Wo und wie findet man den Geist?

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Rudolf Steiner

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rudolf steiner gesamtausgabe 

vortrAge 

offentliche vortrage 



RUDOLF STEINER 



und wie findet man den Geist? 



Achtzehn offentliche Vortrdge 
gehalten zwischen dem 15. Oktober 1908 
und dem 6. Mai 1909 
im Architektenkaus zu Berlin 



1984 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Mitschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 2. Auflage besorgte Ulla Trapp 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe, Dornach 1961 
2., durchgesehene und verbesserte Auflage 
Gesamtausgabe, Dornach 1984 



Einzelausgaben: 

Vortrag II und III «Goethes geheime Offenbarung, 
exoterisch und esoterisch», Dornach 1932, 1982 

Vortrag XIII und XIV «Die Ratsel in Goethes <Faust>, 
exoterisch und esoterisch», Dornach 1932, Dresden 1941, 
Dornach 1976, 1981 

Vortrag XVI, XVII und XVIII «Isis und Madonna. 
Alteuropaisches Hellsehen. Die europaischen Mysterien 
und ihre Eingeweihten», Dornach 1955 

Vortrag XVI «Isis und Madonna* 
Dornach 1962, 1980 



e Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1984 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia GmbH, Buhl/Baden 

ISBN 3-7274-0570-8 



Zu den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geistes- 
wissenschaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) ge- 
schriebenen und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er 
in den Jahren 1900 bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, 
sowohl offentlich wie auch fur die Mitglieder der Theoso- 
phischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst 
wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehaltenen 
Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- 
dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige 
und f ehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei- 
tet wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von 
Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, 
die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschrif- 
ten selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vor- 
tragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt wer- 
den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde 
gemafi ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf 
Steiner Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band 
bildet einen Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erfor- 
derlich, finden sich nahere Angaben zu den Textunterlagen 
am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Zu dieser Ausgabe 8 

I. Wo und wie findet man den Geist? 

Berlin, 15. Oktober 1908 9 

II. Goethes geheime Offenbarung - exoterisch 

Berlin, 22. Oktober 1908 23 

III. Goethes geheime Offenbarung - esoterisch 

Berlin, 24. Oktober 1908 51 

IV. Bibel und Weisheit I 

Berlin, 12. November 1908 85 

V. Bibel und Weisheit II 

Berlin, 14. November 1908 112 

VI. Der Aberglaube vom Standpunkte der Geistes- 
wissenschaft 

Berlin, 10. Dezember 1908 141 

VII. Ernahrungsfragen im Lichte der Geisteswissenschaft 

Berlin, 17. Dezember 1908 168 

VIII. Gesundheitsfragen im Lichte der Geistes- 
wissenschaft 

Berlin, 14. Januar 1909 186 

IX. Tolstoj und Carnegie 

Berlin, 28. Januar 1909 215 



X. Die praktische Ausbildung des Denkens 

Berlin, 11. Februar 1909 245 

XL Die unsichtbaren Glieder der Menschennatur und 
das praktische Leben 

Berlin, 18. Februar 1909 266 

XII. Das Geheimnis der menschlichen Temperamente 

Berlin, 4. Marz 1909 281 

XIII. Die Ratsel in Goethes «Faust» - exoterisch 

Berlin, 11. Marz 1909 297 

XIV. Die Ratsel in Goethes «Faust» - esoterisch 

Berlin, 12. Marz 1909 330 

XV. Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft 

Berlin, 20. Marz 1909 365 

XVI. Isis und Madonna 

Berlin, 29. April 1909 381 

XVII. Alteuropaisches Hellsehen 

Berlin, 1. Mai 1909 401 

XVIII. Die europaischen Mysterien und ihre Eingeweihten 

Berlin, 6. Mai 1909 422 

Hinweise 443 

Personenregister 455 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 459 

Ubersicht uber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . 469 



ZU DIESER AUSGABE 



Die Vortrage dieses Bandes gehoren dem Teil von Rudolf Steiners 
Vortragswerk an, mit dem er sich an die Offentlichkeit wandte. 
«Berlin war der Ausgangspunkt fur diese offentliche Vortragstatig- 
keit gewesen. Was in anderen Stadten mehr in einzelnen Vortragen 
behandelt wurde, konnte hier in einer zusammenhangenden Vor- 
tragsreihe zum Ausdruck gebracht werden, deren Themen ineinan- 
der iibergriffen. Sie erhielten dadurch den Charakter einer sorgfaltig 
fundierten methodischen Einfiihrung in die Geisteswissenschaft 
und konnten auf ein regelmafiig wiederkehrendes Publikum rech- 
nen, dem es darauf ankam, immer tiefer in die neu sich erschliefi en- 
den Wissensgebiete einzudringen, wahrend den neu Hinzukom- 
menden die Grundlagen fiir das Verstandnis des Gebotenen immer 
wieder gegeben wurden.» (Marie Steiner) 

In den vorliegenden, im Winter 1908/09 gehaltenen Vortragen - 
der sechsten von Rudolf Steiner seit 1903 im Berliner Architekten- 
haus durchgefuhrten Vortragsreihen - zeigt Rudolf Steiner auf, wie 
die Geisteswissenschaft Wege weist zum lebendigen Geiste. Ver- 
standlich gemacht werden die Bilder der Bibel ebenso wie die Weis- 
heiten Goethes in seinem Marchen und im «Faust». Licht wird ge- 
worfen auf Mythos und Sage, auf die Mysterien Europas bis hin 
zum Gral, auf das alte Hellsehen bis hin zur neuen Geistesschau. 
Ringende Menschen der jiingsten Vergangenheit wie Nietzsche und 
Tolstoj, aber auch des praktischen Lebens wie Carnegie stehen le- 
bendig vor uns. Geisteswissenschaft schenkt Erkenntnis vom We- 
sen des Menschen und zieht hieraus praktische Folgerungen fiir Er- 
ziehung und Lebensgestaltung. Sie schenkt neues Denken, und es 
ersteht die Hoffnung gesunder Lebenspraxis, ja einer Erneuerung 
aller Kultur. 



o 



WO UND WIE FINDET MAN DEN GEIST? 



Berlin, 15.0ktober 1908 



Wir haben hier mehrere Jahre hindurch iiber Tatsachen des 
geistigen Lebens gesprochen. Heute beginnt eine neue Serie 
von Vortragen. Wer ein Programm in die Hand genom- 
men hat, wird sdion wissen, dafi sich die Gegenstande 
der diesjahrigen geisteswisserischaftlichen Vortrage in einem 
weiten Umkreis bewegen. Auf einer Seite finden Sie Vor- 
trage, die tief eingreifen in unser Geistesleben; es soil aber 
auch gezeigt werden, wie gerade die Geisteswissenschaft 
berufen ist, tief in die Gegenstande des weiteren praktischen 
Lebens einzugreifen. Heute aber, das sei in der Einleitung 
ausdriicklich betont, soli der Gesichtspunkt fixiert werden; 
heute wollen wir uns besonders iiber den Geist als solchen 
orientieren. Der heutige Vortrag soli also ein einleitender, 
programmatischer, orientierender sein. 

Wenn das Wort « Geist » ausgesprochen wird, so ist damit 
hingewiesen auf etwas, das, solange es ein menschliches Seh- 
nen und menschliches Horfen gibt, das Ziel aller Menschen 
ist, sowohl des primitiven Menschen als auch des hochstent- 
wickelten Menschen. Dennoch kann man nicht sagen, dafi 
gerade das, was das Wort Geist bedeutet, in unseren Tagen 
auf ein tieferes Verstandnis stofit. Die Wissenschaft vom 
Geist erscheint heute sowohl als das Begehrteste wie als das 
Verwirrendste, denn der Mensch kann der geistigen For- 
schung nicht kiihl und objektiv gegemiberstehen. Was wird 
durch diese Frage nicht alles aufgeriihrt in unserer Seele, 
die tiefsten Affekte, die intensivsten Leidenschaflen! Nicht 



von vornherein sind den Menschen die Antworten auf diese 
Fragen gleichgiiltig. Wenn der Mensdi nur etwas tiefer in 
seine Seele hineinsieht, so wird er merken, dafi er eine, 
wenn audi unausgesprochene Ansicht dariiber hat, wie nach 
seiner Meinung die Antwort ausfallen sollte. Alle hierher 
gehorenden Fragen beriihren den Menschen so, dafi man 
sagen kann: die eine Antwort kann den Menschen so, die 
andere so beleidigen. Der eine fuhlt sich gerade durch eine 
niichterne Betrachtung verletzt, wahrend der andere die 
Freiheit der Forschung, der Wissenschafl angef eindet glaubt, 
wenn man nur etwas iiber die exakte Forschung hinausgeht. 

Die Eigenart der menschlichen Entwickelung hat es be- 
sonders seit dem Aufschwung der Naturwissenschaften mit 
sich gebracht, dafi heme iiber die Auf fassung des Geistes die 
denkbar hochste Verwirrung herrscht, und besonders in den 
Kreisen, die gerade so etwas pflegen sollten wie die Wissen- 
schafl des Geistes. Will man iiber den Geist etwas erkennen, 
so ist eine solche Summe feiner und intimer BegrifTe not- 
wendig, dafi hier eine BegrifFsverwirrung hochst bedeutsam 
ist und zum Schaden gereicht. Der heutige Mensch tut recht, 
wenn er sich zuerst an die Grundlegung der Wissenschafl: 
wendet, auch wenn er iiber den Geist etwas wissen will. 
Dann mufi er sich zunachst an die Psychologie wenden. Sie 
sollte sein «die Wissenschafl von der Seele». Gerade dem- 
jenigen, der sich vorurteilsfrei heranmacht an das, was man 
die Lehre vom Geist nennt, wird es bald klarwerden, was 
man heute unter der Wissenschafl vom Geist versteht. Es 
gibt heute kaum jemand, der iiber diese Dinge spricht und 
nicht verwechselt Seele und Geist. Ich will da ankmipf en an 
wirkliche Erscheinungen. 

Da ist vor einiger Zeit eine «Psychologie» erschienen von 
einem Menschen, der in seinem Fache fur bedeutend gilt. Sie 
ist ein Beispiel dafur, wie heute die Seelenwissenschafl be- 



trieben wird. Aber das ist es nicht, wovon ich jetzt aus- 
gehen will, um zu zeigen, weldie Verwirrung in den Be- 
griffen von Seele und Geist eingetreten ist. Wir lesen dort 
auf einer der ersten Seiten: Wenn Blutleere im Gehirn ein- 
tritt, so ist die Folge eine Ohnmacht, denn dann hort die 
geistige Fahigkeit auf oder wird wenigstens herabgemin- 
dert. Eine geistige Anstrengung dagegen bewirkt ein Zu- 
stromen von Blut zum Gehirn. Reizmittel wirken auf das 
Gehirn vermittelst des Nervensystems, und so weiter. - 
Zunachst mu$ nun darauf hingewiesen werden, dafi einer, 
der doch hier eine «Seelenwissenschaft» bringen will, die 
Ausdriicke «Seele» und «Geist» als wesentlich gleichbedeu- 
tend braucht, und kein Bewufitsein davon hat, dafi sie ver- 
schiedene Dinge sind. Daher kommt gerade das UnheiL Die 
Geistesforscher wiirden sagen, bei Blutleere und Ohnmacht 
wird nur die seeliscbe Tatigkeit gelahmt, es findet aber 
keine Verminderung der Geistestatigkeit statt. Ebenso wird 
einZustromen desBlutes zum Gehirn nur durchSeelentatig- 
keit bewirkt. Hier gilt das Wort Goethes: Keine Materie 
ohne Geist. - Bei Ohnmachten ist nun eine andere geistige 
Tatigkeit vorhanden, so daft gleichsam da die Seele sich 
aus dem Gehirn zuruckzieht und einer anderen geistigen 
Tatigkeit das Feld lafit, als wenn sie dabei ist. 

Die heutige Psychologie macht also keinen Unterschied 
zwischen Seele und Geist. Deshalb ist es wichtig, sich erst 
einen deutlichen Begriff dariiber zu bilden, was Geist ist. 
Das ist sehr schwierig. Die Menschen, wie durch eine Macht 
getrieben, glauben heute in materiellen Prozessen alles ge- 
geben und wollen den Geist nur ansehen als eine Wirkung, 
eine Konsequenz des Stories. Der Geistesforscher sucht den 
Geist nicht nur im Menschen, sondern uberall um uns 
herum. In allem erscheint er wie eine innere Physiognomic 
Er ist uberall im Weltenall ausgebreitet. Kein Mensch, 



kein Tier, keine Pflanze, kein Stein kann sein, ohne dafi der 
Geist die Grundlage dieses Wesens ist. Hierfur gebrauche 
ich gerne ein Bild. Wir denken uns einen Wasserbehalter, in 
dem das Wasser allmahlich abgekiihlt wird. Dadurch moge 
etwas entstehen wie ein teilweiser Einschlag von Eisbrocken, 
so dafi wir schwimmend darin haben einige Eisbrocken. 
Nehmen wir nun an, irgendein Wesen habe nicht die Fahig- 
keit, Wasser wahrzunehmen, sondern nur Eis. Da wiirde 
eben nur aus dem Wasser heraus das Eis auftauchen, das 
Wasser selbst aber wiirde dieses Wesen leugnen. «Uberall 
ist nur Eis vorhanden, Wasser aber nicht», wiirde dieses 
Wesen sagen. 

Xhnlich verhalten sich nun die Menschen zu Geist und 
StofF. So wie in unserem Bilde das Eis aus dem Wasser sich 
verhartet, so entsteht die Materie aus dem Urspriinglichen, 
aus dem Geist. Materie ist nichts anderes als verdichteter 
Geist. Sie taucht fur den Sehenden auf aus dem Geist, da- 
gegen fur den, der nicht sehen kann, aus dem Nichts. Alles 
im Weltenraum ist verdichteter Geist. Wenn nun der Mate- 
rialist kommt und sagt: «Das, was du Geist nennst, ist nicht 
vorhanden», so steht es mit seiner Logik schlecht, denn er 
diirfte eigentlich nur zugeben, dafi er den Geist nicht wahr- 
nehmen konne. Und einer, der eine gesunde Logik hat, 
sollte mit einer solchen nur reden von etwas, dessen Exi- 
stenz er zugegeben hat, also von der Materie. Sprechen wir 
von der Seele, so diirfen wir davon nie trennen den Begriff 
der Innerlichkeit, den wir am besten sehen an der Seele des 
Menschen. 

Der Unterschied zwischen Geist und Seele wird am besten 
an einem Beispiel gezeigt. Denken wir uns, wir sehen ein 
Ereignis vor uns, das uns erzittern macht, das uns Angst 
und Schrecken einjagt, zum Beispiel das Abschiefien einer 
Flinte auf uns. Ein Dritter, der dieses Gefuhl der Angst in 



uns sieht, kann nur sagen, daft der andere dieses Gesicht 
hat, daft es aber abhangig ist von der Beschaffenheit des 
Menschen. Ein Mensch, der vielleicht das Furchten verlernt 
hat, wiirde der Gefahr furchtlos ins Auge sehen. Jener 
aber steht dem Ereignis mit Furcht und Schrecken gegen- 
iiber. Als ein Seelisches bezeichnen wir das, was so in un- 
serem Innern durch eine auftere Wahrnehmung angeregt 
wird. Fur das Geistige aber gibt es kein auften und kein 
innen. Was auften ist, das ist audi innen. Wenn Sie Ihr In- 
ner es priifen, werden Sie merken, daft es einen Ubergang 
gibt vom Seelisdien zum Geistigen, daft aber wohl ein 
Unterschied besteht zwischen dem, was wir als Seelisches 
und als Geistiges ansprechen. t)ber die Empfindungen, die 
in uns aufgehen, laftt sich nicht streiten, denn sie sind bei 
den emzelnen Menschen verschieden. In dem einen wiirde 
beim Anblick eines Raffaelischen Bildes eine Welt von Ge- 
fuhlen aufgehen, wahrend ein primitiver Mensch nichts 
dabei empfindet. Dazwischen gibt es noch alle moglichen 
Abstufungen. Hier haben wir es mit etwas Seelischem zu 
tun. Etwas Geistiges aber ist uns zum Beispiel in der Mathe- 
matik gegeben. Niemand kann durch Erfahrung begreifen, 
was ein Kreis ist. Dazu ist eine innere Anschauung notig. 
Das ist so einfach, aber die Menschen begreifen es nicht. 
Von dem, was Geistiges ist, wissen wir, dafi es jeder so 
erleben kann, wie wir, wenn er nur die notigen Vorbedin- 
gungen dazu schafft. In demselben Mafie, in dem wir uns 
klarmachen, daft wir von einem inneren Erleben aufriicken 
zu einem, das alien zuganglich ist, in demselben Mafie sollen 
wir uns klarmachen, daft wir dann ubergehen von Seeli- 
schem zu Geistigem. 

Nehmen wir an, der Mensch erhebt sich zu einer solchen 
Hohe, daft er wirklich iiber ein Ding der Auftenwelt etwas 
zu sagen vermag, woriiber die Menschen einig sein konnen, 



so erhebt er sich zu dem Begriff, zu der Idee der Sadie. 
Dann sollen wir uns bewulk werden, dafi das genau das- 
selbe ist, was vor der Sache da war, wonach die Sadie ge- 
schaffen ist.Nur der kann glauben, dafi er Geistiges aus einer 
Welt gewinnen konne, in der kein Geist ist, der vermeint, 
aus einem Glase Wasser zu gewinnen, in dem kein Wasser 
ist. Wenn wir einen Stein, eine Pflanze, irgendein Wesen 
der Aufienwelt betrachten, so dafi wir nicht nur das Er- 
hebende, Schone, Herrliche, sondern audi das Traurige auf 
uns wirken lassen, wenn wir das eigentliche Wesen der 
Dinge auf uns wirken lassen, so miissen wir uns klarwerden, 
dafS wir in uns aufleuchten lassen das, was vor der Sache da 
war, woraus sie entstanden ist. So kommt uns das Korper- 
liche vor wie eine Verdichtung des Geistigen. 

Mandies Vorurteil hat seinen Ursprung in der Gewohn- 
heit, die Aufienwelt als etwas Geistloses vorzustellen und 
das Geistige als etwas darzustellen, das der Mensch hinzu- 
bringt. Der Mensch kann nur das in seinem Bewufksein 
haben, was die Wirkung der Aufienwelt auf ihn ist. Er- 
innern wir uns daran, was so haufig gesagt wird bei der 
Gelegenheit: Man konne nur wissen, daft ein Tisch vor- 
handen sei, eben der Tisch an sich, der die gegebenen Wir- 
kungen auf einen ausiibt. - Dafi ein solches Urteil gefafit 
werden kann, ist ein Beispiel dafiir, dafi in weiten Kreisen 
kein Verstandnis ist fiir das Wesen des Geistes. Ein ein- 
faches Bild gibt es, das uns zeigen kann, liber was jahr- 
hundertelange Forschung einfach hinwegdenkt, wenn be- 
hauptet wird, iiber das Ding an sich wisse der Mensch nichts. 
Wenn so etwas gesagt wird, so erscheint es durchaus ein- 
leuchtend. Die Physik, die Wissenschaft iiberhaupt, wird 
immer wieder darauf hinweisen, da£ du zum Beispiel 
«gelb» eigentlich gar nicht wahrnimmst, sondern nur Be- 
wegungen des Athers. Die losen aus in dir die gelbe Farbe, 



ebenso wie die Bewegungen der Luft den Ton. Aus dir 
kommst du nicht heraus, du siehst nur, was in dir ist. — 
Diese ganze Schluftfolgerung wird durch ein einf aches Bild 
ganz ausgeloscht, Denken Sie, Sie haben ein Petschaft und 
Siegellack. Der Name Miiller wird hineingedriickt. Nicht 
eine Spur von Messing des Petschafts ist in den Siegellack 
iibergegangen. Aber das, worauf es ankommt, der Name, 
ist ganz und gar iibergegangen in den Siegellack. Nun 
konnte der Siegellack audi sagen: Ich weift nichts vom Pet- 
schaft, denn von auften kann nichts auf mich iibergehen. - 
Ganz genau so ist es mit der Wissenschaft. Der Name Miiller 
geht restlos auf den Siegellack iiber. Wer behauptet, solche 
Einwirkung ware nicht moglich, der hat kein Verstandnis 
davon, daft es keine Grenze gibt zwischen Materiellem und 
Geistigem, daft eins in das andere iibergeht. Und so miissen 
wir uns immer klarer und klarer dariiber werden, daft der 
Geist nichts zu tun hat mit dem, was in uns ist, sondern daft 
er aufterlich nnd in uns ist. Wir miissen Seele und Geisc 
wohl voneinander unterscheiden. Dann haben wir einc 
Grundlage geschaffen, zu wissen, daft alle Grundlagen des 
Lebens Grundlagen des Geistes sind. Immer mehr und 
mehr sucht die Psychologie das Geistige auf ein rein Phy- 
sisches zuruckzufiihren. Muftten wir es doch sogar erleben, 
daft Geistiges abgeleitet wurde aus physischen und rein 
mechanischen Vorgangen! Die Wissenschaften, die heute 
nicht bewuftt materialistisch sind, sind es unbewuftt. 

Gehen wir noch einmal zuriick! Denken wir, wie durch 
die Blutleere im Gehirn eine Ohnmacht entsteht und da- 
durch die Seele lahmgelegt wird. Wir miissen an diesen 
Vorgang mit der Geisteswissenschaft herantreten. Diese 
zeigt uns, daft der Mensch nicht nur dieses materielle Wesen 
ist, das wir mit den aufteren Sinnen wahrnehmen konnen, 
sondern daft er ein kompliziertes Wesen ist. Der physische 



Leib ist eine Verdichtung, eine Vergroberung eines Geisti- 
geren, eines Feineren, das zugrunde liegt, zunachst eine 
Vergroberung des Ather- oder Lebensleibes. Wir sehen den 
Menschen formlich als Wasserkugel, die sich teilweise zu 
Eis verdichtet hat, so dafi der Eisklumpen schwimmt im 
Wasser, aus dem er sich als aus feiner Muttersubstanz her- 
aus gebildet hat. So ist es mit dem physischen und Ather- 
leib. Materie ist eine andere Form des Geistes als der Geist 
selber, wie das Eis eine andere Form ist des Wassers. Der 
Atherleib aber ist noch nicht das Feinste. Er ist die Ver- 
dichtung des Astralleibes. Nun haben wir den Menschen 
schon als dreigliedrige Wesenheit. Den physischen Leib hat 
der Mensch mit alien Wesen der physischen Welt gemein- 
sam. Der Atherleib ist zunachst rein logisch in folgender 
Form zu erkennen. Nehmenwir einenBergkristall, sobleibt 
die Form erhalten, bis sie von auften zerstort wird. Das ist 
das Wesentiiche des Minerals. So ist es nicht bei Pflanze, 
Tier und Mensch. Wir haben wohl dieselben Stoffe im Men- 
schen, aber diese sind hier so kompHziert zusammengesetzt, 
daft der menschliche Leib sofort auseinander fallen wiirde, 
wenn er nicht einen Kampfer gegen den Zerfall des physi- 
schen Leibes in sich truge: das ist der Ather- oder Lebens- 
leib. Ist der Atherleib draufien, wie nach dem Tode, dann 
erst zerfallt der physische Leib. Was aber zwischen Geburt 
und Tod den Zerfall verhindert, das ist der Ather- oder 
Lebensleib. Ihn hat der Mensch mit Pflanze und Tier ge- 
meinsam, den astralischen Leib nur mit dem Tiere. Hier bei 
dem Astralleib kommen wir schon zu immer feineren gei- 
stigen Gliedern, wir kommen schon ins Seelische. 

Die Geisteswissenschaft konnte sprechen von drei Glie- 
dern des Menschen, von Leib, Seele und Geist. Wenn wir 
diese aber genauer verfolgen, so zergliedern wir in physi- 
schen Leib, Atherleib und Astralleib. Denken wir, wir 



haben einen Menschen vor uns stehen, so haben wir zu- 
nachst den physischen Leib, insofern man ihn physisch 
sehen kann. Aber wir haben audi den Atherleib, den 
Kampfer gegen den Zerfall. Das ist aber noch nicht das 
Ganze des Menschen. Schon der primitivste Mensch weifi, 
dafi Freude und Leid, Lust und Schmerz in ihm leben. Der 
Trager von alledem, was da ablauft im Innern, wird von 
uns astralischer Leib genannt. Von Materialisten konnte 
eingewendet werden: Das ist ja aber nur eine Wirkung der 
physischen Vorgange, das ist nichts Wirkliches. — Wenn das 
der Fall ware, wenn diese Vorgange nur ein Ausflufi der 
physischen Vorgange waren, zum Beispiel des Blutumlau- 
f es, dann ware es eine blofie Wortklauberei, wenn man von 
einem Astralleibe sprache. Aber das sind eben nicht Folgen 
der physischen Vorgange, was wir Astralisches nennen, son- 
dern umgekehrt: die Nerven vorgange sind Folgen des 
Astralischen. Dasjenige, was Freude und Leid, Lust und 
Schmerz erregt, das war fruher da als der physische Leib. 
Wir sehen ja, wie in uns heute sozusagen die letzten Reste 
der unmittelbaren Wirkung des Geistigen auf korperliche 
Vorgange sich auflern. Auf das Schamgef uhl und dasAngst- 
gefiihl ist fruher schon ofter hingewiesen worden. Ein 
Mensch erblafk, wegen Furcht und Angst. Was ist da ge- 
schehen? Oder wenn der Mensch fiihlt: In mir ist etwas, 
was ich verbergen mochte - und er errotet. Scham- und 
Schreckgefuhle sind seehsche Vorgange, seelische Erlebnisse. 
Sie driicken sich aber aus in korperlichen Vorgangen. Bei 
der Angst mochte man alle Krafte im Innern zusammen- 
nehmen, sich behaupten; das Blut zieht sich gleichsam im 
Innern zusammen. Da konnen wir es handgreiflich finden: 
eine Richtung, die unbewufk materialistisch ist, hat den 
ganzen Vorgang verkehrt. 

Der von Amerika ausgegangene Pragmatismus hat die 



Ansicht ausgesprochen: Wenn wir einer geladenen Flinte 
gegenuberstehen, so macht uns nicht die Angst erzittern, 
sondern irgend etwas, was von der Flinte ausgeht, macht 
einen zunachst erzittern. Die Folge da von ist das Auftreten 
der Furcht. Der Mensch weint nicht, weil er traurig ist, 
sondern er ist traurig, weil er weint. Solche Streiche spielt 
Ihnen der Materialismus. Die Geisteswissenschaft aber zeigt 
uns, daft alles, was geschieht, das Rinnen des Wassers, oder 
ein Vorgang, den wir im Mikroskop besehen, oder em 
Mensch, ein Tier, eine Pflanze, ebenso ein Ausfluft eines 
Geistigen ist, wie ein Seelisch-Geistiges die Ursache ist bei 
Furcht- und Angstgefuhlen. So finden wir den Geist iiberall 
um uns herum, wenn wir nur gewohnt sind, alles als Phy- 
siognomic des Geistes anzusehen. Das ist die Art und Weise, 
wie jeder zum Geiste gelangen kann. Oder man konnte 
sagen: Da sieht der Mensch durch den Schleier des Materiel- 
len den Geist. 1st es aber audi moglich, den Geist unmittel- 
bar zu sehen? Dazu gehort, daft der Mensch das Wort «Ein- 
weihung» ganz ernst nimmt. Goethe hat so viele fiir die 
Geisteswissenschaft wichtige Ausspriiche getan, so zum Bei- 
spiel: «So bildet sich das Auge am Lichte fiirs Licht.» Aus 
gleichgultigen Organen haben sich nach und nach die Augen 
des Menschen entwickelt. Die Gewiftheit hat Goethe mit 
alien Geisteswissenschaftlern gemein, daft der Mensch auf 
eine lange, lange Entwickelung zuriicksieht. Hatte es kein 
Licht gegeben, so wiirde es niemals Augen gegeben haben. 
Wie die Tiere in dunklen Hohlen das Augenlicht verlieren, 
so hat das Licht das Auge gebildet. 

Ebenso wahr, wie ohne das Auge die Welt dunkel und 
finster fiir den Menschen ist, so wahr ist es auch, daft das 
Auge am Lichte fiir das Licht gebildet ist, daft es ohne das 
Licht keine Augen gabe. Ebenso zaubern die Tone die 
Fahigkeit des Horens, die Geriiche die Fahigkeit des Rie- 



chens heraus, und so weiter. So ist es in der Vergangenheit 
gewesen, und so ist es in bezug auf die physischen Organe 
desMenschen nodi jetzt.So ist es aber audi fur die geistigen 
Organe. Man kann erst von Lidit und Farbe sprechen, 
wenn die Organe dazu da sind; aber das Licht ist schon 
lange vorher da. Ebenso ist es mit dem Geist. Er ist audi 
schon vorher da und ist geeignet, im Menschen die schlum- 
mernden geistigen Fahigkeiten zu wecken, die dann ebenso 
den Geist wahrnehmen, wie die Augen das Licht wahrneh- 
men. Der Geist bildet die geistigen Organe, wie das Licht 
die Augen. So kann der Mensch die geistigen Organe aus- 
bilden, die vom Geist fur den Geist gebildet werden. 

Wenn uns etwas als die Physiognomie des Geistes er- 
scheint, so konnen wir da in eine geistige Welt hineinwach- 
sen, wenn wir die Geduld haben, uns zu entwickeln und zu 
bilden. So spricht die Geisteswissenschaft noch in einer 
anderen Art vom Geiste, Und ebenso, wie wir erfahren 
durch den Botaniker, den Physiker und so weiter, was sie 
iiber die Geheimnisse der physischen Welt ergriinden, so 
gibt es und hat es immer gegeben eine Geisteswissenschaft. 
Nur wissen heute die Mehrzahl der Menschen nichts von 
den verborgenen Welten dieser Geisteswissenschaft. Zu- 
nachst wurde diese Wissenschaft gepflegt unbemerkt von 
der iibrigen Welt, wurde gepflegt in den Mysterien. Heute 
mu£ die Geisteswissenschaft heraustreten und offentlich 
verkiinden, was sie zu sagen hat, wie die physische Wissen- 
schaft ihre Resultate offentlich verkundet. Wie die physische 
Wissenschaft aber aufiere Werkzeuge gebraucht, so mufi der 
Geistesforscher sich selbst ein Werkzeug sein. Solche For- 
scher hat es immer gegeben. Nur wer die Organe entwickelt, 
kann erzahlen, wie es in der Geisteswelt ist. Wenn es aber 
ausgesprochen ist, so reicht der einfache, gesunde Menschen- 
verstand aus, um es zu verstehen. Nur zur Forschung ist 



eine andere Entwickehmg notig. Nur ein Beispiel sei an- 
gegeben, wie durch intime Vorgange geistige Entwickehmg 
vor sich geht. Nicht tumultuarisch ist dieser Weg. Gar man- 
cher wird ein Burger der geistigen Welt, ohne daft seine 
Mitmenschen etwas davon ahnen. Aber weit, weit ist das 
Gebiet, das uns erkennen laftt, wie wir an uns arbeiten 
miissen, wenn wir einen Einblick gewinnen wollen in die 
geistige Welt. Ein Beispiel soil gegeben werden, wie intim 
dieses Arbeiten ist. 

Es gibt drei Stufen der Erkenntnis: zunachst die Er- 
kenntnis der physischen Welt, dann die Imagination, die 
aber nichts mit Phantastik zu tun hat; sie fiihrt in einer ge- 
wissen Weise in die geistige Welt. Die dritte Stufe bilden 
die inspirierte und intuitive Welt. Die imaginative Er- 
kenntnisstufe erlangt man dadurch, dafi man die Geduld 
hat, lange, lange gewisse innere Obungen zu machen, die 
einen nicht abziehen von der auBeren Welt, sondern einen 
nur tiichtiger und praktischer machen. Aber zugleich fiihren 
sie hinein in die hoheren Welten. Da ist zum Beispiel eine 
solche Anleitung des Lehrers an den Schiller: Sieh dir ein- 
mal eine Pflanze an. Sie wachst aus dem Boden heraus, ent- 
wickelt Blatter, Bliiten, Friichte; sieh dir diese ganze Ent- 
wickehmg der Pflanze an, wie sie Chlorophyll entwickelt, 
und so weiter. Die Pflanze kann ein Vorbild fur den Men- 
schen sein. Wie die Pflanze von dem griinen Farbstoff, so 
ist der Mensch vom roten Blute durchzogen. Obwohl die 
Pflanze auf einer niedereren Stufe steht als der Mensch, so 
hat sie doch etwas vor ihm voraus. Sie ist in ihrer Substanz, 
in ihrer Materie, im Chlorophyll, nicht durchsetzt von nie- 
deren Trieben, Begierden und Leidenschaften. Der Mensch 
ist nicht mehr keusch und rein, sondern er hat seine hohere 
Entwickelung damit zahlen miissen, da£ er Triebe, Begier- 
den und Leidenschaften in sich aufnahm. Der Ausdruck 



dafiir ist das rote Blut. Stelle dir diese beiden nebeneinan- 
der vor, und dann denke an das Goethesche Wort, welches 
das Wort ist aller Geisteslehrer zu alien Zeiten: 

Und solang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und Werde! 
Bist du nur ein truber Gast 
Auf der dunklen Erde. 

Das heifit, die von Begierden und Leidenschaften durch- 
wiihlte Substanz mufi wieder gelautert und gereinigt wer- 
den, so da£ sie iiber sich selbst gehoben, obwohl sie auf 
einer hoheren Stufe steht, wieder keusch und rein wird. Das 
Blut mufi wieder der Ausdruck sein dieser Keuschheit und 
Reinheit. Stelle dir vor die rote Rose, da hast du den 
keuschen Pflanzensaft vor dir rot. Freilich ist er da noch 
Pflanzensaft, aber du magst in dem roten Pflanzensaft 
etwas vor dir sehen, was dir sein kann wie die Morgenrote 
einer hoheren Entwickelung des Menschen, dies dargestellt 
in einem Symbolum: Das schwarze Kreuz mit roten Rosen. 
Vertiefe didi in dieses Symbolum mit Ausschlufi jeden an- 
deren Gedankens, erlebe darin, wie die Menschen sich wie- 
der hinaufentwickeln miissen zu der Reinheit des roten 
Rosenblattes. Erlebst du das, dann erlebst du eine erste 
Spur des Geistes. 

So ist dies ein Bild, zu dem immer andere und andere 
gefiigt werden. Diese Bilder sind dazu da, daft sie so im 
Innern der Seele die geistigen Organe hervorzaubern. Dann 
erfullt sich fur den Menschen das, daft er in der geistigen 
Welt alle Ruhe und Hilfe findet. Deshalb 1st die Geistes- 
wissenschafl: von so ungeheurer Bedeutung auch fur die 
aulkre Welt. Wahr ist es, was Novalis sagt: Der Mensch 
ist das vollkommenste Werkzeug; wenn er es nur sein will. 
Und: Der Mensch lebt in einer geistigen Welt, die er wahr- 



nehmen kann, wenn er nur elastisch genug ist, die notigen 
Organe in sich zu entwickeln.Und wahr ist es,was Goethe 
den Faust sagen lafk: 

Die Geisterwelt ist nicht verschlossen; 
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tat! 
Auf, bade, Schuler, unverdrossen 
Die irdsche Brust im Morgenrot! 

So sprach einer, der aus Geistesorganen heraus den Geist 
erkannt hatte, und so sprach er, als er das Motto aufstellen 
wollte fiir alle Geistesforscher. 



GOETHES GEHEIME OFFENBARUNG 
EXOTERISCH 



Berlin, 22.0ktober 1908 



Wer die geistige Entwickelungsgeschichte der Menschheit 
nicht nur nach den gewohnlich Ublichen Dokumenten und 
Traditionen verfolgt, sondern ein wenig tiefer geht, indem 
er sich auf manches einlafit, was vielleicht zunachst nur 
symptomatisch erscheinen konnte fiir die Menschheits- 
entwickelung, was aber doch intensiv hineinweist in die 
inneren und daher wahren Entwkkelungskrafte, der wird 
eine denkwiirdige Szene in der neueren Geistesgeschichte 
immer wieder und wieder bedeutungsvoll finden, eine 
Szene, die sich in den neunziger Jahren des achtzehnten 
Jahrhunderts in Jena zugetragen hat. 

Dazumal wurde in der Naturforschenden Gesellschaft in 
Jena von einem damals sehr bedeutenden Botaniker, na- 
mens Batsch, ein Vortrag gehalten, der durchaus auf der 
Hohe der damaligen Wissenschaftlichkeit stand. Zwei Man- 
ner, ein jungerer und ein um zehn Jahre alterer, horten sich 
diesen Vortrag an, und es trug sich zu, dafi sie gleichzeitig 
aus dem Vortrag hinweggingen und miteinander ins Ge- 
sprach kamen. Der jungere der beiden Manner sagte dabei 
zu dem alteren: Wenn man einen solchen Vortrag auf sich 
wirken lafk, so zeigt es sich doch immer wieder, wie die 
wissenschaftliche Betrachtungsweise die Dinge zerpfliickt, 
wie sie das eine neben das andere hinstellt und das einheit- 
liche geistige Band, das in all den verschiedenen Einzel- 
heiten lebt, so wenig beriicksichtigt. - Es widerstrebte sozu- 



sagen dem jiingeren Mann, daft da Pflanze an Pflanze 
hingestellt wurde, ohne Hinweis auf das, was als ein H6- 
heres, die verschiedenen Pflanzen Verbindendes, doch audi 
in der Welt Ieben mufi. Der altere der beiden Manner sagte 
darauf , es konne sich vielleidit doch audi eine Betrachtungs- 
weise der Natur finden, die nicht so zu Werke geht, und 
die, trotzdem sie eine Erkenntnis ist, eine Betrachtung, die 
zur Erkenntnis f iihren mufi, sehr wohl auf das Einheitliche 
geht, auf das, was getrennt ist in den fur die verschiedenen 
Sinne aufterlichen Betrachtungen. - Der Mann nahm einen 
Bleistift und ein Stuck Papier aus seiner Tasche und zeich- 
nete sogleich ein merkwiirdiges Gebilde, ein Gebilde, wel- 
ches einer Pflanze ahnlich sah, aber keiner der lebenden 
Pflanzen, die man mit den aufteren physischen Sinnen sehen 
oder wahrnehmen kann, ein Gebilde, das sozusagen nir- 
gends einzeln verwirklicht ist, und von dem er sagte, daft 
es zwar in keiner einzelnen Pflanze lebe, aber die Pflanzen- 
heit, die Urpflanze in alien Pflanzen sei und das Verbin- 
dende ausmache. - Der jiingere Mann sah sich das an und 
sagte darauf*. «Ja, was Sie da aufzeichnen, ist aber keine 
Erfahrung, das ist keine Beobachtung, das ist eine Idee» - 
und er hatte dabei im Sinne, daft solche Ideen nur der 
menschliche Geist ausbilden konne, und daft eine solche 
Idee keine Bedeutung habe fitr das, was drauften in der 
sogenannten objektiven Natur lebt. Der altere der beiden 
Manner konnte diesen Ein wand gar nicht recht verstehen, 
denn er erwiderte: Wenn das eine Idee ist, dann sehe ich 
meine Ideen mit Augen! Er meinte, daft in genau demselben 
Sinne, wie die einzelne Pflanze fur den aulSeren Sinn des 
Auges sichtbar ist, eine Erfahrung ist, so sei seine Urpflanze, 
obgleich sie nicht durch einen aufieren Sinn gesehen werden 
kann, ein Objektives, ein in der aufieren Welt Bestehendes, 
eben das, was in alien Pflanzen lebt, die Urpflanze in alien 



einzelnen Pflanzen. - Sie wissen, dafi der jiingere der beiden 
Manner Schiller, der altere Goethe war. 

Dieses Gesprach ist eine symptomatisclie, bedeutungs- 
volle Kundgebung der neueren Geisteswissenschaft. Was 
sprach dazumal eigentlich in Goethe bei seiner Erwiderung 
gegeniiber Schiller? In Goethe sprach das Bewufitsein, dafi 
man nicht nur mit jener Vorstellung, die der aufiere Sinn 
gibt, und die der beschrankte Verstand axis den aufieren 
Sinneswahrnehmungen gewahrt, ein aufieres Objektives, 
ein aufieres Wahres erf afit, sondern dafi der Mensch dann, 
wenn er hohere Geisteskrajfte in Bewegung setzt, welche sich 
nicht an einzelne Sinnesbeobachtungen wenden, ebenso zu 
einem Wahren, zu einem Wirklichen gelangt, wie man zu 
einem Wahren, Wirklichen durch die aufiere Sinneswahr- 
nehmung kommt. 

Man darf wohl sagen, dafi Schiller, der in jenem Augen- 
blicke noch nicht einsehen konnte, was dahinter war, und 
der glaubte, es seien Subjektivitaten, die ihm Goethe vor- 
gezeichnet hatte, das schonsteDokument gelieferthat dafiir, 
wie sich der Mensch bis zu der Hohe hinaufranken kann, 
die ihm von Goethe gezeigt wurde. Von jenem Zeitpunkte 
an sehen wir Schiller den Goetheschen Ideen immer mehr 
Verstandnis entgegenbringen. Ein psychologisches Doku- 
ment allerersten Ranges ist ein Brief Schillers, der da sagt: 
«Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem 
Gang Ihres Geistes zugesehen und den Weg, den Sie sich 
vorgezeichnet haben, mit immer erneuerter Bewunderung 
bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie 
suchen es auf dem schweresten Wege, vor welchem jede 
schwachere Kraft sich wohl hiiten wird. Sie nehmen die 
ganze Natur zusammen, um iiber das einzelne Licht zu 
bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen 
Sie den Erklarungsgrund fiir das Individuum auf. Von der 



einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu 
den mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste 
von alien, den Mensdien, genetisch aus den Materialien des 
ganzen Naturgebaudes zu erbauen. Dadurdi, dafi Sie ihn 
der Natur gleichsam nacherschafFen, sudien Sie in seine 
verborgene Technik einzudringen. Eine grofie und wahr- 
haft heldenmafiige Idee, die zur Geniige zeigt, wie sehr Ihr 
Geist das reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer scho- 
nen Einheit zusammenhalt!>> 

So diirf en wir, als ein Dokument fiir die Objektivkat der 
Ideenwelt Goethes, das ansehen, was in Goethes Bewufrt- 
sein zu soldier Antwort fiihrte, und was Schiller spater 
durch diesen Brief bestatigte. 

Sehr merkwiirdig: Ein Psychologe, der in den zwanziger 
Jahren des neunzehnten Jahrhunderts lebte und heute ver- 
gessen ist, Heinroth, hat in seiner «Anthropologie», die 
eigentlich eine Psychologie ist, ein sehr bedeutsames Wort 
uber Goethe gesprochen, ein Wort, das zu jenen gehort, die 
durch ihre Wendung gerade methodisch bedeutsam sind 
und tief hineinleuchten in das, was sie beleuchten sollen. Er 
gebrauchte fiir Goethes ganze Anschauungsweise das Wort 
«Gegenstandliches Denken», und er erlauterte dieses Wort, 
indem er sagte: Goethes Denken ist ein ganz eigenartiges 
Denken, das sich eigentlich nicht von dem Objektiven der 
Gegenstande trennt, das ruhig in den Gegenstanden lebt, 
in denen es sich bis zu den Ideen erhebt. 

Wer nun tiefer in Goethes ganze Geistesorganisation 
hineinzublicken vermag, wie wir es heute und iibermorgen 
tun werden, wo wir versuchen woilen, noch tiefer in dieses 
Thema hineinzudringen, wo wir mehr innerlich betrachten 
werden, was heute aufierlich vor uns hingestellt werden 
soli, der wird sehen, dafi er in diesem Denken in einer ge- 
wissen Weise, ohne auf der Oberflache der Dinge und an 



der Sinneserfahrung haften zu bleiben, doch bei den Tat- 
sachen bleibt, und innerhalb derselben das Geistige, die 
Ideenwelt findet. Wir sehen, dafi Goethes Denken gerade 
in dieser Art fur einen grofien Teil unserer modernen 
Mensdiheitsentwickelung so bedeutsam geworden ist. Wir 
diirfen sagen, es ist etwas hdchst Eigenartiges mit dieser 
Wirkung des Goetheschen Geistes auf die verschiedensten 
Menschen, auf die verschiedensten Anschauungen, ja, auf 
die verschiedenen aufeinander folgenden Epochen. 

Betrachten wir einmal, um was es sidi hier eigentlich 
handelt, und wir werden sehen, wie eigenartig Goethes 
Geistesart tatsachlich gewirkt hat. Wenn wir zum Beispiel 
die drei Philosophen des deutschen Geisteslebens vor unsere 
Seele treten lassen, die im Grunde genommen, ihrer gan- 
zen Anschauungsweise nach, sehr verschieden sind: Fichte, 
Hegel, Schopenhauer, so ergibt sich uns aus der Betrachtung 
ihres gegenseitigen Verhaltnisses, aus der Betrachtung des 
Zusammenhanges in ihren Verhaltnissen zu Goethe etwas 
ganz Eigenartiges iiber die welthistorische Wirkung der 
Goetheschen Geistesart. 

Fichte erweLst sich als ein in abgezogenen Hohen schwe- 
bender Denker, und ganz besonders war er in abgezogenen 
Hohen schwebend, als er im Jahre 1794 seine Grundziige 
der Wissenschaftslehre in Jena beendet hatte. Es ist schwer, 
sich zum Verstandnis der Fichteschen Eigenart zu erheben, 
es ist schwer, ihn zu durchdringen, obwohl niemand, der 
in ihn eindringt, sich nicht sagen miiftte, dafi er ungeheure 
Friichte fiir seine Geistesdisziplin aus ihm schopfte. Aber es 
ist nicht jedermanns Sache, in solche Spharen des reinsten 
Begriffes hinaufzuwandern. Dieser Fichte, der in soldi ab- 
strakten Hohen wandelte, besonders damals, schickte seine 
« Wissenschaftslehre» mit folgenden bedeutungsvollen Wor- 
ten an Goethe: «Ich betrachte Sie, und habe Sie immer be- 



trachtet als den Reprasentanten der reinsten Geistigkeit des 
Gefiihls auf der gegenwartig errungenen Stufe der Hu- 
manitat. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophic Ihr 
Gefuhl ist derselben Probierstein.» So Fichte zu Goethe. 

Sehen wir jetzt auf einen anderen Philosophen, auf 
Schopenhauer s und sehen wir zuerst, wie Schopenhauer zu 
Fichte stand. Wahrhaft feindliche Briider waren sie, wenig- 
stens war Schopenhauer ein recht feindlicher Bruder zu 
Fichte. Schopenhauer wird nicht miide, in geradezu Schimpf- 
worten sich iiber Fichte zu ergehen. Ein Windbeutel ist er 
ihm, der in leeren Begriffen gesonnen und geschrieben hat. 
Immer wieder kommt er darauf zuruck, die Wesenlosigkeit, 
Bedeutungslosigkeit und Unrealitat der Fichteschen Philo- 
sophic zu betonen. Wahrlich, es kann keine grower en Ge- 
gensatze geben, als Schopenhauer und Fichte. Und Scho- 
penhauer ging wahrhaflig zu Goethe in die Lehre. Eine 
Zeitlang hindurch hat er zusammen mit Goethe experimen- 
tiert, um sich die physikalischen Grundbegriffe klarzuma- 
chen, und manches, was in Schopenhauers erstem Werke 
und auch in seinem Hauptwerke steht, ist hervorgegangen 
aus dem Eindrucke, den Goethe auf ihn gemacht hat. Wer 
Schopenhauer kennt, weifi aber auch, wie hingebungsvoll 
er von Goethe sprach. Schopenhauer und Fichte, zwei grofie 
Gegensatze, in Goethe vereinigen sie sich und er erscheint 
wie die vereinigende Kraft der beiden. 

Nehmen wir endlich Hegel und Schopenhauer! Auch 
Hegel ist schwierig mit dem Verstandnis zu erreichen. Er, 
der versucht, sich eine Tatsachenwelt der BegrifTe in einer 
umfassenden, systematischen Organik zu verschaffen, ver- 
langt, da£ der Mensch sich auf eine Stufe erhebt, wo er den 
Begriff als Tatsache erfafit, wo er fahig wird, ihn erleben 
zu konnen. Schopenhauer findet auch in dieser Begriffs- 
technik etwas vollig Wertloses; alles sei ein Spiel mit ab- 



strakten Worten. Und wenn wir uns nun wieder das Ver- 
haltnis von Hegel zu Goethe vergegenwartigen wollen, so 
brauchen wir nur eines zu nennen und wir werden sehen, 
wie Hegel zu Goethe stent. Einen schonen Brief gibt es, 
worin Hegel schreibt: Goethe sucht nach den tatsachlichen, 
geistigen Phanomenen, die hinter den sinnlichen stehen, die 
Goethe die Urphanomene nennt, wie er die Urpflanze das 
Urphanomen der Pflanzenwelt nennt. - Wahrend Hegel 
als Philosoph aus der Hohe der geistigen Welt spricht und 
uns zeigt, was wir denken und begreifen konnen, arbeitet 
er sich auf der anderen Seite hinauf bis zu dem Punkte, wo 
er mit den aus dem Geiste geschopften Begriffen in Beruh- 
rung kommt. So vereinigt sich Goethes Urphanomen mit 
dem, was die reine, denkende Philosophic von oben erfalk. 
Audi hier sehen wir eine Harmonie zwischen Hegel und 
Goethe wie zwischen Goethe und Schopenhauer. In Goethe 
finden sie sich zusammen. Und wenn wir von diesen alteren 
Zeiten in unsere Zeiten heraufgehen, was finden wir da? 

In jener Zeit, in der Goethe selber gelebt hat, hat sozusagen 
das naturwissenschaftliche Forschen noch eine ganz andere 
Physiognomie gehabt. Noch mehr, als es zu Goethes Zeiten 
der Fall war, betrachtet man heute als die einzig richtige 
Methode der strengen Wissenschaft die Forschung, die sich 
auf die aufiere Sinnesbeobachtung stiitzt, und das reinliche 
Herausarbeiten dessen, was der Verstand, der sich auf die 
Beobachtungbeschrankt, aus den so gewonnenen Resultaten 
machen kann. Aber auch ein Haeckel will, wie er in jedem 
Buche wieder betont, auf dem festen Boden gerade Goethe- 
scher Weltanschauung stehen, und so sehen wir eine mehr 
materialistisch gefarbte Weltanschauung geradezu Wert 
darauf legen, an Goethe sich anzulehnen. Sie konnen aber 
auch heute noch Schriften finden, die auf einem Boden ste- 
hen, fur den der Geist eine absolute Realitat im eminen- 



testen Sinne des Wortes ist, und audi bei ihnen konnen Sie 
die Berufung auf Goethe bemerken. Feindhch konnen sich 
spiritualistische und materialistische Forscher gegeniiber- 
stehen, beide glauben sie aber in gleicher Art zu Goethe 
aufschauen zu konnen. So bietet er audi da etwas, was 
Gegensatze iiberbruckt. 

Diese Tatsachen bezeugen die Kraft der Goetheschen 
Weltanschauung, die Kraft, die so auf die andern wirkt, 
dafi das, was sich gegenseitig nicht versteht, bei Goethe 
etwas findet, was es selbst besitzt. Vielleicht wissen einige 
von Ihnen, in welchem Gegensatze Vtrchow und Haeckel 
sich befanden. Aber audi Virchow, der in so wenig Dingen 
mit Haeckel ubereinstimmt, hat sich in einem bedeutungs- 
vollen Vortrag iiber Goethe ebenfalls an Goethe angelehnt. 
Wir haben also in Goethe eine Kraft, die gegeniiber den 
Gegensatzen, dem Kampfe der Weltanschauungen, das in 
ihnen Gemeinsame bei sich anklingen zu lassen vermag, 
eine Kraft, die in der Lage ist, zu zeigen, daft es im Grunde 
genommen bei den Weltanschauungen nicht so ist, wie diese 
Vertreter der Wissenschaft behaupten und so beharrlich 
verfechten. 

Gerade wenn man das Verhaltnis dieser bedeutenden 
Menschen zu Goethe betrachtet, wird man zu der Erkennt- 
nis kommen, dafi mit dem, was die Menschen Erkenntnis 
nennen, es sich verhalt wie mit den verschiedenen Malern, 
die um einen Berg herumsitzen, ihn anblicken und von den 
verschiedensten Standpunkten aus ihn malen. Die Bilder, 
die sie da bekommen, miissen naturlich sehr verschieden 
sein, und doch war es derselbe Berg, den sie malten. Eine 
umfassende Vorstellung von dem Berge wird man nur be- 
kommen konnen, wenn man die verschiedenen Darstellun- 
gen miteinander vergleicht und sie zu einem Ganzen zu- 
sammenfugt. Wenn man sich so zu den Erkenntnissen stellt, 



dann wird man sehen, dafi Goethe sich nicht einen einzel- 
nen Gesichtspunkt wahlt, sondern den Berg hinansteigt und 
zeigt, dafi es eine Moglichkeit gibt, den Standpunkt auf 
dem Bergesgipfel einzunehmen und dort ein umfassendes 
Panorama zu finden, wo alle Anschauungen in ihrer tiefe- 
ren Vertraglichkeit sich zeigen. 

Das ist es aber audi, was Goethe zu einem so eminent 
modernen Geiste macht, und wenn wir bei einem riickhalt- 
losen Eingehen auf Goethe das Gefuhl erhalten, dafi er uns 
als ein moderner Geist erscheint, dann wird es von selbst 
schon eine Rechtfertigung sein, wenn wir in den hier oft 
angestellten Betrachtungen iiber die Geisteswissenschaft und 
eine vom Geistigen ausgehende Weltanschauung das, was 
er machte und wollte, als eine Art von Anleitung betrach- 
ten, tiefer in sein Wesen einzudringen. Wenn er in so vielen 
Beziehungen ein anregender Geist ist, warum sollte er da 
nicht audi ein anregender Geist sein fur diejenige Geistes- 
stromung, die als eines ihrer hochsten und schonsten Ziele 
das tolerante Eindringen in die verschiedenen Standpunkte 
der Weltanschauungen hat, und die sich zum Prinzip macht, 
nicht auf einem einmal fixierten Standpunkte stehen zu 
bleiben, sondern, um Wahrheit zu finden, immer hoher und 
hoher zu steigen durch Methoden, die man auf seine innere 
Entwickelung, auf die Heranbildung innerer Wahrneh- 
mungsorgane anzuwenden hat, weil man dadurch, dafi man 
sich seine inneren Organe heranzuchtet, erst dazu kommt, 
die tieferen geistigen Grundlagen zu sehen. 

Inwief ern Goethe auf einem eng begrenzten Gebiete die 
tiefsten Gefuhle audi der heutigen Menschheit trifft, wollen 
wir jetzt noch betrachten. Beispielsweise sei ein Gefuhl ge- 
wahlt, das viele von Ihnen kennen, ein Gefuhl, das man 
mit den Worten charakterisieren konnte, dafi es in unserer 
Zeit Menschen gibt, die danach streben, manche alte Tra- 



dition iiber Bord zu werfen und sich Gefuhle, Gedanken 
und Vorstellungen zu schaff en, die in die unmittelbare Ge- 
genwart hineinfiihren. Sie werden sogleich sehen, was ich 
meine, wenn idi Sie an ein Bild erinnere, das vielen in 
unserer Zeit wert geworden ist. Man mag zu dem Bilde 
stehen, wie man will, aber es ist ein Ausdruck der moder- 
nen Zeit. Ich meine das Bild: «Komm, Herr Jesus, sei un- 
serGast.»Das Bild lebt nicht nur bei dem, der es geschaffen 
hat, sondern audi in denen, die es geniefien wollen; es lebt 
in ihnen die Sehnsucht, die Gestalt des Jesus in der un- 
mittelbaren Gegenwart zu sehen, wie sie sich hinstellt an 
den Tisch. Man konnte sagen, dafi das Bild nicht nur Wert 
fur diese Zeit hat, sondern fur alle Zeiten, dafi es ein 
ewiges, unvergangliches Dasein hat, und da£ jede Zeit das 
Recht hat, diese Gestalt in ihre eigene Epoche hinein- 
zustellen. Nur mit diesen wenigen Worten sei das Gefuhl 
angedeutet, das viele gegeniiber diesem Bilde haben. 

Nun konnte man glauben, Goethe gehore in dieser Be- 
ziehung noch zu den Alten. Man leitet das ja her aus seiner 
Vorliebe zu der alten Kunst, die an den alten, guten, kunst- 
lerischen Traditionen festhalten wollte, aus seiner Vorliebe 
zu den Griechen. Man konnte glauben, Goethe hatte viel- 
leicht kein tieferes Verstandnis fiir eine Empfindung, wie 
sie in dem Bilde charakterisiert ist: «Komm, Herr Jesus, sei 
unser Gast.» Um da einmal einen Blick in Goethes Seele zu 
tun, wollen wir uns an ein Buch anlehnen, an Bossis Buch 
iiber Leonardo da Vincis Abendmahl. Goethe schrieb eine 
Rezension iiber dieses Buch. Darin stehen bedeutungsvolle 
Worte. Von diesem Bilde, das sich im Speisesaale des Klo- 
sters Santa Maria delle Grazie in Mailand befindet, und 
das trotz der in letzter Zeit vorgenommenen Restauration 
den Eindruck macht, als wenn es dem Verfall entgegen- 
ginge, von diesem Bilde erzahlt Goethe, wie er selbst ein- 



mal demselben gegeniibergestanden habe zu einer Zeit, als 
es noch in einer gewissen Frisdie erhalten war. Und er schil- 
dert den Eindruck, den er einst von diesem Bilde in seiner 
Jugend bekommen habe: «Dem Eingang an der schmalen 
Seite gegeniiber, im Grunde des Saals, stand die Tafel des 
Priors, zu beiden Seiten die Monchstische, samtlich auf einer 
Stufe vom Boden erhoht; und nun, wenn der Hereintre- 
tende sich umkehrte, sah er an der vierten Wand iiber den 
nicht allzuhohenTiiren den vierten Tisch gemalt,an demsel- 
ben Christus und seine Jiinger, eben als wenn sie zur Gesell- 
schaft gehorten» - Ihn, der von den Dominikanern in ihrem 
Sinne, ihrer Stellung mit der Empfindung aufgerufen wor- 
den ist: «Komm, Herr Jesus, sei unser Gast». Es schliefie 
sich, sagt Goethe, das Ganze zu einem einheitlichen Bilde 
zusammen. Und um gar keinen Zweifel daran zu lassen, 
was er eigentlich meinte, sagte er noch: «Es muB zur Speise- 
stunde ein bedeutender Anblick gewesen sein, wenn die 
Tische des Priors und Christi, als zwei Gegenbilder, auf- 
einanderblickten und die Monche an ihren Tafeln sich da- 
zwischen eingeschlossen fanden. Und eben deshalb muftte 
die Weisheit des Malers die vorhandenen Monchstische zum 
Vorbilde nehmen. Audi ist gewift das Tischtuch mit seinen 
gequetschten Falten, gemusterten Streifen und aufgekniipf- 
ten Zipfeln aus der Waschkammer des Klosters genommen, 
Schusseln, Teller, Becher und sonstiges Gerate gleichfalls 
denjenigen nachgeahmt, der sich die Monche bedienten. 
Hier war also keineswegs die Rede von Annaherung an ein 
unsicheres, veraltetes Kostiim. Hochst ungeschickt ware es 
gewesen, an diesem Orte die heilige Gesellschaft auf Polster 
auszustrecken. Nein, sie sollte der Gegenwart angenahert 
werden, Christus sollte sein Abendmahl bei den Domini- 
kanern zu Mailand einnehmen.» 

Und nun fragen wir: Hatte Goethe gerade dieses Ver- 



standnis, das man ein modernes Verstandnis nennen mufi? 
Er hatte es in jenem umfassenden Stile, der uns wieder ein 
Beweis daf ur sein kann, wie universell seine Kraft ist gegen- 
iiber den manchmal einseitigen Kraflen, die sich gegenseitig 
ausschliefien und bekampfen. So miissen wir uns hinein- 
versetzen in Goethes Seele und wir werden dann begreifen, 
warum Goethe uns ein so Nahstehender sein kann, und 
warum wir zu ihm hinaufschauen diirf en, wenn es sich um 
die vorlaufige Orientierung iiber tiefere Geistesfragen han- 
delt. Das war Goethes tiefes Bewufitsein, daft es moglich 
ist fur den Menschen, in sich geistige Organe zu erwecken, 
um hinaufzusteigen zu hoheren Anschauungen und dadurch 
etwas zu gewinnen, was mcht blofi im Geiste des Menschen 
lebt, sondern was zu gleicher Zeit tief er liegt. 

Wenn hier die Moglichkeit ware, auf Goethes natur- 
wissenschaftliche Studien einzugehen, wie Sie dieselben in 
meinem Buche «Goethes WeLtanschauung» ausfiihrlich be- 
sprochen flnden, so konnten wir zeigen, wie diese ganze 
Goethesche Methode wirkt. Aber wir wollen uns heute 
Goethe von einer anderen Richtung her nahern. Goethe 
hatte mancherlei zum Ausdrucke gebracht, was uns auf die 
tiefe Grundlage seiner Weltanschauung hinweisen kann. 
Wir werden dariiber in den zwei Vortragen dieses Winter- 
zyklus iiber Goethes « Faust » zu sprechen haben. Ober ihn 
sagte er einmal zu Eckermann y dafi er ihn so gestaltet habe, 
dafi der Leser, wenn er sich nur an aufiere Belehrungen hal- 
ten will, schon in den bun ten Bildern etwas hat; da£ er aber 
auch hinter den Worten die Geheimnisse finden kann, die 
sich darin befinden. Da weist Goethe in dem zweiten Teil 
darauf hin, dafi zu unterscheiden ist das, was das Aufiere, 
und das, was das Innere, das Wesen ist, das, was er hinein- 
geheimnilk hat. Nach alter Weise bezeichnet man das 
Aufiere als das Exoterische, das Innere als das Esoterische. 



Nun wollen wir uns Goethe dadurch nahern, daft wir 
das Werk, in dem er sein ganzes methodisches Denken und 
Wollen zum Ausdruck gebracht hat, heute in einer aufter- 
lichen, exoterischen Weise, und iibermorgen dann in einer 
innerlichen, esoterischen Weise betrachten. Ein verhaltnis- 
maftig unbekanntes Werkchen von Goethe ist es, an das 
man sich halten mufi, wenn man Goethes tiefste Erkennt- 
nisgeheimnisse - so darf das, um was es sich hier handelt, 
wohl genannt werden - durchschauen will. Es ist das Werk- 
chen, das am Ende der «Unterhaltungen deutscher Aus- 
gewanderter» unter der TJberschrift: «Marchen» steht, 
und bei dessen Lektiire der, welcher danach strebt, in 
Goethes Weltanschauung tiefer einzudringen, von Anfang 
an die Empfindung haben wird, daft Goethe damit mehr 
sagen will, als was die Bilder zunachst darbieten. Ratsel 
iiber Ratsel wird dem sinnenden Betrachter dieses 
«Marchen» von der griinen Schlange und der schonen Lilie 
vorlegen. 

Und nun gestatten Sie mir, dafi ich die hauptsachlichsten 
Ziige dieses Marchens zunachst hier auseinandersetze, denn 
es ist nicht moglich, iiber das Marchen zu sprechen, ohne 
daft wir uns wenigstens diejenigen Ziige vor die Seele 
fuhren, welche von Wichtigkeit sind, wenn wir einen tie- 
feren Blick in Goethes Weltanschauung werfen wollen. Es 
wird also notwendig sein, dafi wir einige Zeit dem Inhalte 
dieses Werkchens widmen; aber dafur werden wir uns audi 
dann in bezug auf das, was wir zu sagen haben, um so 
besser verstehen. Es ist mir immer wieder passiert, wenn 
ich einen Vortrag iiber dieses Marchen gehalten habe, daft 
man mir sagte: «Ich weift nichts da von, daft in Goethes 
Werken ein Marchen steht.» Ich wiederhole deshalb: es ist 
in jeder Goetheausgabe enthalten und bildet den Schluft 
der «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter». 



Nun zu den Bildern! An einem Flusse wohnt ein Fahr- 
mann. Zu diesem Fahrmann kommen merkwiirdige Ge- 
stalten: Irrlichter. Sie wollen von dem Fahrmann in dem 
Kahne an das andere Ufer des Flusses hiniibergesetzt wer- 
den. Der Fahrmann geht darauf ein und setzt sie iiber den 
Fiuft hinuber. Sie betragen sidi dabei sonderbar, sind un- 
ruhig und zappelig, so daft er Angst bekommt, sie konnten 
ihm den Kahn umwerfen. Er fuhrt sie aber glucklich hin- 
iiber, und als sie angelangt sind, wollen sie ihn in eigen- 
artiger Art bezahlen. Sie schutteln sich und es fallen Gold- 
stiicke von ihnen ab; das soil der Lohn sein fur die Miihe 
des Obersetzens. Der Fahrmann ist wenig erbaut von den 
Goldstucken und sagt: Es ist gut, daft nichts in den Fluft 
gef alien ist, denn er wiirde wild aufwallen. Ich kann diese 
Bezahlung aber nicht annehmen, ich kann nur mit Fruchten 
der Natur bezahlt werden. - Und er verlangt drei Zwie- 
beln, drei Artischocken, drei Kohlkopfe. Mit Fruchten soil- 
ten sie also bezahlen. Wir werden gleich sehen, welche tiefe 
Bedeutung jeder Zug und jede einzelne Tatsache hat. 

Nun sagt der Fahrmann weiter: So macht ihr mir noch 
die Miihe, daft ich das, was ihr als Goldstiicke herumgewor- 
fen habt, den Flufi hinunterfiihren und begraben mul5. — 
Darauf fiihrt er die Goldstiicke tatsachlich ein Stiick den 
Flufi hinunter und vergrabt sie in den Kliiflen der Erde. 
Als sie da hinein vergraben worden sind, kommt ein merk- 
wiirdiges anderes Wesen an diese Goldstiicke heran: die 
grime Schlange, die in und auf der Erde herum und durch 
die Kliifte der Erde hindurchkriecht. Plotzlich sieht sie 
durch die Spalten der Erde die Goldstiicke hereinfallen. 
Zunachst glaubt sie, daft sie vom Himmel hereinfallen. Sie 
verzehrt sie aber dann und wird durch die Aufnahme dieser 
Goldstiicke in den eigenen Leib immer leuchtender. Als sie 
aber an die Oberflache geht, merkt sie, daft sie in wunder- 



barer Weise ein eigenartiges Licht ausstrahlt, leuchtend wie 
Smaragd und Edelstein. 

Nun treffen die Schlange und die Irrlichter zusammen, 
die Irrlichter immer nodi sich schiittelnd und wegwerfend, 
was sie in sich haben. Die Schlange, die jetzt Geschmack an 
dem Golde bekommen hat, nimmt in ihren eigenen Leib 
auf und verarbeitet, was die Irrlichter um sich werfen. Be- 
deutsames sagen sich die Schlange und die Irrlichter fiber 
ihr gegenseitiges Verhaltnis. Die Schlange nennt sich Ver- 
wandte der Irrlichter von der horizontalen Linie und die 
Irrlichter sich Verwandte der Schlange von der vertikalen 
Linie. Die Irrlichter f ragen noch die Schlange, ob diese nicht 
Auskunft geben konne, wie sie zur schonen Lilie kommen 
konnten. Da sagt die Schlange: Die schone Lilie ist jenseits 
des Flusses. — Nun, dann haben wir uns etwas Schones ein- 
gebrockt! antworten die Irrlichter. Wir haben uns heriiber- 
fahren lassen, weil wir zur schonen Lilie kommen wollten. 
Konnten wir nur einen Fahrmann erreichen, der uns wieder 
zuruckfuhrt! Und nun kommen bedeutungs voile Worte: 
Ihr werdet den Fahrmann nicht wiederfinden, und wenn 
ihr ihn fandet, seid euch klar dariiber, dafi er euch wohl 
heriiber, aber nicht mehr zuruckfuhren darf . Wenn ihr wie- 
der auf die andere Seite des Flusses zuriick wollt, so konnt 
ihr es nur auf zweierlei Weise. Entweder ihr versucht am 
Mittag, wo die Sonne am hochsten steht, eine Briicke zu 
finden iiber meinen eigenen Leib, um hinuber zu kommen. - 
Die Irrlichter sagen: Die Mittagsstunde ist eine Zeit, in der 
wir nicht gerne reisen. - Oder ihr beniitzt den zweiten 
Weg. Es gibt namlich noch eine andere Moglichkeit. In der 
Dammerstunde findet ihr an einer bestimmten Stelle den 
grofien Riesen. Er hat gar keine Kraft in sich, aber wenn er 
seine Hand ausstreckt und der Schatten dieser Hand iiber 
den Flufi hiniiberf allt, so kann man iiber den Schatten hin- 



weg den Flufi iiberschreiten. Der Schatten hat die Trag- 
kraft, dafi man hiniibergehen kann. Wenn ihr also nicht 
iiber mich selber gehen wollt zur Mittagsstunde, so suchet 
den Riesen auf . — Die Irrliditer lassen sich das gesagt sein. 
Die Schlange aber ist wieder in die Kltifte der Erde zuriick- 
gegangen und f reut sich des innerlichen Leuchtend-Werdens 
durch Aufnahme des Goldes. 

Nun bemerkt die Schlange etwas hochst Merkwiirdiges. 
Als sie die Kliifte wieder absucht, bemerkt sie, dafi sie da, 
wo sie fruher unregelmafiige Naturprodukte gefunden 
hatte, jetzt an einer Stelle merkwiirdige Gebilde sieht. Fru- 
her hat sie sie nur durch den Tastsinn wahrgenommen, 
jetzt, wo sie leuchtend ist, merkt sie, dafi sie die Dinge audi 
sehen kann. Sie konnte Saulen und audi menschenahnliche 
Gebilde abtasten, aber es war ihr bis dahin nie klargewor- 
den, was da in den unterirdischen Kliiften eigentHch ist. 
Jetzt bewegt sie sich wieder hinein und das von ihr aus- 
strahlende Licht dient ihr zur Beleuchtung der Dinge. 

Als sie hineindringt in diese grofie Hohle unter der Erde, 
kann sie sogleich wahrnehmen, wie in den vier Ecken vier 
konigliche Gestalten stehen: ein goldener Konig, ein silber- 
ner Konig, ein eHerner Konig und in der vierten Ecke ein 
gemischter Konig, eine Gestalt, welche aus den anderen 
Metallen in der buntesten Weise zusammengefiigt ist, so 
dafi in ihm alle moglichen Metalle chaotisch ineinander- 
gefiigt sind. 

In dem Augenblicke, wo die Schlange in die Hohle 
hineinkommt und ihr die Beleuchtung der Gestalten ge- 
lingt, stellt der goldene Konig die sehr bedeutungsvolle 
Frage: 

«Wb kommst du her?» 

«Aus den Kluflen», versetzte die Schlange, «in denen das 
Gold wohnt.» 



«Was ist herrlicher als Gold?» fragte der Konig. 
Die Schlange antwortet: «Das Licht!» 
Und der Konig fragt weiter: «Was ist erquicklicher als 
Licht?» 

«Das Gesprach.» 

Niemand wird bezweifeln, dafi in diesen Worten nicht 
blofi Bilder gegeben werden sollen, sondern dafi sie audi 
einen bedeutungsvollen Inhalt haben. 

Als die Schlange hineinkommt in die Hohle, ofFnet sidi 
ein Spalt an dem Tempel, in dem die vier Konige wohnen. 
Es kommt der Alte mit der Lampe in den Raum, und er 
wird gefragt, warum er gerade jetzt komme? Da sagt er das 
merkwiirdige Wort: Wifrt Ihr nicht, dafi mein Licht nur er- 
leuchten darf, was schon erleuchtet ist? da£ ich das Dunkle 
nicht erleuchten darf? - Nachdem die Schlange die Dinge 
im Raume erleuchtet hat, darf nun auch er mit seiner wun- 
derwirkenden Lampe kommen. 

Jetzt entspinnt sich aufs neue ein Gesprach zwischen den 
Konigen und dem Alten mit der Lampe. Der Alte wird 
gefragt: 

«Wie viele Geheimnisse weilk Du?» 
«Drei», antwortet er. 

« 1 w r elches ist das wichtigste?» fragt der silberne Konig. 
«Das offenbare», versetzt der Alte. 
«Willst du es auch uns er6ffnen?» fragt der eherne Konig. 
«Sobald ich das vierte wei£.» 

Und nun kommen die allerbedeutsamsten Worte des 
Marchens: «Ich weifi das vierte», sagt die Schlange und 
zischelt ihm etwas in das Ohr, worauf der Alte mit gewal- 
tiger Stimme ruft: «Es ist an der Zeit!» 

Es gibt eine grofie Anzahl von Versuchen, die Ratsel 
dieses Marchens zu losen. Viele haben auch versucht, das, 
was man schon zu Schillers und Goethes Zeiten als Ratsel 



empfand, so oder so zu deuten. Es ist eigenartig, daft 
Goethe und Schiller sich dariiber einig waren und es aus- 
driicklich mit den Worten aussprachen: Es liegt das Wort 
der Losung fur das Marchen im Marchen selber. Also darf 
man nach des Marchens Losung nur im Marchen selber 
suchen, und es wird sich im weiteren Verlauf des Vortrages 
auch finden, dafi das Wort des Ratsels, wenn auch in eigen- 
artiger Weise, in dem Marchen drinnen ist. Die Schlange 
zischelt dem Alten etwas ins Ohr, und das, was sie ihm ins 
Ohr zischelt, was aber nicht gesagt wird, das ist die Losung 
des Ratsels. Dann sagt der Alte: «Es ist an der Zeit!» Was 
also ergrtindet werden muE, das ist, was die Schlange im 
unterirdischen Tempel dem Alten ins Ohr geraunt hat. 

Der Alte geht nun mit seiner Lampe dahin, wo seine 
Gattin wohnt. Durch die Kraft des Lichtes der Lampe wer- 
den die verschiedensten Materien verwandelt: Steine in 
Gold, Holz in Silber, tote Tiere in Edelsteine, Metalle aber 
werden vernichtet. Er trifft seine Gattin in geradezu 
fassungslosem Zustande. Als er fragt, was passiert sei, sagt 
sie: Es waren ganz merkwiirdige Personlichkeiten da. Man 
hatte sie fur Irrlichter halten konnen. Die sind sehr wenig 
in den Grenzen des Anstandes geblieben. - Nun, meint der 
Alte, bei deinem Alter wird es wohl bei der allgemeinen 
Hoflichkeit geblieben sein. - Und nun erzahlt sie, wie die 
Irrlichter sich an das Gold herangemacht und es abgeleckt 
haben, damit sie es wieder abschiitteln konnten. Wenn es 
nur noch das ware, aber sieh dir mal den Mops an. Der hat 
von den Goldstiicken gefressen, wurde in Edelstein ver- 
wandelt und starb. Jetzt ist er tot. - Und die Alte sagt 
weiter: Wenn ich das vorher gewufit hatte, so wiirde ich 
ihnen nicht versprochen haben, dafi ich ihre Schuld bei dem 
Fahrmann abzahlen werde. Das sind: drei Kohlhaupter, 
drei Zwiebeln und drei Artischocken. 



Nun, sagte der Alte, nimm doch den Mops mit, trage ihn 
zur schonen Lille hin, die hat die Eigenschaft, daft sie alles, 
was Edelstein ist, durch ihre Beriihrung in Lebendiges ver- 
wandeln kann. - Sie nimmt also die drei mal drei Fruchte, 
um die iibernommene Schuld bei dem Fahrmann abzutra- 
gen, und legt den Mops dazu. 

Nun kommt ein sehr bedeutungsvoller Zug des Mar- 
chens: Als sie den Korb tragt, erscheint er ihr aufterordent- 
lich schwer, obgleich das Tote fur sie gar kein Gewicht hat, 
der Korb mit dem toten Mops allein wiirde so leicht sein, 
als wenn er leer ware; nur durch das Lebendige, durch die 
Kohlkopfe, Zwiebeln und Artischocken wird der Korb 
schwer. Auf dem Wege zu dem Fahrmann passiert ihr aber 
noch etwas Eigentiimliches. Der Riese legt seinen Arm ge- 
rade so, daft der Schatten iiber den Fluft hiniiberf allt, greifl 
ihr ein Kohlhaupt, eine Artischocke und eine Zwiebel aus 
dem Korbe heraus und verzehrt sie, so dajR sie jetzt nur 
noch zwei von jeder Gattung hat. Sie will daher dem Fahr- 
mann nur einen Teil der Schuld abtragen. Er aber sagt, dafi 
es unbedingt notwendig sei, das Ganze gleich mitzubringen. 

Nach vielem Hin- und Herreden sagte der Fahrmann: es 
gabe noch einen Ausweg, der ware, wenn sie Biirgschafl fiir 
die Beibringung der drei fehlenden Fruchte leiste. Sie mufi 
daher die Hand in den Flufi stecken, als Sicherheit dafiir, 
dafi sie ihr Versprechen halten werde. Das tut sie, bemerkt 
aber dann, dafi, soweit die Hand in den Flufi hineingesteckt 
war, sie schwarz und kleiner geworden ist. « Jetzt scheint es 
nur so», sagte der Alte. «Wenn ihr aber nicht Wort haltet, 
kann es wahr werden. Die Hand wird nach und nach 
schwinden und endlich ganz verschwinden, ohne daft ihr 
den Gebrauch derselben entbehrt. Ihr werdet alles damit 
verrichten konnen, nur dafi sie niemand sehen wird.» Sie 
will aber lieber, daft man sie sehe, auch wenn sie nichts mit 



der Hand tun konne. Wenn sie zu entsprechender Zeit den 
Tribut bringt, sagt der Fahrmann, wird alles wieder gut 
werden. 

Auf dem Wege zur schonen Lilie triffb sie nun einen herr- 
lich-schonen Jiingling, dem aber, wie er sagt, alle seine 
einstige Kraft und Starke geschwunden ist; und aus dem 
Gesprache, das sie miteinander fiihren, erfahren wir, wie 
das gekommen ist. Der Jiingling hatte die lebhafte Begierde 
gefalk, zur schonen Lilie zu gelangen. Sie war sein Ideal 
geworden. Aber ihre schonen Augen wirkten so unselig, 
daft sie ihm alle seine Kraft genommen hatten und dennoch 
zieht es ihn immer wieder zu ihr hin. 

Endlich kommen die beiden zur schonen Lilie hin. Es ist 
nun zwar alles, was die schone Lilie umgibt, im hochsten 
Grade bezeichnend; aber wir konnen hier nur einzelne 
Ztige herausnehmen. Die schone Lilie ist das Bild vollkom- 
menster Schonheit; aber sie hat die Eigenschaft, dafi sie alles 
Lebendige durch ihre Beriihrung zunachst totet, und alles, 
was durch das Leben hindurchgegangen und dem Tode ver- 
f alien ist, wieder lebendig macht. 

Die Alte bringt nun ihr Anliegen vor. Der Jiingling ist 
gekommen, seine Sehnsucht nach der schonen Lilie zu be- 
friedigen; wir sehen aber audi, dafi die schone Lilie eben- 
f alls Sehnsucht fuhlt. Sie fuhlt sich fern von allem fruchtbar 
Lebendigen; in ihrem Garten gedeihen Pflanzen, aber nur 
bis zur Blute, nicht bis zur Frucht; schon ist sie, aber fern 
von allem Lebendigen. Die Alte sagt dann ein bedeutungs- 
volles Wort. Sie wiederholt, was der Mann im unterirdi- 
schen Tempel gesagt hat, und das gibt der Lilie neue Hoff- 
nung. Das war aber auch der letzte Augenblick, in dem sie 
Hoffnung fassen konnte; denn das letzte Lebendige, das 
eine Art Verbindungsband zwischen ihr und dem Leben- 
digen gebildet hatte, war ihr auch noch verlorengegangen. 



Sie hatte einen Kanarienvogel in ihrer Umgebung, und 
hatte sich sehr gehiitet, ihn zu beriihren, weil ihn das ge- 
totet haben wiirde. Nun aber war ein Habicht in die Nahe 
gekommen, der Kanarienvogel floh vor ihm, flog auf die 
Lilie zu und wurde getotet. Und damit war die schone Lilie 
nun in volliger geistiger Einsamkeit und Abgesondertheit 
von dem, was die Menschen haben. 

Nun gibt die Alte der Lilie den Mops. Die Lilie beriihrt 
ihn und madit ihn dadurch wieder lebendig. Der JUngling 
sucht seine Sehnsucht dadurch zu stillen, dafi er die Lilie 
umfajRt. Dadurch wird er vollends getotet. Das Leben in 
ihm wird ganz vernichtet. 

Die Schlange bildet nun einen magischen Kreis. In diesen 
Kreis werden der JUngling und der Kanarienvogel hinein- 
gelegt. Dadurch soli sich - und die Schlange deutet bedeu- 
tungsvoll darauf hin - das, was trostlos ist, in allernachster 
Zeit andern. Und es andert sich in der Tat. Wir erfahren, 
dafi nun auch der Alte mit seiner Lampe herankommt, und 
dafi durch ihn tatsachlich eine Losung der ganzen Situation 
in Angriff genommen werden kann. Denn es ist gerade 
Zeit, als der Alte herankommt: die Korper von dem Kana- 
rienvogel und dem JUngling sind noch nicht in Verwesung 
iibergegangen. 

Der Alte fiihrt sie nach dem unterirdischen Tempel hin, 
den die Schlange ja schon ausgekundschaftet hatte. Er sagt 
zu den Irrlichtern: Ihr seid auch dazu geeignet, uns zu die- 
nen. Wenn wir an die Pforte des Tempels gelangen, werdet 
Ihr es sein mussen, die uns die Pforte aufschliefien. - Nun 
bildet die Schlange eine Briicke iiber den Flufi. Der ganze 
Zug geht iiber die Schlangenbriicke. Da sehen wir, als sie 
driiben angekommen sind, dafi durch die Beriihrung mit 
der Schlange, die jetzt sich zu opfern beschliefk, der Jung- 
ling zwar noch nicht durchgeistigt, aber doch lebendig wird. 



Er geht dadurch, daft die Schlange bereit ist, sich hinzu- 
opfern, in einen merkwiirdigen Zustand uber. Er kann 
wohl sehen, aber das Gesehene noch nicht fassen. 

Die Schlange teilt sich in lauter wunderbare Edelsteine, 
die der Alte in den Fluft senkt und wodurch eine Briicke 
uber den Fluft entsteht. Der Zug bewegt sich unter der An- 
fuhrung des Alten in den unterirdischen Tempel. Als sie da 
hineinkommen, sehen wir, daft zwischen den Ankommlin- 
gen und den Konigen bedeutungsvolle Fragen gestellt wer- 
den, die darauf hindeuten, daft da ein groftes Ratsel ver- 
borgen ist. Zum Beispiel: «Woher kommt ihr?» «Aus der 
Welt.» «Wohin geht ihr?» «In die Welt.» «Was wollt ihr 
bei uns?» «Euch begleiten!», namlich die Konige. 

Nun bewegt sich die Gruppe mit dem Tempel. Sie gehen 
unter den Flufi und erheben sich dann wieder mit dem gan- 
zen Tempel. Als sie sich iiber den Flufi erhoben haben, f allt 
von oben etwas wie Bretterwerk in den Tempel hinein: es 
ist die Hutte des Fahrmanns. Sie verwandelt sich und wird 
ein kleines Tempelchen im grofien Tempel. Und jetzt spielt 
sich eine Szene ab, die von Wichtigkeit ist fur den Jiingling, 
der ja bis jetzt belebt, aber noch nicht durchgeistigt war. 

Wir haben gesehen: der erste, der goldene Konig, stellt 
die Weisheit dar; der zweite, der silberne, den Schein oder 
die Schonheit; der dritte, der eherne, die Starke oder den 
Willen. Wir sehen nun einen symbolischen Akt sich voll- 
ziehen. Der Jiingling wird durch die drei Konige mit drei 
verschiedenen Gaben begabt. Durch den ehernen Konig 
mit dem Schwert, und indem ihm das Schwert uberreicht 
wird, werden die bedeutungsvollen Worte gesprochen: «Das 
Schwert an der Linken, die Rechte frei.» - Kraft des Wil- 
lens. - Durch den silbernen Konig bekommt er das Zepter 
mit den Worten: «Weide die Schafe.» Wir werden sehen, 
daft der Jiingling durch die Gefuhlskraft der Seele erfullt 



wird, die sich in derSchonheit ausdriickt.Der goldeneKonig 
setzt ihm die Krone auf das Haupt, mit den Worten: «Er- 
kenne das H6chste.» Und die Kraft der Vorstellung erfafit 
den Jiingling. In diesem Moment ist er durchgeistigt und 
darf sidi mit der schonen Lilie vereinigen. Wir werden so- 
dann nodi darauf aufmerksam gemacht, daft sidi alles ver- 
jiingt. 

Besonders bedeutsam ist nocli die eigentumliche Rolle, 
die der Riese spielt, der keine Kraft in sidi selber, wohl aber 
in seinem Schatten hat. Er stolpert hochst ungeschickt iiber 
die Briicke, und der Konig ist ungehalten dariiber. Es stellt 
sidi aber heraus, daft das Kommen des Riesen seinen guten 
Sinn hat. Wie der Uhrzeiger einer grofien Sonnenuhr da- 
steht, so wird er in der Mitte des Tempelhofes festgehalten. 
Wir sehen, welche Kraft wir in der Sonnenuhr, in dem die 
Zeit anzeigenden und harmonisierenden Riesen finden, und 
wir sehen, wie aus demLeib derSchlange die Briicke, welche 
iiber den Flufi zu dem Tempel hiniiberfiihrt, gebildet wird. 
Wir sehen dann, dafi nicht mehr blofi Fufiganger, sondern 
jetzt Wagen, Reiter, Herden hiniiber- und heriibergehen 
konnen. Es wird uns dargestellt, wie in der Vereinigung 
mit der schonen Lilie der Jiingling die fruhere Kraft, die 
er durch die Beriihrung mit ihr verloren, wiedergewinnt, 
wie er sich jetzt der Lilie nahern, sie umfassen darf, und 
wie sie begluckt und beseligt beide sind. 

Wer mochte nicht, wenn er die Bilder des Marchens auf 
sich wirken Iaftt, sagen: Ratsel sind es! Zunachst konnen 
wir nur wenig spiiren von dem, was in diesem Marchen 
lebt. Wenn wir aber historisch vorgehen, wenn wir betrach- 
ten, wie es in der Mitte des Jahres 1795 entsteht, im Beginn 
der Freundschaft mit Schiller, aus dem, was sidi zwischen 
Goethe und Schiller zugetragen hat, dann werden wir be- 
greifen, was Goethe sich in dem Marchen fur eine Aufgabe 



gestellt hat. In diese Zeit fallt die Abfassung eines Werkes, 
eine Frucht des Stadiums Goethescher Weltanschauung, das 
tief bedeutsam wurde fiir die Erziehung und Kultivierung 
des deutschen Geisteslebens: die Brief e Schillers iiber die 
asthetische Erziehung des Menschen. Nur skizzenhaft kon- 
nen wir darauf hinweisen, was Schiller mit diesen Briefen 
wollte. 

Er fragt sich, wie gelangt der Mensch dahin, seine Krafle 
immer hoher und hoher zu entwickeln, damit er in emer 
freien und vollkommenen menschlichen Art in die Geheim- 
nisse der Welt eindringen kann. Dieses Werk ist in Brief- 
form an den Herzog von Augustenburg geschrieben, und 
Schiller schrieb darin den bedeutungsvollen Satz: «Jeder 
individuelle Mensch, kann man sagen, tragt, der Anlage 
und Bestimmung nach, einen reinen idealischen Menschen 
in sich, mit dessen unveranderlicher Einheit in alien seinen 
Abwechselungen ubereinzustimmen die grofie Aufgabe sei- 
nes Daseins ist.» Und nun sucht Schiller auseinanderzuset- 
zen, wie sich der Mensch zu den hoheren Stufen des Men- 
schendaseins hinaufzuentwickeln hat. 

Zweierlei ist es, was den Menschen unfrei macht, ihm 
keinen freien Blick in die Geheimnisse des Daseins gibt. Auf 
der einen Seite ist es das Beherrschtsein von der Sinnlich- 
keit, auf der anderen Seite die ungemigende Entwickelung 
der Vernunft. Und nun setzt Schiller diese Dinge so ausein- 
ander: Nehmen wir einen Menschen, der in sich nicht das 
Zwingende, Logische der Begriffe, auch nicht den Pflicht- 
begriff verspiirt, sondern seinen Neigungen und Instinkten 
folgt - er kann die Krafle seiner Natur nicht frei entwickeln, 
er steckt in der Sklaverei der Triebe, Begierden und In- 
stinkte, er ist unfrei. Aber auch derjenige ist nicht frei, der 
seine Begierden, Triebe und Instinkte zunachst bekampft 
und einzig nur einer rein begrifflichen und logischen Ver- 



nunftnotwendigkeit folgt. Ein soldier Mensch wird ent- 
weder ein Sklave der Naturnotwendigkeit oder ein Sklave 
der Vernunftnotwendigkeit. 

Wodurch kann der Mensch seine inneren Krafte ent- 
wickeln? Schiller antwortet:Er mufi seine inneren gottlichen 
Zustande entwickeln, sich bemiihen, daft sie gereinigt und 
gelautert werden und zusammentrefFen mit dem, was wir 
Logik nennen. Wenn seine Triebe und Instinkte dann ge- 
lautert sind, so daft er gern tut, was er als Pflicht empfindet, 
wenn die Vernunftnotwendigkeit nicht als zwingend emp- 
funden wird, dann wird der Mensch gern tun schon aus 
dem gewohnlichen Trieb heraus, was vernunftig ist, dann 
hat Vernunft den Menschen hinunter zur Sinnlichkeit ge- 
fiihrt, und Sinnlichkeit fiihrt ihn wieder hinauf zur Ver- 
nunft. 

Sehen wir einen Menschen an, der einem Kunstwerke 
gegenubersteht.Er sieht sich etwas Sinnliches an.Aber durch 
jedes Glied des Sinnlichen offenbart sich ihrn etwas Geisti- 
ges, denn in dem Sinnlichen kommt dasjenige zum Aus- 
druck, was der Kunstler als Geistiges in das Kunstwerk 
hineingelegt hat. Geist und Sinnlichkeit in der Anschauung 
der Schonheit, das wird zum Mittlerzustand. So wird die 
Kunst, das Leben in Schonheit, fur Schiller ein grofies Er- 
ziehungsmittel, ein Mittel zur asthetischen Erziehung, eine 
Befreiung der Natur, so dafi sie ihre eigenen Krafte ent- 
falten kann. Wie entwickelt sich also der Mensch im Sinne 
Schillers. Er mufi seine Natur hinunterfiihren, dafi sie sich 
bewahrt in sinnlicher Natur, und die Sinne hinaufentwik- 
keln, dafi sie sich bewahren in der verniinftigen Natur. 

Ein wunderbar schones Wort spricht Goethe iiber diese 
Brief e aus: Sie wirken auf mich so, daft sie mir darstellen, 
was ich lebte oder zu leben wunschte immerdar. - Man 
kann nachweisen, daft Goethe angeregt worden ist, sein 



Marchen zu schreiben, durch das, was Schiller ausgesprochen 
hat in seinen Briefen iiber die asthetische Erziehung des 
Menschen. Goethe spricht darin dasselbe in seiner Art aus. 
Goethe wollte nicht in abstrakten Begriffen die Ratsel der 
Seele aussprechen. Fiir Goethe waren die einzelnen Seelen- 
ratsel zu reich und zu gewaltig, als dafi er sie in Natur- 
notwendigkeit und Logik hatte fassen k5nnen. So bildete 
sich in Goethe das Bedurfnis, des Menschen einzelne Seelen- 
krafte in den Gestalten seines Marchens zu personifizieren. 
Goethe antwortete auf die Schillersche Frage in seinem Mar- 
chen, und wir werden sehen, wie dieGoetheschePsychologie 
in wunderbarer Weise in dem Marchen charakterisiert wird. 
Wir sehen, wie die Seele immer aufnimmt und von sich gibt 
in der Darstellung der Irrlichter, wie gewisse Krafte per- 
sonifiziert sind in derSchlange,die nur auf derErde arbeitet 
gleich der menschlichen Forschung, dem menschlichen Ver- 
stand, der Erfahrung, die in der horizontalen Linie bleiben, 
wahrend der Idealist in die Hohe steigt. Die Kraft des reli- 
giosen Gemiites ist charakterisiert in dem Alten mit der 
Lampe, und wir sehen endlich, wie durch die Vorgange, die 
uns erzahlt werden, Goethe darstellt, in welcher Weise eine 
jede Seelenkraft wirken mui 

Wir werden iibermorgen sehen, wie Goethe in der Dar- 
stellung zeigt, wie jede Seelenkraft mafivoll wirken mufi 
zusammen mit den anderen Seelenkraften, um die Seele zu 
einem Gesamtbilde zu gestalten, auf dafi sie sich hin- 
aufentwickeln konne zu menschlicher Vollkommenheit, zu 
einem Umfassen der Dinge. Wenn der Mensch unreif die 
Erkenntnisse erf assen will, so wird er getotet, wie der Jung- 
ling. Es gibt ein Heranreifen der Erkenntnis. In dem Mar- 
chen stellt uns Goethe die Evolution der Seele in richtiger 
und bildhafter Weise dar, indem er darin das Parallelwerk 
zu Schillers «Briefen iiber die asthetische Erziehung» schuf. 



Goethe wufite, dafi es ein Ziel der menschlichen Seelen- 
entwickelung gibt, das man in alten Zeiten die Einweihung 
in hohere Geheimnisse genannt hat. Er wufite, dafi es eine 
solche Moglichkeit gibt, und er wufke audi, da£ es Gesell- 
schaften gibt, die an verborgenen Orten, in den Tempeln 
der Einweihung, die Krafte der Seele entwickeln. Er zeigt 
audi, wie die neuere Zeit immer mehr dahin kommen miifi, 
dafi es der Menschheit moglich wird, im grofieren Um- 
fange diese Einweihung zu erlangen, die Seele zu ent- 
wickeln. Er zeigt in den Vorgangen, die sich zwischen den 
einzelnenMenschen abspielen, den Vorgang der Einweihung 
bis zu den hochsten Stufen, bis dahin, wo die Seele fahig 
wird, die hochsten Geheimnisse zu erfassen. Das ist exo- 
terisch, rein historisch angesehen. 

Durch das Zusammenleben Goethes mit Schiller erlebte 
Schiller dasjenige, was Goethe erlebt hat, in einer der wich- 
tigsten Perioden seines Lebens. Und wenn es Schiller audi 
schwer wurde, Goethe zu verstehen, so mussen wir doch 
sagen: Das, was Schiller in abstrakter Weise in den astheti- 
schen Briefen sagt, und was Goethe in viel umfassenderer 
Weise zu sagen hatte, in einer Weise, die nur erreicht wird, 
wenn man sich ausdriickt in Bildern und Personlichkeiten, 
das ist ein und dasselbe.DasMarchen istGoethe-Psychologie 
im tief sten Sinne. Wir sehen, dafi Goethe durch die Art sei- 
nes Strebens so fruchtbar geworden ist, dafi wir uns heute 
noch gern bei ihm orientieren. Goethe erscheint uns noch 
heute als einGegenwartiger. Wir lesen ihn wie einenSchrift- 
steller unserer Zeit. Er ist so fruchtbar, weil er so viel von 
Ewigkeitsgehalt in seinem Schaffen und seiner ganzen Art 
und Weise hat. So wirkt er im Sinne jener Wahrheit, die er 
selbst als die richtige angesehen hat, und ein bedeutungs- 
volles Wort hat er einst gesprochen: «Was fruchtbar ist, 
allein ist wahr.» 



Das heifrt, daft der Mensch sich in den Besitz von Wahr- 
heiten setzen muft, die so wirken, dafi, wenn er ins Leben 
hineintritt, sie ihre Bestatigung finden dadurch, dafi sie sich 
fruchtbar erweisen. Das war fiir ihn das Kriterium der 
Wahrheit: Was fruchtbar ist, allein ist wahr! 

Gerade diese Vortrage, die Ihnen Goethe veranschau- 
lichen wollen, sollen uns zeigen, daft Goethe diesen Aus- 
spruch selber erprobt hat. Das werden alle diejenigen fuh- 
len, die sich tiefer in ihn hineinleben. Sie werden fiihlen, 
dafi in Goethe etwas von echter Wahrheit lebt, denn Goethe 
ist fruchtbar, und was fruchtbar ist, ist wahr. 



GOETHES GEHEIME OFFENBARUNG 
ESOTERISCH 



Berlin, 24. Oktober 1908 



Einem Vortrage wie dem heutigen kann leicht der Vorwurf 
gemacht werden, daft in erzwungener Weise symbolisdie 
und allegorische Ausdeutungen gegeben werden von etwas, 
was ein Dichter im freien Spiel der Einbildungskraft ge- 
schafTen hat. Wir haben uns ja vorgestern die Aufgabe 
vorgezeichnet, das Goethesche «Marchen» von der griinen 
Schlange und der schonen Lilie, wie es uns da vor Augen 
getreten ist, in seinem tieferen Sinn zu erforschen. Immer 
wieder wird es geschehen, daft eine solche, wenn man so 
sagen will, Auslegung, Erklarung eines Phantasiewerks mit 
den Worten abgetan wird: Ach, da werden allerlei tief sin- 
nig sein sollende Symbole und Bedeutungen in den Gestal- 
ten des Werkes gesucht. - Deshalb mochte ich von vorn- 
herein bemerken, daft das, was heute von mir gesagt werden 
soli, nichts zu tun hat mit dem, was allerdings gerade von 
theosophischer Seite aus oft in bezug auf symbolisdie oder 
allegorische Ausdeutungen von Marchen oder dichterischen 
Werken gemacht worden ist. Und weil ich weift, daft ahn- 
lichen Auseinandersetzungen, die ich gegeben habe, immer 
wieder entgegengehalten wurde, auf solche symbolische 
Deutungen dichterischer Figuren lasse man sich nicht ein, 
so kann ich nicht scharf genug betonen, daft das, was hier 
zu sagen ist, einzig und allein in folgendem Sinne aufgefaftt 
werden muft. 

Uns liegt heute ein dichterisches Werk vor, das Werk 



einer umfassenden und in die Tiefe der Dinge dringenden 
Einbildungskraft oder Phantasie: Das «Marchen» von der 
grunen Schlange und der schonen Lilie. Die Frage darf wohl 
aufgeworfen werden: Diirfen wir von irgendeinem Ge- 
sichtspunkte an das Werk herangehen und versuchen, den 
ideellen, den wirklichen Inhalt eines solchen dichterischen 
Produktes zu ergriinden? 

Wir sehen die Pflanze vor uns. Der Mensch tritt an die 
Pflanze heran; er untersucht die Gesetze, die innere Regel- 
maftigkeit, nach der die Pflanze wachst und gedeiht, nach 
der sie Stuck fiir Snick ihres Wesens entwickelt. Hat der 
Botaniker oder hat jemand, der kein Botaniker ist, sich 
aber das Werden der Pflanze ideell zurechtlegt, das Recht 
dazu? Kann man ihm entgegenhalten: Von dem, was du da 
findest an Gesetzen, weiJK die Pflanze nichts, sie kennt nicht 
die Gesetze ihres Wachstums und ihrer Entwickelung! - Ge- 
nau den gleichen Wert, den dieser Einwand hatte, wenn 
man ihn gegen den Botaniker erheben wiirde oder gegen 
den Lyriker, der das, was er bei der Pflanze empfindet, in 
seinen lyrischen Leistungen zum Ausdruck bringt, genau 
denselbenSinn und Wert hatte der Einwand, den man gegen 
eine solcheErklarung des GoetheschenMarchens vorbringen 
konnte. Nicht mochte ich die Dinge so aufgefaftt wissen, als 
ob ich sagen wiirde: Da haben wir eine Schlange, die bedeu- 
tet dies oder jenes, da haben wir einen goldenen, einen silber- 
nen, einen ehernen Konig, sie bedeuten dies oder jenes. Nicht 
in diesem symbolisch-allegorischen Sinne mochte ich das 
Marchen deuten, sondern mehr so,dafi in gleicherWeise,wie 
die Pflanze nach Gesetzen wachst, von denen sie in ihrer 
Unbewufkheit nichts wissen kann, und wie der Botaniker 
das Recht hat, diese Gesetze des Pflanzenwachstums zu fin- 
den, man sich auch sagen mufi: Das, was hier auseinander- 
gesetzt wird, braucht der Dichter Goethe niemals so aus- 



einandergesetzt, niemals so vor sein aufieres Tagesbewufit- 
sein gebradit zu haben. Dennodi aber ist es ebenso wahr, 
dafi die Gesetzmafiigkeit, der wirkliche, der ideelle Inhalt 
des Marchens im gleichen Sinne zu betrachten ist wie das, 
was wir als die Gesetze des Pflanzenwachstums finden, dafi 
es dieselbe Gesetzmafiigkeit ist, nadi der die Pflanze wachst, 
nadb der sie entstanden ist, deren sie sich aber in ihrer Un- 
bewulkheit nicht bewulk ist. 

Daher bitte idi, das, was idi zu sagen mir erlauben werde, 
so aufzufassen, als ob es den Sinn und den Geist der 
Goetheschen Denkweise und Vorstellungsart darstellte, und 
als ob derjenige, welcher sich sozusagen berufen fiihlt, die 
ideale Goethesche Weltanschauung vor Sie hinzustellen, 
eine Berechtigung hatte - damit Sie den Weg finden konnen 
zu einem Verstandnis der Goetheschen Weltanschauung — , 
auseinanderzulegen das Erzeugnis Goethescher Phantasie, 
herauszuheben die Gestalten, und die Wechselbeziehungen 
zu zeigen, in welchen er sie verwendet hat, genau ebenso, 
wie der Botaniker zeigt, dafi die Pflanze nach den Gesetzen 
wachst, die er gefunden hat. 

Goethes Psychologie oder Seelenlehre, das heifit, was er 
fiir das Wesen der Seele mafigebend halt, das ist uns in 
seinem schonen Marchen von der griinen Schlange und der 
schonen Lilie veranschaulicht. Und wenn wir uns verstandi- 
gen wollen iiber das, was daruber gesagt werden mufi, so 
wird es gut sein, wenn wir in einer Vorbetrachtung den 
Geist seiner Seelenwelt anschaulich zur Sprache bringen. 
Schon in dem vorgestrigen Vortrage wurde darauf hinge- 
wiesen, dafi die hier vertretene Weltanschauung davon aus- 
geht, dafi die menschliche Erkenntnis nicht als etwas ein fiir 
allemal Feststehendes zu betrachten ist. Vielfach herrscht ja 
die Ansicht: So, wie der Mensch heute ist, so ist er eben, und 
so wie er ist, kann er iiber alle Dinge unbedingt entschei- 



den; er beobachtet mit seinen Sinnesorganen die Welt, er- 
f afit sie in ihren Erscheinungen, kombiniert diese mit seinem 
an die Sinne gefesselten Verstande, und was er da heraus- 
bringt mit dieser an die Beobachtung sich haltenden Ver- 
standestatigkeit, das ist eine absolute Welterkenntnis, die 
fiir jeden gelten raufi. - Im Gegensatze dazu, aber nur im 
Gegensatze in einer bestimmten Art, stent die geisteswissen- 
schaftliche Weltanschauung, die hier vertreten wird. Sie 
geht davon aus, dafi das, was unsere Erkenntnis wird, 
jederzeit abhangig ist von unseren Organen, von unseren 
Erkenntnisfahigkeiten, und dafi wir selbst als Menschen 
entwicklungsfahig sind, dafi wir an uns arbeiten konnen, 
dafi wir diejenigen Erkenntnisfahigkeiten, die wir auf 
einer bestimmten Stufe unseres Daseins haben, hoher em- 
porheben konnen. Sie geht davon aus, dafi wir sie ausbilden 
konnen, dafi wir in ahnlicher Weise, wie sich der Mensch aus 
unvollkommenemZustandehinaufentwickelthat zu seinem 
gegenwartigen Standpunkt, sie noch weiter entwickeln 
konnen, und dafi wir durch die Erhebung zu hoheren 
Gesichtspunkten auch zu tieferem Eindringen in die Dinge, 
zu einer richtigeren Anschauung der Welt kommen miissen. 

Soli ich mich noch deutlicher, wenn auch etwas trivial 
ausdriicken, so mochte ich sagen: Wenn wir ganz absehen 
von einer Entwickelung der Menschheit und nur Rucksicht 
nehmen darauf, wie die Menschen sind, die so um uns 
herum leben, und dann auf jene Menschen blicken, die man 
in der Kulturgeschichte zu den primitiven Volkerstammen 
rechnet, und wenn wir uns fragen, was sie imstande sind, 
von den Gesetzen der Welt um uns herum zu erkennen und 
zu wissen, und es vergleichen mit dem, was ein Durch- 
schnitts-Europaer mit einigen wissenschaftlichen Begriifen 
von der Welt wissen kann, dann werden wir sehen, daft 
der Angehorige jenes primitiven Volksstammes sich von 



dem Durchschnitts-Europaer ganz wesentlich unterscheidet. 
Nehmen wir zum Beispiel das Weltbild eines Austral- 
Negers und das eines, sagen wir, europaischen Monisten, 
welch letzteres dadurch Realitat hat, dafi man eine Summe 
wissenschaftlicher BegrifTe der gegenwartigen Zeit auf- 
genommen hat. Es untersdieiden sich diese zwei Weltbilder 
durchaus. 

Aber andererseits ist die Geisteswissenschaft weit ent- 
fernt, das Weltbild des auf rein materiellem Standpunkte 
stehenden Menschen zu perhorreszieren oder es als ungiiltig 
zu erklaren. Vielmehr werden diese Dinge so angesehen, 
dafi in jedem Falle das Weltbild eines Menschen einer 
menschlichen Entwickelungsstufe entspricht, und dafi der 
Mensch in der Lage ist, die in ihm enthaltenen Fahigkeiten 
zu steigern und durch die Steigerung der Fahigkeiten an- 
deres, Neues zu erfahren. 

Es liegt also in der Perspektive der Geisteswissenschaft, 
dal5 der Mensch zu immer hoherer Erkenntnis dadurch 
kommt, dafi er sich selber weiterentwickelt, und indem er 
sich weiterentwickelt, ist das, was er in sich erlebt, objek- 
tiver Welteninhalt, den er fruher nur nicht gesehen hatte, 
als er eben noch nicht die Fahigkeit besafi, ihn zu sehen. 
Die Geisteswissenschaft unterscheidet sich daher wesentlich 
von anderen, einseitigen Weltanschauungen, seien sie spiri- 
tualistisch, seien sie materialistisch, weil sie im Grunde ge- 
nommen eine ein fiir allemal abgeschlossene unfehlbare 
Wahrheit nicht kennt, sondern immer nur die Weisheit und 
Wahrheit einer bestimmten Entwickelungsstufe, und sich 
so an das Goethesche Wort halt: Der Mensch hat eigentlich 
immer nur seine eigene Wahrheit, und sie ist doch immer 
dieselbe. - Sie ist immer dieselbe, weil das, was wir durch 
unsere Erkenntniskraft in uns aufnehmen, das Objektive, 
dasselbe ist. 



Wodurch nun gelangt der Mensch dazu, die in ihm 
liegenden Fahigkeiten und Krafte zu entwickeln? Die Gei- 
steswissenschaft ist sozusagen so alt wie die denkende 
Menschheit. Die Geisteswissenschaft stand immer auf dem 
Standpunkt, dafi der Mensch das Ideal einer gewissen Er- 
kenntnis-Vollkommenheit vor sich hat, der er zustrebt. 
Man nannte das Prinzip, das darin liegt, immer das Prinzip 
der Einweihung oder Initiation. Einweihung oder Initia- 
tion heifk also nichts anderes, als die Fahigkeiten des Men- 
schen zu immer hoheren Stufen der Erkenntnis zu steigern 
und dadurch zu tieferen Einsichten in das Wesen der Welt 
um uns herum zu gelangen. Goethe stand ganz und gar, 
man darf wohl sagen sein ganzes Leben hindurch, auf 
diesem Standpunkt der in der Entwickelung begrifTenen 
Erkenntnis, auf dem Standpunkte der Einweihung, der 
Initiation. Gerade das zeigt uns im eminentesten Sinne sein 
Marchen. 

Wir werden uns am leichtesten verstehen, wenn wir von 
der Anschauung ausgehen, die heute am meisten und im 
weitesten Umkreise vertreten ist und die in einem gewissen 
Gegensatz zu dem Einweihungs- oder Initiations-Prinzip 
steht. 

Heute kann man im weitesten Umkreise diejenigen Men- 
schen, die iiber solche Sachen nachdenken oder glauben, 
liber solche Dinge ein Urteil zu haben, mehr oder weniger 
bewuftt den Standpunkt vertreten horen, dafi iiber die 
Wahrheit, iiber die objektive Wirklichkeit eigentlich nur 
Sinnesbeobachtung oder Gegenstande der Sinnesbeobach- 
tung in der Vorstellung entscheiden konnen. Sie werden es 
immer wieder horen konnen: Wissenschaft kann nur sein, 
was auf der objektiven Grundlage der Beobachtung be- 
ruht. - Und man versteht so haufig darunter lediglich die 
Sinnesbeobachtung und die Anwendung des menschlichen 



Verstandes und Vorstellungsvermogens auf diese Sinnes- 
beobachtung. Ein jeder von Ihnen weift, daft die Fahigkeit, 
sich Vorstellungen, BegrifTe zu bilden, ein menschliches 
Seelenvermogen ist unter anderen Seelenvermogen, und 
ebenso weift ein jeder von Ihnen, daft diese anderen Seelen- 
vermogen unser Fiihlen und unser Wollen sind. So kann 
man schon bei einer verhaltnismaftig oberflachlichen Be- 
trachtung sagen: Der Mensch ist nicht bloft ein vorstellen- 
des, sondern auch ein fiihlendes und wollendes Wesen. - 
Nun werden diejenigen, die da glauben, den reinen Stand- 
punkt der Wissenschaft vertreten zu miissen, immer wieder 
sagen: In das, was Wissenschaft ist, darf nur das Vor- 
stellungsvermogen hineinreden, niemals das menschliche 
Gefiihl, niemals das, was wir als Willensimpulse kennen, 
denn dadurch wiirde das, was objektiv ist, nur verunreinigt, 
dadurch wiirde das, was in unpersonlicher Art das Vor- 
stellungsvermogen gewinnen konnte, nur beeintrachtigt. - 
Es ist richtig, daft, wenn der Mensch in das, was Gegenstand 
der Wissenschaft sein soli, sem Gefiihl, seine Sympathie 
oder Antipathie hineinbringt, er die Dinge abstofiend oder 
ansprechend, sympathisch oder antipathisch findet. Und 
wohin kamen wir, wenn der Mensch sein Begehrungsver- 
mogen als ein Erkenntnisvermogen betrachten wiirde, so 
daft er zu den Dingen sagen konnte: Ich will es, oder: ich 
will es nicht. - Ob es dir mifif allt oder gef allt, ob du es be- 
gehrst, das ist dem Ding hochst gleichgultig. So wahr es ist, 
daft derjenige, der glaubt, auf dem f esten Boden der Wissen- 
schaft stehen zu miissen, sich nur an die aufteren Dinge hal- 
ten kann, so wahr ist es, daft das Ding selber es ist, das dir 
abnotigt zu sagen, es sei rot, daft das, was du als eine Vor- 
stellung des Wesens des Steines gewinnst, richtig ist. Aber 
nicht liegt es im Wesen des Dinges, daft es dir haftlich oder 
schon erscheint, daft du es begehrst oder nicht begehrst. Daft 



es dir rot erscheint, hat einen objektiven Grund, dafi du es 
nidit willst, das hat keinen objektiven Grund. 

In einer gewissen Beziehung ist nun die heutige Psycho- 
logie eigentlich iiber den eben charakterisierten Standpunkt 
hinausgegangen. Es ist hier nidit meine Aufgabe, fur oder 
gegen diejenige Richtung der heutigen Seelenwissenschafb 
oder Psychologie zu reden, die da sagt: Wenn wir die 
Seelenerscheinungen, das Seelenleben betrachten, diirfen 
wir uns nicht blofi auf den Intellektualismus beschranken, 
diirfen wir den Menschen nicht blofS in bezug auf die Vor- 
stellungsfahigkeit betrachten, sondern miissen audi die Ein- 
fliisse der Gefiihls- und Willenswelt berucksichtigen. - Viel- 
leicht wissen einige von Ihnen, dafi dies zum System der 
Wundtschen Philosophic gehort, welche den Willen als 
Ursprungliches der Seelentatigkeit auffafit. In einer in ge- 
wisser Beziehung grundlegenden Art, gleichgultig, ob man 
damit einverstanden ist oder nicht, hat der russische Psy- 
chologe Losskij in seinem Buche, das sich «Die Grundlegung 
des Intuitivismus» betitelt, auf die Willensrichtung des 
menschlichen Seelenlebens hingewiesen. Ich konnte Ihnen 
noch vieles sagen, wenn ich zeigen wollte, wie die Seelen- 
lehre bestrebt ist, den einseitigen Intellektualismus zu iiber- 
winden, und wenn ich Ihnen ferner zeigen wollte, dafi in 
das, was als menschliche Seelenkraft vorhanden ist, audi die 
andern Krafte hineinspielen. 

Wer weiter zu denken vermag, wird sich sagen: Daraus 
sehen wir, wie undurchfiihrbar die Forderung ist, dafi nur 
die auf die Beobachtung beschrankte Vorstellungsf ahigkeit 
zu objektiven Resultaten der Wissenschaft fuhren diirfe. 
Wenn die Wissenschaft selbst zeigt, da£ dies nicht moglich 
ist, dafi iiberall Wille mitspielt, woraus wollt ihr dann fest- 
stellen, dafi etwas rein objektive Beobachtung sei? Weil ihr 
dadurch, daf$ euer Wille euch den obenerwahnten Streich 



spielt und ihr wegen eurer Denkgewohnheiten eine Vorliebe 
dafiir habt, nur dasjenige, was materiell ist, als objektiv 
anzusehen, und weil ihr nicht die Denkgewohnheit und 
GefUhlsgewohnheit habt, audi das Geistige in den Dingen 
anzuerkennen, deshalb laftt ihr das Letztere in euren Theo- 
rien weg. Es kommt nicht darauf an, wenn wir die Welt 
begreifen wollen, was wir an abstrakten Idealen uns vor- 
setzen, sondern was wir in unserer Seele zuwege bringen, 
was wir konnen. 

Goethe gehort zu denjenigen Menschen, die am scharf sten 
den Grundsatz ablehnen, daft die Erkenntnis nur durch das 
einseitige Vorstellungsvermogen, nur durch das Denkver- 
mogen vermittelt werde. Das ist der hervorstechende, be- 
deutungsvolle Grundzug in Goethes Wesen, daft er, mehr 
oder weniger deutlich ausgesprochen, immer der Ansicht 
ist, daft die ganze menschliche Seele in alien ihren Kraflen 
wirken miisse, wenn der Mensch die Weltenratsel entratseln 
will. 

Nun durfen wir aber auch nicht einseitig und nicht un- 
gerecht sein. Es ist durchaus richtig, wenn in bezug auf die 
Erkenntnis eingewendet wird, daft Gefiihl und Wille der 
Personlichkeit den personlichen Eigenschaften des Menschen 
unterworfene Fahigkeiten sind, und wenn gesagt wird: 
Wohin wiirden wir kommen, wenn man nicht blofi das, was 
die Augen sehen, was das Mikroskop zeigt, sondern was das 
Gefiihl, der Wille dem Menschen sagt, als zu den Dingen 
gehorig betrachten wollte! 

Das ist es aber gerade, was wir uns sagen miissen, um 
jemanden zu begreifen, der wie Goethe auf dem Prinzip 
der Einweihung und Entwickelung steht: dafi so, wie durch- 
schnittlich Gefiihl und Wille heute im Menschen sind, sie in 
der Tat nicht zur Erkenntnis verwendet werden konnen, 
daft sie die Menschen nur zu einer absoluten Uneinigkeit in 



ihrer Erkenntnis fiihren wiirden. Der eine will das, der an- 
dere das, je nadi den subjektiven Bediirfnissen des Gefiihls 
und Willens. Der aber, welcher auf dem Boden der Initia- 
tion stent, ist sich audi dariiber klar, dafi von den mensch- 
lichen Seelenkraften - Denken, Vorstellen, Fiihlen und Wol- 
len - in der Entwickelung des gegenwartigen Durchschnitts- 
menschen das Vermogen der Vorstellung, das Vermogen des 
Denkens eben am weitesten vorgeschritten ist, und am ehe- 
sten geneigt und geeignet ist, das Personliche auszuschlieBen 
und zur Objektivitat zu kommen. Denn dasjenige Seelen- 
vermogen, das sich im Intellektualismus auslebt, ist heute 
schon so weit, dafi die Menschen, wenn sie sich auf dieses 
Seelenvermogen verlassen, am wenigsten streiten, am mei- 
sten einig werden iiber das, was sie sagen. Das ist deshalb 
so, weil heute die Menschen in bezug auf das Vorstellungs- 
und Denkvermogen weit entwickelt sind, wahrend Gefiihl 
und Wille noch nicht zu solcher Objektivitat entwickelt 
werden konnten. 

Wir konnten auch, wenn wir auf dem Gebiete des Vor- 
stellungslebens Umschau halten, mit Recht Unterschiede 
finden. Es gibt weite Gebiete des Vorstellungslebens, die 
uns vollstandig objektive Wahrheiten liefern, Wahrheiten, 
die die Menschen als solche erkannt haben,ganz unabhangig 
von der aufieren Erfahrung, wobei es ganz gleich ist, ob 
eine Million Menschen anders dariiber urteilt. Wer die 
Grunde dafiir in sich erlebt hat, der vermag die Wahrheit 
zu behaupten, auch wenn eine Million Menschen anderes 
meint. Jeder kann zum Beispiel bei solchen Wahrheiten, die 
sich auf Zahl- und Raumgroften beziehen, das Gesagte be- 
statigt finden. Da£ 3 mal 3 = 9 sind, kann jeder begreifen 
und erleben, und es ist richtig, selbst wenn eine Million 
Menschen dem widersprachen. Warum ist das so der Fall? 
Weil in bezug auf solche Wahrheiten, wie die mathemati- 



schen es sind, die meisten Menschen es dazu gebracht haben, 
ihre Vorliebe und Abneigung, ihre Sympathie und Anti- 
pathie, kurz, das Personliche auszuschalten und nur die 
Sadie fiir sich sprechen zu lassen. Man hat die Aussdialtung 
von allem Personlichen in bezug auf das Denken und auf 
das Vorstellungsvermogen immer die Lauterung der mensch- 
lichen Seele genannt, und man betrachtete diese Lauterung 
als die erste Stufe auf dem Wege der Einweihung oder Ini- 
tiation, oder, wie man audi sagen konnte, auf dem Wege 
zur hoheren Erkenntnis. 

Der Mensch, der in diesen Dingen bewandert ist, sagt 
sich: Nidit nur in bezug auf das Gefiihl und auf den Willen 
sind die Menschen noch nicht so weit, dafi da kein Person- 
liches mehr hineinspielt, dafi sie Objektivitat bewahren 
konnen, sondern audi in bezug auf das Denken sind die 
meisten noch nicht so weit, dafi sie sich an das rein hingeben 
konnten, was ihnen die Dinge, die Ideen der Dinge selbst 
sagen, so wie es alle Menschen bei den mathematischen 
Dingen konnen. Aber es gibt Methoden, das Denken so 
weit zu lautern, dafi wir nicht mehr personlich denken, son- 
dern die Gedanken in uns denken lassen, so wie wir die 
mathematischen Gedanken in uns denken lassen. Wenn wir 
also die Gedanken gereinigt haben von den Einfliissen der 
Personlichkeit, dann sprechen wir von der Lauterung oder 
Katharsis, wie dies in den alten Eleusinischen Mysterien 
genannt wurde. Es mufi also der Mensch dahin kommen, 
das Denken zu lautern, das ihm dann die Moglichkeit gibt, 
die Dinge gedanklich objektiv zu erfassen. 

So, wie das moglich ist, ist es nun audi moglich, aus dem 
Gefiihl alles Personliche auszuschalten, so dafi dann audi 
dasjenige, was von den Dingen das Gefiihl anregt, nicht 
mehr zur Personlichkeit spricht, nichts mehr zu tun hat mit 
Person, Sympathie und Antipathie, sondern einzig und 



allein das Wesen des Dinges aufruft, insofern es nicht zum 
bloften Vorstellungsvermogen sprechen kann. Erlebnisse in 
unserer Seele, die in unserem Gefuhlsleben wurzeln oder 
urstanden, und die dadurch zu innerer Erkenntnis fuhren, 
daft sie tiefer in das Wesen eines Dinges hineinfuhren, die 
aber audi noch zu anderen Seiten der Seele als zum bloften 
Intellektualismus sprechen, konnen ebenso vom Personlichen 
gereinigt werden wie das Denken, so daft das Gefiihl dann 
eben solche Objektivitat vermittelt, wie sie das Denken 
oder das Vorstellungsvermogen vermitteln kann. Diese 
Reinigung oder Entwickelung des Gefuhls nennt man in 
aller esoterischen Erkenntnislehre die Erleuchtung. 

Jeder Mensch, der entwickelungsfahig ist und nicht in 
beliebiger Weise, wie es in den Intentionen der Personlich- 
keit liegt, seine Entwickelung anstrebt, muft sich dahin be- 
miihen, dafi er sich nur durch das, was im Wesen des Dinges 
liegt, anregen lafk. Wenn er dahin gekommen ist, daft das 
Ding in ihm personlich keine Sympathie oder Antipathie 
erweckt, daft er lediglich das Wesen der Dinge sprechen 
laftt, so daft er sagt: Was ich auch fiirSympathien oder Anti- 
pathien habe, ist gleichgiiltig und darf nicht in Betracht 
kommen -, dann liegt es im Wesen des Dinges, daft das 
Denken und Handeln des Menschen diese oder jene Rich- 
tung annimmt, dann ist das eine Aussage des innersten 
Wesens des Dinges. In der esoterischen Erkenntnislehre hat 
man diese Entwickelung des Willens die Vollendung ge- 
nannt. 

Wenn der Mensch auf dem Boden der Geisteswissenschaft 
steht, so sagt er sich also: Wenn ich ein Ding vor mir habe, 
so lebt in diesem Ding ein Geistiges, und ich kann mein 
Vorstellungsvermogen so anregen, daft das Wesen der Dinge 
durch meine Begriffe und Vorstellungen objektiv reprasen- 
tiert wird. So ist gleichsam, was drauften arbeitet, in mir 



gegenwartig geworden, und ich habe das Wesen des Dinges 
durch das Vorstellungsvermogen erkannt. Aber das, was 
ich erkannt habe, ist nur ein Teil des Wesens. Es gibt in den 
Dingen etwas, das iiberhaupt nicht zur Vorstellung, son- 
dern nur zum Gefuhl, und zwar zum gelauterten oder ob- 
jektiv gewordenen Gefuhl sprechen kann. - Der, welcher 
nicht schon in einer solchen Kultur des Gefiihls einen der- 
artigen Teil des Wesens in sich entwickelt hat, der kann 
das Wesen in dieser Richtung nicht erkennen. Fur einen 
aber, der sich sagt, das Gefuhl kann ebenso die Grundlage 
fiir die Erkenntnis geben wie das Vorstellungsvermogen 
- das Gefuhl, nicht wie es ist, sondern wie es durch wohl- 
begriindete Methoden der Erkenntnislehre werden kann - 
fiir einen solchen wird es nach und nach klar, daft es Dinge 
gibt, die tiefer sind als das Vorstellungsvermogen, Dinge, 
die zu der seelischen Natur und zu dem Gefuhl sprechen. 
Ebenso gibt es Dinge, die sogar bis zum Willen hinab- 
reichen. 

Nun war sich Goethe ganz besonders dariiber klar, daft 
dies sich wirkhch so verhalt, daft der Mensch diese Ent- 
wickelungsmoglichkeiten hat. Er stand ganz auf dem Boden 
des Initiationsprinzips, und er hat uns die Einweihung des 
Menschen, die ihm durch die Entwickelung seiner Seele, 
durch die Entwickelung der drei Grundkrafte: Wille, Ge- 
fuhl und Vorstellungsvermogen, werden kann, dadurch 
dargestellt, daft er in seinem Marchen die Reprasentanten 
dieser drei Einweihungen des Menschen auf treten laftt. 

Der goldene Konig ist Reprasentant der Einweihung fiir 
das Vorstellungsvermogen, der silberne Konig ist der Re- 
prasentant fiir die Einweihung mit dem Erkenntnisver- 
mogen des objektiven Gefiihls, der eherne Konig ist der 
Reprasentant der Einweihung fiir das Erkenntnisvermogen 
des Willens. Goethe hat uns zu gleicher Zeit nachdrucklich 



darauf aufmerksam gemacht, dafi der Mensch erst gewisse 
Dinge iiberwinden mufi, wenn er dazu kommen will, mit 
diesen drei Gaben begabt zu werden. Der JiingHng, den 
wir in der Erzahlung des Marchens kennengelernt haben, 
ist nichts anderes als der Reprasentant des nach dem Hoch- 
sten strebenden Menschen. So wie Schiller des Menschen 
Streben nach vollkommener Menschlichkeit in seinen Asthe- 
tischen Briefen hinstellt, stellt uns Goethe in dem JiingHng 
den nach dem Hochsten strebenden Menschen dar, der zu- 
nachst die schone Lilie erreichen will, der aber dann die 
innere menschliche Vollkommenheit dadurch erlangt, dafi 
ihn die dreiK6nige,der goldene,der silberne und der erzene 
Konig, damit begaben. 

Wie das geschiebt, wird in dem Gange des Marchens an- 
gedeutet. Erinnern Sie sich, daft in dem unterirdischen Tem- 
pel, in den die Schlange durch die Kristallisierungskraft- der 
Erde blickt, in jeder der vier Ecken einer der Konige war. 
In der ersten war der goldene, in der zweiten der silberne, 
in der dritten der erzene Konig. In der vierten Ecke war 
ein Konig, der aus den drei Metallen gemischt war, in dem 
also diese drei Bestandteile so zusammengefugt sind, dafi 
man sie nicht voneinander unterscheiden kann. In diesem 
vierten Konige stellt uns Goethe den Reprasentanten fiir 
diejenige menschliche Entwickelungsstufe hin, in welcher 
Wille, Vorstellungsvermogen und Empfindungsvermogen 
gemischt sind. Er ist mit andern Worten derjenige Repra- 
sentant der menschlichen Seele, der von Wille, Vorstellung 
und Gefuhl beherrscht wird, weil er selbst nicht Herr 
iiber diese drei Vermogen ist. Dagegen ist in dem JiingHng, 
nachdem er die Begabung von jedem der Konige im be- 
sonderen erlangt hat - die Begabung des Vorstelhmgsver- 
mogens, die Begabung der Gefuhlserkenntnis und die Be- 
gabung der Willenserkenntnis, so daft sie nicht mehr chao- 



tisch gemisdit sind -, diejenige Erkenntnisstufe dargestellt, 
die sich nicht mehr von Vorstellung, Gefiihl und Wille be- 
herrschen laftt, sondern iiber sie herrscht. Beherrscht wird 
der Mensdi von ihnen so lange, wie sie in ihm chaotisch 
durcheinanderstromen, so lange sie sich in seiner Seele nicht 
rein, jede fiir sich selbst wirkend, finden. Solange der Mensdi 
nicht zu dieser Sonderung gekommen ist, ist er audi nidit in 
der Lage, durch seine drei Erkenntnisvermogen zu wirken. 
Ist er aber dazu gelangt, beherrscht ihn nicht mehr das 
Chaotische, sondern beherrscht er umgekehrt selber sein 
Vorstellungsvermogen, ist es so rein wie der goldene Konig, 
so daft ihm nichts anderes beigemischt ist; ist sein Gefiihls- 
vermogen so, daft ihm nichts anderes beigemischt ist, daft 
es rein und lauter dasteht wie der silberne Konig, und ist 
ebenso der Wille so rein wie das Erz des erzenen Konigs, 
so daft ihn Vorstellungen und Gefuhle nicht beherrschen 
und er sich frei in seiner Natur darstellen kann - mit an- 
dern Worten, ist er f ahig, wenn es sich darum handelt, durch 
die Vorstellung zu erfassen, oder durch das Gefiihl zu er- 
fassen, oder durch den Willen zu erfassen, von Wille, Ge- 
fiihl und Vorstellung einzeln Gebrauch zu machen, dann 
ist er so weit iiber sich hinausgeschritten, daft das gesamte 
reine Erkenntnisvermogen, das uns im Vorstellen, Fiihlen 
und Wollen entgegentritt, ihn zu einer tieferen Einsicht 
fiihrt, daft er wirklich untertaucht in den Strom des Ge- 
schehens, untertaucht in das, was die Dinge innerlich sind. 
Daft man so untertauchen kann, vermag natiirlich nur die 
Erfahrung zu lehren. 

Es wird nun nicht mehr schwer sein, nachdem dieses vor- 
ausgeschickt worden ist, zuzugeben, daft, wenn Goethe den 
strebenden Menschen durch den Jiingling reprasentiert sein 
laftt, wir in der schonen Lilie eine andere Seelenverfassung 
zu sehen haben, diejenige Seelenverfassung des Menschen, 



zu der er gelangt, wenn ihm die in den Dingen liegenden 
Wesenheiten in der Seele aufgehen und er sein Menschen- 
dasein dadurch erhoht, dafi er die Dinge in sich verschmelzt 
mit dem Wesen der Dinge in der Aufienwelt. Was da der 
Mensch in seiner Seele erlebt dadurch, dafi er iiber sich hin- 
auswachst, dafi er Herr wird iiber die Seelenkrafle, Sieger 
ist iiber das Chaotische in seiner Seele, das, was der Mensch 
da erlebt, diese innere Seligkeit, dieses Verbundensein mit 
den Dingen, dieses Aufgegangensein in den Dingen, wird 
uns von Goethe reprasentativ dargestellt in der Vereinigung 
mit der schonen Lilie. Schonheit ist hier nicht bloft Kunst- 
schonheit, sondern Eigenschaft des bis zu einem gewissen 
Grade vollendeten Menschen uberhaupt. So da£ wir jetzt 
auch begreiflich fmden werden, warum uns Goethe darstellt, 
wie der Jungling fortzieht, zur schonen Lilie hinstrebt, so 
da£ alle Krafle zunachst aus ihm verschwinden. Warum ist 
das so? 

Wir verstehen Goethe in der Darstellung eines solchen 
Bildes, wenn wir an einen Gedanken, den er einst ausge- 
sprochen hat, ankniipfen: «Alles, was unsern Geist befreit, 
ohne uns die Herrschaft iiber uns selbst zu geben, ist ver- 
derblich.» Erst mufi der Mensch frei werden, dahin kom- 
men, Herr iiber seine inneren Seelenkrafle zu sein, dann 
kann er mit wirklicher Erkenntnis zur Vereinigung mit dem 
hochsten Seelenzustande, mit der schonen Lilie gelangen. 
Wenn er es aber unvorbereitet, mit noch nicht reifen Kraf- 
ten erlangen will, dann nimmt ihm das seine Krafle und 
wirkt ausdorrend auf seine Seele. Daher wird von Goethe 
darauf aufmerksam gemacht, dafi der Jungling jene Be- 
freiung sucht, die ihn zum Herrn iiber seine Seelenkrafle 
macht. In dem Augenblick, wo seine Seelenkrafle nicht mehr 
chaotisch in ihm wirken, sondern gelautert und gereinigt 
nebeneinanderstehen, in dem Augenblick ist er reif, jenen 



Seelenzustand zu erreichen, der durch die Verbindung mit 
der schonen Lilie charakterisiert oder reprasentiert ist. 

So sehen wir, dafi Goethe diese verschiedenen Gestalten 
in freischaflfender Phantasie ausbildet, sehen, wenn wir sie 
als dargestellte Seelenkrafte betrachten, dafi sie in seiner 
ganzen Seele walten und wirken. Wenn wir sie so betrach- 
ten, wenn wir so fiihlen und empfinden, wie in gewLsser 
Weise beziiglich dieser Gestalten Goethe gefiihlt und emp- 
funden hat, der sich nicht damit begniigt, wie ein schlechter 
didaktischer Dichter zu sagen, was diese oder jene Seelen- 
kraft bedeutet, sondern der damit ausdriickt, was er selber 
empfand, dann werden wir erkennen, was sich ihm in sol- 
chen Dichtergestalten ausdriickt. Daher stehen die verschie- 
denen Gestalten in einem so personlichen Verhaltnis zuein- 
ander, wie die Seelenkrafte des Menschen zueinanderstehen. 

Es kann nicht scharf genug betont werden, dafi es sich 
nicht so verhalt, daft die Gestalten dies oder jenes bedeuten. 
Das ist durchaus nicht der Fall. Es ist vielmehr so, daft 
Goethe bei dieser oder jener Seelenkraft dies oder jenes 
fiihlt, und dafi sich sein Fiihlen dann zu dieser oder jener 
Gestalt wandelt. Damit schuf er den Vorgang desMarchens, 
der noch wichtiger ist als die Figuren selbst. So sehen wir 
die Irrlichter und die griine Schlange. Wir sehen, dafi die 
Irrlichter vom jenseitigen Ufer des Flusses heruberkommen 
und ganz merkwurdige Eigenschaften zeigen. Sie nehmen 
das Gold begierig in sich auf , lecken es sogar von den Wan- 
den der Stube des Alten und werfen damit in verschwende- 
rischer Weise um sich. Dasselbe Gold, das also in den Irr- 
lichtern unter dem Zeichen einer Wertlosigkeit steht, die 
uns auch dadurch angedeutet wird, daft der Fahrmann das 
Gold zuriickweisen mufi, weil der Flufi sich aufbaumen 
wiirde und nur Fruchte in Zahlung nehmen darf, dieses 
Gold, was bewirkt es im Korper der griinen Schlange? Die 



Schlange wird,nachdem sie es aufnahm, inner Hch leuchtend! 
Und das, was an Pflanzen und anderen Dingen um sie her- 
um ist, wird audi dadurch erleuchtet, daft sie das, was bei 
den Irrlichtern im Zeichen der Wertlosigkeit stent, in sich 
aufnimmt. Aber audi den Irrlichtern wird eine gewisse 
Wichtigkeit zugeschrieben. Sie wissen, daft der Alte in ent- 
scheidender Stunde gerade die Irrliditer auffordert, die 
Pforte des Tempels zu offnen, so daft der ganze Zug sich 
nun in den Tempel hineinbegeben kann. 

Genau dasselbe Ereignis, das sich hier mit der griinen 
Schlange vollzieht, findet sich als Erlebnis in der mensch- 
lichen Seele, ein Erlebnis, das uns besonders stark in einer 
solchen Denkweise hat entgegentreten konnen, wie wir sie 
vorgestern durch dasGesprach zwischen Goethe und Schiller 
konstatiert haben. Wir haben gesehen, daft Schiller in dem 
Augenblick, als er mit Goethe liber die Art der Natur- 
betrachtung sprach, noch der Meinung war, daft das, was 
Goethe mit ein paar Strichen als Urpflanze hinzeichnete, 
eine Idee, etwas Abstraktes sei, das man erhalte, wenn man 
die unterscheidenden Merkmale weglaftt und das Gemein- 
same zusammenfugt. Und wir haben gesehen, dafi Goethe 
darauf sagte: Wenn das eine Idee ist, dann sehe ich meine 
Ideen mitAugenlln diesem Moment standen sich zwei ganz 
verschiedene Wirklichkeiten gegenuber. Schiller hat sich 
wirklich ganz zu Goethes Anschauungsweise hinaufgearbei- 
tet, 50 daft man sich in der Schillerverehrung nichts vergibt, 
wenn man ihn als Beispiel anfuhrt fiir jenes menschliche 
Seelenvermogen, das in Abstraktionen schwebt und vor- 
zugsweise in den mit dem bloften Verstande erfaftten Vor- 
stellungen der Dinge lebt. Das ist eine besondere Seelen- 
anlage, die, wenn der Mensch zu einer hoheren Entwicke- 
lung gelangen will, unter Umstanden eine recht bose Rolle 
spielen kann. 



Es gibt Menschen, die vorzugsweise in der Richtung zum 
Abstrakten veranlagt sind. Wenn sie nun die Abstraktheit 
verbinden mit etwas, was ihnen da alsSeelenkraft entgegen- 
tritt, so ist das in derRegel derBegriff der Unproduktivitat. 
Diese Menschen sind manchmal sebr scbarfsinnig, konnen 
scharfe Unterscheidungen ausfiihren, diesen oder jenen Be- 
grifF wunderbar verbinden. Aber gerade eine solche Seelen- 
stimmung ist oft audi damit verknupft, daft die geistigen 
Einfliisse, die Inspirationen, keinen Eingang flnden. 

Diese Seelenverfassung, die durch Unproduktivitat und 
Abstraktheit gekennzeichnet ist, wird uns in den Irrlichtern 
reprasentiert. Sie nehmen das Gold auf, wo sie es finden; 
sie sind frei von aller Erfindungsgabe, sind unproduktiv, 
konnen keine Ideen fassen. Diesen Ideen stehen sie fremd 
gegemiber. Sie haben nicht den Willen, sich selbstlos den 
Dingen hinzugeben, an die Tatsachen sich zu halten und 
Begriffe nur soweit zu benutzen, als sie Dolmetscher f iir die 
Tatsachen sind. Ihnen kommt es darauf an, ihren Verstand 
mit Begriff en vollzupfropfen und diese dann wieder in ver- 
schwenderischerWeise f ortzugeben. Sie gleichen einem Men- 
schen, der sich in Bibliotheken setzt, die Weisheit da sam- 
melt, in sich aufnimmt und wieder in entsprechender Weise 
von sich gibt. Diese Irrlichter sind charakteristisch fiir das- 
jenige Seelenvermogen, das niemals imstande ist, einen ein- 
zigen Hterarischen Gedanken oder Empfindungsgehalt zu 
fassen, das aber sehr wohl das, was einmal da ist aJs Lite- 
raturgeschichte,das,was produktiveGeister geleistet haben, 
in schone Formen zu fassen vermag.Es soli hier nichts gegen 
dieses Seelenvermogen gesprochen werden.Hatte der Mensch 
dieses Seelenvermogen nicht oder pflegte er es nicht, wenn 
es ihm in zu geringem Mafie zuteil geworden ist, so wiirde 
ihm etwas fehlen, was in bezug auf die wirkliche Er- 
kenntnisfahigkeit notwendig vorhanden sein mufS. Goethe 



stellt durch das Bild der Irrlichter, durch die ganzen Ver- 
haltnisse, in denen er sie auftreten und wirken lafit, die Art 
und Weise dar, wie ein solches Seelenvermogen im Verhalt- 
nis zu den anderen Seelenvermogen arbeitet, wie es sdiadet 
und nutzt. Wahrhaftig, wenn jemand dieses Seelenvermogen 
nicht hatte und zu hoheren Stufen der Erkenntnis aufstei- 
gen wollte, dann wiirde nichts da sein, was ihm den Tempel 
aufschliefien konnte. Goethe stellt ebenso die Vorziige wie 
auf der anderen Seite die Nachteile dieses Seelenvermogens 
hin. Das, was in den Irrlichtern gegeben ist, stellt eben ein 
Seelenelement dar. In dem Augenblick, wo es nach der einen 
oder andern Seite hin ein selhstandiges Leben fuhren will, 
wird es schadlich. Es wird aus dieser Abstraktheit ein kriti- 
sches Vermogen, das die Menschen so gestaltet, dafi sie zwar 
alles lernen, sich aber nicht weiterentwickeln konnen, weil 
ihnen das produktive Element f ehlt. Goethe zeigt aber ganz 
klar, inwiefern audi ein Wertvolles in dem ist, was in den 
Irrlichtern dargestellt wird. Das, was sie in sich haben, 
kann auch etwas Wertvolles werden: in der Schlange wird 
das Gold der Irrlichter zu etwas Wertvollem, insofern es 
die Gegenstande, welche um die Schlange herum sind, be- 
leuchtet. 

Was in den Irrlichtern lebt, wird, wenn es in anderer 
Weise verarbeitet wird, in der menschlichen Seele auEerst 
fruchtbar werden. Wenn der Mensch sich bestrebt, das, was 
er in Begriffen, Ideen und idealen Gebilden er leben kann, 
nicht fiir sich als ein Abstraktes hinzustellen, sondern es so 
zu betrachten, dafi es ihm Fuhrer und Dolmetscher wird 
fiir das, was an Realitaten um ihn herum ist, so dafi er sich 
ebensogern und hingebungsvoll an die Beobachtungen halt 
wie an die Abstraktheit der Begriffe, dann ist er mit dieser 
Seelenkraft in dem gleichen Falle wie die griine Schlange. 
Dann kann er aus dem blofi Abstrakten, aus den blofien 



Regriff en Licht und Weisheit gestalten. Dann fiihrt sie ihn 
nicht dazu, daiS er zur vertikalen Linie wird, die alle Ver- 
bindung und Beziehung zur Flache verliert. Die Irrlichter 
sind die Verwandten der Sdilange, sie sind aber von der 
vertikalen Linie. Die Goldstiicke fallen zwischen die Felsen 
hinein, die Sdilange nimmt sie auf und wird dadurch inner- 
lich leuchtend. Die Weisheit nimmt der auf, der mit diesen 
Begriffen an die Dinge selbst herangeht. 

Goethe gibt uns audi ein Beispiel, wie man an den Be- 
griffen arbeiten soil. Goethe hat den Begriff der Urpflanze. 
Was ist er zunachst? Ein abstrakter Begriff. Wiirde er ihn 
abstrakt ausbilden, so wiirde er ein leeres Gebilde werden, 
das alles Lebendige totet, wie das hingeworfene Gold der 
Irrlichter den Mops totet. Denken Sie sich aber, was Goethe 
mit dem Begriffe der Urpflanze tut. Verfolgen wir ihn auf 
seiner italienischen Reise, dann sehen wir, wie dieser Begriff 
nur das Leitmotiv ist, um von Pflanze zu Pflanze, von 
Wesen zu Wesen zu gehen. Er nimmt den Begriff, geht von 
ihm aus zur Pflanze iiber und sieht, wie sie sich in dieser 
oder jener Form ausgestaltet, wie sie ganz andere Formen 
annimmt in niederer oder hoherer Gegend und so weiter. 
Nun verfolgt er von Stufe zu Stufe, wie die geistige Realitat 
oder Gestalt in jede sinnliche Gestalt hineinkriecht. Er selbst 
kriecht da herum wie die Sdilange in den Kluften der Erde. 
So ist fur Goethe die Begriffswelt nichts anderes als das, 
was sich in die objektive Wirklichkeit hineinspinnen lafit. 
Die Schlange ist ihm der Reprasentant der Seelenkraft, die 
nicht in egoistischer Weise hinaufstrebt zu den hoheren 
Gebieten des Daseins und sich iiber alles zu erheben ver- 
sucht, sondern die geduldig den Begriff durch die Beobach- 
tung fortwahrend bewahrheiten lafit, die geduldig von Er- 
fahrung zu Erfahrung, von Erlebnis zu Erlebnis geht. 

Wenn der Mensch nicht bloE theoretisiert, nicht blo£ in 



den Begriff en lebt, sondern sie auf das Leben, auf die Er- 
fahrung anwendet, dann ist er mit dieser Seelenkraft in der 
Lage der Schlange. Das ist in ganz umfassendem Sinne rich- 
tig. Wer die Philosophic nicht wie eine Theorie aufnimmt, 
sondern als das, was sie sein soil, wer die geisteswissen- 
schaftlichen Begriff e als Auf gaben fiir das Leben betrachtet, 
der weift, daft gerade Begriffe, und seien sie audi die hoch- 
sten, so verwendet werden sollen, daft sie in das Leben ein- 
flieften und an den taglichen Erlebnissen sich bewahrheiten 
konnen. Fiir den, der ein paar Begriffe gelernt hat, sie aber 
nicht ins Leben iibertragen kann, liegt ein ahnliches Ver- 
haltnis vor wie fiir den, der einKochbuch auswendig gelernt 
hat, aber doch nicht kochen kann. So wie das Gold ein Mit- 
tel ist, die Dinge zu beleuchten, so beleuchtet Goethe durch 
seine Begriffe die Dinge, welche um ihn herum sind. 

Das ist das Belehrende und Groftartige an Goethes Wis- 
senschaftlichkeit und allem Goetheschen Streben, daft das, 
was er an Begriffen und Ideen gibt, Realitat hat, daft es 
wirkt wie ein Licht, leuchtend wird und die Gegenstande 
um ihn herum beleuchtet. Das vorgestern hervorgehobene 
Universale bei Goethe macht es, daft wir, wenn wir an ihn 
herantreten, nie das Gefiihl haben, das ist Goethes «Mei- 
nung». Er steht da und wenn wir ihn sehen, finden wir nur, 
daft wir die Dinge besser begreifen, die uns vorher nicht so 
begreiflich waren. Dadurch eben konnte er zum Vereini- 
gungspunkt feindlicher Briider werden, wie wir vorgestern 
gesehen haben. Wollten wir jeden Zug in dem Marchen be- 
sprechen, jedeGestalt charakterisieren, dann miiftte ich iiber 
dieses Marchen nicht drei Stunden, sondern drei Wochen 
sprechen. Ich kann also nur die tieferen Prinzipien in die- 
sem Marchen angeben. Jeder Zug aber weist uns in Goethes 
Vorstellungsart und Goethes Weltgesinnung hinein. 

Diejenigen Seelenkrafte, welche in den Irrlichtern, in der 



griinen Schlange und in den Konigen dargestellt sind, be- 
finden sich auf der einen Seite des Flusses. Driiben auf der 
andern Seite wohnt die schone Lilie, das Ideal vollkomme- 
ner Erkenntnis und vollkommenen Lebens und Schaffens. 
Von dem Fahrmann haben wir gehort, dafi er die Gestalten 
von dem jenseitigen Ufer heriiberfiihren kann, aber nie- 
mand wieder zuruckfuhrendarf.Wenden wir das auf unsere 
ganze Seelenstimmung und Veredlung an. 

Wir Mensdien finden uns als seelische Wesenheiten hier 
auf der Erde. Diese oder jene Seelenkrafte arbeiten an uns 
als Anlagen, als mehr oder weniger ausgebildete Seelen- 
krafte. Sie sind in uns. Es lebt aber in uns audi nodi etwas 
anderes. In uns Mensdien, wenn wir uns selbst richtig er- 
fassen, lebt das Gefuhl, die Erkenntnis, dafi die Seelen- 
krafte in uns, welche uns das Wesen der Dinge zuletzt ver- 
mitteln, mit den Grundgeistern der Welt, mit den schopfe- 
rischen, geistigen Machten innig verwandt sind. Indem wir 
uns nadi diesen schopferischen Machten sehnen, sehnen wir 
uns nadi der schonen Lilie. So wissen wir, dafi alles, was 
einerseits von der schonen Lilie herstammt, andererseits 
wieder zu ihr zuriickzukehren strebt. Unbekannte Krafte, 
die wir nidit meistern, haben uns heriibergebradit. Wir wis- 
sen, daft gewisse Krafte uns von der jenseitigen Welt iiber 
denGrenzflufi zur diesseitigenWelt heriibergebradit haben. 
Diese durch den Fahrmann charakterisierten, in den Tiefen 
der unbewuftten Natur wirkenden Krafte konnen aber uns 
nicht wieder zuriickbringen, denn sonst wiirde der Mensch 
ohne seine Arbeit, ohne sein Zutun, genau ebenso wieder in 
das Reich des Gottlichen zuriickkehren, wie er heriiber- 
gekommen ist. Die Krafte, die uns als unbewufite Natur- 
krafte heriibergefahren haben in das Reich der strebenden 
Mensdien, diir fen uns nicht wieder zuriickfuhren.Dazu sind 
andere Krafte notig. Das weifi auch Goethe. Goethe will 



aber audi zeigen, wie der Mensch es anfangen mufi, daft er 
sich mit der schonen Lilie wieder vereinigen kann. 

Zwei Wege gibt es. Der eine geht iiber die griine Schlange, 
iiber sie konnen wir hiniibergehen, da finden wir nadi und 
nach das Reidi des Geistes. Der andere Weg geht iiber den 
Schatten des Riesen. Es wird uns dargestellt, daft der Riese, 
der sonst ganz kraftlos ist,in derDammerstunde seineHand 
ausstreckt, deren Schatten sich dann iiber den Flufi legt. 
t)ber diesen Schatten fiihrt der zweite Weg. Wer also bei 
hellem Tageslicht hinuber will in das Reich des Geistes, 
mufi sich des Weges bedienen, den die Schlange vermittelt, 
wer im Dammerlichte hinuberkommen will, der kann sich 
des Weges bedienen, der iiber den Schatten des Riesen fiihrt. 
Das sind die zwei Wege, um zu einem geistigen Weltenbilde 
zu kommen. Derjenige, der nicht mit menschlichen Begrif- 
fen, menschlichen Ideen, nicht mit denjenigen Machten, die 
durch das wertlose Gold, bei bloft sophistischen Geistern, 
und durch die Irrlichter charakterisiert werden, die geistige 
Welt erstrebt, sondern in Geduld und Selbstlosigkeit von 
Erlebnis zu Erlebnis geht, gelangt beim hellen Sonnenschein 
zum jenseitigen Ufer. 

Goethe weifi, dafi wirkliche Forschung nicht am Mate- 
riellen kleben bleibt, sondern heruberfiihren mufi iiber die 
Grenze, iiber den Flufi, der uns von dem Geistigen trennt. 
Es gibt aber noch einen andern Weg, einen Weg fur unent- 
wickeltere Menschen, die nicht den Weg des Erkennens, 
nicht den Erkenntnispfad gehen wollen, einen Weg, der 
reprasentiert wird durch den Riesen. Kraftlos ist dieser 
Riese, nur sein Schatten hat eine gewisse Kraft. Was ist nun 
im echten Sinne kraftlos? Nehmen Sie alle Zustande, in die 
der Mensch kommen kann bei herabgestimmtem Bewufit- 
sein, wie beim Hypnotismus, Somnambulismus, ja selbst bei 
Traumzustanden: alles das, wodurch das helleTagesbewufk- 



sein herabgedammert wird, wodurch der Mensch niedrigere 
Seelenkrafte als das helle Tagesbewufitsein in sich wirken 
laftt, gehort zu diesem zweiten Weg. Da wird die Seele 
beim Kraftloswerden der alltaglichen Seelenkraft ins wirk- 
liche Reich des Geistes hinubergefiihrt. Die Seele wird aber 
nicht selhst fahig, in das geistige Reich hinuberzugehen, 
sondern sie bleibt bewufttlos und wird wie der Schatten in 
das Reich des Geistes hinubergefuhrt. Goethe nimmt noch 
alles das, was unbewuftt, gewohnheitsmaftig wirkt, ohne 
daft die Seelenkrafte, die bei hellem Tagesbewufttsein wirk- 
sam werden, daran beteiligt sind, unter die Krafte, welche 
in dem Schatten des Riesen vorzustellen sind. Schiller, der 
in das, was Goethe meinte, eingeweiht war, schrieb zur Zeit 
der groftenStiirme im westlichen Europa einmal an Goethe: 
Froh bin ich, daft Sie von dem Schatten des Riesen nicht 
unsanft angef afit worden sind. - Was meint Schiller damit? 
Er meinte, wenn Goethe weiter nach Westen gewandert 
ware, so wiirde er von den revolutionaren Machten des 
Westens erf afit worden sein. 

Dann sehen wir, dafi das, was der Mensch als Hochstand 
der Erkenntnisentwickelung erlangen soli, in dem Tempel 
dargestellt wird. Der Tempel bedeutet also einen hoheren 
Entwicklungsstand des Menschen. In der jetzigen Zeit, 
wiirde Goethe sagen, ist der Tempel etwas Verborgenes, ist 
er unter den engen Kliiften der Erde. Eine solche strebende 
Seelenkraft, wie sie durch die Schlange reprasentiert wird, 
kann nur undeutlich die Gestalt des Tempels fiihlen. Da- 
durch, dafi sie Ideale, das Gold in sich aufnimmt, kann sie 
diese Gestalt erleuchten, aber im Grunde genommen kann 
dieser Tempel in der jetzigen Zeit nur als ein unterirdisches 
Geheimnis da sein. Dadurch, daft Goethe diesen Tempel fiir 
die auftere Kultur etwas Unterirdisches sein laftt, weist er 
aber auch darauf hin, daft dieses Geheimnis einem weiter- 



entwickelten Menschen ersdilossen werden muft. Er weist 
damit auf die geisteswissenschaftliche Stromung hin, die 
heute schon breite Mensdienmassen erfaftt hat, die in um- 
fassendem Sinne popular zu madien sucht, was der Inhalt 
der Geisteswissenschaft, der Initiation oder des Einweihungs- 
prinzips, der Inhalt der Tempelgeheimnisse ist. 

In diesem edit freien Goetheschen Sinne ist daher der 
Jungling als Reprasentant der strebenden Menschheit zu 
betrachten. Daher soil sich der Tempel iiber den Flufi er- 
heben, damit nicht nur einzelne wenige, welche Erleuchtung 
suchen, heruber und hiniiber gehen konnen, sondern damit 
dann alle Menschen auf der Briicke den Fluft passieren kon- 
nen. Einen Zukunfbzustand stellte Goethe hin in dem 
Initiations -Tempel iiber der Erde, der da sein wird, wenn 
der Mensch aus dem Reiche des Sinnlichen in das Reich des 
Geistigen und aus dem Reiche des Geistigen in das Reich des 
Sinnlichen gehen kann. 

Wodurch ist das in dem Marchen erreicht worden? Da- 
durch, daft das eigentliche Geheimnis des Marchens erfullt 
ist. Die Losung des Marchens steht im Marchen selber, sagt 
Schiller. Er hat aber audi darauf hingewiesen, dafi recht 
sonderbar das Wort der Losung darinnen steht. Sie erinnern 
sich des Alten mit der Lampe, die nur leuchtet, wo schon 
Licht ist. Wer ist nun der Alte? Was ist diese Lampe? Was 
hat sie fiir ein eigenartiges Licht? Der Alte steht iiber der 
Situation. Seine Lampe hat die merkwiirdige Eigenschaft, 
daft sie die Dinge verwandelt,Holz in Silber, Stein in Gold. 
Sie hat audi die Eigenschafl, dafi sie nur da leuchtet, wo 
schon eine Empfanglichkeit, eine bestimmte Art des Lichtes 
vorhanden ist. Als der Alte in den unterirdischen Tempel 
hineintritt, wird gefragt, wieviel Geheimnisse er kenne. 
«Drei», versetzt der Alte. Auf die Frage des silbernen 
Konigs: « Welches ist das wichtigste?», antwortet er: «Das 



offenbare.» Und auf die Frage des ehernen Konigs: « Wills t 
du es audi uns erdffnen?», sagt er: «Sobald idi das vierte 
weifi.» Darauf zischelt die Sdilange dem Alten etwas ins 
Ohr, worauf er sagt: «Es ist an der Zeit!» 

Das, was die Schlange dem Alten ins Ohr sagte, das ist 
die Losung des Ratsels, und wir haben zu erforschen, was 
die Schlange dem Alten ins Ohr gesagt hat. Es wiirde zu 
weit fuhren, ausfiihrlich zu sagen, was die drei Geheimnisse 
bedeuten. Nur andeuten will ich es. 

Es gibt drei Reiche, die in der Entwickelung heute sozu- 
sagen stationar sind: das Mineral-, das Pflanzen- und das 
Tierreich, die dem Menschen gegeniiber, der sich nodi in 
weiterer Entwickelung befindet, abgesdilossen sind. Die 
innere Entwickelung, die der Mensch durchmacht, ist so 
vehement und bedeutsam, dafi sie sich mit der Entwickelung 
der anderen drei Naturreiche nicht vergleichen lalk. Dafi 
ein Naturreidi dadurch zu dem gegenwartigen Stande ge- 
kommen ist, dafi es zu einem Abschlufi gelangt ist, das ist 
es, was in dem Geheimnis des Alten liegt, das ist es, was die 
Gesetze des Mineral-, Pflanzen- undTierreichs erklart.Aber 
nun kommt das vierte Reich, das Reich des Menschen, das 
Geheimnis, das in der Seele des Menschen offenbar werden 
soil. Dieses Geheimnis ist ein solches, das der Alte erst er- 
fahren mufi. Und wie muiS er es erfahren? Er weifi, worm 
es besteht, aber die Schlange mufi es ihm erst sagen. Das 
deutet uns an, dafi mit dem Menschen noch etwas Beson- 
deres vorgehen mufi, wenn er ebenso das Ziel der Ent- 
wickelung erreichen will, wie die anderen drei Reiche es 
erreicht haben. Was mit dem Menschen im Innersten seiner 
Seele geschehen ist, und was geschehen mufi, wenn er das 
Ziel erreichen soil, das sagt die Schlange dem Alten ins Ohr. 
Sie sagt, wie eine bestimmte Seelenkrafl sich entwickeln 
mufi, wenn eine hohere Stufe erreicht werden soil, sie sagt, 



dafi sie den Willen habe, sich dafiir aufzuopfern, und sie 
opfert sich auf.Bisher hat sie nur eineBriicke gebildet,wenn 
hie und da ein einzelner Mensch hiniibergehen wollte; nun 
aber wird sie zu einer dauernden Briicke werden, indem sie 
zerfallt, so daft der Mensch eine dauernde Verbindung 
haben wird zwischen dem Diesseits und Jenseits, zwischen 
Geistigem und Sinnlichem. 

Dafi die Schlange den Willen zur Aufopferung hat, das 
ist es, was als die Bedingung fur die Eroffnung des vierten 
Geheimnisses angesehen werden mufi. In dem Augenblick, 
wo der Alte hort, dafi die Schlange sich opfern will, kann 
er dann auch sagen: «Es ist an der Zeit!» Es ist die Seelen- 
kraft, die an das Auftere sich halt. Und der Weg mufi da- 
durch betreten werden, daft diese Seelenkraft und innere 
Wissenschajft nicht Selbstz week wird, sondern sich hinopfert. 
Das ist wirklich ein Geheimnis, wenn es auch als ein « off en- 
bares » Geheimnis angesprochen wird, das heifit, wenn es 
auch jedem, der es will, off enbar werden kann. 

Was in weitem Umkreis als Selbstzweck angesehen wird 
- alles, was wir lernen konnen in der Naturwissenschaft, in 
der Kulturwissenschaft, in der Geschichte, in der Mathema- 
tik und alien anderen Wissenschaften -, es kann niemals 
Selbstzweck sein. Wir konnen niemals zur wahren Einsicht 
in die Tiefen der Welt kommen, wenn wir sie als etwas fur 
sich betrachten. Erst wenn wir jederzeit bereit sind, sie in 
uns aufzunehmen und als Mittel zu betrachten, das wir 
hinopf ern als Briicke, iiber die wir hinuberschreiten konnen, 
dann kommen wir zur wirklichen Erkenntnis. Wir sperren 
uns ab von der hoheren, von der wirklichen Erkenntnis, 
wenn wir nicht auch bereit sind, uns hinzuopfern. Erst 
dann wird der Mensch einen Begriff bekommen vdn dem, 
was Einweihung ist, wenn er aufhort, sich aus aufierlich- 
sinnlichen Begriffen eine Weltanschauung zu zimmern. Er 



mufi ganz Gefuhl, ganz Seelenstimmung werden, eine 
solche Seelenstimmung, die dem entspricht, was Goethe als 
hochste Errungenschaft des Menschen in seinem «West- 
ostlichen Divan» diarakterisiert: 

Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und Werde! 
Bist du nur ein triiber Gast 
Auf der dunklen Erde. 

Stirb und Werde! Lerne kennen, was das Leben bieten 
kann, gehe hindurch, aber uberwinde, gehe uber didhi hin- 
aus. Laft es dir zur Briicke werden, und du wirst in einem 
hoheren Leben aufleben, mit dem Wesen der Dinge eines 
sein, wenn du nicht mehr in dem Wahne lehst, daft du, ge- 
trennt von dem hoheren Ich, das Wesen der Dinge erschop- 
fen kannst. Goethe erinnert sich gern, da, wo er von der 
Hinopf erung des Begriffes und des Seelenmaterials spricht, 
um in hoheren Spharen aufzuleben, wo er von der tiefsten 
innersten Liebe spricht, an die Worte des Mystikers Jakob 
Bohme, der dieses Erlebnis der Hinopf erung der Schlange 
in sich kennt. Jakob Bohme hat ihn vielleicht gerade darauf 
hingewiesen und bewirkt, daft es ihm so klar war, daft der 
Mensch schon im physischen Leibe hinuberleben kann in 
eine Welt, die er sonst erst nach dem Tode betritt: in die 
Welt des- Ewigen, des Geistigen. Jakob Bohme wuftte auch, 
daft es von dem Menschen abhangt, ob er in hoherem Sinne 
in die geistige Welt hiniibergleiten kann. Er zeigt es in dem 
Spruche: Wer nicht stirbt, eh 5 er stirb t, der verdirbt, wenn 
er stirbt. - Ein bedeutsames Wort! Der Mensch, der nicht 
stirbt, bevor er stirbt, das heifit, der nicht das Ewige, den 
inneren Wesenskern in sich entwickelt, der wird auch nicht 
in der Lage sein, wenn er stirbt, den geistigen Wesenskern 
in sichwiederzufinden. Das Ewige ist in uns. Wir mussen es 



im Leibe entwickeln, damit wir es aufter dem Leibe finden 
konnen. «Wer nicht stirbt, eh' er stirbt, der verdirbt, wenn 
er stirbt. » So ist es audi mit dem andern Satze: «Und so 
ist der Tod die Wurzel alles Lebens.» 

Sodann sehen wir, dafi das Seelische nur da erleuchten 
kann, wo schon Lidit ist: die Lampe des Alten kann nur das 
erleuchten, was schon erleuchtet ist. Wieder werden wir auf 
Seelenkrafte des Menschen hingewiesen, auf jene Seelen- 
krafte, die als etwas Besonderes uns entgegentreten, die 
Seelenkrafte der Devotion, der religiosen Hingabe, die 
durch Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch den Men- 
schen die Botschaft von geistigen Welten gebracht haben, 
denen, die das Licht nicht auf dem Wege der Wissenschaft 
oder sonstwie suchen konnten. Das Licht der verschiedenen 
religiosen Offenbarungen wird dargestellt in dem Alten, 
der dieses Licht hat. Wer aber nicht von innen heraus dem 
religiosen Sinn ein Licht entgegenbringt, dem leuchtet nicht 
die Lampe der Religion. Nur da kann sie leuchten, wo ihr 
schon Licht entgegenkommt. Sie ist es gewesen, die die 
Menschen verwandelt hat, die alles Tote in das beseelte 
Lebendige hiniibergefuhrt hat. 

Und dann sehen wir, dafi durch die Hinopferung der 
Schlange die beiden Reiche miteinander vereinigt werden. 
Nachdem sie sozusagen durch symbolische Vorgange durch- 
macht, was der Mensch bei seiner Hoherentwickelung im 
esoterischen Sinne durchzumachen hat, sehen wir, wie der 
Tempel der Erkenntnis durch alle drei menschlichen Seelen- 
krafte hinaufgefiihrt wird iiber den Flufi, wie er hinauf- 
wandert und wie jede Seelenkraft ihren Dienst verrichtet. 
Es wird da angedeutet, dafi die Seelenkrafte in Harmonie 
zusammenklingen miissen, indem uns gesagt wird: Die ein- 
zelne Personlichkeit vermag nichts; wenn aber alle zur 
guten Stunde zusammenwirken, wenn die Gewaltigen und 



die Geringen im richtigen Verhaltnis zueinander wirken, 
dann kann erstehen, was die Seele bef ahigt, den hochsten 
Zustand zu erreiclien, die Vereinigung mit der schonen 
Lilie. 

Dann wandert aber audi der Tempel aus den verborgenen 
Kliiften hinauf an die Oberflache fiir alle, die in Wahrheit 
nadi Erkenntnis und Weisheit streben. Der Jiingling wird 
begabt mit den Erkenntniskraften des Denkens und Vor- 
stellens durch den goldenen Konig: «Erkenne das Hochste.» 
Er wird begabt mit den Erkenntniskraften des Gefuhls 
durch den silbernen Konig, was Goethe so schon andeutet 
mit den Worten: «Weide die Schafe!» Im Fiihlen wurzeln 
Kunst und Religion, und fiir Goethe war beides eine Ein- 
heit, schon damals, als er von seiner italienischen Reise uber 
die Kunstwerke Italiens schrieb: «Da ist Notwendigkeit, 
da ist Gott!» 

Aber da ist audi die Tat - wenn der Mensch sie nicht zum 
Daseinskampf verwendet, wenn sie ihm zur WafTe wird, 
um Schonheit und Weisheit zu erkampfen. Das ist in den 
Worten enthalten, die der eherne Konig zu dem Jiingling 
spricht: «Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!» 
Darin liegt eine ganze Welt. Die Rechte frei zum Wirken 
aus der menschlichen Natur des Selbst heraus. 

Und was geschieht mit dem vierten Konig, in dem alle 
drei Elemente durcheinandergemischt sind? Dieser gemischte 
Konig schmilzt zu einer grotesken Figur zusammen. Die 
Irrlichter kommen und lecken das noch vorhandene Gold 
aus ihm heraus. Die Seelenkrafte des Menschen wollen da 
noch studieren, was an menschlichen Entwicklungsstufen, 
die schon uberwunden sind, einst vorhanden war. 

Nehmen wir noch einen Zug, namlich den, wie der Riese 
da taumelnd einherkommt und dann wie eine Bildsaule 
dasteht und die Stunden anzeigt: Wenn der Mensch sein 



Leben in Harmonie gebracht hat, dann hat audi das Unter- 
geordnete Bedeutung fur das, was methodische Ordnung 
sein soil. Das soil sich wie eine Gewohnheit auspragen. 
Selbst das Unbewufke wird dann einen wertvollen Sinn 
erhalten. Deshalb wird der Riese gleichsam wie eine Uhr 
dargestellt. 

Der Alte mit der Lampe ist vermahlt mit der Alten. 
Diese Alte stellt uns nichts anderes dar als die gesunde ver- 
standige menschliche Seelenkraft, die nicht in hohe Regio- 
nen geistiger Abstraktion eindringt, die aber alles gesund 
und praktisch angreift, wie zum Beispiel in der Religion, 
die ja in dem Alten mit der Lampe dargestellt wird. Ge- 
rade sie kann dann auch dem Fahrmann die Lohnung 
bringen: drei Kohlhaupter, drei Zwiebeln und drei Arti- 
schocken. Eine solche Entwickelungsstufe ist noch nicht iiber 
die Zeitlichkeit hinweggekommen. Dafi sie so behandelt 
wird, wie es von den Irrlichtern geschieht, ist wohl ein 
Abbild davon, wie abstrakte Geister meistens hochmutig 
auf Menschen herunterschauen, die aus unmittelbaren In- 
stinkten oder Intuitionen heraus die Dinge erfassen. 

Jeder Zug, jede Wendung in diesem Marchen ist von 
tiefgriindiger Bedeutung, und tritt man noch in eine Er- 
klarung ein, die esoterisch sein soil, dann findet man, daft 
man eigentlich nur die Methode der Erklarung anzugeben 
vermag. Vertiefen Sie sich in das Marchen selber, dann 
werden Sie finden, dafi eine ganze Welt darinnen zu finden 
ist, weit mehr, als heme angedeutet werden konnte. 

Wie sehr Goethes geistige Weltanschauung sein ganzes 
Leben durchzieht, wie in den Dingen der Geisteserkenntnis 
er noch im spatesten Alter in Einklang steht mit friiher Ge- 
schaffenem, das mochte ich Ihnen noch an zwei Beispielen 
zeigen. Als Goethe den « Faust » schrieb, hatte er eine ge- 
wisse Vorstellung iibernommen, die auf ein Symbolum eines 



tieferen Entwickelungsweges der Natur zuriickgeht. Als 
Faust von seinem Vater spridit, der Alchimist war und die 
alten Lehren glaubig hingenommen, aber schon damals 
mifiverstanden hatte, sagt er, dafl sein Vater auch das ge- 
macht habe, dafi sich 

. . . ein roter Leu, ein kiihner Freier, 
Im lauen Bad der Lilie vermahlt. 

Das sagt Faust, ohne dafi er die Bedeutung davon kennt. 
Soldi ein Wort aber kann zur Leiter werden, die auf hohe 
Entwickelungsstufen hinauffuhrt. Goethe zeigt in dem 
Marchen den nach der hochsten Braut strebenden Menschen 
in seinem Jungling, und das, womit er vereinigt werden 
soil, nennt er die schone Lilie. Sie sehen, diese Lilie finden 
Sie auch schon in den ersten Partien des « Faust ». Und auch 
das, was als Grundnerv der Goetheschen Anschauung sei- 
nen Ausdruck im Marchen gefunden hat, finden wir im 
«Faust»,im zweitenTeile, im Chorus mysticus, da, wo Faust 
vor dem Eintritt in die geistige Welt steht, wo Goethe sein 
Bekenntnis zur geistigen Weltanschauung mit monumenta- 
len Worten ablegt. Er zeigt da, wie in drei aufeinander- 
folgenden Stufen, namlich die Lauterung der Vorstellung, 
die Erleuchtung der Gefuhle und die Herausarbeitung des 
Willens zur reinen Tat, der Aufstieg auf dem Erkenntnis- 
weg erfolgt. 

Was der Mensch durch die Lauterung der Vorstellung 
erlangt, fiihrt ihn dazu, das Geistige hinter allem zu er- 
kennen. Das Sinnliche wird ein Gleichnis fur das Geistige. 
Er dringt tiefer ein, um das noch zu erfassen, was fur die 
Vorstellung unzuganglich ist. Er erreicht dann eine Stufe, 
auf der er die Dinge nicht mehr durch die Vorstellung be- 
trachtet, sondern in die Sache selbst hineingewiesen wird, 
da, wo das Wesen der Dinge und das, was man nicht be- 



schreiben kann, Erreichnis wird. Und das, was man nicht 
besdireiben kann, was man, wie man im Laufe der Winter- 
vortrage horen wird, in anderer Weise vorstellen mufi, das, 
wobei man zu den Geheimnissen des Willens vorschreiten 
mufi, bezeidinet er eben als das «Unbeschreibliche». Wenn 
der Mensch den dreifachen Weg durch die Vorstellung, das 
Gefiihl und den Willen gemacht hat, dann vereinigt er sich 
mit dem, was im Chorus mysticus das «Ewig-Weibliche» 
genannt wird, das, was als menschliche Seele durchgemacht 
hat seine Entwickelung, das, was als die schone Lilie dar- 
gestellt wird. 

So sehen wir, dafi Goethe geradezu sein tiefstes Bekennt- 
nis, seine geheime OfFenbarung auch noch da ausspricht, wo 
er sein grofles Bekenntnisgedidit zum Abschlufi bringt, 
nachdem er durch die Vorstellung, durch das Gefiihl und 
den Willen emporgedrungen ist bis zur Vereinigung mit 
der schonen Lilie, bis zu dem Zustande, der seinen Aus- 
druck findet in der erwahnten Stelle des Chorus mysticus, 
die dasselbe ausdruckt, was Goethes Philosophic und Gei- 
steswissenschaft und was auch das «Marchen» sagt: 

Alles Vergangliche 
Ist nur ein Gleichnis! 
Das Unzulangliche, 
Hier wird's Erreichnis; 
Das Unbeschreibliche, 
Hier ist's getan; 
Das Ewig-Weibliche 
Zieht uns hinan! 



BIBEL UND WEISHEIT 
I 

Berlin, 12. November 1908 



Es gibt in unserer Kultur ja zweifellos kein Dokument, das 
in so tiefer Weise und in so intensiver Art in das ganze 
Geistesleben eingegrifiFen hat wie die Bibel. Eine Geschichte, 
nidit von Jahrhunderten, sondern von Jahrtausenden 
miifite man schreiben, wenn man die Wirkung der Bibel auf 
die Mensdiheit schildern wollte. Und wenn man ganz ab- 
sehen wollte von dem Einflufi dieses Dokumentes in die 
Breite, so wiirde man nodi immer in bezug auf den EinfluJS 
und die Wirkung in die Tiefen der Menschenseele in der 
Bibel ein Unermefiliches flnden. Ja, in bezug auf den letz- 
teren Gesichtspunkt wird vielleicht gesagt werden diirfen, 
dafi gerade unsere heutige Zeit des Interessanten aufier- 
ordentlich vieles darbietet, denn man konnte zeigen, dafi 
heute nicht nur diejenigen, welche in schwacherem oder 
starkerem Mafie auf dem Boden der Bibel stehen, von die- 
sem Menschheits-Dokumente tief beeinflufit sind, sondern 
dafi audi sogar die, welche sich von der Bibel abgewendet 
haben, welche heute glauben, f rei zu sein von den Einflussen 
der Bibel, dafi audi sogar diese, tief bedeutsam, noch immer 
diesen Einflussen unterliegen. Denn die Bibel ist wahrlich 
nicht nur ein Dokument, obwohl sie das in hervorragend- 
stem Mafie ist, da sie dieSeele erfiillt mit einer Summe von 
Vorstellungen uber die Welt und das Leben, das der Seele 
also eine Weltanschauung gibt, sondern die Bibel war, 
durch Jahrtausende hindurch, ein gewaltiges Erziehungs- 
mittel der Seelen. Sie hat nicht nur fiir das Vorstellungs- 



leben etwas bedeutet, und bedeutet dafiir heute noch etwas, 
sondern es ist vielleicht wichtiger und wesentlicher, was wir 
als eine Wirkung bezeichnen miissen in bezug auf das Emp- 
findungs- und Gefuhlsleben, in bezug auf die Art der 
Denkgewohnheiten. Da miissen wir, wenn wir fein zu- 
schauen, ganz gewi£ heute vielfach zugeben, dafi die Ge- 
fiihle, die Empfindungen sogar derjenigen, welche die Bibel 
bekampfen, durch die Bibel in ihren Seelen erst heran- 
gezogen worden sind. 

Aber wer nur ein wenig Umschau halt liber das Geistes- 
leben der Menschheit, insbesondere iiber das unserer abend- 
landischenMenschheitund derjenigen, die mit ihr zusammen- 
hangt, der wird bemerken, welch gewaltiger Umschwung 
eingetreten ist in bezug auf die Stellung der Menschheit, 
oder wenigstens eines groften Teiles der Menschheit, zur 
Bibel. 

Diejenigen, die heute vielleicht noch in einer ganz un- 
erschutterlichen Weise auf dem Boden der Bibel stehen, 
konnten das, worauf damit hingedeutet ist, vielleicht zu 
gering einschatzen. Sie konnten sagen: Mag es auch man- 
cherlei Leute geben, die heute sich aus diesen oder jenen 
Griinden von der Bibel abwenden, die behaupten, dafi die 
Bibel nicht mehr dasjenige fiir die Menschheit sein konne, 
was sie durch Jahrtausende war, so wird das vermutlich 
nur eine voriibergehende Zeiterscheinung sein; wir glau- 
ben an die Bibel; mogen die Herren, die glauben, auf 
dem Boden der Wissenschafl zu stehen, dieses oder jenes 
sagen, moge ihnen dieses oder jenes unwahrscheinlich klin- 
gen - uns gilt die Bibel! - Man konnte dieses Urteil, wenn 
man suchen wollte, unter gewissen Personlichkeiten sehr 
verbreitet finden, und es ist nur naturlich, denn wer noch 
immer das Gliick seiner Seele, die Sicherheit und die Kraft 
der Seele fiir sich aus der Bibel zu schopfen vermag, der 



kann nach seiner subjektiven Beschaffenheit gar nicht ge- 
niigend vieles in die Waagschale werfen gegen diejenigen 
Erscheinungen, die um ihn herum als Kritik und Ableh- 
nung der Bibel vorliegen. 

Dennocli ware ein solches Urteil im Grunde genommen 
recht leichtsinnig. Es ware sogar in gewisser Weise egoistisch, 
denn der Mensch, wenn er ein solches Urteil ausspricht, sagt 
sich: Mir gibt die Bibel dieses oder jenes; ob sie anderen 
Menschen dasselbe gibt, darum kummere ich mich nicht. - 
Ein solcher Mensch gibt nicht acht darauf, dafi die Mensch- 
heit im Grunde genommen ein Ganzes ist, und daft das- 
jenige, was zunachst in einzelnen lebt, von einzelnen 
gedacht und empfunden wird, hinabflutet in die ganze 
Menschheit und Allgemeingut wird. Wer sagt: Ich will 
nicht horen, was die Kritik und die Gelehrten von der Bi- 
bel heute sagen, ich kummere mich darum nicht — , der ur- 
teilt nur fiir sich und denkt nicht daran, ob auch seine 
Nachkommen, ob diejenigen Menschen, die auf ihn folgen 
werden, das Gluck haben konnen, eine solche Befriedigung 
aus diesem Dokumente zu gewinnen, wenn die Kritik und 
die Wissenschaft sich anschicken, dieses Dokument der 
Menschheit zu nehmen. Die Gewalt der Autoritaten, die 
an dem Leben dieses Dokumentes beteiligt sind, ist eine 
grofte und starke. Es heilk eigentlich doch, sich blind und 
taub stellen gegeniiber dem, was um einen herum vorgeht, 
wenn man nur von dem eben charakterisierten Gesichts- 
punkte des naiven Glaubens, des unbeirrten Glaubens aus- 
gehen will. Heute mufi man schon horen, was bei unseren 
Mitmenschen das Ansehen und die Bedeutung dieses 
Menschheitsdokumentes erschiittern kann. Die Erschiitte- 
rung, die Umwalzungen, die im Verlauf e der letzten Jahr- 
hunderte mit Bezug auf dieses Dokument vor sich gegan- 
gen sind, sind ganz gewaltig. 



Noch vor wenigen Jahrhunderten hat die Bibel als etwas 
gegolten, das unbedingte Autoritat genofi; sie gait als ein 
Schriftwerk hoheren gottlichen Ursprungs. Dieser Glaube, 
diese Annahme ist seit langem erschuttert und wird immer 
mehr und mehr durch immer neue Griinde erschuttert wer- 
den. Zunachst war es nicht etwa unsere heutige Wissen- 
schafl, nicht etwa die gegenwartige Naturwissenschaft, 
welche sich gegen die alte Auf f assung der Bibel wendete. Es 
war schon vor weit mehr als hundert Jahren, da wendete 
sich — wir diirfen den Ausdruck gebrauchen, denn wir haben 
ihn ofter hier erklart - die mehr materialistisch sich gestal- 
tende Denkgewohnheit dazu, die Bibel vom rein aufier- 
lichen Standpunkte aus anzusehen. Sprechen wir zunachst 
von dem Teil der Bibel, den wir als das Alte Testament 
bezeichnen. Er gait, wie das Neue Testament, durch Jahr- 
hunderte hindurch als eine Eingebung hoherer Machte. Er 
gait als herausgeschrieben aus einem Bewulksein, das sich 
erheben konnte zu einer Wahrheitssphare, zu der sich das 
sinnliche Bewulksein nicht erheben konnte. Das erste, was 
den Glauben daran erschutterte, dafi die Bibel aus einem 
hoheren Menschheitsbewufttsein heraus geschrieben sei, 
da£ ihr eine andere Autoritat zukomme als irgendeiner 
Autoritat eines menschlichen Schriftstellers, das war, dafi 
man sich sagte: Wenn man die Bibel liest, dann stellt sich 
heraus, dafi sie kein einheitliches Dokument ist. Nehmen 
wir an, was im achtzehnten Jahrhundert der franzosische 
Arzt Astruc sagte: Man sagt, die Menschen hatten unter 
dem Einflusse hoherer Gewalten die Kapitel der Bibel, die 
wir als die Schopfungsgeschichte Mosis bezeichnen, ge- 
schrieben; nun lesen wir aber die Schopfungsgeschichte, 
da finden wir, dafi einzelne Teile nicht zusammenstimmen; 
wir finden, dafi stilistische und sachliche Widerspruche 
vorhanden sind; wir mussen daher annehmen, daft nicht 



ein einzelner Schriftsteller, sei es Moses oder irgendein 
anderer, dieses Dokument verfafit hat, denn derjenige, der 
als Einzelpersonlichkeit die Verhaltnisse hintereinander 
schildert, der wiirde nicht innere Widerspriiche in die Sa- 
che hineinbringen. 

Ich kann alle diese Widerspriiche nur ihrem Geiste nach 
skizzieren: Da miilken alte Urkunden von verschiedenen 
Seiten her genommen und durch mancherlei Schriftsteller 
zusammenkombiniert worden sein. Das war sozusagen ein 
erstes, das sich gegen die Bibel richtete. 

Nun wollen wir, abgesehen von dem, wie sich die Dinge 
abgespielt haben, den Geist dieser Art von Opposition 
gegen den geistigen Ursprung der Bibel einmal charakteri- 
sieren. Man sieht da, wie gleich im Anf ange in gewaltigen, 
iiberwaltigenden Bildern die Schopfung entrollt wird. In 
ihr werderi das sogenannte Sechs- bis Sieben-Tagewerk 
erzahlt. Es wird da weiter erzahlt, wie innerhalb dieser 
Schopfung der Mensch entstanden ist, wie er in die Siinde 
kam, wie er weiter und weiter sich von Generation zu Ge- 
neration bildete. Da bemerkt man, dafi in den ersten Tei- 
len, in den ersten Versen, fur die gottlichen Gewalten, fiir 
den Gott, eine andere Bezeichnung gewahlt ist, als vom 
vierten Verse des zweiten Kapitels an. Man sieht da, dafi 
tatsachlich diese zwei Bezeichnungen, die Bezeichnung fiir 
das Gottliche als die Elohim und die Bezeichnung des Gott- 
lichen als Jahve oder Jehova, abwechseln. Da muft man sich 
fragen: Soil ein Schriftsteller das Gottliche mit zwei ver- 
schiedenen Namen bezeichnet haben? Woher kann das 
kommen? Man sagt sich, dafi derjenige oder diejenigen, 
welche zuletzt das Dokument zusammenstellten, alte Tra- 
ditionen oder audi alte Urkunden gefunden haben, die sie 
zusammengekoppelt und daraus ein Ganzes gemacht ha- 
ben. Der eine kann von diesem Volksstamme, der andere 



von einem anderen Volksstamme gekommen sein, und das 
habe man zusammengekoppelt. Das ist sozusagen skizzen- 
haft das eine, das sich geltend macht. Von diesem ausgehend 
bemerkt man, immer weiter und weiter gehend, dafi ahn- 
liche und auch andere Widerspriiche auftauchen. So kam 
man immer mehr dahin, die urspriinglichen Urkunden in 
verschiedene Stiicke zu sondern und zu zerreifien. Und 
wenn heute jemand zusammenstellen wollte eine Bibel, 
wie es ja geschehen ist, aus den verschiedenen Stiicken 
und Fragmenten, aus denen man endlich glaubte, daft sie 
zusammengesetzt sein miisse, wenn jemand mit blauen 
Buchstaben druckte alles dasjenige, was man zur einen Ur- 
kunde rechnet, mit roten Buchstaben, was zur anderen, 
mit griinen Buchstaben, was zur dritten und so weiter, 
dann wiirde ein merkwiirdiges Dokument zusammenkom- 
men. Es ist aber schon zustandegekommen — die soge- 
nannte Regenbogen-Bibel! 

Das uralte, ehrwiirdige Dokument ist da, man mochte 
sagen, in einzelne Lappen zerlegt, aus denen es bestehen 
und aus denen es zusammengefugt sein soli. Die Bibel ist 
natiirlich ein Dokument, von dem man aber glaubt, nach- 
weisen zu konnen, dafi es nicht etwa von Moses herriihrt, 
sondern daft Teile davon sogar aus verhaltnisma&g spater 
Zeit stammen von diesem oder jenem Priesterkollegium, 
wahrend andere Teile der Bibel zusammengestellt seien 
aus Sagen und Mythen, die man von da und dort zusam- 
mengetragen habe aus religiosen Anschauungen dieser oder 
jener Schule. Was auf diese Weise ein Ganzes geworden 
ist, das kann nicht gelten als etwas, was durch eine Er- 
hebung des Bewufitseins der Menschenseele, welches hin- 
einschauen kann in die geistigen Welten, in die Geschichte 
hineingebracht worden ware. 

Nun darf niemand glauben, dafi diese beiden Vortrage, 



die ich heute und am Sonnabend zu halten habe, bestimmt 
sein sollen, irgendwie den Fleifi und die Emsigkeit der eben 
nur fliichtig skizzierten Arbeiten herabzusetzen. Wer die 
Dinge kennt, die so verwendet worden sind als geistige 
Hilfsmittel, die Bibel in kleine Stiicke zu zerreifien und als 
kleine Stiicke zu erklaren, dem zeigen sich der Flei/5 und 
die Emsigkeit und die Forschergeschicklichkeit der ganzen 
Arbeiten. Sie zeigen sich dem, der es versteht, als das Ge- 
waltigste, was vielleicht in der Wissenschaft geleistet wor- 
den ist. Nicht in bezug auf das Formale, nicht in bezug auf 
das Emsige des Forschens lafit sich etwas Gleiches finden. 
Wenn man nun das etwas naher betrachtet, was als Folge 
dieser Forscherarbeit, die von den modernenTheologen ge- 
leistet worden ist, also gerade von denjenigen, die vermoge 
ihres Berufes fest glauben,auf dem Boden des Chris ten turns 
zu stehen, so miissen wir uns sagen: es mufi dazu fiihren, 
das Verhaltnis zur Bibel ganz anders zu gestalten als es 
durch Jahrhunderte hindurch war. Wenn diese Forschung 
ihre Friichte tragt, wird die Bibel nicht mehr sein konnen 
— es wiirde viel dazugehoren, dies im einzelnen zu begrun- 
den — , es wiirde die Bibel nicht mehr sein konnen das Do- 
kument, das den Menschen trostet und aufrichtet in den 
traurigsten Angelegenheiten des Lebens. 

Dazu kommt noch etwas anderes, namlich, dafi fur zahl- 
reiche Menschen, die sich umgesehen haben im Bereiche der 
naturwissenschaftlichen Forschung, die sich umgesehen ha- 
ben in der Geologie, in der Entwickelungsgeschichte des 
Tier- und Pflanzenlebens, umgesehen haben in der Kultur- 
geschichte, in der Anthropologic und so weiter, dafi fiir 
diese Menschen kaum noch eine Moglichkeit vorhanden 
ist, sich bei dem, was sie in der Bibel lesen, etwas zu den- 
ken. Man mufi auch in dieser Beziehung gerecht sein und 
sich nicht einfach auf den Boden des naiven Glaubens stel- 



len und sagen, dafi das nichts zu bedeuten hat. Es sind oft 
diejenigen, die am gewissenhaftesten sind in ihrem Wahr- 
heitsgeftihl, in ihrem Erkenntnisdrang, die sidi sagen: Wenn 
ich durch die auf sicherem Boden stehende Forschung sehe, 
wie sich die Erde entwickelt hat durch geologische Perioden 
hindurch, wie wir gewisse Hypothesen fiir die Sadie haben, 
wie die Astronomie zeigt, wie sich die Erde aus einem 
Nebel von hoherer Temperatur heraus zu der heutigen Ge- 
stalt entwickelt hat, wie sich das Unlebendige herausent- 
wickelt hat und aus diesem Unlebendigen die lebendige 
Wesenheit, wie sich nach und nach alles von dem Einfachen 
bis zum Kompliziertesten, dem Menschen, entwickelt hat, 
wie die Kulturformen zu den heutigen komplizierten For- 
men aufgestiegen sind, wenn wir sehen, was die Geologie 
zeigt, welche gewaltigen Zeitraume notig waren, urn die 
Erde zu erhalten, als sie noch nicht Amphibien, noch 
nicht Saugetiere hervorgebracht hatte, wenn wir das alles 
iiberblicken und auf uns wirken lassen — so sagen uns 
zahlreiche Personlichkeiten — , was sollen wir da machen, 
wenn uns die Bibel erzahlt, dafi in sechs bis sieben Tagen 
die Welt erschaffen wordeh sein soli? Weder mit der Schop- 
fung in sechs bis sieben Tagen noch mit irgend etwas an- 
derem konnen wir etwas anfangen. Was konnen wir an- 
fangen mit der Sintflut, mit der wunderbaren Rettung des 
Noah, wenn wir lesen, dafi Noah so viele Tiere in die Arche 
gebracht hat, und so weiter? - So kommt es, daE manche 
mit Wiirde und ernstem Wahrheitssinn begabte Menschen 
jene scharfe und schneidige Opposition gegen die Bibel 
energisch vertreten, die sich von dem heutigen naturwissen- 
schaftlichen Standpunkte aus ergibt, insofern sie sich zu 
einer Weltanschauung erweitern will. Das alles ist in un- 
serer Weltanschauung vorhanden. Das alles konnen wir 
nicht wegleugnen. 



Nun entsteht aber die Frage: Sind wirklich alle die 
Dinge berucksichtigt, die der Bibel gegeniiber zu beruck- 
sichtigen sind, wenn entweder der erste, der historische, 
oder der zweite, der naturgeschichtliche Standpunkt gel- 
tend gemacht wird? Da mufi gesagt werden, dafi es heute 
schon einen dritten Gesichtspunkt gibt gegeniiber der Bi- 
bel, einen Gesichtspunkt, der sich aus jener realen For- 
schungsmethode und menschlichen Anschauungsweise her- 
aus entwickelt, die in diesen Vortragen als die geisteswis- 
senschaftliche oder anthroposophische charakterisiert wird. 
Mit diesem Gesichtspunkte gegeniiber der Bibel haben wir 
uns heute und iibermorgen zu befassen. Was ist dies fiir ein 
Gesichtspunkt? Man sagt heute vielfach, der Mensch diirfe 
sich nicht auf eine aufiere Autoritat stiitzen, er miisse vor- 
aussetzungslos an die Welt und an das Leben herangehen 
und die Wahrheit erforschen, und man glaubt gerade die 
Bibel zu trefTen, wenn man sich auf einen solchen Gesichts- 
punkt begibt. Trifft man in Wahrheit damit die Bibel? Es 
lafit sich dasjenige, was der geisteswissenschaftliche oder 
anthroposophische Standpunkt der Bibel gegeniiber ist, 
unbedingt vergleichen mit etwas, was sich vor einigen Jahr- 
hunderten in bezug auf etwas anderes, wenn auch minder 
Bedeutendes, fiir die Menschheit zugetragen hat. Wir wer- 
den uns am leichtesten verstandigen konnen iiber den gei- 
steswissenschaftlichen Gesichtspunkt der Bibel gegeniiber, 
wenn wir einen Vergleich mit den Umwalzungen in bezug 
auf die Anschauung von der Erde machen. 

Da sehen wir das ganze Mittelalter herauf, in alien 
Schulen, niederen und hoheren, das, was in bezug auf die 
aufiere Natur gelehrt worden ist, ankniipf en an alte Schrif- 
ten, allerdings an Schriften einer grofien und gewaltigen 
Personlichkeit, an die Schriften des alten griechischen Phi- 
losophen und Naturforschers Aristoteles. Also wenn Sie 



mit mir zuruckgehen konnten an die Statten des Geistes- 
lebens der alteren Zeit, so wiirden Sie finden, dafi nicht 
vorgetragen wurde in alten Schulen und Lehrstatten, was 
in Laboratorien gefunden worden ist, sondern das, was in 
den Biichern des Aristoteles gedruckt war. Aristoteles war 
die Autoritat und seine Biicher waren die Bibel der damali- 
gen Naturwissenschaft. Und uberall, wo man dariiber vor- 
trug, lehrte man nur das, was Aristoteles iiber die Dinge 
schon gesagt hatte. Nun kamen die Zeiten, in denen eine 
neue Morgenrote heranbrach in bezug auf die Anschauung 
der Natur, die neue Art der Naturanschauung von Koper- 
nikus, Kepler und Galilei und all den anderen bis auf den 
heutigen Tag. Was war der Grundnerv dieser Morgenrote? 
Wahrend man vorher den Aristoteles als festen Ausgangs- 
punkt genommen hatte, und so wie er gesprochen hat iiber 
die Natur sprach, wendeten nun Kopernikus, Kepler und 
Galilei ihren eigenen Beobachtungs- und Forschungssinn 
an. Sie schauten selbst in die Natur hinaus und untersuch- 
ten, was das Leben ihnen zeigen konnte. So wollten sie die 
Natur beschreiben und erklaren nach dem, was sie selbst 
gesehen hatten. Da kamen sie in manchen Widerspruch mit 
dem, was die streng Aristoteles-Glaubigen lehrten. 

Es ist mehr als eine blofie Anekdote, es bezeichnet die 
tiefe Wahrheit eines Prozesses, der sich damals abgespielt 
hat, wenn erzahlt wird, dafi ein Aristoteles-Glaubiger auf- 
gefordert wurde, sich doch einmal am menschlichen Korper, 
an einer Leiche selber anzusehen, dafi es nicht richtig ist, 
dafi die Nerven vom Herzen ausgehen — wie Aristoteles 
lehrt — , sondern dafi sie vom Gehirn ausgehen. Da lieE 
sich der Aristoteles-Glaubige bewegen, sich das anzu- 
schauen. Dann sagte er aber: Wenn ich das anschaue, dann 
scheint es, da£ die Natur dem Aristoteles widersprechen 
wiirde.Aber wenn die Natur dem Aristoteles widerspricht, 



so glaube ich nicht der Natur, sondern dem Aristoteles. — 
So stand die Naturwissenschaft gegeniiber der Tradition. 
Die Anschauung des Forschers wurde gegeniiber dem, was 
als Tradition durch Jahrhunderte sich fortgepflanzt hatte 
und nachgesprochen worden ist, abgelehnt. Wenn wir die 
Schriften Giordano Brunos lesen, sehen wir die Opposition 
gegeniiber Aristoteles aus dem neuen Geist, der erzahlt und 
erklart, was der Mensch selber sehen sollte. 

Heute stehen wir der ganzen Sache schon wieder anders 
gegeniiber. Wir stehen anders gegeniiber der unmittelbaren 
naturwissenschaftlichen Beobachtung und auch gegeniiber 
Aristoteles. Wir wissen, dafi vieles von dem, was im Mittel- 
alter aus ihm herausgelesen worden ist, nur mifiverstand- 
liches Auslegen seiner Schriften war. Aristoteles war aus dem 
Geiste seiner Zeit heraus selbst ein Forscher, der unmittel- 
bar hineinbHckte in die Natur und das wiedergab, was er 
zu sagen verstand. Und wenn wir Aristoteles richtig ver- 
stehen, wenn wir eingehen konnen auf das, was er sagte, 
dann erscheint er uns nicht mehr in jenem Widerspruch, 
in dem er zu stehen schien fur die damalige Zeit, zur un- 
mittelbaren wissenschaftlichen Beobachtung. Dann konnen 
wir wieder seine Bewunderer werden, denn gerade bei der 
Tatsache des Ausgehens der Nerven vom Herzen statt 
vom Gehirn zeigt es sich, daft er etwas ganz anderes ge- 
meint hat, namlich etwas, das selbst fur unsere Zeit noch 
richtig ist. 

In einer ganz ahnlichen Art steht die geisteswissenschaft- 
liche Forschung nicht nur zu diesen Dokumenten — den 
Schriften des Aristoteles — , sondern auch zu dem abend- 
landischen Urdokument, zur Bibel. Was sich im sechzehn- 
ten Jahrhundert und seitdem in bezug auf die Beobachtung 
und Erforschung der aufieren Natur abgespielt hat, das 
spielt sich heute wieder ab in bezug auf die Erforschung 



der geistigen Untergriinde der Welt. Aus dem Geiste jener 
Forschung heraus, die in den drei letzten Vortragen cha- 
rakterisiert worden ist, sucht die Menschheit wieder einzu- 
dringen in diejenigen Welten, die nicht mit den aufteren 
Sinnen wahrnehmbar sind, die aber wahrnehmbar sind fiir 
die hoher entwickelten Sinne des Menschen, fiir die geisti- 
gen Sinne des Menschen, durch die wir ebenso in die gei- 
stige Welt hinein sehen konnen, wie wir durch die phy- 
sischen Sinne in die physische Welt hinein sehen konnen. 

Es braucht hier nicht welter ausgefiihrt zu werden, weil 
es ja schon ofter gesagt worden ist, daft der Mensch fahig 
ist, in sich die Krafte zu entwickeln, daft er nicht nur die 
sinnlichen Dinge wahrnehmen kann, sondern daft er zwi-- 
schen und hinter dem Sinnlichen eine geistige Welt wahr- 
nehmen kann, eine geistige Welt, die viel realer ist als die 
sinnliche Welt. Es hatte seinen guten Grund, daft die 
Menschheit eine Weile die Methoden der geistigen For- 
schung vergaft. Die groften Fortschritte, die groften Er- 
oberungen in der physischen Welt wurden gemacht da- 
durch, daft die Instrumente so vervollkommnet wurden, 
wie es in den letzten Jahrhunderten der Fall war. Aber 
wenn das eine in der menschlichen Natur sich vergroftert, 
dann treten andere Fahigkeiten in den Hintergrund. So 
sehen wir, wie in den letzten Jahrhunderten die naturwis- 
senschaftlichen Methoden fur die auftere physische Tat- 
sachenwelt aufbliihten. Niemals sind in der groftartigen 
Weise mehr Instrumente gefunden worden, um der Natur 
die Geheimnisse abzulauschen und ihre Gesetze zu erfor- 
schen. In ungeheurer Weise sind die Fahigkeiten, die Be- 
zug hierauf haben, vergroftert und vervollkommnet wor- 
den, aber zuriickgetreten sind die Fahigkeiten, durch wel- 
che der Mensch hineinschauen kann in die geistige Welt. 
Und so ist es nicht zu verwundern, wenn der Mensch zu 



dem Glauben gekommen ist, daft aus dem materiellen, 
stofflichen Dasein auch das Geistige erklart werden 
kann. 

Aber wir stehen in der heutigen Zeit vor dem Einbruch 
einer Epoche, wo es der Menschheit wieder zum Bewufttsein 
kommt, daft es audi noch andere Instrumente und Werk- 
zeuge gibt, als diejenigen im physikalischen und physiolo- 
gischen Laboratorium, wo sie in so ausgezeichneter Weise 
beniitzt werden. Allerdings haben wir es zu tun mit einem 
Instrument, das sidi griindlidi untersdieidet von den an- 
deren. Wir haben es mit dem Grund- und Ur-Instrument 
zu tun, das wir im Menschen selbst zu erblicken haben. Der 
Mensch ist es, den wir im Laufe des Winters durch die 
Methoden der Konzentration und der Meditation kennen- 
lernen werden. Das sind andere Methoden, die der Mensch 
auf seine Seele anwenden kann, und durch die er dazu 
kommt, daft er die Umwelt in einer ganz anderen Weise 
sieht als er sie vorher gesehen hat. Er kann dazu kommen, 
daft er sich sagen kann: Ich bin wie ein operierter Blind- 
geborener, der vorher ableugnen konnte die Farben und 
das Licht der Welt. - Eingetreten ist aber fiir ihn nun der 
Moment, daft er selber sehen konnte. Er konnte nun sehen, 
daft hinter dem, was die Sinne und der Verstand wahr- 
nehmen, noch etwas anderes ist. Jetzt sieht er hinein in 
die geistigen Dinge; jetzt weifi er, nicht hypothetisch, 
nicht durch spekulative Philosophien, daft das Sinnliche, 
das StofHiche nur wie eine Verdichtung ist des Geistigen, 
daft das, was wir mit den Sinnen sehen, sich so zu einem 
Geistigen hinter ihm verhalt, wie sich Eis zu Wasser ver- 
halt. Das Wasser ist diinn, das Eis ist fest, und der, welcher 
das Wasser nicht sehen konnte, aber das Eis sehen kann, 
der wiirde sagen: Es ist nichts um das Eis herum da. - So 
sagt der, welcher nur mit den Sinnen sehen kann, es gebe 



nichts in weitem Umkreis als sinnliche Vorgange, nichts als 
sinnliches Geschehen. 

Wir miissen aber vordringen in dieses iibersinnliche Ge- 
biet, in dieses iibersinnliche Geschehen, dann konnen wir 
auch das Geistige erkennen und erklaren. Wer sich also 
keine geistigen Ohren und Augen ausgestaltet hat, der sieht 
in der ganzen Welt nichts als eine Verdichtung, so wie Eis 
im Wasser, und es erscheint ihm nicht die Urmutter der 
Substanz, das Geistige, in dem das Sinnliche nur eingebet- 
tet ist. Wenn uns der Geologe zeigt, wie etwa ein Mensch 
sich befindet, der in das Weltall hinaus einen Stuhl setzen 
konnte und zuschauen konnte, wie sich die Welt entwik- 
kelt hat: Der aufiere sinnliche Anblick wiirde ein solcher 
sein, wie die Naturwissenschaff. es schildert. Gegen das, 
was die Naturwissenschafl im positiven Sinne zu sagen 
hat, hat die Geisteswissenschafl nichts einzuwenden. Aber 
es zeigt sich dem, der da in richtiger Art in der Natur- 
wissenschafl: Bescheid weifi, dafi vor dem ersten Entstehen 
des Physischen das Geistige da war. Da zeigt sich, wie der 
Fortschritt nur moglich wurde dadurch, dafi das Geistige 
dazwischen mitwirkte, und dafi am meisten der Geist an 
der Entwickelung beteiligt ist. 

So weist uns diese geistige Weltanschauungsstromung dar- 
auf hin, dafi es moglich ist, daft der Mensch sich zum In- 
strumente macht fur dieErforschung der wichtigen Grund- 
lagen der Welt, und so kommt unsere Anschauung endlich 
dazu, die geistigen Urgriinde und Anf'ange selbst zu erfor- 
schen. So steht die Geisteswissenschafl da, unabhangig von 
jedem Dokument. Sie sagt: Wir forschen zunachst nicht in 
einem Dokumente. Wir forschen nicht, wie es einst ge- 
macht wurde, in den Biichern des Aristoteles, wir forschen 
in der geistigen Welt. Wir stellen uns so ein: Dasjenige, 
was Sie als gewohnliche Schulgeometrie lernen, die Euklid- 



sche Geometrie, sie wurde in ihren ersten Anfangen durch 
Euklid, den grofien Mathematiker, niedergeschrieben. Wir 
konnen das als Dokument heute nehmen und es historisch 
auffassen. Aber wer heute in der Schule Geometrie lernt, 
lernt der noch nach dem Elementarbuche des Euklid? Man 
arbeitet, lernt und erkennt heute an den Dingen selber. 
Konstruiert man zum Beispiel ein Dreieck, so zeigen sich 
dem Geiste die inneren Gesetzmafiigkeiten aus der Sache 
selber. Mit dem, was Sie so gewonnen haben, konnen Sie 
dann an Euklid herantreten und erkennen, was er schon in 
seinem Lehrbuche verzeichnet hat. So auch forscht der 
Geisteswissenschafter, unabhangig von Buchern, nur durch 
seine Organe, wie sich die Welt entwickelt hat. Und er fin- 
det so die Entwickelung der Welt, die Entwickelung der 
Erde in jener Zeit, bevor die Erde in ihrer heutigen Form 
sich herauskristallisiert hat. Er erforscht die geistigen Vor- 
gange und findet, wie an einem bestimmten Punkte unser 
Geist im irdischen Dasein einsetzt;er zeigt,wie derMensch 
als ein erster auftritt und nicht sich entwickelt hat aus un- 
tergeordneten Geschopfen, sondern als Nachkomme geis ti- 
ger Wesenheiten, die zuerst da waren. 

Wir konnen zuriickgehen in fruhere Zeiten, wo noch die 
geistigen Urgrunde waren. Wir finden da den Menschen 
mit diesen geistigen Vorgangen verknupfl, und erst spater 
entwickeln sich zu dem Menschen hinzu die niederen Ge- 
schopfe. So wie in der Entwickelung iiberhaupt gewisse 
Dinge zuriickbleiben und andere sich herausentwickeln, so 
ist auch hier das Niedere von dem Hoheren abgezweigt, 
abgegangen. Der Geistesforscher weifS, dalS geistige For- 
schungsorgane entwickelt werden konnen durch Metho- 
den, die der Geistesforscher zu zeigen vermag. 

So lehrt die Geistesforschung Weltentstehung und -wer- 
den nach Gesetzma£igkeiten, die unabhangig sind von 



jedem Dokumente, nur aus den eigenen Gesetzmafligkeiten 
heraus, so wie auch die heutige Erlernung der Mathematik 
nicht gebunden ist daran, wie sie sich im Laufe der Ge- 
schichte entwickelt hat. 

Und so, wie sich der Forscher von dieser Weisheit ein 
Wissen angeeignet hat, so geht er an die Bibel heran, so 
schaut er jetzt die Bibel an. Und jetzt zeigt sich uns, war- 
um sowohl vom Gesichtspunkte der historisch-kritischen 
Bibelforschung wie auch vom Gesichtspunkte der natur- 
wissenschafllichen Forschung Widerspriiche in der Bibel 
sind. Beide Gesichtspunkte kommen aus einem einzigen 
grofien Irrtum, der dadurch entstanden ist, dafi man all- 
gemein glaubte, die Wahrheiten der Bibel von physisch- 
sinnlichen Wahrnehmungs- und Beobachtungsstandpunk- 
ten aus auf f assen zu sollen. Man meinte, es sei moglich, mit 
solchen Mafistaben an die Bibel heranzutreten. Man hatte 
noch nicht die Forschungsergebnisse der anthroposophi- 
schen Geisteswissenschaft. 

Es soli jetzt an einzelnen Beispielen gezeigt werden, was 
eben gesagt worden ist. Die Geisteswissenschaft zeigt uns, 
daft wir bei der Erforschung der irdischen Schopfung zu- 
nachst mit den Methoden der Geologie und so weiter nur 
bis zu einem gewissen Punkte kommen, und dafi dann die 
Menschheitsentwickelung weiter zuriick ins Unbestimmte 
zu verlaufen scheint.Und warum?Niemals,soviel sie auch 
hoflFen mag, wird die sinnliche Wissenschaft den Menschen 
bis zum Ursprunge verfolgen konnen, aus dem Grunde, 
weil die sinnliche Wissenschaft nur das Sinnliche finden 
kann. Aber dem Sinnlichen im Menschen ist das Seelische 
und Geistige vorangegangen. Der Mensch war zuerst Seele 
und noch fruher Geist, und er ist dann heruntergestiegen 
in das Erdendasein. Nur insofern beim Heruntersteigen 
des Menschen in das Erdendasein das physische Leben be- 



teiligt ist, kann uns die Naturwissenschaft diesen Entwik- 
kelungsgang zeigen. Das seelische Leben konnen wir nicht 
mit den gewohnlichen Kraften der sinnlichen Beobachtung 
erforschen. Auch die Geologie kann uns keinen Leitf aden 
bieten. Sie bietet uns die Erforschung desjenigen, was zu- 
riickgeblieben ist an sinnlich wahrnehmbaren Materien. Sie 
kann also nur angeben, was man sehen wurde, wenn man 
einen Stuhl in das Weltall hatte hinaus setzen konnen und 
von dort alles gesehen hatte, was sich auf der Erde ent- 
wickelt hat. Darauf geht die Geisteswissenschaft nicht ein. 
Aber um den Menschen in urferner Vergangenheit als 
Geistwesen zu sehen, dazu mufi man die geistigen Augen 
und die geistigen Ohren entwickelt haben. Hat man diese 
nicht, dann verschwindet das Seelische und Geistige des 
Menschen dem Blick. Hat man aber die geistigen Augen, 
dann verschwindet das Sinnliche, und es ersteht das geistige 
Bild. Das kann man aber nicht in derselben Weise sehen 
wie das Sinnliche. Man mufi sich ganz andere Begriffe 
iiber das Erkennen aneignen, wenn man in solche Urzeiten 
zuriickgehen will. Was man da vom Menschen sich ent- 
wickeln sieht, als er erst Seele war, das zeigt sich nicht in 
sinnlichen gegenstandlichen Wahrnehmungen wie die au- 
fiere Sinneswelt sie bietet. Das zeigt sich uns in Bildern. 
Unser Bewufksein wird durch die Entwickelung der inne- 
ren Krafte der Seele das, was wir ein Bilderbewufitsein, 
ein imaginatives Bewufksein nennen. Es ist dann das Be- 
wufksein ausgefullt mit Bildern. Wir sehen in einem ande- 
ren Bewufitseinszustande das, was sich damals abgespielt 
hat, jetzt in Bildern. Bildhaft ist das, was so im Innern des 
Sehers vorgeht. 

Das Rudiment, das von der Sehergabe noch vorhanden 
ist, das ist derTraum. Der ist aber chaotisch. Das Sehen des 
ausgebildeten Sehers ist auch in solchen Bildern vorhanden, 



aber diese Bilder entsprechen der Wirklichkeit. Es ist ahn- 
lich dem, wie der physisch-sinnliche Mensch unterscheiden 
kann, ob seine Vorstellungen der Wirklichkeit entsprechen 
oder nur eine Phantasie sind. Wer bei dem Satze stehen- 
bleiben will: «Die Welt ist meine Vorstellung» und «Die 
auJSeren Dinge regen nur die Vorstellung an», dem mochte 
ich zu erwagen geben, er soli sich ein Stuck gliihendes 
Eisen in seine Nahe bringen lassen und fiihlen, wie es 
brennt. Er soil es dann wegnehmen lassen und fiihlen, ob 
die blofie Vorstellung auch noch so brennt. Es gibt eben 
etwas, was die blofie Vorstellung unterscheidet von der 
Wahrnehmung, die durch den aufieren Gegenstand ange- 
regt ist. Man darf daher nicht sagen, dafi der Seher nur in 
Phantasmen lebt. Er hat eben auf diesem Felde sich so 
entwickelt, daft er unterscheiden kann, was blofie Phanta- 
stik ist, oder was Bild ist fur die Wirklichkeit einer geistig- 
seelischen Welt. So werden die Bilder das Ausdrucksmittel 
fur eine geistig-seelische Welt. Blickt der Seher zuriick in 
Zeiten, bevor sich ihm sinnliche Gegenstande darstellen, 
so stellen sich ihm die wahren geistigen Wesenheiten und 
Begebenheiten den ubersinnlichen Wahrnehmungsorganen 
dar. Der Geistesforscher spricht nicht von Kraften, die 
Abstraktionen sind, sondern von wirklichen Wesenheiten. 
Fur ihn werden die geistigen Erscheinungen zu Wahrheiten 
und zu Wesenheiten, und fur ihn bevolkert sich die geistige 
Welt wieder mit geistigen Wesenheiten. 

Nun stellen Sie sich den Menschen vor in seiner vorzeit- 
lichen Entwickelung, als eine Wesenskraft eingegriffen hat 
in seine Evolution, in seine ganze Gestalt, dafi diese We- 
senskraft sich unterscheidet, ganz genau unterscheidet von 
anderen Wesenheiten, die noch friiher eingegriffen haben. 
Wir konnen das Geistig-Seelische des Menschen, das ja 
schon ubersinnlich ist, noch weiter zuruckverfolgen; wir 



konnen es in noch hohere Spharen zuriickverfolgen. Dann 
aber mufi der Geistesforscher — wenn er in diese noch ho- 
heren Spharen kommt, in denen noch hohere Wesenheiten 
leben — , wenn er von diesen Wesenheiten spricht, auch als 
von anderen Wesenheiten sprechen. 

Tritt nun der Geistesforscher an den Anfang der Bibel 
heran, da zeigt sich ihm, dafi mit wunderbarer Treue die 
Bilder gegeben sind, die uns das Seelisch-Geistige in der 
Entwickelung des Menschen darstellen, bevor er in das 
physische Leben herausgetreten ist. Der Geistesforscher 
kann, wenn er seine eigenen Imaginationen, die er in sei- 
nem Inneren hat, dann in den aufieren Dokumenten wie- 
der findet, sich sagen, dafi er diese als Wahrheit erkennt. 
Wenn er nun zuriickgeht in die Zeiten, wo der Mensch den 
noch hoheren Spharen angeschlossen war, da mufi er fur 
diese Grundwesen einen anderen Namen warden, und er 
findet, dafi die Kapitel, die dem vierten Vers des zweiten 
Kapitels vorangehen, tatsachlich einen anderen Gottes- 
namen haben. Genau mit den Ergebnissen der Geistesfor- 
schung stimmt es iiberein, dafi vom vierten Vers des zwei- 
ten Kapitels an fiir die Darstellung der Urwelten-Entwik- 
kelung ein neuer Gottesname auftritt. So sehen wir uns mit 
der Geistesforschung in derselben Lage, in der sich heute 
ein Kenner der Geometrie befindet. Er kann Geometrie aus 
sich finden, und dann weifi er das Werk des Euklid zu 
schatzen, der dasselbe gefunden hat. So sehen wir die Ent- 
wickelung in den wunderbaren Bildern des Alten Testa- 
mentes,und jetzt zeigt sich uns etwas hochst Merkwiirdiges. 
Licht und hell wird es iiber dem Texte der -Bibel, wie es 
nicht hell und licht werden konnte bei den wissenschaft- 
lichen Kritikern. 

Ein Forscher sagte: Was die Elohim taten, das mull von 
einer anderen Seite herriihren, als das, was von Jahve 



kommt. Wenn man das im Ernste anwenden will, dann ist 
es sonderbar. Wir wollen es einmal versuchen. Stellen wir 
uns diese Bibelstelle einmal vor: «Die Schlange war listiger 
als alle Tiere des Feldes, die Gott der Herr gemacht hatte, 
und sie sprach zu dem Weibe: Hat Gott euch nicht gesagt, 
<Ihr sollt von keinem Baume des Gartens essen!>». Wenn 
nun statt «Elohim» oder «Jahve» nur «Gott» steht, so ist 
das nicht richtig iibersetzt. Es ist sonderbar. Im Urtext 
heiftt es: «Die Schlange war listig . . die Jahve Gott ge- 
macht hatte. » Und da wo es heifk «Hat Gott euch nicht 
gesagt: <Ihr diirft von keinem Baume des Gartens essen>», 
da steht im Urtext nicht « Jahve» sondern da steht «die Elo- 
him». Nun fahrt das Weib fort und zwar immer so, dafi 
sie von «Gott» spricht. Und im achten Vers heifit es dann: 
«Und sie horten die Stimme Gottes, des Herrn.» Aber es 
heifit im Urtext: die Stimme des Jahve-Gottes. — Nun 
hatten wir die Geschichte von der Schlange so zusammen- 
gestellt, daft erklarlich wird, daft diejenigen, welche die 
Namen «Jahve» oder «Elohim» gebraucht haben, damit 
verschiedene Wesenheiten meinten. Das riihrt nach Mei- 
nung der Bibelkritiker von verschiedenen Traditionen her. 
Und von der Elohim -Tradition riihrt her die Stelle «Hat 
Gott euch nicht gesagt: <Ihr sollt von keinem Baume des 
Gartens essen!>». — Sie sehen, es wird wirklich aus Lappen 
die Bibel so zusammengesetzt, daft selbst mitten in den Sat- 
zen die verschiedenen Traditionen zusammengenommen 
sind. 

Gehen Sie mit geisteswissenschaftlicher Forschung an 
die Bibel heran, dann zeigt sich Ihnen, daft dies auch so 
dastehen mufi. Es ist die Rede von dem vierten Vers des 
zweiten Kapitels an, daft die Weltschopfung von den Elo- 
him an Jahve-Gott iibergeht. Er ist also diejenige Macht, 
die alies dasjenige zur Entwickelung bringt, was dann bis 



zum Siindenfall geschieht. Die Geisteswissenschaft zeigt 
Ihnen, dafi Jahve derjenige Gott ist, der in das Innere der 
Menschen hinein spricht dasjenige, was wir als das Ich ha- 
ben, das Ich-bin. Diese Wesenheit, die Ich-bin- Wesenheit ist 
es, die alles das bewirkt, was vom zweiten Kapitel, vierter 
Vers an gesagt wird. Diese Wesenheit, die jetzt eingreift, 
Jahve, ist eine Wesenheit, die einer fruheren Entwickelung 
angehort, aber abgef alien ist. . . [Liicke in der Nachschrift]. 
Daher ist die Rede von Jahve-Gott. Die Schlange aber 
weifi nichts von Jahve, sie mufi sich daher wenden an das, 
was von ihrem eigenen StofFe ist, bis zu dem Momente, wo 
das eintritt, was gerade durch Jahve eintreten mufi. Erst 
im achten Vers des dritten Kapitels tritt wieder der Name 
Jahve auf . 

So erwirbt man sich durch die Geistesforschung das Be- 
wufitsein, dafi die Bibel eine Urkunde ist, in der nichts, 
aber auch gar nichts blofi zufallig steht. Mag sich ein mo- 
derner Schriftsteller sagen: Warum sollte nicht einmal die- 
ser Gott einen anderen Namen annehmen? — Es gibt nicht 
diese stilistischen Formen der modernen Schriftsteller bei 
den alten Eingeweihten. Wo genau und exakt gesprochen 
werden soil, kann nicht in beliebiger stilistischer Form ge- 
redet werden. Was dasteht und was weggelassen ist, hat 
seine Bedeutung. Wenn der Name Jahve auf tritt, und wenn 
er weggelassen wird, so bedeutet das etwas hochst Wesent- 
liches. Aber man mufi den Grundsatz durchfuhren, dafi 
die Bibel hochst genau zu lesen ist. Lesen Sie die Bibel, 
wenn Sie sie haben! Lesen Sie das Sechs-Tage-Werk durch, 
und Sie werden flnden, wenn Sie nach dem ersten Vers des 
zweiten Kapitels fortlesen bis zum Sabbat, dafi dann 
kommt die Stelle «Zur Zeit, da Gott der Herr Erde und 
Himmel machte». Diese Verse rechnet man gewohnlich als 
eine Hindeutung auf das Vorhergehende, so wie wenn das 



Sieben-Tage-Werk erzahlt worden ware und nun noch ge- 
sagt wiirde: So ist es gemacht worden, das Sieben-Tage- 
Werk. — «Dies ist die Entstehung des Himmels und der 
Erde, als sie geschaffen wurden», und dann geht es weiter 
«zur Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte» 
(l.Mos. 2, 4). 

Wer hier den Urtext studiert, der kommt auf das Fol- 
gende: Der vierte Vers des zweiten Kapitels bezieht sich 
nicht auf das Vorhergehende, sondern auf das Nachfol- 
gende; geradeso wie sich spater — im Kapitel nach dem 
Sundenfall — «Dieses ist das Geschlecht des Adam» (1. 
Mos. 5, 1) auf das Nachfolgende bezieht, auf das Hinter- 
her, auf die folgende Generation, auf dasjenige, was aus 
Adam entstanden ist. Das wird in derselben Weise gesagt 
wie: Was da folgt, «das sind die Geschlechter des Himmels 
und der Erde» (1. Mos. 2, 4). Im Hebraischen steht auch 
dasselbe Wort dafiir. Wer genau liest, der weifl, dafi von 
den Worten an «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde» 
bis zum dritten Vers des zweiten Kapitels die geistige Welt 
geschildert wird, wie sie geschaffen ist. Dann wird vom 
vierten Verse des zweiten Kapitels an gesagt: Das, was 
Nachkomme ist von Himmel und Erde, wird im Folgen- 
den geschildert. Es ist der wunderbarste tJbergang, wenn 
man die Sache versteht, von dem Sechs-Tage-Werke zu 
dem Folgenden. Wer sich auf diese Dinge einlafit, fin- 
det, da£ es vielleicht kein so gut kombiniertes Buch gibt 
wie die Bibel, namentlich die altesten Teile derselben. 
Der Glaube, dafi man ohne geistige Forschung an die 
Bibel herantreten diirfe, dafi man mit aufieren Urkunden 
an sie herantreten konne, das hat dieses in sich so voll- 
kommene und harmonische Werk aufgelost, so dafi es 
aus lauter Lappen und Fragmenten zusammengesetzt er- 
scheint. 



Man mufi auch den Grundsatz, genau zu lesen, und den 
Grundsatz, die Bibel zu haben, noch weiterverfolgen. Man 
hat die Bibel nicht, wenn man nur den Wortlaut hat, der 
das einzelne, worauf es ankommt, nur andeutet. Man mufi 
den Grundsatz haben, auf die Bibel einzugehen. Es wird 
uns am vierten Tage des Sechs-Tage-Werkes erzahlt, wie 
Sonne und Mond entstehen, wie Sonne und Mond Tag 
und Nacht bedingen (l.Mos. 1, 14—18). Schon vorher aber 
wird in der Bibel von Tag und Nacht gesprochen (1. Mos. 
1, 5). Man kann daraus die Folgerung ziehen: Tag und 
Nacht, die von Sonne und Mond abhangen (l.Mos. 1, 
14—18), konnen nicht gemeint sein mit dem Tag und der 
Nacht, die nicht von der Sonne und dem Monde abhangen 
(1. Mos. 1, 5). Hier kann man einen handgreif lichen Hin- 
weis darauf sehen, wo die Bibel von dem sinnlichen Son- 
nentag und der sinnlichen Sonnennacht spricht. Diese ent- 
stehen durch das, was wir Umdrehung der Erde um die 
Sonne nennen. Wir konnen aber sehen, wo die Bibel von 
diesem sinnlichen Tag hinausweist in das, was im Ober- 
sinnlichen, im Geistigen ist, wo sie es erhoht und erweitert 
in das Geistige hinein. 

Diejenigen, welche die Bibel geistig erforschen konnten, 
waren immer in der Lage, dafi sie sich sagten: Wenn einer 
die Sehergabe, die Gabe des hoheren Schauens hat und den 
Sinn der Bibel in der Wirklichkeit finden kann, dann ist es 
selbstverstandlich, dafi dieser Sinn der Bibel auch aus der 
Sehergabe heraus erflossen ist. Wenn wir dadurch, daft 
sich die Seele in eine andere Geistesstimmung versetzt, hin- 
einblicken konnen in das, was uns in den gewaltigen Bil- 
dern der Bibel gegeben ist, dann wissen wir, dafi der, wel- 
cher sie geschrieben hat, auch unter der Inspiration der gei- 
stigen Welt gestanden haben mufi. Wir diirf en wohl sagen : 
Es beginnt die Zeit, wo immer mehr begriffen werden 



sollte, dafi es viererlei Stufen gibt, wie man heute die Bibel 
betrachten kann. 

Die erste Stufe ist die des naiven Glaubens. Sie nimmt 
die Bibel in unbeirrter Sicherheit und ahnt nichts von dem, 
was heute als Einwendungen gegen die Bibel angefiihrt 
worden ist. 

Die zweite Stufe: Das sind die gescheiten Leute, die 
Bibelkritiker, welche entweder durch das Erforschen inne- 
rer Widerspriiche oder durch den naturwissenschaftlichen 
Standpunkt finden, dafl die Bibel das primitive Sagen- und 
Legendenwerk einer noch nicht forschenden Menschheit 
war. Sie sind hinaus iiber die Bibel, sie brauchen sie nicht 
mehr, sie greifen sie von den verschiedensten Richtungen 
an und sagen: Sie ist gut gewesen fiir die kindliche Mensch- 
heit. Jetzt aber wachst die Menschheit iiber die Bibel hin- 
aus. — Das sind die Gescheiten, die Freidenker. 

Dann gibt es eine weitere Stufe: Der Mensch wachst iiber 
diese Gescheitheit hinaus. Die Menschen dieser Stufe sind 
zwar auch Freidenker, aber sie sind iiber diesen zweiten 
Standpunkt, den der gescheiten Leute hinausgewachsen; 
sie sehen in den Erzahlungen der Bibel — des Alten und des 
Neuen Testamentes — wenigstens symbolische und mythi- 
sche Einkleidungen von inneren Seelenerlebnissen. Sie 
sehen das, was in abstrakter Weise die menschliche Seele 
sich vorstellt, in der Bibel in Sinnbildern dargestellt. Dazu 
sind manche Freidenker gezwungen worden. Sie haben den 
Standpunkt des freidenkerischen Menschen in den Stand- 
punkt des mythischen Symbolikers, des mythischen Dar- 
stellers verwandeln miissen. 

Dann gibt es einen vierten Standpunkt. Das ist der, wel- 
cher Ihnen heute als derjenige der Geisteswissenschaft cha- 
rakterisiert worden ist. Obermorgen werden wir ihn wei- 
terverfolgen, diesen geisteswissenschaftlichen Standpunkt. 



Er zeigt wieder die geistigen Tatsachen in einfachen Be- 
schreibungen, allerdings so, wie man diese geistigen Tat- 
sachen in den Imaginationen sehen kann. Es sind die Tat- 
sachen, die in der Bibel beschrieben sind. Wer den naiven 
Standpunkt verlassen mufite und als Forscher zum geschei- 
ten Menschen, vielleicht zum Symboliker geworden ist, der 
kann dann kommen zu dem Standpunkte, auf dem der 
Geistesforscher steht, und er kann dann fahig werden, die 
Bibel wieder wortlich zu nehmen, in einem neuen Sinne 
wortlich zu nehmen, namlich, die Worte wirklich zu ver- 
stehen. 

Wahrend Jahrhunderten hat man eigentlich nicht die 
Bibel kritisiert. Die Bibelkritiker haben ihr eigenes Phan- 
tasiegeschopf bekampft, das, was sie aus der Bibel gemacht 
haben. So sind heute noch die Kampfer gegen die Bibel; 
sie kampfen gegen ihr eigenes Phantasiegeschopf, gegen 
das, was sie davon zu verstehen glauben; die Bibel treflFen 
sie gar nicht. Wortlich also kann die Bibel wieder genom- 
men werden, nur mufi man das Wort richtig verstehen. 

Es ist heute eine gewisse Stromung da, die gegen ein 
solches Wort den Ausspruch geltend macht: Nicht der 
Buchstabe, der Geist mufi entscheiden. «Der Buchstabe 
totet, der Geist macht lebendig», und du benennst ihn aus 
gewissen Beziehungen der Buchstaben. 

Ich wollte, wir konnten so bald als moglich den echten 
Bibelbuchstaben der Welt wieder bringen. Die Welt wiirde 
erstaunen dariiber, was der Urtext enthalt. Wie etwas ganz 
Neues wird er der Menschheit vorkommen. Mit dem Aus- 
spruche: Der Buchstabe totet, der Geist macht lebendig — , 
darf man nicht so hausieren gehen. Es ist gewohnlich der 
Herren eigener Geist, in dem die Buchstaben sich bespie- 
geln. So ist es besonders beim Symboliker. Ist er trivial, so 
legt er Triviales in die Symbole; ist er geistreich, so legt er 



Geistreiches in die Symbole hinein. Es ist mit diesem Wort 
wie mit dem Ausspruche von Goethe: 

Und solang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und Werde! 
Bist du nur ein triiber Gast 
Auf der dunklen Erde. 

Dieses Wort deutet uns an, wie der Mensch hinauskom- 
men soli iiber die sinnlicheAnschauung,iiberhaupt liber die 
gewohnliche Natur. Wer dieses Wort als eine Anweisung 
dazu nehmen wiirde, daft er sich sagt, das Physische habe 
keinen Wert, der hat iibersehen, daft der Geist nach und 
nach sich aus dem Physischen herausentwickelt. So ist es 
auch mit dem Buchstaben und dem Geist. Erst muft man 
den Buchstaben haben, dann ihn entratseln konnen, und 
dann wird man finden, welches der Geist ist. Gewift, der 
Buchstabe totet, aber er erschafft in seinem Tode den Geist, 
und es entspricht dieser Ausspruch dem anderen: Wer das 
nicht hat, dieses Stirb und Werde, der bleibt nur ein triiber 
Gast auf der dunklen Erde. 

Nur in denPrinzipien konnte ichSie heute auf dieKritik 
der Bibel aufmerksam machen und auf die Gesichtspunkte, 
welche die Geisteswissenschaft gegeniiber der Bibel einneh- 
men wird. Aus den wenigen Andeutungen, die heute gefal- 
len sind, wird man wenigstens erahnen konnen, daft durch 
die Arbeit der Geisteswissenschaft sich wird vollziehen 
konnen etwas wie eine Wiedereroberung der Bibel. Weis- 
heit soli die Geisteswissenschaft finden, unabhangig von 
der Bibel. Aber sie erkennt,was in diese Bibel hineingeflos- 
sen ist und was viele heute gegeniiber der Bibel erleben. 
Einiges hat die Menschen erbauen konnen, aber das meiste 
hat fur sie keinen Sinn mehr. Erst durch die Geisteswissen- 



schaft kommen die Menschen dazu zu verstehen, was mit 
diesem und jenem in der Bibel gesagt wird. Dann stehen 
da aber noch aridere Stellen, die recht anfechtbar zu sein 
scheinen, und man kommt zu dem Standpunkte, zu sagen: 
Es sind in der Bibel Stellen enthalten, die tiefe geistige 
Wahrheiten enthalten, aber es ist manches hineingeflossen, 
was als etwas Unorganisches hineingegliedert worden ist. 
— Geht man nun weiter, macht man wieder eine Entdek- 
kung, und man findet, dafi es an einem selbst gelegen hat, 
namlich daran, dafi man nicht weit genug war, die Sache 
zu verstehen. Und man gelangt dahin, sich zu sagen: Wo 
man friiher geglaubt hat, der Sinn der Bibel scheine gegen- 
iiber der Wissenschaft nicht haltbar zu sein, da sieht man 
jetzt ein: das eine verstehst du, dafi du die Bibel mit Ver- 
trauen und mit Verehrung betrachten mufit; das andere 
verstehst du eben noch nicht. Aber es wird die Zeit kom- 
men, daft du es verstehen wirst, und du wirst den Stand- 
punkt finden, wo du selbst hineinschauen kannst. 

Die Geisteswissenschaft wird zur richtigen Schatzung 
der Bibel fuhren. Vom geisteswissenschaftlichen Stand- 
punkte aus ist heute iiber den Beginn der Bibel, iiber die 
Schopfung gesprochen worden. Die Bibelforschung hat 
eine Krisis durchzumachen. Die Forschungen der Geistes- 
wissenschaft werden ihr entgegenkommen, und in neuer 
Gestalt wird in der Zukunft das alte Licht der Bibel der 
Menschheit wieder ieuchten. 



BIBEL UND WEISHEIT 
II 

Berlin, 14. November 1908 

Dafi die Geisteswissenschaft in der Lage ist, die tieferen 
Weisheiten und Wahrheiten der biblischen Urkunden zu er- 
forschen und dadurch die Moglichkeit hat, erst im richtigen 
Sinne wiederum dasjenige zu lesen, was in dieser Urkunde 
steht, das sollte im vorgestrigen Vortrage mit einigen Stri- 
cken angedeutet werden. Und mit einigen groben Strichen 
sollte gezeigt werden, wie gegeniiber demAltenTestamente 
ein solches richtiges Eindringen in den tieferen Sinn der 
Bibel in einer ganz unerwarteten Art moglich ist und viele 
Menschen zu einer Wiedereroberung dieser Urkunde fur die 
Menschheit fiihren kann. Dasjenige, was in diesem letzten 
Vortrage gesagt werden konnte iiber die Stellung unserer 
neuerenZeit, ihre Forschung, ihreKritik, ihre Weltanschau- 
ung gegeniiber dem Alten Testament, das kann in einer 
ebensolchen Weise gesagt werden in bezug auf das Neue 
Testament. Audi hier sind wir wieder in der Lage, darauf 
hinzuweisen, wie im siebzehnten, achtzehnten Jahrhundert 
eineKritik einsetzte,welche das Evangelium, also wiederum 
eine Urkunde, die durch Jahrhunderte hindurch fiir unzah- 
lige Menschen eine so gewaltige Bedeutung hat, zerfasert, 
zergliedert, sozusagen in Stiicke zerschnitzelt und an der 
Wurzel die Autoritat angreift Es miifite eine lange Ge- 
schichte erzahlt werden, wenn aufmerksam gemacht werden 
sollte auf diese Bibelkritik des Neuen Testamentes im ein- 
zelnen. Wie konnte es audi anders kommen, da seit jener 
Zeit, nach der Erfindung der Buchdruckerkunst, die Bibel 
in alle Hande gekommen ist, und als gleich damit das mate- 



rialistisdie Denken uberhand nahm! Wie konnte es anders 
kommen, als dafi immer deutlidier und deutlidier den Men- 
schen vor die Seele trat, dafi sich Widerspriiche in den 
Evangelien finden? 

Man braucht nur, wenn man sich rein an den aufieren 
Buchstaben der Sache halt, zum Beispiel das erste Evange- 
lium, also das Matthaus-Evangelium mit dem Lukas-Evan- 
gelium zusammenzuhalten, man braucht nur in diesen bei- 
den Evangelien dieGeschlechterfolge zuvergleichen, welche 
angegeben wird, um die Abstammung des Jesus von Naza- 
reth anzugeben, und man wird finden, dafi schon in den 
ersten Kapiteln das erste und das dritte Evangelium sich 
widersprechen. Nicht nur, dafi die Ahnenglieder anders 
angegeben werden bei Lukas als bei Matthaus; auch die 
Namen stimmen nicht iiberein. Und wenn man von da aus- 
gehend die einzelnen Tatsachen in bezug auf das Leben des 
Jesus von Nazareth vergleicht, kann man iiberall Wider- 
spriiche finden. Insbesondere tritt den Menschen vor Augen, 
wie krafi sich die drei ersten Evangelisten, die Schreiber des 
Matthaus-, Markus-,Lukas-Evangeliums auf der einenSeite 
und der Schreiber des vierten, des sogenannten Johannes- 
Evangeliums, auf der anderen Seite, widersprechen. Die 
Folge davon war, dafi man versuchte, wenigstens das Uber- 
einstimmen der drei ersten Evangelien in einer gewissen 
Weise herzustellen, und man glaubte zu finden, dafi diese 
drei ersten Evangelisten, wenn sie auch in vielen Einzel- 
heiten voneinander abweichen, doch in gewisser Weise darin 
iibereinstimmen, dafi sie ein Bild des Jesus von Nazareth 
geben, das ansprechend ist fur die ganze Auffassung und 
fur alle Denkgewohnheiten einer neueren Zeit, wenigstens 
fur viele Personlichkeiten dieser unserer neueren Zeit. 

Dagegen war es seit langem in bezug auf den vierten 
Evangelisten vielen klar, dafi da von einem historischen 



Dokumente gar nicht die Rede sein konne. Nicht nur, dafi 
der Schreiber des Johannes-Evangeliums, nachdem er ganz 
und gar die Tatsachen anders gruppiert bringt, vor alien 
Dingen in bezug auf das Erzahlen der Wunder, die er in 
ganz anderer Art und Weise schildert; es zeigt sich auch, 
daft die ganze Stellung des Schreibers des Johannes-Evan- 
geliums zu dem Mittelpunkte der ganzen Weltgeschichte 
eine andere ist. Das ist ein Glaube, der sich immer mehr 
und mehr herausgebildet hat. Und wenn wir - wir konnen 
auf die Einzelheiten nicht eingehen - wieder auf den Sinn 
dieser Forschung hinsteuern wollen, so ist es etwa dieser, 
daft gesagt wird, die drei ersten Evangelien konnten, wenn 
man sie als Schilderungen aus der Glanzzeit betrachtet, 
das Bild geben der Personlichkeit des ganz iiberragenden 
Jesus von Nazareth, des Griinders und Stifters des Evan- 
geliums. Das vierte Evangelium sei eine Bekenntnisschrift, 
eine Art Hymnus auf dasjenige, was der Schreiber in 
bezug auf seinen Glauben im Verhaltnis zu dem gekreuzig- 
ten Jesus darstellen wollte, und wodurch er nicht eine 
Geschichte geben wollte, sondern eine Lehrschrift zu geben 
gedachte. 

Insbesondere im neunzehnten Jahrhundert hat sich diese 
Anschauung durch die sogenannte Tubinger Schule, die 
unter der Fiihrerschaft des wirklich groEen Bibelgelehrten, 
des genialen Kopf es Christian Baur stand, immer mehr ein- 
gelebt in die Gemiiter zahlreicher Personlichkeiten. Baurs 
Anschauung ist etwa diese: Das Johannes-Evangelium sei 
spat, sehr spat geschrieben worden, wogegen die anderen 
Evangelisten friiher geschrieben haben, noch nach gewissen 
Berkhten derjenigen, die vielleicht das eine oder andere 
selbst angesehen haben oder es erfahren haben von Personen, 
welche die Geschichte in Palastina miterlebt haben. Das 
Johannes-Evangelium aber sei erst im zweiten Jahrhundert 



entstanden. Nicht aus der Urgeschichte heraus, sondern be- 
einflufit durch die griechische Philosophie, beeinflufit durch 
das, was in den christlichen Gemeinden schon aufgetreten 
war, sei geschrieben worden, so dafi Johannes, durch das 
beeinflufit, ein Bild des Christus Jesus entworfen habe, das 
die Menschen so erbauen, so erheben hat konnen, dafi es in 
gewisser Weise lyrisch ist, das unterrichtet iiber die Art und 
Weise, wie man bis ins zweite Jahrhundert hinein begon- 
nen hat, christlich zu denken, zu fuhlen und z
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