Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit und deren Bedeutung für das heutige Leben

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE VORTRAGE 



RUDOLF STEINER 

Die Erkenntnis des Ubersinnlichen 
in unserer Zeit und deren 
Bedeutung fur das heutige Leben 

Dreizehn offentliche Vortrdge, 
gehalten zwischen dem 11. Oktober 1906 
und dem 26. April 1907 
im Architektenhaus zu Berlin 



1983 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen, nicht wortlichen 
und teilwcise liickenhaften Zuhorer-Mitschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung 

Die Herausgabe besorgten H. Wiesberger und H. W. Zbinden 



1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1959 

2. Auflage (fotomechanischer Nachdruck 

Gesamtausgabe Dornach 1983 



Einzelausgaben 

Vortrag II «BIut ist ein ganz besonderer Saft», Berlin 1907, 
10. Auflage, Dornach 1982 

Vortrag V als Vortrag I innerhalb der Medizinischen Schriftenreihe, 
Zweite Folge, 2. Heft: «Wie begreift man Krankheit und Tod? Das 
Ratsel des Todes», Basel 1952 

Vortrag VIII und IX als Vortrag I und II innerhalb der Medizinischen 
Schriftenreihe, Zweite Folge, 3. Heft: «Gesundheit und Krankheit 
im Seelenleben», Basel 1952 

Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 55 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1959 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0550-3 



7,u den Veroffentlicbungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu re- 
geln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 8 

I. Die Erkenntnis des Ubersinnlichen in unserer Zeit 
und deren Bedeutung fur das heutige Leben 
Berlin, 11. Oktober 1906 9 

II. Blut ist ein ganz besonderer Saft 

Berlin, 25. Oktober 1906 35 

III. Der Ursprung des Leides 

Berlin, 8. November 1906 66 

IV. Der Ursprung des Bosen 

Berlin, 22. November 1906 91 

V. Wie begreift man Krankheit und Tod? 

Berlin, 13. Dezember 1906 100 



VI. Die Erziehung des Kindes vom Standpunkt der 
Geisteswissenschaft 

Koln, 1. Dezember 1906 (statt Berlin, 10. Januar 1907) . 118 
VII. Schulfragen vom Standpunkt der Geisteswissenschaft 



Berlin, 24. Januar 1907 133 

VIII. Der Irrsinn vom Standpunkt der Geisteswissenschaft 

Berlin, 31. Januar 1907 140 

IX. Weisheit und Gesundhek 

Berlin, 14. Februar 1907 148 



X. Der Lebenslauf des Menschen 

vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt 



Berlin, 28. Februar 1907 157 

XL Wer sind die Rosenkreuzer? 

Berlin, 14. Marz 1907 174 

XII. Richard Wagner und die Mystik 

Berlin, 28. Marz 1907 207 

Xm. Bibel und Weisheit 

Berlin, 26. April 1907 240 

Hinweise 264 

Personenregister 271 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 273 



Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 277 



ZUDIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfuhrung in die Geisteswissenschaft und 
konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rechnen, 
dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefienden 
Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukommenden 
die Grundlagen fur das Verstandnis des Gebotenen immer wieder 
gegeben wurden.» (Marie Steiner) 

Die vorliegende, wahrend des Winterhalbjahres 1906/07 gehal- 
tene Vortragsreihe ist die vierte der offentlichen Vortragsreihen, 
welche Rudolf Steiner in Berlin seit 1903 regelmafiig durchfuhrte. In 
ihr findet sich dargestellt, wie die Geisteswissenschaft Stellung 
nimmt zu den grofien Ratselfragen des Lebens: das Leid, das Bose, 
Krankheit und Tod, aber auch zu den Kulturaufgaben unserer Zeit, 
insbesondere in Erziehungs- und Schulfragen. Das Kind soil erzo- 
gen werden entsprechend seinen Lebensstufen und zu den bildenden 
Kraften in Marchen, Geschichte, Kunst und Religion das richtige 
Verhaltnis finden. Um dem Menschen zu ermoglichen, seine Wan- 
der- und Meisterjahre in rechter Weise durchleben und die soziale 
Ordnung mitgestalten zu konnen, wird auf die Bedeutung der Er- 
kenntnis des hdheren Selbstes verwiesen durch die Darlegung des 
rosenkreuzerischen Schulungsweges, aber auch am Beispiel der 
Kulturbedeutung von Richard Wagner. Mit einer geisteswissen- 
schaftlichen Beleuchtung grofier Bibelwahrheiten wird diese 
Reihe abgerundet. 



DIE ERKENNTNIS DES OBERSINNLICHEN 
IN UNSERER ZEIT UND DEREN BEDEUTUNG 
FOR DAS HEUTIGE LEBEN 

Berlin, 11. Oktober 1906 



Der heutige Vortrag ist eine Art Programm, und die fol- 
genden sollen zwei Ziele verfolgen: Das erste Ziel ist, die 
Zuhorer bekannt zu madien mit dem, was die Geistes- 
f orschung iiber die Welt des Geistes in bezug auf den Men- 
sdien, in bezug auf die Entwicklung des Menschen, in bezug 
auf Leben und Bestimmung des Menschen, in bezug auf 
Geburt und Tod, Ursprung des Lebens, Ursprung des Bosen, 
Gesundheit und Krankheit und in bezug auf Erziehungs- 
fragen bieten kann. So dafi im Laufe des Winters der Um- 
f ang dieser Geistesf orschung sich vor unsere Seele stellen soil. 

Andererseits aber sind die Vortrage so eingerichtet, daft 
die Beziehung der gegenwartigen geisteswissenschaftlichen 
Forschung zu den grofien Kulturauf gaben, zu den brennen- 
den Zeitfragen, zu den grofien Lebensfragen des Daseins, 
wie sie von der Gegenwart gestellt werden, besprochen 
wird. Es soil die Geisteswissenschaft nicht wie irgendeine 
Theorie hingestellt werden, sondern sie soil als etwas er- 
kannt werden, das sich in das ganze Leben eines Gegen- 
wartsmenschen mit einer gewissen inneren Notwendigkeit 
hineinstellt. So sehr auch das Alter der Zuhorer verschieden 
sein wird, durch die Mannigfaltigkeit der Themata wird 
vielleicht doch fur jeden etwas Interessantes dargeboten 
werden konnen. 

Ich mochte nun, bevor ich zum Vortrage selbst iibergehe, 



die einzelnen Themen, die als Einzelvortrage etwas in sich 
Abgeschlossenes und auf der anderen Seite doch ein zusam- 
menhangendes Ganzes bilden sollen, nodimals erwahnen. 
Vorerst wollen wir diesmal, weil es nidit so bequem ist wie im 
vergangenen Winter, sehr darauf aditen, dafi die Vortrage 
stattfinden werden am zweiten und dritten Donnerstag 
eines jeden Monats. Am 25. werden wir zu sprechen haben 
iiber das Thema «Blut ist ein ganz besonderer Saft». Da 
werden wichtige Kulturf ragen der Menschheitsentwicklung 
zur Sprache kommen, im Anschlusse an eine vielleicht nur 
vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus zu beleuch- 
tende intime Lebensfrage. Es ist dabei nicht darauf ab- 
gesehen, eine sensationell aussehende Frage aufs Tablett zu 
heben. Dann folgt «Der Lebenslauf des Menschen vom gei- 
steswissenschaftlichen Standpunkt», dann «Wer sind die 
Rosenkreuzer?», dann «Richard Wagner und die Mystik», 
dann «Was wissen unsere Gelehrten von der Theosophie?» 
und dann die religiose Frage «Bibel und Weisheit». 

Diejenigen der verehrten Zuhorer, welche im verflossenen 
Winter schon hier versammelt waren zu den geisteswissen- 
schaftlichen Vortragen, werden manches Bekannte in etwas 
anderer Beleuchtung finden. Aber die Dinge der geistes- 
wissenschaftlichen Forschung werden der Seele erst ganz zu 
eigen, wenn sie von den verschiedenen Seiten beleuchtet 
werden. Deshalb bitte ich, wenn Sie Bekanntes horen, es 
hinzunehmen, da es sich um den einfuhrenden Vortrag zu 
dem ganzen Programm des Winters handelt. Dieser heutige 
Vortrag soil eine Art Versprechen sein. Es soil versprochen 
werden, was die folgenden Vortrage einlosen sollen. Es soil 
hingewiesen werden auf das, was man geisteswissenschaft- 
liche Forschung innerhalb der Gegenwart nennt, und dar- 
auf, dafi diese Erforschung des geistigen, ubersinnlichen 
Lebens eine grofie einschneidende Bedeutung fur unsere 



Gegenwart hat und berufen ist, eine immer einschneiden- 
dere Bedeutung fur das Leben der Mensdien in der Zukunft 
zu bekommen. 

Es ist erst dreifiig Jahre her, seit eine theosophische Be- 
wegung durch die Welt geht. Und nach diesen dreifiig Jah- 
ren ist die Theosophie nicht etwa eine geistige Bewegung, 
die sonderlich angesehen ist. In den weitesten Kreisen drau- 
fien versteht man unter Theosophie nicht irgend etwas, was 
man als auf wirklichem, tatsachlichem Boden stehend an- 
sieht. Viele sind unter unseren Zeitgenossen, die die Theo- 
sophie als etwas Phantastisches, als etwas, was sich in einem 
Wolkenkuckucksheim ergeht, ansehen. Nicht zu leugnen ist, 
dafi die Theosophie, durch unkundige und vielleicht audi 
durch vorschnelle, dilettantische Personlichkeiten, vielleicht 
sogar durch scharlatanhafte Seelen mit einem gewissenRecht 
an ihrem Ansehen verloren hat. Die Frage, was die Theo- 
sophie dem Menschen der Gegenwart aber doch bedeuten 
kann, soil uns heute hauptsachlich beschaftigen. 

Manche grofie Vorurteile sind verbreitet gegeniiber der 
theosophischen Weltanschauung. Da sagt der eine: Ach, 
die Theosophie ist etwas, was so ahnlich ist wie der Spiri- 
tismus, also etwas, was sich mit unserer heutigen abgeklar- 
ten, wissenschaftHchen Weltanschauung durchaus nicht ver- 
tragt. Die Theosophie ist etwas, was hochstens fiir Traumer 
eine Bedeutung haben kann, was aber mit den wissenschaft- 
Hchen, logischen Gesetzen in Widerspruch steht. So sagen 
diejenigen, welche entweder selber auf dem Boden der Wis- 
senschafl: stehen, oder welche sich sagen: Wissenschaft ist die 
Losung der Zeit, wir miissen auf sie horen, sie zeigt uns die 
tiefen Fragen des Daseins, und es ist eine Versiindigung, 
wenn wir gegen die wohlbegriindeten Anspruche der Wis- 
senschaft verstofien und uns dem hingeben, was unwissen- 
schaftlich ist. 



Ein anderes Vorurteil kommt von der religiosen Seite, sei 
es von soldien, die durch ihren Beruf fiir die Religion sein 
wollen oder sollen, oder von anderen, welche glauben, mit 
ihrem religiosen Gewissen in Zwiespalt zu kommen, wenn 
sie sich der Theosophie zuwenden. Wie eine neue Sekte, wie 
eine neue Religionsstiftung betrachtet man das, was die 
Theosophie bringt. Immer und immer wieder wird der hier 
oft erwahnte, mifiverstandliche Gedanke geaufiert: die 
Theosophie sei so etwas wie eine Auffrischung uralter 
buddhistischer Wissenschaft, statt dem Christentum solle 
der Welt eine Art Neubuddhismus eingeimpft werden. Was 
audi immer gesagt werden mag: diese drei Vorurteile er- 
heben sich immer wieder. 

Die Theosophie wiirde sich an ihrem ersten Grundsatz 
versiindigen, der verlangt, die Eigentiimlichkeit einer jeden 
Geisteskultur zu verstehen, wenn sie eine fremde Geistes- 
kultur, ein uraltesReligionssystemnachEuropa verpflanzen 
wollte. Jedes Weltanschauungssystem wachst heraus aus den 
ganzen Bedingungen einer gewissen Volkskultur und kann 
nicht in eine ganz andere Kultur hinein verpflanzt werden. 
Wollen wir einen wirklichen geistigen Fortschritt innerhalb 
unserer Welt, wollen wir der Menschheit mit der euro- 
paisch-amerikanischen Kultur die Quellen eroffnen fiir 
einen Fortschritt in die Zukunfl; hinein, wollen wir dem 
modernen Menschen etwas bieten, dann konnen wir nicht 
mit Anschauungen und Ideen einer langst verbrauchten 
Zeit kommen, dann miissen wir alles, was wir an Motiven, 
an Fragen, an Vorstellungen aufbringen konnen, dem 
lebendigen Leben unserer Gegenwart selbst entnehmen. 
Dann miissen wir da ankniipfen, wo unsere eigene Seele 
lebt, wo unsere eigene Seele wurzelt. 

Nichts Fremdes soli in unsere Kultur verpflanzt werden. 
Lediglich darum handelt es sich, einzusehen, dafi unsere 



Kultur einer Vertiefung fahig ist und dafi das, was be- 
gonnen ist mit der aufieren Kultur, bewufit fortentwidkelt 
wird. Jede Kultur ist so anzusehen, dafi sie in sidi voll ent- 
wickelte Triebe, gereifte Pflanzen und Friichte enthalt, und 
daneben Keime, die der Mensch fiihlt. Der Mensch der Ge- 
genwart fiihlt soldie Keime. Diese Keime sitzen in seiner 
Seele als brennende Zeitfragen, als etwas, was er ersehnt 
und erhofft in der Zukunft, als Ratsel, die sich ihm auf die 
Seele legen. Das alles ist in den Seelen der Gegenwarts- 
menschen verschlossen. Der Keim, der noch eingepflanzt ist 
in die Erde, mufi heraus. Vieles sitzt noch verborgen in der 
Seele der Gegenwartsmenschen. Es kann um nichts anderes 
zu tun sein, als das herauszuholen, was in den Seelen der 
gegenwartigen Menschen ist. 

Aber audi mit einem gegenwartigen Religionsbekenntnis 
kommt die geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht in 
Widerspruch. Sie versucht jedes Religionsbekenntnis zuver- 
stehen und zu zeigen, wie in alien grofien Weltreligionen 
die eine Urwahrheit der Menschheit lebt. Aber sie geht nicht 
herum und sucht eklektisch aus den verschiedenen Religio- 
nen einen Wahrheitskern heraus. Nicht ist sie eine Samm- 
lerin, diese Geisteswissenschaft, sondern sie ist etwas, was 
auf eigenem Grund und Boden wachst: etwas, was, wie wir 
nachher gleich horen werden, nur in der verschiedensten 
Spiegelung wiedergefunden werden kann in den einzelnen 
grofien Weltreligionen. Nicht herausgeholt aus den grofien 
Weltreligionen ist die Geisteswissenschaft, sondern in den 
besten Religionen findet man in verschiedener Art das aus- 
gebildet, was die geisteswissenschaftliche Weisheit uns heute 
geben kann. Sie soil es uns fur die Gegenwart so geben, dafi 
wir es nicht blofi zum Verstandnis fur die Vergangenheit 
und Gegenwart haben, sondern da£ wir etwas zum Hin- 
einleben in die Zukunft, zum wahren geistigen Mensch- 



heitsfortsdiritt haben. Die Geisteswissenschaft will keine 
neue Religionsstiftung sein. 

Lassen Sie uns unbef angen einmal den Gedanken betrach- 
ten, inwiefern sie keine Religionsstiftung sein kann und 
warum sie nicht daran denken kann, eine neue Sekte zu 
stiften. Immer genauer werden die Vortrage dieses Winters 
zeigen, da£ die Zeit der Religionsstiftungen, die Art und 
Weise, wie die Wahrheit in den Religionen zum Ausdruck 
gekommen ist, voriiber ist, oder mit anderen Worten, dafi 
die Zeit, wo neue Religionen begrundet werden konnen, 
vorbei ist. Diese Zeit hat abgeschlossen mit der Zentrai- 
religion des Christentums, denn das Christentum ist einer 
unendlichen Vertiefung, einer unendlichen Ausbildung fur 
die fernste Zeit der Zukunft fahig. Und die Geisteswissen- 
schaft wird das Instrument, das Mittel bilden, dieses Chri- 
stentum den aufgeklartesten und wissenschaftlichsten Men- 
sdien immer mehr zuganglich zu machen. Zum Verstandnis 
der Religion soil diese Geisteswissenschaft beitragen. Die 
Weisheit, die in den Religionen liegt, soil sie darbieten. So 
wird sie das Instrument und das Mittel sein, sich innerhalb 
des geistigen Lebens zurechtzufinden. Man braucht in der 
Zukunft keine neuen Religionen. Die alten enthalten das, 
was sie enthalten konnen. Weisheit enthalten sie. Aber man 
braucht die Weisheit in einer neuen Form. Dann wird man 
die alten Formen auch wieder verstehen, dann werden die 
alten Religionen durch die Geisteswissenschaft wieder zur 
wahren Geltung kommen. Jeder Mensch wird wieder zu 
seiner Religion kommen konnen. 

Bisher hat es in der Gegenwart ein Gefuhl gegeben, das 
sich in den verschiedenen Religionen herangebildet hat: 
man hat von Toleranz gesprochen gegeniiber den verschie- 
denen Religionen. Den Menschen, die mit der Gegenwart 
fuhlen, frommt es nicht mehr, mit Hafi, Verachtung und 



Verfolgung den anderen Religionen zu begegnen. Das ist 
zu einer Unmoglichkeit geworden. Der Gegenwartsmensch 
kann die Zeit des Hasses und der Intoleranz nicht mehr 
recht verstehen, wo im Dienste der Religion ungeheuer viel 
Blut geflossen ist. Zu dulden und zu tolerieren, ist die jetzige 
Tendenz; das wird eine Zeitlang so gehen. Aber es wird 
audi eine Zeit kommen, wo dieses Gefuhl zu schwach und 
zu matt ist, um einen wirklichen Fortschritt in die Zukunft 
zu bewirken. Fur die Zeit des Ober gangs, fur das letzte 
Jahrhundert war dieses Gefuhl in gewisser Beziehung ein 
Segen. Die Duldung ist durchaus berechtigt. Wahre Men- 
schenliebe und echte Humanitat wurden herausgebildet. 
Aber was fiir eine Zeit gut ist, das ist es nodi nicht fur alle 
Zeiten. Die verschiedenen Epodien der Weltentwicklung 
haben versdhiedene Aufgaben. Ein Gefuhl, das fiir das 
neunzehnte Jahrhundert voll berechtigt war, das fiir das 
neunzehnte Jahrhundert edle Hoffnungen in den Seelen 
gestiflet hat, das wird sich matt und unwirksam erweisen 
fiir das zwanzigste Jahrhundert. Dieses zwanzigste Jahr- 
hundert wird sich zu etwas anderem fahig erweisen. Nicht 
nur gegenseitige Toleranz und Duldung, sondern vollstan- 
diges gegenseitiges Verstehen wird es brauchen. Oder war 
es nicht so, dafi bis heute der Christ gesagt hat: Ich ver- 
stehe nicht den Muselmann, ich verstehe nicht den Be- 
kenner des judischen Glaubensbekenntnisses bis ins Innere, 
aber wir dulden uns gegenseitig. - Das wird kiinftig nicht 
mehr die Menschen trennen. Kiinftig wird es notig sein, 
sich gegenseitig zu verstehen und sich zu sagen: Ich habe 
mein Bekenntnis, das aus einer Kulturstromung heraus- 
gewachsen ist, die mir die Anschauungen, Gedanken und 
Ideale in mein Seelenblut verpflanzt hat, aber ich mufi auch 
mit anderen menschlichen Geistern im Verkehr sein, mufi 
sie ganz verstehen konnen. Die Wahrheit, die ich bei mir 



finde, soil nicht nur tolerieren und dulden, sondern ein- 
dringen in das, was die andere Seele fiihlt und empfindet. 
Sie soil Verstandnis haben fiir jedes andere Bekenntnis. - 
Das ist nodi etwas ganz anderes. Das ist eine Aufgabe der 
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung: uber die Dul- 
dung hinauszuschreiten zum volligen gegenseitigen Ver- 
standnis. Dann wird der Bekenner einer Religion oder 
Konfession sich sagen: Die Wahrheit ist mir in einer be- 
stimmten Form bekannt geworden. Die Wahrheit lebt aber 
in anderen Seelen in anderer Form. Die Formen haben ge- 
wifi ihre Berechtigung, sie sollen uns aber nicht trennen. 
Das, was an Weisheit darin liegt, soli uns verbinden. - In 
positivem Sinne soli es eine Humanitatsidee sein, die auf 
Grund von einsichtiger Menschenliebe verbindet und nicht 
blofi auf Grund von Toleranz. Einsicht ist mehr als Tole^ 
ranz. Einsicht adelt den Menschen mehr als Duldung. 

Die Theosophie ist nicht unwissenschaftlich. Als die Theo- 
sophie vor dreifiig Jahren zum ersten Male in die Welt 
trat, war bei der Griinderin die Aufgabe so gedacht: Dem 
Menschen der Gegenwart, wie jeder Menschenseele, ist es 
selbstverstandlich, dafi man sich die Ratselfragen vorlegt 
nach dem Unendlichen und Ewigen, die Ratselfragen nach 
der Bestimmung des Menschen, nach dem Schicksal, die 
Ratselfragen nach Geburt und Tod und nach dem, was nach 
dem Tode sein wird, die Ratselfragen: Was bleibt von dem 
Menschen, wenn er dem physischen Leben abstirbt, woher 
kommt Krankheit, woher das Leiden? Oh, es gibt keinen 
Menschen, der diese Fragen nicht aufwerfen mufke. Reli- 
gionen waren immer dazu da, um geistigen Inhalt zur Be- 
antwortung dieser Weltratsel in die Seelen zu giefien, damit 
nicht nur das theoretische Bedurfnis bef riedigt werde, son- 
dern damit die Antwort fiir die Menschen Kraft, Trost und 
Zuversicht sei. Oder mit anderen Worten: Der Mensch sollte 



aus der Religion eine Antwort bekommen auf die brennen- 
den Daseinsfragen, damit er mit Ruhe und Sidierheit im 
Leben sich bewegt, damit er weift: idi vollbringe, was idi zu 
vollbringen habe, aber ich sehe audi auf zu den groften 
Tatsachen der Unsterblichkeit, die jenseits des Alltags lie- 
gen. Nur ein Mensch - und das wird jeder zugeben miissen, 
der eine Empfmdung hat fiir die tiefsten Impulse der Seele— 
der innerlich befriedigt ist, der harmonisdi sich so aufzu- 
klaren weift, dafi diese Ratsel der Welt nicht als bange 
Sorge und als Unsicherheit in seiner Seele leben, sondern 
der uber die hochsten Fragen der Seele ruhig sein kann, ist 
stark und hat die Kraft zu leben. Unwissenschaft, Unweis- 
heit schwacht und macht den Menschen gegeniiber der All- 
tagsarbeit und ebenso gegeniiber den wichtigsten Aufgaben 
des Lebens irre. 

Man wird immer mehr und mehr einsehen, dafi die 
Grundlage von Kraft, die Grundlage von Lebensenergie 
die Weisheit ist, und dafi die Weisheit die einzige Grund- 
lage ist. Zur Erkenntnis dieser Tatsache und zur Befrie- 
digung der in dieser Tatsache liegenden Fragen ist die theo- 
sophische Bewegung da. Warum aber, wenn die Religionen 
in den verschiedensten Zeiten der Weltentwicklung diese 
brennenden Fragen der Menschheit befriedigt haben, war- 
um brauchen wir da Geisteswissenschaft? Eben darum, weil 
die Zeiten sich unterscheiden, weil unsere Vorfahren durch 
andere seelische Mittel befriedigt werden konnten, als die 
Menschen der Gegenwart und der Zukunft befriedigt wer- 
den miissen. Oder war es nicht so und ist es nicht jeden Tag 
mehr so, daft sie sagen: In der Religion werden viele Fragen 
des Daseins beantwortet, aber unser Gefiihl kann sich nicht 
mehr befriedigen an der Art, wie sie beantwortet werden. 
Sie sind hingegangen zu den verschiedenen Religions- und 
wissenschaftlichen Bekenntnissen. Zahlreiche unserer Zeit- 



genossen haben versucht, aus der Naturwissenschaft, aus der 
Geschichte eine Art Ersatz zu bilden fur diejenigen, die 
vermoge ihres modernen Gewissens sich nidit mehr befrie- 
digt erklaren konnen von der f riiheren Art, die Ratself ragen 
zu losen. Gar manche, die unbefriedigt sind von der Bibel 
und der Religion, suchen sehnsuchtig in der heutigen Wis- 
senschafl. Aber immer mehr und mehr miissen diese letz- 
teren erkennen, dafi fiir die hochsten Fragen des Daseins 
gerade die heutige Wissenschafl - deren Grofie nicht ver- 
unglimpfl werden soil durch die geisteswissenschaflliche 
Weltanschauung, sondern vielmehr anerkannt werden soli, 
da sie so Gewaltiges leistet fiir die sinnlichen Tatsachen - 
versagt gegeniiber den wichtigsten Fragen des Daseins. So 
sagt sich mancher: Wenn es sich darum handelt, unsere Erde 
durch ein Kulturnetz zu umspannen, wenn es gilt, die Erde 
zu durchforschen bis in die kleinsten Lebewesen hinein, lie- 
fert uns die moderne Wissenschafl wunderbare Erkennt- 
nisse. Wenn aber die Menschen fragen nach der Zukunft des 
Lebens, nach dem eigentlichen Sinn des Daseins, da versagt 
die Wissenschafl, ja, sie versagt stark. Diejenigen, die es 
noch nicht probiert haben - und es werden mehr und mehr 
Menschen versucht haben, mit Hilfe der Wissenschafl das 
zu probieren, was sie mit Hilfe der Religion nicht erreichen 
konnen — , werden es noch einsehen, dafi die Wissenschafl in 
den wichtigsten Daseinsf ragen versagt. 

Bietet aber nun die Geisteswissenschafl in dieser Richtung 
etwas? Ja, die geisteswissenschaflliche Weltanschauung ist 
fiir die zuletzt angedeuteten Fragen da. Wer sich noch 
innerhalb der religiosen Traditionen befriedigt fiihlt, der 
wird sich unbefriedigt fiihlen von der Geisteswissenschafl, 
weil er glaubt, dafi sie ihm nichts bieten kann, weil er sich 
einhullt in das, was ihm die religiose Tradition geben kann. 
Was aber heute noch gut fiir ihn ist, kann es schon morgen 



nidit mehr sein. Das war das Ideal der Grunderin der theo- 
sophischen Bewegung: sichere Erkenntnis iiber die hochsten 
Probleme des Daseins zu geben. Wer sidi tiefer einlafit in 
die geisteswissenschaftlidie Forsdiung und Betrachtung, wird 
sehen, wie keiner wissenschaftlichen Anforderung gegen- 
iiber gerade diese geisteswissenschaftlidie Forschung sich 
irgendwie zunickziehen mufi. Auf wissenschaftlicher Grund- 
lage eine allgemein verstandliche Weltanschauung zu geben, 
die fiir die aufgeklartesten und audi fur die schlichtesten 
Menschen etwas bieten kann, das wird die geisteswissen- 
schaftlidie Weltanschauung leisten. 

Aber man konnte vielleicht doch die Theosophie als eine 
Art Storenfried ansehen. Sie konnen vielleicht sagen: Lafit 
uns doch nur bei unserem alten Glauben, ja, tut etwas dazu, 
diesen alten Glauben wiederherzustellen! Die Wissenschaft 
vermag doch keine Antwort zu geben, versucht es doch, 
wieder den alten Glauben zu stiitzen! - Solche Menschen be- 
achten nicht, was um sie vorgeht. Sie sind die wahren Phan- 
tasten. Die Theosophie will mit offenen Augen in unseren 
Kulturprozefi hineinsehen. Wir brauchen nur ein Bild vor 
uns hinzustellen, und es kann ein Beweis sein fiir die Not- 
wendigkeit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung. 

Wer fen wir fiir zwei Minuten den Blick auf das merk- 
wurdige Land, das eine so eigentumliche religiose Entwick- 
lung durchgemacht hat im Laufe der letzten Jahrhunderte, 
auf Spanien. Schauen wir Spanien an, diesen Hort einer 
orthodox-religiosen Welteinrichtung, nicht nur Weltan- 
schauung. Dieses Land, wo ein uraltes Religionsbekenntnis 
eingegriffen hat in die alleralltaglichste Einrichtung, be- 
findet sich in einer Umbildung. Wer hat denn vor einigen 
Jahren noch geglaubt, dafi in Spanien das eintreten konnte, 
was wir heute dort sich abspielen sehen. Denken Sie nur 
einmal daran, dafi vor ganz kurzer Zeit in Spanien die 



regierenden Machte nichts haben wissen wollen von irgend- 
weldien sogenannten modernen Ideen, von irgendwelchen 
aufklarerischen Ideen, denken Sie an das feste orthodoxe 
Bekenntnis derjenigen Frau, die als Konigin-Mutter dem 
gegenwartigen jungen Konig von Spanien vorangegangen 
ist, wie wenig sie geneigt war, audi nur ein Tiipfelclien ab- 
zugehen von dem, was sich seit Jahrhunderten fest ein- 
gebaut hat in das Gefiige eines ganzen Staates. Denken Sie 
sich den Kontrast: Diese Frau sitzt in Lourdes, da, wo sie 
Befriedigung in der alten Weise in vollen Ziigen zu schliir- 
fen versucht und die alten Wahrheiten an sich herantreten 
lafk - und in Spanien mufi der junge Konig es zugeben, dafi 
mitten in das feste Gefiige hinein neue Ideen eintreten. Er 
mulke es zugeben, dafi ein liberaler Minister an den Ein- 
richtungen riittelt, dafi an der Unterrichts- und Ehegesetz- 
gebung geriittelt wird, und, wie es scheint, in unbarmherzi- 
ger Weise. Das sind die Zeitstromungen, und gegen solche 
Zeitstromungen vermag keine menschliche Meinung etwas. 
Dagegen vermag nur das Verstandnis etwas. Wie lassen 
doch die Menschen heute diese Zeitstromungen an sich heran- 
kommen. Wie stehen manche mit verbundenen Augen sol- 
chen Erscheinungen gegenuber, ganz unvorbereitet, wie las- 
sen sie sich iiberraschen, frappieren und schockieren. Wie 
iiben sie Kritik an den Zeitstromungen, wie kommen sie 
nicht weiter, als dafi sie sagen: wir miissen die alten Formen 
stiitzen. Wie begreif en sie gar nicht, dafi die Zeitstromungen 
starker sind als die phantastischsten Meinungen. Sie be- 
greifen nicht, dafi es notig ist, mit hellem Blick und offenem 
Auge zu sehen, was die Menschen notig haben. Die Men- 
schen sind heute nicht mehr so unbewufit, alles iiber sich 
ergehen zu lassen. Sie sind dazu beruf en, diese Zeitbewegun- 
gen zu verstehen und ihnen selbst die Richtung zu geben. 
Jeder einzelne ist dazu beruf en, erkennen zu lernen, was in 



solchen Zeitstromungen liegt und wie diese zu einem ge- 
deihlidien Fortschritt in der Zukunft gebradit werden kon- 
nen. Die Menschen machen Geschichte, und wenn gegen die 
Menschen Geschidite gemacht werden soil, so kommt das 
Chaos. Nur aus dem Miteinander kann Recht und Har- 
monie kommen. Die Zeit gibt schon die Notwendigkeiten: 
an den Mensdien ist es, sie zu verstehen. Nidit in bequemer 
Weise soil der Mensch die Dinge an sich herankommen 
lassen. Da wiirde er nur zu Ballast in der Entwicklung. Die 
Zeitstromungen kann man aber nicht ubersehen, wenn man 
nicht einen Blick in das t)bersinnliche hinein zu tun ver- 
mag. Der Mensch ist dazu berufen, das Obersinnliche in 
sein Herz, in sein Gemut und in seine Seele aufzunehmen, 
so dafi es durch ihn in der Welt wirkt. 

Nun versuchen wir einmal, uns diese Frage, die sich aus 
der eben gemachten Betrachtung ergibt, so recht vor die 
Seele hinzumalen. Was ergibt sich fur den denkenden Men- 
schen aus dem, was wir gehort haben? Es ergibt sich sehr 
viel daraus. Wer eine Einsicht hat in das geistige Leben, der 
weifi eines: dafi es keine gedeihlichematerielleKultur geben 
kann ohne die Grundlage eines wirklichen geistigen Lebens. 
Nie hat es einen Staat, nie hat es eine Volksgemeinschaft 
gegeben ohne eine wirkliche religiose Grundlage. Es sollte 
nur jemand einmal ernstlich versuchen, eine Kolonie zu 
begriinden mit Menschen, die nur matierelle Interessen 
haben und die nur eine materialistische Weltanschauung 
haben, die also nichts mitbringen als das, was man heute 
innerhalb der materialistischen Weltanschauung gelten las- 
sen will, die nichts von dem Ubersinnlichen kennt. Man 
versuche eine solche Kolonie zu begriinden. Allerdings, es 
bringen die Menschen ja doch die Reste idealer Gedanken 
und Ideen mit. Waren die nicht mehr da, so wiirde es 
schnell in ein vollstandiges Chaos ausarten. Sie konnen kein 



soziales Leben begrunden ohne weisheitsvolle religiose 
Grundlage. Der ist ein schlechter Praktiker, der mit der 
Praxis allein auszukommen glaubt. Wollen Sie das mate- 
rielle Dasein der Mensdien immer mehr fordern, so miissen 
Sie daran denken, dafi die Seele jeder materiellen Kultur 
nur die Religions- und Erkenntnisgrundlage sein kann. 
Wenn Sie den Mensdien Brot geben wollen, so miissen Sie 
ihnen zuerst etwas geben fiir die Seele. In der Zeitschrift 
«Luzifer» habe ich den scheinbar grotesken Satz ausgespro- 
chen, dafi man niemand Brot geben kann, ohne dafi man ihm 
Weltanschauung gibt, da das Brotgeben ohne geistige Nah- 
rung zum Unheil fiihrt. In jenem Aufsatz haben Sie das 
mehr oder weniger bewiesen. 

Wie miifite es aber in der Gegenwart sein, wenn ein ge- 
deihlicher Fortschritt stattfinden sollte angesichts des Ereig- 
nisses in Spanien, welches nur in besonderer Weise das zum 
Ausdruck bringt, was sich iiberall vollzieht, was aber nur 
der iibersehen konnte, der den Kopf gegeniiber dem Leben 
in den Kultursand stecken wiirde wie der Vogel StraufS. 
Ebenso wie es auf alien Lebensgebieten Kundige gibt, die 
uns mit Kleidern versorgen und andere Bediirfnisse des 
Lebens befriedigen helfen, so gibt es audi Kundige auf dem 
Gebiete des Seelenlebens, auf dem Gebiete des Obersinn- 
lichen. Das Vertrauen zu den Priestern und Weisen war es, 
was die Kulturen begriindete. Nicht haben wir ein Recht, 
die verflossene Kultur zu kritisieren. Sie war so gut, wie sie 
fiir ihre Epoche sein konnte. Wenn die Kulturen jetzt nicht 
mehr passen, so liegt es nicht daran, dafi sie zu bekampfen 
sind, sondern daran, dafi die Menschheit eine Fortentwick- 
lung braucht in der geistigen Wahrheit, weil die Menschen 
nicht mehr unter den alten Formen des geistigen Lebens 
leben konnen. Ebenso wie der Mensch, der friiher zu dem 
Priester ging, Worte des Trostes und der Sicherheit erhielt, 



ebenso miifite es in unserer Zeit Mensdien und Forsdier 
geben - ja, es mufi sie geben — , an die man sidi zu halten 
hat, die einem die Wahrheit in der neuen, der Gegenwart 
entsprechenden Form sagen konnen, die einem wieder etwas 
sagen konnen von dem Obersinnlichen, in einer Form, wie 
der moderne Mensch es glauben kann. 

Fragen wir uns einmal, wie konnte sidi die Gegenwart 
in bezug auf diese Sache stellen, wenn alles so bliebe, wie es 
von zahlreichen unserer Zeitgenossen fur richtig befunden 
wird. Sie sehen da etwas, was als Symptom in bezug auf 
Spanien erwahnt worden ist. Sie sagen vielleicht: die alten 
Formen werden sich auflosen, und der Mensch wird in neue 
Ordnungen hineinwachsen. Diese neuen Ordnungen werden 
aber nie gedeihen konnen, wenn nicht ein Seelisdies hinein- 
kommt, wie das Lebensblut, wenn nicht etwas Geistiges 
unsere ganze Kultur durchpulsen kann. Konnen die Men- 
schen, die sich heute voneinander entfernen in bezug auf 
ihre Meinungen uber die Seele und in bezug auf die Ein- 
richtungen, an einen Ort hingehen und sich Rat holen in 
bezug auf die hochsten Fragen des Daseins? 

Betrachten wir die Sache an einem charakteristischen 
Symptom unserer Zeit. Von der Naturwissenschaft, von der 
Erkenntnis der aufieren sinnlichen Tatsachen, der positiven 
Tatsachen, erwarten viele einen Ersatz fur die alte religiose 
Anschauung. Vor einigen Tagen hat eine Naturforscherver- 
sammlung in Stuttgart stattgefunden. Konnen wir uns 
sagen, dafi der moderne Mensch, mit seinen Bediirfnissen 
und Sehnsuchten gegeniiber dem Ewigen, gegenuber dem, 
was der Tod besagt, hinschauen kann zu dem modernen 
Areopag des Geisteslebens, wenn er Antwort braucht und 
wenn die geistige Entwidklung ihren Fortgang nehmen soil? 
Es sind gewaltige Fragen besprochen worden auf dem Kon- 
grefi in Stuttgart. In den erstaunlichsten Dingen lebt sich 



der mensdiliche physische Forschergeist bei einer solchen 
Gelegenheit aus. Fiir den, der eine Empfindung dafiir hat, 
sei es erwahnt: man sprach iiber solche Vorstellungen wie 
die Verpflanzung eines Organs des einen Lebewesens auf 
ein anderes. Es wurde genau besprochen, wie die Verpflan- 
zung eines Bestandteiles eines Lebewesens in ein anderes 
Lebewesen hinein stattfinden kann, dem dieser Bestandteil 
f ehlt. Oder ist es nicht interessant, zu sehen, wie die Natur- 
forschung durch die Errungenschaft des Mikroskopes alles 
bisher Dagewesene uberboten hat? Ist es nicht bewunderns- 
wert, zu sehen, wie aus gewissen Mischungen und Losungen 
heraus man aus der toten Substanz etwas entstehen lalk, 
was, mit dem Schein des Lebens begabt, sich herausent- 
wickelt aus der toten Substanz wie der scheinbar tote Kri- 
stall. Vieles liefie sich noch anf iihren, was uns zeigen konnte, 
welchen Respekt und welche Achtung uns diese moderne 
Naturforschung abnotigen kann. 

Nun aber kommt der Mensch heran und fragt sich: Wozu 
ist dieses ganze Leben? Welches ist der Sinn von alledem, 
was sich in so wunderbaren Formen fiir die physischen For- 
scher darstellt? Gibt es in dem Reiche derjenigen, die in dem 
Areopag des Geisteslebens sind, auch solche, die Antwort 
geben auf die letzten Fragen? 

Auf dem letzten Naturforscher-Kongrefi hatte man auf 
solche Fragen keine Riicksicht genommen. Noch vor zwei 
Jahren hat ein Breslauer Chemiker eine merkwiirdige Rede 
gehalten, wonach alles abgelehnt werden soil, was dem 
Menschen in psychischer Weise zu erforschen moglich ist. 
Das war Ledebur, der Breslauer Chemiker. Theodor Lipps 
durfte jetzt iiber Naturwissenschaft und Philosophic spre- 
chen. Das ist ein beachtliches Zeichen, dafi es moglich war, 
in einer naturwissenschaftlichen Versammlung das zu bieten, 
was Lipps geboten hat. Es war ihm moglich, mitten in diese 



rein positive Forschung solche Worte hineinzuwerfen wie: 
Die Naturwissenschaft kann sich niemals zu einer Welt- 
anschauung erheben, wenn sienicht zu einer geistigenDurch- 
dringung der menschlichen Erscheinung kommt. Wenn der 
Mensdi in sich hineinsieht, so findet er das Ich, und wenn er 
das dann ausdehnt zu einem Welten-Ich, dann kann er zu 
einiger Befriedigung kommen. 

Es ist ein sonderbares Gefiihl, das derjenige, der sich mit 
diesen Dingen beschaftigt hat, gegeniiber einer solchen Tat- 
sache haben mufi. Da gibt es seit dreifiig Jahren eine theo- 
sophische Bewegung, die nicht blofi in ganz allgemeiner, 
platter Weise die grofien Fragen beantwortet, sondern in 
konkreter Weise sich einlafit auf das Schicksal des Menschen 
vor der Geburt und nach dem Tode, sich einlafit auf das, 
was sich dem Menschen bietet in der geistigen Welt, wenn 
ihm das Auge dafur geoffnet ist. Kurz, nachdem es dreifiig 
Jahre eine solche Vertiefung gegeben hat, kommt einer ein- 
mal zum Wort, der in den allerelementarsten und aller- 
trivialsten BegriflFen etwas bietet, was iiberhaupt noch kei- 
nem Menschen eine Befriedigung geben kann, weil es sich 
gegeniiber den unmittelbaren grofien Lebensfragen wie ein 
Begriffsgespinst, wie etwas ganz Abstraktes, Wei tf ernes 
ausnimmt. Wer sich nicht mit Fachphilosophie beschaftigt 
hat - welchen Begriff die Philosophic erst herausgearbeitet 
hat -, f ur den ist das nichts anderes als ein abstraktes Wort- 
gespinst, bei dem er sich nichts denken kann. So sehen Sie, 
dafi im offiziellen Leben, wo die Menschen dennoch Trost 
und Losung suchen fur die Lebensratsel, nichts geboten 
werden kann, aus Unvermogen, aus Unverstandnis gegen- 
iiber den wirklich hochsten Fragen. 

Und doch, es mufi fiir die aufiere Kultur, die alle Formen 
zersprengt, ein solches Lebenszentrum geben, aus dem gei- 
stiger Inhalt herkommen kann, nicht blofi wertlose Wort- 



gespinste, sondern lebendige Erkenntnis des Obersinnlichen. 
Diese muft, von den geistigen Fiihrern der Gegenwart her, 
eindringen in das, was sich als Rest des geistigen Inhalts in 
den alten Formen erhalten hat. Wenn von einer solchen 
Statte aus, in derselben logisdien Weise, in der die Wissen- 
schaft spridit, iiber die iibersinnliche Welt eine entsprechende 
Botschafl: verkiindigt werden kann, dann wird sich das - 
wie die alten Religionen sich ergossen haben - ergiefien in 
die Seelen und aufieren Einrichtungen. Dann werden - das 
werden Sie sehen - die vermaterialisierten alten Religions- 
formen verschwinden und neue Formen werden sich bilden. 

Man soli sich aber keiner Illusion hingeben iiber die Be- 
deutung dieser geistigen Kultur. Es gibt viele — und in 
Frankreich ist das Wort dieser vielen tonangebend gewor- 
den -, die sa sagen, der Mensch braucht seine Moral gar 
nicht aus etwas wie Religion heraus zu bilden. Sie sagen: 
Es gibt eine menschliche Moral und die kann begriindet 
werden ohne ein Religionsbekenntnis. Die, welche so spre- 
chen, haben die eigentlichen geistigen Gesetze wenig kennen- 
gelernt. Wenn Sie den Gang der Geisteskultur seit alten 
Zeiten verfolgen, so werden Sie sich sagen konnen: Die 
verschiedenen aufeinanderfolgenden Kulturepochen der 
Menschheit haben der Menschheit verschiedene Inhalte ge- 
bracht. Was hat die Hermes-Kultur den Agyptern, was die 
Kultur der indischen Rishis den Hindus, was der Zarathu- 
strismus den Persern, was die Kultur des Moses den Juden 
gebracht, und was endlich die Kultur des Christus Jesus, des 
grolken Religionsstifters, der modernen Zeit? Jede Kultur- 
stromung hat ihre Bedeutung in ihrer Zeit gehabt. Und 
grofi sind sie gewesen, weil ihre Missionare es verstanden 
haben, die Bediirfnisse ihrer Zeit zu verstehen. Richtig wer- 
den die Missionare der Zukunft wirken, welche die Herzen 
der Menschen wieder verstehen und in sie hineinwirken 



konnen. Verschiedene Formen haben wir fur die verschie- 
denen Zeiten, in immer neuer Gestalt erscheinen die alten 
Wahrheiten. 

Das erste, was jeder neuen Gestalt einer Kultur zugrunde 
liegt, ist ein Bekenntnis, eine Summe von Anschauungen, 
von Empfindungen und Vorstellungen iiber das Hochste 
und das Obersinnlidie, ein Wissen des Mensdien von den 
gottlichen Grundlagen der Welt, ein Wissen des Menschen 
iiber das, was den Tod besiegt. Und jede grofie Kultur- 
epodie hat aus diesen Grundlagen heraus die Kraft zum 
geistigen Schaffen gezogen. Niemals ware das zustande ge- 
kommen, was im alten Agypten, in Indien und Vorderasien, 
in Griechenland und endlich in den christlichen Zeiten ent- 
standen ist, wenn es nicht aus dem herausgewachsen ware, 
was die Mensdien geglaubt und gedacht haben. Das Aller- 
materiellste ist nur ein Ergebnis dessen, was der Mensdi 
weifi iiber das Obersinnlidie. Das erste in jeder Kultur- 
stromung ist also das Bekenntnis. 

Das zweite ist, wie dieses Bekenntnis auf das Gefiihl und 
die Gemiiter wirkt. Die Gedanken und die Vorstellungen, 
die sich der Mensch macht iiber das Obersinnlidie, iiben einen 
Eindruck auf die Seele aus und erheben sie, und alle hohere 
Lebensfroheit und Harmonie giefit sich in die Seele unter 
dem Einflusse des Bekenntnisses. Wo jemals Menschen froh 
gewesen sind im hochsten Sinne, wo sie jemals Sicherheit 
gehabt, jemals in ihre Empfindungen sich etwas hinein- 
gegossen haben, so dafi sie sich sagen konnten, ich weifi, dafi 
ich eine hohere Bestimmung habe, und wo sich dieses Wissen 
umgewandelt hat in ihrer Seele in eine befriedigende Le- 
bensfreude und Lebenszuversicht, da war es immer unter 
dem Eindruck eines Bekenntnisses. 

Das erste also ist das Bekenntnis selbst, das zweite ist die 
Welt der Gefuhle: Erhebung, Lebensfreude und Lebens- 



sidierheit. Und so ist das dritte die Welt der Willens- 
impulse, die Welt der Moral und der Ethik. Die Sitten- 
lehren bxlden die Kunst - etwas, was zum zweiten Teil 
gehort das Moralische und das Willenselement, die Welt 
der Sittlichkeit und Gesetzgebung und alles staatlichen Zu- 
sammenlebens. Es ist erne grofie Tauschung, wenn jemand 
sich dem Glauben hingibt, dafi es jemals eine Sittlichkeit, 
eine Moral geben kann, die nicht herausgewachsen ist aus 
der Grundlage eines Bekenntnisses, aus der Grundlage der 
Gefiihlssphare. Als erstes hat der Mensch eineMeinung iiber 
das Ubersinnliche, als zweites Lebensfroheit und Zuver- 
sicht, und als drittes die Impulse fur seine Handlungen, 
das, was ihm sagt: das ist gut, das ist bose. 

Wie kommt es, dafi viele den Glauben haben - was eine 
Illusion ist -, dafi man Moral begriinden kann ohne Be- 
kenntnis, das heiftt eine bodenlose Moral? Das kommt 
davon her, dafi die Moral, dieses dritte in einer Kuitur- 
stromung, das letzte ist, was verschwindet. Wenn eine 
Kulturstromung abflutet, flutet zuerst das Bekenntnis ab. 
Zuerst glaubt man nicht mehr die Dinge, die in dem Be- 
kenntnis gegeben werden. Wenn aber lange schon nicht 
mehr der lebendige Glaube da ist, der den Menschen mit 
absoluter Sicherheit auf die Formen hinblicken lafit, dann 
sind noch immer die Empfindungen und Gefuhle da, die 
sich in diesem Glauben ausgebildet haben. Und wenn auch 
diese Gefuhle nicht mehr da sind, wenn der Mensch nicht 
mehr die ererbte Freudigkeit haben kann, dann ist noch 
immer die Moral da. Heute stehen die, welche glauben, eine 
solche bodenlose Moral grunden zu konnen, nicht auf dem 
Boden einer bodenlosen Moral. In Wahrheit leben sie unter 
den Resten der Moral und der Weltanschauung, die ihnen 
aus dem Bekenntnis geblieben sind als ererbte Stiicke der 
Kultur. 



Diejenigen, welche sagen, alles Obersinnliche sei unzu- 
ganglich fiir den Menschen, alles Obersinnlidie sei phan- 
tastisch, die handeln so, wie sie es tun, weil in ihnen noch 
die Moral der Vorzeit lebt. Viele Menschen gibt es, die das 
Bekenntnis glauben uberwunden zu haben, doch stehen sie 
alle noch unter der Moral, die ihnen das Bekenntnis ge- 
geben hat. 

Es gibt viele Sozialisten, die eine Moral begriinden wol- 
len, eine Moral, die aus dem Nichts heraus geboren ist. 
Warum konnen sie aber iiberhaupt iiber Moral reden? 
Warum verschwindet denn nicht alle Moral in ein Chaos 
hinein? Weil sie die alte Moral, die sie bekampfen, noch in 
ihren Gliedern haben, weil sie eben staatliche Anderungen 
auf der Grundlage der iiberkommenen staatlichen Moral 
herbeifiihren wollen. Sie ist hervorgewachsen aus der Ver- 
gangenheit. Daher wird ein Fortschritt erst unter der Er- 
neuerung der Erkenntnis des Obersinnlichen moglich sein, 
der iibersinnlichen Welt, wenn es moglich ist, dem Menschen 
etwas zu geben, was ihn hinaufweist in die ubersinnliche 
Welt, was ihn bekannt macht mit den Kraften, die uns um- 
geben und die hineinspielen in die Welt, die um uns ist. Ist 
es moglich, ihm diese Weisheit des Obersinnlichen zu ver- 
mitteln, dann wird dies eine Gefuhlswelt der Lebenssicher- 
heit und eine Moral begriinden mit Impulsen fiir das Han- 
deln. Dann leben wir nicht mehr von ererbten Giitern, son- 
dern von dem, was aus der Zeit, in der wir leben, selbst 
entsprie£en kann. 

Diese Erkenntnis des Ubersinnlichen, welche die geistes- 
wissenschaftliche Weltanschauung geben will, verstofit gegen 
keine Logik. In welchem Sinne spricht sie von einem t)ber- 
sinnlichen? Spricht sie davon, dafi in einem Jenseits oder an 
einem unbekannten Orte das Geistige ist? Merkwiirdig, es 
werden Weltanschauungen gestiftet, die behaupten, dafi ein 



Jenseitsglaube alleKultur vernichten miisse. Nun, alle soldie 
Anschauungen wissen nicht, in welchem Sinne die wirkliche 
Geistesforsdiung von diesem Ubersinnlidien spricht. Ofters 
ist das hier sdion durch Vergleiche klargemaclit worden, wie 
und in welchem Sinne die Geistesforsdiung von einem sol- 
chen Obersinnlichen spricht. Dieser Vergleich soil zum 
Schlufi nodi einmal vor unsere Seele hintreten. 

Fur einen Menschen, der blind geboren ist, ist die Welt 
der Farben und des Lichtes ein Jenseits der fur ihn wahr- 
nehmbaren Welt. Wodurch ist eine Welt fur den Menschen 
da? Lediglich dadurch, dafi er Organe hat fiir diese Welt. 
In dem Augenblicke, wo dem Blindgeborenen das Auge 
geoffnet wird, mufi er sich nicht mehr blofi von anderen 
Menschen sagen lassen, es gibt Licht und Farbe, sondern da 
tritt eine neue Welt, die immer da war, vor sein Auge. 
Nichts anderes sagt die Geisteswissenschaft, und von nichts 
anderem handelt sie. Wenn sie von anderen Welten spricht, 
so spricht sie davon in genau demselben Sinne wie in dem 
Vergleich von der Welt der Farben und des Lichtes gegen- 
iiber dem Blindgeborenen. Der Geistesforscher sagt, dafi 
eine Welt fiir ihn dann da ist, wenn ein Organ fiir sie da 
ist. Die iibersinnliche Welt ist dem Menschen der Gegen- 
wart verschlossen, weil bei ihm keine Organe dafur vor- 
handen sind. Sie verhalt sich nicht anders fiir ihn, als sich 
die Welt der Farben und des Lichtes fiir den Blindgebore- 
nen verhalt. 

Hier sind nicht nur Gegenstande, die der Mensch mit dem 
Verstande und mit den Sinnen erfassen kann, hier sind 
noch ganz andere Wesenheiten. Indem Sie durch den Saal 
schreiten, schreiten Sie durch eine Welt des Geistigen, wie 
der Blinde, der die Stiihle und Banke nur tasten kann, durch 
eine Welt von Farben und Licht schreitet, ohne sie sehen zu 
konnen. Wie es von einem Blinden ein logisches Unding 



ware, nadidem er gehort hat, dafi es Farbe und Lidit gibt, 
zu sagen, das sei Phantasterei, ebenso ist es unlogisch, dafi 
der, weldier nicht ubersinnlich sieht, sagt, es sei Phan- 
tasterei. Es hat immer Leute gegeben, welche mehr sehen 
konnten als die Mitmenschen. Eingeweihte oder Initiierte 
hat man solche Menschen genannt. Es sind das Menschen, 
die eine Art geistiger Neugeburt erlebt haben und von 
denen in alien Religionen erzahlt wird. Es gibt einen gei- 
stigen Augenblick im Leben eines solchen Menschen, der 
eine viele grofiere Bedeutung hat als die physische Geburt. 
Dieser geistige Augenblick besteht darin, dafi der Mensch, 
der sein geistiges Auge und sein geistiges Ohr eroffnet hat, 
eine ganz neue Welt wahrnehmen kann, dafi er sich bis zur 
ubersinnlichen Welt hinaufentwickelt hat. Diejenigen, 
welche von der ubersinnlichen Welt zu sprechen berechtigt 
sind - die Stifter der Religionen - haben zu den Menschen 
in demselben Sinne gesprochen, wie der Sehende zu dem 
Blinden vom Licht spricht und ihm davon erzahlt. 

Neuerdings dringt die Botschaft von der ubersinnlichen 
Welt wieder an die Menschen heran durch die Geisteswissen- 
schaft. Dies geschieht in keinem anderen Sinn, als indem sie 
den Menschen zeigt, daft es immer Erleuchtete, Erf ahrenere 
gegeben hat, die hineinschauen konnten in die ubersinnliche 
Welt, und dafi es heute noch Menschen gibt, die das geistige 
Auge off en haben, die die geistigen Eigenschaften der sinn- 
lichen Dinge sehen. Sie zeigt, dafi es Menschen gibt, die 
hinter die Pforte des Todes schauen konnen, die sehen 
konnen, welches der unsterbliche Teil des Menschen ist, was 
iibrigbleibt von dem Menschen, wenn er durch die Pforte des 
Todes schreitet. t)ber dieses alles in Einzelheiten aus der For- 
schung heraus Nachricht zu geben, ist unsere Aufgabe. Sie 
sind dazu beruf en, einen neuen Mittelpunkt zu bilden, von 
dem aus die Menschen horen werden von der geistigen Welt. 



Es ist billig zu sagen: Gebt mir die Mittel, selbst hinein- 
zuschauen. Jeder kann die Mittel haben, wenn er sich an die 
richtige Quelle wendet. Durch die geisteswissenschaftliche 
Weltanschauung wird jedem die Moglichkeit geboten. Die 
erste Stufe ist aber, mit der heutigen Anschauungsweise sich 
zu erheben zu folgendem Gedanken, der sich in dem Men- 
schen ausbildet: Ich hore von einem Mitmenschen, dafi er 
hineinschauen kann in die iibersinnliche Welt, ich hore, dafi 
er mir sehr viel zu sagen versteht iiber die iibersinnliche 
Welt, er erzahlt im einzelnen, wie es nach dem Tode aus- 
schaut, wie Krafte und Wesenheiten die Welt durchpulsen, 
Krafte und Wesenheiten, die dem gewohnlichen Auge noch 
verschlossen sind. Ich kann zwar noch nicht hineinschauen 
in diese Welt, aber ich will meine Ahnung fragen, ob der 
Mann mir etwas Unwahrscheinliches sagt. Ich will meine 
Empfindung fragen, ob das nicht hochst wahrscheinlich 
klingt, wenn ich mich nicht durch materialistische Anschau- 
ungen abhalten lasse, ob das unbefangen klingt, was der 
Betreffende sagt. Dann will ich die Gedankenlogik zu Hilfe 
nehmen und sehen, ob er nicht etwas sagt, was das Leben 
erklarlich machen kann. Dann will ich noch weiter gehen. 
Ich will sagen, ich habe dich ruhig angehort, denn du hast 
etwas gesagt, was mit der Logik stimmt. Jetzt will ich das 
Schicksal des Menschen betrachten, will sehen, ob es mir 
erklarlich wird, wenn ich so die Welt betrachte. Indem ich 
mir also sage: nehmen wir einmal an, die Anschauung der 
Geisteswissenschaft ware richtig, erklart sie das Leben, 
wird das Leben verstandlich? so pragen sich die Gedanken in 
meine Seele ein: ich will versuchen, im Leben zu erproben, 
ob sie Lebensfroheit, Lebenssicherheit, Lebenskraft gibt. So 
will ich Stuck fur Stuck erproben, ob eine innere Moglich- 
keit besteht, das anzunehmen, was der Eingeweihte sagt. 
Ich will mich auf einen solchen Standpunkt stellen, wie sich 



eine merkwiirdige Personlichkeit in bezug auf die gewohn- 
liche Welt des Lidites und der Farben gestellt hat. 

Ofters wurde schon dasLeben der taubstummen und blin- 
den Helen Keller erwahnt. Das ist eine Personlichkeit, die 
mit sieben Jahren noch wie ein kleines wildes Tier war, die 
aber eine geniale Erzieherin gefunden hat, so dafi sie so 
weit gekommen ist, dafi sie nicht nur eine Durchschnitts- 
bildung hatte, sondern sich messen konnte mit manchem 
gebildeten Menschen. Niemals ist sie imstande gewesen, 
Tone zu horen, Farben zu sehen, Licht wahrzunehmen. Fin- 
sternis und Stummheit lagerte um ihre Seele. Aber sie hat 
das, was andere Menschen von Farbe, Licht und Ton wahr- 
genommen haben, auf ihre Seele wirken lassen. Von ihr ist 
ein neues Biichelchen erschienen: «Optimismus». Sie zeigt 
darin, dafi sie nicht nur unser Wissen aufgenommen hat, 
sondern auch von der Sprache und dem Wissen der Griechen 
und Romer. Sie spricht von den schonsten Schopfungen des 
Horens und Sehens, obgleich sie selbst nichts wahrgenom- 
men hat. In ihrer Seele hat sich nicht nur so etwas aus- 
gebildet wie Wortvorstellungen, sondern das Biichelchen 
iiber den Optimismus zeigt, dafi sie Kraft und Sicherheit 
erhalten konnte aus den Mitteilungen der Sehenden um sie 
herum. 

So vermag der Mensch, wenn er sich nicht verschlieftt 
gegeniiber den geistig Sehenden und Horenden, Kraft und 
Sicherheit und Hoffnung fur die Zukunft zu erhalten. Dis- 
harmonie macht schwachund krafllos fiir das Leben. Sehend 
wird der Mensch fur seine Umgebung, wenn er auf die 
Sehenden hort. Wissend wird er und frei handelnd, wenn 
er denen, die Kunde geben konnen, folgen kann. Das Leben 
vermag er in den Dienst des "Obersinnlichen zu stellen. Eine 
neue Kultur aus dem Obersinnlichen heraus mufi, wie das 
Lebensblut, den Staat und die gesellschaftlichen Formen 



durchdringen. So hangt die Erkenntnis des Obersinnlichen 
in der Gegenwart mit grofien Lebensfragen zusammen. 
Wenn die grofien Lebensfragen in den verschiedensten For- 
men von alien Seiten uns entgegendrangen, dann mufi man 
erkennen, dafi man etwas braucht, was einen tiefer hinein- 
fuhrt in das Verstandnis des Lebens. Aus einer propheti- 
schen Voraussicht gegeniiber dem, was kommen mull, ist 
die geisteswissenschaftliche Weltanschauung herausgegriff en, 
herausgeschaffen. Das soil uns die Serie von Vortragen des 
Winters zeigen in bezug auf die Fragen der grolten Kultur- 
stromungen und audi in bezug auf die einzelne Seele, die 
still und schlicht im hauslichen Heim schaffen mufi vom 
Morgen bis zum Abend. Jede Seele findet in der Geistes- 
forschung etwas, wodurch sie Kraft und Sicherheit, innere 
Befriedigung, Lebensmut und Lebensfreude finden kann 
und audi das Notwendige zu einem wirklich gedeihlichen 
Menschheitsfortschritte. 

Wenn audi noch manche da sind, welche uber die geistes- 
wissenschaftliche Erkenntnis des Ubersinnlichen lacheln und 
als Praktiker, die sie sein wollen, sagen: was haben wir 
zu tun mit dem unpraktischen Zeug — die geisteswissenschaft- 
liche Bewegung wird arbeiten und eine Zeit wird kommen, 
wo audi solche, die heute noch zu den Zweif lern und Klein- 
miitigen und Unglaubigen gehoren, hinsehen werden auf 
diejenigen, die als Samen gesat worden sind, weil sie ge- 
braucht werden zur Losung der grofien Fragen und Ratsel, 
die auf der Seele lasten werden. Immer mehr und mehr 
werden sie gebraucht werden fiir den Menschheitsf ortschritt 
schon in der nachsten Zukunft fiir die Fragen, die nicht 
menschlich willkiirlich sind, sondern durch das Leben mit 
starker Kraft gestellt werden. 



BLUT 1ST EIN GANZ BESONDERER SAFT 
Berlin, 25. Oktober 1906 



Ein jeder von Ihnen hat zweifellos im Gedachtnis, dafi 
der heutige Vortrag, seinem Titel nach, an ein Wort des 
Goetheschen Faust ankniipft. Sie wissen alle, dafi in diesem 
Gedidite dargestellt wird, wie Faust, der Reprasentant des 
hochsten menschlidien Strebens, einen Bund eingeht mit 
den bosen Machten, die ihrerseits wieder in dem Gedidite 
durch Mephistopheles, den Sendling der Holle, reprasen- 
tiert werden. Sie wissen alle, dafi Faust einen Vertrag schlie- 
fien soli mit Mephistopheles, und dafi das Schriftstuck dann 
von Faust mit Blut unterschrieben werden soil. Faust halt 
das zunachst fiir eine Posse; Mephistopheles aber spricht 
den an dieser Stelle von Goethe zweifellos ernst gemeinten 
Satz: «Blut ist ein ganz besonderer Saft». 

Etwas Merkwiirdiges ist bei dieser Stelle des Goetheschen 
Faust den sogenannten Goethe-Kommentatoren passiert. 
Sie wissen ja, dafi iiber Goethes Faust eine so umf angreiche 
Literatur existiert, dafi man ganze Bibliotheken damit fiil- 
len konnte. Natiirlich kann es nicht meine Aufgabe sein, 
mich weiter auszulassen iiber dasjenige, was diese verschie- 
denen Goethe-Erklarer gerade iiber diese Fauststelle sagen; 
aber sie bringen nicht viel anderes zutage als das, wovon 
der Faustkommentar, der einer der letzten ist, von dem 
Universitatsprofessor Minor, ein Beispiel gibt. Er sowie 
andere Kommentatoren behandeln diesen Satz als etwas, 
das von Mephistopheles wie eine Art ironischer Bemerkung 
hingesprochen sein soil, und Minor macht die merkwiirdige, 



in der Tat hochst merkwiirdige Bemerkung - horen Sie 
genau, was er sagt, um vielleidit audi staunen zu konnen, 
auf was alles ein Goethe-Erklarer kommen kann — die 
Bemerkung: «Der Teufel ist der Feind des Blutes», und er 
verweist dabei darauf, dafi das Blut dasjenige sei, was dem 
Menschen eigentlicli das Leben erhoht und erhalt, und dafi 
daher der Teufel, der Feind des menschlichen Geschlechtes, 
auch nur der Feind des Blutes sein konne. Er macht nun mit 
Recht darauf aufmerksam, dafi schon in der altesten Be- 
arbeitung der Faustsage, wie auch in der Sage uberhaupt, 
dieses Blut dieselbe Rolle spielt. 

In einem alten Faustbuche wird uns klar beschrieben, 
wie Faust sich mit einem kleinen Federmesser die linke 
Hand etwas aufzuritzen hat, wie er dann das herausflie- 
fie ide Blut in die Feder nimmt und seinen Namen unter 
den Pakt schreibt, wie dann auf der linken Hand das Blut 
gerinnt und die Worte bildet: «0 Mensch entfliehe.» Dies 
alles ist richtig. Aber nun die Bemerkung, dafi der Teufel 
ein Feind des Blutes sei und die Unterschrift deshalb mit 
Blut fordere, eben weil er ein Feind des Blutes sei. Ich 
mochte Sie fragen, ob jemand sich vorstellen kann, dafi er 
just dasjenige begehre, was ihm unsympathisch- ist. Ver- 
nunftigerweise kann man nur voraussetzen, dafi an dieser 
Stelle Goethe gemeint hat - dafi nicht nur Goethe, sondern 
auch die Hauptsage und die altere Faustdichtung einzig 
und allein das gemeint haben konnen dafi dem Teufel an 
dem Blute etwas Besonderes liegt und dafi es ihm nicht 
einerlei ist, ob er mit gewohnlicher, neutraler Tinte den 
Pakt unterschrieben erhalt oder mit Blut. Man kann hier 
nichts anderes voraussetzen, als dafi der Reprasentant der 
bosen Machte glaubt, ja iiberzeugt ist, dafi er den Faust 
ganz besonders dadurch in der Hand haben werde, dafi er 
sich wenigstens eines Tropfens seines Blutes bemachtigt 



haben wird. Das ist ganz selbstverstandlich und niemand 
kann diese Stelle anders verstehen, als dafi Faust nicht des- 
halb mit Blut unterschreiben soil, weil der Teufel ein Feind 
des Blutes ist, sondern weil er sich des Blutes bemachtigen 
mochte. 

Dem liegt eine merkwiirdige Empfindung zugrunde, die 
Empfindung, dafi derjenige, der sich des Menschen Blutes 
bemachtigt, die Herrschaft iiber den Menschen habe, und 
dafi das Blut deshalb ein ganz besonderer Saft ist, weil es 
sozusagen dasjenige ist, um das eigentlich gekampft werden 
mufi, wenn um den Menschen in bezug auf das Gute und 
auf das Bose gekampft wird. 

Alle diejenigen Dinge, welche aus denSagen undMythen 
des Volkes uns uberkommen sind und sich auf das Men- 
schenleben beziehen, werden in unserer Zeit in bezug auf 
die ganze Anschauung und Auffassung des Menschen einer 
besonderen Umwandlung unterliegen. Dasjenige Zeitalter 
liegt hinter uns, in dem man auf Sagen, Marchen und 
My then so geblickt hat, als ob in ihnen nur kindliche Volks- 
phantasie sich aussprache. Ja, selbst die Zeit liegt hinter uns, 
in der man in einer kindlich gelehrtenhaften Weise davon 
gesprochen hat, dafi in der Sage die dichtende Volksseele zum 
Ausdruck komme. Die dichtende Volksseele ist nichts an- 
deres als ein Erzeugnis des griinen Gelehrtentisches, denn 
es gibt ebenso einen griinen Gelehrtentisch, wie es einen 
griinen Burokratentisch gibt. Wer einen Blick hineingetan 
hat in die Volksseele, der weift sehr gut, dafi es sich im 
Volke nicht um Erdichtungen und dergleichen Dinge han- 
delt, sondern um etwas viel Tieferes, das in seinen Sagen 
und Marchen von wunderbaren Machten und wunderbaren 
Ereignissen zum Ausdruck kommt. 

Wenn wir uns von dem neuen Standpunkte der Geistes- 
forschung aus wieder in die Sagen und My then vertiefen, 



wenn wir jene grofiartigen und gewaltigen Bilder, die uns 
aus der Urzeit uberkommen sind, auf uns wirken lassen, 
nachdem wir mit geisteswissenschaftlichen Forschungs- 
methoden ausgeriistet sind, so erscheinen uns diese Mythen 
und Sagen so, dafi sie uns zum Ausdruck einer tiefsinnigen 
Urweisheit werden. 

Wahr ist es, dafi der Mensdi sich zunachst fragt, wie es 
komme, da wir es doch urspriinglich mit primitiven Volks- 
stufen, primitiven Volksanschauungen zu tun haben, dafi 
der naive Mensdi sich die Weltratsel bildlich veranschau- 
lidien konnte in diesen Sagen und Marchen und daft, wenn 
wir uns heute in diese Sagen und Marchen vertiefen, wir im 
Bilde dasjenige erblicken, was uns die Geistesf orschung heute 
klar enthiillt. Zunachst muft das unsere Verwunderung er- 
regen. Wer sich aber tiefer und defer einlafk in die Art und 
Weise, wie diese Marchen und Mythen zustande gekommen 
sind, dem schwindet jedes Erstaunen, jeder Zweifel und er 
wird nicht nur das, was man naive Anschauung nennt, in 
diesen Sagen und Marchen finden, sondern den weisheits- 
vollen Ausdruck einer uralten, wahren Weisheits-Anschau- 
ung der Welt erkennen. Mehr, viel mehr noch kann man 
lernen, wenn man die Grundlage dieser Mythen und Sagen 
positiv durchforscht, als wenn man die heutige verstandes- 
und erfahrungsmaftige Wissenschafl in sich aufnimmt. Frei- 
lich mufi man mit den Erforschungsmethoden der Geistes- 
wissenschafl ausgeriistet an diese Dinge herangehen. Alles, 
was man in den Sagen und alten Weltanschauungen iiber 
das Blut findet, pflegt von Bedeutung zu sein, weil man in 
diesen uralten Zeiten eine Weisheit hatte, die iiber das Blut, 
iiber jenen besonderen Saft, der das flieftende Menschen- 
leben selbst ist, und iiber seine Bedeutung fiir die Welt 
Bescheid wulke. 

Es soli uns heute nicht beschaftigen, woher in Urzeiten 



jene Weisheit gekommen ist, obwohl der Schlufi des Vor- 
trages audi darauf wird hindeuten miissen. Die eigentlidie 
Betraditung dieses Gegenstandes soli spateren Vortragen 
vorbehalten bleiben. Aber das Blut selbst, in seiner Bedeu- 
tung fiir die Menschheit und den menschlichen Kultur- 
prozeiS, wollen wir uns heute einmal anschauen. Nicht etwa 
eine physiologisdie oder rein naturwissenschaftliche Be- 
traditung soli hier geboten werden, sondern eine Betradi- 
tung aus der geistigen Weltanschauung heraus. Und da 
dringen wir am besten in jedes Ding ein, wenn wir uns zu- 
nachst bewufk werden, welches die Bedeutung eines uralten 
Satzes ist, eines Satzes, der mit der Urkultur des alten 
Agyptens zusammenhangt, wo die Priesterweisheit des Her- 
mes gewaltet hat, eines Satzes, der als Grundsatz aller Gei- 
steswissenschaft gilt, der der hermetische Grundsatz genannt 
worden ist und der heifit: «Es ist oben alles wie unten.» 

Sie konnen manche dilettantische Erklarung dieses Satzes 
finden. Diejenige Erklarung aber, die uns zunachst heute 
hier beschaftigen soil, ist die folgende. Alle Geisteswissen- 
schaft ist sich dariiber klar, daft die "Welt, die dem Menschen 
zunachst durch seine fiinf Sinne zuganglich ist, nicht die 
ganze Welt darstellt, sondern dafi sie nur der Ausdruck ist 
fiir eine tiefere, hinter ihr verborgene Welt, die geistige 
Welt. Diese geistige Welt wird im Sinne dieses hermetischen 
Grundsatzes die obere Welt genannt, und die sinnliche 
Welt, die sich um uns herum ausbreitet, die wir mit unseren 
Sinnen wahrnehmen und mit unserem Verstande erforschen 
konnen, gilt als untere, als der Ausdruck der geistigen Welt. 
So dafi der Geistesforscher in dieser sinnlichen Welt kein 
Letztes sieht, sondern eine Art Physiognomie, die ihm eine 
dahinterliegende seelische und geistige Welt ausdriickt, ge- 
nau so wie man, wenn man das menschliche Antlitz betrach- 
tet, nicht bei den Formen des Gesichtes und der Gesten 



stehenbleiben darf, sondern selbstverstandlich von den 
Gesten und der Physiognomie au£ dasjenige hingefiihrt 
wird, was sich seelisch und geistig in ihnen ausdruckt. 

Dasjenige, was jeder Mensch naiv tut, wenn er einem 
beseelten Wesen gegeniibertritt, das macht der Okkultist 
oder der Geistesforscher der ganzen Welt gegeniiber. «Es ist 
oben alles wie unten» wiirde, auf den Menschen angewandt, 
heifien: Es driicken sich diejenigen Impulse in seinem Ge- 
sichte aus, die in seiner Seele Hegen: in einem harten, rohen 
Antlitz die Roheit der Seele, in einem Lacheln innerlicher 
Frohsinn, in den Tranenperlen die Leiden der Seele. 

Lassen Sie mich an der Frage, was eigentlich Weisheit ist, 
den hermetischen Grundsatz einmal darlegen. Es wurde in 
der Geisteswissenschafl; immer davon gesprochen, dafi die 
Weisheit des Menschen etwas zu tun habe mit der Erfah- 
rung, und zwar mit schmerzlicher Erfahrung. Derjenige, 
der unmittelbar in Schmerz und Leiden darinnensteckt, 
wird innerhalb dieses Schmerzes und Leidens vielleicht etwas 
zeigen, was innerliche Disharmonie ist. Derjenige aber, der 
die Schmerzen und Leiden iiberwunden hat und ihre Frucht 
in sich tragt, wird Ihnen immer wieder nur das sagen, dafi 
er damit etwas von Weisheit aufgenommen hat. Die Freu- 
den und Luste des Lebens, das, was mir das Leben geboten 
hat an Befriedigungen, das nehme ich dankbar hin; aber 
weniger als das alles mochte ich hingeben meine Schmerzen 
und Leiden, die hinter mir liegen: Meinen Schmerzen und 
Leiden verdanke ich die Weisheit. So hat von jeher die 
Geistesforschung in der Weisheit etwas gesehen wie kristal- 
lisierten Schmerz, der iiberwunden ist und sich in sein Ge- 
genteil verwandelt hat. 

Interessant ist es nun, dafi die gegenwartige mehr mate- 
rialistische Forschung in einer eigenartigen Weise gerade 
darauf zuruckgekommen ist. In jungster Zeit ist ein schones 



Buch erschienen liber die Mimik des Denkens, ein Buch, das 
lesenswert ist. Das Buch ist von keinem Theosophen, son- 
dern von einem Natur- und Seelenforscher. Er versucht zu 
zeigen, wie sich das innere Leben des Menschen, seine Art 
und Weise des Vorstellens, zum Ausdrucke bringt in der 
Physiognomie, und auch dieser Forscher macht darauf auf- 
merksam, dafi der Denker immer etwas in seinem Gesichts- 
ausdruck hat, das an absorbierten Schmerz erinnert. 

So sehen Sie, als eine schone Bestatigung eines uralten 
Grundsatzes der Geisteswissenschaft, diesen Grundsatz wie- 
der in der mehr materialistischen Anschauung unserer Zeit 
auftauchen. Das werden Sie noch tiefer und tiefer einsehen, 
und Sie werden finden, wie Zug um Zug dasjenige, was 
uralte Weisheit ist, der heutigen Wissenschaft wiederum 
zuganglich wird. 

Es macht das Wesen der Geistesforschung aus, dafi alles, 
was uns in der Welt umgibt — das mineralische Geriist, die 
Pflanzendecke, die Tierwelt unserer Erde -, als der physio- 
gnomische Ausdruck oder das Untere eines Oberen, eines 
dahinterliegenden geistigen Lebens angesehen wird. Vom 
okkulten oder geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus 
wird dasjenige, was uns in der sinnlichenWeltgegeben wird, 
erst richtig verstanden, wenn man dazu das Obere, das 
geistige Vorbild, die geistigen Urwesen, aus denen das alles 
hervorgegangen ist, kennt. So soil uns heute beschaftigen, 
was hinter der Erscheinung des Blutes verborgen liegt, das- 
jenige, was sich in dem Blute einen physiognomischen Aus- 
druck hier in der Sinnenwelt schuf . Hat man dann diesen 
geistigen Hintergrund des Blutes, dann wird man auch ein- 
sehen, wie eine solche Erkenntnis zuruckwirken mufi auf 
unser ganzes geistiges Kulturleben. 

Grofie Fragen drangen sich in unserer Zeit an den Men- 
schen heran: Fragen der Erziehung nicht nur des jungen 



Mensdien, sondern Fragen der Erziehung ganzer Volker, 
und audi die grofte Erziehungsfrage, die die Zukunft an die 
Menschheit stellen wird. Sie muE jeder erblicken, wenn er 
sein Auge auf die grofien sozialen Umwalzungen unserer 
Zeit richtet, auf die sozialen Forderungen, die uberall auf- 
treten, seien sie verkorpert in der Frauenfrage, in der 
sozialen Frage, in der Friedensfrage und so weiter. Alles 
das tritt vor unsere sorgende Seele. Alle diese Fragen wer- 
den hell und klar, wenn wir das, was als geistige Wesenheit 
hinter dem Blute liegt, kennen. 

Wer wollte leugnen, dafi mit dieser Frage audi die Ras- 
senfrage zusammenhangt, die bezeichnenderweise audi in 
unserer Gegenwart wieder auftritt? Wir verstehen die 
Rassenf rage aber nur, wenn wir das geheimnisvolle Wirken 
des Blutes und der Blutmischung unter den Volkern ver- 
stehen. Endlich hangt auch noch eine Frage damit zusam- 
men, die immer aktueller und aktueller werden wird, je 
mehr man sich aus einem blofi ziellosen Vorgehen in dieser 
Sache herauswindet und durchringen wird zu einem ein- 
heitsvollen Vorgehen auf diesem Gebiete. Die Frage, auf 
die hier hingedeutet wird, 1st die Kolonisationsfrage, jene 
Frage, die auftaucht, wenn Mensdien kultivierter Volker 
mit unkultivierten Volkern zusammenkommen: Inwiefern 
konnen unkultivierte Volker neue Kulturen in sich aufneh- 
men? Wie kann ein Schwarzer, wie kann ein barbarischer 
Wilder kultiviert werden, wie hat man sich ihnen gegen- 
iiber zu benehmen? Da kommen nicht blofi die Gef iihle einer 
schattenhaften Moral in Betracht, sondern grofie, ernste und 
bedeutsame Lebensfragen des Daseins. Derjenige, der nicht 
weifi, unter welchen Bedingungen ein Volk steht, ob in auf- 
oder absteigender Linie der Entwicklung, ob dies oder jenes 
durch sein Blut bedingt ist, der vermag nicht den richtigen 
Weg zu finden, um irgendeine Kultur bei einem anderen 



Volke einzufuhren. Alles das taucht auf, wenn diese bedeu- 
tungsvolle Frage nach dem Blute aufgeworfen wird. 

Was das Blut als solches ist, das kennen Sie ja wohl alle 
aus der landlaufigen Naturwissenschaft. Sie wissen, wenn 
Sie den Menschen und die hoheren Tiere betrachten, dafi 
dieses Blut wirklich das fliefiende Leben ist. Sie wissen, dafi 
durdi das Blut des Menschen Inner es nach aufien geoffnet 
wird, und indem dies geschieht, nimmt der Mensch durch 
das Blut dieLebensluft, den Sauerstoff auf. Das Blut erfahrt 
durch diese Sauerstoffaufnahme eine Erneuerung. Das- 
jenige Blut, welches das menschliche Innere gleichsam dem 
hereinstromenden Sauerstoff anbietet, ist eine Art von Gift- 
stoff fiir den Organismus, eine Art Vernichter und Zer- 
storer. Dieses blaurote Blut wird umgewandelt durch Auf- 
nahme von Sauerstoff, durch eine Art Verbrennungsprozefi, 
in rotes, lebenschaffendes Blut. Dieses Blut, das in alle Teile 
des Korpers dringt, in alien Teilen des Korpers die Ernah- 
rungsstoffe ablagert, hat die Aufgabe, die Stoffe der Aufien- 
welt unmittelbar in sich aufzunehmen und auf dem kiir- 
zesten Wege zur Ernahrung des Wesens zu verwenden. Der 
Mensch und die hoheren Tiere haben notig, erst diese Er- 
nahrungsstoffe in das Blut iiberzufuhren, das Blut zu bilden, 
den Sauerstoff der Luft in das Blut aufzunehmen und den 
Korper durch das Blut aufzubauen und zu erhalten. 

Nicht mit Unrecht hat em geistvoller Seelenkenner ge- 
sagt: Das Blut mit seiner Bewegung ist wie ein zweiter 
Mensch, der sich zu dem anderen aus Knochen, Muskeln 
und Nervenmasse bestehenden Menschen wie eine Art von 
Aufienwelt verhalt. Und in der Tat nimmt der ganze Mensch 
fortwahrend aus dem Blute seine Erhaltungskrafte auf und 
gibt andererseits dasjenige, was er nicht gebraucht hat, an 
das Blut ab. Im Blute ist also ein wirklicher Doppelganger 
des Menschen vorhanden, der ihn fortwahrend begleitet, 



aus dem er fortwahrend seine neuen Krafte schopft und an 
den er dasjenige, was er nicht mehr braucht, abgibt. Mit vol- 
lem Recht hat man daher das Blut das fliefiende Menschen- 
leben genannt und ihm ahnliche Bedeutung beigemessen wie 
dem Zellstoff fiir die niederen Organismen. Was der ZellstofF 
fur den niederen Orgnismus ist, das ist der so vielfach um- 
gewandelte «besondere Saft», das Blut, fiir den Menschen. 

Ein bedeutender Forscher, Ernst Haeckel, hat tief in die 
Werkstatt derNatur hineingeschaut und mit Recht in popu- 
laren Werken darauf aufmerksam gemacht, dafi das Blut 
eigentlich am spatesten im Organismus entsteht. Wenn man 
die Entwicklung des Menschenkeims im Mutterleibe ver- 
folgt, so findet man, daE die Anlagen zum Knochen- und 
Muskelbau langst ausgebildet sind, bevor die Anlage zur 
Blutbildung entsteht. Erst sehr spat werden die Anlagen 
zur Blutbildung - mit ihr das Blutgef afi-System - im Men- 
schen sichtbar; erst sehr spat kommen sie heraus. Daraus 
schlielk die Naturwissenschafl mit Recht, dafi die Blut- 
bildung uberhaupt erst spat in der Weltentwicklung auf- 
getreten ist, dafi sozusagen andere Krafle, die da waren, erst 
bis zur Hohe des Blutes heraufgehoben worden sind, um 
auf dieser Hohe dasjenige zu bewirken, was innerhalb des 
Menschen bewirkt werden soli. Wenn der Mensch als Men- 
schenkeim die f ruheren Stadien der Menschheitsentwicklung 
durchmacht, sie noch einmal wiederholt, dann eignet er sich 
erst dasjenige an, was vor der Blutbildung in der Welt vor- 
handen war, um dann der Evolution in der Umwandlung, 
in der Heraufhebung alles Friiheren zu diesem besonderen 
Saft, dem Blute, die Krone aufzusetzen. 

Wollen wir nun die hinter dem Blute waltenden geheim- 
nisvollen Gesetze des geistigen Universums studieren, dann 
miissen wir uns mit den elementarsten Begriffen der Gei- 
steswissenschaft ein wenig befassen. Schon oft sind diese 



eiementaren Begriffe der Geisteswissenschaft hier ausein- 
andergesetzt worden. Sie werden sehen, dafi diese eiemen- 
taren Begriffe der Geisteswissenschaft das Obere sind, und 
dafi sich uns dieses Obere, wenn wir es kennengelernt haben, 
in den bedeutungsvollen Gesetzen des B lutes, wie in denen 
des iibrigen Lebens, zum Ausdruck bringt wie in einer 
Physiognomic Diejenigen, welche diese eiementaren Ge- 
setze der Geisteswissenschaft langst kennen, gestatten mir 
wohl, dafi ich fiir die, welche zum ersten Male hier sind, 
kurz wiederhole. Dabei werden audi Ihnen solche Gesetze 
immer klarer und klarer werden, wenn Sie sie immer wie- 
der in besonderen neuen Fallen anwenden lernen. Freilich 
fiir diejenigen, die noch nichts wissen von Geisteswissen- 
schaft, die sich noch nicht eingelebt haben in die Lebens- und 
Weltanschauung, um die es sich hier handelt, ist, was ich 
jetzt sagen werde, mehr oder weniger nur eine Zusammen- 
stellung von Worten, unter denen sie sich nichts denken 
konnen. Aber es ist ja nicht immer der Mangel eines hinter 
dem Worte steckenden Begriffes daran schuld, wenn sich 
jemand bei einem "Worte nichts denken kann. Es kann hier 
eineBemerkung, die der geistvolle Lichtenberg gemacht hat, 
etwas verandert angenommen werden: Wenn ein Kopf und 
ein Buch zusammenstofien und es hohl klingt, so mu£ nicht 
immer das Buch daran schuld sein. So ist es auch bei der 
Beurteilung der geisteswissenschaftlichen Wahrheken von 
seiten unserer Zeitgenossen. Wenn diese Wahrheiten den 
Menschen oftmals als blofie Worte an die Ohren klingen 
und sie sich nichts dabei denken konnen, so mufi nicht im- 
mer die Geisteswissenschaft daran schuld sein. Derjenige 
aber, der sich einlebt in diese Dinge, der wird sehen, dafi 
hinter den Bezeichnungen und Hinweisen auf hohere We- 
senheiten auch wirklich solche Wesenheiten stecken, die 
nicht in unserer sinnlichen Welt zu finden sind. 



In der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sehen 
wir, daft der Mensch, insof ern er uns in der Aufienwelt fiir 
unsere Sinne entgegentritt, insofern er Form und Gestalt 
ist, nur einen Teil der mensdilidien Wesenheit ausmacht, 
und dafi sogar hinter dem physischen Leibe viele andere 
Wesenheiten sind. Diesen physischen Leib hat der Mensch 
mit alien um ihn herumliegenden mineralischen, sogenann- 
ten leblosen Dingen gemeinschaftlich. Dariiber hinaus hat 
aber der Mensch den sogenannten Ather- oder Lebensleib. 
Ather wird hier nicht in dem Sinne verstanden, wie die 
physischeWissenschaft es tut. Dieser Ather- oder Lebensleib 
ist ein Prinzip, das fiir den geisteswissenschaftlichen For- 
scher nicht blofi etwas Erdachtes, nicht blojS etwas Aus- 
spekuliertes ist, sondern etwas, das fiir seine geoffneten 
geistigen Sinne ebenso wirklich vorhanden ist wie die aufie- 
ren sinnlichen Farben fiir das sinnliche Auge. Zu sehen, 
wirklich zu sehen ist fiir den hellsehenden Menschen dieser 
Ather- oder Lebensleib. Er ist dasjenige, was die unorgani- 
schen Stoffe zu lebendigem Dasein aufruft, sie heraufholt 
aus der Leblosigkeit, um sie auf zuf adeln an dem Faden des 
Lebens. Glauben Sie nicht, dafi dieser Lebensleib fiir den 
okkulten Forscher nur etwas ist, was er zum Leblosen hin- 
zudenkt. Das versuchen die Naturforscher. Sie versuchen 
das, was sie mit dem Mikroskop und so weiter an den 
Dingen sehen konnen, zu vervollstandigen, sich etwas zu 
erdenken, was sie dann das Lebensprinzip nennen. Auf 
diesem Standpunkt steht die geisteswissenschaftliche For- 
schung nicht, sie hat ein bestimmtes Prinzip. Sie sagt sich 
nicht: Hier stehe ich als Forscher so, wie ich nun einmal 
bin. Was es in der Welt gibt, mufi sich meinem gegenwar- 
tigen Standpunkt fiigen. Was ich nicht erkennen kann, das 
gibt es nicht. - Das ist ungef ahr ebenso gescheit, wie wenn 
ein Blinder sagt, die Farben seien eine phantastische Sache. 



Es hat nicht derjenige iiber eine Sadie zu entscheiden, der 
nichts dariiber weifi, sondern derjenige, welcher etwas dar- 
iiber erlebt hat. Der Mensdi ist in Entwicklung begriffen. 
Daher sagt die Geisteswissenschaft: Wenn du so bleibst, wie 
du bist, so kannst du nichts vom Atherleibe sehen, und 
kannst in der Tat von «Grenzen des Erkennens» und von 
«Ignorabismus» spredien; wirst du aber ein anderer, eignest 
du dir die notigen Fahigkeiten an, um die geistigen Dinge 
wahrzunehmen, so kann nidit von Grenzen der Erkenntnis 
gesprochen werden. Nur so lange gibt es diese, als der 
Mensch seine inneren Sinne nicht geofifnet hat. Daher ist 
audi der Agnostizismus nichts als eine driickende Last fur 
unsere Kultur. Er sagt: Der Mensch ist so und so, und wenn 
er so und so ist, so kann er auch nur dies und das erkennen. 
Darauf ist zu antworten: Wenn er heute so und so ist, so 
mufi er eben anders werden, und dann wird er auch anderes 
erkennen. 

Das zweke Glied des Menschen ist also der Atherleib, 
den der Mensch gemeinschaftlich mit der Pflanzenwelt hat. 

Das dritte Glied ist der sogenannte Astralleib, sehr schon 
und bedeutungsvoll so genannt, und es soil hier auch spater 
noch einmal gezeigt werden, dafi dieser Astralleib mitRecht 
so genannt wird. Theosophen, die fur diesen Namen einen 
anderen wahlen wollten, haben keine Ahnung davon, um 
was es sich hier handelt. Dem Astralleib obliegt es, im Men- 
schen und im Tiere, das Lebendige zur Empfindungssub- 
stanz aufzurufen, so dafi sich innerhalb des Lebendigen 
nicht blofi Safte bewegen, sondern da£ sich darin dasjenige 
ausdruckt, was man Lust und Leid, Freude und Schmerz 
nennt. Damit haben Sie im wesentlichen auch den Unter- 
schied zwischen Pflanze und Tier angedeutet, obwohl es 
Obergange gibt. 

Eine neue naturwissenschaftliche Forschergruppe hat ge- 



glaubt, audi den Pflanzen im direkten Sinne Empfmdung 
zuschreiben zu sollen. Das ist aber nur ein Spiel mit Wor- 
ten. Es ist fur gewisse Pflanzen selbstverstandlich, dafi sie 
Erregungszustande haben, wenn etwas in ihre Nahe kommt, 
wenn etwas auf sie einwirkt. Das ist aber keine Empfin- 
dung. Es mufi im Innern des Geschopfes einBild auftauchen 
als Reflex der Erregung. Wenn auch bei gewissen Pflanzen 
eine Gegenwirkung auf einen aufieren Eindruck geschieht, 
so ist das doch noch kein Beweis daf Ur, dafi die Pflanze auch 
innerlich einen solchen Reiz zu einer Empfindung erhebt, 
dafi sie ihn innerlich erlebt. Dasjenige, was man innerlich 
erlebt, hat seinen Sitz im Astralleibe. So sehen wir also, dafi 
das, was bis zum Tier herauf kam, aus dem physischen Leib, 
dem Ather- oder Lebensleib und dem Astralleib besteht. 

Der Mensch ragt nun iiber das Tier durch etwas ganz 
Besonderes hinaus, und das, wodurch er iiber das Tier hin- 
ausragt, haben sinnige Menschen immer gefiihlt. Es wird 
darauf hingewiesen durch das, was Jean Paul in seiner 
Lebensbeschreibung selbst von sich sagt: er erinnere sich 
ganz genau, wie ihm als kleinesKind imHofe seines Eltern- 
hauses der Gedanke durch die Seele schofi: du bist ja ein 
«Ich», du bist ja eine Wesenheit, die innerlich zu sich Ich 
sagen kann. Das machte auf ihn einen bedeutenden Ein- 
druck. 

Alle sogenannte aufierliche Seelenkunde iibersieht das 
Wichtigste, worauf es in diesem Punkte ankommt. Folgen 
Sie mir fur einige Minuten in eine subtile Betrachtung hin- 
ein, die Ihnen aber zeigen wird, um was es sich handelt. Im 
ganzen Umkreis der deutschen Sprache gibt es ein einziges 
Wortchen, das sich von alien anderen Wortern prinzipiell 
unterscheidet. Von jedem Dinge, das hier in diesem Saale 
ist, kann jeder von Ihnen den Namen dieses Dinges nennen. 
Den Tisch kann jeder Tisch, den Stuhl kann jeder Stuhl 



nennen. Aber ein Wort, einen Namen gibt es, den Sie nicht 
aussprechen konnen aufier fiir das, dem dieser Name zu- 
kommt: das ist das Wortchen «Ich». Niemand kann zu 
einem anderen «Ich» sagen. Das «Idi» mufi heraustonen 
aus der innersten Seele selbst, es ist der Name, den sich nur 
die Seele selbst beilegen kann. Jeder andere ist fiir mich ein 
«Du», und ich selbst bin fiir jeden anderen ein «Du». 

Alle Religionen empf anden dieses Ich als den Ausdruck 
fiir jenes Wesen in der Seele, durch das die Seele in sich 
selbst ihre Grundwesenheit, ihr Gottliches, sprechen zu las- 
sen vermag. Da beginnt dann dasjenige, was niemals durch 
die aufieren Sinne eindringen kann, was niemals in seiner 
Bedeutung von aufien benannt werden kann, sondern aus 
dem Innersten heraus ertonen mufi. Da beginnt jener Mono- 
log, jenes Selbstgesprach der Seele, wodurch das gottliche 
Selbst in der Seele sich ankiindigt, wenn die Bahn frei wird 
fiir das Einziehen des Geistes in die Seele. 

In den alteren Kulturreligionen, noch im alten Hebra- 
ischen, hat man diesen Namen «den unaussprechlichen Na- 
men Gottes» genannt, und was auch die heutige Philologie 
iibersetzen mag, der alte jiidische Gottesname bedeutet 
nichts anderes als das, was heute durch das deutsche Wort 
«Ich» ausgedriickt wird. Bewegung ging durch die Reihen 
der Zuhorer, wenn der Name des «unbekannten Gottes» 
durch den Eingeweihten gesprochen wurde, wenn geahnt 
wurde, was durch dieses Wort ausgedriickt war, wenn das 
«Ich bin der Ich-Bin» im Tempel ertonte. In diesem Wort 
driickt sich das vierte Glied der menschlichen Wesenheit 
aus, das der Mensch im Umkreis seines irdischenDaseins fiir 
sich allein hat. Dieses Ich umschliefit wiederum und bildet 
in sich aus die Keime zu hoheren Stuf en des Menschentums. 
Nur hingewiesen soil darauf werden, was in der mensch- 
lichen Entwicklung durch dieses vierte Glied in Zukunft 



zumDasein gebracht werden wird, hingewiesen soil werden 
darauf, dafi der Mensch aus dem physischen Leib, dem 
Atherleib, dem Astralleib und dem Ich oder dem eigent- 
lichen inneren Leben besteht, und dafi in diesem inneren 
Leben die Keime zu drei weiteren Stufen der Entwicklung 
vorhanden sind, die aus dem Blute erstehen werden, nam- 
lich Manas, Buddhi und Atma, oder mit deutschen Worten: 
Manas = Geistselbst im Gegensatz zum Korperselbst, 
Buddhi = Lebensgeist, Atma = Geistmensch, der eigent- 
lidie, wahre Geistmensch, der heute dem Menschen nur als 
Ideal vorschwebt, der als kleiner Keim im Innern veran- 
lagt ist und in ferner Zukunft seine Vollendung erreichen 
wird. 

So haben wir, wie im Regenbogen sieben Farben, wie in 
der Tonskala sieben Tone, im Reich der Atome sieben Stu- 
fen der Atomgewichte, die siebenstufige Skala des Men- 
schenwesens, die wieder in vier untere und in drei obere 
Stufen zerfallt. 

Nun versuchen wir, uns einmal klar zu werden daniber, 
wie sich dieses Obere, Geistige, einen physiognomischen 
Ausdruck verschafft in dem Unteren, wie es uns vor Augen 
tritt in der Sinneswelt. Nehmen Sie zunachst dasjenige, 
was sich im Menschen zu seinem physischen Leib kristalli- 
siert. Er hat es gemeinschaftlich mit der sogenannten leb- 
losen Natur. Wenn wir geisteswissenschaftlich sprechen von 
diesem physischen Leib, dann sprechen wir gar nicht ein- 
mal von dem, was das Auge sieht, sondern von dem Zu- 
sammenhang von Kraften, die den physischen Leib kon- 
struiert haben, von dem, was als Kraftnatur hinter dem 
physischen Leibe steht. 

Sehen wir uns die Pflanze an als das Wesen, das schon 
den Atherleib hat, welcher die physischen Stoffe heraufholt 
zum Leben, das heifit dasjenige, was sinnliche Materie ist, 



in Lebenssafte verwandelt. Was ist es, das so die sogenann- 
ten leblosen Krafte in die Lebenssafte umgestaltet? Wir 
nennen es den Atherleib, und dieser Atherleib tut dasselbe 
im Tier und dasselbe audi im Menschen; er ruft dasjenige, 
was blofi sinnlidi ist, zu lebendiger Konfiguration, zu leben- 
diger Gestaltung auf . Dieser Atherleib wird wieder durch- 
setzt von dem Astralleib. Und was madit dieser Astralleib? 
Er ruft die bewegte Substanz zum innerlichen Miterleben 
des Kreislauf s der stofflichen Saftebewegung auf, so dafi sich 
die aufiere Bewegung in innerlichen Erlebnissen spiegelt. 

Wir sind damit so weit gekommen, daft wir den Men- 
schen begreifen, insofern er in das Tierreich hineingestellt 
ist. Alle Substanzen, aus denen der Mensch zusammen- 
gesetzt ist, finden Sie audi draufien in der leblosen Natur: 
Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Schwefel, Phosphor und 
so weiter. Soli das, was umgewandelt ist durch den Ather- 
leib in lebendige Substanz, zu innerlichem Erfassen, zur 
Schaffung innerer Spiegelbilder von dem, was aufien vor- 
geht, aufgerufen werden, so mufi der Atherleib von dem, 
was wir Astralleib nennen, durdidrungen werden. Der 
Astralleib ruft die Empfindung hervor. Aber jetzt, auf 
dieser Stufe ruft der Astralkorper die Empfindung in ganz 
besonderer Weise hervor. Der Atherleib wandelt unorga- 
nische Substanz in Lebenssafte um, der Astralleib wandelt 
diese lebendige Substanz in empfindende Substanz um. Aber 
— und das bitte ich besonders zu beachten — was empfindet 
eine Wesenheit, die nur mit diesen drei Leibern ausgestattet 
ist? Sie empfindet nur sich selbst, nur die eigenen Lebens- 
vorgange, sie fuhrt ein in sich abgeschlossenes Leben. Das 
ist eine hochst interessante Tatsache von aufierordentlicher 
Wichtigkeit, wert, festgehalten zu werden. Sehen Sie sich 
einmal ein niederes Tier an. Was hat es ausgebildet? Um- 
gestaltet hat es leblose Substanz in lebendige Substanz^ 



lebendige, beweglidie Substanz in empfindende Substanz. 
Und empfindende Substanz ist nur da, wo wenigstens die 
Anlage zu dem vorhanden ist, was spater im ausgebildeten 
Nervensystem erscheint. So haben wir also leblose Sub- 
stanz, lebendige Substanz und von empfindungsbegabten 
Nerven durchsetzte Substanz. Wenn Sie sich einen Kristall 
ansehen, so haben Sie sich zunachst in dieser Kristallform 
einen Ausdruck gewisser Naturgesetze, die im sogenannten 
leblosen Reich draufien herrschen, vorzustellen. Kein Kri- 
stall konnte zustande kommen ohne die ganze ihn urn- 
gebende Natur. Sie konnen kein Glied aus dem Kosmos 
herausreifien und fiir sich hinstellen, ebensowenig wie Sie 
den Menschen aus seiner ganzen Umgebung herausreifien 
konnen, der, wenn er nur ein paar Meilen iiber die Erde 
erhoben wiirde, sterben miifke. Wie er nur denkbar ist an 
dem Orte, an dem er ist, wo die entsprechenden Krafle sich 
in ihm zusammenfiigen, in ihm leben mussen, so ist es schon 
beim Kristall der Fall, und wer den Kristall richtig an- 
schaut, wird in ihm die ganze Natur, den ganzen Kosmos 
in einem Einzelabdruck sehen. Es ist ganz richtig, was Cuvier 
gesagt hat, dafi ein vollkommener Anatom aus einem Kno- 
chen schliefien kann, was fiir einem Tier derselbe angehort 
hat, weil jedes Tier seine ganz besonderen Knochenformen 
haben mufi. 

So lebt auch in der Form des Kristalls der ganze Kosmos. 
Und ebenso druckt sich in der lebendigen Substanz eines 
Einzelwesens der ganze Kosmos aus. Die bewegten Safte 
eines Wesens sind schon eine kleine Welt, ein Abdruck der 
grofien Welt. Und wenn die Substanz zur Empfindung auf- 
gerufen wird, was lebt dann in den Empfindungen des ein- 
fachsten Wesens? In diesen Empfindungen sind die kos- 
mischen Gesetze gespiegelt, so dafi das einzelne lebendige 
Wesen mikrokosmisch in sich den ganzen Makrokosmos 



empfindet. Das Empfindungsleben eines einfachen Wesens 
ist also em Abdruck des Kosmos, wie der Kristall ein Ab- 
druck seiner Form ist. Mit einem dumpf en Bewufitsein hat 
man es in soldi einfachem Lebewesen zu tun. Aber was 
dieses Bewufksein an grofierer Dumpfheit hat, das ist auf 
der anderen Seite ausgeglichen durch den grofieren Umf ang. 
Der ganze Kosmos leuchtet in dem dumpfen Bewufksein, 
im Innern des Lebenswesens auf. Nun ist aber im Men- 
schen auch nichts anderes vorhanden als eine kompliziertere 
Ausbildung derjenigen drei Leiber, die in dem einfachsten 
empfindenden Lebewesen sich finden. Nehmen Sie den 
Menschen und sehen Sie ab von seinem Blute, nehmen Sie 
ihn als ein Wesen, das geformt ist von der Substanz der es 
umgebenden physischen Welt, das ebenso wie die Pflanze 
Safte in sich enthalt, die es zu lebendiger Substanz aufruft, 
und in die es sich ein Nervensystem eingliedert. Dieses erste 
Nervensystem ist das sogenannte sympathische. Das sym- 
pathische Nervensystem im Menschen dehnt sich zu beiden 
Seiten langs des Riickgrats aus, hat auf jeder Seite eine 
Reihe von Knoten, verzweigt und verastelt sich und schickt 
seine Faden zu den verschiedenen Organen: Lunge, Ver- 
dauungswerkzeuge und so weiter. Es ist durch Seitenstrange 
mit dem Ruckenmark verbunden. 

Zunachst bedeutet dieses sympathische Nervensystem 
das Empfindungsleben, das Ihnen eben geschildert worden 
ist. Der Mensch kann aber mit seinem Bewufitsein nicht 
hinunterreichen zu dem, was durch diese Nerven von den 
Weltvorgangen abgespiegelt wird. Diese Nerven sind Aus- 
drucksmittel. Und so, wie das Menschenleben auf gebaut ist 
aus der umliegenden kosmischen Welt, so spiegelt sich wider 
in dem sympathischen Nervensystem diese kosmische Welt. 
Diese Nerven leben ein dumpf es Innenleben. Konnte der 
Mensch untertauchen in dieses sympathische Nervensystem, 



so wurde er, wenn er sein oberes Nervensystem einschla- 
ferte, wie in einem Lichtleben die groften Gesetze des Kos- 
mos walten und wirken sehen. Es gab beim Menschen der 
Vorzeit ein heute iiberwundenes Hellsehen, welches man 
erkennen kann, wenn durch besondere Vorgange die Tatig- 
keit des hoheren Nervensystems ausgeschaltet und dadurch 
das untere Bewufksein freigemacht wird. Dann lebt der 
Mensdi in dem Nervensystem, das zum Spiegel fiir die 
Welt um ihn herum wird, in einer eigenartigen Weise. Ge- 
wisse niedere Tiere haben sich diese Stufe des Bewulkseins 
allerdings erhalten und bewahren sie noch heute. Es ist also 
ein dumpfes, dammerhaftes Bewufksein, aber es ist wesent- 
lichumfassender als das gegenwartigeMenschenbewufitsein. 
Es spiegelt als dumpfes Innenleben eine weiterreichende 
Welt, nicht blofi den kleinen Ausschnitt, den der heutige 
Mensch wahrnimmt. 

Fiir den Menschen tritt aber etwas anderes ein. Hat im 
Laufe der Entwicklung bis zum sympathischen Nerven- 
system der Kosmos ein Spiegelbild gefunden, so offnet sich 
auf dieser Stufe der Entwicklung das Wesen wieder nach 
aufien: dem sympathischen System gliedertsich dasRiicken- 
mark ein. Das Riickenmark- und Gehirnsystem fiihrt dann 
hin zu den Organen, die mit der Aufienwelt die Verbindung 
herstellen. Wenn im Menschen die Bildung so weit ist, dann 
ist er nicht mehr beruf en, blofi die urspriinglichen Bildungs- 
gesetze des Kosmos in sich spiegeln zu lassen, sondern es 
tritt das Spiegelbild selbst in ein Verhaltnis zur Umgebung. 
Wenn das sympathische Nervensystem sich zusammen- 
gegliedert hat mit den hoheren Teilen des Nervensystems, 
so ist dies ein Ausdruck der vor sich gegangenen Umwand- 
lung des Astralleibes. Dieser lebt dann nicht mehr blofi das 
kosmische Leben im dumpfen Bewufitsein mit, sondern er 
fiigt sein besonderes Innenleben zu diesem hinzu. Durch 



das sympathische Nervensystem empfindet ein Wesen, was 
aufier ihm vorgeht, durch das hohere Nervensystem das- 
jenige, was in ihm vorgeht. Und durch die hochste Form des 
Nervensy stems, die gegenwartig in der allgemeinenMensch- 
heitsentwicklung zum Vorschein kommt, wird aus dem 
hoher gegliederten Astralleib wieder das Material entnom- 
men, um Bilder der Aufienwelt, Vorstellungen, zu schafTen. 
Der Mensch hat also die Fahigkeit verloren, die urspriing- 
lichen dumpf en Bilder der Aufien welt zu erleben; er empfin- 
det sein Innenleben und baut sich aus diesem seinem Innen- 
leben auf hoherer Stufe eine neue Bilderwelt auf, die ihm 
zwar ein kleineres Stuck der Aufienwelt spiegelt, aber in 
hellerer, vollkommenerer Art. 

Mit dieser Umwandlung geht, auf hoherer Stufe der 
Entwicklung, eine andere Hand in Hand. Es dehnt sich die 
Umgestaltung des Astralleibes bis auf den Atherleib aus. 
Ebenso wie der Atherleib in seiner Umgestaltung den Astral- 
leib hervorruft, wie zum sympathischen Nervensystem das 
Riickenmark- und Gehirnsystem hinzukommen, so bewirkt 
dasjenige, was von dem Atherleibe nach Aufnahme der 
niederen Saftezirkulation herausgewachsen und f rei gewor- 
den ist, die Umsetzung der niederen Safte in das, was wir 
Blut nennen. Das Blut ist ebenso ein Ausdruck des indi- 
vidualisierten Atherleibes wie das Gehirn und Riickenmark 
ein Ausdruck des individualisierten Astralleibes. Und durch 
diese Individualisierung kommt das zustande, was sich in 
dem «Ich» auslebt. 

Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus den Menschen 
in seiner Entwicklung so weit verfolgt haben, so sehen wir, 
dafi wir zunachst eine fiinfgliedrige Kette haben, die sich 
uns wie folgt zusammenschliefit: erstens der physische Leib, 
zweitens der Atherleib, drittens der Astralleib, oder erstens 
die unorganischen, neutralen, physischen Krafte, zweitens 



die Lebenssafte, die sidi audi in der Pflanze finden, drittens 
das niedere oder sympathische Nervensystem, viertens der 
von dem niederen astralen Leibe herausgehobene hohere 
Astralleib, der im Ruckenmark und Gehirn seinen Aus- 
druck findet, fiinftens dasjenige Prinzip, das den Atherleib 
individualisiert. 

So wie diese zwei Prinzipien individualisiert worden 
sind, so wird audi fiir den Mensdien das erste Prinzip indi- 
vidualisiert, durch welches die leblosen Stoffe von aufien 
eindringen und den menschlichen Korper aufbauen. Diese 
Umwandlung ist beim heutigen Menschen erst in der ersten 
Anlage vorhanden. 

Wir sehen, wie die aufieren formlosen Stoffe einfliefien in 
den menschlichen Leib, wie der Atherleib diese Stoffe zu 
lebendigen Gebilden auf rufl: und wie dann durch den Astral- 
leib Bilder der Aufienwelt geformt werden; wie weiter 
dieser Reflex der Aufienwelt sich zu inneren Erlebnissen 
entfaltet und dann dieses Innenleben aus sich selbst wieder 
Bilder der Aufienwelt erzeugt. 

Greifl nun die Umwandlung auf den Atherleib iiber, so 
entsteht das Blut. Das Blutgefafi-System mit dem Herzen 
ist ein Ausdruck des umgewandelten Atherleibes, wie das 
Ruckenmark- und Gehirnsystem ein solcher des umgewan- 
delten Astralleibes. Wie durch das Gehirn die Aufienwelt 
verinnerlicht wird, so wird durch das Blut diese Innenwelt 
in dem Leib des Menschen zu einem aufieren Ausdrucke 
umgeschaffen. Ich mufi im Gleichnisse sprechen, wenn ich 
die hier in Betracht kommenden komplizierten Vorgange 
darstellen will. Das Blut nimmt die durch das Gehirn ver- 
innerlichten Bilder der Aufienwelt auf, gestaitet sie zu 
lebendigen Bildungskraften um und bildet durch sie den 
jetzigen Menschenleib aus. Das Blut ist so der Stoff, der den 
menschlichen Leib auf erbaut. Es stellt sich hier ein Vorgang 



uns vor Augen, durch den das Blut das Hochste aufnimmt, 
was es der Umwelt entnehmen kann, den SauerstoflF, nam- 
lich dasjenige, was das Blut stets wieder erneuert, mit neuem 
Leben versorgt. Dadurch wird das Blut veranlafk, sich der 
Aufienwelt zu offnen. Damit haben wir den Weg verfolgt 
von der Aufienwelt zur Innenwelt und wieder zurUck vom 
Innern zum Xuftern. Nun ist ein Zweif aches moglich. Wir 
sehen, dafi die Entstehung des Blutes da liegt, wo der 
Mensch als selbstandiges Wesen der Aufienwelt entgegen- 
tritt, wo er aus den Empfindungen, zu denen dieAufienwelt 
geworden ist, selbstandig wiederum Gestalten und Bilder 
schafft, wo er schopferisch wird, wo also das Ich, der Eigen- 
wille aufleben kann. Kein Wesen, in dem dieser Vorgang 
noch nicht stattgefunden hat, konnte aus sich selbst heraus 
Ich sagen. Im Blute liegt das Prinzip fur die Ich-Werdung. 
Ein Ich kann nur da zum Ausdrucke kommen, wo ein Wesen 
die Bilder, die es von der Aufienwelt erzeugt, in sich selbst 
zu gestalten vermag. Ein Ich- Wesen mufi fahig sein, die 
Aufienwelt in sich aufzunehmen und innerhalb seiner selbst 
wieder zu erzeugen. Hatte der Mensch blofi Gehirn, so 
konnte er nur Bilder der Aufienwelt in sich erzeugen und in 
sich erleben; er wiirde dann zu sich nur sagen konnen: Die 
Aufienwelt ist in mir als Spiegelbild noch einmal wieder- 
holt; kann er aber diese Wieder holung der Auftenwelt zu 
einer neuen Gestalt aufbauen, dann ist diese Gestalt nicht 
mehr blofi die Au£enwelt: sie ist «Ich». Ein Wesen mit 
blofiem sympathischen Nervensystem spiegelt die Aufien- 
welt, es empfindet also diese Aufienwelt noch nicht als sich, 
noch nicht als Innenleben. Ein Wesen mit Ruckenmark und 
Gehirn empfindet die Spiegelung als Innenleben. Ein Wesen 
aber mit Blut erlebt als seine eigene Gestalt sein Innenleben. 
Durch das Blut wird mit Hilfe des Sauerstoffes der Aufien- 
welt nach den Bildern des Innenlebens der eigene Leib ge- 



staltet. Diese Gestaltung kommt als Ich-Wahrnehmung zum 
Ausdruck. Nadi zwei Seiten weist das Ich, und das Blut ist 
der aufiere Ausdruck dieser Hinweisung. Nadi innen ge- 
riditet ist der Blick des Ich, nach aufien gerichtet ist der 
Wille des Ich. Nach innen sind die Krafte des Blutes gerich- 
tet, sie bauen das Innere auf; nach aufien sind sie gerichtet 
zum Sauerstoff der aufieren Welt hin. Daher geht der 
Mensch, wenn er in Schlaf f allt, im Unbewufltsein unter, er 
geht unter in dasjenige, was das Bewufitsein im Blute er- 
Ieben kann. Wenn der Mensch aber sem Auge der Auften- 
welt offnet, dann nimmt das Blut die durch Gehirn und 
Sinne erzeugten Bilder in seine Gestaltungskrafte auf. Das 
Blut steht so in der Mitte zwischen der inneren Bilderwelt 
und der lebendigen Gestaltenwelt des AuiSeren. Diese Rolle 
wird uns klar werden, wenn wir zwei Erscheinungen be- 
trachten. Die eine Erscheinung ist die Abstammung, die 
Verwandtschaft der bewufiten Wesen, die andere Erschei- 
nung ist dieErfahrung der Welt der aufieren Erlebnisse. Die 
Abstammung stellt uns dahin, wo wir, wie man es gewohn- 
lich nennt, durch das Blut stehen. Der Mensch wird heraus- 
geboren aus einem Zusammenhang, einer Rasse, einem 
Stamme, aus seiner Vorfahrenreihe, und dasjenige, was 
aus seinen Vorfahren sich auf ihn vererbt, frndet 
seinen Ausdruck im Blute. Im Blut wird gleichsam zu- 
sammengefafk, was sich aus der materiellen Vergangen- 
heit des Menschen herausgebildet hat. Es wird aber im 
Blute audi vorgebildet, was sich fiir die Zukunfl des 
Menschen vorbereitet. 

Wenn der Mensch daher sein hoheres Bewulksein herab- 
dampft, wenn er in der Hypnose, im Somnambulismus oder 
im atavistischen Hellsehen ist, dann taucht er unter in ein 
viel tieferes Bewulksein und nimmt die grofien Weltgesetze 
wahr, in einer traumartigen Form, nur viel klarer und heller 



als in den hellsten Traumen des gewohnlichen Schlaf es. Der 
Mensch hat dann die Tatigkeit des Gehirns, und bei tief- 
stem Somnambulismus audi diejenige des Riickenmarkes 
unterdriickt; er erlebt die Tatigkeit seines sympathischen 
Nervensystems, das heifit in einer dumpfen, dammerhaften 
Form das Leben im ganzen Kosmos. In einem solchen Falle 
bringt dann das Blut nicht mehr die Bilder des Innenlebens 
zum Ausdruck, die durdi das Gehirn vermittelt sind, son- 
dern dasjenige, was die Aufienwelt in ihn hineingebaut hat. 
Nun aber haben an ihm gebaut die Krafte seiner Vorfahren. 
Wie er die Form seiner Nase von einem Vorfahren hat, so 
die Form seines ganzen Leibes. Er empfmdet so bei ge- 
dampftem Bewufitsein seine Vorfahren in sich, wie er die 
durch die Sinne erzeugten Bilder der Aufienwelt bei wadiem 
BewuCtsein empfindet. Das heifit: seine Vorfahren rumoren 
in seinem Blute. Er lebt dann nodi das Leben seiner Vor- 
fahren dumpf mit. 

Alles in der Welt ist in Entwicklung begriflen, audi das 
menschliche Bewufitsein. Die Bewufitseinsart, welche der 
Mensdi jetzt hat, war ihm nicht immer eigen. Wenn wir in 
der Zeit zuriickgehen zu unseren fernen Vorfahren, so fin- 
den wir eine andere Bewufitseinsart. Gegenwartig nimmt 
der Mensch in seinem wachen Tagesleben durch seine Sinne 
die aufieren Dinge wahr und bildet sie zu Vorstellungen 
um. Diese Vorstellungen der Aufienwelt wirken auf sein 
Blut. Es lebt daher und arbeitet in seinem Blute alles das, 
was er durch die aufieren Erlebnisse der Sinne empfangen 
hat. Das Gedachtnis ist nun mit diesen Erlebnissen, mit den 
Erfahrungen der Sinne erfiillt. Dagegen bleibt diesem heu- 
tigen Menschen unbewufit, was sich in seinem leiblichen 
Innenleben durch die Vererbung von seinen Vorfahren her 
vererbt hat. Er weifi nichts von den Formen seiner inneren 
Organe. So war es nicht in der Vorzeit. Da lebte im Blute 



nicht nur, was die Sinne von aufien empfangen hatten, son- 
dern audi dasjenige, was in der Leibesgestalt vorhanden 
ist. Und weil diese Leibesgestalt ererbt ist von den Vor- 
fahren, so empfand der Mensch in sich das Leben der Vor- 
f ahren. Denkt man sich ein soldies Bewufitseinsleben gestei- 
gert, so erhalt man eine Vorstellung davon, wie es sich audi 
in einem entsprechenden Gedachtnisse zum Ausdruck bringt. 
Ein Mensch, der nur erlebt, was er durch seine Sinne wahr- 
nimmt, der erinnert sich audi nur an das, was er durch die 
auftere Sinneserfahrung erlebt hat. Er kann nur ein Be- 
wuiksein von dem haben, was er seit seiner Kindheit auf 
diese Art erf ahren hat. Anders war es beim Menschen 
der Vorzeit. Der erlebte, was in ihm war, und da dieses 
«Innere» ein Ergebnis der Vererbung ist, erlebte er in sei- 
nen Vorstellungen die Erlebnisse seiner Vorfahren mit. Er 
erinnerte sich nicht nur an seine Kindheit, sondern auch an 
die Erlebnisse seiner Vorfahren. Dieses Leben seiner Vor- 
fahren war in den Bildern, die sein Blut empfing, mit ge- 
genwartig. So unglaublich es f iir die heutige materialistische 
Vorstellungsart auch ist: es ist doch wahr, dafi es einmal ein 
Bewufitsein gegeben hat, durch das die Menschen nicht nur 
ihre Sinneswahrnehmungen als ihre eigenen Erlebnisse be- 
trachteten, sondern auch die Erlebnisse ihrer Vorfahren. 
Damals sagten sie: «Ich habe es erlebt» nicht nur zu dem, 
was ihre eigene Person erlebt hat, sondern auch zu dem, 
was die Vorfahren erf ahren hatten; sie erinnerten sich des- 
sen. Zwar war diese f riihere Bewufitseinsf orm des Menschen 
gegeniiber dem gegenwartigen wachen TagesbewuEtsein 
dammerhaft, mehr wie ein lebhaft gesteigertes Traumen, 
aber sie war dafiir umfassender. Sie dehnte sich iiber die 
Erfahrung der Vorfahren aus. Der Sohn fiihlte sich mit 
Vater, Grofivater in einem Ich verbunden, weil er deren 
Erlebnisse als seine eigenen miterlebte. 



Weil der Mensch dieses Bewufksein hatte, weil er nidit 
blofi in seiner personlichen Welt lebte, sondern weil in sei- 
nem Innern das Bewuifksein seiner vorhergehenden Gene- 
ration auf lebte, deshalb bezeichnete er audi nicht blofi seine 
Person mit einem Namen, sondern eine ganze Generatio- 
nenreihe. Der Sohn, der Enkel und so weiter bezeichneten 
das Gemeinsame, das durch sie alle hindurchging, mit einem 
Namen. Der Mensch ipfand sich als ein Glied der ganzen 
Generationsreihe. Das war eine wirkliche und wahre Emp- 
findung. Und wodurch wurde diese Bewufitseinsform in 
eine andere verwandelt? Sie wurde es durch ein Ereignis, 
das die geheimwissenschaftliche Gescbicbte gut kennt. Wenn 
Sie in der Gescbichte zuriickgehen, dann tritt f ur alle Volker 
des Erdkreises ein Moment auf, der Ihnen ganz genau bei 
jedem einzelnen Volke bezeichnet werden kann. Das ist der 
Moment, wo das Volk in einen neuen Kulturzustand ein- 
tritt, in dem es aufhort, alte Traditionen zu haben, wo es 
aufhort, Urweisheit zu besitzen, jene Weisheit, die durch 
das Blut der Generationen hindurchgerollt ist. Die Volker 
haben ein Bewufitsein davon, und dieses Bewulksein finden 
wir ausgedriickt in den alten Sagen der Volker. Die Stamme 
blieben namlich in friiherer Zeit in sich abgeschlossen, die 
einzelnen Mitglieder der Familien heirateten untereinan- 
der. Das finden Sie urspriinglich bei alien Rassen und Vol- 
kern. Und ein wichtiger Moment fiir die Menschbeit ist der, 
als dieses Prinzip durchbrochen wird, sich fremdes Blut mit 
fremdem Blute mischt, wo die Nah-Ehe in die Fern-Ehe 
iibergeht. Die Nah-Ehe bewahrt das Blut der Generationen, 
sie lafk dasselbe Blut durch die einzelnen Glieder rinnen, 
das seit Generationen den Stamm, die Nation durchflofi. 
Die Fern-Ehe giefit neues Blut dem Menschen ein, und diese 
Durchbrechung des Stammesprinzipes, diese Mischung des 
Blutes, die bei alien Volkern sich findet und friiher oder 



spater auf tritt, bedeutet die Geburt des aufieren Verstandes, 
die Geburt des Intellektes. 

Das ist eben das Wichtige, dafi in alten Zeiten eine Art 
dammerhaffcen Hellsehens vorhanden war und dafi My then 
und Sagen aus diesem hellseherischen Vermogen heraus ent- 
standen sind, welches sich in dem verwandtschafllichen 
Blute ausleben kann wie in dem vermischten Blute das ge- 
genwartige Bewufttsein. Mit dem Eintritt der Fern-Ehe 
f allt audi die Geburt des logischen Denkens, die Geburt des 
Intellektes zusammen. So uberraschend das ist, so wahr ist 
es. Es ist eine Erkenntnis, die immer mehr und mehr durch 
die aufiere Forschung bestatigt werden wird. Die Anfange 
sind schon gemacht. Die Blutmischung, die mit der Fern- 
Ehe eintritt, ist zu gleicher Zeit dasjenige, was das Hell- 
sehen von friiher zunachst ausloscht, um die Menschheit zu 
einer hoheren Entwicklungsstufe hmaufzuheben. Wie der, 
welcher eine okkulte Entwicklung durchmacht, dieses Hell- 
sehen wieder heraufhebt und es zu einer neuen Form um- 
wandelt, so hat sich umgekehrt das gegenwartige wache 
Tagesbewufitsein aus einem alten dammerhaften Hellsehen 
heraus entwickelt. 

Gegenwartig driickt sich die ganze Umwelt, der der 
Mensch sich hingibt, im Blute aus, und diese Umwelt formt 
das Innere daher nach dem Aufieren. Beim Urmenschen 
driickte sich mehr das leibliche Innere im Blute aus. In den 
Urzeiten vererbten sich mit der Erinnerung an die Erleb- 
nisse der Vorfahren auch deren Neigungen zu diesem oder 
jenem Guten und Bosen. In dem Blute des Nachkommen 
waren die Wirkungen der Neigungen der Vorfahren zu 
spiiren. Als dann das Blut durch die Fern-Ehe gemischt 
wurde, da wurde auch dieser Zusammenhang mit den Vor- 
fahren durchschnitten. Der Mensch ging iiber zum person- 
lichen Eigenleben. Er lernte sich in seinen sittlichen Nei- 



gungen nach dem zu ricliten, was er im personlichen Leben 
erfahren hat. So driickt sich in einem ungemisditen Blute 
die Macht des Vorfahrenlebens aus, in dem gemisditen die 
Maciit der eigenen Erlebnisse. Davon erzahlen die Sagen 
und Mythen der Volker. Sie sagen uns: Was Macht hat auf 
dein Blut, das hat Macht iiber dich. Die Macht der Volker- 
traditionen horte auf, als sie nicht mehr wirken konnte auf 
das Blut, als dessen Aufnahmefahigkeit fiir solche Vor- 
fahrenmacht erlischt durch die Beimischung des fremden 
Blutes. Und dieser Satz gilt im weitesten Umfange. Welche 
Macht auch immer sich eines Menschen bemachtigen will, 
sie mull so auf ihn wirken, dafi sich diese Wirkung im Blute 
ausdriickt. Will also eine bose Macht Einflufi gewinnen auf 
den Menschen, dann mufi sie Herrschaft haben iiber sein 
Blut. Das ist der tiefe und geistvolle Zug des erwahnten 
Wortes aus Faust. Daher sagt der Reprasentant des bosen 
Prinzipes: Schreibe mir deinen Namen mit Blut unter den 
Pakt, Habe ich deinen Namen mit demem Blute geschrie- 
ben, dann habe ich dich bei demjenigen erfafit, wodurch 
der Mensch iiberhaupt erfafit werden kann, ich habe dich 
zu mir heriibergezogen. Wem das Blut gehort, dem gehort 
auch der Mensch oder des Menschen Ich. 

Wenn zwei Menschengruppen aufeinanderstofien, wie 
dies bei der Kolonisation der Fall zu sein pflegt, dann wird 
derjenige, welcher die Evolution kennt, sagen konnen, ob 
eine fremde Kultur aufgenommen werden kann oder nicht. 
Nehmen Sie ein Volk, das herausgewachsen ist aus seiner 
Umgebung, in dessen Blut sich seine Umgebung hinein- 
gebildet hat, und versuchen Sie, ihm eine fremde Kultur 
aufzupfropfen. Es ist unmoglich. Das ist auch der Grund, 
warum gewisse Ureinwohner zugrunde gehen mufiten, als 
die Kolonisten in bestimmte Gegenden kamen. Von diesem 
Gesichtspunkte aus wird man diese Frage beurteilen mils- 



sen, und dann wird man audi nicht mehr glauben, dafi man 
jedes jedem aufpfropfen kann. Dem Blute darf nur das- 
jenige zugemutet werden, was es nodi vertragen kann. 

Die Entdeckung der neueren Wissenschaft, dafi, wenn 
man Blut eines Tieres mit dem eines ihm nicht verwandten 
vermischt, das eine Blut das andere totet, ist eine alte 
okkulte Erkenntnis. Mischen Sie Menschenblut mit dem 
Blut niederer Affen, so tritt Vernichtung ein, weil sie zu 
weit voneinander abliegen. Mischen Sie Mensdienblut und 
das Blut hoherer Aflen, so to ten sie sich nicht. So wie die 
Mischung des Blutes von Tiergattungen, wenn sie zu ent- 
fernt sind, den wirklichen Tod hervorbringt, so totete es 
das alte Hellsehen des niederen Menschen, als sein Blut mit 
dem Blute des nicht stammverwandten vermischt wurde. 
Das ganze heutige Geistesleben ist nichts anderes als das Er- 
gebnis der Blutmischung, und man wird in nicht zu ferner 
Zeit audi den Einflufi der Blutmischung studieren und im 
Menschenleben zuruckverfolgen konnen, wenn man von 
diesem Gesichtspunkte aus wieder die Forschung betreibt. 
Also: Blut zu Blut von in der Entwicklung sich fernstehen- 
den Tiergattungen totet; Blut zu Blut von verwandten Tier- 
gattungen totet nicht. Der physische Organismus des Men- 
schen wird erhalten, auch wenn fremdes Blut zu fremdem 
Blute kommt, aber die hellseherische Kraft stirbt unter dem 
Einflufi der Blutmischung oder der Fern-Ehe. 

Der Mensch ist so gestaltet, dafi, wenn sich Blut und Blut 
mischt und diese Blutmischung nicht von einer Seite her- 
kommt, die in der Entwicklung zu weit absteht, der In- 
tellekt geboren wird. Dadurch wird die ursprunglich aus 
dem Animalischen kommende Hellseherkraft vernichtet und 
ein neues Bewulksein in der Entwicklung geboren. 

Es ist also bei der menschlichen Entwicklung auf hoherer 
Stufe etwas Ahnliches vorhanden wie auf niederer Stufe in 



der Tierwelt. In der Tierwelt totet f remdes Blut das f remde 
Blut. In der Menschenwelt totet das fremde Blut dasjenige, 
was mit dem Verwandtenblut verbunden ist: das dumpfe, 
dammerhafte Hellsehen. Das wache Tagesbewuiksein des 
Menschen der Gegenwart ist also ein Ergebnis eines Totungs- 
prozesses. Es ist im Laufe der Entwicklung das Geistesleben 
der Nah-Ehe getotet worden, aber es ist audi dafiir aus der 
Fern-Ehe das Neue, der Intellekt, das wache Tagesbewufit- 
sein geboren worden. 

Was also im Blute des Menschen leben kann, das lebt in 
seinem Ich. Wie der physische Leib der Ausdruck ist fur das 
physische Prinzip, der Atherleib fur die Lebenssafte und 
ihre Systeme, der Astralleib fiir das Nervensystem, so ist 
das Blut der Ausdruck fiir das Ich. Physisches Prinzip, 
Atherleib, Astralleib sind das Obere, Biutzustand und Ich 
sind das Mittlere und physischer Leib, Lebenssystem, Ner- 
vensystem sind das Untere. Was sich deshalb eines Men- 
schen bemachtigen will, das mufi sich seines Blutes be- 
machtigen. Das mufi berucksichtigt werden, wenn man im 
praktischen Leben vorwartskommen will. Man kann zum 
Beispiel ein fremdes Volk in seiner Eigenart toten, wenn 
man kolonisierend seinem Blute zumutet, was dieses Blut 
merit ertragen kann. Denn im Blute driickt sich das Ich aus. 
Erst dann haben Schonheit und Wahrheit den Menschen, 
wenn sie sein Blut haben. Mephistopheles bemachtigt sich 
des Blutes des Faust, weil er dessen Ich haben will. Der 
Satz, der das Leitmotiv dieses Vortrags bildet, ist daher aus 
der Tiefe der Erkenntnis heraus genommen. Ja, Blut ist ein 
ganz besonderer Saft. 



DER URSPRUNG DES LEIDES 
Berlin, 8. November 1906 



Mehr nodi als die anderen Vortrage des Winterzyklus 
hangen die drei nachsten zusammen: der heutige «Ober den 
Ursprung des Leids», der nachste «Ober den Ursprung des 
B6sen» und der folgende «Wie begreift man Krankheit und 
Tod?», dodi wird jeder von diesen drei Vortragen audi in 
sidi selbst abgeschlossen und verstandlich sein. 

Wenn der Mensch das Leben rings um sich her betrachtet, 
wenn er Selbstschau halt und den Sinn und die Bedeutung des 
Lebens bei sich selbst erforschen will, dann findet er einen 
eigenturnlichen, zum Teil warnenden, zum Teil ganz ratsel- 
vollen Wachter vor dem Tore dieses Lebens stehen : das Leid. 

Das Leiden, das seinerseits wiederum eng verbunden ist 
mit dem, was wir in den nachsten Vortragen betrachten 
wollen, mit dem Bosen, mit Krankheit und Tod, erscheint 
dem Menschen manchmal als etwas, was so tief ins Leben 
eingreift, dafi es mit den allerhochsten Fragen des Lebens 
zusammenzuhangen scheint. Daher ist die Frage nach dem 
Leide eine der wesentlichsten aller Weltanschauungen seit 
den altesten Zeiten des Menschengeschlechts, und immer, 
wenn man versuchte, den Wert des Lebens abzuschatzen, 
den Sinn des Lebens zu erkennen, hat man vor alien Dingen 
erkennen wollen, welche Rolle das Leid, der Schmerz im 
menschlichen Leben spielt. 

Wie ein Storenfried erscheint das Leid mitten im froh- 
lichen Leben, es erscheint als eine Herabminderung von 
Lebenlust und Lebenshoffnung. Gerade diejenigen, welche 



den Wert des Lebens in der Lebensfreudigkeit suchen, welche 
nur fiir die Lebensfreudigkeit da zu sein scheinen, haben 
diesen Storenfried, Leid und Schmerz, am meisten emp- 
funden. Wie ware es sonst erklarbar, dafi bei einem so 
lebensfrohen, so in Lebensfreudigkeit aufgehenden Volke,, 
wie es die Griechen waren, ein Ausspruch wie ein dunkler 
Punkt am Sternenhimmel der Schonheit des Griechentums 
auftaucht, der Ausspruch des weisen Silen im Gefolge des 
Dionysos: Was ist fiir den Menschen das Beste? Das Beste 
fiir den Menschen ist, nicht geboren zu sein, und ist er einmal 
geboren, so ist das Zweitbeste, bald nach der Geburt zu 
sterben. - Vielleicht wissen Sie, dafi Friedrich Nietzsche > als 
er die Geburt der Tragodie aus dem Geiste des alten Grie- 
chentums zu begreifen suchte, an diesen Spruch anknupfte, 
um zu zeigen, wie auf dem Grunde griechischer Lebensweis- 
heit und griechischer Kunst das Leid und die Betriibnis des 
Menschen iiber das Leid und iiber das, was damit zusam- 
menhangt, eine bedeutungsvolle Rolle spielt. 

Nun aber finden wir auch einen anderen und kaum viel 
jiingeren Satz aus dem Griechentum, einen kurzen Aus- 
spruch, der uns zu gleicher Zeit zeigt, wie in einer gewissen 
Art wiederum aus diesem alten Griechentum heraus eine 
Erkenntnis auf dammert, dafi das Leiden und die Schmerzen 
der Welt doch nicht blofi eine verhangnisvolle Rolle spielen. 
Es ist der Ausspruch, den wir bei einem der altesten grie- 
chischen Tragiker, bei Aschylos finden, dafi aus Leiden Er- 
kenntnis erwachst. Da werden zwei Dinge zusammenge- 
bracht, von denen zweifellos ein grower Teil der Menschheit 
das eine aus dem Leben hinweggeloscht haben mochte, wah- 
rend er das andere, die Erkenntnis, als eines der hochsten 
Giiter des Lebens betrachtet. 

Dafi das Leben und das Leid, wenigstens das Leben der 
heutigen Menschen und der hoheren Wesen auf unserem 



Erdenrund, tief verflochten sind, hat man von jeher geglaubt 
einsehen zu mussen. So stehen nidit nur am Ausgangspunkt 
des biblisclien Schopfungsmythos Erkenntnis des Guten 
und Bosen und Leid innig miteinander verbunden, sondern 
wir sehen audi auf der anderen Seite, mitten aus der 
Anschauung des Alten Testaments heraus, wie aus einer 
schwarzen Anschauung des Leidens auch eine helle, licht- 
volle aufdammert. Wenn wir uns im Alten Testament um- 
sehen, wenn wir den Schopfungsmythos in bezug auf diese 
Frage verf olgen, so wird uns klar, daft man innerhalb dieser 
alten Weltanschauung Leiden und Siinde zusammenbrachte, 
daft man Leid als die Folge der Siinde ansah. Heute, bei der 
Denkweise, die selbst da, wo man nicht recht will, sich der 
materialistischen Weltauff assung nahert, begreift man nicht 
m hr leicht, wie man in der Siinde die Ursache des Leidens 
suchen kann. Aber wenn wir Geistesforscher sind und uns 
in f riihere Zeitalter hineindenken lernen, dann werden wir 
sehen, daft es nicht ganz so unsinnig ist, an einen solchen 
Zusammenhang zu glauben, und der nachste Vortrag wird 
uns zeigen, daft es eine Moglichkeit gibt, einen Zusammen- 
hang zwischen dem Bosen und dem Leid zu sehen. Das Leid 
aber aus seinen Ursachen zu erklaren, stellte sich fur die 
Anschauung des alten Judentums als eine Unmoglichkeit 
heraus. So sehen wir, daft mitten in dieser Anschauung, die 
Leid und Siinde in Zusammenhang bringt, die merkwiir- 
dige Gestalt des Hiob steht, jene Gestalt, die uns zeigt oder 
zeigen will, wie Leiden und unsagliche Schmerzen mit einem 
vollkommen unschuldigen Leben zusammenhangen konnen, 
wie es unverdiente Leiden und Schmerzen geben kann. In 
dem Bewufttsein dieser eigenartig tragischen Personlichkeit 
Hiob sehen wir noch einen anderen Zusammenhang von 
Leid und Schmerz aufdammern, einen Zusammenhang mit 
der Veredlung des Menschen. Das Leid erscheint uns da als 



eine Priifung, als Wurzel eines Aufwartsklimmens, einer 
Hoherentwicklung. So braudit dieses Leiden im Sinne dieser 
Hiob-Tragik keineswegs semen Ursprung im Bosen zu 
haben, sondern kann selbst erster Ursprung sein, so dafi 
das, was aus ihm hervorgeht, eine vollkommenere Phase 
mensdilichen Daseins, menschlichen Lebens darstellt. Das 
alles liegt unserem heutigen, modernen Denken ziemlich 
fern, und die breitere Masse unseres heutigen gebildeten 
Publikums kann sich nidit mehr in eine solche Denkweise 
hineinfinden. Sie brauchen aber nur in Ihrem Leben etwas 
zuriickzudenken und Sie werden sehen, dafi Vollkommen- 
heit und Leid gar oft audi vor Ihren Augen zusammen- 
gestellt erschien, und dafi es in der Menschheit immer ein 
Bewufitsein gegeben hat von dem Zusammenhang zwischen 
Leiden und Vollkommenheit. Dieses Bewufitsein wird uns 
hinuberheben zu dem, was wir heute im Sinne der Geistes- 
forschung zu betrachten haben werden, namlich den Zu- 
sammenhang zwischen Leiden und Geistigkeit. 

Erinnern Sie sich, wie oft in diesem oder jenem Trauer- 
spiel der tragische Held vor Ihren Augen gestanden hat. 
Durch Leiden und leidensvolle Kampfe hindurch fiihrt der 
Dichter immer wieder und wiederum den Helden; und 
wenn er dann bis zu dem Punkte kommt, wo der Schmerz 
sich aufs hochste steigert und in dem Ende des physischen 
Korpers seinen Abschlufi findet, dann lebt in der Seele des 
Zuschauers nicht blofi Mitleid mit dem tragischen Helden, 
nicht blofi die Betriibnis daruber, dafi solche Leiden, wie sie 
sich eben abgespielt haben, moglich sind, sondern es stellt 
sich heraus, dafi der Mensch vom Anblick des Leidens ge- 
hoben und erbaut wurde, dafi er das Leid hat untergehen 
sehen im Tode und aus dem Tode heraus sich die Gewiftheit 
ergeben hat, dafi es einen Sieg gibt iiber Schmerzen und 
Leiden, ja selbst iiber den Tod. Durch nichts kann kiinst- 



lerisch dieser hochste Sieg des Menschen, dieser Sieg seiner 
innersten Kraffce und Triebe, dieser Sieg des edelsten Trie- 
bes seiner Natur so erhaben vor Augen gefiihrt werden als 
durch das Trauerspiel. Wenn dem Bewufitsein dieses Sieges 
das Erlebnis von Leiden und Schmerzen vorhergegangen 
ist und wir von solchen Tatsachen, die sich vor den Augen 
des Zuschauers im Theater immer wieder abspielen konnen, 
auf schauen zu dem, was ein grofier Teil der heutigen Mensch- 
heit noch immer als das Hochste aller geschichtlichen Ent- 
wicklung empfmdet, wenn wir auf schauen zu dem Ereignis, 
das unsere Zeitrechmmg in zwei Teile teilt, zu dem Ereig- 
nisse der Erlosung durch den Christus Jesus, dann kann es 
uns auf fallen, dafi eine der grofiten Erhebungen, eine der 
grofiten Erbauungen und Siegeshoffnungen, die jemals im 
Herzen der Menschen Platz gegriffen haben, aus dem welt- 
geschichtlichen Anblick des Leides entsprossen ist. Die gro- 
fien, bedeutsamen und tief in das Menschenherz einschnei- 
denden Empfindungen der christlichen Weltanschauung, 
jene Empfindungen, die fur so viele Menschen Lebenshoff- 
nung und Lebenskraft sind, die Gewifiheit geben, dafi es 
ein Ewiges, dafi es einen Sieg iiber den Tod gibt, alle diese 
erbauenden und erhebenden Empfindungen entspringen aus 
der Anschauung eines universellen Leidens, eines Leidens, 
das die Unschuld trifft, eines Leidens, das durch keine Siinde 
der eigenen Personlichkeit herbeigefuhrt worden ist. 

So sehen wir audi hier ein Hochstes im Bewufitsein der 
Menschheit sich an das Leid anknupfen. Und wenn wir so 
sehen, wie diese Dinge im kleineren und im grofieren immer 
wieder in der Menschheit auftauchen, wie sie geradezu den 
elementaren Teil der ganzen menschlichen Natur und des 
ganzen menschlichen Bewufitseins bilden, dann mufi es uns 
doch scheinen, als ob das Leiden irgendwie mit dem Hoch- 
sten im Menschen zusammenhange. 



Nur ein Hinweis sollte das sein auf eine Grundempfin- 
dung der menschlichen Seele, die sich immer und Immer 
wieder losringt, und die gleichsam wie ein grofier Trost 
dasteht dafiir, dafi es Leiden gibt. Wenn wir uns nun noch 
feiner und intimer in das Menschenleben einleben, so kon- 
nen sich uns audi Erscheinungen vor die Seele stellen, die uns 
auf die Bedeutung des Leidens hinweisen. Wir werden hier 
symptornatisdi auf eine soldieErscheinung hinweisen mussen, 
die vielleicht kaum damit zusammenzuhangen scheint, wenn 
wir uns jedoch intimer auf die menschliche Natur einlassen, 
werden wir sehen, dafi audi diese Erscheinung auf die 
Bedeutung gewisser Seiten des Leides hinweisen wird. 

Denken Sie noch einmal an das tragische Kunstwerk, das 
Trauerspiel, das nur entstehen kann, wenn sich des Dichters 
Seele weit, weit offnet, aus sich herausgeht und lernt, frem- 
des Leid mitzuempfinden, fremdes Leid auf die eigene Seele 
abzulagern. Und nun vergleichen Sie diese Empfindung 
nicht etwa blofi mit dem Lustspiele - da werden wir keinen 
guten Vergleich herausbekommen -, sondern mit etwas, 
was in gewisser Weise auch zur. Kunst gehort: mit der 
Stimmung, aus der die Karikatur fliefk, die vielleicht mit 
Spott und Hohn dasjenige im Zerrbilde zeigt, was in der 
Seele des anderen vorgeht und in die auftere Wirksamkeit 
tritt, Versuchen wir es, uns zwei Menschen vor die Seele 
hinzustellen, von denen der eine ein Ereignis oder einen 
Menschen tragisch ergreift, der andere als Karikatur er- 
f afit. Nicht ein blo£er Vergleich, nicht ein blofies Bild ist es, 
wenn wir sagen, die Seele des tragischen Dichters und 
Kiinstlers erscheint uns, wie wenn sie aus sich herausginge 
und weiter und weiter wiirde. Was aber eroffnet sich ihr 
durch dieses Weiterwerden? Das Verstandnis des anderen 
Menschen. Durch nichts versteht man das Leben des an- 
deren mehr, als wenn man seinen Schmerz auf die eigene 



Seek abiagern lafit. Was mufi man aber tun, wenn man 
karikieren will? Man darf nicht eingehen auf das, was die 
andere Seele fiihlt, man mufi sich iiber sie stellen, sie von 
sich weisen, und dieses Vonsichweisen ist die Grundlage des 
Zerrbildes. Niemand wird leugnen, dafi, ebenso wie uns 
durch das tragische Mitleid die andere Personlichkeit tief 
verstandlich wird, durch die Karikatur dasjenige vor uns 
auftritt, was in der Seele der eigenen Personlichkeit des 
Karikierenden lebt. Viel mehr lernen wir die Uberlegen- 
heit, den Witz, das Anschauungsvermogen, die Phantasie 
des Karikierenden kennen als den, der karikiert wird. 

Haben wir so aus gewissen Symptomen heraus anschau- 
lich gemacht, dafi das Leid docb mit etwas Tiefem in der 
Menschennatur zusammenhangt, so diirf en wir hoff en, dafi 
durch ein Begreifen des eigentlichen Wesens der Menschen- 
natur uns audi Schmerz und Leid in ihrem Ursprung klar 
werden konnen. 

Die Geisteswissenschaft, die wir hier zu vertreten haben, 
geht davon aus, dafi alles Dasein urn uns herum seinen 
Ursprung aus dem Geiste genommen hat. Eine mehr mate- 
rialistische Anschauung sieht den Geist nur da, wo er wie 
eine Krone der sinnlichen Schopfung erscheint, wie eine 
Bliite, die sich aus der Wurzel des materiellen Daseins her- 
aushebt. Diese letztere Anschauung sieht rings um sich das 
materielle Dasein, die physische Korperwelt sich herauf- 
organisieren innerhalb der lebenden Wesen, sie sieht das 
Bewufitsein, die Empflndung entspringen, sieht Lust und 
Leid innerhalb des Lebens hervorgehen und den Geist aus 
der Korperlichkeit heraus sich erheben. 

Wenn wir so das Leben rings um uns betrachten, so ist 
auch fur die wahre Geistesforschung der Geist, wie er uns 
in der sinnlichen Welt entgegentritt, zunachst ein Ergebnis 
der physischen Natur, aus welcher er herausspriefit. 



In den zwei letzten Vortragen wurde dargestellt, wie wir 
uns im Sinne der. Geistesforsdhiung den ganzen Menschen, 
den physischen oder leiblichen, den seelischen und den 
geistigen Menschen vorzustellen haben. Das, was wir mit 
Augen sehen, mit den Sinnen aufierlich wahrnehmen kon- 
nen, das, was der Materialismus als das einzige Wesen 
der Natur betrachtet, ist der Geistesforschung nichts an- 
deres als das erste Glied der menschlichen Wesenheit: der 
physische Leib. Wir wissen, dafi dieser in bezug auf seine 
StofFe und Gesetze dem Menschen mit der ganzen ubrigen 
leblosen Welt gemeinsam ist. Wir wissen aber audi, daft 
dieser physische Korper aufgerufen wird zum Leben durch 
das, was wir den sogenannten Ather- oder Lebensleib 
nennen; und wir wissen dies, weil fur die geistige Forschung 
dieser Lebensleib nicht eine Spekulation, sondern eineWirk- 
lichkeit ist, die erschaut werden kann, wenn der Mensch die 
hoheren Sinne, die in ihm schlummern, in sich eroffnet hat. 
Wir betrachten den zweiten Teil der menschlichen Wesen- 
heit, den Atherleib, als etwas, was der Mensch gemein- 
schaftlich hat mit der ubrigen Pflanzenwelt. Als das dritte 
Glied der menschlichen Wesenheit betrachten wir den Astral- 
leib, den Trager von Lust und Unlust, von Begierde und 
Leidenschaft, den der Mensch mit der Tierheit gemeinsam 
hat. Und dann sehen wir, dafi des Menschen Selbstbewufit- 
sein, die MogKchkeit, zu sich «Ich» zu sagen, die Krone der 
Menschennatur ist, die er mit keinem anderen Wesen ge- 
meinsam hat; da£ dieses Ich als die Bliite der drei Leiber, 
des physischen, Ather- und Astralleibes hervorgeht. So 
sehen wir einen Zusammenhang dieser vier Glieder, auf 
welchen die Geistesforschung immer hingewiesen hat. Die 
pythagoraische Vierheit ist nichts anderesals diese Vierheit: 
physischer Leib, Atherleib, Astralleib und Ich. Diejenigen, 
die sich tief er mit Theosophie beschaftigt haben, wissen, dafi 



dieses Ich aus sich selber herausarbeitet, was wir das Geist- 
selbst oder Manas, den Lebensgeist oder Buddhi und den 
eigentlichen Geistmenschen oder Atma nennen. 

Das sei nodi einmal vor Sie hingestellt, damit wir uns in 
richtiger Weise orientieren konnen. Dem Geistesforscher 
erscheint also der Mensch als ein viergliedriges Wesen. Nun 
kommt der Punkt, wo sich die wahre Geistesforschung, die 
mit den Augen des Geistes hinter die Wesenheiten sieht, 
die eindringt in die tiefen Griinde des Daseins, tief unter- 
scheidet von einer rein aufierlichen Betrachtungsweise der 
Dinge. Zwar sagen wir audi, so wie der Mensch jetzt vor 
uns steht, miissen chemische und physikalische Gesetze die 
Grundlage des Leibes, des Lebens, die Grundlage der Emp- 
hndung, des Bewufttseins, die Grundlage des Selbstbewufit- 
seins werden. Wenn wir aber geisteswissenschaftlich auf das 
Wesen eingehen, stellt sich uns die Sache gerade umgekehrt 
dar. Was sich uns im Sinne der Erscheinung als das Letzte 
darstellt, das Bewufitsein, das sich heraushebt aus dem 
physischen Leib, das erscheint uns als das urspriinglich 
Schopferische. Auf dem Grunde von allem erblicken wir 
den bewufken Geist, und deshalb erkennt der Geistesfor- 
scher, wie unsinnig die Frage ist: woher kommt der Geist? 
Das kann nie die Frage sein; es kann lediglich gefragt wer- 
den: woher kommt die Materie? Die Materia aber ist fur 
die Geistesforschung aus dem Geiste entsprungen, ist nichts 
als verdiditeter Geist. 

Ein Gleichnis: Denken Sie sich ein Gefaft mit Wasser. 
Dieses Wasser denken Sie sich in einem seiner Teile ab- 
gekiihlt, bis es zu Eis erstarrt. Was ist nun das Eis? Eis ist 
Wasser, Wasser in anderer Form, in festem Zustande. So 
sieht der Geistesforscher audi die Materie an. Wie das Was- 
ser sich zum Eis verhalt, so verhalt sich der Geist zur Ma- 
terie. Wie das Eis nichts anderes ist als ein Ergebnis des 



Wassers, so ist die Materie nichts anderes als ein Ergebnis 
des Geistes, und wie Eis wieder zu Wasser werden kann, so 
kann der Geist wieder seinen Ursprung nehmen aus der 
Materie, kann wieder aus der Materie hervorgehen oder 
umgekehrt, die Materie kann sich wieder in Geist auflosen. 

So sehen wir einen ewigen Kreislauf des Geistes. Wir 
sehen den Geist, der das ganze Universum durchflutet, wir 
sehen aus ihm heraus die materiellen Wesenheiten ent- 
stehen, die sick verdichten, und wir sehen wieder auf der 
anderen Seite Wesenheiten, die das Feste wieder verfluch- 
tigen. In allem, was uns heute als Materielles umgibt, ist 
etwas, in das der Geist hineingeflossen und darin erstarrt 
ist. So sehen wir in jeglichem materiellen Wesen erstarrten 
Geist. So wie wir dem Eise nur die notige Warme zuzu- 
fiihren brauchen, um wieder Wasser entstehen zu lassen, so 
brauchen wir den Wesen um uns herum nur den notigen 
Geist zuzufuhren, um in ihnen den Geist erstehen zu lassen. 
Wir sprechen von einer Wiedergeburt des Geistes, der in die 
Materie hineingeflossen und darin erstarrt ist. So erscheint 
uns auch der astralische Leib - der Trager von Lust und 
Unlust, Begierde und Leidenschafl: - nicht als etwas, was 
aus dem physischen Dasein hervorgehen konnte, sondern 
als dasselbe Element, das in uns auf lebt als bewufiter Geist, 
wie das, was uns erscheint als das die ganze Welt durch- 
flutende Element, welches - durch einen Prozefi des mensch- 
lichen Lebens - wieder aus der Materie erlost wird. Das, 
was als Letztes erscheint, ist zu gieicher Zeit das Erste. Es 
hat den physischen Leib und ebenso den Atherleib hervor- 
gebracht und erscheint, wenn beide in ihrer Entwicklung 
auf einer gewissen Hohe angelangt sind, aus ihnen heraus 
aufs neue geboren. 

So sieht die Geistesforschung die Dinge an. Nun erschei- 
nen uns diese drei Glieder - Worte sollen uns nur zur Kla- 



rung dienen - unter drei bestimmten Namen am allerbesten. 
Die Materie nehmen wir wahr in gewisser Form, sie er- 
sdieint uns in der AuEenwelt in bestimmter Weise. Wir 
spredien von der Form, von der Gestalt der Materie und 
von dem Leben, das in der Gestalt erscheint, und endlich 
von dem Bewufitsein, das innerhalb des Lebens erscheint. 
So spredien wir, wie von den drei Stufen: physischer Leib, 
Atherleib und Astralleib, audi von den drei Stufen: Form, 
Leben und Bewufksein. In dem Bewufksein entspringt erst 
das Selbstbewulksein. Das soli uns indessen heute nicht 
beschaftigen, mehr das nachste Mai. 

Seit jeher und audi besonders in unserer Zeit hat man viel 
dariiber nachgedacht, was das Leben eigentlich bedeutet, was 
der Ursprung und der Sinn des Lebens sei. Wenige Anhalts- 
punkte hat die heutige Naturwissenschaft iiber die Bedeu- 
tung des Lebens und iiber sein Wesen erkunden konnen. Aber 
eines hat sich diese neue Naturwissenschaft schon seit lan- 
gerer Zeit zu eigen gemacht, was audi die Geistesforschung 
immer wieder als ihre Oberzeugung und ihre Erkenntnis 
ausgesprochen hat, namlich: Leben innerhalb der physi- 
schen Welt unterscheidet sich stofflich von dem sogenannten 
Nichtleben, dem Leblosen, im Grunde nur durch die Mannig- 
f altigkeit und Kompliziertheit der Gestaltung. Nur dakann 
das Leben wohnen, wo eine viel kompliziertere Gestaltung 
der Stoffe eintritt, als sie im Gebiete des Leblosen vorhan- 
den ist. Sie wissen vielleicht, dafi das Leben zu seiner Grund- 
substanz etwas hat, was man als eiweifiartige Substanz be- 
zeichnen konnte, fiir die der Ausdruck «lebendiges Eiwei£» 
nicht unangebracht ware. Dieses lebendige Eiwei£ unter- 
scheidet sich vom toten leblosen Eiweifi ganz betrachtlich 
durch eine Eigenschafl. Lebendiges Eiweifi zerf allt namlich 
sogleich, wenn es vom Leben verlassen ist. Totes EiweiiS, zum 
Beispiel das vom toten Hiihnerei, konnen Sie nicht langere 



Zeit in dem Zustande erhalten, in dem es ist. Das ist uber- 
haupt die Eigenart der lebendigen Substanz, daft in dem 
Augenblick, wo das Leben von ihr gewichen ist, sie ihre 
Teile nicht mehr zusammenhalten kann. Wenn wir uns audi 
heute nicht weiter auf das Wesen des Lebens einlassen kon- 
nen, so kann uns doch schon eine Erscheinung hinweisen 
auf etwas, was tief mit dem Leben zusammenhangt und es 
charakterisiert. Und was ist nun dieses Charakteristisdie? 
Es ist eben diese Eigenschaft der lebendigen Substanz, daft 
sie zerfallt, wenn das Leben aus ihr gewichen ist. Denken 
Sie sich eine Substanz vom Leben entbloftt: sie zerfallt; 
denken Sie sich eine stoffliche Mannigfaltigkeit, die nicht 
von Leben durchdrungen ist: sie hat die Eigenschaft, zu 
zerfallen. Was tut nun das Leben? Es stellt sich immer und 
immer wieder dem Zerfall entgegen; also das Leben erhalt. 
Das ist das Verjiingende des Lebens, daft es sich dem, was in 
seiner Materie vorgehen wiirde, immer wieder widersetzt. 
Leben in der Substanz heiftt: Widerstand gegen den Zerfall. 
Vergleichen Sie den aufteren Vorgang des Todes mit dem 
Leben, und es wird Ihnen klar sein, daft das Leben alles das 
nicht zeigt, was den Vorgang des Todes, das In-sich-selbst- 
Zerfallen, charakterisiert, sondern daft es vielmehr die 
Substanz immer wieder vor dem Zerfall errettet, sich ihr em 
Zerfall entgegenstellt. So ist das Leben, indem es die in sich 
selbst zerfallende Substanz wieder erneuert, die Grundlage 
des physischen Daseins und des Bewufttseins. 

Nicht eine blofte Worterklarung haben wir damit ge- 
geben. Eine Worterklarung ware es, wenn sich das, was sie 
bedeutet, nicht fortwahrend zutragen wiirde. Sie brauchen 
aber nur eine lebendige Substanz zu betrachten, so werden 
Sie finden, daft sie fortwahrend von aufien Stoff auf nimmt, 
sich ihn einverleibt, indes Teile von ihr vernichtet werden: 
ein Prozeft, durch den das Leben fortwahrend der Ver- 



nichtung entgegenarbeitet. Wir haben es also mit einer 
Wirkliclikeit zu tun. 

Alte Materie absondern und neue wieder bilden, das ist 
Leben.Leben ist aber nodi nicht Empfindung und nodi nicht 
Bewulksein. Es ist eine kindliche Vorstellungsart man- 
cher Wissenschaftler, die sie den Begriff der Empfindung so 
wenig richtig f assen lafit, dafi sie der Pflanze, der wir Leben 
zuschreiben miissen, audi Empfindung beimessen. Wenn 
man das sagt, weil manche Pflanzen Blatter und Bliiten auf 
einen aufieren Reiz hin schliefien, wie wenn sie diesen Reiz 
empfinden wiirden, so konnte man audi sagen, das blaue 
Lackmuspapier, das durch aufieren Reiz gerotet wird, habe 
Empfindung. Audi chemischen Substanzen konnten wir 
dann Empfindung zuschreiben, weil sie auf gewisse Ein- 
fliisse reagieren. Das geniigt aber nicht. Soli Empfindung 
konstatiert werden, so mufi sich der Reiz im Innern spie- 
geln. Erst dann konnen wir von dem ersten Element des 
Bewufitseins, von der Empfindung sprechen. Und was ist 
dieses erste Element des Bewufitseins? Wenn wir uns in der 
Welterforschung auf die nachsthohere Stufe erheben und 
das Wesen des Bewufttseins zu erfassen suchen, so werden 
wir es zwar nicht gleich erkennen, aber es doch ein wenig 
in der Seele leuchten spiiren, ebenso wie wir audi das Wesen 
des Lebens ein wenig erklaren konnten. Wo Leben ist, kann 
allein Bewulksein entstehen, nur aus dem Leben heraus 
kann Bewulksein entspringen. Entspringt das Leben aus 
der scheinbar leblosen Materie, indem die Zusammenset- 
zung der Materie so kompliziert wird, dafi sie sich selbst 
nicht erhalten kann und vom Leben ergriffen werden mufi, 
um ihren Zerfall fortwahrend zu verhindern, so erscheint 
uns das Bewufitsein innerhalb des Lebens als etwas Hohe- 
res. Da, wo das Leben fortwahrend als Leben vernichtet 
wird, wo fortwahrend ein Wesen hart an der Grenze 



zwischen Leben und Tod steht, wo fortwahrend das Leben 
wieder aus der lebendigen Substanz zu verschwinden droht, 
da entsteht das Bewufitsein. Und wie zuerst die Substanz 
zer fallen ist, wenn das Leben sie nicht bewohnte, so scheint 
uns jetzt das Leben zu zerfallen, wenn nicht als neues Prin- 
zip das Bewufitsein hinzutrate. Das Bewufitsein kann nicht 
anders begrififen werden als indem wir sagen: so wie das 
Leben dazu da ist, gewisse Vorgange zu erneuern, deren 
Fehlen den Zerfall der Materie herbeifuhren wiirde, so ist 
das Bewufitsein dazu da, das Leben, das sich sonst auf losen 
wiirde, immer wieder zu erneuern. 

Nicht jedes Leben kann sich auf diese Weise innerlich 
immerfort erneuern. Es mufi auf einer hoheren Stufe an- 
gekommen sein, wenn es sich aus sich selbst erneuern soil. 
Nur dasjenige Leben kann zum Bewufksein erwachen, wel- 
ches in sich selbst so stark ist, dafi es fortwahrend den Tod 
in sich vertragt. Oder gibt es ein solches Leben nicht, das in 
jedem Augenblick den Tod in sich selbst hat? Sie brauchen 
nur das Menschenleben anzusehen und sich zu erinnern an 
das, was im letzten Vortrage unter dem Titel «Blut ist ein 
ganz besonderer Saft» gesagt worden ist. Aus dem Blute 
erneuert sich fortwahrend das menschliche Leben, und ein 
geistvoller deutscher Seelenkundiger hat gesagt, im Blute 
hat der Mensch einen Doppelganger, aus dem er fortwah- 
rend Kraft zieht. Aber auch eine andere Kraft hat das Blut 
noch: es erzeugt fortwahrend aus sich selbst den Tod. Wenn 
das Blut die lebenerweckenden StofFe an die Korperorgane 
abgesetzt hat, dann fiihrt es die lebenzerstorenden Krafte 
wieder herauf zum Herzen und in die Lungen. Was in die 
Lungen zuriickfliefit, ist fur das Leben Gift, ist das, was das 
Leben fortwahrend ersterben macht. 

Wenn ein Wesen dem Zerfall entgegenarbeitet, dann ist 
es ein lebendiges Wesen. Ist es imstande, in sich selbst den 



Tod erstehen zu lassen und diesen Tod fortwahrend zum 
Leben umzuwandeln, dann entsteht Bewuiksein. Das Be- 
wufitsein ist die starkste von alien Kraften, die uns ent- 
gegentreten. Bewufitsein oder bewufker Geist ist diejenige 
Kraft, welche ewig aus dem Tode, der inmitten des Lebens 
erzeugt werden mu$, das Leben wieder erstehen laik. Leben 
ist ein Prozeft, der es zu tun hat mit einer AuEenwelt und 
einer Innenwelt; Bewulksein aber ist ein ProzeiS, der es 
nur mit einer Innenwelt zu tun hat. Eine Substanz, die 
nach aufien hin sterben kann, kann nicht bewufk werden. 
Bewulk kann nur eine solche Substanz sein, die in ihrem 
eigenen Mittelpunkt den Tod erzeugt und iiberwindet. So 
ist der Tod - wie ein deutscher geistvoller Theosoph gesagt 
hat — nicht nur die Wurzel des Lebens, sondern audi die 
Wurzel des Bewufitseins. 

Wenn wir diesen Zusammenhang begrifTen haben, dann 
brauchen wir nur mit offenen Augen die Erscheinungen 
anzusehen, und der Schmerz wird uns begreiflich erschei- 
nen. Alles das, womit das Bewufitsein beginnt, ist urspriing- 
lich Schmerz. Wenn das Leben sich nach aufien ofTnet, wenn 
einer lebendigen Wesenheit Licht, Luft, Hitze, Kalte ent- 
gegentreten, dann wirken diese aufSeren Elemente zunachst 
auf das lebendige Wesen. Solange diese Elemente aber nur 
auf dieses lebendige Wesen wirken, solange sie von diesem 
lebendigen Wesen aufgenommen werden, wie sie von der 
Pflanze als Trager von inneren Lebensvorgangen aufge- 
nommen werden, solange entsteht kein Bewufksein. Be- 
wufttsein entsteht erst dann, wenn diese au£eren Elemente 
in Widerspruch treten mit dem inneren Leben, wenn eine 
Zerstorung stattfindet. Aus der Zer stoning des Lebens mufi 
das Bewufksein erflieften. Ohne teilweisen Tod wird ein 
Lichtstrahl in ein lebendiges Wesen nicht eindringen kon- 
nen, wird in dem lebendigen Wesen nie der Vorgang an- 



geregt werden konnen, aus dem das Bewuiksein entspringt. 
Wenn aber das Lidit in die Oberflache des Lebens eindringt, 
dann eine teilweise Verwustung anrichtet, die inneren StofFe 
und Krafte niederreifit, dann entsteht jener geheimnisvolle 
Vorgang, der sich iiberall in der AuBenwelt in ganz be- 
stimmter Weise abspielt. Stellen Sie sich vor: Die intelli- 
genten Krafte der Welt waren zu einer Hohe emporgestie- 
gen, dafi das aufiere Licht und die aufiere Luft ihnen f remd 
geworden waren. Nur eine Zeitlang blieben sie mit ihnen 
in Einklang, dann vervollkommneten sie sich selbst, wo- 
durch ein Widerspruch entstand. Konnten Sie mit den 
Augen des Geistes diesen Vorgang verfolgen, so konnten 
Sie sehen, wie da, wo sich in einfache Wesen ein Lichtstrahl 
eindrangt, die Haut etwas umgestaltet wird und ein win- 
ziges Auge entsteht. Was ist es nun, was da in der Materie 
zuerst aufdammert? In was driickt sich diese feine Zer- 
storung aus, denn eine Zerstorung ist es, was dabei vor sich 
geht? Es ist der Schmerz, der nichts als ein Ausdruck fur 
diese Zerstorung ist. Uberall, wo das Leben der aufieren 
Natur entgegentritt, flndet Zerstorung statt, die, wenn sie 
grofier wird, selbst den Tod hervorbringt. Aus dem Schmerz 
wird das Bewulksein geboren. Derselbe Prozefi, der Ihr 
Auge geschafTen hat, ware ein Zerstorungsprozefi gewor- 
den, wenn er an dem Wesen, das sich in dem menschlichen 
Wesen herauf entwickelt hat, iiberhand genommen hatte. So 
hat er aber nur einen kleinen Teil ergriffen, wodurch er aus 
der Zerstorung, aus dem partiellen Tod heraus jene Spiege- 
lung der AuEenwelt schafFen konnte, die man das Bewufit- 
sein nennt. Das Bewufksein innerhalb der Materie wird 
also aus dem Leide, aus dem Schmerz geboren. 

Wenn wir diesen Zusammenhang zwischen Leid und 
Schmerz und dem bewufiten Geist, der uns umgibt, einsehen, 
dann verstehen wir wohl auch ein Wort eines christlichen 



Eingeweihten, der solche Dinge griindlich intuitiv wufke 
und auf dem Grunde von allem bewufiten Leben den 
Schmerz sah, das Wort: «In aller Natur seufzet jede Krea- 
tur in Schmerzen, erwartungsvoll, die Gotteskindschaft zu 
erlangen.» Das finden Sie im 8.Kapitel des Paulus, als eine 
wunderbare Auspragung dieser Grundlage des Bewulkseins 
im Schmerz. So kann man es audi verstehen, wie bedeu- 
tende, sinnige Menschen dem Sdbmerze eine so grofie, um- 
f assende Rolle zugeschrieben haben. Nur ein Beispiel mochte 
ich hier anfiihren. Ein grofier deutscher Philosoph sagt, 
wenn man die ganze Natur um sich herum ansieht, so er- 
scheint einem iiberall auf ihrem Antlitz der Schmerz, das 
Leid ausgedriickt, ja, wenn man die hoheren Tiere ansieht, 
so zeigen sie dem tiefer Blickenden einen leidensvollen 
Ausdruck. Und wer wollte nicht zugeben, dafi manche Tier- 
physiognomie aussieht wie der Ausdruck eines tief verhal- 
tenen Schmerzes? Wenn wir die Sache so ansehen, wie wir 
das eben angedeutet haben, dann sehen wir die Entstehung 
des Bewufitseins aus dem Schmerze, so dafi das Wesen, das 
aus der Zerstorung heraus Bewufitsein bildet, aus dem Ver- 
fall des Lebens heraus ein Hoheres erstehen lafit, aus dem 
Tode heraus fortwahrend sich selbst erschafft. Wenn das 
Lebendige nicht leiden konnte, niemals konnte das Bewufit- 
sein entstehen. Wenn der Tod nicht in der Welt ware, nie- 
mals konnte in der sichtbaren Welt der Geist existieren. 
Das ist die Starke des Geistes, da$ er die Zerstorung in 
etwas noch Hoheres, als das Leben ist, umschafft und so 
mitten im Leben ein Hoheres, ein Bewufitsein bildet. Im- 
mer weiter und weiter sehen wir dann die verschiedenen 
Schmerzerlebnisse zu den Organen des Bewufitseins sich 
entwickeln. Man sieht es schon bei den Tieren, die zur Ab- 
wehr nach auiSen nur ein Reflexbewufitsein haben, ahnlich 
wie der Mensch, wenn Gefahr fur das Auge besteht, das- 



selbe schliefit. Wenn dieReflexbewegung nicht mehr geniigt, 
das innere Leben zu schonen, wenn der Reiz zu stark wird, 
so erhebt sich die innere Widerstandskraft und gebiert die 
Sinne, die Empfindung, Auge und Ohr. Sie wissen vielleicht 
aus mancher unliebsamen Erfahrung heraus, vielleicht audi 
instinktiv, dafi die Sache so ist. Ja, Sie wissen aus einer 
hoheren Stufe Hires Bewufitseins ganz genau, dafi das, was 
jetzt gesagt worden ist, eine Wahrheit ist. Ein Beispiel wird 
die Sache noch verdeutlichen. Wann fiihlen Sie gewisse 
innere Organe Ihres Organismus? Sie gehen durchs Leben 
und fuhlen weder Ihren Magen, noch Ihre Leber, nodi 
Ihre Lunge, Sie fiihlen keines Ihrer Organe, solange sie 
gesund sind. Sie fiihlen sie nur dann, wenn sie Sie schmer- 
zen, und Sie wissen eigentlich erst, daft Sie dieses oder jenes 
Organ haben, wenn es Sie schmerzt, wenn Sie empfinden, 
dafi da etwas nicht in Ordnung ist, dafi ein Zerstorungs- 
prozefi beginnt. 

Wenn wir dieses Beispiel, diese Erklarung nehmen, dann 
sehen wir, dafi aus dem Schmerz fortwahrend bewufkes 
Leben geboren wird. Tritt der Schmerz zum Leben, so ge- 
biert er die Empfindung und das Bewufitsein. Dieses Ge- 
baren, dieses Hervorbringen eines Hoheren, spiegelt sich 
wiederum im Bewufitsein als die Lust, und es gab nie eine 
Lust, ohne dafi es vorher einen Schmerz gegeben hatte. 
Unten in dem Leben, das sich eben aus der physischen Ma- 
terie heraus erhebt, gibt es noch keine Lust. Wenn aber der 
Schmerz Bewufitsein hat erstehen lassen und als Bewufit- 
sein schopferisch weiterwirkt, dann ist diese Schopfung auf 
einer hoheren Stufe und driickt sich im Gefiihle der Lust 
aus. Dem Schaff en Hegt die Lust zugrunde. Lust kann nur 
da sein, wo innerliches oder aufierliches Schaffen moglich 
ist. Irgendwie liegt einer jeden Lust das Schaffen zugrunde, 
wie jeder Unlust die Notwendigkeit des Schaff ens zugrunde 



liegt. Nehmen Sie etwas, was auf niederer Stufe das Leid 
charakterisieren kann, zum Beispiel das Gefiihl des Hun- 
gers, der das Leben zerstoren kann. Dem treten Sie mit der 
Nahrung entgegen. Die Nahrungsaufnahme wird zum Ge- 
nufi, weil die Nahrung in der Lage ist, in eine Lebenssteige- 
rung, in eine Lebensproduktion iiberzugehen. So sehen Sie, 
dafi auf Grundlage des Sdimerzes hoheres Schaffen, Lust 
entsteht. Eher als die Lust ist also das Leid. Daher kann 
audi die Philosophic Schopenhauers und die Eduard von 
Hartmanns mit Recht sagen, dafi das Leid eine allgemeine 
Lebensempfindung sei. Sie gehen aber nicht tief genug auf 
den Ursprung des Leides zuruck, kommen nicht auf den 
Punkt, wo sich das Leid zu etwas Hoherem entwickeln 
soli. Der Ursprung des Leides wird da gefunden, wo aus 
dem Leben Bewufitsein entsteht, wo Geist aus dem Leben 
herausgeboren wird. 

So konnen wir jetzt audi begreifen, was dem Menschen 
in der Seele dammert von dem Zusammenhang zwischen 
Leid und Schmerz und Erkenntnis und Bewufitsein, so 
konnten wir noch nachweisen, wie aus Schmerz und Leid 
ein Edleres, Vollkommeneres herausgeboren wird. 

Diejenigen, welche meine Vortrage ofter gehort haben, 
werden sich auf die Hinweise entsinnen, dafi es etwas gibt 
wie eine Einweihung, wobei ein hoheres Bewufitsein vor- 
handen ist und wobei der Mensch sich von den sinnlichen 
Dingen zu der Anschauung einer geistigen Welt erhebt, dafi 
Krafte und Fahigkeiten in der menschlichen Seele schlum- 
mern, die aus der Seele herausgeholt werden konnen wie 
die Sehkraft aus dem Blindgeborenen durch die Operation, 
dafi dann gleichsam ein neuer Mensch ersteht, dem die ganze 
Welt auf hoherer Stufe wie verwandelt erscheint. Wie dem 
Blindgeborenen nach der Operation, so erscheinen dem gei- 
stig Geborenen die Dinge in neuem Licht. Aber audi dies 



kann nur geschehen, indem derselbe Prozeft, der eben ge- 
nannt worden ist, sich auf einer hoheren Stufe wiederholt. 
Wenn das, was Sie beim Durchschnittsmenschen vereint 
linden, getrennt wird, wenn eine Art Zerstorungsprozefi in 
der niederen Menschennatur auftritt, dann kann dieses 
hohere Bewufitsein, dieses Schauen in der geistigen Welt, 
eintreten. 

Drei Krafte gibt es in der menschlichen Natur: Denken, 
Fiihlen und Wollen. Diese drei Krafte hangen an der physi- 
schen Menschenorganisation. Gewisse Willensakte treten 
auf, nachdem gewisse Denk- und Gefuhlsvorgange statt- 
gefunden haben. Der Organismus des Menschen mufi in 
richtiger Weise funktionieren, wenn diese drei Krafte zu- 
sammenstimmen sollen. Sind gewisse Leitungen unterbro- 
chen, gewisse Teile erkrankt, dann herrscht keine richtige 
Harmonie zwischen Denken, Fiihlen und Wollen. Der 
Mensch ist dadurch, dafi die Organe des Wollens gelahmt 
sind, nicht imstande, seine Gedanken in Willensimpulse 
umzusetzen. Er ist schwach als Tatmensch, er kann zwar 
gut denken, aber sich nicht entschlielten, einen Gedanken 
in Wirklichkeit umzusetzen. Eine andere Art ist die, wo 
der Mensch nicht imstande ist, seine Gefuhle durch die Ge- 
danken richtig lenken zu lassen, die Gefuhle in Einklang 
mit den dahinterstehenden Gedanken zu bringen. Der Tob- 
siichtige ist im Grunde nichts anderes. 

Im Menschen der Gegenwart besteht eine Harmonie zwi- 
schen Denken, Fiihlen und Wollen, in der befindet sich 
heute ein normal gebildeter Mensch, der einem Leidenden 
gegeniiber in den richtigen Gefiihls- und Willenszustand 
kommt. Dies ist alles richtig fiir gewisse Stufen der Ent- 
wicklung. Es ist aber zu beachten, dafi sich diese Harmonie 
im Gegenwartsmenschen unbewuft t herstellt. Soil der Mensch 
aber eingeweiht werden, soli er hineinsehen in die hoheren 



Wei ten, dann mussen diese drei Glieder: Denken, Fiihlen 
und Wollen, auseinandergerissen werden. Die Willens- und 
Gefiihlsorgane mussen eine Sdieidung erleiden. Der physi- 
sdie Organismus eines Eingeweihten ist daher audi anders 
als der eines Nichteingeweihten, wenn das die Anatomie 
auch nodi nicht hat nadiweisen konnen. Der Kontakt zwi- 
schen Denken, Fiihlen und Wollen ist unterbrochen. Der 
Eingeweihte ware imstande, irgend jemand tief leiden zu 
sehen, ohne dafi sich ein Gefiihl in ihm regte, kalt wiirde er 
stehenbleiben und es ansehen konnen. Und warum ist dies 
so? Es darf sich beim Eingeweihten nichts unbewufit inein- 
andergliedern, er ist aus Freiheit ein mitleidsvoller Mensch 
und nicht, weil ihn etwas Aufteres dazu zwingt. Das ist der 
Unterschied zwischen einem Eingeweihten und einem Nicht- 
eingeweihten. Ein solches hoheres Bewufitsein schafft gleich- 
sam eine hohere Substanz, und der Mensch zerfallt in einen 
Gefiihls-, einen Willens- und einen Denkmenschen. Ober 
diesen dreien thront dann erst der hohere, neugeborene 
Mensch, und von dieser Stufe eines hoheren Bewufitseins 
aus werden dann jene drei in Einklang gebracht. Hier mufi 
dann auch wieder der Tod, die Zerstorung eingreifen. Trate 
diese Zerstorung so ein, dafi nicht zugleich auch ein neues 
Bewufksein entsprofite, dann wiirde Wahnsinn entstehen. 
Wahnsinn wiirde also nichts anderes sein als der Zustand, 
in dem das menschliche Wesen zerschellt ist, ohne daiS die 
hohere, bewufke Instanz geschaflfen worden ist. 

So tritt auch hier wieder ein Doppeltes ein: eine Art 
Zerstorungsprozefi des Niederen neben einem Entstehungs- 
prozefi des Hoheren. Wie im Blute das Gift in den Venen 
und wie zwischen dem roten und blauen Blut das Bewufk- 
sein im gewohnlichen Menschen erzeugt wird, so wird in 
dem initiierten Menschen wieder in dem Zusammenwirken 
von Leben und Tod das hohere Bewufitsein im Inneren er- 



zeugt, und die Seligkeit entspringt wiederum einer hoheren 
Lust, dem Schaff en, das aus dem Tode hervorgeht. 

Das ist es, was der Mensch ahnt, wenn er den geheimnis- 
vollen Zusammenhang spurt zwischen Schmerz und Leid 
und dem Hochsten, das der Mensch erreichen kann. Deshalb 
lafit der tragische Dichter aus dem im Leide untergehenden 
Helden den Sieg des Lebens, das Bewufitsein von dem Siege 
des Ewigen iiber das Zeitliche hervorgehen. Deshalb sieht 
das Christentum mit Recht in dem Untergehen des Christus 
Jesus - seiner irdischen Natur nach - in Schmerz und Leid, 
in Qual und Elend den Sieg des ewigen Lebens iiber die 
zeitliche Verganglichkeit. Deshalb auch wird unser Leben rei- 
cher, inhaltsvoller, wenn wir es erweitern konnen iiber das- 
jenige, was aufierhalb unseres Selbstes liegt, wenn wir in dem 
Leben, das aufierhalb unseres Selbstes ist, aufgehen konnen. 

So wie wir aus dem Schmerz, der durch einen aufieren 
Lichtstrahl angeregt ist und durch uns als lebendige Wesen 
uberwunden wird, ein hoheres Bewufitsein schaffen, so 
wird, wenn wir die Leiden der anderen in unsere eigene, 
grofiere Bewufitseinswelt umwandeln, aus der Empfang- 
lichkeit fur das Leid der anderen ein Schaffen im Mitleid 
geboren. Und so entsteht endlich aus dem Leide auch die 
Liebe. Denn was ist die Liebe anderes, als sein Bewufksein 
ausdehnen iiber andere Wesen? Wenn wir selbst soviel ent- 
behren wollen, soviel ausgeben wollen, uns selbst soviel 
armer machen wollen, als wir dem anderen Wesen geben, 
und wenn wir imstande sind, geradeso wie die Haut, die 
den Lichtstrahl empf angt und aus ihrem Schmerz ein hohe- 
res Wesen, ein Auge zu bilden vermag, wenn wir imstande 
sind, aus der Verbreitung unseres Lebens iiber die anderen 
Leben ein hoheres Leben zu saugen, dann wird in uns selbst, 
aus dem, was wir weggeben an das andere Wesen, die Liebe, 
das Mitfiihlen mit alien Kreaturen geboren. 



Das liegt audi dem Ausspruche des griechischen Dichters 
zugrunde: Aus Leben ward Lehre, aus Lehre Erkennt- 
nis. Hier beriihrt sich wiederum, wie im vorigen Vortrage 
schon gesagt, eine auf neuesten naturwissenschaftHchen For- 
scliungen beruhende Erkenntnis mit den Resultaten der 
alten Geistesf orschung. Immer hat die alte Geistesf orschung 
gesagt, dafi hochste Erkenntnis, hochste Lehre nur aus dem 
Leid hervorgehen kann. Wenn wir ein krankes Glied be- 
sitzen und Schmerz daran gelitten haben, so kennen wir 
dieses Glied am allerbesten; ebenso kennen wir das am 
besten, was wir in der eigenen Seele abgelagert haben. Es 
quillt aus dem eigenen Leid als dessen Frucht die Er- 
kenntnis. 

Dasselbe liegt audi dem Kreuzestod des Christus Jesus 
zugrunde, dem, wie aus der christlichen Anschauung her- 
vorgeht, bald der sich in der Welt ausbreitende Heilige 
Geist folgte. Wir verstehen also jetzt das Hervorgehen des 
Heiligen Geistes aus dem Kreuzestod des Christus Jesus als 
einen Prozeft, auf den durch das Gleichnis vom Weizen- 
korn hingewiesen wird. Aus der Zerstorung mufi die neue 
frucht hervorgehen, und so wird auch aus der Zerstorung, 
aus den Schmerzen, die am Kreuze ertragen worden sind, 
der Gwis% -'er sich am Pfingstfeste iiber die Apostel ergiefk, 
geboren. Das wird im Johannes-Evangelium klar aus- 
gesprochen, wenn gesagt ist: der Geist war noch nicht 
da, denn der Christus war noch nicht verklart. Wer das 
Johannes-Evangelium tiefer liest, der wird Bedeutungs- 
volles fiir sich daraus hervorgehen sehen. 

Manchen wird man sagen horen konnen, dafi er die 
Schmerzen nicht missen mochte, da sie ihm die Erkenntnis 
gebracht haben. Jeder Gestorbene kann Sie lehren, dafi 
das wahr ist, was ich gesagt habe. Wiirde der Mensch den 
Kampf gegen die Zerstorung in sich bis zum wirklichen 



Tode fiihren, wenn nicht der Schmerz, wie ein Wachter des 
Lebens, f ortwahrend neben ihm stande? Der Sdimerz macht 
uns aufmerksam darauf, dafi wir gegen die Zerstorung des 
Lebens Vorkehrungen zu treffen haben. Aus dem Schmerze 
heraus schaffen wir neues Leben. In den Aufzeichnungen 
eines modernen Naturforschers iiber die Mimik des Den- 
kers lesen wir, dafi auf dem Antlitz des Denkers etwas 
liegt wie ein verhaltener Schmerz. 

Wenn es sich mit der Erhebung, die aus der durdi Schmerz 
erlangten Erkenntnis fliefit, so verhalt, wenn es also wahr 
ist, dafi aus Leid Lehre entsteht, dann ist nicht mit Un- 
recht - wie wir das nachste Mai sehen werden - in der bib- 
lischen Schopfungsurkunde die Erkenntnis des Guten und 
des Bosen mit den Leiden und Schmerzen in Zusammen- 
hang gebracht. Deshalb ist auch von tiefer Blickenden mit 
Recht immer wieder betont worden, wie der Ursprung der 
Lauterung, die Erhohung der menschlichen Natur, im 
Schmerz liegt, und wenn die theosophische Weltanschau- 
ung in dem grofien Schicksalsgesetze, Karma, von den Lei- 
den aus, die ein Mensch im gegenwartigen Leben erleidet, 
hindeutet auf das, was er in friiheren Leben gesiindigt, ver- 
brochen hat, dann verstehen wir einen solchen Zusammen- 
hang auch nur aus der tiefer en Menschennatur heraus. Das- 
jenige, was im friiheren Leben von uns in der Aufienwelt 
vollfiihrt wurde, verwandelt sich aus wilden in erhabene 
Krafte. Die Sunde ist gleichsam wie ein Gift, das aber, 
wenn es in Substanz des Lebens verwandelt wird, sich zum 
Heilmittel gestaltet. So kann die Siinde wieder zur Kraf- 
tigung und Erhohung des Menschen beitragen, und so stellen 
sich uns auch in der Erzahlung von Hiob die Schmerzen 
und Leiden als eine Erhohung der Erkenntnis und des 
Geistes dar. 

Das sollte nur eine Skizze sein, die auf den Zusammen- 



hang von irdischem Dasein und Leiden und Schmerzen hin- 
weisen sollte. Sie sollte zeigen, wie wir den Sinn von Leiden 
und Schmerzen einsehen konnen, wenn wir sehen, wie sie 
erstarren, sich kristallisieren in physischen Dingen und Or- 
ganismen bis zum Menschen, und wie durch ein Verfliissigen 
des Erstarrten der Geist bei uns wiedergeboren werden 
kann, wenn wir sehen, dafi im Geist der Ursprung des 
Schmerzes, des Leides ist. Das, was uns der Geist gibt, ist 
Schonheit, Kraft und Weisheit, das verwandelte Bild der 
urspriinglichen Statte des Schmerzes. Deshalb hat nicht mit 
Unrecht ein geistvoller Mann, Fabre d'Olivety den Ver- 
gleich gebraucht, um das Hochste, Edelste, Gelautertste in 
der Menschennatur in seinem Hervorgehen aus dem Schmerz 
zu zeigen, dafi das Hervorgehen von Weisheit und Schon- 
heit aus dem Leid vergleichbar ist einem Vorgang draufien 
in der Natur, dem Geborenwerden der wertvollen, schonen 
Perle. Denn aus was wird sie geboren? Aus der Krankhek 
des Muscheltieres, aus der Zerstorung innerhalb der Perl- 
muschel. Wie die Schonheit der Perle geboren wird aus 
Krankheit und damit aus Leiden, so wird Erkenntnis, edle 
Menschennatur und gelauterter Menschensinn aus dem Lei- 
den, aus dem Schmerz geboren. 

So durfen wir wohl im Einklang mit dem alten griechi- 
schen Dichter Aschylos sagen: Aus dem Leid entsteht Lehre, 
aus der Lehre Erkenntnis. Und ebenso wie in bezug auf 
vieles andere durfen wir in bezug auf den Schmerz sagen, 
dafi wir ihn erst dann erfalk haben, wenn wir ihn er- 
kennen nicht nur an sich selbst, sondern an dem, was aus 
ihm hervorgeht. Wie so manches andere wird auch der 
Schmerz nur an seinen Friichten erkannt. 



DER URSPRUNG DES BOSEN 
Berlin, 22. November 1906 



Es ist charakteristisch fur die ganze heutige Literatur, dafi 
sie so wenig vom Bosen spridit. Der Materialismus befafit 
sich eben nicht mit dem Bosen. Leid, Krankheit und Tod 
konnen anscheinend eine materielle Erklarung finden, aber 
das Bose nicht. Beim Tier spridit man von Grausamkeit, 
Schadlichkeit, aber bose kann man das Tier nicht nennen. 
Das Bose erschdpft sich innerhalb des Menschenreiches. Die 
heutige Naturwissenschafk sucht den Menschen aus dem 
Tier heraus zu begreifen und verwischt alle Unterschiede 
zwischen Mensch und Tier. Darum mufi sie audi das Bose 
leugnen. Man mufi, um das Bose zu finden, ganz eingehen 
auf die menschlichen Eigensdiaften. Man mufi erkennen, 
dafi der Mensch ein eigenes Reich in Anspruch nimmt. Wir 
wollen dieseFrage jetzt vom geisteswissenschaftlichenStand- 
punkt aus betrachten. 

Es gibt eine menschlidie Urweisheit, die hinter dem rein 
aufierlichenSinnenschein der Dinge zum eigentlichen Wesen 
der Dinge vordringt. Friiher wurde diese Weisheit in engen 
Kreisen bewahrt und nur nach str engen Proben wurde der Zu- 
gang zu diesen Kreisen gewahrt. Ehe ein Mensch Zutritt er- 
langte, mufite er den Hiitern dieser "Weisheit bewiesen haben, 
dafi er sein Wissen nur in selbstlosester Weise verwenden 
werde. Seit den letzten Jahrzehnten ist das Elementare dieser 
Weisheits-Wissenschaft aus gewissen Griinden popularisiert 
worden. Immer mehr wird davon ins tagliche Leben einflie- 
fien. Wir stehen erst am Anf ang dieser Entwicklung. 



Wie hangt nun das Bose mit der eigentlichen Menschen- 
natur zusammen? Oft hat man sich das Bose auf die ver- 
schiedenste Art zu erklaren versucht. Da hat man gesagt: 
Es gibt kein Boses im eigentlichen Sinne des Wortes. Es ist 
ein herabgemindertes Gutes, es ist das schlechteste Gute. 
Denn wie es bei allem verschiedene Grade des Daseins gibt, 
so audi beim Guten. Oder man sagte: Wie das Gute eine 
Urmacht ist, so ist es auch das Bose. Diese Ansicht pragte 
sich namentlich in der persischen Mythe von Ormuzd und 
Ahriman aus. Die Geheimwissenschafl; erst zeigt aus der 
Tiefe der menschlichen und der ganzen kosmischen Natur 
heraus, wie das Bose zu begreifen ist. Leugnet man es, 
kann man es gar merit begreifen. Man mufi verstehen, wel- 
che Aufgabe, welche Mission das Bose in der Welt hat. Aus 
der Entwicklung des Menschen in die Zukunft hinein sehen 
wir, wie die Menschen aus der Vergangenheit geworden 
sind und was das Bose in ihrem Entwicklungsgang bedeu- 
ten soil. 

Die Geheimwissenschafl: lehrt das Dasein gewisser hoch- 
entwickelter Menschen, der Eingeweihten oder Initiierten. 
In den Geheimschulen aller Zeiten wird gelehrt, wie sich 
derMensch auf einesolcheEntwicklungsstufe bringen kann. 
Bestimmte Obungen werden da vorgeschrieben, die auf 
ganz naturliche Weise den Menschen fortentwickeln. Medi- 
tations- und Konzentrationsiibungen smd es, die dem Men- 
schen eine andere Anschauung geben sollen, eine Anschau- 
ung, die er nicht mit dem Verstande und den fiinf Sinnen 
erwerben kann. Die Meditation fiihrt zunachst weg von 
der sinnlichen Auffassung. Durch innere seelische Arbeit 
wird da der Mensch frei von den Sinnen. Etwas Ahnliches 
geht da im Menschen vor sich wie bei der Operation eines 
Blindgeborenen. Eine Art Operation findet statt, diegeistige 
Augen und Ohren offnet. Diese Entwicklung wird in lan- 



gerer Zeit die ganze Menschheit erreiclien. Das Weltliche 
darf man darum aber nicht verleugnen, wenn man sich 
hoher entwickeln will. Weltfluchtige Askese taugt nicht fiirs 
Hellsehen. Hellsehen ist die Frucht dessen, was die Seele in 
der Sinnenwelt sammelt. Schon verglich die griechische 
Philosophic die Menschenseele mit einer Biene. Die Welt 
von Farben und Licht bietet der Seele den Honig, den sie 
mitbringt in die hoL^re Welt. Sinnenerfahrung mufi die 
Seele vergeistigen und hinauftragen in hohere Welten. 

Welche Aufgabe hat nun die Seele, die frei ist vom 
Leibe? Wir treffen hier auf einen wichtigen Grundsatz. 
Jedes Wesen wird, wenn es sich herausentwickelt hat, auf 
einer hoheren Stufe Leiter und Fiihrer derjenigen Wesen 
und Formen, durch die es durchgegangen ist. Wir sehen da 
ein Zukunftsbild. Wenn der Mensch sich so vergeistigt 
haben wird, daft er den physischen Leib nicht mehr braucht, 
wirkt der Mensch als geistiger Leiter von aufien auf die 
Welt ein. Dann ist die Aufgabe dieses Planeten erfiillt. Er 
geht dann zu einer anderen Verkorperung iiber. Die Erde 
wird dann ein neues planetarisches Dasein erhalten. Die 
Menschen werden dann die Gotter des neuen Planeten sein. 
Der Menschheitsleib, der verlassen ist vom Geist, wird nie- 
deres Reich sein. Wir tragen jetzt eine doppelte Natur in 
uns: das, was herrschen wird auf dem nachsten Planeten, 
und das, was das niedere Reich sein wird. So wie die Erde 
sich neu verkorpern wird, so hat sie sich audi herausgebildet 
aus friiheren Entwicklungsvorgangen, und so wie die Men- 
schen die Gotter des nachsten Planeten sein werden, so waren 
die uns jetzt leitenden Wesenheiten Menschen auf dem vor- 
hergehenden Planeten, und sie hatten als Niederes das, was 
wir Menschen auf der Erde sind. Damit finden wir den Zu- 
sammenhang der Erde mit Vorgangen, die in der Vergan- 
genheit und in der Zukunft liegen. Die Stufe, die der Mensch 



heute auf der Erde hat, hatten einstmals die Wesen, die die 
Schopf er und Fiihrer der Mensdhen heute sind, die Elohim- 
Geister, die sich off enbaren als Fiihrer der Entwicklung des 
Menschen. Und die Menschen werden auf dem zukiinftigen 
Planeten so weit sein, dafi sie selbst Lenker und Leiter sind. 
Aber man mufi nicht denken, es miisse sich nun genau so 
wiederholen; dasselbe wiederholt sich nie. Nichts geschieht 
zweimal in der Welt. Nie war das Dasein so wie jetzt auf 
der Erde. Das Erdendasein bedeutet den Kosmos der Liebe, 
das Dasein auf dem friiheren Planeten bedeutet den Kos- 
mos der Weisheit. Die Liebe vom Elementarsten bis zum 
Hochsten sollen wir entwickeln. Die Weisheit ruht ver- 
borgen auf dem Grunde des Erdendaseins, Darum soli man 
nicht von der «niederen» physischen Menschennatur spre- 
chen, denn sie ist gewissermafSen die vollkommenste Form 
des Menschen. Man betrachte den weisheitsvollen Bau eines 
Knochens, zum Beispiel des Oberschenkelknochens. Da ist 
das Problem: mit dem geringsten Auf wand von Material 
und Kraft die grofitmoglichste Gewichtsmasse zu tragen, in 
vollkommenster Art gelost. Man schaue sich den Wunder- 
bau des Herzens, des Gehirns an! Der Astralleib steht nicht 
etwa hoher. Er ist der Geniefier, der f ortwahrende Attacken 
auf das weisheitsvoll gebaute Herz macht. Er wird noch 
lange brauchen, um so vollkommen und weise zu sein wie 
der physische Leib. Aber er mufi es werden. Darin besteht 
die Entwicklung. Auch der physische Leib mufite sich so 
entwickeln. Was weise an ihm ist, mufite aus Unweisheit 
und Irrtum hervorgehen. Die Weisheitsentwicklung ging 
der Liebesentwicklung voraus. Die Liebe ist noch nicht voll- 
kommen. Aber in der ganzen Natur ist sie zu finden. Bei 
der Pflanze, beim Tier, beim Menschen, von der niedersten 
Geschlechtsliebe an bis zur hochsten, vergeistigtesten Liebe. 
Ungeheure Mengen von Wesen, die der Liebestrieb hervor- 



gebracht, gehen im Kampf urns Dasein zugrunde. Kampf 
wirkt iiberall da, wo Liebe ist. Das Auftreten der Liebe 
bringt Kampf, notwendigen Kampf mit sich. Aber sie wird 
ihn audi iiberwinden, wird den Krieg in Harmonie ver- 
wandeln. 

Weisheit ist das Charakteristikum der physischen Natur. 
Da, wo diese Weisheit von Liebe durchsetzt ist, da erst ist 
der Anf ang der Erdentwicklung. Wie heute Kampf auf der 
Erde ist, war auf dem friiheren Planeten Irrtum zu finden. 
Merkwiirdige Fabelwesen wandelten da umher, Irrtumer 
der Natur, die nidit entwicklungsf ahig waren. Wie Liebe 
aus Lieblosem hervorgeht, so die Weisheit aus Unweisheit. 
Die, welche die Erdentwicklung erreichen, werden die 
Liebe als eine Naturkraft in den nachsten Planeten hinein- 
bringen. So ward auch einst die Weisheit auf die Erde ge- 
tragen. Die Menschen der Erde schauen auf zu den Gottern 
als zu den Bringern der Weisheit. Die Menschen des folgen- 
den Planeten werden zu den Gottern als zu den Bringern 
der Liebe aufschauen. Die Weisheit wird den Menschen als 
gottliche Offenbarung von den Menschen des friiheren 
Planeten zuteil. Alle Reiche der Welt hangen unter sich 
zusammen. Wenn es keine Pflanzen gabe, so wurde in kur- 
zer Zeit die Lebensluft verpestet sein; denn Mensch und 
Tier atmen Sauerstoff ein und lebenvernichtende Kohlen- 
saure wieder aus. Doch die Pflanzen atmen Kohlensaure 
ein und geben Sauerstoff von sich. So hangt hier hinsichtlich 
der Lebensluft das Hohere vom Niederen ab. 

So ist es nun in alien Reichen. Wie das Tier und der 
Mensch von der Pflanze, so sind wieder die Gotter von den 
Menschen abhangig. Das hat die griechische Mythe so schon 
ausgedriickt: Die Gotter erhalten von den Sterblichen Nek- 
tar und Ambrosia. Beide bedeuten die Liebe. Die Liebe wird 
innerhalb des Menschengeschlechtes erzeugt. Und Liebe 



atmet das Gottergeschlecht ein, sie ist die Gotternahrung. 
Die Liebe, die von den Menschen erzeugt wird, wird den 
Gottern Speise. Das ist viel wirklicher als etwa die Elek- 
trizitat, so seltsam es zuerst erscheint. Die Liebe tritt zu- 
erst als Geschlechtsliebe auf und entwickelt sich hinauf bis 
zur hochsten geistigen Liebe. Aber alle Liebe, niedere und 
hohe, ist Gotteratem. Nun kann man sagen: Wenn das alles 
so ist, kann es kein Boses geben. Aber Weisheit liegt der 
Welt zugrunde, Liebe entwickelt sich. Weisheit wird die 
Lenkerin der Liebe. So wie alle Weisheit aus Irrtum ge- 
boren wird, ringt sich alle Liebe nur aus Kampfen zur Hohe 
empor. 

Nicht alle Wesen des f ruheren Planeten stiegen zur Hohe 
der Weisheit hinan. Es sind Wesen zuriickgeblieben, sie 
stehen ungef ahr zwischen Gottern und Menschen. Sie brau- 
chen noch etwas vom Menschen. Aber in einen physischen 
Korper konnen sie sich nicht mehr kleiden. Luziferische 
Wesenheiten nennt man sie, oder man fafit sie zusammen 
unter dem Namen Luzifer als ihrem Anfuhrer. Wie wirkt 
nun Luzifer auf die Menschen? Nicht so wie die Gotter. 
Das Gottliche tritt an das Edelste im Menschen heran, aber 
an das Niedere kann und soli es nicht kommen. Weisheit 
und Liebe werden erst am Ende der Entwicklung ihre Ver- 
mahlung feiern. Aber die luziferischen Wesenheiten treten 
an das niedere, unentwickelte Element der Liebe heran. Sie 
bilden die Briicke zwischen Weisheit und Liebe. So erst 
mischt sich die Weisheit mit der Liebe. Das, was sich nur 
ans Unpersonliche wendet, verstrickt sich so mit der Per- 
sonlichkeit. Auf dem friiheren Planeten war die Weisheit 
ein Instinkt, wie es heute die Liebe ist. Ein schopferischer 
Weisheitsinstinkt war herrschend, wie heute ein schopfe- 
rischer Liebesinstinkt. Friiher hatte also die Weisheit den 
Menschen instinktmafiig gefiihrt. Dadurch aber, dafi die 



Weisheit heraustratundnichtmehr fiihrte, ward der Mensch 
selbstbewufit, er wufite sich als ein selbstandiges Wesen. Im 
Tier ist die Weisheit noch instinktmafiig, darum ist es nodi 
nicht selbstbewufk. Aber die Weisheit wollte den Men- 
schen nun von aufien lenken und leiten, ohne dafi die Liebe 
einen Zusammenhang damit hatte. Da Luzif er karn, pflanzte 
er die menschlidie Weisheit in die Liebe. Und die mensch- 
liche Weisheit schaut auf zur gottlichen Weisheit. Im Men- 
schen ward die Weisheit zum Enthusiasmus, zur Liebe 
selbst. Hatte nur die Weisheit ihren Einflufi ausgetibt, so 
ware der Mensch nur gut geworden, er hatte die Liebe nur 
zum Aufbau des Erdenbewufitseins gebraucht. Aber Luzif er 
brachte die Liebe mit dem Selbst in Verbindung, zumSelbst- 
bewufitsein trat die Selbstliebe. Das wird schon im Para- 
diesesmythus ausgedriickt: «... und sie sahen, dafi sie 
nackend waren», das heifit, damals sahen die Menschen 
zum ersten Male sich selbst, vorher hatten sie nur die Um- 
welt gesehen. Da hatten sie nur ein Erdenbewulksein, aber 
kein Selbstbewufksein. Nun konnten die Menschen die 
Weisheit in den Dienst des Selbst stellen. Selbstlose Liebe 
zur Umwelt und Liebe zum Selbst gab es von nun an. Und 
die Selbstliebe war bose und die Selbstlosigkeit war gut. 
Nie hatte der Mensch ein warmes Selbstbewufksein bekom- 
men ohne Luzifer. Denken und Weisheit traten nun in den 
Dienst des Selbst. Nun gab es eine Wahl zwischen gut und 
bose. Nur urn das Selbst in den Dienst der Welt zu stellen, 
darf Liebe zum Selbst hinzutreten. Nur wenn die Rose den 
Garten zieren will, darf sie sich selbst schmucken. Das mufi 
man sich bei einer hoheren, okkulten Entwicklung tief in 
die Seele schreiben. Um das Gute fiihlen zu konnen, mufite 
der Mensch auch das Bose fiihlen konnen. Enthusiasmus fiir 
das Hohere gaben ihm die Gotter. Aber ohne das Bose 
konnte es kein Selbstgefiihl, keine freie Wahl des Guten, 



keine Freiheit geben. Das Gute konnte ohne Luzifer ver- 
wirklicht werden, die Freiheit nicht. Um das Gute wahlen 
zu konnen, mufi der Menscli audi das Bose vor sich haben, 
es mufi ihm innewohnen als Kraft der SelbstHebe. Aber die 
Selbstliebe mufi zur All-Liebe werden. Dann wird das Bose 
iiberwunden sein. Freiheit und das Bose entspringen aus 
demselben Punkt. Luzifer enthusiasmiert den Menschen 
menschlich fiir das Gottliche. Luzifer ist der Trager des 
Lichts. Elohim ist das Licht selbst. Hat das Licht der Weis- 
heit die Weisheit im Menschen entziindet, so hat Luzifer 
das Licht in den Menschen hineingetragen. Aber der schwarze 
Schatten des Bosen mufite sich hineinmischen. Luzifer bringt 
eine eingeschrankte, fleckenerfullte Weisheit, aber diese 
kann in den Menschen eindringen. Luzifer ist der Trager 
der aufteren, menschlichen Wissenschaft, die ja im Dienste 
des Egoismus steht. Darum wird vom okkulten Schuler 
Selbstlosigkeit gegeniiber dem Wissen verlangt. Dies ist der 
Ursprung des Bosen in der menschlichen Entwicklung. Was 
der Sauerteig des alten Brotteiges fiir das neue Brot ist, das 
ist vom fruheren Planeten Luzifer fiir uns. Das Bose wird 
gut an seinem Ort. Bei uns ist es nicht mehr gut. Das Bose 
ist ein versetztes Gutes. Das absolut Gute eines Planeten 
bringt in einem seiner Teile zum neuen Planeten immer 
auch das Bose mit. Das Bose ist ein notwendiger Entwick- 
lungsgang. 

Man darf nicht sagen, die Welt sei unvollkommen, weil 
das Bose in ihr ist. Vielmehr ist sie gerade darum vollkom- 
men. Wenn in einem Gemalde herrliche Lichtges taken und 
bose Teufelsfratzen zugleich dargestellt sind, so wiirde man 
das Bild doch vernichten, wenn man die Teufelsfratzen 
herausschneiden wollte. Die Weltenschopfer brauchten das 
Bose, um das Gute zur Entfaltung zu bringen. Was sich 
erst am Felsen des Bosen brechen mufi, ist ein Gutes. Durch 



Selbstliebe nur kann es die All-Liebe zu ihrer hochsten 
Bliite bringen. Darum hat Goethe so recht, wenn er im 
Faust den Mephisto sagen lafit: 

«Ich bin ein Teil von jener Kraft, 

die stets das Bose will und stets das Gute schafft.» 



WIE BEGREIFT MAN KRANKHEIT UND TOD? 

Berlin, 13. Dezember 1906 



Heute haben wir es mit einem Thema zu tun, das zwei- 
fellos jedem Menschen nahegeht, denn die beiden Worte 
«Krankheit und Tod» driicken etwas aus, was sich in jedes 
Leben hineinstellt, oftmals wie ein unerbetener Gast, oft 
aber auch als etwas Qualendes, Beengendes, Furchtmachen- 
des. Ja, der Tod stellt sich als die grdfke Ratselfrage ins 
Dasein hinein, so daft, wenn jemand die Frage nach dem 
W :sen des Todes gelost hat, fur ihn dann wohl auch die 
Frage nach dem Wesen des Lebens gelost ist. Oft hort man 
sagen: Der Tod bildet ein Ratsel, noch keiner hat es gelost, 
und auch keiner wird es je losen. - Die Menschen, die der- 
gleichen aussprechen, ahnen gar nicht, welche Unbescheiden- 
heit in diesen Worten liegt, sie ahnen gar nicht, daft es eine 
Losung solcher Ratselfragen gibt und daft sie es nur nicht 
verstehen. Heute, wo wir es mit einem so umfassend wich- 
tigen Ding zu tun haben, bitte ich Sie, ganz besonders dar- 
auf zu achten, daft es sich um nichts anderes handeln kann, 
als um eine Beantwortung der gestellten Frage: Wie begreift 
man Krankheit und Tod? Wir konnen uns daher nicht auf 
spezielle Fragen iiber Krankheiten und Gesundheit einlas- 
sen, sondern miissen uns im wesentlichen an die Frage hal- 
ten: Wie erlangt man ein Verstandnis fur diese zwei wich- 
tigen Fragen unseres Daseins? 

Die bekannteste Antwort auf die Frage nach dem Wesen 
des Todes, die Jahrhunderte hindurch geltend war, heute 
aber fiir den weitaus grofi ten Teil der Gebildeten der Mensch- 



heit ihren Wert eingebiifit hat, liegt vor in den Worten des 
Paulus: «Denn der Tod ist der Siinde Sold.» Wie gesagt, 
viele Jahrhunderte hindurch war dieses Wort eine Art L6- 
sung des Ratsels des Todes. Heute wird derjenige, der im 
modernen Sinne denkt, mit einer solchen Antwortiiberhaupt 
nichts anfangen konnen, denn dafi die Siinde etwas vollig 
Moralisches, etwas rein im Wesen des menschlichen Verhal- 
tens Liegendes, die Ursache einer physischen Tatsache, wie 
der Tod es ist, sein konnte oder irgendwie mit dem Wesen 
der Krankheit zusammenhangen solite, das ist fiir einen 
heutigen Denker ganz unerfindlich. 

Es wird uns vielleicht noch niitzlich sein, wenn wir auch 
darauf hinweisen, da£ unsere Gegenwart nicht einmal mehr 
den Wortlaut des Satzes: «Denn der Tod ist der Siinde 
Sold» versteht. Denn unter «Siinde» verstanden Paulus und 
die, welche zu seiner Zeit lebten, ganz und gar nicht das, 
was man heute im philistrosen Sinne darunter versteht. 
Nicht eine Verfehlung im gewohnlichen Sinne ist hier mit 
Siinde gemeint, auch nicht eine Verfehlung radikaler Art, 
sondern unter Siinde wird da verstanden, was aus Selbst- 
sucht und Egoismus hervorgeht. Alles, was Selbstsucht und 
Egoismus zum Antriebe des Handelns hat - im Gegensatz 
zu dem, was sachlichen, objektiven Impulsen entspringt — , 
ist Siinde. Der Egoismus, das selbstische Handeln, aber setzt 
voraus, da£ der Mensch selbstandig, ich-bewufit geworden 
ist. Das mull man erkennen, wenn man sich ganz und gar 
auf die Denkweise eines solchen Geistes wie Paulus einlafit. 

Wer nicht an der Oberflache des Verstandnisses der alt- 
und neutestamentlichen Urkunden bleibt, sondern wirklich 
in ihren Geist eindringt, der weifi, dafi eine ganz bestimmte, 
man mochte sagen naturphilosophische Denkweise die Un- 
terstromung dieser alt- und neutestamentlichen Denkweise 
bildet. Diese Unterstromung ist etwa die folgende: Alles, 



was an Lebensschopfung in der Welt vorhanden ist, richtet 
sich nach einem ganz bestimmten Ziel hin. Die niederen 
Wesen sind noch neutral gegen Lust und Leid, Freude und 
Schmerz. Wir finden dann, wie sich das Leben steigert und 
etwas damit verbunden wird. Derjenige, dem schaudert, 
wenn man von Zielstrebigkeit spricht, der moge bedenken, 
dafi hier nicht eine Theorie gedacht ist, sondern dafi es sich 
hier um eine reine Tatsache handelt: das ganze Reich der 
Lebewesen bis zum Menschen hinauf nahert sich einer be- 
stimmten Tatsache, die sich darin zeigt, dalS an der Spitze 
der Lebewesen ein personliches Bewufitsein moglich ist. 

Es schaute der Eingeweihte des Alten und Neuen Testa- 
mentes hinunter ins Reich der Tiere und sah, wie alles dahin 
strebt, dafi einmal eine freie Personlichkeit zustande kom- 
men kann, die aus sich selbst heraus die Antriebe und Im- 
pulse zum Handeln haben kann, und wie mit dem Wesen 
einer solchen Personlichkeit das verbunden ist, was man 
die MogHchkeit einer egoistischen, selbstsiichtigen Handlung 
nennt. Nun aber wiirde ein Denker wie Paulus sagen: Wenn 
in einem Leibe eine solche Personlichkeit wohnt, die ego- 
istisch zu handeln imstande ist, so mu8 dieser Leib sterblich 
sein. In einem unsterblichen Leibe wiirde niemals eine Seele 
*mitSelbstandigkeit, Selbstbewulksein und folglich audi mit 
Egoismus wohnen konnen. Daher gehoren zusammen: ein 
sterblicher Leib und eine Seele mit Personlichkeitsbewulk- 
sein und die einseitige Ausbildung der Personlichkeit zu 
Handlungsimpulsen. Das heifit die Bibel «Siinde», und so 
definiert Paulus: «Der Tod ist der Siinde Sold». Da sehen 
Sie allerdings, daf? wir diesen, wie jeden anderen Ausspruch 
der Bibel modifizieren miissen, weil sie im Laufe der Jahr- 
hunderte ganz in ihr Gegenteil umgekehrt worden sind. 
Modifiziert man sie, nicht indem man sie umdeutet, sondern 
indem man sich klarmacht, dafS man den gegenwartigen 



Sinn, den die Theologie gibt, in den urspriinglichen verwan- 
delt, so sieht man daraus, dafi man es oftmals mit einer sehr 
tiefen Auffassung der Sadie zu tun hatte, die dem gar nicht 
so fernsteht, was man heute wieder begreifen kann. Dies 
zur notwendigen Riditigstellung. 

Aber es haben sich ja die Denker, die Weltanschauungs- 
forscher aller Zeiten mit der Frage nach dem Ratsel des 
Todes beschaftigt, und wir finden diese Frage seit Jahrtau- 
senden scheinbar in der mannigfaltigsten Weise beantwor- 
tet. Wir konnen uns hier nicht mit einer gesdiichtlichen Be- 
traditung einer solchen Losung befassen, daher sei nur auf 
zwei Denker hingewiesen, damit Sie sehen, wie selbst der 
Gegenwart recht nahestehende Denker nichts Erhebliches 
zu dieser Frage beizubringen wissen. 

Der eine ist Schopenhauer. Sie kennen ja alle seine pessi- 
mistisdbe Art zu denken, und wer einmal den Satz durch- 
gegangen ist: «Das Leben ist eine mifiliche Sadie, und ich 
habe mir vorgenommen, das meinige damit hinzubringen, 
iiber dasselbe nachzudenken» - der wird begreifen, da£ 
Schopenhauer kaum zu einer anderen Losung gekommen 
ist als zuder: Eigentlich trostet der Tod iiber das Leben und 
das Leben iiber den Tod; das Leben ist eine f atale Sache, und 
man konnte es nicht ertragen, wenn man nicht wiifite, dafi 
der Tod es schliefien wiirde; und wenn man die Furcht vor 
dem Tode hat, dann braucht man sich nur einmal klarzu- 
machen, dafi das Leben nicht besser sei und dalS durch den 
Tod nichts weiter beschlossen ist. Das ist seine pessimistische 
Art zu denken, die nur einmal dariiber hinausfuhrt, wo er 
den Erdgeist sagen lafit: Ihr wollt, dafi immer neues Leben 
entsteht, da mufi ich Platz haben. Also sieht Schopenhauer 
in einer gewissen Beziehung in der Tatsache, da£ das Leben 
sich fortpflanzt, immer neues Leben gebiert, die Notwen- 
digkeit, dafi das Alte sterben musse, damit fur das Neue 



Raum sei. Sonst weifi audi Schopenhauer gar nichts Erheb- 
liches vorzubringen; derm alles, was er sonst sagt, atmet in 
diesen zwei Worten. 

Der andere ist Eduard von Hartmann. Er hat sich noch 
in seinem letzten Buche mit dem Ratsel des Todes beschaf- 
tigt. Er sagt da: Wenn wir uns das zunachst hochste Lebe- 
wesen betrachten, so finden wir, dafi der Mensch, nachdem 
wieder ein oder zwei neue Generationen herauf gezogen sind, 
die Welt nicht mehr versteht. Wenn der Mensch alt geworden 
ist, kann er die Jugend nicht mehr f assen, daher ist es not- 
wendig, dafi das Alte absterbe und Neues wieder hervor- 
komme. — Sie sehen jedenfalls auf diese Fragen auch keine 
Antwort, die uns mit wirklichem Verstandnis dem Ratsel 
des Todes naherbringen konnte. 

So wollen wir einmal in die heutigen, gegenwartigen Welt- 
anschauungen hineinstellen, was die sogenannte Geisteswis- 
senschaft, diemanheute auch Anthroposophie nennt, iiber die 
Ursachen von Tod und Krankhek zu sagen hat. Wir wollen 
uns aber dabei eines klarmachen: der Geisteswissenschaft 
geht es nicht so gut wie den anderen Wissenschafben, dafi sie 
in einer bestimmten Weise iiber alles sprechen kann. Der 
heutige Naturforscher wiirde es nicht begreifen, dafi man, 
wenn man iiber Krankheit und Tod spricht, trennen rau6 
zwischen Tier und Mensch, dafi man aber gerade, wenn man 
die Frage des heutigen Vortrages begreifen will, sich wird 
auf die Erscheinungen beim Menschen beschranken miissen. 
Da die Wesen nicht nur das abstrakte «Gleiche» miteinander 
haben, sondern auch jedes sein Wesen tliches und seine Eigen- 
art hat, so wird nur einiges von dem, was heute gesagt wird, 
auch auf die Tierwelt anzuwenden sein, vielleicht auch auf 
die Pflanzen; im wesentlichen aber wird iiber den Menschen 
gesprochen werden, und die anderen Dinge werden nur 
herangezogen werden, wenn sie etwas erklaren sollen. 



Wenn wir Tod und Krankheit beim Menschen erfassen 
wollen, mUssen wir vor alien Dingen darauf sehen, dafi der 
Mensch im Sinne der Geisteswissenschaft ein hochst kom- 
pliziertes Wesen ist und dafi wir den Menschen seinem 
Wesen nach aus den f olgenden vier Gliedern heraus begreif en 
miissen: erstens haben wir den auEerlich sichtbaren physi- 
schen Korper, als zweites den Ather- oder Lebensleib, so 
dann den Astralleib, und als viertes das Ich des Menschen 
oder den Mittelpunkt seines Wesens. Dann miissen wir uns 
klar sein, dafi im physischen Leibe dieselben Krafte und 
Stoffe vorhanden sind wie in der physischen Welt drau£en 
und dafi in dem Atherleib das liegt, was diese Stoffe zum 
Leben aufruft, und da£ der Mensch seinen Atherleib mit 
der ganzen Pflanzenwelt gemeinschaftlich hat. Der Astral- 
leib, den der Mensch mit den Tieren gemein hat, ist der Tra- 
ger des ganzen Gef iihlslebens, von Begierden, Lust und Un- 
lust, Freude und Schmerz. Das Ich hat der Mensch ganz fur 
sich allein, das macht ihn zur Krone der Erdenschopfung. 

Wenn wir den Menschen als physischen Organismus vor 
uns haben, dann miissen wir uns klarmachen, dafi innerhalb 
dieses physischen Organismus die drei anderen Glieder als 
Bildner und Architekten arbeiten. Das physische Prinzip 
arbeitet nur teilweise am physischen Organismus des Men- 
schen, in einem anderen Teil ist im wesentlichen der Ather- 
leib tatig, wieder in einem anderen der Astralleib, und wie- 
derum in einem anderen Teil des Menschen ist das Ich tatig. 
Der Mensch besteht fur die Geisteswissenschaft physisch erst 
einmal aus Knochen, Muskeln, denjenigen Organen, die den 
Menschen stiitzen, ihn zu einem festen, auf der Erde gehen- 
den Gebilde machen; diese allein rechnet man im strengsten 
Sinn der Geisteswissenschaft zu dem durch das physische 
Prinzip zustande gekommenen Teil der Organe.Dazu kom- 
men noch die eigentlichen Sinnesorgane; dabei haben wir es 



mit physikalischen Apparaten zu tun; beim Auge mit einer 
Art camera obscura, beim Ohr mit einem sehr komplizier- 
ten Musikinstrument. Es kommt nun darauf an, woraus 
diese Organe gebaut sind. Sie sind von dem ersten Prinzip 
gebaut. Dagegen sind alle Organe, die mit Wachstum, Fort- 
pflanzung, Verdauung und anderem zusammenhangen, nicht 
bloft im Sinne des physischen Prinzips gebaut, sondern im 
Sinne des Ather- oder Lebensleibes, der ja audi die physi- 
schen Organe durchdringt. Nur der gesetzmafiige Aufbau 
wird vom physischen Prinzip besorgt, der Vorgang von 
Verdauung, Fortpflanzung und Wachstum dagegen wird 
vom Atherprinzip besorgt. Der Astralleib ist der Schopfer 
des ganzen Nervensystems, bis hinauf zum Gehirn und zu 
den Strangen, die in Form von Sinnesnervenstrangen zum 
Gehirn gehen. Das Ich endlich ist der Architekt des Blut- 
kreislaufes. Wenn wir also in edit geisteswissenschafHichem 
Sinne einen menschlichen Organismus vor uns haben, so sind 
wir uns klar, daft diese vier Glieder - auch im aufierlich 
wahrnehmbaren Organismus - eigentlich wie vier ganz 
voneinander verschiedene Wesenheiten im Menschen ver- 
schmelzen und miteinander wirksam gemacht worden sind. 
Diese Glieder, die den menschlichen Organismus zusammen- 
setzen, sind von ganz verschiedenem Werte, und wir wer- 
den ihre Bedeutung fiir den Menschen begreifen, wenn wir 
erforschen, wie die Entwicklung des Menschen mit diesen 
einzelnen Gliedern zusammenhangt. 

Heute sei mehr vom physiologischen Gesichtspunkt aus 
besprochen, was man die Arbeit des physischen Prinzips im 
menschlichen Organismus nennt. Das wird geleistet in der 
Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel. Da arbeitet 
das physische Prinzip am physischen Leibe so, wie die Krafte 
und StofFe des mutterlichen Organismus am Kindeskeim 
arbeiten, bevor das Kind geboren ist. Vom siebenten Jahre 



bis zur Geschlechtsreife arbeitet am physischen Leibe haupt- 
sachlich das Atherprinzip, und von der Geschlechtsreife an 
arbeiten die Krafte, die innerhalb des Astralleibes verankert 
sind. So dafi wir uns die Entwicklung des Menschen recht 
vorstellen, wenn wir uns denken, dafi der Mensch bis zur 
Geburt vom Leibe der Mutter umschlossen ist. Mit der Ge- 
burt drangt er gleichsam den mutter lichen Leib zuruck, seine 
Sinne werden frei, und nun ist es moglich, dafi die aufiere 
Welt anf angt, auf den menschlichen Organismus einzuwir- 
ken. Da stofit der Mensch audi eine Hulle von sich, und 
derjenige erst begreift richtig die Entwicklung des Menschen, 
der begreift, dafi zwar nicht im physischen, aber im geisti- 
gen Leben etwas Ahnliches in der Zeit des Zahnwechsels 
vor sich geht. Um das siebente Jahr herum wird der Mensch 
richtig ein zweites Mai geboren. Da wird namlich sein Ather- 
leib zur freien Tatigkeit geboren, wie sein physischer Leib 
zur Zeit der Geburt. So wie physisch der Mutterleib an 
dem Menschenkeim in der Zeit vor der Geburt arbeitet, so 
arbeiten geistige Krafte des Weltenathers bis zum Zahn- 
wechsel an dem Atherleib des Menschen, und sie werden 
um das siebente Jahr herum ebenso zuruckgedrangt wie der 
Mutterleib bei der physischen Geburt. Bis zum siebenten 
Jahre liegt der Atherleib wie latent im physischen Leibe. 
Wie bei einem in Brand gesetzten Zundholz ist es mit dem 
Atherleib um die Zeit des Zahnwechsels herum. Er ist im 
physischen Leibe darinnen gebunden und kommt nun her- 
aus zur eigenen, freien, selbstandigen Tatigkeit. Und das 
Zeichen, wodurch sich diese freie Tatigkeit des Atherleibes 
ankundigt, ist gerade der Zahnwechsel. Der Zahnwechsel 
hat fur den, der tiefer in die Natur des Menschen hinein- 
schaut, eine ganz bedeutsame Stellung. Haben wir einen 
Menschen bis zum siebenten Jahr vor uns, so arbeitet das 
physische Prinzip frei im physischen Leib; aber gebunden 



und aus den geistigen Hullen noch nicht herausgeboren ist 
das Ather- und das astrale Prinzip. 

Wenn wir den Mensdien bis zum siebenten Jahr betrach- 
ten, so enthalt er eine ganze Summe von Vererbungstat- 
sachen, die er nicht mit seinem eigenen Prinzip erbaut hat, 
sondern die er von den Vorfahren ererbt erhalten hat. 
Dazu gehort das, was man die Milchzahne nennt. Erst die 
Zahne, die nach dem Zahnwechsel kommen, sind im Kinde 
die eigene Schopfung des Prinzips, das als physisches dazu 
veranlagt ist, die f este Stiitze zu bilden. Was in den Zahnen 
zum Ausdruck kommt, schafft bis zum Zahnwechsel im In- 
nern, und es bildet am Ende seiner Wirksamkeit gleichsam 
den SchluEpunkt und bringt den hartesten Teil des Sttitz- 
organes in den Zahnen hervor, weil es noch den Ather- oder 
Lebensleib als Wachstumstrager in sich gebunden halt. 

Nachdem dieses Prinzip abgestofkn ist, wird der Ather- 
leib f rei und schafft jetzt an den physischen Organen bis zur 
Geschlechtsreife, und dann wird ebenso eine Hiille, die 
au£ere astrale Hiille, weggedrangt wie bei der Geburt die 
Mutter hiille. Astralisch wird der Mensch bei der Geschlechts- 
reife zum dritten Male geboren. Und die wlrkenden Krafte, 
die im Atherleib gebunden waren, machen jetzt fur ihre 
Schopfungsart im Menschen den Schlufipunkt, indem sie die 
Fahigkeit der Geschlechtsreife, der Fortpflanzung, und ihre 
Organe erzeugen. So wie das physische Prinzip im sieben- 
ten Jahre durch die Zahne den Schlufipunkt macht, indem 
es die letzten harten Organe schafft, und wodurch der Ather- 
leib, das Wachstumsprinzip, frei wird, so schafft das astrale 
Prinzip in dem Moment, wo es frei wird, die starkste Kon- 
zentration der Triebe und Begierden, der Lebensaufierung, 
insof ern wir es mit der physischen Natur zu tun haben. Wie 
Sie das physische Prinzip wie konzentriert in den Zahnen 
haben, so das Wachstumsprinzip in der Geschlechtsreife. Da 



ist der Astralleib, die Umhiillung des Ich frei, und das 
Ich arbeitet nun am Astralleib. 

Der europaische Kulturmensch folgt nidit blofi seinen 
Trieben und Begierden; er hat sie gelautert und umge- 
wandelt in moralische Empfindungen und ethische Ideale. 
Vergleichen wir nun einen Wilden mit einem europaischen 
Durchschnittsmenschen oder gar mit einem Schiller oder 
Franz von Assisi, so konnenwir sagen, dafi dieseihreTriebe 
vom Ich aus umgestaltet, gelautert haben. So konnen wir 
uns sagen, dafi dieser Astralleib stets zwei Teile enthalt: 
einen, der aus der urspriingHchen Anlage herriihrt, und 
einen, den das Ich selbst geboren hat. Nun verstehen wir 
die Arbeit des Ich nur dann, wenn wir uns klarmachen, dafi 
der Mensch einer Wiederverkorperung - wiederholten Er- 
denleben - unterliegt; daft der Mensch, wenn er geboren 
wird, gleichsam in vier voneinander geteilten Leibern sich 
die Friichte und Ergebnisse fruherer Erdenleben mkbringt, 
die als ein Mafi fur die Energie und Kraft seines Lebens da 
sind. Der eine Mensch wird geboren, weil er es friiher dazu 
gebracht hat, mit viel Lebensenergie, mit starken Kraften 
seinen Astralleib umzugestalten. Der andere wird darin 
bald erlahmen. Wenn man hellsehend untersuchen kann, 
wie das Ich beginnt, an dem Astralleibe frei zu arbeiten, die 
Begierden, Triebe und Leidenschaften vom Ich aus zu be- 
herrschen, dann konnte man, wenn man das Mafi von Ener- 
gie, das das Ich sich mitgebracht hat, anzugeben vermag, 
sagen: dieses Mafi ist so grofi, daft das Ich so und so lange 
an seiner Umgestaltung an sich arbeiten wird und nicht 
mehr. Und nach der Zeit der Geschlechtsreife gibt es fur 
jeden Menschen ein solches Mafi, durch das man messen 
kann und angeben konnte, bis wann er alles aus seinem 
Astralkorper herausgearbeitet hat nach den ihm in diesem 
Leben zugeteilten Pfunden. "Was der Mensch so in seinem 



Gemiit an Lebenskraften umzugestalten und zu lautern ver- 
mag, erhalt sidi selbst. Solange dieses Mafi ausreicht, lebt 
er auf Kosten des sidi selbst erhaltenden Astralleibes. 1st 
er erschopft, findet er keinen Mut mehr, neue Triebe umzu- 
gestalten, kurz, keine Energie, an sich zu arbeiten, dann 
reifit der Lebensfaden ab, - und er mufi nach einem Mafie, 
das jedem Menschen zuerteilt ist, einmal abreifien. Dann 
ist die Zeit gekommen, wo der Astralleib seine Krafte von 
dem Prinzip des menschlichen Lebens nehmen mufi, das ihm 
zunachst liegt, vom Atherleib. Und jetzt kommt die Zeit, 
wo der Astralleib auf Kosten der im Atherleib aufgespei- 
cherten Kraft lebt; der Ausdruck dafiir ist fur den Menschen 
da, wenn sein Gedachtnis, seine produktive Einbildungs- 
kraft allmahlich schwindet. 

Wir haben ofter hier gehort, dafi der Atherleib der Tra- 
ger der produktiven Phantasie und des Gedachtnisses ist, 
dessen, was man Lebenshoffnung und Lebensmut nennt. 
Diese Gefiihle, wenn sie zu seinem bleibenden Element wer- 
den, haften an dem Atherleib. Sie werden jetzt von dem 
Astralleib herausgesogen; und nachdem der Astralleib so 
auf Kosten des Atherleibes gelebt und alles, was dieser her- 
zugeben hatte, ausgesogen hat, beginnt die Zeit, wo die 
schopferischen Krafte des physischen Leibes vom Astralleib 
aufgezehrt werden. Und sind diese herausgezehrt, dann 
schwindet die Lebenskraft des physischen Leibes, der Kor- 
per verhartet sich, der Puis wird langsamer. Da zehrt der 
Astralleib zuletzt auch noch am physischen Leibe und nimmt 
ihm die Kraft weg. Und hat er die aufgezehrt, dann ist 
keine Moglichkeit mehr, dafi aus dem physischen Prinzip 
heraus der physische Leib erhalten werden kann. 

Soli der Astralleib es dahin bringen, daft er frei werden 
und zu dem Leben und der Arbeit des Ich geboren werden 
soli, dann ist es notwendig, daft in der z welt en Halfte des 



Lebens der freigewordene Astralleib, wenn das Mafi der 
Arbeit erschopft ist, seine Hiillen geradeso wie sie gebildet 
worden sind, selber wieder aufzehrt. So ist das individu- 
elle Leben vom Ich heraus geschaffen. 

ZumGleichnis dieneFolgendes: DenkenSie sich ein Stuck 
Holz, das Sie anziinden. Ware es nicht so, wie es ist, so 
wurden Sie es nicht anziinden konnen. Die Flamme quillt 
aus dem Holz her vor, aber sie zehrt es zu gleicher Zeit auf. 
Das ist das Wesen der Flamme, dafi sie aus dem Holz her- 
aus frei wird und den eigenen Mutterboden aufzehrt. So 
wird der Astralleib dreifach herausgeboren, so zehrt er, wie 
die Flamme das Holz, seine eigene Grundlage auf; und 
darin besteht die Moglichkeit, dafi das individuelle Leben 
da sein kann, weil es seine Grundlage wieder aufzehrt. Der 
Tod ist ihm die Wurzel des Lebens, und es konnte gar kein 
bewufit individuelles Leben geben, wenn es nicht den Tod 
gabe. Wir verstehen und begreifen den Tod allein, indem 
wir seinen Ursprung zu erkennen suchen, und daher begrei- 
fen wir das Leben, indem wir sein Verhaltnis zum Tod er- 
kennen. In ahnlicher Weise lernen wir das Wesen der 
Krankheit begreifen, und dies wird uns noch mehr das 
Wesen des Todes klarmachen. Jede Krankheit stellt sich wie 
eine Zerstorerin des Lebens dar. Was ist Krankheit? 

Um ihr Wesen zu verstehen, mussen wir den Menschen 
im Zusammenhang mit der Natur betrachten. Machen wir 
uns klar, was denn geschieht, wenn der Mensch als leben- 
diges Wesen der iibrigen Natur gegenubersteht. Mit jedem 
Luftzug, mit jedem Ton, mit der Nahrung, mit dem Licht, 
die er in sich aufnimmt, tritt der Mensch in ein Wechselver- 
haltnis mit der ihn umgebenden Natur. Wenn Sie die Sache 
genau betrachten, so werden Sie audi ohne Okkultismus 
darauf kommen, dafi die Dinge draufien die eigentlichen 
Bildner und UfTner der physischen Organe sind. Wenn ge- 



wisse Tiere in finstere Hohlen einwandern, dann werden 
ihre Augen mit der Zeit riickgebildet. Wo kein Licht mehr 
ist, konnen nicht mehr lichtempfangliche Augen sein; um- 
gekehrt, nur wo Licht ist, konnen lichtempfindliche Augen 
sich bilden. Deshalb sagt Goethe, das Auge wird vom Licht 
f iir das Licht gebildet. Natiirlich wird im Sinne dessen, was 
die eigentlichen inneren Architekten genannt werden, der 
physische Leib aufgebaut. Der Mensch ist ein physisches 
Wesen, und die aulkren Dinge sind dasjenige, woraus im 
Einklang mit den inneren Bildnern der ganze Mensch auf- 
gebaut wird. Dann wird das Verhaltnis einzelner Krafte 
und StofFe zum Menschen ein ganz anderes Bild ergeben. 
Diejenigen, die hier den tiefen Blick des wahren Mystikers 
gehabt haben, werden uns hier besonders viel sagen kon- 
nen. Fur Paracelsus ist die ganze aufiere Welt ein facher- 
artig auseinandergelegter menschlicher Organismus, und der 
Mensch ist wie ein Extrakt der ganzen aufieren Welt. Wenn 
wir eine Pflanze sehen, konnen wir im Sinne des Paracelsus 
sagen: In dieser Pflanze ist ein gesetzmafiiger Zusammen- 
hang, und es gibt etwas im Menschen, was im gesunden 
oder kranken Organismus dieser Pflanze entspricht. Daher 
nennt Paracelsus zum Beispiel einen Cholerakranken einen 
«Arsenikus», und das Arsenik ist ihm ein Heilmittel f iir 
Cholera. So besteht eine Beziehung zwischen jedem Organ 
des Menschen und dem, was in der Natur um ihn herum 
ist. Man brauchte nur eine Essenz der Natur zu nehmen und 
sie menschenahnlich formen, dann hatte man den Men- 
schen. In der ganzen Natur sind die einzelnen Buchstaben 
ausgebreitet, nimmt man sie zusammen, dann hat man den 
Menschen. Da bekommen Sie eine Ahnung, wie die ganze 
ubrige Natur auf den Menschen wirkt, und dafi der Mensch 
berufen ist, aus der ganzen iibrigen Natur seine Wesenheit 
zusammenzusetzen. Alles, was in uns ist, ist im Grunde 



genommen in uns hineingezogen aus der aufteren Natur, 
aufgenommen worden in den Lebensprozeft. Wenn wir 
dieses Geheimnis von der Verlebendigung aufterer Krafte 
und Stoffe verstehen, dann werden wir das Wesen einer 
Krankheit begreifen konnen. 

Wir kommen da auf ein Kapitel, wo es einem heutigen 
Gebildeten schwer wird zu verstehen, wie viele BegrifTe 
in der Medizin wie eine Art Nebelgebilde wirken. Wie wirkt 
es heute in den Versammlungen suggestiv, wenn jemand 
als Naturheilkundiger das Wort «Gift» ausspricht. Was ist 
ein Gift, und was ist eine unnatiirliche Wirkung im mensch- 
lichen Organismus? Was Sie audi immer in den mensch- 
lichen Organismus einf iihren, wirkt nach Naturgesetzen. Es 
ist unerfindlich, wie man davon sprechen kann, dafi irgend 
etwas nicht nach Naturgesetzen im Korper
…[truncated]