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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN
UND DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS
RUDOLF STEINER
Anthroposophie,
soziale Dreigliederung
und Redekunst
Orientierungskurs
fur die offentliche Wirksamkeit
mit besonderem Hinblick
auf die Schweiz
Sechs Vortrage, gehalten in Dornach
vom 11. bis 16. Oktober 1921
1984
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Walter Kugler
1. Auflage, Dornach 1940
(Vervielfaltigung als Studienmaterial
zur Sozialwissenschaft durch Dr. Roman Boos)
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1971
3. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1984
Bibliographie-Nr. 339
Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel
ISBN 3-7274-3390-6 (Ln) ISBN 3-7274-3391-4 (Kt)
Zu den Veroffentlichungen
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundkge der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno-
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge-
nommen werden rmissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt-
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An-
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 1 1. Oktober 1921
Problemstellung, Absicht und Methodik der Vortragsreihe. Vom Wechsel-
spiel der Seelenkrafte zwischen Redner und Zuhorer. Richtlinien fur die
Vorbereitung und Durchfiihrung einer Rede: Die Rede soil vom Herzen
kommen; Verstandnis aufbringen fur Sympathie und Antipathie des Zu-
horers; Besinnen auf das Gefiihl, das man selbst gegeniiber dem vorzubrin-
genden Inhalt urspriinglich gehabt hat; Abklarung des Gedankeninhaltes
schon wahrend der Vorbereitung; den Inhalt der Rede nicht wortwortlich
formulieren; zu Beginn der Rede sollte die Personlichkeit des Redners
wirksam werden; er darf sich auch ein wenig lacherlich machen; gegen
Ende sollte eine gewisse Angstlichkeit in bezug auf den letzten Satz spiir-
bar werden; die ersten und letzten Satze sind wortwortlich vorzuformulie-
ren. - Charakterisierung Michael Bernays als Redner. Das Willenselement
in der Rede in Verbindung mit der Vorbereitung. Uber Erfolg und Mifier-
folg eines Redners. Die Rede aus dem Stegreif.
Zweiter Vortrag, 12. Oktober 1921
Was es grundsatzlich zu beriicksichtigen gilt, wenn man liber Dreigliede-
rung sprechen will. Uber die Entwicklung des Geistes- und Wirtschaftsle-
bens. Uber die Notwendigkeit fur den historischen Wendepunkt das ent-
sprechende Gefiihl zu entwickeln. Einige Aspekte, die der Redner zu
beriicksichtigen hat. Von der Eloquenz. Formen des Sprechens und ihre
historisch-geographische Entwicklung: Das schone, richtige und gute Spre-
chen. - Sprachethik. Uber die Sprache der Theosophen. Von der Notwen-
digkeit der Freiheit in der Handhabung der Sprache.
Dritter Vortrag, 13. Oktober 1921
Uber die zweifache Durchdringung des Redestoffes: Komposition der
Rede, Zu-Rate-Ziehen aller Erfahrungen aus dem unmittelbaren Leben. -
Ein dritter Gesichtspunkt: die Ideen so ausarbeiten, dafi sie zur inneren
Befriedigung vor der Seele stehen konnen. Ankniipfen an das Publikum
und an das, was in der Gegenwart uber die drei Glieder des sozialen Orga-
nismus bemerkt werden kann. Uber die Diskussionsredner. Die Begriffe
sind aus den Erfahrungen des proletarischen Empfindens zu entwickeln.
Uber den Ideologiecharakter des Geisteslebens am Beispiel von Franz
Mehrings «Lessing-Legende». Ideologic, Klassenbewufitsein, Mehrwert,
Arbeitskraft. Vom Intellektualismus und dem Abstrakten im sozialen
Leben. Uber die Empfindungen der Bourgeoisie. Zusammenfassung und
Schlufifolgerung.
Vierter Vortrag, 14. Oktober 192 1 63
Einige Gesichtspunkte zum Demokratieverstandnis in der Schweiz.
Exkurs uber die Verhaltnisse in Deutschland und dazu, wie die Dreigliede-
rung in England und Amerika vertreten werden rniiike. Besonderheiten
des schweizerischen Staatswesens: Die Schweiz als ein «Schwerpunkt der
Welt», basierend auf dem Schweizer Franken, nicht jedoch auf dem Gei-
stesleben; iiber die Politik, die keine ist; zur Entwicklung der Rechtsstaat-
lichkeit.- Geistesleben, Freiheit und Staatsleben. Zum Verhaltnis zwi-
schen Redner und Publikum. Uber Humor und Stimmungsgehalt einer
Rede. Einige Eigenschaften des geschulten Redners: Selbstiiberwindung
und Gefiihl fur diese; Antipathie gegeniiber dem eigenen Reden, Sympa-
thie fur das Reden anderer. - Uber das Debattieren am Beispiel Bismarcks
und einige Schlufifolgerungen.
Funfter Vortrag, 15. Oktober 1921 84
Einige methodische Hinweise fur den Redner: Lyrisch sprechen iiber das
geistige Leben, dramatisch iiber Rechtsverhaltnisse, episch iiber Wirt-
schaftsverhaltnisse. - Inhaltliche Aspekte zum Wirtschaftsleben: Uber die
Verwaltung des Kapitals, Marktverhaltnisse und das Assoziationswesen. ~
Weitere Gesichtspunkte zur Vorbereitung einer Rede: Hinwenden zur
Zuhorerschaft; von der Sinnlosigkeit der wortwortlichen Vorbereitung
und dem Gebrauch von Schlagworten; Schlagsatze formulieren; Korre-
spondenz zwischen Anfang und Ende einer Rede. - Hinweise fur das
«Sprachturnen» und einige Sprachubungen. Exkurs iiber die egoistische
und selbstlose Art zu schreiben und zu sprechen. Uber das Erleben des
Lautlichen. Ubungen zur Entwicklung der Sprachempfindung und zum
Erfassen des Sprachgenius.
Sechster Vortrag, 16. Oktober 1921 103
Aspekte zum kunstlerischen Durchdringen einer Rede: Beriicksichtigen
des Ein- und Ausatmens des Zuhorers; Erfassen der Gefiihlslogik einer
Rede; Appell an das Ohr des Zuhorers. - Uber die Reden von Jesuiten.
Logik und Unlogik. Humor. Die Bedeutung der Pause in der Rede. Uber
das Horen. Gedanken zum Verhaltnis von Dreigliederung und Anthropo-
sophie. Uber das, was dreigegliedert werden soil und auch das, was der
Redner vermeiden soli. Weitere Gesichtspunkte iiber die Schweiz. Zur
Notwendigkeit der Entwicklung eines Weltinteresses.
Hinweise 121
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe ........ 131
ERSTER VORTRAG
Dornach, 11. Oktober 1921
Ich habe die Meinung, dafi es sich bei diesem Kursus handelt urn eine
Besprechung dessen, was notwendig ist, urn dann wirklich fur die Be-
wegung fiir Anthroposophie und Dreigliederung, insofern sie heute in
Betracht kommt, einzutreten. Der Kursus wird also nicht so einge-
richtet sein, dafi er etwa ein Rednerkursus oder dergleichen im allge-
meinen sein sollte, sondern als eine Art Orientierungskursus fiir die
Personlichkeiten, die es sich zur Auf gabe machen, eben in der angedeu-
teten Richtung zu wirken.
Personlichkeiten, welche einfach wie eine Art von Mitteilung ent-
gegennehmen, was von Anthroposophie kommen kann, werden nicht
viel haben konnen von diesem Kursus. Wir brauchen ja in der Gegen-
wart durchaus Wirksamkeit innerhalb unserer Bewegung. Diese Wirk-
samkeit, sie scheint schwer zu entfachen zu sein. Es scheint sich die
Einsicht schwer zu verbreiten, daiR diese Wirksamkeit in unserer Ge-
genwart wirklich notwendig ist.
Es wird sich daher hier nicht um einen formalen Redekursus han-
deln, sondern gerade um dasjenige, was fiir jemanden notwendig ist,
der eine ganz bestimmte, eben die angedeutete Aufgabe erfiillen
mochte. Von einem Herumreden im allgemeinen sollte iiberhaupt auf
dem Boden der anthroposophischen Bewegung nicht Gebrauch ge-
macht werden. Das ist ja gerade das Kennzeichen unserer gegenwarti-
gen Kultur und Zivilisation, dafi im allgemeinen iiber die Dinge her-
umgeredet wird, dafi konkrete Aufgaben wenig erfafit werden, dafi
man auch vorzugsweise Interesse fiir ein Herumreden im allgemei-
nen hat.
Ich werde daher in diesem Kursus auch nicht die Dinge zu behan-
deln haben, die ich inhaltlich auseinandersetzen werde, wie sie einer
Information dienen konnen, sondern ich werde versuchcn, sie so zu be-
handeln - und das mufi ja in einem solchen orientierenden Kursus der
Fall sein, weil er eben Unterlage fiir eine bestimmte Aufgabe sein soli -,
wie sie dann eingehen konnen in die miindliche Rede. Und ich werde
diese mundliche Rede so behandeln, dafi Riicksicht darauf genommen
wird, dafi derjenige, welcher sich eine solche mundliche Rede zur Auf-
gabe stellt, nicht etwa innerhalb eines Rahmens wirkt, wo schon In-
teresse vorhanden ist, sondern wirkt in ein, zwei oder drei Vortragen,
durch die er erst das Interesse wecken soil.
Also in diesem ganz konkreten Sinne mochte ich diesen Kursus ge-
stalten. Und schon die allgemeinen Gesichtspunkte, die ich heute be-
sprechen werde, sollen durchaus in diesem ganz konkreten Sinne ge-
meint sein, so dafi man Unzutreffendes sagen wiirde, wenn man das,
was ich heute oder in den nachsten Tagen sagen werde - wie es heute
beliebt ist -, als abstrakte Satze hinstellen wiirde. Von den Formalien
werde ich heute zu sprechen haben.
Jedesmal, wenn man sich die Aufgabe stellt, in der mundlichen
Rede etwas an seine Mitmenschen heranzubringen, wird sich ja selbst-
verstandlich eine Wechselwirkung abspielen zwischen dem Menschen,
der etwas mitzuteilen, fur etwas zu wirken, zu etwas zu befeuern hat,
und zwischen den Menschen, die ihm zuhoren. Ein Wechselspiel der
Seelenkrafte findet statt. Und auf dieses "Wechselspiel der Seelenkrafte
wollen wir zunachst unsere Aufmerksamkeit lenken.
Diese Seelenkrafte leben ja in Denken, Fiihlen und Wollen, und
niemals ist beim Menschen nur eine einzige Seelenkraft fur sich in ab-
strakter Form tatig, sondern in jede einzelne Seelenkraft spielen die
anderen Seelenkrafte hinein, so dafi, wenn wir denken, in unserem
Denken immer auch das Fiihlen und das Wollen wirkt, ebenso in unse-
rem Fiihlen das Denken und das Wollen und im Wollen wiederum das
Denken und das Fiihlen. Dennoch aber kann man das seelische Leben -
auch in seiner Wechselwirkung zwischen den Menschen - nicht anders
betrachten, als indem man dieses Tendieren auf der einen Seite nach
dem Denken und auf der anderen Seite nach dem Wollen ins Auge
fafit. Und da miissen wir im Sinne unserer Aufgabe von heute nun sa-
gen: Was wir denken, das interessiert keinen Menschen; und wer
glaubt, dafi seine Gedanken, insofern sie Gedanken sind, irgendeinen
Menschen interessieren, der wird sich eine rednerische Aufgabe nicht
stellen konnen. - Wir werden iiber diese Dinge dann noch genauer zu
sprechen haben. - Und das Wollen, zu dem wir etwa eine Versamm-
lung oder vielleicht auch nur einen einzelnen anderen Menschen be-
feuern wollen, das Wollen also, das wir etwa in unsere Rede hinein-
legen wollen, das argert die Menschen, das weisen sie instinktiv zu-
riick.
Man hat es zunachst mit dem Wirken verschiedener Instinkte zu
tun, wenn man rednerisch an die Menschen herantritt. Das Denken,
das man selber in sich entfaltet, interessiert die Menschen nicht, das
Wollen argert sie. Wenn also jemand etwa aufgefordert wiirde, dieses
oder jenes zu wollen, so wiirden wir zunachst sein Argernis hervor-
rufen, und wenn wir unsere schonsten und genialsten Gedanken wie
Monologe vor den Menschen entrollen wiirden, so wiirden sie gehen.
Das mu£ Grundsatz fur den Redner sein.
Ich sage nicht, dafi das so ist, wenn wir etwa eine allgemeine Unter-
haltung unter Menschen oder einen Kaffeeklatsch oder dergleichen
charakterisieren. Denn ich rede nicht dariiber, wie diese Dinge zu cha-
rakterisieren sind, sondern ich rede von dem, was uns beseelen soli, was
in uns leben soli als richtiger Antrieb fur das Reden, wenn das Reden
gerade in der Richtung, wie ich es hier meine, einen Zweck haben soil.
Was man sich als Maxime vorsetzt: Unsere Gedanken interessieren
kein Publikum, unser Wollen argert jedes Publikum - das braucht
nicht eine Charakteristik zu sein.
Nun miissen wir ja berikksichtigen: Wenn jemand redet, so redet
er meistens nicht aus der Wesenheit des Redens allein heraus, sondern
er redet aus allerlei Situationen heraus. Er redet vielleicht aus irgend-
einer Angelegenheit heraus, die schon wochenlang an dem Orte, wo er
redet, besprochen oder beschrieben wird. Er begegnet natiirlich einem
ganz anderen Interesse, als wenn er einen ersten Satz zu sagen hat, der
etwas beriihrt, was seine Zuhorer bisher nicht im geringsten beschaftigt
hat. Wenn jemand hier im Goetheanum redet, ist es natiirlich etwas
ganz anderes, als wenn er in einem Wirtshaus in Buchs redet. Ich meine
jetzt sogar, davon absehen zu konnen, daft man vielleicht im Goethe-
anum vor Leu ten redet, die sich schon langere Zeit mit dem Stoff be-
fafit haben, die etwas dariiber gelesen oder gehort haben, wahrend das
vielleicht in Buchs nicht der Fall ist. Ich meine die ganze Umgebung:
Die Tatsache, daft man in einen Bau kommt wie das Goetheanum,
macht es moglich, in ganz anderer Weise sich an das Publikum zu wen-
den, als wenn man in einem Wirtshaus in Buchs spricht. Und so sind
unzahlige Umstande, aus denen heraus man redet, die immer beriick-
sichtigt werden mussen.
Das aber begriindet insbesondere in unserer Zeit die Notwendigkeit,
an dem, was nicht sein soli, ein wenig sich zu orientieren iiber das, was
sein soil. Nehmen wir den extremsten Fall: Ein richtiger Durchschnitts-
professor habe eine Rede zu halten. Er hat es zunachst mit seinen Ge-
danken iiber den Gegenstand zu tun; und wenn er ein richtiger Durch-
schnittsprofessor ist, hat er es zu tun auch mit der Oberzeugung, dafi
diese Gedanken, die er denkt, iiberhaupt die allerbesten der Welt sind
iiber den betreffenden Gegenstand. Alles iibrige interessiert ihn zu-
nachst nicht. Er schreibt sich diese Gedanken auf . Und selbstverstand-
lich, wenn er diese Gedanken zu Papier bringt, sind sie gut zu Papier
gebracht. Dann steckt er sich dieses Manuskript in seine linke Seiten-
tasche, geht hin, gleichgiiltig ob ins Goetheanum oder ins Wirtshaus zu
Buchs, findet irgendein Rednerpult, das in entsprechender Weise in
richtiger Entfernung von den Augen aufgestellt ist, legt das Manu-
skript darauf und liest ab. Ich sage nicht, dafi es jeder so macht, aber
es ist ein haufig vorkommender und fur unsere Gegenwart doch cha-
rakteristischer Fall, und er weist uns auf das Grauen, das man heute
haben kann vor dem Reden. Es ist der Fall, vor dem man am aller-
meisten Abscheu haben sollte.
Und da ich gesagt habe, dafi unsere Gedanken eigentlich niemanden
interessieren, unser Wollen eigentlich jeden argert, dann scheint es auf
das Fuhlen anzukommen; es scheint also eine besonders bedeutsame
Ausbildung des Fiihlens zugrunde liegen zu mussen fiir das Reden.
Also werden schon solche Gefuhle, wenn auch vielleicht von einer ent-
fernten, so doch in einem gewissen Sinne fundamentalen Bedeutung
sein: dafi wir uns den richtigen Abscheu angeeignet haben vor diesem
extremen Fall. Ich habe einmal in einer grofieren Versammlung einen
Vortrag des beriihmten Helmholtz gehort, der allerdings in dieser Weise
gehalten worden ist: das Manuskript aus der linken Seitentasche her-
ausgezogen - abgelesen! Nachher kam ein Journalist zu mir und sagte:
Warum ist eigentlich dieser Vortrag nicht gedruckt worden und ein
Exemplar jedem, der da war, in die Hand gedriickt worden? - und
Helmholtz ware dann herumgegangen und hatte jedem die Hand ge-
reicht! - Diese Handreichung ware vielleicht den Zuhorern wertvoiler
gewesen als das schreckliche Sitzen auf den harten Stiihlen, zu dem sie
verurteilt waren, urn in einer langeren Zeit, als sie es selber hatten lesen
konnen, sich irgend etwas vorlesen zu lassen. Die meisten hatten ja
wohl, wenn sie es hatten verstehen wollen, iiberdies sehr lange dazu
gebraucht; aber denen hat auch das kurze Anhoren nichts geholfen.
Man mufi schon iiber alle diese konkreten Dinge durchaus nach-
denken, wenn man verstehen will, wie in Wahrheit und Ehrlichkeit
die Kunst des Redens angestrebt werden kann.
Auf dem Philosophenkongrefi in Bologna wurde die bedeutsamste
Rede so gehalten, dafi sie in drei Sprachen in je drei Exemplaren auf
jedem Stuhl lag. Man mufite sie erst in die Hand nehmen, um sich dar-
auf setzen zu konnen, auf den leeren Stuhl. Und dann wurde aus die-
sem Gedruckten die Rede, die etwas langer als eine Stunde dauerte,
vorgelesen. Durch einen solchen Vorgang ist selbst die schonste Rede
eben keine Rede mehr, denn das Verstehen im Lesen ist etwas wesent-
lich anderes als das Verstehen im Horen. Und diese Dinge mussen
durchaus berucksichtigt werden, wenn man sich in lebensvoller Weise
in solche Aufgaben hineinfinden will.
Gewifi, auch ein Roman kann uns so riihren, daft wir Tranen ver-
giefien an bestimmten Stellen. Ich meine selbstverstandlich ein guter
Roman, aber er kann das nur an bestimmten Stellen, kann es nicht
vom Anfang bis zum Ende. Aber was liegt denn da eigentlich vor beim
Lesen, dafi wir hingenommen werden vom Gelesenen? Wenn wir von
dem Gelesenen hingenommen werden, haben wir eine gewisse Arbeit zu
verrichten, die sehr stark mit dem Inneren unserer Menschenwesenheit
zusammenhangt. Denn derjenige, der nicht lesen kann, kann diese
Arbeit gar nicht verrichten. Es wird eine innere Arbeit verrichtet,
wenn wir lesen. Diese Arbeit, die wir da verrichten, die besteht ja dar-
in, da$ wir, indem wir den Blick auf einzelne Buchstaben lenken,
wirklich das, was wir gelernt haben im Zusammenfassen der Buch-
staben, ausfiihren, um aus diesem Ansehen und Zusammenfassen und
Uberdenken einen Sinn herauszubekommen. Das ist ein Vorgang, wel-
cher in unserem Atherleib vor sich geht, im Auf nehmen, und noch stark
den physischen Leib in Anspruch nimmt, in der Wahrnehmung.
Das alles fallt aber beim blofien Zuhoren einfach weg. Beim blofien
Zuhoren findet diese ganze Tatigkeit nicht statt. Aber diese ganze
Tatigkeit ist in einer bestimmten Weise doch verbunden mit dem Auf-
nehmen einer Sache. Der Mensch bedarf ihrer, wenn er eine Sache auf-
nehmen will. Er braucht ein Mittun seines Atherleibes und teil weise
sogar seines physischen Leibes nicht blofi im Sinnesorgan, also im
Ohr, sondern er braucht im Zuhoren ein so reges Seelenleben, dafi sich
dieses Seelenleben nicht im Astralleib erschopft, sondern den Atherleib
in Schwingungen bringt, und dieser Atherleib dann noch den physi-
schen Leib mit in Schwingungen bringt. Dasjenige namlich, was sich
beim Lesen an Aktivitat vollziehen mufi, das mufi sich auch beim An-
horen einer Rede entwickeln, aber, ich mochte sagen, in einer ganz an-
deren Form, weil es ja so nicht da sein kann, wie es beim Lesen ist.
Und was da beim Lesen aufgewendet wird, das ist umgewandeltes Ge-
fiihl, in den Atherleib und in den physischen Leib hinuntergedrangtes
Fiihlen, das Kraft wird. Als Gefuhl, als Gefuhlsinhalt miissen wir es
selbst bei der abstraktesten Rede in der Lage sein, aufzubringen.
Es ist wirklich so, dafi unsere Gedanken als solche keinen Menschen
interessieren, unsere Willensimpulse jeden argern und allein unsere
Gefuhle dasjenige ausmachen, wovon der Eindruck, die Wirkung -
im berechtigten Sinne natiirlich — einer Rede abhangt.
Es entsteht daher als wichtigste Frage diese: Wie werden wir in
unserer Rede etwas haben konnen, was in geniigend starker Weise -
ohne aufdringlich zu sein, weil wir ja sonst hypnotisieren oder sugge-
rieren wiirden — eine solche Gefuhlstingierung, eine solche Gefuhls-
durchsetzung wird hervorbringen konnen?
Es kann nicht abstrakte Regeln geben, durch die man lernt, wie
man mit Gefuhl sprechen kann. Denn jemand, der sich in allerlei An-
leitungen solche Regeln aufgesucht hat, nach denen man mit Gefuhl
sprechen kann, eindrucksvoll sprechen kann, dem wird man schon
irgend etwas davon anmerken, dafi seine Rede ihm ganz gewifi nicht
aus dem Herzen kommt, dafi sie ganz anderswo herstammt als aus dem
Herzen. Und eigentlich miifite jede Rede durchaus aus dem Herzen
kommen. Auch die abstrakteste Rede mufite aus dem Herzen kommen,
und sie kann es. Und gerade das ist es, was wir besprechen miissen: wie
auch die abstrakteste Rede durchaus aus dem Herzen kommen kann.
Wir miissen uns nur klar sein dariiber, was eigentlich im Gemiite
des Zuhorers rege ist, wenn er uns zuhort. Nicht, wenn er uns zuhort
und wenn wir ihm irgend etwas sagen, was er begierig ist zu horen,
sondern wenn wir ihm zumuten, dafi er uns als Redner anhoren soli.
Denn eigentlich ist es ja immer eine Art Attacke auf unsere Mitmen-
schen, wenn wir mit einer Rede auf sie losgehen. Und auch das ist
etwas, dessen wir uns durchaus bewufit sein miissen, dafi es eine Attacke
ist auf die Zuhorer, wenn wir mit einer Rede auf sie losgehen.
Alles das, was ich sage - ich mull das immer wieder in Parenthese
hinzufiigen -, gilt als Maxime fiir Redner, nicht als Charakteristik des
sozialen Verkehrs oder sonst fiir etwas; es gilt als Maxime fiir Redner.
Wenn ich in bezug auf den sozialen Verkehr sprechen wiirde, so konnte
ich natiirlich nicht dieselben Satze pragen. Da wiirde ich Torheiten
sagen. Denn wenn man im Konkreten spricht, so kann ein solcher
Satz wie: Unsere Gedanken interessieren keinen Menschen - entweder
etwas sehr Kluges sein oder aber eine grofie Dummheit. Alles, was wir
sagen, kann eine Dummheit sein im ganzen menschlichen Zusammen-
hang oder eine Klugheit; es kommt nur darauf an, in welcher Art es
sich in den Zusammenhang hineinstellt. Daher sind fiir einen Redner
ganz andere Dinge notwendig als Anleitungen zur formalen Rede-
kunst.
Es handelt sich also darum, zu erkennen: Was ist denn eigentlich
in dem Zuhorer wirksam? Im Zuhorer ist wirksam Sympathie und
Antipathic Die machen sich, mehr oder weniger unbewufit, durchaus
geltend, wenn wir ihn mit einer Rede attackieren. Sympathie oder
Antipathie! Aber mit unseren Gedanken hat er sicherlich zunachst
keine Sympathie. Auch nicht mit unseren Willensimpulsen, mit dem,
was wir von ihm gewissermafien wollen, mit dem, wozu wir ihn er-
mahnen wollen. Fiir Sympathie oder Antipathie zu dem, was wir sa-
gen, mufi man ein gewisses Verstandnis haben, wenn man irgendwie
an die Redekunst herantreten will. Sympathie und Antipathie haben
eigentlich weder mit dem Denken noch mit dem Willen etwas zu tun,
sondern wirken hier in der physischen Welt lediglich fiir die Gefiihle,
fiir das Gefiihlsmafiige. Und ein bewufites Verstandnis beim Zuhorer
fiir Sympathie und Antipathie wirkt so, als ob wir uns den Weg zu
ihm versperren wiirden - es mufi durchaus dieses Verstandnis fiir Sym-
pathie und Antipathie etwas sein, das namentlich wahrend der Rede
durchaus nicht zum Bewuiksein des Zuhorers kommt. Und ein Hin-
arbeiten auf die Sympathie und Antipathie wirkt so, wie wenn wir
jeden Schritt so machen wiirden, dafi der Boden, auf den wir auftreten,
dabei der andere Fufi ist, als ob wir immer mit dem einen Fufi auf den
anderen treten wiirden. So ungefahr wirkt es in der Rede, wenn wir
die Sympathie oder Antipathie abf angen wollen. Wir miissen das feinste
Verstandnis haben fiir Sympathie und Antipathie des Zuhorers, aber
es darf uns wahrend der Rede nicht das geringste an seiner Sympathie
oder Antipathie liegen! Wir miissen alles das, was in Sympathie und
Antipathie hineinwirkt, wenn ich so sagen darf, auf Umwegen, in der
Vorbereitung, in die Rede hineinbringen.
Geradesowenig wie es Anleitungen abstrakter Art furs Malen ge-
ben kann oder furs Bildhauern, ebensowenig kann es Regeln abstrak-
ter Art furs Reden geben. Aber ebenso wie man die Kunst des Malens
anregen kann, so auch die Kunst der Rede. Und es handelt sich nur
darum, dafi man die Dinge, die in dieser Richtung vorgebracht wer-
den konnen, vollig ernst nimmt.
Nehmen wir zunachst, um von einem Beispiel auszugehen, den
Lehrer, der zu Kindern spricht. Von der Genialitat und Weisheit des
Lehrers hangt eigentlich fiir das Sprechen im Unterrichten das aller-
wenigste ab. Das allerallerwenigste hangt dabei, ob wir gut Mathema-
tik oder Geographie lehren konnen, davon ab, ob wir selbst ein guter
Mathematiker oder ein guter Geograph sind. Wir konnen ein ausge-
zeichneter Geograph, aber ein schlechter Lehrer der Geographie sein
und so weiter. Es hangt die Giite beim Lehren, das ja doch zum grofi-
ten Teil auch im Sprechen besteht, davon ab, was man einmal iiber
die Dinge, die man vorzubringen hat, gefuhlt, empfunden hat, und
was fiir Empfindungen wieder angeregt werden dadurch, dafi man
das Kind vor sich hat. Deshalb lauft zum Beispiel die Padagogik der
Waldorfschule auf Menschenkenntnis hinaus, das heifit auf Kindes-
kenntnis; nicht auf eine Kindeskenntnis, die durch abstrakte Psycho-
logie vermittelt ist, sondern die auf einem vollmenschlichen Begreifen
des Kindes beruht, so weit, dafi man es durch das bis zum unmittelbaren
liebevollen Hingeben verdichtete Gefiihl dazu bringt, das Kind nach-
zuempfinden. Dann ergibt sich aus dieser Nachempfindung, die man
gegeniiber dem Kinde hat, und aus dem, was man selber einmal gefiihlt
und empfunden hat an dem, was man vorzubringen hat, aus alledem
ergibt sich ganz instinktiv die Art, wie man zu sprechen oder auch zu
hantieren hat.
Es niitzt zum Beispiel gar nichts, ein blodes Kind so zu unterrich-
ten, dafi man die Weisheit der Welt, die man selber hat, anwendet.
Weisheit hilft einem bei einem bloden Kinde nur, wenn man sie gestern
gehabt und zur Vorbereitung gebrauchthat. In dem Augenblick, woman
das blode Kind unterrichtet, mufi man die Genialitat haben, selber so
blode zu seln wie das Kind, und nur die Geistesgegenwart haben, sich zu
erinnern an die Art, wie man gestern weise war bei der Vorbereitung.
Man mufi mit dem bloden Kind blode, mit dem nichtsnutzigen Kinde -
im Gemut wenigstens - nichtsnutzig, mit dem braven Kind brav sein
konnen und so weiter. Man mufi wirklich als Lehrer - ich hoffe, dafi
dieses Wort nicht allzustarke Antipathien erweckt, weil es zu stark
nach Gedanken oder Willen gerichtet ist -, man mufi wirklich eine Art
Chamaleon sein, wenn man richtig unterrichten will.
Es gefiel mir daher zum Beispiel ganz gut, was manche Waldorf -
lehrer zur Erhohung der Disziplin aus ihrer Genialitat heraus gefun-
den haben. So fangt zum Beispiel unser Freund Walter Johannes Stein,
wenn sich die Kinder, wahrend erjean Paul tradiert, Brief chen schrei-
ben, die sie sich reichen, nicht an mit Ermahnungen und dergleichen,
sondern er geht hin, schaut sich die Sache in aller Geduld an und
macht dann eine Unterrichtsparen these: er fiigt in den Unterricht ein
ganz kleines Kapitel iiber das Postwesen ein! Das wirkt viel besser als
alie Ermahnungen. Das Brief eschreiben wahrend derStunde hort dann
auf in der Klasse. Das beruht natiirlich auf einem ganz konkreten
Ergreifen des AugenbHckes. Aber diese Geistesgegenwart mufi man
selbstverstandlich haben. Man mufi wissen, dafi Sympathien und Anti-
pathies die man erregen wili,tiefer sitzen, als man gewdhniich meint.
Und so ist es aufterordentlich wichtig, daft der Lehrer - in der Vor-
bereitung vor alien Dingen, wenn er irgendein Kapitel in der Klasse
zu behandeln hat - sich vollig gegenwartig macht, wie er selber an
dieses Kapitel herangetreten ist, als er in demselben Lebensalter war,
wie seine Kinder sind, wie er da gefuhlt hat. Nicht, um jetzt wieder-
um pedantisch zu werden und sich am nachsten Tag, wenn er es be-
handelt, so zu arten, daft er nun etwa wieder so fiihlt! Nein, es ist schon
geniigend, wenn in der Vorbereitung dieses Gefuhl heraufgeholt wird,
wenn es in der Vorbereitung durchgemacht wird. Und dann handelt
es sich darum, daft man nun eben am nachsten Tage mit der eben ge-
schilderten Menschenkenntnis wirkt.
Also auch da handelt es sich darum, daft wir selbst in uns die Mog-
lichkeit finden, aus dem Gefuhl heraus den Redestoff, der ja, wie ge-
sagt, ein Teil des Unterrichtsstoffes ist, zu gestalten.
Wie die Dinge wirken konnen, machen wir uns am besten gegen-
wartig, wenn wir auch noch das Folgende ins Seelenauge fassen: Wenn
also etwas Gefiihlsmaftiges wirken muft in dem, was unsere Rede durch-
pulst, so konnen wir natiirlich nicht gedankenlos sprechen, obwohl
die Gedanken eigentlich unsere Zuhorer nicht interessieren, und wir
konnen auch nicht willenlos sprechen, obschon das Wollen sie argert;
wir werden sogar sehr haufig so sprechen wollen, daft es in die Willens-
impulse der Menschen hineingeht, daft infolge unserer Rede unsere
Mitmenschen etwas tun. Aber wir diirfen jedenfalls die Rede nicht so
einrichten, daft wir durch unseren Gedankeninhalt den Zuhorern lang-
weilig und durch den Willensanstoft, den wir geben wollen, ihnen anti-
pathisch werden.
Daher wird es sich darum handeln, daft wir das Denken iiber die
Rede ganz mit uns abmachen, moglichst lange, bevor wir sie hal-
ten, daft wir also das Denkerische ganz und gar zunachst mit uns selbst
abgemacht haben. Das hat nichts damit zu tun, ob wir dann gelaufig
reden, ob wir holperig reden. Das letztere hangt, wie wir sehen werden,
von ganz anderen Umstanden ab. Aber das, was gewissermafien un-
bewufit in der Rede wirken mufi, das hangt damit zusammen, daft wir
den Gedankeninhalt viel, viel friiher mit uns selbst abgemacht haben.
Den Gedankenmonolog, der moglichst lebhaft sein soil, den miissen
wir vorher abgemacht haben, jenen Gedankenmonolog, der sich so ge-
staltet, dafi wir uns selber wahrend dieser Vorbereitung in Rede und
Gegenrede bewegen, dafi wir moglichst alle Einwande vorausnehmen.
Denn allein dadurch, dafi wir in dieser Weise unsere Rede vorher in
Gedanken erleben, nehmen wir unserer Rede den Stachel, den sie sonst
unter alien Umstanden fur die Zuhorerschaft hat. "Wir miissen gewis-
sermafien unsere Rede dadurch versiifien, dafi wir das Saure der Ge-
dankenfolge, des logischen Ausbaues, vorher durchgemacht haben,
aber moglichst so durchgemacht haben, dafi wir uns den wortwort-
lichen Inhalt der Rede nicht formulieren, dafi wir keine Ahnung da-
von haben - ich mull natiirlich in Maximen reden, die Dinge konnen
ja natiirlich nicht in dieser Extremheit hingenommen werden dafi
wir keine Ahnung davon haben, wenn wir zu reden beginnen, wie wir
uns die Satze formulieren werden. Die Gedankeninhalte aber miissen
abgemacht sein. Die wortwortliche Formulierung gar fiir die ganze
Rede zu haben, ist etwas, was schlieftlich niemals zu einer wirklich
guten Rede fiihren kann. Denn das kommt schon sehr nahe dem Auf-
geschriebenhaben, und wir brauchen uns da blofi vorzustellen, dafi
statt unser ein Phonograph dastiinde, der die Sache von selbst von
sich gabe; dann ist der Unterschied noch kleiner zwischen dem Auf-
geschriebenhaben und der Maschine, die das von sich gibt. Aber wenn
wir eine Rede vorher formuliert haben, so dafi sie so ausgearbeitet ist,
dafi sie wortwortlich von uns gesprochen werden kann, so unterschei-
den wir uns ja nicht sehr stark von einer Maschine, der wir das einge-
kurbelt haben und die wir dann abkurbeln. Da ist schon gar nicht viel
Unterschied zwischen dem Anhoren einer Rede, die wortwortlich so
gesprochen wird, wie sie schon wortwortlich ausgearbeitet wurde, und
dem Lesen, aufier dem, dafi einen beim Lesen nicht der Redner fort-
wahrend stort, wahrend einen beim Anhoren einer also eingelernten
Rede, die man wortwortlich spricht, der Redner ja fortwahrend stort.
Die Gedankenvorbereitung also wird dadurch in der richtigen Weise
gepflogen, da£ sie ganz bis zum absoluten Einigwerden mit sich selbst,
aber in Gedanken, dem Halten der Rede vorangeht. Fertig muE man
sein mit dem, was man vorbringen will.
Allerdings, einige Ausnahmen sind da fiir gewohnliche Reden, die
man vor einer sonst unbekannten Zuhorerschaft halt. Wenn man nam-
lich vor einer solchen Zuhorerschaft gleich damit beginnt, dafi man
dasjenige, was man so in Gedanken gewissermafien meditativ ausge-
arbeitet hat, vom ersten Satz an nun auch unter der unmittelbaren,
wenn ich mich so ausdriicken darf, Inspiration vorbringt, dann tut
man doch wiederum den Zuhorern nicht etwas recht Gutes. Im Beginne
einer Rede namlich mufi man schon etwas seine Personlichkeit wirk-
sam machen; im Beginne der Rede darf man nicht gleich seine Per-
sonlichkeit ganz ausloschen, weil, ich mochte sagen, erst das Vibrie-
rende des Gefuhls angeregt werden mufi.
Man braucht es nun ja nicht gleich so zu machen wie zum Beispiel
der einstmals in gewissen Kreisen sehr beruhmte Professor der deut-
schen Literaturgeschichte Michael Bernays, der, als er einmal nach Wei-
mar kam, um dort eine Rede iiber Goethes Geschichte der Farbenlehre
zu halten, die ersten Satze so gestalten wollte, dafi allerdings das Ge-
f iihl der Zuhorer in sehr, sehr intensiver Weise in Anspruch genommen
wurde; allerdings anders, als er wollte. Er kam nach Weimar schon
ein paar Tage friiher. Weimar ist eine kleine Stadt; da kann man bei
den Leuten herumgehen, die zum Teil dann im Saal sein werden, und
kann Stimmung machen fiir seine Rede. Diejenigen, die es so unmittel-
bar horen, die sagen es dann den anderen, und es ist eigentlich dann der
ganze Saal «gestimmt», wenn man die Rede halt. Da ging denn nun
wirklich der Professor Michael Bernays ein paar Tage lang in Weimar
herum und sagte: Ach, ich habe mich nicht vorbereiten konnen auf
diese Rede; der Genius wird mir im rechten Augenblick schon das
Richtige eingeben. Ich werde warten, was der Genius mir eingibt. -
Nun hatte er diese Rede im Weimarer «Erholungssaal» zu halten. Es
war ein heifier Sommertag. Die Fenster mufiten aufgemacht werden,
und unmittelbar vor den Fenstern dieses «Erholungssaales» war ein
Huhnerhof . Michael Bernays stellte sich hin und wartete, bis der Ge-
nius anfing, ihm etwas einzugeben. Denn das wufite ja ganz Weimar:
Der Genius mufi kommen und mufi Michael Bernays seine Rede einge-
ben. Und siehe da, in diesem Momente, als Bernays auf den Genius
wartete, fing dfaufien der Hahn an: Kikeriki! - Jeder Mensch wufite:
Jetzt hat der Genius gesprochen fiir Michael Bernays! - Die Gefiihle
waren stark angeregt, allerdings in anderer Weise, als er es gewollt
hatte. Aber es war eine gewisse Stimmung schon im Saal.
Ich sage das nicht, urn Ihnen eine nette Anekdote zu erzahlen, son-
dern weil ich darauf aufmerksam machen mufi: Der Hauptteil der
Rede soil schon so gestaltet sein, dafi er in Gedanken meditativ gut
durchgearbeitet ist und nachher frei formuliert wird. Aber der An-
fang ist ja eigentlich sogar dazu da, dafi man sich ein bifichen lacher-
lich macht, denn das stimmt die Zuhorer so, daft sie einem dann lieber
zuhoren. Wenn man sich nicht ein ganz klein wenig lacherlich macht -
allerdings so, dafi die Sache nicht stark bemerkt wird, dafi sie nur im
Unterbewufiten ablauft -, dann kann man doch nicht in der richtigen
Weise fesseln, wenn man irgendwo eine einzelne Rede zu halten hat.
Es darf natiirlich nicht stark aufgetragen sein, aber es wirkt schon ge-
niigend im Unterbewulken.
Was man eigentlich fur jede einzelne Rede haben sollte, ist dies,
dafi man den ersten, zweiten, dritten, vierten, hochstens noch den fiinf-
ten Satz wortlich formuliert hat. Dann geht man zu dem iiber, was in
der Weise angeordnet, orientiert ist, wie ich das eben angedeutet habe.
Und den Schlufi sollte man wiederum wortlich formuliert haben. Denn
am Schlufi sollte man eigentlich immer, wenn man ein richtiger Redner
ist, etwas Lampenf ieber haben, sollte man immer so eine geheime Angst
haben davor, dafi man seinen letzten Satz nicht findet. Das ist notig
zur Farbung der Rede. Man braucht das, um die Herzen der Zuhorer
zu fesseln am Schlusse, dafi man etwas angstlich ist, den letzten Satz
zu finden. Damit man also, nachdem man nun schwitzend seine Rede
absolviert hat, dieser Angst in der richtigen Weise entgegenkommt,
fiige man zu aller iibrigen Vorbereitung dieses hinzu, daft man sich
merkt die genaue Formulierung auch der letzten ein, zwei, drei, vier,
hochstens fiinf Satze. Also einen Rahmen miifite eigentlich eine Rede
haben: Formulierung der ersten und der letzten Satze, und dazwischen
miiftte die Rede frei sein. Wie gesagt, als Maxime sage ich das.
Nun werden vielleicht manche von Ihnen sagen: Ja, aber wenn nun
einer eben nicht so reden kann? - Man wird deshalb nicht gleich sagen
miissen, die Sache sei so schlirnni, daft er nun iiberhaupt nicht reden
solle. Es ist ja ganz natiirlich, daft man ein bifkhen besser oder ein
bifichen schlechter reden kann, so dafi man sich nicht abhalten lassen
soil vom Reden, wenn man nicht alle Bedingungen erfiillen kann. Aber
man sollte sich bestreben, diese Bedingungen zu erfiillen, indem man
solche Maximen zu seinen Lebensmaximen macht, wie wir sie hier
entwickeln konnen. Und dann gibt es ja ein sehr gutes Mittel, um we-
nigstens ein ertraglicher Redner zu werden, wenn man auch ganz und
gar zuerst kein Redner ist, selbst wenn man das Gegenteil eines Red-
ners ist. Ich kann Ihnen versichern, wenn er sich funfzigmal blamiert
hat, das einundfunfzigste Mai wird es gehen, gerade deshalb, weil er
sich funfzigmal blamiert hat. Und derjenige, bei dem fiinfzig nicht
genug sind, der kann ja hundertmal auf sich laden, aber einmal geht es,
wenn man Blamagen nicht scheut. Naturlich, niemals wird die letzte
Rede vor dem Tode gut sein, wenn man vorher Blamagen gescheut hat.
Aber mindestens die letzte Rede vor dem Tode wird gut sein, wenn
man sich vorher x-mal im Reden blamiert hat. Das ist auch etwas,
woran man eigentlich immer denken sollte. Und man wird sich zum
Redner ganz zweifellos heranbilden. Denn man hat ja nichts notig zum
Redner, als dafi einem die Leute zuhoren, und dafi man ihnen gewis-
sermafien nicht allzu nahe tritt, da$ man wirklich vermeidet, was den
Menschen zu nahe tritt.
So wie man gewohnt ist, im sozialen Leben zu reden, wenn man mit
einem anderen Menschen spricht, so wird man in der offentlichen oder
iiberhaupt in der vor Zuhorern gehaitenen Rede nicht sprechen kon-
nen. Hochstens wird man zuweilen solche Satze, wie man sie auch im
gewohnlichen Leben spricht, einfUgen konnen. Denn es ist gut, wenn
man sich dessen bewufit ist, dafi dasjenige, was man im gewohnlichen
Leben als Formulierung der Rede hat, fiir die Rede vor einem Zuhorer-
kreis in der Regel etwas zu fein oder etwas zu grob ist. Ganz stimmt
es in der Regel nicht. Die Art, wie man im gewohnlichen Leben seine
Worte formuliert, wenn man einen anderen Menschen anredet, die
variiert, die pendelt ja immer zwischen etwas Grobsein und etwas Un-
wahrsein oder Nichthoflichsein. Beides mufi in der vor Zuhorern ge-
haitenen Rede durchaus vermieden und nur in Parenthese gewisser-
mafien angewendet werden. Der Zuhorer hat dann das geheime Ge-
fiihl: Wahrend der sonst so redet, wie man eben in einer Rede redet,
apostrophiert er einen da plotzlich; er redet wie im Dialog. Da hat er
im Sinne, uns entweder ein bifichen zu verletzen oder aber uns siifi-
lich zu kommen.
Wir miissen aber auch das Willenselement in der richtigen Weise in
die Rede hineinbringen. Und das kann wiederum nur durch die Vor-
bereitung geschehen, aber durch diejenige Vorbereitung, die im Durch-
denken der Sache den eigenen Enthusiasmus anwendet, gewissermafien
mit der Sache lebt. Was meine ich damit eigentlich? Sehen Sie, zunachst
ist man fertig mit dem Gedankeninhalt. Man hat sich ihn zu eigen ge-
macht. Jetzt wiirde der nachste Teil der Vorbereitung der sein: Man
hort sich gewissermafien im Vortragen dieses Gedankeninhaltes inner-
lich selber zu. Man fangt an, seinen Gedanken zuzuhoren. Sie brauchen
nicht wortwortlich formuliert zu sein, wie ich schon sagte, aber man
fangt an, ihnen zuzuhoren. Das ist es, was das Willenselement in die
richtige Lage bringt, dieses sich selbst innerlich Anhoren. Denn da-
durch, dafi wir uns innerlich anhoren, entwickeln wir an den richtigen
Stellen Enthusiasmus oder Abscheu, Sympathie oder Antipathie, wie
es sich anknupfen mufi an das, was wir da tradieren. Was wir so er-
leben, in dieser willensmafiigen Weise, das geht auch in unseren Willen
hinein und erscheint, wenn wir reden, in der Variation der Tone. Ob
wir intensiv oder schwacher reden, ob wir heller oder dunkler betonen,
das haben wir lediglich von dem Durchfuhlen und dem Durchwollen
unseres eigenen Gedankeninhaltes in der meditativen Vorbereitung.
Und was wir im Denken haben, das miissen wir allmahlich dazu iiber-
leiten, ein Bild zu bekommen von der Gestaltung unserer Rede. Dann
ist auch das Denken in der Rede drinnen, aber nicht in den Worten,
sondern zwischen den Worten, wie die Worte gestaltet, die Satze ge-
staltet, die Disposition gestaltet werden. Je mehr wir in der Lage sind,
iiber das Wie unseres Vortrags zu denken, desto starker wirken wir auf
den Willen der anderen. Das nehmen die Menschen namlich hin, was
wir in die Formulierung und in die Kornposition der Rede taineinlegen.
Wenn wir ihnen kommen und sagen: Jeder von such ist im Grande
genommen ein schlechter Kerl, der nicht morgen alles tut, um die
Dreigliederung zu verwirklichen - das argert die Leute. Wenn wir aber
die Vernunf t der Dreigliederung in einer sokhen Rede vorbringen, die
naturgemafi komponiert ist, die innerlich gegliedert ist, so dafi sie
vielleicht selbst sogar eine Art intimer Dreigliederung ist, namentlich
aber, wenn sie so gestaltet ist, daft wir selber in uns von der Notwendig-
keit der Dreigliederung uberzeugt sind, mit allem Gefiihl und mit alien
Willensimpulsen uberzeugt sind, dann wirkt das auf die Menschen,
dann wirkt es auf den Willen der Menschen.
Was wir an Gedankenentfaltung angewendet haben, um unsere
Rede zu einem Kunstwerk zu machen, das wirkt auf den Willen der
Menschen unbemerkt in der Rede; was aus unserem eigenen Willen her-
vorgeht, was wir selber wollen, was uns begeistert, was uns hinreifit,
das wirkt viel mehr auf das Denken der Zuhorer; das regt in ihnen viel
leichter die Gedanken an. Daher wird ein fur seine Sache begeisterter
Redner leicht verstanden. Ein kiinstlerisch bildender Redner wird
leichter den Willen der Zuhorer anregen konnen. Aber der oberste
Grundsatz, die oberste Maxime mufi denn doch diese sein: dafi wir
keine Rede anders halten, als gut vorbereitet.
Ja, aber wenn wir nun gezwungen sind, eine Rede aus dem soge-
nannten Stegreif zu halten, wenn wir zum Beispiel angeredet werden
und gleich darauf zu antworten haben, da konnen wir doch nicht erst
die Zeit zuruckgehen lassen zum vorhergehenden Tage, um da den
Gegentoast zu meditieren und ihn in Erinnerung bringen, wie ich das
jetzt eben angedeutet habe; das geht doch nicht! - Und doch geht es!
Es geht namlich in der Weise, dafi wir gerade in einem solchen Moment
absolut wahr sind. Oder wir werden in dieser Weise attackiert, dafi
uns ein Mensch so schrecklich grob kommt, dafi wir ihm gleich darauf
antworten mussen - dann ist das schon ein starkes Gef uhlsf aktum. Also
das Gefiihl wird schon in einer entsprechenden Weise angeregt. Da ist
ein Ersatz da fur das, was wir sonst brauchen, um in Begeisterung und
so weiter zu beleben, was wir uns erst in Gedanken vorstellen. Dann
aber, wenn wir in einem solchen Momente nichts anderes sagen als
dasjenige, was wir als ganzer Mensch in jedem Augenblicke sagen kon-
nen, wenn wir in dieser Weise attackiert werden, dann sind wir doch
in einer ahnlichen Weise vorbereitet.
Gerade bei solchen Dingen handelt es sich eben um den Gesamt-
entschluft, nur, nur, nur wahr zu sein. Es sind dann ja auch in der
Regel alle Bedingungen des Verstehens da, wenn die Attacke nicht
gerade darin besteht, dafi wir in einer Diskussion herausgefordert wer-
den. Dariiber will ich dann noch sprechen. Denn es handelt sich dann
eigentlich darum, iiberhaupt nicht eigentliche Reden zu halten, son-
dern etwas ganz anderes zu tun, was fur uns wohl, wenn wir diesen
Kursus mit Recht absolvieren wollen, ganz besonders wichtig sein
wird. Denn wir werden ja, um in dem Sinne zu wirken, wie ich es
heute im Anfang angedeutet habe, nicht blofi Reden zu halten haben,
sondern auch in der Diskussion unseren Mann - selbstverstandlich
auch unsere Dame — zu stellen haben. Und dariiber muE also durch-
aus auch gesprochen werden, und sogar sehr viel gesprochen werden.
Nun bitte ich Sie vor alien Dingen, das, was ich heute gesagt habe,
von dem Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen, dafi es vielleicht ein
bifichen darauf hinweist, wie schwierig man es hat mit dem Aneignen
der Redekunst. Aber ganz besonders schwierig hat man es, wenn nicht
nur geredet, sondern sogar iiber das Reden geredet werden soli. Denken
Sie sich, wenn man das Malen malen, das Bildhauern bildhauern sollte!
Also, die Aufgabe ist nicht ganz leicht. Aber wir werden versuchen,
sie doch in irgendeiner Weise in den nachsten Tagen zu absolvieren.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 12. Oktober 1921
Wenn wir heute darangehen, zu sprechen iiber Anthroposophie und die
Dreigliederungsbewegung mit ihren verschiedenen Konsequenzen - die
ja aus Anthroposophie heraus entspringt und im Grunde aus ihr her-
aus gedacht werden raufi -, dann miissen wir uns vor alien Dingen vor
die Seele halten, dafi es schwer ist, verstanden zu werden. Und ohne
diese Empfindung, dafi es schwer ist, verstanden zu werden, werden
wir wohl kaum in einer uns befriedigenden Art zurechtkommen kon-
nen als Redner fur anthroposophisch Geisteswissenschaftliches und
alles, was damit zusammenhangt. Denn wenn sachgemafi iiber Anthro-
posophie gesprochen werden soli, mufi eigentlich durchaus anders ge-
sprochen werden, als man nach den Traditionen des Sprechens ge-
wohnt ist, iiber Dinge uberhaupt zu sprechen. Man hat sich ja viel-
fach gewohnt, auch iiber anthroposophische Dinge so zu sprechen,
wie man eben gewohnt worden ist zu sprechen, namentlich in der
Zeit des Materialismus. Aber dadurch verbaut man eher das Ver-
standnis fiir Anthroposophie, als dafi man zu ihr den Zugang er-
offnete.
Wir werden uns zunachst einmal nur das Inhaltliche, das Stoffliche
gewissermafien ganz klarmachen miissen, das uns mit Anthroposophie
und ihren Konsequenzen entgegentritt. Und ich werde es ja hier in
diesen Vortragen, wie ich schon gestern sagte, durchaus zu tun haben
mit einem Anwenden des Rednerischen gerade nur in anthroposophi-
schen und dazugehorigen Dingen, so dafi, was ich zu sagen habe, eben
nur dafiir gilt.
Wir miissen uns nun klarmachen, dafi zunachst fiir, sagen wir, die
Hauptsache der Dreigliederung das Gefuhl ja erst rege gemacht wer-
den mufi in unserer gegenwartigen Menschheit. Es mufi im Grunde ge-
nommen vorausgesetzt werden, dafi ein gegenwartiges Publikum zu-
nachst mit dem Begriff der Dreigliederung nichts rechtes anzufangen
weifi, und unser Sprechen mufi langsam dazu fiihren, dem Publikum
erst eine Empfindung von dieser Dreigliederung beizubringen.
Man ist ja gewohnt worden in der Zeit, in welcher der Materialis-
mus geherrscht hat, rednerisch die Dinge der Aufienwelt in beschrei-
bender Art vorzubringen. Da hatte man in der Aufienwelt selber eine
Art von Anleitung. Und aufierdem war das Objekt der Aufienwelt,
ich mochte sagen, zu feststehend, als dafi man nicht geglaubt hatte,
wie man rede iiber die Dinge der AufSenwelt, das sei schliefilich gleich-
giiltig, wenn man nur den Menschen zur Anschauung dieser Aufien-
welt eine Anleitung auf den Weg gebe. Nun, und schliefilich ist es ja
auch so: Wenn man irgendwo, sagen wir, einen popularen Experimen-
talvortrag halt und dabei den Leuten vorfuhrt, wie dieser oder jener
Stoff in der Retorte reagiert, dann sehen sie, wie dieser Stoff in der
Retorte reagiert, und ob man da nun so oder so redet - ein biflchen
besser, ein bifichen weniger gut, ein bifichen sachgemafier, ein bifichen
unsachgemafier -, macht ja schliefilich nichts aus. Und nach und nach
ist es schon ein wenig so geworden, dafi solche Vortrage und solche
Reden besucht werden, damit man dasjenige sieht, was experimentiert
wird, und was da noch gesprochen wird, das nimmt man eben wie eine
Art mehr oder weniger angenehmen oder unangenehmen Nebenge-
rausches mit. Man mufi diese Dinge etwas radikal aussprechen, damit
man gerade in die richtige Richtung weist, in der sich die Zivilisation
in bezug auf diese Dinge bewegt. Und wenn es sich dann um dasjenige
handelt, was man in den Leuten fur das Tun, fur das Wollen anregen
will, da meint man, man miisse vor die Leute eben Ideale hinstellen, da
miifken sie sich gewohnen, Ideale auf zufassen, und da gleitet man dann
nach und nach immer mehr ins Utopistische hiniiber, wenn es sich um
so etwas handelt wie zum Beispiel die Dinge der Dreigliederung des
sozialen Organismus.
So ist es ja auch in vieler Beziehung gekommen: Viele Menschen,
die heute iiber die Dreigliederung reden, rufen durchaus die Meinung
hervor - durch die Art, wie sie reden -, dafi es sich um irgendeine Uto-
pie handle, um irgend etwas, was man anstreben solle. Und da man
immer die Meinung hat, dasjenige, was angestrebt werden soli, das
miisse meistens erst kommen konnen in fiinfzig, in hundert Jahren -
oder manche dehnen die Zeit noch langer aus -, so gestattet man sich
dann auch, ganz unbewufit, iiber die Dinge so zu reden, ais wenn sie
eben erst in hundert oder fiinfzig Jahren reif waren, heranzukommen.
Man gleitet sehr bald von der Wirklichkeit ab und redet dann dariiber:
Wie wird ein Kramerladen eingerichtet sein beim dreigliedrigen sozia-
len Organismus? Wie wird das Verhaltnis des einzelnen Menschen zur
Nahmaschine sein im dreigliedrigen sozialen Organismus? -und sowei-
ter. Diese Fragen werden ja wirklich in Fiille gestellt gegeniiber einer
Bestrebung, wie die zur Dreigliederung des sozialen Organismus eine
ist. Gegeniiber einer solchen Bestrebung, die mit alien ihren Wurzeln
aus der Wirklichkeit herauskommt, sollte man durchaus nicht in dieser
Weise utopistisch reden. Denn mindestens dieses Gefuhl sollte man
immer hervorrufen, dafl ja die Dreigliederung des sozialen Organis-
mus nichts ist, was man machen kann, machen kann in dem Sinne, wie
man in irgendeinem Parlamente von der Art, wie zum Beispiel die
Weimarische Nationalversammlung eines war, Staatsverfassungen
macht. Die macht man! Aber in demselben Sinne kann man nicht spre-
chen vom Machen des dreigliedrigen sozialen Organismus.
Ebensowenig kann man davon sprechen, dafi man organisieren soil,
damit die Dreigliederung herauskame. Was ein Organismus ist, das
organisiert man eben nicht; das wachst. Es ist ja gerade das Wesen des
Organismus, dafi man ihn nicht zu organisieren hat, dafi er sich selbst
organisiert. Was man organisieren kann, ist kein Organismus. Mit die-
sen Empfindungen miissen wir von vornherein an die Dinge herange-
hen, sonst werden wir nicht die Moglichkeit des sachgemafien Aus-
drucks finden konnen.
Die Dreigliederung ist etwas, das ja einfach aus dem natiirlichen
Zusammenleben der Menschen folgt. Man kann dieses natiirliche Zu-
sammenleben der Menschen falschen, indem man, wie es zum Beispiel
in der neueren Geschichte der Fall gewesen ist, die Eigentiimlichkeiten
des einen Gliedes, des rechtlich-staatlichen Gliedes, auf die beiden
anderen ausdehnt. Dann werden einfach diese beiden anderen Glieder
korrumpiert, weil sie nicht gedeihen konnen, so wie jemand nicht ge-
deihen kann, wenn man ihm ein ungeeignetes Gewand anzieht, das
ihm zu schwer ist oder dergleichen.
Im naturlichen Zusammenhang der Menschen lebt die Dreigliede-
rung des sozialen Organismus, lebt das selbstandige Geistesleben, lebt
das Rechts- oder Staatsleben, das auf die Miindigkeit der Menschen
gestellt ist, lebt auch das nur aus sich heraus sich gestaltende Wirt-
schaftsleben. Man kann dem Geistesleben und kann dem Wirtschafts-
leben 2wangsjacken anlegen, obwohl man es nicht notig hat; aber
dann macht sich fortwahrend ihr Eigenleben geltend, und was wir
dann im Aufieren erleben, ist eben das Sich-geltend-Machen des Eigen-
lebens. Es ist also notwendig, aus der Natur des Menschen und aus der
Natur des sozialen Zusammenlebens die Selbstverstandlichkeit der
Dreigliederung des sozialen Organismus zu zeigen. Sehen wir doch,
wie in Europa das Geistesleben durchaus selbstandig und frei war bis
zum 13., 14. Jahrhundert, wo man das, was freies, selbstandiges Gei-
stesleben war, zuerst in die Universitaten hineingeschoben hat. Sie fin-
den gerade in dieser Zeit die Begnindung der Universitaten, und die
Universitaten schltipften dann nach und nach wiederum in das Staats-
leben hinein. So dafi man sagen kann: Etwa vom 13. bis zum 16., 17.
Jahrhundert schliipfen die Universitaten in das Staatsleben hinein, und
mit den Universitaten, ohne dafi es ja eigentlich die Leute bemerkt ha-
ben, auch die ubrigen Unterrichts- und Erziehungsanstalten. Sie sind
ihnen einfach nachgefolgt. Das haben wir auf der einen Seite.
Und auf der anderen Seite haben wir ungefahr bis zu demselben
Zeitalter das freie wirtschaftliche Walten, das seinen eigentlichen mit-
teleuropaischen Ausdruck gefunden hat in den freien wirtschaftlichen
Dorfgemeinschaften. Und wie das freie Geistesleben hineingeschlupft
ist in die Universitaten, die zuerst lokalisiert sind und die dann unter-
schliipfen unter den Staat, so bekommt dasjenige, was wirtschaftliche
Organisation ist, zuerst eine gewisse Verwaltung im rechtlichen Sinn,
indem die Stadte immer mehr und mehr auftauchen und die Stadte nun
dieses wirtschaftliche Leben zunachst organisieren, wahrend es friiher
gewachsen ist, als die Dorfgemeinden tonangebend waren. Und dann
sehen wir, wie nun auch immer wieder mehr und mehr dasjenige, was
in den Stadten zentralisiert war, unterkriecht in die grofieren Terri-
torien der Staaten. Wir sehen also, wie die Tendenz der neueren Zeit
darauf hinausgeht, auf der einen Seite das Geistesleben, auf der an-
deren Seite das Wirtschaftsleben unterkriechen zu lassen in die Staa-
ten, die immer mehr und mehr den Charakter der nach romischem
Rechte konstituierten Gebiete annehmen. Das war eigentlich die Ent-
wickelung in der neueren Zeit.
Und an dem Punkte der geschichtlichen Entwickelung sind wir
angelangt, wo es so nicht mehr weitergeht, wo sich wiederum ein Herz
und ein Sinn entwickeln mufi fur freies Geistesleben, weil einfach der
Geist nicht fortschreitet, wenn er in der Zwangsjacke ist, weil er nur
scheinbar fortschreitet, in Wahrheit aber dennoch zuriickbleibt, nie-
mals wirkliche Geburten, sondern hochstens Renaissancen feiern kann.
Und ebenso ist es mit dem Wirtschaftsleben. Wir stehen eben heute ein-
fach in dem Zeitalter, wo wir die Bewegung, die sich gerade in der zi-
vilisierten Welt Europas mit ihrem amerikanischen Anhange entwik-
kelt hat, unbedingt riickgangig machen miissen, wo die entgegenge-
setzte Richtung einsetzen mufS. Denn dasjenige, was eine Zeitlang sich
fortentwickelt hat, mufi an einem Punkt ankommen, wo etwas Neues
einsetzen raui Sonst kommt man in die Gefahr, es ebenso zu machen,
wie man es machen wiirde, wenn eine Pflanze wachsen sollte und man
sagen wiirde, man lafit sie nicht zum Keimen kommen, sondern sie soli
weiter wachsen, sie soli immer weiter, weiter bluhen. Nicht wahr, so
wiirde sie wachsen: eine Bliite hervorbringen; jetzt keinen Keim, son-
dern wieder eine Bliite, wieder eine Bliite und so fort. Es ist also durch-
aus notwendig, dafi man sich in diese Dinge ganz innerlich hineinfin-
det, und dafi man ein Gefiihl entwickelt fiir den historischen Wende-
punkt, auf dem wir heute stehen.
Aber geradeso wie in einem Organismus jede Einzelheit notwendig
so geformt ist, wie sie eben geformt ist, so ist in der Welt, in der wir
leben und an der wir mitgestalten, alles so zu formen, wie es im Sinne
des Ganzen an seinem Orte geformt werden mug. Sie konnen sich nicht
denken, wenn Sie real denken, dafi Ihr Ohrlappchen auch nur im aller-
geringsten anders geformt ware, als es eben ist in Gemafiheit Ihres
ganzen Organismus. Ware Ihr Ohrlappchen nur ein bifichen anders
geformt, dann miifiten Sie auch eine ganz andere Nase, Sie miifiten
andere Fingerspitzen haben und so weiter. Und so mufi auch die Rede,
in die sich etwas ergiefit, was wirklich neue Formen annimmt, durch-
aus - so wie das Ohrlappchen im Sinne des ganzen Menschen geformt
ist - im Sinne der ganzen Sache gehalten sein.
Sie kann nicht gehalten sein in der Art, die man lernen kann etwa
von der Predigtrede. Denn die Predigtrede, wie wir sie heute noch
immer haben, beruht auf der Tradition, die eigentlich zuruckgeht bis in
den alten Orient; und sie beruht ja auf einer besonderen Stellung, wel-
che der ganze Mensch im alten Orient zu der Sprache hatte. Diese
Eigentiimlichkeit ist dann fortgesetzt worden, so dafi sie lebte in einer
gewissen freien Weise in Griechenland, lebte in Rom und heute ihr
letztes Aufflackern am deutlichsten zeigt in dem besonderen Verhalt-
nis, das der Franzose zu seiner Sprache hat. Nicht als ob ich damit sa-
gen wollte, dafi jeder Franzose predigt, wenn er spricht, aber ein ahn-
liches Verhaltnis, wie es sich aus dem orientalischen Verhaltnis zur
Sprache entwickeln mufite, lebt durchaus noch in der franzosischen
Handhabung der Sprache weiter fort, nur eben durchaus in abschussi-
ger Bewegung.
Dieses Element, zu dem wir da hinschauen konnen in bezug auf
das Sprachliche, das ist zum Ausdrucke gekommen, als man das Reden
noch etwa so lernte, wie man es dann spater, aber schon im Verf alls-
stadium, lernen konnte von den Professoren, die eigentlich durchaus
wie Mumien aus alten Zeiten weiterlebten, und die den Titel trugen
«Professor fiir Eloquenz». Es war in fruheren Zeiten fast an jeder
Universitat, an jeder Schule, auch an den Seminarien und so weiter,
solch ein Professor fiir Eloquenz, fiir Rhetorik. Der beriihmte Curtius
in Berlin fiihrte eigentlich offiziell noch den Titel «Professor fiir Elo-
quenz ». Aber die Geschichte ist ihm zu dumm geworden und er hat
nicht Eloquenz vorgetragen, sondern hat sich als Professor fiir Elo-
quenz nur dadurch gezeigt, dafi er vom Professorenkollegium immer
ausgeschickt worden ist bei festHchen Gelegenheiten, weil das immer
die Aufgabe des Professors fiir Eloquenz war. Da hat es sich Curtius
allerdings sehr angelegen sein lassen, seine Aufgabe fiir solche festlichen
Gelegenheiten dadurch zu losen, dafi er die alten Regeln der Eloquenz
moglichst wenig beriicksichtigt hat. Im ubrigen war es ihm zu dumm,
Professor der Eloquenz zu sein in Zeiten, in die eben Professoren der
Eloquenz nicht mehr hineinpassen, und er hat Kunstgeschichte, grie-
chische Kunstgeschichte vorgetragen. Aber im Universitatsverzeichnis
war er angefiihrt als « Professor der Eloquenz». Das weist uns zuriick
auf ein Element, das im Reden in den alten Zeiten durchaus vorhan-
den war.
Nun, wenn wir etwas, was ganz besonders charakteristisch ist, die
Ausbildung des Redens fur die mitteleuropaischen Sprachen, also fiir
das Deutsche etwa, nehmen, so hat ja alles, was man im urspriinglichen
Sinne mit dem Wort Eloquenz bezeichnen kann, nicht den allerge-
ringsten Sinn. Denn in diese Sprachen ist schon etwas eingeflossen, was
durchaus anders ist als dasjenige, was dem Reden in den Zeiten eigen
war, wo man die Eloquenz ernst nehmen mufite. Fiir die griechische,
fiir die lateinische Sprache gibt es Eloquenz. Fiir die deutsche Sprache
ist eine Eloquenz etwas ganz Unmogliches, wenn man innerlich auf
das Wesenhafte sieht.
Nun leben wir aber heute durchaus in einem Obergange. Das kann
auch nicht fortgebraucht werden, was etwa das Redeelement der deut-
schen Sprache war. Es muE durchaus versucht werden, aus diesem
Redeelement herauszukommen und in ein anderes Redeelement hin-
einzukommen. Und das ist mit die Aufgabe, die in einem gewissen
Sinne zu ldsen hat, wer iiber Anthroposophie oder Dreigliederung heute
fruchtbar reden soli. Denn erst, wenn eine grofiere Anzahl von Men-
schen so zu reden vermag, werden Anthroposophie und Dreigliederung
in der Offentlichkeit auch in einzelnen Vortragen richtig verstanden
werden, wahrend nicht wenige sind, die nur ein Pseudoverstandnis
und Pseudobekenntnisse entwickeln.
Wenn wir zuriickblicken auf das besondere Element, das in bezug
auf das Reden in den Zeiten vorhanden war, aus denen sich erhalten
hat die Handhabung der Eloquenz, so mussen wir sagen: Da war es
so, dafi die Sprache wie herauswuchs aus dem Menschen, in ganz naiver
Weise, wie seine Finger wachsen, wie seine zweiten Zahne wachsen. Im
Nachahmungsprozefi ergab sich das Sprechen, ergab sich die Sprache
mit ihrer ganzen Organisation. Und man kam erst nach der Sprache zu
dem Gebrauch des Denkens.
Und nun war es so, dafi der Mensch, wenn er zu anderen Menschen
unter irgendeiner Aufgabe sprach, darauf zu sehen hatte, dafi das
innere Erlebnis, das Gedankenerlebnis gewissermafien einschnappte in
die Sprache. Die Satzfiigung war da. Sie war in einer gewissen Weise
elastisch und dehnbar. Und innerlicher als die Sprache war das Gedan-
kenelement. Man erlebte das Gedankenelement als etwas Innerlicheres
als die Sprache und liefi es dann einschnappen in die Sprache, so dafi
es hineinpafite, geradeso wie man in den Marmor hineinpafit, was man
als die Idee irgendeiner Statue oder dergleichen hat. Es war durchaus
ein kimstlerisches Bearbeiten der Sprache. Es hatte sogar die Art und
Weise, wie man auch im Prosaischen zu sprechen hatte, etwas Ahn-
liches mit dem, wie man sich im Poetischen auszudrikken hatte. Rhe-
torik, Eloquenz hatten Regeln, die gar nicht unahnlich waren den Re-
geln des poetischen Ausdruckes. Ich mochte hier, damit ich nicht mifi-
verstanden werde, einfiigen, dafi die Entwickelung der Sprache nicht
etwa die Poesie ausschliefit. Was ich jetzt sage, sage ich fur altere
Arten des Ausdruckes, und ich bitte, das nicht so aufzufassen, als wenn
ich behaupten wollte, heute konne es uberhaupt nicht mehr Poesie
geben. Wir haben nur notig, die Sprache in der Poesie anders zu be-
handeln, Aber das gehort ja nicht hierher; das mochte ich nur in Par-
enthese einfiigen, damit ich nicht mifiverstanden werde.
Und wenn wir nun fragen: Wie hatte man also in dieser Zeit zu
sprechen, in welcher der Gedanke, der Empfindungsgehalt in die
Sprache einschnappte? - Man hatte schon zu sprechen! Das war die
erste Aufgabe: schon zu sprechen. Schon sprechen kann man daher
eigentlich auch nur lernen, indem man sich vertieft in die alte Art zu
sprechen. Schon zu sprechen hatte man. Und das schone Sprechen ist
durchaus eine Gabe, welche der Menschheit aus dem Oriente zukommt.
Man mochte sagen: Schon zu sprechen hatte man bis dahin, daft man
eigentlich als Ideal des Sprechens angesehen hat das Singen, das Singen
der Sprache. Und nur eine Form dieses Schonsprechens ist das Pre-
digen, wobei manches abgestreift ist von dem Schonsprechen. Denn
das voile Schonsprechen ist das kultische Sprechen. Giefit sich das
kultische Sprechen in die Predict aus, so ist schon manches abeestreift.
Aber immerhin ist die Predigt eine Tochter des Schonsprechens im
Kultus.
Die zweite Form, die dann insbesondere ja in der deutschen Sprache
und in ahniichen Sprachen zum Ausdruck gekommen ist, ist diese, die
eigentlich gar nicht bedingt 1st, so daJ$ man gar nicht mehr recht unter-
scheiden kann zwischen dem Worte und dem Begreifen, dem Worte
und dem Gedankenerlebnis; das Wort ist abstrakt geworden, so dafi
es selbst wie eine Art Gedanke sich ausnimmt. Es ist das Element, wo
abgestreift ist das Verstandnis fur die Sprache selbst. Es kann nicht
mehr einschnappen, weil man das Einschnappende und dasjenige, in
das eingeschnappt werden soil, schon von vornherein wie Eines emp-
findet.
Wer ist sich denn heute im Deutschen zum Beispiel klar, wenn er
aufschreibt «Begriff», dafi dies das substantivierte Begreifen ist, das
Be-greifen, das Greifen mit einer Vorsilbe ist also, das Greifen an etwas
ausfiihren, dafi «Begriff» also nichts anderes ist als das substantivierte
gegenstandliche Anschauen? In einer Zeit ist der Begriff «Begriff»
gebildet worden, als man noch eine lebendige Empfindung hatte von
dem Atherleibe, der die Dinge angreift. So dafi man dazumal wirklich
den Begriff des Begriffes bilden konnte, weil das Angreifen mit dem
physischen Leibe eben nur ein Bild ist von dem Angreifen mit dem
Atherleibe.
Aber, um in dem Worte Begriff das Begreifen zu horen, dazu ge-
hort ja, dafi man die Sprache als einen eigenen Organismus empfin-
det. In dem Elemente des Sprechens, von dem ich jetzt berichte, da
schwimmt ja Sprache und Begriff immer durcheinander, da ist gar
nicht jene scharfe Trennung, die einst im Oriente vorhanden war, wo
die Sprache ein Organismus ist, mehr aufierlich ist, und das, was sich
ausspricht, innerlich lebt. Und einschnappen mufite beim Reden das
innerlich Lebende in die sprachliche Form, und zwar so einschnappen,
dafi das innerlich Lebende der Inhalt ist, und das, worin es ein-
schnappte, die aufiere Form. Und dieses Einschnappen mufite im Sinne
des Schonen geschehen, so dafi man also ein wirklicher Sprachkiinstler
ist, wenn man reden will.
Das ist nicht mehr der Fall, wenn man zum Beispiel keine Empfin-
dung mehr dafur hat, zu unterscheiden zwischen Gehen und Laufen
in bezug auf das Sprachliche als solches. Gehen: zwei e, man wandelt
dahin, ohne dafi man sich dabei anstrengt; e ist immer der Empfin-
dungsausdruck fur die geringe Teilnahme, die man hat an der eigenen
Tatigkeit.Wenn man ein au im Worte hat, da ist diese Teilnahme gestei-
gert. Beim Laufen kommt es auch zum Schnaufen, wo derselbe Vokal
drinnen ist. Da kommt das Innere in Aufruhr. Da mufi ein Laut da
sein, der diese Modifikation des Inneren andeutet. Aber das alles ist
ja heute nicht mehr da; die Sprache ist abstrakt geworden. Sie ist wie
die dahinfliefienden Gedanken selber fur das ganze mittlere und na-
mentlich auch fur das westliche Gebiet der ZiviKsation.
In jedem einzelnen Worte ist es moglich, ein Bild, eine Imagination
zu schauen, und in diesem Bilde kann man so leben wie in etwas rela-
tiv Objektivem. Derjenige, der noch in alteren Zeiten der Sprache ge-
geniibergestanden hat, der wird ebensowenig in die Lage gekommen
sein, die Sprache als etwas zu betrachten, das nicht objektiv mit ihm
verbunden gewesen ware und in das das Subjektive sich hineinergos-
sen hatte, wie er niemals aus dem Auge verloren hat, dafi sein Rock
etwas Objektives ist und nicht mit seinem Leibe als eine andere Haut
zusammengewachsen ist.
Die zweite Stufe der Sprache dagegen nimmt ja iiberhaupt den
ganzen Organismus der Sprache wie eine andere Haut der Seele, wah-
rend die Sprache vorher viel loser, ich mochte sagen, wie ein Kleid da
war. Ich spreche jetzt von der Stufe der Sprache, bei der nicht mehr
in erster Linie in Betracht kommt, schon zu sprechen, sondern richtig
zu sprechen, bei der es sich nicht um Rhetorik und Eloquenz, sondern
um Logik handelte, in der die Grammatik selber so weit logisch wurde,
dafi man ja einf ach - und zwar kommt das seit Aristoteles* Zeiten lang-
sam herauf - aus den grammatikalischen Formen die logischen ent-
wickelte, von den grammatikalischen die logischen abstrahierte. Es ist
ja alles da zusammengeschwommen: Gedanke und Wort. Der Satz ist
dasjenige, woran man das Urteil entwickelt. Aber das Urteil ist ja
eigentlich in dem Satze so gelegen, daft man es nicht mehr innerlich
selbstandig erlebt. Richtigsprechen, das ist die Signatur geworden.
Nun aber sehen wir heute schon ein neues Element des S^rechens
heraufkommen, nur iiberall am falschen Ort angewendet, auf ein ganz
falsches Gebiet iibertragen. Das Schonsprechen verdankt die Mensch-
heit dem Orient. Das Richtigsprechen liegt im mittleren Gebiet der
Zivilisation. Und nach dem Westen miissen wir hinschauen, wenn wir
A. n <g A ** i fr <t lGlamont cu r*1r» c»fTt
Aber in diesem Westen kommt es zunachst ganz korrumpiert her-
auf . Wie kommt es herauf ? Nun, zunachst ist die Sprache abstrakt ge-
worden. "Was Wortorganismus ist, das ist fast schon Gedankenorganis-
mus. Und im Westen hat sich das allmahlich so gesteigert, dafi man es
dort vielleicht sogar fiir spafihaft ansehen wurde, solche Dinge noch zu
erortem. Aber es ist schon, auf einem ganz falschen Gebiete, der Fort-
schritt durchaus vorhanden.
Sehen Sie, in Amerika hat sich aufgetan gerade im letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts eine philosophische Richtung, welche «Pragma-
tismus» genannt wird. In England hat man sie dann «Humanismus»
genannt. James ist der Vertreter in Amerika, Schiller der Vertreter in
England. Es sind dann Personlichkeiten da, die nun schon daran sind,
diese Dinge etwas zu erweitern. So gebiihrt das Verdienst, gerade diesen
Begriff des Humanismus in einem sehr schonen Sinne erweitert zu
haben, dem neulich hier anwesend gewesenen Professor Mackenzie.
Worauf laufen diese Bestrebungen denn hinaus? Ich meine jetzt den
amerikanischen Pragmatismus und den englischen Humanismus. Sie
gehen hervor aus einer vollstandigen Skepsis gegeniiber der Erkennt-
nis: Wahrheit ist etwas, was es eigentlich gar nicht gibt! Wenn wir
zwei Behauptungen aufstellen, so stellen wir sie eigentlich aus dem
Grunde auf, um im Leben Richtpunkte zu haben. Von einem «Atom»
zu sprechen - man kann nicht irgendeinen besonderen Wahrheitsgrund
dafiir aufbringen; aber es ist niitzlich, in der Chemie die Atomtheorie
zugrunde zu legen; also stellen wir den Begriff des Atoms auf. Er ist
brauchbar, er ist niitzlich. Es gibt keine andere Wahrheit als eine solche,
die in mitzlichen, fiir das Leben brauchbaren Begriffen lebt. «Gott»,
ob es ihn gibt oder nicht, darauf kommt es nicht an. Wahrheit, das ist
so irgend etwas, was uns nichts angeht. Doch es lafit sich nicht gut
leben, wenn man nicht den Begriff «Gott» aufstellt; es lafit sich wirk-
lich gut leben, wenn man so lebt, als ob es einen Gott gabe. Also stellen
wir ihn auf, weil es ein fiir das Leben brauchbarer, niitzlicher Begriff ist.
Ob dieErde im Sinne derKant-LaplaceschenTheorie begonnen hat und
im Sinne der mechanischen Warmetheorie enden wird, vom Wahrheits-
standpunkt aus weifi kein Mensch etwas dariiber - ich referiere jetzt
blofi aber es ist niitzlich fiir unser Denken, sich den Anf ang der Erde
und das Ende der Erde so vorzustellen. Das ist die pragmatistische
Lehre von James und auch im wesentlichen die humanistische Lehre
von Schiller. Schlieftlich weift man auch gar nicht, ob der Mensch nun
wirklich, wenn man vom Wahrheitsstandpunkt ausgeht, eine Seele hat.
Dariiber kann man diskutieren bis ans Ende der Welt, ob es eine Seele
gibt oder nicht, aber mitzlich ist es, wenn man all das, was der Mensch
da im Leben ausfiihrt, begreifen will, eine Seele anzunehmen.
Natiirlich, es verbreitet sich alles das, was da an einem Orte heute
in unserer Zivilisation auftritt, wiederum iiber die anderen Orte. Und
fur solche Dinge, die instinktiv im Westen aufgetreten sind, mufite
der Deutsche etwas finden, was nun mehr begrifflich ist, was sich
leichter begrifflich durchschauen lafit. Und daraus entstand die Philo-
sophic des «Als Ob»: Ob es ein Atom gibt oder nicht, darauf kommt es
nicht an; wir betrachten die Erscheinungen so, «als ob» es ein Atom
gabe. Ob das Gute sich realisieren kann oder nicht, dariiber kann man
nicht entscheiden; wir betrachten das Leben so, «als ob» das Gute sich
realisieren konnte. Ob es einen Gott gibt oder nicht, dariiber konnte
man ja bis ans Ende der Welt streiten; wir betrachten aber das Leben
so, dafi wir handeln, «als ob» es einen Gott gabe. Da haben Sie die
«Als Ob » -Philosophic
Man beachtet diese Dinge wenig, weil man sich denkt: Nun ja, da
sitzt in Amerika der James mit seinen Schulern, da sitzt Schiller in
England mit seinen Schulern; da ist der Vaihinger, der die Philosophic
des «Als Ob» geschrieben hat: das sind so ein paar Kauze, die leben
so in einer Art Wolkenkuckucksheim, und was geht das die anderen
Menschen an!
Wer aber das Ohr dafiir hat, der hort heute die «Als Ob » -Philoso-
phic schon iiberall anklingen: Fast alle Menschen reden im Sinne der
«Als Ob» -Philosophic Die Philosophen sind nur ganz spafiige Kerle.
Die plauschen immer das aus, was die anderen Menschen unbewufit
machen. Wenn man unbefangen genug dazu ist, so hort man heute nur
selten einen Menschen, der seine Worte noch anders gebraucht, im Zu-
sammenhang mit seinem Herzen und mit seiner ganzen Seele, mit sei-
nem ganzen Menschen, der anders spricht, als wie wenn die Sache so
ware, wie er sie ausdrlickt. Man hat nur gewohnlich nicht das Ohr
dafiir, im Klang und in der Farbentonung des Sprechens zu horen, dafi
dieses «Als Ob» drinnen lebt, dafi im Grunde genommen die Menschen
schon Uber die ganze Zivilisation hin von diesem «Als Ob» ergriffen
sind.
Aber so, wie sonst die Dinge am Ende in Korruption kommen, zeigt
sich da etwas korrumpiert am Anfange, was nun gerade in einem ho-
heren Sinne entwickelt werden mufi fur die Handhabung der Rede in
Anthroposophie, in Dreigliederung und so weiter. So ernst, so wichtig
sind diese Dinge, dafi wir iiber sie eigentlich extra reden sollten. Denn
es wird sich darum handeln, dafi wir die Trivialitat «Wir gebrauchen
Begriffe, weil sie nutzlich sind fiir das Leben», dafi wir diese Trivia-
litat einer materialistischen Utilitatstheorie ins Ethische hinaufheben
und vielleicht durch das Ethische ins Religiose. Denn die Aufgabe steht
vor uns, wenn wir wirken wollen im Sinne von Anthroposophie und
von Dreigliederung, daft wir hinzulernen zu dem, was wir aus der
Geschichte uns aneignen konnen - zu dem Schonsprechen, zu dem
Richtigsprechen das Gutsprechen, dafi wir ein Ohr erhalten fiir das
Gutsprechen.
Ich habe bis jetzt wenig bemerkt, dafi es aufgefallen ist, wenn ich
im Verlaufe meiner Vortrage hingewiesen habe - ich habe es sehr
haufig getan - auf dieses in diesem Sinne Gutsprechen, indem ich im-
mer gesagt habe, es komme heute nicht allein darauf an, dafi dasjenige,
was man sagt, im logisch-abstrakten Sinne richtig ist, sondern es komme
darauf an, dafi in einem gewissen Zusammenhang etwas gesagt wird,
oder auch unterlassen wird zu sagen, nicht gesagt wird in diesem Zu-
sammenhange; dafi man ein Gefiihl dafiir entwickelt, daft etwas nicht
nur richtig sein soil, sondern daft es in seinem Zusammenhang drinnen
gerechtfertigt ist, dafi es gut sein kann in einem gewissen Zusammen-
hange, oder schlecht sein kann in einem gewissen Zusammenhange. Wir
miissen lernen, iiber die Rhetorik, iiber die Logik hinaus eine wirkliche
Ethik des Sprechens. Wir miissen wissen, wie wir uns in einem gewis-
sen Zusammenhange Dinge erlauben diirfen, die in einem anderen Zu-
sammenhange gar nicht gestattet waren.
Da darf ich jetzt ein naheliegendes Beispiel gebrauchen, das viel-
leicht schon einigen von Ihnen, die letzthin bei den Vortragen anwe-
send waren, hat auf fallen konnen: Ich habe in einem gewissen Zusam-
menhang davon gesprochen, dafl Goethe eigentlich in Wirklichkeit gar
nicht geboren ist. Ich habe davon gesprochen, dafi Goethe lange Zeit
sich bemiiht hat, malerisch sich auszudriicken, zu zeichnen, aber dafi
daraus nichts geworden ist, daf5 das dann iibergeflossen ist in seine
Dichtungen, und dafi wiederum in den Dichtungen, wie zum Beispiel
in «Iphigenie» oder besonders in der «Naturlichen Tochter» ja gar
nicht im schwarmerischen Sinne Dichtungen vorliegen. «Marmorglatt
und marmorkalt», haben die Leute diese Dichtungen Goethes genannt,
weil sie fast bildhauerisch sind, weil sie plastisch sind. Goethe hatte
lauter Fahigkeiten, die eigentlich gar nicht bis zur Menschwerdung
gediehen sind; er ist gar nicht wirklich geboren. — Sehen Sie, in jenem
Zusammenhang, in dem ich das ausgesprochen habe letzthin, konnte
man es ganz gewifi sagen. Aber denken Sie sich, wenn das einer als
eine These fur sich im absoluten Sinne vertreten wiirde! Es ware nicht
nur unlogisch; es ware selbstverstandlich ganz verriickt.
Aus dem Lebenszusammenhang heraus sprechen ist etwas anderes,
als die Adaquatheit oder Richtigkeit einesWortzusammenhanges finden
fur den Gedanken- und Empfindungszusammenhang. Heraus entste-
hen lassen aus einem lebendigen Zusammenhange an einer bestimmten
Stelle ein Diktum oder dergleichen, das ist dasjenige, was hiniiberfuhrt
von der Schonheit, von der Richtigkeit zu dem Ethos der Sprache, wo-
bei man empfindet, wenn man einen Satz ausspricht, ob man ihn aus-
sprechen darf oder nicht aussprechen darf in dem ganzen Zusammen-
hange. Da gibt es wiederum, aber jetzt ein verinnerlichtes Zusammen-
wachsen, jetzt nicht mit der Sprache, sondern mit der Rede. Das ist es,
was ich das Gutsprechen oder Schlechtsprechen nennen mochte; die
dritte Form. Neben dem Schon- und Hafilichsprechen, neben dem
Richtig- oder Unrichtigsprechen kommt das Gut- oder Schlechtspre-
chen in dem Sinne, wie ich das jetzt dargestellt habe.
Es ist heute noch vielfach die Ansicht verbreitet, es gabe Satze, die
man formt und die man dann bei jeder Gelegenheit sprechen konne,
weil sie absolut geken. Seiche Satze gibt es namlich in Wirklichkeit
fill- unser Leben in der Gegenwart nicht mehr, sondern jeder Satz, der
in einem gewissen Zusammenhang moglich ist, ist fur einen anderen
Zusammenhang heute schon unmoglich. Das heifit, wir sind in erne
Epoche der Menschheitsentwickelung eingetreten, wo wir notig haben,
auf diese Vielseitigkeit des Erlebens unser Augenmerk zu lenken.
Der Orientale, der mit seinem ganzen Denken in einem kleinen Ter-
ritorium lebte, auch noch der Grieche, der mit seinem Geistesleben, mit
seinem Rechtsleben, mit seinem Wirtschaftsleben auf einem kleinen
Territorium lebte, der gofi auch in seine Sprache etwas hinein, was so
aussieht, wie ein sprachliches Kunstwerk aussehen mufi. Wie ist es denn
bei einem Kunstwerk? So ist es, dafi in einem einzelnen geschlossenen
Objekte eigentlich ein Unendliches erscheint auf einem bestimmten Ge-
biete. So ist sogar, wenn auch einseitig, das Schone definiert worden
von Hegel, von Hartmann und anderen: Es ist die Erscheinung der
Idee in einem abgeschlossenen Formgebilde. Es ist das erste, wogegen
ich mich wenden mufite in meinem Wiener Vortrag « Goethe als Vater
einer neuen Asthetik», daft das Schone «die Erscheinung der Idee in
der aufieren Form» sei, indem ich zeigte, daft man gerade das Umge-
kehrte meinen miisse: daft das Schone entsteht, wenn man der Form
den Schein des Unendlichen gibt.
Und so ist es mit der Sprache, die gewissermafien auch als begrenz-
tes Territorium auftritt, als Territorium, welches die mogliche Bedeu-
tung in Grenzen einschliefit: wenn in diese Sprache einschnappen mufi
dasjenige, was eigentlich an innerem Seelen- und Geistesleben unend-
lich ist. Da muf5 es in schoner Form zum Ausdrucke kommen.
Beim Richtigsprechen, da mufi es adaquat sein, da mufi der Satz
zum Urteil, der Begriff zum Wort passen. Dazu waren die Romer ge-
notigt, ganz besonders als ihr Territorium immer grofier und grofier
wurde: da formte sich ihre Sprache um aus dem Schonen ins Logische,
daher dann die Sitte beibehalten worden ist, gerade in der lateinischen
Sprache den Leuten Logik beizubringen. Sie haben es ja auch daran
ganz gut gelernt.
Aber nun sind wir wiederum iiber dieses Stadium hinaus. Nun ist
es notwendig, dafi wir die Sprache empfinden lernen mit Ethos, dafi
wir gewissermaiSen eine Art Moralitat des Sprechens in unsere Rede
hinein gewinnen, indem wir wissen, wir haben uns in einem gewis-
sen Zusammenhange etwas zu gestatten oder etwas zu versagen. Da
schnappt die Sache nicht ein in der Weise, wie ich es friiher geschildert
habe, sondern da verwenden wir, indem wir das Wort gebrauchen,
dieses Wort, um zu charakterisieren. Da hort alles Definieren auf; da
wird das Wort verwendet, um zu charakterisieren. Da wird das Wort
so gehandhabt, dafi man eigentlich jedes Wort als etwas Ungeniigendes
empfindet, jeden Satz als etwas Ungeniigendes empfindet, und den
Drang hat, dasjenige, was man hinstellen will vor die Menschheit, von
den verschiedensten Seiten her zu charakterisieren, gewissermafien um
die Sache herumzugehen und sie von den verschiedensten Seiten zu
charakterisieren. Ich habe oft betont, dafi das die Darstellungsweise
der Anthroposophie sein mu£. Ich habe es oft betont, dafi man ja nicht
glauben solle, man konne das adaquate Wort, den adaquaten Satz fin-
den, sondern man kann sich nur so verhalten wie der Photograph, der,
um einen Baum zu zeigen, wenigstens vier Aspekte nimmt. Also her-
aufgehoben werden mu6 eine Anschauung, die sich in einer abstrakten,
trivialen Philosophic als «Pragmatismus» und «Humanismus» auslebt,
heraufgehoben mufi sie werden ins Gebiet des Ethischen. Und dann
muiS sie sich zuerst ausleben im Ethos der Sprache: Wir mussen gut
sprechen lernen. Das heifit, wir mussen fiir das Sprechen etwas erleben
von alldem, was wir sonst erleben in bezug auf die Ethik, die Sitten-
lehre.
Und im Grunde genommen ist ja die Sache in der neueren Zeit recht
anschaulich geworden. Da haben wir im Sprechen der Theosophen eine
einfach schon durch die Sprache bedingte Altertiimlichkeit, namlich
altertiimlich in bezug auf die letzten Jahrhunderte materialistischer
Farbung: «physischer Leib» - nun, er ist dick; «Xtherleib» - er ist diin-
ner, nebelhaft; «astralischer Leib» - wiederum diinner, aber eben doch
nur diinner; «Ich» - noch diinner. Nun kommen ja immerfort und im-
merfort neue Glieder der menschlichen Wesenheit: das wird immer
diinner. Man weifi zuletzt schon gar nicht mehr s wie man zu dieser
Dunnheit noch kommen kann, aber jedenfalls wird es nur immer diin-
ner und diinner. Man kommt aus dem Materialismus nicht heraus. Das
ist ja audi das Kennzeichen dieser theosophischen Literatur. Und das
ist immer das Kennzeichen, was da auftritt, wenn iiber diese Dinge
gesprochen werden so!i s von dem theoretischen Sprechen bis zu dem,
was ich einmal innerhalb der Theosophischen Gesellschaft in Paris er-
lebt habe, ich glaube, es war 1906. Da wollte eine Dame, die eine rich-
tige kernf este Theosophin war, ausdriicken, wie gut ihr einzelne Reden
gefallen haben, die in dem Saal, wo wir waren, gesprochen worden
sind; und da sagte sie: Es sind so gute Vibrationen da! - Und man
merkte ihr an: eigentlich war dieses gemeint wie etwas, das man
schniiffelt. Also die Diifte, die da zuriickgeblieben waren von den
Reden und die man so etwas erschniiffeln konnte, die waren eigentlich
gemeint.
Wir miissen lernen, die Sprache loszureifien von der Adaquatheit.
Denn sie kann adaquat sein nur dem Materiellen. Wollen wir sie fiir
das Spirituelle verwenden im Sinne der heutigen Entwickelungsepoche
der Menschheit, dann miissen wir sie freibekommen. Dann mufi Frei-
heit in das Handhaben der Sprache hineinkommen. Und wenn man
diese Dinge nicht abstrakt, sondern lebensvoll nimmt, so ist das erste,
wo hineinkommen mufi Philosophic der Freiheit in das Sprechen, in
die Handhabung der Sprache. Denn das hat man notig, sonst wird
man nicht den Ubergang finden zum Beispiel zu der Charakteristik des
freien Geisteslebens.
Sehen Sie, fiir freies Geistesleben, das heifit Geistesleben, das aus sei-
nen eigenen Gesetzen heraus da ist, es ist noch nicht sehr viel Verstand-
nis in der gegenwartigen Menschheit dafiir vorhanden. Denn meistens
versteht man unter freiem Geistesleben ein Gebilde, in dem Menschen
leben, von denen jeder nach seinem eigenen Kikeriki kraht, wo jeder
Hahn - verzeihen Sie das etwas merkwiirdige Bild - auf seinem eige-
nen Misthaufen kraht, und wo dann die unglaublichsten Zusammen-
klange aus diesem Krahen zustandekommen. In Wirklichkeit kommt
beim freien Geistesleben namlich durchaus Harmonie zustande, weil
der Geist lebt, nicht die einzelnen Egoisten, weil der Geist wirk-
lich uber die einzelnen Egoisten himiber ein eigenes Leben fuhren
kann.
Es ist zum Beispiel - man mufi diese Dinge schon heute sagen - fiir
unsere Waldorfschule in Stuttgart durchaus ein Waldorfschulgeist da,
der unabhangig ist von der Lehrerschaft, in den die Lehrerschaft sich
hineinlebt, und in dem es immer mehr und mehr klar wird, dafi unter
Umstanden der eine fahiger oder unfahiger sein kann - der Geist aber
hat em eigenes Leben.
Es ist eine Abstraktion, von der sich heute noch die Menschen eine
Vorstellung machen, wenn sie von «freiem Geist» sprechen. Das ist ja
gar keine Wirklichkeit. Der freie Geist ist etwas, waswirklich lebt unter
den Menschen, man mufi ihn nur zum Dasein kommen lassen, und was
wirkt unter den Menschen, man mufi ihn nur zum Dasein kommen
lassen.
Was ich heute zu Ihnen gesprochen habe, habe ich im Grunde auch
nur gesprochen, um das, was wir hier profitieren sollen, von prinzipiel-
len Empfindungen ausgehen zu lassen, also von der Empfindung des
Ernstes der Sache. Ich kann natiirlich nicht meinen, dafi jetzt alle gleich
hinausgehen und so, wie die Alten schon gesprochen haben, die Mitt-
leren richtig, nun alle gut sprechen werden! Aber Sie konnen deshalb
auch nicht einwenden: Was helfen uns denn dann unsere ganzen Vor-
trage, wenn wir ja doch nicht gleich gut sprechen konnen? - Sondern
es handelt sich darum, dafi wir wirklich die Empfindung bekommen
von dem Ernst der Lage, in die wir uns dadurch hineinleben sollen, dafi
wir wissen: Was da gewollt wird, ist etwas in sich so organisch Ganzes,
dafi sich selbst in der Sprache nach und nach ausdriicken raufi eine
Notwendigkeit der Form, wie sich in dem Ohrlappchen eine Notwen-
digkeit der Form ausdriickt, wie das nicht anders sein kann, je nach-
dem der ganze Mensch ist.
So werde ich versuchen, dann noch naher zusammenzubringen, was
nun bei uns Inhalt von Anthroposophie und Dreigliederung ist, mit
der Art, wie es an die Menschen herangebracht werden soil. Und ich
werde aus dem Prinzipiellen in das Konkrete und in dasjenige, was
dem Praktizieren zugrunde liegen soil, immer mehr und mehr herein-
kommen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 13. Oktober 1921
Es wird sich, zu den Aufgaben, die man sich auf einem bestimmten
Gebiete als Redner stellen kann, darum handeln, den Stoff, den man
zu behandeln hat, in der entsprechenden Weise zunachst selber zu
durchdringen. Es gibt eine zweifache Durchdringung des Stoffes, in-
sofern die Mitteilung iiber diesen Stoff durch das Reden in Betracht
kommt. Das erste ist, sich den Stoff fur eine entsprechende Rede anzu-
eignen so, daiS man ihn gliedern kann, dafi man gewissermafien in die
Lage versetzt ist, der Rede eine Komposition zu geben. Ohne Kom-
position kann eine Rede eigentlich nicht verstanden werden. Es kann
dem Zuhorer an einer nichtkomponierten Rede das eine oder das an-
dere gef alien; aber in Wirklichkeit aufgenommen wird eine nicht-
komponierte Rede nicht. Insofern die Vorbereitung in Betracht kommt,
mufi es sich daher darum handeln, dafi man einsieht: Jede Rede mufi
unbedingt schlecht werden in bezug auf die Aufnahme durch die Zu-
horer, welche nur so entstanden ist, dafi man einfach eine Ausfiihrung
nach der anderen, einen Satz nach dem anderen sich vorgestellt hat
und eines nach dem anderen in der Vorbereitung gewissermafien durch-
genommen hat. Ist man nicht in der Lage, wenigstens in irgendeinem
Stadium der Vorbereitung die ganze Rede als ein Ganzes zu iiber-
schauen, dann kann man eigentlich nicht auf Verstandenwerden rech-
nen. Hervorgehenlassen die ganze Rede gewissermafien aus einem
umfassenden Gedanken, den man gliedert, und Entstehenlassen der
Komposition dadurch, dafi man von einem solchen einheitlichen,
das Ganze der Rede umfassenden Gedanken ausgeht, das ist das
erste.
Das andere ist das Zu-Rate-Ziehen aller Erfahrungen, die man fur
das Gebiet der Rede aus dem unmittelbaren Leben heraus haben kann,
also moglichst in die Erinnerung rufen alles dasjenige, was man in
der betreffenden Sache unmittelbar erlebt hat, und versuchen, nach-
dem man eine Art Komposition der Rede vor sich hat, die Erfahrun-
gen in diese Komposition da oder dort hineinfliefien zu lassen.
Das wird im allgemeinen die Skizze zum Vorbereiten sein. Man
hat also dann in der Vorbereitung das Ganze der Rede vor sich wie
in einem Tableau. Und so genau hat man dieses Tableau vor sich, dafi
man, wie es ja naturgemafi sein wird, die einzelnen Erfahrungen, an
die man sich erinnert, in beliebiger Weise dahin oder dorthin unter-
bringen kann, wie wenn man auf dem Papier aufgeschrieben hatte:
a, b, c, d, und man nun eine Erfahrung hatte; man weifi, sie gehort
unter d, eine andere unter f, eine andere gehort unter a, so dafi man
also gewissermafien von der Folge der Gedanken, wie sie nachher
vorgebracht werden sollen, in bezug auf dieses Aufsammeln der Er-
fahrungen unabhangig ist. Ob man so etwas macht, indem man es zu
Papier bringt, oder ob man es in freier Verarbekung ohne Zuhilfe-
nahme des Papiers macht, davon wird ja nur abhangen, dafi derjenige,
der auf das Papier angewiesen ist, eben schlechter reden wird, und der-
jenige, der auf das Papier nicht angewiesen ist, etwas besser reden
wird. Aber man kann natiirlich durchaus beides machen.
Nun handelt es sich aber darum, dafi man noch ein Drittes absol-
viert, und das ist, nachdem man auf der einen Seite das Ganze hat -
ich sage niemals: das Gerippe hat - und auf der anderen Seite die ein-
zelnen Erfahrungen, hat man notig, die Ideen, die sich ergeben, so
weit auszuarbeiten, daft diese Dinge bis zur vollstandigsten eigenen
inneren Befriedigung vor der Seele stehen konnen.
Nehmen wir also als Beispiel an, wir wollten eine Rede halten iiber
Dreigliederung. Hier werden wir uns sagen: Nach einer Einleitung,
uber die werden wir noch sprechen, und vor einem Schlusse, iiber den
wir auch noch sprechen, ist eigentlich die Komposition einer solchen
Rede durch die Sache selbst gegeben. Der einheitliche Gedanke ist durch
die Sache selbst gegeben. Ich sage das bei diesem Beispiel. Wenn man
ordentlich geistig lebt, so gilt das eigentlich fur jeden einzelnen Fall,
es gilt fiir alles gleich= Aber nehmen wir dieses uns naheliegende Bei-
spiel der Dreigliederung des sozialen Organismus, iiber die wir reden
wolien. Da ist von vornherein das gegeben, dafi uns die Behandlung
unseres Themas drei Glieder ergibt. Wir werden zu behandeln haben
das Wesen des geistigen Lebens, das Wesen des rechtlich-staatiichen
Lebens und das Wesen des wirtschaftlichen Lebens.
Nun wird es sich allerdings darura handeln, dafi wir durch eine
entsprechende Einleitung - iiber die wir, wie gesagt, noch reden wer-
den - eine Empfindung davon hervorrufen bei den Zuhorern, dafi es
iiberhaupt einen Sinn hat, iiber diese Dinge, iiber eine Wandlung in
diesen Dingen, in der Gegenwart zu sprechen. Dann aber wird es sich
darum handeln, nicht gleich etwa von Erklarungen auszugehen, was zu
verstehen ist unter einem freien Geistesleben, unter einem auf Gleich-
heit begrundeten rechtlich-staatlichen Leben, unter einem auf Assozia-
tionen begrundeten Wirtschaftsleben, sondern man wird hinfuhren
miissen zu diesen Dingen. Und da wird man hinfuhren miissen dadurch,
dafi man ankniipft an dasjenige, was zunachst in allerhervorragend-
stem Mafie iiber die drei Glieder des sozialen Organismus in der Ge-
genwart vorhanden ist, was also am intensivsten durch den Menschen
der Gegenwart bemerkt werden kann. Nur dadurch wird man ja an
Bekanntes ankniipfen.
Nehmen wir an, wir hatten ein Publikum, und ein solches Publi-
kum kann uns ja am angenehmsten und am sympathischsten sein, das
zusammengemischt ware aus biirgerlicher Bevolkerung, aus proleta-
rischer Bevolkerung - diese wiederum mit alien moglichen Nuancen -,
und wenn dann natiirlich auch ein paar Adelige dabei sind, schweize-
rische Adelige sogar, so schadet das natiirlich durchaus nichts. Neh-
men wir also an, wir hatten so ein aus alien Gesellschaf tsklassen durch-
einandergewiirfeltes Publikum. Ich betone das aus dem Grunde, weil
man eigentlich als Redner dieses immer erfiihlen soil, zu wem man zu
sprechen hat, bevor man an das Sprechen herangeht. Man sollte sich
schon lebendig in die Situation nach dieser Richtung hineinversetzen.
Nun, was wird man sich selber zunachst sagen miissen iiber das-
jenige, woran man bei dem heutigen Publikum ankniipfen kann in be-
zug auf den dreigliedrigen sozialen Organismus? Man wird sich sagen:
An Begriffe des Bourgeoispublikums lafit sich zunachst aufierordent-
lich schwer ankniipfen, weil sich die Bourgeoisie iiber soziale Verhalt-
nisse in der neueren Zeit aufSerordentlich wenig Vorstellungen gemacht
hat, weil sie gewissermafien gedankenlos in bezug auf das soziale Le-
ben dahinvegetiert hat. Es wiirde immer einen akademischen Eindruck
machen, wenn man aus dem Gedankenkreis eines biirgerlichen Publi-
kums heute reden wollte uber diese Dinge. Andererseits aber wird man
sich doch dariiber klar sein konnen, dafi iiber alle drei Gebiete des
sozialen Organismus innerhalb der proletarischen Bevolkerung aufier-
ordentlich ausgepragte Begriffe vorhanden sind, auch ausgepragte
Empfindungen, und auch ein ausgepragtes soziales Wollen. Und es be-
deutet das gerade die Signatur unserer heutigen Zeit, dafi eben inner-
halb der proletarischen Bevolkerung diese ausgebildeten Begriffe da
sind.
Diese Begriffe sind dann aber allerdings von uns mit grower Vor-
sicht zu behandeln, denn wir werden sehr leicht das Vorurteil hervor-
rufen, dafi wir nach der proletarischen Richtung hin parteiisch sein
wollen. Dieses Vorurteil sollen wir durch die ganze Art und Weise
unseres Auftretens eigentlich bekampfen. Wir werden ja allerdings se-
hen, dafi wir uns, wenn wir von proletarischen Begriffen ausgehen,
zunachst schweren Mifiverstandnissen aussetzen. Diese Mifiverstand-
nisse haben sich ja in der Tat fortwahrend ergeben in der Zeit, als noch
in Mitteleuropa gewirkt werden konnte, so vom April 1919 ab, fiir
die Dreigliederung des sozialen Organismus. Eine biirgerliche Bevol-
kerung hort nur das, was sie durch Jahrzehnte aus dem agitatorischen
Auftreten des Proletariats empfunden hat, heraus aus bestimmten Be-
griffen. Wie man die Sache selbst meint, das wird zunachst fast gar
nicht aufgefafit.
Man mufi sich klar sein dariiber, dafi das Wirken in der Welt iiber-
haupt im Sinne, mochte ich sagen, der Weltenordnung erfafit werden
mufi. Die Weltenordnung ist so - Sie brauchen nur bei den Fischen
im Meer nachzusehen -, dafi sehr, sehr viele Fischkeime abgelegt wer-
den und nur wenige zu Fischen werden. Das mufi so sein. Aber mit
dieser Naturtendenz miissen Sie auch an die Aufgaben herangehen,
welche von Ihnen als Redner zu losen sind: Wenn sich auch nur ganz
wenige, und diese wenig angeregt, zunachst finden bei der ersten Rede,
dann ist eigentlich schon ein Maximum desjenigen erreicht, was er-
reicht werden kann. Es handek sich ja bei Dingen, fiir die man so drin-
nensteht im Leben wie etwa fiir die Dreigliederung des sozialen Orga-
nismus, darum, dafi dann dasjenige, was auf rednerischem Wege ge-
leistet werden kann, eben niemals fallengelassen werden darf, sondern
aufgefangen werden mufi und auf irgendeine Weise fortgebildet wer-
den mufi, sei es durch weitere Reden, sei es in irgendeiner anderen
Weise. Man kann sagen: Keine Rede ist eigentlich vergeblich, welche
aus dieser Gesinnung heraus gehalten wird und an die sich eben dann
das Notige anschliefit.
Aber man mufi sich vollig klar dariiber sein, dafi man auch bei einer
proletarischen Bevolkerung eigentlich, wenn man gerade aus dem her-
aus spricht, was sie heute denkt im Sinne ihrer Theorien, wie sie seit
Jahrzehnten bestehen, dafi man auch da durchaus mifi verstanden wird.
Man kann sich nicht etwa die Frage stellen: Wie macht man es nun,
damit man nicht mifiverstanden wird? - Man mufi es nur richtig
machen! Aber darum kann es sich gar nicht handeln, sich etwa die
Frage vorzulegen: Wie macht man es denn, damit man nicht mifiver-
standen wird? - Sie ist nicht schwer zu losen, die Frage: Wie macht
man es, damit man nicht mifiverstanden wird? - Man sagt den Leuten,
was sie ohnedies schon gedacht haben! Man tradiert ihnen irgendwie
Marxismus oder so etwas. Dann wird man natiirlich verstanden.
Aber es liegt ja kein Interesse vor, in dieser Weise verstanden zu
werden. Sonst wird man ja sehr bald die folgende Erfahrung machen -
iiber diese Erfahrung mufi man sich vollig klar sein -: Redet man heute
zu einer Proletarierversammlung so, dafi sie wenigstens die Termino-
logie verstehen kann — und das mufi man anstreben — , dann wird man,
insbesondere in der Diskussion, bemerken, dafi diejenigen, die disku-
tieren, nichts verstanden haben. Die anderen lernt man meistens nicht
kennen, weil sie sich nicht an den Diskussionen beteiligen. Die nichts
verstanden haben, beteiligen sich gewohnlich nach solchen Reden an
den Diskussionen. Und bei denen wird man eben etwas bemerken, was
in der folgenden Linie liegt. Unzahlige Reden habe ich selber gehal-
ten iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus vor, wie man es
in Deutschland nennt, «Mehrheits-Sozialdemokraten», unabhangigen
«Sozialdemokraten», Kommunisten und so weiter. Nun, man wird da
bemerken: Wenn sich nun jemand in der Diskussion hinstellt und
glaubt, reden zu konnen, so ist es ja meistens so, dafi er einem ant-
wortet, als ob man eigentlich gar nicht geredet hatte, sondern als ob
irgend jemand geredet hatte so, wie man ungefahr als sozialdemokra-
tischer Agitator vor drei&g Jahren in Volksversammlungen geredet
hatte. Man fiihlt sich plotzlich ganz verwandelt. Man sagt sich unge-
fahr: Ja, sollte dir denn das Malheur passiert sein, dafi du besessen
warst in diesem Momente von dem alten Bebel} Denn so wird dir ja
eigentlich entgegengetreten! Die Betreffenden horen selbst physisch
nichts anderes, als was sie gewohnt sind, seit Jahrzehnten zu horen.
Selbst physisch horen sie sonst nichts - nicht etwa blofi seelisch -,
selbst physisch horen sie nur, was sie lange gewohnt sind. Und dann
sagen sie: Ja, eigentlich hat uns der Vortragende gar nichts Neues ge-
sagt! - Denn sie haben, weil man genotigt war, die Terminologie zu
gebrauchen, sofort schon im Ohr - nicht erst in der Seele - den gan-
zen Zusammenhang der Terminologie iibersetzt in das, was sie seit
langem gewohnt gewesen sind. Und dann reden sie weiter fort im Sinne
dessen, was sie seit langem gewohnt gewesen sind.
So ungefahr verliefen unzahlige Diskussionen. Hochstens, dafi
manchmal eine neue Nuance dadurch in die Sache hineinkam, dafi die
Kommunisten nun von ihrem neu errungenen Standpunkte aus auf tra-
ten und nun etwa erklarten: Vor alien Dingen sei es notwendig, dafi
man die politische Macht habe! Es sei ja ganz natiirlich - ich rede aus
der Erfahrung heraus und gebe Beispiele, die durchaus vorgekommen
sind -, dafi man zuerst die politische Macht habe! Und wenn - so
sagte zum Beispiel einmal einer ~, wenn er die politische Macht hatte,
sagen wir zum Beispiel - so meinte er - als Polizeiminister, so wiirde
er ja auch nicht als Standesbeamten sich selber anstellen, denn er sei
ein Schuhflicker, und er konne sehr gut einsehen, dafi ein Schuhflicker
von den Verpflichtungen eines Standesbeamten nichts wisse. Er wiirde
durchaus nicht, wenn er Polizeiminister ware, da er ein Schuhflicker
sei, sich selber als Standesbeamten anstellen! - Er merkte nicht, dafi
er eigentlich implicite sagte: Zum Polizeiminister gerade angestellt zu
werden, fuhle er sich ganz gut berufen, aber zum Standesbeamten
durchaus nicht! Das war fur die Diskussion eine Art neuer Nuance. Die
Nuancen waren ja ungefahr immer in diesem Stil gehalten.
Nun, trotzdem aber miissen wir uns klar sein, dafi, weil wir eben
verstanden werden sollen, aus der Seele der Leute heraus geredet wer-
den muJR. Das Unterbewufke geht dennoch namlich, wenn aus der
Seele heraus geredet wird, in einem gewissen Sinne mit. Insbesondere,
wenn im iibrigen die Rede so angeordnet worden ist, wie ich es schon
angedeutet habe und wie ich es im weiteren auseinandersetzen werde.
Aber wir miissen dann tiber dasjenige, was in Betracht kommt, wirk-
lich aus der Erfahrung, das heifit in diesem Falle, aus den Erfahrungen
des proletarischen Empfindens heraus formulierbare Begriffe haben.
Nehmen wir einmal das geistige Glied des dreigliedrigen sozialen
Organismus. In bezug auf dieses geistige Glied hat der Proletarier seit
dem'Heraufkommen des Marxismus sich sehr deutliche Begriffe her-
ausgebildet, namlich den Begriff der Ideologic Er sagt: Geistesleben,
das hat fur sich gar keine Wirklichkeit. Religion, Rechtsbegriffe, Sit-
tenbegriffe und so weiter, Kunst, Wissenschaft selber, das ist nichts
fur sich. Fur sich existieren eigentlich nur wirtschaftliche Prozesse. Man
kann verfolgen in der weltgeschichtlichen Entwickelung, wie das
wahrhaf t Wirkliche in der Art und Weise besteht, wie die eine Schichte
der Bevdlkerung zu der anderen steht im Wirtschaftsleben. Darnach,
wie die eine Schichte der Bevdlkerung zu der anderen steht im Wirt-
schaftsleben, darnach miissen sich ganz von selbst, wie eine Art Rauch,
der daraus hervorsteigt, die Begriffe, die Empfindungen in Religion,
Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und so weiter bilden. Das sind keine
Wirklichkeiten, Recht, Sitte, Religion, Kunst, sondern eine Ideologic -
Diesen Ausdruck «Ideologie», mit dem Gefiihl, wie ich es eben jetzt
charakterisiert habe, ihn konnte man horen seit Jahrzehnten in alien
sozialdemokratischen oder sonstigen proletarischen Versammlungen.
Und es war geradezu ein besonders ausgebildetes Erziehungsmittel, den
Menschen zum Verstandnis zu bringen: Die biirgerliche Bevdlkerung
spricht von der Wahrheit an sich, von dem Werte der Wissenschaft,
von dem Werte der Religion, von dem Werte der Sittlichkeit, der
Kunst -, aber das ist ja alles nichts in Wirklichkeit fur sich, sondern
das alles sind die Schaumbilder, die aufsteigen aus dem wirtschaft-
lichen Prozesse. Einer der Fiihrer der proletarischen Welt, Franz Meh-
ring, hat diese Sache ja bis zum besonderen Radikalismus getrieben in
einem Buche «Die Lessing-Legende».
Da war erschienen ein allerdings nicht sehr bedeutendes Buch eines
Bourgeoisprofessors, des Erich Schmidt y iiber Lessing. Es ist deshalb
nicht sehr bedeutend, weil darin nicht eigentlich Lessing behandelt
wird, sondern erne Statue aus Papiermache, welche falschlich «Lessing»
genannt wird, und an die Erich Schmidt die Bemerkungen und Erzah-
lungen und Mitteilungen ankniipft, deren er eben durch seine beson-
dere Begabung oder Unbegabung fahig war. Man hat es gar nicht mit
einem Menschen zu tun in diesem Buche, sondern mit einer Statue aus
Papiermache, genannt «Lessing». Dafi dieser Bourgeoisprofessor keine
besonders klaren Vorstellungen hatte iiber den lebendigen Lessing, son-
dern nur iiber einen Papiermache-Lessing, das ging mir schon hervor,
als das Buch «Lessing» von Erich Schmidt noch gar nicht geschrieben
war, als ich Erich Schmidt reden horte in Wien in einer Rede in der
Wiener Akademie der Wissenschaf ten, wo er so die ersten Anf ange der
ersten Kapitel dieses Lessing-Buches zusammengefafit vorgebracht
hatte als eine Rede. Ich war dazumal eigentumlich beruhrt von dieser
Rede, die so recht zeigte, wie man eben, wenn man sonst in eine gewisse
soziale Position hineingestellt ist und reden darf, also selbst vor einer
erlauchten Akademie der Wissenschaften, eigentlich inhaltlich gar
nichts zu sagen braucht. Denn bei den wichtigsten Stellen, wo Erich
Schmidt damals etwas vorbrachte, was charakteristisch sein sollte fur
die Personlichkeit, die er besprach, da sagte er immer, indem er irgend
etwas heraushob aus Lessings Arbeitsweise und aus Lessings Schreib-
weise: Das ist echt Lessingsch! — Und dieses Wort: Das ist echt Les-
singsch! -, das horte man, ich glaube, funfzigmal wahrend dieser Aka-
demierede.
Nun, wenn man es zu tun hat mit dem Ernst Miiller aus Neu-Ba-
belsberg und man ihn zu charakterisieren hat, so wird man mit ge-
nau demselben Inhalt sagen konnen, wenn man erzahlt seine besondere
Art, wie er, sagen wir, seinen Misthaufen in Ordnung bringt: Das ist
echt Miillersch! - Man wird etwas gesagt haben, das ein ganz gleich
schweres Gewicht hat,
Man hatte es also zu tun mit etwas aufterordentlich Unbedeuten-
dem. Aber ein richtiger sozialdemokratischer Schriftsteller, wie Franz
Mehring war, der schrieb dies tJnbedeutende des Erich Schmidtschen
Lessing-Buches dem Umstande zu, da£ eben Erich Schmidt ein Bour-
geoisprofessor war, und er sagte: Das ist eben ein Bourgeoisprodukt. —
Und jetzt stellte er sein proletarisches Produkt dagegen. «Die Lessing-
Legende» nannte er dieses Buch. Da wird nun untersucht, in welchen
wirtschaf tlichen Verhaltnissen Lessings Voreltern gelebt haben, was sie
getrieben haben, wie dann Lessing selber in der Jugend ins Wirtschafts-
leben hineingestellt worden ist, wie er Journalist werden mufite, wie
er Geld pumpen mufite - das ist ja auch ein wirtschaftlicher Zusam-
menhang - und so weiter. Kurz, es wird gezeigt, wie Lessings «Lao-
koon»-Auffassung, wie Lessings «Hamburgische Dramaturgic », wie
Lessings « Minna von Barnhelm» so sein mufiten, wie sie eben sind, da-
durch, dafi Lessing aus diesen bestimmten wirtschaftlichen Verhaltnis-
sen herausgewachsen ist.
Nach dem Muster dieses Buches «Die Lessing-Legende» des Partei-
gelehrten Mehring hat dann einmal ein Schuler meiner Arbeiterbil-
dungsschule - ich habe ja jahrelang eine Arbeiterbildungsschule ver-
sorgt, auch in der Redelehre - in einer Proberede bewiesen, dafi die
Kantsche Philosophic eben einfach aus den wirtschaftlichen Verhalt-
nissen hervorgegangen ist, aus denen Kant sich entwickelt hat. Und
ahnliche Dinge begegneten einem da immer und konnen einem wohl
auch noch heute begegnen, obwohl sie heute mehr oder weniger schon
zur Phrase geworden sind. Aber es war durchaus so. Und das hat be-
deutet, dafi iiber das geistige Leben der moderne Proletarier uberhaupt
die Anschauung hatte: Alles, was im geistigen Leben vorhanden ist, ist
Ideologic
In bezug auf das staatlich-rechtliche Leben, da lafit der Proleta-
rier nur gelten, was sich wiederum innerhalb der wirtschaftlichen Ver-
haltnisse als Beziehung von Mensch zu Mensch herausstellt. Das sind
aber fur ihn die Klassen. Die herrschende Klasse beherrscht die anderen
Klassen. Und derjenige, der innerhalb der Klasse steht, entwickelt dann
das Klassenbewufitsein. So dafi eigentlich dasjenige, was der moderne
Proletarier von dem staatlich-rechtlichen Leben begreift, die Klasse
ist, und was ihm nahegeht, das Klassenbewufitsein ist.
Das dritte Glied des sozialen Organismus ist das wirtschaftliche.
Auch da sind innerhalb des Proletariats streng umrissene Begriffe, und
der Mittelpunktsbegriff, der immer wiederum gefunden wird, eben-
so wie die Begriffe Ideologic und Klassenbewufitsein, das ist der Be-
griff des Mehrwertes. Der Proletarier begreift: Wenn gewirtschaftet
wird, so kommt im wirtschaftlichen Produkt ein bestimmter Wert zum
Vorschein; von diesem Werte bekommt er als Lohn einen bestimmten
Teil, das andere geht fort fur irgend etwas anderes. Das bezeichnet er
als «Mehrwert» und beschaftigt sich nun mit diesem Mehrwert, von
dem er das Gefiihl hat, dafi er ihm von dem Werte seiner Arbeitspro-
dukte genommen werde.
Man kann, indem man die Dinge so durchdenkt, sehen, wie in der
Tat innerhalb derjenigen Bevolkerungsklasse, die sich als die aktive,
als die eigentlich aggressive in der neueren Zeit heraufgebildet hat,
deutlich umrissene Begriffe fiir die drei Gebiete des dreigliedrigen so-
zialen Organismus vorhanden sind. Das soziale Leben offenbart sich
in dreifacher Weise - wiirde etwa ein richtiger proletarischer Theore-
tiker sagen -, es offenbart sich erstens durch seine Wirklichkeit, durch
die wertproduzierende Wirtschaft. Diese wertproduzierende Wirt-
schaft liefert aus dem wirtschaftlichen Leben selbst den Mehrwert.
Durch die Machtverhaltnisse, die sich herausbilden, werden im wirt-
schaftlichen Leben als in der einzigen Wirklichkeit die sozial tatigen
Menschen in Klassen zerspalten, so dafi sie, wenn sie iiber ihren Men-
schenwert nachdenken, zu dem Klassenbewufitsein, nicht zu dem Men-
schenbewufitsein kommen. Und dann entwickelt sich als dasjenige, was
man fiir den Sonntag gern hat, was man braucht - aber auch so zwi-
schendurch damit die Maschinen richtig ausgedacht werden, damit
man auch ab und zu in freien Stunden, nicht wahr, Erfindungen ma-
chen kann und so weiter, dann entwickelt sich die Ideologic, die sich
aber ergibt als ein Rauchprodukt aus der eigentlichen Wirklichkeit,
aus dem wirtschaftlichen Leben.
Ich karikiere ganz gewifi nicht, sondern ich schildere, was in Mil-
lionen, nicht etwa in Tausenden, sondern in Millionen von Kopfen
lebte in den Jahrzehnten, die dem Kriege vorausgegangen sind, und was
sich auch durch den Krieg fortsetzte. Der Proletarier hat also schon
einen Begriff von der Dreigliederung des sozialen Organismus in sich,
und man kann da ankniipfen.
Man kann noch in weiterem Sinne ankniipfen. Man kann ankniip-
fen da ran, daE sich in der neueren Zeit im Grunde genommen das wirt-
schaftliche Leben, weil es ja seine eigene Notwendigkeit in sich tragt,
besonders entwickelt hat, und dafi die anderen Lebenselemente, das
geistige Leben und das staatlich-rechtliche Leben, zuriickgeblieben sind.
Im wirtschaftlichen Leben konnten die Menschen nicht zuruckbleiben.
Sie mufiten erst zum Weltverkehr, dann zur Weltwirtschaft im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts iibergehen. Da liegt eine innere Notwen-
digkeit. Das macht sich in gewissem Sinne von selbst, bis man es rui-
niert, wie es durch den Krieg geschehen ist. Aber weil die anderen Dinge
nicht nachgekommen sind, weil sich in den anderen Dingen ein ab-
strakter Intellektualismus entwickelt hat, wurde die Empfindung vom
Wirtschaftsleben in hervorragendem Mafie einflufireich, wirkte in er-
ster Linie durch ihren Charakter suggestiv auf alle Bevolkerung. Und
was da suggestiv wirkte, das hat sich nicht etwa nur in den Vorstel-
lungen festgelegt, sondern das ist zu Einrichtungen geworden. Der In-
tellektualismus hat allmahlich das soziale Leben ganz ergriffen.
Dem Intellektualismus ist eigen die Abstraktion, das Abstrakte.
Man hat im Leben, sagen wir, Butter; man hat im Leben, sagen wir,
eine Raffaelsche Madonna; man hat im Leben, sagen wir, eine Zahn-
biirste; man hat im Leben, sagen wir, ein philosophisches Werk; man
hat im Leben, sagen wir, einen Pudertigel fur Frauen und so weiter.
Im Leben gibt es ja viel, nicht wahr. Ich konnte ja diese Reihe lange
fortsetzen. Aber Sie werden nicht bestreiten, dafi diese Dinge sehr, sehr
verschieden voneinander sind, und dafi, wenn man sich Begriffe ma-
chen will von all diesen Dingen, diese Begriffe, diese Vorstellungen
sehr, sehr verschieden voneinander werden. Aber im neueren sozialen
Leben entwickelte sich doch etwas, was aufierordentlich bedeutsam
wurde fur alle Lebensverhaltnisse, und was gar nicht so sehr differen-
ziert ist. Denn, sagen wir, Butter von einer gewissen Menge kostet zwei
Franken; eine Raffaelsche Madonna kostet zwei Millionen Franken;
eine Zahnburste kostet vielleicht jetzt blod zweieinhalb Franken; ein
philosophisches Werk - es wird vielleicht am billigsten sein -, das
kostet, sagen wir, im Einzelexemplar vielleicht, wenn es diinn ist, sieb-
zig Rappen; ein Pudertigel, wenn er besonders gut ist, zehn Franken.
Jetzt haben wir die ganze Sache auf gleich gebracht! Jetzt brauchen
wir blofi das, was ja auch wiederum auf ein Feld gehort, die Zahlen,
verschieden zu nehmen. Aber wir haben eine Abstraktion, den Geld-
preis, iiber alles ausgebreitet.
Das hat sich ganz besonders eingelebt in die Denkweise der Men-
schen, wenn sich die Menschen das auch nicht immer gestehen. Gewift,
derjenige, der ein Dichter ist, halt sich selbstverstandlich fiir den Mit-
telpunkt der Welt, der beurteilt sich dann nicht so; ebensowenig der-
jenige, der ein Philosoph ist und so weiter. Oder erst gar der, der ein
Maler ist! Aber die Welt beurteilt diese Sachen heute alle in diesem
Stil in der sozialen Bewertung der Menschen. Und da kommt es schon
zuletzt heraus, dafi, sagen wir, ein Dichter fiir einen Verleger - von
dem Zeitraume an, wo er angefangen hat, seinen Roman zu schreiben,
bis zu der Zeit, wo er ihn beendet hat -, wenn der Verleger edel ist,
dieser Dichter zehntausend Franken wert ist. Das ist also der Preis
eines Dichters fiir eine gewisse Zeit, nicht wahr. Wir haben ihn auch
auf die gleichwertige Abstraktion gebracht. [Es wird an die Tafel
geschrieben.]
2. — Fr. Butter
2 000 000.— Fr. Raffaelsche Madonna
2.50 Fr. Zahnbiirste
— .70 Fr. Philosophisches Werk
10. — Fr. Pudertigel
10 000.— Fr. Dichter
3. — Fr. Tagliche Arbeitskraf t
Nun ich konnte auch da mancherlei Beispiele anfiihren; aber ich habe
schon gesagt: Die Bourgeoisie dachte ja iiber diese Dinge nicht sehr tief
nach. Der Dichter halt sich natiirlich in seinem Oberstubchen - ich
meine jetzt dasjenige, das in einer Etage weit oben gelegen ist - fiir
etwas ganz Besonderes, aber im sozialen Leben, da war er halt eben
zehntausend Franken wert. Aber er achtete es nicht, wenn er nicht
gerade dem Proletariat angehorte. Er achtete das nicht. Aber der Pro-
letaries achtete das. Der zog namlich aus alledem die Konsequenz: Du
hast nicht Butter, du hast nicht Puder, du hast kein philosophisches
Werk, aber du hast deine Arbeitskraf t; die bietest du dem Fabrikan-
ten an, und die ist fiir den Fabrikanten, sagen wir, taglich drei Fran-
ken wert: Tagliche Arbeitskraf t.
Dafi ich hierher geschrieben habe «Dichter», das miissen Sie mir
verzeihen aus dem Grunde, weil man. die Erfahrung machen konnte,
dafi der Dichter eben noch urn ein Stiickchen schlechter behandelt
worden ist im Laufe der letzten Jahrzehnte als der Proletarier mit sei-
ner taglichen Arbeitskraft. Denn der letztere konnte sich noch besser
wehren als der Dichter, und die zehntausend Franken fur den Dichter
waren in der Regel nicht mehr wert als die drei Franken Arbeitslohn
fiir die proletarische Arbeitskraft, mit Ausnahme von einzelnen na-
tiirlich, wie es ja selbstverstandlich war, dafi solche Dichter wie zum
Beispiel - ich weifi nicht, ob sich viele noch an sie erinnern - die selige
Marlitt, die ja ganz grofiartig verdient hat mit dem «Geheimnis der
alten Mamsell», was ein Roman ist, iiber den die beste Kritik wohl
die ware, wie einmal einer gesagt hat: O Buch, warest du doch das Ge-
heimnis der alten Mamsell geblieben!
Nun, der Arbeiter dachte nach iiber das, was er dadurch geworden
ist, dafi er in die Abstraktion der Preise hineingestellt worden ist, re-
spektive seine Arbeitskraft da hineingestellt worden ist. Und was ist
denn etwas im Wirtschaftsleben dadurch, dafi es einen Preis hat? Es ist
eine Ware. Als Ware im wirtschaf tlichen Leben mufi alles gelten, wofiir
eben ein Preis bezahlt werden kann. Ich sagte, das Leben der Bour-
geoisie verlauft mit einer gewissen Gleichgiiltigkeit gegeniiber solchen
Sachen. Aus dem Proletariat aber kamen diese Begriffe herauf, und
dadurch entstand der Begriff : Wir selber sind mit unserer Arbeitskraft
zu einer Ware geworden.
Das ist etwas, was nun mit den drei anderen Begriffen zusammen-
gewirkt hat. Und wer eigentlich das moderne Leben richtig versteht,
der weift, wenn er die vier Begriffe Ideologic, Klassenbewufksein,
Mehrwert, Arbeitskraft als Ware richtig versteht, so dafi er sich mit
diesen vier Begriffen erfahrungsgemafi hineinstellen kann in das Leben,
dafi er mit diesen vier Begriffen zunachst die Bewufitseinsrealitat trif ft,
die gerade bei der aktiven Bevolkerung, bei derjenigen Bevolkerung,
die bewufit eine Umwandelung der sozialen Verhaltnisse will, vorhan-
den ist. Und so hat man denn die Aufgabe, dariiber nachzudenken, wie
man diese vier Begriffe zu behandeln hat.
Wenn man nun eine Zuhorerschaft hat gemischt aus Proletariern
und bourgeoiser Bevolkerung, da wird man notig haben, so zu spre-
chen, dafi man zunachst bemerklich macht, wie der Proletarier not-
wendigerweise zu diesen Dingen kommen mufite, wie der Proletarier
durch das moderne Leben nichts hat kennen lernen konnen als die
Vorgange des Wirtschaftslebens. So ist es ja geworden, sagen wir seit
der Mitte des 15. Jahrhunderts. Da fangt es langsam an. Denn gehen
wir zuruck hinter diese Mitte des 15. Jahrhunderts, so sehen wir, wie
im Wesen der Mensch noch zusammenhangt mit seinem Produkte. Wer
einen Schlussel macht, legt seine Seele in diesen Schlussel hinein. Wer
einen Schuh rriacht, legt seine Seele in den Schuh hinein. Und ich bin
ganz gewifi, dafi bei den Menschen, bei denen sich diese Dinge in ge-
sunder Weise fortentwickelt haben, keine Verachtung irgendeiner sol-
chen Sache vorhanden war. Ich bin vollig davon uberzeugt - nicht nur
subjektiv iiberzeugt, sondern solche Dinge kann man schon beweisen,
wenn es darauf ankommt -: Jakob Bohme hat ganz gewifi ebensogerne
seine Stiefel gemacht wie seine philosophischen Werke, seine mystischen
Werke geschrieben, oder Hans Sachs zum Beispiel. Diese Dinge - daft
das eine verachtet wird, was materiell ist, das andere uberschatzt wird,
was geistig ist — , die sind auch erst mit dem Intellektualismus und sei-
nen Abstraktionen auf alien Gebieten heraufgekommen. Es ist eben
dieses eingetreten, dafi der Mensch durch das moderne wirtschaftliche
Leben, in das die Technik sich hineinergossen hat, von seinem Produkte
getrennt worden ist, so dafi ihn keine wirkliche Liebe mehr mit dem
Produzieren verbinden kann. Es werden die Leute, die noch fiir ge-
wisse Berufszweige mit dem Produzieren Liebe entwickeln, immer
seltener und seltener. Nur bei den sogenannten geistigen Berufszweigen
ist diese Liebe noch vorhanden. Daher das Unnatiirliche in der sozialen
Verteilung und selbst Gliederung in der neueren Zeit. Man mufi schon
nach dem Osten hinubergehen - heute wird es vielleicht auch nicht
mem mOgiicn scLu, aucf vox jaiirzeimLeii war es so — , um ua uocn uc-
rufsfreude zu finden. Ich mujft gestehen, ich war tief entziickt, geradezu
ergriffen, als ich vor Jahrzehnten in Budapest einen Haarschneider,
den ich in Anspruch nahm zum Haarschneiden, kennenlernte, und der
immer herumtanzte um mich und, nachdem er wiederum etwas mit der
Schere heruntergekriegt hatte, sagte, indem er den Spiegel nahm: Ein
wunderbarer Schnitt, den ich da mache! Ein wunderbarer Schnitt, den
ich da mache! - Bitte, suchen Sie sich heute in der eigentlichen Zivili-
sation noch solchen begeisterungsfahigen Haarschneider!
Was also eingetreten ist, ist die Trennung des Menschen von seinem
Produkte. Es ist ihm gleichgultig geworden. Er wird an die Maschine
hingestellt. Was interessiert ihn diese Maschine! Sie interessiert ja hoch-
stens - nicht einmal mehr den Konstrukteur, sondern hochstens den
Erfinder, und das Interesse, das der Erfinder daran hat, ist meistens
kein wirklich soziales. Denn das soziale Interesse fangt erst dann an,
wenn man den moglichen Wert fiir die Rendite herausfinden kann,
nun ja, wenn man also die Geschichte auf den Preis reduziert hat.
Dasjenige aber, was vorzugsweise der moderne Proletarier kennen-
gelernt hat, das ist das Wirtschaftsleben. In das ist er hineingestellt.
Soil er an das geistige Leben herangehen, so hangt ihm das nirgends
mit seinem unmittelbaren seelischen Leben zusammen. Es bewegt nicht
die Seele. Er nimmt es als etwas Fremdes auf, als Ideologic Es liegt im
modernen geschichtlichen Prozefi, dafi sich diese Ideologic entwickelt
hat.
Gelingt es Ihnen aber erst, eine Empfindung in dem Proletarier
hervorzurufen, dafi das so ist, dann haben Sie den Anfang dessen er-
reicht, was Sie erreichen sollen. Denn der Proletarier hort Sie heute
zunachst mit dem Gefiihl an: Es liegt ja in einer absoluten Naturnot-
wendigkeit, dafi alle Kunst, alle Wissenschaft, alle Religion, alles Ideo-
logic ist. Weit, weit entfernt liegt es ihm, daran zu denken, dafi er mit
dieser Anschauung ja eben gerade nur das Produkt der neuzeitlichen
Entwickelung geworden ist. Es ist sehr schwer, ihm das begreiflich zu
machen. Merkt er es, dann kehrt er mit seiner ganzen Denkweise um,
dann wird es ihm schrecklich, dal$ alles nur eine Ideologic sein soli,
dann wird er sich des ganz Illusionaren dieser Anschauung bewufit. Er
ist sozusagen derjenige, der am besten dazu vorbereitet ist, iiber die
Tatsache, dafi alles zur Ideologic geworden ist, Ekel zu empfinden;
aber Sie miissen bis zur Empfindung kommen. Die Gedanken, die Sie
daruber entwickeln oder bei sich selber entwickelt haben, die inter-
essieren den Zuhorer nicht. Sie bringen ihn in der Weise, wie ich es ge-
schildert habe, zum Fiihlen der Sache. Denn es handelt sich darum, dafi
man die Sache fiir die Proletarier auf diese Weise, indem man einzel-
nen seiner Satze diese Farbung gibt, zurechtriickt.
Fiir die Bourgeoisie mufi man die Sache wieder anders zurecht-
riicken, denn, was fiir die Proletarier sehr gut ist, das ist fiir die Bour-
geoisie auf diesem Gebiete sehr schlecht. Und es handelt sich nicht dar-
um, dafi man blofi richtig redet, sondern bei der heutigen Mannigfaltig-
keit des Lebens handelt es sich darum, dafi man gut redet, in dem gestri-
gen Sinne, und dafi man auch, soweit es geht, fiir den Bourgeois redet.
Diesem Bourgeois mulS man nun klarmachen, daft er ja dadurch, daft er
gegeniiber dem, was heraufgezogen ist, gleichgiiltig war, die Sache hat
kommen machen. Durch seine Betatigung oder vielmehr Nichtbetati-
gung ist die Sache so geworden, daft sie fiir den Proletarier Ideologic
geworden ist. Dem Bourgeois muft man dann begreiflich machen: Re-
ligion war einmal etwas, was den ganzen Menschen mit innerer Glut
erfiillte, aus dem alles hervorgegangen ist, was der Mensch im Grunde
genommen in der aufteren Welt auszufiihren hat. Sitte war dasjenige,
was den Menschen fiir das soziale Leben heilig war. Kunst war etwas,
wodurch sich der Mensch hinweghalf iiber die Harten und Schweren
des physischen Lebens und so weiter. Aber wie ist im Verlaufe der
letzten Jahrhunderte der Wert dieser geistigen Giiter hinuntergesun-
ken! So wie der Bourgeois sie halt, so kann sie der Arbeiter nicht mehr
anders denn als Ideologic empfinden.
Nehmen wir einmal den Fall an, der Arbeiter kame aus irgendeinem
Grunde ins Kontor des Unternehmers. Er hat so seine Ansichten iiber
den ganzen Gang des Unternehmens. Nehmen wir an, der Buchhalter,
zu dem er gerufen worden ist, oder der Unternehmer selbst ist eben
hinausgegangen. Da liegt ein groftes Buch, in das vieles eingetragen ist.
Ober die Art und Weise, wie diese Zahlen dadrinnen sprechen, hat der
Arbeiter so seine Ansichten. Die hat er sich ja eben entwickelt. Nun,
well der Buchhalter oder der TJuternehrner gera.de drauften ist und er
um eine halbe Minute zu friih gekommen ist, da blattert er um und
schlagt die erste Seite auf. Da stent: «Mit Gott!» Da wird er aufmerk-
sam, daft nun wahrhaftig dieses religiose Element, daft da auf der
ersten Seite «Mit Gott!» stent, nun wirklich die reine Ideologic ist,
denn daft nun wirklich nicht vie! «mit Gott» ist, was auf den folgenden
Seiten des Buches steht, davon ist der Arbeiter ganz iiberzeugt. Das
liegt ganz in dem Stile, wie er sich die Weltverhaltnisse iiberhaupt
denkt: So viel ist von dem wahr, was die Leute Religion, Sitte und so
weiter nennen, wie in diesem Buche von dem wahr ist, was auf der
ersten Seite steht: «Mit Gott». Ich weifi nicht, ob in der Schweiz in
diesen Buchern auch auf der ersten Seite steht «Mit Gott!»; aber es ist
sehr verbreitet, dafi man sein Kassabuch, Journal und so weiter «Mit
Gott» hat.
Es handelt sich also darum, dafi man dem Bourgeois klarmacht: Er
ist der Veranlasser, dafi beim Proletariat die Auffassung entstanden
ist von der Ideologic
Dann hat jeder seinen Teil. Dann ist man so weit, dafi man nun aus-
einandersetzen kann, wie das geistige Leben wiederum Realitat ge-
winnen mufi, weil es ja zur Ideologic wirklich geworden ist. Wenn
man vom Geiste nur Ideen hat, nicht den Zusammenhang mit dem
wirklichen geistigen Sein und Wesen, dann ist es eben eine Ideologic
So bekommt man von da aus die Briicke zu dem Gebiet, auf dem man
eine Vorstellung hervorrufen kann von der Realitat des geistigen Le-
bens. Und dann wird es einem moglich, darauf hinzuweisen, wie das
geistige Leben eben eine in sich geschlossene Realitat, nicht ein Pro-
dukt des wirtschaftlichen Lebens, nicht eine blofie Ideologic ist, son-
dern ein in sich selbst gegriindetes Reales ist. Ein Empfinden mufi man
dafiir hervorrufen, daft das geistige Leben ein in sich begrundetes Reales
ist. Ein in sich begrundetes Reales ist etwas anderes als ein in sich blofi
abstrakt Begrundetes, denn das abstrakt Begriindete mufi von woan-
ders aus begriindet sein.
Der Proletarier sagt: Die Ideologic ist von dem wirtschaftlichen
Leben aus begriindet. - Insofern aber der Mensch sich in seinem geisti-
gen Leben nur abstrakten Ideen hingibt, ist das eben auch durchaus
etwas Rauchartiges, etwas Illusionares. Erst wenn man durch dieses
Rauchartige, durch dieses Illusionare, durch die Idee zu der Realitat
des Geisteslebens durchdringt, wie es durch Anthroposophie geschieht,
erst dann kann wiederum das geistige Leben als ein reales empfunden
werden. Wenn das geistige Leben nur eine Ideologic ist, so stromen eben
diese Ideen herauf aus dem wirtschaftlichen Leben. Da mufi man sie
organisieren, da mufi man ihnen eine kiinstliche Wirksamkeit und Or-
ganisation verschaffen. Das hat ja auch der Staat getan. In dem Zeit-
alter, wo das geistige Leben in Ideologic verdunstete, hat der Staat es
in die Hand genommen, um der Sache wenigstens die Realitat, die man
nicht in der geistigen Welt selber erlebt hat, zu geben.
So mufi man versuchen, begreiflich zu machen, wie dasjenige, was
der Staat unberechtigterweise dem geistigen Leben gegeben hat, da es
Ideologie geworden ist, Realitat hat. Es mufi ja doch eine Realitat ha-
ben. Wenn man eben keine eigenen Beine hat und doch gehen will, mufi
man sich kiinstliche machen lassen. Es mufi ja etwas, um zu existieren,
Realitat haben. Aber das geistige Leben soli seine eigene Realitat haben.
Das mufi man empfinden, dafi das geistige Leben seine eigene Realitat
haben mufi.
Zunachst werden Sie allerdings paradox wirken, sowohl bei der
burgerlichen wie bei der proletarischen Bevolkerung. Und Sie miissen
ein Bewufitsein davon hervorrufen, dafi Sie paradox wirken. Das
konnen Sie dadurch, dafi Sie eben gerade bei den Leuten, die Ihnen
zuhoren, eine Vorstellung davon hervorrufen, dafi Sie schon ebenso
denken, wie der Proletarier, indem Sie aus seiner Sprache heraus re-
den, wie der Biirgerliche, indem Sie aus seiner Sprache heraus reden.
Dann aber, nachdem Sie solches entwickelt haben, was mit Hilfe
jener Erinnerung, die man an Erfahrungen im Leben haben kann,
moglich ist, nachdem Sie so etwas in der Vorbereitung durchgemacht
haben, kommen Sie dazu, zu den Menschen so zu sprechen, dafi nach
und nach ein Verstandnis fur die Dinge hervorgerufen werden kann,
fur die es eben hervorgerufen werden mufi.
Reden kann man nicht durch eine aufierliche Anleitung lernen. Re-
den mufi man gewissermafien dadurch lernen, dafi man das hinter dem
Reden liegende Denken und das vor dem Reden liegende Erfahren zu
dem Reden in ein richtiges Verhaltnis zu bringen versteht.
Nun habe ich eben heute versucht, Ihnen zu zeigen, wie der Stoff
zunachst behandelt werden mufi. Ich habe an Bekanntes angekniipft,
um Ihnen zu zeigen, wie der Stoff nicht aus irgendeiner Theorie her-
aus geschopft werden darf, wie er aus dem Leben heraus gefafit werden
mufi, wie er zubereitet werden mufi, um ihn dann rednerisch zu behan-
deln. Was ich heute gesprochen habe, das sollte eigentlich jeder in seiner
Art nun selber machen als Vorbereitung fur das Reden. Dadurch, daft
man solche Vorbereitung macht, wird die Rede eindringlich. Da-
durch, daft man denkerische Vorbereitungen macht - Vorbereitungen
zur Gliederung der Rede, wie ich im Anfange der heutigen Ausfiih-
rungen gesagt habe: von einem Gedanken, der dann gestaltet wird zur
Komposition -, dadurch wird die Rede ubersichtlich, so dafi der Zu-
horer sie auch als Einheit bekommen kann. Durch das, was der Redner
mitbringt an Denken, soli er nicht in seine eigenen Gedanken hinein-
wirken. Denn wenn er seine eigenen Gedanken gibt, sind sie, wie ich
schon gesagt habe, so, dafi sie keinen einzelnen Menschen interessie-
ren. Erst dadurch, dafi man sein eigenes Denken verwendet, um die
Rede zu gliedern, dadurch wird sie iibersichtlich, und durch das XJber-
sichtliche verstandlich.
Durch die Erfahrungen, die der Redner uberall zusammensuchen
soil - die schlechtesten Erfahrungen sind noch immer besser als gar
keine! - wird die Rede eindringlich. Wenn Sie zum Beispiel irgend je-
mandem erzahlen, was Ihnen passiert ist, meinetwillen als Sie durch
ein Dorf gingen, wo Ihnen beinahe einer eine Ohrfeige gegeben hat, so
ist es noch immer besser, wenn Sie aus einer solchen Erfahrung heraus
das Leben beurteilen, als wenn Sie blofi theoretisieren. Heraus aus der
Erfahrung die Dinge holen, durch die die Rede Blut bekommt, denn
durch das Denken hat sie nur Nerven. Blut bekommt sie durch die Er-
fahrung, und durch dieses Blut, das aus der Erfahrung kommt, wird
die Rede eindringlich. Zum Verstande der Zuhorer reden Sie durch die
Komposition, zum Herzen der Zuhorer reden Sie durch Ihre Erfah-
rung. Das ist es, was man wie eine goldene Regel betrachten soli. Nun,
wir konnen Schritt fur Schritt vorwartsgehen. Ich wollte zunachst
heute mehr im groben zeigen, wie man den Stof f allmahlich umwandeln
kann zu dem, was er dann in der Rede zu sein hat. Dann morgen um
drei Uhr wieder Fortsetzung.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 14. Oktober 1921
Gestern versuchte ich zu entwickeln, wie man den ersten Teil eines
Dreigliederungsvortrags vor einem gewissen Publikum behandeln
konnte, und ich machte darauf aufmerksam, dafi es namentlich not-
wendig ist, eine Empfindung hervorzurufen fiir den besonderen Cha-
rakter des auf sich selbst gestellten Geisteslebens. Im zweiten Teil wird
es sich darum handeln, iiberhaupt einer gegenwartigen Menschheit erst
begreiflich zu machen, dafi es so etwas geben kann wie einen demokra-
tisch-politischen Zusammenhang, der Gleichheit anzustreben hat.
Denn eigentlich — und das mufi man bedenken, namentlich wenn man
sich fiir einen solchen Vortrag vorbereitet - ist das der Fall, dafi der
gegenwartige Mensch gar keine Empfindung hat fiir ein solches Staats-
gebilde, das auf das Recht als auf sein eigentliches Fundament aufge-
baut ist. Und dieser Teil, der politisch-staatliche Teil des Vortrags, er
wird ganz besonders schwierig zu behandeln sein innerhalb der schwei-
zerischen Verhaltnisse. Und es wird sich ganz besonders darum han-
deln, dafi die Redner, welche innerhalb der schweizerischen Verhalt-
nisse die Dreigliederung des sozialen Organismus vertreten wollen, ge-
rade von den also bedingten schweizerischen Verhaltnissen ausgehen,
und besonders darum, dafi sie bei dem mittleren, dem rechtlich-staat-
lichen Teil, Riicksicht darauf nehmen, wie man aus den schweizerischen
Verhaltnissen heraus zu reden hat. Denn die Sache liegt ja im allge-
meinen so: Durch die Verhaltnisse der neueren Menschheitsentwicke-
lung ist das eigentliche Staatsleben als solches, das sich eigentlich im
Rechtsstaat ausleben sollte, im wesentlichen verschwunden, und was
sich im Staate auslebt, ist eigentlich ein chaotisches Zusammensein der
geistigen Elemente des menschlichen Daseins und der wirtschaftlichen
Elemente. Man konnte sagen: In den modernen Staaten haben sich all-
mahlich die geistigen Elemente und die wirtschaftlichen Elemente
durcheinandergeschweiik, und das eigentliche Staatsleben ist zwi-
schendurch eben heruntergefallen, eigentlich verschwunden.
Dies ist besonders innerhalb der schweizerischen Verhaltnisse be-
merkbar. Da haben wir es iiberall zu tun mit einer in ihren eigentlichen
Ausgestaltungen unmoglichen, scheinbaren Demokratisierung des gei-
stigen Lebens und mit einer Demokratisierung des Wirtschaftslebens,
und damit, dafi die Leute glauben, dieses scheinbar demokratisierte
Gemisch von Geistesleben und Wirtschaftsleben, das ware eine Demo-
kratie. Und da sie sich ihre Vorstellung von Demokratie gebildet ha-
ben aus dieser Mischung heraus, da sie also eine vollstandige Schein-
vorstellung von Demokratie haben, so ist es so schwierig gerade zu den
Schweizern von wirklicher Demokratie zu sprechen. Eigentlich ver-
stehen gerade von wirklicher Demokratie die Schweizer am alleraller-
wenigsten.
Man denkt in der Schweiz dariiber nach, wie man die Schulen demo-
kratisieren soil. Das ist ungefahr so, als wenn man dariiber nachden-
ken und aus wirklichen, wahren Begriffen heraus eine Vorstellung
davon bekommen sollte, wie man einen Stiefel zu einer guten Kopfbe-
deckung macht. Und in ahnlicher Weise werden hier die staatlichen
sogenannten demokratischen Begriffe behandelt. Es niitzt ja nichts,
iiber diese Dinge, ich mochte sagen, leisetreterisch zu sprechen, um,
wenn man hauptsachlich vor Schweizern spricht, hoflich zu sprechen;
denn dann wiirden wir uns doch nicht verstehen konnen. In der Hof-
lichkeit iiber solche Dinge kann man sich ja niemals ordentlich ver-
stehen. Nun, gerade deshalb ist es notwendig, den Begriff des Rechts
und der Gleichheit der Menschen vor einer solchen Bevolkerung zu
erortern, wie es die schweizerische ist.
Man mufi sich da durchaus angewohnen, wenn man rednerisch
aktiv sein will, auf jedem Boden anders zu sprechen. Wenn man, wie
es der Fall war vom April 1919 ab, in Deutschland iiber die Dreiglie-
derung sprach, sprach man unter ganz anderen Verhaltnissen als etwa
hier in der Schweiz, und auch unter so ganz anderen Verhaltnissen,
als in England oder in Amerika von der Dreigliederung gesprochen
werden kann. Gerade in jenem Friihling, im April 1919, unmittelbar
nach der deutschen Revolution, waren in Deutschland alle, sowohl
proletarische wie burgerliche Kreise, die einen naturlich mehr revolu-
tionary die anderen resignierend, davon uberzeugt, dal5 irgend etwas
Neues kommen miisse. Und in diese Empfindung hinein, dafi irgend
etwas Neues kommen musse, sprach man ja eigentlich. Man sprach
doch damals zu verhaltnismafiig vorbereiteten Leuten, und man konnte
natiirlich damals auch in Deutschland ganz anders sprechen, als man
etwa heute sprechen kann. Zwischen heute und dem Friihling 1919
liegt ja auch in Deutschland eine "Welt. Heute kann man hochstens
hoffen, in Deutschland mit irgend etwas, was an Dreigliederung an-
klingt, eine Vorstellung davon hervorzurufen, wie das geistige Leben
als solches selbstandig gestaltet werden kann und eigentlich gerade
unter solchen Verhaltnissen, wie sie in Deutschland sind, heute gestal-
tet werden miifite, wie unter gewissen Verhaltnissen auch das inner-
staatlich-rechtliche Leben gestaltet werden konnte. Aber man kann
natiirlich heute in Deutschland nicht von einer vollig im Sinne der
Dreigliederung gelegenen Gestaltung des Wirtschaftslebens sprechen,
denn das Wirtschaftsleben in Deutschland ist ja tatsachlich etwas, was
unter Zwangsmafiregeln, unter Druck und so weiter steht, was sich
nicht frei bewegen kann, was keine Gedanken haben kann iiber seine
eigene freie Beweglichkeit. Es ist dies zum Beispiel ganz auffallig in
der ganz verschiedenen Art des Lebens, sagen wir, des «Futurum»
und des «Kommenden Tages». Der «Kommende Tag» steht mitten
drin, so wie wenn er in einer Zwangsjacke ware, und hat die Aufgabe,
unter solchen Verhaltnissen zu arbeiten; das «Futurum», wie es sich
hier in der Schweiz entwickelt, mufi eben mit schweizerischen Ver-
haltnissen arbeiten, iiber die wir ja gleich noch etwas mehr werden zu
sprechen haben. Es ist also durchaus eine Rede verschieden zu gestal-
ten, ob sie hier in der Schweiz, ob sie in Deutschland, ob sie zu dieser
oder jener Zeit gehalten wird.
In England, in Amerika miifite man natiirlich wieder ganz anders
sprechen. Es ist ja, was zunachst von hier aus in bezug auf England
und Amerika gemacht werden kann, doch nur eine Art Surrogat, denn
wenn sie iibersetzt werden, gut, wenn sie iiberall verbreitet werden;
aber, was ich von Anfang an gesagt habe, das wirklich Richtige, das
letztlich Richtige ware, wenn fiir Amerika und auch fur England die
«Kernpunkte» ganz anders geschrieben wiirden als fiir Mitteleuropa
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sie schon ganz wortlich und satzgemafi lauten, wie sie sind, aber fur
England und Amerika miifiten sie eigentlich ganz anders verfalk wer-
den, denn da spricht man zu Menschen, die ja zunachst das Gegenteil
von dem haben, was in Deutschland zum Beispiel im April 1919 vor-
handen war. In Deutschland war die Meinung vorhanden, etwas Neues
miisse kommen, und man miisse nur zunachst wissen, was dieses Neue
sei. Man hatte nicht die Kraft, es zu verstehen, aber man hatte zu-
nachst das Gefiihl, man miisse wissen, was irgend etwas verniinftiges
Neues sein konnte. Davon ist natiirlich im ganzen Gebiete von Eng-
land und Amerika auch nicht einmal die allergeringste Empfindung
vorhanden. Da ist nur die Empfindung vorhanden: Wie kann man
das Alte festlegen, retten? Was mufi man tun, damit das Alte nur ja
recht fest bleibt? Denn das Alte ist ja gut! An dem Alten ist ja nicht zu
riitteln. - Ich weifi selbstverstandlich, daft da, wenn man so etwas aus-
spricht, erwidert werden kann: Ja, aber es sind doch so viele progres-
sistische Bewegungen in den westlichen Gebieten! - Diese progressisti-
schen Bewegungen sind aber alle, ganz gleichgiiltig, ob sie auch dem In-
halte nach neu seien, der Fuhrung nach durchaus reaktionar, konser-
vativ. Da mufi also die Empfindung davon erst hervorgerufen werden,
daft es so nicht weitergeht, wie es bisher gegangen ist.
An einzelnen Fragen kann das durchaus bemerkt werden. Nehmen
wir eine furchtbare, schreckliche, ich mochte sagen, die schrecklichste
Frage, die hat heraufkommen konnen vom rein menschlichen Stand-
punkte aus, nehmen wir die Frage der Verhungerung Rufilands. In-
nerhalb Deutschlands - wenn auch die Anschauungen noch so chaotisch
sind, wenn auch aus Agitationsgriinden gegen das gehandelt wird, was
verniinftig ware, und aus menschlichen Griinden wiederum in selbst-
verstandlicher Weise dem Mitleid gehuldigt wird, gegen welches Wal-
ten des Mitleids natiirlich gar nicht gesprochen werden soil -, inner-
halb Deutschlands kommt man endlich, wenigstens in einzelnen Krei-
sen, mehr oder weniger darauf, daft es ja ein Unsinn ist fiir den ganzen
Gang der Menschheitsentwickelung, in Form von Unterstiitzungen fiir
die Verhungerung Ruftlands etwas zu tun, durch Schenkungen gewis-
sermaften von westlicher Seite. Man kommt darauf, daft das ganz ge-
wifi vom menschlichen Standpunkte aus sogar gefordert wird, daft
aber, was nach dieser Richtung getan wird, so selbstverstandlich ist,
dafi man nur ja nicht sagen soli, es habe irgend etwas mit den Auf-
gaben zu tun, die heute die Verhungerung Rufilands stellt. Im Westen
werden hochstens einige Theoretiker - aber dann auch nur auf dem
Boden des Theoretischen - zu einer solchen Anschauung kommen. Es
ist also naturlich, dafl man im Westen erst eine Empfindung davon
hervorrufen mufi, da£ die Welt eine Neugestaltung braucht.
Die Schweiz hat so dagestanden wahrend der furchtbarsten Kata-
strophe der neueren Zeit, daft sie eigentlich nur theoretisierend - nam-
lich durch die journalistische Theorie - daran teilgenommen hat, und
durch das, was von aufien eben in die geistigen und die wirtschaftlichen
Verhaltnisse hereingewirkt hat. Die schweizerische Bevolkerung hat
deshalb gar nicht eine eigentliche Empfindung, weder davon, dafi
etwas Neues kommen miisse, noch davon dafi das Alte bleiben miisse.
Wenn heute der Schweizer, je nach der einen oder anderen Partei-
richtung davon spricht, dafi ein Neues kommen miisse oder das Alte
bleiben miisse, so hat man immer das Gefiihl: Er erzahlt einem nur,
was er gehort hat, gehort hat auf der einen Seite von Mitteleuropa,
gehort hat von England und dem Westen auf der anderen Seite. Er
erzahlt einem nur, was zu seinen beiden Ohren hineingegangen ist,
und nicht, was er eigentlich erlebt hat. Und daher erscheint es einem
auch als so schweizerisch, wenn diejenigen Menschen, die sich nicht gern
nach rechts oder nicht gern nach links engagieren - und das sind ja
mafigebende Schweizer heute sehr haufig — , dafi diese Menschen sa-
gen: Ja, wenn das geschieht, dann geschieht es eben so, wenn das an-
dere geschieht, geschieht es eben so! Wenn ein Neues kommt, dann
verlauft die Sache halt so, wenn das Alte bleibt, dann verlauft die
Sache so! - Es wird gewissermafien ausgeknobelt, was man in die eine
oder andere Waagschale noch zu legen hat.
Es ist so: Wenn man versucht, jemanden in der Schweiz zu erwar-
men fiir das, was der Welt heute bitter notwendig ist, so gerat man in
Verzweiflung, weil es ihn eigentlich gar nicht angreift, weil es gleich
zuriickprallt, weil er eigentlich in Wirkiichkeit mit dem Herzen gar
nicht dabei ist. Es ist ihm zu sehr zuwider, als dafi es fiir ihn interes-
sant sein konnte,. und er hat zu wenig Erfahrung iiber diese Dinge 5 als
dafi es ihm irgendwie sympathisch sein konnte. Er mochte Ruhe haben.
Aber er mochte doch auch wiederum Schweizer sein. Das heifk: Wenn
da alle moglichen Fortschrittsgeschichten mit «Freiheit» und «Demo-
kratie» iiber die Grenze heriibertonen, so kann man doch, weil man
sich durch viele Jahrhunderte hindurch immerfort demokratisch ge-
nannt hat, wiederum nicht sagen, man wolle die Demokratie nicht!
Kurz, man hat wirklich das Gefiihl, als ob in der Schweiz die Men-
schen einen sehr gut ausgebauten Kanal hatten zwischen dem rechten
und dem linken Ohr, so daft alles, was auf der einen Seite hineingeht,
auf der anderen Seite wiederum herausgeht, ohne dafi es zu Verstand
und Herzen gekommen ist.
Daher wird man wenigstens an den Punkten eben angreifen miis-
sen, wo gezeigt werden kann, dafi ja solch ein Staatswesen wie die
Schweiz wirklich etwas ganz Besonderes ist. Und es ist etwas ganz Be-
sonderes. Denn erstens ist die Schweiz - was schon wahrend des Krie-
ges bemerkbar war, wenn man es nur sehen wollte - etwas wie ein
Schwerpunkt der Welt. Und gerade ihr Unengagiertsein gegeniiber
den verschiedenen Weltverhaltnissen konnte sie beniitzen, um ein f reies
Urteilen und auch ein freies Handeln gegeniiber ringsherum zu bekom-
men. Die Welt wartet ja nur darauf, dafi die Schweizer das auch in
ihren Kopfen bemerken, was sie in ihrer Tasche bemerken. In ihrer
Tasche bemerken sie, dafi der Franken vom Auf- und Absteigen der
Valuta, von der Korrumpierung der Valuta, eigentlich nicht betroffen
worden ist. Daft ja die ganze Welt sich um den Schweizer Franken be-
wegt, das bemerken die Schweizer. Dafi das auch in geistiger Bezie-
hung der Fall ist, das bemerken die Schweizer eben nicht. Aber so, wie
sie den unbeweglichen Franken, der gewissermafien der Regulator ge-
worden ist der Valuta der ganzen Welt, wie sie den zu wiirdigen ver-
stehen, so sollten sie auch ihre durch die Weltverhaltnisse wirklich un-
abhangige Stellung, durch die die Schweiz tatsachlich eine Art Hypo-
mochlion sein konnte fur die Weltverhaltnisse - dies sollten die Schwei-
zer verstehen. Daher ist es notwendig, dafi man ihnen dies eben begreif-
lich macht.
Es ist schon fast so, wie man es in ahnlicher Art einmal hat iiber
Dsterreich sagen miissen. Leute, die etwas von den Dingen verstanden
in Dsterreich, die haben oftmals dariiber nachgedacht, warum denn
dieses Dsterreich, das ja nur zentrifugale Tendenzen hatte, bestehen
blieb, warum es nicht auseinandersplitterte. Ich habe in den achtziger,
neunziger Jahren nie etwas anderes gesagt als: Was in Dsterreich selber
geschieht, das hat zunachst noch gar keine Bedeutung fur das Zusam-
menhalten oder Auseinandersplittern, sondern nur, was ringsherum
geschieht. Weil die anderen - Deutschland, Rutland, Italien, Tiirkei
und diejenigen, die an der Tiirkei interessiert sind, Frankreich und auch
die Schweiz selber -, weil diese ringsherum liegenden Staatsgebilde
Dsterreich nicht zerfallen lassen, sondern mitten drinnen zusammen-
halten, weil keiner dem anderen ein Stuck davon gonnte! Jeder sorgte
dafiir, dafi der andere ja nichts bekomme: dadurch blieb Dsterreich
beisammen. Es wurde von aufien zusammengehalten. Das konnte man
sehr genau sehen, wenn man einen Sinn hatte fiir solche Verhaltnisse.
Und erst als dieses gegenseitige Beschauen der umliegenden Machte im
Weltkrieg durch den Nebel der Kanonen getriibt wurde, erst da zer-
fiel Dsterreich, selbstverstandlich. Das Bild besagt im Grunde genom-
men alles.
Nun, bei der Schweiz ist es ahnlich, aber doch wiederum anders.
Ringsherum sind alle moglichen Interessen, aber diese Interessen haben
einen kleinen Fleck da iibriggelassen, wo sie sich nicht begegnen. Und
heute, wo man Weltwirtschaftsleben, Weltgeistesleben hat, da ist die
Sache so, dafi ja dieser kleine Fleck allerdings dadurch aufrechterhalten
wird, dafi er nun etwas ganz Besonderes ist. Was ist er denn eigentlich?
Er ist etwas, was inner halb seiner Grenzen durch rein politische Verhalt-
nisse zusammengehalten wird. Das geht Ihnen aus der schweizerischen
Geschichte hervor. Die schweizerische Geschichte ist eine scheinbar ganz
politische, so wie das schweizerische Denken ein scheinbar ganz demo-
kratisches ist. Aber auch mit der Politik verhalt es sich so fiir die
Schweiz, wie ich es vorhin fiir die Demokratie auseinandergesetzt
habe: Es ist eine Politik, die eigentlich keine ist, die auf einem kleinen
Fleck Erde das Geistesleben und das Wirtschaftsleben verwaltet, aber
eigentlich in Wirklichkeit gar nicht Politik treibt. Vergleichen Sie, was
in der Schweiz und was anderwarts Politik ist! Es muE manchmal das
eine oder andere politisch gemacht werden, weil man mit den anderen
Landern in Korrespondenz treten mufi. Aber wirkliche schweizerische
Politik - man miifite eben die Dinge auf den Kopf stellen, wenn man
eine wirkliche schweizerische Politik finden wollte. Die gibt es eigent-
lich nicht. Auch daraus ist eben ersichtlich, dafi hier ein Landgebilde
geschaffen worden ist, auf dem im politischen Sinne das Geistesleben,
im politischen Sinne das Wirtschaftsleben verwaltet wird, in dem
aber eigentlich gar nicht eine wirkliche Empfindung, ein wirkliches
Erleben von dem Rechtsdasein vorhanden ist.
Daher handelt es sich darum, dafi man hier ganz besonders tief ein-
scharft, dafi das Recht etwas 1st, was man nicht definieren kann, so
wie man Rot oder Blau nicht definieren kann, daft das Recht etwas
ist, was in seiner Selbstandigkeit erlebt werden mufi, und was erlebt
werden mufi, wenn sich als Mensch bewufit wird jeder miindig gewor-
dene Mensch. Es wird sich also darum handeln, zu versuchen, fur
schweizerische Mittel gerade dieses menschliche Empfindungs- und
Gefiihlsverhaltnis im Rechtsleben herauszuarbeiten, dafi im einzelnen
Menschen die Gleichheit leben miisse, wenn Rechtsleben da sein soli.
Gerade die Schweiz ist namlich dazu berufen, und ich mochte sagen:
Die Engel der ganzen Welt schauen auf die Schweiz, ob hier das Rich-
tige geschieht -, gerade die Schweiz ist dazu berufen, da sie, ich mochte
sagen, vollig jungfraulich ist in bezug auf den Rechtsstaat, nur einen
geistigen, nur einen Wirtschaftsstaat hat, einen Rechtsstaat zu schaf-
fen unter Freigebung des geistigen und des Wirtschaftslebens.
An den schweizerischen Bergen hat sich fur die Herzen der Men-
schen eigentlich gebrochen das romische Recht, das in ganz anderer
Weise in Frankreich und in Deutschland und anderen europaischen
Landern eingezogen ist. Es ist nur in das Aufierliche hineingegangen,
nicht aber in das Empfinden der Menschen. Es ist also jungfraulicher
Rechtsboden, auf dem alles geschaffen werden kann. Wenn nur die
Menschen zur wirklichen Besinnung kommen, was es fur ein unend-
liches Gluck ist, hier zwischen den Bergen zu leben und einen eigenen
Willen haben zu konnen, unabhangig von der ganzen Welt, die sich
um dieses kleine Landchen dreht. Hier konnen, gerade wegen dieser
Weltverhaltnisse, die Rechtselemente blofi aus dem Menschen heraus-
gearbeitet werden.
Also ich deute Ihnen an, wie man die besondere Lokalitat, die be-
sondere Ortlichkeit in das Vorbereiten hineinbringen mufi fiir soldi
einen Vortrag, wie man tatsachlich mit sich selber vollig eins sein mufi,
was das Wesen des Schweizertums ist. Ich kann es natiirlich hier nur
skizzieren; aber jeder, der in der Schweiz reden will, miifite eigentlich
sich bemUhen, ganz zu verstehen, welch besonderer Art dieses Schwei-
zertum ist.
Nicht wahr, Sie konnen sagen: Wir sind ja Schweizer - so wie die
Englander sagen konnen: Wir sind ja Englander -, und du willst uns
jetzt sagen, wie der Schweizer das Schweizertum kennenlernen soli,
und was der Englander alles nicht hat von solcher Empfindung und so
weiter. - Gewifi, das kann man sagen. Aber diejenigen, die heute zu den
Gebildeten gehoren, haben ja nirgends eine wirklich erlebte Bildung,
nirgends eine Bildung, die heraus ist aus dem Unmittelbaren des Er-
lebens. Daher mufi gerade gegeniiber dem Rechte auch sehr hinge wie-
sen werden auf dieses unmittelbare Erleben.
Da kommen wir zu der Betrachtung, wie die Menschen allmahlich
unter der neueren Zivilisation in gegenseitige Verhaltnisse, in soziale
Verhaltnisse hineingekommen sind auf dem Gebiete, wo sich eigent-
lich das Recht entwickeln sollte. Von Mensch zu Mensch sollte sich das
Recht entwickeln. Und alles also, alles Parlamentarisieren ist eigent-
lich im Grunde genommen nur ein Surrogat fiir das, was sich von
Mensch zu Mensch abspielen miilke in einem wirklich richtigen Rechts-
gebiete.
Da hat man dann Gelegenheit, wenn man nun nachdenkt iiber das
Rechtsgebiet, wiederum einzugehen - aber jetzt in einer realeren Weise
einzugehen - auf dasjenige, was die Begriffe des Proletariats sind und
die Empfindungen der Bourgeoisie. Man kann aber jetzt in einer reale-
ren Weise dasjenige, was das Proletariat an Begriffen entwickelt hat,
heruberfiihren in das Empfinden der Bourgeoisie. Ich sage: Begriffe des
Proletariats, Empfindungen der Bourgeoisie. Die Erklarung dafiir fin-
den Sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».
Das Proletariat hat aus den vier Begriffen, die ich gestern hier ent-
wickelt babe, durchaus eben das Gefuhl des Klassenbewufkseins ent-
wickelt; es mufi erobern, was im Besitze der Bourgeoisie ist, den Staat.
Inwieweit der Staat nun ein wirklicher Rechtsstaat ist oder nicht, das
ist natiirlich dem Proletariat audi nicht klargeworden. Aber was als
Rechtsstaat sich entwickelt hat, davon ist die Schweiz am allerwenig-
sten beriihrt, daher sie am leichtesten ohne Vorurteile einen wirklichen
Rechtsstaat begreifen konnte. Was sich als ein wirklicher Rechtsstaat
entwickelt hat, das lebt ja nur zwischen den Aufierungen des eigent-
lichen Seelenlebens der Menschen fast in der ganzen Welt heute, nur
eben nicht in der Schweiz! Oberall sonst in der Welt lebt eigentlich
dasjenige, was Rechtsstaat ist, ein, ich mochte sagen, Unter-der-Hand-
Dasein, wahrenddem dasjenige, was wirklich von Mensch zu Mensch
erlebt wird, auf etwas ganz anderem beruht, und zwar auf etwas ganz
durch und durch Biirgerlichem. Was der Mensch im offentlichen Le-
ben eigentlich sucht, was er hineintragt in das ganze offentliche Leben,
wodurch ihm eine Verdunkelung des eigentlichen Rechtslebens ge-
schieht, das kann man nur erfassen, wenn man ein wenig die konkreten
Beziehungen ins Auge fafit.
Sehen Sie, das Geistesleben ist allmahlich aufgesogen worden vom
Staatsleben. Das Geistesleben aber ist, wenn man ihm gegenubersteht
als einem Elemente, das auf sich selbst gebaut ist, ein sehr strenges
Element, ein Element, demgegeniiber man fortwahrend seine Freiheit
bewahren mufi, das deshalb nicht anders als auch in der Freiheit orga-
nisiert werden darf. Lassen Sie einrnal eine Generation ihr Geistes-
leben freier entfalten und dann dieses Geistesleben organisieren, wie sie
es will: es ist die reinste Sklaverei fiir die nachstfolgende Generation.
Das Geistesleben mu& wirklich, nicht etwa blofi der Theorie nach, son-
dern dem Leben nach, frei sein. Die Menschen, die darinnenstehen,
mussen die Freiheit erleben. Das Geistesleben wird zur grofien Tyran-
nei, wenn es uberhaupt auf der Erde sich ausbreitet, denn ohne dafi
eine Organisation eintritt, kann es sich nicht ausbreiten, und wenn eine
Organisation eintritt, wird sogleich die Organisation zur Tyrannin.
Daher mufi fortwahrend in Freiheit, in lebendiger Freiheit gekampft
werden gegen die Tyrannis, zu der das Geistesleben selber neigt.
Dieses Geistesleben ist nun im Laufe der neueren Jahrhunderte auf-
gesogen worden vom Staatsleben. Das heifit: Wenn man das Staats-
leben der Toga entkleidet, die es noch immer sehr stark anhat in der
Erinnerung an die alte Romerzeit, obwohl schon sogar die Richter
anfangen, den Talar abzulegen, aber im ganzen kann man doch sagen,
dafi das Staatsleben die Toga noch anhat; aber wenn man absieht von
dieser Toga, wenn man auf das sieht, was darunter ist: dann ist es
eigentlich iiberall das verzwangte Geistesleben, das im Staate und im
sozialen Leben des Staates vorhanden ist. Es ist das verzwangte Gei-
stesleben! Verzwangt, aber nicht wissend, dafi es verzwangt ist, daher
nicht nach Freiheit strebend, aber immerhin doch gegen die Verzwangt-
heit fortwahrend ankampfend. Und vieles in der neuesten Zeit ist ge-
rade aus diesem Ankampf en gegen die Verzwangtheit des Geisteslebens
hervorgegangen. Unser ganzes offentliches Geistesleben steht eigent-
lich unter dem Zeichen dieser Verzwangtheit des Geisteslebens, und
wir konnen nicht gesunde Verhaltnisse gewinnen, wenn wir uns nicht
einen Sinn aneignen fur die Beobachtung dieser Verzwangtheit des
Geisteslebens. Man mufi ein Gefiihl dafur haben, wie einem diese Ver-
zwangtheit des Geisteslebens entgegenkommt im Alltag.
Ich wurde einmal von einer Anzahl Berliner Damen, die in einem
Institute von mir Vortrage angehort hatten, dann eingeladen, einen
Vortrag zu halten bei einer der Damen in ihrem Privatappartement,
und die ganze Veranstaltung war eigentlich dazu da, dafi die Damen
entgegenarbeiten wollten einer gewissen dazumal recht gutmiitigen
Stimmung bei ihren Mannern. Nicht wahr, diese Damen kamen so etwa
um zwolf Uhr in das Unterrichtsinstitut, wo ich die Vortrage hielt.
Und die Manner, wenn wiederum solch ein Tag kam - ich glaube, es
war einmal in der Woche -, sagten dann: Na ja, da geht Ihr halt in
eure verriickte Anstalt heute wieder hin; da wird die Suppe wieder
schlecht sein, oder es wird etwas anderes nicht in Ordnung sein! - Und
da wollten denn diese Damen, dafi ich einen Vortrag hielte iiber Goethes
« Faust » - das wurde als Thema ausgesucht - und dazu wurden auch
die Manner eingeladen. Nun hielt ich eben einen Vortrag iiber Goethes
«Faust» vor den Damen und Herren. Ja, die Herren waren nachher
etwas verdutzt und sie sagten: «Ja s aber Goethes <Faust> ist halt eine
Wissenschaft; Kunst ist ja Goethes <Faust> nicht. Kunst, das ist Blu-
menthal» — ich zltiere wortlich «da braucht man sich nicht anzu-
strengen. Wenn man sich schon im wirtschaftlichen Beruf so anstrengt,
will man sich doch im Leben nicht auch noch anstrengen!» Sehen Sie,
was eingezogen ist als Ersatz des Enthusiasmus fur die Freiheit im
Geistesleben, das tritt uns im staatlichen Leben entgegen als blofies
leichtes Unterhaltungsbediirfnis.
Ich habe einmal auf dem Lande gesehen, wo man so etwas noch gut
sehen konnte, wie diese alten herumziehenden Schauspieler, die im-
mer, in Deutschland nannte man es den Dummen August, also den
Bajazzo bei sich hatten, wie diese manchmal ganz feine Sachen dar-
stellten. Da sah ich, wie der Clown, der nun seine Ciownkunststucke
eine ganze Zeit hindurch gemacht und die Leute unterhalten hatte, weil
er nun daranging, etwas fur ihn sehr Ernstes darzustellen, das Clown-
kostiim abwarf und nun in schwarzen Beinkleidern und schwarzem
Frack dastand. Mir dreht sich dieses Bild immer um: Ich sehe dann
zuerst den Mann in schwarzen Beinkleidern und schwarzem Frack,
und hinterher sehe ich den Mann mit dem Clownkostum. Mir kommt
es so vor wie schwarzes Beinkleid und Frack, wenn ich irgendwo in
einem Schaufenster ein Buch von Einstein iiber die Relativitatstheorie
sehe; und dann habe ich den Clown vor mir, wenn ich daneben ein
Buch von Moszkowski iiber die Relativitatstheorie vor mir habe. Denn
tatsachlich, im aufieren Leben ist ja manches Maja: Aber man konnte
sich gar nicht denken, dafi innerlich die ganze Denkerpedanterie anders
auftreten konnte als in schwarzem Beinkleid und in wohlgeschnittenem
Frack, will sagen, in der Relativitatstheorie. Und wiederum: Es ist
unangenehm, sich so strengen Gedankengangen, so konsequenten Ge-
dankengangen zu fiigen, die schon wirklich so geschnitten sind wie ein
gutsitzender Frack; das mufi den Leuten auch anders entgegentreten.
Da macht sich denn der als Philosophenclown feuilletonistisch ganz
besonders begabte Alexander Moszkowski daran und schreibt ein dickes
Buch. Aus dem lernen nun alle Leute in Feuilletonform, im Clown-
kostiim, was im Frack geboren worden ist! Sehen Sie, man kann gar
nicht anders heute, als die Dinge heriiber zu iibersetzen in dasjenige,
wobei man sich nicht anzustrengen braucht, wobei man auch keinen
grofien Enthusiasmus zu entf alten braucht.
Gegen diese allgemeine Stimmung mufi namlich empfindungsge-
mafi angekampft werden, wenn man iiber Rechtsbegriffe sprechen
will, denn da tritt der Mensch mit seinem ganzen inneren Werte als
ein Gleicher den anderen Menschen gegeniiber. Und dasjenige, was die
Rechtsbegriffe nicht heraufkommen lafk, das ist das, ja, ich mochte
sagen, Alexander-Moszkowskimafiige! Man mufi iiberall die Dinge
beim Konkreten aufsuchen.
Ich sage natiirlich durchaus nicht, dafi man nun notig hat, wenn
man iiber Rechtsbegriffe spricht, von Frack und Clownkostiim zu spre-
chen, aber ich mochte zeigen, wie man die Begriffe fur diese Dinge
elastisch bekommen mufi, wie man wirklich auf das eine hinweisen
mufi, wenn man auf das andere hinweist; auch wie man disponieren
konnen mufi, zuerst in sich selber, urn dann die notige Gelaufigkeit zu
haben, vor den Menschen zu sprechen.
Und auch noch aus einem anderen Grunde mufi der heutige Redner
so etwas wissen. Er ist ja zumeist dazu verurteilt, wenn er fur etwas
Zukunftswiirdiges zu sprechen hat, abends zu sprechen. Das heilk, er
hat diejenige Zeit auszufiillen, in der eigentlich die Leute im Konzert-
saal oder im Theater sein mochten. Er mufi sich also durchaus klar sein
daruber, dafi er zu einem Publikum spricht, das besser an seinem Platze
ware, der Zeitverfassung nach, wenn es im Konzertsaal oder im Thea-
ter ware, oder noch woanders, aber nicht eigentlich an seinem Platz
ist da unten, wo es zuhoren soil, wenn oben ein Redner von zukunfts-
wiirdigen Dingen spricht. Man mu6 sich klar sein, was man eigentlich
tut, bis in die Einzelheiten hinein.
Was tut man denn eigentlich, wenn man vor einem solchen Publi-
kum spricht, vor dem zu sprechen man heute zumeist verurteilt ist?
Man verdirbt ja diesem Publikum eigentlich in ganz wortlichem Sinne
den Magen! Eine ernste Rede hat namlich die Eigentiimlichkeit, daft
sie dem Pepsin feindlich ist, dafi sie das Pepsin, denMagensaft nicht zur
Wirksamkeit kommen lafit. Eine ernste Rede macht den Magen sauer.
Und nur wenn man selber in der ganzen Stimmung ist, eine ernste
Rede so vorzubringen, daE man, weigstens innerlich, sie mit dem no-
tigen Humor vorbringt, dann hilft man dem Magensaft wieder. Man
mufi mit einer gewissen inneren Leichtigkeit eine Rede vorbringen, mit
einer gewissen Modulation, mit einer gewissen Begeisterung, dann hilft
man dem Magensaft. Und dann gleicht man das wiederum aus s was
man dem Magen zuftigt in der Zeit, in der wir heute zumeist zu reden
haben. Daher ist es wirklich eher als fiir die Dreigliederung des sozia-
len Organismus fiir die Magenspezialisten gearbeitet, wenn Men-
schen in aller Schwere, mit allem inneren Herauspressen, in pedan-
tischer Form iiber die Dreigliederung zu den Menschen sprechen. Das
mufi mit Leichtigkeit, mit Selbstverstandlichkeit geschehen, sonst ar-
beitet man nicht fiir die Dreigliederung, sondern fiir die Magenspe-
zialisten. Es gibt nur noch keine Statistik dariiber, wie viele Leute,
nachdem sie pedantische Vortrage angehort haben, zu den Magenspe-
zialisten gehen miissen! Wenn man einmal eine Statistik iiber diese
Dinge hatte, wiirde man namlich erstaunt sein dariiber, welcher Pro-
zentsatz in den Patientenkreisen der Magenspezialisten eifrige Vor-
tragszuhorer der heutigen Zeit abgeben.
Ich mufi schon auf diese Dinge auch aufmerksam machen, denn
es naht sich die Zeit, wo man kennen mufi, wie eigentlich der Mensch
lebt: wie Ernst auf seinen Magen, wie Humor auf seinen Magensaft
wirkt, wie zum Beispiel, sagen wir, der Wein eine Art Zyniker ist, der
die ganze menschliche Organisation nicht ernst nimmt, sondern mit
ihr spielt. Und so konnte man, wenn man nicht mit den Wischiwaschi-
begrif fen der heutigen Wissenschaft, sondern mit menschlichen Begrif-
fen an die menschliche Organisation heranginge, durchaus einsehen,
was nun auch fiir eine organische Wirkung, fast chemische Wirkung,
jedes Wort und jeder Wortzusammenhang beim Menschen hervorruf t.
Solche Dinge zu wissen, erleichtert einem auch das Reden. Wah-
rend man sonst eine Mauer vor sich hat gegeniiber dem Publikum,
hort diese Mauer auf zu sein, wenn man gewissermafien bei einer pe-
dantischen Rede immer durchsieht, wie der Magensaft traufelt und
endlich sauer wird im Magen, die Magenwande angreift. Man hat
schon zuweilen Gelegenheit, das zu sehen. In Horsalen der Universi-
taten ja weniger; da helfen sich die Studenten dadurch, dafi sie nicht
zuhoren.
Sie sehen aber daraus, was ich so sage, wieviel beim Reden von der
Stimmung abhangt, wieviel mehr Bedeutung das Vorbereiten der Stim-
mung, das In-die-Hand-Nehmen der Stimmung hat, als das wort-
wortliche Vorbereiten. Wer oftmals sich fiir die Stimmung vorbereitet
hat, der hat dann gar nicht mehr notig, sich fur das Wortwortliche so
vorzubereiten, daft er sich im entsprechenden Moment durch das zu
gute wortwortliche Vorbereiten eben zum Verderber des Magensaftes
gerade macht.
Sehen Sie, zu einem - wenn ich mich jetzt so ausdriicken darf -
richtig geschulten Redner gehort verschiedenes; und ich mochte es ge-
rade an dieser Stelle vorbringen, weil das Auseinandersetzen der
Rechtsbegriffe gerade vieles fordert, was man nach dieser Richtung
charakterisieren mufi. Ich mochte es gerade jetzt vorbringen, bevor
ich dann wohl morgen zu der Hineinverwebung der Wirtschaftsele-
mente in das Reden sprechen mochte.
Ein Anthroposoph brachte einmal in den Architektenhaussaal in
Berlin den Ihnen ja vielleicht auch schon bekannten Max Dessoir mit
an einem Abend, wo ich dort einen Vortrag zu halten hatte. Dieser da-
malige Freund des Max Dessoir sagte hinterher: Ach, der Dessoir ging
doch nicht mit! - Ich fragte ihn, wie ihm der Vortrag gef alien habe; da
sagte er: Ja, wissen Sie, ich bin selbst ein Redner; und derjenige, der
selbst ein Redner ist, der kann nicht richtig zuhoren, der hat kein Ur-
teil iiber das, was der andere redet! - Nun, ich hatte nicht notig, mir
uber Dessoir ein Urteil zu bilden nach dieser Aussage, denn dazu hatte
ich andere Urteilsbildungsgelegenheiten, wiirde mir auch kein Urteil
gebildet haben nach dieser Aussage: denn ich konnte gar nicht wissen,
ob es wirklich wahr ist, oder ob der Dessoir, wie sonst, auch diesmal
gelogen hat. Nun aber, nehmen wir an, es ware wahr gewesen: Wofur
ware das ein Beweis? Dafur, daft jedenfalls derjenige, der solche An-
sicht hat, niemals ein richtiger Redner werden kann. Denn niemals
kann derjenige ein richtiger Redner werden, der gerne redet, und der
sich selbst gerne hort, und der auf sein eigenes Reden besonders viel
gibt. Ein richtiger Redner muiS eigentlich immer eine gewisse t)ber-
windung durchmachen, wenn er reden soil, und er mul? diese Uber-
windung deutlich fiihlen. Er mufi vor alien Dingen selbst den schlech-
testen fremden Redner lieber horen wollen, als daft er selber spre-
chen will.
Ich weift sehr genau, was ich mit dieser Sache sage, und weift sehr
genau, wie schwer es manchem von Ihnen 1st, das gerade mir zu glau-
ben, aber es ist so. Ich gebe zwar zu, dafi es andere Vergnugungen gibt
in der Welt, als schlechten Rednern zuzuhoren. Aber es darf jedenfalls
zu diesen anderen grofieren Vergnugungen nicht das gehoren, selber
zu sprechen. Man mu£ sogar einen gewissen Drang haben, andere zu
horen. Man mufi gerne anderen zuhoren, denn durch das Zuhoren
wird man eigentlich ein Redner, nicht durch die Liebe zum eigenen
Reden. Durch das eigene Reden bekommt man eine gewisse Gelaufig-
keit; das mufi aber instinktiv verlaufen. Was einen zum Redner macht,
das ist eigentlich das Zuhoren, das Entwickeln eines Ohres fur die be-
sonderen Eigentiimlichkeiten der anderen Redner, und selbst wenn sie
schlechte Redner sind. Daher werde ich jedem, der mich fragt, wie er
sich am besten vorbereite, nach einer gewissen Richtung hin ein guter
Redner zu werden, antworten: Er hore, aber insbesondere er lese -
ich habe den Unterschied zwischen Horen und Lesen auseinanderge-
setzt - er hore und lese - man kann das ja auch; denn der Unfug be-
steht einmal, dafi die Reden gedruckt werden - die Reden von anderen!
Man wird nur auf diese Art jenes starke Gefuhl bekommen der Abnei-
gung gegen das eigene Reden. Und diese Abneigung gegen das eigene
Reden ist es eigentlich, die es einem ermoglicht, eben entsprechend
wirklich zu reden. Das ist aufierordentlich wichtig. Und bei den Men-
schen, die es doch nicht zustande kriegen das eigene Reden mit Anti-
pathie zu betrachten, bei denen ist es gut, wenn sie wenigstens das
Lampenfieber sich bewahren, denn ohne Lampenfieber und mit Sym-
pathie fur das eigene Reden sich hinstellen und reden, das ist eigentlich
etwas, das man unterlassen sollte, denn es wirkt unter alien Umstan-
den nicht gut in der Welt. Es wirkt zur Sklerotisierung der Rede, zur
Verknocherung, zur Verkapselung der Rede und gehort dann eben zu
dem, was den Leuten die Predigt verdirbt.
Sehen Sie, ich wiirde Ihnen wahrhaftig nicht im Sinne der Aufgabe
dieses Kurses iiber das Reden sprechen, wenn ich aus irgendeiner alten
Rhetorik oder aus nachgebildeten alten rhetorischen Reden heraus
Ihnen hier Redegesetze aufzahlen wiirde, sondern ich will Ihnen aus
voller Erfahrung heraus ans Herz legen, was man eigentlich immer im
Herzen haben soli, wenn man durch Reden auf seine Mitmenschen
wirken will.
Gewifi, einigermafien andern sich die Dinge, wenn man zur Wech-
selrede gezwungen ist, wenn also, ich mochte sagen, ein gewisses Rechts-
verhaltnis auftritt zwischen Mensch und Mensch in der Diskussion.
Aber in der Diskussion, an der man gerade das Rechtsverhaltnis am
schonsten lernen konnte, macht sich heute fast gar nicht dieses Hin-
einprojizieren der allgemeinen Rechtsbegriffe in das Verhaltnis, das
zwischen Mensch und Mensch in der Diskussion, im Wortverhaltnis,
im Satzverhaltnis besteht, geltend. Da handelt es sich wirklich darum,
dafi man dann bei der Diskussion nicht verliebt ist in seine eigene Art
zu denken, in seine Art zu empfinden, sondern dafi man in der Diskus-
sion eigentlich antipathisch empfindet, was man selber zu etwas sagen
mochte und das man heraufholt. Dann kann man das namlich, wenn
man seine eigene Meinung, auch seinen eigenen Arger oder die eigene
Aufgeregtheit zuriickzudammen versteht und hiniiberkriechen kann
in den anderen. So wird das fruchtbar auch in der Debatte, wo etwas
zuriickgewiesen werden mufi. Man kann natiirlich nicht dasselbe sagen,
was der andere sagt, aber man kann von dem anderen das nehmen, was
man gerade zu einer wirksamen Debatte braucht.
Ein ganz eklatantes Beispiel ist das Folgende. Es ist erzahlt in der
letzten Nummer der «Dreigliederung» ; ich habe es vor mehr als zwan-
zig Jahren erlebt. Der Abgeordnete Rickert hielt im deutschen Reichs-
tag eine Rede, in der er Bismarck vorwarf, dafi er die Richtung seiner
Politik andere. Er wies darauf hin, wie Bismarck eine Zeitlang mit den
Liberalen gegangen ist, sich nachher nach den Konservativen gewendet
hat, und hielt eine sehr wirksame Rede, die er zusammenfafite in das
Bild, daft die Bismarcksche Politik darauf hinausliefe, den Mantel
nach dem Winde zu drehen. Nun, Sie konnen sich denken, wie das in
der Empfindung eines Auditoriums, noch dazu einer Schwatzanstalt -
nun, der deutsche Ausdruck ist nicht gut, wenn man ihn braucht,
aber furParlament ist die richtige deutsche TJbersetzung schon Schwatz-
anstalt innerlich, empfindungsgema.fi wirkt, wenn solch ein Bild
gebraucht wird. Bismarck aber stellte sich hin und hielt nun dem Abge-
ordneten Rickert die Dinge entgegen — zunachst mit einer gewissen
Uberlegenheit die er zu sagen hatte; und dann kroch er in den Ab-
geordneten Rickert hine'm.. wie er das in ahnlichen Fallen immer tat.
und sagte: Der Abgeordnete Rickert hat mir vorgeworfen, dafi ich den
Mantel nach dem Winde drehe. Aber Politik treiben ist so etwas, wie
auf der See fahren. Ich mochte wissen, wie man eigentlich richtig
steuern sollte, wenn man sich nicht nach dem Winde drehen will! Ein
richtiger Seefahrer mufi sich, wie ein richtiger Politiker, beim Steuern
selbstverstandlich nach dem Winde richten, wenn er nicht etwa selbst
Wind machen will!
Sie sehen: Das Bild ist aufgegriffen, so gewendet, dafi es nun tat-
sachlich den Pfeil auf den Schiitzen zuriickschlagt. Es handelt sich in
der Debatte darum, die Dinge aufzunehmen, aus dem Redner selber
heraus die Dinge zu holen. Wenn es sich urn ein leichteres Bild handelt,
ist ja die Sache begreiflich. Aber man wird das auch ganz im Seriosen
tun konnen: aufsuchen bei dem Gegner, was aus dem Gegner heraus
selber die Sache zerfasert! In der Regel wird es nicht viel niitzen, wenn
man seine eigenen Griinde den Griinden des Gegners einfach entgegen-
setzt.
Bei der Debatte sollte man eigentlich in folgender Stimmung sein
konnen: Man sollte in dem Augenblick, wo die Debatte losgehen soli,
eigentlich alles, was man bisher gewufit hat, ausschalten konnen, das
alles ins Unbewufite hinunterdrangen, und eigentlich nur wissen, was
der Redner, dem man zu erwidern hat, eben gesagt hat, und dann red-
lich sein Zurechtriickungstalent iiber das, was der Redner gesagt hat,
walten lassen. Das Zurechtriickungstalent walten lassen! In der De-
batte handelt es sich darum, unmittelbar aufzunehmen, was der Red-
ner sagt, und nicht einfach das, was man schon vor langerer Zeit ge-
wufit hat, eben einfach entgegenzustellen. Wenn man das, was man
schon vor langerer Zeit gewufit hat, einfach entgegenstellt, wie es bei
den meisten Debatten geht, so geht die Debatte eigentlich wirklich er-
gebnislos aus, tatsachlich ergebnislos. Man kann ja eigentlich nie je-
manden in einer Diskussion widerlegen. Man mufi sich dessen nur be-
wufit sein, dafi man nie jemanden in einer Debatte widerlegen kann,
sondern man kann nur zeigen, dafi ein Redner entweder sich selbst oder
der Wirklichkeit widerspricht. Man kann nur eingehen auf das, was er
gesagt hat. Und das wird gerade, wenn es als Grundsatz entwickelt
wird, fur Debatten, fur Diskussionen von einer aufierordentlichen
Wichtigkeit sein. Wenn einer in der Debatte nur das sagen will, was er
schon gewufit hat, dann wird es sicher gar keine Bedeutung haben, dafi
er es nach dem Redner vorbringt.
Mir trat das einmal ganz besonders instruktiv, mochte ich sagen,
vor Augen. Ich wurde in Holland auf meiner letzten Reise eingeladen,
auch in der Philosophischen Gesellschaft der Amsterdamer Univer-
sitat einen Vortrag zu halten iiber Anthroposophie. Da war schon der
Vorsitzende selbstverstandlich anderer Meinung als ich. Es war gar
kein Zweifel, dafi er, wenn er in die Debatte eingriff , etwas ganz an-
deres sagen werde als ich. Aber es war ebenso klar, dafi schliefilich das,
was er sagte, nichts ausmachte in bezug auf meine Rede, und dafi meine
Rede auch keinen besonderen Einflufi haben wiirde auf dasjenige, was
er sagen wiirde, aus dem, was er ja ohnedies wufite.Daher fand ich, dafi
er es ganz gescheit gemacht hat: Er brachte, was er zunachst vorzubrin-
gen hatte, nicht etwa hinterher in der Debatte, sondern schon vorher
vor! Er hatte auch das, was er nachher in der Debatte noch angefiigt
hat an seine vorausgehenden Worte, schon am Anfang auch gleich vor-
her vorbringen konnen, es wiirde an der Sache gar nichts geandert
haben.
Uber solche Dinge mufi man sich nur keinen Illusionen hingeben.
Vor alien Dingen kommt es darauf an, dafi gerade ein Redner sich
recht, recht stark in menschliche Verhaltnisse hineinfindet. Aber iiber
menschliche Verhaltnisse darf man sich, wenn die Dinge wirken sollen,
keinen Illusionen hingeben. Vor alien Dingen - das mochte ich Ihnen
heute noch sagen, weil das eine gewisse Grundlage fiir die nachsten
Vortrage abgeben wird -, vor alien Dingen soil man sich keiner Illusion
dariiber hingeben, dafi Reden doch wirken.
Ich mufi immer innerlich furchtbar in eine humoristische Stim-
mung kommen, wenn gutmeinende Zeitgenossen immer wieder und
wieder sagen: Auf Worte kommt es nicht an, auf Taten kommt es an! -
Ich habe an den ungeeignetsten Stellen, sowohl in Zwiegesprachen wie
auch von verschiedenen Podien herab, immer wieder deklamieren ho-
ren: Auf Worte kommt es nicht an; auf Taten kommt es an! - Bei dem,
was in der Welt an Taten geschieht, kommt aiies auf die Worte an!
Es geschehen namlich fiir den, der die Sache durchschaut, gar keine
Taten, die nicht vorher durch die Worte von irgend jemandem vorbe-
reitet sind.
Aber Sie werden verstehen, dafi die Vorbereitung etwas recht Sub-
tiles ist. Denn, wenn es wahr ist, und es ist wahr, dafi man eigentlich
dadurch, daft man pedantisch theoretisch, prinzipiell marxistisch redet,
den Leuten den Magensaft verdirbt, wobei der Magensaft den ubrigen
Organismus infiziert, dann konnen Sie sich denken, wie die Taten
draufien, die sehr stark vom Magensaft abhangen, wie er sich dann in
den ubrigen Organismus ergiefit, wenn er zerstreut wird - wie die Taten
drauften Folgen solcher schlechten Reden sind. Und wie auf der an-
deren Seite wiederum, wenn die Leute nur als Spafimacher auftreten,
fortwahrend Magensaft produziert wird, der dann eigentlich als Essig
wirkt, und der Essig ist ein furchtbarer Hypochonder. Aber die Leute
werden weiter unterhalten, indem das, was heute in die OffentHchkeit
flieftt, ein fortwahrendes Getriebe von Spafimacherei ist. Die Spafi-
macherei von gestern ist noch gar nicht verdaut, wenn die Spafima-
cherei von heute auftritt. Da verschlagt sich der Magensaft von gestern
und wird etwas Essighaftes. Der Mensch wird ja heute schon wiederum
unterhalten. Er kann ganz lustig sein. Aber so, wie er sich in das offent-
liche Leben hineinstellt, so ist es eigentlich der hypochondrische Essig,
der da wirkt. Und diesen hypochondrischen Essig, den kann man dann
finden!
Ja, in den Wirtshausern sind es die marxistischen Redner, die den
Leuten den Magen verderben, und wenn die Leute dann den «Vor-
warts» lesen, so ist dies dasjenige, woran der verdorbene Magen wie-
der zurechtgeriickt werden mufi. Das ist schon ein ganz realer Prozefi.
Man mufi wissen, wie sich in die Welt der Taten die Welt der Re-
den hineinstellt. Der unwahrste Ausspruch - weil aus einer falschen
Sentimentalitat, und alles, was aus einer falschen Sentimentalitat
kommt, ist namlich unwahr der unwahrste Ausspruch gegeniiber
dem Reden ist der: «Der Worte sind genug gewechselt, lafk mich auch
endlich Taten sehn!» Das kann ganz gewifi stehen an einer Stelle eines
Dramas, und dort, wo es steht, steht es schon zu Recht. Aber wenn es
da herausgerissen und als ein allgemeines Diktum hingestellt wird,
dann mag es richtig sein, aber gut ist es ganz sicher nicht. Und wir sol-
len lernen, nicht etwa blofi schon, nicht etwa blofi richtig, sondern auch
gut zu reden, sonst bringen wir die Menschen in den Abgrund hinein,
konnen jedenfalls nichts Zukunf tswiirdiges mit den Leuten besprechen.
Also morgen urn drei Uhr.
F0NFTER VORTRAG
Dornach, 15. Oktober 1921
Versucht habe ich zu charakterisieren, wie man etwa einen Dreiglie-
derungsvortrag aus einem Gedanken heraus formen und dann auch
einteilen kann. In dem, was ich sagte, war ja enthalten sowohl das All-
gemeine, was man vorbringen kann iiber den gesamten sozialen Or-
ganismus, wie auch Hinweise darauf, was in den ersten zwei Gliedern
vorkommen kann, namlich bei der Besprechung des geistigen Lebens
und bei der Besprechung des rechtlich-staatlichen Organismus. Sie wer-
den daraus gesehen haben, wie man, inhaltlich sich vorbereitend fiir
einen solchen Vortrag, vorgehen kann.
Nun, man kann sich aber auch, indem man sich in die Gedanken
und Empfindungen hineinlebt, auf das Wie vorbereiten, und wir wer-
den uns vielleicht am besten verstehen, wenn ich sage, dafi die Vor-
bereitung auf das Wie so sein soil, dafi wir uns bemuhen, schon zu emp-
finden und dann auch zu sprechen dasjenige, was sich bezieht auf das
geistige Leben, in einer mehr lyrischen Sprache - ohne dafi wir selbst-
verstandlich ins Singen oder dergleichen oder ins Rezitieren verfallen -,
in einer lyrischen Sprache, in ruhiger Begeisterung, so dafi man verrat
durch die Art und Weise, wie man die Dinge vorbringt, dafi alles, was
man uber das Geistesleben zu sagen hat, aus einem selbst heraus kommt.
Man soli durchaus die Vorstellung hervorrufen, dafi man begeistert ist
fiir das, was man verlangt fiir den geistigen Teil des sozialen Organis-
mus. Natiirlich darf es nicht falsch-mystische, sentimentale Begeiste-
rung, nicht gemachte Begeisterung sein. Das erreichen wir, wenn wir
uns eben zuerst blofi in der Vorstellung, im inneren Erleben bis auf den
Ton hin vorbereiten darauf, wie etwa so etwas gesagt werden konnte.
Ich sage ausdriicklich: wie etwa so etwas gesagt werden konnte - aus
dem Grunde, weil wir uns niemals wortwortlich binden sollen, sondern
was wir vorbereiten, ist gewissermafien eine bloiS in Gedanken sich
abspielende Rede, und wir sind durchaus darauf gefafit, das, was wir
dann sagen, wiederum in anderer Formulierung zu sagen.
Wenn wir aber reden iiber Rechtsverhaltnisse, da sollten wir schon
den Versuch machen, dramatisch zu sprechen. Das heilk: Wenn wir
sprechen iiber die Gleichheit der Menschen, diese durch Beispiele er-
orternd, sollten wir versuchen, uns moglichst hineinzudenken in den
anderen Menschen. Wir sollten etwa die Vorstellung vor unsere Seele
rufen, wie derjenige, der eine Arbeit sucht, das Recht fiir diese Arbeit
geltend macht im Sinne der «Kernpunkte der sozialen Frage». Und wir
sollten dann gewissermafien, indem wir auf der einen Seite bemerklich
machen, dafi wir aus dem anderen heraus reden, aus seiner rechtlichen
Forderung, wir sollten dann bemerklich machen, wie wir durch eine
leise Anderung der Stimmlage dazu ubergehen, wie man aus allgemein
menschlichen Griinden heraus solch eine Forderung erfullen musse.
Also dramatisches Sprechen, sehr stark moduliertes dramatisches Spre-
chen, das die Empfindung bei den Zuhorern hervorruft, man konne
sich in die Seele von anderen Menschen hineindenken, das wird das-
jenige sein, was wir verwenden sollten beim Sprechen iiber Rechts-
verhaltnisse.
Und beim Sprechen iiber wirtschaftliche Verhaltnisse, da handelt
es sich ja hauptsachlich darum, dafi wir durchaus aus den Erf ahrungen
heraus sprechen. Man sollte iiberhaupt, wenn man im Sinne der Drei-
gliederung des sozialen Organismus iiber wirtschaftliche Verhaltnisse
spricht, gar nicht den Glauben aufkommen lassen, dafi es so etwas wie
eine theoretische Nationalokonomie auch nur geben konnte. Man soli
vielmehr das Hauptsachlichste darauf beschranken, Falle aus dem
wirtschaftlichen Leben selber zu beschreiben, seien es Falle, die man
nachbeschreibt, oder seien es Falle, die man sich zusammenstellt, wie
sie etwa sein sollten oder sein konnten. Aber bei den letzteren Fallen -
wie sie etwa sein sollten oder sein konnten - soil man niemals aufier
acht lassen, aus der wirtschaftlichen Erfahrung heraus zu sprechen.
Man soli eigentlich, wenn man uber das wirtschaftliche Leben spricht,
episch sprechen. Gerade wenn man das vorbringt, was in den «Kern-
punkten der sozialen Frage» stent, soli man so sprechen, wie wenn man
eigenthch uber das wirtschaftliche Leben gar keine Vormeinungen
hatte, gar nicht meinte s das soil so sein oder das soil anders sein, son-
dern wie wenn man sich alles s alles von den Tatsachen sagen liefie.
Man kann ja eine gewisse Empfindung hervorrufen, daS es zurn
Beispiel richtig ist, Kapitalverwaltungen tibergehen zu lassen von dem-
jenigen, der nicht mehr selbst daran beteiligt ist, an jemanden, der
wiederum beteiligt sein kann. Man kann aber iiber so etwas auch nur
sprechen, wenn man es vor die Menschen hinstellt an der Hand von
Beschreibungen dessen, was geschieht, wenn blofie Blutserbverhaltnisse
sind, und dessen, was geschehen kann, wenn ein solches Ubergehen
stattfindet, wie es in den «Kernpunkten der sozialen Frage» beschrie-
ben ist, Man kann nur dadurch, dafi man dieses recht lebendig, wie
wenn man die Wirklichkeit abschriebe, vor die Menschen hinstellt, so
sprechen, dafi das Sprechen im wirtschaftlichen Leben wirklich drin-
nensteht. Und gerade dadurch wird man auch den Assoziationsgedan-
ken begreiflich, plausibel machen. Man wird plausibel machen, dafi
der einzelne Mensch eigentlich gar nichts weifi iiber das Wirtschafts-
leben, dafi er im Grunde genommen ganz darauf angewiesen ist, wenn
er zu einem Urteil uber das kommen will, was im Wirtschaftsleben zu
geschehen hat, sich mit anderen zu verstandigen, so dafl eigentlich im-
mer nur aus Menschengruppen ein wirkliches wirtschaftliches Urteil
hervorgehen kann und man also angewiesen ist auf die Assoziationen.
Man wird dann vielleicht auf Verstandnis stofien, wenn man darauf
aufmerksam macht, dafi ja vieles von dem, was heute besteht, eigent-
lich aus alten instinktiven Assoziationen hervorgegangen ist. Beden-
ken sie nur einmal, wie der heutige abstrakte Markt Dinge zusammen-
bringt, deren Zusammenkommen und wiederum Weiterverteiltwerden
an den Konsumenten gar nicht iiberschaut werden kann. Aber wie
ist man denn iiberhaupt zu diesem Marktverhaltnis gekommen? Im
Grunde genommen aus der instinktiven Assoziation heraus, indem eine
Anzahl von Dorfern in solch einer Entfernung, dafi man hin- und zu-
riickgehen kann im Tage, um einen grofieren Ort herum waren und da
die Leute ihre Produkte austauschten. Das nannte man nicht eine Asso-
ziation. Man sprach iiberhaupt kein Wort aus; aber in Wirklichkeit
war es eine instinktive Assoziation. Diejenigen Leute, welche hier sich
zum Markt vereinigten, waren assoziiert mit all denen, die in den Dor-
fern herum wohnten. Sie konnten rechnen auf einen bestimmten Ab-
satz, der sich erfahrungsgemafi ergab. Daher konnten sie nach dem
Konsum die Produktion regeln in ganz lebendigen Zusammenhangen.
In solchen primitiven Wirtschaften waren durchaus assoziative Ver-
haltnisse, die sich nur nicht als solche aussprachen, vorhanden.
Das alles ist mit der Vergrofierung der wirtschaftlichen Territorien
uniiberschaubar geworden, und insbesondere dann sinnlos geworden
gegeniiber der Weltwirtschaft. Die Weltwirtschaft, zu der es ja erst
gekommen ist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die hat ja alles
ins Abstrakte, das heifit, im wirtschaftlichen Leben auf den blofien
Geld- oder Geldeswertumsatz reduziert, bis sich eben dieses Reduzieren
ad absurdum gefiihrt hat.
Nicht wahr, als Japan mit China Krieg gefiihrt und Japan den
Krieg gewonnen hatte, da konnte man sehr einfach die Kriegsentscha-
digung zahlen, indem einfach der chinesische Minister dem japanischen
Gesandten einen Check iibergab, den der japanische Gesandte dann in
Japan auf eine Bank geben konnte. Das ist ein tatsachlicher Vorgang.
Da waren eben Werte darinnen in diesem Check, der Geld und Geldes-
wert eben ist. Es waren Werte darinnen. Wenn Sie sich vorstellen, dafi
das dazumal alles von dem einen Territorium in das andere hatte iiber-
gefiihrt werden sollen, es ware unter den neuzeitlichen Verhaltnissen
eben schwer gegangen. Aber so konnte man durch die ganze Art und
Weise, wie Japan und China in die ganze Weltwirtschaft hineingestellt
waren, das machen. Aber das hat sich ja selbst ad absurdum gefiihrt.
In dem Handel zwischen Deutschland und Frankreich hat sich das
nicht mehr als moglich erwiesen. Ich meine also, man kann aus den
wirtschaftlichen Zusammenhangen heraus am besten die Dinge er-
ortern, und dann die Notwendigkeit des assoziativen Prinzips dar-
legen.
Dann wird man sich diesen Stoff gerade mit Bezug auf das Wirt-
schaftsleben auch in einer gewissen Weise wiederum zu gliedern haben,
und wird dann iiberzugehen haben zu einigen Schlufisatzen, von denen
ich schon gesagt habe, dafi sie wiederum wortwortlich verfafit werden
sollen oder wenigstens nahezu wortlich.
Wie wird sich denn also eigentlich die Vorbereitung fur eine Rede
ausnehmen? Nun, man suche moglkhst in die Situation oder in das-
jenige, worauf die Zuhorerschaft vorbereitet ist, hineinzukommen da-
durch, dafi man die ersten Satze so gestaltet, wie man es eben fiir not-
wendig halt. Man wird groltere Miihe haben bei ganz unvorbereiteten
Zuhorern, kleinere Miihe, wenn man zu einem Kreis spricht, den man
schon in der Sache drinnenstehend findet, wenigstens in den entspre-
chenden Empfindungen, von den Forderungen, die man erhebt. Dann
wird man den iibrigen Teil der Rede weder aufschreiben, noch wird
man blofie Schlagworte hinschreiben. Die Erfahrung zeigt, dafi die
wortliche Ausarbeitung ebensowenig zu einer guten Rede f iihrt wie das
blofie Aufschreiben von Schlagworten. Das Aufschreiben aus dem
Grunde nicht, weil es einen bindet und dadurch leicht Verlegenheit
bringt, wenn das Gedachtnis holpert, was gerade dann am leichtesten
der Fall ist, wenn die Rede wortwortlich aufgeschrieben ist. Schlag-
worte verleiten sehr leicht dazu, die ganze Vorbereitung zu abstrakt zu
gestalten. Dagegen ist dasjenige, was man am besten aufschreibt und
auch als Manuskript mitbringt, wenn man notig hat, sich an so etwas
zu halten, eine Reihe richtig formulierter Satze als Schlagsatze, die
nicht den Anspruch darauf machen, dafi man sie auch so sagt als einen
Bestandteil der Rede, sondern die dastehen: erstens, zweitens, drittens,
viertens und so weiter, die gewissermafien Extrakte geben, so dafi aus
einem Satz vielleicht zehn oder acht oder zwolf werden. Aber man
schreibe sich solche Satze auf. Man schreibe sich also nicht etwa auf
«Geistesleben als selbstandig», sondern «Das Geistesleben kann nur ge-
deihen, wenn es frei aus sich heraus selbstandig wirkt». Also Schlag-
satze. Sie werden dann, wenn Sie so etwas tun, selbst die Erfahrung
machen, dafi man durch solche Schlagsatze am allerbesten in verhalt-
nismafiig kurzer Zeit in eine gewisse Moglichkeit des freien Sprechens,
das eben nur die Leiter der Schlagsatze hat, hineinkommt.
Fur den Schlufi ist es oftmals sehr gut, wenn man in einer gewissen
Weise, wenigstens leise, zum Anfang wiederum zuruckfiihrt, wenn
also der Schlufi in einer gewissen Weise etwas hat, was als Motiv schon
im Anfang enthalten war.
Und dann geben einem solche Schlagsatze leicht die Moglichkeit,
nun wirklich sich so vorzubereiten, wie vorhin angedeutet wurde, in-
dem man sich auf seinem Blattchen diese Schlagsatze aufgeschrieben
hat. Also, sagen wir, man iiberlegt sich: Was du fur das geistige Leben
zu sagen hast, mufi in dir eine Art lyrischen Charakter haben; was du
fur das Rechtsleben zu sagen hast, muft in dir eine Art dramatischen
Charakter haben; das fur das Wirtschaftsleben mufi in dir einen er-
zahlend-epischen Charakter, einen ruhig erzahlend-epischen Charak-
ter haben. - Dann wird in der Tat schon instinktiv ein wenig die Sucht
hervorgehen und auch die Kunst hervorgehen, in der Formulierung
der Schlagsatze so etwas auszubilden, wie ich es angedeutet habe. Es
wird die Vorbereitung ganz gefiihlsmaftig so erfolgen, daft in der Tat
die Art, wie man redet, hineinwachst in das, was man inhaltlich zu
sagen hat.
Dazu ist aber allerdings notwendig, daft man nun gewissermaften
das, was Sprachbeherrschung sein soil, bis, ich mochte sagen, zum In-
stinkt gebracht hat, daft man also tatsachlich die Sprachorgane so
fiihlt, wie man etwa den Hammer fiihlen wiirde, wenn man irgend
etwas mit dem Hammer machen wollte. Das kann man dann erreichen,
wenn man ein wenig Sprachturnen iibt.
Nicht wahr, wenn man Turnen iibt, so sind das auch nicht Bewe-
gungen, welche dann im wirklichen Leben ausgeiibt werden, aber es
sind Bewegungen, die einen geschmeidig, geschickt machen. Und so
soli man auch die Sprachorgane geschmeidig, biegsam machen. So aber,
daft dieses Geschmeidig-, Biegsammachen mit dem inneren Seelenleben
zusammenhangt, so daft man fiihlen lernt den Laut im Sagen. Ich
habe in dem seminaristischen Kursus, den ich den Waldorflehrern in
Stuttgart vor jetzt mehr als zwei Jahren gehalten habe, eine Reihe von
solchen Sprachttbungen zusammengestellt, die ich Ihnen hier auch mit-
teilen mochte. Sie sind nun so, daft sie zumeist durch ihren Inhalt nicht
davon abhalten, rein in das Sprachelement sich hineinzuleben, sondern
daft sie lediglich darauf ausgehen, ein Sprachturnen zu iiben. Wenn
man diese Satze versucht, immer wieder und wiederum sich laut zu
sagen, aber so zu sagen, daft man immer probiert: Wie machst du es
am besten mit der Zunge, wie am besten mit den Lippen, daft du ge-
rade diese Lautfolge herausbrlngst? -, dann macht man sich unabhan-
gig von dem Sprechen selber, und dann kann man urn so mehr auf das
seelische Vorbereiten fur das Sprechen Wert legen.
Ich werde Ihnen also eine Reihe von solchen, fur das Inhaltliche
oftmals sinnlosen Satzen vorlesen, die aber dazu bestimmt sind, die
Sprachorgane geschmeidig zum Reden zu gestalten.
Dafi er dir log, uns darf es nicht loben
ist das Einfachste. Ein schon etwas Komplizierteres:
Nimm nicht Nonnen in nimmermude Miihlen
Und man soil immer mehr versuchen, angemessen der Lautfolge die
Sprachorgane zu geschmeidigen, zu biegen, zu hohlen, zu erhabenen.
Ein anderes Beispiel:
Rate mir mehrere Ratsel nur richtig
Es geniigt natiirlich nicht, einmal oder zehnmal so etwas zu sagen,
sondern immer wieder und wiederum. Denn wenn die Sprachorgane
auch schon biegsam sind, sie konnen noch immer biegsamer werden.
Ein Beispiel, von dem ich glaube, dafi es ganz besonders niitzlich
ist, ist das Folgende:
Redlich ratsam
Riistet riihmlich
Riesig rachend
Ruhig rollend
Reuige Rosse
Dabei hat man auch zugleich die Gelegenheit, in den Zwischenpausen
den Atem in Ordnung zu bringen, worauf man sehen mufi, und was
insbesondere durch solch eine Ubung sehr gut gemacht werden kann.
In einer ahnlichen Weise - es haben nicht alle Buchstaben, nicht alle
Laute den gleichen Wert fur dieses Turnen — kommen Sie vorwarts,
wenn Sie zum Beispiel das Folgende haben:
Protzig preist
Bader briinstig
Polternd putzig
Bieder bastelnd
Puder patzend
Bergig briistend
Wenn es Ihnen gelingt, nach und nach sich hineinzufinden in diese
Lautfolge, so haben Sie viel davon.
Hat man solche Obungen gemacht, dann kann man auch versu-
chen, diejenigen Obungen zu machen, die dann notwendig darauf hin-
auslaufen, schon Stimmung hineinzubringen in das Sprechen der Laute.
Ich habe ein Beispiel, wie das Lauten in die Stimmung hinein sich er-
giefien kann, versucht, in dem Folgenden zu geben:
Erfiillung geht
Durch Hoffnung
Geht durch Sehnen
Durch Wollen
und jetzt kommt es mehr ins Lauten hinein, wodurch gerade hier die
Stimmung im Laut selber festgehalten wird:
Wollen weht
Im Webenden
Weht im Bebenden
Webt bebend
Webend bindend
Im Finden
Findend windend
Kiindend
Sie werden immer sehen, wenn Sie gerade diese Ubungen machen,
wie Sie in der Lage sind, ohne dafi Sie der Atem stort, den Atem zu
regulieren, wenn Sie sich einfach an das Lauten halten. Man hat in
der neueren Zeit allerlei mehr oder weniger pfiffige Methoden fur das
Atmen und fur alles mogliche, was die Begleittatsachen sind des Spre-
chens und Singens, ausgedacht. Allein das alles sind eigentlich Nichts-
nutzigkeiten, denn Sprechen soli mit allem, was dazugehort, auch mit
dem Atmen, durchaus im Sprechen selbst gelernt werden. Das heifit,
mail soli lernen so zu sprechen, dafi in den Notwendigkeiten, die die
Lautfolge, die Wortzusammenhange ergeben, auch der Atem sich wie
selbstverstandlich mitreguliert. Man soil also nur im Sprechen auch
das Atmen beim Sprechen lernen. Es sollen also die Sprechiibuneen so
sein, dafi man, wenn man sie richtig fiihlt dem Lauten nach, nicht dem
Inhalte, sondern dem Lauten nach, genotigt ist, durch dieses Richtig-
fiihlen des Lautens auch den Atem richtig zu gestalten.
Auf das Inhaltliche wiederum der Stimmung geht schon dasjenige,
was nun der folgende Spruch ist. Er hat vier Zeilen. Diese vier Zeilen
sind so angeordnet, dafi sie gewissermafien ein Aufstieg sind. Jede Zeile
erregt eine Erwartung. Und die fiinfte Zeile ist der Abschlufl und
bringt Erfullung. Nun soli man sich bemiihen, diese Sprechbewegung,
die ich eben charakterisiert habe, wirklich auszufiihren. Der Spruch
heifit:
In den unermefilich weiten Raumen,
In den endenlosen Zeiten,
In der Menschenseele Tiefen,
In der Weltenoffenbarung:
Suche des grofien Ratsels Losung
Da haben Sie die fiinfte Zeile als die Erfullung jener stufenweisen Er-
wartung, die in den vier ersten Zeilen angeschlagen ist.
Nun kann man auch versuchen, schon, ich mochte sagen, die Stim-
mung der Situation in das Lauten, in die Sprechart, in das Wie des
Sprechens hineinzubringen. Und dazu habe ich folgende Obung ge-
formt. Man stelle sich vor einen recht grofien griinen Frosch, der vor
einem sitzt mit offenem Mund. Also einen riesigen Frosch stelle man
sich vor mit offenem Mund, dem man gegeniibersteht. Und nun stelle
man sich vor, was man fur Affekte haben kann gegeniiber diesem
Frosch. In dem Affekt wird Humor drinnen sein, manches andere
drinnen sein; das rufe man recht lebhaft in der Seele hervor. Dann
spreche man diesen Frosch so an:
Lalle Lieder Heblich
Lipplicher Laffe
Lappiger lumpiger
Laichiger Lurch
Stellen Sie sich einmal vor: einen Acker, dariiber gehe ein Pferd. Auf
den Inhalt kommt es nicht an. Sie miissen sich natiirlich jetzt vorstel-
len, dafi die Pferde pfeifen! Nun sprechen Sie die Tatsache, die Sie
hier haben, folgendermafien aus:
Pfiffig pfeifen
Pfaffische Pferde
Pflegend Pfliige
Pferchend Pfirsiche
und dann variieren Sie das, indem Sie so sprechen:
Pfiffig pfeifen aus Napfen
Pfaffische Pferde schliipfend
Pflegend Pfliige hiipfend
Pferchend Pfirsiche kniipfend
Und dann - aber bitte, lernen Sie es auswendig, so dafi Sie recht ge-
laufig die eine und die andere Form hintereinander sagen konnen -
noch eine dritte Form. Lernen Sie alle drei auswendig, und versuchen
Sie, sie so gelaufig zu sprechen, dafi Sie niemals die eine Form im Aus-
sprechen der anderen beirrt. Darauf kommt es hier an. Als dritte Form
nehmen Sie:
Kopfpfiffig pfeifen aus Napfen
Napfpfaffische Pferde schliipfend
Wipfend pflegend Pfliige hiipfend
Tipfend pferchend Pfirsiche kniipfend
Also das hintereinander, so dafi man auswendig die drei Formen kann,
so dafi Sie niemals das eine in dem anderen stort.
Ein Ahnliches konnen Sie dann etwa mit den folgenden zwei Sprii-
chen machen:
Ketzer petzten jetzt klaglich
Letztlich leicht skeptisch
und nun die andere Form:
Ketzerkrachzer petzten jetzt klaglich
Letztlich plotzlich leicht skeptisch
Wiederum auswendig lernen und hintereinander sprechen!
Man kann die Sprache geschmeidig kriegen, wenn man etwa das
Folgende iibt:
Nur renn nimmer reuig
Gierig grinsend
Knoten knipsend
Pfander kniipfend
Man mufi sich gewohnen, diese Lautfolge zu sagen: Nur renn . . . Sie
werden schon sehen, was Sie fiir Ihre Zunge, Ihre Sprachorgane haben,
wenn Sie solche Obungen machen.
Nun erne etwas langer dauernde, eine solche Ubung, wodurch dieses
Geschmeidigwerden im Sprechen hervorgerufen werden kann - ich
glaube, es haben ja hinterher schon Schauspieler gefunden, dafi sie auf
diese Weise am besten ihre Sprache geschmeidig machen -:
Zuwider zwingen zwar
Zweizweckige Zwacker zu wenig
Zwanzig Zwerge
Die sehnige Krebse
Sicher suchend schmausen
Daft schmatzende Schmachter
Schmiegsam schnellstens
Schnurrig schnalzen
Dann: Man braucht zuweilen Geistesgegenwart im unmittelbaren
Sprechen. Man kann sie sich durch folgendes etwa ausbilden:
Klipp plapp plick glick
Klingt Klapperrichtig
Knatternd trappend
Rossegetrippel
Dann: zum weiteren Geistesgegenwartigsein im Sprechen die folgen-
den zwei Beispiele, die zusammengestellt werden konnen:
Schlinge Schlange geschwinde
Gewundene Fundewecken weg
Da ist auch das «Wecken weg» drinnen. Dann aber dasselbe Motiv
als Lautmotiv so:
Gewundene Fundewecken
Geschwinde schlinge Schlange weg
Dann zu dem Kraftigmachen der Sprache, dafi man die Sprache so
hat, dafi man auch einmal einem eins in der Diskussion herunterhauen
kann - so etwas ist schon in der Sprache notig! -, das folgende Bei-
spiel:
Marsch schmachtender
Klappriger Racker
Krackle plappernd link
…[truncated]