Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist - Zweiter Teil

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



DER MENSCH IN SEINEM ZUSAMMENHANG 

MIT DEM KOSMOS 

Band I Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos 

Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls 
16 Vortrage, Dornach 9. April bis 16. Mai 1920 Bibl.-Nr. 201 

Band II Die Briicke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen 
des Menschen - Die Suche nach der neuen Isis, der gottlichen 
Sophia 

16 Vortrage, Dornach, Bern, Basel, 26. November bis 26. Dezember 1920 

BibL-Nr. 202 

Band III Die Verantwortung des Menschen fur die Weltenentwickelung 
durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten und 
der Sternenwelt 

18 Vortrage, Stuttgart, Dornach, Den Haag, 1. Januar bis 1. April 1921 

Bibl.-Nr. 203 

Band IV Perspektiven der Menschheitsentwickelung 

17 Vortrage, Dornach 2. April bis 5. Juni 1921 BibL-Nr. 204 

Band V Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Erster Teil: Der Mensch als leiblich-seelische Wesenheit 
in seinem Verhaltnis zur Welt 

1 3 Vortrage, Stuttgart, Bern, Dornach, 1 6. Juni bis 1 7. Juli 1 92 1 Bibl.-Nr. 205 

Band VI Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist 

Zweiter Teil: Der Mensch als geistiges Wesen im historischen 
Werdegang 

11 Vortrage, Dornach 22. Juli bis 20. August 1921 Bibl.-Nr. 206 

Band VII Anthroposophie als Kosmosophie 

Erster Teil: Wesenszuge des Menschen im irdischen und kosmi- 
schen Bereich 

11 Vortrage, Dornach 23. September bis 16. Oktober 1921 Bibl.-Nr. 207 

Band VIII Anthroposophie als Kosmosophie 

Zweiter Teil: Die Gestaltung des Menschen als Ergebnis kosmi- 
scher Wirkungen 

11 Vortrage, Dornach 21. Oktober bis 13. November 1921 Bibl.-Nr. 208 

Band IX Nordische und mitteleuropaische Geistimpulse 
Das Fest der Erscheinung Christi 

11 Vortrage, Oslo, Berlin, Dornach, Basel, 24. November bis 31. Dezember 
1921 Bibl.-Nr. 209 



RUDOLF STEINER 

Menschenwerden, 
Weltenseele und Weltengeist 

Zweiter Teil 

Der Mensch als geistiges Wesen 
im historischen Werdegang 

Elf Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 22. Juli bis 20. August 1921 



1991 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgten Johann Waeger und Hendrik Knobel 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1967 

2. Auflage Gesamtausgabe Dornach 1991 
Einzelausgaben siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 206 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners 
ausgefuhrt von Assja Turgenieff und (S. 125) Hedwig Frei (siehe auch S. 203) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1967 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Kooperative Durnau, Diirnau 

ISBN 3-7274-2060-X 



7.U den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1 861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dalS in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35, Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INH ALT 



Ausfiihrliche Inhaltsangaben siehe Seite 209 ff. 

Vierzehnter Vortrag, Dornach, 22. Juli 1921 9 

Die zwolf Sinne des Menschen 

FtrNFZEHNTER VoRTRAG, 23. Juli 1921 26 

Moralische Weltenordnung und Naturnotwendigkeit. Die Logik des 
Aristoteles. Die Gnosis. Die Sinneserlebnisse des oberen und des un- 
teren Menschen. Orientalische und okzidentalische Kultur. Wissen 
und Glauben 

Sechzehnter Vortrag, 24. Juli 1921 43 

Gedachtnis und Liebe. Der dreigliedrige Mensch. Das menschliche 
Leben als Kampf gegen Naturkausalitat 

Siebzehnter Vortrag, 5. August 1921 62 

Die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft aus der Scholastik 

ACHTZEHNTER VoRTRAG, 6. AugUSt 1921 78 

Ernst Haeckels 60. Geburtstag. Antisoziale Triebe als Ergebnis von 
materialistischem Kopfdenken und spiritueller Willensnatur. Weltan- 
schauung als Arznei 

Neunzehnter Vortrag, 7. August 1921 96 

Die kindliche Entwicklung bis zur Geschlechtsreife 

Zwanzigster Vortrag, 12. August 1921 117 

Die Gliederung des Menschen in physischen Leib, Atherleib, Astral- 
leib und Ich 

ElNUNDZWANZIGSTER VoRTRAG, 13. AugUSt 1921 134 

Vorstellungen und Erinnerungen und die Welt der Hierarchien 



ZWEIUNDZWANZIGSTER VORTRAG, 14. AugUSt 1921 151 

Das Seelisch-Geistige des Menschen und das Leiblich-Physische in 
ihrem Zusammenhang. Das Bose 



Dreiundzwanzigster Vortrag, 19. August 1921 168 

Goethe, die Griechen und die vorgriechische Zeit 

183 

Vierundzwanzigster Vortrag, 20. August 1921 

Die Erkenntnis des Lebenden, des Empfindenden, des eigentlichen 
Menschenwesens und des Ich in alten Zeiten und heute 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 203 

Hinweise zum Text 204 

Namenregister 207 

Ausfuhrliche Inhaltsangaben 209 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 213 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 215 



VIERZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 22.Julil921 



Wir fahren fort in der Betrachtung des Verhaltnisses des Menschen zur 
Welt, und urn die Betrachtungen der nachsten Tage an dasjenige an- 
schliefien zu konnen, was ich vorgebracht habe in der letzten Zeit, 
mochte ich heute zunachst an ein Kapitel unserer anthroposophischen 
Anschauung ankniipfen, das ich vor langerer Zeit behandelt habe, 
namlich an die im anthroposophischen Sinne gehaltene Sinneslehre. 
Ich sagte vor langerer Zeit und immer wieder, dafi ja die auftere Wis- 
senschaft von unseren Sinnen nur diejenigen betrachtet, fur die im 
groberen Sinne Organe vorhanden sind, wie der Sehsinn, der Gehor- 
sinn und so weiter. Diese Betrachtungsweise kann in einem tieferen 
Sinne deshalb nicht befriedigen, weil das Gebiet, das zum Beispiel das 
Sehen von unserer Erfahrung, von unserer Gesamterfahrung umfafk, 
ein ebenso abgegrenztes ist innerhalb der Gesamtsumme unserer Erleb- 
nisse, wie, sagen wir die Wahrnehmung des f remden Ich oder die Wahr- 
nehmung der Bedeutung von Worten. Es ist ja heute, wo in einem ge- 
wissen Sinne alle Dinge auf den Kopf gestellt werden, durchaus auch 
iiblich geworden, zu sagen: Wenn wir dem f remden Ich gegeniiber- 
stehen, dann sehen wir zunachst die menschliche Gestalt. Wir wissen, 
dafi wir diese menschliche Gestalt selber haben, dalS bei uns diese 
menschliche Gestalt ein Ich beherbergt, und so schliefien wir, daft auch 
in der uns ahnlich schauenden fremden menschlichen Gestalt ein Ich 
enthalten sei. - Es ist nicht das geringste wirkliche Bewufitsein von 
dem vorhanden, was in der ganzen Unmittelbarkeit der Wahrnehmung 
des andern Ich liegt, wenn man einen solchen Schlufi zugrunde legt. 
Er ist vollig sinnlos. Denn genau in derselben Weise, wie wir unmittel- 
bar der Aufienwelt gegenuberstehen und ein gewisses Gebiet von ihr 
umfassen durch unseren Sehsinn, ebenso dringt in unser Erlebnis- 
gebiet in unmittelbarer Weise hinein das fremde Ich. Wir miissen, 
wenn wir uns einen Sehsinn zuschreiben, uns so auch einen Ichsinn zu- 
schreiben. 

Es ist dabei vor alien Dingen das festzuhalten, dafi dieser Ichsinn 



durchaus etwas anderes ist als die Entwickelung des Bewufitseins des 
eigenen Ich. Es ist ein vollig anderer Vorgang, dieses Bewufitwerden 
des eigenen Ich, was ja eigentlich kein Wahrnehmen ist, und der Vor- 
gang, der sich abspielt, wenn wir ein fremdes Ich als solches wahr- 
nehmen. Ebenso liegt ein ganz anderes zugrunde, wenn wir Worten 
zuhoren und in den Worten eine Bedeutung vernehmen, als dann, wenn 
wir den blofien Ton, den blofien Klang vernehmen. Wenn es audi zu- 
nachst schwieriger ist, fur den Wortesinn ein menschliches Organ nach- 
zuweisen als fiir den Tonsinn das Gehororgan, so mufi doch derjenige, 
der nun wirklich unser gesamtes Erfahrungsfeld analysieren kann, ge- 
wahr werden, dafi wir innerhalb dieses Erfahrungsfeldes begrenzen 
miissen auf der einen Seite den Ton- und Lautsinn, den Klangsinn, und 
auf der andern Seite den Wortesinn. Und wiederum ein anderes ist es, 
innerhalb der Worte, innerhalb der Wortgestaltungen und innerhalb 
der Wortzusammenhange namentlich, den Gedanken des andern wahr- 
zunehmen. Und wiederum miissen wir unterscheiden zwischen dem 
Wahrnehmen des Gedankens des andern und dem eigentlichen Denken. 
Nur eben die grobe Art, wie heute Seelenerscheinungen betrachtet wer- 
den, die kommt nicht dazu, in dieser feineren Weise zu analysieren 
zwischen dem Denken, das wir als eine innere Tatigkeit unseres Seelen- 
lebens entfalten, und der nach aufien gerichteten Tatigkeit, die im Ge- 
dankenwahrnehmen des andern liegt. Gewifi, wir miissen, wenn der 
Gedanke des andern wahrgenommen wird, um diesen Gedanken zu 
verstehen, um diesen Gedanken mit andern Gedanken, die wir auch 
schon gehegt haben, in Beziehung zu bringen, dann denken. Aber dieses 
Denken ist etwas vollig anderes als das Wahrnehmen des Gedankens 
des andern. 

Dann aber, wenn wir alles das, was nun im Umkreise unserer Ge- 
samterfahrung vorhanden ist, gliedern, analysieren in die Gebiete, die 
wirklich spezifisch voneinander verschieden sind und die doch wieder- 
um eine gewisse innerliche Verwandtschaft so haben, dafi wir sie als 
Sinne bezeichnen konnen, dann kommen wir zu den zwolf Sinnen des 
Menschen,die ich ofter angegeben habe. Heute ist ja eines der schwach- 
sten Kapitel unserer gegenwartigen Wissenschaft dasjenige, das vom 
physiologischen oder vom psychologischen Standpunkte die Sinne be- 



handelt, denn im Grunde genommen wird von den Sinnen im Allge- 
meinen gesprochen. 

Nun ist natiirlich innerhalb des Sinnesgebietes der Gehorsinn zum 
Beispiel, sagen wir, radikal verschieden vom Gesichtssinn oder vom 
Geschmackssinn. Und wiederum, wenn man zu einem deutlichen Be- 
greifen vom Gehorsinn oder vom Gesichtssinn kommt, dann mufi man 
auch einen Wortesinn, einen Gedankensinn und einen Ichsinn unter- 
scheiden. Die meisten Begriffe, die heute gangbar sind, wenn die Wis- 
senschaft von den Sinnen spricht, sind eigentlich von dem Tastsinn ge- 
nommen. Und unsere Philosophic hat es sich schon einmal angewohnt, 
darauf eine ganzeErkenntnistheorie zu griinden, die eigentlich in nichts 
anderem besteht als in der Obertragung einiger Wahrnehmungen, die 
auf den Tastsinn beziiglich sind, auf das ganze Gebiet der Wahrneh- 
mungsfahigkeit. 

Wenn wir nun in Wirklichkeit analysieren das Cesamtgebiet, den 
Umkreis unserer aufSeren Erlebnisse, die wir in ahnlicher Weise wahr- 
nehmen, sagen wir, wie die Seherlebnisse oder wie die Tasterlebnisse 
oder wie die Warmeerlebnisse, dann kommen wir zu zwolf deutlich 
voneinander unterscheidbaren Sinnen, die ich ja friiher ofter in fol- 
gender Weise aufgezahlt habe: erstens der Ichsinn, der, wie gesagt, zu 
unterscheiden ist von dem Bewufitsein des eigenen Ich; mit Ichsinn 
wird nichts anderes bezeichnet als die Fahigkeit, das Ich des andern 
wahrzunehmen. Das zweite ist der Gedankensinn, das dritte ist der 
Wortesinn, das vierte ist der Gehorsinn, das fiinfte ist der Warmesinn, 
das sechste der Sehsinn, das siebente der Geschmackssinn, das achte der 
Geruchssinn, das neunte der Gleichgewichtssinn. Wer auf diesem Ge- 
biete wirkiich analysieren kann, der weiiS, dafi es ein ganz begrenztes 
Gebiet des Wahrnehmens gibt, ebenso wie das Gebiet des Sehens, ein 
begrenztes Gebiet, das uns einfach eine Empfindung davon vermittelt, 
dafi wir als Mensch in einem gewissen Gleichgewichte stehen. Ohne 
daft ein Sinn uns vermitteln wiirde dieses Stehen im Gleichgewichte 
oder dieses Schweben und Tanzen im Gleichgewichte, ohne dies wiir- 
den wirdurchaus nicht unserBewufitsein vollstandig aufbauen konnen. 

Dann ist der Bewegungssinn das nachste. Der Bewegungssinn ist die 
Wahrnehmung dessen, ob wir in Ruhe oder in Bewegung sind. Diese 



Wahrnehmung miissen wir genau ebenso in uns erleben, wie wir er- 
leben unsere Gesichtswahrnehmung. Elftens der Lebenssinn, zwdlftens 
der Tastsinn (siehe Zeichnung Seite 25). 

Tafel 1 * Ichsinn 

Gedankensinn 

Wortesinn 

Gehorsinn 

Warmesinn 
Sehsinn 

Geschmackssinn 
Geruchssinn 

Gleichgewichtssinn 
Bewegungssinn 
Lebenssinn 
Tastsinn 

Diese Gebiete, die ich Ihnen hier als Sinnesgebiete aufgeschrieben 
habe, man kann sie deutlich voneinander unterscheiden, und man kann 
zugleich in ihnen das Verwandte finden, dafi wir uns wahrnehmend 
durch diese Sinne verhalten. Es ist unser Verkehr mit der Aufienwelt, 
unser erkennender Verkehr mit der Aufienwelt, den uns diese Sinne 
vermitteln; allerdings in einer sehr verschiedenen Weise mit Bezug auf 
die Aufienwelt. Wir haben zunachst vier Sinne, die uns in zweifelloser 
Weise mit der Aufienwelt verbinden, wenn ich das Wort zweifellos in 
diesem Falle gebrauchen darf; das sind: der Ichsinn, der Gedankensinn, 
der Wortesinn und der Gehorsinn. Es wird Ihnen ohne weiteres klar 
sein, dafi wir mit unserem ganzen Erleben gewissermafien in der Au- 
fienwelt sind, wenn wir das Ich eines andern wahrnehmen, ebenso 
wenn wir die Gedanken oder die Worte eines andern wahrnehmen. 
Nicht so einleuchtend konnte das sein in bezug auf den Gehorsinn; 
aber das kommt ja nur davon her, weil man in einer Art abstrakter 
Anschauung iiber alle Sinne so eine gemeinsame Begriffsnuance aus- 
gegossen hat, die eben ein gemeinsamer Begriff, eine gemeinsame Idee 
eines Sinneslebens sein soil, und man nicht eigentlich das Spezifische 

12 * Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 203 



der einzelnen Sinne ins Auge fafk. Natiirlich kann man diese Dinge 
nicht, ich mochte sagen, im aufieren Experimente auf ihre Begriffe 
bringen, sondern dazu 1st schon notwendig, dafi man eben die Fahig- 
keit des Anfiihlens der Erlebnisse hat. 

Das gewohnliche Denken befafk sich ja zum Beispiel gar nicht da- 
mit, wie das Horen dadurch, dafi der Vermittler des Horens die be- 
wegte Luft, also ein Physisches ist, im Grunde genommen uns unmittel- 
bar in die Aufienwelt hinausbringt. Und wenn Sie einfach ins Auge 
fassen, wie sehr aufierlich der Gehorsinn eigentlich gegenuber unserem 
ganzen organischen inneren Erleben ist, so werden Sie bald darauf 
kommen, dafi Sie den Gehorsinn in dieser Weise anders fassen miissen 
als zum Beispiel den Sehsinn. Beim Sehsinn wird man einfach aus der 
Betrachtung des Organs, des Auges, bald ersehen konnen, wie das- 
jenige, was da vermittelt wird, doch in einem hohen Mafie ein innerer 
Vorgang, wenigstens relativ ein innerer Vorgang ist. Wir schliefien das 
Auge, wenn wir schlafen, wir schlieflen das Ohr nicht, wenn wir 
schlafen. In solchen Dingen, die scheinbar triviale, einfache Tatsachen 
sind, druckt sich aber tief Bedeutsames fiir das ganze Leben des Men- 
schen aus. Und wenn wir beim Schlafen genotigt sind, unser Inneres 
abzuschlieften, weil wir nicht wahrnehmen sollen durch das Sehen, so 
sind wir eben nicht genotigt, unser Ohr abzuschliefien, weil das in einer 
ganz andern Weise in der Aufienwelt drinnen lebt als das Auge. Das 
Auge ist viel mehr Bestandteil unseres Inneren. Die Sehwahrnehmung 
ist viel mehr nach innen gerichtet als die Gehorwahrnehmung. Nicht 
die Empfindung des Gehorten, das ist ja etwas anderes. Die Empfin- 
dung des Gehorten, die dem Musikalischen zugrunde liegt, das ist etwas 
anderes als der eigentliche Gehorvorgang. 

Diese Sinne nun, die im wesentlichen, ich mochte sagen, das Aufiere 
und das Innere vermitteln, das sind ausgesprochen aufiere Sinne (siehe 
Zeichnung Seite 25). Diejenigen Sinne, die sozusagen auf der Kippe 
stehen zwischen Aufierem und Innerem, die ebenso aufieres wie inneres 
Erleben sind, das sind die vier nachsten Sinne: der Warmesinn, der 
Sehsinn, der Geschmackssinn, der Geruchssinn. Versuchen Sie nur ein- 
mal die ganze Summe der Erlebnisse, die durch einen dieser Sinne ge- 
geben ist, sich vor Augen zu fiihren, und Sie werden sehen, wie da auf 



der einen Seite bei all diesen Sinnen ein Miterleben mit der Aufienwelt 
vorhanden ist, aber zu gleicher Zeit ein Erleben im eigenen Inneren. 
Wenn Sie Essig trinken, also Ihr Geschmackssinn in Betracht kommt, 
haben Sie ganz gewifl auf der einen Seite ein inneres Erlebnis mit dem 
Essig und auf der andern Seite ein Erlebnis, das nach aufien gerichtet 
ist, das man vergleichen kann mit dem Erleben eines aufieren Ich zum 
Beispiel oder der Worte. Aber es wiirde sehr schlimm sein, wenn man 
in demselben Sinne ein subjektives, ein inneres Erlebnis, sagen wir, dem 
Anhoren der Worte beimischen wiirde. Denken Sie sich einmal, wenn 
Sie Essig trinken, Sie verziehen das Gesicht; das deutet Ihnen ganz klar 
an, dafi Sie da ein inneres Erlebnis mit dem aufieren Erlebnis haben, 
dafi aufieres Erlebnis und inneres Erlebnis ineinanderschwimmen. 
Wiirde dasselbe bei den Worten der Fall sein, wenn Ihnen zum Beispiel 
einer eine Rede hielte und Sie in derselben Weise innerlich miterleben 
mufiten wie beim Essigtrinken oder beim Moselweintrinken oder der- 
gleichen, dann wiirden Sie ja niemals in einer objektiven Weise sich 
iiber die Worte klar sein, die der andere Ihnen sagt. In demselben 
Mafie, wie Sie beim Essig ein unangenehmes und beim Moselwein ein 
angenehmes inneres Erlebnis haben, in demselben Mafie tingieren Sie 
ein aufieres Erlebnis. Dieses aufiere Erlebnis diirfen Sie nicht tingieren, 
wenn Sie wahrnehmen, sagen wir, die Worte des andern, Man kann 
sagen: Hier sieht man das Hereinragen des Moralischen in dem Augen- 
blicke, wo man die Dinge im rechten Lichte sieht. - Denn es gibt aller- 
dings Menschen, die namentlich in bezug auf den Ichsinn, aber auch in 
bezug auf den Gedankensinn sich so verhalten, da!5 man sagen kann, 
die Menschen stecken so stark in ihren mittleren Sinnen, im Warme- 
sinn, Sehsinn, Geschmackssinn und Geruchssinn drinnen, dafi sie auch 
die andern Menschen oder deren Gedanken so beurteilen. Dann horen 
sie aber gar nicht die Gedanken oder die Worte des andern, sondern sie 
nehmen sie so wahr, wie zum Beispiel eben, sagen wir, Moselwein oder 
Essig oder irgendein anderes Getrank oder eine Speise wahrgenommen 
wird. 

Hier sehen wir, wie etwas Moralisches einfach aus einer sonst ganz 
amoralischen Betrachtungsweise sich ergibt. Nehmen Sie zum Beispiel 
einen Menschen, bei dem der Gehorsinn, namentlich aber der Worte- 



sinn, der Gedankensinn und der Ichsinn schlecht ausgebildet sind. Ein 
solcher Mensch lebt gewissermafien, sagen wir, ohne Kopf, das heifit, 
er gebraucht seine Kopfsinne auch in einer ahnlichen Weise, wie die 
mehr schon dem Animalischen zugeneigten Sinne. Das Tier kann nicht 
in dieser Weise objektiv wahrnehmen, wie es objektiv-subjektiv wahr- 
nehmen kann durch Warmesinn, Sehsinn, Geschmackssinn, Geruchs- 
sinn. Das Tier riecht: Sie konnen sich vorstellen, dafl das Tier in sehr 
geringem Mafie objektiv dasjenige sich vergegenstandlichen kann, was 
ihm entgegentritt, sagen wir zum Beispiel beim Geruchssinn. Es ist in 
hohem Grade ein subjektives Erlebnis. Nun, natiirlich haben ja alle 
Menschen auch Gehorsinn, Wortesinn, Gedankensinn, Ichsinn; aber 
diejenigen, die mehr sich hineinlegen mit ihrer ganzen Organisation in 
den Warmesinn und Sehsinn, namentlich aber in den Geschmacks- 
oder gar Geruchssinn, die verandern alles nach ihrem subjektiven Ge- 
schmack oder nach ihrem subjektiven Riechen der Umgebung. Nicht 
wahr, solche Dinge kann man ja taglich im Leben wahrnehmen. Wenn 
Sie ein Beispiel haben wollen, so konnen Sie ja nur beachten, wie es 
Menschen gibt, die gar nichts objektiv wahrnehmen konnen, sondern 
alles so wahrnehmen, wie man sonst nur durch Geschmacks- und Ge- 
ruchssinn wahrnimmt. Das konnen Sie in der neuesten Broschiire des 
Pfarrers Kully wahrnehmen. Der ist gar nicht imstande, Worte oder 
Gedanken des andern aufzufassen, er fafit alles so auf, wie man Wein 
trinkt, oder Essig trinkt, oder irgendeine Speise ifk. Da wird alles sub- 
jektives Erlebnis. In demselben Sinne wird es unmoralisch, indem man 
die hoheren Sinne hinunterriickt zum Charakter der niederen Sinne. 
Es gibt eben durchaus die Moglichkeit, die Moral in Zusammenhang 
zu bringen mit der ganzen Weltanschauung, wahrend in der Gegen- 
wart das Zerstorerische, das unsere ganze Zivilisation Untergrabende 
darin liegt, daf$ man keine Brucke zu schlagen weifi zwischen dem, was 
man Naturgesetzlichkeit nennt und was man moralisch nennt. 

Wenn wir nun zu den nachsten vier Sinnen kommen, zu dem Gleich- 
gewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn und Tastsinn, so kommen 
wir zu ausgesprochen inneren Sinnen. Wir haben es da zunachst mit 
ausgesprochen inneren Sinnen zu tun. Denn das, was uns der Gleich- 
gewichtssinn iibermittelt, ist unser eigenes Gleichgewicht, was uns der 



Bewegungssinn iibermittelt, ist der Zustand der Bewegung, in dem wir 
s'md. Unser Lebenszustand ist dieses allgemeine Wahrnehmen, wie 
unsere Organe funktionieren, ob sie unserem Leben forderlich sind 
oder abtraglich sind und so weiter. Beim Tastsinn konnte es tauschen; 
dennoch aber, wenn Sie irgend etwas betasten, so ist das, was Sie da als 
Erlebnis haben, ein inneres Erlebnis. Sie fuhlen gewissermafien nicht 
die Kreide, sondern Sie fuhlen die zuruckgedrangte Haut, wenn ich 
mich grob ausdriicken darf ; der Vorgang ist naturlich viel feiner zu 
charakterisieren. Es ist die Reaktion Ihres eigenen Inneren auf einen 
aufieren Vorgang, der da im Erlebnis vorliegt, der in keinem andern 
Sinneserlebnis in derselben Weise vorliegt wie im Tasterlebnis. 

Nun aber wird allerdings diese letztere Gruppe der Sinne durch 
etwas anderes modifiziert. Da miissen Sie sich erinnern an etwas, das 
ich vor einigen Wochen hier gesagt habe. Nehmen Sie den Menschen 
in bezug auf das, was durch diese letzten vier Sinne wahrgenommen 
wird; es sind, trotzdem wir die Dinge wahrnehmen - unsere eigene 
Bewegung, unser eigenes Gleichgewicht -, es sind, trotzdem wir das, 
was wir wahrnehmen, auf entschieden subjektive Weise nach innen hin 
wahrnehmen, dennoch aber Vorgange, die ganz objektiv sind. Das ist 
das Interessante an der Sache. Wir nehmen diese Dinge nach innen hin 
wahr, aber was wir da wahrnehmen, sind ganz objektive Dinge, denn 
es ist im Grunde genommen physikalisch gleichgultig, ob, sagen wir, 
ein Holzklotz sich bewegt oder ein Mensch, ob ein Holzklotz im 
Gleichgewicht ist oder ein Mensch. Fur die aufiere physische Welt 
in ihrer Bewegung ist der sich bewegende Mensch ganz genau ebenso zu 
betrachten wie ein Holzklotz; ebenso mit Bezug auf das Gleichgewicht. 
Und wenn Sie den Lebenssinn nehmen, so ist es zunachst allerdings 
nicht in bezug auf die aufiere Welt - scheinbar allerdings nur -, aber es 
ist so, dafi das, was unser Lebenssinn iibermittelt, ganz objektive Vor- 
gange sind. Stellen Sie sich vor einen Vorgang in einer Retorte: er ver- 
lauft nach gewissen Gesetzen, kann objektiv beschrieben werden. Das, 
was der Lebenssinn wahrnimmt, ist ein solcher Vorgang, der nach innen 
gelegen ist. Ist er in Ordnung, dieser Vorgang, ganz als objektiver Vor- 
gang, so iibermittelt Ihnen dieses der Lebenssinn, oder ist er nicht in 
Ordnung, so iiberlief ert Ihnen der Lebenssinn auch das. Wenn auch der 



Vorgang in Ihrer Haut eingeschlossen ist, der Lebenssinn iibermittelt 
es. Ein objektiver Vorgang ist schliefilich gar nichts, was zunachst mit 
dem Inhalt Ihres Seelenlebens einen besonderen Zusammenhang hat. 
Und ebenso beim Tastsinn; es ist immer eine Veranderung in der gan- 
zen organischen Struktur, wenn wir wirklich tasten. Unsere Reaktion 
ist eine organische Veranderung in unserem Inneren. Wir haben also 
durchaus in dem, was wir mit diesen vier Sinnen gegeben haben, eigent- 
lich ein Objektives gegeben, ein solches, was uns als Menschen so in die 
Welt hineinstellt, wie wir im Grunde genommen als objektive Wesen 
sind, die auch in der Sinneswelt aufierlich gesehen werden konnen. 

So dafi wir sagen konnen, es sind ausgesprochen innere Sinne, aber 
dasjenige, was wir durch sie wahrnehmen, ist an uns genauso wie das, 
was wir aufierlich in der Welt wahrnehmen. Ob wir schlieiSlich einen 
Holzklotz in Bewegung setzen, oder ob der Mensch in aufierer Bewe- 
gung ist, darauf kommt es nicht an fur den physikalischen Fortgang 
der Ereignisse. Der Bewegungssinn ist nur da, damit das, was in der 
Aufienwelt geschieht, auch zu unserem sub jektiven Bewufitsein kommt, 
wahrgenommen wird. 

Sie sehen also, richtig subjektiv sind gerade die ausgesprochen au- 
fieren Sinne. Die miissen dasjenige, was durch sie wahrgenommen wird, 
im ausgesprochenen Sinne in unsere Menschlichkeit hereinbefordern. 
Ich mochte sagen, ein Hin- und Herpendeln zwischen Aufien- und 
Innenwelt stellt die mittlere Gruppe der Sinne dar, und ein ausgespro- 
chenes Miterleben von etwas, was wir sind, indem wir der Welt ange- 
horen, nicht uns, ist uns durch die letzte Gruppe der Sinne iibermittelt. 

Diese Betrachtung konnte man sehr ausdehnen. Man wiirde vieles 
finden, was charakteristisch ist fiir den einen oder fur den andern Sinn. 
Man mufi sich eben nur bekanntmachen mit dem Gedanken, dafi die 
Sinneslehre nicht so behandelt werden darf, da$ man nur die Sinne 
beschreibt nach den groberen Sinnesorganen, sondern nach der Analyse 
des Erlebnisfeldes. Es ist namlich gar nicht richtig, dafi zum Beispiel 
fiir den Wortesinn ein abgetrenntes Organ nicht vorhanden ist; es ist 
nur von der gewohnlichen materialistischen Physiologie heute nicht 
in demselben Sinne in seiner Abgrenzung erforscht wie, sagen wir, 
das Gehororgan. Oder der Gedankensinn, er ist auch da, aber er ist 



nicht in demselben Stil erforscht wie, sagen wir, der Sehsinn oder der- 
gleichen. 

Wenn wir so den Menschen iibersehen, dann wird es uns stark auf- 
fallen miissen, wie eigentlich dasjenige Leben, das wir im gewohnlichen 
Wortsinn Seelenleben nennen, gebunden ist an, sagen wir also, die 
hdheren Sinne. Wir konnen fast nicht weiter gehen, als vom Ichsinn 
bis zum Sehsinn, wenn wir den Inhalt dessen, was im gewohnlichen 
Wortsinn Seelenleben genannt ist, umfassen wollen. Vergegenwartigen 
Sie sich alles das, was Sie durch Ichsinn, Gedankensinn, Wortesinn, 
Lautsinn, Warmesinn, Sehsinn haben, dann werden Sie ungefahr den 
Umfang dessen haben, was Sie seelisches Leben nennen. Es ragt eben 
aus diesen ausgesprochen aufieren Sinnen, von den Eigenschaften die- 
ser ausgesprochen aufieren Sinne noch etwas hinein in den Warmesinn, 
von dem wir im Seelenleben viel mehr abhangig sind, als wir gewohn- 
lich denken. Der Sehsinn hat ja eine ungeheuer weite Bedeutung fur 
das gesamte Seelenleben. Aber wir dringen schon in das Animalische 
hinunter mit dem Geschmackssinn, mit dem Geruchssinn, und dringen 
vollig in unsere Korperlichkeit hinunter mit dem Gleichgewichtssinn, 
Bewegungssinn, Lebenssinn und so weiter. Die nehmen gewissermafien 
schon ganz nach innen hin wahr, als dasjenige, was nicht mehr unserem 
Seelenleben angehort. 

Wollten wir schematisch unser menschlichesWesen zeichnen,so miifi- 
ten wir so zeichnen: Wir miifiten sagen, wir umfassen das obere Gebiet, 
und darinnen, in diesem oberen Gebiete, da ruht unser eigentliches 
Innenleben (gelb). Dieses Innenleben kann ja gar nicht da sein, wenn 
wir nicht gerade diese aufieren Sinne haben. Was waren wir als ein 
Mensch, der keine andern Iche neben sich hatte? Was waren wir als ein 
Mensch, der niemals Worte, Gedanken und so weiter vernommen hatte? 
Malen Sie sich das nur aus. Dagegen dasjenige, was dann vom Ge- 
schmackssinn nach abwarts liegt, das nimmt nach innen hin wahr, das 
vermittelt zunachst Vorgange nach innen (rot). Aber die werden ja 
immer unklarer und unklarer. Gewifi, der Mensch mufi ein ganz deut- 
liches Wahrnehmen haben seines eigenen Gleichgewichtes, sonst wiirde 
er ohnmachtig und umfallen. Ohnmachtig umfallen bedeutet fur den 
Gleichgewichtssinn nichts anderes, als blind werden fur die Augen. 



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Tafel2 



Nun aber, es wird undeutlich, was diese Sinne vermitteln. Der Ge- 
schmackssinn, der entwickelt sich, ich mochte sagen, noch gewisser- 
mafien an der Oberflache, da ist ein deutliches Bewufitsein von diesem 
Geschmackssinn vorhanden. Aber obwohl unser ganzer Korper, wenig- 
stens mit Ausnahme des Gliedmaftenorganismus - aber auch eigentlich 
der -, obwohl unser ganzer Korper schmeckt, sind ja die wenigsten 
Menschen in der Lage, die verschiedenen Speisen noch im Magen zu 
schmecken, weil nach dieser Richtung heute doch, ja, wie soil ich jetzt 
sagen, Zivilisation oder Kultur, oder soil ich auch sagen Feinschmecke- 
rei, nicht so weit ausgebildet ist. Die wenigsten Menschen konnen noch 
im Magen die verschiedenen Speisen schmecken. Sie schmecken sie ge- 
rade noch in den iibrigen Organen. Aber wenn sie einmal im Magen 
sind, dann ist es den meisten Menschen ganz einerlei, wie sie sind, trotz- 
dem unterbewufit der Geschmackssinn sich durch den ganzen Ver- 
dauungstrakt in sehr deutlicher Weise fortsetzt. Der ganze Mensch 
schmeckt im Grunde genommen dasjenige, was er zu sich nimmt, aber 
es stumpft sehr bald ab, wenn sich das Gegessene dem Korper mitteilt. 
Der ganze Mensch entwickelt durch seinen Organismus hindurch den 
Geruchssinn, das passive Verhalten zu den riechenden Korpern. Dieses 
konzentriert sich wiederum nur, ich mochte sagen, auf das allerober- 



flachlichste, wahrend eigentlich der ganze Mensch ergriffen wird von 
einer riechenden Blume oder von irgendeinem andern riechenden Stoff 
und so weiter. Gerade wenn man dieses weifi, wie der Geschmackssinn 
und der Geruchssinn den ganzen Menschen durchdringen, dann weifi 
man auch, was in diesem Erlebnis des Riechens, des Schmeckens ent- 
halten ist, wie sich das fortsetzt nach dem Inneren des Menschen, und 
man kommt ganz ab von jeder Art materialistischer Auffassung, wenn 
man weifi, was Schmecken zum Beispiel heifit. Und ist man sich klar 
dariiber, dafi dieser Schmeckensvorgang durch den ganzen Organismus 
geht, dann ist man nicht mehr imstande, so blofi chemiehaft den wei- 
teren Verdauungsvorgang zu schildern, wie er von der heutigen mate- 
rialistischen Wissenschaft geschildert wird. 

Aber auf der andern Seite lafit sich ja nicht leugnen, dafi ein gewal- 
tiger Unterschied ist zwischen dem, was ich hier gelb bezeichnet habe, 
und dem, was ich hier schematisch rot bezeichnet habe: ein gewaltiger 
Unterschied zwischen dem Inhalt, den wir haben in unserem Seelen- 
leben durch den Ichsinn, Wortesinn und so weiter, und den Erlebnissen, 
die wir durch Geschmacks-, Geruchs-, Bewegungs-, Lebenssinn und so 
weiter haben. Es ist ein gewaltiger, ein radikaler Unterschied. Und 
zwar werden Sie diesen Unterschied am besten einsehen, wenn Sie sich 
klarmachen, wie Sie aufnehmen, was Sie in sich selbst erleben, wenn 
Sie, sagen wir, die Worte eines andern Menschen anhoren, oder wenn 
Sie einem Klang zuhoren; was Sie da in sich selbst erleben, hat doch 
zunachst gar keine Bedeutung, also fur sich, fur den aufieren Vorgang 
gar keine Bedeutung. Was schert sich die Glocke darum, dafi Sie sie 
horen! Da ist nur eben eine Verbindung zwischen Ihrem inneren Er- 
lebnis und dem Vorgang, der sich in der Glocke abspielt, insofern Sie 
zuhoren. 

Dasselbe konnen Sie nicht sagen, wenn Sie den objektiven Vorgang 
beim Schmecken ins Auge fassen oder beim Riechen oder gar, sagen 
wir, beim Tasten. Da liegt durchaus ein Weltenvorgang vor. Was da 
in Ihrem Organismus vorgeht, das konnen Sie nicht trennen von dem- 
jenigen, was sich in Ihrer Seele abspielt. Sie konnen nicht sagen in die- 
sem Falle wie bei der Glocke: Was schert sich die Glocke, die da klingt, 
darum, ob Sie ihr zuhoren! - So konnen Sie nicht sagen: Was schert 



sich dasjenige, was auf der Zunge vorgeht, wenn Sie Essig trinken, urn 
dasjenige, was Sie erleben! - Das kbnnen Sie nicht so sagen, da herrscht 
ein inniger Zusammenhang. Da ist das, was objektiver Vorgang ist, 
eins mit dem subjektiven Vorgang. 

Die Siinden, die auf diesem Gebiete von der modernen Physiologie 
gemacht werden, streifen geradezu ans Unerhorte aus dem Grunde, 
weil man wirklich solch einen Vorgang, wie zum Beispiel das Schmek- 
ken, in einer ahnlichen Weise der Seele gegeniiberstellt wie, sagen wir, 
das Sehen oder das Horen. Und es gibt philosophische Abhandlungen, 
die einfach ganz im allgemeinen von sinnlichen Qualitaten und ihrem 
Verhaltnis zur Seele sprechen. Locke, selbst Kant, sie sprechen im all- 
gemeinen von einem Verhaltnis der sinnlichen Aufienwelt zu der 
menschlichen Subjektivitat, wahrend etwas ganz anderes vorliegt fiir 
alles das, was vom Sehsinn nach aufwarts verzeichnet ist, und in dem, 
was vom Geschmackssinn nach abwarts verzeichnet ist. Es ist unmog- 
lich, diese beiden Gebiete mit einer einzigen Lehre zu umfassen. Und 
da man es getan hat, ist diese ungeheure Verwirrung in der Erkenntnis- 
theorie heraufgezogen, die etwa seit Hume oder Locke oder noch frii- 
her die modernen Begriffe geradezu verwiistet hat bis herauf in die 
moderne Physiologie. Denn man kann auf die Natur und das Wesen 
der Vorgange nicht kommen, und damit auch nicht auf das Wesen des 
Menschen, wenn man in dieser Weise nach vorgef aiken Begriffen, ohne 
eine unbefangene Beobachtung, die Dinge verfolgt. 

Wir miissen uns also klar sein, da$, indem wir so den Menschen vor 
uns hinstellen, wir auf der einen Seite deutlich ein nach innen gerich- 
tetes Leben haben, das der Mensch fiir sich lebt, indem er einfach wahr- 
nehmend sich zur Auftenwelt verhalt. Auf der andern Seite nimmt er 
allerdings auch wahr, aber mit dem, was er wahrnimmt, stellt er sich 
in die Welt hinein. Es ist, wenn ich mich etwas radikal ausdriicke, zum 
Schlufi wiederum so, dafi man sagen mul?: Dasjenige, was auf meiner 
Zunge vorgeht, indem ich schmecke, das ist ganz als objektiver Vor- 
gang in mir; indem er sich in mir abspielt, ist das ein Weltenvorgang. 
Wahrend ich nicht sagen kann, dafi dasjenige, was als Bild in mir er- 
steht durch das Sehen, zunachst ein Weltenvorgang ist. Es konnte weg- 
bleiben, und die ganze Welt ware so, wie sie ist. Dieser Unterschied 



zwischen dem oberen Menschen und dem unteren Menschen, der mufi 
durchaus f estgehalten werden. Wenn man ihn nicht f esthalt, dann wird 
man auf gewisse Richtungen gar nicht kommen konnen. 

Wir haben mathematische Wahrheiten, geometrische Wahrheiten. 
Ein oberflachliches Menschenbetrachten denkt: Nun ja, der Mensch 
nimmt aus seinem Kopfe oder irgendwo heraus - nicht wahr, so be- 
stimmt sind ja die Vorstellungen nicht, die man sich da macht - die 
Mathematik. - Aber das ist ja nicht so. Diese Mathematik kommt aus 
ganz andern Gebieten. Und wenn Sie den Menschen betrachten, so 
haben Sie ja die Gebiete gegeben,aus denen das Mathematische kommt: 
Es ist der Gleichgewichtssinn, es ist der Bewegungssinn. Aus solchen 
Tiefen herauf kommt das mathematische Denken, bis zu denen wir 
nicht mehr hinreichen, hinuntergehen mit unserem gewohnlichen See- 
lenleben. Unter unserem gewohnlichen Seelenleben lebt dasjenige, was 
uns heraufbefordert, was wir in mathematischen Gebilden entfalten. 
Und so sehen wir, dafi das Mathematische eigentlich wurzelt in dem, 
was in uns zugleich kosmisch ist. Wir sind ja wirklich subjektiv nur 
mit dem, was vom Sehsinn hier nach auf warts liegt; mit dem, was da 
hinunter liegt, wurzeln wir in der Welt. Wir sind darinnen in der Welt; 
mit dem, was aber darunter liegt, sind wir wie ein Holzklotz, ebenso 
wie die ganze iibrige Aufienwelt. Wir konnen daher niemals sagen, da£ 
zum Beispiel die Raumlehre irgend etwas Subjektives haben konnte, 
denn sie entspringt aus dem in uns, worinnen wir selber objektiv sind. 
Es ist genau derselbe Raum, den wir durchmessen, wenn wir gehen und 
den uns unsere Bewegungen vermitteln, genau derselbe Raum, den wir 
dann, wenn wir ihn im Bilde aus uns herausgebracht haben, auf das 
Angeschaute verwenden. Vom Raume kann auch nicht die Rede sein, 
dafi er irgendwie etwas Subjektives sein konnte, denn er entspringt 
nicht jenem Gebiete, aus dem das Subjektive entspringt. 

Eine solche Betrachtungsweise, wie ich sie jetzt angestellt habe, liegt 
einfach allem Kantianismus ganz fern, weil der Kantianismus diese 
radikale Unterscheidung nicht kennt zwischen diesen zwei Gebieten 
im menschlichen Leben. Er weifi nicht, dafi der Raum nichts Subjek- 
tives sein kann, weil der Raum aus dem Gebiete im Menschen ent- 
springt, das an sich objektiv ist, demgegeniiber wir uns objektiv ver- 



halten. Wir sind nur anders mit ihm verbunden als mit der Aufienwelt, 
aber es ist Aufienwelt, richtige Aufienwelt, und wird vor alien Dingen 
jede Nacht Aufienwelt, indem wir uns mit unserer Subjektivitat, dem 
Ich und astralischen Leib, schlafend zuriickziehen. 

Es ist notwendig, dafi man einsieht: Es niitzt nichts, moglichst viele 
aufiere Tatsachen zusammenzutragen zu einer angeblichen Wissen- 
schaft, die dann die Kultur weiter fordern soil, wenn innerhalb des 
Vorstellens und des Begreifens der Welt ganz konfuse Begriffe existie- 
ren, wenn iiber die wichtigsten Dinge keine klaren Begriffe existieren. 
Und das ist dasjenige, was wir als eine unbedingte Aufgabe jetzt vor 
uns haben, wenn den Niedergangskraften entgegengearbeitet und zu 
Aufgangskraften hingearbeitet werden soil: dafi wir einsehen, wie es 
vor alien Dingen notwendig ist, zu klaren, nicht verschwommenen, 
sondern zu klaren Begriffen zu kommen. Man mufi schon durchaus 
einsehen, dafi das Ausgehen von Begriffen, das Ausgehen von Defini- 
tionen gar nichts bedeutet, sondern das vorurteilsfreie Anschauen der 
Tatsachengebiete. 

Kein Mensch hat das Recht, zum Beispiel das Sehgebiet als etwas zu 
begrenzen, das er dann als ein Sinnesgebiet charakterisiert, wenn er 
nicht zugleich, sagen wir, das Gebiet der Wortewahrnehmung als ein 
ebensolches Gebiet absondert. Versuchen Sie es nur einmal, sich das 
Gebiet der gesamten Erfahrung so zu gliedern, wie ich das nun schon 
ofters gemacht habe, und Sie werden sehen, dafi Sie sich nicht sagen 
diirfen: Wir haben Augen, also haben wir einen Sehsinn, und wir be- 
trachten den Sehsinn. — Sondern Sie werden sich sagen miissen: Gewifi, 
das hangt mit irgend etwas zusammen, dafi das Sehen so ausgesprochen 
physisch-sinnliche Organe hat; aber das berechtigt nicht, das Gebiet 
der Sinne auf dasjenige zu beschranken, in dem deutlich wahrnehm- 
bare physische Organe vorhanden sind. - Dabei kommen wir noch 
lange nicht auf irgendeine hohere Anschauung, sondern wir kommen 
nur auf das, was im gewohnlichen Menschenleben spielt. Auf das Wich- 
tige kommen wir, daft wir wirklich unterscheiden miissen zwischen 
dem, was im Menschen subjektiv ist, was im Menschen inneres Seelen- 
leben ist, und worinnen der Mensch eigentlich schlaft. Ein kosmisches 
Wesen ist der Mensch zum Beispiel in bezug auf alles das, was seine 



Sinne vermitteln; da ist er ein kosmisches Wesen. Sie wissen nichts 
davon in Ihrem gewohnlichen Seelenleben, was da vorgeht, wenigstens 
nicht ohne hohere Anschauung, wenn Sie Ihren Arm bewegen. Das ist 
Willensentwickelung. Es ist ein Vorgang, der ebenso aufier Ilinen liegt 
wie irgendein anderer aufierer Vorgang. Trotzdem ist er mit Ihnen 
innig verbunden. Aber er liegt auJRer Ihrem Seelenleben. Dagegen kann 
keine Vorstellung da sein, ohne daft wir mit unserem Bewufitsein dabei 
sind. Sie bekommen daher, wenn Sie diese drei Gebiete gliedern, auch 
noch ein anderes. 

Bei allem, was Ihr Ichsinn, Ihr Gedankensinn, Ihr Wortesinn und 
Ihr Gehorsinn Ihnen vermitteln, indem diese Vermittelungen zum 
Seelenleben werden, bekommen Sie ja im eminentesten Sinne alles das- 
jenige, was vorstellungsverwandt ist. In eben demselben Sinne ist alles, 
was Warmesinn, Sehsinn, Geschmacks-, Geruchssinn betrifft, gefiihls- 
verwandt. Bei einigem ist es nicht ganz auffallig, wie beim Sehsinn. 
Beim Geschmacks-, Geruchs- und Warmesinn ist es auffallig, aber beim 
Sehsinn wird derjenige, der genauer darauf eingeht, das auch finden. 
Dagegen alles das, was mit Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebens- 
sinn zusammenhangt und auch mit dem Tastsinn, obwohl es da schwe- 
rer zu bemerken ist, weil der Tastsinn sich ins Innere zuriickzieht, alles 
das ist willensverwandt. Im menschlichen Leben ist eben alles mit- 
einander verwandt und doch alles wiederum metamorphosiert. 

So habe ich versucht, Ihnen heute zusammenfassend dasjenige, was 
ich bei den verschiedensten Gelegenheiten ausgefiihrt habe, noch ein- 
mal zu sagen, damit wir dann die morgige und ubermorgige Betrach- 
tung daranschliefien konnen. 



Tafel 1 



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FONFZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 23.Julil921 



Ich habe gestern versucht, gewissermafien den Schnitt zu ziehen zwi- 
schen jenen Sinneserlebnissen, die dem oberen Menschen, wenn ich so 
sagen darf, angehoren, die das eigentliche Seelenleben des Menschen 
konstituieren, und denjenigen Sinneserlebnissen, die mehr einem un- 
teren Menschen angehoren, deren Inhalt gewissermafien der mensch- 
lichen Bewufitheit in ahnlicher Weise gegeniibersteht wie eigentlich 
aufiere Erlebnisse, nur dal5 sie eben sich im Inneren des Menschen ab- 
spielen. Wir haben gesehen, dafi zu den Sinneserlebnissen der ersteren 
Art diejenigen des Ichsinnes, des Gedankensinnes, des Wortesinnes, des 
Gehorsinnes, des Warmesinnes und des Sehsinnes gehoren, und wir 
haben gesehen, dafi wir in zwei Regionen eintauchen, in denen der 
Mensch im wesentlichen seine inneren Erlebnisse gleichartig den au- 
fteren Erlebnissen im Bewufitsein hat, indem wir den Geschmackssinn, 
Geruchssinn und die andern, die eigentlich inneren Sinne haben. Sie 
sehen schon, indem man iiber ein solches Thema redet, wie schwierig 
es ist, mit jenen groberen Ausdriicken zu hantieren, die fur die Charak- 
teristik der AuiSenwelt ja ganz gut anwendbar sind, die aber natiirlich 
sofort versagen, wenn man die menschliche Wesenheit selbst und das 
Innere des Weltengefiiges in Betracht zieht. 

Jedenfalls aber kann demjenigen, der sich ganz klarmacht diesen 
Unterschied des oberen und des unteren Menschen, die ja beide in einer 
gewissen Weise das Weltgeschehen reprasentieren, auch klarwerden, 
wie durch unser Erleben ein Schnitt geht, wie wir in einer ganz ver- 
schiedenen Art gewissermafien den einen Pol unseres Erlebens gegen- 
iiberstellen dem andern Pol. Ohne dafi man sich gewissenhaft befalk 
mit dieser Gliederung der menschlichen Wesenheit, wird man doch 
nicht in einer hinlanglichen Weise iiber das allerwichtigste Problem der 
Gegenwart und der nachsten Zukunft zur Klarheit kommen konnen, 
namlich iiber das Problem: Wie steht es eigentlich mit dem Verhalt- 
nisse der moralischen Welt, innerhalb welcher wir mit unserer hoheren 
menschlichen Natur doch leben, innerhalb welcher unsere menschliche 



und Weltverantwortlichkeit vorhanden ist, zu jener Welt, in die wir 
nun auch eingespannt sind, der Welt der Naturnotwendigkeit? 

Wir wissen ja, dafi in den letzten Jahrhunderten, seit der Mitte des 
15. Jahrhunderts, der menschliche Fortschritt namentlich darauf be- 
ruhte, dafi die Vorstellungen ausgebildet worden sind, die sich auf die 
Naturnotwendigkeit beziehen. Weniger Aufmerksamkeit hat die 
Menschheit in diesen Jahrhunderten auf das andere Gebiet des mensch- 
lichen Erlebens verwendet, auf das Gebiet der moralischen Welten- 
ordnung. Heute ist fur jeden, der nur ein wenig die Zeichen der Zeit 
zu deuten versteht, der sich bekanntzumachen weifi mit den grofien 
Aufgaben der Zeit, ohne weiteres klar, dafi ein tiefer Spalt besteht 
zwischen dem, was moralische Notwendigkeit genannt wird und dem- 
jenigen, was naturliche Notwendigkeit genannt wird. 

Dieser Spalt hat sich ja namentlich in der Weise aufgetan, dafi eine 
grofie Anzahl von Menschen, die da glauben, im heutigen Geistesleben 
ganz drinnenzustehen, den Unterschied machen zwischen einem gewis- 
sen Gebiete des Erlebens, das vom Wissen, vom Erkennen umfafit wer- 
den kann, und dem andern Gebiete des Erlebens, das nur vom Glauben 
umfafit werden soli. Und Sie wissen ja, dafi man auf gewissen Seiten 
als eigentlich wissenschaftlich nur gelten lafit, was man in strenge, wie 
man es so nennt, Naturgesetze bringen kann, dafi man geradezu eine 
andere Art von Gewifiheit statuieren will fur alles das, was das Leben 
des Moralischen ist, und dafi man fur diese Gewifiheit blofi eine Art 
von Glaubensgewifiheit in Anspruch nimmt. Es gibt ausf uhrliche Theo- 
rien iiber die notwendige Unterscheidung, die man machen miifite zwi- 
schen der eigentlich wissenschaftlichen Gewifiheit und der Glaubens- 
gewifiheit. 

Alle diese Unterscheidungen, alle diese Theorien beruhen ja im 
Grunde genommen darauf, dafi man heute ein sehr geringes historisches 
Bewufitsein hat, dafi man die Bedingungen, unter denen unsere gegen- 
wartigen Seeleninhalte zustande gekommen sind, sehr wenig beriick- 
sichtigt. Ich habe ja das klassische Beispiel dafiir ofter angegeben. Ich 
habe Ihnen gesagt, wie heute zum Beispiel die Philosophen meinen, mit 
der Unterscheidung des Menschen in Leib und Seele etwas zu sagen, 
was auf irgendeiner urspriinglichen Beobachtung oder dergleichen be- 



ruht, wahrend dasjenige, was die Menschen iiber die beiden Gebiete 
Leib und Seele denken, lediglich ein Ergebnis eines Konzilsbeschlusses 
ist, des Konzilsbeschlusses von 869, des achten Konzils,das zum Dogma 
erhoben hat den Lehrsatz: der Mensch diirfe nicht angesehen werden 
als bestehend aus Leib, Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, 
und der Seele diirften eben einige geistige Eigenschaften zugeschrieben 
werden. 

Dieses Dogma ist in den folgenden Jahrhunderten immer mehr und 
mehr befestigt worden. In diesem Dogma haben namentlich die Philo- 
sophen des Mittelalters gelebt. Und als sich aus der mittelalter lichen 
Philosophic die neuere Philosophic herausgebildet hat, da glaubten die 
Leute aus ihren Erfahrungen heraus zu urteilen. Aber sie urteilten nur 
nach der Gewohnheit, die sie sich angeeignet haben in Gemafiheit 
dessen, was eben eine jahrhundertealte Gewohnheit geworden war: 
den Menschen als nur bestehend aus Leib und Seele anzunehmen. 

Es ist dies das klassische Beispiel fur manches, worinnen die heutige 
Menschheit stent, indem sie glaubt, ein unbefangenes Urteil zu haben, 
wahrend das Urteil, das geauftert wird, nichts anderes ist als das Er- 
gebnis eines historischen Vorganges. Man kommt auch nicht leicht zu 
einem wirklich maftgeblichen Urteil als lediglich durch das Ober- 
schauen von immer grofteren und grofteren historischen Zeitraumen. 

Wer zum Beispiel nur das wissenschaftliche Denken der Gegenwart 
kennt, bei dem ist es ganz selbstverstandlich, daft er nur dieses fur maft- 
gebend halt, daft er sich gar nicht denken kann, daft man auch irgend- 
eine andere Art von Erkenntnis haben konne. Wer, sagen wir, zu die- 
sem wissenschaftlichen Urteil der Gegenwart hinzu, das sich seit der 
Mitte des 15. Jahrhunderts etwa befestigt hat, noch ein wenig das- 
jenige kennt, was im friiheren Mittelalter geltend war bis ins 4. nach- 
christliche Jahrhundert zuriick, der wird etwa so urteilen, wie die 
besseren Neuscholastiker der Gegenwart iiber die Beziehungen des 
Menschen zur intellektuellen Welt urteilen; aber er wird keineswegs 
ein Urteil gewinnen konnen iiber etwas anderes als hochstens iiber das 
Verhaltnis des Menschen zur Intellektualitat, nicht aber ein Urteil iiber 
das Verhaltnis des Menschen zur Geistigkeit. Denn er weift nicht, daft, 
wenn man zuriickgeht, sagen wir hinter Aristoteles, der ja 322 vor 



Christi Geburt gestorben ist, man, urn iiberhaupt ein Verstandnis zu 
gewinnen fiir die Art und Weise, wie die Menschen damals gedacht 
haben, sich selbst in eine ganz andere Geisteskonfiguration hinein- 
finden mufi, als diejenige ist, die man etwa in der Gegenwart hat. Plato 
oder gar Heraklit oder Thales mit einer solchen Geistesverfassung ver- 
stehen zu wollen, wie man sie in der Gegenwart hat, ist eine Unmog- 
lichkeit. Man versteht schon nicht einmal Aristoteles. Und wer etwas 
genauer die Diskussionen kennt, welche iiber die aristotelische Philo- 
sophic in der neueren Zeit gepflogen worden sind, der weifi, wie durch 
das Hin- und Herschreiben der Begriffe und Vorstellungen, die sich 
noch bei Aristoteles finden, unzahlige Ungeklartheiten entstanden sind, 
einfach weil man nicht beriicksichtigt hat, da£ in dem Augenblicke, 
wo man sich zum Beispiel zu Plato, der der Lehrer des Aristoteles war, 
zuriickwendet, man schon eine ganz andere Geisteskonfiguration haben 
mufi. Dann, wenn man von Plato vorwartsschreitend an Aristoteles 
herantritt, dann wird man auch sehen, wie man die Logik des Aristo- 
teles anders beurteilt, als wenn man sie gewissermafien nur im Riick- 
blick mit demjenigen anschaut, was man heute als Geistesverfassung 
aus der Kultur der Gegenwart heraus gewinnen kann. 

Aristoteles hatte im wesentlichen, auch als er seine Logik aufstellte, 
die ja schon abstrakt genug ist, die schon genug intellektualisiert ist, 
Aristoteles hatte noch durchaus wenigstens ein aufieres Wissen, wenn 
auch nicht eine selbsteigene Anschauung - die wird ja bei Aristoteles 
wohl sehr sparlich gewesen sein -, aber er hatte noch ein deutliches 
Wissen, dafi man einmal, wenn auch in instinktiver Art, in die geistige 
Welt hat hineinschauen konnen. Und fiir ihn waren die logischen Re- 
geln die letzte Xufierung, wenn ich so sagen darf, von oben, von der 
geistigenWelt aus. Also fiir Aristoteles war dasjenige,was er als logische 
Regeln oder als logische Grundbegriffe festsetzte, gewissermajRen der 
Schatten, der heruntergeworfen wird aus der geistigen Welt, die fiir 
Plato zum Beispiel noch eine gegebene Welt war, eine zu erlebende 
Welt, eine faktische Welt, eine bewulkseinsfaktische Welt. 

Gewohnlich wird eines nicht gesehen. Es werden nicht gesehen die 
grofien, die gewaltigen Unterschiede, die fiir die einzelnen Menschheits- 
epochen bestehen. Wenn Sie die Jahre nehmen, sagen wir, etwa vom 



Tode des Aristoteles, 322 vor Christo, bis zum Konzil von Nicaa, 325 
nach Christi Geburt, so haben Sie einen Zeitraum, dessen Erkenntnis 
aufierlich allerdings sehr schwierig ist, weil sich die Kirche ja hat an- 
gelegen sein lassen, alle Dokumente auszutilgen, die aufierlich ein 
einigermafien entsprechendes Bild geben wiirden von der Seelenverfas- 
sung dieser drei vorchristlichen und drei nachchristlichen Jahrhunderte. 

Man mufi nur bedenken, dafi zum Beispiel heute eine grofie Anzahl 
von Menschen eben einfach iiber die Gnosis sprechen. Wie kennen sie 
die Gnosis? Sie kennen sie aus den Schriften derGegner. Mit Ausnahme 
ganz weniger und aufierordentlich wenig charakteristischer gnostischer 
Schriften ist ja alles Gnostische ausgetilgt worden, und man hat nur 
dasjenige, was als Zitate eingefiigt worden ist in gegnerische Schriften, 
in Schriften, die dazu bestimmt waren, die Gnosis zu widerlegen. Man 
hat ungefahr die Gnosis so, wie man die Anthroposophie haben wiirde, 
wenn man sie aus den Schriften des Pfarrers Kully kennenlernen 
wiirde; so hat man da die Gnosis. Und dennoch reden die Menschen 
aus dieser aufierlichen Erkenntnis iiber die Gnosis. 

Nun war aber diese Gnosis ein wesentliches Element alles dessen, 
was das reale Geistesleben gerade der Jahrhunderte war, von denen ich 
gesprochen habe. Wir konnen heute selbstverstandlich uns nicht etwa 
wiederum zur Gnosis zuriickwenden. Aber diese Gnosis bildete na- 
mentlich fur die europaische Entwickelung in dem genannten Zeit- 
raume etwas aufierordentlich Wichtiges. 

Wie konnte man diese Gnosis eigentlich charakterisieren? So etwa, 
wie man im 4. nachchristlichen Jahrhundert von der Gnosis hat spre- 
chen konnen, so hatte man natiirlich, sagen wir, ein halbes Jahrtausend 
vorher nicht sprechen konnen. Denn ein halbes Jahrtausend vorher 
waren noch instinktive alte Schauungen da, Erkenntnisse der iibersinn- 
lichen "Welt, und man mufite von diesen Erkenntnissen der ubersinn- 
lichen Welt so sprechen, dafi man sie beschrieb. Man hatte gewisser- 
mafien immer im Hintergrunde einer solchen Beschreibung die reale 
geistige Welt, die bewufitseinsprasent war. Das horte auf . 

Aristoteles zum Beispiel ist gerade dadurch charakterisiert, dafi fur 
ihn diese Welt vollig nur noch eine Tradition war. Vielleicht hat er, 
wie ich schon sagte, einiges davon gewufit, aber im wesentlichen war 



sie fur ihn Tradition. Aber das, was aus diesen geistigen Welten heraus 
an Timbre die Begriffe gehabt haben, das war noch vorhanden, und 
das ging eigentlich erst zugrunde im 3.,4.nachchristlichen Jahrhundert. 

Augustinus hatte nichts mehr von der Gnosis. Da war sie bereits 
verschwunden. Die Gnosis ist also wesentlich, sagen wir, der abstrakte 
Bodensatz einer friiher spirituellen Erkenntnis, der abstrakte Boden- 
satz, die blofien Begriffe. Es waren Abstraktionen, die da lebten. Man 
kann sie schon bei Philo als Abstraktionen erkennen. Man kann sie 
auch bei den eigentlichen Gnostikern als Abstraktionen erkennen. Aber 
es waren Abstraktionen von einer einmal geschauten geistigen Welt. 
Fiir die Leute des 4. nachchristlichen Jahrhunderts lag die Sache schon 
so, daiR sie iiberhaupt nichts mehr anzufangen wulken mit den Begrif- 
fen,die derlnhalt der Gnosis waren. Daher jener imGrunde genommen 
ganz und gar nicht auf eine Formel zu bringende Streit zwischen dem 
Arianismus und Athanasianismus. Nicht wahr, wie da gestritten, dis- 
kutiert worden ist, ob der Sohn gleicher Natur und Wesenheit mit dem 
Vater oder verschiedener Natur und Wesenheit mit dem Vater ist, das 
bewegt sich auf einem Gebiete, wo man schon den eigentlichen Inhalt 
der alten Begriffe verloren hatte. Man diskutierte gewissermafien nur 
mehr mit Worten, nicht mehr mit den Vorstellungen. 

Das war der "Obergang dazu, den reinen IntellektuaHsmus immer 
mehr und mehr auszubilden, der dann eben in der Mitte des 15. Jahr- 
hunderts an die abendlandische Menschheit herankam. Als dann dieser 
IntellektuaHsmus auftauchte, da war die Logik etwas ganz anderes, als 
sie bei Aristoteles war. Bei Aristoteles war Logik gewissermafien der 
Bodensatz spiritueller Erkenntnisse. Er hatte dasjenige gesammelt, was 
die Leute friiher erfahren hatten aus der geistigen Welt heraus. Davon 
war nun jedes Bewufitsein verschwunden, und es war nur noch vor- 
handen das intellektuelle Element selber, das intellektuelle Element, 
das jetzt aber nicht sich als ein Bodensatz spiritueller Welten ausnahm, 
sondern als eine Abstraktion aus der Sinneswelt. Man nahm gewisser- 
mafien dasjenige, was bei Aristoteles ein Ergebnis der Welten von oben 
war (rot), als Abstraktion der Welten von unten (blau). Und mit die- 
ser Intellektualitat gingen jetzt im wesentlichen die Menschen wie 
Kopernikus, Galilei, Kepler heran - Kepler hatte allerdings noch einige 



Tafel 3 



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Intuitionen - und versuchten dasjenige anzuwenden, dessen spiritueller 
Ursprung verlorengegangen war; sie versuchten es anzuwenden auf die 
aufiere naturliche Welt, auf die blofi naturliche Welt. So dafi man 
sagen kann: Die Entwickelung vom 4. nachchristlichen Jahrhundert 
bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts ist im wesentlichen eine Art 
Schwangergehen der zivilisierten Menschheit mit dem nur von unten 
kommenden Intellektualismus, der dann voll herauskommt im 15. Jahr- 
hundert und sich dann immer mehr und mehr in der Anwendung des 
Verstandes auf die aufiere Naturbeobachtung festlegt, bis er im 19. 
Jahrhundert seinen Hohepunkt in dieser Beziehung erlangt hat. 

Nun, wenn Sie alles das nehmen, was ich gestern gesagt habe iiber 
Ichsinn, Gedankensinn, Wortesinn und so weker, so werden Sie sich 
sagen: So, wie wir diese Sinne jetzt haben, wie wir das Ergebnis dieser 
Sinne jetzt erleben im gewohnlichen menschlichen Bewufitsein, haben 
wir es ja im Grunde genommen nur mit Bildern zu tun, sonst konnten 
ja gar nicht fortwahrend jene Diskussionen sich ergeben, die aus den 
Eigentiimlichkeiten der gegenwartigen Zeit heraus sich ergeben miis- 
sen. Ein wirkhches Verstehen des eigentlichen Seelenlebens ist ja im 
Grunde genommen zunachst verlorengegangen. Ein empirischerBeweis 
dafiir ist, wie ich Ihnen ofter vorgef uhrt habe, die Art und Weise, wie 
Brentano gescheitert ist in dem Abfassen einer Psychologie, einer See- 
lenlehre, was er redlich vorgehabt hat. Die andern verfassen natiirlich 
Seelenlehren, weil sie weniger redlich sind, weniger ehrlich sind; aber 



er wollte ganz ehrlich eine Seelenlehre mit Gehalt verfassen, und er 
kam zu keinem Gehalt, weil der Inhalt nur aus Geisteswissenschaft 
hatte kommen konnen, die er ablehnte. Daher blieb es bei dem Torso, 
indem er weniger von dem brachte, als er eigentlich bringen wollte. 
Es ist dieses ein tief bedeutsames historisches Faktum, dieses Scheitern 
des Brentano mit seiner Psychologic Denn all das Jonglieren mit aller- 
lei Begrif fen und Vorstellungen, das heute unsere psychologische Wis- 
senschaft ausfuhrt, war natiirlich fiir Brentano etwas Leeres. 

Nun, dasjenige aber, was da Seelenleben ist als Ergebnis der sechs 
oberen Sinne, des Ichsinnes bis zum Sehsinn, alles das war einmal mit 
spirituellem Leben erfiillt. Und wir blicken zuriick in alte Zeiten in 
Europa bis zu Plato; da war mit Spiritualitat erfiillt, was nun immer 
leerer und leerer an Spiritualitat wurde, was immer intellektualisti- 
scher und immer intellektualistischer wurde. Und wir kommen da auf 
der einen Seite zu alldem, was der Menschheit gewissermafien in ihrer 
Entwickelung in der alteren Zeit gegeben war, in der Zeit, in der das 
Morgenland in bezug auf die menschliche Zivilisation der Erde ton- 
angebend war. Da hatte man eine Zivilisation, die gegeben war diesem 
Seelenleben, diesem eigentlichen Seelenleben. So dafi wir sagen konnen: 



Alle diese Sinne liefern Ergebnisse, die, wenn im Inneren der Seele 
spirituelles Leben ist, diesem spirituellen Leben Nahrung geben. Und 
was da die Menschheit entwickelt hat, das hat sie entwickelt in der 
alten orientalischen Kultur. Und Sie verstehen sie am besten, diese 
orientalische Kultur in ihrer Gesamtheit, wenn Sie sie so verstehen, wie 
ich es eben jetzt dargelegt habe. 

Aber das ist gewissermafien in dem Untergrund der Entwickelung 
der Zivilisation herangezogen. Das Seelenleben wurde zunachst - und 
das begann eben, wie gesagt, im 4. vorchristlichen Jahrhundert - ent- 



Ichsinn 

Gedankensinn 

Wortesinn 

Lautsinn oder Tonsinn 

Warmesinn 

Sehsinn 



orientalische Kultur 

(oberer Mensch) 



Tafel 



spiritualisiert, intellektualisiert. Die Abfassung der abstrakten Logik 
des Anstoteles war der erste Merkstein dieser Entspiritualisierung des 
menschlichen Seelenlebens, das Ausbilden der Gnosis das vollstandige 
Hinunterdrangen dieses Seelenlebens. Nun bleibt der andere Mensch: 



Und es begann nun eine Zivilisation, die sich im wesentlichen auf diese 
Sinne stiitzte. Wenn sie das auch zunachst nicht zugibt, sie stiitzt sich 
auf diese Sinne. Denn nehmen Sie jenen Wissenschaftsgeist, der herauf- 
kam, der iiberall Mathematik anwenden will. Mathematik kommt, wie 
ich gestern charakterisierte, aber aus Bewegungs- und Gleichgewichts- 
sinn. Also selbst dasjenige, das am geistigsten vorbringt unsere moderne 
Wissenschaftlichkeit, das kommt vom unteren Menschen. Insbesondere 
aber wird mit dem Tastsinn gearbeitet, denn es werden ja sogar die 
andern Sinne dadurch charakterisiert, dafi man ihnen iiberall eigent- 
lich die Eigenschaften des Tastsinnes zugrunde legt. Sie konnen da 
heute interessante Studien machen, wenn Sie in das physiologische 
Gebiet eindringen. 

Gewifi, die Leute reden zum Beispiel vom Sehen oder vom Auge 
oder vom Sehsinn; aber fur denjenigen, der die Dinge durchschaut, 
sind alle die Begriffe, die angewendet werden, eigentlich aus dem Tast- 
sinn in den Sehsinn hereingeschwindelt. Es wird mit Dingen, die dem 
Tastsinn entlehnt sind, gearbeitet. Die werden hineingeschwindelt. Die 
Leute bemerken das nicht; aber sie charakterisieren den Sehsinn, indem 
sie die Kategorien, die Vorstellungen, mit denen man den Tastsinn 
begreifen kann, auf das Sehen anwenden. Was man heute in der Wis- 
senschaft Sehen nennt, ist eigentlich nur ein etwas komplizierteres 
Tasten. Zuweilen werden dann Kategorien, Begriffe wie Schmecken, 
Riechen, zu Hilfe genommen und so weiter. Auf dasjenige, was unseren 
heutigen Vorstellungen besonders zugrunde liegt, die Art und Weise, 



4 



Geschmackssinn 

Geruchssinn 

Gleichgewichtssinn 

Bewegungssinn 

Lebenssinn 

Tastsinn 



okzidentalische Kultur 
(unterer Mensch) 



wie wir auftere Erscheinungen zusammenfassen, auf das konnen wir 
durchaus auch in demselben Sinne hindeuten; denn das ist heute schon 
ein Ergebnis der aufieren Anatomie und Physiologie, wenigstens eine 
gut begriindete Hypothese, dafi eigentlich unser heutiges Denken in 
einer Metamorphose des Geruchssinnes wurzelt, insofern das Denken 
gebunden ist an das Gehirn, also gar nicht an die hoheren Sinne, son- 
dern an eine Metamorphose des Geruchssinnes. Diese eigentiimliche 
Art, wie wir uns im Begreifen zu der Aufienwelt verhalten, die ganz 
verschieden ist von dem, wie sich etwa Plato zu der Aufienwelt ver- 
halten hat, das ist nicht etwa ein Ergebnis der hoheren Sinne, das ist 
ein Ergebnis des Geruchssinnes, wenn ich mich etwas trivial ausdriicken 
darf. Ich mochte sagen, wir haben unsere Vollendung als Menschen 
heute nicht dadurch, dafi wir die hoheren Sinne ausgebildet haben, 
sondern eben dadurch, dafi wir uns eine etwas umgestaltete, eine meta- 
morphosierte, verfeinerte Hundeschnauze angeschafft haben. Die be- 
sondere Art, zur Auftenwelt sich zu verhalten, ist eben eine ganz andere 
als diejenige, die einem spirituellen Zeitalter entspricht. 

Nun, wenn das, was sich zunachst in alten Zeiten durch die hoheren 
Sinne der Menschheit geoffenbart hat, als orientalische Kultur bezeich- 
net werden mufi, so mufi dasjenige, in dem wir drinnen leben und das 
ich eben charakterisiert habe, als das Wesentliche der okzidentalischen 
Kultur angesehen werden. Diese okzidentalische Kultur ist im wesent- 
lichen aus dem unteren Menschen herausgeholt. 

Bei solchen Dingen, wie ich sie jetzt ausspreche, muE ich immer 
wieder und wiederum betonen: Es handelt sich dabei wirklich nicht 
um Wertungen, sondern um historische Verlaufe. Ich will durchaus 
nicht andeuten mit dem oberen und unteren, dafi das eine wertvoll, das 
andere weniger wertvoll ware. Das eine ist eben ein Versenken in die 
Welt, das andere ist ein Nichtversenken in die Welt. Und es hilft nichts, 
wenn man da irgendwelche Sympathien und Antipathien einmischt. 
Man kommt eben dann nicht zu einer objektiven Erkenntnis. Wer fest- 
halten will, was in der Vedenkultur, in der Vedantakultur, in der Joga- 
kultur enthalten ist, der mufi von einem Verstandnis dieser Dinge auf 
diesemWege ausgehen (siehe Aufstellung Seite 33, oberer Mensch).Und 
wer verstehen will, was sich eigentlich erst im Anfange befindet, was 



immer mehr und mehr ausgebildet werden mufi fiir gewisse Arten des 
menschlichen Verhaltens, was allerdings im 19. Jahrhundert schon 
einen gewissen Hohepunkt erlangt hat, der mufi wissen, dafi da der 
untere Mensch besonders heraus will, und dafi dieses Herauskommen 
des unteren Menschen ganz besonders der anglo-amerikanischen Natur 
eigen ist, der okzidentalischen, der westlandischen Kultur. 

Ein besonders charakteristischer Geist fiir das Heraufkommen die- 
ser Kultur ist ja Bacon, Baco von Verulam, der deshalb ganz besonders 
charakteristisch ist, weil er in dem, sagen wir, was er in seinem «Novum 
organon» behauptet, eigentlich sehr leichtgeschiirzte Behauptungen 
aufstellt, Dinge sagt, die im Grunde genommen nur fiir Oberflachlinge 
irgend etwas Wesentliches bedeuten konnen. Und dennoch sind sie 
aufierordentlich charakteristisch. Bacon ist ja sowohl unwissend wie 
toricht in gewisser Beziehung und oberflachlich, aufierordentlich ober- 
flachlich. Unwissend ist er, denn sobald er iiber altere Kulturen spricht, 
redet er Unsinn, weifi nichts davon. Oberflachlich ist er, weil man ihm 
das aus seinen Schriften nachweisen kann. Da, wo er zum Beispiel iiber 
die Warme spricht - er ist ein Empiriker -, da stellt er alles das zu- 
sammen, was man iiber Warme sagen kann; aber man sieht, er hat alle 
diese Notizen aus den Experimentenbiichern. Was er sich iiber die 
Warme zusammengestellt hat, hat er nicht selber zusammengestellt, 
sondern von einem Schreiber zusammenklauben lassen, denn es ist eine 
ungeheuer gehudelte Arbeit. Trotzdem, er ist ein Markstein in der 
neueren Entwickelung. Man mochte sagen, es kann einem seine Per- 
sonlichkeit ganz gleichgiiltig sein, aber durch all das Gehudle und 
durch all den Nonsens, den er vielfach sagt, driickt sich immer etwas 
durch, was besonders charakteristisch ist fiir das Heraufkommen eben 
einer solchen Kultur, die dem entspricht, was ich hier charakterisiert 
habe (Seite 34). Und es ist unmoglich, dafi die Menschheit aus der 
Misere, in der sie gegenwartig lebt, herauskommen kann, wenn sie 
nicht begreift, daf$ zwar, aus Griinden, die ja aus den bisherigen Vor- 
tragen genugsam ersichtlich sein konnen, sich leben liefi mit der Kultur 
des oberen Menschen, dafi sich aber nicht wird leben lassen mit der 
Kultur des unteren Menschen. Denn schliefilich bringt der Mensch sich 
dennoch bei jeder neuen Inkarnation seine Seele mit, die unbewufite 



Reminiszenzen hat aus friiheren Erdenleben. Der Mensch wird immer 
wiederum zu dem Abgelebten hingedrangt. Heute weifi er es vielfach 
nicht, wozu er da hingedrangt wird. Es besteht dieses Hindrangen in 
einer ganz unbestimmten Sehnsucht, in etwas Undefinierbarem viel- 
fach, aber es ist da. Und es ist vor alien Dingen dadurch da, dafi man 
langsam dasjenige, was diesem Gebiete angehort (Seite 34, unterer 
Mensch), indem es in GesetzmaEigkeiten gefafit wird, als etwas Objek- 
tives gelten lafit. Alles das, was eigentlich mehr traditionell vorhanden 
ist und diesem Gebiete angehort (Seite 33, oberer Mensch), das hat sich 
verfliichtigt in bezug auf seinen Seinscharakter in den Glauben, und 
man versucht es noch festzuhalten, indem man sich geniert, diesem, 
was da der Seele angehort mit dem moralischen Inhalt, Seinscharakter 
beizulegen und ihm eigentlich in bezug auf seine Erkenntnis nur eine 
Glaubensgewifiheit zugesteht. 

Aber es ist nicht moglich fur die Menschheit, mit diesem Zwiespalt 
in der Seele weiterzuleben in der Gegenwart. Man kann sich noch ein- 
reden, es miisse der evangelische Gegensatz von Glauben und Wissen, 
der insbesondere in den evangelischen Konfessionen konstruiert ist, 
theoretisch vertreten werden. Theoretisch vertreten kann man es, aber 
man kann es nicht fur das Leben anwenden, man kann nicht leben 
damit. Das menschliche Leben selber widerspricht dem Aufrichten 
eines solchen Gegensatzes. Es mull der Weg gefunden werden, das 
Moralische anzugleichen demjenigen, dem man ein Sein zugesteht, sonst 
wird man immer dahin kommen, sich zu sagen: Aus den blofien Natur- 
notwendigkeiten macht man sich Vorstellungen iiber den Erdenanfang 
und iiber das Erdenende; aber was dann werden soil, wenn dieses 
naturwissenschaftlich beurteilte Erdenende da ist, mit dem, weswegen 
wir uns eigentlich einen menschlichen Wert beilegen, mit dem, was der 
Mensch innerlich moralisch sich als Wert aneignet, was da werden soli, 
wie das gerettet werden soil aus der untergehenden Erde hinaus in 
andere Welten, dariiber will man sich nur einer Glaubensgewifiheit 
hingeben. 

Und interessant ist es, wie gerade von diesem Gesichtspunkte aus 
zum Beispiel Anthroposophie bekampft wird. Dieses Bekampfen darf 
ich schon aus dem Grunde erwahnen, weil es typisch ist, weil es nicht 



von einem ausgeht, sondern von einer ganzen Anzahl von Leuten. Sie 
finden, dafi Anthroposophie Anspruch darauf macht, Inhalt zu haben, 
der Erkenntnisinhalt ist, also behandelt werden kann so, wie zum Bei- 
spiel der naturwissenschaftliche Erkenntnisinhalt. Tropfe sagen natiir- 
lich, er entspricht nicht dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisinhalt, 
er ist etwas anderes - nun, das ist eine Selbstverstandlichkeit, die man 
nicht besonders zu erwahnen braucht -, aber er kann so behandelt wer- 
den, wie der naturwissenschaftliche Erkenntnisinhalt. Manche sagen 
auch, man kann ihn nicht beweisen. Die haben sich eben niemals mit 
der logischen Natur des Beweisens bekanntgemacht. Aber um was es 
sich handelt, ist, dafi gesagt wird: Diejenigen Dinge, von denen An- 
throposophie handelt, die diirfen iiberhaupt nicht Gegenstand einer 
Erkenntnis werden, denn es wiirde ihnen ihr wesentlicher Charakter 
genommen, wenn sie Gegenstand einer Erkenntnis werden wiirden; sie 
miissen Gegenstand einer Glaubensgewifiheit sein. Denn nur dadurch, 
dafi man nichts weifi von Gott, von einem unsterblichen Leben, son- 
dern nur glaubt an diese Dinge, darauf beruht der Wert dieser Dinge. 
Und es wird geradezu zum Vorwurf gemacht, daft in der Anthropo- 
sophie ein Wissen von diesen Dingen angestrebt wird, ja, es wird dieses 
Wissen sogar von dem Gesichtspunkte aus angefochten, dafi man sagt: 
Es wird ja da der religiose Charakter dieser Wahrheiten untergraben, 
denn der religiose Charakter beruht darauf, dafi man eben irgend 
etwas glaubt, woriiber man nichts weifi. Das Vertrauen driicke sich 
gerade dadurch aus, dafi man nichts davon wisse. - Ich mochte zwar 
wissen, wie die Menschen im gewohnlichen Leben mit einem solchen 
Vertrauensbegriff auskommen wiirden! Man miilke also das gleiche 
Vertrauen haben zu denjenigen, von denen man gar nichts weifi, wie 
zu denen, von denen man etwas weifi. Man diirfte also zu den gottlich- 
geistigen Wesen kein Vertrauen haben, wenn man sie kennenlernt. Also 
es miifite gerade der religiose Charakter darin bestehen, dafi man sie 
nicht kennt, denn es ist die Heiligkeit der religiosen Dinge angetastet, 
wenn man sie zur Erkenntnis macht. 

Ja, die Sache ist schon so: Lalk man sich ein wenig ein auf die Be- 
griffsschwatzereien, die da vorkommen, dann wird man sehen, dafi in 
dem, was von Woche zu Woche gedruckt wird, im Grunde genommen 



solche Dinge sich darinnen finden, die einfach in Unsinn ausarten, 
wenn man sie auf ihre urspriinglichen, elementaren Bestandteile bringt. 
Man darf heute iiber solche Dinge nicht hinwegschauen - es mufi das 
immer wieder erwahnt werden, und wenn ich mich auch mit solchen 
Dingen wiederhole, ich scheue solche Wiederholungen nicht -, man 
mufi auf solche Dinge sehen. Man muE zum Beispiel sich sagen konnen: 
Wenn sich heute eine angesehene Zeitung in Wiirttemberg von einem 
Universitatsprofessor einen Aufsatz iiber Anthroposophie schreiben 
lalk, und der schreibt dann: Ja, diese Anthroposophie, die behauptet, 
dafi es eine geistige Welt gabe, in der sich die geistigen Wesenheiten 
bewegen wie Tische und Stiihle im physischen Raum — ja, wenn ein 
Universitatsdozent heute in der Lage ist, einen solchen Satz hinzu- 
schreiben, so ist er unmoglich, so mtifite eigentlich alles angewendet 
werden, um ihn unschadlich zu machen, denn Unsinn darf nicht an 
verantwortlicher Stelle geschrieben werden. Nur wenn jemand be- 
trunken ist, bewegen sich fur ihn - aber auch nur subjektiv - Tische 
und Stiihle. Und da der Professor Traub weder die Hypothese zulassen 
wird, dafi er seinen maftgeblich autoritativen Artikel in betrunkenem 
Zustand geschrieben hat, noch auch, dafi er Spiritist ist - denn fur 
Spiritisten bewegen sich ja auch Tische und Stiihle, wenn auch nicht 
ganz von selber -, so hat man das voile Recht zu sagen : Hier wird in 
gedankenlosester Weise Unsinn hingeschrieben. Und wer imstande ist, 
einmal solchen Unsinn hinzuschreiben, dessen ganze Wissenschaft ver- 
dient keinen Glauben. 

Heute ist es notwendig, in diesen Dingen sich absoluteste Strenge 
zur Pflicht zu machen. Und wir kommen immer tiefer hinein in die 
Niedergangskrafte, wenn diese absoluteste Strenge nicht zur Pflicht 
gemacht wird. In dieser Beziehung wird eben heute das Unglaublichste 
erlebt, und das Unglaublichste geht durch, indem man immer wieder 
Entschuldigungsgriinde iiber Entschuldigungsgrunde hat fiir das, was 
von angeblich autoritativer Seite an Abgefeimtheiten in solchen Dingen 
verbrochen wird. Es ist eben durchaus heute notwendig, daft darauf 
gehalten werde, zu klaren, inhaltsvollen Begriffen zu kommen auf 
alien Gebieten. Und kommt man zu klaren, inhaltsvollen Begriffen, 
dann ist die Theorie von der Trennung von Wissen und Glauben eben 



nicht zu halten. Denn dann miifite sie zuriickgefiihrt werden auf das- 
jenige, worauf ich sie eben jetzt zuriickgefiihrt habe. 

Aber audi diese Trennung zwischen Wissen und Glauben ist nur 
historisch bedingt. Sie ist zum Teil historisch bedingt aus dem, was ich 
schon angefuhrt habe, oder aber historisch bedingt noch aus anderem. 
Vor alien Dingen kommt fiir diese Sache folgendes in Betracht. Wir 
haben zum Beispiel innerhalb des abendlandischen Christentums zu- 
nachst dasjenige, was in den ersten Jahrhunderten des Christentums 
durch die Verschmelzung der Gnosis mit der monotheistischen Evan- 
gelienlehre zustande gekommen ist, und wir haben Verschmelzung des 
Christentums mit dem, was auf diese Weise zustande gekommen ist in 
der Zeit der Scholastik - allerdings auf eine sehr geistvolle Weise, aber 
doch eben als eine blofie historische Reminiszenz - mit dem Aristotelis- 
mus. Und es ist eine durchaus aristotelische Lehre die Lehre von der 
gleichmafiigen Entstehung des menschlichen Leibes und der mensch- 
lichen Seele durch die Geburt oder sagen wir Konzeption eines Men- 
schen. Mit dem Abstreifen der alten Spiritualitat, mit dem Herauf- 
dringen der blofien Intellektualitat wurde schon von Aristoteles ab- 
gestreift die Praexistenzanschauung, die Anschauung von dem Leben 
der Menschenseele vor der Geburt, vor der Konzeption. Dieses Leug- 
nen der Praexistenzlehre ist nicht christlich, sondern es ist aristotelisch. 
Zur dogmatischen Fessel wurde im Grunde genommen diese Bekamp- 
fung der Praexistenzlehre erst durch die Aufnahme des Aristotelismus 
in die christliche Theologie. 

Nun aber entsteht hier eine bedeutungsvolle Frage, eine Frage, fiir 
deren Beantwortung ein wenig schon die Elemente in den Vortragen, 
die ich hier in den letzten Wochen gehalten habe, vorhanden sind. 
Wenn Sie sich an manches erinnern, was ich da in den letzten Wochen 
gesagt habe, so werden Sie sich sagen: In einem gewissen Sinne - so 
habe ich es immer betont - ist ja der Materialismus des 19.Jahrhun- 
derts nicht ganz unbegriindet gewesen. Warum? Weil dasjenige, was 
uns im Menschen zum Beispiel entgegentritt, insofern der Mensch ein 
physisch-materiell organisiertes Wesen ist, Abbild ist der geistigen Ent- 
wickelung seit dem letzten Tode. Das ist in der Tat nicht das rein 
Geistig-Seelische, es ist das Physisch-Seelische, es ist Abbild, was sich 



da entwickelt zwischen Geburt und Tod. Aus dem, was da der Mensch 
durchlebt zwischen Geburt und Tod, ist in der Tat niemals eine Mog- 
lichkeit zu gewinnen fur eine wissenschaf tliche Anschauung eines Post- 
mortem-Lebens. Es gibt nichts, was einen moglichen Unsterblichkeits- 
beweis Iiefert, wenn man blofi das Leben des Menschen zwischen der 
Geburt und dem Tode ins Auge f afit. 

Nun fafit aber zunachst das traditionelle Christentum vom Men- 
schen nur dieses Leben zwischen der Geburt und dem Tod ins Auge, 
denn es lafit ja auch die Seele geschaffen werden mit der Geburt oder 
Konzeption. Daraus ist kein Wissen zu gewinnen iiber das Post- 
mortem-Leben. Will man nicht gel ten lassen das praexistente Leben, 
iiber das, wie Sie wissen, ein Wissen zu gewinnen ist, dann kann man 
niemals ein Wissen gewinnen iiber das Leben nach dem Tode. Daher 
also die Spaltung zwischen Wissen und Glauben mit Bezug auf die 
Unsterblichkeitsfrage, zum Beispiel aus dem Dogma von der Bekamp- 
fung des vorgeburtlichen Lebens. Weil man fallenlassen wollte die 
Erkenntnis von dem vorgeburtlichen Leben, ergab sich die Notwendig- 
keit, eine besondere Glaubensgewifiheit zu statuieren. Denn will man 
dann, wenn man das vorgeburtliche Leben bekampft, noch von einem 
Leben nach dem Tode sprechen, dann kann man nicht von einer wis- 
senschaftlichen Erkenntnis dariiber sprechen. 

Sie sehen, wie systematisch geordnet, mochte ich sagen, dieses 
Dogmengefuge ist. Es handelt sich darum, innerhalb der Menschheit 
Finsternis zu verbreiten iiber die geistige Wissenschaft. Wie kann man 
das? Man bekampft auf der einen Seite die Praexistenzlehre; dann gibt 
es kein Wissen iiber das nachtodliche Leben, dann mufi das nachtod- 
liche Leben von dem Menschen auf Grundlage der Dogmatik geglaubt 
werden. Man erkampft sich den Glauben an die Dogmatik, indem man 
bekampft die Erkenntnis des vorgeburtlichen Lebens. 

Oh, es ist aufierordentlich viel Systematik darinnen, wie die Dog- 
matik seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert sich entwickelt hat, 
wie sich aus dieser Dogmatik restlos die modernen wissenschaftlichen 
Anschauungen herausentwickelt haben. Denn sie sind alle ihrem Ur- 
sprunge nach darinnen nachzuweisen, nur angewendet auf die aufiere 
Naturbeobachtung, und es ist nachzuweisen, wie dadurch vorbereitet 



worden ist des Menschen Sich-Anhangen an ein bloftes Glauben. Weil 
der Mensch natiirlich etwas iiber die Unsterblichkeit will, nimmt man 
ihm das Wissen, und das hat man ihm genommen: dann ist er fur den 
dogmatischen Glauben zuganglich, dann kann der dogmatische Glaube 
sich seine Herrschaftsbereiche aussuchen. 

Das ist zugleich eine soziale Frage, das ist eine Frage der mensch- 
heitlichen Entwickelung, das ist eine Frage, der heute mit voller Klar- 
heit ins Auge geschaut werden mufi. Und diese Frage entscheidet 
erstens iiber den Wert der gegenwartigen Kultur, namentlich aber auch 
iiber den Wert des gegenwartigen Wissenschaftsgeistes, und dann iiber 
die Aussichten der Menschheit, wiederum zu Auf gangskraften, zu Auf- 
steigekraften zu kommen. 

Davon wollen wir dann morgen weitersprechen. 



SECHZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 24.Julil921 



Jenen Schnitt durch das Wesen des Menschen, von dem ich gesprochen 
habe, Sie finden ihn auch im alltaglichen menschlichen Gesamtleben 
zum Ausdruck kommend. Sie finden ihn vor alien Dingen, wenn Sie 
sachgemafi das Verhaltnis zweier menschlicher Fahigkeiten unter- 
suchen, die durch ihre eigene Beschaffenheit auch bei oberflachlicher 
Betrachtung sich als sowohl dem seelischen Leben wie auch dem kor- 
perlich-leiblichen Leben angehorig erweisen. Sie finden auf der einen 
Seite als eine wichtige, sagen wir, Tatsache des Seelenlebens im mensch- 
lichen Leben eben mit dem korperlichen Leben verbunden die Fahig- 
keit des Gedachtnisses, der Erinnerung, und Sie finden auf der andern 
Seite, sagen wir, eine Kraft im menschlichen Leben, deren Wesenheit 
weniger ins Auge gefafit wird, weil sie mehr eine Fahigkeit ist, der man 
sich naiv hingibt, ohne sie naher zu priifen oder gar zu analysieren: 
das ist die Kraft der menschlichen Liebe. Es muiS von vornherein ge- 
sagt werden, daft, wenn man iiber solche Dinge erstens mit Bezug auf 
die Wesenheit des Menschen, dann aber auch mit Bezug auf das Ver- 
haltnis des Menschen zurWelt spricht, man sich dariiber klar sein mufi, 
dafi man von der Wirklichkeit, nicht von irgendeiner Vorstellung aus- 
zugehen hat. Ich habe ofter den zwar banalen Vergleich fur das Aus- 
gehen von Vorstellungen statt von der Wirklichkeit gebraucht: Jemand 
sieht ein Rasiermesser, und er sagt, das sei ein Messer, ein Messer ge- 
hore zum Schneiden der Speisen; also nimmt er das Rasiermesser zum 
Schneiden der Speisen, weil es ein Messer ist. 

So ungefahr, obwohl man es gewohnlich nicht glaubt, weil man die 
Sache fur sehr gelehrt halt, sind die Auffassungen, die, sagen wir, zum 
Beispiel wissenschaftlich denkende Menschen iiber den Tod oder iiber 
die Geburt haben mit Bezug auf Menschen und Tiere. Manchmal dehnt 
man sogar dann solche Vorstellungen auch auf Pflanzen aus. Man 
macht sich eine Vorstellung dariiber, wie man sich eine Vorstellung 
dariiber macht, was ein Messer ist, und geht dann von dieser Vorstel- 
lung, die naturlich der Reprasentant einer gewissen Tatsachenreihe ist, 



aus und untersucht in gleicher Weise, sagen wir, den Tod beim Men- 
schen, bei Tieren und eventuell sogar bei den Pf lanzen, ohne zu beriick- 
sichtigen, dafi vielleicht dasjenige, was man im allgemeinen in der Vor- 
stellung des Todes zusammenfafit, etwas ganz anderes sein konnte bei 
den Menschen und bei den Tieren. Man hat von der Wirklichkeit des 
Tieres und von der Wirklichkeit des Menschen auszugehen, nicht von 
der Erscheinung des Todes, die man reprasentiert sein lafit durch 
irgendeine Vorstellung. 

In einer ahnlichen Weise sind dann die Vorstellungen geschmiedet, 
die man zum Beispiel mit Bezug auf das Gedachtnis hat. Mit Bezug auf 
das Gedachtnis zeigt sich das ganz besonders dort, wo in der Absicht, 
ein Gleiches bei Menschen und bei Tieren zu finden, der Gedachtnis- 
begriff in einer undifferenzierten Weise auf beide angewendet wird. 
Man macht darauf aufmerksam - es ist das sogar sehr beruhmten Pro- 
fessoren passiert wie Otto Liebmann —, dafi zum Beispiel ein Elefant, 
der auf seinem Wege zur Schwemme ist, wo er Wasser zu trinken hat, 
irgend etwas von einem Insult durch einen voriibergehenden Menschen 
bekommt; der tut ihm etwas. Der Elefant geht voriiber. Aber als er 
wieder zuruckgeht und der Mensch dann wieder dasteht, da spritzt ihn 
der Elefant aus seinem Riissel mit Wasser an. Weil der Elefant - so sagt 
der Erkenntnistheoretiker - sich selbstverstandlich gemerkt hat, in 
seinem Gedachtnis aufbewahrt hat dasjenige, was ihm der Mensch 
getan hat. 

Das aufiere Aussehen der Sache ist naturlich durchaus fur eine sol- 
che erkenntnistheoretische Betrachtung, man mochte sagen, sehr ver- 
fuhrerisch, aber eben nicht verfiihrerischer als das Unterfangen, mit 
einem Rasiermesser das Fleisch bei Tisch zu zerschneiden. Es handelt 
sich eben durchaus darum, dafi man iiberall von der Wirklichkeit aus- 
geht und nicht von Vorstellungen, die man an irgendeiner Erschei- 
nungsreihe gewonnen hat und die man dann in beliebiger Weise wesen- 
haft auf eine andere Erscheinungsreihe iibertragt. Man macht sich 
gewohnlich gar nicht klar, wie weitverbreitet der eben angefuhrte 
methodologische Fehler in unseren heutigen wissenschaftlichen Unter- 
suchungen eigentlich ist. 

Dasjenige, was als Gedachtnis, als Erinnerungsvermogen beim Men- 



schen vorliegt, mull durchaus aus der menschlichen Natur heraus selbst 
begriffen werden. Und da handelt es sich darum, dafi man sich zu- 
nachst eine Moglichkeit schafft, zu beobachten, wie das Gedachtnis im 
Verlauf der menschlichen Entwickelung selber wird. Derjenige, der so 
etwas beobachten kann, der wird bemerken konnen, dafi sich das Ge- 
dachtnis bei dem Kinde noch in einer ganz andern Weise aufiert als 
beim Menschen etwa vom sechsten, siebenten, achten Jahre an. Das 
Gedachtnis bekommt in den letztangefuhrten Jahren vielmehr einen 
seelischen Charakter, wahrend man deutlich merken kann, wie sehr in 
den ersten Kinderjahren dieses Gedachtnis gebunden ist an die organi- 
schen Zustande, wie es sich herauswindet aus diesen organischen Zu- 
standen. Und derjenige, der das Verhaltnis der Erinnerungen zu der 
kindlichen Begriffsbildung ins Auge fafit, der wird merken, wie sich 
die Begriffsbildung in der Tat stark anlehnt an dasjenige, was das Kind 
aus seiner Umgebung durch seine Sinneswahrnehmung, durch alle die 
zwolf angefiihrten Sinneswahrnehmungen erlebt. Es ist aufierordent- 
lich reizvoll, aber auch aufierordentlich bedeutsam, zu sehen, wie die 
Begriffe, die sich das Kind bildet, ganz und gar abhangen von der Er- 
fahrung, der das Kind unterworfen wird, namentlich von dem Ver- 
halten der Umgebung. Das Kind ist ja in den Jahren, die hier in Be- 
tracht kommen, ein Nachahmer, und auch in bezug auf seine Begriffs- 
bildung ein Nachahmer. Dagegen wird man leicht bemerken konnen, 
wie die Fahigkeit der Erinnerung mehr aus dem Inneren der kindlichen 
Entwickelung aufsteigt, wie sie mehr zusammenhangt mit der ganzen 
korperlichen Konstitution, sogar sehr wenig mit der Konstitution der 
Sinne und dadurch der Konstitution des menschlichen Hauptes. 
Dagegen wird man einen innigen Zusammenhang verspiiren konnen 
zwischen der Art, wie das Kind mehr oder weniger, wenn man so sagen 
konnte, normal oder unnormal zum Beispiel in bezug auf seine Blut- 
bildung, in bezug auf seine Bluternahrung beschaffen ist. Man wird 
leicht bemerken, dafi bei Kindern, die nach dem Anamischen hin- 
neigen, die Gedachtnisbildung Schwierigkeiten hat. Dagegen wird man 
bemerken, dafi in einem solchen Falle die Begriffsbildung, die Vorstel- 
lungsbildung weniger Schwierigkeiten hat. 

Ich kann auf diese Dinge nur hindeuten, denn im Grunde genom- 



men muft jeder, wenn er die RichtHnien zu einer solchen Beobachtung 
empfangen hat, aus dem Leben heraus sich die Daten suchen, und er 
wird sie finden. Er wird dann finden, dafi in der Tat beim Kinde von 
der Hauptesorganisation, das heifk von der Nerven-Sinnesorganisa- 
tion, also von den Erlebnissen, von der Wahrnehmung aus die Begriffs- 
bildung erfolgt; dafi aber dasjenige, was, ich mochte sagen,die Begriffs- 
bildung durchwebt als Erinnerungsvermogen, sich herausentwickelt 
aus dem iibrigen Organismus aufier dem Hauptesorganismus. Und setzt 
man diese Beobachtung fort, versucht man, namentlich dahinterzu- 
kommen, wie eigentiimlich sich verhalt die Art, namentlich der Ge- 
dachtnisbildung bei Kindern, welche etwa neigen zu einer kurzen, 
kleinen, gedrungenen Gestalt und bei Kindern, die dazu neigen, hoch 
aufzuschiefien, so wird man finden, daft da tatsachlich sich deutlich 
ausspricht ein Zusammenhang zwischen den Wachstumserscheinungen 
im ganzen und zwischen dem, was als Gedachtniskraft sich im Men- 
schen ausbildet. 

Nun habe ich bei friiheren Gelegenheiten gesagt: Die menschliche 
Hauptesbildung als solche stellt sich ja dar als eine Metamorphose der 
organischen Bildung des Menschen des friiheren Erdenlebens, aber 
abgesehen von der Hauptesbildung. Also was wir in einem gewissen 
Erdenleben als unser Haupt an uns tragen, das ist der umgestaltete 
Korper aufier dem Haupte, namentlich aber der Gliedmafien-Stoff- 
wechselmensch des friiheren Erdenlebens. Man darf sich das natiirlich 
nicht materialistisch vorstellen. Mit der materiellen Ausfiillung hat das 
nichts zu tun, sondern mit der Form und mit dem Kraftezusammen- 
hang. Dasjenige, was heute der Gliedmafien-Stoffwechselorganismus 
ist bei einem Menschen, das ist im nachsten Erdenleben, metamorpho- 
sisch umgewandelt durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, 
die Hauptesbildung. 

So konnen wir uns ja auch sagen, wenn wir sehen, wie beim Kinde 
abhangt sein Begriffsvermogen, sein Vorstellungsvermogen von dieser 
Hauptesbildung, dafi gewissermafien die Vorstellungsfahigkeit zu- 
Tafels sammenhangt mit dem friiheren Erdenleben (siehe Zeichnung, rot). 
Dagegen das, was sich uns als Erinnerungsvermogen eingliedert, steigt 
auf aus demjenigen, was wir zunachst in diesem Erdenleben als unseren 




Tafel 5 



Stoffwechsel-Gliedmafienmenschen eben anorganisiert erhalten (blau). 
Es schliefien sich da zwei Dinge zusammen: das eine, was der Mensch 
sich mitbringt aus friiheren Erdenleben, und das andere, die Erinne- 
rungsfahigkeit, was er sich dadurch erwirbt, daft er einen neuen Orga- 
nismus angegliedert erhalt. 

Sie werden daher begreifen, dafi dasjenige Gedachtnis, das man zu- 
nachst fur den Gebrauch zwischen Geburt und Tod hat und das man 
ja angegliedert erhalt in diesem Erdenleben, zunachst nicht ausreicht, 
um zuriickzuschauen in das vorgeburtliche Leben, in das praexistente 
Leben. Da ist notwendig, was ich immer betone, wenn ich das Metho- 
dologische der Sache auseinandersetze, daft man hinter dieses Gedacht- 
nis mit seinen Fahigkeiten kommt und dafi man deutlich einsehen lernt, 
dafi das Gedachtnis etwas ist, was uns dient zwischen Geburt und Tod, 
dafi man aber eine hohere Fahigkeit entwickeln mufi, die ganz nach 
Gedachtnisweise zuriickverfolgt das, was sich in uns als Begriffsver- 
mogen ausgestaltet. Der abstrakte Erkenntnistheoretiker, der setzt an 
die Stelle einerTatsache ein Wort. Er sagt zum Beispiel: Mathematische 



Begriffe,weil sie nicht durch Erfahrung erworben zu werden brauchen, 
beziehungsweise weil ihre Gewifiheit nicht aus der Erfahrung belegt zu 
werden braucht, seien a priori. - Das ist ein Wort: sie sind vor der Er- 
fahrung gelegen, a priori. Und man kann ja dieses Wort bei Kantianern 
heute immer wieder und wiederum horen. Aber dieses a priori bedeutet 
eben nichts anderes, als dafi wir diese Begriffe in den friiheren Erden- 
leben erfahren haben; aber sie sind nicht minder eben Erfahrungen, 
von der Menschheit angeeignet im Laufe ihrer Entwickelung. Nur ist 
die Menschheit gegenwartig in einem Stadium ihrer Entwickelung, wo 
sich eben die meisten Menschen, wenigstens die zivilisierten Menschen, 
diese mathematischen Begriffe schon mitbringen und man sie nur auf- 
zuwecken braucht. 

Es ist naturlich ein bedeutsamer padagogisch-didaktischer Unter- 
schied im Aufwecken der mathematischen Begriffe und im Beibringen 
von solchen Vorstellungen und Begriffen, die aus der aufieren Erfah- 
rung gewonnen werden miissen und bei denen das Erinnerungsver- 
mogen eine wesentliche Rolle spielt. Man kann auch, namentlich wenn 
man sich ein gewisses Anschauungsvermogen aneignet fiir die mensch- 
liche Entwickelung in ihren Besonderheiten, deutlich zwei Typen von 
aufwachsenden Kindern unterscheiden: solche, die sich viel mitbringen 
aus friiheren Erdenleben und denen daher leicht Begriffe beizubringen 
sind; dagegen kann man andere finden, die weniger sicher sind in ihren 
Begriffsbildungen, die sich aber leicht die Eigenschaf ten aufierer Dinge 
merken und daher leicht dasjenige aufnehmen, was sie durch eigene 
Beobachtung aufnehmen konnen. Da hinein spielt aber das Erinne- 
rungsvermogen, denn man kann auftere Dinge nicht leicht in der Weise 
lernen, wie es dann schulmafiig gelehrt werden mufi. Man kann dann 
naturlich einen Begriff bilden, aber man kann sie nicht so lernen, dafi 
man an ihnen das Gelernte wiederzugeben vermag, wenn nicht ein 
deutliches Erinnerungsvermogen vorliegt. Kurz, man kann da das Zu- 
sammenfliefien zweier Stromungen in der menschlichen Entwickelung 
sehr genau wahrnehmen. 

Nun, was liegt denn da eigentlich zugrunde? Bedenken Sie, auf der 
einen Seite ist der Mensch aus seiner Hauptesorganisation heraus das 
Begriffsbildungsvermogen gestaltend. Warum tut er das? Sie brauchen 



nur mit Verstandnis die menschliche Hauptesorganisation zu betrach- 
ten, so werden Sie sich sagen konnen, warum. Diese menschliche Haup- 
tesorganisation, sie tritt schon im embryonalen Leben verhaltnismafiig 
friih auf, bevor die andere Organisation, gerade ihrem Wesentlichen 
nach, angegliedert ist. Die Embryologie ist ja durchaus ein Beleg fur 
das, was Anthroposophie in bezug auf die Menschheitsentwickelung 
zu sagen hat. Aber Sie brauchen nicht so weit zu gehen, Sie brauchen 
blofi gewissermafien den ausgewachsenen Menschen ins Auge zu fassen. 
Sehen Sie sich diese Hauptesorganisation an. Sie ist erstens darauf an- 
gelegt, dafi mari"im Haupte relativ das Vollkommenste der ganzen 
menschlichen Organisation hat. Nun, diese Vorstellung konnte man 
anfechten. Dagegen eine andere ist nicht anzufechten, wenn sie nur in 
der richtigen Weise angeschaut wird. Das ist diese, dafi wir in unserem 
Erleben uns ja ganz anders zu unserem Haupte stellen als zu unserem 
iibrigen Organismus. Unseren iibrigen Organismus verspiiren wir in 
einer ganz andern Weise als unser Haupt. Unser Haupt loscht sich ja 
in unserem eigenen Seelenleben im Grunde genommen aus. Wir haben 
viel mehr organisches Bewufitsein von unserem gesamten iibrigen Or- 
ganismus als von unserem Haupte. Unser Haupt ist eigentlich das- 
jenige, was sich innerhalb unserer Organisation ausloscht. 

Dieses Haupt hebt sich auch heraus aus unserem iibrigen Zusammen- 
hange mit der Welt, erstens innerlich schon durch unsere Gehirnorgani- 
sation. Ich habe die Tatsache oftmals hervorgehoben: das Gehirn hat 
eine so grofie Schwere, dafi es alles, was darunterliegt, zerdriicken 
wiirde, wenn es nicht im Gehirnwasser schwimmen wiirde und dadurch 
das ganze Gewicht verliert, das ein Korper haben wiirde, der aus Ge- 
hirnwasser besteht und ebenso grofi ware wie das Gehirn; so dafi das 
Gehirn, sagen wir etwa in dem Verhaltnis von eintausenddreihundert 
bis eintausendvierhundert Gramm zu zwanzig Gramm an Gewicht 
verliert. Das heifk aber, da der Mensch, insofern er auf der Erde steht, 
durchaus sein natiirliches Gewicht hat, ist das Gehirn herausgehoben 
aus diesen Schwereverhaltnissen, in denen es im Menschen natiirlich 
sitzt, nicht in seiner Absolutheit, aber indem es im Menschen sitzt. 
Aber selbst wenn Sie nicht auf dieses Innerliche gehen, wenn Sie auf 
das Aufierliche gehen, man mochte sagen, die ganze Art, wie Sie Ihre 



Kopfe tragen, ist ja eigentlich so, dafl dieser Kopf, indem man ihn 
durch die Welt tragt, sich verhalt wie ein Herr oder eine Dame, die in 
einer Droschke sitzen. Die Droschke, die mufi sich weiterbewegen, aber 
indem sich die Droschke weiterbewegt, strengt sich der Herr oder die 
Dame in der Droschke gar nicht an, um weiterzukommen. Ungefahr 
in demselben Verhaltnis ist auch unser Haupt zu unserem Organismus. 
Dazu liefien sich viele Dinge noch anfuhren. Auch unser Haupt ist in 
einem gewissen Sinne herausgehoben aus unserem iibrigen Verhaltnis 
zur Welt. Das ist eben aus dem Grunde, weil wir in unserem Haupte 
gewissermafien in physischerUmgestaltung dasjenige haben, was unsere 
Seele zusammen mit unserem iibrigen Organismus erlebte in einem 
friiheren Erdenleben. 

Wenn Sie beim Haupte die vier Hauptglieder der menschlichen 
Organisation betrachten, physischen Leib, Atherleib, astralischen Leib 
und Ich, so ist fur das Haupt eigentlich nur das Ich dasjenige, was eine 
gewisse Selbstandigkeit hat. Die andern Glieder haben sich eigentlich 
ihr Abbild geschaffen in diesem menschlichen Haupte, in der physi- 
schen Gestaltung des menschlichen Hauptes. Ich habe auch dafiir ein- 
mal einen ganz schlagenden Beleg angefuhrt, ich will ihn hier anfuhren 
mehr durch das Wiedergeben einer Geschichte als rein theoretisch. 
Aber ich habe schon einmal die Sache angefuhrt. 

Ich sagte Ihnen: Ich nahm einmal teil - viele Jahre sind es jetzt 
her -, als man aus gewissen Voraussetzungen heraus die Giordano 
Bruno-Gesellschaft gegriindet hatte, an einem Vortrage, den ein rich- 
tiger, waschechter Materialist gehalten hat iiber das menschliche Ge- 
hirn. Er hat als waschechter Materialist selbstverstandlich die Struktur 
des Gehirnes gezeichnet und nachgewiesen, wie diese Struktur des Ge- 
hirnes im Grunde genommen das Seelenleben ausdriickt. Man kann das 
auch sehr gut. 

Vorsitzender jenes Vereines war nun ein Gymnasialdirektor, der 
nicht Materialist war, aber dafiir ein waschechter philosophischer 
Herbartianer. Fur den gab es nur Herbartsche Philosophic Der sagte: 
Eigentlich konne er als Herbartianer ganz zufrieden sein mit den Dar- 
stellungen; nur sagte er, dasjenige, was der andere auf gezeichnet hat 
aus seinem waschechten Materialismus heraus, nehme er nicht als die 



Materie des Gehirnes. Wenn der also, nicht wahr, aufgezeichnet hat 
Gehirnpartien, Verbindungsfasern und so weiter, so nahm der Her- 
bartianer die Zeichnung ganz willig hin. Die Zeichnung, die gefiel ihm 
ganz gut, dem Herbartianer, der kein Materialist war, denn er sagte, 
er brauche ja nur dafiir, wofiir der andere Gehirnpartien hinzeichnete, 
Vorstellungskomplexe hinzuzeichnen, und statt der Gehirnfasern 
zeichne er Assoziationsfasern; dann zeichne er etwas Seelisches, Vor- 
stellungskomplexe, wo der andere Gehirnpartien zeichne. Und wo der 
andere Gehirnfasern gezeichnet hat, da zeichne er Assoziationsfasern; 
zum Beispiel diejenigen Gebilde, die John Stuart Mill so wunderbar 
herausphantasiert hat, die von Vorstellung zu Vorstellung gehen. - 
Nicht wahr, ganz willenlos, automatisch spinnt da die Seele allerlei 
Dinge zwischen den Vorstellungskomplexen, Man findet das ja auch 
bei Herbart ganz schon. 

Aber in der Zeichnung konnten beide ganz gut zusammentreffen. 
Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil in der Tat in bezug darauf 
das menschliche Gehirn ein aufierordentlich guter Abdruck ist des 
Seelisch-Geistigen. Das Seelisch-Geistige driickt sich einfach im Gehirn 
sehr gut ab. Es hat ja auch Zeit gehabt, dieses Seelisch-Geistige, durch 
die ganze Zeit zwischen dem Tod und der neuen Geburt diese Konfigu- 
ration hervorzurufen, die dann in der auiSeren Plastik des Gehirnes das 
Seelenleben wunderbar ausdriickt. 

Gehen wir von dieser Geschichte nun etwa zu der Darstellung der 
Psychologie, wie sie Theodor Ziehen gibt, da finden wir, dafi Theodor 
Ziehen auch so materialistisch die Gehirnpartien und so weiter be- 
schreibt, und das Ganze macht einen aufierordentlich glaubwiirdigen 
Eindruck. Es ist auch aufierordentlich gewissenhaft. Man kann in der 
Tat das tun. Man kann, wenn man das menschliche intellektualistische 
Leben, das Vorstellungsleben ins Auge fafit, einen sehr genauen Ab- 
druck im Gehirn finden. Aber man kommt mit einer solchen Psycholo- 
gie nur nicht bis zum Fiihlen, und am wenigsten bis zum Wollen. 
Schauen Sie sich an solch eine Psychologie, wie die von Ziehen ist, so 
werden Sie finden: das Fiihlen ist fur ihn iiberhaupt nichts als eine 
Gefiihlsbetonung der Vorstellung, und das eigentliche Wollen fallt 
ganz heraus aus der psychologischen Betrachtungsweise. Das ist gar 



nicht drinnen, weil in der Tat das Fiihlen und das Wollen nicht in der- 
selben Weise zusammenhangen mit demjenigen, was schon gestaltet ist. 
Das Fiihlen hangt zusammen mit dem rhythmischen System des Men- 
schen; das ist noch in voller Bewegung. Das hat seine Bildlichkek in 
Bewegungen. Und das Wollen, das iiberhaupt mit plastisch Entstehen- 
dem und Vergehendem im Stoffwechsel zusammenhangt, das kann 
nicht eine solche Abbildlichkeit aufweisen, wie das fiir das Vorstellen 
moglich ist. Kurz, wir haben im Vorstellungsleben beziehungsweise in 
der Vorstellungsfahigkeit etwas in bezug auf Seelisches, was sich 
plastisch-bildhaft im Haupte ausdriickt: da stehen wir aber innerhalb 
des menschlichen astralischen Leibes. Denn indem wir vorstellen, ge- 
hort diese ganze Tatigkeit des Vorstellens dem menschlichen astra- 
lischen Leibe an. So dafi also schon der menschliche astralische Leib 
sein Abbild sich schafft im menschlichen Haupte. Nur das Ich, das 
bleibt noch etwas Bewegliches. Der atherische Leib hat nun sein ganz 
genaues Abbild im menschlichen Haupte, und der physische Leib erst 
recht. Dagegen ist in dem iibrigen Organismus, zum Beispiel im rhyth- 
mischen Organismus, der astralische Leib als solcher durchaus nicht 
abgebildet, sondern nur der atherische Leib und der physische Leib. 
Und im Stoffwechselorganismus ist gar nur der physische Leib abge- 
bildet. 

Zusammengefafit konnen Sie sich die Sache so vorstellen: Wenn Sie 
das Haupt haben, so haben Sie im Haupte physischen Leib, atherischen 
Leib, astralischen Leib, so dafi diese im Physischen ihre Abbildung 
haben, dafi Sie tatsachlich in den physischen Formen die Abbildungen 
nachweisen konnen. Sie verstehen das menschliche Haupt gar nicht 
anders, als dafi Sie tatsachlich diese drei Formen in dem menschlichen 
Haupte sehen. Noch in einem freien Verhaltnis ist dasjenige, was das 
Ich ist (siehe Zeichnung). 

Gehen wir iiber zu der iibrigen Organisation des Menschen, also zu 
der Atmungsorganisation zum Beispiel, dann haben wir den physi- 
schen Leib und den atherischen Leib, die ihre Abbilder darinnen haben. 
Aber der astralische Leib und das Ich haben nicht ihre Abbilder, die 
sind gewissermafien frei. Und im menschlichen Stoffwechsel-Glied- 
mafienmenschen haben wir den physischen Leib als solchen, und frei 




haben wir Ich, astralischen Leib und atherischen Leib. Sie miissen 
unterscheiden zwischen dem Vorhandensein und dem Frei- oder Ge- 
bundensein. Natiirlich ist es nicht so, als ob dem menschlichen Haupte 
nicht auch ein astralischer Leib und ein Atherleib zugrunde lage. Die 
durchsetzen natiirlich auch das menschliche Haupt; aber sie sind nicht 
frei dadrinnen, sondern sie haben in der Organisation ihr Abbild. 
Dagegen ist der astralische Leib zum Beispiel in der ganzen rhyth- 
mischen, namentlich in der Atmungsorganisation frei. Er betatigt sich 
als solcher. Er fiillt das nicht blofi aus, sondern er ist gegenwartig 
drinnen tatig. 

Nun, nehmen wir zwei Dinge zusammen. Das eine ist dieses, dafi 
wir konstatieren konnen eine Beziehung des menschlichen Erinnerungs- 
vermogens zu der Organisation aufierhalb des Hauptes, und dafi wir 
die menschliche Gefiihls- und Willensorganisation auch aufierhalb des 
Hauptes suchen miissen. Sie sehen, jetzt gliedern sich zusammen die 
Gefiihlswelt der Seele und die Gedachtniswelt. Und wenn Sie nun 
empirisch, wirklich erfahrungsgemafi den Zusammenhang zwischen 
Gefiihlsleben und Erinnerungsvermogen ins Auge fassen, so werden 
Sie diesen Zusammenhang als einen sehr engen konstatieren konnen. 



Die Art und Weise, wie wir uns erinnern konnen, hangt im wesent- 
lichen davon ab, wie wir vermoge unserer aufterhauptlichen Organisa- 
tion teilnehmen konnen an den Dingen, wie weit wir drinnenstehen 
konnen in den Dingen. Wenn wir Starke Kopfmenschen sind, werden 
wir vieles begreifen, aber an weniges uns so erinnern, dafi wir mit ihm 
zusammengewachsen sind. Es gibt, ich mochte sagen, einen bedeut- 
samen Bezug zwischen dem Gefiihlsvermogen und dem Erinnerungs- 
vermogen. Aber zugleich sehen wir, dafi die menschliche aufterhaupt- 
liche Organisation sich ja im Beginne der Entwickelung der haupt- 
lichen nahert. Wenn Sie das Embryonalleben nehmen, so ist der Mensch 
ganz im Anfange fast nur Haupt. Das andere sind Ansatze. Wenn das 
Kind geboren ist: denken Sie nur, wie unvollkommen im Verhaltnis 
zum Haupte eigentlich die ubrige Organisation ist! Aber sie gliedert 
sich ihm an. Die ubrige Organisation, sie wird schon im Leben zwi- 
schen Geburt und Tod der Hauptesorganisation immer ahnlicher, und 
namentlich pragt sich dieses Ahnlichwerden aus in dem HervorschiejRen 
der zweiten Zahne. Dasjenige, was der Mensch als erste Zahnung hat, 
die sogenannten Milchzahne - und das wird, wenn nur die entspre- 
chenden Methoden angewendet werden, sich leicht auch anatomisch- 
physiologisch nachweisen lassen, geisteswissenschaftlich ist es ohne 
Frage -, die ersten Zahne, die Milchzahne sind in der Tat mehr aus der 
Hauptesorganisation heraus. An der andern Zahnung beteiligt sich der 
voile Mensch. Diejenigen Zahne, die mehr aus der Hauptesorganisa- 
tion heraus sind, werden ausgestofien. Der ubrige Mensch betatigt sich 
an der zweiten Zahnung. 

Man hat in der Tat mit Bezug auf das Physische eine Art Abbild in 
den ersten Zahnen und in den zweiten Zahnen mit Bezug auf Begriffs- 
bildung und Gedachtnis. Man mochte sagen, die Milchzahne werden 
mehr aus der Hauptesorganisation heraus gebildet, so wie die Begriffe, 
hloB dafi die Begriffe natiirlich ins Intellektualistisch-Geistige herauf- 
gesetzt sind; und die zweiten Zahne, die sind mehr so aus der ganzen 
menschlichen Organisation herausgeholt wie das Erinnerungsvermo- 
gen. Man mufi nur auf solche feinen Unterschiede in der menschlichen 
Organisation eingehen konnen. 

Wenn Sie solch eine Sache ins Auge fassen, dann werden Sie ja ein- 



sehen, wie man eigentlich das Materielle in seiner Formung, in seiner 
Gestaltung — namentlich, wenn man ins Organische heraufkommt - 
nur erfassen kann, wenn man es erfafit aus der geistigen Gestaltung 
heraus. Nicht wahr, der waschechte Materialist sieht sich den materiel- 
len Menschen an, studiert den materiellen Menschen. Und derjenige, 
der auf die Wirklichkeit geht, nicht auf seine materialistischen Vor- 
urteile, der sieht zunachst einmal dieses menschliche Haupt beim Kinde 
aus dem Ubersinnlichen herausgestaltet, allerdings durch Metamor- 
phose des friiheren Erdenlebens herausgestaltet, und er sieht dann an- 
gegliedert aus der Welt, in die dieses Kind jetzt in diesem Erdenleben 
versetzt ist, das andere, aber auch aus dem Geistigen, aus dem Uber- 
sinnlichen dieser Welt herausgestaltet. 

Es ist wichtig, gerade auf solch eine Anschauung seine Aufmerksam- 
keit zu wenden; denn darauf kommt es an, daft jemand nicht in einer 
abstrakten Weise spricht von materieller Welt und von geistiger Welt, 
sondern daft er eine Anschauung gewinnt von dem Hervorgehen der 
materiellen Welt aus der geistigen Welt, gewissermaften von der Ab- 
bildlichkeit der geistigen Welt in der materiellen Welt. Nur darf man 
dabei nicht im Abstrakten stehenbleiben, sondern muft in das Konkrete 
gehen. Man muft eine Anschauung sich verschaffen konnen von dem 
Unterschiede des menschlichen Hauptes vom iibrigen Organismus. 
Dann sieht man in den Formen des menschlichen Hauptes eben etwas 
anderes, auch in seinem Hervorgehen aus der geistigen Welt, als man 
im iibrigen Organismus sieht. Denn der ubrige Organismus ist eben 
durchaus uns angegliedert in einem entsprechenden Erdenleben, wah- 
rend wir die Hauptesbildung bis in seine Formung hinein als Ergebnis 
friiherer Erdenleben mitnehmen. Wer das bedenkt, wird sehen, wie 
toricht zum Beispiel solch ein Einwand gegen Anthroposophie ist, wie 
er neulich wiederum - Sie konnen das in einem Bericht der gegenwarti- 
gen Nummer der Dreigliederungszeitung nachlesen — in einer Munchner 
Diskussion, die hervorgerufen worden ist iiber Anthroposophie von 
dem, von so vielen Leuten trotz seiner feuilletonistischen Philisterei 
hochgeehrten Eucken^ gemacht worden ist. Eucken erhob den Einwand 
gegen Anthroposophie, daft sie materialistisch sei, indem er hinpfahlte 
den torichten Begriff: Dasjenige, was man wahrnehmen kann, das ist 



materiell. - Selbstverstandlich, wenn man solch eine Definition macht, 
dann kann man beweisen, was man mag; nur ist man eben schlecht 
bekannt mit der Methode des Beweisens iiberhaupt. Es handelt sich 
durchaus darum, das zu fassen, wie das Materielle in seinem Hervor- 
gehen aus dem Geistigen gerade als ein Zeuge fur die geistige Welt an- 
geschaut werden kann. Wenn Sie aber wiederum - und nur bis zu 
diesem Punkte mochte ich zunachst heute gehen - ins Auge fassen, wie 
man dieses Werden des Gedachtnisses erschauen kann in seiner Ver- 
wandtschaft mit den iibrigen Wachstumskraften des Menschen, so 
werden Sie ein Ineinanderspielen bemerken desjenigen, was man sonst 
materiell nennt und desjenigen, was da namentlich im spateren Leben, 
vom siebenten, achten Jahre an, sich als geistig-seelisches Leben ent- 
wickelt. 

Es ist wirklich so, dafi dasjenige, was spater mehr in der abstrakt- 
intellektualistischen Form in der Erinnerungskraft zutage tritt, zuerst 
sich mitbeteiligt an dem Wachstum. Es ist wirklich dieselbe Kraft. 
Es mufi da dieselbe Betrachtungsweise angewendet werden, die an- 
gewendet wird, sagen wir, wenn von gebundener und freier Warme 
gesprochen wird. Warme, die f rei wird, die aus ihrem latenten Zustand 
in Freiheit iibergeht, verhalt sich aufterlich in der physischen Welt wie 
jene Kraft, die dann anschaulich fur das innere Leben als Erinnerungs- 
kraft zutage tritt und in den ersten Kindheitsjahren den Wachstums- 
erscheinungen zugrunde liegt. Es ist dasselbe, was den Wachstums- 
erscheinungen zugrunde liegt in den ersten Kindheitsjahren und was 
dann als die Kraft der Erinnerungsfahigkeit mehr in seiner ureigenen 
Gestalt erscheint. 

Ich habe das im Herbstkurse hier im Goetheanum noch des ge- 
naueren entwickelt. Aber Sie sehen daraus, wie man gerade auf diesem 
Wege einen intimen Bezug zwischen dem Seeiisch-Geistigen und Leib- 
lich-Physischen finden kann, wie wir also in der Gedachtniskraf t etwas 
haben, was auf der einen Seite uns seelisch-geistig erscheint, auf der 
andern Seite uns erscheint, indem es in anderem Weltenzusammenhange 
auftritt, als Wachstumskraft. 

Genau den entgegengesetzten Fall haben Sie, wenn Sie die Liebe- 
fahigkeit des Menschen ins Auge fassen. Die Liebefahigkeit, die auf der 



einen Seite durchaus sich erweist als an die Korperlichkeit gebunden, 
die konnen Sie wiederum als die seelischeste Funktion ins Auge fassen, 
genauso wie die Gedachtniskraft. So dafi Sie in der Tat - das letztere 
werde ich in spateren Vortragen noch genauer ausfiihren - in Gedacht- 
nis und Liebe etwas haben, wo Sie, ich mochte sagen, das Zusammen- 
spiel des Geistigen und des Leiblichen ganz erfahrungsgemafi sehen 
konnen und es audi beziehen konnen auf das ganze Verhaltnis des 
Menschen zur Welt. 

Beim Gedachtnis haben wir das schon getan, indem wir zuruck- 
bezogen haben das Vorstellungsbild auf friihere Erdenleben, die Kraft 
des Gedachtnisses aber auf das gegenwartige Erdenleben. Wir werden 
sehen in spateren Vortragen, daft man mit der Liebekraft ebenso ver- 
fahren kann. Man kann zeigen, wie sie sich entwickelt in dem gegen- 
wartigen Erdenleben, aber durchgeht durch das Leben zwischen Tod 
und neuer Geburt in das nachste Erdenleben hiniiber, wie sie es gerade 
ist, die an der Metamorphosierung des iibrigen aufierhauptlichen 
menschlichen Organismus in das nachste Erdenleben hiniiberarbeitet. 

Warum stellen wir diese ganze Betrachtung an? Wir stellen sie an, 
weil man heute eine Moglichkeit braucht, von dem Geistig-Seelischen 
hinuberzukommen zu dem Leiblich-Physischen. Innerhalb des Geistig- 
Seelischen erleben wir das Moralische, innerhalb des Physisch-Leib- 
lichen erleben wir die Naturnotwendigkeit. Zwischen beiden besteht 
fur die heutige Anschauung, wenn man ehrlich auf beiden Gebieten ist, 
eben keine Briicke. Und ich habe gestern darauf aufmerksam gemacht, 
dafi, weil eine solche Briicke nicht besteht, die Leute ja sogar unter- 
scheiden zwischen dem sogenannten echten Wissen, das sich auf die 
Naturkausalitat bezieht, und dem blofien Glaubensinhalt, der sich auf 
die moralische Welt beziehen soil, weil unzusammenhangend neben- 
einanderstehen auf der einen Seite die Naturkausalitat, auf der andern 
Seite das seelisch-geistige Leben. Aber es handelt sich durchaus darum, 
dafi wir, um zu einem vollen Menschenbewufksein wiederum zu kom- 
men, dieses Briickenschlagen zwischen dem einen und dem andern 
brauchen. 

Da ist vor alien Dingen notwendig zu beriicksichtigen, dafi die 
moralische Welt ohne die Statuierung der Freiheit nicht bestehen kann, 



die natiirliche Welt nicht bestehen kann ohne die Notwendigkeit, nach 
welcher das eine aus dem andern hervorgeht. Es konnte im Grunde gar 
keine Wissenschaft geben, wenn es diese Notwendigkeit nicht geben 
wiirde. Wiirde nicht notwendig eine Erscheinung aus der andern her- 
vorgehen im Naturzusammenhang, wiirde da alles willkiirlich sein, so 
konnte es ja keine Wissenschaft geben. Es konnte nun ja alles dasjenige, 
was man eben nicht wissen kann, aus dem andern hervorgehen, nicht 
wahr! Also es ist klar: Wissenschaft ist zunachst da, wenn man in ihr 
nur sehen will, wie eines aus dem andern hervorgeht, dafi eines aus dem 
andern hervorgeht. Aber wenn diese Naturkausalitat ganz allgemein 
ist, dann ist eine moralische Freiheit unmoglich, dann kann sie nicht 
da sein. Aber das Bewulksein dieser moralischen Freiheit innerhalb des 
Seelisch-Geistigen, das ist als eine unmittelbar erfahrbare Tatsache in 
jedem Menschen vorhanden. 

Der Widerspruch zwischen dem, was der Mensch erlebt in seiner 
moralischen Seelenkonstitution und in der Naturkausalitat, ist nicht 
ein logischer, sondern ein Lebenswiderspruch. Wir gehen fortwahrend 
mit diesem Widerspruch durch die Welt. Er gehort zum Leben. Es ist 
in der Tat so, dafi, wenn wir uns ehrlich gestehen, was da vorliegt, wir 
uns sagen miissen: Naturkausalitat, Notwendigkeit, sie mufi es geben, 
und wir gehen selber als Menschen durch diese Notwendigkeit. Aber 
unser inneres, seelisch-geistiges Leben widerspricht dem. Wir sind uns 
bewulk: Wir konnen Entschlusse fassen, wir konnen moralischen 
Idealen folgen, die uns nicht innerhalb der Naturkausalitat gegeben 
sind. Es ist dieses ein Widerspruch, der ein Lebenswiderspruch ist. Und 
derjenige, der nicht zugeben kann, dafi solche Widerspriiche im Leben 
drinnenstehen, der falk einfach das Leben nicht in seiner Allseitigkeit. 
Aber wenn wir das so ausdriicken, ist es recht abstrakt. Es ist eigentlich 
im Grunde genommen stets nur eine Art von Auffassung, die wir dem 
Leben entgegenbringen. Wir gehen durch das Leben und fiihlen uns 
eigentlich fortwahrend mit der aufieren Natur im Widerspruch. Es 
scheint, als ob wir machtlos waren, als ob wir uns eben im Widerspruch 
fiihlen miifiten. 

Man kann diese Widerspriiche zum Beispiel heute bei manchen Men- 
schen gerade in einer recht tragischen Weise erleben. Ich habe zum 



Beispiel einen Menschen gekannt, der tatsachlich ganz erfullt war da- 
von, dafi es eine Notwendigkeit in der Welt gibt, der auch der Mensch 
eingegliedert ist. Man kann natiirlich theoretisch eine solche Notwen- 
digkeit zugeben und sich mit seinem ganzen Menschen merit viel darum 
kummern; dann geht man eben als Trivialling durch die Welt und wird 
nicht von einer inneren Tragik erfullt. Aber wie gesagt, ich kannte 
immerhin einen Menschen, der sagte: Es ist ja iiberall Notwendigkeit, 
und wir Menschen sind hineingestellt in diese Notwendigkeit. Es ist 
nicht anders, denn dieWissenschaft zwingt uns zur Anerkennung dieser 
Notwendigkeit. Aber diese Notwendigkeit lafit zu gleicher Zeit Blasen 
in uns aufsteigen, Blasen, die Schaum sind und die uns vorgaukeln ein 
freies Seelenleben. Das miissen wir durchschauen, als Blasen ansehen. 
Das ist auch eine Notwendigkeit. 

Das ist die furchtbare Illusion des Menschen. Das ist dieBegriindung 
des Pessimismus in der menschlichen Natur. Wer wenig Idee davon 
hat, wie tief so etwas in der Seele eines Menschen wirken kann, der 
wird nicht nachfuhlen konnen, wie hier der durchaus reale Lebens- 
widerspruch die ganze menschliche Seele durchwiihlen kann und selbst 
zu der Anschauung fiihren kann, dafi zu leben durch seine eigene We- 
senheit ein Ungliick ist. Es ist nur die Gedankenlosigkeit und die Emp- 
findungslosigkeit gegeniiber demjenigen, was uns heute auf der einen 
Seite wissenschaftliche Gewifiheit und auf der andern Seite Glaubens- 
gewifiheit geben wollen, die die Menschen nicht kommen lassen zu 
solcher inneren Lebenstragik. Denn eigentlich ware gegeniiber der 
heutigen moglichen Seelenverfassung der Menschheit diese Lebens- 
tragik die gegebene Seelenverfassung. 

Aber woher riihrt denn das Unvermogen, das zu solcher Lebens- 
tragik fiihrt? Es riihrt daher, daft wir uns seit Jahrhunderten eben ein- 
gesponnen haben als zivilisierte Menschheit in gewisse Abstraktionen, 
in einen Intellektualismus. Dieser Intellektualismus kann sich hoch- 
stens sagen: Es gaukelt uns die Naturnotwendigkeit durch merkwiir- 
dige Richtungen ein Freiheitsgefiihl vor. Das ist aber nicht vorhanden. 
Es ist nur in unseren Ideen vorhanden. Wir sind ohnmachtig gegeniiber 
der Naturnotwendigkeit. 

Die grofie Frage entsteht: Sind wir das nun wirklich? — Und nun 



merken Sie, wie die Vortrage, die ich nun seit Wochen hier gehalten 
habe, eigentlich alle auf die Frage hintendieren: Sind wir es in Wirk- 
lichkeit? Sind wir in Wirklichkeit so ohnmachtig mit diesem Wider- 
spruch? - Erinnern Sie sich, wie ich gesagt habe, dafi wir im mensch- 
lichen Leben nicht nur eine aufsteigende, sondern auch eine absteigende 
Entwickelung haben, dafi unser intellektuelles Leben nicht gebunden 
ist an die Wachstums-, sondern an die Absterbekrafte, an die abster- 
bende Entwickelung, daft wir das Sterben brauchen, gerade um die 
Intelligenz zu entwickeln. Erinnern Sie sich daran, wie ich vor einigen 
Wochen hier gezeigt habe, was es fiir eine Bedeutung hat, dafi mit be- 
stimmten Affinitaten und Wertigkekskraften in der Welt bestehende 
Elemente, meinetwillen Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stick- 
stoff, Schwefel sich verbinden zu dem Eiweifistoff ; wie ich Ihnen ge- 
zeigt habe, worauf dieses Verbinden beruht, wie es gerade nicht auf 
dem Chemisieren, sondern auf dem Chaotischwerden beruht, und Sie 
werden sehen, alle diese Betrachtungen tendieren dahin, das, was ich 
angedeutet habe, nicht nur als einen theoretischen Widerspruch aufzu- 
decken, sondern als einen Prozefi in der menschlichen Natur. Wir sind 
nicht nur, indem wir als Menschen leben, dazu da, einen solchen Wider- 
spruch zu empfinden, sondern unser inneres Leben ist ein fortwahren- 
der Zerstorungsprozeft desjenigen, was aufien in der Natur als Natur- 
kausalitat sich entwickelt. Wir losen in uns Menschen die Naturkausa- 
Htat in Wirklichkeit auf. Dasjenige, was aufien die physikalischen Vor- 
gange, die chemischen Vorgange vorstellen, in uns wird es riickgangig 
entwickelt, wird es nach der andern Seite entwickelt. Natiirlich wird 
uns das nur dann klar, wenn wir den unteren und den oberen Menschen 
ins Auge fassen, wenn wir dasjenige, was im unteren Menschen vom 
Stoffwechsel heraufkommt, in seiner Entmechanisierung, Entphysi- 
zierung, Entchemisierung durch den oberen Menschen ins Auge fassen. 
Wenn wir die Entstofflichung im Menschen ins Auge zu fassen suchen, 
dann haben wir nicht nur einen logischen, theoretischen Widerspruch 
in uns, sondern wir haben den realen Prozefi: wir haben denMenschen- 
werde- und Menschenentwickelungsprozefi als denjenigen in uns, der 
selber kampft gegen die Naturkausalitat, und das Menschenleben als 
ein solches, welches darinnen besteht, dafi es ein Kampf ist gegen die 



Naturkausalitat. Und der Ausdruck dieses Kampfes, der Ausdruck des- 
jenigen, was in uns fortwahrend die physische Synthese, die chemische 
Synthese lost, wiederum analysiert, der Ausdruck des analytischen 
Lebens in uns falk sich zusammen in der Empfindung: Ich bin frei. 

Dasjenige, was ich Ihnen jetzt in ein paar Worten hingestellt habe, 
also die Betrachtung des Menschen in seinem Werdeprozesse als einem 
Kampfprozesse gegen die Naturkausalitat, als eine umgekehrte Natur- 
kausalitat, das wollen wir in den nachsten Vortragen nun hier be- 
trachten. 



SIEBZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 5. August 1921 



Um unser neuzeitliches Geistesleben und seine Entwickelungsmoglich- 
keiten fur die Zukunft zu verstehen, habe ich in den letzten Betrach- 
tungen hier emiges vorgebracht, und im Verlaufe dieser Betrachtungen 
sagte ich, dafi es notwendig scheint, den Hergang zu beachten, der sich 
abgespielt hat im Laufe der Menschheitsentwickelung und der dann zu 
der Seelenverfassung gefiihrt hat, in welcher dieses neuzeitliche Geistes- 
leben sich befindet. 

Fassen wir noch einmal einiges ins Auge, das dieses neuzeitliche 
Geistesleben charakterisiert. Aus den verschiedensten Untergriinden 
heraus haben wir uns ja wohl zu der tJberzeugung durchgerungen, dafi 
der Grundton dieses Geisteslebens der Intellektualismus ist, das intel- 
lektuelle, verstandesmafiige Sich-Verhalten zur Welt und zum Men- 
schen selbst. Es widerspricht dem nicht, dafi in der neuesten Zeit das 
Wesentliche der gegenwartigen Weltanschauung in der Beobachtung 
und in der Verarbeitung der aufieren, mit den Sinnen zu beobachtenden 
Erscheinungen gesucht wird. Das insbesondere soil sich uns noch in 
diesen Tagen zeigen. Der Intellektualismus als solcher ist zunachst im 
Verlaufe der Menschheitsentwickelung hervorgetreten, man kann sagen, 
in dem Zeitraume, der dreihundert Jahre umfafit vor dem Mysterium 
von Golgatha, und er hat sich dann allmahlich heraufentwickelt zu 
einer Hohe, iiber die er eigentlich nicht mehr weiter fortgeschritten ist 
in den drei Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha. Im 
Laufe der sechs Jahrhunderte etwa, kann man sagen, ist die Menschheit 
in diesem Intellektualismus erzogen worden. Und er hat sich heraus- 
entwickelt aus einer spirituellen Weltanschauung, aus jener spirituellen 
Weltanschauung, die in diesem Zeitalter, in diesen sechs Jahrhunderten 
zum Abfluten kommt. Man kann mit aufieren Dokumenten - darauf 
machte ich ja schon aufmerksam - das Abfluten dieser Weltanschauung 
kaum studieren, da die spatere Ausbreitung des Christentums es sich 
hat angelegen sein lassen, mit wenigen Ausnahmen die gnostischen 
Urkunden zu vernichten. 



Diese gnostischen Urkunden, sie sind dasjenige in der menschlichen 
Weltanschauungsentwickelung, das auf der einen Seite etwas aufge- 
nommen hat aus alteren Traditionen, aus dem, was an alter Weisheit 
vorhanden war in Asien, in Afrika, in Siideuropa; aus dem, was eben 
in diesen spateren Zeiten nach den Fahigkeiten der Menschen, die ins 
iibersinnliche Schauen nicht mehr weit hinaufgingen, da noch erreich- 
bar war. Jene altere Weisheit, die noch ihre letzten Nachklange hat in 
den vorsokratischen griechischen Philosophen und die noch etwas her- 
einscheint in den Ausfuhrungen des Plato, diese Weltanschauung, sie 
hat nicht mit Intellektualismus gearbeitet. Sie hat ihren Inhalt im 
wesentlichen, wenn auch auf instinktive Art, so doch durch ubersinn- 
liches Schauen gewonnen. Dieses iibersinnliche Schauen gibt ja zu 
gleicher Zeit dasjenige mit, was man nennen konnte eine innere logische 
Systematik. Man braucht nicht die intellektuaHstische Verarbeitung, 
wenn man den Inhalt des ubersinnlichen Schauens in sich tragt, denn 
er hat die logische Struktur durch seine eigene Wesenheit in sich. 

Aber eben die Fahigkeit, zu diesem ubersinnlichen Inhalte zu kom- 
men, die ging allmahlich der Menschheit verloren. Und die letzte Phase 
war dasjenige, was in der Gnostik erhalten ist. Aber die Gnostik ist nun 
schon durchsetzt von Intellektualismus. So daft man sagen kann, dafi 
fur die Menschheitsentwickelung in gewisser Beziehung der Intellek- 
tualismus aus der Gnostik herausgeboren wird. Er wird geboren aus 
libersinnlichem, aus spirituellem Inhalte. Der spirituelle Inhalt versiegt 
und das Intellektuelle bleibt zuriick. 

Der in erster Linie tonangebende Geist, der nun schon ganz mit 
Intellektualismus arbeitet und bei dem man schon klar sieht - bei Plato 
tritt das noch nicht hervor wie die altere Spiritualitat aufgehort hat 
und der Mensch versucht, zu einer Weltanschauung zu kommen durch 
intellektuelle innere Arbeit, das ist Aristoteles. Aristoteles ist gewisser- 
mafien der erste wirklich intellektualistisch arbeitende Mensch in der 
Menschheitsentwickelung selber. Uberall treten einem noch bei ihm 
solche Aufstellungen entgegen, die zeigen, wie traditionell lebendig 
noch die Erinnerung war an alte, auf iibersinnliche Weise gewonnene 
Erkenntnisse. Aristoteles weifi von diesen Erkenntnissen. Er fiihrt sie 
an da, wo er von seinen Vorgangern spricht; aber er ist nicht mehr in 



der Lage, mit dem, was er da anfiihrt, einen wirklichen, innerlich er- 
lebten Inhalt zu verbinden. Man sieht schon in einem hohen Grade 
bei ihm zum blofien Worte werden dasjenige, was vorher intensives 
Erlebnis war. Dagegen arbeitet er im eminenten Sinne intellektua- 
listisch. 

Durch die besondere Konfiguration der griechischen Kultur ist Ari- 
stoteles nicht Gnostiker. Aber in der damals noch reichlich vorhan- 
denen Gnostik, die sich ja bis in die nachchristlichen Jahrhunderte 
hinein fortgepflanzt hat, ist ein intellektualistisches Erfassen des alten 
spirituellen, aber nicht mehr erlebten Inhaltes vorhanden. Man hat 
gewissermafien ein Schattenbild der alten spirituellen Weisheit in dem- 
jenigen, was die Gnostiker darstellen. Und im Grunde kann man sehen, 
wie nach und nach der Menschheit iiberhaupt die Moglichkeit verloren- 
geht, noch einen Sinn zu verbinden mit dem, was einmal ubersinnlich 
gegeben war. Vollstandig ist dieser Punkt, dafi man mit dem alten 
Spirituellen keinen Sinn mehr verbinden kann, eben im 4. nachchrist- 
lichen Jahrhunderte erreicht. Und gerade bei einem solchen Geiste wie 
Augustinus zeigt sich im eminentesten Sinne klar, wie er aus alien Tie- 
fen der menschlichen Seele heraus nach einer Weltanschauung ringt, 
wie er aber unmoglich zu einer solchen kommen kann aus irgendeiner 
Spiritualitat heraus, und wie er daher zuletzt landet bei der Annahme 
desjenigen, was ihm dogmatisch von der katholischen Kirche darge- 
boten wird. 

Inhalt hat nun dieses abendlandische Geistesleben - von dem wollen 
wir zunachst sprechen - namentlich in denjenigen Jahrhunderten be- 
kommen, die auf die ersten vier nach dem Mysterium von Golgatha 
folgen; Inhalt hat es bekommen durch dasjenige, was von christKcher 
Seite her iiberliefert wurde, was allmahlich in Dogmen, das heifit, in 
intellektualistische Gedankenformen gepragt worden ist, was aber 
bezogen wurde auf einen Inhalt, der einmal im ubersinnlichen Schauen 
erlebt worden war, der aber eben nur noch als Erinnerung vorhanden 
war. Aber es war nicht mehr die Moglichkeit vorhanden, die Verbin- 
dung des Menschen mit diesem ubersinnlichen Inhalte zu durchschauen, 
das heilk, den Sinn dieses ubersinnlichen Inhaltes irgendwie an den 
Menschen heranzubringen. Und so gestaltete sich denn in den folgen- 



den Jahrhunderten, bis ins 15. herein, wesentlich die Erziehung der 
Menschheit zum Intellektualismus aus. 

Wer das Geistesleben vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert bis 
ins 15. hinein verfolgt mit alldem, was da durchgemacht war zunachst 
unter den ersten Kirchenlehrern bis herauf zu Scotus Erigena, bis zu 
Thomas von Aquino und Albertus Magnus, mit dem, was da durchlebt 
worden ist, ihn kann es ja wirklich weniger interessieren durch den 
Inhalt, der vermittelt wird, als durch die durch und durch bedeutungs- 
volle Erziehung, welche da durchgemacht worden ist zu jenem Intellek- 
tualistischen in der Seelenverfassung. In bezug auf die Intellektualitat, 
auf die VerarbeitungdesBegriff lichen haben es ja die christlichen Philo- 
sophen aufs hochste gebracht. Und wenn man sagen kann auf der einen 
Seite: Die Geburt des Intellektualismus war vollendet im 4. nachchrist- 
lichen Jahrhundert -, so kann man sagen : Dieser Intellektualismus als 
Technik, als Denktechnik, wurde ausgebildet bis in das 15. Jahrhundert 
hinein. - Dafi iiberhaupt das Element des Intellektualismus vom Men- 
schen erfafit werden konnte, das spielte sich ab im 4. Jahrhundert. 
Aber der Intellektualismus mufke zunachst innerlich durchgearbeitet 
werden. Und es ist ja wirklich bewundernswert, was nach dieser Rich- 
tung hin geleistet worden ist bis in die Zeit der Hochscholastik hinein. 

In dieser Beziehung konnten ja moderne Denker aufierordentlich 
viel lernen, wenn sie ihre Begriffsbildungsfahigkeit wiederum heran- 
schulen wiirden an demjenigen, was da an Begriffstechnik die Scho- 
lastiker der katholischen Kirche entwickelt haben. Wenn man an das 
verlotterte Denken, das innerhalb der heutigen Wissenschaft gang und 
gabe ist, denkt, wenn man daran denkt, wie gewisse Begriffe, ohne die 
man zu einer Weltanschauung iiberhaupt nicht kommen kann — zum 
Beispiel der Begriff der Subsistenz gegeniiber der Existenz -, geradezu 
ihrem innerlichen Gehalte nach verlorengegangen sind, dafi Begriffe 
wie Hypothese einen Charakter angenommen haben, der ganz ver- 
schwommen ist, wahrend er bei den Scholastikern ein streng umrissenes 
Gedankengebilde darstellte, und wenn man vieles andere in dieser 
Richtung anfuhren wollte, so wurde man eben sehen, wie heute eigent- 
lich eine Beherrschung der Gedankentechnik gar nicht vorhanden ist 
im ublichen Geistesleben, und wieviel gelernt werden konnte dadurch, 



dafi sich die Menschen wiederum bekanntmachten mit dem, was bis ins 
15. Jahrhundert hinein an Denktechnik, das heilk, an Technik des 
Intellektualismus ausgebildet worden ist. Der Grund, warum auf die- 
sem Gebiete geschulte Denker so voraus sind auch den modernen Philo- 
sophen, ist ja, dafi diese Denker eben das scholastische Element in sich 
aufgenommen haben. 

Es ist geradezu ein Wohltuendes, mochte ich sagen, wenn man aus 
dem verlotterten Denken der neueren Wissenschaftsliteratur zu einem 
solchen Buche greift,wie die «Geschichte des Idealismus» von Willmann 
ist, mit dem man selbstverstandlich dem Inhalte nach heute nicht ein- 
verstanden sein kann, der einem seinem Inhalte nach volHg wider- 
strebt; aber es zeigt sich darinnen eine Denktatigkeit, in der man sich 
eben als solcher gegeniiber dem eben Charakterisierten aufierordentlich 
wohlbefinden kann. Diese «Geschichte des Idealismus» von Otto Will- 
mann sollte auch von denjenigen gelesen werden, die auf einem ganz 
andern Gesichtspunkte stehen. Denn wie da die Probleme seit Plato 
behandelt werden mit einer volligen Beherrschung der scholastischen 
Denktatigkeit, das kann zum mindesten nur aufierordentlich diszipli- 
nierend fiir einen modernen Menschen wirken. 

Es war also im wesentlichen dem 4. Jahrhunderte bis zum 15. Jahr- 
hunderte gegeben, diese Denktechnik auszubilden. Nun ist zunachst 
diese Denktatigkeit eingelaufen in ein ganz bestimmtes Verhalten der 
menschlichen Erkenntnisfahigkeit zu dem Weltinhalte. Man kann 
sagen: Solche Geister wie Albertus Magnus, Thomas Aquinas, sie 
haben die Stellung der Denktatigkeit zu dem Weltinhalte in dem 
Punkte, bis zu dem sie damals ausgebildet war, in einer fiir die da- 
malige Zeit durchaus einwandfreien Weise klar dargestellt. 

Wie tritt uns diese Darstellung entgegen? Diese Denker hatten zu- 
nachst dasjenige, was ich auf diese Weise eben charakterisiert habe, 
herriihrend aus alten Traditionen, aus alten tJberlieferungen, aber sei- 
nem Sinne nach nicht mehr verstanden, als Dogmatik erhalten. Das 
hatten sie zunachst zu schiitzen als den Inhalt einer ubernaturlichen, 
einer - was dazumal ziemlich gleichbedeutend war - ubersinnlichen 
Offenbarung. Diese Offenbarung bewahrte die Kirche durch ihr Lehr- 
amt. Dasjenige, was zu sagen war iiber die ubersinnlichen Welten, das 



glaubte man enthalten in der Dogmatik der Kirche. Und das, was man 
in dieser Dogmatik hatte, das sollte hingenommen werden als Offen- 
barung, an die menschliche Vernunft, also menschliche Intellektualitat 
nicht heran kann. 

Auf der einen Seite also war es fur diese Zeit des Mittelalters ganz 
selbstverstandlich, daft man die im hohen Grade ausgebildete intellek- 
tuelle Technik anwandte; auf der andern Seite war es klar, daft diese 
Intellektualitat nicht irgendwie etwas ausmachen durfte iiber den In- 
halt der Dogmatik. Es wurden die hochsten Wahrheiten, deren der 
Mensch bedurfte, in dieser Dogmatik gesucht. Sie muftten aus der iiber- 
naturlichen Theologie entnommen werden, und es war darinnen im 
wesentlichen alles enthalten, was sich eigentlich auf die hoheren Schick- 
sale des menschlichen Seelenlebens bezieht. Dagegen waren diese An- 
schauungen durchdrungen davon, daft mit Hilfe der ausgebildeten 
Intellektualitat die Natur begriffen und erklart werden konne, daft 
man auch noch aus der Ratio, also der Intellektualitat heraus dazu 
kommen konne, mit einer gewissen Abstraktion Weltenanfang und 
Weltenende zu begreifen, daft man auch noch das Dasein Gottes be- 
greifen kann und so weiter. Diese Dinge wurden durchaus, aber in einer 
gewissen abstrakten Form, zu denjenigen gerechnet, die sich noch er- 
reichen lassen durch die intellektualistische Technik. Es war also im 
Grunde genommen die menschliche Erkenntnis gespalten in die zwei 
Gebiete: in das Gebiet des Ubersinnlichen, das nur durch Offenbarung 
an die Menschheit hat herankommen konnen und das bewahrt worden 
ist in der christlichen Dogmatik, und das andere Gebiet, das Natur- 
erkenntnis enthielt, soweit man sie dazumal hatte, das aber erreicht 
werden sollte seinem ganzen Umfange nach durch intellektualistische 
Technik. 

Diese Zweiheit des Erkenntniswesens fur das Mittelalter muft man 
durchaus durchdringen, wenn man die neuzeitliche Geistesentwicke- 
lung verstehen will; denn mit dem 15. Jahrhundert kamen langsam 
und dann immer schneller die Gebiete herauf , die dann den Inhalt der 
modernen naturwissenschaftlichen "Weltanschauung bildeten. Der In- 
tellekt hatte sich fur sich selbst in seiner Technik bis ins 15. Jahrhundert 
ausgebildet, aber er hatte in dieser Zeit wesentlich sich bereichert durch 



inhaltliches Naturwissen. Was an Naturwissen vorhanden war, war 
bis zu dieser Zeit Altiiberliefertes, wenig mehr Verstandenes. Der In- 
tellekt hatte sich gewissermafien nicht erprobt an. einem unmittelbaren 
elementaren Inhalt. 

Das geschah erst, als die Taten Kopernikus, Galileis und so weiter 
in die neuzeitliche Wissensentwickelung eintraten. Da kam die Zeit, 
wo nun der Intellekt nicht mehr blofi seine Technik ausbildete, sondern 
wo dieser Intellekt sich zu schaffen machte mit der aufieren Welt. Man 
kann ja insbesondere sehen, wie solch ein Geist wie Galilei mit der aus- 
gebildeten Gedankentechnik zuerst herangeht an den aufieren sinnen- 
falligen Weltinhalt. Das ist nun dasjenige, was dann im Laufe der 
nachsten Jahrhunderte bis ins 19. Jahrhundert herauf vorzugsweise die 
Beschaftigung der nach Wissen strebenden Menschheit geworden ist: 
die Auseinandersetzung des Intellektes mit dem Naturwissen. 

Was aber lebte fort in dieser Auseinandersetzung des Intellektes mit 
dem Naturwissen? Man mufi da nur nicht nach vorgefafiten Begriffen, 
sondern nach psychologischen, historischen Tatsachen gehen. Man mufi 
sich vollig klarwerden dariiber, dafi ja die Menschheit nicht nur Theo- 
rien von einem Zeitalter in das andere hineintragt, sondern dafi sich in 
einer ganz aufierordentlich starken Weise festgesetzt hatte durch die 
christliche Philosophenentwickelung hindurch der Drang, das intellek- 
tuelle Element nur auf die Sinneswelt anzuwenden und das tJbersinn- 
liche nicht davon beriihrt werden zu lassen. Als Siinde hatte es ge- 
golten f iir einen nach Erkenntnis Strebenden, wenn er das ubersinnliche 
Gebiet hatte beriihren wollen mit der Intellektualitat. 

Das gibt eine gewisse Gewohnheit. Solche Gewohnheiten leben fort. 
Die Menschen werden sich ihrer nicht voll bewufit, aber sie handeln 
unter dem Einflusse dieser Gewohnheiten. Und aus dieser Gewohn- 
heit - also aus einer durch den Einflufi der christlichen Dogmatik er- 
zeugten Gewohnheit - ist der Trieb entstanden in den dem 19. voran- 
gehenden Jahrhunderten, sich mit der Intellektualitat nur an die aufiere 
sinnliche Beobachtung zu halten. Geradeso wie die Hochschulen im 
allgemeinen Fortsetzungen waren der von der Kirche eingerichteten 
Schulen, so war die Wissenschaft, die an diesen Hochschulen getrieben 
wurde, in bezug auf das Naturwissen durchaus eine Fortsetzung des- 



jenigen, was als das Richtige auf dem Gebiete des Naturwissens von 
der Kirche anerkannt worden ist. Das Streben, nur aufiere sinnliche 
Empirie hereinzunehmen in das Wissen, ist durchaus ein Nachklang 
einer aus der christlichenDogmatik hervorgehenden Seelengewohnheit. 

Parallel mit diesem Hinlenken des Intellektes auf die aufierliche 
sinnliche Welt ging immer mehr und mehr das Abblassen desjenigen, 
was von der Seele aus nach dem Inhalte der ubersinnlichen Dogmatik 
hin gerichtet war. Man hatte eben wiederum eine Moglichkeit, selbst 
zu forschen; wenn auch nur einen sinnlichen Inhalt zu bekommen fur 
die Intellektualitat, so doch eben einen Wissensinhalt zu bekommen. 

Unter dem Einflusse, ich mochte sagen, des immer positiver und 
positiver werdenden Wissensinhaltes aus der Sinnenwelt, verblafite der 
dogmatische Inhalt. Man konnte nun nicht einmal mehr diejenige Be- 
ziehung der Menschenseele zu diesem ubersinnlichen Inhalt gewinnen, 
die eben nach dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte noch da war wie 
eine Erinnerung an etwas,was einmal in uralten Zeiten von derMensch- 
heit erlebt worden war. Das was sich auf die ubersinnlichen Welten 
bezog, verblafke eben allmahlich ganz und gar, und es ist ja nur ein 
kunstliches Forterhalten des ubersinnlichen Inhaltes, was wir erleben 
in den Geistesentwickelungen der letzten drei, vier Jahrhunderte. Der 
aus der Sinneswelt entlehnte und mit dem Intellekt bearbeitete Inhalt 
wird immer reichlicher und reichlicher. Die Menschenseele durchdringt 
sich damit; das Hinweisen zu dem ubersinnlichen Inhalte verblaik 
immer mehr und mehr. Auch das ist durchaus ein Ergebnis der christ- 
lich-dogmatischen Entwickelung. 

Dann kam das 19. Jahrhundert, fur das eine eiementare Beziehung 
der Menschenseele zum ubersinnlichen Inhalt vollig verblalk war, und 
fur das es immer mehr und mehr notwendig wurde, kiinstlich, man 
mochte sagen, sich einzureden, dafi die Annahme einer ubersinnlichen 
Welt dennoch eine Bedeutung habe. Und so bildete sich namentlich im 
1 9. Jahrhundert die allerdings schon vorher gut vorbereitete Lehre her- 
aus von den zwei Erkenntniswegen: dem Wege des Wissens und dem 
Wege des Glaubens. Eine ganz und gar auf blofie subjektive Uber- 
zeugung gebaute Glaubenserkenntnis sollte noch dasjenige stiitzen, was 
sich traditionell von der alten Dogmatik erhalten hatte. Daneben war 



man immer mehr und mehr, ich mochte sagen, iiberwaltigt von dem- 
jenigen, was die Sinneswelt an Erkenntnissen dargeboten hat. So war 
im Grunde genommen die Lage der Entwickelung der europaischen 
Geisteswelt gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts: reich fliefiende 
Erkenntnis der Sinneswelt, problematische Stellung zu der iibersinn- 
lichen Welt. Wahrend man beim Forschen in der Sinneswelt uberall 
Grund und Boden unter den Fiifien hatte, wahrend man uberall hin- 
weisen konnte auf die Tatsachen, die sich eben aus der aufieren Beob- 
achtung ergaben und die man zusammenfassen konnte zu einer Art von 
Weltbild, das allerdings nur sinnliche Inhalte enthielt, das aber doch 
sich immer mehr und mehr vervollstandigte mit Bezug auf diese sinn- 
lichen Inhalte, war es eine Art krampfhaften Bestrebens, eine Glaubens- 
iibersicht festzuhalten von dem Ubersinnlichen. Und besonders bemer- 
kenswert in dieser Beziehung ist die Entwickelung der Theologie im 
19. Jahrhundert, namentlich der Christologie, bei der man sieht, wie 
nach und nach eigentlich aller iibersinnlicher Inhalt des Christus- 
Begriffes verlorengeht und zuletzt nichts anderes iibrig bleibt als der 
in der Sinneswelt anwesende Jesus von Nazareth, dasjenige, was also 
im gewohnlichen Sinnes- und im intellektualistischen Sinnenleben als 
ein Mitglied der Menschheitsentwickelung betrachtet werden konnte. 
Und es entstanden diejenigen Bestrebungen, die nun versuchten, das 
Christentum auch gegeniiber der modernen Aufklarung und Wissen- 
schaftlichkeit zu halten, indem sie es ja durchkritisierten, bei dieser 
Durchkritisierung auf losten, den Evangelieninhalt siebten und dadurch 
in gewisser Weise wenigstens eine Berechtigung herausdefinierten fur 
den Glaubenshinweis auf eine iibersinnliche Welt. 

Es ist nun merkwurdig, welche Gestalt diese Entwickelung gerade 
in der Mitte des 19. Jahrhunderts angenommen hat. Gerade derjenige, 
der sich mit moderner Geisteswissenschaft beschaftigt, darf dieses Ent- 
wickelungsstadium menschlicher Erkenntnis nicht iibersehen. Bei denen, 
die in der neueren Zeit vielfach iiber Geist und Geistesleben sprachen, 
wird in dilettantischer Weise abgefertigt, was in der Mitte des 19. Jahr- 
hunderts in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist als Ma- 
terialisms. Gewifi, bei diesem Materialismus stehenzubleiben, ist eine 
Oberflachlichkeit; aber eine noch grofiere Oberflachlichkeit ist, sich zu 



diesem Materialismus dilettantisch zu verhalten. Es ist ja verhaltnis- 
mafiig leicht, sich einige Begriffe von Geist und Geistesleben anzu- 
eignen und dann abzusprechen iiber dasjenige, was im Materialismus 
des 19. Jahrhunderts heraufgezogen ist; aber man mufi die Sache von 
einem andern Gesichtspunkte aus betrachten. 

Wahr ist es, dafi zum Beispiel ein solcher Denker - und er ist in der 
Reihe der materialistischen Denker vielleicht einer der allerhervor- 
ragendsten - wie Heinrich Czolbe 1855 in seinem Buch «Neue Dar- 
stellung des Sensualismus. Ein Entwurf» diesen Sensualismus gerade- 
zu dadurch definiert hat, dafi er sagte: Dieser Sensualismus bedeutet 
ein Erkenntnisstreben, das von vorneherein das Obersinnliche aus- 
schliefit. - So dafi man also in dem Czolbeschen System des Sensualis- 
mus etwas vor sich hat, was aus dem rein in der sinnlichen Beobach- 
tung Gegebenen die Welt und auch die Menschen erklaren will. Gerade 
dieses System des Sensualismus ist, man mochte sagen, auf der einen 
Seite oberflachlich, auf der andern Seite aufierordentlich scharfsinnig, 
Es wird wirklich da der Versuch gemacht, von der Wahrnehmung an- 
gefangen bis herauf in die Politik, alles in das Zeichen des Sensualismus 
zu riicken, alles so darzustellen, als wenn man es eben erklaren konnte 
aus dem, was Sinne beobachten konnen und was der Intellekt aus die- 
sen Sinnesbeobachtungen sich erkombinieren kann. 1855 ist dieses Buch 
erschienen, also in der Zeit, in der es noch nicht einen ausgesprochenen 
Darwinismus gegeben hat, denn Darwins erstes epochemachendesWerk 
ist ja erst 1859 erschienen. 

Dieses Jahr 1859 war Uberhaupt, wie ich schon ofter angedeutet 
habe, aufierordentlich einschneidend in der neueren Geistesentwicke- 
lung. Wir haben um diese Zeit erscheinend Darwins «Entstehung der 
Arten durch natiirliche Zuchtwahl». Wir haben in dieser Zeit herauf- 
kommend in der Menschheitsentwickelung die Spektralanalyse, von 
der ja die Anschauung ausgegangen ist, dafi aus denselben Material- 
substanzen, aus denen das irdische Dasein besteht, das Weltenall auch 
besteht. Wir haben dann den Versuch, dasjenige zu erf assen, was friiher 
immer auf geistig-intellektuelle Weise behandelt worden ist, das asthe- 
tische Gebiet, durch aufierliche, sinnliche Empiric Gustav Theodor 
Fechners «Vorschule der Asthetik» erschien 1876. Und endlich, wir 



haben den Versuch, diese Denkweise, die in all dem Angefiihrten liegt, 
zu iibertragen auf das soziale Leben. Karl Marxens erstes grofieres 
okonomisches Werk erschien ebenfalls in diesem Jahre 1859. Diese 
vierte Erscheinung des neuzeitlichen materialistischen Geisteslebens, 
sie fallt bis auf das Jahr in dieselbe Zeit. Aber wie gesagt, vorange- 
gangen ist schon so etwas, wie Czolbes System des Sensualismus war. 

Wenn dann versucht worden ist, alles dasjenige, was seit jener Zeit 
reichlich an Tatsachen des aufieren Sinneslebens erkundet worden ist, 
mit materialistischen Weltanschauungen zu durchdringen, so darf man 
sagen: Diese materialistische Weltanschauung ist nicht geschaffen wor- 
den etwa durch den Darwinismus oder durch die Spektralanalyse, son- 
dern dasjenige, was Darwin so sorgfaltig zusammengetragen hat, das, 
was durchschaut werden konnte bis zu einem gewissen Grade in der 
Spektralanalyse, das, was erforscht werden konnte von Dingen selbst, 
die man friiher nur auf ganz anderem Wege erforschen wollte, wie es 
durch Fechners «Vorschule der Asthetik» geschehen ist, das ist getaucht 
worden in die schon vorhandene Anschauung des Sensualismus. Und 
der Materialismus, er war im Grunde genommen schon da; aber er ist 
hervorgegangen aus der Fortpflanzung jener Denkgewohnheit, die 
eigentlich ein Kind der scholastischen Denkweise ist. Man versteht 
diese neuzeitliche Geistesentwickelung und man versteht auch den 
Materialismus nicht, wenn man sich nicht klar dariiber ist,dafi er nichts 
anderes ist als eine Fortsetzung mittelalterlichen Denkens, nur mitWeg- 
lassung der Anschauung, dafi man aufsteigen miisse vom Denken zu 
dem, was iibersinnlich ist, eben nicht durch menschliche Vernunft und 
menschliche Beobachtung, sondern durch Of f enbarung, die in der Dog- 
matik gegeben ist. 

Dieses Zweite hat man einfach weggelassen. Aber die Grundiiber- 
zeugung fiir den einen Teil des Erkennens, fur den auf die Sinneswelt 
beziiglichen, hat man beibehalten. Und im Verlaufe des 19. Jahrhun- 
derts verwandelte sich dasjenige, was sich da herausgebildet hatte, 
dann so, dafi es erschien zum Beispiel in dem beriihmten «Ignorabi- 
mus» von Du Bois-Reymond aus dem Anfang der siebziger Jahre. Der 
Scholastiker sagte: Die menschliche Erkenntnis, von Intellekt durch- 
drungen, bezieht sich nur auf die aufiere Sinneswelt. Alles dasjenige, 



was der Mensch iiber das Obersinnliche erkennen soil, mufi ihm gegeben 
werden durch Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist. - Diese 
Offenbarung, die in der Dogmatik bewahrt ist, verblalk; aber die 
andere Grundiiberzeugung wird beibehalten. Sie spricht Du Bois- 
Reymond, allerdings in neuzeitlichem Gewande, scharf aus. Und er 
wendet dann dasjenige, was in der Scholastik so geklungen hat, wie ich 
es eben jetzt gesagt habe, in der Art an, dafi er sagt: Man kann nur das 
Sinnliche erkennen, soil nur das Sinnliche erkennen, denn ein Erkennen 
des Obersinnlichen gibt es nicht. 

Im Grunde genommen ist kein Unterschied zwischen dem einen 
Gebiete des Erkennens der Scholastik und demjenigen, was da, aller- 
dings in neuzeitlichem Gewande, bei den modernen Naturforschern - 
und Du Bois-Reymond war gewifi einer der modernsten - hervorge- 
treten ist. Es ist wirklich ganz besonders wichtig, dieses Hervorgehen 
der neueren Naturanschauung aus der Scholastik ernsthaft anzu- 
schauen, weil man immer glaubt, diese neuere Naturwissenschaft hatte 
sich im Gegensatze zur Scholastik gebildet. Wirklich, ebensowenig wie 
die neueren Universitaten in ihrer Struktur verleugnen konnen ihr 
Hervorgehen aus christlichen Unterrichtsanstalten des Mittelalters, 
ebensowenig kann die Struktur des neueren wissenschaftlichen Den- 
kens ihr Hervorgehen aus der Scholastik verleugnen, von der sie nur 
etwas abgestreift hat, wie ich vorhin sagte, eine bis ins hochst Aner- 
kennenswerte gehende Ausarbeitung derBegriffe und der Denktechnik. 

Diese Denktechnik ist auch verlorengegangen; daher werden ge- 
wisse Dinge, die sich da ergeben und die fur den wirklichen Denker 
unbefriedigend sind, in der modernen naturwissenschaftlichen Erwa- 
gungsweise mit Eleganz ubergangen. Aber dasjenige, was als Geist, als 
Sinn lebt in dieser modernen Naturerkenntnis, ist Kind der Scholastik. 

Nun war eben die Gewohnheit, sich auf das Sinnliche zu beschran- 
ken, da. Aber diese Gewohnheit hat ja auch durchaus Gutes gestiftet, 
denn sie brachte die Neigung hervor, sich nun eingehend mit den Tat- 
sachen der sinnlichen Welt zu beschaftigen. Man braucht nur zu be- 
denken, daft ja fiir die neuere Geisteswissenschaft, fur die anthropo- 
sophisch orientierte Geisteswissenschaft die sinnliche Welt ein Abbild 
ist der iibersinnlichen, dafi wirklich in demjenigen, was einem in der 



sinnlichen Welt entgegentritt, die Bilder des Obersinnlichen enthalten 
sind, dann wird man die Tragweite des Eindringens in die sinnlich- 
materielle Welt durchaus wiirdigen konnen. Wahrend man immer wie- 
der betonen mulS, dafi jene andere Art des Materialismus, die als Spiri- 
tismus hervorgetreten ist und die auf materielle Art den Geist erkennen 
mochte, etwas Unfruchtbares ist, weil der Geist natiirlich niemals sinn- 
lich anschaulich werden kann und daher die ganze Methodik schon ein 
Humbug ist, mufi man sich klar sein dariiber, dafi dasjenige, was mit 
den gewohnlichen normalen Sinnen des Menschen beobachtet und mit 
dem in der Menschheitsentwickelung herangebildeten Intellekt er- 
kombiniert worden ist aus dem sinnlichen Beobachten, durchaus eben 
Abbild der ubersinnlichen Welt ist, und daft daher ein Studium dieses 
Abbildes in einer gewissen Beziehung durchaus besser in die iibersinn- 
liche Welt hineinfiihrt als zum Beispiel der Spiritismus. Ich habe das 
in fruheren Zeiten oftmals so ausgedriickt, dafi ich sagte: Da setzen 
sich die Menschen um einen Tisch herum und zitieren Geister und sehen 
ganz ab davon, dafi so und so viel Geister ja um den Tisch herum- 
sitzen! Sie sollen sich bewufk sein ihres eigenen Geistes: der stellt ganz 
gewifi dasjenige dar, was sie suchen sollen. Aber weil sie diesen eigenen 
Geist vergessen, weil sie nicht diesen eigenen Geist erfassen mogen, 
suchen sie den Geist auf eine aufierlich materielle Weise durch allerlei 
den Laboratoriumsversuchen nachgeaf fte spiritistische Experimente. - 
Dieser Materialismus, der also arbeitet in den Bildern des Obersinn- 
lichen, ohne dafi er sich dessen bewufit ist, dafi er es mit Bildern des 
Ubersinnlichen zu tun hat, dieser Materialismus hat mit Bezug auf 
seine Forschungsmethodik eben doch Grofies geleistet, Groftes und Ge- 
waltiges geleistet. 

Gewifi, es war niemals bei den eigentlichen Sensualisten oder Ma- 
terialisten das Bestreben vorhanden - und bei Czolbe sieht man das 
schon ganz genau das Sinnenfallig-Gegebene auf ein Ubersinnliches 
irgendwie zu beziehen; aber es war das Bestreben vorhanden, das 
Sinnliche als solches in seiner Struktur, in seiner Gesetzmafiigkeit zu 
erkennen. Wenn man vergleicht, was noch in der ersten Halfte des 
19. Jahrhunderts vorhanden ist an Zusammenfassung von sinnlichen 
Tatsachen, so mufi man sagen, es ist noch Stiickwerk gegen die Arbeit, 



die etwa von den vierziger Jahren im 19. Jahrhundert ab geleistet wird. 
Und als dann gar mit einem grofien Gesichtspunkt der Darwinismus 
auftrat, der Darwinismus, der jedenfalls in der Person Darwms selbst 
das gebracht hat,dafi eine Fiille vonTatsachen unter gewissen Gesichts- 
punkten zusammengegliedert worden ist, da zeigte sich, dafi zunachst 
e'in Prinzip des Suchens, eine Methode des Suchens dadurch gegeben war. 

Es hat vorsichtige Naturforscher im 19. Jahrhundert gegeben, wie 
zum Beispiel den Naturforscher Gegenbaur. Gegenbaur ist niemals 
vollstandig zum Darwinisten etwa im Haeckelschen Sinne geworden. 
Aber was Gegenbaur, der ja auch die Arbeit Goethes mit Bezug auf die 
Umwandelung der Wirbelknochen, Schadelknochen, fortgesetzt hat, 
ganz besonders betont hat, das ist, dafi, wie es auch stehen mag um die 
Wahrheit, um die absolute Wahrheit des Darwinismus, er eine Methode 
heraufgebracht hat, durch die man dazu gelangt ist, die Erscheinungen 
so aneinanderzureihen und miteinander zu vergleichen, daft man tat- 
sachlich bemerkt hat, was man ohne diese Methode, ohne einen Dar- 
winismus eben, nicht bemerkt hatte. 

Gegenbaur meinte etwa: Wenn auch alles dasjenige, was an Dar- 
winistischer Theorie vorhanden ist, einmal verschwindet, diese Dar- 
winistische Theorie hat eine gewisse Art, die Forschung zu handhaben, 
hervorgebracht, so daft man Tatsachen gefunden hat, die man ohne 
diese Handhabung nicht gefunden hatte. Es war allerdings eine gewisse 
praktische Anwendung des «Als-Ob-Prinzips». Allein diese praktische 
Anwendung des Als-Ob-Prinzips ist ja nicht so toricht wie die philo- 
sophische Festsetzung des Als-Ob-Prinzips, wie sie dann in der spa- 
teren Zeit aufgetreten ist. 

Und so konnte es kommen, daft in der zweiten Halfte des 19. Jahr- 
hunderts eigentlich eine merkwiirdige Struktur des Geisteslebens sich 
ergab. Die Philosophic hatte sich ja in der letzteren Zeit - und diese 
letztere Zeit geht gar nicht weit zuriick - im Grunde immer aus dem 
Theologischen heraus ergeben. Wer in Hume und Kant nicht mehr das 
theologische Element sieht, der kann eben so etwas nicht durchschauen. 
Das Philosophische ist durchaus aus dem Theologischen hervorge- 
gangen, hat in einer gewissen Weise in intellektuellen Begriffen das- 
jenige verarbeitet, was so halb ins T)bersinnliche hinaufschillerte. Und 



weil es noch immer ein ins Obersinnliche Hinaufschillerndes war, was 
die Philosophic behandelt hat, so machte ihr die Naturwissenschaft 
von der Mitte des 19. Jahrhunderts an immer mehr und mehr den 
Krieg. Es war ja einmal verblafit die Hinneigung zu diesem iibersinn- 
lichen Gehalte der menschlichen Erkenntnis. Die Naturwissenschaft 
hatte Gehalt. Zu ihr mufite man Vertrauen haben. In ihr hatte man 
etwas Substantielles. Und demgegeniiber, was da immer reichlicher in 
der Naturwissenschaft quoll und was sich allerdings bis zu manchmal 
skeptisch erfafiten philosophischen Problemen hin entwickelte, dem- 
gegeniiber stand eigentlich die philosophische Entwickelung machtlos 
da. Und es ist ja interessant, dafi die eindringlichste Philosophic in der 
zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts auf das Unbewufke, nicht mehr 
auf das Bewufite, hinweisen mufite. Also aus dem Intellekt herausge- 
worfen wurde die Philosophic Eduard von Hartmanns, weil sie iiber- 
haupt noch bestehen wollte als Philosophic Und so haben wir denn 
das merkwurdige Schauspiel - je mehr das 19. Jahrhundert sich zum 
Ende neigt, haben wir das merkwurdige Schauspiel -, dafi die Philo- 
sophic immer inhaltsloser und inhaltsloser wurde, dafi sie immer mehr 
und mehr in das Bestreben verfiel, eigentlich ihr Dasein noch zu recht- 
fertigen. Denn die scharfsinnigsten Philosophen wie etwa Otto Lieb- 
mann, die sind ja vorzugsweise bestrebt, das Dasein der Philosophic 
noch etwas zu rechtfertigen. 

Aber es ist gar keine so geringe Verwandtschaft zwischen einem sol- 
chen Philosophen wie Otto Liebmann, der noch das Dasein der Philo- 
sophic rechtfertigen will, und einem solchen Philosophen, der das Buch 
schrieb: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende», Richard Wahle,det 
in durchaus scharfsinniger Weise sich zur Aufgabe setzte, zu beweisen, 
dafi es eine Philosophie gar nicht geben konnte, und der deshalb auch 
eine Lehrkanzel fur Philosophie an einer osterreichischen Universitat 
erhielt fiir eine Wissenschaft, die es also, nach seinem Beweise, gar 
nicht geben kann! 

In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts haben wir dann ein 
merkwiirdiges Entwickelungsstadium dieses Ergebnisses neuzeitlicher 
Gedankenerkenntnisentwickelung. Wir haben auf der einen Seite das 
Bestreben in der Naturwissenschaft, zu einer umfassenden Welt- 



anschauung vorzuriicken, alles Offenbarungsmafiige, Obersinnliche 
abzuweisen, und auf der andern Seite eine ohnmachtige Philosophic 

Das trat, man mochte sagen, ganz besonders bedeutsam in den neun- 
ziger Jahren des 19. Jahrhunderts hervor, ergibt sich aber durchaus als 
ein notwendiges Resultat der vorangehenden Entwickelung. Wir wer- 
den diese Entwickelung dann morgen weiterverfolgen. Ich mochte nur, 
dafi Sie besonders dieses festhalten, dafi man ja den neuzeitlichen Ma- 
terialismus von dem Gesichtspunkte aus betrachten mufi, dafi das- 
jenige, was im materiellen Dasein sich zunachst darlebt, ein Abbild des 
Obersinnlichen ist. Der Mensch selbst, so wie er sich darstellt zwischen 
Geburt und Tod, ist ein Abbild desjenigen, was er ubersinnlich durch- 
gemacht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Und wer 
die Seele im Materiellen sucht, sucht eben am falschen Orte. 

Das ist die Grundfrage, die aufgeworfen werden mufi gegeniiber 
dem Materialismus des 1 9. Jahrhunderts, wenn man ihn historisch be- 
greifen will: Inwiefern war er berechtigt? - Denn nicht dadurch, dafi 
man ihn bekampft, versteht man ihn in seinem historischen Werden, 
sondern dadurch, dafi man erfafk, was ihm allerdings fehlte, was ihm 
aber in einer gewissen Weise fehlen mufite, weil eine unmittelbar vor- 
hergehende Zeit das Geistig-Seelische am falschen Orte gesucht hat. 
Man hat geglaubt, man konne das Geistig-Seelische finden, wenn man 
es im gewohnlichen Sinne im Sinnlichen drinnen sucht, durch irgend- 
welche Erwagungen oder dergleichen. Das kann man nicht. Man kann 
es nur finden, wenn man iiber das Sinnliche hinausgeht. Uber das Sinn- 
liche hinausgehen wollten und konnten der Sensualismus und der Ma- 
terialismus nicht. Er blieb beim Bilde, und er nahm das Bild fur die 
Wirklichkeit. Das ist sein eigentliches Wesen. Von diesem Wesen wol- 
len wir dann morgen mehr sprechen. 



ACHTZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 6. August 1921 



Gestern versuchte ich darzulegen, wie von der Mitte des 19. Jahrhun- 
derts ab ein gewisser Hohepunkt in der sensualistischen oder materia- 
listischen Weltanschauung sich allmahlich heranbildete und wie gegen 
das Ende des 19. Jahrhunderts, wenigstens von einem gewissen Gesichts- 
punkte aus, dieser Hohepunkt erreicht war, Sehen wir uns zunachst 
einmal an, wie die aufieren Tatsachen der Menschheitsentwickelung 
sich dargestellt haben unter dem Einflusse der materialistischen Welt- 
anschauung. Diese materialistische Weltanschauung kann ja nicht etwa 
so angesprochen werden, als ob sie blofi hervorgegangen sei aus der 
Willkiir einer Anzahl von fuhrenden Personlichkeiten. Denn, auch 
wenn man das auf verschiedenen Seiten ableugnet, diese materialisti- 
sche Anschauung fufit gerade auf demjenigen, wodurch die wissen- 
schaftlichen Oberzeugungen und wissenschaftlichen Forschungsergeb- 
nisse des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts grofi geworden 
sind. Die Menschheit hat zu diesen wissenschaftlichen Ergebnissen 
kommen miissen. Sie haben sich vorbereitet im 15. Jahrhundert und 
haben einen gewissen Hohepunkt, wenigstens insofern sie menschheits- 
erziehend sind, eben im 19. Jahrhundert erreicht. Wiederum konnte 
sich auf Grundlage dieser Wissenschaftsgesinnung nichts anderes aus- 
bilden als eine gewisse materialistische Weltanschauung. 

Ich bin gestern dabei stehengeblieben, zu sagen: Geradezu radikal 
hervorgetreten ist das, um was es sich da eigentlich handelte - wenig- 
stens in den Symptomen nach aufien hin -, in dem, was man charak- 
terisieren kann als die Stellung Haeckels etwa zu denjenigen, die dann 
im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und im Beginne des 20. Jahr- 
hunderts gegen ihn aufgetreten sind. Man kann das, was sich da abge- 
spielt hat und was doch aufierordentlich tief eingegrif fen hat in die all- 
gemeine Bildung der Menschheit, gewissermafien betrachten, ganz ohne 
Riicksicht zu nehmen auf die besondere Formulierung, die Haeckel 
seiner Weltanschauung gegeben hat und auch schliefilich auf die be- 
sondere Formulierung, welche die Gegner ihren sogenannten Wider- 



legungen gegeben haben. Man kann einfach darauf sehen, da$ auf der 
einen Seite dasjenige stand, was man glaubte, aus einer sorgfaltigen 
Betrachtung des materiellen Geschehens bis herauf zum Menschen her- 
aus gewinnen zu konnen. Nur das sollte zunachst in einer Weltanschau- 
ung sein, nur da glaubte man, auf sicherem Boden zu stehen, Es war 
das durchaus etwas Neues gegeniiber dem, was etwa mittelalterlicher 
Inhalt der Weltanschauung war. 

In bezug auf das Naturwissen hatte man seit drei, vier, fiinf Jahr- 
hunderten etwas entschieden Neues gewonnen, in bezug auf die geistige 
Welt nichts. In bezug auf die geistige Welt war man endlich zu einer 
Philosophic gekommen, welche sozusagen ihre Hauptaufgabe, wie kh 
es gestern ausgedriickt habe, darin gesehen hat, wenigstens noch ihr 
Dasein in einer gewissen Weise zu rechtfertigen. Erkenntnistheorien 
wurden geschrieben in der Absicht, zu sagen, dafi man doch noch in 
bezug auf einen abgelegenen Punkt irgend etwas philosophisch zu 
sagen habe; dafi man vielleicht sich getrauen durfe zu sagen, dafi es 
eine ubersinnliche Welt gibt, aber man konne sie nicht erkennen, man 
konne hbchstens eben die Annahme einer ubersinnlichen Welt machen. 
So sprachen die Sensualisten, als deren geistreichen Vertreter ich Ihnen 
gestern Czolbe angefiihrt habe, von etwas, was positiv war, worauf 
man als auf etwas Greifbares hinweisen konnte. Und so sprachen die 
Philosophen und diejenigen, die ihre Schuler in der Popularisierung 
geworden waren, von etwas, das eigentlich sofort zerflatterte, wenn 
man es irgendwie anfassen wollte. 

Nun stellte sich das eigentumliche kulturhistorische Phanomen ein, 
dafi Haeckel auftrat mit einer Zusammenstellung der rein naturalisti- 
schen Konstruktion der Welt, und dafi nun Stellung genommen werden 
sollte von seiten der philosophischen Welt gegen diesen, sagen wir, 
Haeckelismus. Man konnte ja das ganze Problem, ich mbchte sagen, 
einmal asthetisch betrachten. Man konnte hinschauen auf das Monu- 
mentale, das — ob es nun wahr oder falsch ist — in Haeckel hervor- 
getreten ist in der Zusammenfassung von Tatsachen, die eben in ihrer 
Zusammenfassung durchaus schon ein Weltbild gaben. Mir erschien 
recht charakteristisch fur die Art und Weise, wie Haeckel in seinem 
Zeitalter drinnenstand, alles das, was sich abspielte bei der Feier etwa 



des sechzigsten Geburtstages Haeckels in den neunziger Jahren in Jena, 
wo ich dabei war. Von Haeckel selbst brauchte man dazumal ja nichts 
Neues mehr zu erwarten. Er hatte im wesentlichen ausgesprochen, was 
er von seinem Gesichtspunkte aussprechen konnte und wiederholte 
sich eigentlich. 

Da sprach dann bei dieser Haeckel-Feier ein Physiologe von der 
medizinischen Fakultat. Es war aufierordentlich interessant, dem Mann 
zuzuhoren und ihn ein wenig vom geistigen Gesichtspunkte aus zu be- 
trachten. Es waren bei dieser Haeckel-Feier eine ganze Anzahl von 
Menschen da, die in Haeckel eine bedeutende Personlichkeit sahen, 
sozusagen einen iiberragenden Menschen. Aber jener Physiologe war 
ein durchaus tiichtiger Universitatsprofessor, von jener Sorte unter den 
Tiichtigen, von denen man sagen konnte: Nun, hatte man einen andern 
von der Sorte hingestellt, so ware es dasselbe gewesen; man konnte 
nicht gut den A vom B oder vom C unterscheiden. Haeckel konnte 
man von alien andern unterscheiden, aber ihn, den Universitatsprofes- 
sor, konnte man nicht unterscheiden von den andern. Das ist etwas, 
was ich bitte, mehr als eine Charakteristik des Zeitalters aufzufassen 
als gerade dieser einzelnen Angelegenheit. 

Nun handelte es sich darum, dafi ja derjenige, der nun so dastand 
als der A - der ebensogut der B oder C hatte sein konnen -, sprechen 
sollte bei einer Haeckel-Feier. Ich mochte sagen, in jedem einzelnen 
Worte sah man, was da eigentlich vorlag! Wahrend einige jiingere 
Leute mit einer gewissen Emphase sprachen, mit dem Bewufksein, dafi 
in Haeckel eine Personlichkeit da ware - sie waren hochstens Privat- 
dozenten, die dann aber in Jena immer schon aufierordentliche Pro- 
fessoren waren, denn diese waren unhonoriert und man gab ihnen nur 
den Titel; es waren aber eigentlich Privatdozenten -, gab es so etwas 
fur den betreffenden Physiologen nicht; denn gabe es das, so konnte 
man ja nicht von A und B und C in derjenigen Weise reden, wie ich 
jetzt geredet habe; daher feierte er, wie er ausdriicklich betonte, den 
«Kollegen» Haeckel. Nach jedem dritten Satze sprach er von dem 
Kollegen Haeckel, damit andeutend, dafi es eben der sechzigste Ge- 
burtstag irgendeines Kollegen ist, wie jedes andern auch. Nun handelte 
es sich aber darum, auch etwas zu sagen. Ja, nicht wahr, er gehorte als 



solcher Reprasentant in die Reihe derjenigen, die iiberhaupt eben nur 
wissenschaf tliche Daten sammeln - jene Daten, aus denen Haeckel eine 
Weltanschauung gemacht hatte -, aber die sich mit diesem Daten- 
sammeln begniigten, weil sie eben iiberhaupt von der Moglichkeit einer 
Weltanschauung gar nichts wissen wollten. Also iiber die Weltanschau- 
ung Haeckels sprach dieser Kollege nicht. 

Nun riihmte er aber eigentlich Haeckel gerade von seinem Stand- 
punkte aus in einer aujSerordentlichen Weise, indem er andeutete: Man 
konne, ganz abgesehen davon, was Haeckel iiber Welt und Leben be- 
hauptet hat, durchaus hinsehen auf dasjenige, was der Kollege Haeckel 
auf dem Gebiete dieses Spezialgebietes erforscht hat. Es liegen im Ka- 
binett so und so viele Tausend mikroskopische Praparate von Haeckel, 
es liegen auf diesem und jenem Gebiete so und so viele Tausende Pra- 
parate vor und so weiter, und man konnte schon sagen, wenn man nun 
zusammenrechnete, was alles dieser Haeckel an einzelnen, rein em- 
pirischen Dingen gesammelt, zusammengestellt, verarbeitet hatte, es 
sei schon eine ganze Akademie. - Also dieser Kollege hatte schon 
implizite eine ganze Anzahl solcher «Kollegen» im Leibe drinnen, fur 
die er seinen Mann gestanden hatte. Nun, das war gewissermafien ein 
Kollege von der medizinischen Fakultat. 

Dann sprach beim eigentlichen Festmahl Eucken, also der Philo- 
soph. Nun, der hatte das, was er zu sagen hatte, oder was er nicht zu 
sagen hatte, dadurch geof fenbart - man konnte auch sagen kaschiert -, 
dafi er von den Schlipsen, von den unordentlich gebundenen Schlipsen 
sprach und von den Klagen, welche namentlich die Familie Haeckels 
vorzubringen hatte, wenn sie im intimen Kreise iiber Papa oder iiber 
den Mann sich unterhielten. t)ber die unsorgfaltig gebundenen Schlipse 
hat der Philosoph ziemlich lange gesprochen, gar nicht ungeistreich, 
aber wie gesagt, es war dasjenige, was dazumal die Philosophic zu 
sagen hatte. Es war schon recht charakteristisch, denn viel mehr hatte 
die Philosophic auch sonst nicht zu sagen. Es war alles abstraktes Ge- 
striippe, was vorgebracht wurde. Damit ist gar nichts iiber Wertungen 
und dergleichen gesagt; man kann ja die ganze Sache auch asthetisch 
auf sich wirken lassen und aus dem, was sich symptomatisch darlebt, 
ersehen, wie heraufgestrebt hat in der neueren Zeit der Materialismus, 



der etwas gab. Die Philosophic hatte wirklich nichts mehr zu sagen, 
da sie eben eine Dependence war desjenigen, was sich im Laufe der 
Zeit heraufgebildet hatte. Man darf ja auch nicht glauben, dafi die 
Philosophic zur Geisteswissenschaft etwas zu sagen hat. Das hat ja neu- 
lich Eucken wohl bewiesen in jener Diskussion, die in einer sehr an- 
regenden Weise in der letzten oder vorletzten Nummer der Dreigliede- 
rungszeitung erzahlt ist, wo sich die ganze Euckensche Rederei in ihrer 
absoluten Inhaltslosigkeit enthiillte. 

Nehmen wir aber nun die Tatsache, welche die positive Tatsache ist 
in alldem, was ich gesagt habe, und nehmen wir sie einmal eben kultur- 
geschichtlich. Wir haben auf der einen Seite - das geht ja wohl aus den 
gestrigen Darlegungen hervor - innerlich im Menschen entwickelt den 
Intellektualismus, wie ihn vor dem naturwissenschaftlichen Zeitalter 
als Gedankentechnik die Scholastik bis zur hochsten Bliite gebracht 
hat. Wir haben dann angewendet den Intellektualismus auf das aufiere 
Naturwissen. Wir haben dadurch dasjenige zustande gebracht, was im 
19. Jahrhundert, namentlich gegen das Ende hin, mit einer grofien 
historischen Bedeutung dasteht: Intellektualismus und Materialismus 
gehoren zusammen. 

Wenn man diese Erscheinung in ihrer Beziehung zum Menschen 
selbst ins Auge fafit, so mufi man sagen: Von demjenigen, was am Men- 
schen ist, von dem dreigliedrigen Menschen, der da der Nerven-Sinnes- 
mensch mit dem Vorstellungsleben ist, der rhythmische Mensch mit 
dem Gefuhlsleben, der Stoffwechselmensch mit dem Willensleben, von 
diesem dreigliedrigen Menschen wird ja durch eine solche Weltanschau- 
ung vor alien Dingen erfafit der Kopfmensch, der Nerven-Sinnes- 
mensch. Dieser Nerven-Sinnesmensch ist daher auch am starksten aus- 
gebildet worden im 19. Jahrhundert. Ich habe es Ihnen ja neulich von 
einem gewissen andern Gesichtspunkte geschildert, wie es Leuten, die 
so etwas gefuhlt haben, dafi dieser Kopfmensch, dieser Nerven-Sinnes- 
mensch eigentlich durch die Geisteskultur des 19. Jahrhunderts beson- 
ders ausgebildet wird, angst und bange fur die Zukunft der Menschheit 
geworden ist. Ich habe es Ihnen geschildert an einem Gesprach, das ich 
einmal vor Jahrzehnten mit dem osterreichischen Dichter Hermann 
Rollett hatte. Hermann Rollett war eigentlich, seiner Weltanschauung 



nach - weil ja derjenige, der auf Wissenschaft fu£t und bei dem die 
alten traditionellen Vorstellungen verblafk waren, im Grunde gar nicht 
anders konnte durch und durch materialistisch gesinnt. Aber er 
fiihlte zu gleicher Zeit - denn er war eine Dichternatur, eine Kiinstler- 
natur, er hat ja das schone Werk «Goethe-Bildnisse» herausgegeben — , 
wie ja der Mensch nur wachst in bezug auf seine Nerven-Sinnesorgani- 
sation, mit Bezug auf sein Vorstellungsleben. Er wollte das anschaulich 
darstellen. Daher sagte er: Eigentlich wird es nach und nach so werden, 
dafi Arme und Fufie und Beine vom Menschen immer kleiner und klei- 
ner werden und der Kopf immer grofier. - Er wollte sich raumlich das- 
jenige vorstellen, was da eigentlich im Anzuge war. Dann wird, wenn 
die Erde noch eine Weile in dieser Entwickelung so fortgeht, der 
Mensch - er stellte das anschaulich dar - nur noch eine Kopfkugel sein, 
die sich so fortkugelt, die so fortrollt iiber die Erdoberflache hin. 

Man kann fiihlen, welche Kulturbangigkeit sich in einem solchen 
Dinge verbirgt. Nun aber sieht derjenige, der nicht mit geisteswissen- 
schaftlichen Forschungsmethoden an diese Dinge herangeht, nur die 
Aufienseite der Sache. Man mufi, wenn man das Chaos der Anschau- 
ungen, das in der Gegenwart zu solchem Unheil fuhrt, durchdringen 
will, eben die Sache auch von der andern Seite ansehen. Denn es konnte 
einem ja einfallen zu sagen: Dasjenige, was da als materialistische Welt- 
anschauung aufgetreten ist, das umfafit doch nur eine kleine Minoritat; 
die grofie Majoritat lebt noch in bezug auf Weltanschauungsempfinden 
in den traditionellen Bekenntnissen. - Ja, mit Bezug auf eine, ich 
mochte sagen, gewisse Oberflache, ja. Aber mit Bezug auf alle Ge- 
dankenf ormen, mit Bezug auf das, was der Mensch in seinem Innersten 
iiber seine Umgebung und iiber die Welt denkt, ist das doch nicht der 
Fall. Unsere Gegenwartskultur ist so, dafi dasjenige, was in Haeckels 
«Weltratsel» lebt, durchaus nicht etwa blofi bei denen lebt - vielleicht 
bei denen am wenigsten — , die direkt einen Gefallen gefunden haben an 
Haeckels «Weltratsel». Haeckels «Weltratsel» sind ja nur ein Symptom 
fur das, was im Grunde genommen durch die ganze zivilisierte Welt 
international heute die mafigebenden Empfindungsimpulse darstellt. 

Man mochte sagen, am charakteristischesten sind diese Empfin- 
dungsimpulse bei den aufierlich frommen Christen, besonders bei den 



aufierlich frommen Katholiken. Gewifi, die bekennen sich am Sonntag 
zu dem, was die Dogmatik iiberliefert hat; aber die Art und Weise, wie 
sie das nachste Leben, die iibrigen Wochentage auffassen, das hat ja 
eine Art zusammenfassenden Ausdrucks gefunden in der materialisti- 
schen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts. Bis in die entferntesten 
Dorfer auf dem Lande draufien ist ja das durchaus die populare Welt- 
anschauung. Daher darf man nicht sagen, es sei nur bei einer ver- 
schwindend geringen Minoritat vorhanden. Gewifi, formulierte Be- 
griffe sind bei ihr so vorhanden, aber das sind ja nur die Symptome. 
Dasjenige, worauf es ankommt, die Realitat, die ist durchaus das 
Charakteristikon des gegenwartigen Zeitalters. An den Symptomen 
kann man die Dinge studieren, aber man mufi sich bewufit sein, dafi, 
geradeso wie wenn man von der zweiten Halfte des 18. Jahrhunderts 
von Kant spricht, man nur von einem Symptom spricht fur etwas, was 
in der ganzen Zeit enthalten war, man auch nur von einem Symptom 
spricht, wenn man von diesen Dingen spricht, die ich gestern ange- 
schlagen habe und heute in diesen Betrachtungen fortfuhre. Daher 
kommt das schon sehr stark in Betracht, was ich jetzt sagen will. 

Sehen Sie, der Mensch kann ja intellektualistisch tatig sein und hin- 
gegeben sein den materiellen Dingen und Erscheinungen, die durchaus 
im Inneren das Gegenstiick sind zum Intellektualismus, nur wahrend 
des Tagwachens, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, und da nicht 
einmal ganz. Wir wissen ja, der Mensch hat nicht nur ein Vorstellungs- 
leben, der Mensch hat ein Gefuhlsleben. Das Gefuhlsleben ist innerlich 
gleichwertig mit dem Traumleben. Das Traumesleben lauft in Bildern 
ab, das Gefuhlsleben lauft in Gefiihlen ab. Aber die innere substantielle 
Seite ist dasjenige, was im Menschen die Traumbilder erlebt, ist das- 
jenige, was im menschlichen Gefuhlsleben die Gefuhle durchmacht. 
So dafi wir sagen konnen, wahrend des Wachens, vom Aufwachen bis 
zum Einschlafen traumt der Mensch wachend in seinem Gefuhl. Was 
wir an Gefiihlen erleben, das ist ganz genau von demselben Bewufit- 
seinsgrad durchzogen wie die Traumvorstellungen, und was wir in 
unseren Willensimpulsen erleben, das schlaft, das schlaft, auch wenn 
wir sonst wach sind. Wir sind in Wahrheit nur wach in unserem Vor- 
stellungsleben. Sie schlafen des Abends ein, Sie wachen des Morgens 



auf. Wenn Ihnen dasjenige, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen 
vorgeht, nicht erhellt wird durch eine gewisse geisteswissenschaftliche 
Erkenntnis, so entzieht es sich Ihrem Bewufitsein, so wissen Sie in 
Ihrem Bewufitsein nichts davon. Traumbilder drangen sich hochstens 
hinein. Die werden Sie aber ebensowenig anerkennen als bedeutsam fiir 
eine Weltanschauung, wie Sie anerkennen die Gefiihle als bedeutsam 
fiir eine Weltanschauung. Gewissermafien wird immer das menschliche 
Leben durchbrochen durch das Schlafesleben. 

Aber geradeso, wie sich der Zeit nach dieses Schlafesleben hinein- 
stellt in das voile menschliche Seelenleben, so stellt sich die Welt der 
Gefiihle, und namentlich die Welt der Willensimpulse in dieses Men- 
schenleben hinein. Wir traumen, indem wir fiihlen; wir schlafen, indem 
wir wollen. Sowenig wie Sie wissen, was mit Ihnen vorgeht wahrend 
des Schlafes, so wenig wissen Sie, was da vorgeht, wenn Sie durch 
Ihren Willen den Arm erheben. Die eigentlichen inneren Krafte, die da 
walten, die sind genau ebenso im Dunkel des Bewuikseins, wie der 
Schlafeszustand im Dunkel des Bewufitseins ist. 

So dafi wir sagen konnen: Von diesem dreigliedrigen Menschen 
wurde durch die neuere Kultur, die eingeleitet wird im 15. Jahrhundert 
und ihren Hohepunkt erlangt im 19. Jahrhundert, nur ein Drittel in 
Anspruch genommen, der Vorstellungsmensch, der Kopfmensch. Und 
man mufi fragen: Was ging denn nun vor in dem traumenden, fiihlen- 
den Menschen, in dem schlafenden, wollenden Menschen, und was ging 
vor zwischen dem Einschlafen und Aufwachen? 

Ja, wir konnen als Menschen gut materialistisch sein in unserem 
Vorstellungsleben. Das konnen wir schon, das 19. Jahrhundert hat es 
gezeigt. Das 19. Jahrhundert hat auch gezeigt die Berechtigung dieses 
Materialismus; er hat ja zu positiven Erkenntnissen der materiellen 
Welt, die ein Abbild ist der geistigen Welt, gefiihrt. Wir konnen Ma- 
terialisten sein mit dem Kopfe, aber wir haben dann nicht in unserer 
Gewalt unser traumendes Gefiihlsleben, nicht in unserer Gewalt unser 
schlafendes Willensleben. Die werden nun, insbesondere das Willens- 
leben, in derselben Zeit spiritualistisch gesinnt. 

Es ist interessant, vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus 
zu betrachten, was da eigentlich vorgeht. Stellen Sie sich einen Mole- 



schott, einen Czolbe vor, die mit ihrem Kopfe einzig und allein den 
Sensualismus, den Materialismus anerkennen: da unten haben sie ihren 
Willensmenschen, der ist ganz spiritualistisch gesinnt - nur weifi der 
Kopf nichts davon — , der rechnet mit Geistigem und Geisteswelten. 
Sie haben ihren Gefiihlsmenschen: der rechnet mit Gespenstererschei- 
nungen. Und wir haben, wenn wir richtig beobachten, das Schauspiel, 
daiS der materialistische Schriftsteller sitzt und furchtbar auf alles 
dasjenige schimpft, was da als spirituelle Natur in seinem Gefiihls- 
menschen und "Willensmenschen steckt; der nun wiitend wird, weil er 
auch Spiritualist ist, der in ihm rumort, der ein volliger Gegner ist. 

So ist es gewesen. Der Idealismus, der Spiritualismus war da. Er 
war im Willensunterbewufitsein der Menschen namentlich da, und die 
starksten Spiritualisten waren die Materialisten, waren die Sensua- 
listen! 

Aber was lebt denn in dem Gefiihlsmenschen leiblich? Es lebt der 
Rhythmus, die Blutzirkulation, der Atmungsrhythmus und so weiter. 
Was lebt in dem Willensmenschen? Der Stoffwechsel. Betrachten wir 
zunachst diesen Stoffwechsel. Wahrend der Kopf sich beschaftigt mit 
geistvolier Verarbeitung materieller Dinge und materieller Erschei- 
nungen zu einer materialistischen Wissenschaft, arbeitet der Stoff- 
wechselmensch, der nun auch durchaus die voile menschliche Struktur 
hat, das entgegengesetzte Weltbild aus. Der arbeitet ein durch und 
durch spiritualistisches Weltbild aus, das nun gerade die Materialisten 
unbewufit in sich tragen. Aber das wirkt im Stoffwechselmenschen auf 
die Instinkte, auf die Triebe: da wirkt es das Gegenteil von dem, was 
es bringen wiirde, wenn es den ganzen Menschen in Anspruch nehmen 
wtirde. Da durchsetzt es die Instinkte, da wird es erf alk von ahrimani- 
schen Gewalten, da wirkt es nun nicht im gottlich-geistigen Sinne, 
sondern da wirkt es im ahrimanisch-geistigen Sinne. Da bringt es die 
Instinkte zum hochsten Grade des Egoismus. Da bringt es die Instinkte 
so zur Entwickelung, dafi der Mensch nur zu Forderungen des Lebens 
kommt, nicht gewiesen wird auf soziale Triebe, auf soziales Mitgefuhl 
und dergleichen. Da wird namentlich das Individuelle herausgestaltet 
bis zum Egoistischen der Instinkte. Und das bildete sich, wenn ich so 
sagen darf, unter der Oberflache dieser materialistischen Zivilisation 



heraus, und das erschien in den welthistorischen Ereignissen, das er- 
scheint jetzt. Dasjenige, was sich unter der Oberflache, in den Tiefen 
derWillensmenschen, wo sich die Spiritualitat der Instinkte bemachtigt 
hat, dazumal im Keime ausbildete, das erscheint jetzt in den welt- 
historischen Ereignissen. Und wiirde die Entwickelimg nur fortfahren, 
diese Konsequenzen auszubilden, wir wiirden am Ende des 20.Jahr- 
hunderts angekommen sein in dem Kriege aller gegen alle, gerade in 
demjenigen Gebiete der Erdenentwickelung, in dem sich die sogenannte 
neuere Zivilisation entwickelt hat. Und wir sehen dasjenige, was da 
sich ausgebildet hat, schon von Osten ausstrahlend iiber einen grofien 
Teil der Erde sich geltend machen. Da ist ein innerer Zusammenhang. 
Man mull ihn aber nur sehen. 

Aufierlich symptomatisch spiegelt er sich in dem, was ich auch schon 
betont habe, was ja auch von andern bemerkt worden ist. Ich sagte, 
solche Philosophen, wie Avenarius, wie Mach, sie sind gewifi mit ihren 
Anschauungen, insofern die Anschauungen den Kopf durchsetzen, 
wurzelnd in den liberalistischen besten biirgerlichen Anschauungen des 
19. Jahrhunderts, saubere Leute, denen man nichts vorwerfen kann, 
wenn man die Moralanschauungen des 19. Jahrhunderts ins Auge fafit - 
und dennoch, Sie konnen es bei russischen Schriftstellern, die verstan- 
den haben, ihre Zeit zu schildern, nachlesen, wie Avenariussche, wie 
Machsche Philosophic die bolschewistische Staatsphilosophie geworden 
ist. Das ist nicht blofi aus dem Grunde, weil hervorragende bolsche- 
wistische Agitatoren eben Avenarius zum Beispiel in Zurich gehort 
haben, oder den Mach-Schiiler Adler gehort haben, sondern da wirken 
durchaus innere Impulse. Dasjenige, was Avenarius einmal vorgetragen 
hat, es konnte natiirlich dem Kopf nach durchaus saubere biirgerliche 
Gesinnung, lobenswerte biirgerliche Gesinnung sein; real war es die 
Grundlage fur dasjenige, was in den Untergrunden der Menschheit die 
Instinkte spirituell entflammte, und was dann praktisch die entspre- 
chenden Friichte trug, weil es diese Friichte durchaus zeitigt. Sie sehen 
hier - ich mufi immer wieder darauf aufmerksam machen - den Unter- 
schied zwischen realer Logik, Wirklichkeitslogik und der blofi abstrak- 
ten Verstandeslogik. Niemand wird aus Avenariusscher oder Mach- 
scher Philosophic herausschalen konnen, mit dem besten oder, ich 



konnte auch sagen, mit dem allerschlechtesten Willen nicht heraus- 
schalen konnen die Ethik der Bolschewisten, wenn man das Ethik 
nennen kann. Das folgt nicht abstrakt logisch. Da folgt etwas ganz 
anderes. Aber die lebendige Logik ist eine ganz andere als die abstrakte 
Logik. Dasjenige, was man aus irgend etwas logisch ableiten kann, das 
mufl sich in Wirklichkeit nicht ergeben, es kann sich das Gegenteil 
davon ergeben. Deshalb ist ein so grofier Unterschied zwischen dem, 
auf das man immer mehr und mehr im materialistischen Zeitalter 
schworen lernte, der abstrakten Gedankenlogik, die nur den Kopf er- 
greift, und dem Wirklichkeitssinn, der allein in unserer Zeit zum Heile 
fiihren kann. 

In unserer Zeit ist man zufrieden, wenn fiir eine Weltanschauung 
die widerspruchslose Logik aufgewiesen werden kann. Daran liegt aber 
namlich in Wirklichkeit gar nichts. Es kommt gar nicht allein darauf 
an, ob eine Anschauung logisch festgelegt werden kann, denn im 
Grunde genommen ist ebensogut der radikaie Materialismus logisch 
festzulegen, wie der radikaie Spiritualismus logisch festzulegen ist, und 
alles, was dazwischen ist. Es kommt heute darauf an, dafi man einsehe, 
dafi etwas nicht blofi logisch zu sein habe, sondern wirklichkeitsgemafi 
neben logisch sein miisse, wirklichkeitsgemafi sein miisse.Und dieWirk- 
lichkeitsgemafiheit wird eben nur erreicht durch ein Zusammenleben 
mit der Wirklichkeit. Dieses Zusammenleben mit der Wirklichkeit wird 
durch Geisteswissenschaft heranerzogen. 

Um was handelt es sich in bezug auf das, was ich heute gesagt habe? 
Es handelt sich ja bei Geisteswissenschaft um sehr vieles, aber mit 
Bezug auf dasjenige, was ich heute gesagt habe, um was handelt es sich 
da? Ja, da handelt es sich darum, dafi wirklich nun ein Wissen hervor- 
geholt wird aus denjenigen Untergriinden, die nicht blofi aus dem 
Kopfe kommen, die aus dem ganzen Menschen kommen. Man konnte 
sagen: Wenn derjenige Mensch, der sich selbst einmal im Laufe der 
neueren Zeit erkennend heranerzogen hat, die Welt betrachtet, dann 
betrachtet er sie so, dafi er innerhalb seiner Haut lebt und dasjenige um 
sich herum betrachtet, was aufierhalb seiner Haut ist. Schematisch 
mochte ich das so zeichnen: Da ist der Mensch. Aufier dem Menschen 
ist alles dasjenige, woriiber der Mensch sinnt (siehe Zeichnung, rot). 




Tafel 7 



Und nun erstrebt er, iiber dasjenige etwas zu wissen, in sich etwas zu 
wissen, was da aufierhalb seiner ist. Er rechnet gewissermafien mit dem 
Wechselverhaltnis zwischen dem, was aufierhalb seiner Haut ist. Und 
ganz charakteristisch fur das Rechnen mit einem solchen Wechsel- 
verhaltnis sind die logischen Untersuchungen wie die von John Stuart 
Mill; charakteristisch sind philosophische Gedankengebaude wie das 
von Herbert Spencer und so weiter. 

Steigt man auf zur hoheren Erkenntnis, dann ist es nicht mehr der 
Mensch, der innerhalb seiner Haut lebt - denn alles dasjenige, was 
innerhalb seiner Haut lebt, wird im Kopfe gespiegelt, es ist doch nur 
Kopfwissen -, sondern da ist es der ganze Mensch. Aber der ganze 
Mensch ist verbunden mit der ganzen Erde. Im Grunde genommen ist 
die Erkenntnis, die man iibersinnliche Erkenntnis nennt, nicht eine 
Auseinandersetzung zwischen dem, was innerhalb der menschlichen 
Haut liegt, mit dem, was aufierhalb der menschlichen Haut liegt, son- 
dern sie ist eine Auseinandersetzung zwischen dem, was innerhalb der 
Erde ist, mit demjenigen, was aufierhalb der Erde ist. Der Mensch 
identifiziert sich mit der Erde. Daher streift er auch alles dasjenige ab, 
was gebunden ist an einen Fleck der Erde, Nationalist und so weiter. 
Der Mensch nimmt den Standpunkt des Erdenwesens ein und redet 




vom Standpunkte des Erdenwesens iiber das Weltenall. Versuchen Sie 
es zu fuhlen, wie von diesem Standpunkte aus gesprochen wird, sagen 
wir in einer solchen Vortragsreihe, wie ich sie gehalten habe im Haag, 
wo gesprochen wird iiber den Zusammenhang der einzelnen Glieder 
der menschlichen Wesenheit mit der Umgebung, wo aber eigentlich 
gemeint war dieses Zusammengewachsensein des Menschen mit seiner 
Umgebung, wo der Mensch betrachtet wurde, nicht blofi wie er, sagen 
wir, am 13. Mai ist in dem einen Augenblicke, sondern wie er das ganze 
Jahr hindurch in den Jahreszeiten lebt, mit den einzelnen Lokalitaten 
lebt und so weiter. Dadurch aber gerade wird der Mensch Erdenwesen; 
dadurch gewinnt er dann auch gewisse Kenntnisse, die eine Auseinan- 
dersetzung des Menschen sind mit dem, was iiber dem Irdischen ist, 
mit dem, was unter dem Irdischen ist, wodurch die Erdenverhaltnisse 
erst klar werden. 

Geisteswissenschaft geht also nicht hervor aus diesem engbegrenz- 
ten Menschen, aus dem die intellektualistische, materialistische Wissen- 
schaft des 19. Jahrhunderts hervorgeht mit ihrer Form der Entfesselung 
der unsozialen Instinkte, sondern Geisteswissenschaft geht aus dem 
ganzen Menschen hervor, bringt dasjenige, was den einzelnen Men- 
schen in zweiter Linie erst beriihrt, in den Vordergrund. Dadurch ist 



es ihr gegeben, indem sie scheinbar auch nur intellektualistische Be- 
griffe entwickelt, in diesen Begriffen zugleich reale Dinge zu geben, 
die aber an der Stelle des Antisozialen das Soziale geben. 

Man raufi die Welt vielfach von einem andern Gesichtspunkte be- 
trachten, als man es gewohnlich im 19. Jahrhundert und im Beginn des 
20. Jahrhunderts getan hat. Man hat es ja lobenswert gefunden, dafi 
man so viel von sozialen Forderungen, von sozialem Wesen gesprochen 
hat. Fur den, der die Welt durchschaut, ist das ja nur ein Zeichen, daiS 
man so viel Unsoziales in sich hat. Geradeso wie derjenige, der sehr 
viel von Liebe redet, in der Regel ein liebeloses Wesen ist, und der- 
jenige, der viel von Liebe in sich hat, wenig von Liebe redet, so ist der- 
jenige in der Regel eigentlich ganz durchwiihlt von unsozialen Trieben 
und Instinkten, der immerzu von sozialen Dingen redet, so wie man 
das gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gewohnt worden ist. 

Das soziale System, das im Osten Europas sich geltend macht, ist ja 
nichts anderes als die Probe aufs Exempel alles un- und widersozialen 
Lebens. Ich darf hier vielleicht einflechten, dafi immer wieder und 
wiederum an anthroposophische Geisteswissenschaft herangetragen 
wird der Vorwurf - ich habe ihn auch neulich erst wieder gehort — , sie 
spreche so wenig von Gott. Insbesondere diejenigen, die fortwahrend 
von Gott sprechen, machen es der anthroposophischen Geisteswissen- 
schaft zum Vorwurf, dafi sie so wenig von Gott spreche. Ich habe ja 
oftmals gesagt, mir kommt vor, dafi diejenigen, die immer von Gott 
sprechen, nicht berucksichtigen, dafi es ja eines der Zehn Gebote gibt, 
das heifit: Du sollst den Namen des Gottes nicht eitel aussprechen - 
und dafi die Bewahrung dieses Gebotes viel wichtiger ist im christ- 
lichen Sinne, als fortwahrend von Gott zu sprechen. Man kann viel- 
leicht demjenigen, was als geisteswissenschaftliche Ideen gegeben wird 
aus geistiger Beobachtung heraus, zunachst gar nicht anmerken, was es 
in Wirklichkeit ist. Man kann sagen: Nun ja, auch eben eine Wissen- 
schaft, die nur von andern Welten spricht, als die materialistischen 
Welten sind. - Aber so ist es nicht. Dasjenige, was da aufgenommen 
wird mit diesem Begriff, ganz ohne dafi man selber okkulte Schau- 
ungen hat, das erzieht ja den Menschen. Vor alien Dingen erzieht es 
nicht den Kopfmenschen, sondern es erzieht den ganzen Menschen und 



es wirkt nun im regelrechten Sinne auf diesen ganzen Menschen. Es 
korrigiert gerade dasjenige, was angerichtet worden ist durch den spiri- 
tuellen Gegner des Sensualisten und Materialisten, der ja immer in 
denen war. 

So sind die geheimen Zusammenhange im Leben. Wer mit bluten- 
dem Herzen sieht, wie in den Materialisten des 19. Jahrhunderts, das 
heifit in der groften Mehrzahl der Menschen, der Gegner gesteckt hat, 
der weifi auch, wie sehr die Notwendigkeit besteht, dafi jetzt aus dem 
Unterbewufiten ins Bewulksein heraufziehe dieser Spiritualist. Dann 
wird er nicht in seiner ahrimanischen Gestalt die Instinkte aufriitteln, 
dann wird er tatsachlich eine sozial mogliche Struktur der Menschen 
auf der Erde begriinden konnen. In andern Worten: Wenn man die 
Dinge so laufen lafit, wie ich sie unter dem Einflusse der in begreif- 
licher Weise heraufgekommenen Weltanschauung im 19. Jahrhundert 
fur das 20. Jahrhundert entwickelt habe, so werden wir am Ende des 
20. Jahrhunderts stehen vor dem Kriege aller gegen alle! Da mogen die 
Menschen noch so schone Reden halten, noch so viele wissenschaftliche 
Fortschritte gemacht werden, wir wiirden stehen vor diesem Krieg 
aller gegen alle. Wir wiirden eine Menschheit heranzuchten sehen, 
welche keine sozialen Instinkte mehr hat, um so mehr aber reden 
wiirde von sozialen Dingen. 

Es braucht die Menschheitsentwickelung den spirituellen, den be- 
wufit spirituellen Impuls zum Leben. Denn man mufi immer unter- 
scheiden zwischen der Wertschatzung, die irgendeine Weisheit oder 
sonst etwas im Leben an sich hat, und dem, was es hat fiir die Ent- 
wickelung der Menschheit. Der Intellektualismus, der mit dem Mate- 
rialismus zusammengehort, er hat die Menschheit so entwickelt, dafi 
er das Vorstellungsleben zu der hochsten Hohe gebracht hat: zunachst 
in der Scholastik, im Scholastizismus die Denktechnik, die die erste 
Befreiungstat war, dann in dem Naturwissen in der neueren Zeit, der 
zweiten Befreiungstat. Aber dasjenige, was im Unterbewufiten mittler- 
weile wiitete,war das, was den Menschen in seinen Instinkten versklavt 
hat. Diese mussen wiederum befreit werden. Die konnen nur befreit 
werden, wenn wir eine Wissenschaft, eine Erkenntnis, wenn wir eine 
bis ebenso weithin popularisierte spirituelle Weltanschauung haben, 



wie wir die materialistische popularisiert haben; wenn wir eine spiri- 
tuelle Weltanschauung haben, die nun den Gegenpol bildet fur das- 
jenige, was sich unter der reinen Kopfwissenschaft herausgebildet hat. 
Von diesem Gesichtspunkte mufi man die Sache immer wieder und 
wieder betrachten; denn, wie gesagt, die Menschen mogen noch so viel 
davon reden, dafi von der Ethik, von der Belebung der Religiositat 
und so weiter ein neues Zeitalter heraufkommen miisse - damit kann 
man ja nichts in Wirklichkeit erreichen; damit front man ja selber nur 
den Liigenanforderungen des Zeitalters. Man mufi tatsachlich sich klar 
sein, dafi so etwas, wie es in die menschliche Seele einziehen mufi - 
trotzdem es scheinbar so theoretisch davon spricht, wie die Erde aus 
Mond, Sonne und Saturn heraus sich entwickelt hat -, wenn es richtig 
aufgefafit wird, bis in die moralischen Impulse, in die religiosen Im- 
pulse herein den Menschen spiritualisiert. Geradesowenig wie man 
irgend etwas in der aufieren Welt mit den blofien Wiinschen aufbauen 
kann, wenn diese Wunsche auch noch so gut sind, ebensowenig kann 
man in der sozialen Welt etwas aufbauen mit den blofien frommen 
Predigten, mit den blofien Ermahnungen der Menschen zum Gutsein, 
mit dem blofien Sprechen davon, man soli so oder so sein. Dasjenige, 
was heute weltzerstorerisch da ist, ist auch nicht entstanden durch den 
Willkiirwillen der Menschen, sondern es ist entstanden als eine Folge 
dessen, was als Weltanschauung seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts 
heraufgekommen ist. Dasjenige, was den Gegenpol darstellen wird, 
das, was heilen wird die Wunden, die geschlagen sind, das wird wie- 
derum und mufi wiederum eine Weltanschauung sein. Und man sollte 
nicht feig zuruckschrecken vor dem Vertreten einer Weltanschauung 
mit ihrer das Moralische, das Religiose durchsetzenden Kraft, denn 
dies allein kann heilen. 

Derjenige, der diesen ganzen Zusammenhang durchschaut, der be- 
kommt wiederum eine Empfindung von dem, was man im Grunde ge- 
nommen immer gehabt hat da, wo man von wirklicher Weisheit etwas 
wufite. Ich habe ja auch schon gesprochen von den alten Mysterien- 
statten. Sie finden es auch im Sinne der Geisteswissenschaft dargestellt 
in der anthroposophischen Literatur. Da kann man ersehen, wie sich 
eine altere instinktive Weisheit entwickelt, wie sie sich dann umwandelt 



in das Intellektualistische, Materialistische der neueren Zeit. Aber 
selbst wenn man zuriickgeht zu den mehr exoterischen Wissenschaften 
der alteren Zeiten, sagen wir, wenn man zuriickgeht im Medizinischen 
bis zu Hippokrates, gar nicht zu sprechen von alterer agyptischer 
medizinischer Anschauung, so ist uberall der Arzt zu gleicher Zeit der 
Philosoph. Man kann sich eigentlich gar nicht denken, wie der Arzt 
nicht zu gleicher Zeit der Philosoph und der Philosoph nicht zu glei- 
cher Zeit der Arzt sein sollte, und der Priester nicht beides und alle drei 
sein sollte. Man konnte sich das nicht denken. Warum nicht? Nehmen 
Sie eine Wahrheit, die ich ofters ausgesprochen habe. 

Der Mensch kennt ja eigentlich, nicht wahr, den Moment des Todes, 
diesen einen Moment, wo man nun wirklich den physischen Leib ablegt 
und wo das Geistige mit der geistigen Welt zusammenhangt, besonders 
stark zusammenhangt. Aber das ist ja nur in einem Moment. Ich mochte 
sagen, es sind unendlich viele Differentiale integriert da, wo der Mo- 
ment des Todes eintritt, die als Differentiale immer in uns enthalten 
sind wahrend unseres ganzen Lebens. Wir sterben ja fortwahrend. 
Wenn wir geboren werden, fangen wir schon an zu sterben, und in 
jedem Moment ist ein minutioses Sterben in uns. Und wir konnten 
nicht denken, wir konnten einen grofien Teil unseres seelischen Lebens, 
vor allem aber das geistige Leben gar nicht ausdenken, wenn wir nicht 
fortwahrend den Tod in uns hatten. Wir haben ja fortwahrend den Tod 
in uns, und wenn wir nicht mehr konnen, sterben wir in einem Augen- 
blick. So sterben wir aber kontinuierlich zwischen Geburt und Tod. 

Eine altere, instinktive Weisheit hat nun gefiihlt: Das menschliche 
Leben ist eigentlich ein Sterben. Heraklit, als ein Nachziigler uralter 
Weisheit, hat es ja auch ausgesprochen: Das menschliche Leben ist ein 
Sterben. Das menschliche Fiihlen ist ein fortwahrendes Kranksein. 
Man hat die Neigung zum Sterben und zum Kranksein. Und was man 
lernt, wozu mufi es denn da sein? Es mufi sein wie eine Arzenei. Es mufi 
das Lernen ein Heilungsprozefi sein. Eine Weltanschauung haben, raufi 
ein Heilprozefi sein. 

Dieses Gefiihl hatten durchaus die Arzte, da sie nur da, wo es not- 
wendig war, auf materiellem Gebiete heilten, wenn die Krankheit akut 
war. Aber das menschliche Leben sahen sie nur an wie eine chronische 



Krankheit. Und derjenige, der ein Philosoph oder Arzt war, f unite sich 
mit dem, was Erdenmenschheit war, auch als der Heiler, er fiihlte sich 
nur als der Heiler fiir das, was man gewohnlich fur das Normale an- 
sieht, was aber auch eigentlich krank ist, die Anlage zum Sterben ist. 
Diese Gefiihle miissen wir fiir die Weltanschauung wieder bekommen, 
dafi sie nicht nur ein formales Anfiillen ist des Kopfes, des Geistes, ein 
Anfiillen mit Erkenntnissen, sondern ein realer Prozefi im Leben; daft 
die Weltanschauung dazu dient, die Menschheit zu heilen. 

Nun leben wir tatsachlich in bezug auf unsere kulturhistorische 
Entwickelung nicht blofi in einer langsamen Krankheit, sondern wir 
leben gegenwartig in einer akuten Kulturkrankheit. Dasjenige, was als 
Weltanschauung auftritt, mufi eine wirkliche Arzenei sein, mufS eine 
wirkliche medizinische Wissenschaft sein, eine Kur. Von der realen 
Bedeutung einer solchen Weltanschauung, wie sie hier gemeint ist, fiir 
das gegenwartige Zivilisations- und Kulturergebnis muJR man durch- 
drungen werden. Durchdrungen sein davon, dafi tatsachlich mit Welt- 
anschauung etwas Reales gemeint ist, nicht blofi dieses Formale: Man 
will etwas wissen, man will gewissermafien die Begriffe fiir dasjenige, 
was draufien als Sache ist, in sich haben, man will Naturgesetze ken- 
nenlernen und sie technisch anwenden. - Nein, dieses Innerliche, dieses 
mit dem Menschen Verkniipfte mufi da sein, wo eine wahre Welt- 
anschauung ist, auf dafi gewonnen werden konnen aus dieser wahren 
Weltanschauung die fiir Krankheiten, ja fiir einen Sterbeprozefi wirk- 
samen Heilmittel, die fortwahrend da sein miissen. Solange man nicht 
so redet und solange man nicht solches versteht, wird man immer nur 
obenhin reden iiber die Ubel unserer Zeit und nicht reden iiber das- 
jenige, was notwendig ist. 

Von diesen Dingen wollen wir dann morgen weiter sprechen. 



NEUNZEHNTER VORTRAG 
Dornach, 7. August 1921 



Wenn man durchschauen will die Bedeutung des materialistischen Zeit- 
alters, so mufi man eingehen auf die Entwickelung des Menschen, inso- 
fern bei dieser Entwickelung die samtlichen wesentlichen Grundkrafte 
dieses Menschen in Betracht kommen. Wir wollen zunachst einmal 
heute von einem gewissen Gesichtspunkte aus diese menschliche Ent- 
wickelung ins Auge fassen. Ich werde ankmipfen an manches, was ich 
bereits im Laufe der letzten Zeit vorgebracht habe, um zu einem be- 
stimmten Ziele zu kommen. 

Ich habe ja ofter hingewiesen auf die grofie Bedeutung desjenigen 
Zeitabschnittes in der individuellen menschlichen Entwickelung, die 
zusammenfallt mit dem Zahnwechsel etwa um das siebente Lebensjahr 
herum. Dieser Zahnwechsel bedeutet ja, dafi gewisse Krafte, die im 
menschlichen Organismus bis zu diesem Zeitpunkt vorhanden waren 
und an diesem Organismus tatig waren, in einer gewissen Weise frei 
werden, nicht mehr jene Tatigkeit ausuben, die sie bis zu diesem Zahn- 
wechsel ausiibten. Der Mensch ist tatsachlich in dem Augenblick, in 
dem dieser Zahnwechsel beginnt, und in der Zeit oder durch die Zeit, 
in der er sich abspielt, im Grunde ein umgewandeltes, ein metamorpho- 
siertes Wesen. Was in dem Erscheinen der zweiten Zahne, in diesem 
Ausstofien der zweiten Zahne zum Vorschein kommt, das hat bisher 
gearbeitet im menschlichen Organismus. Und dann, wenn es zum Vor- 
schein kommt, wenn es gewissermafien aus dem Organismus heraus 
sich befreit, dann erscheint es im Gegensatz zu friiher als eine mehr 
seelische Kraft. Wir kommen, indem wir das verfolgen, zu der An- 
schauung, dafi bis zu diesen sieben Jahren hin im Menschen eine see- 
lische Kraft arbeitet, die gewissermafien den Schlufipunkt ihrer Arbeit 
am Organismus macht mit dem Zahnwechsel. Wenn wir uns eine ge- 
wisse Neigung und Fahigkeit, solche Dinge zu beobachten, angeeignet 
haben, so konnen wir sehen, wie die ganze Seelenkonstitution des Kin- 
des in diesem Lebensabschnitt verwandelt wird, wie namentlich von 
diesem Lebensabschnitt an die Fahigkeit auftritt, konturierte Begriffe 



zu bilden, wie andere seelische Fahigkeiten auftreten. Diese seelischen 
Fahigkeiten, wo waren sie denn bis zum Zahnwechsel? Sie waren im 
Organismus, sie haben am Organismus gearbeitet. Dasjenige,was spater 
Seelisches wird, das arbeitet vorher am Organismus. 

Wir kommen da zu einer ganz andern Anschauung iiber das Zu- 
sammenwirken des Seelischen mit dem Leiblichen, als es etwa geschil- 
dert wird in all den abstrakten psychologischen Darstellungen, die von 
einem psycho-physischen Parallelismus oder von einer abstrakten 
Wechselwirkung zwischen Seele und Leib und dergleichen reden. Wir 
kommen zu einer wirklichen Anschauung dessen, was in einer wich- 
tigen Weise in den ersten sieben Lebensjahren 
…[truncated]