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RUDOLF STEINER GES AMT AUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
1
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Zuhorer-Mitschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung.
Die Herausgabe besorgte Ulla Trapp unter Mitarbeit von Caroline Wispier
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1987
2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992
Teilausgaben und
Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 101
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1987 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Diirnau, Durnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1010-8
RUDOLF STEINER
Mythen und Sagen
Okkulte Zeichen und Sym
Sechzehn Vortrage, gehalten in
Berlin, Stuttgart und Koln
zwischen dem 13. September und 29. Dezember 1907
1992
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowphl offentlich wie
fiir Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das Nach-
schreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die
Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Herausgabe not-
wendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren
konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein
Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen
offentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst-
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende
Wortlaut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort
Gesagte gilt gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fach-
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richdinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I
MYTHEN UND SAGEN
ERSTER VORTRAG, Berlin, 7. Oktober 1907 15
Altnordische Mythen und Sagen
Die Bedeutung okkulter Zeichen und Symbole. Altes Hellsehen und die
Entwickelung neuer Fahigkeiten (aufiere Wahrnehmung, Zahlen, Rechnen,
Urteilen) zur Zeit der Atlantis. Zusammenhange des physischen Korper-
baues des Menschen mit der astralischen Welt, dargestellt anhand der ger-
manischen Weltentstehungssage. Niflheim und Muspelheim. Die Bildung
des Gehirn-Nervensystems und des Blut- und Ernahrungssystems. Erlan-
gung des Ich-Bewufitseins durch Hereinriicken des Atherkopfes in den
physischen Kopf. Die Weltesche Yggdrasil. Ymir und Audhumbla: der
denkende Mensch, das Geschlechtsprinzip, Herz, Sprache.
ZWEITER VORTRAG, Berlin, 14. Oktober 1907 28
Altnordische und persische Mythen
Besondere Eigenschaften der astralischen Welt. Sachgemafie Wiedergabe der
Wirklichkeit hoherer Welten auf Bildern alter Maler (Raffael, Cimabue).
Die Wesenheiten der astralischen Welt, wie sie in der persischen Mythe
dargestellt sind. Amshaspands und Izards und ihre Wirksamkeiten im
Jahreslauf. Beziehung der Amshaspands zur Sonne, der Izards zum Mond.
Der Gott Thor der germanischen Sage und seine Tochter, die Thrud.
DRITTER VORTRAG, Berlin, 21. Oktober 1907 vormittags .... 45
(anlafilich der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft)
Absterbende und aufsteigende Organentwickelungen im mensch-
lichen Leibe. Die Physiognomie des Todes.
Mongolische Erzahlung von der einaugigen Mutter, die ihr verlorenes Kind
sucht. Blut-, Nerven- und Drusensystem als physischer Ausdruck von Ich,
Astralleib und Atherleib. Verhartende und erweichende Tendenzen des
Astralleibes, ihre Bedeutung und ihr Zusammenhangen mk bestimmten
Krankheitszustanden; Tuberkulose, Rachitis. Eingliederung des astralischen
Leibes in den physisch-atherischen Leib und Umbildung der Sexualorgane
aus friiheren pfianzlichen Organen. Hermaphrodit. Das Geheimnis des
Vogelfluges. Die zukiinftige Uberwindung der Physiognomie des Todes.
VlERTER VORTR AG, Berlin, 21. Oktober 1907 abends 64
(anlafilich der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft)
Germanische Sagen
Der Gotterkreis der Asen Wotan, Thor und Tyr und ihr Kampf gegen
den aus dem Siiden stammenden Feuergott Loki und seine Nachkommen:
Fenriswolf, Midgardschlange, Hel. Die gemeinsame einheitliche Sprache
der Atlantier. Die Trennung der Menschen in einzelne Volkerstamme und
die Zerstiickelung der gemeinsamen Sprache durch die Asen fiihrt zum
Krieg. Das Herausbilden des Wechselzustandes von Wachen und Schlafen
und das Entstehen der Krankheiten. Vergangene und zukiinftige Entwicke-
lung der Sinnesorgane. Die Zirbeldriise. Prophetisches in der germanischen
Mythe von der Gotterdammerung. Das Waltharilied. Schlufiworte zur
Generalversammlung.
FUNFTER VORTR AG, Berlin, 28. Oktober 1907 83
Germanische und persische Mythologie
Die Weltschopfung in der germanischen und in der persischen Mythologie
und die okkulte Bedeutung der in diesen Sagen lebenden Bilder. Friihe
Erdentwickelung; die Eingliederung des Eisens in die Erde. Entstehen der
Blutwarme aus der Warmeatmosphare der Erde. Einstromen von geistigen
Kraften der Sonnenwesenheiten in den Menschen. Nervenstrome und
Blutbewegung; denkende, fiihlende und wollende Krafte. Der menschliche
Leib als Tempel. Hochste moralische Begriffe ergeben sich als unmittelbare
Folge der Erkenntnis, wie der Mensch hineingestellt ist in den kosmischen
Weltenzusammenhang.
SECHSTER VORTRAG, Berlin, 13. November 1907 101
Die ersten Kapitel der Genesis
Friihe Entwickelungszustande der Erde und Bewufitseinsstufen des Men-
schen. Schilderung dieser verschiedenen Entwickelungsstufen in der Bibel
(1. Kap. Mos.).
Berlin, 21. Oktober 1907 nachmittags
(anlafilich der Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophi-
schen Gesellschaft)
Weifie und schwarze Magie
Falsche Vorstellungen in theosophischen Kreisen iiber den Begriff «Magie».
Die Bedeutung des Egoismus als Schutz vor dem Mifibrauch okkulter
Krafte. Illusionen in den Theorien iiber das soziale Leben. Eingeweihte,
Hellseher, Magier. Notwendigkeit des Einklanges mit der Menschheitsfuh-
rung. Lehrmethoden der schwarzen Magie. Die Furcht als Ausgangspunkt
fur schwarzmagische Beeinflussung. Gilles de Rais. Der Plan der Erden-
entwickelung durch die «weifie Loge». Das Atom als verkleinerter Plan
fiir die Entwickelung des Erdplaneten. Die okkulten Zeichen des Nachiel
und des Sorat. Sonnen- und Mondenwirkungen. Wer darf okkulte Lehren
verbreiten?
Ill
OKKULTE ZEICHEN UND SYMBOLE
IN IHREM ZUSAMMENHANG MIT DER ASTRALEN UND GEISTIGEN WELT
ERSTER VORTRAG, Stuttgart, 13. September 1907
Die Beziehung okkulter Zeichen auf die astrale und geistige Welt. Das
Pentagramm als Figur des Menschen. Das Licht als Bild der Weisheit.
Umwandlung und Veredelung des Astralleibes durch «Hineinarbeiten der
Weisheit* und zukiinftige Entwickelung der Erde. Ubung zur Erlangung
des inneren Lichtes. Weisheitslicht und Spharenmusik. Spharenharmonie
und Planetenbewegungen. Die Wahrnehmung der Atlantier. Mafiverhalt-
nisse des menschlichen Leibes und Arche Noah.
ZWEITER VORTRAG, Stuttgart, 14. September 1907 . .......
Uber die Wirkung von Bauwerken und Formen auf den Menschen. Die
Gotik als Schopfung von Eingeweihten, ihr Gegensatz zu der Formenwelt,
die den modernen Menschen umgibt. Die Umbildung des atlantischen zum
nachatlantischen Menschen und die Mafie der Arche Noah. Die Symbole
der Schlange als Erdenwesen, des Fisches als Wasserwesen, des Schmetter-
linges als Luftwesen und der Biene als Warmewesen.
DRITTER VORTRAG, Stuttgart, 15. September 1907 169
Symbolik der Zahlen. Die Eins als Bild der unteilbaren Gottheit. Die Zwei
als 2ahl der Offenbarung. Die Zahl Drei; Involution und Evolution in Bei-
spielen aus der Natur und aus der Geschichte; Schopfung aus dem Nichts.
Die Dreiheit als Verbindung des Gottlichen mit dem Offenbaren. Die Vier
als Zeichen des Kosmos oder der Schopfung. Die Ftinf als Zahl des Bosen.
Mit der Entwickelung des funften Gliedes der menschlichen Wesenheit
erhalt der Mensch Selbstandigkeit und Freiheit, aber auch die Moglichkeit,
das Bose zu tun. Die Bedeutung der Zahl Ftinf in bezug auf Krankheiten
und Lebenslauf des Menschen. Die Sieben als Zahl der Vollkommenheit.
Die Unteilbarkeit der Einheit im pythagoreischen Sinne.
VlERTER VORTRAG, Stuttgart, 16. September 1907 182
Die apokalyptischen Siegel. Beschreibung der Siegel im Festsaale des Munch-
ner Kongresses (Mai 1907). Die sieben Siegel der Apokalypse als ein Bild
der Menschheitsentwickelung. Das Symbol des Rosenkreuzes. Uber den
belebenden und erleuchtenden Einflufi, den die Siegel auf die Menschen-
seele haben konnen, und uber die zerstorende Wirkung, wenn Geistiges
profaniert wird.
FUNFTER VORTRAG, Koln, 26. Dezember 1907 193
Die Stellung des Menschen zu seiner Umwelt. Die Aufienwelt als Offen-
barung von Seelischem und Geistigem, das hinter den Dingen liegt. Das
Seelisch-Geistige der Tiere, Pflanzen und Mineralien. Das Gruppen-Ich der
Tiere auf dem Astralplan; sein Grundelement die Weisheit. Die Ausbildung
der Liebe als Grundelement des Menschen-Ich. Schmerz und Wohlgefiihl
im Pflanzen- und Mineralreich. In der Geheimschulung miissen Bilder
nicht nur angeschaut, sondern innerlich erlebt werden. Die okkulte
Bedeutung von Swastika und Pentagramm.
SECHSTER VORTRAG, Koln, 27. Dezember 1907 209
Gruppen-Ich und Individual-Ich. Die verschiedenen Vollkommenheits-
grade der menschlichen Wesensglieder. Notwendige Voraussetzung fur eine
zukiinftige Beherrschung der Gesetze des Lebendigen: Das Geheimnis des
Sakramentalismus. Der Ausdruck der Wesensglieder im physischen Leib
(Sinnesorgane, Driisen, Nerven, Blut) und im Atherleib (Mensch, Lowe,
Stier, Adler); Verschiedenheit dieser Ausdriicke bei einzelnen Menschenras-
sen. Die menschlichen Gruppenseelen (Volkerstamme), ihre Lebensdauer
und Metamorphose. Der Vogel Phonix. Wortsymbolik im Okkultismus
und ihre Bedeutung fur die geistige Schulung.
SlEBENTER VORTRAG, Koln, 28. Dezember 1907 226
Formen und Zahlen in ihrer geistigen Bedeutung. Einwirken von Vorstel-
lungs- und Empfindungskraften auf das Physisch-Leibliche des Menschen
in frviheren Zeiten und heute. Das Erleben von Bauformen und seine Aus-
wirkung fur die Bildung des physischen Menschenleibes in folgenden In-
karnationen (Gotik, Arche Noah, Salomonischer Tempel). Welt der Bilder
und Welt der Tone. Zahlenverhaltnisse in den Bewegungen der Planeten
und Spharenmusik. Meditation uber den Merkurstab (Caduceus).
ACHTER VORTRAG, Koln, 29. Dezember 1907 242
Bildhafte Vorstellungen als notwendiges Erziehungsmittel zur Geistesschu-
lung. Sinnlichkeitsfreies Denken. Form und Leben, Verwesung und Krank-
heit als Gegensatze auf dem Astralplan. Spiegelungen der hoheren und der
niederen Natur des Menschen in der Seele. Die Bedeutung der Kraftrichtun-
gen des Kreuzeszeichens. Der heilige Gral. Herz und Kehlkopf als Zukunfts-
organe. Das Prinzip der Wiederholung (Atherleib) und des Abschlusses
(Astralleib). Das Rosenkreuz. Die innere Kraft der Zahlensymbole; die
geistige Musik der Zahlenverhaltnisse. 1 : 3 : 7 : 12 als das Verhaltnis der
menschlichen Wesensglieder zueinander. Das Symbol des Spiegels.
IV
Berlin, 13. Dezember 1907 263
Weihnacht. Eine Betrachtung aus der Lebensweisheit (Vitaesophia)
Das Empfinden und Erleben der Jahresfeste in fruheren Zeiten und heute.
Die tiefere Bedeutung des Weihnachtsfestes. Uber das Mitfiihlen des Men-
schen mit der Natur. Individuelle Seele des Menschen, Gruppen-Iche der
Tiere und Pflanzen. Christus der Geist der Erde. Das Mysterium von
Golgatha als kosmisches Ereignis: die Vereinigung des Christus-Ich mit der
Erde. Das Verstehen des Weihnachtsgeheimnisses und das neue Begreifen
des Geistes in den Jahresfesten.
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 281
Hinweise zum Text 283
Namenregister 290
Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 291
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 293
I
Mythen und Sagen
ERSTER VORTRAG
Berlin, 7. Oktober 1907
Altnordische Mythen und Sagen
Wir wollen in dieser und in den nachsten Stunden das betrachten,
was man nennen konnte: Okkulte oder auch mystische Sinnbilder
in ihren Beziehungen zur astralen und geistigen Welt. Immer wieder
treten vor Ihnen diese und jene Zeichen, Symbole, Erzahhingen
auf; und nun kommen diejenigen, die materialistisch gesinnt sind
und sagen, das sei alles Dichtung. Es wird als irgendwie aus der
Volksphantasie entlehnt angenommen und nur betrachtet als eine
leere Phantasterei. Oder es kommen die Gutgesinnten und spekulie-
ren alles mogliche iiber das, was zum Beispiel das Pentagramm und
andere Symbole bedeuten. Bei unserem Kongrefi in Miinchen haben
wir sogar Zeichen und Symbole zur Ausschmuckung unseres Saales
gebraucht und damit schon angedeutet, daft wir den okkulten Zei-
chen eine gewisse Bedeutung beimessen. Aber der wahre Okkultist
spekuliert nicht dariiber, sondern er sucht die wirklichen Tatsachen.
Durch eine philosophische Spekulation konnen Sie nie und nimmer
auf die Bedeutung eines okkulten Zeichens kommen, und vieles, was
gesagt und geschrieben wird iiber okkulte Zeichen und ihre Bedeu-
tung, ist vergeblich geschrieben, weil es nur aus der Spekulation,
dem mehr oder weniger geistreichen Dariiber-Nachdenken heraus
geschrieben ist. Doch diese okkulten Zeichen sind fur uns wichtig,
denn sie sind etwas wie Instrumente, durch die wir hinaufkommen
konnen in die hoheren Welten.
Wir haben schon manches iiber die Bedeutung wichtiger Symbole
gehort, so zum Beispiel iiber das Symbolische, das sich auf die Zahl
666 bezieht, und wir haben da tief in die religiose Urkunde der Apo-
kalypse eindringen konnen. Heute soil uns etwas ganz anderes aus
der Symbolik beschaftigen. Es sind Symbole, die Ihnen schon ofter
vor die Seele getreten sind, die wir nun ihrem Ursprung und ihrem
wirklichen Wert nach kennenlernen wollen. Bevor wir zur Bespre-
chung dieser Symbole tibergehen, miissen wir erne Vorbetrachtung
iiber den Menschen anstellen. Sie werden gleich sehen, wariim etwas
scheinbar ganz und gar Entlegenes angefuhrt wird, urn gewisse Zei-
chen und Symbole zu erklaren.
Wir versetzen uns zurtick an den Zeitpunkt unserer Menschheits-
entwickelung, den Sie alle aus friiheren Vortragen kennen. Sie wis-
sen, dafi unserer jetzigen Zeit vorangegangen ist eine Zeit, die wir
die atlantische Zeit nennen. Wo jetzt der Boden des Atlantischen
Ozeans ist, zwischen Amerika und Europa, war vor Urzeiten Land,
wahrend unsere Gebiete weithin mit Wassermassen bedeckt waren.
In diesem Lande wohnten unsere Vorfahren. In Wahrheit stammt
der grolke Teil der europaischen Bevolkerung nicht etwa aus dem
Osten, sondern aus dem Westen und ist die Nachkommenschaft der
atlantischen Bevolkerung. Von jenem Lande, der alten Atlantis, wo
unsere Vorfahren und wir selbst in friiheren Inkarnationen gewohnt
haben, wanderten sie weit hinein nach Osten, als die Fluten, die
jetzt den Atlantischen Ozean bilden, diesen friiheren Erdteil ver-
schlungen hatten.
Im letzten Drittel der atlantischen Zeit gliederte sich im Nord-
osten - in der Gegend des heutigen Irland - ein kleines Hauflein her-
aus aus der Bevolkerung, die als die damals vorgeschrittenste sich
darstellt. Das ganze atlantische Land war bedeckt mit schweren,
dichten Nebelmassen und wird deshalb in der Erinnerung der
germanischen Volkerschaften «Niflheim» genannt. In diesen alten
Zeiten, als die Luft fortwahrend mit dichten Wassermassen ge-
schwangert war, da war das Seelenleben auch ein ganz anderes.
Es war immer noch ein altes Hellsehen vorhanden; die Menschen
haben damals hineingesehen in die geistige Welt. Wenn sie sich
einem Menschen genahert haben, sahen sie vor ihrer Seele
gewisse Farbenerscheinungen aufsteigen, die ihnen sagten, ob
ihnen dieser Mensch sympathisch oder unsympathisch war. Ebenso
war es mit den Tieren; wenn sie sich einem Tiere naherten, konn-
ten sie sehen, ob es ihnen schadete oder nicht. Ein primitives Hell-
sehen war also in gewisser Beziehung in der atlantischen Zeit
vorhanden.
Die Menschheit machte nun verschiedene Entwickelungszustan-
de durch; sie konnte nicht stehenbleiben bei jenem alten dumpfen
Hellsehen; es mufite die heutige Art des Wahrnehmens durch die
Sinne eintreten. Da mufite fur eine gewisse Zeit das Hellsehen zu-
riicktreten, das aber in der Zukunft wieder zu dem heutigen hellen
Tagesbewulksein hinzuerobert werden wird. Was die Menschen
heute als Grundlage unserer aufieren Kultur haben, den Gebrauch
der Vernunft, den Verstand, das war nicht den alten atlantischen
Hellsehern eigen, das mufite erst erobert werden. Der Mensch mufi-
te seine Augen und Ohren, seine Sinneswahrnehmungsorgane nach
aufien richten; das innere geistige Auge trat fiir eine Zeit zuriick. Als
unsere Vorfahren aus der alten Atlantis nach dem Osten hiniiber-
wanderten, da war dieses Ereignis zugleich verknupft mit dem
Verlust des alten Hellsehens und mit dem Erringen der aufieren
sinnlichen Wahrnehmung, mit dem Erringen von Fahigkeiten wie
Zahlen, Rechnen, Urteilen.
Bei jenem kleinen Hauflein in der Nahe des heutigen Irland hatte
sich zuerst die Fahigkeit des Rechnens, Zahlens und so weiter ausge-
bildet. Diese Menschen zogen zunachst nach dem Osten hinuber,
und mit den hereinbrechenden Fluten des Ozeans zogen ihnen im-
mer andere Volkerschaften nach; sie bevolkerten den Boden des
heutigen Europa. So war ein zweifaches Anschauen der Dinge bei
diesen Volkerschaften da: die aufiere Beobachtung der Sinneswelt,
das Zahlen, Rechnen, Kombinieren, was dazu fuhrte, dafi die heuti-
gen technischen Fortschritte, Maschinen, Verkehrsmittel und so
weiter, errungen werden konnten. Im Herzen trugen diese Volker
aber noch etwas anderes: die Erinnerung an jene Welten des Geistes,
in die sie hineingeschaut hatten, und die Sehnsucht, durch irgend-
welche Mittel diese geistigen Welten wieder zu erobern.
Nun stellen wir uns einmal recht lebhaft diese Vorfahren im alten
Europa vor. Nicht gleichzeitig haben sie alle mit dem Heriiberwan-
dern die Gabe des alten Hellsehens verloren. Viele, ja zahlreiche
Leute, die heriibergewandert waren, haben noch vollgultige Reste
des alten Hellsehens auch nach Europa mitgebracht. Es gab viele un-
ter diesen Vorfahren, die, wenn sie sich in der Dammerung des
Abends oder in der Nacht still hinsetzten, in ein lebhaftes Traumen
versanken, das mehr als das heutige Traumen bedeutete; sie sahen
noch hinein in die geistige Welt.
Noch hatten sich unzahlige Menschen merit nur die Erinnerung
daran bewahrt, sondern sogar die Fahigkeit, in gewissen Ausnahme-
zustanden des Lebens in die geistigen Welten hineinzublicken. Und
die anderen, die diese Fahigkeit verloren hatten, hatten dafur eine
Eigenschaft, die im Laufe der Entwickelung viel mehr abhanden ge-
kommen ist, als man gewohnlich denkt: Es gab in alten Zeiten, na-
mentlich in der Bevolkerung Mittel- und Osteuropas, eine Eigen-
schaft, die weit verbreitet war, in einer Intensitat, von der man sich
heute keine Vorstellung macht, und das war das Vertrauen, der
treue Glaube. Diejenigen, die etwas iiber die geistigen Welten zu sa-
gen wufiten, die fanden Gehor, sie fanden Glauben, weil Liebe und
Vertrauen gerade in jenen europaischen Landern eine grofie, eine be-
deutsame Kraft hatten. Jenes Kritisieren und Pochen auf die eigene
Uberzeugung, wie man es heute findet, war etwas, woran damals
iiberhaupt kein Mensch dachte. Diese Dinge aber sind es, die es heu-
te notwendig machen, dafi ein jeder selber zur geistigen Welt gefuhrt
wird. Das war in jener Zeit wegen des starken, grofien Vertrauens
nicht notwenjdig. Wenn wir die alte Bevolkerung Europas iiber-
blicken, sehen wir auf dem Grunde der Seelen dieser Leute, dafi sie
ein voiles Bewufitsein hatten von den hinter der sinnlichen Welt
stehenden geistigen Welten.
Und nun wollen wir uns einmal das Werden der neuen Anschau-
ung des nun durch seine Sinne zu den Gegenstanden hinblickenden
Menschen klarmachen. Ich habe schon angedeutet, dafi bei jenem
kleinen Hauflein im Norden, in der Nahe des heutigen Irland, ein
Ereignis eintrat, durch welches das Rechnen, das Zahlen und Kom-
binieren eine Fahigkeit des Menschen geworden ist. Ich habe schon
friiher angedeutet, dafi dazumal des Menschen Atherkopf hineinge-
riickt ist in den physischen Kopf. Wahrend friiher der Teil des
Atherkopfes in der Nahe der Augenbrauen aufierhalb des physi-
schen Gehirnes war, riickte er jetzt hinein, und beide wurden eine
Einheit. Dadurch erlangte der Mensch die Fahigkeit des Selbstbe-
wufltseins, des Ichbewufitseins, er erlangte die Fahigkeit, zu urteilen
und hinzuschauen zu den Gegenstanden. Der Atherkopf, der heute
mit der Form des physischen Kopfes zusammenfallt, stand bei den
alten Atlantiern weit vor der Stirn hervor, daher ihr Hineinsehen in
die geistige Welt, ihr Hellsehen. Nun versetzen wir uns einmal in
die Seele der atlantischen Bevolkerung, versetzen wir uns in jene al-
ten Zeiten, wo die Menschen noch ihren Atherkopf weit aufierhalb
ihres physischen Kopfes hatten, und versetzen wir uns dann in jene
Zeiten gegen Ende der Atlantis, wo die beiden schon zusammenge-
fallen waren. Der Atlantier konnte schauen, wie der Atherkopf
nach und nach hineinriickte, er war ja noch hellsehend, er sah das.
Wie sah er nun dieses Hineinriicken des Atherkopfes in den physi-
schen Kopf? Als etwas ganz besonderes kam dem Atlantier dieses
Hineinriicken des Atherkopfes vor. Das wollen wir uns einmal vor
die Seele rucken; ich will es Ihnen beschreiben.
Woher, fragte sich der Atlantier, kommen denn die Krafte, die
mir jetzt zuteil werden? - Vorher hatte der Mensch urn sich herum
eine geistige Welt gesehen. Was zeigte ihm diese geistige Welt um
ihn herum? Machen Sie sich das einmal ganz klar. Wenn Sie jetzt
plotzlich hellsehend werden konnten, bis zu dem Grade, wie es der
Atlantier war, was wiirde da in Ihrer Seele vorgehen? Sie wiirden
geistige Wesenheiten um sich herum sehen. Die physische Welt
wiirde sich bevolkern mit Wesenheiten des astralischen, des geisti-
gen Planes, und die wiirden Sie sehen. Woher wiirde das kommen?
Durch Ihre eigenen Fahigkeiten, die jetzt in Ihrer Seele schlum-
mern, die Sie dann aber entwickelt hatten. Es wiirde Ihnen so er-
scheinen, wie wenn etwas aus Ihnen selbst herausstrahlte. Was heute
aus Ihnen herausstrahlt in die Welt, das war ja damals zur Zeit der al-
ten Atlantis erst in Sie hineingestrahlt. Alle Anschauungen, die der
Mensch heute sich bilden kann in blofien Begriffen von der geistigen
Welt, das waren zu jener Zeit lebendige Wesenheiten fur ihn, und
der Atlantier sah, wie etwas hineinzog in ihn und in ihm Fahigkei-
ten anregte. Er sagte sich: Ich fange an, mit meinen Augen die Dinge
zu sehen, mit meinen Ohren Gerausche, Tone zu horen, ich fange
an zu sehen, was draufien sinnlich wahrnehmbar ist. - Woher kom-
men diese Fahigkeiten? Sie strahlten von aufien in den Menschen
hinein.
Wir wollen die alte Atlantis noch einmal so recht ins Auge fassen.
Das Land war bedeckt mit weiten Wassernebelmassen; diese Wasser-
nebelmassen waren von verschiedener Dichte in der ersten und in
der letzten atlantischen Zeit, namentlich waren sie in der Nahe des
heutigen Irland anders als in den sonstigen Gegenden. Die Wasser-
und Nebelmassen waren zuerst warm und heifi. Im sudlichen Teil
der Atlantis waren sie noch warm, zum Teil heifi, wie warme, heifie
Rauchmassen; gegen Norden zu waren sie kalter. Insbesondere ge-
gen das Ende der atlantischen Zeit trat eine machtige Abkiihlung
ein. Nun war es gerade diese Abkiihlung der Nebelmassen, diese
nordische Kalte, welche die neue Anschauung, das neue Seelenleben
aus den Menschen herauszauberte. Niemals hatten unter den Gluten
der Hitze des Sudens der Intellekt, die Urteilskraft zuerst sich in der
Menschheit entwickeln konnen. Der Atlantier in der Nahe Irlands
fiihlte Fahigkeiten in sich hineinstromen, die ihn so durchdrangen,
dafi er fahig wurde, mit seinen Sinnesorganen die Dinge draufien zu
sehen, zu horen und so weiter. Er empfand das so, dafi er es der
Abkiihlung der Luftmassen zu verdanken hatte.
Zu dem Wahrnehmen aufierer Gegenstande durch Sinnesorgane
gehoren Nerven. Zu jedem unserer Sinnesorgane gehen Nerven
vom Gehirn aus. Augennerven, Geruchs-, Gehornerven und so wei-
ter haben wir. Diese Nerven, die heute den Menschen fahig machen,
die Sinneseindrucke sich zum Bewufttsein zu bringen, waren unta-
tig, bevor die aufiere sinnliche Anschauung der Dinge da war. Sie
vermittelten nicht das aufiere Anschauen, sie hatten eine innere Auf-
gabe. Der atlantische Mensch sah damals die Krafte an sich heran-
kommen, die diese Nerven in ihm zu Sinnesorganen machten. Er
empfand diese ganze Situation so, wie wenn in den Kopf von auften
hineinfluteten die Stromungen, welche dann seine Nerven im Kopf
durchsetzten.
Nun gibt es unter den Nerven im Kopfe, die dazumal tatig wur-
den und die wir heute noch anatomisch nachweisen konnen, zwolf
Paare, und zwar zehn Paare, die vom Kopfe ausgehend sich gliedern,
um die einzelnen Sinnesorgane in Tatigkeit zu setzen. Wenn Sie
zum Beispiel die Augen bewegen, so sind dazu die Augenmuskelner-
ven da und nicht der Sehnerv. Also zehn Paare, die zu den einzelnen
Sinnesorganen gehen, und zwei Paare, die tiefer hinuntergehen und
die den Verkehr vermitteln zwischen dem sinnlichen Wahrnehmen
und der Gehirntatigkeit. Der Atlantier fiihlte zwolf Stromungen in
sich hineingehen, in sein Gehirn und hinunter in seinen Leib. Das
sah er. Was Sie jetzt als Nerven in sich haben, wurde fur sein Wahr-
nehmen erzeugt durch zwolf in ihn hineingehende Strome. Wenn
nun diesem Umstande, dafi die Luft sich abkiihlte und das ganze
Niflheim ein kaltes Land wurde, die zwolf Nervenstrange verdankt
werden, so war doch noch etwas anderes dazu notwendig, um die
menschlichen Sinnesorgane zu gestalten. Bevor die menschlichen
Sinnesorgane gestaltet waren, hatte auch das Herz noch eine ganz
andere Aufgabe. Die Blutzirkulation mufi eine andere gewesen sein
bei einem Wesen, das sich hellseherisch, geistig die Farben und Tone
der Umgebung vor die Seele zaubert, als bei dem atlantischen Men-
schen, dem die aufiere Welt allmahlich fur die aufieren Sinne wahr-
nehmbar auftauchte. Diese Umgestaltung des Herzens hat niemals
kommen konnen von den kalten Teilen der Atlantis. Sie mufite da-
durch kommen, dafi die menschliche Organisation von anderswo-
her angefacht wurde. Die Umgestaltung des Herzens hat der warme-
re, sudliche Erdstrich der Atlantis bewirkt.
Sie miissen sich das so vorstellen, dafi beide Stromungen auf den
Atlantier eingewirkt haben, die kalten Strome des Nordens und die
warmen Strome des Siidens. Die warmen Strome haben in das Herz
Feuer hineinkommen lassen, sie haben es auflodern lassen zu Enthu-
siasmus, wahrend der andere Teil der Menschennatur angefacht
wurde vom kalten Norden. Die Stromungen, die von Norden ka-
men, haben des Menschen Stirn [andere Nachschrift: Hirn] so weit
umgebildet, dafi der Mensch ein Denker, ein sinnlich Anschauender
werden konnte. Der Kopf des Atlantiers war ganz anders gebildet
als der Kopf des Menschen von heute. Gerade was diese Krafte der
zwolf Strome des Nordens bewirkt haben, das hat den Menschen
zum Denker gemacht. Und die warme Stromung des Siidens hat
ihm sein Gefuhl, seine Empfindungsart und auch seine heutige Sinn-
lichkeit gegeben. Das, was das Blut dadurch erhielt, stromte in das
Herz ein, das dadurch ein ganz anderes Organ geworden ist. Da-
durch, dafi das Blut, der den Menschen ernahrende Saft, die ganze
Blutzirkulation, anders geworden ist, mufite auch die aufiere Ernah-
rung des Leibes eine andere werden. So konnen wir sagen : Von zwei
Seiten her ist an dem Menschen gearbeitet worden in jener Zeit. Es
ist sein physischer Leib so umgeschaffen worden, daft er auf der
einen Seite der Trager des Gehirnes werden konnte, und auf der an-
deren Seite so, dafi der Leib mit dem Blute versorgt worden ist, das
dieser umgestaltete Mensch notig hatte.
Diese Vorgange stellten sich der Anschauung des Atlantiers im
Bilde dar. In der astralen Anschauung stellt sich ja alles im Bilde dar.
Das Einfliefien der geistigen Stromungen, die unsere Nerven heran-
bildeten, stellte sich ihm dar als zwolf aus dem kalten Norden her-
unterkommende Strome; und das, was das Herz umbildete, stellte
sich ihm dar als das Feuer, das von Siiden heraufkam. Das, was den
physischen Kopf umbildete zu dem des heutigen anschauenden
Menschen, stellte sich ihm dar als das Bild des Urmenschen, und das
Ernahrende im Menschen stellte sich ihm dar als ein anderes Bild, als
das Bild des sich ernahrenden Tieres.
Wie trat nun derjenige vor das Volk hin, der dies alles gesehen
hatte? Wie driickte er sich aus? Er driickte sich in Bildern aus. Denn
das, was wir jetzt hier gesagt haben, das wiirden die Leute dazumal
nicht verstanden haben. Aber sie hatten sich ja noch ein altes Hellse-
hen bewahrt; wenn man zu ihnen in Bildern sprach, so konnten sie
die grofien bedeutsamen Wahrheiten verstehen. Diese Methode
wurde auch an den druidischen Schulen ausgeiibt. Die alten Priester-
weisen sprachen zu dem Volke auf f olgende Weise :
Bevor ihr habt hineinsehen konnen in diese Welt, die erfullt ist
von Pflanzen und Tieren, von all den Gegenstanden, die ihr jetzt
draufien unterscheiden konnt, war nichts da als ein finsterer, gah-
nender Raum, wie ein Abgrund. Ihr sahet die Bilder in den Raum
hinein. Aber alles das, was jetzt da ist, ging hervor aus diesem Ab-
grund, aus Ginnungagap, - das ist das alte germanische Chaos. Nun
erzahlte man weiter: Von Norden her flossen zwolf Strome, und
von Siiden her kamen die Feuerfunken. Dadurch, dafi die Feuerfun-
ken des Siidens sich verbanden mit den zwolf Stromen des Nordens,
entstanden zwei Wesen: der Riese Ymir und die Kuh Audhumbla.
Was ist nun der Riese Ymir? Ymir ist der denkende Mensch, der
entstanden ist, sich herausgebildet hat aus dem Ghaos - aus Ginnun-
gagap; und die Kuh Audhumbla ist das neue Ernahrende und das
neue Herz. In der menschlichen Gestalt sind vereinigt der Riese
Ymir und die Kuh Audhumbla.
Wie miissen wir uns vorstellen, dafi der alte Druide, der Priester-
weise zu den Menschen sprach? Er hatte die Weisheit, er wufke von
dem, was geschehen war. Er sprach zu solchen Menschen, die sich
entweder ein altes Hellsehen in Ausnahmemomenten noch erhalten
hatten, oder zu solchen, die Vertrauen hatten. Er wufite, er wird
verstanden, wenn er den Vorgang der Menschwerdung so erzahlt,
wie er sich dem astralen Sehen darbietet. Die zwolf Strome, die aus
dem Norden kommen und die zwolf Nervenpaare bilden, verbin-
den sich mit den Feuerfunken, die aus dem Siiden hervorspruhen,
die das Herz und das Ernahrungssystem bilden. Das sind die beiden
Krafte, die als Riese Ymir und als Kuh Audhumbla sich darstellen -
wie schon wird das erzahlt in der germanischen Genesis! Zwei Wel-
ten entstanden - so horen wir -: das kalte Niflheim und das heifie,
flammenspriihende Muspelheim. Niflheim entlafit die zwolf Strome,
Muspelheim entlafit die Feuerfunken.
Und jetzt gehen wir ein Stuck weiter. Wir wissen^ dafi damals, in
jenem Moment, wo sich der Atherleib des Kopfes mit dem physi-
schen Kopf vereinigte, das Ich entstand als ein klares, selbstbewufites
Ich. Vorher konnte der Mensch zu sich nicht «Ich» sagen. Der
Mensch fuhlte sich zwar schon als ein Ich- Wesen, aber es war ihm
noch nicht das Ich-Bewufitsein aufgegangen. Mit diesem Ich-Werden
zusammen mufite der Mensch erkennen, was sich da umgestaltet und
herausgebildet hatte. Er war im hoheren Sinne ein Ich geworden.
Nun betrachten wir das einmal, was alles entstanden war im Men-
schen. Es war das entstanden, was von den zwolf Stromen kam, das
ist das, was seinen Kopf mit den Gehirnnerven durchsetzte. Es war
aber auch das entstanden, was seiner Natur nach nicht mit dem
Kopf zusammenhangt, dasjenige, was seiner Natur nach abstammt
von der Kuh Audhumbla. Diese zwei Naturen haben sich dazumal
zusammengefugt; das konnen Sie formlich sehen. Versuchen Sie,
sich klarzumachen, wie alles, was von den zwolf Stromen des Nor-
dens kam, eingeschlossen ist im Schadel und im Riickenmark. Alles
andere ist angesetzt; die Rippen und die darunterliegenden Organe
sind das, was von Siiden her kam aus den Feuerfunken, die Kuh
Audhumbla; es hat sich herausgebildet aus einem ganz anderen
Menschheitszustande und angegliedert an das Friihere. Was hat sich
da gebildet? Das eine, das sich gebildet hat aus einem ganz anderen
Menschheitszustande heraus ist das geschlechtliche Prinzip. Zwar
war das Geschlechtsprinzip schon gebildet im alten Lemurien, aber
erst mit dem Auftreten des Ich-Bewulkseins ist es dem Menschen
auch zum Bewufitsein gekommen. Vor diesem Zeitpunkte war der
Mensch mehr oder weniger unbewufit; der Geschlechtsakt ging wie
in einem Traumzustande, einem dammerhaften Zustande vor sich.
Das zweite, was dem Menschen gegeben wurde, war die Gestalt des
Herzens selber. Und ein drittes, das ihm gegeben wurde, das nach
und nach in dieser Zeit sich herausbildete, das war die Sprache.
Die Sprache ist auch ein Geschopf der Atlantis. Ohne die Sprache
konnen Sie sich nicht die Entwickelung des Denkens, der hoheren
Geistigkeit vorstellen. Und auch ohne das umgestaltete Herz und
ohne das veranderte, das bewufite geschlechtliche Prinzip kon-
nen Sie sich dies nicht vorstellen. So erscheint der Mensch merk-
wiirdig gegliedert. Sein Denken, sein aufteres Anschauen sind
eingegliedert worden seinem Kopfe. Beigegeben ist diesem ein
dreifaches: das bewuftte Geschlechtsprinzip, das bewulke Herz-
prinzip und die bewufite Sprache, die der Ausdruck seiner inneren
Wesenheit ist.
Machen wir uns nun gegenwartig, wie sich dies der astralen An-
schauung darstellt. Der astrale Seher sieht dies wiederum in einem
Bilde, wie ein Baum stellt es sich ihm dar, ein Baum, der drei Wur-
zeln hat. Die eine Wurzel ist die Geschlechtlichkeit, die zweite ist
das Herz und die dritte die Sprache. Diese drei Wurzeln sind in Kor-
respondenz mit dem Geistigen, dem Kopfe. Fortwahrend gehen
Nervenstrdmungen hin und her, Der Hellseher kann das so sehen,
wie wenn ein Wesen fortwahrend von unten nach oben und von
oben nach unten lauft. Es erscheint so, wie wenn das Obere, das
Geistige, fortwahrend bekampft wiirde durch das, was von unten
kommt. Es widerstreiten sich diese beiden Stromungen. Der
Mensch wiirde niemals in seinen unteren Gliedern leben konnen,
ohne durch die vom Kopf kommenden zwolf Nervenstrome be-
fruchtet zu werden. Im Blute tropfen die geistigen Ernahrungssafte
von oben nach unten. So sieht der Hellseher im Bilde das Werden
des neuen Menschen, wie es sich in der letzten Zeit der atlantischen
Epoche vorbereitet hat fur die nachatlantische Zeit.
Der alte Druidenweise mufite so sprechen, dafi er den Menschen
sagte: So sieht man die Sache. - Die Menschen hatten ja noch das
astrale Hellsehen, und so konnte er ihnen noch schildern, was er auf
dem astralen Plane sah. Daher lehrte er: Was im Menschen entstan-
den ist und heute in ihm lebt - die Ich-Personlichkeit entspringt
aus drei Quellen. Das Ich, das friiher schon da war, aber jetzt erst
zum Bewufitsein gekommen ist, stammt aus Niflheim. Es ist aber
eine Schlange da, die fortwahrend an der Wurzel nagt, die aus dieser
Quelle stammt, Niddhogr ist ihr Name. Hellseherisch kann man
tatsachlich diese Schlange nagen sehen. Die Ausschreitungen des Ge-
schlechtsprinzipes, das nicht im Zaume gehalten wird, nagen an
dieser Wurzel des Menschen.
Die zweite Wurzel ist das Herz. Aus ihm stammt das neue Leben
des Menschen. Alles, was der Mensch tut, tut er unter dem Antrieb
des Herzens. Er fiihlt, was ihn gliicklich oder ungliicklich macht. Er
fiihlt die Gegenwart, er fiihlt aber auch dasjenige, mit dem er in die
Zukunft hineinwachst; das eigentliche Schicksal des Menschen wird
vom Herzen empfunden. Darum sagten die Priesterweisen: An der
Quelle, aus der diese Wurzel stammt, sitzen drei Nornen und spin-
nen die Faden des Schicksals. Die Nornen sind Urd, die Herrin des
Vergangenen, Verdhandi, die um die Gegenwart, um das Seiende
und Werdende weifi, und Skuld, die kennt, was in der Zukunft sein
soli. «Skuld» ist dasselbe Wort wie «Schuld». Die Zukunft entsteht
dadurch, dafi aus der Gegenwart etwas weiter hinausgeht, das abge-
tragen werden mufi.
An der dritten Wurzel ist Mimirs Quelle, Mimir, der den Weis-
heitstrank trinkt. Das ist dasjenige, was sich als Sprache ausdriickt.
Und oben ragen die Wipfel des Baumes ins Geisterland hinein, und
aus dem Geistigen herunter kommen Tropfen des befruchtenden
Nervenfluidums. Das driickten die Priesterweisen so aus, dafi sie
sagten: Da oben in den Wipfeln der Weltesche weidet eine Ziege,
von deren Geweih es fortwahrend heruntertropft. - So wird das Un-
tere fortwahrend von dem Oberen befruchtet. Und ein Eichhorn-
chen lauft von oben nach unten und von unten nach oben und tragt
Zankesworte hin und her: der Kampf der niederen gegen die hohere
Natur.
So stellt es die germanische Sage dar. Sie sagt: Der neue Mensch in
der neuen Welt gleicht einem Baum, einer Esche, die drei Wurzeln
hat. Die erste Wurzel geht nach Niflheim, in das eiskalte diistere Ur-
land. Inmitten von Niflheim war der unausschopfliche Brunnen
Hwergelmir; zwolf Strome entsprangen aus ihm, sie flossen durch
die ganze Welt. Die zweite Wurzel ging zum Brunnen der Nornen
Urd, Verdhandi und Skuld; sie safien an seinen Ufern und spannen
die Faden des Schicksals. Die dritte Wurzel ging zu Mimirs Brun-
nen. Yggdrasil nannte man die Weltesche, in der sich die Welten-
krafte zusammengezogen hatten. Ein Mensch wird abgebildet in
dem Moment, wo er sich seines Ich bewufit werden soli, wo aus sei-
nem Innern heraustonen soli das Wort «Ich». «Yggdrasil» ist soviel
wie «Ich-Trager». Ich-Trager ist dieser Baum. «Ygg» ist «Ich» und
«drasil» ist derselbe Wortstamm wie «tragen».
Nun versuchen Sie einmal, sich zu verge gen wartigen, was alles
fur gelehrte und ungelehrte, fur geistreiche und ungeistreiche Erkla-
rungen zu dieser germanischen Mythe gegeben worden sind. Alle
diese Erklarungen haben fur den Okkultismus keinen Wert. Denn
fur den Okkultisten gilt der Satz, dafi alles, was Zeichen sind - und
auch eine Erzahlung ist Zeichen eine reale Wirklichkeit hat in der
geistigen Welt; und erst, wenn wir wissen, was einem solchen Zei-
chen in der geistigen Welt entspricht, erst dann erkennen wir die
wahre Bedeutung der Zeichen und Mythen. Niemand kann die
Krafte fur die menschliche Entwickelung, die in den alten nordi-
schen Mythen liegen, heben und anwenden, der sich nicht in dieser
Weise dem tieferen Sinn dieser Mythen nahert. Gerade durch den
Okkultismus erringen wir uns die Erkenntnisse der Welt und des
Menschen, die von den alten Druiden hineingelegt worden sind in
die Bilder der germanischen Mythe, nicht etwa, weil sie aus einer
bliihenden Phantasie heraus Bilder erfinden wollten, sondern weil
sie diese Bilder schauten. Kein Zeichen hat eine Berechtigung im
Okkultismus, das nicht in den hoheren Welten geschaut werden
kann. Die alten Sagen und Mythen sind Zeichen in der physischen
Welt fur eine hohere Wirklichkeit. Sie sind eine Schrift, die wunder-
bar verzeichnet die vergangenen Zeiten. Wenn wir diese Schrift
lesen konnen, dann blicken wir tief hinein in die Vorzeit, und zu
gleicher Zeit befruchtet uns die Mythe selber.
Erkennen wir die Mythen in dieser Weise, so erkennen wir viel
tiefer als die abstrakte Wissenschaft. Die Wissenschaft kann uns die
zwolf Paar Nervenstrange zeigen; der Okkultist macht die Entste-
hung und den ganzen Weltenzusammenhang erkennbar. Was ist der
Mensch? Ein Symbolum des Geistes, denn er ist herausgeboren aus
der geistigen Welt. Er ist eine Zusammensetzung geistiger Krafte.
Erkennt sich der Mensch recht, so erkennt er sich selbst als ein Sym-
bolum fur das in ihm liegende Ewige. Dies wollen wir mitnehmen
und heute in acht Tagen die Betrachtungen fortsetzen. Wir wollen
dariiber nachdenken im Sinne des Goetheschen Wortes «Alles Ver-
gangliche ist nur ein Gleichnis». Der Mensch selbst ist ein Gleichnis
fur das unvergangliche Geistige im Verganglichen. Wenn der
Mensch dies erkennt, geht ihm die Erkenntnis auf fur seinen eigenen
geistigen unverganglichen, ewigen Wesenskern.
ZWEITER VORTRAG
Berlin, 14. Oktober 1907
Altnordische und persische My then
Wir haben vor acht Tagen anhand der germanischen Weltentste-
hungssage wichtige Zusammenhange der menschlichen Organisa-
tion, des physischen Korperbaues mit der astralen Welt besprochen.
Wir haben den interessanten Zusammenhang gesehen zwischen den
2w6lf Paar Gehirnnerven und den zwolf Stromen, die unsere Vor-
fahren durch ihre Art von Hellsehen auf dem astralen Plan geschaut
haben, und die nichts anderes sind als die Einstromungen dessen,
was dann im Menschen die zwolf Gehirnnervenpaare bildet. Wir ha-
ben auch gesehen, wie die sozusagen weicheren Organisationsteile
des Menschen, das, was zum Kehlkopf, das, was zum Herzen und zu
den niederen organischen Teilen gehort, wie das alles zusammen-
hangt mit den Wurzeln der Weltesche - die j a eine astralische Er-
scheinung ist -, und wie des Menschen Gehirnbildung zusammen-
hangt mit dem Wipfel und den Asten der Weltesche. Da haben wir
tief hineingeschaut in den Zusammenhang zwischen dem, was die
Mythe erzahlt, und dem, was wir durch unsere Erkenntnis uns an-
eignen konnen. Wir haben auch gesehen, daft solche Zeichen und
Symbole, wie die Mythe sie uns bietet, nicht ausgedachte oder von
der Phantasie erfundene Dinge sind, sondern dafi sie wirklichen Be-
obachtungen in der astralen Welt entsprechen. Das mufi ja immer
wieder betont werden, dafi alles Herumreden iiber Symbole und
Zeichen, das aus dem Verstand und aus der Spekulation kommt,
wertlos ist. Denn die wirklichen Symbole, die im Okkultismus eine
Rolle spielen, sind Wiedergaben von Erlebnissen und Erfahrungen
in der geistigen Welt.
Heute werden wir einen noch tieferen Blick in dieses Gebiet hin-
ein tun. Wir werden auf ein Kapitel kommen, welches eigentlich
wirklich nur in einer solchen Arbeitsgruppe besprochen werden
kann, die sich schon langere Zeit mit diesen Fragen beschaftigt. Nun
kommen ja zu solchen Arbeitsgruppen immer noch jiingere Mitglie-
der hinzu. Diese miissen sich schon da hineinfinden, Dinge zu ho-
ren, die unter Umstanden fur sie noch schockierend sein konnen.
Aber wir wiirden ja nicht weiterkommen, wenn wir nicht auch sol-
ches besprechen wollten, was fiir Vorgeschrittene gilt. Damit ist
jetzt nicht gemeint, vorgeschritten in bezug auf Studium und Er-
kenntnis, sondern das, was jetzt mit «vorgeschritten» gemeint ist,
ist, dafi die Mitglieder, die schon langere Zeit hier sind, sich ein ge-
wisses Gefiihl dafiir angeeignet haben, dafi man von geistigen We-
senheiten und von anderen Welten so sprechen kann, wie wenn das
Dinge oder Leute waren, die einem auf dem physischen Plan begeg-
nen, und mit denen man unter Umstanden ebenso verkehren und
familiar sprechen kann, wie mit den Wesen, denen man begegnet,
wenn man vor die Tiir hinaustritt auf die Strafie. In diesem Sinne
meine ich «Vorgeschrittene», dafi sie nicht davon schockiert wer-
den, wenn von geistigen Welten und ihren Bewohnern in unbefan-
genem Sinne gesprochen wird. Und die jiingeren Mitglieder mogen
wenigstens vorlaufig den guten Willen haben, so etwas anzuhoren
und es so unbefangen hinzunehmen wie eine Erzahlung aus der
gewohnlichen Sinneswelt. Es wird sich auch die Komposition
des Vortrages heute etwas bunt ausnehmen. Das macht aber
nichts. Wir werden einen Uberblick erhalten einerseits iiber ein
wichtiges Kapitel der geistigen Welt und auf der anderen Seite den
Zusammenhang mit unserer eigenen menschlichen Korperlichkeit
bekommen.
Sie wissen ja, dafi innerhalb unserer sinnlichen Welt sich eine
zweite Welt ausdehnt, die wir die astralische Welt nennen, die sich
zunachst als ein flutendes Lichtmeer darstellt, worin Farben und
Formen fluten. Fiir den Forscher in der astralischen Welt ordnen
sich diese Farbengebilde zu bestimmten Wesenheiten, die er als
astralische Wesenheiten erkennt, die dort ebenso wirklich sind wie
hier die Pflanzen und Tiere in der physischen Welt. Dann ist einge-
gliedert in die astralische und physische Welt die Welt des geistigen
Tonens, der Spharenharmonien, die Welt des Devachan, die man
durch das Hellhoren erkennen kann. Das wollen wir ein anderes
Mai besprechen. Heute wollen wir uns auf die astralische Welt mit
einigen Gesichtspunkten beschranken.
Wer die astralische Welt studiert mit den Mitteln, welche diejeni-
gen, die sich naher mit diesen Dingen befassen konnen, durch ihre
eigene Entwickelung allmahlich kennenlernen konnen, der findet,
daft diese Welt wirklich viel, viel bevolkerter ist als unsere physische
Welt. Denn die astralische Welt hat eine Eigenschaft, welche die
physische Welt nicht hat, und diese Eigenschaft bezeichnet man im
Okkultismus als «Durchgangigkeit». Die astralen Wesen konnen
namlich durcheinander hindurchgehen; dazu sind die physischen
Wesen nicht imstande. Daraus konnen Sie schon entnehmen, daft
die astrale Welt viel bevolkerter sein kann, viel mehr Wesen enthal-
ten kann als die physische Welt. Dies ist auch der Fall.
Denken Sie einmal an die Zeit, als eine grofte Anzahl von Men-
schen noch in der Lage war, auch ohne okkulte Schulung, noch
durch ihre naturlichen Anlagen hineinzuschauen in die geistige
Welt. Da werden Sie einen etwas anderen Begriff bekommen von
manchem alten Bilde, das fruhere Maler gemalt haben. Ich erinnere
Sie nur an die «Sixtinische Madonna», die sich in Dresden befindet.
Auch wenn manche die «Sixtinische Madonna» nicht selbst gesehen
haben, so kennen sie jedenfalls die guten Stiche, die es von ihr gibt.
Da werden Sie gesehen haben, daft im Hintergrunde die ganze At-
mosphare mit Engelkopfen oder Genienkopfen erfullt ist. So wie
sonst die Naturanschauung aus der Luft Wolkengebilde heraus-
wachsen laftt, so wachsen da Engels- oder Geniengestalten heraus.
Das ist nicht etwa blofie Phantasie, sondern etwas, was fur den, der
die astralische Welt sehen kann, eine voile Wirklichkeit ist. So ist die
astralische Welt, die uns als wogendes Lichtmeer umgibt, angefullt
mit Wesenheken, die gleichsam in einer unendlichen Lebendigkeit
an jedem Punkt aus dem Raum hervorspriefien. So nimmt sich in je-
der Beziehung der astralische Plan aus; bewegtes geistiges Leben ist
in ihm. Nun soil nicht etwa gesagt werden, daft die Maler, die zur
Zeit Raffaels gelebt haben, noch im vollen Umfange diese Anschau-
ung gehabt haben. Das ware zu viel gesagt; aber es waren grofte Vor-
ganger dieser Maler da, deren Werke langst nicht mehr vorhanden
sind, die in mancher Beziehung wirkliche Hellseher waren, die aus
ihrer Hellsichtigkeit heraus die Tradition so angegeben haben, dafi
ein Maler wie Raffael, auch wenn er nicht Hellseher war, aus der
Uberlieferung wufke: so ist es, und daher sachgemafi das wieder-
geben konnte. Noch viel sachgemafier sind altere Bilder aus dem
13. und 14. Jahrhundert. Wenn Sie zuriickgehen und zu einer Zeit
kommen, die am meisten bekannt ist durch den Maler Cimabue,
so werden Sie sehen, wie auf den Bildern Ihnen die merkwiirdi-
ge Erscheinung des Goldgrundes entgegentritt, und wie aus ihm
herauswachsen Engel- oder Geniengestalten. Auch das entspricht
in vollem Sinne der Wirklichkeit des astralischen Anschauens.
Bis auf den Goldgrund hin entspricht das der Wirklichkeit. Denn
tatsachlich, wenn wir in die hoheren Partien des astralischen Planes
kommen, verwandelt sich das flutende Lichtmeer, das in anderen
Farbentonen erglanzt und durchhellt ist, in ein solches flutendes
Lichtmeer, das wie von Gold durchgluht erscheint. Das ist sehr
schon wiedergegeben auf einem Bilde von Raffael, auf einem Fresko,
die «Disputa», vis-a-vis zu einem anderen Bild, das genannt wird
«Schule von Athen», ein Name, der eigentlich am besten gestrichen
werden sollte. Auf der «Disputa» haben Sie ganz unten die disputie-
renden Menschen - wie man glaubt : Kirchenvater, Papste, Kirchen-
lehrer -, dann beginnt die Region der Apostel und Propheten, und
dann gliedert sich daran die Region, die bei Raffael in den Genien-
kopfen wiedergegeben ist, das ist diejenige Region, die wir den nie-
deren Astralplan nennen konnen. Weiter oben haben Sie auf dem-
selben Bilde die Region des hoheren Astralplanes golddurchgluht
richtig wiedergegeben. Daher wirken die Bilder dieser alten Maler
so uberzeugend, weil der, der diese Dinge weifi, die Wahrheit des
inneren Schauens in ihnen wiedergegeben findet. Auch auf den,
der das nicht weifi, wirken sie uberzeugend, weil er im Unter-
bewufitsein fuhlen kann, aus welch tiefer Wahrheit heraus diese
Dinge geschaffen sind. Ich erwahne dies, um darauf aufmerksam zu
machen, wie die Menschen in friiheren Zeiten sich dieser hoheren
Wirklichkeiten bewufit waren und sie auch im Bilde wiedergegeben
haben.
Von dieser Welt, die wir jetzt versuchten so zu charakterisieren,
wie sie die Maler im Bilde wiedergegeben haben, wollen wir heute
etwas besprechen. Wir wollen aufmerksam werden heute auf ganz
bestimmte Wesenheiten, die der hellsichtige Mensch in der astrali-
schen Welt antrifft, zum Teil in der niederen, zum Teil in der hohe-
ren astralischen Welt. Da gibt es solche Wesenheiten, die gestaltet
sind wie ein sehr komplizierter Vogelleib, aber von ungeheurer
Schonheit, mit machtigen flugelartigen Organen begabt und mit ei-
nem dem Menschenkopf ahnlichen Kopf; so erscheinen sie geformt
und gestaltet. Das sind durchaus Wirklichkeiten des astralen Planes.
Die grofien Lehrer der Religionen, die da hineinschauen konnten,
waren wohl bekannt mit dieser Art von Wesenheiten. Und wenn
man in den altesten Zeiten versuchte, diese Wesenheiten darzustel-
len - die Cherubim, oder die etwas weniger richtigen, aber wenig-
stens in der Absicht richtig gemeinten Greife -, dann make man
solche merkwurdigen Gestalten, die zwischen Genius und Fabeltier
in der Mitte stehen.
Wenn man sich an die alten Sagen erinnert, so hat man darin den
Versuch der Menschen, diese hoheren genienhaften Wesen nachzu-
bilden. Sie sind in der mannigfaltigsten Weise gestaltet, und diejeni-
gen, die in den Geheimschulen gewirkt und sie gekannt haben, die
haben diesen Chor der Wesen gleichsam charakterisiert. Diese Art
von Wesenheiten gruppiert sich in sechs Klassen. Wie sechs Regen-
ten, wie sechs Anfuhrer dieser Scharen sind solche sechs Haupt-
genien vorhanden. In verschiedener Weise wurden sie benannt, diese
sechs Hauptgenien des hoheren Astralplanes, der goldenen Region.
Die persische Geheimlehre nennt sie «Amshaspands», sie spricht
von den sechs Amshaspands.
Eine zweite, in einer etwas niedereren Region vorkommende Art
solcher astraler Wesenheiten sieht anders aus; sie sieht gar nicht Ge-
stalten ahnlich, die es hier auf dem physischen Plan gibt. Aber man
kann sich wenigstens verstandlich machen, wenn man versucht, de-
ren Gestalten durch solche des physischen Planes auszudrucken.
Das haben auch die Geheimlehrer getan, die den Volkern ihre My-
thologien gegeben haben und diejenige Kunst, von der wir gespro-
chen haben, die aus der Geheimlehre hervorging. Es gibt keine Ge-
stalten, die genau so ausschauen wie diese Wesen, deshalb konnen
wir sie nur charakterisieren, indem wir sie so darstellen, dafi sie eine
Art Menschenkorper haben mit alien moglichen verschiedenen
Tierkopfen. Die Agypter, die gerade iiber dieses Gebiet des Astral-
planes gut Bescheid wulken und die geistigen Wesen dieser Sphare
ganz gut kannten, sie haben sich bemiiht, in den verschiedenen Ge-
stalten, wie zum Beispiel den Menschengestalten mit dem Sperber-
kopf oder in der Menschengestalt mit anderen Tierkopfen, gerade
diese Kategorie von Geistern des Astralplanes nachzubilden. Auch
das sind keine willkiirlich ersonnenen Phantasien, sondern Gestal-
ten, mit denen man auf dem Astralplan so verkehren kann wie mit
Menschen und Tieren auf dem physischen Plan,
Dann gibt es eine dritte Art von Wesenheiten. Derer sind nun un-
zahlige, die kann man eigentlich nicht mehr gut so charakterisieren,
dafi man aus der Tier- oder Menschenwelt Vergleiche heranzieht,
sondern eher, indem man versucht, das Pflanzenreich oder die nie-
deren Tiere fur ihre Korperlichkeit heranzuziehen und den Men-
schenkopf als ihren Kopf, so dafi das Ganze etwa einem Pflanzenleib
ahnlich ist, aus dem ein Menschenkopf hervorwachst, oder einem
Fischleib mit einem Menschenkopf. Alles das gibt ungefahr ein Bild
fur die Wesenheiten, die auf dem astralen Plan vorhanden sind.
Es gibt, wie ich Ihnen gesagt habe, sechs Arten solcher Genien-
wesenheiten, welche die Perser «Amshaspands» nannten. Auch die
zweite Art, die am besten charakterisiert wird durch Menschenge-
stalt mit Tierkopf, kennen Sie nun, sie sind in der mannigfaltigsten
Weise gestaltet. Wenn man diese Gestalten durchgeht, bekommt
man etwa achtundzwanzig bis einunddreifiig Gruppen, und eine je-
de dieser Gruppen wieder ist angefuhrt von einem Regenten, so dafi
man achtundzwanzig bis einunddreifiig solcher Wesenheiten als Re-
genten auf dem astralischen Plane hat. Die persischen Geheimlehrer
nannten diese Regenten die achtundzwanzig oder einunddreifiig
«Izards». Diejenigen Wesenheiten, die ich als dritte Kategorie be-
sprochen habe, nannten sie «Farohars». Das sind unzahlige, und
man wiirde gar nicht fertig, wenn man sie alle der Zahl nach auch in
Klassen gliedern wollte. Uns sollen heute nur interessieren die sechs
Amshaspands mit ihren Scharen und die achtundzwanzig bis ein-
unddreifiig Izards mit den ihren, denn die haben eine ganz merk-
wiirdige Bedeutung fur das ganze menschliche Leben. Wer in die gei-
stige Welt hineinsieht, weifi Antwort zu geben auf die Frage, die je-
mand aufwerfen konnte: Womit beschaftigen sich denn eigentlich
diese Wesen des Astralplanes? Was tun sie denn die ganze Zeit? - Es
ware ganz falsch, wenn man glauben wollte, daft diese Genien und
Geister blofi da waren, um Gruppen zu bilden. Man konnte leicht
meinen, wenn man gewisse poetische Schilderungen nimmt, dafi sie
nur in den verschiedenen Spharen eingereiht waren, um Gruppen
zu bilden. Das ware fur diese Geister natiirlich ein sehr langweiliges
Dasem. Um die Bildung von lebenden Gruppen handelt es sich
nicht in der geistigen Welt. Alle diese Wesen haben ihre Mission im
Weltenplan. Diese Wesenheiten, die die Perser Amshaspands und
Izards nannten, haben auch die alten Germanen, die alten Trotten
und Druidenpriester gekannt, sie zahlen sie nur verschieden auf.
Nach manchen Uberlieferungen sind es achtundzwanzig, nach man-
chen dreifiig oder einunddreifiig. Wir werden gleich horen, warum
die Zahl unsicher ist. Diejenigen Wesenheiten, welche die Perser
Amshaspands nennen, sind hohere geistige Wesenheiten, die den um
uns herum liegenden Naturkraften vorstehen und sie leiten. Die Na-
turkrafte, das, was bewirkt, dafi die Pflanzen wachsen, die Tiere ge-
deihen, dafi der Mensch leben kann, diese Krafte, die um uns herum
sind, die wir Licht, Warme, Elektrizitat, Magnetismus und so weiter
nennen, Nervenkraft, Blutskraft, Zeugungskraft - nennen Sie es, wie
Sie wollen — , das sind keine blofi ungeistigen Krafte. Das ist ein
Aberglaube, dafi das ungeistige Krafte sind. Diese Krafte sind der au-
fiere Ausdruck fur geistige Wesenheiten. Die grofien Krafte des Da-
seins, Licht, Luft, Warme, Elektrizitat, auch die grofien chemischen
Krafte, die die Welt durchziehen, sie alle sind der aufiere Ausdruck
fur die wirkenden Amshaspands und ihre Scharen. Da wirken sie
darin. Wenn ich mich trivial ausdriicken darf: sie «kochen» an der
Welt. Fur das sinnliche Anschauen sind sie hinter den Kulissen.
Aber Sie konnen sich doch von ihnen eine Vorstellung machen,
wenn Sie sich zum Beispiel wie beim Marionettentheater einen Ak-
teur, einen Darsteller denken, der selbst nicht sichtbar wird, aber
doch daran zu erkennen ist, wie er durch Drahte und Strange wirkt.
So wie beim Marionettentheater hinter den Figuren der Akteur
wirkt, so stehen hinter den Naturkraften die geistigen Wesenheiten.
Schlimm ist es fur einen materialistischen Aberglauben, wenn er nur
die Marionetten sieht und kein Bewufksein davon hat, dafi geistige
Wesenheiten dahinter sind. Das ist also das Geschaft der Am-
shaspands, der sechs grofien Genien, die, wie die persische Gotter-
lehre sagt, dem guten Gotte Ahura Mazdao oder Ormuzd als aus-
fuhrende Genien zur Seite stehen.
Ihnen untergeordnet sind die achtundzwanzig Izards. Was haben
diese fur eine Bedeutung? Das enthiillt sich der direkten hellseheri-
schen Beobachtung am besten, wenn man sie Tag fur Tag beobach-
tet. Sie werden mich am besten begreifen, wenn ich ganz unver-
bliimt uber diese achtundzwanzig Izards spreche. Wenn die sechs
Amshaspands mit Licht, Luft, Warme und so weiter wirken wiirden
ohne die Izards, dann wiirde dieses unser Weltgefuge nicht so zu-
stande kommen, wie es ist. Es mufi, damit diese Welt zustande kom-
men kann, eine niederere Hilfe da sein. Es mussen untergeordnete,
ausfuhrende Geister da sein. Das sind die achtundzwanzig Izards.
Und es ist da eine ganz merkwiirdige Rangordnung zu beobachten.
Wenn man namlich tageweise hintereinander die Art beobachtet,
wie da gearbeitet wird, so sieht man, dafi die sechs grofien Gruppen-
genien, die Amshaspands, dauernd, immerfort, gleichmafiig wirken.
Sie sind unermiidlich. Aber die untergeordneten achtundzwanzig
Izards haben eine wesentlich verkiirzte Arbeitszeit. Sie losen sich
namlich ab, so dafi man an dem einen Tage die eine Kategorie der
Izards als Hilfeleister sieht, an dem zweiten Tage die zweite Katego-
rie und am dritten Tage die dritte und so fort. Dadurch wird es be-
wirkt, dafi iiberhaupt die Welt vorwartsriicken kann. Wenn im
Fruhling eine bestimmte Pflanzengattung hervorkommt, da wirken
die Amshaspands. Trotzdem sie immer unermiidlich arbeiten, hat
doch durch eine gewisse Zeit hindurch einer die Fiihrung; der ist
dann am meisten tatig. Die anderen sind zwar auch tatig, aber sie ha-
ben nicht die Fuhrung. Nach einiger Zeit ubernimmt dann ein ande-
rer die Fuhrung. Wenn nun eine Pflanzenart herauskommt im
Friihling, so ist das so, dafi die Amshaspands wirken in der Art der
grofien Naturkrafte, und dafi die niedereren Krafte, die Izards, so ar-
beiten, dafi alles auf einen bestimmten Tag genau pafit und stimmt.
Daft das Klima richtig ist zum Beispiel, dafi die Temperatur gerade
an diesem Tage richtig ist, das bewirkt eine Kategorie der Izards.
Das Pflanzenwachstum wlirde nicht weitergehen konnen, wenn
nicht am anderen Tage eine andere Kategorie der Izards herankame.
Nach achtundzwanzig Tagen kommt aber dann wieder die erste Ka-
tegorie heran, und so geht es weiter. Das ist tatsachlich die Einrich-
tung in der geistigen Ordnung, die hinter der Natur steht. Da sehen
wir genau hinein in das Getriebe, wir sehen, wie da gearbeitet wird
auf dem astralischen Plan.
Erinnern wir uns jetzt daran, was wir vor acht Tagen gesagt ha-
ben. Wir haben gesagt, daj& der Teil der germanischen Mythe, den
wir damals besprochen haben, ankniipft an jenen Auszug des auser-
wahlten Haufleins in der Nahe des heutigen Irland, das einst ein Teil
der Atlantis war, dessen Bevolkerung in der Entwickelung vorge-
riickt und dann nach Osten ausgezogen war. Das, was man die fort-
geschrittenere Rasse der Atlantier nennt, hat die ostlichen Kulturen
begriindet. In der Erzahlung von der Weltesche ist das Werden des
neuen Menschen ausgedriickt, wie man es in der damaligen Zeit in
der astralischen Welt gesehen hat. Man hat gesehen, wie die zwolf
Strome, die wir das letztemal beschrieben haben, von Norden her-
unterfliefien und durch lange Zeiten eingestromt sind. Diese zwolf
Strome sind wirklich auf dem Astralplan vorhanden, auch heute
noch. Wenn Sie namlich die zwolf Paar Nervenstrange verfolgen,
die durch Ihren Kopf gehen, und die Linien weiter hinaus in die
Welt ziehen, so vereinigen sie sich alle mit den zwolf Grundstro-
men, die auf dem Astralplan draufien vorhanden sind. Sie stromen
tatsachlich ein durch die sechs Offnungen des Kopfes, durch zwei
Augen, zwei Ohren und zwei Nasenlocher. Innen werden sie wieder
zu zwolf Stromen, je zwei und zwei. Und wer schickt sie da hinein?
Nachdem Licht und Luft, die draufien als Naturkrafte wirken, von
den sechs Amshaspands dirigiert werden, werden auf der hochsten
Stufe der Menschengestaltung diese zwolf Strome in unseren Kopf
hineingeschickt, um unsere Kopfnerven zu bilden. Das haben die
Geheimlehrer in den sechs Amshaspands gesehen. Sie haben die
sechs dirigierenden Geister gesehen, die die zwolf Strome in den
Kopf hineinschicken, so dafi der Mensch die Fahigkeit bekommt,
die Welt mit Hilfe seines Nervensystems aufzufassen. So sehen Sie
den menschlichen Kopf wie in einer Art telefonischer oder telegrafi-
scher Verbindung angeschlossen an diese sechs Genien. Denen ver-
danken Sie die Fahigkeit, durch Ihre Sinne wahrnehmen zu konnen.
So steht der Mensch als Mikrokosmos, als eine kleine Welt, im Zu-
sammenhang mit der grofien Welt, dem Makrokosmos.
Und was tun die untergeordneten Geister dabei, die achtund-
zwanzig Izards? Sehen Sie, bevor der Mensch reif war, die hohen
Krafte der Amshaspands selber in sich aufzunehmen, war er schon
richtig reif, die Krafte der Izards aufzunehmen, die sich ausdriicken
in seinen niederen Nerven. So, wie die obenerwahnten Strome in
die Kopfnerven hineinfliefien und sie aufbauen, so fliefien die Stro-
me der achtundzwanzig Izards in den menschlichen Rumpf hinein,
der friiher als der Kopf aufgebaut war. Bevor der Mensch fahig war,
die Krafte der Amshaspands aufzunehmen und den Kopf davon zu
formen, war des Menschen Rumpf fahig, die Einstromungen der
achtundzwanzig Izards aufzunehmen. Hat er die Krafte der Izards
auch jetzt in sich?
Wenn wir des Menschen Ruckenmark untersuchen, so finden
wir, dafi es in einem Nervenstrang durch das Riickgrat hindurch-
zieht, der aufien eine weifiliche und innen eine graue Materie hat,
wahrend beim Gehirn das Innere weifi und das Aufiere grau ist, also
genau umgekehrt. Das hat eine besondere Bedeutung. Interessant ist
nun, dafi in der ganzen Lange des Ruckgrats vom Ruckenmark Ner-
venstrange ausgehen, welche die niederen Funktionen des Leibes
versorgen. Von oben gehen sie aus nach unten und verbreiten sich
im ganzen Leibe. Wie viele solcher Nervenstrange sind es? Wenn wir
verstehen wollen, wie viele es sind, miissen wir uns erst die Frage be-
antworten: Woher kommen sie? - Das sind namlich die Strange, die
gebildet worden sind durch die Einstromungen der achtundzwanzig
Izards; daher gibt es achtundzwanzig bis einunddreifiig Paare sol-
dier nach links und rechts gehender Nervenstrange. Sie wissen, der
Mensch hat vor seiner Erdenbiidung eine Mondenbildung durchge-
macht. Bei der Mondenbildung sind zunachst nur achtundzwanzig
solcher Nervenstrange als Anlage gebildet worden. Dann, als der
Mond sich zur Erde hinuberentwickelt hat, sind zwei bis drei neue
hinzugekommen. Daher ist die Zahl der urspriinglich achtundzwan-
zig Izards, die schon auf dem Monde den hoheren Genien dienten,
um drei vermehrt. Weil auf der Erde die hohere Bildung des Men-
schen vorbereitet werden mufite, mufiten drei weitere Izards dazu-
kommen. Diese drei letzteren sind speziell nur auf den Menschen
einwirkende Izards, sie haben in der Natur draufien keine Aufgabe.
Das ist sehr interessant zu uberblicken.
Nun ist es weiter im hochsten Grade interessant, diese ganzen
Vorgange so zu verfolgen, dafi wir sie nicht nur im Menschen, son-
dern drauften in der grofien Natur betrachten. Denn der Mensch ist
ja nach und nach gebildet worden nach den Konstellationen der gro-
fien Natur draufien. Wiirde unsere Erde nicht in der Umgebung der
Sonne sein, um welche sie sich in einem Jahre herumbewegt, wurde
in ihrer Umgebung nicht der Mond sein, der sich in einem Monat
um sie bewegt und sich dabei in vier Phasen zeigt, so wiirde der
Mensch anders sein, denn alle diese Dinge hangen streng zusammen.
Anders wirken Licht und Luft, wenn die Sonne von einem bestimm-
ten Punkte des Himmels aus die Erde bescheint, und anders, wenn
die Sonne von einem anderen Punkte aus die Erde bescheint. War-
um ist das so? Weil mit dem scheinbaren Fortschreiten der Sonne
eben zusammenhangt, dafi die Amshaspands sich in bezug auf die
Fiihrung ablosen. Von Monat zu Monat, durch sechs Monate hin-
durch, losen sich die Amshaspands in der Fiihrung ab. Das hangt zu-
sammen mit dem Durchgang der Sonne durch die zwolf Tierkreis-
bilder. Nach jeweils sechs Monaten kommt ein Amshaspand wieder
an die Reihe, so dafi wir die eine Regierungszeit der Amshaspands in
den Monaten des Sommers haben, die andere in den Monaten des
Winters. In jedem Jahr hat ein Amshaspand zweimal einen Monat
zu wirken, und innerhalb dieser Herrschaft losen sich die Izards ab,
genau mit der Veranderung des Mondes losen sie sich ab. Daher
braucht der Mond, urn durch seine vier Phasen zu seiner urspriingli-
chen Gestalt wieder zuriickzukommen, achtundzwanzig Tage. Der
Umlauf des Mondes bedeutet die Regelung der Arbeit der Izards, der
Umkreis der Sonne die Regelung der Fuhrung der Amshaspands.
Und so hangt die Bildung des menschlichen Gehirns mit seinen
zwolf Nervenpaaren mit dem Jahreslauf der Sonne zusammen und
mit den zwolf Monaten. Was draufien in der Natur die zwolf Mona-
te sind, das sind in unserem Innern die zwolf Paar Kopfnerven, und
was draufien die achtundzwanzig Mondentage sind, das sind in unse-
rem Innern die achtundzwanzig Nerven des Ruckenmarks. Und
weil es notig war, dafi beim Neubilden unserer Erde aus der alten
Mondengestalt heraus eine neue Ordnung eintrat, traten drei neue
Izards hinzu, wodurch jene Ordnung eintrat, in der notwendig vari-
ieren mussen die Monate mit dreifiig oder einunddreifiig Tagen. Die
heutige astronomische Einteilung stimmt ja nicht ganz genau, weil
die drei iiberzahligen Izards speziell auf den Menschen einwirken
und weniger draufien in der Natur. Wenn ein Monat immer einund-
dreifiig Tage hatte, dann wurden tatsachlich alle einunddreifiig
Izards am Menschen wirken. Sie regeln die Funktionen des organi-
schen Korpers unterhalb des Kopfes, und so hangen tatsachlich diese
Funktionen des organischen Korpers mit der verschiedenen Regent-
schaft der Izards zusammen, wenn sie sich auch beim einzelnen
Menschen verschieben. Urspriinglich hangen sie mit der Einteilung
der grofien Natur zusammen.
Da sehen Sie tief hinein in den Zusammenhang des inneren
menschlichen Baues mit der geistigen Welt des Astralplanes. Man
spricht in den verschiedenen popularen theosophischen Werken
von den «Bildnern». Hier sehen Sie sie am Werke, wie sie von aufien
in Sie hineinwirken und Sie aufbauen; hier sehen Sie auch, was der
Mensch fiir ein kompliziertes Gebilde ist, was da alles fur Wesenhei-
ten wirken, damit der Mensch, dieses komplizierte Wesen, aufge-
baut werden kann. Sechs Kategorien von Geistern mussen vorhan-
den sein, damit sein erkennendes Haupt gebaut werden kann; und
achtundzwanzig bis einunddreifiig niederere Geister miissen vor-
handen sein, damit sein Rumpf und alle Funktionen seines Rumpfes
zustande kommen. Das ist ein wunderbarer Zusammenhang zwi-
schen dem Menschen und der geistigen Welt. Da werden Sie jetzt be-
greifen, dafi es nicht geniigt fur die Erkenntnis der Beziehung des
Menschen zum Unendlichen, nur daruber zu faseln, dafi der Mensch
aus der geistigen Welt heraus gebaut ist, sondern daft wir in Geduld
studieren miissen, wie das ist. Von jedem Organ, das im Menschen
ist, weifi der Okkultismus die Wesenheiten anzugeben, die das Or-
gan von aufien zusammengebaut haben. Das ist eine okkulte Anato-
mie, die Sie von den Wirkungen in der Sinneswelt zu den Ursachen
in der geistigen Welt fiihrt. Die Wirkungen sieht, wer mit seinen
Sinnen unbefangen die Welt ansieht; die Ursachen kann man nur er-
kennen lernen durch den Okkultismus. Sie sehen daraus, dafi wir
uns bemuhen, nicht abstrakte Beweise mit allerlei logischen Schlufi-
folgerungen fiir das Dasein einer geistigen Welt zu bringen. Denn al-
les, was bewiesen werden kann, kann auch widerlegt werden. Man
kann gegen alles etwas einwenden. Darauf kommt es nicht an.
Wenn man aber Stuck fiir Stuck die einzelnen Erkenntnisse zusam-
mentragt, so dafi die Dinge zusammenstimmen mit den Wirkungen,
die da sind in der sinnlichen Welt, dann kann man dazu kommen,
als richtig anzuerkennen, was vom Okkultisten erkannt wird, wie
der Mensch herausgebaut ist aus der geistigen Welt. Den Persern ist
es nicht eingefallen, die achtundzwanzig Nervenstrange des Riicken-
marks zu zahlen, sie haben die achtundzwanzig Izards am Werke ge-
sehen. Den ganzen Menschen konnen Sie in den Mythologien und
Sagen finden. Das gibt den grofien Reiz des wirklichen okkulten
Studiums der Sagen welt.
Diese Erscheinungen, die wir da studiert haben, Sie finden sie
iiberall in den Geheimschulen von Persien bis heriiber nach Mittel-
europa bei den Druiden. Ob man den hochsten Geist, der den Am-
shaspands vorsteht, Ahura Mazdao, Ormuzd, nennt oder Huu - wie
er in den Druidenschulen genannt wurde -, darauf kommt es nicht
an. Man kannte die geistigen Wesenheiten, die in den Mythologien
den Menschen gegeben wurden. Die einzelnen Gotter und Geister-
figuren sind nicht phantastische Erfindungen einer Volksphantasie.
Wer von «Volksphantasie» spricht, hat dazu ein gewisses Recht,
aber die Phantasie liegt nicht bei denen, welche die Figuren den Vol-
kern gegeben haben, sondern die Phantasie liegt bei unseren heuti-
gen studierten Gelehrten, welche von einer Volksphantasie spre-
chen, die gar nicht vorhanden ist. Und vielfach ist Gelehrsamkeit
ein viel schlimmerer Aberglaube als das, was die Gelehrsamkeit als
Aberglaube bezeichnet. In den Mythen und Sagen ist oft eine viel,
viel tiefere Weisheit zu finden, denn sie gehen auf die Urspriinge der
Dinge zuriick, die hinter dem Sinnlichen im Unsichtbaren waren.
Es ist, wenn man eine solche Betrachtung anstellt, wie wenn der
Mensch aufhoren wiirde, in seiner Haut eingeschlossen zu sein, und
sein Dasein sich von innen nach auflen fortsetzte. Er wird vertraut
mit den Wesenheiten, die in der geistigen Welt sind; sie haben ihn
zusammengesetzt, und er kann wieder mit diesen Wesenheiten in
Beziehung kommen. Denn es ist ein wirkliches In-Beziehung-
Kommen mit diesen Wesenheiten, was wir durch den Erkenntnis-
pfad, der in die hoheren Welten fuhrt, erlangen. Wir steigen von den
den Sinnen sichtbaren Wirkungen zu den iibersinnlichen, unsicht-
baren Ursachen auf. Der Mensch wird durch den Erkenntnispfad
wieder eins mit dem Universum.
Wir konnten, in dieser Richtung gehend, vieles, sehr vieles anfuh-
ren; wir wollen aber diese Betrachtung heute - um sie nicht gar zu
lange auszudehnen - durch eine Tatsache der germanischen Mytho-
logie beschliefien, die Ihnen zeigen wird, wie auf der einen Seite die
Dinge in der Menschheitsentwickelung geschehen, und wie auf der
anderen Seite diese Geschehnisse in der Mythe erhalten werden, wie
manches im einfachen Volksglauben erhalten wird.
Was heute physisch ist, war friiher uberhaupt ganz geistig. Bevor
sich diese zwolf Gehirnnerven gestalteten, waren eben blofi die
astralen Stromungen da, die da hineingingen, und bevor noch die
achtundzwanzig Nervenstrange des Ruckenmarks ausgebildet wa-
ren, waren die entsprechenden astralen Stromungen da. Wie entste-
hen nun diese Nerveneinlagerungen im Menschen? Auf folgende
Art : Denken Sie sich, es ware urspninglich eine wafirige, schlammi-
ge Fliissigkeit da. Denken Sie sich das Gehirn so. Sie konnen das
heute noch sehen an dem Gehirnteil, der fliissig, wafirig geblieben
ist; wenn er zu stark bleibt, entsteht der sogenannte Wasserkopf.
Unser Gehirn ist aus einem solchen wafirigen Gehirn hervorgegan-
gen und wurde dann gallertartig. Zuerst durchstromten astrale Stro-
mungen, die von aufien kamen, diese wafirige Masse nach alien Sei-
ten, und langs dieser astralen Stromungen gliederte sich die gallert-
artige Masse und verhartete sich, und es entstanden die Nerven. Wo
heute Nerven laufen, waren ursprunglich astrale Stromungen, dann
atherische Stromungen, und endlich wurden sie physische Nerven.
Stellen Sie sich den Menschen vor, wie er sich allmahlich verhartete.
Kaum knorpelig war die Masse, als die erste Anlage zum Riickgrat
auftrat. Noch weich war die knochige Umhiillung. Rechts und links
flossen die astralischen Stromungen ein, die spater die Riicken-
marksnerven wurden. Wir sehen da auf eine alte Zeit zuriick, wo die
achtundzwanzig Izards anfingen, ihre Stromungen - zuerst astral -
in den Menschen hineinzuschicken.
Auch die achtundzwanzig Izards hatten einen Anfuhrer, einen
Beherrscher, der eine Wurde hatte zwischen den Izards und den
Amshaspands mitten drin; eine Art Werkfuhrer, ein gottlich-geisti-
ges Wesen war dieser Anfuhrer der Izards. Wenn wir in die alten
Zeiten zuriickschauen, sehen wir ihn so wirken, dafi er die achtund-
zwanzig Izards kommandierte und sie die astralischen Strome in den
Menschen hineindirigierten. Die ganze Erde war umgeben von die-
ser astralischen Sphare; und so wie heute die Winde die irdische At-
mosphare durchstromen, so stromten die astralischen Stromungen
hinein in die menschlichen Leiber. Die alten Hellseher sahen wirk-
lich diese Stromungen in Kopfe und Ruckgrate der Menschen der at-
lantischen Zeit hineinstromen. Das war ein lebendiges astralisches
Bild. Als allmahlich die physischen Nerven sich herausbildeten, da
verschwand dieses Bild, und das bedeutete : ihr Ursprung wurde ver-
gessen, es wurde vergessen, wie die Stromungen in den Leib hinein-
dirigiert worden waren.
Der Anfuhrer der achtundzwanzig Izards kommandierte zu-
nachst die Naturkrafte, wie sie Tag fur Tag wirkten. Im grofien Lau-
fe des Jahres wirkte das alles rhythmisch und harmonisch. Im Tages-
laufe wirkte es etwas unregelmafiig. Furchtbare Blitze, Donner, Ge-
witter durchzuckten jene Luft im Erdenumkreis, die noch ganz das
Astralische in sich hatte. Dann wechselte der Gott, der Fiihrer der
Izards, der da draufien gewirkt hatte, seinen Schauplatz und wirkte
im Innern, in den achtundzwanzig Nervenstromen des Riicken-
marks. Er ging aus jenem geistigen Erdenumkreis heraus und entfal-
tete seine Krafte zuletzt im Menschen. Die germanische Mythe
nennt diesen Gott Thor oder Donar. Er ist derselbe nach germani-
scher Anschauung, der spater nach romischer Anschauung Jupiter
genannt wird. Er wird richtig verehrt als Gewittergott, der die Stiir-
me verursacht hat. Er wird auch angesehen als vermahlt mit Sif, der
astralischen Erdenatmosphare; diese beiden haben nun eine Toch-
ter, die etwas ganz besonders Charakteristisches ist. Wodurch
kommt diese Tochter zustande? Dadurch, dafi Thor sich ins Innere
des Menschen zuriickgezogen hat und durch die achtundzwanzig
Nervenstrange wirkt. Durch die achtundzwanzig Nervenstrange
nehmen die Menschen das Astrale aufierlich nicht wahr, aber in ge-
wissen Ausnahmezustanden nehmen sie das wahr, zum Beispiel im
traumhaften Schlafzustand. Solche, die besonders veranlagt waren,
das wahrzunehmen, die sagten dann nach dem Volksglauben: «Mich
driickt die Thrud», - und das ist keine andere Gestalt als die Tochter
des Thor. Da haben die Leute noch gewuflt, daft die Thrud dort ge-
boren ist, wo Thor mit seiner Gattin wohnt. Daher nannten sie es
«Thrudheim».
Sie sehen, so tief hangen die Volkssagen mit den okkulten Wahr-
heiten zusammen. So kann man nach und nach einen tiefen Blick
hineintun in jenes wunderbare Gebaude, das durch so viele Wesen-
heiten aufgebaut worden ist, in den Menschen. Wie kindlich und
klein erscheint uns eine materialistische Wissenschaft, die dieses
wunderbare Gebilde in einer so trivialen Weise verstehen mochte.
In alteren Zeiten hat man dies auch ganz anders gefiihlt. Mit dem
Gefuhl driickte man das aus, was die heutige Wissenschaft aus Er-
kenntnis weifi. Und wenn der alte Dichter umherschaute und emp-
fand, wie unter den Wesen, die er auf dem physischen Plan sieht, der
Mensch als der wunderbare Schlufiaufbau dasteht, als das Werk so
unendlich vieler Wesenheiten, da durfte er das scheme gro£e Wort
sagen, das gefiihlsmafiig eine solche tiefe Wahrhek wiedergibt:
Vieles Gewaltige lebt,
doch nichts ist gewaltiger
(unter dem Sichtbaren)
als der Mensch.
DRITTER VORTRAG
Berlin, 21. Oktober 1907 vormittags
Absterbende und aufsteigende Organentwickelungen im menschlichen
Leibe. Die Physiognomie des Todes
Aus den verschiedenen Vortragen, die iiber Sagen und Mythen
gehalten worden sind, konnen Sie ersehen, dafi in solchen im Volke
lebenden oder sonst durch den menschlichen Geist sich fortpflan-
zenden Erzahlungen, Zeichen und dergleichen, uralte Erkenntnisse
der geistigen Welt fortleben. Wir finden in den Sagen und Mythen
einen Zustand des menschlichen Fuhlens und Empfindens sozusa-
gen konserviert, durch den die Menschheit im Besitz eines viel, viel
hoheren Wissens noch war, als dasjenige ist, das der Mensch gewin-
nen kann mit Hilfe der gewohnlichen, an die aufieren Sinne gebun-
denen Beobachtungsgabe. Wer fur solche Dinge eine Ahnung hat,
dem konnen aus kurzen sagenhaften Erzahlungen manchmal tiefe
Weisheiten herausleuchten.
Sie wissen ja aus den verschiedenen Vortragen, die da und dort
von mir gehalten worden sind, dafi einstmals ein grofier Zug von
Westen nach Osten stattgefunden hat, wo ein gewisser Teil der at-
lantischen Bevolkerung von Westen nach Osten heriiberzog, der
mitgenommen hat die Erinnerung an Zustande der alten atlanti-
schen Zeit und an noch altere Zeiten. Wer mit durch Geisteswissen-
schaft gescharften Blicken die sagenhaften Andeutungen dieser ver-
schiedenen, da und dort sefihaften Volker betrachtet, dem gehen in
diesen Sagen tiefe Erkenntnisse alter Zeiten auf. Und dann lebt sich
nicht nur unser Denken, nicht nur unser Philosophieren, sondern
dann lebt sich auch unser Gefiihl, das tief ergriffen werden kann von
jenen Weisheiten, in die gottliche Weltordnung ein. Denn je mehr
die Weisheit nach dem Verstande zueilt, desto kalter, desto gefiihllo-
ser wird sie; je mehr die Weisheit hinaufeilt, den hoheren Regionen
des eigentlichen Geisteslebens zu, desto warmer, desto gefiihldurch-
trankter wird sie.
Wer vermochte wohl eine abstrakte Theorie der materialistischen
Naturwissenschaft, sei sie auch noch so sehr durchdrungen von
wahren Beobachtungen wie der Darwinismus, wer vermochte diese
Theorien mit warmer Empfindung und warmem Gefiihl zu verfol-
gen? Wem konnte wohl das Herz schneller schlagen, wenn er die
Worte Vererbung, Anpassung und dergleichen hort? Er empfindet
nichts dabei. Aber wer davon hort, wie die Erde hindurchgegangen
ist durch die friiheren Formzustande von Saturn-, Sonnen- und
Mondenzeit, wer davon hort, wie die Menschheit aufgestiegen ist
von der lemurischen zur atlantischen Zeit und so weiter -, wer da-
von hort und dabei unbewegt bliebe, der mufi in einem ungesunden
Seelenzustand sein. Wer unbefangen zu empfinden vermag, dem
schneiden solche Erzahlungen tief in das Herz. Wer solche Sagen
und Marchen anhort, der ahnt die Tiefe der darin enthaltenen Weis-
heit in den Gefuhlen, die sie in ihm erregen.
Es gibt eine einfache Erzahlung, die unter den Mongolen Asiens
lebt, und die auch bis nach dem Osten Europas sich verpflanzt hat,
da wo mongolische Sagen und Erzahlungen leben. Konnen wir
nicht etwas tief Ergreifendes empfinden, selbst wenn wir noch nicht
ahnen, welche Weisheit darin liegt, wenn uns diese mongolische
Sage mitgeteilt wird, die da sagt:
Es gibt eine Mutter, die hat ein einziges Auge oben am Kopfe.
Diese Mutter eilt trostlos durch die Welt, denn sie hat ihr einziges
Kind verloren. Sie eilt durch die Welt, sie hebt jeden Stein auf, fuhrt
ihn an ihr Auge oben am Kopfe, und enttauscht wirft sie ihn wieder
von sich auf den Boden, daft er in tausend Stiicke zerspringt, denn
sie hat sich iiberzeugen miissen, dafi er nicht ihr verlorenes Kind ist.
Mit jedem Gegenstand macht sie dasselbe, in jedem Gegenstande
glaubt sie ihr verlorenes Kind zu finden; sie greift ihn auf, halt ihn
an das Auge und wirft ihn enttauscht von sich. So eilt sie rastlos
durch die Welt, immer wieder diese Prozedur wiederholend.
Diese Erzahlung ist nichts anderes als die Erinnerung jenes am
meisten nach dem Osten getriebenen Volksstammes, der noch
gewufit hat von der alten Atlantis, von dem Urzustande der Mensch-
heit, wo der Mensch noch nahergestanden hat den geistigen
Welten und noch selbst in die geistigen Welten hat hineinschauen
konnen.
Sie wissen ja alle, dafi beim Kinde nach der Geburt die Knochen
hier oben am Kopfe sich nur langsam schliefien. Da war in uralten
Zeiten beim Menschen noch eine Verbindung mit der Aufienwelt
vorhanden. Hatte man damals sehen konnen wie heute, so hatte
man an jener Stelle des Kopfes ein Organ hervorragen sehen konnen
wie einen leuchtenden Korper, dessen Strahlen die menschliche Be-
grenzung durchdrangen und langsam in der Aufienwelt verschwan-
den. Man wiirde etwas wie eine wundersame Laterne haben sehen
konnen, was man nur mit Unrecht ein Auge nennt, denn ein Auge
war jenes Organ nicht. Aber es war ein Empfindungs-, ein Wahr-
nehmungsorgan der Menschheit in jenen ur-uralten Zeiten, mit dem
der Mensch noch frei und offen hinausschauen konnte in das, was
wir die astralische Welt nennen, mit dem er nicht nur die Korper,
sondern auch die Seelen hat sehen konnen und das, was in diesen
Seelen um ihn herum gelebt hat.
Zusammengeschrumpft zu der sogenannten Zirbeldriise ist dieses
Organ, das von der Decke des Kopfes jetzt bedeckt ist. Der Mensch
tragt aber heute als Erbstuck dieses alten Organs, mit dem er die gei-
stigen Welten um sich erleben konnte, eines in seiner Seele in sich,
und das ist die Sehnsucht nach diesen Welten, fur die sich ihm das
Tor geschlossen hat, das Tor seines eigenen Kopfes. Die Sehnsucht
nach dieser Welt ist geblieben, nicht die Moglichkeit des Hinein-
schauens. In den Religionen driickt sich diese Sehnsucht aus, die in
den Menschenseelen lebt. Sah der Mensch friiher in den geistigen
Regionen warme, fiihlende Wesenheiten um sich, so sieht er sich
heute durch seine Augen umgeben von physischen, konturierten
Gestalten.
Wirkt nun nicht ergreifend jene Erzahlung von der Frau, die die
Mutter der Menschheit ist, die suchend durch die Welt geht, die
sucht, was ihre Sehnsucht stillt, und es nicht findet in all den aufieren
Gegenstanden, weil sie das nicht mehr sieht, was sie einst wahrneh-
men konnte, als das eine Auge oben am Kopfe noch funktionierte?
In all den aufieren Gegenstanden, die heute der Menschheit durch
die Sinne gegeben sind, kann es nicht mehr gefunden werden. So tief
spricht der Mund des Weltengeistes zu uns durch die Sagen und
Marchen; und erst dann konnen wir deren tiefen Sinn verstehen,
wenn wir sie vom Standpunkte wahrer Geisteswissenschaft betrach-
ten. Wir konnten glauben, wenn wir eine solche Erzahlung horen,
diese Erklarung, die ankniipft an die Erinnerung eines wahren Tat-
bestandes bei der Menschheit, sei tief genug. Doch sie ist noch viel
tiefer. Es kommt bei diesen Sagen auch nicht nur darauf an, was ge-
sagt wird, sondern auch wie es gesagt wird. Wenn man wirklich ih-
ren Weisheitskern erforscht, so sieht man, daft ein scheinbarer Wi-
derspruch sich lost. Denn es konnte ja als Widerspruch erscheinen,
dafi die Frau, die sich dieses Organ bewahrt hat, die aufieren Gegen-
stande an das eine Auge halt und mit diesem Auge sieht und er-
kennt, wahrend man doch die Dinge der Aufienwelt nur mit den jet-
zigen zwei Augen sehen kann. Gerade darin liegt aber eine tiefe My-
sterienwahrheit, die wir nur tief genug fassen miissen; dann konnen
wir einen Blick hinein tun in das Geschehen, in das die Menschheit
mit hineinverflochten ist. Wir werden sehen, wie praktisch und
ganz alltaglich anwendbar eine solche Wahrheit ist, die wir heraus-
holen aus den Tiefen der Mysterienweisheit.
Der Wissenschaftler, der mit dem aufieren Blick den Menschen
betrachtet, im Seziersaal oder sonst, nach den physiologischen und
biologischen Bestandteilen, der hat das Gefiihl, dafi er an jedes der
Organe mit der gleichen Stimmung herangeht; er legt in derselben
Weise die Instrumente an, wenn er das Herz, das Hirn, die Leber,
den Magen zerfasert. Er meint, es komme einzig darauf an zu begrei-
fen, aus welchen chemischen Bestandteilen diese Organe bestehen
und geformt seien. Er ahnt nichts davon, dafi diese Organe grund-
verschieden sind, je nachdem, woraus sie gebildet sind. Die Nerven
wiirden nicht da sein, wenn nicht dem Menschen ein astralischer
Leib eingegliedert ware, und diese innere Wesenheit ist es, die her-
aussondert das Nervensystem und dadurch die Nervensubstanz zu
etwas von den anderen Substanzen Wesensverschiedenem macht. In
der astralischen Welt wesen und leben die Bildner und Baumeister
der Nervensubstanz, und sie bilden weise, sehr weise.
In gewissen noch hoheren Gebieten des geistigen Daseins befin-
den sich Wesen, die identisch, gleichartig sind dem menschlichen
Ich-Wesen selber, die zuerst Veranlassung gegeben haben zur Bil-
dung des roten Blutes. Sie konnen das lesen in der Schrift «Blut ist
ein ganz besondrer Saft». Ich-Wesen sind die Bildner und Baumeister
dieses roten Blutes. Sie wirkten von aufien, damit das Ich sich in den
Menschen versenken konnte. Die Tiere haben das Ich noch nicht.
Wo beim Tier rotes Blut ist, da wirken Wesen von aufien; die Tiere
sind vom roten Blute «besessen». Der Mensch aber kornmt dadurch
zur Freiheit, dafi er von seinem Ich, von sich selbst «besessen» ist. Er
mufite von sich selbst Besitz ergreifen, um die Herrschaft iiber sein
Blut erlangen zu konnen.
In den Absonderungsorganen, die wir Driisen nennen, wirkt der
Atherleib, das heifit, es wirken diejenigen Wesen, die im Atherraum
wirken. Um diese Driisen zu verstehen, miissen wir uns etwas klar-
machen. Wiirde der Mensch nur einen Atherleib haben und keinen
Astralleib, dann wiirden auch nur Wesen aus der Welt des Athers im
menschlichen Leibe wirken, und es konnten dann keineswegs die
Organe entstehen, die wir als Driisen bezeichnen, sondern nur sol-
che Organe, die ahnlich waren denen, wie sie sich draufien im Pflan-
zenreich finden. Denn auch da wirkt der Atherleib, der die Pflanzen
durchsetzt und das Unorganische zum Leben aufruft. Jedes neue
Prinzip, das dazukommt, wirkt umgestaltend auf alle vorhandenen.
Dadurch, dafi das Astralische in den Menschenleib eindringt und fur
sich selbst das Nervensystem konstruiert, wirkt es auch zuriick auf
die Welt des Athers und gestaltet die urspriinglichen Pflanzenorgane
um, so dafi sie zu Driisen werden.
Es ist nun moglich, die Organe des Menschen zu studieren in
ihrer verschiedenen Wertigkeit, wenn man zuriickgeht auf die Ur-
griinde, die in den geistigen Welten zu finden sind. Wir finden, dafi
Leber, Galle, Milz und so weiter etwas ganz anderes sind, wenn man
weifi, wie verschiedene Welten an ihrer Gestaltung beteiligt sind, als
wenn wir sie blofi mit den gewohnlichen Instrumenten der Wissen-
schaft physiologisch zergliedern. Sie sind Erbteile aus der geistigen
Welt heraus. Es miissen alle Organe beim Menschen aus ihren geisti-
gen Urspriingen heraus von uns betrachtet werden, wenn wir deren
Bedeutung richtig verstehen wollen. Da sehen wir hin auf eine zu-
kunftige Behandlungsweise des menschlichen Leibes, wo man sich
dieses geistigen Ursprunges der Organe bewulk sein wird und diese
Erkenntnisse anwenden wird in der alltaglichen Medizin. Das ist ein
Prozefi, der langsam und geduldig durchgemacht werden mufi. Das
kann nicht von heute auf morgen geschehen, aber es bereitet sich
vor und wird in der Zukunft geschehen.
Namentlich eines ist wichtig zu beachten bei der Betrachtung des
menschlichen Leibes. Es gibt in ihm solche Organe, die ihre jetzige
Gestalt erst verhaltnismafiig spat bekommen haben, und andere,
welche schon seit Urzeiten ihre jetzige Gestalt haben. Es gibt solche
Organe, die durch ihre jetzige Gestalt dazu berufen sind, immer
mehr und mehr zu vertrocknen und abzufallen, wegzufallen vom
menschlichen Leibe; und es gibt solche Organe, die jetzt ihre An-
fangsgestalt haben, die dazu berufen sind, diese mehr und mehr zu
vervollkommnen und in der Zukunft geradezu eine wichtige Rolle
zu spielen bei allem, was durch den Menschen geschieht. Zu den Or-
ganen, welche in der Zukunft geradezu schopferisch sein werden,
gehort alles, was mit dem menschlichen Herzen und dem menschli-
chen Kehlkopf zusammenhangt. Diese Organe stehen erst im An-
fange ihrer Entwickelung, sie werden in Zukunft Reproduktionsor-
gane, Fortpflanzungsorgane sein. Sie finden das heute schon leise an-
gedeutet dadurch, daft beim Manne sich die Stimme verandert, wenn
die Geschlechtsreife eintritt. Herz und Kehlkopf werden sich veran-
dern, sie werden sich vollkommener und vollkommener gestalten,
und spater werden ihnen menschliche Wesen entspringen.
Die heutigen Fortpflanzungsorgane dagegen sind auf dem Aus-
sterbeetat; sie werden sich immer mehr verharten und schniiren sich
ab vom menschlichen Leibe. Man versteht den menschlichen Leib
nur dann in richtiger Weise, wenn man weifS, dafi er zusammenge-
setzt ist aus einem absterbenden Teil und einem in der Entwicke-
lung fortschreitenden Teil und wie sich der absterbende Teil zu dem
fortschreitenden Teil verhalt. Der menschliche Leib enthalt etwas in
sich, was immer mehr in den Tod hineingeht, und etwas, was immer
mehr zu neuem Leben aufbliiht. Wer den Menschen vom okkulten
Standpunkte aus betrachtet, kann bei jedem Organ angeben, ob es
ein solches ist, das zur abflutenden Entwickelung gehort, das dem
Tode zueilt, das die Menschheit kiinftig nicht mehr haben wird,
oder ob es ein solches ist, das auf der Jugendstufe steht und in Zu-
kunft erst grofier und gewaltiger ausgebildet sein wird. Sie konnen
solche Organe im menschlichen Leibe sehen, die in ihrer Natur
schon zusammengeschrumpft und in ihrer Tatigkeit abgestumpft
sind, die nur noch eine sparliche Tatigkeit haben. Ein solches Organ
ist die Zirbeldriise. Sie hatte einstmals eine machtige Tatigkeit und
ist jetzt herabgesunken zu einem fast bedeutungslosen Organ. Ge-
wisse Organe gehen fast bis zur Stufe des Todes und werden dann
wieder neu belebt in anderer Weise. Andere Organe sterben ganz ab,
sie verschwinden in ihrer Form vom physischen Plan und treten
dann wieder auf in anderer Gestalt.
Nun betrachten wir einmal den menschlichen Leib, da wo er am
deutlichsten auf der absteigenden Bahn dem Tode zueilt, und da, wo
er in aufsteigender Bahn ein neues, junges Leben entfaltet. Diese bei-
den Dinge gehen durch einander hindurch. Die wichtigsten Organe
sind hineingeprefit in diese Bahn der auf- und absteigenden Ent-
wickelung, so dafi sie beides, den Tod und das Leben, in sich haben.
Ihre Behandlung ist unter Umstanden im menschlichen Leben das
Allerwichtigste. So wollen wir sie an einem signifikanten Beispiel
anschauen.
Sie wissen alle aus meinen sonstigen Vortragen die ganz elementa-
re Tatsache, dafi der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dem
Atherleib, dem Astralleib und dem Ich. Sie wissen, dafi das Ich zu-
nachst am Astralleib arbeitet und immerfort einen Teil desselben
umgestaltet. Wenn Sie zuriickblicken auf jenen Zeitpunkt der
Menschheitsentwickelung, wo das Ich sozusagen heruntergestiegen
ist aus dem Schofie der Gottheit und zum ersten Male angefangen
hat, am astrahschen Leibe zu arbeiten, da geht Ihnen doch die An-
schauung auf, dafi einstmals der astralische Leib ein Geschenk der
Gottheit an den Menschen war. Wenn wir uns schematisch diesen
Menschen klarmachen wollen in dem Moment, wo eben das Ich ein-
gepflanzt worden ist in ihn, so konnen wir sagen: Es war vorhanden
sein physischer Leib (es wird gezeichnet), sein Atherleib und sein
astralischer Leib.
Dann schlagt das Ich von oben ein in den astralischen Leib und
beginnt zu arbeiten im Menschen, und wir haben dann einen Teil
des astralischen Leibes, der vom Ich selbst geformt ist. Dieser astrali-
sche Leib besteht heute aus zwei Gliedern, einem Gliede, das auch
das Tier hat, und einem anderen, das nur der Mensch hat, das da-
durch entsteht, dafi der Mensch durch viele Verkorperungen hin-
durch mit seinem Ich gearbeitet hat am astralischen Leibe. Nun
wirkt im Menschen etwas anderes als im Tier. Das Tier hat diesen
Einschlag des Ich in den astralischen Leib nicht. Es hat seinen astrali-
schen Leib nur in einer ganz bestimmten Weise geformt, wie es ihn
eben von den aufieren Machten bekommen hat. Nun wirkt alles,
was aus den hoheren Welten kommt, wieder auf das Ganze des
menschlichen Organismus ein, gestaltet alles in einer gewissen Wei-
se um und bewirkt Neugestaltungen der alten Organe, es wandelt
die alten Organe um.
Betrachten wir einmal das Verhaltnis dieser drei Leiber von die-
sem Gesichtspunkte aus. Der physische Leib besteht aus ahnlichen
Stoffen und Kraften, wie sie in der mineralischen Welt draufien aus-
gebreitet sind, aus physischen, aus chemischen Stoffen und Kraften.
Wiirde er nur diese haben, ware er ein Mineral, wenn auch noch so
kunstvoll geformt. Ihn durchsetzt von alien Seiten der Ather- oder
Lebensleib. Was tut dieser Lebensleib? Er wirkt in jedem Moment
dem Zerfall des physischen Leibes entgegen, er ist der Kampfer ge-
gen diesen Zerfall des physischen Leibes. Ohne ihn wiirde der physi-
sche Leib, wenn er nur sich selbst iiberlassen bliebe, den physischen
Kraften folgen und nach und nach zerfallen. Wahrend des Lebens
sind physischer Leib und Atherleib verbunden, und der Atherleib
kampft fortwahrend gegen den Zerfall des physischen Leibes.
Was tut nun der astralische Leib? Es ist aufierordentlich wichtig,
das zu wissen. Der astralische Leib ist in gewisser Beziehung wah-
rend des bewufiten Lebens - nicht wahrend des Schlafes - damit be-
schaftigt, den Atherleib fortwahrend zu toten, fortwahrend die
Krafte, die der Atherleib entwickelt, herabzusetzen, abzudampfen.
Daher ist der Ausdruck fur das Leben des Astralleibes die Ermii-
dung, die Abmiidung des Korpers wahrend des Tages. Der astrali-
sche Leib zerstort fortwahrend den Atherleib. Wiirde er das nicht
tun, dann entstiinde kein Bewufitsein, denn Bewufitsein ist nicht
moglich, ohne dafi das Leben fortwahrend wieder stufenweise zer-
stort wird. Das ist aufierordentlich wichtig zu beachten. Diese geisti-
ge Tatigkeit - das Leben in der Atherwelt, das wunderbare Auf-
flackern des Lebens in der Atherwelt, das sich in den herrlichsten
Bewegungen und Rhythmen auslebt, und die fortwahrende Damp-
fung dieses Rhythmus des Atherleibes durch den astralischen Leib -
das ist dasjenige, was das Bewufitsein hervorbringt, auch schon das
einfachste tierische Bewufksein. Diese geistigen Vorgange driicken
sich in der physischen Welt nun so aus, dafi in dem Augenblick, wo
in das blofie Leben Bewufitsein einschiefit, Verhartung, Verknoche-
rung im physischen Leibe eintritt. Es gibt naturlich Ubergange,
Weichtiere und so weiter; diese haben auch ein ganz eigentiimliches
Bewufitsein. Das Bewufitsein wird erst dadurch ein eigenes, es na-
hert sich um so mehr dem Selbstbewufitsein, je mehr sich die wei-
chen, organischen Lebensmassen mit harten, knochernen Einschliis-
sen innerlich durchsetzen. Es ist also der astralische Leib in seiner
Wirkung auf den Atherleib, der - wie bei den Weichtieren,
Schnecken, Muscheln und so weiter - nach aufien die harten Scha-
lenteile absondert, um in ihnen jenes dumpfe Bewufttsein zu erzeu-
gen, das in diesen Tieren lebt. Bei den hoheren Tieren, bei denen das
Selbstbewufitsein starker wird, ist es eine Nebentatigkeit des astra-
lischen Leibes neben der Bildung des Nervensystems, alles Knoche-
rige, Verhartende abzusondern. In demselben Mafie, in dem das
Selbstbewulksein starker wird, sondert sich aus der weichen, gallert-
artigen Masse das feste Knorpel- und Knochenartige heraus. Bei den
hochsten Tieren ist diese Bildung ungefahr fertig; der astralische
Leib hat da ein Knochensystem herausgebildet, das in seiner Art
beinah abgeschlossen ist.
Beim Menschen geschieht mit dem astralischen Leibe etwas be-
sonderes, da findet ein neuer Einschlag statt. Der Astralleib wird
durch das Ich teilweise umgewandelt, und das bewirkt die Umset-
zung der Tendenz der Verknocherung, die friiher da war. Hatte der
Mensch den Astralleib unverandert gelassen und weiter fortgearbei-
tet an der Skelettbildung, so gabe es keine menschliche Kultur auf
der Erde. Aller Fortschritt in der menschlichen Entwickelung ist da-
durch bedingt, dafi Teile des menschlichen Astralleibes herausgeson-
dert und dem Ich unterworfen werden. Dieser abgesonderte Teil des
Astralleibes hat eine besondere Aufgabe, er bewirkt eine neue Ten-
denz; dadurch kommt die Skelettbildung, die Verknocherung unter
die Herrschaft des abgesonderten Teiles des astralischen Leibes.
Wie aufiert sich das? Sehr merkwiirdig. Wahrend friiher die Ten-
denz des Astralleibes dahin gegangen ist, das Wesen mehr und mehr
zu verharten, gleichsam einen Schlufipunkt in der Entwickelung des
Knochensystems zu setzen, behalt der Astralleib des Menschen eine
Kraft zuiiick, eine Tendenz, wiederum zu erweichen, so dafi ein
Fortschreiten der Entwickelung wiederum moglich ist. Gabe es das
nicht, wiirde alles das, was fest werden kann, in das menschliche
Knochensystem einfliefien, so gabe es keinen menschlichen Fort-
schritt, keine Kultur. Ebenso wie die tierische Art keinen Fort-
schritt kennt - die Art der Lo wen, der Tiger ist fertig, abgeschlossen - ,
so wiirde es auch beim Menschen sein. Der Mensch aber kann mit
dem abgesonderten Teil des Astralleibes wiederum das zuriickneh-
men, was sich verhartet hat. Neben der Tendenz der Verhartung,
der Knochenbildung, ist im menschlichen Leibe immer die Tendenz
vorhanden, etwas zuriickzubehaiten, so dafi neue Organe gebildet
werden konnen, die weich sind. Das ist aufierordentlich wichtig zu
beachten. Diese Tendenz ist beim Tiere nicht vorhanden.
Betrachten wir jetzt einmal einen Menschen mitten im Leben
drinnen, wie er dasteht auf der einen Seite mit seiner Tendenz zu
verharten, und auf der anderen Seite mit seiner Tendenz, etwas zu-
ruckzubehaiten. Wir sehen diese beiden Tendenzen sich da schei-
den, wo der Mensch um das siebente Jahr herum seine zweiten Zah-
ne bekommt. Die Tendenz, in die Knochenbildung hineinzugehen,
sich abzuschlieften in der Verhartung, findet ihren Ausdruck in den
Zahnen, die das Kind um das siebente Lebensjahr herum bekommt.
Der abgesonderte Teil des Astralleibes bewirkt, daf$ der Mensch -
abweichend vom Tier - gewisse Lebenskrafte zuriickbehalt, so dafi
er sich weiterbilden kann. Bis zum siebenten Jahre kam beim Men-
schen nur das Artmafiige, das Gattungsmafiige zum Ausdruck; jetzt
tritt der Zeitpunkt ein, wo er sich in den Kulturfortschritt unserer
Zeit hineinleben kann. Es beginnt die Schulzeit. Diese zwei Dinge
hangen wesenhaft zusammen: die Tendenz zur Verhartung, die sich
ausdriickt in der Zahnbildung, und die Tendenz zur Erweichung,
die etwas zuriickbehalten mufi, was der Atherleib, der im siebenten
Jahr frei wird, zu seiner Fortentwickelung braucht. Diese zwei
Tendenzen sind aneinandergefesselt, das zeigt sich klar und deutlich
im Leben.
Man kann leicht die Beobachtung machen, dafi manche Erschei-
nungen im Leben vorkommen, die man schwer miteinander verbin-
den kann, wenn man sie nicht vom Standpunkt der Geisteswissen-
schaft aus betrachtet. Wer zum Beispiel das sogenannte Kindbett-
fieber beobachtet, kann finden, dafi es meistens mit schadhaften
Zahnen verbunden ist. Frauen, die Kindbettfieber haben, haben oft
schadhafte Zahne. Warum? Weil diese zwei Tendenzen - die Ten-
denz zur Verhartung, die sich in der Zahnbildung ausdriickt, und
die Tendenz, sich fortzuentwickeln, sich aufzuschliefien und iiber
sich hinauszuwachsen, die in der Reproduktionskraft, in der Fort-
pflanzung zum Ausdruck kommt - zusammenhangen. 1st die eine
geschadigt, so ist auch die andere mit geschadigt.
Uberall im menschlichen Leben tritt uns das entgegen, wie diese
zwei Tendenzen, die nach Verhartung und die nach dem Weichblei-
ben gewisser Organe, zusammenhangen. Es ist wichtig, dafi diese
zwei Tendenzen sich ausgleichen. Man mufi das Leben so einzurich-
ten trachten, dafi sie sich die Waage halten, denn durch die Kultur-
verhaltnisse, in die der Mensch hineingestellt ist, kommt es oft zu
wesentlichen Veranderungen. Holt man zum Beispiel Landarbeiter
vom Land weg, aus einem Leben in der freien Natur, aus einer Um-
gebung, in der schon ihre Vorfahren lebten, und verpflanzt sie in die
Stadt, beschaftigt sie in Fabriken und so weiter, so verlieren sie
durch die ganz veranderten Lebensbedingungen das Zusammenstim-
men, das Aquilibrium zwischen den verhartenden und erweichen-
den Kraften in ihrem Organismus. Und was ist die Folge? Eine der
beiden Tendenzen wird dann die Oberhand gewinnen, entweder die
verhartenden oder die erweichenden Krafte. Das sind die Ursachen
in der geistigen Welt; die Wirkungen in der physischen Welt konnen
Sie selbst sehen. Nehmen Sie an, die erweichenden Krafte nehmen
die Oberhand, dann treten Kulturkrankheiten auf wie Rachitis und
ahnliche Krankheiten. Wenn dagegen die verhartenden Tendenzen
die Oberhand erlangen, dann werden gewisse Weichteile des Organis-
mus anfangen, sich in ganz merkwiirdiger Weise zu verharten. Wenn
der Verhartungsprozefi in ungeeigneter Weise in den Vordergrund
tritt, dann entsteht die Tuberkulose. Bei Tieren, die in der Natur le-
ben, finden Sie solche Krankheiten nicht. Versetzen Sie sie aber aus
ihrer gewohnten Umgebung in die unsere, zum Beispiel Affen, und
sperren Sie sie auch noch ein, da bekommen sie sehr haufig Tuber-
kulose und gehen in der Gefangenschaft daran zugrunde. Warum ge-
schieht das? Weil da die Verhartungstendenzen iiberwiegen, wenn
der Affe in eine Umgebung gestellt ist, in die er nicht hineinpafit.
So sehen Sie die geistigen Krafte in unser physisches Leben hin-
einwirken, und so verstehen wir die aufieren physischen Wirkungen
aus ihren geistigen Ursachen. Ich mufite noch viel reden, wenn
ich diese Zusammenhange noch genauer erklaren wollte. Da aber
die wenigsten von Ihnen Mediziner sind, werden Sie sich damit
zufrieden geben konnen.
Und nun bedenken Sie, wie alles das, was jetzt gesagt wurde, zu-
sammenhangt mit des Menschen Gliick oder Leid, wie das Aquili-
brium des ganzen menschlichen Lebens davon abhangt, dafi seine
Organe zur rechten Zeit der Entwickelung die richtige Gestalt ange-
nommen haben. Bleibt ein Organ auf einer friiheren Stufe zuriick,
wird die Erweichung oder Verhartung in unregelmafiiger Weise her-
vorgerufen, so ist ein ungliickliches Leben die Folge. Jedes Organ
mufi die Ausbildung seiner bestimmten Form auf einer bestimmten
Stufe des Lebens erreichen. Wird ein altes Organ auf seiner friiheren
Stufe erhalten, mufi Ungliick, Leid kommen. Auch die verborge-
nen, die nicht ganz sichtbaren Organe des Menschen konnen in der
Entwickelung entweder nachhinken oder vorauseilen. Die Tuber-
kulose ist etwas, was in der Zukunft den Menschen nicht mehr scha-
den wird, sie ist nur ein zu fruhes Auftreten eines Zustandes, der
spater selbstverstandlich sein wird. Heute ist der Zustand krankhaft,
spater wird er gesund sein. Von den gewohnlichen Krankheiten, die
auch im Tierleben zu finden sind, unterscheiden sich diese eigent-
lichen Kulturkrankheiten.
Horen Sie nicht nachklingen diese Wahrheit in dem mongolischen
Marchen von der Frau, die vergebens ihr verlorenes Kind sucht?
Zur Unzeit hat sie noch das Organ oben am Kopfe. Es bringt ihr
Ungliick. Rastlos eilt sie durch die Welt, sie findet nicht das, was ihr
entspricht, was zu ihr gehort. Welche Weisheit ist da hineingeheim-
nifit in die einfachen Volkssagen durch die Fuhrer der Menschheit.
Wir konnen nun noch weitergehen. Betrachten Sie den Men-
schen, wie er heute ist, wie er besteht aus Organen in aufsteigender
und Organen in absteigender Linie der Entwickelung. Nicht immer
hat der Mensch den astralischen Leib gehabt; dieser wurde ihm erst
nach und nach eingegliedert. Bevor er den astralischen Leib einge-
gliedert hatte, waren seine Organe pflanzenahnlich, sie waren von
pflanzlichem Wesen. Dadurch, dafi der Mensch sich eingegliedert
hat den astralischen Leib, hat er sich das Fleisch in den ganzen Or-
ganismus des Pflanzenleibes hineingegliedert. Dieses Hinein-
arbeiten des astralischen Leibes in den Pflanzenleib, das ist die
Fleischwerdung. Aber dies hat nach und nach stattgefunden, es hat
sich nach und nach entwickelt, es hat nicht alle Organe zu gleicher
Zeit ergriffen.
Wenn wir zuriickgehen in der Menschheitsentwickelung durch
die ganze atlantische und Teile der lemurischen Zeit und noch wei-
ter zuriick, so wiirden wir da einen Menschenleib finden, der noch
deutlich Pflanzenorgane an sich trug. Teile des menschlichen Leibes
waren schon umgewandelt in Fleisch, als andere noch pflanzlicher
Natur waren. Alle diejenigen Organe des Menschenleibes, die die
Begierden weniger stark in sich tragen, sind am friihesten in Fleisch
umgewandelt worden; und die, welche die Begierden am starksten in
sich tragen, die Sexualorgane, sind am spatesten umgewandelt wor-
den. Sie waren lange, lange pflanzlicher Natur, und sie werden auch
am friihesten wieder zur pflanzlichen Natur zuruckkehren. Erst als
in der Entwickelung des Menschen das Ich schon tief in den Astral-
leib hinuntergestiegen war und die eigensuchtigen Begierden tief
eingedrungen waren, da gestalteten sich die ehemals pflanzlichen
Organe um und wurden fleischliche Organe.
Auf jene uralte heilige Zeit blickt die Geisteswissenschaft zurtick,
als der Mensch noch nichts von den sexuellen Kraften wufke. In den
alten Mysterien wurde ein Bild verehrt, das den Menschen darstellt,
der noch ungeschlechtlich war, bei dem noch nicht umgestaltet war
das Geschlechtliche. An der Stelle des Leibes, wo heute die Sexual-
organe sind, konnen wir rankenartige, pflanzliche Organe erblik-
ken, die blofi vom Atherleib durchzogen sind und noch nichts vom
Astralleib in sich tragen. Der Hermaphrodit der antiken Kunst tritt
uns so entgegen. Er wurde so abgebildet, wie man den fruheren
Menschen auch aus der Geistesforschung heraus schildern kann. Er
hat Pflanzenorgane an der Stelle der jetzigen Fortpflanzungsorgane,
und aus seinem Riicken treiben rankenformige Pflanzengebilde her-
aus. Jetzt begreifen wir - in anderer Weise, als es die kindliche Art
ist, in der man dies gewohnlich versteht -, warum die alten Mythen
und die biblische Geschichte vom Feigenblatt sprechen: Nicht um
etwas zu verdecken, zu verhiillen, sondern um auf eine wirkliche
Tatsache in der Menschheitsentwickelung hinzudeuten, auf jenen
uralten heiligen Zustand, von dem die Alten noch wufiten, dafi der
Mensch da auf einer hoheren Stufe gestanden hatte und die Organe
an dieser Stelle noch pflanzlicher Natur gewesen waren.
Aber gehen wir noch weiter. Wir konnen das Erobern der Ver-
hartungstendenz beim Menschen noch in anderer Weise beobach-
ten. Es ist merkwiirdig, dafi in den okkulten Schulen in einer ganz
eigenartigen Weise darauf Riicksicht genommen ist. Als das Men-
schen-Ich hinabgestiegen war auf die Erde aus dem Schofie der Gott-
heit, da mufite diese Verhartungstendenz von ihm erobert werden.
Aber es gibt andere Wesen, die viel friiher den Abschlufi ihrer Ent-
wickelung schon erlangt hatten. Das sind die Vogel. Sie haben auch
ein Ich, aber ein solches, das viel mehr in der Aufienwelt lebt. Sie
haben deshalb auch etwas nicht mitgemacht, was wichtig ist fur alle
menschliche Hoherentwickelung, fur die okkulte Entwickelung des
Menschen. Sie haben nicht mitgemacht dasjenige, was seinen Aus-
druck findet in der Herausbildung gewisser Teile des Knochenbaues,
des Knochenmarkes, des innersten Inhaltes der Knochen. Vogel ha-
ben viel hohlere Knochen als der Mensch und als die anderen Tiere;
sie haben einen viel alteren Zustand konserviert. Der Mensch ist
liber diesen Zustand hinaus-, hinweggeschritten; auch die hoheren
Tiere sind daruber hinweggeschritten. Es sendet der Mensch die
Krafte des Ich bis in das Knochenmark hinein, und ein guter Teil der
okkulten Entwickelung besteht darin, durch Ubungen darauf Riick-
sicht zu nehmen, dafi der Mensch jene passive, untatige Art, wie er
sich zu seinem Knochenmark verhalt, verlebendigt, in eine bewulke
umandert. Heute kann er nur wirken auf den Inhalt der Knochen-
kapsel seines Schadels, auf sein Gehirn. Aber vorbereiten wird sich
ein zukunftiger Zustand der Menschheit dadurch, dafi er Gewalt
bekommen wird uber das Element, das als halbfliissiges Element sei-
ne Knochen durchsetzt. Die Konstruktion der Knochen hat dem
Menschen - und auch den Tieren - auf der Erde die Gestalt gegeben.
Dafi der Mensch die Knochen so ausgebildet hat, gab ihm die Mog-
lichkeit seiner jetzigen Entwickelung. In Zukunft mufi der Mensch
die Krafte gewinnen, seine Knochen wieder zu beleben, ihnen die
Verhartungstendenz zu nehmen und sie umzuwandeln. Er wird die
Herrschaft iiber sein Blut gewinnen, so dafi in viel grofierem Mafie
die Kraft des Ich darin sein wird, und dieses Blut wird dann das In-
strument sein, mit dem der Mensch wirken kann bis in die Umge-
staltung der Knochensubstanz. Was ist denn die Knochenbildung
anderes als eine Vermineralisierung? Wenn der Mensch die Tendenz
zur Erweichung, die sich heute zur Unzeit als Rachitis ausdriickt,
beherrschen wird, wenn er das Blut so beherrschen wird, dafi er wir-
ken kann bis in die Knochensubstanz, dann wachst er iiber die Mi-
neralisierungstendenz hinaus; er wird sich selbst die Gestalt geben,
er wird seinen physischen Leib umgestalten bis zu dem, was wir
Atma oder Geistesmensch nennen. Da besiegt der Mensch das Ver-
hartungsprinzip, jenes starke Prinzip, das zum Tode fiihrt, dessen
eigentliche Physiognomie ausgedriickt ist im menschlichen Skelett.
Es ist eine Intuition richtiger Art, wenn man den Tod im Bilde des
Skeletts anschaulich macht. Diese Physiognomie des Todes wird der
Mensch unter seine Herrschaft bringen. Er wird sie besiegen, wenn
er seine Gestalt, so wie er sie jetzt von aufien durch die mechanische
Kraft der Muskeln beherrscht, von innen durch die Kraft des Geistes
beherrschen und sich selbst die Gestalt geben wird. Heute kann der
Mensch erst seine Gedanken bis in seine Knochen schicken; wenn
spater seine Gefuhle in den Knochen wirken werden und noch spa-
ter der bewufite Wille, dann wird er die Physiognomie des Todes
iiberwunden haben.
Nun denken Sie sich einmal, wie segensreich die Wissenschaften
werden wirken konnen fur die Menschen, wenn die, welche dazu
berufen sind, die Wissenschaften zu reprasentieren, wieder wissen
werden, wie die menschlichen Organe diesem Verhartungs- und Er-
weichungsprinzip unterliegen. In diesem Sinne ist es gemeint, dafi
das, was die Geisteswissenschaft sagt, praktisch anwendbar sei in sei-
ner Wirkung auf das Leben. Wenn diese Dinge Anwendung finden
und Wirkung haben im Leben, und wenn man solche Wahrheiten,
wie sie angedeutet sind in dem alten mongolischen Marchen, mit
geisteswissenschaftlichem Blick durchdringt, dann wird man man-
ches jetzt ratselhaft Erscheinende wieder besser verstehen und seine
Wahrheit erkennen konnen. Man wird mit anderen Sinnen die Welt
betrachten und wird zum Beispiel die merkwurdige Erscheinung des
Vogelfluges verstehen lernen. Auf wunderbaren Bahnen ziehen die
Vogel mit der einbrechenden kalten Herbsteszeit vom aufiersten
Norden nach dem warmeren Suden, manchmal Hunderte von Mei-
len, und gelangen im Friihling zuriick auf anderen Wegen. Wir ha-
ben gesagt, dafi die Vogel ein Geschlecht sind, das auf einer friiheren
Stufe der Entwickelung stehengeblieben ist. Sie wissen, dafi der ei-
gentliche Fortschritt auf der Erde erst begann in dem Zeitpunkt, als
sich der Mond von der Erde abtrennte. Friiher, als die Erde noch
mit dem jetzigen Monde zusammen einen Himmelskorper bildete,
den sogenannten Erden-Mond oder die Mond-Erde, da bewegte sich
dieser Korper um die Sonne in einer bestimmten Bahn und in einer
gewissen Zeit, indem er ihr stets eine Seite zuwendete. In dieser Zeit
wanderten alle Lebewesen einmal um den Mond herum, um einmal
die Sonneneinwirkung zu empfangen. Jener Zug um den Planeten
hat sich heute noch erhalten im Vogelflug, weil die Vogel damals,
bevor das Ich in die Erdenentwickelung eintrat, sich abgespalten
haben von der fortschreitenden Entwickelung auf der Erde.
Etwas anderes ist noch viel merkwiirdiger. Mit der fortschreiten-
den physischen Entwickelung des Menschen und der hoheren Tiere
hat sich das Geschlechtliche des einzelnen Leibes bemachtigt. Jene
Begierde, die im einzelnen Leibe sitzt, die heute ganz im Geschlecht-
lichen lebt, war vorher dort nicht vorhanden, sie war eine kosmi-
sche Kraft. Dem alten Erden-Monde stromte sie von der Sonne zu.
Sie war die Ursache jener Umgange um den Planeten, mit denen die
Art zusammenhing, wie sich die Fortpflanzung vollzog. Der Friih-
lingszug der Vogel ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Art
Brautzug. Bei diesen Wesen ist das Geschlechtliche noch in der Um-
welt, und die kosmische Kraft ist die dirigierende Macht, die den
Zug von aufien lenkt und leitet, wahrend bei den anderen Wesen
diese Kraft eingezogen ist in die einzelnen Leiber. Dieselben Krafte,
die im Innern des Menschen, in seinem Leibe wirken, wirken auch
im aufieren Makrokosmos. Dieselbe Kraft, die Mensch und Mensch
zusammenfiihrt, die im Leibe des Menschen als Geschlechtskraft
wirkt, wirkt bei der Vogelspezies nicht im Innern der Wesen, son-
dern von aufien und driickt sich in dem aufieren Zuge der Vogel um
den Planeten aus.
So wandern die Krafte, die aufien sind, in das Innere der Wesen-
heiten hinein, um im Menschen die Moglichkeit zu finden, wieder-
um hinauszuwirken, wenn er die Fahigkeit erobert haben wird, wie-
der eins zu werden mit dem ganzen Kosmos, dem Aufierirdischen.
Was die Menschen an solchen groften Wahrheiten in so ergreifender
Weise in den alten Sagen und Marchen ausdriickten - wie in dem
mongolischen Marchen von der Frau mit dem einen Auge das
wird eine zukiinftige Menschheit in anderen Formen ausdriicken.
Die Kraft des geistigen Schauens wird im Menschen wieder lebendig
werden. Jene Kraft des geistigen Schauens, die eine Eigenschaft des
Kopfauges ist, sie wird nicht mehr den Menschen sich unbefriedigt
fiihlen lassen beim Schauen der physischen Dinge der uns umgeben-
den Welt, wie die Frau in der Legende, die jedes Wesen, das in ihre
Nahe gebracht wird, wegwirft. Diese Kraft wird durchdringen des
Menschen jetziges Wesen, und er wird dann nicht nur das Amlere,
Physische der Dinge sehen, sondern das, was sich in den aufieren
Gegenstanden an Geistigem ausdriickt. Was heute materiell gewor-
den ist, wird geistig fur ihn sein; sein jetzt verharteter physischer
Leib wird dann wiederum vergeistigt sein. Jene Frau aus der mongo-
lischen Legende wird wieder leben und hinausschauen in die Welt.
Und wahrend sie heute die Wesen, die ihr nur ihre sinnliche Seite
zeigen, wegwirft, weil sie in ihnen nicht findet, was sie sucht, wird
der Mensch der Zukunft wieder den Geist in der Materie sehen und
in den Wesen das finden, was zu ihm gehort; er kann es ergreifen
und liebevoll ans Herz driicken. Er wird an den Wesen das Geistige
der Welt finden, dasjenige, was er liebend umfassen kann.
Des Menschen Entwickelung wird eine Entwickelung zu einem
langsamen Aufgehen in den Kosmos hinein sein. Sehr langsam mufi
sie sein, nicht im Fluge kann sie erhascht werden. Wiirde der
Mensch sie nicht in Geduld mitmachen wollen, dann wiirde die
Kraft des Auges, das da sitzt am Kopfe der Alten, nicht sein ganzes
Wesen, alle seine Organe durchstromen als Fluidum der Liebe. Die-
se Kraft wiirde sich erschopfen, und der Mensch miifite dann in
Lieblosigkeit dem Aufieren sich verschliefien und verdorren. Der
Mensch ist aber berufen, alles, was auf seinem Planeten ist, liebend
zu durchdringen, den Planeten mit sich zu nehmen und zu erlosen.
Die Erlosung des Innern kann sich nicht vollziehen ohne die Erlo-
sung dessen, was aufier uns ist. Der Mensch mufi seinen Planeten zu-
sammen mit sich selbst erlosen. Die Erlosung kann nur sein, wenn
der Mensch seine Krafte in den Kosmos hineingiefk, er mufi nicht
nur werden ein Erloster, sondern er mufi werden ein Erloser.
VIERTER VORTRAG
Berlin, 21. Oktober 1907 abends
Germanische Sagen
An mehreren Montagen wurde hier im Besant-Zweige versucht, die
okkulte Grundlage der germanischen Mythen ein wenig zu charak-
terisieren, und am letzten Montag dann auch mit einer Erweiterilng
des ganzen Mythenstoffes begonnen, wie er sich in einem breiten
geistigen Gurtel heriibererstreckt von Persien durch den Osten von
Europa und durch Europa selber. Es wiirde heute vielleicht nicht
angemessen sein, gerade dort fortzufahren, weil viele derjenigen un-
serer Freunde, die heute anwesend sind, damals nicht anwesend wa-
ren. Und so soli versucht werden, den heutigen Vortrag mehr selb-
standig zu gestalten; es soli versucht werden, ohne die Voraussetzun-
gen der beiden letzten Vortrage, einiges aus dem Kreise der europai-
schen Mythen im allgemeinen vorzubringen. Dadurch naturlich
sind wir heute bei unserer Betrachtung darauf angewiesen, manches
sehr aphoristisch zu behandeln.
Erinnern mochte ich, dafi die Zwolfzahl der oberen Gotter, die
nur die doppelte Sechszahl ist, so wie wir sie das letztemal in den
Amshaspands gefunden haben, auch in der germanischen Gotter-
zahl wiederkehrt, jene Gotterzahl, die wir vor acht Tagen in ihrer
Bedeutung kennengelernt haben. Wir wollen heute nur einzelne
Gotter, und von diesen nur einzelne Eigenschaften herausheben, um
zu zeigen, welches die okkulten Grundlagen solcher Gotter und sol-
cher gottlichen Eigenschaften sind. Wir haben die Verwandtschaft
der germanischen Mythologie mit der persischen erkannt. Wir
haben wiedergefunden, wie in der driiben in Asien entstandenen
Mythologie dasselbe dargestellt wird wie in den mitteleuropaischen
Mythen. In den Kraften der sechs Amshaspands erkannten wir wie-
der die zwolf Nervenpaare, die von unserem Haupte ausgehen, und
in den achtundzwanzig Izards erkannten wir die Krafte, die von
unserem Riickgrat ausgehen.
Sie alle wissen, dafi in diesen germanischen Gotterkreis hineinge-
hort Wotan-Odin als eine Art oberster Gott; ferner haben wir Thor
und seine Tochter, die Truth, in ihrer okkulten Bedeutung gezeigt;
und wir haben Tyr beriihrt, der eine Art von Schlachtengottheit,
ein Kriegsgott, aber ein sonderbarer Kriegsgott war, und der in ge-
wisser Weise dem sudlicheren Mars oder Ares entspricht; er ent-
spricht ihm bis zu dem Grade, dafi auch der Dienstag als Tyrstag
oder Tiustag diesem Gott geweiht ist. Aber es ist sonderbar, es wird
uns von anderen Geistwesen erzahlt, die eine gewisse Rolle spielen
in den Vorgangen, die sich zwischen den germanischen Gottern ab-
spielen, und es wird da ein merkwurdiger Gott, oder sagen wir eine
Gotterfamilie, die des Loki, in eine bestimmte Beziehung gerade zu
dem Tyr gebracht. Sie wissen - und die okkulte Grundlage ist den
Mitgliedern des Besant-Zweiges ausgefiihrt worden -, dafi dieser Lo-
ki, der dasteht neben den anderen nordischen Gottern, abstammt
von jenen Feuermachten, deren sudlichen Ursprung wir charakteri-
siert haben. Wahrend die nordischen Gotter abstammen aus der
Verbindung des Feuerelementes von Siiden und des kalten nebligen
Elementes von Norden, haben wir in Loki einen alteren Gott oder
wenigstens einen Sprofiling einer alteren Gottheit vor uns, eine Art
von Feuergott. Wir konnen also sagen, jener Loki, der soviel Feind-
schaft gegeniiber den anderen Gottern entwickelt, gehort einem al-
teren Geschlechte geistiger Wesenheiten an, die die Herrschaft fur
eine Weile abtreten mufiten an solche, zu denen Wotan, Tyr und
Thor gehoren. Daher hat er ihnen Feindschaft angekiindigt und lebt
im Kriege mit den Asen, mit jenen Gottern, die erst zur Herrschaft
gekommen sind, als die atlantischen Menschen sich herausent-
wickelten aus den fruheren Zustanden und sich heriiberentwickel-
ten zu den nachatlantischen Menschen; da haben die Asen ihre Be-
deutung. Aus viel fruheren Zeiten stammen diejenigen Geistwesen-
heiten, zu denen Loki gehort. Unter anderen hat dieser Loki von
seiner dem Riesengeschlechte entstammenden Gattin Angrboda drei
Nachkommen ganz merkwurdiger Art, den Fenriswolf, die Mid-
gardschlange und Hel, die Gottin der Unterwelt. Diese drei Wesen,
die also zuriickverfolgt werden konnen bis in die fruheren Zeiten,
miissen von den neuen Gottern, den Asen, erst gebandigt werden,
damit sich die neuen Bewufkseinszustande in der Menschheit ent-
wickeln konnen. Die Midgardschlange wird bekanntlich dadurch
gebandigt, dafi sie in das Meer hinuntergewiesen und um die Konti-
nente herumgelegt wird, so dafi sie sich in den Schwanz beifit und
nichts vermag fiir die Zeit, wahrend welcher die neuen Gotter, die
Asen, herrschen, die die friiheren Gotter abgeldst haben. Der Fen-
riswolf wird durch allerlei Mittel gebandigt und gefesselt, aber gera-
de dadurch kommt eine gewisse Beziehung heraus zwischen dem
Gott Tyr, dem herrischen Kriegs- oder Schlachtengott, und seiner
Familie und Loki. Der Gott Tyr mull eine Hand dem Fenriswolf in
den Rachen hineinstecken, damit dieser sich fesseln lafit, und ver-
liert dadurch seine rechte Hand. Das ist ein sehr bemerkenswerter
Zug der germanischen Mythe, der nur aus dem Okkultismus heraus
verstanden werden kann. Wir wollen nachher einmal diese Hand
des Tyr aufsuchen und wollen sehen, wo sie eigentlich steckt. Die
Hel aber wurde in die Unterwelt nach Niflheim oder Nebelheim
verwiesen, wo zu ihr kommen mussen alle diejenigen, die nicht auf
dem Schlachtfelde gefallen sind. Diejenigen, die auf dem Schlacht-
feld fallen, werden mit dem Gottergeschlecht vereinigt; ihnen er-
scheint mit dem Tode die Walkure und bringt sie hinauf zu den
Asen selber. Sie haben einen ehrenvollen Tod. Anders geht es de-
nen, die den sogenannten Strohtod gestorben sind, die einer Krank-
heit oder der Altersschwache zum Opfer gefallen sind; sie mussen
hinunter in das Reich der Hel, bei welcher Sorgen, Entbehrung,
Hunger und Qual herrschen. Die Toten also, die den Strohtod ge-
storben sind, waren nicht zu brauchen fiir das Reich der Asen, sie
wurden zu Hel verwiesen, damit es Ruhe gibt wahrend der Herr-
schaft der Asen. Auf diese Weise sind die Kinder des Loki von der
Herrschaft der Asen abgesperrt worden. Loki selber aber wurde von
den Gottern iiberlistet und gefangen, als er sich in einen Lachs ver-
wandelt hatte. Er wurde an drei Felsplatten geschmiedet und erlitt
grofie Qualen.
Alle diese Sagen gewinnen eine besondere Farbung dadurch, dafi
liber all dieses Gotterdasein der Asen ein merkwiirdiger tragischer
Zug ausgegossen ist, von dem wir ofter gesprochen haben. Diejeni-
gen, die die Vortrage iiber die nordische Mythologie gehort haben,
wissen, daft in den Einweihungsstatten der nordischen Mysterien
dieser tragische Zug durchaus gewaltet hat. Er wurde auch in die
Gottersagen hineinverpflanzt. In steter Sorge vor ihrem Untergang
leben die nordischen Gotter, die Asen, denn sie wissen, daft einst-
mals ihr Reich zu Ende gehen wird. Immer tritt uns da ein tragischer
Zug entgegen, der uns sagt, warum dieses Reich zu Ende gehen
wird. Dieser tragische Zug ist der, daft seit dem Beginn von Krieg
und Unfrieden auf der Erde die Keime gelegt sind zu dem, was einst-
mals der grofie verheerende Weltenbrand sein wird, wo sich alles
wieder losmachen wird, was die Gotter einst gefesselt hatten, wo der
Fenriswolf, die Midgardschlange und Loki selbst befreit sein und
den Asen den Untergang bereiten werden, Ein besonders hervorra-
gender Geist aus dem Feuergebiete wird kommen, Sutur, und seiner
Macht werden die Asen weichen miissen. Die Gotterdammerung
wird da sein, und aus dem Weltenbrande des Alten wird die neue
Welt erstehen. Wiederum ein merkwiirdiger Zug ist es, den uns die
Sage mitteilt: Wenn der Fenriswolf los sein wird, wird er den Ra-
chen so weit aufsperren, daft der Oberkiefer bis in den Himmel ragt
und der Unterkiefer in der Erde stecken wird; sein Hauch wird die
ganze Welt verbrennen.
Diese Sagenwelt kennen Sie alle. Und diese Ziige, die wir eben an-
gefuhrt haben, wollen wir jetzt einmal ihrer okkulten Grundlage
nach betrachten. Dabei werden wir uns noch einmal erinnern der
Tatsache, daft die Asen, jene Gotter also, zu denen Wotan, Tyr und
Thor gehoren, ihre Herrschaft angetreten haben, weltbeherrschen-
de Machte geworden sind, nachdem der Mensch in der spatatlanti-
schen Zeit den Ubergang gefunden hat von einem friiheren hellsehe-
rischen Bewufitseinszustand, wo er noch hat hmeinsehen konnen in
die geistige Welt, zu dem nachatlantischen Zustand, wo er nur mehr
in der Sinnenwelt, in der Welt der aufterlich, physisch sichtbaren
Tatsachen war. Wir wissen, daft gerade an dem Punkte der Erde, wo
sich Warme und Kalte beriihrt haben, sich das erste Hauflein Men-
schen gebildet hat, das nach Osten hiniiber gezogen ist und die nach-
atlantische Kultur begriindet hat. Wir wissen, dafi die alte Atlantis
ein Land war, in welchem die Luft noch ganz erfiillt war von Dunst-
und Nebelmassen, von weit ausgebreiteten Wasserdampfen. Wenn
wir die ersten Zeiten der Atlantis durchforschen wiirden, so wiirden
wir zwei Regionen erkennen: im Norden dichte kiihlere Wasser-
dampfe und von Suden heraufsteigend heifie Wasserdampfe. Die At-
lantier hatten eine ganz besondere Erinnerung an diese Zeit. Das
tritt uns entgegen in dem Teil der Sage, der darauf anspielt, dafi das
kalte Nordische zusammengestofien ist mit dem heifien Siidlichen.
Durch diesen Ausgleich der Krafte konnte, wie ich gezeigt habe, je-
ne Atmosphare entstehen, aus der sich herauserhoben hat dasjenige,
was die nachatlantische Geistigkeit wurde. Dasjenige, was die alten
Atlantier hatten, die geistige Wahrnehmung, das ist von den Men-
schen gewichen; es ist zu den Gottern gekommen. Die Gotter haben
natiirlich das alte Hellsehen bewahrt, aber sie konnen nur mehr von
aufien zu den Menschen sprechen und auf sie wirken, weil die Men-
schen selber ja kein Hellsehen mehr hatten. Was die Menschen fru-
her selbst gehabt haben, das Hellsehen, das schrieben sie jetzt nur
noch den Gottern zu, die fern von ihnen, iiber ihnen wohnen.
Erinnern wir uns nun, wie nach und nach die schweren Nebel-
massen der alten Atlantis heruntergezogen sind, wie die Atlantis
durch grofie Wassermassen iiberflutet worden ist, und wie nach und
nach das Physische heraustrat aus der sich reinigenden Luft. Erin-
nern wir uns, wie nun das entstand, was es vorher niemals gegeben
hat, was erst entstehen konnte, als die Regengiisse herunterstromten
und allmahlich die Luft klar wurde: es erhob sich der Regenbogen.
Der Regenbogen war eine Erscheinung, die die Menschen zum er-
sten Mai sahen mit dem Untergang der Atlantis. Indem dahin-
schwand das alte Hellsehen der Menschen, sahen sie zum ersten Mai
aufsteigen den Regenbogen, der die Briicke bilden mufite zwischen
ihnen und den Gottern. Das ist die Briicke Bifrost. Alles das haben
die Menschen wirklich gesehen, und in den Sagen ist nur wieder-
gegeben, was sie gesehen haben.
Was haben die Menschen nun dadurch verloren, dafi dies stattge-
funden hat? Sie haben dasjenige verloren, was ihnen friiher die Was-
ser der Weisheit ringsherum gegeben haben. Als noch die Wasser die
Luft erfiillten, da raunten sie den Menschen Weisheit zu. Das Rie-
seln der Quellen, das Rauschen des Windes, das Platschern der Wel-
len - das alles raunte ihnen Weisheit zu. Das alles verstanden die
Menschen, alles war ihnen eine Sprache der geistigen Wesenheiten,
und das war jetzt wie hinuntergesunken ins Meer, in die Fliisse. Das
war eine andere geistige Welt gewesen als die Welt der Asen; das
war eine Welt, die in sich noch enthalten hatte die letzten Uberreste
der menschlichen Herkunft aus dem Geistigen. Hinuntergesunken
war alles dasjenige, was die Luft erfullt hatte, ins Meer. Die Weisheit
war heruntergesunken mit den Wassern. Das ist eine wirkliche Tat-
sache. In den Wassern, die um die Kontinente herumgeschlungen
waren und die sich beriihrten, sahen die alten Vorfahren der mittel-
europaischen Bevolkerung die Midgardschlange. Sie bewahrte die
heruntergesunkene alte Weisheit, die die Menschen friiher besessen
hatten, und die sie jetzt nicht mehr besitzen konnten. Die Kraft des
Hellsehens mulke bei den Menschen verschwinden. Niemals hatten
die Gotter von aufien regieren konnen, solange die Menschen selber
noch hellsehend waren. Die Midgardschlange, eine Tochter der
Feuergewalten, muftte hinuntergestofien werden ins Meer.
Der letzte Abkommling dieser Feuergewalten war Loki. Loki
war der Feind der Gotter. Er hatte den Menschen gegeben, was
noch ihr letztes Hellsehen war: die Midgardschlange, die jetzt gefes-
selt war. Aber noch etwas hat Loki den Menschen gegeben, noch et-
was kam von dem alten ursprunglichen Feuer-Anfange des Men-
schengeschlechtes im Lande der Lemurier, was sich allerdings erst
entwickeln konnte im Lande der Atlantier. Was hatte sich da nach
und nach entwickelt, als die Menschen sich vom Hellsehen zum
Verstande entwickelten? Die Sprache! Wir haben oft dariiber ge-
sprochen. Wahrend der Mensch allmahlich den aufrechten Gang
lernte - das war in der atlantischen Zeit -, da hat sich auch die Spra-
che entwickelt, nach und nach hat sie sich entwickelt, so dafi sie erst
am Ende der atlantischen Zeit fertig war. Als die Atlantier mit dem
gut entwickelten Verstande nach dem Osten zogen, da war schon
die Sprache entwickelt. Aber diese Sprache war, solange sie die
Sprache der Atlantier war, eine einheitliche Sprache, die sich gerich-
tet hat nach den einheitlichen Lauten der Sprache der Natur selber.
Sie war die Nachahmung dessen, was die Atlantier wahrend der Zeit
des Hellsehens und Hellhorens herausgehort haben aus den rieseln-
den Quellen, den brausenden Winden, dem Rauschen der Baume,
dem Rollen des Donners, dem Platschern der Wellen. Diese Laute
haben sie umgesetzt in ihre Sprache, und das war die gemeinsame
Sprache der Atlantier. Erst in der nachatlantischen Zeit gliederte
und entwickelte sich das, was man den Unterschied nennen kann
zwischen den einzelnen Sprachen und Idiomen, den Elementen der
verschiedenen Sprachen. Die alte atlantische Sprache, welche aus
den Elementen der Natur entnommen war, von jenen Gewalten,
mit denen Loki so innig verwoben ist, sie mufite andere Formen an-
nehmen, als jetzt die Asen Herrscher wurden und die Menschen sich
in Volker und Stamme teilten. Durch die Trennung der Menschen
nach Volkerstammen und den Kampf der einzelnen Stamme unter-
einander kam das, was man den Krieg nennt. Um was wurde dieser
Krieg gefuhrt? Warum kam er? Dem Menschen wurde durch die
Sprache fiir seine Entwickelung etwas gegeben, wodurch er seine
innersten Gefiihle nach aufien kehren kann. Vom okkulten Stand-
punkte aus ist das einer der wichtigsten Fortschritte in der Evolu-
tion, wenn die Seele dazu kommt, in Tonen ihre eigenen Schmer-
zen, ihre Freude und Lust nach aufien tonen zu lassen. Die Sprache,
wenn sie von innen aus artikuliert wird, wenn sie die Seele erklingen
lafk, ist etwas, was dem Menschen eine machtig wirkende Gewalt
gibt. Diese Gewalt mulke niedergezwungen werden von den Asen,
sonst hatten sie nicht herrschen konnen. Wodurch zwangen die
Asen die alte einheitliche Sprache nieder? Das taten sie dadurch, dafi
sie die Menschen in verschiedene Stamme und damit in verschiedene
Zungen spalteten. Eine gewaltige Macht war die Ungeteiltheit der
Sprache - der Fenriswolf. Damit diese Macht sich nicht geltend ma-
chen konnte auf dem Schauplatze der Asen, mufken die Asen den
Fenriswolf bezahmen, das heifit, sie mufken die Sprache zerstuckeln,
sie mufiten die Sprache verschieden machen, damit sie die Menschen
beherrschen konnten. Dadurch schufen sie den Krieg. Der Krieg
hangt zusammen mit dieser Verschiedenheit der Sprachen. Aber ei-
nes war notwendig, damit die Asen Herrscher werden konnten : Der
Kriegsgott mufite seine Hand hineinstecken in den Rachen des Fen-
riswolfes, und er mufite seine Hand dabei lassen. Die Hand des Tyr,
des Kriegsgottes, steckt als Zunge im Rachen des Fenriswolfes. Es ist
die menschliche Zunge, die die verschiedenen Sprachen bewirkt.
Die menschliche Zunge mufite sich so formen, dafi die alte Einheit
der Sprache verlorenging. Es ist die Individualisierung der Sprache,
die in dieser tiefen Mythe vom Fenriswolf angedeutet ist. Jegliches
Organ wird in der Mythe in irgendeiner Weise mit den-Einflussen
der Gotter von aufien zusammengebracht. Hier haben Sie das Or-
gan der Zunge und die Art, wie bildlich ausgedriickt wird die fort-
schreitende organische Entwickelung der Menschen.
Noch etwas anderes kam, als die Atlantier allmahlich vorbereitet
wurden fiir die spatere nachatlantische Epoche. Es waren ja die ein-
zelnen Bewufitseinszustande des Menschen ganz anders zur Zeit der
alten Atlantis als heute. Wir haben schon davon gesprochen, dafi
noch ein gewisser Grad von Hellsehen vorhanden war; das aber be-
wirkte, dafi der Atlantier nicht den Unterschied zwischen Schlafzu-
stand und Wachzustand kannte, wie wir ihn heute kennen. Der gro-
fie Unterschied zwischen Schlafzustand und Wachzustand ist eigent-
lich erst in der nachatlantischen Zeit entstanden. Naturlich bereitete
sich das langsam vor, aber die Vorbereitung gab nur die Anlage zu
dem, was der Wechsel zwischen Wachen und Schlafen in der nach-
atlantischen Zeit bedeutete.
Der alte Atlantier traumte am Tage und traumte in der Nacht.
Die Traume der Nacht entsprachen mehr der Wirklichkeit als die
Traume des heutigen Menschen. Und die Traume des Tages waren
ein wirkliches Wahrnehmen der geistigen Welt, die um den atlan-
tischen Menschen herum lebte, namentlich in der ersten Zeit der
Atlantis. Dadurch aber, dafi dieser strenge Wechsel eingetreten ist
zwischen dem wachen Tagesbewufitsein und dem vollstandig be-
wufklosen Schlafzustand, gewann eigentlich erst das seine voile Be-
deutung, was zusammenhangt mit der Beziehung des astralischen
Leibes zu den anderen Leibern. Die menschlichen Krankheiten in
ihrer heutigen Form gewannen erst ihre Bedeutung in der nachatlan-
tischen Zeit. In der ersten atlantischen Zeit gab es diese Krankheiten
noch nicht; dann wurde es nach und nach arger und arger mit den
Krankheiten, die die Menschen bekamen. Sie wissen ja alle, welchen
gesundenden Einflufi der astralische Leib ausiibt, wenn er wahrend
des Schlafes aufierhalb des physischen Leibes ist. Nun war zwar der
Astralleib wahrend der atlantischen Zeit nicht mehr ganz aufierhalb,
aber er war doch zum grofiten Teil mehr draufien als beim heutigen
Menschen, daher konnte er auch noch fortwahrend seinen gesun-
denden Einflufi ausiiben. Gerade durch das Eindringen des Astrallei-
bes in den Atherleib und den physischen Leib kamen ganz neue, an-
dere Verhaltnisse zwischen dem Astralleib, dem Atherleib und dem
physischen Leib zustande, und dadurch wurden die Krankheiten er-
zeugt, die wir heute kennen. Die Krankheiten gewannen ihre Bedeu-
tung erst, als der Astralleib nicht mehr auch bei Tage am physischen
Leib arbeiten konnte.
Wieder ist das in der Mythe ausgedriickt. Nur wer auf dem
Schlachtfelde fallt, stirbt so, dafi er nicht den Machten der Unter-
welt verfallt; er ist noch zugehorig den hoheren Machten, er darf
hinauf zu den Gottern nach Walhall. Die anderen aber, die den
Machten der Krankheiten unterliegen, sie mussen hinunter zur Hel,
die auf der einen Seite schwarz und auf der anderen Seite weifi ist,
was ja deutlich den Wechsel zwischen den Bewufitseinszustanden
des Tages und der Nacht ausdriickt. Damit retten sich die Asen, dafi
sie nur diejenigen mit hinaufnehmen, die durch den Tod auf dem
Schlachtfelde sich mit der astralischen Welt vereinigen konnen,
wahrend die anderen hinuntergehen mussen zur Hel, welche sie
fiihrt in ihre Reiche. Das ist ein tiefer Zug der nordischen Sage, und
auch dieser Zug ist durchaus aus den Tatsachen heraus genommen.
Nun ist in alien Sagen, welchen der Okkultismus zugrundeliegt -
und alle wirklich groften Sagen sind ja aus den Geheimschulen her-
vorgegangen -, immer auch Prophetie enthalten. Wir haben auch
hier einen Hinweis auf einen zukiinftigen Zustand in der Mensch-
heits- und Erdenentwickelung. Nur eine Zeitlang wird der Mensch
damit behaftet sein, dafi er nur die aufiere Sinneseswelt sieht. Selb-
standig wird er wiederum aufsteigen zu derjenigen Anschauung,
welche er urspriinglich hatte. Hellsehend war er in ferner Vergan-
genheit, heruntersteigen mufke er zur physischen Wahrnehmung,
um selbstbewufit zu werden, und er wird wieder hinaufsteigen zu
hellseherischem Schauen. Merkwiirdig stimmt das mit der ganzen
Konstitution des Menschen iiberein. Sie wissen ja - wenigstens dieje-
nigen von Ihnen, welche die fruheren Vortrage mitgemacht haben
Sie wissen, dafi die Sage die Begabung mit dem Nervensystem, iiber-
haupt mit der Fahigkeit, die aufieren Dinge so wahrzunehmen, wie
sie der heutige Mensch wahrnimmt, zuschreibt dem Einstromen der
gottlichen Machte durch die Tore der Sinne. Sie haben in Ihren Sin-
nen nun aber einen ganz merkwiirdigen Unterschied, der hier in der
Sage in grandioser Weise wiederkehrt. Wenn Sie den Sinn des Ge-
hors nehmen: sein Werkzeug ist ein einzelnes Organ, er ist lokali-
siert im Ohr; wenn Sie den Sinn des Gesichtes nehmen: sein Werk-
zeug, sein Organ ist lokalisiert im Auge; wenn Sie den Sinn des Ge-
ruches nehmen : sein Werkzeug ist lokalisiert in den Schleimhauten
der Nase; der Geschmack ist in der Zunge und im Gaumen lokali-
siert. Nun nehmen wir aber den Gefuhlssinn, den Sinn fur Warme;
wo ist denn dieser lokalisiert? Er ist uber den ganzen Leib ausge-
dehnt. Er unterscheidet sich ganz wesentlich von den anderen, loka-
lisierten Sinnen. Das, wodurch der Mensch die Warme wahrnimmt,
ist merkwiirdig unterschieden von den anderen Sinneswerkzeugen.
Nehmen wir diesen Sinn der Sage, dafi durch die einzelnen
menschlichen Sinnesorgane einziehen die Gewalten der Gotter. Da
miissen wir uns sagen: Die Gewalten, die leben in der Tonwelt, Zie-
hen ein in den Menschen durch das Ohr; die Gewalten, die leben in
der Lichtwelt, Ziehen ein durch das Auge, und so weiter. Aber die
Gewalten, die in der alles belebenden und durchdringenden Warme
leben, sie erfiillen den ganzen Menschen, sie haben den ganzen Men-
schen zu ihrem Organ, das sie wahrnimmt. Als der Mensch hervor-
ging aus dem Schofie der Gottheit am Anfange seiner Entwickelung,
da war das ganz anders. Da hatte der Mensch noch keine Sinne zum
Wahrnehmen der Umwelt. Zuerst bildete sich bei ihm aus jenes
eigentumliche Gefuhlsorgan, das man zu Unrecht ein Auge nennen
wiirde, jenes Organ bildete sich aus den Ausstrahlungen und Ein-
stromungen in die oberen Schichten seines Wesens. Dieses Organ
war eine Fortsetzung des Menschen nach aufien; Sie konnen heute
noch beim Kinde die weiche Stelle in der Schadeldecke fiihlen, wo
dieses Organ herausragte, gleichsam das Loch, das offen war, wo die-
se Stromungen einzogen. Dieses Organ war damals der lokalisierte
Warmesinn, der jetzt uber den ganzen Korper des Menschen ver-
breitet ist. Der Mensch hatte dieses Organ im alten Lemurien, dem
heiften Feuerlande. Er konnte es beniitzen, es kiindigte ihm an, wo-
hin er gehen konnte, er konnte damit fiihlen, ob ihm die Tempera-
tur zutraglich war oder nicht. Heute ist dieses Organ zusammenge-
schrumpft und zur Zirbeldriise geworden. In der Zukunft wird das,
was heute ausgebreitet ist uber den ganzen Leib, auf einer hoheren
Stufe wiederum umgewandelt erscheinen, es wird lokalisiert sein in
einem bestimmten anderen Organ.
Sie sehen das in der Mythe ausgedriickt durch die Herrschaft des
Sutur in der Region des Siidens, in Lemuria. Die Gewalt des Feuers
ist reprasentiert durch Sutur. Sie sehen in der Mythe angedeutet, wie
Sutur unter die Herrschaft der anderen Gotter, der Asen, kommt,
deren Gewalt in den Menschen einstromt durch die lokalisierten
Sinne. Doch Sutur wird wiederkommen und herrschen an der Stelle
der Asen. Der Mensch wird zuruckkommen zu den Urgewalten des
Feuers, und der Warmesinn wird nicht mehr ausgebreitet sein iiber
den ganzen Leib, sondern wiederum lokalisiert sein in einem Organ.
Wunderbar gibt die Sage das wieder, was auch den Tatsachen ent-
spricht, die wir durch die Geisteswissenschaft kennen. Was der
Mensch zuriickbehalten hat von jener alten Feuerwelt, von jener
Feuer- und Warmeumgebung, die er mit seinen alten Organen wahr-
genommen hat, was ist es? Es ist nicht der Sutur selber. Denn um
dieses Gebiet zu beleben, in dem der Sutur war, brauchte der
Mensch sein altes Organ, das Gefiihlsorgan, das wie eine Laterne
von seinem Kopfe herausragte. Es ist jener «Nachkomme» des alten
GefUhlssinnes, der die Schicksale des ganzen menschlichen Leibes
erleben mufi, der ganz mit dem Schicksal des Menschen verwoben ist,
und das ist der Sohn des Sutur, Loki. Loki ist gefesselt an den dreifa-
chen Felsen des menschlichen Hauptes, des menschlichen Rumpfes
und der menschlichen Glieder, so dafi er sich nicht riihren kann und
deshalb alien menschlichen Qualen und Leiden ausgesetzt ist.
Das fuhrt Sie noch tiefer hinein in diese Welt der germanischen
Mythen, die von einer schier undurchdringlichen Tiefe sind. Man
mull wirklich sehr tief schiirfen, um zu durchschauen, welcher Art
zum Beispiel der Enthusiasmus war, der einen Kunstler wie Richard
Wagner ergriff und zu seinem Schaffen trieb. Niemals soil behauptet
werden, dafi Richard Wagner etwa die einzelnen Sagen in einer sol-
chen Weise hatte spezifizieren konnen, wie es durch den Okkultis-
mus geschieht. Aber die geistigen Machte, die hinter ihm standen
und ihn inspirierten, die lenkten und leiteten seine kunstlerischen
Inspirationen so, dafi seine Kunst der schonste Ausdruck wurde fur
das, was der Mythe zugrundeliegt. Das ist das Grofie, dafi man an
dem Kunstwerk nicht sieht, was dahintersteht, alles ist ausgeflossen
in Ton und Wort. Ein merkwiirdiger Instinkt - wenn man es trivial
benennen will, sonst miifite man es kiinstlerische Inspiration nen-
nen - waltet in Richard Wagner. Es war wie ein geistiges Horen
jener alten Sprachweisen, die in ihm aufstiegen. Er empfand jene al-
testen Sprachweisen sehr gut und [das veranlalke ihn], nicht in dem
Endreim zu bleiben, denn der gehort einer spateren Stufe, einer Ver-
standesstufe an, sondern jene Stufe der Sprachentwickelung zu wah-
len, die ein Nachklang ist der dahinrauschenden Wogen, die heraus-
platscherten aus dem Nebel der alten Atlantis: das ist die Allitera-
tion, der Stabreim, der fur den, der es empfinden kann, wiederholt
im Ton, was die Musik der Wellen genannt werden kann.
In der germanischen Sage wird prophezeit, dafi die Gotterdamme-
rung heraufkommen mufi, weil das entstanden ist, was die Kriege
sind. Weil Tyr eine Hand verloren hat im Rachen des Wolfes, ent-
wickelten sich die Keime zum spateren Untergang der Gotten Auf
den Zustand, wo die Menschen sich wiederum verstehen werden,
wo sie nicht mehr durch Sprachen getrennt sein werden, weist der
prophetische Ausblick der germanischen Sage von der Gotterdam-
merung hin. Es spricht uns die Sage davon, dafi, nachdem die atlanti-
sche Bevolkerung nach Osten gezogen war, sie sich zerspaltete und
zersplitterte. Etwas von der alten Atlantis haben sich nur jene Vol-
kerschaften bewahrt, die von der mongolischen Rasse abstammen,
und die unter Etzel oder Attila - Atli, dem Atlantier - heriiberge-
kommen sind. Sie haben sich einzig und allein das Lebenselement
der Atlantier bewahrt, wahrend die anderen Volkerschaften, die zu-
riickgeblieben waren in Europa, sich durch Spaltung aus der alten
Blutsgemeinschaft herausentwickelt haben und in Kriege der einzel-
nen Stamme untereinander zerfallen sind. So also leben diese Volker
im Westen immer in Spaltungen, in Kriegen. Sie konnen dem An-
prall des mongolischen Elementes, das die alten atlantischen Lebens-
grundlagen noch bewahrt hat, wenig widerstehen. Der Zug Attilas
oder Etzels wird nicht aufgehalten durch die germanischen Stamme,
denn die einzelnen Stamme sind etwas, was Attila nicht imponieren
kann, der sich seinen alten grofien Geist bewahrt hat - eine Art Mo-
notheismus. Das, was sich ihm als einzelne Stamme entgegenstellte,
das konnte ihn nicht aufhalten. Ein merkwurdiger Zug in der Sage
ist nun, dafi Attila sofort zur Umkehr bewogen wird, als ihm dasje-
nige entgegentrat, was iiber die Blutsverwandtschaft hinausgeht, als
ihm das Christentum entgegentrat, personifiziert in dem damaligen
Papste. Da sah Attila die geistigen Gewalten, welche die Menschen
wiederum einigen werden, und das ist das, wovor sich der atlanti-
sche Eingeweihte beugt. Das Christentum soil vorberekend sein fur
jenen Zustand der Menschheit, wo Sutur wieder erscheint und, un-
abhangig von den Differenzierungen der Menschen in einzelne
Stamme, der Welt den Frieden bringen wird. So kam den Menschen
der damaligen Zeit das Christentum vor wie eine erste Ankiindi-
gung der Gotterdammerung und der Wiederkehr der alten Zeiten,
wo die Menschen noch nicht uneinig, nicht durch Kriege gespalten
und zerkliiftet waren. So empfand man das Christentum insbeson-
dere in den allerersten Jahrhunderten seiner Ausbreitung, als noch
nicht das Christentum von Rom her verkiindet wurde, sondern als
es von Norden und Westen heriiberkam durch christliche geheime
Gesellschaften, die von England und Irland, spater auch von Frank-
reich ausgingen, und die vollstandig unabhangig waren von der au-
fieren Gewalt Roms. Erst Winfried, Bonifatius war es, der aus der
Schar jener westlichen Geheimschiiler ausgetreten ist und seinen
Frieden mit Rom gemacht hat, wodurch das Christentum dann all-
mahlich die besondere Farbung der romisch-christlichen Kirche hat
annehmen konnen.
So sehen wir, welche Gewalten bei der Ausbreitung des Christen-
tums hereinwirkten aus der Erinnerung an eine alte Zeit und als pro-
phetische Hindeutung auf eine spatere Zukunft. Was zuerst im
Christentum in Mitteleuropa auftrat, das waren die Empfindungs-
gehalte, die damals in jenen Menschen lebten und die Anschauung
jener Menschen erfiillten, die zu den Geheimschulen gehorten, und
die aus den Geheimschulen heraus belehrt und befruchtet worden
sind.
Wir wollen einmal eine Weile stillestehen bei dieser Phase der
mitteleuropaischen Geistesentwickelung und wollen uns vergegen-
wartigen, wie der Zustand Europas damals war, als die alte Gotter-
welt - die in den germanischen Sagen geschildert ist - nach und nach
unterging in der Dammerung, welche hervorgerufen wurde durch
die religiose Welt des Christentums. Wie einen Vorboten der gro-
Ikn Gotterdammerung empfand man das Heraufkommen des Chri-
stentums, jener Gotterdammerung, die dereinst die Gewalten der al-
ten Gotter hinwegfegen wird. Das Verblassen der alten Gotterwelt
brachte das Christentum, den Untergang der alten Gotter selbst
wird die grofie Gotterdammerung bringen, die dann als Realitat das
bringen wird, was das Christentum nur als Glauben brachte. So
empfand man.
Nun versetzen wir uns einmal in diese Stimmung, die da war. Die
Stamme der Goten, der Franken und so weiter, sie alle standen ei-
nerseits unter dem Eindruck der heranbrausenden Mongolenstam-
me, des Hunnenkonigs Attila oder Etzel, und auf der anderen Seite
unter dem Eindruck des sich allmahlich ausbreitenden Christen-
tums. Durch die Ereignisse, die wir charakterisiert haben, waren sie
in verschiedene Stamme zerkliiftet; sie sprachen in verschiedenen
Zungen, sie waren zerfallen untereinander. Im Grunde genommen
hat sich von alien diesen Stammen eigentlich nur einer erhalten, der
Frankenstamm; er ist geblieben, dem Namen und der Bedeutung
nach. Was erinnert noch an all die Stamme, die da herumgezogen
sind, als hochstens die Geschichte: Langobarden, Ost- und Westgo-
ten, Cherusker, Heruler und so weiter? Der Frankenstamm hat ei-
gentlich den Sieg iiber die anderen Stamme davongetragen. Wie
mufite man aber innerhalb derjenigen Stamme empfinden, die dazu-
mal im Aussterben, im Untergang begriffen waren? Gerade in den
Geheimschulen und bei den Wissenden dieser aussterbenden Stam-
me waren diese Empfindungen am allerlebendigsten. Betrachten wir
einmal einen solchen Stamm, wie es die Westgoten waren. Im nord-
lichen Spanien und im siidlichen Frankreich hausten sie, wenn sie
auch einstmals weit nach Osten hinubergezogen waren - wie Sie
wissen, war der Zug nach dem Westen ja nur ein Riickzug. Die
Fahigkeiten, die sie hatten, waren noch ein Nachwirken der alten
atlantischen Zeit. Als diese Stamme von Osten nach Westen her-
iibergezogen waren, hatten sie wahrend ihrer Wanderschart die
alten Fahigkeiten verloren, aber es lebte noch als ein Nachkhngen
jener alten Fahigkeiten ein gewisses Hellsehen in den Menschen.
Nicht mehr waren diese Menschen durchaus hellsehend, aber in ge-
wissen Zeiten konnten sie noch hineinsehen in die geistigen Welten.
Das empfanden sie aber oftmals schon als etwas Unbekanntes,
Driickendes, und dafur tauchte der Name «Alp» auf. Alp - was ist
das fiir ein Wesen? Es ist ein astralisches Wesen, das man empfand,
aber nicht mehr recht kannte, das man in den atlantischen Zeiten,
den Zeiten des alten Schauens und Hellsehens gekannt hatte, und
das jetzt wie ein Eindringling in die Welt erschien, wie auch die
Truth, die wir das letztemal kennengelernt haben. Dennoch emp-
fanden manche Menschen es als das Hereinblicken einer hoheren,
der astralischen Welt in die physische. Gerade bei solchen Stammen,
die sich nicht hineinschicken konnten in die neuen Verhaltnisse,
empfand man, «wenn der Alp kam und driickte», dafi man da in die
hoheren Welten hineinschauen konnte. Bei alien Stammen, insbe-
sondere bei den Goten, aber auch bei den Burgundern und anderen
deutschen Stammen, gab es immer einzelne - und sie wurden als in
Beziehung zu gottlichen Machten stehend angesehen -, die solchen
Ausnahmezustanden standhalten und sie deuten konnten als das
Hereinragen der astralischen Welt in die physische. Ein solcher war
der Gotenkonig Alphard, der genannt wird in jenen Zeiten, wo die
Goten das siidliche Frankreich bewohnten. Er war Konig von Aqui-
tanien und herrschte dort in jener Zeit, als Attila seinen Zug von
Osten nach Westen unternahm. Dieses Alphards Sohn war der sa-
genhafte Walther des Walthariliedes. Es stellt uns so recht den Uber-
gang dar von jener Zeit, wo die Menschen von ihren Vatern her
noch etwas wufiten von den alten Fahigkeiten und von dem Zusam-
menhangen der alten Stamme. Wie Stamm und Stamme zusammen-
gehorten in alter Zeit - die Vater wufken es; daher hatte der Vater
des Walther, Alphard, langst besprochen mit dem Konig des Bur-
gunderlandes, dafi dessen Tochter Hildegund die Frau des Walther
werden sollte, um die drohende Kluft zwischen den Volkern zu
iiberbrucken. Aber die Stamme waren nicht imstande, dem Anprall
der Hunnen zu widerstehen, welche noch die alten Lebenskrafte be-
safien, die ihnen selbst abhanden gekommen waren. Daher miissen
hinunterwandern als Geiseln an den Hof des Hunnenkonigs Etzel:
Walther, der Sohn Alphards, Hildegund, die Tochter des Burgun-
derkonigs, und als Geisel vom Frankenhofe Hagen von Tronje.
Weil Gunther, der Sohn des Frankenkonigs Gibich, noch nicht als
Geisel gegeben werden konnte, mufite der Sprofiling aus dem alten
Tronje-Stamm, Hagen, als Geisel gegeben werden. Wir brauchen
den Inhalt des Walthariliedes nicht weiter zu erzahlen. Am Hofe des
Konigs Etzel zeichnen sie sich aus als tiichtige Recken, aber eines
konnen sie nicht: sie konnten sich wohl das erobern, was den Men-
schen zum Ich erhebt, aber das, was die Iche wieder zum Frieden
bringt, das konnten sie sich nicht aneignen, das war ihnen unmdg-
lich. Jeder einzelne war an seinem Platze tiichtig, daher sind sie
tiichtige Recken selbst im Feindesland, am Hofe des Etzel oder Atti-
la. Als aber Gunther die Herrschaft im Frankenreiche antrat und
nicht mehr mit Etzel Freundschaft hielt, da konnten sie nicht mehr
standhalten, sie mufiten fliehen. Nun tritt etwas hochst Merkwiirdi-
ges auf. Es gibt eine altere Fassung des Walthariliedes, da kampft
Walther, nachdem er geflohen ist mit Hildegund, gegen die nach-
eilenden Hunnen. Diese Fassung stammt aus dem Frankenlande.
Wir haben dann noch eine spatere Fassung, von der gestern gespro-
chen worden ist, die hervorgeht aus rein christlichen Intentionen;
sie wurde zuletzt in die Form gebracht im 10. Jahrhundert durch
Ekkehard I., Monch des Klosters von St. Gallen. Beide Fassungen
unterscheiden sich wesentlich voneinander. Die altere Fassung ging
hervor aus dem Frankenlande. Sie stammt von solchen, die beein-
flufit sind von derjenigen Stromung, in der noch immer als christli-
che Geheimstromung das ursprungliche Christentum lebt, das leh-
ren wollte : Wendet euch den neuen Anschauungen zu, und ihr wer-
det das Uberwinden, was in euch selbst noch steckt von jenem alten,
das euch leibhaftig entgegentritt in den Hunnen. - Dieses Interesse
konnte nur einer haben, der aus dem Frankenstamme kam. Dieses
Interesse hatte aber derjenige nicht mehr, der die Sage im Kloster
von St. Gallen umdeutete zur Unterweisung fur Christen. Er hatte
ein anderes Ziel; er wollte den Leuten sagen : Wenn ihr bei den alten
Zustanden bleibt, dann werdet ihr euch selber aufzehren. - Er zeigte
ihnen anschaulich, wie sie sich selber aufzehren. Und in der Tat,
nicht die Hunnen sind es, die sie aufzehren. Als Walther mit Hilde-
gund zuriickkommt in ihr Land, ist es Gunther selbst, der ihnen mit
Hagen von Tronje entgegentritt. Jetzt sind es die drei Vertreter ger-
manischer Stamme selbst, die sich im Kampfe untereinander zerflei-
schen, so daft auf dem Schlachtfelde liegenbleiben das Bein des ei-
nen, das Auge des anderen und die Hand des dritten. Walther wurde
die Hand abgeschlagen, Gunther das Bein, und Hagen verlor ein Au-
ge. Wohl wufke der, der die Sage so niedergeschrieben hat, warum
er demjenigen, der von Alphard abstammte, gerade die Hand ab-
schlagen la/k. Ihn stellt er hin als den Reprasentanten fur den Zwist
der Stamme und Volker untereinander. Das Abschlagen der Hand
soil an das erinnern, was dem Kriegsgott Tyr selbst passiert ist. Wo
Stamme in Streit geraten, bulk der einzelne die Hand ein. Dieses
Motiv wirkt fort bis zu Gotz von Berlicbingen hinunter, der ja auch
seine Hand verliert; es ist derselbe Zug, der in der germanischen
Mythe sich zeigt. Also wollte Ekkehard seinen Leuten sagen : Bleibt
ihr bei diesen alten Anschauungen, dann zerfleischt ihr euch selber,
denn der Zwist ist in euch hineingetragen. Was euch verbinden
kann, ist der christliche Geist. - Er stellt ihnen so recht das Bild vor
die Seele hin, vor dem sie lernen sollten, Abscheu zu haben. Das war
die christliche Intention des Ekkehard.
Gerade diesem Waltharilied gegeniiber mufi man sich hiiten, ir-
gendwie zu spekulieren oder irgend etwas sonst hineinzulegen. Die
einzelnen Ziige : Ausschlagen des Auges, Abschlagen der Hand, Ab-
schlagen des Beines und ahnliche Ziige sind so, daft in ihnen gleich-
sam etwas fortwirkt vom Typus und der Form der Sage, und das da
wiederkehrt, wo es notwendig erscheint. Mit Recht wurde gestern
gesagt, dafi es sich bei dem, der dieses Waltharilied geschrieben hat,
um einen Eingeweihten handelt. Man mufi aber auch betonen, dafi
es ein christlicher Eingeweihter war, der eine ganz bestimmte christ-
liche Lehre vor die Menschen hinstellen wollte.
So sehen wir, wie die Geisteswissenschaft aufhellend wirkt in be-
zug auf diese Erscheinungen des menschlichen Geisteslebens, und
wie wir hineinleuchten konnen in Gebiete, die die heutige Philologie
noch recht wenig beherrscht. Und wenn Sie heute morgen gesehen
haben, in welcher Art und Weise die Geisteswissenschaft in das all-
tagliche Leben eingreifen kann, und dazu nehmen, was jetzt ausge-
fuhrt worden ist, dann werden Ihnen das Beweise sein konnen fur
die innere Wahrheit der aus den hoheren Welten heruntergeholten
geistigen Tatsachen. Unsere Welt braucht wieder eine solche Vertie-
fung. Aber Sie sehen daraus auch die Art und Weise, wie wir arbei-
ten miissen, und dafi eine aufiere Agitation gar nicht das sein kann,
was wirklich die theosophische Weltbewegung in das richtige Fahr-
wasser bringen kann. Wenn man blofi mit Dogmen kommt und die-
se den Leuten erklaren will, dann haben sie ein voiles Recht, uns zu
sagen, das sei alles Phantasterei. Erst der, welcher tief eindringt in
das, was die theosophische Stromung bieten kann, und der von alien
Seiten in sie eindringt, wird allmahlich die theosophischen Wahrhei-
ten einsehen. Nicht zu wundern brauchen wir uns, wenn Anhanger
materialistischer Stromungen das toricht finden, was wir sagen. Wie
sollten sie es anders finden? Und wie sollten wir uns dem Wahne
hingeben konnen, dafi Theosophie etwas sein konnte, das man, wie
den landlaufigen Monismus, durch aufiere Propaganda ausbreiten
konnte? - Nur durch positive Arbeit, durch die Verbreitung der
Lehren, so gut wir es konnen, nur dadurch kann die Theosophie
sich einleben. Selbst wenn wir noch so viele Mifierfolge haben, darf
uns das gar nicht behindern und in keiner Weise beirren. Daher
kann auch die Theosophische Gesellschaft nichts anderes sein als
eine Statte, innerhalb welcher theosophisch gewirkt wird. Die Ge-
sellschaft kann nie und nimmer die Hauptsache sein; die Hauptsache
mufi unsere Geisteswissenschaft selbst sein. Vielleicht wird die Ge-
sellschaft sogar nur - um das Nietzsche- Wort zu brauchen, das Sie
wohl schon gehort haben - eine «Briicke» und ein «Ubergang zu
einem H6heren» sein, zu einer freien theosophischen Stromung in
der Welt. Gegenwartig aber brauchen wir diese Statte, von der aus
wir wirken konnen, und ohne die wir die Geisteswissenschaft nicht
in die Welt hineinstromen lassen konnen. Aber wir miissen uns die
freie Auffassung aneignen, die den Menschen und die Sache unter-
scheidet, und die die Sache hoher stellt als jegliche aus aufterer Ein-
richtung kommende Institution.
Damit sind wir am Ende des Programms unseres Zusammenseins
angekommen.
FUNFTER VORTRAG
Berlin, 28- Oktober 1907
Germanische und persische Mythologie
Wir haben uns an den letzten Abenden unserer Zweigarbeit mit der
okkulten Erklarung mitteleuropaischer Sagen und Mythen beschaf-
tigt und haben dabei gesehen, welch tiefe Wahrheiten und Erkennt-
nisse in diesen Sagen und Mythen enthalten sind. Gerade heute vor
vierzehn Tagen, als wir auf die allertief sten und allerwichtigsten solcher
Wahrheiten aufmerksam machen durften, konnten wir einen Blick
werfen auf eine verwandte Mythologie, auf die persische, die driiben
in Asien entstanden ist, und die durchaus verwandt ist mit dem, was
wir auf europaischem Boden als germanische oder ahnliche Mytho-
logien haben. Wir haben gesehen, was sich hinter dem Namen der
persischen Amshaspands verbirgt und hinter dem Namen der acht-
undzwanzig bis einunddreifiig Izards. Wir haben die Krafte, welche
von diesen Geistern des astralischen Raumes ausgehen, wiedergefun-
den in den zwolf Paar Nerven, die von unserem Haupte ausgehen,
und in den achtundzwanzig bis einunddreifiig Paar Nerven, die von
unserem Ruckgrat ausgehen.
In der deutschen Mythe und iiberhaupt der europaischen Mythe
wird uns erzahlt, dafi die drei Gotter Wotan, Wili und We - die
auch zuweilen unter anderen Namen auftreten - den Menschen er-
schufen. Als sie einmal am Meeresstrande gingen, fanden sie dort
zwei Baume, und aus diesen Baumen, Ask und Embla, schufen sie
das erste Menschenpaar. Wotan gab diesen ersten Menschen den
Geist und das allgemeine seelische Leben, Wili gab die Gestalt, Ver-
stand und Bewegung, und We gab Antlitz, Sprache, Gehor und
Gesicht. Wenn wir dies in der europaischen Mythe horen und uns
auch bereits iiberzeugen konnten von dem tiefen Sinn der sonstigen
Mythen, so werden wir gewifS auch in dieser Dreizahl und in der Be-
gabung des Menschen mit verschiedenen Eigenschaften durch die
Dreizahl der Gotter etwas Tieferes suchen diirfen. Wir werden aber
gut daran tun, wenn wir die Menschwerdung, wie sie in der mittel-
europaischen Mythe erzahlt wird, ankniipfen an die Form, wie uns
die Menschwerdung in der verwandten persischen Mythologie ent-
gegentritt. Da erscheint sie in einen grofien Zusammenhang hinein-
gestellt. Dabei kann uns zu gleicher Zeit iiber die mythenbildende
geistige Kraft der Menschen und iiber die Wesenheit und die Natur
des Menschen und seines Zusammenhanges mit der Erde etwas
ganz Besonderes aufgehen. Wir wissen ja, dafi Mythen und Sagen
nicht durch Spekulationen gedeutet werden diirfen, nicht durch
Spekulationen ihr Sinn gesucht werden darf, sondern dafi wir
versuchen mussen, in dem ursprunglichen schopferischen Volks-
geist auf der einen Seite und in den Gaben der eingeweihten
Priester auf der anderen Seite uns die Urspriinge des menschlichen
Wissens und Erkennens, wie sie uns in der Sage entgegentreten,
klarzulegen.
Sagen und Mythen sind nichts anderes als astralische, geistige An-
schauungen. Wir haben gesehen, wie wirklich der alte Germane
oder der Angehorige der alten europaischen Bevolkerung die Wel-
tenesche Yggdrasil auf dem astralen Plan gesehen hat, wie er die
zwolf Stromungen vernommen hat, die als Krafte in sein Haupt hin-
eingingen und seine zwolf Hauptesnerven bildeten. Das alles haben
wir als astralische Wirkungen kennengelernt und nicht durch ir-
gendeine phantastische, geistreiche Spekulation.
Nun wollen wir uns zuerst einmal die persische Mythe von dem
Weltentstehen und dem Menschengeschicke ganz kurz und skizzen-
haft vor Augen fiihren. Dabei wollen wir aber bedenken, dafi das ur-
persische Volk - das alte persische Volk, nicht dasjenige, das Sie in
der Geschichte kennengelernt haben, sondern das, von dem eigent-
lich diese Gottersagen stammen - zu dem vorgeschobensten Be-
standteil der Volkermassen gehorte, welche von der alten Atlantis
nach dem Osten hingewandert sind. Als die alte Atlantis hinunterge-
schwemmt worden ist, da waren es die Volkerschaften, die spater
nach Indien hinunterzogen und sich mit den dort ansassigen Vol-
kern vermischten, und diejenigen, die auf dem Boden des heutigen
Persien, Baktrien, Medien sefihaft wurden, die am weitesten nach
Osten zogen; die anderen Volker waren auf dem Boden des heutigen
Europa zuriickgeblieben.
Bei alien diesen Volkerschaften bildeten sich die Mythen und Sa-
gen in den verschiedensten Arten und Gestaltungen aus, und bei al-
ien war das, was in den Bildern ihre Mythologien erzahlten, nichts
anderes als das, was einzelne sehen konnten, entweder dauernd oder
in besonderen Zustanden, mit ihren schwachen, aber noch immer
vorhandenen hellseherischen Fahigkeiten. Gesehen haben die Men-
schen das, was die Mythen und Sagen erzahlen. Aus diesem astrali-
schen Anschauen heraus erzahlten die Angehorigen dieses Volkstei-
les, der sich iiber die Gegend des heutigen Persien ausdehnte, was sie
sahen und was dann der grofie Religionsstifter Zarathustra in eine
gewisse Form kleidete und zur Abrundung brachte. Wir wollen uns
das, was die Leute da erzahlten, einmal in ganz kurzer Skizze vor
Augen fuhren. Sie fiihren alles, was existiert, zuriick auf einen ein-
heitlichen Weltengrund, den sie nannten «Zaruana Akarana». Dies
war ein gemeinschaftlicher Urgrund, aus dem nach dieser Anschau-
ung alles entsprungen ist, alles, was Mineral, Pflanze, Tier und
Mensch ist, aber auch alles, was hoheres Geistiges ist, soweit es fur
die Menschen wahrnehmbar ist. Wenn man diesen Ausdruck «Za-
ruana Akarana» ubersetzen wollte, miifke man es tun mit «leuchten-
der Urgrund» oder «leuchtender Untergrund». Nun ging aus diesem
«leuchtenden Urgrund» eine Gottheit hervor mit Eigenschaften der
Giite, mit Eigenschaften der intellektuellen geistigen Vollkommen-
heit, eine weise, gute, geistige Wesenheit, Ormuzd, und eine andere
Wesenheit, die diesem guten Geiste Ormuzd widerstrebte. Diese an-
dere geistige Wesenheit wird gewohnlich genannt Ahriman. So ha-
ben wir also innerhalb der persischen Mythen und Sagen diese bei-
den geistigen Wesenheiten: Ormuzd und Ahriman; eine gute Gott-
heit und eine bose Widersacher-Gottheit. Ahriman konnte man ins
Deutsche ubersetzen mit dem Ausdruck «der Widerstand-Leistende»
oder «der Gegnerisch-Gesinnte»; das ware der Sinn dieses Aus-
druckes.
Wenn wir nun zu diesen geistigen Wesenheiten in ein Verhaltnis
bringen wollen die Amshaspands und die Izards, dann miissen wir
uns vorstellen, dafi von dem Ormuzd ausstrahlten, ausstromten die
hoheren geistigen Wesenheiten, die wir als Amshaspands und Izards
kennengelernt haben. Sie sind die Scharen, durch die Ormuzd
wirkt, so dafi er der hochste Regent ist, der ihnen die Platze anweist,
sie einteilt nach den zwolf Monaten des Jahres und den achtund-
zwanzig oder einunddreifiig Tagen des Monats, nach denen sie ihre
Herrschaft wechseln. Nun erzahlt aber die persische Mythe von
Ahriman: Er stammt auch von dem allgemeinen «leuchtenden Ur-
grund» ab, aber er hat sich von Anfang an widerspenstig gezeigt und
sich aufgelehnt, er hat entgegengestellt den sechs Amshaspands seine
sechs bosen Geister, die Devas oder Devs, niedere und hohere. Sie
miissen sich also vorstellen, dafi gleichsam jeder der Amshaspands
einen Widersacher hat, und so, wie die Amshaspands zu dem Regen-
ten Ormuzd gehoren, so gehoren diese Devas, im Sinne der persi-
schen Mythe, zu der Gefolgschaft des Ahriman. Er hat seine Scharen
aufgestellt, damit sie in einem lange wahrenden Kampf immerfort
entgegentreten den guten Scharen der Amshaspands. Und ebenso
hat er seine zahllosen Scharen der niederen Devas gegen die Scharen
der Izards aufgestellt.
Es zeigt uns also diese persische Mythe alle Ereignisse der Welt in
gewisser Weise verstrickt in einen lange wahrenden Kampf. Alles,
was sich heute ereignet, ist im Sinne dieser persischen Mythe so an-
zusehen, dafi es der Ausflufi ist dieses Kampfes. Was geschieht, miifi-
te man eigentlich so darstellen, dafi bei einem solchen Geschehen in
der Welt auf der einen Seite die Krafte des Guten stehen, die von den
Amshaspands und den Izards ausgehen, und auf der anderen Seite
die Krafte des Bosen, die von den Devas ausgehen. Erst wenn wir das
Aufeinanderwirken der guten und bosen Krafte verstehen, werden
wir nach der persischen Mythe die Geschehnisse und Tatsachen der
gegenwartigen Welt verstehen.
Wir miissen uns nun fragen : Sind die Erzahlungen, die uns in die-
sen Bildern entgegentreten, auch astralische Anschauungen, sind sie
astralische Wahrnehmungen? Wir werden sehen, dafi sie es bis ins
kleinste hinein sind. Zum Verstandnis dieser Tatsache wird Ihnen
der Umstand helfen, dafi eine gewisse Rolle im alten persischen Kul-
tus das spielt, was man nennen konnte : die Verehrung des Feuers.
Diese Verehrung des Feuers darf man sich aber nicht so vorstellen,
daft etwa das physische Feuer angebetet worden ware; das ist nicht
der Fall. Weder ist es angebetet worden, noch kniipft sich an das
physische Feuer irgendein besonderer Kultus. Dieses physische Feu-
er ist fur die persische Mythe und fur den persischen Kultus nichts
anderes als ein Symbolum, ein aufierer Ausdruck fur eine gewisse
geistige Kraft, die im Feuer waltet. Fur den Geist des Feuers ist das
aufiere, physische Feuer der Ausdruck.
Nun wollen wir einmal sehen, woher diese Feuerverehrung
kommt. Sie hat namlich einen tiefen okkulten Ursprung. Erinnern
wir uns daran, wie in unserer theosophischen Weltanschauung der
Hergang bei der Weltentstehung erzahlt wird. Wir wissen, dafi unse-
re Erde einmal vereinigt war mit dem, was sie heute als Mond beglei-
tet, dafi der Mond erst von einer gewissen Zeit an sich von ihr ab-
getrennt hat; wir wissen, daft in noch friiheren Zeiten unsere Erde
vereint war mit dem, was heute Sonne ist. Das waren die zwei wich-
tigen kosmischen Ereignisse, die dem Werden des Menschen voran-
gegangen sind. Diese drei Weltkorper - Sonne, Mond und Erde -
bildeten einstmals nur einen einzigen Korper, was wir uns so vor-
stellen konnen, wie wenn wir Sonne, Mond und Erde durcheinan-
der mengten und daraus einen einzigen grofien Weltkorper bilden
wiirden. Zuerst trennte sich die Sonne heraus, und wahrend sie fru-
her den Wesen ihr Licht vom Innern der Erde her gegeben hatte,
sandte sie es nun von aufien auf die Erde und deren Wesen. Das war
zu der Zeit, als die Erde noch den Mond in sich hatte. Der Mond
war es, der die schlechten Krafte in sich hatte, und diese schlechten
Krafte mufiten heraus. Ware der Mond darinnengeblieben, so hatte
die Erde niemals die Entwickelung durchmachen konnen, die sie
zum Schauplatz der gegenwartigen Menschheit werden liefi.
Als der Mond sich abgetrennt hatte, war der Mensch noch nicht
in seiner heutigen Gestalt auf der Erde; er war noch nicht seelenbe-
gabt, soweit er iiberhaupt als physisches Wesen da war. Unmittelbar
nachdem der Mond sich von der Erde abgetrennt hatte, fuhrte diese
menschliche Gestalt noch ein Pflanzendasein. Es war in dieser
menschlichen Gestalt, die auf der vom Mond verlassenen Erde vor-
handen war, nichts anderes als die Anlage zum heutigen physischen
Leib und heutigen Atherleib. Das, was heute als astralischer Leib im
Menschen vorhanden ist, das war dazumal noch nicht vereinigt mit
dem Irdischen. So wie heute die Wolken in der Luft schweben, so
schwebten dazumal die astralischen Leiber herum, die sich dann spa-
ter in die physischen Menschenleiber hineinsenkten. Und die Men-
schenleiber, die als physische Vorfahren des heutigen Menschen her-
umwandelten, waren in einem immerwahrenden Schlafzustande.
Wie die Pflanzen in einem immerwahrenden Schlafzustande sind, so
war der damalige Mensch in einer Art von Schlafzustand, er war erst
begabt mit dem physischen und dem atherischen Leib. Bis zu jenem
Zeitpunkt gab es auf der Erde iiberhaupt noch kein Wesen, das die
fur die heutige Menschheit und hohere Tierwelt wichtigste Eigen-
schaft hatte, die Eigenschaft des roten, warmen Blutes: die Innen-
warme.
Wiirden Sie mit mir in der Zeit zuriickgehen und die Wesen des
alten Mondes untersuchen, so wiirden Sie finden, daft alle diese We-
sen des alten Mondes, auf dem die Vorfahren des heutigen Men-
schen ja schon vorhanden waren, noch die Warme ihrer Umgebung
hatten, so wie heute noch die niederen Tiere, die diese Stufe beibe-
halten haben. Sie hatten, wie man sagt, wechselwarme Leibessafte,
sie hatten die Warme ihrer Umgebung. Das, was als Innenwarme im
Menschen und den hdheren Tieren auftritt, und das, was dazuge-
hort, das rote Blut, war in den damaligen Wesen noch keineswegs
drinnen.
Nun haben wir aber gehort, dafi gleichzeitig mit der Trennung
der Sonne und des Mondes von der Erde ein anderes Weltereignis
stattfand: der Durchgang des Mars durch die Erde. Die Substanzen
der beiden Weltkorper Mars und Erde waren dazumal so diinn, daft
der Mars seiner Substanz nach durch den Erdenkorper hindurchge-
hen konnte. Er liefi einen Stoff zuriick, den die Erde friiher nicht
hatte: das Eisen. Das Eisen gliederte sich der Erde erst ein durch den
Marsdurchgang, und dieses Eisen war die notwendige Vorbedin-
gung, dafi sich rotes Blut bilden konnte. Was war die Folge? Als der
Mond von der Erde weggegangen war und die Erde fur sich allein
zuriickblieb, war die Erde in einer Art von feurigem Zustand; sie war
umflossen von einer Warmeatmosphare. Und jetzt kommen wir zu
einer Vorstellung, die ich Sie bitte ganz genau zu fassen. Denken Sie
sich alle die Warme, die heute in den Leibern der Millionen von Men-
schen und Tieren mit warmem Blut, die die Erde bewohnen, drinnen
ist, heraus, denken Sie sich, dafi sie lebte als Warmeatmosphare um
die Erde herum : dann haben Sie ungefahr den Zustand, in dem die
Erde war, unmittelbar nachdem der Mond weggegangen war.
Die Wesen hatten die Innenwarme noch nicht, die Warme um-
flofi unmittelbar den ganzen Erdball, sie war noch draufien. Wir
konnen uns also die Erde in dieser Zeit vorstellen als einen noch
fliissigen Korper, in dem die Metalle in der verschiedensten Weise
aufgelost waren, und der von diesem Feuer- oder Warmemeer umge-
ben war. In dieses Warmemeer sandte die Sonne, die draufien war,
ihre Lichtstrahlen hinein. Fur den Okkultisten ist nun Licht keines-
wegs blofi physisches Licht, sondern dieses physische Licht ist der
korperhafte, der leibliche Ausdruck fur Geist. So stromte mit den
Sonnenstrahlen auf die Erde herein das Wesen der Geister der Son-
ne. Licht als Ausdruck der Lichtgeistigkeit stromte herein in die
Feueratmosphare, in die Warmeatmosphare der Erde. Stellen Sie
sich das nur ganz lebhaft vor. Sie haben die Erde, sie ist umgeben
von der Warmeatmosphare, und in diese hineinfallend die Sonnen-
strahlen, die aber fur uns Geistesstrahlen sind. Dadurch, dafi diese
Sonnengeister in den Sonnenstrahlen in die Erden warme hineinf al-
ien, bildete sich zuerst die gemeinschaftliche Seele, der gemeinschaft-
liche Astralleib der ganzen Menschheit und der hoheren Tiere. Un-
ten auf dem Erdboden, da waren diese schlafenden Menschenpflan-
zen, die einen Atherleib und einen physischen Leib hatten. Und so,
wie es heute ware, wenn Sie, die Sie alle hier sitzen, jetzt plotzlich
einschlafen wiirden - was ja nicht zu wiinschen ware! -, dann alle
Ihre Astralleiber aus Ihren physischen Leibern herausgehen und sich
vermischen wiirden miteinander, so war es dazumal; nur vermisch-
ten sie sich damals noch starker, sie waren eine ununterschiedene
Masse, als sie die gemeinschaftliche Warme hatten, in die das Licht
der Sonne, das der Ausdruck des Geistes war, hineinschien. Man
nennt bekanntlich den Astralleib des heutigen Menschen auch Aura,
weil er fur den heutigen Seher eine Lichterscheinung darstellt, die den
Menschen umflort, etwa so, wie wenn Sie sich eine ovale, eiformige
Lichtgestalt denken wiirden, die von alien Seiten aus dem Menschen
hervorstrahlt. So war dazumal der astralische Leib des Menschen in
dieser Warmeatmosphare der Erde enthalten, er war noch nicht auf-
geteilt in die einzelnen Astralleiber; und in diese strahlte das Licht
der Sonne hinein, das der Trager der Geistigkeit der Sonne war.
Nun stellen Sie sich einmal kosmisch-universell Ihr eigenes Wer-
den in der damaligen Zeit vor. Das, was heute Ihr physischer und
atherischer Leib ist, was damals Pflanzendasein hatte, das wuchs
gleichsam aus der Erde her aus, es war ureigenstes Erdenerzeugnis.
Und was heute als Seele und Geist in Ihnen lebt, das kam aus der die
Erde umgebenden Atmosphare, das sog Ihr physischer und atheri-
scher Leib allmahlich ein. Und das hatte sich vorbereitet in einer ge-
meinschaftlichen Aura der Erde, die aufierlich leiblich vorgestellt
werden mufi als gemeinschaftliche Warme, die durchleuchtet und
durchstrahlt ist von dem geisterfullten Sonnenlicht. So haben Sie die
Warme, die einstmals die Erde umflorte, aufgenommen. Was heute
in Ihrem warmen Blute lebt, ist ein Teil dieses die Erde umfliefien-
den Urfeuers. Wtirde man heute alle Warme wieder aus den Tier-
und Menschenleibern herausholen konnen, so wiirde man den alten
Zustand des Urfeuers wieder herholen konnen. Was heute als War-
me im Innern lebt, ist die aufgeteilte Warme, die als Warmemeer die
Erde umflofi, und in diesen gemeinschaftlichen Blutkorper flofi hin-
ein das Licht. Auch dieses Licht ist aufgeteilt worden, nach und
nach, und hat des Menschen hohere Geistigkeit geschaffen. In den
blofi physisch-atherischen Leibern war natiirlich nur dumpfe, nie-
dere Geistigkeit vorhanden. Was heute im Kopfe des Menschen
wurzelt, die hohere Geistigkeit, dasjenige, was durch die Einstro-
mungen der Amshaspands gebildet worden ist, das stammt her von
den geistigen Kraften der Sonne.
Und jetzt denken Sie sich in das astrale Anschauen des Hellsehers
hinein. Was sieht er? Er sieht, wie die Erde entsteht, wie der Mond
sich abtrennt; die Erde ist umgeben von Feuernebel, von der ge-
meinschaftlichen Warme, in die hineinstrahlt, sie innerlich wunder-
bar durchleuchtend, die Weltenweisheit. Die Weltenweisheit, die
von der Sonne kommt, sie macht die sonnendurchstrahlte Erde zur
Erdenaura. Das sieht der astrale Hellseher. Und der alte persische
Hellseher nannte das «Aura Mazda», die grofie Aura, Ahura Maz-
dao, die grofie Weisheitsaura, aus der die einzelnen Auren der Men-
schen hervorgegangen sind. Ormuzd ist nur ein verwandelter Aus-
druck fur Ahura Mazdao, die grofie Aura.
Nun gehen wir ein Stiick weiter. Wodurch konnte dieser Zustand
herbeigefiihrt werden, den in so grofier, gewaltiger Weise der astrali-
sche Hellseher wahrnehmen mufi, wenn er sich in diese Zeit zuriick-
versetzt, dieser Zustand, der geschildert ist in der persischen Mythe,
die ja eine Nacherzahlung der Ergebnisse des astralischen Hellsehens
ist? Dadurch wurde dieser Zustand herbeigefiihrt, dafi auch mit der
Sonne geistige Wesenheiten verkniipft sind. Fiir den Materialisten
stromen aus der Sonne blofi die physischen Sonnenstrahlen. Fiir den
aber, der die Dinge okkult durchschaut, ist es so, dafi mit dem Son-
nenlicht die Krafte der geistigen Bewohner der Sonne auf die Erde
herabstromen. Ebenso, wie die Erde von Menschen bewohnt wird,
wird auch die Sonne bewohnt von machtigen Wesenheiten, die sich
von den Erdenwesenheiten dadurch unterscheiden, dafi sie viel, viel
weiter entwickelt sind als die Menschen. Die Genesis, das Alte Te-
stament, nennt diese Sonnenbewohner die Elohim, Lichtwesen. So
wahr die Menschen einen Korper aus Fleisch haben, so wahr haben
diese Sonnenbewohner einen Korper aus Licht. Sie sind Lichtwesen.
Und ihre Krafte sind nicht begrenzt in engem Raum, sie konnen
herausstrahlen bis herunter auf die Erde. Die Taten der Sonnengei-
ster, der Elohim, stromen alien Erdenwesen zu mit dem Sonnen-
licht. In jedem Lichtstrahl, in jedem Sonnenstrahl haben wir die Ta-
ten der Sonnenbewohner zu sehen. Die Menschen werden erst dann
auf dieser Stufe sein, wenn die Erde den Zustand des Vulkan erreicht
haben wird. Sie wissen, die Entwickelung der Erde geht aus von Sa-
turn iiber Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus bis zum Vulkan, den
wir als die letzte Verkorperung der Erde angeben. Wenn die Erde
sich zum Vulkanzustande entwickelt haben wird, dann werden die
Menschen auf der Stufe sein, auf welcher die jetzigen Sonnenbewoh-
ner in ihrem Entwickelungsgang heute sind. So finden wir auch, wo
die Amshaspands heute wohnen. Ihre eigentliche Heimat haben sie
in der Sonne, und von dort aus senden sie uns durch das Sonnenlicht
ihre Taten zu.
Dadurch konnte gerade das im Menschen entstehen, was ich Ih-
nen als die Taten der Amshaspands beschrieben habe. Diese schick-
ten ihre zwolf Strome in das menschliche Haupt hinein und bewirk-
ten dadurch, daft der Mensch das Denken entwickeln konnte, daft er
seine Geistigkeit entwickelte. Auf dem Monde hatten erst die Izards
an dem Menschen gearbeitet und die achtundzwanzig Riicken-
marksnerven ausgebildet. Dann kam dazu die Begabung des Men-
schen mit den zwolf Kopfnerven, die von den Amshaspands, den
Heerscharen des Ahura Mazdao, herriihren. Jedesmal aber blieben
beim Entwickelungsgange eines Weltenkorpers gewisse Wesenhei-
ten zuriick. Sie kommen nicht mit. Nicht nur Gymnasiasten blei-
ben sitzen, sondern auch Weltwesen bleiben zuriick auf einer Stufe,
iiber welche die anderen schon hinausgelangt sind. Wahrend des
Mondendaseins der Erde sind die Elohim, die Sonnen-Lichtgeister,
bis zu jener Stufe emporgestiegen, die es ihnen ermoglicht, in der
Sonne zu leben und ihre Taten der Erde und der Erdenmenschheit
zuzusenden. Andere Geister, die damals schon mit den Elohim auf
derselben Stufe waren, sind zuriickgeblieben, «sitzengeblieben»; sie
vermochten ihre Entwickelung auf dem alten Monde nicht so weit
zu bringen, daft sie ein hoheres Dasein mit der Sonne als Schauplatz
beginnen konnten. Es war diesen zuriickgebliebenen Geistern daher
zunachst nicht beschieden, in den Sonnenstrahlen zu wirken, von
auften herein zu wirken. Sie muftten vielmehr in ihrer Weiter-
entwickelung das, was sie noch nicht auf dem Mond durchgemacht
hatten, in einem niedrigeren Dasein suchen, das mit der Erde selbst,
mit dem Erdenschauplatz verbunden war.
Worin bestand der neue Zustand, der nun auf der Erde hervor-
trat, der den Wesen neue Eigenschaften gab? Er zeigte sich darin,
daft die Warmeatmosphare, die Warmeumgebung nun hineinging in
das Blut. Es entstand das warme Blut. In diesem Zustand suchten
die zuriickgebliebenen Geisterscharen in ihrer Entwickelung das
nachzuholen, was sie vorher nicht haben erreichen konnen. Sie
suchten die Taten, die sie nicht in die Sonnenstrahlen hineinlegen
konnten, nun in die Warme, die zum Innenleben sich umformte,
hineinzutragen.
Stellen wir uns das einmal plastisch vor, wie das die hellseherische
Anschauung sehen kann. [Wahrend der folgenden Ausfiihrungen
wurde an die Tafel gezeichnet, die Zeichnung ist jedoch von den
Mitschreibern nicht festgehalten worden.] Wir sehen, dafi in des
Menschen Haupt und Riickgrat einstromen die Taten der Am-
shaspands und der Izards, die von Ahura Mazdao ausgehen, wah-
rend sich das Innere des Menschen fullt mit dem war men Blute. Der
Menschenleib saugt gleichsam das warme Blut ein, es wird von alien
Seiten von aufien in das Innere des Leibes hineingeleitet. Und es be-
gleitete, wenn wir die okkulte Anatomie des Menschen untersu-
chen, einen jeden solchen Strom, der von den Gegenden des Ahura
Mazdao, des Ormuzd, hergesandt wurde, ein anderer Strom, der mit
der von aufien einstromenden Warme den Nervenstrom begleitete;
den Nervenstrom begleitete die Blutbewegung. Mit diesem einstro-
menden warmen Blut gingen in den Menschen die Krafte derjenigen
Geister hinein, die zuruckgeblieben waren; das waren die Scharen
des Ahriman, die jetzt mit der Warme ebenso ihre Krafte in den
Menschen hineinsandten wie die Amshaspands ihre Lichtkraft. Es
ist also so, dafi wir einem jeden der Strome der Amshaspands entge-
gengesandt haben einen Blutstrom. In diesem roten Blutstrom, der
den Nervenstromungen parallel fliefit, fliefien mit die Gegenmachte
der Devas. Den Amshaspands fliefit in dem roten Blut das entgegen,
was von den Gegnern der Amshaspands und Izards kommt, von den
Devas, den Scharen des Ahriman. Und jetzt fuhlen wir im Blute
pulsieren dasjenige, was von den Scharen des Ahriman kam.
Das also, was der Hellseher auf dem astralischen Plan einstromen
sehen kann in den physischen Leib, finden wir tief und geistvoll wie-
dergegeben in der persischen Mythe. Wir sehen das Zusammenwir-
ken des grofien Lichtes Ahura Mazdao mit der einstromenden War-
me, die das Blut zu der Kraft im Menschen macht, die es ist. Nun
wissen wir, dafi das Blut der Ausdruck des Ich ist. Und so sehen wir,
wie alles dasjenige, was aus der grofien Weisheit, aus Ahura Mazdao
herausstromt - dadurch, dafi ihm entgegenstehen im Blute die Stro-
mungen des Ahriman -, von dem Egoismus begleitet wird. Es
stromt der Egoismus in die ganze geistige Tatigkeit des Menschen
hinein. Wir sehen ihn richtig einstromen, wenn wir uns dieser
Imagination hingeben. In dieser Weise miissen Sie richtig bildlich
sich emporarbeiten zur Anschauung dessen, was auf unserer Erde
geschehen ist.
Und jetzt erinnern wir uns, dafi ja diese Geister, die zuriickgeblie-
ben waren von dem Mondendasein, die es nicht gebracht haben bis
zum Sonne ndasein, dafi diese Geister auf dem Monde ja dieselbe Art
von Wesenheiten waren wie die Sonnengeister, die Scharen des Ahu-
ra Mazdao, welche iiber das Mondendasein hinausgelangt sind. Sie
hatten auf dem Monde die Ich-Stufe erreicht; sie blieben nur zuriick
und haben sich gerade diese Stufe bewahrt. Solange sie auf dem
Monde waren, waren die Geister des Ahura Mazdao, des Ormuzd,
und die Geister des Ahriman auf derselben Stufe, von gleicher
Art, sie waren ichartiger Natur. Dieses Ich, das urspriingliche Ich,
Zaruana Akarana, ist das gottliche Ich, das noch nicht eingezogen ist
in den Leib, das noch im Schofie der Gottheit ruht. Da, wo dieses
Ich sich soweit entwickelt hatte, daft es em Sonnendasein hat erhal-
ten konnen, da bildete es einen solchen astralischen Leib, der unter
der Herrschaft des Ormuzd steht. Aber diesem ist eine niedrigere
Kraft eingegliedert, die Kraft der zuriickgebliebenen Scharen des
Ahriman.
So haben Sie jetzt entstehen sehen dieses vierte Glied der mensch-
lichen Natur, das Ich, und das dritte Glied des Menschen, den
Astralleib, der durchgeistigt ist von zwei Wesenheiten. In ihm sind
eingegliedert die guten Krafte des Ormuzd und die Krafte der egoi-
stischen Natur, des Ahriman. Das Ich ist hineingestellt in den
Kampf, der im eigenen Astralleib wiitet, zwischen den guten Kraf-
ten und den bosen Kraften; es ist die urspriingliche Wesenheit
Zaruana Akarana, die sich spaltet in die guten, die wahren Krafte
des Astralleibes, und in die entgegengesetzten, die die Krafte Ahri-
mans sind. Ahriman oder Angramainyu heifit soviel wie der Wider-
stand-Leistende oder der Oppositionsgeist. So verstehen wir, wie
tatsachlich eine solche Mythe nichts anderes ist als die Wiedererzah-
lung dessen, was die alten astralischen Hellseher gesehen haben.
Nun wollen wir einmal diese von der Sonne auf die Erde wie auch
auf den Menschen herunterstrahlenden Krafte naher ins Auge fas-
sen. Was die persische Mythe Ormuzd oder Ahura Mazdao nennt,
ist eigentlich ein Ausdruck fiir «grofie Seele», es ist das gleiche wie
das, was der Hellene Psyche nennt; und das, was wir unter dem
menschlichen Astralleibe verstehen, ist die «kleine Seele». Die
menschliche Seele ist zusammengesetzt aus Denken, Fiihlen und
Wollen. Das sind die drei Grundkrafte der Seele, die fiir den Okkul-
tisten eigentlich drei selbstandige Wesenheiten sind; wir werden das
spater noch genauer kennenlernen. So, wie sich die menschliche
Seele in diese drei Teile gliedert, so gliedert sich die grofie Seele, die
grofie Aura auch in drei Glieder. Dieser gleiche Zug ist zu finden in
der persischen wie in der mitteleuropaischen Mythe. Die mitteleuro-
paische Mythe nennt nun diese drei Grundkrafte Wotan, Wili und
We; wobei Wotan die denkende, Wili die wollende und We die
fuhlende Kraft darstellt.
Besonders tief konnen wir uns in das ganze astralische Anschauen
dieser alten Zeiten hineinleben, wenn wir sehen, wie uns in der Silbe
«We» nachklingt eine ursprUngliche Bezeichnung fiir die fuhlende
Kraft. Tatsachlich ist alles hohere Fiihlen, auch wenn es lustvolles
Fiihlen ist, hervorgegangen aus dem Weh, aus dem Schmerz. Und
wieso? Stellen Sie sich noch einmal die urspriingliche Menschenge-
stalt vor, die gleichsam heraussprofite aus der Erde, den Pflanzen-
menschen mit physischem Leib und Atherleib. So wie er damals
hervorsprolke, waren die Sinne nur als Anlage da, so wie eine Bliite
schon im Pflanzenkeime enthalten ist. Der Mensch konnte noch
nicht sehen. Solche Augen, wie wir sie heute haben, entstanden erst
in langer, langer Entwickelung. Diese Augen, die heute die Herrlich-
keit des Sonnenlichtes sehen, wie sind sie entstanden nach der
okkulten Physiologie?
Urspriinglich, als nur der physische Leib und der Atherleib vor-
handen waren, war hier an diesen Stellen, wo jetzt die Augen sind,
nichts. Diese Stellen erwiesen sich aber als besonders empfindlich
fur die der Erde zugesandten Sonnenstrahlen. Und was die Sonne
zuerst als Eindruck bewirkte, das war Schmerz. Da entstanden an
diesen Stellen zwei leidende Punkte am Menschenleibe, Schmerz-
stellen, die dauernd verletzt wurden. Es war genau so, wie wenn Sie
sich schneiden wurden und sich Schorf an jener Stelle bildet. So bil-
dete sich auch an jenen empfindlichen Stellen Schorf, und aus die-
sem Schorf formte sich nach und nach der herrliche Wunderbau des
Auges; allerdings nach langer, langer Entwickelung. Das, was der
Schmerz herausgerissen hatte aus dem Leibe, das wurde zum herr-
lichen Auge.
Gar nichts kann als Genufi, als Lust in der Welt entstehen, was
nicht den Schmerz zu seiner Grundlage hat. Genau wie die Satti-
gung mit ihrem Genufi den Hunger zur Voraussetzung hat, so hat
alle Erkenntnis und auch alle Freude den Schmerz zu ihrer Grundla-
ge. Das ist auch der Grand, warum in der Tragodie der Schmerz wie
die Ahnung einer erwarteten Erlosung uns befriedigt. Alles, was in
der Zukunft eine Vollkommenheit haben wird, macht in der Gegen-
wart den Schmerz- und Leidenszustand durch. Aber das bietet uns
Trost, weil wir wissen, dafi dasjenige, was heute Schmerz und Leid
ist, in der Zukunft Vollkommenheitszustande sein werden. Uber-
wundener Schmerz wird in der Zukunft Vollkommenheit. Die heu-
tigen vollkommenen Augen verdanken ihr Dasein den friiheren
schmerzerfiillten Punkten am Menschenleibe; Schmerz, der uber-
wunden wurde. Das meinte der Eingeweihte Paulus, als er das ge-
waltige Wort aussprach: «Alle Kreatur seufzet unter Schmerzen, der
Annahme an Kindesstatt harrend», oder «Alle Kreatur angstigt sich
im Daseinsschmerz und harret der Annahme an Kindesstatt», was
nichts anderes ausdriickt als die Sehnsucht nach einem einst wieder
zu erreichenden Kindschaftsverhaltnis zu Gott. Wer das Dasein be-
greift, sieht den Schmerz durch das ganze Dasein fluten.
Jetzt stellen wir uns die guten Geister vor, ob wir sie wie in der
persischen Mythe Ormuzd oder wie in der germanischen Mythe
Wotan, Wili und We nennen, wie sie zustromen, diese Sonnenkraf-
te. Als die Wasser der Atlantis sich verloren hatten und die Sonne
freigeworden war, da wirkten sie in den Sonnenstrahlen und durch-
drangen die Luft. Deshalb sind die Lichtgeister zugleich auch Luft-
geister, die man beschrieb als Wotans wildes Heer; man empfand
diese Geister in den drei Teilen Wotan, Wili und We. Wir wollen
uns davon ein Bild machen, wie es sich dem astralischen Hellseher
darstellt. Nehmen Sie den Menschen, als er noch Pflanzenmensch
war, aus physischem und Atherleib bestehend. Die Sonne wirkte
mit ihrer Kraft ein: durch Wotan in das Denken, durch Wili, der
alles Willensartige gibt, und durch We, der alles Gefuhlsartige gibt;
alles Gefuhlsartige ruht im Weh, das fiihlen wir aus dem Namen
heraus.
Wie mufi das nun erzahlt werden, wenn es sachgemafi erzahlt
werden soil? Wotan, Wili und We gingen am Meeresstrand; sie fan-
den dort Pflanzen, und sie begabten diese Pflanzen mit ihren Kraf-
ten: Wotan mit Geist und dem allgemeinen seelischen Leben, Wili
mit Gestalt, Verstand und Bewegung, mit allem, was im Willen wur-
zelt, We mit Antlitz und Farbe, mit Sprache, Gehor und Gesicht,
mit alle dem, was in den Gefiihlen wurzelt. So entstanden die ersten
Menschen. In diesen Bildern der mitteleuropaischen Mythe vom
Gang der drei Gotter am Meeresstrande, vom Finden der Baume
und dem Begaben der Baume mit den gottlichen Kraften und Eigen-
schaften, erkennen wir, wie diese in der Sonne lebenden Geister aus
ihrer grofien Aura ihre Krafte gaben und in die einzelne Menschen-
aura einstromen liefien. Durch den Okkultismus konnen wir die
Dinge wieder wortlich nehmen. Wir sehen, wie den Bildern der
Mythologie wirkliche Tatsachen zugrunde liegen; und wir schauen
tief hinein in die hellseherischen Schauungen des Weisen, der in den
Mysterienstatten lehrte, und der das, was er astralisch wahrnahm,
dem bis zu einem gewissen Grade noch hellsehenden Volke in ima-
ginativen Bildern erzahlen konnte. Er gab dem Volke Wahrheiten,
die er erfuhr in einem halbwachen, hellseherischen Zwischenzustan-
de. Er wufke, bei jenen Menschen, die noch einen gewissen Grad
von Hellsehen hatten, konnte er auf Verstandnis rechnen. Wenn
wir vom Gesichtspunkte des Okkultismus aus uns in die Seek sol-
dier Vorfahren versenken, weitet sich der Blick. Niemals kann dann
uber uns der Hochmut und Eigendiinkel der Aufklarerei kommen,
der da sagt: Wie haben wir es so herrlich weit gebracht! - 1st es nicht
ein furchtbarer Hochmut, der Diinkel der Menschen des 19. Jahr-
hunderts, daft gegeniiber den Wahrheiten, die das 19. Jahrhundert
gefunden hat, alles andere, was die Menschen vorher gewuftt haben,
nur kindliche Phantasie sei, und daft das, was heme gefunden wird,
fur alle Zeiten gelten miisse? 1st es nicht ein furchtbarer Hochmut,
wenn diejenigen, die heute auf den Kathedern der Universitaten und
Gerichtssale predigen, und jene, die herumkurieren, behaupten, daft
die einzige Form der Wahrheit das sei, was die letzten Jahrzehnte
hervorgebracht haben? Sie halten sich fur demiitig, aber es ist der
argste Hochmut, der in dieser Gesinnung steckt. Uber diese Gesin-
nung hinaus bringt den Geistsucher die Anschauung - die sein Herz,
seine Gedanken und seine Seele ergreifen muft -, daft auch andere
Zeiten die Wahrheit besessen haben, nur in anderer Form, daft es
viele Formen der Wahrheit gibt. Und auch uber den andern Hoch-
mut kommt er hiniiber, daft fur alle Ewigkeit das gelten soil, was
von den heutigen Gelehrten gesagt wird. Wie sich seit unseren Vor-
fahren die Formen des Wissens geandert haben, wie sie in Bildern er-
zahlt haben, was wir heute in anderer Form, in der Form des Ok-
kultismus verkundigen, so werden kunftige Zeiten die Wahrheit
nicht in unseren Formen verkundigen, sondern in anderen Formen,
die weit uber die unsrigen hinausgewachsen sein werden. Wir wis-
sen, daft die Wahrheit ewig ist, wir wissen aber auch, daft sie in den
verschiedensten Formen durch die Menschenseelen flieftt.
Das eine ist, daft unser Blick sich weitet; und das andere ist, wie
solche Erkenntnisse in unser Inneres lebendig einfliefien miissen.
Das werden wir einsehen, wenn wir das Folgende bedenken : Was ist
denn eigentlich dieser astralische Leib, den wir in uns tragen? Er ist
ein Stuck dieser groften Weisheitsaura, ein Stuck der Aura Mazda,
die der Weisheitskorper der ganzen Erde ist, und der Krafte von der
Sonne zustromen. So gehen wir herum auf der Erde und fvihlen, daft
wir Trager sind der Sonnenkrafte, die eingeflossen sind in die Erden-
aura. Da wachst unser Gefiihl fur etwas, was wir ausbilden mussen:
dafi dieser menschliche Leib und diese menschlichen Leiber uns
iibergeben sind von der grofien Weltenweisheit, dem grofien Wel-
tengeist. Man nennt im Okkultismus den menschlichen Leib auch
einen Tempel. Und wir tragen die Verantwortung dafiir, dafi wir
das wieder zum leuchtenden Urgrund zuriickbringen, was wir be-
kommen haben, zuriickbringen in einer entsprechenden Verede-
lung, Lauterung und Vervollkommnung. So lernen wir uns eins zu
fuhlen mit dem Weltendasein. Nicht in phantastischer Weise, son-
dern stiickweise lernen wir, ein Ton zu sein in der grofien Orche-
stermusik, die den Kosmos durchklingt und die wir als Spharenmu-
sik bezeichnen. Da wachst unser Verantwortungsgefuhl, zu gleicher
Zeit ein gewisses Hochgefiihl, verbunden aber mit Demutsgefiihlen
im richtigen Gleichgewicht. Das gibt uns die Lehre der Theosophie:
Sie lehrt uns in genauer Weise, nicht blofi, dafi wir Menschen sind
und was fiir Menschen wir sind, sondern sie macht uns zu geistigen
Menschen, die wissen, was ihr Anteil ist in dem geistig-kosmischen
Dasein. Das ist die Ethik, die Morallehre, die aus der Erkenntnis
flielk. Wenn wir das erfassen, dann pulsieren moralische Gefuhle
durch uns, die nichts haben von Sentimentalitat und Philistrositat.
Eine naturliche Morallehre geht durch uns, wenn wir die Moralleh-
re als eine unmittelbare Folge der Erkenntnis empfinden. Die Theo-
sophie kann gar nicht anders, wenn sie richtig verstanden wird, als
den Menschen die hochsten moralischen Begriffe zu bringen, weil
sie das Wissen, die Erkenntnis davon bringt, wie der Mensch hinein-
gestellt ist in den ganzen Weltenzusammenhang. Niemals wird die
Theosophie sich herbeilassen zu Ermahnungen und Moralpredig-
ten. Niemand wird besser, wenn man ihn ermahnt: Sei gut! oder:
Tue das, denn es ist gut! -, denn das fuhrt den Menschen unter alien
Umstanden zu Sentimentalitat und Philistrositat. Die Theosophie
zeigt uns, was der Mensch ist und welches sein Zusammenhang mit
der ganzen Welt ist, und sie betrachtet es in gewisser Weise als nicht
ganz schamvoll, wenn man an den Menschen heranriickt mit mora-
lischen Grundsatzen, weil der Mensch so geartet ist, dafi er aus Er-
kenntnis - dann, wenn er sich selbst erkennt -, ganz von selbst der
richtigen Moral folgt. Nicht im niederen, sondern im hoheren Sinne
empfindet es der Okkultist wie eine Verletzung des geistigen Scham-
gefuhls, wenn er sich direkt, unmittelbar an die Gefiihle der Men-
schen wenden sollte. Er wendet sich direkt an die Erkenntnis, aber
er stellt solche Erkenntnis so hin, dafi sich dem Menschen die Ge-
fiihle daran angliedern. Er stellt die objektiven Tatsachen vor den
Menschen hin, dann kommen schon die Gefiihle. Er tritt dem Men-
schen nicht nahe, weil er den grofiten Respekt hat vor dem Men-
schen, und weil er den Sinn dafiir hat, dafi in jedem Menschen der
sich vervollkommnende Mensch zu achten und zu schatzen ist.
Lernt der Me
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