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RUDOLF STEINER G E S A M T A U S G A B E
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Gegenwartiges und Vergangenes
im Menschengeiste
Zwolf Vortrage, gehalten in Berlin
vom 13. Februar bis 30. Marc 1916
VERLAG DER
1962
RUDOLF STEINER-NACHLASSVERWALTUNG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Wolfram Groddeck
1. Auflage (Zyklus 42) Berlin 1920
2. Auflage (Gesamtausgabe) Dornach 1962
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz
(c) 1925 by Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach
renewed 1953 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Arlesheim AG.
ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT
Ober den Charakter dieser Privatdrucke aufiert sich
Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang»
(35. und 36. Kapitel, Marz 1925) folgendermafien:
«Als miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilun-
gen waren die Inhalte dieser Drucke gemeint . . .
Es ist nirgends auch nur in germgstem Mafie etwas gesagt,
was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthropo-
sophie ware . . . Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im
vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu
sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken . . . von
der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im
Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Em Urteil uber den Inhalt eines solchen Privatdruckes
wird ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden kon-
nen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen
wird. Und das ist fur die allermeisten dieser Drucke minde-
stens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie darge-
stellt wird, und dessen, was als , anthroposophische Ge-
schichte' in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich
findet.»
INHALT
Seite
erster vortrag Berlin, 13. Februar 1916
Gegenwartiges und Vergangenes im Menschengeiste . 10
zweiter VORTRAG Berlin, 7. Marz 1916
Das geistig-seelische Wesen des Menschen . . . . 30
dritter VORTRAG Berlin, 28. Marz 1916
StreifHchter auf die tieferen Impulse der Geschichte . . 57
vierter vortrag Berlin, 4. April 1916
Zeichen, Griff und Wort 81
fOnfter VORTRAG Berlin, 13. April 1916
Die Urof fenbarung der Menschheit 105
SECHSTER VORTRAG Berlin, 18. April 1916
Osterbetrachtung 139
siebenter vortrag Berlin, 25. April 1916
Die Lebensliige der heutigen Zeit 162
achter VORTRAG Berlin, 2. Mai 1916
Thomas Morus' «Utopia» 185
neunter vortrag Berlin, 9. Mai 1916
Kultus und Symbol. Der Jesuitenstaat in Paraguay . . 205
zehnter vortrag Berlin, 16. Mai 1916
Die dem Geist widerstrebenden Kraf te. Grundwahrheiten
des Christentums 229
elfter vortrag Berlin, 23. Mai 1916
Ein Stiick aus der jiidischen Haggada 253
zwOlfter vortrag Berlin, 30. Mai 1916
Homo ceconomus 276
Hinweise 301
Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . .310
Wahrend der Krxegsjahre wurdenvon Rudolf Steiner vor
jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Ge-
sellschaft gehaltenen Vor trag in den vom Kriege betrof-
fenen Landern die folgenden Gedenkworte gesprochen:
Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer,
die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der
Gegenwart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daft, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen
sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Dafi, mit Eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes-
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu
der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von
Golgatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren
Pflichten!
ERSTER VORTRAG
Berlin, 13. Februar 1916
Gegenivartiges und Vergangenes itn Menschengeiste
Zuerst wollen wir heute eine Rezitation uns anhoren aus Dichtungen
von Friedrich Lienhard und von Wilhelm Jordan, und dann werde
ich mir gestatten, anzuschliefien an diese Rezitation einige anthro-
posophisch-literarische Betrachtungen iiber die Gegenwart und deren
Aufgaben. Das soil dann den Abschlufi unseres Abends bilden. Vor-
ausschicken mochte ich nur ein paar Worte.
Friedrich Lienhard ist einer derjenigen Dichter der Gegenwart,
von denen wir schon sagen konnen, dafi sie mit ihrem eigenen Stre-
ben dem Streben der Geisteswissenschaft in einer gewissen Bezie-
hung nahe kommen. Am 4. Oktober des verflossenen Jahres 1915
beging Friedrich Lienhard seinen fiinfzigsten Geburtstag. Auch wir
haben dazumal von Dornach aus uns angeschlossen den zahlreichen
Begriiflungen, die diesem geisterfullten Dichter der Gegenwart von
alien Seiten zugekommen sind, und ich glaube, wir haben besondere
Griinde, gerade bei dem Dichter Friedrich Lienhard, der sich ja in
einer gewissen Weise unserer Bewegung angeschlossen und freund-
lich gezeigt hat, ein wenig hinzublicken auf den eigentlichen Inhalt
und auf den Kunstgehalt seines dichterischen Wesens. Er sagt ja
selber, dafi er, der aus einer franzosisch-elsassischen Wiege stammt,
sich unter manchen Schwierigkeiten hat hindurchringen miissen zu
dem, was er seine Weltanschauung nennt, die er versuchte, immer
mehr und mehr herauszugebaren, herauszuentwickeln aus mittel-
europaischem deutschem Wesen, aber so, dafi in seinen Dichtungen
wirklich von ihm angestrebt wird, den eigentiimlichen Wellenschlag
dieses mitteleuropaischen deutschen Wesens zur Wirksamkeit zu
bringen. Und da mufi man bei Friedrich Lienhard vor alien Dingen
sehen, wie wirklich in ihm dasjenige lebt, was er als seinem Wesen
so innig Verwandtes, wie ich es gerade zu charakterisieren versuchte,
angestrebt hat. Es lebt in ihm vielleicht ein Element, das nur in der
richtigen Weise zu wiirdigen ist von dem kunstlerisch-geistigen Aus-
gangspunkte der Geisteswissenschaft her. Da haben wir vor alien
Dingen in Lienhards Dichtungen wunderbare Naturschilderungen,
Naturlyrik, aber eine Naturlyrik ganz besonderer Art. Naturlyrik
ist es aber auch bei Friedrich Lienhard, wenn er versucht, die Men-
schen zum Sprechen zu bringen. Auch da ist etwas wie von der Na-
tur der Menschen unmittelbar au£ natiirliche Weise ausgehend und
den Geist im Naturdasein zeigend. Woher kommt dieses ? Es kommt
von etwas, das man vielleicht nur richtig bemerken kann bei
Friedrich Lienhard, wenn man — und das sollte man ja bei aller
Kunst, nur ist es heute schon, ich mochte sagen, ganz und gar aus
dem Bewufltsein der Menschen verschwunden, die Kunst so zu be-
trachten, namentlich die Dichtung — nicht blofi das Inhaltliche,
das Vorstellungsmafiige seiner Kunst auf sich wirken lafit, son-
dern das eigentlich Kiinstlerisch-Formale. Wie sich in ihm die Ge-
fuhle, die Vorstellungen bewegen, wie sie sich entwickeln, wie sie
sich schiirzen und losen, in diesem eigentiimlichen Wogen seiner
in dichterischer Sprache zum Ausdruck kommenden Seelenerlebnisse
merken wir etwas wie das Walten elementarischer Geistigkeit, ein
Mitgehen der dichterischen Seele mit demjenigen, was nach unseren
Anschauungen in der Atherwelt draufien in der Natur elementarisch
lebt hinter dem blofi sinnlichen Dasein, und was lebt in der Ather-
welt, wenn sich Menschliches auf naturgemafie Weise zum Aus-
drucke bringt, wie zum Beispiel in dem Ausdrucke des kindlichen
Seelenlebens. Verfolgt man die Worte Friedrich Lienhards, so er-
scheinen sie einem formlich so, wie wenn aus diesen Worten sich
weiterbewegen wiirden gerade die Elementargeister, von denen wir
wissen, dafi sie alle Naturerscheinungen durchrieseln, durchwarmen,
durchleben, durchweben. Und dieses Durchrieseln und Durchwar-
men und Durchleben und Durchweben der elementarischen Wesen-
heiten in bezug auf die Natur, das setzt sich gerade bei einem sol-
chen Dichter, der nun wirklich versteht, mit dem Geiste der Natur
zu leben, in seine Dichtung hinein fort.
Ein weiteres Element bei Friedrich Lienhard ist, dafi er gerade
durch sein Erfassen grofier Menschheits- und Weltenzusammen-
hange, denen er, ich mochte sagen, mit seinem Gefiihle innig ver-
wandt ist, ohne in irgendein engherzig Nationales zu verfallen, die
treibenden, wirkenden Krafte und Wesenheiten des Volkslebens zu
erfassen sucht, und wiederum das Volksleben nicht aus der Einzel-
heit der zufalligen Individuen heraus, sondern aus dem ganzen
Walten und Wogen des Volksseelenprinzips heraus zu erfassen ver-
sucht, und die einzelnen Gestalten hineinstellt in den grofien gei-
stigen Zusammenhang, in dem sie im Volksleben drinnenstehen
konnen. Dadurch ist Friedrich Lienhard imstande, eine solche Ge-
stalt, die von einer Art atavistischem Hellsehertum durchgeistigt ist
wie der Pfarrer Oberlin vom elsassischen Steintal, in einer auf der
einen Seite wirklich ganz plastischen und auf der anderen Seite doch
wiederum aufierordentlich intim-seelischen Weise zu erfassen und
darzustellen. Und aus diesem Impulse heraus wufite er die Gotter-
gestalten der Vorzeit in die Gegenwart wiederum heraufzurufen,
nicht so, dafi er etwa von den alten Gottersagen, von den alten
Heldensagen nur das Inhaltliche nimmt, sondern indem er wirklich
versucht, in der Sprache der Gegenwart die Moglichkeit zu finden,
das, was als Wellenschlag dieses alte Leben durchlebt hat und bis in
unsere heutige Zeit heraufschlagt, wiederum zu erwecken. Dadurch
ist in gewissem Sinne Friedrich Lienhard wirklich einer der vor-
nehmen Dichter der Gegenwart, weil andere Dichter der Gegen-
wart so sehr gesucht haben, mit Absehen, mochte ich sagen, von
allem Kiinstlerisch-Geistigen auf das Naturalistische und Reali-
stische sich zu verlegen und dadurch etwas Neues zu schaffen; wah-
rend der wirkliche Poet nicht in diesem Sinne durch naturalistische
Schrullen in unserer Gegenwart das Neue schaffen will, sondern es
schaffen will dadurch, dafi er den ewigen Strom der ewigen Schon-
heit in einer neuen Weise erfafit, so aber, dafi die Kunst wirklich
Kunst bleibt. Und wirkliche Kunst kann eben niemals ohne Geistig-
keit sein.
Dadurch ist es wohl auch, dafi Friedrich Lienhard naher gekom-
men ist demjenigen, was er nennt «Wege nach Weimar». Er hat
ja lange Zeit eine in freien Zeitraumen erscheinende Zeitschrift her-
ausgegeben, «Wege nach Weimar», wo er versuchte, zu den grofien
Ideen und Kunst-Impulsen der grofien Zeit von der Neige des
achtzehnten und dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sich
hinzuwenden, um zu erkennen, was in dieser gerade heute in vieler
Beziehung, wie wir in der Schlufibetrachtung vielleicht sehen wer-
den, vollstandig oder zum grofien Teil doch vergessenen und ver-
klungenen grofien Periode wirklich Wert hat. Daher suchte er nun
wieder seine spateren kiinstlerischen Perioden zu vertiefen, ich
mochte sagen, zu verinnerlichen, so dafi zuletzt eben so wunderbar
innerliche Dichtungen herauskommen konnten wie diejenigen, die
sich auf Gestalten wie etwa die Odilia beziehen und dergleichen.
Mit all dem weifi er dann zu verbinden im echten, wahren Sinne
die christlichen Impulse, die durch die Menschheit wallen und
weben. Und merkwiirdig ist es, dafi er sich, nicht durch den aufieren
Inhalt seines dichterischen Schaffens, sondern durch die Art und
Weise, wie die elementarischen Wesen ihn tragen, bis ins Einzelne
hinein nahert einem Elemente, das, wie es schien, ganz verloren
gegangen war der deutschen Dichtung, dafi er sich nahert — Sie wer-
den es bemerken konnen aus der Rezitation heraus an manchen Stel-
len — dem alliterierenden Kunstelemente, der Alliteration.
Diese Alliteration und dasjenige, was sie fur das deutsche Wesen
Verwandtes hat mit der ganzen mitteleuropaischen deutschen Volks-
substanz, bringt ihn eben einem Dichter nahe, der, zum Teil durch
seine Schuld, aber hauptsachlich durch die Schuld der Zeit und ihrer
Abwege wenig hat verstanden werden konnen, und den wir Ihnen
im zweiten Teil durch die Rezitation heute nahebringen wollen:
Wilhelm ] or dan. Wilhelm Jordan versuchte gerade durch den Stab-
reim, die Alliteration, wieder zu erneuern, wie er meint, den «alten
Redestrom der rauschenden Vorzeibx Er konnte gar nicht anders,
als dieses Formale der alten Dichtung wiederum hereinzutragen in
die Gegenwart, die er zu erheben versuchte iiber das Kleine des
Alltags hinaus zu den grofien bewegenden Impulsen. Und man mufi
sagen: Es ist formlich ein Jammer, obwohl es nicht ganz ohne die
Schuld Jordans geschehen ist, dafi solch eine Dichtung wie der
«Demiurg», wo versucht wird, die weltbewegenden Geist-Prinzipien
mit dem Menschheitsgeschehen auf der Erde in wahren Zusammen-
hang zu bringen, so ganz voriibergehen konnte ohne eine Wirkung.
Sie ist in den ftinfziger Jahren, wie ich sagte, nicht ganz ohne die
eigene Schuld Wilhelm Jordans, voriibergegangen. Aus dem Grunde
sage ich das, weil die naturalistisch-naturwissenschaftliche Art, die
Dinge anzuschauen, aller dings ja schon hineinfiel in bezug auf seine
eigene Weltanschauung, und er sich dadurch vieles verdorben hat.
Vieles verdorben hat ja audi in den «Nibelungen», dafi da statt der
friiher in viel tieferer Weise angesehenen Prinzipien die naturali-
stischen Prinzipien der Vererbung walten, der stof f liche "Dbergang
der Kraf te der Vererbung von einer Generation auf die andere, dafi,
ich mochte sagen, statt der Seele zu sehr das Blut waltet. Dadurch
hat gewifi Wilhelm Jordan seinen Tribut abgetragen an die natura-
listisch-naturwissenschaftliche Auffassung der Gegenwart. Er hat
aber auf der anderen Seite seinen Dichtungen dasjenige genommen,
was vielleicht schon in einer friiheren Zeit den Kunstbestrebungen
der Menschheit die grofien geistigen Impulse hatte geben konnen,
so dafi nicht alles hatte versinken miissen in dem unkiinstlerischen
Barbarentum, das vielf ach in der spateren Zeit an die Stelle fruherer
geistiger Prinzipien getreten ist. Wir konnen da ja sehen, wie heute
nur noch gespottet wird iiber dasjenige, was Wilhelm Jordan wollte.
Aber, ich mochte sagen, an uns ist es, diese grofien Impulse, wo im-
mer sie aufgetreten sind, wirklich auf unsere Seele wirken zu lassen,
denn es wird dennoch fur diese Impulse die Zeit kommen, wo sie
eine gewisse Mission im ganzen Welten-Menschheitswerden werden
zu erfullen haben.
Gewifi, der Dichter Friedrich Lienhard wird in weiten Kreisen
anerkannt. Aber dasjenige, was vielleicht gerade innerhalb unserer
Kreise in ihm gefunden werden kann, das sollen wir versuchen her-
auszufinden, denn das wird es ja vor alien Dingen sein, was, ich
glaube, seine kiinstlerischen Bestrebungen zusammen mit der Woge
der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen in die Zukunft tragen
wird. Und jetzt wollen wir zunachst Friedrich Lienhards Dichtungen
und einiges aus der Nibelungen-Dichtung Wilhelm Jordans, der
Siegfried-Sage selber, anhoren.
(Rezitation der f olgenden Gedichte Friedrich Lienhards durch Frau
Dr. Steiner:
«Glaube», «Morgenwind», «Waldgrufi», «Das schaff ende Licht»,
«Einsamer Fels», «Habt ihr es auch erfahren?», «A11 die zarten
Blumenglocken». «Seelenwanderung». «El£entanz». «Sommer-
nacht». Odilienlieder: «Herbst auf Odilienberg». «St Odilia». —
Rezitation aus dem «Nibelungenlied» von Wilhelm Jordan.)
Es wird immer wiederum gut sein, dichterische Kunst gerade
solcher Art auf sich wirken zu lassen. Wir haben ja in Friedrich
Lienhard einen Dichter vor uns, der versucht, wirklich in die Gegen-
wart noch hereinzutragen geistig-idealistische Seelenerlebnisse, die
er stark genug ist, mit Naturerlebnissen zu verbinden. Und bei sol-
chen Dingen spurt man noch etwas davon, dafi es mehr ankommt
auf das Wie in der Kunst, denn auf das Was. Wie wunderbar zieht
sich hin der Zauber iiber die Gegend um den Odilienberg herum,
und wie schon wird lyrisch unmittelbar gegenwartig die Empfin-
dung, welche diese Schutzpatronin Odilia des Klosters vom Odilien-
berg ausstrahlt. Dafi sie einstmals von ihrem grausamen Vater ver-
folgt worden ist, geblendet worden ist, und dafi sie gerade durch
den Verlust des Augenlichtes die mystische Fahigkeit erlangte,
Blinde zu heilen, sehend zu machen, das ist ja die Sage, um die sich
alles iibrige herumgliedert. Und alles dasjenige, was an wahrer, tie-
fer Mystik sich um diese Sage gliedert, lyrisch verbunden mit der
Natur um den elsassischen Odilienberg herum, findet sich gerade
in den Ihnen rezitierten Gedichten Friedrich Lienhards. Gedichte
aber von solcher Kraft und zu gleicher Zeit von solcher Intimitat,
von soldi seelisch-geistiger Art, konnen Sie viele, viele bei ihm
finden. Und er gibt wirklich Veranlassung, durch dasjenige, was,
ich mochte sagen, elementarisch schwingt und webt mit der Form
seines Dichtens, sich zu erinnern des wirklich viel verkannten
Wilhelm Jordan.
Aus der kleinen Probe, die wir haben heute horen konnen, wer-
den Sie auf der einen Seite ersehen haben, wie sehr sich dieser Dich-
ter bemiiht, die Gestalten, die er hinstellt vor uns, aus dem grofien
geistigen Weben des Lebens heraus zu schaffen und mit dem, was
uns in der aufieren physischen Welt entgegentritt, zugleich mitleben
zu lassen dasjenige, was webt und wirkt aus der wogenden Geistes-
welt heraus. Gerade bei Wilhelm Jordan kann man erfahren, denke
ich, wie die dichterische Seele sich verbinden kann mit einem welt-
geschichtlichen Stromen, so dafi in dem, was uns dichterisch-kiinst-
lerisch entgegentritt, wirklich das Streben lebt, das als geistige
Stromungen das Weltenwerden durchschwirrt und durchwirkt.
Ich habe das letzte Mai, als wir hier beisammen waren am letzten
Dienstag, darauf hinweisen miissen: Was wiirde aus der Fort-
entwickelung der Menschheit auf der Erde, wenn kein geistiger,
kein spiritueller Einschlag sich hineinfinden konnte in dasjenige,
was sozusagen durch das rein aufiere physische Dasein veranlagt ist ?
Und nicht nur auf dem aufieren Gebiete des Wissens, der Wissen-
schaft, des sozialen Lebens und so weiter, sondern auch auf den
Gebieten der Kunst tritt uns stark entgegen, dafi wir in einer kri-
tischen Zeit leben, insofern als eine Krisis sich vollzieht, nicht in
dem Sinne, wie das Wort «Kritik», das mit Krisis auch zusammen-
hangt, in der Zwergenliteratur der Gegenwart verwendet wird.
Denn wenn nicht das Lebendige der Geisteswissenschaft das
menschliche Seelenleben erfafit, mufi die Kunst, die ohne Geist nicht
sein kann, der Menschheit verloren gehen, mufi verschwinden in der
Art, wie sie noch heriibertont von Gestalten wie Wilhelm Jordan,
und wie sie festgehalten zu werden versucht wird von Gestalten wie
Friedrich Lienhard. Heute sehen die Menschen noch nicht diese
drohende Gef ahr des kiinstlerischen Niederganges ein, weil in vieler
Beziehung auch auf diesem Gebiete jener Rausch waltet und jenes
Traumleben, von dem ich am letzten Dienstag hier gesprochen habe,
obwohl man heute schon vieles sehen konnte, wenn man nur Auf fas-
sungs-Organe dafiir hatte. Wiinschen mochte man, dafi immer mehr
und mehr Leute gerade aus einem geisteswissenschaf tlichen Empfin-
den heraus einsehen wiirden, was es eigentlich heifit f iir die Gegenwart,
dafi eine noch vor verhaltnismafiig kurzer Zeit wirklich vorhandene
Kunst, die Schauspielkunst, versumpft und verdirbt in demjenigen,
was der Gegensatz von allem kiinstlerischen Sinn ist. Der Rein-
hardtianismus ist Vorzeichen von dem, wozu Kunst verkommen wird,
wenn es nichts weiter geben wird als jenes Sichabkehren von allem
geistigen Leben und geistigen Empfinden, das immer mehr und mehr
urn sich greift. Zu den traurigsten Erscheinungen der Gegenwart ge-
hort es, dafi eine grofiere Anzahl von Menschen sich heute finden
kann, die iiberhaupt solche Gaukelei, wie der Reinhardtianismus ist,
noch als Kunst anzusprechen vermogen.
Um hier au£ diesem Gebiete klar zu sehen, dazu gehort heute
schon jener starke Impuls, der aus dem von der Geisteswissenschaft
entflammten kunstlerischen Empfinden heraus kommen kann. Denn
dasjenige, was heute gerade modernes Leben auf kiinstlerischem
Gebiete genannt wird, das ist vielfach nichts anderes, als ein wirres
Taumeln durch die Welt. Wenn man nur versucht, wirklich das
Leben der Gegenwart zu erfassen, kann man schon, ich mochte sa-
gen, die Stelle bezeichnen, wo heute hineinplumpst das vom Mate-
rialismus ganz zerfressene Leben gerade in das Sumpfgebiet der
Kunst, oder, von der anderen Seite angesehen, in das Vergessen alles
desjenigen, was Kunst eigentlich ist. Denn damit wirklicher kiinst-
lerischer Sinn in der Entwickelung der Menschheit fortgepflanzt
werden kann, dazu ist notwendig, dafi dasjenige, was von friiher
gekommen ist, was zum Beispiel auch in Lienhards Dichtungen lebt
und was in einer gewissen Weise eine Art von Natur-Pantheismus
und Geistes-Pantheismus ist, ins Konkrete hinein sich entwickeln
kann, dafi die Menschen verstehen lernen die Mannigf altigkeit des
Lebens so, dafi sie sehen neben dem Sinnlichen das Atherische und
das Astralische und das Geistige. Denn ohne dieses Sehen bleibt die
Menschheit blind, blind gerade in bezug auf das Kiinstlerische. Und
die Welt veranlagt sich, konnte man sagen, gerade in bezug auf die
kiinstlerische Anschauung dazu, nur noch das ganz derbe aufiere
Sinnliche zu nehmen und dieses anzuschauen, wie es ist, und es un-
mittelbar zu beschreiben.
Nun ist es allerdings kaum moglich, solche Beschreibungen oder
solche Nachbildungen anders zu geben als dadurch, dafi etwas auf-
tritt, was, ich mochte sagen, Unklarheit in bezug auf die Erfassung
des Lebens ist, Rausch- und Traumzustande, in denen man im
Grunde genommen nirgends weifi, was man eigentlich vor sich hat.
Und so kann man es denn erleben, dafi gerade dieses unsinnige, un-
klare Taumeln gegeniiber den Erscheinungen des Lebens heute viel-
fach feine Psychologie genannt und als feine Psychologie angesehen
wird. Und das Herz tut einem so oftmals weh, wenn man sieht, dafi
so wenig Menschen geeignet sind, auf diesem Gebiete stark genug
zu empfinden, und dagegen irgendwie sich aufzulehnen. Sehen wir
uns Menschen an, wie sie uns entgegentreten dann, wenn wir sie
anblicken — und der Kunstler mufi sie ja anblicken sehend, indem er
sie hineinstellen kann in das tiefere Leben der Welt — mit den-
jenigen Seelenorganen, die schon einmal die Entwickelungs-
geschichte der Menschheit an den Tag gebracht hat, so brauchen
wir die Mdglichkeit, zu sagen: Da ist ein Mensch, der ist so und so
geartet, der erlebt dies oder jenes, weil wir wissen, dieser ist mehr
in dem physischen Leib steckend, ein anderer steckt mehr in dem
Ich, ein anderer mehr in dem astralischen Leib. Und wir miissen ein
lebendiges Gefuhl davon haben, wie sich die Charaktere der Men-
schen verteilen, indem der eine mehr vom Physischen, der andere
mehr vom Atherischen, mehr vom Astralischen, mehr vom Ichlichen
ergriffen wird. Und wenn man das in der Gegenwart nicht kann,
und will die Menschen etwa in der Dichtung kunstlerisch beschrei-
ben, so kommt eben das Taumeln heraus, das heute vielfach als
Kunst genommen wird.
Sehen Sie, man mufi schon, ich mochte sagen, an den bedeuten-
deren Erscheinungen die Sache anfassen, damit ein Verstandnis er-
weckt werden kann von dem, was eigentlich ist. Es kdnnen einem
vier Menschen entgegentreten, die, sagen wir, irgendwie durch das
Karma zusammengestellt sind. Wenn vier Menschen zusammen-
gestellt sind, kann man verstehen, wie sie durch das Karma mitein-
ander in bestimmte Beziehungen gebracht sind, wie aber auch der
Strom des Karma im Weltenlauf e verfiiefit und wie diese Menschen
gerade in einer bestimmten Weise durch ihr Karma sich haben hin-
einstellen wollen in die Welt. Man wird niemals etwas verstehen
von Standpunkten, die heute moglich sind, wenn man solche kar-
mischen Zusammenhange nicht in der Welt zu sehen vermag.
Nun, nehmen Sie einmal die vier Briider Dmitri, Iwan, Aljoscha
Karamasow undSmerdjakow in Dosto]ewskis «BriiderKaramasow».
Sie haben in diesen vier Briidern Karamasow, wenn Sie mit see-
lischem Auge sehen konnen, wirklich vier Typen, die Sie nur ver-
stehen konnen in der Art und Weise, wie sie durch das Karma zu-
sammengetragen sind, so dafi man weifi: Da tragt ein Strom des
Karma vier Briider in die Welt herein so, dafi sie Sonne sein miis-
sen eines typischen Lumpen der Gegenwart, aus einem der sumpfig-
sten Milieus, der diese vier Briider zu seinen Sohnen hat. Da wer-
den sie hereingetragen, indem sie sich gerade dieses Karma aus-
wahlen. Da werden sie aber auch nebeneinander gestellt, so dafi man
sieht, wie sie sich unterscheiden. So kann man sie nur begreifen,
wenn man weifi: In dem einen iiberwiegt das Ich, in Dmitri
Karamasow; in einem zweiten iiberwiegt der astralische Leib, in
Aljoscha Karamasow; bei dem dritten iiberwiegt der Atherleib, in
Iwan Karamasow; bei dem vierten, in Smerdjakow, iiberwiegt ganz
der physische Leib. Und ein Licht von Lebensverstandnis fallt auf
die vier Briider, wenn man sie von diesem Standpunkte aus betrach-
ten kann. Und nun denken Sie sich, wie ein Dichter von Wilhelm
Jordans Gaben, und mit einer geistigen Weltauffassung, wie es
heute zeitgemafi sein miifite, solche vier Briider nebeneinander Snel-
len wiirde: Wie es ihm gelingen wiirde, sie in ihren geistigen
Grundlagen und Grundbedingungen zu begreifen! Dostojewski —
was begreif t er ? Er begreif t nichts anderes, als dafi er diese vier Brii-
der hinstellt als die Sohne eines ganz typischen versoffenen Lumpen
einer gewissen versumpften Gesellschaft der Gegenwart: Den ersten
Sohn, Dmitri, als den Sohn einer halb abenteuernden, halb hyste-
rischen Personlichkeit, die aber, nachdem sie zuerst durchgegangen
ist mit dem versoffenen alten Karamasow, ihn verpriigelt, es endlich
nicht bei ihm aushalt und ihm nur den Sohn zuriicklafit, den alter en,
Dmitri. Alles ist nur auf die Vererbung gestellt mit der versoffenen
und der verprugelnden Person, alles ist, ich mochte sagen, so gestellt,
dafi man den Eindruck hat: Hier schildert der Dichter so wie etwa
der moderne Psychiater, der nur auf das Allergrobste des Ver-
erbungsprinzips sieht und keine Ahnung hat von den geistigen Be-
dingungen, und auch «erbliche Belastung» vor unsere Seele hinbrin-
gen wiirde, dieses Tropf-Wort — ich meine nicht ein Wort, das
tropft, sondern das von Tropfen ersonnen worden ist im heutigen
wissenschaftlichen Zusammenhange — . Dann haben wir die zwei
nachsten Sonne: Iwan und Aljoscha. Sie sind von einer zweiten Frau,
denn selbstverstandlich mufi die «erbliche Belastung» anders wir-
ken bei diesen zwei Sohnen. Sie sind von der sogenannten Schrei-
Lise, weil sie nicht halb, sondern ganz hysterisch ist und fortwah-
rend Schreikrampfe bekommt. Wahrend die friihere den alten Sau-
£er durchgepriigelt hat, pnigelt der alte Saufer jetzt die Schrei-Lise
durch. Der vierte Sohn, bei dem, ich mochte sagen, iiberwiegt alles
dasjenige, was im physischen Leib steckt, ist Smerdjakow, eine Art
Gemisch von weisem, bescheidenem und idiotischem Menschen, von
ganz blodsinnigem und zum Teil auch ganz klugem Menschen. Der
ist nun auch der Sohn des alten Saufers, des typischen Lumpen, aber
mit einer stummen Person, die herumgeht in dem Orte, ein Dorf-
trottel, die die stinkende Lisaweta genannt wird und die vergewal-
tigt wird von dem alten Saufer. Sie stirbt bei der Geburt. Man weifi
selbstverstandlich nicht, dafi es sein Sohn ist. Smerdjakow bleibt
dann im Hause. Und nun spielen all die Szenen, die sich abspielen
sollen, sich ab zwischen diesen Personlichkeiten. Und Dmitri wird,
durch «erbliche Belastung» selbstverstandlich, ein Mensch, bei dem
das ganz unterbewufite Ich stiirmt und flutet und ihn im Leben
weitertreibt, so dafi er uberall aus dem Unbewufiten, aus der Be-
sinnungslosigkeit heraus in das Leben taumelt, und er wird uns
auch so gezeichnet, dafi man im Grande genommen es nicht zu tun
hat mit einer gesunden, geistigen, sondern mit einer hysterischen
Kunst. Aber es ist das mit aus der naturgemafien Entwickelung der
Gegenwart heraus, jener Gegenwart, die sich nicht beeinflussen und
befruchten lassen will von demjenigen, was von einer geistigen
Weltauffassung kommen kann. Alles dasjenige, was nicht recht
weifi, was es will, unklare Instinkte, die ebensogut zur besten Mystik
sich entfalten konnen wie zum aufiersten Verbrechertum, ja, von
dem einen zu dem anderen leicht den Ubergang finden aus dem
Unbewufiten heraus, all das gibt gewissermafien Dostojewski in
Dmitri Iwanowitsch Karamasow. Einen Russen will er schildern;
denn immer will er wahres Russentum schildern.
Iwan, der andere Sohn, der nachste, der ist ein Westler. Westler
nennt man diejenigen, welche mehr mit der Kultur des Westens
bekannt geworden sind, wahrend Dmitri nichts weifi von der Kultur
des Westens, sondern ganz aus den russischen Instinkten heraus
wirkt. Iwan war in Paris, hat allerlei studiert, hat die westliche
Weltanschauung aufgenommen, diskutiert mit den Leuten — so will
ihn uns Dostojewski zeigen — nun ganz erfiillt mit den Ideen der
materialistischen Weltanschauung des Westens, aber mit der Grii-
belei des Russen. Er diskutiert mit den Menschen dariiber, indem
sich der Nebel der Instinkte hineinmischt in allerlei Gedanken der mo-
dernen geistigen Kultur. Er diskutiert: Soli man Atheist sein, soil
man nicht Atheist sein, kann man einen Gott annehmen, kann man
nicht einen Gott annehmen ? Dann kommt er dazu: Man kann doch
einen Gott annehmen! Ja, den Gott akzeptiere ich — dafiir tritt er
zuletzt ja ein, den Gott anzunehmen — , aber die Welt kann ich nicht
akzeptieren ! Wenn ich schon den Gott akzeptiere, so kann ich nicht
die Welt akzeptieren, denn diese Welt, wie sie da ist, wie sie auf>
tritt, die kann nicht von Gott erschaffen sein. Ich nehme den Gott
an, ich nehme aber nicht die Welt an! So gehen seine Diskus-
sionen.
Der dritte, Aljoscha, wird fruh Klosterbruder. Es ist derjenige, in
dem der astralische Leib iiberwiegt. Aber es wird uns auch ange-
zeigt, wie in ihm allerlei Instinkte wirken, auch durch die Mystik,
die sich in ihm entwickelt, und wie er im Grunde genommen durch
dieselben Instinkte, durch die sein alterer Bruder, Dmitri, der nur
von einer anderen Mutter ist, eine eigentlich verbrecherisch veran-
lagte Natur ist, die sich bei ihm anders ausbilden, dazu kommt,
Mystiker zu sein. Verbrechertum ist nur eine besondere Ausgestal-
tung derselben Instinkte, die auf der anderen Seite das Sichwund-
beten und das Glauben an die gottliche Liebe, die alle Welt durch-
zieht, hervorrufen, denn beides kommt aus dem Niederen, aus den
unteren Instinkten der Menschennatur, bildet sich nur nach ver-
schiedener Weise aus.
Es ist selbstverstandlich nicht das Geringste dagegen einzuwen-
den, auch solche Gestalten in der Kunst zu verwenden, denn alles,
was in der Wirklichkeit ist, kann Gegenstand der Kunst werden.
Aber auf das Wie kommt es an, nicht auf das Was, sie miissen dann
durchdrungen sein von dem Weben und Wesen des Geistigen.
Durch die eigentiimlichen Verhaltnisse, die ich oftmals hier beson-
ders in bezug auf die russische Kultur auseinandergesetzt habe, hat
sich gerade in Dostojewski dasjenige zum Ausdruck gebracht, was
die Menschheitsentwickelung sein mufi, wenn im russischen Leben
noch Spiritualitat walten wird rein durch das Fortentwickeln der
natiirlichen Verhaltnisse, wie ich es neulich im Gegensatz stellte zu
den spirituellen Verhaltnissen. Dostojewski war ja vom Anfange an
der inkarnierte Deutschenhasser, der es sich instinktiv zur Aufgabe
gemacht hat, nur ja nichts in seine Seele hereinflieflen zu lassen von
westeuropaischer Kultur, der nur dabei stehen bleiben wollte, im
Taumel die Weltengestalten zu erfassen, die an ihm voriiberzogen,
und der sorgfaltig vermied, irgend etwas Spirituelles in dem phy-
sischen Menschengewoge zu schauen, das vor seiner Seele auf und
ab wogte, und der, statt aus den Tiefen des Seelischen heraus die
Gestalten zu fassen, sie aus den Untergriinden der rein physischen
Natur, die bei ihm selber krankhaft war, herausbrachte. Und das
wirkte dann auf die Menschen, die vergessen hatten die Moglich-
keit, heraufzukommen in das Geistige. Das wirkte auf die Men-
schen, daft noch eine Natur ihr, ich mochte sagen, krankhaftes Bro-
deln und Kochen, das in den Eingeweiden des Menschen wirkt, um-
zugestalten in der Lage war in der Kunst mit Ausschlufi alles Gei-
stigen. Das wirkte. Sonst wiirde natiirlich die blofie Schilderung
eben eine Schilderung, eine Beschreibung sein, wiirde strohern und
holzern sein. Aber dadurch, dafi es aus einem Unterbewufitsein, das
krankhaft, das hysterisch wirkt, heraus kommt, dadurch ist es inter-
essant geworden, sogar in vieler Beziehung sehr interessant, nament-
lich durch jene Paradoxic, welche herauskommt, wenn man sich
ohne einen Funken von spirituellem Leben, ich mochte sagen, mit
Gemiit, denn das ist ja bei Dostojewski in hochstem Mafie vorhan-
den, iiberlaflt dem blofl physischen Dasein der Welt.
Und so ist denn in «Die Briider Karamasow» hineinverwoben
jene merkwiirdige Episode von dem Grofiinquisitor, der uns vorge-
stellt wird so, dafi vor ihm der wiederverkorperte Christus auftritt,
so dafi also einem Grofiinquisitor — es wird das so dargestellt, dafi
Iwan Karamasow diese Novelle geschrieben hat, und sie wird dann
eingefiigt in die «Briider Karamasow» — , dem rechten Mann des
orthodoxen Christentums seiner Zeit, denn er weifi, was im Christen-
tum webt und lebt fur seine Zeit, der wiederverkorperte Christus
gegeniibertritt. Nun denken Sie sich den Mann des Christentums,
den rechten Mann der Orthodoxie, dem wiederverkorperten Christus
selber gegeniiberstehend. Was kann er anderes tun, der Grofiinqui-
sitor, der das «rechte» Christentum vertritt, als selbstverstandlich
den Christus, der wiederverkorpert auftritt, einsperren zu lassen!
Das ist das erste, das er tut. Dann hat er Inquisition zu iiben, er hat
ihn zu verhoren. Es stellt sich auch heraus, dafi der Grofiinquisitor,
der die Religion im rechten Sinne vertritt, der weifi, was dem
Christentum nottut in unserer Zeit, erkennt: Es ist der Christus
wiedergekommen. Da sagt er: Ja, du bist wohl der Christus - ich
kann das nur ungefahr darstellen — , aber in die Angelegenheit des
Christentums, die wir zu vertreten haben, hast du jetzt nicht hinein-
zureden, davon verstehst du jetzt ganz und gar nichts. Dasjenige,
was du geleistet hast: Hat es den Menschen irgend etwas gebracht,
was sie gliicklich gemacht hatte ? Wir mufiten erst aus dem, was du
in solcher Einseitigkeit, in solch unpraktischer Art an die Menschen
herangebracht hast, das Rechte machen. Wiirde nur dein Christen-
tum unter die Menschen gekommen sein, dann wiirden die Men-
schen nicht jenes Heil in dem Christentum gefunden haben, das wir
ihnen gebracht haben. Denn man braucht, wenn man den Menschen
wirklich Heil bringen will, eine Lehre, die auf den Menschen wirkt.
Du hast geglaubt, dafi die Lehre auch wahr sein mufi. Mit solchen
Dingen kann man aber den Menschen gegemiber nichts anfangen.
Vor alien Dingen kommt es darauf an, dafi die Menschen die Lehre
glauben, dafi sie ihnen so gegeben wird, dafi sie gezwungen werden
zu glauben. Autoritat haben wir begriindet.
Ja, es blieb wirklich nichts anderes iibrig, als den wiederverkor-
perten Christus der Inquisition zu iiberliefern. Denn man kann doch
in dem Christentum, das der Grofiinquisitor vertritt, den Christus
nicht brauchen, wenn er sich unseligerweise wieder darin verkor-
pern sollte, nicht wahr ? Es ist eine grandiose Idee, noch grandioser
ausgefuhrt. Aber sie ist hineingestellt in eine Dichtung, die nur eine
hysterische Wiedergabe des Wirklichen ist, so dafi nichts dabei her-
auskommt von den grofien Impulsen, die durch das Weltengesche-
hen gehen, dafi gar nichts anschaulich wird von irgend etwas Spiri-
tuellem bei Dostojewski, sondern nur jene Aufierlichkeit des Chri-
stus wiederverkorpert da auftritt und von dem Grofiinquisitor ge-
wissermafien zerschmettert wird.
Mit vielen anderen Dingen sind solche Dinge verwandt, und ich
mochte sagen: Es gehort sich fiir diejenigen, die Geisteswissenschaft
in ihrem Nerv verstehen wollen, diese Verwandtschaft zu fiihlen,
nicht allzuleicht die Dinge des Lebens zu nehmen. Nicht wahr,
wozu wir es gebracht haben, das kann ja durch mancherlei charak-
terisiert werden. Man braucht zum Beispel nur an zwei Biicher zu
denken, die vor gar nicht allzu langer Zeit erschienen sind, wovon
das eine heifit: « Jesus, eine psycho-pathologische Studie», und das
andere: «Jesus Christus vom psychiatrischen Standpunkte aus be-
trachtet». Da wird dasjenige, was in den Evangelien stent, so be-
trachtet, dafi es hingeschleppt wird vor die Aufstellungen des
Psychiaters der Gegenwart und nachgesehen wird, wie man die ein-
zelnen Evangelien-Stellen, namentlich die Worte des Christus Jesus
selber, dadurch erklaren kann, dafi man eben den pathologischen
Zustand dieser Personlichkeit, die da am Ausgangspunkt der neue-
ren Entwickelung gestanden hat, die krankhafte Psyche des Christus
Jesus ins Auge fafit. Der Irrenarzt, der Christus als einen abnormen
Menschen priift nach den Regeln der modernen Psychiatrie — er ist
schon da ! Es gibt Biicher dariiber.
Mit diesen Erscheinungen sollte man doch zusammenhalten das-
jenige, was einem sonst auch vor die Seele geleitet werden konnte.
Wie viele Menschen gibt es demgegeniiber, die den ganzen Sumpf ,
die ganze Verblodung einer solchen Geisteskultur wirklich fiihlen,
so fiihlen, dafi sie sie bis in ihre einzelnen Verzweigungen hinein
verfolgen wollen ? Mufi man es denn nicht immer wieder und wie-
derum erleben: Da ist irgendwo ein grower Psychiater, die Leute
laufen ihm zu. Er schreibt epochemachende Werke iiber die Psychia-
trie, wird als ein grofier Psychiater angesehen. Schiiler oder Kol-
legen von ihm sind es, in gar nicht weiter Abzweigung, die eine
psychopathologische Studie nicht nur iiber Goethe, Schiller,
Nietzsche und allerlei Leute, die irgendeine Bedeutung gehabt ha-
ben und zur geschichtlichen Anerkennung gekommen sind, schrei-
ben, sondern auch iiber den Christus Jesus selber! Und indem wir
mit all der erheuchelten, ich will nicht sagen Ehrfurcht, mit all dem
zwar nicht erheuchelten, aber gedankenlosen Autoritats-Glauben die
Schwelle eines Psychiaters oder irgendeines anderen naturwissen-
schaftlichen Weltanschauers iiberschreiten, bewegen wir uns in der-
selben Stromung, die, zu einem Extrem, zu einer Karikatur ausgebil-
det, die Welt in die Verblodung hineinfiihrt. Die Lebenszusammen-
hange klar sehen zu wollen, das ist ja gewifi etwas, was auf der
einen Seite, gegen die Bequemlichkeiten des Lebens gehalten, gerne
gemieden wird, was aber notwendig ist, angef acht zu werden.
Wir kommen wahrhaftig nicht dadurch vorwarts, dafi wir uns
zusammensetzen und mit einer gewissen Sensationslust oder mysti-
schen Schwarmerei Geisteswissenschaft auf uns wirken lassen,
sondern dadurch kommen wir vorwarts, dafi diese Geisteswissen-
schaft in uns lebendig wird, dafi wir das Leben nach dem betrachten
lernen, was sie in uns an Impulsen wirken kann. Wir sind noch nicht
Geisteswissenschafter dadurch, dafi wir uns jede Woche einmal das,
was iiber Elementargeister, iiber Hierarchien und so weiter gesagt
werden kann, wie einen kalten Schauer oder wie einen warmen
Schauer — ich weifi nicht, wie das ist! — iiber den Riicken laufen
lassen, sondern dadurch werden wir wirkliche Geisteswissenschafter,
dafi die Dinge in uns lebendig werden, dafi wir sie in alle Einzel-
heiten des Lebens hineintragen konnen und dafi wir wirklich auch
soweit kommen konnen, dafi uns zum Beispiel vor dem Kunstsumpf
der Gegenwart deshalb, weil wir Geisteswissenschafter sind, ekeln
kann, wenn wir nicht etwa auf dem Standpunkt stehen, dafi wir ja
als Theosophen verpflichtet sind, allgemeine Menschenliebe walten
zu lassen und wir deshalb auch das Versumpfte und Schlechte
selbstverstandlich nicht mit dem wahren Namen belegen diirfen.
Es ist merkwiirdig, wie die Menschen ungeneigt sind in der Ge-
genwart, wirklich die Augen aufzumachen. Freilich, es ist nicht im-
mer die Schuld des einzelnen, sondern es ist die Schuld des ganzen
geistigen Lebens der Gegenwart. Es wird dem einzelnen recht
schwer gemacht, deutlich zu sehen, denn die ganze offentliche Er-
ziehung geht vielfach darauf hin, solche Dinge, wie diejenigen sind,
auf die sich gerade heute an diesem herausgerissenen episodischen
Abend aufmerksam machen wollte, zu iibergehen. So wie man sonst
sagt, man wird auf etwas gestofien, so werden Menschen gleichsam
vorbeigezogen, nicht darauf gestofien, sondern weggezogen von den
Dingen. Wir leben jetzt wirklich auch in dieser Beziehung in einer
der grofiten Schulzeiten der Menschenentwickelung drinnen und
diirfen nicht, ich mochte sagen, einfach unempindlich sein gegen-
iiber der Schule, die wir in dieser Beziehung durchleben. Denken
Sie doch nur einmal, wie man es zustande gebracht hat, vor kurzer
Zeit noch alles, ich mochte sagen, durcheinander zu geniefien, ohne
einzugehen auf die Art und Weise, wie sich die Menschen der heu-
tigen Gegenwart gegemiberstehen. Zum Beispiel darf das Prinzip,
dafi keine Unterschiede existieren, ja nicht dahin fiihren, wie ich
schon einmal oder ofter gesagt habe, alle Differenzierungen zu ver
wischen, alles unklar zu machen, so wie es von der Leiterin der
«Theosophical Society» geschehen ist, die sich bemiiht hat, die Un-
terschiede der verschiedenen Religionen moglichst auszuldschen, so
dafi nur noch das Hindu -Wesen etwa in besonderer Glorie prangen
konnte. Aber sonst hat sie die Sache ausgeloscht nach einer Logik,
die ich ja ofter verglichen habe damit, dan einer sagt: Ich mufi alles
dasjenige, was als Zutaten auf dem Tische steht, in glekher Weise
als Zutaten behandeln und nicht auf die Unterschiede sehen. So
wiirde dieses Verfahren, alle Religionen gleich zu behandeln, keinen
Unterschied zwischen ihnen zu sehen, ebenso sein, wie wenn einer
sagte: Salz ist ist eine Speisezutat, Zucker eine Speisezutat, Pfeffer
auch, denn alles ist das gleiche, alles ist Speisezutat. Man soil nur
versuchen, ob es das gleiche ist: man pfeffere sich den Kaffee und
zuckere sich die Suppe und papriziere sich einmal die Torte oder
sonst etwas! Dieselbe Logik liegt aber zugrunde auf jener Seite, es
liegt zugrunde die Unfahigkeit, die konkrete Entwickelung zu sehen.
Und so werden viele Dinge eben so genommen, dafi man auch
schon alles tut, um, ich mochte sagen, die Menschen in einen Tau-
mel, in einen Traum, in einen Rausch hineinzureiten. Man wird,
wenn man solche Dinge sagt, nur allzu leicht mifiverstanden. Des-
halb sage ich ausdriicklich: Jeder, der mich langere Zeit gehort
hat, weifi, welche Grofie ich in Tolstoi sehe. Aber deshalb sollte nie-
mals vergessen werden, wie in Tolstoi selbsrverstandlich etwas lebt,
was nicht grau in grau neben das Westeuropaische hingestellt wer-
den darf. Ich habe friiher of ter auf solche Unterschiede aufmerksam
gemacht beiVortragen iiber Tolstoi. Man kann die Grofie eines Men-
schen wie Tolstoi deshalb doch anerkennen und braucht nicht das
etwa zu tun, was nun bei Tolstoi wirklich geschehen ist. Hatte man
namlich Tolstoi einigermafien aufmerksam gelesen in der Zeit, wo
er viel gelesen worden ist, namentlich wo seine umfassenden Werke,
seine ersten grofien Kunstwerke gelesen worden sind, so hatte man
vielleicht — vielleicht, sage ich — sich gesagt: Da haben wir einen
grofien Geist des Ostens, der aber voller bittersten Hasses und voller
Verachtung sogar vom Deutschtum spricht. — Man hat es nicht ge-
tan, wie Sie wissen, man hat das gar nicht bemerkt. Warum nicht?
Weil die ersten Ubersetzer Tolstois ins Deutsche diese Stellen weg-
gelassen oder anders gestellt haben, so dafi, bis auf die Obersetzung,
die dann Raphael Lowenfeld gemacht hat, die erst den richtigen
Tolstoi gegeben hat, die aber zu spat kam, die deutsche Literatur
einen gefalschten Tolstoi hatte.
Es handelt sich darum, dafi man die Dinge wirklich weifi, oder
aber nicht urteilt! Aber woriiber man urteilt, das sollte man wirklich
kennen. Man braucht Tolstoi nicht zu uberschatzen. Man kann das-
jenige, was er ist, gerade daraus herausfinden, dafi er erstens eine
Grofie, zweitens eine Natur war, die ganz aus seinem Volkstum her-
aus sich gebildet hat. Aber man sollte sich ganz klar sein daniber,
dafi man nicht einfach dasjenige machen darf, was die Zwerg-
Kritiker des verpesteten Journalismus der Gegenwart so sehr haufig
tun, die, wahrend sie auf der einen Seite diesen oder jenen grofi nennen,
meinetwillen den Goethe oder den Schiller, mit denselben Worten
zum Beispiel Dostojewski grofi nennen, ohne dafi sie ein Gefiihl da-
fiir hervorruf en, dafi gegeniiber, sagen wir, dem «Wilhelm Meister»
oder den «Wahlverwandtschaften» oder audi nur gegeniiber sol-
di en Dingen, wie sie Lienhard geschaffen hat, Dostojewski, selbst
«Die Briider Karamasow», fur dasjenige, was wir als asthetische
Prinzipien haben miissen aus friiherer Zeit, dennoch Hintertreppen-
Literatur ist. Zum klaren, prazisen, konkreten Urteilen bringt es
einen, wenn man hineinsieht in dasjenige, was ist, und wir leben
heute in einer Zeit, wo wir unser Urteil scharfen miissen, wo wir
hineinsehen miissen in dasjenige, was ist. Wir leben heute in einer
Zeit, in der mit jedem Tage der Hafi der Volker gegeneinander
grofier wird. Man sollte verstehen lernen, wenn man urteilen will,
wie dieser Hafi sich herausentwickelte aus dem, was lange, lange
da war.
Das sind Dinge, die einmal ausgesprochen werden miissen, damit
wirklich ein bifichen unter uns eine Empfindung entsteht dafiir,
welche Bedeutung das geisteswissenschaftliche Streben haben sollte.
Es kann immer wieder ein bitteres Gefiihl in einem hervorrufen,
wenn einem jedes beliebige, manchmal torichte Wort, das da oder
dort in einer Zeitung oder in einem Journal oder in einem Buche
steht, gebracht und gesagt wird, wie da schon Theosophie waltet
und so weiter, wahrend es gerade darauf ankame, allerdings ohne
Fanatismus, das ganz Fundamentale, dasjenige, was Geisteswissen-
schaft sein will, wirklich zu fassen, um es hineinstellen zu konnen in
die Kultur der Gegenwart, einzusehen, wie wenig eigentlich der
Mensch der Gegenwart dasjenige lieben kann, was Geisteswissen-
schaft will, weil er auch nur die wenigen Schritte einf ach nicht auf-
bringen kann, die manchmal notwendig werden, um herauszufinden
aus der aufiersten Frivolitat, die heute vielfach das geistige Kultur-
leben durchzieht. In ernster Stunde auch ernste Betrachtungen anzu-
stellen, scheint doch vielleicht berechtigt zu sein. Denn welche
Stunde der Weltgeschichte ware geeigneter, ernste Betrachtungen
anzustellen, als diese Stunde heute, von der man sagen darf , dafi im
Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich nichts Schrecklicheres,
Furchtbareres _ selbstverstandlich zugleich als Grofies, als Notwen-
diges — entwickelt hat, welche Stunde sollte geeigneter sein, ernste
Tone in unserer Seele zur Wirksamkeit zu bringen, als diese gegen-
wartige Stunde! Man braucht sich ja nur vor Augen zu stellen, dafi
Leute, die es wissen konnen, ausgerechnet haben, dafi bei einem
einzigen grofieren Gefecht im Juni oder Juli des verflossenen Jahres
im nordlichen Teile der Westf ront an einem Tag so viel Munition
verschossen worden ist, als im ganzen deutsch-franzosischen Kriege
1870/71 zusammen. Und wahrscheinlich ist bald der Zeitpunkt er-
reicht — so urteilen einige Leute, die sachverstandig sind — , wo in die-
sen gegenwartigen Verwickelungen der Welt so viel verschossen
worden sein wird an Munition, wie in alien bisherigen Kriegen, seit
mit Pulver geschossen wird, zusammen !
Es ist eine ernste Zeit, keine Zeit, die uns erlaubt, hinwegzugehen
iiber dasjenige, was auch geistig als eine grofie Krise durch die gei-
stige Entwickelung der Menschheit geht, so einschneidend, dafi es
unverzeihlich ware, sich nicht in solch ernster Stunde die ganze Be-
deutung desjenigen, was geschehen mufi fiir die Menschheits-
entwickelung, vor Augen zu stellen, wenn man durch ein Nahe-
kommen in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Lehren in der
Lage ist, dies zu tun.
Ich wollte dies als eine Art anthroposophisch-literarischer Be-
trachtung noch an dieRezitationendes heutigen Abends anschliefien.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 7. Marz 1916
Das geistig-seelische Wesen des Menschen
Ich mochte heute, teils zuriickkommend auf manches in der letzten
Zeit und ofter schon Besprochene, teils manches erweiternd, zu-
nachst einzelne Ausfiihrungen machen iiber des Menschen Inneres,
iiber des Menschen seelisch-geistiges Wesen. Sie wissen, wir spre-
chen zunachst von demjenigen Gliede des inneren Menschen, das
wir mit einem abstrakten Ausdrucke als den Atherleib bezeichnen.
Und wahrend der physische Leib des Menschen fur die aufieren
Sinne wahrnehmbar ist, fiir die aufiere Wissenschaft, die an den
Verstand und ihre Beobachtungen gebunden ist, zuganglich ist, wis-
sen wir, dafi der Atherleib ein Ubersinnliches ist. Ferner sprechen
wir von dem nachsten Gliede der menschlichen Wesenheit als dem
sogenannten astralischen Leibe. Wir erinnern uns, wie oft wir be-
tont haben, dafi man ja nicht sagen kann als Mensch, das Innere des
Menschen sei dem Menschen vollstandig unbekannt: der Mensch
nimmt ja wahr in der physischen Welt innerhalb seines leiblichen
Daseins sein Denken, sein Fiihlen, sein Wollen. Er erlebt es inner-
lich, und er erlebt dieses Denken, Fiihlen und Wollen durchstrahlt,
durchleuchtet von dem Ich. Man kann sagen, dieses Denken, Fiihlen
und Wollen nimmt der Mensch innerlich wahr. Aber man kann doch
nicht sagen — wie Sie sich allmahlich zu denken angeeignet haben
werden — , dafi der Mensch seinen astralischen Leib wirklich wahr-
nimmt. Und man kann auch nicht einmal sagen, dafi er sein Ich
wirklich wahrnimmt. Denn dieses Ich — wir haben darauf gerade im
Verlauf e der letzten Vortrage aufmerksam gemacht — , von dem der
Mensch spricht, das mit jedem Einschlafen in die Unbewufitheit zu-
riickfallt, ist nur ein Bild des wahren und wirklichen Ichs. So dafi
also in einem gewissen Sinne schon geschlossen werden kann, dafi
auch mit diesem Ich, mit dem Denken, Fiihlen und Wollen, in einer
iihnlichen Weise nur ein Ausdruck, eine Offenbarung des eigent-
lichen Inneren des Menschen gegeben ist, wie mit dem physischen
Leibe eine Offenbamng, ein Ausdruck des Geistigen gegeben ist,
desssen, was wir als den Atherleib bezeichnen. Nun, der Mensch ist
selbstverstandlich froh, wenn er iiber irgendein Wissensgebiet so
eine hiibsche Einteilung hat, die er so recht, man mochte sagen, in
geistige Schachteln packen und aufbewahren kann. Daher sind
manche so zufrieden, wenn sie nun das ganz aufierordentlich pha-
nomenale Wissen haben, dafi der Mensch besteht aus dem phy-
sischen Leib, dem Atherleib, dem astralischen Leib, dem Ich. Aber
im Grunde genommen hat man — das ist ja auch schon oftmals hier
betont worden — mit diesen vier Worten eben nicht viel mehr als
Worte, nicht viel mehr als Ausdriicke hat man. Und wenn man zur
wirklichen Betrachtung schreitet, dann mufi man in einer gewissen
Weise immer iiberschreiten die Grenzen, die durch diese Ausdriicke
so leicht festgesetzt werden.
Gewifi, wenn man so im allgemeinen spricht, kann man sagen:
Denken, Fiihlen und Wollen gehen im astralischen Leibe vor sich.
Aber damit ist nur in einer recht einseitigen, recht abstrakten Weise
die Tatsache des Denkens erschopft. So, wie wir als Menschen zu-
nachst in der physischen Welt darinnen stehen, so ist allerdings der
Impuls zu unserem Denken im astralischen Leibe, sogar im Ich, ge-
geben. Aber das Denken entwickelt sich als Vorstellung, als Ge-
danke nur dadurch, dafi wir den beweglichen Atherleib haben. Hier,
als physische Menschen, wiirde unser ganzes Denken unbewufit
bleiben, wenn nicht der astralische Leib seine Impulse, seine Denk-
impulse in den Atherleib hinein senden wiirde und der Atherleib in
seiner Beweglichkeit eben aufnehmen wiirde die Denkimpulse des
astralischen Leibes. Und jeder Gedanke wiederum wiirde einfach
voriibergehen, ohne dafi eine Erinnerung bliebe, wenn wir nicht
einen physischen Leib hatten. Man kann nicht sagen, dafi der phy-
sische Leib der Trager des Gedachtnisses ist; das ist schon der
Atherleib. Aber fur uns Menschen im physischen Leibe wiirde das-
jenige, was im Atherleib vorhanden bleibt von unserem Denken,
verfliefien, wie die Traume verfliefien, wenn es sich nicht eingraben
konnte in die physische Materie des physischen Leibes. So dafi un-
sere Gedanken hier im physischen Leibe sich behaupten konnen da-
durch, dafi wir eben diesen physischen Leib haben.
Sie sehen also, was fiir ein komplizierter Prozefi dieses Denken
eigentlich schon ist. Es hat seine Impulse im astralischen Leibe,
eigentlich schon im Ich. Diese Impulse setzen sich als Krafte in den
Atherleib hinein fort, rufen da die Gedanken hervor, und die Ge-
danken graben wiederum ihre Spuren in den physischen Leib ein.
Und dadurch, dafi sie eingegraben sind, konnen sie immer wiederum
aus der Erinnerung wahrend des physischen Lebens herausgeholt
werden.
Nun betrachten Sie noch einmal dasjenige — wir haben ja schon
von der Sache ofter hier gesprochen — , was eigentlich die Erinnerung
fur den Menschen hier im physischen Leibe ist. Nicht wahr, der
Mensch hat Erlebnisse. Diese Erlebnisse verarbeitet er. Er geht dann
von diesen Erlebnissen hinweg. Es kommt eine Zeit, wo solche Er-
lebnisse sich so verhalten konnen zu uns Menschen, als ob wir gar
nichts von ihnen wiifiten, als ob sie in gar keinem Verhaltnisse mehr
zu uns stiinden. Dann aber kommt wieder die Zeit, wo wir aus un-
serm Innern die Vorstellungen an solche Erlebnisse heraufholen.
Wir vergegenstandlichen uns dann in Erinnerungsform dasjenige,
was wir erlebt haben.
Nun sehen Sie, zunachst mufi der Mensch mit Recht glauben:
Dieser Vorgang der Erinnerung gehort ihm, der gehort seiner Seele.
Wenn wir als Mensch durch die Strafien gehen, in Gesellschaften
gehen, kann uns ja keiner zunachst mit aufieren, physischen Sinnes-
organen ansehen, was wir in uns fiir Erinnerungen bergen, das heifit
was wir fiir Erlebnisse gehabt haben. Das tragen wir in unserer
Seele. Ich mochte sagen, die Hiille des physischen Leibes, sie ist so
da, dafi wir in unserer Seele verhiillt, wie in dem Mantel des phy-
sischen Leibes, aufbewahren unsere Erinnerungen. Sie gehoren uns,
und durch das ganze Leben hindurch arbeiten wir so an uns, Wir
machen gewissermafien die Aufienwelt zu unserer inneren Welt.
Wir tragen dann diese Aufienwelt in der Form der Erinnerungen
mit uns durch das Dasein. Als unser ureigenstes Eigentum tragen
wir diese Erinnerungen dahin. Nun ware es ein grofier Irrtum, wenn
man glaubte, daft dieses Tragen der Erinnerungen durch das Leben
wirklich schon den ganzen Vorgang umfafite. Das ist nicht der Fall.
Es hat Darwin zum Beispiel mit Recht gefallen, einmal zu unter-
suchen, ob denn solche Tiere wie die Regenwiirmer nicht eine be-
sondere Aufgabe haben, und er hat gef unden, daft die Regenwiirmer
nicht blofi da sind, um sich des Daseins zu erfreuen, sondern daft sie
eine sehr bedeutende Aufgabe haben, indem sie zur Fruchtbarkeit
des Bodens, den sie durchwuhlen, Wesentliches beitragen. Das sind
so Dinge, die die Naturwissenschaft gewifi heute zugibt, und das
ist ein Boden, au£ dem sich die Naturwissenschaft sicher glaubt. Die
Naturwissenschaft soil dabei gar nicht getadelt werden, denn von
der Naturwissenschaft ist es schon, wenn sie sich auf die einzelnen
Dinge einlaftt. Nur baut man auch Weltanschauungen auf solche
Dinge. Da muft dann selbstverstandlich der Spruch in Betracht ge-
zogen werden von dem Mann, der gierig nach Schatzen grabt und
froh ist, wenn er Regenwiirmer findet. Nun aber, ins Geistige ge-
wandt, kann man fragen: Hat denn wirklich diese Tatigkeit des
Menschen, durch die er sein ganzes Leben hindurch Erlebnisse zu
Gedanken formt und in Erinnerungen bewahrt, fur das gesamte
Weltall gar keine Bedeutung ? Ist dieser Erinnerungsvorgang wirk-
lich nur ein Vorgang, der in uns sich abspielt?
Der Materialist ist ja darauf angewiesen, zu sagen: Selbstverstand-
lich ist das ein Vorgang, der sich nur in uns abspielt. Mit dem Tode
legen wir unsern physischen Leib ins Grab, und dann ist es mit dem,
was wir als Erinnerung bewahrt haben, selbsrverstandlich aus wie
mit einer erloschenen Sache. Wir gehen jetzt nicht auf eine solche
materialistische Erwiderung ein, wir haben das ofter getan, aber
wir wollen auf etwas anderes eingehen. Wir wollen die Frage auf-
werfen: Ist denn dieser unser Gedanken- und Erinnerungsvorgang
nicht vielleicht noch etwas ganz, ganz anderes als das, was sich da
in unserem Erinnern abspielt ? Und so ist es. Wahrend wir denken,
wahrend wir uns aus den Erlebnissen Gedanken bilden und diese als
Erinnerungen bewahren, wahrend dieser Zeit beschaf tigen wir uns
nicht blofi mit unseren Gedanken, sondern mit unseren Gedanken
beschaftigt sich die ganze Welt der Hierarchien, die wir als die
dritte Hierarchie bezeichnen, als die Hierarchie der Angeloi, Archan-
geloi, Archai. Wir denken nicht blofi fiir uns, wir denken und be-
wahren unsere Gedanken in unserm Innern auf, damit ein Beta-
tigungsfeld schaffend fiir Angeloi, Archangeloi, Archai. Wahrend
wir glauben, unsere Gedanken lebten nur in uns, beschaftigen sich
drei geistige Hierarchien mit unseren Gedanken. Das Wenigste von
dem, was wir mit unseren Gedanken vornehmen, ist dasjenige, wor-
auf es ankommt bei unseren Gedanken. Auch wahrend wir die Ge-
danken vergessen haben, die wir spater wiederum aus der Erinne-
rung hervorrufen, sind sie in uns. Und ebenso, wie wir uns als
Menschen mit unseren Maschinen auf der Erde befassen oder mit
Essen und Trinken, so beschaftigen sich Angeloi, Archangeloi und
Archai mit einem Gewebe, das aus unseren Gedanken geflochten,
gesponnen, gebildet wird; die arbeiten fortwahrend an diesen unse-
ren Gedanken. Es ist also nur die uns zugewendete Seite der Gedan-
kentatigkeit, von der wir wissen. Es gibt dazu eine uns abgewendete
Seite, und diese uns abgewendete Seite sieht sich fiir das geistige
Anschauen so an, dafi wir sehen: Wahrend wir da unsere Gedanken
in unserem Innern haben, beschaftigen sich von aufien her die ge-
nannten geistigen Wesenheiten mit unseren Gedanken und weben
sie, so dafi wir, wenn wir diese Erkenntnis erlangen, uns sagen kon-
nen: Unser Denkvorgang ist wahrhaftig nicht etwas Unnotiges in
der Welt, unser Denkvorgang ist nicht etwas blofi fiir uns, unser
Denkvorgang steht drinnen in der ganzen Weltenentwickelung und
tragt bei, dafi Neues immerfort einverwoben wird der Welten-
entwickelung. Wenn wir nicht als einzelner geboren waren, gedacht
hatten, Erinnerungen bewahrt hatten, so wiirde bei unserem Tode
das Stuck, das gewoben werden kann aus unseren Gedanken, das
wir nicht selber weben, fiir die Weltenentwickelung verloren sein.
Und wenn wir dann durch die Pforte des Todes gehen — den
elementarischen Vorgang haben wir ja ofter beschrieben — , wir wis-
sen: Unsern physischen Leib legen wir ab, der wird den Elementen
der Erde auf irgendeine Weise iibergeben. Unser Atherleib bleibt
uns noch eine kurze Zeit. Fiir unser Inneres stellt er sich zunachst
so dar, dafi er ein grofies Lebenstableau vor uns aufrollt. Alles das-
jenige, dessen wir sonst in der Zeit uns erinnern, das wird gleich-
zeitig wie in einem gewaltigen Panorama um uns herum auf gestellt
in einem machtigen Lebenstableau. Dann aber wird unser atherisches
Wesen von uns losgelost, es wird gleichsam aus uns herausgezogen.
Wer tut denn das? Ja, das tun schon die Wesenheiten der drei ge-
nannten Hierarchien, und die weben es allmahlich dem Welten-
ather ein, so daft dieses Gewebe des Weltenathers nach unserm
Tode aus dem besteht, was wir wahrend unseres Lebens zwischen
Geburt und Tod hinzugefiigt haben und was verarbeitet worden ist
von den Wesen der drei nachsthoheren Hierarchien. Hinweggenom-
men von uns wird also dasjenige, was wir so hinzuverwoben haben
zu dem, was vor unserer Geburt noch nicht da war, und einverwoben
wird es dem ganzen Weltall. Die Erkenntnis davon hat jeder
Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Denn
fur den Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen
ist, tritt ja jetzt etwas ein, was wir nicht anders bezeichnen konnen
als mit den folgenden Worten. — Sehen Sie, der Atherleib des Men-
schen ist losgelost worden von ihm, sein atherisches Gewebe ist dem
allgemeinen Weltenather einverwoben worden, dasjenige, was er
Zeit seines Lebens in sich getragen hat, das ist jetzt draufien; das ist
wichtig. Und derjenige, der solche Dinge kennt, bezeichnet das mit
einem kurzen Worte, das man sich immer wieder und wieder medi-
tativ vor die Seele rufen soil, denn es bezeichnet kurz einen wich-
tigen und wesen tlichen Vorgang. — Man kann sagen: Das Innerewird
ein Aufteres, das heifit, dasjenige, was wir immer gefuhlt haben als
ein Inneres, als unser Gedankenleben, wird ein Aufteres, wird Aufien-
welt. So wahr uns hier umgeben Fliisse und Berge und Baume und
Wolken und Sterne, so wahr tritt etwas ein nach unserem Tode, was
man so charakterisieren kann: Das, was Zeit unseres physischen
Lebens in uns gelebt hat, ist nun ein Stuck Aufienwelt geworden, so
daft es von uns angeschaut werden, von uns betrachtet werden kann.
Aber nun haben wir aufier diesem Atherleibe die Welt unseres
astralischen Leibes. Die Welt unseres astralischen Leibes kommt uns
zunachst so zum Bewufitsein, daft wir sie fiihlen als Denken. Aber
das Denken habe ich ja gerade charakterisiert, das sendet seine Im-
pulse in den Atherleib hinab, so dafi im astralischen Leib das Den-
ken selber nicht bewufit werden kann. Erst das Fiihlen und Wollen
kann im Astralleibe bewufit werden. Unser ganzes Leben fiihlen
und wollen wir wiederum. Wir hegen iiber gewisse Erlebnisse ge-
wisse Empfindungen. Das sind Vorgange in unserem astralischen
Leibe. Das ist wiederum sein eigenartiges Weben, aber jetzt nicht
ein Weben in Gedanken, wie ich es vorher beschrieben habe, son-
dern ein Weben in Empfindungs- und Willensimpulsen, Antrieben
zum Willen. Auch an dem, was wir das ganze Leben hindurch fiih-
len und als Willensantriebe haben, auch daran arbeiten hohere
Wesenheiten, auch das ist das Arbeitsfeld fur hohere Wesenheiten.
Wie an unserem Denken die Wesenheiten der dritten Hierarchie
arbeiten, so arbeiten an unserem Fiihlen und an unseren Willens-
impulsen die Wesenheiten der zweiten Hierarchie, einschliefilich
sogar der Throne.
Denken Sie, wie wir in der Welt stehen, wenn wir diese Dinge
wissen, wie wir uns hineinversetzt fiihlen in die geistige Welt. Wir
sagen uns auf der einen Seite: Du Mensch, du gehst denkend durch
die Welt, aber dein Denken, indem es dir seine innere Seite zuwen-
det, das ist nur die eine Seite des Denkens. Dasjenige, was du
denkst, ist Stoff fur die Arbeit der Angeloi, der Archangeloi, der
Archai. Und indem wir fiihlen und wollen, schaffen wif Stoff fur
die Geister der Form, die Geister der Bewegung, die Geister der
Weisheit, die Throne oder Geister des Willens. Wie der Mensch
die Erde umgrabt und bearbeitet und auch nicht weifi, wahrend er
die Erde bearbeitet, dafi er nur die eine Seite bearbeitet, dafi dann
an der anderen Seite wesentliche Vorgange sind, wie er mit dem
normalen Bewufitsein das nicht weifi, so glaubt der Mensch, seine
Gefiihle, seine Willensimpulse seien blofi seine eigenen. Aber ein
Feld sind sie fiir die Arbeit der genannten Wesen der hoheren
Hierarchie. Wir sind wahrhaftig nicht blofi als physischer Leib so
da, dafi dieser unser physischer Leib mit der Umgebung in Verbin-
dung steht, sondern wir sind auch als seelisch-geistiges Wesen so da,
dafi dieses seelisch-geistige Wesen mit der Umgebung in Verbin-
dung steht. Man denkt ja gewohnlich nicht daran, wie auch unser
physischer Leib zu der ganzen Umgebung gehort. Aber das ist leicht
vorzustellen. Nicht. wahr, in irgendeinem Augenblicke, wenn Sie
sich selber sich korperlich vorstellen, so haben Sie nicht bloflKnochen,
Blut und Muskeln und so weiter, sondern Sie haben auch einen
gewissen Luf tstrom in sich, den Sie eben eingeatmet haben und den
Sie gleich wieder ausatmen werden. Der gehort, wahrend Sie einge-
atmet haben, 211 Ihnen. Der war im vorigen Augenblicke aufter Ihnen,
im nachsten Augenblicke ist er wieder aufier Ihnen. Denken Sie sich
ohne diesen Luf tstrom! Es ist unmogiich, sich ohne ihn zu denken,
er gehort zu uns dazu. Es ist schon unsinnig, auch nur den phy-
sischen Leib so zu denken, als ob er nur in der Haut eingeschlossen
ware, wahrend er ja darauf angewiesen ist, mit der ganzen Luft-
umgebung zu leben. Aber ebenso, wie wir durch unseren physischen
Leib mit der Luftumgebung und mit der Warmeumgebung leben,
ebenso leben wir durch unsere Gedanken mit der Umgebung der
Hierarchie der dritten Ordnung, und wir leben durch unsere Gefiihle
und unsere Willensimpulse mit den Wesenheiten der Hierarchie
der zweiten Ordnung und mit den Geistern des Willens. So stehen
wir im Weltenall drinnen.
Wenden wir das wiederum an auf den Durchgang durch die
Todespforte, dann konnen wir sagen: Wenn der Mensch durch die
Todespforte durchgeht, so wissen wir, dafi, wenn sein atherischer
Leib dann weggenommen ist von ihm, wenn die Einverwebung be-
ginnt in den allgemeinen Weltenather, er ja dann sein physisches
Leben in einer Zeit, die dreimal so schnell verlebt wird wie das
physische Leben zwischen Geburt und Tod, zuriickzuleben hat,
indem er die Wirkungen davon wahrnimmt. Also dasjenige, was wir
in uns erlebt haben wahrend unseres physischen Lebens, das nehmen
wir dann nicht wahr; das haben wir hier im physischen Leben wahr-
genommen. Wenn wir jemandem eine Beleidigung zugefiigt haben:
Das Gefuhl, aus dem wir die Beleidigung getan haben, das haben
wir hier im physischen Leben durchlebt, das steht als Ursache da
und tragt sich in das Karma ein. Was wir nicht erlebt haben hier im
physischen Leben, das ist der Eindruck, den die Beleidigung auf die
andere Seele gemacht hat. Wir erleben hier uberhaupt nicht das-
jenige, was unsere Taten, unsere Handlungen, unsere Gedanken fiir
Wirkungen in der aufieren Welt machen. Hier im physischen Leben
erleben wir das nicht, das erleben wir jetzt bei der Riickwartswan-
derung in der Zeit vom Tode bis zu der Geburt. Da leben wir alles,
was draufien ist, durch, nicht so, wie es von uns erlebt worden ist,
sondern so, wie es von der Aufienwelt erlebt worden ist, mit der wir
zusammen waren. Wirklich alles dasjenige, was die Menschen emp-
funden haben durch unsere Gedanken, durch unsere Worte, wir er-
leben es durch. Und das ist deshalb, weil jetzt das Aufiere ein Inne-
res werden mufi. Mit unseren Gedanken, haben wir sagen konnen,
ist es so, dafi das Innere ein Aufieres wird. Bei diesem Leben jetzt
ist es so, dafi das Aufiere, die Wirkungen unserer Gedanken, unserer
Taten im Leben, ein Inneres wird, das heifit ein innerlich Erlebtes,
ein vom Geistmenschen nach dem Tode Erlebtes. Denn er mufi sich
ja jetzt in die Welt einleben, in der er unbewufit wahrend der Zeit
seines Lebens lebt, indem er einen astralischen Leib hat und die
Geister der zweiten Hierarchie an seinem astralischen Leibe arbei-
ten, er mufi sich jetzt in die Welt einleben, in der es eben so zugeht,
dafi sein astralischer Leib allmahlich sich auflost in dem Aufieren,
aber er das Aufiere jetzt innerlich durchlebt, richtig innerlich durch-
lebt. Er mufi lernen, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in
der Sphare zu arbeiten, in der die Geister der zweiten Hierarchie
arbeiten, in der sie dasjenige vorbereiten, was ihn dann wiederum zu
einer neuen Inkarnation fuhren kann. Und dann, wissen wir ja, wird
der astralische Leib nach einiger Zeit eben so, dafi er sich verfliich-
tigt in die aufiere Welt und der Mensch mit seinem eigentlichen
Inneren in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt weiterlebt.
Nun, wenn wir verstehen wollen einiges von diesem Leben zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, so miissen wir immer viele
Gesichtspunkte geltend machen. Das ist ja iiberhaupt unser Ziel,
nicht einseitig zu sein, sondern viele Gesichtspunkte geltend zu ma-
chen, so dafi allmahlich sich ein umfassendes Verstandnis dieser
Vorgange eroffnen kann. Fassen Sie also ins Auge: So, wie der
Mensch durch seine Geburt eintritt in die Naturvorgange, die um
ihn herum vorgehen im Mineralreich, Pf lanzen-, Tierreich, so tritt er
in die Welt ein, die um ihn vorgeht durch die Wesenheiten der ge-
nannten Hierarchies Er ist gewissermafien eingefaltet in deren
Tatigkeit, und dasjenige, was er ihnen mitgebracht hat, das weben
sie zusammen, so dafi es die Grundlage werden kann zu seiner
nachsten Inkarnation.
Sehen Sie, auf diesem Gebiete ist es, ich mochte sagen, besonders
schwierig, der Gegenwart richtige Begrif fe zu geben, aus Griinden,
die ja auch schon ofter dargelegt worden sind. Die Gegenwart arbei-
tet gerade mit den verkehrtesten Begriffen auf diesem Gebiete.
Wenn ein Mensch durch die Geburt ins physische Dasein tritt, so
tritt er ja mit gewissen Eigenschaften in dieses physische Dasein,
Die Gegenwart bestrebt sich, blofi von Vererbung zu sprechen, und
meint die physische Vererbung, und man spricht so von dieser phy-
sischen Vererbung, dafi man sagt: Ein Mensch zeigt diese oder jene
Eigenschaften, man mufi also diese oder jene Eigenschaften bei den
Vorfahren suchen. Es gibt zum Beispiel heute ein sehr fleifiig gear-
beitetes Buch iiber Goethe, worinnen Goethes Eigenschaften so dar-
gestellt werden, dafi, soweit man nur hinaufgehen kann, man das
eine, was er hatte, sucht bei diesen Vorfahren, das andere bei jenen
Vorfahren, bei einer Ur-Urgrofimutter das, bei einem Ur-Urgrofi-
vater jenes, und so habe sich alles vererbt. — Ich habe schon ofter
gesagt: Eine Weisheit ist das, die man bildlich veranschaulichen
kann dadurch, dafi man zeigt, wie billig sie eben zu haben ist. Denn
es ist nicht gescheiter, zu sagen, dafi das Kind die Eigenschaften der
Eltern hat, als zu sagen, dafi ein Mensch nafi ist, wenn er ins Wasser
gefallen ist und herausgezogen wird. Er hat das Wasser selbstver-
standlich an sich, wenn er herausgezogen wird. So hat er die Eigen-
schaften seiner Vorfahren an sich, weil er durch sie seine Seele
durchgeleitet hat. Es ist keine grofiere Weisheit darinnen. Und so
auf Ursachen zuriickzuschliefien, das fur logisch zu erklaren, ist nun
schliefilich das Allerunlogischste, das man nur irgendwie machen
kann: Man will beweisen, dafi sich die seelisch-geistigen Eigenschaf-
ten vererben, indem man zeigt, ein Genie wie Goethe habe die glei-
chen Eigenschaften, wie seine Vorfahren sie gehabt haben. Aber,
wie gesagt, das ist nicht gescheiter als die Behauptung, dafi ein
Mensch nafi ist, wenn er ins Wasser gefallen ist. Beweisen, dafi das
Genie und die genialischen Eigenschaften mitderVererbung etwas zu
tun haben, wiirde man, wenn man die Nachkommen des Genies auf-
weisen und an ihnen zeigen wiirde, wie sich die Eigenschaften des
Genies auf die Nachkommen vererbt haben. Das wiirde ein Beweis
sein. Das wird man aber wohl bleiben lassen. Man wird zum Bei-
spiel nicht gerade darauf ausgehen, zu zeigen, wie sich in Goethes
Sohn die genialischen Eigenschaften seines Vaters vererbt haben,
nicht wahr? Gewifi, manchmal kann es ja vorkommen, daft man wie
mit Fingern auf solche Dinge hindeutet. Es gibt da in der euro-
paischen Welt gegenwartig einen Staatsmann, der der Sohn eines
Vaters ist, der auch ein Staatsmann war. Da kann man sagen, da
haben sich die genialischen Eigenschaften des Staatsmannes vom
Vater auf den Sohn vererbt. Aber es konnte die Losung auch dar-
innen bestehen, dafi sie alle beide keine Genies waren !
Der Sache selbst Hegt ein viel, viel tieferer Vorgang zugrunde.
Sehen Sie, das wollen die Menschen ja durchaus nicht anerkennen
in unserer Zeit, dafi dasjenige, was aufierlich geschieht, eben nur die
Aufienseite zeigt von Vorgangen, die zugleich innerlich sind, von
Vorgangen, die aus dem Geistigen herausfliefien. Und was gesagt
werden soil, machen wir uns einmal durch folgenden hypothetischen
Vergleich anschaulich. Nehmen wir an, es gabe Wesen, welche
zwar einen gewissen Verstand hatten, aber keine Anlagen, die Men-
schen zu sehen. Das ist selbstverstandlich durchaus eine Hypothese,
aber Sie konnen ja einmal annehmen, dafi es Wesen gabe, die alles
sehen, nur nicht Menschen. Solche Wesen sahen zum Beispiel
Uhren. Also denken Sie sich einmal ein Wesen, das keinen Men-
schen sieht und die Tatigkeit der Menschen nicht sieht, das wiirde
durch Berlin gehen und sehen, wie iiberall Uhren entstehen wiirden.
Das Wesen muSte sich selbstverstandlich sagen: Die Uhren ent-
stehen ganz von selber. — Nicht gescheiter, als ein solches Wesen, das
schliefien wiirde, die Uhren entstehen von selber, ist der Mensch,
der sagt: Man braucht ja nicht weiter zu erklaren, warum Menschen
physisch in die Welt hereinkommen, das geschieht ganz von selber
im Laufe der Fortpflanzung, im Laufe der Generationen. — So kann
nur gedacht werden, weil die Menschen nicht sehen, dafi das, was
hier in der physischen Welt geschieht, nur der aufiere Ausdruck ist
£iir eine Tatigkeit, die f ortwahrend aus der geistigen Welt herunter-
fliefit, so wie die Tatigkeit der Uhrmacher in die Uhren hineinf liefit.
Wenn es zum Beispiel eigens eine Wissenschaft gabe vielleicht der
Maulwiirfe, so konnten diese schon zu der Anschauung kommen,
dafi die Uhren von selber entstunden, wenn die Maulwiirfe so intel-
ligent waren, die Uhren als so etwas anzusehen, was durch In-
telligenz geschaffen ist.
Dasjenige aber, was sich hier auf der Erde vollzieht, wovon die
Menschen in ihrer Torheit glauben, es geschahe ganz von selbst, es
sei nur ein aufierlicher physischer Vorgang, das wird dirigiert, ge-
rade so wie die Uhrmachertatigkeit eine dirigierende ist, aus der gei-
stigen Welt. Und wirklich, von dem Moment an, den ich im vierten
Mysteriendrama genannt habe die Mitternachtsstunde des Daseins,
von dem Moment an, der mitten drinnen eigentlich schon liegt zwi-
schen dem Tod und einer neuen Geburt, von da ab beginnt bereits die
Tatigkeit, von der geistigen Welt gewissermafien sich herabzunei-
gen in die physische Welt, um nach Jahrhunderten den Menschen
ins physische Dasein wieder zu geleiten. Wenn der Mensch durch
die Pforte des Todes geht, ist zunachst die Tatigkeit, die in der gei-
stigen Welt ausgeiibt wird, ein Verarbeiten desjenigen, was im letz-
ten Leben hier vom Menschen erlebt, erarbeitet worden ist. Das ge-
schieht so in der ersten Halfte. Aber von der Halfte des Lebens
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt an beginnt schon die
Vorbereitung fur die nachste Inkarnation. Und nun ist es wirklich
so, dafi man sich vorstellen kann: Derjenige, der geboren wird, hat
Eltern, die Eltern haben wieder Eltern, diese Eltern haben wieder
Eltern. Denken Sie sich, wie das durch die Breite hinaufgeht, wenn
Sie durch dreifiig Generationen gehen. Aber wenn Sie so durch
dreifiig Generationen hindurchgehen wiirden, so wiirden Sie finden,
dafi gewissermafien in vielen Leuten schon die Tendenzen liegen,
die zuletzt dazu f iihren, dafi der Mann A und die Frau B zusammen-
gebracht werden, die dann einem Menschen das Dasein geben. Und
wenn nicht das Ganze so stattgefunden hatte durch dreifiig Genera-
tionen hindurch, wenn nicht da die Leute immer so geheiratet hat-
ten, dafi zuletzt der A und die B zusammengekommen waren, so
wiirde eben nicht jene Zweiheit sich ausgebildet haben, die dann der
Mensch aufsuchen kann, der hinuntersteigt zu einer physischen
Inkarnation. An diesem ganzen Zusammenwirken vieler Menschen,
die zuletzt in den zweien ausgipfeln, da arbeitet schon die geistige
Welt mit nach dem, was die einzelne Individualitat des Menschen
ist. Wenn wir also sehen, dafi der Sohn die Eigenschaft seines
Vaters, seiner Mutter hat, dann wiederum die Mutter und der Vater
auf Eigenschaften zuruckfiihren von Grofivater und Grofimutter,
Urgrofivater, Urgrofimutter und so weiter, so ist das deshalb, weil
sich zu dem Ur-Ur-Urgrofivater und der Ur-Ur-Urgrofimutter, die
dreifiig Generationen nach aufwarts, etwa schon niedergeneigt hat
diejenige Individualitat, die dann sparer, nach Jahrhunderten, gebo-
ren werden will und bestimmt hat den Plan, nach dem durch Gene-
rationen hindurch die Menschen sich finden. Das wirkt alles schon
mit. Und dafi da vererbte Ahnlichkeiten sind, das riihrt davon her,
dafi durch dreifiig Generationen schon die Kraft herunterwirkt durch
die geistige Welt, die zuletzt in einem bestimmten Menschen zum
Vorschein kommen will; die wirkt schon in Vater, Mutter, Grofi-
vater, Grofimutter, Urgrofivater, Urgrofimutter. Da wirkt sie schon
immer und gibt einem zuletzt die Eigenschaften, die zum Vorschein
kommen sollen. Nicht die physische Stromung macht die Vererbung,
sondern der physischen Stromung wird die Vererbung auf diese Weise
eingefiigt. Gerade dasUmgekehrte istwahrvon dem, was in bezug auf
die physische Vererbung von der aufieren, sogenannten naturwissen-
schaftlichen Weltanschauung behauptet wird. Darnit zuletzt Goethe
zum Vorschein gekommen ist durch den Johann Kaspar Goethe und
die Frau Rat Aja, wurden die Menschen immer schon von den
Wesenheiten der zweiten Hierarchie durch dreifiig Generationen
so zusammengefiihrt, dafi das zuletzt zu Goethe fiihren konnte. Das
gilt natiirlich nicht nur fiir das Genie, das gilt fur jeden einzelnen.
Sie konnen sagen: Das ist schwer vorzustellen, und Sie konnen
auch fragen, wie vertragt sich das mit der menschlichen Freiheit,
wenn da schon dreifiig Generationen, bevor wir herunterkommen,
durchaus bestimmt werden, wie wir dann sein sollen? Ja, aber fur
unsern Vater war es ebenso und fur die Grofivater ebenso! Und
wenn das jemandem zu kompliziert ist zu denken, dann soil er nur
sich noch dazudenken, dafi ihm dieses Denken eben fiir das normale
Bewufitsein des Erdendaseins erspart geblieben ist, denn es ist nicht
ihm iibertragen, sondern in Gemeinsamkeit mit den Geistern der
Form, mit den Geistern der Bewegung und so weiter wird dieses be-
wirkt, so dafi die Freiheit gar nicht beeintrachtigt wird. Da gehort
natiirlich schon jene hohere Weisheit dazu, die diesen Hierarchien
entspricht. Aber die Sache ist so.
Und so wird zusammengearbeitet dasjenige, was wir als Gedan-
ken dem Weltenather iibergeben konnen, mit dem, was wir in un-
serem Gefiihls-, in unserem Willensleben ausleben wahrend unseres
physischen Daseins. Wirklich, Geisteswissenschaft soli nicht blofi
eine Summe von Wissen in uns anregen, sondern sie soil vor alien
Dingen eine gewisse Gemutsstimmung hervorzubringen vermogen.
Ich habe versucht, diese Gemiitsstimmung in den ersten Partien des
zweiten Mysteriums anzudeuten, in der Begegnung zwischen
Capesius und Benediktus, wie wirklich zu dem Ziele, dafi der Mensch
hier als ganzes Menschenwesen auf der Erde leben kann, Gotter
und Gotter, Geister und Geister zusammenwirken, dafi der Mensch
fiir Gotter und Gotter, Geister und Geister ein Ziel ist. Dieses
Gefiihl, ich mochte sagen der Dankbarkeit dem geistigen Universum
gegeniiber, dieses Gefiihl, sich drinnen zu wissen im geistigen
Universum, das mufi uns auch durch Geisteswissenschaft in unsere
Seele hineinfliefien. Es mufi uns so natiirlich werden, wie dem Men-
schen natiirlich ist, sich in Zusammenhang mit der physischen Welt
zu wissen. Darauf achtet er ja gewohnlich nicht. Aber heute ist die
Wissenschaft so weit, dafi jeder das Bewufitsein davon hat, dafi er
die Luft braucht, also dafi er nicht blofi fur sich leben kann, sondern
dafi er ein Glied in der ganzen Umgebung ist. Aber wenn er Hunger
hat oder Durst hat, dann achtet er schon darauf, dafi die Aufienwelt
seinem Dasein in physischer Weise notig ist, dafi er im Grunde ge-
nommen in einem universellen Vorgange drinnen steht in der
Aufienwelt. So aber steht auch der Mensch in einem universellen
Vorgange in der geistigen Welt drinnen, und indem er zu denken
vermag, steht er mit Angeloi, Archangeloi, Archai, indem er zu fiih-
len und zu wollen versteht, mit der nachsthoheren Hierarchie in
einem geistigen Zusammenhange. Wahrhaftig, so wie die Luf t, wie
die Natur in seinen physischen Leib hereinstreicht, so wirken in sein
Geistiges und in seine Seele hinein die Tatigkeiten der genannten
Hierarchien.
Die theoretischen Einwande, die von seiten unserer materialisti-
stischen Gegenwart kommen, wir haben sie ja oftmals besprochen.
Diese theoretischen Einwande, die sind eben durch Erkenntnis-
betrachtungen und dergleichen aus dem Felde zu schlagen. Aber
dann kommen ja die Materialisten sehr haufig noch mit der Praxis
und sagen: Ja, mag es selbst richtig sein, daft es soldi eine geistige
Welt gibt, was hilft es uns aber, von dieser geistigen Welt etwas zu
wissen, auch wenn du schon sagst, daft das Denken, Fuhlen und
Wollen mit den hoheren Hierarchien in Verbindung steht? Um zu
denken, brauchen wir ja nichts zu wissen von diesen Hierarchien.
Wir denken ja schon in der Welt, ohne daft wir etwas davon wissen.
Der Mensch atmet ja auch, Gott sei Dank, denn wenn er hatte war-
ten miissen, bis er den Vorgang des Atmens theoretisch ganz genau
kennen gelernt hatte, konnte er heute noch immer nicht atmen, denn
das, was er heute physikalisch, physioiogisch weifi vom Atmungs-
prozefi, wiirde gar nicht ausreichen, um den Atmungsvorgang zu
bewirken. Aber auch ohne daft man die «verschrobene Seite» hat —
werden die Leute sagen — , denken kann man schon, ohne von irgend-
welchen Hierarchien, die da mitarbeiten, etwas zu wissen.
Wir aber stellen die Gegenfrage: Kann man wirklich denken,
ohne daft man das hat ? — Gegenwartig, sehen Sie, arbeiten die Men-
schen eben noch mit den Erbgiitern der alten Zeit, sie arbeiten wirk-
lich mit dem, was sie geerbt haben, und damit haben sie mancherlei
noch erfinden konnen, sogar so komplizierte Maschinen, wie man
sie gegenwartig zum Menschentoten verwendet und so weiter. Aber
das alles ist Erbgut noch aus einer fruheren Zeit. Schon daft es Erb-
gut ist, wollen die Leute natiirlich nicht leicht zugeben, denn man-
cher Mensch — es ist ja ganz merkwiirdig in dieser Beziehung — ,
der behauptet, dafi man es so herrlich weit gebracht habe, meint das
im Grunde genommen doch nur deshalb, weil man eingesehen habe,
dafi alles Denken in der fruheren Zeit kindisch war und die Men-
schen jetzt sich bewufit geworden seien, wie man nikhtern, nicht
mehr kindisch denkt. Man konnte heute wirklich schon rein aufier-
lich, ich mochte sagen, sich iiberzeugen davon, dafi dies ein Unsinn
ist, und dafi die Menschen dieses Denken, das sie jetzt haben, erst
seit ein paar Jahrhunderten haben.
Wir waren da neulich in Hamburg, haben ein Bild aus dem drei-
zehnten, vierzehnten Jahrhundert gesehen von dem Meister Bertram.
Ober dieses Bild mochte ich Ihnen das Folgende erzahlen. Gehen
wir zuriick zu der biblischen Erzahlung vom Siindenfall, die wir in
der Geisteswissenschaf t nennen die luziferische Versuchung. Wenn
heute ein Maler der aufgeklarten Zeit den Siindenfall malt, so wird
er Adam und Eva malen zu beiden Seiten des Baumes, und dann
eine Schlange an den Baum malen, eine Schlange selbstverstandlich.
Je nachdem er Impressionist oder Kubist oder Expressionist oder
irgend ein anderer «Ist» ist, wird er sie mehr oder weniger scheufi-
lich malen — schon malen, meine ich! Aber er wird eine Schlange
so malen, wie eine Schlange ist, die im Grase kriecht. Nun ja, das ist
Realismus. Ist es denn wirklich Realismus? Es ist nicht eigentlich
Realismus; denn wie soli man denn als realistischer Mensch voraus-
setzen, dafi diese Schlange, die da im Grase herumkriecht, es fertig
gebracht habe, die Eva, mag sie noch so einfaltig gewesen sein —
was sie gar nicht gewesen sein soil — , zu verfuhren? Ich denke, es
gibt keine so einfaltige Frau, dafi sie sich von einer blofi im Grase
schleichenden Schlange verfuhren lassen wiirde. Nicht wahr, das
geht doch nicht! Also naturalistisch ist die Sache nicht gerade. Wir
wissen aus unserer Geisteswissenschaft, dafi Luzifer ein Wesen ist,
das auf der Mondenentwickelung stehen geblieben ist. Luzifer kann
also selbstverstandlich, da wahrend der Mondenentwickelung noch
nicht so gesehen worden ist wie hier wahrend der Erdenentwicke-
lung, nicht mit physischem Auge gesehen werden. Das kann keine
Schlange sein, die mit physischem Auge gesehen wird. Er mufi inner-
lich gesehen werden, Luzifer.
Sehen Sie, wenn wir den Menschen genauer studieren — Sie kon-
nen es an jedem Skelett — , so gliedert sich deutlich schon das Skelett
aus zwei Teilen: aus dem Schadel mit dem daran anhangenden
Riickgrat — naturlich ist das nicht Skelett, es ist das Him darinnen,
und das Riickenmark im Riickgrat — , und daran ist wie angehangt
das andere des Menschen. Es ist ja wirklich kaum anders zu nennen
als angehangt. Das ist aus dem Grunde — wir werden auch dariiber
einmal ausfuhrlicher sprechen — , weil das, was wir als Haupt an uns
tragen, wirklich ein sehr kompliziertes Gebilde ist. Das ist eine rich-
tige kleine Weltkugel. Da mufi man auch sagen: Gott sei Dank, dafi
der Mensch durch seine Weisheit nichts beizutragen hat zu der Ge-
burt, und dafi dieses Haupt zustande kommen kann. Denn das
wiirde schon ausschauen, wenn er durch seine jetzige Anatomie oder
Physiologie irgend etwas dazu beitragen sollte, dafi dieser Wunder-
bau des menschlichen Hauptes zustande komme. Das kommt auf
ganz andere Weise zustande, es kommt dadurch zustande, dafi wah-
rend der Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt wie in einer ge-
waltigen Sphare, die wir vergleichen konnen mit unserer blauen
Himmelssphare, das, was in unserem Karma geschrieben ist, verwo-
ben wird und eine ganze Anordnung getroffen wird, die dann, in-
dem es gegen die Inkarnation zu geht, immer kleiner und kleiner
wird und sich dann mit dem, was von der Mutter kommt, vereinigt.
Aus dem ganzen Weltall heraus wird gewoben durch unzahlige
Wesen vieler Hierarchien das, was dann unser Haupt wird, was eine
Weisheit von ungeheuerster Grofie und ungeheuerstem Umfang in
sich schliefit, eine Weisheit, die aufgebaut ist auf all den Erfahrun-
gen, die durch Saturn, Sonne und Mond gewonnen worden ist. Und
das, was daran hangt, das ist Erdenerzeugnis. Unser Haupt ist
eigentlich Erbstiick von Saturn, Sonne und Mond. Die Erde mit
ihren Kraften hat nur das zustande bringen konnen, was daran
hangt. Der andere Mensch, nicht das Haupt mit dem Riickenmark,
sondern was daran hangt, das ist eigentlich der Erdenmensch.
Wie wird man denn nun, wenn man, innerlich geschaut, den
Luzifer darstellen will, also eigentlich ein Mondenwesen darstellen
miissen ? Man wird ein menschliches Haupt darzustellen haben und
etwas wie schlangenformig daran hangend: das noch nicht ver-
knocherte Riickgrat. So stellt jener Meister Bertram aus dem drei-
zehnten, vierzehnten Jahrhundert den Luzifer dar auf dem Baum
zwischen Adam und Eva. Im Hamburger Museum konnen Sie das
Bild so dargestellt sehen. Wiirden die Menschen heute denken kon-
nen, so wiirden sie sich sagen: Der Maler hat das gemalt, also war
dazumal noch lebendig das Wissen von der geistigen Welt. Bis zu
dem Wissen von der Gestalt des Luzifer war lebendig das Wissen
von der geistigen Welt.
So kurz ist es her, dafi das, was wir altererbtes, atavistisches Hell-
sehen nennen, verloren gegangen ist fur die Menschen. Aber das
Denken, das ist ja nicht sehr verbreitet heute. Autoritat gilt ja aller-
dings heute als etwas, was nichts ist, Autoritatsgefuhl darf heute
der freie Mensch nicht haben. Heute denkt man iiber alles nach,
heute hat jeder seine eigenen Meinungen. Meist bedeutet allerdings
die eigene Meinung haben nichts weiter, als dafi man vergessen hat,
in welcher Broschiire oder gar in welcher Zeitung man die betref-
fende Meinung gelesen hat, nicht wahr? Das hat man vergessen,
und dann ist es eine eigene Meinung geworden, wenn man das ver-
gessen hat. Wiirde man aber denken, wiirde man die Dinge zusam-
menhalten, dann wiirde man aus einer solchen Tatsache, daft ein
Maler des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts den Luzifer richtig
malt, wissen, was die Menschen vor wenigen Jahrhunderten noch
gewufit haben, und wie sie sich wiederum zu diesem Wissen hin-
durchringen miissen.
Ich mochte noch von einer anderen Seite das Thema betrachten,
damit wir sehen, wie es mit der Behauptung der materialistisch ge-
sinnten Menschheit sich verhalt, dafi man das alles nicht braucht,
was da hereinkommt aus der geistigen Welt und sich unseres Den-
kens und Fiihlens so bemachtigt, wie die Luft unseres Atmens, wie
die Nahrung unseres Hungers und Durstes. Ja, wenn man durchaus
diese Behauptung aufrecht erhalten will, dafi man das alles nicht
braucht, dann konnte man sagen: Gerade unter dem Einflusse dieser
Anschauungen sind ja gewisse materialistische Lehren heraufgezo-
gen, die ganz unwiderleglich sind. Ofter schon habe ich den bedeu-
a-i
tenden Kriminal-Anthropologen Benedikt angefiihrt. Er war der
erste, welcher Verbrechergehirne untersucht hat — nach dem Tode
selbstverstandlich — , der Verbrechergehirne sezierte im Hinblick dar-
auf , ob ein Zusammenhang besteht zwischen dem Bau des Gehirnes
und den verbrecherischen Eigenschaf ten. Benedikt hat an den Ver-
brechergehirnen etwas sehr Wichtiges gefunden, er hat gefunden,
dafi sie alle eine gemeinschaf tliche Eigenschaf t haben, namlich einen
zu kurzen Hinterhauptslappen, der das Kleinhirn nicht vollstan-
dig bedeckt. Also stellen Sie sich vor, dafi die gemeinsame Eigen-
schaf t der Verbrechergehirne ein zu kurzer Hinterhauptslappen ist —
wie ihn die Affen auch haben — , der das Kleinhirn nicht bedeckt.
Das ist aber eine Eigenschaf t, die ganz selbstverstandlich eine Eigen-
schaft des physischen Leibes ist. Man mufi daraus notwendigerweise
zu der Anschauung kommen: Es gibt zweierlei Menschen durch die
Geburt. Die einen haben einen richtigen Hinterhauptslappen, der
das Kleinhirn bedeckt, die anderen haben einen zu kurzen Hinter-
hauptslappen. Diejenigen, die einen richtigen Hinterhauptslappen
haben, werden keine Verbrecher; diejenigen, die einen zu kurzen
Hinterhauptslappen haben, mussen Verbrecher werden, konnen gar
nicht anders, als Verbrecher werden.
Wird dieser Erkenntnis gegeniiber, gegen die gar niches einzuwen-
den ist, denn sie ist absolut richtig, vom Standpunkt der materiali-
stischen Weltanschauung, nicht all unser Reden von Moral eine
Farce, ein Unsinn ? Konnen wir Menschen noch bestrafen, wenn wir
uns sagen mussen: Die konnen, weil sie einen zu kurzen Hinter-
hauptslappen haben, nicht anders als Verbrecher werden ? Sie sehen,
wohin der Materialismus nach und nach ausarten mufi. Er mufi auch
alles Geistige im sozialen, ethischen, im juristischen Leben aus-
ioschen, oder er wird selbstverstandlich in einer fortwahrenden Luge
arbeiten mussen. Denn gegen die Tatsache, die ich angefiihrt habe,
ist nichts einzuwenden — so ist sie! Und fur denjenigen, der eben
nicht eine geistige Weltanschauung zugibt, gibt es eben nichts als
diese Tatsache.
Nehmen wir jetzt dasjenige, was wir zu sagen haben. Gewifi, die
Menschen werden so geboren, dafi es solche gibt mit richtigen
Hinterhauptslappen und solche mit zu kurzen Hinterhauptslappen.
Aber es ist ein Atherleib da, der in ganz anderer Weise ausgebildet
werden kann und beweglicher ist als der physische Leib. Fur den
Hinterhauptslappen des physischen Leibes ist der Hinterhauptslap-
pen des Atherleibes da. Die Menschen der Zukunft werden lernen
miissen zu unterscheiden zwischen Kindern, die einen zu kurzen
Hinterhauptslappen und einen langen Hinterhauptslappen haben,
und danach werden sie zu erziehen haben als Lehrer oder Erzieher.
Sie werden wissen miissen, in welchen Eigenschaften ein zu kurzer
Hinterhauptslappen in friihestem Kindesalter sich aufiert. Diese
Kinder wird man so zu erziehen haben, daft auf sie gewirkt wird so,
daft der Atherlappen entsprechenderweise stark sich ausbildet, daft
ein Gegengewicht gebildet ist. Dann wird man dadurch, daft der
Atherlappen sich stark ausbildet, den Schaden verhindern, den der
physische Lappen anrichten kann, wenn er zu kurz ist.
Wir sind eben noch nicht in das Zeitalter eingetreten, in welchem
das alte Erbgut schon ganz verglommen ist; aber die Zeit wird
kommen. Und wiirde Geisteswissenschaft nicht in die Gemiiter ein-
dringen konnen, so wiirde es eben unbedingt dahin kommen, daft
der Materialismus auch alle Moral, alle Ethik, alle Juristerei ergrei-
fen miiftte, daft das Geistige iiberhaupt ausgeloscht werden miifite.
Denn das wiirde allein konsequent sein. Zu dem, was kommen muft,
kann man aber nur kommen, wenn man sich bewufit wird, daft,
ebenso wie man die Luft einatmet, man auch braucht die Mitar-
beiterschaft der geistigen Hierarchien bei demjenigen, was man den-
ken, was man fiihlen will. Aber da kommen natiirlich unsere Zeit-
genossen und sagen: Ja, wir konnen doch ganz gut denken, wir kon-
nen ja vorziiglich denken, und wir glauben nicht, daft diese Hier-
archien da so in uns wirtschaften! Wie sollten wir nicht gut denken
konnen? — Ein Naturforscher der Gegenwart, der ein sehr guter
Naturforscher ist, der aber die Schwachheit hat, allerleiphilosophisches
Zeug auch noch nebenbei zu schreiben, der begeht diese eigentiim-
lich unbewuftte Tat, daft er einen seiner Vortrage damit schliefit,
wie man es «so herrlich weit gebracht» hat und so weiter, und gar
nicht nachschaut in Goethes Faust, wer das sagt. Die Menschen
haben eben das Bewufitsein: Sie konnen recht, recht gut denken, sind
nicht angewiesen darauf, ihr Denken befruchten zu lassen aus der
geistigen Welt.
Man miifite eigentlich viel reden, wenn man griindlich iiber dieses
Kapitel reden wollte. Aber lassen Sie mich von vielen nur ein klei-
nes, ganz kleines Beispielchen anfiihren. Ich habe neulich in dem
offentlichen Vortrage aufmerksam gemacht auf einen vergessenen
Denker: auf Karl Christian Planck. Ich will durchaus nicht in
dogmatischer Weise alles verteidigen, was Karl Christian Plank ge-
schrieben hat. Ich habe aber aufmerksam darauf gemacht, wie er
wirklich aus einem tieferen geistigen Bewufitsein heraus gearbeitet
hat, und wie er eine gewisse geistgemafie Weltanschauung doch zu-
stande gebracht hat. 1880 ist er gestorben. Kein Mensch hat sich im
Grunde genommen um seine Biicher viel gekummert. 1912 ist noch
erschienen «Das Testament eines Deutschen» von Karl Christian
Planck, ein wunderbares Buch. Es ist also, da er 1880 gestorben ist,
vor 1880 geschrieben. Dazumal wurde es in der ersten Auflage 1881
von Kostlin herausgegeben. Jetzt ist es wiederum 1912 herausgege-
ben worden. Aber die Leute haben sich nicht viel darum gekummert
und man kann ja auf solche Erscheinungen, ich sagte schon, in
irgendeiner Form aufmerksam machen. Ich habe schon darauf auf-
merksam gemacht in der ersten Auflage der «Ratsel der Philo-
sophies in «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», —
ich habe auf Karl Christian Planck also schon 1900 hingewiesen.
Aber es niitzt das nicht leicht etwas, auf eine geistgemafie Welt-
anschauung heute hinzuweisen, denn zunachst haben die Leute so
die Meinung: Eine geistgemafie Weltanschauung — was kaufen wir
uns denn dafiir eigentlich ? — Aber die andere Frage ist doch die: Lebt
denn nicht in einer solchen geistgemafien Weltanschauung doch
eben etwas von jenen spirituellen Kraften, die das Denken befruch-
ten ? — Ja, da kommen natiirlich die materialistisch denkenden Men-
schen und sagen: Das sieht man ja an all den Idealisten und Spiri-
tualisten und Menschen, die so in der geistigen Welt leben, man
sieht es ja an denen, sie sind unpraktische Leute, sie wissen gar
nichts von der Wirklichkeit, und wiirde man sich im praktischen
Leben auf diese Leute einlassen, dann konnte dieses praktische
Leben nicht weitergehen, zum praktischen Leben gehoren praktische
Menschen. — Die so reden, haben alles von der praktischen Weis-
heit mit Loffeln gegessen, und dafi sie das von der praktischen
Weisheit mit Loffeln gegessen haben, das riihrt nach ihrer eigenen
Anschauung namentlich davon her, dafi sie nicht horen auf diese
verblendeten, traumerischen, phantastischen Idealisten 1 Nun, Planck
war wirklich ein Idealist, war wirklich ein Mensch, der in einer gei-
stigen Welt gelebt hat und der eigentlich etwas zustande bringen
wollte, was aus dem Geistigen heraus in die Welt eingreift. Wir
konnten viele Gebiete anfiihren, aber wie gesagt, ein Beispielchen
mochte ich Ihnen nur gerade von diesem Karl Christian Planck an-
fiihren. Ich habe es gerade hier in Berlin in dem off entlichen Vor-
trage nicht erwahnt, man kann nicht immer alles erwahnen, an ande-
ren Orten aber habe ich es auch im offentlichen Vortrage erwahnt.
Man konnte doch immer wieder und wiederum von Zeitungsdiplo-
maten, Zeitungspolitikern, vielleicht sogar von sogenannten wirk-
lichen Diplomaten, wirklichen Politikern horen: Wenn man auf diese
Idealisten und ihr Wissen von der Welt gar in bezug auf das aufiere
politische Leben etwas geben wiirde, was fur ein Jammer, was fiir ein
Schreckliches wiirde das sein! — Da will ich Ihnen einmal eine Stelle
aus Plancks «Testament eines Deutschen», 1880 geschrieben, vor-
lesen, wo er spricht von dem jetzigen Krieg — ja, von dem jetzigen
Krieg! Und da sagt er folgendes:
«Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe von seiten
Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen blofi nationalen Ord-
nung diesen feindlichen Zusammenstofi zu verhindern. Denn mach-
tiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhaltnisse; und schon
jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und
Osterreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur um
so deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie
Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen
mufite. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so
sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses
doch nicht an unserer Seite f inden, sondern wie im Osten, so werden
wir zugleich auch im Westen und im Siiden uns verteidigen miissen;
nach alien Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen
das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.»
Nun frage ich Sie, ob irgend jemand von den «praktischen» Leu-
ten 1880 die Situation von 1914, 1915, 1916 so pragnant geschildert
hat? Wie viele von diesen praktischen Leuten haben — ja, wie lange
denn ! — keine Ahnung davon haben wollen, daft es in bezug auf den
Siiden zum Beispiel auch so gehen konne? Dieser unpraktische, zu
den verschimpf ten und unpraktischen Leuten gehorende Idealist hat
1880 Worte niedergeschrieben, die genau decken dasjenige, was
heute geschieht. Man miifite einen Willen haben, hinzuhorchen auf
solche Tatsachen. Dann wiirde man einsehen, daft allerdings drinnen-
stecken in der geistigen Welt und wissen, daft es eine geistige Welt
gibt — wie es eine Luft gibt £iir den physischen Leib — , etwas bedeu-
tet, was das Denken geeignet macht, die Wirklichkeit richtig zu be-
urteilen.
Sie werden vielleicht verstehen, nachdem ich Ihnen dieses klar
gemacht habe an einem Beispielchen, daft der Geistesforscher heute
mit Recht sagen kann, wenn man es ihm auch noch nicht glaubt:
Heute konnen die Leute mit dem alten Erbgut des Denkens noch
Maschinen erfinden, aber es wird keine fiinfzig Jahre dauern, da
werden die Leute nichts mehr erfinden, wenn sie sich weigern, die
geistigen Einf liisse auf ihr Denken anzunehmen. Und alles wird ab-
sterben, was etwas hineinstellen will in die physische Welt, was
nicht aus der geistigen Welt herausstammt. Heute konnen noch
Maschinen erfunden werden, weil noch ein altes Erbgut da 1st. Das-
jenige, was auf anderen Gebieten vielfach geschieht, das zeigt ja
doch wohl schon, in welcher Weise das geistige Vermogen wirklich
abnimmt, aus der geistigen Welt der physischen Welt etwas einzu-
verleiben, denn auf vielen Gebieten nennt man heute «nichts kon-
nen» aus diesem Grunde schon ein «hoheres K6nnen». Kein ordent-
liches Gesicht mehr malen konnen, sondern irgendwie Striche zu-
sammenzumachen und allerlei Zeug darauf zu schmieren, das hatte
der Maler noch vor einiger Zeit genannt — selbstverstandlich, der
wirkliche Maler tut es auch noch heute — eine Schmiererei. Aber
heute gibt es schon Schulen, die nennen solche Schmiererei die
«hohere Kunst», und die wirklkhe Kunst ist etwas, was vorbei ist,
was nicht mehr da sein soil. Auf alien Gebieten geht es so, auf alien,
alien Gebieten.
Das ist es, das man einsehen mufi: Die Zeit verlangt von uns, dafi
wir uns befruchten lassen aus der geistigen Welt heraus. Und nur
die Befruchtung wird moglich sein, die eben von dem Ergreifen der
geistigen Tatsachen, wie sie Geisteswissenschaft gibt, kommen kann.
Und auch die grofien Weltenaufgaben werden nur gelost werden,
wenn solche Befruchtung eintreten kann gerade auf diesem Gebiete.
Man macht ja heute wirklich die grenzenlos traurigsten Beobachtun-
gen. Immer wieder und wiederum mufi man sehen, wie gerade
unsere Zeit im Grunde genommen alles Zusammenhanges mit der
geistigen Welt bar ist. Wir leben in einer Zeit, die entgegenleben
soli — das ist ja oft betont worden — einer Tatsache, die man wie
eine zweite Erscheinung des Christus auf Erden bezeichnen kann:
Die atherische Christus- Wesenheit, jene zweite Erscheinung des
Christus auf Erden. Aber einer Vorbereitung bedarf es dazu, damit
dieses Ereignis nicht vorbeigehe oder damit es nicht verhohnt, ver-
spottet werde. Und auch dasjenige, was wir jetzt durchmachen, in
der richtigen Weise kann es nur durchgemacht werden, wenn ein
Bewufitsein vorhanden ist, dafi das Furchtbare, das um uns geschieht,
wie das gottgesandte Zeichen dafiir ist, dafi eine Vertiefung der Men-
schenseele eintreten soli. Das Furchtbarste ware es, wenn iiber diese
Ereignisse hinaus, welche die Verhaltnisse so durcheinander riitteln,
das grundmaterialistische Menschendenken sich so erhalten konnte,
wie es oftmals den Anschein hat. Das furchtbarste ware die-
ses. Und diejenigen, die zur Geisteswissenschaft gehoren, miissen
das als eine Grundwahrheit in ihre Seele so geschrieben haben, dafi
sie wirklich stark genug sind, all dem, was auf einen einstiirmt
von der heutigen Welt noch als Gegnerschaft der Geisteswissen-
schaft, gegen eine geistige Auffassung des Daseins, begegnen zu
konnen. Man wird ihm nur begegnen konnen, wenn man immer
wieder und wiederum auffrischt den Gedanken an die Notwendig-
keit einer geistigen Auffassung der Welt.
Es ist so schwierig, solche Dinge in heutigen weiteren Kreisen
verstandlich zu machen, weil — auf gewissen Gebieten — die Men-
schen geradezu vom verkehrten Denken richtig besessen sind. Als
ich in einer Stadt neulich einmal davon sprach, wie ein verklungener
Ton da ist in dem Geistesleben, als ich den Vortrag hielt, den ich
auch hier gehalten habe iiber den verklungenen Ton im Geistesleben
Mitteleuropas, da kamen zwei Menschen zu mir nach dem Vortrage.
Die Menschen erklarten mir erstens ihre Verwunderung, dafi man
in der jetzigen Zeit iiber die Verhaltnisse so spricht. Gerade von
dem, was sie Theosophie nennen, hatten sie das nicht erwartet, dafi
man so spricht; sie hatten sich die Theosophie anders gedacht, denn
sie waren Pazifisten. Das ist ja ganz schon, nicht wahr, Pazifist zu
sein, nur mufi man sich klar sein, dafi seit dem Entstehen des Pazifis-
mus die grofiten, die blutigsten Kriege der Welt gefiihrt werden,
eine Tatsache, die ich schon hervorgehoben habe vor einem Jahr-
zehnt in den Vortragen des Architektenhauses. Aber ich wollte
doch auf eines aufmerksam machen, was einem leicht durchschaubar
scheint Ich sagte: Aber kommen Ihnen nicht alle diese Verhaltnisse,
ich meine nicht nur die aufieren Kriegsverhaltnisse, sondern
dieses An-die-Oberflache-Tragen einer so furchtbaren Verlogenheit,
wie sie in den gegensatzlkhen Stimmen der Volker zum Vorschein
kommt, kommt Ihnen denn das nicht vor wie ein Ad-absurdum-
Fiihren desjenigen, was sich als sogenannte Kultur bisher entwickelt
hat? Ist das nicht wie ein Ad-absurdum-Fiihren ? — Ja, sagte der eine
Herr, ja, das ist eben jetzt eine Krankheit, die mufi geheilt werden. —
Man kann ihm selbstverstandlich Recht geben: Gut, es ist eine
Krankheit. Aber der Mann leckt sich die Finger ab — verzeihen Sie
den trivialen Ausdruck — , den richtigen Gedanken zu haben: Es ist
eine Krankheit! Er hat aber keine Ahnung davon, dafi man von
einem solchen richtigen Gedanken nichts hat, dafi es nicht darauf
ankommt, dafi man irgendwie richtige Gedanken hinpfahlen kann,
sondern dafi man den richtigen Gedanken, auf den es wirklich an-
kommt, in einem gewissen Zusammenhange einsieht. Es fiel zum
Beispiel diesem Manne gar nicht ein, dafi es ja ganz richtig sein
kann: Das ist eine Krankheit. Aber was ist denn eine Krankheit,
warum kommt sie denn? - Weil vorher die Verhaltnisse nicht
ordentlich sind! Die Krankheit ist ja schon das Aufbaumen der
Natur, um den Menschen gesund zu machen. Dasjenige, was die
unnatiirlichen Verhaltnisse sind, geht ja der Krankheit voran. Die
Krankheit ist ja schon ein Versuch, diese ungesunden Verhaltnisse
herauszubringen. Die Krankheit ist, ich mochte sagen, dasjenige,
was sich gegen die vor der Krankheit vorliegende Unnatur wehrt,
und dieser Prozefi des Sich-Wehrens, das ist die Krankheit. Also
indem er das ausspricht: das ist eine Krankheit — , weist er ja darauf
hin, dafi die Krankheit notwendig war, weil die unnatiirlichen Ver-
haltnisse da waren, und im weitesten Umfange ist dasjenige,
was diese unnatiirlichen Verhaltnisse sind, der alle Kreise
beherrschende Materialismus. Natiirlich mufi man dann den Mate-
rialismus im weiteren Sinne fassen. Da mufi man den Materialismus
so fassen, dafi man einsieht, dafi er zur Unf ruchtbarkeit des Denkens
fiihrt, dafi er fiihrt zum Zertreten, zum Niederdriicken befahigter
Leute, die etwas wissen von der Lebenspraxis, durch die alles nieder-
driickende Macht der Unfahigen, welche sagen, sie wissen das Prak-
tische. Selbstverstandlich wissen sie es, aber wie ?
Ins Fiihlen, ins Gemiit miissen befruchtend hineinwirken die
geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Und es mufi in unserer Zeit
eine Anzahl von Menschen geben, welche aus innerlicher TJberzeu-
gung treu halten konnen zu dem, was als Notwendigkeit fur die
Weltenentwickelung aus der Geisteswissenschaft folgt. Darin wird
das werden, was werden soil, dann wird der Christus, wenn er in
einer neuen Form sich offenbaren will, diejenigen finden, welche er
braucht. Und das mufi sein. Wenn er erscheint in seiner atherischen
Gestalt dem oder jenem, dann mufi nicht eine Zeit sein, in der dieses
Erscheinen des Christus als ein Wahnsinn aufgefafit wird, sondern
aufgefafit wird als dasjenige, was berufen ist, der Menschheit einen
Ruck zu geben nach vorwarts, einen Ruck, der vor alien Dingen
darinnen besteht, das Materialistische mit seinen Folgen in griind-
licher Weise zu iiberwinden. Und dieses Jahrhundert wird nicht
vergehen diirfen, ohne dafi die menschlichen Anschauungen eine
ganz andere Gestalt annehmen.
Und wie die Feuerzeichen fiir dieses Ziel der Menschheit miissen
die bedeutsamen, blutigen Ereignisse sein, die wir jetzt um uns
herum erleben. Dann werden nicht umsonst die Opfer geflossen
sein, die geflossen sind von seiten derjenigen, die durch die Todes-
pforte oder durch das Erlebnis der blutigen Verwundung gegangen
sind. Dann wird alles dasjenige, was jetzt um uns herum vorgeht,
beitragen konnen zur Erhebung der Menschheit. Und das mufi sein.
Deshalb miissen wir immer wieder und wieder an der oft hier aus-
gesprochenen Wahrheit festhalten:
Aus dem Mut der Kampf er,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesf rucht —
Lenken Seelen geistbewufit
Ihren Sinn ins Geisterreich.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 28. Marz 1916
Strerflichter auf die tiejeren Impulse der Geschichte
Es ist mir heute auferlegt, einiges Geschichtliche zu besprechen von
einem gewissen geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Ich
werde Sie dabei zu bitten haben, da ja iiber alle diese Dinge nur skiz-
zenhafte Schilderungen gegeben werden konnen, im Auge zu haben,
dafi selbstverstandlich, wenn gewisse, sagen wir, aus den Bewegun-
gen des Geistes heraus fliefiende Schilderungen gegeben werden
und so gegeben werden miissen, wie sie hier gegeben werden, ja
nur Lichter geworfen werden konnen auf dieses oder jenes Ge-
schichtliche, dafi nicht in demselben Sinne iiber Ursachen und Wir-
kungen gleich unmittelbar gesprochen werden kann, wie man das
in der aufieren Geschichte gewohnt ist. Wir miissen uns ja durch
unsere Geisteswissenschaft schon bekannt gemacht haben mit der
Idee, dafi hinter allem, was in der Welt geschieht, geistige Krafte
stehen, geistige Absichten, geistige Ziele.
Wenn man so die Geschichte aufierlich betrachtet, so bietet sie
ja selbstverstandlich gewissermafien nur den aufieren geschichtlichen
Mechanismus fur dasjenige, was als geistige Absichten und geistige
Ziele in ihr webt und lebt. Der geisteswissenschaftlich geschulte
Blick sieht dann mehr unmittelbar die geistigen Stromungen, die
geistigen Prozesse, die dahinter stehen. Aber man mufi dafiir auch
in dem, was so geschildert wird, eben nicht gleich etwas sehen,
wovon man sagen kann: der, der die Dinge auseinandergesetzt hat,
wolle etwa die historischen Ereignisse ganz unmittelbar aus dem,
was er geschildert hat, ableiten. Das ist nicht der Fall, sondern
es sollen, wie gesagt, nur einige Streiflichter geworfen werden auf
die tieferen Krafte, die man ja weder sieht, wenn man nur ganz
aufierlich die materiel 1 historischen Tatsachen schildert, noch auch,
wenn man solche Tatsachen schildert, wie ich sie heute schil-
dern werde. Aber wenn man dann beides zusammenfiigt, so
bekommt man doch ein Bild von dem, was eigentlich in der Welt
geschieht.
Ankniipfen mufi ich dabei an eine Personlichkeit, deren Name
Ihnen ja alien bekannt ist, an die Personlichkeit der H. P. Blavatsky.
Sie wissen alle, diese H. P. Blavatsky, die als eine besonders psy-
chisch veranlagte Personlichkeit gelebt hat in der Zeit, in der im
aufieren Leben eerade die Hochflut des Materialismus war, steht in
einer ganz eigentiimlichen Weise in dieser geistigen Bewegung der
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts darinnen. Mit ihr ist,
wie gesagt, eine im eminentesten Sinne psychische Personlichkeit
hineingestellt in das ganze sonstige materielle Getriebe, von dem
ja alles, was man als Wissenschaft ansieht, in der zweiten Halfte
des neunzehnten Jahrhunderts mehr oder weniger abhangig war.
Nun war H. P. Blavatsky nicht eine Personlichkeit, die man etwa
im gewohnlichen Sinne als ein Medium bezeichnen konnte, sondern
schon eine im allertiefsten Sinne sehr, sehr merkwiirdige psychische
Personlichkeit. Man muB, wenn man sie ganz verstehen, wenn man
sie wenigstens bis zu einem hohen Grade verstehen will, dann schon
darauf sehen, aus welchem Milieu sie hervorgegangen ist. Sie ist aus
dem russischen Milieu hervorgegangen, aus der russischen Art und
Weise, wie da Geistiges und Physisches in einem Leibe zusammen-
wirken kann, der nun eben nicht normal, sondern ganz abnorm ist.
Unci dabei mufi man dann Riicksicht darauf nehmen, inwiefern ver-
moge des Volkseigentiimlichen das russische Volk abweicht von den
mittleren und westlichen Volkern Europas. Die mittleren und west-
lichen Volker Europas sind ja die Fortsetzer und in gewissem Sinne
auch die schopferischen Neugestalter der Kultur, die hervorgegan-
gen ist aus dem vierten nachatlantischen, dem griechisch-lateinischen
Kulturzeitraum. Was da gelebt hat in diesem griechisch-lateinischen
Kulturzeitraum, wird durch Mittel- und Westeuropa fortgesetzt.
Das kann nur fortgesetzt werden, konnte nur fortgesetzt werden da-
durch, dafi in diesem West- und Mitteleuropa ganz besonders die
physischen Leiber sich ausbildeten zu besonderen Instrumenten auch
fur geistiges Wirken, fur Denken, Fuhlen und Wollen. Was Den-
ken, Fiihlen und Wollen zustande bringen konnten durch das Instru-
ment des physischen Leibes, das sollte in West- und Mitteleuropa
vorzugsweise herauskommen. Anders in Osteuropa bei den slawi-
schen Volkern und insbesondere beim russischen Volk. Man kann
sagen: in der Weise den physischen Leib durchzumechanisieren, wie
das in West- und Mitteleuropa der Fall ist, das kann iiberhaupt beim
russischen Volk, insof erne dieses Volk in seinem Volkstume drinnen
bleibt, nicht stattfinden. Man kann mit westeuropaischer Wissen-
schaft iiberhaupt das russische Volk nicht verstehen, wenn man es
wirklich verstehen will. Man kann es nur verstehen, wenn man
weifi: es gibt einen Atherleib. Denn das Charakteristische gerade
des russischen Volkstums besteht darinnen, dafi die wichtigste Be-
tatigung des Lebens nicht so in den physischen Leib hineingeht, wie
in West- und Mitteleuropa, sondern mehr im Atherleib sich abspielt
und gar nicht so sehr den physischen Leib durchdringt. Es hat im
russischen Volkstum der Atherleib eine viel, viel grofiere Bedeutung,
als er jetzt noch hat fur das Volkstum West- und Mitteleuropas und
auch fur das amerikanische Volkstum; fur dieses letztere ganz be-
sonders. Daher kann innerhalb des russischen Volkstums — des
Volkstums, nicht der regierenden Kreise — , niemals sich in demselben
Grade ein unmittelbar starkes Ich ausbilden, wie das in West- und
Mitteleuropa bei den Menschen der Fall ist, sondern das Ich wird
immer mit einer gewissen Traum-Umflorung da sein, wird immer
etwas von Traumerischem haben. Denn so wie das Ich jetzt noch im
fiinften nachatlantischen Zeitraum in den Menschen lebt, so ist es
bedingt durch die geschilderte besondere Ausbildung des physischen
Leibes. Wahrend dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums soli
das russische Volkstum gar nicht soweit kommen, das Ich als solches
unmittelbar auszubilden. Es soil gar nicht mit dem, was im Ather-
leibe da lebt und webt, sich hineinpragen in den physischen Leib.
Natiirlich, die Worte retouchieren immer ein bifichen, weil ja unsere
Worte noch nicht fur Geistiges gepragt sind. Wenn man sagt:
traumhaft, so kann natiirlich jemand kommen, der materialistisch
denkt, und kann anfiihren, dafi die Leute gar nicht traumen und so
weiter. Aber das sind ja alles aufierliche Einwande, die mit dem
Werdegang,wie er sich nunwirklich abspielt, gar nichts zu tun haben.
Daher kann man sagen, dafi dasjenige, was in diesem russischen
Volkstum als Volkstum veranlagt ist, gegenwartig iiberhaupt noch
nicht zur aufieren Offenbarung kommen kann, dafi diesem rus-
sischen Volkstum vorlaufig von aufien aufgepragt ist dasjenige, was
seine Eigenschaften zuweilen in ganz entgegengesetzter Weise als
sie sind, zur Tat werden lafit, zur Ausbildung bringt. Aus diesem
russischen Volkstum ist zum grofien Teil hervorgewachsen diese
H. P. Blavatsky. Daraus wird es verstandlich, dafi bei ihr in einem
ungeheuren Mafie der Atherleib in seiner Tatigkeit alle physische
Tatigkeit, insofern sie Erkenntnistatigkeit ist, iiberwog. Wir haben
daher im wesentlichen in H. P. Blavatsky eine Personlichkeit, die in
ihrem Atherleibe vieles, unendlich vieles erleben kann. Das ist natiir-
lich etwas ganz anderes, als was man durch Denken und Erkennen
mit Hilfe des Gehirns erleben kann. Sie kann also, ich mochte sagen,
einfach dadurch, dafi sie herausgewachsen ist aus dem russischen
Volkstum, in ihrem Atherleibe Unendliches erleben. Aber es ist
damit verkniipft, dafi ihr die Eigenschaften fehlten — und die fehl-
ten ihr ja tatsachlich — , die der Westeuropaer schon einmal nicht
entbehren will, wenn er von den geistigen Welten irgend etwas
geoffenbart haben soli. Es fehlte Blavatsky alle Moglichkeit, logisch
zu denken, ihre Erkenntnisse logisch zu gruppieren, irgendwie zwei
Dinge so nacheinander zu sagen, dafi das eine aus dem andern
folgte; so dafi man bei dem, was sie durch ihre inneren Schauungen
im Atherleibe zustande brachte, wenn man sie iibersetzen will in
das, was man ja selbstverstandlich hat als west- und mitteleuro-
paischer Mensch, immer das Gefiihlt hat, dafi einem eigentlich ein
Miihlrad im Kopfe herumgeht. Man mufi schon selber abgeneigt
sein einem gewissen ernsten Denken, wenn man nicht wahrhaben
will, dafi einem bei dem, was Blavatsky hervorgebracht hat, ein
Miihlrad im Kopfe herumgehe. Aber das hindert nicht, dafi das-
jenige, was sich bei ihr durchdrangte durch den Atherleib, was bei
ihr durch ihre atherische Erkenntnisfahigkeit in ungeordneter Weise
auftrat, selbstverstandlich bedeutsame Offenbarungen enthalten
kann aus der geistigen Welt. Nur mufi man Kritik haben, man mufi
die Moglichkeit haben, die Dinge so aufzunehmen, wie sie schon
einmal sind, namlich so, dafi man sie nicht liest wie etwa ein wis-
senschaftliches oder sonst irgendein Buch, das in unserem heutigen
Geistesleben einen normalen Platz hat.
So war also gerade in der Zeit, in der eigentlich die Menschheit,
ich mochte sagen, durch den hochstgespannten Materialismus gehen
sollte, eine solche Personlichkeit vorhanden. Da sind wir einfach
vor eine Tatsache gestellt: Eine Personlichkeit ist vorhanden, die
hervorgegangen ist aus osteuropaischem Volkstum, die aber auch
in ihrer Vererbungsstromung, in ihrem Blut doch noch, ich mochte
sagen, einen Stich von Mitteleuropaertum hatte — in ihrer Abstam-
mung ist ja das sehr leicht nachzuweisen. Also es war schon das vor-
handen, aber iiberf lutet vom osteuropaischen Element, was in Mittel-
europa fiihrt zum logischen Wesen, und was namentlich zur
Willensinitiative fiihrt, die ja der Russe als Angehoriger seines
Volkes gar nicht hat. — Nun, was ist geschehen ? Wenn wir so die
zwei aufiersten Pole, mochte ich sagen, zusammenfassen, so konnen
wir sagen: Das, was zuletzt geschehen ist — nicht wahr, wir haben
ja lauter englische Biicher von Blavatsky — , ist, dafi dasjenige, was
vermoge ihres Wurzelns im Russentum aus dem Atherleibe der
Blavatsky herauskommen konnte, eingefafit worden ist von eng-
lischem Wesen, vom Englandertum, und aus englischer Verarbei-
tung in den Buchern der Blavatsky erscheint. So liegt es vor. Das
Wichtige ist nur alles dasjenige, was dazwischen geschehen ist.
Um nun zu verstehen, was dazwischen geschehen ist, mufi man
sich klar sein dariiber, dafi im Westen Europas, namentlich aus-
gehend von britischem Wesen, ein weitgehendes Arbeiten in okkul-
ter Wissenschaft immer vorhanden war. Soweit eigentlich von eng-
lischer Geschichte gesprochen werden kann: ein weitgehendes Arbei-
ten in Okkultismus war immer vorhanden. Mitteleuropa hat eigent-
lich wirklich durch die ganze Entwickelung seiner geistigen Kultur
keinen rechten Begriff davon, wie einschneidend okkultes Wesen
und okkultes Arbeiten von den britischen Landesteilen immer aus-
gegangen ist und sich verbreitet hat iiber Westeuropa, auch iiber
Siideuropa und so weiter. Nun mufi man, wenn man verstehen will,
wie die Dinge eigentlich liegen, sich diesen, namentlich britisch ge~
farbten Okkultismus ein wenig ansehen. Also dieser britisch ge-
farbte Okkultismus ist durchaus vorhanden. Dasjenige, was die
Leute aufierlich wissen von allerlei Hochgrad-Orden schottischer
Maurerei und so weiter, das sind eigentlich nur die Aufienseiten,
die der Welt gezeigt werden. Aber hinter diesen Aufienseiten stehen
nun wirklich umfassend arbeitende okkulte Schulen, und diese
okkulten Schulen haben in einem viel hoheren Mafie, als das in
Mitteleuropa der Fall ist, die alten okkulten Traditionen und alten
okkulten Stromungen in sich aufgenommen. In Mitteleuropa — das
haben Sie ja schon aus meinen verschiedenen offentlichen Vortriigen
gesehen — strebt man mehr danach und mufite mehr danach streben,
aus der eigenen Geistigkeit heraus aufzusteigen zu einem spirituel-
len Erkennen, zu einem Erkennen der spirituellen Welten. Da hat
man sich weniger angelehnt an das von anderen Seiten, namentlich
von alteren okkulten Schulen T)berkommene. Wir konnen die Jahr-
hunderte zuriickgehen, namentlich bis zum Anfang des siebzehnten
Jahrhunderts, da fin den wir namentlich liber England, Schottland
und Irland — iiber Irland weniger, aber uber Schottland — ausgebrei-
tet solche okkulten Gemeinschaften, die in sich fortgepflanzt haben
dasjenige, was okkultes Wissen in den aitesten Zeiten war, das sie
aber in einer gewissen Weise umgestaltet haben.
Will man den Grund zu dieser Umgestaltung so recht einsehen,
so mufi man wissen, dafi der vierte nachatlantische Zeitraum, der
also das Griechentum, das Romertum und so weiter umfafite und
bis zum Anfang des fiinfzehnten Jahrhunderts eigentlich gedauert
hat, in sich zu verarbeiten hatte auf rein menschliche Weise das,
was in friiheren Zeitraumen als geistige Offenbamng da war: Was
der Mensch in Offenbarungen empfangen hat, das sollte da geistig
verarbeitet werden in diesem vierten Zeitraum. Dann kam der
fiinfte nachatlantische Zeitraum, der genau eben mit dem Beginne
des fiinfzehnten Jahrhunderts beginnt. Da sollte der Mensch mehr
seine Blicke auf die Aufienwelt richten, mehr auf dem physischen
Plane leben, weniger neue Begriffe ausarbei ten. Alle Begriffe, die
wir heute in der Welt haben, sind ja Begriffe aus dem vierten nach-
atlantischen Zeitraum, die sind ja alle heriibergekommen. Neue
Begriffe sind seit dem fiinfzehnten Jahrhundert iiberhaupt nicht
gebildet worden. Kein einziger wirklich neuer Begriff ist gebildet
worden; es sind nur die alten Begriffe angewendet worden in neuer
Art auf die Vorgange. Der Darwinismus hat nicht etwa einen neuen
Entwickelungsbegriff heraufgebracht, er ist nur angewandt worden
auf gewisse Vorgange. Also kein einziger neuer Begriff ist entstan-
den seit dem Beginne des fiinfzehnten Jahrhunderts, die sind alle
im vierten nachatlantischen Zeitraume entstanden. Der fiinfte nach-
atlantische Zeitraum sollte den Blick auf die aufiere physische Welt,
auf den physischen Plan richten. Fiir diese Aufgabe war aber beson-
ders vorbereitet das britische Volk. Und gerade durch die Art und
Weise, wie sich seine Eigentiimlichkeit verhaltnismafiig spat heraus-
gebildet hat auf den Britischen Inseln, war das britische Volk zu
dieser Aufgabe besonders geeignet.
Im Beginne des fiinfzehnten Jahrhunderts drohte da etwas. Es
drohte da, dafi eine Art von Konfusion entstehen sollte. Das rein
physische Streben des Britentums drohte konfundiert zu werden mit
einem viel spirituelleren, mit einem von uralten Zeiten herein be-
fruchteten spirituellen Leben. Es war das in der Zeit, als Landesteile
des f ranzosischen Reiches noch hiniibergehorten zur englischen Herr-
schaf t, wo also die englische Herrschaft noch heruberging iiber den
Kanal in franzosische Landesteile herein. Dafi da eine wirkliche
Scheidung eintrat, das wurde aus der geistigen Welt heraus mit-
bewirkt durch das Erscheinen der Jeanne d'Arc, der Jungfrau von
Orleans, die gerade deshalb, weil sie gewissermafien aus der gei-
stigen Welt heraus Ordnung zu schaffen hatte im Beginne des
fiinfzehnten Jahrhunderts, ja auch im Beginne des fiinfzehnten Jahr-
hunderts erschien. Und wirklich, das ganze aufiere Wesen Europas
hangt ab, wie ich schon einmal hier geschildert habe, von diesem
Auftreten der Jungfrau von Orleans. Damals wurde die Scheidung
zwischen franzosischem Wesen und britischem Wesen genau voll-
zogen. Vorher war es ja so, dafi vielfach die unter den sagenhaften,
aber eigentlich okkult gemeinten Hengist und Horsa von Mittel-
europa nach den Britischen Inseln hinuberwandernden Angeln und
Sachsen eigentlich beherrschtwurden von normannisch-romanischem,
namentlich romanischem Element und eine untergeordnete Schichte
bildeten. Gerade dasjenige britische Wesen, das heute tonangebend
ist, tonangebend geworden ist namentlich seit dem siebzehnten
Jahrhundert, das bildete eine so Starke Unterschicht, dafi, als das
franzosische Element da noch herrschend war, als gewissermafien
der franzosische Geist noch hiniiberwirkte auf die britische Insel,
es da eine Aristokratie dort gab, die im tiefsten Sinne alles das-
jenige verachtete, was nur von Angeln und Sachsen abstammte. Es
war zum Beispiel ein ganz gebrauchlicher Ausdruck, namentlich im
zehnten, elften, zwolften Jahrhundert, dafi, wenn ein Mensch aus
dieser Oberschicht, die damals noch im gegeniiberliegenden Frank-
reich lebte, in der franzosisch-normannisches Blut lebte, fluchen
wollte, er sagte: Gott verdamm' mich zu einem Englander! Das war
ein Fluch, den man oftmals horen konnte. Also man wollte, wenn
man ein angesehener Mensch sein wollte, nur ja kein Englander sein
auf der britischen Insel. Das anderte sich erst griindlich, nachdem,
wie gesagt, jene Scheidung sich vollzogen hatte und das Englander-
tum nun heraufkam. Nun spiel ten sich ja die verschiedensten Vor-
gange ab — es wiirde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich
sie schildern — , hinter den en tiefgehende geistige Krafte walten:
die Kriege der Weifien und der Roten Rose. Aber wichtig ist, dafi
im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts, als schon Shakespeare
seine Dramen geschaffen hatte, die ja, insoferne sie Konigs-
Dramen sind, insbesondere die Rosen-Kriege behandeln — in den
Shakespeare-Dramen lebt ja der ganze Kampf der Roten und Wei-
fien Rose — , dafi Ende des sechzehnten und im Beginne des siebzehn-
ten Jahrhunderts eine Seele in einem physischen Leib sich im bri-
tischen Reich inkarnierte, die aufierlich nicht sehr Bedeutsames
wirkte, die aber weithin ungeheuer anregend wirkte. Besonders an-
regend konnte diese Seele wirken, die sich in einem britischen Leibe
inkarnierte, in dem im Grunde genommen wenig britisches Blut war,
sondern mehr franzosisches und schottisches Blut durcheinander-
wirkte. Und von dieser Seele ging eigentlich dasjenige aus, was den
Anstofi gegeben hat sowohl zu dem aufieren britischen Geistesleben,
wie auch zu dem okkulten britischen Geistesleben. Und so bildete
sich, natiirlich mit verschiedenen Zwischenvorgangen, die zu schil-
dern jetzt zu weit fiihren wurde, dieses okkulte britische Geistes-
leben aus. Nun sagte ich Ihnen, dieses Geistesleben setzte fort die
okkulten Stromungen des vierten nachatlantischen Zeitraums.
Man wufite da ungeheuer viel, weil hier gerade der Boden
dafiir war, dafi die Korper am meisten Bedeutung hatten, dafi der
Atherleib am wenigsten tatig war und dafi der physische Leib als ein
Instrument angesehen wurde fur alles geistige Leben. Gerade da-
durch gab es da keine Moglichkeit, in diesen okkulten Schulen selber
irgendwie viel zu erfahren aus der geistigen Welt. Aber man be-
wahrte in den okkulten Schulen die alten Traditionen, man bewahrte
dasjenige, was iiberliefert war durch die alten hellseherischen Beob-
achter und suchte es mit den Begriffen zu durchdringen. Und so
entstand da eine okkulte Wissenschaft, welche eigentlich nur arbei-
tete mit den Erfahrungen der im vierten und sogar noch im dritten
nachatlantischen Zeitraum vorhandenen Hellseher, aber dieses, was
da durch Hellseher zustande gekommen war, durcharbeitete mit rein
physischen Begriffen, mit dem Begriffsmaterial, das man hat, wenn
man eben nur durch den physischen Leib denkt. So entstand eine
eigentumliche okkulte Wissenschaft, die aber wirklich sich iiber alle
Gebiete des Lebens erstreckt.
Es ist nun interessant, vor alien Dingen gewisse Kapitel dieser
okkulten Wissenschaft — wie gesagt, ich erzahle Ihnen lauter Tat-
sachen — ein wenig naher sich anzusehen. Und das ist dasjenige,
was gelehrt wurde iiber das Schicksal der europaischen Volker. Das
biidete sogar ein wesentliches Kapitel in diesen okkulten Schulen.
Ich will Ihnen versuchen zu charakterisieren, was da gelehrt wurde
iiber das Schicksal der europaischen Volker. Da wurde gesagt: Es
war ein vierter nachatlantischer Zeitraum da — das hatte man aus
der Tradition, aus der "Oberlief erung — , dieser vierte nachatlantische
Zeitraum strotzte von geistigem Leben, er hatte hervorgebracht die
Begriffswelt fur die Menschen, die Anschauungen iiber soziale Ein-
richtungen, alles mogliche hatte er hervorgebracht, er strotzte von
geistigem Leben. Er hatte sich ausgebildet im Siiden Europas auf
der griechischen Halbinsel, auf der italischen Halbinsel, strahlte
von da aus. Die Volker Mitteleuropas, Westeuropas, die waren in
der Zeit, ais die Bliite des vierten nachatlantischen Zeitraumes schon
da war, noch in ihrer Kindheit, Sauglinge gewissermafien der
Menschheit in geistiger Beziehung. — Ich erzahle nur, was da gelehrt
wird. - Also die mittel- und westeuropaischen Volker waren Saug-
linge in bezug auf das gehtige Leben, Sauglinge gegeniiber dem,
was ausstrahlen konnte von den Kulturergebnissen des vierten nach-
atlantischen Zeitraums. Und nach und nach haben sich diese mittel-
und westeuropaischen Volker aus dem Sauglingstum herausgearbei-
tet, sind gewissermafien bis in die Zeit der Renaissance und der
Reformation herein reifer und reifer geworden; womit nicht eigent-
lich die deutsche Reformation gemeint war, sondern namentlich die
englische Reformation unter Jakob I. und so weiter. Sie haben sich
also losgemacht, diese mittel- und westeuropaischen Volker. Und
nun entstand ein ganz bestimmtes Dogma, ein Dogma innerhalb
dieser okkulten Schulen, an dem mit eiserner Glaubigkeit festgehal-
ten wird. Das ist das Dogma, dafi abzulosen hat im fiinften nach-
atlantischen Zeitraum die angelsachsische Kultur die griechisch-
lateinische Kultur. Also das wurde immer wieder und wiederum
eingescharft: Es gibt einen vierten nachatlantischen Zeitraum und
einen fiinften nachatlantischen Zeitraum. Tonangebend fur den
vierten nachatlantischen Zeitraum ist das griechisch-lateinische We-
sen; tonangebend fiir den fiinften nachatlantischen Zeitraum mufi
dasjenige sein, was aus der Natur des Angelsachsentums fliefit. Das
Angelsachsentum mufi geistig regieren den fiinften nachatlantischen
Zeitraum. Und alles, was gedacht wird in bezug auf Menschheits-
entwickelung, miisse so gedacht werden, dafi dieses Dogma sich
verwirklichen konne. Im Osten Europas ~~ so wird in diesen Schulen
gelehrt — leben die Menschen heute in denselben Zustanden, in
denen die mittel- und westeuropaischen Volker, die dann gipfeln
im Angelsachsentum, lebten, als sie das griechisch-lateinische Wesen
von den Romern iiberliefert erhielten. Im Osten von Europa leben
die slawischen Volker heute im Sauglingsalter, und jeder, der zu
diesen Schulen gehort, sieht dieses osteuropaische Wesen und Volks-
tum an als im Sauglingsalter lebend und betrachtet nun dasjenige,
was kiinftig geschehen mufi, so, dafi nunmehr diese osteuropaischen
Volker sich in einer ahnlichen Weise aus dem Sauglingsalter heraus-
arbeiten miissen zu einem spateren Lebensalter wie friiher die mittel-
und westeuropaischen. Aber — und das sind sogar die Worte, die
man in jenen Schulen sagt, die ich Ihnen jetzt erzahlen darf — ge-
rade so, wie die Romer die Amme waren in geistiger Beziehung von
West- und Mitteleuropa, so mufi das Angelsachsentum die Amme
sein fur das osteuropaische Wesen, mufi dieses osteuropaische Wesen
aus dem Sauglingstum in das spatere geistige Lebensalter hiniiber-
fiihren. Man schildert dann im einzelnen, wie sich, ahnlich wie sich
differenziert haben die germanischen Volker in gotische und so
weiter, die slawischen Volker sich differenzieren. Man schildert,
indem man nun aus dem Vorhandensein der inneren Krafte auf
gewisse Zukunftsgestaltungen hinweist, wie in RuGland selber es
ganz besonders bezeugt wiirde, dafi da das Volk im Sauglingsalter
lebt, weil eine Anzahl eigentlich sich nur ortlich f iihlender Gemein-
den, genau wie es einmal in Mittel- und Westeuropa war, da seien,
die nur kiinstlich zusammengehalten werden durch ein Staatsband;
wie anderseits ein Volk, das nur durch seine Religion zusammen-
gehalten wird, die Polen, dazu berufen ware — wie gesagt, ich er-
zahle nur Tatsachen, wie es wirklich gelehrt wird in diesen Schu-
len — , zuletzt doch wieder, trotz ihrer Bestrebungen, in das russische
Wesen eingefugt zu werden. Man schwort in diesen Schulen ge-
radezu darauf , dafi das ganze Polentum wiederum in das russische
Wesen eingeschoben werden mufi. Man sagt zum Beispiel — wie-
derum geradezu wortlich — : Da bildeten sich im Anschlufi an das
untere Donautal einzelne slawische Volkerschaften in abgeschlosse-
nen Reichen. Uber dieses Entstehen von slawischen Volkerschaften
in abgeschlossenen Reichen wurde immer wieder, wie es eben beim
Lehren geschieht, in diesen Schulen gesagt: Es bildeten sich solche
unabhangige slawische Volksstaaten, die werden aber nur dauern
bis zum nachsten grofien europaischen Kriege, der da kommen
wird. — Das heifit, man lehrte iiberall den grofien europaischen
Krieg, der alles durcheinander bringen wird. Nur so lange wiirde
die Unabhangigkeit dieser slawischen Staaten dauern. Und man
stellt dann die Sache so dar, als ob sich finden werde ein in der
Gegenwart noch nicht Vorhandenes — Sie mussen bedenken, dafi ich
von Lehren rede, die durch die Jahrhunderte schon gegeben wur-
den, also von einer vergangenen Gegenwart aus rede ich fiir die
Zukunf t, die abei heute die Leute zum Teil eingetreten finden — , und
dafi in der Zukunft sich finden miisse nach und nach eine ganz an-
dere Art des Zusammenhaltens dieser aus dem Sauglings- in das
Jugendalter tretenden osteuropaischen Volker.
Das waren also Lehren, die immer gegeben worden sind, die im-
mer da waren, und Lehren, die nun wirklich nicht blofi als Theorie
genommen wurden, sondern so eingeblaut wurden denjenigen, die
zu den betref f enden Schulen gehort haben, dafi zahlreiche Menschen
sich fanden, die das aufiere Leben so zu gestalten versuchten, so zu
beeinflussen versuchten, dafi verschiedentlich im Sinne dieser Lehren
sich auch wirklich die Tatsachen gestalten. Und da ware es nun
interessant, historische Tatsachen anzufiihren, die zeigen wurden,
wie die Tatsachen im Zusammenhange geschaffen werden. Da ha-
ben die Menschen in der Regel iiberhaupt keinen Begriff davon,
dafi Dinge, die nebeneinander auftreten, eigentlich zusammen ge-
dacht sind und gewissermafien zusammen veranstaltet sind. In sol-
chen weitumfassenden und in tonangebende Kreise hinaufreichen-
den okkulten Verbriiderungen wie diejenigen im Britischen Reiche,
von denen ich spreche, und die gewissermafien ihre Anhangsel haben
in ganz Westeuropa und auch in Italien, weifi man, was der eine zu
tun hat, was der andere zu tun hat, und wie man wirkt im Leben.
Da weifi man ganz gut, was es bedeutet — ich will Ihnen einen kon-
kreten Fall erwahnen — , wenn man auf der einen Seite versucht,
dafi Staatsmanner Englands nach und nach befreundet werden mit
gewissen Staatsmannern eines kleineren Donaustaates, der ein Teil
Osterreichs ist. Man weifi ganz gut, was das bedeutet, wenn man die
Sache so arrangiert, dafi da gewissermafien ein freundschaftliches
Verhaltnis sich herausbildet und ein gewisser Glaube an die Sicher-
heit gewisser Einrichtungen im Britischen Reich gerade in einem
Donaustaat sich bildet und dafi sich so sehr die Ansicht festsetzt,
dafi das gute Einrichtungen sind. Aber das macht man nicht blofi
fur sich; sondern daneben macht man das andere, dafi man zum Bei-
spiel ein wirksames Buch erscheinen lafit, in dem man ganz beson-
ders schimpft liber das Volk, das in diesem Staate lebt, so dafi man
das, was man auf der einen Seite hinstellt, auf der anderen Seite
aus den Angeln hebt. So etwas hat eine Bedeutung, wenn es metho-
disch gemacht wird, dafi man auf der einen Seite Freundschaft ziich-
tet, die eine gewisse volkstiimliche Bedeutung gewinnen kann, auf
der anderen Seite die Schattenseiten des betref f enden Volkes beson-
ders hervorhebt. Es ist das, Sie konnen sagen, ein teuflisches Begin-
nen; aber ahrimanische Krafte walten ja in diesem ganzen Vor-
gehen. So wird es eben gemacht, mit alien diesen Dingen, die schein-
bar nebeneinander einhergehen. Ein Mitglied einer solchen Verbrii-
derung schreibt ein Buch, das wirksam ist, das eine fiirchterliche Be-
wegung hervorruft, und ein anderer bemiiht sich, einen Kreis zu
gewinnen, in dem er Freundschaft ziichtet. So wird zwischen den
Zeilen des Lebens gewirkt. Man weifi dann gar nicht, wenn man so
ahnungslos das aufiere Leben betrachtet, wie die Menschen wirken,
die im Zusammenhange mit gerade so gearteten Verbriiderungen
sind, die darauf ausgehen, ein gewisses Volkstum, wie in diesem
Fall das Britentum, zum herrschenden, zum tonangebenden zu
machen.
Nun denken Sie sich einmal hineingestellt in diese okkulte Ver-
bruderungswirtschaft eine Personlichkeit wie die Blavatsky. Die-
jenigen, die solchen okkulten Verbriiderungen angehoren und das
ganze Wesen des Okkultismus kannten aus den Oberlieferungen,
wenn auch nicht aus irgend einer fruchtbaren Intuition heraus, er-
fahren von dem Dasein einer solchen Personlichkeit. Den ganz ge-
scheiten Leuten, die nichts wissen vom Okkultismus, denen ist
natiirlich die Blavatsky eine Personlichkeit, die ein wenig barock,
ein wenig abnorm ist. Aber das ist sie nicht fur die Okkultisten,
wenn es auch Okkultisten der ahrimanischen Linie sind, wie die-
jenigen, von denen ich gesprochen habe. Das ist sie fur solche Leute
nicht Die wissen: Wenn in einer Zeit, die so geartet ist, eine solche
Wesenheit auftritt, so tritt sie heraus aus alien Entwickelungskraf-
ten des Menschentums; da bedeutet das etwas, dafi hineingesetzt
wird in die Zeit eine Personlichkeit, bei der der Atherleib in der
geschilderten Weise tatig sein kann. Nun ist es aber eine ganz eigen-
tiimliche Zeit, in der das alles geschieht und sich abspielt. Sehen
Sie, es ist doch eine Zeit, in der man mit dem denkbar grofiten Mifi-
trauen denjenigen entgegenkommt, die da iiber die geistige Welt so
einfach sprechen. Leuten, die sich, wie es bei uns aus den oft ge-
schilderten Griinden geschehen soli, einfach hinstellen und iiber die
geistige Welt sprechen, mit Griinden sprechen iiber die geistige
Welt, wird man in unserer Zeit, selbstverstandlich wiederum aus
vielen angefiihrten Griinden, nicht so ohne weiteres glauben. Aber
so ganz im Sinne des blofien, ehrlichen Wahrheitsstrebens zu wir-
ken, das lag ja nicht im Interesse der britischen, vom Britentum sich
ausbreitenden okkulten Verbriiderungen. In ihrem Sinne lag es vor
alien Dingen, dafi der Welt mitgeteilt werden sollten geistige Wahr-
heiten, also Wahrheiten, die aus der geistigen Welt heraus kamen,
aber in einer viel handgreiflicheren Weise. Diese Wahrheiten soll-
ten aber giinstig sein den Theorien, die dort wie ein Dogma vom
herrschenden Angelsachsentum der fiinften nachatlantischen Zeit
gelehrt wurden.
Und so entstand in den sechziger und Anf ang der siebziger Jahre
die Tendenz bei diesen okkulten Verbriiderungen des Westens, die
Blavatsky dazu zu beniitzen, vor die Welt geistige Wahrheiten
hinzustellen, aber solche geistigen Wahrheiten, von denen man sagen
konnte: Seht ihr, die kommen nicht aus einem ganz gewohnlichen
menschlichen Gehirn heraus, sondern die kommen heraus aus einem
Atherleib, und noch dazu als reines Zukunftselement aus einem
Atherleib, der innerhalb derjenigen Volksmasse sich gebildet hat,
die ja die Grundlage enthalt fur die sechste nachatlantische Zeit.
Aber weil dieses Zukunftselement eben in der fiinften nachatlan-
tischen Zeit sich noch nicht vollstandig selber in der Hand hat, so
dachte man, kann man nun die ganze Sache so einrichten, dafi man
die Blavatsky, die ja nicht ein gewohnliches Medium, sondern das
ist, was ich geschildert habe, die aber dennoch durch die gewohn-
lichen medialen Krafte zu beeinflussen ist, so beeinflusse, dafi aus
ihr nicht dasjenige herauskam, was heraus kam, wenn sie sich ganz
selbst iiberlassen war, sondern dasjenige, wovon die britischen Ver-
briiderungen wollen, dafi es herauskommen soil. Dann treten nicht
sie, diese britischen Verbriiderungen, vor die Welt und kiindigen
einfach an, das Britentum soli herrschen, sondern dann zeigen sie:
Seht ihr, da hat sich eine Personlichkeit in die Welt hereingestellt,
wir tun nichts dazu, aus ihrem eigenen Atherleibe heraus bringt sie
als Imagination eine neue Wissenschaft, ganz neue Begriffe. — Aber
diese neuen Begriffe sollten durch den Einflufi, den diese okkulten
Verbriiderungen hatten, genau so formuliert werden, so gestaltet
werden, dafi sie dazu fiihrten, im Angelsachsentum das mafigebende
Element der fiinften nachatlantischen Zeit zu zeigen. Das entstand
nun als Ziel. Und man glaubte nach seinem Dogma, dafi man da
ganz richtig verfahrt; denn man nahm ja eine Russin, eine russische
Seele, behandelte sie wie einen Saugling und benahm sich gegen sie
wie eine Amme mit dem westeuropaischen Okkultismus. Es lag also
der ganze Vorgang ganz im Dogma drinnen. Die Absicht war also,
vor die Welt hinzustellen eine neue okkulte Wissenschaft, die aber
den westlichen Briiderschaften geeignet erschien fiir dasjenige, was
sie als ihre Spezialzwecke wollten.
Die ganze Sache ware gut gegangen, wenn die Blavatsky eine
blofie Russin gewesen ware und daher alles mit ihr hatte gemacht
werden konnen, was eventueli mit einer bloflen Russin hatte ge-
macht werden konnen. Aber ich sagte, es war ein gewisser Stich von
mitteleuropaischem Wesen in ihr. Sie war doch eine viel zu selb-
standige Natur. Und so kam es denn — ich kann jetzt nicht im ein-
zelnen die verschiedenen Winkelziige aufzeigen, die man machte,
um das zu erreichen, was ich schildere, das wiirde viel zu viel Zeit
in Anspruch nehmen — , dafi sie diese verschiedenen Winkelziige
immer und immer durchkreuzte. Darauf ware sie nicht eingegangen,
denn natiirlich kamen ihr alle die Dinge zum Bewufitsein, die in
ihrem Atherleibe lebten, es ware ihr nicht eingef alien, etwa
nach London zu gehen in irgendeine okkulte Briiderschaft und sich
da als ein hoheres Medium ausbilden zu lassen. Dann ware ja alles
gut gegangen, selbstverstandlich im Sinne der okkulten Briider-
schaften; aber darauf wiirde sie nie eingegangen sein.
Nachdem sie nun zunachst eine ganz ordentliche, schone Leitung
gehabt hat und vieles in ihr sich entwickelt hat, was auf sehr gutem
Wege war, wurde die ganze Sache so gelenkt, dafi sie eintrat in
einen Hochgrad-Orden in Paris, der aber abhangig war von britisch-
okkultistischen Stromungen. Da sollte sie prapariert werden, so dafi
aus ihrer Seele dasjenige herauskam, was man wollte. Aber es war
eben der Stich in ihr, von dem ich gesprochen habe. Und dadurch
durchkreuzte sie jetzt, nachdem sie schon friiher einiges durchkreuzt
hatte, die Absichten, die man mit ihr gehabt hat. Sie stellte Bedin-
gungen in diesem Orden, die ganz und gar nicht erfullt werden kon-
nen, die unmoglich zu erfiillen sind in einem Orden, der nicht unge-
heuren Sturm hervorrufen will. Und die Folge davon war, dafi, als
kaum die Prozedur begonnen hatte, sie wieder ausgeschlossen wor-
den ist. Aber sie hat immerhin — denn sie hatte doch ihren eigenen
Kopf bis zu einem gewissen Grade — einiges Bedeutsame auf-
genommen gerade von den mancherlei Geheimnissen, die auf die
geschilderte Weise in solchen okkulten Orden eben vorhanden sind.
Dann war in ihr das entstanden, was ich nennen mochte: sie hat
Geschmack bekommen an der ganzen Rolle. Sie bekam doch in ge-
wissem Sinne Geschmack daran, nun eine ganz allererste okkulte
Rolle zu spielen. Aber sie wollte nicht blofi ein hoheres Medium
sein, sie wollte die ganze Sache selber dirigieren. Und da kam es
dann dazu, dafi sie in einen amerikanischen Orden eintrat. Man kann
wirklich gar nicht einmal erzahlen, was sie alles anstellen wollte
und zum Teil schon inauguriert hatte in diesem amerikanischen
okkulten Orden. Nun war sie da drinnen, hat unzahlige Geheim-
nisse erfahren, von denen man bis dahin niemand anderem als dem,
der hochgraduiert war, Mitteilungen gemacht hat. Man hatte ja
eine bestimmte Absicht, und unter dieser Absicht arbeitete man noch
immer. Das alles fiihrte dazu, dafi sie nun aber auch in ihr Bewufit-
sein herein eine Unsumme von Wissen bekommen hatte. Denken
Sie, jetzt hatte man eine ganz neue Situation geschaf f en ! Jetzt gab
es eine Personlichkeit, die unendlich viel von dem wufite, was man
als das okkulte Wissen geheimer Orden bis dahin ganz gut verwahrt
hatte. Das war eine ganz neue Situation. Solch eine Situation war im
Grunde genommen noch nicht da! Nun machte sie aber in Amerika
etwas, was unmoglich machte, daft sie in dem Orden drinnen geblie-
ben ware oder weiter gewirkt hatte, denn sie zeigte sogleich, dafi
sie dieses okkulte Wissen, das sie erlangt hatte, in einer Weise an-
wenden wollte, womit sich die Orden nicht einverstanden erklaren
konnten. Es war ganz unmoglich, sich damit einverstanden zu er-
klaren, es ware eine heillose Verwirrung herausgekommen, wenn
man sie nun hatte weiter machen lassen, wie man im Deutschen sagt
Da griff man zu einem Mittel, welches wirklich sehr, sehr selten
angewendet wird, und das ein sehr bedenkliches Mittel ist. Man
griff zu dem Mittel, die gute, arme Blavatsky — die also, wie Sie
sehen, ein Spielball der verschiedensten Machte war, die auf sie ein-
wirkten — , wie man sagt, in okkulte Gefangenschaft zu setzen. Diese
okkulte Gefangenschaft besteht darinnen — man erreicht das durch
gewisse Mittel zeremonieller Magie — , dafi man bewirkt, dafi alles
dasjenige, was die betreffende Seele entwickelt, nur bis zu einer
gewissen Sphare geht und dann zuriickgeworfen wird. So dafi der
Betreffende alles dasjenige, was er in sich entwickelt, nur selber
sieht, dafi er es nicht irgendwie der Aufienwelt mitzuteilen vermag,
dafi er es ganz nur in sich selber verarbeiten kann. Es ist das eine
sehr eigentiimliche Sache, aber es wurde beschlossen, das iiber
Blavatsky zu verhangen, um sie unschadlich zu machen, so dafi sie
nicht der Welt alle moglichen Dinge mitteile, sondern es sollte ihr
ganzes Streben zuriickgeworfen werden. Riickwerfen des Strebens
oder okkulte Gefangenschaft nennt man das. 1879, auf einer von
Okkultisten der verschiedensten Lander besuchten okkultistischen
Versammlung wurde dies beschlossen und iiber die Blavatsky ver-
hangt. Und so lebte jetzt eine grofiere Anzahl von Jahren Blavatsky
wirklich in okkulter Gefangenschaft. Wie die aufieren Lebensverhalt-
nisse in der Zeit liefen, die da nebenher gingen, das ist nicht not-
wendig zu erzahlen, denn derjenige, der die Sache aufierlich betrach-
tet, braucht ja von alledem, was ich jetzt erzahle, iiberhaupt gar
nichts zu sehen.
Nun handelte es sich fur gewisse, jetzt indische Okkultisten, dar-
um, sie aus dieser okkulten Gefangenschaft zu befreien. Und jetzt
beginnt eigentlich die Zeit, wo Blavatsky erst ins indische Fahrwas-
ser gekommen ist. Alles das, was ich Ihnen bisher erzahlt habe, ist
eigentlich Vorgeschichte der Blavatsky. Die Entwickelung davon,
von den Zeiten an, von denen die Leute wissen, die beginnt eigent-
lich erst jetzt. Und alles, was die Blavatsky schwer Begreifliches an
sich hat, hangt mit dem, was ich geschildert habe, zusammen. Ge-
wisse indische Okkultisten, die nun wiederum ihrerseits das Be-
streben hatten, sie vor dem britischen Wesen zu retten, wendeten
nun ihrerseits gewisse Mittel an, um die okkulte Gefangenschaft
aufzulosen. Das wurde sogar durchaus im Einklange mit denjenigen
gemacht, die friiher die okkulte Gefangenschaft iiber die Blavatsky
verhangt hatten. Und fur die Blavatsky war die Folge davon, dafi
gewissermafien in ihre Seele jetzt alles hereinstromte, was nur mit
indischem Okkultismus zusammenhing. Ich mufi immer wieder be-
tonen: Man hat es wirklich mit sich offenbarenden Geheimnissen
der geistigen Welt zu tun, die nur, ich mochte sagen, in allerlei
verzerrten Bildern und Karikaturen zum Vorschein kommen, die
man aber nicht so ansprechen darf , als ob nicht grofie okkulte Ge-
heimnisse durch sie zutage treten. Selbstverstandlich kamen jetzt mit
den ungeheuren Kraften, die in der Blavatsky walteten schon durch
ihre Anlagen und dann durch alles das, was sie noch durchgemacht
hatte, die indischen okkulten Wahrheiten in einem ganz besonderen
Mafie durch sie zum Vorschein.
So haben wir in der Blavatsky den konkreten Fall, dafi, als eine
solche Seele erscheint, wie die Blavatsky es ist, britisches, das Angel-
sachsentum zum herrschenden Element machen wollendes Wesen,
britischer Okkultismus sich bemiiht, mit dem, was er heute noch als
einen Saugling ansieht, weiter zu kommen. Alles das geht darauf
aus, Mitteleuropa vollstandig zu iibersehen, Mitteleuropa gar nicht
zu beachten, iiber Mitteleuropa hinwegzugehen. Man redet wirklich
so, wie ich es Ihnen erzahlt habe, und betrachtet diese Stromung,
die ich so oft als die mitteleuropaische Stromung geschildert habe,
als etwas, was gewissermafien bei der ganzen Prozedur iiberrannt
werden mufi. So kam ein selbstverstandlich in vieler Beziehung an-
fechtbares okkultes Wissen, das, ich mochte sagen, kaleidoskopartig
in alien moglichen Farben schillerte, durch die Blavatsky zum Vor-
schein. Und immer wirkten in diesen Okkultismen — wie Sie ja
meiner ganzen Schilderung entnehmen konnen — politische Inten-
tionen, politische Absichten herein. Denn sowohl die Bedingung,
die von Blavatsky in Paris gestellt worden war, war in einer politischen
Absicht gestellt, wie namentlich audi dasjenige, was sie in Amerika
anzetteln wollte, durchaus in politischer Absicht war. Soil ich die
beiden Absichten, die Blavatsky in Paris und in Amerika gehabt hat,
ein wenig charakterisieren, so mufi ich sagen: Es war die innere
Opposition ihres Russentums gegen ein Abhangigmachen des Rus-
sentums von dem westeuropaischen und amerikanischen Wesen. Da-
her stellte sie auch in Paris eine Bedingung, die nicht erfiillt wer-
den kann und eine politische Umwalzung oder Umgestaltung in
Frankreich bedingt hatte. In Amerika stellte sie die Bedingung nicht
selber, sondern da liefi sie sich ein mit jemandem, der gewisser-
mafien in Politik grow geworden war, mit Olcott, um allerlei poli-
tische Machinationen zu bewirken, aber mit Hilfe des iiberall vor-
geschobenen Okkultismus. Alle diese Dinge gingen dahin, das aus-
zufuhren, was unter der Leitung des maskierten, urspriinglichen
Leiters der Blavatsky — iiber diese Leiter ist ja uberhaupt sehr
schwer zu sprechen — anders angestrebt wurde. Der urspriingliche
Leiter wollte durchaus Blavatsky in ein richtiges Fahrwasser brin-
gen; dann aber wurde er abgelost durch einen Leiter, der alles eher
war als dasjenige, was die Blavatsky einen Mahatma nannte, alles
andere eher.
Und so entstand durch die verschiedensten Krafte, die da zusam-
menwirkten, ein verworrenes, aber unzahlige grofie, gewaltige Wahr-
heiten enthaltendes Schriftmaterial durch die Blavatsky in ihrer
«Secret Doctrine». Es war dieses Schriftenmaterial auch geeignet,
in Mitteleuropa sehr viel zu wirken. Nun sehen Sie — Sie konnen
das ja auch zum Beispiel aus einem sehr bedeutsamen Roman von
George Sand ersehen — , in Westeuropa spielen geheime Gesellschaf-
ten, von Okkultismus durchdrungene Verbriiderungen, in poli-
tischen Bewegungen eine grofie, wenn auch meistens aufierlich nicht
wahrnehmbare und ersichtliche unterirdische Rolle. Ich habe am
Ende des off entlichen Vortrags am Freitag solche Dinge angedeutet,
die gegenwartig wirken. Da spielen politische Konspirationen und
alles mogliche eine bedeutende Rolle. Denn es ist tatsachlich so,
wie ich diese Dinge am letzten Freitag im offentlichen Vortrag er-
zahlt habe, dafi man durchaus nachweisen kann in okkulte Unter-
griinde, in okkulte Unterstromungen hineinspielende Konspiratio-
nen, und dafi mit solchen die Ermordung des Jaures und all die an-
deren Dinge zusammenhangen, von denen ich am Freitag noch ge-
sprochen habe, auch die Ermordung des Franz Ferdinand und so
weiter. In diesen ganzen Kranz von Verschworungen, von denen die
Aufienwelt zumeist wenig weifi, der in London beginnt, sich um
Westeuropa heriiberspinnt, nach Siideuropa geht, in die Balkan-
lander hineingeht und sich in Petersburg schliefit, in diesen ganzen
Kranz spielen lauter solche Dinge durchaus hinein. Wie gesagt,
diese Dinge miissen als nicht so historisch angesehen werden, wie
sonst historische Tatsachen, sondern als Licht verbreitend, Licht auf
manches werfend angesehen werden.
Vor alien Dingen ist dies festzuhalten, dafi durch eine solche
Seele, wie die Blavatsky-Seele ist, hindurchspielen diejenigen Krafte,
die in der geistigen Welt wirken und sich in der physischen Welt
nur offenbaren, und dafi bei einer solchen Seele ganz besonders zu
beobachten ist, wie sie mitgenommen wird von einem, ich mochte
sagen, unter dem Niveau, das den physischen Plan bedeutet, Spie-
lenden, wie sie von einer solchen Stromung mitgerissen wird und
zeigt, welche Krafte im historischen Werden drinnen sind. Dafi man
nach und nach solche Dinge wird kennen lernen miissen, das geht
Ihnen ja aus vielen Auseinandersetzungen, die hier gepflogen wor-
den sind, gewifi hervor. Und ich habe heute gerade diese Ausein-
andersetzungen geben miissen aus dem Grunde, weil aus ihnen er-
sichtlich werden kann, wieviel man nicht sieht von den Ereignissen
der Welt und ihren bestimmenden Ursachen, wenn man nur das-
jenige sehen will, was heute gemeiniglich gesehen wird. Es gibt
schon ganz andere Stromungen, die unter der Oberflache der ge-
wohnlichen Tatsachen sich abspielen, und man ist gewissermafien
blind, wenn man mit seinem Blick nur an der Oberflache der Tat-
sachen schweift. Daher wird es immer wieder und wiederum kom-
men, dafi man iiber gewisse Dinge iiberrascht und erstaunt sein mufi,
die sich in einer gewissen Zeit zutragen, und nicht erstaunt und
iiberrascht zu sein brauchte in demselben Grade, wenn man eingehen
wiirde au£ die tieferen Stromungen, tieferen Krafte. Aber leider
liegt ja heute die Sache zumeist so, dafi auf der einen Seite die-
jenigen Menschen stehen, die sich nur um den aufieren Verlauf der
Tatsachen kiimmern und nicht beriicksichtigen, dafi dieser aufiere
Verlauf der Tatsachen nicht blofi gerade fortlauft als eine Stro-
mung, sondern immer von unten herauf durch Strudel ergriffen
wird, die aus der Tiefe kommen. Und auf der anderen Seite stehen
Menschen, die ja allerdings sich interessieren fur allerlei Okkultes,
aber nur vom sensationellen Standpunkte aus, weil das interessant
ist, wenn man da oder dort irgend etwas von Okkultismus hort. Dafi
dasjenige, was man gerade auf okkultem Felde vernehmen kann,
unendlich aufklarend wirken kann, wenn man begreifen will, was
in der aufieren Welt geschieht, dafiir haben heute die wenigsten
Menschen noch ein Organ. Und so gibt es natiirlich Leute auf der
einen Seite, die das Leben der Blavatsky aufierordentlich interessiert,
auf der anderen Seite gibt es Leute, die dieses Leben gar nicht inter-
essiert, sondern die sich nur fur die aufieren Tatsachen interessieren,
die auf dem physischen Plane geschehen. Aber wenn man sie, wie
ich heute nur andeuten konnte, im Zusammenhange betrachtet, dann
geht einem gewohnlich manches auf, und das ist wichtig. Und die-
ser Zeit miissen wir entgegenleben, wo wirklich immer mehr und
mehr Menschen da sind, die in die tieferen Stromungen des Daseins
hineinblicken wollen, die den guten Willen haben, in diese tieferen
Stromungen des Daseins hineinzublicken.
Und gerade innerhalb unserer Bewegung ist es so notwendig, dafi
diese Dinge ein wenig richtig gesehen werden, auf die ich jetzt hin-
gedeutet habe. Denn sehen Sie, gleich nach Ausbruch des Krieges
schimpfte, wie ich schon einmal erwahnt habe — verzeihen Sie den
Ausdruck — , die Schiilerin der Blavatsky, Mrs. Annie Besant, in
ihren englischen Zeitschriften in unerhorter Weise iiber dasjenige,
was innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung lebt. Sie
schimpfte vor alien Dingen in einer solchen Weise, dafi man sah:
Auf jener Seite konnte man sich gar nicht vorstellen, dafi Politik
nicht hineinspielt in dasjenige, was bei uns ehrlicher, rein nach
Wahrheit suchender Okkultismus sein soil, in den das Politische
unmittelbar nicht hineinspielen kann. Nur so weit kann das mit
Politik zusammenhangen, als Wahrheit iiberhaupt in die Politik
hineinkommen kann, aber nicht in dem Sinne, wie ich das ange-
deutet habe bei den westeuropaischen Verbriiderungen. Unsere Be-
wegung konnte ja im Grande genommen nur die Aufgabe haben,
loszureifien diejenigen, die loszureifien sind, von dem Einflufi dieser
westeuropaischen Verbriiderungen. Aber man kann sich auf jener
Seite nicht vorstellen, dafi irgend etwas geschehen kann ohne in ge-
wissem Sinne unlautere politische Beweggriinde. So wurde die
Albernheit erzahlt, dafi ich von 1909 ab eigentlich die Absicht gehabt
hatte, President der ganzen Theosophical Society zu werden,
nach Indien zu gehen, um von dort aus die politischen Kreise zu
beeinflussen und zu wirken. Nun, nicht wahr, auf der einen Seite
die Berlin— Bagdad-Bahn, und auf der anderen Seite die Anthropo-
sophie! Ich erzahle Ihnen kein Marchen, es wird da mit der Pose des
grofiten Zornes auseinandergesetzt, wie alle die Beamten aus der
dort sehr ausgebreiteten theosophischen Bewegung hatten gewonnen
werden sollen, um die Sache allmahlich ins politische Fahrwasser
hiniiberzutragen und fur den Pangermanismus zu wirken, das heiflt
England von Indien aus anzugreifen. Der Satz steht sogar in den
Aufsatzen von Mrs. Besant; jetzt wiederholt sie die ganze Sache in
einer noch wiisteren Weise.
Diese Dinge zeigen Ihnen auf der einen Seite, wie man dort gar
nicht anders denken kann, wie aber allmahlich der Sinn fur Wahr-
heit, fur reines, blofi objektives, ehrliches Wahrheitsstreben abhan-
den kommen mufi. Solche Dinge, wie Mrs. Besant jetzt sagt, man
mufi sie objektive Unwahrheiten nennen. Ich bin aber wirklich heute
sogar schon genotigt, nicht bei dem Ausdruck «objektive Unwahr-
heit» zu bleiben; denn angesichts der Ihnen ja so gut bekannten un-
sinnigen Jesuiten-Beschuldigung braucht ja schon der Ausdruck
«objektive Unwahrheit» nicht mehr gebraucht zu werden. Aber es
kommt ja heute das andere dazu: 1909 in Budapest hatte ich Mrs.
Besant etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Dazumal war es ja auch,
dafi man mit mir hat einen Kompromifi schliefien wollen, denn es
ging damals die Absicht, diesen Alcyone zum Trager des Christus
zu ernennen. Man wollte mit mir einen Kompromifi schliefien,
man wollte mich zum wiederverkorperten Johannes ernennen, den
Evangelisten, und man wiirde mich dann dort anerkannt haben. Das
wiirde Dogma geworden sein dort, wenn ich auf alle diese verschie-
denen Schwindeleien eingegangen ware. Aber gegen all das, was
dazumal im Werden war, bildete sich dort eine, ich mochte sagen, inter-
nationale Gesellschaft der ehrlichen Leute. Unter anderem war auch
Mr. Keightley dabei, der friiher immer Mrs. Besant auf die wissen-
schaftlichen Fehler hin ihre Biicher ausgebessert hat. Diese Inter-
nationale Gesellschaft stellte mir von Indien aus den Antrag, ihr
President zu werden. Und ich sagte 1909 in Budapest zu Mrs.
Besant: Es ist gar keine Rede davon, dafi ich jemals in einer okkul-
ten Bewegung irgend etwas anderes sein will, als im Zusammen-
hange mit der deutschen Kultur — nur mit der deutschen Kultur,
innerhalb Mitteleuropa, — Das sagte ich Mrs. Besant 1909. Trotz-
dem schrieb sie nach dem Ausbruch des Krieges die Dinge, die ich
Ihnen gesagt habe. Da hat man es nicht mehr mit einer objektiven
Unwahrheit, sondern mit einer ganz bewufiten Luge zu tun, denn es
ist ja ausdriicklkh erklart worden, um was es sich handelt. Also
man hat es mit einer ganz bewufiten Luge zu tun, nicht mit einer
objektiven Unwahrheit.
Das ist ungefahr der Weg, zu dem man gefiihrt wird, wenn man
gerade auf dem Gebiet der geistigen Wahrheiten sich nicht
eben auf den reinen Boden der Wahrheit stellt, auf den Boden
der ehrlichen unverbriichlichen Wahrheit. Aber dafi diese Dinge
sich so entwickeln mufiten, ja, sehen Sie, es liegt eigentlich alles
schon in der Art und Weise, wie bei uns die durch die Notwendig-
keit der Menschheitsentwickelung in der Gegenwart gegebenen
okkultistischen Stromungen hereintreten mufiten in die Welt. In
dieser Notwendigkeit, in der Erkenntnis dieser Notwendigkeit, liegt
eigentlich schon alles. Als Mrs. Besant zuerst in Deutschland er-
schien, um in Hamburg einen Vortrag zu halten, da sprach sie audi
in einem kleineren Kreise. Es war der Anfang desjenigen, was von
jener Seite hat geschehen sollen. Ich stellte dazumal an Mrs.
Besant — und dafi ich solche Dinge wohl im Gedachtnisse behalte,
das wird vielleicht zuweilen Leuten recht unangenehm sein — die
Frage: Wie ist es denn nun mit jenem machtigen deutschen Okkul-
tismus, der sich besonders um die Wende des 18. und 19. Jahrhun-
derts so intensiv mit der deutschen Kultur verbindet? — Da antwor-
tete mir Mrs. Besant — wie gesagt, es war bei ihrem allerersten Be-
such, an dem ersten Orte in Deutschland — : Ach, was da in
Deutschland hervorgetreten ist, das ist ein mifilungener Versuch im
Okkultismus, das ist in anderen Formen hervorgetreten. Und weil
das mifilungen ist, mufite das in England in die Hand genommen
werden, und von England aus nun Europa der Okkultismus gebracht
werden. — Sie sehen, wie so in diese Dinge auf Schleichwegen Poli-
tik doch wohl hineinspielt, und wie man solche Dinge doch beriick-
sichtigen mufi.
Das, was kh Ihnen heute gesagt habe, soil eine Art von Einlei-
tung sein zu Auseinandersetzungen, die allerdings nicht ganz auf
demselben Boden stehen sollen, die uns in Wichtiges hineinfiihren
sollen, das geschichtlich ebenso wichtig ist, wie die okkultistische
Erkenntnis des einzelnen Menschen, und wovon wir dann das
nachste Mai weiter horen werden.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 4. April 191 6
Zeichen, Griff und Wort
Ich mochte heute etwas mehr auf die okkulten Seiten derjenigen
Betrachtungen iibergehen, die wir heute vor acht Tagen hier ge-
pflogen haben. Wir haben ja zunachst gesehen, dafi doch immerhin
bedeutsam fur das menschliche Leben angesehen werden konnen
gewisse okkulte Stromungen, die sich in okkulten Verbriiderungen
zum Ausdruck bringen. Und Sie werden aus den mehr aufierlich ge-
haltenen Auseinandersetzungen der letzten Stunde ersehen haben,
dafi in einer ganz bestimmten Farbung im Westen Europas, nament-
lich in britischen Landern, solche okkulten Briiderschaften ge-
braucht werden, um gewisse aufiere Ziele zu erreichen. Es ist nun
schon einmal notwendig, dafi derjenige, der gewissermafien nicht
blind sich hineinstellt in eine geisteswissenschaftliche Bewegung der
Gegenwart, solche Dinge mit einer gewissen Objektivitat und mit
einem gewissen Uberblick iiber die Sachlage zu beurteilen vermag.
Daher mochte ich heute davon sprechen, wie zunachst das Wirken
solcher okkulten Briiderschaften iiberhaupt zu denken ist, damit wir
daraus sehen konnen, in welcher Weise sie fiir gewisse andere
Zwecke und Ziele ein Instrument werden konnen.
Es ist im Grunde genommen dasjenige, was da als okkulte Briider-
schaften gemeint ist, eine recht komplizierte Sache. Aber diese kom-
plizierte Sache baut sich iiberall auf einem Unterbau auf, der Men-
schen heranzieht in einer gewissen Richtung dadurch, dafi er sie in
einer Art von Kultus vereinigt, dafi er ihnen gewisse Symbole iiber-
liefert, dafi er sie gewissermafien in einem Dienst vereinigt, der in
gewissen Symbolen zum Ausdruck kommt. Es gibt heute sehr viele
Menschen, welche von vornherein aus einem leichtgeschiirzten, man
konnte sogar sagen vermeintlichen Wissen und aus einer vermeint-
lichen hoheren Weltanschauung heraus iiber alle solche Verbrii-
derungen lachen und hohnen, die auf einer gewissen Symbolik sich
aufbauen. Die Kurzsichtigkeit in alien Dingen dieser Art ist ja in
unserer Gegenwart eine aufierordentlich grofie, und man konnte
denjenigen, die ieichtherzig absprechen iiber die Bedeutung von ge-
wissen Zeremonien und symbolischen Dingen, die mit gewissen ok-
kulten Briiderschaften verbunden sind, einfach erwidern, dafi Leute,
die ja schliefilich vielleicht auch nicht gerade unbedeutender waren,
als sie selbst es sind, diese Monisten und sonstigen sehr aufgeklarten
Lacher und Kritiker, Leute wie zum Beispiel Goethe sehr viel gegeben
haben auf ein gewisses Darinnengelebthaben in solchen zeremoniel-
len symbolischen Zusammenhangen. Goethe hat wohl gewufit und
es immer wieder und wiederum auf die eine oder andere Art zum
Ausdrucke gebracht, was ihm geworden ist dadurch, dafi er im Laufe
seines Lebens nicht eine Schulerziehung, sondern eine spatere Erzie-
hung hat durchmachen konnen, welche verbunden war mit gewissen
Ordenszusammenhangen, zunachst mit den Ordenszusammenhan-
gen einer Freimaurerei, in der ja Goethe war, die vielleicht weniger be-
deutenden Leuten als Goethe auch weniger gegeben hat, die aber
Goethe aufierordentlich viel hat geben konnen. Also solche Sachen
konnte man immerhin denjenigen einwenden, die aus einem leicht-
geschiirzten sogenannten monistischen Welterkennen heraus lachen
und hohnen iiber derlei Dinge. Aber man mufi, will man das Wesen
von diesen Dingen einsehen, tiefer in sie hineinblicken konnen.
Wir wissen ja, dafi wir heute im fiinften nachatlantischen Zeit-
raum leben. Seit dem Beginne des funfzehnten Jahrhunderts leben
wir im fiinften nachatlantischen Zeitraum. Ihm ging der vierte nach-
atlantische Zeitraum voran, der etwa um das Jahr 747 vor Christi
Geburt beginnt, und der im Beginne des funfzehnten Jahrhunderts
eigentlich erst endet. Die Menschen, die heute ganz klug, ganz ge-
scheit sind — und das sind ja, nicht wahr, fast alle! — die denken
sich: Nun ja, das wird ja nicht so sehr verschieden sein, was man in
der Menschenseele erleben kann seit dem funfzehnten Jahrhundert,
von dem, was die Menschenseele erlebt hat in den vorhergehenden
zwei Jahrtausenden bis zuriick zum Jahr 747 vor Christi Geburt.
Aber an ganz aufieren Dingen kann man schon, wenn man will, zei-
gen, wie grundverschieden die Entwickelung der Menschenseele in
dem vierten nachatlantischen Zeitraum, also jenem dem unsrigen
vorangegangenen nachatlantischen Zeitraum, war. In diesem Zeit-
raum — natiirlich nach und nach recht stark abnehmend gegen das
fiinfzehnte nachchristliche Jahrhundert zu — , vom achten vor-
christlichen Jahrhundert also bis zum vierzehnten nachchrist-
lichen Jahrhundert, da waren die Menschen so geartet, dafi ihr
Atherleib viel, viel empfanglicher war, als in der Zeit seit dem vier-
zehnten Jahrhundert. Er konnte viel mehr das wahrnehmen, was um
ihn herum ist. Und wenn der Atherleib wahrnimmt, dann nimmt er
die elementarische Welt wahr, dann nimmt er nicht nur so wahr,
wie der physische Leib Mineralien, Pflanzen, Tiere, Wasser, Luft
und so weiter wahrnimmt, sondern dann nimmt er wirklich das-
jenige wahr, was als elementarisches Wesen in Pflanzen, Tieren, in
Mineralien lebt. Wenn die Leute in diesen Jahrhunderten noch spra-
chen von Kobolden oder gnomenhaften Wesen, die sie in Gebirgen
wahrnahmen, die ihnen aus den Kliiften der Bergwerke entgegen-
kamen, so sagt der heutige Mensch: Nun ja, das sind dichterische
Darstellungen. — Fur die Leute in den angedeuteten Jahrhunderten
waren das nicht dichterische Darstellungen. Diese Leute hatten rich-
tig noch etwas gewufit von dem Vorhandensein einer elementa-
rischen Welt hinter der physischen Welt.
Ich mochte, weil das vielleicht nicht alle, die hier sitzen, gehort
haben, doch noch einmal aufmerksam darauf machen, dafi man
heute sogar durch aufieriiche Dokumente beweisen kann, dafi die
Leute bis vor verhaltnismafiig recht kurzer Zeit von der elementa-
rischen Welt etwas gewufit haben. Das kann man durch aufieriiche
Dokumente beweisen, und ich will dieses eine Dokument — ich
glaube, ich habe es auch hier schon erwahnt, aber ich will es noch
einmal kurz erwahnen — noch einmal vorbringen, das Sie im Ham-
burger Museum finden konnen, ein Bild im Hamburger Museum.
Das Bild stellt dar den Siindenfall, also jenes Ereignis, von dem wir
im Beginne des Alten Testaments lesen. Wenn heute ein Maler den
Siindenfall darstellt, nun, nicht wahr, er stellt ihn so dar, dafi er den
Baum des Paradieses aufgerichtet zeigt, links und rechts Adam und
Eva, mehr oder weniger schon, oder meistens ja scheufilich, nicht
wahr, und in der Mitte die Schlange, eine richtige Schlange. Aber
ist das in Wirklichkeit realistisch, meine licben Freunde? Kann man
das realistisch nennen? Nicht wahr, wenn auch selbstverstandlich
Eva noch nicht so gescheit und so klug war, wie die heutigen Frauen
es sind, so kann man aber selbst der Eva nicht etwa zumuten, dafi
sie sich von einer richtigen Schlange, die am Boden kriecht, hat ver-
fiihren lassen zu dem Ungeheuren, zu dem sie sich hat verfiihren
lassen. Also realistisch kann das nicht gerade sein.
Aber nun wissen wir ja, dafi der Verfiihrer Luzifer war. Luzifer
ist kein Wesen, das man mit heutigen physischen Augen sehen kann,
sondern Luzifer mufi man sehen mit dem erweckten atherischen
Leibe, mit dem erweckten Hellsehen. Da stellt er sich dann dar als
dasjenige Wesen, das wahrend der Mondenentwickelung zuriick-
geblieben ist. Von der Mondenentwickelung haben wir empfangen
im wesentlichen schon unseren physischen Leib, so wie wir ihn heute
haben, nur war er dazumal noch nicht physisch sichtbar, sondern
atherisch. Der heutige Mensch ist in bezug auf den Kopf ein Ab-
druck dessen, was auf dem Monde auch schon als Kopf vorhanden
war. Aber der iibrige Leib des Menschen, der daran hangt, war noch
nicht in der heutigen Gestalt, sondern nur in schlangenformiger
Fortsetzung vorhanden: in dem, was wir heute als Riickenmark ha-
ben. So dafi, wenn man Luzifer darstellen wiirde, wie er von der
Mondenentwickelung zuriickgeblieben ist, man ihn darstellen miifite
mit einem menschlichen Kopf und mit daran hangendem Rucken-
mark, also in Schlangenform.
Genau so hat der Maler, der Meister Bertram, aus dem dreizehn-
ten, vierzehnten Jahrhundert, auf dem Bilde in Hamburg den
Luzifer dargestellt; nicht so, wie es der heutige Maler macht, son-
dern so, wie es sein mufi im richtigen Sinne der Geisteswissenschaft.
Sie konnen es im Hamburger Museum im Bilde sehen und konnen
sich iiberzeugen, dafi im dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert ein
Maler noch so gemalt hat, wie die Dinge wirklich sind. Nur sind die
Leute heute zu gescheit dazu, um das Sprechende dieser Dokumente
wirklich einsehen zu konnen. Aber dies ist ein Dokument, welches
uns zeigt, dafi die Menschen wirklich das Elementarische noch ge-
kannt haben bis in die Zeit herein, von der wir immer sprechen und
die sich da erweist als diejenige, in der die Menschen noch in die
elementarische Welt haben hineinsehen konnen.
In dieser Zeit, in dem vierten nachatlantischen Zeitraum, sind nun
jene Symbole entstanden, welche die Grundlagen bilden fur die be-
treffenden okkulten Bruderschaften. Die Grundlage bilden gewisse
Symbole deshalb, weil sie etwas waren fiir den vierten nachatlan-
tischen Zeitraum, das man lebendig empfunden hat, das man leben-
dig an sich selber hat wissen konnen. Ich will Ihnen in der Goethe-
schen Obertragung den Gedanken der Symbolik etwas klarer ma-
chen. Goethe versuchte in seiner Art, die Symbolik fiir das aufiere
Leben fruchtbar zu machen, indem er sich sagte: Man kann dadurch,
daft man in die Symbolik sich einlebt, viel haben, man kann wirklich
dadurch seinen inneren Menschen weiterbringen. — Daher will er —
Sie konnen das in seinem «Wilhelm Meister» nachlesen — , daft die
Erziehung so geleitet werde, daft der Mensch in einer gewissen Sym-
bolik aufwachse. Goethe will, daft der Mensch etwas lerne, was
eigentlich alle Menschen lernen sollten statt manchen Firlefanzes,
den sie in den heutigen Gymnasien lernen, er will, daft die Men-
schen in einer gewissen Symbolik aufwachsen. Er will, daft sie da
vor alien Dingen in den Symbolen das lernen, was er nennt die
«vier Ehr£urchten» des Menschen: die Ehrfurcht vor der geistigen
Welt; die Ehrfurcht vor der physischen Welt; die Ehrfurcht vor jeg-
licher Seele; und die Ehrfurcht, die dann erst sich aufbauen kann
auf diesen drei Ehrfurchten: vor sich selber. Die letztere wiirden ja
die meisten heutigen aufgeklarten Menschen zur Not gleich von
Anfang an verstehen, nicht wahr; aber nach Goethes Anschauung
soil diese Ehrfurcht, welche diejenige ist, die, ich mochte sagen, mit
den grofiten Gefahren verkniipft ist, erst auf Grundlage der drei
anderen Ehrfurchten sich aufbauen.
Wie will Goethe, daft zunachst die Ehrfurcht vor dem Geistigen,
das oben ist, in den Menschen sich einwachst ? Er will, daft die Men-
schen eine gewisse Gebarde lernen: gekreuzte Arme iiber der Brust,
den Blick nach oben gewendet. Und in dieser Stellung sollen sie sich
aneignen Ehrfurcht vor dem, was als Geistiges auf den Menschen
Einflufi haben konne. In einem gewissen noch sehr jugendlichen
Lebensalter soil man, so meint Goethe, diese Gebarde verbinden
mit dem Aneignen des Gefiihles, der Ehrfurcht vor dem, was oben
ist. Warum hat das eine gewisse Bedeutung ? Das hat eine gewisse
Bedeutung, weil, wenn der Mensch wirklich Ehrfurcht vor dem Gei-
stigen empfindet, er gar nicht anders kann, als dieses Gefuhl der
Ehrfurcht vor dem Geistigen bekunden. Und wenn er selbst seine
Hande hinten auf dem Riicken zusammenlegte als physische Hande,
es wiirden die Atherhande sich vorne kreuzen, und sein Blick, wenn
er ihn auch noch so sehr nach abwarts wendete als physischen Bl tck,
sein Blick wiirde sich mit den Atheraugen nach oben wenden. Dies
ist die natiirliche Gebarde fur Atheraugen: nach oben gewendet,
und fur Atherhande: nach vorne sich kreuzend, die der Atherleib
wirklich ausfiihrt, wenn diese Ehrfurcht vor dem Geistigen vorhan-
den ist; es geht gar nicht anders, das ist eine Selbstverstandlichkeit,
dafi der Atherleib diese Gebarde annimmt. Im vierten nachatlan-
tischen Zeitraum wufiten dies die Leute, weil sie die Bewegungen
des Atherleibes an sich verspiirten, und wenn man ihnen sagte, sie
sollten das machen, dann sagte man ihnen nichts anderes, als: sie
sollen rege machen in sich ein wenig die physische Gebarde, damit
sie fiihlen, wahrnehmen konnen die Athergebarde.
So wollte Goethe ein Hineinwachsen in das geistige Leben. Er
wufite, dafi das eine Bedeutung hat: Diejenigen Gebarden, die mit
den unmittelbaren Aufierungen der Seele verbunden sind, wirklich
durchzuleben. Ebenso wollte er, dafi der Mensch, wenn er die Ehr-
furcht vor dem Leiblichen, vor allem Irdischen sich aneignet, die
Hande hinten am Riicken kreuzt und den Blick nach unten wendet.
Das sollte er sich an zweiter Stelle aneignen. Zum dritten verhalt
sich die Sache so: Die ausgebreiteten Hande mit dem nach links
und rechts gewendeten Blicke sollten ihm die Ehrfurcht vor jeder
gleichgearteten Seele beibringen. Und dann kann er sich dasjenige
aneignen, was Ehrfurcht vor der eigenen Seele sein kann.
Dieses unmittelbare Wissen davon, dafi diese Gebarden, wenn sie
richtig sind, nicht etwas Willkiirliches sind, sondern dafi sie zusam-
menhangen mit der geistigen Organisation des Menschen, ist seit
dem vierzehnten Jahrhundert den Menschen weitgehend verloren
gegangen. Was folgt daraus? Daraus folgt, dafi man vorher den
Menschen, denen man derartige und audi kompliziertere Gebarden
beibrachte, nur das beibrachte, was sie leicht zu innerem Leben er-
wecken konnten. Nachher, also in unserer fiinften nachatlantischen
Zeit, handelt es sich darum, dafi man solche einfachen Gebarden,
wie sie Goethe will, gerade jugendlicheren Personen sehr gut bei
bringen konnte, wenn man den entsprechenden Unterricht gibt. Und
das will auch Goethe.
Aber die kompliziertere Gebardensprache in «Zeichen, Griff und
Wort», wie sie verbreitet ist innerhalb der geheimen Verbriiderun-
gen, die konnte man seit dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahrhundert
nicht mehr den Menschen so beibringen, dafi sie noch etwas von der
Realitat spiirten. Also es entwickeln sich fort die Verbriiderungen,
wie sie in der vierten nachatlantischen Zeit bestanden haben, in
denen man in drei aufeinanderfolgenden Graden unter anderen
symbolischen Dingen den Leuten Zeichen, Griff und Wort bei-
brachte. Die setzten sich fort. Aber sie setzten sich fort unter anders
gearteten Seelen in den letzten Jahrhunderten. Man brachte auch
da _ bleiben wir bei diesem Elementarsten stehen — Zeichen, Griff
und Wort bei. Aber die Leute konnten nichts mehr verbinden mit
Zeichen, Griff und Wort, weil sie nicht mehr sich vergegenwartigen
konnten das Entsprechende im Atherleib, das der Seele des Men-
schen angemessen ist. Es war etwas Auflerliches; denn in dem vier-
ten nachatlantischen Zeitraum war im wesentlichen im Menschen
entwickelt die Gemiits- oder Verstandesseele. Jetzt begann die Be-
wufitseinsseele den Menschen zu ergreifen, das heifit der Mensch
begann, auf seinen an das physische Gehirn gebundenen Verstand
angewiesen zu sein. Dasjenige, was man nennen kann: Sensitivitat
des Atherleibes, trat zuriick. Was aber tritt jetzt auf? Ich bitte Sie
ganz genau sich anzuhoren, was jetzt auftreten mufi.
Denken Sie sich also: Es wird fortgesetzt die okkulte Verbriide-
rung in diesen fiinften nachatlantischen Zeitraum herein. Man be-
griindet weiter oder setzt fort okkulte Verbriiderungen, in die man
Menschen auf nimmt, die man bekannt macht mit den entsprechenden
Symbolen. Diese Menschen lernen also gewisse Zeichen dadurch,
dafi sie ihren Leib in eine gewisse Stellung bringen, was ein Zeichen
bedeutet. Sie lernen gewisse Griffe dadurch, dafi sie die Hand des
anderen in einer gewissen Weise ergreifen, die nicht die gewohn-
liche ist. Sie lernen gewisse Worte aussprechen, welche eine ganz
bestimmte Regsamkeit des Atherleibes bedeuten, und anderes. Ich
will nur dieses Elementare erwahnen. Also Menschen lernen Zei-
chen, Griff und Wort seit dem fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhun-
dert. Sie sind jetzt so geartet, dafi ihre Bewufitseinsseele wirkt. In
die wirkt aber Zeichen, Griff und Wort nicht herein, fur die bleibt
es ein aufierliches Zeichen, etwas ganz Aufierliches. Aber glauben Sie
nun nicht, dafi die Dinge, die Zeichen, Griff und Wort sind, wenn
sie dem Menschen iiberliefert werden, nicht wirken auf den Ather-
leib des Menschen ! Sie wirken. Der Mensch nimmt auf mit Zeichen,
Griff und Wort dasjenige, was einmal mit Zeichen, Griff und Wort
verbunden ist. Man unterrichtet also eine Anzahl von Menschen in
Zeichen, Griff und Wort, bringt ihrem Unterbewufiten dadurch
etwas bei, was sie nicht im Bewufitsein haben. Das diirfte man
selbstverstandlich iiberhaupt nicht machen, was ich jetzt beschrieben
habe, sondern man miifite auf dem Wege vorgehen, der geboten ist
durch die Entwickelung des Menschen. Und der besteht darin, dafi man
durch den Verstand des Menschen geht, so dafi man also dasjenige,
was der Verstand begreifen kann, was der Verstand erlernen kann,
zuerst an den Menschen heranbringt: und das ist der Inhalt der Gei-
steswissenschaft. Dieser Inhalt der Geisteswissenschaft mufi zuerst
begriffen werden. An den mufi man zuerst sich heranmachen. Man
mufi also zuerst irgendwie drinnenstehen in der geisteswissenschaft-
lichen Bewegung, und erst nach einiger Zeit, nachdem man in der
geisteswissenschaftlichen Bewegung drinnengestanden hat, kann
man dazu gefiihrt werden, Zeichen, Griff und Wort zu empfangen.
Denn man ist dann vorbereitet, etwas Bekanntes darin zu sehen, was
man wenigstens verstanden hat. Das wird in den okkulten Verbrii-
derungen in der Regel nicht gemacht. In den okkulten Verbriiderun-
gen werden die Leute einfach, ohne vorher irgendwie Geisteswissen-
schaft oder Okkultismus gelernt zu haben, aufgenommen in den
ersten Grad. Es wird ihnen Zeichen, Griff und Wort und noch man-
ches andere an Symbolen iiberliefert, und man wirkt, weil sie vorher
nicht etwas gelernt haben von der geistigen Welt, auf ihr Unter-
bewufites, auf dasjenige, was nicht mit ihr em Bewufitsein zusammen-
hangt.
Was ist die Folge davon? Die Folge davon ist, dafi man, wenn
man will, die Leute zu gefiigigen Werkzeugen fiir allerlei Plane
machen kann, ganz selbstverstandlich. Denn wenn Sie den Atherleib
bearbeiten, ohne dafi der Mensch es weifi, so schalten Sie dieselben
Krafte, die er sonst in seinem Verstande hatte, aus, wenn Sie nicht
dann dem Verstande etwas geben, was heute Geisteswissenschaft
sein mufi. Die schalten Sie aus, und Sie machen dann solche Briider-
schaften zu einem Werkzeug fiir diejenigen, die ihre Plane, ihre
Ziele verfolgen wollen. Sie konnen dann solche Briiderschaften
gleichzeitig irgendwie dazu verwenden, irgendwelche politischen
Ziele zu verfolgen, oder Sie konnen das Dogma aufstellen, «Alcyone»
sei der aufiere physische Trager des Christus Jesus. Und diejenigen,
die also prapariert sind, werden sich zu Instrumenten machen, um
das in die Welt hinauszutragen. Man braucht dann nur in der ent-
sprechenden Weise unehrlich und unrechtschaffen zu sein, dann
kann man alles mogliche auf diesem Wege erreichen dadurch, dafi
man sich zunachst Instrumente schaf ft.
Und nun — nicht wahr, die Dinge folgen ja alle aus der wirk-
lichen Erkenntnis — , wer das weifi, wie sich der fiinfte nachatlan-
tische Zeitraum vom vierten nachatlantischen Zeitraum unterschei-
det — und das wird bei uns immer wieder und wiederum gesagt — ,
der weifi eben, warum es so sein mufi, dafi zuerst Bekanntschaft mit
der Geisteswissenschaft vorhanden sein mufi und dann erst Einfiih-
rung in die Symbolik gegeben werden kann. Da, wo es wirklich ehr-
lich gemeint wird mit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung,
wird selbstverstandlich dieser Gang eingehalten. Denn derjenige,
der auch nur dasjenige kennen gelernt hat, was zum Beispiel in mei-
ner «Theosophie» oder in der «Geheimwissenschaft» steht und ver-
sucht hat, es zu begreifen, der wird niemals einen Schaden durch
irgendwelche Uberlieferung von Symbolen nehmen konnen.
Nun sehen wir aber gerade in ausgesprochenstem Mafie, dafi in
britischen Landern der Symbolik gar nicht ein Unterricht vorangeht,
der sie in irgendeiner Weise erklaren wiirde. Erklaren heifit nicht,
dafi man sagt: Dieses Symbol bedeutet das, und dieses Symbol be-
deutet das, denn da kann man jedem jedes Zeug vormachen, sondern
der Unterricht mufite so geartet sein, dafi man zunachst aus dem
Gang der Erden- und Menschheitsentwickelung die Geheimnisse
entmillt und dann daraus die Symbolik entstehen lafit. So ist das
dort nicht, sondern da werden die Symbole einfach geboten, ja, sie
werden nicht nur einfach geboten auf diese Weise, sondern es wer-
den sogar die Symbole noch auf andere Weise geboten, indem man
in der Literatur auch nicht so vorgeht, wie unsere Geisteswissen-
schaft zum Beispiel vorgeht, sondern indem man in der Literatur
so vorgeht, dafi man eigentlich alles symbolisch gibt.
In vieler Beziehung ist schon der ungeheuerste Unfug mit dieser
okkulten Literatur geschehen in Frankreich durch Eliphas Levi, des-
sen Bucher «Dogma und Ritual der hoheren Magie», dessen
«Schliissel der hoheren Magie» ja gewifi grofie Wahrheiten neben
sehr gefahrlichen Irrtiimern enthalten, die aber so geartet sind, dafi
alles nicht mit dem Verstande so zu verfolgen ist, wie bei unserer
Geisteswissenschaft, sondern in einer symbolischen Art aufgenom-
men werden mufi. Lesen Sie Eliphas Levi! Jetzt konnen Sie ihn lesen
ganz ohne Gefahr, selbstverstandlich, well Sie geniigend vorbereitet
sind. Lesen Sie von Eliphas Levi «Dogma und Ritual der hoheren
Magie», dann werden Sie sehen, wie dort die ganze Methode der
Symbolik anders ist. Ja, meine lieben Freunde, wenn man so wie
Eliphas Levi in seinem «Dogma und Ritual der hoheren Magie» die
Menschen unterrichtet in lauter Symbolen, dann hat man sie im
Grunde genommen, wenn man das will, zu allem, wozu man sie
braucht, wozu man sie brauchen will.
Noch schlimmer ist die Sache nach Eliphas Levi geworden durch
den Dr. Encausse, durch Papus, der einen so verheerenden, verhang-
nisvollen Einflufi gewonnen hat auf den Petersburger Hof, wo er
sich immer wieder und wieder aufgehalten hat, um dort seit Jahr-
zehnten eine sehr verhangnisvolle politische Rolle zu spiel en. Da
finden Sie bei Papus — so nennt er sich — geradezu in einer verhang-
nisvoll gefahrlichen Art gewisse okkulte Geheimnisse an die
Menschheit herangebracht, so dafi diejenigen, die Papus auf sich
wirken lassen, mit einem eisernen Fanatismus, sobald sie einmal
iiber die Elemente hinausgekommen sind, festhalten an dem, was
ihnen Papus gibt. Es handelt sich nicht darum, Papus zu widerlegen,
denn, ich mochte sagen, so paradox es klingt: das ist das Schlimmste,
dafi sehr viele, sehr richtigeDinge gerade in Papus stehen. Aber die Art
und Weise, wie sie den Menschen gegeben werden, das ist das unge-
heuer Gefahrliche: schwachen Menschen eintmufeln dasjenige in die
Seele, was in Papus' Biichern stent, das heifit, sie dazu praparieren, ihren
Verstand zu einem vollstandigen Schlafer zu machen und sie zu
allem zu gebrauchen, wozu man sie gebrauchen will. Solche Men-
schen haben aber in der Gegenwart einen gewissen Einflufi. Wer
mehr herumgekommen ist und Gelegenheit hat, solche Dinge zu
kennen, der weifi, dafi Papus uberall einen grofien Einflufi hat. Ich
konnte diesen Einflufi verfolgen durch Bohmen hindurch, durch
Osterreich hindurch. In Deutschland ist sein Einflufi ein viel gerin-
gerer, aber sein Einflufi war auch bis zu einem gewissen Zeitpunkte
durchaus vorhanden. Aber insbesondere hat er einen ungeheuren
Einflufi in Rufiland. Es wird noch dazu dieser Einflufi von Papus
erreicht durch eine gewisse Unehrlichkeit, die mit der ganzen Sache
verbunden ist.
Sehen Sie, die Lehre des Jakob Bohtne, von der wir ja oftmals ge-
sprochen haben, wurde im achtzehnten Jahrhundert durch den soge-
nannten «Unbekannten Philosophen», durch Saint-Martin, nach
Frankreich verpflanzt, und dort von Saint-Martin in einer sehr, sehr
anmutenden Sprache wiedergegeben, so dafi, als riickiibersetzt wur-
den ins Deutsche die Werke von Saint-Martin, diese selbstverstandlich
viel lesbarer waren fur die Menschen, als die Werke von Jakob
Bohme, die ja bekanntlich sehr schwer lesbar sind.
Fur mich kniipft sich noch eine ganz niedliche Erinnerung ge-
rade an die Obersetzung der Werke von Saint-Martin, dem «Unbe-
kannten Philosophen», an. Das Buch von Saint-Martin, «Des erreurs
et de la verite», dieses Buch iiber Irrtum und Wahrheit, das ist sehr
schon ins Deutsche iibersetzt von einem liebenswiirdigen deutschen
Dichter, der allgemein bekannt ist. Und insofern ist mir das gerade
nicht uninteressant, denn es wird demnachst eine kleine Broschiife
erscheinen von mir: «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und
deren Bau in Dornach», wo ich versuche, gewisse landlaufige Irr-
tiimer, die iiber die Geisteswissenschaft verbreitet sind, einmal kurz
und popular zu widerlegen. Der Aufsatz, der in nachster Zeit er-
scheinen wird, ist hervorgegangen aus einem Vortrage, den ich in
der Schweiz gehalten habe, weil dort, in Dornach selber, ein beson-
ders gescheiter evangelischer Pfarrer alles mogliche vorgebracht hat.
Doch wolite ich schliefilich nicht einzig und allein mit einem sol-
chen Pfarrer mich beschaf tigen. Aber dieses, was er vorgebracht hat,
das ist gewissermafien typisch. Die Leute bringen alle moglichen
Dinge vor, und da konnte ich, ohne dafi ich auf den Pfarrer gerade
hingewiesen habe, diese landlaufigen Irrtiimer iiber unsere Geistes-
wissenschaft widerlegen, namentlich auch iiber den Dornacher Bau.
In einem Vortrage, den dieser Pfarrer gehalten hat, hat er auch an-
gefiihrt ein Gedicht — ich habe schon einmal hier davon gespro-
chen — von Matthias Claudius. Dieses Gedicht fuhrte er an, of fen-
bar mit starkem Pathos, indem er eine Strophe daraus zitierte, um zu
zeigen, wie wenig die Menschen eigentlich von so etwas sprechen
sollten, wie einer geheimen Wissenschaft, denn nicht einmal den
Mond konnte man begreifen. Man braucht aber in diesem selben
Gedicht von Matthias Claudius nur f ortzulesen, so ist es die nachste
Strophe, die beweist, dafi das genaue Gegenteil von dem, was der
Pfarrer da meint, von Matthias Claudius gemeint wird. Aber das
Interessante ist, dafi der Ubersetzer von Saint-Martins Buch «Irrtum
und Wahrheit» gerade der Matthias Claudius ist, dafi der gerade
den Saint-Martin iibersetzte. Also, Sie konnen sich denken aus sol-
chen Dingen, meine lieben Freunde, mit welchen Leuten man es zu
tun hat, die einem heute entgegentreten angeblich mit dem, was sie
«gute Griinde» nennen, und mit welchen Griinden man es da eigent-
lich zu tun hat. Das Kapitel, mit welchen Leuten man es zu tun hat
heute, das konnte ja in sehr ausfuhrlicher Weise dargestellt wer-
den. Es ist eigentlich bedauerlich, wenn man Zeit verlieren mufi, um
diejenigen Menschen, die in einer solchen Art der Sache entgegen-
treten, zu widerlegen.
Aber da erfahrt man ja manchmal noch viel Kurioseres. Eines
mochte ich Ihnen nicht vorenthalten, das mir, seit wir uns das letzte
Mai hier gesprochen haben, entgegengetreten ist, weil es doch allzu
interessant ist. Sie wissen ja alle — ich habe es ja das letzte Mai auch
wiederum erwahnt — , dafi ich nicht mitmachen konnte und durfte,
aus reinem Wahrheitssinn heraus, dasjenige, was Mrs. Besant, die
Prasidentin der Theosophical Society, mit ihren Leuten machte, von
denen sie sich einen grofien Teil auf die Weise zubereitet hatte, wie
ich es Ihnen geschildert habe. Da konnte ich nicht mitgehen. Ich
mufite wirklich im Namen der Wahrheit gegen diese frivole Chri-
stus-Auffassung mit dem Alcyone-Knaben mich wenden, mufite
mich um so mehr dagegen wenden, als ich sah, wie selbst gelehrte
Leute iiberall gerade auf das Biichelchen, das von Alcyone herriih-
ren soli — ich glaube «Zu den Fiifien des Meisters» heifit es — , her-
eingefallen sind und das als eine der grofiten Erscheinungen der
Gegenwart hingestellt haben. Aber es wurde ja in jenen Kreisen so-
gar etwas davon gefuhlt, dafi es sich bei mir darum handelte, etwas
zu unternehmen im Dienste der Wahrheit. Es wurde gefuhlt. Aber
man sagte sich auf jener anderen Seite: Ja, Wahrheit, — ist denn
Wahrheit wirklich so, dafi man Mrs. Besant entgegentreten soil,
weil sie flunkert? Und sehen Sie, da finde ich in einer Broschiire
von unserem Mitglied E. von Gumppenberg, die auch in der nach-
sten Zeit erscheinen wird, einen Ausspruch, ein Urteil iiber mich
angefuhrt. Es ist wortlich angefuhrt, dieses Urteil iiber mich. Frau
von Gumppenberg kniipft an einen anderen Ausspruch an, und sagt
dann: Es erinnert dieser andere Ausspruch an ein anderes Urteil
iiber Dr. Steiner, das einmal von einer Englanderin abgegeben
wurde. Es heifit da: Der gute Dr. Steiner, er ist eben ein Philosoph.
Und das mag der Grund sein, warum er es mit der Wahrheit so ge-
nau nimmt. Was macht es denn, wenn Frau Besant flunkert ? Flun-
kern wir denn nicht alle? Sehen Sie, das ist ja doch nicht anders
moglich. Wie kamen wir durchs Leben mit strikter Wahrheit? Wir
konnen doch nicht lauter Philosophen sein. Lassen wir also die an-
deren flunkern! Wir machen uns nur boses Blut, wenn wir uns da-
gegen stellen.
Meine lieben Freunde! Ich kann nicht anders, als denjenigen, der
ein Strafienrauber ist, fiir einen anstandigeren Menschen zu halten,
als denjenigen, der ein solches Urteil uber die Wahrheit fallt. Das
ist meine ganz aufrichtige Meinung und Empfindung, wenn auch
derjenige, der ein solches Urteil uber die Wahrheit fallt, in noch so
schonen seidenen Kleidern daherrauscht — und die wird die betref-
fende Dame schon angehabt haben! Aber man sieht aus solchen
Dingen, wie gef ahrlich es heute ist, es mit der Wahrheit nicht genau
zu nehmen, insbesondere dann, wenn es sich um Dinge handelt, die
der unmittelbar sinnlichen Wahrnehmung entzogen sind.
Nun sagte ich: eine Heuchelei geschieht auch mit der Verbrei-
tung der Geistesstromung, die von Encausse, von Papus, ausgeht;
denn die Leute nennen sich «Martinisten». Man mufi den ehrhchen
«Unbekannten Phiiosophen» wahrhaftig in Schutz nehmen mit sei-
nem ehrlichen Wahrheitstreben und mit demjenigen, was er ver-
suchte, im Dienste des achtzehnten Jahrhunderts so zu tun, wie es
notwendig war im Dienste des achtzehnten Jahrhunderts, gegen die
Inanspruchnahme seines Namens durch die Papusianer von heute.
Nun ist es sehr wichtig, zu wissen, dafi auf der Grundlage von
drei Graden sich jede okkulte Verbriiderung aufbaut. Im ersten
Grade kommen, wenn die Symbolik in der richtigen Weise ge-
braucht wird, und unter richtig verstehe ich selbstverstandlich das-
jenige, was ich eben angedeutet habe fiir unseren funften nach-
atlantischen Zeitraum, die Seelen so weit, dafi sie ein genaues inneres
Erlebnis davon haben, dafi es ein Wissen gibt in Unabhangigkeit
von dem gewohnlichen physisch-sinnlichen Wissen. Und sie miissen
im ersten Grade eine gewisse Summe von solchem, vom physischen
unabhangigen Wissen haben. Ungefahr dasjenige miifite jeder wis-
sen, der im ersten Grade ist heute innerhalb des funften nachatlan-
tischen Zeitraumes, was ungefahr in meiner «Geheimwissenschaft»
steht. Wissen miifite jeder — das heifit innerlich lebendig wissen — ,
der im zweiten Grade ist, dasjenige, was in dem Buche steht: «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» Und wer in dem
dritten Grade ist und die bedeutungsvollen Symbole: Zeichen, Griff
und Wort schon des dritten Grades empfangt, der weifi, was es
heifit: aufierhalb seines Leibes leben. — Das ware die Regel, das
ware dasjenige, was erreicht werden soil.
Das ist tatsachlich bis ins achte, neunte Jahrhundert in gewissen
Gegenden Europas innerhalb dieser Grade erreicht worden. So zum
Beispiel ist in Irland im hohen Grade bis ins achte, neunte, zehnte
Jahrhundert von einzelnen Personlichkeiten, von einer grofieren
Anzahl von Personlichkeiten dies, was ich eben beschrieben habe, voll
erreicht worden, aber auch in anderen Gegenden Europas, nur nicht
in so grofier Anzahl wie gerade bei manchen Menschen in Irland.
Man hat nun gewisse Dinge vermieden, einfach aus Unvermo-
gen, das ist: hinzuarbeiten auf eine wirkliche Geisteswissenschaft.
Diese wirkliche Geisteswissenschaft tritt uns ja eigentlich aus vielen
Griinden erst jetzt entgegen. Aber okkulte Verbriidemngen, wie
gesagt, hat es immer gegeben, und sie arbeiten aus der blofien Sym-
bolik heraus. Besonders bedeutungsvoll ist das, wenn aus der blofien
Symbolik heraus gearbeitet wird in einer Volksgemeinschaft, die in
der Tat noch nicht bis zu ihrer vollen Reife gediehen ist. Daher tra-
ten diese "Obelstande sogleich auf, als unter der Kaiserin Katharina,
nachdem der Voltairianismus etwas von einem Schlag erfahren
hatte, und unter ihrem Nachfolger in Rufiland, Paul, und Spateren,
der Versuch gemacht wurde, gewisse geheime Verbriidemngen vom
Westen nach Rufiland hinein zu verpflanzen. Dieser Versuch wurde
aber in ausgiebigstem Mafie gemacht. Und das, was dazumal ge-
schehen ist unter dem Einf lusse der vom Westen nach Rufiland ver-
pflanzten okkulten Verbriidemngen, das hat einen grofien Einflufi
gewonnen auf die ganze geistige Entwickelung Rufilands seither,
einen viel grofieren Einflufi, als man irgendwie glauben kann. Selbst-
verstandlich, solcher Einflufi gmppiert sich nach der verschieden-
sten Richtung hin: der Literat verarbeitet diesen Einflufi in Roma-
nen, der politische Schriftsteller in Politik. Aber durch gewisse Ka-
nale, die immer vorhanden sind, wird solcher Einflufi immer bedeut-
sam fur die nachfolgende Entwickelung. Und alles eigentlich, was
bedeutend ist im geistigen Leben Rufilands bis zu Tolstoi, fiihrt im
Grunde genommen zuriick auf dasjenige, was in der Zeit, von der
ich eben gesprochen habe, durch Verpf lanzung von gewissen okkul-
ten Verbriiderungen nach Rufiland hinein vom Westen Europas aus
geschehen ist.
Nun sagte ich Ihnen: es ist ein gewisser Unterbau vorhanden. Der
Unterbau ist eben der, der die okkulten Verbriiderungen durch diese
drei Grade heraufleitet. Gewifi. Dann aber gibt es Leute, die kom-
men zu sogenannten Hochgraden, zu hoheren Graden. Nun, das ist
freilich ein Gebiet, wo ungeheuer viel Eitelkeit unterlauft, denn es
gibt Verbriiderungen, in denen man es bis zu neunzig oder iiber
neunzig Graden bringen kann. Nun denken Sie sich einmal, was
das heifit: man tragt einen so hohen Ordensgrad an sich! Dreiund-
dreifiig Grade hat ja, einfach durch einen Fehler, der aus einer gro-
tesken Unkenntnis entspringt, das sogenannte schottische Hochgrad-
system, das sich aufbaut auf den drei Graden, die in solcher Weise
verlaufen, wie ich es geschildert habe. Also da hat man die drei
Grade, die ja, wie Sie sehen, ihre tiefe Bedeutung haben. Aber nach
diesen drei Graden folgen noch dreifiig andere. Nun konnen Sie
sich denken, wenn man schon im dritten Grade die Fahigkeit er-
langt, aufier seinem Leibe sich zu erleben, was man fur ein hohes
Wesen ist, wenn man noch dreifiig Grade danach durchmacht. Aber
es beruht auf einem grotesken Erkenntnisfehler. Es wird namlich
in okkulten Wissenschaften anders als im Dezimalsystem gelesen:
es wird so gelesen, dafi man nicht nach dem Dezimalsystem, sondern
nach dem betreffenden System der Zahlen rechnet, die gerade in
Betracht kommen. Also wenn man schreibt: 33. Grad, so bedeutet
das in Wirklichkeit nach dem System der Zahlen, die in Betracht
kommen: 3 mal 3 = 9. Das hat eine grofie Rolle gespielt bei der
Blavatsky. Sie finden in Blavatskys «Geheimlehre» eine lange De-
batte iiber die Zahl 777. Da haben die Leute alles mogliche phan-
tasiert, was diese Zahl 777 bedeutet. In Wirklichkeit ist es 343, nam-
lich 7 mal 7 mal 7. Man schreibt im Okkultismus so, dafi man die
Zahlen, die da stehen, miteinander multiplizieren mufi. Wenn man
also die wirkliche Zahl haben will, mufi man 777 folgendermafien
lesen: 7 mal 7 = 49 mal 7 = 343. Dementsprechend ist 33 = 9
= 3 mal 3. Nur weil die Leute ni
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