Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER G E S A M T A U S G A B E 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 



Gegenwartiges und Vergangenes 
im Menschengeiste 



Zwolf Vortrage, gehalten in Berlin 
vom 13. Februar bis 30. Marc 1916 



VERLAG DER 



1962 

RUDOLF STEINER-NACHLASSVERWALTUNG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 
Die Herausgabe besorgten Robert Friedenthal und Wolfram Groddeck 



1. Auflage (Zyklus 42) Berlin 1920 
2. Auflage (Gesamtausgabe) Dornach 1962 



Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach / Schweiz 
(c) 1925 by Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach 
renewed 1953 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Arlesheim AG. 



ALS MANUSKRIPT GEDRUCKT 



Ober den Charakter dieser Privatdrucke aufiert sich 
Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» 
(35. und 36. Kapitel, Marz 1925) folgendermafien: 

«Als miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilun- 
gen waren die Inhalte dieser Drucke gemeint . . . 

Es ist nirgends auch nur in germgstem Mafie etwas gesagt, 
was nicht reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthropo- 
sophie ware . . . Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im 
vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu 
sagen hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken . . . von 
der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im 
Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht 
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Em Urteil uber den Inhalt eines solchen Privatdruckes 
wird ja allerdings nur demjenigen zugestanden werden kon- 
nen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen 
wird. Und das ist fur die allermeisten dieser Drucke minde- 
stens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie darge- 
stellt wird, und dessen, was als , anthroposophische Ge- 
schichte' in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich 
findet.» 



INHALT 



Seite 

erster vortrag Berlin, 13. Februar 1916 

Gegenwartiges und Vergangenes im Menschengeiste . 10 

zweiter VORTRAG Berlin, 7. Marz 1916 

Das geistig-seelische Wesen des Menschen . . . . 30 

dritter VORTRAG Berlin, 28. Marz 1916 

StreifHchter auf die tieferen Impulse der Geschichte . . 57 

vierter vortrag Berlin, 4. April 1916 

Zeichen, Griff und Wort 81 

fOnfter VORTRAG Berlin, 13. April 1916 

Die Urof fenbarung der Menschheit 105 

SECHSTER VORTRAG Berlin, 18. April 1916 

Osterbetrachtung 139 

siebenter vortrag Berlin, 25. April 1916 

Die Lebensliige der heutigen Zeit 162 

achter VORTRAG Berlin, 2. Mai 1916 

Thomas Morus' «Utopia» 185 

neunter vortrag Berlin, 9. Mai 1916 

Kultus und Symbol. Der Jesuitenstaat in Paraguay . . 205 

zehnter vortrag Berlin, 16. Mai 1916 

Die dem Geist widerstrebenden Kraf te. Grundwahrheiten 

des Christentums 229 



elfter vortrag Berlin, 23. Mai 1916 

Ein Stiick aus der jiidischen Haggada 253 

zwOlfter vortrag Berlin, 30. Mai 1916 

Homo ceconomus 276 

Hinweise 301 

Obersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . .310 



Wahrend der Krxegsjahre wurdenvon Rudolf Steiner vor 
jedem von ihm innerhalb der Anthroposophischen Ge- 
sellschaft gehaltenen Vor trag in den vom Kriege betrof- 
fenen Landern die folgenden Gedenkworte gesprochen: 

Wir gedenken, meine lieben Freunde, der schiitzenden Geister derer, 
die draufien stehen auf den grofien Feldern der Ereignisse der 
Gegenwart: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 
Eure Schwingen mogen bringen 
Unserer Seelen bittende Liebe 
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen, 
Daft, mit Eurer Macht geeint, 
Unsre Bitte helfend strahle 
Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und zu den schiitzenden Geistern derer uns wendend, die infolge 
dieser Leidensereignisse schon durch des Todes Pforte gegangen 
sind: 

Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter, 

Eure Schwingen mogen bringen 

Unserer Seelen bittende Liebe 

Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen, 

Dafi, mit Eurer Macht geeint, 

Unsre Bitte helfend strahle 

Den Seelen, die sie liebend sucht. 

Und der Geist, dem wir uns zu nahen suchen durch unsere Geistes- 
wissenschaft seit Jahren, der Geist, der zu der Erde Heil und zu 
der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von 
Golgatha gegangen ist, er sei mit Euch und Euren schweren 
Pflichten! 



ERSTER VORTRAG 
Berlin, 13. Februar 1916 



Gegenivartiges und Vergangenes itn Menschengeiste 

Zuerst wollen wir heute eine Rezitation uns anhoren aus Dichtungen 
von Friedrich Lienhard und von Wilhelm Jordan, und dann werde 
ich mir gestatten, anzuschliefien an diese Rezitation einige anthro- 
posophisch-literarische Betrachtungen iiber die Gegenwart und deren 
Aufgaben. Das soil dann den Abschlufi unseres Abends bilden. Vor- 
ausschicken mochte ich nur ein paar Worte. 

Friedrich Lienhard ist einer derjenigen Dichter der Gegenwart, 
von denen wir schon sagen konnen, dafi sie mit ihrem eigenen Stre- 
ben dem Streben der Geisteswissenschaft in einer gewissen Bezie- 
hung nahe kommen. Am 4. Oktober des verflossenen Jahres 1915 
beging Friedrich Lienhard seinen fiinfzigsten Geburtstag. Auch wir 
haben dazumal von Dornach aus uns angeschlossen den zahlreichen 
Begriiflungen, die diesem geisterfullten Dichter der Gegenwart von 
alien Seiten zugekommen sind, und ich glaube, wir haben besondere 
Griinde, gerade bei dem Dichter Friedrich Lienhard, der sich ja in 
einer gewissen Weise unserer Bewegung angeschlossen und freund- 
lich gezeigt hat, ein wenig hinzublicken auf den eigentlichen Inhalt 
und auf den Kunstgehalt seines dichterischen Wesens. Er sagt ja 
selber, dafi er, der aus einer franzosisch-elsassischen Wiege stammt, 
sich unter manchen Schwierigkeiten hat hindurchringen miissen zu 
dem, was er seine Weltanschauung nennt, die er versuchte, immer 
mehr und mehr herauszugebaren, herauszuentwickeln aus mittel- 
europaischem deutschem Wesen, aber so, dafi in seinen Dichtungen 
wirklich von ihm angestrebt wird, den eigentiimlichen Wellenschlag 
dieses mitteleuropaischen deutschen Wesens zur Wirksamkeit zu 
bringen. Und da mufi man bei Friedrich Lienhard vor alien Dingen 
sehen, wie wirklich in ihm dasjenige lebt, was er als seinem Wesen 
so innig Verwandtes, wie ich es gerade zu charakterisieren versuchte, 
angestrebt hat. Es lebt in ihm vielleicht ein Element, das nur in der 



richtigen Weise zu wiirdigen ist von dem kunstlerisch-geistigen Aus- 
gangspunkte der Geisteswissenschaft her. Da haben wir vor alien 
Dingen in Lienhards Dichtungen wunderbare Naturschilderungen, 
Naturlyrik, aber eine Naturlyrik ganz besonderer Art. Naturlyrik 
ist es aber auch bei Friedrich Lienhard, wenn er versucht, die Men- 
schen zum Sprechen zu bringen. Auch da ist etwas wie von der Na- 
tur der Menschen unmittelbar au£ natiirliche Weise ausgehend und 
den Geist im Naturdasein zeigend. Woher kommt dieses ? Es kommt 
von etwas, das man vielleicht nur richtig bemerken kann bei 
Friedrich Lienhard, wenn man — und das sollte man ja bei aller 
Kunst, nur ist es heute schon, ich mochte sagen, ganz und gar aus 
dem Bewufltsein der Menschen verschwunden, die Kunst so zu be- 
trachten, namentlich die Dichtung — nicht blofi das Inhaltliche, 
das Vorstellungsmafiige seiner Kunst auf sich wirken lafit, son- 
dern das eigentlich Kiinstlerisch-Formale. Wie sich in ihm die Ge- 
fuhle, die Vorstellungen bewegen, wie sie sich entwickeln, wie sie 
sich schiirzen und losen, in diesem eigentiimlichen Wogen seiner 
in dichterischer Sprache zum Ausdruck kommenden Seelenerlebnisse 
merken wir etwas wie das Walten elementarischer Geistigkeit, ein 
Mitgehen der dichterischen Seele mit demjenigen, was nach unseren 
Anschauungen in der Atherwelt draufien in der Natur elementarisch 
lebt hinter dem blofi sinnlichen Dasein, und was lebt in der Ather- 
welt, wenn sich Menschliches auf naturgemafie Weise zum Aus- 
drucke bringt, wie zum Beispiel in dem Ausdrucke des kindlichen 
Seelenlebens. Verfolgt man die Worte Friedrich Lienhards, so er- 
scheinen sie einem formlich so, wie wenn aus diesen Worten sich 
weiterbewegen wiirden gerade die Elementargeister, von denen wir 
wissen, dafi sie alle Naturerscheinungen durchrieseln, durchwarmen, 
durchleben, durchweben. Und dieses Durchrieseln und Durchwar- 
men und Durchleben und Durchweben der elementarischen Wesen- 
heiten in bezug auf die Natur, das setzt sich gerade bei einem sol- 
chen Dichter, der nun wirklich versteht, mit dem Geiste der Natur 
zu leben, in seine Dichtung hinein fort. 

Ein weiteres Element bei Friedrich Lienhard ist, dafi er gerade 
durch sein Erfassen grofier Menschheits- und Weltenzusammen- 



hange, denen er, ich mochte sagen, mit seinem Gefiihle innig ver- 
wandt ist, ohne in irgendein engherzig Nationales zu verfallen, die 
treibenden, wirkenden Krafte und Wesenheiten des Volkslebens zu 
erfassen sucht, und wiederum das Volksleben nicht aus der Einzel- 
heit der zufalligen Individuen heraus, sondern aus dem ganzen 
Walten und Wogen des Volksseelenprinzips heraus zu erfassen ver- 
sucht, und die einzelnen Gestalten hineinstellt in den grofien gei- 
stigen Zusammenhang, in dem sie im Volksleben drinnenstehen 
konnen. Dadurch ist Friedrich Lienhard imstande, eine solche Ge- 
stalt, die von einer Art atavistischem Hellsehertum durchgeistigt ist 
wie der Pfarrer Oberlin vom elsassischen Steintal, in einer auf der 
einen Seite wirklich ganz plastischen und auf der anderen Seite doch 
wiederum aufierordentlich intim-seelischen Weise zu erfassen und 
darzustellen. Und aus diesem Impulse heraus wufite er die Gotter- 
gestalten der Vorzeit in die Gegenwart wiederum heraufzurufen, 
nicht so, dafi er etwa von den alten Gottersagen, von den alten 
Heldensagen nur das Inhaltliche nimmt, sondern indem er wirklich 
versucht, in der Sprache der Gegenwart die Moglichkeit zu finden, 
das, was als Wellenschlag dieses alte Leben durchlebt hat und bis in 
unsere heutige Zeit heraufschlagt, wiederum zu erwecken. Dadurch 
ist in gewissem Sinne Friedrich Lienhard wirklich einer der vor- 
nehmen Dichter der Gegenwart, weil andere Dichter der Gegen- 
wart so sehr gesucht haben, mit Absehen, mochte ich sagen, von 
allem Kiinstlerisch-Geistigen auf das Naturalistische und Reali- 
stische sich zu verlegen und dadurch etwas Neues zu schaffen; wah- 
rend der wirkliche Poet nicht in diesem Sinne durch naturalistische 
Schrullen in unserer Gegenwart das Neue schaffen will, sondern es 
schaffen will dadurch, dafi er den ewigen Strom der ewigen Schon- 
heit in einer neuen Weise erfafit, so aber, dafi die Kunst wirklich 
Kunst bleibt. Und wirkliche Kunst kann eben niemals ohne Geistig- 
keit sein. 

Dadurch ist es wohl auch, dafi Friedrich Lienhard naher gekom- 
men ist demjenigen, was er nennt «Wege nach Weimar». Er hat 
ja lange Zeit eine in freien Zeitraumen erscheinende Zeitschrift her- 
ausgegeben, «Wege nach Weimar», wo er versuchte, zu den grofien 



Ideen und Kunst-Impulsen der grofien Zeit von der Neige des 
achtzehnten und dem Beginne des neunzehnten Jahrhunderts sich 
hinzuwenden, um zu erkennen, was in dieser gerade heute in vieler 
Beziehung, wie wir in der Schlufibetrachtung vielleicht sehen wer- 
den, vollstandig oder zum grofien Teil doch vergessenen und ver- 
klungenen grofien Periode wirklich Wert hat. Daher suchte er nun 
wieder seine spateren kiinstlerischen Perioden zu vertiefen, ich 
mochte sagen, zu verinnerlichen, so dafi zuletzt eben so wunderbar 
innerliche Dichtungen herauskommen konnten wie diejenigen, die 
sich auf Gestalten wie etwa die Odilia beziehen und dergleichen. 
Mit all dem weifi er dann zu verbinden im echten, wahren Sinne 
die christlichen Impulse, die durch die Menschheit wallen und 
weben. Und merkwiirdig ist es, dafi er sich, nicht durch den aufieren 
Inhalt seines dichterischen Schaffens, sondern durch die Art und 
Weise, wie die elementarischen Wesen ihn tragen, bis ins Einzelne 
hinein nahert einem Elemente, das, wie es schien, ganz verloren 
gegangen war der deutschen Dichtung, dafi er sich nahert — Sie wer- 
den es bemerken konnen aus der Rezitation heraus an manchen Stel- 
len — dem alliterierenden Kunstelemente, der Alliteration. 

Diese Alliteration und dasjenige, was sie fur das deutsche Wesen 
Verwandtes hat mit der ganzen mitteleuropaischen deutschen Volks- 
substanz, bringt ihn eben einem Dichter nahe, der, zum Teil durch 
seine Schuld, aber hauptsachlich durch die Schuld der Zeit und ihrer 
Abwege wenig hat verstanden werden konnen, und den wir Ihnen 
im zweiten Teil durch die Rezitation heute nahebringen wollen: 
Wilhelm ] or dan. Wilhelm Jordan versuchte gerade durch den Stab- 
reim, die Alliteration, wieder zu erneuern, wie er meint, den «alten 
Redestrom der rauschenden Vorzeibx Er konnte gar nicht anders, 
als dieses Formale der alten Dichtung wiederum hereinzutragen in 
die Gegenwart, die er zu erheben versuchte iiber das Kleine des 
Alltags hinaus zu den grofien bewegenden Impulsen. Und man mufi 
sagen: Es ist formlich ein Jammer, obwohl es nicht ganz ohne die 
Schuld Jordans geschehen ist, dafi solch eine Dichtung wie der 
«Demiurg», wo versucht wird, die weltbewegenden Geist-Prinzipien 
mit dem Menschheitsgeschehen auf der Erde in wahren Zusammen- 



hang zu bringen, so ganz voriibergehen konnte ohne eine Wirkung. 
Sie ist in den ftinfziger Jahren, wie ich sagte, nicht ganz ohne die 
eigene Schuld Wilhelm Jordans, voriibergegangen. Aus dem Grunde 
sage ich das, weil die naturalistisch-naturwissenschaftliche Art, die 
Dinge anzuschauen, aller dings ja schon hineinfiel in bezug auf seine 
eigene Weltanschauung, und er sich dadurch vieles verdorben hat. 
Vieles verdorben hat ja audi in den «Nibelungen», dafi da statt der 
friiher in viel tieferer Weise angesehenen Prinzipien die naturali- 
stischen Prinzipien der Vererbung walten, der stof f liche "Dbergang 
der Kraf te der Vererbung von einer Generation auf die andere, dafi, 
ich mochte sagen, statt der Seele zu sehr das Blut waltet. Dadurch 
hat gewifi Wilhelm Jordan seinen Tribut abgetragen an die natura- 
listisch-naturwissenschaftliche Auffassung der Gegenwart. Er hat 
aber auf der anderen Seite seinen Dichtungen dasjenige genommen, 
was vielleicht schon in einer friiheren Zeit den Kunstbestrebungen 
der Menschheit die grofien geistigen Impulse hatte geben konnen, 
so dafi nicht alles hatte versinken miissen in dem unkiinstlerischen 
Barbarentum, das vielf ach in der spateren Zeit an die Stelle fruherer 
geistiger Prinzipien getreten ist. Wir konnen da ja sehen, wie heute 
nur noch gespottet wird iiber dasjenige, was Wilhelm Jordan wollte. 
Aber, ich mochte sagen, an uns ist es, diese grofien Impulse, wo im- 
mer sie aufgetreten sind, wirklich auf unsere Seele wirken zu lassen, 
denn es wird dennoch fur diese Impulse die Zeit kommen, wo sie 
eine gewisse Mission im ganzen Welten-Menschheitswerden werden 
zu erfullen haben. 

Gewifi, der Dichter Friedrich Lienhard wird in weiten Kreisen 
anerkannt. Aber dasjenige, was vielleicht gerade innerhalb unserer 
Kreise in ihm gefunden werden kann, das sollen wir versuchen her- 
auszufinden, denn das wird es ja vor alien Dingen sein, was, ich 
glaube, seine kiinstlerischen Bestrebungen zusammen mit der Woge 
der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen in die Zukunft tragen 
wird. Und jetzt wollen wir zunachst Friedrich Lienhards Dichtungen 
und einiges aus der Nibelungen-Dichtung Wilhelm Jordans, der 
Siegfried-Sage selber, anhoren. 



(Rezitation der f olgenden Gedichte Friedrich Lienhards durch Frau 
Dr. Steiner: 

«Glaube», «Morgenwind», «Waldgrufi», «Das schaff ende Licht», 
«Einsamer Fels», «Habt ihr es auch erfahren?», «A11 die zarten 
Blumenglocken». «Seelenwanderung». «El£entanz». «Sommer- 
nacht». Odilienlieder: «Herbst auf Odilienberg». «St Odilia». — 
Rezitation aus dem «Nibelungenlied» von Wilhelm Jordan.) 

Es wird immer wiederum gut sein, dichterische Kunst gerade 
solcher Art auf sich wirken zu lassen. Wir haben ja in Friedrich 
Lienhard einen Dichter vor uns, der versucht, wirklich in die Gegen- 
wart noch hereinzutragen geistig-idealistische Seelenerlebnisse, die 
er stark genug ist, mit Naturerlebnissen zu verbinden. Und bei sol- 
chen Dingen spurt man noch etwas davon, dafi es mehr ankommt 
auf das Wie in der Kunst, denn auf das Was. Wie wunderbar zieht 
sich hin der Zauber iiber die Gegend um den Odilienberg herum, 
und wie schon wird lyrisch unmittelbar gegenwartig die Empfin- 
dung, welche diese Schutzpatronin Odilia des Klosters vom Odilien- 
berg ausstrahlt. Dafi sie einstmals von ihrem grausamen Vater ver- 
folgt worden ist, geblendet worden ist, und dafi sie gerade durch 
den Verlust des Augenlichtes die mystische Fahigkeit erlangte, 
Blinde zu heilen, sehend zu machen, das ist ja die Sage, um die sich 
alles iibrige herumgliedert. Und alles dasjenige, was an wahrer, tie- 
fer Mystik sich um diese Sage gliedert, lyrisch verbunden mit der 
Natur um den elsassischen Odilienberg herum, findet sich gerade 
in den Ihnen rezitierten Gedichten Friedrich Lienhards. Gedichte 
aber von solcher Kraft und zu gleicher Zeit von solcher Intimitat, 
von soldi seelisch-geistiger Art, konnen Sie viele, viele bei ihm 
finden. Und er gibt wirklich Veranlassung, durch dasjenige, was, 
ich mochte sagen, elementarisch schwingt und webt mit der Form 
seines Dichtens, sich zu erinnern des wirklich viel verkannten 
Wilhelm Jordan. 

Aus der kleinen Probe, die wir haben heute horen konnen, wer- 
den Sie auf der einen Seite ersehen haben, wie sehr sich dieser Dich- 
ter bemiiht, die Gestalten, die er hinstellt vor uns, aus dem grofien 



geistigen Weben des Lebens heraus zu schaffen und mit dem, was 
uns in der aufieren physischen Welt entgegentritt, zugleich mitleben 
zu lassen dasjenige, was webt und wirkt aus der wogenden Geistes- 
welt heraus. Gerade bei Wilhelm Jordan kann man erfahren, denke 
ich, wie die dichterische Seele sich verbinden kann mit einem welt- 
geschichtlichen Stromen, so dafi in dem, was uns dichterisch-kiinst- 
lerisch entgegentritt, wirklich das Streben lebt, das als geistige 
Stromungen das Weltenwerden durchschwirrt und durchwirkt. 

Ich habe das letzte Mai, als wir hier beisammen waren am letzten 
Dienstag, darauf hinweisen miissen: Was wiirde aus der Fort- 
entwickelung der Menschheit auf der Erde, wenn kein geistiger, 
kein spiritueller Einschlag sich hineinfinden konnte in dasjenige, 
was sozusagen durch das rein aufiere physische Dasein veranlagt ist ? 
Und nicht nur auf dem aufieren Gebiete des Wissens, der Wissen- 
schaft, des sozialen Lebens und so weiter, sondern auch auf den 
Gebieten der Kunst tritt uns stark entgegen, dafi wir in einer kri- 
tischen Zeit leben, insofern als eine Krisis sich vollzieht, nicht in 
dem Sinne, wie das Wort «Kritik», das mit Krisis auch zusammen- 
hangt, in der Zwergenliteratur der Gegenwart verwendet wird. 
Denn wenn nicht das Lebendige der Geisteswissenschaft das 
menschliche Seelenleben erfafit, mufi die Kunst, die ohne Geist nicht 
sein kann, der Menschheit verloren gehen, mufi verschwinden in der 
Art, wie sie noch heriibertont von Gestalten wie Wilhelm Jordan, 
und wie sie festgehalten zu werden versucht wird von Gestalten wie 
Friedrich Lienhard. Heute sehen die Menschen noch nicht diese 
drohende Gef ahr des kiinstlerischen Niederganges ein, weil in vieler 
Beziehung auch auf diesem Gebiete jener Rausch waltet und jenes 
Traumleben, von dem ich am letzten Dienstag hier gesprochen habe, 
obwohl man heute schon vieles sehen konnte, wenn man nur Auf fas- 
sungs-Organe dafiir hatte. Wiinschen mochte man, dafi immer mehr 
und mehr Leute gerade aus einem geisteswissenschaf tlichen Empfin- 
den heraus einsehen wiirden, was es eigentlich heifit f iir die Gegenwart, 
dafi eine noch vor verhaltnismafiig kurzer Zeit wirklich vorhandene 
Kunst, die Schauspielkunst, versumpft und verdirbt in demjenigen, 
was der Gegensatz von allem kiinstlerischen Sinn ist. Der Rein- 



hardtianismus ist Vorzeichen von dem, wozu Kunst verkommen wird, 
wenn es nichts weiter geben wird als jenes Sichabkehren von allem 
geistigen Leben und geistigen Empfinden, das immer mehr und mehr 
urn sich greift. Zu den traurigsten Erscheinungen der Gegenwart ge- 
hort es, dafi eine grofiere Anzahl von Menschen sich heute finden 
kann, die iiberhaupt solche Gaukelei, wie der Reinhardtianismus ist, 
noch als Kunst anzusprechen vermogen. 

Um hier au£ diesem Gebiete klar zu sehen, dazu gehort heute 
schon jener starke Impuls, der aus dem von der Geisteswissenschaft 
entflammten kunstlerischen Empfinden heraus kommen kann. Denn 
dasjenige, was heute gerade modernes Leben auf kiinstlerischem 
Gebiete genannt wird, das ist vielfach nichts anderes, als ein wirres 
Taumeln durch die Welt. Wenn man nur versucht, wirklich das 
Leben der Gegenwart zu erfassen, kann man schon, ich mochte sa- 
gen, die Stelle bezeichnen, wo heute hineinplumpst das vom Mate- 
rialismus ganz zerfressene Leben gerade in das Sumpfgebiet der 
Kunst, oder, von der anderen Seite angesehen, in das Vergessen alles 
desjenigen, was Kunst eigentlich ist. Denn damit wirklicher kiinst- 
lerischer Sinn in der Entwickelung der Menschheit fortgepflanzt 
werden kann, dazu ist notwendig, dafi dasjenige, was von friiher 
gekommen ist, was zum Beispiel auch in Lienhards Dichtungen lebt 
und was in einer gewissen Weise eine Art von Natur-Pantheismus 
und Geistes-Pantheismus ist, ins Konkrete hinein sich entwickeln 
kann, dafi die Menschen verstehen lernen die Mannigf altigkeit des 
Lebens so, dafi sie sehen neben dem Sinnlichen das Atherische und 
das Astralische und das Geistige. Denn ohne dieses Sehen bleibt die 
Menschheit blind, blind gerade in bezug auf das Kiinstlerische. Und 
die Welt veranlagt sich, konnte man sagen, gerade in bezug auf die 
kiinstlerische Anschauung dazu, nur noch das ganz derbe aufiere 
Sinnliche zu nehmen und dieses anzuschauen, wie es ist, und es un- 
mittelbar zu beschreiben. 

Nun ist es allerdings kaum moglich, solche Beschreibungen oder 
solche Nachbildungen anders zu geben als dadurch, dafi etwas auf- 
tritt, was, ich mochte sagen, Unklarheit in bezug auf die Erfassung 
des Lebens ist, Rausch- und Traumzustande, in denen man im 



Grunde genommen nirgends weifi, was man eigentlich vor sich hat. 
Und so kann man es denn erleben, dafi gerade dieses unsinnige, un- 
klare Taumeln gegeniiber den Erscheinungen des Lebens heute viel- 
fach feine Psychologie genannt und als feine Psychologie angesehen 
wird. Und das Herz tut einem so oftmals weh, wenn man sieht, dafi 
so wenig Menschen geeignet sind, auf diesem Gebiete stark genug 
zu empfinden, und dagegen irgendwie sich aufzulehnen. Sehen wir 
uns Menschen an, wie sie uns entgegentreten dann, wenn wir sie 
anblicken — und der Kunstler mufi sie ja anblicken sehend, indem er 
sie hineinstellen kann in das tiefere Leben der Welt — mit den- 
jenigen Seelenorganen, die schon einmal die Entwickelungs- 
geschichte der Menschheit an den Tag gebracht hat, so brauchen 
wir die Mdglichkeit, zu sagen: Da ist ein Mensch, der ist so und so 
geartet, der erlebt dies oder jenes, weil wir wissen, dieser ist mehr 
in dem physischen Leib steckend, ein anderer steckt mehr in dem 
Ich, ein anderer mehr in dem astralischen Leib. Und wir miissen ein 
lebendiges Gefuhl davon haben, wie sich die Charaktere der Men- 
schen verteilen, indem der eine mehr vom Physischen, der andere 
mehr vom Atherischen, mehr vom Astralischen, mehr vom Ichlichen 
ergriffen wird. Und wenn man das in der Gegenwart nicht kann, 
und will die Menschen etwa in der Dichtung kunstlerisch beschrei- 
ben, so kommt eben das Taumeln heraus, das heute vielfach als 
Kunst genommen wird. 

Sehen Sie, man mufi schon, ich mochte sagen, an den bedeuten- 
deren Erscheinungen die Sache anfassen, damit ein Verstandnis er- 
weckt werden kann von dem, was eigentlich ist. Es kdnnen einem 
vier Menschen entgegentreten, die, sagen wir, irgendwie durch das 
Karma zusammengestellt sind. Wenn vier Menschen zusammen- 
gestellt sind, kann man verstehen, wie sie durch das Karma mitein- 
ander in bestimmte Beziehungen gebracht sind, wie aber auch der 
Strom des Karma im Weltenlauf e verfiiefit und wie diese Menschen 
gerade in einer bestimmten Weise durch ihr Karma sich haben hin- 
einstellen wollen in die Welt. Man wird niemals etwas verstehen 
von Standpunkten, die heute moglich sind, wenn man solche kar- 
mischen Zusammenhange nicht in der Welt zu sehen vermag. 



Nun, nehmen Sie einmal die vier Briider Dmitri, Iwan, Aljoscha 
Karamasow undSmerdjakow in Dosto]ewskis «BriiderKaramasow». 
Sie haben in diesen vier Briidern Karamasow, wenn Sie mit see- 
lischem Auge sehen konnen, wirklich vier Typen, die Sie nur ver- 
stehen konnen in der Art und Weise, wie sie durch das Karma zu- 
sammengetragen sind, so dafi man weifi: Da tragt ein Strom des 
Karma vier Briider in die Welt herein so, dafi sie Sonne sein miis- 
sen eines typischen Lumpen der Gegenwart, aus einem der sumpfig- 
sten Milieus, der diese vier Briider zu seinen Sohnen hat. Da wer- 
den sie hereingetragen, indem sie sich gerade dieses Karma aus- 
wahlen. Da werden sie aber auch nebeneinander gestellt, so dafi man 
sieht, wie sie sich unterscheiden. So kann man sie nur begreifen, 
wenn man weifi: In dem einen iiberwiegt das Ich, in Dmitri 
Karamasow; in einem zweiten iiberwiegt der astralische Leib, in 
Aljoscha Karamasow; bei dem dritten iiberwiegt der Atherleib, in 
Iwan Karamasow; bei dem vierten, in Smerdjakow, iiberwiegt ganz 
der physische Leib. Und ein Licht von Lebensverstandnis fallt auf 
die vier Briider, wenn man sie von diesem Standpunkte aus betrach- 
ten kann. Und nun denken Sie sich, wie ein Dichter von Wilhelm 
Jordans Gaben, und mit einer geistigen Weltauffassung, wie es 
heute zeitgemafi sein miifite, solche vier Briider nebeneinander Snel- 
len wiirde: Wie es ihm gelingen wiirde, sie in ihren geistigen 
Grundlagen und Grundbedingungen zu begreifen! Dostojewski — 
was begreif t er ? Er begreif t nichts anderes, als dafi er diese vier Brii- 
der hinstellt als die Sohne eines ganz typischen versoffenen Lumpen 
einer gewissen versumpften Gesellschaft der Gegenwart: Den ersten 
Sohn, Dmitri, als den Sohn einer halb abenteuernden, halb hyste- 
rischen Personlichkeit, die aber, nachdem sie zuerst durchgegangen 
ist mit dem versoffenen alten Karamasow, ihn verpriigelt, es endlich 
nicht bei ihm aushalt und ihm nur den Sohn zuriicklafit, den alter en, 
Dmitri. Alles ist nur auf die Vererbung gestellt mit der versoffenen 
und der verprugelnden Person, alles ist, ich mochte sagen, so gestellt, 
dafi man den Eindruck hat: Hier schildert der Dichter so wie etwa 
der moderne Psychiater, der nur auf das Allergrobste des Ver- 
erbungsprinzips sieht und keine Ahnung hat von den geistigen Be- 



dingungen, und auch «erbliche Belastung» vor unsere Seele hinbrin- 
gen wiirde, dieses Tropf-Wort — ich meine nicht ein Wort, das 
tropft, sondern das von Tropfen ersonnen worden ist im heutigen 
wissenschaftlichen Zusammenhange — . Dann haben wir die zwei 
nachsten Sonne: Iwan und Aljoscha. Sie sind von einer zweiten Frau, 
denn selbstverstandlich mufi die «erbliche Belastung» anders wir- 
ken bei diesen zwei Sohnen. Sie sind von der sogenannten Schrei- 
Lise, weil sie nicht halb, sondern ganz hysterisch ist und fortwah- 
rend Schreikrampfe bekommt. Wahrend die friihere den alten Sau- 
£er durchgepriigelt hat, pnigelt der alte Saufer jetzt die Schrei-Lise 
durch. Der vierte Sohn, bei dem, ich mochte sagen, iiberwiegt alles 
dasjenige, was im physischen Leib steckt, ist Smerdjakow, eine Art 
Gemisch von weisem, bescheidenem und idiotischem Menschen, von 
ganz blodsinnigem und zum Teil auch ganz klugem Menschen. Der 
ist nun auch der Sohn des alten Saufers, des typischen Lumpen, aber 
mit einer stummen Person, die herumgeht in dem Orte, ein Dorf- 
trottel, die die stinkende Lisaweta genannt wird und die vergewal- 
tigt wird von dem alten Saufer. Sie stirbt bei der Geburt. Man weifi 
selbstverstandlich nicht, dafi es sein Sohn ist. Smerdjakow bleibt 
dann im Hause. Und nun spielen all die Szenen, die sich abspielen 
sollen, sich ab zwischen diesen Personlichkeiten. Und Dmitri wird, 
durch «erbliche Belastung» selbstverstandlich, ein Mensch, bei dem 
das ganz unterbewufite Ich stiirmt und flutet und ihn im Leben 
weitertreibt, so dafi er uberall aus dem Unbewufiten, aus der Be- 
sinnungslosigkeit heraus in das Leben taumelt, und er wird uns 
auch so gezeichnet, dafi man im Grande genommen es nicht zu tun 
hat mit einer gesunden, geistigen, sondern mit einer hysterischen 
Kunst. Aber es ist das mit aus der naturgemafien Entwickelung der 
Gegenwart heraus, jener Gegenwart, die sich nicht beeinflussen und 
befruchten lassen will von demjenigen, was von einer geistigen 
Weltauffassung kommen kann. Alles dasjenige, was nicht recht 
weifi, was es will, unklare Instinkte, die ebensogut zur besten Mystik 
sich entfalten konnen wie zum aufiersten Verbrechertum, ja, von 
dem einen zu dem anderen leicht den Ubergang finden aus dem 
Unbewufiten heraus, all das gibt gewissermafien Dostojewski in 



Dmitri Iwanowitsch Karamasow. Einen Russen will er schildern; 
denn immer will er wahres Russentum schildern. 

Iwan, der andere Sohn, der nachste, der ist ein Westler. Westler 
nennt man diejenigen, welche mehr mit der Kultur des Westens 
bekannt geworden sind, wahrend Dmitri nichts weifi von der Kultur 
des Westens, sondern ganz aus den russischen Instinkten heraus 
wirkt. Iwan war in Paris, hat allerlei studiert, hat die westliche 
Weltanschauung aufgenommen, diskutiert mit den Leuten — so will 
ihn uns Dostojewski zeigen — nun ganz erfiillt mit den Ideen der 
materialistischen Weltanschauung des Westens, aber mit der Grii- 
belei des Russen. Er diskutiert mit den Menschen dariiber, indem 
sich der Nebel der Instinkte hineinmischt in allerlei Gedanken der mo- 
dernen geistigen Kultur. Er diskutiert: Soli man Atheist sein, soil 
man nicht Atheist sein, kann man einen Gott annehmen, kann man 
nicht einen Gott annehmen ? Dann kommt er dazu: Man kann doch 
einen Gott annehmen! Ja, den Gott akzeptiere ich — dafiir tritt er 
zuletzt ja ein, den Gott anzunehmen — , aber die Welt kann ich nicht 
akzeptieren ! Wenn ich schon den Gott akzeptiere, so kann ich nicht 
die Welt akzeptieren, denn diese Welt, wie sie da ist, wie sie auf> 
tritt, die kann nicht von Gott erschaffen sein. Ich nehme den Gott 
an, ich nehme aber nicht die Welt an! So gehen seine Diskus- 
sionen. 

Der dritte, Aljoscha, wird fruh Klosterbruder. Es ist derjenige, in 
dem der astralische Leib iiberwiegt. Aber es wird uns auch ange- 
zeigt, wie in ihm allerlei Instinkte wirken, auch durch die Mystik, 
die sich in ihm entwickelt, und wie er im Grunde genommen durch 
dieselben Instinkte, durch die sein alterer Bruder, Dmitri, der nur 
von einer anderen Mutter ist, eine eigentlich verbrecherisch veran- 
lagte Natur ist, die sich bei ihm anders ausbilden, dazu kommt, 
Mystiker zu sein. Verbrechertum ist nur eine besondere Ausgestal- 
tung derselben Instinkte, die auf der anderen Seite das Sichwund- 
beten und das Glauben an die gottliche Liebe, die alle Welt durch- 
zieht, hervorrufen, denn beides kommt aus dem Niederen, aus den 
unteren Instinkten der Menschennatur, bildet sich nur nach ver- 
schiedener Weise aus. 



Es ist selbstverstandlich nicht das Geringste dagegen einzuwen- 
den, auch solche Gestalten in der Kunst zu verwenden, denn alles, 
was in der Wirklichkeit ist, kann Gegenstand der Kunst werden. 
Aber auf das Wie kommt es an, nicht auf das Was, sie miissen dann 
durchdrungen sein von dem Weben und Wesen des Geistigen. 
Durch die eigentiimlichen Verhaltnisse, die ich oftmals hier beson- 
ders in bezug auf die russische Kultur auseinandergesetzt habe, hat 
sich gerade in Dostojewski dasjenige zum Ausdruck gebracht, was 
die Menschheitsentwickelung sein mufi, wenn im russischen Leben 
noch Spiritualitat walten wird rein durch das Fortentwickeln der 
natiirlichen Verhaltnisse, wie ich es neulich im Gegensatz stellte zu 
den spirituellen Verhaltnissen. Dostojewski war ja vom Anfange an 
der inkarnierte Deutschenhasser, der es sich instinktiv zur Aufgabe 
gemacht hat, nur ja nichts in seine Seele hereinflieflen zu lassen von 
westeuropaischer Kultur, der nur dabei stehen bleiben wollte, im 
Taumel die Weltengestalten zu erfassen, die an ihm voriiberzogen, 
und der sorgfaltig vermied, irgend etwas Spirituelles in dem phy- 
sischen Menschengewoge zu schauen, das vor seiner Seele auf und 
ab wogte, und der, statt aus den Tiefen des Seelischen heraus die 
Gestalten zu fassen, sie aus den Untergriinden der rein physischen 
Natur, die bei ihm selber krankhaft war, herausbrachte. Und das 
wirkte dann auf die Menschen, die vergessen hatten die Moglich- 
keit, heraufzukommen in das Geistige. Das wirkte auf die Men- 
schen, daft noch eine Natur ihr, ich mochte sagen, krankhaftes Bro- 
deln und Kochen, das in den Eingeweiden des Menschen wirkt, um- 
zugestalten in der Lage war in der Kunst mit Ausschlufi alles Gei- 
stigen. Das wirkte. Sonst wiirde natiirlich die blofie Schilderung 
eben eine Schilderung, eine Beschreibung sein, wiirde strohern und 
holzern sein. Aber dadurch, dafi es aus einem Unterbewufitsein, das 
krankhaft, das hysterisch wirkt, heraus kommt, dadurch ist es inter- 
essant geworden, sogar in vieler Beziehung sehr interessant, nament- 
lich durch jene Paradoxic, welche herauskommt, wenn man sich 
ohne einen Funken von spirituellem Leben, ich mochte sagen, mit 
Gemiit, denn das ist ja bei Dostojewski in hochstem Mafie vorhan- 
den, iiberlaflt dem blofl physischen Dasein der Welt. 



Und so ist denn in «Die Briider Karamasow» hineinverwoben 
jene merkwiirdige Episode von dem Grofiinquisitor, der uns vorge- 
stellt wird so, dafi vor ihm der wiederverkorperte Christus auftritt, 
so dafi also einem Grofiinquisitor — es wird das so dargestellt, dafi 
Iwan Karamasow diese Novelle geschrieben hat, und sie wird dann 
eingefiigt in die «Briider Karamasow» — , dem rechten Mann des 
orthodoxen Christentums seiner Zeit, denn er weifi, was im Christen- 
tum webt und lebt fur seine Zeit, der wiederverkorperte Christus 
gegeniibertritt. Nun denken Sie sich den Mann des Christentums, 
den rechten Mann der Orthodoxie, dem wiederverkorperten Christus 
selber gegeniiberstehend. Was kann er anderes tun, der Grofiinqui- 
sitor, der das «rechte» Christentum vertritt, als selbstverstandlich 
den Christus, der wiederverkorpert auftritt, einsperren zu lassen! 
Das ist das erste, das er tut. Dann hat er Inquisition zu iiben, er hat 
ihn zu verhoren. Es stellt sich auch heraus, dafi der Grofiinquisitor, 
der die Religion im rechten Sinne vertritt, der weifi, was dem 
Christentum nottut in unserer Zeit, erkennt: Es ist der Christus 
wiedergekommen. Da sagt er: Ja, du bist wohl der Christus - ich 
kann das nur ungefahr darstellen — , aber in die Angelegenheit des 
Christentums, die wir zu vertreten haben, hast du jetzt nicht hinein- 
zureden, davon verstehst du jetzt ganz und gar nichts. Dasjenige, 
was du geleistet hast: Hat es den Menschen irgend etwas gebracht, 
was sie gliicklich gemacht hatte ? Wir mufiten erst aus dem, was du 
in solcher Einseitigkeit, in solch unpraktischer Art an die Menschen 
herangebracht hast, das Rechte machen. Wiirde nur dein Christen- 
tum unter die Menschen gekommen sein, dann wiirden die Men- 
schen nicht jenes Heil in dem Christentum gefunden haben, das wir 
ihnen gebracht haben. Denn man braucht, wenn man den Menschen 
wirklich Heil bringen will, eine Lehre, die auf den Menschen wirkt. 
Du hast geglaubt, dafi die Lehre auch wahr sein mufi. Mit solchen 
Dingen kann man aber den Menschen gegemiber nichts anfangen. 
Vor alien Dingen kommt es darauf an, dafi die Menschen die Lehre 
glauben, dafi sie ihnen so gegeben wird, dafi sie gezwungen werden 
zu glauben. Autoritat haben wir begriindet. 

Ja, es blieb wirklich nichts anderes iibrig, als den wiederverkor- 



perten Christus der Inquisition zu iiberliefern. Denn man kann doch 
in dem Christentum, das der Grofiinquisitor vertritt, den Christus 
nicht brauchen, wenn er sich unseligerweise wieder darin verkor- 
pern sollte, nicht wahr ? Es ist eine grandiose Idee, noch grandioser 
ausgefuhrt. Aber sie ist hineingestellt in eine Dichtung, die nur eine 
hysterische Wiedergabe des Wirklichen ist, so dafi nichts dabei her- 
auskommt von den grofien Impulsen, die durch das Weltengesche- 
hen gehen, dafi gar nichts anschaulich wird von irgend etwas Spiri- 
tuellem bei Dostojewski, sondern nur jene Aufierlichkeit des Chri- 
stus wiederverkorpert da auftritt und von dem Grofiinquisitor ge- 
wissermafien zerschmettert wird. 

Mit vielen anderen Dingen sind solche Dinge verwandt, und ich 
mochte sagen: Es gehort sich fiir diejenigen, die Geisteswissenschaft 
in ihrem Nerv verstehen wollen, diese Verwandtschaft zu fiihlen, 
nicht allzuleicht die Dinge des Lebens zu nehmen. Nicht wahr, 
wozu wir es gebracht haben, das kann ja durch mancherlei charak- 
terisiert werden. Man braucht zum Beispel nur an zwei Biicher zu 
denken, die vor gar nicht allzu langer Zeit erschienen sind, wovon 
das eine heifit: « Jesus, eine psycho-pathologische Studie», und das 
andere: «Jesus Christus vom psychiatrischen Standpunkte aus be- 
trachtet». Da wird dasjenige, was in den Evangelien stent, so be- 
trachtet, dafi es hingeschleppt wird vor die Aufstellungen des 
Psychiaters der Gegenwart und nachgesehen wird, wie man die ein- 
zelnen Evangelien-Stellen, namentlich die Worte des Christus Jesus 
selber, dadurch erklaren kann, dafi man eben den pathologischen 
Zustand dieser Personlichkeit, die da am Ausgangspunkt der neue- 
ren Entwickelung gestanden hat, die krankhafte Psyche des Christus 
Jesus ins Auge fafit. Der Irrenarzt, der Christus als einen abnormen 
Menschen priift nach den Regeln der modernen Psychiatrie — er ist 
schon da ! Es gibt Biicher dariiber. 

Mit diesen Erscheinungen sollte man doch zusammenhalten das- 
jenige, was einem sonst auch vor die Seele geleitet werden konnte. 
Wie viele Menschen gibt es demgegeniiber, die den ganzen Sumpf , 
die ganze Verblodung einer solchen Geisteskultur wirklich fiihlen, 
so fiihlen, dafi sie sie bis in ihre einzelnen Verzweigungen hinein 



verfolgen wollen ? Mufi man es denn nicht immer wieder und wie- 
derum erleben: Da ist irgendwo ein grower Psychiater, die Leute 
laufen ihm zu. Er schreibt epochemachende Werke iiber die Psychia- 
trie, wird als ein grofier Psychiater angesehen. Schiiler oder Kol- 
legen von ihm sind es, in gar nicht weiter Abzweigung, die eine 
psychopathologische Studie nicht nur iiber Goethe, Schiller, 
Nietzsche und allerlei Leute, die irgendeine Bedeutung gehabt ha- 
ben und zur geschichtlichen Anerkennung gekommen sind, schrei- 
ben, sondern auch iiber den Christus Jesus selber! Und indem wir 
mit all der erheuchelten, ich will nicht sagen Ehrfurcht, mit all dem 
zwar nicht erheuchelten, aber gedankenlosen Autoritats-Glauben die 
Schwelle eines Psychiaters oder irgendeines anderen naturwissen- 
schaftlichen Weltanschauers iiberschreiten, bewegen wir uns in der- 
selben Stromung, die, zu einem Extrem, zu einer Karikatur ausgebil- 
det, die Welt in die Verblodung hineinfiihrt. Die Lebenszusammen- 
hange klar sehen zu wollen, das ist ja gewifi etwas, was auf der 
einen Seite, gegen die Bequemlichkeiten des Lebens gehalten, gerne 
gemieden wird, was aber notwendig ist, angef acht zu werden. 

Wir kommen wahrhaftig nicht dadurch vorwarts, dafi wir uns 
zusammensetzen und mit einer gewissen Sensationslust oder mysti- 
schen Schwarmerei Geisteswissenschaft auf uns wirken lassen, 
sondern dadurch kommen wir vorwarts, dafi diese Geisteswissen- 
schaft in uns lebendig wird, dafi wir das Leben nach dem betrachten 
lernen, was sie in uns an Impulsen wirken kann. Wir sind noch nicht 
Geisteswissenschafter dadurch, dafi wir uns jede Woche einmal das, 
was iiber Elementargeister, iiber Hierarchien und so weiter gesagt 
werden kann, wie einen kalten Schauer oder wie einen warmen 
Schauer — ich weifi nicht, wie das ist! — iiber den Riicken laufen 
lassen, sondern dadurch werden wir wirkliche Geisteswissenschafter, 
dafi die Dinge in uns lebendig werden, dafi wir sie in alle Einzel- 
heiten des Lebens hineintragen konnen und dafi wir wirklich auch 
soweit kommen konnen, dafi uns zum Beispiel vor dem Kunstsumpf 
der Gegenwart deshalb, weil wir Geisteswissenschafter sind, ekeln 
kann, wenn wir nicht etwa auf dem Standpunkt stehen, dafi wir ja 
als Theosophen verpflichtet sind, allgemeine Menschenliebe walten 



zu lassen und wir deshalb auch das Versumpfte und Schlechte 
selbstverstandlich nicht mit dem wahren Namen belegen diirfen. 

Es ist merkwiirdig, wie die Menschen ungeneigt sind in der Ge- 
genwart, wirklich die Augen aufzumachen. Freilich, es ist nicht im- 
mer die Schuld des einzelnen, sondern es ist die Schuld des ganzen 
geistigen Lebens der Gegenwart. Es wird dem einzelnen recht 
schwer gemacht, deutlich zu sehen, denn die ganze offentliche Er- 
ziehung geht vielfach darauf hin, solche Dinge, wie diejenigen sind, 
auf die sich gerade heute an diesem herausgerissenen episodischen 
Abend aufmerksam machen wollte, zu iibergehen. So wie man sonst 
sagt, man wird auf etwas gestofien, so werden Menschen gleichsam 
vorbeigezogen, nicht darauf gestofien, sondern weggezogen von den 
Dingen. Wir leben jetzt wirklich auch in dieser Beziehung in einer 
der grofiten Schulzeiten der Menschenentwickelung drinnen und 
diirfen nicht, ich mochte sagen, einfach unempindlich sein gegen- 
iiber der Schule, die wir in dieser Beziehung durchleben. Denken 
Sie doch nur einmal, wie man es zustande gebracht hat, vor kurzer 
Zeit noch alles, ich mochte sagen, durcheinander zu geniefien, ohne 
einzugehen auf die Art und Weise, wie sich die Menschen der heu- 
tigen Gegenwart gegemiberstehen. Zum Beispiel darf das Prinzip, 
dafi keine Unterschiede existieren, ja nicht dahin fiihren, wie ich 
schon einmal oder ofter gesagt habe, alle Differenzierungen zu ver 
wischen, alles unklar zu machen, so wie es von der Leiterin der 
«Theosophical Society» geschehen ist, die sich bemiiht hat, die Un- 
terschiede der verschiedenen Religionen moglichst auszuldschen, so 
dafi nur noch das Hindu -Wesen etwa in besonderer Glorie prangen 
konnte. Aber sonst hat sie die Sache ausgeloscht nach einer Logik, 
die ich ja ofter verglichen habe damit, dan einer sagt: Ich mufi alles 
dasjenige, was als Zutaten auf dem Tische steht, in glekher Weise 
als Zutaten behandeln und nicht auf die Unterschiede sehen. So 
wiirde dieses Verfahren, alle Religionen gleich zu behandeln, keinen 
Unterschied zwischen ihnen zu sehen, ebenso sein, wie wenn einer 
sagte: Salz ist ist eine Speisezutat, Zucker eine Speisezutat, Pfeffer 
auch, denn alles ist das gleiche, alles ist Speisezutat. Man soil nur 
versuchen, ob es das gleiche ist: man pfeffere sich den Kaffee und 



zuckere sich die Suppe und papriziere sich einmal die Torte oder 
sonst etwas! Dieselbe Logik liegt aber zugrunde auf jener Seite, es 
liegt zugrunde die Unfahigkeit, die konkrete Entwickelung zu sehen. 

Und so werden viele Dinge eben so genommen, dafi man auch 
schon alles tut, um, ich mochte sagen, die Menschen in einen Tau- 
mel, in einen Traum, in einen Rausch hineinzureiten. Man wird, 
wenn man solche Dinge sagt, nur allzu leicht mifiverstanden. Des- 
halb sage ich ausdriicklich: Jeder, der mich langere Zeit gehort 
hat, weifi, welche Grofie ich in Tolstoi sehe. Aber deshalb sollte nie- 
mals vergessen werden, wie in Tolstoi selbsrverstandlich etwas lebt, 
was nicht grau in grau neben das Westeuropaische hingestellt wer- 
den darf. Ich habe friiher of ter auf solche Unterschiede aufmerksam 
gemacht beiVortragen iiber Tolstoi. Man kann die Grofie eines Men- 
schen wie Tolstoi deshalb doch anerkennen und braucht nicht das 
etwa zu tun, was nun bei Tolstoi wirklich geschehen ist. Hatte man 
namlich Tolstoi einigermafien aufmerksam gelesen in der Zeit, wo 
er viel gelesen worden ist, namentlich wo seine umfassenden Werke, 
seine ersten grofien Kunstwerke gelesen worden sind, so hatte man 
vielleicht — vielleicht, sage ich — sich gesagt: Da haben wir einen 
grofien Geist des Ostens, der aber voller bittersten Hasses und voller 
Verachtung sogar vom Deutschtum spricht. — Man hat es nicht ge- 
tan, wie Sie wissen, man hat das gar nicht bemerkt. Warum nicht? 
Weil die ersten Ubersetzer Tolstois ins Deutsche diese Stellen weg- 
gelassen oder anders gestellt haben, so dafi, bis auf die Obersetzung, 
die dann Raphael Lowenfeld gemacht hat, die erst den richtigen 
Tolstoi gegeben hat, die aber zu spat kam, die deutsche Literatur 
einen gefalschten Tolstoi hatte. 

Es handelt sich darum, dafi man die Dinge wirklich weifi, oder 
aber nicht urteilt! Aber woriiber man urteilt, das sollte man wirklich 
kennen. Man braucht Tolstoi nicht zu uberschatzen. Man kann das- 
jenige, was er ist, gerade daraus herausfinden, dafi er erstens eine 
Grofie, zweitens eine Natur war, die ganz aus seinem Volkstum her- 
aus sich gebildet hat. Aber man sollte sich ganz klar sein daniber, 
dafi man nicht einfach dasjenige machen darf, was die Zwerg- 
Kritiker des verpesteten Journalismus der Gegenwart so sehr haufig 



tun, die, wahrend sie auf der einen Seite diesen oder jenen grofi nennen, 
meinetwillen den Goethe oder den Schiller, mit denselben Worten 
zum Beispiel Dostojewski grofi nennen, ohne dafi sie ein Gefiihl da- 
fiir hervorruf en, dafi gegeniiber, sagen wir, dem «Wilhelm Meister» 
oder den «Wahlverwandtschaften» oder audi nur gegeniiber sol- 
di en Dingen, wie sie Lienhard geschaffen hat, Dostojewski, selbst 
«Die Briider Karamasow», fur dasjenige, was wir als asthetische 
Prinzipien haben miissen aus friiherer Zeit, dennoch Hintertreppen- 
Literatur ist. Zum klaren, prazisen, konkreten Urteilen bringt es 
einen, wenn man hineinsieht in dasjenige, was ist, und wir leben 
heute in einer Zeit, wo wir unser Urteil scharfen miissen, wo wir 
hineinsehen miissen in dasjenige, was ist. Wir leben heute in einer 
Zeit, in der mit jedem Tage der Hafi der Volker gegeneinander 
grofier wird. Man sollte verstehen lernen, wenn man urteilen will, 
wie dieser Hafi sich herausentwickelte aus dem, was lange, lange 
da war. 

Das sind Dinge, die einmal ausgesprochen werden miissen, damit 
wirklich ein bifichen unter uns eine Empfindung entsteht dafiir, 
welche Bedeutung das geisteswissenschaftliche Streben haben sollte. 
Es kann immer wieder ein bitteres Gefiihl in einem hervorrufen, 
wenn einem jedes beliebige, manchmal torichte Wort, das da oder 
dort in einer Zeitung oder in einem Journal oder in einem Buche 
steht, gebracht und gesagt wird, wie da schon Theosophie waltet 
und so weiter, wahrend es gerade darauf ankame, allerdings ohne 
Fanatismus, das ganz Fundamentale, dasjenige, was Geisteswissen- 
schaft sein will, wirklich zu fassen, um es hineinstellen zu konnen in 
die Kultur der Gegenwart, einzusehen, wie wenig eigentlich der 
Mensch der Gegenwart dasjenige lieben kann, was Geisteswissen- 
schaft will, weil er auch nur die wenigen Schritte einf ach nicht auf- 
bringen kann, die manchmal notwendig werden, um herauszufinden 
aus der aufiersten Frivolitat, die heute vielfach das geistige Kultur- 
leben durchzieht. In ernster Stunde auch ernste Betrachtungen anzu- 
stellen, scheint doch vielleicht berechtigt zu sein. Denn welche 
Stunde der Weltgeschichte ware geeigneter, ernste Betrachtungen 
anzustellen, als diese Stunde heute, von der man sagen darf , dafi im 



Verlaufe der Menschheitsentwickelung sich nichts Schrecklicheres, 
Furchtbareres _ selbstverstandlich zugleich als Grofies, als Notwen- 
diges — entwickelt hat, welche Stunde sollte geeigneter sein, ernste 
Tone in unserer Seele zur Wirksamkeit zu bringen, als diese gegen- 
wartige Stunde! Man braucht sich ja nur vor Augen zu stellen, dafi 
Leute, die es wissen konnen, ausgerechnet haben, dafi bei einem 
einzigen grofieren Gefecht im Juni oder Juli des verflossenen Jahres 
im nordlichen Teile der Westf ront an einem Tag so viel Munition 
verschossen worden ist, als im ganzen deutsch-franzosischen Kriege 
1870/71 zusammen. Und wahrscheinlich ist bald der Zeitpunkt er- 
reicht — so urteilen einige Leute, die sachverstandig sind — , wo in die- 
sen gegenwartigen Verwickelungen der Welt so viel verschossen 
worden sein wird an Munition, wie in alien bisherigen Kriegen, seit 
mit Pulver geschossen wird, zusammen ! 

Es ist eine ernste Zeit, keine Zeit, die uns erlaubt, hinwegzugehen 
iiber dasjenige, was auch geistig als eine grofie Krise durch die gei- 
stige Entwickelung der Menschheit geht, so einschneidend, dafi es 
unverzeihlich ware, sich nicht in solch ernster Stunde die ganze Be- 
deutung desjenigen, was geschehen mufi fiir die Menschheits- 
entwickelung, vor Augen zu stellen, wenn man durch ein Nahe- 
kommen in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Lehren in der 
Lage ist, dies zu tun. 

Ich wollte dies als eine Art anthroposophisch-literarischer Be- 
trachtung noch an dieRezitationendes heutigen Abends anschliefien. 



ZWEITER VORTRAG 
Berlin, 7. Marz 1916 



Das geistig-seelische Wesen des Menschen 

Ich mochte heute, teils zuriickkommend auf manches in der letzten 
Zeit und ofter schon Besprochene, teils manches erweiternd, zu- 
nachst einzelne Ausfiihrungen machen iiber des Menschen Inneres, 
iiber des Menschen seelisch-geistiges Wesen. Sie wissen, wir spre- 
chen zunachst von demjenigen Gliede des inneren Menschen, das 
wir mit einem abstrakten Ausdrucke als den Atherleib bezeichnen. 
Und wahrend der physische Leib des Menschen fur die aufieren 
Sinne wahrnehmbar ist, fiir die aufiere Wissenschaft, die an den 
Verstand und ihre Beobachtungen gebunden ist, zuganglich ist, wis- 
sen wir, dafi der Atherleib ein Ubersinnliches ist. Ferner sprechen 
wir von dem nachsten Gliede der menschlichen Wesenheit als dem 
sogenannten astralischen Leibe. Wir erinnern uns, wie oft wir be- 
tont haben, dafi man ja nicht sagen kann als Mensch, das Innere des 
Menschen sei dem Menschen vollstandig unbekannt: der Mensch 
nimmt ja wahr in der physischen Welt innerhalb seines leiblichen 
Daseins sein Denken, sein Fiihlen, sein Wollen. Er erlebt es inner- 
lich, und er erlebt dieses Denken, Fiihlen und Wollen durchstrahlt, 
durchleuchtet von dem Ich. Man kann sagen, dieses Denken, Fiihlen 
und Wollen nimmt der Mensch innerlich wahr. Aber man kann doch 
nicht sagen — wie Sie sich allmahlich zu denken angeeignet haben 
werden — , dafi der Mensch seinen astralischen Leib wirklich wahr- 
nimmt. Und man kann auch nicht einmal sagen, dafi er sein Ich 
wirklich wahrnimmt. Denn dieses Ich — wir haben darauf gerade im 
Verlauf e der letzten Vortrage aufmerksam gemacht — , von dem der 
Mensch spricht, das mit jedem Einschlafen in die Unbewufitheit zu- 
riickfallt, ist nur ein Bild des wahren und wirklichen Ichs. So dafi 
also in einem gewissen Sinne schon geschlossen werden kann, dafi 
auch mit diesem Ich, mit dem Denken, Fiihlen und Wollen, in einer 
iihnlichen Weise nur ein Ausdruck, eine Offenbarung des eigent- 



lichen Inneren des Menschen gegeben ist, wie mit dem physischen 
Leibe eine Offenbamng, ein Ausdruck des Geistigen gegeben ist, 
desssen, was wir als den Atherleib bezeichnen. Nun, der Mensch ist 
selbstverstandlich froh, wenn er iiber irgendein Wissensgebiet so 
eine hiibsche Einteilung hat, die er so recht, man mochte sagen, in 
geistige Schachteln packen und aufbewahren kann. Daher sind 
manche so zufrieden, wenn sie nun das ganz aufierordentlich pha- 
nomenale Wissen haben, dafi der Mensch besteht aus dem phy- 
sischen Leib, dem Atherleib, dem astralischen Leib, dem Ich. Aber 
im Grunde genommen hat man — das ist ja auch schon oftmals hier 
betont worden — mit diesen vier Worten eben nicht viel mehr als 
Worte, nicht viel mehr als Ausdriicke hat man. Und wenn man zur 
wirklichen Betrachtung schreitet, dann mufi man in einer gewissen 
Weise immer iiberschreiten die Grenzen, die durch diese Ausdriicke 
so leicht festgesetzt werden. 

Gewifi, wenn man so im allgemeinen spricht, kann man sagen: 
Denken, Fiihlen und Wollen gehen im astralischen Leibe vor sich. 
Aber damit ist nur in einer recht einseitigen, recht abstrakten Weise 
die Tatsache des Denkens erschopft. So, wie wir als Menschen zu- 
nachst in der physischen Welt darinnen stehen, so ist allerdings der 
Impuls zu unserem Denken im astralischen Leibe, sogar im Ich, ge- 
geben. Aber das Denken entwickelt sich als Vorstellung, als Ge- 
danke nur dadurch, dafi wir den beweglichen Atherleib haben. Hier, 
als physische Menschen, wiirde unser ganzes Denken unbewufit 
bleiben, wenn nicht der astralische Leib seine Impulse, seine Denk- 
impulse in den Atherleib hinein senden wiirde und der Atherleib in 
seiner Beweglichkeit eben aufnehmen wiirde die Denkimpulse des 
astralischen Leibes. Und jeder Gedanke wiederum wiirde einfach 
voriibergehen, ohne dafi eine Erinnerung bliebe, wenn wir nicht 
einen physischen Leib hatten. Man kann nicht sagen, dafi der phy- 
sische Leib der Trager des Gedachtnisses ist; das ist schon der 
Atherleib. Aber fur uns Menschen im physischen Leibe wiirde das- 
jenige, was im Atherleib vorhanden bleibt von unserem Denken, 
verfliefien, wie die Traume verfliefien, wenn es sich nicht eingraben 
konnte in die physische Materie des physischen Leibes. So dafi un- 



sere Gedanken hier im physischen Leibe sich behaupten konnen da- 
durch, dafi wir eben diesen physischen Leib haben. 

Sie sehen also, was fiir ein komplizierter Prozefi dieses Denken 
eigentlich schon ist. Es hat seine Impulse im astralischen Leibe, 
eigentlich schon im Ich. Diese Impulse setzen sich als Krafte in den 
Atherleib hinein fort, rufen da die Gedanken hervor, und die Ge- 
danken graben wiederum ihre Spuren in den physischen Leib ein. 
Und dadurch, dafi sie eingegraben sind, konnen sie immer wiederum 
aus der Erinnerung wahrend des physischen Lebens herausgeholt 
werden. 

Nun betrachten Sie noch einmal dasjenige — wir haben ja schon 
von der Sache ofter hier gesprochen — , was eigentlich die Erinnerung 
fur den Menschen hier im physischen Leibe ist. Nicht wahr, der 
Mensch hat Erlebnisse. Diese Erlebnisse verarbeitet er. Er geht dann 
von diesen Erlebnissen hinweg. Es kommt eine Zeit, wo solche Er- 
lebnisse sich so verhalten konnen zu uns Menschen, als ob wir gar 
nichts von ihnen wiifiten, als ob sie in gar keinem Verhaltnisse mehr 
zu uns stiinden. Dann aber kommt wieder die Zeit, wo wir aus un- 
serm Innern die Vorstellungen an solche Erlebnisse heraufholen. 
Wir vergegenstandlichen uns dann in Erinnerungsform dasjenige, 
was wir erlebt haben. 

Nun sehen Sie, zunachst mufi der Mensch mit Recht glauben: 
Dieser Vorgang der Erinnerung gehort ihm, der gehort seiner Seele. 
Wenn wir als Mensch durch die Strafien gehen, in Gesellschaften 
gehen, kann uns ja keiner zunachst mit aufieren, physischen Sinnes- 
organen ansehen, was wir in uns fiir Erinnerungen bergen, das heifit 
was wir fiir Erlebnisse gehabt haben. Das tragen wir in unserer 
Seele. Ich mochte sagen, die Hiille des physischen Leibes, sie ist so 
da, dafi wir in unserer Seele verhiillt, wie in dem Mantel des phy- 
sischen Leibes, aufbewahren unsere Erinnerungen. Sie gehoren uns, 
und durch das ganze Leben hindurch arbeiten wir so an uns, Wir 
machen gewissermafien die Aufienwelt zu unserer inneren Welt. 
Wir tragen dann diese Aufienwelt in der Form der Erinnerungen 
mit uns durch das Dasein. Als unser ureigenstes Eigentum tragen 
wir diese Erinnerungen dahin. Nun ware es ein grofier Irrtum, wenn 



man glaubte, daft dieses Tragen der Erinnerungen durch das Leben 
wirklich schon den ganzen Vorgang umfafite. Das ist nicht der Fall. 
Es hat Darwin zum Beispiel mit Recht gefallen, einmal zu unter- 
suchen, ob denn solche Tiere wie die Regenwiirmer nicht eine be- 
sondere Aufgabe haben, und er hat gef unden, daft die Regenwiirmer 
nicht blofi da sind, um sich des Daseins zu erfreuen, sondern daft sie 
eine sehr bedeutende Aufgabe haben, indem sie zur Fruchtbarkeit 
des Bodens, den sie durchwuhlen, Wesentliches beitragen. Das sind 
so Dinge, die die Naturwissenschaft gewifi heute zugibt, und das 
ist ein Boden, au£ dem sich die Naturwissenschaft sicher glaubt. Die 
Naturwissenschaft soil dabei gar nicht getadelt werden, denn von 
der Naturwissenschaft ist es schon, wenn sie sich auf die einzelnen 
Dinge einlaftt. Nur baut man auch Weltanschauungen auf solche 
Dinge. Da muft dann selbstverstandlich der Spruch in Betracht ge- 
zogen werden von dem Mann, der gierig nach Schatzen grabt und 
froh ist, wenn er Regenwiirmer findet. Nun aber, ins Geistige ge- 
wandt, kann man fragen: Hat denn wirklich diese Tatigkeit des 
Menschen, durch die er sein ganzes Leben hindurch Erlebnisse zu 
Gedanken formt und in Erinnerungen bewahrt, fur das gesamte 
Weltall gar keine Bedeutung ? Ist dieser Erinnerungsvorgang wirk- 
lich nur ein Vorgang, der in uns sich abspielt? 

Der Materialist ist ja darauf angewiesen, zu sagen: Selbstverstand- 
lich ist das ein Vorgang, der sich nur in uns abspielt. Mit dem Tode 
legen wir unsern physischen Leib ins Grab, und dann ist es mit dem, 
was wir als Erinnerung bewahrt haben, selbsrverstandlich aus wie 
mit einer erloschenen Sache. Wir gehen jetzt nicht auf eine solche 
materialistische Erwiderung ein, wir haben das ofter getan, aber 
wir wollen auf etwas anderes eingehen. Wir wollen die Frage auf- 
werfen: Ist denn dieser unser Gedanken- und Erinnerungsvorgang 
nicht vielleicht noch etwas ganz, ganz anderes als das, was sich da 
in unserem Erinnern abspielt ? Und so ist es. Wahrend wir denken, 
wahrend wir uns aus den Erlebnissen Gedanken bilden und diese als 
Erinnerungen bewahren, wahrend dieser Zeit beschaf tigen wir uns 
nicht blofi mit unseren Gedanken, sondern mit unseren Gedanken 
beschaftigt sich die ganze Welt der Hierarchien, die wir als die 



dritte Hierarchie bezeichnen, als die Hierarchie der Angeloi, Archan- 
geloi, Archai. Wir denken nicht blofi fiir uns, wir denken und be- 
wahren unsere Gedanken in unserm Innern auf, damit ein Beta- 
tigungsfeld schaffend fiir Angeloi, Archangeloi, Archai. Wahrend 
wir glauben, unsere Gedanken lebten nur in uns, beschaftigen sich 
drei geistige Hierarchien mit unseren Gedanken. Das Wenigste von 
dem, was wir mit unseren Gedanken vornehmen, ist dasjenige, wor- 
auf es ankommt bei unseren Gedanken. Auch wahrend wir die Ge- 
danken vergessen haben, die wir spater wiederum aus der Erinne- 
rung hervorrufen, sind sie in uns. Und ebenso, wie wir uns als 
Menschen mit unseren Maschinen auf der Erde befassen oder mit 
Essen und Trinken, so beschaftigen sich Angeloi, Archangeloi und 
Archai mit einem Gewebe, das aus unseren Gedanken geflochten, 
gesponnen, gebildet wird; die arbeiten fortwahrend an diesen unse- 
ren Gedanken. Es ist also nur die uns zugewendete Seite der Gedan- 
kentatigkeit, von der wir wissen. Es gibt dazu eine uns abgewendete 
Seite, und diese uns abgewendete Seite sieht sich fiir das geistige 
Anschauen so an, dafi wir sehen: Wahrend wir da unsere Gedanken 
in unserem Innern haben, beschaftigen sich von aufien her die ge- 
nannten geistigen Wesenheiten mit unseren Gedanken und weben 
sie, so dafi wir, wenn wir diese Erkenntnis erlangen, uns sagen kon- 
nen: Unser Denkvorgang ist wahrhaftig nicht etwas Unnotiges in 
der Welt, unser Denkvorgang ist nicht etwas blofi fiir uns, unser 
Denkvorgang steht drinnen in der ganzen Weltenentwickelung und 
tragt bei, dafi Neues immerfort einverwoben wird der Welten- 
entwickelung. Wenn wir nicht als einzelner geboren waren, gedacht 
hatten, Erinnerungen bewahrt hatten, so wiirde bei unserem Tode 
das Stuck, das gewoben werden kann aus unseren Gedanken, das 
wir nicht selber weben, fiir die Weltenentwickelung verloren sein. 

Und wenn wir dann durch die Pforte des Todes gehen — den 
elementarischen Vorgang haben wir ja ofter beschrieben — , wir wis- 
sen: Unsern physischen Leib legen wir ab, der wird den Elementen 
der Erde auf irgendeine Weise iibergeben. Unser Atherleib bleibt 
uns noch eine kurze Zeit. Fiir unser Inneres stellt er sich zunachst 
so dar, dafi er ein grofies Lebenstableau vor uns aufrollt. Alles das- 



jenige, dessen wir sonst in der Zeit uns erinnern, das wird gleich- 
zeitig wie in einem gewaltigen Panorama um uns herum auf gestellt 
in einem machtigen Lebenstableau. Dann aber wird unser atherisches 
Wesen von uns losgelost, es wird gleichsam aus uns herausgezogen. 
Wer tut denn das? Ja, das tun schon die Wesenheiten der drei ge- 
nannten Hierarchien, und die weben es allmahlich dem Welten- 
ather ein, so daft dieses Gewebe des Weltenathers nach unserm 
Tode aus dem besteht, was wir wahrend unseres Lebens zwischen 
Geburt und Tod hinzugefiigt haben und was verarbeitet worden ist 
von den Wesen der drei nachsthoheren Hierarchien. Hinweggenom- 
men von uns wird also dasjenige, was wir so hinzuverwoben haben 
zu dem, was vor unserer Geburt noch nicht da war, und einverwoben 
wird es dem ganzen Weltall. Die Erkenntnis davon hat jeder 
Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Denn 
fur den Menschen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen 
ist, tritt ja jetzt etwas ein, was wir nicht anders bezeichnen konnen 
als mit den folgenden Worten. — Sehen Sie, der Atherleib des Men- 
schen ist losgelost worden von ihm, sein atherisches Gewebe ist dem 
allgemeinen Weltenather einverwoben worden, dasjenige, was er 
Zeit seines Lebens in sich getragen hat, das ist jetzt draufien; das ist 
wichtig. Und derjenige, der solche Dinge kennt, bezeichnet das mit 
einem kurzen Worte, das man sich immer wieder und wieder medi- 
tativ vor die Seele rufen soil, denn es bezeichnet kurz einen wich- 
tigen und wesen tlichen Vorgang. — Man kann sagen: Das Innerewird 
ein Aufteres, das heifit, dasjenige, was wir immer gefuhlt haben als 
ein Inneres, als unser Gedankenleben, wird ein Aufteres, wird Aufien- 
welt. So wahr uns hier umgeben Fliisse und Berge und Baume und 
Wolken und Sterne, so wahr tritt etwas ein nach unserem Tode, was 
man so charakterisieren kann: Das, was Zeit unseres physischen 
Lebens in uns gelebt hat, ist nun ein Stuck Aufienwelt geworden, so 
daft es von uns angeschaut werden, von uns betrachtet werden kann. 

Aber nun haben wir aufier diesem Atherleibe die Welt unseres 
astralischen Leibes. Die Welt unseres astralischen Leibes kommt uns 
zunachst so zum Bewufitsein, daft wir sie fiihlen als Denken. Aber 
das Denken habe ich ja gerade charakterisiert, das sendet seine Im- 



pulse in den Atherleib hinab, so dafi im astralischen Leib das Den- 
ken selber nicht bewufit werden kann. Erst das Fiihlen und Wollen 
kann im Astralleibe bewufit werden. Unser ganzes Leben fiihlen 
und wollen wir wiederum. Wir hegen iiber gewisse Erlebnisse ge- 
wisse Empfindungen. Das sind Vorgange in unserem astralischen 
Leibe. Das ist wiederum sein eigenartiges Weben, aber jetzt nicht 
ein Weben in Gedanken, wie ich es vorher beschrieben habe, son- 
dern ein Weben in Empfindungs- und Willensimpulsen, Antrieben 
zum Willen. Auch an dem, was wir das ganze Leben hindurch fiih- 
len und als Willensantriebe haben, auch daran arbeiten hohere 
Wesenheiten, auch das ist das Arbeitsfeld fur hohere Wesenheiten. 
Wie an unserem Denken die Wesenheiten der dritten Hierarchie 
arbeiten, so arbeiten an unserem Fiihlen und an unseren Willens- 
impulsen die Wesenheiten der zweiten Hierarchie, einschliefilich 
sogar der Throne. 

Denken Sie, wie wir in der Welt stehen, wenn wir diese Dinge 
wissen, wie wir uns hineinversetzt fiihlen in die geistige Welt. Wir 
sagen uns auf der einen Seite: Du Mensch, du gehst denkend durch 
die Welt, aber dein Denken, indem es dir seine innere Seite zuwen- 
det, das ist nur die eine Seite des Denkens. Dasjenige, was du 
denkst, ist Stoff fur die Arbeit der Angeloi, der Archangeloi, der 
Archai. Und indem wir fiihlen und wollen, schaffen wif Stoff fur 
die Geister der Form, die Geister der Bewegung, die Geister der 
Weisheit, die Throne oder Geister des Willens. Wie der Mensch 
die Erde umgrabt und bearbeitet und auch nicht weifi, wahrend er 
die Erde bearbeitet, dafi er nur die eine Seite bearbeitet, dafi dann 
an der anderen Seite wesentliche Vorgange sind, wie er mit dem 
normalen Bewufitsein das nicht weifi, so glaubt der Mensch, seine 
Gefiihle, seine Willensimpulse seien blofi seine eigenen. Aber ein 
Feld sind sie fiir die Arbeit der genannten Wesen der hoheren 
Hierarchie. Wir sind wahrhaftig nicht blofi als physischer Leib so 
da, dafi dieser unser physischer Leib mit der Umgebung in Verbin- 
dung steht, sondern wir sind auch als seelisch-geistiges Wesen so da, 
dafi dieses seelisch-geistige Wesen mit der Umgebung in Verbin- 
dung steht. Man denkt ja gewohnlich nicht daran, wie auch unser 



physischer Leib zu der ganzen Umgebung gehort. Aber das ist leicht 
vorzustellen. Nicht. wahr, in irgendeinem Augenblicke, wenn Sie 
sich selber sich korperlich vorstellen, so haben Sie nicht bloflKnochen, 
Blut und Muskeln und so weiter, sondern Sie haben auch einen 
gewissen Luf tstrom in sich, den Sie eben eingeatmet haben und den 
Sie gleich wieder ausatmen werden. Der gehort, wahrend Sie einge- 
atmet haben, 211 Ihnen. Der war im vorigen Augenblicke aufter Ihnen, 
im nachsten Augenblicke ist er wieder aufier Ihnen. Denken Sie sich 
ohne diesen Luf tstrom! Es ist unmogiich, sich ohne ihn zu denken, 
er gehort zu uns dazu. Es ist schon unsinnig, auch nur den phy- 
sischen Leib so zu denken, als ob er nur in der Haut eingeschlossen 
ware, wahrend er ja darauf angewiesen ist, mit der ganzen Luft- 
umgebung zu leben. Aber ebenso, wie wir durch unseren physischen 
Leib mit der Luftumgebung und mit der Warmeumgebung leben, 
ebenso leben wir durch unsere Gedanken mit der Umgebung der 
Hierarchie der dritten Ordnung, und wir leben durch unsere Gefiihle 
und unsere Willensimpulse mit den Wesenheiten der Hierarchie 
der zweiten Ordnung und mit den Geistern des Willens. So stehen 
wir im Weltenall drinnen. 

Wenden wir das wiederum an auf den Durchgang durch die 
Todespforte, dann konnen wir sagen: Wenn der Mensch durch die 
Todespforte durchgeht, so wissen wir, dafi, wenn sein atherischer 
Leib dann weggenommen ist von ihm, wenn die Einverwebung be- 
ginnt in den allgemeinen Weltenather, er ja dann sein physisches 
Leben in einer Zeit, die dreimal so schnell verlebt wird wie das 
physische Leben zwischen Geburt und Tod, zuriickzuleben hat, 
indem er die Wirkungen davon wahrnimmt. Also dasjenige, was wir 
in uns erlebt haben wahrend unseres physischen Lebens, das nehmen 
wir dann nicht wahr; das haben wir hier im physischen Leben wahr- 
genommen. Wenn wir jemandem eine Beleidigung zugefiigt haben: 
Das Gefuhl, aus dem wir die Beleidigung getan haben, das haben 
wir hier im physischen Leben durchlebt, das steht als Ursache da 
und tragt sich in das Karma ein. Was wir nicht erlebt haben hier im 
physischen Leben, das ist der Eindruck, den die Beleidigung auf die 
andere Seele gemacht hat. Wir erleben hier uberhaupt nicht das- 



jenige, was unsere Taten, unsere Handlungen, unsere Gedanken fiir 
Wirkungen in der aufieren Welt machen. Hier im physischen Leben 
erleben wir das nicht, das erleben wir jetzt bei der Riickwartswan- 
derung in der Zeit vom Tode bis zu der Geburt. Da leben wir alles, 
was draufien ist, durch, nicht so, wie es von uns erlebt worden ist, 
sondern so, wie es von der Aufienwelt erlebt worden ist, mit der wir 
zusammen waren. Wirklich alles dasjenige, was die Menschen emp- 
funden haben durch unsere Gedanken, durch unsere Worte, wir er- 
leben es durch. Und das ist deshalb, weil jetzt das Aufiere ein Inne- 
res werden mufi. Mit unseren Gedanken, haben wir sagen konnen, 
ist es so, dafi das Innere ein Aufieres wird. Bei diesem Leben jetzt 
ist es so, dafi das Aufiere, die Wirkungen unserer Gedanken, unserer 
Taten im Leben, ein Inneres wird, das heifit ein innerlich Erlebtes, 
ein vom Geistmenschen nach dem Tode Erlebtes. Denn er mufi sich 
ja jetzt in die Welt einleben, in der er unbewufit wahrend der Zeit 
seines Lebens lebt, indem er einen astralischen Leib hat und die 
Geister der zweiten Hierarchie an seinem astralischen Leibe arbei- 
ten, er mufi sich jetzt in die Welt einleben, in der es eben so zugeht, 
dafi sein astralischer Leib allmahlich sich auflost in dem Aufieren, 
aber er das Aufiere jetzt innerlich durchlebt, richtig innerlich durch- 
lebt. Er mufi lernen, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in 
der Sphare zu arbeiten, in der die Geister der zweiten Hierarchie 
arbeiten, in der sie dasjenige vorbereiten, was ihn dann wiederum zu 
einer neuen Inkarnation fuhren kann. Und dann, wissen wir ja, wird 
der astralische Leib nach einiger Zeit eben so, dafi er sich verfliich- 
tigt in die aufiere Welt und der Mensch mit seinem eigentlichen 
Inneren in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt weiterlebt. 

Nun, wenn wir verstehen wollen einiges von diesem Leben zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, so miissen wir immer viele 
Gesichtspunkte geltend machen. Das ist ja iiberhaupt unser Ziel, 
nicht einseitig zu sein, sondern viele Gesichtspunkte geltend zu ma- 
chen, so dafi allmahlich sich ein umfassendes Verstandnis dieser 
Vorgange eroffnen kann. Fassen Sie also ins Auge: So, wie der 
Mensch durch seine Geburt eintritt in die Naturvorgange, die um 
ihn herum vorgehen im Mineralreich, Pf lanzen-, Tierreich, so tritt er 



in die Welt ein, die um ihn vorgeht durch die Wesenheiten der ge- 
nannten Hierarchies Er ist gewissermafien eingefaltet in deren 
Tatigkeit, und dasjenige, was er ihnen mitgebracht hat, das weben 
sie zusammen, so dafi es die Grundlage werden kann zu seiner 
nachsten Inkarnation. 

Sehen Sie, auf diesem Gebiete ist es, ich mochte sagen, besonders 
schwierig, der Gegenwart richtige Begrif fe zu geben, aus Griinden, 
die ja auch schon ofter dargelegt worden sind. Die Gegenwart arbei- 
tet gerade mit den verkehrtesten Begriffen auf diesem Gebiete. 
Wenn ein Mensch durch die Geburt ins physische Dasein tritt, so 
tritt er ja mit gewissen Eigenschaften in dieses physische Dasein, 
Die Gegenwart bestrebt sich, blofi von Vererbung zu sprechen, und 
meint die physische Vererbung, und man spricht so von dieser phy- 
sischen Vererbung, dafi man sagt: Ein Mensch zeigt diese oder jene 
Eigenschaften, man mufi also diese oder jene Eigenschaften bei den 
Vorfahren suchen. Es gibt zum Beispiel heute ein sehr fleifiig gear- 
beitetes Buch iiber Goethe, worinnen Goethes Eigenschaften so dar- 
gestellt werden, dafi, soweit man nur hinaufgehen kann, man das 
eine, was er hatte, sucht bei diesen Vorfahren, das andere bei jenen 
Vorfahren, bei einer Ur-Urgrofimutter das, bei einem Ur-Urgrofi- 
vater jenes, und so habe sich alles vererbt. — Ich habe schon ofter 
gesagt: Eine Weisheit ist das, die man bildlich veranschaulichen 
kann dadurch, dafi man zeigt, wie billig sie eben zu haben ist. Denn 
es ist nicht gescheiter, zu sagen, dafi das Kind die Eigenschaften der 
Eltern hat, als zu sagen, dafi ein Mensch nafi ist, wenn er ins Wasser 
gefallen ist und herausgezogen wird. Er hat das Wasser selbstver- 
standlich an sich, wenn er herausgezogen wird. So hat er die Eigen- 
schaften seiner Vorfahren an sich, weil er durch sie seine Seele 
durchgeleitet hat. Es ist keine grofiere Weisheit darinnen. Und so 
auf Ursachen zuriickzuschliefien, das fur logisch zu erklaren, ist nun 
schliefilich das Allerunlogischste, das man nur irgendwie machen 
kann: Man will beweisen, dafi sich die seelisch-geistigen Eigenschaf- 
ten vererben, indem man zeigt, ein Genie wie Goethe habe die glei- 
chen Eigenschaften, wie seine Vorfahren sie gehabt haben. Aber, 
wie gesagt, das ist nicht gescheiter als die Behauptung, dafi ein 



Mensch nafi ist, wenn er ins Wasser gefallen ist. Beweisen, dafi das 
Genie und die genialischen Eigenschaften mitderVererbung etwas zu 
tun haben, wiirde man, wenn man die Nachkommen des Genies auf- 
weisen und an ihnen zeigen wiirde, wie sich die Eigenschaften des 
Genies auf die Nachkommen vererbt haben. Das wiirde ein Beweis 
sein. Das wird man aber wohl bleiben lassen. Man wird zum Bei- 
spiel nicht gerade darauf ausgehen, zu zeigen, wie sich in Goethes 
Sohn die genialischen Eigenschaften seines Vaters vererbt haben, 
nicht wahr? Gewifi, manchmal kann es ja vorkommen, daft man wie 
mit Fingern auf solche Dinge hindeutet. Es gibt da in der euro- 
paischen Welt gegenwartig einen Staatsmann, der der Sohn eines 
Vaters ist, der auch ein Staatsmann war. Da kann man sagen, da 
haben sich die genialischen Eigenschaften des Staatsmannes vom 
Vater auf den Sohn vererbt. Aber es konnte die Losung auch dar- 
innen bestehen, dafi sie alle beide keine Genies waren ! 

Der Sache selbst Hegt ein viel, viel tieferer Vorgang zugrunde. 
Sehen Sie, das wollen die Menschen ja durchaus nicht anerkennen 
in unserer Zeit, dafi dasjenige, was aufierlich geschieht, eben nur die 
Aufienseite zeigt von Vorgangen, die zugleich innerlich sind, von 
Vorgangen, die aus dem Geistigen herausfliefien. Und was gesagt 
werden soil, machen wir uns einmal durch folgenden hypothetischen 
Vergleich anschaulich. Nehmen wir an, es gabe Wesen, welche 
zwar einen gewissen Verstand hatten, aber keine Anlagen, die Men- 
schen zu sehen. Das ist selbstverstandlich durchaus eine Hypothese, 
aber Sie konnen ja einmal annehmen, dafi es Wesen gabe, die alles 
sehen, nur nicht Menschen. Solche Wesen sahen zum Beispiel 
Uhren. Also denken Sie sich einmal ein Wesen, das keinen Men- 
schen sieht und die Tatigkeit der Menschen nicht sieht, das wiirde 
durch Berlin gehen und sehen, wie iiberall Uhren entstehen wiirden. 
Das Wesen muSte sich selbstverstandlich sagen: Die Uhren ent- 
stehen ganz von selber. — Nicht gescheiter, als ein solches Wesen, das 
schliefien wiirde, die Uhren entstehen von selber, ist der Mensch, 
der sagt: Man braucht ja nicht weiter zu erklaren, warum Menschen 
physisch in die Welt hereinkommen, das geschieht ganz von selber 
im Laufe der Fortpflanzung, im Laufe der Generationen. — So kann 



nur gedacht werden, weil die Menschen nicht sehen, dafi das, was 
hier in der physischen Welt geschieht, nur der aufiere Ausdruck ist 
£iir eine Tatigkeit, die f ortwahrend aus der geistigen Welt herunter- 
fliefit, so wie die Tatigkeit der Uhrmacher in die Uhren hineinf liefit. 
Wenn es zum Beispiel eigens eine Wissenschaft gabe vielleicht der 
Maulwiirfe, so konnten diese schon zu der Anschauung kommen, 
dafi die Uhren von selber entstunden, wenn die Maulwiirfe so intel- 
ligent waren, die Uhren als so etwas anzusehen, was durch In- 
telligenz geschaffen ist. 

Dasjenige aber, was sich hier auf der Erde vollzieht, wovon die 
Menschen in ihrer Torheit glauben, es geschahe ganz von selbst, es 
sei nur ein aufierlicher physischer Vorgang, das wird dirigiert, ge- 
rade so wie die Uhrmachertatigkeit eine dirigierende ist, aus der gei- 
stigen Welt. Und wirklich, von dem Moment an, den ich im vierten 
Mysteriendrama genannt habe die Mitternachtsstunde des Daseins, 
von dem Moment an, der mitten drinnen eigentlich schon liegt zwi- 
schen dem Tod und einer neuen Geburt, von da ab beginnt bereits die 
Tatigkeit, von der geistigen Welt gewissermafien sich herabzunei- 
gen in die physische Welt, um nach Jahrhunderten den Menschen 
ins physische Dasein wieder zu geleiten. Wenn der Mensch durch 
die Pforte des Todes geht, ist zunachst die Tatigkeit, die in der gei- 
stigen Welt ausgeiibt wird, ein Verarbeiten desjenigen, was im letz- 
ten Leben hier vom Menschen erlebt, erarbeitet worden ist. Das ge- 
schieht so in der ersten Halfte. Aber von der Halfte des Lebens 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt an beginnt schon die 
Vorbereitung fur die nachste Inkarnation. Und nun ist es wirklich 
so, dafi man sich vorstellen kann: Derjenige, der geboren wird, hat 
Eltern, die Eltern haben wieder Eltern, diese Eltern haben wieder 
Eltern. Denken Sie sich, wie das durch die Breite hinaufgeht, wenn 
Sie durch dreifiig Generationen gehen. Aber wenn Sie so durch 
dreifiig Generationen hindurchgehen wiirden, so wiirden Sie finden, 
dafi gewissermafien in vielen Leuten schon die Tendenzen liegen, 
die zuletzt dazu f iihren, dafi der Mann A und die Frau B zusammen- 
gebracht werden, die dann einem Menschen das Dasein geben. Und 
wenn nicht das Ganze so stattgefunden hatte durch dreifiig Genera- 



tionen hindurch, wenn nicht da die Leute immer so geheiratet hat- 
ten, dafi zuletzt der A und die B zusammengekommen waren, so 
wiirde eben nicht jene Zweiheit sich ausgebildet haben, die dann der 
Mensch aufsuchen kann, der hinuntersteigt zu einer physischen 
Inkarnation. An diesem ganzen Zusammenwirken vieler Menschen, 
die zuletzt in den zweien ausgipfeln, da arbeitet schon die geistige 
Welt mit nach dem, was die einzelne Individualitat des Menschen 
ist. Wenn wir also sehen, dafi der Sohn die Eigenschaft seines 
Vaters, seiner Mutter hat, dann wiederum die Mutter und der Vater 
auf Eigenschaften zuruckfiihren von Grofivater und Grofimutter, 
Urgrofivater, Urgrofimutter und so weiter, so ist das deshalb, weil 
sich zu dem Ur-Ur-Urgrofivater und der Ur-Ur-Urgrofimutter, die 
dreifiig Generationen nach aufwarts, etwa schon niedergeneigt hat 
diejenige Individualitat, die dann sparer, nach Jahrhunderten, gebo- 
ren werden will und bestimmt hat den Plan, nach dem durch Gene- 
rationen hindurch die Menschen sich finden. Das wirkt alles schon 
mit. Und dafi da vererbte Ahnlichkeiten sind, das riihrt davon her, 
dafi durch dreifiig Generationen schon die Kraft herunterwirkt durch 
die geistige Welt, die zuletzt in einem bestimmten Menschen zum 
Vorschein kommen will; die wirkt schon in Vater, Mutter, Grofi- 
vater, Grofimutter, Urgrofivater, Urgrofimutter. Da wirkt sie schon 
immer und gibt einem zuletzt die Eigenschaften, die zum Vorschein 
kommen sollen. Nicht die physische Stromung macht die Vererbung, 
sondern der physischen Stromung wird die Vererbung auf diese Weise 
eingefiigt. Gerade dasUmgekehrte istwahrvon dem, was in bezug auf 
die physische Vererbung von der aufieren, sogenannten naturwissen- 
schaftlichen Weltanschauung behauptet wird. Darnit zuletzt Goethe 
zum Vorschein gekommen ist durch den Johann Kaspar Goethe und 
die Frau Rat Aja, wurden die Menschen immer schon von den 
Wesenheiten der zweiten Hierarchie durch dreifiig Generationen 
so zusammengefiihrt, dafi das zuletzt zu Goethe fiihren konnte. Das 
gilt natiirlich nicht nur fiir das Genie, das gilt fur jeden einzelnen. 
Sie konnen sagen: Das ist schwer vorzustellen, und Sie konnen 
auch fragen, wie vertragt sich das mit der menschlichen Freiheit, 
wenn da schon dreifiig Generationen, bevor wir herunterkommen, 



durchaus bestimmt werden, wie wir dann sein sollen? Ja, aber fur 
unsern Vater war es ebenso und fur die Grofivater ebenso! Und 
wenn das jemandem zu kompliziert ist zu denken, dann soil er nur 
sich noch dazudenken, dafi ihm dieses Denken eben fiir das normale 
Bewufitsein des Erdendaseins erspart geblieben ist, denn es ist nicht 
ihm iibertragen, sondern in Gemeinsamkeit mit den Geistern der 
Form, mit den Geistern der Bewegung und so weiter wird dieses be- 
wirkt, so dafi die Freiheit gar nicht beeintrachtigt wird. Da gehort 
natiirlich schon jene hohere Weisheit dazu, die diesen Hierarchien 
entspricht. Aber die Sache ist so. 

Und so wird zusammengearbeitet dasjenige, was wir als Gedan- 
ken dem Weltenather iibergeben konnen, mit dem, was wir in un- 
serem Gefiihls-, in unserem Willensleben ausleben wahrend unseres 
physischen Daseins. Wirklich, Geisteswissenschaft soli nicht blofi 
eine Summe von Wissen in uns anregen, sondern sie soil vor alien 
Dingen eine gewisse Gemutsstimmung hervorzubringen vermogen. 
Ich habe versucht, diese Gemiitsstimmung in den ersten Partien des 
zweiten Mysteriums anzudeuten, in der Begegnung zwischen 
Capesius und Benediktus, wie wirklich zu dem Ziele, dafi der Mensch 
hier als ganzes Menschenwesen auf der Erde leben kann, Gotter 
und Gotter, Geister und Geister zusammenwirken, dafi der Mensch 
fiir Gotter und Gotter, Geister und Geister ein Ziel ist. Dieses 
Gefiihl, ich mochte sagen der Dankbarkeit dem geistigen Universum 
gegeniiber, dieses Gefiihl, sich drinnen zu wissen im geistigen 
Universum, das mufi uns auch durch Geisteswissenschaft in unsere 
Seele hineinfliefien. Es mufi uns so natiirlich werden, wie dem Men- 
schen natiirlich ist, sich in Zusammenhang mit der physischen Welt 
zu wissen. Darauf achtet er ja gewohnlich nicht. Aber heute ist die 
Wissenschaft so weit, dafi jeder das Bewufitsein davon hat, dafi er 
die Luft braucht, also dafi er nicht blofi fur sich leben kann, sondern 
dafi er ein Glied in der ganzen Umgebung ist. Aber wenn er Hunger 
hat oder Durst hat, dann achtet er schon darauf, dafi die Aufienwelt 
seinem Dasein in physischer Weise notig ist, dafi er im Grunde ge- 
nommen in einem universellen Vorgange drinnen steht in der 
Aufienwelt. So aber steht auch der Mensch in einem universellen 



Vorgange in der geistigen Welt drinnen, und indem er zu denken 
vermag, steht er mit Angeloi, Archangeloi, Archai, indem er zu fiih- 
len und zu wollen versteht, mit der nachsthoheren Hierarchie in 
einem geistigen Zusammenhange. Wahrhaftig, so wie die Luf t, wie 
die Natur in seinen physischen Leib hereinstreicht, so wirken in sein 
Geistiges und in seine Seele hinein die Tatigkeiten der genannten 
Hierarchien. 

Die theoretischen Einwande, die von seiten unserer materialisti- 
stischen Gegenwart kommen, wir haben sie ja oftmals besprochen. 
Diese theoretischen Einwande, die sind eben durch Erkenntnis- 
betrachtungen und dergleichen aus dem Felde zu schlagen. Aber 
dann kommen ja die Materialisten sehr haufig noch mit der Praxis 
und sagen: Ja, mag es selbst richtig sein, daft es soldi eine geistige 
Welt gibt, was hilft es uns aber, von dieser geistigen Welt etwas zu 
wissen, auch wenn du schon sagst, daft das Denken, Fuhlen und 
Wollen mit den hoheren Hierarchien in Verbindung steht? Um zu 
denken, brauchen wir ja nichts zu wissen von diesen Hierarchien. 
Wir denken ja schon in der Welt, ohne daft wir etwas davon wissen. 
Der Mensch atmet ja auch, Gott sei Dank, denn wenn er hatte war- 
ten miissen, bis er den Vorgang des Atmens theoretisch ganz genau 
kennen gelernt hatte, konnte er heute noch immer nicht atmen, denn 
das, was er heute physikalisch, physioiogisch weifi vom Atmungs- 
prozefi, wiirde gar nicht ausreichen, um den Atmungsvorgang zu 
bewirken. Aber auch ohne daft man die «verschrobene Seite» hat — 
werden die Leute sagen — , denken kann man schon, ohne von irgend- 
welchen Hierarchien, die da mitarbeiten, etwas zu wissen. 

Wir aber stellen die Gegenfrage: Kann man wirklich denken, 
ohne daft man das hat ? — Gegenwartig, sehen Sie, arbeiten die Men- 
schen eben noch mit den Erbgiitern der alten Zeit, sie arbeiten wirk- 
lich mit dem, was sie geerbt haben, und damit haben sie mancherlei 
noch erfinden konnen, sogar so komplizierte Maschinen, wie man 
sie gegenwartig zum Menschentoten verwendet und so weiter. Aber 
das alles ist Erbgut noch aus einer fruheren Zeit. Schon daft es Erb- 
gut ist, wollen die Leute natiirlich nicht leicht zugeben, denn man- 
cher Mensch — es ist ja ganz merkwiirdig in dieser Beziehung — , 



der behauptet, dafi man es so herrlich weit gebracht habe, meint das 
im Grunde genommen doch nur deshalb, weil man eingesehen habe, 
dafi alles Denken in der fruheren Zeit kindisch war und die Men- 
schen jetzt sich bewufit geworden seien, wie man nikhtern, nicht 
mehr kindisch denkt. Man konnte heute wirklich schon rein aufier- 
lich, ich mochte sagen, sich iiberzeugen davon, dafi dies ein Unsinn 
ist, und dafi die Menschen dieses Denken, das sie jetzt haben, erst 
seit ein paar Jahrhunderten haben. 

Wir waren da neulich in Hamburg, haben ein Bild aus dem drei- 
zehnten, vierzehnten Jahrhundert gesehen von dem Meister Bertram. 
Ober dieses Bild mochte ich Ihnen das Folgende erzahlen. Gehen 
wir zuriick zu der biblischen Erzahlung vom Siindenfall, die wir in 
der Geisteswissenschaf t nennen die luziferische Versuchung. Wenn 
heute ein Maler der aufgeklarten Zeit den Siindenfall malt, so wird 
er Adam und Eva malen zu beiden Seiten des Baumes, und dann 
eine Schlange an den Baum malen, eine Schlange selbstverstandlich. 
Je nachdem er Impressionist oder Kubist oder Expressionist oder 
irgend ein anderer «Ist» ist, wird er sie mehr oder weniger scheufi- 
lich malen — schon malen, meine ich! Aber er wird eine Schlange 
so malen, wie eine Schlange ist, die im Grase kriecht. Nun ja, das ist 
Realismus. Ist es denn wirklich Realismus? Es ist nicht eigentlich 
Realismus; denn wie soli man denn als realistischer Mensch voraus- 
setzen, dafi diese Schlange, die da im Grase herumkriecht, es fertig 
gebracht habe, die Eva, mag sie noch so einfaltig gewesen sein — 
was sie gar nicht gewesen sein soil — , zu verfuhren? Ich denke, es 
gibt keine so einfaltige Frau, dafi sie sich von einer blofi im Grase 
schleichenden Schlange verfuhren lassen wiirde. Nicht wahr, das 
geht doch nicht! Also naturalistisch ist die Sache nicht gerade. Wir 
wissen aus unserer Geisteswissenschaft, dafi Luzifer ein Wesen ist, 
das auf der Mondenentwickelung stehen geblieben ist. Luzifer kann 
also selbstverstandlich, da wahrend der Mondenentwickelung noch 
nicht so gesehen worden ist wie hier wahrend der Erdenentwicke- 
lung, nicht mit physischem Auge gesehen werden. Das kann keine 
Schlange sein, die mit physischem Auge gesehen wird. Er mufi inner- 
lich gesehen werden, Luzifer. 



Sehen Sie, wenn wir den Menschen genauer studieren — Sie kon- 
nen es an jedem Skelett — , so gliedert sich deutlich schon das Skelett 
aus zwei Teilen: aus dem Schadel mit dem daran anhangenden 
Riickgrat — naturlich ist das nicht Skelett, es ist das Him darinnen, 
und das Riickenmark im Riickgrat — , und daran ist wie angehangt 
das andere des Menschen. Es ist ja wirklich kaum anders zu nennen 
als angehangt. Das ist aus dem Grunde — wir werden auch dariiber 
einmal ausfuhrlicher sprechen — , weil das, was wir als Haupt an uns 
tragen, wirklich ein sehr kompliziertes Gebilde ist. Das ist eine rich- 
tige kleine Weltkugel. Da mufi man auch sagen: Gott sei Dank, dafi 
der Mensch durch seine Weisheit nichts beizutragen hat zu der Ge- 
burt, und dafi dieses Haupt zustande kommen kann. Denn das 
wiirde schon ausschauen, wenn er durch seine jetzige Anatomie oder 
Physiologie irgend etwas dazu beitragen sollte, dafi dieser Wunder- 
bau des menschlichen Hauptes zustande komme. Das kommt auf 
ganz andere Weise zustande, es kommt dadurch zustande, dafi wah- 
rend der Zeit vom Tode bis zu einer neuen Geburt wie in einer ge- 
waltigen Sphare, die wir vergleichen konnen mit unserer blauen 
Himmelssphare, das, was in unserem Karma geschrieben ist, verwo- 
ben wird und eine ganze Anordnung getroffen wird, die dann, in- 
dem es gegen die Inkarnation zu geht, immer kleiner und kleiner 
wird und sich dann mit dem, was von der Mutter kommt, vereinigt. 
Aus dem ganzen Weltall heraus wird gewoben durch unzahlige 
Wesen vieler Hierarchien das, was dann unser Haupt wird, was eine 
Weisheit von ungeheuerster Grofie und ungeheuerstem Umfang in 
sich schliefit, eine Weisheit, die aufgebaut ist auf all den Erfahrun- 
gen, die durch Saturn, Sonne und Mond gewonnen worden ist. Und 
das, was daran hangt, das ist Erdenerzeugnis. Unser Haupt ist 
eigentlich Erbstiick von Saturn, Sonne und Mond. Die Erde mit 
ihren Kraften hat nur das zustande bringen konnen, was daran 
hangt. Der andere Mensch, nicht das Haupt mit dem Riickenmark, 
sondern was daran hangt, das ist eigentlich der Erdenmensch. 

Wie wird man denn nun, wenn man, innerlich geschaut, den 
Luzifer darstellen will, also eigentlich ein Mondenwesen darstellen 
miissen ? Man wird ein menschliches Haupt darzustellen haben und 



etwas wie schlangenformig daran hangend: das noch nicht ver- 
knocherte Riickgrat. So stellt jener Meister Bertram aus dem drei- 
zehnten, vierzehnten Jahrhundert den Luzifer dar auf dem Baum 
zwischen Adam und Eva. Im Hamburger Museum konnen Sie das 
Bild so dargestellt sehen. Wiirden die Menschen heute denken kon- 
nen, so wiirden sie sich sagen: Der Maler hat das gemalt, also war 
dazumal noch lebendig das Wissen von der geistigen Welt. Bis zu 
dem Wissen von der Gestalt des Luzifer war lebendig das Wissen 
von der geistigen Welt. 

So kurz ist es her, dafi das, was wir altererbtes, atavistisches Hell- 
sehen nennen, verloren gegangen ist fur die Menschen. Aber das 
Denken, das ist ja nicht sehr verbreitet heute. Autoritat gilt ja aller- 
dings heute als etwas, was nichts ist, Autoritatsgefuhl darf heute 
der freie Mensch nicht haben. Heute denkt man iiber alles nach, 
heute hat jeder seine eigenen Meinungen. Meist bedeutet allerdings 
die eigene Meinung haben nichts weiter, als dafi man vergessen hat, 
in welcher Broschiire oder gar in welcher Zeitung man die betref- 
fende Meinung gelesen hat, nicht wahr? Das hat man vergessen, 
und dann ist es eine eigene Meinung geworden, wenn man das ver- 
gessen hat. Wiirde man aber denken, wiirde man die Dinge zusam- 
menhalten, dann wiirde man aus einer solchen Tatsache, daft ein 
Maler des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts den Luzifer richtig 
malt, wissen, was die Menschen vor wenigen Jahrhunderten noch 
gewufit haben, und wie sie sich wiederum zu diesem Wissen hin- 
durchringen miissen. 

Ich mochte noch von einer anderen Seite das Thema betrachten, 
damit wir sehen, wie es mit der Behauptung der materialistisch ge- 
sinnten Menschheit sich verhalt, dafi man das alles nicht braucht, 
was da hereinkommt aus der geistigen Welt und sich unseres Den- 
kens und Fiihlens so bemachtigt, wie die Luft unseres Atmens, wie 
die Nahrung unseres Hungers und Durstes. Ja, wenn man durchaus 
diese Behauptung aufrecht erhalten will, dafi man das alles nicht 
braucht, dann konnte man sagen: Gerade unter dem Einflusse dieser 
Anschauungen sind ja gewisse materialistische Lehren heraufgezo- 
gen, die ganz unwiderleglich sind. Ofter schon habe ich den bedeu- 

a-i 



tenden Kriminal-Anthropologen Benedikt angefiihrt. Er war der 
erste, welcher Verbrechergehirne untersucht hat — nach dem Tode 
selbstverstandlich — , der Verbrechergehirne sezierte im Hinblick dar- 
auf , ob ein Zusammenhang besteht zwischen dem Bau des Gehirnes 
und den verbrecherischen Eigenschaf ten. Benedikt hat an den Ver- 
brechergehirnen etwas sehr Wichtiges gefunden, er hat gefunden, 
dafi sie alle eine gemeinschaf tliche Eigenschaf t haben, namlich einen 
zu kurzen Hinterhauptslappen, der das Kleinhirn nicht vollstan- 
dig bedeckt. Also stellen Sie sich vor, dafi die gemeinsame Eigen- 
schaf t der Verbrechergehirne ein zu kurzer Hinterhauptslappen ist — 
wie ihn die Affen auch haben — , der das Kleinhirn nicht bedeckt. 
Das ist aber eine Eigenschaf t, die ganz selbstverstandlich eine Eigen- 
schaft des physischen Leibes ist. Man mufi daraus notwendigerweise 
zu der Anschauung kommen: Es gibt zweierlei Menschen durch die 
Geburt. Die einen haben einen richtigen Hinterhauptslappen, der 
das Kleinhirn bedeckt, die anderen haben einen zu kurzen Hinter- 
hauptslappen. Diejenigen, die einen richtigen Hinterhauptslappen 
haben, werden keine Verbrecher; diejenigen, die einen zu kurzen 
Hinterhauptslappen haben, mussen Verbrecher werden, konnen gar 
nicht anders, als Verbrecher werden. 

Wird dieser Erkenntnis gegeniiber, gegen die gar niches einzuwen- 
den ist, denn sie ist absolut richtig, vom Standpunkt der materiali- 
stischen Weltanschauung, nicht all unser Reden von Moral eine 
Farce, ein Unsinn ? Konnen wir Menschen noch bestrafen, wenn wir 
uns sagen mussen: Die konnen, weil sie einen zu kurzen Hinter- 
hauptslappen haben, nicht anders als Verbrecher werden ? Sie sehen, 
wohin der Materialismus nach und nach ausarten mufi. Er mufi auch 
alles Geistige im sozialen, ethischen, im juristischen Leben aus- 
ioschen, oder er wird selbstverstandlich in einer fortwahrenden Luge 
arbeiten mussen. Denn gegen die Tatsache, die ich angefiihrt habe, 
ist nichts einzuwenden — so ist sie! Und fur denjenigen, der eben 
nicht eine geistige Weltanschauung zugibt, gibt es eben nichts als 
diese Tatsache. 

Nehmen wir jetzt dasjenige, was wir zu sagen haben. Gewifi, die 
Menschen werden so geboren, dafi es solche gibt mit richtigen 



Hinterhauptslappen und solche mit zu kurzen Hinterhauptslappen. 
Aber es ist ein Atherleib da, der in ganz anderer Weise ausgebildet 
werden kann und beweglicher ist als der physische Leib. Fur den 
Hinterhauptslappen des physischen Leibes ist der Hinterhauptslap- 
pen des Atherleibes da. Die Menschen der Zukunft werden lernen 
miissen zu unterscheiden zwischen Kindern, die einen zu kurzen 
Hinterhauptslappen und einen langen Hinterhauptslappen haben, 
und danach werden sie zu erziehen haben als Lehrer oder Erzieher. 
Sie werden wissen miissen, in welchen Eigenschaften ein zu kurzer 
Hinterhauptslappen in friihestem Kindesalter sich aufiert. Diese 
Kinder wird man so zu erziehen haben, daft auf sie gewirkt wird so, 
daft der Atherlappen entsprechenderweise stark sich ausbildet, daft 
ein Gegengewicht gebildet ist. Dann wird man dadurch, daft der 
Atherlappen sich stark ausbildet, den Schaden verhindern, den der 
physische Lappen anrichten kann, wenn er zu kurz ist. 

Wir sind eben noch nicht in das Zeitalter eingetreten, in welchem 
das alte Erbgut schon ganz verglommen ist; aber die Zeit wird 
kommen. Und wiirde Geisteswissenschaft nicht in die Gemiiter ein- 
dringen konnen, so wiirde es eben unbedingt dahin kommen, daft 
der Materialismus auch alle Moral, alle Ethik, alle Juristerei ergrei- 
fen miiftte, daft das Geistige iiberhaupt ausgeloscht werden miifite. 
Denn das wiirde allein konsequent sein. Zu dem, was kommen muft, 
kann man aber nur kommen, wenn man sich bewufit wird, daft, 
ebenso wie man die Luft einatmet, man auch braucht die Mitar- 
beiterschaft der geistigen Hierarchien bei demjenigen, was man den- 
ken, was man fiihlen will. Aber da kommen natiirlich unsere Zeit- 
genossen und sagen: Ja, wir konnen doch ganz gut denken, wir kon- 
nen ja vorziiglich denken, und wir glauben nicht, daft diese Hier- 
archien da so in uns wirtschaften! Wie sollten wir nicht gut denken 
konnen? — Ein Naturforscher der Gegenwart, der ein sehr guter 
Naturforscher ist, der aber die Schwachheit hat, allerleiphilosophisches 
Zeug auch noch nebenbei zu schreiben, der begeht diese eigentiim- 
lich unbewuftte Tat, daft er einen seiner Vortrage damit schliefit, 
wie man es «so herrlich weit gebracht» hat und so weiter, und gar 
nicht nachschaut in Goethes Faust, wer das sagt. Die Menschen 



haben eben das Bewufitsein: Sie konnen recht, recht gut denken, sind 
nicht angewiesen darauf, ihr Denken befruchten zu lassen aus der 
geistigen Welt. 

Man miifite eigentlich viel reden, wenn man griindlich iiber dieses 
Kapitel reden wollte. Aber lassen Sie mich von vielen nur ein klei- 
nes, ganz kleines Beispielchen anfiihren. Ich habe neulich in dem 
offentlichen Vortrage aufmerksam gemacht auf einen vergessenen 
Denker: auf Karl Christian Planck. Ich will durchaus nicht in 
dogmatischer Weise alles verteidigen, was Karl Christian Plank ge- 
schrieben hat. Ich habe aber aufmerksam darauf gemacht, wie er 
wirklich aus einem tieferen geistigen Bewufitsein heraus gearbeitet 
hat, und wie er eine gewisse geistgemafie Weltanschauung doch zu- 
stande gebracht hat. 1880 ist er gestorben. Kein Mensch hat sich im 
Grunde genommen um seine Biicher viel gekummert. 1912 ist noch 
erschienen «Das Testament eines Deutschen» von Karl Christian 
Planck, ein wunderbares Buch. Es ist also, da er 1880 gestorben ist, 
vor 1880 geschrieben. Dazumal wurde es in der ersten Auflage 1881 
von Kostlin herausgegeben. Jetzt ist es wiederum 1912 herausgege- 
ben worden. Aber die Leute haben sich nicht viel darum gekummert 
und man kann ja auf solche Erscheinungen, ich sagte schon, in 
irgendeiner Form aufmerksam machen. Ich habe schon darauf auf- 
merksam gemacht in der ersten Auflage der «Ratsel der Philo- 
sophies in «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», — 
ich habe auf Karl Christian Planck also schon 1900 hingewiesen. 
Aber es niitzt das nicht leicht etwas, auf eine geistgemafie Welt- 
anschauung heute hinzuweisen, denn zunachst haben die Leute so 
die Meinung: Eine geistgemafie Weltanschauung — was kaufen wir 
uns denn dafiir eigentlich ? — Aber die andere Frage ist doch die: Lebt 
denn nicht in einer solchen geistgemafien Weltanschauung doch 
eben etwas von jenen spirituellen Kraften, die das Denken befruch- 
ten ? — Ja, da kommen natiirlich die materialistisch denkenden Men- 
schen und sagen: Das sieht man ja an all den Idealisten und Spiri- 
tualisten und Menschen, die so in der geistigen Welt leben, man 
sieht es ja an denen, sie sind unpraktische Leute, sie wissen gar 
nichts von der Wirklichkeit, und wiirde man sich im praktischen 



Leben auf diese Leute einlassen, dann konnte dieses praktische 
Leben nicht weitergehen, zum praktischen Leben gehoren praktische 
Menschen. — Die so reden, haben alles von der praktischen Weis- 
heit mit Loffeln gegessen, und dafi sie das von der praktischen 
Weisheit mit Loffeln gegessen haben, das riihrt nach ihrer eigenen 
Anschauung namentlich davon her, dafi sie nicht horen auf diese 
verblendeten, traumerischen, phantastischen Idealisten 1 Nun, Planck 
war wirklich ein Idealist, war wirklich ein Mensch, der in einer gei- 
stigen Welt gelebt hat und der eigentlich etwas zustande bringen 
wollte, was aus dem Geistigen heraus in die Welt eingreift. Wir 
konnten viele Gebiete anfiihren, aber wie gesagt, ein Beispielchen 
mochte ich Ihnen nur gerade von diesem Karl Christian Planck an- 
fiihren. Ich habe es gerade hier in Berlin in dem off entlichen Vor- 
trage nicht erwahnt, man kann nicht immer alles erwahnen, an ande- 
ren Orten aber habe ich es auch im offentlichen Vortrage erwahnt. 
Man konnte doch immer wieder und wiederum von Zeitungsdiplo- 
maten, Zeitungspolitikern, vielleicht sogar von sogenannten wirk- 
lichen Diplomaten, wirklichen Politikern horen: Wenn man auf diese 
Idealisten und ihr Wissen von der Welt gar in bezug auf das aufiere 
politische Leben etwas geben wiirde, was fur ein Jammer, was fiir ein 
Schreckliches wiirde das sein! — Da will ich Ihnen einmal eine Stelle 
aus Plancks «Testament eines Deutschen», 1880 geschrieben, vor- 
lesen, wo er spricht von dem jetzigen Krieg — ja, von dem jetzigen 
Krieg! Und da sagt er folgendes: 

«Keine politische Klugheit, keine Friedensliebe von seiten 
Deutschlands vermag innerhalb der jetzigen blofi nationalen Ord- 
nung diesen feindlichen Zusammenstofi zu verhindern. Denn mach- 
tiger als alle Klugheit ist die Natur der Verhaltnisse; und schon 
jetzt tritt ungeachtet der befreundeten Haltung Deutschlands und 
Osterreichs die feindliche Stimmung des russischen Ostens nur um 
so deutlicher hervor, deshalb, weil man ihm nicht in allem die freie 
Hand lassen konnte, sondern notwendig ein bestimmtes Ziel setzen 
mufite. Und kommt es dann einst zum Kampfe, so wird derselbe, so 
sehr wir ihn auch zum Besten Europas auszufechten haben, dieses 
doch nicht an unserer Seite f inden, sondern wie im Osten, so werden 



wir zugleich auch im Westen und im Siiden uns verteidigen miissen; 
nach alien Seiten wird die feindlich nationale Eifersucht sich gegen 
das neue, in ihre Mitte gesetzte Reich erheben.» 

Nun frage ich Sie, ob irgend jemand von den «praktischen» Leu- 
ten 1880 die Situation von 1914, 1915, 1916 so pragnant geschildert 
hat? Wie viele von diesen praktischen Leuten haben — ja, wie lange 
denn ! — keine Ahnung davon haben wollen, daft es in bezug auf den 
Siiden zum Beispiel auch so gehen konne? Dieser unpraktische, zu 
den verschimpf ten und unpraktischen Leuten gehorende Idealist hat 
1880 Worte niedergeschrieben, die genau decken dasjenige, was 
heute geschieht. Man miifite einen Willen haben, hinzuhorchen auf 
solche Tatsachen. Dann wiirde man einsehen, daft allerdings drinnen- 
stecken in der geistigen Welt und wissen, daft es eine geistige Welt 
gibt — wie es eine Luft gibt £iir den physischen Leib — , etwas bedeu- 
tet, was das Denken geeignet macht, die Wirklichkeit richtig zu be- 
urteilen. 

Sie werden vielleicht verstehen, nachdem ich Ihnen dieses klar 
gemacht habe an einem Beispielchen, daft der Geistesforscher heute 
mit Recht sagen kann, wenn man es ihm auch noch nicht glaubt: 
Heute konnen die Leute mit dem alten Erbgut des Denkens noch 
Maschinen erfinden, aber es wird keine fiinfzig Jahre dauern, da 
werden die Leute nichts mehr erfinden, wenn sie sich weigern, die 
geistigen Einf liisse auf ihr Denken anzunehmen. Und alles wird ab- 
sterben, was etwas hineinstellen will in die physische Welt, was 
nicht aus der geistigen Welt herausstammt. Heute konnen noch 
Maschinen erfunden werden, weil noch ein altes Erbgut da 1st. Das- 
jenige, was auf anderen Gebieten vielfach geschieht, das zeigt ja 
doch wohl schon, in welcher Weise das geistige Vermogen wirklich 
abnimmt, aus der geistigen Welt der physischen Welt etwas einzu- 
verleiben, denn auf vielen Gebieten nennt man heute «nichts kon- 
nen» aus diesem Grunde schon ein «hoheres K6nnen». Kein ordent- 
liches Gesicht mehr malen konnen, sondern irgendwie Striche zu- 
sammenzumachen und allerlei Zeug darauf zu schmieren, das hatte 
der Maler noch vor einiger Zeit genannt — selbstverstandlich, der 
wirkliche Maler tut es auch noch heute — eine Schmiererei. Aber 



heute gibt es schon Schulen, die nennen solche Schmiererei die 
«hohere Kunst», und die wirklkhe Kunst ist etwas, was vorbei ist, 
was nicht mehr da sein soil. Auf alien Gebieten geht es so, auf alien, 
alien Gebieten. 

Das ist es, das man einsehen mufi: Die Zeit verlangt von uns, dafi 
wir uns befruchten lassen aus der geistigen Welt heraus. Und nur 
die Befruchtung wird moglich sein, die eben von dem Ergreifen der 
geistigen Tatsachen, wie sie Geisteswissenschaft gibt, kommen kann. 
Und auch die grofien Weltenaufgaben werden nur gelost werden, 
wenn solche Befruchtung eintreten kann gerade auf diesem Gebiete. 
Man macht ja heute wirklich die grenzenlos traurigsten Beobachtun- 
gen. Immer wieder und wiederum mufi man sehen, wie gerade 
unsere Zeit im Grunde genommen alles Zusammenhanges mit der 
geistigen Welt bar ist. Wir leben in einer Zeit, die entgegenleben 
soli — das ist ja oft betont worden — einer Tatsache, die man wie 
eine zweite Erscheinung des Christus auf Erden bezeichnen kann: 
Die atherische Christus- Wesenheit, jene zweite Erscheinung des 
Christus auf Erden. Aber einer Vorbereitung bedarf es dazu, damit 
dieses Ereignis nicht vorbeigehe oder damit es nicht verhohnt, ver- 
spottet werde. Und auch dasjenige, was wir jetzt durchmachen, in 
der richtigen Weise kann es nur durchgemacht werden, wenn ein 
Bewufitsein vorhanden ist, dafi das Furchtbare, das um uns geschieht, 
wie das gottgesandte Zeichen dafiir ist, dafi eine Vertiefung der Men- 
schenseele eintreten soli. Das Furchtbarste ware es, wenn iiber diese 
Ereignisse hinaus, welche die Verhaltnisse so durcheinander riitteln, 
das grundmaterialistische Menschendenken sich so erhalten konnte, 
wie es oftmals den Anschein hat. Das furchtbarste ware die- 
ses. Und diejenigen, die zur Geisteswissenschaft gehoren, miissen 
das als eine Grundwahrheit in ihre Seele so geschrieben haben, dafi 
sie wirklich stark genug sind, all dem, was auf einen einstiirmt 
von der heutigen Welt noch als Gegnerschaft der Geisteswissen- 
schaft, gegen eine geistige Auffassung des Daseins, begegnen zu 
konnen. Man wird ihm nur begegnen konnen, wenn man immer 
wieder und wiederum auffrischt den Gedanken an die Notwendig- 
keit einer geistigen Auffassung der Welt. 



Es ist so schwierig, solche Dinge in heutigen weiteren Kreisen 
verstandlich zu machen, weil — auf gewissen Gebieten — die Men- 
schen geradezu vom verkehrten Denken richtig besessen sind. Als 
ich in einer Stadt neulich einmal davon sprach, wie ein verklungener 
Ton da ist in dem Geistesleben, als ich den Vortrag hielt, den ich 
auch hier gehalten habe iiber den verklungenen Ton im Geistesleben 
Mitteleuropas, da kamen zwei Menschen zu mir nach dem Vortrage. 
Die Menschen erklarten mir erstens ihre Verwunderung, dafi man 
in der jetzigen Zeit iiber die Verhaltnisse so spricht. Gerade von 
dem, was sie Theosophie nennen, hatten sie das nicht erwartet, dafi 
man so spricht; sie hatten sich die Theosophie anders gedacht, denn 
sie waren Pazifisten. Das ist ja ganz schon, nicht wahr, Pazifist zu 
sein, nur mufi man sich klar sein, dafi seit dem Entstehen des Pazifis- 
mus die grofiten, die blutigsten Kriege der Welt gefiihrt werden, 
eine Tatsache, die ich schon hervorgehoben habe vor einem Jahr- 
zehnt in den Vortragen des Architektenhauses. Aber ich wollte 
doch auf eines aufmerksam machen, was einem leicht durchschaubar 
scheint Ich sagte: Aber kommen Ihnen nicht alle diese Verhaltnisse, 
ich meine nicht nur die aufieren Kriegsverhaltnisse, sondern 
dieses An-die-Oberflache-Tragen einer so furchtbaren Verlogenheit, 
wie sie in den gegensatzlkhen Stimmen der Volker zum Vorschein 
kommt, kommt Ihnen denn das nicht vor wie ein Ad-absurdum- 
Fiihren desjenigen, was sich als sogenannte Kultur bisher entwickelt 
hat? Ist das nicht wie ein Ad-absurdum-Fiihren ? — Ja, sagte der eine 
Herr, ja, das ist eben jetzt eine Krankheit, die mufi geheilt werden. — 
Man kann ihm selbstverstandlich Recht geben: Gut, es ist eine 
Krankheit. Aber der Mann leckt sich die Finger ab — verzeihen Sie 
den trivialen Ausdruck — , den richtigen Gedanken zu haben: Es ist 
eine Krankheit! Er hat aber keine Ahnung davon, dafi man von 
einem solchen richtigen Gedanken nichts hat, dafi es nicht darauf 
ankommt, dafi man irgendwie richtige Gedanken hinpfahlen kann, 
sondern dafi man den richtigen Gedanken, auf den es wirklich an- 
kommt, in einem gewissen Zusammenhange einsieht. Es fiel zum 
Beispiel diesem Manne gar nicht ein, dafi es ja ganz richtig sein 
kann: Das ist eine Krankheit. Aber was ist denn eine Krankheit, 



warum kommt sie denn? - Weil vorher die Verhaltnisse nicht 
ordentlich sind! Die Krankheit ist ja schon das Aufbaumen der 
Natur, um den Menschen gesund zu machen. Dasjenige, was die 
unnatiirlichen Verhaltnisse sind, geht ja der Krankheit voran. Die 
Krankheit ist ja schon ein Versuch, diese ungesunden Verhaltnisse 
herauszubringen. Die Krankheit ist, ich mochte sagen, dasjenige, 
was sich gegen die vor der Krankheit vorliegende Unnatur wehrt, 
und dieser Prozefi des Sich-Wehrens, das ist die Krankheit. Also 
indem er das ausspricht: das ist eine Krankheit — , weist er ja darauf 
hin, dafi die Krankheit notwendig war, weil die unnatiirlichen Ver- 
haltnisse da waren, und im weitesten Umfange ist dasjenige, 
was diese unnatiirlichen Verhaltnisse sind, der alle Kreise 
beherrschende Materialismus. Natiirlich mufi man dann den Mate- 
rialismus im weiteren Sinne fassen. Da mufi man den Materialismus 
so fassen, dafi man einsieht, dafi er zur Unf ruchtbarkeit des Denkens 
fiihrt, dafi er fiihrt zum Zertreten, zum Niederdriicken befahigter 
Leute, die etwas wissen von der Lebenspraxis, durch die alles nieder- 
driickende Macht der Unfahigen, welche sagen, sie wissen das Prak- 
tische. Selbstverstandlich wissen sie es, aber wie ? 

Ins Fiihlen, ins Gemiit miissen befruchtend hineinwirken die 
geisteswissenschaftlichen Wahrheiten. Und es mufi in unserer Zeit 
eine Anzahl von Menschen geben, welche aus innerlicher TJberzeu- 
gung treu halten konnen zu dem, was als Notwendigkeit fur die 
Weltenentwickelung aus der Geisteswissenschaft folgt. Darin wird 
das werden, was werden soil, dann wird der Christus, wenn er in 
einer neuen Form sich offenbaren will, diejenigen finden, welche er 
braucht. Und das mufi sein. Wenn er erscheint in seiner atherischen 
Gestalt dem oder jenem, dann mufi nicht eine Zeit sein, in der dieses 
Erscheinen des Christus als ein Wahnsinn aufgefafit wird, sondern 
aufgefafit wird als dasjenige, was berufen ist, der Menschheit einen 
Ruck zu geben nach vorwarts, einen Ruck, der vor alien Dingen 
darinnen besteht, das Materialistische mit seinen Folgen in griind- 
licher Weise zu iiberwinden. Und dieses Jahrhundert wird nicht 
vergehen diirfen, ohne dafi die menschlichen Anschauungen eine 
ganz andere Gestalt annehmen. 



Und wie die Feuerzeichen fiir dieses Ziel der Menschheit miissen 
die bedeutsamen, blutigen Ereignisse sein, die wir jetzt um uns 
herum erleben. Dann werden nicht umsonst die Opfer geflossen 
sein, die geflossen sind von seiten derjenigen, die durch die Todes- 
pforte oder durch das Erlebnis der blutigen Verwundung gegangen 
sind. Dann wird alles dasjenige, was jetzt um uns herum vorgeht, 
beitragen konnen zur Erhebung der Menschheit. Und das mufi sein. 
Deshalb miissen wir immer wieder und wieder an der oft hier aus- 
gesprochenen Wahrheit festhalten: 

Aus dem Mut der Kampf er, 
Aus dem Blut der Schlachten, 
Aus dem Leid Verlassener, 
Aus des Volkes Opfertaten 
Wird erwachsen Geistesf rucht — 
Lenken Seelen geistbewufit 
Ihren Sinn ins Geisterreich. 



DRITTER VORTRAG 
Berlin, 28. Marz 1916 



Strerflichter auf die tiejeren Impulse der Geschichte 

Es ist mir heute auferlegt, einiges Geschichtliche zu besprechen von 
einem gewissen geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Ich 
werde Sie dabei zu bitten haben, da ja iiber alle diese Dinge nur skiz- 
zenhafte Schilderungen gegeben werden konnen, im Auge zu haben, 
dafi selbstverstandlich, wenn gewisse, sagen wir, aus den Bewegun- 
gen des Geistes heraus fliefiende Schilderungen gegeben werden 
und so gegeben werden miissen, wie sie hier gegeben werden, ja 
nur Lichter geworfen werden konnen auf dieses oder jenes Ge- 
schichtliche, dafi nicht in demselben Sinne iiber Ursachen und Wir- 
kungen gleich unmittelbar gesprochen werden kann, wie man das 
in der aufieren Geschichte gewohnt ist. Wir miissen uns ja durch 
unsere Geisteswissenschaft schon bekannt gemacht haben mit der 
Idee, dafi hinter allem, was in der Welt geschieht, geistige Krafte 
stehen, geistige Absichten, geistige Ziele. 

Wenn man so die Geschichte aufierlich betrachtet, so bietet sie 
ja selbstverstandlich gewissermafien nur den aufieren geschichtlichen 
Mechanismus fur dasjenige, was als geistige Absichten und geistige 
Ziele in ihr webt und lebt. Der geisteswissenschaftlich geschulte 
Blick sieht dann mehr unmittelbar die geistigen Stromungen, die 
geistigen Prozesse, die dahinter stehen. Aber man mufi dafiir auch 
in dem, was so geschildert wird, eben nicht gleich etwas sehen, 
wovon man sagen kann: der, der die Dinge auseinandergesetzt hat, 
wolle etwa die historischen Ereignisse ganz unmittelbar aus dem, 
was er geschildert hat, ableiten. Das ist nicht der Fall, sondern 
es sollen, wie gesagt, nur einige Streiflichter geworfen werden auf 
die tieferen Krafte, die man ja weder sieht, wenn man nur ganz 
aufierlich die materiel 1 historischen Tatsachen schildert, noch auch, 
wenn man solche Tatsachen schildert, wie ich sie heute schil- 
dern werde. Aber wenn man dann beides zusammenfiigt, so 



bekommt man doch ein Bild von dem, was eigentlich in der Welt 
geschieht. 

Ankniipfen mufi ich dabei an eine Personlichkeit, deren Name 
Ihnen ja alien bekannt ist, an die Personlichkeit der H. P. Blavatsky. 
Sie wissen alle, diese H. P. Blavatsky, die als eine besonders psy- 
chisch veranlagte Personlichkeit gelebt hat in der Zeit, in der im 
aufieren Leben eerade die Hochflut des Materialismus war, steht in 
einer ganz eigentiimlichen Weise in dieser geistigen Bewegung der 
zweiten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts darinnen. Mit ihr ist, 
wie gesagt, eine im eminentesten Sinne psychische Personlichkeit 
hineingestellt in das ganze sonstige materielle Getriebe, von dem 
ja alles, was man als Wissenschaft ansieht, in der zweiten Halfte 
des neunzehnten Jahrhunderts mehr oder weniger abhangig war. 
Nun war H. P. Blavatsky nicht eine Personlichkeit, die man etwa 
im gewohnlichen Sinne als ein Medium bezeichnen konnte, sondern 
schon eine im allertiefsten Sinne sehr, sehr merkwiirdige psychische 
Personlichkeit. Man muB, wenn man sie ganz verstehen, wenn man 
sie wenigstens bis zu einem hohen Grade verstehen will, dann schon 
darauf sehen, aus welchem Milieu sie hervorgegangen ist. Sie ist aus 
dem russischen Milieu hervorgegangen, aus der russischen Art und 
Weise, wie da Geistiges und Physisches in einem Leibe zusammen- 
wirken kann, der nun eben nicht normal, sondern ganz abnorm ist. 
Unci dabei mufi man dann Riicksicht darauf nehmen, inwiefern ver- 
moge des Volkseigentiimlichen das russische Volk abweicht von den 
mittleren und westlichen Volkern Europas. Die mittleren und west- 
lichen Volker Europas sind ja die Fortsetzer und in gewissem Sinne 
auch die schopferischen Neugestalter der Kultur, die hervorgegan- 
gen ist aus dem vierten nachatlantischen, dem griechisch-lateinischen 
Kulturzeitraum. Was da gelebt hat in diesem griechisch-lateinischen 
Kulturzeitraum, wird durch Mittel- und Westeuropa fortgesetzt. 
Das kann nur fortgesetzt werden, konnte nur fortgesetzt werden da- 
durch, dafi in diesem West- und Mitteleuropa ganz besonders die 
physischen Leiber sich ausbildeten zu besonderen Instrumenten auch 
fur geistiges Wirken, fur Denken, Fuhlen und Wollen. Was Den- 
ken, Fiihlen und Wollen zustande bringen konnten durch das Instru- 



ment des physischen Leibes, das sollte in West- und Mitteleuropa 
vorzugsweise herauskommen. Anders in Osteuropa bei den slawi- 
schen Volkern und insbesondere beim russischen Volk. Man kann 
sagen: in der Weise den physischen Leib durchzumechanisieren, wie 
das in West- und Mitteleuropa der Fall ist, das kann iiberhaupt beim 
russischen Volk, insof erne dieses Volk in seinem Volkstume drinnen 
bleibt, nicht stattfinden. Man kann mit westeuropaischer Wissen- 
schaft iiberhaupt das russische Volk nicht verstehen, wenn man es 
wirklich verstehen will. Man kann es nur verstehen, wenn man 
weifi: es gibt einen Atherleib. Denn das Charakteristische gerade 
des russischen Volkstums besteht darinnen, dafi die wichtigste Be- 
tatigung des Lebens nicht so in den physischen Leib hineingeht, wie 
in West- und Mitteleuropa, sondern mehr im Atherleib sich abspielt 
und gar nicht so sehr den physischen Leib durchdringt. Es hat im 
russischen Volkstum der Atherleib eine viel, viel grofiere Bedeutung, 
als er jetzt noch hat fur das Volkstum West- und Mitteleuropas und 
auch fur das amerikanische Volkstum; fur dieses letztere ganz be- 
sonders. Daher kann innerhalb des russischen Volkstums — des 
Volkstums, nicht der regierenden Kreise — , niemals sich in demselben 
Grade ein unmittelbar starkes Ich ausbilden, wie das in West- und 
Mitteleuropa bei den Menschen der Fall ist, sondern das Ich wird 
immer mit einer gewissen Traum-Umflorung da sein, wird immer 
etwas von Traumerischem haben. Denn so wie das Ich jetzt noch im 
fiinften nachatlantischen Zeitraum in den Menschen lebt, so ist es 
bedingt durch die geschilderte besondere Ausbildung des physischen 
Leibes. Wahrend dieses fiinften nachatlantischen Zeitraums soli 
das russische Volkstum gar nicht soweit kommen, das Ich als solches 
unmittelbar auszubilden. Es soil gar nicht mit dem, was im Ather- 
leibe da lebt und webt, sich hineinpragen in den physischen Leib. 
Natiirlich, die Worte retouchieren immer ein bifichen, weil ja unsere 
Worte noch nicht fur Geistiges gepragt sind. Wenn man sagt: 
traumhaft, so kann natiirlich jemand kommen, der materialistisch 
denkt, und kann anfiihren, dafi die Leute gar nicht traumen und so 
weiter. Aber das sind ja alles aufierliche Einwande, die mit dem 
Werdegang,wie er sich nunwirklich abspielt, gar nichts zu tun haben. 



Daher kann man sagen, dafi dasjenige, was in diesem russischen 
Volkstum als Volkstum veranlagt ist, gegenwartig iiberhaupt noch 
nicht zur aufieren Offenbarung kommen kann, dafi diesem rus- 
sischen Volkstum vorlaufig von aufien aufgepragt ist dasjenige, was 
seine Eigenschaften zuweilen in ganz entgegengesetzter Weise als 
sie sind, zur Tat werden lafit, zur Ausbildung bringt. Aus diesem 
russischen Volkstum ist zum grofien Teil hervorgewachsen diese 
H. P. Blavatsky. Daraus wird es verstandlich, dafi bei ihr in einem 
ungeheuren Mafie der Atherleib in seiner Tatigkeit alle physische 
Tatigkeit, insofern sie Erkenntnistatigkeit ist, iiberwog. Wir haben 
daher im wesentlichen in H. P. Blavatsky eine Personlichkeit, die in 
ihrem Atherleibe vieles, unendlich vieles erleben kann. Das ist natiir- 
lich etwas ganz anderes, als was man durch Denken und Erkennen 
mit Hilfe des Gehirns erleben kann. Sie kann also, ich mochte sagen, 
einfach dadurch, dafi sie herausgewachsen ist aus dem russischen 
Volkstum, in ihrem Atherleibe Unendliches erleben. Aber es ist 
damit verkniipft, dafi ihr die Eigenschaften fehlten — und die fehl- 
ten ihr ja tatsachlich — , die der Westeuropaer schon einmal nicht 
entbehren will, wenn er von den geistigen Welten irgend etwas 
geoffenbart haben soli. Es fehlte Blavatsky alle Moglichkeit, logisch 
zu denken, ihre Erkenntnisse logisch zu gruppieren, irgendwie zwei 
Dinge so nacheinander zu sagen, dafi das eine aus dem andern 
folgte; so dafi man bei dem, was sie durch ihre inneren Schauungen 
im Atherleibe zustande brachte, wenn man sie iibersetzen will in 
das, was man ja selbstverstandlich hat als west- und mitteleuro- 
paischer Mensch, immer das Gefiihlt hat, dafi einem eigentlich ein 
Miihlrad im Kopfe herumgeht. Man mufi schon selber abgeneigt 
sein einem gewissen ernsten Denken, wenn man nicht wahrhaben 
will, dafi einem bei dem, was Blavatsky hervorgebracht hat, ein 
Miihlrad im Kopfe herumgehe. Aber das hindert nicht, dafi das- 
jenige, was sich bei ihr durchdrangte durch den Atherleib, was bei 
ihr durch ihre atherische Erkenntnisfahigkeit in ungeordneter Weise 
auftrat, selbstverstandlich bedeutsame Offenbarungen enthalten 
kann aus der geistigen Welt. Nur mufi man Kritik haben, man mufi 
die Moglichkeit haben, die Dinge so aufzunehmen, wie sie schon 



einmal sind, namlich so, dafi man sie nicht liest wie etwa ein wis- 
senschaftliches oder sonst irgendein Buch, das in unserem heutigen 
Geistesleben einen normalen Platz hat. 

So war also gerade in der Zeit, in der eigentlich die Menschheit, 
ich mochte sagen, durch den hochstgespannten Materialismus gehen 
sollte, eine solche Personlichkeit vorhanden. Da sind wir einfach 
vor eine Tatsache gestellt: Eine Personlichkeit ist vorhanden, die 
hervorgegangen ist aus osteuropaischem Volkstum, die aber auch 
in ihrer Vererbungsstromung, in ihrem Blut doch noch, ich mochte 
sagen, einen Stich von Mitteleuropaertum hatte — in ihrer Abstam- 
mung ist ja das sehr leicht nachzuweisen. Also es war schon das vor- 
handen, aber iiberf lutet vom osteuropaischen Element, was in Mittel- 
europa fiihrt zum logischen Wesen, und was namentlich zur 
Willensinitiative fiihrt, die ja der Russe als Angehoriger seines 
Volkes gar nicht hat. — Nun, was ist geschehen ? Wenn wir so die 
zwei aufiersten Pole, mochte ich sagen, zusammenfassen, so konnen 
wir sagen: Das, was zuletzt geschehen ist — nicht wahr, wir haben 
ja lauter englische Biicher von Blavatsky — , ist, dafi dasjenige, was 
vermoge ihres Wurzelns im Russentum aus dem Atherleibe der 
Blavatsky herauskommen konnte, eingefafit worden ist von eng- 
lischem Wesen, vom Englandertum, und aus englischer Verarbei- 
tung in den Buchern der Blavatsky erscheint. So liegt es vor. Das 
Wichtige ist nur alles dasjenige, was dazwischen geschehen ist. 

Um nun zu verstehen, was dazwischen geschehen ist, mufi man 
sich klar sein dariiber, dafi im Westen Europas, namentlich aus- 
gehend von britischem Wesen, ein weitgehendes Arbeiten in okkul- 
ter Wissenschaft immer vorhanden war. Soweit eigentlich von eng- 
lischer Geschichte gesprochen werden kann: ein weitgehendes Arbei- 
ten in Okkultismus war immer vorhanden. Mitteleuropa hat eigent- 
lich wirklich durch die ganze Entwickelung seiner geistigen Kultur 
keinen rechten Begriff davon, wie einschneidend okkultes Wesen 
und okkultes Arbeiten von den britischen Landesteilen immer aus- 
gegangen ist und sich verbreitet hat iiber Westeuropa, auch iiber 
Siideuropa und so weiter. Nun mufi man, wenn man verstehen will, 
wie die Dinge eigentlich liegen, sich diesen, namentlich britisch ge~ 



farbten Okkultismus ein wenig ansehen. Also dieser britisch ge- 
farbte Okkultismus ist durchaus vorhanden. Dasjenige, was die 
Leute aufierlich wissen von allerlei Hochgrad-Orden schottischer 
Maurerei und so weiter, das sind eigentlich nur die Aufienseiten, 
die der Welt gezeigt werden. Aber hinter diesen Aufienseiten stehen 
nun wirklich umfassend arbeitende okkulte Schulen, und diese 
okkulten Schulen haben in einem viel hoheren Mafie, als das in 
Mitteleuropa der Fall ist, die alten okkulten Traditionen und alten 
okkulten Stromungen in sich aufgenommen. In Mitteleuropa — das 
haben Sie ja schon aus meinen verschiedenen offentlichen Vortriigen 
gesehen — strebt man mehr danach und mufite mehr danach streben, 
aus der eigenen Geistigkeit heraus aufzusteigen zu einem spirituel- 
len Erkennen, zu einem Erkennen der spirituellen Welten. Da hat 
man sich weniger angelehnt an das von anderen Seiten, namentlich 
von alteren okkulten Schulen T)berkommene. Wir konnen die Jahr- 
hunderte zuriickgehen, namentlich bis zum Anfang des siebzehnten 
Jahrhunderts, da fin den wir namentlich liber England, Schottland 
und Irland — iiber Irland weniger, aber uber Schottland — ausgebrei- 
tet solche okkulten Gemeinschaften, die in sich fortgepflanzt haben 
dasjenige, was okkultes Wissen in den aitesten Zeiten war, das sie 
aber in einer gewissen Weise umgestaltet haben. 

Will man den Grund zu dieser Umgestaltung so recht einsehen, 
so mufi man wissen, dafi der vierte nachatlantische Zeitraum, der 
also das Griechentum, das Romertum und so weiter umfafite und 
bis zum Anfang des fiinfzehnten Jahrhunderts eigentlich gedauert 
hat, in sich zu verarbeiten hatte auf rein menschliche Weise das, 
was in friiheren Zeitraumen als geistige Offenbamng da war: Was 
der Mensch in Offenbarungen empfangen hat, das sollte da geistig 
verarbeitet werden in diesem vierten Zeitraum. Dann kam der 
fiinfte nachatlantische Zeitraum, der genau eben mit dem Beginne 
des fiinfzehnten Jahrhunderts beginnt. Da sollte der Mensch mehr 
seine Blicke auf die Aufienwelt richten, mehr auf dem physischen 
Plane leben, weniger neue Begriffe ausarbei ten. Alle Begriffe, die 
wir heute in der Welt haben, sind ja Begriffe aus dem vierten nach- 
atlantischen Zeitraum, die sind ja alle heriibergekommen. Neue 



Begriffe sind seit dem fiinfzehnten Jahrhundert iiberhaupt nicht 
gebildet worden. Kein einziger wirklich neuer Begriff ist gebildet 
worden; es sind nur die alten Begriffe angewendet worden in neuer 
Art auf die Vorgange. Der Darwinismus hat nicht etwa einen neuen 
Entwickelungsbegriff heraufgebracht, er ist nur angewandt worden 
auf gewisse Vorgange. Also kein einziger neuer Begriff ist entstan- 
den seit dem Beginne des fiinfzehnten Jahrhunderts, die sind alle 
im vierten nachatlantischen Zeitraume entstanden. Der fiinfte nach- 
atlantische Zeitraum sollte den Blick auf die aufiere physische Welt, 
auf den physischen Plan richten. Fiir diese Aufgabe war aber beson- 
ders vorbereitet das britische Volk. Und gerade durch die Art und 
Weise, wie sich seine Eigentiimlichkeit verhaltnismafiig spat heraus- 
gebildet hat auf den Britischen Inseln, war das britische Volk zu 
dieser Aufgabe besonders geeignet. 

Im Beginne des fiinfzehnten Jahrhunderts drohte da etwas. Es 
drohte da, dafi eine Art von Konfusion entstehen sollte. Das rein 
physische Streben des Britentums drohte konfundiert zu werden mit 
einem viel spirituelleren, mit einem von uralten Zeiten herein be- 
fruchteten spirituellen Leben. Es war das in der Zeit, als Landesteile 
des f ranzosischen Reiches noch hiniibergehorten zur englischen Herr- 
schaf t, wo also die englische Herrschaft noch heruberging iiber den 
Kanal in franzosische Landesteile herein. Dafi da eine wirkliche 
Scheidung eintrat, das wurde aus der geistigen Welt heraus mit- 
bewirkt durch das Erscheinen der Jeanne d'Arc, der Jungfrau von 
Orleans, die gerade deshalb, weil sie gewissermafien aus der gei- 
stigen Welt heraus Ordnung zu schaffen hatte im Beginne des 
fiinfzehnten Jahrhunderts, ja auch im Beginne des fiinfzehnten Jahr- 
hunderts erschien. Und wirklich, das ganze aufiere Wesen Europas 
hangt ab, wie ich schon einmal hier geschildert habe, von diesem 
Auftreten der Jungfrau von Orleans. Damals wurde die Scheidung 
zwischen franzosischem Wesen und britischem Wesen genau voll- 
zogen. Vorher war es ja so, dafi vielfach die unter den sagenhaften, 
aber eigentlich okkult gemeinten Hengist und Horsa von Mittel- 
europa nach den Britischen Inseln hinuberwandernden Angeln und 
Sachsen eigentlich beherrschtwurden von normannisch-romanischem, 



namentlich romanischem Element und eine untergeordnete Schichte 
bildeten. Gerade dasjenige britische Wesen, das heute tonangebend 
ist, tonangebend geworden ist namentlich seit dem siebzehnten 
Jahrhundert, das bildete eine so Starke Unterschicht, dafi, als das 
franzosische Element da noch herrschend war, als gewissermafien 
der franzosische Geist noch hiniiberwirkte auf die britische Insel, 
es da eine Aristokratie dort gab, die im tiefsten Sinne alles das- 
jenige verachtete, was nur von Angeln und Sachsen abstammte. Es 
war zum Beispiel ein ganz gebrauchlicher Ausdruck, namentlich im 
zehnten, elften, zwolften Jahrhundert, dafi, wenn ein Mensch aus 
dieser Oberschicht, die damals noch im gegeniiberliegenden Frank- 
reich lebte, in der franzosisch-normannisches Blut lebte, fluchen 
wollte, er sagte: Gott verdamm' mich zu einem Englander! Das war 
ein Fluch, den man oftmals horen konnte. Also man wollte, wenn 
man ein angesehener Mensch sein wollte, nur ja kein Englander sein 
auf der britischen Insel. Das anderte sich erst griindlich, nachdem, 
wie gesagt, jene Scheidung sich vollzogen hatte und das Englander- 
tum nun heraufkam. Nun spiel ten sich ja die verschiedensten Vor- 
gange ab — es wiirde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte ich 
sie schildern — , hinter den en tiefgehende geistige Krafte walten: 
die Kriege der Weifien und der Roten Rose. Aber wichtig ist, dafi 
im Beginne des siebzehnten Jahrhunderts, als schon Shakespeare 
seine Dramen geschaffen hatte, die ja, insoferne sie Konigs- 
Dramen sind, insbesondere die Rosen-Kriege behandeln — in den 
Shakespeare-Dramen lebt ja der ganze Kampf der Roten und Wei- 
fien Rose — , dafi Ende des sechzehnten und im Beginne des siebzehn- 
ten Jahrhunderts eine Seele in einem physischen Leib sich im bri- 
tischen Reich inkarnierte, die aufierlich nicht sehr Bedeutsames 
wirkte, die aber weithin ungeheuer anregend wirkte. Besonders an- 
regend konnte diese Seele wirken, die sich in einem britischen Leibe 
inkarnierte, in dem im Grunde genommen wenig britisches Blut war, 
sondern mehr franzosisches und schottisches Blut durcheinander- 
wirkte. Und von dieser Seele ging eigentlich dasjenige aus, was den 
Anstofi gegeben hat sowohl zu dem aufieren britischen Geistesleben, 
wie auch zu dem okkulten britischen Geistesleben. Und so bildete 



sich, natiirlich mit verschiedenen Zwischenvorgangen, die zu schil- 
dern jetzt zu weit fiihren wurde, dieses okkulte britische Geistes- 
leben aus. Nun sagte ich Ihnen, dieses Geistesleben setzte fort die 
okkulten Stromungen des vierten nachatlantischen Zeitraums. 
Man wufite da ungeheuer viel, weil hier gerade der Boden 
dafiir war, dafi die Korper am meisten Bedeutung hatten, dafi der 
Atherleib am wenigsten tatig war und dafi der physische Leib als ein 
Instrument angesehen wurde fur alles geistige Leben. Gerade da- 
durch gab es da keine Moglichkeit, in diesen okkulten Schulen selber 
irgendwie viel zu erfahren aus der geistigen Welt. Aber man be- 
wahrte in den okkulten Schulen die alten Traditionen, man bewahrte 
dasjenige, was iiberliefert war durch die alten hellseherischen Beob- 
achter und suchte es mit den Begriffen zu durchdringen. Und so 
entstand da eine okkulte Wissenschaft, welche eigentlich nur arbei- 
tete mit den Erfahrungen der im vierten und sogar noch im dritten 
nachatlantischen Zeitraum vorhandenen Hellseher, aber dieses, was 
da durch Hellseher zustande gekommen war, durcharbeitete mit rein 
physischen Begriffen, mit dem Begriffsmaterial, das man hat, wenn 
man eben nur durch den physischen Leib denkt. So entstand eine 
eigentumliche okkulte Wissenschaft, die aber wirklich sich iiber alle 
Gebiete des Lebens erstreckt. 

Es ist nun interessant, vor alien Dingen gewisse Kapitel dieser 
okkulten Wissenschaft — wie gesagt, ich erzahle Ihnen lauter Tat- 
sachen — ein wenig naher sich anzusehen. Und das ist dasjenige, 
was gelehrt wurde iiber das Schicksal der europaischen Volker. Das 
biidete sogar ein wesentliches Kapitel in diesen okkulten Schulen. 
Ich will Ihnen versuchen zu charakterisieren, was da gelehrt wurde 
iiber das Schicksal der europaischen Volker. Da wurde gesagt: Es 
war ein vierter nachatlantischer Zeitraum da — das hatte man aus 
der Tradition, aus der "Oberlief erung — , dieser vierte nachatlantische 
Zeitraum strotzte von geistigem Leben, er hatte hervorgebracht die 
Begriffswelt fur die Menschen, die Anschauungen iiber soziale Ein- 
richtungen, alles mogliche hatte er hervorgebracht, er strotzte von 
geistigem Leben. Er hatte sich ausgebildet im Siiden Europas auf 
der griechischen Halbinsel, auf der italischen Halbinsel, strahlte 



von da aus. Die Volker Mitteleuropas, Westeuropas, die waren in 
der Zeit, ais die Bliite des vierten nachatlantischen Zeitraumes schon 
da war, noch in ihrer Kindheit, Sauglinge gewissermafien der 
Menschheit in geistiger Beziehung. — Ich erzahle nur, was da gelehrt 
wird. - Also die mittel- und westeuropaischen Volker waren Saug- 
linge in bezug auf das gehtige Leben, Sauglinge gegeniiber dem, 
was ausstrahlen konnte von den Kulturergebnissen des vierten nach- 
atlantischen Zeitraums. Und nach und nach haben sich diese mittel- 
und westeuropaischen Volker aus dem Sauglingstum herausgearbei- 
tet, sind gewissermafien bis in die Zeit der Renaissance und der 
Reformation herein reifer und reifer geworden; womit nicht eigent- 
lich die deutsche Reformation gemeint war, sondern namentlich die 
englische Reformation unter Jakob I. und so weiter. Sie haben sich 
also losgemacht, diese mittel- und westeuropaischen Volker. Und 
nun entstand ein ganz bestimmtes Dogma, ein Dogma innerhalb 
dieser okkulten Schulen, an dem mit eiserner Glaubigkeit festgehal- 
ten wird. Das ist das Dogma, dafi abzulosen hat im fiinften nach- 
atlantischen Zeitraum die angelsachsische Kultur die griechisch- 
lateinische Kultur. Also das wurde immer wieder und wiederum 
eingescharft: Es gibt einen vierten nachatlantischen Zeitraum und 
einen fiinften nachatlantischen Zeitraum. Tonangebend fur den 
vierten nachatlantischen Zeitraum ist das griechisch-lateinische We- 
sen; tonangebend fiir den fiinften nachatlantischen Zeitraum mufi 
dasjenige sein, was aus der Natur des Angelsachsentums fliefit. Das 
Angelsachsentum mufi geistig regieren den fiinften nachatlantischen 
Zeitraum. Und alles, was gedacht wird in bezug auf Menschheits- 
entwickelung, miisse so gedacht werden, dafi dieses Dogma sich 
verwirklichen konne. Im Osten Europas ~~ so wird in diesen Schulen 
gelehrt — leben die Menschen heute in denselben Zustanden, in 
denen die mittel- und westeuropaischen Volker, die dann gipfeln 
im Angelsachsentum, lebten, als sie das griechisch-lateinische Wesen 
von den Romern iiberliefert erhielten. Im Osten von Europa leben 
die slawischen Volker heute im Sauglingsalter, und jeder, der zu 
diesen Schulen gehort, sieht dieses osteuropaische Wesen und Volks- 
tum an als im Sauglingsalter lebend und betrachtet nun dasjenige, 



was kiinftig geschehen mufi, so, dafi nunmehr diese osteuropaischen 
Volker sich in einer ahnlichen Weise aus dem Sauglingsalter heraus- 
arbeiten miissen zu einem spateren Lebensalter wie friiher die mittel- 
und westeuropaischen. Aber — und das sind sogar die Worte, die 
man in jenen Schulen sagt, die ich Ihnen jetzt erzahlen darf — ge- 
rade so, wie die Romer die Amme waren in geistiger Beziehung von 
West- und Mitteleuropa, so mufi das Angelsachsentum die Amme 
sein fur das osteuropaische Wesen, mufi dieses osteuropaische Wesen 
aus dem Sauglingstum in das spatere geistige Lebensalter hiniiber- 
fiihren. Man schildert dann im einzelnen, wie sich, ahnlich wie sich 
differenziert haben die germanischen Volker in gotische und so 
weiter, die slawischen Volker sich differenzieren. Man schildert, 
indem man nun aus dem Vorhandensein der inneren Krafte auf 
gewisse Zukunftsgestaltungen hinweist, wie in RuGland selber es 
ganz besonders bezeugt wiirde, dafi da das Volk im Sauglingsalter 
lebt, weil eine Anzahl eigentlich sich nur ortlich f iihlender Gemein- 
den, genau wie es einmal in Mittel- und Westeuropa war, da seien, 
die nur kiinstlich zusammengehalten werden durch ein Staatsband; 
wie anderseits ein Volk, das nur durch seine Religion zusammen- 
gehalten wird, die Polen, dazu berufen ware — wie gesagt, ich er- 
zahle nur Tatsachen, wie es wirklich gelehrt wird in diesen Schu- 
len — , zuletzt doch wieder, trotz ihrer Bestrebungen, in das russische 
Wesen eingefugt zu werden. Man schwort in diesen Schulen ge- 
radezu darauf , dafi das ganze Polentum wiederum in das russische 
Wesen eingeschoben werden mufi. Man sagt zum Beispiel — wie- 
derum geradezu wortlich — : Da bildeten sich im Anschlufi an das 
untere Donautal einzelne slawische Volkerschaften in abgeschlosse- 
nen Reichen. Uber dieses Entstehen von slawischen Volkerschaften 
in abgeschlossenen Reichen wurde immer wieder, wie es eben beim 
Lehren geschieht, in diesen Schulen gesagt: Es bildeten sich solche 
unabhangige slawische Volksstaaten, die werden aber nur dauern 
bis zum nachsten grofien europaischen Kriege, der da kommen 
wird. — Das heifit, man lehrte iiberall den grofien europaischen 
Krieg, der alles durcheinander bringen wird. Nur so lange wiirde 
die Unabhangigkeit dieser slawischen Staaten dauern. Und man 



stellt dann die Sache so dar, als ob sich finden werde ein in der 
Gegenwart noch nicht Vorhandenes — Sie mussen bedenken, dafi ich 
von Lehren rede, die durch die Jahrhunderte schon gegeben wur- 
den, also von einer vergangenen Gegenwart aus rede ich fiir die 
Zukunf t, die abei heute die Leute zum Teil eingetreten finden — , und 
dafi in der Zukunft sich finden miisse nach und nach eine ganz an- 
dere Art des Zusammenhaltens dieser aus dem Sauglings- in das 
Jugendalter tretenden osteuropaischen Volker. 

Das waren also Lehren, die immer gegeben worden sind, die im- 
mer da waren, und Lehren, die nun wirklich nicht blofi als Theorie 
genommen wurden, sondern so eingeblaut wurden denjenigen, die 
zu den betref f enden Schulen gehort haben, dafi zahlreiche Menschen 
sich fanden, die das aufiere Leben so zu gestalten versuchten, so zu 
beeinflussen versuchten, dafi verschiedentlich im Sinne dieser Lehren 
sich auch wirklich die Tatsachen gestalten. Und da ware es nun 
interessant, historische Tatsachen anzufiihren, die zeigen wurden, 
wie die Tatsachen im Zusammenhange geschaffen werden. Da ha- 
ben die Menschen in der Regel iiberhaupt keinen Begriff davon, 
dafi Dinge, die nebeneinander auftreten, eigentlich zusammen ge- 
dacht sind und gewissermafien zusammen veranstaltet sind. In sol- 
chen weitumfassenden und in tonangebende Kreise hinaufreichen- 
den okkulten Verbriiderungen wie diejenigen im Britischen Reiche, 
von denen ich spreche, und die gewissermafien ihre Anhangsel haben 
in ganz Westeuropa und auch in Italien, weifi man, was der eine zu 
tun hat, was der andere zu tun hat, und wie man wirkt im Leben. 
Da weifi man ganz gut, was es bedeutet — ich will Ihnen einen kon- 
kreten Fall erwahnen — , wenn man auf der einen Seite versucht, 
dafi Staatsmanner Englands nach und nach befreundet werden mit 
gewissen Staatsmannern eines kleineren Donaustaates, der ein Teil 
Osterreichs ist. Man weifi ganz gut, was das bedeutet, wenn man die 
Sache so arrangiert, dafi da gewissermafien ein freundschaftliches 
Verhaltnis sich herausbildet und ein gewisser Glaube an die Sicher- 
heit gewisser Einrichtungen im Britischen Reich gerade in einem 
Donaustaat sich bildet und dafi sich so sehr die Ansicht festsetzt, 
dafi das gute Einrichtungen sind. Aber das macht man nicht blofi 



fur sich; sondern daneben macht man das andere, dafi man zum Bei- 
spiel ein wirksames Buch erscheinen lafit, in dem man ganz beson- 
ders schimpft liber das Volk, das in diesem Staate lebt, so dafi man 
das, was man auf der einen Seite hinstellt, auf der anderen Seite 
aus den Angeln hebt. So etwas hat eine Bedeutung, wenn es metho- 
disch gemacht wird, dafi man auf der einen Seite Freundschaft ziich- 
tet, die eine gewisse volkstiimliche Bedeutung gewinnen kann, auf 
der anderen Seite die Schattenseiten des betref f enden Volkes beson- 
ders hervorhebt. Es ist das, Sie konnen sagen, ein teuflisches Begin- 
nen; aber ahrimanische Krafte walten ja in diesem ganzen Vor- 
gehen. So wird es eben gemacht, mit alien diesen Dingen, die schein- 
bar nebeneinander einhergehen. Ein Mitglied einer solchen Verbrii- 
derung schreibt ein Buch, das wirksam ist, das eine fiirchterliche Be- 
wegung hervorruft, und ein anderer bemiiht sich, einen Kreis zu 
gewinnen, in dem er Freundschaft ziichtet. So wird zwischen den 
Zeilen des Lebens gewirkt. Man weifi dann gar nicht, wenn man so 
ahnungslos das aufiere Leben betrachtet, wie die Menschen wirken, 
die im Zusammenhange mit gerade so gearteten Verbriiderungen 
sind, die darauf ausgehen, ein gewisses Volkstum, wie in diesem 
Fall das Britentum, zum herrschenden, zum tonangebenden zu 
machen. 

Nun denken Sie sich einmal hineingestellt in diese okkulte Ver- 
bruderungswirtschaft eine Personlichkeit wie die Blavatsky. Die- 
jenigen, die solchen okkulten Verbriiderungen angehoren und das 
ganze Wesen des Okkultismus kannten aus den Oberlieferungen, 
wenn auch nicht aus irgend einer fruchtbaren Intuition heraus, er- 
fahren von dem Dasein einer solchen Personlichkeit. Den ganz ge- 
scheiten Leuten, die nichts wissen vom Okkultismus, denen ist 
natiirlich die Blavatsky eine Personlichkeit, die ein wenig barock, 
ein wenig abnorm ist. Aber das ist sie nicht fur die Okkultisten, 
wenn es auch Okkultisten der ahrimanischen Linie sind, wie die- 
jenigen, von denen ich gesprochen habe. Das ist sie fur solche Leute 
nicht Die wissen: Wenn in einer Zeit, die so geartet ist, eine solche 
Wesenheit auftritt, so tritt sie heraus aus alien Entwickelungskraf- 
ten des Menschentums; da bedeutet das etwas, dafi hineingesetzt 



wird in die Zeit eine Personlichkeit, bei der der Atherleib in der 
geschilderten Weise tatig sein kann. Nun ist es aber eine ganz eigen- 
tiimliche Zeit, in der das alles geschieht und sich abspielt. Sehen 
Sie, es ist doch eine Zeit, in der man mit dem denkbar grofiten Mifi- 
trauen denjenigen entgegenkommt, die da iiber die geistige Welt so 
einfach sprechen. Leuten, die sich, wie es bei uns aus den oft ge- 
schilderten Griinden geschehen soli, einfach hinstellen und iiber die 
geistige Welt sprechen, mit Griinden sprechen iiber die geistige 
Welt, wird man in unserer Zeit, selbstverstandlich wiederum aus 
vielen angefiihrten Griinden, nicht so ohne weiteres glauben. Aber 
so ganz im Sinne des blofien, ehrlichen Wahrheitsstrebens zu wir- 
ken, das lag ja nicht im Interesse der britischen, vom Britentum sich 
ausbreitenden okkulten Verbriiderungen. In ihrem Sinne lag es vor 
alien Dingen, dafi der Welt mitgeteilt werden sollten geistige Wahr- 
heiten, also Wahrheiten, die aus der geistigen Welt heraus kamen, 
aber in einer viel handgreiflicheren Weise. Diese Wahrheiten soll- 
ten aber giinstig sein den Theorien, die dort wie ein Dogma vom 
herrschenden Angelsachsentum der fiinften nachatlantischen Zeit 
gelehrt wurden. 

Und so entstand in den sechziger und Anf ang der siebziger Jahre 
die Tendenz bei diesen okkulten Verbriiderungen des Westens, die 
Blavatsky dazu zu beniitzen, vor die Welt geistige Wahrheiten 
hinzustellen, aber solche geistigen Wahrheiten, von denen man sagen 
konnte: Seht ihr, die kommen nicht aus einem ganz gewohnlichen 
menschlichen Gehirn heraus, sondern die kommen heraus aus einem 
Atherleib, und noch dazu als reines Zukunftselement aus einem 
Atherleib, der innerhalb derjenigen Volksmasse sich gebildet hat, 
die ja die Grundlage enthalt fur die sechste nachatlantische Zeit. 
Aber weil dieses Zukunftselement eben in der fiinften nachatlan- 
tischen Zeit sich noch nicht vollstandig selber in der Hand hat, so 
dachte man, kann man nun die ganze Sache so einrichten, dafi man 
die Blavatsky, die ja nicht ein gewohnliches Medium, sondern das 
ist, was ich geschildert habe, die aber dennoch durch die gewohn- 
lichen medialen Krafte zu beeinflussen ist, so beeinflusse, dafi aus 
ihr nicht dasjenige herauskam, was heraus kam, wenn sie sich ganz 



selbst iiberlassen war, sondern dasjenige, wovon die britischen Ver- 
briiderungen wollen, dafi es herauskommen soil. Dann treten nicht 
sie, diese britischen Verbriiderungen, vor die Welt und kiindigen 
einfach an, das Britentum soli herrschen, sondern dann zeigen sie: 
Seht ihr, da hat sich eine Personlichkeit in die Welt hereingestellt, 
wir tun nichts dazu, aus ihrem eigenen Atherleibe heraus bringt sie 
als Imagination eine neue Wissenschaft, ganz neue Begriffe. — Aber 
diese neuen Begriffe sollten durch den Einflufi, den diese okkulten 
Verbriiderungen hatten, genau so formuliert werden, so gestaltet 
werden, dafi sie dazu fiihrten, im Angelsachsentum das mafigebende 
Element der fiinften nachatlantischen Zeit zu zeigen. Das entstand 
nun als Ziel. Und man glaubte nach seinem Dogma, dafi man da 
ganz richtig verfahrt; denn man nahm ja eine Russin, eine russische 
Seele, behandelte sie wie einen Saugling und benahm sich gegen sie 
wie eine Amme mit dem westeuropaischen Okkultismus. Es lag also 
der ganze Vorgang ganz im Dogma drinnen. Die Absicht war also, 
vor die Welt hinzustellen eine neue okkulte Wissenschaft, die aber 
den westlichen Briiderschaften geeignet erschien fiir dasjenige, was 
sie als ihre Spezialzwecke wollten. 

Die ganze Sache ware gut gegangen, wenn die Blavatsky eine 
blofie Russin gewesen ware und daher alles mit ihr hatte gemacht 
werden konnen, was eventueli mit einer bloflen Russin hatte ge- 
macht werden konnen. Aber ich sagte, es war ein gewisser Stich von 
mitteleuropaischem Wesen in ihr. Sie war doch eine viel zu selb- 
standige Natur. Und so kam es denn — ich kann jetzt nicht im ein- 
zelnen die verschiedenen Winkelziige aufzeigen, die man machte, 
um das zu erreichen, was ich schildere, das wiirde viel zu viel Zeit 
in Anspruch nehmen — , dafi sie diese verschiedenen Winkelziige 
immer und immer durchkreuzte. Darauf ware sie nicht eingegangen, 
denn natiirlich kamen ihr alle die Dinge zum Bewufitsein, die in 
ihrem Atherleibe lebten, es ware ihr nicht eingef alien, etwa 
nach London zu gehen in irgendeine okkulte Briiderschaft und sich 
da als ein hoheres Medium ausbilden zu lassen. Dann ware ja alles 
gut gegangen, selbstverstandlich im Sinne der okkulten Briider- 
schaften; aber darauf wiirde sie nie eingegangen sein. 



Nachdem sie nun zunachst eine ganz ordentliche, schone Leitung 
gehabt hat und vieles in ihr sich entwickelt hat, was auf sehr gutem 
Wege war, wurde die ganze Sache so gelenkt, dafi sie eintrat in 
einen Hochgrad-Orden in Paris, der aber abhangig war von britisch- 
okkultistischen Stromungen. Da sollte sie prapariert werden, so dafi 
aus ihrer Seele dasjenige herauskam, was man wollte. Aber es war 
eben der Stich in ihr, von dem ich gesprochen habe. Und dadurch 
durchkreuzte sie jetzt, nachdem sie schon friiher einiges durchkreuzt 
hatte, die Absichten, die man mit ihr gehabt hat. Sie stellte Bedin- 
gungen in diesem Orden, die ganz und gar nicht erfullt werden kon- 
nen, die unmoglich zu erfiillen sind in einem Orden, der nicht unge- 
heuren Sturm hervorrufen will. Und die Folge davon war, dafi, als 
kaum die Prozedur begonnen hatte, sie wieder ausgeschlossen wor- 
den ist. Aber sie hat immerhin — denn sie hatte doch ihren eigenen 
Kopf bis zu einem gewissen Grade — einiges Bedeutsame auf- 
genommen gerade von den mancherlei Geheimnissen, die auf die 
geschilderte Weise in solchen okkulten Orden eben vorhanden sind. 

Dann war in ihr das entstanden, was ich nennen mochte: sie hat 
Geschmack bekommen an der ganzen Rolle. Sie bekam doch in ge- 
wissem Sinne Geschmack daran, nun eine ganz allererste okkulte 
Rolle zu spielen. Aber sie wollte nicht blofi ein hoheres Medium 
sein, sie wollte die ganze Sache selber dirigieren. Und da kam es 
dann dazu, dafi sie in einen amerikanischen Orden eintrat. Man kann 
wirklich gar nicht einmal erzahlen, was sie alles anstellen wollte 
und zum Teil schon inauguriert hatte in diesem amerikanischen 
okkulten Orden. Nun war sie da drinnen, hat unzahlige Geheim- 
nisse erfahren, von denen man bis dahin niemand anderem als dem, 
der hochgraduiert war, Mitteilungen gemacht hat. Man hatte ja 
eine bestimmte Absicht, und unter dieser Absicht arbeitete man noch 
immer. Das alles fiihrte dazu, dafi sie nun aber auch in ihr Bewufit- 
sein herein eine Unsumme von Wissen bekommen hatte. Denken 
Sie, jetzt hatte man eine ganz neue Situation geschaf f en ! Jetzt gab 
es eine Personlichkeit, die unendlich viel von dem wufite, was man 
als das okkulte Wissen geheimer Orden bis dahin ganz gut verwahrt 
hatte. Das war eine ganz neue Situation. Solch eine Situation war im 



Grunde genommen noch nicht da! Nun machte sie aber in Amerika 
etwas, was unmoglich machte, daft sie in dem Orden drinnen geblie- 
ben ware oder weiter gewirkt hatte, denn sie zeigte sogleich, dafi 
sie dieses okkulte Wissen, das sie erlangt hatte, in einer Weise an- 
wenden wollte, womit sich die Orden nicht einverstanden erklaren 
konnten. Es war ganz unmoglich, sich damit einverstanden zu er- 
klaren, es ware eine heillose Verwirrung herausgekommen, wenn 
man sie nun hatte weiter machen lassen, wie man im Deutschen sagt 
Da griff man zu einem Mittel, welches wirklich sehr, sehr selten 
angewendet wird, und das ein sehr bedenkliches Mittel ist. Man 
griff zu dem Mittel, die gute, arme Blavatsky — die also, wie Sie 
sehen, ein Spielball der verschiedensten Machte war, die auf sie ein- 
wirkten — , wie man sagt, in okkulte Gefangenschaft zu setzen. Diese 
okkulte Gefangenschaft besteht darinnen — man erreicht das durch 
gewisse Mittel zeremonieller Magie — , dafi man bewirkt, dafi alles 
dasjenige, was die betreffende Seele entwickelt, nur bis zu einer 
gewissen Sphare geht und dann zuriickgeworfen wird. So dafi der 
Betreffende alles dasjenige, was er in sich entwickelt, nur selber 
sieht, dafi er es nicht irgendwie der Aufienwelt mitzuteilen vermag, 
dafi er es ganz nur in sich selber verarbeiten kann. Es ist das eine 
sehr eigentiimliche Sache, aber es wurde beschlossen, das iiber 
Blavatsky zu verhangen, um sie unschadlich zu machen, so dafi sie 
nicht der Welt alle moglichen Dinge mitteile, sondern es sollte ihr 
ganzes Streben zuriickgeworfen werden. Riickwerfen des Strebens 
oder okkulte Gefangenschaft nennt man das. 1879, auf einer von 
Okkultisten der verschiedensten Lander besuchten okkultistischen 
Versammlung wurde dies beschlossen und iiber die Blavatsky ver- 
hangt. Und so lebte jetzt eine grofiere Anzahl von Jahren Blavatsky 
wirklich in okkulter Gefangenschaft. Wie die aufieren Lebensverhalt- 
nisse in der Zeit liefen, die da nebenher gingen, das ist nicht not- 
wendig zu erzahlen, denn derjenige, der die Sache aufierlich betrach- 
tet, braucht ja von alledem, was ich jetzt erzahle, iiberhaupt gar 
nichts zu sehen. 

Nun handelte es sich fur gewisse, jetzt indische Okkultisten, dar- 
um, sie aus dieser okkulten Gefangenschaft zu befreien. Und jetzt 



beginnt eigentlich die Zeit, wo Blavatsky erst ins indische Fahrwas- 
ser gekommen ist. Alles das, was ich Ihnen bisher erzahlt habe, ist 
eigentlich Vorgeschichte der Blavatsky. Die Entwickelung davon, 
von den Zeiten an, von denen die Leute wissen, die beginnt eigent- 
lich erst jetzt. Und alles, was die Blavatsky schwer Begreifliches an 
sich hat, hangt mit dem, was ich geschildert habe, zusammen. Ge- 
wisse indische Okkultisten, die nun wiederum ihrerseits das Be- 
streben hatten, sie vor dem britischen Wesen zu retten, wendeten 
nun ihrerseits gewisse Mittel an, um die okkulte Gefangenschaft 
aufzulosen. Das wurde sogar durchaus im Einklange mit denjenigen 
gemacht, die friiher die okkulte Gefangenschaft iiber die Blavatsky 
verhangt hatten. Und fur die Blavatsky war die Folge davon, dafi 
gewissermafien in ihre Seele jetzt alles hereinstromte, was nur mit 
indischem Okkultismus zusammenhing. Ich mufi immer wieder be- 
tonen: Man hat es wirklich mit sich offenbarenden Geheimnissen 
der geistigen Welt zu tun, die nur, ich mochte sagen, in allerlei 
verzerrten Bildern und Karikaturen zum Vorschein kommen, die 
man aber nicht so ansprechen darf , als ob nicht grofie okkulte Ge- 
heimnisse durch sie zutage treten. Selbstverstandlich kamen jetzt mit 
den ungeheuren Kraften, die in der Blavatsky walteten schon durch 
ihre Anlagen und dann durch alles das, was sie noch durchgemacht 
hatte, die indischen okkulten Wahrheiten in einem ganz besonderen 
Mafie durch sie zum Vorschein. 

So haben wir in der Blavatsky den konkreten Fall, dafi, als eine 
solche Seele erscheint, wie die Blavatsky es ist, britisches, das Angel- 
sachsentum zum herrschenden Element machen wollendes Wesen, 
britischer Okkultismus sich bemiiht, mit dem, was er heute noch als 
einen Saugling ansieht, weiter zu kommen. Alles das geht darauf 
aus, Mitteleuropa vollstandig zu iibersehen, Mitteleuropa gar nicht 
zu beachten, iiber Mitteleuropa hinwegzugehen. Man redet wirklich 
so, wie ich es Ihnen erzahlt habe, und betrachtet diese Stromung, 
die ich so oft als die mitteleuropaische Stromung geschildert habe, 
als etwas, was gewissermafien bei der ganzen Prozedur iiberrannt 
werden mufi. So kam ein selbstverstandlich in vieler Beziehung an- 
fechtbares okkultes Wissen, das, ich mochte sagen, kaleidoskopartig 



in alien moglichen Farben schillerte, durch die Blavatsky zum Vor- 
schein. Und immer wirkten in diesen Okkultismen — wie Sie ja 
meiner ganzen Schilderung entnehmen konnen — politische Inten- 
tionen, politische Absichten herein. Denn sowohl die Bedingung, 
die von Blavatsky in Paris gestellt worden war, war in einer politischen 
Absicht gestellt, wie namentlich audi dasjenige, was sie in Amerika 
anzetteln wollte, durchaus in politischer Absicht war. Soil ich die 
beiden Absichten, die Blavatsky in Paris und in Amerika gehabt hat, 
ein wenig charakterisieren, so mufi ich sagen: Es war die innere 
Opposition ihres Russentums gegen ein Abhangigmachen des Rus- 
sentums von dem westeuropaischen und amerikanischen Wesen. Da- 
her stellte sie auch in Paris eine Bedingung, die nicht erfiillt wer- 
den kann und eine politische Umwalzung oder Umgestaltung in 
Frankreich bedingt hatte. In Amerika stellte sie die Bedingung nicht 
selber, sondern da liefi sie sich ein mit jemandem, der gewisser- 
mafien in Politik grow geworden war, mit Olcott, um allerlei poli- 
tische Machinationen zu bewirken, aber mit Hilfe des iiberall vor- 
geschobenen Okkultismus. Alle diese Dinge gingen dahin, das aus- 
zufuhren, was unter der Leitung des maskierten, urspriinglichen 
Leiters der Blavatsky — iiber diese Leiter ist ja uberhaupt sehr 
schwer zu sprechen — anders angestrebt wurde. Der urspriingliche 
Leiter wollte durchaus Blavatsky in ein richtiges Fahrwasser brin- 
gen; dann aber wurde er abgelost durch einen Leiter, der alles eher 
war als dasjenige, was die Blavatsky einen Mahatma nannte, alles 
andere eher. 

Und so entstand durch die verschiedensten Krafte, die da zusam- 
menwirkten, ein verworrenes, aber unzahlige grofie, gewaltige Wahr- 
heiten enthaltendes Schriftmaterial durch die Blavatsky in ihrer 
«Secret Doctrine». Es war dieses Schriftenmaterial auch geeignet, 
in Mitteleuropa sehr viel zu wirken. Nun sehen Sie — Sie konnen 
das ja auch zum Beispiel aus einem sehr bedeutsamen Roman von 
George Sand ersehen — , in Westeuropa spielen geheime Gesellschaf- 
ten, von Okkultismus durchdrungene Verbriiderungen, in poli- 
tischen Bewegungen eine grofie, wenn auch meistens aufierlich nicht 
wahrnehmbare und ersichtliche unterirdische Rolle. Ich habe am 



Ende des off entlichen Vortrags am Freitag solche Dinge angedeutet, 
die gegenwartig wirken. Da spielen politische Konspirationen und 
alles mogliche eine bedeutende Rolle. Denn es ist tatsachlich so, 
wie ich diese Dinge am letzten Freitag im offentlichen Vortrag er- 
zahlt habe, dafi man durchaus nachweisen kann in okkulte Unter- 
griinde, in okkulte Unterstromungen hineinspielende Konspiratio- 
nen, und dafi mit solchen die Ermordung des Jaures und all die an- 
deren Dinge zusammenhangen, von denen ich am Freitag noch ge- 
sprochen habe, auch die Ermordung des Franz Ferdinand und so 
weiter. In diesen ganzen Kranz von Verschworungen, von denen die 
Aufienwelt zumeist wenig weifi, der in London beginnt, sich um 
Westeuropa heriiberspinnt, nach Siideuropa geht, in die Balkan- 
lander hineingeht und sich in Petersburg schliefit, in diesen ganzen 
Kranz spielen lauter solche Dinge durchaus hinein. Wie gesagt, 
diese Dinge miissen als nicht so historisch angesehen werden, wie 
sonst historische Tatsachen, sondern als Licht verbreitend, Licht auf 
manches werfend angesehen werden. 

Vor alien Dingen ist dies festzuhalten, dafi durch eine solche 
Seele, wie die Blavatsky-Seele ist, hindurchspielen diejenigen Krafte, 
die in der geistigen Welt wirken und sich in der physischen Welt 
nur offenbaren, und dafi bei einer solchen Seele ganz besonders zu 
beobachten ist, wie sie mitgenommen wird von einem, ich mochte 
sagen, unter dem Niveau, das den physischen Plan bedeutet, Spie- 
lenden, wie sie von einer solchen Stromung mitgerissen wird und 
zeigt, welche Krafte im historischen Werden drinnen sind. Dafi man 
nach und nach solche Dinge wird kennen lernen miissen, das geht 
Ihnen ja aus vielen Auseinandersetzungen, die hier gepflogen wor- 
den sind, gewifi hervor. Und ich habe heute gerade diese Ausein- 
andersetzungen geben miissen aus dem Grunde, weil aus ihnen er- 
sichtlich werden kann, wieviel man nicht sieht von den Ereignissen 
der Welt und ihren bestimmenden Ursachen, wenn man nur das- 
jenige sehen will, was heute gemeiniglich gesehen wird. Es gibt 
schon ganz andere Stromungen, die unter der Oberflache der ge- 
wohnlichen Tatsachen sich abspielen, und man ist gewissermafien 
blind, wenn man mit seinem Blick nur an der Oberflache der Tat- 



sachen schweift. Daher wird es immer wieder und wiederum kom- 
men, dafi man iiber gewisse Dinge iiberrascht und erstaunt sein mufi, 
die sich in einer gewissen Zeit zutragen, und nicht erstaunt und 
iiberrascht zu sein brauchte in demselben Grade, wenn man eingehen 
wiirde au£ die tieferen Stromungen, tieferen Krafte. Aber leider 
liegt ja heute die Sache zumeist so, dafi auf der einen Seite die- 
jenigen Menschen stehen, die sich nur um den aufieren Verlauf der 
Tatsachen kiimmern und nicht beriicksichtigen, dafi dieser aufiere 
Verlauf der Tatsachen nicht blofi gerade fortlauft als eine Stro- 
mung, sondern immer von unten herauf durch Strudel ergriffen 
wird, die aus der Tiefe kommen. Und auf der anderen Seite stehen 
Menschen, die ja allerdings sich interessieren fur allerlei Okkultes, 
aber nur vom sensationellen Standpunkte aus, weil das interessant 
ist, wenn man da oder dort irgend etwas von Okkultismus hort. Dafi 
dasjenige, was man gerade auf okkultem Felde vernehmen kann, 
unendlich aufklarend wirken kann, wenn man begreifen will, was 
in der aufieren Welt geschieht, dafiir haben heute die wenigsten 
Menschen noch ein Organ. Und so gibt es natiirlich Leute auf der 
einen Seite, die das Leben der Blavatsky aufierordentlich interessiert, 
auf der anderen Seite gibt es Leute, die dieses Leben gar nicht inter- 
essiert, sondern die sich nur fur die aufieren Tatsachen interessieren, 
die auf dem physischen Plane geschehen. Aber wenn man sie, wie 
ich heute nur andeuten konnte, im Zusammenhange betrachtet, dann 
geht einem gewohnlich manches auf, und das ist wichtig. Und die- 
ser Zeit miissen wir entgegenleben, wo wirklich immer mehr und 
mehr Menschen da sind, die in die tieferen Stromungen des Daseins 
hineinblicken wollen, die den guten Willen haben, in diese tieferen 
Stromungen des Daseins hineinzublicken. 

Und gerade innerhalb unserer Bewegung ist es so notwendig, dafi 
diese Dinge ein wenig richtig gesehen werden, auf die ich jetzt hin- 
gedeutet habe. Denn sehen Sie, gleich nach Ausbruch des Krieges 
schimpfte, wie ich schon einmal erwahnt habe — verzeihen Sie den 
Ausdruck — , die Schiilerin der Blavatsky, Mrs. Annie Besant, in 
ihren englischen Zeitschriften in unerhorter Weise iiber dasjenige, 
was innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung lebt. Sie 



schimpfte vor alien Dingen in einer solchen Weise, dafi man sah: 
Auf jener Seite konnte man sich gar nicht vorstellen, dafi Politik 
nicht hineinspielt in dasjenige, was bei uns ehrlicher, rein nach 
Wahrheit suchender Okkultismus sein soil, in den das Politische 
unmittelbar nicht hineinspielen kann. Nur so weit kann das mit 
Politik zusammenhangen, als Wahrheit iiberhaupt in die Politik 
hineinkommen kann, aber nicht in dem Sinne, wie ich das ange- 
deutet habe bei den westeuropaischen Verbriiderungen. Unsere Be- 
wegung konnte ja im Grande genommen nur die Aufgabe haben, 
loszureifien diejenigen, die loszureifien sind, von dem Einflufi dieser 
westeuropaischen Verbriiderungen. Aber man kann sich auf jener 
Seite nicht vorstellen, dafi irgend etwas geschehen kann ohne in ge- 
wissem Sinne unlautere politische Beweggriinde. So wurde die 
Albernheit erzahlt, dafi ich von 1909 ab eigentlich die Absicht gehabt 
hatte, President der ganzen Theosophical Society zu werden, 
nach Indien zu gehen, um von dort aus die politischen Kreise zu 
beeinflussen und zu wirken. Nun, nicht wahr, auf der einen Seite 
die Berlin— Bagdad-Bahn, und auf der anderen Seite die Anthropo- 
sophie! Ich erzahle Ihnen kein Marchen, es wird da mit der Pose des 
grofiten Zornes auseinandergesetzt, wie alle die Beamten aus der 
dort sehr ausgebreiteten theosophischen Bewegung hatten gewonnen 
werden sollen, um die Sache allmahlich ins politische Fahrwasser 
hiniiberzutragen und fur den Pangermanismus zu wirken, das heiflt 
England von Indien aus anzugreifen. Der Satz steht sogar in den 
Aufsatzen von Mrs. Besant; jetzt wiederholt sie die ganze Sache in 
einer noch wiisteren Weise. 

Diese Dinge zeigen Ihnen auf der einen Seite, wie man dort gar 
nicht anders denken kann, wie aber allmahlich der Sinn fur Wahr- 
heit, fur reines, blofi objektives, ehrliches Wahrheitsstreben abhan- 
den kommen mufi. Solche Dinge, wie Mrs. Besant jetzt sagt, man 
mufi sie objektive Unwahrheiten nennen. Ich bin aber wirklich heute 
sogar schon genotigt, nicht bei dem Ausdruck «objektive Unwahr- 
heit» zu bleiben; denn angesichts der Ihnen ja so gut bekannten un- 
sinnigen Jesuiten-Beschuldigung braucht ja schon der Ausdruck 
«objektive Unwahrheit» nicht mehr gebraucht zu werden. Aber es 



kommt ja heute das andere dazu: 1909 in Budapest hatte ich Mrs. 
Besant etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Dazumal war es ja auch, 
dafi man mit mir hat einen Kompromifi schliefien wollen, denn es 
ging damals die Absicht, diesen Alcyone zum Trager des Christus 
zu ernennen. Man wollte mit mir einen Kompromifi schliefien, 
man wollte mich zum wiederverkorperten Johannes ernennen, den 
Evangelisten, und man wiirde mich dann dort anerkannt haben. Das 
wiirde Dogma geworden sein dort, wenn ich auf alle diese verschie- 
denen Schwindeleien eingegangen ware. Aber gegen all das, was 
dazumal im Werden war, bildete sich dort eine, ich mochte sagen, inter- 
nationale Gesellschaft der ehrlichen Leute. Unter anderem war auch 
Mr. Keightley dabei, der friiher immer Mrs. Besant auf die wissen- 
schaftlichen Fehler hin ihre Biicher ausgebessert hat. Diese Inter- 
nationale Gesellschaft stellte mir von Indien aus den Antrag, ihr 
President zu werden. Und ich sagte 1909 in Budapest zu Mrs. 
Besant: Es ist gar keine Rede davon, dafi ich jemals in einer okkul- 
ten Bewegung irgend etwas anderes sein will, als im Zusammen- 
hange mit der deutschen Kultur — nur mit der deutschen Kultur, 
innerhalb Mitteleuropa, — Das sagte ich Mrs. Besant 1909. Trotz- 
dem schrieb sie nach dem Ausbruch des Krieges die Dinge, die ich 
Ihnen gesagt habe. Da hat man es nicht mehr mit einer objektiven 
Unwahrheit, sondern mit einer ganz bewufiten Luge zu tun, denn es 
ist ja ausdriicklkh erklart worden, um was es sich handelt. Also 
man hat es mit einer ganz bewufiten Luge zu tun, nicht mit einer 
objektiven Unwahrheit. 

Das ist ungefahr der Weg, zu dem man gefiihrt wird, wenn man 
gerade auf dem Gebiet der geistigen Wahrheiten sich nicht 
eben auf den reinen Boden der Wahrheit stellt, auf den Boden 
der ehrlichen unverbriichlichen Wahrheit. Aber dafi diese Dinge 
sich so entwickeln mufiten, ja, sehen Sie, es liegt eigentlich alles 
schon in der Art und Weise, wie bei uns die durch die Notwendig- 
keit der Menschheitsentwickelung in der Gegenwart gegebenen 
okkultistischen Stromungen hereintreten mufiten in die Welt. In 
dieser Notwendigkeit, in der Erkenntnis dieser Notwendigkeit, liegt 
eigentlich schon alles. Als Mrs. Besant zuerst in Deutschland er- 



schien, um in Hamburg einen Vortrag zu halten, da sprach sie audi 
in einem kleineren Kreise. Es war der Anfang desjenigen, was von 
jener Seite hat geschehen sollen. Ich stellte dazumal an Mrs. 
Besant — und dafi ich solche Dinge wohl im Gedachtnisse behalte, 
das wird vielleicht zuweilen Leuten recht unangenehm sein — die 
Frage: Wie ist es denn nun mit jenem machtigen deutschen Okkul- 
tismus, der sich besonders um die Wende des 18. und 19. Jahrhun- 
derts so intensiv mit der deutschen Kultur verbindet? — Da antwor- 
tete mir Mrs. Besant — wie gesagt, es war bei ihrem allerersten Be- 
such, an dem ersten Orte in Deutschland — : Ach, was da in 
Deutschland hervorgetreten ist, das ist ein mifilungener Versuch im 
Okkultismus, das ist in anderen Formen hervorgetreten. Und weil 
das mifilungen ist, mufite das in England in die Hand genommen 
werden, und von England aus nun Europa der Okkultismus gebracht 
werden. — Sie sehen, wie so in diese Dinge auf Schleichwegen Poli- 
tik doch wohl hineinspielt, und wie man solche Dinge doch beriick- 
sichtigen mufi. 

Das, was kh Ihnen heute gesagt habe, soil eine Art von Einlei- 
tung sein zu Auseinandersetzungen, die allerdings nicht ganz auf 
demselben Boden stehen sollen, die uns in Wichtiges hineinfiihren 
sollen, das geschichtlich ebenso wichtig ist, wie die okkultistische 
Erkenntnis des einzelnen Menschen, und wovon wir dann das 
nachste Mai weiter horen werden. 



VIERTER VORTRAG 
Berlin, 4. April 191 6 



Zeichen, Griff und Wort 

Ich mochte heute etwas mehr auf die okkulten Seiten derjenigen 
Betrachtungen iibergehen, die wir heute vor acht Tagen hier ge- 
pflogen haben. Wir haben ja zunachst gesehen, dafi doch immerhin 
bedeutsam fur das menschliche Leben angesehen werden konnen 
gewisse okkulte Stromungen, die sich in okkulten Verbriiderungen 
zum Ausdruck bringen. Und Sie werden aus den mehr aufierlich ge- 
haltenen Auseinandersetzungen der letzten Stunde ersehen haben, 
dafi in einer ganz bestimmten Farbung im Westen Europas, nament- 
lich in britischen Landern, solche okkulten Briiderschaften ge- 
braucht werden, um gewisse aufiere Ziele zu erreichen. Es ist nun 
schon einmal notwendig, dafi derjenige, der gewissermafien nicht 
blind sich hineinstellt in eine geisteswissenschaftliche Bewegung der 
Gegenwart, solche Dinge mit einer gewissen Objektivitat und mit 
einem gewissen Uberblick iiber die Sachlage zu beurteilen vermag. 
Daher mochte ich heute davon sprechen, wie zunachst das Wirken 
solcher okkulten Briiderschaften iiberhaupt zu denken ist, damit wir 
daraus sehen konnen, in welcher Weise sie fiir gewisse andere 
Zwecke und Ziele ein Instrument werden konnen. 

Es ist im Grunde genommen dasjenige, was da als okkulte Briider- 
schaften gemeint ist, eine recht komplizierte Sache. Aber diese kom- 
plizierte Sache baut sich iiberall auf einem Unterbau auf, der Men- 
schen heranzieht in einer gewissen Richtung dadurch, dafi er sie in 
einer Art von Kultus vereinigt, dafi er ihnen gewisse Symbole iiber- 
liefert, dafi er sie gewissermafien in einem Dienst vereinigt, der in 
gewissen Symbolen zum Ausdruck kommt. Es gibt heute sehr viele 
Menschen, welche von vornherein aus einem leichtgeschiirzten, man 
konnte sogar sagen vermeintlichen Wissen und aus einer vermeint- 
lichen hoheren Weltanschauung heraus iiber alle solche Verbrii- 
derungen lachen und hohnen, die auf einer gewissen Symbolik sich 



aufbauen. Die Kurzsichtigkeit in alien Dingen dieser Art ist ja in 
unserer Gegenwart eine aufierordentlich grofie, und man konnte 
denjenigen, die ieichtherzig absprechen iiber die Bedeutung von ge- 
wissen Zeremonien und symbolischen Dingen, die mit gewissen ok- 
kulten Briiderschaften verbunden sind, einfach erwidern, dafi Leute, 
die ja schliefilich vielleicht auch nicht gerade unbedeutender waren, 
als sie selbst es sind, diese Monisten und sonstigen sehr aufgeklarten 
Lacher und Kritiker, Leute wie zum Beispiel Goethe sehr viel gegeben 
haben auf ein gewisses Darinnengelebthaben in solchen zeremoniel- 
len symbolischen Zusammenhangen. Goethe hat wohl gewufit und 
es immer wieder und wiederum auf die eine oder andere Art zum 
Ausdrucke gebracht, was ihm geworden ist dadurch, dafi er im Laufe 
seines Lebens nicht eine Schulerziehung, sondern eine spatere Erzie- 
hung hat durchmachen konnen, welche verbunden war mit gewissen 
Ordenszusammenhangen, zunachst mit den Ordenszusammenhan- 
gen einer Freimaurerei, in der ja Goethe war, die vielleicht weniger be- 
deutenden Leuten als Goethe auch weniger gegeben hat, die aber 
Goethe aufierordentlich viel hat geben konnen. Also solche Sachen 
konnte man immerhin denjenigen einwenden, die aus einem leicht- 
geschiirzten sogenannten monistischen Welterkennen heraus lachen 
und hohnen iiber derlei Dinge. Aber man mufi, will man das Wesen 
von diesen Dingen einsehen, tiefer in sie hineinblicken konnen. 

Wir wissen ja, dafi wir heute im fiinften nachatlantischen Zeit- 
raum leben. Seit dem Beginne des funfzehnten Jahrhunderts leben 
wir im fiinften nachatlantischen Zeitraum. Ihm ging der vierte nach- 
atlantische Zeitraum voran, der etwa um das Jahr 747 vor Christi 
Geburt beginnt, und der im Beginne des funfzehnten Jahrhunderts 
eigentlich erst endet. Die Menschen, die heute ganz klug, ganz ge- 
scheit sind — und das sind ja, nicht wahr, fast alle! — die denken 
sich: Nun ja, das wird ja nicht so sehr verschieden sein, was man in 
der Menschenseele erleben kann seit dem funfzehnten Jahrhundert, 
von dem, was die Menschenseele erlebt hat in den vorhergehenden 
zwei Jahrtausenden bis zuriick zum Jahr 747 vor Christi Geburt. 
Aber an ganz aufieren Dingen kann man schon, wenn man will, zei- 
gen, wie grundverschieden die Entwickelung der Menschenseele in 



dem vierten nachatlantischen Zeitraum, also jenem dem unsrigen 
vorangegangenen nachatlantischen Zeitraum, war. In diesem Zeit- 
raum — natiirlich nach und nach recht stark abnehmend gegen das 
fiinfzehnte nachchristliche Jahrhundert zu — , vom achten vor- 
christlichen Jahrhundert also bis zum vierzehnten nachchrist- 
lichen Jahrhundert, da waren die Menschen so geartet, dafi ihr 
Atherleib viel, viel empfanglicher war, als in der Zeit seit dem vier- 
zehnten Jahrhundert. Er konnte viel mehr das wahrnehmen, was um 
ihn herum ist. Und wenn der Atherleib wahrnimmt, dann nimmt er 
die elementarische Welt wahr, dann nimmt er nicht nur so wahr, 
wie der physische Leib Mineralien, Pflanzen, Tiere, Wasser, Luft 
und so weiter wahrnimmt, sondern dann nimmt er wirklich das- 
jenige wahr, was als elementarisches Wesen in Pflanzen, Tieren, in 
Mineralien lebt. Wenn die Leute in diesen Jahrhunderten noch spra- 
chen von Kobolden oder gnomenhaften Wesen, die sie in Gebirgen 
wahrnahmen, die ihnen aus den Kliiften der Bergwerke entgegen- 
kamen, so sagt der heutige Mensch: Nun ja, das sind dichterische 
Darstellungen. — Fur die Leute in den angedeuteten Jahrhunderten 
waren das nicht dichterische Darstellungen. Diese Leute hatten rich- 
tig noch etwas gewufit von dem Vorhandensein einer elementa- 
rischen Welt hinter der physischen Welt. 

Ich mochte, weil das vielleicht nicht alle, die hier sitzen, gehort 
haben, doch noch einmal aufmerksam darauf machen, dafi man 
heute sogar durch aufieriiche Dokumente beweisen kann, dafi die 
Leute bis vor verhaltnismafiig recht kurzer Zeit von der elementa- 
rischen Welt etwas gewufit haben. Das kann man durch aufieriiche 
Dokumente beweisen, und ich will dieses eine Dokument — ich 
glaube, ich habe es auch hier schon erwahnt, aber ich will es noch 
einmal kurz erwahnen — noch einmal vorbringen, das Sie im Ham- 
burger Museum finden konnen, ein Bild im Hamburger Museum. 
Das Bild stellt dar den Siindenfall, also jenes Ereignis, von dem wir 
im Beginne des Alten Testaments lesen. Wenn heute ein Maler den 
Siindenfall darstellt, nun, nicht wahr, er stellt ihn so dar, dafi er den 
Baum des Paradieses aufgerichtet zeigt, links und rechts Adam und 
Eva, mehr oder weniger schon, oder meistens ja scheufilich, nicht 



wahr, und in der Mitte die Schlange, eine richtige Schlange. Aber 
ist das in Wirklichkeit realistisch, meine licben Freunde? Kann man 
das realistisch nennen? Nicht wahr, wenn auch selbstverstandlich 
Eva noch nicht so gescheit und so klug war, wie die heutigen Frauen 
es sind, so kann man aber selbst der Eva nicht etwa zumuten, dafi 
sie sich von einer richtigen Schlange, die am Boden kriecht, hat ver- 
fiihren lassen zu dem Ungeheuren, zu dem sie sich hat verfiihren 
lassen. Also realistisch kann das nicht gerade sein. 

Aber nun wissen wir ja, dafi der Verfiihrer Luzifer war. Luzifer 
ist kein Wesen, das man mit heutigen physischen Augen sehen kann, 
sondern Luzifer mufi man sehen mit dem erweckten atherischen 
Leibe, mit dem erweckten Hellsehen. Da stellt er sich dann dar als 
dasjenige Wesen, das wahrend der Mondenentwickelung zuriick- 
geblieben ist. Von der Mondenentwickelung haben wir empfangen 
im wesentlichen schon unseren physischen Leib, so wie wir ihn heute 
haben, nur war er dazumal noch nicht physisch sichtbar, sondern 
atherisch. Der heutige Mensch ist in bezug auf den Kopf ein Ab- 
druck dessen, was auf dem Monde auch schon als Kopf vorhanden 
war. Aber der iibrige Leib des Menschen, der daran hangt, war noch 
nicht in der heutigen Gestalt, sondern nur in schlangenformiger 
Fortsetzung vorhanden: in dem, was wir heute als Riickenmark ha- 
ben. So dafi, wenn man Luzifer darstellen wiirde, wie er von der 
Mondenentwickelung zuriickgeblieben ist, man ihn darstellen miifite 
mit einem menschlichen Kopf und mit daran hangendem Rucken- 
mark, also in Schlangenform. 

Genau so hat der Maler, der Meister Bertram, aus dem dreizehn- 
ten, vierzehnten Jahrhundert, auf dem Bilde in Hamburg den 
Luzifer dargestellt; nicht so, wie es der heutige Maler macht, son- 
dern so, wie es sein mufi im richtigen Sinne der Geisteswissenschaft. 
Sie konnen es im Hamburger Museum im Bilde sehen und konnen 
sich iiberzeugen, dafi im dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert ein 
Maler noch so gemalt hat, wie die Dinge wirklich sind. Nur sind die 
Leute heute zu gescheit dazu, um das Sprechende dieser Dokumente 
wirklich einsehen zu konnen. Aber dies ist ein Dokument, welches 
uns zeigt, dafi die Menschen wirklich das Elementarische noch ge- 



kannt haben bis in die Zeit herein, von der wir immer sprechen und 
die sich da erweist als diejenige, in der die Menschen noch in die 
elementarische Welt haben hineinsehen konnen. 

In dieser Zeit, in dem vierten nachatlantischen Zeitraum, sind nun 
jene Symbole entstanden, welche die Grundlagen bilden fur die be- 
treffenden okkulten Bruderschaften. Die Grundlage bilden gewisse 
Symbole deshalb, weil sie etwas waren fiir den vierten nachatlan- 
tischen Zeitraum, das man lebendig empfunden hat, das man leben- 
dig an sich selber hat wissen konnen. Ich will Ihnen in der Goethe- 
schen Obertragung den Gedanken der Symbolik etwas klarer ma- 
chen. Goethe versuchte in seiner Art, die Symbolik fiir das aufiere 
Leben fruchtbar zu machen, indem er sich sagte: Man kann dadurch, 
daft man in die Symbolik sich einlebt, viel haben, man kann wirklich 
dadurch seinen inneren Menschen weiterbringen. — Daher will er — 
Sie konnen das in seinem «Wilhelm Meister» nachlesen — , daft die 
Erziehung so geleitet werde, daft der Mensch in einer gewissen Sym- 
bolik aufwachse. Goethe will, daft der Mensch etwas lerne, was 
eigentlich alle Menschen lernen sollten statt manchen Firlefanzes, 
den sie in den heutigen Gymnasien lernen, er will, daft die Men- 
schen in einer gewissen Symbolik aufwachsen. Er will, daft sie da 
vor alien Dingen in den Symbolen das lernen, was er nennt die 
«vier Ehr£urchten» des Menschen: die Ehrfurcht vor der geistigen 
Welt; die Ehrfurcht vor der physischen Welt; die Ehrfurcht vor jeg- 
licher Seele; und die Ehrfurcht, die dann erst sich aufbauen kann 
auf diesen drei Ehrfurchten: vor sich selber. Die letztere wiirden ja 
die meisten heutigen aufgeklarten Menschen zur Not gleich von 
Anfang an verstehen, nicht wahr; aber nach Goethes Anschauung 
soil diese Ehrfurcht, welche diejenige ist, die, ich mochte sagen, mit 
den grofiten Gefahren verkniipft ist, erst auf Grundlage der drei 
anderen Ehrfurchten sich aufbauen. 

Wie will Goethe, daft zunachst die Ehrfurcht vor dem Geistigen, 
das oben ist, in den Menschen sich einwachst ? Er will, daft die Men- 
schen eine gewisse Gebarde lernen: gekreuzte Arme iiber der Brust, 
den Blick nach oben gewendet. Und in dieser Stellung sollen sie sich 
aneignen Ehrfurcht vor dem, was als Geistiges auf den Menschen 



Einflufi haben konne. In einem gewissen noch sehr jugendlichen 
Lebensalter soil man, so meint Goethe, diese Gebarde verbinden 
mit dem Aneignen des Gefiihles, der Ehrfurcht vor dem, was oben 
ist. Warum hat das eine gewisse Bedeutung ? Das hat eine gewisse 
Bedeutung, weil, wenn der Mensch wirklich Ehrfurcht vor dem Gei- 
stigen empfindet, er gar nicht anders kann, als dieses Gefuhl der 
Ehrfurcht vor dem Geistigen bekunden. Und wenn er selbst seine 
Hande hinten auf dem Riicken zusammenlegte als physische Hande, 
es wiirden die Atherhande sich vorne kreuzen, und sein Blick, wenn 
er ihn auch noch so sehr nach abwarts wendete als physischen Bl tck, 
sein Blick wiirde sich mit den Atheraugen nach oben wenden. Dies 
ist die natiirliche Gebarde fur Atheraugen: nach oben gewendet, 
und fur Atherhande: nach vorne sich kreuzend, die der Atherleib 
wirklich ausfiihrt, wenn diese Ehrfurcht vor dem Geistigen vorhan- 
den ist; es geht gar nicht anders, das ist eine Selbstverstandlichkeit, 
dafi der Atherleib diese Gebarde annimmt. Im vierten nachatlan- 
tischen Zeitraum wufiten dies die Leute, weil sie die Bewegungen 
des Atherleibes an sich verspiirten, und wenn man ihnen sagte, sie 
sollten das machen, dann sagte man ihnen nichts anderes, als: sie 
sollen rege machen in sich ein wenig die physische Gebarde, damit 
sie fiihlen, wahrnehmen konnen die Athergebarde. 

So wollte Goethe ein Hineinwachsen in das geistige Leben. Er 
wufite, dafi das eine Bedeutung hat: Diejenigen Gebarden, die mit 
den unmittelbaren Aufierungen der Seele verbunden sind, wirklich 
durchzuleben. Ebenso wollte er, dafi der Mensch, wenn er die Ehr- 
furcht vor dem Leiblichen, vor allem Irdischen sich aneignet, die 
Hande hinten am Riicken kreuzt und den Blick nach unten wendet. 
Das sollte er sich an zweiter Stelle aneignen. Zum dritten verhalt 
sich die Sache so: Die ausgebreiteten Hande mit dem nach links 
und rechts gewendeten Blicke sollten ihm die Ehrfurcht vor jeder 
gleichgearteten Seele beibringen. Und dann kann er sich dasjenige 
aneignen, was Ehrfurcht vor der eigenen Seele sein kann. 

Dieses unmittelbare Wissen davon, dafi diese Gebarden, wenn sie 
richtig sind, nicht etwas Willkiirliches sind, sondern dafi sie zusam- 
menhangen mit der geistigen Organisation des Menschen, ist seit 



dem vierzehnten Jahrhundert den Menschen weitgehend verloren 
gegangen. Was folgt daraus? Daraus folgt, dafi man vorher den 
Menschen, denen man derartige und audi kompliziertere Gebarden 
beibrachte, nur das beibrachte, was sie leicht zu innerem Leben er- 
wecken konnten. Nachher, also in unserer fiinften nachatlantischen 
Zeit, handelt es sich darum, dafi man solche einfachen Gebarden, 
wie sie Goethe will, gerade jugendlicheren Personen sehr gut bei 
bringen konnte, wenn man den entsprechenden Unterricht gibt. Und 
das will auch Goethe. 

Aber die kompliziertere Gebardensprache in «Zeichen, Griff und 
Wort», wie sie verbreitet ist innerhalb der geheimen Verbriiderun- 
gen, die konnte man seit dem vierzehnten, fiinfzehnten Jahrhundert 
nicht mehr den Menschen so beibringen, dafi sie noch etwas von der 
Realitat spiirten. Also es entwickeln sich fort die Verbriiderungen, 
wie sie in der vierten nachatlantischen Zeit bestanden haben, in 
denen man in drei aufeinanderfolgenden Graden unter anderen 
symbolischen Dingen den Leuten Zeichen, Griff und Wort bei- 
brachte. Die setzten sich fort. Aber sie setzten sich fort unter anders 
gearteten Seelen in den letzten Jahrhunderten. Man brachte auch 
da _ bleiben wir bei diesem Elementarsten stehen — Zeichen, Griff 
und Wort bei. Aber die Leute konnten nichts mehr verbinden mit 
Zeichen, Griff und Wort, weil sie nicht mehr sich vergegenwartigen 
konnten das Entsprechende im Atherleib, das der Seele des Men- 
schen angemessen ist. Es war etwas Auflerliches; denn in dem vier- 
ten nachatlantischen Zeitraum war im wesentlichen im Menschen 
entwickelt die Gemiits- oder Verstandesseele. Jetzt begann die Be- 
wufitseinsseele den Menschen zu ergreifen, das heifit der Mensch 
begann, auf seinen an das physische Gehirn gebundenen Verstand 
angewiesen zu sein. Dasjenige, was man nennen kann: Sensitivitat 
des Atherleibes, trat zuriick. Was aber tritt jetzt auf? Ich bitte Sie 
ganz genau sich anzuhoren, was jetzt auftreten mufi. 

Denken Sie sich also: Es wird fortgesetzt die okkulte Verbriide- 
rung in diesen fiinften nachatlantischen Zeitraum herein. Man be- 
griindet weiter oder setzt fort okkulte Verbriiderungen, in die man 
Menschen auf nimmt, die man bekannt macht mit den entsprechenden 



Symbolen. Diese Menschen lernen also gewisse Zeichen dadurch, 
dafi sie ihren Leib in eine gewisse Stellung bringen, was ein Zeichen 
bedeutet. Sie lernen gewisse Griffe dadurch, dafi sie die Hand des 
anderen in einer gewissen Weise ergreifen, die nicht die gewohn- 
liche ist. Sie lernen gewisse Worte aussprechen, welche eine ganz 
bestimmte Regsamkeit des Atherleibes bedeuten, und anderes. Ich 
will nur dieses Elementare erwahnen. Also Menschen lernen Zei- 
chen, Griff und Wort seit dem fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhun- 
dert. Sie sind jetzt so geartet, dafi ihre Bewufitseinsseele wirkt. In 
die wirkt aber Zeichen, Griff und Wort nicht herein, fur die bleibt 
es ein aufierliches Zeichen, etwas ganz Aufierliches. Aber glauben Sie 
nun nicht, dafi die Dinge, die Zeichen, Griff und Wort sind, wenn 
sie dem Menschen iiberliefert werden, nicht wirken auf den Ather- 
leib des Menschen ! Sie wirken. Der Mensch nimmt auf mit Zeichen, 
Griff und Wort dasjenige, was einmal mit Zeichen, Griff und Wort 
verbunden ist. Man unterrichtet also eine Anzahl von Menschen in 
Zeichen, Griff und Wort, bringt ihrem Unterbewufiten dadurch 
etwas bei, was sie nicht im Bewufitsein haben. Das diirfte man 
selbstverstandlich iiberhaupt nicht machen, was ich jetzt beschrieben 
habe, sondern man miifite auf dem Wege vorgehen, der geboten ist 
durch die Entwickelung des Menschen. Und der besteht darin, dafi man 
durch den Verstand des Menschen geht, so dafi man also dasjenige, 
was der Verstand begreifen kann, was der Verstand erlernen kann, 
zuerst an den Menschen heranbringt: und das ist der Inhalt der Gei- 
steswissenschaft. Dieser Inhalt der Geisteswissenschaft mufi zuerst 
begriffen werden. An den mufi man zuerst sich heranmachen. Man 
mufi also zuerst irgendwie drinnenstehen in der geisteswissenschaft- 
lichen Bewegung, und erst nach einiger Zeit, nachdem man in der 
geisteswissenschaftlichen Bewegung drinnengestanden hat, kann 
man dazu gefiihrt werden, Zeichen, Griff und Wort zu empfangen. 
Denn man ist dann vorbereitet, etwas Bekanntes darin zu sehen, was 
man wenigstens verstanden hat. Das wird in den okkulten Verbrii- 
derungen in der Regel nicht gemacht. In den okkulten Verbriiderun- 
gen werden die Leute einfach, ohne vorher irgendwie Geisteswissen- 
schaft oder Okkultismus gelernt zu haben, aufgenommen in den 



ersten Grad. Es wird ihnen Zeichen, Griff und Wort und noch man- 
ches andere an Symbolen iiberliefert, und man wirkt, weil sie vorher 
nicht etwas gelernt haben von der geistigen Welt, auf ihr Unter- 
bewufites, auf dasjenige, was nicht mit ihr em Bewufitsein zusammen- 
hangt. 

Was ist die Folge davon? Die Folge davon ist, dafi man, wenn 
man will, die Leute zu gefiigigen Werkzeugen fiir allerlei Plane 
machen kann, ganz selbstverstandlich. Denn wenn Sie den Atherleib 
bearbeiten, ohne dafi der Mensch es weifi, so schalten Sie dieselben 
Krafte, die er sonst in seinem Verstande hatte, aus, wenn Sie nicht 
dann dem Verstande etwas geben, was heute Geisteswissenschaft 
sein mufi. Die schalten Sie aus, und Sie machen dann solche Briider- 
schaften zu einem Werkzeug fiir diejenigen, die ihre Plane, ihre 
Ziele verfolgen wollen. Sie konnen dann solche Briiderschaften 
gleichzeitig irgendwie dazu verwenden, irgendwelche politischen 
Ziele zu verfolgen, oder Sie konnen das Dogma aufstellen, «Alcyone» 
sei der aufiere physische Trager des Christus Jesus. Und diejenigen, 
die also prapariert sind, werden sich zu Instrumenten machen, um 
das in die Welt hinauszutragen. Man braucht dann nur in der ent- 
sprechenden Weise unehrlich und unrechtschaffen zu sein, dann 
kann man alles mogliche auf diesem Wege erreichen dadurch, dafi 
man sich zunachst Instrumente schaf ft. 

Und nun — nicht wahr, die Dinge folgen ja alle aus der wirk- 
lichen Erkenntnis — , wer das weifi, wie sich der fiinfte nachatlan- 
tische Zeitraum vom vierten nachatlantischen Zeitraum unterschei- 
det — und das wird bei uns immer wieder und wiederum gesagt — , 
der weifi eben, warum es so sein mufi, dafi zuerst Bekanntschaft mit 
der Geisteswissenschaft vorhanden sein mufi und dann erst Einfiih- 
rung in die Symbolik gegeben werden kann. Da, wo es wirklich ehr- 
lich gemeint wird mit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung, 
wird selbstverstandlich dieser Gang eingehalten. Denn derjenige, 
der auch nur dasjenige kennen gelernt hat, was zum Beispiel in mei- 
ner «Theosophie» oder in der «Geheimwissenschaft» steht und ver- 
sucht hat, es zu begreifen, der wird niemals einen Schaden durch 
irgendwelche Uberlieferung von Symbolen nehmen konnen. 



Nun sehen wir aber gerade in ausgesprochenstem Mafie, dafi in 
britischen Landern der Symbolik gar nicht ein Unterricht vorangeht, 
der sie in irgendeiner Weise erklaren wiirde. Erklaren heifit nicht, 
dafi man sagt: Dieses Symbol bedeutet das, und dieses Symbol be- 
deutet das, denn da kann man jedem jedes Zeug vormachen, sondern 
der Unterricht mufite so geartet sein, dafi man zunachst aus dem 
Gang der Erden- und Menschheitsentwickelung die Geheimnisse 
entmillt und dann daraus die Symbolik entstehen lafit. So ist das 
dort nicht, sondern da werden die Symbole einfach geboten, ja, sie 
werden nicht nur einfach geboten auf diese Weise, sondern es wer- 
den sogar die Symbole noch auf andere Weise geboten, indem man 
in der Literatur auch nicht so vorgeht, wie unsere Geisteswissen- 
schaft zum Beispiel vorgeht, sondern indem man in der Literatur 
so vorgeht, dafi man eigentlich alles symbolisch gibt. 

In vieler Beziehung ist schon der ungeheuerste Unfug mit dieser 
okkulten Literatur geschehen in Frankreich durch Eliphas Levi, des- 
sen Bucher «Dogma und Ritual der hoheren Magie», dessen 
«Schliissel der hoheren Magie» ja gewifi grofie Wahrheiten neben 
sehr gefahrlichen Irrtiimern enthalten, die aber so geartet sind, dafi 
alles nicht mit dem Verstande so zu verfolgen ist, wie bei unserer 
Geisteswissenschaft, sondern in einer symbolischen Art aufgenom- 
men werden mufi. Lesen Sie Eliphas Levi! Jetzt konnen Sie ihn lesen 
ganz ohne Gefahr, selbstverstandlich, well Sie geniigend vorbereitet 
sind. Lesen Sie von Eliphas Levi «Dogma und Ritual der hoheren 
Magie», dann werden Sie sehen, wie dort die ganze Methode der 
Symbolik anders ist. Ja, meine lieben Freunde, wenn man so wie 
Eliphas Levi in seinem «Dogma und Ritual der hoheren Magie» die 
Menschen unterrichtet in lauter Symbolen, dann hat man sie im 
Grunde genommen, wenn man das will, zu allem, wozu man sie 
braucht, wozu man sie brauchen will. 

Noch schlimmer ist die Sache nach Eliphas Levi geworden durch 
den Dr. Encausse, durch Papus, der einen so verheerenden, verhang- 
nisvollen Einflufi gewonnen hat auf den Petersburger Hof, wo er 
sich immer wieder und wieder aufgehalten hat, um dort seit Jahr- 
zehnten eine sehr verhangnisvolle politische Rolle zu spiel en. Da 



finden Sie bei Papus — so nennt er sich — geradezu in einer verhang- 
nisvoll gefahrlichen Art gewisse okkulte Geheimnisse an die 
Menschheit herangebracht, so dafi diejenigen, die Papus auf sich 
wirken lassen, mit einem eisernen Fanatismus, sobald sie einmal 
iiber die Elemente hinausgekommen sind, festhalten an dem, was 
ihnen Papus gibt. Es handelt sich nicht darum, Papus zu widerlegen, 
denn, ich mochte sagen, so paradox es klingt: das ist das Schlimmste, 
dafi sehr viele, sehr richtigeDinge gerade in Papus stehen. Aber die Art 
und Weise, wie sie den Menschen gegeben werden, das ist das unge- 
heuer Gefahrliche: schwachen Menschen eintmufeln dasjenige in die 
Seele, was in Papus' Biichern stent, das heifit, sie dazu praparieren, ihren 
Verstand zu einem vollstandigen Schlafer zu machen und sie zu 
allem zu gebrauchen, wozu man sie gebrauchen will. Solche Men- 
schen haben aber in der Gegenwart einen gewissen Einflufi. Wer 
mehr herumgekommen ist und Gelegenheit hat, solche Dinge zu 
kennen, der weifi, dafi Papus uberall einen grofien Einflufi hat. Ich 
konnte diesen Einflufi verfolgen durch Bohmen hindurch, durch 
Osterreich hindurch. In Deutschland ist sein Einflufi ein viel gerin- 
gerer, aber sein Einflufi war auch bis zu einem gewissen Zeitpunkte 
durchaus vorhanden. Aber insbesondere hat er einen ungeheuren 
Einflufi in Rufiland. Es wird noch dazu dieser Einflufi von Papus 
erreicht durch eine gewisse Unehrlichkeit, die mit der ganzen Sache 
verbunden ist. 

Sehen Sie, die Lehre des Jakob Bohtne, von der wir ja oftmals ge- 
sprochen haben, wurde im achtzehnten Jahrhundert durch den soge- 
nannten «Unbekannten Philosophen», durch Saint-Martin, nach 
Frankreich verpflanzt, und dort von Saint-Martin in einer sehr, sehr 
anmutenden Sprache wiedergegeben, so dafi, als riickiibersetzt wur- 
den ins Deutsche die Werke von Saint-Martin, diese selbstverstandlich 
viel lesbarer waren fur die Menschen, als die Werke von Jakob 
Bohme, die ja bekanntlich sehr schwer lesbar sind. 

Fur mich kniipft sich noch eine ganz niedliche Erinnerung ge- 
rade an die Obersetzung der Werke von Saint-Martin, dem «Unbe- 
kannten Philosophen», an. Das Buch von Saint-Martin, «Des erreurs 
et de la verite», dieses Buch iiber Irrtum und Wahrheit, das ist sehr 



schon ins Deutsche iibersetzt von einem liebenswiirdigen deutschen 
Dichter, der allgemein bekannt ist. Und insofern ist mir das gerade 
nicht uninteressant, denn es wird demnachst eine kleine Broschiife 
erscheinen von mir: «Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und 
deren Bau in Dornach», wo ich versuche, gewisse landlaufige Irr- 
tiimer, die iiber die Geisteswissenschaft verbreitet sind, einmal kurz 
und popular zu widerlegen. Der Aufsatz, der in nachster Zeit er- 
scheinen wird, ist hervorgegangen aus einem Vortrage, den ich in 
der Schweiz gehalten habe, weil dort, in Dornach selber, ein beson- 
ders gescheiter evangelischer Pfarrer alles mogliche vorgebracht hat. 
Doch wolite ich schliefilich nicht einzig und allein mit einem sol- 
chen Pfarrer mich beschaf tigen. Aber dieses, was er vorgebracht hat, 
das ist gewissermafien typisch. Die Leute bringen alle moglichen 
Dinge vor, und da konnte ich, ohne dafi ich auf den Pfarrer gerade 
hingewiesen habe, diese landlaufigen Irrtiimer iiber unsere Geistes- 
wissenschaft widerlegen, namentlich auch iiber den Dornacher Bau. 
In einem Vortrage, den dieser Pfarrer gehalten hat, hat er auch an- 
gefiihrt ein Gedicht — ich habe schon einmal hier davon gespro- 
chen — von Matthias Claudius. Dieses Gedicht fuhrte er an, of fen- 
bar mit starkem Pathos, indem er eine Strophe daraus zitierte, um zu 
zeigen, wie wenig die Menschen eigentlich von so etwas sprechen 
sollten, wie einer geheimen Wissenschaft, denn nicht einmal den 
Mond konnte man begreifen. Man braucht aber in diesem selben 
Gedicht von Matthias Claudius nur f ortzulesen, so ist es die nachste 
Strophe, die beweist, dafi das genaue Gegenteil von dem, was der 
Pfarrer da meint, von Matthias Claudius gemeint wird. Aber das 
Interessante ist, dafi der Ubersetzer von Saint-Martins Buch «Irrtum 
und Wahrheit» gerade der Matthias Claudius ist, dafi der gerade 
den Saint-Martin iibersetzte. Also, Sie konnen sich denken aus sol- 
chen Dingen, meine lieben Freunde, mit welchen Leuten man es zu 
tun hat, die einem heute entgegentreten angeblich mit dem, was sie 
«gute Griinde» nennen, und mit welchen Griinden man es da eigent- 
lich zu tun hat. Das Kapitel, mit welchen Leuten man es zu tun hat 
heute, das konnte ja in sehr ausfuhrlicher Weise dargestellt wer- 
den. Es ist eigentlich bedauerlich, wenn man Zeit verlieren mufi, um 



diejenigen Menschen, die in einer solchen Art der Sache entgegen- 
treten, zu widerlegen. 

Aber da erfahrt man ja manchmal noch viel Kurioseres. Eines 
mochte ich Ihnen nicht vorenthalten, das mir, seit wir uns das letzte 
Mai hier gesprochen haben, entgegengetreten ist, weil es doch allzu 
interessant ist. Sie wissen ja alle — ich habe es ja das letzte Mai auch 
wiederum erwahnt — , dafi ich nicht mitmachen konnte und durfte, 
aus reinem Wahrheitssinn heraus, dasjenige, was Mrs. Besant, die 
Prasidentin der Theosophical Society, mit ihren Leuten machte, von 
denen sie sich einen grofien Teil auf die Weise zubereitet hatte, wie 
ich es Ihnen geschildert habe. Da konnte ich nicht mitgehen. Ich 
mufite wirklich im Namen der Wahrheit gegen diese frivole Chri- 
stus-Auffassung mit dem Alcyone-Knaben mich wenden, mufite 
mich um so mehr dagegen wenden, als ich sah, wie selbst gelehrte 
Leute iiberall gerade auf das Biichelchen, das von Alcyone herriih- 
ren soli — ich glaube «Zu den Fiifien des Meisters» heifit es — , her- 
eingefallen sind und das als eine der grofiten Erscheinungen der 
Gegenwart hingestellt haben. Aber es wurde ja in jenen Kreisen so- 
gar etwas davon gefuhlt, dafi es sich bei mir darum handelte, etwas 
zu unternehmen im Dienste der Wahrheit. Es wurde gefuhlt. Aber 
man sagte sich auf jener anderen Seite: Ja, Wahrheit, — ist denn 
Wahrheit wirklich so, dafi man Mrs. Besant entgegentreten soil, 
weil sie flunkert? Und sehen Sie, da finde ich in einer Broschiire 
von unserem Mitglied E. von Gumppenberg, die auch in der nach- 
sten Zeit erscheinen wird, einen Ausspruch, ein Urteil iiber mich 
angefuhrt. Es ist wortlich angefuhrt, dieses Urteil iiber mich. Frau 
von Gumppenberg kniipft an einen anderen Ausspruch an, und sagt 
dann: Es erinnert dieser andere Ausspruch an ein anderes Urteil 
iiber Dr. Steiner, das einmal von einer Englanderin abgegeben 
wurde. Es heifit da: Der gute Dr. Steiner, er ist eben ein Philosoph. 
Und das mag der Grund sein, warum er es mit der Wahrheit so ge- 
nau nimmt. Was macht es denn, wenn Frau Besant flunkert ? Flun- 
kern wir denn nicht alle? Sehen Sie, das ist ja doch nicht anders 
moglich. Wie kamen wir durchs Leben mit strikter Wahrheit? Wir 
konnen doch nicht lauter Philosophen sein. Lassen wir also die an- 



deren flunkern! Wir machen uns nur boses Blut, wenn wir uns da- 
gegen stellen. 

Meine lieben Freunde! Ich kann nicht anders, als denjenigen, der 
ein Strafienrauber ist, fiir einen anstandigeren Menschen zu halten, 
als denjenigen, der ein solches Urteil uber die Wahrheit fallt. Das 
ist meine ganz aufrichtige Meinung und Empfindung, wenn auch 
derjenige, der ein solches Urteil uber die Wahrheit fallt, in noch so 
schonen seidenen Kleidern daherrauscht — und die wird die betref- 
fende Dame schon angehabt haben! Aber man sieht aus solchen 
Dingen, wie gef ahrlich es heute ist, es mit der Wahrheit nicht genau 
zu nehmen, insbesondere dann, wenn es sich um Dinge handelt, die 
der unmittelbar sinnlichen Wahrnehmung entzogen sind. 

Nun sagte ich: eine Heuchelei geschieht auch mit der Verbrei- 
tung der Geistesstromung, die von Encausse, von Papus, ausgeht; 
denn die Leute nennen sich «Martinisten». Man mufi den ehrhchen 
«Unbekannten Phiiosophen» wahrhaftig in Schutz nehmen mit sei- 
nem ehrlichen Wahrheitstreben und mit demjenigen, was er ver- 
suchte, im Dienste des achtzehnten Jahrhunderts so zu tun, wie es 
notwendig war im Dienste des achtzehnten Jahrhunderts, gegen die 
Inanspruchnahme seines Namens durch die Papusianer von heute. 

Nun ist es sehr wichtig, zu wissen, dafi auf der Grundlage von 
drei Graden sich jede okkulte Verbriiderung aufbaut. Im ersten 
Grade kommen, wenn die Symbolik in der richtigen Weise ge- 
braucht wird, und unter richtig verstehe ich selbstverstandlich das- 
jenige, was ich eben angedeutet habe fiir unseren funften nach- 
atlantischen Zeitraum, die Seelen so weit, dafi sie ein genaues inneres 
Erlebnis davon haben, dafi es ein Wissen gibt in Unabhangigkeit 
von dem gewohnlichen physisch-sinnlichen Wissen. Und sie miissen 
im ersten Grade eine gewisse Summe von solchem, vom physischen 
unabhangigen Wissen haben. Ungefahr dasjenige miifite jeder wis- 
sen, der im ersten Grade ist heute innerhalb des funften nachatlan- 
tischen Zeitraumes, was ungefahr in meiner «Geheimwissenschaft» 
steht. Wissen miifite jeder — das heifit innerlich lebendig wissen — , 
der im zweiten Grade ist, dasjenige, was in dem Buche steht: «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» Und wer in dem 



dritten Grade ist und die bedeutungsvollen Symbole: Zeichen, Griff 
und Wort schon des dritten Grades empfangt, der weifi, was es 
heifit: aufierhalb seines Leibes leben. — Das ware die Regel, das 
ware dasjenige, was erreicht werden soil. 

Das ist tatsachlich bis ins achte, neunte Jahrhundert in gewissen 
Gegenden Europas innerhalb dieser Grade erreicht worden. So zum 
Beispiel ist in Irland im hohen Grade bis ins achte, neunte, zehnte 
Jahrhundert von einzelnen Personlichkeiten, von einer grofieren 
Anzahl von Personlichkeiten dies, was ich eben beschrieben habe, voll 
erreicht worden, aber auch in anderen Gegenden Europas, nur nicht 
in so grofier Anzahl wie gerade bei manchen Menschen in Irland. 
Man hat nun gewisse Dinge vermieden, einfach aus Unvermo- 
gen, das ist: hinzuarbeiten auf eine wirkliche Geisteswissenschaft. 
Diese wirkliche Geisteswissenschaft tritt uns ja eigentlich aus vielen 
Griinden erst jetzt entgegen. Aber okkulte Verbriidemngen, wie 
gesagt, hat es immer gegeben, und sie arbeiten aus der blofien Sym- 
bolik heraus. Besonders bedeutungsvoll ist das, wenn aus der blofien 
Symbolik heraus gearbeitet wird in einer Volksgemeinschaft, die in 
der Tat noch nicht bis zu ihrer vollen Reife gediehen ist. Daher tra- 
ten diese "Obelstande sogleich auf, als unter der Kaiserin Katharina, 
nachdem der Voltairianismus etwas von einem Schlag erfahren 
hatte, und unter ihrem Nachfolger in Rufiland, Paul, und Spateren, 
der Versuch gemacht wurde, gewisse geheime Verbriidemngen vom 
Westen nach Rufiland hinein zu verpflanzen. Dieser Versuch wurde 
aber in ausgiebigstem Mafie gemacht. Und das, was dazumal ge- 
schehen ist unter dem Einf lusse der vom Westen nach Rufiland ver- 
pflanzten okkulten Verbriidemngen, das hat einen grofien Einflufi 
gewonnen auf die ganze geistige Entwickelung Rufilands seither, 
einen viel grofieren Einflufi, als man irgendwie glauben kann. Selbst- 
verstandlich, solcher Einflufi gmppiert sich nach der verschieden- 
sten Richtung hin: der Literat verarbeitet diesen Einflufi in Roma- 
nen, der politische Schriftsteller in Politik. Aber durch gewisse Ka- 
nale, die immer vorhanden sind, wird solcher Einflufi immer bedeut- 
sam fur die nachfolgende Entwickelung. Und alles eigentlich, was 
bedeutend ist im geistigen Leben Rufilands bis zu Tolstoi, fiihrt im 



Grunde genommen zuriick auf dasjenige, was in der Zeit, von der 
ich eben gesprochen habe, durch Verpf lanzung von gewissen okkul- 
ten Verbriiderungen nach Rufiland hinein vom Westen Europas aus 
geschehen ist. 

Nun sagte ich Ihnen: es ist ein gewisser Unterbau vorhanden. Der 
Unterbau ist eben der, der die okkulten Verbriiderungen durch diese 
drei Grade heraufleitet. Gewifi. Dann aber gibt es Leute, die kom- 
men zu sogenannten Hochgraden, zu hoheren Graden. Nun, das ist 
freilich ein Gebiet, wo ungeheuer viel Eitelkeit unterlauft, denn es 
gibt Verbriiderungen, in denen man es bis zu neunzig oder iiber 
neunzig Graden bringen kann. Nun denken Sie sich einmal, was 
das heifit: man tragt einen so hohen Ordensgrad an sich! Dreiund- 
dreifiig Grade hat ja, einfach durch einen Fehler, der aus einer gro- 
tesken Unkenntnis entspringt, das sogenannte schottische Hochgrad- 
system, das sich aufbaut auf den drei Graden, die in solcher Weise 
verlaufen, wie ich es geschildert habe. Also da hat man die drei 
Grade, die ja, wie Sie sehen, ihre tiefe Bedeutung haben. Aber nach 
diesen drei Graden folgen noch dreifiig andere. Nun konnen Sie 
sich denken, wenn man schon im dritten Grade die Fahigkeit er- 
langt, aufier seinem Leibe sich zu erleben, was man fur ein hohes 
Wesen ist, wenn man noch dreifiig Grade danach durchmacht. Aber 
es beruht auf einem grotesken Erkenntnisfehler. Es wird namlich 
in okkulten Wissenschaften anders als im Dezimalsystem gelesen: 
es wird so gelesen, dafi man nicht nach dem Dezimalsystem, sondern 
nach dem betreffenden System der Zahlen rechnet, die gerade in 
Betracht kommen. Also wenn man schreibt: 33. Grad, so bedeutet 
das in Wirklichkeit nach dem System der Zahlen, die in Betracht 
kommen: 3 mal 3 = 9. Das hat eine grofie Rolle gespielt bei der 
Blavatsky. Sie finden in Blavatskys «Geheimlehre» eine lange De- 
batte iiber die Zahl 777. Da haben die Leute alles mogliche phan- 
tasiert, was diese Zahl 777 bedeutet. In Wirklichkeit ist es 343, nam- 
lich 7 mal 7 mal 7. Man schreibt im Okkultismus so, dafi man die 
Zahlen, die da stehen, miteinander multiplizieren mufi. Wenn man 
also die wirkliche Zahl haben will, mufi man 777 folgendermafien 
lesen: 7 mal 7 = 49 mal 7 = 343. Dementsprechend ist 33 = 9 



= 3 mal 3. Nur weil die Leute ni
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