Anthroposophie, soziale Dreigliederung und Redekunst

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE 
VORTRAGE 

VORTRAGE UBER DAS SOZIALE LEBEN 
UND DIE DREIGLIEDERUNG DES SOZIALEN ORGANISMUS 



RUDOLF STEINER 

Anthroposophie, 
soziale Dreigliederung 
und Redekunst 

Orientierungskurs 
fur die offentliche Wirksamkeit 
mit besonderem Hinblick 
auf die Schweiz 

Sechs Vortrage, gehalten in Dornach 
vom 11. bis 16. Oktober 1921 



1984 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Walter Kugler 



1. Auflage, Dornach 1940 
(Vervielfaltigung als Studienmaterial 
zur Sozialwissenschaft durch Dr. Roman Boos) 

2., neu durchgesehene Auflage 
Gesamtausgabe Dornach 1971 

3. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1984 



Bibliographie-Nr. 339 

Zeichen auf dem Einband nach einem Entwurf von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel 

ISBN 3-7274-3390-6 (Ln) ISBN 3-7274-3391-4 (Kt) 



Zu den Veroffentlichungen 
am dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 

Die Grundkge der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861 - 1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir 
die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs 
frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Steno- 
graphierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die 
Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner 
aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden rmissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 1 1. Oktober 1921 

Problemstellung, Absicht und Methodik der Vortragsreihe. Vom Wechsel- 
spiel der Seelenkrafte zwischen Redner und Zuhorer. Richtlinien fur die 
Vorbereitung und Durchfiihrung einer Rede: Die Rede soil vom Herzen 
kommen; Verstandnis aufbringen fur Sympathie und Antipathie des Zu- 
horers; Besinnen auf das Gefiihl, das man selbst gegeniiber dem vorzubrin- 
genden Inhalt urspriinglich gehabt hat; Abklarung des Gedankeninhaltes 
schon wahrend der Vorbereitung; den Inhalt der Rede nicht wortwortlich 
formulieren; zu Beginn der Rede sollte die Personlichkeit des Redners 
wirksam werden; er darf sich auch ein wenig lacherlich machen; gegen 
Ende sollte eine gewisse Angstlichkeit in bezug auf den letzten Satz spiir- 
bar werden; die ersten und letzten Satze sind wortwortlich vorzuformulie- 
ren. - Charakterisierung Michael Bernays als Redner. Das Willenselement 
in der Rede in Verbindung mit der Vorbereitung. Uber Erfolg und Mifier- 
folg eines Redners. Die Rede aus dem Stegreif. 

Zweiter Vortrag, 12. Oktober 1921 

Was es grundsatzlich zu beriicksichtigen gilt, wenn man liber Dreigliede- 
rung sprechen will. Uber die Entwicklung des Geistes- und Wirtschaftsle- 
bens. Uber die Notwendigkeit fur den historischen Wendepunkt das ent- 
sprechende Gefiihl zu entwickeln. Einige Aspekte, die der Redner zu 
beriicksichtigen hat. Von der Eloquenz. Formen des Sprechens und ihre 
historisch-geographische Entwicklung: Das schone, richtige und gute Spre- 
chen. - Sprachethik. Uber die Sprache der Theosophen. Von der Notwen- 
digkeit der Freiheit in der Handhabung der Sprache. 

Dritter Vortrag, 13. Oktober 1921 

Uber die zweifache Durchdringung des Redestoffes: Komposition der 
Rede, Zu-Rate-Ziehen aller Erfahrungen aus dem unmittelbaren Leben. - 
Ein dritter Gesichtspunkt: die Ideen so ausarbeiten, dafi sie zur inneren 
Befriedigung vor der Seele stehen konnen. Ankniipfen an das Publikum 
und an das, was in der Gegenwart uber die drei Glieder des sozialen Orga- 
nismus bemerkt werden kann. Uber die Diskussionsredner. Die Begriffe 
sind aus den Erfahrungen des proletarischen Empfindens zu entwickeln. 
Uber den Ideologiecharakter des Geisteslebens am Beispiel von Franz 
Mehrings «Lessing-Legende». Ideologic, Klassenbewufitsein, Mehrwert, 
Arbeitskraft. Vom Intellektualismus und dem Abstrakten im sozialen 
Leben. Uber die Empfindungen der Bourgeoisie. Zusammenfassung und 
Schlufifolgerung. 



Vierter Vortrag, 14. Oktober 192 1 63 

Einige Gesichtspunkte zum Demokratieverstandnis in der Schweiz. 
Exkurs uber die Verhaltnisse in Deutschland und dazu, wie die Dreigliede- 
rung in England und Amerika vertreten werden rniiike. Besonderheiten 
des schweizerischen Staatswesens: Die Schweiz als ein «Schwerpunkt der 
Welt», basierend auf dem Schweizer Franken, nicht jedoch auf dem Gei- 
stesleben; iiber die Politik, die keine ist; zur Entwicklung der Rechtsstaat- 
lichkeit.- Geistesleben, Freiheit und Staatsleben. Zum Verhaltnis zwi- 
schen Redner und Publikum. Uber Humor und Stimmungsgehalt einer 
Rede. Einige Eigenschaften des geschulten Redners: Selbstiiberwindung 
und Gefiihl fur diese; Antipathie gegeniiber dem eigenen Reden, Sympa- 
thie fur das Reden anderer. - Uber das Debattieren am Beispiel Bismarcks 
und einige Schlufifolgerungen. 



Funfter Vortrag, 15. Oktober 1921 84 

Einige methodische Hinweise fur den Redner: Lyrisch sprechen iiber das 
geistige Leben, dramatisch iiber Rechtsverhaltnisse, episch iiber Wirt- 
schaftsverhaltnisse. - Inhaltliche Aspekte zum Wirtschaftsleben: Uber die 
Verwaltung des Kapitals, Marktverhaltnisse und das Assoziationswesen. ~ 
Weitere Gesichtspunkte zur Vorbereitung einer Rede: Hinwenden zur 
Zuhorerschaft; von der Sinnlosigkeit der wortwortlichen Vorbereitung 
und dem Gebrauch von Schlagworten; Schlagsatze formulieren; Korre- 
spondenz zwischen Anfang und Ende einer Rede. - Hinweise fur das 
«Sprachturnen» und einige Sprachubungen. Exkurs iiber die egoistische 
und selbstlose Art zu schreiben und zu sprechen. Uber das Erleben des 
Lautlichen. Ubungen zur Entwicklung der Sprachempfindung und zum 
Erfassen des Sprachgenius. 



Sechster Vortrag, 16. Oktober 1921 103 

Aspekte zum kunstlerischen Durchdringen einer Rede: Beriicksichtigen 
des Ein- und Ausatmens des Zuhorers; Erfassen der Gefiihlslogik einer 
Rede; Appell an das Ohr des Zuhorers. - Uber die Reden von Jesuiten. 
Logik und Unlogik. Humor. Die Bedeutung der Pause in der Rede. Uber 
das Horen. Gedanken zum Verhaltnis von Dreigliederung und Anthropo- 
sophie. Uber das, was dreigegliedert werden soil und auch das, was der 
Redner vermeiden soli. Weitere Gesichtspunkte iiber die Schweiz. Zur 
Notwendigkeit der Entwicklung eines Weltinteresses. 



Hinweise 121 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe ........ 131 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 11. Oktober 1921 



Ich habe die Meinung, dafi es sich bei diesem Kursus handelt urn eine 
Besprechung dessen, was notwendig ist, urn dann wirklich fur die Be- 
wegung fiir Anthroposophie und Dreigliederung, insofern sie heute in 
Betracht kommt, einzutreten. Der Kursus wird also nicht so einge- 
richtet sein, dafi er etwa ein Rednerkursus oder dergleichen im allge- 
meinen sein sollte, sondern als eine Art Orientierungskursus fiir die 
Personlichkeiten, die es sich zur Auf gabe machen, eben in der angedeu- 
teten Richtung zu wirken. 

Personlichkeiten, welche einfach wie eine Art von Mitteilung ent- 
gegennehmen, was von Anthroposophie kommen kann, werden nicht 
viel haben konnen von diesem Kursus. Wir brauchen ja in der Gegen- 
wart durchaus Wirksamkeit innerhalb unserer Bewegung. Diese Wirk- 
samkeit, sie scheint schwer zu entfachen zu sein. Es scheint sich die 
Einsicht schwer zu verbreiten, daiR diese Wirksamkeit in unserer Ge- 
genwart wirklich notwendig ist. 

Es wird sich daher hier nicht um einen formalen Redekursus han- 
deln, sondern gerade um dasjenige, was fiir jemanden notwendig ist, 
der eine ganz bestimmte, eben die angedeutete Aufgabe erfiillen 
mochte. Von einem Herumreden im allgemeinen sollte iiberhaupt auf 
dem Boden der anthroposophischen Bewegung nicht Gebrauch ge- 
macht werden. Das ist ja gerade das Kennzeichen unserer gegenwarti- 
gen Kultur und Zivilisation, dafi im allgemeinen iiber die Dinge her- 
umgeredet wird, dafi konkrete Aufgaben wenig erfafit werden, dafi 
man auch vorzugsweise Interesse fiir ein Herumreden im allgemei- 
nen hat. 

Ich werde daher in diesem Kursus auch nicht die Dinge zu behan- 
deln haben, die ich inhaltlich auseinandersetzen werde, wie sie einer 
Information dienen konnen, sondern ich werde versuchcn, sie so zu be- 
handeln - und das mufi ja in einem solchen orientierenden Kursus der 
Fall sein, weil er eben Unterlage fiir eine bestimmte Aufgabe sein soli -, 
wie sie dann eingehen konnen in die miindliche Rede. Und ich werde 



diese mundliche Rede so behandeln, dafi Riicksicht darauf genommen 
wird, dafi derjenige, welcher sich eine solche mundliche Rede zur Auf- 
gabe stellt, nicht etwa innerhalb eines Rahmens wirkt, wo schon In- 
teresse vorhanden ist, sondern wirkt in ein, zwei oder drei Vortragen, 
durch die er erst das Interesse wecken soil. 

Also in diesem ganz konkreten Sinne mochte ich diesen Kursus ge- 
stalten. Und schon die allgemeinen Gesichtspunkte, die ich heute be- 
sprechen werde, sollen durchaus in diesem ganz konkreten Sinne ge- 
meint sein, so dafi man Unzutreffendes sagen wiirde, wenn man das, 
was ich heute oder in den nachsten Tagen sagen werde - wie es heute 
beliebt ist -, als abstrakte Satze hinstellen wiirde. Von den Formalien 
werde ich heute zu sprechen haben. 

Jedesmal, wenn man sich die Aufgabe stellt, in der mundlichen 
Rede etwas an seine Mitmenschen heranzubringen, wird sich ja selbst- 
verstandlich eine Wechselwirkung abspielen zwischen dem Menschen, 
der etwas mitzuteilen, fur etwas zu wirken, zu etwas zu befeuern hat, 
und zwischen den Menschen, die ihm zuhoren. Ein Wechselspiel der 
Seelenkrafte findet statt. Und auf dieses "Wechselspiel der Seelenkrafte 
wollen wir zunachst unsere Aufmerksamkeit lenken. 

Diese Seelenkrafte leben ja in Denken, Fiihlen und Wollen, und 
niemals ist beim Menschen nur eine einzige Seelenkraft fur sich in ab- 
strakter Form tatig, sondern in jede einzelne Seelenkraft spielen die 
anderen Seelenkrafte hinein, so dafi, wenn wir denken, in unserem 
Denken immer auch das Fiihlen und das Wollen wirkt, ebenso in unse- 
rem Fiihlen das Denken und das Wollen und im Wollen wiederum das 
Denken und das Fiihlen. Dennoch aber kann man das seelische Leben - 
auch in seiner Wechselwirkung zwischen den Menschen - nicht anders 
betrachten, als indem man dieses Tendieren auf der einen Seite nach 
dem Denken und auf der anderen Seite nach dem Wollen ins Auge 
fafit. Und da miissen wir im Sinne unserer Aufgabe von heute nun sa- 
gen: Was wir denken, das interessiert keinen Menschen; und wer 
glaubt, dafi seine Gedanken, insofern sie Gedanken sind, irgendeinen 
Menschen interessieren, der wird sich eine rednerische Aufgabe nicht 
stellen konnen. - Wir werden iiber diese Dinge dann noch genauer zu 
sprechen haben. - Und das Wollen, zu dem wir etwa eine Versamm- 



lung oder vielleicht auch nur einen einzelnen anderen Menschen be- 
feuern wollen, das Wollen also, das wir etwa in unsere Rede hinein- 
legen wollen, das argert die Menschen, das weisen sie instinktiv zu- 
riick. 

Man hat es zunachst mit dem Wirken verschiedener Instinkte zu 
tun, wenn man rednerisch an die Menschen herantritt. Das Denken, 
das man selber in sich entfaltet, interessiert die Menschen nicht, das 
Wollen argert sie. Wenn also jemand etwa aufgefordert wiirde, dieses 
oder jenes zu wollen, so wiirden wir zunachst sein Argernis hervor- 
rufen, und wenn wir unsere schonsten und genialsten Gedanken wie 
Monologe vor den Menschen entrollen wiirden, so wiirden sie gehen. 
Das mu£ Grundsatz fur den Redner sein. 

Ich sage nicht, dafi das so ist, wenn wir etwa eine allgemeine Unter- 
haltung unter Menschen oder einen Kaffeeklatsch oder dergleichen 
charakterisieren. Denn ich rede nicht dariiber, wie diese Dinge zu cha- 
rakterisieren sind, sondern ich rede von dem, was uns beseelen soli, was 
in uns leben soli als richtiger Antrieb fur das Reden, wenn das Reden 
gerade in der Richtung, wie ich es hier meine, einen Zweck haben soil. 
Was man sich als Maxime vorsetzt: Unsere Gedanken interessieren 
kein Publikum, unser Wollen argert jedes Publikum - das braucht 
nicht eine Charakteristik zu sein. 

Nun miissen wir ja berikksichtigen: Wenn jemand redet, so redet 
er meistens nicht aus der Wesenheit des Redens allein heraus, sondern 
er redet aus allerlei Situationen heraus. Er redet vielleicht aus irgend- 
einer Angelegenheit heraus, die schon wochenlang an dem Orte, wo er 
redet, besprochen oder beschrieben wird. Er begegnet natiirlich einem 
ganz anderen Interesse, als wenn er einen ersten Satz zu sagen hat, der 
etwas beriihrt, was seine Zuhorer bisher nicht im geringsten beschaftigt 
hat. Wenn jemand hier im Goetheanum redet, ist es natiirlich etwas 
ganz anderes, als wenn er in einem Wirtshaus in Buchs redet. Ich meine 
jetzt sogar, davon absehen zu konnen, daft man vielleicht im Goethe- 
anum vor Leu ten redet, die sich schon langere Zeit mit dem Stoff be- 
fafit haben, die etwas dariiber gelesen oder gehort haben, wahrend das 
vielleicht in Buchs nicht der Fall ist. Ich meine die ganze Umgebung: 
Die Tatsache, daft man in einen Bau kommt wie das Goetheanum, 



macht es moglich, in ganz anderer Weise sich an das Publikum zu wen- 
den, als wenn man in einem Wirtshaus in Buchs spricht. Und so sind 
unzahlige Umstande, aus denen heraus man redet, die immer beriick- 
sichtigt werden mussen. 

Das aber begriindet insbesondere in unserer Zeit die Notwendigkeit, 
an dem, was nicht sein soli, ein wenig sich zu orientieren iiber das, was 
sein soil. Nehmen wir den extremsten Fall: Ein richtiger Durchschnitts- 
professor habe eine Rede zu halten. Er hat es zunachst mit seinen Ge- 
danken iiber den Gegenstand zu tun; und wenn er ein richtiger Durch- 
schnittsprofessor ist, hat er es zu tun auch mit der Oberzeugung, dafi 
diese Gedanken, die er denkt, iiberhaupt die allerbesten der Welt sind 
iiber den betreffenden Gegenstand. Alles iibrige interessiert ihn zu- 
nachst nicht. Er schreibt sich diese Gedanken auf . Und selbstverstand- 
lich, wenn er diese Gedanken zu Papier bringt, sind sie gut zu Papier 
gebracht. Dann steckt er sich dieses Manuskript in seine linke Seiten- 
tasche, geht hin, gleichgiiltig ob ins Goetheanum oder ins Wirtshaus zu 
Buchs, findet irgendein Rednerpult, das in entsprechender Weise in 
richtiger Entfernung von den Augen aufgestellt ist, legt das Manu- 
skript darauf und liest ab. Ich sage nicht, dafi es jeder so macht, aber 
es ist ein haufig vorkommender und fur unsere Gegenwart doch cha- 
rakteristischer Fall, und er weist uns auf das Grauen, das man heute 
haben kann vor dem Reden. Es ist der Fall, vor dem man am aller- 
meisten Abscheu haben sollte. 

Und da ich gesagt habe, dafi unsere Gedanken eigentlich niemanden 
interessieren, unser Wollen eigentlich jeden argert, dann scheint es auf 
das Fuhlen anzukommen; es scheint also eine besonders bedeutsame 
Ausbildung des Fiihlens zugrunde liegen zu mussen fiir das Reden. 
Also werden schon solche Gefuhle, wenn auch vielleicht von einer ent- 
fernten, so doch in einem gewissen Sinne fundamentalen Bedeutung 
sein: dafi wir uns den richtigen Abscheu angeeignet haben vor diesem 
extremen Fall. Ich habe einmal in einer grofieren Versammlung einen 
Vortrag des beriihmten Helmholtz gehort, der allerdings in dieser Weise 
gehalten worden ist: das Manuskript aus der linken Seitentasche her- 
ausgezogen - abgelesen! Nachher kam ein Journalist zu mir und sagte: 
Warum ist eigentlich dieser Vortrag nicht gedruckt worden und ein 



Exemplar jedem, der da war, in die Hand gedriickt worden? - und 
Helmholtz ware dann herumgegangen und hatte jedem die Hand ge- 
reicht! - Diese Handreichung ware vielleicht den Zuhorern wertvoiler 
gewesen als das schreckliche Sitzen auf den harten Stiihlen, zu dem sie 
verurteilt waren, urn in einer langeren Zeit, als sie es selber hatten lesen 
konnen, sich irgend etwas vorlesen zu lassen. Die meisten hatten ja 
wohl, wenn sie es hatten verstehen wollen, iiberdies sehr lange dazu 
gebraucht; aber denen hat auch das kurze Anhoren nichts geholfen. 

Man mufi schon iiber alle diese konkreten Dinge durchaus nach- 
denken, wenn man verstehen will, wie in Wahrheit und Ehrlichkeit 
die Kunst des Redens angestrebt werden kann. 

Auf dem Philosophenkongrefi in Bologna wurde die bedeutsamste 
Rede so gehalten, dafi sie in drei Sprachen in je drei Exemplaren auf 
jedem Stuhl lag. Man mufite sie erst in die Hand nehmen, um sich dar- 
auf setzen zu konnen, auf den leeren Stuhl. Und dann wurde aus die- 
sem Gedruckten die Rede, die etwas langer als eine Stunde dauerte, 
vorgelesen. Durch einen solchen Vorgang ist selbst die schonste Rede 
eben keine Rede mehr, denn das Verstehen im Lesen ist etwas wesent- 
lich anderes als das Verstehen im Horen. Und diese Dinge mussen 
durchaus berucksichtigt werden, wenn man sich in lebensvoller Weise 
in solche Aufgaben hineinfinden will. 

Gewifi, auch ein Roman kann uns so riihren, daft wir Tranen ver- 
giefien an bestimmten Stellen. Ich meine selbstverstandlich ein guter 
Roman, aber er kann das nur an bestimmten Stellen, kann es nicht 
vom Anfang bis zum Ende. Aber was liegt denn da eigentlich vor beim 
Lesen, dafi wir hingenommen werden vom Gelesenen? Wenn wir von 
dem Gelesenen hingenommen werden, haben wir eine gewisse Arbeit zu 
verrichten, die sehr stark mit dem Inneren unserer Menschenwesenheit 
zusammenhangt. Denn derjenige, der nicht lesen kann, kann diese 
Arbeit gar nicht verrichten. Es wird eine innere Arbeit verrichtet, 
wenn wir lesen. Diese Arbeit, die wir da verrichten, die besteht ja dar- 
in, da$ wir, indem wir den Blick auf einzelne Buchstaben lenken, 
wirklich das, was wir gelernt haben im Zusammenfassen der Buch- 
staben, ausfiihren, um aus diesem Ansehen und Zusammenfassen und 
Uberdenken einen Sinn herauszubekommen. Das ist ein Vorgang, wel- 



cher in unserem Atherleib vor sich geht, im Auf nehmen, und noch stark 
den physischen Leib in Anspruch nimmt, in der Wahrnehmung. 

Das alles fallt aber beim blofien Zuhoren einfach weg. Beim blofien 
Zuhoren findet diese ganze Tatigkeit nicht statt. Aber diese ganze 
Tatigkeit ist in einer bestimmten Weise doch verbunden mit dem Auf- 
nehmen einer Sache. Der Mensch bedarf ihrer, wenn er eine Sache auf- 
nehmen will. Er braucht ein Mittun seines Atherleibes und teil weise 
sogar seines physischen Leibes nicht blofi im Sinnesorgan, also im 
Ohr, sondern er braucht im Zuhoren ein so reges Seelenleben, dafi sich 
dieses Seelenleben nicht im Astralleib erschopft, sondern den Atherleib 
in Schwingungen bringt, und dieser Atherleib dann noch den physi- 
schen Leib mit in Schwingungen bringt. Dasjenige namlich, was sich 
beim Lesen an Aktivitat vollziehen mufi, das mufi sich auch beim An- 
horen einer Rede entwickeln, aber, ich mochte sagen, in einer ganz an- 
deren Form, weil es ja so nicht da sein kann, wie es beim Lesen ist. 
Und was da beim Lesen aufgewendet wird, das ist umgewandeltes Ge- 
fiihl, in den Atherleib und in den physischen Leib hinuntergedrangtes 
Fiihlen, das Kraft wird. Als Gefuhl, als Gefuhlsinhalt miissen wir es 
selbst bei der abstraktesten Rede in der Lage sein, aufzubringen. 

Es ist wirklich so, dafi unsere Gedanken als solche keinen Menschen 
interessieren, unsere Willensimpulse jeden argern und allein unsere 
Gefuhle dasjenige ausmachen, wovon der Eindruck, die Wirkung - 
im berechtigten Sinne natiirlich — einer Rede abhangt. 

Es entsteht daher als wichtigste Frage diese: Wie werden wir in 
unserer Rede etwas haben konnen, was in geniigend starker Weise - 
ohne aufdringlich zu sein, weil wir ja sonst hypnotisieren oder sugge- 
rieren wiirden — eine solche Gefuhlstingierung, eine solche Gefuhls- 
durchsetzung wird hervorbringen konnen? 

Es kann nicht abstrakte Regeln geben, durch die man lernt, wie 
man mit Gefuhl sprechen kann. Denn jemand, der sich in allerlei An- 
leitungen solche Regeln aufgesucht hat, nach denen man mit Gefuhl 
sprechen kann, eindrucksvoll sprechen kann, dem wird man schon 
irgend etwas davon anmerken, dafi seine Rede ihm ganz gewifi nicht 
aus dem Herzen kommt, dafi sie ganz anderswo herstammt als aus dem 
Herzen. Und eigentlich miifite jede Rede durchaus aus dem Herzen 



kommen. Auch die abstrakteste Rede mufite aus dem Herzen kommen, 
und sie kann es. Und gerade das ist es, was wir besprechen miissen: wie 
auch die abstrakteste Rede durchaus aus dem Herzen kommen kann. 

Wir miissen uns nur klar sein dariiber, was eigentlich im Gemiite 
des Zuhorers rege ist, wenn er uns zuhort. Nicht, wenn er uns zuhort 
und wenn wir ihm irgend etwas sagen, was er begierig ist zu horen, 
sondern wenn wir ihm zumuten, dafi er uns als Redner anhoren soli. 
Denn eigentlich ist es ja immer eine Art Attacke auf unsere Mitmen- 
schen, wenn wir mit einer Rede auf sie losgehen. Und auch das ist 
etwas, dessen wir uns durchaus bewufit sein miissen, dafi es eine Attacke 
ist auf die Zuhorer, wenn wir mit einer Rede auf sie losgehen. 

Alles das, was ich sage - ich mull das immer wieder in Parenthese 
hinzufiigen -, gilt als Maxime fiir Redner, nicht als Charakteristik des 
sozialen Verkehrs oder sonst fiir etwas; es gilt als Maxime fiir Redner. 
Wenn ich in bezug auf den sozialen Verkehr sprechen wiirde, so konnte 
ich natiirlich nicht dieselben Satze pragen. Da wiirde ich Torheiten 
sagen. Denn wenn man im Konkreten spricht, so kann ein solcher 
Satz wie: Unsere Gedanken interessieren keinen Menschen - entweder 
etwas sehr Kluges sein oder aber eine grofie Dummheit. Alles, was wir 
sagen, kann eine Dummheit sein im ganzen menschlichen Zusammen- 
hang oder eine Klugheit; es kommt nur darauf an, in welcher Art es 
sich in den Zusammenhang hineinstellt. Daher sind fiir einen Redner 
ganz andere Dinge notwendig als Anleitungen zur formalen Rede- 
kunst. 

Es handelt sich also darum, zu erkennen: Was ist denn eigentlich 
in dem Zuhorer wirksam? Im Zuhorer ist wirksam Sympathie und 
Antipathic Die machen sich, mehr oder weniger unbewufit, durchaus 
geltend, wenn wir ihn mit einer Rede attackieren. Sympathie oder 
Antipathie! Aber mit unseren Gedanken hat er sicherlich zunachst 
keine Sympathie. Auch nicht mit unseren Willensimpulsen, mit dem, 
was wir von ihm gewissermafien wollen, mit dem, wozu wir ihn er- 
mahnen wollen. Fiir Sympathie oder Antipathie zu dem, was wir sa- 
gen, mufi man ein gewisses Verstandnis haben, wenn man irgendwie 
an die Redekunst herantreten will. Sympathie und Antipathie haben 
eigentlich weder mit dem Denken noch mit dem Willen etwas zu tun, 



sondern wirken hier in der physischen Welt lediglich fiir die Gefiihle, 
fiir das Gefiihlsmafiige. Und ein bewufites Verstandnis beim Zuhorer 
fiir Sympathie und Antipathie wirkt so, als ob wir uns den Weg zu 
ihm versperren wiirden - es mufi durchaus dieses Verstandnis fiir Sym- 
pathie und Antipathie etwas sein, das namentlich wahrend der Rede 
durchaus nicht zum Bewuiksein des Zuhorers kommt. Und ein Hin- 
arbeiten auf die Sympathie und Antipathie wirkt so, wie wenn wir 
jeden Schritt so machen wiirden, dafi der Boden, auf den wir auftreten, 
dabei der andere Fufi ist, als ob wir immer mit dem einen Fufi auf den 
anderen treten wiirden. So ungefahr wirkt es in der Rede, wenn wir 
die Sympathie oder Antipathie abf angen wollen. Wir miissen das feinste 
Verstandnis haben fiir Sympathie und Antipathie des Zuhorers, aber 
es darf uns wahrend der Rede nicht das geringste an seiner Sympathie 
oder Antipathie liegen! Wir miissen alles das, was in Sympathie und 
Antipathie hineinwirkt, wenn ich so sagen darf, auf Umwegen, in der 
Vorbereitung, in die Rede hineinbringen. 

Geradesowenig wie es Anleitungen abstrakter Art furs Malen ge- 
ben kann oder furs Bildhauern, ebensowenig kann es Regeln abstrak- 
ter Art furs Reden geben. Aber ebenso wie man die Kunst des Malens 
anregen kann, so auch die Kunst der Rede. Und es handelt sich nur 
darum, dafi man die Dinge, die in dieser Richtung vorgebracht wer- 
den konnen, vollig ernst nimmt. 

Nehmen wir zunachst, um von einem Beispiel auszugehen, den 
Lehrer, der zu Kindern spricht. Von der Genialitat und Weisheit des 
Lehrers hangt eigentlich fiir das Sprechen im Unterrichten das aller- 
wenigste ab. Das allerallerwenigste hangt dabei, ob wir gut Mathema- 
tik oder Geographie lehren konnen, davon ab, ob wir selbst ein guter 
Mathematiker oder ein guter Geograph sind. Wir konnen ein ausge- 
zeichneter Geograph, aber ein schlechter Lehrer der Geographie sein 
und so weiter. Es hangt die Giite beim Lehren, das ja doch zum grofi- 
ten Teil auch im Sprechen besteht, davon ab, was man einmal iiber 
die Dinge, die man vorzubringen hat, gefuhlt, empfunden hat, und 
was fiir Empfindungen wieder angeregt werden dadurch, dafi man 
das Kind vor sich hat. Deshalb lauft zum Beispiel die Padagogik der 
Waldorfschule auf Menschenkenntnis hinaus, das heifit auf Kindes- 



kenntnis; nicht auf eine Kindeskenntnis, die durch abstrakte Psycho- 
logie vermittelt ist, sondern die auf einem vollmenschlichen Begreifen 
des Kindes beruht, so weit, dafi man es durch das bis zum unmittelbaren 
liebevollen Hingeben verdichtete Gefiihl dazu bringt, das Kind nach- 
zuempfinden. Dann ergibt sich aus dieser Nachempfindung, die man 
gegeniiber dem Kinde hat, und aus dem, was man selber einmal gefiihlt 
und empfunden hat an dem, was man vorzubringen hat, aus alledem 
ergibt sich ganz instinktiv die Art, wie man zu sprechen oder auch zu 
hantieren hat. 

Es niitzt zum Beispiel gar nichts, ein blodes Kind so zu unterrich- 
ten, dafi man die Weisheit der Welt, die man selber hat, anwendet. 
Weisheit hilft einem bei einem bloden Kinde nur, wenn man sie gestern 
gehabt und zur Vorbereitung gebrauchthat. In dem Augenblick, woman 
das blode Kind unterrichtet, mufi man die Genialitat haben, selber so 
blode zu seln wie das Kind, und nur die Geistesgegenwart haben, sich zu 
erinnern an die Art, wie man gestern weise war bei der Vorbereitung. 
Man mufi mit dem bloden Kind blode, mit dem nichtsnutzigen Kinde - 
im Gemut wenigstens - nichtsnutzig, mit dem braven Kind brav sein 
konnen und so weiter. Man mufi wirklich als Lehrer - ich hoffe, dafi 
dieses Wort nicht allzustarke Antipathien erweckt, weil es zu stark 
nach Gedanken oder Willen gerichtet ist -, man mufi wirklich eine Art 
Chamaleon sein, wenn man richtig unterrichten will. 

Es gefiel mir daher zum Beispiel ganz gut, was manche Waldorf - 
lehrer zur Erhohung der Disziplin aus ihrer Genialitat heraus gefun- 
den haben. So fangt zum Beispiel unser Freund Walter Johannes Stein, 
wenn sich die Kinder, wahrend erjean Paul tradiert, Brief chen schrei- 
ben, die sie sich reichen, nicht an mit Ermahnungen und dergleichen, 
sondern er geht hin, schaut sich die Sache in aller Geduld an und 
macht dann eine Unterrichtsparen these: er fiigt in den Unterricht ein 
ganz kleines Kapitel iiber das Postwesen ein! Das wirkt viel besser als 
alie Ermahnungen. Das Brief eschreiben wahrend derStunde hort dann 
auf in der Klasse. Das beruht natiirlich auf einem ganz konkreten 
Ergreifen des AugenbHckes. Aber diese Geistesgegenwart mufi man 
selbstverstandlich haben. Man mufi wissen, dafi Sympathien und Anti- 
pathies die man erregen wili,tiefer sitzen, als man gewdhniich meint. 



Und so ist es aufterordentlich wichtig, daft der Lehrer - in der Vor- 
bereitung vor alien Dingen, wenn er irgendein Kapitel in der Klasse 
zu behandeln hat - sich vollig gegenwartig macht, wie er selber an 
dieses Kapitel herangetreten ist, als er in demselben Lebensalter war, 
wie seine Kinder sind, wie er da gefuhlt hat. Nicht, um jetzt wieder- 
um pedantisch zu werden und sich am nachsten Tag, wenn er es be- 
handelt, so zu arten, daft er nun etwa wieder so fiihlt! Nein, es ist schon 
geniigend, wenn in der Vorbereitung dieses Gefuhl heraufgeholt wird, 
wenn es in der Vorbereitung durchgemacht wird. Und dann handelt 
es sich darum, daft man nun eben am nachsten Tage mit der eben ge- 
schilderten Menschenkenntnis wirkt. 

Also auch da handelt es sich darum, daft wir selbst in uns die Mog- 
lichkeit finden, aus dem Gefuhl heraus den Redestoff, der ja, wie ge- 
sagt, ein Teil des Unterrichtsstoffes ist, zu gestalten. 

Wie die Dinge wirken konnen, machen wir uns am besten gegen- 
wartig, wenn wir auch noch das Folgende ins Seelenauge fassen: Wenn 
also etwas Gefiihlsmaftiges wirken muft in dem, was unsere Rede durch- 
pulst, so konnen wir natiirlich nicht gedankenlos sprechen, obwohl 
die Gedanken eigentlich unsere Zuhorer nicht interessieren, und wir 
konnen auch nicht willenlos sprechen, obschon das Wollen sie argert; 
wir werden sogar sehr haufig so sprechen wollen, daft es in die Willens- 
impulse der Menschen hineingeht, daft infolge unserer Rede unsere 
Mitmenschen etwas tun. Aber wir diirfen jedenfalls die Rede nicht so 
einrichten, daft wir durch unseren Gedankeninhalt den Zuhorern lang- 
weilig und durch den Willensanstoft, den wir geben wollen, ihnen anti- 
pathisch werden. 

Daher wird es sich darum handeln, daft wir das Denken iiber die 
Rede ganz mit uns abmachen, moglichst lange, bevor wir sie hal- 
ten, daft wir also das Denkerische ganz und gar zunachst mit uns selbst 
abgemacht haben. Das hat nichts damit zu tun, ob wir dann gelaufig 
reden, ob wir holperig reden. Das letztere hangt, wie wir sehen werden, 
von ganz anderen Umstanden ab. Aber das, was gewissermafien un- 
bewufit in der Rede wirken mufi, das hangt damit zusammen, daft wir 
den Gedankeninhalt viel, viel friiher mit uns selbst abgemacht haben. 
Den Gedankenmonolog, der moglichst lebhaft sein soil, den miissen 



wir vorher abgemacht haben, jenen Gedankenmonolog, der sich so ge- 
staltet, dafi wir uns selber wahrend dieser Vorbereitung in Rede und 
Gegenrede bewegen, dafi wir moglichst alle Einwande vorausnehmen. 
Denn allein dadurch, dafi wir in dieser Weise unsere Rede vorher in 
Gedanken erleben, nehmen wir unserer Rede den Stachel, den sie sonst 
unter alien Umstanden fur die Zuhorerschaft hat. "Wir miissen gewis- 
sermafien unsere Rede dadurch versiifien, dafi wir das Saure der Ge- 
dankenfolge, des logischen Ausbaues, vorher durchgemacht haben, 
aber moglichst so durchgemacht haben, dafi wir uns den wortwort- 
lichen Inhalt der Rede nicht formulieren, dafi wir keine Ahnung da- 
von haben - ich mull natiirlich in Maximen reden, die Dinge konnen 
ja natiirlich nicht in dieser Extremheit hingenommen werden dafi 
wir keine Ahnung davon haben, wenn wir zu reden beginnen, wie wir 
uns die Satze formulieren werden. Die Gedankeninhalte aber miissen 
abgemacht sein. Die wortwortliche Formulierung gar fiir die ganze 
Rede zu haben, ist etwas, was schlieftlich niemals zu einer wirklich 
guten Rede fiihren kann. Denn das kommt schon sehr nahe dem Auf- 
geschriebenhaben, und wir brauchen uns da blofi vorzustellen, dafi 
statt unser ein Phonograph dastiinde, der die Sache von selbst von 
sich gabe; dann ist der Unterschied noch kleiner zwischen dem Auf- 
geschriebenhaben und der Maschine, die das von sich gibt. Aber wenn 
wir eine Rede vorher formuliert haben, so dafi sie so ausgearbeitet ist, 
dafi sie wortwortlich von uns gesprochen werden kann, so unterschei- 
den wir uns ja nicht sehr stark von einer Maschine, der wir das einge- 
kurbelt haben und die wir dann abkurbeln. Da ist schon gar nicht viel 
Unterschied zwischen dem Anhoren einer Rede, die wortwortlich so 
gesprochen wird, wie sie schon wortwortlich ausgearbeitet wurde, und 
dem Lesen, aufier dem, dafi einen beim Lesen nicht der Redner fort- 
wahrend stort, wahrend einen beim Anhoren einer also eingelernten 
Rede, die man wortwortlich spricht, der Redner ja fortwahrend stort. 
Die Gedankenvorbereitung also wird dadurch in der richtigen Weise 
gepflogen, da£ sie ganz bis zum absoluten Einigwerden mit sich selbst, 
aber in Gedanken, dem Halten der Rede vorangeht. Fertig muE man 
sein mit dem, was man vorbringen will. 

Allerdings, einige Ausnahmen sind da fiir gewohnliche Reden, die 



man vor einer sonst unbekannten Zuhorerschaft halt. Wenn man nam- 
lich vor einer solchen Zuhorerschaft gleich damit beginnt, dafi man 
dasjenige, was man so in Gedanken gewissermafien meditativ ausge- 
arbeitet hat, vom ersten Satz an nun auch unter der unmittelbaren, 
wenn ich mich so ausdriicken darf, Inspiration vorbringt, dann tut 
man doch wiederum den Zuhorern nicht etwas recht Gutes. Im Beginne 
einer Rede namlich mufi man schon etwas seine Personlichkeit wirk- 
sam machen; im Beginne der Rede darf man nicht gleich seine Per- 
sonlichkeit ganz ausloschen, weil, ich mochte sagen, erst das Vibrie- 
rende des Gefuhls angeregt werden mufi. 

Man braucht es nun ja nicht gleich so zu machen wie zum Beispiel 
der einstmals in gewissen Kreisen sehr beruhmte Professor der deut- 
schen Literaturgeschichte Michael Bernays, der, als er einmal nach Wei- 
mar kam, um dort eine Rede iiber Goethes Geschichte der Farbenlehre 
zu halten, die ersten Satze so gestalten wollte, dafi allerdings das Ge- 
f iihl der Zuhorer in sehr, sehr intensiver Weise in Anspruch genommen 
wurde; allerdings anders, als er wollte. Er kam nach Weimar schon 
ein paar Tage friiher. Weimar ist eine kleine Stadt; da kann man bei 
den Leuten herumgehen, die zum Teil dann im Saal sein werden, und 
kann Stimmung machen fiir seine Rede. Diejenigen, die es so unmittel- 
bar horen, die sagen es dann den anderen, und es ist eigentlich dann der 
ganze Saal «gestimmt», wenn man die Rede halt. Da ging denn nun 
wirklich der Professor Michael Bernays ein paar Tage lang in Weimar 
herum und sagte: Ach, ich habe mich nicht vorbereiten konnen auf 
diese Rede; der Genius wird mir im rechten Augenblick schon das 
Richtige eingeben. Ich werde warten, was der Genius mir eingibt. - 
Nun hatte er diese Rede im Weimarer «Erholungssaal» zu halten. Es 
war ein heifier Sommertag. Die Fenster mufiten aufgemacht werden, 
und unmittelbar vor den Fenstern dieses «Erholungssaales» war ein 
Huhnerhof . Michael Bernays stellte sich hin und wartete, bis der Ge- 
nius anfing, ihm etwas einzugeben. Denn das wufite ja ganz Weimar: 
Der Genius mufi kommen und mufi Michael Bernays seine Rede einge- 
ben. Und siehe da, in diesem Momente, als Bernays auf den Genius 
wartete, fing dfaufien der Hahn an: Kikeriki! - Jeder Mensch wufite: 
Jetzt hat der Genius gesprochen fiir Michael Bernays! - Die Gefiihle 



waren stark angeregt, allerdings in anderer Weise, als er es gewollt 
hatte. Aber es war eine gewisse Stimmung schon im Saal. 

Ich sage das nicht, urn Ihnen eine nette Anekdote zu erzahlen, son- 
dern weil ich darauf aufmerksam machen mufi: Der Hauptteil der 
Rede soil schon so gestaltet sein, dafi er in Gedanken meditativ gut 
durchgearbeitet ist und nachher frei formuliert wird. Aber der An- 
fang ist ja eigentlich sogar dazu da, dafi man sich ein bifichen lacher- 
lich macht, denn das stimmt die Zuhorer so, daft sie einem dann lieber 
zuhoren. Wenn man sich nicht ein ganz klein wenig lacherlich macht - 
allerdings so, dafi die Sache nicht stark bemerkt wird, dafi sie nur im 
Unterbewufiten ablauft -, dann kann man doch nicht in der richtigen 
Weise fesseln, wenn man irgendwo eine einzelne Rede zu halten hat. 
Es darf natiirlich nicht stark aufgetragen sein, aber es wirkt schon ge- 
niigend im Unterbewulken. 

Was man eigentlich fur jede einzelne Rede haben sollte, ist dies, 
dafi man den ersten, zweiten, dritten, vierten, hochstens noch den fiinf- 
ten Satz wortlich formuliert hat. Dann geht man zu dem iiber, was in 
der Weise angeordnet, orientiert ist, wie ich das eben angedeutet habe. 
Und den Schlufi sollte man wiederum wortlich formuliert haben. Denn 
am Schlufi sollte man eigentlich immer, wenn man ein richtiger Redner 
ist, etwas Lampenf ieber haben, sollte man immer so eine geheime Angst 
haben davor, dafi man seinen letzten Satz nicht findet. Das ist notig 
zur Farbung der Rede. Man braucht das, um die Herzen der Zuhorer 
zu fesseln am Schlusse, dafi man etwas angstlich ist, den letzten Satz 
zu finden. Damit man also, nachdem man nun schwitzend seine Rede 
absolviert hat, dieser Angst in der richtigen Weise entgegenkommt, 
fiige man zu aller iibrigen Vorbereitung dieses hinzu, daft man sich 
merkt die genaue Formulierung auch der letzten ein, zwei, drei, vier, 
hochstens fiinf Satze. Also einen Rahmen miifite eigentlich eine Rede 
haben: Formulierung der ersten und der letzten Satze, und dazwischen 
miiftte die Rede frei sein. Wie gesagt, als Maxime sage ich das. 

Nun werden vielleicht manche von Ihnen sagen: Ja, aber wenn nun 
einer eben nicht so reden kann? - Man wird deshalb nicht gleich sagen 
miissen, die Sache sei so schlirnni, daft er nun iiberhaupt nicht reden 
solle. Es ist ja ganz natiirlich, daft man ein bifkhen besser oder ein 



bifichen schlechter reden kann, so dafi man sich nicht abhalten lassen 
soil vom Reden, wenn man nicht alle Bedingungen erfiillen kann. Aber 
man sollte sich bestreben, diese Bedingungen zu erfiillen, indem man 
solche Maximen zu seinen Lebensmaximen macht, wie wir sie hier 
entwickeln konnen. Und dann gibt es ja ein sehr gutes Mittel, um we- 
nigstens ein ertraglicher Redner zu werden, wenn man auch ganz und 
gar zuerst kein Redner ist, selbst wenn man das Gegenteil eines Red- 
ners ist. Ich kann Ihnen versichern, wenn er sich funfzigmal blamiert 
hat, das einundfunfzigste Mai wird es gehen, gerade deshalb, weil er 
sich funfzigmal blamiert hat. Und derjenige, bei dem fiinfzig nicht 
genug sind, der kann ja hundertmal auf sich laden, aber einmal geht es, 
wenn man Blamagen nicht scheut. Naturlich, niemals wird die letzte 
Rede vor dem Tode gut sein, wenn man vorher Blamagen gescheut hat. 
Aber mindestens die letzte Rede vor dem Tode wird gut sein, wenn 
man sich vorher x-mal im Reden blamiert hat. Das ist auch etwas, 
woran man eigentlich immer denken sollte. Und man wird sich zum 
Redner ganz zweifellos heranbilden. Denn man hat ja nichts notig zum 
Redner, als dafi einem die Leute zuhoren, und dafi man ihnen gewis- 
sermafien nicht allzu nahe tritt, da$ man wirklich vermeidet, was den 
Menschen zu nahe tritt. 

So wie man gewohnt ist, im sozialen Leben zu reden, wenn man mit 
einem anderen Menschen spricht, so wird man in der offentlichen oder 
iiberhaupt in der vor Zuhorern gehaitenen Rede nicht sprechen kon- 
nen. Hochstens wird man zuweilen solche Satze, wie man sie auch im 
gewohnlichen Leben spricht, einfUgen konnen. Denn es ist gut, wenn 
man sich dessen bewufit ist, dafi dasjenige, was man im gewohnlichen 
Leben als Formulierung der Rede hat, fiir die Rede vor einem Zuhorer- 
kreis in der Regel etwas zu fein oder etwas zu grob ist. Ganz stimmt 
es in der Regel nicht. Die Art, wie man im gewohnlichen Leben seine 
Worte formuliert, wenn man einen anderen Menschen anredet, die 
variiert, die pendelt ja immer zwischen etwas Grobsein und etwas Un- 
wahrsein oder Nichthoflichsein. Beides mufi in der vor Zuhorern ge- 
haitenen Rede durchaus vermieden und nur in Parenthese gewisser- 
mafien angewendet werden. Der Zuhorer hat dann das geheime Ge- 
fiihl: Wahrend der sonst so redet, wie man eben in einer Rede redet, 



apostrophiert er einen da plotzlich; er redet wie im Dialog. Da hat er 
im Sinne, uns entweder ein bifichen zu verletzen oder aber uns siifi- 
lich zu kommen. 

Wir miissen aber auch das Willenselement in der richtigen Weise in 
die Rede hineinbringen. Und das kann wiederum nur durch die Vor- 
bereitung geschehen, aber durch diejenige Vorbereitung, die im Durch- 
denken der Sache den eigenen Enthusiasmus anwendet, gewissermafien 
mit der Sache lebt. Was meine ich damit eigentlich? Sehen Sie, zunachst 
ist man fertig mit dem Gedankeninhalt. Man hat sich ihn zu eigen ge- 
macht. Jetzt wiirde der nachste Teil der Vorbereitung der sein: Man 
hort sich gewissermafien im Vortragen dieses Gedankeninhaltes inner- 
lich selber zu. Man fangt an, seinen Gedanken zuzuhoren. Sie brauchen 
nicht wortwortlich formuliert zu sein, wie ich schon sagte, aber man 
fangt an, ihnen zuzuhoren. Das ist es, was das Willenselement in die 
richtige Lage bringt, dieses sich selbst innerlich Anhoren. Denn da- 
durch, dafi wir uns innerlich anhoren, entwickeln wir an den richtigen 
Stellen Enthusiasmus oder Abscheu, Sympathie oder Antipathie, wie 
es sich anknupfen mufi an das, was wir da tradieren. Was wir so er- 
leben, in dieser willensmafiigen Weise, das geht auch in unseren Willen 
hinein und erscheint, wenn wir reden, in der Variation der Tone. Ob 
wir intensiv oder schwacher reden, ob wir heller oder dunkler betonen, 
das haben wir lediglich von dem Durchfuhlen und dem Durchwollen 
unseres eigenen Gedankeninhaltes in der meditativen Vorbereitung. 
Und was wir im Denken haben, das miissen wir allmahlich dazu iiber- 
leiten, ein Bild zu bekommen von der Gestaltung unserer Rede. Dann 
ist auch das Denken in der Rede drinnen, aber nicht in den Worten, 
sondern zwischen den Worten, wie die Worte gestaltet, die Satze ge- 
staltet, die Disposition gestaltet werden. Je mehr wir in der Lage sind, 
iiber das Wie unseres Vortrags zu denken, desto starker wirken wir auf 
den Willen der anderen. Das nehmen die Menschen namlich hin, was 
wir in die Formulierung und in die Kornposition der Rede taineinlegen. 

Wenn wir ihnen kommen und sagen: Jeder von such ist im Grande 
genommen ein schlechter Kerl, der nicht morgen alles tut, um die 
Dreigliederung zu verwirklichen - das argert die Leute. Wenn wir aber 
die Vernunf t der Dreigliederung in einer sokhen Rede vorbringen, die 



naturgemafi komponiert ist, die innerlich gegliedert ist, so dafi sie 
vielleicht selbst sogar eine Art intimer Dreigliederung ist, namentlich 
aber, wenn sie so gestaltet ist, daft wir selber in uns von der Notwendig- 
keit der Dreigliederung uberzeugt sind, mit allem Gefiihl und mit alien 
Willensimpulsen uberzeugt sind, dann wirkt das auf die Menschen, 
dann wirkt es auf den Willen der Menschen. 

Was wir an Gedankenentfaltung angewendet haben, um unsere 
Rede zu einem Kunstwerk zu machen, das wirkt auf den Willen der 
Menschen unbemerkt in der Rede; was aus unserem eigenen Willen her- 
vorgeht, was wir selber wollen, was uns begeistert, was uns hinreifit, 
das wirkt viel mehr auf das Denken der Zuhorer; das regt in ihnen viel 
leichter die Gedanken an. Daher wird ein fur seine Sache begeisterter 
Redner leicht verstanden. Ein kiinstlerisch bildender Redner wird 
leichter den Willen der Zuhorer anregen konnen. Aber der oberste 
Grundsatz, die oberste Maxime mufi denn doch diese sein: dafi wir 
keine Rede anders halten, als gut vorbereitet. 

Ja, aber wenn wir nun gezwungen sind, eine Rede aus dem soge- 
nannten Stegreif zu halten, wenn wir zum Beispiel angeredet werden 
und gleich darauf zu antworten haben, da konnen wir doch nicht erst 
die Zeit zuruckgehen lassen zum vorhergehenden Tage, um da den 
Gegentoast zu meditieren und ihn in Erinnerung bringen, wie ich das 
jetzt eben angedeutet habe; das geht doch nicht! - Und doch geht es! 
Es geht namlich in der Weise, dafi wir gerade in einem solchen Moment 
absolut wahr sind. Oder wir werden in dieser Weise attackiert, dafi 
uns ein Mensch so schrecklich grob kommt, dafi wir ihm gleich darauf 
antworten mussen - dann ist das schon ein starkes Gef uhlsf aktum. Also 
das Gefiihl wird schon in einer entsprechenden Weise angeregt. Da ist 
ein Ersatz da fur das, was wir sonst brauchen, um in Begeisterung und 
so weiter zu beleben, was wir uns erst in Gedanken vorstellen. Dann 
aber, wenn wir in einem solchen Momente nichts anderes sagen als 
dasjenige, was wir als ganzer Mensch in jedem Augenblicke sagen kon- 
nen, wenn wir in dieser Weise attackiert werden, dann sind wir doch 
in einer ahnlichen Weise vorbereitet. 

Gerade bei solchen Dingen handelt es sich eben um den Gesamt- 
entschluft, nur, nur, nur wahr zu sein. Es sind dann ja auch in der 



Regel alle Bedingungen des Verstehens da, wenn die Attacke nicht 
gerade darin besteht, dafi wir in einer Diskussion herausgefordert wer- 
den. Dariiber will ich dann noch sprechen. Denn es handelt sich dann 
eigentlich darum, iiberhaupt nicht eigentliche Reden zu halten, son- 
dern etwas ganz anderes zu tun, was fur uns wohl, wenn wir diesen 
Kursus mit Recht absolvieren wollen, ganz besonders wichtig sein 
wird. Denn wir werden ja, um in dem Sinne zu wirken, wie ich es 
heute im Anfang angedeutet habe, nicht blofi Reden zu halten haben, 
sondern auch in der Diskussion unseren Mann - selbstverstandlich 
auch unsere Dame — zu stellen haben. Und dariiber muE also durch- 
aus auch gesprochen werden, und sogar sehr viel gesprochen werden. 

Nun bitte ich Sie vor alien Dingen, das, was ich heute gesagt habe, 
von dem Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen, dafi es vielleicht ein 
bifichen darauf hinweist, wie schwierig man es hat mit dem Aneignen 
der Redekunst. Aber ganz besonders schwierig hat man es, wenn nicht 
nur geredet, sondern sogar iiber das Reden geredet werden soli. Denken 
Sie sich, wenn man das Malen malen, das Bildhauern bildhauern sollte! 
Also, die Aufgabe ist nicht ganz leicht. Aber wir werden versuchen, 
sie doch in irgendeiner Weise in den nachsten Tagen zu absolvieren. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 12. Oktober 1921 



Wenn wir heute darangehen, zu sprechen iiber Anthroposophie und die 
Dreigliederungsbewegung mit ihren verschiedenen Konsequenzen - die 
ja aus Anthroposophie heraus entspringt und im Grunde aus ihr her- 
aus gedacht werden raufi -, dann miissen wir uns vor alien Dingen vor 
die Seele halten, dafi es schwer ist, verstanden zu werden. Und ohne 
diese Empfindung, dafi es schwer ist, verstanden zu werden, werden 
wir wohl kaum in einer uns befriedigenden Art zurechtkommen kon- 
nen als Redner fur anthroposophisch Geisteswissenschaftliches und 
alles, was damit zusammenhangt. Denn wenn sachgemafi iiber Anthro- 
posophie gesprochen werden soli, mufi eigentlich durchaus anders ge- 
sprochen werden, als man nach den Traditionen des Sprechens ge- 
wohnt ist, iiber Dinge uberhaupt zu sprechen. Man hat sich ja viel- 
fach gewohnt, auch iiber anthroposophische Dinge so zu sprechen, 
wie man eben gewohnt worden ist zu sprechen, namentlich in der 
Zeit des Materialismus. Aber dadurch verbaut man eher das Ver- 
standnis fiir Anthroposophie, als dafi man zu ihr den Zugang er- 
offnete. 

Wir werden uns zunachst einmal nur das Inhaltliche, das Stoffliche 
gewissermafien ganz klarmachen miissen, das uns mit Anthroposophie 
und ihren Konsequenzen entgegentritt. Und ich werde es ja hier in 
diesen Vortragen, wie ich schon gestern sagte, durchaus zu tun haben 
mit einem Anwenden des Rednerischen gerade nur in anthroposophi- 
schen und dazugehorigen Dingen, so dafi, was ich zu sagen habe, eben 
nur dafiir gilt. 

Wir miissen uns nun klarmachen, dafi zunachst fiir, sagen wir, die 
Hauptsache der Dreigliederung das Gefuhl ja erst rege gemacht wer- 
den mufi in unserer gegenwartigen Menschheit. Es mufi im Grunde ge- 
nommen vorausgesetzt werden, dafi ein gegenwartiges Publikum zu- 
nachst mit dem Begriff der Dreigliederung nichts rechtes anzufangen 
weifi, und unser Sprechen mufi langsam dazu fiihren, dem Publikum 
erst eine Empfindung von dieser Dreigliederung beizubringen. 



Man ist ja gewohnt worden in der Zeit, in welcher der Materialis- 
mus geherrscht hat, rednerisch die Dinge der Aufienwelt in beschrei- 
bender Art vorzubringen. Da hatte man in der Aufienwelt selber eine 
Art von Anleitung. Und aufierdem war das Objekt der Aufienwelt, 
ich mochte sagen, zu feststehend, als dafi man nicht geglaubt hatte, 
wie man rede iiber die Dinge der AufSenwelt, das sei schliefilich gleich- 
giiltig, wenn man nur den Menschen zur Anschauung dieser Aufien- 
welt eine Anleitung auf den Weg gebe. Nun, und schliefilich ist es ja 
auch so: Wenn man irgendwo, sagen wir, einen popularen Experimen- 
talvortrag halt und dabei den Leuten vorfuhrt, wie dieser oder jener 
Stoff in der Retorte reagiert, dann sehen sie, wie dieser Stoff in der 
Retorte reagiert, und ob man da nun so oder so redet - ein biflchen 
besser, ein bifichen weniger gut, ein bifichen sachgemafier, ein bifichen 
unsachgemafier -, macht ja schliefilich nichts aus. Und nach und nach 
ist es schon ein wenig so geworden, dafi solche Vortrage und solche 
Reden besucht werden, damit man dasjenige sieht, was experimentiert 
wird, und was da noch gesprochen wird, das nimmt man eben wie eine 
Art mehr oder weniger angenehmen oder unangenehmen Nebenge- 
rausches mit. Man mufi diese Dinge etwas radikal aussprechen, damit 
man gerade in die richtige Richtung weist, in der sich die Zivilisation 
in bezug auf diese Dinge bewegt. Und wenn es sich dann um dasjenige 
handelt, was man in den Leuten fur das Tun, fur das Wollen anregen 
will, da meint man, man miisse vor die Leute eben Ideale hinstellen, da 
miifken sie sich gewohnen, Ideale auf zufassen, und da gleitet man dann 
nach und nach immer mehr ins Utopistische hiniiber, wenn es sich um 
so etwas handelt wie zum Beispiel die Dinge der Dreigliederung des 
sozialen Organismus. 

So ist es ja auch in vieler Beziehung gekommen: Viele Menschen, 
die heute iiber die Dreigliederung reden, rufen durchaus die Meinung 
hervor - durch die Art, wie sie reden -, dafi es sich um irgendeine Uto- 
pie handle, um irgend etwas, was man anstreben solle. Und da man 
immer die Meinung hat, dasjenige, was angestrebt werden soli, das 
miisse meistens erst kommen konnen in fiinfzig, in hundert Jahren - 
oder manche dehnen die Zeit noch langer aus -, so gestattet man sich 
dann auch, ganz unbewufit, iiber die Dinge so zu reden, ais wenn sie 



eben erst in hundert oder fiinfzig Jahren reif waren, heranzukommen. 
Man gleitet sehr bald von der Wirklichkeit ab und redet dann dariiber: 
Wie wird ein Kramerladen eingerichtet sein beim dreigliedrigen sozia- 
len Organismus? Wie wird das Verhaltnis des einzelnen Menschen zur 
Nahmaschine sein im dreigliedrigen sozialen Organismus? -und sowei- 
ter. Diese Fragen werden ja wirklich in Fiille gestellt gegeniiber einer 
Bestrebung, wie die zur Dreigliederung des sozialen Organismus eine 
ist. Gegeniiber einer solchen Bestrebung, die mit alien ihren Wurzeln 
aus der Wirklichkeit herauskommt, sollte man durchaus nicht in dieser 
Weise utopistisch reden. Denn mindestens dieses Gefuhl sollte man 
immer hervorrufen, dafl ja die Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus nichts ist, was man machen kann, machen kann in dem Sinne, wie 
man in irgendeinem Parlamente von der Art, wie zum Beispiel die 
Weimarische Nationalversammlung eines war, Staatsverfassungen 
macht. Die macht man! Aber in demselben Sinne kann man nicht spre- 
chen vom Machen des dreigliedrigen sozialen Organismus. 

Ebensowenig kann man davon sprechen, dafi man organisieren soil, 
damit die Dreigliederung herauskame. Was ein Organismus ist, das 
organisiert man eben nicht; das wachst. Es ist ja gerade das Wesen des 
Organismus, dafi man ihn nicht zu organisieren hat, dafi er sich selbst 
organisiert. Was man organisieren kann, ist kein Organismus. Mit die- 
sen Empfindungen miissen wir von vornherein an die Dinge herange- 
hen, sonst werden wir nicht die Moglichkeit des sachgemafien Aus- 
drucks finden konnen. 

Die Dreigliederung ist etwas, das ja einfach aus dem natiirlichen 
Zusammenleben der Menschen folgt. Man kann dieses natiirliche Zu- 
sammenleben der Menschen falschen, indem man, wie es zum Beispiel 
in der neueren Geschichte der Fall gewesen ist, die Eigentiimlichkeiten 
des einen Gliedes, des rechtlich-staatlichen Gliedes, auf die beiden 
anderen ausdehnt. Dann werden einfach diese beiden anderen Glieder 
korrumpiert, weil sie nicht gedeihen konnen, so wie jemand nicht ge- 
deihen kann, wenn man ihm ein ungeeignetes Gewand anzieht, das 
ihm zu schwer ist oder dergleichen. 

Im naturlichen Zusammenhang der Menschen lebt die Dreigliede- 
rung des sozialen Organismus, lebt das selbstandige Geistesleben, lebt 



das Rechts- oder Staatsleben, das auf die Miindigkeit der Menschen 
gestellt ist, lebt auch das nur aus sich heraus sich gestaltende Wirt- 
schaftsleben. Man kann dem Geistesleben und kann dem Wirtschafts- 
leben 2wangsjacken anlegen, obwohl man es nicht notig hat; aber 
dann macht sich fortwahrend ihr Eigenleben geltend, und was wir 
dann im Aufieren erleben, ist eben das Sich-geltend-Machen des Eigen- 
lebens. Es ist also notwendig, aus der Natur des Menschen und aus der 
Natur des sozialen Zusammenlebens die Selbstverstandlichkeit der 
Dreigliederung des sozialen Organismus zu zeigen. Sehen wir doch, 
wie in Europa das Geistesleben durchaus selbstandig und frei war bis 
zum 13., 14. Jahrhundert, wo man das, was freies, selbstandiges Gei- 
stesleben war, zuerst in die Universitaten hineingeschoben hat. Sie fin- 
den gerade in dieser Zeit die Begnindung der Universitaten, und die 
Universitaten schltipften dann nach und nach wiederum in das Staats- 
leben hinein. So dafi man sagen kann: Etwa vom 13. bis zum 16., 17. 
Jahrhundert schliipfen die Universitaten in das Staatsleben hinein, und 
mit den Universitaten, ohne dafi es ja eigentlich die Leute bemerkt ha- 
ben, auch die ubrigen Unterrichts- und Erziehungsanstalten. Sie sind 
ihnen einfach nachgefolgt. Das haben wir auf der einen Seite. 

Und auf der anderen Seite haben wir ungefahr bis zu demselben 
Zeitalter das freie wirtschaftliche Walten, das seinen eigentlichen mit- 
teleuropaischen Ausdruck gefunden hat in den freien wirtschaftlichen 
Dorfgemeinschaften. Und wie das freie Geistesleben hineingeschlupft 
ist in die Universitaten, die zuerst lokalisiert sind und die dann unter- 
schliipfen unter den Staat, so bekommt dasjenige, was wirtschaftliche 
Organisation ist, zuerst eine gewisse Verwaltung im rechtlichen Sinn, 
indem die Stadte immer mehr und mehr auftauchen und die Stadte nun 
dieses wirtschaftliche Leben zunachst organisieren, wahrend es friiher 
gewachsen ist, als die Dorfgemeinden tonangebend waren. Und dann 
sehen wir, wie nun auch immer wieder mehr und mehr dasjenige, was 
in den Stadten zentralisiert war, unterkriecht in die grofieren Terri- 
torien der Staaten. Wir sehen also, wie die Tendenz der neueren Zeit 
darauf hinausgeht, auf der einen Seite das Geistesleben, auf der an- 
deren Seite das Wirtschaftsleben unterkriechen zu lassen in die Staa- 
ten, die immer mehr und mehr den Charakter der nach romischem 



Rechte konstituierten Gebiete annehmen. Das war eigentlich die Ent- 
wickelung in der neueren Zeit. 

Und an dem Punkte der geschichtlichen Entwickelung sind wir 
angelangt, wo es so nicht mehr weitergeht, wo sich wiederum ein Herz 
und ein Sinn entwickeln mufi fur freies Geistesleben, weil einfach der 
Geist nicht fortschreitet, wenn er in der Zwangsjacke ist, weil er nur 
scheinbar fortschreitet, in Wahrheit aber dennoch zuriickbleibt, nie- 
mals wirkliche Geburten, sondern hochstens Renaissancen feiern kann. 
Und ebenso ist es mit dem Wirtschaftsleben. Wir stehen eben heute ein- 
fach in dem Zeitalter, wo wir die Bewegung, die sich gerade in der zi- 
vilisierten Welt Europas mit ihrem amerikanischen Anhange entwik- 
kelt hat, unbedingt riickgangig machen miissen, wo die entgegenge- 
setzte Richtung einsetzen mufS. Denn dasjenige, was eine Zeitlang sich 
fortentwickelt hat, mufi an einem Punkt ankommen, wo etwas Neues 
einsetzen raui Sonst kommt man in die Gefahr, es ebenso zu machen, 
wie man es machen wiirde, wenn eine Pflanze wachsen sollte und man 
sagen wiirde, man lafit sie nicht zum Keimen kommen, sondern sie soli 
weiter wachsen, sie soli immer weiter, weiter bluhen. Nicht wahr, so 
wiirde sie wachsen: eine Bliite hervorbringen; jetzt keinen Keim, son- 
dern wieder eine Bliite, wieder eine Bliite und so fort. Es ist also durch- 
aus notwendig, dafi man sich in diese Dinge ganz innerlich hineinfin- 
det, und dafi man ein Gefiihl entwickelt fiir den historischen Wende- 
punkt, auf dem wir heute stehen. 

Aber geradeso wie in einem Organismus jede Einzelheit notwendig 
so geformt ist, wie sie eben geformt ist, so ist in der Welt, in der wir 
leben und an der wir mitgestalten, alles so zu formen, wie es im Sinne 
des Ganzen an seinem Orte geformt werden mug. Sie konnen sich nicht 
denken, wenn Sie real denken, dafi Ihr Ohrlappchen auch nur im aller- 
geringsten anders geformt ware, als es eben ist in Gemafiheit Ihres 
ganzen Organismus. Ware Ihr Ohrlappchen nur ein bifichen anders 
geformt, dann miifiten Sie auch eine ganz andere Nase, Sie miifiten 
andere Fingerspitzen haben und so weiter. Und so mufi auch die Rede, 
in die sich etwas ergiefit, was wirklich neue Formen annimmt, durch- 
aus - so wie das Ohrlappchen im Sinne des ganzen Menschen geformt 
ist - im Sinne der ganzen Sache gehalten sein. 



Sie kann nicht gehalten sein in der Art, die man lernen kann etwa 
von der Predigtrede. Denn die Predigtrede, wie wir sie heute noch 
immer haben, beruht auf der Tradition, die eigentlich zuruckgeht bis in 
den alten Orient; und sie beruht ja auf einer besonderen Stellung, wel- 
che der ganze Mensch im alten Orient zu der Sprache hatte. Diese 
Eigentiimlichkeit ist dann fortgesetzt worden, so dafi sie lebte in einer 
gewissen freien Weise in Griechenland, lebte in Rom und heute ihr 
letztes Aufflackern am deutlichsten zeigt in dem besonderen Verhalt- 
nis, das der Franzose zu seiner Sprache hat. Nicht als ob ich damit sa- 
gen wollte, dafi jeder Franzose predigt, wenn er spricht, aber ein ahn- 
liches Verhaltnis, wie es sich aus dem orientalischen Verhaltnis zur 
Sprache entwickeln mufite, lebt durchaus noch in der franzosischen 
Handhabung der Sprache weiter fort, nur eben durchaus in abschussi- 
ger Bewegung. 

Dieses Element, zu dem wir da hinschauen konnen in bezug auf 
das Sprachliche, das ist zum Ausdrucke gekommen, als man das Reden 
noch etwa so lernte, wie man es dann spater, aber schon im Verf alls- 
stadium, lernen konnte von den Professoren, die eigentlich durchaus 
wie Mumien aus alten Zeiten weiterlebten, und die den Titel trugen 
«Professor fiir Eloquenz». Es war in fruheren Zeiten fast an jeder 
Universitat, an jeder Schule, auch an den Seminarien und so weiter, 
solch ein Professor fiir Eloquenz, fiir Rhetorik. Der beriihmte Curtius 
in Berlin fiihrte eigentlich offiziell noch den Titel «Professor fiir Elo- 
quenz ». Aber die Geschichte ist ihm zu dumm geworden und er hat 
nicht Eloquenz vorgetragen, sondern hat sich als Professor fiir Elo- 
quenz nur dadurch gezeigt, dafi er vom Professorenkollegium immer 
ausgeschickt worden ist bei festHchen Gelegenheiten, weil das immer 
die Aufgabe des Professors fiir Eloquenz war. Da hat es sich Curtius 
allerdings sehr angelegen sein lassen, seine Aufgabe fiir solche festlichen 
Gelegenheiten dadurch zu losen, dafi er die alten Regeln der Eloquenz 
moglichst wenig beriicksichtigt hat. Im ubrigen war es ihm zu dumm, 
Professor der Eloquenz zu sein in Zeiten, in die eben Professoren der 
Eloquenz nicht mehr hineinpassen, und er hat Kunstgeschichte, grie- 
chische Kunstgeschichte vorgetragen. Aber im Universitatsverzeichnis 
war er angefiihrt als « Professor der Eloquenz». Das weist uns zuriick 



auf ein Element, das im Reden in den alten Zeiten durchaus vorhan- 
den war. 

Nun, wenn wir etwas, was ganz besonders charakteristisch ist, die 
Ausbildung des Redens fur die mitteleuropaischen Sprachen, also fiir 
das Deutsche etwa, nehmen, so hat ja alles, was man im urspriinglichen 
Sinne mit dem Wort Eloquenz bezeichnen kann, nicht den allerge- 
ringsten Sinn. Denn in diese Sprachen ist schon etwas eingeflossen, was 
durchaus anders ist als dasjenige, was dem Reden in den Zeiten eigen 
war, wo man die Eloquenz ernst nehmen mufite. Fiir die griechische, 
fiir die lateinische Sprache gibt es Eloquenz. Fiir die deutsche Sprache 
ist eine Eloquenz etwas ganz Unmogliches, wenn man innerlich auf 
das Wesenhafte sieht. 

Nun leben wir aber heute durchaus in einem Obergange. Das kann 
auch nicht fortgebraucht werden, was etwa das Redeelement der deut- 
schen Sprache war. Es muE durchaus versucht werden, aus diesem 
Redeelement herauszukommen und in ein anderes Redeelement hin- 
einzukommen. Und das ist mit die Aufgabe, die in einem gewissen 
Sinne zu ldsen hat, wer iiber Anthroposophie oder Dreigliederung heute 
fruchtbar reden soli. Denn erst, wenn eine grofiere Anzahl von Men- 
schen so zu reden vermag, werden Anthroposophie und Dreigliederung 
in der Offentlichkeit auch in einzelnen Vortragen richtig verstanden 
werden, wahrend nicht wenige sind, die nur ein Pseudoverstandnis 
und Pseudobekenntnisse entwickeln. 

Wenn wir zuriickblicken auf das besondere Element, das in bezug 
auf das Reden in den Zeiten vorhanden war, aus denen sich erhalten 
hat die Handhabung der Eloquenz, so mussen wir sagen: Da war es 
so, dafi die Sprache wie herauswuchs aus dem Menschen, in ganz naiver 
Weise, wie seine Finger wachsen, wie seine zweiten Zahne wachsen. Im 
Nachahmungsprozefi ergab sich das Sprechen, ergab sich die Sprache 
mit ihrer ganzen Organisation. Und man kam erst nach der Sprache zu 
dem Gebrauch des Denkens. 

Und nun war es so, dafi der Mensch, wenn er zu anderen Menschen 
unter irgendeiner Aufgabe sprach, darauf zu sehen hatte, dafi das 
innere Erlebnis, das Gedankenerlebnis gewissermafien einschnappte in 
die Sprache. Die Satzfiigung war da. Sie war in einer gewissen Weise 



elastisch und dehnbar. Und innerlicher als die Sprache war das Gedan- 
kenelement. Man erlebte das Gedankenelement als etwas Innerlicheres 
als die Sprache und liefi es dann einschnappen in die Sprache, so dafi 
es hineinpafite, geradeso wie man in den Marmor hineinpafit, was man 
als die Idee irgendeiner Statue oder dergleichen hat. Es war durchaus 
ein kimstlerisches Bearbeiten der Sprache. Es hatte sogar die Art und 
Weise, wie man auch im Prosaischen zu sprechen hatte, etwas Ahn- 
liches mit dem, wie man sich im Poetischen auszudrikken hatte. Rhe- 
torik, Eloquenz hatten Regeln, die gar nicht unahnlich waren den Re- 
geln des poetischen Ausdruckes. Ich mochte hier, damit ich nicht mifi- 
verstanden werde, einfiigen, dafi die Entwickelung der Sprache nicht 
etwa die Poesie ausschliefit. Was ich jetzt sage, sage ich fur altere 
Arten des Ausdruckes, und ich bitte, das nicht so aufzufassen, als wenn 
ich behaupten wollte, heute konne es uberhaupt nicht mehr Poesie 
geben. Wir haben nur notig, die Sprache in der Poesie anders zu be- 
handeln, Aber das gehort ja nicht hierher; das mochte ich nur in Par- 
enthese einfiigen, damit ich nicht mifiverstanden werde. 

Und wenn wir nun fragen: Wie hatte man also in dieser Zeit zu 
sprechen, in welcher der Gedanke, der Empfindungsgehalt in die 
Sprache einschnappte? - Man hatte schon zu sprechen! Das war die 
erste Aufgabe: schon zu sprechen. Schon sprechen kann man daher 
eigentlich auch nur lernen, indem man sich vertieft in die alte Art zu 
sprechen. Schon zu sprechen hatte man. Und das schone Sprechen ist 
durchaus eine Gabe, welche der Menschheit aus dem Oriente zukommt. 
Man mochte sagen: Schon zu sprechen hatte man bis dahin, daft man 
eigentlich als Ideal des Sprechens angesehen hat das Singen, das Singen 
der Sprache. Und nur eine Form dieses Schonsprechens ist das Pre- 
digen, wobei manches abgestreift ist von dem Schonsprechen. Denn 
das voile Schonsprechen ist das kultische Sprechen. Giefit sich das 
kultische Sprechen in die Predict aus, so ist schon manches abeestreift. 
Aber immerhin ist die Predigt eine Tochter des Schonsprechens im 
Kultus. 

Die zweite Form, die dann insbesondere ja in der deutschen Sprache 
und in ahniichen Sprachen zum Ausdruck gekommen ist, ist diese, die 
eigentlich gar nicht bedingt 1st, so daJ$ man gar nicht mehr recht unter- 



scheiden kann zwischen dem Worte und dem Begreifen, dem Worte 
und dem Gedankenerlebnis; das Wort ist abstrakt geworden, so dafi 
es selbst wie eine Art Gedanke sich ausnimmt. Es ist das Element, wo 
abgestreift ist das Verstandnis fur die Sprache selbst. Es kann nicht 
mehr einschnappen, weil man das Einschnappende und dasjenige, in 
das eingeschnappt werden soil, schon von vornherein wie Eines emp- 
findet. 

Wer ist sich denn heute im Deutschen zum Beispiel klar, wenn er 
aufschreibt «Begriff», dafi dies das substantivierte Begreifen ist, das 
Be-greifen, das Greifen mit einer Vorsilbe ist also, das Greifen an etwas 
ausfiihren, dafi «Begriff» also nichts anderes ist als das substantivierte 
gegenstandliche Anschauen? In einer Zeit ist der Begriff «Begriff» 
gebildet worden, als man noch eine lebendige Empfindung hatte von 
dem Atherleibe, der die Dinge angreift. So dafi man dazumal wirklich 
den Begriff des Begriffes bilden konnte, weil das Angreifen mit dem 
physischen Leibe eben nur ein Bild ist von dem Angreifen mit dem 
Atherleibe. 

Aber, um in dem Worte Begriff das Begreifen zu horen, dazu ge- 
hort ja, dafi man die Sprache als einen eigenen Organismus empfin- 
det. In dem Elemente des Sprechens, von dem ich jetzt berichte, da 
schwimmt ja Sprache und Begriff immer durcheinander, da ist gar 
nicht jene scharfe Trennung, die einst im Oriente vorhanden war, wo 
die Sprache ein Organismus ist, mehr aufierlich ist, und das, was sich 
ausspricht, innerlich lebt. Und einschnappen mufite beim Reden das 
innerlich Lebende in die sprachliche Form, und zwar so einschnappen, 
dafi das innerlich Lebende der Inhalt ist, und das, worin es ein- 
schnappte, die aufiere Form. Und dieses Einschnappen mufite im Sinne 
des Schonen geschehen, so dafi man also ein wirklicher Sprachkiinstler 
ist, wenn man reden will. 

Das ist nicht mehr der Fall, wenn man zum Beispiel keine Empfin- 
dung mehr dafur hat, zu unterscheiden zwischen Gehen und Laufen 
in bezug auf das Sprachliche als solches. Gehen: zwei e, man wandelt 
dahin, ohne dafi man sich dabei anstrengt; e ist immer der Empfin- 
dungsausdruck fur die geringe Teilnahme, die man hat an der eigenen 
Tatigkeit.Wenn man ein au im Worte hat, da ist diese Teilnahme gestei- 



gert. Beim Laufen kommt es auch zum Schnaufen, wo derselbe Vokal 
drinnen ist. Da kommt das Innere in Aufruhr. Da mufi ein Laut da 
sein, der diese Modifikation des Inneren andeutet. Aber das alles ist 
ja heute nicht mehr da; die Sprache ist abstrakt geworden. Sie ist wie 
die dahinfliefienden Gedanken selber fur das ganze mittlere und na- 
mentlich auch fur das westliche Gebiet der ZiviKsation. 

In jedem einzelnen Worte ist es moglich, ein Bild, eine Imagination 
zu schauen, und in diesem Bilde kann man so leben wie in etwas rela- 
tiv Objektivem. Derjenige, der noch in alteren Zeiten der Sprache ge- 
geniibergestanden hat, der wird ebensowenig in die Lage gekommen 
sein, die Sprache als etwas zu betrachten, das nicht objektiv mit ihm 
verbunden gewesen ware und in das das Subjektive sich hineinergos- 
sen hatte, wie er niemals aus dem Auge verloren hat, dafi sein Rock 
etwas Objektives ist und nicht mit seinem Leibe als eine andere Haut 
zusammengewachsen ist. 

Die zweite Stufe der Sprache dagegen nimmt ja iiberhaupt den 
ganzen Organismus der Sprache wie eine andere Haut der Seele, wah- 
rend die Sprache vorher viel loser, ich mochte sagen, wie ein Kleid da 
war. Ich spreche jetzt von der Stufe der Sprache, bei der nicht mehr 
in erster Linie in Betracht kommt, schon zu sprechen, sondern richtig 
zu sprechen, bei der es sich nicht um Rhetorik und Eloquenz, sondern 
um Logik handelte, in der die Grammatik selber so weit logisch wurde, 
dafi man ja einf ach - und zwar kommt das seit Aristoteles* Zeiten lang- 
sam herauf - aus den grammatikalischen Formen die logischen ent- 
wickelte, von den grammatikalischen die logischen abstrahierte. Es ist 
ja alles da zusammengeschwommen: Gedanke und Wort. Der Satz ist 
dasjenige, woran man das Urteil entwickelt. Aber das Urteil ist ja 
eigentlich in dem Satze so gelegen, daft man es nicht mehr innerlich 
selbstandig erlebt. Richtigsprechen, das ist die Signatur geworden. 

Nun aber sehen wir heute schon ein neues Element des S^rechens 
heraufkommen, nur iiberall am falschen Ort angewendet, auf ein ganz 
falsches Gebiet iibertragen. Das Schonsprechen verdankt die Mensch- 
heit dem Orient. Das Richtigsprechen liegt im mittleren Gebiet der 
Zivilisation. Und nach dem Westen miissen wir hinschauen, wenn wir 

A. n <g A ** i fr <t lGlamont cu r*1r» c»fTt 



Aber in diesem Westen kommt es zunachst ganz korrumpiert her- 
auf . Wie kommt es herauf ? Nun, zunachst ist die Sprache abstrakt ge- 
worden. "Was Wortorganismus ist, das ist fast schon Gedankenorganis- 
mus. Und im Westen hat sich das allmahlich so gesteigert, dafi man es 
dort vielleicht sogar fiir spafihaft ansehen wurde, solche Dinge noch zu 
erortem. Aber es ist schon, auf einem ganz falschen Gebiete, der Fort- 
schritt durchaus vorhanden. 

Sehen Sie, in Amerika hat sich aufgetan gerade im letzten Drittel 
des 19. Jahrhunderts eine philosophische Richtung, welche «Pragma- 
tismus» genannt wird. In England hat man sie dann «Humanismus» 
genannt. James ist der Vertreter in Amerika, Schiller der Vertreter in 
England. Es sind dann Personlichkeiten da, die nun schon daran sind, 
diese Dinge etwas zu erweitern. So gebiihrt das Verdienst, gerade diesen 
Begriff des Humanismus in einem sehr schonen Sinne erweitert zu 
haben, dem neulich hier anwesend gewesenen Professor Mackenzie. 

Worauf laufen diese Bestrebungen denn hinaus? Ich meine jetzt den 
amerikanischen Pragmatismus und den englischen Humanismus. Sie 
gehen hervor aus einer vollstandigen Skepsis gegeniiber der Erkennt- 
nis: Wahrheit ist etwas, was es eigentlich gar nicht gibt! Wenn wir 
zwei Behauptungen aufstellen, so stellen wir sie eigentlich aus dem 
Grunde auf, um im Leben Richtpunkte zu haben. Von einem «Atom» 
zu sprechen - man kann nicht irgendeinen besonderen Wahrheitsgrund 
dafiir aufbringen; aber es ist niitzlich, in der Chemie die Atomtheorie 
zugrunde zu legen; also stellen wir den Begriff des Atoms auf. Er ist 
brauchbar, er ist niitzlich. Es gibt keine andere Wahrheit als eine solche, 
die in mitzlichen, fiir das Leben brauchbaren Begriffen lebt. «Gott», 
ob es ihn gibt oder nicht, darauf kommt es nicht an. Wahrheit, das ist 
so irgend etwas, was uns nichts angeht. Doch es lafit sich nicht gut 
leben, wenn man nicht den Begriff «Gott» aufstellt; es lafit sich wirk- 
lich gut leben, wenn man so lebt, als ob es einen Gott gabe. Also stellen 
wir ihn auf, weil es ein fiir das Leben brauchbarer, niitzlicher Begriff ist. 
Ob dieErde im Sinne derKant-LaplaceschenTheorie begonnen hat und 
im Sinne der mechanischen Warmetheorie enden wird, vom Wahrheits- 
standpunkt aus weifi kein Mensch etwas dariiber - ich referiere jetzt 
blofi aber es ist niitzlich fiir unser Denken, sich den Anf ang der Erde 



und das Ende der Erde so vorzustellen. Das ist die pragmatistische 
Lehre von James und auch im wesentlichen die humanistische Lehre 
von Schiller. Schlieftlich weift man auch gar nicht, ob der Mensch nun 
wirklich, wenn man vom Wahrheitsstandpunkt ausgeht, eine Seele hat. 
Dariiber kann man diskutieren bis ans Ende der Welt, ob es eine Seele 
gibt oder nicht, aber mitzlich ist es, wenn man all das, was der Mensch 
da im Leben ausfiihrt, begreifen will, eine Seele anzunehmen. 

Natiirlich, es verbreitet sich alles das, was da an einem Orte heute 
in unserer Zivilisation auftritt, wiederum iiber die anderen Orte. Und 
fur solche Dinge, die instinktiv im Westen aufgetreten sind, mufite 
der Deutsche etwas finden, was nun mehr begrifflich ist, was sich 
leichter begrifflich durchschauen lafit. Und daraus entstand die Philo- 
sophic des «Als Ob»: Ob es ein Atom gibt oder nicht, darauf kommt es 
nicht an; wir betrachten die Erscheinungen so, «als ob» es ein Atom 
gabe. Ob das Gute sich realisieren kann oder nicht, dariiber kann man 
nicht entscheiden; wir betrachten das Leben so, «als ob» das Gute sich 
realisieren konnte. Ob es einen Gott gibt oder nicht, dariiber konnte 
man ja bis ans Ende der Welt streiten; wir betrachten aber das Leben 
so, dafi wir handeln, «als ob» es einen Gott gabe. Da haben Sie die 
«Als Ob » -Philosophic 

Man beachtet diese Dinge wenig, weil man sich denkt: Nun ja, da 
sitzt in Amerika der James mit seinen Schulern, da sitzt Schiller in 
England mit seinen Schulern; da ist der Vaihinger, der die Philosophic 
des «Als Ob» geschrieben hat: das sind so ein paar Kauze, die leben 
so in einer Art Wolkenkuckucksheim, und was geht das die anderen 
Menschen an! 

Wer aber das Ohr dafiir hat, der hort heute die «Als Ob » -Philoso- 
phic schon iiberall anklingen: Fast alle Menschen reden im Sinne der 
«Als Ob» -Philosophic Die Philosophen sind nur ganz spafiige Kerle. 
Die plauschen immer das aus, was die anderen Menschen unbewufit 
machen. Wenn man unbefangen genug dazu ist, so hort man heute nur 
selten einen Menschen, der seine Worte noch anders gebraucht, im Zu- 
sammenhang mit seinem Herzen und mit seiner ganzen Seele, mit sei- 
nem ganzen Menschen, der anders spricht, als wie wenn die Sache so 
ware, wie er sie ausdrlickt. Man hat nur gewohnlich nicht das Ohr 



dafiir, im Klang und in der Farbentonung des Sprechens zu horen, dafi 
dieses «Als Ob» drinnen lebt, dafi im Grunde genommen die Menschen 
schon Uber die ganze Zivilisation hin von diesem «Als Ob» ergriffen 
sind. 

Aber so, wie sonst die Dinge am Ende in Korruption kommen, zeigt 
sich da etwas korrumpiert am Anfange, was nun gerade in einem ho- 
heren Sinne entwickelt werden mufi fur die Handhabung der Rede in 
Anthroposophie, in Dreigliederung und so weiter. So ernst, so wichtig 
sind diese Dinge, dafi wir iiber sie eigentlich extra reden sollten. Denn 
es wird sich darum handeln, dafi wir die Trivialitat «Wir gebrauchen 
Begriffe, weil sie nutzlich sind fiir das Leben», dafi wir diese Trivia- 
litat einer materialistischen Utilitatstheorie ins Ethische hinaufheben 
und vielleicht durch das Ethische ins Religiose. Denn die Aufgabe steht 
vor uns, wenn wir wirken wollen im Sinne von Anthroposophie und 
von Dreigliederung, daft wir hinzulernen zu dem, was wir aus der 
Geschichte uns aneignen konnen - zu dem Schonsprechen, zu dem 
Richtigsprechen das Gutsprechen, dafi wir ein Ohr erhalten fiir das 
Gutsprechen. 

Ich habe bis jetzt wenig bemerkt, dafi es aufgefallen ist, wenn ich 
im Verlaufe meiner Vortrage hingewiesen habe - ich habe es sehr 
haufig getan - auf dieses in diesem Sinne Gutsprechen, indem ich im- 
mer gesagt habe, es komme heute nicht allein darauf an, dafi dasjenige, 
was man sagt, im logisch-abstrakten Sinne richtig ist, sondern es komme 
darauf an, dafi in einem gewissen Zusammenhang etwas gesagt wird, 
oder auch unterlassen wird zu sagen, nicht gesagt wird in diesem Zu- 
sammenhange; dafi man ein Gefiihl dafiir entwickelt, daft etwas nicht 
nur richtig sein soil, sondern daft es in seinem Zusammenhang drinnen 
gerechtfertigt ist, dafi es gut sein kann in einem gewissen Zusammen- 
hange, oder schlecht sein kann in einem gewissen Zusammenhange. Wir 
miissen lernen, iiber die Rhetorik, iiber die Logik hinaus eine wirkliche 
Ethik des Sprechens. Wir miissen wissen, wie wir uns in einem gewis- 
sen Zusammenhange Dinge erlauben diirfen, die in einem anderen Zu- 
sammenhange gar nicht gestattet waren. 

Da darf ich jetzt ein naheliegendes Beispiel gebrauchen, das viel- 
leicht schon einigen von Ihnen, die letzthin bei den Vortragen anwe- 



send waren, hat auf fallen konnen: Ich habe in einem gewissen Zusam- 
menhang davon gesprochen, dafl Goethe eigentlich in Wirklichkeit gar 
nicht geboren ist. Ich habe davon gesprochen, dafi Goethe lange Zeit 
sich bemiiht hat, malerisch sich auszudriicken, zu zeichnen, aber dafi 
daraus nichts geworden ist, daf5 das dann iibergeflossen ist in seine 
Dichtungen, und dafi wiederum in den Dichtungen, wie zum Beispiel 
in «Iphigenie» oder besonders in der «Naturlichen Tochter» ja gar 
nicht im schwarmerischen Sinne Dichtungen vorliegen. «Marmorglatt 
und marmorkalt», haben die Leute diese Dichtungen Goethes genannt, 
weil sie fast bildhauerisch sind, weil sie plastisch sind. Goethe hatte 
lauter Fahigkeiten, die eigentlich gar nicht bis zur Menschwerdung 
gediehen sind; er ist gar nicht wirklich geboren. — Sehen Sie, in jenem 
Zusammenhang, in dem ich das ausgesprochen habe letzthin, konnte 
man es ganz gewifi sagen. Aber denken Sie sich, wenn das einer als 
eine These fur sich im absoluten Sinne vertreten wiirde! Es ware nicht 
nur unlogisch; es ware selbstverstandlich ganz verriickt. 

Aus dem Lebenszusammenhang heraus sprechen ist etwas anderes, 
als die Adaquatheit oder Richtigkeit einesWortzusammenhanges finden 
fur den Gedanken- und Empfindungszusammenhang. Heraus entste- 
hen lassen aus einem lebendigen Zusammenhange an einer bestimmten 
Stelle ein Diktum oder dergleichen, das ist dasjenige, was hiniiberfuhrt 
von der Schonheit, von der Richtigkeit zu dem Ethos der Sprache, wo- 
bei man empfindet, wenn man einen Satz ausspricht, ob man ihn aus- 
sprechen darf oder nicht aussprechen darf in dem ganzen Zusammen- 
hange. Da gibt es wiederum, aber jetzt ein verinnerlichtes Zusammen- 
wachsen, jetzt nicht mit der Sprache, sondern mit der Rede. Das ist es, 
was ich das Gutsprechen oder Schlechtsprechen nennen mochte; die 
dritte Form. Neben dem Schon- und Hafilichsprechen, neben dem 
Richtig- oder Unrichtigsprechen kommt das Gut- oder Schlechtspre- 
chen in dem Sinne, wie ich das jetzt dargestellt habe. 

Es ist heute noch vielfach die Ansicht verbreitet, es gabe Satze, die 
man formt und die man dann bei jeder Gelegenheit sprechen konne, 
weil sie absolut geken. Seiche Satze gibt es namlich in Wirklichkeit 
fill- unser Leben in der Gegenwart nicht mehr, sondern jeder Satz, der 
in einem gewissen Zusammenhang moglich ist, ist fur einen anderen 



Zusammenhang heute schon unmoglich. Das heifit, wir sind in erne 
Epoche der Menschheitsentwickelung eingetreten, wo wir notig haben, 
auf diese Vielseitigkeit des Erlebens unser Augenmerk zu lenken. 

Der Orientale, der mit seinem ganzen Denken in einem kleinen Ter- 
ritorium lebte, auch noch der Grieche, der mit seinem Geistesleben, mit 
seinem Rechtsleben, mit seinem Wirtschaftsleben auf einem kleinen 
Territorium lebte, der gofi auch in seine Sprache etwas hinein, was so 
aussieht, wie ein sprachliches Kunstwerk aussehen mufi. Wie ist es denn 
bei einem Kunstwerk? So ist es, dafi in einem einzelnen geschlossenen 
Objekte eigentlich ein Unendliches erscheint auf einem bestimmten Ge- 
biete. So ist sogar, wenn auch einseitig, das Schone definiert worden 
von Hegel, von Hartmann und anderen: Es ist die Erscheinung der 
Idee in einem abgeschlossenen Formgebilde. Es ist das erste, wogegen 
ich mich wenden mufite in meinem Wiener Vortrag « Goethe als Vater 
einer neuen Asthetik», daft das Schone «die Erscheinung der Idee in 
der aufieren Form» sei, indem ich zeigte, daft man gerade das Umge- 
kehrte meinen miisse: daft das Schone entsteht, wenn man der Form 
den Schein des Unendlichen gibt. 

Und so ist es mit der Sprache, die gewissermafien auch als begrenz- 
tes Territorium auftritt, als Territorium, welches die mogliche Bedeu- 
tung in Grenzen einschliefit: wenn in diese Sprache einschnappen mufi 
dasjenige, was eigentlich an innerem Seelen- und Geistesleben unend- 
lich ist. Da muf5 es in schoner Form zum Ausdrucke kommen. 

Beim Richtigsprechen, da mufi es adaquat sein, da mufi der Satz 
zum Urteil, der Begriff zum Wort passen. Dazu waren die Romer ge- 
notigt, ganz besonders als ihr Territorium immer grofier und grofier 
wurde: da formte sich ihre Sprache um aus dem Schonen ins Logische, 
daher dann die Sitte beibehalten worden ist, gerade in der lateinischen 
Sprache den Leuten Logik beizubringen. Sie haben es ja auch daran 
ganz gut gelernt. 

Aber nun sind wir wiederum iiber dieses Stadium hinaus. Nun ist 
es notwendig, dafi wir die Sprache empfinden lernen mit Ethos, dafi 
wir gewissermaiSen eine Art Moralitat des Sprechens in unsere Rede 
hinein gewinnen, indem wir wissen, wir haben uns in einem gewis- 
sen Zusammenhange etwas zu gestatten oder etwas zu versagen. Da 



schnappt die Sache nicht ein in der Weise, wie ich es friiher geschildert 
habe, sondern da verwenden wir, indem wir das Wort gebrauchen, 
dieses Wort, um zu charakterisieren. Da hort alles Definieren auf; da 
wird das Wort verwendet, um zu charakterisieren. Da wird das Wort 
so gehandhabt, dafi man eigentlich jedes Wort als etwas Ungeniigendes 
empfindet, jeden Satz als etwas Ungeniigendes empfindet, und den 
Drang hat, dasjenige, was man hinstellen will vor die Menschheit, von 
den verschiedensten Seiten her zu charakterisieren, gewissermafien um 
die Sache herumzugehen und sie von den verschiedensten Seiten zu 
charakterisieren. Ich habe oft betont, dafi das die Darstellungsweise 
der Anthroposophie sein mu£. Ich habe es oft betont, dafi man ja nicht 
glauben solle, man konne das adaquate Wort, den adaquaten Satz fin- 
den, sondern man kann sich nur so verhalten wie der Photograph, der, 
um einen Baum zu zeigen, wenigstens vier Aspekte nimmt. Also her- 
aufgehoben werden mu6 eine Anschauung, die sich in einer abstrakten, 
trivialen Philosophic als «Pragmatismus» und «Humanismus» auslebt, 
heraufgehoben mufi sie werden ins Gebiet des Ethischen. Und dann 
muiS sie sich zuerst ausleben im Ethos der Sprache: Wir mussen gut 
sprechen lernen. Das heifit, wir mussen fiir das Sprechen etwas erleben 
von alldem, was wir sonst erleben in bezug auf die Ethik, die Sitten- 
lehre. 

Und im Grunde genommen ist ja die Sache in der neueren Zeit recht 
anschaulich geworden. Da haben wir im Sprechen der Theosophen eine 
einfach schon durch die Sprache bedingte Altertiimlichkeit, namlich 
altertiimlich in bezug auf die letzten Jahrhunderte materialistischer 
Farbung: «physischer Leib» - nun, er ist dick; «Xtherleib» - er ist diin- 
ner, nebelhaft; «astralischer Leib» - wiederum diinner, aber eben doch 
nur diinner; «Ich» - noch diinner. Nun kommen ja immerfort und im- 
merfort neue Glieder der menschlichen Wesenheit: das wird immer 
diinner. Man weifi zuletzt schon gar nicht mehr s wie man zu dieser 
Dunnheit noch kommen kann, aber jedenfalls wird es nur immer diin- 
ner und diinner. Man kommt aus dem Materialismus nicht heraus. Das 
ist ja audi das Kennzeichen dieser theosophischen Literatur. Und das 
ist immer das Kennzeichen, was da auftritt, wenn iiber diese Dinge 
gesprochen werden so!i s von dem theoretischen Sprechen bis zu dem, 



was ich einmal innerhalb der Theosophischen Gesellschaft in Paris er- 
lebt habe, ich glaube, es war 1906. Da wollte eine Dame, die eine rich- 
tige kernf este Theosophin war, ausdriicken, wie gut ihr einzelne Reden 
gefallen haben, die in dem Saal, wo wir waren, gesprochen worden 
sind; und da sagte sie: Es sind so gute Vibrationen da! - Und man 
merkte ihr an: eigentlich war dieses gemeint wie etwas, das man 
schniiffelt. Also die Diifte, die da zuriickgeblieben waren von den 
Reden und die man so etwas erschniiffeln konnte, die waren eigentlich 
gemeint. 

Wir miissen lernen, die Sprache loszureifien von der Adaquatheit. 
Denn sie kann adaquat sein nur dem Materiellen. Wollen wir sie fiir 
das Spirituelle verwenden im Sinne der heutigen Entwickelungsepoche 
der Menschheit, dann miissen wir sie freibekommen. Dann mufi Frei- 
heit in das Handhaben der Sprache hineinkommen. Und wenn man 
diese Dinge nicht abstrakt, sondern lebensvoll nimmt, so ist das erste, 
wo hineinkommen mufi Philosophic der Freiheit in das Sprechen, in 
die Handhabung der Sprache. Denn das hat man notig, sonst wird 
man nicht den Ubergang finden zum Beispiel zu der Charakteristik des 
freien Geisteslebens. 

Sehen Sie, fiir freies Geistesleben, das heifit Geistesleben, das aus sei- 
nen eigenen Gesetzen heraus da ist, es ist noch nicht sehr viel Verstand- 
nis in der gegenwartigen Menschheit dafiir vorhanden. Denn meistens 
versteht man unter freiem Geistesleben ein Gebilde, in dem Menschen 
leben, von denen jeder nach seinem eigenen Kikeriki kraht, wo jeder 
Hahn - verzeihen Sie das etwas merkwiirdige Bild - auf seinem eige- 
nen Misthaufen kraht, und wo dann die unglaublichsten Zusammen- 
klange aus diesem Krahen zustandekommen. In Wirklichkeit kommt 
beim freien Geistesleben namlich durchaus Harmonie zustande, weil 
der Geist lebt, nicht die einzelnen Egoisten, weil der Geist wirk- 
lich uber die einzelnen Egoisten himiber ein eigenes Leben fuhren 
kann. 

Es ist zum Beispiel - man mufi diese Dinge schon heute sagen - fiir 
unsere Waldorfschule in Stuttgart durchaus ein Waldorfschulgeist da, 
der unabhangig ist von der Lehrerschaft, in den die Lehrerschaft sich 
hineinlebt, und in dem es immer mehr und mehr klar wird, dafi unter 



Umstanden der eine fahiger oder unfahiger sein kann - der Geist aber 
hat em eigenes Leben. 

Es ist eine Abstraktion, von der sich heute noch die Menschen eine 
Vorstellung machen, wenn sie von «freiem Geist» sprechen. Das ist ja 
gar keine Wirklichkeit. Der freie Geist ist etwas, waswirklich lebt unter 
den Menschen, man mufi ihn nur zum Dasein kommen lassen, und was 
wirkt unter den Menschen, man mufi ihn nur zum Dasein kommen 
lassen. 

Was ich heute zu Ihnen gesprochen habe, habe ich im Grunde auch 
nur gesprochen, um das, was wir hier profitieren sollen, von prinzipiel- 
len Empfindungen ausgehen zu lassen, also von der Empfindung des 
Ernstes der Sache. Ich kann natiirlich nicht meinen, dafi jetzt alle gleich 
hinausgehen und so, wie die Alten schon gesprochen haben, die Mitt- 
leren richtig, nun alle gut sprechen werden! Aber Sie konnen deshalb 
auch nicht einwenden: Was helfen uns denn dann unsere ganzen Vor- 
trage, wenn wir ja doch nicht gleich gut sprechen konnen? - Sondern 
es handelt sich darum, dafi wir wirklich die Empfindung bekommen 
von dem Ernst der Lage, in die wir uns dadurch hineinleben sollen, dafi 
wir wissen: Was da gewollt wird, ist etwas in sich so organisch Ganzes, 
dafi sich selbst in der Sprache nach und nach ausdriicken raufi eine 
Notwendigkeit der Form, wie sich in dem Ohrlappchen eine Notwen- 
digkeit der Form ausdriickt, wie das nicht anders sein kann, je nach- 
dem der ganze Mensch ist. 

So werde ich versuchen, dann noch naher zusammenzubringen, was 
nun bei uns Inhalt von Anthroposophie und Dreigliederung ist, mit 
der Art, wie es an die Menschen herangebracht werden soil. Und ich 
werde aus dem Prinzipiellen in das Konkrete und in dasjenige, was 
dem Praktizieren zugrunde liegen soil, immer mehr und mehr herein- 
kommen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 13. Oktober 1921 



Es wird sich, zu den Aufgaben, die man sich auf einem bestimmten 
Gebiete als Redner stellen kann, darum handeln, den Stoff, den man 
zu behandeln hat, in der entsprechenden Weise zunachst selber zu 
durchdringen. Es gibt eine zweifache Durchdringung des Stoffes, in- 
sofern die Mitteilung iiber diesen Stoff durch das Reden in Betracht 
kommt. Das erste ist, sich den Stoff fur eine entsprechende Rede anzu- 
eignen so, daiS man ihn gliedern kann, dafi man gewissermafien in die 
Lage versetzt ist, der Rede eine Komposition zu geben. Ohne Kom- 
position kann eine Rede eigentlich nicht verstanden werden. Es kann 
dem Zuhorer an einer nichtkomponierten Rede das eine oder das an- 
dere gef alien; aber in Wirklichkeit aufgenommen wird eine nicht- 
komponierte Rede nicht. Insofern die Vorbereitung in Betracht kommt, 
mufi es sich daher darum handeln, dafi man einsieht: Jede Rede mufi 
unbedingt schlecht werden in bezug auf die Aufnahme durch die Zu- 
horer, welche nur so entstanden ist, dafi man einfach eine Ausfiihrung 
nach der anderen, einen Satz nach dem anderen sich vorgestellt hat 
und eines nach dem anderen in der Vorbereitung gewissermafien durch- 
genommen hat. Ist man nicht in der Lage, wenigstens in irgendeinem 
Stadium der Vorbereitung die ganze Rede als ein Ganzes zu iiber- 
schauen, dann kann man eigentlich nicht auf Verstandenwerden rech- 
nen. Hervorgehenlassen die ganze Rede gewissermafien aus einem 
umfassenden Gedanken, den man gliedert, und Entstehenlassen der 
Komposition dadurch, dafi man von einem solchen einheitlichen, 
das Ganze der Rede umfassenden Gedanken ausgeht, das ist das 
erste. 

Das andere ist das Zu-Rate-Ziehen aller Erfahrungen, die man fur 
das Gebiet der Rede aus dem unmittelbaren Leben heraus haben kann, 
also moglichst in die Erinnerung rufen alles dasjenige, was man in 
der betreffenden Sache unmittelbar erlebt hat, und versuchen, nach- 
dem man eine Art Komposition der Rede vor sich hat, die Erfahrun- 
gen in diese Komposition da oder dort hineinfliefien zu lassen. 



Das wird im allgemeinen die Skizze zum Vorbereiten sein. Man 
hat also dann in der Vorbereitung das Ganze der Rede vor sich wie 
in einem Tableau. Und so genau hat man dieses Tableau vor sich, dafi 
man, wie es ja naturgemafi sein wird, die einzelnen Erfahrungen, an 
die man sich erinnert, in beliebiger Weise dahin oder dorthin unter- 
bringen kann, wie wenn man auf dem Papier aufgeschrieben hatte: 
a, b, c, d, und man nun eine Erfahrung hatte; man weifi, sie gehort 
unter d, eine andere unter f, eine andere gehort unter a, so dafi man 
also gewissermafien von der Folge der Gedanken, wie sie nachher 
vorgebracht werden sollen, in bezug auf dieses Aufsammeln der Er- 
fahrungen unabhangig ist. Ob man so etwas macht, indem man es zu 
Papier bringt, oder ob man es in freier Verarbekung ohne Zuhilfe- 
nahme des Papiers macht, davon wird ja nur abhangen, dafi derjenige, 
der auf das Papier angewiesen ist, eben schlechter reden wird, und der- 
jenige, der auf das Papier nicht angewiesen ist, etwas besser reden 
wird. Aber man kann natiirlich durchaus beides machen. 

Nun handelt es sich aber darum, dafi man noch ein Drittes absol- 
viert, und das ist, nachdem man auf der einen Seite das Ganze hat - 
ich sage niemals: das Gerippe hat - und auf der anderen Seite die ein- 
zelnen Erfahrungen, hat man notig, die Ideen, die sich ergeben, so 
weit auszuarbeiten, daft diese Dinge bis zur vollstandigsten eigenen 
inneren Befriedigung vor der Seele stehen konnen. 

Nehmen wir also als Beispiel an, wir wollten eine Rede halten iiber 
Dreigliederung. Hier werden wir uns sagen: Nach einer Einleitung, 
uber die werden wir noch sprechen, und vor einem Schlusse, iiber den 
wir auch noch sprechen, ist eigentlich die Komposition einer solchen 
Rede durch die Sache selbst gegeben. Der einheitliche Gedanke ist durch 
die Sache selbst gegeben. Ich sage das bei diesem Beispiel. Wenn man 
ordentlich geistig lebt, so gilt das eigentlich fur jeden einzelnen Fall, 
es gilt fiir alles gleich= Aber nehmen wir dieses uns naheliegende Bei- 
spiel der Dreigliederung des sozialen Organismus, iiber die wir reden 
wolien. Da ist von vornherein das gegeben, dafi uns die Behandlung 
unseres Themas drei Glieder ergibt. Wir werden zu behandeln haben 
das Wesen des geistigen Lebens, das Wesen des rechtlich-staatiichen 
Lebens und das Wesen des wirtschaftlichen Lebens. 



Nun wird es sich allerdings darura handeln, dafi wir durch eine 
entsprechende Einleitung - iiber die wir, wie gesagt, noch reden wer- 
den - eine Empfindung davon hervorrufen bei den Zuhorern, dafi es 
iiberhaupt einen Sinn hat, iiber diese Dinge, iiber eine Wandlung in 
diesen Dingen, in der Gegenwart zu sprechen. Dann aber wird es sich 
darum handeln, nicht gleich etwa von Erklarungen auszugehen, was zu 
verstehen ist unter einem freien Geistesleben, unter einem auf Gleich- 
heit begrundeten rechtlich-staatlichen Leben, unter einem auf Assozia- 
tionen begrundeten Wirtschaftsleben, sondern man wird hinfuhren 
miissen zu diesen Dingen. Und da wird man hinfuhren miissen dadurch, 
dafi man ankniipft an dasjenige, was zunachst in allerhervorragend- 
stem Mafie iiber die drei Glieder des sozialen Organismus in der Ge- 
genwart vorhanden ist, was also am intensivsten durch den Menschen 
der Gegenwart bemerkt werden kann. Nur dadurch wird man ja an 
Bekanntes ankniipfen. 

Nehmen wir an, wir hatten ein Publikum, und ein solches Publi- 
kum kann uns ja am angenehmsten und am sympathischsten sein, das 
zusammengemischt ware aus biirgerlicher Bevolkerung, aus proleta- 
rischer Bevolkerung - diese wiederum mit alien moglichen Nuancen -, 
und wenn dann natiirlich auch ein paar Adelige dabei sind, schweize- 
rische Adelige sogar, so schadet das natiirlich durchaus nichts. Neh- 
men wir also an, wir hatten so ein aus alien Gesellschaf tsklassen durch- 
einandergewiirfeltes Publikum. Ich betone das aus dem Grunde, weil 
man eigentlich als Redner dieses immer erfiihlen soil, zu wem man zu 
sprechen hat, bevor man an das Sprechen herangeht. Man sollte sich 
schon lebendig in die Situation nach dieser Richtung hineinversetzen. 

Nun, was wird man sich selber zunachst sagen miissen iiber das- 
jenige, woran man bei dem heutigen Publikum ankniipfen kann in be- 
zug auf den dreigliedrigen sozialen Organismus? Man wird sich sagen: 
An Begriffe des Bourgeoispublikums lafit sich zunachst aufierordent- 
lich schwer ankniipfen, weil sich die Bourgeoisie iiber soziale Verhalt- 
nisse in der neueren Zeit aufSerordentlich wenig Vorstellungen gemacht 
hat, weil sie gewissermafien gedankenlos in bezug auf das soziale Le- 
ben dahinvegetiert hat. Es wiirde immer einen akademischen Eindruck 
machen, wenn man aus dem Gedankenkreis eines biirgerlichen Publi- 



kums heute reden wollte uber diese Dinge. Andererseits aber wird man 
sich doch dariiber klar sein konnen, dafi iiber alle drei Gebiete des 
sozialen Organismus innerhalb der proletarischen Bevolkerung aufier- 
ordentlich ausgepragte Begriffe vorhanden sind, auch ausgepragte 
Empfindungen, und auch ein ausgepragtes soziales Wollen. Und es be- 
deutet das gerade die Signatur unserer heutigen Zeit, dafi eben inner- 
halb der proletarischen Bevolkerung diese ausgebildeten Begriffe da 
sind. 

Diese Begriffe sind dann aber allerdings von uns mit grower Vor- 
sicht zu behandeln, denn wir werden sehr leicht das Vorurteil hervor- 
rufen, dafi wir nach der proletarischen Richtung hin parteiisch sein 
wollen. Dieses Vorurteil sollen wir durch die ganze Art und Weise 
unseres Auftretens eigentlich bekampfen. Wir werden ja allerdings se- 
hen, dafi wir uns, wenn wir von proletarischen Begriffen ausgehen, 
zunachst schweren Mifiverstandnissen aussetzen. Diese Mifiverstand- 
nisse haben sich ja in der Tat fortwahrend ergeben in der Zeit, als noch 
in Mitteleuropa gewirkt werden konnte, so vom April 1919 ab, fiir 
die Dreigliederung des sozialen Organismus. Eine biirgerliche Bevol- 
kerung hort nur das, was sie durch Jahrzehnte aus dem agitatorischen 
Auftreten des Proletariats empfunden hat, heraus aus bestimmten Be- 
griffen. Wie man die Sache selbst meint, das wird zunachst fast gar 
nicht aufgefafit. 

Man mufi sich klar sein dariiber, dafi das Wirken in der Welt iiber- 
haupt im Sinne, mochte ich sagen, der Weltenordnung erfafit werden 
mufi. Die Weltenordnung ist so - Sie brauchen nur bei den Fischen 
im Meer nachzusehen -, dafi sehr, sehr viele Fischkeime abgelegt wer- 
den und nur wenige zu Fischen werden. Das mufi so sein. Aber mit 
dieser Naturtendenz miissen Sie auch an die Aufgaben herangehen, 
welche von Ihnen als Redner zu losen sind: Wenn sich auch nur ganz 
wenige, und diese wenig angeregt, zunachst finden bei der ersten Rede, 
dann ist eigentlich schon ein Maximum desjenigen erreicht, was er- 
reicht werden kann. Es handek sich ja bei Dingen, fiir die man so drin- 
nensteht im Leben wie etwa fiir die Dreigliederung des sozialen Orga- 
nismus, darum, dafi dann dasjenige, was auf rednerischem Wege ge- 
leistet werden kann, eben niemals fallengelassen werden darf, sondern 



aufgefangen werden mufi und auf irgendeine Weise fortgebildet wer- 
den mufi, sei es durch weitere Reden, sei es in irgendeiner anderen 
Weise. Man kann sagen: Keine Rede ist eigentlich vergeblich, welche 
aus dieser Gesinnung heraus gehalten wird und an die sich eben dann 
das Notige anschliefit. 

Aber man mufi sich vollig klar dariiber sein, dafi man auch bei einer 
proletarischen Bevolkerung eigentlich, wenn man gerade aus dem her- 
aus spricht, was sie heute denkt im Sinne ihrer Theorien, wie sie seit 
Jahrzehnten bestehen, dafi man auch da durchaus mifi verstanden wird. 
Man kann sich nicht etwa die Frage stellen: Wie macht man es nun, 
damit man nicht mifiverstanden wird? - Man mufi es nur richtig 
machen! Aber darum kann es sich gar nicht handeln, sich etwa die 
Frage vorzulegen: Wie macht man es denn, damit man nicht mifiver- 
standen wird? - Sie ist nicht schwer zu losen, die Frage: Wie macht 
man es, damit man nicht mifiverstanden wird? - Man sagt den Leuten, 
was sie ohnedies schon gedacht haben! Man tradiert ihnen irgendwie 
Marxismus oder so etwas. Dann wird man natiirlich verstanden. 

Aber es liegt ja kein Interesse vor, in dieser Weise verstanden zu 
werden. Sonst wird man ja sehr bald die folgende Erfahrung machen - 
iiber diese Erfahrung mufi man sich vollig klar sein -: Redet man heute 
zu einer Proletarierversammlung so, dafi sie wenigstens die Termino- 
logie verstehen kann — und das mufi man anstreben — , dann wird man, 
insbesondere in der Diskussion, bemerken, dafi diejenigen, die disku- 
tieren, nichts verstanden haben. Die anderen lernt man meistens nicht 
kennen, weil sie sich nicht an den Diskussionen beteiligen. Die nichts 
verstanden haben, beteiligen sich gewohnlich nach solchen Reden an 
den Diskussionen. Und bei denen wird man eben etwas bemerken, was 
in der folgenden Linie liegt. Unzahlige Reden habe ich selber gehal- 
ten iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus vor, wie man es 
in Deutschland nennt, «Mehrheits-Sozialdemokraten», unabhangigen 
«Sozialdemokraten», Kommunisten und so weiter. Nun, man wird da 
bemerken: Wenn sich nun jemand in der Diskussion hinstellt und 
glaubt, reden zu konnen, so ist es ja meistens so, dafi er einem ant- 
wortet, als ob man eigentlich gar nicht geredet hatte, sondern als ob 
irgend jemand geredet hatte so, wie man ungefahr als sozialdemokra- 



tischer Agitator vor drei&g Jahren in Volksversammlungen geredet 
hatte. Man fiihlt sich plotzlich ganz verwandelt. Man sagt sich unge- 
fahr: Ja, sollte dir denn das Malheur passiert sein, dafi du besessen 
warst in diesem Momente von dem alten Bebel} Denn so wird dir ja 
eigentlich entgegengetreten! Die Betreffenden horen selbst physisch 
nichts anderes, als was sie gewohnt sind, seit Jahrzehnten zu horen. 
Selbst physisch horen sie sonst nichts - nicht etwa blofi seelisch -, 
selbst physisch horen sie nur, was sie lange gewohnt sind. Und dann 
sagen sie: Ja, eigentlich hat uns der Vortragende gar nichts Neues ge- 
sagt! - Denn sie haben, weil man genotigt war, die Terminologie zu 
gebrauchen, sofort schon im Ohr - nicht erst in der Seele - den gan- 
zen Zusammenhang der Terminologie iibersetzt in das, was sie seit 
langem gewohnt gewesen sind. Und dann reden sie weiter fort im Sinne 
dessen, was sie seit langem gewohnt gewesen sind. 

So ungefahr verliefen unzahlige Diskussionen. Hochstens, dafi 
manchmal eine neue Nuance dadurch in die Sache hineinkam, dafi die 
Kommunisten nun von ihrem neu errungenen Standpunkte aus auf tra- 
ten und nun etwa erklarten: Vor alien Dingen sei es notwendig, dafi 
man die politische Macht habe! Es sei ja ganz natiirlich - ich rede aus 
der Erfahrung heraus und gebe Beispiele, die durchaus vorgekommen 
sind -, dafi man zuerst die politische Macht habe! Und wenn - so 
sagte zum Beispiel einmal einer ~, wenn er die politische Macht hatte, 
sagen wir zum Beispiel - so meinte er - als Polizeiminister, so wiirde 
er ja auch nicht als Standesbeamten sich selber anstellen, denn er sei 
ein Schuhflicker, und er konne sehr gut einsehen, dafi ein Schuhflicker 
von den Verpflichtungen eines Standesbeamten nichts wisse. Er wiirde 
durchaus nicht, wenn er Polizeiminister ware, da er ein Schuhflicker 
sei, sich selber als Standesbeamten anstellen! - Er merkte nicht, dafi 
er eigentlich implicite sagte: Zum Polizeiminister gerade angestellt zu 
werden, fuhle er sich ganz gut berufen, aber zum Standesbeamten 
durchaus nicht! Das war fur die Diskussion eine Art neuer Nuance. Die 
Nuancen waren ja ungefahr immer in diesem Stil gehalten. 

Nun, trotzdem aber miissen wir uns klar sein, dafi, weil wir eben 
verstanden werden sollen, aus der Seele der Leute heraus geredet wer- 
den muJR. Das Unterbewufke geht dennoch namlich, wenn aus der 



Seele heraus geredet wird, in einem gewissen Sinne mit. Insbesondere, 
wenn im iibrigen die Rede so angeordnet worden ist, wie ich es schon 
angedeutet habe und wie ich es im weiteren auseinandersetzen werde. 
Aber wir miissen dann tiber dasjenige, was in Betracht kommt, wirk- 
lich aus der Erfahrung, das heifit in diesem Falle, aus den Erfahrungen 
des proletarischen Empfindens heraus formulierbare Begriffe haben. 

Nehmen wir einmal das geistige Glied des dreigliedrigen sozialen 
Organismus. In bezug auf dieses geistige Glied hat der Proletarier seit 
dem'Heraufkommen des Marxismus sich sehr deutliche Begriffe her- 
ausgebildet, namlich den Begriff der Ideologic Er sagt: Geistesleben, 
das hat fur sich gar keine Wirklichkeit. Religion, Rechtsbegriffe, Sit- 
tenbegriffe und so weiter, Kunst, Wissenschaft selber, das ist nichts 
fur sich. Fur sich existieren eigentlich nur wirtschaftliche Prozesse. Man 
kann verfolgen in der weltgeschichtlichen Entwickelung, wie das 
wahrhaf t Wirkliche in der Art und Weise besteht, wie die eine Schichte 
der Bevdlkerung zu der anderen steht im Wirtschaftsleben. Darnach, 
wie die eine Schichte der Bevdlkerung zu der anderen steht im Wirt- 
schaftsleben, darnach miissen sich ganz von selbst, wie eine Art Rauch, 
der daraus hervorsteigt, die Begriffe, die Empfindungen in Religion, 
Wissenschaft, Kunst, Sitte, Recht und so weiter bilden. Das sind keine 
Wirklichkeiten, Recht, Sitte, Religion, Kunst, sondern eine Ideologic - 
Diesen Ausdruck «Ideologie», mit dem Gefiihl, wie ich es eben jetzt 
charakterisiert habe, ihn konnte man horen seit Jahrzehnten in alien 
sozialdemokratischen oder sonstigen proletarischen Versammlungen. 
Und es war geradezu ein besonders ausgebildetes Erziehungsmittel, den 
Menschen zum Verstandnis zu bringen: Die biirgerliche Bevdlkerung 
spricht von der Wahrheit an sich, von dem Werte der Wissenschaft, 
von dem Werte der Religion, von dem Werte der Sittlichkeit, der 
Kunst -, aber das ist ja alles nichts in Wirklichkeit fur sich, sondern 
das alles sind die Schaumbilder, die aufsteigen aus dem wirtschaft- 
lichen Prozesse. Einer der Fiihrer der proletarischen Welt, Franz Meh- 
ring, hat diese Sache ja bis zum besonderen Radikalismus getrieben in 
einem Buche «Die Lessing-Legende». 

Da war erschienen ein allerdings nicht sehr bedeutendes Buch eines 
Bourgeoisprofessors, des Erich Schmidt y iiber Lessing. Es ist deshalb 



nicht sehr bedeutend, weil darin nicht eigentlich Lessing behandelt 
wird, sondern erne Statue aus Papiermache, welche falschlich «Lessing» 
genannt wird, und an die Erich Schmidt die Bemerkungen und Erzah- 
lungen und Mitteilungen ankniipft, deren er eben durch seine beson- 
dere Begabung oder Unbegabung fahig war. Man hat es gar nicht mit 
einem Menschen zu tun in diesem Buche, sondern mit einer Statue aus 
Papiermache, genannt «Lessing». Dafi dieser Bourgeoisprofessor keine 
besonders klaren Vorstellungen hatte iiber den lebendigen Lessing, son- 
dern nur iiber einen Papiermache-Lessing, das ging mir schon hervor, 
als das Buch «Lessing» von Erich Schmidt noch gar nicht geschrieben 
war, als ich Erich Schmidt reden horte in Wien in einer Rede in der 
Wiener Akademie der Wissenschaf ten, wo er so die ersten Anf ange der 
ersten Kapitel dieses Lessing-Buches zusammengefafit vorgebracht 
hatte als eine Rede. Ich war dazumal eigentumlich beruhrt von dieser 
Rede, die so recht zeigte, wie man eben, wenn man sonst in eine gewisse 
soziale Position hineingestellt ist und reden darf, also selbst vor einer 
erlauchten Akademie der Wissenschaften, eigentlich inhaltlich gar 
nichts zu sagen braucht. Denn bei den wichtigsten Stellen, wo Erich 
Schmidt damals etwas vorbrachte, was charakteristisch sein sollte fur 
die Personlichkeit, die er besprach, da sagte er immer, indem er irgend 
etwas heraushob aus Lessings Arbeitsweise und aus Lessings Schreib- 
weise: Das ist echt Lessingsch! — Und dieses Wort: Das ist echt Les- 
singsch! -, das horte man, ich glaube, funfzigmal wahrend dieser Aka- 
demierede. 

Nun, wenn man es zu tun hat mit dem Ernst Miiller aus Neu-Ba- 
belsberg und man ihn zu charakterisieren hat, so wird man mit ge- 
nau demselben Inhalt sagen konnen, wenn man erzahlt seine besondere 
Art, wie er, sagen wir, seinen Misthaufen in Ordnung bringt: Das ist 
echt Miillersch! - Man wird etwas gesagt haben, das ein ganz gleich 
schweres Gewicht hat, 

Man hatte es also zu tun mit etwas aufterordentlich Unbedeuten- 
dem. Aber ein richtiger sozialdemokratischer Schriftsteller, wie Franz 
Mehring war, der schrieb dies tJnbedeutende des Erich Schmidtschen 
Lessing-Buches dem Umstande zu, da£ eben Erich Schmidt ein Bour- 
geoisprofessor war, und er sagte: Das ist eben ein Bourgeoisprodukt. — 



Und jetzt stellte er sein proletarisches Produkt dagegen. «Die Lessing- 
Legende» nannte er dieses Buch. Da wird nun untersucht, in welchen 
wirtschaf tlichen Verhaltnissen Lessings Voreltern gelebt haben, was sie 
getrieben haben, wie dann Lessing selber in der Jugend ins Wirtschafts- 
leben hineingestellt worden ist, wie er Journalist werden mufite, wie 
er Geld pumpen mufite - das ist ja auch ein wirtschaftlicher Zusam- 
menhang - und so weiter. Kurz, es wird gezeigt, wie Lessings «Lao- 
koon»-Auffassung, wie Lessings «Hamburgische Dramaturgic », wie 
Lessings « Minna von Barnhelm» so sein mufiten, wie sie eben sind, da- 
durch, dafi Lessing aus diesen bestimmten wirtschaftlichen Verhaltnis- 
sen herausgewachsen ist. 

Nach dem Muster dieses Buches «Die Lessing-Legende» des Partei- 
gelehrten Mehring hat dann einmal ein Schuler meiner Arbeiterbil- 
dungsschule - ich habe ja jahrelang eine Arbeiterbildungsschule ver- 
sorgt, auch in der Redelehre - in einer Proberede bewiesen, dafi die 
Kantsche Philosophic eben einfach aus den wirtschaftlichen Verhalt- 
nissen hervorgegangen ist, aus denen Kant sich entwickelt hat. Und 
ahnliche Dinge begegneten einem da immer und konnen einem wohl 
auch noch heute begegnen, obwohl sie heute mehr oder weniger schon 
zur Phrase geworden sind. Aber es war durchaus so. Und das hat be- 
deutet, dafi iiber das geistige Leben der moderne Proletarier uberhaupt 
die Anschauung hatte: Alles, was im geistigen Leben vorhanden ist, ist 
Ideologic 

In bezug auf das staatlich-rechtliche Leben, da lafit der Proleta- 
rier nur gelten, was sich wiederum innerhalb der wirtschaftlichen Ver- 
haltnisse als Beziehung von Mensch zu Mensch herausstellt. Das sind 
aber fur ihn die Klassen. Die herrschende Klasse beherrscht die anderen 
Klassen. Und derjenige, der innerhalb der Klasse steht, entwickelt dann 
das Klassenbewufitsein. So dafi eigentlich dasjenige, was der moderne 
Proletarier von dem staatlich-rechtlichen Leben begreift, die Klasse 
ist, und was ihm nahegeht, das Klassenbewufitsein ist. 

Das dritte Glied des sozialen Organismus ist das wirtschaftliche. 
Auch da sind innerhalb des Proletariats streng umrissene Begriffe, und 
der Mittelpunktsbegriff, der immer wiederum gefunden wird, eben- 
so wie die Begriffe Ideologic und Klassenbewufitsein, das ist der Be- 



griff des Mehrwertes. Der Proletarier begreift: Wenn gewirtschaftet 
wird, so kommt im wirtschaftlichen Produkt ein bestimmter Wert zum 
Vorschein; von diesem Werte bekommt er als Lohn einen bestimmten 
Teil, das andere geht fort fur irgend etwas anderes. Das bezeichnet er 
als «Mehrwert» und beschaftigt sich nun mit diesem Mehrwert, von 
dem er das Gefiihl hat, dafi er ihm von dem Werte seiner Arbeitspro- 
dukte genommen werde. 

Man kann, indem man die Dinge so durchdenkt, sehen, wie in der 
Tat innerhalb derjenigen Bevolkerungsklasse, die sich als die aktive, 
als die eigentlich aggressive in der neueren Zeit heraufgebildet hat, 
deutlich umrissene Begriffe fiir die drei Gebiete des dreigliedrigen so- 
zialen Organismus vorhanden sind. Das soziale Leben offenbart sich 
in dreifacher Weise - wiirde etwa ein richtiger proletarischer Theore- 
tiker sagen -, es offenbart sich erstens durch seine Wirklichkeit, durch 
die wertproduzierende Wirtschaft. Diese wertproduzierende Wirt- 
schaft liefert aus dem wirtschaftlichen Leben selbst den Mehrwert. 
Durch die Machtverhaltnisse, die sich herausbilden, werden im wirt- 
schaftlichen Leben als in der einzigen Wirklichkeit die sozial tatigen 
Menschen in Klassen zerspalten, so dafi sie, wenn sie iiber ihren Men- 
schenwert nachdenken, zu dem Klassenbewufitsein, nicht zu dem Men- 
schenbewufitsein kommen. Und dann entwickelt sich als dasjenige, was 
man fiir den Sonntag gern hat, was man braucht - aber auch so zwi- 
schendurch damit die Maschinen richtig ausgedacht werden, damit 
man auch ab und zu in freien Stunden, nicht wahr, Erfindungen ma- 
chen kann und so weiter, dann entwickelt sich die Ideologic, die sich 
aber ergibt als ein Rauchprodukt aus der eigentlichen Wirklichkeit, 
aus dem wirtschaftlichen Leben. 

Ich karikiere ganz gewifi nicht, sondern ich schildere, was in Mil- 
lionen, nicht etwa in Tausenden, sondern in Millionen von Kopfen 
lebte in den Jahrzehnten, die dem Kriege vorausgegangen sind, und was 
sich auch durch den Krieg fortsetzte. Der Proletarier hat also schon 
einen Begriff von der Dreigliederung des sozialen Organismus in sich, 
und man kann da ankniipfen. 

Man kann noch in weiterem Sinne ankniipfen. Man kann ankniip- 
fen da ran, daE sich in der neueren Zeit im Grunde genommen das wirt- 



schaftliche Leben, weil es ja seine eigene Notwendigkeit in sich tragt, 
besonders entwickelt hat, und dafi die anderen Lebenselemente, das 
geistige Leben und das staatlich-rechtliche Leben, zuriickgeblieben sind. 
Im wirtschaftlichen Leben konnten die Menschen nicht zuruckbleiben. 
Sie mufiten erst zum Weltverkehr, dann zur Weltwirtschaft im letzten 
Drittel des 19. Jahrhunderts iibergehen. Da liegt eine innere Notwen- 
digkeit. Das macht sich in gewissem Sinne von selbst, bis man es rui- 
niert, wie es durch den Krieg geschehen ist. Aber weil die anderen Dinge 
nicht nachgekommen sind, weil sich in den anderen Dingen ein ab- 
strakter Intellektualismus entwickelt hat, wurde die Empfindung vom 
Wirtschaftsleben in hervorragendem Mafie einflufireich, wirkte in er- 
ster Linie durch ihren Charakter suggestiv auf alle Bevolkerung. Und 
was da suggestiv wirkte, das hat sich nicht etwa nur in den Vorstel- 
lungen festgelegt, sondern das ist zu Einrichtungen geworden. Der In- 
tellektualismus hat allmahlich das soziale Leben ganz ergriffen. 

Dem Intellektualismus ist eigen die Abstraktion, das Abstrakte. 
Man hat im Leben, sagen wir, Butter; man hat im Leben, sagen wir, 
eine Raffaelsche Madonna; man hat im Leben, sagen wir, eine Zahn- 
biirste; man hat im Leben, sagen wir, ein philosophisches Werk; man 
hat im Leben, sagen wir, einen Pudertigel fur Frauen und so weiter. 
Im Leben gibt es ja viel, nicht wahr. Ich konnte ja diese Reihe lange 
fortsetzen. Aber Sie werden nicht bestreiten, dafi diese Dinge sehr, sehr 
verschieden voneinander sind, und dafi, wenn man sich Begriffe ma- 
chen will von all diesen Dingen, diese Begriffe, diese Vorstellungen 
sehr, sehr verschieden voneinander werden. Aber im neueren sozialen 
Leben entwickelte sich doch etwas, was aufierordentlich bedeutsam 
wurde fur alle Lebensverhaltnisse, und was gar nicht so sehr differen- 
ziert ist. Denn, sagen wir, Butter von einer gewissen Menge kostet zwei 
Franken; eine Raffaelsche Madonna kostet zwei Millionen Franken; 
eine Zahnburste kostet vielleicht jetzt blod zweieinhalb Franken; ein 
philosophisches Werk - es wird vielleicht am billigsten sein -, das 
kostet, sagen wir, im Einzelexemplar vielleicht, wenn es diinn ist, sieb- 
zig Rappen; ein Pudertigel, wenn er besonders gut ist, zehn Franken. 

Jetzt haben wir die ganze Sache auf gleich gebracht! Jetzt brauchen 
wir blofi das, was ja auch wiederum auf ein Feld gehort, die Zahlen, 



verschieden zu nehmen. Aber wir haben eine Abstraktion, den Geld- 
preis, iiber alles ausgebreitet. 

Das hat sich ganz besonders eingelebt in die Denkweise der Men- 
schen, wenn sich die Menschen das auch nicht immer gestehen. Gewift, 
derjenige, der ein Dichter ist, halt sich selbstverstandlich fiir den Mit- 
telpunkt der Welt, der beurteilt sich dann nicht so; ebensowenig der- 
jenige, der ein Philosoph ist und so weiter. Oder erst gar der, der ein 
Maler ist! Aber die Welt beurteilt diese Sachen heute alle in diesem 
Stil in der sozialen Bewertung der Menschen. Und da kommt es schon 
zuletzt heraus, dafi, sagen wir, ein Dichter fiir einen Verleger - von 
dem Zeitraume an, wo er angefangen hat, seinen Roman zu schreiben, 
bis zu der Zeit, wo er ihn beendet hat -, wenn der Verleger edel ist, 
dieser Dichter zehntausend Franken wert ist. Das ist also der Preis 
eines Dichters fiir eine gewisse Zeit, nicht wahr. Wir haben ihn auch 
auf die gleichwertige Abstraktion gebracht. [Es wird an die Tafel 
geschrieben.] 

2. — Fr. Butter 

2 000 000.— Fr. Raffaelsche Madonna 
2.50 Fr. Zahnbiirste 
— .70 Fr. Philosophisches Werk 
10. — Fr. Pudertigel 
10 000.— Fr. Dichter 

3. — Fr. Tagliche Arbeitskraf t 

Nun ich konnte auch da mancherlei Beispiele anfiihren; aber ich habe 
schon gesagt: Die Bourgeoisie dachte ja iiber diese Dinge nicht sehr tief 
nach. Der Dichter halt sich natiirlich in seinem Oberstubchen - ich 
meine jetzt dasjenige, das in einer Etage weit oben gelegen ist - fiir 
etwas ganz Besonderes, aber im sozialen Leben, da war er halt eben 
zehntausend Franken wert. Aber er achtete es nicht, wenn er nicht 
gerade dem Proletariat angehorte. Er achtete das nicht. Aber der Pro- 
letaries achtete das. Der zog namlich aus alledem die Konsequenz: Du 
hast nicht Butter, du hast nicht Puder, du hast kein philosophisches 
Werk, aber du hast deine Arbeitskraf t; die bietest du dem Fabrikan- 
ten an, und die ist fiir den Fabrikanten, sagen wir, taglich drei Fran- 
ken wert: Tagliche Arbeitskraf t. 



Dafi ich hierher geschrieben habe «Dichter», das miissen Sie mir 
verzeihen aus dem Grunde, weil man. die Erfahrung machen konnte, 
dafi der Dichter eben noch urn ein Stiickchen schlechter behandelt 
worden ist im Laufe der letzten Jahrzehnte als der Proletarier mit sei- 
ner taglichen Arbeitskraft. Denn der letztere konnte sich noch besser 
wehren als der Dichter, und die zehntausend Franken fur den Dichter 
waren in der Regel nicht mehr wert als die drei Franken Arbeitslohn 
fiir die proletarische Arbeitskraft, mit Ausnahme von einzelnen na- 
tiirlich, wie es ja selbstverstandlich war, dafi solche Dichter wie zum 
Beispiel - ich weifi nicht, ob sich viele noch an sie erinnern - die selige 
Marlitt, die ja ganz grofiartig verdient hat mit dem «Geheimnis der 
alten Mamsell», was ein Roman ist, iiber den die beste Kritik wohl 
die ware, wie einmal einer gesagt hat: O Buch, warest du doch das Ge- 
heimnis der alten Mamsell geblieben! 

Nun, der Arbeiter dachte nach iiber das, was er dadurch geworden 
ist, dafi er in die Abstraktion der Preise hineingestellt worden ist, re- 
spektive seine Arbeitskraft da hineingestellt worden ist. Und was ist 
denn etwas im Wirtschaftsleben dadurch, dafi es einen Preis hat? Es ist 
eine Ware. Als Ware im wirtschaf tlichen Leben mufi alles gelten, wofiir 
eben ein Preis bezahlt werden kann. Ich sagte, das Leben der Bour- 
geoisie verlauft mit einer gewissen Gleichgiiltigkeit gegeniiber solchen 
Sachen. Aus dem Proletariat aber kamen diese Begriffe herauf, und 
dadurch entstand der Begriff : Wir selber sind mit unserer Arbeitskraft 
zu einer Ware geworden. 

Das ist etwas, was nun mit den drei anderen Begriffen zusammen- 
gewirkt hat. Und wer eigentlich das moderne Leben richtig versteht, 
der weift, wenn er die vier Begriffe Ideologic, Klassenbewufksein, 
Mehrwert, Arbeitskraft als Ware richtig versteht, so dafi er sich mit 
diesen vier Begriffen erfahrungsgemafi hineinstellen kann in das Leben, 
dafi er mit diesen vier Begriffen zunachst die Bewufitseinsrealitat trif ft, 
die gerade bei der aktiven Bevolkerung, bei derjenigen Bevolkerung, 
die bewufit eine Umwandelung der sozialen Verhaltnisse will, vorhan- 
den ist. Und so hat man denn die Aufgabe, dariiber nachzudenken, wie 
man diese vier Begriffe zu behandeln hat. 

Wenn man nun eine Zuhorerschaft hat gemischt aus Proletariern 



und bourgeoiser Bevolkerung, da wird man notig haben, so zu spre- 
chen, dafi man zunachst bemerklich macht, wie der Proletarier not- 
wendigerweise zu diesen Dingen kommen mufite, wie der Proletarier 
durch das moderne Leben nichts hat kennen lernen konnen als die 
Vorgange des Wirtschaftslebens. So ist es ja geworden, sagen wir seit 
der Mitte des 15. Jahrhunderts. Da fangt es langsam an. Denn gehen 
wir zuruck hinter diese Mitte des 15. Jahrhunderts, so sehen wir, wie 
im Wesen der Mensch noch zusammenhangt mit seinem Produkte. Wer 
einen Schlussel macht, legt seine Seele in diesen Schlussel hinein. Wer 
einen Schuh rriacht, legt seine Seele in den Schuh hinein. Und ich bin 
ganz gewifi, dafi bei den Menschen, bei denen sich diese Dinge in ge- 
sunder Weise fortentwickelt haben, keine Verachtung irgendeiner sol- 
chen Sache vorhanden war. Ich bin vollig davon uberzeugt - nicht nur 
subjektiv iiberzeugt, sondern solche Dinge kann man schon beweisen, 
wenn es darauf ankommt -: Jakob Bohme hat ganz gewifi ebensogerne 
seine Stiefel gemacht wie seine philosophischen Werke, seine mystischen 
Werke geschrieben, oder Hans Sachs zum Beispiel. Diese Dinge - daft 
das eine verachtet wird, was materiell ist, das andere uberschatzt wird, 
was geistig ist — , die sind auch erst mit dem Intellektualismus und sei- 
nen Abstraktionen auf alien Gebieten heraufgekommen. Es ist eben 
dieses eingetreten, dafi der Mensch durch das moderne wirtschaftliche 
Leben, in das die Technik sich hineinergossen hat, von seinem Produkte 
getrennt worden ist, so dafi ihn keine wirkliche Liebe mehr mit dem 
Produzieren verbinden kann. Es werden die Leute, die noch fiir ge- 
wisse Berufszweige mit dem Produzieren Liebe entwickeln, immer 
seltener und seltener. Nur bei den sogenannten geistigen Berufszweigen 
ist diese Liebe noch vorhanden. Daher das Unnatiirliche in der sozialen 
Verteilung und selbst Gliederung in der neueren Zeit. Man mufi schon 
nach dem Osten hinubergehen - heute wird es vielleicht auch nicht 
mem mOgiicn scLu, aucf vox jaiirzeimLeii war es so — , um ua uocn uc- 
rufsfreude zu finden. Ich mujft gestehen, ich war tief entziickt, geradezu 
ergriffen, als ich vor Jahrzehnten in Budapest einen Haarschneider, 
den ich in Anspruch nahm zum Haarschneiden, kennenlernte, und der 
immer herumtanzte um mich und, nachdem er wiederum etwas mit der 
Schere heruntergekriegt hatte, sagte, indem er den Spiegel nahm: Ein 



wunderbarer Schnitt, den ich da mache! Ein wunderbarer Schnitt, den 
ich da mache! - Bitte, suchen Sie sich heute in der eigentlichen Zivili- 
sation noch solchen begeisterungsfahigen Haarschneider! 

Was also eingetreten ist, ist die Trennung des Menschen von seinem 
Produkte. Es ist ihm gleichgultig geworden. Er wird an die Maschine 
hingestellt. Was interessiert ihn diese Maschine! Sie interessiert ja hoch- 
stens - nicht einmal mehr den Konstrukteur, sondern hochstens den 
Erfinder, und das Interesse, das der Erfinder daran hat, ist meistens 
kein wirklich soziales. Denn das soziale Interesse fangt erst dann an, 
wenn man den moglichen Wert fiir die Rendite herausfinden kann, 
nun ja, wenn man also die Geschichte auf den Preis reduziert hat. 

Dasjenige aber, was vorzugsweise der moderne Proletarier kennen- 
gelernt hat, das ist das Wirtschaftsleben. In das ist er hineingestellt. 
Soil er an das geistige Leben herangehen, so hangt ihm das nirgends 
mit seinem unmittelbaren seelischen Leben zusammen. Es bewegt nicht 
die Seele. Er nimmt es als etwas Fremdes auf, als Ideologic Es liegt im 
modernen geschichtlichen Prozefi, dafi sich diese Ideologic entwickelt 
hat. 

Gelingt es Ihnen aber erst, eine Empfindung in dem Proletarier 
hervorzurufen, dafi das so ist, dann haben Sie den Anfang dessen er- 
reicht, was Sie erreichen sollen. Denn der Proletarier hort Sie heute 
zunachst mit dem Gefiihl an: Es liegt ja in einer absoluten Naturnot- 
wendigkeit, dafi alle Kunst, alle Wissenschaft, alle Religion, alles Ideo- 
logic ist. Weit, weit entfernt liegt es ihm, daran zu denken, dafi er mit 
dieser Anschauung ja eben gerade nur das Produkt der neuzeitlichen 
Entwickelung geworden ist. Es ist sehr schwer, ihm das begreiflich zu 
machen. Merkt er es, dann kehrt er mit seiner ganzen Denkweise um, 
dann wird es ihm schrecklich, dal$ alles nur eine Ideologic sein soli, 
dann wird er sich des ganz Illusionaren dieser Anschauung bewufit. Er 
ist sozusagen derjenige, der am besten dazu vorbereitet ist, iiber die 
Tatsache, dafi alles zur Ideologic geworden ist, Ekel zu empfinden; 
aber Sie miissen bis zur Empfindung kommen. Die Gedanken, die Sie 
daruber entwickeln oder bei sich selber entwickelt haben, die inter- 
essieren den Zuhorer nicht. Sie bringen ihn in der Weise, wie ich es ge- 
schildert habe, zum Fiihlen der Sache. Denn es handelt sich darum, dafi 



man die Sache fiir die Proletarier auf diese Weise, indem man einzel- 
nen seiner Satze diese Farbung gibt, zurechtriickt. 

Fiir die Bourgeoisie mufi man die Sache wieder anders zurecht- 
riicken, denn, was fiir die Proletarier sehr gut ist, das ist fiir die Bour- 
geoisie auf diesem Gebiete sehr schlecht. Und es handelt sich nicht dar- 
um, dafi man blofi richtig redet, sondern bei der heutigen Mannigfaltig- 
keit des Lebens handelt es sich darum, dafi man gut redet, in dem gestri- 
gen Sinne, und dafi man auch, soweit es geht, fiir den Bourgeois redet. 
Diesem Bourgeois mulS man nun klarmachen, daft er ja dadurch, daft er 
gegeniiber dem, was heraufgezogen ist, gleichgiiltig war, die Sache hat 
kommen machen. Durch seine Betatigung oder vielmehr Nichtbetati- 
gung ist die Sache so geworden, daft sie fiir den Proletarier Ideologic 
geworden ist. Dem Bourgeois muft man dann begreiflich machen: Re- 
ligion war einmal etwas, was den ganzen Menschen mit innerer Glut 
erfiillte, aus dem alles hervorgegangen ist, was der Mensch im Grunde 
genommen in der aufteren Welt auszufiihren hat. Sitte war dasjenige, 
was den Menschen fiir das soziale Leben heilig war. Kunst war etwas, 
wodurch sich der Mensch hinweghalf iiber die Harten und Schweren 
des physischen Lebens und so weiter. Aber wie ist im Verlaufe der 
letzten Jahrhunderte der Wert dieser geistigen Giiter hinuntergesun- 
ken! So wie der Bourgeois sie halt, so kann sie der Arbeiter nicht mehr 
anders denn als Ideologic empfinden. 

Nehmen wir einmal den Fall an, der Arbeiter kame aus irgendeinem 
Grunde ins Kontor des Unternehmers. Er hat so seine Ansichten iiber 
den ganzen Gang des Unternehmens. Nehmen wir an, der Buchhalter, 
zu dem er gerufen worden ist, oder der Unternehmer selbst ist eben 
hinausgegangen. Da liegt ein groftes Buch, in das vieles eingetragen ist. 
Ober die Art und Weise, wie diese Zahlen dadrinnen sprechen, hat der 
Arbeiter so seine Ansichten. Die hat er sich ja eben entwickelt. Nun, 
well der Buchhalter oder der TJuternehrner gera.de drauften ist und er 
um eine halbe Minute zu friih gekommen ist, da blattert er um und 
schlagt die erste Seite auf. Da stent: «Mit Gott!» Da wird er aufmerk- 
sam, daft nun wahrhaftig dieses religiose Element, daft da auf der 
ersten Seite «Mit Gott!» stent, nun wirklich die reine Ideologic ist, 
denn daft nun wirklich nicht vie! «mit Gott» ist, was auf den folgenden 



Seiten des Buches steht, davon ist der Arbeiter ganz iiberzeugt. Das 
liegt ganz in dem Stile, wie er sich die Weltverhaltnisse iiberhaupt 
denkt: So viel ist von dem wahr, was die Leute Religion, Sitte und so 
weiter nennen, wie in diesem Buche von dem wahr ist, was auf der 
ersten Seite steht: «Mit Gott». Ich weifi nicht, ob in der Schweiz in 
diesen Buchern auch auf der ersten Seite steht «Mit Gott!»; aber es ist 
sehr verbreitet, dafi man sein Kassabuch, Journal und so weiter «Mit 
Gott» hat. 

Es handelt sich also darum, dafi man dem Bourgeois klarmacht: Er 
ist der Veranlasser, dafi beim Proletariat die Auffassung entstanden 
ist von der Ideologic 

Dann hat jeder seinen Teil. Dann ist man so weit, dafi man nun aus- 
einandersetzen kann, wie das geistige Leben wiederum Realitat ge- 
winnen mufi, weil es ja zur Ideologic wirklich geworden ist. Wenn 
man vom Geiste nur Ideen hat, nicht den Zusammenhang mit dem 
wirklichen geistigen Sein und Wesen, dann ist es eben eine Ideologic 
So bekommt man von da aus die Briicke zu dem Gebiet, auf dem man 
eine Vorstellung hervorrufen kann von der Realitat des geistigen Le- 
bens. Und dann wird es einem moglich, darauf hinzuweisen, wie das 
geistige Leben eben eine in sich geschlossene Realitat, nicht ein Pro- 
dukt des wirtschaftlichen Lebens, nicht eine blofie Ideologic ist, son- 
dern ein in sich selbst gegriindetes Reales ist. Ein Empfinden mufi man 
dafiir hervorrufen, daft das geistige Leben ein in sich begrundetes Reales 
ist. Ein in sich begrundetes Reales ist etwas anderes als ein in sich blofi 
abstrakt Begrundetes, denn das abstrakt Begriindete mufi von woan- 
ders aus begriindet sein. 

Der Proletarier sagt: Die Ideologic ist von dem wirtschaftlichen 
Leben aus begriindet. - Insofern aber der Mensch sich in seinem geisti- 
gen Leben nur abstrakten Ideen hingibt, ist das eben auch durchaus 
etwas Rauchartiges, etwas Illusionares. Erst wenn man durch dieses 
Rauchartige, durch dieses Illusionare, durch die Idee zu der Realitat 
des Geisteslebens durchdringt, wie es durch Anthroposophie geschieht, 
erst dann kann wiederum das geistige Leben als ein reales empfunden 
werden. Wenn das geistige Leben nur eine Ideologic ist, so stromen eben 
diese Ideen herauf aus dem wirtschaftlichen Leben. Da mufi man sie 



organisieren, da mufi man ihnen eine kiinstliche Wirksamkeit und Or- 
ganisation verschaffen. Das hat ja auch der Staat getan. In dem Zeit- 
alter, wo das geistige Leben in Ideologic verdunstete, hat der Staat es 
in die Hand genommen, um der Sache wenigstens die Realitat, die man 
nicht in der geistigen Welt selber erlebt hat, zu geben. 

So mufi man versuchen, begreiflich zu machen, wie dasjenige, was 
der Staat unberechtigterweise dem geistigen Leben gegeben hat, da es 
Ideologie geworden ist, Realitat hat. Es mufi ja doch eine Realitat ha- 
ben. Wenn man eben keine eigenen Beine hat und doch gehen will, mufi 
man sich kiinstliche machen lassen. Es mufi ja etwas, um zu existieren, 
Realitat haben. Aber das geistige Leben soli seine eigene Realitat haben. 
Das mufi man empfinden, dafi das geistige Leben seine eigene Realitat 
haben mufi. 

Zunachst werden Sie allerdings paradox wirken, sowohl bei der 
burgerlichen wie bei der proletarischen Bevolkerung. Und Sie miissen 
ein Bewufitsein davon hervorrufen, dafi Sie paradox wirken. Das 
konnen Sie dadurch, dafi Sie eben gerade bei den Leuten, die Ihnen 
zuhoren, eine Vorstellung davon hervorrufen, dafi Sie schon ebenso 
denken, wie der Proletarier, indem Sie aus seiner Sprache heraus re- 
den, wie der Biirgerliche, indem Sie aus seiner Sprache heraus reden. 
Dann aber, nachdem Sie solches entwickelt haben, was mit Hilfe 
jener Erinnerung, die man an Erfahrungen im Leben haben kann, 
moglich ist, nachdem Sie so etwas in der Vorbereitung durchgemacht 
haben, kommen Sie dazu, zu den Menschen so zu sprechen, dafi nach 
und nach ein Verstandnis fur die Dinge hervorgerufen werden kann, 
fur die es eben hervorgerufen werden mufi. 

Reden kann man nicht durch eine aufierliche Anleitung lernen. Re- 
den mufi man gewissermafien dadurch lernen, dafi man das hinter dem 
Reden liegende Denken und das vor dem Reden liegende Erfahren zu 
dem Reden in ein richtiges Verhaltnis zu bringen versteht. 

Nun habe ich eben heute versucht, Ihnen zu zeigen, wie der Stoff 
zunachst behandelt werden mufi. Ich habe an Bekanntes angekniipft, 
um Ihnen zu zeigen, wie der Stoff nicht aus irgendeiner Theorie her- 
aus geschopft werden darf, wie er aus dem Leben heraus gefafit werden 
mufi, wie er zubereitet werden mufi, um ihn dann rednerisch zu behan- 



deln. Was ich heute gesprochen habe, das sollte eigentlich jeder in seiner 
Art nun selber machen als Vorbereitung fur das Reden. Dadurch, daft 
man solche Vorbereitung macht, wird die Rede eindringlich. Da- 
durch, daft man denkerische Vorbereitungen macht - Vorbereitungen 
zur Gliederung der Rede, wie ich im Anfange der heutigen Ausfiih- 
rungen gesagt habe: von einem Gedanken, der dann gestaltet wird zur 
Komposition -, dadurch wird die Rede ubersichtlich, so dafi der Zu- 
horer sie auch als Einheit bekommen kann. Durch das, was der Redner 
mitbringt an Denken, soli er nicht in seine eigenen Gedanken hinein- 
wirken. Denn wenn er seine eigenen Gedanken gibt, sind sie, wie ich 
schon gesagt habe, so, dafi sie keinen einzelnen Menschen interessie- 
ren. Erst dadurch, dafi man sein eigenes Denken verwendet, um die 
Rede zu gliedern, dadurch wird sie iibersichtlich, und durch das XJber- 
sichtliche verstandlich. 

Durch die Erfahrungen, die der Redner uberall zusammensuchen 
soil - die schlechtesten Erfahrungen sind noch immer besser als gar 
keine! - wird die Rede eindringlich. Wenn Sie zum Beispiel irgend je- 
mandem erzahlen, was Ihnen passiert ist, meinetwillen als Sie durch 
ein Dorf gingen, wo Ihnen beinahe einer eine Ohrfeige gegeben hat, so 
ist es noch immer besser, wenn Sie aus einer solchen Erfahrung heraus 
das Leben beurteilen, als wenn Sie blofi theoretisieren. Heraus aus der 
Erfahrung die Dinge holen, durch die die Rede Blut bekommt, denn 
durch das Denken hat sie nur Nerven. Blut bekommt sie durch die Er- 
fahrung, und durch dieses Blut, das aus der Erfahrung kommt, wird 
die Rede eindringlich. Zum Verstande der Zuhorer reden Sie durch die 
Komposition, zum Herzen der Zuhorer reden Sie durch Ihre Erfah- 
rung. Das ist es, was man wie eine goldene Regel betrachten soli. Nun, 
wir konnen Schritt fur Schritt vorwartsgehen. Ich wollte zunachst 
heute mehr im groben zeigen, wie man den Stof f allmahlich umwandeln 
kann zu dem, was er dann in der Rede zu sein hat. Dann morgen um 
drei Uhr wieder Fortsetzung. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 14. Oktober 1921 



Gestern versuchte ich zu entwickeln, wie man den ersten Teil eines 
Dreigliederungsvortrags vor einem gewissen Publikum behandeln 
konnte, und ich machte darauf aufmerksam, dafi es namentlich not- 
wendig ist, eine Empfindung hervorzurufen fiir den besonderen Cha- 
rakter des auf sich selbst gestellten Geisteslebens. Im zweiten Teil wird 
es sich darum handeln, iiberhaupt einer gegenwartigen Menschheit erst 
begreiflich zu machen, dafi es so etwas geben kann wie einen demokra- 
tisch-politischen Zusammenhang, der Gleichheit anzustreben hat. 
Denn eigentlich — und das mufi man bedenken, namentlich wenn man 
sich fiir einen solchen Vortrag vorbereitet - ist das der Fall, dafi der 
gegenwartige Mensch gar keine Empfindung hat fiir ein solches Staats- 
gebilde, das auf das Recht als auf sein eigentliches Fundament aufge- 
baut ist. Und dieser Teil, der politisch-staatliche Teil des Vortrags, er 
wird ganz besonders schwierig zu behandeln sein innerhalb der schwei- 
zerischen Verhaltnisse. Und es wird sich ganz besonders darum han- 
deln, dafi die Redner, welche innerhalb der schweizerischen Verhalt- 
nisse die Dreigliederung des sozialen Organismus vertreten wollen, ge- 
rade von den also bedingten schweizerischen Verhaltnissen ausgehen, 
und besonders darum, dafi sie bei dem mittleren, dem rechtlich-staat- 
lichen Teil, Riicksicht darauf nehmen, wie man aus den schweizerischen 
Verhaltnissen heraus zu reden hat. Denn die Sache liegt ja im allge- 
meinen so: Durch die Verhaltnisse der neueren Menschheitsentwicke- 
lung ist das eigentliche Staatsleben als solches, das sich eigentlich im 
Rechtsstaat ausleben sollte, im wesentlichen verschwunden, und was 
sich im Staate auslebt, ist eigentlich ein chaotisches Zusammensein der 
geistigen Elemente des menschlichen Daseins und der wirtschaftlichen 
Elemente. Man konnte sagen: In den modernen Staaten haben sich all- 
mahlich die geistigen Elemente und die wirtschaftlichen Elemente 
durcheinandergeschweiik, und das eigentliche Staatsleben ist zwi- 
schendurch eben heruntergefallen, eigentlich verschwunden. 

Dies ist besonders innerhalb der schweizerischen Verhaltnisse be- 



merkbar. Da haben wir es iiberall zu tun mit einer in ihren eigentlichen 
Ausgestaltungen unmoglichen, scheinbaren Demokratisierung des gei- 
stigen Lebens und mit einer Demokratisierung des Wirtschaftslebens, 
und damit, dafi die Leute glauben, dieses scheinbar demokratisierte 
Gemisch von Geistesleben und Wirtschaftsleben, das ware eine Demo- 
kratie. Und da sie sich ihre Vorstellung von Demokratie gebildet ha- 
ben aus dieser Mischung heraus, da sie also eine vollstandige Schein- 
vorstellung von Demokratie haben, so ist es so schwierig gerade zu den 
Schweizern von wirklicher Demokratie zu sprechen. Eigentlich ver- 
stehen gerade von wirklicher Demokratie die Schweizer am alleraller- 
wenigsten. 

Man denkt in der Schweiz dariiber nach, wie man die Schulen demo- 
kratisieren soil. Das ist ungefahr so, als wenn man dariiber nachden- 
ken und aus wirklichen, wahren Begriffen heraus eine Vorstellung 
davon bekommen sollte, wie man einen Stiefel zu einer guten Kopfbe- 
deckung macht. Und in ahnlicher Weise werden hier die staatlichen 
sogenannten demokratischen Begriffe behandelt. Es niitzt ja nichts, 
iiber diese Dinge, ich mochte sagen, leisetreterisch zu sprechen, um, 
wenn man hauptsachlich vor Schweizern spricht, hoflich zu sprechen; 
denn dann wiirden wir uns doch nicht verstehen konnen. In der Hof- 
lichkeit iiber solche Dinge kann man sich ja niemals ordentlich ver- 
stehen. Nun, gerade deshalb ist es notwendig, den Begriff des Rechts 
und der Gleichheit der Menschen vor einer solchen Bevolkerung zu 
erortern, wie es die schweizerische ist. 

Man mufi sich da durchaus angewohnen, wenn man rednerisch 
aktiv sein will, auf jedem Boden anders zu sprechen. Wenn man, wie 
es der Fall war vom April 1919 ab, in Deutschland iiber die Dreiglie- 
derung sprach, sprach man unter ganz anderen Verhaltnissen als etwa 
hier in der Schweiz, und auch unter so ganz anderen Verhaltnissen, 
als in England oder in Amerika von der Dreigliederung gesprochen 
werden kann. Gerade in jenem Friihling, im April 1919, unmittelbar 
nach der deutschen Revolution, waren in Deutschland alle, sowohl 
proletarische wie burgerliche Kreise, die einen naturlich mehr revolu- 
tionary die anderen resignierend, davon uberzeugt, dal5 irgend etwas 
Neues kommen miisse. Und in diese Empfindung hinein, dafi irgend 



etwas Neues kommen musse, sprach man ja eigentlich. Man sprach 
doch damals zu verhaltnismafiig vorbereiteten Leuten, und man konnte 
natiirlich damals auch in Deutschland ganz anders sprechen, als man 
etwa heute sprechen kann. Zwischen heute und dem Friihling 1919 
liegt ja auch in Deutschland eine "Welt. Heute kann man hochstens 
hoffen, in Deutschland mit irgend etwas, was an Dreigliederung an- 
klingt, eine Vorstellung davon hervorzurufen, wie das geistige Leben 
als solches selbstandig gestaltet werden kann und eigentlich gerade 
unter solchen Verhaltnissen, wie sie in Deutschland sind, heute gestal- 
tet werden miifite, wie unter gewissen Verhaltnissen auch das inner- 
staatlich-rechtliche Leben gestaltet werden konnte. Aber man kann 
natiirlich heute in Deutschland nicht von einer vollig im Sinne der 
Dreigliederung gelegenen Gestaltung des Wirtschaftslebens sprechen, 
denn das Wirtschaftsleben in Deutschland ist ja tatsachlich etwas, was 
unter Zwangsmafiregeln, unter Druck und so weiter steht, was sich 
nicht frei bewegen kann, was keine Gedanken haben kann iiber seine 
eigene freie Beweglichkeit. Es ist dies zum Beispiel ganz auffallig in 
der ganz verschiedenen Art des Lebens, sagen wir, des «Futurum» 
und des «Kommenden Tages». Der «Kommende Tag» steht mitten 
drin, so wie wenn er in einer Zwangsjacke ware, und hat die Aufgabe, 
unter solchen Verhaltnissen zu arbeiten; das «Futurum», wie es sich 
hier in der Schweiz entwickelt, mufi eben mit schweizerischen Ver- 
haltnissen arbeiten, iiber die wir ja gleich noch etwas mehr werden zu 
sprechen haben. Es ist also durchaus eine Rede verschieden zu gestal- 
ten, ob sie hier in der Schweiz, ob sie in Deutschland, ob sie zu dieser 
oder jener Zeit gehalten wird. 

In England, in Amerika miifite man natiirlich wieder ganz anders 
sprechen. Es ist ja, was zunachst von hier aus in bezug auf England 
und Amerika gemacht werden kann, doch nur eine Art Surrogat, denn 

wenn sie iibersetzt werden, gut, wenn sie iiberall verbreitet werden; 
aber, was ich von Anfang an gesagt habe, das wirklich Richtige, das 
letztlich Richtige ware, wenn fiir Amerika und auch fur England die 

«Kernpunkte» ganz anders geschrieben wiirden als fiir Mitteleuropa 

nr) *4 -Tit f*\% -rz i +- \ fa Qr*fr> ~rr;r/*>t *~r ~%a\\v "A. At H-f-ol ah ■*- i f>t^».'l 11^^ /lUia ^ i""* H "irsrp: 1 +7 \r f\ t*t f*i £hirt 



sie schon ganz wortlich und satzgemafi lauten, wie sie sind, aber fur 
England und Amerika miifiten sie eigentlich ganz anders verfalk wer- 
den, denn da spricht man zu Menschen, die ja zunachst das Gegenteil 
von dem haben, was in Deutschland zum Beispiel im April 1919 vor- 
handen war. In Deutschland war die Meinung vorhanden, etwas Neues 
miisse kommen, und man miisse nur zunachst wissen, was dieses Neue 
sei. Man hatte nicht die Kraft, es zu verstehen, aber man hatte zu- 
nachst das Gefiihl, man miisse wissen, was irgend etwas verniinftiges 
Neues sein konnte. Davon ist natiirlich im ganzen Gebiete von Eng- 
land und Amerika auch nicht einmal die allergeringste Empfindung 
vorhanden. Da ist nur die Empfindung vorhanden: Wie kann man 
das Alte festlegen, retten? Was mufi man tun, damit das Alte nur ja 
recht fest bleibt? Denn das Alte ist ja gut! An dem Alten ist ja nicht zu 
riitteln. - Ich weifi selbstverstandlich, daft da, wenn man so etwas aus- 
spricht, erwidert werden kann: Ja, aber es sind doch so viele progres- 
sistische Bewegungen in den westlichen Gebieten! - Diese progressisti- 
schen Bewegungen sind aber alle, ganz gleichgiiltig, ob sie auch dem In- 
halte nach neu seien, der Fuhrung nach durchaus reaktionar, konser- 
vativ. Da mufi also die Empfindung davon erst hervorgerufen werden, 
daft es so nicht weitergeht, wie es bisher gegangen ist. 

An einzelnen Fragen kann das durchaus bemerkt werden. Nehmen 
wir eine furchtbare, schreckliche, ich mochte sagen, die schrecklichste 
Frage, die hat heraufkommen konnen vom rein menschlichen Stand- 
punkte aus, nehmen wir die Frage der Verhungerung Rufilands. In- 
nerhalb Deutschlands - wenn auch die Anschauungen noch so chaotisch 
sind, wenn auch aus Agitationsgriinden gegen das gehandelt wird, was 
verniinftig ware, und aus menschlichen Griinden wiederum in selbst- 
verstandlicher Weise dem Mitleid gehuldigt wird, gegen welches Wal- 
ten des Mitleids natiirlich gar nicht gesprochen werden soil -, inner- 
halb Deutschlands kommt man endlich, wenigstens in einzelnen Krei- 
sen, mehr oder weniger darauf, daft es ja ein Unsinn ist fiir den ganzen 
Gang der Menschheitsentwickelung, in Form von Unterstiitzungen fiir 
die Verhungerung Ruftlands etwas zu tun, durch Schenkungen gewis- 
sermaften von westlicher Seite. Man kommt darauf, daft das ganz ge- 
wifi vom menschlichen Standpunkte aus sogar gefordert wird, daft 



aber, was nach dieser Richtung getan wird, so selbstverstandlich ist, 
dafi man nur ja nicht sagen soli, es habe irgend etwas mit den Auf- 
gaben zu tun, die heute die Verhungerung Rufilands stellt. Im Westen 
werden hochstens einige Theoretiker - aber dann auch nur auf dem 
Boden des Theoretischen - zu einer solchen Anschauung kommen. Es 
ist also naturlich, dafl man im Westen erst eine Empfindung davon 
hervorrufen mufi, da£ die Welt eine Neugestaltung braucht. 

Die Schweiz hat so dagestanden wahrend der furchtbarsten Kata- 
strophe der neueren Zeit, daft sie eigentlich nur theoretisierend - nam- 
lich durch die journalistische Theorie - daran teilgenommen hat, und 
durch das, was von aufien eben in die geistigen und die wirtschaftlichen 
Verhaltnisse hereingewirkt hat. Die schweizerische Bevolkerung hat 
deshalb gar nicht eine eigentliche Empfindung, weder davon, dafi 
etwas Neues kommen miisse, noch davon dafi das Alte bleiben miisse. 
Wenn heute der Schweizer, je nach der einen oder anderen Partei- 
richtung davon spricht, dafi ein Neues kommen miisse oder das Alte 
bleiben miisse, so hat man immer das Gefiihl: Er erzahlt einem nur, 
was er gehort hat, gehort hat auf der einen Seite von Mitteleuropa, 
gehort hat von England und dem Westen auf der anderen Seite. Er 
erzahlt einem nur, was zu seinen beiden Ohren hineingegangen ist, 
und nicht, was er eigentlich erlebt hat. Und daher erscheint es einem 
auch als so schweizerisch, wenn diejenigen Menschen, die sich nicht gern 
nach rechts oder nicht gern nach links engagieren - und das sind ja 
mafigebende Schweizer heute sehr haufig — , dafi diese Menschen sa- 
gen: Ja, wenn das geschieht, dann geschieht es eben so, wenn das an- 
dere geschieht, geschieht es eben so! Wenn ein Neues kommt, dann 
verlauft die Sache halt so, wenn das Alte bleibt, dann verlauft die 
Sache so! - Es wird gewissermafien ausgeknobelt, was man in die eine 
oder andere Waagschale noch zu legen hat. 

Es ist so: Wenn man versucht, jemanden in der Schweiz zu erwar- 
men fiir das, was der Welt heute bitter notwendig ist, so gerat man in 
Verzweiflung, weil es ihn eigentlich gar nicht angreift, weil es gleich 
zuriickprallt, weil er eigentlich in Wirkiichkeit mit dem Herzen gar 
nicht dabei ist. Es ist ihm zu sehr zuwider, als dafi es fiir ihn interes- 
sant sein konnte,. und er hat zu wenig Erfahrung iiber diese Dinge 5 als 



dafi es ihm irgendwie sympathisch sein konnte. Er mochte Ruhe haben. 
Aber er mochte doch auch wiederum Schweizer sein. Das heifk: Wenn 
da alle moglichen Fortschrittsgeschichten mit «Freiheit» und «Demo- 
kratie» iiber die Grenze heriibertonen, so kann man doch, weil man 
sich durch viele Jahrhunderte hindurch immerfort demokratisch ge- 
nannt hat, wiederum nicht sagen, man wolle die Demokratie nicht! 
Kurz, man hat wirklich das Gefiihl, als ob in der Schweiz die Men- 
schen einen sehr gut ausgebauten Kanal hatten zwischen dem rechten 
und dem linken Ohr, so daft alles, was auf der einen Seite hineingeht, 
auf der anderen Seite wiederum herausgeht, ohne dafi es zu Verstand 
und Herzen gekommen ist. 

Daher wird man wenigstens an den Punkten eben angreifen miis- 
sen, wo gezeigt werden kann, dafi ja solch ein Staatswesen wie die 
Schweiz wirklich etwas ganz Besonderes ist. Und es ist etwas ganz Be- 
sonderes. Denn erstens ist die Schweiz - was schon wahrend des Krie- 
ges bemerkbar war, wenn man es nur sehen wollte - etwas wie ein 
Schwerpunkt der Welt. Und gerade ihr Unengagiertsein gegeniiber 
den verschiedenen Weltverhaltnissen konnte sie beniitzen, um ein f reies 
Urteilen und auch ein freies Handeln gegeniiber ringsherum zu bekom- 
men. Die Welt wartet ja nur darauf, dafi die Schweizer das auch in 
ihren Kopfen bemerken, was sie in ihrer Tasche bemerken. In ihrer 
Tasche bemerken sie, dafi der Franken vom Auf- und Absteigen der 
Valuta, von der Korrumpierung der Valuta, eigentlich nicht betroffen 
worden ist. Daft ja die ganze Welt sich um den Schweizer Franken be- 
wegt, das bemerken die Schweizer. Dafi das auch in geistiger Bezie- 
hung der Fall ist, das bemerken die Schweizer eben nicht. Aber so, wie 
sie den unbeweglichen Franken, der gewissermafien der Regulator ge- 
worden ist der Valuta der ganzen Welt, wie sie den zu wiirdigen ver- 
stehen, so sollten sie auch ihre durch die Weltverhaltnisse wirklich un- 
abhangige Stellung, durch die die Schweiz tatsachlich eine Art Hypo- 
mochlion sein konnte fur die Weltverhaltnisse - dies sollten die Schwei- 
zer verstehen. Daher ist es notwendig, dafi man ihnen dies eben begreif- 
lich macht. 

Es ist schon fast so, wie man es in ahnlicher Art einmal hat iiber 
Dsterreich sagen miissen. Leute, die etwas von den Dingen verstanden 



in Dsterreich, die haben oftmals dariiber nachgedacht, warum denn 
dieses Dsterreich, das ja nur zentrifugale Tendenzen hatte, bestehen 
blieb, warum es nicht auseinandersplitterte. Ich habe in den achtziger, 
neunziger Jahren nie etwas anderes gesagt als: Was in Dsterreich selber 
geschieht, das hat zunachst noch gar keine Bedeutung fur das Zusam- 
menhalten oder Auseinandersplittern, sondern nur, was ringsherum 
geschieht. Weil die anderen - Deutschland, Rutland, Italien, Tiirkei 
und diejenigen, die an der Tiirkei interessiert sind, Frankreich und auch 
die Schweiz selber -, weil diese ringsherum liegenden Staatsgebilde 
Dsterreich nicht zerfallen lassen, sondern mitten drinnen zusammen- 
halten, weil keiner dem anderen ein Stuck davon gonnte! Jeder sorgte 
dafiir, dafi der andere ja nichts bekomme: dadurch blieb Dsterreich 
beisammen. Es wurde von aufien zusammengehalten. Das konnte man 
sehr genau sehen, wenn man einen Sinn hatte fiir solche Verhaltnisse. 
Und erst als dieses gegenseitige Beschauen der umliegenden Machte im 
Weltkrieg durch den Nebel der Kanonen getriibt wurde, erst da zer- 
fiel Dsterreich, selbstverstandlich. Das Bild besagt im Grunde genom- 
men alles. 

Nun, bei der Schweiz ist es ahnlich, aber doch wiederum anders. 
Ringsherum sind alle moglichen Interessen, aber diese Interessen haben 
einen kleinen Fleck da iibriggelassen, wo sie sich nicht begegnen. Und 
heute, wo man Weltwirtschaftsleben, Weltgeistesleben hat, da ist die 
Sache so, dafi ja dieser kleine Fleck allerdings dadurch aufrechterhalten 
wird, dafi er nun etwas ganz Besonderes ist. Was ist er denn eigentlich? 
Er ist etwas, was inner halb seiner Grenzen durch rein politische Verhalt- 
nisse zusammengehalten wird. Das geht Ihnen aus der schweizerischen 
Geschichte hervor. Die schweizerische Geschichte ist eine scheinbar ganz 
politische, so wie das schweizerische Denken ein scheinbar ganz demo- 
kratisches ist. Aber auch mit der Politik verhalt es sich so fiir die 
Schweiz, wie ich es vorhin fiir die Demokratie auseinandergesetzt 
habe: Es ist eine Politik, die eigentlich keine ist, die auf einem kleinen 
Fleck Erde das Geistesleben und das Wirtschaftsleben verwaltet, aber 
eigentlich in Wirklichkeit gar nicht Politik treibt. Vergleichen Sie, was 
in der Schweiz und was anderwarts Politik ist! Es muE manchmal das 
eine oder andere politisch gemacht werden, weil man mit den anderen 



Landern in Korrespondenz treten mufi. Aber wirkliche schweizerische 
Politik - man miifite eben die Dinge auf den Kopf stellen, wenn man 
eine wirkliche schweizerische Politik finden wollte. Die gibt es eigent- 
lich nicht. Auch daraus ist eben ersichtlich, dafi hier ein Landgebilde 
geschaffen worden ist, auf dem im politischen Sinne das Geistesleben, 
im politischen Sinne das Wirtschaftsleben verwaltet wird, in dem 
aber eigentlich gar nicht eine wirkliche Empfindung, ein wirkliches 
Erleben von dem Rechtsdasein vorhanden ist. 

Daher handelt es sich darum, dafi man hier ganz besonders tief ein- 
scharft, dafi das Recht etwas 1st, was man nicht definieren kann, so 
wie man Rot oder Blau nicht definieren kann, daft das Recht etwas 
ist, was in seiner Selbstandigkeit erlebt werden mufi, und was erlebt 
werden mufi, wenn sich als Mensch bewufit wird jeder miindig gewor- 
dene Mensch. Es wird sich also darum handeln, zu versuchen, fur 
schweizerische Mittel gerade dieses menschliche Empfindungs- und 
Gefiihlsverhaltnis im Rechtsleben herauszuarbeiten, dafi im einzelnen 
Menschen die Gleichheit leben miisse, wenn Rechtsleben da sein soli. 
Gerade die Schweiz ist namlich dazu berufen, und ich mochte sagen: 
Die Engel der ganzen Welt schauen auf die Schweiz, ob hier das Rich- 
tige geschieht -, gerade die Schweiz ist dazu berufen, da sie, ich mochte 
sagen, vollig jungfraulich ist in bezug auf den Rechtsstaat, nur einen 
geistigen, nur einen Wirtschaftsstaat hat, einen Rechtsstaat zu schaf- 
fen unter Freigebung des geistigen und des Wirtschaftslebens. 

An den schweizerischen Bergen hat sich fur die Herzen der Men- 
schen eigentlich gebrochen das romische Recht, das in ganz anderer 
Weise in Frankreich und in Deutschland und anderen europaischen 
Landern eingezogen ist. Es ist nur in das Aufierliche hineingegangen, 
nicht aber in das Empfinden der Menschen. Es ist also jungfraulicher 
Rechtsboden, auf dem alles geschaffen werden kann. Wenn nur die 
Menschen zur wirklichen Besinnung kommen, was es fur ein unend- 
liches Gluck ist, hier zwischen den Bergen zu leben und einen eigenen 
Willen haben zu konnen, unabhangig von der ganzen Welt, die sich 
um dieses kleine Landchen dreht. Hier konnen, gerade wegen dieser 
Weltverhaltnisse, die Rechtselemente blofi aus dem Menschen heraus- 
gearbeitet werden. 



Also ich deute Ihnen an, wie man die besondere Lokalitat, die be- 
sondere Ortlichkeit in das Vorbereiten hineinbringen mufi fiir soldi 
einen Vortrag, wie man tatsachlich mit sich selber vollig eins sein mufi, 
was das Wesen des Schweizertums ist. Ich kann es natiirlich hier nur 
skizzieren; aber jeder, der in der Schweiz reden will, miifite eigentlich 
sich bemUhen, ganz zu verstehen, welch besonderer Art dieses Schwei- 
zertum ist. 

Nicht wahr, Sie konnen sagen: Wir sind ja Schweizer - so wie die 
Englander sagen konnen: Wir sind ja Englander -, und du willst uns 
jetzt sagen, wie der Schweizer das Schweizertum kennenlernen soli, 
und was der Englander alles nicht hat von solcher Empfindung und so 
weiter. - Gewifi, das kann man sagen. Aber diejenigen, die heute zu den 
Gebildeten gehoren, haben ja nirgends eine wirklich erlebte Bildung, 
nirgends eine Bildung, die heraus ist aus dem Unmittelbaren des Er- 
lebens. Daher mufi gerade gegeniiber dem Rechte auch sehr hinge wie- 
sen werden auf dieses unmittelbare Erleben. 

Da kommen wir zu der Betrachtung, wie die Menschen allmahlich 
unter der neueren Zivilisation in gegenseitige Verhaltnisse, in soziale 
Verhaltnisse hineingekommen sind auf dem Gebiete, wo sich eigent- 
lich das Recht entwickeln sollte. Von Mensch zu Mensch sollte sich das 
Recht entwickeln. Und alles also, alles Parlamentarisieren ist eigent- 
lich im Grunde genommen nur ein Surrogat fiir das, was sich von 
Mensch zu Mensch abspielen miilke in einem wirklich richtigen Rechts- 
gebiete. 

Da hat man dann Gelegenheit, wenn man nun nachdenkt iiber das 
Rechtsgebiet, wiederum einzugehen - aber jetzt in einer realeren Weise 
einzugehen - auf dasjenige, was die Begriffe des Proletariats sind und 
die Empfindungen der Bourgeoisie. Man kann aber jetzt in einer reale- 
ren Weise dasjenige, was das Proletariat an Begriffen entwickelt hat, 
heruberfiihren in das Empfinden der Bourgeoisie. Ich sage: Begriffe des 
Proletariats, Empfindungen der Bourgeoisie. Die Erklarung dafiir fin- 
den Sie in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage». 

Das Proletariat hat aus den vier Begriffen, die ich gestern hier ent- 
wickelt babe, durchaus eben das Gefuhl des Klassenbewufkseins ent- 
wickelt; es mufi erobern, was im Besitze der Bourgeoisie ist, den Staat. 



Inwieweit der Staat nun ein wirklicher Rechtsstaat ist oder nicht, das 
ist natiirlich dem Proletariat audi nicht klargeworden. Aber was als 
Rechtsstaat sich entwickelt hat, davon ist die Schweiz am allerwenig- 
sten beriihrt, daher sie am leichtesten ohne Vorurteile einen wirklichen 
Rechtsstaat begreifen konnte. Was sich als ein wirklicher Rechtsstaat 
entwickelt hat, das lebt ja nur zwischen den Aufierungen des eigent- 
lichen Seelenlebens der Menschen fast in der ganzen Welt heute, nur 
eben nicht in der Schweiz! Oberall sonst in der Welt lebt eigentlich 
dasjenige, was Rechtsstaat ist, ein, ich mochte sagen, Unter-der-Hand- 
Dasein, wahrenddem dasjenige, was wirklich von Mensch zu Mensch 
erlebt wird, auf etwas ganz anderem beruht, und zwar auf etwas ganz 
durch und durch Biirgerlichem. Was der Mensch im offentlichen Le- 
ben eigentlich sucht, was er hineintragt in das ganze offentliche Leben, 
wodurch ihm eine Verdunkelung des eigentlichen Rechtslebens ge- 
schieht, das kann man nur erfassen, wenn man ein wenig die konkreten 
Beziehungen ins Auge fafit. 

Sehen Sie, das Geistesleben ist allmahlich aufgesogen worden vom 
Staatsleben. Das Geistesleben aber ist, wenn man ihm gegenubersteht 
als einem Elemente, das auf sich selbst gebaut ist, ein sehr strenges 
Element, ein Element, demgegeniiber man fortwahrend seine Freiheit 
bewahren mufi, das deshalb nicht anders als auch in der Freiheit orga- 
nisiert werden darf. Lassen Sie einrnal eine Generation ihr Geistes- 
leben freier entfalten und dann dieses Geistesleben organisieren, wie sie 
es will: es ist die reinste Sklaverei fiir die nachstfolgende Generation. 
Das Geistesleben mu& wirklich, nicht etwa blofi der Theorie nach, son- 
dern dem Leben nach, frei sein. Die Menschen, die darinnenstehen, 
mussen die Freiheit erleben. Das Geistesleben wird zur grofien Tyran- 
nei, wenn es uberhaupt auf der Erde sich ausbreitet, denn ohne dafi 
eine Organisation eintritt, kann es sich nicht ausbreiten, und wenn eine 
Organisation eintritt, wird sogleich die Organisation zur Tyrannin. 
Daher mufi fortwahrend in Freiheit, in lebendiger Freiheit gekampft 
werden gegen die Tyrannis, zu der das Geistesleben selber neigt. 

Dieses Geistesleben ist nun im Laufe der neueren Jahrhunderte auf- 
gesogen worden vom Staatsleben. Das heifit: Wenn man das Staats- 
leben der Toga entkleidet, die es noch immer sehr stark anhat in der 



Erinnerung an die alte Romerzeit, obwohl schon sogar die Richter 
anfangen, den Talar abzulegen, aber im ganzen kann man doch sagen, 
dafi das Staatsleben die Toga noch anhat; aber wenn man absieht von 
dieser Toga, wenn man auf das sieht, was darunter ist: dann ist es 
eigentlich iiberall das verzwangte Geistesleben, das im Staate und im 
sozialen Leben des Staates vorhanden ist. Es ist das verzwangte Gei- 
stesleben! Verzwangt, aber nicht wissend, dafi es verzwangt ist, daher 
nicht nach Freiheit strebend, aber immerhin doch gegen die Verzwangt- 
heit fortwahrend ankampfend. Und vieles in der neuesten Zeit ist ge- 
rade aus diesem Ankampf en gegen die Verzwangtheit des Geisteslebens 
hervorgegangen. Unser ganzes offentliches Geistesleben steht eigent- 
lich unter dem Zeichen dieser Verzwangtheit des Geisteslebens, und 
wir konnen nicht gesunde Verhaltnisse gewinnen, wenn wir uns nicht 
einen Sinn aneignen fur die Beobachtung dieser Verzwangtheit des 
Geisteslebens. Man mufi ein Gefiihl dafur haben, wie einem diese Ver- 
zwangtheit des Geisteslebens entgegenkommt im Alltag. 

Ich wurde einmal von einer Anzahl Berliner Damen, die in einem 
Institute von mir Vortrage angehort hatten, dann eingeladen, einen 
Vortrag zu halten bei einer der Damen in ihrem Privatappartement, 
und die ganze Veranstaltung war eigentlich dazu da, dafi die Damen 
entgegenarbeiten wollten einer gewissen dazumal recht gutmiitigen 
Stimmung bei ihren Mannern. Nicht wahr, diese Damen kamen so etwa 
um zwolf Uhr in das Unterrichtsinstitut, wo ich die Vortrage hielt. 
Und die Manner, wenn wiederum solch ein Tag kam - ich glaube, es 
war einmal in der Woche -, sagten dann: Na ja, da geht Ihr halt in 
eure verriickte Anstalt heute wieder hin; da wird die Suppe wieder 
schlecht sein, oder es wird etwas anderes nicht in Ordnung sein! - Und 
da wollten denn diese Damen, dafi ich einen Vortrag hielte iiber Goethes 
« Faust » - das wurde als Thema ausgesucht - und dazu wurden auch 
die Manner eingeladen. Nun hielt ich eben einen Vortrag iiber Goethes 
«Faust» vor den Damen und Herren. Ja, die Herren waren nachher 
etwas verdutzt und sie sagten: «Ja s aber Goethes <Faust> ist halt eine 
Wissenschaft; Kunst ist ja Goethes <Faust> nicht. Kunst, das ist Blu- 
menthal» — ich zltiere wortlich «da braucht man sich nicht anzu- 
strengen. Wenn man sich schon im wirtschaftlichen Beruf so anstrengt, 



will man sich doch im Leben nicht auch noch anstrengen!» Sehen Sie, 
was eingezogen ist als Ersatz des Enthusiasmus fur die Freiheit im 
Geistesleben, das tritt uns im staatlichen Leben entgegen als blofies 
leichtes Unterhaltungsbediirfnis. 

Ich habe einmal auf dem Lande gesehen, wo man so etwas noch gut 
sehen konnte, wie diese alten herumziehenden Schauspieler, die im- 
mer, in Deutschland nannte man es den Dummen August, also den 
Bajazzo bei sich hatten, wie diese manchmal ganz feine Sachen dar- 
stellten. Da sah ich, wie der Clown, der nun seine Ciownkunststucke 
eine ganze Zeit hindurch gemacht und die Leute unterhalten hatte, weil 
er nun daranging, etwas fur ihn sehr Ernstes darzustellen, das Clown- 
kostiim abwarf und nun in schwarzen Beinkleidern und schwarzem 
Frack dastand. Mir dreht sich dieses Bild immer um: Ich sehe dann 
zuerst den Mann in schwarzen Beinkleidern und schwarzem Frack, 
und hinterher sehe ich den Mann mit dem Clownkostum. Mir kommt 
es so vor wie schwarzes Beinkleid und Frack, wenn ich irgendwo in 
einem Schaufenster ein Buch von Einstein iiber die Relativitatstheorie 
sehe; und dann habe ich den Clown vor mir, wenn ich daneben ein 
Buch von Moszkowski iiber die Relativitatstheorie vor mir habe. Denn 
tatsachlich, im aufieren Leben ist ja manches Maja: Aber man konnte 
sich gar nicht denken, dafi innerlich die ganze Denkerpedanterie anders 
auftreten konnte als in schwarzem Beinkleid und in wohlgeschnittenem 
Frack, will sagen, in der Relativitatstheorie. Und wiederum: Es ist 
unangenehm, sich so strengen Gedankengangen, so konsequenten Ge- 
dankengangen zu fiigen, die schon wirklich so geschnitten sind wie ein 
gutsitzender Frack; das mufi den Leuten auch anders entgegentreten. 
Da macht sich denn der als Philosophenclown feuilletonistisch ganz 
besonders begabte Alexander Moszkowski daran und schreibt ein dickes 
Buch. Aus dem lernen nun alle Leute in Feuilletonform, im Clown- 
kostiim, was im Frack geboren worden ist! Sehen Sie, man kann gar 
nicht anders heute, als die Dinge heriiber zu iibersetzen in dasjenige, 
wobei man sich nicht anzustrengen braucht, wobei man auch keinen 
grofien Enthusiasmus zu entf alten braucht. 

Gegen diese allgemeine Stimmung mufi namlich empfindungsge- 
mafi angekampft werden, wenn man iiber Rechtsbegriffe sprechen 



will, denn da tritt der Mensch mit seinem ganzen inneren Werte als 
ein Gleicher den anderen Menschen gegeniiber. Und dasjenige, was die 
Rechtsbegriffe nicht heraufkommen lafk, das ist das, ja, ich mochte 
sagen, Alexander-Moszkowskimafiige! Man mufi iiberall die Dinge 
beim Konkreten aufsuchen. 

Ich sage natiirlich durchaus nicht, dafi man nun notig hat, wenn 
man iiber Rechtsbegriffe spricht, von Frack und Clownkostiim zu spre- 
chen, aber ich mochte zeigen, wie man die Begriffe fur diese Dinge 
elastisch bekommen mufi, wie man wirklich auf das eine hinweisen 
mufi, wenn man auf das andere hinweist; auch wie man disponieren 
konnen mufi, zuerst in sich selber, urn dann die notige Gelaufigkeit zu 
haben, vor den Menschen zu sprechen. 

Und auch noch aus einem anderen Grunde mufi der heutige Redner 
so etwas wissen. Er ist ja zumeist dazu verurteilt, wenn er fur etwas 
Zukunftswiirdiges zu sprechen hat, abends zu sprechen. Das heilk, er 
hat diejenige Zeit auszufiillen, in der eigentlich die Leute im Konzert- 
saal oder im Theater sein mochten. Er mufi sich also durchaus klar sein 
daruber, dafi er zu einem Publikum spricht, das besser an seinem Platze 
ware, der Zeitverfassung nach, wenn es im Konzertsaal oder im Thea- 
ter ware, oder noch woanders, aber nicht eigentlich an seinem Platz 
ist da unten, wo es zuhoren soil, wenn oben ein Redner von zukunfts- 
wiirdigen Dingen spricht. Man mu6 sich klar sein, was man eigentlich 
tut, bis in die Einzelheiten hinein. 

Was tut man denn eigentlich, wenn man vor einem solchen Publi- 
kum spricht, vor dem zu sprechen man heute zumeist verurteilt ist? 
Man verdirbt ja diesem Publikum eigentlich in ganz wortlichem Sinne 
den Magen! Eine ernste Rede hat namlich die Eigentiimlichkeit, daft 
sie dem Pepsin feindlich ist, dafi sie das Pepsin, denMagensaft nicht zur 
Wirksamkeit kommen lafit. Eine ernste Rede macht den Magen sauer. 
Und nur wenn man selber in der ganzen Stimmung ist, eine ernste 
Rede so vorzubringen, daE man, weigstens innerlich, sie mit dem no- 
tigen Humor vorbringt, dann hilft man dem Magensaft wieder. Man 
mufi mit einer gewissen inneren Leichtigkeit eine Rede vorbringen, mit 
einer gewissen Modulation, mit einer gewissen Begeisterung, dann hilft 
man dem Magensaft. Und dann gleicht man das wiederum aus s was 



man dem Magen zuftigt in der Zeit, in der wir heute zumeist zu reden 
haben. Daher ist es wirklich eher als fiir die Dreigliederung des sozia- 
len Organismus fiir die Magenspezialisten gearbeitet, wenn Men- 
schen in aller Schwere, mit allem inneren Herauspressen, in pedan- 
tischer Form iiber die Dreigliederung zu den Menschen sprechen. Das 
mufi mit Leichtigkeit, mit Selbstverstandlichkeit geschehen, sonst ar- 
beitet man nicht fiir die Dreigliederung, sondern fiir die Magenspe- 
zialisten. Es gibt nur noch keine Statistik dariiber, wie viele Leute, 
nachdem sie pedantische Vortrage angehort haben, zu den Magenspe- 
zialisten gehen miissen! Wenn man einmal eine Statistik iiber diese 
Dinge hatte, wiirde man namlich erstaunt sein dariiber, welcher Pro- 
zentsatz in den Patientenkreisen der Magenspezialisten eifrige Vor- 
tragszuhorer der heutigen Zeit abgeben. 

Ich mufi schon auf diese Dinge auch aufmerksam machen, denn 
es naht sich die Zeit, wo man kennen mufi, wie eigentlich der Mensch 
lebt: wie Ernst auf seinen Magen, wie Humor auf seinen Magensaft 
wirkt, wie zum Beispiel, sagen wir, der Wein eine Art Zyniker ist, der 
die ganze menschliche Organisation nicht ernst nimmt, sondern mit 
ihr spielt. Und so konnte man, wenn man nicht mit den Wischiwaschi- 
begrif fen der heutigen Wissenschaft, sondern mit menschlichen Begrif- 
fen an die menschliche Organisation heranginge, durchaus einsehen, 
was nun auch fiir eine organische Wirkung, fast chemische Wirkung, 
jedes Wort und jeder Wortzusammenhang beim Menschen hervorruf t. 

Solche Dinge zu wissen, erleichtert einem auch das Reden. Wah- 
rend man sonst eine Mauer vor sich hat gegeniiber dem Publikum, 
hort diese Mauer auf zu sein, wenn man gewissermafien bei einer pe- 
dantischen Rede immer durchsieht, wie der Magensaft traufelt und 
endlich sauer wird im Magen, die Magenwande angreift. Man hat 
schon zuweilen Gelegenheit, das zu sehen. In Horsalen der Universi- 
taten ja weniger; da helfen sich die Studenten dadurch, dafi sie nicht 
zuhoren. 

Sie sehen aber daraus, was ich so sage, wieviel beim Reden von der 
Stimmung abhangt, wieviel mehr Bedeutung das Vorbereiten der Stim- 
mung, das In-die-Hand-Nehmen der Stimmung hat, als das wort- 
wortliche Vorbereiten. Wer oftmals sich fiir die Stimmung vorbereitet 



hat, der hat dann gar nicht mehr notig, sich fur das Wortwortliche so 
vorzubereiten, daft er sich im entsprechenden Moment durch das zu 
gute wortwortliche Vorbereiten eben zum Verderber des Magensaftes 
gerade macht. 

Sehen Sie, zu einem - wenn ich mich jetzt so ausdriicken darf - 
richtig geschulten Redner gehort verschiedenes; und ich mochte es ge- 
rade an dieser Stelle vorbringen, weil das Auseinandersetzen der 
Rechtsbegriffe gerade vieles fordert, was man nach dieser Richtung 
charakterisieren mufi. Ich mochte es gerade jetzt vorbringen, bevor 
ich dann wohl morgen zu der Hineinverwebung der Wirtschaftsele- 
mente in das Reden sprechen mochte. 

Ein Anthroposoph brachte einmal in den Architektenhaussaal in 
Berlin den Ihnen ja vielleicht auch schon bekannten Max Dessoir mit 
an einem Abend, wo ich dort einen Vortrag zu halten hatte. Dieser da- 
malige Freund des Max Dessoir sagte hinterher: Ach, der Dessoir ging 
doch nicht mit! - Ich fragte ihn, wie ihm der Vortrag gef alien habe; da 
sagte er: Ja, wissen Sie, ich bin selbst ein Redner; und derjenige, der 
selbst ein Redner ist, der kann nicht richtig zuhoren, der hat kein Ur- 
teil iiber das, was der andere redet! - Nun, ich hatte nicht notig, mir 
uber Dessoir ein Urteil zu bilden nach dieser Aussage, denn dazu hatte 
ich andere Urteilsbildungsgelegenheiten, wiirde mir auch kein Urteil 
gebildet haben nach dieser Aussage: denn ich konnte gar nicht wissen, 
ob es wirklich wahr ist, oder ob der Dessoir, wie sonst, auch diesmal 
gelogen hat. Nun aber, nehmen wir an, es ware wahr gewesen: Wofur 
ware das ein Beweis? Dafur, daft jedenfalls derjenige, der solche An- 
sicht hat, niemals ein richtiger Redner werden kann. Denn niemals 
kann derjenige ein richtiger Redner werden, der gerne redet, und der 
sich selbst gerne hort, und der auf sein eigenes Reden besonders viel 
gibt. Ein richtiger Redner muiS eigentlich immer eine gewisse t)ber- 
windung durchmachen, wenn er reden soil, und er mul? diese Uber- 
windung deutlich fiihlen. Er mufi vor alien Dingen selbst den schlech- 
testen fremden Redner lieber horen wollen, als daft er selber spre- 
chen will. 

Ich weift sehr genau, was ich mit dieser Sache sage, und weift sehr 
genau, wie schwer es manchem von Ihnen 1st, das gerade mir zu glau- 



ben, aber es ist so. Ich gebe zwar zu, dafi es andere Vergnugungen gibt 
in der Welt, als schlechten Rednern zuzuhoren. Aber es darf jedenfalls 
zu diesen anderen grofieren Vergnugungen nicht das gehoren, selber 
zu sprechen. Man mu£ sogar einen gewissen Drang haben, andere zu 
horen. Man mufi gerne anderen zuhoren, denn durch das Zuhoren 
wird man eigentlich ein Redner, nicht durch die Liebe zum eigenen 
Reden. Durch das eigene Reden bekommt man eine gewisse Gelaufig- 
keit; das mufi aber instinktiv verlaufen. Was einen zum Redner macht, 
das ist eigentlich das Zuhoren, das Entwickeln eines Ohres fur die be- 
sonderen Eigentiimlichkeiten der anderen Redner, und selbst wenn sie 
schlechte Redner sind. Daher werde ich jedem, der mich fragt, wie er 
sich am besten vorbereite, nach einer gewissen Richtung hin ein guter 
Redner zu werden, antworten: Er hore, aber insbesondere er lese - 
ich habe den Unterschied zwischen Horen und Lesen auseinanderge- 
setzt - er hore und lese - man kann das ja auch; denn der Unfug be- 
steht einmal, dafi die Reden gedruckt werden - die Reden von anderen! 
Man wird nur auf diese Art jenes starke Gefuhl bekommen der Abnei- 
gung gegen das eigene Reden. Und diese Abneigung gegen das eigene 
Reden ist es eigentlich, die es einem ermoglicht, eben entsprechend 
wirklich zu reden. Das ist aufierordentlich wichtig. Und bei den Men- 
schen, die es doch nicht zustande kriegen das eigene Reden mit Anti- 
pathie zu betrachten, bei denen ist es gut, wenn sie wenigstens das 
Lampenfieber sich bewahren, denn ohne Lampenfieber und mit Sym- 
pathie fur das eigene Reden sich hinstellen und reden, das ist eigentlich 
etwas, das man unterlassen sollte, denn es wirkt unter alien Umstan- 
den nicht gut in der Welt. Es wirkt zur Sklerotisierung der Rede, zur 
Verknocherung, zur Verkapselung der Rede und gehort dann eben zu 
dem, was den Leuten die Predigt verdirbt. 

Sehen Sie, ich wiirde Ihnen wahrhaftig nicht im Sinne der Aufgabe 
dieses Kurses iiber das Reden sprechen, wenn ich aus irgendeiner alten 
Rhetorik oder aus nachgebildeten alten rhetorischen Reden heraus 
Ihnen hier Redegesetze aufzahlen wiirde, sondern ich will Ihnen aus 
voller Erfahrung heraus ans Herz legen, was man eigentlich immer im 
Herzen haben soli, wenn man durch Reden auf seine Mitmenschen 
wirken will. 



Gewifi, einigermafien andern sich die Dinge, wenn man zur Wech- 
selrede gezwungen ist, wenn also, ich mochte sagen, ein gewisses Rechts- 
verhaltnis auftritt zwischen Mensch und Mensch in der Diskussion. 
Aber in der Diskussion, an der man gerade das Rechtsverhaltnis am 
schonsten lernen konnte, macht sich heute fast gar nicht dieses Hin- 
einprojizieren der allgemeinen Rechtsbegriffe in das Verhaltnis, das 
zwischen Mensch und Mensch in der Diskussion, im Wortverhaltnis, 
im Satzverhaltnis besteht, geltend. Da handelt es sich wirklich darum, 
dafi man dann bei der Diskussion nicht verliebt ist in seine eigene Art 
zu denken, in seine Art zu empfinden, sondern dafi man in der Diskus- 
sion eigentlich antipathisch empfindet, was man selber zu etwas sagen 
mochte und das man heraufholt. Dann kann man das namlich, wenn 
man seine eigene Meinung, auch seinen eigenen Arger oder die eigene 
Aufgeregtheit zuriickzudammen versteht und hiniiberkriechen kann 
in den anderen. So wird das fruchtbar auch in der Debatte, wo etwas 
zuriickgewiesen werden mufi. Man kann natiirlich nicht dasselbe sagen, 
was der andere sagt, aber man kann von dem anderen das nehmen, was 
man gerade zu einer wirksamen Debatte braucht. 

Ein ganz eklatantes Beispiel ist das Folgende. Es ist erzahlt in der 
letzten Nummer der «Dreigliederung» ; ich habe es vor mehr als zwan- 
zig Jahren erlebt. Der Abgeordnete Rickert hielt im deutschen Reichs- 
tag eine Rede, in der er Bismarck vorwarf, dafi er die Richtung seiner 
Politik andere. Er wies darauf hin, wie Bismarck eine Zeitlang mit den 
Liberalen gegangen ist, sich nachher nach den Konservativen gewendet 
hat, und hielt eine sehr wirksame Rede, die er zusammenfafite in das 
Bild, daft die Bismarcksche Politik darauf hinausliefe, den Mantel 
nach dem Winde zu drehen. Nun, Sie konnen sich denken, wie das in 
der Empfindung eines Auditoriums, noch dazu einer Schwatzanstalt - 
nun, der deutsche Ausdruck ist nicht gut, wenn man ihn braucht, 
aber furParlament ist die richtige deutsche TJbersetzung schon Schwatz- 
anstalt innerlich, empfindungsgema.fi wirkt, wenn solch ein Bild 
gebraucht wird. Bismarck aber stellte sich hin und hielt nun dem Abge- 
ordneten Rickert die Dinge entgegen — zunachst mit einer gewissen 
Uberlegenheit die er zu sagen hatte; und dann kroch er in den Ab- 
geordneten Rickert hine'm.. wie er das in ahnlichen Fallen immer tat. 



und sagte: Der Abgeordnete Rickert hat mir vorgeworfen, dafi ich den 
Mantel nach dem Winde drehe. Aber Politik treiben ist so etwas, wie 
auf der See fahren. Ich mochte wissen, wie man eigentlich richtig 
steuern sollte, wenn man sich nicht nach dem Winde drehen will! Ein 
richtiger Seefahrer mufi sich, wie ein richtiger Politiker, beim Steuern 
selbstverstandlich nach dem Winde richten, wenn er nicht etwa selbst 
Wind machen will! 

Sie sehen: Das Bild ist aufgegriffen, so gewendet, dafi es nun tat- 
sachlich den Pfeil auf den Schiitzen zuriickschlagt. Es handelt sich in 
der Debatte darum, die Dinge aufzunehmen, aus dem Redner selber 
heraus die Dinge zu holen. Wenn es sich urn ein leichteres Bild handelt, 
ist ja die Sache begreiflich. Aber man wird das auch ganz im Seriosen 
tun konnen: aufsuchen bei dem Gegner, was aus dem Gegner heraus 
selber die Sache zerfasert! In der Regel wird es nicht viel niitzen, wenn 
man seine eigenen Griinde den Griinden des Gegners einfach entgegen- 
setzt. 

Bei der Debatte sollte man eigentlich in folgender Stimmung sein 
konnen: Man sollte in dem Augenblick, wo die Debatte losgehen soli, 
eigentlich alles, was man bisher gewufit hat, ausschalten konnen, das 
alles ins Unbewufite hinunterdrangen, und eigentlich nur wissen, was 
der Redner, dem man zu erwidern hat, eben gesagt hat, und dann red- 
lich sein Zurechtriickungstalent iiber das, was der Redner gesagt hat, 
walten lassen. Das Zurechtriickungstalent walten lassen! In der De- 
batte handelt es sich darum, unmittelbar aufzunehmen, was der Red- 
ner sagt, und nicht einfach das, was man schon vor langerer Zeit ge- 
wufit hat, eben einfach entgegenzustellen. Wenn man das, was man 
schon vor langerer Zeit gewufit hat, einfach entgegenstellt, wie es bei 
den meisten Debatten geht, so geht die Debatte eigentlich wirklich er- 
gebnislos aus, tatsachlich ergebnislos. Man kann ja eigentlich nie je- 
manden in einer Diskussion widerlegen. Man mufi sich dessen nur be- 
wufit sein, dafi man nie jemanden in einer Debatte widerlegen kann, 
sondern man kann nur zeigen, dafi ein Redner entweder sich selbst oder 
der Wirklichkeit widerspricht. Man kann nur eingehen auf das, was er 
gesagt hat. Und das wird gerade, wenn es als Grundsatz entwickelt 
wird, fur Debatten, fur Diskussionen von einer aufierordentlichen 



Wichtigkeit sein. Wenn einer in der Debatte nur das sagen will, was er 
schon gewufit hat, dann wird es sicher gar keine Bedeutung haben, dafi 
er es nach dem Redner vorbringt. 

Mir trat das einmal ganz besonders instruktiv, mochte ich sagen, 
vor Augen. Ich wurde in Holland auf meiner letzten Reise eingeladen, 
auch in der Philosophischen Gesellschaft der Amsterdamer Univer- 
sitat einen Vortrag zu halten iiber Anthroposophie. Da war schon der 
Vorsitzende selbstverstandlich anderer Meinung als ich. Es war gar 
kein Zweifel, dafi er, wenn er in die Debatte eingriff , etwas ganz an- 
deres sagen werde als ich. Aber es war ebenso klar, dafi schliefilich das, 
was er sagte, nichts ausmachte in bezug auf meine Rede, und dafi meine 
Rede auch keinen besonderen Einflufi haben wiirde auf dasjenige, was 
er sagen wiirde, aus dem, was er ja ohnedies wufite.Daher fand ich, dafi 
er es ganz gescheit gemacht hat: Er brachte, was er zunachst vorzubrin- 
gen hatte, nicht etwa hinterher in der Debatte, sondern schon vorher 
vor! Er hatte auch das, was er nachher in der Debatte noch angefiigt 
hat an seine vorausgehenden Worte, schon am Anfang auch gleich vor- 
her vorbringen konnen, es wiirde an der Sache gar nichts geandert 
haben. 

Uber solche Dinge mufi man sich nur keinen Illusionen hingeben. 
Vor alien Dingen kommt es darauf an, dafi gerade ein Redner sich 
recht, recht stark in menschliche Verhaltnisse hineinfindet. Aber iiber 
menschliche Verhaltnisse darf man sich, wenn die Dinge wirken sollen, 
keinen Illusionen hingeben. Vor alien Dingen - das mochte ich Ihnen 
heute noch sagen, weil das eine gewisse Grundlage fiir die nachsten 
Vortrage abgeben wird -, vor alien Dingen soil man sich keiner Illusion 
dariiber hingeben, dafi Reden doch wirken. 

Ich mufi immer innerlich furchtbar in eine humoristische Stim- 
mung kommen, wenn gutmeinende Zeitgenossen immer wieder und 
wieder sagen: Auf Worte kommt es nicht an, auf Taten kommt es an! - 
Ich habe an den ungeeignetsten Stellen, sowohl in Zwiegesprachen wie 
auch von verschiedenen Podien herab, immer wieder deklamieren ho- 
ren: Auf Worte kommt es nicht an; auf Taten kommt es an! - Bei dem, 
was in der Welt an Taten geschieht, kommt aiies auf die Worte an! 
Es geschehen namlich fiir den, der die Sache durchschaut, gar keine 



Taten, die nicht vorher durch die Worte von irgend jemandem vorbe- 
reitet sind. 

Aber Sie werden verstehen, dafi die Vorbereitung etwas recht Sub- 
tiles ist. Denn, wenn es wahr ist, und es ist wahr, dafi man eigentlich 
dadurch, daft man pedantisch theoretisch, prinzipiell marxistisch redet, 
den Leuten den Magensaft verdirbt, wobei der Magensaft den ubrigen 
Organismus infiziert, dann konnen Sie sich denken, wie die Taten 
draufien, die sehr stark vom Magensaft abhangen, wie er sich dann in 
den ubrigen Organismus ergiefit, wenn er zerstreut wird - wie die Taten 
drauften Folgen solcher schlechten Reden sind. Und wie auf der an- 
deren Seite wiederum, wenn die Leute nur als Spafimacher auftreten, 
fortwahrend Magensaft produziert wird, der dann eigentlich als Essig 
wirkt, und der Essig ist ein furchtbarer Hypochonder. Aber die Leute 
werden weiter unterhalten, indem das, was heute in die OffentHchkeit 
flieftt, ein fortwahrendes Getriebe von Spafimacherei ist. Die Spafi- 
macherei von gestern ist noch gar nicht verdaut, wenn die Spafima- 
cherei von heute auftritt. Da verschlagt sich der Magensaft von gestern 
und wird etwas Essighaftes. Der Mensch wird ja heute schon wiederum 
unterhalten. Er kann ganz lustig sein. Aber so, wie er sich in das offent- 
liche Leben hineinstellt, so ist es eigentlich der hypochondrische Essig, 
der da wirkt. Und diesen hypochondrischen Essig, den kann man dann 
finden! 

Ja, in den Wirtshausern sind es die marxistischen Redner, die den 
Leuten den Magen verderben, und wenn die Leute dann den «Vor- 
warts» lesen, so ist dies dasjenige, woran der verdorbene Magen wie- 
der zurechtgeriickt werden mufi. Das ist schon ein ganz realer Prozefi. 

Man mufi wissen, wie sich in die Welt der Taten die Welt der Re- 
den hineinstellt. Der unwahrste Ausspruch - weil aus einer falschen 
Sentimentalitat, und alles, was aus einer falschen Sentimentalitat 
kommt, ist namlich unwahr der unwahrste Ausspruch gegeniiber 
dem Reden ist der: «Der Worte sind genug gewechselt, lafk mich auch 
endlich Taten sehn!» Das kann ganz gewifi stehen an einer Stelle eines 
Dramas, und dort, wo es steht, steht es schon zu Recht. Aber wenn es 
da herausgerissen und als ein allgemeines Diktum hingestellt wird, 
dann mag es richtig sein, aber gut ist es ganz sicher nicht. Und wir sol- 



len lernen, nicht etwa blofi schon, nicht etwa blofi richtig, sondern auch 
gut zu reden, sonst bringen wir die Menschen in den Abgrund hinein, 
konnen jedenfalls nichts Zukunf tswiirdiges mit den Leuten besprechen. 
Also morgen urn drei Uhr. 



F0NFTER VORTRAG 
Dornach, 15. Oktober 1921 



Versucht habe ich zu charakterisieren, wie man etwa einen Dreiglie- 
derungsvortrag aus einem Gedanken heraus formen und dann auch 
einteilen kann. In dem, was ich sagte, war ja enthalten sowohl das All- 
gemeine, was man vorbringen kann iiber den gesamten sozialen Or- 
ganismus, wie auch Hinweise darauf, was in den ersten zwei Gliedern 
vorkommen kann, namlich bei der Besprechung des geistigen Lebens 
und bei der Besprechung des rechtlich-staatlichen Organismus. Sie wer- 
den daraus gesehen haben, wie man, inhaltlich sich vorbereitend fiir 
einen solchen Vortrag, vorgehen kann. 

Nun, man kann sich aber auch, indem man sich in die Gedanken 
und Empfindungen hineinlebt, auf das Wie vorbereiten, und wir wer- 
den uns vielleicht am besten verstehen, wenn ich sage, dafi die Vor- 
bereitung auf das Wie so sein soil, dafi wir uns bemuhen, schon zu emp- 
finden und dann auch zu sprechen dasjenige, was sich bezieht auf das 
geistige Leben, in einer mehr lyrischen Sprache - ohne dafi wir selbst- 
verstandlich ins Singen oder dergleichen oder ins Rezitieren verfallen -, 
in einer lyrischen Sprache, in ruhiger Begeisterung, so dafi man verrat 
durch die Art und Weise, wie man die Dinge vorbringt, dafi alles, was 
man uber das Geistesleben zu sagen hat, aus einem selbst heraus kommt. 
Man soli durchaus die Vorstellung hervorrufen, dafi man begeistert ist 
fiir das, was man verlangt fiir den geistigen Teil des sozialen Organis- 
mus. Natiirlich darf es nicht falsch-mystische, sentimentale Begeiste- 
rung, nicht gemachte Begeisterung sein. Das erreichen wir, wenn wir 
uns eben zuerst blofi in der Vorstellung, im inneren Erleben bis auf den 
Ton hin vorbereiten darauf, wie etwa so etwas gesagt werden konnte. 
Ich sage ausdriicklich: wie etwa so etwas gesagt werden konnte - aus 
dem Grunde, weil wir uns niemals wortwortlich binden sollen, sondern 
was wir vorbereiten, ist gewissermafien eine bloiS in Gedanken sich 
abspielende Rede, und wir sind durchaus darauf gefafit, das, was wir 
dann sagen, wiederum in anderer Formulierung zu sagen. 

Wenn wir aber reden iiber Rechtsverhaltnisse, da sollten wir schon 



den Versuch machen, dramatisch zu sprechen. Das heilk: Wenn wir 
sprechen iiber die Gleichheit der Menschen, diese durch Beispiele er- 
orternd, sollten wir versuchen, uns moglichst hineinzudenken in den 
anderen Menschen. Wir sollten etwa die Vorstellung vor unsere Seele 
rufen, wie derjenige, der eine Arbeit sucht, das Recht fiir diese Arbeit 
geltend macht im Sinne der «Kernpunkte der sozialen Frage». Und wir 
sollten dann gewissermafien, indem wir auf der einen Seite bemerklich 
machen, dafi wir aus dem anderen heraus reden, aus seiner rechtlichen 
Forderung, wir sollten dann bemerklich machen, wie wir durch eine 
leise Anderung der Stimmlage dazu ubergehen, wie man aus allgemein 
menschlichen Griinden heraus solch eine Forderung erfullen musse. 
Also dramatisches Sprechen, sehr stark moduliertes dramatisches Spre- 
chen, das die Empfindung bei den Zuhorern hervorruft, man konne 
sich in die Seele von anderen Menschen hineindenken, das wird das- 
jenige sein, was wir verwenden sollten beim Sprechen iiber Rechts- 
verhaltnisse. 

Und beim Sprechen iiber wirtschaftliche Verhaltnisse, da handelt 
es sich ja hauptsachlich darum, dafi wir durchaus aus den Erf ahrungen 
heraus sprechen. Man sollte iiberhaupt, wenn man im Sinne der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus iiber wirtschaftliche Verhaltnisse 
spricht, gar nicht den Glauben aufkommen lassen, dafi es so etwas wie 
eine theoretische Nationalokonomie auch nur geben konnte. Man soli 
vielmehr das Hauptsachlichste darauf beschranken, Falle aus dem 
wirtschaftlichen Leben selber zu beschreiben, seien es Falle, die man 
nachbeschreibt, oder seien es Falle, die man sich zusammenstellt, wie 
sie etwa sein sollten oder sein konnten. Aber bei den letzteren Fallen - 
wie sie etwa sein sollten oder sein konnten - soil man niemals aufier 
acht lassen, aus der wirtschaftlichen Erfahrung heraus zu sprechen. 
Man soli eigentlich, wenn man uber das wirtschaftliche Leben spricht, 
episch sprechen. Gerade wenn man das vorbringt, was in den «Kern- 
punkten der sozialen Frage» stent, soli man so sprechen, wie wenn man 
eigenthch uber das wirtschaftliche Leben gar keine Vormeinungen 
hatte, gar nicht meinte s das soil so sein oder das soil anders sein, son- 
dern wie wenn man sich alles s alles von den Tatsachen sagen liefie. 

Man kann ja eine gewisse Empfindung hervorrufen, daS es zurn 



Beispiel richtig ist, Kapitalverwaltungen tibergehen zu lassen von dem- 
jenigen, der nicht mehr selbst daran beteiligt ist, an jemanden, der 
wiederum beteiligt sein kann. Man kann aber iiber so etwas auch nur 
sprechen, wenn man es vor die Menschen hinstellt an der Hand von 
Beschreibungen dessen, was geschieht, wenn blofie Blutserbverhaltnisse 
sind, und dessen, was geschehen kann, wenn ein solches Ubergehen 
stattfindet, wie es in den «Kernpunkten der sozialen Frage» beschrie- 
ben ist, Man kann nur dadurch, dafi man dieses recht lebendig, wie 
wenn man die Wirklichkeit abschriebe, vor die Menschen hinstellt, so 
sprechen, dafi das Sprechen im wirtschaftlichen Leben wirklich drin- 
nensteht. Und gerade dadurch wird man auch den Assoziationsgedan- 
ken begreiflich, plausibel machen. Man wird plausibel machen, dafi 
der einzelne Mensch eigentlich gar nichts weifi iiber das Wirtschafts- 
leben, dafi er im Grunde genommen ganz darauf angewiesen ist, wenn 
er zu einem Urteil uber das kommen will, was im Wirtschaftsleben zu 
geschehen hat, sich mit anderen zu verstandigen, so dafl eigentlich im- 
mer nur aus Menschengruppen ein wirkliches wirtschaftliches Urteil 
hervorgehen kann und man also angewiesen ist auf die Assoziationen. 

Man wird dann vielleicht auf Verstandnis stofien, wenn man darauf 
aufmerksam macht, dafi ja vieles von dem, was heute besteht, eigent- 
lich aus alten instinktiven Assoziationen hervorgegangen ist. Beden- 
ken sie nur einmal, wie der heutige abstrakte Markt Dinge zusammen- 
bringt, deren Zusammenkommen und wiederum Weiterverteiltwerden 
an den Konsumenten gar nicht iiberschaut werden kann. Aber wie 
ist man denn iiberhaupt zu diesem Marktverhaltnis gekommen? Im 
Grunde genommen aus der instinktiven Assoziation heraus, indem eine 
Anzahl von Dorfern in solch einer Entfernung, dafi man hin- und zu- 
riickgehen kann im Tage, um einen grofieren Ort herum waren und da 
die Leute ihre Produkte austauschten. Das nannte man nicht eine Asso- 
ziation. Man sprach iiberhaupt kein Wort aus; aber in Wirklichkeit 
war es eine instinktive Assoziation. Diejenigen Leute, welche hier sich 
zum Markt vereinigten, waren assoziiert mit all denen, die in den Dor- 
fern herum wohnten. Sie konnten rechnen auf einen bestimmten Ab- 
satz, der sich erfahrungsgemafi ergab. Daher konnten sie nach dem 
Konsum die Produktion regeln in ganz lebendigen Zusammenhangen. 



In solchen primitiven Wirtschaften waren durchaus assoziative Ver- 
haltnisse, die sich nur nicht als solche aussprachen, vorhanden. 

Das alles ist mit der Vergrofierung der wirtschaftlichen Territorien 
uniiberschaubar geworden, und insbesondere dann sinnlos geworden 
gegeniiber der Weltwirtschaft. Die Weltwirtschaft, zu der es ja erst 
gekommen ist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die hat ja alles 
ins Abstrakte, das heifit, im wirtschaftlichen Leben auf den blofien 
Geld- oder Geldeswertumsatz reduziert, bis sich eben dieses Reduzieren 
ad absurdum gefiihrt hat. 

Nicht wahr, als Japan mit China Krieg gefiihrt und Japan den 
Krieg gewonnen hatte, da konnte man sehr einfach die Kriegsentscha- 
digung zahlen, indem einfach der chinesische Minister dem japanischen 
Gesandten einen Check iibergab, den der japanische Gesandte dann in 
Japan auf eine Bank geben konnte. Das ist ein tatsachlicher Vorgang. 
Da waren eben Werte darinnen in diesem Check, der Geld und Geldes- 
wert eben ist. Es waren Werte darinnen. Wenn Sie sich vorstellen, dafi 
das dazumal alles von dem einen Territorium in das andere hatte iiber- 
gefiihrt werden sollen, es ware unter den neuzeitlichen Verhaltnissen 
eben schwer gegangen. Aber so konnte man durch die ganze Art und 
Weise, wie Japan und China in die ganze Weltwirtschaft hineingestellt 
waren, das machen. Aber das hat sich ja selbst ad absurdum gefiihrt. 
In dem Handel zwischen Deutschland und Frankreich hat sich das 
nicht mehr als moglich erwiesen. Ich meine also, man kann aus den 
wirtschaftlichen Zusammenhangen heraus am besten die Dinge er- 
ortern, und dann die Notwendigkeit des assoziativen Prinzips dar- 
legen. 

Dann wird man sich diesen Stoff gerade mit Bezug auf das Wirt- 
schaftsleben auch in einer gewissen Weise wiederum zu gliedern haben, 
und wird dann iiberzugehen haben zu einigen Schlufisatzen, von denen 
ich schon gesagt habe, dafi sie wiederum wortwortlich verfafit werden 

sollen oder wenigstens nahezu wortlich. 

Wie wird sich denn also eigentlich die Vorbereitung fur eine Rede 
ausnehmen? Nun, man suche moglkhst in die Situation oder in das- 
jenige, worauf die Zuhorerschaft vorbereitet ist, hineinzukommen da- 
durch, dafi man die ersten Satze so gestaltet, wie man es eben fiir not- 



wendig halt. Man wird groltere Miihe haben bei ganz unvorbereiteten 
Zuhorern, kleinere Miihe, wenn man zu einem Kreis spricht, den man 
schon in der Sache drinnenstehend findet, wenigstens in den entspre- 
chenden Empfindungen, von den Forderungen, die man erhebt. Dann 
wird man den iibrigen Teil der Rede weder aufschreiben, noch wird 
man blofie Schlagworte hinschreiben. Die Erfahrung zeigt, dafi die 
wortliche Ausarbeitung ebensowenig zu einer guten Rede f iihrt wie das 
blofie Aufschreiben von Schlagworten. Das Aufschreiben aus dem 
Grunde nicht, weil es einen bindet und dadurch leicht Verlegenheit 
bringt, wenn das Gedachtnis holpert, was gerade dann am leichtesten 
der Fall ist, wenn die Rede wortwortlich aufgeschrieben ist. Schlag- 
worte verleiten sehr leicht dazu, die ganze Vorbereitung zu abstrakt zu 
gestalten. Dagegen ist dasjenige, was man am besten aufschreibt und 
auch als Manuskript mitbringt, wenn man notig hat, sich an so etwas 
zu halten, eine Reihe richtig formulierter Satze als Schlagsatze, die 
nicht den Anspruch darauf machen, dafi man sie auch so sagt als einen 
Bestandteil der Rede, sondern die dastehen: erstens, zweitens, drittens, 
viertens und so weiter, die gewissermafien Extrakte geben, so dafi aus 
einem Satz vielleicht zehn oder acht oder zwolf werden. Aber man 
schreibe sich solche Satze auf. Man schreibe sich also nicht etwa auf 
«Geistesleben als selbstandig», sondern «Das Geistesleben kann nur ge- 
deihen, wenn es frei aus sich heraus selbstandig wirkt». Also Schlag- 
satze. Sie werden dann, wenn Sie so etwas tun, selbst die Erfahrung 
machen, dafi man durch solche Schlagsatze am allerbesten in verhalt- 
nismafiig kurzer Zeit in eine gewisse Moglichkeit des freien Sprechens, 
das eben nur die Leiter der Schlagsatze hat, hineinkommt. 

Fur den Schlufi ist es oftmals sehr gut, wenn man in einer gewissen 
Weise, wenigstens leise, zum Anfang wiederum zuruckfiihrt, wenn 
also der Schlufi in einer gewissen Weise etwas hat, was als Motiv schon 
im Anfang enthalten war. 

Und dann geben einem solche Schlagsatze leicht die Moglichkeit, 
nun wirklich sich so vorzubereiten, wie vorhin angedeutet wurde, in- 
dem man sich auf seinem Blattchen diese Schlagsatze aufgeschrieben 
hat. Also, sagen wir, man iiberlegt sich: Was du fur das geistige Leben 
zu sagen hast, mufi in dir eine Art lyrischen Charakter haben; was du 



fur das Rechtsleben zu sagen hast, muft in dir eine Art dramatischen 
Charakter haben; das fur das Wirtschaftsleben mufi in dir einen er- 
zahlend-epischen Charakter, einen ruhig erzahlend-epischen Charak- 
ter haben. - Dann wird in der Tat schon instinktiv ein wenig die Sucht 
hervorgehen und auch die Kunst hervorgehen, in der Formulierung 
der Schlagsatze so etwas auszubilden, wie ich es angedeutet habe. Es 
wird die Vorbereitung ganz gefiihlsmaftig so erfolgen, daft in der Tat 
die Art, wie man redet, hineinwachst in das, was man inhaltlich zu 
sagen hat. 

Dazu ist aber allerdings notwendig, daft man nun gewissermaften 
das, was Sprachbeherrschung sein soil, bis, ich mochte sagen, zum In- 
stinkt gebracht hat, daft man also tatsachlich die Sprachorgane so 
fiihlt, wie man etwa den Hammer fiihlen wiirde, wenn man irgend 
etwas mit dem Hammer machen wollte. Das kann man dann erreichen, 
wenn man ein wenig Sprachturnen iibt. 

Nicht wahr, wenn man Turnen iibt, so sind das auch nicht Bewe- 
gungen, welche dann im wirklichen Leben ausgeiibt werden, aber es 
sind Bewegungen, die einen geschmeidig, geschickt machen. Und so 
soli man auch die Sprachorgane geschmeidig, biegsam machen. So aber, 
daft dieses Geschmeidig-, Biegsammachen mit dem inneren Seelenleben 
zusammenhangt, so daft man fiihlen lernt den Laut im Sagen. Ich 
habe in dem seminaristischen Kursus, den ich den Waldorflehrern in 
Stuttgart vor jetzt mehr als zwei Jahren gehalten habe, eine Reihe von 
solchen Sprachttbungen zusammengestellt, die ich Ihnen hier auch mit- 
teilen mochte. Sie sind nun so, daft sie zumeist durch ihren Inhalt nicht 
davon abhalten, rein in das Sprachelement sich hineinzuleben, sondern 
daft sie lediglich darauf ausgehen, ein Sprachturnen zu iiben. Wenn 
man diese Satze versucht, immer wieder und wiederum sich laut zu 
sagen, aber so zu sagen, daft man immer probiert: Wie machst du es 
am besten mit der Zunge, wie am besten mit den Lippen, daft du ge- 
rade diese Lautfolge herausbrlngst? -, dann macht man sich unabhan- 
gig von dem Sprechen selber, und dann kann man urn so mehr auf das 
seelische Vorbereiten fur das Sprechen Wert legen. 

Ich werde Ihnen also eine Reihe von solchen, fur das Inhaltliche 
oftmals sinnlosen Satzen vorlesen, die aber dazu bestimmt sind, die 



Sprachorgane geschmeidig zum Reden zu gestalten. 

Dafi er dir log, uns darf es nicht loben 
ist das Einfachste. Ein schon etwas Komplizierteres: 

Nimm nicht Nonnen in nimmermude Miihlen 

Und man soil immer mehr versuchen, angemessen der Lautfolge die 
Sprachorgane zu geschmeidigen, zu biegen, zu hohlen, zu erhabenen. 
Ein anderes Beispiel: 

Rate mir mehrere Ratsel nur richtig 

Es geniigt natiirlich nicht, einmal oder zehnmal so etwas zu sagen, 
sondern immer wieder und wiederum. Denn wenn die Sprachorgane 
auch schon biegsam sind, sie konnen noch immer biegsamer werden. 

Ein Beispiel, von dem ich glaube, dafi es ganz besonders niitzlich 
ist, ist das Folgende: 

Redlich ratsam 
Riistet riihmlich 
Riesig rachend 
Ruhig rollend 
Reuige Rosse 

Dabei hat man auch zugleich die Gelegenheit, in den Zwischenpausen 
den Atem in Ordnung zu bringen, worauf man sehen mufi, und was 
insbesondere durch solch eine Ubung sehr gut gemacht werden kann. 

In einer ahnlichen Weise - es haben nicht alle Buchstaben, nicht alle 
Laute den gleichen Wert fur dieses Turnen — kommen Sie vorwarts, 
wenn Sie zum Beispiel das Folgende haben: 

Protzig preist 
Bader briinstig 
Polternd putzig 
Bieder bastelnd 
Puder patzend 
Bergig briistend 



Wenn es Ihnen gelingt, nach und nach sich hineinzufinden in diese 
Lautfolge, so haben Sie viel davon. 

Hat man solche Obungen gemacht, dann kann man auch versu- 
chen, diejenigen Obungen zu machen, die dann notwendig darauf hin- 
auslaufen, schon Stimmung hineinzubringen in das Sprechen der Laute. 
Ich habe ein Beispiel, wie das Lauten in die Stimmung hinein sich er- 
giefien kann, versucht, in dem Folgenden zu geben: 

Erfiillung geht 
Durch Hoffnung 
Geht durch Sehnen 
Durch Wollen 

und jetzt kommt es mehr ins Lauten hinein, wodurch gerade hier die 
Stimmung im Laut selber festgehalten wird: 

Wollen weht 
Im Webenden 
Weht im Bebenden 
Webt bebend 
Webend bindend 
Im Finden 
Findend windend 
Kiindend 

Sie werden immer sehen, wenn Sie gerade diese Ubungen machen, 
wie Sie in der Lage sind, ohne dafi Sie der Atem stort, den Atem zu 
regulieren, wenn Sie sich einfach an das Lauten halten. Man hat in 
der neueren Zeit allerlei mehr oder weniger pfiffige Methoden fur das 
Atmen und fur alles mogliche, was die Begleittatsachen sind des Spre- 
chens und Singens, ausgedacht. Allein das alles sind eigentlich Nichts- 
nutzigkeiten, denn Sprechen soli mit allem, was dazugehort, auch mit 
dem Atmen, durchaus im Sprechen selbst gelernt werden. Das heifit, 
mail soli lernen so zu sprechen, dafi in den Notwendigkeiten, die die 
Lautfolge, die Wortzusammenhange ergeben, auch der Atem sich wie 
selbstverstandlich mitreguliert. Man soil also nur im Sprechen auch 
das Atmen beim Sprechen lernen. Es sollen also die Sprechiibuneen so 



sein, dafi man, wenn man sie richtig fiihlt dem Lauten nach, nicht dem 
Inhalte, sondern dem Lauten nach, genotigt ist, durch dieses Richtig- 
fiihlen des Lautens auch den Atem richtig zu gestalten. 

Auf das Inhaltliche wiederum der Stimmung geht schon dasjenige, 
was nun der folgende Spruch ist. Er hat vier Zeilen. Diese vier Zeilen 
sind so angeordnet, dafi sie gewissermafien ein Aufstieg sind. Jede Zeile 
erregt eine Erwartung. Und die fiinfte Zeile ist der Abschlufl und 
bringt Erfullung. Nun soli man sich bemiihen, diese Sprechbewegung, 
die ich eben charakterisiert habe, wirklich auszufiihren. Der Spruch 
heifit: 

In den unermefilich weiten Raumen, 
In den endenlosen Zeiten, 
In der Menschenseele Tiefen, 
In der Weltenoffenbarung: 
Suche des grofien Ratsels Losung 

Da haben Sie die fiinfte Zeile als die Erfullung jener stufenweisen Er- 
wartung, die in den vier ersten Zeilen angeschlagen ist. 

Nun kann man auch versuchen, schon, ich mochte sagen, die Stim- 
mung der Situation in das Lauten, in die Sprechart, in das Wie des 
Sprechens hineinzubringen. Und dazu habe ich folgende Obung ge- 
formt. Man stelle sich vor einen recht grofien griinen Frosch, der vor 
einem sitzt mit offenem Mund. Also einen riesigen Frosch stelle man 
sich vor mit offenem Mund, dem man gegeniibersteht. Und nun stelle 
man sich vor, was man fur Affekte haben kann gegeniiber diesem 
Frosch. In dem Affekt wird Humor drinnen sein, manches andere 
drinnen sein; das rufe man recht lebhaft in der Seele hervor. Dann 
spreche man diesen Frosch so an: 

Lalle Lieder Heblich 
Lipplicher Laffe 
Lappiger lumpiger 
Laichiger Lurch 

Stellen Sie sich einmal vor: einen Acker, dariiber gehe ein Pferd. Auf 
den Inhalt kommt es nicht an. Sie miissen sich natiirlich jetzt vorstel- 



len, dafi die Pferde pfeifen! Nun sprechen Sie die Tatsache, die Sie 
hier haben, folgendermafien aus: 

Pfiffig pfeifen 
Pfaffische Pferde 
Pflegend Pfliige 
Pferchend Pfirsiche 

und dann variieren Sie das, indem Sie so sprechen: 

Pfiffig pfeifen aus Napfen 
Pfaffische Pferde schliipfend 
Pflegend Pfliige hiipfend 
Pferchend Pfirsiche kniipfend 

Und dann - aber bitte, lernen Sie es auswendig, so dafi Sie recht ge- 
laufig die eine und die andere Form hintereinander sagen konnen - 
noch eine dritte Form. Lernen Sie alle drei auswendig, und versuchen 
Sie, sie so gelaufig zu sprechen, dafi Sie niemals die eine Form im Aus- 
sprechen der anderen beirrt. Darauf kommt es hier an. Als dritte Form 
nehmen Sie: 

Kopfpfiffig pfeifen aus Napfen 
Napfpfaffische Pferde schliipfend 
Wipfend pflegend Pfliige hiipfend 
Tipfend pferchend Pfirsiche kniipfend 

Also das hintereinander, so dafi man auswendig die drei Formen kann, 
so dafi Sie niemals das eine in dem anderen stort. 

Ein Ahnliches konnen Sie dann etwa mit den folgenden zwei Sprii- 
chen machen: 

Ketzer petzten jetzt klaglich 
Letztlich leicht skeptisch 

und nun die andere Form: 

Ketzerkrachzer petzten jetzt klaglich 
Letztlich plotzlich leicht skeptisch 

Wiederum auswendig lernen und hintereinander sprechen! 



Man kann die Sprache geschmeidig kriegen, wenn man etwa das 
Folgende iibt: 

Nur renn nimmer reuig 
Gierig grinsend 
Knoten knipsend 
Pfander kniipfend 

Man mufi sich gewohnen, diese Lautfolge zu sagen: Nur renn . . . Sie 
werden schon sehen, was Sie fiir Ihre Zunge, Ihre Sprachorgane haben, 
wenn Sie solche Obungen machen. 

Nun erne etwas langer dauernde, eine solche Ubung, wodurch dieses 
Geschmeidigwerden im Sprechen hervorgerufen werden kann - ich 
glaube, es haben ja hinterher schon Schauspieler gefunden, dafi sie auf 
diese Weise am besten ihre Sprache geschmeidig machen -: 

Zuwider zwingen zwar 
Zweizweckige Zwacker zu wenig 
Zwanzig Zwerge 
Die sehnige Krebse 
Sicher suchend schmausen 
Daft schmatzende Schmachter 
Schmiegsam schnellstens 
Schnurrig schnalzen 

Dann: Man braucht zuweilen Geistesgegenwart im unmittelbaren 
Sprechen. Man kann sie sich durch folgendes etwa ausbilden: 

Klipp plapp plick glick 
Klingt Klapperrichtig 
Knatternd trappend 
Rossegetrippel 

Dann: zum weiteren Geistesgegenwartigsein im Sprechen die folgen- 
den zwei Beispiele, die zusammengestellt werden konnen: 

Schlinge Schlange geschwinde 
Gewundene Fundewecken weg 



Da ist auch das «Wecken weg» drinnen. Dann aber dasselbe Motiv 
als Lautmotiv so: 

Gewundene Fundewecken 

Geschwinde schlinge Schlange weg 

Dann zu dem Kraftigmachen der Sprache, dafi man die Sprache so 
hat, dafi man auch einmal einem eins in der Diskussion herunterhauen 
kann - so etwas ist schon in der Sprache notig! -, das folgende Bei- 
spiel: 

Marsch schmachtender 
Klappriger Racker 
Krackle plappernd link
…[truncated]