verschwinden, aber zusammenwirken und ein Gleichge- 
wicht in der menschlichen Natur bewirken. 

Heute, wo wir vom Standpunkte der Anthroposophie aus spre- 
chen konnen, konnen wir sagen: Da haben wir zunachst im Menschen 
Tafel 6 den oberen Menschen, den Nerven-Sinnes-Menschen; da haben wir 
den mittleren Menschen, den rhythmischen Menschen, und da haben 
wir den unteren Menschen, den Stoffwechsel-Gliedmafien-Men- 
schen. Uberwiegt beim Menschen der obere Mensch, gleicht er sich 
nicht mit dem unteren Menschen aus, dadurch dafi gewissermafien 
durch eine krankhafte Entwickelung, wie bei Makarie, der ganze 
Stoffwechsel-Gliedmafien-Mensch in eine Art Erstarrung verfallen 
ist, in eine solche Erstarrung, die noch nicht das Leben nimmt, die 
aber den Menschen unfahig macht, in der irdischen Raumlichkeit 



sich zu bewegen, iiberwiegt also in einer solchen Personlichkeit das 
Geschehen im Kopfe, dann wird der Mensch zum kosmischen Schau- 
er, zum kosmischen Seher. Tritt wie bei der Metallfiihlerin die Ner- 
ven-Sinnes-Organisation zuriick und bildet sich besonders bedeut- 
sam das Stoffwechsel-Gliedmafien-System aus, dann lebt der Mensch 
vorzugsweise mit dem Irdischen, dann lebt er mit den Kraften, mit 
den Wirksamkeiten der Metalle der Erde, der Mineralien der Erde. 
Und im mittleren Menschen ist der Ausgleich. 

So wollte Goethe eigentlich an dieser Stelle seines sozialen Ro- 
manes «Wilhelm Meisters Wanderjahre» andeuten, wie nach dem 
Menschlichen gesucht wurde in Mitteleuropa, wie der Mensch auf 
der einen Seite nach dem Kosmos, auf der andern Seite nach dem 
Irdischen gegliedert wurde und wie das rechte Menschentum in 
dem Ausgleich zwischen beiden besteht. 

Uber diesen Ausgleich zwischen Astrologie nach oben, Alchimie 
nach unten wurde viel, viel gesonnen. Und wenn einzelne solche 
Gestalten herausragen, wie der Paracelsus, wie der Faust, die von 
Ort zu Ort gezogen sind, um die Leute zu iiberraschen mit dem, 
was sie als Sinnierer wufiten von diesen Geheimnissen, so daft die 
Leute aufhorchten auf das, was der Mensch uber den Menschen 
wissen kann, wenn einzelne solche bedeutsame Personlichkeiten her- 
austraten, so waren diese aber nicht die einzigen. Kleine Paracelsusse, 
kleine Fauste gab es iiberall, die nur nicht so weit wanderten, die ein 
kleineres Territorium hatten. Und was heute wiederum in den Ge- 
heimnissen der Wiinschelrute erkundet wird, das war etwas, was 
dazumal durchaus gang und gabe war. Da kam, nicht nur einmal, so 
etwas vor wie das Folgende. 

Es kam solch ein Sinnierer in irgendeinen Ort und imponierte da 
den Leuten durch das, was er zu sagen hatte iiber die obere und die 
untere Welt. Und wenn er dann den Leuten machtig imponiert hatte, 
wenn sie anfingen, an seine Autoritat unbedingt zu glauben, dann 
sagten sie zuletzt: Aber Meister, jetzt mufit du noch irgend etwas 
tun, was fur uns wichtig ist. Weilk du, wir brauchen einen Brunnen, 
und du raufit uns sagen, wo der Brunnen gebaut werden soli. - Da 
ging derjenige, der so als Sinnierer in die Orte gekommen war, mit 



den Leuten herum in der Gegend, und an manchen Orten blieb er 
stehen, ging wieder weiter, blieb wieder stehen, aber dann blieb er 
endlich an einem Orte stehen, wo er sagte: Da ist's! Da haben wir's! 
- Da wurde der Brunnen gebaut. 

Diese Dinge verzeichnet eben die Geschichte nicht, diese Dinge 
reichen bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts herein, wenn sie 
da auch immer sparlicher und sparlicher wurden. Aber diese Dinge 
sind real. Und das ist eben etwas, was gerade in den unteren Schichten 
des Volkes besonders gepflegt worden ist, was sozusagen hier das 
geistige Leben ausmachte. Das geistige Leben lag durchaus in diesen 
Dingen, weil man den innersten Drang hatte, das Menschliche als 
solches, ich mochte sagen, nicht nur symbolistisch, sondern sogar 
kosmisch zu fassen. Man frug hier weniger: Wie hangt der Mensch 
durch seine Klasse, durch seinen Beruf nach auften zusammen? - 
Das machte man selbst geltend in den Zeiten des Zunftwesens, wenn 
man aufterlich mit den Abzeichen auftreten wollte, wenn man Aufzii- 
ge machen wollte und dergleichen, aber das hatte ja eigenthch nicht 
jene tiefe geistige Bedeutung wie im Westen. Dagegen hatte dieses 
von dem Aufteren abgezogene Leben hier seine grofte geistige 
Bedeutung. 

Ich mochte sagen: Im Westen war man darauf aus, die Menschheit 
in den aufteren Kraften des Zusammenlebens seelisch aufzufassen. 
In Mitteleuropa war es der Mensch innerhalb seiner Haut, der auch 
das, was er gesellschaftlich erlebte, als Mensch erleben wollte. Das 
ist dasjenige, was das mitteleuropaische Geistesleben in eine gewisse 
Hohe getrieben hat, so daft es nicht popular werden konnte wie im 
Westen. Und das ist es auch, was zu gleicher Zeit die tiefe geistige 
Tragik Mitteleuropas hervorgerufen hat. Und wir leben schon heute 
in einer Zeit, in der diese Dinge in weitesten Kreisen bewuftt werden 
sollten, in der man aufwachen sollte in weitesten Kreisen iiber diese 
Dinge. Denn es ist ja nur dann zu hoffen, daft unsere chaotisch 
gewordene Zivilisation wiederum neue Anstofte erhalten kann, daft 
ihr wieder neue Lebenskrafte zugefuhrt werden konnen, wenn man 
in dieser Weise den wirklichen Zusammenhang mit dem geschichtli- 
chen Leben erfassen kann. 



Man stieg schon in Mitteleuropa bis zur Erde herunter. Das zeigt 
insbesondere Goethe, der eben den Ausgleich haben wollte zwischen 
dem oberen und dem unteren Menschen, der die beiden Extreme, 
die Metallfiihlerin und die kosmische Seherin, einander gegeniiber- 
stellte. Man wollte den Menschen als tatigen Menschen auf die Erde 
hereinstellen; aber man wollte hinaufschauen in die Region des Kos- 
mischen auf der einen Seite, man wollte hinunterschauen in die Re- 
gion des Irdischen, des Tellurischen auf der andern Seite, um den 
Menschen als einen Erdenbiirger zu erkennen. Das sind die Differen- 
zierungen, welche die moderne Zivilisation aus ihren Untergriinden 
mit heraufgebracht haben. 

Daher konnte zum Beispiel auch so etwas wie Schillers «Astheti- 
sche Briefe», iiber die ich ofter gesprochen habe, wo eigentlich der 
Mensch ganz nur als Mensch dasteht, losgelost von jeder Nationalist, 
wo er nur als Mensch erfalk werden soli, nur in Mitteleuropa geschrie- 
ben werden. Und im Grunde genommen war es selbstverstandlich, 
da$ ein Teil des Sinnens - wenn auch dafiir nicht Goethe und auch 
nicht die Folgezeit die Losungen gefunden hat - darinnen bestand, 
wie man die Menschen dazu bringen kann, dafi eben alle Menschen 
dieses allgemein Menschliche in der modernen Weise wieder ver- 
stehen konnen. 

Daher bildet bei Goethe einen grofien Teil seines «Wilhelm Mei- 
ster» -Romanes die sogenannte padagogische Provinz. Die Erziehung 
des Menschen wird zum Problem: Ein Problem, fur das die Zeit 
damals noch nicht gekommen war, fur das die Zeit erst heute da ist, 
wo man nach anthroposophischer Menschenerkenntnis suchen kann. 

Man war im Westen, ich mochte sagen, schon iiber die menschliche 
Haut herausgegangen, Man suchte tastend: Wie verbindet man sich 
mit dem andern Menschen? Wie gibt man sich dem andern Menschen 
zu erkennen? Wie ergreift man seine Hand? Wie hat man zu sprechen, 
daft er einen erkennt? - Zeichen, Griff und Wort, wie sie dann in 
einer etwas luxuriosen Weise in den Freimaurer-Gesellschaften auf- 
getreten sind, das ist etwas, was im Westen gewirkt hat als etwas 
lebenskraftig Tatiges bis zum Ende des ersten Drittels des 19. Jahr- 
hunderts. In Mitteleuropa hatte man nicht so viel Sinn fur solche 



besondere Symbolik, aber man hatte viel Sinn dafiir, hinter das Ratsel 
des Menschen im allgemeinen zu kommen. 

Interessant ist es nun, damit Osteuropa zu vergleichen. Da kam 
der Mensch - nicht nur bis zum Ende des ersten Drittels des 19. 
Jahrhunderts, sondern bis in eine viel spatere Zeit - von seinem 
Inneren aus, ich mochte sagen, nicht bis zu seiner Haut. Er blieb in 
einem gewissen Sinne in einer Seelenverfassung, die ihn nicht ganz 
heraushob aus dem Gottlichen, nicht vorschob bis zum Menschen. 
Daher mochte ich sagen: Wahrend im Westen die Gesinnung aufge- 
kommen ist, die Welt ist Welt - hochstens mufi man iiber soziale 
Utopien nachdenken — , die Welt ist Welt, man mufi in ihr leben, 
man mufi soziale Einrichtungen haben, um in ihr zu leben, oder mufi 
diejenigen, die schon da sind, so ansehen, als ob sie ganz herrlich 
waren, um in ihnen zu leben - wahrend es so war im Westen, war 
es in Mitteleuropa so, dafi man eigentlich verlangte: Der Mensch 
mufi erst Mensch werden, er mufi erst sich durcharbeiten zum 
Menschtum, dann findet er die Erde. - Im Osten war man iiberzeugt: 
Beide Ideale sind eigentlich falsch. Schon wenn der Mensch daran 
denkt, sich zum Menschen durchzuarbeiten, so ist er auf dem Holz- 
weg, denn er verlafit eigentlich damit das Paradies. Und es sollte der 
Mensch das Stuck Erde, auf dem er wohnt, immer als ein Para- 
dies ansehen konnen, sonst wird das Leben unmoglich. Man mufi 
mehr auf dasjenige zuruckgehen, was unbewufit im Menschen 
drinnen ist, und nicht zu stark ins Leben herausgehen. 

Aus diesem Grunde ist es, dafi im Osten Europas zwar eine 
gewisse Toleranz gegen den Westen und gegen Mitteleuropa immer 
vorhanden war, aus einer gewissen Gutmutigkeit, auch aus Men- 
schenliebe heraus, dafi aber dennoch die Gegenden, in denen man 
entweder ganz mit dem aufieren Menschentum wie im Westen oder 
mit der einzelnen menschlichen Individuality wie in Mitteleuropa 
rechnete, gewissermafien wie ein Abfall von dem gottlichen Men- 
schen angesehen wurden. Und als dann - man kann es fur Rufiland 
zum Beispiel durchaus so sagen - die Tendenz auftrat im Osten, sich 
Anschauungen zu verschaffen iiber das Westliche, da sehen wir eben, 
weil der Mensch nicht aus sich heraus will, wie zwar bei den Besten 



gerade eine Toleranz vorhanden ist, eine Tolerierung, aber kein inne- 
res Eingehen auf die iibrige Welt. Der Russe dringt, wenn er ein 
richtiger Russe ist, nicht bis an seine Haut heran; er bleibt tiefer 
drinnen in sich stecken. Es ist schon viel zu irdisch, bis zu seiner 
Haut vorzudringen, man mu& mehr im Innern bleiben. 

Sehen Sie, das war eine Seelenstimmung, die noch bei Dostojewskij 
im hochsten Grade auftrat. Und da ist es immerhin interessant, zu 
horen, was Dostojewskij, also einer derjenigen, die vor alien Dingen 
reprasentativ sind fur das ostliche europaische Leben, den Leuten 
des Westens sagt. 

In der neuesten Nummer der Zeitschrift «Wissen und Leben», 
die jetzt herausgekommen ist, wo Brief e abgedruckt sind, die Dosto- 
jewskij an Apollon Maikow 1868 geschrieben hat, konnen Sie es 
lesen. Aber eben, solche Briefe konnten geschrieben sein, wenn da- 
zumal das Reisen schon so iiblich gewesen ware, auch im ersten 
Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Eine Anzahl von hier Sitzenden mufi ich vielleicht um Entschuldi- 
gung bitten, dafi ich einige Stellen aus dem Briefe Dostojewskijs 
vorlese, aber es sagt es ja Dostojewskij, nicht ich, und ich bin naturlich 
weit entfernt, damit etwas anderes sagen zu wollen, als Dostojewskij 
sprechen zu lassen. Dostojewskij fiihlt sich also nach Genf verschla- 
gen; und die Genfer Westmenschen und jene, die in der Nahe wohnen, 
mussen es schon entschuldigen, wenn ich also nur als Charakteristik 
einige Stellen aus ein em Briefe von Dostojewskij von 1868 zur Verle- 
sung bringe. 

« Am meisten hatten wir in Genf unter den materiellen Unannehm- 
lichkeiten und unter der Kalte zu leiden. Wenn Sie nur wuiken, wie 
dumm, stumpfsinnig, unbedeutend und wild dieses Volk ist! Es ge- 
ntigt nicht, als Tourist das Land zu besuchen. Nein, versuchen Sie 
einmal hier zu leben! Aber ich kann Ihnen jetzt meine Eindriicke 
selbst kurz nicht wiedergeben; es haben sich gar zu viele angesammelt. 
Das bourgeoise Leben in dieser Republik ist nec plus ultra entwickelt. 
In der Regierung und in der ganzen Schweiz - nichts als Parteien, 
ununterbrochene Streitigkeiten, Pauperismus, eine erschreckende 
Mittelmafiigkeit in allem; der hiesige Arbeiter ist nicht den kleinen 



Finger des unseren wert: es ist lacherlich, ihn anzuschauen und ihm 
zuzuhoren. Die Sitten sind wild; ach, wenn Sie wiiftten, was man 
hier fiir gut und was fur schlecht halt. Niedrige Bildung: welch eine 
Trunksucht, welche Diebereien, welch ein kleinlicher Schwindel, der 
im Handel zum Gesetz geworden ist. Es gibt iibrigens auch einige 
gute Ziige, die sie unermeftlich hoch iiber die Deutschen stellen.» 

Jetzt mufi ich wieder nach der andern Seite um Entschuldigung 
bitten! 

«In Deutschland muftte ich am meisten iiber die Dummheit des 
Volkes staunen; sie sind maftlos dumm, sie sind inkommensurabel 
dumm. Bei uns will selbst Nikolai Nikolajewitsch Strachow, ein 
Mann von hohem Verstande, die Wahrheit nicht einsehen, er sagte: 
<Die Deutschen sind klug, sie haben das Pulver erfunden.> Aber ihr 
Leben hat sich eben so gefugt!» 

Also, daft sie das Pulver erfunden haben, rechnet er ihnen nicht 
als etwas an, was ihre inkommensurable Dummheit etwas mindern 
wiirde. Nun: 

«... In der Schweiz gibt es noch genug Wald, in den Bergen ist 
unvergleichlich mehr davon geblieben als in den andern Landern 
Europas, obwohl er von Jahr zu Jahr entsetzlich abnimmt. Nun 
stellen Sie sich von Funf Monate im Jahre herrscht hier eine schreck- 
liche Kalte und dazu die Bisen. Und drei Monate ist hier fast der 
gleiche Winter wie bei uns. Alle zittern vor Kalte, legen Flanell und 
Watte niemals ab (dabei gibt es bei ihnen gar keine Dampfbader, Sie 
konnen sich also den Schmutz vorstellen, an den sie gewohnt sind), 
Winterkleider haben sie nicht, laufen fast in den gleichen Kleidern 
herum wie im Sommer (Flanell allein ist aber zu wenig fiir einen 
solchen Winter), und dabei fehlt es ihnen an Verstand, um ihre Woh- 
nungen auch nur ein wenig zu verbessern! Was kann ein Kamin mit 
Kohle oder Holz ausrichten, selbst wenn man den ganzen Tag heizt? 
Den ganzen Tag heizen kostet aber 2 Franken taglich. So viel Wald 
wird dabei unniitz vernichtet, Warme hat man aber nicht. Was glau- 
ben Sie? wenn sie bloft Doppelfenster hatten, konnte man auch mit 
den Kaminen leben! Ich sage gar nicht, daft man Of en einbauen 
sollte. Dann konnte man den ganzen Wald retten. In 25 Jahren bleibt 



gar kein Wald mehr iibrig. Sie leben wirklich wie die Wilden! Dafiir 
konnen sie auch was vertragen. In meinem Zimmer sind beim furch- 
terlichen Heizen nur +5 Grad Reaumur (5 Grad Warme). Ich safi 
bei dieser Kalte im Mantel, wartete auf Geld, versetzte die Sachen 
und iiberlegte mir den Plan zu einem Roman - ist das schon? Man 
sagt, in Florenz hatte es in diesem Jahre bis -10 Grad gegeben. In 
Montpellier gab es 15 Grad Reaumur Kalte. Bei uns in Genf sank 
die Temperatur nicht unter -8 Grad, aber es ist ganz gleich, wenn 
das Wasser in den Zimmern einfriert. Neulich habe ich die Wohnung 
gewechselt und habe jetzt schone Zimmer; das eine ist standig kalt, 
das andere aber warm, und in diesem warmen Zimmer habe ich 
immer +10 o
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