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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
OFFENTLICHE VORTRAGE
RUDOLF STEINER
Die Erkenntnis des Ubersinnlichen
in unserer Zeit und deren
Bedeutung fur das heutige Leben
Dreizehn offentliche Vortrdge,
gehalten zwischen dem 11. Oktober 1906
und dem 26. April 1907
im Architektenhaus zu Berlin
1983
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, nicht wortlichen
und teilwcise liickenhaften Zuhorer-Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgten H. Wiesberger und H. W. Zbinden
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959
2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck
Gesamtausgabe Dornach 1983
Einzelausgaben
Vortrag II «BIut ist ein ganz besonderer Saft», Berlin 1907,
10. Auflage, Dornach 1982
Vortrag V als Vortrag I innerhalb der Medizinischen Schriftenreihe,
Zweite Folge, 2. Heft: «Wie begreift man Krankheit und Tod? Das
Ratsel des Todes», Basel 1952
Vortrag VIII und IX als Vortrag I und II innerhalb der Medizinischen
Schriftenreihe, Zweite Folge, 3. Heft: «Gesundheit und Krankheit
im Seelenleben», Basel 1952
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 55
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden
ISBN 3-7274-0550-3
7,u den Veroffentlicbungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge-
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse,
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso-
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge-
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re-
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden,
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus-
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif-
ten selbst korrigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vor-
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer-
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor-
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen
am Beginn der Hinweise.
INHALT
Zu dieser Ausgabe 8
I. Die Erkenntnis des Ubersinnlichen in unserer Zeit
und deren Bedeutung fur das heutige Leben
Berlin, 11. Oktober 1906 9
II. Blut ist ein ganz besonderer Saft
Berlin, 25. Oktober 1906 35
III. Der Ursprung des Leides
Berlin, 8. November 1906 66
IV. Der Ursprung des Bosen
Berlin, 22. November 1906 91
V. Wie begreift man Krankheit und Tod?
Berlin, 13. Dezember 1906 100
VI. Die Erziehung des Kindes vom Standpunkt der
Geisteswissenschaft
Koln, 1. Dezember 1906 (statt Berlin, 10. Januar 1907) . 118
VII. Schulfragen vom Standpunkt der Geisteswissenschaft
Berlin, 24. Januar 1907 133
VIII. Der Irrsinn vom Standpunkt der Geisteswissenschaft
Berlin, 31. Januar 1907 140
IX. Weisheit und Gesundhek
Berlin, 14. Februar 1907 148
X. Der Lebenslauf des Menschen
vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt
Berlin, 28. Februar 1907 157
XL Wer sind die Rosenkreuzer?
Berlin, 14. Marz 1907 174
XII. Richard Wagner und die Mystik
Berlin, 28. Marz 1907 207
Xm. Bibel und Weisheit
Berlin, 26. April 1907 240
Hinweise 264
Personenregister 271
Ausfuhrliche Inhaltsangaben 273
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 277
ZUDIESER AUSGABE
Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte.
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig-
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor-
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan-
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen,
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder
gegeben wurden.» (Marie Steiner)
Die vorliegende, wahrend des Winterhalbjahres 1906/07 gehal-
tene Vortragsreihe ist die vierte der offentlichen Vortragsreihen,
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte. In
ihr findet sich dargestellt, wie die Geisteswissenschaft Stellung
nimmt zu den grofien Ratselfragen des Lebens: das Leid, das Bose,
Krankheit und Tod, aber auch zu den Kulturaufgaben unserer Zeit,
insbesondere in Erziehungs- und Schulfragen. Das Kind soil erzo-
gen werden entsprechend seinen Lebensstufen und zu den bildenden
Kraften in Marchen, Geschichte, Kunst und Religion das richtige
Verhaltnis finden. Um dem Menschen zu ermoglichen, seine Wan-
der- und Meisterjahre in rechter Weise durchleben und die soziale
Ordnung mitgestalten zu konnen, wird auf die Bedeutung der Er-
kenntnis des hdheren Selbstes verwiesen durch die Darlegung des
rosenkreuzerischen Schulungsweges, aber auch am Beispiel der
Kulturbedeutung von Richard Wagner. Mit einer geisteswissen-
schaftlichen Beleuchtung grofier Bibelwahrheiten wird diese
Reihe abgerundet.
DIE ERKENNTNIS DES OBERSINNLICHEN
IN UNSERER ZEIT UND DEREN BEDEUTUNG
FOR DAS HEUTIGE LEBEN
Berlin, 11. Oktober 1906
Der heutige Vortrag ist eine Art Programm, und die fol-
genden sollen zwei Ziele verfolgen: Das erste Ziel ist, die
Zuhorer bekannt zu madien mit dem, was die Geistes-
f orschung iiber die Welt des Geistes in bezug auf den Men-
sdien, in bezug auf die Entwicklung des Menschen, in bezug
auf Leben und Bestimmung des Menschen, in bezug auf
Geburt und Tod, Ursprung des Lebens, Ursprung des Bosen,
Gesundheit und Krankheit und in bezug auf Erziehungs-
fragen bieten kann. So dafi im Laufe des Winters der Um-
f ang dieser Geistesf orschung sich vor unsere Seele stellen soil.
Andererseits aber sind die Vortrage so eingerichtet, daft
die Beziehung der gegenwartigen geisteswissenschaftlichen
Forschung zu den grofien Kulturauf gaben, zu den brennen-
den Zeitfragen, zu den grofien Lebensfragen des Daseins,
wie sie von der Gegenwart gestellt werden, besprochen
wird. Es soil die Geisteswissenschaft nicht wie irgendeine
Theorie hingestellt werden, sondern sie soil als etwas er-
kannt werden, das sich in das ganze Leben eines Gegen-
wartsmenschen mit einer gewissen inneren Notwendigkeit
hineinstellt. So sehr auch das Alter der Zuhorer verschieden
sein wird, durch die Mannigfaltigkeit der Themata wird
vielleicht doch fur jeden etwas Interessantes dargeboten
werden konnen.
Ich mochte nun, bevor ich zum Vortrage selbst iibergehe,
die einzelnen Themen, die als Einzelvortrage etwas in sich
Abgeschlossenes und auf der anderen Seite doch ein zusam-
menhangendes Ganzes bilden sollen, nodimals erwahnen.
Vorerst wollen wir diesmal, weil es nidit so bequem ist wie im
vergangenen Winter, sehr darauf aditen, dafi die Vortrage
stattfinden werden am zweiten und dritten Donnerstag
eines jeden Monats. Am 25. werden wir zu sprechen haben
iiber das Thema «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Da
werden wichtige Kulturf ragen der Menschheitsentwicklung
zur Sprache kommen, im Anschlusse an eine vielleicht nur
vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zu beleuch-
tende intime Lebensfrage. Es ist dabei nicht darauf ab-
gesehen, eine sensationell aussehende Frage aufs Tablett zu
heben. Dann folgt «Der Lebenslauf des Menschen vom gei-
steswissenschaftlichen Standpunkt», dann «Wer sind die
Rosenkreuzer?», dann «Richard Wagner und die Mystik»,
dann «Was wissen unsere Gelehrten von der Theosophie?»
und dann die religiose Frage «Bibel und Weisheit».
Diejenigen der verehrten Zuhorer, welche im verflossenen
Winter schon hier versammelt waren zu den geisteswissen-
schaftlichen Vortragen, werden manches Bekannte in etwas
anderer Beleuchtung finden. Aber die Dinge der geistes-
wissenschaftlichen Forschung werden der Seele erst ganz zu
eigen, wenn sie von den verschiedenen Seiten beleuchtet
werden. Deshalb bitte ich, wenn Sie Bekanntes horen, es
hinzunehmen, da es sich um den einfuhrenden Vortrag zu
dem ganzen Programm des Winters handelt. Dieser heutige
Vortrag soil eine Art Versprechen sein. Es soil versprochen
werden, was die folgenden Vortrage einlosen sollen. Es soil
hingewiesen werden auf das, was man geisteswissenschaft-
liche Forschung innerhalb der Gegenwart nennt, und dar-
auf, dafi diese Erforschung des geistigen, ubersinnlichen
Lebens eine grofie einschneidende Bedeutung fur unsere
Gegenwart hat und berufen ist, eine immer einschneiden-
dere Bedeutung fur das Leben der Mensdien in der Zukunft
zu bekommen.
Es ist erst dreifiig Jahre her, seit eine theosophische Be-
wegung durch die Welt geht. Und nach diesen dreifiig Jah-
ren ist die Theosophie nicht etwa eine geistige Bewegung,
die sonderlich angesehen ist. In den weitesten Kreisen drau-
fien versteht man unter Theosophie nicht irgend etwas, was
man als auf wirklichem, tatsachlichem Boden stehend an-
sieht. Viele sind unter unseren Zeitgenossen, die die Theo-
sophie als etwas Phantastisches, als etwas, was sich in einem
Wolkenkuckucksheim ergeht, ansehen. Nicht zu leugnen ist,
dafi die Theosophie, durch unkundige und vielleicht audi
durch vorschnelle, dilettantische Personlichkeiten, vielleicht
sogar durch scharlatanhafte Seelen mit einem gewissenRecht
an ihrem Ansehen verloren hat. Die Frage, was die Theo-
sophie dem Menschen der Gegenwart aber doch bedeuten
kann, soil uns heute hauptsachlich beschaftigen.
Manche grofie Vorurteile sind verbreitet gegeniiber der
theosophischen Weltanschauung. Da sagt der eine: Ach,
die Theosophie ist etwas, was so ahnlich ist wie der Spiri-
tismus, also etwas, was sich mit unserer heutigen abgeklar-
ten, wissenschaftHchen Weltanschauung durchaus nicht ver-
tragt. Die Theosophie ist etwas, was hochstens fiir Traumer
eine Bedeutung haben kann, was aber mit den wissenschaft-
Hchen, logischen Gesetzen in Widerspruch steht. So sagen
diejenigen, welche entweder selber auf dem Boden der Wis-
senschafl: stehen, oder welche sich sagen: Wissenschaft ist die
Losung der Zeit, wir miissen auf sie horen, sie zeigt uns die
tiefen Fragen des Daseins, und es ist eine Versiindigung,
wenn wir gegen die wohlbegriindeten Anspruche der Wis-
senschaft verstofien und uns dem hingeben, was unwissen-
schaftlich ist.
Ein anderes Vorurteil kommt von der religiosen Seite, sei
es von soldien, die durch ihren Beruf fiir die Religion sein
wollen oder sollen, oder von anderen, welche glauben, mit
ihrem religiosen Gewissen in Zwiespalt zu kommen, wenn
sie sich der Theosophie zuwenden. Wie eine neue Sekte, wie
eine neue Religionsstiftung betrachtet man das, was die
Theosophie bringt. Immer und immer wieder wird der hier
oft erwahnte, mifiverstandliche Gedanke geaufiert: die
Theosophie sei so etwas wie eine Auffrischung uralter
buddhistischer Wissenschaft, statt dem Christentum solle
der Welt eine Art Neubuddhismus eingeimpft werden. Was
audi immer gesagt werden mag: diese drei Vorurteile er-
heben sich immer wieder.
Die Theosophie wiirde sich an ihrem ersten Grundsatz
versiindigen, der verlangt, die Eigentiimlichkeit einer jeden
Geisteskultur zu verstehen, wenn sie eine fremde Geistes-
kultur, ein uraltesReligionssystemnachEuropa verpflanzen
wollte. Jedes Weltanschauungssystem wachst heraus aus den
ganzen Bedingungen einer gewissen Volkskultur und kann
nicht in eine ganz andere Kultur hinein verpflanzt werden.
Wollen wir einen wirklichen geistigen Fortschritt innerhalb
unserer Welt, wollen wir der Menschheit mit der euro-
paisch-amerikanischen Kultur die Quellen eroffnen fiir
einen Fortschritt in die Zukunfl; hinein, wollen wir dem
modernen Menschen etwas bieten, dann konnen wir nicht
mit Anschauungen und Ideen einer langst verbrauchten
Zeit kommen, dann miissen wir alles, was wir an Motiven,
an Fragen, an Vorstellungen aufbringen konnen, dem
lebendigen Leben unserer Gegenwart selbst entnehmen.
Dann miissen wir da ankniipfen, wo unsere eigene Seele
lebt, wo unsere eigene Seele wurzelt.
Nichts Fremdes soli in unsere Kultur verpflanzt werden.
Lediglich darum handelt es sich, einzusehen, dafi unsere
Kultur einer Vertiefung fahig ist und dafi das, was be-
gonnen ist mit der aufieren Kultur, bewufit fortentwidkelt
wird. Jede Kultur ist so anzusehen, dafi sie in sidi voll ent-
wickelte Triebe, gereifte Pflanzen und Friichte enthalt, und
daneben Keime, die der Mensch fiihlt. Der Mensch der Ge-
genwart fiihlt soldie Keime. Diese Keime sitzen in seiner
Seele als brennende Zeitfragen, als etwas, was er ersehnt
und erhofft in der Zukunft, als Ratsel, die sich ihm auf die
Seele legen. Das alles ist in den Seelen der Gegenwarts-
menschen verschlossen. Der Keim, der noch eingepflanzt ist
in die Erde, mufi heraus. Vieles sitzt noch verborgen in der
Seele der Gegenwartsmenschen. Es kann um nichts anderes
zu tun sein, als das herauszuholen, was in den Seelen der
gegenwartigen Menschen ist.
Aber audi mit einem gegenwartigen Religionsbekenntnis
kommt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht in
Widerspruch. Sie versucht jedes Religionsbekenntnis zuver-
stehen und zu zeigen, wie in alien grofien Weltreligionen
die eine Urwahrheit der Menschheit lebt. Aber sie geht nicht
herum und sucht eklektisch aus den verschiedenen Religio-
nen einen Wahrheitskern heraus. Nicht ist sie eine Samm-
lerin, diese Geisteswissenschaft, sondern sie ist etwas, was
auf eigenem Grund und Boden wachst: etwas, was, wie wir
nachher gleich horen werden, nur in der verschiedensten
Spiegelung wiedergefunden werden kann in den einzelnen
grofien Weltreligionen. Nicht herausgeholt aus den grofien
Weltreligionen ist die Geisteswissenschaft, sondern in den
besten Religionen findet man in verschiedener Art das aus-
gebildet, was die geisteswissenschaftliche Weisheit uns heute
geben kann. Sie soil es uns fur die Gegenwart so geben, dafi
wir es nicht blofi zum Verstandnis fur die Vergangenheit
und Gegenwart haben, sondern da£ wir etwas zum Hin-
einleben in die Zukunft, zum wahren geistigen Mensch-
heitsfortsdiritt haben. Die Geisteswissenschaft will keine
neue Religionsstiftung sein.
Lassen Sie uns unbef angen einmal den Gedanken betrach-
ten, inwiefern sie keine Religionsstiftung sein kann und
warum sie nicht daran denken kann, eine neue Sekte zu
stiften. Immer genauer werden die Vortrage dieses Winters
zeigen, da£ die Zeit der Religionsstiftungen, die Art und
Weise, wie die Wahrheit in den Religionen zum Ausdruck
gekommen ist, voriiber ist, oder mit anderen Worten, dafi
die Zeit, wo neue Religionen begrundet werden konnen,
vorbei ist. Diese Zeit hat abgeschlossen mit der Zentrai-
religion des Christentums, denn das Christentum ist einer
unendlichen Vertiefung, einer unendlichen Ausbildung fur
die fernste Zeit der Zukunft fahig. Und die Geisteswissen-
schaft wird das Instrument, das Mittel bilden, dieses Chri-
stentum den aufgeklartesten und wissenschaftlichsten Men-
sdien immer mehr zuganglich zu machen. Zum Verstandnis
der Religion soil diese Geisteswissenschaft beitragen. Die
Weisheit, die in den Religionen liegt, soil sie darbieten. So
wird sie das Instrument und das Mittel sein, sich innerhalb
des geistigen Lebens zurechtzufinden. Man braucht in der
Zukunft keine neuen Religionen. Die alten enthalten das,
was sie enthalten konnen. Weisheit enthalten sie. Aber man
braucht die Weisheit in einer neuen Form. Dann wird man
die alten Formen auch wieder verstehen, dann werden die
alten Religionen durch die Geisteswissenschaft wieder zur
wahren Geltung kommen. Jeder Mensch wird wieder zu
seiner Religion kommen konnen.
Bisher hat es in der Gegenwart ein Gefuhl gegeben, das
sich in den verschiedenen Religionen herangebildet hat:
man hat von Toleranz gesprochen gegeniiber den verschie-
denen Religionen. Den Menschen, die mit der Gegenwart
fuhlen, frommt es nicht mehr, mit Hafi, Verachtung und
Verfolgung den anderen Religionen zu begegnen. Das ist
zu einer Unmoglichkeit geworden. Der Gegenwartsmensch
kann die Zeit des Hasses und der Intoleranz nicht mehr
recht verstehen, wo im Dienste der Religion ungeheuer viel
Blut geflossen ist. Zu dulden und zu tolerieren, ist die jetzige
Tendenz; das wird eine Zeitlang so gehen. Aber es wird
audi eine Zeit kommen, wo dieses Gefuhl zu schwach und
zu matt ist, um einen wirklichen Fortschritt in die Zukunft
zu bewirken. Fur die Zeit des Ober gangs, fur das letzte
Jahrhundert war dieses Gefuhl in gewisser Beziehung ein
Segen. Die Duldung ist durchaus berechtigt. Wahre Men-
schenliebe und echte Humanitat wurden herausgebildet.
Aber was fiir eine Zeit gut ist, das ist es nodi nicht fur alle
Zeiten. Die verschiedenen Epodien der Weltentwicklung
haben versdhiedene Aufgaben. Ein Gefuhl, das fiir das
neunzehnte Jahrhundert voll berechtigt war, das fiir das
neunzehnte Jahrhundert edle Hoffnungen in den Seelen
gestiflet hat, das wird sich matt und unwirksam erweisen
fiir das zwanzigste Jahrhundert. Dieses zwanzigste Jahr-
hundert wird sich zu etwas anderem fahig erweisen. Nicht
nur gegenseitige Toleranz und Duldung, sondern vollstan-
diges gegenseitiges Verstehen wird es brauchen. Oder war
es nicht so, dafi bis heute der Christ gesagt hat: Ich ver-
stehe nicht den Muselmann, ich verstehe nicht den Be-
kenner des judischen Glaubensbekenntnisses bis ins Innere,
aber wir dulden uns gegenseitig. - Das wird kiinftig nicht
mehr die Menschen trennen. Kiinftig wird es notig sein,
sich gegenseitig zu verstehen und sich zu sagen: Ich habe
mein Bekenntnis, das aus einer Kulturstromung heraus-
gewachsen ist, die mir die Anschauungen, Gedanken und
Ideale in mein Seelenblut verpflanzt hat, aber ich mufi auch
mit anderen menschlichen Geistern im Verkehr sein, mufi
sie ganz verstehen konnen. Die Wahrheit, die ich bei mir
finde, soil nicht nur tolerieren und dulden, sondern ein-
dringen in das, was die andere Seele fiihlt und empfindet.
Sie soil Verstandnis haben fiir jedes andere Bekenntnis. -
Das ist nodi etwas ganz anderes. Das ist eine Aufgabe der
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung: uber die Dul-
dung hinauszuschreiten zum volligen gegenseitigen Ver-
standnis. Dann wird der Bekenner einer Religion oder
Konfession sich sagen: Die Wahrheit ist mir in einer be-
stimmten Form bekannt geworden. Die Wahrheit lebt aber
in anderen Seelen in anderer Form. Die Formen haben ge-
wifi ihre Berechtigung, sie sollen uns aber nicht trennen.
Das, was an Weisheit darin liegt, soli uns verbinden. - In
positivem Sinne soli es eine Humanitatsidee sein, die auf
Grund von einsichtiger Menschenliebe verbindet und nicht
blofi auf Grund von Toleranz. Einsicht ist mehr als Tole^
ranz. Einsicht adelt den Menschen mehr als Duldung.
Die Theosophie ist nicht unwissenschaftlich. Als die Theo-
sophie vor dreifiig Jahren zum ersten Male in die Welt
trat, war bei der Griinderin die Aufgabe so gedacht: Dem
Menschen der Gegenwart, wie jeder Menschenseele, ist es
selbstverstandlich, dafi man sich die Ratselfragen vorlegt
nach dem Unendlichen und Ewigen, die Ratselfragen nach
der Bestimmung des Menschen, nach dem Schicksal, die
Ratselfragen nach Geburt und Tod und nach dem, was nach
dem Tode sein wird, die Ratselfragen: Was bleibt von dem
Menschen, wenn er dem physischen Leben abstirbt, woher
kommt Krankheit, woher das Leiden? Oh, es gibt keinen
Menschen, der diese Fragen nicht aufwerfen mufke. Reli-
gionen waren immer dazu da, um geistigen Inhalt zur Be-
antwortung dieser Weltratsel in die Seelen zu giefien, damit
nicht nur das theoretische Bedurfnis bef riedigt werde, son-
dern damit die Antwort fiir die Menschen Kraft, Trost und
Zuversicht sei. Oder mit anderen Worten: Der Mensch sollte
aus der Religion eine Antwort bekommen auf die brennen-
den Daseinsfragen, damit er mit Ruhe und Sidierheit im
Leben sich bewegt, damit er weift: idi vollbringe, was idi zu
vollbringen habe, aber ich sehe audi auf zu den groften
Tatsachen der Unsterblichkeit, die jenseits des Alltags lie-
gen. Nur ein Mensch - und das wird jeder zugeben miissen,
der eine Empfmdung hat fiir die tiefsten Impulse der Seele—
der innerlich befriedigt ist, der harmonisdi sich so aufzu-
klaren weift, dafi diese Ratsel der Welt nicht als bange
Sorge und als Unsicherheit in seiner Seele leben, sondern
der uber die hochsten Fragen der Seele ruhig sein kann, ist
stark und hat die Kraft zu leben. Unwissenschaft, Unweis-
heit schwacht und macht den Menschen gegeniiber der All-
tagsarbeit und ebenso gegeniiber den wichtigsten Aufgaben
des Lebens irre.
Man wird immer mehr und mehr einsehen, dafi die
Grundlage von Kraft, die Grundlage von Lebensenergie
die Weisheit ist, und dafi die Weisheit die einzige Grund-
lage ist. Zur Erkenntnis dieser Tatsache und zur Befrie-
digung der in dieser Tatsache liegenden Fragen ist die theo-
sophische Bewegung da. Warum aber, wenn die Religionen
in den verschiedensten Zeiten der Weltentwicklung diese
brennenden Fragen der Menschheit befriedigt haben, war-
um brauchen wir da Geisteswissenschaft? Eben darum, weil
die Zeiten sich unterscheiden, weil unsere Vorfahren durch
andere seelische Mittel befriedigt werden konnten, als die
Menschen der Gegenwart und der Zukunft befriedigt wer-
den miissen. Oder war es nicht so und ist es nicht jeden Tag
mehr so, daft sie sagen: In der Religion werden viele Fragen
des Daseins beantwortet, aber unser Gefiihl kann sich nicht
mehr befriedigen an der Art, wie sie beantwortet werden.
Sie sind hingegangen zu den verschiedenen Religions- und
wissenschaftlichen Bekenntnissen. Zahlreiche unserer Zeit-
genossen haben versucht, aus der Naturwissenschaft, aus der
Geschichte eine Art Ersatz zu bilden fur diejenigen, die
vermoge ihres modernen Gewissens sich nidit mehr befrie-
digt erklaren konnen von der f riiheren Art, die Ratself ragen
zu losen. Gar manche, die unbefriedigt sind von der Bibel
und der Religion, suchen sehnsuchtig in der heutigen Wis-
senschafl. Aber immer mehr und mehr miissen diese letz-
teren erkennen, dafi fiir die hochsten Fragen des Daseins
gerade die heutige Wissenschafl - deren Grofie nicht ver-
unglimpfl werden soil durch die geisteswissenschaflliche
Weltanschauung, sondern vielmehr anerkannt werden soli,
da sie so Gewaltiges leistet fiir die sinnlichen Tatsachen -
versagt gegeniiber den wichtigsten Fragen des Daseins. So
sagt sich mancher: Wenn es sich darum handelt, unsere Erde
durch ein Kulturnetz zu umspannen, wenn es gilt, die Erde
zu durchforschen bis in die kleinsten Lebewesen hinein, lie-
fert uns die moderne Wissenschafl wunderbare Erkennt-
nisse. Wenn aber die Menschen fragen nach der Zukunft des
Lebens, nach dem eigentlichen Sinn des Daseins, da versagt
die Wissenschafl, ja, sie versagt stark. Diejenigen, die es
noch nicht probiert haben - und es werden mehr und mehr
Menschen versucht haben, mit Hilfe der Wissenschafl das
zu probieren, was sie mit Hilfe der Religion nicht erreichen
konnen — , werden es noch einsehen, dafi die Wissenschafl in
den wichtigsten Daseinsf ragen versagt.
Bietet aber nun die Geisteswissenschafl in dieser Richtung
etwas? Ja, die geisteswissenschaflliche Weltanschauung ist
fiir die zuletzt angedeuteten Fragen da. Wer sich noch
innerhalb der religiosen Traditionen befriedigt fiihlt, der
wird sich unbefriedigt fiihlen von der Geisteswissenschafl,
weil er glaubt, dafi sie ihm nichts bieten kann, weil er sich
einhullt in das, was ihm die religiose Tradition geben kann.
Was aber heute noch gut fiir ihn ist, kann es schon morgen
nidit mehr sein. Das war das Ideal der Grunderin der theo-
sophischen Bewegung: sichere Erkenntnis iiber die hochsten
Probleme des Daseins zu geben. Wer sidi tiefer einlafit in
die geisteswissenschaftlidie Forsdiung und Betrachtung, wird
sehen, wie keiner wissenschaftlichen Anforderung gegen-
iiber gerade diese geisteswissenschaftlidie Forschung sich
irgendwie zunickziehen mufi. Auf wissenschaftlicher Grund-
lage eine allgemein verstandliche Weltanschauung zu geben,
die fiir die aufgeklartesten und audi fur die schlichtesten
Menschen etwas bieten kann, das wird die geisteswissen-
schaftlidie Weltanschauung leisten.
Aber man konnte vielleicht doch die Theosophie als eine
Art Storenfried ansehen. Sie konnen vielleicht sagen: Lafit
uns doch nur bei unserem alten Glauben, ja, tut etwas dazu,
diesen alten Glauben wiederherzustellen! Die Wissenschaft
vermag doch keine Antwort zu geben, versucht es doch,
wieder den alten Glauben zu stiitzen! - Solche Menschen be-
achten nicht, was um sie vorgeht. Sie sind die wahren Phan-
tasten. Die Theosophie will mit offenen Augen in unseren
Kulturprozefi hineinsehen. Wir brauchen nur ein Bild vor
uns hinzustellen, und es kann ein Beweis sein fiir die Not-
wendigkeit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.
Wer fen wir fiir zwei Minuten den Blick auf das merk-
wurdige Land, das eine so eigentumliche religiose Entwick-
lung durchgemacht hat im Laufe der letzten Jahrhunderte,
auf Spanien. Schauen wir Spanien an, diesen Hort einer
orthodox-religiosen Welteinrichtung, nicht nur Weltan-
schauung. Dieses Land, wo ein uraltes Religionsbekenntnis
eingegriffen hat in die alleralltaglichste Einrichtung, be-
findet sich in einer Umbildung. Wer hat denn vor einigen
Jahren noch geglaubt, dafi in Spanien das eintreten konnte,
was wir heute dort sich abspielen sehen. Denken Sie nur
einmal daran, dafi vor ganz kurzer Zeit in Spanien die
regierenden Machte nichts haben wissen wollen von irgend-
weldien sogenannten modernen Ideen, von irgendwelchen
aufklarerischen Ideen, denken Sie an das feste orthodoxe
Bekenntnis derjenigen Frau, die als Konigin-Mutter dem
gegenwartigen jungen Konig von Spanien vorangegangen
ist, wie wenig sie geneigt war, audi nur ein Tiipfelclien ab-
zugehen von dem, was sich seit Jahrhunderten fest ein-
gebaut hat in das Gefiige eines ganzen Staates. Denken Sie
sich den Kontrast: Diese Frau sitzt in Lourdes, da, wo sie
Befriedigung in der alten Weise in vollen Ziigen zu schliir-
fen versucht und die alten Wahrheiten an sich herantreten
lafk - und in Spanien mufi der junge Konig es zugeben, dafi
mitten in das feste Gefiige hinein neue Ideen eintreten. Er
mulke es zugeben, dafi ein liberaler Minister an den Ein-
richtungen riittelt, dafi an der Unterrichts- und Ehegesetz-
gebung geriittelt wird, und, wie es scheint, in unbarmherzi-
ger Weise. Das sind die Zeitstromungen, und gegen solche
Zeitstromungen vermag keine menschliche Meinung etwas.
Dagegen vermag nur das Verstandnis etwas. Wie lassen
doch die Menschen heute diese Zeitstromungen an sich heran-
kommen. Wie stehen manche mit verbundenen Augen sol-
chen Erscheinungen gegenuber, ganz unvorbereitet, wie las-
sen sie sich iiberraschen, frappieren und schockieren. Wie
iiben sie Kritik an den Zeitstromungen, wie kommen sie
nicht weiter, als dafi sie sagen: wir miissen die alten Formen
stiitzen. Wie begreif en sie gar nicht, dafi die Zeitstromungen
starker sind als die phantastischsten Meinungen. Sie be-
greifen nicht, dafi es notig ist, mit hellem Blick und offenem
Auge zu sehen, was die Menschen notig haben. Die Men-
schen sind heute nicht mehr so unbewufit, alles iiber sich
ergehen zu lassen. Sie sind dazu beruf en, diese Zeitbewegun-
gen zu verstehen und ihnen selbst die Richtung zu geben.
Jeder einzelne ist dazu beruf en, erkennen zu lernen, was in
solchen Zeitstromungen liegt und wie diese zu einem ge-
deihlidien Fortschritt in der Zukunft gebradit werden kon-
nen. Die Menschen machen Geschichte, und wenn gegen die
Menschen Geschidite gemacht werden soil, so kommt das
Chaos. Nur aus dem Miteinander kann Recht und Har-
monie kommen. Die Zeit gibt schon die Notwendigkeiten:
an den Mensdien ist es, sie zu verstehen. Nidit in bequemer
Weise soil der Mensch die Dinge an sich herankommen
lassen. Da wiirde er nur zu Ballast in der Entwicklung. Die
Zeitstromungen kann man aber nicht ubersehen, wenn man
nicht einen Blick in das t)bersinnliche hinein zu tun ver-
mag. Der Mensch ist dazu berufen, das Obersinnliche in
sein Herz, in sein Gemut und in seine Seele aufzunehmen,
so dafi es durch ihn in der Welt wirkt.
Nun versuchen wir einmal, uns diese Frage, die sich aus
der eben gemachten Betrachtung ergibt, so recht vor die
Seele hinzumalen. Was ergibt sich fur den denkenden Men-
schen aus dem, was wir gehort haben? Es ergibt sich sehr
viel daraus. Wer eine Einsicht hat in das geistige Leben, der
weifi eines: dafi es keine gedeihlichematerielleKultur geben
kann ohne die Grundlage eines wirklichen geistigen Lebens.
Nie hat es einen Staat, nie hat es eine Volksgemeinschaft
gegeben ohne eine wirkliche religiose Grundlage. Es sollte
nur jemand einmal ernstlich versuchen, eine Kolonie zu
begriinden mit Menschen, die nur matierelle Interessen
haben und die nur eine materialistische Weltanschauung
haben, die also nichts mitbringen als das, was man heute
innerhalb der materialistischen Weltanschauung gelten las-
sen will, die nichts von dem Ubersinnlichen kennt. Man
versuche eine solche Kolonie zu begriinden. Allerdings, es
bringen die Menschen ja doch die Reste idealer Gedanken
und Ideen mit. Waren die nicht mehr da, so wiirde es
schnell in ein vollstandiges Chaos ausarten. Sie konnen kein
soziales Leben begrunden ohne weisheitsvolle religiose
Grundlage. Der ist ein schlechter Praktiker, der mit der
Praxis allein auszukommen glaubt. Wollen Sie das mate-
rielle Dasein der Mensdien immer mehr fordern, so miissen
Sie daran denken, dafi die Seele jeder materiellen Kultur
nur die Religions- und Erkenntnisgrundlage sein kann.
Wenn Sie den Mensdien Brot geben wollen, so miissen Sie
ihnen zuerst etwas geben fiir die Seele. In der Zeitschrift
«Luzifer» habe ich den scheinbar grotesken Satz ausgespro-
chen, dafi man niemand Brot geben kann, ohne dafi man ihm
Weltanschauung gibt, da das Brotgeben ohne geistige Nah-
rung zum Unheil fiihrt. In jenem Aufsatz haben Sie das
mehr oder weniger bewiesen.
Wie miifite es aber in der Gegenwart sein, wenn ein ge-
deihlicher Fortschritt stattfinden sollte angesichts des Ereig-
nisses in Spanien, welches nur in besonderer Weise das zum
Ausdruck bringt, was sich iiberall vollzieht, was aber nur
der iibersehen konnte, der den Kopf gegeniiber dem Leben
in den Kultursand stecken wiirde wie der Vogel StraufS.
Ebenso wie es auf alien Lebensgebieten Kundige gibt, die
uns mit Kleidern versorgen und andere Bediirfnisse des
Lebens befriedigen helfen, so gibt es audi Kundige auf dem
Gebiete des Seelenlebens, auf dem Gebiete des Obersinn-
lichen. Das Vertrauen zu den Priestern und Weisen war es,
was die Kulturen begriindete. Nicht haben wir ein Recht,
die verflossene Kultur zu kritisieren. Sie war so gut, wie sie
fiir ihre Epoche sein konnte. Wenn die Kulturen jetzt nicht
mehr passen, so liegt es nicht daran, dafi sie zu bekampfen
sind, sondern daran, dafi die Menschheit eine Fortentwick-
lung braucht in der geistigen Wahrheit, weil die Menschen
nicht mehr unter den alten Formen des geistigen Lebens
leben konnen. Ebenso wie der Mensch, der friiher zu dem
Priester ging, Worte des Trostes und der Sicherheit erhielt,
ebenso miifite es in unserer Zeit Mensdien und Forsdier
geben - ja, es mufi sie geben — , an die man sidi zu halten
hat, die einem die Wahrheit in der neuen, der Gegenwart
entsprechenden Form sagen konnen, die einem wieder etwas
sagen konnen von dem Obersinnlichen, in einer Form, wie
der moderne Mensch es glauben kann.
Fragen wir uns einmal, wie konnte sidi die Gegenwart
in bezug auf diese Sache stellen, wenn alles so bliebe, wie es
von zahlreichen unserer Zeitgenossen fur richtig befunden
wird. Sie sehen da etwas, was als Symptom in bezug auf
Spanien erwahnt worden ist. Sie sagen vielleicht: die alten
Formen werden sich auflosen, und der Mensch wird in neue
Ordnungen hineinwachsen. Diese neuen Ordnungen werden
aber nie gedeihen konnen, wenn nicht ein Seelisdies hinein-
kommt, wie das Lebensblut, wenn nicht etwas Geistiges
unsere ganze Kultur durchpulsen kann. Konnen die Men-
schen, die sich heute voneinander entfernen in bezug auf
ihre Meinungen uber die Seele und in bezug auf die Ein-
richtungen, an einen Ort hingehen und sich Rat holen in
bezug auf die hochsten Fragen des Daseins?
Betrachten wir die Sache an einem charakteristischen
Symptom unserer Zeit. Von der Naturwissenschaft, von der
Erkenntnis der aufieren sinnlichen Tatsachen, der positiven
Tatsachen, erwarten viele einen Ersatz fur die alte religiose
Anschauung. Vor einigen Tagen hat eine Naturforscherver-
sammlung in Stuttgart stattgefunden. Konnen wir uns
sagen, dafi der moderne Mensch, mit seinen Bediirfnissen
und Sehnsuchten gegeniiber dem Ewigen, gegenuber dem,
was der Tod besagt, hinschauen kann zu dem modernen
Areopag des Geisteslebens, wenn er Antwort braucht und
wenn die geistige Entwidklung ihren Fortgang nehmen soil?
Es sind gewaltige Fragen besprochen worden auf dem Kon-
grefi in Stuttgart. In den erstaunlichsten Dingen lebt sich
der mensdiliche physische Forschergeist bei einer solchen
Gelegenheit aus. Fiir den, der eine Empfindung dafiir hat,
sei es erwahnt: man sprach iiber solche Vorstellungen wie
die Verpflanzung eines Organs des einen Lebewesens auf
ein anderes. Es wurde genau besprochen, wie die Verpflan-
zung eines Bestandteiles eines Lebewesens in ein anderes
Lebewesen hinein stattfinden kann, dem dieser Bestandteil
f ehlt. Oder ist es nicht interessant, zu sehen, wie die Natur-
forschung durch die Errungenschaft des Mikroskopes alles
bisher Dagewesene uberboten hat? Ist es nicht bewunderns-
wert, zu sehen, wie aus gewissen Mischungen und Losungen
heraus man aus der toten Substanz etwas entstehen lalk,
was, mit dem Schein des Lebens begabt, sich herausent-
wickelt aus der toten Substanz wie der scheinbar tote Kri-
stall. Vieles liefie sich noch anf iihren, was uns zeigen konnte,
welchen Respekt und welche Achtung uns diese moderne
Naturforschung abnotigen kann.
Nun aber kommt der Mensch heran und fragt sich: Wozu
ist dieses ganze Leben? Welches ist der Sinn von alledem,
was sich in so wunderbaren Formen fiir die physischen For-
scher darstellt? Gibt es in dem Reiche derjenigen, die in dem
Areopag des Geisteslebens sind, auch solche, die Antwort
geben auf die letzten Fragen?
Auf dem letzten Naturforscher-Kongrefi hatte man auf
solche Fragen keine Riicksicht genommen. Noch vor zwei
Jahren hat ein Breslauer Chemiker eine merkwiirdige Rede
gehalten, wonach alles abgelehnt werden soil, was dem
Menschen in psychischer Weise zu erforschen moglich ist.
Das war Ledebur, der Breslauer Chemiker. Theodor Lipps
durfte jetzt iiber Naturwissenschaft und Philosophic spre-
chen. Das ist ein beachtliches Zeichen, dafi es moglich war,
in einer naturwissenschaftlichen Versammlung das zu bieten,
was Lipps geboten hat. Es war ihm moglich, mitten in diese
rein positive Forschung solche Worte hineinzuwerfen wie:
Die Naturwissenschaft kann sich niemals zu einer Welt-
anschauung erheben, wenn sienicht zu einer geistigenDurch-
dringung der menschlichen Erscheinung kommt. Wenn der
Mensdi in sich hineinsieht, so findet er das Ich, und wenn er
das dann ausdehnt zu einem Welten-Ich, dann kann er zu
einiger Befriedigung kommen.
Es ist ein sonderbares Gefiihl, das derjenige, der sich mit
diesen Dingen beschaftigt hat, gegeniiber einer solchen Tat-
sache haben mufi. Da gibt es seit dreifiig Jahren eine theo-
sophische Bewegung, die nicht blofi in ganz allgemeiner,
platter Weise die grofien Fragen beantwortet, sondern in
konkreter Weise sich einlafit auf das Schicksal des Menschen
vor der Geburt und nach dem Tode, sich einlafit auf das,
was sich dem Menschen bietet in der geistigen Welt, wenn
ihm das Auge dafur geoffnet ist. Kurz, nachdem es dreifiig
Jahre eine solche Vertiefung gegeben hat, kommt einer ein-
mal zum Wort, der in den allerelementarsten und aller-
trivialsten BegriflFen etwas bietet, was iiberhaupt noch kei-
nem Menschen eine Befriedigung geben kann, weil es sich
gegeniiber den unmittelbaren grofien Lebensfragen wie ein
Begriffsgespinst, wie etwas ganz Abstraktes, Wei tf ernes
ausnimmt. Wer sich nicht mit Fachphilosophie beschaftigt
hat - welchen Begriff die Philosophic erst herausgearbeitet
hat -, f ur den ist das nichts anderes als ein abstraktes Wort-
gespinst, bei dem er sich nichts denken kann. So sehen Sie,
dafi im offiziellen Leben, wo die Menschen dennoch Trost
und Losung suchen fur die Lebensratsel, nichts geboten
werden kann, aus Unvermogen, aus Unverstandnis gegen-
iiber den wirklich hochsten Fragen.
Und doch, es mufi fiir die aufiere Kultur, die alle Formen
zersprengt, ein solches Lebenszentrum geben, aus dem gei-
stiger Inhalt herkommen kann, nicht blofi wertlose Wort-
gespinste, sondern lebendige Erkenntnis des Obersinnlichen.
Diese muft, von den geistigen Fiihrern der Gegenwart her,
eindringen in das, was sich als Rest des geistigen Inhalts in
den alten Formen erhalten hat. Wenn von einer solchen
Statte aus, in derselben logisdien Weise, in der die Wissen-
schaft spridit, iiber die iibersinnliche Welt eine entsprechende
Botschafl: verkiindigt werden kann, dann wird sich das -
wie die alten Religionen sich ergossen haben - ergiefien in
die Seelen und aufieren Einrichtungen. Dann werden - das
werden Sie sehen - die vermaterialisierten alten Religions-
formen verschwinden und neue Formen werden sich bilden.
Man soli sich aber keiner Illusion hingeben iiber die Be-
deutung dieser geistigen Kultur. Es gibt viele — und in
Frankreich ist das Wort dieser vielen tonangebend gewor-
den -, die sa sagen, der Mensch braucht seine Moral gar
nicht aus etwas wie Religion heraus zu bilden. Sie sagen:
Es gibt eine menschliche Moral und die kann begriindet
werden ohne ein Religionsbekenntnis. Die, welche so spre-
chen, haben die eigentlichen geistigen Gesetze wenig kennen-
gelernt. Wenn Sie den Gang der Geisteskultur seit alten
Zeiten verfolgen, so werden Sie sich sagen konnen: Die
verschiedenen aufeinanderfolgenden Kulturepochen der
Menschheit haben der Menschheit verschiedene Inhalte ge-
bracht. Was hat die Hermes-Kultur den Agyptern, was die
Kultur der indischen Rishis den Hindus, was der Zarathu-
strismus den Persern, was die Kultur des Moses den Juden
gebracht, und was endlich die Kultur des Christus Jesus, des
grolken Religionsstifters, der modernen Zeit? Jede Kultur-
stromung hat ihre Bedeutung in ihrer Zeit gehabt. Und
grofi sind sie gewesen, weil ihre Missionare es verstanden
haben, die Bediirfnisse ihrer Zeit zu verstehen. Richtig wer-
den die Missionare der Zukunft wirken, welche die Herzen
der Menschen wieder verstehen und in sie hineinwirken
konnen. Verschiedene Formen haben wir fur die verschie-
denen Zeiten, in immer neuer Gestalt erscheinen die alten
Wahrheiten.
Das erste, was jeder neuen Gestalt einer Kultur zugrunde
liegt, ist ein Bekenntnis, eine Summe von Anschauungen,
von Empfindungen und Vorstellungen iiber das Hochste
und das Obersinnlidie, ein Wissen des Mensdien von den
gottlichen Grundlagen der Welt, ein Wissen des Menschen
iiber das, was den Tod besiegt. Und jede grofie Kultur-
epodie hat aus diesen Grundlagen heraus die Kraft zum
geistigen Schaffen gezogen. Niemals ware das zustande ge-
kommen, was im alten Agypten, in Indien und Vorderasien,
in Griechenland und endlich in den christlichen Zeiten ent-
standen ist, wenn es nicht aus dem herausgewachsen ware,
was die Mensdien geglaubt und gedacht haben. Das Aller-
materiellste ist nur ein Ergebnis dessen, was der Mensdi
weifi iiber das Obersinnlidie. Das erste in jeder Kultur-
stromung ist also das Bekenntnis.
Das zweite ist, wie dieses Bekenntnis auf das Gefiihl und
die Gemiiter wirkt. Die Gedanken und die Vorstellungen,
die sich der Mensch macht iiber das Obersinnlidie, iiben einen
Eindruck auf die Seele aus und erheben sie, und alle hohere
Lebensfroheit und Harmonie giefit sich in die Seele unter
dem Einflusse des Bekenntnisses. Wo jemals Menschen froh
gewesen sind im hochsten Sinne, wo sie jemals Sicherheit
gehabt, jemals in ihre Empfindungen sich etwas hinein-
gegossen haben, so dafi sie sich sagen konnten, ich weifi, dafi
ich eine hohere Bestimmung habe, und wo sich dieses Wissen
umgewandelt hat in ihrer Seele in eine befriedigende Le-
bensfreude und Lebenszuversicht, da war es immer unter
dem Eindruck eines Bekenntnisses.
Das erste also ist das Bekenntnis selbst, das zweite ist die
Welt der Gefuhle: Erhebung, Lebensfreude und Lebens-
sidierheit. Und so ist das dritte die Welt der Willens-
impulse, die Welt der Moral und der Ethik. Die Sitten-
lehren bxlden die Kunst - etwas, was zum zweiten Teil
gehort das Moralische und das Willenselement, die Welt
der Sittlichkeit und Gesetzgebung und alles staatlichen Zu-
sammenlebens. Es ist erne grofie Tauschung, wenn jemand
sich dem Glauben hingibt, dafi es jemals eine Sittlichkeit,
eine Moral geben kann, die nicht herausgewachsen ist aus
der Grundlage eines Bekenntnisses, aus der Grundlage der
Gefiihlssphare. Als erstes hat der Mensch eineMeinung iiber
das Ubersinnliche, als zweites Lebensfroheit und Zuver-
sicht, und als drittes die Impulse fur seine Handlungen,
das, was ihm sagt: das ist gut, das ist bose.
Wie kommt es, dafi viele den Glauben haben - was eine
Illusion ist -, dafi man Moral begriinden kann ohne Be-
kenntnis, das heiftt eine bodenlose Moral? Das kommt
davon her, dafi die Moral, dieses dritte in einer Kuitur-
stromung, das letzte ist, was verschwindet. Wenn eine
Kulturstromung abflutet, flutet zuerst das Bekenntnis ab.
Zuerst glaubt man nicht mehr die Dinge, die in dem Be-
kenntnis gegeben werden. Wenn aber lange schon nicht
mehr der lebendige Glaube da ist, der den Menschen mit
absoluter Sicherheit auf die Formen hinblicken lafit, dann
sind noch immer die Empfindungen und Gefuhle da, die
sich in diesem Glauben ausgebildet haben. Und wenn auch
diese Gefuhle nicht mehr da sind, wenn der Mensch nicht
mehr die ererbte Freudigkeit haben kann, dann ist noch
immer die Moral da. Heute stehen die, welche glauben, eine
solche bodenlose Moral grunden zu konnen, nicht auf dem
Boden einer bodenlosen Moral. In Wahrheit leben sie unter
den Resten der Moral und der Weltanschauung, die ihnen
aus dem Bekenntnis geblieben sind als ererbte Stiicke der
Kultur.
Diejenigen, welche sagen, alles Obersinnliche sei unzu-
ganglich fiir den Menschen, alles Obersinnlidie sei phan-
tastisch, die handeln so, wie sie es tun, weil in ihnen noch
die Moral der Vorzeit lebt. Viele Menschen gibt es, die das
Bekenntnis glauben uberwunden zu haben, doch stehen sie
alle noch unter der Moral, die ihnen das Bekenntnis ge-
geben hat.
Es gibt viele Sozialisten, die eine Moral begriinden wol-
len, eine Moral, die aus dem Nichts heraus geboren ist.
Warum konnen sie aber iiberhaupt iiber Moral reden?
Warum verschwindet denn nicht alle Moral in ein Chaos
hinein? Weil sie die alte Moral, die sie bekampfen, noch in
ihren Gliedern haben, weil sie eben staatliche Anderungen
auf der Grundlage der iiberkommenen staatlichen Moral
herbeifiihren wollen. Sie ist hervorgewachsen aus der Ver-
gangenheit. Daher wird ein Fortschritt erst unter der Er-
neuerung der Erkenntnis des Obersinnlichen moglich sein,
der iibersinnlichen Welt, wenn es moglich ist, dem Menschen
etwas zu geben, was ihn hinaufweist in die ubersinnliche
Welt, was ihn bekannt macht mit den Kraften, die uns um-
geben und die hineinspielen in die Welt, die um uns ist. Ist
es moglich, ihm diese Weisheit des Obersinnlichen zu ver-
mitteln, dann wird dies eine Gefuhlswelt der Lebenssicher-
heit und eine Moral begriinden mit Impulsen fiir das Han-
deln. Dann leben wir nicht mehr von ererbten Giitern, son-
dern von dem, was aus der Zeit, in der wir leben, selbst
entsprie£en kann.
Diese Erkenntnis des Ubersinnlichen, welche die geistes-
wissenschaftliche Weltanschauung geben will, verstofit gegen
keine Logik. In welchem Sinne spricht sie von einem t)ber-
sinnlichen? Spricht sie davon, dafi in einem Jenseits oder an
einem unbekannten Orte das Geistige ist? Merkwiirdig, es
werden Weltanschauungen gestiftet, die behaupten, dafi ein
Jenseitsglaube alleKultur vernichten miisse. Nun, alle soldie
Anschauungen wissen nicht, in welchem Sinne die wirkliche
Geistesforsdiung von diesem Ubersinnlidien spricht. Ofters
ist das hier sdion durch Vergleiche klargemaclit worden, wie
und in welchem Sinne die Geistesforsdiung von einem sol-
chen Obersinnlichen spricht. Dieser Vergleich soil zum
Schlufi nodi einmal vor unsere Seele hintreten.
Fur einen Menschen, der blind geboren ist, ist die Welt
der Farben und des Lichtes ein Jenseits der fur ihn wahr-
nehmbaren Welt. Wodurch ist eine Welt fur den Menschen
da? Lediglich dadurch, dafi er Organe hat fiir diese Welt.
In dem Augenblicke, wo dem Blindgeborenen das Auge
geoffnet wird, mufi er sich nicht mehr blofi von anderen
Menschen sagen lassen, es gibt Licht und Farbe, sondern da
tritt eine neue Welt, die immer da war, vor sein Auge.
Nichts anderes sagt die Geisteswissenschaft, und von nichts
anderem handelt sie. Wenn sie von anderen Welten spricht,
so spricht sie davon in genau demselben Sinne wie in dem
Vergleich von der Welt der Farben und des Lichtes gegen-
iiber dem Blindgeborenen. Der Geistesforscher sagt, dafi
eine Welt fiir ihn dann da ist, wenn ein Organ fiir sie da
ist. Die iibersinnliche Welt ist dem Menschen der Gegen-
wart verschlossen, weil bei ihm keine Organe dafur vor-
handen sind. Sie verhalt sich nicht anders fiir ihn, als sich
die Welt der Farben und des Lichtes fiir den Blindgebore-
nen verhalt.
Hier sind nicht nur Gegenstande, die der Mensch mit dem
Verstande und mit den Sinnen erfassen kann, hier sind
noch ganz andere Wesenheiten. Indem Sie durch den Saal
schreiten, schreiten Sie durch eine Welt des Geistigen, wie
der Blinde, der die Stiihle und Banke nur tasten kann, durch
eine Welt von Farben und Licht schreitet, ohne sie sehen zu
konnen. Wie es von einem Blinden ein logisches Unding
ware, nadidem er gehort hat, dafi es Farbe und Lidit gibt,
zu sagen, das sei Phantasterei, ebenso ist es unlogisch, dafi
der, weldier nicht ubersinnlich sieht, sagt, es sei Phan-
tasterei. Es hat immer Leute gegeben, welche mehr sehen
konnten als die Mitmenschen. Eingeweihte oder Initiierte
hat man solche Menschen genannt. Es sind das Menschen,
die eine Art geistiger Neugeburt erlebt haben und von
denen in alien Religionen erzahlt wird. Es gibt einen gei-
stigen Augenblick im Leben eines solchen Menschen, der
eine viele grofiere Bedeutung hat als die physische Geburt.
Dieser geistige Augenblick besteht darin, dafi der Mensch,
der sein geistiges Auge und sein geistiges Ohr eroffnet hat,
eine ganz neue Welt wahrnehmen kann, dafi er sich bis zur
ubersinnlichen Welt hinaufentwickelt hat. Diejenigen,
welche von der ubersinnlichen Welt zu sprechen berechtigt
sind - die Stifter der Religionen - haben zu den Menschen
in demselben Sinne gesprochen, wie der Sehende zu dem
Blinden vom Licht spricht und ihm davon erzahlt.
Neuerdings dringt die Botschaft von der ubersinnlichen
Welt wieder an die Menschen heran durch die Geisteswissen-
schaft. Dies geschieht in keinem anderen Sinn, als indem sie
den Menschen zeigt, daft es immer Erleuchtete, Erf ahrenere
gegeben hat, die hineinschauen konnten in die ubersinnliche
Welt, und dafi es heute noch Menschen gibt, die das geistige
Auge off en haben, die die geistigen Eigenschaften der sinn-
lichen Dinge sehen. Sie zeigt, dafi es Menschen gibt, die
hinter die Pforte des Todes schauen konnen, die sehen
konnen, welches der unsterbliche Teil des Menschen ist, was
iibrigbleibt von dem Menschen, wenn er durch die Pforte des
Todes schreitet. t)ber dieses alles in Einzelheiten aus der For-
schung heraus Nachricht zu geben, ist unsere Aufgabe. Sie
sind dazu beruf en, einen neuen Mittelpunkt zu bilden, von
dem aus die Menschen horen werden von der geistigen Welt.
Es ist billig zu sagen: Gebt mir die Mittel, selbst hinein-
zuschauen. Jeder kann die Mittel haben, wenn er sich an die
richtige Quelle wendet. Durch die geisteswissenschaftliche
Weltanschauung wird jedem die Moglichkeit geboten. Die
erste Stufe ist aber, mit der heutigen Anschauungsweise sich
zu erheben zu folgendem Gedanken, der sich in dem Men-
schen ausbildet: Ich hore von einem Mitmenschen, dafi er
hineinschauen kann in die iibersinnliche Welt, ich hore, dafi
er mir sehr viel zu sagen versteht iiber die iibersinnliche
Welt, er erzahlt im einzelnen, wie es nach dem Tode aus-
schaut, wie Krafte und Wesenheiten die Welt durchpulsen,
Krafte und Wesenheiten, die dem gewohnlichen Auge noch
verschlossen sind. Ich kann zwar noch nicht hineinschauen
in diese Welt, aber ich will meine Ahnung fragen, ob der
Mann mir etwas Unwahrscheinliches sagt. Ich will meine
Empfindung fragen, ob das nicht hochst wahrscheinlich
klingt, wenn ich mich nicht durch materialistische Anschau-
ungen abhalten lasse, ob das unbefangen klingt, was der
Betreffende sagt. Dann will ich die Gedankenlogik zu Hilfe
nehmen und sehen, ob er nicht etwas sagt, was das Leben
erklarlich machen kann. Dann will ich noch weiter gehen.
Ich will sagen, ich habe dich ruhig angehort, denn du hast
etwas gesagt, was mit der Logik stimmt. Jetzt will ich das
Schicksal des Menschen betrachten, will sehen, ob es mir
erklarlich wird, wenn ich so die Welt betrachte. Indem ich
mir also sage: nehmen wir einmal an, die Anschauung der
Geisteswissenschaft ware richtig, erklart sie das Leben,
wird das Leben verstandlich? so pragen sich die Gedanken in
meine Seele ein: ich will versuchen, im Leben zu erproben,
ob sie Lebensfroheit, Lebenssicherheit, Lebenskraft gibt. So
will ich Stuck fur Stuck erproben, ob eine innere Moglich-
keit besteht, das anzunehmen, was der Eingeweihte sagt.
Ich will mich auf einen solchen Standpunkt stellen, wie sich
eine merkwiirdige Personlichkeit in bezug auf die gewohn-
liche Welt des Lidites und der Farben gestellt hat.
Ofters wurde schon dasLeben der taubstummen und blin-
den Helen Keller erwahnt. Das ist eine Personlichkeit, die
mit sieben Jahren noch wie ein kleines wildes Tier war, die
aber eine geniale Erzieherin gefunden hat, so dafi sie so
weit gekommen ist, dafi sie nicht nur eine Durchschnitts-
bildung hatte, sondern sich messen konnte mit manchem
gebildeten Menschen. Niemals ist sie imstande gewesen,
Tone zu horen, Farben zu sehen, Licht wahrzunehmen. Fin-
sternis und Stummheit lagerte um ihre Seele. Aber sie hat
das, was andere Menschen von Farbe, Licht und Ton wahr-
genommen haben, auf ihre Seele wirken lassen. Von ihr ist
ein neues Biichelchen erschienen: «Optimismus». Sie zeigt
darin, dafi sie nicht nur unser Wissen aufgenommen hat,
sondern auch von der Sprache und dem Wissen der Griechen
und Romer. Sie spricht von den schonsten Schopfungen des
Horens und Sehens, obgleich sie selbst nichts wahrgenom-
men hat. In ihrer Seele hat sich nicht nur so etwas aus-
gebildet wie Wortvorstellungen, sondern das Biichelchen
iiber den Optimismus zeigt, dafi sie Kraft und Sicherheit
erhalten konnte aus den Mitteilungen der Sehenden um sie
herum.
So vermag der Mensch, wenn er sich nicht verschlieftt
gegeniiber den geistig Sehenden und Horenden, Kraft und
Sicherheit und Hoffnung fur die Zukunft zu erhalten. Dis-
harmonie macht schwachund krafllos fiir das Leben. Sehend
wird der Mensch fur seine Umgebung, wenn er auf die
Sehenden hort. Wissend wird er und frei handelnd, wenn
er denen, die Kunde geben konnen, folgen kann. Das Leben
vermag er in den Dienst des "Obersinnlichen zu stellen. Eine
neue Kultur aus dem Obersinnlichen heraus mufi, wie das
Lebensblut, den Staat und die gesellschaftlichen Formen
durchdringen. So hangt die Erkenntnis des Obersinnlichen
in der Gegenwart mit grofien Lebensfragen zusammen.
Wenn die grofien Lebensfragen in den verschiedensten For-
men von alien Seiten uns entgegendrangen, dann mufi man
erkennen, dafi man etwas braucht, was einen tiefer hinein-
fuhrt in das Verstandnis des Lebens. Aus einer propheti-
schen Voraussicht gegeniiber dem, was kommen mull, ist
die geisteswissenschaftliche Weltanschauung herausgegriff en,
herausgeschaffen. Das soil uns die Serie von Vortragen des
Winters zeigen in bezug auf die Fragen der grolten Kultur-
stromungen und audi in bezug auf die einzelne Seele, die
still und schlicht im hauslichen Heim schaffen mufi vom
Morgen bis zum Abend. Jede Seele findet in der Geistes-
forschung etwas, wodurch sie Kraft und Sicherheit, innere
Befriedigung, Lebensmut und Lebensfreude finden kann
und audi das Notwendige zu einem wirklich gedeihlichen
Menschheitsfortschritte.
Wenn audi noch manche da sind, welche uber die geistes-
wissenschaftliche Erkenntnis des Ubersinnlichen lacheln und
als Praktiker, die sie sein wollen, sagen: was haben wir
zu tun mit dem unpraktischen Zeug — die geisteswissenschaft-
liche Bewegung wird arbeiten und eine Zeit wird kommen,
wo audi solche, die heute noch zu den Zweif lern und Klein-
miitigen und Unglaubigen gehoren, hinsehen werden auf
diejenigen, die als Samen gesat worden sind, weil sie ge-
braucht werden zur Losung der grofien Fragen und Ratsel,
die auf der Seele lasten werden. Immer mehr und mehr
werden sie gebraucht werden fiir den Menschheitsf ortschritt
schon in der nachsten Zukunft fiir die Fragen, die nicht
menschlich willkiirlich sind, sondern durch das Leben mit
starker Kraft gestellt werden.
BLUT 1ST EIN GANZ BESONDERER SAFT
Berlin, 25. Oktober 1906
Ein jeder von Ihnen hat zweifellos im Gedachtnis, dafi
der heutige Vortrag, seinem Titel nach, an ein Wort des
Goetheschen Faust ankniipft. Sie wissen alle, dafi in diesem
Gedidite dargestellt wird, wie Faust, der Reprasentant des
hochsten menschlidien Strebens, einen Bund eingeht mit
den bosen Machten, die ihrerseits wieder in dem Gedidite
durch Mephistopheles, den Sendling der Holle, reprasen-
tiert werden. Sie wissen alle, dafi Faust einen Vertrag schlie-
fien soli mit Mephistopheles, und dafi das Schriftstuck dann
von Faust mit Blut unterschrieben werden soil. Faust halt
das zunachst fiir eine Posse; Mephistopheles aber spricht
den an dieser Stelle von Goethe zweifellos ernst gemeinten
Satz: «Blut ist ein ganz besonderer Saft».
Etwas Merkwiirdiges ist bei dieser Stelle des Goetheschen
Faust den sogenannten Goethe-Kommentatoren passiert.
Sie wissen ja, dafi iiber Goethes Faust eine so umf angreiche
Literatur existiert, dafi man ganze Bibliotheken damit fiil-
len konnte. Natiirlich kann es nicht meine Aufgabe sein,
mich weiter auszulassen iiber dasjenige, was diese verschie-
denen Goethe-Erklarer gerade iiber diese Fauststelle sagen;
aber sie bringen nicht viel anderes zutage als das, wovon
der Faustkommentar, der einer der letzten ist, von dem
Universitatsprofessor Minor, ein Beispiel gibt. Er sowie
andere Kommentatoren behandeln diesen Satz als etwas,
das von Mephistopheles wie eine Art ironischer Bemerkung
hingesprochen sein soil, und Minor macht die merkwiirdige,
in der Tat hochst merkwiirdige Bemerkung - horen Sie
genau, was er sagt, um vielleidit audi staunen zu konnen,
auf was alles ein Goethe-Erklarer kommen kann — die
Bemerkung: «Der Teufel ist der Feind des Blutes», und er
verweist dabei darauf, dafi das Blut dasjenige sei, was dem
Menschen eigentlicli das Leben erhoht und erhalt, und dafi
daher der Teufel, der Feind des menschlichen Geschlechtes,
auch nur der Feind des Blutes sein konne. Er macht nun mit
Recht darauf aufmerksam, dafi schon in der altesten Be-
arbeitung der Faustsage, wie auch in der Sage uberhaupt,
dieses Blut dieselbe Rolle spielt.
In einem alten Faustbuche wird uns klar beschrieben,
wie Faust sich mit einem kleinen Federmesser die linke
Hand etwas aufzuritzen hat, wie er dann das herausflie-
fie ide Blut in die Feder nimmt und seinen Namen unter
den Pakt schreibt, wie dann auf der linken Hand das Blut
gerinnt und die Worte bildet: «0 Mensch entfliehe.» Dies
alles ist richtig. Aber nun die Bemerkung, dafi der Teufel
ein Feind des Blutes sei und die Unterschrift deshalb mit
Blut fordere, eben weil er ein Feind des Blutes sei. Ich
mochte Sie fragen, ob jemand sich vorstellen kann, dafi er
just dasjenige begehre, was ihm unsympathisch- ist. Ver-
nunftigerweise kann man nur voraussetzen, dafi an dieser
Stelle Goethe gemeint hat - dafi nicht nur Goethe, sondern
auch die Hauptsage und die altere Faustdichtung einzig
und allein das gemeint haben konnen dafi dem Teufel an
dem Blute etwas Besonderes liegt und dafi es ihm nicht
einerlei ist, ob er mit gewohnlicher, neutraler Tinte den
Pakt unterschrieben erhalt oder mit Blut. Man kann hier
nichts anderes voraussetzen, als dafi der Reprasentant der
bosen Machte glaubt, ja iiberzeugt ist, dafi er den Faust
ganz besonders dadurch in der Hand haben werde, dafi er
sich wenigstens eines Tropfens seines Blutes bemachtigt
haben wird. Das ist ganz selbstverstandlich und niemand
kann diese Stelle anders verstehen, als dafi Faust nicht des-
halb mit Blut unterschreiben soil, weil der Teufel ein Feind
des Blutes ist, sondern weil er sich des Blutes bemachtigen
mochte.
Dem liegt eine merkwiirdige Empfindung zugrunde, die
Empfindung, dafi derjenige, der sich des Menschen Blutes
bemachtigt, die Herrschaft iiber den Menschen habe, und
dafi das Blut deshalb ein ganz besonderer Saft ist, weil es
sozusagen dasjenige ist, um das eigentlich gekampft werden
mufi, wenn um den Menschen in bezug auf das Gute und
auf das Bose gekampft wird.
Alle diejenigen Dinge, welche aus denSagen undMythen
des Volkes uns uberkommen sind und sich auf das Men-
schenleben beziehen, werden in unserer Zeit in bezug auf
die ganze Anschauung und Auffassung des Menschen einer
besonderen Umwandlung unterliegen. Dasjenige Zeitalter
liegt hinter uns, in dem man auf Sagen, Marchen und
My then so geblickt hat, als ob in ihnen nur kindliche Volks-
phantasie sich aussprache. Ja, selbst die Zeit liegt hinter uns,
in der man in einer kindlich gelehrtenhaften Weise davon
gesprochen hat, dafi in der Sage die dichtende Volksseele zum
Ausdruck komme. Die dichtende Volksseele ist nichts an-
deres als ein Erzeugnis des griinen Gelehrtentisches, denn
es gibt ebenso einen griinen Gelehrtentisch, wie es einen
griinen Burokratentisch gibt. Wer einen Blick hineingetan
hat in die Volksseele, der weift sehr gut, dafi es sich im
Volke nicht um Erdichtungen und dergleichen Dinge han-
delt, sondern um etwas viel Tieferes, das in seinen Sagen
und Marchen von wunderbaren Machten und wunderbaren
Ereignissen zum Ausdruck kommt.
Wenn wir uns von dem neuen Standpunkte der Geistes-
forschung aus wieder in die Sagen und My then vertiefen,
wenn wir jene grofiartigen und gewaltigen Bilder, die uns
aus der Urzeit uberkommen sind, auf uns wirken lassen,
nachdem wir mit geisteswissenschaftlichen Forschungs-
methoden ausgeriistet sind, so erscheinen uns diese Mythen
und Sagen so, dafi sie uns zum Ausdruck einer tiefsinnigen
Urweisheit werden.
Wahr ist es, dafi der Mensdi sich zunachst fragt, wie es
komme, da wir es doch urspriinglich mit primitiven Volks-
stufen, primitiven Volksanschauungen zu tun haben, dafi
der naive Mensdi sich die Weltratsel bildlich veranschau-
lidien konnte in diesen Sagen und Marchen und daft, wenn
wir uns heute in diese Sagen und Marchen vertiefen, wir im
Bilde dasjenige erblicken, was uns die Geistesf orschung heute
klar enthiillt. Zunachst muft das unsere Verwunderung er-
regen. Wer sich aber tiefer und defer einlafk in die Art und
Weise, wie diese Marchen und Mythen zustande gekommen
sind, dem schwindet jedes Erstaunen, jeder Zweifel und er
wird nicht nur das, was man naive Anschauung nennt, in
diesen Sagen und Marchen finden, sondern den weisheits-
vollen Ausdruck einer uralten, wahren Weisheits-Anschau-
ung der Welt erkennen. Mehr, viel mehr noch kann man
lernen, wenn man die Grundlage dieser Mythen und Sagen
positiv durchforscht, als wenn man die heutige verstandes-
und erfahrungsmaftige Wissenschafl in sich aufnimmt. Frei-
lich mufi man mit den Erforschungsmethoden der Geistes-
wissenschafl ausgeriistet an diese Dinge herangehen. Alles,
was man in den Sagen und alten Weltanschauungen iiber
das Blut findet, pflegt von Bedeutung zu sein, weil man in
diesen uralten Zeiten eine Weisheit hatte, die iiber das Blut,
iiber jenen besonderen Saft, der das flieftende Menschen-
leben selbst ist, und iiber seine Bedeutung fiir die Welt
Bescheid wulke.
Es soli uns heute nicht beschaftigen, woher in Urzeiten
jene Weisheit gekommen ist, obwohl der Schlufi des Vor-
trages audi darauf wird hindeuten miissen. Die eigentlidie
Betraditung dieses Gegenstandes soli spateren Vortragen
vorbehalten bleiben. Aber das Blut selbst, in seiner Bedeu-
tung fiir die Menschheit und den menschlichen Kultur-
prozeiS, wollen wir uns heute einmal anschauen. Nicht etwa
eine physiologisdie oder rein naturwissenschaftliche Be-
traditung soli hier geboten werden, sondern eine Betradi-
tung aus der geistigen Weltanschauung heraus. Und da
dringen wir am besten in jedes Ding ein, wenn wir uns zu-
nachst bewufk werden, welches die Bedeutung eines uralten
Satzes ist, eines Satzes, der mit der Urkultur des alten
Agyptens zusammenhangt, wo die Priesterweisheit des Her-
mes gewaltet hat, eines Satzes, der als Grundsatz aller Gei-
steswissenschaft gilt, der der hermetische Grundsatz genannt
worden ist und der heifit: «Es ist oben alles wie unten.»
Sie konnen manche dilettantische Erklarung dieses Satzes
finden. Diejenige Erklarung aber, die uns zunachst heute
hier beschaftigen soil, ist die folgende. Alle Geisteswissen-
schaft ist sich dariiber klar, daft die "Welt, die dem Menschen
zunachst durch seine fiinf Sinne zuganglich ist, nicht die
ganze Welt darstellt, sondern dafi sie nur der Ausdruck ist
fiir eine tiefere, hinter ihr verborgene Welt, die geistige
Welt. Diese geistige Welt wird im Sinne dieses hermetischen
Grundsatzes die obere Welt genannt, und die sinnliche
Welt, die sich um uns herum ausbreitet, die wir mit unseren
Sinnen wahrnehmen und mit unserem Verstande erforschen
konnen, gilt als untere, als der Ausdruck der geistigen Welt.
So dafi der Geistesforscher in dieser sinnlichen Welt kein
Letztes sieht, sondern eine Art Physiognomie, die ihm eine
dahinterliegende seelische und geistige Welt ausdriickt, ge-
nau so wie man, wenn man das menschliche Antlitz betrach-
tet, nicht bei den Formen des Gesichtes und der Gesten
stehenbleiben darf, sondern selbstverstandlich von den
Gesten und der Physiognomie au£ dasjenige hingefiihrt
wird, was sich seelisch und geistig in ihnen ausdruckt.
Dasjenige, was jeder Mensch naiv tut, wenn er einem
beseelten Wesen gegeniibertritt, das macht der Okkultist
oder der Geistesforscher der ganzen Welt gegeniiber. «Es ist
oben alles wie unten» wiirde, auf den Menschen angewandt,
heifien: Es driicken sich diejenigen Impulse in seinem Ge-
sichte aus, die in seiner Seele Hegen: in einem harten, rohen
Antlitz die Roheit der Seele, in einem Lacheln innerlicher
Frohsinn, in den Tranenperlen die Leiden der Seele.
Lassen Sie mich an der Frage, was eigentlich Weisheit ist,
den hermetischen Grundsatz einmal darlegen. Es wurde in
der Geisteswissenschafl; immer davon gesprochen, dafi die
Weisheit des Menschen etwas zu tun habe mit der Erfah-
rung, und zwar mit schmerzlicher Erfahrung. Derjenige,
der unmittelbar in Schmerz und Leiden darinnensteckt,
wird innerhalb dieses Schmerzes und Leidens vielleicht etwas
zeigen, was innerliche Disharmonie ist. Derjenige aber, der
die Schmerzen und Leiden iiberwunden hat und ihre Frucht
in sich tragt, wird Ihnen immer wieder nur das sagen, dafi
er damit etwas von Weisheit aufgenommen hat. Die Freu-
den und Luste des Lebens, das, was mir das Leben geboten
hat an Befriedigungen, das nehme ich dankbar hin; aber
weniger als das alles mochte ich hingeben meine Schmerzen
und Leiden, die hinter mir liegen: Meinen Schmerzen und
Leiden verdanke ich die Weisheit. So hat von jeher die
Geistesforschung in der Weisheit etwas gesehen wie kristal-
lisierten Schmerz, der iiberwunden ist und sich in sein Ge-
genteil verwandelt hat.
Interessant ist es nun, dafi die gegenwartige mehr mate-
rialistische Forschung in einer eigenartigen Weise gerade
darauf zuruckgekommen ist. In jungster Zeit ist ein schones
Buch erschienen liber die Mimik des Denkens, ein Buch, das
lesenswert ist. Das Buch ist von keinem Theosophen, son-
dern von einem Natur- und Seelenforscher. Er versucht zu
zeigen, wie sich das innere Leben des Menschen, seine Art
und Weise des Vorstellens, zum Ausdrucke bringt in der
Physiognomie, und auch dieser Forscher macht darauf auf-
merksam, dafi der Denker immer etwas in seinem Gesichts-
ausdruck hat, das an absorbierten Schmerz erinnert.
So sehen Sie, als eine schone Bestatigung eines uralten
Grundsatzes der Geisteswissenschaft, diesen Grundsatz wie-
der in der mehr materialistischen Anschauung unserer Zeit
auftauchen. Das werden Sie noch tiefer und tiefer einsehen,
und Sie werden finden, wie Zug um Zug dasjenige, was
uralte Weisheit ist, der heutigen Wissenschaft wiederum
zuganglich wird.
Es macht das Wesen der Geistesforschung aus, dafi alles,
was uns in der Welt umgibt — das mineralische Geriist, die
Pflanzendecke, die Tierwelt unserer Erde -, als der physio-
gnomische Ausdruck oder das Untere eines Oberen, eines
dahinterliegenden geistigen Lebens angesehen wird. Vom
okkulten oder geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus
wird dasjenige, was uns in der sinnlichenWeltgegeben wird,
erst richtig verstanden, wenn man dazu das Obere, das
geistige Vorbild, die geistigen Urwesen, aus denen das alles
hervorgegangen ist, kennt. So soil uns heute beschaftigen,
was hinter der Erscheinung des Blutes verborgen liegt, das-
jenige, was sich in dem Blute einen physiognomischen Aus-
druck hier in der Sinnenwelt schuf . Hat man dann diesen
geistigen Hintergrund des Blutes, dann wird man auch ein-
sehen, wie eine solche Erkenntnis zuruckwirken mufi auf
unser ganzes geistiges Kulturleben.
Grofie Fragen drangen sich in unserer Zeit an den Men-
schen heran: Fragen der Erziehung nicht nur des jungen
Mensdien, sondern Fragen der Erziehung ganzer Volker,
und audi die grofte Erziehungsfrage, die die Zukunft an die
Menschheit stellen wird. Sie muE jeder erblicken, wenn er
sein Auge auf die grofien sozialen Umwalzungen unserer
Zeit richtet, auf die sozialen Forderungen, die uberall auf-
treten, seien sie verkorpert in der Frauenfrage, in der
sozialen Frage, in der Friedensfrage und so weiter. Alles
das tritt vor unsere sorgende Seele. Alle diese Fragen wer-
den hell und klar, wenn wir das, was als geistige Wesenheit
hinter dem Blute liegt, kennen.
Wer wollte leugnen, dafi mit dieser Frage audi die Ras-
senfrage zusammenhangt, die bezeichnenderweise audi in
unserer Gegenwart wieder auftritt? Wir verstehen die
Rassenf rage aber nur, wenn wir das geheimnisvolle Wirken
des Blutes und der Blutmischung unter den Volkern ver-
stehen. Endlich hangt auch noch eine Frage damit zusam-
men, die immer aktueller und aktueller werden wird, je
mehr man sich aus einem blofi ziellosen Vorgehen in dieser
Sache herauswindet und durchringen wird zu einem ein-
heitsvollen Vorgehen auf diesem Gebiete. Die Frage, auf
die hier hingedeutet wird, 1st die Kolonisationsfrage, jene
Frage, die auftaucht, wenn Mensdien kultivierter Volker
mit unkultivierten Volkern zusammenkommen: Inwiefern
konnen unkultivierte Volker neue Kulturen in sich aufneh-
men? Wie kann ein Schwarzer, wie kann ein barbarischer
Wilder kultiviert werden, wie hat man sich ihnen gegen-
iiber zu benehmen? Da kommen nicht blofi die Gef iihle einer
schattenhaften Moral in Betracht, sondern grofie, ernste und
bedeutsame Lebensfragen des Daseins. Derjenige, der nicht
weifi, unter welchen Bedingungen ein Volk steht, ob in auf-
oder absteigender Linie der Entwicklung, ob dies oder jenes
durch sein Blut bedingt ist, der vermag nicht den richtigen
Weg zu finden, um irgendeine Kultur bei einem anderen
Volke einzufuhren. Alles das taucht auf, wenn diese bedeu-
tungsvolle Frage nach dem Blute aufgeworfen wird.
Was das Blut als solches ist, das kennen Sie ja wohl alle
aus der landlaufigen Naturwissenschaft. Sie wissen, wenn
Sie den Menschen und die hoheren Tiere betrachten, dafi
dieses Blut wirklich das fliefiende Leben ist. Sie wissen, dafi
durdi das Blut des Menschen Inner es nach aufien geoffnet
wird, und indem dies geschieht, nimmt der Mensch durch
das Blut dieLebensluft, den Sauerstoff auf. Das Blut erfahrt
durch diese Sauerstoffaufnahme eine Erneuerung. Das-
jenige Blut, welches das menschliche Innere gleichsam dem
hereinstromenden Sauerstoff anbietet, ist eine Art von Gift-
stoff fiir den Organismus, eine Art Vernichter und Zer-
storer. Dieses blaurote Blut wird umgewandelt durch Auf-
nahme von Sauerstoff, durch eine Art Verbrennungsprozefi,
in rotes, lebenschaffendes Blut. Dieses Blut, das in alle Teile
des Korpers dringt, in alien Teilen des Korpers die Ernah-
rungsstoffe ablagert, hat die Aufgabe, die Stoffe der Aufien-
welt unmittelbar in sich aufzunehmen und auf dem kiir-
zesten Wege zur Ernahrung des Wesens zu verwenden. Der
Mensch und die hoheren Tiere haben notig, erst diese Er-
nahrungsstoffe in das Blut iiberzufuhren, das Blut zu bilden,
den Sauerstoff der Luft in das Blut aufzunehmen und den
Korper durch das Blut aufzubauen und zu erhalten.
Nicht mit Unrecht hat em geistvoller Seelenkenner ge-
sagt: Das Blut mit seiner Bewegung ist wie ein zweiter
Mensch, der sich zu dem anderen aus Knochen, Muskeln
und Nervenmasse bestehenden Menschen wie eine Art von
Aufienwelt verhalt. Und in der Tat nimmt der ganze Mensch
fortwahrend aus dem Blute seine Erhaltungskrafte auf und
gibt andererseits dasjenige, was er nicht gebraucht hat, an
das Blut ab. Im Blute ist also ein wirklicher Doppelganger
des Menschen vorhanden, der ihn fortwahrend begleitet,
aus dem er fortwahrend seine neuen Krafte schopft und an
den er dasjenige, was er nicht mehr braucht, abgibt. Mit vol-
lem Recht hat man daher das Blut das fliefiende Menschen-
leben genannt und ihm ahnliche Bedeutung beigemessen wie
dem Zellstoff fiir die niederen Organismen. Was der ZellstofF
fur den niederen Orgnismus ist, das ist der so vielfach um-
gewandelte «besondere Saft», das Blut, fiir den Menschen.
Ein bedeutender Forscher, Ernst Haeckel, hat tief in die
Werkstatt derNatur hineingeschaut und mit Recht in popu-
laren Werken darauf aufmerksam gemacht, dafi das Blut
eigentlich am spatesten im Organismus entsteht. Wenn man
die Entwicklung des Menschenkeims im Mutterleibe ver-
folgt, so findet man, daE die Anlagen zum Knochen- und
Muskelbau langst ausgebildet sind, bevor die Anlage zur
Blutbildung entsteht. Erst sehr spat werden die Anlagen
zur Blutbildung - mit ihr das Blutgef afi-System - im Men-
schen sichtbar; erst sehr spat kommen sie heraus. Daraus
schlielk die Naturwissenschafl mit Recht, dafi die Blut-
bildung uberhaupt erst spat in der Weltentwicklung auf-
getreten ist, dafi sozusagen andere Krafle, die da waren, erst
bis zur Hohe des Blutes heraufgehoben worden sind, um
auf dieser Hohe dasjenige zu bewirken, was innerhalb des
Menschen bewirkt werden soli. Wenn der Mensch als Men-
schenkeim die f ruheren Stadien der Menschheitsentwicklung
durchmacht, sie noch einmal wiederholt, dann eignet er sich
erst dasjenige an, was vor der Blutbildung in der Welt vor-
handen war, um dann der Evolution in der Umwandlung,
in der Heraufhebung alles Friiheren zu diesem besonderen
Saft, dem Blute, die Krone aufzusetzen.
Wollen wir nun die hinter dem Blute waltenden geheim-
nisvollen Gesetze des geistigen Universums studieren, dann
miissen wir uns mit den elementarsten Begriffen der Gei-
steswissenschaft ein wenig befassen. Schon oft sind diese
eiementaren Begriffe der Geisteswissenschaft hier ausein-
andergesetzt worden. Sie werden sehen, dafi diese eiemen-
taren Begriffe der Geisteswissenschaft das Obere sind, und
dafi sich uns dieses Obere, wenn wir es kennengelernt haben,
in den bedeutungsvollen Gesetzen des B lutes, wie in denen
des iibrigen Lebens, zum Ausdruck bringt wie in einer
Physiognomic Diejenigen, welche diese eiementaren Ge-
setze der Geisteswissenschaft langst kennen, gestatten mir
wohl, dafi ich fiir die, welche zum ersten Male hier sind,
kurz wiederhole. Dabei werden audi Ihnen solche Gesetze
immer klarer und klarer werden, wenn Sie sie immer wie-
der in besonderen neuen Fallen anwenden lernen. Freilich
fiir diejenigen, die noch nichts wissen von Geisteswissen-
schaft, die sich noch nicht eingelebt haben in die Lebens- und
Weltanschauung, um die es sich hier handelt, ist, was ich
jetzt sagen werde, mehr oder weniger nur eine Zusammen-
stellung von Worten, unter denen sie sich nichts denken
konnen. Aber es ist ja nicht immer der Mangel eines hinter
dem Worte steckenden Begriffes daran schuld, wenn sich
jemand bei einem "Worte nichts denken kann. Es kann hier
eineBemerkung, die der geistvolle Lichtenberg gemacht hat,
etwas verandert angenommen werden: Wenn ein Kopf und
ein Buch zusammenstofien und es hohl klingt, so mu£ nicht
immer das Buch daran schuld sein. So ist es auch bei der
Beurteilung der geisteswissenschaftlichen Wahrheken von
seiten unserer Zeitgenossen. Wenn diese Wahrheiten den
Menschen oftmals als blofie Worte an die Ohren klingen
und sie sich nichts dabei denken konnen, so mufi nicht im-
mer die Geisteswissenschaft daran schuld sein. Derjenige
aber, der sich einlebt in diese Dinge, der wird sehen, dafi
hinter den Bezeichnungen und Hinweisen auf hohere We-
senheiten auch wirklich solche Wesenheiten stecken, die
nicht in unserer sinnlichen Welt zu finden sind.
In der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sehen
wir, daft der Mensch, insof ern er uns in der Aufienwelt fiir
unsere Sinne entgegentritt, insofern er Form und Gestalt
ist, nur einen Teil der mensdilidien Wesenheit ausmacht,
und dafi sogar hinter dem physischen Leibe viele andere
Wesenheiten sind. Diesen physischen Leib hat der Mensch
mit alien um ihn herumliegenden mineralischen, sogenann-
ten leblosen Dingen gemeinschaftlich. Dariiber hinaus hat
aber der Mensch den sogenannten Ather- oder Lebensleib.
Ather wird hier nicht in dem Sinne verstanden, wie die
physischeWissenschaft es tut. Dieser Ather- oder Lebensleib
ist ein Prinzip, das fiir den geisteswissenschaftlichen For-
scher nicht blofi etwas Erdachtes, nicht blojS etwas Aus-
spekuliertes ist, sondern etwas, das fiir seine geoffneten
geistigen Sinne ebenso wirklich vorhanden ist wie die aufie-
ren sinnlichen Farben fiir das sinnliche Auge. Zu sehen,
wirklich zu sehen ist fiir den hellsehenden Menschen dieser
Ather- oder Lebensleib. Er ist dasjenige, was die unorgani-
schen Stoffe zu lebendigem Dasein aufruft, sie heraufholt
aus der Leblosigkeit, um sie auf zuf adeln an dem Faden des
Lebens. Glauben Sie nicht, dafi dieser Lebensleib fiir den
okkulten Forscher nur etwas ist, was er zum Leblosen hin-
zudenkt. Das versuchen die Naturforscher. Sie versuchen
das, was sie mit dem Mikroskop und so weiter an den
Dingen sehen konnen, zu vervollstandigen, sich etwas zu
erdenken, was sie dann das Lebensprinzip nennen. Auf
diesem Standpunkt steht die geisteswissenschaftliche For-
schung nicht, sie hat ein bestimmtes Prinzip. Sie sagt sich
nicht: Hier stehe ich als Forscher so, wie ich nun einmal
bin. Was es in der Welt gibt, mufi sich meinem gegenwar-
tigen Standpunkt fiigen. Was ich nicht erkennen kann, das
gibt es nicht. - Das ist ungef ahr ebenso gescheit, wie wenn
ein Blinder sagt, die Farben seien eine phantastische Sache.
Es hat nicht derjenige iiber eine Sadie zu entscheiden, der
nichts dariiber weifi, sondern derjenige, welcher etwas dar-
iiber erlebt hat. Der Mensdi ist in Entwicklung begriffen.
Daher sagt die Geisteswissenschaft: Wenn du so bleibst, wie
du bist, so kannst du nichts vom Atherleibe sehen, und
kannst in der Tat von «Grenzen des Erkennens» und von
«Ignorabismus» spredien; wirst du aber ein anderer, eignest
du dir die notigen Fahigkeiten an, um die geistigen Dinge
wahrzunehmen, so kann nidit von Grenzen der Erkenntnis
gesprochen werden. Nur so lange gibt es diese, als der
Mensch seine inneren Sinne nicht geofifnet hat. Daher ist
audi der Agnostizismus nichts als eine driickende Last fur
unsere Kultur. Er sagt: Der Mensch ist so und so, und wenn
er so und so ist, so kann er auch nur dies und das erkennen.
Darauf ist zu antworten: Wenn er heute so und so ist, so
mufi er eben anders werden, und dann wird er auch anderes
erkennen.
Das zweke Glied des Menschen ist also der Atherleib,
den der Mensch gemeinschaftlich mit der Pflanzenwelt hat.
Das dritte Glied ist der sogenannte Astralleib, sehr schon
und bedeutungsvoll so genannt, und es soil hier auch spater
noch einmal gezeigt werden, dafi dieser Astralleib mitRecht
so genannt wird. Theosophen, die fur diesen Namen einen
anderen wahlen wollten, haben keine Ahnung davon, um
was es sich hier handelt. Dem Astralleib obliegt es, im Men-
schen und im Tiere, das Lebendige zur Empfindungssub-
stanz aufzurufen, so dafi sich innerhalb des Lebendigen
nicht blofi Safte bewegen, sondern da£ sich darin dasjenige
ausdruckt, was man Lust und Leid, Freude und Schmerz
nennt. Damit haben Sie im wesentlichen auch den Unter-
schied zwischen Pflanze und Tier angedeutet, obwohl es
Obergange gibt.
Eine neue naturwissenschaftliche Forschergruppe hat ge-
glaubt, audi den Pflanzen im direkten Sinne Empfmdung
zuschreiben zu sollen. Das ist aber nur ein Spiel mit Wor-
ten. Es ist fur gewisse Pflanzen selbstverstandlich, dafi sie
Erregungszustande haben, wenn etwas in ihre Nahe kommt,
wenn etwas auf sie einwirkt. Das ist aber keine Empfin-
dung. Es mufi im Innern des Geschopfes einBild auftauchen
als Reflex der Erregung. Wenn auch bei gewissen Pflanzen
eine Gegenwirkung auf einen aufieren Eindruck geschieht,
so ist das doch noch kein Beweis daf Ur, dafi die Pflanze auch
innerlich einen solchen Reiz zu einer Empfindung erhebt,
dafi sie ihn innerlich erlebt. Dasjenige, was man innerlich
erlebt, hat seinen Sitz im Astralleibe. So sehen wir also, dafi
das, was bis zum Tier herauf kam, aus dem physischen Leib,
dem Ather- oder Lebensleib und dem Astralleib besteht.
Der Mensch ragt nun iiber das Tier durch etwas ganz
Besonderes hinaus, und das, wodurch er iiber das Tier hin-
ausragt, haben sinnige Menschen immer gefiihlt. Es wird
darauf hingewiesen durch das, was Jean Paul in seiner
Lebensbeschreibung selbst von sich sagt: er erinnere sich
ganz genau, wie ihm als kleinesKind imHofe seines Eltern-
hauses der Gedanke durch die Seele schofi: du bist ja ein
«Ich», du bist ja eine Wesenheit, die innerlich zu sich Ich
sagen kann. Das machte auf ihn einen bedeutenden Ein-
druck.
Alle sogenannte aufierliche Seelenkunde iibersieht das
Wichtigste, worauf es in diesem Punkte ankommt. Folgen
Sie mir fur einige Minuten in eine subtile Betrachtung hin-
ein, die Ihnen aber zeigen wird, um was es sich handelt. Im
ganzen Umkreis der deutschen Sprache gibt es ein einziges
Wortchen, das sich von alien anderen Wortern prinzipiell
unterscheidet. Von jedem Dinge, das hier in diesem Saale
ist, kann jeder von Ihnen den Namen dieses Dinges nennen.
Den Tisch kann jeder Tisch, den Stuhl kann jeder Stuhl
nennen. Aber ein Wort, einen Namen gibt es, den Sie nicht
aussprechen konnen aufier fiir das, dem dieser Name zu-
kommt: das ist das Wortchen «Ich». Niemand kann zu
einem anderen «Ich» sagen. Das «Idi» mufi heraustonen
aus der innersten Seele selbst, es ist der Name, den sich nur
die Seele selbst beilegen kann. Jeder andere ist fiir mich ein
«Du», und ich selbst bin fiir jeden anderen ein «Du».
Alle Religionen empf anden dieses Ich als den Ausdruck
fiir jenes Wesen in der Seele, durch das die Seele in sich
selbst ihre Grundwesenheit, ihr Gottliches, sprechen zu las-
sen vermag. Da beginnt dann dasjenige, was niemals durch
die aufieren Sinne eindringen kann, was niemals in seiner
Bedeutung von aufien benannt werden kann, sondern aus
dem Innersten heraus ertonen mufi. Da beginnt jener Mono-
log, jenes Selbstgesprach der Seele, wodurch das gottliche
Selbst in der Seele sich ankiindigt, wenn die Bahn frei wird
fiir das Einziehen des Geistes in die Seele.
In den alteren Kulturreligionen, noch im alten Hebra-
ischen, hat man diesen Namen «den unaussprechlichen Na-
men Gottes» genannt, und was auch die heutige Philologie
iibersetzen mag, der alte jiidische Gottesname bedeutet
nichts anderes als das, was heute durch das deutsche Wort
«Ich» ausgedriickt wird. Bewegung ging durch die Reihen
der Zuhorer, wenn der Name des «unbekannten Gottes»
durch den Eingeweihten gesprochen wurde, wenn geahnt
wurde, was durch dieses Wort ausgedriickt war, wenn das
«Ich bin der Ich-Bin» im Tempel ertonte. In diesem Wort
driickt sich das vierte Glied der menschlichen Wesenheit
aus, das der Mensch im Umkreis seines irdischenDaseins fiir
sich allein hat. Dieses Ich umschliefit wiederum und bildet
in sich aus die Keime zu hoheren Stuf en des Menschentums.
Nur hingewiesen soil darauf werden, was in der mensch-
lichen Entwicklung durch dieses vierte Glied in Zukunft
zumDasein gebracht werden wird, hingewiesen soil werden
darauf, dafi der Mensch aus dem physischen Leib, dem
Atherleib, dem Astralleib und dem Ich oder dem eigent-
lichen inneren Leben besteht, und dafi in diesem inneren
Leben die Keime zu drei weiteren Stufen der Entwicklung
vorhanden sind, die aus dem Blute erstehen werden, nam-
lich Manas, Buddhi und Atma, oder mit deutschen Worten:
Manas = Geistselbst im Gegensatz zum Korperselbst,
Buddhi = Lebensgeist, Atma = Geistmensch, der eigent-
lidie, wahre Geistmensch, der heute dem Menschen nur als
Ideal vorschwebt, der als kleiner Keim im Innern veran-
lagt ist und in ferner Zukunft seine Vollendung erreichen
wird.
So haben wir, wie im Regenbogen sieben Farben, wie in
der Tonskala sieben Tone, im Reich der Atome sieben Stu-
fen der Atomgewichte, die siebenstufige Skala des Men-
schenwesens, die wieder in vier untere und in drei obere
Stufen zerfallt.
Nun versuchen wir, uns einmal klar zu werden daniber,
wie sich dieses Obere, Geistige, einen physiognomischen
Ausdruck verschafft in dem Unteren, wie es uns vor Augen
tritt in der Sinneswelt. Nehmen Sie zunachst dasjenige,
was sich im Menschen zu seinem physischen Leib kristalli-
siert. Er hat es gemeinschaftlich mit der sogenannten leb-
losen Natur. Wenn wir geisteswissenschaftlich sprechen von
diesem physischen Leib, dann sprechen wir gar nicht ein-
mal von dem, was das Auge sieht, sondern von dem Zu-
sammenhang von Kraften, die den physischen Leib kon-
struiert haben, von dem, was als Kraftnatur hinter dem
physischen Leibe steht.
Sehen wir uns die Pflanze an als das Wesen, das schon
den Atherleib hat, welcher die physischen Stoffe heraufholt
zum Leben, das heifit dasjenige, was sinnliche Materie ist,
in Lebenssafte verwandelt. Was ist es, das so die sogenann-
ten leblosen Krafte in die Lebenssafte umgestaltet? Wir
nennen es den Atherleib, und dieser Atherleib tut dasselbe
im Tier und dasselbe audi im Menschen; er ruft dasjenige,
was blofi sinnlidi ist, zu lebendiger Konfiguration, zu leben-
diger Gestaltung auf . Dieser Atherleib wird wieder durch-
setzt von dem Astralleib. Und was madit dieser Astralleib?
Er ruft die bewegte Substanz zum innerlichen Miterleben
des Kreislauf s der stofflichen Saftebewegung auf, so dafi sich
die aufiere Bewegung in innerlichen Erlebnissen spiegelt.
Wir sind damit so weit gekommen, daft wir den Men-
schen begreifen, insofern er in das Tierreich hineingestellt
ist. Alle Substanzen, aus denen der Mensch zusammen-
gesetzt ist, finden Sie audi draufien in der leblosen Natur:
Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Schwefel, Phosphor und
so weiter. Soli das, was umgewandelt ist durch den Ather-
leib in lebendige Substanz, zu innerlichem Erfassen, zur
Schaffung innerer Spiegelbilder von dem, was aufien vor-
geht, aufgerufen werden, so mufi der Atherleib von dem,
was wir Astralleib nennen, durdidrungen werden. Der
Astralleib ruft die Empfindung hervor. Aber jetzt, auf
dieser Stufe ruft der Astralkorper die Empfindung in ganz
besonderer Weise hervor. Der Atherleib wandelt unorga-
nische Substanz in Lebenssafte um, der Astralleib wandelt
diese lebendige Substanz in empfindende Substanz um. Aber
— und das bitte ich besonders zu beachten — was empfindet
eine Wesenheit, die nur mit diesen drei Leibern ausgestattet
ist? Sie empfindet nur sich selbst, nur die eigenen Lebens-
vorgange, sie fuhrt ein in sich abgeschlossenes Leben. Das
ist eine hochst interessante Tatsache von aufierordentlicher
Wichtigkeit, wert, festgehalten zu werden. Sehen Sie sich
einmal ein niederes Tier an. Was hat es ausgebildet? Um-
gestaltet hat es leblose Substanz in lebendige Substanz^
lebendige, beweglidie Substanz in empfindende Substanz.
Und empfindende Substanz ist nur da, wo wenigstens die
Anlage zu dem vorhanden ist, was spater im ausgebildeten
Nervensystem erscheint. So haben wir also leblose Sub-
stanz, lebendige Substanz und von empfindungsbegabten
Nerven durchsetzte Substanz. Wenn Sie sich einen Kristall
ansehen, so haben Sie sich zunachst in dieser Kristallform
einen Ausdruck gewisser Naturgesetze, die im sogenannten
leblosen Reich draufien herrschen, vorzustellen. Kein Kri-
stall konnte zustande kommen ohne die ganze ihn urn-
gebende Natur. Sie konnen kein Glied aus dem Kosmos
herausreifien und fiir sich hinstellen, ebensowenig wie Sie
den Menschen aus seiner ganzen Umgebung herausreifien
konnen, der, wenn er nur ein paar Meilen iiber die Erde
erhoben wiirde, sterben miifke. Wie er nur denkbar ist an
dem Orte, an dem er ist, wo die entsprechenden Krafle sich
in ihm zusammenfiigen, in ihm leben mussen, so ist es schon
beim Kristall der Fall, und wer den Kristall richtig an-
schaut, wird in ihm die ganze Natur, den ganzen Kosmos
in einem Einzelabdruck sehen. Es ist ganz richtig, was Cuvier
gesagt hat, dafi ein vollkommener Anatom aus einem Kno-
chen schliefien kann, was fiir einem Tier derselbe angehort
hat, weil jedes Tier seine ganz besonderen Knochenformen
haben mufi.
So lebt auch in der Form des Kristalls der ganze Kosmos.
Und ebenso druckt sich in der lebendigen Substanz eines
Einzelwesens der ganze Kosmos aus. Die bewegten Safte
eines Wesens sind schon eine kleine Welt, ein Abdruck der
grofien Welt. Und wenn die Substanz zur Empfindung auf-
gerufen wird, was lebt dann in den Empfindungen des ein-
fachsten Wesens? In diesen Empfindungen sind die kos-
mischen Gesetze gespiegelt, so dafi das einzelne lebendige
Wesen mikrokosmisch in sich den ganzen Makrokosmos
empfindet. Das Empfindungsleben eines einfachen Wesens
ist also em Abdruck des Kosmos, wie der Kristall ein Ab-
druck seiner Form ist. Mit einem dumpf en Bewufitsein hat
man es in soldi einfachem Lebewesen zu tun. Aber was
dieses Bewufksein an grofierer Dumpfheit hat, das ist auf
der anderen Seite ausgeglichen durch den grofieren Umf ang.
Der ganze Kosmos leuchtet in dem dumpfen Bewufksein,
im Innern des Lebenswesens auf. Nun ist aber im Men-
schen auch nichts anderes vorhanden als eine kompliziertere
Ausbildung derjenigen drei Leiber, die in dem einfachsten
empfindenden Lebewesen sich finden. Nehmen Sie den
Menschen und sehen Sie ab von seinem Blute, nehmen Sie
ihn als ein Wesen, das geformt ist von der Substanz der es
umgebenden physischen Welt, das ebenso wie die Pflanze
Safte in sich enthalt, die es zu lebendiger Substanz aufruft,
und in die es sich ein Nervensystem eingliedert. Dieses erste
Nervensystem ist das sogenannte sympathische. Das sym-
pathische Nervensystem im Menschen dehnt sich zu beiden
Seiten langs des Riickgrats aus, hat auf jeder Seite eine
Reihe von Knoten, verzweigt und verastelt sich und schickt
seine Faden zu den verschiedenen Organen: Lunge, Ver-
dauungswerkzeuge und so weiter. Es ist durch Seitenstrange
mit dem Ruckenmark verbunden.
Zunachst bedeutet dieses sympathische Nervensystem
das Empfindungsleben, das Ihnen eben geschildert worden
ist. Der Mensch kann aber mit seinem Bewufitsein nicht
hinunterreichen zu dem, was durch diese Nerven von den
Weltvorgangen abgespiegelt wird. Diese Nerven sind Aus-
drucksmittel. Und so, wie das Menschenleben auf gebaut ist
aus der umliegenden kosmischen Welt, so spiegelt sich wider
in dem sympathischen Nervensystem diese kosmische Welt.
Diese Nerven leben ein dumpf es Innenleben. Konnte der
Mensch untertauchen in dieses sympathische Nervensystem,
so wurde er, wenn er sein oberes Nervensystem einschla-
ferte, wie in einem Lichtleben die groften Gesetze des Kos-
mos walten und wirken sehen. Es gab beim Menschen der
Vorzeit ein heute iiberwundenes Hellsehen, welches man
erkennen kann, wenn durch besondere Vorgange die Tatig-
keit des hoheren Nervensystems ausgeschaltet und dadurch
das untere Bewufksein freigemacht wird. Dann lebt der
Mensdi in dem Nervensystem, das zum Spiegel fiir die
Welt um ihn herum wird, in einer eigenartigen Weise. Ge-
wisse niedere Tiere haben sich diese Stufe des Bewulkseins
allerdings erhalten und bewahren sie noch heute. Es ist also
ein dumpfes, dammerhaftes Bewufksein, aber es ist wesent-
lichumfassender als das gegenwartigeMenschenbewufitsein.
Es spiegelt als dumpfes Innenleben eine weiterreichende
Welt, nicht blofi den kleinen Ausschnitt, den der heutige
Mensch wahrnimmt.
Fiir den Menschen tritt aber etwas anderes ein. Hat im
Laufe der Entwicklung bis zum sympathischen Nerven-
system der Kosmos ein Spiegelbild gefunden, so offnet sich
auf dieser Stufe der Entwicklung das Wesen wieder nach
aufien: dem sympathischen System gliedertsich dasRiicken-
mark ein. Das Riickenmark- und Gehirnsystem fiihrt dann
hin zu den Organen, die mit der Aufienwelt die Verbindung
herstellen. Wenn im Menschen die Bildung so weit ist, dann
ist er nicht mehr beruf en, blofi die urspriinglichen Bildungs-
gesetze des Kosmos in sich spiegeln zu lassen, sondern es
tritt das Spiegelbild selbst in ein Verhaltnis zur Umgebung.
Wenn das sympathische Nervensystem sich zusammen-
gegliedert hat mit den hoheren Teilen des Nervensystems,
so ist dies ein Ausdruck der vor sich gegangenen Umwand-
lung des Astralleibes. Dieser lebt dann nicht mehr blofi das
kosmische Leben im dumpfen Bewufitsein mit, sondern er
fiigt sein besonderes Innenleben zu diesem hinzu. Durch
das sympathische Nervensystem empfindet ein Wesen, was
aufier ihm vorgeht, durch das hohere Nervensystem das-
jenige, was in ihm vorgeht. Und durch die hochste Form des
Nervensy stems, die gegenwartig in der allgemeinenMensch-
heitsentwicklung zum Vorschein kommt, wird aus dem
hoher gegliederten Astralleib wieder das Material entnom-
men, um Bilder der Aufienwelt, Vorstellungen, zu schafTen.
Der Mensch hat also die Fahigkeit verloren, die urspriing-
lichen dumpf en Bilder der Aufien welt zu erleben; er empfin-
det sein Innenleben und baut sich aus diesem seinem Innen-
leben auf hoherer Stufe eine neue Bilderwelt auf, die ihm
zwar ein kleineres Stuck der Aufienwelt spiegelt, aber in
hellerer, vollkommenerer Art.
Mit dieser Umwandlung geht, auf hoherer Stufe der
Entwicklung, eine andere Hand in Hand. Es dehnt sich die
Umgestaltung des Astralleibes bis auf den Atherleib aus.
Ebenso wie der Atherleib in seiner Umgestaltung den Astral-
leib hervorruft, wie zum sympathischen Nervensystem das
Riickenmark- und Gehirnsystem hinzukommen, so bewirkt
dasjenige, was von dem Atherleibe nach Aufnahme der
niederen Saftezirkulation herausgewachsen und f rei gewor-
den ist, die Umsetzung der niederen Safte in das, was wir
Blut nennen. Das Blut ist ebenso ein Ausdruck des indi-
vidualisierten Atherleibes wie das Gehirn und Riickenmark
ein Ausdruck des individualisierten Astralleibes. Und durch
diese Individualisierung kommt das zustande, was sich in
dem «Ich» auslebt.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus den Menschen
in seiner Entwicklung so weit verfolgt haben, so sehen wir,
dafi wir zunachst eine fiinfgliedrige Kette haben, die sich
uns wie folgt zusammenschliefit: erstens der physische Leib,
zweitens der Atherleib, drittens der Astralleib, oder erstens
die unorganischen, neutralen, physischen Krafte, zweitens
die Lebenssafte, die sidi audi in der Pflanze finden, drittens
das niedere oder sympathische Nervensystem, viertens der
von dem niederen astralen Leibe herausgehobene hohere
Astralleib, der im Ruckenmark und Gehirn seinen Aus-
druck findet, fiinftens dasjenige Prinzip, das den Atherleib
individualisiert.
So wie diese zwei Prinzipien individualisiert worden
sind, so wird audi fiir den Mensdien das erste Prinzip indi-
vidualisiert, durch welches die leblosen Stoffe von aufien
eindringen und den menschlichen Korper aufbauen. Diese
Umwandlung ist beim heutigen Menschen erst in der ersten
Anlage vorhanden.
Wir sehen, wie die aufieren formlosen Stoffe einfliefien in
den menschlichen Leib, wie der Atherleib diese Stoffe zu
lebendigen Gebilden auf rufl: und wie dann durch den Astral-
leib Bilder der Aufienwelt geformt werden; wie weiter
dieser Reflex der Aufienwelt sich zu inneren Erlebnissen
entfaltet und dann dieses Innenleben aus sich selbst wieder
Bilder der Aufienwelt erzeugt.
Greifl nun die Umwandlung auf den Atherleib iiber, so
entsteht das Blut. Das Blutgefafi-System mit dem Herzen
ist ein Ausdruck des umgewandelten Atherleibes, wie das
Ruckenmark- und Gehirnsystem ein solcher des umgewan-
delten Astralleibes. Wie durch das Gehirn die Aufienwelt
verinnerlicht wird, so wird durch das Blut diese Innenwelt
in dem Leib des Menschen zu einem aufieren Ausdrucke
umgeschaffen. Ich mufi im Gleichnisse sprechen, wenn ich
die hier in Betracht kommenden komplizierten Vorgange
darstellen will. Das Blut nimmt die durch das Gehirn ver-
innerlichten Bilder der Aufienwelt auf, gestaitet sie zu
lebendigen Bildungskraften um und bildet durch sie den
jetzigen Menschenleib aus. Das Blut ist so der Stoff, der den
menschlichen Leib auf erbaut. Es stellt sich hier ein Vorgang
uns vor Augen, durch den das Blut das Hochste aufnimmt,
was es der Umwelt entnehmen kann, den SauerstoflF, nam-
lich dasjenige, was das Blut stets wieder erneuert, mit neuem
Leben versorgt. Dadurch wird das Blut veranlafk, sich der
Aufienwelt zu offnen. Damit haben wir den Weg verfolgt
von der Aufienwelt zur Innenwelt und wieder zurUck vom
Innern zum Xuftern. Nun ist ein Zweif aches moglich. Wir
sehen, dafi die Entstehung des Blutes da liegt, wo der
Mensch als selbstandiges Wesen der Aufienwelt entgegen-
tritt, wo er aus den Empfindungen, zu denen dieAufienwelt
geworden ist, selbstandig wiederum Gestalten und Bilder
schafft, wo er schopferisch wird, wo also das Ich, der Eigen-
wille aufleben kann. Kein Wesen, in dem dieser Vorgang
noch nicht stattgefunden hat, konnte aus sich selbst heraus
Ich sagen. Im Blute liegt das Prinzip fur die Ich-Werdung.
Ein Ich kann nur da zum Ausdrucke kommen, wo ein Wesen
die Bilder, die es von der Aufienwelt erzeugt, in sich selbst
zu gestalten vermag. Ein Ich- Wesen mufi fahig sein, die
Aufienwelt in sich aufzunehmen und innerhalb seiner selbst
wieder zu erzeugen. Hatte der Mensch blofi Gehirn, so
konnte er nur Bilder der Aufienwelt in sich erzeugen und in
sich erleben; er wiirde dann zu sich nur sagen konnen: Die
Aufienwelt ist in mir als Spiegelbild noch einmal wieder-
holt; kann er aber diese Wieder holung der Auftenwelt zu
einer neuen Gestalt aufbauen, dann ist diese Gestalt nicht
mehr blofi die Au£enwelt: sie ist «Ich». Ein Wesen mit
blofiem sympathischen Nervensystem spiegelt die Aufien-
welt, es empfindet also diese Aufienwelt noch nicht als sich,
noch nicht als Innenleben. Ein Wesen mit Ruckenmark und
Gehirn empfindet die Spiegelung als Innenleben. Ein Wesen
aber mit Blut erlebt als seine eigene Gestalt sein Innenleben.
Durch das Blut wird mit Hilfe des Sauerstoffes der Aufien-
welt nach den Bildern des Innenlebens der eigene Leib ge-
staltet. Diese Gestaltung kommt als Ich-Wahrnehmung zum
Ausdruck. Nadi zwei Seiten weist das Ich, und das Blut ist
der aufiere Ausdruck dieser Hinweisung. Nadi innen ge-
riditet ist der Blick des Ich, nach aufien gerichtet ist der
Wille des Ich. Nach innen sind die Krafte des Blutes gerich-
tet, sie bauen das Innere auf; nach aufien sind sie gerichtet
zum Sauerstoff der aufieren Welt hin. Daher geht der
Mensch, wenn er in Schlaf f allt, im Unbewufltsein unter, er
geht unter in dasjenige, was das Bewufitsein im Blute er-
Ieben kann. Wenn der Mensch aber sem Auge der Auften-
welt offnet, dann nimmt das Blut die durch Gehirn und
Sinne erzeugten Bilder in seine Gestaltungskrafte auf. Das
Blut steht so in der Mitte zwischen der inneren Bilderwelt
und der lebendigen Gestaltenwelt des AuiSeren. Diese Rolle
wird uns klar werden, wenn wir zwei Erscheinungen be-
trachten. Die eine Erscheinung ist die Abstammung, die
Verwandtschaft der bewufiten Wesen, die andere Erschei-
nung ist dieErfahrung der Welt der aufieren Erlebnisse. Die
Abstammung stellt uns dahin, wo wir, wie man es gewohn-
lich nennt, durch das Blut stehen. Der Mensch wird heraus-
geboren aus einem Zusammenhang, einer Rasse, einem
Stamme, aus seiner Vorfahrenreihe, und dasjenige, was
aus seinen Vorfahren sich auf ihn vererbt, frndet
seinen Ausdruck im Blute. Im Blut wird gleichsam zu-
sammengefafk, was sich aus der materiellen Vergangen-
heit des Menschen herausgebildet hat. Es wird aber im
Blute audi vorgebildet, was sich fiir die Zukunfl des
Menschen vorbereitet.
Wenn der Mensch daher sein hoheres Bewulksein herab-
dampft, wenn er in der Hypnose, im Somnambulismus oder
im atavistischen Hellsehen ist, dann taucht er unter in ein
viel tieferes Bewulksein und nimmt die grofien Weltgesetze
wahr, in einer traumartigen Form, nur viel klarer und heller
als in den hellsten Traumen des gewohnlichen Schlaf es. Der
Mensch hat dann die Tatigkeit des Gehirns, und bei tief-
stem Somnambulismus audi diejenige des Riickenmarkes
unterdriickt; er erlebt die Tatigkeit seines sympathischen
Nervensystems, das heifit in einer dumpfen, dammerhaften
Form das Leben im ganzen Kosmos. In einem solchen Falle
bringt dann das Blut nicht mehr die Bilder des Innenlebens
zum Ausdruck, die durdi das Gehirn vermittelt sind, son-
dern dasjenige, was die Aufienwelt in ihn hineingebaut hat.
Nun aber haben an ihm gebaut die Krafte seiner Vorfahren.
Wie er die Form seiner Nase von einem Vorfahren hat, so
die Form seines ganzen Leibes. Er empfmdet so bei ge-
dampftem Bewufitsein seine Vorfahren in sich, wie er die
durch die Sinne erzeugten Bilder der Aufienwelt bei wadiem
BewuCtsein empfindet. Das heifit: seine Vorfahren rumoren
in seinem Blute. Er lebt dann nodi das Leben seiner Vor-
fahren dumpf mit.
Alles in der Welt ist in Entwicklung begriflen, audi das
menschliche Bewufitsein. Die Bewufitseinsart, welche der
Mensdi jetzt hat, war ihm nicht immer eigen. Wenn wir in
der Zeit zuriickgehen zu unseren fernen Vorfahren, so fin-
den wir eine andere Bewufitseinsart. Gegenwartig nimmt
der Mensch in seinem wachen Tagesleben durch seine Sinne
die aufieren Dinge wahr und bildet sie zu Vorstellungen
um. Diese Vorstellungen der Aufienwelt wirken auf sein
Blut. Es lebt daher und arbeitet in seinem Blute alles das,
was er durch die aufieren Erlebnisse der Sinne empfangen
hat. Das Gedachtnis ist nun mit diesen Erlebnissen, mit den
Erfahrungen der Sinne erfiillt. Dagegen bleibt diesem heu-
tigen Menschen unbewufit, was sich in seinem leiblichen
Innenleben durch die Vererbung von seinen Vorfahren her
vererbt hat. Er weifi nichts von den Formen seiner inneren
Organe. So war es nicht in der Vorzeit. Da lebte im Blute
nicht nur, was die Sinne von aufien empfangen hatten, son-
dern audi dasjenige, was in der Leibesgestalt vorhanden
ist. Und weil diese Leibesgestalt ererbt ist von den Vor-
fahren, so empfand der Mensch in sich das Leben der Vor-
f ahren. Denkt man sich ein soldies Bewufitseinsleben gestei-
gert, so erhalt man eine Vorstellung davon, wie es sich audi
in einem entsprechenden Gedachtnisse zum Ausdruck bringt.
Ein Mensch, der nur erlebt, was er durch seine Sinne wahr-
nimmt, der erinnert sich audi nur an das, was er durch die
auftere Sinneserfahrung erlebt hat. Er kann nur ein Be-
wuiksein von dem haben, was er seit seiner Kindheit auf
diese Art erf ahren hat. Anders war es beim Menschen
der Vorzeit. Der erlebte, was in ihm war, und da dieses
«Innere» ein Ergebnis der Vererbung ist, erlebte er in sei-
nen Vorstellungen die Erlebnisse seiner Vorfahren mit. Er
erinnerte sich nicht nur an seine Kindheit, sondern auch an
die Erlebnisse seiner Vorfahren. Dieses Leben seiner Vor-
fahren war in den Bildern, die sein Blut empfing, mit ge-
genwartig. So unglaublich es f iir die heutige materialistische
Vorstellungsart auch ist: es ist doch wahr, dafi es einmal ein
Bewufitsein gegeben hat, durch das die Menschen nicht nur
ihre Sinneswahrnehmungen als ihre eigenen Erlebnisse be-
trachteten, sondern auch die Erlebnisse ihrer Vorfahren.
Damals sagten sie: «Ich habe es erlebt» nicht nur zu dem,
was ihre eigene Person erlebt hat, sondern auch zu dem,
was die Vorfahren erf ahren hatten; sie erinnerten sich des-
sen. Zwar war diese f riihere Bewufitseinsf orm des Menschen
gegeniiber dem gegenwartigen wachen TagesbewuEtsein
dammerhaft, mehr wie ein lebhaft gesteigertes Traumen,
aber sie war dafiir umfassender. Sie dehnte sich iiber die
Erfahrung der Vorfahren aus. Der Sohn fiihlte sich mit
Vater, Grofivater in einem Ich verbunden, weil er deren
Erlebnisse als seine eigenen miterlebte.
Weil der Mensch dieses Bewufksein hatte, weil er nidit
blofi in seiner personlichen Welt lebte, sondern weil in sei-
nem Innern das Bewuifksein seiner vorhergehenden Gene-
ration auf lebte, deshalb bezeichnete er audi nicht blofi seine
Person mit einem Namen, sondern eine ganze Generatio-
nenreihe. Der Sohn, der Enkel und so weiter bezeichneten
das Gemeinsame, das durch sie alle hindurchging, mit einem
Namen. Der Mensch ipfand sich als ein Glied der ganzen
Generationsreihe. Das war eine wirkliche und wahre Emp-
findung. Und wodurch wurde diese Bewufitseinsform in
eine andere verwandelt? Sie wurde es durch ein Ereignis,
das die geheimwissenschaftliche Gescbicbte gut kennt. Wenn
Sie in der Gescbichte zuriickgehen, dann tritt f ur alle Volker
des Erdkreises ein Moment auf, der Ihnen ganz genau bei
jedem einzelnen Volke bezeichnet werden kann. Das ist der
Moment, wo das Volk in einen neuen Kulturzustand ein-
tritt, in dem es aufhort, alte Traditionen zu haben, wo es
aufhort, Urweisheit zu besitzen, jene Weisheit, die durch
das Blut der Generationen hindurchgerollt ist. Die Volker
haben ein Bewufitsein davon, und dieses Bewulksein finden
wir ausgedriickt in den alten Sagen der Volker. Die Stamme
blieben namlich in friiherer Zeit in sich abgeschlossen, die
einzelnen Mitglieder der Familien heirateten untereinan-
der. Das finden Sie urspriinglich bei alien Rassen und Vol-
kern. Und ein wichtiger Moment fiir die Menschbeit ist der,
als dieses Prinzip durchbrochen wird, sich fremdes Blut mit
fremdem Blute mischt, wo die Nah-Ehe in die Fern-Ehe
iibergeht. Die Nah-Ehe bewahrt das Blut der Generationen,
sie lafk dasselbe Blut durch die einzelnen Glieder rinnen,
das seit Generationen den Stamm, die Nation durchflofi.
Die Fern-Ehe giefit neues Blut dem Menschen ein, und diese
Durchbrechung des Stammesprinzipes, diese Mischung des
Blutes, die bei alien Volkern sich findet und friiher oder
spater auf tritt, bedeutet die Geburt des aufieren Verstandes,
die Geburt des Intellektes.
Das ist eben das Wichtige, dafi in alten Zeiten eine Art
dammerhaffcen Hellsehens vorhanden war und dafi My then
und Sagen aus diesem hellseherischen Vermogen heraus ent-
standen sind, welches sich in dem verwandtschafllichen
Blute ausleben kann wie in dem vermischten Blute das ge-
genwartige Bewufttsein. Mit dem Eintritt der Fern-Ehe
f allt audi die Geburt des logischen Denkens, die Geburt des
Intellektes zusammen. So uberraschend das ist, so wahr ist
es. Es ist eine Erkenntnis, die immer mehr und mehr durch
die aufiere Forschung bestatigt werden wird. Die Anfange
sind schon gemacht. Die Blutmischung, die mit der Fern-
Ehe eintritt, ist zu gleicher Zeit dasjenige, was das Hell-
sehen von friiher zunachst ausloscht, um die Menschheit zu
einer hoheren Entwicklungsstufe hmaufzuheben. Wie der,
welcher eine okkulte Entwicklung durchmacht, dieses Hell-
sehen wieder heraufhebt und es zu einer neuen Form um-
wandelt, so hat sich umgekehrt das gegenwartige wache
Tagesbewufitsein aus einem alten dammerhaften Hellsehen
heraus entwickelt.
Gegenwartig driickt sich die ganze Umwelt, der der
Mensch sich hingibt, im Blute aus, und diese Umwelt formt
das Innere daher nach dem Aufieren. Beim Urmenschen
driickte sich mehr das leibliche Innere im Blute aus. In den
Urzeiten vererbten sich mit der Erinnerung an die Erleb-
nisse der Vorfahren auch deren Neigungen zu diesem oder
jenem Guten und Bosen. In dem Blute des Nachkommen
waren die Wirkungen der Neigungen der Vorfahren zu
spiiren. Als dann das Blut durch die Fern-Ehe gemischt
wurde, da wurde auch dieser Zusammenhang mit den Vor-
fahren durchschnitten. Der Mensch ging iiber zum person-
lichen Eigenleben. Er lernte sich in seinen sittlichen Nei-
gungen nach dem zu ricliten, was er im personlichen Leben
erfahren hat. So driickt sich in einem ungemisditen Blute
die Macht des Vorfahrenlebens aus, in dem gemisditen die
Maciit der eigenen Erlebnisse. Davon erzahlen die Sagen
und Mythen der Volker. Sie sagen uns: Was Macht hat auf
dein Blut, das hat Macht iiber dich. Die Macht der Volker-
traditionen horte auf, als sie nicht mehr wirken konnte auf
das Blut, als dessen Aufnahmefahigkeit fiir solche Vor-
fahrenmacht erlischt durch die Beimischung des fremden
Blutes. Und dieser Satz gilt im weitesten Umfange. Welche
Macht auch immer sich eines Menschen bemachtigen will,
sie mull so auf ihn wirken, dafi sich diese Wirkung im Blute
ausdriickt. Will also eine bose Macht Einflufi gewinnen auf
den Menschen, dann mufi sie Herrschaft haben iiber sein
Blut. Das ist der tiefe und geistvolle Zug des erwahnten
Wortes aus Faust. Daher sagt der Reprasentant des bosen
Prinzipes: Schreibe mir deinen Namen mit Blut unter den
Pakt, Habe ich deinen Namen mit demem Blute geschrie-
ben, dann habe ich dich bei demjenigen erfafit, wodurch
der Mensch iiberhaupt erfafit werden kann, ich habe dich
zu mir heriibergezogen. Wem das Blut gehort, dem gehort
auch der Mensch oder des Menschen Ich.
Wenn zwei Menschengruppen aufeinanderstofien, wie
dies bei der Kolonisation der Fall zu sein pflegt, dann wird
derjenige, welcher die Evolution kennt, sagen konnen, ob
eine fremde Kultur aufgenommen werden kann oder nicht.
Nehmen Sie ein Volk, das herausgewachsen ist aus seiner
Umgebung, in dessen Blut sich seine Umgebung hinein-
gebildet hat, und versuchen Sie, ihm eine fremde Kultur
aufzupfropfen. Es ist unmoglich. Das ist auch der Grund,
warum gewisse Ureinwohner zugrunde gehen mufiten, als
die Kolonisten in bestimmte Gegenden kamen. Von diesem
Gesichtspunkte aus wird man diese Frage beurteilen mils-
sen, und dann wird man audi nicht mehr glauben, dafi man
jedes jedem aufpfropfen kann. Dem Blute darf nur das-
jenige zugemutet werden, was es nodi vertragen kann.
Die Entdeckung der neueren Wissenschaft, dafi, wenn
man Blut eines Tieres mit dem eines ihm nicht verwandten
vermischt, das eine Blut das andere totet, ist eine alte
okkulte Erkenntnis. Mischen Sie Menschenblut mit dem
Blut niederer Affen, so tritt Vernichtung ein, weil sie zu
weit voneinander abliegen. Mischen Sie Mensdienblut und
das Blut hoherer Aflen, so to ten sie sich nicht. So wie die
Mischung des Blutes von Tiergattungen, wenn sie zu ent-
fernt sind, den wirklichen Tod hervorbringt, so totete es
das alte Hellsehen des niederen Menschen, als sein Blut mit
dem Blute des nicht stammverwandten vermischt wurde.
Das ganze heutige Geistesleben ist nichts anderes als das Er-
gebnis der Blutmischung, und man wird in nicht zu ferner
Zeit audi den Einflufi der Blutmischung studieren und im
Menschenleben zuruckverfolgen konnen, wenn man von
diesem Gesichtspunkte aus wieder die Forschung betreibt.
Also: Blut zu Blut von in der Entwicklung sich fernstehen-
den Tiergattungen totet; Blut zu Blut von verwandten Tier-
gattungen totet nicht. Der physische Organismus des Men-
schen wird erhalten, auch wenn fremdes Blut zu fremdem
Blute kommt, aber die hellseherische Kraft stirbt unter dem
Einflufi der Blutmischung oder der Fern-Ehe.
Der Mensch ist so gestaltet, dafi, wenn sich Blut und Blut
mischt und diese Blutmischung nicht von einer Seite her-
kommt, die in der Entwicklung zu weit absteht, der In-
tellekt geboren wird. Dadurch wird die ursprunglich aus
dem Animalischen kommende Hellseherkraft vernichtet und
ein neues Bewulksein in der Entwicklung geboren.
Es ist also bei der menschlichen Entwicklung auf hoherer
Stufe etwas Ahnliches vorhanden wie auf niederer Stufe in
der Tierwelt. In der Tierwelt totet f remdes Blut das f remde
Blut. In der Menschenwelt totet das fremde Blut dasjenige,
was mit dem Verwandtenblut verbunden ist: das dumpfe,
dammerhafte Hellsehen. Das wache Tagesbewuiksein des
Menschen der Gegenwart ist also ein Ergebnis eines Totungs-
prozesses. Es ist im Laufe der Entwicklung das Geistesleben
der Nah-Ehe getotet worden, aber es ist audi dafiir aus der
Fern-Ehe das Neue, der Intellekt, das wache Tagesbewufit-
sein geboren worden.
Was also im Blute des Menschen leben kann, das lebt in
seinem Ich. Wie der physische Leib der Ausdruck ist fur das
physische Prinzip, der Atherleib fur die Lebenssafte und
ihre Systeme, der Astralleib fiir das Nervensystem, so ist
das Blut der Ausdruck fiir das Ich. Physisches Prinzip,
Atherleib, Astralleib sind das Obere, Biutzustand und Ich
sind das Mittlere und physischer Leib, Lebenssystem, Ner-
vensystem sind das Untere. Was sich deshalb eines Men-
schen bemachtigen will, das mufi sich seines Blutes be-
machtigen. Das mufi berucksichtigt werden, wenn man im
praktischen Leben vorwartskommen will. Man kann zum
Beispiel ein fremdes Volk in seiner Eigenart toten, wenn
man kolonisierend seinem Blute zumutet, was dieses Blut
merit ertragen kann. Denn im Blute driickt sich das Ich aus.
Erst dann haben Schonheit und Wahrheit den Menschen,
wenn sie sein Blut haben. Mephistopheles bemachtigt sich
des Blutes des Faust, weil er dessen Ich haben will. Der
Satz, der das Leitmotiv dieses Vortrags bildet, ist daher aus
der Tiefe der Erkenntnis heraus genommen. Ja, Blut ist ein
ganz besonderer Saft.
DER URSPRUNG DES LEIDES
Berlin, 8. November 1906
Mehr nodi als die anderen Vortrage des Winterzyklus
hangen die drei nachsten zusammen: der heutige «Ober den
Ursprung des Leids», der nachste «Ober den Ursprung des
B6sen» und der folgende «Wie begreift man Krankheit und
Tod?», dodi wird jeder von diesen drei Vortragen audi in
sidi selbst abgeschlossen und verstandlich sein.
Wenn der Mensch das Leben rings um sich her betrachtet,
wenn er Selbstschau halt und den Sinn und die Bedeutung des
Lebens bei sich selbst erforschen will, dann findet er einen
eigenturnlichen, zum Teil warnenden, zum Teil ganz ratsel-
vollen Wachter vor dem Tore dieses Lebens stehen : das Leid.
Das Leiden, das seinerseits wiederum eng verbunden ist
mit dem, was wir in den nachsten Vortragen betrachten
wollen, mit dem Bosen, mit Krankheit und Tod, erscheint
dem Menschen manchmal als etwas, was so tief ins Leben
eingreift, dafi es mit den allerhochsten Fragen des Lebens
zusammenzuhangen scheint. Daher ist die Frage nach dem
Leide eine der wesentlichsten aller Weltanschauungen seit
den altesten Zeiten des Menschengeschlechts, und immer,
wenn man versuchte, den Wert des Lebens abzuschatzen,
den Sinn des Lebens zu erkennen, hat man vor alien Dingen
erkennen wollen, welche Rolle das Leid, der Schmerz im
menschlichen Leben spielt.
Wie ein Storenfried erscheint das Leid mitten im froh-
lichen Leben, es erscheint als eine Herabminderung von
Lebenlust und Lebenshoffnung. Gerade diejenigen, welche
den Wert des Lebens in der Lebensfreudigkeit suchen, welche
nur fiir die Lebensfreudigkeit da zu sein scheinen, haben
diesen Storenfried, Leid und Schmerz, am meisten emp-
funden. Wie ware es sonst erklarbar, dafi bei einem so
lebensfrohen, so in Lebensfreudigkeit aufgehenden Volke,,
wie es die Griechen waren, ein Ausspruch wie ein dunkler
Punkt am Sternenhimmel der Schonheit des Griechentums
auftaucht, der Ausspruch des weisen Silen im Gefolge des
Dionysos: Was ist fiir den Menschen das Beste? Das Beste
fiir den Menschen ist, nicht geboren zu sein, und ist er einmal
geboren, so ist das Zweitbeste, bald nach der Geburt zu
sterben. - Vielleicht wissen Sie, dafi Friedrich Nietzsche > als
er die Geburt der Tragodie aus dem Geiste des alten Grie-
chentums zu begreifen suchte, an diesen Spruch anknupfte,
um zu zeigen, wie auf dem Grunde griechischer Lebensweis-
heit und griechischer Kunst das Leid und die Betriibnis des
Menschen iiber das Leid und iiber das, was damit zusam-
menhangt, eine bedeutungsvolle Rolle spielt.
Nun aber finden wir auch einen anderen und kaum viel
jiingeren Satz aus dem Griechentum, einen kurzen Aus-
spruch, der uns zu gleicher Zeit zeigt, wie in einer gewissen
Art wiederum aus diesem alten Griechentum heraus eine
Erkenntnis auf dammert, dafi das Leiden und die Schmerzen
der Welt doch nicht blofi eine verhangnisvolle Rolle spielen.
Es ist der Ausspruch, den wir bei einem der altesten grie-
chischen Tragiker, bei Aschylos finden, dafi aus Leiden Er-
kenntnis erwachst. Da werden zwei Dinge zusammenge-
bracht, von denen zweifellos ein grower Teil der Menschheit
das eine aus dem Leben hinweggeloscht haben mochte, wah-
rend er das andere, die Erkenntnis, als eines der hochsten
Giiter des Lebens betrachtet.
Dafi das Leben und das Leid, wenigstens das Leben der
heutigen Menschen und der hoheren Wesen auf unserem
Erdenrund, tief verflochten sind, hat man von jeher geglaubt
einsehen zu mussen. So stehen nidit nur am Ausgangspunkt
des biblisclien Schopfungsmythos Erkenntnis des Guten
und Bosen und Leid innig miteinander verbunden, sondern
wir sehen audi auf der anderen Seite, mitten aus der
Anschauung des Alten Testaments heraus, wie aus einer
schwarzen Anschauung des Leidens auch eine helle, licht-
volle aufdammert. Wenn wir uns im Alten Testament um-
sehen, wenn wir den Schopfungsmythos in bezug auf diese
Frage verf olgen, so wird uns klar, daft man innerhalb dieser
alten Weltanschauung Leiden und Siinde zusammenbrachte,
daft man Leid als die Folge der Siinde ansah. Heute, bei der
Denkweise, die selbst da, wo man nicht recht will, sich der
materialistischen Weltauff assung nahert, begreift man nicht
m hr leicht, wie man in der Siinde die Ursache des Leidens
suchen kann. Aber wenn wir Geistesforscher sind und uns
in f riihere Zeitalter hineindenken lernen, dann werden wir
sehen, daft es nicht ganz so unsinnig ist, an einen solchen
Zusammenhang zu glauben, und der nachste Vortrag wird
uns zeigen, daft es eine Moglichkeit gibt, einen Zusammen-
hang zwischen dem Bosen und dem Leid zu sehen. Das Leid
aber aus seinen Ursachen zu erklaren, stellte sich fur die
Anschauung des alten Judentums als eine Unmoglichkeit
heraus. So sehen wir, daft mitten in dieser Anschauung, die
Leid und Siinde in Zusammenhang bringt, die merkwiir-
dige Gestalt des Hiob steht, jene Gestalt, die uns zeigt oder
zeigen will, wie Leiden und unsagliche Schmerzen mit einem
vollkommen unschuldigen Leben zusammenhangen konnen,
wie es unverdiente Leiden und Schmerzen geben kann. In
dem Bewufttsein dieser eigenartig tragischen Personlichkeit
Hiob sehen wir noch einen anderen Zusammenhang von
Leid und Schmerz aufdammern, einen Zusammenhang mit
der Veredlung des Menschen. Das Leid erscheint uns da als
eine Priifung, als Wurzel eines Aufwartsklimmens, einer
Hoherentwicklung. So braudit dieses Leiden im Sinne dieser
Hiob-Tragik keineswegs semen Ursprung im Bosen zu
haben, sondern kann selbst erster Ursprung sein, so dafi
das, was aus ihm hervorgeht, eine vollkommenere Phase
mensdilichen Daseins, menschlichen Lebens darstellt. Das
alles liegt unserem heutigen, modernen Denken ziemlich
fern, und die breitere Masse unseres heutigen gebildeten
Publikums kann sich nidit mehr in eine solche Denkweise
hineinfinden. Sie brauchen aber nur in Ihrem Leben etwas
zuriickzudenken und Sie werden sehen, dafi Vollkommen-
heit und Leid gar oft audi vor Ihren Augen zusammen-
gestellt erschien, und dafi es in der Menschheit immer ein
Bewufitsein gegeben hat von dem Zusammenhang zwischen
Leiden und Vollkommenheit. Dieses Bewufitsein wird uns
hinuberheben zu dem, was wir heute im Sinne der Geistes-
forschung zu betrachten haben werden, namlich den Zu-
sammenhang zwischen Leiden und Geistigkeit.
Erinnern Sie sich, wie oft in diesem oder jenem Trauer-
spiel der tragische Held vor Ihren Augen gestanden hat.
Durch Leiden und leidensvolle Kampfe hindurch fiihrt der
Dichter immer wieder und wiederum den Helden; und
wenn er dann bis zu dem Punkte kommt, wo der Schmerz
sich aufs hochste steigert und in dem Ende des physischen
Korpers seinen Abschlufi findet, dann lebt in der Seele des
Zuschauers nicht blofi Mitleid mit dem tragischen Helden,
nicht blofi die Betriibnis daruber, dafi solche Leiden, wie sie
sich eben abgespielt haben, moglich sind, sondern es stellt
sich heraus, dafi der Mensch vom Anblick des Leidens ge-
hoben und erbaut wurde, dafi er das Leid hat untergehen
sehen im Tode und aus dem Tode heraus sich die Gewiftheit
ergeben hat, dafi es einen Sieg gibt iiber Schmerzen und
Leiden, ja selbst iiber den Tod. Durch nichts kann kiinst-
lerisch dieser hochste Sieg des Menschen, dieser Sieg seiner
innersten Kraffce und Triebe, dieser Sieg des edelsten Trie-
bes seiner Natur so erhaben vor Augen gefiihrt werden als
durch das Trauerspiel. Wenn dem Bewufitsein dieses Sieges
das Erlebnis von Leiden und Schmerzen vorhergegangen
ist und wir von solchen Tatsachen, die sich vor den Augen
des Zuschauers im Theater immer wieder abspielen konnen,
auf schauen zu dem, was ein grofier Teil der heutigen Mensch-
heit noch immer als das Hochste aller geschichtlichen Ent-
wicklung empfmdet, wenn wir auf schauen zu dem Ereignis,
das unsere Zeitrechmmg in zwei Teile teilt, zu dem Ereig-
nisse der Erlosung durch den Christus Jesus, dann kann es
uns auf fallen, dafi eine der grofiten Erhebungen, eine der
grofiten Erbauungen und Siegeshoffnungen, die jemals im
Herzen der Menschen Platz gegriffen haben, aus dem welt-
geschichtlichen Anblick des Leides entsprossen ist. Die gro-
fien, bedeutsamen und tief in das Menschenherz einschnei-
denden Empfindungen der christlichen Weltanschauung,
jene Empfindungen, die fur so viele Menschen Lebenshoff-
nung und Lebenskraft sind, die Gewifiheit geben, dafi es
ein Ewiges, dafi es einen Sieg iiber den Tod gibt, alle diese
erbauenden und erhebenden Empfindungen entspringen aus
der Anschauung eines universellen Leidens, eines Leidens,
das die Unschuld trifft, eines Leidens, das durch keine Siinde
der eigenen Personlichkeit herbeigefuhrt worden ist.
So sehen wir audi hier ein Hochstes im Bewufitsein der
Menschheit sich an das Leid anknupfen. Und wenn wir so
sehen, wie diese Dinge im kleineren und im grofieren immer
wieder in der Menschheit auftauchen, wie sie geradezu den
elementaren Teil der ganzen menschlichen Natur und des
ganzen menschlichen Bewufitseins bilden, dann mufi es uns
doch scheinen, als ob das Leiden irgendwie mit dem Hoch-
sten im Menschen zusammenhange.
Nur ein Hinweis sollte das sein auf eine Grundempfin-
dung der menschlichen Seele, die sich immer und Immer
wieder losringt, und die gleichsam wie ein grofier Trost
dasteht dafiir, dafi es Leiden gibt. Wenn wir uns nun noch
feiner und intimer in das Menschenleben einleben, so kon-
nen sich uns audi Erscheinungen vor die Seele stellen, die uns
auf die Bedeutung des Leidens hinweisen. Wir werden hier
symptornatisdi auf eine soldieErscheinung hinweisen mussen,
die vielleicht kaum damit zusammenzuhangen scheint, wenn
wir uns jedoch intimer auf die menschliche Natur einlassen,
werden wir sehen, dafi audi diese Erscheinung auf die
Bedeutung gewisser Seiten des Leides hinweisen wird.
Denken Sie noch einmal an das tragische Kunstwerk, das
Trauerspiel, das nur entstehen kann, wenn sich des Dichters
Seele weit, weit offnet, aus sich herausgeht und lernt, frem-
des Leid mitzuempfinden, fremdes Leid auf die eigene Seele
abzulagern. Und nun vergleichen Sie diese Empfindung
nicht etwa blofi mit dem Lustspiele - da werden wir keinen
guten Vergleich herausbekommen -, sondern mit etwas,
was in gewisser Weise auch zur. Kunst gehort: mit der
Stimmung, aus der die Karikatur fliefk, die vielleicht mit
Spott und Hohn dasjenige im Zerrbilde zeigt, was in der
Seele des anderen vorgeht und in die auftere Wirksamkeit
tritt, Versuchen wir es, uns zwei Menschen vor die Seele
hinzustellen, von denen der eine ein Ereignis oder einen
Menschen tragisch ergreift, der andere als Karikatur er-
f afit. Nicht ein blo£er Vergleich, nicht ein blofies Bild ist es,
wenn wir sagen, die Seele des tragischen Dichters und
Kiinstlers erscheint uns, wie wenn sie aus sich herausginge
und weiter und weiter wiirde. Was aber eroffnet sich ihr
durch dieses Weiterwerden? Das Verstandnis des anderen
Menschen. Durch nichts versteht man das Leben des an-
deren mehr, als wenn man seinen Schmerz auf die eigene
Seek abiagern lafit. Was mufi man aber tun, wenn man
karikieren will? Man darf nicht eingehen auf das, was die
andere Seele fiihlt, man mufi sich iiber sie stellen, sie von
sich weisen, und dieses Vonsichweisen ist die Grundlage des
Zerrbildes. Niemand wird leugnen, dafi, ebenso wie uns
durch das tragische Mitleid die andere Personlichkeit tief
verstandlich wird, durch die Karikatur dasjenige vor uns
auftritt, was in der Seele der eigenen Personlichkeit des
Karikierenden lebt. Viel mehr lernen wir die Uberlegen-
heit, den Witz, das Anschauungsvermogen, die Phantasie
des Karikierenden kennen als den, der karikiert wird.
Haben wir so aus gewissen Symptomen heraus anschau-
lich gemacht, dafi das Leid docb mit etwas Tiefem in der
Menschennatur zusammenhangt, so diirf en wir hoff en, dafi
durch ein Begreifen des eigentlichen Wesens der Menschen-
natur uns audi Schmerz und Leid in ihrem Ursprung klar
werden konnen.
Die Geisteswissenschaft, die wir hier zu vertreten haben,
geht davon aus, dafi alles Dasein urn uns herum seinen
Ursprung aus dem Geiste genommen hat. Eine mehr mate-
rialistische Anschauung sieht den Geist nur da, wo er wie
eine Krone der sinnlichen Schopfung erscheint, wie eine
Bliite, die sich aus der Wurzel des materiellen Daseins her-
aushebt. Diese letztere Anschauung sieht rings um sich das
materielle Dasein, die physische Korperwelt sich herauf-
organisieren innerhalb der lebenden Wesen, sie sieht das
Bewufitsein, die Empflndung entspringen, sieht Lust und
Leid innerhalb des Lebens hervorgehen und den Geist aus
der Korperlichkeit heraus sich erheben.
Wenn wir so das Leben rings um uns betrachten, so ist
auch fur die wahre Geistesforschung der Geist, wie er uns
in der sinnlichen Welt entgegentritt, zunachst ein Ergebnis
der physischen Natur, aus welcher er herausspriefit.
In den zwei letzten Vortragen wurde dargestellt, wie wir
uns im Sinne der. Geistesforsdhiung den ganzen Menschen,
den physischen oder leiblichen, den seelischen und den
geistigen Menschen vorzustellen haben. Das, was wir mit
Augen sehen, mit den Sinnen aufierlich wahrnehmen kon-
nen, das, was der Materialismus als das einzige Wesen
der Natur betrachtet, ist der Geistesforschung nichts an-
deres als das erste Glied der menschlichen Wesenheit: der
physische Leib. Wir wissen, dafi dieser in bezug auf seine
StofFe und Gesetze dem Menschen mit der ganzen ubrigen
leblosen Welt gemeinsam ist. Wir wissen aber audi, daft
dieser physische Korper aufgerufen wird zum Leben durch
das, was wir den sogenannten Ather- oder Lebensleib
nennen; und wir wissen dies, weil fur die geistige Forschung
dieser Lebensleib nicht eine Spekulation, sondern eineWirk-
lichkeit ist, die erschaut werden kann, wenn der Mensch die
hoheren Sinne, die in ihm schlummern, in sich eroffnet hat.
Wir betrachten den zweiten Teil der menschlichen Wesen-
heit, den Atherleib, als etwas, was der Mensch gemein-
schaftlich hat mit der ubrigen Pflanzenwelt. Als das dritte
Glied der menschlichen Wesenheit betrachten wir den Astral-
leib, den Trager von Lust und Unlust, von Begierde und
Leidenschaft, den der Mensch mit der Tierheit gemeinsam
hat. Und dann sehen wir, dafi des Menschen Selbstbewufit-
sein, die MogKchkeit, zu sich «Ich» zu sagen, die Krone der
Menschennatur ist, die er mit keinem anderen Wesen ge-
meinsam hat; da£ dieses Ich als die Bliite der drei Leiber,
des physischen, Ather- und Astralleibes hervorgeht. So
sehen wir einen Zusammenhang dieser vier Glieder, auf
welchen die Geistesforschung immer hingewiesen hat. Die
pythagoraische Vierheit ist nichts anderesals diese Vierheit:
physischer Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Diejenigen,
die sich tief er mit Theosophie beschaftigt haben, wissen, dafi
dieses Ich aus sich selber herausarbeitet, was wir das Geist-
selbst oder Manas, den Lebensgeist oder Buddhi und den
eigentlichen Geistmenschen oder Atma nennen.
Das sei nodi einmal vor Sie hingestellt, damit wir uns in
richtiger Weise orientieren konnen. Dem Geistesforscher
erscheint also der Mensch als ein viergliedriges Wesen. Nun
kommt der Punkt, wo sich die wahre Geistesforschung, die
mit den Augen des Geistes hinter die Wesenheiten sieht,
die eindringt in die tiefen Griinde des Daseins, tief unter-
scheidet von einer rein aufierlichen Betrachtungsweise der
Dinge. Zwar sagen wir audi, so wie der Mensch jetzt vor
uns steht, miissen chemische und physikalische Gesetze die
Grundlage des Leibes, des Lebens, die Grundlage der Emp-
hndung, des Bewufttseins, die Grundlage des Selbstbewufit-
seins werden. Wenn wir aber geisteswissenschaftlich auf das
Wesen eingehen, stellt sich uns die Sache gerade umgekehrt
dar. Was sich uns im Sinne der Erscheinung als das Letzte
darstellt, das Bewufitsein, das sich heraushebt aus dem
physischen Leib, das erscheint uns als das urspriinglich
Schopferische. Auf dem Grunde von allem erblicken wir
den bewufken Geist, und deshalb erkennt der Geistesfor-
scher, wie unsinnig die Frage ist: woher kommt der Geist?
Das kann nie die Frage sein; es kann lediglich gefragt wer-
den: woher kommt die Materie? Die Materia aber ist fur
die Geistesforschung aus dem Geiste entsprungen, ist nichts
als verdiditeter Geist.
Ein Gleichnis: Denken Sie sich ein Gefaft mit Wasser.
Dieses Wasser denken Sie sich in einem seiner Teile ab-
gekiihlt, bis es zu Eis erstarrt. Was ist nun das Eis? Eis ist
Wasser, Wasser in anderer Form, in festem Zustande. So
sieht der Geistesforscher audi die Materie an. Wie das Was-
ser sich zum Eis verhalt, so verhalt sich der Geist zur Ma-
terie. Wie das Eis nichts anderes ist als ein Ergebnis des
Wassers, so ist die Materie nichts anderes als ein Ergebnis
des Geistes, und wie Eis wieder zu Wasser werden kann, so
kann der Geist wieder seinen Ursprung nehmen aus der
Materie, kann wieder aus der Materie hervorgehen oder
umgekehrt, die Materie kann sich wieder in Geist auflosen.
So sehen wir einen ewigen Kreislauf des Geistes. Wir
sehen den Geist, der das ganze Universum durchflutet, wir
sehen aus ihm heraus die materiellen Wesenheiten ent-
stehen, die sick verdichten, und wir sehen wieder auf der
anderen Seite Wesenheiten, die das Feste wieder verfluch-
tigen. In allem, was uns heute als Materielles umgibt, ist
etwas, in das der Geist hineingeflossen und darin erstarrt
ist. So sehen wir in jeglichem materiellen Wesen erstarrten
Geist. So wie wir dem Eise nur die notige Warme zuzu-
fiihren brauchen, um wieder Wasser entstehen zu lassen, so
brauchen wir den Wesen um uns herum nur den notigen
Geist zuzufuhren, um in ihnen den Geist erstehen zu lassen.
Wir sprechen von einer Wiedergeburt des Geistes, der in die
Materie hineingeflossen und darin erstarrt ist. So erscheint
uns auch der astralische Leib - der Trager von Lust und
Unlust, Begierde und Leidenschafl: - nicht als etwas, was
aus dem physischen Dasein hervorgehen konnte, sondern
als dasselbe Element, das in uns auf lebt als bewufiter Geist,
wie das, was uns erscheint als das die ganze Welt durch-
flutende Element, welches - durch einen Prozefi des mensch-
lichen Lebens - wieder aus der Materie erlost wird. Das,
was als Letztes erscheint, ist zu gieicher Zeit das Erste. Es
hat den physischen Leib und ebenso den Atherleib hervor-
gebracht und erscheint, wenn beide in ihrer Entwicklung
auf einer gewissen Hohe angelangt sind, aus ihnen heraus
aufs neue geboren.
So sieht die Geistesforschung die Dinge an. Nun erschei-
nen uns diese drei Glieder - Worte sollen uns nur zur Kla-
rung dienen - unter drei bestimmten Namen am allerbesten.
Die Materie nehmen wir wahr in gewisser Form, sie er-
sdieint uns in der AuEenwelt in bestimmter Weise. Wir
spredien von der Form, von der Gestalt der Materie und
von dem Leben, das in der Gestalt erscheint, und endlich
von dem Bewufitsein, das innerhalb des Lebens erscheint.
So spredien wir, wie von den drei Stufen: physischer Leib,
Atherleib und Astralleib, audi von den drei Stufen: Form,
Leben und Bewufksein. In dem Bewufksein entspringt erst
das Selbstbewulksein. Das soli uns indessen heute nicht
beschaftigen, mehr das nachste Mai.
Seit jeher und audi besonders in unserer Zeit hat man viel
dariiber nachgedacht, was das Leben eigentlich bedeutet, was
der Ursprung und der Sinn des Lebens sei. Wenige Anhalts-
punkte hat die heutige Naturwissenschaft iiber die Bedeu-
tung des Lebens und iiber sein Wesen erkunden konnen. Aber
eines hat sich diese neue Naturwissenschaft schon seit lan-
gerer Zeit zu eigen gemacht, was audi die Geistesforschung
immer wieder als ihre Oberzeugung und ihre Erkenntnis
ausgesprochen hat, namlich: Leben innerhalb der physi-
schen Welt unterscheidet sich stofflich von dem sogenannten
Nichtleben, dem Leblosen, im Grunde nur durch die Mannig-
f altigkeit und Kompliziertheit der Gestaltung. Nur dakann
das Leben wohnen, wo eine viel kompliziertere Gestaltung
der Stoffe eintritt, als sie im Gebiete des Leblosen vorhan-
den ist. Sie wissen vielleicht, dafi das Leben zu seiner Grund-
substanz etwas hat, was man als eiweifiartige Substanz be-
zeichnen konnte, fiir die der Ausdruck «lebendiges Eiwei£»
nicht unangebracht ware. Dieses lebendige Eiwei£ unter-
scheidet sich vom toten leblosen Eiweifi ganz betrachtlich
durch eine Eigenschafl. Lebendiges Eiweifi zerf allt namlich
sogleich, wenn es vom Leben verlassen ist. Totes EiweiiS, zum
Beispiel das vom toten Hiihnerei, konnen Sie nicht langere
Zeit in dem Zustande erhalten, in dem es ist. Das ist uber-
haupt die Eigenart der lebendigen Substanz, daft in dem
Augenblick, wo das Leben von ihr gewichen ist, sie ihre
Teile nicht mehr zusammenhalten kann. Wenn wir uns audi
heute nicht weiter auf das Wesen des Lebens einlassen kon-
nen, so kann uns doch schon eine Erscheinung hinweisen
auf etwas, was tief mit dem Leben zusammenhangt und es
charakterisiert. Und was ist nun dieses Charakteristisdie?
Es ist eben diese Eigenschaft der lebendigen Substanz, daft
sie zerfallt, wenn das Leben aus ihr gewichen ist. Denken
Sie sich eine Substanz vom Leben entbloftt: sie zerfallt;
denken Sie sich eine stoffliche Mannigfaltigkeit, die nicht
von Leben durchdrungen ist: sie hat die Eigenschaft, zu
zerfallen. Was tut nun das Leben? Es stellt sich immer und
immer wieder dem Zerfall entgegen; also das Leben erhalt.
Das ist das Verjiingende des Lebens, daft es sich dem, was in
seiner Materie vorgehen wiirde, immer wieder widersetzt.
Leben in der Substanz heiftt: Widerstand gegen den Zerfall.
Vergleichen Sie den aufteren Vorgang des Todes mit dem
Leben, und es wird Ihnen klar sein, daft das Leben alles das
nicht zeigt, was den Vorgang des Todes, das In-sich-selbst-
Zerfallen, charakterisiert, sondern daft es vielmehr die
Substanz immer wieder vor dem Zerfall errettet, sich ihr em
Zerfall entgegenstellt. So ist das Leben, indem es die in sich
selbst zerfallende Substanz wieder erneuert, die Grundlage
des physischen Daseins und des Bewufttseins.
Nicht eine blofte Worterklarung haben wir damit ge-
geben. Eine Worterklarung ware es, wenn sich das, was sie
bedeutet, nicht fortwahrend zutragen wiirde. Sie brauchen
aber nur eine lebendige Substanz zu betrachten, so werden
Sie finden, daft sie fortwahrend von aufien Stoff auf nimmt,
sich ihn einverleibt, indes Teile von ihr vernichtet werden:
ein Prozeft, durch den das Leben fortwahrend der Ver-
nichtung entgegenarbeitet. Wir haben es also mit einer
Wirkliclikeit zu tun.
Alte Materie absondern und neue wieder bilden, das ist
Leben.Leben ist aber nodi nicht Empfindung und nodi nicht
Bewulksein. Es ist eine kindliche Vorstellungsart man-
cher Wissenschaftler, die sie den Begriff der Empfindung so
wenig richtig f assen lafit, dafi sie der Pflanze, der wir Leben
zuschreiben miissen, audi Empfindung beimessen. Wenn
man das sagt, weil manche Pflanzen Blatter und Bliiten auf
einen aufieren Reiz hin schliefien, wie wenn sie diesen Reiz
empfinden wiirden, so konnte man audi sagen, das blaue
Lackmuspapier, das durch aufieren Reiz gerotet wird, habe
Empfindung. Audi chemischen Substanzen konnten wir
dann Empfindung zuschreiben, weil sie auf gewisse Ein-
fliisse reagieren. Das geniigt aber nicht. Soli Empfindung
konstatiert werden, so mufi sich der Reiz im Innern spie-
geln. Erst dann konnen wir von dem ersten Element des
Bewufitseins, von der Empfindung sprechen. Und was ist
dieses erste Element des Bewufitseins? Wenn wir uns in der
Welterforschung auf die nachsthohere Stufe erheben und
das Wesen des Bewufttseins zu erfassen suchen, so werden
wir es zwar nicht gleich erkennen, aber es doch ein wenig
in der Seele leuchten spiiren, ebenso wie wir audi das Wesen
des Lebens ein wenig erklaren konnten. Wo Leben ist, kann
allein Bewulksein entstehen, nur aus dem Leben heraus
kann Bewulksein entspringen. Entspringt das Leben aus
der scheinbar leblosen Materie, indem die Zusammenset-
zung der Materie so kompliziert wird, dafi sie sich selbst
nicht erhalten kann und vom Leben ergriffen werden mufi,
um ihren Zerfall fortwahrend zu verhindern, so erscheint
uns das Bewufitsein innerhalb des Lebens als etwas Hohe-
res. Da, wo das Leben fortwahrend als Leben vernichtet
wird, wo fortwahrend ein Wesen hart an der Grenze
zwischen Leben und Tod steht, wo fortwahrend das Leben
wieder aus der lebendigen Substanz zu verschwinden droht,
da entsteht das Bewufitsein. Und wie zuerst die Substanz
zer fallen ist, wenn das Leben sie nicht bewohnte, so scheint
uns jetzt das Leben zu zerfallen, wenn nicht als neues Prin-
zip das Bewufitsein hinzutrate. Das Bewufitsein kann nicht
anders begrififen werden als indem wir sagen: so wie das
Leben dazu da ist, gewisse Vorgange zu erneuern, deren
Fehlen den Zerfall der Materie herbeifuhren wiirde, so ist
das Bewufitsein dazu da, das Leben, das sich sonst auf losen
wiirde, immer wieder zu erneuern.
Nicht jedes Leben kann sich auf diese Weise innerlich
immerfort erneuern. Es mufi auf einer hoheren Stufe an-
gekommen sein, wenn es sich aus sich selbst erneuern soil.
Nur dasjenige Leben kann zum Bewufksein erwachen, wel-
ches in sich selbst so stark ist, dafi es fortwahrend den Tod
in sich vertragt. Oder gibt es ein solches Leben nicht, das in
jedem Augenblick den Tod in sich selbst hat? Sie brauchen
nur das Menschenleben anzusehen und sich zu erinnern an
das, was im letzten Vortrage unter dem Titel «Blut ist ein
ganz besonderer Saft» gesagt worden ist. Aus dem Blute
erneuert sich fortwahrend das menschliche Leben, und ein
geistvoller deutscher Seelenkundiger hat gesagt, im Blute
hat der Mensch einen Doppelganger, aus dem er fortwah-
rend Kraft zieht. Aber auch eine andere Kraft hat das Blut
noch: es erzeugt fortwahrend aus sich selbst den Tod. Wenn
das Blut die lebenerweckenden StofFe an die Korperorgane
abgesetzt hat, dann fiihrt es die lebenzerstorenden Krafte
wieder herauf zum Herzen und in die Lungen. Was in die
Lungen zuriickfliefit, ist fur das Leben Gift, ist das, was das
Leben fortwahrend ersterben macht.
Wenn ein Wesen dem Zerfall entgegenarbeitet, dann ist
es ein lebendiges Wesen. Ist es imstande, in sich selbst den
Tod erstehen zu lassen und diesen Tod fortwahrend zum
Leben umzuwandeln, dann entsteht Bewuiksein. Das Be-
wufitsein ist die starkste von alien Kraften, die uns ent-
gegentreten. Bewufitsein oder bewufker Geist ist diejenige
Kraft, welche ewig aus dem Tode, der inmitten des Lebens
erzeugt werden mu$, das Leben wieder erstehen laik. Leben
ist ein Prozeft, der es zu tun hat mit einer AuEenwelt und
einer Innenwelt; Bewulksein aber ist ein ProzeiS, der es
nur mit einer Innenwelt zu tun hat. Eine Substanz, die
nach aufien hin sterben kann, kann nicht bewufk werden.
Bewulk kann nur eine solche Substanz sein, die in ihrem
eigenen Mittelpunkt den Tod erzeugt und iiberwindet. So
ist der Tod - wie ein deutscher geistvoller Theosoph gesagt
hat — nicht nur die Wurzel des Lebens, sondern audi die
Wurzel des Bewufitseins.
Wenn wir diesen Zusammenhang begrifTen haben, dann
brauchen wir nur mit offenen Augen die Erscheinungen
anzusehen, und der Schmerz wird uns begreiflich erschei-
nen. Alles das, womit das Bewufitsein beginnt, ist urspriing-
lich Schmerz. Wenn das Leben sich nach aufien ofTnet, wenn
einer lebendigen Wesenheit Licht, Luft, Hitze, Kalte ent-
gegentreten, dann wirken diese aufSeren Elemente zunachst
auf das lebendige Wesen. Solange diese Elemente aber nur
auf dieses lebendige Wesen wirken, solange sie von diesem
lebendigen Wesen aufgenommen werden, wie sie von der
Pflanze als Trager von inneren Lebensvorgangen aufge-
nommen werden, solange entsteht kein Bewufksein. Be-
wufttsein entsteht erst dann, wenn diese au£eren Elemente
in Widerspruch treten mit dem inneren Leben, wenn eine
Zerstorung stattfindet. Aus der Zer stoning des Lebens mufi
das Bewufksein erflieften. Ohne teilweisen Tod wird ein
Lichtstrahl in ein lebendiges Wesen nicht eindringen kon-
nen, wird in dem lebendigen Wesen nie der Vorgang an-
geregt werden konnen, aus dem das Bewuiksein entspringt.
Wenn aber das Lidit in die Oberflache des Lebens eindringt,
dann eine teilweise Verwustung anrichtet, die inneren StofFe
und Krafte niederreifit, dann entsteht jener geheimnisvolle
Vorgang, der sich iiberall in der AuBenwelt in ganz be-
stimmter Weise abspielt. Stellen Sie sich vor: Die intelli-
genten Krafte der Welt waren zu einer Hohe emporgestie-
gen, dafi das aufiere Licht und die aufiere Luft ihnen f remd
geworden waren. Nur eine Zeitlang blieben sie mit ihnen
in Einklang, dann vervollkommneten sie sich selbst, wo-
durch ein Widerspruch entstand. Konnten Sie mit den
Augen des Geistes diesen Vorgang verfolgen, so konnten
Sie sehen, wie da, wo sich in einfache Wesen ein Lichtstrahl
eindrangt, die Haut etwas umgestaltet wird und ein win-
ziges Auge entsteht. Was ist es nun, was da in der Materie
zuerst aufdammert? In was driickt sich diese feine Zer-
storung aus, denn eine Zerstorung ist es, was dabei vor sich
geht? Es ist der Schmerz, der nichts als ein Ausdruck fur
diese Zerstorung ist. Uberall, wo das Leben der aufieren
Natur entgegentritt, flndet Zerstorung statt, die, wenn sie
grofier wird, selbst den Tod hervorbringt. Aus dem Schmerz
wird das Bewulksein geboren. Derselbe Prozefi, der Ihr
Auge geschafTen hat, ware ein Zerstorungsprozefi gewor-
den, wenn er an dem Wesen, das sich in dem menschlichen
Wesen herauf entwickelt hat, iiberhand genommen hatte. So
hat er aber nur einen kleinen Teil ergriffen, wodurch er aus
der Zerstorung, aus dem partiellen Tod heraus jene Spiege-
lung der AuEenwelt schafFen konnte, die man das Bewufit-
sein nennt. Das Bewufksein innerhalb der Materie wird
also aus dem Leide, aus dem Schmerz geboren.
Wenn wir diesen Zusammenhang zwischen Leid und
Schmerz und dem bewufiten Geist, der uns umgibt, einsehen,
dann verstehen wir wohl auch ein Wort eines christlichen
Eingeweihten, der solche Dinge griindlich intuitiv wufke
und auf dem Grunde von allem bewufiten Leben den
Schmerz sah, das Wort: «In aller Natur seufzet jede Krea-
tur in Schmerzen, erwartungsvoll, die Gotteskindschaft zu
erlangen.» Das finden Sie im 8.Kapitel des Paulus, als eine
wunderbare Auspragung dieser Grundlage des Bewulkseins
im Schmerz. So kann man es audi verstehen, wie bedeu-
tende, sinnige Menschen dem Sdbmerze eine so grofie, um-
f assende Rolle zugeschrieben haben. Nur ein Beispiel mochte
ich hier anfiihren. Ein grofier deutscher Philosoph sagt,
wenn man die ganze Natur um sich herum ansieht, so er-
scheint einem iiberall auf ihrem Antlitz der Schmerz, das
Leid ausgedriickt, ja, wenn man die hoheren Tiere ansieht,
so zeigen sie dem tiefer Blickenden einen leidensvollen
Ausdruck. Und wer wollte nicht zugeben, dafi manche Tier-
physiognomie aussieht wie der Ausdruck eines tief verhal-
tenen Schmerzes? Wenn wir die Sache so ansehen, wie wir
das eben angedeutet haben, dann sehen wir die Entstehung
des Bewufitseins aus dem Schmerze, so dafi das Wesen, das
aus der Zerstorung heraus Bewufitsein bildet, aus dem Ver-
fall des Lebens heraus ein Hoheres erstehen lafit, aus dem
Tode heraus fortwahrend sich selbst erschafft. Wenn das
Lebendige nicht leiden konnte, niemals konnte das Bewufit-
sein entstehen. Wenn der Tod nicht in der Welt ware, nie-
mals konnte in der sichtbaren Welt der Geist existieren.
Das ist die Starke des Geistes, da$ er die Zerstorung in
etwas noch Hoheres, als das Leben ist, umschafft und so
mitten im Leben ein Hoheres, ein Bewufitsein bildet. Im-
mer weiter und weiter sehen wir dann die verschiedenen
Schmerzerlebnisse zu den Organen des Bewufitseins sich
entwickeln. Man sieht es schon bei den Tieren, die zur Ab-
wehr nach auiSen nur ein Reflexbewufitsein haben, ahnlich
wie der Mensch, wenn Gefahr fur das Auge besteht, das-
selbe schliefit. Wenn dieReflexbewegung nicht mehr geniigt,
das innere Leben zu schonen, wenn der Reiz zu stark wird,
so erhebt sich die innere Widerstandskraft und gebiert die
Sinne, die Empfindung, Auge und Ohr. Sie wissen vielleicht
aus mancher unliebsamen Erfahrung heraus, vielleicht audi
instinktiv, dafi die Sache so ist. Ja, Sie wissen aus einer
hoheren Stufe Hires Bewufitseins ganz genau, dafi das, was
jetzt gesagt worden ist, eine Wahrheit ist. Ein Beispiel wird
die Sache noch verdeutlichen. Wann fiihlen Sie gewisse
innere Organe Ihres Organismus? Sie gehen durchs Leben
und fuhlen weder Ihren Magen, noch Ihre Leber, nodi
Ihre Lunge, Sie fiihlen keines Ihrer Organe, solange sie
gesund sind. Sie fiihlen sie nur dann, wenn sie Sie schmer-
zen, und Sie wissen eigentlich erst, daft Sie dieses oder jenes
Organ haben, wenn es Sie schmerzt, wenn Sie empfinden,
dafi da etwas nicht in Ordnung ist, dafi ein Zerstorungs-
prozefi beginnt.
Wenn wir dieses Beispiel, diese Erklarung nehmen, dann
sehen wir, dafi aus dem Schmerz fortwahrend bewufkes
Leben geboren wird. Tritt der Schmerz zum Leben, so ge-
biert er die Empfindung und das Bewufitsein. Dieses Ge-
baren, dieses Hervorbringen eines Hoheren, spiegelt sich
wiederum im Bewufitsein als die Lust, und es gab nie eine
Lust, ohne dafi es vorher einen Schmerz gegeben hatte.
Unten in dem Leben, das sich eben aus der physischen Ma-
terie heraus erhebt, gibt es noch keine Lust. Wenn aber der
Schmerz Bewufitsein hat erstehen lassen und als Bewufit-
sein schopferisch weiterwirkt, dann ist diese Schopfung auf
einer hoheren Stufe und driickt sich im Gefiihle der Lust
aus. Dem Schaff en Hegt die Lust zugrunde. Lust kann nur
da sein, wo innerliches oder aufierliches Schaffen moglich
ist. Irgendwie liegt einer jeden Lust das Schaffen zugrunde,
wie jeder Unlust die Notwendigkeit des Schaff ens zugrunde
liegt. Nehmen Sie etwas, was auf niederer Stufe das Leid
charakterisieren kann, zum Beispiel das Gefiihl des Hun-
gers, der das Leben zerstoren kann. Dem treten Sie mit der
Nahrung entgegen. Die Nahrungsaufnahme wird zum Ge-
nufi, weil die Nahrung in der Lage ist, in eine Lebenssteige-
rung, in eine Lebensproduktion iiberzugehen. So sehen Sie,
dafi auf Grundlage des Sdimerzes hoheres Schaffen, Lust
entsteht. Eher als die Lust ist also das Leid. Daher kann
audi die Philosophic Schopenhauers und die Eduard von
Hartmanns mit Recht sagen, dafi das Leid eine allgemeine
Lebensempfindung sei. Sie gehen aber nicht tief genug auf
den Ursprung des Leides zuruck, kommen nicht auf den
Punkt, wo sich das Leid zu etwas Hoherem entwickeln
soli. Der Ursprung des Leides wird da gefunden, wo aus
dem Leben Bewufitsein entsteht, wo Geist aus dem Leben
herausgeboren wird.
So konnen wir jetzt audi begreifen, was dem Menschen
in der Seele dammert von dem Zusammenhang zwischen
Leid und Schmerz und Erkenntnis und Bewufitsein, so
konnten wir noch nachweisen, wie aus Schmerz und Leid
ein Edleres, Vollkommeneres herausgeboren wird.
Diejenigen, welche meine Vortrage ofter gehort haben,
werden sich auf die Hinweise entsinnen, dafi es etwas gibt
wie eine Einweihung, wobei ein hoheres Bewufitsein vor-
handen ist und wobei der Mensch sich von den sinnlichen
Dingen zu der Anschauung einer geistigen Welt erhebt, dafi
Krafte und Fahigkeiten in der menschlichen Seele schlum-
mern, die aus der Seele herausgeholt werden konnen wie
die Sehkraft aus dem Blindgeborenen durch die Operation,
dafi dann gleichsam ein neuer Mensch ersteht, dem die ganze
Welt auf hoherer Stufe wie verwandelt erscheint. Wie dem
Blindgeborenen nach der Operation, so erscheinen dem gei-
stig Geborenen die Dinge in neuem Licht. Aber audi dies
kann nur geschehen, indem derselbe Prozeft, der eben ge-
nannt worden ist, sich auf einer hoheren Stufe wiederholt.
Wenn das, was Sie beim Durchschnittsmenschen vereint
linden, getrennt wird, wenn eine Art Zerstorungsprozefi in
der niederen Menschennatur auftritt, dann kann dieses
hohere Bewufitsein, dieses Schauen in der geistigen Welt,
eintreten.
Drei Krafte gibt es in der menschlichen Natur: Denken,
Fiihlen und Wollen. Diese drei Krafte hangen an der physi-
schen Menschenorganisation. Gewisse Willensakte treten
auf, nachdem gewisse Denk- und Gefuhlsvorgange statt-
gefunden haben. Der Organismus des Menschen mufi in
richtiger Weise funktionieren, wenn diese drei Krafte zu-
sammenstimmen sollen. Sind gewisse Leitungen unterbro-
chen, gewisse Teile erkrankt, dann herrscht keine richtige
Harmonie zwischen Denken, Fiihlen und Wollen. Der
Mensch ist dadurch, dafi die Organe des Wollens gelahmt
sind, nicht imstande, seine Gedanken in Willensimpulse
umzusetzen. Er ist schwach als Tatmensch, er kann zwar
gut denken, aber sich nicht entschlielten, einen Gedanken
in Wirklichkeit umzusetzen. Eine andere Art ist die, wo
der Mensch nicht imstande ist, seine Gefuhle durch die Ge-
danken richtig lenken zu lassen, die Gefuhle in Einklang
mit den dahinterstehenden Gedanken zu bringen. Der Tob-
siichtige ist im Grunde nichts anderes.
Im Menschen der Gegenwart besteht eine Harmonie zwi-
schen Denken, Fiihlen und Wollen, in der befindet sich
heute ein normal gebildeter Mensch, der einem Leidenden
gegeniiber in den richtigen Gefiihls- und Willenszustand
kommt. Dies ist alles richtig fiir gewisse Stufen der Ent-
wicklung. Es ist aber zu beachten, dafi sich diese Harmonie
im Gegenwartsmenschen unbewuft t herstellt. Soil der Mensch
aber eingeweiht werden, soli er hineinsehen in die hoheren
Wei ten, dann mussen diese drei Glieder: Denken, Fiihlen
und Wollen, auseinandergerissen werden. Die Willens- und
Gefiihlsorgane mussen eine Sdieidung erleiden. Der physi-
sdie Organismus eines Eingeweihten ist daher audi anders
als der eines Nichteingeweihten, wenn das die Anatomie
auch nodi nicht hat nadiweisen konnen. Der Kontakt zwi-
schen Denken, Fiihlen und Wollen ist unterbrochen. Der
Eingeweihte ware imstande, irgend jemand tief leiden zu
sehen, ohne dafi sich ein Gefiihl in ihm regte, kalt wiirde er
stehenbleiben und es ansehen konnen. Und warum ist dies
so? Es darf sich beim Eingeweihten nichts unbewufit inein-
andergliedern, er ist aus Freiheit ein mitleidsvoller Mensch
und nicht, weil ihn etwas Aufteres dazu zwingt. Das ist der
Unterschied zwischen einem Eingeweihten und einem Nicht-
eingeweihten. Ein solches hoheres Bewufitsein schafft gleich-
sam eine hohere Substanz, und der Mensch zerfallt in einen
Gefiihls-, einen Willens- und einen Denkmenschen. Ober
diesen dreien thront dann erst der hohere, neugeborene
Mensch, und von dieser Stufe eines hoheren Bewufitseins
aus werden dann jene drei in Einklang gebracht. Hier mufi
dann auch wieder der Tod, die Zerstorung eingreifen. Trate
diese Zerstorung so ein, dafi nicht zugleich auch ein neues
Bewufksein entsprofite, dann wiirde Wahnsinn entstehen.
Wahnsinn wiirde also nichts anderes sein als der Zustand,
in dem das menschliche Wesen zerschellt ist, ohne daiS die
hohere, bewufke Instanz geschaflfen worden ist.
So tritt auch hier wieder ein Doppeltes ein: eine Art
Zerstorungsprozefi des Niederen neben einem Entstehungs-
prozefi des Hoheren. Wie im Blute das Gift in den Venen
und wie zwischen dem roten und blauen Blut das Bewufk-
sein im gewohnlichen Menschen erzeugt wird, so wird in
dem initiierten Menschen wieder in dem Zusammenwirken
von Leben und Tod das hohere Bewufitsein im Inneren er-
zeugt, und die Seligkeit entspringt wiederum einer hoheren
Lust, dem Schaff en, das aus dem Tode hervorgeht.
Das ist es, was der Mensch ahnt, wenn er den geheimnis-
vollen Zusammenhang spurt zwischen Schmerz und Leid
und dem Hochsten, das der Mensch erreichen kann. Deshalb
lafit der tragische Dichter aus dem im Leide untergehenden
Helden den Sieg des Lebens, das Bewufitsein von dem Siege
des Ewigen iiber das Zeitliche hervorgehen. Deshalb sieht
das Christentum mit Recht in dem Untergehen des Christus
Jesus - seiner irdischen Natur nach - in Schmerz und Leid,
in Qual und Elend den Sieg des ewigen Lebens iiber die
zeitliche Verganglichkeit. Deshalb auch wird unser Leben rei-
cher, inhaltsvoller, wenn wir es erweitern konnen iiber das-
jenige, was aufierhalb unseres Selbstes liegt, wenn wir in dem
Leben, das aufierhalb unseres Selbstes ist, aufgehen konnen.
So wie wir aus dem Schmerz, der durch einen aufieren
Lichtstrahl angeregt ist und durch uns als lebendige Wesen
uberwunden wird, ein hoheres Bewufitsein schaffen, so
wird, wenn wir die Leiden der anderen in unsere eigene,
grofiere Bewufitseinswelt umwandeln, aus der Empfang-
lichkeit fur das Leid der anderen ein Schaffen im Mitleid
geboren. Und so entsteht endlich aus dem Leide auch die
Liebe. Denn was ist die Liebe anderes, als sein Bewufksein
ausdehnen iiber andere Wesen? Wenn wir selbst soviel ent-
behren wollen, soviel ausgeben wollen, uns selbst soviel
armer machen wollen, als wir dem anderen Wesen geben,
und wenn wir imstande sind, geradeso wie die Haut, die
den Lichtstrahl empf angt und aus ihrem Schmerz ein hohe-
res Wesen, ein Auge zu bilden vermag, wenn wir imstande
sind, aus der Verbreitung unseres Lebens iiber die anderen
Leben ein hoheres Leben zu saugen, dann wird in uns selbst,
aus dem, was wir weggeben an das andere Wesen, die Liebe,
das Mitfiihlen mit alien Kreaturen geboren.
Das liegt audi dem Ausspruche des griechischen Dichters
zugrunde: Aus Leben ward Lehre, aus Lehre Erkennt-
nis. Hier beriihrt sich wiederum, wie im vorigen Vortrage
schon gesagt, eine auf neuesten naturwissenschaftHchen For-
scliungen beruhende Erkenntnis mit den Resultaten der
alten Geistesf orschung. Immer hat die alte Geistesf orschung
gesagt, dafi hochste Erkenntnis, hochste Lehre nur aus dem
Leid hervorgehen kann. Wenn wir ein krankes Glied be-
sitzen und Schmerz daran gelitten haben, so kennen wir
dieses Glied am allerbesten; ebenso kennen wir das am
besten, was wir in der eigenen Seele abgelagert haben. Es
quillt aus dem eigenen Leid als dessen Frucht die Er-
kenntnis.
Dasselbe liegt audi dem Kreuzestod des Christus Jesus
zugrunde, dem, wie aus der christlichen Anschauung her-
vorgeht, bald der sich in der Welt ausbreitende Heilige
Geist folgte. Wir verstehen also jetzt das Hervorgehen des
Heiligen Geistes aus dem Kreuzestod des Christus Jesus als
einen Prozeft, auf den durch das Gleichnis vom Weizen-
korn hingewiesen wird. Aus der Zerstorung mufi die neue
frucht hervorgehen, und so wird auch aus der Zerstorung,
aus den Schmerzen, die am Kreuze ertragen worden sind,
der Gwis% -'er sich am Pfingstfeste iiber die Apostel ergiefk,
geboren. Das wird im Johannes-Evangelium klar aus-
gesprochen, wenn gesagt ist: der Geist war noch nicht
da, denn der Christus war noch nicht verklart. Wer das
Johannes-Evangelium tiefer liest, der wird Bedeutungs-
volles fiir sich daraus hervorgehen sehen.
Manchen wird man sagen horen konnen, dafi er die
Schmerzen nicht missen mochte, da sie ihm die Erkenntnis
gebracht haben. Jeder Gestorbene kann Sie lehren, dafi
das wahr ist, was ich gesagt habe. Wiirde der Mensch den
Kampf gegen die Zerstorung in sich bis zum wirklichen
Tode fiihren, wenn nicht der Schmerz, wie ein Wachter des
Lebens, f ortwahrend neben ihm stande? Der Sdimerz macht
uns aufmerksam darauf, dafi wir gegen die Zerstorung des
Lebens Vorkehrungen zu treffen haben. Aus dem Schmerze
heraus schaffen wir neues Leben. In den Aufzeichnungen
eines modernen Naturforschers iiber die Mimik des Den-
kers lesen wir, dafi auf dem Antlitz des Denkers etwas
liegt wie ein verhaltener Schmerz.
Wenn es sich mit der Erhebung, die aus der durdi Schmerz
erlangten Erkenntnis fliefit, so verhalt, wenn es also wahr
ist, dafi aus Leid Lehre entsteht, dann ist nicht mit Un-
recht - wie wir das nachste Mai sehen werden - in der bib-
lischen Schopfungsurkunde die Erkenntnis des Guten und
des Bosen mit den Leiden und Schmerzen in Zusammen-
hang gebracht. Deshalb ist auch von tiefer Blickenden mit
Recht immer wieder betont worden, wie der Ursprung der
Lauterung, die Erhohung der menschlichen Natur, im
Schmerz liegt, und wenn die theosophische Weltanschau-
ung in dem grofien Schicksalsgesetze, Karma, von den Lei-
den aus, die ein Mensch im gegenwartigen Leben erleidet,
hindeutet auf das, was er in friiheren Leben gesiindigt, ver-
brochen hat, dann verstehen wir einen solchen Zusammen-
hang auch nur aus der tiefer en Menschennatur heraus. Das-
jenige, was im friiheren Leben von uns in der Aufienwelt
vollfiihrt wurde, verwandelt sich aus wilden in erhabene
Krafte. Die Sunde ist gleichsam wie ein Gift, das aber,
wenn es in Substanz des Lebens verwandelt wird, sich zum
Heilmittel gestaltet. So kann die Siinde wieder zur Kraf-
tigung und Erhohung des Menschen beitragen, und so stellen
sich uns auch in der Erzahlung von Hiob die Schmerzen
und Leiden als eine Erhohung der Erkenntnis und des
Geistes dar.
Das sollte nur eine Skizze sein, die auf den Zusammen-
hang von irdischem Dasein und Leiden und Schmerzen hin-
weisen sollte. Sie sollte zeigen, wie wir den Sinn von Leiden
und Schmerzen einsehen konnen, wenn wir sehen, wie sie
erstarren, sich kristallisieren in physischen Dingen und Or-
ganismen bis zum Menschen, und wie durch ein Verfliissigen
des Erstarrten der Geist bei uns wiedergeboren werden
kann, wenn wir sehen, dafi im Geist der Ursprung des
Schmerzes, des Leides ist. Das, was uns der Geist gibt, ist
Schonheit, Kraft und Weisheit, das verwandelte Bild der
urspriinglichen Statte des Schmerzes. Deshalb hat nicht mit
Unrecht ein geistvoller Mann, Fabre d'Olivety den Ver-
gleich gebraucht, um das Hochste, Edelste, Gelautertste in
der Menschennatur in seinem Hervorgehen aus dem Schmerz
zu zeigen, dafi das Hervorgehen von Weisheit und Schon-
heit aus dem Leid vergleichbar ist einem Vorgang draufien
in der Natur, dem Geborenwerden der wertvollen, schonen
Perle. Denn aus was wird sie geboren? Aus der Krankhek
des Muscheltieres, aus der Zerstorung innerhalb der Perl-
muschel. Wie die Schonheit der Perle geboren wird aus
Krankheit und damit aus Leiden, so wird Erkenntnis, edle
Menschennatur und gelauterter Menschensinn aus dem Lei-
den, aus dem Schmerz geboren.
So durfen wir wohl im Einklang mit dem alten griechi-
schen Dichter Aschylos sagen: Aus dem Leid entsteht Lehre,
aus der Lehre Erkenntnis. Und ebenso wie in bezug auf
vieles andere durfen wir in bezug auf den Schmerz sagen,
dafi wir ihn erst dann erfalk haben, wenn wir ihn er-
kennen nicht nur an sich selbst, sondern an dem, was aus
ihm hervorgeht. Wie so manches andere wird auch der
Schmerz nur an seinen Friichten erkannt.
DER URSPRUNG DES BOSEN
Berlin, 22. November 1906
Es ist charakteristisch fur die ganze heutige Literatur, dafi
sie so wenig vom Bosen spridit. Der Materialismus befafit
sich eben nicht mit dem Bosen. Leid, Krankheit und Tod
konnen anscheinend eine materielle Erklarung finden, aber
das Bose nicht. Beim Tier spridit man von Grausamkeit,
Schadlichkeit, aber bose kann man das Tier nicht nennen.
Das Bose erschdpft sich innerhalb des Menschenreiches. Die
heutige Naturwissenschafk sucht den Menschen aus dem
Tier heraus zu begreifen und verwischt alle Unterschiede
zwischen Mensch und Tier. Darum mufi sie audi das Bose
leugnen. Man mufi, um das Bose zu finden, ganz eingehen
auf die menschlichen Eigensdiaften. Man mufi erkennen,
dafi der Mensch ein eigenes Reich in Anspruch nimmt. Wir
wollen dieseFrage jetzt vom geisteswissenschaftlichenStand-
punkt aus betrachten.
Es gibt eine menschlidie Urweisheit, die hinter dem rein
aufierlichenSinnenschein der Dinge zum eigentlichen Wesen
der Dinge vordringt. Friiher wurde diese Weisheit in engen
Kreisen bewahrt und nur nach str engen Proben wurde der Zu-
gang zu diesen Kreisen gewahrt. Ehe ein Mensch Zutritt er-
langte, mufite er den Hiitern dieser "Weisheit bewiesen haben,
dafi er sein Wissen nur in selbstlosester Weise verwenden
werde. Seit den letzten Jahrzehnten ist das Elementare dieser
Weisheits-Wissenschaft aus gewissen Griinden popularisiert
worden. Immer mehr wird davon ins tagliche Leben einflie-
fien. Wir stehen erst am Anf ang dieser Entwicklung.
Wie hangt nun das Bose mit der eigentlichen Menschen-
natur zusammen? Oft hat man sich das Bose auf die ver-
schiedenste Art zu erklaren versucht. Da hat man gesagt:
Es gibt kein Boses im eigentlichen Sinne des Wortes. Es ist
ein herabgemindertes Gutes, es ist das schlechteste Gute.
Denn wie es bei allem verschiedene Grade des Daseins gibt,
so audi beim Guten. Oder man sagte: Wie das Gute eine
Urmacht ist, so ist es auch das Bose. Diese Ansicht pragte
sich namentlich in der persischen Mythe von Ormuzd und
Ahriman aus. Die Geheimwissenschafl; erst zeigt aus der
Tiefe der menschlichen und der ganzen kosmischen Natur
heraus, wie das Bose zu begreifen ist. Leugnet man es,
kann man es gar merit begreifen. Man mufi verstehen, wel-
che Aufgabe, welche Mission das Bose in der Welt hat. Aus
der Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein sehen
wir, wie die Menschen aus der Vergangenheit geworden
sind und was das Bose in ihrem Entwicklungsgang bedeu-
ten soil.
Die Geheimwissenschafl: lehrt das Dasein gewisser hoch-
entwickelter Menschen, der Eingeweihten oder Initiierten.
In den Geheimschulen aller Zeiten wird gelehrt, wie sich
derMensch auf einesolcheEntwicklungsstufe bringen kann.
Bestimmte Obungen werden da vorgeschrieben, die auf
ganz naturliche Weise den Menschen fortentwickeln. Medi-
tations- und Konzentrationsiibungen smd es, die dem Men-
schen eine andere Anschauung geben sollen, eine Anschau-
ung, die er nicht mit dem Verstande und den fiinf Sinnen
erwerben kann. Die Meditation fiihrt zunachst weg von
der sinnlichen Auffassung. Durch innere seelische Arbeit
wird da der Mensch frei von den Sinnen. Etwas Ahnliches
geht da im Menschen vor sich wie bei der Operation eines
Blindgeborenen. Eine Art Operation findet statt, diegeistige
Augen und Ohren offnet. Diese Entwicklung wird in lan-
gerer Zeit die ganze Menschheit erreiclien. Das Weltliche
darf man darum aber nicht verleugnen, wenn man sich
hoher entwickeln will. Weltfluchtige Askese taugt nicht fiirs
Hellsehen. Hellsehen ist die Frucht dessen, was die Seele in
der Sinnenwelt sammelt. Schon verglich die griechische
Philosophic die Menschenseele mit einer Biene. Die Welt
von Farben und Licht bietet der Seele den Honig, den sie
mitbringt in die hoL^re Welt. Sinnenerfahrung mufi die
Seele vergeistigen und hinauftragen in hohere Welten.
Welche Aufgabe hat nun die Seele, die frei ist vom
Leibe? Wir treffen hier auf einen wichtigen Grundsatz.
Jedes Wesen wird, wenn es sich herausentwickelt hat, auf
einer hoheren Stufe Leiter und Fiihrer derjenigen Wesen
und Formen, durch die es durchgegangen ist. Wir sehen da
ein Zukunftsbild. Wenn der Mensch sich so vergeistigt
haben wird, daft er den physischen Leib nicht mehr braucht,
wirkt der Mensch als geistiger Leiter von aufien auf die
Welt ein. Dann ist die Aufgabe dieses Planeten erfiillt. Er
geht dann zu einer anderen Verkorperung iiber. Die Erde
wird dann ein neues planetarisches Dasein erhalten. Die
Menschen werden dann die Gotter des neuen Planeten sein.
Der Menschheitsleib, der verlassen ist vom Geist, wird nie-
deres Reich sein. Wir tragen jetzt eine doppelte Natur in
uns: das, was herrschen wird auf dem nachsten Planeten,
und das, was das niedere Reich sein wird. So wie die Erde
sich neu verkorpern wird, so hat sie sich audi herausgebildet
aus friiheren Entwicklungsvorgangen, und so wie die Men-
schen die Gotter des nachsten Planeten sein werden, so waren
die uns jetzt leitenden Wesenheiten Menschen auf dem vor-
hergehenden Planeten, und sie hatten als Niederes das, was
wir Menschen auf der Erde sind. Damit finden wir den Zu-
sammenhang der Erde mit Vorgangen, die in der Vergan-
genheit und in der Zukunft liegen. Die Stufe, die der Mensch
heute auf der Erde hat, hatten einstmals die Wesen, die die
Schopf er und Fiihrer der Mensdhen heute sind, die Elohim-
Geister, die sich off enbaren als Fiihrer der Entwicklung des
Menschen. Und die Menschen werden auf dem zukiinftigen
Planeten so weit sein, dafi sie selbst Lenker und Leiter sind.
Aber man mufi nicht denken, es miisse sich nun genau so
wiederholen; dasselbe wiederholt sich nie. Nichts geschieht
zweimal in der Welt. Nie war das Dasein so wie jetzt auf
der Erde. Das Erdendasein bedeutet den Kosmos der Liebe,
das Dasein auf dem friiheren Planeten bedeutet den Kos-
mos der Weisheit. Die Liebe vom Elementarsten bis zum
Hochsten sollen wir entwickeln. Die Weisheit ruht ver-
borgen auf dem Grunde des Erdendaseins, Darum soli man
nicht von der «niederen» physischen Menschennatur spre-
chen, denn sie ist gewissermafSen die vollkommenste Form
des Menschen. Man betrachte den weisheitsvollen Bau eines
Knochens, zum Beispiel des Oberschenkelknochens. Da ist
das Problem: mit dem geringsten Auf wand von Material
und Kraft die grofitmoglichste Gewichtsmasse zu tragen, in
vollkommenster Art gelost. Man schaue sich den Wunder-
bau des Herzens, des Gehirns an! Der Astralleib steht nicht
etwa hoher. Er ist der Geniefier, der f ortwahrende Attacken
auf das weisheitsvoll gebaute Herz macht. Er wird noch
lange brauchen, um so vollkommen und weise zu sein wie
der physische Leib. Aber er mufi es werden. Darin besteht
die Entwicklung. Auch der physische Leib mufite sich so
entwickeln. Was weise an ihm ist, mufite aus Unweisheit
und Irrtum hervorgehen. Die Weisheitsentwicklung ging
der Liebesentwicklung voraus. Die Liebe ist noch nicht voll-
kommen. Aber in der ganzen Natur ist sie zu finden. Bei
der Pflanze, beim Tier, beim Menschen, von der niedersten
Geschlechtsliebe an bis zur hochsten, vergeistigtesten Liebe.
Ungeheure Mengen von Wesen, die der Liebestrieb hervor-
gebracht, gehen im Kampf urns Dasein zugrunde. Kampf
wirkt iiberall da, wo Liebe ist. Das Auftreten der Liebe
bringt Kampf, notwendigen Kampf mit sich. Aber sie wird
ihn audi iiberwinden, wird den Krieg in Harmonie ver-
wandeln.
Weisheit ist das Charakteristikum der physischen Natur.
Da, wo diese Weisheit von Liebe durchsetzt ist, da erst ist
der Anf ang der Erdentwicklung. Wie heute Kampf auf der
Erde ist, war auf dem friiheren Planeten Irrtum zu finden.
Merkwiirdige Fabelwesen wandelten da umher, Irrtumer
der Natur, die nidit entwicklungsf ahig waren. Wie Liebe
aus Lieblosem hervorgeht, so die Weisheit aus Unweisheit.
Die, welche die Erdentwicklung erreichen, werden die
Liebe als eine Naturkraft in den nachsten Planeten hinein-
bringen. So ward auch einst die Weisheit auf die Erde ge-
tragen. Die Menschen der Erde schauen auf zu den Gottern
als zu den Bringern der Weisheit. Die Menschen des folgen-
den Planeten werden zu den Gottern als zu den Bringern
der Liebe aufschauen. Die Weisheit wird den Menschen als
gottliche Offenbarung von den Menschen des friiheren
Planeten zuteil. Alle Reiche der Welt hangen unter sich
zusammen. Wenn es keine Pflanzen gabe, so wurde in kur-
zer Zeit die Lebensluft verpestet sein; denn Mensch und
Tier atmen Sauerstoff ein und lebenvernichtende Kohlen-
saure wieder aus. Doch die Pflanzen atmen Kohlensaure
ein und geben Sauerstoff von sich. So hangt hier hinsichtlich
der Lebensluft das Hohere vom Niederen ab.
So ist es nun in alien Reichen. Wie das Tier und der
Mensch von der Pflanze, so sind wieder die Gotter von den
Menschen abhangig. Das hat die griechische Mythe so schon
ausgedriickt: Die Gotter erhalten von den Sterblichen Nek-
tar und Ambrosia. Beide bedeuten die Liebe. Die Liebe wird
innerhalb des Menschengeschlechtes erzeugt. Und Liebe
atmet das Gottergeschlecht ein, sie ist die Gotternahrung.
Die Liebe, die von den Menschen erzeugt wird, wird den
Gottern Speise. Das ist viel wirklicher als etwa die Elek-
trizitat, so seltsam es zuerst erscheint. Die Liebe tritt zu-
erst als Geschlechtsliebe auf und entwickelt sich hinauf bis
zur hochsten geistigen Liebe. Aber alle Liebe, niedere und
hohe, ist Gotteratem. Nun kann man sagen: Wenn das alles
so ist, kann es kein Boses geben. Aber Weisheit liegt der
Welt zugrunde, Liebe entwickelt sich. Weisheit wird die
Lenkerin der Liebe. So wie alle Weisheit aus Irrtum ge-
boren wird, ringt sich alle Liebe nur aus Kampfen zur Hohe
empor.
Nicht alle Wesen des f ruheren Planeten stiegen zur Hohe
der Weisheit hinan. Es sind Wesen zuriickgeblieben, sie
stehen ungef ahr zwischen Gottern und Menschen. Sie brau-
chen noch etwas vom Menschen. Aber in einen physischen
Korper konnen sie sich nicht mehr kleiden. Luziferische
Wesenheiten nennt man sie, oder man fafit sie zusammen
unter dem Namen Luzifer als ihrem Anfuhrer. Wie wirkt
nun Luzifer auf die Menschen? Nicht so wie die Gotter.
Das Gottliche tritt an das Edelste im Menschen heran, aber
an das Niedere kann und soli es nicht kommen. Weisheit
und Liebe werden erst am Ende der Entwicklung ihre Ver-
mahlung feiern. Aber die luziferischen Wesenheiten treten
an das niedere, unentwickelte Element der Liebe heran. Sie
bilden die Briicke zwischen Weisheit und Liebe. So erst
mischt sich die Weisheit mit der Liebe. Das, was sich nur
ans Unpersonliche wendet, verstrickt sich so mit der Per-
sonlichkeit. Auf dem friiheren Planeten war die Weisheit
ein Instinkt, wie es heute die Liebe ist. Ein schopferischer
Weisheitsinstinkt war herrschend, wie heute ein schopfe-
rischer Liebesinstinkt. Friiher hatte also die Weisheit den
Menschen instinktmafiig gefiihrt. Dadurch aber, dafi die
Weisheit heraustratundnichtmehr fiihrte, ward der Mensch
selbstbewufit, er wufite sich als ein selbstandiges Wesen. Im
Tier ist die Weisheit noch instinktmafiig, darum ist es nodi
nicht selbstbewufk. Aber die Weisheit wollte den Men-
schen nun von aufien lenken und leiten, ohne dafi die Liebe
einen Zusammenhang damit hatte. Da Luzif er karn, pflanzte
er die menschlidie Weisheit in die Liebe. Und die mensch-
liche Weisheit schaut auf zur gottlichen Weisheit. Im Men-
schen ward die Weisheit zum Enthusiasmus, zur Liebe
selbst. Hatte nur die Weisheit ihren Einflufi ausgetibt, so
ware der Mensch nur gut geworden, er hatte die Liebe nur
zum Aufbau des Erdenbewufitseins gebraucht. Aber Luzif er
brachte die Liebe mit dem Selbst in Verbindung, zumSelbst-
bewufitsein trat die Selbstliebe. Das wird schon im Para-
diesesmythus ausgedriickt: «... und sie sahen, dafi sie
nackend waren», das heifit, damals sahen die Menschen
zum ersten Male sich selbst, vorher hatten sie nur die Um-
welt gesehen. Da hatten sie nur ein Erdenbewulksein, aber
kein Selbstbewufksein. Nun konnten die Menschen die
Weisheit in den Dienst des Selbst stellen. Selbstlose Liebe
zur Umwelt und Liebe zum Selbst gab es von nun an. Und
die Selbstliebe war bose und die Selbstlosigkeit war gut.
Nie hatte der Mensch ein warmes Selbstbewufksein bekom-
men ohne Luzifer. Denken und Weisheit traten nun in den
Dienst des Selbst. Nun gab es eine Wahl zwischen gut und
bose. Nur urn das Selbst in den Dienst der Welt zu stellen,
darf Liebe zum Selbst hinzutreten. Nur wenn die Rose den
Garten zieren will, darf sie sich selbst schmucken. Das mufi
man sich bei einer hoheren, okkulten Entwicklung tief in
die Seele schreiben. Um das Gute fiihlen zu konnen, mufite
der Mensch auch das Bose fiihlen konnen. Enthusiasmus fiir
das Hohere gaben ihm die Gotter. Aber ohne das Bose
konnte es kein Selbstgefiihl, keine freie Wahl des Guten,
keine Freiheit geben. Das Gute konnte ohne Luzifer ver-
wirklicht werden, die Freiheit nicht. Um das Gute wahlen
zu konnen, mufi der Menscli audi das Bose vor sich haben,
es mufi ihm innewohnen als Kraft der SelbstHebe. Aber die
Selbstliebe mufi zur All-Liebe werden. Dann wird das Bose
iiberwunden sein. Freiheit und das Bose entspringen aus
demselben Punkt. Luzifer enthusiasmiert den Menschen
menschlich fiir das Gottliche. Luzifer ist der Trager des
Lichts. Elohim ist das Licht selbst. Hat das Licht der Weis-
heit die Weisheit im Menschen entziindet, so hat Luzifer
das Licht in den Menschen hineingetragen. Aber der schwarze
Schatten des Bosen mufite sich hineinmischen. Luzifer bringt
eine eingeschrankte, fleckenerfullte Weisheit, aber diese
kann in den Menschen eindringen. Luzifer ist der Trager
der aufteren, menschlichen Wissenschaft, die ja im Dienste
des Egoismus steht. Darum wird vom okkulten Schuler
Selbstlosigkeit gegeniiber dem Wissen verlangt. Dies ist der
Ursprung des Bosen in der menschlichen Entwicklung. Was
der Sauerteig des alten Brotteiges fiir das neue Brot ist, das
ist vom fruheren Planeten Luzifer fiir uns. Das Bose wird
gut an seinem Ort. Bei uns ist es nicht mehr gut. Das Bose
ist ein versetztes Gutes. Das absolut Gute eines Planeten
bringt in einem seiner Teile zum neuen Planeten immer
auch das Bose mit. Das Bose ist ein notwendiger Entwick-
lungsgang.
Man darf nicht sagen, die Welt sei unvollkommen, weil
das Bose in ihr ist. Vielmehr ist sie gerade darum vollkom-
men. Wenn in einem Gemalde herrliche Lichtges taken und
bose Teufelsfratzen zugleich dargestellt sind, so wiirde man
das Bild doch vernichten, wenn man die Teufelsfratzen
herausschneiden wollte. Die Weltenschopfer brauchten das
Bose, um das Gute zur Entfaltung zu bringen. Was sich
erst am Felsen des Bosen brechen mufi, ist ein Gutes. Durch
Selbstliebe nur kann es die All-Liebe zu ihrer hochsten
Bliite bringen. Darum hat Goethe so recht, wenn er im
Faust den Mephisto sagen lafit:
«Ich bin ein Teil von jener Kraft,
die stets das Bose will und stets das Gute schafft.»
WIE BEGREIFT MAN KRANKHEIT UND TOD?
Berlin, 13. Dezember 1906
Heute haben wir es mit einem Thema zu tun, das zwei-
fellos jedem Menschen nahegeht, denn die beiden Worte
«Krankheit und Tod» driicken etwas aus, was sich in jedes
Leben hineinstellt, oftmals wie ein unerbetener Gast, oft
aber auch als etwas Qualendes, Beengendes, Furchtmachen-
des. Ja, der Tod stellt sich als die grdfke Ratselfrage ins
Dasein hinein, so daft, wenn jemand die Frage nach dem
W :sen des Todes gelost hat, fur ihn dann wohl auch die
Frage nach dem Wesen des Lebens gelost ist. Oft hort man
sagen: Der Tod bildet ein Ratsel, noch keiner hat es gelost,
und auch keiner wird es je losen. - Die Menschen, die der-
gleichen aussprechen, ahnen gar nicht, welche Unbescheiden-
heit in diesen Worten liegt, sie ahnen gar nicht, daft es eine
Losung solcher Ratselfragen gibt und daft sie es nur nicht
verstehen. Heute, wo wir es mit einem so umfassend wich-
tigen Ding zu tun haben, bitte ich Sie, ganz besonders dar-
auf zu achten, daft es sich um nichts anderes handeln kann,
als um eine Beantwortung der gestellten Frage: Wie begreift
man Krankheit und Tod? Wir konnen uns daher nicht auf
spezielle Fragen iiber Krankheiten und Gesundheit einlas-
sen, sondern miissen uns im wesentlichen an die Frage hal-
ten: Wie erlangt man ein Verstandnis fur diese zwei wich-
tigen Fragen unseres Daseins?
Die bekannteste Antwort auf die Frage nach dem Wesen
des Todes, die Jahrhunderte hindurch geltend war, heute
aber fiir den weitaus grofi ten Teil der Gebildeten der Mensch-
heit ihren Wert eingebiifit hat, liegt vor in den Worten des
Paulus: «Denn der Tod ist der Siinde Sold.» Wie gesagt,
viele Jahrhunderte hindurch war dieses Wort eine Art L6-
sung des Ratsels des Todes. Heute wird derjenige, der im
modernen Sinne denkt, mit einer solchen Antwortiiberhaupt
nichts anfangen konnen, denn dafi die Siinde etwas vollig
Moralisches, etwas rein im Wesen des menschlichen Verhal-
tens Liegendes, die Ursache einer physischen Tatsache, wie
der Tod es ist, sein konnte oder irgendwie mit dem Wesen
der Krankheit zusammenhangen solite, das ist fiir einen
heutigen Denker ganz unerfindlich.
Es wird uns vielleicht noch niitzlich sein, wenn wir auch
darauf hinweisen, da£ unsere Gegenwart nicht einmal mehr
den Wortlaut des Satzes: «Denn der Tod ist der Siinde
Sold» versteht. Denn unter «Siinde» verstanden Paulus und
die, welche zu seiner Zeit lebten, ganz und gar nicht das,
was man heute im philistrosen Sinne darunter versteht.
Nicht eine Verfehlung im gewohnlichen Sinne ist hier mit
Siinde gemeint, auch nicht eine Verfehlung radikaler Art,
sondern unter Siinde wird da verstanden, was aus Selbst-
sucht und Egoismus hervorgeht. Alles, was Selbstsucht und
Egoismus zum Antriebe des Handelns hat - im Gegensatz
zu dem, was sachlichen, objektiven Impulsen entspringt — ,
ist Siinde. Der Egoismus, das selbstische Handeln, aber setzt
voraus, da£ der Mensch selbstandig, ich-bewufit geworden
ist. Das mull man erkennen, wenn man sich ganz und gar
auf die Denkweise eines solchen Geistes wie Paulus einlafit.
Wer nicht an der Oberflache des Verstandnisses der alt-
und neutestamentlichen Urkunden bleibt, sondern wirklich
in ihren Geist eindringt, der weifi, dafi eine ganz bestimmte,
man mochte sagen naturphilosophische Denkweise die Un-
terstromung dieser alt- und neutestamentlichen Denkweise
bildet. Diese Unterstromung ist etwa die folgende: Alles,
was an Lebensschopfung in der Welt vorhanden ist, richtet
sich nach einem ganz bestimmten Ziel hin. Die niederen
Wesen sind noch neutral gegen Lust und Leid, Freude und
Schmerz. Wir finden dann, wie sich das Leben steigert und
etwas damit verbunden wird. Derjenige, dem schaudert,
wenn man von Zielstrebigkeit spricht, der moge bedenken,
dafi hier nicht eine Theorie gedacht ist, sondern dafi es sich
hier um eine reine Tatsache handelt: das ganze Reich der
Lebewesen bis zum Menschen hinauf nahert sich einer be-
stimmten Tatsache, die sich darin zeigt, dalS an der Spitze
der Lebewesen ein personliches Bewufitsein moglich ist.
Es schaute der Eingeweihte des Alten und Neuen Testa-
mentes hinunter ins Reich der Tiere und sah, wie alles dahin
strebt, dafi einmal eine freie Personlichkeit zustande kom-
men kann, die aus sich selbst heraus die Antriebe und Im-
pulse zum Handeln haben kann, und wie mit dem Wesen
einer solchen Personlichkeit das verbunden ist, was man
die MogHchkeit einer egoistischen, selbstsiichtigen Handlung
nennt. Nun aber wiirde ein Denker wie Paulus sagen: Wenn
in einem Leibe eine solche Personlichkeit wohnt, die ego-
istisch zu handeln imstande ist, so mu8 dieser Leib sterblich
sein. In einem unsterblichen Leibe wiirde niemals eine Seele
*mitSelbstandigkeit, Selbstbewulksein und folglich audi mit
Egoismus wohnen konnen. Daher gehoren zusammen: ein
sterblicher Leib und eine Seele mit Personlichkeitsbewulk-
sein und die einseitige Ausbildung der Personlichkeit zu
Handlungsimpulsen. Das heifit die Bibel «Siinde», und so
definiert Paulus: «Der Tod ist der Siinde Sold». Da sehen
Sie allerdings, daf? wir diesen, wie jeden anderen Ausspruch
der Bibel modifizieren miissen, weil sie im Laufe der Jahr-
hunderte ganz in ihr Gegenteil umgekehrt worden sind.
Modifiziert man sie, nicht indem man sie umdeutet, sondern
indem man sich klarmacht, dafS man den gegenwartigen
Sinn, den die Theologie gibt, in den urspriinglichen verwan-
delt, so sieht man daraus, dafi man es oftmals mit einer sehr
tiefen Auffassung der Sadie zu tun hatte, die dem gar nicht
so fernsteht, was man heute wieder begreifen kann. Dies
zur notwendigen Riditigstellung.
Aber es haben sich ja die Denker, die Weltanschauungs-
forscher aller Zeiten mit der Frage nach dem Ratsel des
Todes beschaftigt, und wir finden diese Frage seit Jahrtau-
senden scheinbar in der mannigfaltigsten Weise beantwor-
tet. Wir konnen uns hier nicht mit einer gesdiichtlichen Be-
traditung einer solchen Losung befassen, daher sei nur auf
zwei Denker hingewiesen, damit Sie sehen, wie selbst der
Gegenwart recht nahestehende Denker nichts Erhebliches
zu dieser Frage beizubringen wissen.
Der eine ist Schopenhauer. Sie kennen ja alle seine pessi-
mistisdbe Art zu denken, und wer einmal den Satz durch-
gegangen ist: «Das Leben ist eine mifiliche Sadie, und ich
habe mir vorgenommen, das meinige damit hinzubringen,
iiber dasselbe nachzudenken» - der wird begreifen, da£
Schopenhauer kaum zu einer anderen Losung gekommen
ist als zuder: Eigentlich trostet der Tod iiber das Leben und
das Leben iiber den Tod; das Leben ist eine f atale Sache, und
man konnte es nicht ertragen, wenn man nicht wiifite, dafi
der Tod es schliefien wiirde; und wenn man die Furcht vor
dem Tode hat, dann braucht man sich nur einmal klarzu-
machen, dafi das Leben nicht besser sei und dalS durch den
Tod nichts weiter beschlossen ist. Das ist seine pessimistische
Art zu denken, die nur einmal dariiber hinausfuhrt, wo er
den Erdgeist sagen lafit: Ihr wollt, dafi immer neues Leben
entsteht, da mufi ich Platz haben. Also sieht Schopenhauer
in einer gewissen Beziehung in der Tatsache, da£ das Leben
sich fortpflanzt, immer neues Leben gebiert, die Notwen-
digkeit, dafi das Alte sterben musse, damit fur das Neue
Raum sei. Sonst weifi audi Schopenhauer gar nichts Erheb-
liches vorzubringen; derm alles, was er sonst sagt, atmet in
diesen zwei Worten.
Der andere ist Eduard von Hartmann. Er hat sich noch
in seinem letzten Buche mit dem Ratsel des Todes beschaf-
tigt. Er sagt da: Wenn wir uns das zunachst hochste Lebe-
wesen betrachten, so finden wir, dafi der Mensch, nachdem
wieder ein oder zwei neue Generationen herauf gezogen sind,
die Welt nicht mehr versteht. Wenn der Mensch alt geworden
ist, kann er die Jugend nicht mehr f assen, daher ist es not-
wendig, dafi das Alte absterbe und Neues wieder hervor-
komme. — Sie sehen jedenfalls auf diese Fragen auch keine
Antwort, die uns mit wirklichem Verstandnis dem Ratsel
des Todes naherbringen konnte.
So wollen wir einmal in die heutigen, gegenwartigen Welt-
anschauungen hineinstellen, was die sogenannte Geisteswis-
senschaft, diemanheute auch Anthroposophie nennt, iiber die
Ursachen von Tod und Krankhek zu sagen hat. Wir wollen
uns aber dabei eines klarmachen: der Geisteswissenschaft
geht es nicht so gut wie den anderen Wissenschafben, dafi sie
in einer bestimmten Weise iiber alles sprechen kann. Der
heutige Naturforscher wiirde es nicht begreifen, dafi man,
wenn man iiber Krankheit und Tod spricht, trennen rau6
zwischen Tier und Mensch, dafi man aber gerade, wenn man
die Frage des heutigen Vortrages begreifen will, sich wird
auf die Erscheinungen beim Menschen beschranken miissen.
Da die Wesen nicht nur das abstrakte «Gleiche» miteinander
haben, sondern auch jedes sein Wesen tliches und seine Eigen-
art hat, so wird nur einiges von dem, was heute gesagt wird,
auch auf die Tierwelt anzuwenden sein, vielleicht auch auf
die Pflanzen; im wesentlichen aber wird iiber den Menschen
gesprochen werden, und die anderen Dinge werden nur
herangezogen werden, wenn sie etwas erklaren sollen.
Wenn wir Tod und Krankheit beim Menschen erfassen
wollen, mUssen wir vor alien Dingen darauf sehen, dafi der
Mensch im Sinne der Geisteswissenschaft ein hochst kom-
pliziertes Wesen ist und dafi wir den Menschen seinem
Wesen nach aus den f olgenden vier Gliedern heraus begreif en
miissen: erstens haben wir den auEerlich sichtbaren physi-
schen Korper, als zweites den Ather- oder Lebensleib, so
dann den Astralleib, und als viertes das Ich des Menschen
oder den Mittelpunkt seines Wesens. Dann miissen wir uns
klar sein, dafi im physischen Leibe dieselben Krafte und
Stoffe vorhanden sind wie in der physischen Welt drau£en
und dafi in dem Atherleib das liegt, was diese Stoffe zum
Leben aufruft, und da£ der Mensch seinen Atherleib mit
der ganzen Pflanzenwelt gemeinschaftlich hat. Der Astral-
leib, den der Mensch mit den Tieren gemein hat, ist der Tra-
ger des ganzen Gef iihlslebens, von Begierden, Lust und Un-
lust, Freude und Schmerz. Das Ich hat der Mensch ganz fur
sich allein, das macht ihn zur Krone der Erdenschopfung.
Wenn wir den Menschen als physischen Organismus vor
uns haben, dann miissen wir uns klarmachen, dafi innerhalb
dieses physischen Organismus die drei anderen Glieder als
Bildner und Architekten arbeiten. Das physische Prinzip
arbeitet nur teilweise am physischen Organismus des Men-
schen, in einem anderen Teil ist im wesentlichen der Ather-
leib tatig, wieder in einem anderen der Astralleib, und wie-
derum in einem anderen Teil des Menschen ist das Ich tatig.
Der Mensch besteht fur die Geisteswissenschaft physisch erst
einmal aus Knochen, Muskeln, denjenigen Organen, die den
Menschen stiitzen, ihn zu einem festen, auf der Erde gehen-
den Gebilde machen; diese allein rechnet man im strengsten
Sinn der Geisteswissenschaft zu dem durch das physische
Prinzip zustande gekommenen Teil der Organe.Dazu kom-
men noch die eigentlichen Sinnesorgane; dabei haben wir es
mit physikalischen Apparaten zu tun; beim Auge mit einer
Art camera obscura, beim Ohr mit einem sehr komplizier-
ten Musikinstrument. Es kommt nun darauf an, woraus
diese Organe gebaut sind. Sie sind von dem ersten Prinzip
gebaut. Dagegen sind alle Organe, die mit Wachstum, Fort-
pflanzung, Verdauung und anderem zusammenhangen, nicht
bloft im Sinne des physischen Prinzips gebaut, sondern im
Sinne des Ather- oder Lebensleibes, der ja audi die physi-
schen Organe durchdringt. Nur der gesetzmafiige Aufbau
wird vom physischen Prinzip besorgt, der Vorgang von
Verdauung, Fortpflanzung und Wachstum dagegen wird
vom Atherprinzip besorgt. Der Astralleib ist der Schopfer
des ganzen Nervensystems, bis hinauf zum Gehirn und zu
den Strangen, die in Form von Sinnesnervenstrangen zum
Gehirn gehen. Das Ich endlich ist der Architekt des Blut-
kreislaufes. Wenn wir also in edit geisteswissenschafHichem
Sinne einen menschlichen Organismus vor uns haben, so sind
wir uns klar, daft diese vier Glieder - auch im aufierlich
wahrnehmbaren Organismus - eigentlich wie vier ganz
voneinander verschiedene Wesenheiten im Menschen ver-
schmelzen und miteinander wirksam gemacht worden sind.
Diese Glieder, die den menschlichen Organismus zusammen-
setzen, sind von ganz verschiedenem Werte, und wir wer-
den ihre Bedeutung fiir den Menschen begreifen, wenn wir
erforschen, wie die Entwicklung des Menschen mit diesen
einzelnen Gliedern zusammenhangt.
Heute sei mehr vom physiologischen Gesichtspunkt aus
besprochen, was man die Arbeit des physischen Prinzips im
menschlichen Organismus nennt. Das wird geleistet in der
Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel. Da arbeitet
das physische Prinzip am physischen Leibe so, wie die Krafte
und StofFe des mutterlichen Organismus am Kindeskeim
arbeiten, bevor das Kind geboren ist. Vom siebenten Jahre
bis zur Geschlechtsreife arbeitet am physischen Leibe haupt-
sachlich das Atherprinzip, und von der Geschlechtsreife an
arbeiten die Krafte, die innerhalb des Astralleibes verankert
sind. So dafi wir uns die Entwicklung des Menschen recht
vorstellen, wenn wir uns denken, dafi der Mensch bis zur
Geburt vom Leibe der Mutter umschlossen ist. Mit der Ge-
burt drangt er gleichsam den mutter lichen Leib zuruck, seine
Sinne werden frei, und nun ist es moglich, dafi die aufiere
Welt anf angt, auf den menschlichen Organismus einzuwir-
ken. Da stofit der Mensch audi eine Hulle von sich, und
derjenige erst begreift richtig die Entwicklung des Menschen,
der begreift, dafi zwar nicht im physischen, aber im geisti-
gen Leben etwas Ahnliches in der Zeit des Zahnwechsels
vor sich geht. Um das siebente Jahr herum wird der Mensch
richtig ein zweites Mai geboren. Da wird namlich sein Ather-
leib zur freien Tatigkeit geboren, wie sein physischer Leib
zur Zeit der Geburt. So wie physisch der Mutterleib an
dem Menschenkeim in der Zeit vor der Geburt arbeitet, so
arbeiten geistige Krafte des Weltenathers bis zum Zahn-
wechsel an dem Atherleib des Menschen, und sie werden
um das siebente Jahr herum ebenso zuruckgedrangt wie der
Mutterleib bei der physischen Geburt. Bis zum siebenten
Jahre liegt der Atherleib wie latent im physischen Leibe.
Wie bei einem in Brand gesetzten Zundholz ist es mit dem
Atherleib um die Zeit des Zahnwechsels herum. Er ist im
physischen Leibe darinnen gebunden und kommt nun her-
aus zur eigenen, freien, selbstandigen Tatigkeit. Und das
Zeichen, wodurch sich diese freie Tatigkeit des Atherleibes
ankundigt, ist gerade der Zahnwechsel. Der Zahnwechsel
hat fur den, der tiefer in die Natur des Menschen hinein-
schaut, eine ganz bedeutsame Stellung. Haben wir einen
Menschen bis zum siebenten Jahr vor uns, so arbeitet das
physische Prinzip frei im physischen Leib; aber gebunden
und aus den geistigen Hullen noch nicht herausgeboren ist
das Ather- und das astrale Prinzip.
Wenn wir den Mensdien bis zum siebenten Jahr betrach-
ten, so enthalt er eine ganze Summe von Vererbungstat-
sachen, die er nicht mit seinem eigenen Prinzip erbaut hat,
sondern die er von den Vorfahren ererbt erhalten hat.
Dazu gehort das, was man die Milchzahne nennt. Erst die
Zahne, die nach dem Zahnwechsel kommen, sind im Kinde
die eigene Schopfung des Prinzips, das als physisches dazu
veranlagt ist, die f este Stiitze zu bilden. Was in den Zahnen
zum Ausdruck kommt, schafft bis zum Zahnwechsel im In-
nern, und es bildet am Ende seiner Wirksamkeit gleichsam
den SchluEpunkt und bringt den hartesten Teil des Sttitz-
organes in den Zahnen hervor, weil es noch den Ather- oder
Lebensleib als Wachstumstrager in sich gebunden halt.
Nachdem dieses Prinzip abgestofkn ist, wird der Ather-
leib f rei und schafft jetzt an den physischen Organen bis zur
Geschlechtsreife, und dann wird ebenso eine Hiille, die
au£ere astrale Hiille, weggedrangt wie bei der Geburt die
Mutter hiille. Astralisch wird der Mensch bei der Geschlechts-
reife zum dritten Male geboren. Und die wlrkenden Krafte,
die im Atherleib gebunden waren, machen jetzt fur ihre
Schopfungsart im Menschen den Schlufipunkt, indem sie die
Fahigkeit der Geschlechtsreife, der Fortpflanzung, und ihre
Organe erzeugen. So wie das physische Prinzip im sieben-
ten Jahre durch die Zahne den Schlufipunkt macht, indem
es die letzten harten Organe schafft, und wodurch der Ather-
leib, das Wachstumsprinzip, frei wird, so schafft das astrale
Prinzip in dem Moment, wo es frei wird, die starkste Kon-
zentration der Triebe und Begierden, der Lebensaufierung,
insof ern wir es mit der physischen Natur zu tun haben. Wie
Sie das physische Prinzip wie konzentriert in den Zahnen
haben, so das Wachstumsprinzip in der Geschlechtsreife. Da
ist der Astralleib, die Umhiillung des Ich frei, und das
Ich arbeitet nun am Astralleib.
Der europaische Kulturmensch folgt nidit blofi seinen
Trieben und Begierden; er hat sie gelautert und umge-
wandelt in moralische Empfindungen und ethische Ideale.
Vergleichen wir nun einen Wilden mit einem europaischen
Durchschnittsmenschen oder gar mit einem Schiller oder
Franz von Assisi, so konnenwir sagen, dafi dieseihreTriebe
vom Ich aus umgestaltet, gelautert haben. So konnen wir
uns sagen, dafi dieser Astralleib stets zwei Teile enthalt:
einen, der aus der urspriingHchen Anlage herriihrt, und
einen, den das Ich selbst geboren hat. Nun verstehen wir
die Arbeit des Ich nur dann, wenn wir uns klarmachen, dafi
der Mensch einer Wiederverkorperung - wiederholten Er-
denleben - unterliegt; daft der Mensch, wenn er geboren
wird, gleichsam in vier voneinander geteilten Leibern sich
die Friichte und Ergebnisse fruherer Erdenleben mkbringt,
die als ein Mafi fur die Energie und Kraft seines Lebens da
sind. Der eine Mensch wird geboren, weil er es friiher dazu
gebracht hat, mit viel Lebensenergie, mit starken Kraften
seinen Astralleib umzugestalten. Der andere wird darin
bald erlahmen. Wenn man hellsehend untersuchen kann,
wie das Ich beginnt, an dem Astralleibe frei zu arbeiten, die
Begierden, Triebe und Leidenschaften vom Ich aus zu be-
herrschen, dann konnte man, wenn man das Mafi von Ener-
gie, das das Ich sich mitgebracht hat, anzugeben vermag,
sagen: dieses Mafi ist so grofi, daft das Ich so und so lange
an seiner Umgestaltung an sich arbeiten wird und nicht
mehr. Und nach der Zeit der Geschlechtsreife gibt es fur
jeden Menschen ein solches Mafi, durch das man messen
kann und angeben konnte, bis wann er alles aus seinem
Astralkorper herausgearbeitet hat nach den ihm in diesem
Leben zugeteilten Pfunden. "Was der Mensch so in seinem
Gemiit an Lebenskraften umzugestalten und zu lautern ver-
mag, erhalt sidi selbst. Solange dieses Mafi ausreicht, lebt
er auf Kosten des sidi selbst erhaltenden Astralleibes. 1st
er erschopft, findet er keinen Mut mehr, neue Triebe umzu-
gestalten, kurz, keine Energie, an sich zu arbeiten, dann
reifit der Lebensfaden ab, - und er mufi nach einem Mafie,
das jedem Menschen zuerteilt ist, einmal abreifien. Dann
ist die Zeit gekommen, wo der Astralleib seine Krafte von
dem Prinzip des menschlichen Lebens nehmen mufi, das ihm
zunachst liegt, vom Atherleib. Und jetzt kommt die Zeit,
wo der Astralleib auf Kosten der im Atherleib aufgespei-
cherten Kraft lebt; der Ausdruck dafiir ist fur den Menschen
da, wenn sein Gedachtnis, seine produktive Einbildungs-
kraft allmahlich schwindet.
Wir haben ofter hier gehort, dafi der Atherleib der Tra-
ger der produktiven Phantasie und des Gedachtnisses ist,
dessen, was man Lebenshoffnung und Lebensmut nennt.
Diese Gefiihle, wenn sie zu seinem bleibenden Element wer-
den, haften an dem Atherleib. Sie werden jetzt von dem
Astralleib herausgesogen; und nachdem der Astralleib so
auf Kosten des Atherleibes gelebt und alles, was dieser her-
zugeben hatte, ausgesogen hat, beginnt die Zeit, wo die
schopferischen Krafte des physischen Leibes vom Astralleib
aufgezehrt werden. Und sind diese herausgezehrt, dann
schwindet die Lebenskraft des physischen Leibes, der Kor-
per verhartet sich, der Puis wird langsamer. Da zehrt der
Astralleib zuletzt auch noch am physischen Leibe und nimmt
ihm die Kraft weg. Und hat er die aufgezehrt, dann ist
keine Moglichkeit mehr, dafi aus dem physischen Prinzip
heraus der physische Leib erhalten werden kann.
Soli der Astralleib es dahin bringen, daft er frei werden
und zu dem Leben und der Arbeit des Ich geboren werden
soli, dann ist es notwendig, daft in der z welt en Halfte des
Lebens der freigewordene Astralleib, wenn das Mafi der
Arbeit erschopft ist, seine Hiillen geradeso wie sie gebildet
worden sind, selber wieder aufzehrt. So ist das individu-
elle Leben vom Ich heraus geschaffen.
ZumGleichnis dieneFolgendes: DenkenSie sich ein Stuck
Holz, das Sie anziinden. Ware es nicht so, wie es ist, so
wurden Sie es nicht anziinden konnen. Die Flamme quillt
aus dem Holz her vor, aber sie zehrt es zu gleicher Zeit auf.
Das ist das Wesen der Flamme, dafi sie aus dem Holz her-
aus frei wird und den eigenen Mutterboden aufzehrt. So
wird der Astralleib dreifach herausgeboren, so zehrt er, wie
die Flamme das Holz, seine eigene Grundlage auf; und
darin besteht die Moglichkeit, dafi das individuelle Leben
da sein kann, weil es seine Grundlage wieder aufzehrt. Der
Tod ist ihm die Wurzel des Lebens, und es konnte gar kein
bewufit individuelles Leben geben, wenn es nicht den Tod
gabe. Wir verstehen und begreifen den Tod allein, indem
wir seinen Ursprung zu erkennen suchen, und daher begrei-
fen wir das Leben, indem wir sein Verhaltnis zum Tod er-
kennen. In ahnlicher Weise lernen wir das Wesen der
Krankheit begreifen, und dies wird uns noch mehr das
Wesen des Todes klarmachen. Jede Krankheit stellt sich wie
eine Zerstorerin des Lebens dar. Was ist Krankheit?
Um ihr Wesen zu verstehen, mussen wir den Menschen
im Zusammenhang mit der Natur betrachten. Machen wir
uns klar, was denn geschieht, wenn der Mensch als leben-
diges Wesen der iibrigen Natur gegenubersteht. Mit jedem
Luftzug, mit jedem Ton, mit der Nahrung, mit dem Licht,
die er in sich aufnimmt, tritt der Mensch in ein Wechselver-
haltnis mit der ihn umgebenden Natur. Wenn Sie die Sache
genau betrachten, so werden Sie audi ohne Okkultismus
darauf kommen, dafi die Dinge draufien die eigentlichen
Bildner und UfTner der physischen Organe sind. Wenn ge-
wisse Tiere in finstere Hohlen einwandern, dann werden
ihre Augen mit der Zeit riickgebildet. Wo kein Licht mehr
ist, konnen nicht mehr lichtempfangliche Augen sein; um-
gekehrt, nur wo Licht ist, konnen lichtempfindliche Augen
sich bilden. Deshalb sagt Goethe, das Auge wird vom Licht
f iir das Licht gebildet. Natiirlich wird im Sinne dessen, was
die eigentlichen inneren Architekten genannt werden, der
physische Leib aufgebaut. Der Mensch ist ein physisches
Wesen, und die aulkren Dinge sind dasjenige, woraus im
Einklang mit den inneren Bildnern der ganze Mensch auf-
gebaut wird. Dann wird das Verhaltnis einzelner Krafte
und StofFe zum Menschen ein ganz anderes Bild ergeben.
Diejenigen, die hier den tiefen Blick des wahren Mystikers
gehabt haben, werden uns hier besonders viel sagen kon-
nen. Fur Paracelsus ist die ganze aufiere Welt ein facher-
artig auseinandergelegter menschlicher Organismus, und der
Mensch ist wie ein Extrakt der ganzen aufieren Welt. Wenn
wir eine Pflanze sehen, konnen wir im Sinne des Paracelsus
sagen: In dieser Pflanze ist ein gesetzmafiiger Zusammen-
hang, und es gibt etwas im Menschen, was im gesunden
oder kranken Organismus dieser Pflanze entspricht. Daher
nennt Paracelsus zum Beispiel einen Cholerakranken einen
«Arsenikus», und das Arsenik ist ihm ein Heilmittel f iir
Cholera. So besteht eine Beziehung zwischen jedem Organ
des Menschen und dem, was in der Natur um ihn herum
ist. Man brauchte nur eine Essenz der Natur zu nehmen und
sie menschenahnlich formen, dann hatte man den Men-
schen. In der ganzen Natur sind die einzelnen Buchstaben
ausgebreitet, nimmt man sie zusammen, dann hat man den
Menschen. Da bekommen Sie eine Ahnung, wie die ganze
ubrige Natur auf den Menschen wirkt, und dafi der Mensch
berufen ist, aus der ganzen iibrigen Natur seine Wesenheit
zusammenzusetzen. Alles, was in uns ist, ist im Grunde
genommen in uns hineingezogen aus der aufteren Natur,
aufgenommen worden in den Lebensprozeft. Wenn wir
dieses Geheimnis von der Verlebendigung aufterer Krafte
und Stoffe verstehen, dann werden wir das Wesen einer
Krankheit begreifen konnen.
Wir kommen da auf ein Kapitel, wo es einem heutigen
Gebildeten schwer wird zu verstehen, wie viele BegrifTe
in der Medizin wie eine Art Nebelgebilde wirken. Wie wirkt
es heute in den Versammlungen suggestiv, wenn jemand
als Naturheilkundiger das Wort «Gift» ausspricht. Was ist
ein Gift, und was ist eine unnatiirliche Wirkung im mensch-
lichen Organismus? Was Sie audi immer in den mensch-
lichen Organismus einf iihren, wirkt nach Naturgesetzen. Es
ist unerfindlich, wie man davon sprechen kann, dafi irgend
etwas nicht nach Naturgesetzen im Korper
…[truncated]