Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und Geist. Über frühe Erdzustände

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE FOR DIE ARBEITER AM GOETHEANUMBAU 



RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 



Vortrage fur die Arbeiter am Goetheanumbau 

Band 1 Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und 
Geist. t)ber friihe Erdzustande 

Zehn Vortrage, 2. August bis 30. September 1922 (Bibl.-Nr. 347) 

Band 2 Uber Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geistes- 
wissenschaftlichen Sinneslehre 

Achtzehn Vortrage, 19.0ktober 1922 bis 10. Februar 1923 (Bibl.-Nr. 348) 

Band 3 Vom Leben des Menschen und der Erde. Uber das Wesen des 
Christentums 

Vierzehn Vortrage, 1 7. Februar bis 9. Mai 1 923 (Bibl.-Nr. 349) 

Band 4 Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt 
man zum Schauen der geistigen Welt? 

Sechzehn Vortrage, 30. Mai bis 22. September 1 923 (Bibl.-Nr. 350) 

Band 5 Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur - 
Uber die Bienen 

Funfzehn Vortrage, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923 (Bibl.-Nr. 351) 
Band 6 Natur und Mensch in geisteswissenschaftlicher Betrachtung 

Zehn Vortrage, 7. Januar bis 27. Februar 1 924 (Bibl.-Nr. 352) 

Band 7 Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen 
der Kulturvolker 

Siebzehn Vortrage, 1. Marz bis 25. Juni 1924 (Bibl.-Nr. 353) 

Band 8 Die Schopfung der Welt und des Menschen. Erdenleben und 
Sternenwirken 

Vierzehn Vortrage, 30. Juni bis 24 . September 1 924 (Bibl.-Nr. 354) 



RUDOLF STEINER 



Die Erkenntnis des Menschenwesens 
nach Leib, Seele und Geist 

Uber friihe Erdzustande 



Zehn Vortrage 
gehalten vor den Arbeitern am Goetheanumbau 
in Dornach 
vom 2. August bis 30. September 1922 



1995 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH /SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Paul Gerhard Bellmann 



1. Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1976 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1995 



Nachweis friiherer Veroffentlichungen 
siehe zu Beginn der Hinweise 



Bibliographie-Nr. 347 

Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Leonore Uhlig (siehe auch S. 188) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1995 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3470-8 



Zu den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) glie- 
dert sich in die drei grolten Abteilungen: Schriften - Vortrage - 
Kiinstlerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, sparer Anthroposophischen 
Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen 
hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich 
festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum 
Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber 
zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften 
angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafit, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie 
Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie- 
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Heraus- 
gabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentli- 
chungen sein Vorbehalt berucksichtigt werden: «Es wird eben nur 
hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachge- 
sehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Ge- 
samtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Be- 
standteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 

Die besondere Stellung, welche die Vortrage fiir die Arbeiter 
am Goetheanumbau innerhalb des Vortragswerkes einnehmen, 
schildert Marie Steiner in ihrem Geleitwort, welches diesem Band 
vorangestellt ist. 

Die Wiedergaben der Original- Wandtafelzeichnungen 
von Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
« Rudolf Steiner, Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk* 

Band XXV 



INHALT 



Geleitwort von Marie Steiner 



DIE ERKENNTNIS DES MENSCHENWESENS 
NACH LEIB, SEELE UND GEIST 

Erster Vortrag, Dornach, 2. August 1 922 

Ober die Entstehung der Sprache und der Sprachen 
Brocas Entdeckung. Gehirnschlag und Sprachverlust. Das Sprechen 
und die Ausbildung der linken Schlafenwindung. Die kindliche 
Sprachentwickelung. Selbstlaute und Mitlaute. Nachahmung beim 
Sprechen. Linkshandigkeit und Rechtshandigkeit. Padagogische Be- 
handlung der Linkshandigkeit. Verschiedenheit der Sprachen nach 
den Gegenden der Erde und nach den Sternbildern am Himmel. 

Zweiter Vortrag, 5. August 1 922 

Vom Lebensleib des Menschen - Gehirn und Denken 
Wodurch ist der Mensch ein denkendes Wesen? Milchernahrung. 
Eselsmilch. Muttermilch. Abtotung und Wiederbelebung der Nah- 
rung. Die weifien Blutkorperchen und die Gehirnzellen. Ohnmachts- 
zustande und Bleichsucht. Das Bewufksein und seine Abhangigkeit 
vom genauen Verhaltnis zwischen weiften und roten Blutkorperchen. 
Regsamkeit des Gehirns wahrend des Schlafzustandes. Bewufitlosig- 
keit im Schlaf. Denktatigkeit wahrend des Schlafes. Atmungsprozeft 
und Gehirntatigkeit. Wahrnehmung der Traume. Denktatigkeit des 
Gehirns am Tage. 

Dritter Vortrag, 9. August 1 922 

Der Mensch in seinem Verhaltnis zur Welt - Gestaltung und 
Auflosung 

Abtotung des Lebens. Herkunft der Gedanken. Kristallbildung. 
Kiesel. Gebirgsbildung. Die Alpen. Zucker und Zuckerauflosung. 
Diabetes. Rheuma und Gicht. Bilden und Auflosen des Gehirnsandes. 
Gehirnschlag. Kranksein heifit nichts anderes, als dafi wir irgend et- 
was zu stark ausbilden. Kaffee und Tee. Stickstoffreiche Nahrung. 
Auflosungsprozefi und Ichbewufitsein. 



VierterVortrag, 9. September 1922 64 

Die Erkenntnis des Menschenwesens nach Leib, Seele und Geist 
Gehirn und Denken - Die Leber als Sinnesorgan 
Das Leben in den Gehirnzellen und in den weiflen Blutkorperchen. 
Schwachsinnigkeit und Gehirnerweichung. Absterben des Lebens im 
Gehirn als Voraussetzung fiir das Denken. Ursachen der Leberver- 
hartung. Die Leber als Wahrnehmungsorgan. Stoffauswechslung im 
menschlichen Korper. Bildung des Menschen im miitterlichen Leib. 
Schlaf des Sauglings. Unbrauchbarwerden desKorpers mit dem Alter. 
Darmkrebs, Magen- oder Pfortnerkrebs. Gedachtnisiiberlastung und 
Organverhartung.Wirkliches, tatsachliches Erkennen. Das Praktisch- 
machen der Wissenschaft. 

FunfterVortr AG, 13. September 1922 82 

Wahrnehmen und Denken innerer Organe 
Muttermilch und Kuhmilch. Abtotung und Wiederbelebung derNah- 
rung. Die Leber als inneres Sinnesorgan. Wahrnehmungstatigkeit 
durch die Niere. Gehirnverhartungen. Zuckerkrankheit. Besonder- 
heiten der Leber. Die Leber: ein inneres Auge. Gallenabsonderung. 
Die Augen des Tieres als Denkorgan. Die Januskopfe der Romer. 

SechsterVortrag, 16. September 1922 99 

DerErnahrungsvorgang, physisch-materiell und geistig-seelisch 
betrachtet 

Ptyalin, Pepsin, Trypsin. Leberfuhlen. Gallenabsonderung. Starke: 
Zucker; Eiweift: flussiges Eiweifi, Bildung von Alkohol; Fette: Gly- 
zerin, Fettsauren; Salze bleiben Salze. Ober den Tod des Paracelsus. 
Aufnahme grower Alkoholmengen. Die Migrane. Das Gehirn im Ge- 
hirnwasser. Hauptunterschied des Menschen vom Tier. Salze und 
Phosphor als die wichtigsten Stoffe im menschlichen Kopf. Salz und 
Denken, Phosphor und Wille. 



UBER FRUHE ERDZU STAND E 

Siebenter Vortrag, 20. September 1922 116 

Uber friihe Erdzustande (Lemurien) 

Erdschlamm und Feuerluft. Drachenvogel, Ichthyosaurier und Ple- 
siosaurier. Die Drachenvogel als Nahrung der Ichthyosaurier und 
Plesiosaurier. Vogel, pflanzenfressende Tiere und Megatherien. Die 
Erde: ein gestorbenes Riesentier. 



Achter Vortrag, 23. September 1 922 132 

Frtihe Erdzustande II 

Scjiildkroten, Krokodile. Tierische Heilungsinstinkte. Sauerstoff und 
Kohlenstoff. Pflanzen und Walder. Fortwahrende Veranderung der 
Erde. Die Riesenaustern und ihr Leben in der «Erdensuppe». Die 
Regenwiirmer. Die Erde im Eizustand. Der Mond als Anreger der 
Phantasie und der Wachstumskrafte. Metschnikows Hinweis auf 
Goethes «Faust». Der Mond im Innern der Erde. Mondenaustritt 
und Zustand danach. Aufbewahrung der alten Mondensubstanz in 
der Fortpflanzungskraft der tierischen und menschlichen Wesen. 

Neunter Vortrag, 27. September 1922 149 

Fruheste Erdenzeit 

Zustand der Erde vor dem Mondenaustritt. Fortpflanzung der Rie- 
senaustern. Herkunft der mannlichen und weiblichen Krafte in der 
Zeit vor dem Mondenaustritt. Elefant, Blattlaus und Vorticelle. Die 
Sonne als Befruchtungskraft. Aufbewahrung der Kartoffeln in Erd- 
gruben. Die Erde gibt die Fortpflanzungskrafte ihren "Wesen dadurch, 
daft sie die Sonnenkrafte in sich wahrend des Winters aufbewahrt. 
Fortpflanzung durch Stecklinge. Pflanzen zum richtigen Wachstum 
bringen. Regenwiirmer, Eingeweidewiirmer. Lebenskraft im Pflan^ 
zensamen. Wirkung der Sonne in der pflanzlichen und tierischen 
Fortpflanzung. Wirkung des Mondes auf das Wetter. Der Fechner- 
Schleidensche Mondenstreit. Die Zeit der Erdenentwickelung, wo 
Erde, Sonne und Mond noch ein Korper waren. Der Plateausche 
Versuch. Die Erde als lebendes Wesen. 

Zehnter Vortrag, 30. September 1922 169 

Adam Kadmon in Lemurien 

Die Erde war einmal ein lebendiger Menschenkopf. Fruhere Ernah- 
rung der Erde aus dem Weltenraum. Julius Robert Mayer. Die Sonne 
«frifit» Kometen. Meteorsteine: zerfallene Kometen. Ernahrung der 
Erde durch die Sonne. Der embryonale Menschenkopf, ein deutliches 
Abbild von der Erde. Die Erde war einmal der Keim eines Riesen- 
menschen. Der Mensch war einmal die ganze Erde. «Das Antlitz der 
Erde» von Eduard Sueft. Entstehung der Tiere. Warum der Mensch 
so klein ist. Wir stammen alle von einem Menschen ab. Der Riese 
Ymir. Falsche Auslegung des Alten Testaments. Ausrottung des alten 
Wissens. 

Hinweise: Zu dieser Ausgabe /Hinweise zum Text . 

Namenregister 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



188 
190 
191 



GELEITWORT 
zum Erscheinen von Veroffentlichungen 
aus den Vortragen Rudolf Steiners fur die Arbeiter am Goetheanumbau 
vom August 1922 bis September 1924 

Marie Steiner 

Man kann diese Vortrage auch Zwiegesprache nennen, denn ihr Inhalt 
wurde immer, auf Rudolf Steiners Aufforderung hin, von den Arbeitern 
selbst bestimmt. Sie durften ihre Themen selber wahlen; er regte sie zu 
Fragen und Mitteilungen an, munterte sie auf, sich zu auftern, ihre Ein- 
wendungen zu machen. Fern- und Naheliegendes wurde beruhrt. Ein 
besonderes Interesse zeigte sich fur die therapeutische und hygienische 
Seite desLebens; man sah daraus, wie stark dieseDinge zu den taglichen 
Sorgen des Arbeiters gehoren. Aber auch alle Erscheinungen der Natur, 
des mineralischen, pflanzlichen und tierischen Daseins wurden beruhrt, 
und dieses fiihrte wieder in den Kosmos hinaus, zum Ursprung der 
Dinge und Wesen. Zuletzt erbaten sich die Arbeiter eine Einfiihrung in 
die Geisteswissenschaft und Erkenntnisgrundlagen fur das Verstandnis 
der Mysterien des Christentums. 

Diese gemeinsame geistige Arbeit hatte sich herausgebildet aus ei- 
nigen Kursen, die zunachst Dr. Roman Boos fur die an solchen Fragen 
Interessierten, nach absolvierter Arbeit auf dem Bauplatz, gehalten hat; 
sie wurden spater auch von andern Mitgliedern der Anthroposophi- 
schen Gesellschaft weitergefiihrt. Doch erging nun die Bitte von seiten 
der Arbeiter an Rudolf Steiner, ob er nicht selbst sich ihrer annehmen 
und ihren Wissensdurst stillen wurde - und ob es moglich ware, eine 
Stunde der iiblichen Arbeitszeit dazu zu verwenden, in der sie noch 
frischer und aufnahmefahiger waren. Das geschah dann in der Morgen- 
stunde nach der Vesperpause. Auch einige Angestellte des Baubiiros 
hatten Zutritt und zwei bis drei aus dem engeren Mitarbeiterkreise 
Dr. Steiners. Es wurden auch praktische Dinge besprochen, so z. B. die 
Bienenzucht, fur die sich Imker interessierten. Die Nachschrift jener 
Vortrage iiber Bienen wurde spater, als Dr. Steiner nicht mehr unter 



uns weilte, vom Landwirtschaftlichen Versuchsring am Goetheanum 
als Broschure fiir seine Mitglieder herausgebracht. 

Nun regte sich bei manchen andern immer mehr der Wunsch, diese 
Vortrage kennenzulernen. Sie waren aber fur ein besonderes Publikum 
gedacht gewesen und in einer besonderen Situation ganz aus dem Steg- 
reif gesprochen, wie es die Umstande und die Stimmung der zuhoren- 
den Arbeiter eingaben - durchaus nicht im Hinblick auf Veroffent- 
lichung und Druck. Aber gerade die Art, wie sie gesprochen wurden, 
hat einen Ton der Frische und Unmittelbarkeit, den man nicht ver- 
missen mochte. Man wiirde ihnen die besondere Atmosphare nehmen, 
die auf dem Zusammenwirken dessen beruht, was in den Seelen der 
Fragenden und des Antwortenden lebte. Die Farbe, das Kolorit mochte 
man nicht durch pedantische Umstellung der Satzbildung wegwischen. 
Es wird deshalb der Versuch gewagt, sie moglichst wenig anzutasten. 
Wenn auch nicht alles darin den Gepflogenheiten literarischer Stil- 
bildung entspricht, so hat es dafiir das unmittelbare Leben. 



ERSTER VORTRAG 



Dornach, 2. August 1922 

Guten Morgen, meine Herren! Heute wollen wir die Zeit dazu be- 
niitzen, um zu dem, was wir gehort haben, noch einiges hinzuzufiigen. 
Dann wird uns ja gerade dadurch manches verstandlich werden kon- 
nen von der ganzen Wiirde des Menschen. 

Sehen Sie, ich habe ungefahr gesagt, wie die Ernahrung verlauft und 
wie die Atmung des Menschen verlauft. Wir haben auch gesehen, daft 
die Ernahrung mehr zusammenhangt mit dem Leben des Menschen, daft 
die Ernahrung darinnen besteht, daft wir Nahrungsstoffe aufnehmen, 
die eigentlich in leblosem Zustand in unserem Darm sind, daft diese 
Nahrungsstoffe dann durch die Lymphgefafie lebendig gemacht wer- 
den, und daft sie im lebendigen Zustande dann ins Blut ubergefuhrt 
werden. Dann tritt ja im Blut drinnen, wie wir wissen, diese lebendige 
Nahrung in Beriihrung mit dem Sauerstoff der Luft. Die Luft wird auf- 
genommen von dem Menschen. Das Blut wird verandert. Das ist der- 
jenige Vorgang, der in der Brust vor sich geht. Und wir haben zugleich 
darin dasjenige, was uns unsere Empfindung gibt. 

Also, Leben wird eigentlich zwischen den Darmvorgangen und zwi- 
schen den Blutvorgangen bewirkt. Innerhalb der Blutvorgange wieder- 
um, zwischen den Blutvorgangen und der Luft, wird dasjenige, was 
unser Gemiit ist, bewirkt. Nun mtissen wir uns auch noch um den Ver- 
stand bekummern und mtissen einmal versuchen zu begreifen, wie der 
Verstand beim Menschen zustande gekommen ist. 

Sehen Sie, aufterlich das zu erkennen, ist eigentlich erst seit, man 
konnte sagen, zirka sechzig Jahren moglich. Man hatte ja im vorigen 
Jahre, 1921, eigentlich das Sechzig-Jahr-Jubilaum feiern konnen. Es ist 
ja nicht gefeiert worden, weil in der heutigen Zeit die Menschen wenig 
Interesse haben, gerade rein wissenschaftliche Jubilaumsfeiern zu ver- 
anstalten. Die Entdeckung, die 1861 gemacht worden ist, die als sech- 
zigjahrige Entdeckung hatte gefeiert werden konnen - also erst seit 
fiinfzig, sechzig Jahren kann man so reden iiber die Sache, iiber die ich 
heute reden will -, ist eine wichtige wissenschaftliche Entdeckung. Ich 



erinnere mich an diese Entdeckung schon aus dem Grunde, weil sie just 
so alt ist, wie ich selber. Diese Entdeckung besteht in folgendem. 

Ich habe Ihnen neulich gesagt, wie man beobachten kann am Men- 
schen: Man braucht nicht zu experimentieren, sondern man braucht 
nur achtzugeben auf dasjenige, was die Natur selber experimentiert am 
Menschen, wenn derMensch nach irgendeinerRichtung erkrankt.Wenn 
man dann nachzuschauen versteht, was geschehen ist im physischen 
Menschen, wenn der Mensch in irgendeiner Weise erkrankt ist, dann ist 
ein solches Experiment, ein solcher Versuch von der Natur selber fiir 
uns angestellt worden, und wir konnen aus diesem Versuch heraus eine 
Erkenntnis gewinnen. 

Dazumal nun, 1861, ist gefunden worden, und zwar von Broca, dafi 
bei Leuten, welche Sprachstorungen haben, wenn man sie nach dem 
Tode seziert, dann in der linken dritten Stirnwindung etwas verletzt ist. 

Nicht wahr, wenn wir das Gehirn betrachten, wenn wir also gleich- 
sam abheben die knocherige Schadeldecke, die Knochenhulle, so be- 
kommen wir das Gehirn zu sehen. Dieses Gehirn, das hat ja Windungen : 
Da ist eine Windung, da eine zweite, und da liegt eine dritte Windung 
Wandtafel- (es wird gezeichnet). Man nennt diese Windung, weil sie hier an der 
zeichnung Schlafe liegt, die Schlafenwindung. Nun, jedesmal, wenn der Mensch 
erhalten entwe ^ er einzelne Sprachstorungen hat, oder wenn er gar nicht mehr 
sprechen kann, dann ist in dieser linken Stirnwindung etwas kaputt. 

Das kann geschehen, wenn der Mensch einen sogenannten Gehirn- 
schlag erleidet. Ein Gehirnschlag besteht ja darinnen, dafi das Blut, das 
sonst nur in den Adern fliefien soil, durch die Adern sich durchdriickt 
und dann ausfliefit in die iibrige Masse, die um die Adern herum ist, 
in der das Blut nicht drinnen sein soil. Also ein solcher Blutergufi be- 
wirkt dann den Schlag, die Lahmung. Wenn also das Blut sich unrecht- 
maftig ergieftt m den Menschen, in diese Schlafenwindung hinein, so 
bewirkt das zuletzt, wenn diese Schlafenwindung vollstandig unter- 
graben wird, dafi der Mensch nicht mehr sprechen kann. 

Sehen Sie, das ist ein sehr interessanter Zusammenhang. Wir konnen 
sagen: Der Mensch spricht dadurch, dafi er in seinem physischen Kor- 
per eine gesunde linke Schlafenwindung hat. Und wir miissen jetzt ver- 
j stehen, was das eigentlich heifit: ein Mensch hat eine gesunde linke 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:347 Seite:12 



Schlafenwindung. Aber urn das zu verstehen, mussen wir noch etwas 
anderes betrachten. 

Wenn kleine Kinder sterben, und wir untersuchen diese selbe Stelle 
im Gehirn, also diese linke Schlafenwindung, dann ist diese Strippe 
Him ein ziemlich gleichmaftiger Brei; namentlich bevor das Kind 
sprechen gelernt hat, ist es ein ziemlich gleichmaftiger Brei. In dem- 
selben Mafte, in dem das Kind anfangt sprechen zu lernen, bekommt 
diese linke Stirnwindung immer mehr und mehr kleine Windungen. Sie 
bildet sich immer mehr und mehr kiinstlich aus. So daft man sagen 
kann: Wenn beim ganz kleinen Kind etwa diese linke Stirnwindung so 
ausschauen wiirde (es wird gezeichnet), so wird sie beim Kind, das 
sprechen gelernt hat, und beim Erwachsenen, so ausschauen: sehr kiinst- 
lich gebildet. 

Da ist also etwas geschehen mit dem Gehirn; wahrend das Kind 
gerade sprechen gelernt hat, ist etwas geschehen. Und keinMensch sollte 
eigentlich iiber eine solche Sache anders denken, als man sonst im ge- 
wohnlichen Leben denkt. Sehen Sie, wenn ich den Tisch von da hierher 
rucke, so wird kein Mensch sagen: Der Tisch hat sich hierher geruckt. - 
Ebensowenig sollte ich sagen: Das Gehirn hat sich Windungen gebil- 
det -, sondern ich mufi nachdenken, was da eigentlich geschehen ist, 
was die Ursache ist. Ich muft also nachdenken dariiber, woher diese 
Ausbildung gerade just der lmken Schlafenwindung kommt. 

Nun, sehen Sie, wenn das Kind sprechen lernt, so bewegt es ja seinen 
Korper. Es bewegt seinen Korper in den Sprachorganen. Vorher, wenn 
das Kind noch nicht sprechen kann, ein bloft zappeliges Wesen ist, 
schreit es hochstens und so weiter. Solange es bloft schreit, solange ist 
diese linke Stirnwindung noch ein solcher Brei, wie ich es zuerst ge- 
zeichnet habe. Je mehr es lernt, nicht mehr bloft zu schreien, sondern 
das Schreien iibergehen zu lassen in Laute, desto mehr wird diese Stirn- 
windung ausgebildet. So daft man sagen kann: Wenn das Kind bloft 
schreit, dann hat es also da an der Stelle einen Gehirnbrei. Jetzt fangt 
es an, nicht mehr bloft zu schreien, sondern Laute zu sagen. Dann ver- 
wandelt sich allmahlich dieser allgemeine Brei in einen schon ausgebil- 
deten linken Gehirnteil. 

Nun, meine Herren, die Sache ist so: Sie wissen ja, wenn das Kind 



schreit, dann sind die Schreiereien, die es macht, meistens dasjenige, 
was man Selbstlaute nennt: A, E. Wenn das Kind also blofi schreit, so 
braucht es keine gegliederte linke Stirnwindung, sondern es bringt das- 
jenige, was es da schreit, immer aus sich selbst hervor, ohne dafi es so 
etwas Kiinstliches da im Gehirn hatte. Wenn man ein wenig achtgibt, 
so wird man sehen, dafi, was das Kind zuerst schreit, sehr ahnlich ist 
den A-Lauten. Dann spater fangt das Kind an, U- und I-Laute dazu- 
zufiigen zu seinem Schreien. Und allmahlich lernt das Kind, wie Sie ja 
wissen, auch Mitlaute. Das Kind schreit zuerst A; dann lernt es das 
M dazu: MA oder WA. Also das Kind bringt aus dem Schreien heraus 
allmahlich die Worte zustande, indem es zu den Selbstlauten die Mit- 
laute hinzukriegt. 

Und diese Mitlaute, wodurch bilden die sich? Sie brauchen nur ein- 
mal achtzugeben, wie Sie ein M hervorbringen. Da mussen Sie die Lip- 
pen bewegen. Das mussen Sie als Kind durch Nachahmung lernen. 
Wenn Sie ein L hervorbringen, dann mussen Sie die Zunge bewegen. 
Und so mussen Sie irgend etwas bewegen. Sie mussen also von dem 
Zappeln, das das Kind bloft macht, iibergehen zu regelmafiigen Be- 
wegungen, zu Bewegungen, die die Sprachorgane durch Nachahmung 
ausfuhren. Und je mehr das Kind solche Mitlaute, L, M, N, R und so 
weiter zu den Selbstlauten, die blofi beim Schreien sind, hinzufugt, 
desto mehr wird diese linke Stirnwindung gegliedert, desto mehr wird 
diese linke Stirnwindung kunstlich ausgebildet; so daft mit derselben 
Starke, mit der das Kind die Mitlaute lernt, diese linke Stirnwindung 
sich ausbildet. 

Nun, jetzt konnen wir also sagen: Woher lernt das Kind zunachst 
sprechen? — Das Kind lernt sprechen wirklich nur durch Nachahmung. 
Es lernt sprechen, die Lippen bewegen, indem es aus dem Gefuhl heraus 
nachahmt, wie die anderen Leute die Lippen bewegen. Alles ist Nach- 
ahmung. Das heifit, das Kind bemerkt, sieht, nimmt wahr dasjenige, 
was in seiner Umgebung vor sich geht. Und durch dieses Wahrnehmen, 
also durch diese geistige Arbeit des Wahrnehmens wird das Gehirn aus- 
gebildet. Geradeso wie der Bildhauer sein Holz oder seinen Marmor 
ausbildet oder seine Bronze, so wird dieses Gehirn bildhauerisch aus- 
gebildet dadurch, dafi das Kind sich bewegt. Die Organe, die es bewegt, 



die pflanzen ihre Bewegung bis ins Gehirn hinein fort. Wenn ich also 
L mit der Zunge sage, so ist die Zunge mit dem Gehirn durch einen 
Nerv verbunden, durch andere Organe verbunden. Dieses L, das geht 
bis in meine linke Stirnwindung herein und bringt da drinnen solche 
Figuren hervor. Das L bringt also eine solche Figur hervor, wo eins ans 
andere sich anschlieftt, wo sich diese linke Stirnwindung fast wie ein 
Gedarm ausbildet. Das M, das bringt solche kugeligen Windungen her- 
vor. Also Sie sehen, es ist Arbeit an dieser linken Schlafenwindung. Da 
arbeitet dasjenige, was das Kind durch das Bemerken bewegt, durch- 
lebt. Das ist nun sehr interessant, daft man also, seitdem man das weift, 
daft ein Schlag, ein Gehirnschlag, die linke Stirnwindung ruiniert und 
dadurch die Sprache untergrabt, daft man dadurch wissen kann, daft 
eigentlich fortwahrend beim Kinde an dieser linken Stirnwindung ge- 
arbeitet wird, indem es Konsonanten, Mitlaute lernt. Und das kommt 
davon, daft das Auge und allerlei andere Organe bemerken, daft in der 
Auftenwelt etwas geschieht. Was geschieht denn da in der Auftenwelt? 

Nun, sehen Sie, wenn wir sprechen, so atmen wir ja auch immer 
wahrend des Sprechens. Wir atmen ja fortwahrend. Und wenn wir 
atmen, dann geht dasjenige, was aus dem Atmen sich bildet, dieser 
Atemstofi, wie ich ihn genannt habe, der geht zuerst in den mensch- 
lichen Leib hinein, geht dann durch diesen Ruckenmarkskanal herauf 
(es wird gezeichnet) und geht in das Gehirn hinein. Also wahrend das 
Kind schreit, noch nicht die Mitlaute sagen kann, aber schreit und 
atmet, wahrend der Zeit geht immer diese Atmung herauf, dieser At- 
mungsstoft; der geht herauf und der geht iiberall in das Gehirn hinein. 

Fragen wir uns: Was geht da eigentlich ins Gehirn hinein? Nun, ins 
Gehirn geht Blut hinein. Das geht iiberall hin, so wie ich es Ihnen er- 
klart habe in den letztenTagen. Also durch die Atmung wird eigentlich 
das Blut immerfort hineingestoften in das Gehirn. Das aber, daft durch 
die Atmung das Blut hineingestoften wird iiberall, ja, sehen Sie, das 
findet auch schon statt, nachdem das Kind gerade eben geboren wird - 
auch schon friiher, aber da wird eben auf eine andere Weise gearbeitet. 
Also wenn das Kind geboren wird, f angt es an zu atmen. Da geht eigent- 
lich immer schon dieser Luftstoft herauf, der das Blut in das Gehirn 
hineinstoftt. 



Und auf diese Weise konnen wir sagen: Solange bloft das Blut durch 
die Atmung ins Gehirn hineingestofien wird, solange kann das Kind 
blofi schreien. Es f angt an zu reden, wenn nicht bloft das Blut da hinein- 
gestofien wird, sondern wenn nun, sagen wir, vom Auge oder von 
irgendeinem anderen Organ, vom Ohr namentlich, das Kind etwas 
bemerkt, wenn es etwas wahrnimmt. Wenn also das Kind am anderen 
Menschen eine Bewegung bemerkt, macht es die Bewegung in sich nach; 
dann geht nicht nur der Blutstrom da herauf , sondern dann geht, sagen 
wir zum Beispiel, vom Ohr ein anderer Strom fortwahrend da herein 
(es wird gezeichnet). Sehen Sie, das ist der andere Strom. Und dieser 
andere Strom ist der Nervenstrom. 

Also in der linken Schlafenwindung, in der sogenannten Sprach- 
windung, begegnen sich, wie sonst iiberall im menschlichen Korper, 
Blutgefafie und Nervenstrange. Auf die Nervenstrange wirkt dasjenige, 
was man bemerkt, was man wahrnimmt. Die Bewegungen, die das 
Kind bei den Mitlauten ausfuhrt, pflanzen sich also durch die Nerven 
in seine linke Sprachwindung hinein fort. Und da wird diese ganz gut 
ausgebildet, indem immer der Atmungsstofi mit dem Blut zusammen- 
wirkt mit dem, was von dem Ohr oder auch von dem Auge namentlich 
kommt, und was da allmahlich zwischen Blut und Nerven die ganze 
breiige Gehirnmasse wunderschon gliedert. Also konnen Sie sehen, daft 
unser Gehirn eigentlich erst ausgebildet wird - wenigstens in diesem 
Teil, und dann in anderen Teilen ist es namlich geradeso -, ausgebildet 
wird dadurch, dafi zusammenwirkt eine Tatigkeit, also das Wahr- 
nehmen, mit einer anderen Tatigkeit, mit diesem Stofi, der das Blut hin- 
eintreibt in das Gehirn. 

Nun aber miissen Sie sich auch noch uber das Folgende klar werden. 
Das Kind lernt also auf diese Weise sprechen, das heifit, es bildet seine 
linke Stirnwindung aus. Aber, meine Herren, wenn man nun eben bei 
einem Leichnam sitzt und ihn seziert, und die rechte Stirnwindung, die 
da symmetrisch liegt, beobachtet, so ist diese verhaltnismafiig unausge- 
bildet. Also da haben wir die linke Stirnwindung; die ist so wunder- 
schon geworden, wie ich es Ihnen gesagt habe. Die rechte, die bleibt das 
ganze Leben hindurch meistens so, wie sie war bei dem Kinde - die 
bleibt also ungegliedert. Ich mochte sagen: Wenn wir blofi die rechte 



Stirnwindung hatten, so konnten wir bloft schreien, und nur dadurch, 
dafi wir uns die linke Stirnwindung so kiinstlich zubereiten, konnen 
wir reden. 

Nur, sehen Sie, wenn einmal ein Mensch ein Linkshander ist, werin 
er also die Gewohnheit hat, nicht mit der rechten Hand seine Arbeiten 
zu verrichten, sondern mit der linken Hand, dann stellt sich das Kuriose 
heraus, daft, wenn ihn auf der linken Seite der Schlag trifft, er zum 
Beispiel nicht die Sprache verliert. Und wenn er dann seziert wird, so 
findet man, dafi bei ihm, beim Linkshander, die rechte Stirnwindung so 
gegliedert worden ist, wie sonst bei den gewohnlichen, normalen Biir- 
gern und Menschen die linke Stirnwindung gegliedert wird. 

Also haben die Arm- und Handbewegungen einen aufierordentlich 
starken Anteil an dieser Ausbildung des Gehirns. Woher kommt das? 
Ja, sehen Sie, das kommt davon: Wenn einer sich gewohnt, mit der 
rechten Hand viel zu tun, tut er nicht blofi das, was er tut, mit der 
rechten Hand, sondern er gewohnt sich dann auch an, rechts ein bifi- 
chen starker zu atmen, also mehr Atemkraft aufzuwenden. Er gewohnt 
sich an, rechts deutlicher zu horen und so weiter. Das zeigt uns nur, dafi 
der Mensch, wenn er sich gewohnt, die rechte Hand zu gebrauchen, er 
im allgemeinen die Tendenz hat, rechts uberhaupt mehr Tatigkeit aus- 
zuiiben als links. Nun wird aber gerade just die linke Stirnwindung 
ausgebildet, wenn er ein Rechtshander, und die rechte Stirnwindung, 
wenn er ein Linkshander ist. Woher kommt denn das? 

Ja, meine Herren, sehen Sie: Hier (es wird gezeichnet) haben Sie bei 
einem Korper den rechten Arm, die rechte Hand, hier haben Sie den 
Kopf und hier haben Sie seine linke Schlafenwindung. Jetzt untersuchen 
wir einmal, wie die Nerven gehen. Die Nerven gehen namlich so; Sie 
haben hier drinnen iiberall Nerven. Wenn Sie diese Nerven nicht hatten, 
wiirden Sie hier zum Beispiel nicht warm oder kalt fuhlen konnen. Das 
hangt alles mit den Nerven zusammen. Sie haben hier iiberall Nerven, 
die gehen herauf durch das Riickenmark, gehen in das Gehirn hinein. 
Aber das Kuriose ist, dafi die Nerven, die in der rechten Hand sind, 
hierhin in das linke Gehirn gehen, und die Nerven, die hier in der 
anderen Hand sind, in das rechte Gehirn hineingehen. Da drinnen, da 
kreuzen sich namlich die Nerven. Im Gehirn kreuzen sich die Nerven, 



so dal$ ich, wenn ich zum Beispiel, sagen wir, irgendeine Turnubung 
oder eine Eurythmieiibung mache mit der rechten Hand oder dem rech- 
ten Arm, das dann dadurch spiire, dafi der Nerv dieses Spiiren ver- 
mittelt; aber ich spiire es mit der linken Gehirnhalfte, weil die Nerven 
sich kreuzen. 

Nun stellen Sie sich vor, dafi ein Kind vorzugsweise mit der rechten 
Hand gern alles tut. Dann atmet es auch ein biflchen starker auf der 
rechten Seite, hort ein bifichen starker, sieht sogar ein bifichen scharfer 
auf der rechten Seite. Der Mensch strengt sich dann rechts mehr an und 
entwickelt dasjenige, was er an Bewegungen ausfuhrt, ins linke Gehirn 
hinein. 

Sie brauchen sich nun nur vorzustellen, daft wir ja auch immer so 
ein bifkhen die Eigenheit haben, daft wir Gebarden machen beim Spre- 
chen: Ah! (entsprechende Gebarde); und wenn wir etwas abweisen: E! 
Wir machen Gebarden beim Sprechen. Diese Gebarden werden von 
unseren Nerven empfunden; und die Gebarden der rechten Hand, die 
wir beim Sprechen machen, die werden mit der linken Gehirnhalfte 
empfunden. Und ebenso haben wir, wenn wir Rechtshander sind, die 
Tendenz, mit der rechten Kehlkopfhalfte starker die Vokale und Kon- 
sonanten auszusprechen, starker die Laute auszusprechen; dann wird 
das, was wir da tun, auch mit der linken Gehirnhalfte starker empfun- 
den. Und von dem riihrt dann das her, dafi das Gehirn, das urspriing- 
lich ein Brei ist, mehr ausgebildet wird. Die linke Halfte lassen wir 
mehr unbeniitzt; daher wird die rechte Gehirnhalfte weniger ausgebil- 
det, bleibt breiartig. Aber wenn einer ein Linkshander ist, geschieht es 
umgekehrt. 

Daraus folgen allerlei wichtige Sachen fur die Padagogik. Denken 
Sie sich, bei linkshandigen Kindern - wenige linkshandige Kinder hat 
man ja schon auch in der Schule - mufi man sich sagen: Wahrend bei 
alien anderen sehr kunstlich ausgebildet ist die linke Schlafenwindung 
im Gehirn, ist bei diesen Linkshandigen in voller Bildung begriffen, 
bildet sich aus die rechte Schlafenwindung. Und unterrichte ich die 
Kinder im Schreiben, da verwende ich die rechte Hand. Diejenigen 
Kinder, die rechtshandig sind, die werden nur dasjenige verstarken in 
ihrer linken Stirnwindung, was sie schon angefangen haben auszubil- 



den beim Sprechenlernen. Diejenigen Kinder aber, die linkshandig sind, 
die werden, wenn ich sie nun zwinge mit der rechten Hand zu schrei- 
ben, dasjenige wieder ruinieren, was sie in der rechten Schlafenwindung 
sich eingebildet haben durch die Sprache. Die ruinieren sich das wieder, 
und ich habe daher die Aufgabe, da es mit dem Schreiben doch nicht so 
sein soli, dafi man die Linkshander links schreiben lafit, ich habe zu- 
nachst die Aufgabe, bei denjenigen Kindern, welche linkshandig sind, 
langsam und allmahlich dasjenige, was sie mit der linken Hand tun, in 
die rechte Hand heriiberzuleiten, damit sie zuerst lernen, mit der an- 
deren Hand so etwas zu arbeiten, und sie dann erst viel langsamer als 
die anderen Kinder ins Schreiben hineinkommen. Das macht nichts, 
wenn die etwas spater schreiben lernen. 

Wenn ich einfach Kinder, die linkshandig sind, so schnell schreiben 
lernen lasse wie diejenigen, die rechtshandig sind, so mache ich diese 
Kinder dummer, weil ich ihnen wiederum dasjenige ruiniere, was sie in 
der rechten Gehirnhalfte ausgebildet haben. Also ich mufi beachten, 
daft ich die Kinder, die linkshandig sind, in einer anderen Weise im 
Schreiben unterrichte als diejenigen Kinder, die rechtshandig sind. Sie 
werden dadurch eben fur das spatere Leben nicht dummer, sondern 
gescheiter, wenn ich langsam hineinleite die Linkshandigkeit in die 
Rechtshandigkeit, und nicht durch Schreiben mit der rechten Hand 
einfach das ganze Gehirn konfus mache. 

Nun, sehen Sie, wenn man uberhaupt durch Schreiben den ganzen 
Menschen behandeln will, dann erreicht man padagogisch uberhaupt 
das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Es ist jetzt eine grofie 
Tendenz vorhanden, den Menschen immer mit beiden Handen alles zu 
lehren, ihn mit beiden Handen alles machen zu lassen. Da bringe ich in 
seinem Gehirn alles durcheinander. Und es zeigt nur, wie wenig die 
Leute wissen, wenn sie eine solche Tendenz haben, den Menschen links 
und rechts dasselbe machen zu lassen. Man konnte schon das anstreben; 
da mufi man aber vorher etwas anderes machen. Und was miifite man 
machen? Ja, meine Herren, da miifite man vorher den ganzen Menschen 
umandern! Da miifite man langsam die eine Tatigkeit von der linken 
Seite auf die rechte Seite ubergehen lassen und die Tatigkeit auf der 
rechten Seite langsam schwacher machen. Was wiirde dann geschehen? 



Ja, sehen Sie, was dann geschehen wiirde, das ist dieses, dafi unter dieser 
Oberflache der linken Schlafenwindung (es wird gezeichnet) die linke 
Schlafenwindung kiinstlicher ausgebildet sein wiirde, und aufien, an 
der Aufienseite, da bliebe es Brei. Und das wiirde dann auch an der 
rechten Schlafenwindung eintreten. Statt dafi ich dann die zwei Tatig- 
keiten verteile auf die linke und rechte Seite, mache ich jede Schlafen- 
windung zu einer Halfte, zu einer aufieren und zu einer inneren Half te. 
Und die innere Halfte, die ist dann mehr zum Sprechen geeignet, die 
aufiere ist mehr blofi, um die Selbstlaute und Mitlaute hineinzuschreien. 
Aber alles Sprechen ist ja eine Zusammensetzung von Schreien und 
Artikulieren. Das bleibt so das ganze Leben hindurch. 

Sie sehen also, man darf nicht so ohne weiteres am Menschen herum- 
pfuschen, sondern man mufi, wenn man Padagogik, auch nur Volks- 
schulpadagogik treiben will, den ganzen Menschen kennen. Denn mit 
allem, was man tut, verandert man namlich den Menschen. Und das ist 
das wirklich Siindhafte, dafi heute blofi nach Aufierlichkeiten herum- 
gepfuscht wird und nicht darauf gesehen wird, wie sich die Dinge 
stellen, wenn man wirklich in den Menschen eindringt. 

Nun, bei den wenigsten Menschen sind beide Stirnwindungen 
brauchbar, sondern die rechte Stirnwindung ist mehr durchsetzt mit 
Blutstromungen, die linke hat weniger Blutstromungen und ist mehr 
durchsetzt mit Nerven. Und das ist uberhaupt bei unserem ganzen 
Gehirn der Fall, daft das Gehirn rechts mehr zum Blut-Verstromen, 
also zum Blut-Auseinanderrinnen da ist, wahrend die linke Halfte 
mehr zum Bemerken, zum Wahrnehmen da ist. 

Sobald wir dazu kommen, einmal das zu wissen, dafi das Gehirn sich 
ausbildet unter den aufieren Einfliissen, dann werden wir erst einen 
Begriff bekommen, wie stark diese aufieren Einflusse sind. Diese au- 
fieren Einflusse sind naturlich dann ungeheuer stark, wenn wir wissen, 
dafi durch die aufieren Einflusse alles dasjenige bewirkt wird, was da 
im Gehirn eigentlich vor sich geht. Also dadurch, dafi man gelernt hat, 
was eigentlich im Gehirn geschieht, wenn der Mensch spricht, dadurch 
kann man sich nun eine Vorstellung davon bilden, wie es uberhaupt mit 
diesem menschlichen Gehirn ist. Sehen Sie, wenn wir dieses Gehirn nun 
weiter untersuchen, dann stellt es sich so heraus, dafi immer an der 



Aufienwand, da wo das Gehirn seine Aufienwand hat, dafi da tiber- 
haupt mehr Blutgefafie sind als im Inneren. So dafi wir also sagen kon- 
nen: Aufien ist das Gehirn blutreicher, im Inneren ist es nervenreicher. 
Im Inneren haben wir es also nervenreich; da sind solche Nerven- 
strange darinnen. 

Wie wird denn also jetzt, sagen wir, bei einem Kind, das in gewohn- 
licher Weise sprechen lernt, das also ein Rechtshander ist, wie wird 
denn bei einem solchen Kinde eigentlich das Gehirn ausgebildet? Nun, 
sehen Sie, wenn man ein ganz junges Gehirn nimmt vom Kind, da ist 
es ja so, daft es ringsherum seinen blutreichen, ich mochte sagen, Mantel 
hat (es wird gezeichnet). Das ist von vorne angeschaut. Das soil rechts 
sein vom Menschen aus -, also von Ihnen aus gesehen ist es links -, das 
soil links sein vom Menschen aus. Da bilden sich nun alle diese Nerven- 
strange. Weil das so ist, meine Herren, weil da drinnen Nervenstrange 
sind, sieht, wenn man sie herausnimmt, die innere Gehirnmasse weift- 
lich aus, wahrend die blutreichere, ringsherum liegende Gehirnmasse, 
wenn man sie herausnimmt, rotlich-grau ausschaut. Rotlich-grau schaut 
sie aus. 

Wenn nun das Kind sich weiter so entwickelt, daft es sprechen lernt, 
daft also seine linke Schlafenwindung gegliedert wird, was geschieht 
da? Ja, sehen Sie, da geschieht das, daft sich diese Nervenstrange mehr 
da hineinziehen; dahier weniger, dahier mehr das Blutsystem sich aus- 
bildet (es wird gezeichnet). Also es riickt gewissermaften der innere Teil 
des Gehirnes bei dem normal sich entwickelnden Kind mehr nach links; 
der andere schiebt sich nach. Das Gehirn schiebt sich so heriiber nach 
der linken Seite, und es wird gegen die linke Seite immer weiftlicher 
und weiftlicher. Es schiebt sich so heriiber. Auf solchen kiinstlichen 
Dingen beruht eben die ganze menschliche Entwickelung. 

Nun, gehen wir von der Sprache weiter aus. Sehen Sie, es gibt Spra- 
chen, welche, sagen wir, sehr viele Mitlaute haben, und es gibt Sprachen, 
welche sehr viele Selbstlaute haben: A, E, I und so weiter. Es gibt andere 
Sprachen, welche alles so herausquetschen: S, W, daft man fast die 
Selbstlaute gar nicht bemerkt. Nun, was liegt da eigentlich vor? 

Wenn irgend jemand in einer Gegend lebt - denn das hangt von den 
Gegenden ab, die Sprachen sind ja nach den Gegenden der Erde ver- 



schieden -, in der sich mehr die Mitlaute ausbilden, was bedeutet das? 
Das bedeutet, daft er mehr in der Auftenwelt lebt, denn die Mitlaute, 
die miissen am Aufieren ausgebildet werden. Wenn also jemand mehr 
in der Auftenwelt lebt, so schiebt sich sein weifter Gehirnteil mehr nach 
links heruber. Wenn jemand mehr in seinem eigenen Inneren lebt, in 
einer solchen Gegend sich entwickelt, wo der Mensch mehr in seinem 
eigenen Inneren lebt, da schiebt sich weniger diese weifie Gehirnmasse 
heruber. Der Mensch wird mehr dazu veranlafk, wohllautende Selbst- 
Iaute aus seinem Inneren hervorzubringen. Aber das ist nach Gegenden 
der Erde verschieden. 

Nehmen wir also folgendes, meine Herren. Denken Sie sich, da ist 
die Erde (es wird gezeichnet) und an den verschiedenen Punkten der 
Erde stehen Menschen. Ich will es ganz schematisch zeichnen, da ein 
Mensch und da ein Mensch. Da stehen also verschiedene Menschen auf 
der Erde. So stehen wir ja immer auf der Erde, wenn das auch natiirlich 
viel zu unverhaltnismafiig gezeichnet ist, aber so stehen wir auf der 
Erde. Und der Mensch hier, sagen wir, bekommt eine selbstlautende 
Sprache, der andere bekommt eine mitlautende Sprache. 

Was mull da geschehen sein in der betreffenden Gegend? Nun kann 
ja sehr viel geschehen sein, sehr vielerlei, aber ich will Ihnen eines her- 
ausheben, was geschehen sein kann. Denken Sie sich einmal, hier befin- 
den sich hohe Gebirge (es wird gezeichnet), und hier ist die Ebene^ Also 
hier hohe Gebirge, dort die Ebene. Nun, in der Tat, wenn irgendwo 
f lache Ebenen sind, dann merkt man, dafi dort die Sprache vokalreicher 
wird. Wenn irgendwo hochaufgetiirmte Gebirge sind, dann hat die 
Sprache die Tendenz, konsonantenreicher, mitlautreicher zu werden. 

Aber sehen Sie, so einfach liegt die Geschichte wiederum nicht, son- 
dern wir miissen uns fragen: Ja, wodurch entsteht das Gebirge und 
wodurch entsteht die Ebene? Das ist so (es wird gezeichnet): Hier ist 
iiberall das Erdreich; hier scheint die Sonne. Unsere ganze Erde war ja 
einmal Brei. Die Gebirge, die miissen ja erst aus dem Breiigen heraus- 
gezogen worden sein. Also die Erde ist Brei im Grunde, das Gebirge 
wird hier herausgezogen. 

Meine Herren, was zieht denn da das Gebirge heraus? Das Gebirge 
ziehen die Krafte aus dem Weltenall heraus, die da von draufien wir- 



ken! So dafi wir sagen konnen: Da wirken gewisse Krafte herein aus 
dem Weltenall, welche das Gebirge herausziehen. Diese Krafte sind 
stark, deshalb entsteht ein Gebirge. Hier sind schwachere Krafte aus 
dem Weltenall hereinkommend, da entsteht deshalb kein Gebirge. Da 
wurde der Erdboden in uralten Zeiten weniger herausgezogen. Und 
diejenigen Menschen, die nun auf einem solchen Erdboden geboren 
werden, wo weniger diese Krafte wirken, die reden in Selbstlauten, und 
diejenigen Menschen, die auf einem solchen Erdboden geboren werden, 
wo mehr diese Krafte wirken, die reden in Mitlauten. Also das hangt 
mit den ganzen Kraften des Weltenalls zusammen. 

Und wie konnen wir denn irgend so etwas angeben? Nun, meine 
Herren, was wir da angeben, das miissen wir so einrichten, wie wir die 
Uhr anschauen. Wir miissen an die Arbeit gehen oder miissen fort- 
gehen. Aber wir werden keinen Augenblick sagen: Jetzt ist es zuviel! 
Dieser verdammte grofie Zeiger, der ist ein grafilicher Kerl, der peitscht 
mich jetzt zur Arbeit! - Das f allt uns gar nicht ein. Der Zeiger gibt uns 
an, wann wir zur Arbeit gehen sollen, aber wir werden ihm gar nicht 
die geringste Schuld oder Ursache beilegen. Nicht wahr, das tun wir 
doch nicht. Also der ist hochst unschuldig an der Sache. 

Ebenso, meine Herren, konnen wir hier zur Sonne hinschauen und 
konnen sagen: Wenn wir hier stehen, so ist in einem gewissen Moment 
die Sonne, sagen wir, zum Beispiel vor dem Sternbilde des Widders. Da 
haben wir die Richtung, wo die starken Krafte herwirken. Nicht der 
Widder ist es, aber der gibt uns die Richtung an, wo die starken Krafte 
herwirken. Zu derselben Zeit steht hier ein Mensch. Fur den kommt 
erst das so in Betracht: Wenn die Sonne hier heriibergeriickt ist (es wird 
gezeichnet), da steht sie hier, meinetwillen in der Jungfrau, im Stern- 
bilde der Jungfrau. Aus der Richtung sind die schwachen Krafte. Statt 
dafi ich den ganzen Vorgang jetzt erzahle, kann ich also sagen: Wenn 
jemand in einer Gegend geboren ist, wo zu einer bestimmten Zeit, sagen 
wir, bei seiner Geburt, die Sonne im Sternbilde des Widders steht, dann 
lernt er mehr konsonantisch reden; wenn er geboren wird zu einer Zeit, 
wo die Sonne im Sternbilde der Jungfrau steht, dann lernt er mehr voka- 
lisch, selbstlautend reden. 

Also Sie sehen, ich kann den ganzen Tierkreis so im Sinne einer Uhr, 



an der ich ablesen kann, was auf der Erde geschieht, beniitzen. Nur 
mufi ich mir immer klar sein, dafi nicht die Sternbilder da dies tun, 
sondern daft die Sternbilder zum Ablesen da sind. Daraus sehen Sie, 
dafi der Tierkreis uns schon sehr viel sagen kann. Er kann uns soweit 
etwas sagen, dafi wir daraus verstehen konnen, wie die Sprachen auf 
der Erde verschieden sind. 

Wir konnen also durchaus sagen: Schauen wir auf die Erde. Denken 
wir uns, da ist die Erde, und da stellen wir uns einen Stuhl hin - es kann 
ja nicht sein, aber hypothetisch konnen wir es annehmen -, einen Stuhl 
ins Weltenall hinaus, schauen uns da an eine Art Sprachenkarte, die 
verschiedenen Sprachen auf Erden. Dann kriegen wir ein Bild. Und 
jetzt kehren wir den Stuhl um, jetzt gucken wir da in das Weltenall 
hinaus. Da kriegen wir ein Bild von den Sternen, und die entsprechen 
einander. Wenn einer so die siidliche Halfte der Erde anschauen wiirde 
und die Sprachen dort anschaute, und dann den Stuhl umkehrt und den 
siidlichen Sternenhimmel anschaut, so ist der ganz anders, als wenn 
einer beziiglich der nordlichen Halfte das macht. So dafi einer den 
Sternenhimmel aufzeichnen konnte, und wer das studiert hat, diesen 
Zusammenhang, der kann angeben aus einem bestimmten Sternbilde, 
was unter diesem Sternbilde fur eine Sprache iiblich ist. 

So sehen Sie also, daft gerade dann, wenn wir anfangen das geistige 
Leben des Menschen zu beobachten, also da, wo sich durch die Sprache 
sein Verstand ausbildet, wir hinaufsehen mussen in den Sternenhimmel, 
wenn wir etwas verstehen wollen. Auf Erden kriegen wir keinen Zu- 
sammenhang. Sie konnen noch so sehr nachdenken, warum die Spra- 
chen verschieden sind, und Sie kriegen keine Erklarung. 

Sehen Sie, wenn Sie wissen wollen, was in Ihrem Bauch vor sich geht, 
mussen Sie denErdboden fragen - das, was da drunten ist. Wenn in einer 
Gegend hauptsachlich Kohl gebaut wird, so werden Sie sich sagen kon- 
nen: In dieser Gegend mussen fortwahrend die getoteten Kohlfriichte 
wiederum belebt werden. - Also wenn Sie wissen wollen, wie in einer 
Gegend ernahrt wird, mussen Sie den Erdboden fragen. Wenn Sie wis- 
sen wollen, wie in einer Gegend geatmet wird, da mussen Sie das fragen, 
was rundherum geschieht im Luftkreis. Und wenn Sie wissen wollen, 
was da drinnen in diesem Kasten, in dem Gehirnkasten vor sich geht, 



miissen Sie fragen, wie da draufien die Sterne stehen. Und so mussen Sie 
den Menschen eingliedern konnen in das ganze Weltenall. Und da wer- 
den Sie sehen, daft es allerdings ein Aberglaube ist, wenn aus Ober- 
bleibseln von dem, was einmal Menschen gewufit haben, blofi gesagt 
wird: Wenn die Sonne im Widder steht, wird das und das bewirkt. - 
Das ist gar nichts. Aber wenn man den ganzen Zusammenhang kennt, 
dann hort die Sache auf, ein gewohnlicher Aberglaube zu sein, dann 
wird sie Wissenschaft. 

Und das ist dasjenige, was uns allmahlich vom Verstandnis der 
blofien Umarbeitung der Stoffe bringt zu dem, was geschieht und was 
in Zusammenhang steht mit dem ganzen Weltenall draufien. 



ZWEITER VORTRAG 



Dornach, 5. August 1922 

Guten Morgen, meine Herren! Nun werde ich auch heute noch fort- 
setzen miissen mit dem, was wir besprochen haben, aus dem Grunde, 
weil ja die Sache nur dann ganz gut verstanden werden kann, wenn 
man immer weiter und weiter in sie eindringt. 

Sehen Sie, es kommt beim Menschen also darauf an, wie Sie gesehen 
haben, dafi er sowohl aus dem Erdreiche seine Nahrung nimmt, da- 
durch ernahrt er sich - dafi er aus dem, was die Erde umgibt, aus dem 
Luftreiche also, seine Atmung besorgt, dadurch lebt er eigentlich erst, 
dadurch ist er erst imstande, auch ein fuhlendes und empfindendes 
Wesen zu werden -, und dafi er aus der ganzen Welt die Krafte nimmt, 
wie wir gesehen haben, dadurch ist er ein denkendes Wesen und wird 
eigentlich erst dadurch ein vollstandiger Mensch. 

Also der Mensch mufi sich ernahren konnen, der Mensch mufi atmen 
konnen, dadurch ein fuhlendes Wesen werden - und er mufi die Krafte 
aus dem Weltenall nehmen konnen, um dadurch ein denkendes Wesen 
zu werden. Er wird ebensowenig von selbst ein denkendes Wesen, wie 
er durch sich selber reden kann. Der Mensch kann nicht sich selber 
denken, ebensowenig wie er sich selber essen kann. 

Nun wollen wir einmal niiher betrachten, wie diese Dinge eigentlich 
vor sich gehen. Beginnen wir zunachst einmal damit, dafi wir uns klar- 
machen, wie eigentlich dieser Vorgang geschieht, wenn wir die Nah- 
rungsstoffe aufnehmen, sie gewissermafien in einem ertoteten, toten 
Zustande haben innerhalb unseres Gedarmorganismus, und sie dann 
wiederum belebt werden durch die Lymphdriisen und durch die Lymphe 
ins Blut iibergefuhrt werden, das Blut durch die Atmung erneuert wird. 
Das Blut, respektive die Kraft des Blutes, der Atemstofi, steigt dann 
durch das Ruckenmark in das Gehirn hinein und verbindet sich dort 
mit demjenigen, was die Gehirntatigkeit ist. 

Sie brauchen nur zu betrachten, wie das Kind in einer anderen Weise 
sich ernahrt als der erwachsene Mensch, dann werden Sie daraus schon 
fiir die ganze Erkenntnis des Menschen sehr viel entnehmen konnen. 



Das Kind mufi, wie Sie wissen, in der allerersten Lebenszeit viel Milch 
trinken. Zunachst nahrt es sich ja ausschliefilich von Milch. Was heifit 
das eigentlich, dafi sich das Kind ausschliefilich von Milch ernahrt? Das 
konnen wir uns vorstellen, wenn wir uns klarmachen, woraus die Milch 
eigentlich besteht. 

Die Milch besteht - das bedenkt man gewohnlich nicht - zu 87 Pro- 
zent aus Wasser. Also wenn wir als Kinder Milch trinken, so trinken 
wir eigentlich damit 87 Prozent Wasser, und nur die letzten 13 Prozent 
sind etwas anderes. Von diesen letzten 13 Prozent sind nur A 1 1 2 Prozent 
Eiweifi; 4 Prozent sind Fett in der Milch, und dann sind noch einige 
restierende andere Stoffe, Salze und so weiter. Aber im wesentlichen ist 
das dasjenige, was das Kind aufnimmt mit der Milch. Es nimmt also in 
der Hauptsache eigentlich Wasser auf . 

Nun habe ich Ihnen ja gesagt, daft der Mensch uberhaupt in der 
Hauptsache aus Fliissigkeit besteht. Das Kind mufi diese Fliissigkeit 
immer vermehren. Es mufi ja wachsen und hat daher sehr viel Wasser 
notig, nimmt dieses Wasser mit der Milch auf. 

Sie konnen nun sagen: Dann ware es also ebenso, wenn wir dem 
Kinde nur diese 13 Prozent Nahrung beibrachten und ihm im ubrigen 
Wasser zu trinken geben wiirden. — Ja, sehen Sie, darauf ist aber der 
menschliche Korper nicht eingerichtet. Dasjenige, was wir mit der 
Milch bekommen, sind ja nicht 13 gewohnliche Prozente von Eiweifi 
und Fett und so weiter, sondern das alles, Eiweifi und Fett, das ist in der 
Milch aufgelost, im Wasser aufgelost, wenn es Milch ist. Es ist also 
schon so, dafi, wenn das Kind die Milch trinkt, es die Stoffe, die es 
braucht, im aufgelosten Zustande bekommt. Und das ist etwas anderes, 
als wenn der Korper erst diejenigen Arbeiten verrichten miifite, die im 
Auflb'sen geschehen. 

Wenn Sie sich erinnern, was ich bis jetzt schon iiber die Ernahrung 
gesagt habe, dann werden Sie sagen: Die Nahrungsstoffe, die wir mit 
dem Munde aufnehmen, miissen wir ja auch erst auflosen. Wir haben 
eigentlich von der Natur nur die Erlaubnis, feste Nahrungsstoffe in den 
Mund zu bekommen; dann losen wir sie auf durch unsere eigene Fliis- 
sigkeit. Der weitere Korper, Magen, Gedarme und so weiter konnen 
uberhaupt erst das Aufgeloste brauchen. Das Kind mufi sich ja erst diese 



Fahigkeit erringen, aufzulosen; die mufi es erst bekommen. Es kann also 
nicht vom Anfange an das schon selber besorgen. Es wird ihm also vor- 
her aufgelost. Das konnen Sie am besten daraus entnehmen, dafl das 
Kind, wenn es zu sehr mit irgendeiner kiinstlichen Nahrung, die zu- 
sammengesetzt ist, genahrt wird, dennoch verkiimmert. 

Nun konnten Sie sagen: Wenn ich also vielleicht doch in der Lage 
ware, kunstliche Milch zu erzeugen, wenn ich also die 13 Prozent, die 
da im Wasser drinnen sind an Eiweifi, Fett und so weiter, so zusammen- 
setzen konnte mit dem Wasser, dafi das also aufierlich so ahnlich der 
Milch ware, ware das eine Milch, die dann fur das Kind ebensogut ware 
wie die Milch, die es gewohnlich bekommt? - Ja, sehen Sie, meine Her- 
ren, das ist eben nicht der Fall. Das Kind wiirde verkummern, wenn es 
solche kunstliche Milch bekommen wiirde. Und da die Menschen nur 
nach den Bedurfnissen produzieren konnen, so wird man auch auf das 
Produzieren solcher Milch verzichten miissen. Es wiirde ein dieMensch- 
heit verderbendes Mittel sein. 

Denn wer kann nur dasjenige besorgen als Auflosung, was da das 
Kind notig hat? Sehen Sie, das kann wiederum nur das Leben selber. 
Notdurftig konnten es ja die Tiere, aber nicht einmal alle Tiere. Aber 
fur die allererste Zeit, wo das Kind darauf angewiesen ist - weil es noch 
nicht selber richtig auflosen kann -, diese Nahrungsstoffe, Eiweifi und 
Fett, schon in richtiger Weise aufgelost zu bekommen, kann das Kind 
eigentlich nur richtig genahrt werden mit der Menschenmilch selber. 

Und von anderer Milch ist ja Eselsmilch der Menschenmilch am 
ahnlichsten, und man kann daher, wenn irgendwie nicht die Moglich- 
keit vorhanden ist, das Kind durch Selbststillen oder Stillen uberhaupt 
zu ernahren, das Kind am weitesten noch mit Eselsmilch bringen. Das 
ist zwar sehr komisch, aber tatsachlich ist die Eselsmilch der Menschen- 
milch am allerahnlichsten, so dafi also, wenn nicht die richtige Men- 
schenstillungbesorgt werden kann, ja die Stillung zurNot auch dadurch 
besorgt werden konnte, daft man sich einenEselsstall und eine Eselsstute 
halt und auf diese Weise das Kind mit Milch versorgt. Das ist aber 
natiirlich nur etwas, was ich als Hypothese sage, damit Sie sehen, wie 
die Dinge in der Natur zusammenhangen. 

Wenn Sie jetzt zum Beispiel die Milch vergleichen, sagen wir mit 



dem Hiihnerei als Nahrungsmittel, so bekommen Sie das heraus, dafi 
das Hiihnerei ungefahr 14 Prozent an Eiweifi enthalt, also weitaus viel 
mehr, eigentlich das Vierfache von dem, was die Milch enthalt. Wenn 
man also anfangt, dem Kinde solche Nahrung zu geben, die mehr Ei- 
weifi enthalt, dann mufi das Kind schon diese Kraft des Auflosens in 
sich bekommen haben. Es mufi schon selber auflosen konnen. 

Sie sehen daraus, wie notwendig es ist, daft das Kind fliissige Nah- 
rung bekommt. Aber was fur eine fliissige Nahrung? Eine fliissige 
Nahrung, die schon durch das Leben gegangen ist, und, da das Kind ja 
angelegt wird unmittelbar an die Mutterbrust, womoglich noch lebt. 

Beim Kinde ist das ganz deutlich zu bemerken, daft, wenn es nun die 
Milch trinkt und die. Milch durch Mund und Speiserohre bis in den 
Magen geht - da wird sie erst im menschlichen Korper abgetotet -, dafi 
sie dann wiederum belebt werden kann in den Gedarmen. So dafi wir 
da am Kinde unmittelbar sehen, daft das Leben erst abgetotet werden 
mufi. Und weil das Leben noch wenig verandert ist, hat das Kind zum 
Wiederbeleben weniger Kraft notwendig, wenn es Milch trinkt, als 
wenn es etwas anderes geniefit. Sie sehen also, wie nahe der Mensch 
dem Leben steht. 

Aber daraus sehen Sie noch etwas anderes. Wenn man jetzt wirklich 
richtig denkt, worauf kommt man denn da eigentlich? Fangen Sie an, 
jetzt gerade an diesem Punkte ganz richtig zu denken. Sehen Sie, wenn 
wir uns sagen: Das Kind mufi also belebte Nahrung aufnehmen, die es 
selber ertoten und wiederbeleben kann, und wir sagen dann: der Mensch 
besteht zum grofiten Teil aus Fliissigkeit -, diirfen wir da sagen, der 
Mensch besteht aus Wasser, aus dem Wasser, das wir draufien in der 
Natur, in der leblosen Natur finden? - Dann miifite ja dieses Wasser, 
das wir in der leblosen Natur finden, im Kinde gerade so arbeiten kon- 
nen, wie es im Erwachsenen arbeitet, der schon mehr Lebenskrafte sich 
gesammelt hat! 

Daraus aber sehen Sie, dafi das, was wir als unsere fast 90 Prozent 
Wasser in uns tragen, nicht gewohnliches, lebloses Wasser ist, sondern 
dafi das belebtes Wasser ist. Also es ist etwas anderes, was der Mensch 
als Wasser in sich tragt: Er tragt belebtes Wasser in sich. Und dieses 
belebte Wasser, das ist also Wasser, wie wir es haben draufien in der 



leblosen Natur, durchdrungen mit dem, was die ganze Welt durchsetzt 
als Leben, sich nur im leblosen Wasser ebensowenig geltend macht, wie 
sich das menschliche Denken im toten Leichnam geltend macht. Wenn 
Sie also sagen: Wasser - da hier habe ich Wasser im Bach und Wasser 
habe ich im menschlichen Korper, so konnen Sie sich das verstandlich 
machen, geradeso wie wenn Sie sagen: Da habe ich einen Leichnam und 
da habe ich einen lebenden Menschen; das Wasser im Bach ist der Leich- 
nam desjenigen Wassers, das im menschlichen Korper ist. 

Deshalb sagen wir: Der Mensch hat nicht nur dieses Tote in sich, 
dieses Physische, sondern er hat auch einen Lebenskorper, einen Lebens- 
leib in sich. Das ist dasjenige, was ein richtiges Denken wirklich gibt: 
Der Mensch hat diesen Lebensleib in sich. Und wie das nun weiterwirkt 
im Menschen, das konnen wir uns klarmachen, wenn wir den Menschen 
wirklich im Zusammenhang mit der Natur beobachten. Da aber mus- 
sen wir uns eigentlich das vor Augen stellen, daft wir zuerst hinaus- 
schauen in die Natur, und dann hineinschauen in den Menschen. Wenn 
wir in die Natur hinausschauen, dann finden wir ungefahr uberall die 
Bestandstticke, die Teile, aus denen der Mensch besteht, nur daft der 
Mensch diese Teile von der Natur in seiner Art verarbeitet. 

Gehen wir also, um das zu verstehen, zu den allerkleinsten Tieren. 
Sie werden dabei schon, wahrend ich rede, bemerken, wie ich beim 
Menschen schon ahnlich von demjenigen, was in ihm ist, geredet habe, 
wie ich jetzt von den kleinsten und von den niedrigsten Lebewesen 
drauften in der Natur reden mufi. Sehen Sie, da gibt es im Wasser, im 
Meerwasser ganz kleine tierische Wesen. Diese kleinen tierischen Wesen, 
die sind eigentlich nur kleine Schleimklumpchen, meistens so klein, daft 
man sie iiberhaupt nur durch ein starkes Vergrofterungsglas sehen kann. 
Tafel l * Ich zeichne sie jetzt naturlich vergroftert (siehe Zeichnung, links). Diese 
kleinen Schleimklumpchen, die schwimmen also im umgebenden Was- 
ser, in der Fliissigkeit. 

Wenn nun nichts weiter da ware als so ein Schleimklumpchen und 
ringsherum das Wasser, so wurde dieses Schleimklumpchen in Ruhe 
bleiben. Aber wenn, sagen wir, irgendein kleines Kornchen von irgend- 
Tafel l einem Stoff heranschwimmt, zum Beispiel solch ein kleines (siehe Zeich- 
nung, rechts) heranschwimmt, dann breitet dieses Tierchen, ohne daft 

30 * Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 188 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:347 Seite:30 




irgend etwas anderes da ist, seinen Schleim so weit aus, dafi jetzt dieses 
Kornchen in seinem Schleim drinnen ist. Und natiirlich mufi es diesen 
Schleim dadurch ausbreiten, dafi es da sich wegzieht. Dadurch bewegt 
sich dieses Kliimpchen. Dadurch also, dafi dieses kleine Lebewesen, die- 
ser kleine Lebensschleim mit seinem eigenen Schleim ein Kornchen um- 
gibt, dadurch haben wir es zugleich bewegt. Aber das andere Kornchen 
da, das wird jetzt aufgelost da drinnen. Es lost sich auf, und das Tier- 
chen hat dieses Kornchen gefressen. 

Nun kann aber ein solches Tierchen auch mehrere solcher Kornchen 
fressen. Denken Sie, da ware dieses Tierchen, da ein Kornchen, da auch 
ein Kornchen, da und da auch ein Kornchen (siehe Zeichnung), dann 




Tafel 1 



streckt das Tierchen hierher seine Fiihler, daher, daher und daher aus, 
und wo es sie am meisten ausgestreckt hat, wo das Kornchen also am 
grofiten war, da zieht es sich dann nach und zieht die anderen mit. So 
daft also dieses Tierchen sich auf diese Weise bewegt, dafi es sich zu- 
gleich ernahrt. 



Nun, meine Herren, wenn ich Ihnen das beschreibe, wie so diese 
kleinen Schleimklumpchen da im Meere herumschwimmen und sich 
zugleich ernahren, dann erinnern Sie sich, wie ich Ihnen die sogenann- 
ten weifien Blutkorperchen beschrieben habe im Menschen. Die sind im 
Menschen drinnen zunachst ganz dasselbe. Im menschlichen Blut 
schwimmen auch solche kleinen Tiere herum und ernahren sich und 
bewegen sich auf diese Weise. Wir kommen dadurch zu einem Ver- 
standnis, was da eigentlich im Menschenblut herumschwimmt, indem 
wir uns anschauen, was da draufSen im Meere an solchen kleinen Tier- 
chen herumschwimmt. Das tragen wir also in uns. 

Und jetzt, nachdem wir uns erinnert haben, wie wir eigentlich in 
gewissem Sinne solche Lebewesen, die draulSen in der Natur ausge- 
breitet sind, in unserem Blute herumschwimmend haben, die also da 
drinnen allseitig leben, wollen wir uns einmal klarmachen, wie unser 
Nervensystem, namentlich unser Gehirn beschaffen ist. Unser Gehirn, 
das besteht auch aus kleinsten Teilen. Wenn ich Ihnen diese kleinsten 
Teile aufzeichne, so sind sie so, dafi sie auch eine Art von klumpigem, 
dickem Schleim darstellen. Von diesem Schleim gehen solche Strahlen 



Tafel 1 




aus (siehe Zeichnung), die aus demselben Stoff wie der Schleim be- Tafell 
stehen. Sehen Sie, da ist solch eine Zelle, wie man sie nennt, aus dem 
Gehirn. Die hat eine Nachbarzelle. Die streckt hier ihre Fiifichen oder 
Armchen aus, und die beriihrt sich da mit den anderen. Da ist eine 
dritte solche Zelle; die streckt hier ihre Fiiftchen aus, beriihrt sich da. 
Sie konnen sehr lang werden. Manche gehen fast durch den halben Kor- 
per. Die grenzt wieder an eine Zelle an. Wenn wir unser Gehirn durch 
das Mikroskop anschauen, so wirkt es durchaus so, daft es aus solchen 
Punktchen besteht, wo die Schleimmasse starker angehauft ist. Und 
dann gehen hier dicke Baumaste aus; die gehen immer wieder ineinan- 
der hinein. Wenn Sie sich vorstellen wiirden einen dichten Wald mit 
dicken Baumkronen, die weitausladende Aste hatten, die sich gegen- 
seitig beriihren wiirden, so hatten Sie eine Vorstellung, wie das Gehirn 
unter dem Mikroskop, unter dem Vergrofterungsglas ausschaut. 

Aber, meine Herren, Sie konnen jetzt sagen: Nun hat er uns also 
beschrieben diese weiften Blutkorperchen, die im Blute leben. Und das, 
was als das Gehirn beschrieben ist, das ist doch ganz ahnlich; da siedeln 
sich lauter solche Korperchen an, wie sie im Blut sind. - Wenn ich nam- 
lich das machen wiirde, daft ich einem Menschen, ohne daft ich ihn 
dabei toten wiirde, alle weiften Blutkorperchen wegnehmen konnte und 
die nun so hiibsch, nachdem ich ihm zuerst das Gehirn herausgenommen 
habe, in die Schadeldecke hineintun konnte, dann hatte ich ihm aus sei- 
nen weiften Blutkorperchen ein Gehirn gemacht. 

Aber das-Merkwiirdige ist, daft, bevor wir ihm aus den weiften Blut- 
korperchen ein Gehirn machen wiirden, diese weiften Blutkorperchen 
halb sterben miiftten. Das ist der Unterschied zwischen den weiften 
Blutkorperchen und den Gehirnzellen. Die weiften Blutkorperchen sind 
voller Leben. Die bewegen sich immer umeinander im menschlichen 
Blut. Ich habe Ihnen gesagt, sie wallen wie das Blut durch die Adern 
durch. Da gehen sie heraus. Da werden sie dann, wie ich es ausgefuhrt 
habe, zu Feinschmeckern und gehen bis an die Korperoberflache. Uber- 
all kriechen sie herum im Korper. 

Wenn Sie aber das Gehirn anschauen, da bleiben diese Zellen, diese 
Korperchen an ihrem Ort. Die sind in Ruhe. Die strecken nur ihre Aste 
aus und beriihren immer das nachste. Also dasjenige, was da im Korper 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 47 Seite:3 3 



ist an weifien Blutkorperchen und in voller Bewegung ist, das kommt 
im Gehirn zur Ruhe und ist in der Tat halb abgestorben. 

Denn denken Sie sich dieses herumkriechende Tierchen im Meer, das 
frifit einmal zuviel. Wenn es zuviel frifk, dann geschieht die Geschichte 
so: Dann streckt es seinen Arm aus, seinen Ast, nimmt da auf und da, 
und hat zuviel gefressen. Das kann es nicht vertragen; jetzt teilt es sich 
in zwei, geht auseinander, und wir haben statt eins zwei. Es hat sich 
vermehrt. Diese Fahigkeit, sich zu vermehren, haben auch unsere wei- 
fien Blutkorperchen. Es sterben immer welche ab und andere entstehen 
durch Vermehrung. 

Auf diese Weise konnen sich die Gehirnzellen, die ich Ihnen da auf- 
gezeichnet habe, nicht vermehren - unsere weifien Blutkorperchen in 
uns sind voiles, selbstandiges Leben -, die Gehirnzellen, die so ineinan- 
dergehen, konnen sich so nicht vermehren; aus einer Gehirnzelle wer- 
den niemals zwei Gehirnzellen. Wenn der Mensch ein grofieres Gehirn 
kriegt, wenn das Gehirn wachst, miissen immer Zellen aus dem iibrigen 
Korper in das Gehirn hineinwandern. Die Zellen miissen hineinwach- 
sen. Nicht, dafi im Gehirn das jemals vor sich gehen wiirde, daft die 
Gehirnzellen sich vermehren wiirden; die sammeln sich nur an. Und 
wahrend unseres Wachstums miissen immer aus dem iibrigen Korper 
neue Zellen hinein, damit wir, wenn wir erwachsen sind, ein genugend 
grofies Gehirn haben. 

Auch daraus, dafi diese Gehirnzellen sich nicht vermehren konnen, 
sehen Sie, dafi sie halb tot sind. Sie sind immer im Sterben, diese Gehirn- 
zellen, immer, immer im Sterben. Wenn wir das wirklich richtig be- 
trachten, so haben wir im Menschen einen wunderbaren Gegensatz: 
In seinem Blut tragt er Zellen voller Lebendigkeit in den weiften Blut- 
korperchen, die immerfort leben wollen, und in seinem Gehirn tragt er 
Zellen, die eigentlich immerfort sterben wollen, die immer auf dem Weg 
des Sterbens sind. Das ist auch wahr: der Mensch ist durch sein Gehirn 
immer auf dem Wege des Sterbens, das Gehirn ist eigentlich immer in 
Gefahr, zu sterben. 

Nun, meine Herren, Sie werden schon gehort haben, oder vielleicht 
selber erlebt haben — es ist einem das immer unangenehm, wenn man es 
selber erlebt -, dafi Menschen auch ohnmachtig werden konnen. Wenn 



Menschen ohnmachtig werden, so kommen sie in einen solchenZustand, 
wie wenn sie fallen wiirden. Sie verlieren das Bewufksein. 

Was ist denn da eigentlich im Menschen geschehen, wenn er auf 
die$e Weise das Bewulksein verliert? Sie werden auch wissen, dafi zum 
Beispiel Menschen, die recht bleich sind, wie zum Beispiel solche Mad- 
chen, die bleichsiichtig sind, am leichtesten ohnmachtig werden. 
Warum? Ja, sehen Sie, sie werden aus dem Grunde ohnmachtig, weil 
sie im Verhaltnis zu den roten Blutkorperchen zuviel weifie haben. Der 
Mensch mufi ein ganz genaues Verhaltnis, wie ich es Ihnen auch an- 
gegeben habe, zwischen weifien Blutkorperchen und roten Blutkorper- 
chen haben, damit er in der richtigen Weise bewufk sein kann. Also, 
was bedeutet denn das, daft wir bewufklos werden? Zum Beispiel in der 
Ohnmacht, aber auch im Schlafe werden wir bewufitlos. Das bedeutet, 
dafi die Tatigkeit der weifien Blutkorperchen eine viel zu regsame ist, 
viel zu stark ist. Wenn die weilSen Blutkorperchen zu stark tatig sind, 
wenn also der Mensch zuviel Leben in sich hat, dann verliert er das 
Bewufttsein. Also ist es sehr gut, dafi der Mensch in seinem Kopfe Zel- 
len hat, die fortwahrend sterben wollen; denn wenn die auch noch leben 
wiirden, diese weiften Blutkorperchen im Gehirn, dann wiirden wir 
iiberhaupt kein Bewufitsein haben konnen, dann waren wir immer 
schlafende Wesen. Immer wiirden wir schlafen. 

Und so konnen Sie fragen: Warum schlafen denn die Pflanzen 
immerfort? - Die Pflanzen schlafen immerfort einfach aus dem 
Grunde, weil sie nicht solche lebendige Wesen haben, weil sie also 
eigentlich iiberhaupt kein Blut haben, weil sie dieses Leben, das in un- 
serem Inneren da als selbstandiges Leben ist, nicht haben. 

Wenn wir unser Gehirn mit etwas in der Natur draufien vergleichen 
wollen, so miissen wir unser Gehirn wiederum nur mit den Pflanzen 
vergleichen. Das Gehirn, das untergrabt im Grunde genommen fort- 
wahrend unser eigenes Leben, und dadurch schafft es gerade Bewufk- 
sein. Also kriegen wir einen ganz widersprechenden Begriff fur das 
Gehirn. Es ist ja widersprechend: Die Pflanze kriegt kein Bewufksein, 
der Mensch kriegt Bewufitsein. Das ist etwas, was wir noch erst durch 
lange Uberlegungen erklaren miissen, und wir wollen uns jetzt auf den 
Weg begeben, das erklaren zu konnen. 



Wir werden ja jede Nacht bewufttlos, wenn wir schlafen. Da mufi 
also in unserem Korper etwas vor sich gehen, was wir jetzt verstehen 
lernen miissen. Was geht denn dann da in unserem Korper vor sich? 
Ja, sehen Sie, meine Herren, wenn alles in unserem Korper geradeso 
ware beim Schlafen wie beim Wachen, so wiirden wir eben nicht schla- 
fen. Beim Schlafen, da fangen unsere Gehirnzellen ein biftchen mehr zu 
leben an, als sie beim Wachen leben. Sie werden also ahnlicher den- 
jenigen Zellen, welche eigenes Leben in uns haben. So daft Sie sich vor- 
stellen konnen: Wenn wir wachen, da sind diese Gehirnzellen ganz 
ruhig; wenn wir aber schlafen, da konnen diese Gehirnzellen zwar nicht 
sehr stark von ihrem Orte weg, weil sie schon lokalisiert sind, weil sie 
von auften festgehalten werden; sie konnen nicht gut sich herum- 
bewegen, nicht gut herumschwimmen, weil sie gleich an etwas anderes 
anstoften wiirden, aber sie bekommen gewissermaften den Willen, sich 
zu bewegen. Das Gehirn wird innerlich unruhig. Dadurch kommen wir 
in den bewufitlosen Zustand, daft das Gehirn innerlich unruhig wird. 

Jetzt miissen wir sagen: Woher kommt denn eigentlich im Menschen 
dieses Denken? Das heifit, woher kommt es denn, daft wir die Krafte 
aus dem ganzen weiten Weltenall in uns aufnehmen konnen? Mit un- 
seren Ernahrungsorganen konnen wir nur die Erdenkrafte aufnehmen 
mit den Stoffen. Mit unseren Atmungsorganen konnen wir nur die Luft 
aufnehmen, namlich mit dem Sauerstoff. Daft wir die ganzen Krafte 
aus der weiten Welt aufnehmen konnen mit unserem Kopf, dazu ist 
notwendig, daft es da drinnen recht ruhig wird, daft also das Gehirn 
sich vollstandig beruhigt. Wenn wir aber schlafen, f angt das Gehirn an, 
regsam zu werden; dann nehmen wir weniger diese Krafte auf, die da 
drauften im weiten Weltenall sind, und da werden wir bewufttlos. 

Aber jetzt ist ja die Geschichte so: Denken Sie einmal, an zwei Orten 
wird eine Arbeit verrichtet; hier, sagen wir, wird eine Arbeit verrichtet 
von fiinf Arbeitern, und da von zwei Arbeitern. Die werden dann 
zusammengegeben, diese Arbeiten, und jede Partie macht weiter einen 
Teil der Arbeit. Nehmen wir aber an, es wird einmal notwendig, daft 
man da ein bifichen die Arbeit einstellt, weil zuviel Teile von der einen 
Sorte und dort zuwenig von der anderen fabriziert worden sind. Was 
werden wir dann tun? Da werden wir von den fiinf Arbeitern einen 



bitten, daft er hiniibergeht zu den zwei Arbeitern. Nun haben wir dort 
drei Arbeiter und von den fiinfen werden es hier vier. Wir verlegen die 
Arbeit von der einen Seite nach der anderen, wenn wir nichts ver- 
mehren wollen. Der Mensch hat nur eine ganz bestimmte Menge von 
Kraften. Die mufi er verteilen. Wenn also im Schlaf in der Nacht das 
Gehirn regsamer wird, mehr arbeitet, so mufi das namlich aus dem 
anderen Korper herausgeholt werden; diese Arbeit mufi da heraus- 
geholt werden. Nun, wo wird denn die hergenommen? Ja, sehen Sie, 
die wird eben dann von einem Teil der weifien Blutkorperchen her- 
genommen. Ein Teil der weiften Blutkorperchen fangt an, in der Nacht 
weniger zu leben als am Tage. Das Gehirn lebt mehr. Ein Teil der 
weifien Blutkorperchen lebt weniger. Das ist der Ausgleich. 

Nun aber habe ich Ihnen gesagt: Dadurch, daft das Gehirn das Leben 
etwas einstellt, ruhig wird, fangt der Mensch an zu denken. Wenn also 
diese weifien Blutkorperchen ruhig werden, beruhigt werden in der 
Nacht, dann miifite der Mensch anfangen, uberall da zu denken, wo 
die weifien Blutkorperchen ruhig werden. Da miifite er anfangen, jetzt 
mit seinem Korper zu denken. 

Fragen wir uns nun: Denkt denn der Mensch vielleicht mit seinem 
Korper in der Nacht? - Das ist eine kitzlige Frage, nicht wahr, ob der 
Mensch vielleicht in der Nacht mit seinem Korper denkt! Nun, er weifi 
nichts davon. Er kann zunachst nur sagen, er weifi nichts davon. Aber 
dafi ich von etwas nichts weifi, das ist ja noch kein Beweis, dafi das 
nicht da ist, sonst miifite alles das nicht da sein, was die Menschen noch 
nicht gesehen haben. Daft ich also von etwas noch nichts weifi, das ist 
kein Beweis, daft es nicht da ist. Der menschliche Korper konnte in der 
Tat in der Nacht denken, und man weift einfach nichts davon und 
glaubt daher, daft er nicht denkt. 

Nun mussen wir untersuchen, ob denn der Mensch vielleicht doch 
Anzeichen dafiir hat, daft er, wahrend er beim Tage mit dem Kopf 
denkt, in der Nacht mit der Leber und mit dem Magen und mit den 
anderen Organen anfangt zu denken, sogar vielleicht mit den Gedar- 
men denkt. 

Wir haben dafiir gewisse Anzeichen. Jeder Mensch hat Anzeichen, 
daft das der Fall ist. Denn stellen Sie sich einmal vor, woher das kommt, 



dafi etwas da ist und wir doch nichts wissen davon. Denken Sie 
sich, ich stehe da, rede zu Ihnen, und ich wende meine Aufmerk- 
samkeit Ihnen zu, das heifit, ich sehe dann nicht dasjenige, was hinter 
mir ist. 

Da kann Kurioses passieren. Ich kann zum Beispiel gewohnt sein, 
mich manchmal hier auf den Stuhl zu setzen zwischen dem Reden. Jetzt 
wende ich meine Aufmerksamkeit auf Sie, und wahrend der Zeit nimmt 
mir jemand den Stuhl weg. Ich habe das ganze nicht gesehen, aber 
geschehen ist es doch, und ich merke die Folgen, wenn ich mich jetzt 
niedersetzen will! 

Sehen Sie, die Sache ist so, dafi man nicht blofi urteilen mufi nach 
dem, was man so gewohnlich weifi, sondern man mufi urteilen nach 
dem, was man vielleicht auch auf ganz indirekte Weise wissen kann. 
Hatte ich mich gerade geschwind umgeschaut, so wiirde ich mich wahr- 
scheinlich nicht auf den Boden niedergelassen haben. Wenn ich mich 
umgeschaut hatte, hatte ich das verhindert. 

Nun betrachten wir einmal das menschliche Denken im Korper. 
Sehen Sie, die Naturforscher, die haben das gern, wenn sie reden kon- 
nen von Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Was meinen sie eigent- 
lich da? Die Naturforscher meinen bei demjenigen, was sie reden von 
Grenzen der Erkenntnis, dafi das nicht da ist, was sie noch nicht ge- 
sehen haben - nicht durch das Mikroskop oder durch das Fernrohr oder 
uberhaupt. Aber mit der Erkenntnis setzen sich die Leute eben fort- 
wahrend auf den Boden nieder, weil das gar kein Beweis ist, daft 
etwas nicht da ist, wenn man es nicht gesehen hat. Das ist schon ein- 
mal so. 

Nun, dasjenige, was also mir bewufk werden soli, das mufi von mir 
nicht nur erdacht werden, sondern ich mufi noch extra das Erdachte 
beobachten. Das Denken konnte mir ein Vorgang sein, der immer 
geschieht, manchmal im Kopf, manchmal im ganzen Korper. Aber 
wenn ich wache, da habe ich meine Augen auf. Die Augen sehen nicht 
nur nach aufien, sondern die Augen nehmen auch nach innen wahr. 
Ebenso wenn ich etwas schmecke, so schmecke ich nicht nur das, was 
aufien ist, sondern ich nehme auch in meinem Inneren wahr, ob ich zum 
Beispiel, sagen wir, durch meinen ganzen Korper krank bin, und das- 



jenige, was irgendein anderer noch als sympathisch schmeckt, das wird 
mir ekelhaft. Also das Innere bestimmt immer. Das innere Wahrnehmen 
mufi auch da sein. 

Denken Sie sich nun, wir wachen so ganz normal auf . Da beruhigen 
sich langsam unsere Gehirnzellen. Die kommen ganz langsam in Ruhe, 
und die Sache geht so, dafi ich nach und nach meine Sinne gebrauchen 
lerne, also meine Sinne wieder gebrauche. Es geht das Aufwachen ganz 
angemessen dem Lebenskreislauf nach vor sich. Das kann der eine Fall 
sein. 

Der andere Fall kann aber auch sein, daft ich durch irgendeinen Um- 
stand zu schnell meine Gehirnzellen beruhige. Viel zu schnell beruhige 
ich sie. Da geschieht jetzt etwas anderes, wenn ich sie zu schnell be- 
ruhige. Sagen wir, wenn einer die Bewegung von den Arbeitern leitet, 
von der ich gesagt habe, wenn hier fiinf sind, nimmt er den funften 
weg und stellt ihn dort hiniiber, wenn einer das leitet, so wird das unter 
Umstanden sehr glatt vor sich gehen. Nehmen Sie aber an, der eine mufi 
den einen wegnehmen, der andere mufi ihn wieder hintun, da kann sich 
die ganze Geschichte schlimm gestalten, namentlich, wenn die zwei sich 
streiten, ob es richtig oder nicht richtig ist. Wenn nun in meinem Gehirn 
die Gehirnzellen zu schnell sich beruhigen, dann werden diejenigen 
weifien Blutkorperchen, die wahrend des Schlafens jetzt in Ruhe ge- 
kommen sind, nicht so schnell wieder in Bewegung kommen konnen. 
Und es wird das entstehen, dafi, wahrend ich im Gehirn schon beruhigt 
bin, wahrend ich im Gehirn also schon meine ganze Bewegung beruhigt 
habe, die im Schlafe da war, da unten im Blut die weifien Blutkorper- 
chen noch nicht werden aufstehen wollen. Die werden da noch etwas 
in Ruhe beharren wollen. Die wollen nicht aufstehen. 

Das ware ja etwas ganz Wunderbares, wenn wir so ohne weiteres 
diese noch faulen Blutkorperchen wahrnehmen konnten - ich sage das 
natiirlich nur figurlich -, die noch im Bette liegen bleiben wollen. Da 
wiirden sie sich nur erst anschauen, wie sich sonst die ruhigen Gehirn- 
zellen anschauen, und wir wiirden die wunderbarsten Gedanken wahr- 
nehmen. Gerade in dem Momente, wo wir zu schnell aufwachen, wiir- 
den wir die wunderbarsten Gedanken wahrnehmen. Das kann man 
einfach verstehen, meine Herren, wenn man die ganze Geschichte von 



dem Zusammenhang des Menschen mit der Natur versteht. Wiirde 
man, wenn nichts anderes hinderlich ware, schnell aufwachen, so wiirde 
man in seinem Korper die wunderbarsten Gedanken wahrnehmen kon- 
nen. Das kann man aber nicht. Warum kann man das nicht? Ja, wissen 
Sie, da zwischen diesen fad gebliebenen, noch schlafenden weifien 
Blutkorperchen, und zwischen dem, womit wir sie wahrnehmen, was 
wir nur mit dem Kopf konnen, da geht die ganze Atmung vor sich. Da 
sind die roten Blutkorperchen drinnen. Die Atmung geht vor sich, und 
wir miissen durch den ganzen Atmungsprozefi diesen Gedankenvor- 
gang, der da in uns vor sich geht, ansehen. 

Denken Sie sich einmal, ich wache auf; dadurch beruhigt sich mein 
Tafel 1 Gehirn. Da unten (es wird gezeichnet), da sind irgendwo die weifien 
Blutkorperchen im Blut drinnen. Die wiirde ich auch noch als ruhige 
wahrnehmen, und ich wiirde da drinnen die schonsten Gedanken sehen. 
Ja, jetzt ist aber zwischendrinnen da der ganze Atmungsprozefi. Das ist 
geradeso wie wenn ich etwas anschauen will, und ich schaue es durch 
ein triibes Glas an; da sehe ich es undeutlich, da verschwimmt mir alles. 
Dieser Atmungsprozefi ist wie ein triibes Glas. Da verschwimmt mir 
das ganze Denken, das da im Korper drunten ist. Und was entsteht 
daraus? Die Traume. Die Traume entstehen daraus: Undeutliche Ge- 
danken, die ich wahrnehme, wenn in meinem Korper die Gehirntatig- 
keit sich zu schnell beruhigt. 

Und wiederum beim Einschlafen, wenn ich eine Unregelmafiigkeit 
habe, wenn also das Gehirn beim Einschlafen zu langsam in die Reg- 
samkeit hineinkommt, dann geschieht die Geschichte so, dafi ich da- 
durch, dafi das Gehirn zu langsam in die Regsamkeit hineinkommt, 
also noch die Fahigkeit hat, etwas wahrzunehmen - dafi ich dadurch 
wiederum das Denken, das da unten schon beginnt wahrend des Schla- 
fens, im Einschlafen beobachten kann. Und so geschieht es, dafi also 
der Mensch dasjenige, was eigentlich die ganze Nacht von ihm un- 
beobachtet bleibt, im Aufwachen und im Einschlafen als Traume 
wahrnimmt. 

i Denn Traume nehmen wir eigentlich erst im Moment des Auf- 

wachens wahr. Dafi wir Traume erst im Moment des Aufwachens 
wahrnehmen, das konnen Sie sich sehr leicht dadurch vergegenwarti- 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:347 Seite:40 



gen, daft Sie einmal einen Traum ordentlich anschauen. Nehmen Sie an, 
ich schlafe und neben meinem Bett steht ein Stuhl. Nun kann ich fol- 
gendes traumen: Ich bin ein Student und begegne irgendwo einem 
anderen Studenten, dem ich irgendein grobes Wort sage. Der andere 
Student, der mufi darauf reagieren - man nennt das «Komment» -, der 
mufi dann reagieren auf dieses grobe Wort, und es kommt ja bis dahin 
dann, daft er mich fordert. Es kann manchmal eine ganze Geringfugig- 
keit sein, so miissen Studenten fordern. 

Nun, da wird alles jetzt so getraumt: da werden die Sekundanten 
ausgewahlt, da geht man in den Wald hinaus im Traum, und draufien 
ist man angekommen; man beginnt zu schieften. Der erste schieftt. Ich 
hore noch im Traum den Schufi, wache aber auf und habe blofi mit 
meinem Arm neben dem Bett den Stuhl umgeschmissen. Das war der 
Schuft! 

Ja, meine Herren, wenn ich den Stuhl nicht umgeschmissen hatte, 
dann hatte ich den ganzen Traum iiberhaupt nicht getraumt, dann 
ware der Traum nicht dagewesen! Daft also der Traum just ein solches 
Bild geworden ist, das ist ja erst im Momente des Aufwachens ge- 
schehen, denn der umgeschmissene Stuhl hat mich ja erst aufgeweckt. 
Also in diesem einzigen Moment des Aufwachens ist das Bild entstan- 
den, ist undeutlich geworden, was da in mir vorgeht. Daraus konnen 
Sie sehen, daft dasjenige, was bildlich ist im Traume, sich erst bildet im 
einzigen Moment, in dem ich aufwache, geradeso wie im Einschlafen in 
dem einzigen Moment sich bilden mufi dasjenige, was bildhaft ist im 
Traume. 

Aber wenn sich solche Bilder bilden, und ich mit solchen Bildern 
wiederum etwas wahrnehmen kann, so miissen eben Gedanken dazu 
da sein. Wozu kommen wir denn da? Wir kommen dazu, Schlafen und 
Wachen etwas zu verstehen. Fragen wir uns also: Wie ist denn das nun 
beim Schlafen? Beim Schlafen ist unser Gehirn mehr in Tatigkeit als 
beim Wachen, beim Wachen beruhigt sich unser Gehirn. Ja, meine 
Herren, wenn wir sagen konnten, daft unser Gehirn beim Wachen 
tatiger wird, dann, sehen Sie, konnten wir Materialisten sein, denn 
dann wiirde die physische Tatigkeit des Gehirnes das Denken bedeuten. 
Aber wenn wir verniinftige Menschen sind, konnen wir gar nicht sagen, 



daft das Gehirn beim Wachen regsamer ist als beim Schlafen. Es mufi 
sich gerade beim Wachen beruhigen. 

Also die korperliche Tatigkeit kann uns ja gar nicht das Denken 
geben. Wenn uns die korperliche Tatigkeit das Denken geben wiirde, 
so miiftte dieses Denken in einer starkeren korperlichen Tatigkeit be- 
stehen als das Nichtdenken. Aber das Nichtdenken besteht in einer 
starkeren korperlichen Tatigkeit. Also konnen Sie sagen: Ich habe eine 
Lunge; die Lunge wiirde faul sein, wenn nicht der auftere Sauerstoff 
uber sie kommen und sie in Tatigkeit versetzen wiirde. So aber wird 
mein Gehirn faul bei Tag; da muft also auch etwas Aufteres kommen 
fur das Gehirn, das es in Tatigkeit versetzt. Und so miissen wir an- 
erkennen, daft in der Welt - geradeso wie der Sauerstoff die Lunge in 
Bewegung versetzt oder in Tatigkeit versetzt - bei Tag das Gehirn 
durch irgend etwas, was nicht im Korper selber ist, nicht zum Korper 
selber gehort, zum Denken gebracht wird. 

Wir miissen uns also sagen: Treiben wir richtige Naturwissenschaft, 
dann werden wir dazu gefiihrt, ein Unkorperliches, ein Seelenhaftes 
anzunehmen. Wir sehen es ja, daft es da ist. Wir sehen es gewissermaften 
beim Aufwachen hereinfHegen, denn aus dem Korper kann nicht das- 
jenige kommen, was da Denken ist. Wiirde es aus dem Korper kommen, 
so miiftte man gerade in der Nacht besser denken. Wir miiftten uns hin- 
legen und einschlafen, dann wiirde in unserem Gehirn das Denken auf- 
gehen. Aber das tun wir nicht. Also wir sehen gewissermaften herein- 
fHegen dasjenige, was unsere seelische und geistige Wesenheit ist. 

So daft man sagen kann: Die Naturwissenschaft hat ja grofte Fort- 
schritte in der neueren Zeit gemacht, aber sie hat nur dasjenige kennen- 
gelernt, was eigentlich nicht zum Leben und nicht zum Denken geeig- 
net ist, wahrend sie das Leben selber nicht begriffen hat, und das 
Denken noch viel weniger begriffen hat. Und so wird man, wenn man 
richtig Naturwissenschaft treibt, nicht durch einen Aberglauben, son- 
dern gerade durch diese richtige Naturwissenschaft dazu gebracht, zu 
sagen: Geradeso wie es zum Atmen einen Sauerstoff geben muft, muft 
es zurn Denken ein Geistiges geben. 

Davon das nachste Mai, denn das laftt sich nicht so einf ach entschei- 
den. Es werden noch in vielen vonlhnen allerleiGegenkrafte sein gegen 



das, was ich gesagt habe. Aber es muft durchaus gesagt werden, daft der- 
jenige, der eben nicht so redet, sich die ganze Geschichte in dem Men- 
schen einfach nicht klarmacht. Also darum handelt es sich, nicht irgend- 
einen Aberglauben zu verbreiten, sondern eine vollstandige Klarheit 
erst zu schaffen. Das ist es, um was es sich handelt. 



DRITTER VORTRAG 



Dornach, 9. August 1922 

Frage: Aus den Ferien werden von einem Zuhorer Steine mitgebracht. Es wird ge- 
fragt, ob Steine auch Leben haben oder einmal Leben gehabt haben und wie sie 
geworden seien. 

Dr. Steiner: An diese Steine kann ich vielleicht ein anderes Mai an- 
kniipfen; aber vielleicht ist es auch moglich, dafi ich es in unserer heu- 
tigen Betrachtung noch einfiigen kann. 

Sehen Sie, meine Herren, da will ich folgendes sagen: Wir haben also 
gesehen, dafi eigentlich in uns, im Menschen, eine Art Abtotung des 
Lebens stattfindet. Wir haben gesehen, daft wir im Blut diese herum- 
kriechenden Tierchen haben, die weifien Blutkorperchen, die durch die 
Blutadern hin durch bis an unsere Haut kriechen. Ich habe Ihnen gesagt: 
Es ist fur diese Tierchen eine besondere Feinschmeckerei, wenn sie, 
wahrend sie sonst nur im ganzen menschlichen Korper drinnen sind, 
an die Oberflache kommen. Das ist fur sie sozusagen das Gewiirz des 
Lebens. Das sind also die lebendigen Zellen, die da herumkriechen. Im 
Gegensatz dazu habe ich Ihnen gesagt: Die Zellen im Nervensystem, 
namentlich die, die im Gehirn sind, das sind eigentlich Zellen, die fort- 
wahrend abgetotet werden, fortwahrend ins Tote hineinkommen. Die 
Zellen im Gehirn sind so, dafi sie eigentlich nur anfangen, etwas leben- 
diger zu sein, wenn Sie schlafen. Da fangen die an, etwas lebendiger zu 
sein. Sie konnen sich dann nicht von ihrem Orte wegbewegen, weil sie 
sehr eingezwangt sind unter den anderen; sie konnen sich nicht so 
bewegen wie die weifien Blutkorperchen, aber sie fangen in der Nacht, 
wahrend Sie schlafen, etwas zu leben an. Und darinnen liegt es auch, 
daft dann, wenn diese Zellen etwas mehr Lebens-, Willenskraft vom 
Korper bekommen, die weifien Blutkorperchen etwas ruhiger bleiben 
mussen. Und dadurch wird im ganzen Korper, wie ich Ihnen gesagt 
habe, eigentlich gedacht. 

Nun wollen wir uns einmal die Frage vorlegen: Woher kommen 
denn eigentlich die Gedanken? - Nicht wahr, die Menschen, die da 
blofi materialistisch denken wollen, das heifit, bequem denken wollen, 



die sagen: Nun ja, Gedanken entstehen halt im Gehirn oder im Nerven- 
system des Menschen. Da wachsen die Gedanken wie die Kohlkopfe 
auf dem Felde. - Aber wenn die Menschen nur das einmal ausdenken 
wiirden - «wie die Kohlkopfe auf dem Felde» ! Auf dem Felde wach- 
sen keine Kohlkopfe, wenn man sie nicht erst anbaut. Also, es mussen 
die Sachen zuerst angebaut werden sozusagen. Meinetwillen kann ja 
jeder im menschlichen Gehirn eine Art Acker sehen fur die Gedanken. 
Aber denken Sie sich doch nur einmal: Wenn Sie einen schonen Acker 
mit Kohlkopfen haben, und derjenige, der ihn immer angebaut hat, 
weggezogen ware und keiner sich finden wiirde, der weiter anbaut, so 
wiirde also auf dem Acker niemals Kohl wachsen. 

Also es mufi gesagt werden: Gerade wenn man meint, die Gedanken 
kommen aus dem Gehirn heraus, so mufi man zuerst fragen: Woher 
kommen sie? Nun, so wie der Kohl aus dem Acker kommt! - Also die 
Frage mufi erst richtig aufgefafit werden. Und da mussen wir uns das 
Folgende sagen: Das, was Sie da sehen, das ist tatsachlich draufien in 
der Natur entstanden. Das, was da draufien in der Natur entsteht, das 
mochte ich Ihnen einmal erklaren. Ich habe Ihnen gesagt: Wir finden 
alles im Menschen drinnen, wenn wir in der Umgebung des Menschen 
alles begreifen. Als wir auf die Pflanzen hingeschaut haben und so 
weiter, haben wir manches im Menschen begriffen. Jetzt haben wir da 
diesen Stein. Schauen wir uns einmal dieses Gestein ordentlich an. Sehen 
Sie, da ist darunter und dahinter und oben ein sehr weiches Gestein. 
Das konnen Sie mit dem Messer herunterkratzen. Das Auftere, was da 
drumherum ist, ist also einfach so wie eine etwas dichtere Erde. Das ist 
also so - ich will jetzt nur das Untere hierherzeichnen -: Da ist unten 



Tafel2 



dieses weiche Gestein, und geradeso wie wenn sie herauswachsen wiir- 
den, sind da auf diesem weichen Gestein allerlei Kristalle drauf, Kri- 
stalle, die wie herauswachsen. Ich miifke viele zeichnen, nicht wahr, 

Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 47 Seite:4 5 



aber das ist schon geniigend. Da sind also solche kleine Kristalle; die 
sind da drunten, wie wenn sie herausgewachsen waren, sind aber furcht- 
bar hart. Die konnen Sie nicht mit dem Messer wegkratzen, die greift 
das Messer nicht an; hochstens, wenn Sie an eines herankommen, kon- 
nen Sie eines als Ganzes abtrennen, aber hineinkratzen konnen Sie 
nicht. Das sind also harte Kristalle, die da eingebettet sind. 

Nun wollen wir uns einmal fragen: Wie kommen in das weichere 
Erdreich, das nur ein bifichen kompakt zusammengebacken ist, solche 
Kristalle? Solche Kristalle sind also Korper, die sehr schon gestaltet 
sind; dahier haben sie eine solche Langsgestalt, und oben haben sie ein 
kleines Dacherl drauf. Unten wiirde auch noch ein Dacherl sein, wenn 
das nicht in die Erde hineinragen wiirde. Wenn das geniigend weich 
ware, so wiirde das bei jedem Kristall so sein; aber das geht zugrunde, 
wenn das hineinkommt ins Erdreich. 

Woher kommen sie, diese Kristalle? Nicht wahr, wenn Pflanzen 
wachsen, dann mulS aufien, aufierhalb der Pflanzen Kohlensaure sein. 
Die Pflanzen konnen sonst nicht wachsen. Derselbe Stoff , den wir aus- 
atmen, der mufi an die Pflanzen herankommen. Und dann, wenn die 
Kohlensaure an die Pflanzen herankommt, dann saugen die Pflanzen 
diese Kohlensaure ein, halten den Kohlenstoff, der in der Kohlensaure 
drinnen ist, zuriick, und den Sauerstoff, den atmen sie wieder aus. Das 
ist ja der Unterschied zwischen den Menschen und den Pflanzen. Die 
Menschen atmen den Sauerstoff ein und atmen die Kohlensaure aus; 
wir halten den Sauerstoff zuriick, wahrend wir die Kohlensaure ab- 
geben. Die Pflanze ist mit der Erde verbunden. Wenn die Pflanze ab- 
stirbt, so geht dieser Kohlenstoff in den Boden zuriick und wird eben 
zu der schwarzen Steinkohle, die wir nach Jahrhunderten herausgraben 
aus der Erde. 

So gibt es aber auch andere Stoffe. So gibt es einen Stoff, der der 
Kohle in einer gewissen Beziehung recht ahnlich ist, aber doch wie- 
derum verschieden. Das ist der Kiesel. Nehmen Sie an, Sie haben einen 
Boden, der kieselreich ist, in dem viel Kiesel drinnen ist. Dann wirkt, 
weil immer Sauerstoff da ist, der Sauerstoff. Da driiber ist jetzt Sauer- 
stoff. Dieser Sauerstoff wirkt zunachst nicht auf den Kiesel. Aber nach 
einiger Zeit, im Verlaufe der Erdenentwickelung, da findet man plotz- 



lichj daft der Sauerstoff sich mit dem Kiesel vereinigt hat. Und so wie 
bei uns Kohlensaure entsteht, wenn wir ausatmen, so entsteht, wenn 
der Kiesel von der Erde richtig mit dem Sauerstoff zusammenkommt, 
Quarz, Kieselsaure; da entstehen namlich solche Kristalle. Es braucht Tafel2 
sich nur der Kiesel von der Erde zu verbinden mit dem Sauerstoff, dann 
entstehen solche Kristalle, wie sie dort sind. 

Aber der Sauerstoff hat nicht von selber die Gewalt, sich mit dem 
Kiesel zu vereinigen. Sie konnen viel Kiesel haben und dariiber Sauer- 
stoff, es wiirde sich das alles nicht bilden. Warum bilden sich diese 
schonen Gestalten? Ja, die bilden sich eben, weil von alien Seiten im 
Weltenall Krafte hereinwirken und die Erde fortwahrend im Zusam- 
menhang mit dem ganzen Weltenall ist. Da wirken fortwahrend 
Krafte herein, und diese Krafte, die bringen den Sauerstoff in den 
Kiesel hinein, und dadurch entstehen solche Kristalle. So daft alle diese 
Kristalle dadurch entstehen, daft die Erde von alien anderen Gestirnen 
beeinfluftt wird. Wir konnen also sagen: Diese Kristalle sind eigentlich 
aus der Welt herein gebildet. 

Nun konnen Sie aber folgendes sagen: Was erzahlst du uns da? Das 
Gestein, das der Erbsmehl uns gegeben hat, beweist ja das Gegenteil! - 
Das Gestein ist in Wirklichkeit so: Da ist drunten lockere Erde (siehe 



Zeichnung), da driiber ist wieder lockere Erde, und da hinten ist wieder 
lockere Erde. Es ist ganz umgeben von lockererErde, und diese Kristall- 
gestalten hier, die sind nicht nur so, daft sie da von unten nach oben auf- 
wachsen, wie ich sie jetzt beschrieben habe, sondern da wachsen schon 
solche herauf, konnten Sie sagen, wenn nur diese von unten da waren. 
Aber das sind jetzt solche, die von oben entgegenwachsen. Jetzt konn- 




Tafel2 



ten Sie sagen; Aber das kann man doch nicht vom Weltenall herein 
erklaren, denn da miifke man ja annehmen, dafi dieselben Krafte vom 
Inneren der Erde herauskamen, die dann vom Weltenall hereinkommen 
miifiten, wenn man sie nur von unten nach oben erklaren wiirde. 

Ja, sehen Sie, das ist ein scheinbarer Widerspruch. Da mufi irgend 
etwas dahinter sein. Nun will ich Ihnen sagen, was dahinter ist. 

Solche Gesteine entstehen ja nicht auf dem freien Erdboden, die ent- 
stehen im Gebirge. Und wenn es auf dem freien Erdboden ist, so ist es 
ja auch so, dafi da eben Erdschichten driiber und drunter sind, wie 
auch im Gebirge. Aber nehmen wir an, wir holen uns das aus dem 
Gebirge heraus. Denken Sie einmal, wir hatten solch ein Gebirge, und 
ich will den Abhang des Gebirges zeichnen. Wenn Sie nun da hinauf- 



Tafel2 gehen (siehe Zeichnung), gehen Sie so hinauf, und da miissen Sie natiir- 
lich da vorbeigehen, der Weg mufi da gehen, die Erde oder der Felsen 
kann ein bifichen iiberhangen; Sie finden ja iiberall iiberhangende Erde, 
wenn Sie ins Gebirge gehen. Nun denken Sie sich einmal, vor sehr, sehr 
langer Zeit ware dieses, was ich hier braun gezeichnet habe, da gewesen, 

Tafel 2 hatte sich da abgelagert gehabt, und das hatte sich da abgelagert (siehe 
Zeichnung). Nach meiner Erklarung hatten sich jetzt durch die Krafte 
aus dem Weltenall herein hier Kristalle gebildet, wie ich es ja erklart 
habe, und dahier auch solche Kristalle. Es waren da unten Kristalle 
gewissermafien herausgewachsen durch die Krafte des Weltenalls, und 
da oben auch. 



Tafel 2 





Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:347 Seite:48 



Dann kam es spater so, daft dieses, was da oben ist, herunterstiirzte 
und das zudeckte. Also sehen Sie: Wenn das Obere da herunterstiirzt, 
so fallt es so, daft dann das oben ist (siehe Zeichnung), und da unten Tafel2 
sind die Kristalle, die urspriinglich nach oben gegangen sind, durch den 
Heruntersturz so, daft sie da driiber gefallen sind und von denen, die 
da unten gewesen sind, aufgehalten worden sind und sich so iibereinan- 
dergelagert haben. Die heruntergestiirzten haben sich auf die unteren 
draufgelegt, so daft das Obere zuunterst gekommen ist. 

So ist es in den Gebirgen namlich fortwahrend gegangen. Wer stu- 
diert, findet, daft in den Gebirgen fortwahrend solche Erdrutsche ge- 
schehen sind, wo sich das Obere auf das Untere daraufgelegt hat. Das 
ist gerade das Interessante beim Gebirgsstudium. Wenn man in der 
Ebene geht, so hat man das Gefiihl, weil das erst in den letzten Jahr- 
tausenden geschehen ist, daft immer eine Schicht iiber die andere ge- 
lagert ist. Das konnten wir von den Alpen niemals sagen. Die Alpen 
sind allerdings vor langer Zeit auch auf diese Weise entstanden; aber 
dann haben sich die hoheren Partien iiber die niederen Partien gesturzt, 
und die Alpen sind ganz durcheinandergeschmissene Erdschichten. 

Deshalb ist es auch so schwer, die Alpen zu studieren, weil man iiber- 
all nachdenken mu!5, ob dasjenige, was oben ist, auch so entstanden ist. 
Es ist oftmals nicht so entstanden, sondern so, daft da unten eine 
Schichte war, da eine Schichte oben, und dann hatte man durch einen 
Stoft das, was oben war, heruntergeschmissen; das hat sich driiber- 
gedeckt iiber dasjenige, was unten war. Und so sind diese Ineinander- 
faltungen, wie man sie nennt, im Gebirge im Laufe von Jahrtausenden 
und Jahrtausenden entstanden und haben solche Dinge zustande ge- 
bracht. So daft man diese Dinge erst klaren muft dadurch, daft sich 
wiederum die Gebirge iibereinandergeschmissen haben. Man muftte also 
sagen: Das Untere ist an einem solchen Abhange entstanden (siehe Tafel2 
Zeichnung), das Obere an einem solchen Abhange, und dahinter ist 
natiirlich das Gebirge gewesen, so daft also das dariibergef alien ist; das 
hat sich dariibergelegt. So daft man also solch eine Sache, wo von unten 
und von oben Kristalle einander gegeniiberstehen, erst erklaren kann, 
wenn man weifi, daft auf der Erde nach und nach im Laufe von Jahr- 
tausenden alles durcheinandergeschmissen worden ist. 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:3 47 Seite:4 9 



Da haben wir also im ganzen leblosen Reich immer Krafte, die aus 
dem Weltenall hereinwirken, und die auch in uns so wirken, dafi wir 
ja eigentlich nun etwas tun miissen in uns, damit diese Krafte uns nicht 
storen. 

Denn sehen Sie, meine Herren, den Kiesel, der da in der Erde hauf ig 
ist, den haben wir namlich auch in uns. Es ist allerdings nicht allzuviel, 
aber wir haben solche Stoff e in uns, aus denen so furchtbar harte Steine 
entstehen konnen. Aber wenn solche harte Gesteine in uns entstehen 
wiirden, wie Herr Erbsmehl hier einen mitgebracht hat, dann ginge es 
uns schlecht! Wenn zum Beispiel das Kind, das schon Kiesel in sich hat, 
nicht anders sich helfen konnte und uberall solche, wenn auch ganz 
kleine - sie wiirden ja kleinwinzig sein - Kristalle entstehen wiirden, 
das ware schon eine ganz schlimme Sache! Sie entstehen ja zuweilen bei 
einer Krankheit. 

Auch der Zucker - das wissen Sie ja - kann Kristalle bilden. Wenn 
Sie Kandiszucker ansehen, so ist er ja auch aus Kristallen bestehend, 
die iibereinandergelagert sind. Nun, Zucker haben wir sehr viel in 
uns. Die Menschen auf Erden essen nicht alle durchaus die gleiche 
Menge Zucker. Das ist also verschieden. Zum Beispiel in Rufiland 
essen die Menschen sehr wenig Zucker, in England sehr viel Zucker - 
durchschnittlich natiirlich. Danach unterscheiden sich aber auch wie- 
der die Menschen. Der russische Charakter ist verschieden von dem 
englischen Charakter. Die Russen sind ganz andere Leute als die Eng- 
Iander. Das kommt vielfach davon her, dafi die Russen wenig Zucker 
bekommen in den Nahrungsmitteln. Die Englander essen solche 
Sachen, die sehr viel Zucker enthalten, viel Zucker enthaltende Nah- 
rungsmittel. 

Das hangt mit dem zusammen, was ich schon gesagt habe. Es wirken 
herein auf alles mogliche die Krafte des Weltenalls. Der Mensch hat 
also viel Zucker in sich. Der Zucker, der will immer Kristall werden. 
Was konnen wir denn tun, damit er nicht Kristall wird? 

Sehen Sie, ich habe Ihnen ja erzahlt, dafi viel Wasser in uns ist, leben- 
diges Vfesser: das lost den Zucker auf. Das ware eine schone Geschichte, 
wenn das Wasser nicht fortwahrend den Zucker auflosen wiirde! Da 
wiirden sich solche kleinen Kristalle, wie Kandiszuckerkristalle bilden, 



und wir wiirden solche kleinen spiefiigen Kristalle in uns haben, wenn 
der Zucker nicht fortwahrend aufgelost wiirde. Wir Menschen brauchen 
Zucker zu unserer Nahrung, aber nur dann konnen wir ihn brauchen, 
wenn wir ihn fortwahrend auflosen. Wir miissen ihn haben. Warum 
miissen wir ihn haben? Weil wir das ausfuhren miissen, dafl wir ihn 
auflosen! Wir leben nicht allein davon, aber das gehort zu unserem 
Leben dazu, dafi wir den Zucker auflosen. Also wir miissen ihn in uns 
hereinkriegen. 

Aber wenn wir nun zu wenig Kraft haben, um diesen Zucker auf- 
zulosen, dann bilden sich diese ganz kleinen Kristallchen, und die 
gehen dann mit dem Urin ab. Und da kommt dann die Zuckerkrank- 
heit, Diabetes. Und das ist dann die Erklarung dafiir, warum Menschen 
zuckerkrank werden: Sie haben zu wenig Kraft, um den Zucker, der 
gegessen wird, wieder aufzulosen. Sie miissen Zucker kriegen, aber 
wenn sie zu wenig Kraft haben, den Zucker aufzulosen, kommt die 
Zuckerkrankheit. Der Zucker darf nicht so weit kommen, dafi er dann 
in kleinen Kristallchen abgeht, sondern er mufi aufgelost werden. Der 
Mensch muft die Kraft haben, den Zucker aufzulosen. Darin besteht 
sein Leben. 

Wenn man so etwas bedenkt, so kann man ja auch daraus erkennen, 
dafi wir nicht nur die Kraft haben miissen, den Zucker aufzulosen, 
sondern wir miissen auch die Kraft haben, diese kleinen Kristalle, die 
sich als Quarzkristalle immer in uns bilden wollen - es sind ja wenige, 
aber sie wollen sich bilden, diese Quarzkristalle -, fortwahrend auf- 
zulosen. Die diirfen sich nicht in uns bilden. Wenn sie sich schon beim 
Kind bilden wiirden, dann wiirde das Kind kommen und wiirde sagen: 
Es ist entsetzlich, mich sticht es iiberall! Uberall sticht es! 

Was ist denn da geschehen, wenn es das Kind uberall sticht? Ja, 
sehen Sie, da sind die kleinen Kieselkristalle, die in den Nerven ent- 
standen sind, nicht aufgelost worden. Die sind liegengeblieben. Sie 
miissen sich nicht vorstellen, dafi das Riesenmassen sind. Es sind ganz 
wenige, winzige, die man nicht einmal mit dem Mikroskop so leicht 
finden kann; viel kleiner als ein Zehntausendstel eines Millimeters. 
Wenn sich viele ganz winzige Kristalle in dem Nervensystem an- 
gesammelt haben, dann bekommt der Mensch uberall kleinwinzige 



Stiche, die er sich nicht erklaren kann. Es sticht ihn iiberall. Und 
aufterdem werden kleine Entziindungen hervorgerufen dadurch, daft 
das geschieht; ganz kleine Entziindungen werden hervorgerufen. Und 
dann ist der Mensch rheumatisch oder er hat Gicht. Die Gicht ist nichts 
anderes, als daft sich solche kleinen winzigen Kristalle absetzen. Diese 
Schmerzen, die der Mensch hat, die kommen davon. Und daft der 
Mensch bei der Gicht die Gichtknoten bekommt, das kommt von den 
Entziindungen. Wenn Sie sich einen Nagel einstoften, entsteht eine Ent- 
ziindung. Diese kleinen Spiefichen, die kommen von innen heraus, 
drangen sich an die Oberflache. Da entstehen innere kleine Entziin- 
dungen, und da bilden sich dann durch diese Entziindungen diese 
Gichtknoten. 

Das sind also lauter Vorgange, die im Inneren des Menschen wirken 
konnen. Daraus aber sehen Sie, daft wir eigentlich immer in uns Krafte 
haben miissen, die, sagen wir, gegen die Gicht wirken miissen, sonst 
wiirden wir als Menschen fortwahrend Gicht kriegen. Die diirfen wir 
aber nicht fortwahrend kriegen. Also es mufi fortwahrend da dahinter 
sein das, daft wir entgegenarbeiten konnen. 

Was heifit denn nun das? Ja, sehen Sie, das heiftt: Da vom Weltenall 
herein wirken Krafte. Die wollen eigentlich nicht zu grofte, aber mikro- 
skopisch kleinwinzige Kristallchen in uns bilden. Wenn diese Krafte da 
hereinkommen und diese Kristalle hier bilden, wirken sie auch in uns 
herein, so daft wir von diesen Kraften fortwahrend durchsetzt sind, 
und wir miissen in unserem Inneren diejenigen Krafte entwickeln, die 
diese Sache fortwahrend ins Nichts bringen. Wir miissen fortwahrend 
diesen Kraften entgegenarbeiten. Wir miissen also in uns Krafte haben, 
die diesen Kraften entgegenarbeiten. In uns kommen auch diese Krafte 
des Weltenalls hinein; aber denen wirken wir entgegen - und besonders 
stark in den Nerven. In den Nerven wiirden fortwahrend ganz mine- 
ralische Substanzen entstehen, wenn wir ihnen nicht entgegenarbeiten 
wiirden. 

Die mineralischen Substanzen miissen entstehen, denn, sehen Sie, es 
gibt Kinder, die blode bleiben und die friih sterben. Wenn man solche 
blode gebliebenen Kinder dann seziert, so findet man oftmals, daft sie 
zu wenig von dem haben, was man Gehirnsand nennt. Ein biftchen 



Gehirnsand mufi jeder in sich haben. Der mufi entstehen, der Gehirn- 
sand, und er mufi immer wieder aufgelost werden. 

Nun kann aber auch zu viel liegen bleiben, wenn wir zu wenig Kraft 
haben, um ihn aufzulosen. Aber, meine Herren, dasjenige, was Sie fort- 
wahrend tun in Ihrem Gehirn, das ist, daft sich fortwahrend Sand im 
Gehirn absetzt, wenn Sie die Nahrungsmittel in Ihr Blut hineinkriegen. 
Damit wird er fortwahrend abgelagert. Und der Gehirnsand, der da 
drinnen ist (es wird gezeichnet), ist den Kraf ten des Weltenalls geradeso Tafel 2 
ausgesetzt, wie das, was in der Natur draufien ist, so daft sich also da 
drinnen fortwahrend winzige Kristalle bilden wollen. Die durfen sich 
aber nicht bilden. Wenn wir keinen Gehirnsand haben, werden wir 
blode. Wenn sich die Kristalle bilden wiirden, wiirden wir fortwahrend 
in Ohnmacht fallen, weil wir gewissermafien Gehirnrheumatismus oder 
Gehirngicht kriegen wiirden. Denn im iibrigen Korper tut es einem 
blofi weh; wenn aber das Gehirn diese Kristallchen in sich enthalt, 
kann man nichts mehr machen und fallt in Ohnmacht. Also Gehirn- 
sand braucht man, aber man mufi ihn fortwahrend auflosen. Das ist ein 
fortwahrender Prozefi, dafi Gehirnsand abgelagert wird, aufgelost 
wird, abgelagert wird, aufgelost wird. 

Wenn zu viel abgelagert wird, kann er manchmal auch die Wande 
von den Blutadern im Gehirn verletzen. Dann tritt das Blut aus. Dann 
kommt der Schlag, nicht nur die Ohnmacht, sondern der Schlag, der 
Gehirnschlag. 

Also gerade wenn man die Krankheitsprozesse studiert, sieht man 
ein, was der Mensch eigentlich in sich hat. Denn in der Krankheit ist 
auch alles das in uns, was in einem gesunden Menschen ist, nur zu stark. 
Kranksein heifit nichts anderes, als dafi wir irgend etwas zu stark aus- 
bilden. 

Das geschieht ja im Leben auch, meine Herren. Sie haben schon 
gesehen, dafi wenn ein kleines Kind da ist und man beruhrt es an der 
Wange mit der Hand, und zwar sanft, schwach; dann ist es eine Lieb- 
kosung, man streichelt es. Und man kann ja auch dieseibe. Beriihrung 
mit der Hand zu stark machen; dann ist es nicht mehr eine Liebkosung, 
dann ist es eine Ohrfeige. 

Nun, sehen Sie, so ist es uberhaupt in der Welt. Die Dinge, die auf 



der einen Seite Liebkosung sein konnen, konnen auf der anderen Seite 
Ohrfeige sein. Und so wird im Leben auch dasjenige, was da sein mufi 
im Gehirn, diese sanfte Arbeit im Gehirnsand, zu einer Lebensohrf eige, 
wenn sie zu stark wird, wenn also die Kraft in uns zu schwach ist, dafi 
wir dieses Mineralische, das wir in uns haben, nicht auflosen konnen. 
Dann wiirden wir also fortwahrend ohnmachtig werden oder wenn 
es zu stark wird, wenn diese Kristallchen uns die Blutadern immer 
durchstofien, wiirden wir einen Gehirnschlag kriegen. Es miissen also 
fortwahrend diese Kristallchen von uns aufgelost werden. Diese Sache, 
die ich Ihnen jetzt erzahlt habe, die geht fortwahrend in Ihnen vor 
sich. 

Ich will Ihnen jetzt noch etwas anderes sagen. Wir wollen einmal 
die Dinge ganz anschaulich machen. Nehmen wir an, Sie haben hier 
den Menschen - ich will es ganz schematisch zeichnen -, hier haben Sie 




sein Gehirn, hier sein Auge, und hier will ich etwas herzeichnen, das 
Sie irgendwie anschauen, also, sagen wir, es stent vor Ihrem Auge 
meinetwillen eine Pflanze. 

Jetzt wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit dieser Pflanze zu. Sehen Sie, 
wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit dieser Pflanze zuwenden - Sie konnen 
das naturlich nur, wenn da ringsumher Tag ist — und die Pflanze wird 
beschienen von den Sonnenstrahlen, dann ist sie hell, dann bekommen 



Sie die Lichtwirkung in Ihr Auge hinein. Durch den Sehnerv aber, der 
da vom Auge nach ruckwarts geht, geht das, was Lichtwirkung ist, in 
Ihr Gehirn hinein. Wenn Sie also eine Pflanze anschauen, so sind Sie 
durch Ihr Auge auf die Pflanze gerichtet, und von der Pflanze aus geht 
die Lichtwirkung durch Ihr Auge nachher ins Gehirn hinein. 

Meine Herren, wenn Sie auf dieseWeise die Pflanze anschauen, zum 
Beispiel eine Blume, da sind Sie auf die Blume aufmerksam. Das heifk 
aber sehr viel: man ist auf eine Blume aufmerksam. Wenn man auf die 
Blume aufmerksam ist, dann vergifit man eigentlich auch sich selber. 
Sie wissen ja, man kann so aufmerksam sein, dafi man iiberhaupt ganz 
sich selber vergifit. In dem Augenblick, wo man das nur ein ganz klein 
bifichen vergilk, daft man da hinguckt auf die Blume, entsteht gleich 
irgendwo im Gehirn die Kraft, welche etwas Gehirnsand absondert. 
Also hingucken heiftt, von innen heraus Gehirnsand absondern. 

Dieses Absondern, das miissen Sie sich als einen ganz menschlichen 
Prozeft vorstellen. Sie werden es schon bemerkt haben, daft man nicht 
nur schwitzt, wenn man sich sehr anstrengt, sondern auch, wenn man 
zum Beispiel eine furchtbare Angst vor etwas hat, sondert man nicht 
gerade Gehirnsand, aber andere Salze, und damit Wasser ab durch seine 
Haut. Das ist Absonderung. Aber anschauen heiftt, fortwahrend Ge- 
hirnsand absondern. Wenn einer ganz aufmerksam auf etwas hinschaut, 
dann sondert sich fortwahrend Gehirnsand ab. Und da liegt das vor, 
daft wir diesen Gehirnsand auflosen miissen. Denn wurden wir diesen 
Gehirnsand nicht wieder auflosen, dann wiirde in uns aus dem Gehirn- 
sand im Gehirn eine winzige kleine Blume entstehen! Die Blume an- 
schauen, das heiftt eigentlich, daft sich in uns aus dem Gehirnsand eine 
ganz kleine, winzige Blume bildet, die dann nur von oben nach unten 
gerichtet ist, so wie das Bildchen im Auge auch von oben nach unten 
gerichtet ist. Das ist der Unterschied, meine Herren. 

Es ist so: Wenn wir einen Stuhl anschauen - es braucht nicht einmal 
eine Blume zu sein -, bildet sich durch das Anschauen da drinnen ein 
biftchen Gehirnsand, und wenn wir uns jetzt nur diesem Anschauen 
iiberlassen wurden, wurden wir da drinnen in uns ein ganz kleines — viel 
kleiner, als es im Mikroskop sein kann — , ein winziges Bildchen aus 
Kieselsand von diesem Stuhl kriegen. Und wenn ich da in einem solchen 



Raume stehen wiirde, und ich wiirde eine gewisse Kraft des Anschauens 
als Mensch entwickelt haben, wiirde in mir der ganze Raum umgekehrt, 
nur mit dem Boden oben, als Bild aus ganz winzig kleinen Kieselsteinen 
zusammengesetzt sein. Es ist ganz kolossal, wie da in uns fortwahrend 
gebaut wird. Nur sind wir solche Kerle, die das dann nicht entstehen 
lassen. Ohne daft wir das mit dem Bewufttsein tun, losen wir die ganze 
Geschichte wieder auf . In dieser Beziehung sind wir ganz eigentiimlich 
als Menschen eingerichtet. Wir schauen uns die Welt an. Die Welt will 
fortwahrend in uns solche Gestaltungen bilden, welche so sind wie die 
Welt, nur umgekehrt. Und wenn wir nicht dabei waren, wenn wir gar 
nicht anschauen wiirden, so wiirden sich - namentlich in der Nacht, 
wenn wir schlafen, wenn wir von innen heraus die Kraft nicht ent- 
wickeln wiirden, aufzulosen - fortwahrend durch dasjenige, was im 
Weltenall ist, solche Gestaltungen bilden. Diese Gestaltungen bilden 
sich auch hauptsachlich, wenn die Erde nicht von der Sonne, vom Licht 
beschienen ist, sondern von Kraften, die von viel weiter herkommen, 
bilden sich diese. Aber diesen Kraften sind wir immer hingegeben. So 
daft wir also sagen konnen: Wenn wir schlafen, dann wollen sich in uns 
fortwahrend durch das Weltenall allerlei mineralische, leblose Gestal- 
ten bilden, und wenn wir anschauen, dann wollen sich in uns ebenso 
Gestalten bilden, die nur so sind wie unsere Umgebung. Wenn wir 
schlafen, bilden wir das Weltenall nach. Im Weltenall ist alles kristal- 
linisch angeordnet. Das, was wir da (in den Kristallen) sehen, ist des- 
halb so, weil die Krafte im Weltenall eben so angeordnet sind wie die 
Kristalle. Die einen gehen so hin, die anderen gehen so hin, so daft die 
Kristalle aus dem ganzen Weltenall gebildet werden. Das will aber in 
uns geschehen. Und wenn wir wahrnehmen, wenn wir unsere unmittel- 
bare Umgebung anschauen, will sich das, was in unserer unmittelbaren 
Umgebung ist, gestalten. Wir miissen fortwahrend verhindern, daft das 
fest wird, miissen fortwahrend auflosen. 

Nun, meine Herren, da geht ein eigentiimlicher Vorgang vor sich. 
Denken Sie sich, die Blume will da drinnen ein lebloses Kieselbild von 
sich bilden. Das darf nicht entstehen, sonst wiirden wir von der Blume 
nichts wissen, sondern Gicht kriegen im Kopfe. Das muft also erst auf- 
gelost werden. 



Ich will diesen Vorgang, der da fortwahrend vor sich geht, Ihnen 
noch dadurch anschaulich machen, daft ich folgendes sage. Nehmen Sie 
an, Sie hatten hier einen Topf mit lauwarmem Wasser und einer ver- 
binde Ihnen die Augen, und nachdem er Ihnen die Augen verbunden 
hat, bringt er irgendeinen Gegenstand, der in diesem lauwarmen Was- 
ser auflosbar ist. Sie sollen mit Ihrer Hand nur in dieses lauwarme 
Wasser hineingreifen. Den Gegenstand sehen Sie nicht, weil Sie die 
Augen verbunden haben. Aber der andere kann Sie jetzt fragen: Sieh 
einmal, du greifst jetzt mit deiner Hand ins Wasser hinein; fiihlst du 
etwas da drinnen? - Ja, das lauwarme Wasser. - Fiihlst du noch etwas 
anderes darinnen? — Ja, es wird um die Finger herum kalt. 

Woher kann das kommen? Der andere hat namlich einen Gegen- 
stand ins Wasser hineingegeben, der sich auflost! Und dieses Auflosen 
bewirkt eben um die Finger herum, dafi dieses lauwarme Wasser kalter 
wird. Er spurt dieses Auflosen um seine Finger herum, und er kann 
sagen: Da drinnen lost sich etwas auf. 

Das ist aber fortwahrend der Fall, wenn wir hier drinnen den Ge- 
genstand gebildet haben und ihn wieder auflosen miissen. Wir spiiren 
die Auflosung und sagen dann, weil wir die Auflosung spiiren: Ja, da 
draufien ist der Gegenstand, denn der hat uns ein Bild gebildet, und das 
Bild, das haben wir aufgelost. Weil wir das aufgelost haben, wissen wir, 
wie der Gegenstand ausschaut. Dadurch kommt uns der Gedanke an 
den Gegenstand, weil wir zuerst das Bild des Gegenstandes auflosen 
miissen. Dadurch kommt der Gedanke. Wir wiirden, wenn wir nur das 
Bild hatten, in Ohnmacht fallen. Wenn wir aber so stark sind, daft wir 
das Bild auflosen, dann wissen wir davon. Das ist also der Unterschied 
zwischen In-Ohnmacht-Fallen, wenn wir etwas sehen, oder ein Wissen 
haben davon. 

Betrachten Sie also jemand, der, sagen wir, etwas kranklich ist, und 
es kommt ein furchtbarer Donner - das kann geschehen. Da wird in 
ihm von diesem Donner, wenn auch nicht durch das Auge, sondern 
durch das Ohr Gehirnsand abgelagert, ein Bild gebildet. Er kann das 
nicht schnell genug auflosen. Er bekommt vielleicht eine Ohnmacht, 
verliert das Bewufksein. Wenn er gesund ist, verliert er nicht das Be- 
wufitsein, das heifit, er hat seinen Gehirnsand schnell genug aufgelost. 



Also In-Ohnmacht-Fallen heifit, den Gehirnsand nicht schnell genug 
auflosen. Nicht-in-Ohnmacht-Fallen heifit, den Gehirnsand schnell 
genug auflosen. Wir miissen immer, indem wir die Dinge urn uns herum 
anschauen, den Gehirnsand schnell genug auflosen. 

Damit kommen wir also zu dem, wie der Mensch zu den Kraften im 
ganzen Weltenall steht. Ich habe Ihnen das letzte Mai gesagt: Wenn 
der Mensch so zu den Kraften im Weltenall steht, daft in seinem Gehirn 
die Gehirnzellen fortwahrend sterben wollen, dann sind sie ja total 
unlebendig, dann mufi er sie handhaben. Das ist sein Seelisch-Geistiges, 
mit dem er sie handhabt. Jetzt finden wir sogar die Kraft, die fort- 
wahrend die Gehirnzellen auflost. Der Gehirnsand macht ja die Zellen 
fortwahrend tot. Dafi sich da Gehirnsand hereinmischt, das macht die 
Zellen fortwahrend tot. Und wir miissen dem entgegenarbeiten. Und 
das, sehen Sie, das ist der Grund, warum wir Menschen sind: Damit wir 
in einer gewissen Weise dem Gehirnsand entgegenarbeiten konnen. 

Beim Tiere ist das nicht in der selben Weise der Fall. Das Tier kann 
nicht so stark, wie wir Menschen, dem Gehirnsand entgegenarbeiten. 
Daher hat das Tier nicht einen solchen Kopf , wie wir ihn haben, hoch- 
stens die hoheren Tiere. Wir haben einen solchen Kopf, der alles, was 
fortwahrend in uns hereinkommt, auflosen kann. Dieses Auflosen 
dessen, was in uns hereinkommt, das ist es, was beim Menschen be- 
wirkt, dafi der Mensch sich so empfinden kann, dafi er sagt: Ich. - Das 
ist die starkste Auflosung des Gehirnsandes, wenn wir sagen: Ich. - 
Da durchdringen wir unsere Sprache mit dem Bewulksein. Also der 
Gehirnsand lost sich auf, iiberhaupt der ganze Nervensand. Beim Tier 
ist das nicht der Fall. Daher bringt es das Tier zum Schreien oder zu so 
etwas ahnlichem, aber nicht zu der wirklichen Sprache. Daher hat kein 
Tier die Moglichkeit, sich selbst zu empfinden, Ich zu sich zu sagen wie 
der Mensch, weil der Mensch in einem viel hoheren Mafie den Gehirn- 
sand auflost. 

So dafi wir sagen konnen: Wir arbeiten in uns nicht nur demjenigen 
entgegen, was auf der Erde ist, sondern wir wirken auch den Kraften 
des Weltenalls entgegen. Die Krafte des Weltenalls, die wiirden uns 
innerlich kristallisieren. Wir wiirden innerlich ein Gebirge werden mit 
alien solchen Obereinanderschichtungen von Kristallen. Wir arbeiten 



innerlich dem entgegen. Wir losen das fortwahrend auf. Wir wirken 
fortwahrend mit den auflosenden Kraften den Kraften des Weltenalls 
entgegen. 

Und so losen wir nicht nurKieselsaure auf - denn das ist Kieselsaure, 
was diese Kristalle hier bilden — , wir losen alles mogliche auf; wir losen 
die Bestandteile, die der Zucker hat, auf und so weiter. 

Man kann ja formlich diesen Geschichten nachgehen. Nehmen Sie 
an, ein Mensch weifi gar nichts eigentlich so richtig davon — denn solche 
Sachen spielen sich wie ein Instinkt im Menschen ab aber er spurt 
doch etwas Unbestimmtes in sich. Denken Sie sich, der Mensch spurt: 
Ach, ich komme eigentlich nicht richtig zum Denken, ich kann nicht 
recht meine Gedanken zusammenhalten. 

In diese Stimmung kann ja ganz besonders leicht ein Journalist kom- 
men, der jeden Tag einen Artikel schreibt. Ja, meine Herren, jeden Tag 
einen Artikel schreiben, das heifit furchtbar viel Gehirnsand auflosen - 
furchtbar viel Gehirnsand auflosen! Das ist eine ganz ekligeGeschichte, 
jeden Tag einen Artikel schreiben, denn das heifk, furchterlich viel 
Gehirnsand auflosen. Und da fangt man dann an, wenn man den Ar- 
tikel schreiben soil - wenigstens friiher war das so -, an dem hinteren 
Teil des Federstiels herumzuknabbern. Das ist ja etwas, was man be- 
sonders den Journalisten nachgesagt hat, dafi sie hinten ihre Federstiele 
zerbeiften, um noch die Kraf te in sich heraufzuholen. Nicht wahr, wenn 
man etwas anbeifit, da holt man noch die letzten Kraf te aus dem ganzen 
Korper herauf, um sie im Kopf zu haben, um noch diesen Gehirnsand 
zu bezwingen. Viel Gehirnsand mufi man auflosen. 

Das alles geht so instinktiv vor sich. Natiirlich sagt der Journalist 
sich nicht: Ich zerbeifte meinen Federstiel, um zu Gedanken zu kom- 
men. - Das kann weitergehen. In diesem Instinkt geht er dann ins 
Kaffeehaus und trinkt da schwarzen Kaffee. Sie denken sich gar nichts 
dabei, die Journalisten, weil sie iiber diese Vorgange nichts wissen. Aber 
wenn sie nun schwarzen Kaffee getrunken haben - Donnerwetter, da 
geht die Geschichte, da konnen sie wieder schreiben, wenn sie schwar- 
zen Kaffee getrunken haben. 

Woher kommt das? Das kommt daher, dafi in diesem Falle mit dem 
schwarzen Kaffee das sogenannte Koffein aufgenommen wird. Das ist 



ein giftiger Stoff, der sehr viel Stickstoff enthalt. Der Stickstoff ist in 
der Luft. Aber da konnen wir ihn wieder hereinkriegen. Mit der At- 
mung kriegen wir immer eine gewisse Menge Sauerstoff und Stickstoff. 
Derjenige nun, der den Gehirnsand auflosen mufi, der braucht gerade 
zur Auflosung des Gehirnsandes eine Kraft, die ganz besonders im 
Stickstoff liegt. Aus dem Stickstoff heraus holen wir uns diese Kraft, 
urn uns den Gehirnsand aufzulosen. 

Deshalb sind wir in der Nacht, wenn wir schlafen, auch machtiger 
dem Stickstoff ausgesetzt, als wenn wir wachen, und wir haben ja ge- 
sagt: Dadurch, daft wir mehr Sauerstoff einatmen, leben wir sehr viel 
schneller; wenn wir mehr Stickstoff einatmen, wiirden wir viel lang- 
samer leben und wiirden also mehr da sein. Wir konnten mehr auflosen. 

Der Journalist, der Kaffee trinkt, rechnet namlich ganz unbewuftt 
auf diesen Stickstoff, den er da in sich kriegt, und durch diesen Stick- 
stoff, den er gerade durch das Koffein kriegt, bekommt er die Moglich- 
keit, mehr Gehirnsand zu bilden und dann auch mehr auflosen zu kon- 
nen. Dann braucht er nicht mehr am Federstiel zu knabbern, sondern 
kann mit der Feder schreiben, weil seine Gedanken sich wieder mehr 
aneinanderschlieften. 

Also Sie sehen, wie da das menschliche Ich arbeitet. Das menschliche 
Ich befordert, weil Sie ja in den Magen hineinkriegen eine stickstoff- 
reiche Nahrung, das Koffein, befordert ins Gehirn hinein diesen Stick- 
stoff, und dadurch wird uns die Auflosung des Gehirnsandes erleich- 
tert, und wir kriegen dadurch die Moglichkeit, einen Gedanken mit 
dem anderen zusammenzubringen. 

Manche Menschen haben wiederum die Eigentiimlichkeit, daft ihnen 
die Gedanken zu stark zusammenhalten, daft sie nicht loskommen von 
ihren Gedanken. Die sind so, daft sie veranlagt sind dazu, eigentlich 
immerfort an ihrem Gehirnsand zu arbeiten. Ja, die tun dann gut, wenn 
sie den entgegengesetzten Prozefi machen. Wahrend der eine dadurch 
in seinen Gedanken zusammengehalten wird, daft er irgendeinen zu- 
sammenhangenden Gedankengang entwickeln kann, mufi der andere 
sich mit dem Koffein, sich mit dem Kaffee helfen. Wer aber seine 
Gedanken nicht zu stark zusammenhalten will, sondern sie brillieren, 
glanzen lassen will, wer, wie man sagt, den Menschen Gedanken an den 



Kopf schmeifSen will, was sehr geistreich ausschaut, der trinkt dann 
Tee. Das hat den entgegengesetzten Einfluft. Das treibt die Gedanken 
auseinander. Und da wird eine andere Auflosung des Gehirnsandes 
unterstutzt. 

So daft tatsachlich diese Geschichte, die da im Menschen vor sich 
geht, eine aufierordentlich interessante, komplizierte ist. Jedes Nah- 
rungsmittel wirkt in verschiedener Weise, und wir miissen immer dem, 
was da eigentlich entstehen will, das Entgegengesetzte hinzufiigen. Wir 
miissen es wiederum auflosen. Das ist eigentlich jetzt unser hochstes 
Geistiges, durch das wir fortwahrend unseren Menschen eigentlich 
innerlich auflosen. 

Und sehen Sie, wenn dann ein Mensch in einer gewissen Weise so 
ilk, daf$ er eine Zeitlang zu wenig bekommt von dem, was geniigend 
viel Stickstoff enthalt, dann geschieht eben dasjenige, was ihn so leicht 
zum Schlafen bringt, woriiber mich einer der Herren auch gefragt hat. 

Also dies beruht darauf , dafi wir mit den Nahrungsmitteln zu wenig 
Stickstoff kriegen. Und deshalb miissen wir in einem solchen Falle, 
wenn wir zu stark schlafrig werden, versuchen, stickstoffreichere Nah- 
rung in uns aufzunehmen. Das kann naturlich in der verschiedensten 
Weise geschehen. Aber es geschieht namentlich dann, wenn wir ver- 
suchen, etwa, sagen wir, Kasiges oder Eiweifi, also Eier zu uns zu 
nehmen. Dann wird der Stickstoff in uns immer wieder aufgebessert. 
So mufi man eben im Menschen arbeiten, daft er in der Lage ist, mit 
demjenigen, was sein Ich ist, in dieser Sache zu arbeiten. 

Ich sagte Ihnen heute zum Anfang: Der Acker kann da sein, Kohl- 
kopfe konnen darauf wachsen; sie wachsen aber nicht, wenn der 
Mensch nicht da ist, der die Kohlkopfe anbaut. Aber der Acker raufi 
auch richtig zubereitet sein. So mufi unser Gehirn die notigen Stoffe 
enthalten, damit unser Ich drinnen arbeiten kann. Aber dieses Ich 
hangt zusammen mit den ganzen weiten Kraften des Weltenalls, die et- 
was anderes wollen. Diese Kraf te des Weltenalls, die wollen uns immer- 
fort zu ganz harten Steinen machen, und wir miissen uns immer wieder 
auflosen. Wenn wir uns nicht auflosen konnten, wiirden wir nicht den- 
ken konnen, wiirden wir nicht zum Ich-Bewufitsein kommen. In die- 
sem Auflosen besteht dasjenige, was wir unser Ich-Bewufitsein nennen. 



Sehen Sie, meine Herren, diese Fragen miissen ja zuallererst ver- 
niinftig beantwortet werden, wenn man weitergehen will im Wissen- 
schaf tlichen zu einer Weltanschauung, wenn man etwas wissen will vom 
Menschen in seinem Verhaltnis zur Welt. Es ist das Allerwichtigste im 
Menschen, daft der Mensch etwas begreift, was mit seiner Auflosung 
zusammenhangt. Wir sehen einen Menschen sterben, das heiftt, er lost 
sich jetzt ganz auf als physischer Mensch. Wenn man nicht weifi, daft 
in jedem wachen Augenblick eine Auflosung in uns vor sich geht, so 
konnen wir niemals begreifen, was die Auflosung bedeutet, die da sich 
vollzieht, wenn der Mensch sich im Tode auflost. 

Also das mufi man zunachst wissen, meine Herren, daft wir uns 
eigentlich dadurch, daft wir in uns den Weltenkraften entgegenarbeiten 
konnen, fortwahrend auflosen konnen in uns. Die Auflosung wird nur 
fortwahrend aufgehoben, weil die Ernahrung uns die Stoffe wieder 
liefert, durch die wir auflosen. Wenn aber der Mensch so geworden ist, 
daft er die Stoffe, die er in sich hat, nicht mehr auflosen kann, dann lost 
er sich selber auf. Dann wird der Mensch eine Leiche; dann lost er sich 
selber auf. 

Wenn wir wieder zusammenkommen, miissen wir fragen: Was ist 
nun dann der Fall, wenn der Mensch sich selber auflost? - Heute sind 
wir wenigstens so weit gekommen, daft wir wissen: Es ist fortwahrend 
ein Auflosungsprozefi da, und wenn wir nicht die Kraft haben - da- 
durch, daft wir zu wenig Stickstoff in uns haben -, die Sachen aufzu- 
losen, die in uns sich bilden wollen aus dem Weltenall heraus, so wird 
unser Ich zuerst ohnmachtig, oder aber es wird schlafrig. Schlafrig 
sein bedeutet eben, wir konnen nicht genug auflosen, es uberwaltigt 
uns die Kraft des Ablagerns. Und so, nicht wahr, steigern sich diese 
Krafte. 

Aber gerade so, wie Sie da sind, wenn Sie einschlafen, denn Sie kon- 
nen wieder aufwachen, so miissen Sie nicht aus dem, was aufterlich im 
Leibe geschieht, auf das Geistige schlieften. Denn geradeso wie an der 
Maschine nichts geschehen kann, ohne daft der Mensch dabei ist, konnte 
am Menschen nichts geschehen, ohne daft nicht der Geist dabei ist. Das 
ist wissenschaftlich, meine Herren, das andere ist unwissenschaftlich. 
Das ist nicht etwas, was ich Ihnen etwa aufbinden will; das ist etwas, 



was derjenige sich erobert, der wirklich die Sache wissenschaf tlich ganz 
ernst nehmen kann. 

Anfang September werden wir diese Betrachtungen fortsetzen. Sie 
werden schon sehen 3 dafi die Sache weit hineinfiihrt in das Verstandnis 
des Menschen, auf alien moglichen Umwegen darauf fiihrt, dafi Sie den 
Menschen im Alltag verstehen konnen. Sie werden noch ganz anders 
den Menschen verstehen, wenn wir jetzt weiterreden, auf Grund dessen, 
was wir jetzt schon eine Zeitlang besprochen haben. Der Mensch wird 
immer wieder hergestellt, er lost sich auf und so weiter. Das wollen wir 
in der nachsten Zeit weiter betrachten. Dann werden Sie schon sehen, 
wie eigentlich der Mensch fur einen wirklichen Wissenschafter be- 
schaffen ist. 



VIERTER VORTRAG 



Dornach, 9. September 1922 



Nun, meine Herren, da eine ziemlich lange Zwischenzeit zwischen 
unseren Vortragen war, so mochte ich doch an das ankniipfen, was wir 
das letzte Mai besprochen haben. Ich habe Ihnen ja dazumal haupt- 
sachlich auseinanderzusetzen versucht, wie im Leben der Schlaf und 
das Wachen drinnenstehen. Ich habe Ihnen gesagt, dafi wir im Gehirn 
gewisse kleine Gebilde haben, Zellen nennt man sie, und ich habe Ihnen 
auch die Form aufgezeichnet. Diese Zellen, die haben hier den Eiweifi- 




korper (siehe Zeichnung) und dann Fortsatze, sind also sternformig. 
Aber diese Fortsatze sind ungleich. Der eine ist lang, der andere ist 
kurz. Dann ist in der Nahe eine andere solche Zelle, die ihre Fortsatze 
hat, dann eine dritte, die auch ihre Fortsatze hat, und diese Fortsatze, 
diese Faden, die da von den runden Zellen ausgehen, die verstricken 
sich miteinander, so dafi sie ein Netz bilden. So dafi das Gehirn eigent- 
lich - man sieht es nicht mit freiem Auge, sondern nur, wenn man 



starke Vergrofierungen anwendet - ein Netzwerk ist, ein Netz bildet, 
und in dem Netze hier die kleinen Kiigelchen einlagert. 

Sehen Sie, diese Gehirnzellen sind im Grunde genommen halb tot. 
Das ist dasjenige, was eben das Auffalligste ist. Denn solche kleinen 
Wesen, wie sie die Gehirnzellen sind - wenn sie leben, dann bewegen 
sie sich auch. Und ich habe ja Ihnen die anderen Zellen auch erklart, 
die weifien Blutkorperchen, die schwimmen herum wie kleine Tiere. 
Sie sind auch kleine Tiere; die sehen geradeso aus. Aber sie schwimmen 
herum und fressen. Wenn irgend etwas im Blut ist, was sie aufnehmen 
konnen, so nehmen sie das auf, strecken ihre Fiihlfaden aus und saugen 
es in ihren eigenen Leib hinein. Und so durchschwimmen, durchstromen 
sie wie Bache unseren Korper. So haben wir halb tote und halb leben- 
dige Zellen im Blut herumschwimmend. 

Nun ist das so, daft, wenn wir wach sind, diese Gehirnzellen dann 
wirklich fast ganz tot sind. Und nur dadurch, daft die Gehirnzellen tot 
sind, konnen wir denken. Wenn die Gehirnzellen lebendiger waren, 
konnten wir nicht denken. Und das kann man ja auch sehen. Denn im 
Schlafe, da fangen diese Gehirnzellen ein bifichen an zu leben; gerade 
dann, wenn wir nicht denken, wenn wir schlafen, da fangen die Gehirn- 
zellen an zu leben. Und sie bewegen sich nur deshalb nicht, weil sie so 
nahe beieinanderliegen, weil sie einander nicht ausweichen konnen. 
Sonst, wenn sie anfangen wiirden, sich zu bewegen, wiirden wir iiber- 
haupt nicht mehr aufwachen. 

Wenn jemand schwachsinnig wird, also nicht mehr denken kann, 
und dann stirbt und man untersucht seine Gehirnzellen, dann findet 
man auch: diese Gehirnzellen bei einem schwachsinnig gewordenen 
Menschen haben angefangen zu leben, zu wuchern. Sie sind weicher, 
als sie bei einem normalen Menschen sind. Daher redet man auch von 
einer Gehirnerweichung bei schwachsinnig gewordenen Menschen, und 
der Ausdruck «Gehirnerweichung» ist nicht ganz schlecht. 

Wenn man wirklich ohne Vorurteil den lebendigen Menschen ken- 
nenlernt, so sagt man sich: Das Leben, das in ihm ist, dieses korperliche 
Leben, das kann nicht sein Denken bewirken, denn das muft ja gerade 
absterben im Gehirn, wenn der Mensch denken soli. Das ist ja eben die 
Sache. Wenn die Wissenschaft heute wirklich richtig vorgehen wiirde, 



richtig arbeiten wiirde, dann wiirde die Wissenschaft nicht materia- 
listisch sein konnen, weil man dann aus der Korperbeschaffenheit des 
Menschen selber sehen wiirde, daft ein Geistiges in ihm gerade dann am 
lebendigsten tatig ist, wenn das Korperliche abstirbt, wie im Gehirn. 
Man kann also streng wissenschaftlich Seele und Geist beweisen. 

In der Nacht, wenn wir schlafen, sind die Gehirnzellen etwas leben- 
diger. Deshalb konnen wir auch nicht denken. Und die weifien Blut- 
korperchen, die fangen dann an rege zu werden, wenn wir wachen. Das 
ist der Unterschied zwischen Schlafen und Wachen. Also v/ir wachen, 
wenn unsere Gehirnzellen gelahmt sind, fast abgetotet sind; dann kon- 
nen wir denken. Wir schlafen und konnen nicht denken, wenn unsere 
weifien Blutkorperchen etwas abgetotet sind, und unsere Gehirnzellen 
anfangen, ein bifichen Leben zu haben. Der Mensch mufi also eigentlich 
etwas vom Tod in sich haben in bezug auf seinen Korper, wenn er den- 
ken soil, das heiftt, wenn er seelisch leben soil. 

Sehen Sie, meine Herren, es ist gar nicht zu verwundern, daft die 
heutige Wissenschaft auf solche Sachen nicht kommt, denn diese heu- 
tige Wissenschaft, die hat sich ja in ganz besonderer Art entwickelt. 
Wenn man Gelegenheit hat, so etwas anzusehen, wie ich zum Beispiel 
jetzt in Oxford angesehen habe - ich konnte ja in Oxford eine Reihe 
von Vortragen halten, und Oxford ist ja eine der hauptsachlichsten 
Hochschulen in England so kann einem auffallen, daft diese Ox- 
forder Hochschule ganz anders eingerichtet ist als unsere Hochschulen 
hier in der Schweiz oder in Deutschland oder in Dsterreich. Diese 
Oxforder Hochschule, Universitat, die hat noch etwas ganz Mittel- 
alterliches, absolut Mittelalterliches. Sie hat so stark Mittelalterliches, 
daft diejenigen Menschen, welche dort promovieren, das heiftt, den 
Doktor machen, einen Talar und ein Barett bekommen. Jede solche 
Universitat hat ihren eigenen Schnitt fur Talar und Barett. Man kann 
einen Oxforder Baccalaureus oder Doktor unterscheiden von einem 
Cambridger, weil er einen anderen Schnitt im Talar und Barett hat. 
Diesen Talar und dieses Barett miissen aber die Leute anziehen bei 
irgendwelchen feierlichen Gelegenheiten, damit man weifi: der ist an 
der und der Universitat gewesen und gehort dazu. Das ist gerade so, 
weil in England sich eben viele solche Dinge aus dem Mittelalter noch 



erhalten haben, wie zum Beispiel bei den Richtern dort; wenn sie im 
Amte tatig sind, miissen sie noch die Periicke tragen; die gehort dazu. 
Nun sehen Sie, da hat sich das Mittelalterliche noch ganz erhalten. Das 
ist auf dem Kontinente, in der Schweiz, in Osterreich, in Deutschland 
nicht mehr der Fall. Da bekommt man keinen Talar, und man tragt 
audi als Richter nicht mehr eine Periicke. Ich glaube, das ist auch in der 
Schweiz nicht mehr der Fall, so viel mir bekannt ist. 

Das ist ja von aufien sehr spafiig anzuschauen fur einen kontinen- 
talen Menschen. Der sagt sich einfach: Nun, da haben sie noch das tiefe 
Mittelalter. Die Baccalauren, die Doktoren, die gehen herum auf der 
Strafte mit Talar und Barett und so weiter. Aber es bedeutet das doch 
noch etwas ganz anderes. Sehen Sie, die Wissenschaft wird dort auch 
noch so betrieben, wie sie im Mittelalter betrieben worden ist. Das 
heifk, das, was dort getrieben wird, ist auflerordentlich sympathisch, 
ist eigentlich gegeniiber einer heutigen Hochschule, die alles das ab- 
geschafft hat - ich mochte nicht, daft der Talar wieder eingefiihrt wird, 
mifiverstehen Sie mich nicht -, aber gegeniiber manchem, was heute 
alles an anderen Hochschulen ist, ist das eigentlich etwas aufterordent- 
lich Sympathisches, denn es hat etwas Ganzes. Es hat das Mittelalter 
wirklich in alien Formen erhalten. Es hat schon etwas Ganzes. Denn im 
Mittelalter konnte man ja alles mogliche erforschen, nur durfte man 
nichts iiber die Welt erforschen, die die Religion als Monopol ge- 
nommen hatte. Das ist auch etwas, was Sie in Oxford noch fiihlen. 
Sobald irgend jemand sich aufmachen wiirde und wiirde auch iiber die 
iibersinnliche Welt etwas sagen wollen, dann waren sie dort aufier- 
ordentlich reserviert. 

Nun, die mittelalterliche Wissenschaft hatte, solange wie die Leute 
sich nicht iiber das religiose Leben ausliefSen, ihre vollstandige Freiheit. 
Das ist ja bei uns verlorengegangen. Bei uns mufi man heute an den 
Hochschulen Materialist sein. Wenn man nicht Materialist ist, dann 
wird man wie ein Ketzer behandelt - nicht wahr, wenn das, sagen wir, 
anstandig ware, die Leute zu verbrennen, so wiirde man sie auch heute 
noch verbrennen, auch von den Hochschulen aus. Das konnen Sie ja 
aus nachster Nahe sehen, wie man behandelt wird, wenn es sich darum 
handelt, irgend etwas Neues in die Wissensgebiete einzufiihren. Die 



aufteren Periicken sind ja verschwunden, aber die inneren Periicken, 
die sind auch auf dem Kontinente durchaus noch nicht verschwunden! 

Es ist nun so, daft auf dem Kontinent zwar eine Wissenschaft sich 
entwickelt hat, aber diese Wissenschaft hat noch die anderen Gewohn- 
heiten, und die wird deshalb materialistisch, weil sie sich nie angewohnt 
hat, sich mit dem Geistigen zu befassen. Im Mittelalter durfte man sich 
nicht mit dem Geistigen befassen, weil das der Religion iiberlassen war. 
In der Weise machen das die Leute heute noch weiter. Sie befassen sich 
eben nur mit dem Korper, und aus dem Grunde lernen sie gar nichts 
iiber dasjenige, was eigentlich am Menschen geistig ist. Also es ist tat- 
sachlich nur eine Vernachlassigung von seiten der Wissenschaft, daft 
man diejenigen Dinge, die da sind, durchaus nicht wirklich studiert. 

Das mochte ich Ihnen gerade heute an einem Beispiel zeigen, damit 
Sie sehen: Derjenige, der heute wirkliche Wissenschaft treibt, der kann 
durchaus wissenschaftlich davon sprechen, daft eine Seele oder ein Geist 
einzieht in den Korper, wenn der Mensch im Mutterleibe seinen Korper 
entwickelt, und daft im Tode wiederum der Geist den Korper verlaftt. 
Das ist heute wissenschaftlich zu beweisen, aber man mufi wirklich die 
Wissenschaft dann kennen. Man mufi sich mit der Wissenschaft sach- 
gemaft abgeben konnen. Was tut heute die Wissenschaft in einem be- 
stimmten Fall? Sagen wir zum Beispiel, irgend jemand wird als fiinfzig- 
jahriger Mensch leberkrank und stirbt an seiner Leberkrankheit. Nun 
schon! Man legt ihn auf den Seziertisch, schneidet den Bauch auf und 
untersucht die Leber. Man findet, daft die Leber vielleicht etwas ver- 
hartet ist innerlich, und man denkt nach, woher das kommen kann. 
Hochstens noch denkt man nach, was der Mensch gegessen haben 
konnte, daft durch ein falsches Essen die Leber verhartet sein konnte. 
Aber so leicht ist unsere Natur nicht zu verstehen, daft wir einfach 
einen Menschen haben, seine Leber untersuchen konnen und wissen, 
wie es nun mit der Leber ist; so leicht ist es nicht. Man kann iiberhaupt 
aus der Leber, wenn man nur iiber die letzten Jahre des Menschen 
nachdenkt, gar nicht erkennen, warum sie so ist, wie sie ist. 

Wenn man einem fiinfzigjahrigen Menschen die Leber herausschnei- 
det und findet, die Leber ist verhartet, dann ist in den meisten Fallen 
- nicht in alien, aber in den meisten Fallen - die Schuld daran, daft der 



Mensch als ganz kleines Kind, als Saugling, mit einer falschen Milch 
ernahrt worden ist. Dasjenige, was oftmals erst im funfzigsten Jahre 
auftritt als eine Krankheit, das hat seine Ursache in der ganz friihen 
Kindheit. Denn warum? 

Sehen Sie, derjenige, der nun die Leber wirklich untersuchen kann 
und der weifi, was die Leber im Menschen bedeutet, der kann sich das 
Folgende sagen. Er weifi, daft die Leber bei einem ganz kleinen Kinde 
noch frisch ist; sie ist sogar noch in Entwickelung. Nun ist die Leber 
ein menschliches Glied, das ganz anders ist als alle anderen mensch- 
lichen Glieder. Die Leber ist etwas ganz Besonderes. Das kann man 
auch aufterlich sehen. Sehen sie, wenn Sie irgendein Organ des Men- 
schen nehmen, Herz oder Lunge oder was Sie wollen, so kann man 
sagen: Dieses Organ gehort eben zum ganzen menschlichen Leibe. 
Nehmen Sie irgendein Organ, sagen wir zum Beispiel den rechten 
Lungenfliigel, so konnen Sie sagen: In diesen rechten Lungenfliigel, da 
gehen rote Blutadern hinein - Sie wissen, was das bedeutet - und blaue 
Blutadern gehen wiederum heraus. Die roten Blutadern, die hinein- 
gehen, die haben Sauerstoff - den sehen Sie in den Korper iibergehen - 
und die blauen Blutadern, die haben das Verbrauchte, die haben Koh- 
lensaure, die weg raufi, ausgeatmet werden mufi (siehe Zeichnung). 



Nun, sehen Sie, jedes Organ - Magen, Herz - ist so eingerichtet, dafi 
der Mensch in diese Organe rotes Blut bekommt und blaues Blut heraus- 




Tafel3 



geht. Bei der Leber ist es anders. Zwar zuerst schaut es im wesentlichen 
Tafel3 auch bei der Leber so aus. Wenn Sie da die Leber haben - die Leber 
liegt unter dem Zwerchfell auf der rechten Seite des menschlichen Kor- 
pers -, da haben Sie auch so die Sache zunachst, dafi rote Blutadern 
hineingehen und blaue Blutadern herausgehen. Wenn das der Fall ware, 
ware eben die Leber ein Organ wie die anderen menschlichen Organe. 



Aber aufierdem geht noch eine grofie Ader, welche blaues Blut, Kohlen- 
saure enthalt, extra in die Leber hinein, was bei keinem anderen Organ 
der Fall ist. Es geht also eine blaue Ader, die sogenannte Pfortader in 
die Leber hinein, eine machtige blaue Ader. Die verzweigt sich uberall 
da drinnen und versorgt die Leber mit blauem Blut, also fiir alle an- 
deren Organprozesse unbrauchbar gewordenem Blut, das sonst gereinigt 
wird, indem man die Kohlensaure ausatmet. In die Leber schicken wir 
fortwahrend Kohlensaure herein. Die Leber braucht gerade, was die 
anderen Organe fortschmeifien miissen. 

Wbher kommt das? Das kommt daher, dafi die Leber eine Art inneres 
Auge ist. Die Leber ist wirklich eine Art inneres Auge. Die Leber ver- 
spiirt - besonders, wenn sie frisch ist, beim Kinde - den Geschmack, 
aber auch die Gute der Milch, die das Kind an der Mutterbrust saugt. 
Und viel spater noch nimmt die Leber alles wahr, was an Nahrungs- 
mitteln in dem menschlichen Korper sich auslebt. Die Leber ist ein 
Wahrnehmungsorgan, ein Auge, mochte man sagen; ich konnte auch 
sagen, einTastorgan, ein Gefuhlsorgan. Die Leber nimmt alles das wahr. 

Ein anderes Organ am Menschen, das wahrnimmt, ist das Auge. 
Aber das Auge nimmt ja deshalb gerade so stark die Aufienwelt wahr, 
weil es fast extra da drinnen sitzt im Kopfe. Es ist ja ganz in dieser 
Knochenhohle drinnen, aber es ist fast ein abgesondertes Organ. Man 
kann es herausnehmen, und es liegt ganz extra, abgesondert vom Kor- 



Tafel3 




per da drinnen in dieser Knochenhohle. Die anderen Sinne fuhren uns 
nicht so in die Aufienwelt wie das Auge. Wenn Sie horen, so erleben Sie 
innerlich noch. DieMusik ist daher innerlicher als das Sehen. Das Auge, 
das ist so eingerichtet, damit es eben nicht so sehr dem menschlichen 
Leibe angehort, sondern der Auftenwelt angehort. 

Dadurch aber, daft in die Leber hineingeht blaues Blut, das sonst die 
Kohlensaure rausschmeifk in die Auftenwelt und wieder rot gemacht 
wird, dadurch ist die Leber fast so abgesondert vom anderen mensch- 
lichen Leibe wie das Auge. Es ist also die Leber ein Sinnesorgan. Das 
Auge nimmt Farben wahr. Die Leber nimmt wahr, ob der Sauerkohl, 
den ich esse, dem Korper nutzlich oder schadlich ist, ob die Milch, die 
ich trinke, dem Korper nutzlich oder schadlich ist. Die Leber nimmt 
das fein wahr, und die Leber gibt die Galle ab, und die Galle wird ab- 
gegeben - das ist wirklich so - wie das Auge die Tranen abgibt. Wenn 
der Mensch traurig wird, fangt er an zu weinen. Die Tranen kommen 
nicht umsonst aus dem Auge. Mit dem Wahrnehmen, mit dem Bemer- 
ken von den Dingen hangt das Traurigwerden zusammen. Und ebenso 
hangt das Absondern der Galle damit zusammen, daft die Leber wahr- 
nimmt, ob irgend etwas dem Korper schadlich oder nutzlich ist. Sie 
sondert mehr oder weniger Galle ab, je nachdem wie schadlich es ist, 
was der Mensch bekommt. Also wir haben in der Leber ein Wahr- 
nehmungsorgan. 

Nun denken Sie sich: Wenn das Kind ungesunde Milch bekommt, 
dann argert sich die Leber fortwahrend. Und wenn der Mensch doch 
so gesund ist, dafl er dann nicht gleich die Gelbsucht kriegt durch zu 
starke Gallenabsonderung, so ist ein fortwahrendes Drangen da nach 
Gallenabsonderung beim Kind. Und dann wird die Leber schon beim 
Kind krank. Der Mensch kann viel aushalten. Er kann vierzig, funf- 
undvierzig Jahre diese kranke Leber, die er sich als Saugling erworben 
hat, mit sich herumschleppen; aber zuletzt, im fiinfzigsten Jahre, 
kommt es zum Ausbruch: Die Leber ist verhartet. 

So also ist es wirklich nicht, daft man bloft den Menschen, der fiinf- 
zig Jahre alt ist, auf den Seziertisch legt, ihm den Bauch aufschneidet, 
die Organe herausnimmt, sie anguckt und etwas dariiber sagt. Da kann 
man eben nichts sagen. Der Mensch ist nicht bloft dieses Augenblicks- 



wesen, sondern der Mensch ist ein Wesen, das sich eben durch eine 
bestimmte Anzahl von Jahrzehnten entwickelt. Und was manchmal 
fiinfzig Jahre zuriickliegt, das kommt nach fiinfzig Jahren zum Aus- 
druck. Da mufi man aber den Menschen vollstandig kennen, wenn man 
das verstehen will. 

Nun nehme ich an, Sie seien jetzt einmal Materialisten. Aber wenn 
Sie Materialisten sind, dann sagen Sie sich das Folgende. Ich habe Ihnen 
gesagt, die Leber ist ein Organ, dessen Krankheit beim Saugling ver- 
ursacht sein kann und im fiinfzigsten Lebensjahre zum Ausbruch kom- 
men kann. Ja, meine Herren, wie ist die Geschichte aber mit dem Men- 
schen? Nehmen wir einmal ganz schematisch an, der Mensch ist ein 
Wesen aus Fleisch, aus Blut, aus Muskeln und so weiter bestehend. Er 
hat Blutgefafle in sich, er hat Adern in sich, Nerven - das alles sind 
Stoffe natttrlich, richtige Stoffe. Aber glauben Sie, daft die Stoffe, die 
zum Beispiel in der Leber sind beim kleinen Kinde, das gesaugt wird, 
noch im fiinfzigsten Jahre vorhanden sind? Nein, das ist nicht der Fall. 
Denn, nehmen Sie nur das Allereinfachste: Sie schneiden sich die 
Fingernagel. Wenn Sie sich die Nagel nicht schneiden, so wachsen sie 
wie die Habichtskrallen fort. Da schneiden Sie ja fortwahrend ein 
Stuckchen Stoff von sich ab! Und wenn Sie sich die Haare schneiden, 
schneiden Sie auch ein Stuckchen Stoff von sich ab. Aber Sie werden 
schon manchmal bemerkt haben, daf5 das nicht nur beim Haare- und 
Fingernagelschneiden stattfindet, dafi Stoff weggeht, sondern wenn Sie 
sich manchmal kratzen und langere Zeit den Kopf nicht gewaschen 
haben, dann kratzen Sie Schuppen mit ab. Das sind Stuckchen Haut. 
Und wenn Sie sich nicht ganz waschen wiirden, wenn nicht der Schweifi 
kleine Schuppen vom Korper fortschwemmen wiirde, konnten Sie einen 
ganz geschuppten Korper kriegen. Das heiftt, an der Aufienseite des 
Korpers, da fallt fortwahrend der Stoff weg. 

Nun denken Sie sich einmal, Sie schneiden sich da ein Snick Finger- 
nagel weg. Das wachst wieder nach. Das kommt von innen nach. Ja, so 
ist es namlich mit dem ganzen menschlichen Korper. Dasjenige, was 
am allerinnersten ist, das ist nach ungefahr sieben Jahren an der Aufien- 
flache, und wir konnen es als Schuppen wegtun. Sonst macht das nur 
die Natur, und wir bemerken nicht, wie wir die f einen Schuppen immer 



loskriegen. Der Stoff namlich, die Materie des Menschen, die geht 
immer von innen nach aufien und schuppt sich auflerlich ab. Dasjenige, 
was Sie heute da ganz drinnen haben, das wird nach sieben Jahren 
auften sein und sich ganz abgeschuppt haben, und dasjenige, was Sie 
dann in sich drinnen haben, das ist neugebildet, ganz neugebildet. Je 
nach sieben Jahren werden namlich die weichen Teile des menschlichen 
Stoffes neu gebildet. Wenn man ein kleines Kind ist, so gilt das sogar 
noch fur gewisse aufiere Knochenorgane. Daher haben wir die Milch- 
zahne nur so ungefahr bis zum siebenten Jahre; dann werden sie ab- 
gestofien und neue Zahne bilden sich aus dem Inneren heraus. Die blei- 
ben nur dann, weil man nicht mehr die Kraft hat, die Zahne abzu- 
stofien; wie man die Fingernagel abstolk, so kann man sie eben nicht 
abstofien. Aber sie haben eigentlich beim modernen Menschen doch 
nicht die Neigung, sich langer zu halten! Nun, der Mensch kann viel 
aushalten. Die Zahne halten sich, aber wie lange? Sie werden ja, beson- 
ders in der Schweiz, furchtbar schadhaft nach einiger Zeit. Es hangt 
mit dem Wasser zusammen, das Schadhaftwerden der Zahne, besonders 
in dieser Gegend. 

Aber daraus sehen Sie, dafi Sie den Stoff, den Sie heute in sich haben, 
nach sieben Jahren nicht mehr in sich haben. Sie haben ihn ausgeworfen 
und neu gebildet. Wenn es auf den Stoff ankame, dann ware zum Bei- 
spiel heute der Herr Dollinger nicht derjenige, der da sitzt; denn die 
Stoffe, die er dazumal gehabt hat, die sind fort, die sind verflogen. Er 
ist seit der Zeit ein ganz neuer geworden dem Stoff nach. Nun hat man 
ihn ja aber dazumal auch schon mit demselben Namen angeredet. Er ist 
heute noch derselbe; ja, aber der Stoff ist es nicht, der Stoff ist es gar 
nicht. Dasjenige, was den Stoff fortwahrend als eine Kraft zusammen- 
halt, was also, wenn der Stoff von irgendeiner Stelle hier fortgeht, da 
wiederum einen neuen hintragt - den Stoff kann man sehen, wenn man 
den Menschen auf den Seziertisch legt, aber das, was da als Kraft im 
Menschen ausgedehnt ist, das kann man nicht sehen -, das ist das so- 
genannte Obersinnliche. 

Ja, meine Herren, wenn also die Leber beim Saugling ruiniert wird 
und im fiinfzigsten Jahre eine Leberkrankheit herauskommt, so ist ja 
das Stuck Leber, das da drinnen liegt, ganz ausgewechselt. Der Stoff 



ist langst fort. Am Stoff liegt es nicht, daft wir uns eine Leberkrankheit 
erworben haben, sondern es liegt an den Kraften, die unsichtbar sind. 
Die haben sich angewohnt, wahrend der Sauglingszeit die Leber nicht 
ordentlich tatig sein zu lassen. Die Tatigkeit, nicht der Stoff, die Tatig- 
keit ist in Unordnung gekommen. Also wenn wir uns klar sind dariiber, 
daft es sich mit der Leber so verhalt, mussen wir sagen: Es ist ja ganz 
offenbar auch klar, daft der Mensch, da er den Stoff immer auswech- 
selt, etwas, was nicht Stoff ist, in sich tragt. 

Wenn man diesen Gedanken nur ordentlich faftt, so kommt man ja 
dazu, aus wissenschaftlichen Griinden unmoglich Materialist sein zu 
konnen. Nur diejenigen Leute, welche glauben, daft der Mensch mit 
fiinfzig Jahren derselbe Stoff ist, wie er als Kind war, die sind Materia- 
listen. Das ist es also, was aus rein wissenschaftlichen Griinden es not- 
wendig macht, daft man dem Menschen ein Geistiges zugrunde liegend 
denkt, daft also der Mensch ein Geistiges in sich tragt. 

Aber, meine Herren, Sie werden doch nicht glauben, daft diese 
Leberstoffteilchen, die mit fiinfzig Jahren langst fort sind, die Leber 
aufbauen, daft die etwas tun konnen dazu, daft die Leber aufgebaut 
wird. Die gehen ja eben fort, die yerlassen ja eben die Leber. Fur diese 
Stoffteilchen bleibt eigentlich nichts dort als der Raum. Dasjenige, was 
die Leber fortwahrend neu bildet, das ist Kraft, das ist etwas Uber- 
sinnliches. Das bildet die Leber fortwahrend neu. 

So neugebildet muft der ganze Mensch werden, wenn er iiberhaupt 
zur Welt kommen will. Die Kriifte, die da in der Leber sind, die mussen 
ja schon da sein, wenn der Mensch iiberhaupt im Leibe der Mutter ge- 
bildet wird. 

Nun, Sie konnen sagen: Im Leibe der Mutter kommen die weibliche 
Eizelle und die mannliche Samenzelle zusammen, und aus dem entsteht 
der Mensch. Ja, meine Herren, aus dieser Stoffmischung kann ebenso- 
wenig der Mensch entstehen, wie die Leberkrankheit im fiinfzigsten 
Jahre entstehen kann aus dem Stoff, der verdorben worden ist im ersten 
Lebensjahre. Dieser Stoff, der muft da sein. Derjenige, der behauptet, 
im mutterlichen Leibe bilde sich der Mensch aus Stoff, der soil nur auch 
gleich behaupten, ich lege da Holz zusammen und setze mich ein paar 
Jahre nieder, und dann wird nach ein paar Jahren eine sehr schb'ne 



Bildsaule daraus. Natiirlich, der Stoff mufi dem Geist zur Verfiigung 
gestellt werden. Das geschieht im mutterlichen Leibe. Aber der Mensch 
wird nicht im mutterlichen Leibe gebildet, sondern dieser Stoff, der 
wird, wie der Stoff von einem Bildhauer, von dem Geiste eben be- 
arbeitet, und dadurch bildet sich das im Menschen, was ihn immer wie- 
der neu bildet, wenn ein physischer Stoff ausgeworfen wird. Wir 
brauchten wirklich viel weniger zu essen, als wir essen miissen, wenn 
der Stoff eine groftere Bedeutung hatte. Da wiirden wir, wenn wir ein 
kleines Kind sind, allerdings essen miissen, damit wir grofier werden 
konnen. Wenn wir aber dann mit zwanzig Jahren ausgewachsen waren 
und der Stoff immer derselbe bliebe, so brauchten wir nachher gar 
nichts mehr zu essen. Es ware eine wunderbare Geschichte fur den 
Arbeitsunternehmer, denn Kinder sind heute verboten zu verwenden, 
und die Arbeiter brauchten nichts mehr zu essen. Es wurde also eine 
wunderbare Geschichte sein! Aber dafi wir fortwahrend noch essen 
miissen, wenn wir ausgewachsen sind, das beweist, daft dasjenige, was 
bleibt, was im Menschen noch wahrend des Lebens ist, eben nicht der 
Stoff, sondern das Geistig-Seelische ist. Und das mufi da sein, bevor 
iiberhaupt die menschliche Empfangnis stattfindet, ist auch da, und 
bearbeitet den Stoff von allem Anfange an, wie es ihn auch weiter 
bearbeitet. 

Wenn nun der Mensch geboren wird, dann kann man sehen, wie er 
da in der allerersten Kindheit fast fortwahrend schlaft. Er schlaft fort- 
wahrend. Gesund ist es eigentlich fur den Menschen nur, wenn er in der 
allerersten Sauglingszeit hochstens ein bis zwei Stunden wach ist; sonst 
sollte der Saugling fortwahrend schlafen, hat auch das Bediirfnis, fast 
immer zu schlafen. 

Was heifit denn aber das: der Saugling hat das Bediirfnis, fort- 
wahrend zu schlafen, und er soil schlafen? Das heifit, sein Gehirn soli 
dann noch etwas lebendig sein. Die weifien Blutkorperchen sollen noch 
nicht zu lebhaft durch den Korper schiefien; die sollen sich da noch 
beruhigen, diese weifSen Blutkorperchen, und das Gehirn soli noch nicht 
tot sein. Deshalb mufi der Saugling schlafen. Er kann aber auch noch 
nicht denken. Sobald er anfangt zu denken, so fangen auch die Gehirn- 
zellen an, immer mehr und mehr tot zu werden. Solange wir im Wachsen 



sind, treibt immerfort die Kraft, die uns grofler macht, auch noch die- 
jenigen Vorgange zum Gehirn hin, die das Gehirn recht weich erhalten 
konnen. Aber wenn wir nicht mehr wachsen, wenn das Wachsen stockt, 
dann wird es immer schwerer, dafi dasjenige, was ins Gehirn komtnen 
soli, auch wahrend des Schlafes hinaufkommt. Und die Folge davon ist, 
dafi wir zwar immer besser denken lernen, je alter wir werden, dafi 
aber unser Gehirn viel mehr die Neigung zum Totsein erhalt, und wir 
sterben eigentlich im Gehirn, wenn wir einmal ausgewachsen sind, 
fortwahrend ab. 

Nun kann der Mensch eben viel aushalten. Er halt sein Gehirn noch 
sehr lang so, dafi es in der Nacht weich genug wird. Aber es kommt 
eben doch einmal die Zeit, wo die Krafte, die nach dem Kopf hinauf- 
treiben, das Gehirn nicht mehr ordentlich versorgen konnen, und dann 
nahert es sich dem Alter. 

Woran stirbt denn eigentlich der Mensch in Wirklichkeit? Natiir- 
lich, wenn irgendein Organ zugrunde geht, dann kann der Geist nicht 
mehr arbeiten, wie man an einer Maschine, die nicht in Ordnung ist, 
nicht mehr arbeiten kann. Aber abgesehen davon wird ja sein Gehirn 
immer steifer und steifer, und er kann sein Gehirn nicht mehr ordent- 
lich herstellen. Bei Tag wird ja das Gehirn fortwahrend ruiniert, weil 
der Korper nicht dasjenige ist, was das Gehirn wieder herstellt, sondern 
es ist das Geistig-Seelische. Aber das ist, wenn man es so ausdriicken 
darf, wie ein Gift; das Geistig-Seelische ruiniert das Gehirn im Wachen. 
Daher miissen wir schlafen, damit das Gehirn wieder hergestellt wer- 
den kann. Wenn das Gehirn nicht denken konnte, dann wiirde ja das 
Gehirn nicht abgetotet werden, sondern immer starker werden. Denn 
der Arm, der nicht denkt, der arbeitet, wird immer starker und starker. 
Aber das Gehirn wird immer schwacher und schwacher beim Denken. 
Das Gehirn ist nicht ein solches Organ, das durch sein Leben denkt, 
sondern dadurch, dafi es abstirbt, denkt es, und dadurch wird der Kor- 
per fur den Menschen einmal unbrauchbar. Der Geist ist da, aber der 
Korper wird einmal unbrauchbar. 

Das zeigt sich auch, wenn Sie wiederum sich erinnern, was ich gesagt 
habe: Die Leber ist wie ein Sinnesorgan, wie eine Art Auge da drinnen. 
Ja, meine Herren, das ist eine Leberkrankheit, wenn bei einem fiinfzig 



Jahre alten Menschen die Leber so versteift und so verhartet ist, wie 
ich es vorhin angenommen habe. Aber etwas verhartet ist die Leber im 
spateren Alter immer. Beim kleinen Kind ist sie frisch und weich. Da 
sind diese rotbraunen Gewebe-Inselchen - die Leber besteht ja daraus, 
dafi da solche Gewebe-Inselchen sind - so verbunden durch ein solches 
Netz wiederum. Das ist das Lebergewebe. 

Nun, diese Leber ist ganz weich und elastisch im Kindheitsalter. 
Aber sie wird immer steifer und harter, je alter man wird. Denken Sie, 
dieselbe Geschichte tritt beim Auge auf. Wenn man alter wird, dann 
wird das Innere des Auges immer steifer und steifer. Wenn es krank- 
haft sich versteift, dann kommt der Star. Wenn die Leber krankhaft 
sich versteift, dann kommt die innere Leberverhartung mit Leber- 
abszessen und so weiter. 

Aber auch im gesunden Zustande wird die Leber ebenso abgebraucht 
als Sinnesorgan, wie abgebraucht wird das Auge. Und die Leber nimmt 
immer weniger wahr, wie da drinnen die Nahrungsmittel niitzlich oder 
schadlich sind, weil sie abgebraucht worden ist. "Wenn also einer alt 
geworden ist, dann dient ihm die Leber nicht mehr so gut, diese Dinge, 
die in den Magen kommen, zu beurteilen, ob sie niitzlich oder schad- 
lich sind. Da wird nicht mehr so gut abgehalten. Die Leber bewirkt, 
wenn sie gesund ist, dafi die nutzlichen Stoffe im Korper verbreitet 
und die schadlichen abgehalten werden. Wenn aber die Leber schad- 
haft geworden ist, dann kommen auch die schadlichen Stoffe in die 
Darmdriisen, in die Lymphe, und gehen dann im Korper herum und 
erzeugen allerlei Krankheiten. Und das macht es, daft derjenige, der 
alt geworden ist als Mensch, seinen Korper innerlich nicht mehr so 
wahrnehmen kann wie er ihn friiher durch die Leber wahrnehmen 
konnte. Er ist, ich mochte sagen, fur seinen eigenen Korper innerlich 
blind geworden. Wenn man aufierlich blind ist, kann einen ein anderer 
fiihren, kann einem helfen. Wenn man aber innerlich blind wird, dann 
gehen die Vorgange nicht mehr ordentlich vor sich, dann kommt sehr 
bald der Darmkrebs, oder Magen- oder Pfortnerkrebs, oder irgend 
etwas, wo die Leber nicht in Ordnung ist. Dann ist der Korper nicht 
mehr zu gebrauchen. Dann konnen aber auch die neuen Stoffe, die 
fortwahrend abgestofien werden miissen, nicht mehr ordentlich in den 



Korper eingefiigt werden. Die Seele kann nicht mehr so mitmachen mit 
dem menschlichen Korper, und die Zeit ist da, wo der Korper ganz 
weggeworfen werden mufi. 

Ja, meine Herren, man sieht, wie der Korper schon von Jahr zu Jahr 
weggeworfen wird, denn wenn Sie sich am Kopf abschuppen oder die 
Nagel schneiden, dann werfen Sie das unbrauchbar Gewordene weg. 
Aber dasjenige, was als Krafte drinnen ist, bleibt. Wenn aber das Ganze 
unbrauchbar wird, dann kann dasjenige, was drinnen arbeitet, nichts 
mehr ersetzen. Dann wird, so wie sonst die Nagel und die Schuppen 
und anderes vom Korper abgeworfen wird, jetzt der ganze Korper 
abgeworfen, und dasjenige, was vom Menschen zurtickbleibt, ist eben 
das Geistige. So daft Sie sagen konnen: Wenn ich den Menschen ver- 
stehe, so verstehe ich ihn eben nach Leib und Geist, und es ist nicht 
wahr, daft der Mensch nur irgend etwas Korperliches ist. 

Ja, sehen Sie, man konnte sagen, das ist nur eine religiose Sache. 
Aber es ist nicht bloft eine religiose Sache. Hier in dieser Goetheanum- 
wissenschaft, da tritt es eben hervor, daft es sich nicht bloft um eine 
religiose Sache handelt. Durch die Religion soil der Mensch beruhigt 
werden, daft er nicht stirbt, wenn sein Korper stirbt. Das sind im 
Grunde genommen egoistische Gefiihle, und die Prediger rechnen auch 
damit. Die sagen den Menschen so etwas, daft sie nicht sterben. Hier 
handelt es sich nicht urn eine religiose Sache, sondern um eine wirkliche 
praktische Sache. 

Derjenige, der bloft den Menschen auf den Seziertisch legt, den 
Bauch aufschneidet und die Leber anschaut, der wird nicht auf den 
Gedanken kommen, wie man sich Miihe geben musse, damit das Kind 
als Saugling ordentlich ernahrt wird. Wer aber weift, wie das vor sich 
geht, der wird darauf kommen, wie das Kind erzogen werden soil, 
damit es ein gesunder Mensch werden kann. Gesundheit herstellen in 
der Kindheit ist viel wichtiger, als spater Krankheit heilen. Aber man 
weift ja nichts davon, wenn man den Menschen nur wie einen Stoff- 
klotz ansieht. 

Nun, an diesem Beispiel ist es leicht ersichtlich, was ich da gesagt 
habe. Aber nehmen Sie ein anderes Beispiel. Nehmen Sie an, ich habe 
ein Kind in der Schule, und ich fiittere es fortwahrend mit allem mog- 



lichen Zeug, lasse es lernen, dafi sein Gedachtnis iiberlastet wird, daft 
das Kind gar nicht recht zu sich kommt. Ja, meine Herren, da strengt 
man den Geist an in Wirklichkeit. Aber es ist nicht wahr, dafi man bloft 
den Geist anstrengt, denn der Geist arbeitet fortwahrend an dem Kor- 
per. Und wenn ich das Kind falsch unterrichte und falsch erziehe, auch 
nur, sagen wir, dem Gedachtnis nach, dann verharte ich bei ihm ganz 
bestimmte Organe, weil dasjenige, was im Gehirn verwendet wird, den 
anderen Organen verlorengeht. Und wenn Sie das Kind gar zu stark 
dem Gehirn nach belasten, so werden seine Nieren krank. Das heifit, 
Sie konnen nicht nur durch kbrperliche Einfliisse das Kind krank 
machen, sondern durch die Art, wie Sie unterrichten und erziehen, das 
Kind gesund oder krank machen. 

Sehen Sie, da wird die Geschichte praktisch. Kennt man den Men- 
schen wirklich, so bekommt man eine ordentliche Padagogik in der 
Schule. Kennt man den Menschen so, wie die heutige Wissenschaft ihn 
kennt, so kann man an den Universitaten den Leuten vortragen, wie 
wir gesehen haben: Die Leber schaut so aus, wir haben rotbraune Leber- 
Inselchen und so weiter. - Und was ich Ihnen da aufgezeichnet habe, 
kann man natiirlich an der Universitat beschreiben. Aber nachher ver- 
stummt man. 

Eine solche Wissenschaft ist nicht praktisch, weil sie nicht in die 
Schulen hineingetragen werden kann. Der Lehrer kann nichts anfangen 
mit einer solchen Wissenschaft. Der Lehrer kann erst etwas damit an- 
fangen, wenn er weift: Wenn die Leber im dreifiigsten Jahre so aus- 
schaut, mufi ich, damit sie sich ordentlich entwickelt, im achten oder 
neunten Lebensjahre das tun, damit sie sich ordentlich entwickelt, nicht 
von dem Kinde verlangen, dafi es Anschauungsunterricht treibt, son- 
dern im achten oder neunten Jahre dem Kinde etwas beibringen, was 
seine Organe in der richtigen Weise fiihrt. Also ich mu8 ihm zum Bei- 
spiel etwas erzahlen und mir nacherzahlen lassen, und mufi das Ge- 
dachtnis nicht iiberlasten, sondern es sich selber iiberlassen. Das bringt 
man heraus, wenn man den Menschen kennt nach Leib, Seele und Geist. 
Dann aber kann man auch ordentlich erziehen. 

Nun frage ich Sie, ist das nicht das Allerwichtigste, dafl man nicht 
bloft mit einer Geschichte vom Oberirdischen den Menschen beruhigt 



durch Kanzelreden, dafi er nicht stirbt, wenn sein Leib stirbt? Das tut 
man gewifi nicht - ich habe es Ihnen ja bewiesen aber man wirkt 
dadurch nur auf den Egoismus der Menschen, die eben wiinschen fort- 
zuleben, und diesen Wiinschen kommt man entgegen. Die Wissenschaft 
hat es nicht mit Wiinschen zu tun, sondern mit Tatsachen, und diese 
Tatsachen, wenn man sie kennt, machen die ganze Geschichte prak- 
tisch. Da hat man etwas in die Schule hineinzutragen, wenn man den 
Menschen wirklich kennt. 

Und das ist dasjenige, wodurch sich diese Goetheanumwissenschaft 
von einer anderen Wissenschaft unterscheidet. Hier mochte man all- 
mahlich einen Zustand herbeifiihren, der anwendbar ist nicht nur fiir 
ein paar Leute, die eben gerade dem Wissenschaftsstande angehoren, 
sondern wo die Wissenschaft ganz allgemein menschlich ist, der 
Menschheit zugute kommt, an der Entwickelung der Menschheit ar- 
beitet. 

Die heutige Wissenschaft arbeitet nur in der Technik praktisch, 
manchmal noch auf dem oder jenem anderen Gebiete, zum Beispiel der 
Medizin, aber auch nicht sehr stark. Ja, meine Herren, da wird zum 
Beispiel Theologie gelehrt oder Geschichte gelehrt - ja, fragen Sie, ob 
das im Leben irgendwo angewendet wird. Nicht einmal auf der Kanzel 
kann der Theologe seine Wissenschaft anwenden; er muft so reden, wie 
die Leute es horen wollen. Oder fragen Sie den Juristen, den Advo- 
katen, den Richter! Der lernt seine Sachen, damit er sie eingepaukt hat 
und nachher im Examen die Sachen weift. Aber nachher vergifk er sie 
so schnell wie moglich, denn draufien richtet er sich nach ganz anderen 
Gesetzen. Es wird nichts angewendet auf den lebendigen Menschen. 
Kurz, wir haben eine Wissenschaft, die gar nicht mehr lebenspraktisch 
ist. Und das ist das Schlimme. 

Daraus konnen Sie auch sehen, dafi wirklich sich Klassen von Men- 
schen bilden. Im Leben ist es so, dafi, was im Leben steht, auch an- 
gewendet werden mufi. Wenn also eine Wissenschaft da ist, die nicht 
angewendet werden kann, eine unniitzliche Wissenschaft da ist, dann 
sind die Leute, die diese Wissenschaft treiben, auch in einem gewissen 
Sinne unnutzlich, und dann entsteht eine unniitzliche Menschenklasse. 
Da haben Sie die Klassenunterschiede. 



Das habe ich in meinen «Kernpunkten» versucht darzustellen, dafi 
eigentlich mit dem geistigen Leben auch die Klassenunterschiede zu- 
sammenhangen. Aber wenn man auf die Wahrheit hindeutet, wird man 
ja von alien Seiten als Phantast erklart. Aber Sie konnen sich hier iiber- 
zeugen, dafi es sich nicht urn Phantastisches handelt, sondern um ein 
wirkliches, tatsachliches Erkennen und um ein Praktischmachen der 
Wissenschaft, die wirklich eingreifen kann ins Leben. Dann beruhigen 
die Menschen sich auch iiber den Tod. 

Es ist ja natiirlich so manches fiir Sie schwierig, gerade aus dem 
Grunde, weil die Schulerziehung nicht so ist, wie sie sein sollte. Aber 
Sie werden schon allmahlich die Dinge verstehen. Und Sie konnen 
sicher sein, so recht verstehen es auch die anderen nicht. Wenn man so 
mit der heutigen Wissenschaft unter all diese mittelalterlichen Verhalt- 
nisse kommt, so sieht man, was das fiir eine Wissenschaft ist. Wenn ich 
die Wissenschaft des Goetheanums in Oxford vortrage, so unterscheidet 
sich das ganz betrachtlich von dem, was sonst in Oxford vorgetragen 
wird. Das ist eben ein ganz anderer Zug und wird erst allmahlich ver- 
standen werden. 

Und so mochte ich, dafi Sie ein Verstandnis bekommen, wie schwer 
es ist, damit durchzudringen. Es ist schwer, aber es wird werden und 
mufi werden, denn sonst geht einfach die Menschheit zugrunde. 



FONFTER VORTRAG 



Dornach, 13. September 1922 

Meine Herren! Die Dinge, die wir in den letzten Betrachtungen bespro- 
chen haben, sind so wichtig auch zum Verstandnisse dessen, was ich 
noch weiter zu sagen hajben werde, daft ich wenigstens mit ein paar 
Worten diese wichtigen Dinge noch einmal vor Augen stellen will. 

Nicht wahr, wir haben gesehen, daft im wesentlichen das mensch- 
liche Gehirn aus kleinen Gebilden besteht, die sternformig sind. Aber 
die Strahlen der Sterne sind sehr weit verlaufend. Die Auslaufer dieser 
kleinen Wesenheiten, die verschlingen sich ineinander, verweben sich 
ineinander, so daft das Gehirn eben eine Art von Gewebe ist, auf die Art 
entstanden, wie ich es Ihnen gesagt habe. 

Solche kleinen Wesen, wie sie im Gehirn sind, sind auch im Blut, nur 
mit dem Unterschiede, daft die Gehirnzellen - so nennt man ja diese 
kleinen Gebilde - nicht leben konnen, nur in der Nacht, beim Schlafen, 
etwas leben konnen. Sie konnen dieses Leben nicht ausiiben. Sie konnen 
sich nicht bewegen, weil sie wie in einem Heringsfaft zusammen- 
gepfercht, zusammengeklumpt sind. Aber die Blutkorperchen, die 
weiften Blutkorperchen im roten Blute da drinnen, die konnen sich 
bewegen. Die schwimmen im ganzen Blut herum, bewegen ihre Aus- 
laufer und kommen nur von diesem Leben etwas ab, ersterben etwas, 
wenn der Mensch schlaft. So daft also der Schlaf und das Wachen 
zusammenhangen mit dieser Tatigkeit oder auch Untatigkeit der Ge- 
hirnzellen, iiberhaupt der Nervenzellen, und der Zellen, die als weifte 
Blutkorperchen im Blute herumschwimmen, sich darinnen herum- 
bewegen. 

Nun habe ich Ihnen auch gesagt, daft man gerade an einem solchen 
Organ, wie es die Leber ist, beobachten kann, wie der menschliche Kor- 
per im Laufe seines Lebens sich verandert. Ich habe Ihnen das letzte 
Mai gesagt, daft wenn beim Saugling etwa die Leber nicht in ordent- 
licher Weise wahrnimmt - es ist ja eine Art Wahrnehmungstatigkeit, 
die Leber nimmt wahr und ordnet die Verdauung — , wenn also die 
Leber gestort wird in ihrer Wahrnehmung, so daft sie eigentlich eine 



unrichtige Verdauung wahrnimmt wahrend des Sauglingsalters, so 
zeigt sich das oftmals erst im allerspatesten Leben, ich sagte Ihnen, beim 
fiinfundvierzig-, funfzigjahrigen Menschen. Der menschliche Organis- 
mus kann eben viel aushalten. Also wenn die Leber auch schon wahrend 
des Sauglingsalters gestort wird, halt sie dies noch durch bis zum fiinf- 
undvierzigsten, fiinfzigsten Lebensjahre. Dann zeigt sie sich innerlich 
verhartet und es entstehen die Leberkrankheiten, die manchmal eben so 
spat beim Menschen auftreten und die dann eine Folge sind von dem, 
was wahrend des Sauglingsalters verdorben worden ist. 

Am besten wird daher der Saugling mit der Milch der eigenen Mut- 
ter ernahrt. Nicht wahr, das Kind geht ja hervor aus dem Leibe der 
Mutter. Man kann also begreifen, dafi es in seinem ganzen Organismus, 
in seinem ganzen Leib verwandt ist mit der Mutter. Es mufi daher am 
besten dann gedeihen, wenn es nicht gleich, wenn es zur Welt kommt, 
etwas anderes bekommt als dasjenige, was auch aus dem Leib der Mut- 
ter kommt, mit dem es also verwandt ist. 

Allerdings, es kommt ja vor, dafi die Muttermilch nicht geeignet ist 
durch ihre Zusammensetzung. Manche Menschenmilch ist zum Beispiel 
bitter, manche zu salzig. Da mufi dann eine andere Ernahrung, durch 
eine andere Personlichkeit am besten, einsetzen. 

Nun kann ja die Frage entstehen: Kann das Kind nicht gleich vom 
Anfange an mit Kuhmilch ernahrt werden? - Nun, da raufi man sagen: 
In den allerersten Zeiten des Sauglingsalters ist die Ernahrung mit der 
Kuhmilch nicht sehr gut. Aber man braucht auch nicht zu denken, dafi 
nun gleich eine furchtbar grofie Sunde gegen den menschlichen Orga- 
nismus verrichtet wird, wenn man das Kind mit einer Kuhmilch nahrt, 
die man in der entsprechenden Weise verdiinnt und so weiter. Denn es 
ist ja natiirlich die Milch bei den verschiedenen Wesen verschieden, aber 
nicht so stark, dafi man nicht auch Kuhmilch statt der Menschenmilch 
zur Ernahrung einfuhren konnte. 

Aber wenn nun diese Ernahrung vor sich geht, so geht sie ja so vor 
sich, dafi noch nichts, wenn das Kind nur Milch trinkt, zerkaut zu wer- 
den braucht. Dadurch sind gewisse Organe im Korper wesentlicher 
in Tatigkeit als spater, wenn die feste Nahrung zubereitet werden muft. 
Die Milch ist im wesentlichen so, dafi sie, ich mochte fast sagen, noch 



lebt, wenn das Kind sie bekommt. Es ist fast fliissiges Leben, was das 
Kind in sich aufnimmt. 

Nun wissen Sie ja, dafi in den Gedarmen eine ganz wichtige Sache 
fiir den menschlichen Organismus vor sich geht, eine ganz aufierordent- 
lich wichtige Sache. Diese aufierordentlich wichtige Sache ist diese, dafi 
alles, was durch den Magen in die Gedarme hineinkommt, abgetotet 
werden mufi, und wenn es durch die Darmwande dann in die Lymph- 
gefafie und ins Blut kommt, mufi es wieder belebt werden. Das ist schon 
einmal das Allerwichtigste, was man verstehen mufi, dafi der Mensch 
die Nahrung, die er aufnimmt, zuerst abtoten mufi und nachher wie- 
derum beleben mufi. Das aufiere Leben, unmittelbar vom Menschen 
aufgenommen, ist im menschlichen Leibe drinnen nicht brauchbar. Der 
Mensch mufi alles, was er aufnimmt, durch seine eigene Tatigkeit er- 
toten und dann wieder beleben. Das mufi man nur wissen. Das weifi die 
gewohnliche Wissenschaft nicht, und daher weifi sie nicht, dafi der 
Mensch die Kraft des Lebens in sich hat. Geradeso wie er Muskeln und 
Knochen und Nerven in sich hat, so hat er eine belebende Kraft, einen 
Lebensleib in sich. 

Bei dieser ganzen Verdauungstatigkeit, bei der also abgetotet und 
wieder belebt wird, bei der das Abgetotete im neuen Leben innerlich 
aufsteigt und ins Blut hineingeht, schaut die Leber zu, so wie den 
aufieren Dingen das Auge zuschaut. Und wie im spateren Alter das 
Auge vom Star befallen werden kann, das heifit, dasjenige undurch- 
sichtig wird, was fruher durchsichtig war, wie sich das verhartet, so 
kann auch die Leber sich verharten.Und dieLeberverhartung ist eigent- 
Hch in der Leber dasselbe, was die Starkrankheit im Auge ist. Der Star 
kann auch in der Leber sich bilden. Dann entsteht eben am Ende des 
Lebens eine Leberkrankheit. Mit fiinfundvierzig, fiinfzig Jahren, auch 
spater, entsteht eine Leberkrankheit. Das heifit, die Leber schaut nicht 
mehr das Innere des Menschen an. Es ist wirklich so: Mit dem Auge 
schauen Sie die Aufienwelt an, mit dem Ohre horen Sie das, was in der 
Aufienwelt klingt, und mit der Leber schauen Sie zuerst die eigene Ver- 
dauung an und dasjenige, was sich an die Verdauung anschliefit. Die 
Leber ist ein inneres Sinnesorgan. Und nur wer die Leber als ein inneres 
Sinnesorgan erkennt, der versteht dasjenige, was im Menschen vor sich 



geht. So dafi man also die Leber mit dem Auge vergleichen kann. 
Gewissermafien hat der Mensch innen in seinem Bauch einen Kopf. 
Nur schaut der Kopf nicht nach aufien hin, sondern der schaut nach 
innen. Und deshalb ist es, dafi der Mensch mit einer Tatigkeit, die er 
sich nicht zum Bewufitsein bringt, im Inneren arbeitet. 

Aber das Kind fuhlt diese Tatigkeit. Im Kind ist das ganz anders. 
Das Kind guckt noch wenig nach der Aufienwelt, und wenn es nach der 
Aufienwelt guckt, kennt es sich nicht aus. Aber um so mehr guckt es 
nach innen im Fiihlen. Das Kind fiihlt ganz genau, wenn in der Milch 
etwas ist, was nicht hineingehort, was herausgeworfen werden mufi in 
die Gedarme, damit es abgefuhrt wird. Und wenn etwas in der Milch 
nicht in Ordnung ist, so nimmt die Leber die Krankheitsanlage fur das 
ganze spatere Leben in sich auf . 

Nun, sehen Sie, Sie konnen sich ja denken, dafi zum Auge, wenn es 
nach aufien hin guckt, ein Gehirn gehort. Mit dem blofien Anschauen 
der Aufienwelt ware uns als Menschen nicht gedient. Wir wiirden die 
Aufienwelt anglotzen, rundherum anglotzen, aber wir wiirden nichts 
denken konnen iiber die Aufienwelt. Es ware geradeso wie ein Pan- 
orama, und wir safien mit einem leeren Kopf davor. Wir denken mit 
unserem Gehirn, und denken iiber dasjenige, was draufien in der Welt 
ist, mit unserem Gehirn. 

Ja, aber, meine Herren, wenn die Leber eine Art inneres Auge ist, 
das die ganze Darmtatigkeit abtastet, dann mufi die Leber ja auch eine 
Art Gehirn haben, so wie das Auge das Gehirn zur Verfiigung hat. 
Sehen Sie, die Leber kann zwar das alles anschauen, was im Magen vor 
sich geht, wie im Magen der ganze Speisebrei durchmischt wird mit 
Pepsin. Die Leber kann dann, wenn der Speisebrei durch den sogenann- 
ten Magenpfortner in den Darm eintritt, sehen, wie im Darm der 
Speisebrei weiterriickt, wie er in diesem Speisebrei aber immer mehr die 
brauchbaren Teile absondert durch die Wande des Darmes, wie dann 
die brauchbaren Teile in die Lymphgefafie iibergehen und von diesen 
Gefafien dann ins Blut eindringen. Aber von da ab kann die Leber 
nichts mehr tun. Geradesowenig wie das Auge denken kann, so wenig 
kann die Leber die weitere Tatigkeit tun. Da mufi zu der Leber ein 
anderes Organ kommen, wie zum Auge das Gehirn kommen mufi. 



Und geradeso wie Sie in sich die Leber haben, die fortwahrend Ihre 
Verdauungstatigkeit anguckt, so haben Sie in sich auch eine Denktatig- 
keit, von der Sie im gewohnlichen Leben gar nichts wissen. Diese Denk- 
tatigkeit - das heifit, Sie wissen von der Denktatigkeit nur nichts, von 
dem Organ wissen Sie schon diese Denktatigkeit, die geradeso hinzu- 
gefugt wird der Wahrnehmungstatigkeit, der Auffassungstatigkeit der 
Leber, wie durch das Gehirn der Wahrnehmungstatigkeit des Auges 
das Denken hinzugefugt wird, die haben Sie namlich, so sonderbar es 
Ihnen scheint, durch die Niere, das Nierensystem. 

Das Nierensystem, das sonst fur das gewohnliche Bewufitsein nur 
das Urinwasser absondert, ist gar kein so unedles Organ, wie man es 
immer anschaut, sondern die Niere, die sonst eben nur das Wasser ab- 
sondert, die ist dasjenige, was zur Leber gehort und was eine innere 
Tatigkeit ausiibt, ein inneres Denken. Die Niere steht auch mit dem 
anderen Denken im Gehirn durchaus in Verbindung, so daft, wenn die 
Gehirntatigkeit nicht in Ordnung ist, auch die Tatigkeit der Niere nicht 
in Ordnung ist. Nehmen wir an, beim Kinde schon fangen wir an, das 
Gehirn nicht ordentlich arbeiten zu lassen. Es arbeitet nicht ordentlich, 
wenn wir zum Beispiel das Kind veranlassen, zu viel zu lernen - ich 
habe schon das letzte Mai darauf hingedeutet -, zu viel mit dem bloften 
Gedachtnisse arbeiten zu lassen, wenn wir es zu viel auswendig lernen 
lassen. Etwas mulS es auswendig lernen, damit das Gehirn beweglich 
wird; aber wenn wir es zu viel auswendig lernen lassen, dann mu!5 sich 
das Gehirn so anstrengen, daft es zu viel Tatigkeit ausiibt, die im Gehirn 
Verhartungen hervorbringt. Dadurch entstehen Gehirnverhartungen, 
wenn wir das Kind zu viel auswendig lernen lassen. Wenn aber im 
Gehirn Verhartungen entstehen, dann wird durch das ganze Leben hin- 
durch es so sein konnen, dafi das Gehirn nicht ordentlich arbeitet. Es 
ist eben zu hart. 

Aber das Gehirn steht mit der Niere in Verbindung. Und dadurch, 
dafi das Gehirn mit der Niere in Verbindung steht, arbeitet dann auch 
die Niere nicht mehr ordentlich. Der Mensch kann eben viel aushalten; 
es zeigt sich erst spater: Es arbeitet der ganze Leib nicht mehr ordent- 
lich, es arbeitet auch die Niere nicht mehr ordentlich, und Sie finden im 
Urin Zucker, der eigentlich aufgearbeitet werden soil. Aber der Leib ist 



zu schwach geworden, urn den Zucker zu verbrauchen, weil das Gehirn 
nicht ordentlich arbeitet. Er lafit den Zucker im Urinwasser. Der Kor- 
per ist nicht in Ordnung, der Mensch leidet an der Zuckerkrankheit. 

Sehen Sie, das mochte ich Ihnen ganz besonders klarmachen, dafi 
von der geistigen Tatigkeit, zum Beispiel von dem Zuviel-Auswendig- 
lernen, eben etwas abhangt, wie der Mensch spater ist. Haben Sie nicht 
gehort, dafi die Zuckerkrankheit gerade so haufig ist bei reichenLeuten? 
Die konnen fur ihre Kinder aufierordentlich gut sorgen, auch materiell, 
auf physischem Gebiete; aber sie wissen nicht, dafi sie dann auch fur 
einen ordentlichen Schullehrer sorgen miifiten, der das Kind nicht so 
viel auswendig lernen lafit. Sie denken: Nun, das macht ja der Staat, da 
ist alles gut, da braucht man sich nicht zu kummern darum. - Das Kind 
lernt zu viel auswendig, wird spater ein zuckerkranker Mensch! Man 
kann eben nicht durch die materielle Erziehung allein, durch dasjenige, 
was man durch Nahrungsmittel dem Menschen beibringt, den Men- 
schen gesund machen. Man mufi Rucksicht nehmen auf dasjenige, was 
sein Seelisches ist. Und sehen Sie, da f angt man allmahlich an zu f uhlen, 
dafi das Seelische etwas Wichtiges ist, daft der Korper nicht das einzige 
ist am Menschen, denn der Korper kann von der Seele aus ruiniert 
werden. Denn wir konnen noch so gut essen als Kind und noch so stark 
nach dem essen, was der Chemiker im Laboratorium an den Nahrungs- 
mitteln studiert - wenn das Seelische nicht in Ordnung ist, das See- 
lische nicht berikksichtigt wird, geht der menschliche Organismus doch 
kaputt. Da lernt man sich allmahlich durch eine wirkliche Wissen- 
schaft, nicht die heutige bloft materielle Wissenschaft, hineinleben in 
das, was beim Menschen schon vorhanden ist, bevor die Empfangnis 
kommt, und vorhanden ist nach dem Tode, weil man eben das kennen- 
lernt, was sein Seelisches ist. Das mufi man gerade in solchen Dingen 
besonders in Betracht ziehen. 

Aber nun denken Sie, woher kommt denn das eigentlich, dafi die 
Menschen heute nichts wissen wollen von dem, was ich Ihnen da er- 
zahlt habe? Nun, Sie konnen heute an die Menschen mit einer soge- 
nannten Bildung herankommen; da ist es «ungebildet», wenn man von 
der Leber redet, oder gar von derNiere redet. Es ist etwas Ungebildetes. 
Woher kommt es denn, dafl es etwas «Ungebildetes» ist? 



Sehen Sie, die alten Juden im hebraischen Altertum - und schliefilich 
kommt ja unser Altes Testament von den Juden die alten Juden 
haben noch nicht das Reden von der Niere als etwas so furchtbar Un- 
gebildetes angesehen. Denn die Juden sagten zum Beispiel nicht, wenn 
der Mensch in der Nacht qualende Traume hatte - das kann man im 
Alten Testament lesen; die heutigen Juden sind schon so gebildet, daft 
sie das nicht wieder vorbringen, was im Alten Testament steht, wenn sie 
in anstandiger Gesellschaft sind, aber im Alten Testament steht es -, 
sie sagten nicht, wenn der Mensch bose Traume hatte in der Nacht: 
Meine Seele ist gequalt. - Ja, meine Herren, das kann man leicht sagen, 
wenn man keine Vorstellung von der Seele hat; dann ist «Seele» blofi 
ein Wort - das ist ja nichts. Aber das Alte Testament sagte, wie es rich- 
tig ist aus einer Weisheit heraus, die einmal die Menschheit gehabt 
hat, wenn der Mensch bose Traume in der Nacht gehabt hat: Die 
Niere qualt ihn. - Was da im Alten Testament schon gewuftt worden 
ist, darauf kommt man wieder durch die neuere Anthroposophie, das 
neuere Forschen: Da ist die Nierentatigkeit nicht in Ordnung, wenn 
man bose Traume hat. 

Dann kam das Mittelalter, und im Mittelalter hat sich allmahlich 
das herausgebildet, was bis heute noch gilt. Denn im Mittelalter, da war 
die Neigung, alles'nur zu loben, was man nicht wahrnehmen kann, was 
irgendwie aufter der Welt ist. Am Menschen laftt man ja den Kopf frei; 
das andere bedeckt man. Man darf nur von dem reden, was eben frei 
ist. Allerdings, manche Damen gerade der gebildeten Welt gehen ja 
heute so herum, daft sie so viel frei lassen, daft man von dem Frei- 
gelassenen noch lange nicht reden darf. Aber immerhin, dasjenige, was 
dann im Inneren des Menschen ist, das ist fur eine gewisse Sorte von 
Christentum im Mittelalter - in England hieft es spater das Puritaner- 
tum - etwas geworden, wovon man nicht reden darf. Von der bloft 
materiellen Sinneswissenschaft darf man dariiber nicht reden. Das ist 
nichts Geistiges, davon darf man nicht reden. Und damit hat man all- 
mahlich iiberhaupt den ganzen Geist verloren. Natiirlich, wenn man 
nur redet von dem Geist, wo der Kopf sitzt, da kann man ihn nicht so 
leicht erhaschen. Aber wenn man ihn erhascht,wo er im ganzen mensch- 
lichen Leibe sitzt, da kann man das wohl. 



Und sehen Sie, die Nieren, die sind dann dasjenige, was denkt zu der 
Wahrnehmungstatigkeit der Leber dazu. Die Leber schaut an, die Nie- 
ren denken; und die konnen dann denken die Herztatigkeit und konnen 
iiberhaupt alles das denken, was die Leber nicht angeschaut hat. Die 
Leber kann noch anschauen die ganze Verdauungstatigkeit und wie der 
Speisesaft ins Blut kommt. Aber dann, wenn es anfangt, im Blut zu 
kreisen, dazu raufi gedacht werden. Und das tun die Nieren. So daft 
also der Mensch in sich tatsachlich so etwas wie einen zweiten Men- 
schen hat. 

Nun aber, meine Herren, werden Sie doch unmoglich glauben kon- 
nen, da/5 diejenigen Nieren, die Sie aus dem toten Korper heraus- 
schneiden und die Sie dann auf den Seziertisch legen - oder wenn es 
eine Rinderniere ist, so essen Sie sie sogar; die konnen Sie ja ganz be- 
quem anschauen, bevor Sie sie essen oder kochen -, aber Sie werden 
doch nicht glauben, dafi das Stuck Fleisch mit all den Eigenschaften, 
von denen der Anatom spricht, daft das Stuck Fleisch denkt! Das denkt 
natiirlich nicht, sondern das vom Seelischen, was in der Niere drinnen 
ist, das denkt. Daher ist es auch so, wie ich Ihnen das letzte Mai gesagt 
habe: Das Stoffliche, das zum Beispiel an der Niere ist, sagen wir im 
Kindesalter, das ist nach sieben, acht Jahren ganz ausgewechselt. Da 
ist ein anderer Stoff drinnen. Geradeso wie Ihre Fingernagel nach 
sieben, acht Jahren nicht mehr dasselbe sind, sondern Sie immer das 
Vordere abgeschnitten haben, so ist in der Niere und Leber alles weg- 
gegangen, was da war und ist von Ihnen neu ersetzt worden. 

Ja, da miissen Sie fragen: Wenn der Stoff gar nicht mehr da ist, der 
vor sieben Jahren in der Leber, in der Niere da war, und dennoch die 
Leber nach Jahrzehnten noch krank werden kann durch das, was man 
als Saugling an ihr versaumt hat, dann ist eben eine Tatigkeit da, die 
man nicht sieht, denn der Stoff pflanzt sich nicht fort. Das Leben 
pflanzt sich fort vom Sauglingsalter bis ins fiinfundvierzigste Jahr. 
Krank werden kann nicht der Stoff - der wird ausgeschieden aber 
es pflanzt sich fort die nicht sichtbare Tatigkeit, die da drinnen ist und 
die beim Menschen durch das ganze Leben durchgeht. Da sehen Sie, wie 
der menschliche Korper eigentlich ein kompliziertes, ein ungeheuer 
kompliziertes Wesen ist. 



Nun mochte ich Ihnen noch etwas anderes sagen. Ich habe Ihnen ge- 
sagt: Die alten Juden haben noch etwas davon gewufit, wie die Nieren- 
tatigkeit beteiligt ist an einem solchen dumpfen, finsteren Denken, wie 
es die Traume sind in der Nacht. Aber in der Nacht ist es ja nun so, dafi 
unsere Vorstellungen fort sind; da nimmt man wahr, was die Niere 
denkt. Bei Tag hat man den Kopf voll mit den Gedanken, die von 
aufien kommen. Geradeso wie wenn ein starkes Licht da ist und ein 
schwaches Kerzenlicht, so sieht man das starke Licht, und das schwache 
Kerzenlicht verschwindet daneben. So ist es beim Menschen, wenn er 
wach ist: er hat den Kopf voll mit den Vorstellungen, die von der 
Auftenwelt kommen, und was da unten die Nierentatigkeit ist, das ist 
eben das kleine Licht; das nimmt er nicht wahr. Wenn der Kopf auf- 
hort zu denken, dann nimmt er das, was die Nieren denken und die 
Leber anschaut im Inneren, noch wahr als Traume. Deshalb schauen 
auch die Traume so aus, wie Sie sie manchmal sehen. 

Denken Sie sich einmal, da ist im Darm etwas nicht in Ordnung; 
das schaut die Leber an. Bei Tag beachtet man das nicht, weil eben 
starkere Vorstellungen da sind. Aber in der Nacht beim Einschlafen 
oder Aufwachen, da beachtet man das, wie die Leber das Nicht-in- 
Ordnung-Sein der Gedarme wahrnimmt. Nun aber ist die Leber nicht 
so schlau und die Niere auch nicht so schlau, wie der menschliche Kopf 
ist. Weil sie nicht so schlau sind, konnen sie nicht gleich sagen: Das sind 
die Darme, die ich da sehe. - Sie machen ein Bild daraus, und der 
Mensch traumt, statt dafi er die Wirklichkeit sieht. Wenn die Leber die 
Wirklichkeit sehen wiirde, so wiirde sie die Darme brennen sehen. Aber 
sie sieht nicht die Wirklichkeit, sie macht ein Bild daraus. Da sieht sie 
ziingelnde Schlangen. Wenn der Mensch von ziingelnden Schlangen 
traumt, was er sehr haufig tut, dann schaut die Leber die Gedarme an, 
und daher kommen sie ihr wie Schlangen vor. Manchmal geht es ja dem 
Kopf geradeso wie der Leber und der Niere. Wenn der Mensch irgend 
etwas, zum Beispiel ein gebogenes Stuck Holz in der Nahe sieht und 
noch dazu in einer Gegend, wo Schlangen sein konnten, so kann sogar 
der Kopf dieses gebogene Stuck Holz fur eine Schlange halten, wenn 
es fiinf Schritte vorn ist. So halt das innere Anschauen und das Denken 
der Leber, der Niere die gewundenen Gedarme fur Schlangen. 



Manchmal traumen Sie von einem Ofen, der fest eingeheizt ist. Sie 
wachen auf und haben Herzklopfen. Was ist da geschehen? Ja, die 
Niere denkt nach iiber das starkere Herzklopfen, aber sie denkt sich 
das so aus, als wenn das ein warm eingeheizter Ofen ware, und Sie 
traumen von einem kochenden Ofen. Das ist dasjenige, was die Niere 
denkt von Ihrer Herztatigkeit. 

Da drinnen im menschlichen Bauche also - trotzdem es wieder 
«nicht gebildet» ist, davon zu reden - sitzt ein seelisches Wesen. Die 
Seele ist ein kleines Mauschen, das irgendwo einschlupft in den mensch- 
lichen Korper und da drinnen hockt. Nicht wahr, so haben es friiher 
die Leute gemacht. Die haben nachgedacht: Wo ist der Sitz der Seele? - 
Aber man weifi schon iiberhaupt nichts mehr von der Seele, wenn man 
fragt, wo der Sitz der Seele ist. Sie ist ebenso im «Ohrwaschel» wie in 
der grofien Zehe, nur braucht die Seele Organe, durch die sie denkt, 
vorstellt und Bilder macht. Und in einer solchen Tatigkeit, die Sie sehr 
gut kennen, macht sie das durch den Kopf, und in der Art, wie ich es 
Ihnen beschrieben habe, wo das Innere angeschaut wird, macht sie es 
durch Leber und Niere. Man kann iiberall sehen, wie die Seele am 
menschlichen Korper tatig ist. Und das mufi man sehen. 

Dazu gehort allerdings eine Wissenschaft, die nicht einfach tote 
Menschenleiber aufschneidet, auf den Seziertisch legt, Organe heraus- 
schneidet und sie materiell anschaut; dazu gehort, dafi man wirklich 
sein ganzes inneres Seelenleben im Denken und in allem etwas tatiger 
macht, als die Leute haben wollen, die blofi anschauen. Natiirlich ist es 
bequemer, Menschenkorper aufzuschneiden, die Leber herauszuschnei- 
den und nachher aufzuschreiben, was man da findet. Da braucht man 
die innere Griitze nicht stark anzustrengen. Dazu hat man die Augen, 
und da braucht man bloft ein bifkhen Denken dazu, wenn man die 
Leber nach alien Richtungen zerschneidet, kleine Stiicke macht, unter 
das Mikroskop legt und so weiter. Das ist eine leichte Wissenschaft. 
Aber fast alle Wissenschaft ist heute eine leichte Wissenschaft. Man 
mufi eben viel mehr das innere Denken in Tatigkeit bringen, und man 
mufi vor alien Dingen nicht glauben, daft man von dem Augenblick an, 
wo man den Menschen auf den Seziertisch legt, ihm seine Organe aus- 
schneidet und beschreibt, den Menschen kennenlernen kann. Denn da 



schneidet man eben die Leber einer funfzigjahrigen Frau oder eines 
funfzigjahrigen Mannes aus und weifi nicht, wenn man das anschaut, 
was beim Saugling schon geschehen ist. Man braucht eben eine ganze 
Wissenschaft. Das ist eben dasjenige, was eine wirkliche Wissenschaft 
anstreben mufi. Das ist das Bestreben der Anthroposophie, eine wirk- 
liche Wissenschaft zu haben. Und diese wirkliche Wissenschaft fiihrt 
nicht blofi zum Korperlichen, sondern sie fiihrt, wie ich Ihnen gezeigt 
habe, zum Seelischen und zum Geistigen. 

Ich habe Ihnen das letzte Mai gesagt: In der Leber ist es so, daft die 
blauen Blutadern, also die Adern, in denen das Blut nicht als rotes Blut 
fliefit, sondern als blaues Blut, also mit Kohlensaure in sich, dafi solche 
besonderen Blutadern in die Leber hineingehen. Bei alien anderen Or- 
ganen ist das nicht der Fall. Die Leber ist in dieser Beziehung ein ganz 
Tafel3 ausgezeichnetes Organ. Sie nimmt blaue Blutadern auf und lafit das 
blaue Blut geradezu in sich verschwinden (siehe Zeichnung S. 70). 

Das ist etwas aufierordentlich Bedeutsames, Wichtiges. Wenn wir uns 
also die Leber vorstellen, so gehen natiirlich die gewohnlichen roten 
Adern auch in die Leber. Es gehen die blauen Adern aus der Leber her- 
aus. Aber aufierdem geht noch eine besondere blaue Ader, die Pfortader, 
also ganz kohlensaurehaltiges Blut, in die Leber hinein (siehe Zeichnung 
Tafel 4 auf Tafel 4). Nun, die Leber nimmt das auf und lafit es nicht wieder her- 
aus, was dann an Kohlensaure in die Leber durch dieses besondere blaue 
Blut hineinkommt. 

Ja, nicht wahr, die gewohnliche Wissenschaft sieht, wenn sie die 
Leber herausgeschnitten hat, diese sogenannte Pfortader, denkt nun 
nicht weiter dariiber nach. Aber derjenige, der zu einer wirklichen 
Wissenschaft kommen konnte, der vergleicht doch. 

Nun gibt es noch Organe am Menschenkorper, die etwas sehr Ahn- 
liches haben, und das sind die Augen. Es ist bei den Augen etwas ganz 
klein, leise nur angedeutet, aber dennoch, es ist beim Auge auch so, dafi 
nicht alles Blut, alles blaue Blut, das in das Auge hereingeht, wiederum 
zuriickgeht. Es gehen da Adern hinein, es gehen rote Adern hinein, 
blaue heraus. Aber nicht alles blaue Blut, das in das Auge hineingeht, 
geht auch wiederum zuriick, sondern es verteilt sich geradeso wie in der 
Leber. Nur, in der Leber ist das stark, im Auge ist das sehr schwach. 



1st das nicht ein Beweis, daft ich die Leber mit dem Auge vergleichen 
darf ? Naturlich kann man auf alles hindeuten, was da ist im mensch- 
lichen Organismus. So kommt man eben darauf, daft die Leber ein 
inneres Auge ist. 

Aber das Auge ist nach auften gerichtet. Das guckt nach auften und 
verbraucht das blaue Blut, das es bekommt, urn nach auften zu schauen. 
Die Leber verbraucht es nach innen. Daher laftt sie es im Inneren ver- 
schwinden, das blaue Blut, und verbraucht es zu etwas anderem. Nur 
manchmal, sehen Sie, da kommt das Auge auch so in die Neigung hin- 
ein, seine blauen Adern so ein bifichen zu verwenden. Das ist dann, 
wenn der Mensch traurig wird, wenn er weint; da quillt der bitter 
schmeckende Tranensaft aus den Augen heraus, aus den Tranendrusen. 
Das kommt von dem biftchen blauen Blut her, das in dem Auge bleibt. 
Wenn das besonders belebt wird durch Traurigkeit, so kommen die 
Tranen als Absonderung. 

Aber in der Leber ist fortwahrend diese Geschichte drinnen! Die 
Leber ist fortwahrend traurig, weil so wie der menschliche Organismus 
schon einmal ist im Erdenleben, man traurig werden kann, wenn man 
ihn von innen anschaut, denn er ist zum Hochsten veranlagt, aber er 
schaut eben doch nicht so besonders gut aus. Die Leber ist eben immer 
traurig. Deshalb sondert sie immer einen bitteren Stoff ab, die Galle. 
Was das Auge mit den Tranen tut, das macht die Leber fur den ganzen 
Organismus in der Gallenabsonderung. Nur - die Trane flieftt nach 
auften und die Tranen sind, sobald sie aus dem Auge drauften sind, ver- 
weht; aber die Galle da im ganzen menschlichen Organismus verweht 
nicht, weil eben die Leber nicht nach auften, sondern nach innen schaut. 
Da tritt das Schauen zuriick, und die Absonderung, die sich vergleichen 
laftt mit der Tranenabsonderung, die tritt hervor. 

Ja, aber, meine Herren, wenn das wirklich wahr ist, was ich Ihnen 
sage, dann muft sich ja das auf einem anderen Gebiete erst recht zeigen. 
Es muft sich zeigen, daft diejenigen Erdenwesen, die mehr im Inneren 
leben, mehr in der inneren Denktatigkeit leben, daft also die Tiere nicht 
weniger denken als der Mensch, daft die Tiere mehr denken - also im 
Kopfe weniger als der Mensch, sie haben ein unvollkommenes Gehirn. 
Aber dann miissen sie mehr das Leberleben und das Nierenleben be- 



achten, mussen mehr mit der Leber nach innen gucken und mit den 
Nieren mehr nach innen denken. Das ist audi beim Tier der Fall. Dafur 
gibt es einen aufieren Beweis. Unsere menschlichen Augen sind so ein- 
gerichtet, daf$ eigentlich das blaue Blut, das da hineinkommt, schon 
sehr wenig ist, so wenig, dafi die heutige Wissenschaft gar nicht davon 
redet. Friiher hat sie davon geredet. Aber bei den Tieren, die mehr in 
ihrem Inneren leben, schauen die Augen nicht blofi an, sondern die 
Augen denken mit. 

Wenn man so sagen konnte, die Augen sind eine Art Leber, so konnte 
man nun sagen: Beim Tier ist das Auge viel mehr Leber als beim Men- 
schen. Beim Menschen ist das Auge vollkommener geworden und weni- 
ger Leber. Es zeigt sich das beim Auge. Da beim Tier lafit sich genau 
nachweisen, dafi da drinnen nicht blofi das ist, was beim Menschen ist: 
ein glasiger, wafiriger Korper, dann die Augenlinse, wiederum ein 
glasig waftriger Korper -, sondern bei gewissen Tieren gehen die Blut- 
adern in das Auge hinein und bilden im Auge einen solchen Korper 
(siehe Zeichnung). Bis in diesen Glaskorper gehen die Blutadern hinein, 




bilden da drinnen einen solchen Korper, den man den Facher nennt, 
den Augenfacher. Der ist bei diesen Tieren . . . (Liicke in der Nach- 
schrift.) Warum? Weil bei diesen Tieren das Auge noch mehr Leber ist. 
Und geradeso wie die Pfortader in die Leber hineingeht, so geht da 
dieser Facher ins Auge hinein. Daher ist es beimTiere so: Wenn das Tier 
etwas anguckt, denkt schon das Auge; beim Menschen guckt es nur, und 
er denkt mit dem Gehirn. Beim Tier ist das Gehirn klein und unvoll- 
kommen. Es denkt nicht so viel mit dem Gehirn, denkt schon im Auge 



drinnen, und es kann im Auge dadurch denken, dafi es diesen Sichel- 
fortsatz hat, also daft es das verbrauchte Blut, das kohlensaure Blut im 
Auge drinnen verwendet. 

Ich kann Ihnen etwas sagen, was Sie wirklich nicht iiberraschen 
wird. Sie werden nicht voraussetzen, dafi es dem Geier hoch oben in 
den Liiften mit seinem verdammt kleinen Gehirn gelingen wiirde, den 
ganz schlauen Entschlufi zu fassen, gerade da herunterzuf alien, wo das 
Lamm sitzt! Wenn es beim Geier auf das Gehirn ankame, konnte er 
verhungern. Aber beim Geier sitzt im Auge drinnen ein Denken, das 
nur die Fortsetzung ist von seinem Nierendenken, und dadurch fafit er 
seinen Entschlufi und schiefit herunter und fangt das Lamm ab. So 
macht es der Geier nicht, dafi er sich sagt: Da unten ist ein Lamm, jetzt 
mufi ich mich in Positur setzen; jetzt werde ich gerade richtig in der 
Linie da herunterfallen, da werde ich auf das Lamm stofien. - Diese 
Uberlegung wiirde ein Gehirn machen. Wenn ein Mensch da oben ware, 
so wiirde er diese "Qberlegung anstellen; nur ware er nicht imstande, 
das auszufuhren. Aber beim Geier denkt schon das Auge. Da ist die 
Seele schon im Auge drinnen. Das kommt ihm gar nicht so zum Be- 
wufitsein, aber er denkt doch. 

Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, der alte Jude, der sein Altes Testa- 
ment verstanden hat, der hat gewufit, was es heifit: Gott hat dich durch 
deine Nieren in der Nacht geplagt. - Damit wollte er ausdriicken die 
Wirklichkeit dessen, was der Seele als blofie Traume erscheint. Gott hat 
dich durch deine Nieren in der Nacht geplagt - so sagte er ja, denn er 
hat gewufit: Da ist nicht nur ein Mensch, der durch seine Augen hinaus- 
guckt in die aufiere Welt, sondern da ist ein Mensch, der durch seine 
Nieren hereindenkt und durch seine Leber hereinschaut in das Innere. 

Und das haben die alten Romer auch noch gewufit. Die haben ge- 
wufit, dafi es eigentlich doch zwei Menschen gibt: den einen, der durch 
seine Augen so herausguckt, und dann den anderen, der in seinem 
Bauche seine Leber hat und der in sein eigenes Innere hereinguckt. Nun 
ist es allerdings so, dafi man bei der Leber - man kann das an der Ver- 
teilung der ganzen blauen Adern verfolgen wenn man den Ausdruck 
gebrauchen will, sagen mufi: Die guckt eigentlich nach hinten. Daher 
kommt es auch, dafi der Mensch so wenig von seinem Inneren wahr- 



nimmt; geradesowenig wie Sie das, was hinter Ihnen ist, wahrnehmen, 
sowenig nimmt die Leber ganz bewuftt wahr, was sie eigentlich an- 
guckt. Das haben die alten Romer gewuftt. Nur haben sie es so aus- 
gedriickt, daft man nicht gleich darauf kommt. Sie haben sich vor- 
gestellt: Da hat der Mensch vorn einen Kopf, und im Unterkorper hat 
er wiederum einen Kopf; der ist aber nur ein undeutlicher Kopf, der 
guckt nach hinten. - Und dann haben sie die zwei Kopfe zusammen- 
genommen und haben so etwas gebildet (siehe Zeichnung): einen Kopf 
mit zwei Gesichtern, von denen das eine nach hinten, das andere nach 
vorne schaut. Solche Bildsaulen findet man heute noch, wenn man nach 
Italien kommt. Man nennt sie Januskopfe. 



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Sehen Sie, die Reisenden, die dazu das Geld haben, gehen mit ihrem 
Baedeker durch Italien, schauen sich auch diese Januskopfe an, schauen 
in den Baedeker herein - da steht aber nichts Verniinftiges drinnen. 
Denn, nicht wahr, man mufi sich doch fragen: Wie sind denn diese 
alten Romerkerle dazu gekommen, solch einen Kopf auszubilden? So 
dumm waren sie eigentlich nicht, daft sie geglaubt haben, wenn man 
irgendwo iibers Meer fahrt, dann gibt es Menschen mit zwei Kopfen 
auf der Erde. Aber so ungefahr, nicht wahr, mufi es sich der Reisende 
denken, der durch seine Augen ja nicht belehrt wird, wenn er da sieht, 
daft die Romer einen Kopf mit zwei Gesichtern ausgebildet haben, eins 
nach hinten, eins nach vorne. 



Ja, nun, die Romer haben eben noch etwas gewuftt durch ein ge- 
wisses natiirliches Denken, was die ganze spatere Menschheit nicht 
gewufk hat, und worauf wir jetzt kommen, selbstandig darauf kom- 
men. So dafi man jetzt wieder wissen kann, daft die Romer nicht dumm 
waren, sondern gescheit waren ! Januskopf heilk Janner, Januar. Warum 
haben sie ihn denn just in den Zeitanfang des Jahres gesetzt? Das ist 
auch noch ein besonderes Geheimnis. 

Ja, meine Herren, wenn man schon einmal so weit gekommen ist, 
einzusehen, dafi die Seele nicht nur im Kopfe, sondern auch in der 
Leber und Niere arbeitet, dann kann man auch verfolgen, wie das 
durch das Jahr hindurch verschieden ist. Wenn namlich Sommer ist, 
warme Jahreszeit, da ist es so, dafi die Leber auflerordentlich wenig 
arbeitet. Da kommt d
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