Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier grossen Festeszeiten. Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 
der anthroposophischen gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Der Jahreskreislauf 
als Atmungsvorgang der Erde 
und die vier groBen Festeszeiten 

Fiinf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 31. Marz bis 8. April 1923 



Die Anthroposophie 
und das menschliche Gemiit 

Vier Vortrage, gehalten in Wien 
vom 27. September bis 1. Oktober 1923 



1990 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschiiften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Die Herausgabe besorgten R. Friedenthal und E. Frobose 



1. Auflage Dornach 1936 

2. Auflage Dornach 1957 

3, Auflage (im Sammelband mit 
«Die Anthroposophie und das menschliche Gemiit» 
und «Das Mitetleben des Jahreslaufes 
in vier kosmischen Imaginationen») 
Gesamtausgabe Dornach 1966 

4. Auflage, zusammen mit 
«Die Anthroposophie und das menschliche Gemut» 
Gesamtausgabe Dornach 1976 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1980 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1990 



Einzelausgabe 

«Die Anthroposophie und das menschliche Gemiit, 
Betrachtungen uber die Michael-Idee in ihrer wahren 
Gestalt und liber die Wiederbelebung des Michael-Festes». 
Dornach 1937, 1957, 1976, 1986. 



Bibliographie-Nr. 223 

Einbandzeichnung von Assja TurgeniefT 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen von Rudolf Steiner, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff (siehe auch S. 163) 
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1976 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel 

ISBN 3-7274-2231-9 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 
1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposo- 
phischen Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, daB seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlaBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fur die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

t)ber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdr.ucke zuganglich waren, zu seinen 
offentlichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbst- 
biographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entspechende 
Wortlaut ist am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort 
Gesagte gilt gleichermaBen auch fur die Kurse zu einzelnen Fach- 
gebieten, welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen 
der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



DER JAHRESKREISLAUF ALS ATMUNGSVORGANG DER 
ERDE UND DIE VIER GROSSEN FESTESZEITEN 

Erster Vortrag, Dornach, Karsamstag, 31. Marz 1923 . . 
Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die damit 
verbundenen Feste. Wintersonnenwende, Einatmung: Geburt 
Jesu. Agyptische und chaldaische Mysterien. Ostern: Beginn der 
Ausatmung, Festsetzung des Osterfestes. Johanni: Ausatmung. 
Michaeli: Beginn der Einatmung. Michaels Kampf mit dem Dra- 
chen. Der 29. September. Das Michaelfest. 



Zweiter Vortrag, Ostersonntag, 1. April 1923 

Das Wesen des Ostergedankens. Paulus. Der Jahreslauf als Ein- und 
Ausatmung des Seelisch-Geistigen der Erde. Weihnachten Atemhal- 
ten. Die chthonischen Mysterien. Die Mondkrafte. Wirken ahrima- 
nischer Krafte. Johanni Ausatmung. Das Unterirdische und das 
Uberirdische. Ostern: Das Mysterium von Golgatha. Johannige- 
danke Gegenpol zum Weihnachtsgedanken, Michaelgedanke Ge- 
genpol zum Ostergedanken. Das Michaelfest als Herbstfeier. 



Dritter Vortrag, Ostermontag, 2. April 1923 

Friiheres Miterleben des Jahreslaufs. Mittelalter: Ostergedanke, 
Grablegung und Auferstehung. Scholastik: Thomas von Aquino, 
Albertus Magnus; moderne Naturwissenschaft als Ergebnis der 
Scholastik. Zukunft: Erneuerung des sozialen Lebens durch den 
Michaelgedanken. Die Elementarwesen im Jahreslauf. Dreigliede- 
rungsimpuls als Naturgeistimpuls. 



Vierter Vortrag, 7. April 1923 

Hochsommer- und Tiefwinterfeste alter Zeiten im Zusammenhang 
mit dem Mysterienwesen, im traumhaften BilderbewuBtsein der 
damaligen Menschheit. Sommer: Reigentanze, Poetisch-Musikali- 
sches. Das Wesen des Vogelgesangs. Winter: Ratselraten, plasti- 
sches Gestalten, Tierformen, Erleben der menschlichen Gestalt. 



Funfter Vortrag, 8. April 1923 

Das Miterleben des Naturlaufs in den alten Mysterien. Hoch- 
sommer: Empfange das Licht. Gottlich-moralische Erleuchtung. 
Herbst: Schau um dich. Erkennen. Winter: Hike dich vor dem 
Bosen. Besonnenheit. Friihling: Erkenne dich selbst. Busse. - 
Naturerkennen, Geisterkennen. Offenbarung des Nkht-Geistigen 
in der Naturwissenschaft. Die Erneuerung des Michaelfestes als 
eines Festes des Seelenmutes. 



DIE ANTHROPOSOPHIE UND DAS MENSCHLICHE GEMOT 

Erster Vortrag, Wien, 27. September 1923 

Wirkung des Bildes von Michaels Kampf mit dem Drachen auf das 
menschliche Gemiit in alteren Zeiten, Die Hierarchien als Offenba- 
rer gottlich-geistigen Willens. Der Drache als eine verfriiht zum 
freien Willen gekommene geistige Wesenheit. Sturz des Drachens 
vom Himmel auf die Erde als Tat Michaels. Der Mensch als 
Doppelwesen. Die Natur im Menschen Statte des Drachens. 
Kampf Michaels mit dem Drachen in alten Zeiten ein kosmisches, 
spater ein im Inneren des Menschen stattfindendes Ereignis. Ent- 
wicklung der Anthroposophie aus der Kosmosophie. Starkwerden 
des Michael-Bildes im Menschen im letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts. Hereinstrahlen Michaels in das menschliche Gemiit. 
Biindnis des Menschen mit Michael. Michaelsfest als sozialer 
Impuls. 



Zweiter Vortrag, 28. September 1923 

Kampf Michaels mit dem Drachen. Zuriickfindung zum Geiste 
durch das Ergreifen der Michael-Idee. Die Jahresfeste und das 
zukunftige Michaelsfest. Erlosung der Elementarwesen durch Ge- 
miitsbeziehung des Menschen zum Tier-, Pflanzen- und Mineral- 
reich. Der Drache im Menschen. Gefahr des Verfalls der Erde 
durch das Aufgesaugtwerden durch den Drachen. Auswirkungen 
fur den Menschen: geistig: Glaube an eine bloB materielle Au- 
Benwelt; seelisch: Schwere; Korper: Gefahr, Opfer von Bazillen- 
wirkungen zu werden. Alles dies war fur die Erlangung der Frei- 
heit notwendig. Heutige Notwendigkeit: aus freien Stiicken den 
Sieg Michaels mitzumachen. Erwarmung des menschlichen Ge- 
miits durch die Anthroposophie. 



Dritter Vortrag, 30. September 1923 123 

Michael-Impuls: Mensch nicht nur Erdenbiirger, sondern Burger 
des wahrnehmbaren Weltenalls. Dieses ist Grundlage fur das Reali- 
sieren eines Michaelsfestes. — Das Wesen des Traums; geringe 
Bedeutung des Inhaltes, groBe Bedeutung des dramatischen Ab- 
laufs. «Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft» von Lud- 
wig Staudenmaier. Der Physiologe Johannes Muller und seine 
Traume. - Die Mysterienstatten der Druiden bei Penmaenmawr. 
Besondere geistige Atmosphare dieser Gegend. Beobachtungen 
der Druidenpriester iiber das Geistig-Seelische der Sonnenstrah- 
lung. Druidenkreise und GrundriB des 1. Goetheanum. Lesen 
des Gotterwillens in der Sternenschrift. Der Mithraskult. Ausbil- 
dung des Empfindungsvermogens des Mithrasschiilers. Symbo- 
lum des Stiers, des Skorpions, der Schlange. Beziehung des Mon- 
des zum Wetter. Fechner und Schleiden. Die Urweisheit, die 
katholische Kirche, die Veden und die Vedantaphilosophie. Riick- 
zug der Urlehrer auf den Mond. Das Saturngeheimnis. Vokale und 
Konsonanten der Weltenschrift. Die Aufgabe der Saturngeister. 
Die Kant-Laplacesche Theorie. Ruf nach dem Michaelsfest als Ruf 
nach dem Geisteslicht. 

Vierter Vortrag, 1. Oktober 1923 147 

Planeten als Offenbarung geistiger Wesenheiten. Betrachtungs- 
weise der Geologic Das Geistige im Physisch-Sinnlichen wird 
durch Imagination, Inspiration und Intuition gefunden. Elemen- 
tarwesen der Pflanzen im Winter, im Friihling. Festsetzung des 
Weihnachts- und Osterfestes. Das Johannifest. Das Kreisen des 
Blutes im Menschen und das Kreisen der Elementarwesen. Schu- 
lung des Gemiits durch Anthroposophie. Jahreslauf als beseeltes 
Wesen. Das Miterleben des Jahreslaufs bei den Mithraspriestern 
und bei der Menschheit in Gegenwart und Zukunft. Michael-Kraft 
hilft zur Entfaltung des SelbstbewuBtseins. Abwandlung von Na- 
turbewuBtsein zum SelbstbewuBtsein zur Losung des sozialen 
Problems. Osterfest: erst Tod, dann Auferstehung; Michaelsfest: 
erst Auferstehung, dann Tod. 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 165 

Hinweise zum Text 166 

Namenregister 170 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 171 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 173 



Der Jahreskreislauf 
als Atmungsvorgang der Erde 
und die vier groBen Festeszeiten 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, Karsamstag, 31.Marz 1923 



In der Zeit, in welcher die groBen Festtage des Jahres an unsere 
Seele herantreten, ist es gut, aus der Efkenntnis der geistigen Welt- 
zusammenhange sich immer wiederum den Sinn des Festjahres vor das 
Auge zu fiihren, und ich mochte das heute in der Weise tun, daB ich 
Ihnen darlege, wie aus der ganzen Konstitution der Erde heraus zu 
verstehen ist, was sich ja immerhin unter dem EinfluB geistiger Er- 
kenntnisse als das Festesjahr im Laufe langer Zeiten festgelegt hat. 
Wir miissen nur, wenn wir in einem solchen Zusammenhange iiber die 
Erde und ihre Tatsachen sprechen, uns klar dariiber sein, daB wir die 
Erde nicht auffassen diirfen als den bloBen Zusammenhang von Mi- 
neralien und Gesteinen, als der sie von der mineralogischen und geolo- 
gischen Wissenschaft angesehen wird, sondern wir miissen die Erde als 
einen lebendigen, beseelten Organismus ansehen, der aus seinen inne- 
ren Kraften das Pflanzliche, das Tierische, das Physisch-Menschliche 
hervortreibt. So daB, wenn wir von einem gewissen Gesichtspunkte, 
wie wir es heute tun werden, von der Erde sprechen, wir die Gesamt- 
heit alles Lebendigen, alles beseelt Korperlichen, das sich auf der Erde 
findet, zu dem Wesen der Erde hinzurechnen wollen, und dann triflt 
dasjenige zu, was ich jetzt auseinandersetzen werde. 

Sie wissen ja, die Erde mit all den Wesenheiten, die zu ihr gehoren - 
betrachten Sie nur die Pflanzendecke der Erde -, verandert im Laufe 
eines Jahres vollstandig ihre Gestaltung, verandert alles das, womit sie 
gewissermaBen als mit ihrer Physiognomie hinausschaut in den Wel- 
tenraum. Jeweils nach einem Jahre ist die Erde wiederum ungefahr 
bei demselben Punkte angelangt, in welchem sie mit ihrem Aussehen 
vor einem Jahre stand. Sie brauchen ja nur daran zu denken, wie un- 
gefahr alles in bezug auf die Witterungsverhaltnisse, in bezug auf das 
Hervorkommen der Pflanzen, in bezug auf das Erscheinen tierischer 
Wesenheiten, wie in bezug auf all dieses die Erde an diesem Marzende 
1923 ungefahr wiederum bei dem Punkte ihrer Entwickelung ange- 
langt ist, an dem sie am Marzende des Jahres 1922 stand. 



Wit wollen heute einmal diesen Kreislauf der Erde als eine Art 
groBer Atmung betrachten, welche die Erde vollzieht gegeniiber ihrer 
kosmischen Umgebung. Wir konnen noch andere Vorgange, die an 
der Erde und urn die Erde sich abspielen, als eine Art Atmungsvor- 
gange auffassen. Wir konnen auch von einer taglichen Atmung der 
Erde sprechen. Allein wir wollen heute einmal den Jahreslauf im 
groBen wie einen machtigen AtmungsprozeB der Erde ins Auge fassen, 
wobei allerdings nicht die Luft von der Erde aus- und eingeatmet 
wird, sondern diejenigen Krafte, welche zum Beispiel in der Vege- 
tation des Pflanzlichen wirken, die Krafte, die im Friihling aus 
der Erde die Pflanzen heraustreiben, die im Herbst wiederum sich 
zuriickziehen in die Erde, welk werden lassen die griinen Pflanzen- 
bestandteile und endlich ablahmen das Pflanzenwachstum. Also 
wie gesagt, nicht eine Luftatmung ist es, von der wir sprechen, 
sondern die Atmung, die Ein- und Ausatmung von Kraften, von 
denen man eine Teilvorstellung gewinnen kann, wenn man auf 
das Pflanzenwachstum im Laufe eines Jahres sieht. Diesen Jahres- 
atmungsprozeB der Erde wollen wir uns heute einmal vor die Seele 
fiihren. 

Sehen wir hin zunachst auf die Zeit, in welcher die Erde sich in der 
sogenannten Wintersonnenwende befindet, im letzten Drittel des De- 
zember nach unserer heutigen Jahresrechnung. In dieser Zeit miissen 
wir in bezug auf diesen Atmungsvorgang die Erde so ansehen, wie wir 
den Menschen ansehen bei seiner Lungenatmung, wenn er eingeatmet 
hat, wenn er die Atemluft in sich hat und sie in sich verarbeitet, wenn 
er also den Atem in sich halt. So hat die Erde diejenigen Krafte, in 
bezug auf die ich jetzt von Aus- und Einatmung spreche, in sich. Sie 
halt sie, diese Krafte, mit dem Ende des Dezember. Und was da mit 
der Erde geschieht, kann ich Ihnen in der folgenden Weise schematisch 
Tafel l* aufzeichnen. Denken wir uns, das (siehe Schema Seite 13, rot) stellte 
die Erde vor. Wir konnen in bezug auf diese Atmung nur immer einen 
Teil der Erde betrachten. Wir betrachten denjenigen Teil, den wir 
selbst bewohnen; auf der entgegengesetzten Seite der Erde liegen die 
Bedingungen ja eben entgegengesetzt. Wir miissen uns die Atmung 
der Erde so vorstellen, daft an einem Orte der Erde Ausatmung ist, 



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* Zu den Tafeln siehe Seite 165. 



am entgegengesetzten Einatmung, aber wir brauchen darauf heute 
keine Riicksicht zu nehmen. 

Wir stellen uns vor die Dezemberzeit. Wir stellen uns vor das, was 
ich hier als Gelbes einzeichne, als eben der gehaltene Atem in unserer 
Gegend. Die Erde hat vollstandig eingeatmet; sie halt die Krafte, von 



denen ich eben gespr ochen habe, in sich zusammen. In diesem Augen- 
blicke des Jahres ist die Erde so, daB man sagen kann, sie halt ihr 
Seelisches in sich. Sie hat ihr Seelisches ganz in sich gesogen, denn die 
Krafte, von denen ich gesprochen habe, die sind das Seelische der 
Erde. Die Erde also halt mit Ende Dezember ihr Seelisches ganz in 
sich. Sie hat es ganz aufgesogen, so wie der Mensch, wenn er ein- 
geatmet hat, die Luft ganz in sich halt. Das ist die Zeit, in welche mit 
Recht die Geburt Jesu gesetzt wird, weil da die Erde gewissermaBen 
im inneren Besitz ihrer gesamten Seelenkraft ist. Und indem Jesus 
geboren wird in diesem Zeitpunkte, wird er herausgeboren aus einer 
Erdenkraft, die alles Erdenseelische in sich tragt. Und einen tiefen 
Sinn haben in der Zeit des Mysteriums von Golgatha die Eingeweih- 
ten, die, ich mochte sagen, der alten Einweihung noch wiirdig waren, 
einen tiefen Sinn haben diese Eingeweihten verbunden mit der An- 
schauung, die sie ausgebildet haben von dem Fallen der Geburt Jesu 
in diesen Zeitpunkt der irdischen Einatmung, des irdischen Atem- 
haltens. 





Diese Eingeweihten haben etwa das Folgende gesagt. Wenn man in 
alten Tagen, da unsere Einweihungsstatten gestanden haben innerhalb 
der chaldaischen, innerhalb der agyptischen Kultur, von jener Wesen- 
heit, die das Hohe Sonnenwesen darstellt, sprach und man wissen 
wollte, was dieses Hohe Sonnenwesen zu sagen hatte den irdischen 
Menschen, dann bildete man sich iiber diese Sprache des Hohen 
Sonnenwesen s auf die folgende Weise eine Ansicht. Man beobach- 
tete das Sonnenlicht in seiner Geistigkeit nicht direkt; man beob- 
achtete das Sonnenlicht in der Art, wie es vom Monde zuriick- 
gestrahlt wird. Indem man den Blick hinaufwendete zum Monde, 
sah man mit Hilfe des alten hells eherischen Seelenblickes mit 
dem Heranfluten des Mondenlichtes die Offenbarung des Geistes 
des Weltenalls. Und in einer mehr auBerlichen Weise ergab sich der 
Sinn dieser Offenbarung, indem man die Konstellation des Mondes 
in bezug auf die Fixsternbilder und in bezug auf die Planeten be- 
obachtete. 

So beobachtete man denn in den chaldaischen und namentlich in 
den agyptischen Mysterien zur nachtlichen Stunde den Stand der 
Sterne, namentlich in bezug auf das heranflutende Mondenlicht. Und 
geradeso wie der Mensch aus den Buchstaben, die erauf seinem Papier- 
blatt hat, sich den Sinn desjenigen klar macht, was er lesen will, so 
schaute man hin, wie Widder, Stier zum flutenden Mondenlichte 
standen, wie Venus, wie die Sonne selber und so weiter, zum flutenden 
Mondenlichte standen. Und aus dem Verhaltnis, wie die Sternbilder 
und Sterne zueinander standen, namentlich wie sie orientiert wurden 
durch das flutende Mondenlicht, las man ab, was der Himmel der 
Erde zu sagen hatte. Man brachte das in Worte. Und nach dem Sinne 
dessen, was da in Worte gebracht wurde, suchten die alten Eingeweih- 
ten. Sie suchten, was jenes Wesen, das spater der Christus genannt 
wurde, dem irdischen Menschen zu sagen hatte. Auf das sahen jene 
alten Eingeweihten hin, was die Sterne im Verhaltnis se zum Monde 
dem irdischen Leben sagen konnten. 

Aber nun, als das Mysterium von Golgatha herannahte, da ging, 
mochte ich sagen, eine groBe geistig-seelische Metamorphose durch 
alles Mysterienwesen. Da sagten die Altesten dieser Eingeweihten zu 



ihren Schiilern: Jetzt kommt eine Zeit, wo fortan nicht mehr die 
Sternkonstellationen auf das flutende Mondenlicht bezogen werden 
diirfen. Das Weltenall spricht anders zu den if dischen Menschen in der 
Zukunft. Es muB das Licht der Sonne direkt beobachtet werden. Wir 
rmissen heriiberwenden die geistigen Erkennerblicke von den OfTen- 
barungen des Mondes zu den Offenbarungen der Sonne. 

Was dazumal zuerst in den Mysterien Lehre wurde, das machte 
einen gewaltigen Eindruck auf diejenigen Menschen, die noch zu den 
Eingeweihten eben der alteren Zeiten in der Epoche des Mysteriums 
von Golgatha zahlten. Und von diesem Gesichtspunkte aus beurteil- 
ten diese Eingeweihten das Mysterium von Golgatha. Aber sie sagten : 
Es muB etwas in das Erdengeschehen hereinfallen, was diesen t)ber- 
gang von dem Mondenhaften zu dem Sonnenhaften bewirken kann. - 
Und so kamen sie auf die kosmische Bedeutung der Geburt Jesu. 
Die Geburt Jesu sahen sie an als etwas, was von der Erde aus den 
Impuls gab, fortan nicht mehr den Mond zum universalen Regenten 
der Himmelserscheinungen zu machen, sondern die Sonne selber. 
Aber das Ereignis, das da hineinfallt, das muB besonderer Art sein - so 
sagten sie sich. Und diese besondere Art ergab sich ihnen durch das 
Folgende. Sie fingen an zu verstehen den inneren Sinn dieses Erden- 
geschehens im letzten Drittel des Dezember. Sie fingen an zu ver- 
stehen den Sinn des Erdengeschehens zu der Zeit, die wir jetzt die 
Weihnachtszeit nennen. Sie sagten sich: Auf die Sonne muB alles be- 
zogen werden. Aber die Sonne kann auf die Erde nur Gewalt ausiiben, 
wenn die Erde ihre Krafte ausgeatmet hat. Zur Weihnachtszeit hat sie sie 
eingeatmet, halt sie den Atem in sich. Wird da der Jesus geboren, so 
wird er zu einer Zeit geboren, in der die Erde gewissermaBen nicht 
spricht mit den Himmeln, in der die Erde mit ihrem Wesen ganz in 
sich selber zuruckgezogen ist. Da wird der Jesus in einer Zeit geboren, 
in der die Erde einsam durch den kosmischen Raum hinrollt, ohne 
ihren Atemzug hinauszusenden, so daB dieser Atemzug durchwellt 
werden konnte von der Sonnenkraft, von dem Sonnenlichte. Die Erde 
hat gewissermaBen ihr Seelisches in dieser Zeit nicht dargeboten dem 
Kosmos ; sie hat ihr Seelisches in sich zuruckgezogen, sie hat es in sich 
aufgesogen. Der Jesus wird in einer Zeit auf der Erde geboren, in der 



die Erde allein ist mit sich gegeniiber dem Kosmos. - Fiihlen Sie 
dieses, ich mochte sagen, kosmische Empfinden, das einer derartigen 
Berechnung zugrunde Hegt ! 

Verfolgen wir jetzt die Erde weiter im Jahreslauf. Verfolgen wir 
die Erde bis in die Zeit, in der wir eben jetzt stehen. Verfolgen wir die 
Erde ungefahr bis zu der Zeit der Friihlingssonnenwende, bis zum 
Ende des Marz. Da miissen wir schematisch die Sache so zeichnen: 
Tafel 1 Die Erde (siehe Schema Seite 17, rot) hat eben ausgeatmet; die Seele 
ist noch halb in der Erde, aber die Erde hat die Seele ausgeatmet, die 
flutenden Seelenkrafte der Erde ergieBen sich in den Kosmos hinaus. 
Ist nun die Kraft des Christus-Impulses seit dem Dezember innig mit 
der Erde verbunden, mit dem Seelischen der Erde, dann finden wir 
jetzt, wie dieser Christus-Impuls mit dem hinausflutenden Seelischen 
die Erde zu umstrahlen beginnt (Pfeile). Dem, was da als durch- 
christetes Erdenseelisches in den geistigen kosmischen Raum hinaus- 
stromt, dem muB aber jetzt begegnen die Kraft des Sonnenlichtes sel- 
ber. Und die Vorstellung entsteht: Jetzt beginnt der Christus, der sich 
mit der Erde seelisch im Dezember zuriickgezogen hat in das Erden- 
innere, um isoliert zu sein von den kosmischen Einfliissen, mit der Aus- 
atmung der Erde selber seine Krafte hinausatmen zu lassen, sie hin- 
zureichen zum Empfange des Sonnenhaften, das ihm entgegenstrahlt. 
Und wir erlangen eine richtige schematische Zeichnung, wenn wir 
nun das Sonnenhafte als dasjenige, was sich mit der von der Erde 
ausstrahlenden Christus-Kraft vereinigt, also zeichnen (gelb) : 

Der Christus beginnt mit dem Sonnenhaften zusammenzuwirken 
zur Osterzeit. Die Osterzeit fallt daher in die Zeit der Ausatmung 
der Erde. Aber es darf dasjenige, was da geschieht, nicht bezogen 
werden auf das zuriickflutende Mondenlicht, sondern auf das Son- 
nenhafte. 

Dem entstammt die Festlegung der Osterzeit am ersten Sonntag 
nach dem Friihlingsvollmonde, nach dem Vollmonde, der nach der 
Friihlingssonnenwende kommt. Und der Mensch muBte, solches emp- 
findend, gegeniiber der Osterzeit sagen : Habe ich mich mit der Kraft 
des Christus vereinigt, so flutet auch meine Seele mit der Ausatmungs- 
kraft der Erdenseele hinaus in die kosmischen Weiten und empfangt 



die Sonnenkraft, die der Christus von der Erde jetzt ebenso zufuhrt 
den Menschenseelen, wie er sie vor dem Mysterium von Golgatha 
diesen Menschenseelen vom Kosmos herein zugefiihrt hat. 



Damit tritt aber noch etwas anderes ein. Wenn in denjenigen Zeiten, 
in denen das Wichtigste auf der Erde auf das flutende Mondenlicht 
bezogen wurde, Feste festgesetzt wurden, dann wurden sie rein fest- 
gesetzt nach dem, was man im Raume beobachten konnte: wie der 
Mond stand zu den Sternen. Man entzifferte den Sinn, den der Logos 
in den Raum hineingeschrieben hatte, um Feste festzusetzen. Wenn 
Sie sich die Festsetzung des Osterfestes, wie wir es jetzt haben, an- 
sehen, so werden Sie sehen, die Raumesfestsetzung geht bis zu einem 
gewissen Punkte, bis zu dem Punkte, an dem man sagen kann : Es ist 
der Vollmond nach Friihlingsbeginn. - Bis daher alles raumhaft. Jetzt 
aber fallt man aus dem Raum heraus : Sonntag nach dem Friihlings- 
vollmond, Sonntag, wie er nicht raumlich festgesetzt wird, wie er im 
Zyklus des Jahreskreislaufes festgesetzt wird, wie sich im Zyklus der 
Wochentage immer folgen Saturntag, Sonntag, Montag, Dienstag, 
Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Saturntag und so weiter, immer im 
Kreislauf. Jetzt tritt man aus dem Raum heraus, indem man von der 
raumlichen Festsetzung der Mondenkonstellation zu dem reinen zeit- 
lichen Verlaufe im Jahreszyklus der Sonntage iibergeht. 





Das war das weitere, das man in den alten Mysterien empfunden 
hat: daB die alten Feststellungen also auf den kosmischen Raum be- 
zogen wurden und daB man mit dem Mysterium von Golgatha her- 
ausging aus dem kosmischen Raum in die Zeit, die selber nicht mehr 
auf den kosmischen Raum bezogen wurde. Man riB gewissermaBen 
das, was man auf den Geist bezog, vom reinen Raumlichen hinweg. 
Es war ein gewaltiger Ruck der Menschheit nach dem Geiste. 

Und gehen wir im Jahreslauf, ich mochte sagen, in der Atmung der 
Erde weiter, dann finden wir, wie im Juni die Erde den dritten Zu- 
stand hat. Die Erde hat an dem Fleck, den wir jetzt beobachten, ganz 



Tafel 1 




ausgeatmet. Das ganze Seelenhafte der Erde ist in den kosmischen 
Raum hinaus ergossen, das ganze Seelische der Erde ist dem kosmischen 
Raum hingegeben. Das Seelenhafte der Erde durchtrankt sich mit 
der Kraft der Sonne, mit der Kraft der Sterne. Der Christus, der mit 
diesem Seelenhaften der Erde verbunden ist, vereinigt auch seine 
Kraft mit der Sternenkraft und der Sonnenkraft, die da fluten in dem 
an das kosmische All hingegebenen Seelenhaften der Erde. Es ist 
Johanni, es ist Johannizeit. Die Erde hat voll ausgeatmet. Die Erde 
zeigt in ihrer auBeren Physiognomie, mit der sie hinausblickt zum 
Weltenall, nicht ihre eigene Kraft, wie sie sie in sich zeigte zur Winter- 
sonnenwende, die Erde zeigt auf der Oberflache die ruckstrahlende 
Kraft der Sterne, der Sonne, alles dessen, was kosmisch auBer ihr ist. 



Die alten Eingeweihten haben besonders lebhaft, namentlich in 
den nordlichen Gegenden Europas, den inneren Sinn und Geist dieser 
Zeit, unserer Junizeit, gefuhlt. Sie haben ihre eigene Seele mit der 
Erdenseele in dieser Zeit hingegeben gefuhlt den kosmischen Weiten. 
Sie haben sich lebend gefuhlt nicht innerhalb des Irdischen, sondern 
in den kosmischen Weiten. Und vor alien Dingen haben sie sich etwa 
das Folgende gesagt : Wir leben mit unserer Seele in den kosmischen 
Weiten. Wir leben mit der Sonne, wir leben mit den Sternen. Und 
wenn wir den Blick zuriickwenden auf die Erde, die sich erfiillt hat 
mit sprieBenden, sprossenden Pflanzen, die alles mogliche an Tieren 
hervorgebracht hat, dann sehen wir in den sprieBenden, sprossenden 
Pflanzen, in den farbenentfaltenden, farberglitzernden Blumen, sehen 
in den hin und her sich bewegenden Insekten, in den die Luft durch- 
messenden Vogeln mit ihren mannigfaltigen farbigen Federdecken 
wiederum von der Erde wie spiegelnd zuriickglanzen dasjenige, was 
wir in die Seele aufnehmen, wenn wir gerade die Erde verlassen und 
uns mit dem hinausflutenden Atem der Erde verbinden, um kosmisch, 
nicht irdisch zu leben. Aber was sich da tausendfaltigfarbig, sprieBend, 
sprossend, von der Erde hinauswachsend zeigt in den Weltenraum, 
das ist von derselben Art. Nur ist es eben die Reflexion, die riick- 
strahlende Kraft, wahrend wir die direkte Kraft in unseren Menschen- 
seelen tragen. - Das war das Sich-Fuhlen derjenigen Menschen, die 
inspiriert waren von den Einweihungsstatten, welche insbesondere 
das Sommersonnenwendefest verstanden. So sehen wir hineingestellt 
das Johannifest in den groBen Atemzug des Irdischen gegeniiber dem 
Kosmos. 

Verfolgen wir diesen Atemzug noch weiter, so kommen wir end- Tafel 1 
lich zu jenem Stadium, das Ende September eintritt. Die ausgeatmeten 
Krafte beginnen wiederum sich zuriickzubewegen, die Erde beginnt 
wiederum einzuatmen. Die Erdenseele, welche hinausergossen war in 
den Kosmos, zieht sich wiederum in das Innere der Erde zuriick. Die 
Menschenseelen nehmen in ihrem UnterbewuBten oder in ihren hell- 
seherischen Impressionen dieses Einatmen des Erdenseelenhaften als 
Vorgange ihrer eigenen Seele wahr. Die Menschen, die inspiriert 
waren von der Einweihungserkenntnis iiber solche Dinge, sie konnten 



sich Ende September dann sagen: Was uns der Kosmos gegeben hat 
und was mit unserer eigenen Seelenkraft durch den Christus-Impuls 
sich verbunden hat, das lassen wir wiederum zuruckfluten in das 
Irdische, in jenes Irdische, das den ganzen Sommer hindurch nur der 
Reflexion gedient hat, das also wie ein Spiegel sich verhalten hat 
gegeniiber dem Kosmos, dem auBerirdischen Kosmos. 




Ein Spiegel verhalt sich aber so, daB er nichts von dem hindurch- 
laBt, was vor ihm ist. Weil die Erde ein Spiegel des Kosmischen im 
Sommer ist, ist sie gewissermaBen auch in ihrem Inneren undurch- 
sichtig, undurchlassig fur das Kosmische, undurchlassig deshalb fur 
den Christus-Impuls wahrend der Sommerzeit. Da muB der Christus- 
Impuls gewissermaBen in der Ausatmung leben; die Erde erweist sich 
selber als undurchlassig fur den Christus-Impuls. Die ahrimanischen 
Krafte setzen sich fest in dieser fur den Christus-Impuls undurch- 
lassigen Erde. Und wenn der Mensch wiederum zuriickkehrt mit den 
durch die Ausatmung der Erdenkrafte in die eigene Seele aufge- 
nommenen Kraften, auch mit den Christus-Kraften, so taucht er 
unter in die ahrimanisierte Erde. Da aber ist es so, daB im jetzigen 
Zeitlauf der Erdenentwickelung, seit dem letzten Drittel des 19. Jahr- 
hunderts, aus Geisteshohen der untertauchenden Menschenseele zu 
Hilfe kommt die Kraft des Michael, die bei diesem Riickfluten der 
Erdenatmung in die Erde selbst hinein den Drachen Ahriman be- 
kampft. 



Das haben wie prophetisch vorausgesehen diejenigen, die auch 
schon in den alten Mysterien den Jahr eslauf geistig verstanden haben. 
Sie wuBten, daB fur ihre Zeit noch nicht dieses Geheimnis heran- 
gekommen war: daB die Kraft des Michael der untertauchenden 
Menschenseele zu Hilfe kommt. Aber sie wuBten, daB, wenn die 
Seelen immer wieder geboren werden, diese Michael-Kraft eintritt, 
diese Michael-Kraft zu Hilfe kommt den Erdenmenschenseelen. In 
diesem Sinne haben sie den Jahreskreislauf angesehen. Sie finden daher 
im Kalender aus alter Weisheit eingeschrieben auf den 29. September, 
einige Tage nach der Herbst-Tagundnachtgleiche, den Michaeltag. 
Und Michaeli ist gerade fur die einfachen Leute auf dem Lande eine 
auBerordentlich wichtige Zeit. 

Aber Michaeli ist durch seine Einstellung in den Jahreskreislauf 
auch fur diejenigen eine wichtige Jahreszeit, welche den ganzen Sinn 
unserer gegenwartigen Erdenepoche zu verstehen vermogen. MuB 
man doch, wenn man mit dem richtigen BewuBtsein sich in die gegen- 
wartige Zeit hereinstellen will, verstehen, wie in dem letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts die Michael-Kraft in der Art, wie das eben fur 
unsere Zeit sein muB, den Kampf mit dem Drachen, den Kampf mit 
den ahrimanischen Machten aufnimmt. MuB man sich doch selber 
einfugen in den Sinn der Erden- und Menschheitsentwickelung, indem 
man mit dem eigenen BewuBtsein in der rechten Weise an diesem 
kosmisch-geistigen Kampfe teilnimmt. 

Bisher ist der Michaeltag ein Bauernfeiertag. Sie wissen, was ich 
fur einen Sinn damit verbinde : ein Feiertag der einfachen Menschen. 
Er ist dazu berufen, aus dem Einsehen des ganzen Sinnes des irdisch- 
kosmischen Jahresatemzuges immer mehr und mehr das Erganzungs- 
fest fur das Osterfest zu Hlden. Denn so wird die Menschheit, die 
wiederum das Erdenleben auch im geistigen Sinne verstehen wird, 
einmal denken miissen. 

Wahrend die Sommerausatmung geschah, ist die Erdeahrimanisiert. 
Wehe, wenn in diese ahrimanisierte Erde die Geburt Jesu hinein- 
fiele ! Bevor wiederum der Kreislauf vollendet ist und der Dezember 
herankommt, der den Christus-Impuls in der durchseelten Erde ge- 
boren werden laBt, muB die Erde durch geistige Krafte gereinigt sein 



von dem Drachen, von den ahrimanischen Kraften. Und vereinigen 
muB sich die Michael-Kraft mit dem, was hineinflutet als Erden- 
atmung von der Septembef2eit an bis in die Dezemberzeit, vereinigen 
muB sich damit die reinigende, die das bose Ahrimanische besiegende 
Michael-Kraft, damit in der richtigen Weise das Weihnachtsfest heran- 
kommen und in der richtigen Weise sich die Geburt des Christus- 
Impulses vollziehen kann, der dann weiter reift bis zu dem Beginn 
der Ausatmung, bis zu der Osterzeit. 

So sehen wir, daB man sagen kann: Zur Weihnachtszeit hat die 
Erde ihr Seelisches in sich aufgenommen, hat die Erde ihr Seelisches 
in dem groBen Jahresatemzug in sich aufgenommen. Der Christus- 
Impuls wird in dem von der Erde aufgenommenen Erdenseelischen 
im Innern der Erde geboren. Er flutet hinaus in das Kosmische mit 
dem Ausatmen der Erde gegen die Fruhlingszeit hin. Er wird dessen 
ansichtig, was sternenhaft ist, und tritt mit ihm in Wechselwirkung, aber 
so, daB er nicht mehr raumlich bloB in Beziehung tritt, sondern zeit- 
lich, so daB das Zeitliche aus dem Raumlichen herausgenommen ist. 

Ostern ist am ersten Sonntag nach dem Fruhlingsvollmond. Der 
Mensch erhebt sich mit seinem Seelischen innerhalb der Vollaus- 
atmung hinaus in das Kosmische, durchtrankt und durchdringt sich 
mit dem Sternenhaften, nimmt den Atem der Welt mit dem Erden- 
atem selber auf, durchdringt sich mit dem Oster lichen. Und mit dem, 
womit er begonnen hat sich zu durchdringen seit der Osterzeit, steht 
er am starksten drinnen zur Johannizeit, muB dann zuruckkehren mit 
der Erdenseele und zugleich mit seinem eigenen Seelenhaften in die 
Erde, ist aber angewiesen darauf, daB Michael ihm zur Seite steht, 
damit er in der richtigen Weise eindringen kann in das Irdische nach 
Besiegung des Ahrimanischen durch die Michael-Krafte. 

Immer mehr und mehr zieht sich das Seelische der Erde mit der 
eingezogenen Atemkraft in das Irdische selber zuriick, bis die Weih- 
nachtszeit da ist, und in der richtigen Weise feiert dann die Weih- 
nachtszeit derjenige heute, welcher sich sagt: Michael hat die Erde 
gereinigt, damit zur Weihnachtszeit in der richtigen Weise die Geburt 
des Christus-Impulses stattfinden kann. - Dann findet wiederum das 
Hinausfluten in das Kosmische statt. Da nimmt Christus bei dem 



Hinausfluten den Michael mit, damit Michael diejenigen Krafte, die 
er verbraucht hat bei seinem Kampfe gegen das Irdisch-Ahrimanische, 
aus dem Kosmischen sich wiederum aneignen kann. Mit dem Oster- 
lichen beginnt auch Michael wiederum in das Kosmische sich zu ver- 
senken, durchwebt sich mit dem Kosmischen am starksten in der 
Johannizeit. Und ein Mensch, der im rechten Sinne in der Gegenwart 
erfafit, was ihn verbindet als Menschen mit dem Irdischen, der sagt 
sich : Es beginnt fur uns das Zeitalter, in dem wir den Christus-Impuls 
richtig sehen, wenn wir ihn im Jahreskreislauf von der Kraft des Mi- 
chael in der richtigen Weise begleitet wissen, wenn wir gewisser- 
maBen sehen den Christus ziehen, flutend ins Irdische und hinauf in 
das Kosmische, begleitet in der entsprechenden Weise von dem in der 
Erde kampfenden Michael, von dem in den Weltenweiten die Kampfes- 
kraft sich erobernden Michael (siehe Lemniskate). 



So wird auch der Ostergedanke im richtigen Sinne unserer Zeit 
dann erfaBt werden, wenn der Mensch versteht, zu jenem aller- 
grandiosesten Bilde, das hineingestellt ist, Auf klarung bringend in 
das Erdendasein, zu dem Bilde des aus dem Grabe erstehenden, den 




Tafel 2 



Tod besiegenden Christus heute hinzuzufiigen die Wesenheit des 
Michael, zur Rechten des Christus Jesus, beim Durchwir ken der Erden- 
atemkraft mit Christus-Kraft wahrend eines Jahreskreislaufes in der 
Erdenatmung. 

Versteht man so zu jeder der vier groften Festeszeiten des Jahres, 
also auch zur Osterzeit, den Christus-Gedanken in sich lebendig zu 
machen, so macht man ihn heute in dem Sinne lebendig, wie er 
lebendig werden muB, wenn man sich als Erdenmensch ihn richtig in 
seine Gegenwart mit vollem Verstandnis hereinzustellen vermag. Die 
Hoffnung auf das Kommen der Michael-Kraft im Dienste der Christus- 
Kraft beseelte diejenigen, die in der richtigen Weise den Christus- 
Impuls bis in unsere Zeit herein verstanden. 

Die Verpflichtung, im Sinne des Michael-Gedankens sich mit dem 
Christus-Impuls zu durchdringen, erwachst uns insbesondere fur die 
heutige Zeit. Wir durchdringen uns in der richtigen Weise, wenn wir 
den Auferstehungsgedanken zu verbinden wissen mit dem wirksamen 
Michael-Gedanken, wie er sich hereingestellt hat in die Menschheits- 
entwickelung in der Weise, wie ich das ja ofter auseinandergesetzt 
habe. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, Ostersonntag, I.April 1923 



Ich habe gestern versucht, aus dem Esoterischen des Ostergedankens 
heraus Ihnen zu sprechen davon, wie eine Art Ankniipfung an den 
Naturlauf von seiten des geistig Durchdrungenen dadurch wird ge- 
schehen mussen, daB aufgenommen werde gewissermaBen eine 
Herbstesfeier in die Jahresfeste, eine Herbstesfeier als eine Art 
Michael-Fest, welches in die Herbstsonnenwende ungefa.hr so hinein- 
fallen miiBte, wie das Weihnachtsfest in die Wintersonnenwende, das 
Osterfest in die Friihlingssonnenwende, das Johannifest in die 
Sommersonnenwende. 

Heute mochte ich versuchen, diesen dem heutigen Zeitalter an- 
gemessenen Ostergedanken mehr nach seinem Gefuhlsgehalt naher 
auszufuhren, um Ihnen dann morgen die ganze Bedeutung gerade einer 
solchen Betrachtung darzulegen. 

Wenn wir heute das Osterfest feiern und um uns blicken in das 
BewuBtsein der zeitgenossischen Menschheit, dann mussen wir uns 
doch, wenn wir ehrlich mit unserem eigenen menschlichen Inneren 
sind, gestehen, wie wenig wahr heute fur einen groBen Teil der 
Menschheit der Ostergedanke eigentlich ist. Denn wovon hangt die 
Wahrheit des Ostergedankens ab ? Diese Wahrheit hangt doch davon 
ab, wie der Mensch eine Vorstellung damit verkmipfen kann, daB die 
Christus-Wesenheit durch den Tod gegangen ist, den Tod besiegt hat, 
durch die Auferstehung gegangen ist und nach dem Erleiden des 
Todes, nach der erfolgten Auferstehung, sich zunachst mit der 
Menschheit so verbunden hat, daB sie noch Ofienbarungen geben 
konnte denjenigen, welche vorher die Apostel, die Jiinger waren. 

Aber der Auferstehungsgedanke ist ja immer mehr und mehr ab- 
geblaBt. Er war so lebendig in der ersten Entstehungszeit des Christen- 
tums, daB uns aus dieser Epoche die Paulus-Worte heruberklingen: 
«Und ware der Christus nicht auferstanden, so ware euer Glaube 
eitel!» Paulus hat geradezu das Christentum gekniipft an den Oster- 
gedanken, das heiBt an den Gedanken der Auferstehung. Fur die- 



jenigen Menschen, welche die Bildung der heutigen Zeit aufgenom- 
men haben, ist ja die Auferstehung etwas, was man ein Wunder nennt, 
und wird als Wunder aus dem Bereich dessen, was Wirklichkeit ist, 
Wirklichkeit sein kann, hinausverwiesen, so daB fiir alle diejenigen, 
fur welche der Auferstehungsgedanke nicht mehr zu durchdringen 
ist, das Osterfest eigentlich nur einer alten Gewohnheit entspricht, 
wie auch die iibrigen christlichen Feste. 

Nun, wir haben das ja von den verschiedensten Gesichtspunkten 
im Laufe der Jahre erwahnt. Es wird erst wiederum notwendig sein, 
daB eine Erkenntnis der geistigen Welt als soldier an die Menschheit 
herankommt, um Ereignisse, die nicht in den Bereich der sinnlichen 
Wirklichkeit gehoren, zu verstehen. Und als eine solche Tatsache wird 
angesehen werden miissen dasjenige, was mit dem Auferstehungs- 
gedanken verkniipft ist. Dann wird auch wiederum der Ostergedanke 
wirklich lebendig werden konnen. Fur ein Menschengeschlecht, das 
die Auferstehung in den Bereich der unwirklichen Wunder versetzt, 
kann der Ostergedanke nichts Lebendiges sein. Dieser Ostergedanke 
ist ja entstanden in der jenigen Epoche der Menschheit, in welcher noch 
Reste des alten urspriinglichen menschlichen Erkennens der geistigen 
Welt vorhanden waren. 

Wir wissen, daB im Ausgangspunkt der menschlichen Erden- 
entwickelung die Menschen gewissermaBen eine instinktive Hell- 
sichtigkeit gehabt haben, durch die sie in die geistige Welt Einblicke 
gewinnen konnten, durch die sie die geistige Welt so betrachteten, daB 
sie ihnen der physisch-sinnlichen Welt ebenbiirtig war. Diese in- 
stinktive urspriingliche Hellsichtigkeit ist der Erdenmenschheit ab- 
handen gekommen. Sie war etwa in den ersten drei Jahrhunderten 
der christlichen Entwickelung wenigstens in ihren letzten Resten noch 
vorhanden. Daher konnte noch in diesen ersten Jahrhunderten ein 
gewisses, auf alte menschliche Einsichten begriindetes Verstehen des 
Ostergedankens Platz greifen. Ein solches Verstehen wurde abge- 
lahmt im 4. Jahrhundert, wo sich vorbereitete, was ja dann im vollsten 
MaBe aufgetreten ist seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts: das 
Leben der Menschen in den abstrakten toten Gedanken, wie wir das 
des ofteren erortert haben. In diesen abstrakten Gedanken, in denen 



die Naturwissenschaft groB werden konnte, muBte auch der Oster- 
gedanke zunachst ersterben. 

Heute ist die Zeit gekommen, wo dieser Ostergedanke wiederum 
als ein lebendiger Gedanke erwachen muB. Aber er muB, um zu er- 
wachen, eben aus dem Zustande des Todes in den Zustand der Leben- 
digkeit iibergehen. Das Lebendige ist dadurch charakterisiert, daB es 
anderes Lebendiges aus sich hervortreibt. Als der Ostergedanke in den 
ersten christlichen Jahrhunderten in der Christenheit sich ausbreitete, 
da waren die Gemuter noch empfanglich genug, um innerlich Gewal- 
tiges zu erleben im Anblick des Grabes Christi und im Anblick der aus 
dem Grabe ersteigenden, nunmehr mit der Menschheit verbundenen 
Wesenheit. Die Gemuter konnten innerlich kraftig erleben, was sie in 
diesem gewaltigen Bilde sich vor die Seele hingestellt fanden. Und 
dieses innerliche Erleben war eine Realitat im menschlichen Seelen- 
leben. Nur das ist eine Realitat im menschlichen Seelenleben, was 
diese menschliche Seele wirklich in einer Weise ergreift, wie sonst die 
sinnliche AuBenwelt eben die Sinne ergreift. Die Menschen fiihlten 
sich anders geworden dadurch, daB sie das Ereignis des Todes und 
der Auferstehung Christi anschauten. Sie fiihlten sich seelisch durch 
diese Anschauung so verwandelt, wie sich sonst der Mensch durch 
physische Ereignisse im Laufe seines Lebens auf der Erde verandert 
fiihlt. 

Der Mensch wird verwandelt um das siebente Jahr herum durch 
den Zahnwechsel, der Mensch wird verwandelt um das vierzehnte, 
fiinfzehnte Jahr herum durch die Geschlechtsreife. Das sind leibliche 
Verwandlungen. In der Anschauung des Ostergedankens fiihlten sich 
die ersten Christen innerlich-seelisch verwandelt. Sie fiihlten sich da- 
durch also aus einem gewissen Stadium des Menschseins heraus- 
gehoben und in ein anderes Stadium versetzt. 

Diese Kraft, diese Gewalt hat der Ostergedanke im Laufe der Zeit 
verloren. Und er kann sie nur wiederum gewinnen, wenn das, was ja 
nach Naturgesetzen nicht eingesehen werden kann, die Auferstehung, 
innerhalb einer geistigen Wissenschaft, einer das Geistigebegreifenden 
Wissenschaft wiederum eine Realitat gewinnt. Aber eine Realitat wird 
fur das, was geistig erfaBt wird, nur gewonnen, wenn dieses Geistige 



nicht bloB in abstrakten Gedanken erfaBt wird, sondern wenn es im 
lebendigen Zusammenhange mit der auch vor die Sinne tretenden 
Welt begriffen wird. 

Wer das Geistige nur in seiner Abstraktion festhalten will, wer zum 
Beispiel sagt, man soli das Geistige nicht hinunterziehen in die phy- 
sisch-sinnliche Welt, der sollte nur gleich auch von dem Gedanken 
ausgehen, daB die gottliche Wesenheit verunziert werde, wenn man 
vorstellt, daB sie die Welt erschaffen habe. Das Gottliche wird ja doch 
nur dann in seiner GroBe und Gewalt begriffen, wenn man es nicht 
hinausversetzt iiber das Sinnliche, sondern wenn man ihm die Kraft 
zuschreibt, in diesem Sinnlichen zu wirken, dieses Sinnliche schopfe- 
risch zu durchdringen. Es ist eine Herabwiirdigung des Gottlichen, 
wenn man dieses Gottliche gewissermaBen bloB in abstrakte Hohen, 
in ein Wolkenkuckucksheim hinausversetzen will. Und so wird man 
niemals in geistigen Realitaten leben, wenn man das Geistige nur in 
seiner Abstraktheit erfaBt, wenn man es nicht mit dem ganzen Welten- 
laufe, wie er uns entgegentritt, in Zusammenhang bringen kann. 

Der Weltenlauf tritt uns ja fur unser irdisches Leben zunachst so 
entgegen, daB dieses irdische Leben eine Anzahl von Jahren umfaBt, 
daB diese Jahre in einem regelmaBigen Rhythmus die Wiederkehr ge- 
wisser Ereignisse darstellen, wie ich schon gestern angedeutet habe. 
Nach einem Jahre kommen wir ungefahr auf dieselben Geschehnisse 
der Witterung, der Sonnenkonstellation und so weiter zuriick. Der Jah- 
reslauf ist gewissermaBen etwas, was sich in unser irdisches Leben 
in rhythmischer Weise hineinstellt. Wir haben gestern gesehen, daB 
dieser Jahreslauf eine Aus- und Einatmung des Seelisch-Geistigen der 
Erde durch diese Erde selber darstellt. Wenn wir die vier Hauptpunkte 
dieses Erdenatmungsprozesses, wie wir sie gestern vor unsere Seele 
haben treten lassen, noch einmal uns vergegenwartigen, so miissen 
wir sagen: Die Weihnachtsfesteszeit stellt uns dar das innere Atem- 
halten der Erde. Das Seelisch-Geistige ist von der Erde vollig auf- 
gesogen. Tief im Inneren der Erde ruht alles das, was die Erde ent- 
faltet hat wahrend der Sommerzeit, urn es vom Kosmos anregen zu 
lassen. Alles was sich offnete und hingab den kosmischen Kraften 
wahrend der Sommerzeit, ist von der Erde eingesogen, ruht in den 



Tiefen der Erde zur Weihnachtszeit. Der Mensch lebt ja nicht in den 
Tiefen des Irdischen, er lebt physisch auf der Oberflache der Erde. Er 
lebt aber auch geistig-seelisch nicht in den Tiefen der Erde, sondern 
er lebt eigentlich mit dem Umkreis der Erde. Er lebt auch geistig- 
seelisch mit der die Erde umkreisenden Atmosphare. 

Daher hat alle esoterische Wissenschaft immer anerkannt das 
Wesentliche der Erde 2ur Wintersonnenwendezeit, zur Weihnachts- 
zeit, als ein zunachst Verborgenes, als etwas, was mit gewohnlichen 
menschlichen Erkenntniskraften nicht durchschaut werden kann, was 
in den esoterischen Mysterienbereich gehort. Und in alien alteren 
Zeiten, in denen auch etwas Ahnliches da war wie unser heutiges 
Weihnachtsfest, gait es, daB dasjenige, was sich mit der Erde zur Weih- 
nachtszeit abspielt, nur begriffen werden konne durch die Einweihung 
in die Mysterienerkenntnis, durch die Einweihung, wie man es noch 
in Griechenland nannte, in die chthonischen Mysterien. Durch diese 
Einweihung in die Mysterienerkenntnis entfremdete sich gewisser- 
maBen der Mensch von dem Umkreis der Erde, in dem er mit seinem 
gewohnlichen BewuBtsein lebt, so weit, daB er untertauchte in etwas, 
in das er physisch nicht untertauchen konnte: daB er in das Geistig- 
Seelische untertauchte und kennenlernte, was die Erde wahrend der 
Vollwinterzeit dadurch wird, daB sie ihr Geistig-Seelisches einsaugt. 
Und kennen lernte dann der Mensch durch diese Mysterieneinweihung, 
daB die Erde zur Wintersonnenwendezeit ganz besonders empfang- 
lich wird fur die Durchdringung mit den Mondenkraften. Das gait 
als das Geheimnis, wenn ich mich im modernen Sinne ausdriicken 
darf, als das Weihnachtsgeheimnis der alten Mysterien : daB man eben 
zur Weihnachtszeit die Art und Weise kennen lernt, wie die Erde 
dadurch, daB sie mit ihrem Seelisch-Geistigen durchtrankt und durch- 
drungen ist, besonders empfanglich wird fur die Wirksamkeit der 
Mondenkrafte im Inneren der Erde. 

Man traute zum Bei spiel in gewissen alteren Zeiten niemandem eine 
Erkenntnis der Heilwissenschaft zu, der nicht in die Wintergeheim- 
nisse eingeweiht war, der nicht verstand, wie die Erde durch ihr Atem- 
halten fur die Wirksamkeit der Mondenkrafte in ihrem Inneren be- 
sonders empfanglich ist, wie sie zu dieser Zeit insbesondere die Pflan- 



zen mit den Heilkr aften durchdr ingt, wie sie etwas ganz anderes aus der 
Pflanzenwelt, aber auch aus der Welt namentlich der niederen Tiere 
macht. 

Wie ein Hinuntersteigen in die Tiefen des Irdischen empfand man 
die Weihnachtseinweihung. Aber man verknupfte mit dieser Weih- 
nachtseinweihung noch etwas anderes. Man verknupfte mit dieser 
Weihnachtseinweihung etwas, was man in einem gewissen Sinne als 
eine Gefahr fur die menschliche Wesenheit empfand. Man sagte sich 
etwa : Wenn man wirklich liebend anschaute, sein BewuBtsein damit 
erfullend, dasjenige, was in der Erdeals MondenkraftezurWeihnachts- 
zeit lebt, dann kommt man in eine Art von BewuBtseinszustand, in dem 
man innerlich sehr stark sein muB, sich sehr gekraftigt haben muB, um 
auszuhalten den von alien Seiten herkommenden Anprall der ahri- 
manischen Machte, die in der Erde gerade durch die Aufnahme der 
Mondenwirksamkeit leben. Und nur in der Starke, die man in sich 
selber in seinem Seelisch-Geistigen entwickelte, um den Widerstand 
dieser Krafte zu brechen, nur in dieser Starke sah man dasjenige, 
was den Menschen auf die Dauer sein Erdendasein aushalten lassen 
kann. 

Aber dann, einige Zeit nach der Feier dieser Weihnachtsmysterien, 
versammelten die Mysterienlehrer ihre Schuler, und wie eine Art 
OfTenbarung teilten sie ihnen das Folgende mit. Sie sagten ihnen : J a, 
gewiB, mit vollem BewuBtsein durchschauen, was zur Wintersonnen- 
wende innerhalb der Erde wirkt, das kann man durch die Einweihung. 
Aber es steigt ja, namentlich wenn der Fruhling herauf kommt, mit 
der wachsenden Pflanzenwelt dasjenige aus den Tiefen der Erde und 
durchdringt alles Wachsende, SprieBende, durchdringt auch den Men- 
schen selber, was da die ahrimanischen Machte bewirken. In der Zeit, 
in der dem Menschen noch gottliche Krafte mitgegeben waren, wie 
sie ihm eben mitgegeben waren im Erdenbeginne, da konnten durch 
dieses urspriingliche gottliche Erbe die Menschen den Anprall der 
ahrimanischen Machte, die sich auf diese Weise durch die Winter- 
mondeszeit iiber die Menschheit ergossen, aushalten. Aber - so sagten 
die Eingeweihten ihren Schulern - es wird eine Zeit iiber die Mensch- 
heit kommen, wo gewissermaBen die Menschen betaubt sein werden 



uber das Geistige durch das, was die Er de an Mondenkraften aufnimmt 
zur Winterzeit. Mit dem Wachsen und SprieBen im Fr iihling wird es wie 
ein Berauschtsein gegeniiber dem Geistigen uber die Menschheit kom- 
men und der Menschheit das BewuBtsein nehmen, daB es iiberhaupt ein 
Geistiges gibt. Dann wird die Menschheit, wenn sie nicht die Moglich- 
keit findet, diesen berauschenden Kraften Widerstand zu leisten, der 
Erde verfallen und nicht sich mit der Erde weiter entwickeln konnen zu 
kiinftigen andern, hoheren Stadien der Erdenentwickelung. - In diiste- 
ren Farben malten die Eingeweihten das Zeitalter, das mit dem 15. Jahr- 
hunderte anbrechen muBte fur die Menschheit, wo die Menschheit aller- 
dings groB sein wird in abstrakten toten Gedanken, wo die Menschheit 
aber nur dadurch wiederum geistfahig werden kann, daB sie neue Kraft 
gewinnt, um das Berauschende, das aus der Erde aufsteigt, zu besiegen 
durch die eigengeistige Kraft, welche die Menschheit entwickeln kann. 

Wenn wir uns solche Vorstellungen machen, versetzen wir uns un- 
gefahr in den Zusammenhang des natiirlichen Jahreslaufes mit dem, 
was im Geist lebt. Wir bringen zusammen das, was sonst abstrakt, 
was nur nachgedacht ware, mit demjenigen, was der natiirlich-sinnliche 
Verlauf ist, wie er uns zum Beispiel in den Jahreszeiten entgegentritt. 

Das Entgegengesetzte dieses Weihnachtsmysteriums ist das Jo- 
hannimysterium bei der Sommersonnenwende. Da hat die Erde ganz 
und gar ausgeatmet. Da ist das Geistig-Seelische der Erde ganz hin- 
gegeben den uberirdischen Machten, den kosmischen Machten. Da 
nimmt das Geistig-Seelische der Erde auf alles das, was auBerirdisch 
ist. Ebenso wie vom Weihnachtsmysterium, so sagten die alten Ein- 
geweihten vom Johannimysterium, daB es gilt - die Ausdrucke sind 
natiirlich modern, aber es hat fiir diese Mysterien auch immer alte 
Formen gegeben -, daB es notig sei, um die Geheimnisse des Johanni- 
mysteriums, das heiBt die Geheimnisse der Himmel, zu durchdringen, 
die Einweihung, Initiation zu erlangen. Denn der Mensch gehort dem 
Umkreis der Erde an; er gehort weder dem Inneren der Erde an, noch 
gehort er den Himmeln an als irdischer Mensch, Daher muB er ein- 
geweiht sein in die Geheimnisse des Unterirdischen, um die Geheim- 
nisse des Oberirdischen kennenzulernen. 

GewissermaBen als etwas, wo sich Uberirdisches und Unterirdisches 



die Waage halten, wurden angesehen das Ostermysterium und das 
Michael-Mysterium, das Herbstesmysterium, das aber, wie gesagt, 
erst eine rechte Bedeutung in der Zeit gewinnen soil, die der unsrigen 
gegeniiber als Zukunft erscheint. 

Das Ostermysterium trat in seiner vollen GroBe in die Mensch- 
heitsentwickelung herein durch das Geheimnis von Golgatha. Das 
Ostermysterium wurde verstanden, wie ich schon sagte, in der Zeit, 
als noch die Reste des alten Hellsehens vorhanden waren. Da konnten 
die Menschen sich noch erheben in ihrem Gemiite zu dem auferstan- 
denen Christus. Das Ostermysterium wurde daher in denjenigen 
Kultus verwoben, der nun nicht ein Initiationskultus, sondern ein 
Kultus fur die allgemeine Menschheit wurde: das Ostermysterium 
wurde verwoben in den Messekultus, in den Kultus der Messehand- 
lung. Aber mit dem Zuriickgehen der alten primitiven Hellsichtig- 
keit ging auch das Verstandnis fur das Ostermysterium verloren. Zu 
diskutieren beginnt man ja iiber eine Sache erst dann, wenn man sie 
nicht mehr versteht. Alle die Diskussionen, die dann eingesetzt haben 
nach dem ersten christlichen Jahrhunderte iiber die Art und Weise, 
wie man den Ostergedanken zu fas sen hat, die riihren schon davonher, 
daB man den Ostergedanken nicht mehr in das unmittelbare elementare 
Verstandnis hereinbringen kann. 

Nun, wir haben ja oftmals auch auf den Ostergedanken anwenden 
konnen dasjenige, was uns die anthroposophische Geisteswissenschaft 
gibt. Und das ist das Wesentliche, daB diese anthroposophische Gei- 
stesforschung wiederum hinweist auf Lebensformen, die nicht inner- 
halb Geburt und Tod der sinnlichen Welt sich erschopfen, und daB sie 
auch gegeniiber dem, was sinnlich erforschbar ist, das geistig Erforsch- 
bare stellt, daB sie begreif lich macht, wodurch der Christus mit seinen 
Jiingern verkehren konnte, auch nachdem der physische Leib zer- 
staubt war. Der Auferstehungsgedanke gewinnt wiederum Lebendig- 
keit im Lichte der Geistesforschung. Aber vollstandig begriffen wird 
dieser Auferstehungsgedanke nur dann, wenn er, ich mochte sagen, 
auch mit seinem Gegenpol verbunden wird. 

Was stellt denn eigentlich der Auferstehungsgedanke dar? Die 
Christus- Wesenheit ist aus geistigen Hohen herabgestiegen, unter- 



getaucht in den Leib des Jesus, lebte auf der Erde in dem Leib des 
Jesus, trug dadurch gewissermaBen die Krafte des AuBerirdischen in 
die Erdensphare herein; und indem sie die Krafte des AuBerirdischen 
in die Erdensphare hereintrug, waren von diesem Zeitpunkte, von 
dem Zeitpunkte des Mysteriums von Golgatha an, diese iiberirdischen 
Krafte mit den Kraften der Menschheitsentwickelung verbunden. 
Seither ist das, was die Menschen in der alten Zeit nur drauBen in den 
Weltenweiten schauen konnten, zu empfinden innerhalb der Mensch- 
heitsentwickelung der Erde. Der Christus hat sich nach der Auf- 
erstehung mit der Menschheit verbunden, lebt seither nicht nur in 
auBerirdischen Hohen, lebt innerhalb des Erdendaseins, lebt in der 
Entwickelung, in der Entwickelungsstrdmung der Menschheit. 

Dieses Ereignis muB vor alien Dingen angesehen werden nicht nur 
vom Gesichtspunkte des Irdischen aus, sondern auch vom Gesichts- 
punkte des t)berirdischen. Man kann sagen: Man soil den Christus 
nicht nur so betrachten, wie er aus Himmelswelten herankommt an die 
Erde und Mensch wird, also den Menschen gegeben wird, sondern 
man soli dieses Christus-Ereignis auch so betrachten, wie der Christus 
fortgeht aus der geistigen Welt auf die Erde hinunter. - Die Menschen 
sahen gewissermaBen den Christus in ihrem Bereiche ankommen. Die 
Gotter sahen den Christus die himmlische Welt verlassen und unter- 
tauchen in die Menschheit. Fur die Menschen erschien der Christus ; 
fur eine gewisse geistige Welt entschwand er. Und indem er durch die 
Auferstehung ging, erschien er, ich mochte sagen, von der Erde aus 
leuchtend gewissen geistigen Wesenheiten des AuBerirdischen wie ein 
Stern, der jetzt ihnen in die geistige Welt von der Erde aus hinein- 
scheint. Geistige Wesenheiten verzeichnen das Mysterium von Gol- 
gatha so, daB sie sagen : Es begann von der Erde aus ein Stern herein- 
zuleuchten in das geistige Reich. - Und als etwas auBerordentlich 
Wesentliches fur die geistige Welt wurde es empfunden, daB der Chri- 
stus in einen menschlichen Leib untergetaucht ist, mitgemacht hat in 
einem menschlichen Leib den Tod. Denn indem er in einem mensch- 
lichen Leib den Tod mitmachte, konnte er unmittelbar nach diesem 
Tode etwas unternehmen, was zunachst seine friiheren Gottergenos- 
sen nicht haben unternehmen konnen. 



Diese friiheren Gottergenossen hatten wie eine feindliche Welt 
gegen sich dasjenige, was man auch in alteren Zeiten Holle nannte. 
Aber die Wirksamkeit dieser geistigen Wesenheiten hatte ihre Gren- 
ze an den Pforten der Holle. Diese geistigen Wesenheiten wirkten auf 
den Menschen. Des Menschen Krafte ragen auch hinein in die Holle ; 
das ist ja nichts anderes als das Hineinragen, das unterbewuBte Hin- 
einragen des Menschen in die ahrimanischen Krafte zur Winterzeit 
und beim Aufstieg dieser ahrimanischen Krafte in der Friihlingszeit. 
Die gottlich-geistigen Wesen empfanden das als eine ihnen gegen- 
iiberstehende Welt. Sie sahen das aus der Erde aufsteigen, sie empfan- 
den dieses als eine auBerordentlich schwierige Welt; aber sie standen 
mit dieser Welt in Verbindung nur auf dem Umwege durch den Men- 
schen, sie konnten sie gewissermaBen nur anschauen. Dadurch, daB 
heruntergestiegen war der Christus auf die Erde, selber Mensch ge- 
worden war, konnte er hinuntersteigen in den Bereich dieser ahri- 
manischen Krafte und sie besiegen, was eben in den Glaubensformeln 
mit dem Hinuntersteigen in die Holle ausgedriickt wird. 

Damit ist der andere Pol der Auferstehung gegeben. Das hat Chri- 
stus far die Menschheit getan, daB er, von gottlichen Hohen herunter- 
steigend, Menschengestalt annehmend, in die Lage versetzt wurde, 
wirklich hinunterzusteigen in den Bereich, dessen Gefahren der 
Mensch ausgesetzt ist, in den friiher Gotter, die sich nicht dem Men- 
schentode ausgesetzt hatten, nicht hinuntersteigen konnten. Damit hat 
er auf seine Art den Sieg iiber den Tod errungen, und damit trat, ich 
mochte sagen, wie der andere Pol dieses Hinabsteigens in die Holle 
das Aufsteigen in die geistige Welt hinzu, trotzdem er auf der Erde 
bleibend war : weil der Christus sich mit der Menschheit so vereinigt 
hatte, daB er zu dem hinuntergestiegen war, dem die Menschheit aus- 
gesetzt ist. Wahrend der Winterzeit und Friihlingszeit konnte er das 
fur die Menschen erobern, was aus auBerirdischen Regionen wieder- 
um in die Erde von der Johannizeit ab zum Herbste hin hereinwirkt. 
Und so sehen wk in dem Ostergedanken gewissermaBen vereinigt das 
Hinuntersteigen in die hollische Region, und durch dieses Hinunter- 
steigen das Erobern der himmlischen Region fur die weitere Mensch- 
heitsentwickelung. 



Das alles gehort zu einem richtigen Begreifen des Ostergedankens. 
Aber was ware dieser Ostergedanke, wenn er nicht lebendig werden 
konnte ! Es war nur moglich, in alten Zeiten die richtige Empfindung 
mit dem Gedanken der Wintersonnenwende zu verbinden dadurch, 
daB man auf der andern Seite den Johannigedanken hatte. Schema- 
tisch ge2eichnet: Hatte man das Irdische mit seinem tief verborgenen 
Winterlichen (orange), so war das Dazugehorige dasjenige, was zur 
Sommerzeit im iiberirdischen Umkreise war (orange), beides nur durch 
die Einweihung erreichbar, aber verbunden durch das, was im irdi- 
schen Umkreise, im Atmospharenumkreise war (griin). 




Weihnachten fordert Johanni, Johanni fordert Weihnachten. Der 
Mensch rmiBte erstarren unter den ahrimanischen Machten, wenn er 
nicht den auflosenden luziferischen Machten ausgesetzt sein konnte, 
welche dem Gedanken wiederum Fliigel geben, so daB er nicht er- 
starren muB, sondern unter der Einwirkung des Lichtes wiederum 
auftauen kann. 

Zunachst hat die Menschheit in ihrer Entwickelung nur den einen 
Pol, den Osterpol, und dieser Osterpol ist abgelahmt worden. Das 
Osterfest hat nicht mehr seine innere Lebendigkeit. Es wird seine in- 
nere Lebendigkeit wieder bekommen, wenn man iiber dieses Oster- 
fest in der folgenden Weise denken kann, wenn man sich wird sagen 



konnen: Durch das, was symbolisch ausgedriickt wird in dem Herab- 
steigen zur Holle - was in Wir klichkeit verstanden wer den kann als die 
Auferstehung wurde dem Menschen ein Gegengewicht gegeben 
gegen etwas, was herankommen muBte, gegen das Abgelahmtwerden 
aller geistigen Anschauung, gegen das Ersterben im irdischen Leben. - 
Prophetisch vorbauen wollte der Christus Jesus demjenigen, was 
kommen muBte: daB der Mensch eigentlich wahrend seines Lebens 
auf der Erde zwischen Geburt und Tod das Oberirdische, das Geistige 
so vergiBt, daB er diesem iiberirdischen Geistigen gewissermaBen ab- 
stirbt. Diesem Absterben des Menschen im irdischen Leben stent 
gegemiber der Ostergedanke von dem Sieg des iiberirdischen Lebens 
uber das irdische Leben. 

Auf der einen Seite stent dieses: Der Mensch steigt herunter aus 
seinem vorirdischen Leben. Aber in dem Zeitalter, das mit der ersten 
Halfte des 15. Jahrhunderts angebrochen ist, wird der Mensch im 
irdischen Leben immer mehr und mehr vergessen seinen iiberirdischen 
Ursprung, wird gewissermaBen fur sein Seelisches im irdischen Leben 
ersterben. Das steht auf der einen Seite. Auf der andern Seite aber 
steht: Da gab es ein geistig-himmlisches Wesen, das hat durch seine 
Tat, die aus den Himmeln in die Erde hereinwirkte, das Gegenbild 
hingestellt: jenes geistige Wesen, das hinunterstieg in einen Menschen- 
leib und das durch seine eigene Wesenheit das Oberirdisch-Geistige 
in der Auferstehung unter die Menschen der Erde hereingesetzt hat. 
Zum Andenken dafiir haben wir das Osterfest, das im Bilde hinstellt 
vor die Menschheit die Grablegung des Christus Jesus, die Auferste- 
hung des Christus Jesus. 

Er ist ins Grab gelegt worden und nachher auferstanden - das ist 
der Ostergedanke; das ist def Ostergedanke, wie er sich in die kos- 
mischen Weistiimer hineinstellt. - Siehe hin auf dich, o Mensch, du 
steigst herunter aus iiberirdischen Welten; dir droht die Gefahr, zu 
ersterben fur deine Seele in dem irdischen Leben. Da aber erscheint 
der Christus, der dir vor Augen stellt, wie dasjenige, in dem auch du 
urstandest, das Oberirdisch-Geistige, wie das den Tod besiegt. Das 
steht vor dir in dem groBten der Bilder, die vor die Menschheit haben 
hingestellt werden konnen: die Grablegung des Christus Jesus, die 



Auferstehung des Christus Jesus. Er ist hineingelegt worden in das 
Grab. Er ist auferstanden aus dem Grab und denjenigen, die ihn 
schauen konnten, erschienen. 

Aber mit den herabgelahmten Seelenkraften kann dieses Bild nicht 
mehr lebendig werden. Wo kann es heute noch lebendig werden in 
den abgelahmten Seelenkraften, wie sie heute sind? In einem traditio- 
nellen Glauben kann der Mensch noch hinschauen auf das, was ihm 
die Osterfesteszeit gibt: auf das grandiose Bild der Grablegung und 
Auferstehung. Aus der inneren Kraft der Seele heraus kann er von 
sich selber nichts mehr verbinden mit diesem Ostergedanken, mit 
dem Gedanken der Grablegung und der Auferstehung. Aus der geisti- 
gen Erkenntnis heraus muB er wiederum etwas damit verbinden. Und 
das kann kein anderes sein als dieses: Ja, es ist moglich, daB der 
Mensch Geist-Erkenntnis an sich herankommen lasse und daB er be- 
greife das andere. Stellen wir es vor uns hin, damit wir es uns tief in 
die Seele einschreiben, dieses andere! 

Der Ostergedanke: Er ist ins Grab gelegt, er ist erstanden. Stellen Tafel 3 
wir dagegen den andern Gedanken vor uns hin, der iiber die Mensch- 
heit kommen muB : Er ist erstanden und kann beruhigt ins Grab gelegt 
werden. - Ostergedanke: Er ist ins Grab gelegt, er ist erstanden. - 
Michael-Festgedanke : Er ist erstanden und kann beruhigt ins Grab 
gelegt werden. 

Der erste Gedanke, der Ostergedanke, bezieht sich auf den Christus, 
der zweite Gedanke bezieht sich auf den Menschen, auf den Menschen, 
der gerade die Kraft des Ostergedankens begreift: wie durch Geist- 
Erkenntnis, wenn er eingetreten ist in das irdische Leben der Gegen- 
wart, wo sein Seelisch-Geistiges erstirbt, seine Seele auferstehen kann, 
so daB er lebendig wird zwischen Geburt und Tod, so daB er im irdi- 
schen Leben innerlich lebendig wird. Dieses innerliche Erstehen, die- 
ses innerliche Auferwecktwerden, das muB der Mensch begreifen 
durch Geisteswissenschaft ; dann wird er beruhigt ins Grab gelegt. 
Dann wird er in das Grab gelegt, durch das er sonst denjenigen Mach- 
ten verfallen miiBte, die als ahrimanische Machte innerhalb des Erden- 
bereiches zur Wintersonnenwendezeit wirken. 

Und das Fest, das diesen Gedanken enthalt: Er ist erstanden und 



kann beruhigt ins Grab gelegt werden dieses Fest muB hineinfallen 
in die Zeit, wenn die Blatter beginnen gelb zu werden, von den Bau- 
men zu fallen, wenn die Fruchte reifen, wenn die Sonne jene Gewalt 
bekommen hat, durch die sie das, was im Friihling SprieBendes, Spros- 
sendes, Wachstumkraftiges war, zur Reife bringt, aber auch zum Wel- 
ken bringt und wiederum hinneigen laBt zum Inneren der Erde ; wenn 
das, was auf der Erde sich entwickelt, beginnt ein Symbolum des 
Grabes zu werden. 

Stellen wir das Osterfest hinein in die Zeit, wo das Leben beginnt 
zu sprieBen und zu sprossen, wo die Wachstumskrafte ihre hochste 
Hohe erreichen, so miissen wir das andere Fest, das da enthalt : Er ist 
erstanden und kann beruhigt ins Grab gelegt werden hinverlegen 
in diejenige Zeit, wo es beginnt, in der Erdennatur welk zu werden, 
wo Grabes stimmung sich ausbreitet innerhalb der Erdennatur, wo 
vor des Menschen Seele treten kann das Symbolum des Grabes. Da 
wird rege in dem Menschen der Michael-Gedanke : jener Gedanke, der 
sich nun aber nicht wie der Ostergedanke in den ersten Jahrhunderten 
des Christentums an das Anschauen richtet. In den ersten Jahrhun- 
derten des Christentums wurde die Anschauung hingerichtet auf den 
ins Grab gelegten und auferstandenen Christus. Im Anschauen wurde 
die Seele mit ihren starksten Kraften erfiillt, kraftig gemacht. In dem 
Festesgedanken der Herbstessonnenwende muB die Seele ihre Starke 
fuhlen, indem nun nicht appelliert wird an ihr Anschauen, sondern an 
ihren Willen: Nimm den die ahrimanischen Machte besiegenden 
Michael-Gedanken in dich auf, jenen Gedanken, der dich kraftig 
macht, Geisteserkenntnis hier auf Erden zu erwerben, damit du die 
Todesmachte besiegen kannst. 

Wie der Ostergedanke sich an die Anschauung richtet, so richtet 
sich dieser Gedanke an die Willensmachte : aufzunehmen die Michael- 
Kraft, das heiBt, aufzunehmen die Kraft der geistigen Erkenntnis in 
die Willenskrafte. Und so kann der Ostergedanke lebendig werden, 
unmittelbar herangebracht werden an das menschlich Seelisch-Gei- 
stige, indem ebenso, wie der Johannigedanke empfunden wurde als 
der Gegenpol des Weihnachtsgedankens, nun der Michael-Gedanke, 
der Gedanke des Michael-Festes zur Herbsteszeit als der Gegenpol des 



Ostergedankens empfunden wird. Wie der Weihnachtsgedanke her- 
vorgetrieben hat durch innere Lebendigkeit den Johannigedanken 
nach einem halben Jahre, so muB hervortreiben der Ostergedanke den 
Michael-Gedanken. Die Menschheit muB eine esoterische Reife erlan- 
gen dazu, nun wiederum nicht bloB abstrakt zu denken, sondern so 
konkret denken zu konnen, daB sie wieder Feste-schopfend werden 
kann. Dann wird sie mit dem sinnlichen Erscheinungsverlaufe wie- 
derum etwas Geistiges verbinden konnen. 

Unsere Gedanken bleiben alle abstrakt. Aber unsere Gedanken 
mogen noch so groBartig, noch so geistvoll sein - wenn sie abstrakt 
bleiben, werden sie nicht das Leben durchdringen konnen. Heute, 
wo die Menschheit nachdenkt dariiber, wie sie das Osterfest auf irgend- 
einen abstrakten Tag setzen konne, nicht mehr nach der Sternenkon- 
stellation, heute, wo alles hohere Erkennen verdunkelt ist, wo man 
keinen Zusammenhang mehr hat zwischen der Einsicht in die mora- 
lisch-geistigen und naturalistisch-physischen Krafte, heute muB wie- 
derum die Kraft in dem Menschen erwachen, unmittelbar mit der 
sinnlichen Erscheinung der Welt etwas Geistiges verbinden zu konnen. 

Worin bestand denn die geistige Kraft des Menschen, Feste schaf- 
fen zu konnen im Laufe des Jahres je nach dem Verlauf der Jahres- 
erscheinungen? Sie bestand in der urspriinglichen geistigen Kraft. 
Heute konnen die Menschen nach der alten traditionellen Gewohn- 
heit Feste fortfeiern, aber die Menschheit muB wiederum die esote- 
rische Kraft gewinnen, von sich aus etwas in die Natur hineinsagen zu 
konnen nach dem natiirlichen Ablauf. Gefunden werden muB die 
Moglichkeit, den Herbstes-Michael-Gedanken als Blute des Oster- 
gedankens zu fassen. Wahrend der Ostergedanke der AusfluB der sinn- 
lichen Blute ist, muB die Blute des Ostergedankens, der Michael- 
Gedanke, als der AusfluB des physischen Abwelkens in den Jahreslauf 
hineingestellt werden konnen. 

Die Menschen miissen wiederum lernen, das Geistige mit dem 
Naturlauf zusammendenken zu konnen. Es ist heute dem Menschen 
nicht bloB gestattet, esoterische Betrachtungen anzustellen; es ist 
heute notwendig fur den Menschen, Esoterisches wiederum tun zu 
konnen. Das aber werden die Menschen nur tun konnen, wenn sie 



imstande sind, ihre Gedanken so konkret, so lebendig zu fassen, daB 
sie wiederum nicht nur denken, indem sie sich zuriickziehen von allem 
Geschehen, sondern indem sie denken mit dem Lauf des Geschehens, 
zusammen denken mit den welkenden Blattern, mit den reifenden 
Fruchten so michaelisch, wie man osterlich zu denken verstand mit 
den bliihenden Pflanzen, mit den sprossenden Pflanzen, mit den 
sprieBenden Bliiten. 

Wenn man verstehen wird, mit dem Jahreslauf zu denken, dann 
werden sich in die Gedanken diejenigen Krafte mischen, welche den 
Menschen wiederum Zwiesprache werden halten lassen mit den gott- 
lich-geistigen Kraften, die sich aus den Sternen offenbaren. Aus den 
Sternen herunter haben sich die Menschen die Kraft geholt, Feste zu 
begriinden, die innerliche menschliche Giiltigkeit haben. Feste miis- 
sen die Menschen aus innerer esoterischer Kraft begriinden. Dann 
werden sie aus den Zwiesprachen mit welkenden, mit reifenden Pflan- 
zen, mit der absterbenden Erde, indem sie die rechte innerliche 
Festesstimmung dazu finden, wiederum auch Zwiesprache halten 
konnen mit den Gottern und menschliches Dasein an Gotterdasein 
ankniipfen konnen. Dann wird auch der richtige Ostergedanke wie- 
der da sein, wenn dieser Ostergedanke so lebendig sein wird, daB er 
den Michael-Gedanken aus sich hervortreiben kann. 




DRITTER VORTRAG 



Dornach, Ostermontag, 2. April 1923 



Wir durfen nicht unterschatzen, welche Bedeutung fur die Mensch- 
heit so etwas hat wie die Hinlenkung aller Aufmerksamkeit auf eine 
Festeszeit des Jahres. Wenn auch in unserer Gegenwart das Feiern der 
religiosen Feste mehr ein gewohnheitsmaBiges ist, so war es doch 
nicht immer so, und es gab Zeiten, in denen die Menschen ihr Be- 
wuBtsein verbanden mit dem Verlauf des ganzen Jahres, indem sie bei 
Jahresbeginn sich so im Zeitenverlaufe stehend fuhlten, daB sie sich 
sagten: Es ist ein bestimmter Grad von Kalte oder Warme da, es sind 
bestimmte Verhaltnisse der sonstigen Witterung da, es sind bestimmte 
Verhaltnisse da im Wachstum oder Nichtwachstum der Pflanzen oder 
der Tiere. - Und die Menschen lebten dann mit, wie allmahlich die 
Natur ihre Verwandlungen, ihre Metamorphosen durchmachte. Sie 
lebten das aber so mit, indem ihr BewuBtsein sich mit den Natur- 
erscheinungen verband, daB sie gewissermaBen dieses BewuBtsein hin- 
orientierten nach einer bestimmten Festeszeit, sagen wir also : im Jah- 
resbeginne durch die verschiedenen Empfindungen hindurch, die mit 
dem Vergehen des Winters zusammenhingen nach der Osterzeit hin, 
oder im Herbste mit dem Hinwelken des Lebens nach der Weih- 
nachtszeit hin. Dann erfullten die Seele jene Empfindungen, die sich 
eben ausdriickten in der besonderen Art, wie man sich zu dem stellte, 
was einem die Feste waren. 

So erlebte man also den Jahreslauf mit, und dieses Miterleben des 
Jahreslaufes war ja im Grunde genommen ein Durchgeistigen des- 
jenigen, was man um sich herum nicht nur sah und horte, sondern mit 
seinem ganzen Menschen erlebte. Man erlebte den Jahreslauf wie den 
Ablauf eines organischen Lebens, so wie man etwa im Menschen, 
wenn er ein Kind ist, die AuBerungen der kindlichen Seele in Zusam- 
menhang bringt mit den ungelenken kindlichen Bewegungen, mit der 
unvollkommenen Sprechweise des Kindes. Wie man bestimmte see- 
lische Erlebnisse zusammenbringt mit dem Zahnwechsel, andere see- 
lische Erlebnisse mit spateren Veranderungen des Korpers, so sah 



man das Walten und Weben von Geistigem in den Veranderungen der 
auBeren Naturverhaltnisse. Es war ein Wachsen und Abnehmen. 

Das aber hangt zusammen mit der ganzen Art und Weise, wie sich 
der Mensch iiberhaupt als Erdenmensch innerhalb der Welt fiihlt. 
Und so kann man sagen : In der Zeit, in der im Beginne unserer Zeit- 
rechnung angefangen wurde, die Erinnerung an das Ereignis von 
Golgatha zu feiern, das dann zum Osterfest geworden ist, in der Zeit, 
in der das Osterfest im Laufe des Jahres lebendig empfunden worden 
ist, in der man den Jahreslauf so miterlebte, wie ich es eben gekenn- 
zeichnet habe, da war es im wesentlichen so, daB die Menschen ihr 
eigenes Leben hingegeben fuhlten an die auBere geistig-physische 
Welt. Sie fuhlten, daB sie, um ihr Leben zu einem vollstandigen zu 
machen, bediirftig waren der Anschauung der Grablegung und Auf- 
erstehung, des grandiosen Bildes vom Ereignis von Golgatha. 

Von solchem Erfiillen des BewuBtseins aber gehen Inspirationen 
fur die Menschen aus. Die Menschen sind sich dieser Inspirationen 
nicht immer bewuBt, aber es ist ein Geheimnis der Menschheitsent- 
wickelung, daB von diesen religiosen Einstellungen gegeniiber den 
Welterscheinungen Inspirationen fur das ganze Leben ausgehen. Zu- 
nachst miissen wir uns ja klar sein dariiber, daB wahrend eines gewis- 
sen Zeitalters, wahrend des Mittelalters, die Menschen, die das geistige 
Leben orientiert haben, die Priester waren, jene Priester, welche vor 
alien Dingen auch damit zu tun hatten, die Feste zu regeln, ton- 
angebend zu sein im Feste-Feiern. Die Priesterschaft war diejenige 
Korperschaft innerhalb der Menschheit, welche vor die iibrige 
Menschheit, die Laienmenschheit, die Feste hinstellte, den Festen 
ihren Inhalt gab. Damit aber fiihlte die Priesterschaft diesen Inhalt der 
Feste ganz besonders. Und der ganze Seelenzustand, der sich dadurch 
einstellte, daB solche Feste inspirierend wirkten, der driickte sich dann 
aus im iibrigen Seelenieben. 

Man hatte im Mittelalter nicht dasjenige gehabt, was man die 
Scholastik nennt, was man die Philosophic des Thomas von Aquino, 
des Albertus Magnus und anderer Scholastiker nennt, wenn diese 
Philosophic, diese Weltanschauung und alles, was sie sozial in ihrem 
Gefolge hatte, nicht inspiriert gewesen ware gerade von dem wich- 



tigstenKirchengedanken: von demOstergedanken.InderAnschauung 
des heruntersteigenden Christus, der im Menschen ein zeitweiliges 
Leben auf Erden fiihrt, der dann durch die Auferstehung geht, war 
jener seelische Impuls gegeben, der dazu fiihrte, jenes eigentiimliche 
Verhaltnis 2wischen Glauben und Wissen, zwischen Erkenntnis und 
OfFenbarung zu setzen, das eben das scholastische ist. DaB man aus 
dem Menschen heraus nur die Erkenntnis der sinnlichen Welt bekom- 
men kann, daB alles, was sich auf die ubersinnliche Welt bezieht, 
durch OrTenbarung gewonnen werden muB, das war im wesentlichen 
durch den Ostergedanken, wie er sich an den Weihnachtsgedanken 
anschloB, bestimmt. 

Und wenn wiederum die heutige naturwissenschaftliche Ideenwelt 
eigentlich ganz und gar ein Ergebnis der Scholastik ist, wie ich oftmals 
hier auseinandergesetzt habe, so muB man sagen: Ohne daB es die 
naturwissenschaftliche Erkenntnis der Gegenwart weiB, ist sie im 
wesentlichen ein richtiger Siegelabdruck, mochte ich sagen, des Oster- 
gedankens, so wie er geherrscht hat in den alteren Zeiten des Mittel- 
alters, wie er dann abgelahmt worden ist in der menschlichenGeistesent- 
wickelung im spateren Mittelalter und in der neueren Zeit. Schauen wir 
darauf hin, wie die Naturwissenschaft in Ideen das verwendet, was 
heute ja popular ist und unsere ganze Kultur beherrscht, sehen wir, 
wie die Naturwissenschaft ihre Ideen verwendet: sie wendet sie an auf 
die tote Natur; sie glaubt sich nicht erheben zu konnen iiber die tote 
Natur. Das ist ein Ergebnis jener Inspiration, die angeregt war durch 
das Hinschauen auf die Grablegung. Und solange man zu der Grab- 
legung hinzufugen konnte die Auferstehung als etwas, zu dem man 
aufsah, da fiigte man auch die OrTenbarung iiber das Ubersinnliche zu 
der bloBen auBeren Sinneserkenntnis hinzu. Als immer mehr und 
mehr die Anschauung auf kam, die Auferstehung wie ein unerklar- 
liches und daher unberechtigtes Wunder hinzustellen, da lieB man die 
OfFenbarung, also die ubersinnliche Welt, weg. Die heutige natur- 
wissenschaftliche Anschauung ist sozusagen bloB inspiriert von der 
Karfreitagsanschauung, nicht von der Ostersonntagsanschauung. 

Man muB diesen inneren Zusammenhang erkennen : Das Inspirierte 
ist immer das, was innerhalb aller Festesstimmungen miterlebt wird 



gegeniiber der Natur. Man muB den Zusammenhang erkennen zwi- 
schen diesem Inspirierenden und dem, was in allem Menschenleben 
zum Ausdrucke kommt. Wenn man erst einsieht, welch inniger Zu- 
sammenhang besteht zwischen diesem Sich-Einleben in den Jahreslauf 
und dem, was die Menschen denken, fuhlen und wollen, dann wird 
man auch erkennen, von welcher Bedeutung es ware, wenn es zum 
Beispiel gelange, die Herbstes-Michael-Feier zu einer Realitat zu ma- 
chen, wenn es wirklich gelange, aus geistigen Untergriinden heraus, 
aus esoterischen Untergriinden heraus die Herbstes-Michael-Feier zu 
etwas zu machen, was nun in das BewuBtsein der Menschen iiberginge 
und wiederum inspirierend wirkte. Wenn der Ostergedanke seine 
Farbung bekame dadurch, daft sich zu dem Ostergedanken : Er ist ins 
Grab gelegt worden und auferstanden - hinzufiigte der andere Ge- 
danke, der menschliche Gedanke: Er ist auferstanden und darf in 
das Grab gelegt werden, ohne daB er zugrunde geht -, wenn dieser 
Michael-Gedanke lebendig werden konnte, welche ungeheure Bedeu- 
tung wiirde gerade solch ein Ereignis haben konnen fur das gesamte 
Empfinden und Fuhlen und Wollen der Menschen! Wie wiirde sich das 
einleben konnen in das ganze soziale Gefiige der Menschheit ! 

Alles, was die Menschen erhoffen von einer Erneuerung des sozialen 
Lebens, es wird nicht kommen von all den Diskussionen und von all 
den Institutionen, die sich auf AuBerlich-Sinnliches beziehen, es wird 
allein kommen konnen, wenn ein machtiger Inspirationsgedanke durch 
die Menschheit geht, wenn ein Inspirationsgedanke die Menschheit 
ergreift, durch welchen wiederum Moralisch-Geistiges unmittelbar im 
Zusammenhange gefiihlt und empfunden wird mit dem Natiirlich- 
Sinnlichen. Die Menschen suchen heute, ich mochte sagen, wie die 
unter der Erde befindlichen Regenwiirmer das Sonnenlicht, wahrend 
man, um das Sonnenlicht zu finden, eben iiber die Oberflache der Erde 
hervorkommen muB. Mit alien Diskussionen und Reformgedanken 
von heute ist nichts zu machen in Wirklichkeit; allein von dem mach- 
tigen Einschlage eines aus dem Geiste heraus geholten Gedanken- 
impulses ist etwas zu erreichen. Denn man muB sich klar sein dariiber, 
daB gerade der Ostergedanke seine neue Nuance bekommen wiirde, 
wenn er erganzt wiirde durch den Michael-Gedanken. 



Betrachten wir diesen Michael-Gedanken einmal naher. Wenn wir 
den Blick auf den Ostergedanken hinwerfen, so haben wir zu beach- 
ten, daB Ostern in die Zeit des aufsprieBenden und sprossenden Friih- 
lingslebens fallt. In dieser Zeit atmet die Erde ihre Seelenkrafte aus, 
damit diese Seelenkrafte im Umkreise der Erde sich durchdringen mit 
dem, was astralisch urn die Erde herum ist, mit dem auBerirdischen 
Kosmischen. Die Erde atmet ihre Seele aus. Was bedeutet das? Das 
bedeutet, daB gewisse elementare Wesenheiten, welche ebenso im 
Umkreise der Erde sind wie die Luft oder wie die Krafte des Pflanzen- 
wachstums, ihr eigenes Wesen mit der ausgeatmeten Erdenseele ver- 
binden fur die Gegenden, in denen eben Friihling ist. Es verschwim- 
men und verschweben diese Wesenheiten mit der ausgeatmeten Erden- 
seele. Sie entindividualisieren sich, sie verlieren ihre Individual] tat, 
sie gehen in dem allgemein Irdisch-Seelischen auf. Zahlreiche Ele- 
mentarwesen schaut man im Friihling gerade um die Osterzeit, wie 
sie aus dem letzten Stadium ihres individuellen Daseins, das sie wah- 
rend der Winterzeit gehabt haben, wolkenartig verschwimmen und 
auf gehen im allgemein Irdisch-Seelenhaften. Ich mochte sagen: 




Tafel 4 



rot 



Diese Elementarwesen waren wahrend der Winterzeit innerhalb des 
Seelenhaften der Erde, wo sie sich individualisiert hatten (siehe 
Zeichnung: grun im gelb). Die sind vor dieser Osterzeit noch mit 



einer gewissen Individualist behaftet, fliegen, schweben gewisser- 
maBen herum als individuelle Wesenheiten. Wahrend der Osterzeit 
sehen wir , wie sie in allgemeinen Wolken zusammenlaufen und eine 



Tafel 4 




gemeinsame Masse bilden innerhalb der Erdenseele (grim im gelb). Da- 
durch aber verlieren bis zu einem gewissen Grade diese Elementar- 
wesen ihr BewuBtsein. Sie kommen in eine Art schlafahnlichen Zu- 
stand. Gewisse Tiere fiihren einen Winterschlaf ; diese Elementar- 
wesen fiihren einen Sommerschlaf. Das ist am starksten wahrend der 
Johannizeit, wo sie vollstandig schlafen. Dann aber fangen sie wieder- 
um an, sich zu individualisieren, und man sieht sie schon als besondere 
Wesen in dem Einatmungszug der Erde klar zur Michaeli-Zeit, Ende 
des September. 

Aber diese Elementarwesen sind diejenigen, die der Mensch nun 
braucht. Das alles liegt ja nicht in seinem BewuBtsein, aber der Mensch 
braucht sie trotzdem, um sie mit sich zu vereinigen, damit er seine 
Zukunft vorbereiten kann. Und der Mensch kann diese Elementar- 
wesen mit sich vereinigen, wenn er zu einer Festeszeit, die in das 
Ende des September fiele, mit einer besonderen inneren seelenvollen 
Lebendigkeit empfinden wurde, wie die Natur gerade gegen den 



Herbst zu sich verandert; wenn der Mensch empfinden konnte, wie 
da das tierisch-pflanzliche Leben zunickgeht, wie gewisse Tiere sich 
anschicken, ihre schiitzenden Orte aufzusuchen fur den Winter, wie 
die Pflanzenblatter ihre Herbstesfarbungen bekommen, wie das ganze 
Natiirliche verwelkt. GewiB, der Fnihling ist schon, und die Schonheit 
des Friihlings, das wachsende, sprieBende und sprossende Leben des 
Friihlings zu empfinden, ist eine schdne Eigenschaft der menschlichen 
Seele. Aber auch empfinden zu konnen, wenn die Blatter sich bleichen, 
ihre Herbstesfarbungen annehmen, wenn die Tiere sich verkriechen, 
fiihlen zu konnen, wie im absterbenden Sinnlichen ersteht das glit- 
zernde, glanzende Geistig-Seelische, empfinden zu konnen, wie mit 
dem Gelbfarben der Blatter ein Untergang des sprieBenden, spros sen- 
den Lebens da ist, aber wie das Sinnliche gelb wird, damit das Geistige 
in dem Gelbwerden als solches leben konne, empfinden zu konnen, 
wie in dem Abfallen der Blatter das Aufsteigen des Geistes stattfindet, 
wie das Geistige die GegenofFenbarung des verglimmenden Sinnlichen 
ist: das sollte als eine Empfindung fur den Geist den Menschen in 
der Herbsteszeit beseelen. Dann bereitet er sich in der richtigen Weise 
gerade auf die Weihnachtszeit vor. 

Durchdrungen sollte der Mensch werden aus der anthroposophi- 
schen Geisteswissenschaft heraus von der Wahrheit, daB gerade das 
geistige Leben des Menschen auf Erden zusammenhangt mit dem ab~ 
steigenden physischen Leben. Indem wir denken, geht ja unsere phy- 
sische Materie in dem Nerv zugrunde. Der Gedanke ringt sich aus 
der zugrunde gehenden Materie auf. Das Werden der Gedanken in sich 
selber, das Aufglanzen der Ideen in der Menschenseele und im ganzen 
menschlichen Organismus Sich-verwandt-Fiihlen mit den sich gelb- 
farbenden Blattern, mit dem welkenden Laub der Pflanzen, mit dem 
Durrwerden der Pflanzen, dieses Sich-verwandt-Fiihlen des mensch- 
lichen Geistseins mit dem Naturgeistsein : das kann dem Menschen 
jenen Impuls geben, der seinen Willen verstarkt, jenen Impuls, der 
den Menschen hinweist auf die Durchdringung des Willens mit 
Geistigkeit. 

Dadurch aber, daB der Mensch seinen Willen mit Geistigkeit 
durchdringt, wird er ein Genosse der Michael -Wirksamkeit auf Erden. 



Und wenn der Mensch in dieser Weise gegen den Herbst zu mitlebt 
mit der Natur und dieses Mitleben mit der Natur in einem entsprechen- 
den Festesinhalt zum Ausdrucke bringt, dann kann er jene Erganzung 
der Osterstimmung wirklich empfmden. Dadurch aber wird ihm 
noch etwas anderes klar. Sehen Sie, was der Mensch heute denkt, 
fiihlt und will, ist ja inspiriert von der einseitigen Osterstimmung, die 
noch dazu eine abgelahmte ist. Diese Osterstimmung ist im wesent- 
lichen ein Ergebnis des sprossenden, sprieBenden Lebens, das alles 
wie in eine pantheistische Einheit aufgehen laBt. Der Mensch ist hin- 
gegeben an die Einheit der Natur und an die Einheit der Welt iiber- 
haupt. Das ist ja auch das Gefuge unseres Geisteslebens heute. Man 
will alles auf eine Einheit, auf ein Monon zuruckfuhren. Entweder ist 
einer Anhanger des Allgeistes oder der Allnatur: danach ist er ent- 
weder ein spiritual] stischer Monist oder ein materialistischer Monist. 
Es wird alles in einem unbestimmten All-Einen gefaBt. Das ist im 
wesentlichen Fruhlingsstimmung. 

Schaut man hinein in die Herbstesstimmung mit dem aufsteigenden 
freiwerdenden Geistigen (gelb), mit dem, ich mochte sagen, abtropf en- 
den, welkwerdenden Sinnlichen (rot), dann hat man den Ausblick auf 
das Geistige als solches, auf das Sinnliche als solches. 



Tafel 5 




Die friihlingsprieBende Pflanze hat in ihrem Wachstum, in ihrem Tafel 5, 
Sprossen und Wachsen das Geistige darinnen. Das Geistige ist mit rechts 
dem Sinnlichen durchmischt, man hat im wesentlichen eine Einheit. 
Die verwelkende Pflanze laBt das Blatt fallen und der Geist steigt auf : 
man hat den Geist, den unsichtbaren, ubersinnlichen Geist, und her- 
ausfallenddasMaterielle. Es ist so, wie wenn man in einemGefaB zuerst 
eine einheitliche Fliissigkeit hatte, in der irgend etwas aufgelost ist, 
und man dann durch irgendeinen Vorgang es bewirken wiirde, daB sich 
aus dieser Fliissigkeit etwas absetzt, was als Triibung herunterfallt. Da 
hat man die zwei, die miteinander verbunden waren, die ein einziges 
bildeten, nun getrennt. 

Der Friihling ist geeignet, alles ineinander zu verweben, alles in eine 
undifFerenzierte, unbestimmte Einheit zu vermischen. Die Herbstes- 
anschauung, wenn man nur richtig auf sie hinschaut, wenn man 
sie in der richtigen Weise kontrastiert mit der Friihlingsanschauung, 
sie macht einen aufmerksam darauf, wie Geist auf der einen Seite wirkt, 
Physisch-Materielles auf der andern Seite. Und man darf natiirlich 
dann nicht einseitig bei dem einen oder bei dem andern stehenbleiben. 
Der Ostergedanke verliert ja nicht an Wert, wenn man den Michael- 
Gedanken hinzufiigt. Man hat auf der einen Seite den Ostergedanken, 
wo alles, ich mochte sagen, in einer Art pantheistischer Vermischung 
auftritt, in einer Einheit. Man hat dann das DifFerenzierte, aber die 
DifFerenzierung geschieht nicht in irgendeiner unregelmaBigen, chao- 
tischen Weise. Wir haben durchaus eine RegelmaBigkeit. Denken Sie 
sich den zyklischen Verlauf: Ineinanderfugung, Ineinandermischung, 
Vereinheitlichung, einen Zwischenzustand, wo die DifFerenzierung 
geschieht, die vollstandige DifFerenzierung ; dann wiederum das Auf- 
gehen des DifFerenzierten im Einheitlichen und so fort. Da sehen Sie 
immer auBer diesen zwei Zustanden noch einen dritten : da sehen Sie 
den Rhythmus zwischen dem DifFerenzierten und dem UndifFeren- 
zierten, gewissermaBen zwischen dem Einatmen des HerausdifFe- 
renzierten und dem Wiederausatmen. Einen Rhythmus sehen Sie, 
einen Zwischenzustand, ein Physisch-Materielles, ein Geistiges; ein 
Ineinanderwirken von Physisch-Materiellem und Geistigem: ein 
Seelisches. Sie lernen sehen im Naturverlaufe die Natur durch- 



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setzt von der Urdreiheit: von Materiellem, von Geistigem, von 
Seelischem. 

Das aber ist das Wichtige, daft man nicht stehenbleibt bei der all- 
gemein-menschlichen Traumerei, man miisse alles auf eine Einheit zu- 
ruckfiihren. Dadurch fiihrt man alles, ob nun die Einheit eine spiri- 
tuelle, ob sie eine materielle ist, auf das Unbestimmte der Welten- 
nacht zuriick. In der Nacht sind alle Kiihe grau, im spirituellen Mo- 
nismus sind alle Ideen grau, im materiellen Monismus sind sie ebenso 
grau. Das sind nur Empflndungsunterschiede. Darauf kommt es gar 
nicht an fur eine hohere Anschauung. Worauf es ankommt, ist, daB 
wir als Menschen mit dem Weltenlauf uns so verbinden konnen, daB 
wir das lebendige Obergehen von der Einheit in die Dreiheit, das Zu- 
riickgehen von der Dreiheit in die Einheit zu verfolgen in der Lage 
sind. Dann, wenn wir dadurch, daB wir den Ostergedanken in dieser 
Weise erganzen durch den Michaeli-Gedanken, uns in die Lage ver- 
setzen, die Urdreiheit in allem Sein in der richtigen Weise zu empfinden, 
dann werden wir sie in unsere ganze Seelenverfassung aufnehmen. 
Dann werden wir in der Lage sein, einzusehen, daB in der Tat alles 
Leben auf derBetatigung und dem Ineinanderwirken vonUrdreiheiten 
beruht. Und dann werden wir, wenn wir das Michael-Fest so inspirie- 
rend haben, fur eine solche Anschauung, wie das einseitige Osterfest 
inspirierend war fur die Anschauungen, die nun einmal heraufgekom- 
men sind, dann werden wir eine Inspiration, einen Natur-Geistimpuls 
haben, um in alles zu beobachtende und zu gestaltende Leben die 
Dreigliederung, den Dreigliederungsimpuls einzufiihren. Und von der 
Einfuhrung dieses Impulses hangt es doch zuletzt einzig und allein 
ab, ob die Niedergangskrafte, die in der menschlichen Entwickelung 
sind, wiederum in Aufgangskrafte verwandelt werden konnen. 

Man mochte sagen, als von dem Dreigliederungsimpuls im sozia- 
len Leben gesprochen worden ist, da war das gewissermaBen eine 
Priifung, ob der Michael- Gedanke schon so stark ist, daB gefiihlt wer- 
den kann, wie ein solcher Impuls unmittelbar aus den zeitgestaltenden 
Kraften herausquillt. Es war eine Priifung der Menschenseele, ob der 
Michael-Gedanke in einer Anzahl von Menschen stark genug ist. Nun, 
die Priifung hat ein negatives Resultat ergeben. Der Michael-Gedanke 



ist noch nicht stark genug in auch nur einer kleinen Anzahl von 
Menschen, urn wirklich in seiner ganzen zeitgestaltenden Kraft und 
Kraftigkeit empfunden zu werden. Und es wird ja kaum moglich sein, 
die Menschenseelen fur neue Aufgangskrafte so mit den urgestalten- 
den Weltenkraften zu verbinden, wie es notwendig ist, wenn nicht ein 
solch Inspirierendes wie eine Michael-Festlichkeit durchdringen kann, 
wenn also nicht aus den Tiefen des esoterischen Lebens heraus ein 
neugestaltender Impuls kommen kann. 

Wenn sich statt der passiven Mitglieder der Anthroposophischen 
Gesellschaft nur wenige aktive Mitglieder fanden, so wiirden iiber 
einen solchen Gedanken Erwagungen angestellt werden konnen. Das 
Wesentliche der Anthroposophischen Gesellschaft besteht ja darin, 
da6 allerdings Anregungen innerhalb der Anthroposophischen Ge- 
sellschaft ausgelebt werden, daB aber die Mitglieder eigentlich haupt- 
sachlich den Wert darauf legen, teilzunehmen an dem, was sich ab- 
spielt; daB sie wohl ihre betrachtenden Seelenkrafte hinwenden zu 
dem, was sich abspielt, daB aber die Aktivitat der eigenen Seele nicht 
verbunden wird mit demjenigen, was als ein Impuls durch die Zeit 
geht. Daher kann naturlich bei dem gegenwartigen Bestande der 
anthroposophischen Bewegung nicht davon gesprochen werden, daB 
so etwas wie dieses, was jetzt gewissermaBen wie ein esoterischer 
Impuls ausgesprochen wird, in seiner Aktivitat erwogen werden kann. 
Aber verstehen muB man doch, wie eigentlich der Gang der Mensch- 
heitsentwickelung geht, wie nicht aus dem, was man in oberflachlichen 
Worten auBerlich ausspricht, die groBen tragenden Krafte der Welt- 
entwickelung der Menschheit kommen, sondern wie sie, ich mochte 
sagen, aus ganz andern Ecken heraus kommen. 

Alte Zeiten haben das immer gewuBt aus urspriinglichem, elemen- 
tarischem, menschlichem Hellsehen heraus. Alte Zeiten haben es nicht 
so gemacht, daB die jungen Leute zum Beispiel lernen: So und so 
viele chemische Elemente, dann wird eins entdeckt zu den funfund- 
siebzig, dann sind es sechsundsiebzig, dann wird wieder eins entdeckt, 
dann sind es siebenundsiebzig. Man kann nicht absehen, wie viele 
noch entdeckt werden konnen. Zufallig fugt sich eins zu funfund- 
siebzig, zu sechsundsiebzig und so weiter. In dem, was da als Zahl an- 



gefuhrt wird, ist keine innere Wesenhaftigkeit. Und so ist es uberall. 
Wen interessiert heute, was, sagen wir in der Pflanzensystematik, 
ir gendwie eine Art von Dr eiheit zur Offenbar ung bringen wiirde ! Man 
entdeckt Ordnung neben Ordnung oder Art neben Art. Man zahlt ab 
so, wie man zufallig hingeworfene Bohnen oder Steinchen abzahlt. 
Aber das Wirken der Zahl in der Welt ist ein solches, das auf Wesen- 
haftigkeit beruht, und diese Wesenhaftigkeit muB man durchschauen. 

Man denke zuruck, wie kurz die hinter uns liegende Zeit ist, wo 
dasjenige, was Stoffeserkenntnis war, zuruckgefiihrt wurde auf die 
Dreiheit : auf das Salzige, das Merkurialische, das Phosphorartige, wie 
da eine Dreiheit von Urkraftigem geschaut wurde, wie alles, was sich 
als einzelnes fand, eben in irgendeine der Urkrafte der Drei hinein- 
gefugt werden muBte. Und anders noch ist es, wenn wir zuruck- 
blicken in noch altere Zeiten, in denen es ubrigens auch durch die Lage 
der Kultur den Menschen leichter war, auf so etwas zu kommen, denn 
die orientalischen Kulturen lagen mehr der heiBen Zone zugeneigt, 
wo das dem alteren elementaren Hellsehen leichter moglich war. Heute 
ist es der gemaBigten Zone allerdings moglich, in freier, exakter Hell- 
sichtigkeit zu diesen Dingen zu kommen; aber man will ja zuruck in 
alte Kulturen! Damals unterschied man nicht Friihling, Sommer, 
Herbst und Winter. Friihling, Sommer, Herbst und Winter zu unter- 
scheiden, verfiihrt, weil man darinnen die Vier hat, zu einem bloBen 
Aneinanderreihen. So etwas wie den Jahreslauf beherrscht von der 
Vier zu denken, ware zum Beispiel der altindischen Kultur ganz un- 
moglich gewesen, weil da nichts von den Urgestalten alles Wirkens 
darinnen liegt. 

Als ich mein Buch «Theosophie» schrieb, da konnte ich nicht ein- 
fach aneinanderreihen : physischer Leib, atherischer Leib, astralischer 
Leib und Ich, wie man es zusammenfassen kann, wenn die Sache schon 
da ist, wenn man die Sache innerlich durchschaut. Da muBte ich nach 
der Dreizahl anordnen: physischer Leib, Atherleib, Empnndungs- 
leib; erste Dreiheit. Dann die damit verwobene Dreiheit: Empfin- 
dungsseele, Verstandesseele, BewuBtseinsseele; dann die damit ver- 
wobene Dreiheit: Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch, drei mal 
Tafel 5 drei, ineinander verwoben (siehe Schema), dadurch wird es zu sieben. 



Aber die Sieben ist eben drei mal drei ineinander verwoben. Und nur, 
wenn man auf das gegenwartige Stadium der Menschheitsentwicke- 
lung blickt, kommt die Vier heraus, die eigentlich im Grunde genom- 
men eine sekundare Zahl ist. 



S .5. | 13. 5. 5 

6 
7 



Tafel 5 



5 ^i. 



Will man auf das innerlich Wirksame, auf das sich Gestaltende 
sehen, mufl man auf die Gestaltung im Sinne der Dreiheit schauen. 
Daher hat die alte indische Anschauung gehabt: heiBe Jahreszeit, 
ungefahr wiirde das umfassen unsere Monate April, Mai, Juni, Juli; 
feuchte Jahreszeit, die wiirde ungefahr umfassen unsere Monate Au- 
gust, September, Oktober, November; und die kalte Jahreszeit wiirde 
umfassen unsere Monate Dezember, Januar, Februar, Marz, wobei die 
Grenzen gar nicht so festzustehen brauchen nach Monaten, sondern 
nur approximativ sind. Das kann verschoben gedacht werden. Aber 
der Jahreslauf wurde gedacht in der Dreiheit. Und so wiirde iiber- 
haupt die menschliche Seelenverfassung sich durchdringen mit der 
Anlage, diese Urdreiheit in allem Webenden und Wirkenden zu be- 
obachten, dadurch aber auch allem menschlichen SchafFen, allem 
menschlichen Gestalten diese Urdreiheit einzuverweben. Man kann 



schon sagen, reinliche Ideen zu haben auch von dem freien Geistes- 
leben, von dem Rechtsleben, von dem sozial-wirtschaftlichen Leben 
ist nur moglich, wenn man diesen Dr eischlag des Weltenwirkens, das 
auch durch das Menschenwirken gehen muB, in der Tiefe durch- 
schaut. 

Heute gilt alles, was auf solche Dinge sich beruft, als eine Art von 
Aberglaube, wahrenddem es als hohe Weisheit gilt, einfach zu zahlen: 
eins und wieder eins, zwei, drei und so welter. Aber so verfahrt ja die 
Natur nicht. Wenn man aber seine Anschauung lediglich darauf be- 
schrankt, auf dasjenige hinzuschauen, in dem sich alles verwebt, zum 
Beispiel auf das Fruhlingshafte allein, auf das man naturlich hin- 
schauen muB, um zu sehen, wie sich alles verwebt, so kann man eben 
nicht den Dreischlag wiedergeben. Wenn man aber den ganzen Jahres- 
lauf verfolgt, wenn man sieht, wie sich die Drei gliedert, wie das 
Geistige und das physisch-materielle Leben als Zweiheit vorhanden 
ist und das rhythmische Ineinanderweben von beiden als das Dritte, 
dann nimmt man wahr dieses Drei in Eins, Eins in Drei, und lernt 
erkennen, wie der Mensch sich selber hineinstellen kann in dieses 
Weltenwirken: drei zu eins, eins zu drei. 

Das wiirde menschliche Seelenverfassung werden, weltendurchdrin- 
gende, mit Welten sich verbiindende menschliche Seelenverfassung, 
wenn derMichael-Gedanke als Festesgedanke so erwachen konnte, daB 
wirklich dem Osterfest an die Seite gesetzt wiirde in der zweiten Sep- 
temberhalfte ein Michael-Fest, wenn dem Auferstehungsgedanken des 
Gottes nach dem Tode hinzugefiigt werden konnte der durch die 
Michael-Kraft bewirkte Auferstehungsgedanke des Menschen vor 
dem Tode. So daB der Mensch durch die Auferstehung Christi die 
Kraft finden wiirde, in Christus zu sterben, das heiBt, den auferstande- 
nen Christus in seine Seele aufzunehmen wahrend des Erdenlebens, 
damit er in ihm sterben konne, das heiBt, nicht tot, sondern lebendig 
sterben kann. 

Solches inneres BewuBtsein wiirde hervorgehen aus dem Inspirie- 
renden, das aus einem Michael-Dienst kommen wiirde. Man kann sehr 
wohl einsehen, wie unserer materialistischen Zeit, die aber identisch 
ist mit einer ganz und gar philistros gewordenen Zeit, so etwas feme 



liegt. GewiB, man kann auch nichts davon erwarten, wenn es ein To- 
tes, Abstraktes bleibt. Aber wenn mit demselben Enthusiasmus, mit 
dem einmal in der Welt Feste eingefiihrt worden sind, als man die 
Kraft hatte, Feste zu gestalten, wiederum so etwas geschieht, dann 
wird es inspirierend wirken. Dann wird es aber auch inspirierend 
wirken fur unser ganzes geistiges und fur unser ganzes soziales Leben. 
Dann wird dasjenige im Leben stehen, was wir brauchen: nicht ab- 
strakter Geist auf der einen Seite, geistlose Natur auf der andern Seite, 
sondern durchgeistigte Natur, natiirlich gestaltender Geist, die eines 
sind, und die auch wiederum Religion, Wissenschaft und Kunst in 
eines verweben werden, weil sie verstehen werden, die Dreiheit im 
Sinne des Michael-Gedankens in Religion, Wissenschaft und Kunst zu 
fassen, damit sie in der richtigen Weise vereinigt werden konnen im 
Ostergedanken, im anthroposophischen Gestalten, das religios, kiinst- 
lerisch, erkenntnismaBig wirken kann, das auch wiederum religios, er- 
kenntnismafiig differenzieren kann. So daB eigentlich der anthroposo- 
phische Impuls darin bestehen wiirde, in der Osterzeit zu empfinden 
Einheit von Wissenschaft, Religion und Kunst; in der Michaelzeit zu 
empfinden, wie die Drei - die eim Mutter haben, die Ostermutter -, 
wie die Drei Geschwister werden und nebeneinander stehen, aber sich 
gegenseitig erganzen. Und auf alles menschliche Leben konnte der 
Michael-Gedanke, der festlich lebendig werden sollte im Jahreslauf, 
inspirierend wirken. 

Von solchen Dingen, die durchaus dem real Esoterischen angeho- 
ren, sollte man sich durchdringen, wenigstens zunachst erkenntnis- 
maBig. Wenn dann einmal auch die Zeit kommen konnte, wo es aktiv 
wirkende Personlichkeiten gibt, so konnte so etwas tatsachlich ein 
Impuls werden, der doch so, wie die Menschheit ist, einzig und allein 
wiederum Aufgangskrafte an die Stelle der Niedergangskrafte setzen 
konnte. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 7. April 1923 



Iri der letzten Zeit habe ich oftmals hinweisen miissen auf den Zu- 
sammenhang des Jahreslaufes mit irgendwelchen menschlichen Ver- 
haltnissen, und ich habe ja wahrend der Ostertage hingewiesen auf 
den Zusammenhang des Jahreslaufes mit der Begehung menschlicher 
Feste. Ich mochte heute in sehr alte Zeiten zuruckgehen, um gerade im 
Zusammenhange mit dem Mysterienwesen der Menschheit in alten 
Zeiten etwas uber diesen Zusammenhang des Jahreslaufes mit mensch- 
lichen Festen noch zu sagen, das vielleicht dasjenige, was wir schon 
besprochen haben, nach der einen oder andern Seite noch vertiefen 
kann. 

Die Festlichkeiten wahrend des Jahres bedeuteten den Menschen 
sehr alter Erdenzeiten eigentlich ein Stuck von ihrem ganzen Leben. 
Wir wissen, daB in diesen alten Zeiten das menschliche BewuBtsein in 
ganz anderer Weise wirkte als spater. Man mochte diesem alten Be- 
wuBtsein etwas Traumerisches zuschreiben. Und aus diesem Traume- 
rischen sind ja diejenigen Erkenntnisse des menschlichen BewuBt- 
seins, der menschlichen Seele hervorgegangen, die dann die Mythen- 
form angenommen haben, die auch zur Mythologie selber wurden. 
Durch dieses mehr traumerische, man kann auch sagen, instinktiv- 
hellseherische BewuBtsein schauten die Menschen tiefer hinein in das- 
jenige, was geistig in der Umgebung des Menschen ist. Aber gerade 
dadurch, daB die Menschen auf diese Art intensiv teilnahmen nicht 
nur an dem Sinnenwirken der Natur, wie das heute der Fall ist, sondern 
an den geistigen Geschehnissen, gerade dadurch waren die Menschen 
auch mehr hingegeben an die Erscheinungen des Jahreslaufes, an 
die Verschiedenheit des Wirkens in der Natur im Fruhling und im 
Herbste. Ich habe auch darauf gerade in der letzten Zeit hingewiesen. 

Heute aber will ich Ihnen einiges andere dariiber mitteilen: wie 
namentlich das Hochsommerfest, das dann zu unserem Johannifeste 
geworden ist, und das Tiefwinterfest, das zu unserem Weihnachtsfest 
geworden ist, im Zusammenhange mit den alten Mysterienlehren be- 



gangen wurden. Da miissen wir allerdings uns klarmachen, daB jene 
Menschheit, von der wit fur altere Er denzeken sprechen, nicht in der- 
selben Weise zu einem vollen Ich-BewuBtsein kam, wie wir das heute 
tun. Im traumhaften BewuBtsein liegt nicht ein voiles Ich-BewuBtsein; 
und wenn kein voiles Ich-BewuBtsein da ist, nehmen die Menschen 
auch nicht dasjenige wahr, worauf gerade die Menschheit der heutigen 
Zeit so stolz ist. Die Menschen jener Zeit nahmen nicht wahr, was in 
der toten Natur, in der mineralischen Natur lebte. 

Halten wir das durchaus fest: Das BewuBtsein war ein solches, das 
nicht in abstrakten Gedanken verlief, das in Bildern lebte, aber es war 
traumhaft. Dadurch lebten sich die Menschen viel mehr ein, als das 
jetzt der Fall ist, sagen wir im Friihling in das sprieBende, sprossende 
Pflanzenleben und Pflanzenwesen. Wiederum fuhlten sie, konnte man 
sagen, das Entblattern im Herbste, das Welkwerden der Blatter, das 
ganze Hinsterben der pflanzlichen Welt, fuhlten auch tief mit die Ver- 
anderungen, welche die Tierwelt im Laufe des Jahres durchmachte, 
fuhlten die ganze menschliche Umgebung anders, wenn die Luft von 
Schmetterlingen durchflattert, von Kafern durchsurrt wurde. Sie 
fuhlten gewissermaBen ihr eigenes menschliches Weben zusammen mit 
dem Weben und Wesen des pflanzlich-tierischen Daseins. Aber sie 
hatten nicht nur kein Interesse, sondern auch kein rechtes BewuBtsein 
von dem Mineralischen, von dem Toten drauBen. Das ist die eine 
Seite dieses alten menschlichen BewuBtseins. 

Die andere Seite ist diese, daB auch kein Interesse vorhanden war 
bei dieser alten Menschheit fur die Gestalt des Menschen im allgemei- 
nen. Es ist das heute sogar recht schwierig vorzustellen, wie nach 
dieser Richtung hin das menschliche Empfinden war; allein ein starkes 
Interesse fur die menschliche Gestalt in ihrer Raumesform hatten die 
Menschen im allgemeinen nicht. Sie hatten aber ein intensives Inter- 
esse fur das Rassenhafte des Menschen. Und je weiter wir in alten Kul- 
turen zuriickgehen, desto weniger interessiert eigentlich den Men- 
schen so fur das allgemeine BewuBtsein die menschliche Gestalt; da- 
gegen interessiert die Menschen, wie die Farbe der Haut ist, wie das 
Rassentemperament ist. Auf das schauen diese Menschen hin. Auf der 
einen Seite also interessiert diese Menschen das Tote, Mineralische 



nicht, und auf der andern Seite interessiert sie nicht die menschliche 
Gestalt. Es war ein Interesse vorhanden, wie gesagt, fur das Rassige, 
nicht aber fur das allgemein Menschliche, auch nicht in bezug auf die 
auBere Gestalt. 

Das nahmen eben als eine Tatsache die groBen Lehrer der Mysterien 
hin. Wie sie dariiber dachten, das will ich Ihnen durch eine graphische 
Zeichnung darlegen. Sie sagten: Die Menschen haben ein traum- 
haftes BewuBtsein; dadurch gelangen sie dazu, das Pflanzenleben in 
der Umgebung scharf aufzufassen. - Durch ihre Traumesbilder lebten 
ja diese Menschen das Pflanzenleben mit, aber es reichte dieses Traum- 
bewuBtsein nicht bis zu der Auffassung des Mineralischen. So daB die 
Mysterienlehrer sich sagten: Nach der einen Seite geht das mensch- 
liche BewuBtsein zum Pflanzenhaften (siehe Schema), das traumerisch 
erlebt wird, aber nicht bis zum Mineralischen ; das liegt auBerhalb des 
menschlichen BewuBtseins. Und nach der andern Seite fuhlt der 
Mensch in sich das, was ihn noch mit der Tierheit verbindet, das 
RassenmaBige, das Tierhafte (siehe Schema). Dagegen liegt auBer- 
halb des menschlichen BewuBtseins das, was den Menschen durch 
seine aufrechte Gestalt, durch die Raumesform seines Wesens eigent- 
lich zum Menschen macht. 



Tafel 6 




MenscdPiclies 

Also das eigentlich Menschliche liegt auBerhalb dessen, was diese 
Menschen in alten Zeiten interessierte. Wir konnen also das mensch- 
liche BewuBtsein dadurch bezeichnen, daB wir es im Sinne dieser alten 
Menschheit innerhalb dieses Raumes eingeschlossen denken (siehe 



Schema* schraffiert), wahrend das Mineralische und das eigentlich 
Menschliche auBer dem Bereich dessen lagen, wovon im Grunde 
genommen diese alte Menschheit, die auBerhalb der Mysterien ihr 
Dasein verbrachte, etwas wuBte. 

Aber was ich jetzt ausgesprochen habe, gait nur so im allgemeinen. 
Durch seine eigenen Krafte, durch das, was der Mensch in seinem 
Wesen erlebte, konnte er nicht bis jenseits dieses Raumes zum Mine- 
ralischen auf der einen Seite, zum Menschlichen auf der andern Seite 
dringen. Aber es gab von den Mysterien ausgehende Einrichtungen, 
welche im Laufe des Jahres den Menschen, wenigstens annahernd, so 
etwas brachten wie das menschliche Ich-BewuBtsein einerseits und 
Anschauung des allgemein Mineralischen auf der andern Seite. So 
sonderbar es dem Menschen der heutigen Zeit klingt, so ist es doch 
so, daB die alten Mysterienpriester Feste eingerichtet haben, durch de- 
ren besondere Verrichtungen die Menschen sich uber das Pflanzen- 
hafte hinaus zum Mineralischen erhoben und dadurch in alten Zeken 
in einer gewissen Jahreszeit ein Auf leuchten des Ich hatten. Wie wenn 
in das TraumbewuBtsein das Ich hereinleuchtete, so war es. Sie wissen, 
daB auch in den Traumen der Menschen von heute das eigene Ich, das 
die Menschen dann schauen, manchmal noch einen Bestandteil des 
Traumes bildet. 

Und so leuchtete zum Johannifest durch die Verrichtungen, die fur 
einen Teil der Menschheit, die eben daran teilnehmen wollte, ver- 
anstaltet wurden, so leuchtete herein das Ich-BewuBtsein eben zu 
dieser Hochsommerzeit. Und zu dieser Hochsommerzeit konnten die 
Menschen wenigstens so weit das Mineralische wahrnehmen, daB sie 
mit Hilfe dieses Mineralwahrnehmens eine Art Ich-BewuBtsein be- 
kamen, wobei ihnen allerdings das Ich als etwas erschien, das von 
auBen her in die Traume hereinkam. Und um das zu bewirken, wurden 
in den altesten Hochsommerfesten, in den Festen zur Sommersonnen- 
wendezeit, die dann unsere Johannifeste geworden sind, die Teil- 
nehmer angeleitet, ein musikalisch-poetisches Element zu entfalten 
voll von Gesang begleiteter, streng rhythmisch angeordneter Reigen- 
tanze. Erfullt von eigentiimlichen musikalischen Rezitativen, die von 
primitiven Instrumenten begleitet wurden, waren gewisse Darstel- 



lungen und Auffuhrungen. Solch ein Fest war durchaus in Musika- 
lisch-Poetisches getaucht. Der Mensch stromte das, was er in seinem 
TraumbewuBtsein hatte, in musikalisch-sanglicher, in tanzartiger 
Weise wie in den Kosmos hinaus. 

Was dazumal unter der Anleitung derjenigen Menschen, die selber 
wieder ihre Anleitung von den Mysterien hatten, fur solche machtige, 
weit ausgebreitete Volksfeste der alten Zeiten an Musikalischem, an 
Gesanglichem geleistet worden ist, dafiir kann der moderne Mensch 
nicht ein unmittelbares Verstandnis haben. Denn was dann spater 
Musikalisches, Poetisches geworden ist, das stent weit ab von jenem 
primitiven, elementaren, einfach Musikalisch-Poetischen, das zur 
Hochsommerzeit unter der Anleitung der Mysterien in jenen alten 
Zeiten entfaltet wurde. Alles zielte darauf hin, daB, wahrend die Men- 
schen ihre von Gesang und primitiven poetischen Auffuhrungen be- 
gleiteten Reigentanze machten, sie in eine Stimmung kamen, durch 
die eben dasjenige geschah, was ich jetzt genannt habe das Herein- 
leuchten des Ich in die menschliche Sphare. 

Aber wenn man diese alten Menschen, die die Anleitungen hatten, 
gefragt hatte : Ja, wie kommt man denn eigentlich darauf, solche Ge- 
sange, solche Tanze zu bilden, durch welche das, was ich geschildert 
habe, entstehen kann? - dann hatten diese alten Menschen wiederum 
eine fur den modernen Menschen hochst paradoxe Antwort gegeben. 
Sie hatten zum Beispiel gesagt: Ja, vieles ist iiberliefert, vieles ist 
schon da, das haben noch altere gemacht! - Aber in gewissen alten 
Zeiten hatten die Menschen so gesagt: Man kann es auch heute noch 
lernen, ohne daB man etwas auf eine Tradition gibt, wenn man nur 
das, was sich offenbart, weiter ausbildet. Man kann auch heute noch 
lernen, wie man sich der primitiven Instrumente bedient, wie man die 
Tanze formt, wie man die Gesangsstimme meistert. - Und nun kommt 
eben das Paradoxe, was diese alten Leute gesagt hatten. Sie wiirden 
gesagt haben: Das lernt man von den Singvogeln. - Aber sie haben 
eben in einer tiefen Weise verstanden den ganzen Sinn dessen, warum 
eigentlich die Singvogel singen. 

Das ist ja langst vergessen worden von der Menschheit, warum die 
Singvogel singen. In der Zeit, in der der Verstand alles beherrscht, 



in der die Menschen intellektualistisch wurden, gewiB, die Menschen 
haben skh ja auch da Gesangskunst, poetische Kunst bewahrt, aber 
den Zusammenhang des Singens mit dem ganzen Weltenall haben sie 
in der Zeit des Intellektualismus vergessen. Und selbst jemand, der 
begeistert ist fur die musische Kunst, der die musische Kunst hinaus- 
stellt iiber alles Banausisch-Menschliche, der sagt aus diesem spateren 
intellektualistischen Zeitalter heraus : 

Ich singe, wie der Vogel singt, 
Der in den Zweigen wohnet. 
Das Lied, das aus der Kehle dringt, 
Ist Lohn, der reichlich lohnet. 

Ja, das sagt der Mensch eines gewissen Zeitalters. Der Vogel selber 
wiirde es namlich niemals sagen. Der Vogel wiirde niemals sagen: 
«Das Lied, das aus der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet. » 
Und ebensowenig hatten es die alten Mysterienschuler gesagt. Denn 
wenn in einer bestimmten Jahreszeit die Lerchen, die Nachtigallen 
singen, dann dringt das, was da gestaltet wird, nicht durch die Luft, 
aber durch das atherische Element in den Kosmos hinaus, vibriert im 
Kosmos hinaus bis zu einer gewissen Grenze ; dann vibriert es zuruck 
auf die Erde, und dann empfangt die Tierwelt dieses, was da zuriick- 
vibriert, nur hat sich dann mit ihm das Wesen des Gottlich-Geistigen 
des Kosmos verbunden. Und so ist es, daft die Nachtigallen, die Ler- 
chen ihre Stimmen hinausrichten in das Weltenall (rot) und daft das- 




Tafel 7 



jenige, was sie hinaussenden, ihnen atherisch wieder zunickkommt 
(gelb) fur den Zustand, wo sie nicht singen, aber das ist dann durch- 
wellt von dem Inhalte des Gottlich-Geistigen. Die Lerchen senden 
ihre Stimmen hinaus in die Welt, und das Gottlich-Geistige, das an 
der Formung, an der ganzen Gestaltung des Tierischen teilnimmt, das 
stromt auf die Erde wiederum herein auf den Wellen dessen, was zu- 
riickstromt von den hinausstromenden Liedern der Lerchen und 
Nachtigallen. 

Man kann also, wenn man nicht aus dem intellektualistischen Zeit- 
alter heraus, sondern aus dem wirklichen, allumfassenden mensch- 
lichen BewuBtsein heraus redet, eigentlich nicht sagen: «Ich singe, 
wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus 
der Kehle dringt, ist Lohn, der reichlich lohnet», sondern man miiBte 
dann sagen : Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen woh- 
net. Das Lied, das aus der Kehle hinausstromt in Weltenweiten, kommt 
als Segen der Erde wiederum zuriick, befruchtend das irdische Leben 
mit den Impulsen des Gottlich-Geistigen, die dann weiterwirken in 
der Vogelwelt, und die nur deshalb in der Vogelwelt der Erde wirken 
konnen, weil sie den Weg hereinfinden auf den Wellen desjenigen, 
was ihnen hinausgesungen wird in die Welt. 

Nun sind ja nicht alleTiere Nachtigallen und Lerchen; es singen auch 
selbstverstandlich nicht alle hinaus, aber etwas Ahnliches, wenn es auch 
nicht so schon ist, geht von der ganzen tierischen Welt in den Kosmos 
hinaus. Das verstand man in jenen alten Zeiten, und deshalb wurden 
die Schiiler der Mysterienschulen angeleitet, solches Gesangliche, sol- 
ches Tanzerische zu erlernen, das sie dann auffuhren konnten am 
Johannifest, wenn ich es mit dem modernen Ausdruck nennen darf. 
Das sandten die Menschen in den Kosmos hinaus, naturlich in einer 
jetzt nicht tierischen, sondern vermenschlichten Gestalt, als eine Wei- 
terbildung dessen, was die Tiere in den Weltenraum hinaussenden. 

Und es gehorte noch etwas anderes zu jenen Festen: nicht nur das 
Tanzerische, nicht nur das Musikalische, nicht nur das Gesangliche, 
sondern hinterher das Lauschen. Erst wurden die Feste aktiv aufge- 
fuhrt, dann gingen die Anleitungen dahin, daB die Menschen zu Lau- 
schern wurden dessen, was ihnen zuriickkam. Sie hatten die groBen 



Fragen an das Gottlich-Geistige des Kosmos gerichtet mit ihren Tan- 
zen, mit ihren Gesangen, mit all dem Poetischen, das sie aufgefiihrt 
hatten. Das war gewissermaBen hinaufgestromt in die Weiten des Kos- 
mos, wie das Wasser der Erde hinaufstromt, das oben die Wolken 
bildet und als Regen wieder hinabtraufelt. Also erhoben sich die Wir- 
kungen der menschlichen Festesverrichtungen und kamen jet2t zu- 
riick, selbstverstandlich nicht als Regen, aber als etwas, was sich als 
die Ich-Gewalt dem Menschen offenbarte. Und es hatten die Menschen 
eine feine Empfindung fur jene eigentumliche Umwandelung, welche 
gerade um die Johannifesteszeit mit der um die Erde herum befind- 
lichen Luft und Warme geschieht. 

Daruber geht natiirlich der heutige Mensch der intellektualisti- 
schen Zeit hinweg. Er hat etwas anderes zu tun als die Menschen der 
alten Zeiten. Er muB zu diesen Zeiten, wie auch zu andern Zeiten, 
zum Five o'clock tea gehen, zu Kaffees gehen, muB ins Theater gehen 
und so weiter. Er hat eben etwas anderes zu tun, was nicht von der 
Jahreszeit abhangt. Uber alldem, was man da treibt, vergiBt man jene 
leise Umwandelung dessen, was sich in der atmospharischen Um- 
gebung der Erde vollzieht. 

Es ist namlich so, daB diese Menschen der alten Zeit gefuhlt haben, 
wie Luft und Warme anders werden um die Johannizeit, um die Hoch- 
sommerzeit, wie sie etwas Pflanzenhaftes bekommen. Denken Sie ein- 
mal, was das fur eine Empfindung war: eine feine Empfindung fur 
alles, was in der Pflanzenwelt vorgeht. Nehmen wir an, das sei hier die Tafel 7 
Erde, und aus der Erde uberall kommen die Pflanzen heraus ; da hat- 
ten die Menschen eine feine Empfindung fur alles, was mit der Pflanze 
sich heranentwickelt, was in der Pflanze lebt. Im Friihling hatte man 
so ein allgemeines Naturgefuhl, das hochstens noch in der Sprache er- 
halten ist. Sie finden im Goetheschen «Faust» das Wort: es «grunelt». 
Wer merkt denn heute, wenn es grunelt, wenn die Griinheit, die im 
Friihling aus der Erde herauskommt, die Luft durchweht und durch- 
wellt? Wer merkt denn, wenn es grunelt und wenn es bliiht! Nun ja, 
heute sehen das die Menschen. Da gefallt ihnen das Rote, das Gelbe, 
das da bliiht; aber sie merken es nicht, daB da die Luft etwas ganz 
anderes wird, wenn es bliiht, oder gar wenn es fruchtet. Also dieses 



Miterleben mit der Pflanzenwelt ist weg fur die intellektualistische 
Zeit. Fur diese Menschen aber war es vorhanden. Daher konnten sie 
auch empfinden, wenn ihnen jetzt nicht von der Erde heraus das Gru- 
neln, das Bluhen, das Fruchten, sondern wenn ihnen das aus der Um- 
gebung, aus der Luft kam, wenn Luft und Warme selber von oben 
herunter (schraffiert) etwas wie Pflanzenhaftes ausstromten. Und die- 
ses Pflanzenhaftwerden von Luft und Warme, das versetzte das Be- 
wuBtsein hinein in jene Sphare, wo dann das Ich herunter kam als Ant- 
wort auf dasjenige, was man musikalisch-dichterisch in den Kosmos 
hinaussandte. 




Also diese Feste hatten einen wunderbaren intimen menschlichen 
Inhalt. Es war eine Frage an das gottlich-geistige Weltenall. Die Ant- 
wort bekam man, weil man so, wie man das Fruchtende, das Blii- 
hende, das Grunelnde der Erde empfindet, von oben herunter aus der 
sonst bloB mineralischen Luft etwas Pflanzenhaftes empfand. Dadurch 
trat in den Traum des Daseins, in dieses traumerische alte BewuBtsein 
auch der Traum des Ich herein. 

Und wenn dann das Johannifest voriiber war und der Juli und 
August wieder kamen, dann hatten die Menschen das Gefuhl: Wir 
haben ein Ich; aber das Ich bleibt im Himmel, das ist da oben, das 
spricht nur zur Johannizeit zu uns. Da werden wir gewahr, daB wir 
mit dem Himmel zusammenhangen. Der hat unser Ich in Schutz ge- 
nommen. Der zeigt es uns, wenn er das groBe Himmelsfenster offnet; 
zur Johannizeit zeigt er es uns ! Aber wir miissen darum bitten. Wir 
miissen bitten, indem wir die Festesverrichtungen der Johannizeit 
auffiihren, indem wir da bei diesen Festesverrichtungen uns in die 



unglaublich traulichen, intimen musikalisch-poetischen Veranstaltun- 
gen hineinflnden. So waren schon diese alten Feste die Herstellung 
einer Kommunikation, einer Verbindung des Irdischen mit dem 
Himmlischen. Und Sie spiiren, meine lieben Freunde: Dieses ganze 
Fest war in Musikalisches getaucht, in Musikalisch-Poetisches, es 
wurde plotzlich in der Hochsommerzeit fur ein paar Tage - aber es 
war gut von den Mysterien her vorbereitet -, es wurde plotzlich in den 
einfachen Ansiedlungen der Urmenschen iiberall poetisch. Das ganze 
soziale Leben war in dieses musikalisch-poetische Element getaucht. 
Die Menschen glaubten eben, sie brauchten das, wie das tagliche Essen 
und Trinken, zu dem Leben im Jahreslaufe, daB sie da in diese tan- 
zerisch-musikalisch-poetische Stimmung hineinkamen und auf diese 
Weise ihre Kommunikation mit den gottlich-geistigen Machten des 
Kosmos herstellten. Von diesem Feste blieb dann das, was in der spa- 
teren Zeit kam : daB, wenn ein Mensch dichtete, er zum Beispiel sagte : 
Sing' mir, o Muse, vom Zorn des Peleiden Achilleus -, weil man sich 
da noch erinnerte, daB einstmals die groBe Frage an das Gottliche ge- 
stellt worden war und das Gottliche antworten sollte auf die Frage 
der Menschen. 

Ebenso, wie sorgfaltig vorbereitet wurden diese Feste zur Johanni- 
zeit, um die groBe Frage an den Kosmos zu stellen, damit der Kosmos 
zu dieser Zeit dem Menschen verburge, daB er ein Ich hat, das nur 
eben die Himmel in Schutz genommen haben, so wurde in derselben 
Weise vorbereitet das Wintersonnenwendefest, das Tiefwinterfest, das 
jetzt zu unserem Weihnachtsfest geworden ist. Aber wie zur Johanni- 
zeit alles getaucht war in das musikalisch-poetische Element, in das 
tanzerische Element, so war in der Tiefwinterzek alles zunachst so 
vorbereitet, daB die Menschen wuBten: sie miissen still werden, sie 
mussen in ein mehr beschauliches Element hineinkommen. Und dann 
wurde hervorgeholt alles, was in alten Zeiten, von denen die auBere 
Geschichte ja nichts berichtet, von denen man nur wissen kann durch 
die Geisteswissenschaft, was in alten Zeiten da war wahrend der Som- 
merzeit an verbildlichten Elementen, an plastisch verbildlichten Ele- 
menten, die ihren Hohepunkt erreichten in jenen tanzerischen, musi- 
kalischen Festen, von denen ich Ihnen soeben gesprochen habe. Wah- 



rend jener Zeit kummerte sich die alte Menschheit, die gewissermaBen 
da aus sich herausging, um sich mit dem Ich in den Himmeln zu ver- 
einigen, nicht um dasjenige, was man damals lemte. AuBerhalb des 
Festes hatten sie ja 2u tun mit der Besorgung all dessen, was eben in 
der Natur fur den menschlichen Unterhalt zu besorgen war. Das Lehr- 
hafte fiel in die Wintermonate, und das erlangte auch seine Kulmina- 
tion, seinen Festesausdruck eben zur Wintersonnenwende, zur tiefen 
Winterzeit, zur Weihnachtszeit. 

Da fing man an, die Menschen, welche wiederum unter der Anlei- 
tung der Mysterienschiiler standen, vorzubereiten darauf, allerlei gei- 
stige Verrichtungen zu tun, die wahrend des Sommers nicht getan 
wurden. Es ist schwierig, weil naturlich die Dinge sich von dem, was 
heute getan wird, sehr unterscheiden, mit heutigen Ausdriicken das 
zu benennen, was die Menschen so von unserer September-Oktober- 
zeit an bis zu unserer Weihnachtszeit hin trieben. Aber sie wurden an- 
geleitet zu dem, was wir etwa heute nennen wurden Ratselraten, Fra- 
gen beantworten, die in irgendeiner verhullten Gestalt gegeben wur- 
den, so daB sie aus dem, was in Zeichen gegeben war, einen Sinn 
herausfinden sollten. Sagen wir, die Mysterienschiiler gaben denen, die 
so etwas lernen sollten, irgendein symbolisches Bild; das sollten sie 
deuten. Oder sie gaben ihnen, was wir ein Ratsel nennen wurden ; das 
sollten sie auf losen. Sie gaben ihnen irgendeinen Zauberspruch. Was 
der Zauberspruch enthielt, sollten sie auf die Natur beziehen und es 
damit auch erraten. Aber namentlich wurde sorgfaltig vorbereitet, 
was dann bei den verschiedenen Volkern verschiedenste Formen an- 
genommen hat, was zum Beispiel in nordischen Landern dann in 
einer spateren Zeit gelebt hat als das Hinwerfen der Runenstabe, so 
daB sie Formen bildeten, die dann entratselt wurden. Diesen Betati- 
gungen gab man sich zur Tiefwinterzeit hin, aber insbesondere wur- 
den solche Dinge gepflegt, allerdings in der alten primitiven Form, die 
dann zu einer gewissen primitiven plastischen Kunst fuhrten. 

Bei diesen alten BewuBtseinsformen war namlich das Eigentum- 
liche - so paradox es wieder fur den heutigen Menschen klingt - das 
Folgende: Wenn der Oktober heranriickte, so machte sich in den 
menschlichen Gliedern etwas geltend, was nach irgendeiner Betati- 



gung strebte. Im Sommer muBte der Mensch sich im Bewegen seiner 
Glieder dem fiigen, was der Acker von ihm forderte; er muBte die 
Hand an denPflug legen, er muBte das oder jenes tun. Da muBte er sich 
an die AuBenwelt anpassen. Wenn die Ernte voriiber war und die 
Glieder ausruhten, dann regte sich in ihnen das Bedurfnis nach irgend- 
einer Betatigung, und dann bekamen die Glieder die Sehnsucht, zu 
kneten. Man hatte an allem plastischen Bilden seine besondere Befrie- 
digung. So wie zur Johannizeit ein intensiver Trieb nach Tanz, nach 
Musik auftauchte, so tauchte gegen die Weihnachtszeit hin ein inten- 
siver Trieb auf, zu kneten, zu bilden, aus allerlei weichen Mas sen, die 
da waren, zu bilden, auch alles Natiirliche dazu beniitzend. Nament- 
lich hatte man eine feine Empfindung far die Art und Weise, wie zum 
Beispiel das Wasser anfing zu gefrieren. Da gab man ganz besondere 
Impulse. Man stieB nach dieser oder jener Richtung. Dabei bekamen 
die Eisformen, die sich im Wasser bildeten, eine besondere Gestalt, 
und man brachte es dahin, daB man, mit der Hand im Wasser drinnen, 
Formen ausfuhrte, wahrend einem die Hand erstarrte, so daB dann, 
wenn das Wasser gefror unter den Wellen, die man da aufwarf, das 
Wasser die sonderbarsten kiinstlerischen Formen annahm, die dann 
naturlich wiederum zerschmolzen. 

Von alledem ist ja nichts mehr geblieben im intellektualistischen 
Zeitalter als hochstens das BleigieBen in der Silvesternacht. Da wird 
noch Blei in das Wasser hineingegossen, und man findet, daB es For- 
men annimmt, die man dann erraten soli. Aber das ist das letzte ab- 
strakte Oberbleibsel von jenen wunderbaren Betatigungen der inne- 
ren menschlichen Triebkraft in der Natur, die sich zum Beispiel so 
auBerte, wie ich es beschrieben habe: daB der Mensch die Hand in das 
Wasser steckte, das schon im Gefrieren war, daB er die Hand erstarrt 
bekam und nun probierte, wie er das Wasser in Wellen formte, so daB 
das gefrierende Wasser dann mit den wunderbarsten Gestalten ant- 
wortete. 

Der Mensch bekam auf diese Weise die Fragen heraus an die Erde. 
Durch die Musik, durch die Poesie wandte er sich in der Hochsommer- 
zeit mit seinen Fragen an die Himmel, und die antworteten ihm, in- 
dem sie ihm das Ich-Gefuhl hereinsandten in sein traumendes BewuBt- 



sein. In der Tiefwinterzeit wandte er sich fur das, was er jetzt wissen 
wollte, nun nicht hinaus an die Himmel, sondern er wandte sich an 
das irdische Element, und er probierte, was das irdische Element fur 
Formen annehmen kann. Und an diesem merkte er, daB die Formen, 
die da herauskamen, sich in einer gewissen Weise ahnlich verhielten 
den Formen, welche die Kafer, die Schmetterlinge bildeten. Das ergab 
sich fur seine Anschauung. Aus der Plastik, die er herausholte aus dem 
Naturwirken der Erde, ergab sich fur ihn die Anschauung, daB 
liberhaupt aus dem irdischen Elemente die verschiedenen Tierformen 
herausgebildet werden. Zur Weihnachtszeit verstand der Mensch die 
Tierformen. Und indem er arbeitete, seine Glieder anstrengte, sogar 
ins Wasser sprang, gewisse Beinbewegungen machte, dann heraus- 
sprang und probierte, wie das Wasser antwortete, das erstarrende 
Wasser, da merkte er an der AuBenwelt, welche Gestalt er als Mensch 
selber hat. Das war aber nur zur Weihnachtszeit, nicht sonst; sonst 
hatte er nur fur das Tierische, fur das Rassenhafte eine Empfindung. 
Zur Weihnachtszeit kam er dann auch an das Erleben der mensch- 
lichen Gestalt heran. 

So wie also in jenen alten Mysterienzeiten vermittelt wurde das Ich- 
BewuBtsein von den Himmeln herein, so wurde die menschliche Ge- 
staltempfindung vermittelt aus der Erde heraus. Der Mensch lernte 
zur Weihnachtszeit die Erde in ihrer Formkraft, in ihrer plastisch 
bildnerischen Kraft kennen und lernte erkennen, wie ihm die Spharen- 
harmonien sein Ich hereinklangen in sein TraumbewuBtsein zur Jo- 
hannizeit im Hochsommer. Und so erweiterten zu besonderen Festes- 
zeiten die alten Mysterien das Menschenwesen. Auf der einen Seite 
wuchs die Umgebung der Erde in den Himmel hinaus, damit der 
Mensch wissen konnte, wie die Himmel sein Ich in Schutz halten, wie 
da sein Ich ruht. Und zur Weihnachtszeit HeBen die Mysterienlehrer 
die Erde auf die Anfrage der Menschen auf dem Wege durch das 
plastische Bilden antworten, damit der Mensch da allmahlich das 
Interesse bekam fur die menschliche Gestalt, fur das Zusammen- 
flieBen aller tierischen Gestalt in die menschliche Gestalt. Der Mensch 
lernte sich innerlich seinem Ich nach in der Hochsommerzeit kennen ; 
der Mensch lernte sich auBerlich in bezug auf seine Menschenbildung 



erfuhlen in der tiefen Winterzeit. Und so war das, was der Mensch als 
sein Wesen empfand, wie er sich eigentlich fuhlte, nicht allein zu er- 
langen dadurch, daB man einfach Mensch war, sondern daft man mit 
dem Jahreslauf mitlebte, daB einem, um zum Ich-BewuBtsein zu kom- 
men, die Himmel die Fenster offneten, daB, um zum BewuBtsein der 
menschlichen Gestalt zu kommen, die Erde gewissermaBen ihre Ge- 
heimnisse entfaltete. Da war der Mensch eben innig, intim verbunden 
mit dem Jahreslaufe, so intim verbunden, daB er sich sagen muBte: 
Ich weiB ja von dem, was ich als Mensch bin, nur dann, wenn ich 
nicht stumpf dahinlebe, sondern wenn ich mich erheben lasse im Som- 
mer zu den Himmeln, wenn ich mich einsenken lasse im Winter in die 
Erdenmysterien, in die Erdengeheimnisse. 

Sie sehen daraus, daB es einmal schon so war, daB die Festeszeiten in 
ihren Verrichtungen eben als etwas aufgefaBt wurden, das zum mensch- 
lichen Leben gehort. Der Mensch fuhlte sich nicht nur als Erden- 
wesen, sondern er fuhlte sich als Wesen, das der ganzen Welt angehorte, 
das ein Burger der ganzen Welt war. Ja, er fuhlte sich so wenig als 
Erdenwesen, daB er auf das, was er durch die Erde selbst war, eigent- 
lich erst aufmerksam gemacht werden muBte durch Feste, die nur zu 
einer bestimmten Jahreszeit begangen werden konnten, weil zu andern 
Jahreszeiten die Menschen, die mehr oder weniger den Jahreslauf er- 
lebten, es gar nicht hatten miterleben konnen. Es war eben alles, was 
man durch Feste erfahren und miterleben konnte, an die betreffende 
Jahreszeit gebunden. 

In dieser Weise, wie es einmal in primitiven Zeiten war, kann der 
Mensch, nachdem er seine Freiheit im intellektualistischen Zeitalter 
errungen hat, gewiB nicht wiederum zum Miterleben mit dem Kosmos 
kommen. Aber er kann dazu kommen auch mit seiner heutigen Kon- 
stitution, wenn er sich wiederum einlaBt auf das Geistige. In dem Ich- 
BewuBtsein, das ja jetzt die Menschheit schon lange hat, ist etwas ein- 
gezogen, was friiher nur durch das Himmelsfenster im Sommer zu 
erlangen war. Aber deshalb muB der Mensch sich gerade etwas anderes, 
was wiederum iiber das Ich hinausliegt, durch das Verstandnis des 
Kosmos aneignen. 

Es ist heute dem Menschen natiirlich, von der menschlichen Gestalt 



im allgemeinen zu sprechen. Wer in das intellektualistische Zeitalter 
eingetreten ist, hat nicht mehr ein so starkes Gefiihl von dem Tierisch- 
Rassenhaften. Aber wie das friiher als eine Kraft, als ein Impuls, der 
nur aus der Erde heraus gesucht werden konnte, iiber den Menschen 
gekommen ist, so muB heute durch das Verstandnis der Erde, das 
nicht durch Geologie oder Mineralogie, sondern wiederum nur auf 
geistige Art gegeben werden kann, der Mensch wiederum 2u etwas 
anderem kommen als bloB zur menschlichen Gestalt. 



Tafel 7 




Wenn man die menschliche Gestalt nimmt, so kann man sagen : In 
sehr alten Zeiten hat der Mensch sich innerhalb dieser Gestalt so ge- 
fiihlt, daB er nur das AuBerlich-Rassenhafte, das im Blute liegt, fiihlte, 
daB er nicht bis zu der Haut hin empfunden hat (siehe Zeichnung, 
rot) ; er war nicht aufmerksam auf die Grenze. Heute ist der Mensch 
so weit, daB er auf die Umgrenzung aufmerksam ist. Er empfindet 
die Umgrenzung als das eigentlich Menschliche an seiner Gestalt. 



Aber der Mensch muB nun iiber sich hinauskommen. Er muB das 
Atherisch-Astralische auBer sich kennenlernen (blau). Das kann er 
eben durch geisteswissenschaftliche Vertiefung. 

So sehen wir, daB das gegenwartige BewuBtsein dadurch erkauft 
worden ist, daB allerdings vieles von dem Zusammenhang des Be- 
wuBtseins mit dem Kosmos verlorengegangen ist ; aber nachdem der 
Mensch einmal zum Erleben dessen gekommen ist, was seine Freiheit 
und seine Gedankenwelt ist, muB er wiederum hinauskommen und 
muB kosmisch erleben. Das ist dasjenige, was die Anthroposophie 
will, wenn sie so von einer Erneuerung der Feste spricht, ja gar von 
dem Kreieren von Festen wie dem Michaelfest im Herbste, von dem 
neulich gesprochen worden ist. Man muB wiederum ein inneres Ver- 
standnis dafur haben, was in dieser Beziehung der Jahreslauf dem 
Menschen sein kann. Und er wird dann etwas Hoheres sein konnen, 
als er einstmals in der geschilderten Weise dem Menschen war. 



FONFTER vortrag 

Dornach, 8. April 1923 



Um die Betrachtung, die ich gestern hier angestellt habe iiber jenes 
Verhaltnis, das sich in alten Zeiten unter dem EinfluB der Mysterien 
zwischen dem Menschen und dem Naturlauf ausgebildet hatte, auf 
einen noch weiteren Horizont zu bringen, will ich heute eingehen 
auf dasjenige, was in jenen alten Zeiten geglaubt worden ist in bezug 
auf alles, was man durch diesen Naturlauf als Mensch von dem Welten- 
all empfing. Sie haben ja aus dem gestrigen Vortrage entnehmen kon- 
nen - auch vielleicht in Erinnerung an manches, was ich iiber solche 
Dinge um die letzte Weihnachtszeit noch in dem uns nun entrissenen 
Goetheanum ausfuhren konnte -, daB der Jahreslauf in seinen Erschei- 
nungen empfunden wurde, ja auch heute noch empfunden werden 
kann als ein Lebensablauf, als etwas, was in bezug auf den auBeren 
Verlauf ebenso der Ausdruck eines dahinterstehenden lebendigen 
Wesens ist, wie die AuBerungen des menschlichen Organismus solche 
OfTenbarungen eines Wesens, der menschlichen Seele selber sind. 

Erinnern wir uns daran, wie die Menschen unter diesem alten 
MysterieneinfluB zur Hochsommerzeit, zu der Zeit, die wir heute als 
die Johannizeit empfinden, ein gewisses Verhaltnis zu ihrem Ich emp- 
funden haben; zu demjenigen Ich aber, das sie dazumal noch nicht 
sich selbst ausschlieBlich zuschrieben, sondern das sie noch versetzten 
in den SchoB des Gottlich-Geistigen. Diese Menschen glaubten eben, 
daB sie durch alle diese Verrichtungen, die ich geschildert habe, sich 
wahrend der Hochsommerzeit ihrem Ich naherten, das sich durch den 
iibrigen Jahreslauf hindurch vor den Menschen verbirgt. Naturlich 
dachten sich die Menschen als ganzes Wesen iiberhaupt im SchoBe des 
Gottlich-Geistigen befindlich. Allein sie dachten, wahrend der iibrigen 
Dreiviertel des Jahres offenbart sich ihnen nichts von dem, was zu 
ihnen als ihr Ich gehort; nur in diesem einen Viertel, das seinen Hohe- 
punkt zur Johannizeit hatte, da offenbart sich ihnen gewissermaBen 
durch ein Fenster, das hereinerrichtet war aus der gottlich-geistigen 
Welt, die Wesenheit ihres eigenen Ich. 



Nun wurde aber diese Wesenheit des eigenen Ich innerhalb der 
gottlich-geistigen Welt, in der sie sich offenbarte, nicht in einem so 
neutralen, gleichgiiltigen, ja, man kann schon sagen phlegmatischen 
Erkenntniswege gedacht, wie das heute der Fall ist. Wenn heute von 
dem Ich gesprochen wird, so denkt ja der Mensch eigentlich dabei 
kaum irgendwelche wirkliche Beziehung zu dieser oder jener Welt. 
Er denkt sich das Ich gewissermaBen als einen Punkt, von dem aus- 
strahlt, was er tut, in den einstrahlt, was er erkennt. Aber es ist durch- 
aus eine Art phlegmatischer Empfindung, die der Mensch heute ge- 
geniiber seinem Ich hat. Man kann nicht einmal sagen, daB der heutige 
Mensch in seinem Ich, trotzdem dieses ja das Ego ist, den eigent- 
lichen Egoismus empfindet; denn wenn er ehrlich sein will, kann er 
sich ja gar nicht sagen, er habe sein Ich besonders gern. Er hat seinen 
Leib gern, er hat seine Instinkte gern, er hat diese oder jene Erleb- 
nisse gern. Aber das Ich ist ja nur ein Wortchen, das als Punkt emp- 
funden wird, und in dem eben all das Angedeutete so mehr oder 
weniger zusammengefaBt wird. Aber in jener Zeit, in der die Annahe- 
rung an dieses Ich festlich begangen wurde, in der man schon lange 
Vorbereitungen machte, um gewissermaBen sein Ich im Weltenall zu 
treffen, in der Zeit, in der man dann wiederum empfand, wie dieses 
Ich sich allmahlich zuriickzog und den Menschen mit seinem leiblich- 
seelischen Wesen - was wir heute nennen wiirden physisch-atherisch- 
astralisches Wesen - allein lieB, in jener Zeit empfand man das Ich 
wirklich in Beziehung zu dem ganzen Kosmos, zu der ganzen Welt. 

Aber was man vor alien Dingen empfand gegeniiber diesem Ich in 
seinem Verhaltnis zur Welt, das war nicht etwas Naturalistisches, 
wenn wir das heutige Wort gebrauchen, das war nicht etwas, was nur 
als auBere Erscheinung aufgefaBt wurde, sondern es war etwas, was 
im wesentlichen als der Mittelpunkt der alten, der uralten morali- 
schen Weltanschauung gait. Man nahm nicht an, daB dem Menschen 
groBe Naturgeheimnisse geofTenbart wurden in dieser Zeit. GewiB, 
solche Naturgeheimnisse - wir haben sie gestern ausgesprochen -, auf 
die achtete der Mensch nicht in allererster Linie damals, sondern er 
hatte die Empfindung, daB vor alien Dingen dasjenige, was er als mo- 
ralische Impulse in sich aufnehmen soli, sich in dieser Hochsommer- 



zeit offenbart, in der Licht und Warme ihren hochsten Stand errei- 
chen. Es war die Zeit, die der Mensch empfand als die gottlich-mora- 
lische Erleuchtung. Und was man vor alien Dingen als Antwort von 
den Himmeln erhalten wollte durch die musikalischen, poetischen, 
tanzerischen Auffuhrungen, die damals gepflegt wurden, was man er- 
wartete, das war, daB sich offenbarte aus den Himmeln in allem Ernste 
dasjenige, was die Himmel in moralischer Beziehung von den Men- 
schen verlangten. 

Wenn es sich einmal zutrug, daB alle diese Verrichtungen ge- 
pflogen wurden, die ich gestern beschrieben habe, daB in schwiiler 
Sommerzeit diese Feste gefeiert wurden und dann ein machtiges Ge- 
witter hereinbrach mit Blitz und Donner, dann fiihlte man gerade in 
dem Hereinbrechen von Blitz und Donner die moralische Ermahnung 
der Himmel an die Erdenmenschheit. Aus diesen alten Zeiten ist zu- 
riickgeblieben, was sich etwa in der Anschauung liber den Zeus findet, 
daB er der Donnergott ist, der Gott, der mit dem Blitze ausgestattet 
ist. Ahnliches kniipft sich an den deutschen Donar-Gott an. Das auf 
der einen Seite, und auf der andern Seite das Folgende. 

Man empfand ja da, ich mochte sagen, die in sich gesattigte, warme, 
leuchtende Natur, man empfand dasjenige, was leuchtende, warmende 
Natur wahrend des Tages war, auch in die Nachtzeit hinein und man 
machte nur den Unterschied, daB man sich sagte : Wahrend des Tages 
ist die Luft angefiillt mit dem Warmeelemente, mit dem Licht- 
elemente. Da weben und leben im Warme- und im Lichtelemente die 
geistigen Boten, durch die sich die hoheren gottlichen Wesenheiten 
den Menschen kundgeben wollen, sie ausstatten wollen mit morali- 
schen Impulsen. Aber des Nachts, wenn sich zuriickziehen die hoheren 
geistigen Wesenheiten, dann bleiben die Boten und offenbaren sich 
auf ihre Weise, - Und so empfand man besonders zu dieser Hoch- 
sommerzeit das Walten und Weben der Natur in den Sommernachten, 
in den Sommerabenden. Und was man da erlebte, war einem etwas wie 
ein in der Wirklichkeit erlebter Sommertraum, ein Sommertraum, 
durch den man sich der gottlich-geistigen Welt besonders genahert 
hatte; ein Sommertraum, von dem man uberzeugt war, daB da alles, 
was Naturerscheinung war, zu gleicher Zeit moralische Sprache der 



Gotter war, daB da aber auch allerlei Elementarwesen wirkten und 
sich auf ihre Art den Menschen zeigten. 

Alles, was die Ausschmiickung des Sommernachtstraumes, des Jo- 
hanninachtstraumes ist, das ist dasjenige, was spater geblieben ist von 
den wunderbaren Ausgestaltungen, welche die menschliche Imagina- 
tion einmal vollzog fur alles das, was geistig-seelisch diese Hoch- 
sommerzeit durchzog, was aber im groBen und kleinen genommen 
wurde als eine geistig-gottlich-moralische Offenbarung des Kosmos 
an die Menschen. Und so diirfen wir sagen, daB die Vorstellung, die da 
zugrunde lag, diese war: In der Hochsommerzeit offenbarte sich die 
gottlich-geistige Welt durch moralische Impulse, die den Menschen 
eingepflanzt wurden in Erleuchtung (siehe Schema Seite 76). Und was Tafel 8 
man da ganz besonders empfand, was da wirkte auf die Menschen, das 
empfand man als ein, ich mbchte sagen, Cbermenschliches, das herein- 
spielte in die menschliche Ordnung. Der Mensch wuBte aus dem Mit- 
empfinden dieser Festlichkeiten, die da gefeiert wurden, daB er, so wie 
er nun einmal in jener Zeit war, uber sich selber hinausgehoben wurde 
ins Dbermenschliche, daB gewissermaBen die Gottheit die ihr von 
dem Menschen zu dieser Zeit entgegengestreckte Hand nahm. Alles, 
was man glaubte gottlich-geistig zu haben, das schrieb man den Offen- 
barungen dieser Johannizeit zu. 

Wenn nun der Sommer zu Ende ging und die Herbsteszeit herauf- 
kam, wenn die Blatter welk wurden, die Saaten reiften, wenn also das 
voile strotzende Leben des Sommers bleichte, die Baume kahl wurden, 
dann empfand man, weil iiberall in diese Empfindungen hinein- 
gestromt wurden dieErkenntnisse der Mysterien: Die gottlich-geistige 
Welt zieht sich wiederum von dem Menschen zuriick. Er spurt, wie 
er auf sich selbst zuriickgewiesen wird; er wachst gewissermaBen aus 
dem Geistigen heraus in die Natur hinein. - So empfand der Mensch 
dieses Hineinleben in den Herbst als ein Herausleben aus dem Geisti- 
gen, als ein Hineinleben in die Natur. Die Blatter der Baume minera- 
Hsierten sich, die Saaten wurden diirr, mineralisierten sich. Alles neigte 
sich gewissermaBen nach dem Jahrestode der Natur hin. 

In diesem Verwobensein mit dem Mineralischwerden dessen, was 
auf Erden war und die Erde umgab, empfand man ein Verwoben- 




werden des Menschen selber mit der Natur. Der Mensch stand dazu- 
mal in seinem inneren Erleben noch naher dem, was sich auBerlich zu- 
trug. Und so dachte er auch, sann er auch in dem Sinne, wie er dieses 
Verwobenwerden mit der Natur erlebte. Sein ganzes Denken nahm 
diesen Charakter an. Wiirden wir heute in unserer Sprache das aus- 
driicken wollen, was da der Mensch empfand, wenn der Herbst kam, 
so muBten wir folgendes sagen. Ich bitte Sie aber, die Sache so aufzu- 
fassen, daB ich mit heutigen Worten spreche, daB man also dazumal 
natiirlich nicht in der Lage gewesen ware, so zu sprechen. Dazumal 
war ja alles durchaus Empfindung, man charakterisierte die Dinge ja 
nicht denkend. Wenn man aber in heutigen Worten, in unseren Wor- 
ten sprechen wollte, so muBte man sagen: Der Mensch empfand diesen 
Ubergang so, daB er mit seiner Denkrichtung, mit seiner Empfln- 



dungsart den Obergang fand vom Geisteserkennen zum Naturerken- 
nen (siehe Schema Seite 76). Das empfand der Mensch, daB er gegen Tafel 8 
den Herbst zu nicht mehr im Geist-Erkennen war, sondern daB der 
Herbst von ihm verlangte, daB er die Natur erkennen sollte. So daB 
wir bei der Herbstwende nicht mehr die moralischen Impulse haben, 
sondern das Erkennen der Natur. Der Mensch fing an, uber die Natur 
nachzudenken. 

So war es auch in der Zeit, als man damit rechnete, daB der Mensch 
ein Geschopf, ein Wesen innerhalb des Kosmos war. In jener Zeit 
hatte man es als einen Unsinn betrachtet, im Sommer Naturerkennen 
in der damaligen Form an den Menschen heranzubringen. Der Som- 
mer ist da, um den Menschen in Beziehung zum Geistigen der Welt 
zu bringen. Wenn die Zeit begann, die wir heute die Michaelizeit nen- 
nen wiirden, da war es, daB man sagte : Aus alledem, was der Mensch 
um sich herum empfindet in den Waldern, in den Baumen, in den 
Pflanzen, da wird er angeregt, Naturerkenntnis zu treiben. - Es war 
iiberhaupt die Zeit, in welcher die Menschen dazu kommen sollten, 
Erkenntnis, Nachdenklichkeit zu ihrer Beschaftigung zu machen. Es 
war ja auch die Zeit, wo das die auBeren Lebensverhaltnisse moglich 
machten. Also es ging iiber das menschliche Leben von der Erleuch- 
tung in das Erkennen. Es war die Zeit der Erkenntnis, der immer sich 
steigernden Erkenntnis. 

Wenn die Mysterienschiiler ihren Unterricht empfingen von den 
Mysterienlehrern, dann gabenjhnen diese solche Spriiche mit, wie wir 
sie dann in den Spriichen der griechischen Weisen irgendwie wieder 
nachgebildet flnden. Aber es sind diese sieben Spriiche der sieben 
griechischen Weisen nicht die der ursprunglichen Mysterien. In den 
urspriingKchen Mysterien gab es fur den Hochsommer den Spruch: 

Empfange das Licht 
und man bezeichnete mit dem Lichte eigentlich die geistige Weisheit. 
Man bezeichnete dasjenige, innerhalb dessen das eigene menschliche 
Ich strahlte. 

Fur den Herbst wurde der Spruch gepragt in den Mysterien, um 
zu ermahnen zu dem, was getrieben werden sollte von den Seelen : 

Schaue um dich. 



Nun naherte sich dann die Entwickelung des Jahres und damit 
auch dasjenige, was der Mensch in sich selber von sich verbunden mit 
diesem Jahr e fuhlte, es naherte sich das der Winterzeit. Wir kommen 
in den Tiefwinter hinein, der unsere Weihnachtszeit enthalt. Ebenso 
wie sich der Mensch in der Hochsommerzeit iiber sich hinausgehoben 
fiihlte zu dem gottHch-geistigen Dasein des Kosmos, so fuhlte sich der 
Mensch in der Tiefwinterzeit wie unter sich herunterentwickelt. Er 
fuhlte sich gewissermaBen wie von den Kraften der Erde umspiilt, 
von den Kraften der Erde mitgenommen. Er fuhlte so etwas, wie 
wenn seine Willensnatur, seine Instinkt- und Triebnatur durchsetzt 
und durchstromt ware von Schwerkraft, von Zerstorungskraft und 
andern Kraften, die in der Erde sind. Der Mensch fuhlte den Winter 
nicht so in diesen alten Zeiten, wie wir ihn fuhlen, daB uns bloB kalt 
wird und daB wir zum Beispiel Stiefel anziehen, damit uns nicht kalt 
wird, sondern der Mensch fuhlte das, was von der Erde herauf kam, als 
etwas, was sich jetzt mit seinem eigenen Wesen vereinigte. Er fuhlte 
sozusagen den Gegensatz des schwiilen, des lichtvollen Elementes als 
ein frostiges Element, das herauf kam. Das Frostige, das fuhlen wir 
ja auch noch heute, denn das bezieht sich auf die Korperlichkeit, aber 
der alte Mensch fuhlte seelisch als Begleiterscheinung des Frostigen 
das Dunkle, das Finstere. Er fuhlte gewissermaBen, als ob sich iiberall, 
wo er ging, aus der Erde heraus das Finstere hobe und ihn wolken- 
formig einschlosse, nur bis zu seiner Korpermitte herauf allerdings, 
aber so fuhlte der Mensch. Und dann sagte er sich - ich muB das 
wiederum mit etwas neueren Worten charakterisieren -, dann sagte 
sich der Mensch : Wahrend des Hochsommers stehe ich der Erleuch- 
tung gegeniiber, da stromt in diese Erdenwelt herein, was himmlisch- 
iiberirdisch ist, jetzt stromt das Irdische herauf. 

Aber etwas vom Irdischen hat der Mensch schon wahrend der 
Herbstwende erlebt und empfunden. Da hat er aber von der Erden- 
natur etwas erlebt und empfunden, was ihm gewissermaBen noch kon- 
form war, was noch etwas mit ihm zu tun hatte. Wir konnten etwa 
auch sagen : Der Mensch fuhlte in der Herbstwende das Naturliche in 
seinem Gemiite, in seiner Gefuhlswelt. Jetzt aber fuhlte er, wie wenn 
die Erde ihn in Anspruch nahme, wie wenn er umgarnt wiirde von den 



Kraften der Erde in bezug auf seine Willensnatur. Das fuhlte er wie 
das Gegenteil der moralischen Weltordnung. Er fuhlte zugleich mit 
dieser Schwarze, die ihn wolkenformig einhiillte, die Gegenkrafte 
gegen das Moralische ihn umgarnen. Er fuhlte die Finsternis schlan- 
genformig aus der Erde aufsteigen und ihn umwinden. Aber er fuhlte 
zu gleicher Zeit mit diesem noch etwas anderes. Schon wahrend des 
Herbstes hatte er gefiihlt, daB sich etwas regt, was wir heute Verstand 
nennen. Wahrend im Sommer der Verstand ausdiinstet und von auBen 
herein das Moralisch-Weisheitsvolle kommt, konsolidiert sich wah- 
rend des Herbstes der Verstand. Der Mensch nahert sich dem Bosen, 
aber sein Verstand konsolidiert sich. Man hat durchaus etwas wie 
eine Schlangenoffenbarung gefiihlt in der Tiefwinterzeit, aber zugleich 
das Konsolidieren, das Starkerwerden der Klugheit, des Nachdenk- 
lichen, dessen, was den Menschen schlau und listig machte, was ihn 
dazu anspornte, die Nutzlichkeitsprinzipien im Leben zu verfolgen. 
Das alles empfand man in dieser Weise. Und so wie im Herbste all- 
mahlich die Erkenntnis der Natur heraufkam, so kam in der Tief- 
winterzeit heran an die Menschen die Versuchung der Holle, die Ver- 
suchung von seiten des Bosen. So empfand man das. So daB, wenn 
wir hier schreiben (siehe Schema Seite 76) : Moralischer Impuls, Er- Tafel 8 
kennen der Natur -, wir nun hier, bei Tiefwinter, schreiben miissen : 
Versuchung durch das Bose. 

Und das war eben die Zeit, in der der Mensch entwickeln muBte, 
was sich in ihm ja ohnedies naturhaft "zusammenschloB : das Verstan- 
desmaBige, das Schlaue, das Listige, das auf das Nutzliche Gerichtete. 
Das sollte der Mensch bezwingen durch die Besonnenheit. Es war die 
Zeit eben, in der der Mensch entwickeln muBte nun nicht den offenen 
Sinn fur die Weisheit, den man von ihm im Sinne der alten Mysterien- 
weisheit verlangte wahrend der Zeit der Erleuchtung. Gerade in der 
Zeit, in der sich das Bose in der angedeuteten Weise offenbarte, konnte 
der Mensch den Widerstand gegen das Bose in entsprechender Weise 
empfinden: er sollte besonnen werden. Er sollte vor alien Dingen 
jetzt bei dieser Wendung, die er da durchmachte, wahrend er von der 
Erleuchtung zum Erkennen iibergegangen war, eben vom Geistes- 
erkennen zum Naturerkennen, jetzt iibergehen vom Naturerkennen 



zur Anschauung des Bosen. So faBte man das auf. Und den Schiilern 
der Mysterien, denen man Lehren geben wollte, die ihnen Geleitworte 
sein konnten, wie man ihnen im Hochsommer sagte: Empfange das 
Licht -, wie man ihnen im Herbst sagte: Schaue um dich -, ihnen 
sagte man im Tiefwinter: 

Hiite dich vor dem Bosen. 
Und man rechnete darauf, daB durch diese Besonnenheit, dutch dieses 
Sich-Hiiten vor dem Bosen die Menschen zu einer Art von Selbst- 
erkenntnis kommen, die sie dann dazu fuhrt, einzusehen, wie sie im 
Jahreslaufe abgewichen waren von den moralischen Impulsen. 

Das Abweichen von den moralischen Impulsen durch das An- 
schauen des Bosen, seine Uberwindung durch die Besonnenheit, das 
sollte den Menschen gerade in der Zeit, die auf die Tiefwinterzeit 
folgte, zum BewuBtsein kommen. Deshalb wurde in diese Weisheit 
allerlei aufgenommen, was die Menschen anleitete, BuBe zu tun fur 
dasjenige, wovon sie eingesehen hatten, daB es abweichend war von 
dem, was sie an moralischen Impulsen durch die Erleuchtung be- 
kommen hatten. 

Wir nahern uns dem Fruhling, der Friihlingswende. Und ebenso 
Tafel 8 wie wir hier (siehe Schema Seite 76 : Hochsommer, Herbst, Tief- 
winter) die Erleuchtung haben, das Erkennen, die Besonnenheit, so 
haben wir fur die Friihlingswende dasjenige, was empfunden wurde 
als BuBetatigkeit. Und an die Stelle des Erkennens, beziehungsweise 
der Versuchung durch das Bose, trat jetzt etwas, was man nennen 
konnte die Umkehr, die Wiederhinwendung zu seiner hoheren Natur 
durch die BuBe. Haben wir Her geschrieben: Erleuchtung, Erkennen, 
Besonnenheit -, so miissen wir hier schreiben : Umkehr zur mensch- 
lichen Natur. 

Wenn Sie noch einmal zuruckblicken zu dem, was in der Tiefwinter- 
zeit die Zeit der Versuchung durch das Bose war, so werden Sie 
sagen miissen: Da fiihlte sich eben der Mensch wie versenkt in die 
Kliifte der Erde. Er fiihlte sich umgarnt von der Erdenfinsternis. Da 
war es, wo gerade so, wie er gewissermaBen wahrend der Hochsom- 
merzeit aus sich herausgerissen war, wie sein Seelisches iiber ihn selbst 
erhoben wurde, wo sich jetzt innerlich, um nicht umgarnt zu werden 



von dem Bosen wahrend der Tiefwinterzeit, das Seelische frei machte. 
Dadurch war wahrend der Tiefwinterzeit, ich mochte sagen, ein Ge- 
genbild da zu dem, was in der Hochsommerzeit da war. 

In der Hochsommerzeit sprachen die Naturerscheinungen auf gei- 
stige Art. Man suchte in Blitz und Donner insbesondere die Sprache 
der Himmel. Man blickte auf die Naturerscheinungen hin, aber man 
suchte in den Naturerscheinungen geistige Sprache. Selbst in den 
Kleinigkeiten suchte man in der Johannizeit die geistige Sprache der 
Elementarwesen, aber auBerhalb. Man traumte gewissermaBen auBer- 
halb des Menschen. 

In der Tiefwinterzeit nun versenkte man sich in sich und traumte 
innerhalb des Menschen. Indem man sich losriB von der Umgarnung 
der Erde, traumte man innerhalb des Menschen, wenn man sein See- 
lisches losreiBen konnte. Und von diesem ist geblieben dasjenige, was 
sich kniipft an die Schauungen, an das innere Schauen der dreizehn 
Nachte nach der Wintersonnenwendezeit. Es sind uberall an diese alten 
Zeiten Erinnerungen zuriickgeblieben. Sie konnen geradezu das nor- 
wegische Olaf-Lied als eine spatere Ausbildung dessen ansehen, was 
in alten Zeiten in ganz besonderem MaBe vorhanden war. 

Dann nahte die Fruhlingszeit. Heute hat sich die Sache etwas ver- 
schoben; die Fruhlingszeit war damals mehr gegen den Winter zu- 
geneigt. Oberhaupt wurde das Ganze angesehen als in drei Jahres- 
perioden gelegt. Es wurden auch die Dinge zusammengeschoben, 
aber dennoch, das, was ich Ihnen hier mitteile, wurde wiederum ge- 
lehrt. So wie man zur Hochsommerzeit sagte: Empfange das Licht -, 
zur Herbsteszeit, zur Michaelizeit: Schaue um dich -, so wie man in 
der Tiefwinterzeit, in derjenigen Zeit, wo wir das Weihnachtsfest 
haben, sagte: Hiite dich vor dem Bosen -, so hatte man fur die Zeit 
der Umkehr einen Spruch, der nur fur diese Zeit dazumal als wirksam 
gedacht worden ist: 

Erkenne dich selbst 
gerade gegeniibergestellt dem Erkennen der Natur. 

Hiite dich vor dem Bosen - konnte man auch so aussprechen: 
Hiite dich, zucke zuriick vor dem Erdendunkel. - Aber das hat man 
nicht gesagt. Wahrend man zur Hochsommerzeit die auBere Natur- 



erscheinung des Lichtes fur die Weisheit nahm, also zur Hochsommer- 
zeit gewissermaBen auf naturhafte Weise sprach, so wiirde man den 
Spruch zur Winterzeit nicht hineingegossen haben in den Satz : Hike 
dich vor der Finsternis -, sondern da sprach man die moralische Deu- 
tung aus : Hiite dich vor dem Bosen. 

Oberall sind dann die Anklange an diese Feste geblieben, soweit 
man die Dinge verstanden hat. Natiirlich ist alles anders geworden, als 
das groBe Ereignis von Golgatha eintrat. In die Zeit der tiefsten Men- 
schenversuchung, in die Winterzeit hinein fiel die Geburt Jesu. Die 
Geburt Jesu fiel in die Zeit, in der der Mensch eben umklammert war 
von den Erdenmachten, gewissermaBen hinunterversenkt war in die 
Erdenklufte. Sie finden unter den Sagen, die sich anschlieBen an die 
Geburt Jesu, auch eine, welche davon spricht, daB Jesus in einer 
Hohle zur Welt gekommen sei, womit eben hingedeutet wird auf 
etwas, was als Weisheit in den alleraltesten Mysterien empfunden 
wurde: daB der Mensch da dasjenige, was er zu suchen hat, finden 
konne trotz seiner Umklammerung von dem Irdisch-Finsteren, das 
zugleich die Griinde enthalt, warum der Mensch dem Bosen verfallen 
kann. Und ein Anklang an all das ist dann, daB in die Zeit, wo der 
Friihling herannaht, die BuBezeit gelegt wird. 

Fur das Hochsommerfest ist natiirlich das Verstandnis noch mehr 
geschwunden als fur die andere Seite des Jahreslaufes. Denn je mehr 
der Materialismus iiber die Menschheit hereinbrach, desto weniger 
fiihlte man sich hingezogen zur Erleuchtung oder dergleichen. Und 
was fur die gegenwartige Menschheit von ganz besonderer Wichtig- 
keit ist, das ist eben diejenige Zeit, die von der Erleuchtung, die zu- 
nachst den Menschen noch unbewuBt bleibt, hinfiihrt gegen die 
Herbsteszeit hin. Da liegt der Punkt, wo der Mensch, der ja in das 
Naturerkennen hinein muB, im Naturerkennen das Abbild eines Gott- 
geist-Erkennens erfassen soli. Dafiir gibt es kein besseres Erinnerungs- 
fest als das Michaeli-Fest. Von diesem muB ausgehen, wenn es in der 
richtigen Weise gefeiert wird, die allmenschliche Erfassung der Frage : 
Wie wird in dem gloriosen Naturerkennen der Gegenwart die Geist- 
Erkenntnis gefunden, wie metamorphosiert man die Naturerkennt- 
nisse so, daB aus dem, was der Mensch als Naturerkenntnisse hat, ihm 



die Geist-Erkenntnis wird? ~ Wie wird, mit andern Worten, dasjenige 
besiegt, was, wenn es in sich verlauft, den Menschen mit dem Unter- 
menschlichen umgarnen miiBte? 

Eine Wendung muB eintreten. Das Michaeli-Fest muB einen be- 
stimmten Sinn bekommen. Der Sinn ergibt sich dann, wenn man das 
Folgende empfinden kann: Die Naturwissenschaft hat den Menschen 
dazu gefiihrt, die eine Seite der Weltentwickelung zu erkennen, sum 
Beispiel, daB sich aus niederen tierischen Organismen hohere, voll- 
kommenere und so weiter bis herauf zum Menschen ergeben haben im 
Laufe der Zeit, oder daB der Mensch wahrend der Keimesentwicke- 
lung im Mutterleibe die Tierformen nacheinander durchmacht. Das 
ist aber nur die eine Seite. Die andere Seite ist die, welche vor unsere 
Seele tritt, wenn wir uns sagen: Der Mensch hat sich aus seiner 
urspriinglich gottlich-menschlichen Anlage herausentwickeln miissen. 
Wenn dieses (siehe Zeichnung) die urspriingliche menschliche An- 
lage ist (hell schraffiert), so hat sich herausentwickeln miissen der 
Mensch zu seiner heutigen Entfaltung. Er hat nach und nach von sich 
abstoBen miissen zuerst die niederen Tiere, dann immer weiter und 
weiter alles das, was an Tierformen da ist. Das hat er iiberwunden, von 
sich herausgesetzt, abgestoBen (dunkel schraffiert). Dadurch ist er zu 



seiner urspriinglichen Bestimmung gekommen. Ebenso ist es bei sei- 
ner Embryonalentwickelung. Der Mensch stoBt nach und nach alles 
ab, was er nicht sein soli. Dadurch aber bekommen wir den eigent- 
lichen Sinn der heutigen Naturerkenntnis nicht. Was ist der Sinn der 
heutigen Naturerkenntnis ? Der liegt in dem Satze : Du schaust in dem, 
was dir Naturerkenntnis zeigt, dasjenige, was du von der Menschen- 
erkenntnis ausschlieBen muBt. - Was heiBt das? Das heiBt: Der 
Mensch muB heute Naturwissenschaft studieren. Warum? Wenn er 




Tafel 9 



in das Mikroskop hineinsieht, so weiB er, was nicht Geist ist. Wenn 
er durch das Teleskop in die Feme des Weltenraumes sieht, so offen- 
bart sich ihm dasjenige, was nicht Geist ist. Wenn er auf eine andere 
Weise im physikalisch-chemischen Laborator ium experimentiert, offen- 
bart sich ihm, was nicht Geist ist. In seiner reinen Gestalt orTenbart 
sich ihm alles, was nicht Geist ist. 

In alten Zeiten haben die Menschen, wenn sie angeschaut haben, 
was heute Natur ist, noch den Geist durchscheinen gesehen. Heute 
mussen wir die Natur erkennen, urn eben sagen zu konnen : Das alles 
ist nicht Geist, das ist Winterweisheit. Und alles, was Sommerweisheit 
ist, das muB andere Gestalt haben. - Damit der Mensch den StoB be- 
kommt, den Impuls bekommt zum Geist, muB er das Ungeistige, das 
Widergeistige erkennen. Und einsehen muB man solche Dinge, die 
heute noch kein Mensch zugibt. Heute sagt zum Beispiel jeder : Nun 
ja, wenn ich irgendein kleines Lebewesen habe, das man mit freiem 
Auge nicht sieht, so lege ich es unter das Mikroskop ; da vergroBert es 
sich mir, dann sehe ich es. - Ja, aber man wird einsehen mussen: 
Diese GroBe ist ja verlogen; ich dehne das Lebewesen aus, ich habe 
es nicht mehr, ich habe ein Gespenst. Das ist nicht mehr Wirklichkeit, 
was ich da sehe. Ich habe eine Luge an die Stelle der Wahrheit ge- 
setzt! - Es ist natiirlich fur die heutige Anschauung Wahnsinn, aber 
es ist gerade die Wahrheit. Wenn man einsehen wird, daB man Natur- 
wissenschaft braucht, damit man an diesem Gegenbilde der Wahrheit 
den StoB bekommt zur Wahrheit hin, dann wird die Kraft entwickelt 
sein, die symbolisch angedeutet werden kann in der Uberwindung des 
Drachen durch den Michael. 

Aber dazu gehort etwas, was nun eigentlich auch schon, ich mochte 
sagen, auf geistige Art in den Annalen steht, aber es stent so, daB 
dann, als man keine rechte Ahnung mehr hatte von dem, was im Jah- 
reslauf lebt, man die Sache auf den Menschen bezog. Da setzte man 
auf dasjenige, was zur Erleuchtung hinfuhrt, den Begriff der Weisheit; 
da setzte man auf dasjenige, was hinfuhrt zum Erkennen, den Begriff 
Tafel 8 des Mutes ; bei der Besonnenheit blieb es (siehe Schema Seite 76), und 
auf das, was der BuBe entsprach, setzte man den Begriff der Gerechtig- 
keit. Hier haben Sie die vier platonischen Tugendbegriffe ; Weisheit, 



Mut, Besonnenheit, Gerechtigkeit. Es wurde in den Menschen hinein- 
genommen, was der Mensch vorher aus dem Leben des Jahreslaufes 
empfing. Das aber wird beim Michael-Fest ganz besonders in Betracht 
kommen: daft das wird sein miissen ein Fest zu Ehren des mensch- 
lichen Mutes, der menschlichen Offenbarung des Michael-Mutes. Denn 
was ist es, was heute den Menschen von der Geist-Erkenntnis zuriick- 
halt? Seelische Mutlosigkeit, um nicht zu sagen seelische Feigheit. Der 
Mensch will passiv alles empfangen, will sich hinsetzen vor die Welt 
wie vor ein Kino und will sich alles sagen lassen durch das Mikroskop 
und Teleskop. Er will nicht in Aktivitat harten das Instrument des 
eigenen Geistes, der eigenen Seele. Er will nicht Michael-Nachfolger 
sein. Dazu gehort innerer Mut. Dieser innere Mut, der muB sein Fest 
bekommen in dem Michael-Fest. Dann wird von dem Fest des Mutes, 
von dem Fest der inneren mutigen Menschenseele ausstrahlen, was 
auch den andern Festeszeiten des Jahres rechten Inhalt geben wird. 

Ja, wir miissen sogar den Weg fortsetzen: wir miissen hereinnehmen 
in die menschliche Natur das, was friiher drauBen war. So steht es 
heute nicht mehr mit dem Menschen, daB er nur im Herbste das Er- 
kennen der Natur und so weiter entwickeln konnte. Es steht schon so, 
daB im Menschen die Dinge heute ineinanderliegen, denn nur dadurch 
kann er seine Freiheit entfalten. Aber dabei bleibt es doch richtig, daB, 
ich mochte sagen, in einem verwandelten Sinne das Feste-Feiern 
wiederum notwendig wird. Waren die Feste ehemals Feste des Gebens 
des Gottlichen an die Irdischen, empfing der Mensch ehemals un- 
mittelbar die Gaben der himmlischen Machte bei den Festen, so be- 
steht heute, wo er in sich die Fahigkeiten hat, die Metamorphosierung 
des Festgedankens darin, daB es Feste der Erinnerungen sind. So daB 
sich der Mensch in die Seele schreibt dasjenige, was er in sich voll- 
bringen soil. 

Und da wird es wiederum am besten sein, als das starkstwirkende 
Fest der Erinnerung, dieses Fest, das den Herbst beginnt, das Michael- 
Fest zu haben, denn da spricht zu gleicher Zeit die ganze Natur eine 
bedeutsame kosmische Sprache. Die Baume werden kahl, die Blatter 
verwelken, die Tiere, die den Sommer hindurch als Schmetterlinge die 
Luft durchflatterten, als Kafer die Luft durchsurrten, Ziehen sich zu- 



ruck. Viele Tiere verfallen in den Winterschlaf. Alles lahmt sich ab. 
Die Natur, die durch ihre eigene Wirksamkeit dem Menschen ge- 
holfen hat durch Friihling und Sommer, die Natur, die im Menschen 
gewirkt hat durch Friihling und Sommer, zieht sich zuruck. Der 
Mensch ist auf sich zuriickgewiesen. Was jetzt erwachen muB, wo die 
Natur einen verlaBt, das ist der Seelenmut. Wiederum werden wir hin- 
gewiesen, wie es ein Fest des Seelenmutes, der Seelenkraft, der Seelen- 
aktivitat sein muB, was wir als Michael-Fest auffassen konnen. 

Das ist es, was allmahlich dem Festesgedanken einen Erinnerungs- 
charakter geben wird, der aber schon angedeutet worden ist mit einem 
monumentalen Worte, mit welchem darauf hingewiesen wurde, daB in 
aller Zukunft dasjenige, was vorher Feste der Gaben waren, Erinne- 
rungsfeste werden oder werden sollen. Dieses monumentale Wort, das 
das Fundament fur alle Festgedanken sein muB, also auch derjenigen, 
die wieder entstehen werden, dieses monumentale Wort ist: « Dieses 
tut zu meinem Angedenken. » Da ist der Gedanke des Festes nach der 
Erinnerungsseite hingewendet. 

So wie das andere, was im Christus-Impuls liegt, lebendig fort- 
wirken muB, sich gestalten muB, nicht bloB totes Produkt bleiben 
darf, zu dem man zuriickschaut, so muB auch dieser Gedanke emp- 
findungs- und gedankenzeugend weiterwirken, und man muB ver- 
stehen, daB die Feste bleiben miissen, trotzdem der Mensch sich 
andert, und daB daher auch die Feste Metamorphosen durchmachen 
miissen. 



Die Anthroposophie 
und das menschliche Gemut 



ERSTER VORTRAG 
Wien, 27. September 1923 



Es wird, wenn von Anthroposophie heute in manchen Kreisen die 
Rede ist, neben manchem unzutreffenden Worte auch dieses gesagt, 
daB Anthroposophie intellektualistisch sei, daB sie zu stark an den 
wissenschaftlichen Verstand appelliere, und daB sie zu wenig Riick- 
sicht nehme auf die Bediirfnisse des menschlichen Gemutes. Deshalb 
habe ich gerade fur diesen kurzen Vortragszyklus, den ich zu meiner 
groBen Befriedigung wieder in Wien hier vor Ihnen halten darf, 
das Thema gewahlt: «Die Anthroposophie und das menschliche 
Gemut.» 

Das menschliche Gemiit ist gewiB von der Erkenntnis ausgeschlos- 
sen worden durch die intellektualistische Entwickelung der Zivilisa- 
tion in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Man wird heute aller- 
dings nicht miide, immer wieder und wieder zu betonen, daB der 
Mensch nicht stehenbleiben konne bei dem niichternen, trockenen 
Verstande und seinen Einsichten, aber man baut doch, wenn es sich 
um Erkenntnisse handeln soil, ausschlieBlich auf diesen Verstand. Auf 
der andern Seite wird immer wieder und wieder hervorgehoben, das 
menschliche Gemiit miisse zu seinem Rechte kommen; allein man gibt 
ihm dieses Recht nicht. Man spricht ihm jede Moglichkeit ab, irgend- 
wie eine Beziehung zu den Weltengeheimnissen drauBen zu gewinnen ; 
man schrankt sozusagen das menschliche Gemiit gerade in das ein, 
was nur die personlichen Angelegenheiten des Menschen sind, in das- 
jenige, woriiber nur die personlichsten Angelegenheiten des Men- 
schen entscheiden sollen. 

Heute wollen wir nun zunachst, ich mochte sagen, wie in einer 
Art historischer Erinnerung davon sprechen, wie dieses menschliche 
Gemiit in alteren Zeiten der Menschheitsentwickelung auch erkennt- 
nismaBig sprechen durfte, wie es groBe, gewaltige Bilder vor die 
Menschenseele hinzaubern durfte, die aufklarend auf den Menschen 
wirken sollten, wenn es sich darum handelte, daB der Mensch seine 
Eingliederung in den ganzen Weltengang finden konne, in den Kos- 



mos, in die Zeitenfolge. Diese Bilder bildeten im Grunde genommen 
in jener Zeit, als das menschliche Gemiit noch weltanschauungsmaBig 
sprechen durfte, gerade das Wichtigste in diesen Weltanschauungen. 
Sie stellten die groBen, umfassenden Weltenzusammenhange dar und 
stellten denMenschen in diese groBen, umfassenden Weltenzusammen- 
hange hinein. 

Ich mochte, weil ich gerade dadurch eine Gtundlage fur die weitere 
Betrachtung des menschlichen Gemiites vom anthroposophischen Ge- 
sichtspunkte aus schaffen kann, heute eines jener grandiosen, maje- 
statischen Bilder vor Ihre Seele fiihren, die so 2u wirken bestimmt 
waren, wie ich es jetzt angedeutet habe; zugleich eines jener Bilder, 
welche vor alien Dingen dazu bestimmt sind, in einer neuen Art, von 
der wir noch sprechen wollen, auch in der Gegenwart wieder an den 
Menschen herangeriickt zu werden. Ich mochte heute zu Ihnen spre- 
chen von dem Bilde, das Sie alle kennen, dessen Bedeutung aber nach 
und nach im menschlichen BewuBtsein zum Teil verblaBt ist, zum Teil 
miBverstandlich erfaBt ist: von dem Bilde des Kampfes, des Streites 
Michaels mit dem Drachen. Ergreifend wirkt es noch auf viele Men- 
schen, aber der eigentliche tiefere Gehalt, wie gesagt, ist entweder ver- 
blaBt oder wird miBverstanden, mindestens wird er nicht so an das 
menschliche Gemiit herangebracht, wie er einst zu diesem mensch- 
lichen Gemiit gestanden hat, ja wie er selbst noch im 18. Jahrhundert 
im Gemiite vieler Menschen gestanden hat. Man macht sich heute gar 
keinen Begriff davon, wieviel sich in dieser Beziehung geandert hat, 
wieviel von dem, wovon der sogenannte gescheite Mensch sagt, es 
seien phantastische Bilder, als die ernstesten Bestandteile der alten 
Weltanschauungen genommen wurde. So war das insbesondere mit 
dem Bilde vom Streit des Michael mit dem Drachen. 

Wenn heute der Mensch dariiber nachdenkt, wie er sich selber auf 
der Erde entwickelt hat, dann kommt er - im Sinne seiner materiali- 
stischen Weltauffassung - dazu, die jetzige, in einem gewissen Sinne 
relativ vollkommenere Menschengestalt auf unvollkommenere Ge- 
stalten, auf physisch-tierische Vorfahren, immer weiter und weiter 
zuriickzufiihren. Man kommt dadurch eigentlich von dem jetzigen 
Menschen, der in der Lage ist, sein eigenes Wesen innerlich seelisch- 



geistig zu erleben, zu viel mated elleren Geschopfen, von denen der 
Mensch abstammen solle, die dem materiellen Dasein eben viel naher 
standen. Man nimmt an, daB sich die Materie allmahlich immer mehr 
und mehr zu einem Erleben des Geistigen heraufentwickelt habe. So 
war die Anschauung einer verhaltnismafiig noch kurz zuriickliegenden 
Zeit nicht, sie war gegeniiber dieser Anschauung eigentlich geradezu 
umgekehrt. Wenn noch im 18. Jahrhundert diejenigen Menschen, die 
damals - viele waren das ja auch noch nicht - nicht angefressen waren 
von materialistischer Anschauung, von materialistischer Gesinnung, 
mit dem Seelenblick zuriickschauten in die Vorzeit der Menschheit, 
dann sahen sie nicht auf weniger menschliche Wesen als ihre Vor- 
fahren hin, sondern sie sahen auf geistigere Wesen hin, als es der 
Mensch selber ist. Sie sahen auf Wesen hin, denen die Geistigkeit so 
eigen war, daB diese Wesen noch nicht einen physischen Leib an- 
nahmen in dem Sinne, wie es der Mensch heute auf der Erde - die 
iibrigens auch noch nicht in diesen alteren Zeiten vorhanden war - 
tut. Wenn sie auf die Menschheit zuriickschauten, schauten sie hin 
auf Wesenheiten, die in einer hoheren, geistigeren Art lebten, und die, 
wenn ich mich grob ausdriicken darf, einen Leib von viel diinnerer, 
mehr geistiger Substanz hatten. In diese Sphare, von der die Menschen 
da sprachen, versetzte man noch nicht hinein Wesen von der Art des 
heutigen Menschen, sondern hoherstehende Wesen mit hochstens 
einem atherischen Leib, nicht mit einem physischen Leib, Wesen, die 
gewissermaBen die Menschenvorfahren sein sollten. Man schaute zu- 
ruck in eine Zeit, in der auch noch nicht die sogenannten hoheren 
Tiere da waren, in der hochstens diejenigen Tiere da waren, die man 
heute wie in ihren Nachkommen in den gallertartigen Tieren der 
Meere findet. Das war sozusagen auf dem Vorfahr der Erde als unter 
dem Menschen stehendes Tierreich vorhanden; dariiber ein Reich, 
das, wie gesagt, nur Wesen hatte in hochstens einem atherischen Leib. 
Das was wir heute aufzahlen im Sinne meiner «Geheimwissenschaft 
im UmriB» als die Wesen der hoheren Hierarchien, wiirde in anderer 
Form heute noch das sein, was dazumal in einer gewissen Beziehung 
als Vorfahrenschaft des Menschen gedacht worden ist. 

Diese Wesenheiten - Angeloi, Archangeloi, Archai - in ihren da- 



maligen Formen, sie waren vor alien Dingen noch nicht zur Freiheit 
bestimmt in dem Sinne, wie wir heute beim Menschen von Freiheit 
sprechen. Der Wille dieser Wesen wurde nicht so erlebt, daB sie selber 
jenes eigentumliche Gefiihl gehabt hatten, das wir aussprechen mit 
den Worten: Wir wollen willkiirlich etwas. - Diese Wesen wollten 
nicht willkiirlich etwas, sie wollten das, was als der gottliche Wille in 
ihre Wesenheit einfloB. Diese Wesenheiten hatten ihren Willen voll- 
standig in dem gottlichen Willen beschlossen. Die gottlichen Wesen, 
die iiber ihnen standen oder stehen und die in ihren Zusammenhangen 
die gottliche Weltenlenkung bedeuten, « wollten » gewissermaBen 
durch die niedrigeren Geister der Archangeloi und Angeloi, so daB 
diese niedrigeren Geister durchaus in der Richtung, im Sinne des iiber 
ihnen stehenden gottlich-geistigen Willens wollten. So war die Ideen- 
welt dieser alter en Menschheit, daB sie sich sagte: In jener alten Zeit 
war iiberhaupt der Zeitpunkt noch nicht gekommen, wo sich Wesen 
entwickeln konnten, die in ihrem BewuBtsein das Freiheitsgefuhl 
haben sollten. - Im Sinne der gottlich-geistigen Weltenordnung war 
dieser Zeitpunkt auf eine spatere Epoche verlegt. Da sollte dann ge- 
wissermaBen ein Teil der im gottlichen Willen beschlossenen Geister 
zum eigenen, freien Willen kommen. Er sollte zum eigenen, freien 
Willen kommen, wenn in der Weltenentwickelung da2u die Zeit ware. 

Ich will mit alledem heute nicht etwas schildern, was ich vom 
anthroposophischen Gesichtspunkte aus irgendwie schon rechtferti- 
gen wollte, daruber werden wir dann in den nachsten Tagen sprechen, 
sondern ich will die Vorstellungen schildern, die gerade bis ins 18. Jahr- 
hundert herein bei erleuchtetsten Geistern gelebt haben. Ich will sie 
historisch schildern, denn nur dadurch, daB wir sie uns in ihrer histo- 
rischen Gestalt vor die Seele riicken, werden wir auch zu einer neuen 
Anschauung daruber kommen, inwiefern diese Vorstellungen in einer 
andern Form wieder erneuert werden konnten. 

Da aber - so sagten sich diese Menschen - erhob sich unter diesen 
Geistern, deren kosmisches Schicksal es eigentlich war, im Willen der 
gottlichen Geister beschlossen zu sein, eine Anzahl von solchen 
Wesenheiten, die ihren Willen gewissermaBen abschnuren wollten von 
dem gottlichen Willen, die ihren Willen emanzipieren wollten vom 



gottlichen Willen. Es erhoben sich in einem iibermenschlichen Hoch- 
mut Wesenheiten, die, bevor die Zeit dazu da war, in der die Freiheit 
reifen sollte, zu dieser Freiheit ihres Willens kommen wollten. Und 
als den Bedeutendsten, den Anfuhrer dieser Wesenheiten dachte man 
sich dasjenige Wesen, das dann Gestalt bekommen hat in demDrachen, 
den Michael bekampft, jener Michael, der oben geblieben ist im Reiche 
derjenigen Geister, die ihren Willen auch weiterhin orientieren wollten 
im Sinne des gottlich-geistigen Willens, der uber ihnen steht. 

Aus diesem Stehenbleiben im gottlich-geistigen Willen entstand 
bei Michael der Impuls, das Richtige zu tun mit demjenigen Wesen, 
das vorzeitig, wenn ich so sagen darf, zur Freiheit gegriffen hat. Denn 
die Gestalten, welche die Wesenheiten der Hierarchie der Archangeloi, 
Angeloi, Archai hatten, waren einfach nicht angemessen einem Wesen, 
das in der angedeuteten Art einen freien, von dem Gottlichen emanzi- 
pierten Willen haben sollte. Dazu sollte im Laufe der Entwickelung 
der Welt die Gestalt erst spater entstehen, namlich die menschliche 
Gestalt. Aber das alles wird in eine Zeit versetzt, in der im Zusammen- 
hange des Kosmos die menschliche Gestalt noch nicht moglich war; 
auch die hoheren tierischen Gestalten waren noch nicht moglich, nur 
jene niederen tierischen Gestalten, die ich vorhin charakterisiert habe. 
Und so muBte sozusagen eine kosmisch widerspruchsvolle Gestalt 
entstehen. In die muJ3te gewissermaBen der widersetzliche Geist ge- 
gossen werden. Es konnte nicht eine Tiergestalt sein, die erst spater 
entstehen durfte, es konnte auch nicht eine der Tiergestalten sein, wie 
sie dazumal waren in der gewohnlichen, sozusagen weichen Materie. 
Es konnte nur eine Tiergestalt sein, welche von den in der physischen 
Welt moglichen Tiergestalten abwich, aber doch wiederum, weil sie 
einen kosmischen Widerspruch darstellen sollte, tierahnlich wurde. 
Und die Gestalt, die einzig und allein aus dem heraus, was damals 
moglich war, geschaffen werden konnte, diese Gestalt ist die Gestalt 
des Drachen. Naturlich wurde sie dann von dem einen so, von dem 
andern anders aufgefaBt, wenn sie gemalt oder sonstwie wieder- 
gegeben werden sollte; sie wird mehr oder weniger trefTend oder auch 
unzutreffend dargestellt werden, je nachdem derjenige, der sie darstellt, 
eine innere imaginative Einsicht hat in das, was dazumal moglich 



war fur eine Wesenheit, die einen widersetzlichen Willen entwickelt 
hat. Aber unter denjenigen Gestalten jedenfalls, die in der physischen 
Welt in der Tierreihe bis zum Menschen herauf moglich geworden 
sind, ist diese Gestalt nicht. Sie muBte eine iibersinnliche bleiben. 
Aber eine solche iibersinnliche Gestalt konnte nicht in jenem Reiche 
sein, in dem die Wesen der hoheren Hierarchien, Archangeloi, Angeloi 
und so weiter sind, sie muBte sozusagen unter diejenigen Gestalten ver- 
setzt werden, die im Laufe der physischen Entwickelung entstehen 
konnten. Das ist der Sturz des Drachen vom Himmel auf die Erde. 
Das ist die Tat des Michael, daB gewissermaBen diese Gestalt in eine 
Form kam, die iibertierisch ist, iibersinnlich ist, die aber nicht im 
Reiche des Ubersinnlichen verbleiben darf, denn trotzdem sie eine 
iibersinnliche ist, widerspricht sie dem Reiche des Ubersinnlichen, in 
dem sie vor ihrer Widersetzlichkeit war. Und so wurde diese Gestalt 
in die Welt versetzt, welche die physische Welt ist, aber als eine iiber- 
physische, iibersinnliche. Sie lebte fortan in dem Reiche, in dem die 
Mineralien, Pflanzen, Tiere sind; sie lebte fortan in dem, was als Erde 
entstand. Aber sie lebte nicht so, daB Menschenaugen sie sehen konn- 
ten, wie Menschenaugen die gewohnlichen Tiere sehen konnen. Wenn 
das Seelenauge sich hinaufrichtet in die Welten, die sozusagen in dem 
hoheren Weltenplane vorgesehen waren, so schaut es in seinen Imagi- 
nationen die Wesenheiten der hoheren Hierarchien. Wenn das mensch- 
liche physische Auge sich richtet auf die physische Welt, so schaut es 
das, was in den verschiedenen Reichen der Natur bis herauf zur 
physisch-sinnlichen Menschengestalt entstanden ist. Wenn sich aber 
das Seelenauge auf das richtet, was in der physischen Natur ist, dann 
schaut es diese in sich widerspruchsvolle Gestalt des Widersachers, 
desjenigen, der tierisch und doch wieder nicht tierisch ist, der in der 
sichtbaren Welt lebt und wieder selbst nicht sichtbar ist : es schaut die 
Gestalt des Drachen. Und in dem ganzen Entstehen des Drachen 
schauten diese Menschen einer alteren Zeit die Tat des Michael, der 
im Reiche des Geistigen in jener Gestalt zuriickgeblieben war, die dem 
Reiche des Geistigen angemessen ist. 

Und nun entstand die Erde, mit der Erde der Mensch, und der 
Mensch sollte so entstehen, daB er gewissermaBen ein Doppelwesen 



wurde. Auf der einen Seite sollte er mit einem Teil seines Wesens, 
mit seinem seelisch-geistigen Teile hinaufragen in das, was man die 
himmlische, die iibersinnliche Welt nennt; mit dem andern Teile seines 
Wesens, mit dem physisch-atherischen Teile, sollte er angehoren der- 
jenigen Natur, die als die Erdennatur, als ein neuer Weltenkorper 
entstand, jener Weltenkorper, auf den der abtriinnige Geist, der Wider- 
sacher, versetzt wurde. Dort muBte der Mensch entstehen. Er war 
dasjenige Wesen, das in diese Welt gehort nach dem ursprunglichen 
RatschluB, der dem Ganzen zugrunde liegt. Der Mensch gehorte auf 
die Erde. Der Drache gehorte nicht auf die Erde, war aber auf die 
Erde versetzt worden. 

Und nun bedenken Sie, was der Mensch auf der Erde, als er im 
Laufe der Entwickelung mit der Erde erstand, nun antraf auf dieser 
Erde. Er traf das an, was als auBere Natur sich aus den friiheren 
Naturreichen entwickelt hatte, was dann die Tendenz annahm, die 
dann gipfelte in dem jetzigen Mineralreich, in unserem Pfianzenreich, 
Tierreich bis herauf zu seiner eigenen physischen Menschengestalt. 
Das traf er an. Er traf, mit andern Worten, das an, was wir gewohnt 
sind, die auBermenschliche Natur zu nennen. Was war diese auBer- 
menschliche Natur? Sie war die Fortsetzung und ist heute noch die 
Fortsetzung desjenigen, was von den hochsten schaffenden Machten 
im fortlaufenden Entwickelungsplane der Welt gemeint war. Der 
Mensch darf daher, indem er dies in seinem Gemiite erlebt, in die 
auBere Natur hinausschauen, darf die Mineralien anschauen mit alle- 
dem, was mit der mineralischen Welt zusammenhangt, darf in die 
wunderbaren Kristallformen hinausschauen, darf aber auch auf die 
Berge, die Wolken und die andern Formen hinschauen, und er schaut 
dann diese auBere Natur gewissermaBen in ihrem Ertotetsein, in ihrem 
Unlebendigsein. Aber der Mensch schaut sie so an, wie das, was als 
Unlebendiges da ist, was eine ehemalige gottliche Welt selbst aus sich 
herausgesetzt hat, so wie der menschliche Leichnam - allerdings jetzt 
in einer andern Bedeutung - aus dem lebendigen Menschen im Tode 
herausgesetzt wird. Ist dieser Anblick des menschlichen Leichnams 
zunachst, so wie er dem Menschen entgegentritt, nicht irgend etwas, 
was auf den Menschen einen bejahenden Eindruck machen kann, so 



darf aber dasjenige, was in gewissem Sinne auch gottlicher Leichnam 
ist, aber Leichnam auf einer hoheren Stufe und im Mineralreich er- 
standen ist, von dem Menschen als das angesehen werden, was in der 
Form, in der Gestalt das urspriinglich gestaltlos-lebendige Gottliche 
spiegelt. Und in dem, was dann als die hoheren Naturreiche hervor- 
gebracht wird, wird eine weitere Spiegelung desjenigen gesehen, was 
urspriinglich als gestaltlos Gottliches vorhanden war. So darf der 
Mensch hinausschauen in die ganze Natur und darf fiihlen von der 
Natur, daB diese auBermenschliche Natur ein Spiegel des Gottlichen 
in der Welt ist. 

Das ist schlieBlich dasjenige auch, was die Natur dem menschlichen 
Gemiite geben soli. Naiv, nicht durch Spekulation, soil der Mensch in 
der Lage sein, beim Anblicke dieser oder jener Naturwesenhaftigkeit 
Freude, Sympathie, ja vielleicht inneres Jauchzen, inneren Enthusias- 
mus gegeniiber den Gestaltungen, gegeniiber dem SprieBen und Blii- 
hen in der Natur zu empfinden. Und dann soil in bezug auf das, was 
er sich nicht ganz klarmacht bei diesem Jauchzen, bei diesem Enthu- 
siasmus, bei dieser uberstromenden Freude iiber die Natur, in seinen 
Untergriinden eigentlich die Empfindung leben, wie er in seinem gan- 
zen Gemiite sich so innig verwandt fuhlt mit dieser Natur, indem er 
sich sagen kann, wenn es ihm auch nur dumpf zum BewuBtsein 
kommt : Das haben die Gotter aus sich heraus als ihren Spiegel in die 
Welt hineingestellt, dieselben Gotter, denen mein eigenes Gemiit ent- 
stammt, dieselben Gotter, von denen ich auf einem andern Wege 
komme. - Und eigentlich sollte alles innere Jauchzen iiber die Natur, 
alle Freude iiber die Natur, alles was als ein so befreiendes Gefiihl in 
uns auf kommt, wenn wir die Frische in der Natur innerlich lebendig 
nacherleben, darauf gestimmt sein, daB das menschliche Gemiit sich 
verwandt fuhlt mit dem, was in der Natur drauBen als Spiegel der 
Gottheit lebt. 

Aber der Mensch steht so in seiner Entwickelung drinnen, daB er 
die Natur in sich hereinnimmt, hereinnimmt durch das Ernahren, 
hereinnimmt durch das Atmen, hereinnimmt - wenn auch auf geistige 
Weise - dadurch, daB er die Natur mit seinen Sinnen anschaut, sie 
wahrnimmt. Auf dreifache Weise nimmt so der Mensch die auBere 



Natur in sich herein : indem er sich ernahrt, indem er die Luft atmet, 
indem er wahrnimmt. Dadurch ist der Mensch ein Doppelwesen. Er 
ist mit seiner geistig-seelischen Wesenheit verwandt den Wesenheiten 
der hoheren Hierarchien, und er muB einen Teil seines Wesens aus 
dem gestalten, was als Natur drauBen vorhanden ist. Das nimmt er in 
sich herein. Und indem es aufgenommen wird als Nahrungsmittel, als 
Atmungsanregung, ja selbst in jener feinen atherischen Weise, in der 
es lebt im WahrnehmungsprozeB, setzt es im Menschen die Vorgange, 
die man drauBen in der Natur sieht, fort. Das lebt im Menschen auf 
als Instinkt, als Trieb, als tierische Lust, als alles das, was aus den 
Tiefen der Menschennatur als Animalisches im Menschen auf- 
steigt. 

Betrachten wir das nur recht. Da haben wir drauBen die wunderbar 
gestalteten Kristalle, die Mineralmassen, die sich zu den gigantischen 
Bergen aufturmen, die frischen Mineralmassen, die als Wasser iiber die 
Erde in der verschiedensten Weise sich ergieBen; da haben wir die in 
einer hoheren Gestaltungsfahigkeit vor uns sprieBende pflanzliche 
Substanz und Wesenhaftigkeit, da haben wir die verschiedensten tieri- 
schen Gestalten, und da haben wir auch die menschlich-physische 
Gestalt selber. Das alles, was da drauBen lebt, ist Spiegel der Gottheit, 
steht in wunderbarer naiver Unschuld vor dem menschlichen Gemiite, 
weil es die Gottheit spiegelt und im Grunde genommen nichts ist als 
das reine Spiegelbild. Man muB nur die Spiegelung verstehen. Ver- 
stehen kann sie der Mensch zunachst nicht mit seinem Intellekt ; ver- 
stehen kann er sie, wie wir in den nachsten Vortragen noch horen 
werden, gerade mit seinem Gemiit. Aber wenn er sie mit seinem 
Gemiite recht versteht - und er hat sie in den fruheren Zeiten, von 
denen ich jetzt spreche, mit seinem Gemiite verstanden -, dann sieht 
er sie als den Spiegel der Gottheit. Aber jetzt betrachtet er, was 
drauBen in der Natur lebt in den Salzen, was in den Pflanzen lebt und 
in den tierischen Bestandteilen, die dann in seinen eigenen Leib hinein- 
kommen, und beobachtet, was im unschuldigen Griin der Pflanzen 
sprieBt, und was selbst noch in naiver Weise im tierischen Leibe ani- 
malisch vorhanden ist. Das betrachtet der Mensch nun, sich innerlich 
anschauend, wie es in ihm als die Triebe aufwallt, als die tierischen, 



animalischen Liiste, als tierische Instinkte; er sieht, was die Natur in 
ihm wird. 

Das war das Gefuhl, das noch viele der erleuchtetsten Menschen 
im 18. Jahrhundert gehabt haben. Sie haben lebendig noch den Unter- 
schied gefuhlt zwischen der Natur drauBen und der Natur, wie sie 
wird, wenn der Mensch sie verzehrt, veratmet, wahrnimmt. Sie haben 
so recht den Unterschied gefuhlt zwischen der naiven auBeren, sinnen- 
falligen Natur und der menschlichen innerlich quellenden Sinnlichkeit. 
Was da als Unterschied lebte, das stand in einer wunderbar scharfen 
Lebendigkeit vor vielen Menschen noch, die im 18. Jahrhundert vor 
sich selber und ihren Schiilern geschildert haben Natur und Mensch 
und das Eingespanntsein von Natur und Mensch in den Streit zwi- 
schen Michael und dem Drachen. 

Indem wir nun diesen polarischen Gegensatz, Natur drauBen in 
ihrer elementarischen Unschuld, Natur im Menschen in ihrer Schuld, 
vor dem Seelenauge des Menschen selbst noch des 18. Jahrhunderts 
sehen, miissen wir uns jetzt an den Drachen erinnern, den Michael in 
diese Welt der Natur hereingestellt hat, weil er ihn in der Welt der 
Geistigkeit zu belassen nicht wiirdig fand. DrauBen in der Welt der 
Mineralien, in der Welt der Pflanzen, selbst in der Welt der Tiere, da 
hat jener Drache, der in seiner Gestalt der Natur widerspricht, keine 
der Formen angenommen, welche die Naturwesen angenommen 
haben. Er hat jene, fur uns heute vielfach so phantastische Drachen- 
form angenommen, die in der Ubersinnlichkeit bleiben muB. Sie kann 
nicht hinein in ein Mineral, sie kann nicht hinein in eine Pflanze, sie 
kann nicht hinein in ein Tier, und sie kann auch nicht hinein in einen 
physischen Menschenkorper. Aber sie kann hinein in das, was im 
physischen Menschenkorper jetzt die auBere unschuldige Natur in 
Form der Schuld im aufwallenden Triebleben geworden ist. Und so 
sagten sich noch viele Menschen im 18. Jahrhundert: Und es ward der 
Drache, die alte Schlange, heruntergeworfen vom Himmel zur Erde. 
Da hatte sie aber zunachst keine Statte. Dann aber errichtete sie ihr 
Bollwerk im Wesen des Menschen, und so ist sie nun in der mensch- 
lichen Natur verschanzt. 

So lieferte jenes gewaltige Bild vom Michael und dem Drachen fur 



jene Zeiten noch ein Stuck Menschenerkenntnis. Wollte man noch 
fur das 18. Jahrhundert die der damaligen Zeit entsprechende Anthro- 
posophie hinstellen, dann miiBte man davon sprechen, daB im Men- 
schen, insofern er die auBere Natur durch Ernahren, Eratmen und 
Wahrnehmen in sich hereinnimmt, die Statte fur den Drachen ge- 
schaffen wird. Der Drache wohnt in der menschlichen Natur. Ich 
mochte sagen, so genau lebte das in den Gemiitern der Menschen des 
18. Jahrhunderts noch, daB man sich ganz gut vorstellen konnte, 
solche Menschen des 18. Jahrhunderts hatten vielleicht irgendein 
Seherwesen auf einen fremden Weltenkorper verpflanzt und es die 
Erde aufzeichnen lassen. Da wiirde dieses Seherwesen die Erde so ge- 
zeichnet haben, daB alles, was im Mineralischen, Pflanzlichen, Tieri- 
schen, kurz, im AuBermenschlichen lebte, drachenfrei gezeichnet wor- 
den ware, daB dagegen sich der Drache geschlungen hatte durch die 
animalische Wesenhaftigkeit des Menschen und damit ein Erdenwesen 
dargestellt hatte. Damit aber war die Situation fur jene Menschen auch 
noch des 18. Jahrhunderts eine andere geworden gegemiber der Situa- 
tion, aus der das Ganze in der vormenschlichen Zeit hervorgegangen 
ist. Fur die vormenschKche Zeit muBte man den Drachenstreit des 
Michael sozusagen ins Objektiv-AuBerliche verlegen. Jetzt aber war 
der Drache nirgendwo auBerlich zu finden. Wo war denn der Drache, 
wo muBte man ihn suchen? Uberall, wo Menschen auf der Erde sind! 
Da war er. Wollte also jetzt Michael seine Mission fortsetzen, die er in 
der vormenschlichen Zeit in der objektiven Natur gehabt hat, wo er 
den Drachen auBerlich als das Weltengetier zu besiegen hatte, so 
muBte er jetzt seinen Kampf im Inneren der Menschennatur verrich- 
ten. Es wurde der Streit Michaels - schon seit langen Zeiten, seit dem 
grauen Altertum, aber eben bis zum 18. Jahrhundert - in das Innere 
des Menschen verlegt. Doch diejenigen, die so sprachen, wuBten, daB 
sie nun in das Innere des Menschen ein Ereignis verlegt hatten, das 
friiher ein kosmisches Ereignis war. Und sie sagten etwa : Schauet hin 
in uralte Zeiten. Da muB man sich vorstellen, daB damals der Drache 
durch Michael vom Himmel auf die Erde verstoBen wurde, ein Er- 
eignis, das sich in den auBermenschlichen Welten abspielte. Und 
schauet hin auf die neuere Zeit. Da muB man sich denken, wie der 



Mensch auf die Erde kommt, wie er die auBere Natur in sich herein- 
nimmt, sie umgestaltet, so daB der Drache von ihr Besitz ergreifen 
kann. Und man muB den Drachenkampf des Michael von da an auf 
die Erde verlegen. 

Solche Wendung des Gedankens war nicht von jener Abstraktheit, 
in der man heute oftmals so gerne spricht. Heute liebt man es, mit 
moglichst kurzmaschigen Gedanken auszukommen. Man sagt: Nun 
ja, fruher haben die Menschen ein solches Ereignis wie den Streit 
Michaels mit dem Drachen eben nach auBen verlegt. Im Verlaufe der 
Entwickelung ist die Menschheit innerlicher geworden, und jetzt wird 
daher ein solches Ereignis nur noch im Inneren geschaut. - Man 
braucht diejenigen wahrhaftig nicht zu beneiden, die bei diesen Ab- 
straktionen stehenbleiben konnen, aber den Gang der Weltgeschichte 
der menschlichen Gedanken treffen diese Leute ganz gewiB nicht. 
Denn so, wie ich es jetzt dargestellt habe, geschah es, daB der auBere 
kosmische Streit des Michael mit dem Drachen in die innere mensch- 
liche Wesenheit hineinversetzt wurde, weil der Drache nur noch in 
der Menschennatur seinen Platz finden konnte. Damit aber war gerade 
in das Michael-Problem hineingelegt das Aufkeimen der mensch- 
lichen Freiheit, denn der Mensch ware rein zum Automaten geworden, 
wenn der Kampf in ihm sich ebenso fortgesetzt hatte, wie er fruher 
drauBen war. Indem der Kampf in das Innere des Menschen verlegt 
wurde, wurde er, gewissermafien aufierlich abstrakt genommen, ein 
Kampf der hoheren gegen die niedere Natur im Menschen. Aber er 
konnte fur das menschliche BewuBtsein nur diejenige Form an- 
nehmen, welche die Menschen zum Aufschauen nach der Gestalt des 
Michael in den iibersinnlichen Welten hinleitete. Und im Grunde ge- 
nommen gab es noch im 18. Jahrhundert zahlreiche Anleitungen fur 
die Menschen, die alle darauf hinausliefen, wie sie sich in die Sphare 
des Michael begeben konnten, um mit Hilfe der Michael-Kraft in sich 
den in ihrem eigenen Animalischen wesenden Drachen zu bekampfen. 

Ein solcher Mensch, der hineingeschaut hatte in das tiefere Geistes- 
leben noch des 18. Jahrhunderts, hatte etwa malerisch so dargestellt 
werden mussen: AuBerlich die menschliche Gestalt, im niederen ani- 
malischen Teile der Drache, sich windend und selbst das Herz um- 



windend. Dann aber, hinter dem Menschen gewissermaBen - weil der 
Mensch das Hohere mit dem Hinterhaupte sieht -, die auBere kos- 
mische Gestalt des Michael, uberragend, glanzvoll, sein kosmisches 
Wesen behaltend, aber spiegelnd dieses Wesen im Inneren der mensch- 
lichen hoheren Natur, so daB der Mensch ein atherisches Spiegelbild 
in seinem eigenen Atherleibe bietet von der kosmischen Gestalt des 
Michael. Und dann ware in diesem Menschenhaupt sichtbar geworden, 
aber hinunterwirkend zum Herzen, die Kraft des Michael, zermalmend 
den Drachen, so daB sein Blut herunterflieBt vom Herzen in die Glied- 
maBen des Menschen. Das war das Bild, das vom innermenschlichen 
Streit Michaels mit dem Drachen noch zahlreiche Menschen des 
18. Jahrhunderts in sich herumtrugen. Das war zu gleicher Zeit das 
Bild, welches in der damaligen Zeit vielen Menschen nahelegte, wie 
der Mensch mit Hilfe des Oberen das Untere, wie man sich aus- 
driickte, zu besiegen hat, wie der Mensch die Michael-Kraft fur sein 
eigenes Leben braucht. 

Der Verstand sieht die Kant-Laplacesche Theorie, sieht den Kant- 
Laplaceschen Urnebel, vielleicht einen Spiralnebel; aus diesem glie- 
dern sich die Planeten ab, lassen in der Mitte die Sonne erscheinen; 
auf einem der Planeten entstehen nach und nach die Naturreiche, ent- 
steht der Mensch. Und wenn dann die Zukunft vorausgeschaut wird, 
dann geht das alles wiederum in den groBen Kirchhof des Natur- 
daseins iiber. Der Verstand kann nicht anders, als die Sache so zu 
denken. Deshalb, weil diesem Verstande immer mehr und mehr die 
Alleinherrschaft in der menschlichen Erkenntnis zugestanden worden 
ist, wurde nach und nach die Weltanschauung dasjenige fur die all- 
gemeine Menschheit, was sie jetzt geworden ist. Aber bei alien diesen 
Leuten, auf die ich vorhin hingewiesen habe, wirkte, ich mochte 
sagen, das Auge des Gemiites. Im Verstande kann sich der Mensch 
isolieren von der Welt, denn es hat jeder seinen eigenen Kopf und 
im Kopfe seine eigenen Gedanken. Im Gemiite kann er das nicht, 
denn das Gemut ist nicht an den Kopf, das Gemvit ist an den rhyth- 
mischen Organismus des Menschen gebunden. Die Luft, die ich jetzt 
in mir habe, habe ich vor kurzem noch nicht in mir gehabt, da war sie 
die allgemeine Luft, und sie wird, wenn ich sie wieder ausatme, 



wiederum die allgemeine Luft sein. Nur der Kopf isoliert den Men- 
schen, nur der Kopf macht ihn zum Eremiten auf der Erde. Selbst in 
bezug auf die Organe ist der Mensch in dem, was die physische Orga- 
nisation seines Gemutes ist, nicht in dieser Weise isoliert, da gehort er 
dem allgemeinen Kosmos an, ist nur ein Stuck im Kosmos. Aber nach 
und nach ist das Gemiit unsehend geworden, der Kopf allein ist 
sehend geworden. Der Kopf allein aber entwickelt nur die Intellek- 
tualitat, isoliert den Menschen. Ja, als der Mensch noch mit dem Ge- 
miite sah, da sah er nicht abstrakte Gedanken in den Kosmos hinein 
zu dessen Deutung, zur Erklarung, sondern da sah er hinein noch 
grandiose Bilder wie das Bild des Kampfes Michaels mit dem Drachen. 
Da sah dieser Mensch, was in seiner eigenen Natur und Wesenheit 
lebte, etwas, was in der Art, wie ich es heute geschildert habe, aus 
der Welt, aus dem Kosmos sich herausgebildet hat. Da sah er wie 
lebendig werden den inneren Michael-Kampf im Menschen, im An- 
thropos, hervorgehend aus dem auBeren Michael-Kampf im Kosmos. 
Da sah er Anthroposophie aus Kosmosophie sich herausentwickeln. 

Und so werden wir iiberall, indem wir zu einer alteren Welt- 
anschauung zuriickgehen, von abstrakten Gedanken, die uns kalt und 
niichtern beriihren, die uns frosteln machen ob ihrer Intellektualitat, 
zu Bildern gefuhrt, deren eines der grandiosesten dieses Bild Michaels 
im Streite mit dem Drachen ist, Michaels, der den Drachen erst auf 
die Erde gestoBen hat, wo dann der Drache, ich mochte sagen, seine 
Menschenfestung gewinnen konnte. Und dann wurde Michael der 
Bekampfer des Drachen im Menschen in der geschilderten Art. In 
diesem Bilde, das ich vor Ihre Seele hingestellt habe, ist Michael 
kosmisch hinter dem Menschen. Im Menschen lebt ein atherisches 
Abbild des Michael, das den eigentlichen Kampf im Menschen aus- 
fiihrt, wodurch der Mensch im Michael-Kampfe allmahlich frei wer- 
den kann, weil nicht Michael den Kampf ausfuhrt, sondern die 
menschliche Hingabe und das dadurch hervorgerufene Abbild des 
Michael. In dem kosmischen Michael bleibt immer noch jenes Wesen 
leben, zu dem der Mensch aufschauen kann, und das den urspriing- 
Hchen kosmischen Kampf mit dem Drachen eingeleitet hat. 

Wahrhaftig, nicht bloB auf der Erde geschehen Ereignisse. Diese 



Ereignisse, die auf der Erde geschehen, sind im Grunde genommen 
fur den Menschen unverstandlich, wenn er sie nicht als die Bilder 
von Ereignissen ansehen kann, die in der ubersinnlichen Welt ge- 
schehen, wenn er nicht die Ursachen dazu in der ubersinnlichen Welt 
sehen kann. Und so geschah schon einmal im Reiche des Ubersinn- 
lichen, kurz vor unserer Zeit, eine Michael-Tat, jene Michael-Tat, die 
ich etwa in der folgenden Art charakterisieren mochte. Ich muB dabei 
in der Art reden, die man heute als anthropomorphisch verpont, aber 
wie sollte ich sie denn anders erzahlen, als daB ich Menschenworte 
gebrauche fur dasjenige, was sich in der ubersinnlichen Welt abspielt. 

Jene Zeit wurde weit zuriickliegend gedacht als die vormensch- 
liche Zeit, in der Michael den Drachen auf die Erde herabwarf. Aber 
dann trat der Mensch auf der Erde auf, und da stellte sich das ein, 
was ich geschildert habe : immer mehr und mehr kommend der innere 
menschliche Kampf des Michael mit dem Drachen. Gerade gegen 
das Ende des 19. Jahrhunderts war es, daB Michael sagen konnte: 
Nun hat sich das Bild im Menschen so verdichtet, daB der Mensch es 
innerlich gewahr werden kann, daB er nun in seinem Gemiite erfiihlen 
kann den Drachenbesieger, wenigstens im Bilde etwas erfiihlen kann.- 
In der Entwickelung der Menschheit bedeutet das letzte Drittel des 
19, Jahrhunderts wahrhaftig etwas auBerordentlich Wichtiges. In den 
alteren Zeiten war zunachst nur etwas wie ein diinnes Bild des Michael 
im Menschen; es verdichtete sich immer mehr und mehr. Im letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts war es folgendermaBen: In den fruheren 
Zeiten war stark der unsichtbare iibersinnlxche Drache, der in den 
Trieben und Instinkten, in den Wiinschen und in der animalischen 
Menschenlust wirkte; er bleibt fur das gewohnliche BewuBtsein unter- 
sinnlich, er lebt im Animalischen des Menschen. Aber da lebt er, 
lebt sich aus; da lebt er aufstachelnd den Menschen, allmahlich ihn 
untermenschlich zu machen, da lebt er in alledem, was den Menschen 
herabziehen will. Es war so, daB Michael immer selber eingrifF in die 
menschliche Natur, damit die Menschen nicht gar zu sehr herab- 
kamen. Aber im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es so, daB 
das Michael-Bild im Menschen so stark wurde, daB es nur sozusagen 
von dem guten Willen des Menschen abhing, um nach oben fuhlend, 



bewuBt sich zum Michael-Bilde zu erheben, damit ihm auf der einen 
Seite wie im unerleuchteten Gefiihlserlebnis sich das Drachenbild dar- 
stelle, und dann auf der andern Seite, in geistiger Schau und doch 
schon fur das gewohnliche BewuBtsein, die Leuchtgestalt des Michael 
vor dem Seelenauge stehen kann. So kann dann vor dem Menschen 
der Gemiitsinhalt stehen : Da wirkt in mir die Drachenkraft, die mich 
herunterziehen will; 
…[truncated]