Esoterische Unterweisungen für die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924. Band I

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 



VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE 
UND AUS DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN SCHULE 

Esoterische Unterweisungen 
fur die erste Klasse der Freien Hochschule 
fur Geisteswissenschaft 

Erster Band 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: Oa 



Ubersicht iiber die Klassenstunden in vier Banden 



ERSTER UND ZWEITER BAND 

Neunzehn Stunden, 
gehalten in Dornach zwischen dem 15. Februar und 2. August 1924 

Erster Band: Erste bis neunte Stunde 
Zweiter Band: Zehnte bis neunzehnte Stunde 



DRITTER BAND 

Sieben Wiederholungsstunden, 
gehalten in Dornach zwischen dem 6. und 20. September 1924 
Vier Einzelstunden, 
gehalten in Prag am 3. und 5. April, in Bern am 17. April, 
in London am 27. August 1924 



VIERTER BAND 

Tafelband mit den Wiedergaben der Original-Wandtafeln und der 
Handschriften Rudolf Steiners 



Bibliographie-Nr. 270/1 - IV 



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INH ALT 



Zu den Veroffentlichungen aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner VII 

Vorbemerkungen: Zur Veroffentlichung der Inhalte der ersten Klasse 

der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft am Goetheanum IX 

Erste bis neunte Stunde 

erste stunde, Dornach, 15. Februar 1924 1 

zweite stunde, Dornach, 22. Februar 1924 21 

dritte stunde, Dornach, 29. Februar 1924 41 

vierte stunde, Dornach, 7. Marz 1924 63 

funfte stunde, Dornach, 14. Marz 1924 83 

sechste stunde, Dornach, 21. Marz 1924 103 

siebente stunde, Dornach, 11. April 1924 127 

achte stunde, Dornach, Karfreitag, 18. April 1924 145 

neunte stunde, Dornach, 22. April 1924 167 

Die Mantramtexte der ersten bis neunten Stunde 184 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe, mit Faksimile zweier Briefe von Dr. Ita Wegman 

an die Stenographin Helene Finckh 195 

Hinweise zu den Texten der ersten bis neunten Stunde 203 



Hinweise zu den Mantramtexten am SchluB des vierten Bandes 

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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite 



ZU DEN VEROFFENTLICHUNGEN 
AUS DEM VORTRAGSWERK VON RUDOLF STEINER 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich in die drei groBen 
Abteilungen: Schriften - Vortrage - kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht Seite 220/221). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir Mitglieder der Theosophischen, 
spater Anthroposophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wurden, da sie von 
ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horermitschriften angefertigt und verbreitet wurden, 
sah er sich veranlaBt, das Mitschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er seine engste 
Mitarbeiterin und Mitbegriinderin der anthroposophischen Bewegung, Marie Steiner-von Sivers 
(1867-1948, seit 1914 Marie Steiner). Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die notwendige Durchsicht der Texte fiir die von den 
Mitgliedern gewiinschte Herausgabe, die von Rudolf Steiner selbst aus Zeitmangel nicht vorge- 
nommen werden konnte. 

Uber das Verhaltnis der sogenannten Mitgliedervortrage, welche zunachst nur den Mitglie- 
dern als Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu den allgemein veroffentlichten Schriften auBert 
Rudolf Steiner in seiner Autobiographic «Mein Lebensgang» (Kap. 35, 1925): 

«Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fiir das Hinstellen der Anthroposophie vor 
das BewuBtsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, der muB das an Hand der allgemein 
veroffentlichten Schriften tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an 
Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in <geistigem Schauem 
immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht 
in unvollkommener Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die <Anthroposophie> aufzubauen und dabei nur dem zu dienen, 
was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von 
heute zu iibergeben hat, trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus 
der Mitgliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. (...) 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten wurden, kam dazu noch 
ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen 
aus Anthroposophie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen 
auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vortrage war eine solche, 
wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fiir die Offentlichkeit bestimmt waren. 



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Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die ich fiir die offentliche 
Darstellung, wenn sie fiir sie von Anfang an bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten 
miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in der Tat etwas vor, 
das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. Die ganz offentlichen Schriften sind das 
Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die 
Gesellschaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in 
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem MaBe etwas gesagt, was nicht reinstes Ergebnis der 
sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vor- 
empfindungen der Mitgliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann 
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb konnte 
ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu drangend wurden, von der 
Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. 
Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings nur demjenigen 
zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und 
das ist fiir die allermeisten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, 
was als <anthroposophische Geschichte> in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.» 



Diese Urteilsvoraussetzung muB in erhohtem MaBe geltend gemacht werden fiir die in den 
vorliegenden vier Banden veroffentlichten Mitschriften der im Jahre 1924 fiir die erste Klasse 
der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft am Goetheanum gegebenen esoterischen Unter- 
weisungen. Sie bilden einen Bestandteil der Rudolf Steiner Gesamtausgabe in der Reihe «Zur 
Geschichte und aus den Inhalten der Esoterischen Schule». Die in dieser Reihe bereits erschiene- 
nen Bande sind in der Ubersicht auf Seite 219 aufgefiihrt. 

Zu der besonderen Stellung dieser Texte innerhalb der Gesamtausgabe siehe die folgenden 
Vorbemerkungen der Herausgeber. 



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VORBEMERKUNGEN 



Zur Veroffentlichung der Inhalte der ersten Klasse 
der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft 



Bei der Neubegriindung der Anthroposophischen Gesellschaft zu Weihnachten 1923/24 als 
Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft wurde von Rudolf Steiner auch seine von 1904 bis 
1914 in drei Klassen gefiihrte Esoterische Schule neu konstituiert als Freie Hochschule fiir 
Geisteswissenschaft und erweitert um kiinstlerische und wissenschaftliche Sektionen. Bedingt 
durch seine Erkrankung im Herbst 1924 und seinen Tod am 30. Marz 1925, konnte er jedoch 
nur noch mit der Einrichtung der ersten Klasse und der Sektionen beginnen. Der Schritt 
von der Esoterischen Schule zur Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft war allerdings ein 
auBerordentlicher. Die Esoterische Schule war von Blavatsky her geheim. Von ihrer Existenz 
wuBte nur, wer zur Teilnahme personlich aufgefordert worden war. Die Existenz der 
Hochschule dagegen stand in den offentlichen Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft. 

In diesem offentlich angekiindigten Rahmen hat Rudolf Steiner seit der Weihnachtstagung 
1923 gewirkt. Von den insgesamt 38 Klassenstunden, die er bis zu seiner Erkrankung halten 
konnte, sind von 29 Stunden stenographische Mitschriften vorhanden, die - mit alien Unterlagen 
genauestens gepriift - hiermit veroffentlicht werden, um ihre Authentizitat und ihren Zusammen- 
hang mit dem Gesamtwerk Rudolf Steiners fiir die Zukunft sicherzustellen, da mit dem Jahres- 
ende 1995 der allgemeine Autorenschutz fiir das Werk Rudolf Steiners ablauft. 

Rudolf Steiner wollte seinerzeit nicht, daB die Texte, die mit seinem Einverstandnis stenogra- 
phisch aufgenommen und auch auf seine Anordnung hin in Maschinenschrift iibertragen worden 
sind, zur personlichen Lektiire abgegeben wiirden. Denn zu den strengen Bedingungen der 
Schule - die er nicht als willkiirliche MaBnahmen, sondern aus deren Wesen heraus verstanden 
wissen wollte - gehorte auch, daB die Inhalte in miindlicher Form mitgeteilt wiirden. Einige 
seiner wesentlichsten AuBerungen iiber die Einrichtung und das innere Leben der ersten Klasse 
seien deshalb hier vorweggenommen. 

«Mit dieser Stunde mochte ich die Freie Hochschule als eine esoterische Institution wiederum 
zuriickgeben der Aufgabe, der sie drohte in den letzten Jahren entrissen zu werden. » (Erste 
Stunde Dornach, 15. Februar 1924) 

«Da [wenn man den Zugang zu dieser Schule sucht] handelt es sich darum, daB tatsachlich 
aus dem ganzen spirituellen Geiste, aus dem okkulten Geiste dieser Schule heraus derjenige, 



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der Mitglied dieser Schule wird, die Verpflichtung iibernimmt, ein wiirdiger Reprasentant 
der anthroposophischen Sache vor der ganzen Welt mit allem seinem Denken, Fiihlen und 
Wollen zu sein. Nicht anders kann man Mitglied dieser Schule sein. Entscheidung dariiber, ob 
man ein wiirdiges Mitglied dieser Schule ist, kann einzig und allein der Leitung dieser Schule 
zustehen. Aber die Leitung dieser Schule muB ernst nehmen diejenigen Pflichten, die sie auf 
sich nimmt. Verantwortlich ist die Leitung dieser Schule nur den geistigen Machten, der 
Michael-Macht selber gegeniiber fiir dasjenige, was sie tut. Aber sie muB ernst nehmen nament- 
lich diesen Punkt, daB derjenige, der zur Schule gehort, ein wiirdiger Reprasentant der anthro- 
posophischen Sache vor der Welt sein muB.» (Erste Wiederholungsstunde Dornach, 6. Sep- 
tember 1924) 

«Wir sollen bis zu dem Worte, das wir sprechen, uns verantwortlich fiihlen, sollen uns vor 
alien Dingen verantwortlich dafiir fiihlen, daB einjegliches Wort, das wir sagen, im allerernstesten 
Sinne so weit von uns gepriift wird, daB wir es als Wahrheit vertreten konnen. Denn nicht- 
wahre Aussagen, auch wenn sie sozusagen aus gutem Willen hervorkommen, sind etwas, was 
innerhalb einer okkulten Bewegung zerstorend wirkt. Dariiber darf keine Tauschung sein, 
sondern dariiber muB volligste Klarheit herrschen. Nicht Absichten sind es, auf die es ankommt, 
denn die nimmt der Mensch oftmals sehr leicht, sondern objektive Wahrheit ist es, auf die es 
ankommt. Und zu den ersten Pflichten eines esoterischen Schiilers gehort es, daB er sich nicht 
bloB dazu verpflichtet fiihlt, dasjenige zu sagen, wovon er glaubt, daB es wahr ist, sondern daB 
er sich verpflichtet fiihlt, zu priifen, ob dasjenige, was er sagt, wirklich objektive Wahrheit ist. 
Denn nur wenn wir im Sinne der objektiven Wahrheit dienen den gottlich-geistigen Machten, 
deren Krafte durch diese Schule gehen, werden wir hindurchsteuern konnen durch all diejenigen 
Schwierigkeiten, die sich der Anthroposophie bieten werden. » (Siebente Stunde Dornach, 11. 
April 1924) 

«Es sollte im Grunde genommen sogar von uns vermieden werden, an eine solche Sache [die 
Inhalte der Schule] dann zu denken, wenn wir nicht zugleich die Stimmung dafiir aufbringen 
konnen. Wir sollten gerade eine solche Sache, wie die heute vorgebrachte, nur dann denken, 
wenn wir wirklich im Innern der Seele diese Stimmung aufbringen konnen, die einfach darinnen 
liegt, daB empfunden wird, wie das Majestatische aus Weltenweiten, kosmischen Fernen, wie 
mit einem Weltendonner zu uns dringt; daB in sanfter, mahnender Stimme dazwischen tont, 
was vom Hiiter der Schwelle kommt; und daB dann in eindringlicher Weise zu unserer Seele 
spricht der eine der Hierarchen selber. 

Wir sollten nur dann, wenn wir uns immer auch an dieses erinnern, und wenn wir aufbringen 
die Gefiihle, die mit dieser Erinnerung an dieses zusammenhangen, wir sollten eigentlich auch 
nur an diese Mantren denken, uns innerlich mit diesen Mantren in Verbindung setzen, damit 



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wir sie auch innerlich nicht entweihen, dadurch in ihrer Kraft entweihen, daB wir sie mit dem 
gewohnlichen, trockenen, philistrosen Denken denken, mit dem wir sie ja denken, wenn wir 
uns nicht erst in die entsprechende Seelenstimmung versetzen. 

Und wir sollten daraus, daB das so ist, auch die innere Seelenstimmung bekommen, um zu 
fiihlen, daB Selbsterkenntnis des Menschen etwas Feierliches, Ernstes, Heiliges ist, und daB 
eigentlich diese Dinge nur so von der Seele innerlich auch gesprochen werden sollten - geschweige 
denn auBerlich -, daB sie empfunden werden als Ernstes, Feierliches, Weihevolles. 

Ein groBes Hindernis, weiterzukommen auf einem esoterischen Wege, ist eben dieses, daB 
so vielfach im Cliquenwesen von diesen Dingen gesprochen wird, wenn nicht diese ernste, 
feierliche, weihevolle Stimmung zugleich entwickelt wird, sondern sogar mit einem Anflug von 
Eitelkeit diese Dinge beschwatzt werden. Man denkt dabei nicht, wie im esoterischen Leben 
alles darauf beruht, daB Wahrheit, richtige voile Wahrheit herrsche. Der kann iiberhaupt im 
esoterischen Leben nichts machen, der nicht diese Erkenntnis hat, daB im esoterischen Leben 
Wahrheit, voile Wahrheit herrschen muB, daB man also nicht kann von der Wahrheit bloB 
sprechen und dann dennoch die Dinge nur so auffassen, wie man sie im auBerlichen Profanleben 
auffaBt. Das tut man, wenn man die Sache zum Gegenstande des gewohnlichen Geschwatzes 
macht.» (Zwolfte Stunde Dornach, 11. Mai 1924) 

Mit Artikel 7 der Statuten der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft von Weihnach- 
ten 1923 hatte Rudolf Steiner sich vorbehalten, seinen eventuellen Nachfolger zu bestimmen.* 
Das ist jedoch nicht ausdriicklich erfolgt. Nach seinem Tode wurde versucht, die gegebenen 
Inhalte der ersten Klasse gemaB seinen Intentionen weiterzupflegen. Es konnte jedoch nicht 
verhindert werden, daB die Texte iiber die Grenzen derjenigen hinausgedrungen sind, fiir die 
sie urspriinglich bestimmt waren. Daher hat Frau Marie Steiner, der - als der testamentarischen 
Erbin von Rudolf Steiners NachlaB - im Falle einer notwendig werdenden Veroffentlichung 
die Verantwortung fiir die Herausgabe zugefallen ware, ganz besonders in ihren letzten Lebens- 
jahren mit dem Problem gerungen, wie diese Aufgabe sachgemaB fiir die Zukunft gelost werden 
konne. Einige ihrer wesentlichen AuBerungen dazu sind die nachfolgenden. 

«Wie retten wir nun das uns anvertraute Gut? Nicht, indem wir es vergraben und nur den 
Feinden die Gelegenheit geben, das damit zu tun, was sie tun wollen, sondern indem wir, 
vertrauend auf die guten geistigen Machte, der neuen Generation die Moglichkeit geben, Anre- 
gungen in ihrer Seele zu empfangen, die das darin schlummernde geistige Licht aufleuchten 



* «Die Einrichtung der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft obliegt zunachst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter 
und seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat.» 



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lassen; die weekend in ihren Seelen das aufrufen, was Schicksalsmachte in sie hineingelegt haben.» 
(Brief vom 4. Januar 1948) 

«Damals [im Jahre 1925, als einem prominenten Mitglied der ersten Klasse auf einer RuBland- 
reise die Mantren abgenommen worden waren] sprach Herr Steffen' ein Wort aus, das mir 
seither immer nachgegangen ist. Er sagte: Ich wiirde sie [die Texte der Klassenstunden] allgemein 
bekanntgeben. - Ich war damals sehr erschrocken, es fuhr mir etwas ins Herz, aber zugleich 
kam mir der Gedanke, vielleicht ist es der beste Schutz.» (Brief vom 4. Januar 1948) 

«Ich kann diese Arbeit [das Lesen der Klassenstunden] nur dann iibernehmen, wenn ich sie 
in Einklang bringe mit all dem, was ich in jahrzehntelanger Zusammenarbeit mit Dr. Steiner 
erhalten habe an Weisungen, an Belehrungen, an Einblicken in sein Inneres, an Willens- 
auBerungen ... er wehrte sich ganz energisch, daB diese Nachschriften irgend jemandem zum 
Lesen gegeben wiirden, und sei es auch den prominentesten Tragern der Arbeit im Ausland, 
wenn sie auf kurze Zeit nach Dornach kamen und in unserem Hause sie lesen wollten: <Sie 
existieren gar nicht> -, so driickte er sich ganz dezidiert aus. Mache ich mir klar, was diese 
Worte fiir mich bedeuten, so komme ich zu folgendem Ergebnis: Es lag in seiner Willensrichtung, 
daB diese Vortrage bloB vorgelesen wiirden.... Dies sagte er immer und immer wieder anlaBlich 
der esoterischen Stunden und dies ist auch in den Nachschriften der Klassenstunden fixiert: 
Man solle in der richtigen Stimmung an diese Dinge herantreten.» (Aus einer Niederschrift fiir 
einleitende Worte vor Beginn der Lesung von Klassenstunden in Notizbuch Nr. 20) 

«Wir sind verwiesen worden auf das <Erkenne dich selbst> in innerer Freiheit und unter 
eigener Verantwortung. Unserm hoheren Ich geloben wir, was uns als Pflichten gegeniiber der 
Schule erwachst. Der Leiter der Schule ist uns auf dem physischen Plane genommen. Um so 
kraftiger miissen wir streben, der geistigen Leitung wert zu sein, die er uns nicht entzogen hat, 
fiir die er uns Kraftlinien, Richtworte gegeben hat, die von seinem Leben erfiillt sind und 
lebenziindend in uns wirken konnen, wenn wir das entfalten, was er als die notwendige Seelenhal- 
tung, die Stimmung gegeniiber dem empfangenen Geisteswort bezeichnet ... Eine moralische 
Forderung ist also das erste, was wir zu erfiillen haben. Es ist die Forderung der Anthroposophie: 
Weisheit ist nur in der Wahrheit. Weisheit und Wahrheit miissen wir in Tatigkeit umsetzen. 
Dazu ist erforderlich ein strenges Arbeiten an unserer Charakterbildung. Rudolf Steiner hat 
durch sein ganzes Lebenswerk hindurch diese Forderung betont, aber er hat ihre Erfiillung 
unserer Freiheit anheimgestellt ...». (Aus Notizbuch Nr. 133) 



* Albert Steffen (1884-1963). Nach Rudolf Steiners Tod erster Vorsitzender der Allgemeinen Anthroposophischen 
Gesellschaft. 



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«Nun weiB ich wohl, daB man dies Weisheitsgut der Menschheit nicht vorenthalten kann, 
aber nicht genug kann gepriift und erwogen werden, wie wir es in der richtigen Weise verwalten. 
Und so ziehe ich in Erwagung den anderen Umstand, das, was er selbst als Richtlinie angab 
fur die Arbeit der Gruppe, die die mantrischen Spriiche miteinander durchleben wollten: diejeni- 
ge Personlichkeit, die die Mantren sprach, sollte sich erarbeiten dasjenige, was sie als Verbinden- 
des zu diesen Spriichen zu sagen hatte. Er wollte also eine Art selbstandiger Arbeit an den 
Spriichen, natiirlich auf Grund des erhaltenen Weisheitsgutes. Aber vor allem das Erleben der 
Spriiche selbst.» (Aus Notizbuch Nr. 20) 

Die vorstehenden Wortlaute sollen die wesentlichen Verpflichtungen hervorheben, die Rudolf 
Steiner demjenigen auferlegte, der das Geistesgut der ersten Klasse empfangen wollte: Ernsthafte 
Arbeit nach innen und groBe Verantwortung nach auBen, um «ein wiirdiger Reprasentant der 
anthroposophischen Sache vor der ganzen Welt mit allem seinem Denken, Fiihlen und Wollen 
zu sein». 



Wer diese Inhalte zur Kenntnis nimmt, wird sich bald und immer wieder erneut vor die 
ernste Frage gestellt sehen, ob es nicht ein Unrecht ist, daB sie iiberhaupt veroffentlicht werden. 
Hat doch Rudolf Steiner in den vorstehenden Wortlauten und an mancher anderen Stelle der 
Texte mit aller Dringlichkeit den Schiilern auseinandergesetzt, daB diese Schule nur in der 
Disziplin strenger innerer Geschlossenheit ihre Wirksamkeit entfalten konne. DaB sie ihre Kraft 
verliere, wenn die Inhalte zu Menschen gelangen, welche nicht rechtmaBige Schiiler der Schule 
seien. Wie also konnen diese Inhalte veroffentlicht werden? 

Die eben genannten Anweisungen sollten einen in strenger Disziplin nach auBen abgeschlosse- 
nen Kreis begriinden. Ein solcher hat zu Lebzeiten Rudolf Steiners auch wirklich existiert. Nach 
seinem Tode ist die Abgeschlossenheit aber schon friih verloren gegangen. Mantren und Texte 
sind in die unbefugtesten Hande gelangt. Es sind auch durch die Schiiler der Schule mit der 
Zeit vieltausendfach die Mantren von der Tafel abgeschrieben worden. Diese handschriftlichen 
Abschriften waren fiir den Eigengebrauch bestimmt. Beim Tode der Inhaber sind aber bei 
weitem nicht alle an die Schule zuriickgekommen. Viele sind heute in ganz uniiberschaubarer 
Weise iiber die Erde verstreut. 

Die gegenwartige Veroffentlichung in der Gesamtausgabe des Werkes Rudolf Steiners ist die 
Antwort auf diese Situation. Bald wird zudem auch der allgemeine autorrechtliche Schutz der 
von ihm stammenden Texte iiberall abgelaufen sein, und es kommt darauf an, daB alles von 
ihm Stammende als verbunden mit seinem Namen und seinem Gesamtwerk in der Welt stehe. 
Es darf nicht irgendwelchen Winkelpublikationen anheim gestellt bleiben. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270a Seite: 01 



So stellt die vorliegende Veroffentlichung ernste Fragen. Von diesen konnte und kann hier 
nur das Allerwenigste beriihrt werden. Auf zwei Fragen moge noch kurz eingegangen werden: 
Wenn in den vorliegenden Inhalten auch ganz eindeutig zum Ausdruck kommt, daB sie vor 
der Offentlichkeit streng zu schiitzen waren, so darf doch nicht vergessen werden, von wem 
diese MaBnahme ausging: Von demselben Rudolf Steiner, dessen Haupttat gerade in der Verof- 
fentlichung des friiher geheimgehaltenen Wissens, und zwar in einer bisher unerhorten Weise, 
gewesen ist. Diese Blickrichtung mag Verstandnis dafiir eroffnen, daB in einem spateren Zeit- 
punkt Dinge offentlich vorliegen, die im Anfange unmoglich offentlich haben sein konnen. 
Auch wenn infolge von Rudolf Steiners Tod es nicht als moglich erscheint, die Intentionen, die 
der ersten Klasse zugrunde lagen, noch zu verwirklichen, so geht es doch nicht an, zu denken, 
daB ob des Versagens Einzelner aus dieser Schule und ob der erlittenen auBeren Gewalt, welcher 
ihre Texte ausgesetzt gewesen sind, der Sinn des Ganzen null und nichtig geworden sei. Dagegen 
spricht auch die Erfahrung, welche in vielen ernsten Bemiihungen um die Fortsetzung der 
Arbeit mit den Inhalten der Schule gemacht worden ist. Diese Erfahrungen sind moglich gewor- 
den, obschon die urspriinglichen Bedingungen in ihrer Strenge nicht mehr erfiillt waren. 

In diesem Sinne versteht sich die vorliegende Veroffentlichung. Wegleitend kann heute das 
Wort sein, das Rudolf Steiner bei der offentlichen Freigabe seiner Vortrage, die nur fiir Mitglieder 
der Anthroposophischen Gesellschaft gedruckt waren, gesprochen hat: «Dieser Geist der Zeit 
vertragt nicht das auBere Geheimnis, wahrend er ganz gut vertragt das innere Geheimnis.» 
(Dornach, 28. Dez. 1923, in GA 260). Im Sinne dieses Wortes ist das auBere Geheimnis allmahlich 
dahingefallen. Umso bedeutsamer wird, was er das innere Geheimnis nennt. 



Seit Rudolf Steiners Tod wurde die Hochschularbeit, trotz mancher divergierender Auffassun- 
gen iiber die Hochschule an sich, weitergefiihrt. Diejenigen, die diese Arbeit seither pflegen, 
miissen sich sagen, daB mit der dargestellten neuen Situation auch die ganze Arbeit in der ersten 
Klasse der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft und in ihren verschiedenen Sektionen 
einen neuen Charakter bekommt. Die schon von Anfang an von Rudolf Steiner streng betonte 
Bedingung fiir die Aufnahme in die erste Klasse der Freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft, 
daB jedes Mitglied gewillt sein miisse, ein wiirdiger Reprasentant der anthroposophischen Sache 
vor der ganzen Welt zu sein, sowohl als einzelner Mitarbeiter wie in der Zusammenarbeit mit 
alien anderen Mitarbeitern dieser Hochschule, bekommt jetzt eine gesteigerte Bedeutung. Gerade 
im Geisteskampf der Gegenwart mit dem massivsten Materialismus auf der einen Seite und 
einer kaum iiberschaubaren Fiille von fragwiirdigsten okkulten Stromungen auf der anderen 
Seite ist eine noch bewuBtere Zusammenarbeit aller Mitglieder notwendig, um der Anthroposo- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: Om 



phie zur rechten Wirksamkeit zu verhelfen. Fur die Zukunft wird der bewuBte Wille, in diesem 
Sinne mitzutragen, in gesteigertem MaBe als Erfordernis fiir die Mitgliedschaft der ersten Klasse 
der Freien Hochschule gelten miissen. 

Wenn auch die Texte jetzt veroffentlicht sind, bleiben die geistigen Tatsachen, zu denen die 
Mantren fiihren, «inneres Geheimnis». Die Wege zu diesen wahren geistigen Tatsachen und 
Erfahrungen zu finden und sie fruchtbar zu machen fiir die Kulturwelt der Gegenwart, wird 
weiterhin das Ziel fiir die Arbeit der Mitglieder der ersten Klasse und der Sektionen der Freien 
Hochschule fiir Geisteswissenschaft bleiben. 

Dornach, Friihjahr 1992 



Fiir die 



Fiir die 



Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 



Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft 



Edwin Frobose Hella Wiesberger 
Dr. Gian-Andrea Baiaster 



Manfred Schmidt-Brabant Dr. Hagen Biesantz 
Jorgen Smit ( f) 



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Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: Oo 



Erste bis neunte Stunde 



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Zur Schriftbildgestaltung 



Normaldruck = 
Gesperrt Gedrucktes = 
Kursivdruck = 



Kleingedrucktes in 

[eckigen Klammem] 



fortlaufender Vortragstext 

laut Stenogramm stark betont Gesprochenes 

Anschriften auf der Wandtafel 



= Erlauterungen oder Erganzungen durch die Herausgeber 



Zu den Vortragstexten 

Der Text folgt grundsatzlich wortwortlich den Stenogrammen. Dabei ist zu beriicksich- 
tigen, daB der Duktus der in freier Rede, ohne Manuskript, gehaltenen Stunden, ganz 
und gar auf das Verstehen im Zuhdren zielte. (Siehe hierzu die Hinweise auf Seite 
196ff.: «Zu dieser Ausgabe».) 



Zum Wortlaut der Mantrams 

Als verbindlich gilt der Wortlaut der Tafelanschriften. Versehen beim Anschreiben, 
oder beim Sprechen manchmal vorgekommene geringfiigige Abweichungen, sind im 
fortlaufenden Text nicht berucksichtigt, sondern in den Hinweisen zu den Mantram- 
texten (in Band IV) nachgewiesen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: Oq 



ERSTE STUNDE 



Dornach, 15. Februar 1924 

eine lieben Freunde ! Mit dieser Stunde mochte ich die Freie Hochschule 
als eine esoterische Institution wiederum zuriickgeben der Aufgabe, der 
sie drohte in den letzten Jahren entrissen zu werden. Es wird heute in 
dieser einleitenden und begriindenden Stunde nicht die Aufgabe sein, iiber dasjenige 
zu sprechen, was den eben geauBerten Satz naher erlautert; aber ich mochte durch 
das Aussprechen dieses Satzes eben auf die Bedeutung dieser Stunde doch hingewie- 
sen haben, mochte namentlich darauf hingewiesen haben, daB der Ernst, der unserer 
ganzen Bewegung, die mit jedem Tage wirklich mehr gefahrdet und unterminiert 
wird, daB der Ernst, der unserer ganzen Bewegung eigen sein muB, daB dieser 
Ernst insbesondere in unserer Schule zum Ausdrucke kommen muB. Und es ist 
dies keine unnotige Bemerkung, weil ja keineswegs uberall zu bemerken war, daB 
man diesem Ernste nunmehr wirklich Rechnung tragen werde. 

Eine Art vorbereitender Einleitung soil heute gegeben werden, meine lieben 
Freunde. Und da mochte ich vor alien Dingen betonen, daB innerhalb dieser Schule 
das Geistesleben in seiner wahren Bedeutung genommen werden soil, so daB Sie 
wirklich in aller Tiefe berucksichtigen sollen, daB dasjenige, was mit dieser Schule 
begrundet ist, eine Institution darstellt, die aus dem Geiste heraus, aus dem unse- 
rer Zeit aus dem Geiste heraus sich offenbarenden Geistesleben gegeben werden 
kann. Es kann dieses Geistesleben auf alien Gebieten vertieft werden. Aber es muB 
ein Zentrum bestehen, von dem aus diese Vertiefung geschieht, und dieses Zentrum 
soil fur diejenigen, die dieser Schule als Mitglieder angehoren wollen, eben am 
Goetheanum in Dornach gesehen werden. 

Daher mochte ich heute - mit denjenigen Mitgliedern der Schule, fur die es uns 
bisher moglich war die Zertifikate auszustellen - diese Schule beginnen; beginnen 
zunachst so, daB Sie sich bewuBt werden: es wird innerhalb dieser Schule jedes 
Wort, das gesprochen wird, so gesprochen, daB ihm zugrunde liegt die voile 
Verantwortlichkeit gegenuber dem in unserem Zeitalter sich offenbarenden Geiste, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 1 



jenem Geiste, der sich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende der Menschheit 
offenbart, aber in jedem Zeitalter auf eine besondere Weise. Und dieser Geist, er 
will dasjenige dem Menschen geben, was der Mensch eben nur durch den Geist 
finden kann. 

Wir miissen uns vom Anfange an klar sein, daB es nicht eine Feindlichkeit 
gegeniiber all dem ist, was durch die Sinneswelt dem Menschen zukommt, wenn 
in einer Schule fur Geisteswissenschaft auf die Offenbarungen des Geistes hingese- 
hen wird. Wir miissen uns auch klar daniber sein, wie wir anerkennen - anerkennen 
in aller Tiefe -, anerkennen, daB die Welt der Sinne ihre groBen, fur das Leben so 
notwendigen Offenbarungen, notwendigen praktischen Winke dem Menschen gibt, 
miissen uns durch nichts veranlaBt fiihlen, dasjenige, was aus der Sinneswelt dem 
Menschen zukommt, irgendwie gering zu achten. 

Aber hier kommt es darauf an, die Geistesoffenbarung als solche in allem Ernste 
entgegenzunehmen. Da wird - das muB ich im voraus sagen - manches Vorurteil, 
mancher Eigensinn, mancher Eigenwille, der heute noch tief auch in den Mitglie- 
dern der Schule sitzt, noch fallen miissen. Und es wird erforscht werden miissen, 
wie man die Wege findet zu diesem seinem eigenen Eigensinn und Eigenwillen, 
die verhindern, richtig hinzuschauen auf dasjenige, was die Schule sein will. Denn 
mancher denkt heute noch nicht ernst genug iiber diese Schule. Und das muB 
allmahlich geschehen. Und es ist gar nicht anders moglich, als daB nach und nach 
in der Schule nur diejenigen sind, die sie wirklich in alien Einzelheiten ernst nehmen. 

Das fordert erstens die Sache selbst, und das fordert auf der anderen Seite der 
schwere Weg, den wir werden zu gehen haben den Widerstanden und der Untermi- 
nierung gegeniiber, die sich von alien Seiten mit jedem Tage mehr einstellen. Darauf 
achten auch die Mitglieder der Schule keineswegs schon in hinlanglich hohem 
Grade. Das alles, meine lieben Freunde, muB gebuhrend benicksichtigt werden. 

Es wird ja dasjenige, was zunachst uns in dieser Schule vor das Seelenauge tritt, 
naturlich in der Hauptsache bestehen in dem Empfangen dessen, was aus dem 
Geiste heraus gegeben werden kann. Es wird aber auch gerade von den Mitgliedern 
der Schule in entsprechenden Mitteilungen gefordert werden miissen, daB sie mitge- 
hen mit jenem schweren Wege, der gegeniiber Hemmnissen und Unterminierungen 
zu gehen sein wird. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 2 



Ich habe mich iiber diese ganze Sache ja ausgesprochen in unserem Mitteilungs- 
blatte «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht» und habe da genau 
unterschieden zwischen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und 
dieser Schule. Und es ist notwendig, daB dieser Unterschied mit aller Deutlichkeit 
von der Mitgliedschaft der Schule gefiihlt wird und daB auch im Sinne dieses 
Unterschiedes gelebt wird, so daB die Schule wirklich dazu kommen kann, nur 
diejenigen Personlichkeiten als ihre Mitglieder zu haben, die sich wirklich zu 
Reprasentanten der anthroposophischen Sache im Leben in alien Einzelheiten 
machen wollen. Ich spreche diese Satze heute paradigmatisch aus, um eben auf 
den Ernst der Sache hinzuweisen. 



* 



Dasjenige, was gewissermaBen wie eine erste eherne Tafel iiber unserer Schule 
stehen soil, das mochte ich zuallererst nunmehr vor Ihre Herzen, vor Ihre Seelen 
bringen. Es wird sich darum handeln, daB wir uns wirklich ganz identifizieren mit 
demjenigen, was, ergrundet aus dem Leben des Geistes heraus, innerhalb dieser 
Schule an unser Seelenohr und an unsere seelische Auffassung herankommt. Und 
so beginnen wir mit den Worten: 

Wo auf Erdengrunden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schaffend offenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfiihlende Wesen, willenskraftig, 
Sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 3 



Da betrittst du deines Eigenwesens 

Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 

Du erfragest im Dunkel der Weiten 

Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 

Fur dein Eigensein finstert der Tag 

Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 

Und du wendest seelensorgend dich 

An das Licht, das aus Finsternis sen kraftet. 

Ich will es noch einmal lesen: 

Wo auf Erdengrunden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schaffend offenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfuhlende Wesen, willenskraftig, 
Sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 

Da betrittst du deines Eigenwesens 

Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 

Du erfragest im Dunkel der Weiten 

Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 

Fur dein Eigensein finstert der Tag 

Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 

Und du wendest seelensorgend dich 

An das Licht, das aus Finsternis sen kraftet. 

Es soil uns dieses sagen, daB ja schon und herrlich und groB und erhaben die Welt 
ist und unendlicher Glanz der Offenbarungen aus allem an uns heranquillt, was 
als Lebendiges in Blatt und Blume quellt und was unserem Auge entgegensendet 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 4 



Farb' an Farbe aus dem sichtbaren Weltenall; es soil uns erinnern, daB alles dasjenige 
Gottliches offenbart, das aus Leblosem, aus Unlebendigem heraus im Erdenstoffe 
in tausend und abertausend kristallenen und unkristallenen Formen zu unseren 
FiiBen, in Wasser und Luft, in Wolken und Sternen sich offenbart; es soil uns das 
nahebringen, daB alles das gottlich-geistige Offenbarung ist, was sich als Tierisches 
in den Weiten tummelt und sich des eigenen Daseins freut und sich am eigenen 
Dasein warmt. Und es soil uns ins Gedachtnis rufen, wie wir unseren eigenen Leib 
entnommen haben all dem, was sich da gestaltet, was Farb' an Farbe grunt und 
west. Aber es soil uns auch zum BewuBtsein bringen, wie in alle dem, was schon 
und erhaben und groBartig und gottlich ist fur die Sinne, vergeblich angefragt 
wird, was wir selber als Menschen sind. 

Das Naturdasein, es mag noch so groB und gewaltig uns entgegenleuchten, 
entgegentonen, entgegenkraften, entgegenwarmen - das Naturdasein, es gibt uns 
nimmermehr, trotzdem es uns iiber vieles, iiber Ungeheures, iiber Gottlich-Weites 
Auskunft gibt, es gibt uns nimmermehr Auskunft iiber uns selbst. Denn wir miissen 
jederzeit uns sagen: Dasjenige, was wir erfiihlen als unser Selbst in unserem Inneren, 
es ist nicht gewoben aus all dem, was uns als Schonheit und Herrlichkeit und 
GroBe und Gewaltigkeit aus der auBeren Natur, aus dem AuBermenschlichen, 
entgegenkraftet. Und es entsteht vor unserer Seele die Frage: Warum bleibt finster 
und stumm um uns jenes Wesenhafte, aus dem wir selber sind? 

Und wir miissen dasjenige, was wie Entbehrung uns erscheinen konnte, wie 
eine Gnade erleben, erleben so, daB wir uns sagen, sagen in allem tiefsten Ernste, 
sagen mit aller klaren Strenge: Wir miissen eben uns erst selber zum Menschen 
machen, zum seelendurchwarmten, geisterstarkten Menschen machen, damit wir 
als Geist im Menschen finden den Geist in der Welt. 

Dazu ist aber notwendig, daB wir uns bereiten, nicht mit Leichtigkeit zu kommen 
an jene Grenze der Sinnenwelt, an der uns die Offenbarung des Geistes aufgehen 
kann. Dazu ist notwendig, daB wir uns sagen: Wenn wir unvorbereitet an diese 
Grenze herantreten und uns sogleich das voile Licht des Geistes entgegenkommen 
wiirde, so wiirde, weil wir noch nicht das Geistig- Starke und das Seelen-Warme 
fur das Empfangen des Geistes aufgerufen haben, so wiirde der Geist uns zer- 
schmettern, wiirde uns in unsere Nichtigkeit zuriickwerfen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 5 



Daher steht an der Grenze zwischen Sinneswelt und Geisteswelt jener Gotter- 
bote, jener Geistesbote, von dem wir immer mehr und mehr in den nachsten 
Stunden hier horen werden, den wir immer genauer und genauer kennenlernen 
wollen. Es steht jener Geistesbote da, der mahnend zu uns spricht, wie wir sein 
sollen und was wir ablegen sollen, damit wir in der rechten Art an die Offenbarun- 
gen der Geisteswelt herantreten. 

Und haben wir erst begriffen, meine lieben Freunde, daB es allem Schonen, 
allem GroBen, allem Erhabenen der Natur gegeniiber geistige Finsternis gibt, zu- 
nachst fur das menschliche Erkennen, aus der heraus erst jenes Licht geboren 
werden muB, das uns sagt, was wir sind und waren und werden, dann miissen wir 
uns auch klar sein, daB als erstes aus dieser Finsternis heraus begriffen werden 
muB jener Geistesbote, der uns die entsprechenden Mahnungen entgegensendet. 
Daher lassen wir auch die Worte dieses Geistesboten in unserer Seele erklingen 
und lassen wir die Charakteristik dieses Geistesboten vor unserem Seelenauge 
aufleuchten: 

Und aus Finsternissen hellet sich 
-Dich 

- der Mensch ist angesprochen - 

im Ebenbilde offenbarend, 
Doch zum Gleichnis auch dich bildend, 
Ernstes Geisteswort im Weltenather 
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend - 

Dir der Geistesbote, der allein 

Dir den Weg erleuchten kann; 

Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, 

Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen. 

Und vor seinen finstern Geistesfeldern, 
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins, 
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort: 
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 6 



Wir miissen uns vollig klar sein, daB wir von all dem, was kommen kann von 
diesem Geistesboten mahnend an unsere Seele, daB wir von all dem Kenntnis 
nehmen miissen - und wir werden ihn, wie gesagt, in den nachsten Stunden immer 
mehr und mehr kennenlernen -, daB wir von all dem Kenntnis nehmen miissen, 
ehe wir uns anschicken, dasjenige zu ergriinden, was nicht diesseits in den Sinnesfel- 
dern, sondern jenseits des gahnenden Abgrundes geistig sich ausbreitet, aber zu- 
nachst fur Menschenerkenntnis in tiefe Finsternis getaucht ist, aus der nur heraus 
sich erhellt jenes Antlitz des Geistesboten, der zunachst erscheint wie ahnlich dem 
Menschen selber, aber ins riesengroB Gewaltige ausgebildet, dabei doch wiederum, 
so sehr er auch ahnelt dem Menschen, sich schattenhaft bildet, wie zum Gleichnis 
des Menschen bloB, der aber mahnt, daB keiner ohne den entsprechenden Ernst 
EinlaB suchen soil in dasjenige, was jenseits des gahnenden Abgrundes ist. Zum 
Ernste mahnt der ernste Geistesbote. 

Und dann, wenn wir dessen Stimme in gebuhrendem Ernste in der Seele erfassen, 
dann sollen wir uns bewuBt sein, wie uns - zunachst leise, ganz leise und in 
Abstraktionen, die uns nur Richtlinien geben sollen, uns die Orientierung geben 
sollen - aus der geistigen Welt iiber den Abgrund heriiber, der vor uns gahnt und 
an dem uns zuriickhalt, damit wir nicht einen unvorsichtigen Schritt machen, der 
Geistesbote, wie es da heriiber tont: 

Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben, 
Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergriindet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskraften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 7 



Ich will es noch einmal sagen: 



Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben, 
Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergrundet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskraften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 

Mit diesen Worten kann uns klar werden, wie die Geheimnisse des Daseins 
ergrundet werden miissen aus alle dem, was webt und west in den Raumesweiten 
und sich aus den Raumesweiten heraus offenbart, wie ergrundet werden muB zur 
wirklichen Erkenntnis dasjenige, was im Schritte des Zeitenganges sich als schaffen- 
des Wirken offenbaren kann, und wie alles dasjenige, was in den Tiefen des Men- 
schenherzens sich als Welt offenbart, sich erschlieBen muB dem ehrlichen Seelen- 
suchen. Denn all das, es kann allein die Grundlage bilden fur jene Ergrundung, 
die der Mensch braucht zur Erkenntnis, fiir die Ergrundung des eigenen Selbstes, 
in das die Welt dennoch die ganze Summe ihrer Geheimnisse gelegt hat, so daB 
sie aus diesem Selbst heraus als menschliche Selbsterkenntnis gefunden werden 
konnen, daB daraus gefunden werden kann alles dasjenige, was der Mensch braucht 
in gesunden und kranken Tagen auf seinem Daseinsweg zwischen der Geburt und 
dem Tode und was er auch anwenden muB auf dem anderen Daseinsweg zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt. 

Aber all diejenigen, die sich als Glieder dieser Schule fiihlen, sie sollten sich 
auch klar, ganz klar dariiber sein, daB alles andere, was nicht in dieser Gesinnung 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 8 



erworben wird, nicht wirkliche Erkenntnis ist, sondern nur auBere Scheinerkennt- 
nis, daB alles dasjenige, was sonst als Wissenschaft gilt, als Wissen gilt, das aufge- 
nommen wird von dem Menschen, ehe er sich ein BewuBtsein erworben hat von 
den Mahnungen des Hiiters der Schwelle zur geistigen Erkenntnis, daB alles das 
nur ein Scheinwissen ist. Es braucht nicht Scheinwissen zu bleiben. Wir verachten 
nicht das auBere Scheinwissen. Aber klar miissen wir uns dariiber sein, daB es aus 
dem Stadium des Schemwissens erst herauskommt, wenn es sich umgewandelt hat 
durch all dasjenige, was der Mensch wissen kann iiber jene Lauterung seines 
Wesens, iiber jene Metamorphosierung seines Wesens, die er sich erwirbt, wenn 
er versteht, was mahnend der hutende Geistesbote am gahnenden Abgrund der 
Erkenntnis, was mahnend der hutende Geistesbote des aus der Finsternis heraus 
leuchtenden Geistes dem Menschen zuzurufen hat, zuzurufen hat im Auftrage der 
besten Geister, der besten geistigen Bewohner der geistigen Welt. 

Wer da kein BewuBtsein davon erwirbt, daB zwischen dem Aufenthalt in den 
Sinnesfeldern, mit denen wir leben miissen wahrend unseres Erdendaseins zwischen 
der Geburt und dem Tode, daB zwischen dem Aufenthalt in den Sinnesfeldern 
und demjenigen, was in den Geistesfeldern ist, ein gahnender Abgrund waltet, wer 
dariiber sich nicht ein gebuhrendes BewuBtsein erwirbt, kann nicht wahrhaftige, 
wirkliche Erkenntnis erwerben. Denn allein mit diesem BewuBtsein kann der 
Mensch eintreten in wahrhaftige, wirkliche Erkenntnis. Nicht hellsehend braucht 
er zu werden, obzwar aus wahrer Hellsichtigkeit die Erkenntnis se aus der Geistes- 
welt kommen, aber ein BewuBtsein muB er sich erwerben von demjenigen, was 
da vorhanden ist als Mahnung am gahnenden Abgrunde der Geheimnisse des 
Raumes, der Geheimnisse der Zeit, der Geheimnisse des Menschenherzens selber. 
Denn ob wir hinausgehen in die Raumesweiten, der Abgrund steht da; ob wir 
hinauswandeln in die Zeitenwenden, der Abgrund steht da; ob wir hineingehen 
in das eigene Herz, der Abgrund steht da. 

Und diese drei Abgrunde, sie sind nicht drei Abgrunde, sie sind ein einziger 
Abgrund. Denn wandeln wir in die Raumesweiten hinaus, so weit, bis wir, da wo 
die Raumesweiten sich grenzen, den Geist finden, wandeln wir in der Zeitenwende 
bis dahin, wo diese Zeitenwenden im Beginne der Zyklen ihren Anfang finden, 
wandeln wir hinein in die Tiefen des Menschenherzens, so tief, als wir nur uns 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 9 



selber ergriinden konnen: diese drei Wege fiihren zu einem einzigen Ziele, zu 
einem einzigen Endorte, nicht zu drei verschiedenen Orten. Sie fiihren alle drei 
zu dem gleichen Gottlich-Geistigen, das im Urquell der Welt sprudelt, aus dem 
Urquell der Welt heraus alles Dasein befruchtet, ernahrt, aber auch alles Dasein 
fur den Menschen ergriinden, erkennen lehrt. 

In solch ernstem BewuBtsein sollen wir uns heute in Gedanken hinstellen da, 
wo der ernste Geistesbote spricht, und wir sollen anhoren, was er gerade aus 
der besonderen Beschaffenheit unserer Zeit, unserer Gegenwart, als die Hinder- 
nisse auffaBt, die wir hinwegraumen miissen, um zu wahrer Geist-Erkenntnis zu 
kommen. 

Hindernisse, meine lieben Freunde, Hindernisse der Geist-Erkenntnis gab es 
zu alien Zeiten. Zu alien Zeiten muBten die Menschen dies und jenes iiberwinden, 
dies und jenes ablegen unter der Mahnung des ernsten Hiiters der Schwelle zur 
geistigen Welt. Aber jede Zeit hat wiederum ihre besonderen Hindernisse. Und 
dasjenige, was aus der menschlichen Erdenzivilisation herauskommt, ist zum gro- 
Ben Teil nicht Forderungsmittel, sondern gerade Hinderungsmittel, um in die 
geistige Welt hineinzukommen. Und gerade aus dem, was aus der gewohnlichen 
Erdenzivilisation herauskommt, muB der Mensch eines jeden Zeitalters die beson- 
deren Hindernisse finden, die in seine Natur aus der Zeit heraus hineinverpflanzt 
werden und die er ablegen muB, bevor er den gahnenden Abgrund, von dem 
gesprochen worden ist, iibersetzen kann. 

Daher horen wir gerade iiber dieses den ernsten hiitenden Gotterboten sprechen: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:10 



Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es. 

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen. 

Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu ubersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:11 



Ich lese es noch einmal: 



Der Hiiter spricht: 

Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es. 

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 12 



Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu iibersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 

Das, meine lieben Freunde, sind die drei groBen Erkenntnisfeinde der Gegenwart, 
des gegenwartigen Menschen. 

Der gegenwartige Mensch hat Furcht vor des Geistes Schopfer-Sein. Die Furcht 
sitzt tief unten im Seelendasein. Und er mochte diese Furcht hinwegtauschen. Da 
kleidet er seine Furcht in allerlei scheinlogische Griinde, durch die er die Offen- 
barung des Geistigen widerlegen mochte. 

Ihr werdet horen, meine lieben Freunde, von dieser oder jener Seite gegen die 
Geist-Erkenntnis dies oder jenes eingewendet. Es ist zuweilen in kluge, zuweilen 
in schlaue, zuweilen in torichte logische Regeln gekleidet. Niemals sind aber eigent- 
lich die logischen Regeln die Griinde, warum der eine oder der andere die Geist- 
Erkenntnis zuruckweist. In Wahrheit ist es der Geist der Furcht, der tief unten 
im menschlichen Inneren ruht und arbeitet und kraftet und der, indem er zum 
Kopfe heraufspukt, sich metamorphosiert als logische Griinde. Furcht ist es. 

Aber seien wir uns nur klar, es geniigt nicht, daB wir sagen: ich habe keine 
Furcht. Das kann sich naturlich jeder sagen. Wir miissen den Sitz und das Wesen 
dieser Furcht erst ergrunden. Wir miissen uns ja sagen, daB wir herausgeboren, 
herauserzogen sind aus der Gegenwart, in die von ahrimanischer Seite die Furcht- 
geister hineingestellt worden sind, und daB wir behaftet sind mit diesen Furchtgei- 
stern. Dadurch, daB wir uns iiber sie hinwegtauschen, sind sie nicht von uns hinweg 
in Wirklichkeit. Und wir miissen die Mittel und Wege finden - und diese Schule 
wird dazu Anleitung geben -, gegeniiber diesen Geistern der Furcht, die als Unge- 
tiim in unserem Willen sitzen, Erkenntnismut zu finden. Denn nicht dasjenige, 
was heute vielfach die Menschen zur Erkenntnis treibt oder wovon sie sagen, daB 
es sie zur Erkenntnis treibe, kann wirkliche Erkenntnis bringen, sondern allein 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 13 



der Mut, der innerliche seelische Mut, der da die Krafte und Fahigkeiten ergreift, 
die die Wege gehen konnen, die zur wahren, zur echten, zur lichtvollen Geist- 
Erkenntnis fiihren. 

Und das zweite Tier, das aus dem Zeitengeiste heraus sich in die Menschenseele 
heute einschleicht, um ein Erkenntnisfeind zu werden, dieses zweite Tier, das 
iiberall lauert, wo man hinkommt, das aus den meisten Literaturwerken der Gegen- 
wart, aus den meisten Galerien, aus den meisten Plastiken, aus den meisten sonstigen 
Kunstwerken, aus allem moglichen Musikalischen heute an den Menschen heran- 
tritt, das in Schulen sein Unwesen fiihrt, das in der Gesellschaft sein Unwesen 
fiihrt, das iiberall da ist im Wandel der Menschen, das zweite Getier, es ist dasjenige, 
was, um die Furcht vor dem Geiste sich nicht zu gestehen zu brauchen, sich 
innerlich erregt fiihlt, iiber das geistige Wissen zu spotten. 

Dieser Spott, er auBert sich ja nicht immer, denn die Menschen bringen sich 
nicht zum BewuBtsein, was in ihnen ist. Aber ich mochte sagen, nur durch eine 
leichte, spinnwebendicke Wand ist vom BewuBtsein des Kopfes getrennt dasjenige, 
was im Herzen des Menschen heute iiberall spotten will iiber wirkliche Geist- 
Erkenntnis. Und wenn der Spott zutage tritt, so ist es nur dann, wenn eben die 
mehr oder weniger bewuBte oder unbewuBte Frechheit des gegenwartigen Men- 
schen die Furcht etwas zuriickdrangt. Aber aufgestachelt durch innere sonderbare 
Krafte ist schon im Grunde jeder Mensch heute gegen die Offenbarungen des 
Geistes. Und durch die allersonderbarsten Mittel offenbart sich dieses Spotten. 

Und das dritte Tier, es ist die Schlaffheit des Denkens, es ist die Bequemlichkeit 
des Denkens, es ist jenes Denken, das aus der ganzen Welt ein Kino machen 
mochte, ein Kino aus dem Grunde, weil man dann nicht zu denken braucht, 
sondern weil alles abrollt vor einem und die Gedanken nur dem Abrollenden zu 
folgen brauchen. So mochte heute sogar die Wissenschaft dem auBeren Dasein mit 
den passiven Gedanken folgen. Der Mensch ist zu bequem, ist zu schlaff, um das 
Denken in Aktivitat zu bringen. Es ist mit dem Denken der Menschheit heute so, 
wie es ware bei einem Menschen, der irgend etwas aufheben wollte, was am Boden 
liegt, und sich hinstellt und die Hande an die Hosentaschen legt und glaubt, er 
kann das, was auf dem Boden liegt, dann aufheben. Er kann es nicht. So kann das 
Sein nicht ergreifen ein Denken, das die Hande an sich anlegt. Wir miissen uns 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:14 



riihren, wir miissen unsere Arme und Hande riihren, wenn wir etwas ergreifen 
wollen, wir miissen unser Denken in Aktivitat, in Tatigkeit bringen, wenn wir das 
Geistige ergreifen wollen. 

Charakteristisch spricht der Hiiter der Schwelle von dem ersten Tier, das als 
Furcht in unserem Willen lauert, als von einem Tiere mit krummem Riicken und 
mit bis zur Knochenhaftigkeit verzerrtem Angesicht, diirrem Leib. Dieses Tier, 
das ein stumpfes Blau in seiner ganzen Oberflache hat, das ist tatsachlich dasjenige, 
das neben dem Hiiter der Schwelle ftir den heutigen Menschen aus dem Abgrunde 
heraufkommt. Und der Hiiter der Schwelle macht klar dem Menschen von heute: 
da ist es, dieses Tier im stumpfen Blau, mit krummem Riicken, mit bis zu Knochig- 
keit verzerrtem Angesicht, diirr. Dieses Tier ist eigentlich in dir. Und hier steigt 
aus dem gahnenden Abgrund, der vor dem Erkenntnisfelde liegt, dieses Tier herauf, 
bildet ab wie im Spiegel dasjenige, was in dir selber einer der Erkenntnisfeinde ist, 
derjenige Erkenntnisfeind, der in deinem Willen lauert. 

Und das zweite Tier, das mit der Spottlust gegeniiber der geistigen Welt heute 
zusammenhangt, das charakterisiert der Hiiter der Schwelle in einer ahnlichen 
Weise. Neben dem anderen Ungetiim kommt es herauf, aber indem es in seiner 
ganzen Haltung die Schwachlichkeit zeigt. Schlaff [Schwachlich] ist seine Haltung. 
Aber mit dieser schlaffen [schwachlichen] Haltung und mit dem graulich-gelben 
Leib fletscht es die Zahne im verzerrten Angesicht. Und aus diesem Fletschen der 
Zahne, das lachen mochte, aber im Lachen liigt, weil das Spotten ihm Luge ist, 
grinst es uns als das Spiegelbild desjenigen Getiers entgegen, das in dem eigenen 
Fiihlen lebt und uns an der Erkenntnis hindert, Feind unserer Erkenntnis ist. 

Und das dritte Tier, das nicht herankommen will an den Inhalt der Welt im 
Geiste, es charakterisiert der Hiiter der Schwelle so, daB es aus dem Abgrunde 
herauf als das Dritte kommt, mit gespaltenem Maul, auseinandergespalten das 
Maul, mit glasigem Auge; stumpf ist der Blick, weil das Denken nicht aktiv sein 
will, schlaff die ganze Haltung und schmutzigrot die Gestalt. Und so ist ein 
erlogener Zweifel, der sich ausspricht aus diesem gespaltenen Maul und der sich 
ausdriickt in diesem schmutzigen Rote der ganzen Gestalt, der Zweifel an des 
Geistes-Licht-Gewalt, also der dritte der Erkenntnisfeinde, die in uns lauern. Sie 
machen uns erdenschwer. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 15 



Und gehen wir mit ihnen der Geist-Erkenntnis entgegen, ohne die Mahnung 
des Hiiters der Schwelle zu achten: der gahnende Abgrund ist da. Uber ihn kann 
man nicht mit Erdenschwere hinubersetzen, nicht mit Furcht und Spott und nicht 
mit Zweifel. Uber ihn kann man nur hinubersetzen, wenn man im Denken erfaBt 
hat die Geistigkeit des Seins, wenn man im Fiihlen erlebt hat das Seelische des 
Seins, wenn man im Wollen erkraftet hat das Wirkende des Seins. Dann wird 
Geistiges, Seelisches, Wirkendes des Seins uns zu Flugeln, die uns der Erdenschwere 
entheben. Dann konnen wir hinuber uber den Abgrund. 

Dreifach ist der Schritt des Vorurteils, das uns in den Abgrund wirft, wenn wir 
nicht Erkenntnismut, Erkenntnisfeuer, Erkenntnisschaffen uns aneignen. Dann 
aber, wenn wir die schaffende Erkenntnis im Denken ergreifen, wenn wir das 
Denken aktivieren wollen, wenn wir nicht in schlaffer Lassigkeit dem Geiste 
entgegengehen wollen, sondern mit innerem Herzensfeuer den Geist empfangen, 
und wenn wir Mut haben, um das Geistige tatsachlich als Geistiges zu erfassen, 
nicht es als Materielles nur im Bilde an uns herankommen zu lassen, dann wachsen 
uns die Fliigel, die uns uber den Abgrund hinuberfuhren zu dem Erkenntnisfelde, 
wonach doch jedes ehrlich mit sich selber lebende Menschenherz sich heute sehnt. 

Das ist dasjenige, was vor unsere Seele heute hinbringen will, meine lieben 
Freunde, diese Einleitung zur ersten Stunde, mit der diese Schule fur Geisteswissen- 
schaft beginnen soil. 

Lassen wir zum Schlusse Anfang, Mitte und Ende des gedachten Erlebnisses 
mit dem Hiiter noch einmal an unserer Seele voruberziehen: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:16 



Wo auf Erdengriinden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schaffend offenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfuhlende Wesen, willenskraftig, 
Sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 

Da betrittst du deines Eigenwesens 

Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 

Du erfragest im Dunkel der Weiten 

Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 

Fur dein Eigensein finstert der Tag 

Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 

Und du wendest seelensorgend dich 

An das Licht, das aus Finsternissen kraftet. 

Und aus Finsternissen hellet sich 
- Dich im Ebenbilde offenbarend, 
Doch zum Gleichnis auch dich bildend, 
Ernstes Geisteswort im Weltenather 
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend - 

Dir der Geistesbote, der allein 

Dir den Weg erleuchten kann; 

Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, 

Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen. 

Und vor seinen finstern Geistesfeldern, 
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins, 
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort: 
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor. 



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Der Hiiter spricht: 



Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben, 
Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergrundet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskraften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 

Und der Hiiter spricht weiter: 

Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir vorubereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von durrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:18 



Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen. 

Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu iibersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 

Was zu erfahren ist beim Voruberschreiten an dem Hiiter der Schwelle, was 
notwendig ist, fuhlend, wollend, denkend zu erleben, um an dem Lichte des Hiiters 
vorbeizukommen, hineinzuschreiten in jene Finsternisse, aus denen aber jenes 
Licht quillt, in dem wir das eigene Licht des eigenen menschlichen Selbstes wieder- 
erkennen und so zu dem «0 Mensch, erkenne dich selbst!» gelangen, was da 
heraus spricht, heraus sich offenbart aus den vom Geistigen sich erleuchtenden 
Finsternissen, davon dann, meine heben Freunde, am nachsten Freitag in der 
nachsten Stunde der ersten Klasse. 



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ZWEITE STUNDE 



Dornach, 22. Februar 1924 




-Jr eine lieben Freunde ! Wir wollen heute ankniipfen an dasjenige, was in 
fl der vorigen Stunde gesagt worden ist, zum Teil deshalb, weil der Zusam- 
ll menhang bewahrt werden soil, zum Teil aber auch deshalb, weil ja neue 



Mitglieder - oder wenigstens Mitglieder, die das vorige Mai nicht hier waren - 
heute auch mit hier versammelt sind. Es soil daher beginnen die heutige Stunde 
mit einer kurzen Rekapitulation desjenigen, was wir in der vorigen Stunde vor 
unsere Seele hingestellt haben. 

Wir haben uns hinbegeben im Gedanken an diejenige Statte, wo der Mensch - 
der ja im gewohnlichen Leben und fiir das gewohnliche BewuBtsein um sich herum 
die sinnliche Welt hat, die er mit dem Ver stand erfassen kann -, wo der Mensch 
sich fiihlen kann gegenuber dem Ubersinnlichen, gegenuber demjenigen Ubersinn- 
lichen aber, das verwandt ist, eines Wesens ist mit seinem eigenen Wesen. Und 
diese Stimmungen wollen wir zunachst ausbilden, bevor wir an die Mysterien des 
Geisteslebens herantreten, was wir ja in der nachsten Zeit tun wollen. 

Eine erste Stimmung, sie sollte uns zum BewuBtsein bringen, wie der Mensch 
mit seiner gewohnlichen Seelenverfassung um sich herum hat die Welt der Sinne, 
die aber durchaus nicht dasjenige ihm gibt, das eins ist mit seinem eigenen Wesen. 
Und wenn mit einem gewissen Rechte herantont an den Menschen durch alle 
Zeiten, auffordernd ihn zu seiner edelsten Tatigkeit, das Wort «Erkenne dich 
selbst!», dann ist es so, daB der Mensch keine Antwort, keine Befriedigung finden 
kann, wenn er unter dem Eindrucke des Wortes «Erkenne dich selbst!» nur hin- 
blickt auf dasjenige, was vor seinen Sinnen sich ausbreitet, was Inhalt ist der 
auBermenschlichen Welt. Und der Mensch wird hingewiesen auf etwas anderes, 
als in dieser Sinneswelt, als in dieser auBermenschlichen Welt ist. 

Wenn wir gegenuber dieser Empfindung, die der Mensch haben kann, wenn er 
mit der Frage nach seiner eigenen Wesenheit auf die Weiten des Weltendaseins 
hinblickt, wenn wir mit dieser Empfindung herantreten im Gedanken an das 



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iibersinnliche Dasein, das eins ist mit der inneren Menschenwesenheit, dann wird 
uns die entsprechende Stimmung wiedergegeben mit den Worten, die ich schon 
das letzte Mai vor Ihre Seele hingestellt habe: 

Wo auf Erdengriinden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schaffend offenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfuhlende Wesen, willenskraftig, 
Sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 

Da betrittst du deines Eigenwesens 

Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 

Du erfragest im Dunkel der Weiten 

Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 

Fur dein Eigensein finstert der Tag 

Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 

Und du wendest seelensorgend dich 

An das Licht, das aus Finsternissen kraftet. 

Wir haben vor uns, fiihlend in unserer Seele, jene Empfindung, die uns vergegen- 
wartigt, wie wir zwar die Schonheit, die GroBe, die Erhabenheit der auBermenschli- 
chen Welt empfinden konnen, wie wir alles auBermenschliche GroBe, Erhabene 
und Schone in dieser Welt erschauen konnen, wie wir aber gerade in dieser Welt 
unser eigenes Wesen niemals finden konnen. Es ist ftir den Menschen, der nach 
dem Geiste strebt, notwendig, immer wieder und wiederum diese Stimmung sich 
vor die Seele zu riicken. Denn das Erleben dieser Stimmung, das tiefe Erleben 
dessen, daB wir in die Welt hinausblicken, die auBermenschlich ist, und diese Welt 
uns keine Antwort gibt auf die Frage, was wir selber sind, diese Empfindung 
immer wieder und wiederum entsprechend vor die Seele geriickt, das kraftet herauf 
aus der Seele diejenigen Impulse, welche uns hinauftragen konnen in die geistige 



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Welt. Gerade aber weil wir so empfinden, daB wir durch solche Stimmungen 
hinaufgetragen werden in die geistige Welt, mils sen wir auch uns vor die Seele 
riicken, wie der Mensch im gewohnlichen BewuBtsein, im gewohnlichen Leben 
unvorbereitet ist, vor diejenige Welt hinzutreten, die eigentlich die Welt seines 
eigenen Wesens ist. 

Deshalb steht an der Grenze, die da ist zwischen der Sinneswelt und der geistigen 
Welt, jener Hiiter, der mit seinem Ernst den Menschen warnt davor, unvorbereitet 
in die geistige Welt hiniiberzuwollen. Und wiederum ist es so, meine Lieben, daB 
wir miissen diese Tatsache, daB vor der geistigen Welt zum eigenen Heile der 
unvorbereiteten Menschen der Hiiter steht - wir werden ihn immer mehr kennen- 
lernen in der nachsten Zeit -, wiederum ist es so, daB wir miissen diese Stimmung 
von Zeit zu Zeit immer wieder in uns rege machen, damit wir das Gefiihl bekommen 
des Hintretens vor diesen Hiiter und uns so recht klarmachen: es gehort eine 
bestimmte Seelenverfassung dazu, um wirkliche Erkenntnis, wirkliche Einsicht zu 
erwerben. 

Wenn die Einsicht, die in der heutigen materialistischen Zeit alien Menschen, 
ich mochte sagen, auf der StraBe zugetragen wird, wenn diese wirkliche Er- 
kenntnis wiirde beim Menschen, so ware es schlimm, denn er empfangt sie eben 
unvorbereitet. Er empfangt sie nicht in derjenigen Stimmung, die ja sein muB die 
vorbereitende Erkenntnisstimmung. Deshalb ist es so, daB wir uns recht innig auch 
die zweite Stimmung vor die Seele riicken miissen, die uns immer wieder und 
wiederum davon spricht, wie wir vor den Hiiter hintreten miissen: 

Und aus Finsternissen hellet sich 
- Dich im Ebenbilde offenbarend, 
Doch zum Gleichnis auch dich bildend, 
Ernstes Geisteswort im Weltenather 
Deinem Herzen horbar kraftvoll wirkend - 

Dir der Geistesbote, der allein 

Dir den Weg erleuchten kann; 

Vor ihm breiten sich die Sinnesfelder, 

Hinter ihm, da gahnen Abgrundtiefen. 



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Und vor seinen finstern Geistesfeldern, 
Dicht am gahnenden Abgrund des Seins, 
Da ertont sein urgewaltig Schopferwort: 
Sieh, ich bin der Erkenntnis einzig Tor. 

Und dann spricht der Hiiter selbst, indem er zunachst, wahrend wir noch hiiben 
stehen in den Sinnesfeldern, hiniiberweist in dasjenige Gebiet, wo noch fiir uns, 
wenn wir hiiben stehen, waltet undurchdringliche Finsternis, indem er hineinweist 
in diese Finsternis, die aber Helligkeit werden soil, die sich hellen muB vor uns 
durch Geist-Erkenntnis, aus der er zunachst nur selbst sich heraus erhellt, da 
spricht er, hinweisend auf diese scheinbare Finsternis, auf diese Maja-Finsternis, 
da spricht er: 

Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben, 
Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergrundet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskraften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 

Wer das Wort, das da aus dem Munde des Hiiters ertont, tief genug empfinden 
kann, der wird gewahr, wenn er auf sich selbst zunickblickt, wie das Zuruckblicken, 
das Wahrnehmen im Zuruckblicken eine erste Selbsterkenntnis wird, Selbster- 
kenntnis noch, die vorbereitend ist fiir den wirklichen Eintritt in die wahre, in die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 24 



rechte Selbsterkenntnis, in diejenige Selbsterkenntnis, die uns enthiillt geistige 
Welterkenntnis desjenigen Wesens, das eins ist mit unserem eigenen Menschenwe- 
sen. Und da steigen die Erkenntnisse auf, die man noch gewinnen kann diesseits 
der Schwelle zum geistigen Dasein, da steigen die Erkenntnisse auf, welche die 
Unreinigkeiten des eigenen Denkens, Fuhlens und Wollens im zwar furchtbaren, 
aber wahren Abbilde zeigen; als drei aus dem Abgrunde - aus dem gahnenden 
Abgrunde, der sich senkt zwischen Sinneswelt und Geisteswelt -, aus dem gahnen- 
den Abgrunde aufsteigende Tiere zeigen. 

Dasjenige, was wir fiihlen sollen am Abgrunde des Seins zwischen der Maja, 
dem Schein, und dem Sein der wirklichen Welt, das soil uns die vierte Stimmung 
vor die Seele stellen: 

Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir vorubereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von durrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen; 
Dein Erkenntnismut nur iiberwindet es. 

Man muB, meine Lieben, sich klar vor die Seele stellen, daB zunachst nicht der 
Erkenntnismut in der Seele waltet, sondern daB im weitesten Umfange die Erkennt- 
nisfeigheit in der Seele waltet, jene Erkenntnisfeigheit, die ja die meisten Menschen 
gerade in diesem Zeitalter so sehr davon abhalt, uberhaupt heranzutreten an die 
Einsicht in die geistige Welt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 25 



Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen; 
Dein Erkenntnisfeuer muB ihn zahmen. 

Das ist das zweite, das wir in uns tragen, das alien HaB in unsere Seele senkt, jede 
Art von Gefiihlen des Hasses gegeniiber der geistigen Welt in unserer Seele auf- 
pflanzt. Das liegt im Fiihlen, weil das Fiihlen schwach ist, weil das Fiihlen sich 
nicht aufschwingen kann zur Begeisterung, zum Enthusiasmus. Wahre Erkenntnis 
muB zwar hinaus sein iiber den auBeren niederen Enthusiasmus, der an allem 
moglichen auBeren Leben sich hinaufrankt. Ein billiges Hinaufranken! Der innere 
Enthusiasmus, das innere Feuer, das Erkenntnisfeuer wird, das ist dasjenige, was 
das zweite Tier besiegt. 

Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken; 
Dem Erkenntnisschaffen muB es weichen. 

Wir miissen den Mut und das Feuer finden, Aktivitat in unser Denken zu bringen. 
Wenn wir im gewohnlichen BewuBtsein schaffen, schaffen wir die Willkur, schaffen 
wir dasjenige, was nicht wirklich ist. Wenn wir uns in der entsprechenden Weise 
zum schaffenden Denken vorbereiten, stromt in unser schaffendes Denken die 
geistige Welt ein. Und dann gebaren wir aus Erkenntnismut, aus Erkenntnisfeuer 
und aus Erkenntnisschaffen das wirkliche Darinnenstehen in der geistigen Welt. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 26 



Erst wenn die drei von dir besiegt, 
Werden Fliigel deiner Seele wachsen, 
Um den Abgrund zu iibersetzen, 
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde, 
Dem sich deine Herzenssehnsucht 
Heilerstrebend weihen mochte. 

Diese Stimmungen, sie konnen uns tragen so weit, daB wir in der rechten Weise 
fiihlen, was wir als Mensch in uns rege machen sollen, damit wir als rechter Mensch, 
als wahrer Mensch, als wirklich lebendiger Mensch in die geistige Welt eintreten. 
Es ist ja schon so, daB im gewohnlichen Leben der Mensch oftmals an den banalsten 
Dingen empfindet, daB das Leben eben ernst ist und kein Spiel. Doch dasjenige, 
was zur Erkenntnis fiihren soil, das driickt nicht so stark als das auBere Leben, 
das muB eben in der Seele rege gemacht werden. Mit dem treibt man nur allzuleicht 
ein Spiel. Und man redet sich wohl von dem Spiele selbst ein, daB es ernst ist. 
Aber man schadet sich und den anderen Menschen ungeheuer, wenn man das 
Geistesstreben zum Spiel macht, wenn man nur im geringsten eben mit dem 
Geistesstreben nicht den absolutesten Ernst verbindet. 

Dieser Ernst braucht ja nicht darinnen zu bestehen, daB er in Sentimentalitat 
sich offenbaren will. Das ist nicht das Notige. Es kann der Ernst gewissen Zusam- 
menhangen des Lebens gegeniiber durchaus den Humor notwendig machen. Aber 
dann muB der Humor eben serios sein. Dasjenige, was hier als Ernst und Spiel 
einander gegenubergestellt wird, ist nicht die Sentimentalitat, die falsche Frommig- 
keit, der unwahre Augenaufschlag gegeniiber dem Spiel, sondern es ist die Moglich- 
keit, wirklich aufzugehen in dem Geistesstreben und stetig, ausdauernd, haltbar 
in diesem Geistesstreben zu leben. 

Um das Gewicht der Worte, die ich jetzt spreche, meine Lieben, so recht zu 
empfinden, wird es gut sein, wirklich gut sein fur das Erkenntnisstreben, wenn all 
die Freunde, die hier sitzen, namentlich auch diejenigen, die schon langer in der 
Anthroposophischen Gesellschaft sind, sich einmal die folgende Frage vorlegen: 
Wie ofthabe ich mir vorgenommen, dies oder jenes als Aufgabe des anthroposophi- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 27 



schen Lebens zu tun, und wie oft habe ich nach kurzer Zeit iiberhaupt nicht mehr 
daran gedacht? Vielleicht hatte ich's getan, wenn ich daran gedacht hatte, aber ich 
habe nicht mehr daran gedacht. Es ist ausgeloscht, wie ein Traum ausgeloscht ist 
aus meinem Leben. 

Es ist nicht unbedeutend und unwichtig, sich gerade eine solche Frage vorzule- 
gen. Und vielleicht konnte es gar nicht unwichtig sein, wenn eine groBere Anzahl 
unserer Freunde etwas ganz Aktuelles vor die Seele hinstellen wollten. 

Die Weihnachtstagung sollte beginnen, reale Esoterik in die ganze anthroposo- 
phische Weltanschauungsstromung, wie sie getragen wird von der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft, hineinzugieBen. Wie oftmals - so konnten sich viele fragen - 
habe ich dasjenige, was ich ganz gewiB wahrend der Weihnachtstagung empfunden 
habe als etwas Schones, nachtraglich vergessen und bin in meinen Gedanken, in 
meinen Empfindungen so gewesen, als wenn die Anthroposophische Gesellschaft 
so fortgehen sollte, wie sie vor Weihnachten war. Und wenn einzelne vielleicht 
sich sagen, das ist bei mir nicht der Fall, so konnte es gerade bei diesen sehr 
notwendig sein, daB sie sich die Frage stellen: Tausche ich mich denn nicht daniber, 
daB es bei mir nicht der Fall ist? Habe ich in allem, was anthroposophisches 
Handeln betrifft, wirklich darauf gesehen, daB mit Weihnachten eine neue Phase 
der Anthroposophischen Gesellschaft beginnen soil? Diese Frage gerade als Er- 
kenntnisfrage zu stellen, ist von einer ganz besonderen Bedeutung. Dann wird der 
rechte Ernst in die Seelen einziehen. 

Und sehen Sie, es ist gut, wenn so etwas, was mit dem Lebensnerv der Anthropo- 
sophischen Gesellschaft zusammenhangen soil und was deshalb auch mit dem 
Lebensnerv eines jeden Mitgliedes, das die Aufnahme in die Klasse angesucht hat, 
zusammenhangen soil, es ist notig, daB so etwas sich anfiigt an irgend etwas, das 
einen starken Einschlag im Leben bildet. Daher ware es gut, wenn jeder einzelne, 
der der Klasse angehoren will, sich sagte: Gibt es nicht ftir mich etwas, was ich 
tun kann - jetzt nachdem die Anthroposophische Gesellschaft neu begrundet 
worden ist -, anders als ich friiher die Dinge getan habe? Konnte ich nicht etwas 
Neues einfiihren in mein Leben als Anthroposoph? Konnte ich nicht abandern 
die Art, wie ich friiher gewirkt habe, dadurch daB ich irgendein einzelnes Neues 
einfiige? 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 28 



Das wiirde von einer riesengroBen Bedeutung sein, wenn es ernst genommen 
wiirde, fur jeden einzelnen, der der Klasse angehort. Denn dadurch wiirde die 
Moglichkeit herbeigefiihrt werden, meine Lieben, daB diese Klasse ohne die bela- 
stenden Schwergewichte fortarbeiten konnte. Denn ein jeder, der den alten Schlend- 
rian weiterfiihrt, belastet ja den entsprechenden Fortgang der Klasse. Das merkt 
man sonst nicht, aber wahr ist es doch. Im esoterischen Leben gibt es keine 
Moglichkeit, dasjenige herbeizufiihren, was sonst im Leben so herrschend ist: die 
Luge als Wahrheit umzudeuten. Wenn man das tut im esoterischen Leben, so 
wirkt nicht das Umgedeutete, sondern es wirkt die Wahrheit. Im esoterischen 
Leben wirkt nichts anderes als die Wahrheit. Sie konnen aus Eitelkeit irgend etwas 
farben, und das Gefarbte macht keinen Eindruck auf die geistige Welt. Das Unge- 
farbte, die ungefarbte Wahrheit, die ist das Wirksame in der geistigen Welt. 

Sie konnen daran ermessen, wie verschieden die geistigen Realitaten sind - die 
unter der Oberflache des Daseins ja auch heute wie immer wirken - von demjenigen, 
was, als aus so vielen Lebenslugen heute zusammengeflickt, das auBere Leben 
darstellt. Es ist ja heute ungemein wenig wahr von demjenigen, was zwischen 
Menschen lebt. Und sich das immer wieder und wiederum vor die Seele zu riicken, 
das gehort eben zum Anfange des Strebens innerhalb dieses Klassenlebens. Denn 
nur aus der Stimmung, die also sich bildet, konnen wir die innere Kraft finden, 
mitzutun in demjenigen, was hier in der Klasse von Stunde zu Stunde sich immer 
mehr entwickeln wird, immer mehr und mehr entrollen wird vor unseren Seelen, 
damit wir den Weg finden in die geistigen Welten hinein. 

Dann erst werden wir aufmerksam werden konnen, was unserem Denken, Fiih- 
len und Wollen einverpflanzt werden muB, damit das Denken das Denkgespenst, 
das Fiihlen den Spotter, das Wollen den Knochengeist, das heiBt die drei Tiere, 
besiege. Denn diese drei Tiere sind unsere eigenen Erkenntnisfeinde. Sie treten 
uns im Spiegel, aber als Realitaten, aus dem gahnenden Abgrund des Seins entgegen. 

Und tief mit unserem Menschenwesen verwurzelt ist alles dasjenige, was uns 
am wirklichen Erkennen hindert, zunachst im Denken. Das gewohnliche mensch- 
liche Denken spiegelt sich in dem Denkgespenst des dritten Tieres, in jenem 
dritten Tiere, das seiner Gestalt nach ja geschildert war, deutlich: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 29 



Schau das dritte Tier, mit gespaltnern Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt. 

Das ist das Abbild des gewohnlichen Menschendenkens, jenes Menschendenkens, 
das denkt iiber die Dinge der auBeren Welt und nicht gewahr wird, daB dieses 
Denken iiber die Dinge der auBeren Welt ein Leichnam ist. Wo hat das Wesen 
gelebt, dessen Leichnam dieses gewohnliche Denken ist? 

Ja, meine Lieben, indem wir heute - unserer gegenwartigen Menschheitszivilisa- 
tion, das heiBt unserer Weltenzeit gemaB - vom Morgen, vom Aufwachen, bis 
zum Abend, zum Einschlafen denken, denken nach der Anleitung, die uns heute 
gegeben wird aus den Schulen und aus dem Leben, denken wir, indem unser 
Denken ein Leichnam ist. Tot ist das Denken. Wann hat es gelebt, und wo hat es 
gelebt? 

Es hat gelebt, bevor wir geboren worden sind, es hat gelebt, als unsere Seele im 
vorirdischen Dasein war. Geradeso wie Sie sich vorzustellen haben, meine Lieben, 
daB der Mensch auf der physischen Erde lebt, sich in seinem physischen Leibe 
drinnen regt sein Seelenwesen und er herumgeht in diesem physischen Leibe, der 
regsam ist durch sein Seelenwesen bis zum Tode, dann aber unsichtbar wird fur 
den auBeren Anblick das regsame Seelenwesen, und sichtbar dableibt der Leichnam, 
der tot, die tote Gestalt ist der lebendigen Menschengestalt wahrend des Lebens, 
so miissen Sie sich vorstellen, daB lebte das Denken. Ein lebendiges, organisches, 
wachsendes, webendes, wesendes Dasein hatte es, bevor der Mensch ins irdische 
Dasein eingetreten ist. Dann wird es Leichnam, wird im Grabe unseres eigenen 
Kopfes, unseres eigenen Gehirnes begraben. Und geradeso, wie wenn ein Leichnam 
im Grabe behaupten wollte: ich bin der Mensch, - so ist unser Denken, wenn es 
im Gehirn als Leichnam begraben liegt und iiber die auBeren Dinge der Welt nun 
nachdenkt. Es ist Leichnam. Es ist vielleicht niederdruckend ftir den Menschen, 
daB es Leichnam ist, aber es ist wahr, und an die Wahrheit muB sich esoterische 
Erkenntnis halten. 

Das aber liegt in der Fortsetzung der Rede des Hiiters der Schwelle. Denn 
nachdem er die Mahnung von den drei Tieren vor unsere Seele hingestellt hat, da 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 30 



spricht er weiter. Und die Worte, die nun an unser Herz tonen, sind diese: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Ich spreche es noch einmal: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Das Denken, mit dem wir so vieles zu leisten haben hier im Sinnesfelde, es ist 
vor den Gottern der Welt der Leichnam unseres Seelenwesens. Wir sind, indem 
wir die Erde betreten haben, in unserer Erdenzeit erstorben in dem Denken. Der 
Tod des Denkens bereitete sich allmahlich vor seit dem Jahre 333 der nachchristli- 
chen Zeit. Von dieser Mitte der vierten nachatlantischen Periode, 333, bereitete 
sich allmahlich dieses vor, daB das Denken tot wurde. Vorher war in das Denken 
hineinergossen noch Lebendigkeit, die die Erbschaft war aus dem vorirdischen 
Dasein. Und lebendig fuhlten die Griechen, lebendig fuhlten die Orientalen, indem 
sie dachten, in dem Weben des Denkens das Wirken des Geistes, das Wirken der 
Gotter. Diese Orientalen, diese alteren Griechen, sie wuBten - indem sie dachten -: 
In jedem Gedanken lebt der Gott. - Das ist verloren. Das Denken ist tot geworden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 31 



Und wir miissen die Mahnung der Zeit befolgen, die uns vom Hiiter zugeht: 

Doch du muBt den Abgrund achten; 
Sonst verschlingen seine Tiere 
Dich, wenn du an mir voriibereilt'st; 
Sie hat deine Weltenzeit in dir 
Als Erkenntnisfeinde hingestellt. 

Diese Weltenzeit hat begonnen 333 nach der Entstehung des Christentums, im 
vierten Jahrhunderte, nachdem das erste Drittel des vierten Jahrhunderts vorbei 
war. Und heute ist das Denken deutlich - in allem vom Denken in der Welt 
Ausgehenden - von Todes-, nicht von Lebenskraft durchdrungen. Und das tote 
Denken des 19. Jahrhunderts hat den toten Materialismus an die Oberflache der 
menschlichen Zivilisation getrieben. 

Anders ist es mit dem Fiihlen. In derselben Weise konnte noch nicht der groBe 
ahrimanische Menschenfeind, Ahriman, auch das Fiihlen ertoten, wie er das Denken 
ertotet hat. Das Fiihlen lebt im Menschenwesen auch in der gegenwartigen Welten- 
zeit. Aber der Mensch hat dieses Fiihlen zum groBen Teil aus dem vollen BewuBt- 
sein in das halb UnbewuBte hinuntergedruckt. Das Fiihlen steigt auf in der Seele. 
Wer hat es in seiner Gewalt, so wie er das Denken in seiner Gewalt hat? Wem ist 
es klar, was in den Gefuhlen lebt, so wie ihm klar ist, was im Denken lebt? 

Nehmen Sie nur eine der traurigsten, namlich vor dem Geiste traurigsten Erschei- 
nungen unserer Zeit, meine lieben Freunde. Wenn die Menschen klar nachdenken, 
sind sie Weltenburger, denn sie wissen ganz gut: das Denken macht den Menschen 
zum Menschen, wenn es auch im gegenwartigen Weltenzeitalter tot ist. 

Aber im Fiihlen sind die Menschen nach Volkern getrennt, und gerade heute 
lassen sie walten dieses unbewuBte Fiihlen im schlimmsten MaBe. Und uberall 
entsteht der Streit im heutigen Weltensein aus dem unbestimmten Fiihlen heraus, 
durch das sich der Mensch angehorig nur fiihlt einer bestimmten Menschengruppe. 

Allerdings, das Weltenkarma stellt uns hinein in eine bestimmte Menschengrup- 
pe, und es ist unser Fiihlen, welches als Werkzeug dem Weltenkarma dient, wenn 
wir hineingestellt werden in diesen Stamm, in jene Klasse, in jenes Volk. Das ist 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 32 



nicht das Denken, durch das wir so hineingestellt werden. Das Denken, wenn es 
nicht durch das Gefiihl und durch den Willen gefarbt wird, es ist in aller Welt 
dasselbe Denken. Das Fiihlen stuft sich ab nach den verschiedenen Gebieten der 
Welt. Das Fiihlen liegt halb im UnbewuBten; das lebt, aber es ist im UnbewuBten. 
Deshalb beniitzt der ahrimanische Geist, da er nicht den EinfluB auf das Leben 
des Fiihlens hat, die Gelegenheit, um im UnbewuBten zu wiihlen im Fiihlen. Und 
er beschrankt dieses Wiihlen auf die Verwechselung von Wahrheit und Irrtum. 
Und alle unsere Fuhlens-Vorurteile werden von ahrimanischen Einflussen, ahrima- 
nischen Impulsen in uns gefarbt. 

Dieses Fiihlen, es muB, wenn wir in die geistige Welt eintreten wollen, wirklich 
vor unsere Seele heraufsteigen. Wir miissen dem Fiihlen gegeniiber Selbsterkenntnis 
treiben konnen. Wir miissen uns durch immerwahrendes Zuruckblicken auf unser 
eigenes Wesen sagen konnen, welche Art von Mensch wir sind als fuhlendes 
Menschenwesen. Das gewinnen wir nicht leicht. In bezug auf das Denken wird 
es uns leicht, verhaltnismaBig, wenn wir iiber uns selber Klarheit gewinnen wollen. 
Wir tun es zwar auch nicht immer; aber schon eher sagen wir uns: du bist nicht 
gerade ein Genie, dir fehlt zu einem klaren Denken dies oder jenes. Hochstens 
Eitelkeit oder Opportunist ist es, die uns nicht dazu kommen lassen, iiber unser 
Denken doch einige Klarheit zu haben. 

Aber dem Fiihlen gegeniiber, da kommen wir ja gar nicht dazu, uns selbst 
wirklich vor unsere Seele hinzustellen. Wir sind ja eigentlich immer uberzeugt 
davon, daB unsere Gefuhlsrichtung die rechte ist. Da miissen wir schon recht intim 
in unsere Seele einkehren, wenn wir uns als fuhlendes Menschenwesen so recht 
vor uns selber charakterisieren wollen. Dennoch, wir miissen es tun. Wir erheben 
uns nur dadurch, daB wir uns als fuhlendes Menschenwesen mit aller Gewissenhaf- 
tigkeit zuweilen vor uns selber hinstellen, wir erheben uns nur dadurch iiber jene 
Schranken, die das zweite Tier vor uns aufrichtet auf dem Weg in die geistige Welt 
hinein. 

Sonst aber, wenn wir nicht diese Selbsterkenntnis uns gegeniiber als fuhlendem 
Menschenwesen zuweilen iiben, dann, dann ist es immer, daB wir eigentlich das 
Spottgesicht gegeniiber der geistigen Welt entwickeln. Wir werden uns, wie wir 
uns unseres kranken Fiihlens nicht bewuBt werden, auch nicht bewuBt, daB wir 



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Spotter sind gegenuber der geistigen Welt. Wir kleiden den Spott in alle moglichen 
Formen, allein wir spotten doch der geistigen Welt. Und gerade diejenigen, von 
denen ich vorhin sprechen muBte, die Unernsten, das sind die Spotter. Sie genieren 
sich zuweilen vor sich selber, den Spott auch nur im Gedanken innerlich auszuspre- 
chen, aber sie spotten in Wirklichkeit gegenuber der geistigen Welt. Denn wie 
konnte man der geistigen Welt gegenuber unernst, spielerisch sein, wenn man ihrer 
nicht spotten wiirde. Solchen gegenuber spricht der Hiiter der Schwelle: 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 
Des Fiihlen s, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

Das erste Tier ist das Spiegelbild unseres Willens. Dieses Spiegelbild unseres 
Willens wendet sich ja an dasjenige, was im Willen lebt. Aber der Wille traumt ja 
nicht nur, er liegt nicht nur halb im UnbewuBten, er liegt ganz im UnbewuBten. 

Das ist ofter vor Euch, meine Lieben, ausgesprochen worden, wie das Wesen 
des Willens tief im UnbewuBten liegt. Und tief im UnbewuBten sucht der Mensch 
im Leben fur das gewohnliche BewuBtsein die Wege seines Karma. Jeder Schritt, 
den der Mensch im Leben tut aus seinem Karma heraus, ist ja abgemessen. Aber 
der Mensch weiB nichts davon. Es geschieht alles unbewuBt. Die vorigen Erdenle- 
ben wirken kraftend in das Karma hinein. Das Karma fiihrt uns zu unseren Lebens- 
punkten, zu unseren Lebensentscheidungen, zu unseren Lebenszweifeln. Da sind 
die Verirrungen des einzelnen Menschen, des Menschen, der nur fur sein eigenes, 
einzelnes Wesen in der Welt die Wege sucht. Im Denken: der Mensch sucht die 
Wege, die alle Menschen suchen. Im Fiihlen: der Mensch sucht die Wege, die 
seine Menschengruppe sucht. Im Fiihlen erkennt man ja, ob einer aus dem Norden, 
aus dem Westen, aus dem Siiden, aus dem Osten Europas, oder in der Mitte 



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Europas aus dem Westen, aus dem Osten, aus dem Siiden stammt. Man muB schon 
eingehen auf die unbewuBten Impulse des Willens, urn den Menschen nicht als 
allgemeines Menschenwesen, nicht als Angehorigen einer Gruppe, sondern als 
dieses einzelne Menschenindividuum vor sich zu haben. Da wirkt der Wille. Da 
wirkt der Wille aber auch im tief UnbewuBten. Und da zeigt die Verirrungen des 
Willens das erste der Tiere. 

Da spricht mahnend der Hiiter: 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 

In unserem Wollen wirken die geistigen Machte, die eigentlich unsern Leib hin- 
wegreiBen wollen von uns wahrend unseres Erdendaseins und damit ein Stuck 
unserer Seele mitreiBen mochten, damit sie bauen konnen damit dasjenige Erdenda- 
sein, das nicht in Jupiter, Venus, Vulkan sich weiterentwickeln soil, sondern das 
weggerissen von den gottlichen Absichten mit der Erde, der Erde entfremdet, der 
Erde geraubt wiirde nach einiger Zeit, in der Zukunft. Mit dieser den Gottern 
geraubten Erde soil der Mensch nach gewissen Machten, die in seinem Willen 
wirken, durch den er sein Karma sucht, verbunden werden. 

Das erste Tier ist wirklich geeignet, das zu vergegenwartigen im Spiegelbild, 
was da im Willen wirkt: Knochenhaftes Haupt, von durrem Leib, ganz von stump- 
fern Blau ist seine Haut; den Riicken krumm hat es. Das ist der ahrimanische Geist, 
der in allem Karmasuchen in dem Willen waltet und der nur besiegt werden kann 
durch den Erkenntnismut. Und so, wie ich es eben angefuhrt habe, so spricht der 
Hiiter der Schwelle von diesem ersten Tier. 

Ich will es noch einmal lesen: 



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Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 

In diesen Worten aus dem Munde des Hiiters der Schwelle klingt die Mahnung 
weiter, die er dem suchenden, dem Einsicht, dem Erkenntnis suchenden Menschen- 
geiste zuruft. 

Lassen wir diese Worte, meine Lieben, recht, recht intensiv in unserer Seele 
leben, und horen wir des ofteren dasjenige, was der Hiiter spricht: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Sie miissen wiederum die Konkordanzen in diesen Spruchen entsprechend fassen. 

[Die erste Strophe dieses Mantrams wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 14/15:] 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 



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Fiihlen Sie zunachst, was jede Strophe fur sich hat. 

Die zweite Strophe, die auf das Fiihlen hinweist: 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 
Des Fiihlens, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

[Die zweite Strophe wird an die Tafel geschrieben; siehe auch Tafelband Hinweise Seite 166:] 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 

- «Gegenkraft»: nun nicht mehr «Bild», nun «Kraft»! - 

[Diese beiden Silben werden doppelt unterstrichen, und dann wird weitergeschrieben:] — 

Des Fiihlens, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lehensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

FUhlen Sie Zweitens: Hier [in der ersten Strophe] «verleugnet», hier [in der zweiten Strophe] 

«aushohlet» [beide Worte werden doppelt unterstrichen]; und fiihlen Sie stark die Nuance, 
die steckt in den Spruchen dadurch, daB Sie das eine Mai das Wort «verleugnet», 
das andere Mai «aushohlet» haben. 



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Die Worte des Hiiters, die sich richten an das Wollen: 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 

[Diese dritte Strophe wird nun an die Tafel geschrieben:] 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 

- nun nicht «Bild», nicht «Kraft», sondern «Macht» [die Silbe «macht» wird doppelt 
unterstrichen]; Sie miissen die Steigerung fiihlen - 

Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet 

- und nun haben Sie hier die Steigerung: erst etwas Intellektuelles: «verleugnet»; 
etwas, was noch im Innern wiihlt: «aushohlet»; etwas, was direkt das Innere 

wegnimmt: «entfremdet» [«entfremdet» wird doppelt unterstrichen, und es wird weitergeschrieben:] 

deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 

Fiihlen Sie, wie aber durch alle drei Strophen, durch alle drei Spruche durchklingt 

das «b6se». [In jeder Strophe wird das Wort «bose» doppelt unterstrichen.] 

Und wenn Sie innerhalb dieser Spruche entsprechend erfiihlen jene Haltepunkte, 
die gegeben sind in den Steigerungen, in dem Unterschiede zwischen Denken, 
Fiihlen und Wollen [diese drei Worte werden unterstrichen], und wenn Sie recht herausfiih- 



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len, wie alle drei verbunden werden durch das eine gleiche, immer wiederkehrende 

«b6se» [dieses Wort wird in jeder Strophe durch senkrechte Abgrenzungsstriche besonders hervorgehoben], 

dann wird Ihnen, meine lieben Freunde, jeder der Spriiche zum Mantram, zum 
Mantram seinem inneren Sinn nach, und er wird Ihnen Fiihrer sein konnen auf 
den einzelnen drei Etappen in die geistige Welt hinein: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 
Des Fiihlens, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 39 



Und wenn Sie nie ohne diese Konkordanzen und ohne zu verbinden diese drei 

[die Worte «dritten», «zweiten», «ersten» werden an der Tafel unterstrichen] dlirch das eine entschei- 

dende Wort zum inneren Seelenorganismus, wenn Sie niemals ohne dieses [das Wort 

«bose» wird in jeder Strophe zum dritten Mai unterstrichen] in sich rege machen diese drei 

Spriiche, so werden diese drei Spruche Euch Fiihrer sein, meine Lieben, auf dem 
Wege hinein in die geistige Welt, vorbei an dem Hiiter der Schwelle. 
Wir wollen ihn in den nachsten Stunden naher kennenlernen. 



Nachste Stunde am nachsten Freitag. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:40 



DRITTE STUNDE 



eginnen wir, meine lieben Freunde, mit jenen uns schon bekannten Worten, 
die - gewissermaBen die Richtung ins Geistige andeutend - der Hiiter spricht 
zur Charakteristik desjenigen, was der Mensch empfinden kann an der 
Schwelle zur geistigen Welt, wenn er an dem Hiiter vorbeischreitet: 

Aus den Weiten der Raumeswesen, 
Die im Lichte das Sein erleben, 
Aus dem Schritte des Zeitenganges, 
Der im Schaffen das Wirken findet, 
Aus den Tiefen des Herzempfindens, 
Wo im Selbst sich die Welt ergrundet: 

Da ertont im Seelensprechen, 
Da erleuchtet aus Geistgedanken 
Das aus gottlichen Heileskraften 
In den Weltgestaltungsmachten 
Wellend wirkende Daseinswort: 
O, du Mensch, erkenne dich selbst. 

Es handelt sich ja zunachst darum, daB der Mensch im Gedanken nachgeht die 
Wege, die gegangen werden, wenn der Zugang gesucht wird in die geistige Welt. 
Und man darf nicht etwa sagen, wenn irgend jemand in seinen Gedanken nacher- 
lebt, was der Einzuweihende durchmacht in der Wirklichkeit beim Eintritt in die 
geistige Welt, daB der Nachdenkende - wenn er ehrlich und ernst lebt in seinen 
Gedanken - nicht mitmachte, wenn auch nur im ideellen Abglanz nicht mitmachte 
dasjenige, was eben sich fur die Menschenseele offenbart beim wirklichen Eintritt 
in die geistige Welt. 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 41 



Man sollte nicht sagen: Uberlassen wir den Eintritt in die geistige Welt denjeni- 
gen, die die Einweihung suchen, urn dann drinnenzustehen mit ihrer Seele in dem 
geistigen Dasein, so wie sonst der Mensch steht mit seinen Sinnen im physischen 
Dasein; sondern man sage anders. Man sage: Wenn man herangeht an dasjenige, 
auch nur denkend, in Gedanken nacherlebend, was darstellt den Weg in die geistige 
Welt, darstellt den Eintritt in die geistige Welt, darstellt dasjenige, was dann einem 
entgegentritt in der geistigen Welt, dann wird man, wenn man in den Gedanken 
nur nicht oberflachlich ist, durchaus auch ein voiles Empfinden und ein voiles 
Erleben haben von demjenigen, was sich regt, wenn man aus der Welt des Schemes, 
aus der Welt der Sinne, die sonst nur der Verstand erfassen kann, eintritt in die 
geistige Welt. 

Daher ist dasjenige, was ich heute zu Ihnen sprechen werde, meine Lieben, nicht 
etwa bloB fur denjenigen gesprochen, der mit seinem Gemiite jene Umwandlung 
sucht, die ihn in die geistige Welt hineinstellt, sondern es ist auch fur denjenigen 
gesprochen, der diese Umwandlung zunachst nur in seinen Gedanken erlebt. Und 
das wollen Sie ja im Grunde alle, sonst wiirden Sie nicht hier sitzen. 

Deshalb muB das Folgende gesagt werden: Wenn der Mensch in der Sinneswelt 
seine Beobachtungen macht - das Leben besteht ja aus solchen Beobachtungen -, 
wenn der Mensch dann dasjenige, was in der Sinneswelt ihm entgegentritt, zum 
AnlaB nimmt, seinen Willen zu entfalten, wenn er aus der Beobachtung zur Tat 
iibergeht und dasjenige auf sein Gemiit wirken laBt im Fiihlen, was sich aus Tat 
und Gedankenbeobachtung zusammensetzt, dann steht der Mensch, weil ihm das 
nun einmal als physisches Erdenwesen zwischen der Geburt und dem Tode einge- 
pflanzt ist, es steht der Mensch auf einem gewissermaBen sicheren Boden. Diesen 
sicheren Boden, wo er ihn nicht hat, da sucht er ihn ja. Er sucht iiberall, wenn er 
irgend etwas glauben soil, die Tatsachen, die das lehren. Er fragt: Welche Erfahrung 
beweist dieses oder jenes? Er nimmt nicht gern etwas an im gewohnlichen Leben, 
was nicht durch diese oder jene auBere Erfahrung bewiesen wird. Der Mensch 
steht da auf einem sicheren Boden, weil er sich sagt: Dasjenige ist wahr, was man 
gesehen hat, dasjenige ist wirklich, was man angegriffen hat. Es ist da durch die 
Welt selbst, durch die Weltordnung, eine gewisse Sicherheit im menschlichen 
Leben. Und weil diese Sicherheit ist, unterscheidet ja der Mensch, soweit eben das 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 42 



fur das gewohnliche Leben zwischen Geburt und Tod notig ist, unterscheidet er 
zwischen Wahrheit und Illusion, Wahrheit und Schein, Wahrheit und Traum. Wo 
eben die Korrektur durch das Leben nicht stattfinden kann, die Verifizierung, da 
redet der Mensch von Schein. Und nur das, daB er reden kann im gewohnlichen 
Leben von Wahrheit und Schein, von Wirklichkeit und Schein, das fiihrt ihn sicher 
durch das Leben hindurch. 

Bitte stellen Sie sich einmal vor, meine lieben Freunde, Sie gingen durch das 
gewohnliche sinnliche Leben, das Sie durchmachen zwischen der Geburt und dem 
Tode, so, daB Sie richtig niemals recht wissen konnten, ob irgend etwas, was Ihnen 
entgegentritt, Wahrheit oder Illusion ist. Sie konnten nicht kontrollieren, ob ein 
Mensch, der Ihnen gegeniibersteht, der Ihnen etwas sagt, nun ein wirklicher Mensch 
ist oder ob er ein Scheingebilde ist. Sie konnten nicht unterscheiden, ob irgendein 
Ereignis, das Ihnen begegnet, von Ihnen bloB getraumt ist oder ob es in dem 
Tatsachenzusammenhang der Welt darinnensteht. Denken Sie nur, welche Unsi- 
cherheit, welche furchtbare Unsicherheit in das Leben hineinkame! 

Aber so, wie Sie sich fiihlen wiirden, wenn Ihnen das Leben auf Schritt und 
Tritt die genaue Kontrolle entzoge, ob Sie traumen oder ob Sie der Wirklichkeit 
gegeniiberstehen, so ist es, wenn zunachst der Schuler an der Pforte, an der Schwelle 
der geistigen Welt steht. Das ist das allererste bedeutsame Erlebnis, daB er, wenn 
er an der Schwelle der geistigen Welt steht, merkt: jenseits dieser Schwelle ist die 
geistige Welt. 

Wir haben ja gesehen: zunachst stromt da nur Finsternis aus dieser geistigen 
Welt heraus. Aber dasjenige, was da oder dort herauswellend, herausleuchtend 
erscheint, das ist bei der ersten Erfahrung - in die noch der Hiiter der Schwelle 
seine Worte hineintonen laBt, wie wir sie das letzte Mai gehort haben -, bei der 
ersten Erfahrung so, daB Sie niemals zunachst mit all dem, was Sie sich errungen 
haben in der physischen Welt an Sinneserkenntnis, an Verstandeserkenntnis, daB 
Sie mit all dem, was Sie sich da errungen haben, niemals unterscheiden konnen, 
ob Sie ein wirkliches geistiges Wesen, eine wirkliche geistige Tatsache, oder aber 
vor sich haben ein Traumgebilde. 

Das ist die allererste Erfahrung, die man macht gegeniiber der geistigen Welt, 
daB sich ineinandermischen Schein und Wirklichkeit und die Unterscheidung zwi- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:43 



schen Schein und Wirklichkeit zunachst ganz problematisch ist. Das ist auch 
dasjenige, das gar sehr berucksichtigen sollte derjenige, welcher nicht in regelmaBi- 
gem Schiilergange, sondern wie durch elementarische Krafte, die aus allem Mogli- 
chen heraus kommen konnen, aus erschiitternden Ereignissen, aus Krankheit und 
so weiter - das ist, was der, der durch solche elementarischen Krafte erlebt diese 
oder jene Impressionen aus der geistigen Welt, wohl berucksichtigen sollte. Er 
sollte sich nicht von vornherein vormachen: Nun hast du die geistige Welt; denn 
es konnte sehr wohl sein, daB dasjenige, was sich ihm da oder dort aufblitzend 
zeigt aus der geistigen Welt, eben eine bloBe Illusion ist. Daher ist das erste, was 
man lernen muB, um in die geistige Welt eintreten zu konnen in rechter Weise, 
das von allem, was man in der physischen Welt erfahrt, unabhangige Unterschei- 
dungsvermogen ftir Wahrheit und Irrtum, ftir Wirklichkeit und Illusion. Man 
muB sich ein ganz neues Unterscheidungsvermogen aneignen fur Wirklichkeit und 
Illusion. 

In unserer Zeit, in der ja die Menschen nicht mehr sehr viel geben auf dasjenige, 
was aus der geistigen Welt hereinleuchtet, in der die Menschen ganz und gar in 
der allgemeinen Zivilisation nur etwas geben auf dasjenige, was handgreiflich ist, 
was mit physischen Augen gesehen werden kann, in unserer Zeit, wo der Mensch 
sich ganz und gar gewohnen will an die auBere Sicherheit, die das Leben zwischen 
Geburt und Tod gibt, in dieser Zeit ist es ganz besonders schwierig, sich dieses 
Unterscheidungsvermogen ftir Wahrheit und Irrtum, Wirklichkeit und Schein fur 
die geistige Welt anzueignen. Und es ist auf diesem Gebiete der allerallergroBte 
Ernst notwendig. 

Und woher kommt denn das? Ja, sehen Sie, wenn Sie als physischer Mensch 
gegeniiberstehen der auBeren Welt, so machen Sie sich iiber diese auBere Welt Ihre 
Gedanken. Aber gleichzeitig mit diesen Gedanken kommen an Sie die Eindrucke 
der physischen Welt heran. Diese Eindrucke der physischen Welt, die gehen gewis- 
sermaBen unter den Gedanken durch, die tragen Sie. Sie brauchen nicht viel dazu 
zu tun, um in der Wirklichkeit zu leben. Die Wirklichkeit nimmt Sie auf als 
physische Wirklichkeit. 

In der geistigen Welt ist das ganz anders. In die geistige Welt miissen Sie erst 
hineinwachsen. Der geistigen Welt gegenuber miissen Sie sich erst erwerben eine 



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richtige Empfindung von der wahren eigenen Wirklichkeit. Dann konnen Sie 
nach und nach zu einem Unterscheidungsvermogen kommen zwischen Wahrheit 
und Irrtum, zwischen Wirklichkeit und Schein. 

Wenn Sie sich auf einen Stuhl setzen: in dem Augenblicke, wo Sie nicht zu 
Boden fallen, sondern in der regelrechten Lage sitzen konnen auf dem Stuhl, wissen 
Sie, der Stuhl ist in der physischen Welt ein wirklicher Stuhl, nicht bloB ein 
vorgestellter Stuhl. Der Stuhl sorgt dafiir, daB Sie zu der Anschauung seiner Wirk- 
lichkeit kommen. 

Das alles ist in der geistigen Welt nicht so da. Denn warum ist das in der 
physischen Welt so? Da in der physischen Welt ist das aus dem Grunde so, weil 
in der physischen Welt Ihr Denken, Ihr Fiihlen, Ihr Wollen durch den physischen 
Korper als eine Einheit getragen wird. Sie sind ein dreigliedriger Mensch: ein 
denkender Mensch, ein fiihlender Mensch, ein wollender Mensch. Aber das alles 
ist ineinandergefiigt durch den physischen Leib. 

In dem Augenblicke, wo der Mensch in die geistige Welt hineintritt, da wird 
er sogleich ein dreifaches Wesen. Sein Denken geht eigene Wege, sein Fiihlen geht 
eigene Wege, sein Wollen geht eigene Wege. Diese Gliederung, diese Spaltung in 
drei macht er sogleich durch, wenn er in die geistige Welt eintritt. Und Sie konnen 
in der geistigen Welt denken, Gedanken haben, die gar nichts zu tun haben mit 
Ihrem Wollen: dann aber sind diese Gedanken Illusionen. Sie konnen Gefuhle 
haben, die nichts zu tun haben mit Ihrem Wollen: dann sind diese Gefuhle etwas, 
was zu Ihrer Vernichtung, nicht zu Ihrer Forderung beitragt. 

Das ist das Wesentliche, daB der Mensch in dem Augenblick, wo er an die 
Schwelle zur geistigen Welt herantritt, sich so vorkommt, als floge sein Denken 
in die Weltenweiten, als gehe sein Fiihlen hinter seine Erinnerungen zuriick. 

Beachten Sie das letztere, was ich gesagt habe. Sehen Sie, die Erinnerung ist 
tatsachlich etwas, was hart an die Schwelle zur geistigen Welt herankommt. Denken 
Sie, Sie haben vor zehn Jahren etwas erlebt. Es kommt in der Erinnerung wieder 
herauf. Das Erlebnis steht da. Sie sind zufrieden, mit Recht zufrieden ftir die 
physische Welt, wenn Sie bis zu einer recht lebhaften Erinnerung kommen. Aber 
derjenige, der in die geistige Welt eintritt, bei dem ist es wirklich so, als ob er die 
Erinnerung durchstoBen wiirde, als ob er weiter gehen wiirde, als die Erinnerung 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:45 



reicht. Vor alien Dingen geht er weiter, als seine Erinnerungen reichen konnen 
fur das physische Erdenleben. Er geht hinter die Geburt zuriick. 

Und wenn man in die geistige Welt eintritt, so fiihlt man sofort, daB das Fiihlen 
gar nicht bei einem bleibt. Das Denken wenigstens geht noch hinaus in die gegen- 
wartige Welt. Es zerstreut sich gewissermaBen in dem Weltenraum. Das Fiihlen 
geht aus der Welt hinaus, und man muB sich sagen, wenn man dem Fiihlen nachge- 
hen will: Ja, wo bist du jetzt eigentlich? Wenn du im Leben 50 Jahre alt geworden 
bist, so bist du eigentlich weiter zunickgegangen als 50 Jahre in der Zeit; du bist 
70 Jahre, 90 Jahre, 100 Jahre, 150 Jahre zunickgegangen. Das Fiihlen fiihrt Sie ganz 
heraus aus der Zeit, die Sie miterlebt haben von Kleinkindheit auf. 

Und das Wollen, wenn Sie es im Ernste fassen, fiihrt Sie noch weiter zuriick, 
in die vorigen Erdenleben. Das ist etwas, was sogleich auftritt, meine Lieben, wenn 
man an die Schwelle der geistigen Welt wirklich herantritt. Der Zusammenhalt 
des physischen Leibes hort auf. Man fiihlt sich nicht mehr in den Grenzen seiner 
Haut eingeschlossen, aber man fiihlt sich zerteilt. 

Man fiihlt, wie wenn ausstrahlen wiirde das Denken, das man friiher zusammen- 
gehalten hat in seinem Gefiihl, wie wenn das Denken ausstrahlen wiirde in die 
Weltenweiten und Weltengedanken werden wiirde. Man fiihlt sich in der Zeit 
zuruckgehend mit seinem Fiihlen unmittelbar in der geistigen Welt drinnen, die 
man zwischen dem letzten Tode und dem diesmaligen Erdenleben durchgemacht 
hat. Und man fiihlt sich in vorigen Erdenleben mit seinem Wollen. 

Gerade aber diese Spaltung des menschlichen Wesens - ich habe sie beschrieben 
in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» -, gerade 
diese Spaltung des menschlichen Wesens, die macht Schwierigkeiten beim Betreten 
der geistigen Welt, denn die Gedanken verbreitern sich. Dasjenige, was man zusam- 
mengehalten hat, geht in alle Welt iiber. Damit aber wird es zugleich fast unwahr- 
nehmbar. Und man muB sich erwerben die Fahigkeit, diejenigen Gedanken noch 
wahrzunehmen, die in solche Weiten hinausgehen. 

Das Fiihlen ist nicht mehr von Gedanken jetzt durchsetzt - denn die Gedanken 
sind einem gewissermaBen davongegangen -, das Fiihlen kann sich nur in allgemei- 
ner Hochschatzung, Hingabe, gebetartiger Stimmung wenden an diejenigen Wesen, 
mit denen man das Leben zwischen dem Tode und der Geburt, bevor man die 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:46 



Erde betreten hat, durchlaufen hat. Aber wenn man sein Leben heranerzogen hat 
fur solches verehrendes Fiihlen der geistigen Welt, so geht das noch. 

In dem Augenblicke aber, wo man sich dem Wollen hingibt, das hin will in die 
vorigen Erdenleben, da tritt fur den Menschen eben die groBe Schwierigkeit ein, 
daB er eine ungeheure Anziehungskraft in der Seele bekommt fur alles dasjenige, 
was niedrig ist in seiner Wesenheit. Und hier wirkt am starksten dasjenige, was 
ich vorhin sagte, daB es schwierig ist, zwischen Schein und Wirklichkeit zu unter- 
scheiden. Denn der Mensch bekommt da einen wahren Hang dazu, sich dem 
Scheine hinzugeben. Ich will das so erzahlen. 

Wenn der Mensch beginnt zu meditieren, wenn er wirklich mit innerer Hingabe 
sich durchsetzt mit seinem Meditations stoff - er mochte diese Meditation in mog- 
lichster Gleichgiiltigkeit ablaufen lassen; er mochte nicht, daB ihn die Meditation 
herausreiBt aus der Behaglichkeit des Lebens. Und dieser Trieb, moglichst still zu 
sein, moglichst nicht herausgerissen zu werden aus der Behaglichkeit des Lebens, 
dieser Trieb ist ein starker Illusionserzeuger, ein starker Scheinerzeuger. Denn gibt 
man sich restlos ehrlich der Meditation hin, dann kommt ganz notwendig herauf 
aus den Tiefen der Seele die Empfindung: Was ist eigentlich alles an Anlage zu 
Bosem in dir! Man kann gar nicht anders, als durch die Meditation, durch jenes 
innerliche Vertieftsein, man kann gar nicht anders als wirklich fiihlen, tief fiihlen: 
Da ist alles Mogliche da, was du eigentlich tun konntest, wozu du fahig warest. 
Aber nur - der Trieb ist so stark, sich das ja nicht zu gestehen, so daB man sich 
der Illusion hingibt: man ist eigentlich ein guter, ein recht guter Mensch seinen 
innersten Anlagen nach. 

Die wirkliche Erfahrung als Folge der Meditation gibt das nicht. Die zeigt einem, 
wie man beseelt sein kann von alien moglichen Eitelkeiten, wie man beseelt sein 
kann von allem moglichen Uberschatzen seines eigenen Wesens und Unterschatzen 
des Wesens der anderen, wie man ganz durchsetzt ist davon, auf das Urteil von 
Leuten nicht nur deshalb etwas zu geben, weil sie von uns als Menschen empfunden 
werden, die etwas zu sagen haben, sondern weil man sich eben sonnen will in dem 
Urteil der anderen. Aber das sind noch die geringsten Dinge. Derjenige, der wirklich 
ehrlich meditiert, wird sehen, welche Triebe in seiner Seele eigentlich leben, zu 
was allem er eigentlich fahig ware. Da tritt schon die niedere Menschennatur in 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:47 



einer starken Weise vor die innere Schau der Seele. Und diese Ehrlichkeit muB im 
Meditieren sein. Und wenn diese Ehrlichkeit da ist, dann eben spiegelt sich dasjeni- 
ge, was eigentlich im Willen alles veranlagt ist, das spiegelt sich in den Worten, 
die ja auch schon vor unsere Seele getreten sind, es spiegelt sich dasjenige, was 
angeschlagen worden ist mit den Worten: 

Schau das erste Tier, den Riicken krumm, 
Knochenhaft das Haupt, von diirrem Leib, 
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut; 
Deine Furcht vor Geistes-Schopfer-Sein 
Schuf das Ungetiim in deinem Willen. 

Und weil das so ist, weil der Mensch sozusagen durch einen Hang, sich iiber 
dieses einer Illusion hinzugeben, hinunterwiirgt den notwendigen Eindruck der 
Meditation, deshalb entsteht dann jenes innerliche Aufstacheln, das Spottenwollen 
iiber die geistige Welt. Nur aus diesen Gegenkraften kann das ehrliche Drinnenste- 
hen in der geistigen Welt hervorgehen. Dann tritt eben der Anblick des zweiten 
Tieres auf an der Schwelle: 

Schau das zweite Tier, es zeigt die Zahne 
Im verzerrten Angesicht, es liigt im Spotten, 
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib; 
Dein HaB auf Geistes-Offenbarung 
Schuf den Schwachling dir im Fiihlen. 

Und das ist es, was uns dann, wenn wir nicht hinauskonnen, wenn wir ohnmachtig 
sind, die Gedanken, die wir wahrend des Erdenlebens sonst im Kopfe festhalten, 
als Weltgedanken zu verfolgen, was uns - aus der Ohnmacht, unsere Menschenge- 
danken zu Weltgedanken aufzuschwingen - als das dritte Tier erscheint: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:48 



Schau das dritte Tier, mit gespaltnem Maul, 
Glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung, 
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt; 
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt 
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken. 

Je weniger wir uns einer Illusion hingeben iiber diese Dreiheit, die unser eigenes 
Wesen spiegelt, desto mehr gehen wir ein in jene Statte, wo wir das in uns finden, 
was der wahre Mensch ist, der das Licht aus der geistigen Welt empfangen kann, 
der nun wirklich jenes Ratsel, soweit es auf Erden moglich ist, zu losen in der 
Lage ist, das uns aufgegeben wird mit den Worten: «0 du Mensch, erkenne dich 
selbst!» Denn aus dieser Selbsterkenntnis quillt die wahre Welterkenntnis, die dann 
durchs Leben in der rechten Weise fiihren kann. Daher durfte diese Dreispaltung, 
in die der Mensch eintritt, wo das Denken seinen Weg geht, das Fiihlen seinen 
Weg geht, das Wollen seinen Weg geht, die sonst durch das AuBere vereinigt sind, 
es durfte das mit den Worten zitiert werden, die der Hiiter der Schwelle zu dem 
Zogling der geistigen Welt spricht. Das letzte Mai wurden hier diese Worte ange- 
fiihrt: 

Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 
Des Fiihlens, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite:49 



Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 

Das sind die Worte, die als Ermahnung des Hiiters gesprochen werden, so daB 
wir erkennen, wie wir nicht in die geistige Welt eintreten sollen. Wir miissen beim 
Eintritt in die geistige Welt uns eine andere Art zu urteilen, eine andere Art zu 
fiihlen, eine andere Art zu wollen angewohnen, als sie in der physischen Welt 
herrschend sind. Und dazu ist notwendig, daB wir wirklich diese Dreiheit in uns 
erfassen, daB wir den Blick nach innen in starker Weise wenden, um aufmerksam 
zu werden, wie das Denken nun ist, wie das Fiihlen nun ist, wie das Wollen 
nun ist und wie sie werden miissen, damit wir hinuberschreiten konnen iiber die 
Schwelle hinein in die geistige Welt, wenn das auch nur mit unseren Gedanken 
geschieht. Es ist schon so, daB die Gotter vor dem hochsten Erkenntnisgliick die 
Uberwindung aufgerichtet haben und sie fordern. 

Deshalb schlieBt unmittelbar, nachdem diese entmutigenden, vielleicht schauer- 
erregenden Worte des Hiiters gefallen sind, die ich heute wiederholentlich zu Ihnen 
gesprochen habe, deshalb schlieBt der Hiiter die anderen an, die uns sagen, was 
wir tun sollen. Und hier handelt es sich darum, daB unsere ersten Stunden in dieser 
Klasse hier eben auch praktisch werden, dasjenige uns uberliefern, was in unsere 
Gedanken- und Fuhlens- und Willenskrafte eingehen kann, damit wir in der richti- 
gen Weise in die geistige Welt hineintreten. 

Und dreigliedrig soil wiederum der Spruch sein, der so in uns hineinstromen 
soil, daB wir mit ihm leben konnen. Denn indem wir mit ihm leben, begeben wir 
uns auf den Weg in die geistige Welt. So wie wir essen und trinken, so wie wir 
schauen und horen, so soil etwas in uns erregt werden durch dasjenige, was uns 
der Hiiter der Schwelle, der vor der geistigen Welt steht, mit seinem ernsten Antlitz 
sagt. Und er sagt zunachst in der ersten Strophe: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 50 



Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fuhrerwesen. 

Losen wir den Spruch auf: Der Mensch, wenn er in der Sinneswelt lebt, in dem 
Leben zwischen der Geburt und dem Tode, er fiihlt sich in seinem physischen 
Leib. Er weiB, daB ihn seine Beine durch die Welt tragen. Er weiB, daB ihm seine 
Blutzirkulation Leben gibt. Er weiB, daB ihm seine Atmung das Leben erweckt. 
Er iibergibt sich demjenigen, was im Atem, in der Blutzirkulation, in den Bewegun- 
gen der GliedmaBen ihn durch die Welt fiihrt. Er gibt sich an das hin. Dadurch, 
daB er sich an das hingibt, ist er ein physisches Wesen innerhalb des Erdendaseins. 
So muB sich der Mensch hingeben, wie er sich hingibt in der physischen Welt an 
dasjenige, was ihm vom physischen Stoff aus das Leben auf Erden moglich macht 
in der Bewegung seiner Glieder, in der Zirkulation seines Blutes, in seinem Atem; 
so wie er sich dem hingibt, so muB er sich den fuhrenden Machten der geistigen 
Welt mit seiner Seele hingeben, wenn er an der geistigen Welt Anteil haben will, 
wenn er da hineindringen will mit seiner Erkenntnis. 

Geradeso wie ich sagen muBte ftir die Gesundheit im physischen Dasein: dein 
Blut muB entsprechend zirkulieren, dein Atem muB in Ordnung sein -, so muB 
ich verweisen den Menschen, wenn er ebenso in der geistigen Welt drinnenstehen 
soil, darauf, daB nun seine Seele nachfolgt, getragen wird, gefiihrt wird von seines 
Geistes Fuhrerwesen: 

[Der erste Spruch «Sieh in dir Gedankenweben» wird nun an der Tafel von ruckwarts her angeschrieben, 
beginnend rechts unten mit den beiden letzten Worten des Spruches; siehe Tafelband Seite 20:] 

Geistes Fuhrerwesen 

Aber, meine lieben Freunde, an Ihr Blut sind Sie hingegeben durch Naturgewalt, 
an die Bewegungen Ihrer GliedmaBen sind Sie hingegeben durch Naturgewalt, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 51 



ebenso an Ihren Atem. Nicht so konnen Sie hingegeben sein an Ihre Fuhrerwesen 
in der geistigen Welt. Da miissen Sie mit innerer Aktivitat ankommen. Die Fuhrer- 
wesen erreichen Sie nicht, wie Sie den Atem erreichen durch die Bewegung Ihrer 
Lunge, die erreichen Sie aber, indem Sie sie zu verehren verstehen: 

[Uber «Fuhrerwesen» wird «verehren» geschrieben, so daB nun an der Tafel steht:] 

verehren 
Geistes Fuhrerwesen 

zu verehren mit dem Tiefsten, was in Ihnen wurzelt, mit Ihrem Selbstheitsein. 

[Vor «verehren» wird «Selbstheitsein» geschrieben, so daB nun an der Tafel steht:] 

Selbstheitsein verehren 
Geistes Fuhrerwesen 

Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fuhrerwesen 

[Mit dem Sprechen dieser beiden Zeilen werden die noch fehlenden Worte «es soll» und «Deines» eingefugt, 
so daB nun die beiden letzten Zeilen des Spruches vollstandig an der Tafel stehen:] 

Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fuhrerwesen 

Damit haben Sie den Tatbestand, in dem Sie drinnenstehen miissen in der geistigen 
Welt, in Worten gegeben, in den Worten, die der Hiiter spricht. 

Und wie stehen Sie drinnen? Sie stehen nicht dadurch drinnen, daB Sie wie mit 
Ihren Beinen auf dem physischen Erdboden stehen; Sie stehen nicht dadurch 
drinnen, daB Sie wie in Ihrem Blute in der physischen Lebenswarme weben; Sie 
stehen nicht dadurch drinnen, daB Sie den Atem einziehen: Sie stehen dadurch 
drinnen, daB Sie in dem halb geistigen Atherwesen sich fiihlen, daB das Ather- 
wesen wie weht durch Sie. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 52 



[Die dritte Zeile von unten wird angeschrieben:] 

Atherwesen webt in dir 

Das ist die Empfindung: im Geistigen drinnenzustehen, wie wenn man selber ein 
Wolkchen ware, ringsherum iiberall Wind wehte, Geisteswind, man genommen 
wiirde iiberall von diesem Windesweben, aber man fiihlen wiirde in diesem Windes- 
weben, wie wenn Selbstheitsein, das eigne Ich namlich, verehrte des Geistes Fiihrer- 
wesen, die iiberall mit diesem Windeswehen herankommen. In das unterzutauchen 
werden wir aufgefordert. Aber was ist es zunachst? Solange wir bloB mit unserer 
Meditation bleiben in all dem, was ich jetzt geschildert habe, leben wir im Schein; 
nun miissen wir untertauchen in diesen Schein mit dem vollen BewuBtsein, daB 
dieses Windeswehen, dieses Verehren von Geistes Fiihrerwesen zunachst 

« S C h e i n » ist [die vierte Zeile von unten wird angeschrieben] : 

Tauche unter in den Schein 

Warum sollen wir das alles tun? Ja, wir haben ja nur zunachst im Erdenleben ein 
unbestimmtes Gefiihl von unserem Ich; «Selbstheitsein» - wir bezeichnen es mit 
dem Worte «Ich», aber es ist ein unbestimmtes, dunkles Gefiihl -, das verbirgt 

Sich uns [die fiinfte Zeile von unten wird angeschrieben; siehe auch Tafelband Hinweise Seite 166]: 

Selbstheitsein verbirgt sich dir 

Von dem weiB man nicht viel. Und dasjenige, was man weiB, was man in den 
Gedanken, die man gewahr wird, erfaBt, ist ja nicht Weltensein, ist Weltenschein 

[die sechste Zeile von unten wird angeschrieben] : 

Weltenschein erlebest du 
Das alles wird uns, wenn wir der Aufforderung des Hiiters der Schwelle nach- 

kommen, [die siebente beziehungsweise erste Zeile wird angeschrieben]: 

Sieh in dir Gedankenweben 
das alles wird uns das eigene Gedankenweben. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 53 



Nun haben wir den ersten mantrischen Spruch, der uns Kraft geben soil, in 
unserem Denken nachzukommen der Aufforderung, mit unserer Selbstheit zu 
verehren des Geistes Fuhrerwesen; der da also zunachst nur dem Wortlaute nach 
vor Ihre Seele hintreten kann: 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fuhrerwesen. 

Das ist es, was als Aufforderung an uns geht in bezug auf die Riickschau in unsere 
Gedanken. Wenn Sie sich von der AuBenwelt abschlieBen und hinschauen, wie 
die Gedanken in Ihnen fluten, und dann dieser Aufforderung nachkommen, die 
in den sieben Zeilen liegt, dann haben Sie die erste Anforderung erfiillt, die der 
Hiiter der Schwelle an Sie stellt. 

Nun haben Sie heranzutreten mit demjenigen, was der Hiiter sagt, an Ihre 
Gefiihle: 

Vernimm in dir Gefiihle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 54 



Geradeso wie wir durch diesen ersten mantrischen Spruch ins Denken steigen, 
steigen wir durch den zweiten in die innere Welt der Gefuhle: 

[Nun wird der zweite Spruch an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 20/21:] 

Vernimm in dir Gefuhle-Strdmen 

Sehen Sie ab von dem Denken und versuchen Sie, zuriickzuwenden den Blick 
in Ihr eigenes Fiihlen. Im Denken ist alles nur Schein. Wenn wir in die Gefuhle 
hinuntersteigen, da mischen sich, da mengen sich Schein und Sein; das werden wir 
sogleich merken: 

Es mengen Schein und Sein sich dir 

Allein unser Ich, die Selbstheit, will nicht in das Sein; sie ist ja gewohnt an den 
auBeren Schein der Sinne, sie will nicht in das Sein. Sie neigt dem Scheine sich zu, 
sie hat noch das Nachgefiihl, den Nachtrieb von der Sinneswelt: 

Die Selbstheit neigt dem Scheine sich 
So tauche unter in scheinendes Sein 

in dasjenige, was sich im Gefiihl, auf dem Grunde der Gefuhle ergibt: Es ist 
scheinendes Sein, es ist gemischt aus Schein und Sein. 

«So tauche unter in scheinendes Sein»: da ist der Weg, wo wir schon fiihlen 
werden, wenn wir uns der Gesinnung, die in diesen vier Zeilen liegt, hingeben, 
wo wir fiihlen werden, es wird ernst, wir tauchen in das Sein unter: 

Und Welten-Seelenkrafte sind in dir 

Vorerst sollte die Selbstheit «verehren», indem sie sich ins Denken versenkt; jetzt 
soil die Selbstheit «bedenken». Der Gedanke soil hinuntergetragen werden ins 
Gefiihl. Wir werden da schon gestoBen an dasjenige, was uns des Seins versichert: 

Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmdchte. 

Nicht mehr «Schein», jetzt sind «Lebensmachte» da. Die Gotter geben uns, 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 55 



wahrend unsere Eigenheit, unser Ich, sich dem Scheine neigen mochte, geben uns 
die Gotter in den Tiefen des Fiihlens den Fels des Seins. 

Es ist nun gut, wenn Sie, um die Spriiche wirklich zu einem Mantram zu machen, 
wiederum solche Entsprechungen wohl bedenken: 

[Die in Anfuhrungszeichen gesetzten Worte werden nun an der Tafel unterstrichen:] 

«verehren» 

«bedenken» - wir werden beim dritten Spruch sehen, wie sich das 
steigert - 

«Schein» erlebest du. 

Hier [erster Spruch] ist nur Schein; und hier [zweiter Spruch] 

ist: es mengen 

«Schein» und «Sein» sich dir. 

«Fuhrerwesen» [im ersten Spruch]; die eignen 
«Lebensmachte» [im zweiten Spruch], 

die Wesen, die uns fiihren durch den Ather; die Wesen, die Lebensmachte sind, 
die uns zuriickfiihren in das vorirdische Dasein. Und dahin geht das Gefiihl. 

Wollen Sie aber das zu einem wirklichen Mantram machen, so mils sen Sie noch 
etwas anderes betrachten. 

Nun lesen Sie den ersten Spruch «Sieh in dir Gedankenweben»: 

Sieh in dir Gedanken weben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fiihrerwesen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 56 



Sie haben es deutlich zu tun mit einem Trochaus, mit der trochaischen Stimmung, 
die ich Sie bitte zu beachten. Wenn Sie dieses stark betonen, dieses schwach betonen 

[iiber die sieben Zeilenanfange an der Tafel wird das trochaische Rhythmuszeichen — u gesetzt], Stark 

betont, schwach betont fiihlen, dann ist das das richtige Atherweben der Seele, in 
das nur hineinzutonen braucht die Verehrung der hoheren Wesen, dann werden 
Sie in die geistige Welt hinubergefiihrt. 

Das wird anders in dem zweiten Spruch «Vernimm in dir»: 

[Uber die sieben Zeilenanfange an der Tafel wird das jambische Rhythmuszeichen u — gesetzt und dabei 
der Spruch mit entsprechender Betonung gesprochen:] 

Vernimm in dir Gefuhle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 

Die Art, wie in der Seele diese Worte empfunden werden, ob trochaisch oder 
jambisch - hier [im ersten Spruch] haben Sie einen deutlichen trochaischen Einschlag, 
hier [im zweiten Spruch] einen deutlichen jambischen Einschlag -, die Art, wie diese 
Worte empfunden werden, gibt der Seele den entsprechenden Schwung. 

Es handelt sich eben durchaus nicht bloB darum, verstandesmaBigen Inhalt in 
die Seele zu bekommen, wenn die Seele auch nur in Gedanken den Weg in die 
geistige Welt machen soil, sondern es handelt sich darum, daB die Seele in das 
richtige Atmen und in den richtigen Rhythmus des Weltendaseins hineinkommt. 
Wenn Sie einen Rhythmus, der jambisch ist, fur das Hineinstreben in das Welten- 
denken anwenden, haben Sie den Hiiter der Schwelle miBverstanden. Wenn Sie 
einen Richtspruch anwenden fiir das Hineinkommen in der Gefiihle Welt, der 
trochaisch ist und nicht jambisch, haben Sie wiederum den Hiiter der Schwelle 
miBverstanden. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 57 



Das dritte, worinnen wir untertauchen miissen, das ist das Wollen. Und auch 
fur dieses Wollen gibt uns der Hiiter der Schwelle einen Richtspruch. Jetzt, nach- 
dem die ersten beiden an unserer Seele vorbeigezogen sind, werden wir den letzten 
in einfacher Weise verstehen konnen: 

[Der dritte Spruch wird an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 21:] 

Lafi walten in dir den Willens-Stofi: 
Der steigt aus allem Scheineswesen 

- das ist nicht ein Artikel: «der», sondern das ist ein Relativpronomen: «welcher» 
steigt - 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

- aus dem Willen erkraftet sich auf, steigt auf dasjenige, was dem Eigensein Sub- 
stanz, Inhalt gibt - 

Ihm wende zu all dein Lehen: 
Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht; 
Dein Eigensein, es soil ergreifen 
Weltschopfermacht im Geistes-Ich, 

Fiihlen Sie wiederum die Steigerung: 

[Die in Anfuhrungszeichen gesetzten Worte des dritten Spruches werden im folgenden an der Tafel unter- 
strichen:] 

verehren: man ist fern, man schaut auf, man verehrt von auBen; 

bedenken: man nahert sich mit den Gedanken, man tritt schon ein; 

«ergreifen»: ist die hochste Steigerung, man tritt heran und nimmt es 

an sich. 

Fiihrerwesen, 

Lebensmachte und jetzt 

«Weltsch6pfermacht», das jetzt als Wort an den Anfang der Zeile getreten ist, 

entsprechend der Realitat der unmittelbaren Kraftwir- 
kungsweise des Willens. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 58 



Als mantrische Spriiche werden Sie empfinden die drei, wenn Sie achten auf das 
Trochaische hier [beimersten spruch]; das Jambische hier [beim zweiten Spruch]. Hier aber 
[beim dritten Spruch] haben Sie zwei betonte Silben iiberall. Sie setzen ein nicht mit 
einem Aufsteigen, nicht mit einem Abfallen, Sie setzen ein mit zwei gleich betonten 
Silben: 

[Uber die Zeilenanfange an der Tafel wird das spondeische Rhythmuszeichen gesetzt und dabei mit 

entsprechender Betonung gesprochen:] 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 

Hier haben Sie spondeischen Gang. 



Das ist dasjenige, was zu beachten ist. Sie miissen sich herausreiBen aus dem 
bloBen Verstandesinhalt, achten auf diesen trochaisch-jambisch- spondeischen 
Gang. In dem Augenblicke, wo wir von dem Verstandessinn hineinkommen in 
die Hingabe an den Rhythmus, in diesem Augenblicke haben wir die Moglichkeit, 
die physische Welt zu verlassen und wirklich hineinzukommen in das Geistige; 
denn das Geistige begreift sich nicht, wenn wir ftir das Irdische sinngepragte Worte 
anwenden, sondern gerade wenn wir die Gelegenheit ergreifen, den Rhythmus 
dieser sinngepragten Worte hinauszutragen in das Weben im Weltensein. 

Deshalb wird auf die Seele wirken gelassen in dreifachem Schritt Selbstanschauen 
von Denken, Fiihlen und Wollen. Das wird schon in der richtigen Weise heraus- 
kommen aus der Seele, wenn die Seele in sich erlebt - so wie sie erlebt Essen und 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 270a Seite: 5 9 



Trinken im Leibe, wie sie erlebt die Blutzirkulation, das Atmen -, wenn sie erlebt 
dasjenige, was hier rhythmisch im Worte in ihr weben kann: 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fiihrerwesen. 

Vernimm in dir Gefuhle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfullt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 

Mit den Worten haben Sie erst das Blut; mit den Worten in den entsprechenden 
Rhythmen haben Sie das Blut in Zirkulation. Suchen Sie den Sinn dieser Rhyth- 
men, lassen Sie ihn walten im seelischen Leben, und Sie werden sehen, wie Sie 
sich nahern demjenigen, was als erste Mahnung vom Hiiter an uns herandringt 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 60 



und was ich im Beginne dieser Stunden Euren Seelen, meine Lieben, mitgeteilt 
habe: 

Wo auf Erdengrunden, Farb' an Farbe, 
Sich das Leben schaffend offenbart; 
Wo aus Erdenstoffen, Form an Form, 
Sich das Lebenslose ausgestaltet; 
Wo erfuhlende Wesen, willenskraftig, 
sich am eignen Dasein freudig warmen; 
Wo du selbst, o Mensch, das Leibessein 
Dir aus Erd' und Luft und Licht erwirbst: 

Da betrittst du deines Eigenwesens 

Tiefe, nachtbedeckte, kalte Finsternis; 

Du erfragest im Dunkel der Weiten 

Nimmer, wer du bist und warst und werdest. 

Fur dein Eigensein finstert der Tag 

Sich zur Seelennacht, zum Geistesdunkel; 

Und du wendest seelensorgend dich 

An das Licht, das aus Finsternis sen kraftet. 

Und wollen wir uns wenden an das Licht, das aus Finsternissen kraftet, wir finden 
es, wenn wir es auf diesem dreifachen Schritte suchen, uns durchdringend mit 
diesem seelischen Lebensblute in der Seele, die da sein will auf dem Weg zur 
wirklichen Geistes- und Gottes-Erkenntnis. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 61 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 



VIERTE STUNDE 



Dornach, 7. Marz 1924 

eine lieben Freunde! Uns hat beschaftigt in den vorangehenden Stunden 
die Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle. Und diese Begegnung mit 
dem Hiiter der Schwelle muB ja immer mehr und mehr von uns begriffen 
werden, begriffen werden so weit, daB der ganze Ernst desjenigen, was mit dieser 
Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle gemeint ist, wirklich standig vor unserer 
Seele stehen kann. Denn wir haben damit ein Gebiet betreten, das sich im wesent- 
lichen unterscheidet von anderen Gebieten des geistigen Lebens, so wie man sie 
gewohnlich gewohnt ist zu betrachten innerhalb dessen, was man in der heutigen 
Zivilisation die geistige Welt, die Bekanntschaft mit der geistigen Welt und so 
weiter nennt. Begegnung mit dem Hiiter der Schwelle ist ja eigentlich das erste, 
das an den Menschen herantritt, wenn in wahrem Sinne und im Ernste irgendein 
Verhaltnis zur geistigen Welt fur ihn in Betracht kommt. Ein Verhaltnis zur geisti- 
gen Welt kann nicht eintreten ohne dieses Verstandnis fur die Begegnung mit dem 
Hiiter der Schwelle. Denn erst jenseits der Schwelle ist die geistige Welt. Empfangt 
man Mitteilungen aus der geistigen Welt, dann sind diese Mitteilungen schon so 
aufzunehmen, daB sie eigentlich bloB als Mitteilungen ftir uns ein Verhaltnis zur 
geistigen Welt begriinden. 

Ich mochte dasjenige, was heute vor unsere Seele treten soil, zunachst mit einer 
Erzahlung, meine lieben Freunde, vor Ihre Seele stellen, mit einer Erzahlung, die 
entnommen ist alten esoterischen Traditionen. 

Es wurde einmal ein Schiiler aufgenommen in die Mysterien. Er absolvierte die 
Vorstufen. Und als er eine gewisse Stufe der Reife erlangt hatte - die Sie sich 
durchaus nicht so vorstellen sollen, daB er etwa dadurch gleich in irgendein Gebiet 
desjenigen eingezogen ist, was vielleicht die meisten Menschen heute unter Hell- 
sehen vorstellen, sondern er ist eben in Beziehung zur geistigen Welt getreten -, 
und als er in eine solche Beziehung getreten ist, also nur in diejenige Beziehung, 
wo man gefiihlsmaBig richtig die Mitteilungen aus der geistigen Welt entgegen- 
nimmt, da sagte der Lehrer zu ihm: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 63 



Siehe, wenn ich zu dir spreche, dann sind die Worte, die ich zu dir sage, nicht 
bloB Menschenworte; dasjenige, was ich zu sagen habe, kleidet sich nur in Men- 
schenworte. Dasjenige, was ich zu dir zu sagen habe, sind Gottergedanken, und 
diese Gottergedanken werden zunachst durch Menschenworte vor dir ausgespro- 
chen. Aber du muBt dir klar sein, daB ich an alles, was in deiner Seele ist, appelliere. 
Du muBt entgegenbringen den Worten, die ich im Auftrage der Gotter an dich 
richte, all dein Denken, all dein Fiihlen, all dein Wollen. Du muBt entgegenbringen 
dem, was ich zu dir sage, alien Enthusiasmus deiner Seele, alle innere Warme, alles 
innere Feuer. Du muBt entgegenbringen deine voile Wachsamkeit; eine Wachsam- 
keit, so stark als du sie nur entfalten kannst in deinem Seelenleben. 

Aber eine Seelenkraft ist, an die ich zunachst bei dir nicht appelliere, gar nicht 
appelliere: das ist dein Gedachtnis, das ist dein Erinnerungsvermogen. Und ich 
bin es zufrieden, wenn du gar nicht in dein Gedachtnis aufnimmst dasjenige, was 
ich zu dir spreche. Ich bin es zufrieden, wenn du morgen schon wieder vergessen 
hast dasjenige, was ich zu dir spreche. Denn dasjenige, was du gewohnlich dein 
Gedachtnis nennst, dasjenige, was die anderen Menschen dein Gedachtnis nennen, 
das ist ja zunachst nur fur die Erdendinge gestimmt, das ist nicht fiir Gotterdinge 
gestimmt. Und wenn du morgen wiederum vor mir erscheinest und ich wiederum 
zu dir sprechen werde, appellierend an dein Denken, Fiihlen, Wollen, an all deinen 
Enthusiasmus, an all deine Warme, an all dein inneres Feuer, an deine ganze 
Seelenwachsamkeit, dann soil neu sein alles von diesen Kraften deiner Seele im 
Entgegenbringen dessen, was du entgegennehmen sollst. Neu und frisch lebendig 
soil es sein, und so ubermorgen und so am nachsten Tage. An jedem Tage soil es 
neu und frisch lebendig sein. 

Ich sage, ich appelliere nicht an dein Gedachtnis, ich appelliere nicht an dein 
Erinnerungsvermogen. Damit sage ich nicht zu gleicher Zeit, du sollst morgen 
nichts von dem haben, was heute zu dir gesprochen worden ist. Aber du sollst es 
nicht in deinem Gedachtnisse allein bewahren. Du sollst warten, was dein Gedacht- 
nis damit macht. Was aber morgen dich in einem neuen Zustande zu mir fiihren 
soil, das sollen deine Gefiihle sein, das soil deine innerste Seelenempfindung sein. 
Die soil bewahren dasjenige, was heute zu dir gesprochen worden ist. Denn siehe, 
Gedachtnis, Erinnerungsvermogen, das ist zum Lernen da. Dasjenige aber, was 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 64 



die Esoterik dir sagt, soil nicht zum Lernen bloB da sein, sondern das soil zum 
Leben da sein und soil in jeder Stunde, wo es an dich herantritt, neu erlebt werden 
konnen, ohne daB dir dabei das begriffs- und vorstellungsgemaBe Gedachtnis zu 
Hilfe kommt. 

Es ist in der Tat so. Wir sollen an dasjenige, was esoterische Wahrheiten sind, 
herantreten so, daB uns niemals der Gedanke kommt: das weiB ich eigentlich 
schon. Denn nicht im Wissen liegt das Wesen der Esoterik, sondern im unmittel- 
baren Erleben. Und innerlich, in tieferen Schichten unseres Seelenlebens als da, 
wo das Gedachtnis wurzelt, soil uns das Esoterische ergreifen und soil sich be- 
wahren. 

Wenn Ihr, meine lieben Freunde, dies bedenkt, so werdet Ihr aus diesem Eurem 
Bedenken sehr viel fur die Auffassung wahren esoterischen Lebens in der nachsten 
Zeit zu begreifen haben. Denn das muB durchaus ernst genommen werden, daB 
schon in dem Augenblicke, wo wir Esoterisches entgegennehmen, unser bloBes 
Verstehen des Esoterischen in uns ein anderes Verhaltnis des Denkens, des Fiihlens, 
des Wollens hervorruft, als wir gewohnt sind fur das alltagliche BewuBtsein. 

Fur das alltagliche BewuBtsein sind Denken, Fiihlen und Wollen im Menschen 
innig miteinander verbunden. Wir konnen ein ganz, ich mochte sagen, triviales 
Beispiel nehmen, und wir werden uns uberzeugen konnen an einem trivialen 
Beispiel, wie eng verbunden im gewohnlichen Leben, im gewohnlichen BewuBtsein 
Denken, Fiihlen und Wollen sind. Denkt einmal, Ihr kennet einen Menschen, 
irgendeinen Menschen, Ihr habt zu dem Menschen in einem naheren oder entfernte- 
ren Verhaltnis gestanden. Ihr habt dasjenige, was Ihr mit ihm erlebt habt, in Euer 
Gedachtnis aufgenommen, mit Eurem Gefuhle durchdrungen. Es fiihrt Euch, wenn 
Ihr mit dem Menschen zusammenkommt, zu gewissen Impulsen Eures Handelns, 
Eures ganzen Verhaltens zu ihm. Ihr lebt mit dem Gedanken, mit dem Gefiihl an 
diesen Menschen weiter. Eines Tages kommt jemand, erinnert Euch an diesen 
Menschen, spricht irgendein Wort von diesem Menschen, er regt den Gedanken 
an diesen Menschen in Euch auf. Sogleich werden dieselben Gefuhle, die Ihr sonst 
gegen diesen Menschen oder fiir diesen Menschen in Euch habt, in Euch aufleuch- 
ten. Habt Ihr ihn geliebt, leuchtet Eure Liebe auf, haBt Ihr ihn, leuchtet Euer HaB 
auf. Wolltet Ihr dies oder jenes mit ihm anfangen, leuchtet das auf, daB Ihr dies 



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oder jenes mit ihm anfangen wolltet. Ihr konnt gar nicht trennen dasjenige, was 
Ihr im Gefiihl und im Willen tragt fur diesen Menschen, von dem Gedanken an 
diesen Menschen. 

Derjenige, der noch ganz in dieser Art der Seelenverfassung drinnensteht, kann 
eigentlich esoterische Wahrheiten nicht im richtigen Sinne begreifen, sondern erst 
derjenige kann esoterische Wahrheiten im richtigen Sinne begreifen, der zum Bei- 
spiel zu Folgendem imstande ist. Er kennt einen Menschen; er hat ein ganz bestimm- 
tes Verhaltnis zu diesem Menschen. Ihm sind gewisse Dinge an diesem Menschen 
auBerordentlich antipathisch. Er wird erinnert an diesen Menschen und er kann 
vorstellen diesen Menschen, ohne daB die Antipathien, die er ftir diesen Menschen 
in der Seele tragt, irgendwie in ihm aufdammern. Er kann ihn ganz bloB denken. 

Stellt Euch vor, meine lieben Freunde, daB es doch einigermaBen schwierig ist, 
sagen wir, seinen Feind bloB zu denken, ohne die feindlichen Gefiihle aufleben 
zu lassen. Man kann sich durch ein richtiges Erfassen des Kiinstlerischen in solchen 
Dingen iiben. Man kann sich die Frage vorlegen: Bin ich zum Beispiel imstande, 
gewisse, sagen wir, abscheuliche Naturen, wie sie zuweilen Shakespeare schildert, 
rein vorstellungsmaBig aufzufassen? Ich wiirde, wenn mir diese Menschen im 
Leben begegnen wiirden, viele Antipathien gegen sie haben. Kiinstlerisch kann ich 
sie immerhin, vielleicht gerade deshalb, weil sie so vorziigliche Bosewichter sind, 
objektiv vor mich hinstellen, sie bloB denken. Im Kiinstlerischen ist das dem 
Menschen zuweilen moglich; denn nicht immer kommen ja den Menschen Begier- 
den, wenn sie einen Shakespeareschen Bosewicht auf der Biihne sehen, hinaufzu- 
springen und ihn durchzupnigeln. Also im Kiinstlerischen ist es moglich, das 
Denken vom Fiihlen loszulosen. 

Aber man muB es, um richtiger Esoteriker sein zu konnen, auch im Leben dahin 
bringen konnen. In dem Augenblicke, wo dasjenige, was aus der Esoterik heraus 
gesagt wird, richtig an die Seele herandringen soil, muB es aber moglich sein, in 
dieser Art das Denken von dem Fiihlen loszulosen. Denn es lost sich nicht von 
selber los. Zunachst sind die Dinge der Esoterik, wenn wir sie denken, so stark, 
mochte ich sagen, in dem Gedanken drinnen, und sie sind ja von einer dem 
personlichen Fiihlen so ferneliegenden Art, daB wir sie gar nicht erfassen, wenn 
wir sie nicht im reinen Gedanken erfassen. Wenn wir aber nicht wie ein Sack Stroh 



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dann der Esoterik zuhoren wollen und alles an uns mit Gleichgiiltigkeit voriiberge- 
hen lassen wollen, dann miissen wir abgesondert von demjenigen, was uns der 
Gedanke gibt, Gefuhle, Willensimpulse entwickeln. Denn Gefuhle sollen entwik- 
kelt werden, weil eben Esoterik nicht bleiben soil ein kaltes eisiges Feld, das bloB 
uber unseren Verstand hin sich ergieBt, weil Esoterik uns tauchen soil in den 
hellsten Enthusiasmus. Aber dieser Enthusiasmus, diese Gefuhlswelt, sie miissen 
ja von ganz woanders her kommen, wenn sie nicht aus den Gedanken kommen 
sollen. 

Sehen Sie, da miissen wir uns - wenn nun unsere Gefuhlswelt in der richtigen 
Weise aufwarmen soil -, da miissen wir uns klar sein dariiber, daB, wenn in rechter 
Weise aus dem Esoterischen heraus gesprochen wird, gesprochen wird aus der 
Gottersphare heraus und daB wir unsere Gefuhle nun nicht den Gedanken entge- 
genbringen, sondern den Realitaten. 

Daher war es, daB ich in der ersten Stunde, die ich fur diese erste Klasse gegeben 
habe, daB ich in der ersten Stunde davon sprach, daB die Schule spricht, das heiBt 
der reale Geist, der durch die Schule geht, und daB es vonnoten ist, daB wir 
einsehen, daB die Schule nicht irgendeiner personlichen Absicht entsprungen ist, 
sondern daB sie aus der geistigen Welt heraus gewollt und eingesetzt ist. Wenn 
wir die Schule so auffassen, dann wird das Dasein der Schule uns den Enthusiasmus 
geben, den wir brauchen. 

Und dann werden wir ein anderes noch verstehen. Ja, meine lieben Freunde, 
im gewohnlichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft, da spricht man 
zu uns Worte. Und indem wir die Worte auffassen, kommen uns die Gedanken, 
die uns vermittelt werden sollen, weil sie in den Worten liegen. Der Esoteriker 
muB sich auch der Worte bedienen, denn er muB ja sprechen. Aber er braucht die 
Worte nur als Gelegenheit, um bemerklich zu machen, wie der Geist in seiner 
Realitat in Stromen heranzieht und in die Menschenherzen sich hineinergieBen will. 

Daher ist es notwendig, daB allmahlich der Sinn ausgebildet werde in einer 
esoterischen Schule, hinter die Worte zu horen. Und wenn dieser Sinn ausgebildet 
wird, dann wird man sich aneignen dem Esoterischen gegenuber dasjenige, was 
zu alien Zeiten in esoterischen Stromungen mit einer so groBen Heiligkeit genannt 
worden ist, man wird sich angewohnen das Schweigen, das heilighaltende Schwei- 



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gen. Und dieses heilighaltende Schweigen, das hangt mit etwas anderem zusammen, 
ohne das die Esoterik den Menschen nicht fordern kann. Es hangt zusammen mit 
dem, was wir zunachst ftir die Esoterik gar sehr brauchen. Es hangt zusammen 
mit der innersten menschlichen Bescheidenheit. Und ohne innerste menschliche 
Bescheidenheit ist zunachst nicht an Esoterik heranzukommen. Warum? Ja, wenn 
wir ermahnt werden, hinter die Worte zu horen, dann ist an das innerste Wesen 
unserer Seele appelliert; nicht an unser Gedachtnis, sondern an das innerste Wesen 
unserer Seele ist appelliert. Da kommt unsere Fahigkeit in Betracht, da kommt in 
Betracht, wie weit wir fahig sind, hinter die Worte zu horen. Und wir tun gut, 
ftir uns, fiir unsere eigene Seele, moglichst viel zu horen. Aber wir tun gut, nicht 
gleich dasjenige, was in unserer Seele aufdammert, als maBgebend so weit zu 
betrachten, daB wir es nun selber in die Welt hineintragen konnen als etwas 
unbedingt Giiltiges. Wir werden lange brauchen - gerade wenn wir hinter die 
Worte horen -, wir werden lange brauchen, bis wir mit uns selber zurechtkommen. 
Und wir sollen diese Stimmung entwickeln, daB Esoterik im wortlosen Weben 
der Seele sich erst ausleben muB, bevor sie innerlich in uns als gereift angesehen 
werden kann. 

Daher ist es so, daB wir mit der Esoterik allerdings zuruckgehen miissen von 
demjenigen, was im gewohnlichen Leben im Sinn der Worte liegt, zu demjenigen, 
was in der tieferen Auffassung der Seele liegt. Und das ist ja dasjenige, was in der 
letzten Klassenstunde hier an uns herangebracht worden ist, indem ich mantrische 
Spruche vor Sie hingestellt habe, meine lieben Freunde, bei denen es auf das 
Skandieren ankommt: bei denen es darauf ankommt, daB der erste Spruch einen 
trochaischen Rhythmus hatte, der zweite Spruch einen jambischen Rhythmus hatte, 
der dritte Spruch einen spondeischen Rhythmus hatte. Nur wenn wir innerlich 
fiihlen, wie wir beim trochaischen Rhythmus heruntersteigen vom Berge in das 
Tal, und fiihlen, indem wir dieses, was sich auf unsere Gedanken bezieht, richtig 
erfassen, wenn wir mit der Seele fiihlen dieses Heruntersteigen vom Himmlischen 
zu dem Irdischen talwarts, dann fiihlen wir uns hinein in die Stimmung gegeniiber 
unserem Gedankenweben. Daher war dieser Spruch trochaisch, begann mit einer 
betonten Silbe, ging herunter zu der unbetonten Silbe und sollte in uns gewisserma- 
Ben eine seelische Blutzirkulation hervorrufen, die sich hineinstellt in den Geistes- 



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raum. Wir stehen nicht bloB da, indem wir ein solches Mantrisches in unserer 
Seele rege machen, irgend etwas auch nur im Gedanken aussprechen, sondern wir 
bewegen uns mit demjenigen, was sich geistig in der Welt bewegt, indem die 
menschlichen Gedanken weben in der Menschenseele. Und so war der erste Spruch, 
der sich auf das Gedankenweben bezieht: 

Sieh in dir Gedankenweben: 
Weltenschein erlebest du, 
Selbstheitsein verbirgt sich dir; 
Tauche unter in den Schein: 
Atherwesen weht in dir; 
Selbstheitsein, es soil verehren 
Deines Geistes Fiihrerwesen. 

Ja, die Gotter haben uns zu sich hinaufgenommen, indem sie uns die Gedanken 
gegeben haben. Und wir steigen - indem wir die Gedanken webend erleben in 
unserer Seele -, wir steigen von den Gipfeln, auf die uns die Gotter gestellt haben, 
indem sie uns mit den Gedanken begnadet haben, wir steigen von diesen Gipfeln 
herunter in die Taler, wo wir mit diesen Gedanken umfassen und ergreifen die 
irdischen Dinge. 

Anders steht es mit dem Fiihlen. Da verhalten wir uns in der Seele recht, wenn 
wir uns fiihlen untenstehend im Tal, und durch unser Gefiihl hinaufkommen 
wollen wie auf einer geistigen Leiter zu den Gottern. Das Fiihlen bringt uns in 
die entgegengesetzte Wellenbewegung, von unten nach oben. Daher ist der mantri- 
sche Spruch jambisch gestaltet. Die wenig betonte Silbe beginnt und steigt an zu 
der stark betonten Silbe. Und wir sollen das empfinden: 

Vernimm in dir Gefuhle-Stromen: 
Es mengen Schein und Sein sich dir, 
Die Selbstheit neigt dem Scheine sich; 
So tauche unter in scheinendes Sein: 
Und Welten-Seelenkrafte sind in dir; 
Die Selbstheit, sie soil bedenken 
Der eignen Seele Lebensmachte. 



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Wieder anders ist es, wenn wir zum Wollen kommen. Wollen wir zum Wollen 
kommen, dann miissen wir urns bewuBt werden, wie unser Menschenwesen in uns 
eigentlich gespalten ist. Dann miissen wir uns den Gottern nahen im Gefiihl und 
miissen durch die Starke des Gefiihls auf halbem Wege den Willensimpuls gebaren 
konnen. Das ist allein gegeben, wenn wir spondeisch meditieren. Betonte Silbe, 
betonte Silbe beginnt: 

LaB walten in dir den Willens-StoB: 

Der steigt aus allem Scheineswesen 

Mit Eigensein erschaffend auf; 

Ihm wende zu all dein Leben: 

Der ist erfiillt von Welten-Geistesmacht; 

Dein Eigensein, es soil ergreifen 

Weltschopfermacht im Geistes-Ich. 

Und ich sagte schon das letzte Mai: Hier handelt es sich darum, daB wir nicht 
bloB den Sinn der Worte ergreifen, sondern daB wir ergreifen dasjenige, was in 
der Bewegung der Worte liegt und unsere Seele hineinreiBt in diese Bewegung. 
Dadurch stellen wir uns nicht mehr bloB auf uns selbst, sondern wir wachsen 
hinein in die Welt. 

Worte, dem Sinne nach bloB aufgefaBt, lassen uns bei uns. Dasjenige aber, um 
was es sich handelt bei der Esoterik, das ist, daB wir zusammenwachsen mit der 
Welt, daB wir immer mehr und mehr aus uns herauskommen. Denn nur so, daB 
wir aus uns herauskommen, ertragen wir das Getrenntsein von Denken, Fiihlen 
und Wollen. Im Innern halt zunachst unser korperliches Ich fur das AlltagsbewuBt- 
sein Denken, Fiihlen und Wollen zusammen. DrauBen miissen sie zusammengehal- 
ten werden durch die Gotter. Da aber miissen wir in das gottliche Sein hineinkom- 
men. Da miissen wir zusammenwachsen mit der Welt. Da miissen wir wirklich 
jene Stimmung entwickeln lernen, durch die wir in aller Ehrlichkeit und in allem 
Ernste uns sagen lernen: Hier habe ich meine Hand; ich betrachte sie. Dort steht 
der Baum; ich betrachte ihn. Ich betrachte meine Hand: das bist du; ich betrachte 
den Baum: das bist du; ich betrachte die Wolke: das bist du. Ich betrachte den 



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Regenbogen: das bist du; ich betrachte den Donner: das bist du; ich betrachte den 
Blitz: das bist du. Ich fiihle mich eins mit der Welt. 

Abstrakt, das heiBt unehrlich, ist das leicht herbeizufiihren. Konkret, das heiBt 
ehrlich, bedarf der Mensch gar vieler innerer Uberwindungen, um das herbeizufuh- 
ren. Nur wenn er sich nicht scheut, diese inneren Uberwindungen zu vollziehen, 
dann kommt er in die Stimmung hinein, die er braucht. Denn die Frage muB vor 
dem Esoteriker stehen, meine lieben Freunde: Ich betrachte meine Hand; sie gehort 
zu mir. Was ware ich in diesem Erdenleben, das vor einigen Jahrzehnten begonnen 
hat, geworden, wenn ich die Hand nicht hatte? Es ist notwendig ftir all dasjenige 
gewesen, was ich geworden bin. Aber der Baum: der Baum, er ist so, wie er heute 
vor uns steht, in seiner Anlage im alten Mondendasein, aus dem ganzen Mondorga- 
nismus heraus gebildet worden. Dasjenige, was im ganzen Mondenorganismus 
war, konnte nicht sein, ohne daB die Anlage zum Baum herausgebildet worden 
ist. Damals aber ist aus dem ganzen Sein des Mondendaseins auch die Anlage zu 
meinem Denken entstanden. Ware der Baum nicht, ich wiirde heute nicht denken. 
Die Hand ist nur notwendig fur mein gegenwartiges Erdendasein. Der Baum ist 
notwendig, daB ich iiberhaupt ein denkendes Wesen geworden bin. Wie soil mir 
die Hand mehr wert sein als der Baum? Wie soil ich die Hand mehr zu meiner 
Leiblichkeit rechnen als den Baum? Ich komme dazu, dasjenige, was ich AuBenwelt 
nenne, nach und nach viel mehr zu meinem Inneren zu rechnen als dasjenige, was 
ich als das Innere meiner Leiblichkeit fiir diese Inkarnation ansehen kann. Das 
aber in aller Tiefe und Ehrlichkeit fiihlen, muB gelernt sein. 

Und heute wollen wir vor uns drei Spruche hinstellen, mantrische Spruche, 
durch die sich dieses Eins-Fuhlen mit allem sogenannten auBeren Dasein allmahlich 
tief in die Seele hineinpragen kann. 

Wie stehen wir zunachst zum auBeren Dasein? Wir schauen hinunter auf die 
Erde: Wir fiihlen uns abhangig von dieser Erde; sie gibt uns dasjenige, was wir 
zum auBeren Leben brauchen. 

Wir schauen in die Weiten: Da kommt die Sonne am Morgen herauf; da geht 
die Sonne am Abend unter; das Licht streift gewissermaBen iiber die Erde hin; aus 
den Weiten kommt es, in die Weiten geht es. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 71 



Wir schauen hinauf: Nachtlich der Sternenhimmel, geheimnisvoll spricht er 
zu uns. 

Wir haben in diesem dreifachen Blick unser Verhaltnis zur Welt bestimmt: ich 
schaue hinunter, ich schaue in die Weiten, ich schaue hinauf. Aber tun wir das 
mit dem intensivsten BewuBtsein, tun wir es so, wie es in folgenden mantrischen 
Spriichen liegt: 

Fiihle wie die Erdentiefen 
Ihre Krafte deinem Wesen 
In die Leibesglieder drangen. 
Du verlierest dich in ihnen, 
Wenn du deinen Willen machtlos 
Ihrem Streben anvertrauest; 
Sie verfinstern dir das Ich. 

[Diese Strophe wird nun an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 28:] 

Fiihle wie die Erdentiefen 
Ihre Krafte deinem Wesen 
In die Leibesglieder drangen. 
Du verlierest dich in ihnen, 

- in den Kraften - 

Wenn du deinen Willen machtlos 
Ihrem Streben anvertrauest; 
Sie verfinstern dir das Ich. 

Ja, das ist es, meine lieben Freunde, daB wir dasjenige, was uns an die Erde fesselt 
und bindet, nicht in Zusammenhang bringen in vollem BewuBtsein mit unserem 
menschlichen Wesen. Wir schauen hinunter zur Erde, wissen, daB in ihr Kristalle 
entstehen, daB sie das Erdreich von einem Fleck zum andern tragt, wissen, daB 
sie eine Schwerkraft ausiibt, daB sie den Stein anzieht, zur Erde fallen laBt, wissen, 
daB sie uns selber anzieht. Wir denken an das alles. Wir denken nicht daran, daB 
in uns Triebe, Instinkte, Begierden, Leidenschaften leben, daB in uns all dasjenige 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 72 



lebt, was wir zur niederen Menschennatur zahlen, und daB das zur Erde gehort. 
Wenn wir den Blick hinunterrichten und sagen, was schafft die Erde in uns, dann 
sollen wir uns erinnern: da liegt in uns, geschaffen durch die Erde, alles dasjenige, 
was uns unter den Menschen herunterziehen will, was unser Ich verfinstern will, 
was uns ins Untermenschliche treiben will. Das aber miissen wir uns zum BewuBt- 
sein bringen, daB wir mit der Erde so verbunden sind, daB - trotz aller Schonheit 
und Erhabenheit desjenigen, was iiber die Oberflache der Erde ausgebreitet ist - 
fur uns Menschen das Hinunterziehende zu gleicher Zeit das ins Untermenschliche 
Ziehende ist. Im ehrlichen Gestehen dessen entwickeln wir uns zum wahren Men- 
schen hin. 

Dann, dann werden wir in die Lage kommen, nun nicht nur den Blick nach 
unten zu wenden, uns entwickelnd menschlich, sondern den Blick in die Weiten, 
die mit uns selber gleich hoch sind, zu wenden; den Blick zu wenden in all dasjenige 
hinein, was um die Erde gewissermaBen herumkreist und unser Menschensein im 
Kreisen aufnimmt. Da beginnt schon im Physischen etwas, was gewissermaBen 
uns iiber die hinunterziehenden Erdentiefen-Krafte erhebt. Durch die Erdentiefen- 
Krafte kann der Mensch bose werden; nicht so leicht durch den Atem, der auch 
zu dem um die Erde Kreisenden gehort; noch weniger durch das Licht, das die 
Sonne um die Erde kreisen laBt. Aber wir betrachten Atem und Licht als etwas, 
was nicht geistige Bedeutung hat. Aber Gotter leben in Atem und Licht. Und wir 
miissen uns bewuBt sein, daB insbesondere im Lichte Gottermachte walten, anders 
walten, indem sie durch uns Menschen gehen, als die Erdentiefen-Krafte. 

Das aber bringen wir uns in dem zweiten mantrischen Spruch zum BewuBtsein: 

[Die zweite Strophe wird sogleich an die Tafel geschrieben; siehe auch Tafelband Hinweise Seite 167:] 

Fiihle wie aus Weltenweiten 
Gottermachte ihre Geisteshelle 
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen. 
Finde dich in ihnen liebend, 
Und sie schaffen weisheitwehend 
Dich als Seihst in ihren Kreisen 
Stark fur gutes Geistesschaffen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 73 



Nicht immer werden wir uns dessen bewuBt, daB wir lieben konnen dasjenige, 
was als Licht iiber unsere Erde hinzieht, sei es Sonnen-, sei es Sternenlicht. Nicht 
immer werden wir uns dessen bewuBt. Aber wenn wir uns dessen bewuBt sind, 
daB wir lieb en konnen das Sonnenlicht, lieben konnen warm wie einen Freund, 
dann lernen wir auch, wie Gotter im Lichtgewande um die Erde kreisen. Dann 
hort auf das bloBe Sonnenlicht iiber die Erde hin leuchtend zu scheinen, dann 
wird das Sonnenlicht zum Gottergewande. Und Gotter wandeln iiber die Erde 
hin im Leuchtegewande. Und dann wird ftir uns dasjenige, was wir erleben mit 
dem Lichte, wirklich zur Weisheit. Dann bringen Gotter ihre Weisheit in unsere 
Herzen, in unsere Seelen hinein. Und wir sind dann tatsachlich, indem wir differen- 
ziert haben in den Gefiihlen, sind tatsachlich aufgestiegen. 

Wir haben zuerst die entsprechenden Gefiihle gegeniiber den Erdentiefen-Kraf- 
ten entwickelt. Wir haben den Teil unseres Menschentums, der den Erdentiefen- 
Kraften angehort, in richtiger Weise verspiirt. Wir haben uns erhoben zu jenem 
hoheren Teil unseres Menschenwesens, das den iiber die Erde im Leuchtegewande 
hinziehenden Gotterwesen angehort, die den Menschen nicht lassen wollen im 
Erdenkreise, sondern, schon wahrend er auf Erden wandelt, in ihre Kreise aufneh- 
men wollen, so daB er dann, wenn er durch des Todes Pforte geht, in ihren Kreisen 
weiter wandeln kann. Denn die Gotter wollen uns nicht auf Erden allein lassen, 
sie wollen uns in ihre Kreise ziehen. Sie wollen uns zu Wesen machen, die unter 
ihnen leben. Die Erdentiefen-Krafte wollen uns entreiBen den Gotterkraften. 

Daher hieB es in einem der fruheren Spruche, die Euch hier iibermittelt worden 
sind: 

Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 74 



Das aber miissen wir fiihlen, auch indem wir uns in die Welt hineinstellen und 
mit der Welt uns identifizierend eins fiihlen. 

Aber wir haben noch nicht unser Vollmenschliches in unser BewuBtsein herein- 
genommen, wenn wir nicht auch hinaufzusehen vermogen. In die Tiefen miissen 
wir schauen, in die Weiten miissen wir schauen, in die Hohen miissen wir schauen, 
und rege machen miissen wir in dem einen alltaglichen BewuBtsein, das Tiefe, 
Weite und Hohe vermischt, differenzieren miissen wir TiefenbewuBtsein, Weiten- 
bewuBtsein, HohenbewuBtsein. 

[Die dritte Strophe wird an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 29:] 

Fiihle wie in Himmelshdhen 
Selbstsein selbstlos leben kann 

Das konnen wir fiihlen, wenn wir vollbewuBt in die Hohen hinaufschauen. Denkt 
Ihr Euch nur einmal, meine lieben Freunde, drauBen auf dem Felde stehend, beim 
sternbedeckten Himmel hinaufschauend in die Himmelshohen. Deutlicher nur ist 
es, wenn wir diese Gelegenheit wahlen; es kann natiirlich auch im vollen Sonnen- 
lichte geschehen. Aber deutlicher wird es, wenn wir uns drauBen stehend fiihlen 
im Felde und hinaufschauen auf den sternenbedeckten Himmel. Wir fiihlen uns 
eins mit dieser Welt; wir fiihlen: das bist du. Aber der eine Punkt, an dem wir 
stehen auf der Erde, den wir fiir so wertvoll halten, daB wir immer nur als von 
unserem eigenen Selbst von ihm reden, es zerflieBt, wenn wir hinaufschauen in 
die Weiten. Es ist ausgebreitet zur Halbkugel. Fiihlen wir da recht, dann hort das 
enge Selbstsein auf und wird selbstlos, denn es ist unendlich verbreitet in den 
Weiten der Hohen: 

Fiihle wie in Himmelshohen 
Selbstsein selbstlos leben kann, 

[Es wird weitergeschrieben:] 

Wenn es geisterfiillt Gedankenmdchten 
In dem Hdhenstreben folgen will 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 75 



Wer wirklich gefiihlt hat, wie mit dem um die Erde ziehenden, stromenden Sonnen- 
lichte im Leuchtegewande Gotter mit jedem Atemzuge in die Menschenseelen 
einziehen und ausziehen, und wer dann hinaufschaut, selbstlos in seiner Selbstheit 
fiihlend, in Himmelshohen, der kommt schon dazu, auch das Weitere in sich 
bewuBt zu entwickeln, was unter den folgenden Zeilen kommt, unter den folgenden 
Zeilen also: 

Fiihle wie in Himmelshohen 
Selbstsein selbstlos leben kann, 
Wenn es geisterfiillt Gedankenmachten 
In dem Hohenstreben folgen will 

[Es wird weitergeschrieben:] 

Und in Tapferkeit das Wort vernimmt, 
Das von oben gnadevoll ertdnet 
In des Menschen wahre Wesenheit. 

Es sprechen die Hohen. Und so, wie wir in Liebe zusammenwachsen konnen mit 
den Gottern, die um die Erde ziehen im Leuchtegewande, so konnen wir mit dem 
aus den Hohen tonenden Worte zusammenwachsen, wenn wir den Sinn dafiir 
entwickeln, mit den Gedankenmachten in die Hohen der Himmel zu streben. 

Aber, meine lieben Freunde, nur dann werdet Ihr richtig diese Empfindungen, 
die Euer BewuBtsein zu einem Tiefen-, Weiten- und HohenbewuBtsein machen, 
innerlich durchfuhren konnen, wenn Ihr die gegensatzlichen Spruche [vom dritten, 
zweiten und ersten Tier] so recht tief und anschaulich fur die Seele kontrastieren konnt 

mit diesen [an der Tafel stehenden drei Spruchen]. 

Ihr tretet vor den Hiiter der Schwelle. Lebhafte Gedankenvorstellungen davon 
sollen in Eurer Seele walten. Der Hiiter der Schwelle zeigt Euch das dritte der 
Tiere, von dem wir gesprochen haben in den letzten Stunden. Es klingt in Euch 
dasjenige, was dieses dritte der Tiere charakterisiert: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 76 



Des dritten Tieres glasig Auge, 
Es ist das bose Gegenbild 
Des Denkens, das in dir sich selbst 
Verleugnet und den Tod sich wahlet, 
Absagend Geistgewalten, die es 
Vor seinem Erdenleben geistig 
In Geistesfeldern lebend hielten. 

Das ist das Hinunterziehende. 

Dem entreiBen wir uns, indem wir in tapferer Seele uns sagen: 

Fiihle wie die Erdentiefen 
Ihre Krafte deinem Wesen 
In die Leibesglieder drangen. 
Du verlierest dich in ihnen, 
Wenn du deinen Willen machtlos 
Ihrem Streben anvertrauest; 
Sie verfinstern dir das Ich. 

Da sind sie [die beiden Spmche] noch fur den Anblick, ich mochte sagen, wenig unter- 
schieden, wenn Sie hinschauen auf das Tier, wenn Sie hinschauen auf dasjenige, 
was entreiBt. Bedenken Sie, wie das eine der Mantren ahnlich klingt dem andern, 
charakterisierend beide das Hinunterziehende, nur das eine konkret das Tier schil- 
dernd, das andere das Aufmerksamwerden. 

Aber gehen wir zum zweiten Tier, und nehmen wir dasjenige, was uns entreiBt 
dem zweiten Tiere; stellen wir die beiden mantrischen Spruche nebeneinander: 
ganz und gar verschieden wird die Stimmung. Das eine Mai grausige Schilderung 
des zweiten Tieres, das andere Mai der Appell an die Gotter, die im Leuchtegewande 
an uns herankommen. Und horen wir nebeneinander diese zwei mantrischen Spru- 
che, wie verschieden sie in ihrer ganzen Stilisierung sind: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 77 



Des zweiten Tieres Spottgesicht, 
Es ist die bose Gegenkraft 
Des Fiihlens, das die eigne Seele 
Aushohlet und Lebensleerheit 
In ihr erschafft statt Geistgehalt, 
Der vor dem Erdensein erleuchtend 
Aus Geistessonnenmacht ihr ward. 

Fiihle wie aus Weltenweiten 
Gottermachte ihre Geisteshelle 
Dir ins Seelenwesen leuchten lassen. 
Finde dich in ihnen liebend, 
Und sie schaffen weisheitwebend 
Dich als Selbst in ihren Kreisen 
Stark fur gutes Geistesschaffen. 

Indem wir zuerst das dritte Tier charakterisieren, miissen wir uns noch in diesem 
mantrischen Spruch [Fuhle wie die Erdentiefen...] wie neben dieses dritte Tier hinstellen. 
Wir vermogen zunachst uns nicht loszureiBen, haben nur die Aufforderung, uns 
bewuBt zu werden, wohin uns dieses Tier fiihren will. Indem wir uns an das zweite 
Tier wenden und an den helfenden mantrischen Spruch [Fiihle wie aus Weltenweiten ...], 
da ist der Spruch bereits dazu angetan, uns weit hinwegzufuhren von dem Tiere, 
das wir in seiner Grausamkeit als Spottgesicht charakterisieren. 

Und gehen wir jetzt an das erste heran, und wir werden sehen, wie die Charakteri- 
stik des ersten Tieres, das uns verhindern will, unser menschliches Leben zu heiligen 
im Aufblick zu den Himmelshohen, wie dieses erste Tier charakterisiert ist seinem 
Stile nach und wie wir uns entreiBen in unserem Innersten diesem Tier, wenn wir 
uns an jenen mantrischen Spruch, der uns hinaufweist in die Himmelshohen, 
wenden: 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 78 



Des ersten Tieres Knochengeist, 
Er ist die bose Schopfermacht 
Des Wollens, die den eignen Leib 
Entfremdet deiner Seelenkraft 
Und ihn den Gegenmachten weiht, 
Die Weltensein dem Gottersein 
In Zukunftzeiten rauben wollen. 

Und nun: Wie wenn wir verbrennen wollten dasjenige, was in diesem Spruch 
gesagt ist und uns in den Flammen erheben wollten, so steht der andere Spruch 
- der Troster sein soil und begnadend gegeniiber dem, was das erste Tier ist, durch 
unsere eigene tapfere Seelenkraft -, so steht der andere Spruch ihm gegeniiber: 

Fiihle wie in Himmelshohen 
Selbstsein selbstlos leben kann, 
Wenn es geisterfiillt Gedankenmachten 
In dem Hohenstreben folgen will 
Und in Tapferkeit das Wort vernimmt, 
Das von oben gnadevoll ertonet 
In des Menschen wahre Wesenheit. 

Sehen Sie, haben wir das letzte Mai gesehen, daB wir einen innerlichen Rhythmus 
aufnehmen, wenn wir in das Weben der Leuchtewesenheit der Welt mit unserem 
eigenen Wesen hineinkommen wollen, so miissen wir heute uns damit bekanntma- 
chen, wie die Dinge, die nun in dieser Esoterik an uns herantreten, einen inneren 
Zusammenhang haben und wie wir jedesmal zunickgreifen miissen auf das Fruhere, 
nicht aber nur zunickgreifen miissen mit Bezug auf den Sinn der Worte, denn der 
bleibt immer irdisch, sondern zunickgreifen miissen durch die Stimmung. Und 
diese Stimmung, sie wird uns aus dem Ganzen entgegenkommen, sie wird uns 
aber auch aus den Einzelheiten entgegenkommen. 

Denn nehmen Sie den ersten Spruch: «Fiihle wie die Erdentiefen». Also wir 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 79 



werden verwiesen an die Erdentiefen. Und der andere Spruch weist uns auf «Des 
dritten Tieres glasig Auge». Sie stehen nebeneinander. 

Im zweiten Spruch «Fiihle wie aus Weltenweiten»: Wir fiihlen, wie im Lichtge- 
wande die Gotter herankommen. Hier sind wir erhoben, wenn wir es wirklich 
fiihlen konnen, iiber dasjenige, was des Gottlichen spottet in der Welt. «Des zweiten 
Tieres Spottgesicht», es wird wahrhaftig ausgeloscht durch den hellen Sonnen- 
schein, wenn wir den hellen Sonnenschein nur geistig ergreifen wollen. 

Und gar der dritte Spruch, wie er beginnt: «Des ersten Tieres Knochengeist», 
er erstarrt uns. Wir werden nur warm, wenn wir aus der Erstarrung uns losen 
durch den Aufblick in die Himmelshohen. 

Und so konnen wir auch sagen: 

Erblickst du des dritten Tieres glasig Auge, stehe fest und futile, was die Erdentie- 
fen von dir wollen. 

Schaust du des zweiten Tieres Spottgesicht, empfange liebend Sonnenlicht. 

Erstarrst du durch des ersten Tieres Knochengeist, erwarme menschlich als 
Mensch, indem du zu den Himmelshohen das Herz warm erhebest. 

So sollen wir uns allmahlich einfiihlen in geistiges Leben, und dieses geistige 
Leben wird immer verwandter und verwandter unserer Seele werden. 



* 



Meine lieben Freunde, es ist notwendig, daB ich einen kleinen Satz anfiige. Denn 
die Schule selbst muB im Ernste leben, und die Dinge, die ich an jenem Mittwoch, 
wo ich iiber die Bedingungen der Schule gesprochen habe, gesagt habe, miissen 
im Ernste erfaBt werden: Ich bin genotigt gewesen, einer Personlichkeit, die - weil 
sie unterlassen hat, was sie hatte tun sollen hier im Dienste - ein groBes Ungluck 
hatte bewirken konnen, das Zertifikat fiir diese erste Klasse zu entziehen. Ich 
erwahne dieses aus dem besonderen Grunde, weil ich damit andeuten will, daB 
tatsachlich Ernst gemacht werden wird mit demjenigen, was bei der Weihnachts- 



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tagung hier als Absichten angedeutet worden ist. Und ich bitte durchaus, in der 
Zukimft dies nicht als irgendeine bloBe Redensart aufzufassen, wenn durchaus 
geltend gemacht wird, daB diese esoterische Schule in vollem Ernste als von der 
geistigen Welt gewollt gedacht wird und daB in dem Augenblicke, wo irgend 
jemand nicht in rechter Weise ein Reprasentant der anthroposophischen Bewegung 
sein will, die Schule das Recht haben muB, ihm das Zertifikat fur diese Schule zu 
entziehen. Ich mochte in allem Ernste darauf hinweisen und unterlasse es deshalb 
nicht zu erwahnen, daB bereits - wenigstens fur eine gewisse Zeit, bis der Betreffen- 
de das Gegenteil wiederum durch sein Verhalten bezeugt - einer Personlichkeit 
das Zertifikat entzogen werden muBte. Wir werden in diese Schule nur in richtiger 
Weise hineinwachsen, wenn wir abkommen von all denjenigen spielerischen An- 
schauungen iiber anthroposophische Bewegung, die gerade so groBes Unheil inner- 
halb dieser anthroposophischen Bewegung angerichtet haben. Wir miissen in den 
vollen Ernst des Esoterischen hineinwachsen. Und es ist - ich muB es auch heute 
wieder sagen - noch nicht in jeder Seele aufgegangen dasjenige, was mit der Weih- 
nachtstagung gemeint war. Aber die Leitung der Schule wird wachsam sein, und 
sie wird diesmal tatsachlich mit dem Ernst der Schule Ernst machen. 

Wollen wir auch das als etwas zur heutigen Stunde Gehoriges in unseren Sinn 
aufnehmen. 



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FUNFTE STUNDE 



Dornach, 14. Marz 1924 

eine lieben Freunde ! Wir haben gesehen, welche Veranderungen mit dem 
Menschen vorgehen, wenn er bekannt wird mit dem Wesen des Hiiters 
der Schwelle. Und von der Auffassung dieses Wesens vom Hiiter der 
Schwelle hangt es ja ab, ob der Mensch in irgendeiner Form an die geistige Welt 
herantreten und zum Verstandnisse dieser geistigen Welt kommen kann. Wir haben 
insbesondere gesehen, wie dasjenige, was ja das menschliche Innere ausmacht - 
Denken, Fiihlen, Wollen -, im Bereiche des Hiiters der Schwelle eine wesentliche 
Anderung durchmacht. Und insbesondere in der letzten Klassenstunde hier konnte 
es uns klar werden, wie gewissermaBen Denken, Fiihlen und Wollen verschiedene 
Wege durchmachen beim Betreten der geistigen Welt, wie sie in andere Verwandt- 
schaften eingehen bei diesem Betreten, als diejenigen sind, in denen sie gewohnlich 
fur das ErdenbewuBtsein des Menschen stehen. 

Wir haben gesehen, wie der Mensch seinem Wollen nach stark hingewiesen wird 
auf seinen Erdenzusammenhang. In dem Augenblicke, wo der Mensch an die 
geistige Welt herantritt, trennen sich ja in einer gewissen Beziehung in der Seele 
Denken, Fiihlen, Wollen. Und dieses Wollen, das dann in einer viel groBeren 
Selbstandigkeit in der Seele lebt als vorher, dieses Wollen, es erweist sich ftir den 
Menschen im hohen Grade als verwandt mit jenen Kraften, die den Menschen zur 
Erde hinziehen. Das Fiihlen erweist sich verwandt mit jenen Kraften, die den 
Menschen halten in dem Umkreis der Erde, in jenem Umkreis der Erde, den 
sozusagen das Licht durchwellt, wenn es, morgens erscheinend, den Tag erhellt 
und abends wiederum an der entgegengesetzten Seite zunachst ftir den Anblick 
des Menschen verschwindet. Das Denken aber, es ist die Kraft, die den Menschen 
nach oben, nach dem Himmlischen verweist. So daB in demselben Augenblicke, 
in dem der Mensch vor den Hiiter der Schwelle hintritt, dieser Hiiter ihn aufmerk- 
sam macht darauf, wie er der ganzen Welt angehort: durch sein Wollen der Erde, 
durch sein Fiihlen dem Umkreis, durch sein Denken den oberen Machten. 



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Aber das ist es ja iiberhaupt, meine Lieben, was mit dem Eintritt in das geistige 
Leben fur den Menschen klar werden muB, daB ein Zusammenwachsen durch das 
Geistesleben mit der ganzen Welt eintritt. Wir stehen fiir das gewohnliche BewuBt- 
sein so da in der Welt, daB da drauBen auBer uns die Machte walten, die im 
Pflanzen-, im Mineral-, im Tierreiche, im physischen Menschenreiche tatig sind, 
die Machte walten, zu denen wir durch unsere Sinne den Zugang haben und die 
eigentlich keine Verwandtschaft zeigen zunachst mit dem Menschen. Und da stehen 
wir dann abseits als Mensch, in uns blickend, unser Denken, Fiihlen und Wollen 
gewahr werdend; gewahr werdend, wie dieses Denken, Fiihlen und Wollen etwas 
von der auBeren Natur Getrenntes ist, etwas fiir sich Stehendes ist. Und wir fiihlen 
eine tiefe Kluft zwischen unserem Menschenwesen und der sich ausbreitenden 
Natur. 

Aber diese Kluft miissen wir uberbrucken. Denn diese Kluft, die wir hochstens 
ihren AuBerlichkeiten nach im gewohnlichen BewuBtsein gewahr werden, diese 
Kluft ist gerade die Schwelle. Und das Gewahrwerden der Schwelle beruht eigent- 
lich darauf, daB wir aufhoren, jene UnbewuBtheit einfach hinzunehmen, die uns 
auf uns zuriickweist, wenn wir in unser Inneres schauen, und auf eine auBere, 
menschenfremde Natur weist, wenn wir eben den Blick nach auBen richten; eine 
Kluft, die uns nur sichtbar zu werden braucht, um in ihrer ganzen GroBe und 
Bedeutung nicht nur fiir das Menschenleben, sondern auch fiir das Weltenleben 
hervorzutreten. 

Nun, sehen Sie, in dem Augenblicke, wo man das Esoterische betritt, muB eine 
Briicke hinuber geschaffen werden iiber diese Kluft, iiber diesen Abgrund. Wir 
miissen gewissermaBen zusammenwachsen mit der Natur. Wir miissen aufhoren, 
uns zu sagen: Da drauBen ist die Natur, die geht eigentlich das moralische Leben 
nichts an. Wir fragen nicht bei den Mineralien nach dem Moralischen, an dem 
unsere Seele das hochste Interesse hat, wir fragen nicht bei den Pflanzen, wir fragen 
nicht bei den Tieren, und im materialistischen Zeitalter hat man ja auch aufgehort, 
bei dem Menschen zu fragen, weil man den Menschen nur nach seiner physischen 
Wesenheit genommen hat. 

Und wiederum, wenn man in den Menschen hineinschaut, dann erblickt man fiir 
das gewohnliche BewuBtsein das passive Denken, durch das man sich die Welt bild- 



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lich vergegenwartigt, das aber machtlos dasteht. Der Gedanke, der in uns lebt: zu- 
nachst ist er nur unser Eigentum, durch das wir die Dinge der Welt erkennen; er 
hat als Gedanke zunachst keine Macht. Unser Fiihlen ist unser inneres Leben; wir 
stehen mit ihm gewissermaBen getrennt, gesondert von der Welt. Und unser Wol- 
len teilt sich zwar den auBeren Dingen mit; aber eben gerade dadurch, daB es sich 
den auBeren Dingen mitteilt, bekommen diese auBeren Dinge ein ihnen Fremdes. 

Ein GroBes muB an den Menschen herantreten, wenn er den Abgrund gewahr 
wird zwischen sich und der Natur, wenn er in die Nahe des Hiiters der Schwelle 
kommt: ein GroBes. Und dieses GroBe ist das, was mit den Worten seit alten 
Zeiten schon ausgednickt worden ist - Worten aber, die nach jedem Zeitalter neu 
verstanden werden miissen -, und diese Worte sind: Die Natur muB gottlich 
erscheinen, und der Mensch muB magisch wesen konnen, sein konnen. Was heiBt, 
die Natur muB gottlich erscheinen konnen? 

Die Natur muB gottlich erscheinen konnen: So wie sie zunachst den Sinnen 
erscheint, wie sie der Verstand erfaBt, ist sie ja wahrhaftig ungottlich. Man mochte 
sagen: die Gottlichkeit verbirgt sich in der Natur. Die Natur erscheint ihrer AuBer- 
lichkeit nach. Wir sehen zunachst hochstens im Traume etwas von einer Verwandt- 
schaft der Natur mit dem menschlichen Innenleben. Wir konnen gewahr werden, 
wie eine UnregelmaBigkeit in unserem Atmungsprozesse nach der einen oder nach 
der anderen Seite uns entweder freudig erregte Traume bereitet, oder aber Angst- 
und Furchttraume bereitet. Wir konnen gewahr werden, wie die rein natiirliche 
Uberhitztheit eines Zimmers in gewissen Traumen zum Vorscheine kommt, die 
eine Art moralisch-seelischen Inhalt haben. Der Traum riickt die Natur an das 
Seelische her an. 

Allein wir wissen auch: im Traume ist unser BewuBtsein hinuntergetaucht, und 
der Traum ist doch nicht dasjenige, was uns das Geistige unmittelbar vermitteln 
kann. Wir miissen vielmehr sehen, wie sich dem erweckten, nicht dem eingeschlafe- 
nen BewuBtsein das Natiirliche darstellt. 

Nun, im Natiirlichen haben wir zunachst, meine Lieben, eine Verwandtschaft 
des menschlichen physischen Leibes mit dem Festen in der Natur, mit demjenigen, 
was Erdenwesenheit tragt. Wir haben eine Verwandtschaft des atherischen Leibes 
des Menschen mit demjenigen, was wasserige Wesenheit in sich tragt. Allein, diese 



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Verwandtschaft des menschlichen physischen Leibes mit dem Erdigen, die Ver- 
wandtschaft des menschlichen Atherleibes mit dem Fliissigen, mit dem Wasserfor- 
migen, sie liegt tief unter demjenigen, was der Mensch zunachst erlebt. 

Dasjenige, was dem Menschen nahesteht, ist eigentlich erst sein AtmungsprozeB, 
der da waltet im Luftformigen. Und erst vom AtmungsprozeB nach aufwarts 
beginnt diejenige Region, in der der Mensch sich zunachst, wenn er an das Geistige 
herantritt, verwandt fiihlen kann mit der Natur. 

Wir haben, indem wir auf den AtmungsprozeB hinschauen, das Luftformige, in 

dem wir Wesen und leben. [Es wird an die Tafel geschrieben; siehe Tafelband Seite 34:] 

Luft 

Wir haben dann iiber dem Luftformigen das Warmehafte 

[Uber «Luft» wird angeschrieben:] 

Warme 

und iiber dem Warmehaften das Lichtwesenhafte: Warmeather, Lichtather. 

[Uber «Warme» wird angeschrieben:] 

Licht 

Wenn wir hoher hinaufkommen, so kommen wir schon in eine Region, die wir 
spater besprechen miissen, die dem Menschen zunachst nicht so nahe liegt. 

DaB der Mensch webt und lebt im Luftelemente, das kann ja fur eine ganz 
auBerliche Betrachtung offenbar sein. Denn man braucht nur eben auf die Traume 
hinzuschauen, wie sie abhangig sind in gewissen Gestaltungen von UnregelmaBig- 
keiten, Abnormitaten des Atmungsprozesses. Wenn der AtmungsprozeB im wa- 
chen Leben verlauft: wir achten seiner nicht, weil wir in der Regel nicht auf 
dasjenige achten, was eben im normalen Leben verlauft. 

DaB ftir den Menschen das Warmeelement, das Leben in der Warme etwas 
wesenhaft Durchgreifendes bedeutet, kann auch wiederum aus der oberflachlichen 
Betrachtung klar werden. Wenn wir mit einem kalten Korper, der kalter ist als 
unser eigener Leib, sagen wir, mit einer kalten Stricknadel uns betupfen, so empfin- 
den wir die kalten Stellen, auch wenn sie sehr nahe beieinanderliegen, als getrennt. 
Wir sind sehr empfindlich fur das Kalte. Wenn wir uns mit einem Gegenstande 



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betupfen, der warmer ist als unser eigener Leib, dann merken wir die Unterschiede 
nicht so stark. Wir konnen zwei kalte Stricknadeln ganz nahe aneinander halten, 
wir merken die Kalte beider. Wenn wir erwarmte Stricknadeln halten, so flieBen 
nahe Beruhrungen zusammen in einen Punkt, und wir miissen mit den Stricknadeln 
sehr weit auseinandergehen, urn die Eindriicke als getrennt wahrzunehmen. Wir 
sind eben fur die Kalte viel empfindlicher als fur die Warme. Warum? Wir ertragen 
die Warme leichter, weil wir ein Warmewesen sind, weil die Warme unsere eigene 
Natur ist, weil wir in der Warme weben und leben. Die Kalte ist uns fremd, fur 
die sind wir auBerordentlich stark empfindlich. 

Nun, fur das Licht ist das schwieriger auseinanderzusetzen dem gewohnlichen 
BewuBtsein. Wir wollen ja heute in das Esoterische in bezug auf diese Dinge 
eindringen. Und so mag es geniigen, daB ich auf das Luftformige und auf das 
Warmeartige hingewiesen habe fur das gewohnliche BewuBtsein. Aber im gewohn- 
lichen Erleben fiihlt der Mensch eben die Luft als etwas AuBerliches, Naturhaftes. 
Er fiihlt die Warme als etwas, was ihn von auBen beruhrt in irgendeiner Weise, 
und er fiihlt das Licht als etwas, was von auBen an ihn herankommt. 

In dem Augenblicke, wo der Mensch jenen Ruck seines Lebens durchmacht, 
der ihn in die Nahe des Hiiters der Schwelle bringt, in dem Augenblicke wird der 
Mensch gewahr, wie er mit demjenigen, dem er sonst fremd gegeniibersteht, innig- 
lich verwandt wird. 

Ich habe ja ofter darauf aufmerksam gemacht, wie wir im Grunde genommen 
in jedem Augenblicke unseres Lebens, auch fur das gewohnliche BewuBtsein, 
unsere Weltverwandtschaft gerade durch unser Verhaltnis zur Luft gewahr werden 
konnen. Da ist die Luft drauBen; dieselbe Luft, die jetzt drauBen ist, habe ich 
etwas spater in mir drinnen; dann ist sie wiederum drauBen, dieselbe Luft, die in 
mir drinnen war. Das werden wir nicht gewahr, daB wir - wahrend wir unsere 
Muskeln, wahrend wir unsere Knochen fortwahrend in uns tragen, ihr Entstehen 
und Vergehen nur gewahr werden mit dem Embryonalleben und dem Tode -, daB 
wir fortwahrend, indem wir ein Luftmensch sind, eigentlich dasjenige, was wir in 
uns tragen, nach auBen entlassen, das AuBere wieder aufnehmen, so daB wir eins 
werden mit dem ganzen Weben und Leben und Wesen des Luftartigen, in dem 
wir als Erdenmenschen sind. 



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In dem Augenblicke, wo wir eintreten in das geistige Gebiet, bleibt das nicht 
mehr so. In diesem Augenblicke fiihlen wir, wie wir mit jeder Ausatmung, mit 
jedem Ausatmungszug gewissermaBen mitgehen, wie wir auf den Fliigeln der 
ausgeatmeten Luft hinausdringen in die Weiten des Daseins, in die sich die ausgeat- 
mete Luft zerstreut, wie wir die geistigen Wesen, die Geister, die im Luftkreislauf 
leben, mit der Einatmung in uns hineinnehmen. Geistige Welt flieBt in uns mit 
der Einatmung; unser eigenes Wesen flieBt in die Umwelt mit der Ausatmung. 

So aber ist es nicht nur mit dem Luftartigen; so ist es - und zwar in einem noch 
hoheren Grade - mit dem Warmeartigen. Wie wir eins sind mit dem Umkreise 
der Luft, die die Erde umgibt [es wird gezeichnet: die beiden weifien Kreise], ein Wesen als 
Luftmensch dadurch ausmachen, so ist es in einem noch hoheren Grade mit dem 
Warmewesen, das die Erde umgibt und durchdringt [rot]; mit ihm sind wir eines. 

Und wahrend wir, wenn wir an die geistige Welt herantreten, tatsachlich das 
Erlebnis haben, Geistiges in uns hereinzubekommen mit der Einatmung, unser 
eigenes Wesen hinauszuentlassen in die Weltenweiten mit der Ausatmung, also 
ein geistiges Weben durchmachen mit der Einatmung und Ausatmung, ist es beim 
Warmewesen so, daB wir noch intensiver fiihlen, wie wir mit dem Steigen der 
Warme, insofern wir selber in dem Warmeelement sind, mehr Mensch werden, 
mit dem Sinken der Warme weniger Mensch werden. Da hort dann die Warme 
auf, etwas bloB Naturhaftes zu sein; da fiihlen wir es - wo wir uns sagen: erkennen 
wir das innere Seelenhafte der Warme, das Geisteswirkliche der Warme -, dann 
fiihlen wir es innig verwandt mit unserem Menschsein. Dann fiihlen wir, daB 
Steigerung der Warme bedeutet von seiten der in dem Warmeelement wirkenden 
Geister: ich gebe dir durch das Warmelement dein Menschtum; ich nehme dir 
durch das Kalteelement dein Menschtum weg. 

Und gehen wir gar an das Licht heran, dann weben und leben wir auch im 
Lichte. Nur bemerken wir das nicht, weil wir im gewohnlichen BewuBtsein keine 
Ahnung davon haben, daB das innere Weben des Lichtes in unserem eigenen 
Denken enthalten ist, daB jeder Gedanke aufgefangenes Licht ist: aufgefangenes 
Licht beim physisch Sehenden, aufgefangenes Licht beim physisch Blinden. Das 
Licht ist ein Objektives. Das Licht nimmt nicht nur der physisch Sehende auf, das 
Licht nimmt auch der physisch Blinde auf, wenn er denkt. Denn der Gedanke, 



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den wir innerlich in uns festhalten, der Gedanke, den wir innerlich in uns einfangen, 
er ist in uns vorhandenes Licht. 

Und so konnen wir sagen: treten wir vor den Hiiter der Schwelle hin, so ermahnt 
uns dieser Hiiter der Schwelle in der folgenden Art: 

Mensch, indem du denkst, ist dein Wesen nicht in dir, es ist im Lichte. Mensch, 
indem du fiihlst, ist dein Wesen nicht in dir, es ist in der Warme. Mensch, indem 
du willst, ist dein Wesen nicht in dir, es ist in der Luft. Bleibe nicht in dir, o 
Mensch. Denke nicht, dein Denken sei im Kopfe. Denke daran, daB dein Denken 
nichts anderes ist als dein Erlebnis mit dem die Welt durchwellenden und durchwe- 
benden Licht. Denke daran, daB dein Fiihlen nichts anderes ist als das in dir zur 
Wirkung kommende allgemeine Weben und Leben des Warmeelementes. Denke 
daran, daB dein Wollen nichts anderes ist als das in dir zur Wirkung kommende 
allgemeine Weben und Leben des Luftelementes. 

Das muB man stark ins BewuBtsein aufnehmen, daB man eigentlich vor dem 
Hiiter der Schwelle zerteilt wird in die Weltelemente, daB man sein Wesen nicht 
mehr so selbstverstandlich zusammenfassen kann, wie man es zusammenfaBt, dun- 
kel, chaotisch, im gewohnlichen BewuBtsein. Und das ist das groBe Erleben, das 
dann die Einweihungserkenntnis dem Menschen gibt, daB er aufhort ernst zu 
nehmen, daB er in der Haut eingeschlossen ist. Es ist ja nur ein Zeichen dafiir, 
daB wir da sind als Mensch. Es ist ja vor dem geistigen BewuBtsein eine Illusion 
dasjenige, was sich da innerhalb der Haut konzentriert; denn der Mensch ist so 
groB wie das Weltenall. Seine Gedanken sind so weit wie das Licht, seine Gefuhle 
sind so weit wie die Warme, sein Wollen ist so weit wie die Luft. 

Und wenn ein entsprechend - dem BewuBtsein nach - entwickeltes Wesen von 
irgendeinem anderen Weltenkorper herunterstiege, so wiirde es den Menschen in 
ganz anderer Weise ansprechen, als die Menschen auf der Erde ftir das gewohnliche 
BewuBtsein untereinander ansprechen. Ein solches Wesen wiirde sagen: Differen- 

ziert ist das Licht, das Erde umwebt [urn den Luft- und Warmekreis wird die Lichthulle 

gezeichnet: gelb]. Da sind viele einzelne differenzierte Wesenhaftigkeiten im Lichte 
drinnen. Man muB das so vorstellen, daB in diesem Erdenlichte, das die Erde 
umgibt, das die Erde umwebt und umwallt, trotzdem alles in einem Raume ist, in 
diesem einen Raume viele Wesenhaftigkeiten sind, so viele als Menschen auf der 



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Erde sind. Sie alle decken sich in der Lichtwelt der Erde. Und alle Gedanken sind 
fur ein solches Wesen, das von einem fremden Weltenkorper zur Erde kame, alle 
Gedanken der Menschen sind in dieser Lichthiille, in diesem Lichtgewebe der Erde 
drinnen. Und alle Gefiihle sind in der Warmehulle drinnen, und alle Wollungen 
sind in der Atmosphare, in der Lufthulle drinnen. 

Dann wiirde ein solches Wesen sagen: Da habe ich rein qualitativ herausdifferen- 
ziert ein Wesen. DaB das da ist, wird mir angezeigt durch einen Leib a; ein anderes, 
das wiederum in der ganzen Umhullung ist, wird mir angezeigt durch einen Leib 

b und SO weiter [in das Gelb werden zwei verdichtete Einschlusse a und b gezeichnet]. Das sind 

die auBeren Zeichen, daB das da ist. Die wirklichen Menschenwesen stecken alle 
ineinander in Licht, Warme und Luft und umgeben die Erde. 

Das ist fur den, der wirklich vor den Hiiter der Schwelle hintritt, keine Spekula- 
tion, das ist Erfahrung. Und darinnen besteht das geistige Vorrucken, daB der 
Mensch zusammenwachst mit der umgebenden Welt. Es ist wenig getan, wenn 
diese Dinge theoretisch ausgesprochen werden. Es ist wahrhaftig keine besonders 
tiefe Mystik, wenn man davon spricht, daB man eins werde mit der Welt, und hat 
nur den Gedanken im Auge, wenn man nicht beginnt, tatsachlich innerlich erlebend 
gewahr zu werden, wie man, indem man denkt, eigentlich in dem ganzen Lichte 
der Erde lebt, eins wird mit dem ganzen Lichte der Erde und wie man dadurch, 
daB man eins wird mit dem ganzen Lichte der Erde, als Mensch aufgeht in einem 
gottlich-geistigen Sein, gewissermaBen durch alle Poren seiner Haut heraustritt 
und eins wird mit dem Erdenwesen selber und ebenso mit den anderen Gliedern 
der Erdenwesenheit. Das ist es, was in ganz ernster Weise von demjenigen, der 
nun wirklich ein Verhaltnis gewinnen will zur geistigen Welt, erfaBt werden muB. 

Sehen Sie, zunachst muB gewissermaBen das Licht moralisch wirken. Und der 
Mensch muB gewahr werden, wie er dem Lichte, das Licht ihm verwandt wird 
im esoterischen Erleben der Welt. Dann aber, dann tritt einem sehr klar vor das 
BewuBtsein, wie in dem Augenblicke, wo man die Schwelle betritt, das Licht recht 
wesenhaft wird und einen harten Kampf zu bestehen hat gegen die finsteren Machte. 
Da wird Licht und Finsternis real. Und da tritt etwas vor dem Menschen auf, 
durch das er sich sagt: Wenn ich ganz mit meinem Denken im Lichte aufgehe, 
dann verliere ich mich an das Licht. Denn in dem Augenblicke, wo ich mit meinem 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 90 



Denken in das Licht aufgehe, erfassen mich Lichtwesen, die zu mir sagen: Du 
Mensch, wir lassen dich nicht wiederum aus dem Lichte los, wir halten dich im 
Lichte zuriick. - Und das driickt auch das Wollen dieser Lichtwesen aus. Diese 
Lichtwesen wollen fortwahrend durch das Denken des Menschen den Menschen 
an sich ziehen, ihn mit dem Lichte eins machen, ihn entreiBen alien Erdenmachten 
und ihn verweben mit dem Lichte. Es gibt um uns herum jene Lichteswesen, die 
eigentlich den Menschen in jedem Augenblicke seines Daseins hinwegreiBen wollen 
von der Erde und ihn verweben wollen mit dem iiber die Erde hinwellenden 
Sonnenlichte. Da leben sie, diese Lichtwesen, im Umkreis der Erde und sagen: 
Du Mensch sollst nicht mit deiner Seele in deinem Leibe bleiben; du sollst des 
Morgens mit dem ersten Strahl der Sonne im Lichte auf die Erde hin selber leuchten, 
du sollst mit der Abendrote untergehen, sollst als Licht die Erde umkreisen! 

Immer wieder und wieder finden sich verlockend da diese Lichteswesen. In dem 
Augenblicke, wo man die Schwelle betritt, wird man es gewahr: immer wieder 
und wieder verlocken da diese Lichteswesen und wollen den Menschen hinwegzie- 
hen von der Erde, wollen ihm klarmachen, daB es seiner nicht wiirdig ist, in den 
Fesseln der Erde zu verbleiben, durch die Schwere an die Erde gefesselt zu sein. 
Sie wollen ihn in den Schein der Sonne aufnehmen. Ja, fiir das gewohnliche BewuBt- 
sein scheint die Sonne da droben, und wir stehen herunten und lassen uns als 
Menschen von der Sonne bescheinen; fiir das entwickelte BewuBtsein steht die 
Sonne am Himmel als der groBe Verlocker, der uns immer mit seinem Lichte 
vereinen will und uns von der Erde losreiBen will, der uns immerdar in das Ohr 
fliistert: O Mensch, du brauchst nicht auf der Erde zu bleiben, du kannst ein 
Wesen im Sonnenstrahl selber sein, dann wirst du die Erde bescheinen und begliik- 
ken konnen, dann brauchst du dich nicht mehr auf der Erde bescheinen und 
begliicken zu lassen. 

Das ist das Wesenhafte, was uns entgegentritt bei der Begegnung mit dem Hiiter 
der Schwelle, daB die Natur, die vorher ruhig auBer uns war und keinen Anspruch 
an uns gemacht hat fiir unser gewohnliches BewuBtsein, daB diese Natur gewinnt 
die Kraft, zu uns zu sprechen in moralischer Weise. Auf tritt diese Natur, wie in 
der Sonne, als eine Verlockerin. Was erst nur ruhig scheinendes Sonnenlicht war, 
wird sprechend, wird verlockend, wird verfiihrend, wird versuchend. Und die erste 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 91 



Art, wodurch wir gewahr werden aus dem Sonnenlichte, daB Geistiges in diesem 
Sonnenlichte webt und lebt, das erste ist, daB uns im Lichte der Sonne die verlok- 
kenden, die versuchenden Wesen erscheinen, die uns von der Erde hinwegtragen 
wollen. Denn diese Wesenheiten sind im fortwahrenden Kampfe mit demjenigen, 
was das Erdeninnere ausmacht, mit der Finsternis. 

Und wenn wir dann ins Extrem verfallen - und man tut das durchaus, denn die 
Erlebnisse vor dem Hiiter der Schwelle sind eben durchaus ernste und tiefgehende 
und die Menschenseele ergreifende -, wenn wir gewahr werden, wie verlockend 
das Sonnenlicht ist durch seine Lichteswesen, dann wollen wir davon los, wenn wir 
noch eine Erinnerung daran haben, daB wir Mensch sein sollen. Und diese Erinne- 
rung diirfen wir nicht verlieren. Wenn wir sie verlieren, werden wir eben - wenn 
auch wir zunachst noch das physische Leben auf der Erde fortleben -, wir werden 
in einer gewissen Weise seelisch gelahmt. Aber wenn wir gewahr werden, wie 
verlockend das Sonnenlicht ist, dann wenden wir uns nach der entgegengesetzten 
Seite, dann wollen wir Ruhe finden vor diesen Verlockungen in der Finsternis, 
mit der das Licht immerdar kampft. Und pendeln wir hin aus dem Lichte in die 
Finsternis, dann verfallen wir in das entgegengesetzte Extrem. Dann droht uns in 
der Finsternis dieses Selbst - das hinaustragen wollte ins helle, scheinende Sonnen- 
licht die eine Seite des Daseins -, dieses Selbst droht uns in der Finsternis einsam 
zu werden, getrennt zu werden von allem iibrigen Sein. Und wir Menschen konnen 
nur in der Gleichgewichtslage zwischen Licht und Finsternis leben. 

Das ist das groBe Erlebnis vor dem Hiiter der Schwelle: daB wir der Verlockung 
des Lichtes gegenuberstehen; der entselbstenden Gewalt der Finsternis gegeniiber- 
stehen. Licht und Finsternis werden moralische Machte, die moralische Gewalt 
iiber uns haben. Und wir Menschen miissen uns sagen: Es ist gefahrlich, das reine 
Licht, gefahrlich, die reine Finsternis zu schauen. Und wir werden innerlich erst 
beruhigt an der Schwelle, wenn wir sehen, wie die mittleren Gotter, die guten 
Gotter, die Gotter des normalen Fortschrittes uns das Licht abdampfen zum hellen 
Gelb, zur hellen Rote, und wenn wir wissen, daB wir nicht mehr ftir die Erde 
verloren sein konnen, wenn wir nicht das Licht gewahr werden, das uns im Erblen- 
den verlockt, sondern wenn wir gewahr werden die Farbe im Geiste, die abgedampf- 
tes Licht ist. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:270a Seite: 92 



Und ebenso gefahrvoll ist es, sich hinzugeben der reinen Finsternis. Und wir 
werden innerlich befreit, wenn wir nicht der reinen schwarzen Finsternis gegen- 
iiberstehen im Geisterland, sondern wenn wir gegeniiberstehen der aufge
…[truncated]