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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE OBER MEDIZIN
RUDOLF STEINER
Anthroposophische Menschenerkenntnis
und Medisin
Elf Vortrage
gehalten in verschiedenen Stadten
zwischen dem 28. August 1923 und dem 29. August 1924
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
Die Herausgabe besorgten
Dr. med. Werner Belart und Dr. med. Hans W. Zbinden
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1971
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1982
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Einzelausgaben und Abdrucke in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 319
Zeichen auf dem Umschlag nach einem Entwurf von Rudolf Steiner,
Schrift von Benedikt Marzahn
Zeichnungen im Text nach Kopien der Tafelzeichnungen Rudolf Steiners
in den Vortragsnachschriften, ausgefuhrt von Hedwig Frey
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1971 by Rudolf Steiner-NachlalSverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3190-3
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festge-
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mull gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra-
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen-
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richdinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
RICHTLINIEN ZUM VERSTANDNIS FOR DIE AUF
ANTHROPOSOPHISCHER GEISTESWISSENSCHAFT
AUFGEBAUTE HEILMETHODE
Erster Vortrag, Penmaenmawr (England), 28. August 1923 9
Krankheitsvorgange als Naturprozesse. Die Gliederung der mensch-
lichen Organisation in drei Grundprozesse medizinischer Anschau-
ung. Migrane. Typhus abdominalis. Polaritat Nerven- und Leber-
zelle. AntimonprozefJ. Albumisierungsprozefi. Polaritat derselben.
Quarzprozefi. Tuberkulose. Phosphorprozefi in der Therapie. Ver-
haltnis dieser Prozesse zur Pflanzengestalt, zum menschlichen Orga-
nismus. Bedeutung der Padagogik fur Gesundheit und Krankheit.
Heileurythmie.
PATHOLOGIE, THERAPIE UND HE ILMITTELHERSTELLUNG
AUF GRUNDLAGE GE ISTESWISSENSCHAFTLICHER
ERKENNTNIS
Zweiter Vortrag, London, 2. September 1923 34
Milzfunktion. Wirkung kleinster Entitaten. Rationalisierung von
Pathologie und Therapie. Die drei Grundprozesse: Nerven-Sinnes-
system, rhythmisches System und Stoffwechsel-Gliedmafiensystem.
Exsudative Diathese. Heufieber und seine Behandlung. Die Stoffe im
Pflanzenprozefi; Cichorium intybus. Gallenfunktion und Nerven-
Sinnessystem. Migrane: Biodoron. Wichtigkeit des Prozesses bei Heil-
mittelbereitung. Heilen durch Prozesse.
Dritter Vortrag, London, 3. September 1923 54
Vorstellen, Fuhlen, Wollen und Dreigliederung des Organismus.
Einheitlichkeit der Nerven. Herztatigkeit und Zirkulation als Folge
der Saftebewegung. Stoffwechsel als Willensakt. AufSere und innere
Abscheidung. Auf- und Abbauprozesse und Vorstellungsleben. Ge-
hirnbildung und Kieselsaureprozefi. Rhythmus der polaren Prozesse.
Typhus - Antimon. Karzinom - Mistel. Heileurythmie, Therapie aus
menschenerkennender Pathologie.
ANTHROPOSOPHISCHE GEISTESWISSENSCHAFT UND
MEDIZINISCHE ERKENNTN IS
Vierter Vortrag, Wien, 2. Oktober 1923 79
Wissenschaftlicher Charakter der Anthroposophie. Bewulke Ent-
wickelung der Seelenkrafte. Exakte Erkenntnis der iibersinnlichen
Wesensglieder. Bedeutung der Kenntnis derselben fur die medi-
zinische Anschauung.
ANTHROPOSOPHISCHE MENSCHENERKENNTNIS
UND MEDIZIN
Funfter Vortrag, Den Haag, 15. November 1 923 85
Prinzipielles zur medizinischen Arbeit. Studien iiber Milzfunktion
und zur Wirksamkeit kleinster Entitaten. Neue Erkenntnismethoden
durch Entwickelung von Seelenfahigkeiten. Erkenntnis von phy-
sischem, atherischem, astralischem Leib und Ich. Zusammenwirken
der vier Glieder. Diagnose und Heilung. Auftermenschliche und in-
nermenschliche Prozesse. Catarrhus aestivus. Einswerden von Patho-
logie und Therapie. Cichorium intybus. Anisum.
Sechster Vortrag, Den Haag, 16. November 1923 .... 109
Dreigliederung des menschlichen Organismus. Kiesel- und Phosphor-
prozefi im Auge, polar: Bleiprozefi. Denken. Sklerose und deren
Therapie. Milch, Honig, Zucker. Silberprozefi und Formung, Phos-
phor formausloschend. Kalk - Ausatmung, Phosphor - Einatmung,
Beziehung zum Schlaf. Migrane, Typhus, Karzinom und deren Be-
handlung. Heileurythmie, Kunsteurythmie und Sprache.
Fragenbeantwortung zum Vortrag vom 16. November 1923 . . 134
WAS KANN DIE HEILKUNST
DURCH EINE GEISTESWISSENSCHAFTLICHE
BETRACHTUNG GEWINNEN?
Siebenter Vortrag, Arnheim, 17. Juli 1924 142
Anthroposophische Betrachtungsweise fur Padagogik und Medi-
zin. Entwickelung von Denken, Fuhlen, Wollen. Meditation. Denk-
iibungen. Erkraften der Erinnerung. Selbsterkenntnis. Naturgesetz-
lichkeit, kosmische Gesetze. Umgestaltung des Fuhlens, Erkraftung
des Denkens. Liebe als Erkenntniskraft. Unsterblichkeit und Unge-
borenheit. Auf- und abbauende Strdmungen. Gleichgewichtszustand
zwischen denselben. Auf- und Abbauvorgange in der Natur als Heil-
prozesse. Verbindung von Erkenntnis und Heilkunde. Heilstatte
neben Erkenntnisstatte.
Achter Vortrag, Arnheim, 21. Juli 1924 162
Physischer Leib und Atherleib aufbauend, Astralleib und Ich ab-
bauend. Verhalten des menschlichen Organismus zu den drei Natur-
reichen. Dreigliederung. Polaritat. Differenzierung des Kieselsaure-
prozesses im Innern. Atmung, Kohlensaure und Stoffwechsel, Kie-
selsaure und Sinnessystem. Diagnose und Therapie: Equisetum ar-
vense, Cichorium intybus. Typhus. Karzinom. Heilen als durch-
schaubare Kunst.
Neunter Vortrag, Arnheim, 24. Juli 1924 182
Die vier hoheren Glieder. Wachen und Schlafen. Bleiwirkung auf
Astralleib und Ich. Sklerose. Silber und VerdauungsprozeG. Eisen-
prozeft. Graue und weifte Hirnsubstanz. Ich und Hirn. Migrane.
Mensch und Umwelt. Auf- und abbauende Krafte, Jahreszeiten
im Pflanzenprozefi. Karzinom: Erdewerden; Mistel: Erde nicht be-
riihren. Catarrhus aestivus. Geistige Entwickelung und Krankheit.
Mut des Heilens.
DIE KUNST DES HEILENS VOM GESICHTSPUNKTE
DER GEISTESWISSENSCHAFT
Zehnter Vortrag, London, 28. August 1924 205
Moglichkeit der Erkenntms von Gesundheit und Krankheit. Schu-
lung der Seele zur Erkenntnis des Obersinnlichen. Atherleib: weg-
strebendes Element; physischer Leib der Gravitation unterliegend.
Astralleib, Empfindung. Aufbau und Abbau. Denken, Fuhlen, Wol-
len beim Tier vermischt, beim Menschen gesondert: Ich. Ich-Organi-
sation und Hirnbau. Die Relation der vier Wesensglieder. Verhalt-
nis der Quarzbildung und der Kohlensaure zum Geiste. Ich und Si0 2 ,
Astralleib und C0 2 . Pradominieren des Atherleibes bei Ca., Pra-
dominieren des Astralleibes bei Basedow.
Elfter Vortrag, London, 29. August 1924 226
Verhaltnis der Naturgeistigkeit zur Geistigkeit des menschlichen
Organismus. Mineralisches - Ich; Pflanzliches - Astralleib; Tie-
risches - Atherleib. Karzinom und Mistel. Basedow und Kupfer-
glanz. Studium der Zustande von Wachen und Schlafen fiihrt zum
Verstandnis von Bleiwirkung und Sklerose. Heilmittelherstellung
mit Berucksichtigung der spirituellen Krafte. Unsterblichkeit und
Ungeborenheit, Kinderkrankheiten, Rachitis, Phosphorbehandlung.
Alte Mysterien-Medizin und moderne Initiationswissenschaft.
Hinweise: Zu dieser Ausgabe / Namenregister 248
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 253
Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 255
ERSTER VORTRAG
Penmaenmawr (England), 28. August 1923
Da gewiinscht worden ist, daft ich iiber die aus der anthroposophischen
Weltanschauung herausgewachsenen therapeutischen Prinzipien an ei-
nem unserer Abende spreche, so komme ich diesem Wunsche sehr gerne
entgegen, allein es ist schwierig, gerade iiber diesen Gegenstand kurz
zu sprechen. Es ist schwierig, weil der Gegenstand ein aufierordent-
lich ausgebreiteter ist und man in einem ganz kurzen Vortrag, der
doch nur aphoristisch sein kann, kaum eine richtige Vorstellung von
dem hervorrufen kann, auf das es ankommt, und weil auf der ande-
ren Seite zum Beispiel gewisse Betrachtungen, die dabei angestellt wer-
den miissen, etwas fur das allgemeine Menschenbewufitsein abgelegen
sind. Dennoch will ich versuchen, die Dinge, auf die es ankommt,
so allgemeinverstandlich als es moglich ist, am heutigen Abende dar-
zulegen.
Dafi sich innerhalb der anthroposophischen Bewegung auch eine
medizinische Stromung befindet, das riihrt ganz gewifi nicht davon
her, daft wir als Anthroposophen iiberall dabei sein wollen und iiber-
all gewissermaflen unsere Nase hineinstecken mochten. Das ist ganz
gewift nicht der Fall. Aber wahrend die anthroposophische Bewegung
ihren Weg durch die Welt zu machen suchte, fanden sich zu dieser Be-
wegung auch Arzte hinzu, ernst strebende Arzte, und eine grofte, ver-
haltnismaftig grofie Anzahl solcher Arzte war zu einem mehr oder
weniger klaren Bewufitsein gekommen, wie schwankend eigentlich
die Anschauungen der heute offiziell geltenden Medizin sind, wie fur
das eigentliche Verstandnis der Krankheitsprozesse und ihrer Heilung
vielfach die Grundlagen fehlen.
Diese Grundlagen fehlen der offiziellen Wissenschaft aus dem
Grunde, weil dasjenige, was heute Geltung, wissenschaftliche Geltung
haben will, sich eigentlich nur auf die heute allgemein gebrauchliche
Naturwissenschaft stiitzen will. Und diese Naturwissenschaft wieder-
um, sie glaubt nur sicher mit demjenigen zu gehen, was sie auf mecha-
nische, physikalische oder chemische Weise in der aufieren Natur fest-
stellen kann. Und sie wendet dann dasjenige, was sie durch Physik,
Chemie iiber aufiere Naturvorgange findet, auch da an, wo sie zum
Verstandnis des Menschen kommen will. Aber wenn auch im Men-
schen eine Art Konzentration, mikrokosmischer Konzentration aller
Weltenprozesse enthalten ist, so sind doch die aufSeren physischen und
chemischen Prozesse im menschlichen Organismus selber niemals in
der Form vorhanden, in der sie draufien in der Natur vor sich gehen.
Der Mensch nimmt die Stoffe der Erde in sich auf, die ja nicht blofi
passive Stoffe sind, sondern die eigentlich immer erfiillt sind von Na-
turprozessen, von Naturvorgangen. Ein Stoff sieht nur aufterlich so
aus, als ob er etwas in sich Ruhendes ware. In Wirklichkeit webt und
lebt ja alles in dem Stoffe. Und so nimmt der Mensch auch diejenigen
Vorgange, dieses Weben und Leben, wie es sich chemisch und physisch
abspielt in der Natur, in seinen Organismus auf, aber er verwandelt
es also gleich in seinem Organismus, er macht es in seinem Organismus
zu etwas anderem.
Dieses andere, was aus den Naturprozessen im menschlichen Orga-
nismus wird, das kann man nur verstehen, wenn man zu einer wirk-
lichen, wahren Menschenbeobachtung kommt. Aber die heutige Natur-
wissenschaft schliefit eigentlich, indem sie sich einzig und allein auf
das Physische, Chemische sttttzen will, dasjenige von ihrem Gebiete
aus, was sich im Menschen als eigentlich Menschliches, auch zum Bei-
spiel im physischen Korper des Menschen als eigentlich Menschliches
abspielt. Denn im physischen Korper des Menschen spielt sich nie-
mals etwas ab, was nicht zu gleicher Zeit unter dem Einflusse der
atherischen Vorgange, der astralischen Vorgange, der Ich- Vorgange
liegt. Aber indem die Naturwissenschaft ganz und gar absieht von
diesen Ich-Vorgangen, diesen astralischen Prozessen, diesem atheri-
schen Leben und Weben, kommt sie eigentlich gar nicht an den Men-
schen heran. Daher kann diese Naturwissenschaft nicht eigentlich so
in das menschliche Innere hineinschauen, daft ihr klar werden konnte,
wie die aufieren chemischen und physischen Prozesse im Menschen
dann weiter wirken, wie sie im gesunden Menschen weiter wirken,
und wie sie im kranken Menschen weiter wirken.
Wie soil man denn aber die Wirkung eines Heilmittels in der rich-
tigen Art beurteilen, wenn man sich nicht ein Verstandnis dafiir ver-
schaffen kann, wie irgendein Naturding, das wir in den Organismus
einfiihren, oder mit dem wir den Organismus behandeln, im mensch-
lichen Organismus weiter wirkt.
Und so kann man sagen: Der denkbar grofite Fortschritt auf me-
dizinischem Gebiete in der neueren Zeit ist eigentlich nur gemacht
worden auf dem Gebiete der Chirurgie, wo es sich um aufiere, man
mochte sagen, mechanische Handhabungen handelt.
Dagegen herrscht auf dem Gebiete - nicht nach meinem Urteil,
sondern eben gerade nach dem Urteil derjenigen Arzte, die sich das
alles zum Bewufitsein gebracht haben - der eigentlichen Therapie eine
grofte Verwirrung, weil man den Zusammenhang zwischen irgend-
einem Naturding und der Wirkung auf die Krankheit nicht durch-
schauen kann, wenn man durch die besondere Ansicht, die man iiber
die Naturwissenschaft hat, eigentlich den Menschen selber ausschlielk
von der wissenschaftlichen Betrachtung.
Indem nun die Anthroposophie gerade darauf ausgeht, den Men-
schen in seinem innersten Wesen kennenzulernen, sowohl insofern er
ein ubersinnliches wie insofern er ein sinnliches Wesen ist, kann auch
aus der Anthroposophie heraus eine Erkenntnis geschopft werden iiber
die Behandlung des Menschen mit diesen oder jenen Naturmitteln im
Krankheitsfalle.
Im Grunde steht man heute schon vor einer gewissen Erkenntnis-
grenze in der Medizin, wenn man nur nach dem eigentlichen "Wesen
der Krankheit fragt. Was ist die Krankheit? Aus den heutigen wissen-
schaftlichen Erkenntnissen lalk sich diese Frage: Was ist die Krank-
heit? - gar nicht beantworten. Denn, was ist nach diesen naturwissen-
schaftlichen Anschauungen die Summe all der Vorgange, die im ge-
sunden Menschen sich abspielen? Vom Kopf, vom auftersten Kopf-
ende bis zum letzten Zehenende am Fufte sind das die Naturprozesse.
Aber was sind denn die Prozesse, die sich wahrend der Krankheit ab-
spielen in der Leber, in der Niere, im Kopf, im Herzen, wo immer, was
sind denn das fur Prozesse? Naturprozesse sind es. Alles, was gesunde
Prozesse sind, sind Naturprozesse; alles, was Krankheitsprozesse sind,
sind ja auch Naturprozesse. Warum ist denn der Mensch unter der
einen Sorte von Prozessen gesund und unter der anderen Sorte von
Prozessen krank?
Es handelt sich gerade darum, daft man nicht im Allgemeinen her-
umspricht, so nebulos herumspricht: Nun ja, die gesunden Naturpro-
zesse sind normal, die kranken Naturprozesse sind nicht normal. -
Da stellt wirklich «zur rechten Zeit», wenn man nichts weifi, «ein
Wort» sich ein!
Es handelt sich darum, dafi man dann, wenn man nur die allge-
meine Naturwissenschaft, wie sie heute iiblich ist, anwendet, an den
Menschen so herangeht: am liebsten nicht an den lebenden Menschen,
sondern an die Leiche; man nimmt da oder dort irgendein Stuck des
Organismus und macht sich Vorstellungen dariiber, was da nun fiir
gesunde oder kranke Naturprozesse drinnen vorgehen. Und so ist es
einem eigentlich gleichgultig, ob man irgendein Gewebe aus dem Kopf
oder aus der Leber oder aus der grofien Zehe nimmt oder dergleichen.
Alles wird eben zuletzt zuriickgefuhrt, ich will sagen, auf die Zelle.
Es ist eigentlich nach und nach die bestausgebildete Menschenlehre die
Histologic, die Gewebelehre geworden. Nun ja, wenn man in die
kleinsten Teile hineingeht und alle Kraftezusammenhange weglafk,
dann sind, so wie in der Nacht alle Kiihe grau sind, alle Organe dann
im Menschen gleich. Aber man bekommt dann eben eine nachtliche
«Graue-Kuh-Wissenschaft», nicht eine wirkliche Wissenschaft, die sich
der Spezifitat der einzelnen Organe im Menschen annimmt.
Dasjenige, was da zur Grundlage dienen mufi, das habe ich eigent-
lich erst vor einigen Jahren auszusprechen gewagt, obwohl es mich be-
schaf tigt hat seit jetzt reichlich mehr als dreifSig bis fiinfunddreiftig Jah-
ren. Aber man stellt sich gewohnlich nur vor, dafl Geisteswissenschaf t so
leicht zu ihren Resultaten kommt. Man braucht nur hineinzuschauen
in die geistige Welt, dann bekommt man das alles heraus, wahrend man
es schwierig hat, wenn man in Laboratorien arbeiten mufi, in physi-
kalischen Kabinetten oder auf der Klinik; da musse man sich Miihe
geben - so denkt man namlich -, in der Geisteswissenschaft handle
es sich nur darum, dafi man hineinschaue in die Welt des Geistes,
dann kriege man alles heraus. So ist es eben nicht. Gerade die gewis-
senhafte Geistesforschung erfordert mehr Miihe und vor alien Dingen
mehr Verantwortung als das Hantieren in den Laboratorien oder auf
der Klinik oder der Sternwarte. Und so ist es, dafi zwar die erste
Konzeption dessen, was ich jetzt kurz prinzipiell andeuten will, vor
mir stand vor fiinfunddreiflig Jahren etwa, dafi ich das aber erst
vor einigen Jahren aussprechen konnte, nachdem alles verarbehet
worden ist und vor alien Dingen auch an der gesamten offiziellen
Naturwissenschaft der Gegenwart verifiziert worden ist. Und gerade
unter dem Einflusse dieser Prinzipien uber die Gliederung des Men-
schen ist dasjenige entstanden, von dem ich eben erzahlte, diese
therapeutische Stromung innerhalb unserer anthroposophischen Be-
wegung.
Wir miissen im Menschen einfach, wenn wir ihn auch als physischen
Menschen vor uns haben, durchaus drei voneinander verschiedene
Glieder unterscheiden. Diese drei verschiedenen Glieder kann man in
der verschiedensten Art benennen. Aber man kommt am besten an sie
heran, wenn man sie so charakterisiert, dafi man sagt: Der Mensch
hat als das eine System seines auch physischen Wesens das Nerven-
Sinnessystem, das hauptsachlich im Kopfe lokalisiert ist.
Der Mensch hat als zweites System das rhythmische System; das
umfafit die Atmung, das umfaflt die Blutzirkulation. Es umfafSt aber
auch zum Beispiel die rhythmischen Tatigkeiten der Verdauung und
so weiter. Das ist das zweite System des Menschen.
Und das dritte System des Menschen ist der Zusammenhang zwi-
schen dem Bewegungssystem, GliedmajSensystem und dem eigentlichen
Stoffwechselsystem. Dieser Zusammenhang wird Ihnen sofort klar
sein, wenn Sie daran denken, dafi ja gerade durch die Bewegung der
Glieder der Stoffwechsel befordert wird, und dafi eigentlich nach in-
nen die Gliedmafien ganz organisch immer mit den Stoffwechselorganen
zusammenhangen. Das wird Ihnen auch die Anatomie unmittelbar
zeigen. Sehen Sie nur, wie die Beine nach innen sich fortsetzen in den
Stoffwechselorganen und ebenso die Arme sich fortsetzen nach innen.
So dafi wir am Menschen unterscheiden konnen drei Systeme: Das
Nerven-Sinnessystem, vorzugsweise im Kopfe lokalisiert, das rhyth-
mische System, vorzugsweise in der Brust, um das Herz herum loka-
lisiert, das Stoffwechsel-Gliedmafiensystem, das vorzugsweise in den
Gliedmaften und in den daran anhangenden Stoffwechselorganen lo-
kalisiert ist.
Aber man darf sich. diese Gliederung des Menschen nicht so vor-
stellen, wie - um die anthroposophische Bewegung moglichst anzu-
schwarzen - einmal ein Professor tat. Der versuchte nicht einzudrin-
gen in dasjenige, was damit eigentlich gemeint ist mit dieser Gliede-
rung, sondern er versuchte diese Gliederung des Menschen anzuschwar-
zen und sagte: Diese Anthroposophen behaupten, der Mensch bestunde
aus drei Systemen, aus dem Kopf , dem Rumpf - Brust und Bauch -
und aus den Gliedmafien. - Ja, man kann natiirlich auf diese Art eine
Sache sofort lacherlich machen.
Denn es handelt sich nicht darum, daft das Nerven-Sinnessystem
nur im Kopfe ist. Es ist hauptsachlich im Kopfe, aber es dehnt sich
dann iiber den ganzen Organismus aus, so daft der Mensch seine Kopf-
organisation iiber den ganzen Organismus verbreitet hat. Ebenso dehnt
sich das rhythmische System nach oben und unten iiber den ganzen
Organismus aus. Der Mensch ist also wiederum raumlich ganz rhyth-
misches System, ebenso ganz Stoffwechsel-Gliedmafiensystem. Wenn
Sie die Augen bewegen, sind die Augen Gliedmafien. Also nicht neben-
einander stehen diese Systeme raumlich, sondern sie sind ineinander
gegliedert. Sie stecken ineinander, und man mufi sich schon ein wenig
an ein exaktes Denken gewohnen, wenn man diese Gliederung des
Menschen im richtigen Sinne beurteilen will.
Nun sind die beiden Systeme, das erste und das dritte, das Nerven-
Sinnessystem und das Gliedmafien-Stoffwechselsystem, einander ei-
gentlich polarisch entgegengesetzt. Was das eine erzeugt, zerstort das
andere; was das andere zerstort, erzeugt das eine. Sie wirken also ganz
im entgegengesetzten Sinne. Und das mittlere System, das rhythmische
System, stellt die Beziehung zwischen beiden her. Da wird gewisser-
mafSen zwischen beiden hin- und hergependelt, damit ein Einklang
zwischen dem Zerstoren des einen Systems und dem Aufbauen des
anderen Systems immer stattfinden kann. Wenn wir zum Beispiel das
Stoffwechselsystem ins Auge fassen, so wirkt das Stoffwechselsystem
mit seiner grofken Intensitat natiirlich im menschlichen Unterleibe.
Aber dasjenige, was da im menschlichen Unterleibe vor sich geht, das
muft eine polarisch entgegengesetzte Tatigkeit hervorrufen im Haupte
des Menschen, im Nerven-Sinnessystem, wenn der Mensch gesund
sein soil.
Denken Sie nun, daft jene intensive Tatigkeit, die eigentlich die
Tatigkeit des menschlichen Verdauungssystemes ist, sich durch eine zu
starke, zu grofte Intensitat bis nach dem Nerven-Sinnessystem aus-
dehnt, so daft also diejenige Tatigkeit, die eigentlich im Stoffwechsel-
system sein sollte, auf das Nerven-Sinnessystem iibergreift, dann haben
Sie zwei, allerdings Naturprozesse meinetwillen, aber Sie sehen gleich,
wie der eine Naturprozefi zum Abnormen wird. Er gehort eben nur
hinein in das Stoffwechselsystem, und er bricht gewissermaften nach
oben durch in das Nerven-Sinnessystem.
Dadurch entstehen die verschiedenen Formen einer zwar von der
Medizin heute etwas als Quantite negligeable behandelten Krankheit,
aber, ich mochte sagen, von einem grofien Teil der Menschheit weniger
so behandelten Krankheit, denn es sind uberall diese verschiedenen
Krankheitsformen bekannt. Dadurch entsteht dasjenige, was unter
den verschiedenen Formen der Migrane bekannt ist. Und man muft,
um die Migrane in ihren verschiedenen Formen zu verstehen, diesen
Prozeft begreifen, der eigentlich in seiner Intensitat, so wie er da ist,
sich im Stoffwechselsystem abspielen soil, und der nach dem Nerven-
Sinnessystem hin durchbricht, so daft die Nerven und die Sinne selber so
behandelt werden, daft der Stoffwechsel in sie hineinschieftt, statt daft
er an seinem eigentlichen Orte bleibt.
Das Umgekehrte kann stattfinden. Der Prozeft, der am intensivsten
sein soil im Nerven-Sinnessystem, der ganz entgegengesetzt ist dem
Stoffwechselprozeft, der kann wiederum in einer gewissen Weise nach
dem Stoffwechselsystem durchbrechen. So daft im Stoffwechselsystem,
statt daft dort nur ein ganz untergeordneter Nerven-Sinnesprozeft vor
sich geht, ein gesteigerter Nerven-Sinnesprozeft sich abspielt, daft ge-
wissermaften dasjenige, was dem Kopf gehort, durchbricht und in dem
Unterleibe auftritt, die Kopftatigkeit also im Unterleibe auftritt. Wenn
dies geschieht, dann entsteht im Menschen die gefahrliche Krankheit
des abdominalen Typhus.
So sieht man in der Tat dadurch, daft man diesen dreigliedrigen
Menschen von Grund aus versteht, wie im menschlichen Organismus
der Krankheitsprozeft aus dem gesunden Prozefi heraus sich entwickelt.
Ware unser Kopf mit seinem Nerven-Sinnessystem nicht so organisiert,
wie er organisiert ist, dann konnten wir nie einen Typhus haben. Ware
unser Unterleib nicht so organisiert, wie er ist, konnten wir niemals
eine Migrane haben. Aber die Kopftatigkeit soil im Kopfe, die Unter-
leibstatigkeit im Unterleibe bleiben. Brechen sie durch, so entstehen
eben solche Krankheitsformen.
Und wie auf diese zwei besonders charakteristischen Krankheits-
formen, so kann man auf andere Krankheitsformen hindeuten, die
immer dadurch entstehen, dafi eine gewisse Tatigkeit, die in ein ge-
wisses Organsystem gehort, an einem anderen Orte, in einem anderen
Organsystem sich geltend macht.
Geht man nur anatomisch vor, so sieht man eben, wie die kleinsten
Teile im Gewebe des Organismus drinnen sind. Aber man sieht dieses
Wirken von polarisch entgegengesetzter Tatigkeit nicht. An der Ner-
venzelle konnen Sie nur studieren, daft sie entgegengesetzt organisiert
ist, sagen wir der Leberzelle. Wenn Sie ins Ganze des Organismus so
hineinschauen konnen, dafi er Ihnen eben in seiner Dreigliederung er-
scheint, dann merken Sie auch, wie die Nervenzelle eine Zelle ist, die
fortwahrend sich auflosen will, die fortwahrend abgebaut sein will,
wenn sie gesund sein soli, und wie eine Leberzelle etwas ist, was fort-
wahrend aufgebaut sein will, wenn sie gesund sein soil. Das sind po-
larische Tatigkeiten. Sie wirken in der richtigen Weise aufeinander,
wenn sie entsprechend verteilt sind im Organismus, sie wirken in der
unrichtigen Weise ineinander, wenn sie ineinander eindringen.
Das rhythmische System steht in der Mitte und will eben immer
den Ausgleich schaf fen zwischen den einander entgegengesetzten pola-
rischen Tatigkeiten des Nerven-Sinnessystems und des Stoffwechsel-
GHedmafiensystems.
Ich mochte nun ein besonderes Beispiel herauswahlen, um Sie ge-
wissermafien hineinschauen zu lassen - ich kann natiirlich alles nur
aphoristisch erortern -, wie man die Beziehung des aus der Natur ge-
nommenen Heilmittels mit seinen Kraften zu den im Inneren des
Menschen wirkenden Gesundungs- und Erkrankungskraften finden
kann.
Wollen wir einmal unseren Blick hinwenden auf ein ganz bestimm-
tes Erz, das sich in der Natur findet, das sogenannte Antimonerz. An-
timon hat, wenn man es schon aufterlich betrachtet, eine aufterordent-
lich interessante Eigenschaft. Es formt sich in der Natur so, dafi gewis-
sermafien Spiefie entstehen, stangenformige, spiefiartige Gliederungen,
die sich aneinanderlegen, so dafi man das Antimonerz in der Natur
so findet, dafi man es, wenn ich es schematisch aufzeichne, etwa so
aufzeichnen konnte. Fast wie ein mineralisches Moos oder eine mine-
ralische Flechte wachst das. Man sieht, dafi gewissermafien dieses Mi-
neral sich fadenformig anordnen will. Man sieht noch viel deutlicher,
wie sich dieses Mineral, dieses Erz fadenformig anordnen will, wenn
man es einem gewissen physikalisch-chemischen Prozefi unterwirft.
Dann wird es noch dunnfaseriger. Es ordnet sich ganz diinnfaserig an.
Besonders bedeutsam aber ist das, was auftritt, wenn man dieses Anti-
mon einer gewissen Art von Verbrennungsprozefi unterwirft. Man be-
kommt einen weifien Rauch, der sich an Wande anlegen kann und dann
glanzend, spiegelartig wird. ;; * Man nennt das den Antimonspiegel. Er
wird heute wenig mehr respektiert, wurde aber in der alten Medizin
aufierordentlich viel angewendet, eben aus alten Erkenntniskraften
heraus, von denen ich Ihnen in den Vormittagsvortragen wiederholt
gesprochen habe. Dieser Antimonspiegel, also das, was sich erst aus
dem Verbrennungsprozefi heraus entwickelt und sich an "Wanden ab-
lagern kann, so daft es spiegelglanzend wird, ist eben etwas aufier-
ordentlich Wichtiges.
f Siehe Hinweis auf Seite 249
17
Zu alledem gesellt sich eine andere Eigenschaft. Ich will nur dies
hervorheben: Wenn man das Antimon gewissen elektrolytischen Pro-
zessen unterwirft und es an die sogenannte elektrolytische Kathode
bringt, so braucht man nur, nachdem man das Antimon herangebracht
und dem elektrolytischen Prozeft unterworfen hat an der Kathode,
einen kleinen Einflufi auszuiiben, und man bekommt eine kleine Anti-
monexplosion. Kurz, dieses Antimon hat die denkbar interessantesten
Eigenschaften.
Wenn man in einer gewissen mafiigen Dosierung das Antimon in
den menschlichen Organismus einfiihrt, so kann man an den verschie-
denen Vorgangen studieren, wie in der Tat dieselben Krafte, die sich
so verhalten, wie ich es jetzt geschildert habe am Antimon, im mensch-
lichen Organismus ihre Fortsetzung erfahren, und wie sie da allerlei
Krafteformen, allerlei Wirkungsformen annehmen.
Diese Wirkungsformen - ich kann natiirlich die Einzelheiten, die
Belege hier nicht auseinandersetzen, will Ihnen nur dasjenige, was
eben innerer Zusammenhang ist, kurz skizzieren -, diese Prozesse also,
die da im menschlichen Organismus auftreten, treten zum Beispiel be-
sonders stark iiberall da auf, wo Blut gerinnt. Also sie verstarken, sie
befordern das Blutgerinnen. Aber untersucht man nun mit denjenigen
Methoden, die eben auch zu der Dreigliederung des menschlichen Or-
ganismus gehoren, die uns allmahlich in die menschliche Wesenheit
hineinschauen lassen und erkennen lassen, wie die einzelnen Systeme
in den verschiedenen Organen sich verhalten, schaut man so in den
menschlichen Organismus hinein, so findet man, daf$ dasjenige, was
im Antimon lebt, nicht blofi draufien im mineralischen Antimon lebt,
sondern dafi das tatsachlich ein Kraftezusammenhang ist, der im
menschlichen Organismus selber lebt, der immer im menschlichen Or-
ganismus, im gesunden Organismus vorhanden ist, und der nun im
kranken menschlichen Organismus auch Formen annimmt von der
Art, wie ich es Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe.
Dieser, ich mochte sagen, im menschlichen Organismus selber vor-
handene Antimonprozeft, ist einem anderen Prozeft polarisch entge-
gengesetzt. Er ist entgegengesetzt dem Prozesse, der iiberall da auftritt,
wo die plastisch tatigen Krafte, zum Beispiel die zellenbildenden
Krafte auftreten, die zellenrundenden Krafte, wo also dasjenige auf-
tritt, was eigentlich die Zellsubstanz des menschlichen Organismus
bildet. Ich mochte diese Krafte, weil sie vorzugsweise zum Beispiel in
der Eiweiftsubstanz enthalten sind, die albuminisierenden Krafte nen-
nen. Und so haben wir im menschlichen Organismus die Krafte, die
wir draufien in der Natur, im Antimon namentlich, dann finden, wenn
wir das Antimon zum Beispiel der Verbrennung unterwerfen und bis
zum Antimonspiegel bringen. Die Krafte, die draufien im Antimon
wirken, die haben wir also im menschlichen Organismus auch wirkend.
Wir haben aber auch die entgegengesetzten Krafte wirksam, die albu-
minisierenden Krafte, welche die Antimonkrafte zum Stillstand brin-
gen, wegschaffen.
Diese zwei Kraftesysteme, albuminisierende und antimonisierende
Krafte, die wirken nun einander so entgegen, daft sie im menschlichen
Organismus in einem gewissen Gleichgewicht stehen miissen. Man mufi
nun erkennen, dafi zum Beispiel jener Prozefi, den ich Ihnen vorhin
prinzipiell geschildert habe und der zugrunde liegt dem abdominalen
Typhus, im wesentlichen darauf beruht, dafi das Gleichgewicht zwi-
schen diesen beiden Kraftesystemen gestort ist.
Um nun recht in den menschlichen Organismus hineinzuschauen,
mufi man dasjenige zu Hilfe nehmen konnen, was ich Ihnen gerade
von den verschiedensten - allerdings nicht medizinischen - Gesichts-
punkten aus in diesen Morgenvortragen wahrend dieses Kursus aus-
einandergesetzt habe.
Da haben wir gesehen, wie der Mensch nicht blofi diesen physi-
schen Korper hat, sondern einen atherischen oder Bildekraftekorper,
einen astralischen Korper, eine Ich-Organisation. Und gerade gestern
war ich in der Lage, Ihnen auseinanderzusetzen, wie einen innigen Zu-
sammenhang der physische Korper und der Bildekraftekorper auf der
einen Seite haben, das Ich und der astralische Korper auf der anderen
Seite, wie aber einen loseren Zusammenhang der astralische Leib und
der Bildekrafteleib oder Atherleib haben, denn die trennen sich jede
Nacht.
Dieser Zusammenhang, der in einem Ineinanderspielen der Krafte
des astralischen Leibes und des Atherleibes besteht, ist nun radikal
gestort beim abdominalen Typhus. Bei diesem abdominalen Typhus
tritt das ein, dafi der astralische Leib schwach wird, nicht in der ent-
sprechenden intensiven Weise in den physischen Leib hineinwirken
kann, dadurch, weil er fiir sich wirkt, jenes Obergewicht hervorruft,
was gewissermafien die Nerven-Sinnesorganisation, die hauptsachlich
dem Astralleibe unterliegt, hinunterdrangt. Statt dafi sie sich nun ver-
wandelt in der Stoffwechselorganisation, bleibt sie als solche, als astra-
lische Tatigkeit vorhanden. Der Astralleib wirkt fiir sich. Er wirkt
nicht ordentlich hinein in den Atherleib. Dadurch entstehen die Krank-
heitssymptome, die eben das Symptomenbild des Typhus geben.
Nun wirkt dasjenige, was gerade im Antimon so auftritt, dafi das
Antimon gewissermafien die mineralische Natur verleugnet, kristalli-
nisch spiefiig wird, dafi sogar der Antimonspiegel,* wo er sich ablagert,
wie die Schneeblumen am Fenster erscheint, also auch die innere Kri-
stallisationskraft wie in der Natur aufweist, diese Kristallisations-
kraft also, die im Antimon wirksam wird, wirkt, wenn wir sie nun in
entsprechender Weise als Arznei verarbeiten und in den Organismus
einfiihren, so, dafi sie diesen Organismus unterstutzt, damit er seinen
Astralleib mit seinen Kraften wiederum in der richtigen Weise in den
Atherleib hineinschieben, diese Leiber wieder in den richtigen Zusam-
menhang bringen kann.
"Wir unterstiitzen mit dem aus dem Antimon in der entsprechenden
Weise hergestellten Heilmittel denjenigen Prozefi, der dem typhosen
Prozefi entgegengesetzt ist. Und dadurch kann man gerade mit dem
Antimonheilmittel - dem, je nachdem die Krankheit diesen oder jenen
Verlauf nimmt, andere Stoffe beigemischt sein mussen, die wiederum
in einer ahnlichen Beziehung zum menschlichen Organismus stehen -,
man kann mit diesem Heilmittel, dem andere Stoffe beigemischt sind,
gerade die Krankheit bekampfen, indem man die Prozesse im Orga-
nismus erregt und unterstutzt, damit er seine eigene, ich mochte sagen,
antimonisierende Kraft entfaltet, die dann dahin geht, den richtigen
Rhythmus im Zusammenwirken von atherischem Leib und astrali-
schem Leib hervorzurufen.
So fUhrt die anthroposophische Betrachtung dazu, das Verhaltnis
zu sehen zwischen dem, was draufien in der Natur, im Naturding
20
: " Siehe Hinweis auf Seite 249
wirkt, wie ich es Ihnen an dem Beispiel des Antimons gezeigt habe, und
dem, was im Inneren des menschlichen Organismus wirkt. Sie konnen
diese albuminisierende, also plastisch rundende, und die nach Linien
wirkende Kraft bis in die Keimzelle hinein verfolgen.
Demjenigen, der wirklich Erkenntnisse auf diesem Gebiete erwor-
ben hat - so unangenehm es ihm ist, es so zu sagen, weil er ja weifi,
dafi er den Hafi und die Antipathie der entsprechenden Leute hervor-
ruft - und der so hineinsieht in das Getriebe des menschlichen Organis-
mus, dem kommen die wirklich sonst wunderbarsten mikroskopie-
renden Untersuchungen iiber die Eizelle, iiber die Keimzelle, aufier-
ordentlich dilettantisch vor. Da beobachten die Leute auflerlich die
Eizelle als solche, die Entstehung der sogenannten Zentrosomen - Sie
konnen ja das in irgendeiner Embryologie nachlesen -, ohne zu wis-
sen, wie diese albuminisierenden Krafte, die auch den Gesamtorganis-
mus beherrschen, entgegengesetzt, polarisch entgegengesetzt den anti-
monisierenden Kraf ten wirken. Die Rundung der Eizelle als solche wird
hervorgerufen durch die albuminisierende Kraft; die Zentrosomen nach
der Befruchtung werden hervorgerufen durch die antimonisierenden
Prozesse.
Das aber geht in dem ganzen menschlichen Leibe vor sich. Und
indem man in der richtigen Weise das Heilmittel bereitet und durch
die Diagnose weifi, worinnen man den menschlichen Organismus unter-
stutzen mufi, fiihrt man diejenigen Krafte diesem menschlichen Orga-
nismus zu, die er braucht, um einem Krankheitsprozesse entgegenzu-
arbeiten.
Indem man die anthroposophischen Gesichtspunkte in die Medizin
hineinbringt, wird eigentlich eben das bewirkt, daft die wirkliche rich-
tige Beziehung des Makrokosmos, der ganzen Welt zum Menschen
dabei ins Auge gefafit wird. Und geradeso wie ich Sie auf das Anti-
mon gewiesen habe - ich mufke natiirlich iiber das Antimon viel sagen,
wenn ich das nun im einzelnen wissenschaftlich auseinandersetzen
wollte, aber ich will ja nur das Prinzipielle andeuten - und auf die
Prozesse, die es aus sich hervorgehen lassen kann, die es in sich hat,
wenn man es so oder so behandelt, so konnte ich Ihnen nun zum Bei-
spiel auch das ganze Verhalten innerhalb der Natur und ihrer Pro-
zesse zeigen, sagen wir fur dasjenige, was man als Mineral Quarz
nennt, Kieselsaure, Silicea, was dem Granit als einem seiner Bestand-
teile beigemischt ist, was in seinen Vorkommen durchsichtig kristalli-
siert und so hart ist, so dafi man es nicht mehr mit dem Messer ritzen
kann, eben ein Bestandteil des Granits ist. Wenn man diesen Stoff in ent-
sprechender Weise behandelt, so bekommt er, wenn er dem Organis-
mus beigebracht wird - in der richtigen Dosierung selbstverstandlich,
das mufi dann die Diagnose ergeben die Eigenschaft, dasjenige, was
im Nerven-Sinnessystem wirken soil, was der Organismus im Nerven-
Sinnessystem als die Eigenkrafte dieses Nerven-Sinnessystems auf-
bringen soil, zu unterstutzen. So dafi man sagen kann: was eigentlich
die Sinne tun sollen, das unterstiitzt man, wenn man in der rechten
Weise dieses Heilmittel, das aus Silizium, aus dem Quarz bereitet ist,
dem Menschen beibringt. Man mufi dann, je nachdem die Nebensym-
ptome sind, andere Stoffe wiederum beimischen, aber in der Haupt-
sache handelt es sich hier um die Wirkung desjenigen, was im Kiesel-
saurebildungsprozefl liegt. Wenn man also diesen Kieselsaurebildungs-
prozefi in den menschlichen Organismus hineinbringt, so wird eine zu
schwach wirkende Tatigkeit im Nerven-Sinnessystem unterstiitzt. Sie
wirkt dann in der richtigen Starke. Nun, wenn diese Nerven-Sinnes-
tatigkeit zu schwach wird, so bricht die Verdauungstatigkeit eben nach
dem Kopfe durch. Die migraneartigen Zustande entstehen.
Unterstiitzt man nun die Sinnestatigkeit, die Nerven-Sinnestatig-
keit in der richtigen Weise mit einem Heilmittel, das in rechter Art
aus der Kieselsaure, aus dem Quarz, Silicea, erzeugt ist, dann wird
das Nerven-Sinnessystem bei dem Migranekranken so stark, daft es
wiederum den durchgebrochenen VerdauungsprozelS zuriickdrangen
kann.
Ich schildere Ihnen diese Dinge natiirlich etwas grob, aber Sie
werden daraus sehen, worauf es ankommt. Es kommt darauf an, den
gesunden und kranken menschlichen Organismus wirklich zu durch-
schauen, nicht blofi nach seiner Zellenzusammensetzung, sondern nach
dem, was als Krafte in gleichem Sinne oder polarisch oder rhythmisch
in diesem menschlichen Organismus wirkt, urn dann dasjenige in der
Natur aufzusuchen, was beim Naturwirken im menschlichen Orga-
nismus diesen oder jenen krankhaften Prozefi bekampfen kann.
So kann man zum Beispiel finden, wie derjenige Prozefi, der im
Phosphor enthalten ist, in der aufieren Natur ein ProzelS ist, der, wenn
man ihn in den menschlichen Organismus hinuberfuhrt, unterstiitzend
auf eine gewisse Art inneren Unvermogens des menschlichen Organis-
mus wirkt: dann namlich, wenn der menschliche Organismus in bezug
auf gewisse Krafte, die in seinem Inneren, wenn er gesund ist, immer
wirken sollen, unfahig wird, diese Krafte in der richtigen Weise wir-
ken zu lassen, wenn er zu wenig Kraft hat, urn gewisse Krafte in sich
wirken zu lassen, die eigentlich eine Art organischen Verbrennungs-
prozesses sind, der immer da ist bei der Umbildung der Stoffe im
menschlichen Organismus. Bei jeder Bewegung, bei allem, was der
Mensch tut, auch bei demjenigen, was innerlich ausgefiihrt wird, ge-
schehen ja organische Verbrennungsprozesse. Nun kann der menschliche
Organismus zu schwach werden, um diese organischen Verbrennungs-
prozesse in der richtigen Weise zu regeln. Sie miissen namlich in einer
gewissen Weise gehemmt werden. Werden sie zu wenig gehemmt, dann
entwickeln sie sich in vehementer Art. Die organischen Verbrennungs-
prozesse haben eigentlich durch sich selbst immer eine unermefiliche,
unbegrenzte Intensitat, sonst wiirde sogleich da oder dort eine zu grofie
Ermiidung eintreten, oder man wiirde uberhaupt nicht weiterkon-
nen, als sich bewegender Mensch. Diese organischen Verbrennungspro-
zesse haben eigentlich eine, ich will sagen, unbegrenzte Intensitat,
und der Organismus mufi fortwahrend die Moglichkeit haben, sie zu
hemmen.
Wenn nun entweder in einem Organsystem oder im ganzen Orga-
nismus diese hemmenden Krafte nicht da sind, wenn der Organismus
zu schwach geworden ist, urn seine organischen Verbrennungsprozesse
in der richtigen Weise zu hemmen, dann entsteht dasjenige, was in
den verschiedensten Formen die Tuberkulose ist. Es wird nur durch
die organische Ohnmacht, mochte ich sagen, durch das Nichthemmen-
konnen der Verbrennungsprozesse der geeignete Nahrboden fiir die
Bazillen geschaffen; diese konnen sich dann auf diesem Nahrboden
finden.
Es soil gar nichts hier gegen die Bazillentheorie gesagt werden. Die
Bazillentheorie ist sehr niitzlich. Aus der verschiedenen Art, wie die
Bazillen da oder dort auftreten, erkennt man naturlich verschiedenes;
fiir die Diagnose erkennt man daraus iiberhaupt aufierordentlich viel.
Es soli von mir selbst aus iiberhaupt nicht gegen die offizielle Medi-
zin aufgetreten werden, sondern sie soli eigentlich nur da fortgesetzt
werden, wo sie an gewisse Grenzen kommt. Und so fortgesetzt kann
sie werden, indem eben gerade die Gesichtspunkte der Anthroposophie
auf sie angewendet werden.
Fiihrt man dem Organismus nun Phosphor zu, dann unterstiitzt
man diese Fahigkeiten, die organischen Verbrennungsprozesse zu hem-
men. Aber da mufi man Riicksicht darauf nehmen, dafi diese Hemmung
von den verschiedensten Organsystemen ausgehen kann. Geht sie zum
Beispiel, sagen wir von dem System, das in den Knochen vorzugsweise
arbeitet, aus, dann mufi man die Phosphorwirkung im menschlichen
Organismus dadurch unterstiitzen, daft man sie gewissermafien gerade
nach der Knochenseite hin spezialisiert. Das geschieht, indem man das
Heilmittel des Phosphors verbindet in irgendeiner Weise, die sich eben
dann durch das genauere Studium der Sache ergibt, mit Kalzium oder
Kalziumsalz. Hat man es mit einer Dunndarmtuberkulose zu tun, so
wird man irgendwelche Kupferverbindungen in der richtigen Dosie-
rung dem Phosphor beimischen. Hat man es mit einer Lungentuber-
kulose zu tun, so wird man zum Beispiel Eisen zu dem Phosphor hin-
zugeben. Aber es kommen dann, da die Lungentuberkulose eine aufierst
komplizierte Erkrankung ist, unter Umstanden noch andere Beimi-
schungen in Betracht. So sehen Sie also, dafi die Moglichkeit einer
wirklichen Therapie darauf beruht, wie die chemischen und physika-
lischen Prozesse im menschlichen Organismus sich fortsetzen, wie sie
da drinnen weiterwirken.
Die offizielle Medizin geht eben vielfach von der Ansicht aus, daft
so, wie die Antimonkrafte drauften im Antimon wirken, sie auch im
menschlichen Organismus wirken. Das ist nicht der Fall. Man mufi
sich klar sein dariiber, wie diese Prozesse im menschlichen Organis-
mus weiter wirken. Und das kann man namentlich sehen, wenn man
eben die eigentlich anthroposophischen Erkenntnisse auf die Versuche
anwendet, um die es sich dabei handelt.
Haben wir beim Antimon und seinen Kraften gesehen, daft das
Antimon den Rhythmus herstellt zwischen astralischem Korper und
Atherkorper oder Bildekraftekorper, so kann man bei den Kraften,
die in der Kieselsaure, im Quarz, in der Silicea wirken, sehen, daft
sie besonders dazu geeignet sind, das richtige Verhaltnis zwischen dem
Ich und dem astralischen Leib, wenn es gestort wird, herzustellen, um
dadurch auf das Nerven-Sinnessystem gesundend zu wirken. Wah-
rend es beim Kalk so ist - insbesondere bei dem Kalk, der von Kalk-
absonderungen der Tiere verwendet wird -, daft man Heilmittel be-
kommt, die das richtige Verhaltnis herstellen zwischen dem Bilde-
krafteleib und dem physischen Leib.
So daft man sagen kann: Es fiihrt einen die richtige Anschauung
des Menschen dazu, Kalk oder uberhaupt Ahnliches, namentlich also
vom tierischen Organismus Abgesondertes, Austernschalen zum Bei-
spiel zu verwenden, um das richtige Verhaltnis herzustellen, wenn es
gestort ist, was sich immer dann auch in physischen Prozessen aus-
driickt, in Krankheitsprozessen. Um das richtige Verhaltnis zwischen
dem Atherleib und dem physischen Leib herzustellen. Darauf hat man
bei solchen kalkigen oder ahnlichert Absonderungen bei der Heilmittel-
bereitung zu reflektieren.
Hat man es zu tun mit einem arrhythmischen Zusammenwirken des
Bildekrafteleibes und des astralischen Leibes, so muft man auf solche
Dinge sehen, wie sie beispielsweise im Antimon, aber noch in zahl-
reichen anderen Metallen vorhanden sind, insbesondere aber auch in
den Bestandteilen, die im mittleren Teile der Pflanzen enthalten sind,
also in den Blattern und in dem Stamme namentlich stark vorhanden
sind, wahrend diejenigen Krafte, die dem Phosphorprozeft entsprechen,
vorzugsweise in den Blutenorganen der Pflanzen enthalten sind, und
diejenigen Prozesse, die dem Kieselsaureprozeft entsprechen, in den
Wurzelorganen der Pflanzen. So daft man auch die Beziehung finden
kann zwischen den Kraften, die in den verschiedenen Teilen der Pflan-
zen sind. Die Wurzelkrafte haben eine entschiedene Verwandtschaft
und Beziehung zum menschlichen Kopf und zum Nerven-Sinnessystem.
Die Blatter und die Stammorgane haben eine besondere Beziehung zu
dem rhythmischen System und die Blutenorgane eine besondere Be-
ziehung zum Unterleibs-, zum Stoffwechselsystem. Wenn man daher
oftmals in einer einfachen Weise dem Verdauungs-, dem Stoffwechsel-
system zu Hilfe kommen will, so gelingt das sehr haufig einfach da-
durch, daft man, nachdem man in der richtigen Weise diagnostiziert
hat, bestimmte Blutenorgane wahlt, die man zu Tee bereitet. Auf diese
Weise kommt man den Verdauungsorganen bei. Wahrend man die
Salze der Wurzeln ausziehen muft durch einen besonderen Ausziehungs-
prozeft, wenn man ein Heilmittel gewinnen will, das zum Beispiel auf
den Nerven-Sinnesprozefi, auf die Kopforgane besonders wirkt.
Und so muft man auf der einen Seite die Natur, auf der anderen
Seite den menschlichen Organismus durchschauen. Dann kann man in
der Natur wirklich die Heilmittel so finden, daft man sehen kann, wie
die beiden Dinge zusammenhangen, daft man nicht bloft klinisch pro-
bieren muft: Wie wirkt das? - Und dann, nicht wahr, eine Reihe von
Fallen aufzeichnet, von denen neunzig Prozent oder siebzig Prozent
irgendwie ein giinstiges Resultat zeigen, wobei man sich aufterdem
in vierzig Fallen dann geirrt hat. Dann wird die Sache statistisch be-
handelt, und je nachdem die Statistik das oder jenes ergibt, wird die
Sache dann als Heilmittel oder nicht als ein Heilmittel betrachtet.
Ich kann diese Dinge eben wirklich nur in der Kiirze aphoristisch
behandeln, um Ihnen zu zeigen, wie in der Tat, ohne irgendwie in
einen Dilettantismus oder in eine arztliche Sektiererei zu verfallen,
streng wissenschaftlich vorgegangen werden kann, um den Erkran-
kungsprozessen durch Heilmittel, die aus der menschlichen Anschau-
ung stammen, beizukommen.
Ebenso wie die Erkenntnis des richtigen Naturstoffes und Natur-
prozesses wichtig ist, die zum Heilmittel verarbeitet werden miissen,
ebenso wichtig ist dann die besondere Art der Anwendung.
Gerade dadurch, daft man entweder auf das Nerven-Sinnessystem
wirken kann, um in der angedeuteten Weise von ihm aus in der rech-
ten Art die Gesundung herbeizufiihren, oder auf das rhythmische
System, oder auf das Stoffwechsel-Gliedmaftensystem, gerade dadurch,
daft man auf diese einzelnen Systeme wirken mufi, ist es wichtig, ist es
wesentlich, auch zu wissen, wie die Behandlungsmethode nun eintreten
soil. Denn fast jedes Heilmittel kann man wiederum in dreierlei Art
anwenden. Entweder wird es dem Menschen durch den Mund in den
Magen und so weiter eingefuhrt, man rechnet also bei der Art und
Weise, wie der Mensch das Heilmittel aufnimmt, auf den Stoffwechsel
des Menschen, auf das Stoffwechselsystem und darauf, wie das Stoff-
wechselsystem dann auf die anderen Systeme wirkt. Daher hat man
Heilmittel, die insbesondere in dieser Art gebraucht werden, daft sie
dem Menschen durch Mund und Magen eingefuhrt werden und so
weiter.
Dann aber gibt es auch Heilmittel, die im eminentesten Sinne so ver-
wendet werden miissen, daft sie schon durch ihre Verwendungsweise
auf das rhythmische System wirken. In dieser Beziehung wird Anti-
mon ganz besonders dazu berufen sein, die richtige Behandlungsme-
thode in bezug auf diesen Punkt zu finden. Denn da treten die Inji-
zierungen, die Injektionsmethoden ein. Und das Heilmittel, das dem
Blute eingeimpft wird, oder in anderer Weise injiziert wird, das ist
dasjenige, bei dem vor alien Dingen wiederum darauf gerechnet wird,
dafi es auf den rhythmischen Prozeft des Menschen wirkt.
Bei denjenigen Heilmitteln, die man als Bader und in Salben ver-
wendet, oder selbst da, wo es darauf ankommt, aufierlich mechanisch
den menschlichen Organismus zu behandeln, sagen wir in Massage-
prozessen oder dergleichen, also da, wo es sich darum handelt, in einer
mehr aufterlichen Weise das Heilmittel oder den Heilprozeft an den
Menschen heranzubringen, da rechnet man darauf, daft die Heilme-
thode auf das Nerven-Sinnessystem wirkt.
Und so kann man wiederum durch jedes andere System in der ver-
schiedensten Weise eben wieder zum Heilprozefi hinarbeiten. Nehmen
wir an, wir haben Silicea, ein Quarz. Es ist etwas anderes, ob wir zum
Beispiel ein Heilmittel haben, das wir zubereiten, und das durch den
Mund genommen werden soli, oder ob es injiziert wird. Rechnen wir
darauf, dafi es durch den Mund genommen wird, so wollen wir durch
die Art und Weise, wie es im Verdauungssystem verarbeitet wird und
das Verdauungssystem wiederum die Krafte in das Nerven-Sinnes-
system schickt, also auf dem Umwege durch das Verdauungssystem
die Quarzprozesse hereinfuhren. Rechnen wir aber damit, dafi sie
mehr hineingeschickt werden sollen in das Nerven-Sinnessystem, da-
durch dafi sie eingefiigt werden dem Blutorganismus, dem Atmungs-
rhythmus, wodurch wiederum auf dem Umweg durch diesen Rhyth-
mus geheilt werden kann, wenn wir also dies beabsichtigen, so injizie-
ren wir.
Wenn wir beabsichtigen, durch das Verdauungsorgan irgendwie
aromatisch-atherische Substanz, wie sie in der Pflanzenbliite enthalten
ist, zur Wirksamkeit zu bringen, so machen wir einen Tee, den wir
durch den Mund in den Magen einfiihren. Wollen wir dadurch wirken,
dafi wir das atherische Ol, das in aromatischer Weise auf das Nerven-
Sinnessystem wirkt, direkt zur Wirksamkeit bringen oder durch das
Nerven-Sinnessystem auf den rhythmischen Prozefi, dann machen wir
aus den Saften dieser Bliiten meinetwillen irgendein Bad, indem wir
den Saft dieser Bliiten dem Wasser beimischen und ein Bad daraus be-
reiten. Da wirken wir auf das Nerven-Sinnessystem.
Und so sehen Sie, wie wiederum auch von den Behandlungsweisen,
die man den einzelnen Stoffen in ihrem Verhaltnis zum Menschen an-
gedeihen lafk, eben die Heilwirkung abhangt.
Alle diese Dinge werden in einer wirklich durchsichtigen Weise
erst zum Vorschein kommen, wenn anthroposophische Erkenntnis im-
mer mehr und mehr auf die Beziehung der Naturwirkungen zum
Menschen angewendet wird, wenn also durch Anthroposophie her-
auskommt, welche Heilmittel man anwenden soli, und wie man sie
auf den Menschen anwenden soil.
Damit auf diese Weise etwas bewirkt werden kann, sind durch
Arzte, die sich hinzugefunden haben zu unserer anthroposophischen
Bewegung, unsere Klinisch-Therapeutischen Institute mit ihren ent-
sprechenden Laboratorien und sonstigen Unternehmungen gegrundet
worden, damit auf der einen Seite Heilmittel und Heilmethoden aus-
probiert werden konnen, auf der anderen Seite die Heilmittel herge-
stellt werden konnen. Solche klinischen sowohl wie chemisch-phar-
mazeutischen Institute haben wir in Arlesheim bei Dornach und Stutt-
gart.
Insbesondere soli hier hingewiesen werden auf das Klinisch-Thera-
peutische Institut in Arlesheim, das ja unter der ausgezeichneten Lei-
tung von Frau Dr. Wegman steht, die insbesondere eine segensreiche
Wirksamkeit fiir dieses Institut dadurch entfaltet, daft sie dasjenige
hat, was ich den Mut des Heilens nennen mochte. Denn es gehort ge-
rade, wenn man einerseits hineinblickt in die Kompliziertheit der Na-
turvorgange, aus denen die Heilungsprozesse hervorgeholt werden
sollen, auf der anderen Seite in die ungeheure Kompliziertheit der
Gesundheits- und Krankheitsprozesse im Menschen, es gehort, wenn
man dieses unermefiliche Feld vor sich hat - und man hat immer
dieses unermefiliche Feld vor sich, auch wenn man eben nur eine
bestimmte Anzahl von Patienten hat -, dann zum Heilen der Mut
des Heilens.
Angegliedert ist diesem Arlesheimer Institut ein Internationales
Pharmazeutisches Laboratorium, in dem die Heilmittel hergestellt wer-
den. Sie konnen heute in der ganzen Welt verwendet werden, wenn
man nur die richtigen Mittel und Wege sucht. Das Laboratorium stellt
die Mittel her; es miissen nur die Leute die Mittel und Wege zu dem
Laboratorium finden, darum handelt es sich. Es miissen die Leute die
richtigen Mittel und Wege finden, in welcher Weise man zu den Heil-
mitteln kommt. Nicht auf dilettantische Weise wird gearbeitet, nicht
verleugnet wird die heutige Wissenschaft, sondern die heutige Wissen-
schaft wird nur fortgesetzt.
Wird diese Erkenntnis einmal reifen in weitesten Kreisen, dann
konnen wir um das Gelingen einer solchen Bewegung, wie es das In-
ternationale Pharmazeutische Laboratorium in Arlesheim ist, wirklich
ganz unbesorgt sein. Aber es ist schwierig, gegeniiber der heutigen rein
materialistischen Richtung eine auf voller Menschenerkenntnis beru-
hende Therapie mit ihren Heilmitteln in der Welt auch wirklich zur
Geltung bringen zu konnen. Hier miifite man eigentlich auf die Ein-
sicht jedes Menschen rechnen, dem die Gesundheit seiner Mitmenschen
am Herzen liegt.
Nun, indem man so zunachst hinzuweisen hat auf dasjenige, was
durch Naturheilmittel erreicht werden kann und ihre entsprechende
Verwendung, wird natiirlich nicht ausgeschlossen, was auf dem Wege,
ich mochte sagen, mehr geistig-seelischer Prozesse in der Heilung er-
reicht werden kann. Auf diesem Gebiete macht man ja ganz besonders
fruchtbare Beobachtungen. Wenn man nun das Hygienisch-Therapeu-
tische, wie man es ja immer mufi in einer richtigen Padagogik, in die
Schule hineinzutragen hat, sieht man, wie die Art und Weise, wie man
seelisch-geistig im Unterricht auf die Kinder wirkt - wenn ich padago-
gische Vortrage halte, so setze ich ja diese Dinge auseinander -, zwar
vielleicht manchmal nicht sofort, aber im Verlauf des Lebensprozesses,
die mannigfaltigsten gesundenden und krankmachenden Wirkungen
haben kann. Ich will nur eines erwahnen. Der Lehrer kann zum Bei-
spiel mit Bezug auf das Gedachtnis des Kindes in der richtigen Weise
vorgehen, indem er ihm nicht zuviel und nicht zuwenig zumutet. Geht
er unrichtig vor, mutet er dem Gedachtnis zuviel zu im achten, neun-
ten, zehnten, elften Lebensjahre, hat er nicht den richtigen padago-
gischen Takt nach dieser Richtung, dann wird dasjenige, was da die
Seele vollbringen mufi in einer ubermafiigen Erinnerungstatigkeit, in
einer kiinstlich geziichteten Erinnerungstatigkeit, sich spater im Le-
ben ausleben als allerlei physische Erkrankungen. Man kann nachwei-
sen den Zusammenhang zwischen dem Diabetes und f alschen Gedacht-
nismethoden im Unterricht. Wahrend auch wiederum das Storen des
Gedachtnisses nach einer anderen Seite in einer ungiinstigen Weise
durchaus auf das Kind wirken kann.
Ich kann das nur prinzipiell erwahnen, denn die Zeit ist ja schon
so sehr vorgeschritten. Aber man sieht daraus, wie nicht nur an Ge-
sundheit und Krankheit die natiirlichen Heilmittel arbeiten, sondern
wie die besondere Art, wie die Seele selber arbeitet, fur Gesundheit
und Krankheit von ganz besonderer Wichtigkeit ist.
Und von da ausgehend kann man dann auch den Weg hinuberfin-
den zu denjenigen Methoden, wo wir versuchen, durch rein geistig-
seelische Einflusse von Mensch zu Mensch, die ich heute naturlich der
Kiirze der Zeit halber nicht im einzelnen beschreiben kann, Gesun-
dungsprozesse herbeizufiihren. Gerade auf diesem Gebiete kann man
sich aber sehr leicht einem Dilettantismus hingeben. Man kann zum
Beispiel den Glauben hegen, daft die sogenannten Geisteskrankheiten
am leichtesten durch geistige Einflusse zu heilen sind. Gerade die Gei-
steskrankheiten zeichnen sich dadurch aus, daft man den Kranken
eigentlich seelisch-geistig kaum beikommen kann. Das ist es ja gerade,
daft bei sogenannten Geisteskrankheiten die Seele sich gegen auftere
Einflusse abschliefit. Aber man wird immer finden, daft gerade bei den
sogenannten Geisteskrankheiten, die eigentlich ihren Namen mit Un-
recht ftihren, physische Krankheitsprozesse irgendwo verborgen vor-
liegen. Ehe man dilettantisch gerade bei Geisteskrankheiten herumhan-
tieren will, soli man eigentlich den physischen Krankheitsherd, der
sich manchmal sehr verbirgt, diagnostisch richtig finden, dann wird
man gerade wohltatig wirken durch entsprechende Heilung des physi-
schen Organismus.
Viel eher wird es sich gerade bei physischen Krankheiten darum
handeln, daft man durch allerlei geistig-seelische Einflusse, die heute
meist sehr dilettantisch betrieben werden - darauf will ich jetzt nicht
eingehen -, hilft. Gerade bei physischen Krankheiten wird in dieser
Beziehung viel Segen gestiftet werden konnen, in mancherlei Weise
der auftere Prozeft, der durch Heilmittel herbeigefiihrt werden soli
und dergleichen mehr, unterstiitzt werden konnen.
Ich kann das nur andeuten. Diejenigen Methoden, die auf dem Bo-
den der Anthroposophie fuften, schlieften ganz gewift therapeutische
seelisch-geistige Einflusse nicht aus, sondern ein. Das beweisen wir
ja dadurch, daft Sie im Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim-
Dornach neben den physischen Heilmethoden die sogenannte Heil-
eurythmie finden konnen.
Diese Heileurythmie besteht darin, daft man dasjenige, was Sie hier
als Kunsteurythmie sehen, an dem bewegten Menschen, dem Menschen
in seiner Gliederung, aber sich bewegend im Raume, umformt, das
Vokalisierende so umformt, daft sich der Mensch in gesunden Bewe-
gungen, die aber aus der Eurythmie herausgeholt sind, bewegt, daft
man die vokalisierenden Bewegungen so anwendet, daft man gerade
die Krafte, die ich vorhin die albuminisierenden Krafte im Menschen
genannt habe, dadurch unterstiitzt. Wahrend durch die konsonantisie-
renden Krafte vielfach die antimonisierenden Krafte unterstiitzt
werden.
So kann man auch durch das Zusammenwirken von konsonan-
tischer und vokalischer Heileurythmie das Gleichgewicht zwischen
diesen beiden Kraftearten herbeifiihren. Und namentlich kann es sich
da zeigen, wenn die Dinge richtig, nicht dilettantisch gemacht wer-
den, wie andere Heilprozesse, namentlich auch bei chronischen Erkran-
kungen, ungeheuer unterstiitzt werden konnen durch diese Heileu-
rythmie.
Diese Heileurythmie beruht eigentlich darauf, daft gerade seelisch-
geistige Vorgange wachgerufen werden durch dasjenige, was der
Mensch mit den Gliedern seines Korpers ausfiihrt. Wenn man weift,
welche Bewegungen aus dem gesunden Menschenorganismus unmittel-
bar hervorgehen wollen, dann kann man auch die entsprechenden Be-
wegungen finden, die heilend wirken, wenn von den Gliedmaften aus,
von der menschlichen Bewegung aus zuruckgewirkt wird auf den Pro-
zeft der inneren Organe.
So gibt es gerade in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arles-
heim die Moglichkeit, diese Heileurythmie aufzusuchen und zu sehen,
wie sie als Therapie nun ein besonderer Zweig innerhalb der ganzen
Heilprozesse sein kann, die eben aus wirklicher Menschenerkenntnis
heraus auf anthroposophischem Boden gefunden werden konnen.
Es wiirde naturlich zu weit gehen, gerade auf diesem Gebiete Ein-
zelheiten auszufuhren. Das Prinzip ist eigentlich in dem gegeben, was
ich dargestellt habe.
So ist es eben gekommen, daft wir in der mannigfaltigsten Weise,
weil sozusagen Heilkundige an uns herangekommen sind, diese thera-
peutische Stromung innerhalb der anthroposophischen Bewegung aus-
bilden muftten. Sie hat sich aus den Zeitverhaltnissen heraus ergeben.
Sie ist sozusagen von der gegenwartigen Zivilisation gefordert worden.
Anthroposophie hat ja im Grunde genommen nur die Antwort ge-
geben auf Fragen, die an sie gestellt worden sind.
Ich konnte Ihnen heute wirklich nur aphoristisch die Prinzipien
auseinandersetzen; mehr ist in dieser ja schon allzulang gewordenen
Zeit nicht moglich. Und wollte ich auch nur einiges ausfiihren, so dafi
es, ich mochte sagen, in seiner Ganzheit dastiinde, dann miifite ich
etwas ahnliches tun, was ich auch vorgestern bei dem eurythmischen
Vortrage abgelehnt habe, ich miifite Sie einladen, iiber Nacht dazu-
bleiben und mir zuzuhoren bis morgen friih, bis wir dann zu dem
morgigen Vormittagsvortrag zusammenkommen. Das ist etwas Krank-
machendes, und es kann doch wirklich nicht jemand, der iiber das Ge-
sundmachen reden will, auf diese Weise die Leute krank machen! Da-
her mufi man sie zu gesundem Schlafe schon lieber durch kurzere Dar-
stellung nach Hause schicken.
ZWEITER VORTRAG
London, 2. September 1923
Natiirlich mufi mein erstes Wort sein, meine sehr verehrten Anwesen-
den, daft ich Sie urn Entschuldigung bitte,"nicht in Ihrer Sprache spre-
chen zu konnen, sondern dafi ich zu Ihnen deutsch sprechen werde,
was iibersetzt werden muf$, und daher fiir die verehrten Zuhorer das
Anhoren etwas miihevoll wird sein miissen. Aber da ich die englische
Sprache nicht in der Weise beherrsche, wie es notig ware zu einem
Vortrage, so muft das eben so verlaufen. Ich bin einigen Freunden, vor
alien Dingen Mrs. Larkins, sehr dankbar dafiir, dafi ich im Anschluft
an die geisteswissenschaftlichen Vortrage, die ich in Sommerkursen in
Ilkley und in Penmaenmawr habe halten diirfen, nun auch an diesen
Abenden zu Ihnen iiber etwas sprechen darf, was in unserer geistes-
wissenschaftlichen Bewegung aufgetreten ist als eine Art medizinische
Bewegung, nicht etwa - das bitte ich wirklich durchaus zu beriick-
sichtigen - in irgendeiner Opposition gegen die offizielle Wissenschaft,
gegen die offizielle Medizin, sondern durchaus in der Absicht, das-
jenige, was an groften Einsichten, an grofien Fortschritten in der gegen-
wartigen Wissenschaft vorhanden ist, durch geisteswissenschaftliche
Anschauung weiterzufuhren. Es ist auch innerhalb der geisteswissen-
schaftlichen Bewegung, die, bevor solche wissenschaftliche Stromun-
gen in ihr zur Geltung gekommen sind, durchaus sich mehr mit den allge-
mein menschlichen, kunstlerischen, religiosen, sittlichen, padagogischen
Fragen und dergleichen befafit hat, nicht etwa so gewesen, dafi die
Absicht bestanden hat, einmal auch agitatorisch etwa auf dem medi-
zinischen Gebiete aufzutreten, sondern es haben sich in diese geistes-
wissenschaftliche Bewegung auf dem Kontinente auch Arzte gefunden,
Arzte, die trotz ihrer durchaus wissenschaftlichen Uberzeugung ihre
Seelenbedurfnisse zunachst glaubten innerhalb dieser geisteswissen-
schaftlichen Bewegung befriedigen zu konnen. Und dasjenige, was
ihnen da als eine Art Erforschung der iiber die physisch-sinnliche Welt
hinausliegenden geistigen Welt entgegentrat, das fiihrte sie einf ach da-
zu, nach und nach zu glauben, dafi manche von den grofien Zweifeln,
manche von den groften Fragen, die innerhalb der medizinischen Wis-
senschaft der Gegenwart sich dem praktischen Arzt ergeben, gerade
auf diesem Felde befriedigende, ich will nicht sagen, sogleich Losungen,
aber befriedigende Weiterfuhrungen finden konnen.
Und so ist denn eine arztliche Bewegung auf dem Kontinente aus
dieser unserer sogenannten anthroposophischen geisteswissenschaft-
lichen Bewegung herausgewachsen. Ich muft sagen, daft ich eigentlich
nicht gerade mit Vorliebe iiber diesen Teil unserer geisteswissenschaft-
lichen Bewegung spreche, denn Sie werden aus dem Verlaufe der Be-
schreibungen iiberall sehen, daft es mir vielmehr darauf ankommt,
Heilmittel herzustellen, die in der Tat wirksam sind, als iiber die
Dinge viel zu sprechen. Aber dasjenige, was sich hier geltend machen
will, ruht ja vor alien Dingen auf Grundlagen, auf die man eben erst
aufmerksam machen muft, gerade den wissenschaftlich gebildeten Men-
schen der Gegenwart erst durchaus aufmerksam machen muft.
Ich kann mir sehr gut denken - und ich kenne alle die Untergrunde,
aus denen so etwas hervorgeht-, daft sich in Ihnen wirklich Widerspruch
iiber Widerspruch gegen dasjenige, was ich zu sagen haben werde, gel-
tend macht. Ich verstehe diese Widerspriiche vollstandig. Und eigent-
lich kann es heute noch nicht anders sein, als daft aus der wissenschaft-
lichen Oberzeugung, die der Arzt hat, eben solche Widerspriiche kom-
men. Deshalb war es uns auch nicht zunachst darum zu tun, irgend etwas
theoretisch zu vertreten, sondern sogleich mit der Praxis aufzutreten.
Und so wurde denn dem Wunsche von Arzten und auch anderen wis-
senschaftlichen Physikern, Chemikern, Biologen dadurch Rechnung
getragen, daft wir wissenschaftliche Institute griindeten, wissenschaft-
liche Forschungsinstitute. Dasjenige, was vor alien Dingen in Betracht
kommt, ist das chemisch-pharmazeutische Laboratorium in Arlesheim.
Und damit stehen dann in Verbindung innerhalb unserer Bewegung
ein biologisches, ein physikalisches Institut. Daft es uns wirklich um
ernste Forschung zu tun ist, das wird Ihnen vielleicht daraus hervor-
gehen, daft zum Beispiel gerade in unserem biologischen Institute schon
ganz wichtige Arbeiten gemacht worden sind, obwohl der Bestand die-
ser Institute ja eigentlich nur ein sehr kurzer ist.
Es ist uns nach meiner vollen Oberzeugung gelungen, in dem bio-
logischen Institut, das unter der Leitung von Herrn Dr. Kolisko und
Frau Dr. Kolisko stent, wenigstens bis zu einer groften Wahrschein-
lichkeit, die Funktionen der Milz aufzuklaren, und zwar in der Rich-
tung, daft wir in der Milzfunktion sehen miissen eine Regulierung der-
jenigen Unregelmafligkeiten, die im rhythmischen Verdauungsprozefi
entstehen dadurch, daft ja der Mensch nicht vollstandig im Rhythmus
essen kann. Und selbst, wenn er meinetwillen sich ganz pedantisch,
exakt pedantisch die Zeiten fiir sein Essen einteilen wiirde, so wiirde
es dennoch durch die verschiedene Wahl der Nahrungsmittel und der-
gleichen eine Unterbrechung des Verdauungsrhythmus geben.
Und da stellt sich denn das Merkwurdige heraus, daft die Milz-
funktion gerade darinnen besteht, die rhythmischen Storungen des
menschlichen Verdauungsprozesses, die gerade durch das Leben des
Menschen eben hervorgebracht werden miissen, auszugleichen.
Dann ist es uns gelungen in den allerletzten Zeiten - in einer Ab-
handlung wird das dargestellt, die eben jetzt erschienen ist -, im bio-
logischen Institute wirklich den exakten Nachweis zu fiihren, daft
kleinste Entitaten verschiedener Stoffe tatsachlich Wirkungen aus-
iiben.
Es soil damit nicht etwa fiir irgendeine Parteirichtung in der Me-
dizin eingetreten werden. Gerade wenn man exakt vorgeht auf diesem
Gebiete, so findet man dieses, daft das eine Gebiet in der entsprechen-
den Weise mit entsprechend grofteren Quanten, aber das andere Ge-
biet des menschlichen Organismus eben doch mit kleinsten Quanten
behandelt werden muft. Es gab bisher auf diesem Gebiete im Grunde
genommen nur den homoopathischen Glauben, keine exakte Forschung.
Es scheint nun tatsachlich gelungen zu sein, auf ganz exaktem
Wege nachweisen zu konnen, daft gewisse Substanzen zum Beispiel
Antimonverbindungen - das geht in sehr starker Verdiinnung -, in
anderer Weise auf das Wachstum des Weizenkorns einwirken, als wenn
man mit der Verdiinnung noch weitergeht; geht man dann noch wei-
ter, so kommt man immer in einen rhythmischen Gang iiber Maxima
und Minima. Wir haben alles getan, um mit voller Verantwortung auf
diesem Gebiete den Nachweis zu fiihren, daft Verdunnungen selbst in
dem Verhaltnis von eins zu einer Trillion durchaus vitale Wirkungen
haben. Wir haben Weizenkorner, die wir sehr genau ausgewahlt ha-
ben nach ihren Keimungsintensitaten, zum Keimen gebracht in Flus-
sigkeiten, in denen wir die entsprechend verdunnten Substanzen hatten,
so dafi durch die sehr gewissenhafte Art, die, wie ich glaube, bei Frau
Kolisko vorliegt, tatsachlich dasjenige, was bisher, ich mochte sagen,
nur als ein laienhafter Glaube hat auftreten konnen, auf eine wissen-
schaftliche Basis gestellt worden ist.
Ich fiihre dieses nur einleitungsweise aus dem Grunde an, damit
gezeigt werden kann, wie wir durchaus nicht etwa so, wie das in laien-
hafter Weise geschieht, in unwissenschaftlicher Art vorgehen wollen.
Die geisteswissenschaftlichen Einsichten werden in der Tat durch ein
geistiges Schauen gewonnen, iiber das ich Ihnen nicht naher zu spre-
chen haben werde; das geschieht bei den Auseinandersetzungen, die
ich eben an anderen Orten gebe. Die grofien Richtlinien werden in
der Tat durch geistiges Schauen gewonnen, und durch dieses geistige
Schauen glaube ich, daft es mir gelungen ist, die Mbglichkeit herbei-
zufuhren, auch wirklich exakt den Zusammenhang der inneren Men-
schenorganisation mit der Konstitution nicht nur der Natursubstan-
zen, sondern vor alien Dingen der Naturprozesse in exakter Weise
formulieren zu konnen, so daft die tiefe Kluft, die ja heute - das miis-
sen wir uns doch offen gestehen - wirklich besteht zwischen Patho-
logie und Therapie, durch diese Methode uberbruckt werden kann.
So daft man tatsachlich in der Zukunft eine Pathologie wird haben
konnen, die von selber in die Therapie iibergeht, weil durch das An-
schauen sowohl des gesunden Organismus wie namentlich des kranken
Organismus, man genau wird entdecken konnen, wie - ich werde heute
in einigen Beispielen das erlautern - nicht nur von aufier dem mensch-
lichen Organismus entstandenen Substanzen, sondern von aufter dem
menschlichen Organismus vollzogenen Prozessen, sei es von der
Natur, sei es im Laboratorium vollzogenen Prozessen, innerhalb des
menschlichen Organismus heilend gewirkt werden kann. Und auf das
Therapeutische kommt es uns ja dabei vor alien Dingen an. Wir wis-
sen sehr gut, daft die Pathologie heute eigentlich weiter fortgeschritten
ist, als sie selber weift. Pathologie ist heute etwas, was man in jedem
ihrer Punkte aufgreifen und urn ein Stuck weiterfiihren kann. Wahrend
in der Tat eine tiefe Kluft besteht zwischen der Einsicht, die in bezug
auf die Struktur, auf die Histologie von Organen besteht, und dem-
jenigen, wie nun das eigentliche Heilmittel in dem menschlichen Orga-
nismus weiterwirkt. Man durchschaut heute nicht einmal den gewohn-
lichen Ernahrungsprozefi vollstandig, der, wie ich glaube, viel weiser
aus Instinkt eingerichtet ist, als man ihn je einrichten konnte durch
eine wissenschaftliche Theorie, geschweige denn, daft man durch-
schaute in exakter Weise die Beziehungen, die bestehen zwischen den
Substanzen sowohl wie zwischen dem Funktionieren dieser Substan-
zen innerhalb des menschlichen Organismus, und drauften sowohl in
der Natur wie eben auch in denjenigen Prozessen, die im Laboratorium
vollzogen werden konnen.
Auf den Weg bin ich dadurch gebracht worden, daft ich glaube,
daft ich in einer jetzt wirklich mehr als dreiftigjahrigen Forschung
feststellen konnte, daft das allerwichtigste ist, um den Menschen zu
durchschauen in seiner ganzen Konstitution, die fundamental Diffe-
renz zwischen drei verschiedenen Arten des Funktionierens im mensch-
lichen Organismus festzustellen. So habe ich denn unterscheiden ge-
lernt im Menschen eigentlich ein dreifaches Funktionieren des Orga-
nismus.
Ich habe gegliedert dieses dreifache Funktionieren - ich mochte
sagen, die Dinge sind ja naturlich alle im Werden - zunachst im wei-
testen Sinne in den Nerven-Sinnesprozeft. Alles dasjenige fasse ich
unter diesen ersten Teil, was zusammenhangt mit dem Funktionieren
der Sinne im weitesten Sinne und der mit ihnen in irgendeiner Ver-
bindung stehenden Nerven. Ich unterscheide nun davon alles dasjenige,
was rhythmische Prozesse im menschlichen Organismus sind. Und wie-
derum, als drittes, unterscheide ich von diesen beiden Prozessen das-
jenige, was Stoffwechsel- und Bewegungsprozesse sind. Die Stoffwech-
sel- und Bewegungsprozesse hangen ja miteinander innig zusammen;
jede innere und auftere Bewegung des menschlichen Organismus ist im
innigen Kontakt mit einem Vorgang des Stoff wechsels und kann eigent-
lich nur mit diesem als Funktion in Zusammenhang betrachtet werden.
Diese drei Funktionsarten im menschlichen Organismus sind funda-
mental voneinander verschieden, und zwar so stark, daft dasjenige,
was ich als die Prozesse des Nerven-Sinneslebens auffasse, sogar po-
larisch entgegengesetzt ist den Prozessen, die zusammengefaflt werden
konnen als motorische und Stoffwechselprozesse. So daft, wenn wir
zum Beispiel irgendeinen Prozefl in dem Stoffwechsel haben, dieser
Prozefi - und zwar jeder Prozeft im Stoffwechsel - einen polarisch
entgegengesetzten Prozefi im Nerven-Sinnesapparat hervorruft. Die
rhythmischen Vorgange sind dann der Ausgleich zwischen beiden. Nun
handelt es sich darum, die realen Unterschiede zwischen diesen Pro-
zessen zu finden.
Da mochte ich zunachst darauf hinweisen, dafi eine genauere Ein-
sicht in den menschlichen Organismus zeigt - ich kann diese Dinge
natiirlich nur skizzieren in der Kiirze der Zeit -, daft, wenn wir es
mit der Nerven-Sinnesorganisation zu tun haben, wir es im wesent-
lichen zu tun haben mit der Wirkung des Substantiellen, der verschie-
denen Stoffe im menschlichen Organismus. Also kommt irgend etwas
in Betracht, was blofi innerhalb der Sinnesorganisation oder der Ner-
venorganisation ist, so ist fur die Betrachtung das Wesentliche, dafi
wir die Relation kennen zwischen irgendeiner Substanz, die wir in
der Weltumgebung des Menschen haben, und demjenigen, was wieder-
um substantiell in dem Verlauf des Nerven-Sinnesprozesses sich findet.
Haben wir es mit einem Stoffwechselprozeft zu tun, der zusammen-
hangt mit einem Bewegungsprozeft, so kommt vor alien Dingen in
Betracht, nun nicht das Substantielle dessen, was wir in der mensch-
lichen Umgebung finden, sondern die Vorgange an dem Substantiellen,
die Prozesse an dem Substantiellen, Ich mochte das von der anderen
Seite beleuchten. Handelt es sich darum, dafi man konstatieren kann,
daft ein Krankheitsherd im Nerven-Sinnesapparat ist, so werde ich
zu erforschen haben, welche Substanzen da als Heilfaktoren - wir
werden iiber das Genauere dann weitersprechen - in Betracht kom-
men konnen. Handelt es sich aber darum, einen Krankheitsprozefi zur
Abheilung zu bringen im Bewegungs- und Verdauungssystem, so
kommt es darauf an, nachzuforschen, welcher Prozefi entweder als
Naturprozefi oder als Laboratoriumsprozeft vorliegen raufi in der Ver-
arbeitung von Substanzen, um die betreffenden Substanzen zu Heil-
mitteln umzuformen.
Im Speziellen gesprochen - es ist ein Fall, den ich dann weiter er-
ortern werde nehmen wir an, wir versuchen die Heilkraft des Anti-
mons. Wir werden die Heilkraft des Antimons zu unterscheiden haben
in bezug auf alles dasjenige, was seinen Herd im Nerven-Sinnesappa-
rat des Menschen hat. Da wiirde es sich uns handeln um das Substan-
tielle des Antimons. Handelt es sich darum, die Heilwirkung des Anti-
mons fur das motorische und das im Zusammenhang damit stehende
Stoffwechselsystem zu betrachten, dann wird es sich darum handeln,
das Antimon solchen Prozessen zu unterwerfen, Verbrennungsprozes-
sen, Oxydationsprozessen, wo das Antimon als Rauch aufgeht, und
der Rauch sich als Spiegel"' absetzt, und wir werden von dem richtigen
Ausfiihren dieser Prozesse den Erfolg dieses Heilmittels zu erwarten
haben. So dafi wir eigentlich immer sagen konnen, ganz fundamental:
wir sollen die Substanzen, die Heilfaktoren in der Umgebung des
Menschen suchen fur das Nerven-Sinnessystem. Wir sollen die Pro-
zesse, die wir entweder selbst herbeifiihren oder die die Natur herbei-
fiihrt, ansehen als das Heilende fur die Stoffwechsel- und Bewegungs-
prozesse im menschlichen Organismus. Da diese beiden Prozesse po-
larisch einander entgegengesetzt sind, wirkt das Rhythmische, alles
Rhythmische, vor alien Dingen der Atmungsrhythmus, der Zirkula-
tionsrhythmus, die Verdauungsrhythmen, die anderen Rhythmen im
Menschen, Schlafens- und Wachensrhythmus im Menschen, die wirken
nun vermittelnd, ausgleichend, so dafi nun bei denjenigen Prozessen,
die sich auf die Organe der rhythmischen Organisation des Menschen
beziehen, nun auch wieder bei der Herstellung der Heilmittel gesehen
wird, auf die Wechselwirkung, die sich ergeben wird aus der Zube-
reitung des wirksamen Substantiellen und der wirksamen Prozesse, die
man die Natur herbeifiihren lafit oder selber herbeifiihrt.
Damit ist zunachst nur einiges Fundamentales erortert. Ich mochte
dann auf das Gesprochene eingehen, werde mir dann erlauben, nach-
dem ich heute das Fundamentale erortern werde, morgen auf einige
unserer Heilmittel einzugehen, die in dem Pharmazeutischen Labora-
torium in Arlesheim hergestellt werden und die in der damit verbun-
denen Klinik, die unter der ausgezeichneten Leitung von Frau Dr.
Wegman steht, die ja auch anwesend ist, ausprobiert werden* Ich werde
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* Siehe Hinweis auf Seite 249
auf das eigentliche Therapeutische noch eingehen. Vom Anfang an
war ich durchaus dafiir, daft das Geisteswissenschaf tliche nur die Richt-
linien abzugeben hat, aber keine Heilmittel herstellt anders, als daft
wir unsere Laboratorien in Verbindung mit der Klinik haben, so daft
tatsachlich dann am Krankenbett in der Klinik verifiziert wird.
Faftt man diese Differenzierung des Menschen in die Prozesse des
Nerven-Sinnessystems, des rhythmischen Systems und des Stoffwech-
sel-Bewegungssystems ins Auge, so mufi man dann finden, wie der
Mensch so konstituiert ist, daft diese drei Systeme zwar in bezug auf
ihr Funktionieren durchaus voneinander verschieden sind, daft sie aber
an jeder Stelle der menschlichen Organisation sich durchdringen. Es
ist dies eine unbequemere Betrachtungsweise des Menschen als die ge-
wohnliche. In der gewohnlichen Betrachtungsweise nimmt man irgend-
ein Organ oder einen Teil eines Organs, betrachtet es nun eben histo-
logisch oder der Zellenanatomie nach und so weiter.
Hier hat man notig, bei jedem Organ zu unterscheiden, inwiefern an
dem Funktionieren dieses Organs beteiligt ist der Nerven-Sinnesprozefi,
der rhythmische Prozeft, der Stoffwechsel-Bewegungsprozeft. Denn
alle drei Formen sind nun an jedem Organ des Menschen beteiligt.
Nur wenn wir mehr nach den eigentlichen Sinneswerkzeugen des Men-
schen gehen, dann praponderiert der Nerven-Sinnesprozeft, und es
tritt in den Hintergrund der rhythmische Prozeft und der Stoffwech-
sel-Bewegungsprozeft. Haben wir es aber zu tun wiederum mit dem
Stoffwechsel-Bewegungsprozeft, so praponderiert eben eigentlich in
ihm nur dieser Stoffwechselprozeft. Aber nichts gibt es im Trakt des
Stoffwechsel- und Bewegungssystems, das nicht wieder durchzogen
ist von den Prozessen des Nerven-Sinnessystems, die hier untergeordnet
sind. Und ebenso ist es im rhythmischen System.
Nun durchschaut man die ganze menschliche Organisation, wenn
man vor sich haben kann fur eine wirklich innere Beobachtung das
entsprechende Funktionieren im Organ. Sagen wir zum Beispiel, wir
haben es mit irgendeinem Teil des Gehirns zu tun. Man muft nun hin-
schauen konnen, ob in richtigem Verhaltnis die beiden entgegenge-
setzten Organtatigkeiten vorhanden sind, Nerven-Sinnestatigkeit,
Stoffwechsel-Bewegungstatigkeit, und ob das rhythmische System in
entsprechender Weise zwischen beiden ausgleichend funktioniert. Das
macht sich - grob gesprochen - bei den Kopforganen des Menschen
ganz anders als zum Beispiel bei den Verdauungsorganen selber. Aber
man sieht auf der anderen Seite, wie man gerade dadurch zu einer ge-
naueren Kenntnis des Menschen, sowohl in substantieller wie in funk-
tioneller Hinsicht im Verhaltnis zu seiner Weltumgebung kommt, und
dadurch zu einem Zusammenhang zwischen der Pathologie und der
Therapie.
Betrachten wir das einmal an einem einzelnen Beispiel. Eine ja viel-
leicht unter den schweren Krankheitsfallen weniger geschatzte Krank-
heit, die aber recht lastig werden kann manchen Menschen, vielen Men-
schen auch wirklich lastig wird - ich mochte sie herausheben als ein
Beispiel -, ist ja Catarrhus aestivus, der sehr viele Menschen gerade
in einer bestimmten Jahreszeit befallt. Und um ein Verstandnis herbei-
zufuhren dieses Prozesses, der da zugrunde liegt, ist eigentlich folgen-
des notwendig.
Zunachst muft man sich dariiber klar sein, daft in der Kindheit des
Menschen, namentlich in der ersten Kindheit des Menschen, die ganze
Gliederung in die drei eben genannten Systeme eine andere ist als im
spateren Lebensalter. Bei der Kindheit haben wir es zu tun mit einer
Menschenorganisation, bei der die Nerven-Sinnesorgane in viel inten-
siverer Weise in die beiden anderen Systeme hineingreifen als im spa-
teren Lebensalter beim Menschen. Das Kind ist schon in gewissem
Sinne ganz Sinnesorgan. Alle Prozesse spielen sich so ab, daft durch
den ganzen Organismus hindurch Vorgange, wenn auch in intimer,
feiner Weise geschehen, wie sie sich sonst an der Peripherie des Men-
schen in den Sinnesorganen vollziehen. Das Kind ist durchaus eigent-
lich Sinnesorgan in intimerer, feinerer Weise. Dadurch ist der ganze
Organismus des Kindes in ahnlicher Weise, wie eben Sinnesorgane
sind, mehr der Aufienwelt ausgesetzt als der Organismus des Men-
schen im spateren Lebensalter. Denn es ist ja so, dafi alles das, was
mit der Nerven-Sinnesorganisation zusammenhangt, unmittelbar der
Aufienwelt exponiert ist, dem Einflufi der Aufienwelt unmittelbar un-
terliegt. Die ganze Organisation des Kindes unterliegt daher dem Ein-
flusse der Aufienwelt - im weitesten Umfange natiirlich gedacht -
viel mehr als im spateren Lebensalter, wo man ganz auf die inneren
Prozesse der Organe angewiesen ist, auch der Stoffwechselprozesse
im Zusammenhange mit dem Bewegungsprozefl. Die Bewegungen
spielen sich zwar in der aufteren Welt ab, aber dasjenige, was die
ihnen zugrunde liegende Organisation ist, tendiert ebenso nach dem
Inneren des Menschen, wie die Nerven-Sinnesorganisation nach auften
tendiert. Wir finden daher, daft unter dem Einflufi der praponderie-
renden Nerven-Sinnesorganisation beim Kinde auftreten konnen jene
Prozesse, die man zusammenfassen kann dann etwa unter dem Namen
der exsudativen Diathese, Lockerungen der Gewebe, die beim Kinde
eigentlich ganz generell, allgemein im Organismus auftreten konnen.
Spater, wenn diesem Praponderieren des Nerven-Sinnesprozesses
im ganzen Organismus polarisch im richtigen Verhaltnis entgegen-
wirkt fur das spatere Lebensalter der Stoffwechsel-Bewegungsprozeft,
dann tritt, wenn man das Kind vorsichtig aufgezogen hat, die Neigung
zu solcher exsudativen Diathese im allgemeinen zuriick und kann sich
spater spezialisieren, so daft eben der lastige Catarrhus aestivus auf-
treten kann.
Man hat diesen Catarrhus aestivus zuriickgefuhrt - das brauche
ich ja hier nur zu erwahnen - auf gewisse Substanzen, die enthalten
sein sollen im Pollenstaub der Gramineen. Das entspricht nur der Nei-
gung unserer Zeit, die Pathologie zuriickzufiihren eben auf unmittel-
bar substantiell Aufleres. Wenn man sowohl den menschlichen Orga-
nismus geisteswissenschaftlich durchschaut, wie die Vorgange, die sich
abspielen in der Umgebung des Menschen beim Bluhen der Gramineen,
dann konnen wir durchaus sagen: der ganze Naturprozeft in der Jah-
reszeit, wo die Gramineen eben bluhen, der spielt sich natiirlich nicht
blofS um die Gramineen ab, der spielt sich auch um den Menschen
ab, der namentlich ausgesetzt ist denselben atmospharischen Einf lussen,
unter denen die Gramineen bluhen.
Nun kann beim Menschen, indem er sich, ich mochte sagen, in der
Organisation spezialisiert hat gerade nach der Nase, den Augen hin,
was dann zum Catarrhus aestivus fiihrt, wenn sich dasjenige, was unter
dem Praponderieren des Nerven-Sinnesprozesses eben zur exsudativen
Diathese gefiihrt hat in der Kindheit, spezialisiert auf den Anfang
der Atmungsorgane nach innen, dann eben dieser lastige Katarrh auf-
treten. Er entsteht dann dadurch, dafi der Mensch denjenigen Natur-
prozessen, denen die Gramineen beim Bliihen ausgesetzt sein miissen,
nun auch ausgesetzt ist und fiir diese Naturprozesse besonders emp-
findlich ist.
Dadurch, dafi der Sinnesprozefi nicht in geniigender Weise durch
den Stoffwechselprozefi paralysiert ist, dafi der Sinnesprozeft in der
Peripherie praponderierend bleibt, haben wir den Menschen ausge-
setzt denselben atmospharischen Einf liissen, den Einf liissen seiner Um-
gebung, die gerade giinstig sind beim Bliihen der Gramineen.
Wenn man diesen Prozefl aufien durchschaut, wenn man wirklich
eingeht auf die Art und Weise dessen, was da geschieht als Naturpro-
zefi beim Bliihen der Graser, der Gramineen, dann sagt man sich, wie
kommst du dieser Empfindlichkeit, die beim Catarrhus aestivus auf-
tritt, bei? Und nun sucht man durch diese Einsicht, die man da ge-
wonnen hat, danach, diesen Prozeft, den man bei den Gramineen so
hat, daft er sich ganz nach aufien auch abspielt, ganz peripherisch, ich
mochte sagen, in die Luft hinein sich abspielt, zu paralysieren - denn
er ist dann auch im Menschen vorhanden, wenn der Mensch eben
den Catarrhus aestivus hat - dadurch, dafi man den Fruktifikations-
prozeft, das Eilen zum FruktifikationsprozelS, der bei den Gramineen
in vollstandiger Nacktheit, mochte ich sagen, nach der Atmosphare
hinausschaut, da auf sucht, wo er auftritt, nicht peripherisch nach au-
fien gerichtet, sondern zentral nach innen geschoben. Als solchen fin-
det man ihn, wenn man Friichte nimmt, die von lederartigen Schalen
umgeben sind und bei denen sich in irgendwelchen Stoffen der Fruk-
tifikationsprozefi nun zentral nach innen abspielt, zentripetal sich
abspielt.
Und formt man so im Laboratorium den entgegengesetzten Prozefi
vom Fruktifikationsprozefi bei den Gramineen, formt man ihn zum
Heilmittel und versucht man namentlich dieses Heilmittel dadurch
zur Wirksamkeit zu bringen, dafi man es durch Impfung, Vakzination
anwendet, also unmittelbar in den Organismus einfiihrt durch Imp-
fung, dann kann man tatsachlich dieser Uberempfindlichkeit gegen
dieselben atmospharischen Einfltisse, die bei den Gramineen gunstig
sind, beim Menschen aber einen Krankheitsprozefi erregen, entgegen-
wirken. Wir haben tatsachlich bei diesem Heilmittel, das bei uns als
«Gencydo» gemacht wird und in der weitaus grofiten Zahl der Falle
sich als aufierordentlich wirksam erwiesen hat beim Catarrhus aestivus,
gerade sehen konnen, wie es moglich ist, durch entsprechende Formun-
gen von Prozessen, die uns ja eigentlich die Natur vormacht, zu Heil-
mitteln zu kommen. Wir miissen nur wissen, in welchem Falle wir
dem Naturprozefi entgegenarbeiten miissen. Das ist zum Beispiel der
Fall, wenn gerade die Sinnes-Nerventatigkeit praponderiert, und wir
werden spater sehen, wann wir mit dem Naturprozefi gehen miissen.
Man mufi nur wissen, wie man in jedem Fall vorgehen mufi. So dafi
wir also nicht nur dasjenige benutzen, was laboratoriumsmafiig che-
misch entweder im Sinne der Naturprozesse oder entgegen der Natur-
prozesse geschehen mufi, was wir als Heilfaktoren und eben nicht nur
als Substanzen haben, sondern vor alien Dingen auf die Zubereitungs-
weise achten, indem wir auf dasjenige schauen, was wiederum in der
aufieren Natur den Prozefi als solchen herbeifuhrt, das Dynamische
am Prozefi ausmacht. Dieses Dynamische versuchen wir zu imitieren
in technischer Weise, um dadurch gerade die Heilfaktoren aus der
Natur herauszuziehen.
Nach solchen Prinzipien sind ja jetzt reichlich schon Heilmittel
in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim hergestellt wor-
den. Sie werden alle nach diesem Prinzip hergestellt, aber alle durch-
aus spezialisiert.
Ich will zum Beispiel noch folgendes als Heilmittel erwahnen. Ge-
wifi, ich mufi sagen, ich verstehe jeden Widerspruch, jede Opposition,
da ich ja weifi, dafi die Dinge aus einer Denkweise entspringen, die
durchaus nicht gang und gabe und auch nicht gelaufig ist. Ich mochte
nur dies fiir uns anfiihren, dafi in dieser Weise die Richtlinien gegeben
werden und dann in unseren Kliniken durchaus verifiziert werden, und
dafi dies in derselben Weise unter voller Verantwortung gemacht wird,
wie sonst in klinischen Betrieben es iiblich ist. Deshalb darf ich viel-
leicht auch, ich mochte sagen, etwas gewagtere Darstellungen geben,
indem ich durchaus voraussetze, dafi ich, wie gesagt, jede Opposition
verstehe und es mir durchaus begreiflich ist, daft sich sogar eine Art
von Unbehagen gegenuber diesen Dingen, die einem sogar phantastisch
erscheinen konnten, geltend machen konnte.
Es ist aufterordentlich interessant, gerade jenen merkwiirdigen Pro-
zeft zu betrachten, der sich in der Pflanze selber vollzieht. Wir haben
ja in der Pflanze neben dem, was die Pflanze also vorzugsweise zusam-
mensetzt, alle moglichen Substanzen enthalten : Salze, Metaliisches und
so weiter. Nun, es ist weniger wichtig fiir eine Therapie, die direkt ra-
tionell wirken soil, auf die Zusammensetzung der Pflanze zu sehen,
als zu sehen auf die Art und Weise, wie zum Beispiel, sagen wir, irgend-
eine Metallverbindung oder ein Salz durch den ganzen Prozeft des
Wachsens und Fruktifizierens der Pflanze geht.
Nehmen wir irgendeine Pflanze, zum Beispiel Cichorium intybus.
Wer wirklich geisteswissenschaftlich Cichorium intybus studieren will,
der wird studieren zunachst, in welch eigentiimlicher Weise nament-
lich dasjenige, was in Cichorium intybus vor alien Dingen in Betracht
kommt, enthalten ist: Kieselsaure und alkalische Salze.
Kieselsaure und alkalische Salze sind nun aber wiederum im Cicho-
rium intybus in ganz verschiedener Verarbeitung, unter ganz verschie-
denen Prozeftzusammenhangen in der Wurzel, in den Blattern und
in den Bliiten enthalten.
Wer diesen Prozeft im Cichorium intybus studiert und sieht, wie
da in eigentiimlicher Weise ineinandergewoben und verwoben werden
die Prozesse, die auf der einen Seite an der Kieselsaure hangen, an
den alkalischen Salzen auf der anderen Seite, wer dieses verfolgt, der
wird dann auf geisteswissenschaf tliche Weise wiederum zuriickgef uhrt
zum Menschen heriiber.
Nun sagte ich schon, in unserem Leibe, in jedem Organsystem,
leben drei Systeme, aber es praponderiert immer eines, jedes ist wie-
derum fiir den ganzen Menschen tatig; betrachten wir zum Beispiel
am menschlichen Organismus die Gallenfunktion im Zusammenhang
mit alien anderen Verdauungsorganen, so finden wir vor alien Dingen,
dafi es neben allem iibrigen Wirken der Galle aufierordentlich wichtig
ist, daft die Galle funktioniert, richtig funktioniert gerade fiir die Ge-
sundheit des Nerven-Sinnessystems. Denn wir konnen dann, wenn
wir Verdauungsstorungen auf Storungen der Gallenfunktion zuriick-
fiihren, immer auch auftreten sehen aufierordentlich grofte Storun-
gen irgendwie in den Organen des Nerven-Sinnessystems.
Wenn wir den Gallenabsonderungsprozeft verfolgen, so wird er
eigentlich erst interessant, wenn wir ihn im ganzen Zusammenhang
mit der menschlichen ^Constitution als denjenigen Prozeft betrachten
konnen, der, vom Verdauungssystem ausgehend, das Nerven-Sinnes-
system versorgt.
Dieser Prozeft ist auf der einen Seite in den Gallenfunktionen des
Menschen vorhanden, ganz abgesehen von den Substanzen, die dabei
spielen. Auf der anderen Seite wirkt er aufter dem Menschen in fast
getreuer Imitation von der Wurzel von Cichorium intybus gegen den
Stengel und gegen die Bliite hinauf, in der Radix von Cichorium inty-
bus. Wenn wir da sehen, wie verarbeitet werden gerade die Kieselsaure
und die alkalischen Salze, so finden wir darinnen eine genaue Imi-
tation desjenigen, was im menschlichen Organismus der Gallenabson-
derungsprozeft in seiner Wirkung gerade auf das Nerven-Sinnessystem
ist.
Ahmen wir nun den Prozeft nach, der sich in Cichorium intybus
vollzieht. Es gibt Laienarzte, die verwenden Cichorium intybus nun
direkt, wenn Verdauungsstorungen vorliegen. Aber trotzdem durch-
aus Erfolge erzielt werden konnen, die nicht in Abrede gestellt werden
sollen, werden sie sehr selten dauernde sein, da ja der Prozeft, der sich
in Cichorium intybus vollzieht, gebunden ist an die Labilitat der
Pflanze selber und, indem er in den menschlichen Organismus herein-
gefiihrt wird, einer solchen Veranderung unterliegt, daft er nicht mehr
derselbe bleibt. Aber er ist so verwandt dem menschlichen Prozeft, daft,
wenn wir ihn laboratoriumsmaftig verarbeiten, namentlich Kiesel-
saure verarbeiten, wir also ein Praparat machen, das Kieselsaure ent-
halt, alkalische Salze enthalt, und zwar so, daft dann in einer gewissen
Weise, nicht eigentlich chemisch, sondern nur durch Pulverisierung
aneinahder gebunden und mit harzigen Bindemitteln ausgestattet, eine
lose Verbindung da ist zwischen Kieselsaure und alkalischen Salzen,
mehr ein feines, naturliches, mochte ich sagen, Aneinanderkleben vor-
handen ist. Und wenn wir dann das durch den Verdauungskanal ein-
fiihren, fiihren wir nun so tatsachlich nicht dieselben Substanzen, aber
denselben Prozefi in den menschlichen Organismus ein, der sich beim
Galleabsondern vollzieht, insofern das Galleabsondern mit dem Ner-
ven-Sinnessystem in seinem Funktionieren seine Verwandtschaft hat.
Es handelt sich also darum, in dem, was man im Laboratorium macht,
dasjenige wirksam, ich mochte sagen, dauernd nachzuahmen, was die
Pflanze selber ausfiihrt, bei der man zum Beispiel in ihrem Pflanzen-
bildungsprozeft erkennen kann : dieser Prozefi ist in irgendeiner Weise
polarisch oder gleichlaufend verwandt mit irgendeinem Prozefi im
menschlichen Organismus, so daft sich auf diese Weise eben ergibt
ein wirkliches Ineinanderarbeiten von Pathologie und Therapie. Man
sieht es dem Organ an, was unregelmafiig ist im Zusammenwirken der
drei Prozesse.
Und indem man gerade der Natur ablauscht, wie man dem Orga-
nismus gewissermafien das, was er nicht ausfiihren kann, fur einige
Zeit abnimmt, indem man das zu erforschen versucht, fuhrt man ge-
radezu - ich mochte sagen: Cichorium intybus erweist sich als die
wachsende Galle - die Gallenfunktion in den Menschen fur eine Zeit
ein, weil der Organismus sie selbst nicht ausfiihren kann, bis der Orga-
nismus an der fremden Galle, an dem, was man nach dem Muster von
Cichorium intybus f abriziert hat, sich wieder gewohnt hat, das Gallen-
funktionieren auszuiiben. Dann lauft er sozusagen wiederum durchaus
richtig.
Es handelt sich nur darum, daft man durch die blofie Pf lanzenheil-
methode, weil ja die Natur viel vollkommener wirkt, das Richtige
nicht erreichen kann, weil ja der Pf lanzenprozeft wiederum vernichtet
wird, wenn er in irgendeiner Weise in den Organismus eingefiihrt wird.
Da die Zeit schon etwas vorgeschritten ist und ich Ihre Aufmerk-
samkeit fur dieses eine Mai nicht zu stark in Anspruch nehmen mochte,
werde ich nur noch einiges erwahnen iiber ein Mittel, das sich als be-
sonders erfolgreich erwiesen hat und das unsere Arzte das «Biodoron»
genannt haben.
Dieses Biodoron ist dadurch zustande gekommen, daft zunachst vor
eine zusammenfassende, eben geisteswissenschaftliche Anschauung der
ganze Symptomkomplex der sogenannten Migrane gestellt worden
ist. Diese Migrane ist ja ebenfalls fiir viele Menschen eine so aufier-
ordentlich lastige Krankheit, die in den allerverschiedensten Formen
auftritt. Die Migrane beruht nun auf einem unregelmaftigen Prapon-
derieren des Stoffwechselprozesses da, wo er nicht hingehort, innerhalb
jener Region der menschlichen Organisation, wo eigentlich prapon-
derierend vorzugsweise wirken sollte der Nerven-Sinnesprozefi im
Verein mit dem rhythmischen Prozeft.
Nun handelte es sich mir wiederum darum, diesen ganzen Prozefi in
seiner Zusammenfassung, wie er sich ausdriickt in der Zusammenschau
des Symptomkomplexes der Migrane, als ProzefS draufien in der Natur
zu finden.
Er druckt sich nun in ganz wunderbarer Weise aus, und zwar so,
dal$ man den Symptomenkomplex auf der einen Seite hat und einen
entgegengesetzt verlaufenden Prozefl in der Art und Weise, wie im
Prozefi von Equisetum arvense die Kieselsaure eben in Tatigkeit ge-
bracht wird von den schwefelsauren Salzen. Equisetum arvense ent-
halt ja ungefahr neunzig Prozent Kieselsaure. Wir werden morgen
noch von der ganz bedeutsamen Funktion der Kieselsaure fiir das Ner-
ven-Sinnessystem und alles, was damit zusammenhangt, zu sprechen
haben. Die Kieselsaure ist aber in einer gewissen Art und Weise in
Equisetum arvense zum Prozeft verarbeitet, also dafi nur in einer sol-
chen Verbindung, wie sie eben da hergestellt ist mit einem harzigen
Bindemittel, innerhalb des Pflanzenwachstums der Bildeprozeft ge-
schehen kann durch das Zusammenwirken der Kieselsaure mit den
schwefelsauren Salzen.
Wenn man einfach das Bild von Equisetum arvense vor sich hat
und nun sieht, wie da in einer steifen Art, mit iiberall Praponderieren-
lassen des Kieselsaurebildungsprozesses sich diese Pflanze bildet und
zuriickhalt ihr ganzes Wachstum vom Bliitenwesen, was wiederum ge-
funden werden kann im Zusammenhange mit den normalen Stoff-
wechselvorgangen, dann bildet sich einem unmittelbar in einer wirk-
lichen intimen Anschauung der beiden Prozesse, des Prozesses, der sich
im Symptomenkomplex der Migrane ausdriickt, und des ganzen Pro-
zesses, der sich in einer so wunderbaren Weise abspielt zwischen Kie-
M - —
selsaure und schwefelsauren Salzen im Equisetum arvense, die Vor-
stellung aus: da sind zwei einander entgegengesetzte Prozesse.
Aber deshalb hilft doch noch nicht irgendwie Equisetum arvense, in
irgendeiner Weise direkt verwendet, gegen Migrane. Denn da tritt nun
das Eigentiimliche auf, das einem recht klar wird, daft zwar gewisse
vegetative Prozesse im menschlichen Organismus ahnlich den Pflan-
zenprozessen sind, aber doch von innen wiederum radikal verschieden
sind. Es handelt sich also darum, nicht blofi den Prozeft, der sich in
Equisetum arvense abspielt, direkt aufzunehmen und etwa ihn nun
in den menschlichen Organismus einzufuhren, sondern ihn erst, ich
mochte sagen, zu animalisieren.
Solche Dinge gelingen, wenn man nun in entsprechender Weise im
Laboratorium den Prozefi eben imitiert, aber innerlich lebendig, so dafi
man verwendet Kieselsaure auf der einen Seite, auf der anderen Seite
Schwefel. Man kann direkt den Schwefel verwenden, denn der ist
das eigentlich Wirksame im Equisetum arvense. Nun aber fiihrt man
die Bindung herbei neben anderen Bindemitteln, die eine untergeord-
nete Bedeutung haben, dadurch, daft man in den Prozeft den Eisen-
prozeft einfugt. Jetzt hat man den ganzen ProzefS von Equisetum ar-
vense animalisiert, und man bekommt ein Praparat, bei dem es wesent-
lich darauf ankommt, wie man es herstellt. Denn durch das, wie man
den Prozeft durchfuhrt, durch den man zuletzt das Praparat bekommt,
sehen Sie gewissermafien, dafi es darstellt das Ergebnis eines Prozesses,
der sich abspielt zwischen Kieselsaure, Eisen und Schwefel. Und das,
was man da als Praparat bekommen hat, was nun nur, ich mochte sa-
gen, zunachst in dem Praparat in Ruhe gebracht ist, das wird wieder-
um zum Prozefi aufgerufen, in Bewegung gebracht, wenn es einge-
fiihrt wird in den menschlichen Verdauungsprozefi und angewendet
wird - wie gesagt, unsere Arzte haben es «Biodoron» genannt - gerade
gegen die lastige Migrane.
Dieses Migraneheilmittel hat sich tatsachlich, ich mochte sagen,
fast ausnahmslos in einer aufierordentlich erfolgreichen Weise gezeigt.
So versuchen wir eben, die Heilfaktoren mehr auf dynamische
Weise durch die Herstellung der entsprechenden Prozesse zu erreichen
fiir die Heilmittel also, die Sie von dem Klinisch-Pharmazeutischen In-
stitut in Arlesheim bekommen. Es handelt sich darum, was fur Prozesse
sie in sich bergen, was fur Prozesse sie im menschlichen Organismus
hervorrufen.
Auf diese Weise ist es uns gelungen, immerhin - die Dinge wurden
verifiziert in zahlreichen Fallen - fur die verschiedenen Formen, fur
die verschiedenen Verzweigungen der Tuberkulose, fur die mannig-
faltigsten Erkrankungen des Verdauungssystemes und so weiter, wie ge-
sagt, ungefahr hundert Heilmittel zu finden; und wir sind daran, so-
zusagen die letzte Hand anzulegen an denjenigen Prozeft, den wir her-
vorrufen wollen mit einem gewissen Pflanzennaturprodukt zur inne-
ren Heilung der Karzinome. Doch werde ich iiber diese Heilmittel mir
erlauben, morgen im einzelnen zu sprechen, iiber Tuberkuloseheilmit-
tel, Karzinomheilmittel, Heilung auch von typhosen Krankheiten und
so weiter.
Es wird ersichtlich geworden sein, daft das WesentHche bei uns nicht
darinnen liegt, was nun in dem Praparat drinnen ist, sondern darin,
wie das Praparat laboratoriumsmafiig entstanden ist. Dadurch birgt
das Praparat einen bestimmten Prozefi, der wiederum innerhalb des
Organismus in der gleichen oder in einer anderen Form sich auslost
und in dem Verlauf eines organischen Prozesses liegt oder den polari-
schen Gegensatz bildet.
Und auf diese Weise ist man imstande, durch Zusammenschauen der
Naturprozesse und der Prozesse, die sich in der Pathologie erkennen
lassen, die gegenseitige Relation von Naturvorgangen und Vorgangen
im menschlichen Organismus herbeizufuhren, die Aufeinanderwirkung
eben, die da sein muf$, wenn die betreffenden Naturprozesse in den
menschlichen Organismus als Heilprozesse eingefiihrt werden sol-
len. Auf die Herbeifiihrung von Heilprozessen durch die Funktionen,
die wir ausfuhren in unseren Laboratorien, darauf kommt es an. Daher
ist es dann auch von ganz besonderer Wichtigkeit, wie nun diese Heil-
mittel gerade verwendet werden, wiederum in Gemafiheit dieser Diffe-
renzierung des menschlichen Organismus. Die Wirkung ist von funda-
mentalem Unterschied, ob irgendein Heilmittel durch den Verdauungs-
prozefi eingefiihrt wird, durch Impfung direkt in den Zirkulations-
prozefi, oder ob es, wie ich morgen zeigen werde, naher verwandt zum
Sinnesprozeft, zum Nerven-Sinnesprozefi angewendet wird, wie in dem
Versetzen von Badern oder Waschungen und dergleichen mit unseren
Heilmitteln.
Also ob man aufterlich oder halb innerlich, mochte ich sagen, wie
bei der Impfung, oder ganz innerlich das Heilmittel anwendet, davon
hangt es wiederum ab, wie man auf den menschlichen Organismus
wirkt. Denn ich mochte sagen, das besonders Bedeutsame bei diesen
Heilmitteln ist dieses, daft wir heilen mochten nicht durch Substanzen,
sondern wir mochten heilen durch Prozesse. Und wir geben Heilmittel
ab in der Hoffnung - das heiftt, die Dinge sind ja verifiziert -, daft die
Prozesse, die wir aus dem Zusammenschauen von Natur und Mensch
ausfuhren konnen, sich gewissermafien in dem Praparat konservieren
und wiederum ausgelost werden im menschlichen Organismus als Heil-
prozesse. Das ist das wesentlich Neue an den Dingen, um die es sich bei
uns handelt. Wir wollen durch Vorgange, Prozesse, durch das Wie der
Herstellung heilen.
Daher ist es bei uns nicht von so grofter Wichtigkeit, zu sagen, was
just in dem Praparat drinnen ist, sondern es kommt iiberall darauf
an, wie die Dinge im Intimen sich abspielen.
Auf das Therapeutische dann, und namentlich auf einzelne Heil-
mittel und Verrichtungen im Aufieren werde ich mir erlauben, mor-
gen einzugehen.
Frage: Wie lange Zeit ist es her, daft die Mittel fur Migrane und Heufieber aus-
probiert sind?
Dr. Steiner: Nun, es ist doch schon eine Anzahl von Jahren, daft die
Falle ausprobiert worden sind, vor alien Dingen doch in einer groften
Anzahl von Fallen. Es tritt ja dadurch, daft unsere Methoden Verifi-
kationsmethoden sind, diese Eigentiimlichkeit auf, daft auf der einen
Seite, so wie bei einem mathematischen Problem, der Erfolg gewisser-
mafien vorausgesehen wird und dann verifiziert wird. Auf diese Weise
hat man es nicht mit einer bloften empirischen Methode zu tun, son-
dern sozusagen dadurch, daft - wie man es sonst ja auch beim experi-
mentellen Laboratoriumsversuch hat - man dasjenige, was voraus-
gesetzt werden kann, verifiziert findet, wird natiirlich der Wert der
Verifikation doch ein hoherer als beim bloften empirischen Ausprobie-
ren. Die Methoden sind natiirlich noch jung, und dasjenige, um was es
sich handelt, wird sein, daft wir natiirlich froh waren, wenn sie im
weitesten Umfang ausprobiert wiirden.
Fiir Biodoron liegen seit etwa drei bis vier Jahren schon Verifi-
zierungen vor, in einer groften Anzahl von Fallen gerade Verifizierun-
gen, die aufierordentlich wichtig sind, zum Beispiel in solchen Fallen,
wo die Migrane ein ganz alt gewordener chronischer Zustand war, der
durch Jahrzehnte da war, und wobei dieses Mittel gewirkt hat.
Nur natiirlich, das mochte ich doch ausdriicklich erwahnen, gerade
bei diesem Mittel ist es aufterordentlich wichtig, daft richtig diagno-
stiziert wird. Daher kann das Mittel eigentlich nur dann, wenn man
in der richtigen Weise diagnostiziert hat, zu einer Verifizierung die-
nen. Es ist ja natiirlich nicht wiinschenswert, daft bei jedem beliebigen
Kopfschmerz dieses Biodoron angewendet wird, denn dann konnen
negative Falle sehr zahlreich auftreten.
Es mufi also erst richtig diagnostiziert werden; aber dann geben
wir sehr viel darauf. Es ist der Prozentsatz ja in den drei bis vier Jah-
ren ein aufierordentlich grofter, dadurch daft wir es klinisch machen.
In einzelnen Fallen wurde es aber auch schon fruher durch private
Arzte ausprobiert.
Ich mochte noch erwahnen, daft es Berichte gibt, sowohl zunachst
Auseinandersetzungen iiber die Methoden wie auch Berichte iiber die
Behandlung und iiber die Erfolge gerade fiir das Biodoron. Sie sind
herausgegeben von dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Stutt-
gart: «Die Migrane», zusammengestellt von Dr. Knauer, ein Bericht,
der eine Anzahl von Fallen enthalt - man kann natiirlich nicht alle
anfiihren -, aber eine Anzahl von charakteristischen Fallen enthalt,
und auch eine entsprechende Kasuistik. Ich glaube, diese Berichte und
Beschreibungen sind ja vom Klinisch-Therapeutischen Institut auch
zu beziehen, leider bis jetzt nur in deutscher Sprache, sie konnen aber
jederzeit, wenn sie verlangt werden, auch in andere Sprachen iiber-
setzt werden.
DRITTER VORTRAG
London, 3. September 1923
Es ist mir gesagt worden, daft eine noch weitergehende theoretische
Begriindung desjenigen gewiinscht werde, was ich gestern vorgebracht
habe. Nun ist es mir immer so, als ob die Zweifel und die innere Oppo-
sition, die sich gegen die Anschauungsweise in ganz begreiflicher Art
heute geltend machen muft, noch starker, ich mochte sagen, aus dem In-
neren herausgetrieben werden, wenn diese geistige Begriindung gegeben
wird, und daft ich namentlich mit Bezug auf das Medizinische ein bift-
chen die Hoffnung habe, daft es ja auf diesem Felde so ist, daft, wenn
die Heilmittel helfen werden in der Anwendung und man aus den Heil-
mitteln sehen wird, daft hinter der Sache etwas steckt, man uns die
theoretische Grundlage verzeihen werde. So daft ich gerade auf die-
sem Gebiete, wenn es nicht ausdriicklich verlangt wird, etwas zuriick-
haltend bin mit der theoretischen Begriindung. Denn sie mufi fiir den
ersten Augenblick noch phantastischer klingen, obwohl sie so exakt
ist wie die Mathematik, als dasjenige, was iiber die Praxis der Heil-
mittel gesagt werden kann. Dennoch, da es gewiinscht wird, werde
ich nicht nur am Schlusse, wie ich gemeint habe, eine kurze Begriin-
dung geben, sondern ich werde gleich am Ausgangspunkte heute etwas
iiber diese theoretische Begriindung sagen.
Es handelt sich namlich darum, daft durch den bewunderungswiir-
digen Fortschritt unserer Naturwissenschaft Unendliches geleistet wor-
den ist in bezug auf die Erkenntnis der aufteren physisch-sinnlichen
Welt, daft aber gerade diese aufterordentlich bedeutsame Erkenntnis
der aufteren physisch-sinnlichen Welt davon hinweggefuhrt hat, den
Menschen selber in seiner totalen Wesenheit zu erfassen.
Dasjenige, was man mit den Naturgesetzen, die man drauften in der
Natur heute, sei es durch die Beobachtung, sei es durch das Experiment
erkundet, begreifen kann, das reicht beim Menschen nicht weiter als
bis zum Erfassen der Sinnesorganisation, namlich desjenigen, was wie
physische Apparate als Sinne in den Menschen eingegliedert ist, und
desjenigen, was das Mechanische der Bewegung ist. Alles iibrige geht
gradweise, je weiter man wirklich in das Wesen des Menschen ein-
dringt, so vorwarts, daft die aufteren Naturgesetze immer weniger
gel ten. Ich muft mich naturlich trotzdem kurz fassen, kann also die
Dinge nur aphoristisch andeuten.
Aber es ist ja bekannt genug, daft eigentlich der Mensch, sagen
wir, hochstens zu zehn Prozent oder etwas dariiber aus den physisch-
mineralischen Stoffen besteht, die wir in festem Zustande kennen, daft
der Mensch zum weitaus groftten Teil, sagen wir, Fliissigkeitssaule ist.
In dieser Fliissigkeitssaule sind dann wiederum wirksam diejenigen
Impulse, die, vermittelt zum Beispiel durch den Atmungsprozeft aber
auch durch sonstige Prozesse der menschlichen Organisation, Prozesse
sind, die wir in der Natur eigentlich nur in der frei sich bewegenden
Luft finden. Und dann kommen als viertes dazu die Warmeprozesse.
Nur auf dasjenige, was im Menschen so vorhanden ist, wie wir drau-
ften in der Natur die scharfkonturierten, die mineralisch-physischen
Substanzen finden, sind die Naturgesetze anwendbar, mit denen man
heute glaubt, den ganzen Menschen zu erkennen. Man erkennt mit
diesen Naturgesetzen kurioserweise nur einen Teil der Sinnesorgani-
sation beziehungsweise, weil die Sinnesorganisation hauptsachlich im
menschlichen Kopf organisiert ist, einen Teil der menschlichen Kopf-
organisation. Die Kopforganisation des Menschen ist namlich die-
jenige, die am meisten der physischen Welt, der Konstitution der phy-
sischen Welt ahnlich ist.
Vom Kopfe geht das Nervensystem des Menschen zum Teil aus.
Jedenfalls aber hangt es im Menschen mit der Kopforganisation zu-
sammen, dieses Nervensystem. Nun ist heute der Glaube, daft das
gesamte Nervensystem zusammenhangt mit demjenigen, was wir im
Menschen als geistige Fahigkeiten bezeichnen. Wenn Sie sich heute
eine auch nur physiologisch gefarbte Psychologie ansehen, so werden
Sie sehen, daft eigentlich in diesen Psychologien nur behandelt ist die
Gedankenwelt, die Gedankenwelt im Zusammenhange mit Gehirn und
Nervensystem. Die Gefiihlswelt und Willenswelt des Menschen wird
gewissermafien nur angeklebt, als etwas Nebensachliches erwahnt, und
man glaubt, daft Gefiihl und Wille ebenso mit dem Nervensystem
zusammenhingen wie die Vorstellungswelt. Das ist nicht der Fall.
Wenn ich noch einmal zuriickgreife auf den dreigliedrigen Men-
schen, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, so ist zu sagen, daft
nur die eigentliche Fahigkeit des Vorstellens mit dem Nervensystem
des Menschen zusammenhangt; das Gefiihlsleben nur indirekt. Dage-
gen hangt das Gefiihlsleben direkt mit dem rhythmischen System zu-
sammen.
Und hier haben wir schon einen der Punkte, wo sich notwendiger-
weise gerade wegen ihrer Bewunderungswurdigkeit auf anderen Ge-
bieten die heutige Naturwissenschaft den Weg vollstandig versperrt,
von der physischen Organisation des Menschen vorzudringen zu seiner
geistigen Organisation.
In Wahrheit liegt die Sache so, dafi die gesamte Gefiihlswelt un-
mittelbar in die rhythmische Organisation eingreift, in jene rhyth-
mische Organisation im weiteren Sinne, wie ich sie gestern charakte-
risiert habe. Und das Nervensystem dient nur dazu, der Vermittler
zu sein, daft wir iiber unsere Gefiihle Vorstellungen und Gedanken
haben konnen. So daft also in Atmung und Blutzirkulation die Ge-
fuhlsimpulse unmittelbar eingreifen. Nur fiir das, was wir als Vor-
stellungen haben iiber die Gefiihle, sind die organischen Vermitt-
ler die Nerven. Und ebenso wie in das rhythmische System die Ge-
fuhlswelt des Menschen eingreift, ebenso greift in das Stoffwechsel-
Bewegungssystem der Wille unmittelbar ganz ein. Und dasjenige,
was wir in den Nerven oder durch die Nerven haben, das sind nur
die Vorstellungen des Gewollten, die Vorstellungen von dem Ge-
wollten.
Nun werden Sie sagen: das braucht ja den Mediziner nicht weiter
zu interessieren. Es ist eine Theorie iiber den Menschen, und man
konnte im Medizinischen da von absehen. Das ist aber ganz und gar
nicht der Fall. Das ist in dem Augenblicke nicht der Fall, wenn man
die Folgen fiir die heutige medizinische Anschauung sieht, die aus die-
sem Vorurteil erwachsen, dafi das Nervensystem dem gesamten See-
lenleben direkt zugeordnet ist.
Man unterscheidet heute, wie ja genugsam bekannt ist, zwischen
den sogenannten sensitiven Nerven, die vom Zentrum zu den Sinnen
gehen solien und die sinnlichen Wahrnehmungen vermitteln, und den
sogenannten motorischen Nerven, welche etwas zu tun haben sollen
mit dem Willen.
Es gibt in Wahrheit zwar anatomisch-physiologisch metamorpho-
sierte Nerven, aber es gibt nur einerlei Art von Nerven. Jeder Nerv
ist nur physischer Vorstellungsvermittler. Und diejenigen Nerven, die
wir heute motorische Nerven nennen, die sind in ihrer Funktion nicht
anders als die sogenannten sensitiven Nerven. Wahrend der sensitive
Nerv zu den Sinnen geht, um die Aufienwelt wahrzunehmen, geht der
sogenannte motorische Nerv, der auch nichts anderes ist als ein inner-
licher sensitiver Nerv, in das Innere und vermittelt die Wahrnehmun-
gen, die ich zum Beispiel habe, wenn ich ein Glied bewege, die ich
habe, wenn ich irgendwie eine innerliche unbewuflte Bewegung auszu-
fuhren habe. Der Nerv ist nur der Vermittler der Wahrnehmung fur
irgend etwas Aufteres oder Inneres. Es gibt nicht zwei Arten von
Nerven, nicht sensitive und motorische Nerven. Meinetwillen, die
Terminologie ist mir dann einerlei, ob man sie dann sensitive oder
motorische nennt, das ist gleichgiiltig, aber nur einerlei Art und ana-
tomisch-physiologisch etwas metamorphosiert, nur einerlei Art von
Nerven gibt es.
Ich weifi natiirlich, dafi naheliegende Einwande gegen diese An-
schauung gemacht werden konnen. Aber ich habe, da ich wirklich seit
fiinfunddreifiig Jahren arbeite an der Ausgestaltung dieser Anschau-
ung vom Menschen, wirklich alle diese Einwande sorgfaltig gepruft.
Jede einzelne Tatsache, die genommen werden kann aus dem Funk-
tionieren oder Nichtfunktionieren des Nervensystems, sagen wir zum
Beispiel bei der Tabes dorsalis, jede dieser Tatsachen, wenn sie wirk-
lich vorurteilslos interpretiert wird, ordnet sich in dasjenige theore-
tische System ein, das ich Ihnen eben auseinandergelegt habe. Wah-
rend Sie iiberall die Bruche sehen werden, wenn Sie die heutige Inter-
pretation, sagen wir zum Beispiel, der Tabeserkrankungen nehmen. Sie
kommen nur zurecht auch mit dem, was sorgfaltig gerade heute mit
solchen Dingen in der Naturwissenschaft verzeichnet ist, wenn Sie
wissen, daft es nur einerlei Art von Nerven gibt, und dafi die Gefiihls-
welt in keinem direkten, sondern nur in einem indirekten Zusammen-
hang mit dem Nervensystem steht, dafi die Gefiihlswelt unmittelbar
eingreift in das Atmungs- und Zirkulations-, iiberhaupt in das rhyth-
mische System, daft der Wille unmittelbar wirkt als stoffwechselartig,
jener unbewufite Wille in unserem Inneren, der dem Gesamtstoffwech-
selprozesse zugrunde liegt und der dann wiederum sich metamorpho-
siert zu dem bewufken Willen, der den aufteren bewuflten Bewegungen
zugrunde liegt.
Dies war das erste, ich mochte sagen, fur mich erschutternde Er-
gebnis, das ich gehabt habe eigentlich seit dreifiig Jahren aus den An-
schauungen, die ich iiber den Menschen gewinnen konnte. Ich habe es
nicht auszusprechen gewagt bis zum Jahre 1917, weil es tatsachlich
verhaltnismafiig leicht ist, irgendein wissenschaftliches Ergebnis, das
wenig abweicht von den Gewohnheiten, auszusprechen. Dagegen ist
es wirklich nicht leicht, ich mochte sagen, gegen das Urteil, das so gut
begriindet erscheint, dafi es zweierlei Nerven gibt, in der Welt irgend-
wie vorzugehen. Und erst als ich beruhigt sein konnte dariiber, dafi
es heute keine naturwissenschaftliche Tatsache gibt, die dem wider-
sprechen wiirde, die sich nicht einordnen liefie in diese Anschauung
von der Einerleiheit der Nerven, wagte ich 1917, nachdem ich drei-
fiig Jahre beschaftigt war mit dem Ausarbeiten dieser Anschauung, sie
auszusprechen.
Aber diese Anschauung hat eine ganz andere Folge noch. Nehmen
Sie nur diese Tatsache, dafi die Gefuhlsimpulse unmittelbar eingreifen
in das rhythmische System, die Willensimpulse unmittelbar eingrei-
fen in das Stoffwechsel-Bewegungssystem, dann haben Sie in dem Wil-
lenssystem und in demjenigen, was sich dann weiter angliedert an das
Willenssystem, in dem Gefiihlssystem des Menschen, das wir iiber-
haupt nur fassen konnen auf spirituelle Art, indem wir die Gefiihle
nur fassen konnen als geistige Entitaten, in denen haben Sie die An-
triebe zum Beispiel zur Zirkulation. Und Sie kommen hinweg von
etwas, woriiber nun wirklich auch wiederum nicht leichter Hand hin-
wegzukommen ist.
Heute sucht die Physiologie, die unserer gesamten medizinischen
Denkweise zugrunde liegt, den eigentlichen Motor fiir die Blutzirku-
lation im Herzen, und das Herz wird angesehen als dasjenige, was die
Impulse aussendet, um das Blut durch den Organismus zu treiben. Das
Umgekehrte ist wahr. Das Blut wird durch den Organismus bewegt,
durch die spirituelle Wesenheit des Menschen, die in der Willensorga-
nisation in den Stoffwechsel unmittelbar eingreift, die in den Gefuhls-
impulsen in die Zirkulation unmittelbar eingreift und in die Atmung,
also in das rhythmische System. Diese gesamte innere Bewegung, diese
gesamte innere rhythmische Tatigkeit kommt unmittelbar aus dem
geistigen Menschen, und das Herz, die Herztatigkeit ist nicht die Ur-
sache der Blutzirkulation, sondern sie ist die Folge der Blutzirkula-
tion, die Folge der Saftebewegung. Das Herz driickt also eigentlich
nur aus in seinen eigenen Bewegungen, wie es innerlich erregt und be-
wegt wird durch die Bewegung, die eigentlich von dem geistigen Men-
schen ausgeht.
Das sind zwei Dinge, die nach und nach der Physiologie als der
Grundlage der Medizin eben werden zugrunde gelegt werden miissen:
die Anschauung von der Einerleiheit der Nerven und von dem Zuge-
ordnetsein des gesamten Nervenlebens nur zum Vorstellungsleben, und
dann auf der anderen Seite die Bewegung der fliissigen und luftformi-
gen Elemente im Menschen unmittelbar vom Geistigen aus, so daft die
Herzbewegung als Folge der rhythmischen Bewegung im Menschen
erscheint, nicht als deren Ursache.
Ich erinnere mich noch lebhaft, welche wilden Leidenschaften ich
einmal ausgelost habe in einem Eisenbahnwaggon auf der Strecke
zwischen Tralleborg und Stockholm, als ich einem schwedischen Arzte
diese Herztheorie auseinandersetzte. Es war ein schreckliches Gewiihl
von Leidenschaften, in das der Mann gekommen ist. Also ich kann
ganz gut begreifen, wie sich diese Dinge heute in dasjenige, was wir
nun alle einmal gewohnt sind zu denken, hineinstellen. Aber nur da-
durch of fnet man sich das Tor vom physischen Menschen zum geistigen
Menschen. Denn in dem Augenblicke, wo Sie zweierlei Nerven haben,
geht die eine Art von Nerven von der sinnlichen Wahrnehmung zum
Zentrum, geht als physische Organisation vom Sinn zum Zentrum.
Vom Zentrum aus geht der Willensnerv. Der motorische Nerv ver-
mittelt ebenso materiell dasjenige, was nun als Wille erscheint. Sie
kommen aus dem Materiellen uberhaupt nicht heraus. Dadurch, daft
Sie zweierlei Nerven konstruieren, die es gar nicht gibt - es gibt nur
einerlei Nerven haben Sie sich das Tor zu dem Geistigen des Men-
schen zugesperrt. Und das ist dasjenige, was uns die so bewunderns-
werte Naturwissenschaft, die fiir den aufteren Menschen so groftartig
ist, fiir den Menschen gebracht hat. Sie ist so weit gegangen, dafi sie
eine rein ausgedachte Theorie an die Stelle der Wirklichkeit gesetzt
hat, die rein ausgedachte Theorie, daft es zweierlei Nerven gibt, wah-
rend eben die motorischen Nerven auch sensitive Nerven sind und nur
zur Wahrnehmung der inneren Bewegungen da sind. Auf der anderen
Seite macht sie das Herz zu einer Art von Pumpe, zu einem physika-
lischen Apparat, der durch eine Art Automatismus die rhythmische
Zirkulation des Menschen hervorruft. Dann loscht sie sich, indem sie
in diesen physischen Automaten Herz die ganze Ursache der rhyth-
mischen Bewegungen des Menschen hineinverlegt, den Zusammen-
hang aus zwischen dem rhythmischen System und auch zwischen dem
Stoffwechselsystem und der geistigen Wesenheit des Menschen.
Das ist das Zuschliefien des Tores zum geistigen Menschen, zu der
spirituellen Wesenheit des Menschen gewesen, daft auf der einen Seite
die Theorie von den zweierlei Nerven aufgestellt worden ist, und auf
der anderen Seite die Herztheorie, die das Herz nicht dasjenige sein
laftt, was es ist, sondern es zum physischen Motor fiir die Blutzirku-
lation macht, wahrend es in Wahrheit in seinen Bewegungen nur der
Ausdruck fiir das Blut wirklich ist, das vom spirituellen Menschen
aus bewegt wird.
Das hat schon seine bedeutsamen Folgen. Denn dadurch erst, daft
Sie in dieser Weise sehen, wie die Nervenorganisation sich eigentlich
hineinverlegt in den Menschen, konnen Sie die Nervenorganisation
in der richtigen Weise, sagen wir zum Beispiel, in Beziehung zu der
Organisation des Verdauungssystemes bringen. Das Verdauungssystem
gehort dem System des Menschen an, das ich das Stoffwechsel-Bewe-
gungssystem genannt habe, und das Nervensystem ist polarisch ihm
entgegengesetzt.
Nun betrachten wir einmal den Menschen, wie er in bezug auf das
eine und das andere System ist. In bezug auf das Stoffwechselsystem:
auftere Stoffe werden aufgenommen. Das Wesentliche fiir das Ver-
dauungssystem ist die Tatigkeit, die nun hervorgerufen wird, wenn
in den Korper die aufieren Stoffe hineinversetzt werden. Dasjenige,
was der Organismus des Menschen genotigt ist deshalb zu tun, weil
ein Fremdkorper in ihn hineinkommt, den er umgestalten, den er me-
tamorphosieren mull, was der Mensch deshalb tun muf5: darauf kommt
es an, auf diesen Prozefi kommt es an bei der Verdauung, und dieser
Prozefi bleibt auf einer bestimmten Stufe stehen. In dem Momente,
wo nun dieser zunachst fortschreitende Prozeft gewissermafien im
Oberwinden der Krafte der aufteren Nahrungsmittel stehenbleibt, da
tritt der Impuls der Ausscheidung ein. Und die Ausscheidung tritt hier
in bezug auf das Stoffwechselsystem so ein, dafi diese Ausscheidung
unmittelbar nach auften erfolgt. Wir haben also zu begreifen das Stoff-
wechsel-Bewegungssystem so, dafi zunachst die Impulse des Menschen-
organismus, die verwandt sind mit dem Willen, der Wille unmittelbar
in den Stoffwechsel eingreift, daft diese Impulse, die verwandt sind
mit dem Willen, die Uberwindung, die Konstitution des Stoffes, wie
er auften ist, so weit treiben, dafi er bis zu einem gewissen Punkte
kommt. Dann wird ausgeschieden, ausgeschieden auf alien den We-
gen, die ja bekannt sind. Aber die Ausscheidung erfolgt nach aufien.
Derjenige Teil der Verdauungstatigkeit aber, der durch den ganzen
organischen Prozefl in die Kopforganisation, das heilk in diejenige
Organisation, wo das Nerven-Sinnessystem nicht ausschliefSlich, aber
vorzugsweise lokalisiert ist, hingetrieben wird, der geht nicht nur bis
zu diesem Punkt im menschlichen Organismus, bis zu dem der Prozefi
geht im Stoffwechsel-Bewegungssystem, sondern dasjenige, was fur
die Kopforganisation Verdauung ist, das wird weitergetrieben, indem
die Ausscheidung nun nicht nach aulSen geht, sondern innerlich erfolgt.
Und was ist das Ergebnis dieser innerlichen Ausscheidung, die also ab-
gelagert wird in dem Menschen selber, was ist das Ergebnis dieser inner-
lichen Ausscheidung? Das ist das Nervensystem. Das Nervensystem ist
dasjenige System im menschlichen Organismus, das eigentlich seinen
substantiellen Gehalt einer innerlichen Ausscheidung verdankt, die
aber im Organismus bleibt, nicht nach aufien getrieben wird, natiirlich
nur bis zu einem gewissen Punkte im Organismus bleibt, und dort
durch die plastischen Krafte der ersten unsichtbaren Wesenheit des
Menschen, der ersten iibersinnlichen Wesenheit des Menschen, dem
sogenannten Ather- oder Lebensleib, durch die plastischen Krafte,
durch die Bildekrafte dieses Ather- oder Lebensleibes geformt wird.
So dafi man zu unterscheiden hat aufler dem physischen Leib des
Menschen diese erste ubersinnliche Wesenheit, den Ather- oder Le-
bensleib, der eigentlich nur dynamisch ist, nicht materiell, nur dyna-
misch. In der ganzen Welt sind diese dynamischen Wirkungen ebenso
vorhanden, im Menschen auf besondere Weise.
Dieser Bildekrafteleib enthalt die gestaltenden Krafte, die nun jene
Ausscheidungsprodukte zu dem so wunderbar gebauten Gehirn, iiber-
haupt dem wunderbar gebauten Nervensystem formen.
Meine sehr verehrten Anwesenden, ich fordere Sie auf, alles das-
jenige, was histologisch, was embryologisch, was sonst entwickelungs-
geschichtlich, evolutionistisch iiber die Beschreibung, ich will sagen,
zum Beispiel einer Embryonalzelle und einer Nervenzelle zu sagen
ist, all das vorurteilslos zu priifen und Sie werden das mit keiner an-
deren theoretischen Grundlage in "Obereinstimmung finden konnen
als einzig und allein mit derjenigen, die ich eben auseinandergesetzt
habe.
Und so kann man schon wirklich als ein, ich mochte sagen, ganz
gewissenhafter Skeptiker zu demjenigen stehen, was die Geistesfor-
schung, die ich vertrete, sonst sagt. Sie sagt, man kann kommen zu
einer Art von exakter Clairvoyance, einem exakten Untersuchen dieses
t)bersinnlichen. Wie man dieses Ubersinnliche exakt untersucht: ich
habe es beschrieben in meinem Buche, das als « Initiation* ins Eng-
lische iibersetzt worden ist. Gerade durch solche Untersuchungen des
Ubersinnlichen kommt man eben dazu, dasjenige, was nun nicht mehr
den physischen Naturgesetzen folgt, sondern eigentlich in der Natur
eine Art kunstlerischer Tatigkeit ist, dafi man das, diese plastischen,
diese plastizierenden Krafte verfolgt, die vorzugsweise im mensch-
lichen Kopforganismus tatig sind, und die in diesem Kopforganismus
jene sonst als Ausscheidungsimpulse nach aufien getriebenen materiel-
len Entitaten formen.
So dafi das Sonderbare bei dieser Betrachtungsweise herauskommt,
daft wir in unserem Nervensystem eigentlich durchaus eine Summe
von Abbauprozessen zu sehen haben, und daft die Funktion unseres
Nervensystems eigentlich darauf beruht, dafi sie lediglich in Abbau-
prozessen besteht, weil sie eine iiber einen gewissen Punkt hinausge-
triebene Ausscheidung und nach der Ausscheidung geformte, plastisch
geformte Materie ist.
Das gibt den fundamentalen Unterschied zwischen einem Organ,
das der Nerven-Sinnesorganisation angehort, und einem Organ, das
der Verdauungsorganisation angehort. Ein Organ, das der Nerven-
Sinnesorganisation angehort, ist in der Evolution wesentlich weiter-
geschritten, ist in einer absteigenden Evolution. Ein Organ, das der
Stoffwechsel-Gliedmafienorganisation angehort, ist nur in einer auf-
steigenden Evolution, geht bis zu einem gewissen Punkte und fordert
von diesem Punkte an die Ausscheidung.
Das sind die Dinge, die uns zeigen, wie die Organe sind in ihrem
gesunden Zustande, das sind aber auch die Grundbedingungen, um zu
erkennen, wie die Organe sich verhalten in ihrem kranken Zustande.
Und das sind schliefilich die Fundamente, die dazu fiihren, nun auch
die Heilmittel in ihrem Zusammenhange mit dem Krankheitsprozeft
in Wirklichkeit zu erkennen. Machen wir uns das klar an einem Bei-
spiel.
Der Prozefi, der sich in unserem Gehirn oder auch, man konnte
sagen, im ganzen Nervensystem abspielt, dieser Prozefi, der die Ma-
terie bis zu einem gewissen Punkte entwickelt, dann sie abbaut und die
Abbauprodukte, also gewissermaften die poverierten Produkte wie-
derum formt, dieser Prozefi geht in unserem Nervensystem vor sich.
Und dieser AbbauprozefS, nicht Aufbauprozefi, dieser Dissimilations-
prozefi, nicht Assimilationsprozefi, dieser Prozefi des Abbaues, der
liegt unseren Vorstellungen zugrunde. Unseren Vorstellungen liegt ei-
gentlich zugrunde, dafi wir in jedem Augenblicke unseres Lebens mit
Bezug auf unser Nervensystem eine Art atomistisches Sterben durch-
machen, das nur immer aufgehoben wird durch die Aufbauprozesse.
Man mochte sagen, im Momente des Sterbens drangt sich zusammen
alles dasjenige, was verteilt ist auf das ganze Erdenleben des Menschen
in dem fortdauernden Abbauprozesse des Nervensystemes.
Wenn man diese Prozesse studieren kann, wobei man es also mit
einem Funktionieren der materiellen Krafte bis zu einem gewissen
Punkte zu tun hat, dann mit einem Abbau, dann sagt man sich das
Folgende: Wodurch denken wir denn eigentlich als Menschen? Wo-
durch sind wir denn geistige Wesen? Durch dieselben Krafte, durch
die wir, sagen wir, durch die Embryonalentwickelung ins Leben tre-
ten? - Keineswegs! Unser physisches System darf sich nicht in gerader
Linie weiterentwickeln, damit wir Menschen sein konnen, sondern es
muft von einem gewissen Punkte an eine lebendige Entwickelung durch-
machen, eine Devolution muE eintreten. Und in der Devolution, nicht
in der Evolution, ist die Grundlage gegeben fiir dasjenige, was unsere
geistigen Tatigkeiten sind.
Bedenken Sie die Folge einer solchen Anschauung. Man glaubt, so
etwas wie der Nervenprozeft sei ein aufsteigender Prozeft, und als
solcher, als aufsteigender Prozeft, wie der Wachstumsprozeft oder wie
der Ernahrungsprozeft, sei er die Grundlage des Denkens, des Vor-
stellens. Das ist ja gar nicht moglich. Die Grundlage des Vorstellens
ist ein Abbauprozefi. Die Materie mu!5 erst zerstort und die Zersto-
rungsprodukte plastisch geformt werden, damit sie die Grundlage ab-
geben konnen fiir das Funktionieren des Geistigen in uns, fiir die Ge-
danken. Wir miissen erst unsere materielle Grundlage zerstoren, wir
miissen gewissermaften erst Locher in das Gehirn schlagen, damit wir
denken konnen. Also nicht etwa auf den organischen Wachstumskraf-
ten beruht die Fahigkeit des Denkens, sondern damit der Geist in un-
sere Organisation einziehen kann, ist es notwendig, daft diese Orga-
nisation erst einem Abbauprozefi, einem Zerstorungsprozefi, einem par-
tiellen Ertotungsprozefi unterliegt.
Dann, wenn Sie das klar durchschauen, kommen Sie dazu, daft Sie
sich sagen: Hier ist eine Strafie, es hat geregnet, es hat einen weichen
Boden, Wagen fahren dariiber; ich sehe die Furchen. Aber nehmen wir
jetzt an, irgendein Wesen kame vom Mars herunter, hatte niemals
Wagen gesehen, die Wagen waren fort, und es sahe nur die Furchen.
Das untersucht nun die Furchen, geht in die Erde hinein und sagt:
Unter der Erdoberflache, im Inneren der Erde, da sind die Krafte, die
von unten hinauf die Furchen gemacht haben. - Wir konnen es dem
Wesen nicht verubeln, daft es im Erdboden drinnen die Griinde sucht
fiir die Furchen, nur liegen sie nicht darinnen, sondern sie liegen in den
Wagen, die daruber gefahren sind und die Furchen hineingefahren
haben.
So ungefahr ist es mit unserem Gehirn. Sie glauben, das ist ein Or-
ganisationsprozefi von unseren Organen nach auften; wahrend die
Furchungen unseres Gehirns Eingrabungen sind von seelisch-geistigem
Leben. Und wir kommen nun darauf, daii wir unseren physischen
Korper in bezug auf seine Nerven-Sinnesorganisation iiberhaupt nur
als die Widerlage, als das Widerstehend© gebrauchen, um die geistige
Tatigkeit auszuiiben. So wie Sie jede Spur des Wagens oben, der dahin
oder dorthin gefahren ist, verfolgen konnen - und Sie konnen daraus
vieles erschlieften, immer findet sich von irgend etwas, was der Wagen
getan hat, eine Spur -, so konnen Sie aus dem Gehirn natiirlich das
ganze Denken erklaren. Das ist eben gerade die wunderbare Illusion
des Materialismus, daft man ja nicht etwa sagen soil, man soli es nicht
aus dem Gehirn erklaren; im Gegenteil, man kann aus dem Gehirn
das ganze Denken erklaren und das Vorstellungsleben, aber weil es
eingegraben ist von dem spirituellen Leben.
Wenn Sie diesen Prozeft verfolgen, der also ein Abbauprozeft ist,
und Sie gehen dann vom Menschen hinaus in den groften kosmischen
Prozeft, so haben Sie da drauften dieselben Vorgange. Und zwar ha-
ben Sie den Vorgang, der sich heute im Menschen abspielt, aber nur
sich aufhalt - wenn ich mich so ausdriicken darf - im Status nascendi,
im Moment des Entstehens, diesen Prozeft, der sich abspielt im Ab-
bauen des materiellen Prozesses, der dem Nervensystem zugrunde liegt,
diesen Prozeft, der aber nur aufgehalten wird im Status nascendi, den
haben Sie kosmisch in der Natur drauften vorhanden beim Entstehen
der Kieselsaure, uberall, wo sie in der Natur auftritt. Wenn Sie daher
in der richtigen Art ein Praparat herstellen aus der Kieselsaure, die
drauften im Kosmos denselben Prozeft vorstellt, nur daft da der Prozefi
fortgeht und dann in einem spateren Punkte zum Stilfcstand kommt,
wahrend er im menschlichen Haupte im Status nascendi aufgehoben
wird, wenn Sie diesen Prozeft, der da drauften ist, in der entsprechen-
den Weise nun zum Praparat verwerten und das dem Menschen in der
geeigneten Weise beibringen, dann nehmen Sie einem Korper, der in
einer Weise in seinem Atherleib schwach geworden ist, diesen Prozeft
nicht durchfiihren kann, durch das Heilmittel diesen Prozefi ab. Nun
hat die Kieselsaure das Merkwiirdige, dafi, wenn wir sie durch die
Substanzen, die wir ihr beimischen, und durch die Prozesse, durch die
wir sie verarbeiten, wenn wir sie im gesamten menschlichen Organisa-
tionsprozesse zum Kopfe bringen, sie da tatsachlich dem Menschen das-
jenige abnehmen kann, was er deshalb, weil eine organische Schwa-
chung vorliegt, nicht durch seine inneren Organisationskrafte ausfiih-
ren kann.
So sehen Sie richtig hin auf dasjenige, was im menschlichen Haupte
vor sich geht. Aber Sie miissen das menschliche Haupt im Zusam-
menhang sehen mit den spirituellen Impulsen. Und Sie sehen hin
auf dasjenige, was draufien im Kosmos vor sich geht in der Kieselsaure-
bildung, und Sie erkennen, daft Sie im Kieselsaureprozefi, festgehalten
eben im Silizium, in der Silicea, in diesem Prozefi etwas haben, das Sie
hineinorganisieren konnen in den Menschen, wodurch Sie ihm abneh-
men dasjenige, was er ohne dies nicht kann. Dadurch rufen Sie aber
wiederum die innerste Organisation des Menschen zur Reaktion auf,
so daft sie von sich aus wieder kann, was man ihr eine Zeitlang abge-
nommen hat.
So sieht man durch spirituelles Schauen, was eigentlich die Kiesel-
saure im menschlichen Organismus fur eine Funktion ausiibt, wenn
der Organismus diese Funktion nicht selber ausiiben kann. Das ist es,
was als eine fundamental Erkenntnis entsteht, wenn man eben die
gesamte menschliche Organisation und auch den Zusammenhang mit
der aufteren Natur durchschaut. Man braucht dann nur zu fragen: Was
geschieht nicht in irgendeinem Teil des menschlichen Organismus und
was sollte geschehen?
Weift man dann von der Natur, wo der Prozeft liegt, der gerade
an der Stelle des menschlichen Organismus fehlt, so ist die Pathologie
unmittelbar die wirkliche reale Grundlage der Therapie. Und jede in
der Pathologie gegebene Fragestellung richtig beantworten, ist unmit-
telbar auch die therapeutische Antwort.
Das ist dasjenige, was die Moglichkeit bedeutet, so vorzugehen, daft
man sagt: Nun, ich verfertige ein Heilmittel. Durch das Einsehen des
Zusammenhanges kann ich voraussagen, wie das Heilmittel wirken
wird. Wirkt es dann in der Tat so, so ist das ein Verifizieren, kein
blofier Empirismus, sondern es ist ein Verifizieren.
Sehen Sie uberall nach, wie es die aufteren Wissenschaften machen.
Ist man imstande, durch irgendeine theoretische Anschauung voraus-
zusagen, was eintreten soli, dann sieht man nicht auf die Menge der
Falle, die verifizieren, sondern wenn man die Bedingungen wirklich
richtig herstellt und das Vorausgesagte sich erfiillt, dann halt man
zunachst dasjenige, was man angenommen hat, fur verifiziert. Und
insbesondere ist es ja wichtig fiir das Praktische, daft eine solche Veri-
fizierung eintritt, denn die Praxis zeigt ja auf diesem Gebiete immer,
ob wir mit unseren Voraussagen recht haben oder nicht. Dasjenige
also, was erreicht werden kann durch dieses Hinlenken der Menschen-
erkenntnis von der bloften physischen Natur zur geistigen Natur, das
ist, daft wir lernen, die Prozesse, die wir in der Pathologie beobachten,
bei einer therapeutischen Behandlung so vorauszusehen, wie wir sonst
im Laboratorium oder im physikalischen Kabinett einen aufteren Na-
turprozefi voraussagen. Tritt er in der Weise ein, wie wir ihn vorausge-
sagt haben, so haben wir die Sache durchschaut. So dehnen wir das
wirklich Wissenschaftliche so aus, wie wir es gewohnt sind in der
Physik zu machen, wahrend wir in den biologischen Wissenschaften,
und namentlich in ihrer praktisch therapeutischen Verwertung, eben
heute durchaus sehen, daft eine blofte empiristische Methode da ist. Es
handelt sich also nicht darum, weniger Wissenschaft zu haben, son-
dern mehr Wissenschaft zu haben, um zu einer wirklich rationellen,
das heiftt, auch durchschaubaren Erkenntnis des Zusammenhanges zwi-
schen Pathologie und Therapie zu kommen.
Es ist schon erschrecklich spat geworden. Daher werde ich genotigt
sein, in einem kurzeren, nunmehr letzten Teil einiges noch zusammen-
zufassen, was einiges Licht noch werfen kann auch von der therapeu-
tischen Seite aus auf dasjenige, was ich gesagt habe.
Wenn wir diese Organisation fiir das Sinnes-Nervensystem, die
hauptsachlich konzentriert, lokalisiert ist im menschlichen Haupte, ins
Auge fassen, so finden wir nach dem Gesagten, daft sie im wesentlichen
zugrunde liegt dem Gedankenleben, dem Vorstellungsleben. Aber was
ist dasjenige, was der Mensch sein Gedankenleben nennt? Es ist das-
jenige, was von der eigentlichen Kraft der Gedanken in das Bewufit-
sein hereinspielt, und dasjenige, was der Mensch eigentlich so wahr-
nimmt, dafi er ganz instinktiv, unwillkurlich davon spricht, wie ei-
gentlich der Gedanke keine Wirklichkeit ist. Der Gedanke, der erlebt
wird, ist kraftlos. Der Gedanke, der erlebt wird, ist im Grunde ge-
nommen nur in einem Bilddasein vorhanden.
Dagegen hat dieses Gedankenleben noch eine andere Seite, eine we-
sentlich andere Seite, und wir konnen, ich mochte sagen, in einer ein-
fachen Weise uns vor die Seele fiihren, welche andere Seite dieses Ge-
dankenleben hat, wenn wir daran denken blofi, dafi ja diese Erschei-
nung nach dem Bewufitsein beim ganz kleinen Kinde noch nicht vor-
handen ist. Dagegen ist die andere Seite dieses Gedankenlebens bei dem
ganz kleinen Kinde sehr wohl vorhanden. Das ist die wirkliche dyna-
misierende, plastizierende Kraft des Gedankenlebens. Wir haben die
eine Seite des Gedankenlebens, die fur das gewohnliche Bewufitsein
eben in den Vorstellungen, in den Gedanken, in den Begriffen zur Of-
fenbarung kommt, und wir haben gewissermafien die nach riickwarts
gerichtete Kraft der Gedanken, die identisch ist mit jener plastizieren-
den Kraft, die ich vorhin erwahnt habe. So daft, wenn wir auf das
menschliche Vorstellungsleben sehen in seinem Zusammenhang mit
dem ganzen menschlichen Organismus, wir eigentlich sagen miissen:
dasjenige, was wir vom Gedankenleben wahrnehmen, unmitteibar er-
leben, das ist wie ein Spiegelbild im Verhaltnis zu einem wirklichen
Gegenstand. Das Wirkliche am Gedankenleben sind die nach innen
gehenden plastischen Krafte.
Und diese nach innen gehenden plastischen Krafte sehen wir am
ganz kleinen Kinde, das noch nicht ein bewufites Gedankenleben hat,
ja am starksten an der Plastik des Gehirns arbeiten. Gerade wenn der
Mensch noch ein Kind ist, wird am starksten an der Ausarbeitung
desjenigen Organs gearbeitet, das dann die Grundlage des Vorstellungs-
lebens selber wird.
Wir wagen es, von einer latenten Warme zu sprechen und von einer
Warme, die erscheint, von einer erscheinenden Warme. Wir wissen,
daft durch gewisse Prozesse eine gebundene Warme frei gemacht wer-
den kann, herauskommt aus der Substanz, in der sie gebunden war, la-
tent war. Wir wagen es nur heute noch nicht, in derselben Weise da-
von zu sprechen, dafi im Kinde allmahlich das bewufite Vorstellungs-
leben aus dem unbewufken Vorstellungsleben herausgetrieben wird,
und dafl dieses unbewufite Vorstellungsleben im Kinde am allerleben-
digsten an der Plastik des ausgeschiedenen Materiellen arbeitet, urn
das Nervensystem durch seine plastizierende Kraft zustande zu brin-
gen. Diese plastizierende Kraft dauert dann das ganze menschliche Le-
ben fort, ist am starksten in der Kindheit. Und wir sehen dadurch auf
das erste Obersinnliche im Menschen.
Obersinnlich sind die Gedanken, aber es sind eigentlich nur die
Bilder, die erlebt werden; iibersinnlich sind aber auch die Krafte, die
nun das eigentliche Gedankenorgan formen, die am Nervensystem
arbeitenden Krafte.
Aber man mochte sagen, das ist nur der dem physischen Geschehen,
dem physischen ProzefS nachste Teil des iibersinnlichen Menschen. Es
ist etwas, was sich anschaut, mochte ich sagen, wie das, was zwischen
physischem Leib und Seelischem steht. Schauen wir aber hin auf das
rhythmische System, das in direktem Zusammenhang, wie ich gesagt
habe, mit dem Gefiihlsleben des Menschen steht, so sehen wir da ein
Hoheres in diesem rhythmischen System tatig, und wir sehen in dem
rhythmischen System nicht nur gewissermafien ein atherisch Plastisches
wirksam, sondern ein atherisch Plastisches, das durchseelt ist. Und im
Innersten ist der Rhythmus gerade dieses merkwiirdige Ineinanderar-
beiten des Prozesses, den wir auf der einen Seite gesehen haben im Ver-
dauungs-Bewegungssystem, im Stoffwechsel-Bewegungssystem, wo bis
zu einem gewissen Punkte die Evolution des Stoffprozesses gebracht
wird, wo dann der Stoffprozeft ausscheiden will, wahrend er im Ner-
venprozefi innerlich ausscheidet.
Stellen wir uns nun den ganzen ProzelS so vor, daft er gewisser-
mafien gefiihrt wird als Stoffwechselprozeft bis zu einem gewissen
Punkte, dann die Ausscheidung entsteht, aber sofort zuriickgebildet
wird, so daft fortwahrend der ganze Prozefi hin- und herpendelt zwi-
schen einem Stoffwechselprozef? und einem abbauenden Nervenpro-
zefi, dann haben Sie den Grundtypus jenes rhythmischen Prozesses,
der alien rhythmischen Prozessen zugrunde liegt. Er hangt zusammen
mit einer Tatigkeit des Menschen, des iibersinnlichen, des spirituellen
Menschen, die ausgeht von dem beseelten atherischen Prozesse, von
dem beseelten Atherleben gewissermaften.
Und schauen wir auf die Atmung, auf die Blutzirkulation, irgend
etwas, das sich gerade in der Sphare der rhythmischen Prozesse ab-
spielt, so haben wir dieses gewissermafien gegeniiber dem bloften athe-
rischen Prozesse hohere Wirken eines durchseelten atherischen Prozes-
ses in unseren rhythmischen Vorgangen. Die lassen sich nun wiederum
im Zusammenhange mit den Vorgangen im Kosmos beurteilen.
Wir sehen, wie da, wo er nicht iiber seine Grenzen hinausgehen soil,
der Stoffwechsel iiber seine Grenzen hinausgeht, so dafi er gewisser-
maften am unrichtigen Orte, in einem unrichtigen Organ des Men-
schen zum Nervenprozefi wird. Gewifi, es sieht phantastisch aus, ent-
spricht aber der Realitat. Wenn innerhalb des Stoffwechselsystems, des
eigentlichen Stoffwechselsystems, der Stoffwechselprozeft iiber den
Punkt, den ich charakterisiert habe, wo er zur Ausscheidung fiihren
sollte, hinausfuhrt und gewissermaften iibergeht an unrechtem Orte in
den Nervenprozefi, dann entsteht die Krankheit, die in den verschie-
denen Formen des Typhus abdominalis erscheint. So daft wir sagen miis-
sen: die typhosen Krankheiten sind innerhalb des Stoffwechselprozes-
ses auftretende Nervenprozesse, Nervenprozesse, die naturlich nur als
Prozesse auftreten, nicht bis zu einer wirklichen Bildung eines Nerven-
systems fiihren konnen. Es handelt sich nun darum: wie kommen wir
einem solchen Prozefi bei?
Da schauen wir wiederum hinaus in den Kosmos, und es bietet
sich uns in dem Kosmos jener merkwiirdige Stoff, der naturlich im
Kosmos als Prozefi enthalten ist, aber im Antimonerz festgehalten
wird. Eigentlich sind ja die Mineralien, die Erze, durchaus festgehal-
tene Prozesse.
Dieses Antimon ist ein merkwiirdiges Mineral, ein merkwurdiges
Erz. Es beginnt gleichsam immer die Kristallisation, wirft Gestalten
auf, die spieflig sind, drahtformige Gestalten. Es sieht fast aus wie
eine in der Mineralisation festgehaltene Pflanze oder wie ein in der
Mineralisation festgehaltenes Moos. Aber es hat noch andere Eigen-
schaften. Unterwerfen wir dieses Antimon einem gewissen elektro-
lytischen Prozefi und bringen wir das, was wir daraus gewinnen, an
die Kathode, so braucht es nur einer ganz geringen Beruhrung mit einer
Metallspitze und wir konnen daraus hervorholen einen regelrechten
kleinen Explosionsprozeft.
Und wiederum, wenn wir dieses Antimon unter gewissen Umstan-
den zur Verbrennung bringen, den Rauch auffangen an bestimmten
Flachen, so bekommen wir den wunderbaren Antimonspiegel, eine
Ablagerung des Antimonerzes, das durch eine bestimmte Art von Ver-
brennungsprozeft durchgegangen, rauchbildend war, den Rauch ab-
gelagert hat. Wir bekommen durch einen Prozeft, dem wir das Anti-
mon unterwerfen konnen, gewissermaften eine Fortsetzung desjenigen
Prozesses, den wir im Antimon, wie es in der Natur vorkommt, fest-
gehalten sehen.
Wenn wir nun diesen Antimonspiegel gewinnen - und die Gewin-
nung des Antimonspiegels* bildet innerhalb unseres pharmazeutischen
Laboratoriums etwas sehr Wichtiges wenn man diesen Antimon-
spiegel gewinnt, so nahert man sich denjenigen Kraften, welche riick-
bildend wirken auf solche Prozesse, die innerhalb des Stoffwechsel-
systems bis in die Nervenbildungsprozesse hineinfiihren. Die antimo-
nisierenden Krafte, mdchte ich sagen, schlagen diesen Prozeft im Stoff-
wechsel, der iiber sein Ziel hinausschieften will, wiederum auf sein Ziel
zuriick. Und wir bekommen eine Nachbildung des rhythmischen Pro-
zesses dadurch, daft wir den organischen Prozeft, der zu weit geht,
durch das Antimon, das bis zum Antimonspiegel gebracht worden ist,
wiederum zuriick treiben.
Wir konnen auf diese Weise direkt, wenn wir diese antimonisie-
rende Kraft richtig benutzen, diesen, ich mochte sagen, nervenbilden-
den Prozefi an unrechter Stelle wiederum zerstoren, aufhalten, auf
seine richtige Stelle zuriickfuhren und bekommen dadurch, daft wir
erfassen den eigentlichen typhosen Prozeft, indem wir in die Natur
hinaussehen, welcher Prozefi diesen pathologischen Prozeft zuriick-
fiihrt, den entsprechenden therapeutischen Prozefi.
So daft wir immer in der Lage sind, durch Durchsichtigmachen der
pathologischen Prozesse einfach in der Natur, entweder die unter-
: " Siehe Hinweis auf Seite 249
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stiitzenden, wie ich gestern schon sagte, oder die entgegenwirkenden
Prozesse zu finden und dadurch in der Tat die Heilmittel auf ganz
rationelle Weise herbeizufiihren.
Man kann wirklich hoffen, daft das auch zum Ende kommen kann,
was bis zu einem gewissen sehr weiten Grade schon uns Erfolge ge-
bracht hat, aber was eben jetzt erst eigentlich in seiner Vollendung
ist, namlich das Aufsuchen des Heilmittels fiir die Karzinombildungen.
Wenn man sagen mufi, daft der Stoffwechselprozeft hinausgetrie-
ben werden kann iiber sein Ziel, so daft er zum nervosen Prozeft hin-
iiberfiihrt, gewissermaften den nervosen Prozeft, den nervenbildenden
Prozeft an unrechter Stelle ausfiihrt, so kann noch etwas anderes ein-
treten. Es kann an unrechter Stelle nicht nur die Tendenz eintreten
im menschlichen Organismus, Nerven zu bilden, sondern an unrech-
ter Stelle kann die Tendenz eintreten, die sonst nur in den Sinnesorga-
nen wirkende Prozesse hervorrufen. Da wird der Stoffwechsel noch
weiter getrieben als nur zu dem Punkt, wo er nervenbildend auftreten
will, da wird der Stoffwechselprozeft getrieben bis zu der Tendenz, an
unrechtem Orte des menschlichen Organismus ein Sinnesorgan zu bil-
den. Und diese Tendenz liegt dem Karzinom zugrunde.
So skeptisch man heute noch dem entgegensehen muft, so wird man
immer mehr und mehr, gerade wenn man nun, ich mochte sagen, mit
dieser Richtlinie histologisch und so weiter bei der Karzinomunter-
suchung vorgeht, sehen, daft dem Karzinom zugrunde liegt ein an un-
rechter Stelle entstehenwollendes Sinnesorgan. Natiirlich ist das sehr
approximativ und grob gesprochen, aber es liegt der Prozeft zugrunde,
der eigentlich nur bei der Bildung des Sinnesorgans tatig sein sollte.
Und nun handelt es sich darum: wie konnen wir diesen Prozeft zu-
nicktreiben bis zu dem Punkt, wo der Stoffwechsel eigentlich enden
soil und unmittelbar nicht zur Ablagerung, sondern zur unmittelbaren
Ausscheidung fiihren soli?
Und da bietet sich uns eben der Heilprozeft dadurch, daft wir den
Saft der verschiedenen Arten von Viscum verwenden, und zwar nicht,
wie manche eingewendet haben, weil da eine laienhafte Vorstellung
zugrunde liegt, sondern im Gegenteil, weil ein wirkliches Durchschauen
auch wiederum desjenigen Prozesses zugrunde liegt, der eigentlich da
ist, wenn sich die Mistel als eine parasitische Pflanze da oder dort,
sagen wir, auf dem einen oder anderen Baume bildet. Da liegt namlich
etwas aufSerordentlich Kompliziertes zugrunde.
Wenn wir den Prozefi untersuchen, der, grob gesprochen, der Holz-
bildung zugrunde liegt, dem Entstehen des Baumes aus der gewohn-
lichen krautartigen Pflanze, aus der Pflanze, die nicht innerlich noch
verholzt ist, wenn wir also diesen ProzefS des Baumwerdens aus der
Pflanze in der richtigen Weise schauen konnen, so ist dieser Prozeft
kosmisch ein sehr, sehr merkwurdiger ProzelL Wir haben es da zu
tun mit dem Erdboden, wenn wir eine gewohnliche Krautpflanze ha-
ben, die also noch nicht verholzt, die nicht Baum wird. Die Wurzel
verwachst eigentlich innig mit dem Erdboden, sie gehort sozusagen
zum Erdboden noch dazu, denn es f indet auch ein fortwahrender Stoff-
wechsel mit dem Erdboden statt. Dann wachst also das Kraut mit den
Blattern und es wachst die Blute heraus. Es geht dann iiber in die atmo-
spharischen Einfliisse und so weiter.
Nun, wir betrachten ja heute - ich muii da allerdings jetzt aus einer
Art biologischer Geologie eine Sache heranziehen - das Unorganische
des Erdbodens so ungefahr, wie wenn das etwas Absolutes an sich
ware. Aber alles dasjenige, was wir als Mineralisiertes im Erdboden
haben, ist namlich urspriinglich ein Ausgeschiedenes. Wenn wir so vor-
gehen, wie die heutige Geologie vorgeht, dann kommen wir allerdings
zu keiner Erkenntnis des Erdbildungsprozesses, weil wir herausab-
strahieren aus dem Erdbildungsprozefi die blofie mineralische Grund-
lage. Es ist so, wenn wir heute die Geologie als ein fertiges System vor
uns hinstellen, wie wenn wir das blofie Skelett des Menschen vor uns
hinstellen und behaupten wiirden, das kann fiir sich ein Dasein haben.
Das Skelett des Menschen kann nur als Abgeschiedenes, ich mochte
sagen, Mineralisiertes ein Dasein haben. Ein Skelett kann nicht fiir
sich entstehen. Ein Skelett kann auch nicht fiir sich betrachtet werden,
nur im Zusammenhange mit dem ganzen Menschen.
So kann auch das, was die Geologie gibt, nur im Zusammenhang
mit der lebendig organischen und geistig durchwesten Erde betrachtet
werden. Wir haben nicht etwas Ursprungliches in den geologischen
Bildungen vor uns, sondern wir haben etwas vor uns, was abgeschie-
den ist. Tatsachlich, es ist der Prozeft der Steinkohlenbildung nur der
einfachste, elementarste Prozeft des Mineralisierens. Aber alles, alle
Schieferbildungen, alle kristallinischen Bildungen, alles ist Abgeschie-
denes, ist Ausgeschiedenes, ist gewissermafien dasjenige, was minera-
lisiert ist aus einem urspriinglich undifferenziert organisch Geistigen
heraus.
Diese Dinge sind deshalb so schwer heute zu vertreten, weil, man
mochte sagen, die Gegengriinde so auf flacher Hand liegen. Sie sind
fast selbstverstandlich, die Gegengriinde, und sie sind so leicht zu
durchschauen, die Gegengriinde. Es ist tatsachlich so furchtbar leicht,
heute auszurechnen - approximativ natiirlich, keiner behauptet ja,
daft das sicher ist wie viele Millionen oder hundert Millionen Jahre
man zuriickgehen miisse bis zu dieser oder jener geologischen Forma-
tion. Das ist eine Methode, die natiirlich scheinbar aufierordentlich
exakt ist, aber es ist eine Methode gerade so, wie wenn ich beobachte,
welch kleine Veranderungen mein Herz innerhalb eines Monats durch-
macht; jetzt suche ich zu errechnen, wieviel das in drei Jahren ist. Es
ist genau dieselbe Sache. Ich kann nun ausrechnen, wie mein Herz in
dreihundert Jahren ist, und ich kann zuriick einen Zustand berechnen,
in dem mein Herz vor dreihundert Jahren war, nur dafi ich selber noch
nicht da war! Die Rechnung ist ganz richtig, die Schluftfolgerung ist
richtig, tadellose Logik, nur ist es nicht wirklichkeitsgemaft. Ebenso
sind die Berechnungen der Geologie tadellos, vollstandig logisch, nur
sind sie nicht wirklichkeitsgemafi, denn vor diesen Millionen von Jah-
ren war eben die Erde ebensowenig da, wie wenn ich meine eigene
Gestaltung berechne als physischer Mensch vor dreihundert Jahren.
Die Rechnung ist richtig in der Geologie, aber die Erde war eben noch
nicht da vor diesen dreihundert Millionen Jahren.
Und so muE eben eine hohere Betrachtungsweise eintreten. Die
sieht in allem, was mineralisch ist, etwas Abgelagertes. Wenn nun die
Pflanzen aus dem Erdboden herauskommen, so haben wir da das Mine-
ralische. Wenn nun statt der gewohnlichen Krautpflanze der Baum
entsteht, dann ist das Entstehen des Baumstammes mit seinem Ver-
holzen ein Riickschlag, ein Atavismus an einen friiheren Zustand, in
dem die ganze Erde war. Wir sehen also, so wie wir andere atavistische
Organe haben, in der Entstehung des Baumes einen Atavismus an ei-
nen friiheren Zustand der Erde.
Wenn nun auf dem Baume Viscum wachst, dann haben wir etwas,
was wachst in einem Boden drinnen, der nicht der unmittelbare Erd-
boden ist, denn der ist ein Spatprodukt, der ist ein Ablosungsprodukt,
ein Produkt der Abscheidung, sondern wir haben in dem Viscum
etwas, was wachst in einem Erdenzustande, der ein friiherer Erdenzu-
stand ist. Dann aber wiederum, wenn wir die Sache weiterverfolgen,
so miissen wir ja auch finden, dafl der Mensch in seiner Evolution die
Tendenz zur Sinnesbildung zuletzt aufgenommen hat. Wir finden, in-
dem wir den Mistelbildungsprozefi verfolgen, einen Prozeft einer sehr
friihen Erdperiode.
Bringen wir diesen Prozefi in den menschlichen Organismus hin-
ein, namentlich durch Injektion unmittelbar in den Zirkulationspro-
ze&y dann versetzen wir den Menschen in ein friiheres Stadium seines
Wesens auf Erden, seiner Evolution, und wir arbeiten entgegen auf
diese Weise diesen Prozessen, die die spatesten Prozesse sind.
Nur mufi man sich allerdings ganz klar sein daruber, daft das zu-
nachst die abstrakten Gedankenkonstruktionen sind oder hochstens
auch die abstrakten Konstruktionen des clairvoyanten Hellsehens. Es
ist ein Schauen, aber es ist noch nicht das vollstandige t)berschauen.
Wenn wir dasjenige, was nun im Mistelprozefi wirkt, unmittelbar
nehmen und dem Menschen einfiihren, so verandert es sich wiederum,
wie ich gestern fiir andere Dinge gesagt habe, zu stark. Und daher
wird nun versucht, dasjenige, was im Mistelbildungsprozesse lebt, mit
einer sehr komplizierten Maschine zu verarbeiten, die eine zentrifu-
gale und eine radiale Kraft entfaltet, mit einer ungeheuren Geschwin-
digkeit eine zentrifugale Kraft entfaltet. Die Konstruktion war nicht
so leicht. So dafi man tatsachlich dasjenige, was im Mistelprozefi wirkt,
umgestaltet zu einem ganz anderen AggregatsprozefS und dadurch die
Tendenzen in der mistelbildenden Kraft in einer konzentrierteren Weise
verwenden kann, als sie heute, wo der Mistelprozefi doch ein deka-
denter Prozefi ist, in diesem zutage tritt.
Und so werden wir versuchen, immer weiterzukommen gerade in
diesem Antikarzinommittel, das ja bis zu einer gewissen Vollkommen-
heit schon ausgebildet ist, auch gewisse Konsequenzen schon ergeben
hat, aber das erst ganz fertig sein wird und erst dann seine letzte Veri-
fizierung erfahren kann, wenn auch dieser, ich mochte sagen, Labora-
toriumsprozefl mit der Zentrifuge - sie ist jetzt fertig - vollstandig
bis zu seinem Ende gebracht sein wird. Und wir werden auch auf
diese Weise der Krankheit der Karzinome auf eine immer bessere Weise
beizukommen suchen.
In einer ahnlichen Weise versuchen wir mit unseren verschiedenen
Mitteln - die Zeit ist zu weit vorgeschritten, als daft ich das noch
genauer erklaren konnte, aber ich will die Prinzipien erortern - den
Tuberkuloseprozessen, den verschiedenen Organprozessen und so wei-
ter beizukommen. Wir verwenden, wie ich schon andeutete, die Mit-
tel in verschiedener Weise, indem wir sie direkt in das Stoffwech-
selsystem einfiihren oder durch Injektion in das Zirkulationssystem,
wo sie wieder anders wirken, oder aber indem wir sie Badern und
dergleichen zufiigen, indem sie mehr auf den Sinnesprozefi von auften
wirken.
Wir verwenden dann auch zum Beispiel die sogenannte Heileuryth-
mie, wo wir im Organismus des Menschen selbst liegende Bewegungen
ausfuhren lassen. Wer eine menschliche Hand vorurteilslos ansieht,
wird doch niemals sagen, dafi diese menschliche Hand jemals als etwas
dastehen kann, was in Ruhe sich befindet; die Form der Hand selber
ist ja nur die festgehaltene Bewegung. Die Hand gehort zum Bewegen.
So gehort im Grunde genommen jedes menschliche Glied zum Bewe-
gen. Fuhre ich jene einzelnen Bewegungen aus, die seinen Formeigen-
schaften entsprechen, so kann ich unter Umstanden durch die Bewe-
gung wieder heilend auf die Formeigenschaften zuriickwirken durch
solch eine Heileurythmie, die im Zusammenhange wieder steht mit der
kunstlerischen Eurythmie, von der morgen hier eine kunstlerische Vor-
stellung in der Royal Academy of Dramatic Art stattfindet. Aber diese
Eurythmie ist eben durchaus im physiologischen Sinne in der Heil-
eurythmie ausgebildet. Solch eine Heileurythmie fiihrt wiederum zu
demjenigen, was nun, ich mochte sagen, als auftere therapeutische Mafi-
nahmen in dem Klinisch-Therapeutischen Institut in Arlesheim ausge-
iibt werden.
Und so wird gerade in diesem Klinisch-Therapeutischen Institut in
Arlesheim, das, wie ich schon gestern erwahnte, unter der ausgezeich-
neten Leitung von Frau Dr. Wegman stent, die ja hier anwesend ist,
versucht, dasjenige, was man wissen kann iiber den spirituellen Men-
schen, neben dem, was die Naturwissenschaft gegenwartig iiber den
physischen Menschen weifi, zur Therapie im rationellen Sinne zu ver-
wenden.
Und dazu mufiten wir ja allerdings diesem Klinisch-Therapeuti-
schen Institut in Arlesheim das Klinisch-Pharmazeutische Laborato-
rium angliedern, das also eben in der Form auch Heilmittel erzeugen
kann, wie sie aus einer wirklichen Menschenerkenntnis hervorgehen.
Nun, ich habe versucht, so gut es geht, aphoristisch in einigen kur-
zen Andeutungen darauf hinzuweisen, wie in dieser Weise nicht der
heutigen Medizin, wie gesagt, Opposition gemacht werden soil, aber
wie diese Medizin in einem genau ebenso wissenschaftlichen Sinne, wie
sie auf ihrem heutigen Gebiete arbeitet, weiter herauf in diejenigen
Gebiete des menschlichen Organismus gefiihrt werden kann, wo in
diesem menschlichen Organismus das Geistige eingreift. Und die Un-
regelmaftigkeit, die durch das unrichtige Eingreifen des Geistigen,
durch das dem Organismus nicht entsprechende Eingreifen des unbe-
wufiten Geistigen als Krankheitsform entsteht, eben auch eingerech-
net werden mufi in dasjenige Denken, das das totale medizinische Den-
ken sein mull. Das medizinische Denken mufi eben nach und nach
auch darauf kommen, in dem Menschen nicht nur ein physisches We-
sen zu sehen, in seinen Verrichtungen nicht nur physische Prozesse zu
sehen, sondern nur in einem Teil des Menschen rein physische Prozesse,
in dem weitaus grofiten Teil des menschlichen Organismus, im mensch-
lichen Organismus etwas zu sehen, wo unmittelbar eingreift das Spiri-
tuelle, das der Mensch ebenso aus der spirituellen Welt in sich hat, wie
er sein Materielles aus der physisch materiellen Welt in Form der Nah-
rungsmittel und sonst entnimmt. Erst dann, wenn so auf den ganzen
Menschen hingesehen wird in physiologischer Beziehung, wird man
auch auf diesen ganzen Menschen hinsehen konnen in pathologischer
Beziehung. Aber dieses Hinsehen auf den ganzen Menschen in patholo-
gischer Beziehung gibt, zugleich mit der Pathologie untrennbar ver-
bunden, eine wirkliche Therapie, da man kennenlernt die Beziehung,
die Relation des Menschen zu seiner kosmischen Umwelt, und man da-
durch aus der kosmischen Umwelt die Heilungsmittel nun nicht bloft
durch ein empirisches Probieren, sondern durch ein richtiges Zusam-
menschauen und Durchschauen des Zusammenhanges des Menschen
mit dem Kosmos eben finden kann. Dadurch wird eine Therapie ge-
schaffen, die wiederum den Abgrund zwischen sich und der Patho-
logie nicht haben wird, sondern mit der Pathologie ein Ganzes aus-
machen wird.
Und das war es, was als eine Sehnsucht vieler Arzte in die anthro-
posophische Bewegung hineingekommen ist und dem abgeholfen wer-
den sollte durch diese Detailstromung, mochte ich sagen, innerhalb
dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung, die sich auf medizinischem
Gebiete geltend gemacht hat.
Hoffentlich sind meine aphoristischen Andeutungen nicht gar zu
undeutlich geworden. Aber wenn man in der Kiirze etwas darzustellen
hat, will man doch womoglich die weitausgreifenden Prinzipien dar-
stellen. Darunter leidet manchmal das einzelne. Aber hoffentlich habe
ich doch in diesen Andeutungen wenigstens einzelnes Anregendes ge-
ben konnen.
VIERTER VORTRAG
Wien,2.0ktoberl923
Das Gebiet, iiber das heute abend gesprochen werden soil, ist ein sehr
weites und bedarf auch einer sehr ausfiihrlichen Grundlegung. Es ist
natiirlich aufterordentlich schwierig, an irgendeinem Punkt anzufan-
gen, deswegen gestatten Sie mir, wenigstens einleitungsweise mit einigen
Worten darauf hinzudeuten, wie Anthroposophie zu den Erkenntnis-
problemen, zu der ganzen Seelenverfassung des gegenwartigen Men-
schen steht.
Es ist ja namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts dasjenige im
vollsten Mafie eingetreten, was schon im Grunde genommen seit dem
15., 16. Jahrhundert vorbereitet war, und das in bezug auf die Ent-
wickelung der Erkenntnisprobleme und desjenigen, was sich dann
praktisch an die Erkenntnisprobleme anschlieftt, maftgebend geworden
ist: die exakte hinaufgefiihrte Beobachtung und das Experiment, und
auf deranderenSeite der Intellekt, die sichdaran anschlieftende Schlufi-
folgerung. Es ist heute ja so, daft demjenigen, der auf irgendeinem Ge-
biete eine wissenschaftliche Bildung durchgemacht hat, kein Zweifel
aufsteigt, daft man, urn zu einem wissenschaftlichen Resultat zu kom-
men, experimentieren und denken mufi, ja, daft er nicht einmal in
seinen Horizont die Anschauung hineinbekommt, daft es auch anders
sein konnte. Insbesondere kommen solche Anschauungen nicht in die
Spezialgebiete hinein. In dieser Beziehung schreckt man davor zuriick,
gerade zu denjenigen, die auf irgendeinem Gebiete geschult sind, von
den Konsequenzen der anthroposophischen Forschung fur diese Ge-
biete zu sprechen. Wenn man auch einerseits sagen miiftte: In die an-
throposophische Forschung, die ich meine, sollte nur derjenige ein-
dringen, der sich wissenschaftliche Methodik angeeignet hat -, so mufi
man andererseits doch sagen, daft sich einige fiir die Spezialgebiete
so paradoxe Resultate in bezug auf die Forschung ergeben, daft man
in bezug auf diese Spezialgebiete lieber heute noch schweigt, als davon
spricht. Und wenn ich davon spreche, so tue ich es in der Uberzeugung,
daft Sie alle hierher gekommen sind, nicht um etwas zu horen, was
Sie iiberzeugt, was aber wenigstens wissenschaftlich ernstgenommen
werden kann,
Anthroposophie will eine wissenschaftliche Forschung sein, aber
sie will nicht stehenbleiben bei jener Seelenverfassung, die gespeist wird
von dem aulteren Experiment und dem Intellekt, sondern sie sucht
ihre Erkenntnisse dadurch zu gewinnen, daft sie die menschlichen See-
lenkrafte entwickelt in dem Vertrauen, wie man als kleines Kind un-
entwickelte Krafte hat, die sich entwickeln zum Vollmenschen, daft
es ebenso moglich ist, wenn man in die heutige wissenschaftliche Bil-
dung hineingelangt ist, durch eine besondere Entwickelung der Seelen-
krafte weiterzukommen. Die wichtigste Kraft ist die Gedachtniskraft,
die Erinnerungskraft.
Die Erinnerungskraft ergibt sich ja als etwas, wovon schon einzelne
vorurteilslose Philosophen der Gegenwart sagen, daft sie auf Geistiges
im Menschen hinweist. Nun kommt es bei der Entwickelung der Seelen-
krafte darauf an, daft man ein Ergebnis vor die Seele stellt, das nicht
mehr da ist. Man ruft also aus den Tiefen der Seele etwas herauf , was
sich nicht mehr auf etwas unmittelbar Gegenwartiges bezieht, was aber
doch in seiner ganzen inneren Konstitution nicht eine unbestimmte,
sondern eine ganz bestimmte Relation zu einer Realitat hat. Die Frage
entsteht: Ist es moglich, das, was in der Erinnerung wirkt, weiterzuent-
wickeln, wie die Gehirnstruktur in den ersten Lebensjahren des Men-
schen entwickelt wird, so daft sie nicht nur innerlich seelische Gebilde
schafft, welche durch ihre eigene Struktur auf etwas schon Dagewe-
senes deuten, sondern die auf etwas deuten, was nicht nur menschliche
Vergangenheit darstellt, sondern auftermenschliche irdische Vergan-
genheit darstellt? Ist es moglich, die Erkenntniskraft durch eine innere
Erkraftung so zu gestalten, daft das, was in einer starkeren Weise als
die Erinnerungsbilder geschaffen werden, hinweist auf etwas, was
sonst nicht in das Bewufttseinsfeld des Menschen fallt?
Geht man von diesem Vertrauen aus, stellt man das als Postulat
hin, und stellt man in exakter Weise, so daft man mit Besonnenheit
einen jeden Schritt verfolgt wie das Mathematische, die inneren Ubun-
gen an, die durchaus nicht eine Seelenvergewaltigung sind, so kommt
man zu neuen Erlebnissen. Hier, bei diesen Dbungen, handelt es sich
darum, daft man die Schritte so unternimmt, daf5 eine eigene Entwicke-
lung daraus erfolgt. Es handelt sich nicht urn etwas Mathematisches
oder Derartiges. Wenn man in dieser Art gewisse Vorstellungen be-
kommt, die leicht iiberschaubar sein miissen, damit keine Reminiszen-
zen mitwirken - am leichtesten ist es den Mathematikern, die von
vornherein gewohnt sind, iiberschaubare Bewufttseinsinhalte in den
Mittelpunkt des Seelenlebens zu stellen — , und nicht miide wird, son-
dern von diesem Standpunkt ausgehend, diejenigen Seelenfahigkeiten
erkraftet, die in der Erinnerung sich in einem mehr passiven Verhalten
der Seele ausdriicken, so kommt man dazu, sich bewuftt zu werden,
daft man aus den Tiefen des Seelenlebens eine potenzierte Erinnerungs-
kraft herausholen kann, welche die wirklichen organisch wirkenden
Krafte des Erdenlebens wahren, so daft man tatsachlich iiberschaut in
einem Zeittableau - indem man sogar sprechen kann von Zeitperspek-
tiven, von einer inneren Gesetzmaftigkeit und Struktur dasjenige,
was zeitlich in einem gewirkt hat, seit man in das Erdenleben einge-
treten ist.
Zuerst ergibt sich die Anschauung des eigenen Selbstes. Da ergibt
sich die Anschauung, daft in dem physischen Leib ein atherischer Leib
waltet, der in seiner inneren Gesetzmaftigkeit nichts Leibliches, son-
dern Zeitliches hat, der aber da in Bildform auftreten kann, so daft
man diese Erkenntnis die imaginative nennen kann. Und man gelangt
dazu, daft man, wahrend man sonst nur in der Gegenwart lebt, sich in
einen beliebigen Augenblick zuriickversetzen kann, so daft man ihn
wie einen unmittelbar gegenwartigen erlebt. Man kommt da tatsachlich
hinein in die Moglichkeit, von Zeitperspektive zu sprechen, so wie
man von einem Orte hier zu einem anderen gehen kann, so innerlich
den Weg machen zu konnen zu einem Orte der Zeit, den man durch-
lebt hat. So daft dieses kontinuierlich in der Zeit sich abwickelnde
feinere leibliche Dasein fur die erste Stufe der iibersinnlichen Erkennt-
nis sich ergibt.
Ich brauche nur kurz anzudeuten, daft es eine weitere Stufe der See-
lenentwickelung gibt, die dadurch erlangt wird, daft man sich das
Gemalde des eigenen inneren Kraftens hinwegsuggeriert, so daft nicht
bloft ein leeres Bewufttsein entsteht, das gleich Null ist, sondern das
entspricht der Negativitat des jetzigen Bewufttseinsgrades. Dieses an-
dere Bewulksein ergibt eine vollige innere Stille, innere Ruhe. Nun kann
man sich vorstellen: Wenn alle aufieren Eindriicke aufhoren, so ist die
Ruhe ein Null; aber die Stille, in die man da hineinkommt, verhalt
sich wie etwas Negatives zu dem fruheren. Dann kommt man anstelle
der Imagination zur Inspiration. Dadurch kommt man dazu, das vor-
irdische Dasein des Menschen zu schauen. Das ist nicht eine durch
Spekulation errungene Erkenntnis, sondern eine Anschauung des Ewi-
gen im Menschen. Auf diese Weise dringt man vor, die Realitat des
Geistig-Seelischen ebenso zu erforschen, wie man sonst im physischen
Leben das erforscht, was die Sinne geben. Man kommt aber dazu, diesen
ganzen Menschen zusammengesetzt zu sehen. Auf alle die Spiegelfech-
tereien zwischen monistischer und dualistischer Anschauung braucht
man sich dabei ja nicht einzulassen, das ist ebenso toricht, als wenn
man sagen wollte: der Chemiker sei ein Dualist, weil er das Wasser aus
Wasserstoff mit Sauerstoff bestehend erklart. Man erkennt, daft der
Mensch einen physischen Teil und einen geistig-seelischen Teil hat. Man
erkennt das plastischGestaltende amGehirn, das eine Realitat ist, schon
in der embryonalen Entwickelung. Ich will einen Vergleich gebrau-
chen: wenn hier ein weicher Boden ist und darauf Fuftspuren, so wiirde
ein Wesen, das nie auf der Erde war, vielleicht dazu kommen, diese
Spuren durch irgendwelche Krafte zu erkiaren. Aber ebenso real, wie
die Spuren von einem Menschen herriihren, der uber den Boden ge-
gangen ist, so sind die Gehirnspuren ausplastiziert vom Seelisch-Gei-
stigen.
So ist es moglich, die menschliche Wesenheit zu erkennen: den
menschlichen physischen Leib, dann den Bildekrafteleib, den man er-
kennt durch die imaginative Erkenntnis: der feinere Mensch im Men-
schen, der trotz alles Austausches der physischen Stoffe eine einheit-
liche, in der Zeit fortlaufende Wesenheit ist, eine in sich geschlossene
Realitat von einem Zeitpunkte bis zu einem anderen Zekpunkte.
Gelangt man von da bis in die Spezialgebiete, dann wird die Sache
sozusagen ernst. Der Bildekrafteleib ist noch nicht ein seelisches Da-
sein, sondern er konnte hochstens zum Wachsen, aber nicht zum Fiih-
len kommen. Man kommt zum Astralleib, zur eigentlichen Seele und
zur Ich-Organisation. In den letzten drei bis vier Jahrhunderten hat
sich die Erkenntnis so entwickelt, daft man immer mehr abgesehen hat
von dem Geistigen, Hoheren in der menschlichen Organisation. Da-
durch mufite man sich immer mehr beschranken auf das, was man er-
schliefien kann aus der physischen Gliederung des menschlichen Orga-
nismus. Ich schrecke immer davor zuriick, solche Dinge zu erklaren,
denn ich kann begreifen als Wissenschafter, daft man dariiber wild
wird.
Wir haben zunachst den menschlichen Organismus. Wir verfolgen
die zentripetalen und die zentrifugalen, die sogenannten sensitiven
und motorischen Nerven. Ja, dieser Tatbestand ergibt sich. Ich kann
diese Grunde voll wtirdigen, kann auch wiirdigen, wie man die Zwie-
fachheit des Nervensystems stiitzt durch die Tabes dorsalis und so
weiter.
Aber wenn man die hoheren Wesensglieder kennt, dann werden
einem die Nerven etwas Einheitliches, man schaut die Einheitlichkeit
des Nervensystems. Die sensitiven sind darauf veranlagt, Sinnesein-
driicke zu vermitteln; die motorischen haben mit dem Willen nichts
zu tun, sondern sie haben die Aufgabe, die Empfindungen, die in der
Peripherie sind, zu vermitteln, die chemisch-physiologischen Vorgange
in den Beinen und so weiter. Die motorischen Nerven sind sensitiv fur
die inneren Vorgange des Organismus, wahrend man tatsachlich dazu
kommt, so paradox das fur die heutige Wissenschaft klingt, den Willen
unmittelbar in der Seele zu schauen und fiir die Entstehung der Bewe-
gung und der Willenseffekte einen unmittelbaren, direkten Einfluft
des Geistig-Seelischen auf das Physische anzunehmen.
Ich mochte Sie auf den Weg hinweisen, der dazu fixhren kann, diese
Anschauung zu finden. Denn als heutiger Anatom steht einem das See-
lisch-Geistige als etwas gegenuber, was zu alien moglichen Hypothe-
sen fiihren kann, es ist aber dasjenige, was man sich heute mehr mit
einer abstrakten Inhaltlichkeit vorstellt. Ziehen spricht nur von «Ge-
fiihlsbetonung» der Vorstellungen. Das, was man sich als Seele vor-
stellt, ist etwas so abstraktes, diinn gewordenes, dafi man nicht dazu
kommt, das Eingreifen dieses Seelischen in das Physische zu verstehen.
In dem Augenblicke, wo man sich klar wird, dafi der physische
Leib vom Festen zum Fliissigen, Luftformigen, bis zur Warrae herauf-
geht, dann kommt man schon mehr heran an das Geistige. Es ist na-
tiirlich unmoglich, sich vorzustellen, daft das Geistige in den Organis-
mus eingreift, den die heutige Wissenschaft sich vorstellt. Aber sobald
man einen Warmeorganismus annimmt, ist es nicht so schwer, sich
vorzustellen, daft das innere Kraften des Bildekrafteleibes eingreift
in die Warmedifferenzierungen des menschlichen Organismus. In einer
Beziehung werden wir vieles durchzumachen haben, bis wir dazu
kommen, das lebendig zu machen, was heute in der Erkenntnis er-
starrt ist. Man wird den Obergang finden von dem feiner gewordenen
Physischen zu dem kraftvoller gewordenen Seelischen. Und man wird
sich sagen konnen: was Willenswesen ist, greift unmittelbar in die
Warmeprozesse ein, von da in den Luftorganismus, von da in den
waftrigen Organismus. Und es ist etwas ganz anderes vorhanden als
das, was die heutige Wissenschaft glaubt in bezug auf die motorischen
Nerven; da ist vorhanden ein geistig-seelisches-physisches Wirken, das
durch die motorischen Nerven zum Bewufitsein gebracht wird.
FUNFTER VORTRAG
Den Haag, 15. November 1923
Vor alien Dingen danke ich Herrn Dr. Zeylmans und Ihnen alien, dafi
Sie mir Gelegenheit geben, einiges hier auszusprechen iiber die - wenn
ich so sagen darf - medizinischen Konsequenzen der anthroposophi-
schen Forschungsart. Es wird natiirlich nur moglich sein, in zwei kur-
zen Stunden einiges Wenige als Andeutungen zu geben, und bei der
Abweichung des Gesichtspunktes, den ich werde zu wahlen haben, von
dem heute gebrauchlichen, wird es auch noch ganz besonders schwer
sein, in den zwei kurzen Stunden dariiber hinauszukommen, dafi man-
ches, was gesagt werden mufi, vom heutigen Gesichtspunkte aus - von
dem Gesichtspunkte aus, den man gewohnt ist - recht paradox, viel-
leicht mehr als paradox zu erscheinen hat. Aber die verehrten Anwe-
senden werden ja wissen, wie man im Laufe der geschichtlichen Ent-
wickelung der Menschheit in bezug auf mancherlei Dinge gelernt hat,
umzudenken; und so wird, wenigstens zunachst, auch eine gewisse
Nachsicht dafiir vorhanden sein, daft ein Gesichtspunkt aus einer wirk-
lichen gewissenhaften Forschung heraus einmal paradox erscheinen
Das erste aber, was ich einleitungsweise sagen mochte, ist, dafi es
sich hier bei den medizinischen Konsequenzen der anthroposophischen
Forschungsmethode nicht darum handelt, irgend etwas, das nun ab-
solut «neu» sein miifite, entgegenzusetzen dem, was die heutige ge-
wissenhafte, auf der seit Jahrhunderten gebrauchlich gewordenen Na-
turwissenschaft gebauten Medizin zu sagen hat. Nicht umsturzen
mochte die Forschungsmethode, von der ich hier spreche, sondern sie
mochte gerade das Gegenteil: Indem sie auf Verschiedenes hinblickt,
was gerade in der neueren Zeit aus den gewissenhaften sinnlich-empi-
rischen Methoden fur die Medizin aus der Naturwissenschaft sich er-
geben hat, mulS sie aus dem grofien Umfange der Fragen, die da ent-
standen sind, gerade ihrerseits in Anspruch nehmen, daft die moderne
Medizin iiberall hinuberweist in ein Gebiet, das ihr selbst noch schwer
ist zu betreten, aus dem Grunde, weil, ja, weil die Forschungsmethoden
im Grunde genommen so gewissenhaft, so exakt sind, so exakt sind in
bezug auf die uns ja alien bekannten sinnlich-empirischen Methoden.
Aber gerade durch das, wodurch die Naturwissenschaft grofi gewor-
den ist, wodurch sie in ihrer Art eine so bedeutungsvolle Grundlage fur
die Medizin hat liefern konnen, gerade durch das sind wiederum ge-
wisse Wege zur Menschenerkenntnis und damit zur Heilkunde un-
moglich gemacht worden. Und deshalb gestatten Sie, daft ich heute
zunachst einiges Prinzipielle anfuhre und dann auf die Besonderheit
einiger unserer Heilmittel, die typisch, die charakteristisch sind, mor-
gen eingehen werde.
Wir haben von vornherein nicht etwa den Weg gewahlt, dafi wir
uns gesagt haben: Anthroposophie mul? iiber alles etwas wissen, mull
also auch iiber die Medizin etwas zu sagen haben. Das ist Agitatoren-
methode. Wir aber, auf wirklich anthroposophischem Boden, wollen
uns gerade auf den Standpunkt echter wissenschaftlicher Erkenntnis,
wenigstens in unseren Grundlagen, stellen. Und so ist es auch dadurch
gekommen, daft uberhaupt diese medizinische Bewegung innerhalb
der anthroposophischen Gesamtbewegung entstanden ist, daft Arzte,
namentlich Arzte Deutschlands, aber im Grunde genommen auch Arzte
aller Lander, gefunden haben: gegenwartige Naturwissenschaft und
Medizin geben Fragen auf, die mit den heute gebrauchlichen Metho-
den nicht beantwortet werden konnen, wenigstens nicht von der Dia-
gnose, von der Pathologie bis zu einer rationellen Therapie hiniiber-
getrieben werden konnen. Es sind dann diese Arzte gekommen und
haben gefragt, ob nicht Anthroposophie mit ihrer besonderen Art von
Menschenerkenntnis etwas zu sagen habe iiber Medizinisches, iiber eine
Menschenerkenntnis, die etwas defer hineingehen kann in die mensch-
liche Wesenheit, als man das mit den heute gebrauchlichen Methoden
imstande ist. So ist eigentlich, herausgefordert, mochte ich sagen, ge-
rade durch diejenigen Mediziner, die unbefriedigt waren, oder aus
ihren Studien und aus ihrer Praxis heraus in eine gewisse Skepsis ver-
fallen sind, dasjenige entstanden, woriiber ich Ihnen heute und mor-
gen werde zu sprechen haben. Dabei haben wir auch von vornherein
nicht etwa den Standpunkt eingenommen, wir diirften jetzt alles mog-
liche Dilettantische hineintreiben in ein gewissenhaft betriebenes, in
die Praxis ubergegangenes Forschungsgebiet. Und als durch die Be-
griindung des «Kommenden Tages» in Stuttgart und des «Futurums»
in der Schweiz nahegelegt worden ist, nun auch das Gebiet der Medi-
zin zu pflegen, ist es denn gekommen, dafi von mir gesagt worden ist:
Gewifi, es lafk sich von dem aus, was Anthroposophie zu geben hat, ein
Licht werfen auf Heilmittelbereitung, aber man solle nicht einfach
davon ausgehen, Heilmittel zu bereiten, sondern alles, was nach dieser
Richtung hin gemacht wird, solle im strengsten Zusammenhang stehen
mit der Medizin, mit der wirklichen Praxis. Und so sind denn unsere
Institute entstanden, die ja in der Tat auf der einen Seite Institute sind
fur Heilmittelbereitung nach den Methoden, von denen ich sprechen
werde; aber diese Institute sind verbunden mit klinischen Anstalten,
und ich werde noch im Laufe der Zeit ofter, namentlich auf jenes kli-
nische Institut hinzuweisen haben, das in erster Linie jetzt muster-
giiltig geworden ist: das von Frau Dr. Wegman in Arlesheim, das in
unmittelbarem Zusammenhange steht mit dem Goetheanum, unserer
anthroposophischen Hochschule in der Schweiz. Da ist es ja denn mog-
lich, tatsachlich im fortwahrenden Verkehr mit den Kranken auch in
einen lebendigen Zusammenhang hineinzukommen in bezug auf das
Therapeutische, das von der anthroposophischen Forschungsart eben
hauptsachlich als die grofie Frage der Zeit heute gepflegt werden soli.
Aber auch damit haben wir uns noch nicht geniigen lassen. Wir
haben an diese Institute angegliedert eigentliche Forschungsinstitute.
Und zwar haben wir angegliedert ein biologisches Institut, auch phy-
sikalische Institute, aber von denen will ich zunachst nicht sprechen,
die stehen noch mehr im Anfange ihrer Arbeit. In dem Biologischen
Forschungsinstitut - das ich erwahnen will, damit Sie sehen, daft wir
aus derselben Exaktheit heraus arbeiten wollen, die sonst auch gefor-
dert wird - haben wir schon zwei Arbeiten zu verzeichnen. Fassen Sie
es nicht als eine alberne Eitelkeit von mir auf, wenn ich meine Uber-
zeugung ausspreche - o nein, es kommt ja darauf an, ehrlich das auszu-
sprechen, wovon man sich nach den vorhandenen Ergebnissen iiber-
zeugt halten kann -, wenn ich sage: Trotz mancher methodischer Ein-
wande im einzelnen, die man noch machen kann, sind diese zwei Ergeb-
nisse doch zunachst so, daft sie darauf hinweisen konnen, wie wir die-
selbe Exaktheit anstreben, die sonst heute in der wissenschaftlichen
Grundlage auch der Medizin angestrebt wird.
Die erste Arbeit, die aus unserem Forschungsinstitut hervorgegan-
gen ist, ist eine Arbeit iiber die Milzfunktion, und da ich in diesen
zwei Vortragen ja wirklich nur Gesichtspunkte, nur Anregungen geben
kann, so werden Sie es verzeihen, wenn ich auf manches nur hinweisen
kann. Mir selber ist im Verlaufe der anthroposophischen Forschungs-
arbeit gerade die Milzfunktion interessant geworden, und ich werde
ja gerade nachher von dem zu sprechen haben, was man geisteswissen-
schaftliche Methode nennen kann. Durch diese Methoden ist mir auf-
gestiegen, wie besonders geartet in der Gesamtheit der menschlichen
Organisation diese Milzfunktion ist, die ja, wie Sie wissen, fur die
Anthropologic eine Art von Crux ist. Der Mensch — ich kann das jetzt
nur andeuten - tragt in sich die verschiedensten Prozesse, unter ande-
rem die Prozesse, die Rhythmik fordern. Zu solchen Prozessen gehoren
ja nicht nur Atmung und Blutzirkulation, sondern auch Rhythmen
von einer grofteren Ausdehnung, zum Beispiel der Verdauungsrhyth-
mus. Nun ist der Verdauungsrhythmus etwas, was von der mensch-
lichen Natur selber gefordert wird, was aber in der Art, wie es von
ihr gefordert wird, niemals eingehalten werden kann. Der Mensch
mulke eigentlich, nach der Forderung seines Organismus, essen und
trinken mit einer ungeheueren rhythmischen Regelmafiigkeit. Das kann
er nicht; denn selbst wenn er sich mit grower Pedanterie die Zeiten fiir
seine Mahlzeiten einrichten wiirde, so wiirde das noch nicht zur Folge
haben, dafi die Rhythmik, die der Organismus fordert, auch wirklich
eingehalten werden kann. Denn man ifit am einen Tage dieses, am
anderen Tage jenes, und man miifite mit einer schier ins Unermefiliche
gehenden Detailkenntnis dabei vorgehen, wenn man das alles machen
wiirde. Atmung und Blutzirkulation haben es leichter, aber der Ver-
dauungsrhythmus ist, weil wir darin abhangig sind von unserem Ver-
kehr mit der Auftenwelt, etwas, dem schlechterdings eigentlich nicht
entsprochen werden kann. Nun sind die Funktionen der Milz dazu
veranlagt, jene Unregelmaftigkeiten, die notwendigerweise im Ver-
dauungsrhythmus auftreten mussen, auszugleichen, zu korrigieren, in-
dem sich diese Milzfunktionen vereinigen mit der ganzen Verdauungs-
funktion im weitesten Sinne. Das ist mir damals aufgegangen. Nun
ist in unserem Biologischen Forschungsinstitute dann durch Methoden,
die immerhin so exakt sind, wie die klinischen Methoden heute sonst
sind, wenn auch in bezug auf die Details manches eingewendet werden
kann, durch die Arbeit iiber die Milzfunktion dieses zur vollstandigen
empirischen Bestatigung gekommen. Es ist schon eine Arbeit, von der
man glauben mbchte, daft sie, wenn sie an einer gewohnlichen Klinik
gemacht worden ware, einen groften Eindruck auf dem Gebiete des
medizinischen Denkens gewonnen hatte. Daft es nicht so geworden
ist - und das ist es, was ich bitte, mir nicht als alberne Eitelkeit auszu-
legen - daft diese mit ungeheuerer Hingabe von Frau Dr. Kolisko aus-
gefuhrte Arbeit auch heute noch ziemlich unbekannt geblieben ist, das
ist einzig und allein dem Umstande beizumessen, daft sie auf anthro-
posophischem Boden entstanden ist.
Die zweite Arbeit ist dann eine solche, daft ein wissenschaftlich-
medizinischer «Glaube» in dem Mafte, in dem er exakte Wissenschaft
werden kann, zu einer solchen gemacht worden ist. Sie werden nicht
voraussetzen, daft ich hier irgendwie eintreten will fur das vielum-
strittene Gebiet der Homoopathie in ihrem Verhaltnis zur Allopathie,
das fallt mir nicht ein, denn ich weift, wieviel Laienhaftes und Dilet-
tantisches in der gewohnlichen homoopathischen Anschauung steckt.
Aber nicht geleugnet werden kann, daft von Substanzen in grofter
Verdiinnung, selbst auf aufterem physikalischem Gebiete, die weitge-
hendsten Wirkungen da sein konnen. Es ist also von vornherein nicht
vorauszusetzen, daft Substanzen in starker Verdiinnung nicht immer-
hin Wirkungen haben konnen. Denken Sie nur daran, daft zahlreich
diejenigen Wirkungen sind, die ausgeiibt werden beim Inhalieren von
irgendwelchen Substanzen, die in einer aufterordentlich feinen Ver-
teilung da sind. Wir beachten oftmals nicht, wenn wir Menschen sich
in ein Bad setzen lassen, daft es viel wichtiger ist, daft sie inhalieren, was
verdunstet, wobei gewisse Substanzen in einer sehr starken Verdiin-
nung sind, daft dies viel wichtiger ist als das, was das Bad von auften
bewirkt. Das alles war aber bisher eine Art wissenschaftlicher Glaube.
Wir haben nun tatsachlich versucht, diesen Glauben - in den Grenzen
natiirlich, in denen er berechtigt ist; es darf das, was dabei heraus-
kommt, natiirlich nicht zu einem Allheilmittel werden - wissenschaft-
lich zu begriinden, indem wir Verdiinnungen in einem Verhaltnis bis
eins zu einer Trillion herstellten, so daft wir wirklich schon sagen kon-
nen: dabei handelt es sich wirklich nicht mehr darum, daft die ge-
wohnliche stoffliche Wirkung zutage tritt, sondern um die Funktion,
die in den Stoffen lebt, die iibergeht in das Medium. Man hat es dabei
mit nichts anderem zu tun als mit der funktionellen Form. Wir haben
dabei aber doch zustande gebracht, daft wir nachweisen konnten, daft
die verdiinnten Entitaten rhythmische Wirksamkeiten entfalten, die
erstaunlich sind. Wir haben uns dazu des Wachstums von Samenkor-
nern bedient. Wir waren in der Auswahl der Samenkorner exakt und
vorsichtig. Wir haben die Samenkorner keimen lassen in Metallosun-
gen, wobei wir die Metallverbindung in entsprechender Verdiinnung
benutzt haben, und wir haben wirklich nachweisen konnen, wie auf
die Wachstumskrafte der Pflanzen die Metallosungen in der Verdiin-
nung von eins zu zehn, eins zu zwanzig, eins zu fiinfzig, eins zu hun-
dert, eins zu funfhundert und so weiter wirksam sind. Man bekommt
da interessante Kurven heraus, die eine grofte Regelmaftigkeit zeigen,
so daft man sagen kann: Bei einer gewissen Verdiinnung wird die vita-
lisierende Kraft noch in einer gewissen Weise beeinfluftt; geht man
weiter in der Verdiinnung, so wird diese Beeinflussung geringer. Geht
man noch weiter, so erfahrt dann durch die groftere Verdiinnung die
vitalisierende Kraft wieder eine groftere Beeinflussung. Das gibt eine
absteigende und eine aufsteigende Kurve, die dann der Ausdruck sind
fur die Wirkungen von stark verdiinnten Entitaten, die sich exakt
rechtfertigen lassen. Und damit ist der kleine Teil, der Ausschnitt des-
sen, was - ich sage ausdriicklich - die Hombopathie miftbraucht, zum
Range eines exakten Forschungsgebietes erhoben worden. Ich sage das
nicht deshalb, um gerade diesen Ergebnissen in erster Linie die groftere
Bedeutung beizumessen; ich sage es nur, um zu zeigen, daft wir uns
durchaus bemiihen, nicht in dilettantischer, laienhafter Weise aufter-
halb der Wissenschaft zu arbeiten, sondern uns durchaus zunachst auf
den Boden gegenwartiger, in der Wissenschaft gebrauchlicher For-
schungsmethoden zu stellen. Aber von da aus miissen wir dann ent-
sprechend weitergehen.
Es ist historisch begreiflich, daft bei den ungeheueren Erfolgen, die -
wenigstens in naturwissenschaftlicher Beziehung - in den letzten Jahr-
hunderten, insbesondere im 19. Jahrhundert, hervorgetreten sind, die
Menschheit sozusagen wie suggestioniert war von demjenigen, was die
sinnlich-physische Beobachtung und das exakte Experiment ergeben
konnen. Aber in bezug auf die Menschenerkenntnis, und zwar auch in
bezug auf die ganz gewohnliche physische Menschenerkenntnis ist es
doch nicht moglich, mit diesen Forschungsmethoden so weit zu kom-
men, daft ein innerliches Auffassen des Wesens der menschlichen Or-
ganisation dabei herauskommt. Und das hangt einfach damit zusam-
men, daft man nicht nur auf der einen Seite groftartige und gewaltige
Fortschritte macht in der Erkenntnis der physischen Organisation des
Menschen, sondern daft man gerade durch das Exakte und Fruchtbare
dieser Forschungsmethoden auf der anderen Seite dazu kommt, sich
einen ganzen Teil des Menschen, der ebenso real ist wie der physische
Mensch, einfach auszuschlieften. Die Grofte der naturwissenschaftli-
chen Forschung konnte man auch daran ermessen, daft sie mit einer un-
geheueren Energie aus unserer Menschenerkenntnis dasjenige heraus-
geworfen hat, was der geistig-seelische Mensch ist, der - wie wir sehen
werden - auch im medizinischen Sinne nicht weniger als eine Realitat
in der Praxis aufgefaftt werden mufi als der physische Mensch. Dazu
ist es schon notwendig, daft ich Ihnen erst einiges Prinzipielle sage iiber
die anthroposophische Forschungsmethode uberhaupt, namentlich in-
sofern sie zur Menschenerkenntnis fiihrt.
Es handelt sich ja darum, daft wir heute bei allem Forschen einfach
dabei stehenbleiben, wie wir in unserer Seelenkonstitution, zu der auch
unsere Erkenntnisfahigkeit gehort, geworden sind durch das, v r as die
Kultur schon einmal heraufgebracht hat als unsere Schulbildung, als
die Bildung innerhalb der gebrauchlichen Wissenschaften. Da bleiben
wir stehen. Wir sagen uns nicht: Wir schauen als zwei-, dreijahriges
Kind noch seelisch ganz unahnhch unserer Seelenstimmung und -kon-
stitution im spateren Lebensalter aus. Wir entwickeln uns; wir werden
seelisch ganz andere im Verlaufe von, sagen wir, fiinfzehn Jahren unse-
rer menschlichen Jugend. Wir haben im achtzehnten, neunzehnten Le-
bensjahre Fahigkeiten, die wir als zwei-, dreijahriges Kind, geschweige
denn friiher, nicht haben; die entwickeln sich aus unserem Inneren her-
aus. Warum sollte es denn nicht moglich sein, auch einmal die Frage
aufzuwerfen: Darf man sich denn nicht auch noch als erwachsener
Mensch relativ entwickelungsfahig halten? Darf man denn willkiir-
lich, sozusagen, dieses Werden des Seelenlebens einmal abschlieften? -
Es ist natiirlich zunachst eine Frage, die auf das innere Probieren geht.
Aber wer probiert, wer wirklich iiber das, was heute als das Normale
einer menschlichen Seelenentwickelung angesehen wird, hinauszu-
kommen versucht zu noch anderen Seelenfahigkeiten, der kann es,
der bringt es zustande! Das Genauere dariiber steht in meinen Bii-
chern «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wei ten? », «Geheim-
wissenschaft im Umrift» und anderen. Prinzipiell will ich dariiber nur
dieses andeuten, daft wir in der Lage sind, dasjenige, was wir sonst als
Denken haben, was wir kennen aus der Anwendung nicht nur im ge-
wohnlichen Leben, sondern auch in der gebrauchlichen Wissenschaft,
wenn wir experimentieren und Beobachtungen interpretieren, daft wir
dies, was wir als Denken haben, weiterentwickeln konnen. Wenn das
gesagt wird, fangt man dann gewohnlich gleich an zu sagen: Ja, jetzt
kommt er mit einer «mystischen Entwickelung». - Aber wenn man
verachtlich auf die mystische Entwickelung - wenn man das Wort ge-
brauchen will - hinweisen will, von der ich hier spreche, dann soil man
auch verachtlich auf die Mathematik und die Geometrie hinweisen.
Das Wesentliche der Mathematik und Geometrie ist dies: daft man sich
in voller Besonnenheit bewegt von einer Aufstellung zur anderen, daft
da gar nichts von Unterbewufttem, in das Suggestives hineinspielen
kann, dabei ist. Diese Besonnenheit, diese voile Bewufitheit ist es, die
uns beim Objekt, bei der Mathematik und Geometrie, iiberall verfol-
gen mull. Dasselbe, was man da tut beim Objekt, innerlich, wenn man
exakt vorgeht, dasselbe kann man anwenden auf die eigene Seelenent-
wickelung. Nicht in jener mystischen Verschwommenheit, mit der man
oft iiber Mystik spricht, sondern in voller Klarheit laftt sich die Seele
in bezug auf ihre Denkfahigkeit weiterentwickeln, aber nicht, indem
man in sich hineinbriitet, sondern indem man von ganz bestimmten,
iiberschaubaren Vorstellungen ausgeht und von da aus - gerade so, wie
es in der Mathematik fiir das Objekt geschieht - nun nichts hinein-
nimmt als das, wodurch man mit voller Besonnenheit von dem einen
Bewufttseinsinhalt zura anderen iibergehen kann. Wenn man das als
eine wirklich innerlich exakte Methode der Seelenf ortentwickelung ge-
niigend lange anwendet - beim einen dauert es langer, beim anderen
kiirzer -, dann kommt man in der Tat dazu, allmahlich das Denken nun
nicht so, wie es sonst passiv ist, sondern in seiner Aktivitat zu ergreifen;
so daft man, wahrend man sonst mit seinen Gedanken passiv demjeni-
gen folgt, was man beobachten kann, zum Erleben einer inneren Ak-
tivitat kommt.
Diese innere Aktivitat des Denkens gibt die erste wirkliche Erkennt-
nis von dem, was iibersinnlich im Menschen ist, die erste Stufe. Ich
mochte sagen: wenn man von aufien an den Menschen herangeht - und
man kann sich die ganze Blutdynamik aufzeichnen so hat man in
der Blutdynamik gewissermafien ein Bild des Menschen, eines Teiles
des Menschen, von auften angesehen. Indem man so vorgeht, wie ich
es andeutungsweise iiber das Denken jetzt gesagt habe, kommt man
aber dazu, sich innerlich ausgefullt zu erleben nun mit einem zweiten
Menschen, mit dem Menschen, der unabhangig ist von dem physischen
Organismus.
Wer da glaubt, es trete da irgend etwas Suggestives auf , der beachtet
nicht, wie die Methoden, auf die ich hier hinweise, durchaus exakte
Methoden sind, wo alles in voller Besonnenheit erlebt wird; so daft
man gerade auf das kommt, was auch nur im geringsten suggestiv im
Inneren der Seele sein konnte und das abweisen kann. Der Weg, den
man mit dieser Methode macht, ist der genau entgegengesetzte von
dem, der irgend etwas Suggestives oder Autosuggestives in das Be-
wufksein hereinbringen kann. Aber man kommt auf folgendes:
Wenn man nun in einer exakten Beobachtungsart, die man sich
gerade durch eine solche Denkentwickelung erwirbt, die allmahliche
Entfaltung des Kindes beachtet, dann ergibt sich einem eine bedeut-
same Differenz zwischen der ganzen Konstitution des Kindes bis etwa
zum Zahnwechsel, zum siebenten, achten Lebensjahr hin, und nachher.
Die Differenz, die da vorhanden ist zwischen dem Fniheren und Spa-
teren, sie ist so, dafi man sich eben erst die Fahigkeit der Aufmerksam-
keit fur sie erwerben mufi. Man iibersieht sie sonst, achtet nicht darauf,
aber man mufi gerade dort einsetzen, ich mochte sagen, mit dem Mut,
an den Menschen und an solche Beobachtungen wirklich so exakt her-
anzugehen, wie man es sonst in der Physik gewohnt worden ist im
Laufe des neueren Forschungslebens. Wir reden in der Physik von la-
tenter Warme und von real auftretender Warme; wir reden davon, dafi
durch irgendeinen Prozefi ein Warmezustand, der sonst latent bliebe
in irgendeiner Substanz, der also in der Substanz drinnen ist, heraus-
kommen kann. Wozu man mit der aufieren physikalischen Wissen-
schaft gekommen ist, zu dem miissen wir auch kommen. Wir miissen
den Mut dazu haben konnen, den Mut in bezug auf die menschliche
See
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