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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge Ober medizin
4
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschafr und Medizin
Zwanzig Vortrage,
gehalten in Dornach vom 21. Marz bis 9. April 1920
vor Arzten und Medizinstudierenden
1999
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH / SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafsverwaltung
Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden
1. Auflage als Manuskriptdruck «Vortragszyklus fiir Arzte
und Medizinstudierende» in zwanzig Einzelheften
Stuttgart o. J. (1920)
2. Auflage als Manuskriptdruck «Vortragszyklus fiir Arzte
und Medizinstudierende» in zwei Heften
herausgegeben von der Medizinischen Sektion am Goetheanum
Dornach o. J. (1929)
3. Auflage, unter dem Titel «Geisteswissenschaft und Medizin»
Basel 1937
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961
5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1976
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985
7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999
Bibliographie-Nr. 312
Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Assja Turgenieff
Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 389
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1976 by Rudolf Steiner-Nachlafwerwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3120-2
Zu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich
in die drei groEen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstlerisches
Werk (siehe die Ubersicht am SchluE des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner
urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen»
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhaf-
te Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich ver-
anlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie-
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe
notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte,
muE gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick-
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, daE
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluE
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaGen auch
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 2 1 . Marz 1920
Die Wandlung der medizinischen Anschauungen im Laufe der
Menschheitsentwickelung. Krankheit und Gesundheit. Der Stahlsche
Vitalismus und seine Uberwindung. Das Auftreten und die Bedeutung
der pathologischen Anatomie seit Morgagni. Humoralpathologie. Zel-
lularpathologie. Krankheitsprozesse und Naturprozesse. Bedeutung
der vergleichenden Anatomie. Formkrafte. Zur Muskelphysiologie.
Troxlers Krankheitsbegriff.
Zweiter Vortrag, 22. Marz 1920
Herzlehre. Das Herz als Ausgleichsorgan zwischen oben und unten.
Die Polaritat des menschlichen Organismus. Physiognomie der
Krankheit. Hysterie als Ausdruck fur die Praponderanz der Stoffwech-
selprozesse, Neurasthenie fur die Praponderanz der Sinnesprozesse.
Tuberkulose: Disposition und Infektion. Bedeutung der einzelnen
Symptome fur Verlauf und Heilung.
Dritter Vortrag, 23. Marz 1920
Verbindung der Pathologie und der Therapie durch die Diagnose. Der
dreigliedrige Mensch. Motorische und sensitive Nerven. Suggestion
und Hypnose. Beziehung der Heilmittel zum Menschen. Wachstums-
metamorphosen bei der Pflanze. Anpassungsfahigkeit und Regenera-
tion. Bildungskrafte und geistig-seelische Funktionen des Menschen.
Grundlagen einer wirkhchkeitsgemaflen Psychologic Aufsteigende
und absteigende Evolution. Blutbildungsprozefi und Milchbildungs-
prozefi.
Vierter Vortrag, 24. Marz 1920
Rittersche Heilmittel. Herausarbeiten der Therapie aus der Patholo-
gie. Kohlenstoffprozefi. Sauerstoffprozefi. AufJermenschliche und in-
testinale Flora. Gedanken und Vorstellungsprozefi. Bazillentheorie und
Krankheitsveranlagung. Sekretion und Denkvorgang. Metamorphose
des Lichtes im Organismus und Tuberkulose. Das makroskopische
Betrachten der Welt und Illusion der Mikroskopie. Salzprozefi und
Schwefelprozeft Mineralisierungsprozefi. Parallelitat der Entwickelung
der Darmformen und Hirnformen.
Funfter Vortrag, 25. Marz 1920 96
Allgemeine Menschenerkenntnis als Grundlage der Therapie. Anam-
nese als Grundlage zur Beurteilung des ubersinnlichen Organismus.
Mensch und Naturreiche. Homoopathie und Allopathic Loslichkeit,
Salzbildung. Denkprozefi im Aufiermenschlichen. Mineralprozefi,
Merkurialprozefi und Phosphorprozeft. Verhaltnis der Pflanze zum
Menschen. Baumbildung, Mistel. Wurzelbildung, Blatt-, Bliite- und
Fruchtbildung und ihre Beziehung zu Mineral-, Merkurial- und Phos-
phorprozefi und zum Menschen. Zur Serumtherapie.
Sechster Vortrag, 26. Marz 1920 117
Pflanzenbildungsprozefi, Spiraltendenz. Planetenwirkung. Verhaltnis
der Pflanze zum Menschen. Polaritat von Schwere und Licht. Herzta-
tigkeit. Polaritat im menschlichen Organismus und Krankhek. Rachi-
tis, Kraniotabes. Salz-, Phosphor- und Merkurprozefi. Metalle als pla-
netarische Prozesse. Ihr Verhaltnis zur Pflanze. Verbrennung und Ver-
aschung. Zur physikalischen Heilmethode. Tierische Heilstoffe .
Siebenter Vortrag, 27. Marz 1920 138
Die Beriicksichtigung der Lebensstufen des Menschen in der Heil-
kunde. Chorea. Polyarthritis. Verschiedenheit der Therapie in den ver-
schiedenen Lebensepochen. Verhaltnis der Lebensalter zu den Plane-
ten. Vorkonzeptionelle Krankheitsursachen. Ossifikation. Sklerose.
Karzinom. Hydrozephalie im Kindesalter und spatere Erkrankungen.
Disposition zur Syphilis, Pneumonie und Pleuritis. Endokarditis. Pro-
blematik des Heilens. Fieber als Ausdruck der Ich-Tatigkeit. Men-
schenbildungsprozeft und Zellbildungsprozefi. Blei und Sklerose,
Zinn und Hydrozephalie, Eisen und Lungenprozesse, Kupfer, Mer-
kur, Silber.
Achter Vortrag, 28. Marz 1920 157
Der Aromatisierungsprozefi in der Pflanze und der Riechprozefi. Der
Salzbildungsprozefi in der Pflanze und das Schmecken. Metamor-
phose im menschlichen Organismus: Riechen, Schmecken, Sehen,
Denken, Assoziation, Verdauen, Ausscheideprozesse durch Darm und
Niere, Vorstellungsprozefi. Atmungsprozeft, Blut- und Lymphbil-
dungsprozefi. Das Herz als Synthetiker.
Neunter Vortrag, 29. Marz 1920 174
Meteorologische Prozesse und ihre Beziehungen zu den Organen. Be-
deutung von Luft, Wasser und Boden fiir die Erkrankung und Hei-
lung bestimmter Organe. Kieselsaureprozeft und Kohlensaureprozeft
als polare Geschehnisse im menschlichen Organismus. Differenzie-
rung der Abscheidungsvorgange und ihre Beziehung zu den zwei Pro-
zessen. Verwandtschaft der zwei Prozesse mit den Metallen. Geruch
und Geschmack.
Zehnter Vortrag, 30. Marz 1920 190
Wirkungsweise von Anisum vulgare, Cichorium intybus. Equisetum
arvense, Walderdbeere, Lavendel, Melisse. Beziehung des mensch-
lichen Organismus zum Pflanzenreich und Mineralreich. Heilqualitaten
der Pflanzen-Minerale und der Minerale. Ernahrungsweisen. Rohkost
als Heilprozefi. Der peripherische und der zentrale Mensch. Verdau-
ung, Absonderung, Harn- und Schweifibildung. Syphilis. Bildung des
weiblichen Organismus. Bedeutung des Weiblichen und des Mann-
lichen fiir die Ontogenese.
Elfter Vortrag, 3 1 . Marz 1920 210
Carbo vegetabilis. Chemie und Heilmittelherstellung. Kohlenbildung
und Sauerstoffprozefl. Originare Lichterzeugung im oberen Men-
schen. Nierenpathologie. Luftsphare, Warme- und Lichtzone, Fliissig-
keitszone und die menschliche Pathologic Kalium carbonicum. Au-
sternschalenbildungsprozefl. Erdbildung. Lungenbildung. Atmung.
Hunger, Durst und ihre organischen Beziehungen.
Zwolfter Vortrag, 1. April 1920 228
Roncegno- und Levicowasser. Sauerstoff und Stickstoff und das Ver-
haltnis von Ich-Astralleib und Atherleib-physischem Leib. Eiweift und
die Organsysteme. Pflanzliches Eiweift Das Verhaltnis der Elemente
Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff zu Niere, Leber,
Lunge, Herz. Meditative Methodik. Eisenstrahlung, Gegenwirkung
des Eiweifies. Pflanzlicher und tierischer Kohlenstoff. Fluor, Magne-
sium. Silicium. Basen und Sauren. Verdauung und Salzbildung.
Dreizehnter Vortrag, 2. April 1920 246
Tatigkeit des Atherleibes. Geschwulstbildung und Entzundungen als
Folge unregelmafliger Tatigkeiten des Atherleibes. Polaritat von Ge-
schwulstbildungsprozefl und EntziindungsprozefL Viscum album.
Carbo vegetabilis. Psychiatrische Krankheitsbilder als Folge gestorter
Organbildungsprozesse. Wirkung von Kaffee und Tee. Zuckergenull
Vierzehnter Vortrag, 3. April 1920 263
Urteilskraft und Hellsehen. Arbeit des Ich an den Wesensgliedern.
Entziindungsprozeft Studium der Augenorganisation als Weg zur
Wahrnehmung des Atherleibes. Therapie der Entziindungstendenz.
Das Auge als Entzundungsprozefi. Das Ohr als Gesctrwulstbildungs-
prozefi. Studium der Ohrbildung als Weg zur Wahrnehmung des
Astralleibes. Rosmarin und Anregung der Ich-Krafte. Arnika und An-
regung der Astralkrafte.
Funfzehnter Vortrag, 4. April 1920 280
Der Vogel und das Planetarische. Bildung und Verlust der Instinkte.
Diabetes mellitus. Ich-Schwache. Der Pflanzenbildungsprozefi ist das
Entgegenwachsen einem Tierbildungsprozeft. Der Tierbildungsprozefi
im Menschen. Entsalzungsprozefi. Pflanzenheilmittel. WeiUbirke.
Capsella bursa-pastoris. Cochlearia officinalis. Skorbut. Milzfunktion.
Sechzehnter Vortrag, 5. April 1920 296
Massage als Regulator rhythmischer Tatigkeit. Bedeutung der Massage
einzelner Glieder fur den Organismus. Migrane. Farbentherapie. Hy-
drotherapie. Bedeutung von Nachahmung und Autoritat. Dementia
praecox. Psychoanalyse. Materialismus. Bedeutung der Zahne. Fluor-
wirkung.
Siebzehnter Vortrag, 6. April 1920 312
Zahnentwickelung. Zahnverderbnis. Askulin. Chlorophyll. Uberwin-
dung von Antiappetiten und Organbildung. Hohe und niedere Poten-
zen. Temperament des Menschen. Ernahrungsprozefi und Alters-
schwachsinn. Suggestion.
Achtzehnter Vortrag, 7. April 1920 328
Krankheitsursachen. Bazillentheorie. Tendenz der Pflanzen zur Tier-
werdung. Mineralisierung der Pflanzen. Die Lunge als Erde. Wachen
und Schlafen. Typhus. Katarrhalische Erkrankungen. Unterleibser-
krankungen. Gang und Wuchs. Disposition zur Grippe. Diphtheric
Meningitis. Alveolarpyorrhoe. Salzprozeft, Merkurprozeft und Sulfur-
prozefi in den Lebensaltern.
Neunzehnter Vortrag, 8. April 1920 346
Vererbung. Rolle des Mannlichen und des Weiblichen. Zuckerkrank-
heit und Geisteskrankheit. Bluterkrankheit. Antimon. Antimon als
planetarische Wirkung. Gerinnungsfahigkeit des Blutes und Eiweifi-
bildung. Antimonwirkungen. Austernschale. Auster als Speise. Ty-
phus. Tollkirsche.
Zwanzigster Vortrag, 9. April 1920 364
Sinneswirkung und Aufienwelt. Ammoniaksalze. Ausscheidung und
Absonderung. Lungentatigkeit. ZahnbildungsprozeU und Fluorpro-
zefi. Peristaltik. Eurythmie, Tanz, Stricken, Hakeln. Zahnbildungspro-
zefi und Verdauungsprozefi. Nux vomica. Der Mensch als siebenglied-
riges Metall. Geisteskrankheit. Akute und chronische Krankheit. We-
sen der Depression. GeisteswissenschaftHche Beurteilung medizini-
scher Denkweise.
Erklarung der Teilnehmer des Kurses (Faksimile, verkleinert) 386
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 387
Hinweise zum Text 390
Nachweis der Textanderungen 394
Personenregister 395
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 397
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 399
Die Wiedergaben der Original- Wandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text zu Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe
«Rudolf Steiner — Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band XXII
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:312 Seite:12
ERSTER VORTRAG
Dornach, 21. Mar* 1920
Es ist ja ziemlich selbstverstandlich, daft von dem, was Sie wahr-
scheinlich alle erwarten von der Zukunft des medizinischen Lebens,
nur ein sehr geringer Teil in diesem Kursus wird angedeutet wer-
den konnen, denn Sie alle werden ja mit mir darinnen iibereinstim-
men, daB ein wirkliches, zukunftssicheres Arbeiten auf dem medi-
zinischen Felde von einer Reform des medizinischen Studiums als
solchem abhangt. Man kann nicht mit dem, was man in einem Kur-
sus mitteilen kann, eine solche Reform des medizinischen Studiums
auch nur im entferntesten anregen, hochstens in der Weise, daB in
einer Anzahl von Menschen der Drang entsteht, mitzutun bei einer
solchen Reform. Allein, was man auch heute auf medizinischem
Felde bespricht, es hat ja immer zu seinem anderen Pol, zu seinem
Hintergrunde die Art und Weise, wie die medizinische Arbeit vor-
bereitet wird durch Betrachtungen der Anatomie, Physiologie, der
ganzen Biologie, und durch diese Vorbereitungen werden die Ge-
danken der Mediziner von vorneherein in eine bestimmte Richtung
gebracht, und diese Richtung ist es vor alien Dingen, von der ab-
gekommen werden muB.
Dasjenige, was in diesen Vortragen beigebracht werden soil, das
mochte ich erreichen dadurch, daB ich in einer Art von Programm
verteile das zu Betrachtende in der folgenden Weise: Erstens mochte
ich Ihnen einiges geben, das hinweist auf die Hindernisse, die im
heutigen gebrauchlichen Studium bestehen gegen eine wirklich
sachgemaBe Erfassung des Krankheitswesens als solchen. Zweitens
mochte ich dann andeuten, in welcher Richtung eine Erkenntnis des
Menschen zu suchen ist, die eine wirkliche Grundlage fiir das medi-
zinische Arbeiten abgeben kann. Drittens mochte ich auf die Mog-
lichkeiten eines rationellen Heilwesens hinweisen durch die Er-
kenntnis der Beziehungen des Menschen zur iibrigen Welt. Ich
mochte dann in diesem Teil die Frage beantworten, ob Heilung
iiberhaupt moglich und zu denken ist. Viertens — und ich denke,
das wird vielleicht das wichtigste Glied der Betrachtungen sein, das
sich aber mit den anderen drei Gesichtspunkten wird verschlingen
miissen — mochte ich, daB jeder von den Teilnehmern mir bis mor-
gen oder iibermorgen auf einem Zettel seine besonderen Wunsche
aufschreibt, das heiBt aufschreibt, was er gern horen mochte, wor-
iiber er wiinscht, daB in diesem Kursus gesprochen werden soil.
Diese Wunsche konnen sich auf alles mogliche erstrecken. Ich
mochte durch diesen vierten Teil des Programms, der aber, wie ge-
sagt, hineingearbeitet werden soil dann in die anderen drei Teile,
erreichen, daB Sie von diesem Kursus nicht hinwegzugehen brau-
chen mit dem Gefiihl, Sie h'atten vielleicht gerade dasjenige nicht
gehort, was Sie zu horen wiinschten. Deshalb werde ich den Kursus
so gestalten, daB all das, was Sie als Fragen, als Wunsche auf-
zeichnen, in dem Kurse verarbeitet wird. Ich bitte Sie also, womog-
lich bis morgen oder, wenn das nicht sein kann, bis iibermorgen bis
zu dieser Stunde hier Ihre Aufzeichnungen iiber das von Ihnen Ge-
wiinschte zu machen. So werden wir, denke ich, am besten eine Art
von Vollstandigkeit, wie sie im Rahmen dieser Veranstaltungen
liegt, erreichen konnen.
Heute mochte ich nur eine Art von Einleitung geben, eine Art
von orientierender Betrachtung. Ausgehen mochte ich davon, daB
ja hauptsachlich von mir angestrebt wird, alles dasjenige zusammen-
zutragen, was gewissermaBen aus geisteswissenschaftlichen Betrach-
tungen heraus fur Arzte gegeben werden kann. Ich mochte nicht,
daB verwechselt werde das, was ich versuchen werde, mit einem
medizinischen Kursus, der es ja sein wird; aber es soli alles das-
jenige, was von iiberallher fur Arzte wichtig sein kann, hauptsach-
lich beriicksichtigt werden. Denn eine wirkliche arztliche Wissen-
schaf t oder Kunst, wenn ich so sagen darf , wird ja doch nur dadurch
erreicht, daB alle die Dinge, die in dem angedeuteten Sinne in Be-
tracht kommen, fiir den Aufbau einer solchen arztlichen Wissen-
schaft oder Kunst wirklich beriicksichtigt werden.
Nur von einigen orientierenden Betrachtungen mochte ich heute
ausgehen. Sie werden wahrscheinlich, wenn Sie nachgedacht haben
iiber dasjenige, was Ihnen als Arzt zur Aufgabe gestellt isr, wohl
des ofteren gestolpert sein iiber die Frage: Was ist derm Krankheit
und was ist denn der kranke Mensch iiberhaupt? Selten findet man
eigentlich eine andere Erklarung iiber Krankheit und den kranken
Menschen als die — wenn sie auch maskiert ist durch diese oder
jene scheinbar sachlichen Einschiebsel — , daB der Krankheitsprozefi
eine Abweichung ist vom normalen LebensprozeB, daB durch ge-
wisse Tatsachen, die auf den Menschen wirken und fur die der
Mensch in seinem normalen LebensprozeB zunachst nicht angepaBt
ist, Veranderungen in dem normalen LebensprozeB und in der Orga-
nisation hervorgerufen werden und daB die Krankheit in diesen mit
den Veranderungen verbundenen, funktionellen Beeintrachtigungen
der Korperteile besteht. Nun werden Sie sich aber zugestehen
mtissen, daB dies nichts weiter ist als eine negative Bestimmung der
Krankheit. Es ist ja nicht irgend etwas, was einem helfen kann,
wenn man es mit Krankheiten zu tun hat, und auf dieses Praktische
mochte ich hier vor alien Dingen hinarbeiten, was einem helfen
kann, wenn man es mit Krankheiten zu tun hat. Um auf das auf
diesem Gebiete MaBgebliche zu kommen, scheint es mir doch gut zu
sein, auf gewisse Ansichten hinzuweisen, welche im Laufe der Zeit
iiber das Kranksein entstanden sind, nicht so sehr deshalb, weil ich
das unbedingt fur notig hake fur die gegenwartige Erfassung der
Krankheitserscheinungen, sondern weil es moglich ist, sich leichter
zu orientieren, wenn man altere Anschauungen, die ja doch zu den
gegenwartigen gefiihrt haben, iiber das Kranksein beriicksichtigen
kann.
Sie alle wissen, daB man gewohnlich, wenn man die Geschichte
der Medizin betrachtet, hinweist auf die Entstehung der Medizin im
alten Griechenland im fiinften und vierten Jahrhundert, daB man
auf Hippokrates hinweist, und man kann sagen, wenigstens das
Gefiihl wird dann hervorgerufen, als ob mit demjenigen, was bei
Hippokrates als Anschauung auftritt und dann zur sogenannten
Humoralpathologie gefiihrt hat, die im Grunde genommen bis ins
neunzehnte Jahrhundert herein noch eine Rolle gespielt hat, ein
Erstes fin* die Entwickelung des medizinischen Wesens im Abendlande
gegeben sei. Das ist aber schon der erste Fundamentalirrtum, den
man begeht und der eigentlich im Grunde genommen nachwirkt
so, daB er verhindert, heute noch zu einer unbefangenen Anschau-
ung iiber das Krankheitswesen zu kommen. Mit diesem Funda-
mentalirrtum sollte zunachst aufger'aumt werden. Fiir den, der un-
befangen gerade auf die Anschauungen des Hippokrates hinschaut,
die, wie Sie ja vielleicht schon bemerkt haben werden, bis zu Roki-
tansky herauf, also ins neunzehnte Jahrhundert hinein, eine Rolle
spielen, sind diese Anschauungen nicht ein bloBer Anfang, sondern
sie sind zugleich, und zwar in einem sehr bedeutenden MaBe, ein
Ende alter medizinischer Anschauungen. Es tritt uns in dem, was
von Hippokrates ausgeht, ich mochte sagen, ein letzter filtrierter
Rest von uralten medizinischen Anschauungen entgegen, von An-
schauungen, die nicht gewonnen worden sind auf den Wegen, auf
denen man heute sucht, auf dem Wege der Anatomie, sondern die
gewonnen worden sind auf dem Wege des alten atavistischen
Schauens. Und man wiirde, wenn man zunachst abstrakt charakteri-
sieren sollte die Stellung der Hippokratischen Medizin, eigentlich
am besten sagen: mit ihr vollzieht sich das Aufhoren der alten,
auf einem atavistischen Schauen beruhenden Medizin. AuBerlich
gesprochen — aber es ist eben nur auBerlich gesprochen — , kann
man sagen: die Hippokraten suchten alles Kranksein in einer nicht
gehorigen Mischung derjenigen Fliissigkeitskorper, die im mensch-
lichen Organismus zusammenwirken. Sie wiesen darauf hin, daB in
einem normalen Organismus die Fliissigkeitskorper in einem be-
stimmten Verhaltnisse stehen miissen, daB sie in dem kranken
Korper eine Abweichung von diesen ihren Mischungsverhaltnissen
erleiden. Als Krasis bezeichnete man die richtige Mischung, als
Dyskrasis die unrichtige Mischung. Nun suchte man selbstverstand-
lich dann einzuwirken auf die unrichtige Mischung, um sie wieder
zuruckzufiihren in die richtige Mischung. Die vier Bestandteile, die
man in der AuBenwelt sah als konstituierend alles physische Sein,
das waren ja Erde, Wasser, Luft und Feuer — Feuer aber war das-
selbe, was wir heute einfach W'arme nennen. Fiir den menschlichen
Organismus — auch fiir den tierischen — sah man spezialisiert diese
vier Elemente als schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut.
Und man dachte sich, daB aus Blut, Schleim, schwarzer und gelber
Galle in der richtigen Mischung der menschliche Organismus funk-
tionieren miisse.
Nun, wenn der heutige Mensch, so, wie man es sein kann, wissen-
schaftlich vorbereitet an so etwas herantritt, so denkt er sich zu-
nachst: indem sich Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle mischen,
mischen sie sich in Gem'aBheit desjenigen, was ihnen als Eigenschaft
innewohnt und was man so angeordnet als ihre Eigenschaft durch
eine mehr oder weniger niedere oder hdhere Chemie feststellen
kann. Und eigentlich in diesem Lichte, als wenn die Hippokraten
auch gesehen hatten Blut, Schleim und so weiter nur in dieser Weise,
stellt man sich eigentlich vor, daB diese Humoralpathologie ihren
Ausgangspunkt genommen hat. Das ist aber eben nicht der Fall,
sondern bloB von einem einzigen Bestandteile, von der schwarzen
Galle, die eigentlich als das Hippokratischeste erscheint fur den
heutigen Betrachter, dachte man sich, daB die gewbhnlichen chemi-
schen Eigenschaften das sind, was auf das andere wirkt. Von allem
iibrigen, von weiBer oder gelber Galle, von Schleim, von Blut,
dachte man nicht etwa bloB an die Eigenschaften, die man durch
chemische Reaktionen feststellen kann, sondern man dachte bei
diesen fliissigen Bestandteilen des menschlichen Organismus — und
ich werde mich immer auf diesen beschranken, auf den tierischen
Organismus zun'achst keine Riicksicht nehmen — , daB diese Fliissig-
keiten gewisse ihnen innewohnenden Eigenschaften von Kraften
haben, die auBerhalb unseres irdischen Bestandes liegen. So daB
also, wie man sich das Wasser, die Luft, die Warme als abhangig
dachte von den Kraften des auBerirdischen Kosmos, man sich
auch diese Bestandteile des menschlichen Organismus als durch-
drungen von Kraften, die von auBerhalb der Erde kommen, dachte.
Dieses Hinschauen auf Krafte, die von auBerhalb der Erde
kommen, das hat man ja im Laufe der Entwickelung der abend-
landischen Wissenschaft ganz verloren. Und fur den heutigen Wis-
senschafter erscheint es geradezu kurios, wenn man ihm zumutet,
zu denken, das Wasser solle nicht nur diejenigen Eigenschaften
haben, welche ihm zukommen als chemisch nachweisbar, sondern
es soil auch, indem es in den menschlichen Organismus hineinwirkt,
Eigenschaften haben, die es hat als Angehoriger des auBerirdischen
Kosmos. Es werden also durch die Fliissigkeitsbestandteile, die in
dem menschlichen Organismus sind, in diesen Organismus, nach
der Ansicht der Alten, Kraftewirkungen hineingetragen, die aus
dem Kosmos selber stammen. Auf diese Kraftewirkungen, die aus
dem Kosmos selber stammen, wurde eben nach und nach nicht mehr
die geringste Riicksicht genommen. Dennoch hat man aufgebaut
das medizinische Denken bis ins fiinfzehnte Jahrhundert hinein auf
dasjenige, was gewissermaBen ubriggeblieben war von der filtrierten
Anschauung, die bei Hippokrates uns entgegentritt. Und daher ist
es so schwierig fur den heutigen Wissenschafter, iiberhaupt zu ver-
stehen altere Werke der Medizin, die vor dem fiinfzehnten Jahr-
hundert liegen, denn es muB schon gesagt werden: die meisten der
Menschen, die da geschrieben haben, haben selbst gar nicht einmal
ordentlich verstanden, was sie geschrieben haben. Sie haben geredet
iiber die vier Grundbestandteile des menschlichen Organismus, aber
warum sie sie in dieser oder jener Weise charakterisierten, das fuhrte
zuriick auf ein Wissen, das eigentlich mit Hippokrates schon unter-
gegangen war. Man sprach noch iiber die Nachwirkungen dieses
Wissens, iiber die Eigenschaften der Fliissigkeiten, die den mensch-
lichen Organismus zusammengesetzt haben. Daher ist im Grunde
genommen dasjenige, was entstanden ist durch Galen und dann bis
ins fiinfzehnte Jahrhundert nachgewirkt hat, ein Zusammenstellen
von alten Erbschaften, die unverstandlicher und unverstandlicher
geworden sind. Aber einzelne Menschen gab es immer, welche eben
einfach aus dem, was da war, noch erkennen konnten: da ist auf
irgend etwas hinzuweisen, was nicht sich erschopft in dem chemisch
Feststellbaren oder in dem physisch Feststellbaren, in dem rein
Irdischen. Und zu diesen Menschen, die wuBten: da ist auf etwas
hinzuweisen im menschlichen Organismus, wodurch die fliissigen
Substanzen in ihm anders wirken, als man es chemisch konstatieren
kann, zu diesen Bekampfern also der landlaufigen Humoralpatho-
logie gehoren vorzugsweise — ich konnte auch andere Namen
nennen - Paracelsus und van Helmont, die gerade um die Wende
des fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts ins siebzehnte Jahr-
hundert hinein einen neuen Zug gebracht haben in das medizinische
Denken, indem sie einfach, konnte man sagen, etwas versuchten zu
formulieren, was die anderen schon nicht mehr formuliert haben.
Aber in der Formulierung war etwas enthalten, was man eigentlich
nur noch verfolgen konnte, wenn man etwas hellseherisch war, wie
es ja Paracelsus und van Helmont ganz entschieden waren. Wir
miissen uns schon alle diese Dinge klarmachen, sonst werden wir
uns nicht verstandigen konnen iiber dasjenige, was auch heute noch
der medizinischen Terminologie anhaftet, was aber gar nicht mehr
seinem Ursprung nach erkennbar ist. So haben denn Paracelsus und
spater unter seinem EinfluB andere angenommen als die Grundlage
fur das Wirken der Fliissigkeiten im Organismus den Archaus. Den
Archaus hat er angenommen, so wie wir etwa sprechen von dem
Atherleib des Menschen.
Wenn man so wie Paracelsus von dem Archaus spricht, wenn
man so spricht, wie wir sprechen von dem Atherleib des Menschen,
so faBt man eigentlich etwas zusammen, das da ist, das man aber
seinem eigentlichen Ursprunge nach nicht verfolgt. Denn wiirde
man es seinem eigentlichen Ursprunge nach verfolgen, so miiBte
man in der folgenden Art vorgehen. Man miiBte sagen: Der Mensch
hat einen physischen Organismus (siehe Zeichnung Seite 20), der ist Tafei 1*
im wesentlichen aus Kraften konstituiert, die aus dem Irdischen
wirken, und er hat einen atherischen Organismus (siehe Zeichnung
Seite 20 rot), der ist im wesentlichen aus Kraften konstituiert, die aus
dem Umkreise des Kosmos wirken. Unser physischer Organismus
ist gewissermaBen ein Ausschnitt der ganzen Organisation der Erde.
Unser Atherleib und auch der Paracelsussche Archaus ist ein Aus-
schnitt aus demjenigen, was nicht zur Erde gehort, was also von
alien Seiten des Kosmos ins Irdische hereinwirkt. So daB also
Paracelsus dasjenige, was man friiher einfach als das Kosmische im
Menschen bezeichnete und was mit der hippokratischen Medizin
untergegangen ist, zusammengefaBt sah in seiner Anschauung eines
atherischen Organismus, der dem physischen zugrunde liegt. Er hat
* 7n In "Wanrlrafpln dehp S 389.
19
Tafel 1
dann nicht weiter untersucht — er hat ja im einzelnen zwar hinge-
deutet, aber eben nicht weiter untersucht — , mit welchen auBer-
irdischen Kraften das im Zusammenhang steht, was in diesem
Archaus eigentlich wirkt.
Nun kann man sagen: Immer weniger und weniger ist verstand-
lich geblieben dasjenige, was da eigentlich gemeint ist. Das zeigt
sich ja ganz besonders, wenn wir dann vorriicken bis ins siebzehnte,
achtzehnte Jahrhundert und uns entgegentritt die Stahlsche Medizin,
welche nichts mehr versteht von diesem Hereinwirken des Kos-
mischen in das Terrestrische. Die Stahlsche Medizin nimmt alle
moglichen Begriffe zu Hilfe, die rein in der Luft schweben, Begriffe
von Lebenskraft, Begriffe von Lebensgeistern. Wahrend noch Para-
celsus und van Helmont mit einer gewissen BewuBtheit sprachen
von etwas, was zwischen dem eigentlich Geistig-Seelischen des
Menschen und der physischen Organisation liegt, reden Stahl und
seine Anhanger so, als ob das BewuBt-Seelische nur in einer
anderen Form hineinspiele in die Strukturgebung des menschlichen
Leibes. Dadurch riefen sie natiirlich eine starke Reaktion hervor.
Denn wenn man in dieser Weise vorgeht und eine Art von hypo-
thetischem Vitalismus begriindet, dann kommt man eigentlich in
rein willkiirliche Aufstellungen hinein. Gegen diese willkiirlichen
Aufstellungen ist namentlich das neunzehnte Jahrhundert dann
angegangen. Man kann sagen: Nur so groBe Geister wie zum Bei-
spiel Johannes Muller, der 1858 gestorben ist, der Lehrer von Ernst
Haeckel, kamen dariiber hinaus, all die Schadlichkeiten einiger-
mafien zu iiberwinden, die von dieser unklaren Sprechweise iiber
den menschlichen Organismus herriihrten, die darin bestand, daB
man einfach wie von seelischen Kraften von Lebenskraften ge-
sprochen hat, die wirken sollen im menschlichen Organismus, ohne
daB man sich deutlich vorzustellen hatte, wie sie wirken sollen.
Nun kam aber, wahrend all das geschah, eine ganz andere Stro-
mung herauf. Wir haben gewissermaBen jetzt die auslaufende
Stromung verfolgt bis in ihre letzten Auslaufer hinein. Aber mit
der neueren Zeit kam eben dasjenige herauf, was nun in einer an-
deren Weise ausschlaggebend geworden ist fur die medizinische
Begriffsbildung namentlich des neunzehnten Jahrhunderts. Das fallt
im Grunde zuriick auf ein einziges ungemein stark ausschlaggeben-
des Werk des achtzehnten Jahrhunderts erst, das «De sedibus et
causis morborum per anatomen indagatis» von Morgagni, dem Arzt
in Padua, mit dem etwas ganz Neues heraufgekommen ist, etwas,
das im wesentlichen den materialistischen Zug in der Medizin ein-
geleitet hat. Man muB diese Dinge ganz objektiv charakterisieren,
nicht mit Sympathien und Antipathien. Denn dasjenige, was mit
diesem Werk heraufkam, das ist die Hinlenkung des Blickes auf die
Folgen des Krankseins im menschlichen Organismus. Der Leichen-
befund wurde ausschlaggebend. Eigentlich erst von dieser Zeit an
kann man sagen: Der Leichenbefund wurde ausschlaggebend. Man
sah an der Leiche, daB wenn diese oder jene Krankheit, gleich-
giiltig, wie man sie benannte, gewirkt hat, so muB dieses oder jenes
Organ diese oder jene Veranderung erfahren. Man fing nun an,
diese oder jene Veranderung eben aus dem Leichenbefund heraus zu
studieren. Eigentlich beginnt da erst die pathologische Anatomie,
wahrend alles dasjenige, was fruher in der Medizin da war, auf
einem gewissen Fortwirken noch des alten hellseherischen Ele-
mentes beruhte.
Interessant ist es nun, wie mit einem Ruck, mochte ich sagen,
sich der groBe Umschwung dann endgiiltig vollzogen hat. Man
kann ja geradezu auf zwei Jahrzehnte hinweisen — und das ist inter-
essant — , in denen sich der groBe Umschwung vollzogen hat, durch
den verlassen wurde alles das, was noch als Erbschaft vom alten da
war, und durch den begriindet wurde auch die atomistisch-materia-
listische Anschauung im modernen Medizinwesen. Wenn Sie sich
einmal die Miihe nehmen und die im Jahre 1842 erschienene «Pa-
thologische Anatomie» von Rokitansky durchnehmen, dann werden
Sie finden: Bei Rokitansky ist noch immer vorhanden ein Rest der
alten Humoralpathologie, noch ein Rest von der Anschauung, daB
auf einem nicht normalen Zusammenwirken der Safte das Krank-
sein beruht. Diese Anschauung, daB man hinwenden miisse den
Blick auf diese Saftemischung — das kann man aber nur, wenn man
noch Erbschaften hat der Anschauung iiber die auBerirdischen
Eigenschaften der Safte — , wurde sehr geistreich zusammen ver-
arbeitet durch Rokitansky mit dem Beobachten der Veranderungen
der Organe. So daB eigentlich in dem Buch von Rokitansky immer
zugrunde liegt die Beobachtung der Organveranderung durch den
Leichenbefund, aber verbunden damit ein Hinweis darauf, daB diese
spezielle Organveranderung unter dem EinfluB einer abnormen
Saftemischung zustande gekommen ist. Da haben Sie 1842, ich
mochte sagen, das letzte, was auftritt von der Erbschaft der alten
Humoralpathologie. Wie sich hineinstellten in dieses Untergehen
der alten Humoralpathologie die nach der Zukunft hinweisenden
Versuche, mit umfassenderen Krankheitsvorstellungen zu rechnen,
wie zum Beispiel der Versuch von Hahnemann, davon wollen wir
dann in den nachsten Tagen sprechen, denn das ist zu wichtig, um
es bloB in einer Einleitung darzustellen. Ahnliche Versuche miissen
im Zusammenhang besprochen werden, dann in den Einzelheiten.
Jetzt will ich aber darauf aufmerksam machen, daB nun die zwei
nachsten Jahrzehnte nach dem Erscheinen der «Pathologischen
Anatomie» von Rokitansky die eigentlich grundlegenden Jahr-
zehnte geworden sind fur die atomistisch-materialistische Betrach-
tung des medizinischen Wesens. Es spielt das Alte noch ganz merk-
wiirdig in die Vorstellungen, die in der ersten Halfte des neun-
zehnten Jahrhunderts sich gebildet haben, hinein. Da ist es inter-
essant, zu beobachten, wie zum Beispiel Schwann, der ja, man
konnte sagen, der Entdecker der Pflanzenzelle ist, noch die Ansicht
hat, daB zugrunde liegt der Zellbildung eine Art ungeformter Fliis-
sigkeitsbildung, was er als Blastem bezeichnet, wie sich da aus dieser
Fiiissigkeitsbildung heraus verh'artet der Zellkern und herumglie-
dert das Zellprotoplasma. Es ist interessant zu beobachten, wie
Schwann noch zugrunde legt ein fliissiges Element, das in sich Eigen-
schaften hat, die darauf hinauslaufen, sich zu differenzieren, und
wie durch dieses Differenzieren dann das Zellige entsteht. Es ist
interessant, zu verfolgen, wie spater dann die Anschauung sich nach
und nach allmahlich herausbildet, die man zusammenfassen kann
in die Worte: Der menschliche Organismus baut sich aus Zellen auf.
Das ist ja eine Anschauung, die heute ungefahr gang und gabe ist,
daB die Zelle eine Art Elementarorganismus ist und daJ3 sich der
menschliche Organismus aus Zellen aufbaut.
Nun, diese Anschauung, die noch Schwann, ich mochte sagen,
ganz gut zwischen den Zeilen hat, sogar mehr als zwischen den
Zeilen, ist im Grunde genommen der letzte Rest des alten medizi-
nischen Wesens, denn sie geht nicht auf das Atomistische. Sie be-
trachtet dasjenige, was atomistisch auftritt, das Zellenwesen, als
hervorgehend aus etwas, das man niemals, wenn man es ordentlich
betrachtet, atomistisch betrachten kann, aus einem fliissigen Wesen,
das Krafte in sich hat und das Atomistische erst aus sich heraus
differenziert. Also in diesen zwei Jahrzehnten, in den vierziger und
funfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, geht die alte An-
schauung, die universeller ist, ihrem letzten Ende entgegen und
dammert dasjenige auf, was atomistische medizinische Anschauung
ist. Und das ist voll da, als 1858 erscheint die «Zellularpathologie»
von Virchow. Zwischen diesen zwei Werken muB man eigentlich
einen ungeheuer sprunghaften Umschwung in dem neueren medi-
zinischen Denken sehen, zwischen der « Pathol ogischen Anatomie»
1842 von Rokitansky und der «Zellularpathologie» 1858 von Vir-
chow. Durch diese Zellularpathologie wird im Grunde genommen
alles, was auftritt im Menschen, abgeleitet von Veranderungen der
Zellenwirkung. Im Grunde genommen betrachtet man es dann in
der offiziellen Anschauungsweise als ein Ideal, alles aufzubauen auf
die Veranderungen der Zelle. Man sieht geradezu darin das Ideal,
die Veranderung der Zelle im Gewebe eines Organs zu studieren
und aus der Veranderung der Zelle heraus die Krankheit begreifen
zu wollen. Man hat es ja leicht mit dieser atomistischen Betrach-
tung, denn nicht wahr, sie liegt im Grunde, ich mochte sagen, auf
der flachen Hand. Man kann alles so hinstellen, leicht begreiflich.
Und trotz alien Fortschritten der neueren Wissenschaft geht diese
neuere Wissenschaft eigentlich immer darauf aus, moglichst alles
leicht zu begreifen und nicht zu bedenken, daB das Naturwesen und
das Weltenwesen iiberhaupt etwas auBerordentlich Kompliziertes
ist.
Nicht wahr, man kann so leicht experimentell zeigen, daB zum
Beispiel eine Amobe im Wasser ihre Form verandert, die arm-
artigen Gebilde, Fortsatze, ausstreckt, wieder einzieht. Man kann
dann die Fliissigkeit, in der die Amobe schwimmt, erwarmen. Man
wird dann sehen, daB das Ausstrecken und ebenso das Einziehen
der Fortsatze lebhafter wird, bis man die Temperatur zu einem ge-
wissen Punkt bringt. Dann zieht sich die Amobe zusammen und
kann nicht mehr weiter mitgehen mit diesen Veranderungen, die in
dem umgebenden Medium vorgehen. Man kann dann in die Fliis-
sigkeit hineinleiten einen Strom: man beobach tet dann die Amobe,
sie bildet ihren Korper kugelartig aus und platzt zum SchluB, wenn
der Strom zu stark hineingeleitet wird. Also man kann studieren
seibst wie die einzelne Zelle sich verandert unter dem EinfluB der
Umgebung, und man kann dann daraus eine Theorie bilden, wie
durch Veranderung des Zellwesens sich nach und nach das Krank-
heitswesen aufbaut.
Was ist das Wesentliche all dessen, was da heraufgekommen ist
durch den Umschwung, der sich in zwei Jahrzehnten vollzogen hat?
Was da heraufgezogen ist, es lebt eigentlich fort in allem, was heute
die offizielle medizinische Wissenschaft durchdringt. In dem, was
da heraufgezogen ist, lebt eben doch nichts anderes als der all-
gemeine Zug, die Welt atomistisch zu begreifen, wie er sich eben
im materialistischen Zeitalter herausgebildet hat.
Nun bitte ich Sie, doch das Folgende zu beachten. Ich ging aus
davon, daJ3 ich Sie aufmerksam machte, daB derjenige, der es heute
mit dem Arbeiten in der Medizin zu tun hat, sich ganz notwendiger-
weise doch die Frage vorlegen muB: Was sind denn eigentlich die
Krankheiten fur Prozesse? Wie unterscheiden sie sich denn von den
sogenannten Normalprozessen des menschlichen Organismus? Denn
nur mit einer positiven Vorstellung iiber diese Abweichung kann
man doch arbeiten, wahrend die Darstellungen, die man gewohn-
lich findet und die gegeben werden in der offiziellen Wissenschaft,
eigentlich nur negativ sind. Es wird nur darauf hingewiesen, daB
eben solche Abweichungen da sind. Und dann probiert man, wie
man etwa die Abweichungen beseitigen konne. Aber eine durch-
greifende Anschauung iiber das Menschenwesen ist ja eigentlich
nicht vorhanden. Und an dem Mangel einer solchen durchgreifen-
den Anschauung iiber das Menschenwesen krankt im Grunde ge-
nommen unsere ganze medizinische Anschauung. Denn was sind
denn die Krankheksprozesse? Sie werden doch nicht umhin konnen,
sich zu sagen, daB es Naturprozesse sind. Sie konnen doch nicht
einen abstrakten Unterschied konstruieren ohne weiteres zwischen
irgendeinem NaturprozeB, der drauBen verlauft und dessen Folgen
Sie verfolgen, und zwischen einem Krankheitsprozesse. Den Natur-
prozeB, Sie nennen ihn normal, den KrankheitsprozeB nennen Sie
abnorm, ohne eigentlich darauf hinzuweisen, warum nun dieser
ProzeB im menschlichen Organismus ein abnormer ist. Man kann
ja zu keiner Praxis kommen, wenn man nicht wenigstens sich Auf-
schluB dariiber geben kann, warum der ProzeB abnorm ist. Dann
erst kann man irgendwie nachforschen danach, wie man ihn auf-
heben kann. Denn man kann dadurch erst darauf kommen, aus
welcher Ecke des Weltendaseins das Hinwegschaffen eines solchen
Prozesses moglich ist. SchlieBlich ist sogar das Bezeichnen als ab-
norm ein Hindernis. Denn warum sollte denn mancher ProzeB im
Menschen abnorm genannt werden? Selbst wenn ich mich in den
Finger schneide, so ist das nur relativ abnorm fur den Menschen,
denn wenn ich mich nicht in den Finger schneide, sondern ein
Snick Holz schneide zu irgendeiner Form, so ist das ein normaler
ProzeB. Just, wenn ich mich in den Finger schneide, so nenne ich
das einen abnormen ProzeB. Damit, nicht wahr, daB man gewdhnt
ist, just andere Prozesse zu verfolgen, als sich in den Finger zu
schneiden, ist ja gar nichts gesagt, es sind bloB Wortspiele eigent-
lich in die Welt gesetzt. Denn dasjenige, was geschieht, wenn ich
mich in den Finger schneide, ist von einer gewissen Seite her ahn-
lich in seinem Verlauf, ganz ebenso normal wie irgendein anderer
NaturprozeB.
Die Aufgabe ist, nun wirklich darauf zu kommen, welcher
Unterschied besteht zwischen den Prozessen im menschlichen Orga-
nismus, die wir als Krankheitsprozesse bezeichnen und die doch im
Grunde genommen ganz normale Naturprozesse sind, nur eben
durch bestimmte Ursachen hervorgerufen sein miissen, und den-
jenigen Prozessen, die wir gewohnlich als die gesunden bezeichnen
und die die alltaglichen sind. Dieser durchgreifende Unterschied
muB gefunden werden. Er wird nicht gefunden werden, wenn man
nicht eingehen kann auf eine Betrachtungsweise des Menschen, die
zum menschlichen Wesen wirklich fuhrt. Dazu mochte ich Ihnen
in dieser Einleitung wenigstens die ersten Elemente aufzeichnen,
die wir dann im einzelnen im Detail weiter ausfiihren wollen.
Sie Werden es begreifen, daB ich hier in diesen Vortragen, die ja
nur in einer beschrankten Anzahl gehalten werden konnen, haupt-
sachlich dasjenige gebe, was Sie sonst in Biichern oder Vortragen
eben nicht finden, und dasjenige voraussetze, was man eben sonst
nnden kann. Ich glaube nicht, daB es besonders wertvoll ware,
wenn ich Ihnen irgendeine Theorie geben wiirde in Aufstellungen,
die Sie sonst auch finden konnten. Daher verweise ich Sie an diesem
Punkt an dasjenige, was sich Ihnen ergeben kann, wenn Sie einfach
miteinander vergleichen das, was Sie sehen, wenn Sie vor sich stel-
len ein Menschenskelett und das Skelett, sagen wir eines Gorillas,
eines sogenannt hochstehenden Affen. Wenn Sie diese zwei Ske-
lette rein auBerlich miteinander vergleichen, so werden Sie bemer-
ken als Wesentliches, daB beim Gorilla vorhanden ist einfach der
Masse nach eine besondere Ausbildung des ganzen Unterkiefer-
systems. Das Unterkiefersystem steht gewissermaBen als Lastendes
im ganzen Kopfskelett drinnen, und man hat das Gefiihl, wenn
man den Gorillakopf ansieht (siehe Zeichnung Scite 27, links) mit
seinem machtigen Unterkiefer, daB dieses Unterkiefersystem in
irgendeiner Weise lastet, nach vorne driickt das ganze Skelett, daB
der Gorilla, ich mochte sagen, mit einer gewissen Anstrengung sich
aufrecht erhalt gegen dieses Lastende, das da wirkt, namentlich im
Unterkiefer.
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Tafel 1
Aber dasselbe Lastsystem finden Sie gegeniiber dem mensch-
lichen Skelett, wenn Sie das Skelett der Vorderarme mit den daran-
hangenden Vorderhanden ins Auge fassen. Die wirken schwer, da
ist alles massig beim Gorilla, wahrend beim Menschen alles fein
und zart gegliedert ist. Die Masse tritt da zuriick. Gerade in diesem
Teil, im Unterkiefersystem und im Vorderarmsystem mit dem Finger-
system, da tritt das Massige beim Menschen zuriick, wahrend es
beim Gorilla auftritt. Der, der sich dann den Blick gescharft hat
fur diese Verhaltnisse, der wird dasselbe auch noch verfolgen kon-
nen beim FuB- und UntergliedmaBenskelett. Auch da ist gewisser-
maBen noch ein Lastendes vorhanden, das nach einer bestimmten
Richtung hin driickt. Ich mochte schematisch diese Kraft, die man
sehen kann — man kann sie sehen im Unterkiefersystem, im Arm-
system und im Bein-, im FuBsystem — , durch diese Linie bezeichnen
(siehe Zeichnung Seite 28: Pfeile).
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Wenn Sie dies ins Auge fassen, was sich als Unterschied ergibt
rein aus der Anschauung zwischen dem Goriliaskelett und dem
Menschenskelett, wo zuriicktritt, nicht mehr lastet das Unterkiefer-
skelett, wo fein ausgebildet ist das Arm- und Fingerskelett, so wer-
den Sie nicht umhin konnen, sich zu sagen: beim Menschen tritt
diesen Kraften iiberall ein Aufwartsstrebendes entgegen (Pfeile).
Sie werden dasjenige konstruieren miissen, was beim Menschen
formbildend ist aus einem gewissen Krafteparallelogramm, das
sich Ihnen ergibt aus derselben Kraft, die nach aufwarts geht und
die der Gorilla sich nur auBerlich aneignet — man sieht es an der
Miihe, mit der er sich aufrecht halt, mit der er sich aufrecht halten
will. Dann bekomme ich ein Krafteparallelogramm, das in diesen
Linien verlauft (siehe Zeichnung Seite 29).
Nun ist das hochst Eigentumliche dieses, daB wir uns ja gewohn-
lich heute darauf beschranken, zu vergleichen die Knochen oder
die Muskeln der hoheren Tiere mit den Knochen und Muskeln der
Menschen, aber dabei nicht das notige Gewicht legen auf diese
Formumwandelung. In der Anschauung dieser Formumwandelung
muB man ein Wesentliches und Wichtiges suchen. Denn sehen Sie,
diese Krafte, die miissen ja dasein, die entgegenwirken den Kraften,
die beim Gorilla die Gestalt bilden. Diese Krafte miissen ja dasein,
Tafel 2
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diese Krafte miissen ja wirken. Wenn wir diese Krafte suchen wer-
den, werden wir wieder finden dasjenige, was verlassen worden ist,
indem die alte Medizin filtriert worden ist vom hippokratischen
System. Wir werden wiederum finden, daB diese Krafte im Krafte-
parallelogramm irdischer Natur sind und diejenigen Krafte, die sich
mit diesen irdischen Kraften im Krafteparallelogramm vereinigen,
so dafl eine Resultierende entsteht, die nun nicht irdischen Kraften
ihren Ursprung verdankt, sondern auBerirdischen, auBerterrestri-
schen Kraften, diese Krafte miissen wir auBerhalb des Irdischen
suchen. Wir miissen Zugkrafte suchen, die den Menschen zur Auf-
richtestellung bringen, aber nicht nur zur Aufrichtestellung bringen,
wie sie beim hoherenTier vorhanden ist zuweilen, sondern so zur Auf-
richtestellung bringen, daB die in der Aufrichtestellung wirkenden
Krafte zugleich Bildekrafte sind. Es ist ja ein Unterschied, ob der
Affe, der aufrecht geht, dennoch Krafte hat, die massig entgegen-
wirken, oder ob der Mensch sein Knochensystem schon so ausbildet,
daB diese Ausbildung in der Richtung von Kraften wirkt, die nicht-
irdischen Ursprungs sind. Man kann einfach, wenn man richtig an-
schaut die Form des menschlichen Skeletts, sich nicht darauf be-
schranken, den einzelnen Knochen zu beschreiben und ihn zu ver-
gleichen mit dem Tierknochen, sondern wenn man das Dynamische
im Aufbau des menschlichen Skeletts verfolgt, dann kann man sich
sagen: das findet man in den iibrigen Reichen der Erde nicht, da
treten uns Krafte auf, die wir mit den iibrigen zu dem Krafte-
parallelogramm vereinigen miissen. Es entstehen Resultierende, die
wir nicht finden konnen, wenn wir bloB auf die Krafte Riicksicht
nehmen, die auBerhalb des Menschen vorhanden sind. Es wird sich
also darum handeln, einmal diesen Sprung vom Tier zum Menschen
ordentlich zu verfolgen. Dann wird man nicht nur beim Menschen,
sondern auch beim Tier den Ursprung des Krankhekswesens finden
konnen. Ich kann Sie nur nach und nach auf diese Elemente hin-
weisen, wir werden aber aus ihnen, weitergehend, sehr vieles finden
konnen.
Nun, im Zusammenhange mit dem, was ich Ihnen eben dargelegt
habe, mochte ich Ihnen jetzt das Folgende erwahnen. Gehen wir
iiber vom Knochensystem zum Muskelsystem, so finden wir ja
diesen bedeutsamen Unterschied im Wesen des Muskels, daB der
ruhende Muskel alkalisch reagiert, wenn wir auf seine gewohnliche
chemische Wirkung Riicksicht nehmen; aber man kann doch nur
sagen: ahnlich wie alkalisch, denn die alkalische Reaktion ist nicht
eine absolut so klar ausgesprochene beim ruhenden Muskel, wie
sonst alkalische Reaktionen sind. Beim tatigen Muskel tritt ebenso
eine nicht ganz klare saure Reaktion in Tatigkeit. Nun bedenken
Sie, daB ja selbstverstandlich zunachst stoffwechselgemaB der
Muskel zusammengesetzt ist aus dem, was der Mensch aufnimmt,
daB er also in gewisser Weise ein Ergebnis ist der Krafte, die
in den irdischen Stoffen vorhanden sind. Aber indem der Mensch
zur Tatigkeit iibergeht, wird ja klarer und klarer dasjenige
uberwunden, was der Muskel in sich dadurch hat, daB er
bloB dem gewohnlichen Stoffwechsel unterliegt. Es treten im
Muskel eben Veranderungen ein, die man zuletzt mit nichts an-
derem vergleichen kann gegeniiber den gewohnlichen stoffwechsel-
gemaBen Veranderungen, als mit den Kraften, die die Bildung des
Knochensystems beim Menschen bewirken. Wie diese Krafte beim
Menschen hinausgehen iiber dasjenige, was er von auBen hat, wie
sie sich terrestrisch durchdringen und sich mit ihnen zu einer bloBen
Resultierenden vereinigen, so muB man auch mit dem, was im
Muskel als wirkend im Stoffwechsel auftritt, etwas sehen, was nun
hineinwirkt auch chemisch in die irdische Chemie. Hier haben wir,
konnte man sagen, in die irdische Mechanik und Dynamik etwas
hineinwirkend, was wir nicht mehr im Irdischen finden. Beim Stoff-
wechsel haben wir in die irdische Chemie etwas hineinwirkend, was
nicht-irdische Chemie ist, was andere Wirkungen hervorbringt, als
sie nur unter dem EinfluB der irdischen Chemie auftreten konnen.
Von diesen Betrachtungen, die auf der einen Seite Formbetrach-
tungen, auf der anderen Seite Qualitatsbetrachtungen sind, werden
wir auszugehen haben, wenn wir flnden wollen dasjenige, was
eigentlich im Menschenwesen liegt. Da wird man wiederum einen
Riickweg sich eroffnen konnen zu dem, was verloren word en ist
und was man ganz offenbar braucht, wenn man nicht stehen-
bleiben will bei einem bloBen formalen Definieren des Krankheits-
wesens, mit dem man dann in der Praxis eigentlich nicht viel an-
fangen kann. Denn denken Sie, daB ja eine sehr wichtige Frage auf-
taucht. Wir haben ja im Grunde genommen nur irdische Mittel,
aus der Umgebung des Menschen, mit denen wir wirken konnen
auf den menschlichen Organismus, wenn er Veranderungen erfahrt.
Aber im Menschen wirken nicht-irdische Prozesse oder wenigstens
Krafte, die seine Prozesse zu nicht-irdischen Prozessen machen. Und
es entsteht also die Frage: Wie konnen wir eine Wechselwirkung,
die hinfiihrt vom Kranksein zum Gesundsein, hervorrufen zwi-
schen dem, was wir als Wechselverhaltnis bewirken zwischen dem
kranken Organismus und seiner physischen Erdenumgebung? Wie
konnen wir ein solches Wechselverhaltnis hervorrufen, so daB nun
wirklich durch dieses Wechselverhaltnis beeinfluBt werden konnen
auch diejenigen Krafte, die im menschlichen Organismus tatig
sind und die nicht aufgehen in dem, worinnen die Prozesse auf-
gehen, aus denen heraus wir unsere Arzneimittel wahlen konnen,
selbst wenn diese Prozesse Anordnungen zur Diat sind und so
weiter.
Sie sehen, wie innig zusammenhangt mit einer richtigen Auf-
fassung des Wesens des Menschen dasjenige, was schlieBlich zu
einer gewissen Therapie fiihren kann. Und ich habe gerade die
ersten Elemente, die uns befahigen sollen, zu einer Losung dieser
Frage aufzusteigen, hergenommen von Unterscheidungen des Men-
schen vom Tiere, mit vollem BewuBtsein, trotzdem der Einwand
sehr leicht sein kann — wir werden ihn spater beheben — , daB ja
auch die Tiere erkranken, sogar Pflanzen eventuell erkranken
- neuerdings hat man ja auch von Erkrankungen der Mineralien
gesprochen — und daB daher gerade fur das Kranksein der Unter-
schied des Menschen von dem Tiere nicht gemacht werden sollte.
Man wird diesen Unterschied schon bemerken, wenn man sehen
wird, wie wenig der Arzt auf die Dauer doch haben wird von der
bloBen Untersuchung des Tierwesens mit dem Ziele, in der mensch-
lichen Medizin weiterzukommen. Man kann — und das wird sich
uns ergeben, warum das ist — ganz gewiB einiges erreichen fur
menschliche Heilung aus dem Tierversuch, aber nur dann, wenn
man sich griindlich klar dariiber ist, welch ein durchgreifender
Unterschied bis in die einzelnsten Details hinein doch zwischen der
tierischen und der menschlichen Organisation ist. Daher wird es
sich darum handeln, gerade die Bedeutung des Tierversuches in der
entsprechenden Weise immer mehr und mehr fur die Entwickelung
der Medizin klarlegen zu konnen.
Weitergehend mochte ich Sie dann noch darauf aufmerksam
machen, daB ja allerdings dann, wenn man auf solche auBerirdi-
schen Krafte hinweisen muB, die Personlichkeit des Menschen viel
mehr in Anspruch genommen wird, als wenn man auf sogenannte
objektive Regeln, objektive Naturgesetze immer hinweisen kann.
Es wird sich allerdings darum handeln, daB man das medizinische
Wesen viel mehr nach dem Intuitiven hin arbeitet und daB man
darauf kommt, daB von dem Talent, aus Formerscheinungen her-
aus auf das Wesen des menschlichen Organismus, des individuellen
menschlichen Organismus, der in einer gewissen Beziehung krank
oder gesund sein kann, Schliisse zu Ziehen, daB dieses intuitive Ein-
geschultsein auf Formbeobachtung eine immer groBere Rolle spie-
len muB in der Entwickelung der Medizin und nach der Zukunft hin.
Diese Dinge sollten, wie gesagt, nur zu einer Art von Einleitung,
von orientierender Einleitung dienen. Denn das, worauf es hier an-
kam heute, das war, zu zeigen, daB die Medizin wiederum hinwen-
den miisse ihren Blick auf dasjenige, was sich durch Chemie oder
auch durch die gewohnliche vergleichende Anatomie nicht erreichen
laBt, was nur erreicht werden kann, wenn man zu einer geisteswis-
senschaftiichen Betrachtung der Tatsachen iibergeht. In bezug dar-
auf gibt man sich ja heute noch mancherlei Irrtumern hin. Man
denkt, daB es sich hauptsachlich darum handeln miisse, fiir eine
Vergeistigung der Medizin an die Stelle der materiellen Mittel gei-
stige zu setzen. Aber so berechtigt das auf gewissen Gebieten ist,
so unberechtigt ist es in seiner Ganze. Denn es handelt sich vor
alien Dingen auch darum, auf geistige Art zu erkennen, welcher
Heilwert in einem materiellen Mittel stecken konnte, Geisteswis-
senschaft also schon anzuwenden auf die Bewertung der materiellen
Mittel. Das wird namentlich die Aufgabe sein desjenigen Teiles,
den ich bezeichnet habe: die Moglichkeiten der Heilung durch die
Erkenntnis der Beziehung des Menschen zu der iibrigen Welt auf-
zusuchen.
Ich mochte ja, daB die Dinge, die ich werde zu sagen haben iiber
spezielle Heilprozesse, moglichst gut fundiert seien und moglichst
alle darauf hintendieren, daB bei jeder einzelnen Krankheit eigentlich
eine Anschauung gewonnen werden kann iiber den Zusammenhang
des sogenannten abnormen Prozesses, der auch ein NaturprozeB
sein muB, mit den sogenannten normalen Prozessen, die ja auch
wiederum nichts anderes sind als Naturprozesse. Wo immer diese
Frage, diese Fundamentalfrage aufgetaucht ist — das mochte ich nur
gleichsam als einen kleinen Anhang bemerken -: Wie kommt man
eigentlich damit zurecht, daB die Krankheitsprozesse doch auch
Naturprozesse sind? — da sucht man sich so bald wie moglich immer
wiederum um die Sache zu driicken. Interessant war mir zum Bei-
Tafd i spiel ja, daJ3 Troxler, der in Bern gelehrt hat, sehr intensiv schon
in der ersten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts darauf hin-
gewiesen hat, daB man gewissermaBen die Normalitat der Krank-
heit untersuchen miisse und daB man dadurch in einer Richtung
gefiihrt wird, die zuletzt landet in der Anerkennung einer gewissen
Welt, die mit der unseren verbunden ist und die nur wie durch
unberechtigte Locher sich hereinschiebt in unsere Welt und daB
man dadurch auf irgend etwas in bezug auf die Krankheitserschei-
nungen kommen konne. Denken Sie sich — ich will das jetzt nur
gewissermaBen grob schematisch andeuten — , es gabe so irgendeine
Welt im Hintergrunde, die zu ihren Gesetzen die ganz berechtigten
Dinge hatte, die bei uns die Krankheitserscheinungen bewirken,
dann konnten durch gewisse Locher, durch die diese Welt herein-
dringt in unsere, diese Gesetze, die in einer anderen Welt ganz be-
rechtigt sind, bei uns Unheil anrichten. Auf dieses wollte Troxler
hinarbeiten. Und so unklar und undeutlich er sich auch in mancher
Beziehung ausgesprochen hat, so merkt man doch, wie er auf einem
Wege in der Medizin war, der hinarbeitet gerade auf eine gewisse
Gesundung der medizinischen Wissenschaft.
Ich habe dann mit einem Freunde einmal nachgesucht, da der
Troxler doch in Bern gelehrt hat, wie er angesehen war unter sei-
nen Kollegen, was man aus seiner Anregung gemacht hat, und wir
konnten in dem Lexikon, das viele Dinge verzeichnet aus der Ge-
schichte der Universitat, bei Troxler nur herausfinden, daB er sehr
viele Krache an der Universitat gemacht hat! Das war dasjenige,
was behalten worden ist. Und liber seine wissenschaftliche Bedeu-
tung konnte man gar nichts Besonderes herausfinden.
Nun, ich wollte, wie gesagt, heute nur auf die Dinge hinweisen,
und ich bitte Sie recht sehr, damit ich durchschieBen kann dasjenige,
was ich darstellen will aus meinen Absichten heraus mit dem, was
in Ihren Wiinschen liegt, mir bis morgen oder iibermorgen alle Ihre
Wiinsche aufzuschreiben. Dann werde ich erst aus diesen Wiinschen
heraus dem Vortragszyklus die notige Form geben. Ich glaube, so
kommen wir dann am allerbesten zurecht. Ich bitte, das nur ganz
ausgiebig zu machen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 22. Marz 1920
Wir werden von solchen Ausgangspunkten wie den gestern ge-
wahlten weiterschreiten und allmahlich auch in das Wesen des
Menschen weiter vordringen, indem wir aufmerksam werden auf
gewisse Polaritaten, die da herrschen. Sie werden schon gestern
bemerkt haben, daB wir genotigt sind, die noch bei dem Tier lasten-
den Krafte zu einem Parallelogramm zu verbinden mit gewisser-
maBen senkrecht gerichteten Kraften, und daB wir entsprechend
ein Analogon dazu haben in der Muskelreaktion. Wenn diese bei-
den Gedanken beim Stadium des menschlichen Knochensystems
und des menschlichen Muskelsystems weiterverfolgt werden, wenn
bei ihrer Verfolgung alles zu Hilfe genommen wird, was die Er-
fahrung heute schon geben kann, so wird man wahrscheinlich aus
der Knochen- und Muskellehre etwas ja bald fur die Medizin
Bedeutsameres machen konnen, als man bisher gemacht hat. Ganz
besonders schwierig wird aber die Verbindung der Menschen-
erkenntnis mit dem, was die Medizin braucht, wenn heute aus-
gegangen werden soil von der Herzlehre. Ich mochte sagen: Was
sich bei der Knochen- und Muskellehre erst in der Anlage zeigt,
ist bei der Anschauung, die sich herausgebildet hat iiber die Lehre
vom Herzen, griindlich herausgekommen. Denn was hat man denn
eigentlich so landlaufig von dem menschlichen Herzen — wir wol-
len zunachst uns auf dieses beschranken — fur eine Ansicht? Man
hat die Ansicht, daB es eine Art von Pumpe sei, welche das Blut
in die verschiedenen Organe hineinpumpt. Man hat auch allerlei
interessante mechanische Konstruktionen ausgedacht, welche dieses
Pumpwerk «Herz» erklaren sollen. Nun widersprechen zwar diese
mechanischen Konstruktionen durchaus der Embryologie, aber man
ist nicht aufmerksam darauf geworden, diese mechanische Herz-
theorie wirklich einmal fur fragwiirdig zu halten, sie noch einmal
zu kontrollieren, wenigstens nicht sie zu kontrollieren in der land-
laufigen Wissenschaft. Dasjenige — ich werde die Dinge zunachst
skizzieren, und das, was wir in den nachsten Tagen uns vorfiihren
werden, wird ja stiickweise immer eine Bestatigung dessen sein,
was ich genotigt bin, zuerst als Gesichtspunkt anzugeben — ,
dasjenige, was man vor alien Dingen beriicksichtigen mufi
bei der Herzanschauung, ist, dafi dieses Herz ganz und gar nicht
ist, was man eine Art tatigen Organismus nennen kann. Denn
die Herztatigkeit ist nicht eine Ursache, sondern sie ist eine
Folge. Verstehen werden Sie diesen Satz nur dann, wenn Sie ins
Auge fassen die Polaritat, die besteht zwischen all denjenigen
Tatigkeiten im menschlichen Organismus, die zusammenhangen
mit der Nahrungsaufnahme, mit der weiteren Verarbeitung der
Nahrung, mit ihrer Uberleitung entweder direkt oder durch Ge-
faBe ins Blut, denn Sie verfolgen, ich mochte sagen, von unten
nach oben gehend, im Organismus die Nahrungsverarbeitung bis
zu der Wechselwirkung, welche zunachst besteht zwischen dem
Blute, das die Nahrung aufgenommen hat, und der Atmung, durch
die die Atemluft aufgenommen wird. Wenn Sie sich die Vorgange,
die dabei in Betracht kommen, ganz ordentlich ansehen — man
braucht sie wirklich nur ordentlich anzusehen — , so werden
Sie finden, daB ein gewisser Gegensatz besteht zwischen all dem,
was im Atmungsprozesse liegt, und dem, was im weitesten Umfange
im Verdauungsprozesse liegt. Es will da etwas sich ausgleichen. Es
will da etwas, was, ich mochte sagen, zueinander hindurstet, sich an-
einander sattigen. Man konnte selbstverstandlich auch andere Aus-
driicke wahlen, allein, wir werden uns ja im Laufe der Zeit immer
besser verstehen. Es findet eine Wechselwirkung statt, die zunachst
besteht zwischen den fliissig gewordenen Nahrungsstoffen und zwi-
schen dem, was luftformig von dem Organismus durch die Atmung
aufgenommen wird. Diese Wechselwirkung, sie ist genau zu studie-
ren. Diese Wechselwirkung besteht in ineinanderspielenden Kraf-
ten. Und dasjenige, was da ineinanderspielt, das, mochte ich sagen,
staut sich vor seinem gegenseitigen Ineinanderspiel im Herzen. Das
entsteht als ein Stauorgan zwischen dem, was ich nun ferner nennen
mochte die untere Betatigung des Organismus, Nahrungsaufnahme,
Nahrungsverarbeitung, und den oberen Tatigkeiten des Organis-
mus, zu deren unterster wiederum ich rechnen mochte die Atmung.
Ein Stauorgan ist eingeschaltet, und das Wesentlichste dabei ist, daB
die Herztatigkeit eine Folge der Wechselwirkung ist zwischen dem
fliissig gewordenen Nahrungsstoff, also zwischen der Nahrungs-
fliissigkeit und der von auBen aufgenommenen Luft. Alles dasjenige,
was sich im Herzen ausdriickt, was man im Herzen beobachten
kann, mufi als eine Folge betrachtet werden, zunachst im mecha-
nischen Sinne.
Der einzige hoffnungsvolle Anfang, der gemacht worden ist,
wenigstens diese mechanische Grundlage der Herztatigkeit — mehr
allerdings nicht — einmal ins Auge zu fassen, der ist gemacht wor-
den von einem osterreichischen Arzte Dr. Karl Schmid, der Arzt
in der ndrdlichen Steiermark war und der dariiber eine Veroffent-
lichung hat erscheinen lassen in der « Wiener Medizinischen Wochen-
schrift» 1892, Nr. 15-17, «Uber HerzstoB und Pulskurven». Es ist
nicht sehr viel noch in dieser Abhandlung enthalten, aber man
muB sich sagen, daB wenigstens da einmal jemand aus seiner medizi-
nischen Praxis heraus bemerkt hat, daB man es nicht zu tun hat mit
dem Herzen als mit einer gewohnlichen Pumpe, sondern mit dem
Herzen als einem Stauapparat. Schmid denkt sich den ganzen Vor-
gang der Herzbewegung und des Herzstofies wie die Tatigkeit des
hydraulischen Widders, der durch die Stromungen in Bewegung
gesetzt wird. Darinnen liegt das Wahre, was den Ausfuhrungen des
Dr. Karl Schmid innewohnt. Aber man ist erst bei dem Mechani-
schen, wenn man alles, was Herztatigkeit ist, auffafit als die
Folge dieser ineinandergehenden — ich kann sie jetzt symbolisch
Stromungen nennen — , der fliissigen Stromung und der luft-
formigen Stromung. Denn letzten Endes, was ist das Herz?
Letzten Endes ist das Herz namlich ein Sinnesorgan. Und wenn wir
auch dasjenige, was die Sinnestatigkeit des Herzens ist, nicht unmit-
telbar im BewuBtsein haben, wenn es auch zu den unterbewuBten
Sinnestatigkeiten gehort, was im Herzen vorgeht, so ist deshalb
doch das Herz dazu da, daB gewissermaBen die oberen Tatigkeiten
wahrnehmen, empfinden konnen die unteren Tatigkeiten des Men-
schen. So, wie Sie mit Ihren Augen wahrnehmen die auBeren
Farbenvorgange, so nehmen Sie, aber allerdings im dumpfen Unter-
bewuBtsein, durch das Herz wahr dasjenige, was in Ihrem Unter-
leibe sich vollzieht. Ein Sinnesorgan zum inneren Wahrnehmen ist
zuletzt das Herz. Als solches ist es anzusprechen.
Nur dann versteht man die Polaritat im Menschen selbst, wenn
man weiB, daB es sich handelt darum, daB der Mensch eigentlich
ein solches dualgebautes Wesen ist, das von seiten seines Oberen
wahrnimmt sein Unteres. Nun muB ich allerdings das Folgende
hinzufiigen: Die unteren Tatigkeiten, also den einen Pol des ganzen
Menschenwesens, haben wir allerdings gegeben, wenn wir Nah-
rungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung im weiteren Sinne studieren
bis zum Ausgleich mit der Atmung. Der Ausgleich mit der Atmung
erfolgt dann mit einer rhythmischen Tatigkeit. Wir werden von der
Bedeutung unserer rhythmischen Tatigkeit noch zu sprechen haben.
Aber verschlungen mit der Atmungstatigkeit, dazugehorig zu der
Atmungstatigkeit, miissen wir die Sinnes-Nerven-Tatigkeit ansehen,
alles dasjenige, was sich bezieht auf die auBere Wahrnehmung und
auf die Fortsetzung dieser auBeren Wahrnehmung, auf ihre Ver-
arbeitung durch die Nerventatigkeit. Wenn Sie also auf der einen
Seite sich vorstellen alles dasjenige, was zusammenhangend ist:
Atmungstatigkeit, Sinnes-Nerven-Tatigkeit, so haben Sie gewisser-
maBen den einen Pol der menschlichen Organisation. Wenn Sie
zusammennehmen alles dasjenige, was auf der anderen Seite Nah-
rungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung, Stoffwechsel im gewohn-
lichen Sinne des Wortes ist, so haben Sie den anderen Pol der Pro-
zesse in der menschlichen Organisation. Das Herz ist im wesent-
lichen dasjenige Organ, welches in seinen beobachtbaren Bewegun-
gen der Ausdruck ist des Ausgleiches zwischen diesem Oberen und
Unteren, welches psychisch oder vielleicht besser gesagt, unter-
psychisch das Wahrnehmungsorgan ist, das vermittelt zwischen die-
sen beiden Polen der menschlichen Organisation. Sie konnen alles
dasjenige, was Ihnen Anatomie, Physiologie, Biologie bieten, stu-
dieren auf dieses Prinzip hin, und Sie werden sehen, daB dadurch
erst Licht kommt in die menschliche Organisation. Solange Sie nicht
unterscheiden zwischen diesem Oberen und Unteren, das durch das
Herz vermittelt ist, werden Sie den Menschen nicht verstehen kon-
nen, denn es ist ein Grundunterschied zwischen alledem, was in der
unteren Organisationstatigkeit des Menschen vorgeht, und dem, was
in der oberen Organisationstatigkeit vorgeht.
Will man in einer einfachen Weise diesen Unterschied aus-
driicken, so konnte man etwa sagen: alles dasjenige, was im Unteren
vorgeht, hat sein Negativ, sein negatives Gegenbild im Oberen. Es
ist immer so, daB man zu allem, was mit dem Oberen zusammen-
hangt, ein Gegenbild finden kann im Unteren. Nun ist aber das Be-
deutsame dieses, daB eigentlich eine materielle Vermittlung zwi-
schen diesem Oberen und Unteren nicht stattflndet, sondern ein
Entsprechen. Man muB immer das eine im Unteren auf das andere im
Oberen richtig zu beziehen verstehen, nicht darauf ausgehen, eine
materielle Vermittlung zu wollen. Nehmen wir ein ganz einfaches
Beispiel, nehmen wir den Hustenreiz und den wirklichen Husten,
wie er zusammenhangt mit dem Oberen, also insofern er dem Obe-
ren angehort, so werden wir dafiir das entsprechende Gegenbild im
Unteren in der Diarrhoe haben. Wir finden immer ein entsprechen-
des Gegenbild fiir ein Oberes in dem Unteren. Und nur dadurch
kommt man recht auf ein Begreifen des Menschen, daB man diese
Entsprechungen — es werden uns viele solche im Laufe der Betrach-
tungen vor Augen treten — richtig ins Auge fassen kann.
Nun besteht aber nicht bloB ein solches abstraktes Entsprechen,
sondern es besteht zu gleicher Zeit im gesunden Organismus ein
inniges Zusammengehoren des Oberen und des Unteren. Es besteht
ein solches Zusammengehoren im gesunden Organismus, daB das
Obere, irgendeine obere Tatigkeit, sei es eine Tatigkeit, die zusam-
menhangt mit dem Atmen, sei es eine Tatigkeit, die zusammen-
hangt mit dem Nerven-Sinnes-Apparat, irgendwie ein Unteres be-
zwingen muB, mit einem Unteren in vollem Einklang sich abspielen
muB. Und es besteht sofort — und das wird uns spater fiihren auf
ein wirkliches Begreifen des Krankheitsprozesses — eine Unregel-
maBigkeit im Organismus, wenn irgendwie die Vorherrschaft ge-
winnt, die Oberherrschaft gewinnt ein Unteres, so daB es zu stark
ist fur die entsprechende Tatigkeit im Oberen, oder ein Oberes, so
daB es zu stark ist fur eine entsprechende Tatigkeit im Unteren. Es
miissen sich immer die Tatigkeiten des Oberen zu den Tatigkeiten
des Unteren so verhalten, daB sie in einer gewissen Weise einander
entsprechen, daB sie einander bezwingen, daB sie so zueinander ver-
laufen, wie sie, ich mochte sagen, zueinander orientiert sind. Da gibt
es eine ganz bestimmte Orientierung. Sie ist individuell fur die ver-
schiedenen Menschen, aber es gibt eine ganz bestimmte Orientie-
rung des ganzen oberen Verlaufes der Prozesse zu dem ganzen un-
teren Verlauf der Prozesse.
Nun handelt es sich darum, daB man den Ubergang finden konne
von diesem gesund wirkenden Organismus, in dem das Obere dem
Unteren entspricht, zu dem kranken Organismus. Wenn man, ich
mochte sagen, ausgeht von den Andeutungen des Kranken in dem,
was der Paracelsus Archaeus genannt hat, was wir Atherleib nennen,
oder wenn Sie es so frisieren wollen, daB es Ihnen von auBen, von
den Leuten, die nichts wissen wollen von diesen Dingen, nicht iibel-
genommen wird, so konnen Sie ja auch sagen, Sie wollen reden
zunachst von den Andeutungen des Krankseins im Funktionellen
oder Dynamischen, also von den Anfliigen, die gewissermaBen erst
da sind zum Kranksein — wenn wir von diesen ausgehen, wenn wir
davon reden, was sich zuerst im Atherleib oder im bloBen Funktio-
nellen ankiindet, so kann man auch von einer Polaritat reden, aber
einer Polaritat, die schon das Nicht-Entsprechende, die Unregel-
m'aBigkeit in sich tragt. Und das entsteht auf die folgende Weise.
Nehmen wir an, daB im Unteren, also im Nahrungsaufnehmen
und im Verdauungsapparat im weiteren Sinne, praponderiert das-
jenige, was die inneren chemischen oder auch organischen Krafte
der aufgenommenen Nahrung sind. Im gesunden Organismus muB
es so sein, daB alle diejenigen Krafte, welche in den Nahrungs-
mitteln selber wrrken, welche den Nahrungsmitteln immanent
sind, die wir also auBen im Laboratorium an den Nahrungs-
mitteln untersuchen, durch das Obere uberwunden sind, daB sie fiir
die Wirksamkeit des Inneren im Organismus gar nicht in Betracht
kommen, daB da gar nichts von auBerer Chemie, von auBerer Dy-
namik und dergleichen geschieht, sondern alles das ganz iiber-
wunden ist. Aber es kann so kommen, daB das Obere nicht stark
genug ist in seinem Entsprechen, um das Untere wirklich ganz zu
durchfassen, um es gewissermaBen ganz zu durchkochen, ich konnte
auch sagen, zu durchatherisieren, das wiirde etwas genauer gespro-
chen sein, dann ist im menschlichen Organismus ein eigentlich
nicht zu ihm gehoriger praponderierender Vorgang, der ein Vorgang
ist, wie er sich sonst in der AuBenwelt abspielt, wie er sich nicht
abspielen sollte im menschlichen Organismus. Es zeigt sich ein
solcher Vorgang, weil nicht gleich der physische Leib voll ergriffen
wird von solchen UnregelmaBigkeiten, zunachst in dem, was man
eben das Funktionelle nennen konnte, in dem Atherleib, dem Ar-
chaus. Wenn wir einen gebrauchlichen Ausdruck wahlen wollen,
der nur genommen ist, ich mochte sagen, von bestimmten Formen
dieser UnregelmaBigkeit, so miissen wir den Ausdruck Hysterie
wahlen. Hysterie wollen wir wahlen als Ausdruck — wir werden
spater noch sehen, daB der Ausdruck nicht schlecht gew'ahlt ist — ,
als Terminus fur das zu groBe Selbstandigwerden der Stoffwechsel-
prozesse. Die eigentlich hysterischen Erscheinungen im engeren
Sinne sind ja nichts anderes als ein Bis-zur-Kulmination-Treiben
dieses unregelmaBigen StofTwechsels. In Wirklichkeit haben wir
auch in dem bis zu den sexuellen Symptomen hinreichenden hyste-
rischen Prozesse im wesentlichen nichts anderes vorliegen als solche
UnregelmaBigkeiten des Stoffwechsels, die eigentlich AuBenprozesse
sind ihrem Wesen nach, die nicht im menschlichen Organismus sein
sollten, Prozesse also, denen gegeniiber sich das Obere zu schwach
erweist, um sie zu bewaltigen. Das ist der eine Pol.
Dann, wenn solche Erscheinungen mit dem hysterischen Charak-
ter auftreten, dann haben wir es zu tun mit einem Zu-stark-Werden
der auBermenschlichen Tatigkeit in den unteren Teilen der mensch-
lichen Organisation. Aber es kann dieselbe UnregelmaBigkeit der
Wechselwirkung auch eintreten dadurch, daB der obere ProzeB nicht
richtig verlauft, daB er so in sich verlauft, daB er die obere Organi-
sation zu stark in Anspruch nimmt. Er ist der entgegengesetzte, ge-
wissermaBen das Negativ der unteren Prozesse, er nimmt die oberen
Prozesse zu stark in Anspruch. Er hort gleichsam auf , bevor er sich
durch das Herz vermittelt mit der unteren Organisation. Er ist also
zu stark geistig, zu stark — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf
- organisch intellektuell. Dann tritt der andere Pol dieser Unregel-
maBigkeiten auf, die Neurasthenic Diese beiden, ich mochte sagen,
noch im Funktionellen steckenden UnregelmaBigkeiten der mensch-
lichen Organisation miissen vor alien Dingen ins Auge gefaBt wer-
den. Denn sie sind gewissermaBen die Defekte, die sich ausdriicken
im Oberen, ausdriicken im Unteren. Und man wird allmahlich ver-
stehen miissen, wie die Polaritat in der menschlichen Organisation
dem einen oder dem anderen Mangel unterliegt. Man hat also in
der Neurasthenie ein Funktionieren des Oberen, das zu stark die
Organe des Oberen in Anspruch nimmt, so daB dasjenige, was
eigentlich, vermittelt durch das Herz von oben aus, im Unteren
geschehen soil, schon im Oberen geschieht, schon da abgemacht
wird, so daB die Tatigkeit nicht hinunterdringt, vermittelt durch
die Stauung im Herzen, in die untere Stromung. Sie sehen auch,
daB es wichtiger, viel wichtiger ist, ich mochte sagen, die auBere
Physiognomie des Krankheitsbildes zu beobachten als durch die
Autopsie die defekt gewordenen Organe. Denn was die Autopsie in
den defekt gewordenen Organen zeigt, sind doch nur Folgeerschei-
nungen. Das Wesentliche ist, das ganze Bild, die Physiognomie
der Krankheit ins Auge zu fassen. Diese Physiognomie wird Ihnen
immer geben in einer gewissen Weise ein nach der einen oder der
anderen Richtung zunachst inklinierendes Bild nach dem Neurasthe-
nischen oder nach dem Hysterischen. Aber natiirlich, man muB diese
Ausdriicke erweitern gegeniiber dem gewohnlichen Wortgebrauch.
Nun, hat man sich ein geniigendes Bild gemacht von diesem
Zusammenwirken des Oberen und des Unteren, dann wird man
von da ausgehend allmahlich erkennen, wie das, was zunachst nur
funktionell vorliegt, also — wie wir sagen wiirden — im Atherischen
sich abspielt, ergreift das Organisch-Physische, indem es gewisser-
maBen in seinen Kraften dichter wird, und wie man davon sprechen
kann, daB dasjenige, was zuerst nur als hysterische Andeutung vor-
handen ist, in verschiedenen Unterleibserkrankungen gewisser-
maBen physische Gestalt annehmen kann, wie nach der anderen
Seite in Halskrankheiten, Kopfkrankheiten die Neurasthenie orga-
nische Gestalt annehmen kann. Dieses, ich mochte sagen, Ab-
dnicken dieser zunachst funktionellen physischen Erscheinungen im
Neurasthenischen und Hysterischen zu studieren, das wird auBer-
ordentlich wichtig sein fur die zukiinftige Medizin. Es wird die
Folge der, ich mochte sagen, organisch gewordenen Hysterie sein:
UnregelmaBigkeiten in dem ganzen Verdauungsvorgang, iiberhaupt
in alien Vorgangen des Unterleibes. Aber dasjenige, was so in einem
Organismus vorgeht, das wirkt doch wiederum auf den ganzen
Organismus zuriick. Das darf nicht auBer acht gelassen werden, daB
dasjenige, was als UnregelmaBigkeiten vor sich geht, wiederum auf
den ganzen Organismus zuriickwirkt.
Nun denken Sie sich einmal, so etwas, was, wenn man es zu-
nachst im Funktionellen beobachten konnte, einfach eine hysteri-
sche Erscheinung ware, kommt funktionell iiberhaupt nicht zum
Ausdruck. Es kann das durchaus sein. Es kommt funktionell nicht
zum Ausdruck. Der Atherleib driickt es sogleich in den physischen
Leib hinem. Es erscheint auch nicht als eine ausgesprochene Er-
krankung irgendwie in den Unterleibsorganen, aber es ist drinnen.
Es ist also in den Unterleibsorganen, sagen wir, etwas, was wie ein
Stempelabdruck der Hysterie ist. Dadurch, daB es sich in das Phy-
sische hinein abgedriickt hat, kommt es nicht psychisch als hysteri-
sche Erscheinung zum Vorschein, aber es ist auch noch nicht stark
genug, um eine belastigende Krankheit, physische Krankheit zu
sein. Aber es ist dann stark genug, um doch im ganzen Organismus
zu wirken. Dann haben wir die eigentiimliche Erscheinung, daB so
etwas, was, ich mochte sagen, schwebt zwischen Krankheit und
Gesundheit, daB das vom Unteren aufs Obere hinaufwirkt, aufs
Obere zuriickwirkt, das Obere gewissermaBen ansteckt und in sei-
nem Negativ erscheint. Diese Erscheinung, wo gewissermaBen der
erste physische Folgezustand des Hysterischen in seiner Wirkung
auf die Gebiete erscheint, die sonst, wenn sie einseitig, unregel-
maBig werden, der Neurasthenie unterliegen, diese Erscheinung, die
gibt die Anlage zur Tuberkulose.
Das ist ein interessanter Zusammenhang. Die Anlage zu Tuber-
kulose ist eine Riickwirkung der Ihnen eben geschilderten Tatigkeit
im Unteren auf das Obere. Diese ganz merkwiirdige Wechsel-
wirkung, die da entsteht dadurch, da!3 ein nicht ganz auslaufender
ProzeB, wie ich ihn geschildert habe, zuriickwirkt auf das Obere,
gibt die Anlage zu Tuberkulose. Man wird nicht finden irgend
etwas, was rationell der Tuberkulose beikommt, wenn man nicht
auf diese, ich mochte sagen, Ur- Anlage des menschlichen Organismus
zuriickgeht. Denn daB die Parasiten Platz greifen im menschlichen
Organismus, das ist nur eine Folgeerscheinung jener Ur-Anlagen,
von denen ich Ihnen jetzt eben gesprochen habe. Das widerspricht
nicht der Tatsache, daB, wenn die notigen Voraussetzungen dazu
da sind, so etwas wie die Tuberkulose ansteckend ist. Natiirlich
miissen die notigen Voraussetzungen dazu dasein. Aber es ist schon
so, daB bei einem furchtbar groBen Teile der heutigen Menschheit
dieses Pradominierende der unteren organischen Tatigkeit leider
vorliegt, so daB die Disposition zur Tuberkulose in einer erschrek-
kenden Weise heute eigentlich ausgebreket ist.
Nun, Ansteckung ist deshalb doch ein giiltiger Begriff auf die-
sem Gebiete, denn derjenige, der in einem hoheren Grade tuberku-
losekrank ist, wirkt schon auf seine Mitmenschen. Und wenn man
dem ausgesetzt ist, in dem der Tuberkulosekranke drinnen lebt, so
trkt eben das ein, daB, was sonst bloB Wirkung ist, wiederum zur
Ursache werden kann. Ich versuche immer mit einem Vergleich, mit
einer Analogie diese Beziehung zwischen dem primaren Entstehen
einer Krankheit und der Ansteckung klarzumachen, indem ich etwa
sage: Nehmen wir an, ich treffe auf der StraBe einen Freund, dessen
menschliche Beziehungen mir sonst nicht naheliegen. Er kommt
traurig, er hat einen Grund, traurig zu sein, denn es ist ihm ein
Freund gestorben. Ich habe keine direkten Beziehungen zu dem
Freunde, der ihm gestorben ist. Indem ich ihm aber begegne und er
mir seine Traurigkeit meldet, werde ich mit ihm traurig. Er wird
traurig durch die direkte Ursache, ich durch eine Ansteckung. Aber
dabei bleibt es doch richtig, daB nur die gegenseitige Beziehung
zwischen mir und ihm die Voraussetzung zu dieser Ansteckung ist.
Also die beiden Begriffe: primares Entstehen und Ansteckung,
haben durchaus ihre Berechtigung, und sie haben insbesondere bei
der Tuberkulose eine starke Berechtigung. Nur sollte man sie im
rationellen Sinne wirklich verwenden. Die Tuberkuloseanstalten
sind ja manchmal gerade Brutanstalten fiir die Tuberkulose. Wenn
man die Tuberkulosen schon zusammenpfercht in Tuberkulose-
anstalten, so sollte man diese Tuberkuloseanstalten, soviel man
kann, immer wiederum abbrechen und durch andere ersetzen. Nach
einer bestimmten Zeit sollten Tuberkuloseanstalten eigentlich
immer entfernt werden. Denn das ist das Eigentiimliche, daB die
Tuberkulosen selber die allergroBte Anlage haben, angesteckt zu
werden, das heiBt, daB ihre vielleicht sonst ausbesserbare Krankheit
vielleicht schlimmer wird, wenn sie in der N'ahe von schwereren
Tuberkulosekranken sind. Aber ich wollte ja vorlaufig zunachst nur
auf das Wesen der Tuberkulose hinweisen. Wir sehen gerade bei
der Tuberkulose als an einem Beispiel, wie gewissermaBen in-
einandergreifen miissen die verschiedenen Prozesse am menschlichen
Organismus, die ja, wie Sie sich denken konnen, immer unter dem
Einflusse dieser Tatsache stehen miissen, daB wir es eben mit der
oberen und mit der unteren Organisation zu tun haben, die einander
so entsprechen, wie positives Bild und negatives Bild einander ent-
gegengesetzt sind. Man kann an den, ich mochte sagen, ganz auf-
falligsten Erscheinungen, welche die Tuberkulose zunachst vor-
bereiten, indem eine solche Konstitution des Organismus vorhanden
ist, wie ich sie dargelegt habe, in ihrem Verlaufe dann weiter stu-
dieren, wie iiberhaupt das Krankheitswesen anzuschauen ist.
Nehmen wir die gebrauchlichste Erscheinung eines Menschen,
der etwa ein angehender Tuberkulosekranker ist, bei dem also die
Tuberkulose eigentlich erst in der Zukunfr liegt, sich vorbereitet. Da
werden wir vielleicht wahrnehmen, daB er hustet. Wir werden wahr-
nehmen, daB er Hals-Brust-Schmerzen, vielleicht auch Gliedschmer-
zen hat. Wir werden wahrnehmen gewisse Ermiidungszustande bei
ihm, wir werden namentlich wahrnehmen NachtschweiBe.
Was ist das alles? Wenn wir diese Erscheinungen uns vor Augen
fiihren, was sind sie eigentlich alle? Dies alles, was ich Ihnen jetzt
vorgefiihrt habe, ist zunachst etwas, was als Folge von den geschil-
derten inneren unregelmaBigen Wechselwirkungen auftritt. Aber es
ist zu gleicher Zeit ein Kampf, den der Organismus eingeht gegen
dasjenige, was da als tiefere Grundlage vorliegt. Sehen Sie, Husten
— betrachten wir solche einfache Dinge zunachst, wir werden schon
audi zu den komplizierteren kommen — , Husten immer unter alien
Umstanden zu bekampfen, ist ganz gewiB nicht gut. Manchmal
kann es sogar der Organismus notig machen, vielleicht Husten
kiinstlich hervorzurufen. Wenn die untere Organisation des Men-
schen irgendwie so ist, daB sie von der oberen Organisation nicht
bezwungen werden kann, dann ist das, was als Hustenreiz auftritt,
eine gesunde Reaktion des menschlichen Organismus, um gewisse
Dinge, die sonst eindringen, nicht eindringen zu lassen. Und unter
alien Umstanden Husten einfach direkt zu unterbinden, kann unter
Umstanden von Unheil sein, denn dann nimmt der Korper Schad-
lichkeiten auf. Er hustet aus dem Grunde, weil er in dieser zeit-
weiligen Disposition diese Schadlichkeiten nicht vertragen kann und
sie sich fortschaffen will. Der Hustenreiz ist gerade die Anzeige
dafur, daB irgend etwas im Organismus los ist, so daB die Notigung
vorliegt, die entsprechenden Eindringlinge, die sonst ganz gut in
den Organismus eindringen konnen, nicht eindringen zu lassen.
Aber auch die anderen Erscheinungen, die wir angefuhrt haben,
sind ein Wehren, ein Kampf des Organismus gegen dasjenige, was
heraufzieht in der Tuberkuloseanlage. Halsschmerzen, Glieder-
schmerzen zeigen einfach an, daB der Organismus diejenigen Pro-
zesse nicht vor sich gehen laBt, die nicht bezwungen werden kon-
nen als untere Prozesse von den oberen. Wiederum konnte es zum
Beispiel, wenn rechtzeitig die Tuberkuloseanlage bemerkt wird, gut
sein, den Organismus dadurch zu unterstiitzen, daB man Husten-
reize in maBiger Art hervorruft, daB man insbesondere — wir wer-
den sehen, wie man das machen kann, in den folgenden Vortragen
— die Folgeerscheinungen hervorruft, ja auch durch eine gewisse
Diat — man kann das, wie wir sehen werden — sogar die Miidig-
keitserscheinungen hervorruft. Auch wenn zum Beispiel Abmage-
rung eintritt, so ist das auch nur ein Abwehrmittel. Denn der Pro-
zeB, der dann vor sich geht, wenn man nicht abmagert, ist viel-
leicht gerade dasjenige im Unteren, was vom Oberen nicht bezwun-
gen werden kann, so daB der Organismus sich dadurch wehrt, daB
er abmagert, damit dasjenige, was nicht bezwungen werden kann,
zeitweilig nicht da ist.
Es ist also auBerordentlich wichtig, solche Dinge im einzelnen zu
studieren, nicht etwa, wenn jemand einer Abmagerung unterliegt,
ohne weiteres ihn einer Fettkur zu unterwerfen, denn diese Ab-
magerung kann ihren sehr guten Sinn haben in dem, was sich
gerade zeitweilig im Organismus ausdriickt.
Und insbesondere sind sehr lehrreich, bei dem noch nicht Tuber-
kulosekranken, bei dem aber die Tuberkulose in Aussicht steht, die
NachtschweiBe. Denn die NachtschweiBe sind nichts anderes als
eine wahrend des Schlafes vollzogene Tatigkeit des Organismus,
die eigentlich im Wachen unter der vollen geistig-physischen Tatig-
keit vor sich gehen sollte. Dasjenige, was eigentlich bei Tag bei
vollem Wachen vor sich gehen sollte, das geht nicht vor sich und
schafft sich seinen Ausdruck in der Nacht. Es ist eine Folgeerschei-
nung und zu gleicher Zeit ein Abwehrmittel. Wahrend der Orga-
nismus entlastet ist von seiner geistigen Tatigkeit, schafft er sich
die Tatigkeit, die in dem NachtschweiBe zum Ausdruck kommt.
Man muB allerdings, um diese Tatsache voll wiirdigen zu kon-
nen, ein wenig wissen dariiber, daB alle Ausscheidungsvorgange,
auch die SchweiBbildung, in innigem Zusammenhang stehen mit
dem, was sonst seelische und geistige Tatigkeit in sich schlieBt. Die
aufbauenden Prozesse, die eigentlichen vitalischen Aufbauungs-
prozesse, sind namlich bloB die Grundlage des UnbewuBten. Das-
jenige, was entspricht den wachen, bewuBten seelisch-organischen
Tatigkeiten, das sind iiberall Ausscheidungsprozesse. Auch unserem
Denken entsprechen nicht etwa Aufbauprozesse des Gehirns, son-
dern Ausscheidungsprozesse, Abbauprozesse des Gehirns. Und das
Auftreten von NachtschweiBen ist eben ein AusscheidungsprozeB,
der eigentlich im normalen Leben parallel gehen miiBte einer
geistig-seelischen Tatigkeit. Weil aber das Obere mit dem Unteren
nicht in dem richtigen Wechselverhaltnis steht, so spart sich so
etwas dann fur die Nacht auf, wo der Organismus entlastet ist von
der geistig-seelischen Tatigkeit.
So sehen Sie, wie ein sorgfaltiges Studieren aller Vorgange, die
mit dem ganzen Wachsen und Werden des gesund-kranken mensch-
lichen Organismus zusammenhangen, doch dazu fiihrt, daB man
sagen kann: es besteht auch eine Wechselwirkung zwischen Krank-
heitserscheinungen. Abmagern ist zunachst eine Krankheitserschei-
nung. Aber in seiner Beziehung zur Tuberkuloseanlage, also zur
schon doch etwas wirkenden Tuberkulose, ist das Abmagern etwas,
was dazugehort. Und es besteht, ich mochte sagen, eine Organi-
sation, eine ideelle Organisation der Krankheitserscheinungen. Eine
Krankheitserscheinung gehort in gewissem Sinne zur anderen
Krankheitserscheinung dazu. Das bedingt dann, daB es ganz ratio-
nell ist, wenn durch andere Bedingungen des Organismus hervor-
tritt so etwas wie eine Reaktion - bleiben wir bei der Tuberkulose-
anlage -, der Organismus aber selbst nicht die Kraft hat, diese
Reaktion hervorzurufen, daB man ihm zu Hilfe kommt und sie
dann gerade hervorruft, daB man dann gerade der einen Krankheit
die andere folgen laBt. Die alten Arzte haben dieses ausgesprochen
als eine, ich mochte sagen, bedeutungsvolle Erziehungsregel fur
den Arzt. Sie haben gesagt: Das ist das Gefahrliche beim Arzt-
sein, daB er nicht bloB in der Lage sein muB, Krankheiten zu
vertreiben, sondern auch Krankheiten hervorzurufen. — Und in
demselben MaBe, als der Arzt Krankheiten heilen kann, kann er
sie auch hervorrufen. So daB also die Alten, die noch etwas
mehr gewuBt haben iiber solche Zusammenhange aus ihrem
atavistischen Hellsehen heraus, in dem Arzt zu gleicher Zeit
gesehen haben den, der, wenn er boswillig wird, die Menschen
nicht nur gesund, sondern auch krank machen kann. Aber es
hangt das zusammen mit der Notwendigkeit, gewisse Erkrankungs-
zustande hervorzurufen, um sie in das rechte Verhaltnis zu
anderen Erkrankungszustanden zu bringen. Aber es sind doch
eben Krankheitszustande. Und all das: Husten, Halsschmerz,
Brustschmerz, Abmagerungserscheinungen, Ermudungserscheinun-
gen, NachtschweiBe, sind doch eben Krankheitserscheinungen.
Man muB sie hervorrufen, aber sie sind doch eben Krankheits-
erscheinungen.
Das wird dazu fiihren, natiirlich leicht einzusehen, daB man nun
doch, wenn man dann halb geheilt hat, das heiBt diese Krankheits-
erscheinungen hervorgerufen hat, den Kranken nicht seinem Schick-
sal iiberlassen kann, sondern daB dann die zweite Partie des Hei-
lungsprozesses erst eintreten muB. Es muB dann wiederum dafiir
gesorgt werden, daB nicht bloB diese Reaktionen da sind, nicht
bloB dasjenige, was man hervorgerufen hat, um die Krankheit ab-
zuwehren, sondern es muB dann dasjenige erfolgen, was wiederum
die Reaktion heilt und den ganzen Organismus wieder auf den
richtigen Weg bringt. Also man miiBte dafiir sorgen, daB zum Bei-
spiel dann, wenn als natiirliche oder vielleicht auch kiinstlich her-
vorgerufene Abwehr gegen die Tuberkuloseanlage Hustenreize her-
vorgerufen worden sind, Halsschmerzen auftreten oder hervor-
gerufen worden sind, man dafiir sorgt, daB der Verdauungs-
prozeB, der dann stets etwas von Verstopfungen, Obstipationen
aufweisen wird, in Ordnung kommt. Man wird das schon in irgend-
einer Weise bemerken, daB dieser VerdauungsprozeB in einen
AbfiihrprozeB, in eine Art Diarrhoe iibergefuhrt werden muB. Es
ist immer notwendig, daB man den Hustenerscheinungen, auch den
Halsschmerzen und dergleichen, solche Diarrhoeprozesse folgen
lasse. Das weist eben darauf hin, wie man dasjenige, was einfach
im Oberen auftritt, nicht als etwas fiir sich betrachten darf, wie
man sehr haufig auch die Heilung desjenigen, was im Oberen auf-
tritt, durch Vorgange im Unteren suchen muB, wenn auch keine
materielle Vermittlung, sondern nur ein Entsprechen da ist. Das
ist etwas, was vor alien Dingen beriicksichtigt werden miiBte.
Ermiidungserscheinungen — ich mochte sie eben nicht bloB sub-
jektive Ermiidungserscheinungen nennen, sondern schon ganz
organisch bedingte Ermiidungserscheinungen, die eigentlich immer
auf Pradominieren des Stoffwechsels beruhen — , wie sie stark auf-
treten bei einem Stoffwechsel, der nicht von dem Oberen bezwun-
gen wird, solche Ermiidungserscheinungen, weil sie nun wirklich
bei Tuberkulose hervorgerufen werden miissen, miiBten hinterher
in dem notigen Zeitpunkte dadurch bekampft werden, daB man
durch eine entsprechende Diat dafiir sorgt — wir werden von dem
Speziellen einer solchen Diat noch zu sprechen haben — , daB iiber-
wiegende Verdauung stattfindet, daB also besser als gewohnlich
von demselben Menschen verdaut wird, also ich mochte sagen,
daB dasjenige, was leichter aufgearbeitet wird, durch den Ver-
dauungsprozeB aufzuarbeiten ist. Abmagerung wird man spater
durch eine Diat zu bekampfen haben, die eben wiederum zu einer
gewissen Fettbildung fiihrt, zu etwas, was Einlagerung ist in die
Organe, in die Organgewebe. Die NachtschweiBe muB man spater
dadurch bekampfen, nachdem man sie zuerst geradezu hervor-
gerufen hat, daB man versucht, dem Menschen anzuweisen eine
Tatigkeit, in der er tatsachlich durch durchgeistigte Anstrengungen,
also durch etwas, was durchdachte Anstrengungen sind, in SchweiB
ger'at, so daB er wiederum einlauft in eine gesunde SchweiBbildung.
Sie sehen, versteht man zuerst durch ein richtiges Auffassen der
Herztatigkeit, wie Oberes und Unteres im Menschen korrespon-
diert, versteht man dann das erste Auftreten, ich mochte sagen, die
Anfliige des Krankseins im Funktionellen, im Atherischen, wie in
der Neurasthenie und in der Hysterie, so kann man dazu iiber-
gehen, auch dasjenige, was dann im Organischen, im Physischen sich
abdriickt, zu verstehen, und man wird durch das Studium der
Physiognomie des zusammengehorigen Krankheitsbildes dazu
kommen — auch dasjenige, was man selbst erst hervorruft — , zuerst,
ich mochte sagen, einen Verlauf der Krankheit nach einer Rich-
tung, nach einem vielleicht sogar starker oder schwacher abgeleite-
ten Kranksein hervorzurufen, um dann, wenn die Zeit dazu da ist,
den ganzen ProzeB wiederum zum Gesund werden zuriickzufuhren.
Natiirlich, die groBten Hindernisse fur eine schon damit ein
wenig charakterisierte Behandlung sind ja erstens die Verhaltnisse,
die sozialen Verhaltnisse. Daher ist Medizin durchaus auch eine
soziale Frage. Auf der anderen Seite sind es die Kranken selbst, die
die starksten Hindernisse bilden, denn die Kranken verlangen
natiirlich zunachst, daB man irgend etwas, wie sie sagen, wegbringt.
Aber, wenn man so direkt etwas, was sie haben, wegbringt, so
kann es sehr leicht geschehen, daB man sie viel kranker macht,
als sie schon sind. Das muB man auch beriicksichtigen, daB man
sie viel kranker macht, als sie sind, aber sie miissen dann abwarten,
bis man wiederum in der Lage ist, sie gesund zu machen. Aber
dann sind sie einem wohl oftmals zumeist, wie viele von Ihnen
mir Recht geben werden, davongelaufen!
Das ist dasjenige, worauf gerade ein richtiges Betrachten des
gesunden und kranken Menschen fiihrt, daB der Arzt auch die
Nachkur durchaus in der Hand haben muB, wenn die ganze Kur
iiberhaupt einen richtigen Wert haben soil. Auf solche Dinge muB
eben einfach offentlich hingewirkt werden. In unserer Zeit des
Autoritatsglaubens diirfte es nicht schwer sein, wenn solche Bewe-
gungen nur eingeleitet wiirden, auf solche Notwendigkeiten hinzu-
weisen. Aber naturlich sind es — verzeihen Sie, daB ich in Ihrer
Gegenwart das sage — nicht immer bloB die Patienten, bloB die
Verhaltnisse, manchmal auch die Herren Arzte, die es nicht oppor-
tun finden, die Krankheit wirklich bis zu ihren letzten Auslaufern
zu verfolgen, sondern mehr oder weniger damit zufrieden sind,
wenn sie irgend etwas einfach weggebracht haben.
Aber Sie werden sehen, wie uns nach und nach diese richtige
Verfolgung der Stellung des Herzens im menschlichen Organismus
in das Krankheitswesen hineinfiihrt. Nur werden Sie eben den
radikalen Unterschied beachten miissen, der besteht zwischen den
unteren organischen Tatigkeiten, die in einer gewissen Beziehung
zwar dasjenige iiberwunden haben, was nur auBerliche chemische
Tatigkeit ist, aber die eben doch noch in einer gewissen Weise
auch ahnlich sind der oberen Tatigkeit, die ganz entgegengesetzt
ist. Es ist auBerordentlich schwierig, diesen Dualismus im mensch-
lichen Organismus geniigend zu definieren, weil unsere Sprache
fast keine Mittel hat, um dasjenige, was den physischen und den
organischen Prozessen entgegengesetzt ist, anzudeuten. Aber viel-
leicht werden Sie mich gut verstehen — und ich scheue nicht davor
zuriick, vielleicht bei einigen von Ihnen auch auf das oder jenes
Vorurteil zu stoBen — , wenn ich durch folgende Analogie zunachst
— wir werden ja iiber diese Dinge mehr zu sprechen haben — klar-
machen mochte, wie eigentlich dieser Dualismus zwischen den
unteren und den oberenProzessen ist. Wenn Sie sich die Eigenschaf ten
irgendeines Stoffes denken, so wie diese Eigenschaften des Stoffes
sind, die zur Wirksamkeit fuhren, wenn er uns in irgendeiner
Weise vorliegt, so haben Sie zunachst dasjenige, was, wenn es vom
Organismus iiberwunden wird, wie es bei der Verdauung geschieht,
also aufgenommen wird in die untere menschliche Tatigkeit. Nun
kann man aber auch, wenn ich so sagen darf, homoopathisieren.
Man kann das Aggregieren, die Koh'arenz des Stoffes aufheben. Das
geschieht, wenn man den Stoff in irgendeiner Weise verdiinnt,
wenn man, wie gesagt, homoopathische Dosen macht. Sehen Sie,
da tritt etwas zutage, was uberhaupt in unserer gegenwartigen
Naturwissenschaft nicht ordentlich betrachtet wird, und die Men-
schen sind so geneigt, alles abstrakt zu betrachten. Daher sagen
sie, wenn wir hier eine Lichtquelle haben, dann breitet sich Licht
nach alien Seiten aus, und sie stellen sich vor — sie stellen sich
das auch vor von der Sonne — , daB sich das nach alien Seiten aus-
breite und dann verschwinde in der Unendlichkeit. Das ist aber
nicht wahr. Nirgends verschwindet eine solche Tatigkeit in der
Unendlichkeit, sondern sie geht nur bis zu einer begrenzten Sphare,
und dann schlagt sie wie elastisch zuriick, wenn auch die Qualitat,
das Quale, oftmals verschieden ist von dem, was das Quale vom
Hingange ist (siehe Zeichnung Seite 53). Es gibt in der Natur nur
rhythmische Verlaufe, es gibt nicht in die Unendlichkeit verlaufende
Verlaufe, es gibt nur dasjenige, was rhythmisch wiederum in sich
selbst zuriickschlagt.
Das ist nicht nur bei den quantitativen Ausbreitungen der Fall,
sondern das ist auch bei den qualitativen Ausbreitungen der Fall.
Wenn Sie anfangen, einen Stoff zu teilen, so hat er zunachst beim
Ausgangspunkt Eigenschaften. Diese Eigenschaften nehmen nicht
ins Unendliche ab, sondern, wenn man bei einem bestimmten
Punkte angekommen ist, schlagen sie zuriick und werden die ent-
gegengesetzten Eigenschaften. Und auf diesem inneren Rhythmus
beruht auch dasjenige, was der Gegensatz ist zwischen unterer
Organisation und oberer Organisation. Unsere obere Organisation
Tafel 3
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ist etwas Homoopathisierendes. Sie ist etwas, was in einer gewissen
Weise dem gewohnlichen Verdauungsprozesse schnurstracks ent-
gegengesetzt ist, das Gegenteil, das Negativ davon bildet. Und so
konnte man sagen, daB, indem der homoopathische Apotheker die
Verdunnungen herstellt, er eigentlich in Wirklichkeit die Eigen-
schaften, die sich sonst auf die untere menschliche Organisation
beziehen, zu ihr eine Beziehung haben, iiberleitet in Eigenschaften,
die dann zu der oberen menschlichen Organisation eine Beziehung
haben. Das ist ein sehr interessanter innerer Zusammenhang, und
wir werden dann in den nachsten Tagen von diesem Zusammen-
hang weiter sprechen.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 23-Marz 1920
Ich werde alle die Wiinsche, die mir vorgelegt worden sind, im
Laufe der Vortrage selbst verarbeiten. Es ist dazu natiirlich, da
einiges in Wiederholung auftritt, notwendig, daB wenigstens bis
zu einem gewissen Teile die Wiinsche alle beisammen sind, und
dann ist es audi nicht einerlei, ob man die Dinge, die hier gefragt
oder angedeutet sind, bespricht, bevor man eine gewisse Grund-
lage geschaffen hat, oder nachher. Daher werde ich moglichst heute
schon mit Beriicksichtigung dessen, was ich in Ihren Wiinschen
bemerkt habe, noch versuchen, fiir alle folgenden Betrachtungen
eine Grundlage zu schaffen.
Sie haben gesehen, daB von mir versucht worden ist, fiir die
erste Betrachtung von der Formung und inneren Wirksamkeit des
Knochen- und Muskelsystems auszugehen, und daB wir gestern
schon vorgedrungen sind wenigstens zunachst zur exempelartigen
Betrachtung des Krankheitsprozesses und den Notwendigkeiten des
Heilverfahrens und daB wir, um an einem Exempel die entspre-
chende Betrachtung ankniipfen zu konnen, von der Zirkulation in
dem Herzsystem ausgehen muBten.
Nun mochte ich heute einiges auch noch prinzipiell Einleitendes
ausfiihren iiber eine Anschauung, die man gewinnen kann aus
einer tieferen Menschheitsbetrachtung iiber die Moglichkeit und
das Wesen des Heilens uberhaupt. Auf Spezielles soil dann in den
folgenden Betrachtungen eingegangen werden, aber ich mochte
diese prinzipiellen Auseinandersetzungen vorausschicken.
Wenn man sich vorstellt, wie eigentlich das heutige medizinische
Studium geartet ist, so wird man doch wenigstens in der Haupt-
sache finden, daB die Therapie neben der Pathologie einhergeht,
ohne daB ein klar durchschaubarer Zusammenhang zwischen den
beiden besteht. Insbesondere in der Therapie ist ja die bloBe empi-
rische Methode vielfach heute das Alleinherrschende. Etwas Ratio-
nelles, etwas, worauf man im Praktischen nun wirklich mit Prin-
zipien aufbauen konnte, ist insbesondere in der Therapie kaum zu
finden. Wir wissen, daB diese Mangel der medizinischen Denkweise
im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts sogar zu der Schule des
medizinischen Nihilismus gefiihrt haben, der alles auf die Dia-
gnose legte und eigentlich damit zufrieden war, wenn Krankheiten
erkannt wurden, und sich im allgemeinen recht skeptisch gegen-
iiber irgendeiner Ratio in der Heilung verhalten hat. Nun miiBte
man, wenn man rein, ich mochte sagen, vernunftgemaB Forde-
rungen an das medizinische Wesen stellt, doch eigentlich sagen,
es muB mit der Diagnose zusammen schon etwas gegeben sein, was
auf die Heilung hinweist. Es darf nicht bloB ein auBerer Zusam-
menhang zwischen Therapie und Pathologie herrschen. Man muB
gewissermaBen das Wesen der Krankheit doch schon so erkennen
konnen, daB man aus dem Wesen der Krankheit heraus sich eine
Anschauung iiber den HeilungsprozeB bilden kann.
Das hangt natiirlich zusammen mit der Frage: Inwiefern kann
es iiberhaupt im ganzen Zusammenhang der Naturprozesse Heil-
mittel und Heilprozesse geben? Es wird ja sehr haufig ein ganz
interessanter Spruch von Paracelsus zitiert: Der Arzt miisse durch
der Natur Examen gehen. Aber man kann nicht sagen, daB die
neuere Paracelsus-Literatur gerade mit einem solchen Ausspruch
viel anzufangen weiB, denn sie miiBte doch sonst darauf aus sein,
der Natur selbst Heilungsprozesse abzulauschen. Nun gewiB, es
wird das versucht, wenn Krankheitsprozesse vorliegen, gegen die
sich die Natur selbst einen Rat schafft. Aber es geht doch wiederum
darauf hinaus, die Natur in bezug auf ihre Heilverfahren auch nur
gewissermaBen in Ausnahmefallen, wenn schon Schadigungen da
sind und die Natur sich hilft, zu beobachten, wahrend eine wirk-
liche Naturbeobachtung doch diejenige ist, daB man normale Pro-
zesse beobachtet. Und die Frage miiBte entstehen: Gibt es denn
eine Moglichkeit, normale Prozesse in der Natur zu beobachten^
gewissermaBen das, was man normale Prozesse nennt, um an ihnen
irgend etwas von einer Anschauung iiber das Heilverfahren zu
gewinnen? — Sie werden ja sogleich bemerken, daB das mit einer
etwas bedenklichen Frage zusammenhangt. Man kann natiirlich in
der Natur nur Heilungsprozesse beobachten in normaler Weise,
wenn Krankheitsprozesse in der Natur normal vorhanden sind.
Und die Frage tritt vor uns auf : Sind denn in der Natur als soldier
schon Krankheitsprozesse vorhanden, so daB man durch der Natur
Examen gehen kann und durch sie heilen lernen kann? — Der
Beantwortung dieser Frage, die sich natiirlich erst im Laufe der
Vortrage vollstandig geben lassen wird, werden wir uns aber heute
wenigstens um ein Stuck zu nahern versuchen. Aber man kann
dabei gleich sagen, daB eigentlich durch die naturwissenschaftliche
Grundlegung der Medizin, wie sie heute iiblich ist, der Weg, der
hier vorgezeichnet wird, iiberschuttet wird. Er laBt sich bei den
gegenwartigen Voraussetzungen auBerordentlich schwer gehen,
denn es ist sehr merkwiirdig, daB gerade die materialistische Ten-
denz im neunzehnten Jahrhundert dazu gef iihrt hat, nun das nachste
System, das ich hier dem Knochen-, Muskel- und Herzsystem an-
fiigen muB, eigentlich in seinen Funktionen vollstandig zu ver-
kennen, namlich das Nervensystem.
Es ist nach und nach iiblich geworden, dem Nervensystem sozu-
sagen alles Seelische aufzuhalsen und alles Seelisch-Geistige, das
sich im Menschen vollzieht, in Parallelvorgange aufzulosen, die
dann im Nervensystem zu finden sein sollen. Nun wissen Sie, daB
ich Einspruch erheben muBte gegen diese Art von Naturbetrachtung
in meinem Buche «Von Seelenratseln», in dem ich zunachst zu
zeigen versuchte — und vieles, was beizubringen ist aus der Erfah-
rung zur Erhartung dieser Wahrheiten, wird sich uns gerade bei die-
sen Betrachtungen ergeben — , daB nur die eigentlichen Vorstellungs-
prozesse mit dem Nervensystem zusammenhangen, wahrend nicht
in indirekter, sondern in direkter Weise alle Gefuhlsprozesse zusam-
menhangen mit den rhythmischen Vorgangen im Organismus. Der
heutige Naturwissenschafter denkt eigentlich normalerweise so, daB
Gefuhlsprozesse unmittelbar nichts mit dem rhythmischen System
zu tun haben, sondern nur dadurch, daB sich diese rhythmischen
Prozesse auf das Nervensystem iibertragen, denkt er, daB sich das
Gefuhlsleben auch durch das Nervensystem auslebe. Und ebenso
versuchte ich zu zeigen, daB das gesamte Willensleben direkt, nicht
indirekt durch das Nervensystem, zusammenhangt mit dem Stoff-
wechselsystem. So daB fur das Nervensystem auch in bezug auf die
Willensprozesse nichts iibrigbleibt als die Wahrnehmung dieser
Willensprozesse. Durch das Nervensystem wird nicht irgendein
Wille in Szene gesetzt, sondern dasjenige, was durch den Willen
geschieht in uns, wird wahrgenommen. Alles dasjenige, was da von
mir geltend gemacht worden ist, kann durchaus belegt werden mit
den entsprechenden Tatsachen der Biologie, wahrenddem die ent-
gegengesetzte Anschauung von der alleinigen Zuordnung des
Nervensystems zum Seelenleben eben gar nicht belegt werden kann.
Ich mochte nur einmal sehen, wie bei vollig gesunder Vernunft die
Tatsache, daB man einen sogenannten motorischen Nerv durch-
schneidet, einen sensitiven Nerv durchschneidet, sie dann zusammen-
wachsen lassen kann und daB dann daraus wiederum ein einheit-
licher Nerv entsteht, in Zusammenhang gebracht werden sollte
mit der anderen Annahme, daB es sensitive und motorische Nerven
gebe. Die gibt es eben nicht, sondern dasjenige, was man motori-
sche Nerven nennt, sind nichts anderes als sensitive Nerven, die
die Bewegungen unserer Glieder wahrnehmen, also dasjenige, was
im Stoffwechsel unserer Glieder vor sich geht, wenn wir wollen.
Wir haben also auch in den motorischen Nerven in Wahrheit sensi-
tive Nerven, die nur in uns selber wahrnehmen, wahrend die eigent-
lich sensitiv genannten Nerven die AuBenwelt wahrnehmen.
In dieser Richtung liegt etwas, was fur die Medizin von ungeheu-
rer Bedeutung ist, was aber erst gewiirdigt werden kann, wenn man
den Tatbestand selbst ordentlich ins Auge fassen wird. Denn gerade
den Krankheitserscheinungen gegeniiber, von denen ich gestern zur
Gewinnung des Beispiels der Tuberkulose ausgegangen bin, ist es
ja schwer, mit der Teilung in sensitive und motorische Nerven aus-
zukommen. Verniinftige Naturforscher haben daher schon ange-
nommen, daB jeder Nerv eine Leitung habe nicht nur von der Peri-
pherie nach innen oder umgekehrt, sondern immer auch eine Lei-
tung von der Peripherie nach dem Zentrum, beziehungsweise von
dem Zentrum nach der Peripherie. Ebenso wiirde dann jeder motori-
sche Nerv zwei Leitungen haben, das heiBt: wenn man vom Nerven-
system aus irgend etwas erklaren will, wie zum Beispiel die Hyste-
rie, so hat man schon notig, zwei Leitungen, die zueinander im ent-
gegengesetzten Sinne laufen, anzunehmen. Also man hat, sobald man
auf Tatsachen eingeht, durchaus schon notig, solche Eigenschaften
der Nerven anzunehmen, die eigentlich den Hypothesen iiber das
Nervensystem vollstandig widersprechen. Dadurch, daB man so iiber
das Nervensystem denken lernte, hat man eigentlich alles das zuge-
schiittet, was man wissen sollte iiber dasjenige, was im Organismus
sonst unter dem Nervensystem liegt, was zum Beispiel bei der Hysterie
vorgeht. Wir haben es gestern charakterisiert durch Vorgange im
Stoffwechsel, was zum Beispiel bei der Hysterie vorgeht und was durch
die Nerven bloB wahrgenommen wird. Man hatte auf das sehen miis-
sen. Statt dessen hat man die Hysterie nur gesucht in einer Art Er-
schiitterbarkeit und Erschiitterung des Nervensystems allein und
hat alles in das Nervensystem verlegt.
Dadurch ist noch etwas anderes gekommen. Man kann ja nicht
leugnen, daB unter den etwas ferneren Ursachen der Hysterie auch
seelische Ursachen liegen, Kummer, auch erlittene Enttauschungen,
irgendwelche erfiillbaren oder unerfiillbaren inneren Erregungen, die
dann auslaufen in hysterische Erscheinungen. Damit, daB man gewis-
sermaBen den ganzen iibrigen Organismus vom Seelenleben abge-
trennt hat und nur das Nervensystem mit dem Seelenleben in einen
eigentlichen direkten Zusammenhang bringt, ist man genotigt, alles
auf das Nervensystem abzuladen. Dadurch kam eine Anschauung her-
aus, die sich erstens dann nicht im allergeringsten eigentlich mehr
mit den Tatsachen deckt und die zweitens gar keine Handhabe bie-
tet, das Seelische noch heranzubringen an den menschlichen Orga-
nismus. Man bringt es eigentlich nur heran an das Nervensystem.
Man bringt es nicht heran an den ganzen menschlichen Organismus.
Hochstens dadurch, daB man eben motorische Nerven erfindet, die
es gar nicht gibt, und daB man von den Funktionen der motorischen
Nerven dann eine Beeinflussung der Zirkulation und so weiter er-
wartet, die nun immer im auBersten MaBe zum Hypothetischen
gehort.
Was ich da auseinandergesetzt habe, hat namentlich auch dahin
gefiihrt, die gescheitesten Leute auf Irrpfade zu leiten, als so etwas
auftauchte wie die Suggestion und die Hypnose. Da hat man es
erleben konnen — es liegt jetzt schon wiederum etwas zuriick — , daB
hysterische Damen die allergescheitesten Arzte irregefiihrt haben,
an der Nase herumgefiihrt haben, weil man einfach hereingefallen
ist auf alles mogliche, was solche Leute den Arzten vorgemacht
haben, und nicht hat eingehen konnen auf dasjenige, was eigentlich
im Organismus vorliegt. Es ist doch vielleicht nicht uninteressant,
in diesem Zusammenhange darauf hinzuweisen — obwohl es sich
dabei nicht um eine hysterische Dame, sondern um einen hysteri-
schen Mann handelt — , in welchen Irrtum Schleich verfallen ist,
verfallen muBte, der iiber solche Dinge ja eigentlich ganz gut nach-
zudenken gewohnt war, als zu ihm als Arzt ein Mann kam, der
sich mit der tintigen Feder in den Finger gestochen hatte und sagte,
das werde ganz gewiB in der nachsten Nacht zum Tode fiihren, eine
Blutvergiftung werde eintreten und der Arm miisse amputiert wer-
den. Es ist selbstverstandlich, daB Schleich als Chirurg die Amputa-
tion nicht vornehmen konnte. Er konnte den Mann nur beruhigen
und die notigen Dinge machen, die da gemacht werden: Aus-
saugung der Wunde und so weiter, aber er konnte selbstverstandlich
ihm den Arm nicht abschneiden auf dessen bloBe Aussage hin, daB
er in der nachsten Nacht eine Blutvergiftung haben werde. Der be-
treffende Patient ging dann noch zu einer Autoritat, die ihm selbst-
verstandlich den Arm auch nicht abschnitt. Aber Schleich wurde die
Sache etwas unheimlich. Gleich am Morgen erkundigte er sich -
der Patient war in der Nacht wirklich gestorben. Und Schleich kon-
statierte: Tod durch Suggestion.
Es liegt so nahe, es liegt so furchtbar nahe, zu konstatieren: Tod
durch Suggestion. Aber bei einer Einsicht in die menschliche Wesen-
heit geht es einfach nicht, diesen Tod durch Suggestion in dieser
Weise zu denken, sondern es handelt sich darum, daB hier, wenn
man Tod durch Suggestion diagnostiziert, sofort eine griindliche
Verwechslung von Ursache und Wirkung eintritt. Es trat auch keine
Blutvergiftung ein — das hat die Sektion ergeben — , sondern der
BetrefTende starb, wie es schien, an einer Ursache, die den Arzten
nicht bekanntgeworden ist, aber fiir jemanden, der die Sache durch-
schauen kann, ganz unbedingt an einer Ursache, die tief im Organis-
mus begriindet war. Und diese Ursache, die tief im Organismus be-
griindet war, hat diesen Menschen schon am vorhergehenden Tag
etwas tapperig und unsicher gemacht, so daB er sich, was man sonst
nicht tut, mit der tintigen Feder in den Finger stach. Das war schon
eine Folge seiner Tapperigkeit. Aber wahrend er auBerlich-physisch
tapperig wurde, wurde sein inneres Schauvermogen etwas erhoht,
und unter dem Einflusse der Krankheit hatte er eine prophetische
Voraussicht seines in der Nacht eintretenden Todes. Dieser Tod
hing nicht im geringsten zusammen mit dem, daB er sich mit der
tintigen Feder in den Finger stach, sondern der Tod war die Ur-
sache dessen, was er fiihlte dadurch, daB er die Todesursache in sich
trug, und alles, was vor sich gegangen ist, ist eben nichts anderes
als etwas, was ganz auBerlich zusammenhangt mit den eigentlichen
inneren Prozessen, die den Tod herbeigefiihrt haben. Es ist gar keine
Rede davon, daB hier «Tod durch Suggestion » eingetreten ist. Denn
auch der Glaube und alles das, was der Mann hatte, hatte nichts zu
tun mit der Herbeifiihrung seines Todes, sondern hatte tiefere Ur-
sachen. Aber er sah den Tod voraus und interpretierte alles das-
jenige, was geschah, in diese Voraussicht des Todes hinein. Sie sehen
an diesem Beispiel zugleich, wie ungemein vorsichtig man sein
muB, wenn man iiber die komplizierten Vorgange in der Natur ein
sachgem'aBes Urteil gewinnen will. Man kann da nicht ausgehen
von dem Allereinfachsten.
Nun wird man aber die Frage aufwerfen miissen: Gibt uns die
Sinneswahrnehmung und alles, was der Sinneswahrnehmung ahn-
lich ist, einen Anhaltspunkt fiir, ich mochte sagen, die etwas anders
gearteten Einfliisse, die von Heilmittein auf den menschlichen Orga-
nismus ausgehen sollen?
Nicht wahr, wir haben dreierlei Einflusse auf den menschlichen
Organismus im Normalzustande: Erstens denjenigen durch die Sin-
neswahrnehmungen, der sich dann im Nervensystem fortsetzt. Zwei-
tens denjenigen durch das rhythmische System, das Atmen und die
Zirkulation, und drittens denjenigen durch den Stoffwechsel. Diese
drei normalen Beziehungen, die miissen irgendwelche Analoga ha-
ben in den abnormen Beziehungen, die wir herstellen zwischen den
Heilmitteln, die wir ja auch in irgendeiner Weise aus der auBeren
Natur nehmen miissen, und dem menschlichen Organismus. Am
deutlichsten tritt allerdings dasjenige, was zwischen der AuBenwelt
und dem menschlichen Organismus geschieht, in dem EinfluB auf
das Nervensystem auf. Wir miissen uns daher fragen: Wie konnen
wir uns rationell einen Zusammenhang denken zwischen dem Men-
schen selbst und dem, was auBermenschliche Natur ist und was wir
verwenden wollen, sei es als Vorgange, sei es substantiell als Heil-
mittel, zur menschlichen Heilung? Wir miissen eine Ansicht dar-
iiber gewinnen, wie das Wechselverh'altnis des Menschen zur auBer-
menschlichen Natur ist, aus der wir unsere Heilmittel nehmen.
Denn selbst wenn wir Kaltwasserkuren anwenden, so wenden wir
etwas AuBermenschliches an. Alles, was angewendet wird, ist an-
gewendet vom AuBermenschlichen auf die menschlichen Prozesse,
und wir miissen uns eine rationelle Ansicht dariiber verschaffen,
wie der Zusammenhang zwischen dem Menschen und den auBer-
menschlichen Prozessen ist.
Da kommt man allerdings auf ein Kapitel, wo wiederum statt
eines organischen Zusammenhanges in unserem gebrauchlichen
medizinischen Studium das reine Aggregat herrscht. Der Medi-
ziner hort zwar vorbereitende Naturwissenschaft vortragen, dann
wird aber auf diese vorbereitende Naturwissenschaft das allgemeine
und spezielle Pathologische, das allgemeine Therapeutische auf-
gebaut und so weiter, und es ist nicht mehr viel zu vernehmen,
wenn die eigentlichen medizinischen Vortrage anfangen, von dem,
wie sich diese Prozesse, die in den eigentlich medizinischen Vor-
tragen besprochen werden, und namentlich wie sich die HeilmaB-
nahmen verhalten zu den Vorgangen in der auBeren Natur. Ich
glaube, die durch die heutige medizinische Schulung gegangenen
Arzte werden dies nicht nur auBerlich verstandesmaBig als einen
Mangel empfinden, sondern sie werden es gar stark in der Emp-
findung, die sich ihnen dann aufdrangt, wenn sie praktisch ein-
greifen sollen in die Krankheitsprozesse, als ein Gefiihl in sich
tragen, als ein gewisses Gefiihl der Unsicherheit, wenn das oder
jenes verwendet werden soli. Es ist doch sehr selten eine wirkliche
Erkenntnis der Beziehung des zu verwendenden Heilmittels zu
dem, was im Menschen vorgeht, in Wirklichkeit vorhanden. Hier
handelt es sich darum, daB geradezu durch die Natur der Sache
selbst auf eine ganz notwendige Reform des medizinischen Stu-
diums hingewiesen wird.
Nun mochte ich heute zunachst da von ausgehen, an gewissen
Prozessen der auBermenschlichen Natur anschaulich zu machen,
wie verschieden in vieler Beziehung diese Prozesse von den Pro-
zessen der menschlichen Natur sind. Ich mochte ausgehen von den
Prozessen, die wir zunachst an niederen Tieren und Pflanzen be-
obachten konnen, um von da aus dann den Weg zu jenen Pro-
zessen zu finden, die hervorgerufen werden konnen durch das
AuBermenschliche uberhaupt, das wir dem Pflanzenreich oder dem
Tierreich und namenthch dem Mineralreich entnehmen. Aber wir
werden uns dieser Charakteristik der reinen mineralischen Sub-
stanzen erst nahern konnen, wenn wir eben von ganz elementaren
naturwissenschaftlichen Vorstellungen ausgehen, dann zu dem auf-
steigen, was zum Beispiel geschieht, wenn wir, sagen wir, Arsen
oder Zinn oder irgend etwas anderes als Heilmittel in den mensch-
lichen Organismus einfuhren. Da muB zunachst darauf hingewiesen
werden, daB ganz anders, als das bei der menschlichen Natur selbst
der Fall ist, die Wachsmmsmetamorphosen bei auBermenschlichen
Wesen liegen.
Wir werden nicht umhin konnen, das eigentliche Prinzip des
Wachsens, des lebendigen Wachsens im Menschen irgendwie zu
denken und es auch zu denken bei den auBermenschlichen Wesen-
heiten. Aber die Differenz, die da auftritt, ist von einer grund-
legenden Bedeutung. Betrachten Sie, zum Beispiel etwas sehr Nahe-
liegendes, die gewohnliche sogenannte falsche Akazie, die Robinia
pseudacacia. Wenn Sie dieser die Blatter an den Blattstielen ab-
schneiden, so entsteht das Interessante, daB die Blattstiele durch
eine Metamorphose etwas umgewandelt werden und daB dann
diese umgewandelten knolligen Blattstiele die Funktion der Blatter
ubernehmen. Da ist in einem hohen MaBe etwas tatig, was wir
zunachst hypothetisch eine Kraft nennen wollen, die in der ganzen
Pflanze steckt und die sich dann auBert, wenn wir die Pflanze ver-
hindern, ihr normal ausgebildetes Organ fiir bestimmte Funktionen
zu verwenden. DaB, ich mochte sagen, noch ein Rest von dem vor-
handen ist, was da in ganz ausgesprochenem MaBe bei der ein-
facher wachsenden Pflanze der Fall ist, das zeigt sich daran, daB,
sagen wir, bei einem Menschen, der durch irgend etwas verhindert
ist, den einen Arm oder die eine Hand zu irgendwelchen Funk-
tionen zu gebrauchen, die andere kraftiger sich ausbildet, starker
sich ausbildet und auch physisch groBer wird und so weiter. Wir
miissen schon solche Dinge miteinander verbinden, denn das ist
der Weg, der zur Erkenntnis der Moglichkeit einer Heilweise fiihrt.
Nun, bei der auBermenschlichen Natur geht die Sache sehr weit.
Man kann zum Beispiel folgendes beobachten: Nehmen wir an,
es wachse eine Pflanze auf einem Bergabhange, so geschieht es,
daB solche Pflanzen gewisse Blattstiele so entwickeln, daB sie die
Blatter unausgebildet lassen; die bleiben weg. Dagegen biegt sich
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der Blattstiel um und wird zum Stiitzorgan. Die Blatter verkummern
(siehe Zeichnung Seite 63), der Blattstiel biegt sich um, wird zum
Stiitzorgan, stiitzt sich auf: Pflanzen mit umgebildeten Blattstielen,
bei denen die Blatter verkiimmern. Das weist auf innere Bildungs-
krafte der Pflanze hin, die bewirken, daB die Pflanze in einer weit-
gehenden Weise sich an die durch ihre Umgebung bedingte Lebens-
weise anpassen kann. Nun, die Krafte, die dadrinnen wirksam sind,
treten uns aber namentlich bei niederen Organismen in einer ganz
interessanten Art entgegen.
Wenn Sie zum Beispiel irgendeinen Embryo nehmen, der bis
zum Gastrulastadium vorgeriickt ist, so konnen Sie die Gastrula
zerschneiden, in der Mitte auseinanderschneiden, und jedes Stuck
riindet sich wiederum und bildet in sich die Moglichkeit aus, die
drei Stiicke von Vorder-, Mittel- und Enddarm fur sich auszubil-
den. Wir schneiden also die Gastrula auseinander und finden, daB
sich jedes Stuck so verhalt, wie sich das unzerschnittene Ganze
verhalten haben wiirde. Sie wissen, daB man diesen Versuch aus-
dehnen kann bis zu niederen Tieren, sogar Regenwiirmern, und
daB, wenn man gewissen niederen Tieren Stiicke abschneidet,
sich das wiederum erganzt, so daB es aus seinen inneren Bildungs-
kraften her aus wiederum dasjenige bekommt, was wir ihm ab-
geschnitten haben. Auf diese Bildungskrafte muB sachlich hin-
gewiesen werden, nicht hypothetisch, indem man irgendeine Le-
benskraft annimmt, sondern es muB sachlich auf diese Bildungs-
krafte hingewiesen werden. Denn, wenn man genauer zusieht, wenn
man wirklich verfolgt, was da eigentlich vorliegt, so sieht man zum
Beispiel folgendes: Man sieht, daB, wenn man, sagen wir, einem
Froschorganismus in einem sehr friihen Stadium etwas abschneidet,
sich der iibrige Organismus, der abgeschnittene Organismus wieder
ansetzt. Wer etwas materialistisch in seiner Denkweise geartet ist,
der wird sagen: Nun ja, in der Wunde, da liegen Spannkrafte, und
durch diese Spannkrafte in der Wunde setzt sich dasjenige, was da
neuerdings wachst, an. — Aber das kann nicht so der Fall se'm. Denn
ware das der Fall, daB wenn ich einen Organismus hier abschneide
(siehe Zeichnung Seite 65) und sich hier an der Wunde Neues an-
setzt durch die Spannkraft, die ja hier liegt — dann miiBte sich
doch hier das ansetzen, was das nachste Stuck ware, also dasjenige,
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was unmittelbar benachbart ist im vollkommenen Organismus. Das
ist ja aber nicht der Fall in Wirklichkeit, sondern in der Wirklich-
keit erscheinen, wenn man etwas abschneidet bei Froschlarven, End-
organe, der Schwanz oder Kopf sogar, bei anderen Tieren Fiihl-
faden, also diejenigen, die gar nicht hier angrenzen, sondern die-
jenigen, die der Organismus zunachst braucht, wachsen da heraus.
Es ist also ganz unmoglich, daB durch die unmittelbar hier inne-
wohnenden Spannkrafte sich dasjenige hier ansetzt, was sich hier
ausbiidet, sondern es ist notwendig, anzunehmen, daB bei diesen An-
satzen der ganze Organismus in irgendeiner Weise beteiligt ist.
So kann man wirklich dasjenige verfolgen, was in niederen
Organismen vor sich geht. Sie konnen nun, da ich Ihnen den Weg
angegeben habe, wie man so etwas verfolgt, wenn Sie das aus-
dehnen iiber all die Erfahrungen, die bis heute in der Literatur
verzeichnet sind, iiberall sehen, wie man nur auf diesem Wege
iiberhaupt zu einer Anschauung iiber diese Sache kommt. Sie wer-
den kaum einen anderen Gedanken hegen konnen als den: Beim
Menschen ist das nun eben nicht so. — Es ware ja sehr niedlich,
wenn man ihm einen Finger oder Arm abschneiden konnte und
er den Finger oder Arm wieder ersetzen wiirde. Er tut es eben nicht.
Es ist die Frage: Ja, wie ist es denn mit den Kraften, die nun ein-
mal Wachstumsbildungskrafte sind und die sich hier ganz deutlich
zeigen, wie ist es denn mit diesen Kraften im menschlichen Orga-
nismus? Sind sie da verlorengegangen, sind sie da gar nicht vor-
handen?
Wer sachgemaB die Natur zu beobachten versteht, der weiB,
daJ3 man nur auf diesem Wege iiberhaupt zu einer naturgemaBen
Anschauung iiber den Zusammenhang des Geistigen und Physi-
schen beim Menschen kommen kann. Beim Menschen sind nam-
lich diese Krafte, die wir hier, ich mochte sagen, als plastische
kennenlernen, die hier unmittelbar Formen aus der Substanz her-
aus ausbilden, einfach herausgehoben aus den Organen und sind
nur in dem, was bei ihm seelisch-geistig ist, vorhanden. Da sind
sie namlich vorhanden. Dadurch, daB sie aus den Organen heraus-
gehoben sind, daB sie nicht Bildungskrafte der Organe geblieben
sind, hat sie der Mensch extra. Er hat sie in seinen geistig-seelischen
Funktionen. Wenn ich denke oder fiihle, so denke ich und fiihle
ich mit denselben Kraften, die da in dem niederen Tier oder in
der Pnanzenwelt plastisch tatig sind. Ich konnte eben nicht den-
ken, wenn ich nicht mit denselben Kraften, die ich aus der Materie
herausgezogen habe, das Denken und das Fiihlen und das Wollen
vollziehen wiirde. Schaue ich also auf die niederen Organismen
hinaus, so muB ich mir sagen: Das, was da drinnen steckt, was die
plastischen Krafte sind, das ist dasselbe, was ich auch in mir trage.
Aber ich habe es aus meinen Organen herausgenommen, habe es
fiir sich und denke und fiihle und will mit denselben Kraften, die
da drauBen in der niederen Organismenwelt plastisch tatig sind.
Wer nun ein Psychologe werden will mit Substanz in seinen
psychologischen Aufstellungen, nicht mit bloBen Worten, wie man
heute Psychologie konstruiert, der miiBte eigentlich die Denk- und
Fiihl- und Willensprozesse so verfolgen, daB er in ihnen aufzeigt,
nur eben geistig-seelisch verlaufend, dieselben Vorgange, die da
unten in den plastischen Gestaltungen erscheinen. Sehen Sie nur
einmal nach, wie wir innerlich in unserem seelischen ProzeB tat-
sachlich das ausfiihren konnen, was wir im Organismus nicht mehr
ausfiihren konnen: Gedankenreihen, die uns verlorengegangen
sind, aus anderen heraus zu erganzen, und wie wir da so ahnlich
verfahren, wie ich das hier gesagt habe, daB nicht das unmittelbar
Angrenzende, sondern das weit davon Abliegende erscheint.
Es besteht ein vollstandiger Parallelismus zwischen dem, was
wir innerlich-seelisch erleben, und dem, was in der auBeren Welt
gestaltende Naturkrafte, gestaltende Naturprinzipien sind. Ein voll-
standiger Parallelismus besteht da. Auf diesen Parallelismus muB
man hinweisen und zeigen, daB der Mensch in der AuBenwelt im
Grunde genommen als Gestaltungsprinzipien das hat, was er inner-
lich als sein seelisch-geistiges Leben aus seinem eigenen Organis-
mus herausgenommen hat, was daher bei seinem eigenen Organis-
mus nicht mehr der Materie, der Substanz zugrunde liegt. Aber
nun, wir haben es nicht aus alien Teilen des Organismus gleich
stark herausgenommen, wir haben es in verschiedener Weise her-
ausgenommen. Und erst, wenn man gewissermaBen ausgeriistet
ist mit solch einer Vorkenntnis, wie wir sie jetzt entwickelt haben,
kann man an den menschlichen Organismus in entsprechender
Weise herantreten. Denn betrachten Sie all dasjenige, was unser
Nervensystem zusammensetzt, Sie werden das Eigentiimliche fin-
den: gerade was man gewohnlich als Nervenzellen und dasjenige,
was man als Nervengewebe und so weiter bezeichnet, das sind
eigentlich Gebilde, verhaltnismaBig auf friihen Entwickelungs-
stadien zuriickgeblieben, nicht sehr vorgeschrittene Zellgebilde
sind das, so daB man sagen konnte: man miiBte eigentlich erwarten,
daB gerade diese sogenannten Nervenzellen den Charakter friiherer
primitiver Zellbildungen zeigen. Das tun sie in anderer Beziehung
wiederum ganz und gar nicht, denn sie sind zum Beispiel nicht
fortpflanzungsfahig. Nervenzellen, ebenso wie Blutzellen, sind un-
teilbar, wenn sie ausgebildet sind, sie sind nicht fortpflanzungs-
fahig. Es ist ihnen also in einem verhaltnismaBig friihen Stadium
eine Fahigkeit, die den auBermenschlichen Zellen zukommt, ent-
zogen; die ist ihnen entzogen. Sie bleiben auf einer friihen Ent-
wickelungsstufe stehen, werden gewissermaBen auf dieser Entwik-
kelungsstufe abgelahmt. Das, was in ihnen abgelahmt wird, das
sondert sich ab als Seelisch-Geistiges. So daB wir in der Tat mit un-
serem seelisch-geistigen Prozesse zuriickkehren zu dem, was einmal
in der organischen Substanz sich gebildet hat, das wir aber nur da-
durch erreichen, daB wir in uns die Nervensubstanz tragen, die wir
in einem verhaltnismaBig friihen Stadium abtoten, ablahmen
wenigstens.
Auf diese Weise kann man sich dem eigentlichen Wesen der
Nervensubstanz nahern. Man bekommt dann heraus, warum diese
Nervensubstanz diese Eigentiimlichkeit an sich tragt, daB sie auf
der einen Seite eigentlich ziemlich den primitiven Bildungen ahn-
lich sieht, sogar in dem, was sie weiter ausbildet, den primitiven
Bildungen ahnlich sieht, und doch dem dient, was man gewohn-
lich beim Menschen das Hochste nennt, der geistigen Tatigkeit.
Ich glaube — das ist nur ein Einschiebsel, das soil nicht zur
eigentlichen Betrachtung gehoren — , daB schon die oberflachliche
Betrachtung des menschlichen Hauptes, in dem der Mensch seine
verschiedenen Nervenzellen umschlieBt, in diesem Umschlossen-
sein von Zellen durch einen festen Panzer, eher erinnert an niedere
Tiere als an hochentwickelte Tiere. Gerade unser Kopf erinnert
eigentlich, ich mochte sogar sagen, an vorweltliche Tiere. Er er-
scheint nur umgebildet. Und wenn wir von niederen Tieren spre-
chen, so sagen wir gewohnlich: Die haben ein AuBenskelett, w'ah-
rend die hoheren Tiere und der Mensch ein Innenskelett haben;
aber nur unser Kopf, da, wo wir am hochsten entwickelt sind, hat
ein AuBenskelett. Das ist immerhin etwas, was wenigstens eine
Art Leitmotiv sein konnte fur das, was eben angefiihrt worden ist.
Nun denken Sie sich nur, wenn wir dasjenige, was wir so un-
serem Organismus entzogen haben, durch irgend etwas, das wir
eine Krankheit nennen — ich werde noch genauer darauf zu spre-
chen kommen — veranlaBt, ihm zufiihren — also denken Sie, diese
Bildungskrafte, die in der auBermenschlichen Natur vorhanden
sind, die wir unserem Organismus entzogen haben, weil wir sie fur
das Geistig-Seelische verwenden, wenn wir diese dadurch, daB wir
eine Pflanze oder so etwas verwenden, als Heilmittel dem Organis-
mus wieder zufiihren, so verbinden wir den Organismus mit dem,
was ihm zunachst fehlt. Wir kommen ihm zu Hilfe, indem wir
ihm das zusetzen, was wir ihm erst dadurch, daB wir Mensch ge-
worden sind, genommen haben.
Sie sehen hier schon zunachst etwas aufdammern, was man als
HeilprozeB bezeichnen kann: das Zuhilfenehmen derjenigen Krafte
in der Natur drauBen, die wir als normaler Mensch nicht haben,
wenn wir sie gebrauchen, damit irgend etwas in uns starker wird,
als es beim normalen Menschen ist. Nehmen wir also, um einmal
konkret zu sprechen, aber nur beispielsweise, irgendeines unserer
Organe, sagen wir meinetwillen unsere Lunge oder so etwas; es
wurde sich auch bei solchen Organen herausstellen, daB wir ihnen
Bildungsprinzipien entnommen haben, um sie fur das Geistig-
Seelische zu haben. Kommen wir nun gerade im Pflanzenreich auf
diejenigen Krafte, die wir da aus der Lunge herausgenommen
haben, und fiihren sie bei irgendeiner Stoning des Lungensystems
dem Menschen zu, so kommen wir seiner Lungentatigkeit zu Hilfe.
Sie sehen, es wurde die Frage entstehen: Welche Krafte in der
auBermenschlichen Natur sind den Kraften ahnlich, die den
menschlichen Organen zugrunde liegen, die aber zur geistig-seeli-
schen Tatigkeit herausgezogen sind? — Sie sehen hier einen Weg,
von der bloBen Probiermethode der Therapie zu einer Art Ratio
in der Therapie zu kommen.
Nun liegt aber neben den Irrtiimern, denen man sich hingegeben
hat in bezug auf das Nervensystem, die Irrtiimer in bezug auf
das Innermenschliche sind, ein sehr betrachtlicher Irrtum vor
in bezug auf die auBermenschliche Natur, den ich heute nur an-
deuten, spater aber noch n'aher ausfuhren will. Man ist allmahhch
dazu gekommen im materialistischen Zeitalter, eine Art Evolution
der auBeren Wesen zu denken von dem sogenannten Einfachsten
bis zu dem Kompliziertesten hin. Man hat dann, nachdem man
zuerst seine Betrachtung ausgedehnt hat iiber die niederen Orga-
nismen, die Umwandelung der Formen studiert bis zu den kompli-
ziertesten Organismen, dann auch ins Auge gefaBt das, was nicht
Organismen sind, zum Beispiel das mineralische Reich. Das mine-
ralische Reich hat man so ins Auge gefaBt, daB man sich gesagt
hat: Das mineralische Reich ist eben einfacher als das Pflanzen-
reich. — Das hat schlieBlich dazu gefiihrt, all die sonderbaren
Fragen aufkommen zu lassen iiber die Entstehung des Lebens aus
dem mineralischen Reich, iiber irgendein einmal vorhandenes
Bedingtsein des Zusammenkommens der Substanzen aus ihrem
bloBen unorganischen Agieren zu einem organischen Agieren. Die
Generatio aequivoca ist dasjenige, was viele Diskussionen hervor-
gerufen hat.
Nun, einer unbefangenen Betrachtungsweise ergibt sich aber
durchaus nicht das Richtige dieser Anschauung, sondern man muB
sich sagen: In einer gewissen Weise laBt sich iiberhaupt ebenso,
wie sich eine Art Evolution denken laBt von den Pflanzen hin
durch die Tiere zum Menschen, wiederum eine Art Evolution
denken von den Organismen, also von den Pflanzen hin zu den
Mineralien, indem ihnen das Leben genommen wird. — Wie gesagt,
ich will das heute nur andeuten, es wird in den folgenden Betrach-
tungen deutlicher herauskommen. Man kommt nur zurecht, wenn
man die Evolution gar nicht so denkt, daB man vom Mineral her-
aufgeht iiber das Pflanzliche durch das Tierische zum Menschen,
sondern wenn man den Ausgangspunkt in der Mitte nimmt und
irgendwo eine Evolution denkt, die vom Pflanzlichen heraufgeht
durch das Tierische zum Menschen, und eine andere Evolution, die
hinuntergeht zum Mineralischen, wenn man also den Anfang nicht
im Mineral setzt, sondern wenn man ihn mitten in die Natur hln-
einsetzt, so daB das eine entsteht durch eine aufsteigende, das an-
dere durch eine niedersteigende Evolution. Dadurch aber wird man
dazu kommen, einzusehen, daB, indem man von der Pflanze zum
Mineral hinuntergeht und namentlich, wie wir sehen werden, zu
dem ganz besonders bedeutsamen Mineral, dem Metall, daB da in
der niedergehenden Evolution Krafte auftreten konnen, die nun
in einem ganz besonderen Verhaltnisse zu dem Spiegelbild, der auf-
gehenden Evolution, stehen.
Kurz, die Frage stellt sich uns vor die Seele: Was sind in den
Mineralien fur ganz besondere Krafte vorhanden, die wir nur
studieren konnen, wenn wir hier diese Bildungskr'afte, die wir an
den niederen Organismen studiert haben, studieren? — Bei den
Mineralien sehen wir sie auftreten in der Kristallisation. Die Kri-
stallisation zeigt uns ganz entschieden etwas, was auftritt, wenn wir
die niedergehende Evolution betrachten, was irgendwie nur im
Zusammenhang stehen kann, aber nicht das gleiche ist, mit dem,
was auftritt an Gestaltungskraften, wenn wir die aufsteigende Evo-
lution betrachten. Fiihren wir daher dem Organismus dasjenige zu,
was als Krafte in den Mineralien ist, so entsteht eine neue Frage.
Wir haben antworten konnen auf eine ahnliche Frage: Wenn wir
die bildenden Krafte, die wir durch das Geistig-Seelische unserer
Organisation weggenommen haben, dem menschlichen Organismus
aus dem pflanzlichen, tierischen Reiche zufiihren, so helfen wir
dem Organismus. Was aber tritt ein, wenn wir die andersartigen
Krafte, die in der absteigenden Evolution, also im Mineralreich
liegen, nun dem menschlichen Organismus zufiihren wiirden? Das
ist die Frage, die ich heute hinstellen will und die sich uns im
Laufe der Betrachtungen eingehend beantworten soil.
Nun aber, bei alledem sind wir ja noch nicht dahin gekommen,
irgend etwas beitragen zu konnen im rechten Sinne zu der Frage,
die wir heute an die Spitze der Betrachtung gestellt haben: ob wir
der Natur nun selber einen HeilungsprozeB ablauschen konnen. Bei
einer solchen Frage handelt es sich immer darum, daB man mit den
richtigen Einsichten — und wir haben ja versucht, solche Einsichten
wenigstens skizzenhaft uns zu verschaffen iiber solche Dinge — an
die Natur herangeht, daB sich dann gewisse Vorgange in ihrer
Wesenheit erst enthiillen. Darauf kommt es an.
Nun, sehen Sie, gibt es im menschlichen Organismus zwei Pro-
zesse — es gibt sie auch im Tierischen, aber das kann uns jetzt weni-
ger interessieren — , die sich in gewissem Sinne, wenn wir sie aus-
geriistet mit den Ideen, die wir jetzt gewonnen haben, betrachten,
als entgegengesetzte Prozesse darstellen. Diese beiden entgegen-
gesetzten Prozesse sind nicht ganz — ich betone das ausdriicklich und
bitte das zu beachten, damit dies, was ich jetzt ausfuhre, nicht miB-
verstanden werden konne — , aber bis zu einem hohen Grade polari-
sche Prozesse. Und diese Prozesse sind: die Blutbildung und die
Milchbildung, wie sie im menschlichen Organismus auftreten. Blut-
bildung und Milchbildung — schon auBerlich unterscheiden sich die
Blut- und Milchbildung in ganz wesentlicher Weise. Die Blut-
bildung ist, ich mochte sagen, sehr stark in die verborgene Seite des
menschlichen Organismus zuriickverlegt. Die Milchbildung ist
etwas, was zuletzt mehr nach der Oberflache tendiert. Aber der
wesentlichste Unterschied zwischen der Blutbildung und der Milch-
bildung ist doch der, daB die Blutbildung sehr stark die Fahigkeit
in sich tragt, selbst Bildungskrafte zu bilden, wenn wir den Men-
schen selbst betrachten. Das Blut ist ja dasjenige, dem wir bildende
Krafte zuschreiben miissen im ganzen Haushalt des menschlichen
Organismus, wenn wir den philistrosen Ausdruck gebrauchen diir-
fen. Das Blut hat also in einer gewissen Beziehung noch die Bil-
dungskrafte, die wir hier in dem niederen Organismus wahrnehmen;
die hat das Blut in sich. Aber gerade die neuere Wissenschaft konnte
sich hier auf etwas sehr Wichtiges stiitzen, wenn sie das Blut be-
trachtet, tut es aber bis heute nicht eigentlich in einem wirklich
verniinftigen Sinn. Sie konnte sich darauf stiitzen, daB der Haupt-
bestandteil des Blutes die roten Blutkorperchen sind, die wiederum
nicht vermehrungsfahig sind, die wiederum die Eigentiimlichkeit
haben, daB sie nicht vermehrungsfahig sind. Das haben sie mit den
Nervenzellen gemeinschaftlich. Aber wenn man eine solche gemein-
same Eigenschaft hervorhebt, so kommt es immer darauf an, ob der
Grund, warum das ist, in beiden Fallen derselbe ist. Der Grund
kann nicht derselbe sein, denn aus dem Blute haben wir nicht in
demselben MaBe herausgenommen die Bildefahigkeit, wie wir sie
aus der Nervensubstanz herausgenommen haben. Die Nerven-
substanz, die ja gerade dem Vorstellungsleben zugrunde liegt, ent-
behrt in einem hohen Grade die innere Bildungsfahigkeit. Die
Nervensubstanz wird beim Menschen noch wahrend seines Lebens
nach der Geburt weit hinaus von den auBeren Eindriicken ab-
hangig nachgebildet. Also die innere Bildungsfahigkeit weicht da
zuriick gegeniiber der Fahigkeit, sich den auBeren Einfliissen einfach
anzupassen. Beim Blute ist das anders. Das Blut hat sich in hohem
Grade die innere Bildungsfahigkeit bewahrt. Diese innere Bildungs-
fahigkeit, sie ist ja, wie Sie aus den Tatsachen des Lebens wissen,
auch in einem gewissen Sinne bei der Milch vorhanden. Denn ware
sie bei der Milch nicht vorhanden, so wiirden wir nicht die Milch
gerade als gesundes Nahrungsmittel den Sauglingen geben konnen.
Dasjenige, was die Sauglinge brauchen, ist die Milch. Es ist in ihr eine
ahnliche Bildefahigkeit wie im Blute. So daB also mit Bezug auf die
Bildefahigkeit eine gewisse Ahnlichkeit besteht zwischen dem Blute
und der Milch.
Nun ist aber ein sehr betrachtlicher Unterschied. Die Milch, sie
hat diese Bildefahigkeit. Sie hat aber etwas nicht, was das Blut zu
seinem Bestande im hochsten MaBe braucht, wenigstens hat sie das
nur in sehr geringem MaBe, in verschwindend geringem MaBe:
Eisen, das einzige Metall im Grunde genommen im menschlichen
Organismus, das in seinen Verbindungen im Menschen, im mensch-
lichen Organismus selbst ordentliche Kristallisationsfahigkeit zeigt.
Also wenn die Milch auch andere Metal le in geringen Mengen hat,
so ist der Unterschied jedenfalls da, daB das Blut zu seinem Be-
stande das Eisen braucht, ein ausgesprochenes Metall. Die Milch,
die die Bildungsfahigkeit auch hat, braucht dieses Eisen nicht. Nun
entsteht die Frage: Warum braucht das Blut das Eisen?
Das ist eigentlich eine Kardinalfrage der ganzen medizinischen
Wissenschaft. Das Blut braucht das Eisen namlich. Wir werden die
Materialien schon herbeitragen zu diesen Tatsachen, die ich heute
hingeworfen habe; ich will zunachst erharten, wie das Blut diejenige
Substanz im menschlichen Organismus ist, die einfach durch ihre
eigene Wesenheit krank ist und fortwahrend durch das Eisen geheilt
werden muB. Das ist bei der Milch nicht der Fall. Ware die Milch
in demselben Sinne krank wie das Blut, so wiirde die Milch in sol-
dier Art, wie es geschieht, nicht ein Bildemittel sein konnen fur
den Menschen selber, ein auBerlich ihm zugefiigtes Bildemittel sein
konnen.
Betrachtet man das Blut, so betrachtet man dasjenige, welches im
Menschen einfach um der menschlichen Konstitution willen, um
der Organisation willen fortwahrend etwas Krankes ist. Das Blut
ist einfach durch seine eigene Wesenheit krank und muB fortwah-
rend kuriert werden durch den Eisenzusatz. Das heiBt, wir haben in
dem Prozesse, der in unserem Blute sich vollzieht, einen fortwah-
renden HeilungsprozeB in uns. Will der Am durch der Natur Exa-
men gehen, so muB er vor alien Dingen nicht einen schon abnormen
ProzeB der Natur betrachten, sondern einen normalen ProzeB. Und
der BlutprozeB ist sicher ein normaler, aber er ist zu gleicher Zeit
ein solcher, wo fortwahrend die Natur selbst heilen muB, wo fort-
wahrend die Natur durch das zugesetzte Mineral, durch das Eisen
heilen muB. So daB wir, wenn wir uns dasjenige graphisch darstellen
wollten, was mit dem Blute geschieht, sagen miissen: Dasjenige, was
das Blut durch seine eigene Konstitution ohne das Eisen hat, ist eine
Kurve oder eine Linie, die abwarts fiihrt und die ankommen wiirde
zuletzt bei der vollstandigen Auflosung des Blutes (siehe Zeichnung
Seite 74, rot), wahrend dasjenige, was das Eisen im Blute bewirkt,
es fortwahrend aufwarts fiihrt, es fortwahrend heilt (gelbe Linie).
Tafel 5
'ft Li "
Wir haben in der Tat da einen ProzeB, der ein normaler ist und
der zu gleicher Zeit ein solcher ist, der nachgebildet werden muB,
wenn wir iiberhaupt an Heilungsprozesse denken wollen. Da kon-
nen wir wirklich durch der Natur Examen gehen, denn da sehen
wir, wie die Natur Prozesse vollfiihrt, indem sie dasjenige, was
auBermenschlich ist, das Metall mit seinen Kraften, dem Mensch-
lichen zufiihrt. Und wir sehen zu gleicher Zeit, wie dasjenige, was
im Organismus unbedingt bleiben will, wie das Blut, geheilt werden
muB, und wie das, was aus dem Organismus herausstrebt, wie die
Milch, nicht geheilt zu werden braucht, wie sie, wenn sie Bilde-
krafte enthalt, in gesunder Weise Bildekrafte in den anderen Orga-
nismus iiberfuhren kann. Das ist eine gewisse Polaritat, und ich
sage: eine gewisse, nicht eine ganze Polaritat zwischen dem Blute
und der Milch, die aber ins Auge gefaBt werden muB, denn man
kann daran eben sehr viel studieren. Da wollen wir dann morgen
fortsetzen.
Ich muBte dieses alles vorausschicken, weil ich an den Fragen
gesehen habe, daB sie sich in ganz anderer Weise beantworten wer-
den, wenn man eben die Begriffe, die Grundlagen fur die Beant-
wortung hat.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 24 Marz 1920
Die Auseinandersetzung gestern nachmittag hier war gewiB auBer-
ordentlich interessant, doch im Zusammenhange mit der Frage, die
ich eben jetzt hier sehe, bin ich genotigt, doch noch einmal, was ich
ja schon getan habe, zu betonen, daB eine zulangliche Methode, um
den Zusammenhang zwischen den einzelnen Heilmitteln und den
einzelnen Krankheitserscheinungen aufzufinden, erst wird gegeben
werden konnen, nachdem wir vorher in diesen Betrachtungen ge-
wisse Vorfragen werden erledigt haben, die uns erst in den Stand
setzen, die Tragweite von Erkenntnissen iiber den Zusammenhang
zwischen dem Menschen und dem AuBermenschlichen zu ermessen,
also auch jenem AuBermenschlichen, aus dem die Heilmittel ent-
nommen werden. Insbesondere ist es nicht moglich, ohne Erledi-
gung solcher Vorfragen iiber den Zusammenhang einzelner Heil-
mittel mit einzelnen Organen zu sprechen, aus dem einfachen
Grunde, weil dieser Zusammenhang kein vollstandig einfacher, son-
dern ein etwas komplizierter ist und man seinen eigentlichen Sinn
erst ermessen kann, wenn man eben gewisse Vorfragen, die wir
heute und vielleicht auch noch zum Teil morgen werden zu erledi-
gen haben, erledigt hat. Dann wird sich aber die Moglichkeit er-
geben, wirklich einen konkreten Zusammenhang zwischen einzel-
nen Heilmitteln und namentlich Heilverfahren und einzelnen
Organerkrankungen auseinanderzusetzen. Im besonderen mochte
ich aber gleich heute einleitungsweise noch etwas sagen, was
ich Sie bitte, doch vorlaufig aus dem Grunde hinzunehmen, weil
von da aus auf manches ein gewisses Licht fallen konnte. Und
weil natiirlich solche Dinge zunachst schockieren, muB ich schon
betonen, daB sie eben etwas schockierend sind. Ich mochte gerade
in Ankniipfung an das gestern nachmittag hier Erorterte sagen,
daB ich Sie bitten mochte, die andere Seite der Sache ins Auge
zu fassen.
Zu gewiB unserer tiefsten Befriedigung sind gestern hier zahl-
reiche sehr lehrreiche Falle angefiihrt worden von ganz bcstimmten
Heilungen. Nun kann ich Ihnen ein sehr einfaches Mittel angeben,
wodurch diese Heilungen viel seltener und seltener werden wiirden.
Aber nur aus dem Grunde mochte ich dieses Mittel angeben, damit
Sie es nicht gerade gebrauchen — und es liegt so nahe, es zu gebrau-
chen. Ich kann von diesem Mittel natiirlich nur in einem Kreise von
anthroposophisch vorgebildeten Personlichkeiten sprechen. Dieses
Mittel wiirde darinnen bestehen, daB Sie alle Hebel in Bewegung
setzen wiirden, um die Ritterscbe Therapie zu einer allgemeinen
Angelegenheit zu machen. Sie beriicksichtigen bei den Heilerfolgen
nicht, daB Sie als einzelne Arzte dastehen. Ja, vielleicht mag gewiB
der Einzelne sich dessen bewuBt sein, daB Sie als einzelne Arzte da-
stehen, zu kampfen haben gegen die groBe Masse der anderen
Arzteschaft und daB Sie in dem Augenblicke, wo Sie die Rittersche
Therapie zu einer Universitatsangelegenheit machen, wo Sie durch-
setzen wiirden, daB Sie nicht mehr in der Opposition standen, son-
dern daB von — ich will gar nicht einmal sagen alien — , sondern von
sehr vielen so geheilt werden wiirde, Sie die Erfahrung machen
wiirden, daB Ihre Heilerfolge sich betrachtlich zuriickzogen. So
sonderbar sind die Dinge im wirklichen Leben. Die Dinge sind
namlich zuweilen ganz anders, als man sich sie vorstellt. Als einzelner
Arzt hat man selbstverstandlich das groBte Interesse, den einzelnen
Menschen zu heilen, und die moderne materialistische Medizin hat
sich in dieser Weise sogar, ich mochte sagen, eine Art Rechtsgrund
ausgesucht, um nur ja darauf losgehen zu miissen, den einzelnen
Menschen zu heilen. Ja, aber dieser Rechtsgrund besteht darin, daB
man sagt: Es gibt iiberhaupt keine Krankheiten, sondern kranke
Menschen. Selbstverstandlich, wenn die Menschen auch in bezug
auf die Krankheit so isoliert waren, wie das auBerlich aussieht heute,
dann wiirde dieser Rechtsgrund ein wirklicher Grund sein. Aber das,
was wirklich stattfindet, ist, daft die Menschen tatsachlich nicht so
isoliert sind, dafi solche Dinge eine grofse Bedeutung haben, wie das
gestern von Ihnen, Herr Dr. Ederle, Angefuhrte, dafi gewisse Krank-
heitsspannungen ganze breite Territorien umfassen, und dafi Sie
niemals konstatieren konnen, wenn Sie einen Einzelnen geheilt
haben, wie vielen anderen Sie vielleicht die Krankheit in einem
anderen Falle aufgehalst haben. Sie stellen sich nicht den ein-
zelnen Krankheitsfall in den ganzen ProzeB hinein, und daher
sind solche Dinge im einzelnen auBerordentlich frappierend. Aber
derjenige, der das Ganze des Heiles der Menschheit im Auge hat,
der muB, ich mochte sagen, doch aus einer anderen Ecke heraus
sprechen.
Das ist dasjenige, was eben notwendig macht, daB man nicht ein-
seitig, bloB therapeutisch sich orientiert, sondern daB man die Thera-
pie vollstandig herausarbeitet aus der Pathologic Das ist es gerade,
was wir hier versuchen wollen, daB eine gewisse Ratio hineinkommt
in dasjenige, was sonst doch nur ein empirisch-statistisches Den-
ken ist.
Nun wollen wir heute ausgehen von einer allbekannten Tatsache,
die aber durchaus im Zusammenhange des naturwissenschaftlichen
medizinischen Denkens nicht gewiirdigt wird und welche die Grund-
lage abgeben kann fur eine Beurteilung des Verhaltnisses des Men-
schen zu der auBermenschlichen Natur. Das ist die Tatsache, daB
der Mensch als ein dreigliedriges Wesen, als Nerven-Sinneswesen,
als Zirkulations wesen, als rhythmisches Wesen also, und als Stoff-
wechselwesen, durch sein Stoffwechselwesen in einem negativen
Verhaltnis steht zu dem, was drauBen in der Natur, in der Pflanzen-
welt vorgeht. Sie wollen sich bitte die Tatsache vor die Seele riicken,
daB drauBen in der Natur, wenn wir zunachst nur die Pflanzenwelt
innerhalb dieser Natur beobachten, in der Flora sich die Tendenz
bemerkbar macht, gewissermaBen den Kohlenstoff zu konzentrieren,
den Kohlenstoff zur Grundlage der gesamten Flora zu machen. Wir
sind umgeben, indem wir von Pflanzen umgeben sind, von Orga-
nismen, von Formgebilden, deren Wesenheit auf der Konzentration
des Kohlenstoff es beruht. Vergessen Sie nicht, daB dasjenige, was
dieser Bildung zugrunde liegt, auch im menschlichen Organismus
auftritt, daB aber der menschliche Organismus es in seinem Wesen
hat, diese Bildung in der Bildung, gewissermaBen in einem weiter-
gehenden Status nascendi, aufzuheben, zu zerstoren und die ent-
gegengesetzte Bildung an deren Stelle zu setzen. Wir haben
den Anfang dieses Prozesses in uns in dem, was ich in diesen
Tagen den unteren Menschen genannt habe. Wir setzen den
Kohlenstoff ab, beginnen gewissermafien aus unseren eigenen Kraf-
ten heraus den ProzeB des Pflanzenwerdens und miissen uns, ver-
anlaBt durch unsere obere Organisation, gegen dieses Pflanzen-
werden wehren. Wir heben es auf, indem wir dem Kohlenstoff den
Sauerstoff entgegensetzen, ihn zur Kohlensaure verarbeiten und
dadurch in uns den entgegengesetzten ProzeB des Pflanzenwerdens
ausbilden miissen.
Auf diese Gegenprozesse gegen die auBere Natur bitte ich Sie
uberall zu achten. Denn wenn Sie darauf achten, so werden Sie zu
einem griindlicheren und griindlicheren Verstandnis des wirklichen
Menschen kommen. Sie verstehen den Menschen als solchen nicht,
wenn Sie ihn abwiegen — das nur symbolisch gesprochen fur das
andere Untersuchen nach physikalischen Untersuchungsmetho-
den — , Sie verstehen aber sofort etwas selbst iiber die Mechanik des
Menschen, wenn Sie erwagen, daB das Gehirn sein bekanntes Ge-
wicht hat von, sagen wir durchschnittlich 1300 Gramm, daB es
aber nicht mit diesem Gewichte auf die untere Fiache des Schadels
driicken kann, denn wir wiirden sofort alles das, was da an feinen
Aderchen sich ausbreitet, zerdriickt bekommen, wenn wir das Ge-
hirn driickend hatten mit seinem eigenen Gewicht. Das Gehirn
driickt hochstens mit etwa zwanzig Gramm auf seine Unterlage.
Das riihrt davon her, daB das Gehirn nach dem bekannten archime-
disch-hydraulischen Prinzip einen Auftrieb erfahrt, indem es eigent-
lich in Wirklichkeit im Gehirnwasser schwimmt, so daB die ganze
iiberwiegende Masse des Gehirngewichtes einfach nicht wirkt, son-
dern durch den Auftrieb aufgehoben wird. Wie da die Schwere
iiberwunden wird und wir nicht in dem physischen Gewichte un-
seres Organismus leben, sondern in der Aufhebung, in der dem
physischen Gewicht entgegengesetzten Kraft, so ist es auch bei den
anderen Prozessen des Menschen. Wir leben in der Tat nicht in
dem, was die Physis mit uns macht, sondern in dem, was von der
Physis aufgehoben wird. Und so leben wir auch in Wahrheit nicht
in den Prozessen, welche wahrgenommen werden als Prozesse, die
auch in der auBeren Natur sind, die im Pflanzenreiche ihre End-
glieder erleben, sondern wir leben von der Aufhebung des Pflanzen-
werdeprozesses. Das kommt natiirlich ganz wesentlich in Betracht,
wenn wir die Briicke schlagen wollen zwischen dem menschlichen
Organismus in seinem Kranksein und den Pflanzenheilmitteln.
Nun konnte man, ich mochte sagen, diese Sache schon novelli-
stisch ausfiihren. Man konnte sagen, wenn wir unseren Blick richten
auf all das, was uns umgibt als schone Flora der Welt, so sind wir
hoch erfreut, ganz hoch erfreut, mit Recht. Anders, wenn wir ein
Schaf offnen und unmittelbar nach dem Offnen gleich von einer
anderen Flora erfahren, die ganz entschieden auch ihre Entstehungs-
ursache in ahnlicher Art hat, wie die Entstehungsursachen der auBe-
ren Flora sind, wenn wir dadurch, daB wir ein Schaf offnen nach
dem Tode, den ganzen Verwesungsgeruch des Inneren dieses Schafes
auf uns zuduftend finden, da sind wir iiber die Entstehung der in-
testinalen Flora, der Darmflora, ganz gewiB weniger erfreut. Und
darauf ist es notig, sein Hauptaugenmerk zu richten. Denn da ist es
handgreiflich, wie einfach dieselben Ursachen, die drauBen in der
auBermenschlichen Natur die Flora in die Wege leiten, im Men-
schen bekampft werden miissen, wie da die intestinale Darmflora
nicht entstehen darf. Denn hier eroffnet sich ein auBerordentlich
weites Forschungsgebiet, und jiingeren Medizinern, die noch im
Studium sind, mochte ich es empfehlen, fur ihre Doktorarbeiten ja
recht viel aus diesem Gebiete zu verwenden, vor alien Dingen viel
aus diesem Gebiete der vergleichenden Forschung iiber die Darm-
gestaltung bei den Formen der verschiedenen Tiere, iiber die Sauge-
tiere herauf bis zum Menschen. Da wird sich ein auBerordentlich
reiches Feld ergeben, denn auf diesem Gebiete ist noch vieles
auBerordentlich Wichtige nicht erforscht. Versuchen Sie vor alien
Dingen einmal, dahinter zu kommen, warum ein Schaf durch seine
Darmflora, wenn wir es offnen, so furchtbaren Verwesungsgeruch
ausduftet und warum das selbst bei den aasfressenden Vogeln nicht
der Fall ist, die, wenn man sie offnet, verhaltnismaBig angenehm
sogar riechen.
In diesen Dingen liegt ungeheuer viel, was bis heute ganz und
gar wissenschaftlich noch nicht durchgearbeitet ist. Es liegt ferner
sehr viel auf diesem Gebiete fur eine Untersuchung der Darm-
formen. Bedenken Sie einmal, daB das ganze Vogelgeschlecht einen
wesentlichen Unterschied von dem Saugetiergeschlecht und auch
von dem Menschen aufweist. Bei dem Vogelgeschlechte findet sich
— und materialistische Arzte, wie zum Beispiel der Pariser Arzt
Metschnikoff, haben die groBten Irrtumer gerade iiber diese Dinge
gedacht — ein auBerordentlich kiimmerliches Entwickeln der Blase
und des Dickdarms. Erst da, wo die Vogel zu Laufvogeln werden,
sehen wir, daB sich die Dickdarmformen, auch gewisse Ausbuch-
tungen in Blasenform ausbilden. So daB wir auf die wichtige Tat-
sache hingewiesen werden, daB die Vogel nicht die Gelegenheit
dazu haben, ihre Ausscheidungen abzulagern, eine Weile im Orga-
nismus zu behalten, um sie dann bei willkiirlicher Gelegenheit
auszuschalten, sondern es findet ein kontinuierliches Ausgleichen
zwischen dem Aufnehmen und dem Ausscheiden statt.
Es ist eine der oberflachlichsten Anschauungen, wenn man in der
ganzen Flora und, wie wir sehen werden, auch in der Fauna, die
im Darm auftritt, die iiberhaupt im menschlichen Organismus
auftritt, so etwas sieht wie die Ursache des Krankseins. Es ist schon
wirklich eigentlich schrecklich, wenn man heute an die Priifung
der pathologischen Literatur herangeht und bei jedem Kapitel aufs
neue darauf stoBt: fur diese Krankheit ist der Bazillus entdeckt,
fur jene Krankheit ist der Bazillus entdeckt und so weiter. Das sind
alles auBerordentlich interessante Tatsachen fiir die intestinale
Botanik und Zoologie des menschlichen Organismus, aber fiir das
Kranksein hat das keine andere Bedeutung als hochstens die eines
Erkennungszeichens, eines Erkennungszeichens insofern namlich,
als man sagen kann: Wenn die oder jene Krankheitsform zugrunde
liegt, so ist im menschlichen Organismus die Gelegenheit geboten,
daB sich diese oder jene interessanten kleinen Tier- oder kleinen
Pflanzenformen auf einem solchen Unterboden entwickeln, aber
sonst weiter nichts. Mit der wirklichen Krankheit hat diese Ent-
wickelung der kleinen Fauna und kleinen Flora in einem sehr
geringen Mal3e etwas zu tun, hochstens in einem indirekten MaBe.
Denn sehen Sie, die Logik, die hier entfaltet wird innerhalb der
heutigen Medizin, ist eine hochst eigentiimliche. Denken Sie ein-
mal, Sie entdecken eine Landschaft, in welcher Sie eine groBe An-
zahl vorziiglich genahrter und gut aussehender Kiihe finden. Werden
Sie dann sagen: weil diese Kiihe irgendwie hereingeflogen sind,
weil die Landschaft angesteckt worden ist durch diese Kiihe, ist
das alles, was Sie da sehen, so wie es ist? Es wird Ihnen wohl kaum
einf alien, nicht wahr, sondern Sie werden genotigt sein, zu unter-
suchen, warum in dieser Landschaft fleiBige Leute sind, warum ein
besonders geeigneter Boden fiir diese oder jene Tierpflege da ist,
kurz, Sie werden wohl bei allem moglichen, was die Ursache sein
kann, daB da gut gepflegte Kiihe sind, mit Ihren Gedanken Halt
machen. Aber es wird Ihnen nicht einfallen, zu sagen: Dasjenige,
was da geschieht, kommt davon her, daB die Landschaft angesteckt
worden ist durch den Einzug von gut gepflegten Kiihen. — Nicht
anders aber ist die Logik, welche die heutige medizinische Wissen-
schaft mit Bezug auf Mikroben und dergleichen eigentlich ent-
wickelt. Man sieht aus der Anwesenheit dieser interessanten Ge-
schopfe nichts weiter, als daB ein guter Mutterboden da ist, und
auf die Betrachtung dieses Mutterbodens hat man selbstverstand-
lich die Aufmerksamkeit zu richten. DaB dann indirekt das eine
oder das andere vorkommen kann, wenn man zum Beispiel nun
sagt: Hier in dieser Gegend sind gut gepflegte Kiihe, geben wir ein
paar mehr her, dann werden sich vielleicht einige Leute mehr noch
dazu auf raff en, nun auch HeiBig zu sein. — Das kann natiirlich neben-
bei eintreten. Es kann natiirlich geschehen, daB ein gut vorbereiteter
Mutterboden durch den Einzug von Bazillen angeregt wird, seiner-
seits nun auch in irgendwelche Krankheitsprozesse zu verfallen.
Aber mit der eigentlichen Betrachtung des Krankseins hat diese
gegenw'artige Betrachtung des Bazillenwesens in Wirklichkeit nicht
das allergeringste zu tun. Wiirde man nur auf den Ausbau einer
gesunden Logik Bedacht nehmen, so wiirde niemals eigentlich so
etwas entstehen konnen wie das, was da zur Verheerung des gesunden
Denkens gerade von offiziell betriebener Wissenschaft ausgeht.
Dasjenige, was sehr in Betracht kommt, das ist, daB durch eine
gewisse Beziehung des Oberen und Unteren im Menschen, wie ich
sie in diesen Tagen charakterisiert habe, eben die Veranlassung
gegeben werden kann, daB nicht das richtige Wechselverhaltnis
besteht zwischen dem Oberen und dem Unteren. So daB also durch
eine zu geringe Gegenwirkung des oberen Menschen in dem unte-
ren Menschen Krafte tatig sein konnen, welche nicht aufhalten
konnen den, ich mochte sagen, veranlagten und aufzuhaltenden
VegetationsprozeB, den ProzeB des Pflanzenwerdens. Dann ist auch
die Gelegenheit zur Entstehung einer reichlichen Darmflora ge-
geben und dann wird die Darmflora zur Anzeige dafiir, daB eben
der Unterleib des Menschen nicht in entsprechender Weise arbeitet.
Nun besteht das Eigentiimliche, daB beim Menschen die Tatig-
keiten, welche sich nach unteren Niveaus abspielen sollen, zuriick-
gestaut werden, wenn sie sich dort nicht abspielen konnen. Wenn
also im Unterleibe die Unmoglichkeit vorhanden ist, daB sich
gewisse Prozesse, fur die dieser Unterleib organisiert ist, abspielen,
so werden diese Prozesse zuriickgeschoben. Das mag manchem
laienhaft ausgedriickt sein, ist aber wissenschaftlicher ausgedriickt
als manches, was in den heute gebrauchlichen Pathologien steht.
Es werden diese Prozesse, die sich regular in den unteren Teilen
des Menschen abspielen sollen, zuriickgeschoben in die oberen Teile,
und man hat den Ursprung sogar von Ausscheidungen der Lunge
und anderer nach oben gelegener Teile wie Rippenfell und der-
gleichen durchaus so zu verfolgen, daB man nachsieht, wie es sich
mit den normalen oder abnormen Ausscheidungsprozessen des
menschlichen Unterleibes verhalt. Das ist auBerordentlich wichtig,
daB man dieses Zuriickschieben der organischen Prozesse durch den
Unterleib nach dem Oberleib ordentlich ins Auge faBt, daB also
vieles, was im Oberleibe vor sich gehen kann, nichts anderes als
die zuriickgeschobenen Prozesse des Unterleibes sind. Wenn nicht
das richtige Wechselverhaltnis zwischen dem oberen Menschen und
dem unteren stattfindet, dann schieben sich diese Prozesse zuriick.
Nun beachten Sie zu diesem hinzu etwas anderes. Sie wissen ja
wohl aus der gewohnlichen Erfahrung, daB eine Tatsache besteht,
wiederum eine Tatsache, die nur nicht geniigend ausgewertet wird,
und auf das Auswerten dieser Tatsache kommt es bei einer gesun-
den Wissenschaft an. Es besteht die Tatsache, daB in dem Augen-
blicke, wo Sie Gedanken haben uber ein bestimmtes Organ, besser
gesagt Gedanken, die mit irgendeinem bestimmten Organ zusam-
menhangen, eine gewisse Tatigkeit dieses Organes auftritt. Studie-
ren Sie — und hier ist wiederum reiches Gebiet fiir kiinftige Dok-
tordissertationen — , studieren Sie einmal den Zusammenhang ge-
wisser im Menschen auftretender Gedanken mit, sagen wir, der
Speichelabsonderung, der Schleimabsonderung im Darm, der Ab-
sonderung der Milch, der Absonderung des Urins, der Absonde-
rung des Samens, studieren Sie, wie da auftreten gewisse Gedanken,
deren Auftreten parallel geht mit diesen organischen Erscheinungen.
Was haben Sie da fiir eine Tatsache vorliegend? Nicht wahr, in
Ihrem Seelenleben treten die bestimmten Gedanken auf: organische
Erscheinungen vollziehen sich als Parallelprozesse. Was heiBt das?
Das, was in Ihren Gedanken auftritt, das ist ganz in den Organen
darinnen. Wenn Sie also einen Gedanken haben und irgendeine
parallelgehende Driisenabsonderung, so haben Sie die Tatigkeit, die
dem Gedanken zugrunde liegt, die dem Denken zugrunde Hegt,
herausgeholt aus der Druse. Sie verrichten sie abgesondert von der
Druse, Sie iiberlassen die Druse ihrem eigenen Schicksal, und die
Druse widmet sich ihrer eigenen Tatigkeit, sie sondert ab. Dieses
Absondern ist verhindert, das heiBt dasjenige, was sonst von der
Druse entlassen wird, bleibt mit der Druse vereinigt dadurch, daB
der Gedanke es vereinigt hat. Sie haben also hier, ich mochte sagen,
handgreiflich das Heraustreten der Bildetatigkeit aus dem Organ
in den Gedanken hinein. Sie konnen sich sagen: H'atte ich nicht
so gedacht, so hatte meine Druse nicht abgesondert. Das heiBt, ich
habe die Kraft der Druse entzogen, habe sie in mein Seelenleben
versetzt, diese Kraft, und die Druse sondert ab. — Da haben Sie
im menschlichen Organismus selbst den offenkundigsten Beweis
fiir das, was ich gesagt habe in den vorhergehenden Betrachtungen,
daB dasjenige, was wir im Geistig-Seelischen erleben, eigentlich
nichts anderes ist als die abgesonderten Bildungskrafte fiir das-
jenige, was wir in der ubrigen Naturordnung vor uns haben.
Was drauBen in der ubrigen Natur vor sich geht durch dasjenige,
was sich in der auBeren Natur als auBere Flora gegeniiber unserer
Darmflora parallel entwickelt, in dem stecken einfach drinnen die
Bildungskrafte, die wir aus unserer Darmflora herausziehen. Sehen
Sie drauBen auf die Flora der Berge, auf die Flora der Wiesen, so
miissen Sie sich eigentlich sagen: Da drinnen stecken dieselben
Krafte, die Sie in Ihren Gedanken entwickeln, wenn Sie im Vor-
stellen, im Fiihlen leben. — Und Ihre Darmflora ist deshalb eine
andere als die Flora drauBen, weil der Flora drauBen die Gedanken
nicht weggenommen zu werden brauchen. Die bleiben in den
Pflanzen drinnen stecken wie ihre Stengel, Blatter, Bliiten. Hier
bekommen Sie einen Begriff von der Verwandtschaft desjenigen,
was in den Bliiten, in den Blattern waltet, mit demjenigen, was
in Ihnen selbst vorgeht, wenn Sie eine Darmflora entwickeln, der
Sie nun nicht die Bildungskrafte lassen, sondern der Sie sie weg-
nehmen, indem Sie, wenn Sie sie nicht wegnehmen wiirden, kein
denkender Mensch w'aren. Sie nehmen Ihrer Darmflora das weg,
was drauBen die Flora hat.
Nicht minder ist es so der Fall bei der Fauna. Ebensowenig wie
man ohne Einsicht in diese Dinge zu einem Zusammenhang zwi-
schen dem Menschen und dem Pflanzenheilmittel kommen kann,
ebensowenig kann man, ohne ein BewuBtsein davon, daB man als
Mensch wegnimmt seiner eigenen Darmfauna die Krafte, die drau-
Ben in der Tierwelt formgebend sind, einen richtigen Begriff be-
kommen von der Anwendung der Heilsera.
Sie sehen daraus, daB eine Ratio, eine Systematik dieser Dinge
erst moglich ist, wenn man so den Zusammenhang des Menschen
mit seiner Umgebung wirklich ins Auge faBt. Dann mochte ich Sie
aber noch auf etwas aufmerksam machen, was auBerordentlich
bedeutend ist. Ich weiB nicht, ob viele unter Ihnen sind, die noch
miterlebt haben, wie auBerordentlich graBlich es geworden ist, als
vor einiger Zeit die lacherlichsten Spuckverbote liberal 1 geherrscht
haben. Durch diese Spuckverbote wollte man die Tuberkulose, wie
Sie wissen, bekampfen. Nun, diese Spuckverbote sind aus dem
Grunde lacherlich, weil jeder wissen sollte, daB schon das aller-
gewbhnlichste diffuse Sonnenlicht in der kiirzesten Zeit die Bazil-
len, die Tuberkelbazillen totet, so daB also, wenn Sie ein Sputum
nach einiger Zeit, nach ganz kurzer Zeit untersuchen, keine Tuber-
kelbazillen mehr drinnen sind. Das Sonnenlicht totet sofort diese
Bazillen. So daB also, selbst wenn die Voraussetzung der gewohn-
lichen Medizin richtig ware, selbst dann noch dieses Spuckverbot
etwas auBerordentlich Lacherliches sein wiirde. Solche Verbote
haben hochstens einen Sinn fiir die ganz gewohnliche Reinlichkeit,
aber nicht fiir die Hygiene im weitesten Sinne.
Aber fiir den, der nun wiederum anfangt, Tatsachen richtig zu
werten, hat das eine sehr, sehr groBe Bedeutung, denn es weist uns
ja darauf hin, daB der Angehorige der Tuberkel-Fauna oder -Flora,
der Bazillus, am Sonnenlicht sich nicht halten kann. Er kann sich
am Sonnenlicht nicht halten. Das paBt ihm nicht. Wann kann er
sich halten? Wenn er im Innern des menschhchen Leibes ist. Und
warum kann er sich da drinnen just halten? Nicht als ob er der
eigentliche Schadiger ware, aber dasjenige, was da drinnen tatig
ist, das ist das, was man aufsuchen muB. Und da beachtet man
etwas nicht. Wir sind fortwahrend vom Licht umgeben, von dem
Licht, das — wie Sie aus der Naturwissenschaft wohl behalten haben
- die groBte Bedeutung fiir die Entwickelung der auBermensch-
lichen Wesen hat, namentlich die groBte Bedeutung hat fiir die
Entwickelung der gesamten auBermenschlichen Flora. Wir sind von
diesem Lichte umgeben. An der Grenze zwischen uns und der
AuBenwelt geschieht aber mit diesem Lichte, also mit etwas rein
Atherischem, etwas sehr Bedeutsames: es wird umgewandelt. Und
es muB umgewandelt werden. Sehen Sie, gerade so, wie der Pflan-
zenwerdeprozeB vom Menschen aufgehalten wird, wie dieser Pflan-
zenwerdeprozeB, ich mochte sagen, abgebrochen wird und wie ihm
entgegengearbeitet wird durch den ProzeB der Entstehung der
Kohlensaure, so wird auch dasjenige, was im Lichtleben ist, im
Menschen abgebrochen. Suchen wir daher das Licht im Menschen,
so muB es etwas anderes sein, so muB es eine Metamorphose des
Lichtes sein. Wir finden in dem Augenblicke, wo wir die Grenze
des Menschen nach innen iiberschreiten, eine Metamorphose des
Lichtes. Das heiBt, der Mensch wandelt in sich nicht nur die ge-
wohnlichen auBeren ponderablen Naturvorgange um, sondern der
Mensch wandelt auch das Imponderable um, das Licht. Er macht
es zu etwas anderem. Wenn sich nun der Tuberkelbazillus im
Menschen wohl befindet, wahrend er am Sonnenlichte sofort kre-
piert, so bezeugt eine solche Tatsache, wenn man sie richtig wertet,
einfach, daB in dem Umwandelungsprodukt des Lichtes, das im
Innern des Menschen auftritt, das Lebenselement dieses Bazillus
schon ist, daB also, wenn er darinnen zu viel gedeiht, mit diesem
umgewandelten Lichte es irgendwie nicht richtig stehen muB. Und
Sie bekommen von da ausgehend eine Einsicht in die Tatsache, daB
in den Ursachen der Tuberkulose es auch liegen muB, daB mit die-
sem umgewandelten Lichte, mit dieser Metamorphose des Lichtes,
in dem Menschen etwas vorgeht, was eigentlich nicht vorgehen
sollte, sonst wiirde er nicht zu viel von den ja immer vorhandenen
Tuber kelbazillen aufnehmen. Sie sind ja immer da, nur daB sie
sonst in einer ungeniigenden Anzahl vorhanden sind; sie sind iiber-
reichlich vorhanden, wenn der Mensch der Tuberkulose unterliegt.
Sonst wiirde sich der Tuberkelbazillus nicht iiberall vorhanden
zeigen, wenn nicht etwas Unnormales da ware in bezug auf die
Entwickelung dieses metamorphosierten Sonnenlichtes.
Nun wird es ja nicht schwer sein, wiederum durch eine ge-
niigende Anzahl von Dissertationen und Privatdozentenabhand-
lungen auf diesem Gebiete herauszubekommen — das empirische
Material wird Ihnen nur so zufliegen fur die Dinge, die ich hier
natiirlich nur als Gesichtspunkte geben kann — , daB dasjenige, was
da eintritt, wenn der Mensch ein geeigneter Mutterboden fur die
Tuberkelbazillen wird, darinnen besteht, daB der Mensch entweder
nicht geniigend fahig ist, Sonnenlicht aufzunehmen, oder durch
seine Lebensweise nicht geniigend bekommt, so daB nicht ein
ordentlicher Ausgleich zwischen dem auf ihn eindringenden Son-
nenlicht und seiner Verarbeitung des Sonnenlichtes zu einer Meta-
morphose besteht, sondern daB er genotigt ist, Reserven zu holen
aus dem immer in ihm aufgespeicherten metamorphosierten Licht.
Das bitte ich Sie durchaus zu beriicksichtigen, daB der Mensch
einfach dadurch, daB er Mensch ist, fortwahrend aufgespeichertes
metamorphosiertes Licht in sich hat. Das ist notig zu seiner Orga-
nisation. Vollzieht sich der WechselprozeB zwischen dem Menschen
und dem auBeren Sonnenlicht nicht in der richtigen Weise, dann
wird ebenso, wie bei der Abmagerung dem Korper Fett entnom-
men wird, das er fur sich braucht, ihm unter solchen Einfliissen
das metamorphosierte Licht entzogen. Und der Mensch steht in
einem solchen Falle vor einem Dilemma, entweder sein Oberes
erkranken zu machen oder seinem Unteren zu entziehen dasjenige,
was er fur das Obere braucht, das heiBt: das Untere erkranken zu
machen, indem er ihm das metamorphosierte Licht entzieht.
Sie sehen daraus, daB der Mensch einfach zu seiner Organisation
nicht nur die von auBen her kommenden und umgewandelten
ponderablen Substanzen braucht, sondern daB eine richtige Be-
trachtung des Menschen uns darauf hinweist, daB in ihm auch im-
ponderable Substanzen, atherische Substanzen vorhanden sind, aber
in Metamorphose. Daraus ersehen Sie aber, wie wir durch solche
Grundlagen die Moglichkeit schaffen, gerade eine richtige An-
schauung auszubauen fur die heilende Wirkung des Sonnenlichtes,
zum Beispiel auf der einen Seite dadurch, daB wir den Menschen
direkt dem Sonnenlichte aussetzen, um wiederum zu regulieren
seinen in Unordnung gekommenen WechselprozeB mit dem um-
gebenden Sonnenlicht, oder ihn andererseits auszusetzen innerlich
solchen Substanzen, welche dasjenige ausgleichen, was sich in Un-
regelmaBigkeit abspielt als Entziehen des metamorphosierten Lich-
tes. Dieses Entziehen des metamorphosierten Lichtes muB man
paralysieren mit dem, was aus den Heilmitteln kommen kann. Da
konnen Sie hineinschauen in die menschliche Organisation.
Nun besteht fur den, der iiberhaupt die Welt betrachten kann,
das Eigentumliche, daB er — verzeihen Sie, wenn ich mich etwas
undiplomatisch ausdriicke — nach einiger Zeit — es ist aber ganz
objektiv, eigentlich ohne Sympathie und Antipathie gemeint, ob-
wohl man scheinbar dem widersprechen konnte, was ich sage —
eine gewisse Wut bekommt auf alles Mikroskopieren, auf alles
Untersuchen im Kleinen, weil das Mikroskopieren eigentlich eher
wegfiihrt von einer gesunden Auffassung des Lebens und seiner
Storungen, als es zu ihr fiihren kann. Denn alle wirklichen Pro-
zesse, die uns angehen im Menschen in seinem Gesund- und in
seinem Kranksein, konnen wir viel besser studieren im Makro-
skopischen als im Mikroskopischen. Wir miissen nur im Makro
kosmos die Geiegenheiten aufsuchen, um diese Dinge zu studieren.
Da bitte ich Sie zu beachten, daB das Vogelgeschlecht infolge
seiner mangelhaften Harnblase und seines mangelhaften Dick-
darms einen fortwahrenden kontinuierlichen Ausgleich hat zwi-
schen Aufnehmen und Abscheiden. Der Vogel kann im Fluge
abscheiden, er halt die Nahrungsiiberreste nicht in sich auf, er
lagert das nicht ab. Er hat dazu keine Geiegenheiten. Und wiirde
er sie ablagern, so ware es soglekh eine Krankheit, die ihn ruinie-
ren wiirde. Insofern wir Menschen sind, physische Menschen sind,
sind wir gewissermaBen — wie man entgegenkommend der heutigen
Anschauung sagen kann - iiber den Vogel hinausgeschritten in
seiner Entwickelung, wie man richtiger sagen konnte: unter den
Vogel heruntergestiegen. Fiir den Vogel ist tatsachlich nicht notig,
daB er jene starken Kampfe entwickelt gegen eine Darmflora, die
in ihm gar nicht vorhanden ist, wie sie notig ist beim hoheren
Tiere oder beim Menschen. Aber in bezug auf eine, ich mochte
sagen, etwas hoher gelegene Tatigkeit bei uns, in bezug auf die
Tatigkeit der Umwandelung des Atherischen zum Beispiel, was ich
jetzt besprochen habe, der Umwandelung des Lichtes in seiner
Metamorphose, da stehen wir auf dem Standpunkt des Vogels. Wir
haben einen physischen Dickdarm und eine physische Blase, aber
wir sind Vogel in bezug auf unseren Atherleib, was diese Organe
anbetrifft. Die sind tatsachlich im Kosmos dynamisch nicht vor-
handen. Da sind wir darauf angewiesen, daB wir unmittelbar, in-
dem wir das Licht empfangen, es auch verarbeiten und die Aus-
scheidungsprodukte wiederum abgeben. Und tritt da eine Stoning
ein, so ist sie eine Stoning, der gar kein Organ entspricht, die wir
also ohne Schadigung der Gesundheit nicht ohne weiteres ertragen
konnen. So daB wir, wenn wir den Vogel mit seinem kleinen
Gehirn betrachten, uns klar sein miissen, daJ3 er im Makrokos-
mischen ein Abbild unserer feineren Organisation ist. Wollen Sie
daher den Menschen studieren in bezug auf das, was als feinere
Organisation sich abdriickt in seiner groberen Organisation, die
unter den Vogel heruntergeschritten ist, dann miissen Sie eben
makrokosmisch die Vorgange der Vogelwelt studieren.
Nur mochte ich sagen — in der Klammer sei das bemerkt — : es
ware tatsachlich sehr traurig um das Leben der Menschen bestellt,
wenn sie in ihrem atherischen Organismus dieselbe Eigentiimlich-
keit gegeniiber dem Vogelgeschlecht hatten, wie sie sie in ihrem
physischen Organismus haben, da der atherische Organismus nicht
in dieser Weise von der AuBenwelt abgeschlossen sein kann. Es
wiirde bei der Ablagerung, sagen wir, des metamorphosierten Lich-
tes, wenn es dafiir auch Geruchsorgane gabe, etwas ganz Furcht-
bares herauskommen im Zusammenleben der Menschen. Doch, wie
gesagt, das soil nur in Klammer bemerkt sein. Es wiirde das auf-
treten, was wir erleben, wenn wir eben ein Schaf nach seinem Tode
offnen und das Innere dann zu genieBen haben, wahrend wir tat-
sachlich in bezug auf unser Atherisches als Menschen einander so
gegeniiberstehen, daB es sich vergleichen iafit mit dem durchaus
nicht unangenehmen Geruch, der zum Beispiel beim Offnen selbst
eines aasfressenden Vogels — verhaltnismaBig, relativ ist alles -
auftritt, gegeniiber dem Geruch, der auftritt, wenn wir namentlich
einen Wiederkauer offnen, aber auch ein Tier, das erst die Anlage
zum Wiederkauer hat, wie zum Beispiel das Pferd — es ist kein
wirklicher Wiederkauer, aber es hat in seiner Organisation die An-
lage zum Wiederkauer.
Es handelt sich also darum, nun zu untersuchen die Entspre-
chungen desjenigen, was in der auBeren Flora und Fauna vor sich
geht, mit dem, was im menschlichen Organismus in der intesti-
nalen Fauna und Flora vor sich geht, aber bekampft werden muB.
Und wollen wir den Zusammenhang zwischen irgendeinem Heil-
mittel und einem Organ feststellen, dann miissen wir von der all-
gemeinen Charakteristik, die wir heute entwickelt haben, zu der
besonderen Charakteristik der folgenden Vortrage iibergehen.
Aber nun gehen Sie von hier aus, wie wir auf der einen Seite
zu der Bekampfung gehen muBten der innermenschlichen, der in-
testinalen Fauna und Flora, indem wir im ZirkulationsprozeB etwas
entgegengesetzt finden ein Kampfen gegen das Entstehen des
Pflanzenwerdens, nun iiber zu dem eigentlichen Nerven-Sinnes-
menschen. Er ist doch viel bedeutender fur das Gesamtleben des
Menschen, als man gewohnlich glaubt. Dadurch, daB man die
Wissenschaft zu einer solchen Abstraktion erhoben hat, hat man
gar nicht die Moglichkeit gehabt, das in der entsprechenden Weise
zu beriicksichtigen, daB dieser Nerven-Sinnesmensch, durch den zum
Beispiel das Licht und die mit ihm verbundene Warme eigentlich
doch eindringt, mit dem inneren Leben innig zusammenhangt, weil
die Imponderabilien, die da mit dem Lichte eindringen, in den
Organen metamorphosiert werden miissen und die Imponderabilien
ebenso organbildend sind wie dasjenige, was in dem ponderablen
Reiche existiert. Man hat gar nicht beriicksichtigt, daB der Nerven-
Sinnesmensch fur die Organisation des Menschen von besonderer
Bedeutung ist. Aber wahrend wir, wenn wir tiefer hineinsteigen in
den unteren Menschen, aus der Darmflora bildenden Kraft in die
Darmfauna bildende Kraft hinuntersteigen, kommen wir, wenn wir
mehr hinaufsteigen in den Menschen, aus der Region, wo bekampft
wird die innere Flora, in das Gebiet, wo bekampft werden muB
fortwahrend das Mineralischwerden des Menschen, ich mochte
sagen, das Sklerotischwerden des Menschen. Sie konnen da, ich
mochte sagen, schon auBerlich an der starkeren Verknocherung des
Hauptes studieren, wie der Mensch, je mehr er sich nach oben ent-
wickelt, durch seine Organisation eben zum Mineralischwerden
neigt.
Dieses Mineralischwerden, das hat aber fur die ganze Organi-
sation des Menschen eine groBe Bedeutung; denn sehen Sie, hier
ist es, wo man immer wiederum darauf aufmerksam machen muB
— ich habe das sogar in offentlichen Vortragen schon getan — ,
daB man, wenn man den Menschen nun teilt in die drei Glieder:
Kopfmensch, Rumpfmensch, GliedmaBenmensch, man ja doch
wahrhaftig nicht denken soil, daB diese drei Glieder so nebenein-
ander stehen und auBere raumliche Grenzen haben. Der Mensch
ist natiirlich ganz Kopfmensch, qualitativ eingeteilt. Dasjenige,
was Kopf ist, dehnt sich wiederum iiber den ganzen Menschen aus,
ist nur hauptsachlich im Kopfe. Ebenso ist es mit den anderen, Zir-
kulation, GliedmaBen und Stoffwechsel, es dehnt sich immer iiber
den ganzen Menschen aus. So daB selbstverstandlich dasjenige, was
fur den Kopf- oder Hauptesmenschen vorhanden sein muB, als
Anlage im ganzen Menschen vorhanden ist, und diese Anlage des
Mineralischwerdens im ganzen Menschen bekampft werden muB.
Da liegt eben durchaus ein Gebiet, wo, wenn der heutige Mensch
alte Werke aufschlagt, die noch aus atavistischem Hellsehen her-
vorgegangen sind, er gar nichts mehr verstehen kann. Denn
schlieBlich die wenigsten lesen heute noch was Ordentliches her-
aus, wenn sie beim Paracelsus vom Salzprozesse lesen. Aber der
SalzprozeB liegt auf dem Gebiete, das ich jetzt eben charakterisiere,
geradeso wie der SchwefelprozeB auf dem Gebiete Uegt y das ich
vorhin charakterisiert habe.
Also es handelt sich darum, daB der Mensch in sich die Tendenz
hat, sich zu miner alisieren. Nun, geradeso aber, wie gewissermaBen
selbstandig werden kann dasjenige, was dem Fauna- und Flora-
prozeB zugrunde liegt, so kann fur den ganzen Menschen diese
Mineralisierungstendenz selbstandig werden. Dieser Mineralisie-
rungstendenz, wie ist ihr entgegenzuarbeiten? Ihr ist nicht anders
entgegenzuarbeiten als dadurch, daB man sie zersprengt, daB man
in sie gewissermaBen fortwahrend kleine Keile hineintreibt. Und
hier haben Sie das Gebiet, wo Sie betreten miissen den Ubergang
von der Serumtherapie durch die Pflanzentherapie zu der Mineral-
therapie, ohne die Sie doch nicht auskommen, weil Sie nur in den
Beziehungen der Mineralien zu dem, was im Menschen selbst
Mineral werden will, einen Anhaitspunkt haben, um all dasjenige
zu unterstiitzen, was unterstiitzt werden muB in dem Kampfe des
Menschen gegen die mineralisierende Tendenz, gegen das allge-
meine Sklerotischwerden. Da konnen Sie nun nicht auskommen —
und dieses Kapitel muB dann ausfiihrlich besprochen werden — ,
indem Sie einfach das Mineral in seinem auBeren Zustande in den
menschlichen Organismus einfuhren. Da tritt dasjenige ein, was
auf irgendein homoopathisches Prinzip in irgendeiner Form hin-
weist, was darauf hinweist, daB gerade aus dem Mineralreich die-
jenigen Krafte bloBgelegt werden miissen, welche der Wirksam-
keit des auBeren Mineralreiches entgegengesetzt sind.
Es ist ja aufmerksam darauf gemacht worden, und es ist richtig,
daB man einfach den Blick hinzuwerfen braucht auf den ganz
geringen mineralischen Gehalt mancher Quellen, die heilwirkend
sind, und man hat in diesen Quellen einen Homoopathisierungs-
prozeB, der ganz auffallig ist, der eben zeigt, daB tatsachlich in dem
Augenblicke, wo man befreit den mineralischen Zusammenhang
von den Kraften, die wir auBerlich iiberschauen, ganz andere Krafte
herauskommen, die man erst besonders loslosen muB dadurch, daB
man eben homoopathisiert. Doch dieses, wie gesagt, soil in einem
besonderen Kapitel besprochen werden. Aber dasjenige, was ich
Ihnen doch heute noch sagen mochte, das ist nun das Folgende. Wenn
Sie wirklich das ausfiihren — den jiingeren Herren lege ich das
besonders ans Herz — , daB Sie vergleichende Studien machen iiber
die Umformung des ganzen Darmsystems, sagen wir, von den
Fischen herauf iiber die Amphibien, Reptilien — besonders die
Beziehungen der Amphibien, Reptilien in bezug auf das Darm-
system sind auBerordentlich interessant — , hinauf zu dem Vogel auf
der einen Seite, zu dem Saugetiere und dann bis herauf zum Men-
schen auf der anderen Seite, so werden Sie finden, daB merkwiirdige
Umformungen der Organe stattflnden, das Auftreten zum Beispiel
der Blinddarme, desjenigen, was dann beim Menschen zum Blind-
darm wird, bei niederen Saugetieren oder da, wo die Vogelorgani-
sation etwas aus sich herausfallt und Blinddarmansatze beim Vogel
auftreten; die ganze Art und Weise dann, wie sich aus dem bei den
Fischen ja ganz und gar nicht vorhandenen Dickdarme — man kann
nicht reden von einem Dickdarm bei den Fischen — , durch den
Heraufgang durch sogenannte vollkommenere Ordnungen das er-
gibt, was Dickdarm ist, was dann Blinddarme und beim Menschen
Blinddarm ist — gewisse andere Tiere haben mehrere Blinddarme — :
da finden Sie ein merkwurdiges Wechselverhaltnis.
Auf dieses Wechselverhaltnis muBte eigentlich ein vergleichen-
des Studium sehr scharf hinweisen. Sie konnen einfach auBerlich
fragen — ja, Sie wissen, wie oft gefragt wird: Wozu ist denn nun
uberhaupt so etwas, was sich dann nach auBen abschlieBt, wie der
Blinddarm beim Menschen vorhanden? Es wird oftmals nach dieser
Sache gefragt. Wenn man eine solche Frage aufwirft, so beachtet
man gewohnlich das Folgende nicht: daB sich tatsachlich der
Mensch als eine Dualitat offenbart und daB, was entsteht, auf der
einen Seite im Unteren immer das Parallelorgan ist fur etwas, was
entsteht im Oberen, daB im Oberen gewisse Organe nicht entstehen
konnten, wenn sich nicht die Parallelorgane, gewissermaBen die
entgegengesetzten Pole im Unteren entwickeln konnten. Und je
mehr das Vorderhirn in der Tierreihe die Gestalt annimmt, welche
es beim Menschen dann entwickeit, desto mehr gestaltet sich der
Darm gerade nach der Seite hin aus, die zur Ablagerung der
Nahrungsiiberreste fiihrt. Es ist ein inniger Zusammenhang zwi-
schen der Darmbildung und der Gehirnbildung, und wiirde nicht
im Laufe der Tierreihe Dickdarm, Blinddarm auftreten, so konnten
auch nicht zuletzt denkende Menschen entstehen physischer Natur,
weil der Mensch sein Gehirn, sein Denkorgan auf Kosten, durch-
aus auf Kosten seiner Darmorgane hat. Und die Darmorgane sind
die getreue Reversseite der Gehirnorgane. Damit Sie auf der einen
Seite entlastet werden von physischer Tatigkeit fin* das Denken,
miissen Sie auf der anderen Seite Ihren Organismus belasten mit
demjenigen, wozu Veranlassung ist zur Belastung durch den aus-
gebildeten Dickdarm und die ausgebildete Blase. So daB gerade die
in der menschlichen physischen Welt vorkommende hochste geistig-
seelische Tatigkeit, insoferne sie gebunden ist an eine vollkommene
Ausbildung des Gehirnes, zugleich gebunden ist an die dazu geho-
rige Ausbildung des Darmes. Das ist ein auBerordentlich bedeut-
samer Zusammenhang, ein Zusammenhang, der auf das ganze
Schaffen der Natur ungeheuer viel Licht wirft. Denn Sie konnen
sich, wenn es auch etwas paradox klingt, nun sagen: Warum haben
denn die Menschen einen Blinddarm? — Damit sie in entsprechen-
der Weise menschlich denken konnen, konnen Sie sich zur Antwort
geben. Derm dasjenige, was sich da im Blinddarm ausbildet, das
hat sein Entgegengesetztes im menschlichen Gehirn. Alles auf der
einen Seite entspricht dem anderen.
Das sind Dinge, die man auf eine neue Art des Erkennens sich
wiederum erobern muB. Wir konnen natiirlich heute nicht den
alten Arzten nachplappern, die noch auf atavistischem Hellsehen
gefuBt haben; denn wir wurden da nicht zu viel kommen. Aber
wir miissen uns diese Dinge wieder erobern. Fur die Eroberung
dieser Dinge ist zunachst die reine materialistische Ausbildung der
Medizin, die solche Beziehungen iiberhaupt nicht sucht, eigentlich
ein rechtes Hindernis. Fur die heutige Naturwissenschaft und Me-
dizin ist halt das Gehirn ein Eingeweide und ist auch das, was im
Unterleib ist, ein Eingeweide. DaB man da denselben Fehler macht
eben, wie wenn man sagen wiirde: positive und negative Elektri-
zitat sind halt dasselbe, sind Elektrizitat, das beachtet man gar
nicht. Und es ist um so wichtiger, das zu beobachten, weil
geradeso, wie zwischen positiver und negativer Elektrizitat Span-
nung entsteht, die sich Ausgleiche sucht, fortwahrend im Men-
schen Spannung vorhanden ist zwischen dem Oberen und dem
Unteren. In der Beherrschung dieser Spannung liegt eigentlich
dasjenige, was man vorzugsweise auf medizinischem Felde zu
suchen hat. Diese Spannung, sie driickt sich auch aus — ich
will das heute andeuten, Sie werden das in spateren Betrach-
tungen hier weiter ausgefiihrt finden — in den Kraften, die auf
zwei Organe konzentriert sind, in der Zirbeldriise und in der soge-
nannten Schleimdriise. In der Zirbeldriise driicken sich alle die-
jenigen Krafte aus, die die oberen Krafte sind, und stehen gespannt
gegeniiber den Kraften der Schleimdriise, der Hypophysis cerebri,
die die unteren Krafte sind. Da ist ein wirkliches Spannungsverhalt-
nis. Wiirde man aus dem Gesamtbefinden des Menschen immer
sich eine Ansicht bilden iiber dieses Spannungsverhaltnis, dann
hatte man sehr gute Grundlagen fur den weiteren HeilungsprozeB.
Davon wollen wir dann morgen weiter reden. Sie werden schon
sehen, daB ich die Fragen alle hineinarbeite. Aber ich muB eben,
wie schon gesagt, dazu Grundlagen schaffen.
FUNFTER VORTRAG
Dornach, 25-Marz 1920
Indem wir in diesen Betrachtungen immer weiter vordringen zu
jenem speziellen Gebiete, wo die Pathologic in die Therapie ein-
dringen und zwischen beiden eine Briicke geschlagen werden soil,
wird es notwendig sein, allerlei Dinge zu erwahnen, die gewisser-
maBen fiir die Behandlung nur eine Art Ideal darstellen konnen
und die nicht im vollen Umfange uberall verwertet werden kon-
nen. Aber dennoch wird man, wenn man einen Uberblkk hat liber
dasjenige, was alles in Betracht kame bei Krankenbehandlung, aus
den Einzelheiten das eine oder das andere herausnehmen konnen
und wenigstens wissen, wie man eben fragmentarische Befunde
iiber die Krankheit zu bewerten hat.
Vor alien Dingen ist es notwendig, den Blick darauf zu werfen,
wie bedeutsam fiir die Behandlung auch des speziellsten Falles die
Erkenntnis des gesamten Menschen, den man vor sich hat, ist.
Diese Erkenntnis des gesamten Menschen sollte sich auf wichtigste
Lebensmomente eigentlich immer erstrecken. Und da mir manch-
mal Krankenbehandler Vertrauen geschenkt haben, mit mir iiber
das oder jenes gesprochen haben, war ich zum Beispiel oftmals
erstaunt, wenn ich gleich nach einigen Worten gefragt habe: Wie
alt ist der Kranke eigentlich? — und der Krankenbehandler keine
rechte Auskunf t dariiber geben konnte, das heiBt, sich nicht Rechen-
schaft dariiber gegeben hat, wie alt der betreffende Kranke ist. Es
ist, wie wir gerade in den nachsten Tagen sehen werden, etwas,
was zum Wesentlkhsten gehort, daB man vor alien Dingen mit
einer ziemlichen Genauigkeit iiber das Alter des Patienten sich
unterrichte, denri die Therapie ist in hohem Grade von dem Alter
des Patienten abhangig. Und wenn vorgestern hier von gewissen
Dingen angefiihrt wurde, daB sie in einzelnen Fallen auBerordent-
lich gut helfen, in anderen Fallen nicht, so liegt bei solchen Aus-
spnichen die Frage auBerordentlich nahe: Wie hangt mit dem
Nichthelfen das Lebensalter des betreffenden Patienten zusammen?
- Dariiber, iiber die Wirkungsweise des Lebensalters, miiBten vor
alien Dingen bei Heilmitteln ganz genaue Aufnahmen gemacht
werden.
Dann aber handelt es sich um folgendes: Man sollte immer
genau ins Auge fassen, wie der betreffende Patient eigentlich ge-
wachsen ist, ob er kurz und gedrungen oder lang und aufgeschos-
sen ist, und es ist von einer groBen Bedeutung, schon aus diesem,
dem Kurz- und Gedrungensein und dem Lang- und Aufgeschossen-
sein, zu entnehmen, welche Krafte dasjenige hat, was wir den
Atherleib im Menschen nennen. Es laBt sich — ich habe viel dar-
iiber nachgedacht — nicht vermeiden, und Sie werden es wahrschein-
lich auch gar nicht wiinschen, diese Ausdriicke, die nun schon ein-
mal zur Realitat des Menschen gehoren, diese Ausdriicke « Ather-
leib* und so weiter zu gebrauchen. Man konnte sie ja durch solche,
die bei Nichtanthroposophen beliebter sind, ersetzen; allein, das
werden wir vielleicht am Schlusse konnen. Jetzt wollen wir zur
besseren Verstandigung daran festhalten, wo es notig ist, doch
solche Ausdriicke zu gebrauchen. Den Atherleib also in seiner, ich
mochte sagen, Intensitat des Wirkens kann man daraus beurteilen,
wie gewachsen der betreffende Mensch ist. Aber man sollte sich
auch womoglich — wie gesagt, ich will alles anfuhren; es ist nicht
immer moglich, alles zu beriicksichtigen, da man einfach die Daten
nicht bekommt, aber es ist gut, von allem zu wissen - vor alien
Dingen erkundigen, ob im Jugendalter der Betreffende langsam
oder schnell gewachsen ist, das heiBt, ob er lange klein geblieben
ist oder ob er in verhaltnismaBig jungen Jahren schon hoch auf-
geschossen war und spater dann mit dem Wachsen zuriickgeblieben
ist. Alle diese Dinge weisen auf dasjenige hin, was man nennen
konnte Verhalten des atherischen Leibes, also sagen wir der funk-
tionellen AuBerungen des Menschen zu seinem physischen Leibe.
Und das muB beriicksichtigt werden, wenn man ein Verhaltnis
erkennen will zwischen dem Menschen und seinen Heilmitteln.
Ferner ist es auch notwendig, das Verhaltnis des physischen und
des atherischen Leibes zu den hoheren Gliedern der menschlichen
Wesenheit zu erkennen, zu dem, was wk den astralischeti Leib, also
das eigentlich Seelische, und das Ich, das eigentlich Geistige,
nennen. Es ist notwendig, daB man das von dem Patienten heraus-
bekommt. So zum Beispiel sollte man nicht vermeiden, die Frage
an ihn zu stellen, ob er viel oder wenig Traumleben hat. Wenn ein
Patient viel Traumleben hat, so ist das fur seine ganze {Constitu-
tion auBerordentlich bedeutend, denn es bezeugt, daB der astralische
Leib und das Ich eine Tendenz haben, eine eigene T'atigkeit zu ent-
falten, also sich nicht allzu stark und nicht allzu eingehend mit dem
physischen Leibe beschaftigen wollen, daB also die eigentlich
menschlich-seelischen Bildungskrafte nicht in das Organsystem des
Menschen einflieBen.
Ferner sollte man sich, wenn das vielleicht auch unbehaglich ist,
erkundigen dariiber, ob der betreffende Mensch beweglich, fleiBig
ist oder ob er zur Tragheit neigt. Denn Personhchkeiten, welche
zur Tragheit neigen, haben eine starke innere Beweglichkeit des
astralischen Leibes und des Ich. Es kann das paradox erscheinen,
aber diese Beweglichkeit wird ja nicht bewuBt, sie ist unbewuBt.
Und daher, weil sie unbewuBt ist, ist der betreffende Mensch dann
nicht etwa irgendwie im BewuBtsein fleiBig, sondern er ist im
Ganzen trage. Denn das, was ich hier als das Gegenteil von Trag-
heit bezeichne, ist die organische Fahigkeit, mit seinem hoheren
Menschen in den niederen Menschen einzugreifen, also von sei-
nem astralischen Leibe und von seinem Ich aus wirklich die
Tatigkeit uberzuleiten auf den physischen Leib und den Atherleib.
Und diese Fahigkeit ist beim Tragen eine sehr geringe. Der Trage
ist eigentlich, geisteswissenschaftlich genommen, ein schlafender
Mensch.
Dann sollte man sich erkundigen dariiber, ob der betreffende
Mensch kurzsichtig oder weitsichtig ist. Kurzsichtige Menschen sind
solche, welche ebenfalls eine gewisse Zuriickhaltung ihres Ich und
ihres astralischen Leibes haben gegeniiber dem physischen Leib,
und die Kurzsichtigkeit ist gerade eines der wichtigsten Zeichen
dafiir, daB man es mit einem Menschen, dessen Geistig-Seelisches
nicht in das Leiblich-Physische eingreifen will, zu tun hat.
Dann mochte ich auf etwas hinweisen, was vielleicht einmal
ausfiihrbar sein konnte, was auBerordentlich wichtig ware fur die
Krankenbehandlung und was, wie ich glaube, dann, wenn mehr
soziales Gefiihl auch in die einzelnen Berufsstande einziehen wiirde,
schon irgendeine praktische Bedeutung gewinnen konnte. Das ist:
Es ware auBerordentlich wichtig, wenn Zahnarzte ihre Kenntnis
vom Zahnsystem, Verdauungssystem und alledem, was damit zu-
sammenhangt, in der Weise ausniitzen wiirden — natiirlich muB
man die betreffenden Patienten dafiir gewinnen, aber wie gesagt,
bei einigem sozialem Gefiihle lieBe sich das vielleicht erreichen — ,
daB sie gewissermaBen eine Art Schema ihren Patienten bei jeder
Behandlung mitgeben, in dem sie notifizieren, wie sie die Wirk-
samkeit alles dessen, was mit dem Zahnwuchs zusammenhangt,
befunden haben, ob friihe Neigung zu Zahnkaries vorhanden ist
und dergleichen, ob die Zahne sich bis in ein spateres Alter gut
erhalten. Das ist, wie wir in den nachsten Tagen sehen werden,
auBerordentlich bedeutsam fur die Beurteilung der Gesamtorgani-
sation des Menschen. Und wiirde der Arzt, der einen einzelnen
Krankheitsfall zu behandeln hat, solch eine Signatur, ich mochte
sagen, Gesundheitssignatur des Menschen aus dem Zahnbefund
bekommen, so wiirde ihm das ein auBerordentlich wichtiger An-
haltspunkt sein konnen.
Dann ware es auBerordentlich wichtig, bei den Patienten, wenn
ich so sagen darf, ihre physischen Sympathien und Antipathien
kennenzulernen. Besonders bedeutsam ist es, zu konstatieren, ob
irgendein Mensch, den man zu behandeln hat, zum Beispiel gierig
ist auf Salz oder gierig ist auf irgend etwas anderes. Man miiBte
herausbekommen, nach welchen Nahrungsmitteln der Betreffende
besonders g'mrig ist. Ist er gierig auf alles Salzartige, dann hat man
es mit eineni Menschen zu tun, bei dem eine zu starke Verbindung
des Ich und des astralischen Leibes mit dem physischen Leib und
dem Atherleib vorhanden ist, bei dem gewissermaBen eine zu
starke Affinitat des Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Leiblichen
vorliegt. Ebenso sprechen fiir eine solche starke Affinitat die durch
auBere mechanische Vorgange, zum Beispiel durch schnelles Dre-
hen des Korpers, hervorgerufenen Schwindelanfalle. Man sollte sich
also iiberzeugen, ob der Mensch leicht Schwindelanfalle bekommt,
wenn er mechanische Bewegungen seines Korpers ausfiihrt.
Ferner sollte man sich immer unterrichten, und das ist ja wohl
ziemlich allgemein bekannt, iiber die Storungen der Absonderung,
iiber die gesamte Driisentatigkeit des Menschen, denn wo Storun-
gen der Absonderungen vorliegen, liegt immer auch eine Stoning
in dem Zusammenhalt des Ich und astralischen Leibes mit dem
Atherleib und physischen Leib vor.
So habe ich Ihnen einzelnes angegeben, was im Grunde genom-
men immer zunachst gekannt werden miiBte, wenn man einem
Patienten gegeniibertritt. Es ist einzelnes herausgegriffen, aber Sie
werden ja sehen, in welcher Richtung die betreffenden Dinge
gehen, insofern sie sich auf die Konstitution des Korpers selbst
beziehen. Im Laufe der Zeit werden wir auch davon sprechen, wie
man sich informieren soil iiber die Lebensweise, iiber die Mog-
lichkeit, gesunde oder schlechte Luft zu atmen und so weiter. Das
kann mehr bei der Besprechung der einzelnen Kapitel betrachtet
werden. Nun, auf diese Weise wird man zunachst eine Art Einblick
bekommen in die Art, wie der Mensch ist, den man zu behandeln
hat. Denn nur dann, wenn man das weiB, wird man im speziellen
in der Lage sein, festzustellen, wie man irgendein Heilmittel
mischen soli.
Nun mochte ich zunachst im allgemeinen darauf hinweisen, was
ja schon aus einzelnen Betrachtungen der vorhergehenden Tage
hervorgeht, daB eine innere Verwandtschaft des Menschen zu der
ganzen auBermenschlichen Welt besteht. Geisteswissenschaftlich
wird es oftmals so ausgesprochen, obwohl es zunachst abstrakt aus-
gesprochen ist, daB der Mensch die iibrigen Reiche im Laufe der
Entwickelung aus sich herausgesetzt hat und daB daher dasjenige,
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