Die Verantwortung des Menschen für die Weltenwickelung durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMT AUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 



Band I Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos 
Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls 

16 Vortrage, Dornach 9. April bis 16. Mai 1920 Bibl.-Nr. 201 

Band II Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des 
Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der gottlichen Sophia 

16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920 

Bibl.-Nr. 202 

Band III Die Verantwortung des Menschen fiir die Weltentwickelung durch 
seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten und der Ster- 
nenwelt 

18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, I. Januar bis 1. April 1921 

Bibl.-Nr. 203 

Band IV Perspektiven der Menschheitsentwickelung 

17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 192 1 Bibl.-Nr. 204 

Band V Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist - Erster Teil: 

Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit in seinem Verhaltnis zur 
Welt 

13 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 16. Juni bis 17. Juli 1921 

Bibl.-Nr. 205 

Band VI Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist - Zweiter Teil: 
Der Mensch als geistiges Wesen im historischen Werdegang 
1 1 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 192 1 Bibl.-Nr. 206 

Band VII Anthroposophie als Kosmosophie - Erster Teil: 

Wesensziige des Menschen im irdischen und kosmischen Bereich 
1 1 Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921 Bibl.-Nr. 207 

Band VIII Anthroposophie als Kosmosophie - Zweiter Teil: 

Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmischer Wirkungen 
11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921 BibL-Nr. 208 

Band IX Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse 
Das Fest der Erscheinung Christi 

11 Vortrage, Kristiania/Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. 
Dezember 1921 Bibl.-Nr. 209 



RUDOLF STEINER 



Die Verantwortung des Mensch 
fur die Weltentwickelung 

durch seinen geistigen Zusammenhang 
mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt 



Achtzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart, 

Dornach und Den Haag 
zwischen dem 1. Januar und 1. April 1921 



1989 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten C. S. Picht, Hans Huber, 
Robert Friedenthal, Caroline Wispier 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1978 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1989 

Friihere Ausgaben und Veroffentlichungen 
in Zeitschriften siehe zu Beginn der Hinweise S. 321 



Bibliographie-Nr. 203 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners 
ausgefiihrt von Leonore Uhlig (siehe S. 321) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/ Schweiz 
© 1978 by Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/ Schweiz 
Printed in Germany by Ebner Ulm 

ISBN 3-7274-2030-8 



DER MENSCH IN SEINEM ZUS AMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 

Dritter Band 



2.u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als 
«rmindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horemachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlalk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst kor- 
rigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen 
sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur 
als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offent- 
lichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist 
am SchlufS dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt glei- 
chermafien auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



ErsterVortrag, Stuttgart, 1. Januar 1921 15 

Die zwei Weihnachtsverkiindigungen an die Magier und an die Hir- 
ten. Die Magier erlebten eine spirituelle Mathematik im Weltall als 
Nachklang des vorgeburtlichen Daseins. Die Hirten lernten in ihrem 
Hellsehen Geheimnisse der Erde kennen. Die Magier erhielten die 
Christus-Verkundigung aus der Himmelskunde, die Hirten aus der 
Erdenoffenbarung. Die Metamorphose der alten Magier- und Hir- 
tenweisheit zur gegenwartigen Mathematik, zur naturwissenschaft- 
lichen Beobachtung, und die Notwendigkeit, diese im imaginativen 
Anschauen wieder zu verlebendigen. 

ZweiterVortrag, Stuttgart, 6. Januar 1921 33 

Ein wirklichkeitsgemafies Geschichtsbild und ein Verstandnis fiir die 
Gegenwart ergibt sich aus der geisteswissenschaftlichen Erforschung 
der Wiederverkorperung bestimmter Gruppen von Menschenseelen 
in verschiedenenTerritorien: Seelen, die in den ersten Jahrhunderten 
das Christentum im Siiden von Europa und in Nordafrika aufnah- 
men und die sich im 20. Jahrhundert mehr in Mitteleuropa verkor- 
perten; Seelen, die ungefahr zur Zeit der Entdeckungen als Indianer 
in Amerika lebten und die sich im 20. Jahrhundert in Europa wieder- 
verkorperten; Seelen, die ungefahr zur Zeit der Volkerwanderung in 
Europa das Christentum vom Siiden her aufnahmen und die sich im 
20. Jahrhundert in Asien, insbesondere in Japan wieder inkarnierten; 
Seelen, die zur Zeit des Mysteriums von Golgatha als Nichtchristen 
in den vorderasiatischen Kulturen lebten und die ihre nachste Ver- 
korperung im 20. Jahrhundert in Amerika suchten. 

DritterVortrag, Stuttgart, 9. Januar 1921 47 

Die Schwierigkeit vieler Seelen, sich heute zu inkarnieren. Die Um- 
wandlung der Seelenverfassung in der mitteleuropaischen Mensch- 
heit. Tendenzen, die mitteleuropaische Geistigkeit auszurotten. Mit- 
teleuropa zwischen der Tendenz zu weltfremder Mystik im Osten 
und zum Materialismus im Westen. Hegel, Goethe, Schiller als Vor- 
bereiter einer Synthese zwischen Ost und West. 

VierterVortrag, Stuttgart, 16. Januar 1921 66 

Die grofien Aufgaben unserer Zeit. Die Kluft zwischen Glauben und 
Wissen, sowohl gegenuber den geistentleerten Vorstellungen der "Wis- 
senschaft wie gegenuber den nicht mehr verstandenen Dogmen der 
Konfessionen. Die Unmoglichkeit, an das Erleben friiherer Inkar- 



nationen anzuschliefien. Die Gefahr des Niedergangs und des Seelen- 
todes. Die Notwendigkeit der Durchgeistigung des Naturwissens; 
deren widerstrebende Tendenzen. Die Unwahrhaf tigkeit der Gegen- 
wart und der notwendige Willenseinsatz gegen sie. Anthroposophie 
als Angelegenheit der geistigen Welten; von der Erkraftung des an- 
throposophischen Lebens. 

Funfter Vortrag, Dornach, 21.Januar 1921 83 

Geisteswissenschaft mufi das wirkliche Leben durchdringen. Der 
Blick auf die Praexistenz als Lebenskraft. Der Zusammenhang des 
Menschen mit der Umwelt: Pflanzenwelt; Bildung der Kohle. Die 
abgelegten physischen Leiber und die Erde. Die zukiinftige Ver- 
wandlung moralischer Ideen in Naturgesetzlichkek, der Geist- 
erkenntnis in soziale Kraft. Materialismus und Spiritualismus. In- 
stinktives Schauen und heutiger Intellekt. Notwendige Verwand- 
lung der sozialen Wirkenskrafte durch das Licht der Imagination. 
Die Gefahren im sozialen und okonomischen Denken durch die 
Oberflachlichkeit der Gegenwart. 

Sechster Vortrag, Dornach, 22. Januar 1921 97 

Das, was den Menschen f ruherer Zeiten aus den Mysterien heraus ge- 
lehrt wurde, bringen heute die Kinder aus ihrer vorgeburtlichen Be- 
lehrung ins Leben hinein mit, und die Padagogik mufi so wirken, dafi 
die heranwachsenden Menschen dieses Mitgebrachte aus sich heraus 
entwickeln konnen. In die sozialen Zusammenhange hinein wurde 
der Mensch vorchristlicher Kulturen nicht nur durch Vererbung 
hineingeboren, sondern auch durch ein vorgeburtliches Wirken der 
geistigen Welt. 

Siebenter Vortrag, Dornach, 23. Januar 1921 113 

Die grofien Umschwiinge auf alien Lebensgebieten in der zweiten 
Halfte des 19. Jahrhunderts. Dokument aus dem Sonderbundskrieg. 
Die Dreigliederung und ihr Zusammenhang mit dem praktischen 
Leben. Entwicklung des Wirtschaftslebens von der Nationalwirt- 
schaft zur Weltwirtschaft. Die Baumwollindustrie. Personliche Ein- 
blicke des jungen Rudolf Steiner in den Textilhandel. Angriff e gegen 
die Anthroposophie in Gegnerschriften. Notwendiger Schutz des 
Goetheanum vor dem Vernichtungswillen der Gegner. 

Achter Vortrag, Dornach, 29. Januar 1921 130 

Der Zusammenhang des Menschen mit der Erde zwischen Geburt 
und Tod, mit der Sternenwelt zwischen Tod und neuer Geburt. Die 
hinter dem Sinnenschein wirkenden geistigen Wesenheiten. Ahri- 



man und Luzifer. Der Sternenhimmel als Offenbarung der luzi- 
ferischen, der Erdboden als Offenbarung der ahrimanischen Wesen- 
heiten. Die Notwendigkeit, zwischen beiden das Gleichgewicht zu 
finden. Die Folge nebuloser Mystik: nicht alternkonnenin dernach- 
sten Inkarnation. Ahrimans Streben, kiinftige Inkarnationen zu ver- 
hindern. Die heutige Entscheidungsstunde der Menschheit, in der 
der Ausgleich gefunden werden mufi. Die Notwendigkeit einer Geo- 
sophie und Kosmosophie. 

Neunter Vortrag, Dornach, 30. Januar 1921 

Das Streben nach Gleichgewicht zwischen den luziferischen und 
ahrimanischen Abirrungen. Die Ahrimanisierung durch die mo- 
derne Wissenschaftlichkeit. Die moderne Technik: ein Leichnam der 
Natur. Luziferisierung im sozialen Leben. Aufgabe der Geisteswis- 
senschaft ist, die Erkenntnis vom Wesen des Menschen zur aufieren 
Wissenschaft, sowie kosmisches Fiihlen zum sozialen Leben hinzu- 
zubringen. Das Entstehen sozialer Stimmung und die Befruchtung 
des sozialen Lebens durch Welterkenntnis. Die Erneuerung des Chri- 
stentums. 

Zehnter Vortrag, Dornach, 5 . Februar 1 92 1 

Die Besprechung des Aufsatzes von Hsi-Lung, «Drei Welten» in der 
Zeitschrift «Hochland». Das Verhaltnis des Asiaten zum modernen 
Europaer. Die alten Asiaten und auch noch die friihen Griechen er- 
lebten gottliche Wesen als Inspiratoren aller Kultur. Das Wesen der 
griechischen Epik, Dramatik und Lyrik. Der heutige Asiate lebt noch 
in der Dekadenz dieser Anschauung und beurteilt da heraus den mo- 
dernen Europaer als seelenlos, und er fiihlt sich vom Europaer un- 
verstanden. Wirken und Ziele des Katholizismus. Besprechung des 
Buches «Die Heimkehr des Ketzers» von H. Ehrenberg. 

Elfter Vortrag, Dornach, 6. Februar 1921 

Das heutige Vorstellungsleben dringt in Gebiete, die in fruheren 
Zeiten jenseits der Schwelle der Erkenntnis gehalten wurden, weil 
das Selbstbewufitsein ihnen noch nicht gewachsen war. Das Erstar- 
ken des Selbstbewufitseins in der neueren Zeit. Die Anschauung der 
Schwelle fiir das moderne Bewufitsein durch Anthroposophie. Der 
Katholizismus als grofie, aber in der Vergangenheit wurzelnde Welt- 
anschauung. Die Aufgabe, Geisteswissen in die moderne Natur- 
anschauung zu tragen. Die Gefahren von Katholizismus und Orien- 
talismus. Die Notwendigkeit eines gestarkten Wahrheitsgefuhls. Die 
Memoiren von Pal^ologue. Gegner der Anthroposophie; Frohn- 
meyer, Heinzelmann. 



Zwolfter Vortrag, Dornach, 8. Febniar 1921 200 

Seit Anthroposophie mit dem Bau des Goetheanum vor die Welt ge- 
treten ist, ist es nicht mehr moglich, Mystik in kleinen sektiererischen 
Kreisen zu treiberi. Es ist ein neues Verantwortlichkeitsgefuhl der 
Anthroposophie gegeniiber und Welteinsicht notig. Die Welt tritt 
der starker auftretenden Anthroposophie feindlich gegeniiber. Es ist 
notig, nicht nur sich zu verteidigen, sondern die Gegner zu charak- 
terisieren. Dessoir, Artikel im Februarheft 1921 der «Tat» uber An- 
throposophie. 



Dreizehnter Vortrag, DenHaag, 27.Februar 1921 .... 225 
Die Griechen durchlebten das Zeitalter der Verstandesseele in Ju- 
gendfrische, in romischer Zeit trat bereits eine Dekadenz ein. Wir 
haben dasDenken alsErbe derVerstandesseelenkultur in dieBewufit- 
seinsseele hereingenommen. Damit ist Egoismus als Etappe der Ent- 
wicklung zur Freiheit entstanden. Anthroposophische Erkenntnis 
und die Auf gaben der Menschheit in der Gegenwart. Das Mysterium 
von Golgatha wurde vorerst mit den Resten des alten Hellsehens 
verstanden. Von 333 bis 868 (Konzil von Konstantinopel) wurde 
dieses Wissen Theologie. Adolf von Harnack. Das Miterleben der 
Erlebnisse noch nicht verkorperter Seelen wahrend des Schlafens; 
Nachwirken der Erbschaften des irdischen Lebens im Wachen. Die 
Notwendigkeit der spirituellen Erkenntnis; die Aufgabe der anthro- 
posophischen Bewegung. 



Vierzehnter Vortrag, Dornach, 11. Marz 1921 244 

Bericht uber die Vortragsreise in den Niederlanden im Februar 1921. 
Der Universitatsphilosoph Jiirgen Bona Meyer. Die Weisheitsschule 
des Grafen Hermann Keyserling. Die Dreigliederung des Menschen. 
Das Willensleben und seine korperliche Widerlage, das Stoffwech- 
sel-Gliedmafienleben, werden verschlafen, sie sind eingebettet in die 
Elohim. Die Ziele der luziferischen und ahrimanischen Wesen in 
der Erdenentwicklung: Die luziferischen Geister sind zuriickgeblie- 
bene Elohim und wirken ins Kopfleben hinein und geben dem Men- 
schen die Vernunft, mochten ihn aber nicht hinuntersteigen lassen 
ins voile Erdendasein. Sie mochten den Menschen an die Vergangen- 
heit binden. Die ahrimanischen Geister sind zuriickgebliebene Wesen 
der ersten Hierarchie. Sie mochten den Menschen von der Vergan- 
genheit losen und ihn im Mineralreich zu einem Anfangsglied einer 
Evolution machen. Streben nach dem Ausgleich zwischen Luzife- 
rischem und Ahrimanischem im Christus-Prinzip, durch die Geistes- 
wissenschaft. 



Funfzehnter Vortrag, Dornach, 13. Marz 1921 262 

Die Eingliederung geistiger Wesenheiten in die verschiedenen Ge- 
biete des Daseins. Die Herrschaft Jahves in den drei oberen Natur- 
reichen des Warmeartigen, Luftformigen und Wa&rigen. Das Jahve- 
fremde Element des Mineralischen als Grundlage der intellektuellen 
Kultur der nachchristlichen Zeit. Das traumhafte Verstehen des 
Mysteriums von Golgatha in den ersten Jahrhunderten. Saulus - 
Paulus. Nachwirkung der alten Jahve-Religion. Das Hereinwirken 
Luzifers in den Jahve-Bereich, Ahrimans in das Mineralische, urn 
den Menschen von der Praexistenz abzuschneiden. Angriffe gegen 
die Geisteswissenschaft. 

Sechzehnter Vortrag, Dornach, 27. Marz 1921 278 

Der Gegensatz zwischen dem Weihnachts- und dem Ostergedanken. 
Geburt und Auferstehung. Wandlungen des Ostergedankens im Lauf 
der Geschichte: Der Triumph iiber den Tod ist der Ostergedanke in 
der Zeit des friihen Christentums, in der noch Weisheit des Morgen- 
landes lebte. An seine Stelle trat spater, etwa zur Zeit des achten 
okumenischen Konzils von Konstantinopel (869) der Christus als ju- 
ristischer Weltenrichter und Christus als Schmerzensmann, als Aus- 
druck fiir das Hineingehen der Menschheit in den Materialismus. 
Ebenso trat Sentimentalitat fiir das Jesuskind auf anstelle des My- 
steriums der Geburt. Die Wiederfindung des geistigen Christus in 
der Menschenseele, im Menschenwillen als Zeitaufgabe. Die An- 
setzung des Osterfestes. 

Siebzehnter Vortrag, Dornach, 28. Marz 1 92 1 291 

Christus Jesus und Apollonius von Tyana. Die aufierlichen Ahnlich- 
keiten in ihren Lebenslaufen. Leben, Lehre, Reisen des Apollonius; 
seine auf der Erde gesammelte Weisheit. Die aus aufierirdischen 
Welten herabgebrachte Weisheit des Christus Jesus. Friiher: Bindung 
der Weisheit an bestimmte Erdenorte; heute: Aufgehen der Weis- 
heit im individuellen Menschenwillen. Der Auferstehungsimpuls 
der Geisteswissenschaft. Die Intention der anthroposophischen Be- 
wegung und ihre praktischen Einrichtungen. Die Forderung der 
Gegenwart nach einer neuen Willenskultur. 

Achtzehnter Vortrag, Dornach, I.April 1921 307 

Die Bedeutung der Menschheitsentwicklung im Zusammenhang mit 
der Entwicklung der Erde. Die heutige Innerlichkeit des Verstandes 
als Metamorphose des friiher aufierhalb des Menschen wirkenden 
Verstandes in den Naturgesetzen. Die heutige Naturwissenschaft 
schwebt unindividuell iiber dem Menschen. Luziferische Geister war- 



ten auf die Verstandeskultur, die nicht vom Herzen ergriffen wird. 
Ahrimanische Geister warten auf die Begierden, die entstehen, wenn 
der Wille nicht individuell bis zum reinen Denken gestaltet wird. 
Ost und West. Der Mond als Bild dessen, was aus der Erde werden 
konnte. Personlich gestaltetes Denken und individuelles zur Liebe 
verwandeltes Wollen machen den Menschen zum Mitgestalter an 
der Metamorphose der Erdentwicklung. 

Hinweise 321 

Namenregister 339 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 341 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 343 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, l.Januar 1921 

Lassen Sie uns heute eine Betrachtung anstellen, welche sich anschliefien 
soli an die Festeszeit, an jene Zeit, die ja in jedem Jahr wiederum er- 
neuert die Erinnerung und das Gedenken an das Mysterium von Gol- 
gatha, auch die unmittelbare Empfindung des Mysteriums von Gol- 
gatha. 

Wir haben eigentlich drei solcher Festeszeiten innerhalb der christ- 
lichen Entwickelung: das Weihnachtsfest, das Osterf est und das Pfingst- 
fest. Und man kann sagen, dafi diese drei Feste in verschiedener Art 
den Menschen in ein Verhaltnis bringen zu demjenigen, worin die 
christliche Entwickelung den Sinn des ganzen Erdengeschehens sieht. 
Auch in bezug auf die menschlichen Seelenkrafte unterscheiden sich 
diese drei Feste. 

Das Weihnachtsfest kniipf t mehr an die Empfindung an. Es ist auch 
dasjenige Fest, welches in gewissem Sinne das popularste ist, weil sein 
Verstandnis eben die Vertiefung der Empfindung, die Vertiefung des 
Gefuhls fordert, und weil es dasjenige ist, was dem Menschen im wei- 
testen Umkreis zuganglich ist. 

Das Osterfest, das notwendig macht, dafi der Mensch sich auf- 
schwingt zu einem Verstandnis des eigentlichen Mysteriums von Gol- 
gatha, des Hereindringens einer iibersinnlichen Wesenheit in die 
menschheitliche Entwickelung, es stellt die grofiten Anforderungen an 
das menschliche Verstehen. Es ist ein Fest, das gewissermafien das 
menschliche Verstehen auf das hochste Niveau hinauf erhebt, das ja 
natiirlich auch allgemein begangen wird, aber nicht in derselben Weise 
popular sein kann wie das Weihnachtsfest. 

Das dritte Fest, das Pfingstfest, stellt besonders ein Verhaltnis her 
zwischen dem menschlichen Willen und der iibersinnlichen Welt, der 
Welt namentlich, welcher das Christus-Wesen als solches angehort. Die 
Oberleitung von Willensimpulsen, die dann wiederum auf die Welt 
iibertragen werden, sie wird ja dem Menschen zum Bewufitsein gebracht 
durch den rechten Sinn des Pfingstfestes. 



So wird in dreifacher Weise dasjenige, was man das christliche Ge- 
heimnis nennen konnte, anschaulich gemacht durch diese jahrlichen 
Festeszeiten. Wie das Weihnachtsmysterium an den Menschen heran- 
tritt, das kann man sich in der verschiedensten Weise vor das Bewufit- 
sein stellen, und wir haben ja im Laufe der Jahre den Weihnachts- 
gedanken von den verschiedensten Gesichtspunkten aus gerade ge- 
legentlich der Weihnachtsfeste ins Auge gefafit. 

Diesmal wollen wir erinnern an etwas, was jedem klar werden kann, 
der das Weihnachtsmysterium von seiten der Evangelien aus betrachtet. 
In den Evangelien wird uns eine zwiefache Verkiindigung der Geburt 
des Christus Jesus dargestellt. Die eine Verkiindigung ist diejenige, 
welche ergeht an die armenHirten auf dem Felde draufien, denen - man 
nenne es nun im Traume oder irgendwie - ein Engel verkundet die 
Geburt des Christus Jesus. Wir haben es da zu tun mit dem Gewahr- 
werden dieses Ereignisses durch die inneren Seelenkrafte, die in einer 
besonderen Verfassung sind bei diesen Hirten aus der Umgebung des 
Geburtsortes des Christus Jesus. Und es wird uns eine zweite Verkiin- 
digung dargestellt in den Evangelien: diejenige, welche ergeht an die 
drei Konige oder die drei Magier aus dem Morgenlande. Sie folgen - so 
wird uns gesagt - der Sprache eines Sternes, die ihnen verkiindigt, dafi 
der Christus Jesus in die Welt gekommen ist. 

Wir werden da verwiesen auf zwei Arten, wie eine friihere Mensch- 
heit zu ihren hoheren Erkenntnissen kam. Es handelt sich auch da um 
etwas, was in der Gegenwart eigentlich niemals mehr in der richtigen 
Weise angeschaut wird. In der Gegenwart stellt man sich vielfach vor, 
dafi die Menschen nun einmal eine Wahrnehmung, ein Denken haben, 
und dafi diese Wahrnehmung, dieses Denken, kurz, die Entfaltung der 
inneren Seelenkrafte, im Grunde genommen durch alle Jahrhunderte 
und Jahrtausende, wenn sie auch in friiheren Zeiten primitiver waren, 
so doch im wesentlichen so waren, wie sie heute sind. Wir wissen aus 
unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft, wie die Seelenverfas- 
sung der Menschen sich im Laufe der Zeiten geandert hat, wie in alten 
Zeiten, etwa im 7., 8. Jahrtausend der nachatlantischen Zeit oder frii- 
her, die Menschheit in einer ganz anderen Weise sowohl das eigene 
Leben wie auch das Wesen der Umwelt angesehen hat, und wie sich 



dann diese Seelenverfassung immer wieder gewandelt hat, wie sie dann 
diejenige geworden ist, die wir als die verstandesmafiige Zergliederung 
der Welt in der Gegenwart kennen und als die rein sinnliche Auffas- 
sung, die wir auch in der Gegenwart in den aufieren Dingen haben. 
Diese Entwickelung geht von einem gewissen alteren, instinktiven Hell- 
sehen durch unsere gegenwartige Seelenverfassung, um in der Zukunft 
sich wiederum zurikkzuwenden zu einer Art Hellsichtigkeit, zu einem 
Schauen der Welt, das aber dann durchsetzt sein soli von der vollen 
Bewufitheit der Menschheit. 

Zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich auf der Erde ereig- 
nete, war das alte Hellsehen, das ein instinktives war, zum grofien Teil 
schon, wenn ich so sagen darf, abgelahmt. Die Menschen hatten zwar 
eine andere Seelenverfassung, als die heutige ist, aber sie hatten auch 
nicht mehr das alte Hellsehen; sie hatten auch nicht mehr die alten For- 
men. durch allerlei Weisheit die Welt sich genauer zu zergliedern. 
Sowohl die alten Weisheitslehren wie auch das alte instinktive Hell- 
sehen waren abgeglommen, als das Mysterium von Golgatha an die 
Menschheit herankam. Aber Reste davon waren noch vorhanden, und 
wir werden gerade durch die Evangelien deutlich darauf hingewiesen, 
wenn wir sie richtig verstehen, dal$ solche Reste vorhanden waren. Bei 
einzelnen auserlesenen Personlichkeiten waren solche Reste vorhanden. 
Solche auserlesenen Personlichkeiten konnen nun sowohl gewesen sein 
die armen Hirten auf dem Felde, die aus ihrem f rommen Herzen heraus 
eine gewisse hellsichtige Kraft, die wie traumhaft ttber sie gekommen 
ist, besessen haben; es konnen auch gewesen sein solche Personlich- 
keiten, die uns auf der Spitze der sozialen Stufenleiter vorgefiihrt wer- 
den, wie die drei Magier aus dem Morgenlande, welche aus alten Zeiten 
die Fahigkeit bewahrt haben, durch eine gewisse Weisheitslehre hinein- 
zuschauen in den Gang der Weltenereignisse. Und so konnten die armen 
Hirten in einer Art traumhaften Erlebens, in einer Art innerlicher 
Wahrnehmung dasjenige an sich herankommen sehen, was in dem Er- 
eignis der Geburt des Christus Jesus sich vollzog. Auf der anderen Seite 
konnten die drei Magier aus dem Morgenlande eine solche Wissenschaf t 
entwickeln, dafi sie aus der Verfolgung der Weltenerscheinungen, der 
Erscheinungen am Himmel, dasjenige sich zu vergegenwartigen ver- 



mochten, was iiber den gewohnlichen Gang des Lebens hinausliegend 
Bedeutungsvolles auf der Erde geschah. 

Wir werden also auf zwei ganz bestimmte, aber voneinander ver- 
schiedene Erkenntnisarten verwiesen. Wenden wir uns zunachst zu 
demjenigen, was bei den drei Magiern aus dem Morgenlande vorhanden 
war als ein letzter Rest einer alten Weisheitslehre. Es wird uns ja deut- 
lich gezeigt, wie diese Magier den Gang der Sterne entratseln konnten. 
"Wir werden also durch diese Darstellung verwiesen auf eine alte Ster- 
nenkunde, auf eine alte Anschauung iiber die Geheimnisse der Sternen- 
welt, in der sich auch die Geheimnisse des menschheitlichen Geschehens 
offenbarten. Diese alte Sternenkunde war etwas anderes als unsere 
Sternenkunde. Unsere Sternenkunde ist ja auch in einer gewissen Weise 
prophetisch; sie kann voraussagen den Gang von Sonnen- und Mond- 
finsternissen und ahnliches. Aber unsere Sternenkunde ist blofi mathe- 
matisch-mechanisch. Unsere Sternenkunde spricht blofi von den Ver- 
haltnissen des Raumes und der Zeit, insofern man sie mathematisch 
zum Ausdruck bringen kann. Dasjenige aber, was sich in bezug auf das 
innere Menschenleben abseits von Raum und Zeit, aber doch im Raum 
und in der Zeit, jedoch mit einer hdheren Bedeutung abspielt, das sah 
eine alte Sternenkunde, eine alte Sternenweisheit aus dem Gang der 
Sterne heraus. Wenn wir die Wissenschaft einer alteren Menschheit uns 
vor das Bewufitsein bringen, so finden wir, dafi diese Sternenweisheit 
im wesentlichen das ist, was dieser alten "Wissenschaft iiberhaupt den 
Inhalt gab. Aus den Sternen erforschten die Menschen dasjenige, was 
auf der Erde geschah. Aber ihnen war die Sternenwelt nicht jenes ab- 
strakte, maschinenartige Wesen, das sie der heutigen Menschheit ge- 
worden ist. Ihnen war die Sternenwelt etwas, was voll Leben war. Sie 
empfandenbei jedemeinzelnen derPlaneten einWesenhaftes in der "welt. 
Gewissermafien sprachen sie durch eine innere Seelensprache mit jedem 
einzelnen Planeten so, wie wir heute nur von Mensch zu Mensch durch 
die aufiere Sprache sprechen. Man war sich klar dariiber, dafi man im 
Inneren seelisch etwas erlebt, was in einer gewissen Weise abspiegelt 
und wiedergibt dasjenige, was draufien im grofien Raume durch den 
Gang der Sterne sich vollzieht. Es war eine lebendige, durchgeistigte 
Anschauung des Weltenalls. Und der Mensch selber fiihlte sich in einer 



geistigen, in einer seelenhaften Weise in dieses Weltenall hineingestellt. 
Es wurde die Weisheit von diesem Weltenall auch gepflegt in Schulen, 
die man Mysterienschulen nennen konnte, in denen die Zoglinge in 
einer sorgfaltigen, intimen, innerlichen Art vorbereitet wurden, den 
Gang der Sterne so verstehen zu konnen, dafi er das menschliche Leben 
auf der Erde verstandlich machte. 

Welcher Art waren diese Vorbereitungen? Diese Vorbereitungen 
gerade fiir die Erkenntnis des Sternenhimmels und seiner Wirkungen 
waren so, dafi der Mensch auch damals schon, in der Zeit instinktiven 
Hellsehens, erzogen wurde zu einem wacheren Leben, als das normale 
aufiere Leben war. Die Menschen der breiten Massen hatten eine Art 
instinktiven Hellsehens. Das entsprach einer Seelenverfassung, die 
weniger wach war, als es unsere normale Seelenverfassung ist. Man 
konnte in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in solcher 
Weise wach denken, wie man das heute kann. Man konnte nicht in 
demselben Sinne wie heute zu der Mathematik, zu der Geometrie kom- 
men. Es war des Menschen Leben durch das ganze Dasein zwischen 
Geburt und Tod mehr ein hintraumendes gewesen, das aber eben gerade 
deshalb, weil es ein hintraumendes war, in einer lebendigeren Art als 
unser ganz waches Leben die Umwelt wahrnahm. Und das Eigentiim- 
liche ist, dafi die einzelnen Zoglinge der Mysterien, in deren letzten 
Resten eben solche Menschen wie die drei Magier standen damals in 
alten Zeiten, man konnte sagen noch etwa bis in das 2. Jahrtausend, 
sogar anfangs des l.Jahrtausends vor dem Mysterium von Golgatha 
eingefuhrt wurden in ein Wissen, das ganz ahnlich unserem geometri- 
schen oder mathematischen Wissen ist. 

Fiir die aultere Menschheit hat Euklid zuerst die Geometrie hinge- 
stellt. Das war aber eben nur eine Ubermittlung der Geometrie an die 
aufiere, grofie Menschheit. Was Euklid als Geometrie hingestellt hat, 
das war in den Mysterien lebendig durch Jahrtausende schon; es wurde 
aber nur mitgeteilt an die auserlesenen Schuler der Mysterien. Bei ihnen 
wirkte es anders, als es spater wirkte. Es sieht sonderbar und paradox 
aus, ist aber doch so: was heute bei uns schon die Kinder lernen, unsere 
Geometrie, unsere Rechenkunst, das lernten in den Mysterienschulen 
einzelne Menschen, die besonders dazu auserlesen wurden, die man 



innerhalb der Masse fiir besonders befahigt hielt und die man hinein- 
nahm in die Mysterien. 

Man kann heute oftmals horen, in den Mysterien seien geheimnis- 
volle Dinge gelehrt worden. Ihrem rein abstrakten Inhalte nach sind 
diese geheimnisvollen Dinge dieselben, die heute den Kindern gelehrt 
werden. Es sind gar keine anderen Dinge, und das Mysterienhaf te liegt 
nicht darin, dafi diese Dinge heute den Menschen etwa unbekannt seien, 
sondern es liegt in der anderen Art, wie die Sache an die Menschen 
herangebracht worden ist. Es ist natiirlich etwas ganz anderes, wenn 
man den Inhalt unserer Geometrie einfach appellierend an den Ver- 
stand an die Kinder heranbringt in einem Zeitalter, wo der Mensch vom 
Aufwachen bis zum Einschlaf en in unserem Wachbewulksein lebt, oder 
ob man im Zeitalter des alten, instinktiven Hellsehens mit einer traum- 
haften Art des Bewuikseins diese Dinge an besonders auserlesene Men- 
schen mit reiferem Bewufitsein heranbrachte. Es sind heute durchaus 
nicht immer zutreffende Vorstellungen in der Menschheit iiber diese 
Dinge vorhanden. 

Sehen Sie, es gibt ein Gedicht an Varuna in der morgenlandischen 
Literatur. Das spricht da von, dafi Varuna erscheint in der Luft, die als 
Wind die Walder durchweht, dafi Varuna erscheint in dem Donner, der 
aus dem Wolkenwasser hervorzuckt, dafi Varuna erscheint in dem 
menschlichen Herzen, wenn es zum Willen sich aufraf ft, dafi Varuna 
erscheint am Himmel, wenn die Sonne iiber den Himmel geht, dafi 
Varuna enthalten ist auf den Bergen in dem Somasaf t. Sie werden heute 
in den Biichern meistens finden: dafi man eigentlich nicht wisse, was der 
Somasaft ist. Die Menschen konstatieren heute in ihrer Gelehrsamkeit, 
dafi man nicht wisse, was der Somasaft ist, trotzdem es Menschen gibt, 
die ihn literweise trinken und von einem gewissen Gesichtspunkte aus 
sehr gut kennen. Aber es ist etwas anderes, die Sachen vom Mysterien- 
standpunkt aus zu kennen, als vom Standpunkte des wachen Bewufit- 
seins in profaner Empfindung. Und Sie konnen heute lesen vom Stein 
der Weisen, der gepflegt wurde in einer gewissen Zeit, in der man das 
Wesen der Substantiality eben anders angesehen hat als heute. Und 
wiederum werden Ihnen die Geschichtsschreiber der Alchimie sagen, 
man kenne den Stein der Weisen nicht. Ich habe schon immer da und 



dort in meinen Vortragen angedeutet, dafi dieser Stein der Weisen den 
meisten Menschen sehr gut bekannt ist. Sie kennen nur nicht seine 
Wesenheit und wissen nicht, warum er so genannt wird. Er ist den 
meisten Menschen sehr gut bekannt, da sie ihn eigentlich kiloweise ver- 
wenden. 

Es handelt sich eben bei den Dingen zuweilen um etwas ganz an- 
deres als um dasjenige, was sich unsere heute abstrakt-theoretische und 
lebensfremde, wirklichkeitsfremde Anschauung vorzustellen vermag. 
Es gibt heute auch keine rechte Anschauung davon, was es heifk, mit 
ganz anderer Seelenverfassung, als diejenige der heutigen Menschheit 
ist, im reifen Zustande aufzunehmen unsere geometrische, unsere arith- 
metische Wissenschaf t. Ich habe auf diese besondere Artung des Myste- 
rienwesens in meiner Schrif t «Das Christentum als mystische Tatsache» 
ja hingewiesen. Allein solch wichtige Dinge versteht man gewohnlich 
nicht in der richtigen Weise; man nimmt sie gewohnlich nicht tief genug. 
Dafi die Art und Weise, wie die Dinge an die Menschen herangebracht 
worden sind, das Mysterienhafte in alten Zeiten ausmachte, das ist das- 
jenige, was man verstehen sollte. Und so war es wirklich bei rein mathe- 
matischen Betrachtungen, deren Gefuhls- und vollmenschlichen Inhalt 
Novalis noch nachgefuhlt hat, als er die Mathematik wie ein grofies 
Gedicht empfand, was die meisten Menschen heute gewift nicht drin 
finden. So war es dieses gefuhlsmafiige, aber in mathematische Formen 
ergossene Erfassen der Welt, in das der Zogling der alten Mysterien 
eingefiihrt wurde. Und wenn so das mathematische Verstandnis des 
Weltenalls an den Zogling der alten Mysterien herantrat, dann wurde 
er ein Mensch mit einer solchen Weltbetrachtung, wie es diejenige war, 
die uns als die der Magier aus dem Morgenlande geschildert wird. Dann 
enthullte die Mathematik des Weltenalls, die bei uns zu etwas ganz Ab- 
straktem geworden ist, Wesenhaftes, weil das, was sie enthullte, durch 
anderes erganzt wurde, was ihm entgegenkam. Und so war dasjenige, 
was als aufieres Wissen einer alten Kultur entsprach, was sich in den 
letzten Resten fiir die Magier erhalten hatte, was an die Magier aus dem 
Morgenlande herangekommen ist, die Veranlassung zu der einen Ver- 
kiindigung: der Verkundigung durch die Weisheitslehre, durch die 
aufiere Wissenschaf t. 



Auf der anderen Seite konnte sich das innerlicheErleben der Mensch- 
heitsgeheimnisse bei besonders dazu veranlagten Menschen entwickeln, 
wie diejenigen waren, die uns dargestellt werden sollten in den Hirten 
auf dem Felde. Da mufiten die inneren Krafte, die im Menschen sind, 
eine besondere Stufe erreichen. Dann wurde unmittelbare Anschauung, 
imaginative, instinktiv-imaginative Bilderwahrnehmung dasjenige, was 
in der Menschheitswelt geschah. So kundigte sich durch inneres Schauen 
fur die armen Hirten auf dem Felde dasjenige an, was sich ihnen zu- 
sammenfafite in den Verkundigungsspruch: «Es offenbart sich der Gott 
in den Himmelshohen, und durch ihn kann sein der Friede bei alien 
Menschen, die eines guten Willens sind.» 

Es sprachen also die Weltengeheimnisse sowohl zum Innersten der 
armen Hirten auf dem Felde wie zu dem Aufiersten, wozu sich mensch- 
liche Weisheit aufschwingen konnte in der damaligen Zeit; es sprachen 
die Weltengeheimnisse sowohl zu den Hirten wie zu den Magiern aus 
dem Morgenlande. Und es wurde verkundigt von zwei Seiten das grofie 
Mysterium des Erdenlebens. 

Was erlebten die Magier aus dem Morgenlande? "Was wurde bei sol- 
chen Schiilern besonders entwickelt dadurch, dafi die Mathematik in 
ihre Seelenverfassung hereingebracht wurde, wenn diese Seelenverfas- 
sung schon eine besonders reife war? Sehen Sie, Kant sagt von den 
mathematischen Erkenntnissen, sie seien a priori. Mit dem a priori 
meint er: sie sind vor der aufieren, empirischen Erkenntnis, vor der Er- 
fahrung errungen. Das ist eine Wortweisheit. Es ist gar nichts gesagt 
mit diesem a priori. Das Wort bekommt erst einen Sinn, wenn man aus 
der Geisteswissenschaf t heraus darauf hinweisen kann, dafi die Mathe- 
matik aus uns aufsteigt, dafi sie etwas 1st, das aus dem Inneren des Men- 
schen in das menschliche Bewufitsein kommt. Und woher kommt sie? 
Nun, sie kommt aus den Erlebnissen, die wir vor der Empf angnis oder 
vor der Geburt in der geistigen Welt durchgemacht haben. Da lebten 
wir im grofien, weiten Weltenall. Da erlebten wir dasjenige, was wir 
erleben konnten, bevor wir unsere Leibesaugen und Leibesohren hatten. 
Da erlebten wir a priori gegeniiber dem Leben auf der Erde. Dasjenige, 
was da a priori erlebt wird, es steigt heute fur unser Bewufitsein un- 
bewufit aus dem Inneren herauf . Der Mensch weifi nicht, wenn er es 



nicht wie Novalis durch solch eine Ahnung erlebt, dafi da aufsteigen 
die Erlebnisse von vor der Geburt oder Empfangnis, wenn er mathema- 
tisiert. Fur denjenigen, der diese Dinge in der richtigen Weise anzu- 
schauen vermag, ist allein schon das mathematischeErkennen einBeweis 
dafiir, dafi er vor der Empfangnis in einer geistigen "Welt da war. Fiir 
jene, denen das kein Beweis ist fiir ein vorgeburtliches Leben, fiir die 
besteht die andere Tatsache, dafi sie eben nicht griindlich genug iiber 
die Erscheinungen des Lebens nachdenken, dafi sie keine Ahnung haben 
von dem, was eigentlich der Ursprung des Mathematischen ist. 

Die Schiiler der alten Mysterien, die in jener Weisheitsverfassung 
waren, wie sie sich als letzte Reste bei den Magiern aus dem Morgen- 
lande erhalten hatte, bekamen einen deutlichen Eindruck davon: Wenn 
wir so die Sterne anschauen, dafi wir sie durchdringen mit den mathe- 
matischen Linien, mit unserer Rechnung, dann breiten wir iiber die 
aufieren Raumesweiten dasjenige aus, worin wir gelebt haben vor un- 
serer Geburt. Und so kam sich solch ein Schuler der heiligen Mysterien 
vor, dafi er sich sagte: Jetzt lebe ich hier auf der Erde, schaue durch 
meine Augen hinaus in den Weltenraum, bemerke dasjenige, was raum- 
lich um mich herum ist. Ich habe auch gelebt innerhalb dieser Erschei- 
nungen des Weltenraumes vor meiner Geburt oder Empfangnis. Da 
habe ich selber gezahlt von Stern zu Stern dasjenige, was ich mir jetzt 
hier nur nachbildlich vergegenwartige durch Mathematik; da bin ich 
selber hingeeilt mit den inneren Kraften von Stern zu Stern; da lebte 
ich in dem, was ich jetzt nur konstruiere. Gegenwartig wurde den Men- 
schen dadurch alles, was sie erlebt hatten vor der Geburt oder Empfang- 
nis. Daher nahmen sie es auch in einem heiligen Sinne auf. Daher wufi- 
ten sie auch: es ist die geistige Welt, in die sie sich da einleben, es ist die 
Welt, in der sie gelebt haben, bevor sie die Erde betreten haben. Dieses 
Wissen um die Welt, die der Mensch durchlebt, bevor er die Erde betritt, 
war in einem letzten Rest bei den Magiern aus dem Morgenland vor- 
handen; durch das erkannten sie das Herannahen der Christus-Wesen- 
heit. 

Woher kam denn die Christus-Wesenheit? Sie kam ja aus jener Welt, 
die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und ver- 
einigte sich mit dem Leben, das wir durchleben zwischen Geburt und 



Tod. Diejenige Wissenschaft, die handelt von der Welt, die wir durch- 
leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, kann daher so etwas 
wie das Mysterium von Golgatha enthiillen. Auf dem Wege dieser Wis- 
senschaft wurde also den Magiern verkundet das Mysterium von Gol- 
gatha, das Weihnachtsmysterium. 

Indem der Mensch hier auf der Erde lebt und das entf altet, was ihm 
seine Erkenntnisse bringen iiber die Umwelt, was die Impulse zu seinem 
Handeln, seinem sozialen Leben sind, erlebt er ja in sich unbewuik noch 
etwas anderes. Er weifi es nicht, aber geradeso wie er die Nachwirkun- 
gen seines vorgeburtlichen Lebens erlebt, erlebt er auch dasjenige, was 
dann durch die Pforte des Todes schreitet und der Inhalt des Lebens 
nach dem Tode wird. Das sind die Krafte, die keimhaft schon vorhan- 
den sind zwischen Geburt und Tod und die erst im nachtodlichen Leben 
sich zur vollen Bliite entfalten. Diese Krafte wirkten mit einer grofien 
Intensitat im alten instinktiven Hellsehen; und sie wirkten im letzten 
Rest noch bei den armen Hirten auf dem Felde durch ihre besondere 
Frommigkeit. In diesen Kraf ten leben wir ja insbesondere zwischen dem 
Einschlafen und dem Aufwachen, wenn unsere Seele aus der Korper- 
lichkeit draufien ist und im aufieren Raume lebt. Dann lebt sie auf solche 
Art, wie sie bewufit erst wiederum leben wird, wenn sie den aufteren 
physischen Leib abgelegt hat nach dem Tode. Diese Krafte, die aus der 
Traumes-, aus der Schlafeswelt heraus in besonderen Zustanden in das 
Tagesleben eindringen konnen, waren da sehr regsam in dem alten in- 
stinktiven Hellsehen. Die armen Hirten erlebten diese Krafte, und in 
ihnen enthullte sich dasjenige, was ihnen, von einer anderen Seite als 
den drei Magiern, das Mysterium von Golgatha ankiindigen konnte. 

Was erfahrt man durch diejenigen Krafte, die dem Menschen be- 
sonders eigen sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wenn sie 
in dem Leben zwischen Geburt und Tod angefacht werden wie bei den 
Magiern aus dem Morgenlande? Man erfahrt dasjenige, was aufier dem 
Irdischen geschieht. Man wird von der Erde hinweggetragen in die Welt 
der Sterne, in der man ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. 
Das war die Welt, in die eingefiihrt wurden die Magier aus dem Mor- 
genlande, von der Erde weg in den Himmelsraum. 

Was erfahrt man durch diejenigen Krafte, die innerlich aufsteigen, 



besonders in der Traumeswelt, die iiberhaupt aus dem menschlichen 
Inneren kommen? Da erfahrt man, was im Inneren der Erde geschieht. 
Da wirken vorzugsweise die tellurischen Krafte, diejenigen Krafte, die 
wir haben durch unseren Leib, durch das Wohnen in unserem Leibe. 
Die wirken besonders in demjenigen, was wir durchleben zwischen dem 
Einschlafen und dem Aufwachen. Wir sind auch da in der aufieren 
Welt, aber vorzugsweise in jener aufieren Welt, die zur Erde gehort. 

Sie werden sagen: Das ist ein Widerspruch gegeniiber der Wahrheit, 
dafi wir auiSerhalb unseres Leibes sind. - Das ist kein Widerspruch. Man 
nimmt immer nur das wahr, was man aufierhalb hat; dasjenige, in dem 
man lebt, das nimmt man nicht wahr. Nur diejenigen Menschen, die 
iiber irgendwelche Gebiete besonders unwissend sind und ein reines 
Phrasenwissen entwickeln mochten, bringen es f ertig, iiber solche Dinge 
leicht hinwegzugleiten mit Phrasen und etwa zu sagen: Es kame nicht 
darauf an, eine Geisteswissenschaft zu begriinden mit einem Wissen, 
gewonnen aufierhalb des Menschen, denn das Wichtige sei gerade, dafi 
der Mensch zu dem aufieren Naturwissen ein Wissen durch das Innere 
bekame. - Ja, mit einem solchen Phrasenschwall kann man heute Darm- 
stadter Weisheitsschulen begriinden, aber man bleibt doch eben blofi 
ein Phraseur, auch wenn man Weisheitsschulen begriindet. Denn wenn 
man die Sache in der richtigen Weise versteht, kann man sogar sagen: 
Ja, man mufi die Welt von innen beschreiben, um zum Obersinnlichen 
zu kommen; aber dann mufi man ja erst ins Innere hineinkommen, und 
das, was dann aufierlich ist, das mufi man betrachten aus dem Leibe 
heraufien, und man mufi den Leib zuriick betrachten. Die Keyserling- 
schen Reden von einem Betrachten von seelischen Gesichtspunkten aus 
wollen aber eigentlich nicht in das menschliche Innere hinein, sondern 
sie bedienen sich blofter Phrasen. Daher ist es auch so: wenn wir in dem 
Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen sind, schauen wir zu- 
riick und empfinden gewissermafien zuriick in unseren Leib. Wir emp- 
finden also dasjenige, worin unser Leib mit dem Irdischen zusammen- 
hangt; er ist ja von der Erde. Die armen Hirten auf dem Felde empfan- 
den eigentlich die Offenbarung der Erde aus ihrem Leibe, indem sie in 
einem traumhaften Zustande dasjenige, was geschah, als die Stimme 
des Engels wahrnahmen. 



Und es entspricht das ganz dem Mysterium von Golgatha, dafi von 
zwei Seiten her die Offenbarung gekommen ist: die der Magier aus der 
Himmelskunde, die der Hirten aus der Erdenoffenbarung. Denn ein 
himmlisches Wesen, ein Wesen, das bis dahin nicht zur Erde gehort hat, 
das kommt an. Das mufi man also erkennen in seiner Ankunf t aus der 
Himmelsweisheit heraus. Da lernt man erkennen, da& vom Himmel 
etwas heruntersteigt. - Hat man die Hirtenweisheit, so lernt man die 
Erde kennen; man empfindet sich hinein in das Weben und Leben der 
Erde, welches die Ankunft des Himmelswesens wahrnimmt. Es ist von 
der anderen Seite dieselbe Ankiindigung. In wunderbarer Weise ist zu- 
sammengeflossen dasjenige, was als einheitliches Ereignis von zwei Sei- 
ten her den Menschen mitgeteilt wird. 

Und wenn man nun sieht auf die Art und Weise, wie die Menschheit 
das Ereignis von Golgatha aufnahm, so mufi man sagen: Es waren ja in 
dieser und in anderer Beziehung nur noch Reste der alten Weisheit vor- 
handen. Ich habe schon darauf hingedeutet, wie mit den Resten der 
alten Weisheit, mit einer gewissen Gnosis zunachst in den ersten Jahr- 
hunderten unserer Zeitrechnung das Mysterium von Golgatha verstan- 
den worden ist. Dann versuchte man immer mehr und mehr mit dem 
Molten verstandesmafiigen Zergliedern in das Ereignis von Golgatha 
einzudringen. Und im 19. Jahrhundert kam allmahlich der Naturalis- 
mus auf diesem Bekenntnisgebiet herauf . Es wurde nichts mehr begrif- 
fen von dem iibersinnlichen Inhalt des Ereignisses von Golgatha. Der 
Christus wurde zum blofien naturalistisch aufgefafiten weisen Mann 
aus Nazareth. Es wurde eben notwendig eine neue, geistige Erfassung 
des Mysteriums von Golgatha. Man darf nicht verwechseln die Tat- 
sache des Mysteriums von Golgatha mit der Art und Weise, wie die 
Menschen in ihrem Verstandnis sich zu dieser Tatsache verhalten. 

Nun, solche Seelenverf assung, wie sie die Hirten auf dem Felde hat- 
ten, wie sie die Magier aus dem Morgenland hatten, war ja in den letz- 
ten Resten vorhanden zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha eintrat. 
Das hat sich alles in der Menschheitsentwickelung geandert. Die Dinge 
andern sich und erleiden Metamorphosen. 

Was ist geworden aus der Magierweisheit aus dem Morgenlande? Es 
ist daraus geworden unsere Mathematik mit ihrer Himmelskunde. Die 



Magier hatten ein uberirdisches Wissen, das im Grande genommen ein 
grandioses Erinnern an das vorgeburtliche Leben war. Das ist bei uns 
zusammengeschrumpft und abgelahmt zu unserem mathematisch- 
mechanischen Himmelserfassen, wo wir auf die aufieren Erscheinungen 
nichts mehr anwenden als die Gesetze der Mathematik, der Mechanik. 
Was aus unserem Inneren heraufsteigt, gerade wenn wir auf das 
hinschauen, was uns als mathematische Astronomie geblieben ist, 
das ist die heutige Metamorphose desjenigen, was die Magier gehabt 
haben. 

Und wenn wir auf dasjenige hinschauen, was unser aufieres Sinnes- 
wissen ist - blofies Augenwahrnehmen, Ohrenwahrnehmen -, so ist es 
das veraufierlichte innere Wissen der Hirten auf dem Felde. Was den 
Hirten auf dem Felde noch die inneren Geheimnisse des Erdendaseins 
gegeben hat, das laik uns kalt anschauen die aufiere Welt in unserer 
naturwissenschaftlichen Beobachtung. Unsere naturwissenschaftliche 
Beobachtung ist die Tochter der Hirtenweisheit. Aber dieTochter schaut 
der Mutter sehr unahnlich aus. Und unsere Mathematik, die zur Him- 
melskunde wird, ist die Tochter der Magierweisheit. Die Menschheit 
mufite durch das hindurchgehen. Wenn unsere Naturf orscher mit ihrem 
trockenen Forschen in den Laboratorien, in den Kliniken sitzen, haben 
sie ja nicht mehr viel Gemeinschaftliches mit den Hirten, aber es ist die 
gradlinige Metamorphose der Hirtenweisheit. Und unsere Mathemati- 
ker sind die in gradliniger Stromung gekommenen Nachfolger der 
Magier aus dem Morgenlande. Das Aufierliche ist innerlich, das Inner- 
liche ist auiSerlich geworden. Und damit sind wir zunachst im Grunde 
genommen sehr abgekommen von dem Yerstandnis des Mysteriums von 
Golgatha; und dessen sollten wir uns bewu£t werden. Ja, wir sind sehr 
abgekommen von diesem Verstandnis. Vielleicht am meisten aber sind 
viele von denjenigen abgekommen vor c 'iesem Verstandnis, die sich im 
offizilellen Sinne heute die Prediger w. Verkundiger des Christen turns 
nenneki. 

Mit denjenigen Erkenntniskraften und Empfindungskraften und 
Glaubenskraften, die heute im Menschen spielen, ist auch das Ereignis 
von Golgatha in seiner wahren Wesenheit nicht mehr zu durchschauen. 
Es mufi schon durchaus neu gefunden werden. Zur trockenen Mathe- 



matik, durch deren Bilder nur der Himmel noch angeschaut wird, ist 
dieMagierweisheit geworden; sie ist innerlich geworden. Das Inner liche 
mu£ sich wieder beleben. Es mufi gewissermafien das, was aufierlich ist, 
wiederum aufbauen von innen her. 

Versuchen Sie jetzt, von diesem Gesichtspunkte aus zu verstehen den 
Inhalt eines solchen Buches, wie es meine «Geheimwissenschaf t im Um- 
rifi» ist. Die Magier uberschauten die Sternenwelten; sie sahen in den 
Sternenwelten das Geistige, weil sie in das menschliche Erleben vor der 
Geburt hineinschauen konnten. Das ist abstrakt geworden in unserer 
Mathematik. Aber dieselben Kraf te, die unsere Mathematik entwickelt, 
konnen wiederum verlebendigt werden, verintensiviert werden im ima- 
ginativen Anschauen. Dann gebiert sich aus unserem Inneren eine Welt, 
die wir nun wiederum, obwohl wir sie aus dem Inneren heraus schaffen, 
als die aufiere Welt anschauen, die uns nun wiederum wie Saturn, Sonne, 
Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan ist. Wir sehen den Himmel durch 
innere Anschauung, wie die Weisen aus dem Morgenlande durch aufiere 
Anschauung die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha wahrge- 
nommen haben. Das Aufiere ist innerlich geworden, ist bis zur Abstrakt- 
heit der Mathematik gekommen; also mufi das Innerliche wiederum 
erweitert werden zum aufierlichen Weltenall, indem uns wiederum das 
innerliche Anschauen zu einer neuen Astronomie, zu einer innerlich 
erlebten Astronomie fuhrt. 

Nur durch eine solche Hinwendung zu einem neuen Christus-Ver- 
standnis erfullen wir heute mit einem gewissen Sinn dasjenige, was das 
Weihnachtsf est ist. Hat denn fur die meisten Menschen heute das Weih- 
nachtsfest noch einen besonderen Sinn? Es ist eine sehr schone Sitte ge- 
worden, die noch nicht sehr alt ist, kaum hundertfunfzig Jahre alt, den 
Weihnachtsbaum zum Symbol des Weihnachtsfestes zu machen. Der 
Weihnachtsbaum ist ja erst im 19. Jahrhundert herauf gekommen. Was 
ist er? Man kann sich anstrengen, den Sinn des Weihnachtsbaumes zu 
finden. Gerade wenn man sich anstrengt und wenn man weifi, wie der 
Weihnachtsbaum allmahlich erwachsen ist, wie er aus dem kleinen 
Zweige, den zuerst der Knecht Ruprecht, der Nikolaus, zum 6. Dezem- 
ber in seinem Arme trug, zum Weihnachtsbaum ausgewachsen ist, gerade 
wenn man die .Geschichte des Weihnachtsbaumes verfolgt, kommt man 



darauf , wie der Weihnachtsbaum doch wieder mit dem Paradiesesbaum 
unmittelbar etwas zu tun hat. Das menschliche Bewufttsein lenkt sich 
zum Paradiesesbaum, zu Adam und Eva bin. Was heiftt das? Es ist die 
erne Seite, wie in unserer Zeit das Mysterium von Golgatha wieder ver- 
kiindet wird. 

Man wendet sich vom Mysterium von Golgatha zuriick zur Welt- 
erschaf fung, zu dem Ausgangspunkte der Welt. Man begreift nicht den 
Sinn der Welterlosung und wendet sich wiederum zum weltschaf f enden 
Gott. Das driickt sich darin aus, daft allmahlich verschwindet das 
eigentliche Weihnachtssymbol, das Krippensymbol, das so groftartig da 
war noch in den Weihnachtsspielen der fruheren Jahrhunderte, und 
indem heraufkommt der Weihnachtsbaum, der eigentlich der Para- 
diesesbaum ist. Die alte Jahve-Religion trat wiederum an die Stelle der 
Christus-Religion, und der Weihnachtsbaum ist das Symbolum fiir dieses 
Heraufkommen der Jahve-Religion. Nur tritt diese Jahve-Religion 
vervielf acht auf bei den Menschen. Denn Jahve ist als der Einheitliche 
mit Recht verehrt worden in einer Zeit, als sein Volk sich eben als das 
Einheitsvolk fiihlte, das nicht iiber seine Grenzen hinaus sah und in der 
Erwartung war, daft es einmal ganz die Erde erfullen wiirde. 

In unserer Zeit reden die Leute vom Christus Jesus und verehren nur 
den Jahve. Denn in den einzelnen Nationalitaten, das hat sich beson- 
ders im Kriege gezeigt, wurde zwar von Christus gesprochen; es war 
aber nur der urspriingliche Gott, der in der Vererbung, in der Natur 
lebende Gott Jahve. Der Weihnachtsbaum auf der einen Seite, die 
Nationalgotter, die nicht bis zum Christlichen hinaufkamen, auf der 
anderen Seite waren das, wodurch die Menschen von der Erfassung des 
Mysteriums von Golgatha zu der Erfassung einer viel fruheren Zeit 
zuruckkehrten. In der Geltendmachung des Nationalitatenprinzips, in 
der Verkiindigung, daft die einzelnen Volker ihren Gottern folgen, ist 
ein Rikkschritt vorhanden in die alte Jahve-Religion. Den Christus 
verleugnen am meisten diejenigen, die ihn in irgendeiner nationalen 
Form anbeten wollen. 

Sehen Sie, was man berucksichtigen mufi, das ist, daft in jeder Art 
von Verkiindigung, in der Hirtenverkundigung und in der Magierver- 
kundigung, etwas ganz allgemein Menschliches gegeben ist; denn die 



Erde ist alien Menschen gemeinschaftlich. Und indem die Hirten die 
Erdenverkiindigung bekommen haben, haben sie eine Verkimdigung 
bekommen, die nicht volksmafiig verschieden sein kann, die nicht 
volksmafiig sich differenzieren kann. Und indem die Magier die grofie 
Sonnen-, die Himmelsverkundigung bekommen haben, haben auch sie 
ein allgemein Menschliches empfangen. Denn wenn die Sonne zuerst 
auf dem Territorium des einen Volkes geschienen hat, dann scheint sie 
auch im Territorium des anderen. Der Himmel ist alien gemeinschaft- 
lich, die Erde ist alien gemeinschaftlich. Das ganz allgemein Mensch- 
liche wird mit dem Christentum in der Menschheit rege. Darauf weist 
auch jene Weihnachtsdarstellung hin, die sich in der zweifachen Ver- 
kiindigung darstellt. Solche Dinge, die fur eine ganz andere Seelenver- 
fassung voll verstandlich waren, werden heute erst wiederum verstand- 
lich durch die Geisteswissenschaft. 

Und wie wird diese Geisteswissenschaft behandelt? - Ja, sie wird 
sehr sonderbar behandelt gerade von denjenigen, welche sich of fizielle 
Vertreter des Christentums nennen. Es sind gewifi auch eine Anzahl 
unter Ihnen, welche jene Gruppe in Dornach gesehen haben, mit der 
Christus-Figur in der Mitte, die am Ostende des Dornacher Goethe- 
anums stehen soli. Sie wissen, wenn ich diese Christus-Figur erklare, so 
erklare ich, wie oben ein ideales Antlitz des Menschen ist, wie es mir 
erscheint als das wirkliche Antlitz des Christus. Diejenigen, welche die 
Figur gesehen haben, werden sich erinnern, dafi es ein rein menschliches, 
idealisiertes Angesicht ist. Jetzt ist die Figur etwas weiter gediehen in 
der letzten Zeit, aber sie war, solange sie gezeigt wurde, bis zur Mitte 
unten ein Holzklotz, wie ihn die Arbeiter gemacht haben. Denn unten 
wird namentlich der Wille im Schreiten sich auszudriicken haben. Diese 
Figur ist umgeben oben von zwei luziferischen Gestalten, die abgeson- 
dert sind von der Christus-Gestalt, und unten von zwei ahrimanischen 
Gestalten. - Nun gibt es einen gewissen Missionsprediger, der den Na- 
men Frohnmeyer tragt. Der hat ein Biichelchen erscheinen lassen iiber 
die Theosophie. Das behandelt auch in ganz aufierlicher Weise die An- 
throposophie. Da steht - und nicht, als ob dem Manne das irgend 
jemand gesagt hatte, sondern als ob er selber dagewesen ware und es 
sich angesehen hatte da steht in dieser Schrift: In Dornach soli ein 



Christus dargestellt werden, welcher oben luziferische Ziige tragt und 
unten tierische Merkmale. 

Ich habe oftmals die Erzahlung gehort, dafi man in einer ganz be- 
sonderen Weise abends manchmal seinen Seelenzustand priifen kann, 
indem man, wenn man nach Hause kommt, sich ins Bett legt und den 
Zylinder auf die Bettdecke legt. 1st der Zylinder einfach vorhanden, 
so ist man niichtern, ist er doppelt vorhanden, so ist man entschieden 
betrunken. - Nun, wer in Dornach die Christus-Figur oben mit luzi- 
ferischen Ziigen sieht und unten mit tierischen Merkmalen, der war 
gewifi in der Lage eines Mannes, der zwei Zylinderhtite sieht, wenn er 
einen auf die Bettdecke gelegt hat. 

Die Sache hat einen sehr ernsthaf ten Hintergrund, denn das schreibt 
ein Mensch, welcher ein christlicher Missionsprediger ist. Das erscheint 
in einer Schrift, in der andere Sachen stehen von gleichem Wahrheits- 
gehalt. Der Mann wurde vor einiger Zeit von einer theologischen Fakul- 
tat zum Dr. theol. gemacht. Der Mann lehrt an einer theologischen 
Fakultat, wo er als Dozent eingeschrieben ist. Sie konnen sich vorstel- 
len, von welchem Wahrheitsgehalt die Lehre eines Menschen durch- 
drungen sein kann, der ein solches Verhaltnis zur Wahrheit hat und der 
behauptet, er hatte das gesehen, was er da beschreibt. 

So steht es heute mit der Wahrhaftigkeit derjenigen, die offiziell das 
Christentum vertreten wollen. Ich frage Sie: Beweisen nicht gerade 
diese christlichen, das heifit antichristlichen Vertreter - antichristlich 
wegen ihres unwahrhaftigen, verlogenen Sinnes - die Notwendigkeit 
einer Erneuerung des Christentums? Sind diese Leute nicht der leben- 
dige Beweis dafiir, dafi das Christentum einer Erneuerung bedarf? 
Vielleicht ist es auch aus diesem Grunde heraus am meisten begreifbar, 
warum man an diesen Leuten die scharfsten Feinde hat: weil heraus- 
kommen soil, was fur Christen diese Menschen sind! Das wollen sie 
naturlich nicht. Sie wollen weiter im triiben fischen, wollen ihre Ver- 
leumdungen und Unwahrheiten iiberall verkiindigen und dann selber 
als Leuchten des Christentums dastehen. 

Das sollen wir uns heute ins Herz schreiben: Wir haben notig, wenn 
wir an das Weihnachtsmysterium denken, tatsachlich auf eine Geburt 
hinzuschauen. Wir haben nicht blofi zu schwatzen uber das Weihnachts- 



fest und audi nicht blofi zu schwatzen in unserer Empfindung, sondern 
wir haben hinzuschauen auf etwas, was in unserer Zeit neu geboren 
werden mufi. Das wahre Christentum, wahrhaftig, es mu$ neu geboren 
werden. Wir brauchen ein Weltenweihnachtsfest. Geisteswissenschaft 
will sein dasjenige, was ein Weltenweihnachtsfest unter den Menschen 
in der richtigen Weise vorbereitet. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 6. Januar 1921 



Es kommt heute alles darauf an, dasjenige, was als Erkenntnisse und 
als Seelenimpulse durch die Geisteswissenschaft fliefien will, in wirk- 
lich lebendiger Weise in das Dasein einzufiihren. Immer wieder mufi es 
betont werden, dafi gegeniiber den groften Aufgaben der Gegenwart 
es nicht geniigt, irgendwie theoretisch sich zu unterrichten iiber die 
Wahrheiten, welche dem Menschenleben, dem Weltendasein zugrunde 
liegen und die man aus anthroposophischer Geisteswissenschaft ge- 
winnen kann, sondern dafi es sich darum handelt, im konkreten Leben 
zu sehen, wie die Zusammenhange sind, und aus den geisteswissen- 
schaftlichen Untergrunden heraus das Leben selbst zu verstehen. Die 
Menschheit hat sich durch Jahrhunderte hindurch gewohnt, von dem 
Wirklichen nur einen Teil zu sehen. Und gerade dadurch sind nach und 
nach jene Menschenstimmungen vorbereitet worden, die dann hinein- 
gefiihrt haben in das gegenwartige katastrophale Leben. Die Menschen 
stehen ohne Verstandnis des Lebens, ohne dasjenige Verstandnis des 
Lebens heute im Dasein drinnen, welches verlangt wird von der gegen- 
wartigen Entwickelungsstuf e der Menschheit. 

Wir werden ja ganz gewifi als Bekenner anthroposophischer Geistes- 
wissenschaft leicht vordringen zu der Oberzeugung von den wieder- 
holten Erdenleben, von der Verursachung dessen in einem fruheren 
Leben, was - trotz des vollen Bestandes der Freiheit - mit einem Men- 
schen vorgeht, oder was ein Mensch unternimmt in seinem jetzigen 
Leben. Wenn es sich aber darum handelt, das konkrete Leben zu begrei- 
fen, dann fiigen wir uns allzuleicht den Vorstellungen, die die letzten 
Jahrhunderte hervorgebracht haben und die ja eigentlich zum Ergreif en 
des Menschenlebens durchaus nicht ausreichen, die ganz geeignet sind, 
gewisse Tatsachen des natiirlichen Geschehens zu begreifen, die aber 
stumpf sind gegeniiber der ganzen Kompliziertheit des Menschenlebens. 
Und man mochte sagen: Am weitesten zuriickgeblieben hinter dem, was 
heute Lebensforderung ist, ist eigentlich das wissenschaftliche Leben. 
Aber dieses wissenschaftliche Leben ubt wiederum einen grofien Ein- 



flufi aus auf das Denken der breitesten Menschenmassen. Ich habe gar 
nicht, wenn ich von der Wirkung dieses wissenschaftlichen Lebens rede, 
diejenigen im Auge, die zur Wissenschaft in irgendeiner Beziehung 
stehen. Ich habe die ganze breite Masse der Menschheit im Auge, die 
sich in den wichtigsten Lebensfragen den autoritativen Weisungen der- 
jenigen fiigt, die nun einmal durch die aufieren Einrichtungen berufen 
erscheinen, Uber diese oder jene Dinge zu urteilen. Dann richtet man 
sich nach solchen Urteilen. Aber in solchen Urteilen ist nichts enthalten 
von einem wirklichen Verstandnis des Menschenlebens. Es mufi hinein- 
getragen werden in dieses Menschenleben dasjenige, was aus anthropo- 
sophischer Geisteswissenschaft fliefien kann. Vor alien Dingen mufi es 
hineingetragen werden in diejenigen Zweige des offentlichen Unter- 
richtes, welche die Grundlage abgeben fiir das Verstandnis des Lebens. 

Wenn heute der eine oder der andere herantritt an Geisteswissen- 
schaft, so f angt er an, das, was den wiederholten Erdenleben zugrunde 
liegt, zu begreifen. Wenn er aber dann sich unterrichten will liber das- 
jenige, was in der Gegenwart vorgeht, und wenn er aufier anderem viel- 
leicht an die Geschichte herantritt - ich meine jetzt unter Geschichte 
das, was zur Bildung der breitesten Masse gehort -, dann herrscht 
gerade in dem, was da Geschichte ist, jene Denkweise, die nur geeignet 
ist, die Naturdinge und Naturtatsachen zu erklaren. Immer mehr ist 
die Menschheit dazu gekommen, gerade aus der Geschichte ailes Geistige 
herauszustreichen. Und wenn heute jemand sich die Tatsachen erklaren 
will, die aus dem geschichtlichen Leben auf irgendeinem Gebiet hervor- 
gehen, dann kann er das kaum anders, als dafi er sich uber dasjenige 
unterrichtet, was erlebt hat die friihere Generation, die zweite fruhere 
Generation, die dritte Generation und so weiter, hinauf durch die Jahr- 
hunderte. Wie lernt, um ein konkretes Beispiel herauszugreif en, heute der 
Deutsche seine Geschichte? Er fafit ins Auge eben die Menschen, die da 
in Mitteleuropa gelebt haben, zu denen er selber gehort. Er lafit sich er- 
zahlendieHergange,die sichabgespielthabenmitdiesenMenschen ; erver- 
folgt diese Hergange hinauf zu den Vatern, Grofi vatern, Urgrofi vatern, 
zu den friiheren Generationen. Er dringt dann vor, riickwartsgehend, 
vielleicht bis in dieZeit desMittelalters. Man hat immer das Bewufitsein, 
dafl man es da zu tun hat mit einer fortstromenden Menschheit, die man 



bis zur Volkerwanderung und so weiter zuriickverfolgt, und man will 
sich erklaren, was den Menschen der Gegenwart geschieht, aus dem, 
was geschehen ist mit Bezug auf diese vorhergehenden Generationen. 
Man lernt kennen den fortlaufenden Strom des geschichtlichen Wer- 
dens, wie er sich in der Folge dieser Generationen abspielt. Man hat 
eigentlich nur den Begriff der Vererbung mit Bezug auf die Menschen, 
man denkt sich, dafi die Sonne gewisse Dinge von ihren Vatern ererbt 
haben, seien es ihre Eigenschaften, sei es, dafi ihnen geblieben ist, was 
die Vater gestiftet haben und so weiter. Also man geht in der Zeit hin- 
auf von der gegenwartigen Generation zur vorhergehenden und so fort. 

Wenn wir nun die Sache geisteswissenschaftlich ansehen, ist sie denn 
dann eine voile Wirklichkeit? Liegt denn die Sache nicht so, dafi die 
Seelen, die in den gegenwartigen Menschenleibern eine Generation sind, 
durchaus nicht in ihrem friiheren Erdenleben in diesem Mitteleuropa 
verkorpert gewesen zu sein brauchen, dafi sie vielleicht ganz woanders 
unter ganz anderen Verhaltnissen verkorpert waren? - Die Krafte, die 
sie sich mitgebracht haben aus ihren friiheren Verkorperungen, die 
tragen sie in die gegenwartigen Leiber herein. Die wirken doch wahr- 
haftig ebenso wie das, was mit dem Blut heruntergeronnen ist durch die 
Generationen, die wirken zusammen mit diesen aufierlichen, physisch 
vererbten Merkmalen. Kann man sich denn der Illusion hingeben, dafi 
man die Gegenwart versteht hinsichtlich ihrer Menschen, hinsichtlich 
der Tatsachen, die geschehen, wenn man nur ein Snick Wirklichkeit, 
nicht die voile Wirklichkeit ins Auge fafit, wenn man sich nicht sagt: 
In den Menschen der Gegenwart leben eben Seelen, in denen Krafte 
waken, die uns durchaus nicht zuruckfuhren durch die Generationen, 
sondern die uns vielleicht in ganz andere Regionen fiihren, wo diese 
Seelen in einem friiheren Leben waren? - Man versteht nicht, was auf 
der Erde vorgeht, wenn man nicht im konkreten Sinne ernst nimmt 
dasjenige, was in der Anerkennung der Tatsache der wiederholten 
Erdenleben liegt. Man kann nicht in ehrlicher Weise auf der einen Seite 
ein abstrakter Bekenner der wiederholten Erdenleben sein und auf der 
anderen Seite Geschichte so betrachten, wie sie heute betrieben wird. 
Da schneidet man eben mitten auseinander auf der einen Seite das 
aufiere Leben, in dem man sich ganz fiigt dem Traditionellen, und auf 



der anderen Seite dasjenige, was man eigentlich fiir das Wesentliche 
anerkennt. Es mu!5 immer mehr und mehr das Bediirfnis entstehen, die 
Dinge, die man aus geistigen Untergriinden heraus als Wahrheit erkannt 
hat, wirklich auch im Leben drinnen zu sehen. Weil das so ist, stehe ich 
nicht an, iiber gewisse Forschungen auch zu sprechen, die vielleicht 
heute von manchen Menschen als sehr paradox empfunden werden, die 
aber durchaus heute verkundet werden mussen, weil heute die Mensch- 
heit nach dem Begreifen der ganzen Wirklichkeit verlangt, und weil 
alles, was nicht nach dem Begreifen der ganzen Wirklichkeit hingeht, 
einfach dem niedergehenden Leben angehort. Es ist ja natiirlich schon 
einmal so, dafi die meisten Menschen heute noch, wenn sie sich vor den 
vollen Ernst der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten gestellt sehen, 
zuriickschrecken. Die Dinge kommen ihnen zu kiihn vor. Es ist ihnen 
ein zu weiter Weg von dem, was sie gewohnt sind zu denken und zu 
empfinden, zu dem, was die Geisteswissenschaft sagt. Daher nippen sie 
vielleicht an dieser Geisteswissenschaft, aber sie kommen nicht bis zum 
vollen Ernste ihrer Erfassung, denn sie haben nicht den Mut, die Dinge 
in das Leben wirklich hineinzutragen, nicht einmal in die Betrachtung 
des konkreten Lebens. 

Ich mufi da etwas noch einmal betonen, auf das ich of ters aufmerk- 
sam gemacht habe, bevor ich die folgenden Auseinandersetzungen gebe. 
Ich sagte schon of ters: Derjenige, der etwas finden will in geistiger Er- 
forschung aus den geistigen Welten heraus, der mufi sich wohl hiiten 
vor blofien Begriffskombinationen oder Ideenverbindungen. Denn das, 
was man sich vorstellt, ist gewohnlich das Gegenteil der Wahrheit oder 
wenigstens etwas, was sehr abweicht von der Wahrheit. Gerade die 
tieferen Wahrheiten erscheinen zunachst paradox. Sie konnen nur ge- 
funden werden durch wirkliches Erlebnis, durch wirkliche Erf ahrung. 

Wir wollen also einmal ernst nehmen die Frage: Wie steht es denn, 
wenn wir von wahrer Geisteswissenschaft aus die Verhaltnisse der 
Gegenwart, die Menschen der Gegenwart betrachten, mit den Menschen 
dieser Zivilisation, die in solch eine Katastrophe hineingefiihrt hat? - 
Ich bemerke ausdriicklich, dafi dasjenige, was ich iiber Dinge, die ich 
auch jetzt besprechen will, im einzelnen da oder dort schon angedeutet 
habe, durchaus so ist, wie ich es angedeutet habe. Aber natiirlich kann 



man das, was das Feld einer weitausgreifenden Wirklichkeit ist, nur 
charakterisieren, indem man immer Einzelheiten anfiihrt. 

Ich habe ja ofters darauf aufmerksam gemacht, wie in der Gegen- 
wart viele Seelen leben, die in einem friiheren Leben in den ersten Jahr- 
hunderten des Christentums mehr im Suden von Europa inkarniert 
waren, und die jetzt mehr in Mitteleuropa verkorpert sind. Das ist 
durchaus eine Wahrheit, allein es bezieht sich nur auf eine gewisse An- 
zahl von Seelen. Ich will heute das vor Sie hinstellen, was sich auf grofie 
Teile der gegenwartigen Erdenbevolkerung bezieht. Da kommen wir 
zu der Frage, und dasjenige, was ich als Antwort geben werde auf diese 
Frage, beruht eben auf wirklicher, intensiver geistiger Forschung: Wo 
waren denn die Seelen eines grofien Teiles, geradezu das Gros der euro- 
paischen Westbevolkerung und auch eines grofien Teiles der mittel- 
europaischen Bevolkerung bis weit nach Rufiland hinein in einem frii- 
heren Erdenleben? - Wenn man diese Frage gewissenhaft untersucht 
mit den zur Verfiigung stehenden geistigen Forschungsmitteln, dann 
stellt sich heraus, dafi man es zu tun hat mit Seelen, die ein verhaltnis- 
mafiig kurzeres Leben durchgemacht haben zwischen dem letzten Tod 
und dieser Geburt. Man wird nach Westen hiniibergefuhrt. Man wird 
dort hingefiihrt auf seinen Forschungswegen, wo nach der Entdeckung 
Amerikas ja ein grofier Teil der europaischen Bevolkerung dieses 
Amerika besiedelt und die Urbevolkerung ausgerottet oder wenigstens 
aufierordentlich zuruckgedrangt hat. Man wird in die Jahrhunderte der 
Eroberung Amerikas gefuhrt, zu denjenigen Seelen, die in den Indianer- 
leibern waren, iiber die sich die Eroberungen ergossen haben. Man wird, 
was ich zu sagen habe, nur verstehen, wenn man diese von den Euro- 
paern ausgerotteten Indianer in der richtigen Weise beurteilt. Gewifi, 
in dem Sinne waren das nicht gebildete Leute, in dem man jetzt unter 
uns Bildung auf fafit, aber es war etwas in diesen Seelen, was ich bezeich- 
nen mochte als eine universelle pantheistische religiose Empfindung. 
Gerade bei diesen Indianern, nicht gerade bei den entarteten Leuten, 
aber bei denen, die dort das tonangebende Element bildeten, hat man 
angetroffen ein religioses Gefuhl, das sich richtete auf eine geistige 
Wesenheit, monotheistisch sogar, das einen einheitlichen Geist in den 
Naturerscheinungen und auch in den Taten der Menschen lebendig und 



intensiv empfand. Diese Seelenstimmung mufi man ins Auge fassen und 
mufi durch manches Vomrteil wie durch Gestriipp hindurch begreif en, 
dafi man in diesen Seelen doch etwas anderes zu sehen hat als das, was 
man nur dann im Indianer sieht, wenn man ihn nach aufierlicher, natu- 
ralistischer Methode gewissermafien wie ein halbes Tier ansieht. Und 
die Seelen dieser ausgerotteten, besiegten Indianerbevolkerung leben 
heute in dem Gros der westeuropaischen und mitteleuropaischen Men- 
schen bis weit nach Rufiland hinein. Wir begreifen nicht, wie die Wirk- 
lichkeit ist, wenn wir nicht dieses uns scheinbar so paradox Anmutende 
zu unserem Verstandnis bringen. 

Das waren Seelen, die in ihrer fruheren Inkarnation nichts vom 
Christentum gehabt haben. Dem Gros der europaischen Bevolkerung 
ist daher das Christentum auch nicht etwas, was schon in ihren Seelen 
lag vor der gegenwartigen Geburt oder Empfangnis. Es ist ihnen aner- 
zogen, allerdings anerzogen zum grofien Teil mit den Lauten der Spra- 
che. Es ist etwas, was aufierlich erworben ist. Die Art, wie das Christen- 
tum eigentlich in den heutigen europaischen Seelen lebt, wird derjenige 
verstehen, der weifi, dafi in dem Gros dieser Seelen in einem fruheren 
Erdenleben gar nicht christliche Impulse vorhanden waren, sondern 
die Impulse, die nach dem grofien, umversellen Geiste mit einer Art 
pantheistischer religioser Empfindung hingingen. Allerdings hat sich ja 
in diese Bevolkerung vieles hineingemischt von Seelen, die mehr vom 
Siiden heraufkamen, die eben in den ersten Jahrhunderten des Chri- 
stentums in mehr siidlichen Gegenden Europas verkorpert waren, die in 
nordafrikanischen Gegenden gelebt haben und die dann wiederverkor- 
pert sind in diesem Gros, das ich eben bezeichnet habe. Aus diesen zwei 
Seelenarten setzt sich in der Hauptsache das zusammen, was west- und 
mitteleuropaische Bevolkerung ist, wie gesagt, bis weit nach Rufiland 
hinein. Wir miissen uns klar sein dariiber, dafi wir zu studieren haben 
die Art und "Weise, wie sich eine Seele aufiert in der Gegenwart, wie ihre 
Aspirationen sind, wie ihre Art des Denkens ist. Um das alles zu wissen, 
miissen wir uns davon unterrichten, dafi ein grofier Teil der gegen- 
wartigen Bevolkerung nur begrif f en werden kann, wenn wir nicht blofi 
wie gang und gabe Geschichte in der Generationenstromung hinnehmen, 
sondern wenn wir wissen, dafi in denjenigen Leibern, die allerdings in 



bezug auf die blofie Blutsverwandtschaft zuriickgehen auf ihre Vater, 
Grofivater, Urgrofivater und so weiter bis hinauf in die Zeiten Karls 
des Groften und weiter zuriick, Seelen tatig sind, ihnen die ganze see- 
lische Konfiguration gebend, welche im fernen Amerika gelebt haben 
und von Europaern Uberwunden worden sind. 

Wir haben noch eine andere Wahrheit, die sich ergeben kann durch 
eine solche geistige Forschung. Wir konnen zuriickblicken auf diejenige 
Bevolkerung, welche in Europa zur Zeit der Volkerwanderung, etwas 
friiher und etwas spater, vorhanden war, also gerade auf die europa- 
ische Bevolkerung, die vom Siiden her das Christentum entgegenge- 
nommen hat, es entgegengenommen hat in der Form, die noch eine 
andere war als heute, da es noch durchaus durchsetzt war mit elemen- 
taren, urspriinglichen inneren Seelenkraften, da es eine imponderable 
Macht war, die innerhalb des ganzen Lebens wirkte. Es war noch nicht 
von abstrakter, verstandesmafiiger Theologie durchsetzt, es war etwas, 
was vor alien Dingen auf die Grundempfindungen der Seele wirkte. 
Diese Seelen, die in dem damaligen Europa vorhanden waren und die 
in dieser Weise das Christentum entgegengenommen haben, sind nun 
nach einem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das etwas langer 
dauerte als bei anderen, weil eben gerade durch diese besondere Art der 
Seelenbildung, die da in die Menschen hineingekommen ist, dieses Leben 
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verlangert wird, diese See- 
len sind heute zum grofien Teil in Asien driiben verkorpert. Insbeson- 
dere sind viele von diesen Seelen, die gerade durchchristet worden sind 
in der bezeichneten Zeit, in japanischen Leibern heute verkorpert. Wer 
dieses eigentiimliche Leben in Asien, das ja heute wirklich viele Ratsel 
bietet, verstehen will, muf$ sich daruber klar sein, dafi in Asien heute 
gerade viele Seelen leben, die im vorigen Erdenleben in einer gewissen 
Gestalt die christlichen Empfindungen aufgenommen haben, die diese 
christlichen Empfindungen hineingetragen haben in gegenwartige 
orientalische Leiber, die umgeben waren von Kindheit auf schon durch 
die Sprache von dem, was in Dekadenz aus alterer orientalischer Kul- 
tur geblieben ist. Ich mochte sagen, es lebt etwas von wahrem Christ- 
lichen in dem Durchdringen des Christlichen, dem solche Seelen friiher 
unterworfen waren, gegeniiber dem, was an ihr Ohr heranklingt, was 



an ihr Gemiit herantont von der dekadenten orientalischen religiosen 
und sonstigen Kulturwelt. Selbst bis zu den Gebildeten, bis zu den 
Allergebildetsten hinauf, lafit sich das verfolgen, und man gewinnt 
eigentlich nur ein Verstandnis, wenn man es so verfolgt. Es wird einem 
erst klar, was eine solche Personlichkeit wie Rabindranath Tagore 
eigentlich bedeutet, wenn man sich klar ist dariiber: Auch das ist wohl 
eine Seele, die in einem friiheren Erdenleben europaisch christlich war, 
die aus dieser europaischen Christlichkeit eine gewisse Warme der 
Empfindung durch alles ergiefk, was sie von sich gibt. - Dagegen flielk 
dann aus dem dekadenten Orientalismus alles dasjenige, was gerade bei 
Tagore einem entgegentritt in seinem koketten Wesen, in dieser Kultur- 
koketterie. Es ist ja eine merkwurdige Zwitterbildung in dieser Person- 
lichkeit gerade des Tagore. Auf der einen Seite wird man immer, wenn 
man ein naturliches, gesundes Empfinden hat, aufmerksam darauf, dafi 
da alle heutige orientalische Koketterie vorhanden ist, dann aber wie- 
derum zieht einen die ungeheure Seelenwarme an. 

Es geht eben heute nicht, blolS obenhin naschend zu nehmen, was sich 
einem theoretisch darbietet als die Anschauung von den wiederholten 
Erdenleben. Das ganz konkrete Leben will heute so betrachtet werden, 
wenn dies auch eigentlich den Menschen heute noch unbequem ist. Denn 
im Grunde zittern die Menschen heute davor zuriick, sich selber kennen- 
zulernen. Sie versuchen gar nicht, das, was sie sich abstrakt vorhalten, 
auch im wirklichen Leben zu sehen. Gewissermafien fiihlt sich der 
Mensch geniert, so in sein Wesen hineinzuschauen. Er mochte nicht so 
vor der Welt dastehen, wie er wirklich ist. Daher verpont er es, die 
Realitaten auf diesem Gebiete wirklich zu untersuchen. Was das gegen- 
w'artige Leben an Verworrenheit, an Ratseln hat, es wird verstandlich, 
wenn man solche Dinge in Erwagung zieht, wie ich sie Ihnen jetzt 
vorlegte. 

Aber nehmen wir eine andere Bevolkerung. Gerade wenn der Gei- 
stesforscher solche Untersuchungen gemacht hat, deren Ergebnisse ich 
Ihnen jetzt eben gesagt habe, wird er zu der Frage getrieben: Was ist 
denn eigentlich geschehen mit derjenigen Bevolkerung, die zeitlich 
etwas weiter zuriickliegt, in Asien driiben? - Es ist ja beim geistigen 
Forschen so, dafi man irgendwo, gedrangt durch das Leben, durch 



irgendeine Ratselfrage, die sich einem aufgibt, das angreift, was man 
erforschen kann. Erst ist es das Leben, das einen hinfuhrt, an irgend- 
einer Stelle mit der Forschung einzusetzen, dann entziindet sich das 
Schauen daran. Eine Frage bringt einen auf ein anderes Gebiet, und 
man kann dann nur sagen: Es stellt sich zuletzt schon als sinnvoll her- 
aus, warum man so getrieben wird von einer Frage, von einem Ergeb- 
nis zu dem anderen. Man wird gewisserma&en aufmerksam: Wenn du 
erforschen willst, was aus den Indianerseelen geworden ist, was aus 
anderen Seelen der fruheren europaischen Bevolkerung geworden ist, 
dann mufit du die Frage stellen, und sie wird sich dir beantworten: 
Was ist aus denjenigen Seelen geworden, die mit der besonderen Bildung 
der damaligen Zeit in Vorderasien, in Asien uberhaupt, in Afrika 
waren, als das Christentum entstanden ist, also in der Zeit, da sich das 
Mysterium von Golgatha abgespielt hat? - Ich meine nicht diejenigen 
Seelen, welche die Lehren von dem Mysterium von Golgatha aufgenom- 
men haben, sondern die Seelen, die sie nicht aufgenommen haben, die 
die alte orientalische asiatische Kultur fortgepflanzt haben. Von dem 
Bestand dieser alten orientalischen asiatischen Kultur — heute ist sie in 
der Dekadenz -, in der Zeit, als sich das Mysterium von Golgatha ab- 
gespielt hat, hat man ja nicht immer einen genauen Begriff. Es war bei 
sehr vielen Menschen eine durchgeistigte, eine sehr durchgeistigte Kul- 
tur. Die schloft bei sehr vielen Menschen die Fahigkeit in sich, sich sehr 
klare Vorstellungen zu machen iiber gewisse Zusammenhange der gei- 
stigen Welten. Was aus dem Menschen wird, wenn er sich vom Christen- 
tum durchziehen lafit, das war natiirlich bei denen, von denen ich jetzt 
rede, nicht vorhanden. Aber es war ein sehr stark von Bilderbegriffen 
durchsetztes Verstehen geistiger Zusammenhange da. Es war eine in 
hohem Grade spirituelle Weltanschauung, der diese Menschen angehor- 
ten, eine Weltanschauung, die sie dazu brachte, in vieler Beziehung nur 
die geistige, die spirituelle Welt fur die wahre, fur die erstrebenswerte 
zu halten und in einer gewissen Weise zu fliehen die Welt der aufieren 
sinnlichen Wirklichkeit. Es waren Menschen, die viele Spekulationen 
anstellten, aber Spekulationen, die zum Teil noch genahrt waren aus 
alten, instinktiven hellsichtigen Kraften, Spekulationen iiber den Her- 
vorgang der Welt aus den verschiedenen geistigen Entwickelungsstuf en 



friiherer, urferner vergangener 2eiten. Es waren Menschen, die da 
sprachen von Aonen, die einander folgten und die immer grober und 
grober, materieller und materieller wurden, bis zuletzt das zustande 
kam, was das gegenw'artige Gebilde der aufieren physischen, realen Welt 
ist. Kurz, es waren Menschen, die ernst und tief hinaufschauten in das 
Geistige. Diese Seelen bereiteten eben gerade durch diese besondere 
Seelenstruktur, diese Seelenverfassung sich ein langeres Leben vor zwi- 
schen Tod und neuer Geburt, sie brauchten lange, bis in ihnen wiederum 
der Trieb erwachte in eine neue Korperlichkeit herunterzusteigen. Und 
eine Anzahl dieser Seelen, sehr viele derselben sind verkorpert in der 
heutigen amerikanischen Bevolkerung. Diese amerikanische Bevolke- 
rung, die in vieler Beziehung gerade neigt zu der Auffassung des prak- 
tischen, materiellen Lebens, ist in ihrer gesamten Konstitution dadurch 
hervorgerufen, daft die Seelen fruher gelebt haben in einer solchen 
geistigen Erfassung der Welt, wie ich sie geschildert habe, dann aber 
untergetaucht sind in eine sehr, sehr dichte Leiblichkeit und die im 
Grunde genommen jetzt in einer raffinierten Behandlung dieser mate- 
riellen Welt dasjenige auszuleben suchen, was sie fruher in einer feinen 
Geistigkeit gehabt haben. Man begreift die besondere Art des amerika- 
nischen Geistes, sich wirklich praktisch und wissenschaftlich her- 
zumachen iiber die Dinge der Welt, wenn man weifi, wie das zuriickgeht 
auf ein friiheres Hingelenktsein auf die geistige Welt, das heute gerade 
ins materielle Leben hereingetragen wird, ohne dafi man sich dessen 
bewufit wird, dafi man das Geistige im Materiellen erfassen will. Es ist 
das materielle Gegenbild des Spirituellen, das diese Seelen in ihrem 
friiheren Erdenleben durchgemacht haben. 

Sie werden sehen, wie fruchtbar es ist, wenn Sie dasjenige, was Ihnen 
in dieser oder jener Tatsache, in diesem oder jenem Benehmen von Men- 
schen der gegenwartigen Generation entgegentritt, sich dadurch ver- 
standlich zu machen versuchen, dafi Sie solche Dinge ins Auge fassen, 
und wenn Sie dabei das Bewufitsein entwickeln: Jetzt erst ergreife ich 
die voile Wirklichkeit, wahrend ich im Grunde genommen - wenn es 
auch eine aufierlich wahrnehmbare Abstraktion ist - doch nur vor einer 
Abstraktion stehe, wenn ich mir erzahlen lasse die Geschichte der 
Generationen. 



Es ist schon notwendig, dafi Sie sich klarmachen, wie wenig die 
grofie Mehrheit der heutigen Menschheit geneigt ist, in einer solchen 
Weise wirklich zur Selbsterkenntnis hinzustreben, wie wenig man den 
Mut findet, hinauszugehen aus demjenigen, was audi in der Geschichte 
nur die aufierliche, physisch-sinnliche Beobachtung ist. Es ist ja gerade 
auf dem Gebiete desjenigen, was dann auf dem Wege des Unterrichts 
in unsere jungen Seelen fliefit, so klar zu bemerken, wie die Menschen 
heute herausgerissen werden aus der ganzen vollen Wirklichkeit des 
Lebens dadurch, dafi ihnen eigentlich iiberall nur ein Stuck der Wirk- 
lichkeit beigebracht wird. Natiirlich ist es fur die heutigen Menschen 
etwas, vor dem sie zuriickschrecken, wie wenn sie sich daran verbren- 
nen wiirden, wenn man ihnen zumutet, ernst zu nehmen das geistige 
Leben, das sich in wiederholten Erdenleben fiir die Seele aufiert, und 
dafi sie wirklich absehen sollen von dem blofi Aufierlichen. In dieser 
Beziehung erlebt man ja heute geradezu die unglaublichsten Dinge in 
dem, was einem von den wissenschaftlichen Fiihrern der heutigen 
Menschheit entgegentritt. Natiirlich ist noch nicht die Zeit gekommen, 
um solche Dinge, wie ich sie eben jetzt auseinandergesetzt habe, gerade- 
zu in offentlichen Vortragen zu sagen. Aber man mufi heute schon 
ziemlich weit gehen in offentlichen Vortragen. Ich habe zum Beispiel 
neulich in Zurich ungefahr das auseinandergesetzt, was ich auch hier 
am Dienstag im offentlichen Vortrag dargelegt habe, und habe, um 
mich verstandlich zu machen, in welcher Sphare das spielt, was der 
Geistesforscher zur Ausbildung seiner Methoden an besonderen inneren 
Seeleniibungen durchmacht, gesagt: Das fliefit in eine Sphare, die durch- 
zogen sein mu£ vom inneren Willen des Menschen, von innerer Klar- 
heit, wie es sonst nur beim Verfolgen der mathematischen Ableitungen, 
beim Verfolgen der Wahrheiten des Mathematischen der Fall ist. - 
Diesen Vortrag hat sich ein Ziircher Wissenschafter angehort, wahr- 
haftig nicht der schlechteste, sondern einer, der sogar zu den Begab- 
teren gehort. Aber unter manchem anderen, wirklich recht Stumpfen, 
was er dann in einem ausfiihrlichen Feuilleton der «Neuen Ziircher 
Zeitung* gegen diesen Vortrag vorgebracht hat, steht, ich hatte mich 
darauf beruf en, dafi die inneren Untersuchungsmethoden der anthropo- 
sophischen Erkenntnis in einem solchen klaren Seelenverfahren heran- 



gebildet werden miissen, wie es nachgebildet ist dem klaren Seelen- 
verfahren in der Ausbildung mathematischen Urteils. - Dazu sagt die- 
ser Gelehrte, es ist sogar ein junger Gelehrter, also eine «hof fnungsvolle 
Leuchte» fiir die Zukunft, und man kann wirklich gar nicht seines 
Erstaunens Ende finden, wenn man so etwas von einem Menschen liest, 
der ernst genommen werden will: Die Gewifiheit der Mathematik 
bezieht sich ja eigentlich nur darauf, dafi man die mathematischen Ge- 
bilde miteinander verbindet. Wenn man den Punkt hat und die Linie 
hat und den Winkel, kann man Punkt und Linie und Winkel verbinden, 
dann bekommt man Wahrheiten, Gewifiheiten heraus. Aber der Punkt 
und die Linie sind doch selber ungewifi, geradeso wie das Atom und 
das Molekul ungewifi sind. 

Der Mann glaubt, etwas furchtbar Gescheites zu sagen, aber es ist 
nur charakteristisch dafur, wie verrenkt eigentlich das Denken des 
gegenwartigen Wissenschafters ist. Denn wenn sich jemand mit ge- 
raden, gesunden Sinnen darauf beruft, daf$ in dem Verfahren der 
Seeleniibungen bei anthroposophischer Forschung mathematische Klar- 
heit ist, geht ihn ja alles das nichts an, was man nun diskutieren kann 
iiber die Gewifiheit der Linienzusammenhange und die Ungewifiheit 
eines einzelnen Punktes. Das ist ja ganz gleichgiiltig, was solch ein 
philosophischer Privatgelehrter denkt iiber die Gewifiheit von Punkten 
und Linien und so weiter. Lasse man das gewifi oder ungewifi sein, was 
sich solch ein Mensch vorstellen will. Aber man lebt in einer gewissen 
Seelenstimmung, wenn man sich den pythagoraischen Lehrsatz klar- 
macht. Was man da durchmacht, dem wird nachgebildet die anthropo- 
sophische Methode, gleichgiiltig, was man daruber streiten kann, ob 
das Dreieck des pythagoraischen Lehrsatzes gewifi ist fiir sich oder ob 
sein eines Quadrat gewifi ist fiir sich. 

Also man mufi sich schon klar sein daruber, dafi man da tatsachlich 
zumeist keine Briicke schlagen kann zu einem solchen Gelehrten, denn 
diese «Verstande» sind ganz und gar verbildet durch dasjenige, was 
eben von der Gegenwart herangezuchtet worden ist. Aber auf der 
anderen Seite ist es schon dringend notwendig, dafi Wirklichkeitssinn 
in unser ganzes Leben hereinkommt. Ohne diesen Wirklichkeitssinn 
kommen wir nicht weiter. Daher mufi derjenige, der es nun ehrlich 



meint mit den Wahrheiten und Erkenntnissen der anthroposophisch 
orientierten Geisteswissenschaft, nicht zuriickschrecken davor, die- 
jenigen Dinge, die er vielleicht im Abstrakten ganz gut begreif t wie die 
Lehre von den wiederholten Erdenleben, auch in das konkrete Leben 
hereinzutragen. Dabei bleibt es durchaus richtig, dafi man gerade die 
Dogmen, das heifit, die abstrakte Dogmenform der Wahrheit eigentlich 
so spat wie moglich ausbilden soli. Es bleibt zum Beispiel durchaus rich- 
tig, dafi so etwas wie unsere Waldorfschule keine Weltanschauungs- 
schule sein soil. Es handelt sich daher dort viel weniger darum, dafi 
irgendwie der abstrakte Gedanke der wiederholten Erdenleben schon 
begriff en werde von den jungen Seelen. Aber es lafit sich, ohne daft man 
diesen abstrakten Gedanken beruhrt, einfach indem man selber im Hin- 
tergrund hat solche Erkenntnisse, wie ich sie heute dargelegt habe, das 
geschichtliche Leben im Unterricht beleuchten und zum Verstandnis 
bringen. Dann wird etwas ganz anderes in den Gemiitern dieser Seelen 
leben, die vielleicht ganz ohne die Theorie und Dogmatik von den wie- 
derholten Erdenleben eine solche geschichtliche Darstellung iibermittelt 
bekommen, leben einfach dadurch, dafi man die Methoden findet, das 
Leben der Gegenwart so zu beschreiben, wie man es selber versteht, 
indem man den Zusammenflufi von ganz fremdem Seelenleben mit dem 
findet, was in der Generationenf olge durch das Blut leiblich in gerader 
Stromung aus der Vorzeit heruntergef lossen ist. 

Es kommt heute darauf an, vom Geiste nicht mir zu reden, sondern 
das Verstandnis des Geistes wirklich so weit zu treiben, dafi man das 
Wirken dieses Geistes im konkreten, im materiellen Dasein findet. 
Unsere Wissenschaften haben iiberall eine abstrakte Form angenom- 
men, selbst da, wo sie blofi nur so herumplatschern im aufierlichen 
Hantieren. Da ist das, was man im aufierlichen Hantieren entwickelt, 
wenn es auch eine anschauliche Abstraktion ist, doch ebenso eine Ab- 
straktion, wenn man es ohne das zugmndeliegende Geistige hat. Und 
wer einwendet: Da mufS man ja glauben denjenigen, die da schauen das 
geistige Leben; man kann ja die Initiationswissenschaft nicht so einfach 
erlangen wie etwas anderes! - der steht im Grunde genommen mit einem 
solchen Einwand auf dem Standpunkt des Pfarrers und Professors 
Traub 3 der da sagt, dafi ich Dinge, die mich im Grunde genommen wenig 



beruhren, wie zum Beispiel die Geburt Alexanders des Groflen, nicht 
selbst erlebt zu haben brauche, dafi ich aber das, was ich als mich un- 
mktelbar angehend anerkennen soil, selbst erlebt haben oder selbst er- 
leben konnen mufi, denn das will ich nicht blofi annehmen als das 
Erlebnis eines anderen. - Ich mochte Leuten, die solche Logik haben, 
nur empfehlen, einmal nachzusehen, wann sie das ihnen personlich doch 
wohl naheliegende Datum ihrer eigenen Geburt in ihr Tagebuch ein- 
geschrieben haben, ob da nicht doch ein Faktum vorliegt, das ihnen dem 
personlichen Leben nach sehr naheliegt und das sie auf keine andere 
Weise zu ihrem Bewufitsein bringen konnen als auf Treu und Glauben 
anderer hin! - Dies zunachst iiber das Ablehnen des sogenannten Autori- 
tatsprinzips. Aber man soil es nur einmal versuchen, den Weg aufzu- 
finden, der schon durch den gesunden Menschenverstand zum Verstehen 
desjenigen fiihrt, was Geisteswissenschaf t bietet. Man soli nur die Dinge 
einmal grundlich und intensiv ernst nehmen, dann wird man sehen, dafi 
selbst zu solch anscheinend paradoxen und abgelegenen Wahrheiten, 
wie ich sie heute vorgebracht habe, dem unbehinderten, ungehemmten 
gesunden Menschenverstand der Zugang schon moglich ist. Allerdings, 
wenn man sich den gesunden Menschenverstand durch jene Mauern 
verbaut, welche aufgerichtet werden, indem man Geschichte nur be- 
trachtet als ein System, sei es physisch, dem Blute nach vererbter Men- 
scheneigenschaften, oder sei es im fortlaufenden Strom auf einem Ge- 
biete sich abspielender Ereignisse, solange man sich verbaut das Ver- 
standnis fiii die Wirklichkeit durch solche Vorurteile, wird man eben 
an diese Wirklichkeit nicht herankommen konnen. In dem Augenblick 
aber, in welchem man sich dem gesunden Menschenverstande ubergibt 
in der richtigen Weise, wenn man nur anfangt, begreifen zu wollen, 
wird man sehen, was da lebt in den Seelen der Gegenwart. Man begreift 
es nicht als blofi herkommend aus dem Blut durch Vererbung oder aus 
dem innerhalb der Generationenreihen fortfliefienden Strom, wenn 
man es nur begreifen will. Allerdings handelt es sich darum, dafi man 
den Mut findet, heranzugehen an die Dinge. Findet man aber diesen 
Mut, dann wird man iiber die blofien Abstraktionen hinaus zum kon- 
kreten Ergreifen der Wahrheiten schon kommen. 



DRITTER VORTRAG 
Stuttgart, 9. Januar 1921 

Ich habe das letzte Mai hier darauf aufmerksam gemacht, wie aus der 
Verkorperung der Seelen zu verstehen sind die Verhaltnisse iiber die 
heutige zivilisierte Erde hin. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie 
dasjenige, was anthroposophische Wahrheiten sind, gesehen werden 
muC in der aufieren Wirklichkeit, wie Ernst gemacht werden mufi mit 
demjenigen, was uns hindert, was uns davon abhalt, zum Beispiel die 
geschichtliche Entwickelung der Menschheit so zu nehmen, wie sie 
heute vielfach genommen wird: blofi als eine Art von Fortwirken der 
aufien wahrnehmbaren Machte durch die Generationen hindurch. 
Man mu£ sich eben durchaus dariiber klar sein, dafi dasjenige, was 
mit dem Blute durch die Generationen fliefit, nicht erklart die Ereig- 
nisse der Gegenwart. Diese Ereignisse werden einzig und allein er- 
klart, wenn man sich bewufit ist, dafi ja die Seelen aus ganz an- 
deren Gegenden herkommen als aus denjenigen, in denen die leiblichen 
Vorfahren der gegenwartigen Menschheit irgendeines Territoriums 
gelebt haben. Wir haben versucht, dariiber einiges Licht zu verbreiten. 
Heute will ich diese ganze Situation, die wir gekennzeichnet haben 
fiir unser Erdendasein, von einer anderen Seite her noch einmal 
besprechen. 

Ich werde dabei allerdings auf manches hinzuweisen haben, was 
schon in vorangehenden Vortragen von verschiedenen Gesichtspunkten 
aus durchgefiihrt worden ist. Allein es handelt sich ja gegenwartig 
durchaus darum, dafi wir immer mehr und mehr innerliche Impulse 
bekommen, um den Aufgaben der Gegenwart gewachsen zu sein. Dieses 
Gewachsensein, das kann nicht kommen, wenn nur wenige Menschen 
in allem Ernste ahnen, worin die grofien Aufgaben der Gegenwart 
bestehen. Wir leben einmal in einer Zeit, in der vielen Menschen das- 
jenige aufgehen mufi, was zu geschehen hat. Und daher mufi daran 
gearbeitet werden, dafi moglichst viele Menschen dasjenige durch- 
dringen, was eben in der Gegenwart gewufit, gewollt, empfunden wer- 
den soil, damit die Menschheit zu einer Art von Aufstieg kommen 



konne. Denn Nicht-Aufsteigenwollen bedeutet in der heutigen Zeit 
Niedergehenwollen. 

Nun ergibt sich aber auch noch eine andere Erkenntnis mit Bezug 
auf das Einkorpern der Seelen in Gegenwartsleiber, als diejenige ist, von 
der ich das letzte Mai gesprochen habe. 

Ich habe ja schon in friiheren Vortragen angedeutet, dafi deutlich 
bemerkbar ist fiir die geisteswissenschaftliche Erforschung, wie viele 
Seelen, die jetzt gewissermafien aus geistigen Welten herunter sollen in 
physische Leiber, dieses Einkorpern in die physischen Leiber mit einer 
Art von Abneigung, mit einer Art von Antipathie betrachten. Es ist in 
der Gegenwart - und das liegt ja gerade unseren gegenwartigen Erden- 
verhaltnissen zugrunde - schon eine gewisse Antipathie vorhanden fiir 
die menschlichen Seelen, wieder herunterzukommen in physische Lei- 
ber. Es ist ja selbstverstandlich, dafi man, indem man dieses andeutet, 
von Seelenerlebnissen spricht, die der Einkorperung in physische Leiber 
vorangegangen sind und die nicht dem gewohnlichen heutigen Gedacht- 
nis angehdren, so dafi, was man in dieser Art charakterisiert, vielen 
Menschen heute unbewufit ist. Aber es kann bewufit werden, wenn das- 
jenige, was aus der Geistesforschung heraus geboren wird, gemessen 
wird an den Erscheinungen des Tages, an den Erscheinungen der Gegen- 
wart. Wir sollten iiberhaupt dieses Messen von Erkenntnissen, die aus 
der Geistesforschung kommen, an den Vorgangen der Gegenwart eigent- 
lich recht, recht ernst nehmen. 

Die Gegenwart ist im Grunde genommen eine Zeit, die nicht so an 
die Menschen herantritt, wie verflossene Zeiten an sie herangetreten 
sind. Sie wissen ja, ich bin durchaus abgeneigt, die Phrase mitzumachen 
von einer «Ubergangszeit» - man lebt namlich immer in einer Ober- 
gangszeit. Es kommt nur darauf an, was iibergeht. Und weniger kommt 
es darauf an, dafi man die Phrase breittritt, dafi man in einer Uber- 
gangszeit lebt, als darauf, dafi man gerade in dieser Gegenwart erkennt, 
was von der Vergangenheit her als zu iiberwindend in die Gegenwart 
hereinkommt, was fiir die Zukunft vorbereitet werden mufi. Und da 
mufi man schon sagen: Dieses 20. Jahrhundert, in dem wir leben, das ist 
so beschaffen in seinen Verhaltnissen zur sich entwickelnden Mensch- 
heit, dafi die Menschheit dadurch, dafi sie in diesem 20. Jahrhundert 



zum Teil lebt, dafi also diejenigen Seelen, die in physischen Leibern 
sind, etwas ganz Besonderes durch dieses Leben auf der Erde erfahren 
sollen. Die Erlebnisse sollen bedeutsam sein, entscheidend sein in einer 
gewissen Weise. Versuchen Sie nur einmal, dasjenige, was in der Gegen- 
wart erlebt werden kann, zu vergleichen mit den Menschheitserleb- 
nissen voriger Zeiten, und Sie werden darauf kommen, dafi es zwar 
vielleicht von manchem leichtfertig gesprochen ist, wenn er sagt: Was 
sich im 20. Jahrhundert bisher zugetragen hat, duldet keinen Vergleich 
mit vorhergehenden Ereignissen derjenigen Geschichte, die man ver- 
zeichnet hat in den menschlichen Annalen. - Aber gerade wenn man 
tief er hineindringt in die Ereignisse der Gegenwart, so mufi man bemer- 
ken, dafi dieses so ist, dafi allerdings in unserer Zeit fur die Menschheit 
Dinge erfahren werden sollen, welche sich nicht vergleichen lassen mit 
den Dingen friiherer Zeiten. 

Man konnte nun vieles herausgreifen aus den Vorgangen der Gegen- 
wart, um das zu erharten, was ich eben gesagt habe. Aber ich will nur 
Weniges anfuhren. Gerade vom Gesichtspunkte desjenigen Erdengebie- 
tes, in dem wir leben, und die Dinge mehr vom geistigen Standpunkte 
aus jetzt augenblicklich betrachtend, konnen wir sagen: Es ist doch 
etwas im Grunde genommen vielleicht erschreckend zu Nennendes, dafi 
in diesem Mitteleuropa mit einer so ungeheuren Raschheit die Verwand- 
lungen vor sich gegangen sind, die sich eben vollzogen haben etwa seit 
der Mitte des 19. Jahrhunderts in unser 20. Jahrhundert hinein. Man 
beachtet nur gewohnlich nicht, was da alles geschehen ist. Derjenige, 
der fur so etwas eine Empfindung hat, der kann vergleichen die ganze 
Art und Weise, wie die Menschen Mitteleuropas vor siebzig, achtzig 
Jahren gedacht haben und wie sie heute denken, namentlich aber wie 
sie damals empfunden haben und wie sie heute empfinden. Es ist ein 
ganz deutlicher aufierer Unterschied. Die Seelen verfassung gerade der 
mitteleuropaischen Menschheit hat sich aufierordentlich geandert. Und 
zu dem kommt noch etwas anderes hinzu. Gewifi, die Menschen, wenig- 
stens die meisten Menschen, verschlafen ja die wichtigsten Geschehnisse, 
sie bemerken sie nicht. Aber diese Geschehnisse sind doch da. Es gibt 
heute wohlmeinende Schriften, die von Menschen der mehr westlichen 
Erdengegenden, von Englandern, Amerikanern, ausgehen und die voll 



avtfieren Mkleids sind fiir die materielle Lage der mitteleurop'aischen 
Menschheit. Das ist richtig. Aber was gerade dieser geistigen Stromung 
zugrunde liegt, das ist etwas, was in Mitteleuropa mit den aufmerksam- 
sten Blicken verfolgt werden sollte. Denn dieses Mitteleuropa, das ja 
wirklich heute mehr denn je an den entscheidenden Ort hingestellt ist, 
zwischen den Orient und den Okzident - wobei ich mit dem Okzident 
mehr diejenigen Gegenden, in denen das angloamerikanische Element 
tonangebend ist, verstehe - das scheint vor alien Dingen, wenn man 
heute die aufieren Verhaltnisse betrachtet, um seine besondere geistige 
Art gebracht werden zu sollen. Ich bitte Sie durchaus, das nicht mifi- 
zuverstehen, was ich jetzt sage. Gewifi, man kann voiles Verstandnis 
haben fiir die materiellen Note, und es ist ja nicht so schwierig, das heute 
zu haben in der Zeit des Elends und der Not; aber die geistige Not, das 
ist etwas, was vor alien Dingen auch heute ins Auge gef afit werden mufi. 

Versuchen Sie doch einmal, ohne hinzuhorchen auf das, was aus Vor- 
urteil heraus gesagt wird, was vielleicht in Ihrem eigenen Gemiit aus 
Vorurteil heraus gesagt wird, zusammenzufassen dasjenige, was die 
heutigen Ereignisse in ihrem Schofie tragen fiir das Schicksal Mittel- 
europas in geistiger Beziehung. Tendiert nicht alles, alles darauf hin, 
diese mitteleuropaische Geistigkeit eigentlich auf der Erde auszurotten? 
Man miilke schon, wenn man unbefangen diese Tatsache ins Auge fafit, 
in sich den Impuls erghmmen fiihlen, alles, was man tun kann zum 
Fortgang dieser wirklichen mitteleuropaischen Geistigkeit, zu tun. 
Wenn nicht ganz bedeutsame Kraftentfaltungen geschehen, so wird 
sowohl der Osten der Erde wie der Westen der Erde iiber Mitteleuropa 
hin sich verbinden, zuerst wahrscheinlich in einer furchtbaren Feind- 
schaft, aber dann doch iiber die Feindschaft hinweg zu irgendeiner 
Stromung, die eigentlich von Mitteleuropa aus nicht gewollt sein darf, 
zu irgendeiner Stromung, die sich dann fortpflanzen will als Welt- 
kultur, als Weltzivilisation. Und das, was ich jetzt sage, hangt zusam- 
men mit der Antipathie, welche heute auf die Erde heruntersteigende 
Seelen haben gegeniiber dem Wohnen in heutigen physischen Leibern. 
Nicht nur diejenigen Seelen, von denen ich Ihnen neulich gesagt habe, 
dafi sie zum grofien Teil aus dem friiheren Mitteleuropa stammen, dann 
nach dem Osten hinubergezogen sind mit ihrer jetzigen Verkorperung, 



haben eigentlich vor ihrer Einkorperung keine grofie Lust gehabt, in 
diesen Leibern zu sein, sondern auch diejenigen Seelen, die in den west- 
lichen Gegenden sind, in Amerika, in grofien Teilen Englands, die ja, 
wie Sie wissen, friiher in orientalischen Leibern gelebt haben vor ver- 
haltnismafiig langer Zeit, haben nicht in dem Sinne, wie das in fruheren 
Zeiten der Erdenentwickelung der Fall war, mit voller Sympathie ihre 
Einkorperung betrachtet. Die Seelen weder des Ostens noch des Westens 
leben, wenn das Wort erlaubt ist, auf ganz normale Weise in diesen 
Leibern. Das ist deutlich zu bemerken, wenn man mit den Mitteln 
geisteswissenschaftlicher Forschung an die heutige Zivilisation heran- 
tritt. 

Da haben wir vor alien Dingen diese Menschen des Ostens. Wir wis- 
sen jetzt, welche Seelen es sind. Und aus den verschiedenen Darstellun- 
gen der geisteswissenschaftlichen Kulturgeschichte, die gegeben worden 
sind, wissen wir ja auch, in welchen Leibern diese Seelen wohnen. Diese 
Seelen des Ostens haben gewifi nicht alle ein gemeinschaftliches Inter- 
esse, aber es ist doch ein gewisses Interesse vorwiegend bis herein in die 
europaischen ostlichen Gegenden. Diese Seelen, die tonangebenden See- 
len, sie Ziehen alle aus der Antipathie gegentiber ihrer Verkorperung 
unbewufit die Konsequenz, nicht vollstandig sich hinzuversetzen auf 
den Schauplatz der irdischen Ereignisse, nicht voll aufzugehen in den 
Tatsachen dieser irdischen Ereignisse. Es ist eine eingeborene Abgeneigt- 
heit bei den Seelen des Ostens, gerade bei den bedeutendsten Menschen 
des Ostens vorhanden gegen das Bekanntwerden und Mittun mit dem- 
jenigen, was in Mitteleuropa und im Westen aufierliche Kultur gewor- 
den ist, was aufiere Naturwissenschaft, aufiere Technik geworden ist 
und so weiter. Und man kann sagen: Ganz im Gegensatz zu demjenigen, 
was gerade die beste mitteleuropaische Seelenverfassung f riiherer Zeiten 
war, sehen wir heute, wie auch zahlreiche Seelen Mitteleuropas aus den 
Verhaltnissen der Verkorperung heraus, die ich das letzte Mai geschil- 
dert habe, ergrif fen werden von dieser Abneigung, in die Tatsachen, in 
die Verhaltnisse der Gegenwart sich hineinzufugen. - Betrachten wir 
nur einmal ganz unbefangen unsere Zeit. Wie viele Menschen sind da, 
die heute in einer ganz falschen Weise sich wiederum zuruckversetzen 
wollen seelenhaf t in die Geistesauf fassung des Orients, die gerade einen 



gewissen mystischen Drang fiihlen, nicht teilzunehmen an demjenigen, 
was heute in der aufieren Welt vorgeht, die f liehen mochten in mystisch- 
schwarmerische Lebensbetrachtung, die also dasjenige, was einmal be- 
rechtigt war fiir das orientalische Leben der fruheren Zeiten, was jetzt 
dekadent zuriickgeblieben ist, hereintragen mochten in unser ganz 
andersartiges Leben. 

Das ist das eine, was in unserer Gegenwart so schadlich ist: die welt- 
fremde Mystik. Diese weltf remde Mystik ist in verschiedenen Gestalten 
vorhanden, Sie ist in denjenigen vorhanden, die schwarmen fiir allerlei 
nach orientalischem Muster gearbeitete Geistesanschauung. Sie ist aber 
auch noch vorhanden in einer Weise, die weniger bemerkt wird und die 
auch bemerkt werden soil. Wir leben namlich heute iiber die ganze 
zivilisierte Erde hin, vom Osten bis zum Westen, in einem ganz merk- 
wiirdigen Verhaltnis zu etwas, was innig zusammenhangt mit unserer 
ganzen Zivilisation, ja mit dem Leben iiberhaupt: wir leben in einem 
merkwiirdigen Verhaltnis zur Sprache. Je weiter wir nach dem Orient 
herubergehen, desto mehr ist das Bestreben vorhanden, die Sprache 
selber nicht recht herunterkommen zu lassen auf den physischen Plan, 
die Sprache, das Sprechen von einer gewissen Richtung der Seele durch- 
drungen sein zu lassen, in die Worte nicht aufzugehen, sondern ein 
iiberstromendes, uberquellendes Gefiihl zu haben, das sich nicht be- 
miiht, in den Worten vollig aufzugehen. Man mochte sagen, es ist das 
Bestreben vorhanden, die Sprache nicht anpassen zu wollen an die Ver- 
haltnisse des physischen Planes, sondern sie gewissermafien zuruckzu- 
behalten im Menschen, um in der Sprache Rauschzustande, Rausch- 
erlebnisse mehr zum Ausdruck zu bringen. Man mufi sich einen Blick 
dafiir aneignen, wie es viele Menschen in der Gegenwart gibt, die es 
geradezu fiir verachtenswert finden, wenn der Mensch sich bemiiht, 
seine Sprache so plastisch wie moglich zu machen. Sie finden das dann 
zu intellektualistisch, sie finden es dann zu sehr in die Verhaltnisse des 
physischen Planes sich einlebend. Sie mochten die Sprache in einem 
Halbdunkel, in einem Dammerzustand halten. Sie finden nur dasjenige 
poetisch, was die Sprache in einem Dammerzustand halt, sie lieben 
solches Verschwarmen des sprachlichen Elementes. Wenn man danach 
strebt, in jedem Wort, in jedem Satz etwas zu haben, was sich deckt 



mit irgendeiner voll erlebten Wirklichkeit, so ist das etwas, was dann 
fur solche Seelen nicht sympathisch erscheint. Solche Seelen mochten 
sprechen, ohne mit demjenigen zu leben, wofiir die Sprache da ist - 
mit den Realitaten. Dieses Nicht-Lebenwollen mit den Realitaten, 
das ist etwas, was sehr charakteristisch ist fur einen grofien Teil un- 
serer gegenwartigen Menschheit. Und das ist mehr oder weniger das 
Charakteristikum der Sprache selbst, je mehr man nach dem Osten 
hinkommt. 

Dagegen haben die westlichen Sprachen ein anderes Charakteristi- 
kum. Sie streben schon danach, mit der Sprache die Realitat zu treffen, 
mit der Sprache in die Realitaten unterzutauchen, aber sie bilden die 
Sprache nicht selber aus, sie lassen die Sprache verschwimmen, so dafi 
sie zwar untertauchen in die Realitaten, aber mit einer nicht geniigend 
plastisch gemachten Sprache, mit einer Sprache, die nicht liebevoll 
genug dieDinge umfangt. Das hangt zusammen mit anderen Neigungen 
des Westens. Vom Westen ist ja im wesentlichen hergekommen diejenige 
Betrachtungsweise, die eigentlich bis zum Menschen gar nicht hinauf- 
dringt. Da haben wir zunachst den Darwinismus, der ganz gewifi be- 
wundernswiirdige Dinge enthalt, wenn es sich darum handelt, die Tier- 
welt zu begreifen. Man braucht ja weniger auf die Fanatiker des Dar- 
winismus zu sehen als auf den Darwinismus selbst. Da ist vieles, was 
ganz bewundernswert in die Tierwelt eindringt, und man kann dann 
sagen: Der Mensch steht an der Spitze der Tierwelt. - Aber damit wird 
nichts getan, um den Menschen selber zu begreifen. Das sehen wir in 
diesem Westen auch auf sozialem Gebiet. Wir sehen im Westen merk- 
wiirdige Anschauungen sich geltend machen, die auch eigentlich den 
Menschen aus dem Felde der Betrachtung ausschliefien. Wir sehen, wie 
innerhalb der Nationalokonomie des Westens eigentlich der Mensch als 
solcher keine besondere Rolle spielt. Es spielt dasjenige eine Rolle, was 
an dem Menschen als Aufierlich-Materielles hangt. Das Privateigen- 
tum, das ein Mensch hat, das wird eigentlich als die Individuality in 
der Nationalokonomie betrachtet, nicht der Mensch selber. Und nicht 
von jener Freiheit spricht man eigentlich im Westen, welche heraus- 
quillt aus dem ganzen menschlichen Wesen, sondern man spricht - in 
sich iiberzeugt - nur von der wirtschaf tlichen Freiheit. Seit Adam Smith 



und seit Zeiten, die noch friilier liegen, spricht man von der wirtschaft- 
lichen Freiheit, von demjenigen, was der Mensch dadurch in die Waag- 
schale der Zivilisation zu werf en hat, dafi er etwas besitzt, was er in der 
Welt geniefien kann, und dadurch, daft ihm der Besitz wirtschaf tliche 
Unabhangigkeit gibt und so weiter. Aber man spricht nicht von dem, 
was der Mensch eigentlich ist, was aus des Menschen eigenem Inneren 
mit dem Charakter der Freiheit herausquillt. 

Diese Dinge alle weisen aber noch auf viel tief ere Erscheinungen hin. 
Diejenigen Seelen, die mit einer gewissen Antipathie sich heute in orien- 
talische Leiber hinein verkorpern, weil andere Verhaltnisse sie dazu 
zwingen, die haben eigentlich vielfach das Bestreben, die Erkenntnis- 
f ahigkeiten dieser Leiber nicht zum Erfassen der Erdengegenwart kom- 
men zu lassen. Sie haben das Bestreben, den Menschen gewissermafien 
in seinem Bewufitsein zu erhalten aufierhalb der Erdengegenwart. Es ist 
etwas im eminentesten Sinne Luziferisches in dieser Seelenverfassung, 
und dieses Luziferische weht aus dem Osten heruber. 

Im Westen hingegen ist etwas im eminentesten Sinne Ahrimanisches 
in den Seelen. Sie wollen nicht in der Weise von den Leibern Besitz 
ergreifen, dafi sie durch diese Leiber mit offenen Sinnen hinausblicken 
in die Welt, sondern sie versenken sich so in diese Leiber, dafi sie diese 
Leiber selber nicht in vollem Sinne umfassen, durchgeistigen. Sie leben 
in den Leibern, aber sie durchdringen sie nicht vollstandig. Dadurch 
kommt das zustande, was die notwendige Folge sein kann, wenn man 
im Menschenleibe lebt und keinen offenen Sinn hat fur dasjenige, was 
ringsherum in der Welt ist. Hat man einen offenen Sinn, so entdeckt 
man in dieser Welt nicht nur die aufiere physisch-sinnliche Wirklich- 
keit, sondern man entdeckt die dieser physisch-sinnlichen Wirklichkeit 
zugrunde liegende Geistigkeit. Diese zugrunde liegende Geistigkeit ent- 
deckt man nicht, wenn man zwar im Leibe steckt, aber diesen Leib nicht 
bis zur Peripherie voll durchdringt. Das ist die Seelenstimmung des 
Westens. Durch diese Verhaltnisse, so kann man sagen, ist es so, dafi tat- 
sachlich manche Leiber westlicher Menschen so beschaf f en sind, dafi die 
Seelen in ihnen, wenn die Leiber heranwachsen, gar nicht voll zur Gel- 
tung kommen. Dadurch aber, dafi die Menschenseelen in diesen Leibern 
nicht voll zur Geltung kommen, konnen die Leiber die Hullen, die 



Gehause werden fiir ganz andere Wesenheiten, die dann in sie einziehen, 
Wesenheiten, welche dasjenige geradezu verschlafen, was in den Eigen- 
tiimlichkeiten der Menschenseele selber liegt. 

Und durch all diese Dinge breitet sich von Osten her die eine, von 
Westen her eine andere Stimmung aus. Die Stimmung, die sich von 
Osten her verbreitet, ist diese, den Menschen zu erhalten in Gefiihls- 
weisen, Empfindungsweisen alterer Zeiten, die noch mehr instinktiv 
nach einer Geistigkeit hinaufgehen, den Menschen nicht so weit hin- 
unterkommen zu lassen auf die Erde, dafi er sich voll verbinden kann 
mit der Situation hier auf der Erde. Im Westen dagegen macht sich die 
Stromung geltend, dasjenige, was jetzt da ist, nicht so zu betrachten, 
daft man in ihm die in allem Dasein immer fortschreitende Geistigkeit 
wahrnimmt, sondern dafi man bei dem, was der Mensch einmal gewor- 
den ist, stehenbleibt, weil man ihn zwar bewohnt, aber nicht durch- 
dringt, weil man ihn eigentlich nicht selber so liebt, dafi man ihn vollig 
durchdringen will. Konservieren den gegenwartigen Zustand der 
Menschheit mit seiner materialistischen Gesinnung, seinem materialisti- 
schen Handeln, mochte man vom Westen aus. Nicht kommen zu lassen 
bis zu dem, was uns zusammenbringt mit den materiellen Verhaltnissen 
der Erde, sondern den Menschen abzuhalten, die Gegenwart in sich voll 
aufzunehmen, das mochte man vom Osten aus. Von beiden Seiten ist 
eigentlich das Bestreben vorhanden, den Menschen nicht kommen zu 
lassen zum vollen Erfassen der Gegenwart. Und eine ungeheure Furcht, 
die sich unbewufit der Menschheit bemachtigt, unterstiitzt das noch. 
Wer unbefangen diese Gegenwart betrachtet mit den grofien Entschei- 
dungen, die sie in ihrem Schofie hat, der mufi sich in einer gewissen 
Weise mutvoll diesen Entscheidungen gegenuberstellen. 

Nun kann man es sich auf zweierlei Weise ersparen, sich den Ent- 
scheidungen der Gegenwart gegemiberzustellen. Die eine Art ist diese, 
dafi man schwarmerischer Mystiker oder Theosoph wird und in einer 
oberflachlichen Weise das «ex oriente lux» wiederholt. Dann kann man 
sich ein innerliches Wohlgefiihl begriinden in einem gewissen Fliehen 
vor den Ereignissen der Gegenwart. Man kann sich uber sie hinweg- 
heben, kann sich sogar als ausgezeichneter Mensch in dieser Mystik oder 
Theosophie fiihlen und kann alles verachten, was urn einen herum vor- 



geht, als «die schlechte Welt», als die Welt der Materie, die minder- 
wertig ist. Das ist aber eben das Schadliche dieses einen Extrems, wie 
auch das andere Extrem schadlich ist, das zutage tritt in der mehr west- 
lichen Stromung, die dann in ihrer letzten Konsequenz den materialisti- 
schen Menschen hervorbringt, bei dem die Furcht vor dem Sich-Gegen- 
iiberstellen den Entscheidungen der Gegenwart den anderen Charakter 
annimmt, so dafi er sagt: Der Mensch ist das Produkt desjenigen, was 
in ihm physisch-physiologisch vorgeht, und von irgend etwas zu spre- 
chen, was in des Menschen eigene Entscheidung gelegt ist, ist ein Unsinn, 
darauf braucht man keine Riicksicht zu nehmen. Es ist notwendig, dafi 
das gepflegt werde, was sich einmal in der Menschheit leiblich-physisch 
herausgebildet hat. Man ist aberglaubisch, wenn man von einer beson- 
deren Geistigkeit spricht. - Auf dieser Seite flieht man die Geistigkeit, 
wahrend man auf der anderen Seite die Materialitat flieht. 

So haben wir heute zwei Extreme der menschlichen Seelenverfas- 
sung: auf der einen Seite den Materialismus, der ahrimanisch ist, auf der 
anderen Seite den Mystizismus, der luziferisch ist. Wir haben auf der 
einen Seite den grofien Weltanschauungszug vom Westen nach dem 
Osten, der nur aus der Materie heraus eine mechanistische Naturwissen- 
schaft erarbeitet, der sozusagen unsere aufiere Bildung durchzieht. Wir 
haben auf der anderen Seite den Zug vom Osten nach dem Westen, der 
wahrhaf tig heute nicht wenig Geister ergreift, der immer mehr Geister 
ergreif en wird. Und man mochte wiinschen, dafi dasjenige, was Anthro- 
posophie ist, von diesen Geistern nicht dadurch zerstort wird, dafi es 
gerade von ihnen im Geiste einer schwarmerischen Mystik ausgelegt 
wird. Wir haben ja diese andere Stromung, die nur schopfen will aus 
einer weltfremden Sphare, wir haben insbesondere diesen Zug in der- 
jenigen theosophischen Weltanschauung vorhanden, welche heriiber- 
tragen will aus dem Orient langst verklungene Dinge, die heute fur die 
Menschheit durchaus nicht taugen. 

Das sind die beiden Extreme, die sich eigentlich, vielleicht iiber eine 
furchtbare Feindschaft hinweg, die durch die aufieren Verhaltnisse und 
den inneren Gegensatz bewirkt ist, die Hand reichen mochten von bei- 
den Seiten her. Und weil diese Stromungen vorhanden sind, und weil 
das der Fall ist, geht es, wollte man es trivial ausdriicken - es ist aber 



wahrhaftig nicht trivial, sondern tragisch gemeint -, den Menschen der 
mitteleuropaischen Gegenden gerade geistig so schlecht. 

Das ist dasjenige, was man mit wachem Seelenauge verfolgen sollte. 
Denn wenn man die Sache etwas radikal ausdriicken wollte, mochte 
man sagen: In diesem Mitteleuropa hat sich vorbereitet die hohere Syn- 
these, der Zusammenklang, die hohere Harmonie dieser zwei Extreme, 
aus welcher Harmonie, aus welchem Zusammenklang allein ein Fort- 
schritt fur die Menschheit erspriefien kann. Denn hier in Mitteleuropa 
haben gegipfelt geistige Stromungen, die aus wirklich bedeutsamen 
Untergriinden hervorgegangen sind - zuletzt aus dem, was, wie ab- 
glimmend dazumal und uberwuchert von dem anderen, zunachst als 
eine intellektualistische Spiritualitat im deutschen Idealismus erschie- 
nen ist, in solchen Weltanschauungen wie sie Fichte> Schelling, Hegel 
hatten, wovon diejenige Schellings sogar an ihrem Ende nahe daran 
war, herauszugebaren nach und nach dasjenige, was hatte einlaufen 
konnen in eine wirkliche anthroposophische Geisteswissenschaft, fur 
die nur die Zeit dazumal noch nicht reif war. 

Aber es erscheint einem ja so, als ob sich alle Welt verschworen hatte, 
dasjenige, was da im Anzuge war, nur ja nicht irgendwie zu einer Ent- 
faltung kommen zu lassen. Ich mochte sagen: Vom Orient und Okzi- 
dent aus sind Luzifer und Ahriman verschworen, dafi diese Synthese 
nicht gedeihen kann. Denn hier in dieser mittleren Gegend der Erde 
sind eigentlich diejenigen Menschen gewesen, die, wenn sie auch wegen 
der Verhaltnisse der Zeiten manchmal auf halbem Wege haben stehen- 
bleiben miissen, nach der Geistigkeit gestrebt haben, aber zu gleicher 
Zeit gestrebt haben nach einer hingebungsvollen Naturerkenntnis. 
Welcher wunderbare Pendelschlag ist zum Beispiel bei Goethe zwischen 
dem fortwahrenden Angezogensein davon, die Welt geistig zu betrach- 
ten, und wiederum davon, die Welt in der Breite ihrer aufieren Natur- 
erscheinungen zu betrachten. Wie sehr suchte Goethe den Einklang 
zwischen demjenigen, was ihm der Geist sagte, und dem, was ihm die 
Natur offenbarte. Und wie sehen wir gerade diesen Goetheschen Sinn, 
der ja schon Wurzeln hat in ganz Mitteleuropa, wie sehen wir ihn uber- 
wuchert! Wir sehen auf der einen Seite fortwahrend den Einflufi des 
Westens, Wir haben ihn gesehen in unserer aufieren Wissenschaft, die 



ja ganz, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, «verwestet» ist, 
die ganz und gar ablehnend ist in ihren Methoden gegeniiber dem Gei- 
stigen. Wenn sie auch manchmal dem Glauben nach etwas Geistiges 
aufnimmt, ist sie doch abgeneigt, in ihren Methoden das Geistige zu 
verarbeiten, namentlich bei den wissenschaftlichen Forschungen. Und 
was haben wir andererseits an denjenigen Menschen, welche sich heraus- 
arbeiten wollen aus dieser Gegenstimmung, welche die Schwingen 
lahmt, in den letzten Jahrzehnten erfahren miissen? - Innerhalb der- 
jenigen Zivilisation in Europa, die in ihrem Schofie hat entstehen sehen 
so etwas wie Schiller s «Asthetische Brief e», an denen hatte erwachsen 
konnen eine wunderbare Entfaltung des Seelischen und des Geistigen, 
haben sich zahlreiche Menschen an das Gequassel von allerlei gerade 
amerikanischen Mystikern gehalten, an Ralph Waldo Trine und der- 
gleichen, an jenes mystische Gequassel, das im Vergleich mit demjeni- 
gen, was da ist in der mitteleuropaischen Geistessubstanz, etwas aufier- 
ordentlich Inferiores ist, ein seelisch-egoistisches Streben nach einem 
inneren Wohlsein, nicht nach einem wirklichen geistigen Aufschwung. 
Da sehen wir die ganze Tragweite desjenigen, was ich nennen mochte: 
die Tendenz zur Uberflutung des ureigenen Mitteleuropaischen von 
dem Westlichen. Selbstverstandlich - auf anthroposophischem Felde 
ist das eben durchaus selbstverstandlich - soil nicht irgend etwas gegen 
Menschen dabei gesagt sein. Menschen miissen iiber die ganze Erde hin 
gleich geachtet werden. Aber ist denn dasjenige, was in den Menschen 
lebt, einerlei mit dem, was als eine Kultur, eine Zivilisationsatmosph'are 
durch die menschlichen Seelen durchzieht? Ist es denn iiber haupt 
irgendwie das Rechte, wenn jemand sagt, da wende sich einer gegen 
westliche Geistesstromungen und treffe dadurch die westlichen Men- 
schen? - Nein, er trifft nicht die Menschen, sondern er will hindeuten 
auf dasjenige, was als eine geistige Atmosphare in diesem Westen lebt. 

Und sehen wir nicht auf der anderen Seite wiederum dieses Mittel- 
europaische geradezu erfiillt bei vielen Menschen von einer Sehnsucht, 
irgendwelche Fragmente alter Weisheit aus dem Oriente in das Geistes- 
leben hineinzubekommen? Dem Kenner tut bei solchem Hereinnehmen 
orientalischer Geistesweisheit wirklich die Seele weh. Selbst wenn man 
verhaltnismafiig leicht Assimilierbares nimmt wie die Bhagavad Gita, 



mufi man sich doch darttber klar sein, dafi dasjenige, was der mittel- 
europaische Mensch heute von der Bhagavad Gita erhalten kann, hoch- 
stens etwas von ihm selbst Zurechtgeschmiedetes sein kann, dafi das 
aber durchaus nicht orientalische Geistesweisheit ist. Denn das hat man 
selbst im Orient nicht mehr. Die Leute schwarmen, wenn sie irgendeine 
Stelle aus der Bhagavad Gita meditieren konnen, haben aber im Grunde 
genommen nichts Ernsthaftes davon, sondern haben nur etwas, wo- 
durch sie sich eine gewisse innere Wollust bereiten. Sie haben nicht den 
Mut, dasjenige zu ergreifen, was nun ausgleichend gerade in mittleren 
Gegenden der Erde als eine geistige Atmosphare atembar ware. Man 
mufi schon sagen: Gerade in dem Eindringen der sogenannten ostlichen 
Theosophie liegt etwas, was seit langem eine schadliche Gegenstromung 
innerhalb Mitteleuropas ist, — Dieses Urteil erstreckt sich nicht darauf, 
dafi man nicht fiir gewisse Dinge sich der Nomenklatur des Orients, der 
Begriffe auch des Orients bedienen kann, dafi man nicht versuchen soil, 
den Orient zu verstehen. Das ist selbstverstandlich. Es handelt sich um 
ganz andere Dinge, um die Dinge eben, die ich versuchte, in diesen 
Andeutungen zu charakterisieren. 

Demgegeniiber mufi eben darauf hingewiesen werden, wie eine sol- 
che Hingabe - sei es an den offenen Materialismus des Westens, wie er 
in dieser Strdmung zutage tritt, oder an den verbramten Materialismus 
des Westens, wie er durch Trine oder durch Christian Science herein- 
tritt, die auch nichts anderes ist als Materialismus, nur von der um- 
gekehrten Seite - geistigen Ruckschritt bedeutet. Sowohl die Hingabe 
daran, wie die Hingabe an alle moglichen Mystizismen, das ist es, was 
auf geistigem Gebiet ganz entschieden den Ruckschritt bringt. Was den 
Fortschritt bringen kann, ist dasjenige, was im Grunde genommen gut 
vorbereitet ist, was aber heute schon sozusagen wie die unter dem Boden 
liegende Schicht mitteleuropaischer Zivilisation da ist, iiber die sich 
schon dariibergeschichtet hat dasjenige, was Zusammenflufi ist aus 
Orient und Okzident. Denn es ist eine Wahrheit, was hier oftmals an- 
gedeutet worden ist, was Sie auch aus meinen Schriften und Vortrags- 
zyklen entnehmen konnen: Was man als aufiere Bibel hat, was man 
aufierlich als Neues Testament hat, das hat im Grunde genommen das- 
selbe Schicksal erf ahren wie andere orientalische Schriften. Die hat man 



heute nicht in ihrer wahren Gestalt. Und wenn man versucht, zur wah- 
ren Gestalt zu kommen, so kann es nur durch Geisteswissenschaft ge- 
schehen, die erst wiederum die Lebendigkeit bringt, welche notwendig 
ist, urn in diese Dinge einzudringen. Wenn man aber diese Lebendigkeit 
in die Bibel hineinbringt, in das Neue Testament, dann sind diejenigen, 
die heute die offiziellen Vertreter sind, die Traubs und so weiter, die 
allerersten, welche das als eine Phantasterei, als etwas ganz Ungeheuer- 
liches, als etwas Verdammungswiirdiges vor die Welt hinstellen. 

Hier in Mitteleuropa waren im Grunde genommen diejenigen Men- 
schen vorhanden, die wirklich auf der einen Seite sich erheben wollten 
zur Geistigkeit und die auf der anderen Seite auch einen Sinn hatten fur 
das Erfassen der ganzen Breite der aufieren natiirlichen Erscheinungs- 
welt. Das ist dasjenige, was heute notwendig ist. Nur aus diesem Geiste 
heraus kann die Menschheit vorwartskommen. Daher ist es auf dem 
Erkenntnisgebiet ebenso notwendig, dafi die Menschen heute sich ver- 
tiefen in dasjenige, was Naturanschauung bieten kann, wie es auf der 
anderen Seite notwendig ist, dafi sie sich vertiefen in dasjenige, was 
Geisteswissenschaft bringen kann. Weder das eine noch das andere ent- 
halt die voile Wahrheit, allein der Zusammenklang von beiden in der 
menschlichen Seele gibt die voile Wahrheit. Und ebenso ist es auf prak- 
tischem Gebiet. Nicht die einseitige Religionsausiibung, welche die 
Welt fliehen mochte oder wenigstens die Welt so mitmachen mochte, 
wie sie eben gerade ist, dafiir in alien moglichen religiosen Erhebungen 
leben mochte, die weltf remd sind, weder diese religiose Praxis noch auf 
der anderen Seite die aufiere Routine, die in unserem of f entlichen Leben 
herrscht, konnen irgendwie vorwartsbringen. Nur derjenige kann auch 
im aufierlichen praktischen Leben vorwartskommen, der liebevoll bei- 
des umfafit, auf der einen Seite dasjenige, was die Aufienwelt von uns 
an praktischen Mafinahmen fordert, und der auf der anderen Seite 
geneigt ist, das was die Aufienwelt von uns fordert, zu verbinden mit 
dem, was man sich aneignen kann durch eine geisteswissenschaftliche 
Erziehung, durch die man geschickt gemacht wird so, dafi diese Ge- 
schicklichkeit nicht blofi eine aufierliche Trainierung ist, sondern eine 
von innerlicher Geistigkeit durchleuchtete Handlungsart ist, die zu 
gleicher Zeit in der Seelenverfassung wurzelt. Nur dadurch kann man 



zu dem kommen, was die gegenwartige Zeit als Aufgabe stellt. Das ist 
es, was wir vor alien Dingen einsehen mussen. 

Es gibt heute so viele Menschen, welche diese hier gemeinte Geistes- 
wissenschaft bekampfen, weil diese Geisteswissenschaf t ganz unverhoh- 
len von den geistigen Tatsachen spricht, weil diese Geisteswissenschaft 
geradeso wie man in der Physik von der Anode und Kathode spricht, 
davon spricht, dafi sich Seelen unter diesen oder jenen Stimmungen 
- mit Sympathie oder Antipathie - aus den geistigen Wei ten in irdische 
Leiber hineinfinden. Weil diese Geisteswissenschaft hinschaut auf das, 
was Naturerscheinungen sind, ebenso wie auf das, was geistige Tat- 
sachen sind, deshalb lehnt man sie von vielen Seiten ab. Diese Geistes- 
wissenschaft wird von denjenigen, die nur auf die auftere Natur sehen 
wollen, abgelehnt, weil sie sich eigentlich darunter gar nichts vorstellen 
konnen, weil sie in ihr vielleicht nur Worte finden. Diese Geisteswissen- 
schaft wird aber auch abgelehnt von all denjenigen Menschen, die in 
unklarer Mystik, in alten, herkommlichen Religionsbekenntnissen leben 
wollen, die nicht den Anschlufi gefunden haben an die neuere Lebens- 
praxis. Diese Geisteswissenschaft wird auch von denjenigen abgelehnt, 
die iiberhaupt keinen Inhalt in ihren Begriffen haben, sondern die nur 
fortrollen und fortrutschen in dem, was in dem Wortklang, in dem 
Wortinhalte liegt, wie so viele Philosophen der Gegenwart, sogar solche, 
die gegenwartig «Weisheitsschulen» griinden. Das ist aber dasjenige, 
was wir eben gerade nicht brauchen. Wir brauchen nicht eine Worte- 
weisheit, die es ablehnt, in die Tatsachen der Natur einzudringen. Wir 
brauchen auch nicht eine unklare, schwarmerische Mystik. Und wir 
konnen nicht brauchen das, was geistlos in die Naturerscheinungen ein- 
dringen will. Was wir brauchen, ist eine Synthese, eine Verbindung von 
beiden, denn das ist erst die Realitat. Und von diesem Gesichtspunkte 
aus mufi durchaus ins Auge gefafit werden, dafi unsere Sprache, die 
Menschensprache, einfach indem man vordringt von dem Osten nach 
Westen, im Grunde genommen auch in Mitteleuropa, gerade diejenigen 
Formen angenommen hat, welche dieser Sprache Plastik geben, welche 
diese Sprache etwas sein lassen, was man verbunden fiihlt im Innersten 
des Menschen mit der ganzen Seelenstimmung und Seelenverfassung. 
Auf der anderen Seite will aber gerade die Sprache Mitteleuropas etwas 



sein, was nun auch ausfliefit in die aufieren Ereignisse, was nicht 
egoistisch im Menschen zuruckbehalten wird. Das ist etwas, was zum 
Beispiel gesehen werden konnte in einer solchen Sprache, wie die Goe- 
thes und Hegels ist. Da ist es deutlich in der Anlage vorhanden. Und 
die Anlagen, die da vorhanden sind, die sind sehr, sehr weiterentwickel- 
bar, die wollen gerade hin zu demjenigen, was wir erstreben wollen 
durch die geisteswissenschaftlichen Absichten. 

Zu verwundern braucht man sich ja allerdings nicht, dafi Geistes- 
wissenschaf t sowohl von denjenigen, die orientalisch, wie auch von den- 
jenigen, die okzidentalisch angesteckt sind, verleumdet wird, unbewufit 
verleumdet wird, objektiv verleumdet wird, meinetwillen. Aber auf 
der anderen Seite mufi die Geisteswissenschaft auch immer wieder und 
wieder klarstellen, was eigentlich ihr Wesen ist, Und deshalb war es 
heute schon meine Verpflichtung, von diesen Dingen vor Ihnen zu 
sprechen, und denjenigen, die innerhalb der anthroposophischen Be- 
wegung stehen, wiirde es eigentlich obliegen, zu versuchen, ganz klar 
dasjenige herauszuarbeiten, was diese anthroposophische Geisteswissen- 
schaft will, klar herauszuarbeiten, wie man sich nicht scheut innerhalb 
dieser anthroposophischen Geisteswissenschaft, von den geistigen Tat- 
sachen, von der iibersinnlichen Welt als von einer vollstandigen Realitat 
zu reden in derselben Weise, wie man von der physischen Welt redet, 
herauszuarbeiten auch, dafi es dieser Geisteswissenschaft gerade darauf 
ankommt, aus der geisteswissenschaftlichen Erziehung der Seele heraus 
diese Seele so stark zu machen, dafi der Mensch ein of fenes, f reies Urteii 
erhalt iiber dasjenige, was heute praktische Notwendigkeiten sind. Dafi 
unsere praktischen Unternehmungen mit einer gewissen inneren Kon- 
sequenz herausfliefien gerade aus unserer geistigsten Anschauung, das 
ist dasjenige, was eigentlich jeder sich ganz klarmachen sollte, der 
innerhalb dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung steht. Denn ihm 
obliegt es dann, gegeniiber den Irrtiimern der Welt diese Geisteswissen- 
schaft in das rechte Licht zu stellen, zu zeigen, was sie eigentlich will. 
Man kann heute der Gelegenheiten nicht zu viele f inden, denn man lafit 
immer noch unzahlige ungeniitzt voriibergehen, bei denen man in der 
Lage ware, das richtige Antlitz dieser Geisteswissenschaft in das rechte 
Licht zu stellen. 



Es mag Ihnen erscheinen, als ob ich manches von gar zu vielen Seiten 
her beleuchten wiirde. Aber es kommt nicht darauf an heute, dafi wir 
immer rnehr und mehr interessante Tatsachen aus geistigen Welten her- 
aus erfahren sollen, sondern darauf, dafi wir die Impulse, die uns aus 
diesen Tatsachen der iibersinnlichen Welten kommen konnen, in der 
richtigen Weise in die sinnlichen Welten hineinpragen. 

Es ist heute notwendig, dafi sich die wache Seele wirklich bewufit 
ist der Gefahr, welche sowohl von derjenigen Seite her der Menschheits- 
entwickelung droht, die die Menschen in einer luziferischen Schwarme- 
rei erhalten will, wie auch von derjenigen Seite her, die sie ganz her- 
unterstofien will in das Ahrimanisch-Materielle. Denn falsche Mystik, 
falsche Intellektualitat, Weltfremdheit, die nach einem Rausch streben, 
nicht nach aufierer voller Klarheit und innerem Lichte, diese falsche 
orientalische Stimmung strebt eben zur inneren Unwahrheit hin. Sie 
wird zur inneren Unwahrheit, wie die okzidentalische Stimmung, die 
den Menschen herunterdrucken will in materialistische Anschauungen 
und materialistisches Gebaren, zur aufieren Luge hinfiihrt. 

Das ist ja dasjenige, was der Menschheit heute droht: der Verfall auf 
der einen Seite in innere Unwahrheit durch falsche Mystik und durch 
das Fortkonservieren alter religioser Bekenntnisse, auf der anderen 
Seite in aufiere Lugenhaftigkeit — die Phrasenhaftigkeit unserer Zeit ist 
schon der Anfang der aufSeren Lugenhaftigkeit - durch das Unter- 
tauchen in die blofte Materialitat. Diese zwei Gefahren rmifken eigent- 
lich gerade von denjenigen, die Verstandnis fur anthroposophische 
Geisteswissenschaft suchen, mit wacher Seele durchschaut werden. Das 
wollte ich Ihnen heute in die Seele hineinschreiben als einen Gedanken, 
der nicht blofi ein Gedanke sein soil, der angehort wird, der theoretisch 
genommen wird, sondern der ein Gedanke sein will, der in den Seelen 
wirklich warm wird und dessen Warme Lebensimpulse im Gefolge hat. 
Denn Geisteswissenschaft ist nicht das, was sie sein will, wenn sie nicht 
die Seele durchwarmt und dadurch auf dem Umwege durch diese 
Durchwarmung der Seelen wirklich in ihr Lebensimpulse schafft. Tun 
wir das, so gut wie wir es konnen, jeder einzelne, so wird aus der Ver- 
einigung so gestimmter Seelen etwas werden, was die Gegenwart gar 
sehr, sehr notwendig hat. 



Und nun, meine liebeti Freunde, mochte ich noch eine Zwischen- 
bemerkung machen, die mir sehr schmerzlich ist, die ich aber machen 
muS. Ich habe es schon einmal ausgesprochen, mufi es heute aber noch 
einmal sagen, dafi ich vielen Wiinschen nach Privatgesprachen und der- 
gleichen jetzt nicht entsprechen kann, dalS ich jetzt nicht das Privat- 
leben so pflegen kann wie friiher, denn wenn diese Aufgaben jetzt den 
Tag und manchmal auch ein Stuck Nacht in Anspruch nehmen, so soil- 
ten die Freunde schon einsehen, dafi dazwischen keine Zeit liegt fiir 
Privatgesprache. Es scheint, als ob das sehr, sehr schlecht eingesehen 
wiirde. Aber auf der anderen Seite gibt es ein gutes Mittel, um diesen, 
ich gebe es zu, schadlichen Zustand abzuschaffen: das wiirde darin 
bestehen, dafi wir wirklich alle, so viel es in unserer Kraft ist, mit- 
arbeiten wiirden an den Aufgaben der anthroposophischen Bewegung. 
Denn, dafi Einzelne so uberlastet sind jetzt, ist lediglich die Folge da- 
von, dafi wir so wenig Menschen haben, die wirklich tatkraftig mit- 
arbeiten. Auch dieses wird natiirlich leicht mifiverstanden, denn ge- 
wohnlich wird es so verstanden, dafi jeder moglichst so mitzuarbeiten 
versucht, wie es ihm gerade gefallt. Aber man mufi sich eben doch die- 
sem Mifiverstandnis aussetzen, wenn man die Wahrheit betonen mufi, 
dafi wir zu viele Mitarbeiter haben. In den Stellen, die wir schaffen 
konnten, haben wir nicht zu wenige, sondern zu viele, nach mancherlei 
Riicksichten zu viele. Aber es kommt nicht darauf an, dafi alle sich 
nach demjenigen drangen, was geschaffen ist, sondern dafi eine Mog- 
lichkeit herbeigefiihrt werde, wirklich tatkraftig zu arbeiten dadurch, 
daft immer weiteres und weiteres geschaffen wird. Nur wenn wir so die 
Sache auffassen, konnen wir in der richtigen Weise fortkommen. 

"Wie gesagt, es ist mir aufierordentlich schmerzlich, aber es ist eben 
eine absolute Notwendigkeit, dafi ich vieles von dem zuriickweisen 
mulS, was Privatwiinsche sind. Und, meine lieben Freunde, viele Dinge, 
die personliche Angelegenheiten sind, konnen ja wirklich anders er- 
ledigt werden, bis wiederum einmal gunstigere Zeiten kommen. Es ist 
dieser Konservativismus unter uns sehr verbreitet, geradezu mit Gewalt 
diejenigen Zustande herbeizufuhren, die einmal ja ganz gut waren, die 
aber jetzt nicht mehr da sein konnen, so lange, bis wir eben in einer tat- 
kraf tigeren Weise an den Aufgaben, die jetzt unbedingt notwendig sind, 



vom Morgen bis zum Abend, soweit uns die Zeit gegeben ist, noch iiber 
den Abend hinaus arbeiten miissen. In diesen Dingen miissen wir uns 
schon einmal verstehen, sonst kommen wir durchaus nicht innerhalb 
unserer Bewegung auf einen griinen Zweig. Es ist viel zu wenig das 
Bewufitsein vorhanden, dafi auch gegenseitiges Sich-Helfen, Sich- 
Beraten notwendig ist bei der heutigen Ausbreitung der Bewegung. 
Stellen Sie sich vor, wenn ich jedesmal bei dem Aufenthalt, den ich hier 
in Stuttgart haben kann, nun wirklich mit jedem Einzelnen von denen, 
die dasitzen, Privatgesprache fiihren wollte, wie dann die Aufgaben 
gelost werden konnten, welche uns jetzt gerade obliegen. Es werden 
vielleicht manche sagen, sie verstehen die Dinge nicht recht, aber es 
wird auch solche hier geben, die schon wissen, warum ich diese Dinge 
sagen mufl. 



VIERTER VORTRAG 
Stuttgart, 16. Januar 1921 



Unsere Betrachtungen wahrend meiner diesmaligen Anwesenheit be- 
zogen sich darauf, wie voller Lebensernst gemacht werden kann aus der 
anthroposophischen Erkenntnis gegeniiber den grofien Aufgaben un- 
serer Zeit. Wenn man sagt «gegeniiber den grofien Aufgaben unserer 
Zeit», so braucht man ja durchaus nicht immer an dasjenige zu denken, 
was gewissermafien iiber den Menschen schwebt und was von einigen 
autoritativen Menschen iiber die Kopfe der anderen hinuber geregelt 
werden mufi, sondern man mufi sich heute dariiber klar sein, dafi durch- 
aus dasjenige, was von Mensch zu Mensch im Alltag spielt, das in sich 
enthalt, gewissermafien durch sich durchstromend hat, was zu den 
grofien Aufgaben der Zeit gehort. Das sollte doch selbstverstandlich als 
eine erste Konsequenz anthroposophischer Weltanschauung durch un- 
sere Seelen ziehen. Denn diese anthroposophische Weltanschauung fiihrt 
uns ja dahin, anzuerkennen, dafi das Geistige in allem lebt, nicht lebt 
irgendwo in abstrakten Hdhen, sondern lebt in dem uns umgebenden 
Leben, in dem wir alltaglich drinnenstehen. Und gerade das miissen wir 
anwenden lernen auf die grofien Aufgaben des Lebens und auf die klei- 
nen alltaglichen Erlebnisse und Handlungen. 

Wenn wir das heutige Leben gerade von diesem Gesichtspunkte aus 
ins Auge fassen, konnen wir uns fragen: Was haben wir denn als die 
Bestandteile dieses Lebens, namentlich in bezug auf das Geistige, urn 
uns herum? Worin leben wir denn heute in diesem Zeitalter als Men- 
schen geistig? - Wir haben dasjenige, was die Oberreste alter Bekennt- 
nisse sind, dieser verschiedenen Bekenntnisse, welche ihre Anhanger in 
Gemeinden versammeln und ihnen auf irgendeine Weise, die traditio- 
nell ist, die uberliefert ist, beibringen, was angesehen wird als der 
Glaube an die ewige Natur des Menschen. In den verschiedensten For- 
men, den verschiedensten Nuancen wird eben durch die verschiedenen 
Bekenntnisse dieser Glaube den Menschen beigebracht. Die Menschen 
leben dann in diesem Glauben und meinen auch, den Bediirfnissen ihrer 
Seele Geniige zu tun durch diesen Glauben. Neben diesem Glauben 



haben wir dann heute schon durchaus so popular, wie die einzelnen 
Bekenntnisse selbst jeweilig bei ihren Anhangern sind, dasjenige, was 
aus der Wissenschaft stammt, die heute an unseren Bildungsanstal- 
ten getrieben wird. Diese Wissenschaft hat sich ja allmahlich da- 
zu ausgebildet, blofi das sinnlich-physische Material zu betrachten, 
hochstens es zu durchdringen mit einigen unzulanglichen geistigen 
Vorstellungen, die aber auch schon mehr oder weniger im Schwinden 
sind. Immer mehr und mehr geht die Tendenz dahin, als Wissenschaft 
nur dasjenige anzusehen, was in sinnlich-physischer Beobachtung 
aufgefunden und hochstens durch den Verstand kombiniert werden 
kann. 

Wir mogen die heutige zivilisierte Welt wo immer ansehen, es wird 
sich uns der Anblick darbieten, dafi die Menschen aus diesen zwei 
Quellen heraus schopfen: einerseits aus demjenigen, was ihnen bei- 
gebracht wird als sogenanntes ernstes, exaktes Wissen, das sie auf Au- 
toritat hin annehmen; denn auf Autoritat hin nimmt ja jeder das Wissen 
auf, der nicht gerade in einem der Wissensfacher selber arbeitet, und 
nimmt vor alien Dingen die grofie Menge der Menschen das Wissen auf. 
Und neben dem, dafi man in seiner popularen Zehschrih sich unter- 
richten lafit daniber, wie man zu denken hat iiber astronomische, physi- 
kalische, chemische Tatsachen, iiber Biologisches, Zoologisches, Minera- 
logisches, Botanisches, Geschichtliches und so weiter, neben dem, dafi 
man diese Dinge aufnimmt und sich auf diese Weise unterrichten lafit 
und dann sagt: Das alles mufi wahr sein, denn es riihrt ja von denjenigen 
Leuten her, welche fvir die Sache durch die gewohnten Instanzen als 
Autoritat bestellt sind, neben dem nimmt man das andere auf, das aus 
den verschiedenen Bekenntnissen fliefit. Eine Briicke zwischen beiden 
schlagt man nicht, denn aus den Bekenntnissen heraus wird ja zumeist 
den Leuten gelehrt, dafi sie nur ja Wissen und Glauben auseinander- 
halten sollen, dafS sie nur ja Wissen und Glauben nicht in irgendeiner 
Weise verschmelzen sollen. Ein Aufraffen zu einem bewufiten Durch- 
schauen dieses Tatbestandes findet nur in den seltensten Fallen statt. 
Man bemiiht sich, durchaus anzuerkennen, was durch die gewohnten 
Kanale von den wissenschaftlichen Autoritaten her den Menschen als 
exakte Wahrheit mitgeteilt wird. Aber man geht den Dingen nicht 



nach, um zu priifen, wie es sich in Wirklichkeit mit der Arbeitsmethode 
verhalt, durch die solche Wissenschaftlichkeit gewonnen ist. 

Auf der anderen Seite geht man auch wenig der Entstehung des- 
jenigen nach, was sich als Bekenntnisse durch die Zeiten herauf fort- 
gepflanzt hat und traditionell von den heutigen amtlichen Vertretern 
dieser Bekenntnisse an die Menschheit herangebracht wird. Ein Auf- 
raffen zu einem vollen Bewufitsein dessen, was da eigentlich vorliegt, 
das f indet in den seltensten Fallen statt. Und wenn es stattfindet, dann 
kommt man heute nur wenig dazu, die Sache im richtigen Licht zu 
sehen. Denn nehmen wir an, es baumt sich irgend jemand, sagen wir, 
innerhalb des katholischen oder protestantischen Bekenntnisses auf 
gegen das, was Dogma genannt wird, dann wird es in der Regel so ge- 
schehen, dafi dieses Dogma als ein «Unsinn» angesehen wird, dafi man 
gegen dieses Dogma polemisiert und damit dasjenige fortwirft, was 
traditionelles Bekenntnis ist, dafi man aber nicht die Moglichkeit fin- 
det, irgend etwas an die Stelle zu setzen. 

Ein solches Dogma - ich will gleich ein Zentraldogma anfuhren - 
ist zum Beispiel das der Trinitat, der Drei-Personlichkeit des gottlichen 
Wesens. Wer ein solches Dogma so vorfindet, wie es ihm heute durch 
die Bekenntnisse entgegengebracht wird, hat es in einer gewissen Weise 
leicht, gegen ein solches Dogma zu polemisieren, wenn er sich wiederum 
auf den Standpunkt der heutigen wissenschaftlichen Denkweise stellt. 
Denn er wird in diesem Sinne sehr leicht enthiillen konnen, was «Un- 
sinn» an einem solchen Dogma ist. Derjenige aber, der zuriickgeht auf 
die Entstehungsweise eines solchen Dogmas, der findet, dafi die Dog- 
men der gebrauchlichen Bekenntnisse sich durch lange Zeiten in der 
Menschheit fortgepflanzt haben, dafi aber am Ausgangspunkt bei der 
Entstehung dieser Dogmen dasjenige steht, was ich oftmals charakteri- 
siert habe als das in fruheren Entwickelungsstuf en der Menschheit vor- 
handene instinktive Hellsehen, das atavistische Heilsehen, das Hinein- 
schauen in die geistige Welt. Aus diesem Hellsehen sind also solche 
Dogmen hervorgegangen, und man mochte sagen: So etwas wie das 
Trinitatsdogma ist hervorgegangen aus tiefen, aus griindlichen Ein- 
sichten in das Gefiige des Weltendaseins. - Es war einmal dieses Dogma 
der Trinitat eine tief erkannte Wahrheit. Es stellte dar eine tiefe Ein- 



sicht in Wirklichkeitszusammenhange. Aber das war vorhanden in 
jener alten Zeit, in welcher die menschlichen Seelenfahigkeiten, die 
Erkenntniskrafte, die, wie gesagt, eine Art instinktiven Hellsehens 
waren, zusammenpafiten mit einem solchen Dogma. Das Dogma hat 
sich dann fortgepf lanzt. Es paftt nicht mehr zu der heutigen Ausbildung 
der menschlichen Seelenkraf te. Es sind in der Regel fiir jeden Menschen, 
der dieses Dogma bei seiner Entstehung mit durchgemacht hat, seit jener 
Zeit mehrere Erdenleben verflossen. Die Seelen haben verschiedene Er- 
lebnisse wahrend dieser Erdenleben durchgemacht. In der aufieren Welt 
hat sich das Dogma erhalten, es ist von Generation zu Generation fort- 
gepflanzt worden. Es hat heute eine Gestalt angenommen, dafi es aus 
den Worten heraus, mit denen es mitgeteilt wird, gar nicht mehr ver- 
standen werden kann. Und nun sind diese Seelen wiedergeboren; aus 
dem Kirchlichen heraus wird ihnen das Dogma entgegengebracht. Es 
ist keine innere menschliche Beziehung zwischen dem, was da von den 
Bekenntnissen den menschlichen Seelen entgegengebracht wird, und 
demjenigen, was die Seelen aus sich heraus anstreben zu erfahren, zu 
wissen. Was so schlimm wirkt in der Gegenwart, ist nicht, daft die Dog- 
men f alsch sind, sondern worauf es ankommt, ist, daft die Dogmen eine 
solche Form sind, die Wahrheit zu fassen, die den heutigen Zeitverhalt- 
nissen nicht mehr entspricht, daft die Dogmen nicht mehr entgegen- 
kommen dem, was die menschlichen Seelen brauchen. So daft wir sagen 
konnen: Diese Dogmen werden heute gepredigt, indem sie eigentlich 
in den leeren Wind hinausgehaucht werden. - Auch diejenigen, die sich 
zu ihnen bekennen, tun dieses Bekennen nicht in innerer Seelenwahr- 
heit, denn sie verstehen die Dogmen zumeist nicht. Aber dasjenige an- 
nehmen, was man nicht versteht, ist eine innere Unwahrheit. Und im 
Grunde kommt es von dieser inneren Unwahrheit her, daft in unserer 
Gegenwart so viel Schaden angerichtet wird durch die Unwahrhaftig- 
keit der Welt. 

Was in den letzten Jahren durch die Menschheit gegangen ist an Un- 
wahrhaftigkeit, ist ja wirklich unermeftlich. Aber im Grunde genom- 
men ist es nicht zu verwundern, daft es so ist, aus dem einf achen Grunde, 
weil, wenn die Seelen in jener Unwahrhaftigkeit leben, die ich eben 
jetzt gekennzeichnet habe, es eben kein Wunder ist, wenn sie keinen 



Sinn fur die Wahrhaftigkeit im aufieren Leben haben. Das sollten vor 
alien Dingen diejenigen bedenken, welche heute glauben, eintreten zu 
miissen fiir die traditionellen Bekenntnisse, Es ist durchaus eine ernste 
Angelegenheit, mit der man sich auf diesem Gebiet beschaftigen mufi. 

Man konnte sagen, iiber die Dogmen sind die Seelen, die mittlerweile 
durch verschiedene Erdenleben gegangen sind, hinausgewachsen, seit 
diese Bekenntnisse sich gebildet haben. Geradeso wie man mit den- 
jenigen Dingen, die ich Ihnen in den beiden letzten Vortragen hier ent- 
wickelt habe, Ernst machen mufi gegeniiber dem Leben, so mufi man 
mit der Anschauung von den wiederholten Erdenleben auch auf diesem 
Gebiete Ernst machen, Lebensernst machen. 

Aber betrachten wir von demselben Gesichtspunkte aus dasjenige, 
was der Menschheit heute gegeben wird an aufierer Wissenschaft. Da 
wird geformt ein Wissen, blofi entstammend der sinnlich physischen 
Beobachtung. Das soli vereint werden mit demjenigen, was als mensch- 
liche Seele da in uns selber lebt, sie soil aufnehmen, sich erfullen mit 
dem, was blofi sinnlich-physisches Beobachtungsmaterial ist. 

Betrachten Sie den Menschen lebendig drinnenstehend im Leben. Er 
tragt in sich die Seele, die durch Erdenleben hindurchgegangen ist, die 
aufierlich in den Religionsbekenntnissen nicht das findet, womit sie 
sich verbinden kann. Sie verbindet sich aber, wenigstens fiir gewisse 
Gebiete des Lebens, mit dem, was heute anerkannte Wissenschaftlich- 
keit ist. Die Frage mufi aufgeworfen werden: Was geschieht mit der 
menschlichen Seele, wenn sie sich verbindet mit dieser anerkannten, 
blofi auf dem sinnlich-physischen Gebiete beobachtenden Wissen- 
schaft? - Die Seelen, die heute sich einverleiben den physischen Orga- 
nismen, diese Seelen haben ja in der Tat in fruheren Verkorperungen 
dasjenige in sich aufgenommen, was noch ganz anderen Verhaltnissen 
zur Natur, zur Umgebung, zur Welt entsprach als das, was heute in die- 
sem Wissen aufgenommen wird. Man kann nur verhaltnismafiig wenige 
Seelen, die jetzt verkorpert sind, finden, welche nicht in ihrem vorigen 
Leben noch so verkorpert waren, dafi sie zum Beispiel mit dem, was 
ihnen iiber die Naturerscheinungen gesagt worden ist, verbanden ein 
gewisses Wissen oder, sagen wir, ein gewisses Vorstellen iiber Geistiges. 
Solch eine geistentblofite Naturwissenschaft, wie sie seit drei bis vier 



Jahrhunderten heraufgezogen ist, gab es ja vorher nicht. Was als Natur- 
wissenschaft der Menschhek in jenen alteren Zeiten gegeben worden ist, 
in jenen verhaltnismafiig gar nicht so lang hinter uns liegenden Zeiten, 
das war so, daft man, indem man einen sinnlichen Tatbestand hinstellte, 
immer noch in diesem sinnlichen Tatbestand etwas hatte, was diesen 
sinnlichen Tatbestand durchtrankte mit Geistigem. Daher kommt es ja 
auch, dafi viele Menschen der Gegenwart, denen nichts Besonderes 
daran liegt, mit ihrer Zeit zu gehen, in der gegenwartigen sinnlich- 
physischen Naturwissenschaft nichts finden, was sie befriedigt, diese 
daher links liegen lassen und sich nicht damit beschaftigen, dafur aber 
allerlei alte Schmoker auf stobern und nun nachforschen, was Basilius 
Valent'mus oder irgendein anderer in seiner Art den Menschen an Natur- 
wissen iiberliefert hat. Es ist richtig, dafi in den Vorstellungen, die man 
sich damals iiber die Natur machte, noch allerlei von Geistigem drinnen 
lebte, aber gewohnlich beruht der tiefe Respekt derjenigen, die sich 
heute mit diesen Dingen bef assen, nur darauf , dafi sie sie nicht verstehen 
und dafi sie dasjenige fur sehr tief halten, was man nicht versteht. 

Was wichtig ist auf diesem Gebiet, ist, dafi eben die menschlichen 
Seelen, die in gegenwartigen Leibern verkorpert sind, auch zu jenem 
alten Wissen keine reale Beziehung mehr haben und mit dem, was durch 
das iibrige Leben geht und womit heute jeder schon in der Schule ge- 
futtert wird, eben angepfropft werden, also in irgendeiner Weise das 
der sinnlich-physischen Beobachtung entstammende Wissensmaterial 
aufnehmen. Was aber liegt, wenn man die Sache innerlich betrachtet, 
da eigentlich vor? 

Wir kommen heute in unsere Leiber hinein mit dem, was unsere See- 
len in friiheren Leben durchlebt haben, aber wir kommen in einer ge- 
wissen Weise so in unsere Leiber herein, dafi wir kein Verhaltnis mehr 
zu dem haben, was die Seelen in friiheren Erdenleben durchlebt haben. 
Wir haben durch die verschiedenen Erdenleben hindurch - das mufke 
geschehen, weil das ja die Vorbereitung zur Ausbildung der Freiheit 
war - die Seelen so ausgebildet, dafi sie in einer gewissen Weise aus- 
gehohlt sind von dem, was sie friiher in sich aufgenommen haben, dafi 
sie keine Beziehung mehr haben zu dem, was sie friiher aufgenommen 
haben, dafi sie in einer gewissen Weise leer sind gegeniiber demjenigen, 



was eigentlich in der Welt lebt. Wir bringen in unseren Seelen nichts 
mehr heriiber in dieser Beziehung aus friiheren Erdenerlebnissen. Wir 
bringen wohl die Ergebnisse unserer moralischen Qualitaten heriiber, 
aber wir bringen im Grunde genommen aus den friiheren Erlebnissen, 
aus den friiheren Erdenleben nicht dasjenige in dieses Erdenleben hin- 
ein, was zu einem irgendwie gearteten angeborenen Wissen von den 
Geheimnissen der Welt fiihren konnte. Die Seelen kommen heute nicht 
so in die Leiber herein, wie sie zum Beispiel noch in die griechischen 
Leiber hereingekommen sind. Die Seele, die durch die Geburt gegangen 
war im griechischen Leben, die kam noch mit einer durch das alte Wis- 
sen gespeisten Kraft in den physischen Leib herein, so dafi sie diesen 
physischen Leib durchfrischen konnte mit geistig-seelischer Lebens- 
kraft. Das ist heute nicht der Fall. Heute kommt zumeist die Seele so in 
den Leib herein, dafi sie etwas fur den Leib Aufzehrendes hat. Und in 
immer starkerem und starkerem Mafie ist das der Fall, dafi die Seelen, 
die heute geboren werden, etwas fur den Leib Aufzehrendes haben, dafi 
sie den Leib lahmen, dafi sie ihn gewissermafien mit Todesgewalten 
durchziehen. Wiirde die Entwickelung in diesem Sinne vorschreiten, so 
kamen wir ganz gewifS in die Untergrabung, in den Niedergang des 
Erdenlebens hinein. Die Menschen wiirden immer willensschwacher 
und willensschwacher. Die Menschen wiirden immer mehr und mehr 
zeigen, wie sie sich nicht aufraffen konnen zum Erfassen von aktiven 
Impulsen. Die Menschen wiirden gewissermajRen nur wie automatische 
Erf asser des Lebens durch dieses Leben gehen. Wie traurig ist es, dafi wir 
in der Gegenwart sehen miissen, wie selten es ist, daft sich die Menschen 
innerlich befeuern lassen von lebendigen Ideen. Wie sehr finden wir, 
daft die Menschen der Gegenwart, man mochte sagen, an seelischer 
Sklerose leiden, daft sie tote Ideen walzen, dafi sie nur dasjenige, was sie 
mit den Traditionen aufnehmen, in ihren Kopfen walzen und Auto- 
maten werden. 

Es ist ja wirklich so: Wenn man mit unbefangenem Sinn heute durch 
die Welt geht und diejenigen Menschen betrachtet, die heute im Leben 
stehen, so kann man sie eigentlich im Grunde genommen zu Dutzenden 
gar nicht voneinander unterscheiden. Man kann sie wirklich nicht un- 
terscheiden. Man redet mit dem A, mit dem B, mit dem C, alle erzahlen 



sie dasselbe. Jeder glaubt selbstverstandlich, sein Eigenes zu sagen; aber 
man kann gar nicht darauf kommen, einen besonderen Unterschied 
zwischen ihnen anzugeben, sie erzahlen alle dasselbe. Man hat eigent- 
lich nur eine Art des Menschen in verschiedenen Exemplaren vor sich, 
und man fragt sich manchmal? Gibt man sich nicht einer Tauschung 
hin, ist nicht der, mit dem du heute sprichst, derselbe, mit dem du 
gestern gesprochen hast? - Das entspricht aber durchaus dem, was sich 
auch ergibt aus der Betrachtung der aufeinanderfolgenden Erdenleben 
im Verhaltnis zu diesem jetzigen, besonderen Erdenleben. Die Seelen 
bringen sich eben nicht dasjenige mehr mit, was sie friiher gehabt haben, 
was von Erdenleben zu Erdenleben gegangen ist und immer wiederum 
erschienen ist, wenn auch in absteigender Kraft, und was wie ein an- 
geborenes Wissen da war. Das ist eben nicht mehr da. Und wenn dann 
mit solchen Seelen verbunden wird dasjenige, was nur aufSerlich beob- 
achtetes, physisch-sinnlich beobachtetes Naturwissen ist, dann werden 
diese Seelen angefullt mit einem Wissen vom Verganglichen, mit einem 
Wissen, das nur dasjenige in Ideengebilden ausdriickt, was aufierlich, 
verganglich ist. Das 19. Jahrhundert hat ja, urn sich in einer furchtbaren 
Illusion hinwegzutauschen liber diese Tatsache, zu dem schon alteren 
«Gesetz von der Erhaltung des Stoffes» hinzuerfunden das sogenannte 
«Gesetz von der Erhaltung der Kraft». Es hat diese Gesetze erfunden, 
um sich dariiber hinwegzutauschen, dafi in der Natur nichts erhalten 
wird, sondern alles verganglich ist, daft auch der Stoff und die Kraft 
verganglich sind. Es bleibt von der Seele nichts mehr iibrig, wenn die 
Inkarnationen sich in der Zukunft wiederholen, als der Menschheits- 
automat, wenn diese leere Seele nur angefullt wird mit dem sinnlich 
beobachteten, naturwissenschaftlichen Material. Denn das iibt keine 
belebende, keine befruchtende Kraft auf die Seele aus. 

Die Seele wird heute geboren, heruberkommend aus friiheren Erden- 
leben, lechzend darnach, befruchtet zu werden von irgend etwas, um 
wiederum weiterzukommen durch die folgenden Erdenleben. Aber die 
Aufnahme des Wissens von blofi Verganglichem gibt ihr nur den Seelen- 
tod, mordet die Seele. Das ist dasjenige, was heute im Ernste durch- 
schaut werden mufi, dafi, wenn es f ortan bleibt, dafi nur Nichtverstehen 
sein kann gegeniiber den altgewordenen Dogmen, dann nur Lahmung, 



Ti5tung eintreten konnte durch ein nicht geistdurchdrungenes Natur- 
wissen, und die Seele den zweiten Tod, den Seelentod erleiden miifite. 
Es hangt durchaus an den Menschen und an der Menschheit, die Seelen 
lebendig zu erhalten. Es darf sich der Mensch heute nicht jener beque- 
men Passivitat hingeben, indem er sagt: Ich bin ein ewiges Wesen, und 
mein ewiger Wesenskern wird mir unter alien Umstanden erhalten 
bleiben. - Das entspricht nicht einem Wirklichkeitsergebms. Dieser 
ewige Wesenskern ist allerdings im Menschen vorhanden, aber er mufi 
gerade in diesem Zeitalter der Entscheidung befruchtet werden, wenn 
er nicht absterben soli. Und es gibt kein anderes Mittel, um die Seele 
lebendig zu erhalten, als zu brechen mit den blofi physisch-sinnlichen 
Naturbeobachtungen und zu begriinden eine wirkliche Geist-Wissen- 
schaft, auch gegeniiber den Naturtatsachen zu zeigen, wie in allem 
sinnlich zu Beobachtenden der Geist lebt. Es kommt darauf an, nichts 
gelten zu lassen, was blofi Registrierung sinnlich-physischen Materials 
ist, sondern zu fordern, dafi alles physisch-sinnliche Material durch- 
drungen werde von Vorstellungen des Geistigen, das ja darin lebt, das 
nur nicht herausgetrieben werden darf. Denn wenn dann die Seelen, 
die aus fruheren Erdenleben kommen, dieses geisterftillte Naturwissen 
aufnehmen, dann werden sie befruchtet und dadurch in die Lage ver- 
setzt, ihre Lebendigkeit hinuberzutragen in die folgenden Erdenleben. 
Der Fortbestand der Seele, ihre Gesundheit, ja der Fortbestand des 
Seelenlebens selbst, die Abwendung des Seelentodes der Menschheit 
hangen an der Durchgeistigung unseres Naturwissens! 

Aus diesen Tatsachen heraus und nicht aus irgendeinem beliebigen 
Vorurteil wird heute von uns angestrebt diese Durchgeistigung der 
Naturwissenschaft. Und wenn die Menschheit in vielen ihrer Exem- 
plare sich gegen diese Durchgeistigung der Naturwissenschaft wendet, 
dann ist diese Menschheit, eben weil sie unwissend ist gegeniiber der 
eigentlichen Bedeutung der Tatsachen, eben aufgestachelt von Geistern, 
die wir ja gut kennen, die sich um so mehr in der menschlichen Natur 
geltend machen konnen, je weniger die Seele mitgebracht hat aus ihren 
fruheren Inkarnationen. Aus dem ganzen Gefuge unseres Gegenwarts- 
lebens, das geistig sich zusammensetzt aus geistentblofiter Naturwissen- 
schaft und sinnentblofiten Bekenntnissen, geht dasjenige hervor, was 



immerfort wieder und wiederum in der absurdesten Weise sich geg- 
nerisch verhalt gegen den Willen zu einer geistigen Durchdringung des 
Naturwissens. Es kann nicht oft genug betont werden, wie notwendig 
es ist in unserer Zeit, solchen Sachverhalt tief innerlich zu verstehen 
und sich, wenn ich das Wort gebrauchen darf, einzustellen auf eine sol- 
che Tatsache. Wir konnen nicht ernst genug nehmen, was heute auf 
Ablehnung hingeht einer geistdurchdrungenen Wissenschaf tlichkeit, ob 
es nun aufspriefit in jener Weise, die ich heute nachmittag habe er- 
wahnen horen - ich weiiS nicht, inwieweit sie auf Wahrheit beruht -: 
dafi sogar auf einen Beschlufi der Farben tragenden Studenten hin die 
erst in der vergangenen Woche gehaltenen Vortrage boykottiert worden 
sind, oder ob es in einer anderen Form auftritt. Man kann ja heute die 
Schriften, die sich gegen diese Geisteswissenschaft wenden, zu ganzen 
Stolen sammeln. Und was in recht dunkeln, unsauberen Stromungen 
sich geltend macht, das werden diejenigen, die diese Dinge zu ver- 
schlafen lieben, doch auch in verhaltnismafiig vielleicht recht kurzer 
Zeit recht stark wahrnehmen konnen. Es ist ja heute noch bequemer, 
unaufmerksam zu sein auf diese Dinge, als aufmerksam zu sein auf sie. 
Aber wir stehen eben nicht mehr auf dem Punkte, wo wir den Weg 
zuriickmachen konnten zum Unbesprochenbleiben von der Welt. Das 
lafit sich nicht mehr machen. Und deshalb gibt es nur ein Vorwarts- 
gehen. Aber dieses Vorwartsgehen ist gebunden an ein aktives Sich- 
Beteiligen an den immer schlimmere Gestalten annehmenden - man 
kann es ja nicht mehr Diskussionen nennen, aber wollen wir es einmal 
so nennen - «Diskussionen» der Zeit. Nur wenn es uns gelingt, aus einer 
starken Kraft heraus, die nur, wenn jeder das Seinige tut, zusammen- 
fliefien kann, fur Geisteswissenschaft einzutreten und uns nicht zu 
scheuen, iiberall in ungeschminkter Weise riickhaltlos zu charakteri- 
sieren, wo im Verborgenen offenbar Feindseligkeit gegen die Geistes- 
wissenschaft vorhanden ist, nur dann kann eine Hoffnung bestehen, 
durchzukommen. Es handelt sich dabei viel weniger darum, blofi das- 
jenige, was etwa wortlich genommen als Gegnerschaft gegen die Gei- 
steswissenschaft auftritt, aufzufangen und dagegen verteidigend auf- 
zutreten. Das ist gewifi in dem einen oder anderen Fall durchaus not- 
wendig; aber es geniigt das nicht. Denn schliefilich ist das doch nur die 



sekundare Erscheinung, wenn aus torichtem MiBverstandlichen oder 
aus Mifiverstehen entsprungen boswillig Gegnerschaf t gegen die Geistes- 
wissenschaf t sich erhebt. Das ist gewissermafien etwas Sekundares, das 
ja natiirlich ab und zu in das richtige Licht gesetzt werden mufi. Sekun- 
dar ist es selbstverstandlich, wenn - ich habe das neulich schon im 
offentlichen Vortrag angefiihrt - solche Menschen wie Frohnmeyer 
iiber die Hauptgestalt der plastischen Gruppe in Dornach, die als die 
Christus-Gestalt erlebt werden kann, vorbringen: Dafi sich in Dornach 
eine «Statue des Idealmenschen» befinde, «oben mit <luziferischen> 
Ziigen, unten mit tierischen Merkmalen». - Es ist gewifi notwendig, dafi 
auf so etwas hingewiesen wird, aber schliefilich gar nicht einmal des- 
wegen, urn blofi unsere Geisteswissenschaf t zu verteidigen, sondern aus 
einem viei tieferen, bedeutsameren Untergrunde heraus. Wer imstande 
ist, erne solche furchtbare Unwahrheit in die Welt zu setzen, der wirkt 
schadigend auf die Menschheit in allem, was er schreibt und sagt, wo er 
erziehend auf die Menschheit wirken soil. Und nicht das ist das Bedeut- 
same, dafi so jemand einmal eine kniippeldicke Luge ausspricht, sondern 
das ist das Bedeutsame, dafi man von diesem Symptom aus, dafi ein 
Mensch so stark liigen kann, ersieht, auf welchen Pf aden gewisse Fiihrer 
der Menschheit heute wandeln. Man kann erkennen an den Angriffen 
gegen die Geisteswissenschaft, wie der heutige Wahrheitssinn beschaf- 
fen ist. Und auf dieses breitere Feld hinaus mufi die Arbeit auf diesem 
geistigen Gebiet gefiihrt werden. Das ist es, worauf es ankommt. Man 
darf nicht zuriickschrecken vor dem Aufsuchen dieses mangelnden 
Wahrheitssinnes auf alien Gebieten. Und es muft die Menschheit ver- 
stehen lernen, da!5 nur mit wirklichem Wahrheitssinn der Zukunft ent- 
gegengearbeitet werden kann, wenn die Seelen den Weg finden sollen 
aus der Inkarnation dieses Zeitalters in die Inkarnation der nachsten 
Zeitalter hinein. Es handelt sich heute dabei nicht um etwas Formales, 
sondern durchaus um das reale Leben der Seele durch die aufeinander- 
folgenden Erdenleben hindurch. Man suche und man wird finden, wie 
der Zusammenhang ist zwischen jener Ihnen friiher charakterisierten 
innerlichen Unwahrhaftigkeit des Denkens - in aufierlich der Seele ent- 
gegengebrachten Bekenntnissen, ohne eine innerliche Verbindung her- 
zustellen mit der Wahrheit - und der Unwahrhaftigkeit in der aufieren 



Welt. Denn schliefilich ist es doch eine merkwiirdige Erscheinung, dafi 
solche Unwahrhaf tigkeiten besonders bei denjenigen so stark auf treten - 
womit ich aber nicht sagen will, dafi sie bei Genossen von den anderen 
Fakultaten nicht vorhanden waren -, die eigentlich die Belehrer der 
Menschheit, die grofSen Siegelbewahrer der religiosen Wahrheiten sein 
sollten. 

Das ist die erste Pflicht des beutigen Menschen, der irgendeine Be- 
ziehung zum geistigen Leben haben will: die kulturhistorisch gewordene 
Unwahrhaf tigkeit aufzusuchen.Es ist merkwiirdig, wie tief eingefressen 
diese kulturhistorische Unwahrhaftigkeit ist. Sie ist ein Charakteristi- 
kum unseres Zeitalters. Aus der Politik, in der sie ihre iiblen Sumpf- 
pflanzen getrieben hat, ist sie ja schliefilich eingedrungen auch in man- 
ches andere Gebiet. Und es ist schon der Zustand eingetreten, dafi die 
Menschen kaum mehr unterscheiden konnen zwischen Wahrhaf tigkeit 
und Unwahrhaftigkeit in bezug auf gewisse Erscheinungen des Lebens. 
Sie sehen, es spielt eine gewisse Lebenserscheinung, die Unwahrhaftig- 
keit, der wir auf Schritt und Tritt im taglichen Leben begegnen, sowohl 
in diesem taglichen Leben ihre Rolle, wie auch in den grofien Angelegen- 
heiten des Lebens. Schlieftlich ist die Unwahrhaftigkeit heute demselben 
Hang entsprossen, gleichgiiltig, ob sie nun auftritt bei den erleuchteten 
Herren - allerdings von einem merkwurdigen Licht erleuchtet -, die in 
Genf versammelt waren, oder ob sie auftritt bei den verschiedenen biir- 
gerlichen und proletarischen Kaffeeklatschen. Was als Geist in Genf 
und in den biirgerlichen und proletarischen Kaffeeklatschen gelebt hat, 
ist als Unwahrhaftigkeit beliebt, und in Parenthese mochte ich sagen - 
die Anwesenden miissen mir das nicht iibelnehmen, in Parenthese darf 
ich es wohl sagen — , dafi sie auch durchaus nicht ausgerottet ist inner- 
halb der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Unwahrhaftigkeit ist 
eine kulturhistorische Erscheinung der Gegenwart, und mit ihr mufi 
man sich befassen. Sie darf vor alien Dingen auf keinem Gebiet blofi 
entschuldigt werden, sondern sie mufi charakterisiert, vor die Zeit- 
genossen hingestellt werden. Wir erleben es ja immer wiederum, dafi, 
wenn einmal die dringende Notwendigkeit sich herausstellt, auf solche 
Dinge hinzuweisen, uns auch von Leuten, die in der anthroposophi- 
schen Bewegung stehen, weil ihnen die Dinge unbequem sind, weil sie 



leben mussen innerhalb der Unwahrhaftigkeit und ihnen daher die 
Charakteristik der Unwahrhaftigkeit in dem einen oder andern Falle 
hochst unbequem ist, dieses Charakterisieren der Unwahrhaftigkeit 
immer wiederum ubelgenommen wird. 

Diese Dinge, die ich heute gesagt habe, in Verbindung gedacht mit 
dem, was ich in den zwei vorigen Betrachtungen gesagt habe in bezug 
auf die Wiederverkorperung der Seelen iiber die heutige zivilisierte 
Welt hin, sowie iiber das Interesse, das bei einem Teil der Menschheit 
vorhanden ist, das Entscheidende, das im gegenwartigen Zeitalter an 
die Menschheit heran will, nicht an diese Menschheit herankommen zu 
lassen, kann einen Begriff geben von dem grofien Ernste der Zeit- 
auf gaben, in denen wir drinnenstehen. 

Diese Zeitauf gaben sind durchaus vom tiefsten Ernste durchdrungen. 
Und deshalb, weil es so notwendig ist, gerade auf unserem Boden von 
diesem Gesichtspunkte auszugehen, habe ich das letzte Mai am Schlusse 
davon gesprochen, wie schmerzlich es mir ist, dafi heute so viel Zeit in 
Anspruch genommen wird, ohne dafi zu gleicher Zeit die Moglichkeit 
vorhanden ist, die friihere anthroposophische Arbeit so fortzusetzen, 
wie sie vorhanden war, bevor die Notwendigkeit - eine Notwendigkeit 
ist es ja - sich ergeben hat, in den Dingen zu arbeiten, die ja hier of tmals 
besprochen worden sind, und die eben heute durchaus da sein mussen. 
Allein, wenn wir uns in das richtige Verhaltnis zu diesen Dingen setzen 
wollen, dann ist es notwendig, notwendig gerade aus dem Geiste der 
grofien Zeitaufgaben heraus. 

Wir mussen uns namlich nur folgendes heute immer klarer und klarer 
machen : Unsere Freunde haben sich vielfach eingelebt in die anthropo- 
sophische Bewegung, wie sie ja im Grunde seit dem Beginn dieses Jahr- 
hunderts da ist. Diese anthroposophische Bewegung ist etwas, was nun 
wirkiich nicht blofi eine Realitat hier auf dem physischen Plan hat, 
sondern was fortdauernd eine Angelegenheit der geistigen Welten ist, 
eine unmittelbare Angelegenheit der geistigen Welten ist. Selbstver- 
standlich sind auch die aufiersten praktischen Mafinahmen eine An- 
gelegenheit der geistigen Welten, aber nicht in dem Sinn, wie es die 
anthroposophische Bewegung selbst ist. Und dariiber mufi ich heute ein 
paar Worte sagen. - Die anthroposophische Bewegung in ihren geistigen 



Aspekten, sie geht fort, ob die Menschen hier, die sie vertreten, fleifiig 
oder faul sind; ob die Menschen, die sie vertreten, sich Miihe geben, die 
Dinge vorwartszubringen oder nicht vorwartszubringen, sie geht eben 
dann schneller oder langsamer vorwarts, aber sie bleibt in ihrer geisti- 
gen Realitat vorhanden. Da es notwendig geworden ist, praktische 
Dinge ins Leben zu rufen, die unmittelbar aus den Forderungen der 
Gegenwart herausgewachsen sind, so steht es mit diesen Dingen anders. 
Diese Dinge mvissen in ihrer richtigen Zeit gemacht werden, da es un- 
moglich ist, mit diesen Dingen zurechtzukommen, wenn sie nicht in der 
richtigen Zeit absolviert werden. Fur die Dinge des praktischen Lebens 
kann es so liegen, dafi, wenn sie in langsamem Trott gemacht werden, 
sie einfach zu spat kommen. Innerhalb der anthroposophischen Bewe- 
gung hat man sich aber vielfach gewohnt an dasjenige, was langsam 
oder schnell gehen kann. Und es wird jetzt vielfach die Praxis, die man 
sich dort angeeignet hat, auch hiniibergetragen in diejenigen Dinge, in 
denen diese Praxis nicht geht. Und das ist dasjenige, hauptsachlich, was 
zugrunde liegt dem, was ich neulich charakterisieren wollte, indem ich 
hingewiesen habe darauf, dafi wiederum die Moglichkeit geschaffen 
werden muf$, dasjenige, woraus ja doch schliefilich alles fliefit, die 
anthroposophische Bewegung als solche zu pflegen. Wie lange mufite 
ich schon darauf hinweisen, dafi es gar nicht moglich ist, personliche 
Unterredungen jetzt zu haben. Ja, meine lieben Freunde, wir haben in 
den letzten Tagen der vorigen Woche - die paar wenigen Leute, die nun 
wirklich arbeiten konnen in den praktischen Angelegenheiten -, wir 
haben unsere Tage bis gegen drei Uhr morgens besetzt gehabt. Und doch 
sind die Leute immer wiederum unwillig, wenn nicht dem Wunsche 
nach personlicher Besprechung Rechnung getragen werden kann. Aber 
ich mochte wissen, woher die Zeit kommen soil dazu. Das mufi verstan- 
den werden. Daraus darf nicht eine Lassigkeit im anthroposophischen 
Leben selber fliefien; sondern im Gegenteil, es mufi geradezu eine Er- 
kraftung des anthroposophischen Lebens daraus kommen. Denn seien 
Sie versichert, wenn diese Erkraftung des anthroposophischen Lebens 
kommt, dann kommt das andere Notwendige auch auf den praktischen 
Lebensgebieten von selber. Aber die Erkraftung mufi kommen vor alien 
Dingen. Diese Erkraftung mufi so kommen, dafi wir versuchen, alles 



Traumerische aus unseren Seelen auszutreiben. Was blofi briiten will 
auf irgendeiner Lebensinsel, was sich nicht kummern will um dasjenige, 
was im Leben heute vorgeht, ist dasjenige, was die Verfolgung der wirk- 
lichen Aufgaben des Lebens so lahmt. Diese Aufgaben werden gelahmt, 
wenn die Menschen auf der einen Seite einfach blind bleiben, schlafrig 
bleiben gegeniiber dem, was im aufieren Leben sich abspielt, und ihr 
Heil, was aber mehr die Wollust ihrer Seele ist, suchen in der Bearbei- 
tung allerlei lebensfremder, mystischer Probleme auf ihren Lebens- 
inseln. 

Ich beruhre damit etwas aufierordentlich Wichtiges, etwas, was eine 
unmittelbare Anwendung der Ideen liber die grolSen Aufgaben der Zeit 
auf unsere eigene Bewegung ist. - Jeder einzelne von uns miifite mit- 
arbeiten an der Erkraf tung dieser anthroposophischen Bewegung. Man 
kann nur mitarbeiten an der Erkraftung dieser anthroposophischen 
Bewegung, wenn man sich ein f reies und of f enes Auge anerzieht fur das- 
jenige, was die Niedergangserscheinungen in unserem Kulturleben im 
Groften sind. Fur Anthroposophen geht es nicht an, sich nicht zu kum- 
mern um diese Niedergangserscheinungen im Grofien. Es geht nicht an 
fur Sie, sich nicht hinzuwenden zu dem, was die heutige Zivilisation 
durchdringt mit einer Kraft, die sie in den Abgrund hineintreibt. - 
Trotzdem es auf der einen Seite nicht gerne gehort wird, auf der an- 
deren Seite immer wiederum vergessen wird, mufi ich immer wiederum 
darauf hinweisen, dafi die Dinge von selber nicht besser werden. Und 
das kontemplative Briiten heute, das eine Art transzendentaler Demon- 
stration bei vielen ist, das ist dasjenige, was uns aufierordentlich scha- 
det. Statt dafi der Wille aufgeriittelt wird und man sich sagt: Ich will 
tun -, briitet man dariiber nach, ob da oder dort die Verhaltnisse so sind, 
dafi man etwas tun kann. 

Meine lieben Freunde, wenn man vom Beginn des Jahrhunderts so 
nachgedacht hatte iiber die anthroposophische Bewegung, niemals ware 
sie heute dasjenige, was sie ist, Denn die gescheiten Leute, die dazumai 
aufgetreten sind, haben gesagt, in Munchen miisse man so und so arbei- 
ten; und die noch gescheiteren haben wieder unterschieden zwischen 
Schwabing und Munchen, und haben iiberall das Gras wachsen horen, 
das ihnen anzeigte, wie die betreffenden Orte beschaffen sind. Dann 



sind solche gekommen, die haben in Hannover, in Frankfurt ganz be- 
sondere Verhaltnisse gefunden. Das war etwas, dem man iiberall begeg- 
nete. Hatte man irgendwie darauf gehort, man ware keinen Schritt 
vorwartsgekommen. Es war das dazumal schon eine iible Sache, aber 
heute, wo es sich um Aufgaben des praktischen Lebens vielf ach handelt, 
ist es eine noch iiblere Sache. Denn heute handelt es sich nicht darum, 
dafi wir solche Graswachserei aufstobern, sondern darum, dafi wir 
unseren "Willen anspannen, um etwas zu tun, um wirklich zu arbeiten. 
Es ist natiirlich ungemein leicht, zu sagen: Ich verspure in der transzen- 
dentalen Atmosphare dieses oder jenes Ortes, dafi man da nicht das oder 
jenes tun kann - es ist viel leichter, als einfach etwas tun wollen. Man 
sollte so wenig wie moglich sich auf das Aufiere heute berufen, und so 
viel wie moglich das Innere in Gang bringen. Das ist dasjenige, was nun 
wirklich nicht oft genug betont werden kann. 

Und dazu kommt eben, dafi zwar der anthroposophische Ernst 
durchaus aufrechterhalten werden muft, da£ aber wirklich die Kraft 
aufgebracht werden mufi, in bezug auf das Auftere eben einfach wirk- 
lich mit Interesse auf die Dinge einzugehen. Wir mussen doch wissen, 
was in der Welt vor sich geht - und es gehen viele Dinge vor sich. Aber 
es ist erstaunlich, wie auch in unseren Kreisen man sich wenig kummert 
um das, was geschieht. 

Ich will eine betrubliche Tatsache hervorheben, Diese Tatsache hat 
viele Ursachen, aber es wiirde heute die Zeit nicht ausreichen, alle die 
einzelnen Ursachen Ihnen zu schildern. Aber das liegt doch vor, dafi 
unsere Zeitschrift fur Dreigliederung seit dem Mai um fast keinen ein- 
zigen Abonnenten vorwartsgekommen ist. Und dabei sind wir eine 
Gesellschaft, die Tausende und Tausende von Mitgliedern hat. Es ist 
wirklich recht traurig, dafi eine solche Tatsache eben verzeichnet wer- 
den mufi. Aber solche Tatsachen sind da, und das ist nur eine der- 
selben. Glauben Sie, es ist durchaus wahr: die Gegner sind da andere 
Kerle, die sind iiberall auf ihrem Posten. Und deren Machinationen, 
die breiten sich aus. Ich sage diese Dinge nicht ohne Bedacht, und na- 
mentlich nicht ohne Bedacht dessen, was wir gewartig sein mussen, 
wenn wir nicht alle Kraft zusammennehmen, die wir in uns haben, 
wenn wir nicht summieren all die einzelnen, individuellen Krafte. Das 



brauchen wir. Wir miissen nun so viel Anthroposophie in uns haben, 
dafi wir an die Werke gehen konnen, sonst kommen wir zu spat. Und 
ich sehe nicht, dafi von anderer Seite dasjenige unternommen wird, was 
unternommen werden mufi, sonst wiirde ich wahrhaftig nicht darauf 
verf alien, just von uns zu sagen, dafi wir zu spat kommen. 

Es ist manches Schone im Anzuge, vor alien Dingen die Teilnahme 
eines Teiles der Studentenschaft bei unseren Bestrebungen. Gerade aus 
diesem Gebiet heraus kann das Fruchtbarste erwachsen, wenn man die- 
ser Sache mit echtem, wahrem Verstandnis entgegenkommt; aber wir 
miissen uns auch klarsein dariiber, wie man dieser Sache entgegenkom- 
men mufi. Da geht es ganz gewifi mit unklarem Mysteln nicht. Da han- 
delt es sich darum, dafi man aus innerem Lebensfleifi heraus der Sache 
entgegenkommt. 

Dieses und noch manches andere ware vielleicht heute zu sagen, aber 
ich denke, das andere konnte sich bei Ihnen selbst einfinden, wenn Sie 
die Gedankengange, die angeregt worden sind, in sich selber weiter ent- 
wickeln. Aber daf$ sie sich weiter entwickeln mochten, das ist dasjenige, 
was ich am Schlusse dieses letzten Vortrages als einen vorlaufigen 
Wunsch hinstellen mochte. Und jetzt sind die Zeiten so, dafi ich einen 
solchen Wunsch nicht hinstellen kann fur die ErfUllung auf Jahre hin- 
aus, sondern dafi ich nur sehen kann auf die Wochen, bis ich wiederum 
hier sein kann. Denn im Grunde stehen die Dinge jetzt so, dafi wir wirk- 
lich die Zeit brauchen, dafi wirklich jede Woche verloren sein kann, die 
wir nicht beniitzen. 

Deshalb, meine lieben Freunde, mochte ich Ihnen am Schlusse dieses 
Vortrages zweierlei sagen: Erstens mochte ich den Wunsch aussprechen, 
daft dasjenige verstanden werde, was ich heute gesagt habe, bis wir uns 
wiedersehen. Das zweite: dafi dieses "Wiedersehn eben erfolgen konnte, 
indem hingewiesen werden kann auf Dinge, die in der Richtung dieses 
Wunsches liegen. In diesem Sinne sage ich Ihnen auf Wiedersehen! 



FONFTER vortrag 

Dornach, 21. Januar 1921 



Unsere Betrachtungen in der Zeit, bevor ich abgereist bin und schon 
Wochen vorher, liefen alle darauf hinaus, zu zeigen, wie das, was wir 
Geisteswissenschaft nennen, in das wirkliche Leben iibergehen, hinein- 
greifen kann, wie das, was wir die Welt nennen, in einem gewissen 
innigen Zusammenhang steht mit dem, was wir innerlich im Menschen 
erleben. Und indem Sie diese Betrachtungen uberblicken, die wir gerade 
uber diese Sachen angestellt haben, bitte ich Sie, einmal sich griindlich 
die Frage vorzulegen, was es bedeuten wiirde fiir die Gesamtentwicke- 
lung der Menschheit, wenn die eindringlichsten, die bedeutsamsten Er- 
gebnisse anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft eindringen 
wiirden in das Leben der sozial miteinander arbeitenden Menschen. 
Man wiirde wissen, dafi der Mensch, indem er zu seinem Bewufitsein 
kommt im physischen Leib, in diesem physischen Leib etwas bewahrt, 
was hinweist auf die Zeiten vor der Geburt beziehungsweise vor der 
Empfangnis, dafi er da in einem Zustande war, der die Begierde nach 
diesem Leben zwischen der Geburt und dem Tode in sich trug, der in 
sich trug die Empfindung davon, dafi die Seele, die lange Zeit nur in 
geistigen Welten gelebt hat, das Anschauen der Welt durch die leib- 
lichen Sinne, aber auch das Handeln aus dem physischen Leibe heraus 
braucht, urn weiterzukommen. 

Dieses bewufite Hinblicken auf die Praexistenz der Seele wiirde gar 
nicht blofi, wenn es richtig verstanden wiirde, eine theoretische Ansicht 
bleiben, sondern es wiirde Gefiihl und Wille ergreifen und damit un- 
mittelbar eine Lebenskraf t werden. 

Wir konnen es ja sehen an den Menschen der Gegenwart. Sie zeigen 
uns alle etwas von Mangel an Initiative im Grofien. Dieser Mangel an 
Initiative im Grofien, der so lahmend wirkt auf alle Krafte, die not- 
wendig sind, um das absteigende Leben wiederum zu einem Aufstieg zu 
bringen, diese Lahmung kann nur gebessert werden dadurch, dafi der 
Mensch sich bewufit wird seiner Zugehorigkeit zur geistigen Welt. Das 
lafit sich aber nicht durch theoretische Erwagungen in die Seele herein- 



bringen, sondern allein durch die lebendige Anschauung desjenigen, was 
der Mensch war, bevor er heruntergestiegen ist in die physische Welt. 

Wenn das, was hiniiberblickt iiber die Zeit, die der Mensch hier 
zwischen Geburt und Tod zubringt, nicht Gegenstand eines unbestimm- 
ten Glaubens ist, sondern wenn es Gegenstand eines hellen Wissens ist, 
dann wirkt es nicht so abstrakt im Menschen, wie heute das religiose 
Bekenntnis wirkt, sondern konkret als unmittelbare Kraft im Men- 
schen. Der Mensch arbeitet so, dafi dies, was in seiner Arbeit liegt, iiber 
den Tod hinausreicht. Aber es wird dadurch, dafi der Mensch solche 
Vorstellungen in sich aufnimmt, Leben hineingegossen in alles, was 
sonst der Mensch wissen kann. 

Bedenken Sie doch nur einmal, dafi wir heute ein ausgebreitetes 
Naturwissen haben. In bezug auf das aufiere Wissen miissen wir sagen: 
Die Menschheit ist ungeheuer fortgeschritten. Die letzten blutigen Jahre 
haben gezeigt, dafi dieser Fortschritt die Menschheit nicht bessern 
konnte in moralischer Beziehung. Und eigentlich haben durchaus solche 
Menschen wie Wallace, auf den ich friiher oftmals hingewiesen habe, 
wenn ich gerade das betonen wollte, Recht behalten, die gesagt haben: 
Wir haben einen ungeheuren Fortschritt in bezug auf die Erkenntnis 
der Aufienwelt erlebt, aber in bezug auf die moralische Verfassung ist 
die Menschheit so wie in den Urzeiten, sie ist gar nicht fortgeschritten. 

Dieser Fortschritt mufi heute in diesem historischen Zeitalter doch 
kommen, denn so wie die Menschen in ihrer Seelenverfassung jetzt sind, 
konnen sie nicht bleiben. Aber wie mufi sich das vollziehen? Wie mufi 
belebt werden die mehr theoretische Anschauung von der Welt? - 
Nehmen Sie ein anscheinend grobes Beispiel. Wir beniitzen zum mensch- 
lichen Leben die Steinkohle. Wir wissen, diese Steinkohle bildet die 
Oberreste alter Walder, ist also im Grunde genommen pflanzliche Sub- 
stanz. Wie hangt aber die pflanzliche Substanz, wie hangt die ganze 
Pf ianzenwelt mit dem Menschen als solchem zusammen? - Wenn iiber 
wenige Jahrtausende hin ausgerechnet wird, wieviel Kohlensaure die 
Luft enthalten wiirde dadurch, dafi wir Kohlensaure ausatmen, daJ& 
wir mit jedem Ausatmungszuge der Luft Kohlensaure abgeben, so ist 
das eine ungeheuer grofie Menge. Diese Kohlensaure wiirde im Laufe 
von Jahrtausenden die Menschheit dahinschwinden machen, sie wiirde 



das Leben tilgen. Aber die Pflanzen nehmen die Kohlensaure auf, schei- 
den den Kohlenstoff ab, machen ihren eigenen Leib aus dem, was sie 
aufnehmen aus den abgeschiedenen Produkten des Menschen, und die 
Pflanzen, die einstmals die Erde bedeckt haben, sie bilden wiederum 
das, was nun unsere Steinkohlenfloze, unsere Steinkohlenlager sind. 

Sie sehen, es ist eine merkwurdige Wanderung. Zunachst kommt 
mehr das Qualitative in Betracht; denn selbstverstandlich sind von 
unserem Atmen nicht unsere Steinkohlen entstanden, sondern von an- 
deren Wesen, aber es kommt dieses qualitativ in Betracht. Was wir 
gewissermafien von uns ausscheiden, das bildet die Grundlage dessen, 
was wir wiederum von der Erde benutzen. So weit kann man denken 
nach den theoretischen Ergebnissen, zu denen die Naturwissenschaft 
gekommen ist. 

Geisteswissenschaft fiihrt uns weiter. Ich erinnere Sie daran, wie ich 
Ihnen gesagt habe: Der Mensch legt seinen physischen Leib ab, indem 
er mit seinem Seelisch-Geistigen in geistige Welten geht. - Aber ich habe 
Ihnen auch gesagt: Dieser physische Leib, der abgelegt wird, bedeutet 
das, was die Erde wiederaufbaut. 

So wie wir im Ausatmen der Pflanzenwelt die Kohle geben, so geben 
wir der ganzen Erde unseren Leib. Und das, was wir um uns herum 
sehen, ist durchaus das Produkt solcher Wesen, wie wir selber sind, 
solcher Wesen, die unsere Vorganger waren wahrend der Monden-, 
Sonnen-, Saturnzeit, den drei ersten vorirdischen Verkorperungen un- 
seres Planetensystems. Sie haben der Erde das abgegeben, was heute 
diese ganze Erde bildet. Und wenn kiinftige Welten kommen werden, 
so wird das in ihnen leben von uns, was wir als unser Leibliches abson- 
dern. Es ist ein Gedanke von ungeheurer Tragweite, wenn man ihn ver- 
folgt. Denn aus unserem Naturerkennen heraus, das sonst nur halb 
bleibt, gewinnen wir einen Zusammenhang des Menschen mit der gan- 
zen Umwelt. Das ist aufierordentlich wichtig, dafi wir das gewinnen. 
Denn wenn wir das zusammennehmen, was wir unseren Betrachtungen 
zugrunde gelegt haben, so miissen wir uns sagen: In unserem ganzen 
Menschen, nicht bJoft in unserem Denken, sondern in unserem ganzen 
Menschen bis in die aufierste Leiblichkeit hinein lebt das, was wir in 
unsere sittlichen Ideale hinein verarbeiten. Jene dualistische Anschau- 



ungsweise, welche keine Briicke schlagen kann zwischen dem natiir- 
lichen Weltbilde und der moralischen Weltordnung, kann sich auch 
nicht vorstellen, wie sich das, was wir in unseren moralischen Idealen 
haben, mit unseren Muskelvorgangen verbindet. Sieht man die Welt so 
an, wie wir es in den letzten Betrachtungen gemacht haben, dann sieht 
man, wie sich einverleibt das, was wir in unseren moralischen Idealen 
denken, in unsere leiblichen Vorgange. Man sieht einheitlich verwoben 
die geistigen und die leiblichen Vorgange. 

Diese Anschauungsweise miifite allgemein werden. Wiirde sie auf- 
genommen in unsere Kindererziehung, so wiirden Menschen heran- 
wachsen, die nicht auf der einen Seite im Sinne der Kant-Laplaceschen 
Theorie eine Welt haben, welche aus Nebelzustanden heraus sich ge- 
bildet hat, aus denen sich Sterne und Sonnen und Planeten abgeballt 
haben, aus denen dann durch Zusammenschweiften von moralisch- 
wesenlosen Materien die Menschen sich gebildet haben, die dann wie- 
derum sich zuriickverwandeln in rein Natiirliches, sondern das, was in 
uns aufschielk als moralisches Ideal, wiirde eins sein mit dem, was am 
Ausgangspunkte unserer Weltentwickelung gestanden hat im rein na- 
turlichen Dasein. Und wir Menschen wiirden uns erkennen als berufen, 
einzupflanzen dem natiirlichen Dasein das, was wir als moralisches 
Ideal erleben. In kiinftigen Welten wiirden wir erkennen, dafi als Na- 
turgesetze auftritt, was wir jetzt moralisch erleben. 

Wiirden die Kinder unter dem Einflufi einer solchen Anschauung 
aufwachsen, dann wiirden sie sich so in die Welt hineinstellen, dafi sie 
sich als ein GHed des Kosmos empfinden und dadurch Lebensgefuhle 
haben wiirden aus jenen Kraften, die sie mit dem Erkennen des Kosmos 
in sich einsaugen. Ja, sie wiirden, indem sie zum Handeln erzogen wer- 
den, wissen, dafi das, was sie tun, eingepragt ware in das Weltenganze. 
Wenn das Gefiihl ware, wie anders wiirden die Menschen leben als 
heute, wo es moglich ist, dafi der Mensch, der sich fragt: Was bin ich 
eigentlich hier auf dieser Welt? - sich einsam stehend hier sieht, ent- 
sprungen aus unbestimmten Naturkraften, mit moralischen Idealen 
durchsetzt wie mit Seif enblasen. Solch ein Mensch kann gelahmt wer- 
den in bezug auf sein Lebensgefuhl. Wenn er hinauf sieht in die Sternen- 
welten, sieht er die Sterne durch den Weltenraum gehen, hat aber keine 



Beziehung dazu; sie sind ja selber nur natiirlich entstehende, in sich zer- 
f allende Wei ten ohne Sinn und ohne innerliche Geistigkeit. 

Das mufi man ins Auge fassen, was als Lebenskraft Geistesanschau- 
ung der Menschheit werden konnte. Auf das mufi man immer wieder 
und wieder hinweisen, denn gerade das verstehen die Menschen der 
Gegenwart am allerwenigsten. Sie sprechen davon, dafi die Geistes- 
anschauung weltfliichtig ware. Weltfliichtig ist die gegenwartige An- 
schauung. Warum? Sie arbeitet mit den Dogmen der Vergangenheit, die 
in der Vergangenheit emen guten Sinn hatten, weil sie entsprungen sind 
aus einem gewissen instinktiven Hellsehen. Dieses instinktive Hellsehen 
ist verschwunden, die Menschen haben keinen Bezug mehr dazu. Die 
Dogmen, die sich erhalten haben, werden nicht mehr verstanden. Nicht 
darum handelt es sich, dafi die Dogmen falsch sind, sondern dafi die 
heutige Menschheit keinen Bezug zu ihnen hat. Und aufier demjenigen, 
was als Dogmen erhalten geblieben ist, hat die Menschheit heute eine 
geistlose Naturwissenschaft. Anthroposophie will eine geisterfullte 
Naturwissenschaft geben, eine den Menschen belebende Naturwissen- 
schaft, und was da hereintraufelt als Erkenntnis des Geistes in der Na- 
tur, das verwandelt sich im Menschen, genauso wie sich die Nahrungs- 
mittel in physischer Beziehung im Menschen verwandeln, in soziale 
Kraft. Man wiirde es erleben, wenn man ernsthaftig auf diese Dinge 
eingehen wollte, dafi Geist-Erkenntnis als Nahrung der Seele aufge- 
nommen, verdaut wiirde - wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen 
darf-, um als sozial wirksame Kraft aufzutreten. Wir werden auf keine 
andere Weise soziale Impulse gewinnen als dadurch, dafi wir geistige 
Erkenntnisse aus der uns umgebenden Natur aufnehmen. Wer heute 
glaubt, soziale Reformen aus irgendeinem anderen Impuls heraus neh- 
men zu konnen, denkt iiber die Dinge der Welt so nach, wie ungef ahr 
der nachdenkt iiber den Menschen, der ihm, um ihn moglichst gut zu 
ernahren, das Essen verbietet. Wer heute von sozialen Gestaltungen 
spricht und nicht mitspricht von geistiger Erkenntnis, will dasselbe tun 
mit Bezug auf die soziale Ordnung in der Menschheit, wie einer, der den 
Menschen ernahren will und ihm eine Hungerkur vorschreibt. Das 
steckt als tiefe Absurditat in den heutigen Anschauungen der Mensch- 
heit, und diese kann es durchaus nicht durchschauen. 



Was wir hereintragen aus geistigen Welten, indem wir in dieses Le- 
ben kommen zwischen Geburt und Tod, das ist ja durchaus nur wie ein 
Bild. Und im Grunde genommen ist unser Seelenleben ein Bildleben, 
und dieses Bildleben, es wurde in fruheren Zeiten belebt von dem, was 
als Geistiges schon in der Naturanschauung vorhanden war. Es gab in 
alten Zeiten keine Naturanschauung ohne Geistanschauung. Die heu- 
tigen Menschen lesen nach iiber altere Naturanschauungen; sie lesen da 
nichts von einer Naturwissenschaft, die ohne Geist war. Wer noch ins 
13., 14. Jahrhundert zuriickgeht und die Dinge liest, die damals iiber die 
Natur gesprochen wurden - mag er auch hohnen iiber das Kindische, 
iiber das Aberglaubische der findet als das Wesentliche, dafi alle diese 
Dinge, die geschildert worden sind, von Geist durchzogen geschildert 
sind. Heute bemiihen wir uns so stark als moglich, die Naturerscheinun- 
gen ohne Geist zu sehen. Ja, wir sehen darin gerade die Vollkommenheit 
der Betrachtungen, alles ohne Geist zu sehen. 

Das aber, was wir aus der Natur ohne Geist auf nehmen, kann durch- 
aus nicht mehr in das Bilddasein heute belebend eingreifen. Wir bleiben 
dann dabei stehen und wollen es uns nicht gestehen, Bild zu sein, blofies 
Bild zu sein, Bild eines vergangenen Lebens, das nicht befruchtet sein 
will von dem Gegenwartsleben. Denn dieses Gegenwartsleben soil be- 
fruchten das vergangene Leben, damit es hinaufgetragen werden kann 
wiederum durch die Pf orte des Todes in geistige Welten hinein. Nur so 
lebendig angeschaut kann eben Geisteswissenschaft dem Menschen das 
geben, was sie ihm geben soli. 

Nehmen Sie zum Beispiel die Dogmen der alten Religionswissen- 
schaftsbucher. Es gibt heute viele Menschen, die kampfen einfach gegen 
diese Dogmen, weil sie sie unsinnig finden. Sie sind keineswegs unsinnig, 
selbst nicht ein solches Dogma wie die Trinitat, es hat sogar den aller- 
tiefsten Sinn. Mit den Mitteln der alten instinktiven Hellseherkunst 
wurde es von den Menschen abgelesen von der Natur selber. Und es gab 
Jahrtausende in der menschlichen Entwickelung, in denen dieses Dogma 
der Menschheit ungeheuer viel gab. Die aufieren Kirchen haben solche 
Dogmen bewahrt. Diese sind heute kaum mehr als etwas anderes vor- 
handen, denn als ein gewisser Wortlaut. Die Menschen haben kein Be- 
diirfnis heute, ein Verhaltnis zu dem zu entwickeln, was Gegenstand 



eines alten Hellsehens war. Es bleibt etwas, was gar keinen Bezug auf 
die Menschen hat vermoge ihrer heutigen Natur, wahrend es einstmals 
lebendige Seelennahrung war. AuiSer diesen Dogmen haben wir die 
aufiere Naturwissenscbaft, die geistentblolke Naturwissenschaft, die 
uns die Seele totet, wenn sie nicht durchgeistigt wird. 

Das sind die beiden Grundiibel, welcbe die Geisteswissenscbaft, wie 
sie hier gemeint ist, im Auge hat. Sie will der Seele wiederum etwas 
geben, was diese Seele beleben kann, was dieser Seele Kraft einimpf en 
kann, so da£ die Seele unmittelbar sich erf iihlt als ein Glied des ganzen 
Kosmos und in ihrem sozialen Wirken jene Verantwortlichkeit fiih.lt, 
die davon herriihrt, dafi unser kleines "Wirken als einzelner Mensch eine 
kosmische Bedeutung fur die ganze Entwickelung der Zukunft hat. 
Hinausblicken miissen wir iiber den engen Kreis, den wir uns heute 
durch eine geistentbldfite Bildung ziehen. Denn diese Einengung hat die 
Menschheit selbst vollzogen und will sie immer mehr und mehr voll- 
ziehen. Deshalb hat es Geisteswissenschaf t so schwer, weil sie im Grunde 
genommen eben gerade das sein will, was nicht blofi in den Worten, 
nicht in den Gedanken, nicht in den Ideen liegt, sondern was wie ein 
geistig-seelisches Lebensblut erst durch die Gedanken, durch die Ideen, 
durch die Worte durchfliefit und unmittelbar in des Menschen Seele 
hineintraufelt. Daher kommt es auch bei Vertretung der Geisteswissen- 
schaft viel mehr darauf an, wie gesprochen wird, denn was gesprochen 
wird. Wir sehen heute den heftigen Streit zwischen Materialismus und 
Spiritualismus. Dieser heftige Streit ruhrt ja nur davon her, dafi die 
Menschen nicht einsehen wollen, dafi eine tiefe Begriindung der Aus- 
spruch hat: Zwischen zwei entgegengesetzten Behauptungen liegt die 
Wahrheit mittendrinnen. 

Ist es wahr, dafi Gott in uns ist? - Es ist eine Wahrheit, dafi Gott in 
uns ist. - Ist es wahr, dafi wir in Gott sind? - Es ist wahr, dafi wir in 
Gott sind. - Die beiden Behauptungen sind entgegengesetzt. Beide sind 
wahr, Gott ist in uns, wir sind in Gott. Die beiden Behauptungen sind 
entgegengesetzt. Die wirkliche, die ganze Wahrheit liegt mittendrinnen. 
Und das Wesen alles Streites der Ideen in der Welt beruht darauf, dafi 
immer die Menschen nach einer Einseitigkeit gehen, die wahr ist, aber 
eben eine einseitige Wahrheit ist, wahrend die wirkliche Wahrheit zwi- 



schen zwei entgegengesetzten Behauptungen drinnenliegt. Man mufi 
beides kennen, wenn man an die Wahrheit herankommen will. Man 
mufi zum Beispiel heute, so wie die Weltentwickelung einmal liegt, den 
ernstesten Willen haben, das materielle Dasein kennenzulernen, man 
darf ja nicht in die Sucht jener Leute verf alien, welche sagen: Wir wol- 
len uns mit dem Geiste beschaftigen, wir wollen die Materie nicht ken- 
nenlernen. - Soviel als moglich die Materie als solche kennenzulernen, 
das ist die eine Seite des menschlichen Erkenntnis- und Willensstrebens, 
die andere Seite ist es, auch den Geist kennenzulernen. Denn zwischen 
beiden drinnen liegt, was wir eigentlich anstreben sollen, und beide Par- 
teien haben unrecht, diejenigen, die sagen, die Welt sei nur Materie, und 
diejenigen, die sagen, die Welt sei nur Geist. Denn, was ist Materie? 
Materie, so wie der Mensch sie kennt, ist das, was von dem Geiste zu- 
riickgeblieben ist, nachdem der Geist wieder Geist geworden ist. Ihre 




eigene Menschenform ist nichts anderes als das, was einstmals Gottes- 
gedanke war (siehe Zeichnung, links), was einstmals gottliche Gedan- 
kenwirkungen waren. Denken Sie sich, wie ein Wasser, das gefriert, 
Form bekommt; so bekommt dieser Gottesgedanke Form und wird 
Menschenhiille. Und ein neuer Gedanke, ein neuer Gottesgedanke 
macht sich in des Menschen Inneren geltend, der dann wiederum hin- 
ausgeht, und dieser Gottesgedanke hier (links) war wiederum um- 
gewandelt von einer Form, die in alteren Zeiten Gedanke war. Was wir 



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* Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 321. 



als Materie anschauen, es ist ja nichts anderes als festgewordener Geist, 
und das, was wir als Menschengeist anschauen, ist junge Form, ist in der 
Entstehung begriffene Gestalt. Geist und Materie sind ja nur nach den 
Lebensaltern in der Welt verschieden. Und der Fehler ihnen gegeniiber 
besteht nicht darin, dafi wir uns der Materie zuwenden oder dafi wir 
uns dem Geiste zuwenden, sondern dafi wir das, was wir im Leben er- 
halten sollten, was wir befruchten sollten, damit es Zukunft werden 
kann, in der Gegenwart erhalten wollen. 

Wenn wir das, was wir aus unserer Praexistenz in die Gegenwart 
hereingetragen haben, was wir also als seelisch-geistiges Leben haben, 
nur durchdringen mit der trockenen, aufteren geistentblofiten Natur- 
wissenschaft, dann verharten wir es, lassen es nicht keimfahig sein, 
lassen es nicht auswachsen zu kunftigen Welten, wir verahrimani- 
sieren es. 

Und wenn wir das, was Form ist, was altgewordene Gottheit ist, was 
in Formen sich kristallisiert hat, erfassen wollen durch eine nebulose 
Mystik, in die wir alles mogliche hineintraumen, dann stutzen wir uns 
nicht auf das, was uns als unsere Stutze, als unsere korperliche Stutze 
die Gottheit gegeben hat, sondern wir verluziferisieren das Materielle. 
Was ist nebulose Mystik? - Der Mensch sollte in sich hineinschauen, er 
sollte aus dem Kosmos heraus in seinem physischen Organismus das er- 
kennen, was er in diesem Leben zwischen Geburt und Tod ist. Statt des- 
sen phantasiert er, dafi er in sich selber eine Gottheit habe. Er hat sie in 
sich; aber er erlangt das nicht durch mystische Phantasterei. Er verluzi- 
ferisiert das, was er in der spateren Gestalt der leiblichen Hulle sehen 
sollte. Es sind falsche Anschauungen vom Materiellen und vom Geistigen, 
durch die die Menschen miteinander in Streit kommen; denn das Mate- 
rielle und das Geistige sind dasselbe, nur in verschiedenen Lebensaltern. 

Das ist es, was der Gegenwart ganz besonders notwendig ist zu 
durchschauen. Sie kommt sonst nicht zu einer Erfassung des sozialen 
Lebens. Man mufi heute schon den Versuch machen, wirklich hinein- 
zudringen mit seinen Gedanken in die reale Wirklichkeit. Das wollen 
die Menschen heute nicht. Sie wollen an der Oberf lache bleiben. 

Mir wurde vor einigen Tagen eine nette kleine Geschichte, die vor 
ganz kurzer Zeit in Zurich passiert ist, erzahlt. Einer unserer Freunde 



sprach in Zurich bei einer Universitatsfeier iiber die wissenschaftliche 
Bedeutung der Anthroposophie. Darauf hat ein sozialistisch denkender 
Mann geantwortet, man solle doch heute nicht die Menschen zu solch 
mystisch Phantastischem erziehen, sondern zu exakter Wissenschaft, 
habe doch Goethe schon gesagt: «Ins Innre der Natur dringt kein er- 
schaffner Geist.» 

Was dieser schweizerische Abgeordnete vorgebracht hat, ruhrt doch 
nur her aus einem oberflachlichen Anschauen der Dinge, die Goethe 
gesagt hat. Denn indem Goethe diesen Ausspruch Hallers zitiert, sagt 
er: «Das h6V ich sechzig Jahre wiederholen und fluche drauf ...» So 
wird heute mit dem geistigen Leben verfahren, so kennt man die Dinge 
und so ist man heute in einem gewissen Grade doch eine Autoritat. In 
dieser Form ungefahr strebt man aber iiberhaupt heute an, die Welt 
kennenzulernen. Ob nun einer glaubt, Goethe habe den Ausspruch ge- 
tan, auf den er sechzig Jahre «geflucht» hat, oder ob einer als Volks- 
wirtschafter sich das Folgende leistet, das ist schon schliefUich einerlei. 
Ein sehr gelehrt arbeitender Volkswirtschafter, Nationalokonom, hat 
ein Buch geschrieben uber die gebundene und offene Preisbildung. Da 
hatte er viel nachzuforschen iiber die Art und Weise, wie, ich mochte 
sagen, die Volkswirtschaft sozial gemacht werden konnte. Unter den 
verschiedenen Dingen, die er da bespricht, ist auch dieses. Er sagt: 
Schon Georg Brandes habe gesagt, das Volk werde in seinen sozialen, 
in seinen wirtschaftlichen Handlungen nicht durch Vernunft, sondern 
durch Instinkte geleitet. Daher miisse man das Volk aufklaren. Man 
miisse Aufklarungen unter das Volk bringen. 

Nun ist Georg Brandes kein tief denkender Mann; aber man kann da 
erwidern: An so und so vielen Universitaten sind so und so viele Volks- 
wirtschafter; die sind aufgeklart. Aber wenn sie miteinander wirtschaf- 
ten, dann arbeiten unter ihnen die Instinkte genau so wie unter den 
anderen, durchaus nicht anders. Denn so wie die Dinge heute sich ge- 
staltet haben, gerade durch die hochentwickelte Intelligenz, sind fur 
das soziale Leben nur die Instinkte geblieben. Die Instinkte wirken. 
Aber jetzt mufi man weitergehen. Jetzt mufi man sich fragen: Wie 
bringt man Licht in dieses Wirken der Instinkte hinein? - Denn einzig 
und allein das kann eine soziale Bedeutung haben. Es ist einfach Unsinn, 



zu glauben, dafi eine Mehrheit von Menschen durch diese Instinkte ge- 
leitet werden kann. Das kann sie nicht. Die Instinkte riihren einfach 
vom Zusammenleben der Menschen her. Da mufi etwas hinein, was 
diese Instinkte verwandelt, was in diese Instinkte hinein kann. Vernunft 
kann nicht in die Instinkte hinein. Wir haben uns zu erinnern an das 
alte instinktive Schauen; es hat sich entwickek in unseren Intellektua- 
lismus. Aber dieser Intellektualismus lebt ja nur in dem inneren geistigen 
Dasein des Menschen. Dagegen sind die aufieren sozialen Wirkenskraf te 
vom Instinkt durchtrankt. In diesen Instinkt mufi wiederum etwas ein- 
dringen, was verwandt ist mit diesem instinktiven Schauen, aber einen 
Einschlag aus der Geistigkeit hat: es mufi die Imagination eindringen. 
Wir haben also: Altes instinktives Schauen - Intellekt - Imagination. Tafel 2 
Nur die Imagination, wie wir sie nennen in der Geisteswissenschaft, 
gibt die Kraft, in das inst
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