Geisteswissenschaft und Medizin

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge Ober medizin 



4 



RUDOLF STEINER 



Geisteswissenschafr und Medizin 



Zwanzig Vortrage, 
gehalten in Dornach vom 21. Marz bis 9. April 1920 
vor Arzten und Medizinstudierenden 



1999 



RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafsverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden 



1. Auflage als Manuskriptdruck «Vortragszyklus fiir Arzte 
und Medizinstudierende» in zwanzig Einzelheften 
Stuttgart o. J. (1920) 

2. Auflage als Manuskriptdruck «Vortragszyklus fiir Arzte 
und Medizinstudierende» in zwei Heften 
herausgegeben von der Medizinischen Sektion am Goetheanum 

Dornach o. J. (1929) 
3. Auflage, unter dem Titel «Geisteswissenschaft und Medizin» 

Basel 1937 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1961 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1976 

6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1985 

7. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1999 



Bibliographie-Nr. 312 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefiihrt von Assja Turgenieff 
Zu den Tafelzeichnungen siehe Seite 389 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaEverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1976 by Rudolf Steiner-Nachlafwerwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3120-2 



Zu den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert sich 
in die drei groEen Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinstlerisches 
Werk (siehe die Ubersicht am SchluE des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft 
zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner 
urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie 
von ihm als «miindliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» 
gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhaf- 
te Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich ver- 
anlaftt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er 
Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographie- 
renden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe 
notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel 
nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, 
muE gegeniiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick- 
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, daE 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am SchluE 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaGen auch 
fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- 
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- 
kreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- 
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- 
unterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 2 1 . Marz 1920 

Die Wandlung der medizinischen Anschauungen im Laufe der 
Menschheitsentwickelung. Krankheit und Gesundheit. Der Stahlsche 
Vitalismus und seine Uberwindung. Das Auftreten und die Bedeutung 
der pathologischen Anatomie seit Morgagni. Humoralpathologie. Zel- 
lularpathologie. Krankheitsprozesse und Naturprozesse. Bedeutung 
der vergleichenden Anatomie. Formkrafte. Zur Muskelphysiologie. 
Troxlers Krankheitsbegriff. 

Zweiter Vortrag, 22. Marz 1920 

Herzlehre. Das Herz als Ausgleichsorgan zwischen oben und unten. 
Die Polaritat des menschlichen Organismus. Physiognomie der 
Krankheit. Hysterie als Ausdruck fur die Praponderanz der Stoffwech- 
selprozesse, Neurasthenie fur die Praponderanz der Sinnesprozesse. 
Tuberkulose: Disposition und Infektion. Bedeutung der einzelnen 
Symptome fur Verlauf und Heilung. 

Dritter Vortrag, 23. Marz 1920 

Verbindung der Pathologie und der Therapie durch die Diagnose. Der 
dreigliedrige Mensch. Motorische und sensitive Nerven. Suggestion 
und Hypnose. Beziehung der Heilmittel zum Menschen. Wachstums- 
metamorphosen bei der Pflanze. Anpassungsfahigkeit und Regenera- 
tion. Bildungskrafte und geistig-seelische Funktionen des Menschen. 
Grundlagen einer wirkhchkeitsgemaflen Psychologic Aufsteigende 
und absteigende Evolution. Blutbildungsprozefi und Milchbildungs- 
prozefi. 

Vierter Vortrag, 24. Marz 1920 

Rittersche Heilmittel. Herausarbeiten der Therapie aus der Patholo- 
gie. Kohlenstoffprozefi. Sauerstoffprozefi. AufJermenschliche und in- 
testinale Flora. Gedanken und Vorstellungsprozefi. Bazillentheorie und 
Krankheitsveranlagung. Sekretion und Denkvorgang. Metamorphose 
des Lichtes im Organismus und Tuberkulose. Das makroskopische 
Betrachten der Welt und Illusion der Mikroskopie. Salzprozefi und 
Schwefelprozeft Mineralisierungsprozefi. Parallelitat der Entwickelung 
der Darmformen und Hirnformen. 



Funfter Vortrag, 25. Marz 1920 96 

Allgemeine Menschenerkenntnis als Grundlage der Therapie. Anam- 
nese als Grundlage zur Beurteilung des ubersinnlichen Organismus. 
Mensch und Naturreiche. Homoopathie und Allopathic Loslichkeit, 
Salzbildung. Denkprozefi im Aufiermenschlichen. Mineralprozefi, 
Merkurialprozefi und Phosphorprozeft. Verhaltnis der Pflanze zum 
Menschen. Baumbildung, Mistel. Wurzelbildung, Blatt-, Bliite- und 
Fruchtbildung und ihre Beziehung zu Mineral-, Merkurial- und Phos- 
phorprozefi und zum Menschen. Zur Serumtherapie. 



Sechster Vortrag, 26. Marz 1920 117 

Pflanzenbildungsprozefi, Spiraltendenz. Planetenwirkung. Verhaltnis 
der Pflanze zum Menschen. Polaritat von Schwere und Licht. Herzta- 
tigkeit. Polaritat im menschlichen Organismus und Krankhek. Rachi- 
tis, Kraniotabes. Salz-, Phosphor- und Merkurprozefi. Metalle als pla- 
netarische Prozesse. Ihr Verhaltnis zur Pflanze. Verbrennung und Ver- 
aschung. Zur physikalischen Heilmethode. Tierische Heilstoffe . 



Siebenter Vortrag, 27. Marz 1920 138 

Die Beriicksichtigung der Lebensstufen des Menschen in der Heil- 
kunde. Chorea. Polyarthritis. Verschiedenheit der Therapie in den ver- 
schiedenen Lebensepochen. Verhaltnis der Lebensalter zu den Plane- 
ten. Vorkonzeptionelle Krankheitsursachen. Ossifikation. Sklerose. 
Karzinom. Hydrozephalie im Kindesalter und spatere Erkrankungen. 
Disposition zur Syphilis, Pneumonie und Pleuritis. Endokarditis. Pro- 
blematik des Heilens. Fieber als Ausdruck der Ich-Tatigkeit. Men- 
schenbildungsprozeft und Zellbildungsprozefi. Blei und Sklerose, 
Zinn und Hydrozephalie, Eisen und Lungenprozesse, Kupfer, Mer- 
kur, Silber. 



Achter Vortrag, 28. Marz 1920 157 

Der Aromatisierungsprozefi in der Pflanze und der Riechprozefi. Der 
Salzbildungsprozefi in der Pflanze und das Schmecken. Metamor- 
phose im menschlichen Organismus: Riechen, Schmecken, Sehen, 
Denken, Assoziation, Verdauen, Ausscheideprozesse durch Darm und 
Niere, Vorstellungsprozefi. Atmungsprozeft, Blut- und Lymphbil- 
dungsprozefi. Das Herz als Synthetiker. 



Neunter Vortrag, 29. Marz 1920 174 

Meteorologische Prozesse und ihre Beziehungen zu den Organen. Be- 
deutung von Luft, Wasser und Boden fiir die Erkrankung und Hei- 
lung bestimmter Organe. Kieselsaureprozeft und Kohlensaureprozeft 
als polare Geschehnisse im menschlichen Organismus. Differenzie- 
rung der Abscheidungsvorgange und ihre Beziehung zu den zwei Pro- 
zessen. Verwandtschaft der zwei Prozesse mit den Metallen. Geruch 
und Geschmack. 



Zehnter Vortrag, 30. Marz 1920 190 

Wirkungsweise von Anisum vulgare, Cichorium intybus. Equisetum 
arvense, Walderdbeere, Lavendel, Melisse. Beziehung des mensch- 
lichen Organismus zum Pflanzenreich und Mineralreich. Heilqualitaten 
der Pflanzen-Minerale und der Minerale. Ernahrungsweisen. Rohkost 
als Heilprozefi. Der peripherische und der zentrale Mensch. Verdau- 
ung, Absonderung, Harn- und Schweifibildung. Syphilis. Bildung des 
weiblichen Organismus. Bedeutung des Weiblichen und des Mann- 
lichen fiir die Ontogenese. 



Elfter Vortrag, 3 1 . Marz 1920 210 

Carbo vegetabilis. Chemie und Heilmittelherstellung. Kohlenbildung 
und Sauerstoffprozefl. Originare Lichterzeugung im oberen Men- 
schen. Nierenpathologie. Luftsphare, Warme- und Lichtzone, Fliissig- 
keitszone und die menschliche Pathologic Kalium carbonicum. Au- 
sternschalenbildungsprozefl. Erdbildung. Lungenbildung. Atmung. 
Hunger, Durst und ihre organischen Beziehungen. 



Zwolfter Vortrag, 1. April 1920 228 

Roncegno- und Levicowasser. Sauerstoff und Stickstoff und das Ver- 
haltnis von Ich-Astralleib und Atherleib-physischem Leib. Eiweift und 
die Organsysteme. Pflanzliches Eiweift Das Verhaltnis der Elemente 
Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoff und Wasserstoff zu Niere, Leber, 
Lunge, Herz. Meditative Methodik. Eisenstrahlung, Gegenwirkung 
des Eiweifies. Pflanzlicher und tierischer Kohlenstoff. Fluor, Magne- 
sium. Silicium. Basen und Sauren. Verdauung und Salzbildung. 



Dreizehnter Vortrag, 2. April 1920 246 

Tatigkeit des Atherleibes. Geschwulstbildung und Entzundungen als 
Folge unregelmafliger Tatigkeiten des Atherleibes. Polaritat von Ge- 
schwulstbildungsprozefl und EntziindungsprozefL Viscum album. 
Carbo vegetabilis. Psychiatrische Krankheitsbilder als Folge gestorter 
Organbildungsprozesse. Wirkung von Kaffee und Tee. Zuckergenull 



Vierzehnter Vortrag, 3. April 1920 263 

Urteilskraft und Hellsehen. Arbeit des Ich an den Wesensgliedern. 
Entziindungsprozeft Studium der Augenorganisation als Weg zur 
Wahrnehmung des Atherleibes. Therapie der Entziindungstendenz. 
Das Auge als Entzundungsprozefi. Das Ohr als Gesctrwulstbildungs- 
prozefi. Studium der Ohrbildung als Weg zur Wahrnehmung des 
Astralleibes. Rosmarin und Anregung der Ich-Krafte. Arnika und An- 
regung der Astralkrafte. 



Funfzehnter Vortrag, 4. April 1920 280 

Der Vogel und das Planetarische. Bildung und Verlust der Instinkte. 
Diabetes mellitus. Ich-Schwache. Der Pflanzenbildungsprozefi ist das 
Entgegenwachsen einem Tierbildungsprozeft. Der Tierbildungsprozefi 
im Menschen. Entsalzungsprozefi. Pflanzenheilmittel. WeiUbirke. 
Capsella bursa-pastoris. Cochlearia officinalis. Skorbut. Milzfunktion. 



Sechzehnter Vortrag, 5. April 1920 296 

Massage als Regulator rhythmischer Tatigkeit. Bedeutung der Massage 
einzelner Glieder fur den Organismus. Migrane. Farbentherapie. Hy- 
drotherapie. Bedeutung von Nachahmung und Autoritat. Dementia 
praecox. Psychoanalyse. Materialismus. Bedeutung der Zahne. Fluor- 
wirkung. 



Siebzehnter Vortrag, 6. April 1920 312 

Zahnentwickelung. Zahnverderbnis. Askulin. Chlorophyll. Uberwin- 
dung von Antiappetiten und Organbildung. Hohe und niedere Poten- 
zen. Temperament des Menschen. Ernahrungsprozefi und Alters- 
schwachsinn. Suggestion. 



Achtzehnter Vortrag, 7. April 1920 328 

Krankheitsursachen. Bazillentheorie. Tendenz der Pflanzen zur Tier- 
werdung. Mineralisierung der Pflanzen. Die Lunge als Erde. Wachen 
und Schlafen. Typhus. Katarrhalische Erkrankungen. Unterleibser- 
krankungen. Gang und Wuchs. Disposition zur Grippe. Diphtheric 
Meningitis. Alveolarpyorrhoe. Salzprozeft, Merkurprozeft und Sulfur- 
prozefi in den Lebensaltern. 



Neunzehnter Vortrag, 8. April 1920 346 

Vererbung. Rolle des Mannlichen und des Weiblichen. Zuckerkrank- 
heit und Geisteskrankheit. Bluterkrankheit. Antimon. Antimon als 
planetarische Wirkung. Gerinnungsfahigkeit des Blutes und Eiweifi- 
bildung. Antimonwirkungen. Austernschale. Auster als Speise. Ty- 
phus. Tollkirsche. 



Zwanzigster Vortrag, 9. April 1920 364 

Sinneswirkung und Aufienwelt. Ammoniaksalze. Ausscheidung und 
Absonderung. Lungentatigkeit. ZahnbildungsprozeU und Fluorpro- 
zefi. Peristaltik. Eurythmie, Tanz, Stricken, Hakeln. Zahnbildungspro- 
zefi und Verdauungsprozefi. Nux vomica. Der Mensch als siebenglied- 
riges Metall. Geisteskrankheit. Akute und chronische Krankheit. We- 
sen der Depression. GeisteswissenschaftHche Beurteilung medizini- 
scher Denkweise. 



Erklarung der Teilnehmer des Kurses (Faksimile, verkleinert) 386 



Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 387 

Hinweise zum Text 390 

Nachweis der Textanderungen 394 

Personenregister 395 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 397 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . 399 



Die Wiedergaben der Original- Wandtafelzeichnungen 
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band 
(vgl. die Randvermerke und den Text zu Beginn der Hinweise) 
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
«Rudolf Steiner — Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 

Band XXII 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:312 Seite:12 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 21. Mar* 1920 



Es ist ja ziemlich selbstverstandlich, daft von dem, was Sie wahr- 
scheinlich alle erwarten von der Zukunft des medizinischen Lebens, 
nur ein sehr geringer Teil in diesem Kursus wird angedeutet wer- 
den konnen, denn Sie alle werden ja mit mir darinnen iibereinstim- 
men, daB ein wirkliches, zukunftssicheres Arbeiten auf dem medi- 
zinischen Felde von einer Reform des medizinischen Studiums als 
solchem abhangt. Man kann nicht mit dem, was man in einem Kur- 
sus mitteilen kann, eine solche Reform des medizinischen Studiums 
auch nur im entferntesten anregen, hochstens in der Weise, daB in 
einer Anzahl von Menschen der Drang entsteht, mitzutun bei einer 
solchen Reform. Allein, was man auch heute auf medizinischem 
Felde bespricht, es hat ja immer zu seinem anderen Pol, zu seinem 
Hintergrunde die Art und Weise, wie die medizinische Arbeit vor- 
bereitet wird durch Betrachtungen der Anatomie, Physiologie, der 
ganzen Biologie, und durch diese Vorbereitungen werden die Ge- 
danken der Mediziner von vorneherein in eine bestimmte Richtung 
gebracht, und diese Richtung ist es vor alien Dingen, von der ab- 
gekommen werden muB. 

Dasjenige, was in diesen Vortragen beigebracht werden soil, das 
mochte ich erreichen dadurch, daB ich in einer Art von Programm 
verteile das zu Betrachtende in der folgenden Weise: Erstens mochte 
ich Ihnen einiges geben, das hinweist auf die Hindernisse, die im 
heutigen gebrauchlichen Studium bestehen gegen eine wirklich 
sachgemaBe Erfassung des Krankheitswesens als solchen. Zweitens 
mochte ich dann andeuten, in welcher Richtung eine Erkenntnis des 
Menschen zu suchen ist, die eine wirkliche Grundlage fiir das medi- 
zinische Arbeiten abgeben kann. Drittens mochte ich auf die Mog- 
lichkeiten eines rationellen Heilwesens hinweisen durch die Er- 
kenntnis der Beziehungen des Menschen zur iibrigen Welt. Ich 
mochte dann in diesem Teil die Frage beantworten, ob Heilung 



iiberhaupt moglich und zu denken ist. Viertens — und ich denke, 
das wird vielleicht das wichtigste Glied der Betrachtungen sein, das 
sich aber mit den anderen drei Gesichtspunkten wird verschlingen 
miissen — mochte ich, daB jeder von den Teilnehmern mir bis mor- 
gen oder iibermorgen auf einem Zettel seine besonderen Wunsche 
aufschreibt, das heiBt aufschreibt, was er gern horen mochte, wor- 
iiber er wiinscht, daB in diesem Kursus gesprochen werden soil. 
Diese Wunsche konnen sich auf alles mogliche erstrecken. Ich 
mochte durch diesen vierten Teil des Programms, der aber, wie ge- 
sagt, hineingearbeitet werden soil dann in die anderen drei Teile, 
erreichen, daB Sie von diesem Kursus nicht hinwegzugehen brau- 
chen mit dem Gefiihl, Sie h'atten vielleicht gerade dasjenige nicht 
gehort, was Sie zu horen wiinschten. Deshalb werde ich den Kursus 
so gestalten, daB all das, was Sie als Fragen, als Wunsche auf- 
zeichnen, in dem Kurse verarbeitet wird. Ich bitte Sie also, womog- 
lich bis morgen oder, wenn das nicht sein kann, bis iibermorgen bis 
zu dieser Stunde hier Ihre Aufzeichnungen iiber das von Ihnen Ge- 
wiinschte zu machen. So werden wir, denke ich, am besten eine Art 
von Vollstandigkeit, wie sie im Rahmen dieser Veranstaltungen 
liegt, erreichen konnen. 

Heute mochte ich nur eine Art von Einleitung geben, eine Art 
von orientierender Betrachtung. Ausgehen mochte ich davon, daB 
ja hauptsachlich von mir angestrebt wird, alles dasjenige zusammen- 
zutragen, was gewissermaBen aus geisteswissenschaftlichen Betrach- 
tungen heraus fur Arzte gegeben werden kann. Ich mochte nicht, 
daB verwechselt werde das, was ich versuchen werde, mit einem 
medizinischen Kursus, der es ja sein wird; aber es soli alles das- 
jenige, was von iiberallher fur Arzte wichtig sein kann, hauptsach- 
lich beriicksichtigt werden. Denn eine wirkliche arztliche Wissen- 
schaf t oder Kunst, wenn ich so sagen darf , wird ja doch nur dadurch 
erreicht, daB alle die Dinge, die in dem angedeuteten Sinne in Be- 
tracht kommen, fiir den Aufbau einer solchen arztlichen Wissen- 
schaft oder Kunst wirklich beriicksichtigt werden. 

Nur von einigen orientierenden Betrachtungen mochte ich heute 
ausgehen. Sie werden wahrscheinlich, wenn Sie nachgedacht haben 



iiber dasjenige, was Ihnen als Arzt zur Aufgabe gestellt isr, wohl 
des ofteren gestolpert sein iiber die Frage: Was ist derm Krankheit 
und was ist denn der kranke Mensch iiberhaupt? Selten findet man 
eigentlich eine andere Erklarung iiber Krankheit und den kranken 
Menschen als die — wenn sie auch maskiert ist durch diese oder 
jene scheinbar sachlichen Einschiebsel — , daB der Krankheitsprozefi 
eine Abweichung ist vom normalen LebensprozeB, daB durch ge- 
wisse Tatsachen, die auf den Menschen wirken und fur die der 
Mensch in seinem normalen LebensprozeB zunachst nicht angepaBt 
ist, Veranderungen in dem normalen LebensprozeB und in der Orga- 
nisation hervorgerufen werden und daB die Krankheit in diesen mit 
den Veranderungen verbundenen, funktionellen Beeintrachtigungen 
der Korperteile besteht. Nun werden Sie sich aber zugestehen 
mtissen, daB dies nichts weiter ist als eine negative Bestimmung der 
Krankheit. Es ist ja nicht irgend etwas, was einem helfen kann, 
wenn man es mit Krankheiten zu tun hat, und auf dieses Praktische 
mochte ich hier vor alien Dingen hinarbeiten, was einem helfen 
kann, wenn man es mit Krankheiten zu tun hat. Um auf das auf 
diesem Gebiete MaBgebliche zu kommen, scheint es mir doch gut zu 
sein, auf gewisse Ansichten hinzuweisen, welche im Laufe der Zeit 
iiber das Kranksein entstanden sind, nicht so sehr deshalb, weil ich 
das unbedingt fur notig hake fur die gegenwartige Erfassung der 
Krankheitserscheinungen, sondern weil es moglich ist, sich leichter 
zu orientieren, wenn man altere Anschauungen, die ja doch zu den 
gegenwartigen gefiihrt haben, iiber das Kranksein beriicksichtigen 
kann. 

Sie alle wissen, daB man gewohnlich, wenn man die Geschichte 
der Medizin betrachtet, hinweist auf die Entstehung der Medizin im 
alten Griechenland im fiinften und vierten Jahrhundert, daB man 
auf Hippokrates hinweist, und man kann sagen, wenigstens das 
Gefiihl wird dann hervorgerufen, als ob mit demjenigen, was bei 
Hippokrates als Anschauung auftritt und dann zur sogenannten 
Humoralpathologie gefiihrt hat, die im Grunde genommen bis ins 
neunzehnte Jahrhundert herein noch eine Rolle gespielt hat, ein 
Erstes fin* die Entwickelung des medizinischen Wesens im Abendlande 



gegeben sei. Das ist aber schon der erste Fundamentalirrtum, den 
man begeht und der eigentlich im Grunde genommen nachwirkt 
so, daB er verhindert, heute noch zu einer unbefangenen Anschau- 
ung iiber das Krankheitswesen zu kommen. Mit diesem Funda- 
mentalirrtum sollte zunachst aufger'aumt werden. Fiir den, der un- 
befangen gerade auf die Anschauungen des Hippokrates hinschaut, 
die, wie Sie ja vielleicht schon bemerkt haben werden, bis zu Roki- 
tansky herauf, also ins neunzehnte Jahrhundert hinein, eine Rolle 
spielen, sind diese Anschauungen nicht ein bloBer Anfang, sondern 
sie sind zugleich, und zwar in einem sehr bedeutenden MaBe, ein 
Ende alter medizinischer Anschauungen. Es tritt uns in dem, was 
von Hippokrates ausgeht, ich mochte sagen, ein letzter filtrierter 
Rest von uralten medizinischen Anschauungen entgegen, von An- 
schauungen, die nicht gewonnen worden sind auf den Wegen, auf 
denen man heute sucht, auf dem Wege der Anatomie, sondern die 
gewonnen worden sind auf dem Wege des alten atavistischen 
Schauens. Und man wiirde, wenn man zunachst abstrakt charakteri- 
sieren sollte die Stellung der Hippokratischen Medizin, eigentlich 
am besten sagen: mit ihr vollzieht sich das Aufhoren der alten, 
auf einem atavistischen Schauen beruhenden Medizin. AuBerlich 
gesprochen — aber es ist eben nur auBerlich gesprochen — , kann 
man sagen: die Hippokraten suchten alles Kranksein in einer nicht 
gehorigen Mischung derjenigen Fliissigkeitskorper, die im mensch- 
lichen Organismus zusammenwirken. Sie wiesen darauf hin, daB in 
einem normalen Organismus die Fliissigkeitskorper in einem be- 
stimmten Verhaltnisse stehen miissen, daB sie in dem kranken 
Korper eine Abweichung von diesen ihren Mischungsverhaltnissen 
erleiden. Als Krasis bezeichnete man die richtige Mischung, als 
Dyskrasis die unrichtige Mischung. Nun suchte man selbstverstand- 
lich dann einzuwirken auf die unrichtige Mischung, um sie wieder 
zuruckzufiihren in die richtige Mischung. Die vier Bestandteile, die 
man in der AuBenwelt sah als konstituierend alles physische Sein, 
das waren ja Erde, Wasser, Luft und Feuer — Feuer aber war das- 
selbe, was wir heute einfach W'arme nennen. Fiir den menschlichen 
Organismus — auch fiir den tierischen — sah man spezialisiert diese 



vier Elemente als schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut. 
Und man dachte sich, daB aus Blut, Schleim, schwarzer und gelber 
Galle in der richtigen Mischung der menschliche Organismus funk- 
tionieren miisse. 

Nun, wenn der heutige Mensch, so, wie man es sein kann, wissen- 
schaftlich vorbereitet an so etwas herantritt, so denkt er sich zu- 
nachst: indem sich Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle mischen, 
mischen sie sich in Gem'aBheit desjenigen, was ihnen als Eigenschaft 
innewohnt und was man so angeordnet als ihre Eigenschaft durch 
eine mehr oder weniger niedere oder hdhere Chemie feststellen 
kann. Und eigentlich in diesem Lichte, als wenn die Hippokraten 
auch gesehen hatten Blut, Schleim und so weiter nur in dieser Weise, 
stellt man sich eigentlich vor, daB diese Humoralpathologie ihren 
Ausgangspunkt genommen hat. Das ist aber eben nicht der Fall, 
sondern bloB von einem einzigen Bestandteile, von der schwarzen 
Galle, die eigentlich als das Hippokratischeste erscheint fur den 
heutigen Betrachter, dachte man sich, daB die gewbhnlichen chemi- 
schen Eigenschaften das sind, was auf das andere wirkt. Von allem 
iibrigen, von weiBer oder gelber Galle, von Schleim, von Blut, 
dachte man nicht etwa bloB an die Eigenschaften, die man durch 
chemische Reaktionen feststellen kann, sondern man dachte bei 
diesen fliissigen Bestandteilen des menschlichen Organismus — und 
ich werde mich immer auf diesen beschranken, auf den tierischen 
Organismus zun'achst keine Riicksicht nehmen — , daB diese Fliissig- 
keiten gewisse ihnen innewohnenden Eigenschaften von Kraften 
haben, die auBerhalb unseres irdischen Bestandes liegen. So daB 
also, wie man sich das Wasser, die Luft, die Warme als abhangig 
dachte von den Kraften des auBerirdischen Kosmos, man sich 
auch diese Bestandteile des menschlichen Organismus als durch- 
drungen von Kraften, die von auBerhalb der Erde kommen, dachte. 

Dieses Hinschauen auf Krafte, die von auBerhalb der Erde 
kommen, das hat man ja im Laufe der Entwickelung der abend- 
landischen Wissenschaft ganz verloren. Und fur den heutigen Wis- 
senschafter erscheint es geradezu kurios, wenn man ihm zumutet, 
zu denken, das Wasser solle nicht nur diejenigen Eigenschaften 



haben, welche ihm zukommen als chemisch nachweisbar, sondern 
es soil auch, indem es in den menschlichen Organismus hineinwirkt, 
Eigenschaften haben, die es hat als Angehoriger des auBerirdischen 
Kosmos. Es werden also durch die Fliissigkeitsbestandteile, die in 
dem menschlichen Organismus sind, in diesen Organismus, nach 
der Ansicht der Alten, Kraftewirkungen hineingetragen, die aus 
dem Kosmos selber stammen. Auf diese Kraftewirkungen, die aus 
dem Kosmos selber stammen, wurde eben nach und nach nicht mehr 
die geringste Riicksicht genommen. Dennoch hat man aufgebaut 
das medizinische Denken bis ins fiinfzehnte Jahrhundert hinein auf 
dasjenige, was gewissermaBen ubriggeblieben war von der filtrierten 
Anschauung, die bei Hippokrates uns entgegentritt. Und daher ist 
es so schwierig fur den heutigen Wissenschafter, iiberhaupt zu ver- 
stehen altere Werke der Medizin, die vor dem fiinfzehnten Jahr- 
hundert liegen, denn es muB schon gesagt werden: die meisten der 
Menschen, die da geschrieben haben, haben selbst gar nicht einmal 
ordentlich verstanden, was sie geschrieben haben. Sie haben geredet 
iiber die vier Grundbestandteile des menschlichen Organismus, aber 
warum sie sie in dieser oder jener Weise charakterisierten, das fuhrte 
zuriick auf ein Wissen, das eigentlich mit Hippokrates schon unter- 
gegangen war. Man sprach noch iiber die Nachwirkungen dieses 
Wissens, iiber die Eigenschaften der Fliissigkeiten, die den mensch- 
lichen Organismus zusammengesetzt haben. Daher ist im Grunde 
genommen dasjenige, was entstanden ist durch Galen und dann bis 
ins fiinfzehnte Jahrhundert nachgewirkt hat, ein Zusammenstellen 
von alten Erbschaften, die unverstandlicher und unverstandlicher 
geworden sind. Aber einzelne Menschen gab es immer, welche eben 
einfach aus dem, was da war, noch erkennen konnten: da ist auf 
irgend etwas hinzuweisen, was nicht sich erschopft in dem chemisch 
Feststellbaren oder in dem physisch Feststellbaren, in dem rein 
Irdischen. Und zu diesen Menschen, die wuBten: da ist auf etwas 
hinzuweisen im menschlichen Organismus, wodurch die fliissigen 
Substanzen in ihm anders wirken, als man es chemisch konstatieren 
kann, zu diesen Bekampfern also der landlaufigen Humoralpatho- 
logie gehoren vorzugsweise — ich konnte auch andere Namen 



nennen - Paracelsus und van Helmont, die gerade um die Wende 
des fiinfzehnten, sechzehnten Jahrhunderts ins siebzehnte Jahr- 
hundert hinein einen neuen Zug gebracht haben in das medizinische 
Denken, indem sie einfach, konnte man sagen, etwas versuchten zu 
formulieren, was die anderen schon nicht mehr formuliert haben. 
Aber in der Formulierung war etwas enthalten, was man eigentlich 
nur noch verfolgen konnte, wenn man etwas hellseherisch war, wie 
es ja Paracelsus und van Helmont ganz entschieden waren. Wir 
miissen uns schon alle diese Dinge klarmachen, sonst werden wir 
uns nicht verstandigen konnen iiber dasjenige, was auch heute noch 
der medizinischen Terminologie anhaftet, was aber gar nicht mehr 
seinem Ursprung nach erkennbar ist. So haben denn Paracelsus und 
spater unter seinem EinfluB andere angenommen als die Grundlage 
fur das Wirken der Fliissigkeiten im Organismus den Archaus. Den 
Archaus hat er angenommen, so wie wir etwa sprechen von dem 
Atherleib des Menschen. 

Wenn man so wie Paracelsus von dem Archaus spricht, wenn 
man so spricht, wie wir sprechen von dem Atherleib des Menschen, 
so faBt man eigentlich etwas zusammen, das da ist, das man aber 
seinem eigentlichen Ursprunge nach nicht verfolgt. Denn wiirde 
man es seinem eigentlichen Ursprunge nach verfolgen, so miiBte 
man in der folgenden Art vorgehen. Man miiBte sagen: Der Mensch 
hat einen physischen Organismus (siehe Zeichnung Seite 20), der ist Tafei 1* 
im wesentlichen aus Kraften konstituiert, die aus dem Irdischen 
wirken, und er hat einen atherischen Organismus (siehe Zeichnung 
Seite 20 rot), der ist im wesentlichen aus Kraften konstituiert, die aus 
dem Umkreise des Kosmos wirken. Unser physischer Organismus 
ist gewissermaBen ein Ausschnitt der ganzen Organisation der Erde. 
Unser Atherleib und auch der Paracelsussche Archaus ist ein Aus- 
schnitt aus demjenigen, was nicht zur Erde gehort, was also von 
alien Seiten des Kosmos ins Irdische hereinwirkt. So daB also 
Paracelsus dasjenige, was man friiher einfach als das Kosmische im 
Menschen bezeichnete und was mit der hippokratischen Medizin 
untergegangen ist, zusammengefaBt sah in seiner Anschauung eines 
atherischen Organismus, der dem physischen zugrunde liegt. Er hat 



* 7n In "Wanrlrafpln dehp S 389. 



19 



Tafel 1 




dann nicht weiter untersucht — er hat ja im einzelnen zwar hinge- 
deutet, aber eben nicht weiter untersucht — , mit welchen auBer- 
irdischen Kraften das im Zusammenhang steht, was in diesem 
Archaus eigentlich wirkt. 

Nun kann man sagen: Immer weniger und weniger ist verstand- 
lich geblieben dasjenige, was da eigentlich gemeint ist. Das zeigt 
sich ja ganz besonders, wenn wir dann vorriicken bis ins siebzehnte, 
achtzehnte Jahrhundert und uns entgegentritt die Stahlsche Medizin, 
welche nichts mehr versteht von diesem Hereinwirken des Kos- 
mischen in das Terrestrische. Die Stahlsche Medizin nimmt alle 
moglichen Begriffe zu Hilfe, die rein in der Luft schweben, Begriffe 
von Lebenskraft, Begriffe von Lebensgeistern. Wahrend noch Para- 
celsus und van Helmont mit einer gewissen BewuBtheit sprachen 
von etwas, was zwischen dem eigentlich Geistig-Seelischen des 
Menschen und der physischen Organisation liegt, reden Stahl und 
seine Anhanger so, als ob das BewuBt-Seelische nur in einer 
anderen Form hineinspiele in die Strukturgebung des menschlichen 
Leibes. Dadurch riefen sie natiirlich eine starke Reaktion hervor. 
Denn wenn man in dieser Weise vorgeht und eine Art von hypo- 
thetischem Vitalismus begriindet, dann kommt man eigentlich in 
rein willkiirliche Aufstellungen hinein. Gegen diese willkiirlichen 
Aufstellungen ist namentlich das neunzehnte Jahrhundert dann 



angegangen. Man kann sagen: Nur so groBe Geister wie zum Bei- 
spiel Johannes Muller, der 1858 gestorben ist, der Lehrer von Ernst 
Haeckel, kamen dariiber hinaus, all die Schadlichkeiten einiger- 
mafien zu iiberwinden, die von dieser unklaren Sprechweise iiber 
den menschlichen Organismus herriihrten, die darin bestand, daB 
man einfach wie von seelischen Kraften von Lebenskraften ge- 
sprochen hat, die wirken sollen im menschlichen Organismus, ohne 
daB man sich deutlich vorzustellen hatte, wie sie wirken sollen. 

Nun kam aber, wahrend all das geschah, eine ganz andere Stro- 
mung herauf. Wir haben gewissermaBen jetzt die auslaufende 
Stromung verfolgt bis in ihre letzten Auslaufer hinein. Aber mit 
der neueren Zeit kam eben dasjenige herauf, was nun in einer an- 
deren Weise ausschlaggebend geworden ist fur die medizinische 
Begriffsbildung namentlich des neunzehnten Jahrhunderts. Das fallt 
im Grunde zuriick auf ein einziges ungemein stark ausschlaggeben- 
des Werk des achtzehnten Jahrhunderts erst, das «De sedibus et 
causis morborum per anatomen indagatis» von Morgagni, dem Arzt 
in Padua, mit dem etwas ganz Neues heraufgekommen ist, etwas, 
das im wesentlichen den materialistischen Zug in der Medizin ein- 
geleitet hat. Man muB diese Dinge ganz objektiv charakterisieren, 
nicht mit Sympathien und Antipathien. Denn dasjenige, was mit 
diesem Werk heraufkam, das ist die Hinlenkung des Blickes auf die 
Folgen des Krankseins im menschlichen Organismus. Der Leichen- 
befund wurde ausschlaggebend. Eigentlich erst von dieser Zeit an 
kann man sagen: Der Leichenbefund wurde ausschlaggebend. Man 
sah an der Leiche, daB wenn diese oder jene Krankheit, gleich- 
giiltig, wie man sie benannte, gewirkt hat, so muB dieses oder jenes 
Organ diese oder jene Veranderung erfahren. Man fing nun an, 
diese oder jene Veranderung eben aus dem Leichenbefund heraus zu 
studieren. Eigentlich beginnt da erst die pathologische Anatomie, 
wahrend alles dasjenige, was fruher in der Medizin da war, auf 
einem gewissen Fortwirken noch des alten hellseherischen Ele- 
mentes beruhte. 

Interessant ist es nun, wie mit einem Ruck, mochte ich sagen, 
sich der groBe Umschwung dann endgiiltig vollzogen hat. Man 



kann ja geradezu auf zwei Jahrzehnte hinweisen — und das ist inter- 
essant — , in denen sich der groBe Umschwung vollzogen hat, durch 
den verlassen wurde alles das, was noch als Erbschaft vom alten da 
war, und durch den begriindet wurde auch die atomistisch-materia- 
listische Anschauung im modernen Medizinwesen. Wenn Sie sich 
einmal die Miihe nehmen und die im Jahre 1842 erschienene «Pa- 
thologische Anatomie» von Rokitansky durchnehmen, dann werden 
Sie finden: Bei Rokitansky ist noch immer vorhanden ein Rest der 
alten Humoralpathologie, noch ein Rest von der Anschauung, daB 
auf einem nicht normalen Zusammenwirken der Safte das Krank- 
sein beruht. Diese Anschauung, daB man hinwenden miisse den 
Blick auf diese Saftemischung — das kann man aber nur, wenn man 
noch Erbschaften hat der Anschauung iiber die auBerirdischen 
Eigenschaften der Safte — , wurde sehr geistreich zusammen ver- 
arbeitet durch Rokitansky mit dem Beobachten der Veranderungen 
der Organe. So daB eigentlich in dem Buch von Rokitansky immer 
zugrunde liegt die Beobachtung der Organveranderung durch den 
Leichenbefund, aber verbunden damit ein Hinweis darauf, daB diese 
spezielle Organveranderung unter dem EinfluB einer abnormen 
Saftemischung zustande gekommen ist. Da haben Sie 1842, ich 
mochte sagen, das letzte, was auftritt von der Erbschaft der alten 
Humoralpathologie. Wie sich hineinstellten in dieses Untergehen 
der alten Humoralpathologie die nach der Zukunft hinweisenden 
Versuche, mit umfassenderen Krankheitsvorstellungen zu rechnen, 
wie zum Beispiel der Versuch von Hahnemann, davon wollen wir 
dann in den nachsten Tagen sprechen, denn das ist zu wichtig, um 
es bloB in einer Einleitung darzustellen. Ahnliche Versuche miissen 
im Zusammenhang besprochen werden, dann in den Einzelheiten. 

Jetzt will ich aber darauf aufmerksam machen, daB nun die zwei 
nachsten Jahrzehnte nach dem Erscheinen der «Pathologischen 
Anatomie» von Rokitansky die eigentlich grundlegenden Jahr- 
zehnte geworden sind fur die atomistisch-materialistische Betrach- 
tung des medizinischen Wesens. Es spielt das Alte noch ganz merk- 
wiirdig in die Vorstellungen, die in der ersten Halfte des neun- 
zehnten Jahrhunderts sich gebildet haben, hinein. Da ist es inter- 



essant, zu beobachten, wie zum Beispiel Schwann, der ja, man 
konnte sagen, der Entdecker der Pflanzenzelle ist, noch die Ansicht 
hat, daB zugrunde liegt der Zellbildung eine Art ungeformter Fliis- 
sigkeitsbildung, was er als Blastem bezeichnet, wie sich da aus dieser 
Fiiissigkeitsbildung heraus verh'artet der Zellkern und herumglie- 
dert das Zellprotoplasma. Es ist interessant zu beobachten, wie 
Schwann noch zugrunde legt ein fliissiges Element, das in sich Eigen- 
schaften hat, die darauf hinauslaufen, sich zu differenzieren, und 
wie durch dieses Differenzieren dann das Zellige entsteht. Es ist 
interessant, zu verfolgen, wie spater dann die Anschauung sich nach 
und nach allmahlich herausbildet, die man zusammenfassen kann 
in die Worte: Der menschliche Organismus baut sich aus Zellen auf. 
Das ist ja eine Anschauung, die heute ungefahr gang und gabe ist, 
daB die Zelle eine Art Elementarorganismus ist und daJ3 sich der 
menschliche Organismus aus Zellen aufbaut. 

Nun, diese Anschauung, die noch Schwann, ich mochte sagen, 
ganz gut zwischen den Zeilen hat, sogar mehr als zwischen den 
Zeilen, ist im Grunde genommen der letzte Rest des alten medizi- 
nischen Wesens, denn sie geht nicht auf das Atomistische. Sie be- 
trachtet dasjenige, was atomistisch auftritt, das Zellenwesen, als 
hervorgehend aus etwas, das man niemals, wenn man es ordentlich 
betrachtet, atomistisch betrachten kann, aus einem fliissigen Wesen, 
das Krafte in sich hat und das Atomistische erst aus sich heraus 
differenziert. Also in diesen zwei Jahrzehnten, in den vierziger und 
funfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, geht die alte An- 
schauung, die universeller ist, ihrem letzten Ende entgegen und 
dammert dasjenige auf, was atomistische medizinische Anschauung 
ist. Und das ist voll da, als 1858 erscheint die «Zellularpathologie» 
von Virchow. Zwischen diesen zwei Werken muB man eigentlich 
einen ungeheuer sprunghaften Umschwung in dem neueren medi- 
zinischen Denken sehen, zwischen der « Pathol ogischen Anatomie» 
1842 von Rokitansky und der «Zellularpathologie» 1858 von Vir- 
chow. Durch diese Zellularpathologie wird im Grunde genommen 
alles, was auftritt im Menschen, abgeleitet von Veranderungen der 
Zellenwirkung. Im Grunde genommen betrachtet man es dann in 



der offiziellen Anschauungsweise als ein Ideal, alles aufzubauen auf 
die Veranderungen der Zelle. Man sieht geradezu darin das Ideal, 
die Veranderung der Zelle im Gewebe eines Organs zu studieren 
und aus der Veranderung der Zelle heraus die Krankheit begreifen 
zu wollen. Man hat es ja leicht mit dieser atomistischen Betrach- 
tung, denn nicht wahr, sie liegt im Grunde, ich mochte sagen, auf 
der flachen Hand. Man kann alles so hinstellen, leicht begreiflich. 
Und trotz alien Fortschritten der neueren Wissenschaft geht diese 
neuere Wissenschaft eigentlich immer darauf aus, moglichst alles 
leicht zu begreifen und nicht zu bedenken, daB das Naturwesen und 
das Weltenwesen iiberhaupt etwas auBerordentlich Kompliziertes 
ist. 

Nicht wahr, man kann so leicht experimentell zeigen, daB zum 
Beispiel eine Amobe im Wasser ihre Form verandert, die arm- 
artigen Gebilde, Fortsatze, ausstreckt, wieder einzieht. Man kann 
dann die Fliissigkeit, in der die Amobe schwimmt, erwarmen. Man 
wird dann sehen, daB das Ausstrecken und ebenso das Einziehen 
der Fortsatze lebhafter wird, bis man die Temperatur zu einem ge- 
wissen Punkt bringt. Dann zieht sich die Amobe zusammen und 
kann nicht mehr weiter mitgehen mit diesen Veranderungen, die in 
dem umgebenden Medium vorgehen. Man kann dann in die Fliis- 
sigkeit hineinleiten einen Strom: man beobach tet dann die Amobe, 
sie bildet ihren Korper kugelartig aus und platzt zum SchluB, wenn 
der Strom zu stark hineingeleitet wird. Also man kann studieren 
seibst wie die einzelne Zelle sich verandert unter dem EinfluB der 
Umgebung, und man kann dann daraus eine Theorie bilden, wie 
durch Veranderung des Zellwesens sich nach und nach das Krank- 
heitswesen aufbaut. 

Was ist das Wesentliche all dessen, was da heraufgekommen ist 
durch den Umschwung, der sich in zwei Jahrzehnten vollzogen hat? 
Was da heraufgezogen ist, es lebt eigentlich fort in allem, was heute 
die offizielle medizinische Wissenschaft durchdringt. In dem, was 
da heraufgezogen ist, lebt eben doch nichts anderes als der all- 
gemeine Zug, die Welt atomistisch zu begreifen, wie er sich eben 
im materialistischen Zeitalter herausgebildet hat. 



Nun bitte ich Sie, doch das Folgende zu beachten. Ich ging aus 
davon, daJ3 ich Sie aufmerksam machte, daB derjenige, der es heute 
mit dem Arbeiten in der Medizin zu tun hat, sich ganz notwendiger- 
weise doch die Frage vorlegen muB: Was sind denn eigentlich die 
Krankheiten fur Prozesse? Wie unterscheiden sie sich denn von den 
sogenannten Normalprozessen des menschlichen Organismus? Denn 
nur mit einer positiven Vorstellung iiber diese Abweichung kann 
man doch arbeiten, wahrend die Darstellungen, die man gewohn- 
lich findet und die gegeben werden in der offiziellen Wissenschaft, 
eigentlich nur negativ sind. Es wird nur darauf hingewiesen, daB 
eben solche Abweichungen da sind. Und dann probiert man, wie 
man etwa die Abweichungen beseitigen konne. Aber eine durch- 
greifende Anschauung iiber das Menschenwesen ist ja eigentlich 
nicht vorhanden. Und an dem Mangel einer solchen durchgreifen- 
den Anschauung iiber das Menschenwesen krankt im Grunde ge- 
nommen unsere ganze medizinische Anschauung. Denn was sind 
denn die Krankheksprozesse? Sie werden doch nicht umhin konnen, 
sich zu sagen, daB es Naturprozesse sind. Sie konnen doch nicht 
einen abstrakten Unterschied konstruieren ohne weiteres zwischen 
irgendeinem NaturprozeB, der drauBen verlauft und dessen Folgen 
Sie verfolgen, und zwischen einem Krankheitsprozesse. Den Natur- 
prozeB, Sie nennen ihn normal, den KrankheitsprozeB nennen Sie 
abnorm, ohne eigentlich darauf hinzuweisen, warum nun dieser 
ProzeB im menschlichen Organismus ein abnormer ist. Man kann 
ja zu keiner Praxis kommen, wenn man nicht wenigstens sich Auf- 
schluB dariiber geben kann, warum der ProzeB abnorm ist. Dann 
erst kann man irgendwie nachforschen danach, wie man ihn auf- 
heben kann. Denn man kann dadurch erst darauf kommen, aus 
welcher Ecke des Weltendaseins das Hinwegschaffen eines solchen 
Prozesses moglich ist. SchlieBlich ist sogar das Bezeichnen als ab- 
norm ein Hindernis. Denn warum sollte denn mancher ProzeB im 
Menschen abnorm genannt werden? Selbst wenn ich mich in den 
Finger schneide, so ist das nur relativ abnorm fur den Menschen, 
denn wenn ich mich nicht in den Finger schneide, sondern ein 
Snick Holz schneide zu irgendeiner Form, so ist das ein normaler 



ProzeB. Just, wenn ich mich in den Finger schneide, so nenne ich 
das einen abnormen ProzeB. Damit, nicht wahr, daB man gewdhnt 
ist, just andere Prozesse zu verfolgen, als sich in den Finger zu 
schneiden, ist ja gar nichts gesagt, es sind bloB Wortspiele eigent- 
lich in die Welt gesetzt. Denn dasjenige, was geschieht, wenn ich 
mich in den Finger schneide, ist von einer gewissen Seite her ahn- 
lich in seinem Verlauf, ganz ebenso normal wie irgendein anderer 
NaturprozeB. 

Die Aufgabe ist, nun wirklich darauf zu kommen, welcher 
Unterschied besteht zwischen den Prozessen im menschlichen Orga- 
nismus, die wir als Krankheitsprozesse bezeichnen und die doch im 
Grunde genommen ganz normale Naturprozesse sind, nur eben 
durch bestimmte Ursachen hervorgerufen sein miissen, und den- 
jenigen Prozessen, die wir gewohnlich als die gesunden bezeichnen 
und die die alltaglichen sind. Dieser durchgreifende Unterschied 
muB gefunden werden. Er wird nicht gefunden werden, wenn man 
nicht eingehen kann auf eine Betrachtungsweise des Menschen, die 
zum menschlichen Wesen wirklich fuhrt. Dazu mochte ich Ihnen 
in dieser Einleitung wenigstens die ersten Elemente aufzeichnen, 
die wir dann im einzelnen im Detail weiter ausfiihren wollen. 

Sie Werden es begreifen, daB ich hier in diesen Vortragen, die ja 
nur in einer beschrankten Anzahl gehalten werden konnen, haupt- 
sachlich dasjenige gebe, was Sie sonst in Biichern oder Vortragen 
eben nicht finden, und dasjenige voraussetze, was man eben sonst 
nnden kann. Ich glaube nicht, daB es besonders wertvoll ware, 
wenn ich Ihnen irgendeine Theorie geben wiirde in Aufstellungen, 
die Sie sonst auch finden konnten. Daher verweise ich Sie an diesem 
Punkt an dasjenige, was sich Ihnen ergeben kann, wenn Sie einfach 
miteinander vergleichen das, was Sie sehen, wenn Sie vor sich stel- 
len ein Menschenskelett und das Skelett, sagen wir eines Gorillas, 
eines sogenannt hochstehenden Affen. Wenn Sie diese zwei Ske- 
lette rein auBerlich miteinander vergleichen, so werden Sie bemer- 
ken als Wesentliches, daB beim Gorilla vorhanden ist einfach der 
Masse nach eine besondere Ausbildung des ganzen Unterkiefer- 
systems. Das Unterkiefersystem steht gewissermaBen als Lastendes 



im ganzen Kopfskelett drinnen, und man hat das Gefiihl, wenn 
man den Gorillakopf ansieht (siehe Zeichnung Scite 27, links) mit 
seinem machtigen Unterkiefer, daB dieses Unterkiefersystem in 
irgendeiner Weise lastet, nach vorne driickt das ganze Skelett, daB 
der Gorilla, ich mochte sagen, mit einer gewissen Anstrengung sich 
aufrecht erhalt gegen dieses Lastende, das da wirkt, namentlich im 
Unterkiefer. 



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Tafel 1 



Aber dasselbe Lastsystem finden Sie gegeniiber dem mensch- 
lichen Skelett, wenn Sie das Skelett der Vorderarme mit den daran- 
hangenden Vorderhanden ins Auge fassen. Die wirken schwer, da 
ist alles massig beim Gorilla, wahrend beim Menschen alles fein 
und zart gegliedert ist. Die Masse tritt da zuriick. Gerade in diesem 
Teil, im Unterkiefersystem und im Vorderarmsystem mit dem Finger- 
system, da tritt das Massige beim Menschen zuriick, wahrend es 
beim Gorilla auftritt. Der, der sich dann den Blick gescharft hat 
fur diese Verhaltnisse, der wird dasselbe auch noch verfolgen kon- 
nen beim FuB- und UntergliedmaBenskelett. Auch da ist gewisser- 
maBen noch ein Lastendes vorhanden, das nach einer bestimmten 
Richtung hin driickt. Ich mochte schematisch diese Kraft, die man 
sehen kann — man kann sie sehen im Unterkiefersystem, im Arm- 
system und im Bein-, im FuBsystem — , durch diese Linie bezeichnen 
(siehe Zeichnung Seite 28: Pfeile). 



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Wenn Sie dies ins Auge fassen, was sich als Unterschied ergibt 
rein aus der Anschauung zwischen dem Goriliaskelett und dem 
Menschenskelett, wo zuriicktritt, nicht mehr lastet das Unterkiefer- 
skelett, wo fein ausgebildet ist das Arm- und Fingerskelett, so wer- 
den Sie nicht umhin konnen, sich zu sagen: beim Menschen tritt 
diesen Kraften iiberall ein Aufwartsstrebendes entgegen (Pfeile). 
Sie werden dasjenige konstruieren miissen, was beim Menschen 
formbildend ist aus einem gewissen Krafteparallelogramm, das 
sich Ihnen ergibt aus derselben Kraft, die nach aufwarts geht und 
die der Gorilla sich nur auBerlich aneignet — man sieht es an der 
Miihe, mit der er sich aufrecht halt, mit der er sich aufrecht halten 
will. Dann bekomme ich ein Krafteparallelogramm, das in diesen 
Linien verlauft (siehe Zeichnung Seite 29). 

Nun ist das hochst Eigentumliche dieses, daB wir uns ja gewohn- 
lich heute darauf beschranken, zu vergleichen die Knochen oder 
die Muskeln der hoheren Tiere mit den Knochen und Muskeln der 
Menschen, aber dabei nicht das notige Gewicht legen auf diese 
Formumwandelung. In der Anschauung dieser Formumwandelung 
muB man ein Wesentliches und Wichtiges suchen. Denn sehen Sie, 
diese Krafte, die miissen ja dasein, die entgegenwirken den Kraften, 
die beim Gorilla die Gestalt bilden. Diese Krafte miissen ja dasein, 



Tafel 2 



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diese Krafte miissen ja wirken. Wenn wir diese Krafte suchen wer- 
den, werden wir wieder finden dasjenige, was verlassen worden ist, 
indem die alte Medizin filtriert worden ist vom hippokratischen 
System. Wir werden wiederum finden, daB diese Krafte im Krafte- 
parallelogramm irdischer Natur sind und diejenigen Krafte, die sich 
mit diesen irdischen Kraften im Krafteparallelogramm vereinigen, 
so dafl eine Resultierende entsteht, die nun nicht irdischen Kraften 
ihren Ursprung verdankt, sondern auBerirdischen, auBerterrestri- 
schen Kraften, diese Krafte miissen wir auBerhalb des Irdischen 
suchen. Wir miissen Zugkrafte suchen, die den Menschen zur Auf- 
richtestellung bringen, aber nicht nur zur Aufrichtestellung bringen, 
wie sie beim hoherenTier vorhanden ist zuweilen, sondern so zur Auf- 
richtestellung bringen, daB die in der Aufrichtestellung wirkenden 
Krafte zugleich Bildekrafte sind. Es ist ja ein Unterschied, ob der 
Affe, der aufrecht geht, dennoch Krafte hat, die massig entgegen- 
wirken, oder ob der Mensch sein Knochensystem schon so ausbildet, 



daB diese Ausbildung in der Richtung von Kraften wirkt, die nicht- 
irdischen Ursprungs sind. Man kann einfach, wenn man richtig an- 
schaut die Form des menschlichen Skeletts, sich nicht darauf be- 
schranken, den einzelnen Knochen zu beschreiben und ihn zu ver- 
gleichen mit dem Tierknochen, sondern wenn man das Dynamische 
im Aufbau des menschlichen Skeletts verfolgt, dann kann man sich 
sagen: das findet man in den iibrigen Reichen der Erde nicht, da 
treten uns Krafte auf, die wir mit den iibrigen zu dem Krafte- 
parallelogramm vereinigen miissen. Es entstehen Resultierende, die 
wir nicht finden konnen, wenn wir bloB auf die Krafte Riicksicht 
nehmen, die auBerhalb des Menschen vorhanden sind. Es wird sich 
also darum handeln, einmal diesen Sprung vom Tier zum Menschen 
ordentlich zu verfolgen. Dann wird man nicht nur beim Menschen, 
sondern auch beim Tier den Ursprung des Krankhekswesens finden 
konnen. Ich kann Sie nur nach und nach auf diese Elemente hin- 
weisen, wir werden aber aus ihnen, weitergehend, sehr vieles finden 
konnen. 

Nun, im Zusammenhange mit dem, was ich Ihnen eben dargelegt 
habe, mochte ich Ihnen jetzt das Folgende erwahnen. Gehen wir 
iiber vom Knochensystem zum Muskelsystem, so finden wir ja 
diesen bedeutsamen Unterschied im Wesen des Muskels, daB der 
ruhende Muskel alkalisch reagiert, wenn wir auf seine gewohnliche 
chemische Wirkung Riicksicht nehmen; aber man kann doch nur 
sagen: ahnlich wie alkalisch, denn die alkalische Reaktion ist nicht 
eine absolut so klar ausgesprochene beim ruhenden Muskel, wie 
sonst alkalische Reaktionen sind. Beim tatigen Muskel tritt ebenso 
eine nicht ganz klare saure Reaktion in Tatigkeit. Nun bedenken 
Sie, daB ja selbstverstandlich zunachst stoffwechselgemaB der 
Muskel zusammengesetzt ist aus dem, was der Mensch aufnimmt, 
daB er also in gewisser Weise ein Ergebnis ist der Krafte, die 
in den irdischen Stoffen vorhanden sind. Aber indem der Mensch 
zur Tatigkeit iibergeht, wird ja klarer und klarer dasjenige 
uberwunden, was der Muskel in sich dadurch hat, daB er 
bloB dem gewohnlichen Stoffwechsel unterliegt. Es treten im 
Muskel eben Veranderungen ein, die man zuletzt mit nichts an- 



derem vergleichen kann gegeniiber den gewohnlichen stoffwechsel- 
gemaBen Veranderungen, als mit den Kraften, die die Bildung des 
Knochensystems beim Menschen bewirken. Wie diese Krafte beim 
Menschen hinausgehen iiber dasjenige, was er von auBen hat, wie 
sie sich terrestrisch durchdringen und sich mit ihnen zu einer bloBen 
Resultierenden vereinigen, so muB man auch mit dem, was im 
Muskel als wirkend im Stoffwechsel auftritt, etwas sehen, was nun 
hineinwirkt auch chemisch in die irdische Chemie. Hier haben wir, 
konnte man sagen, in die irdische Mechanik und Dynamik etwas 
hineinwirkend, was wir nicht mehr im Irdischen finden. Beim Stoff- 
wechsel haben wir in die irdische Chemie etwas hineinwirkend, was 
nicht-irdische Chemie ist, was andere Wirkungen hervorbringt, als 
sie nur unter dem EinfluB der irdischen Chemie auftreten konnen. 

Von diesen Betrachtungen, die auf der einen Seite Formbetrach- 
tungen, auf der anderen Seite Qualitatsbetrachtungen sind, werden 
wir auszugehen haben, wenn wir flnden wollen dasjenige, was 
eigentlich im Menschenwesen liegt. Da wird man wiederum einen 
Riickweg sich eroffnen konnen zu dem, was verloren word en ist 
und was man ganz offenbar braucht, wenn man nicht stehen- 
bleiben will bei einem bloBen formalen Definieren des Krankheits- 
wesens, mit dem man dann in der Praxis eigentlich nicht viel an- 
fangen kann. Denn denken Sie, daB ja eine sehr wichtige Frage auf- 
taucht. Wir haben ja im Grunde genommen nur irdische Mittel, 
aus der Umgebung des Menschen, mit denen wir wirken konnen 
auf den menschlichen Organismus, wenn er Veranderungen erfahrt. 
Aber im Menschen wirken nicht-irdische Prozesse oder wenigstens 
Krafte, die seine Prozesse zu nicht-irdischen Prozessen machen. Und 
es entsteht also die Frage: Wie konnen wir eine Wechselwirkung, 
die hinfiihrt vom Kranksein zum Gesundsein, hervorrufen zwi- 
schen dem, was wir als Wechselverhaltnis bewirken zwischen dem 
kranken Organismus und seiner physischen Erdenumgebung? Wie 
konnen wir ein solches Wechselverhaltnis hervorrufen, so daB nun 
wirklich durch dieses Wechselverhaltnis beeinfluBt werden konnen 
auch diejenigen Krafte, die im menschlichen Organismus tatig 
sind und die nicht aufgehen in dem, worinnen die Prozesse auf- 



gehen, aus denen heraus wir unsere Arzneimittel wahlen konnen, 
selbst wenn diese Prozesse Anordnungen zur Diat sind und so 
weiter. 

Sie sehen, wie innig zusammenhangt mit einer richtigen Auf- 
fassung des Wesens des Menschen dasjenige, was schlieBlich zu 
einer gewissen Therapie fiihren kann. Und ich habe gerade die 
ersten Elemente, die uns befahigen sollen, zu einer Losung dieser 
Frage aufzusteigen, hergenommen von Unterscheidungen des Men- 
schen vom Tiere, mit vollem BewuBtsein, trotzdem der Einwand 
sehr leicht sein kann — wir werden ihn spater beheben — , daB ja 
auch die Tiere erkranken, sogar Pflanzen eventuell erkranken 
- neuerdings hat man ja auch von Erkrankungen der Mineralien 
gesprochen — und daB daher gerade fur das Kranksein der Unter- 
schied des Menschen von dem Tiere nicht gemacht werden sollte. 
Man wird diesen Unterschied schon bemerken, wenn man sehen 
wird, wie wenig der Arzt auf die Dauer doch haben wird von der 
bloBen Untersuchung des Tierwesens mit dem Ziele, in der mensch- 
lichen Medizin weiterzukommen. Man kann — und das wird sich 
uns ergeben, warum das ist — ganz gewiB einiges erreichen fur 
menschliche Heilung aus dem Tierversuch, aber nur dann, wenn 
man sich griindlich klar dariiber ist, welch ein durchgreifender 
Unterschied bis in die einzelnsten Details hinein doch zwischen der 
tierischen und der menschlichen Organisation ist. Daher wird es 
sich darum handeln, gerade die Bedeutung des Tierversuches in der 
entsprechenden Weise immer mehr und mehr fur die Entwickelung 
der Medizin klarlegen zu konnen. 

Weitergehend mochte ich Sie dann noch darauf aufmerksam 
machen, daB ja allerdings dann, wenn man auf solche auBerirdi- 
schen Krafte hinweisen muB, die Personlichkeit des Menschen viel 
mehr in Anspruch genommen wird, als wenn man auf sogenannte 
objektive Regeln, objektive Naturgesetze immer hinweisen kann. 
Es wird sich allerdings darum handeln, daB man das medizinische 
Wesen viel mehr nach dem Intuitiven hin arbeitet und daB man 
darauf kommt, daB von dem Talent, aus Formerscheinungen her- 
aus auf das Wesen des menschlichen Organismus, des individuellen 



menschlichen Organismus, der in einer gewissen Beziehung krank 
oder gesund sein kann, Schliisse zu Ziehen, daB dieses intuitive Ein- 
geschultsein auf Formbeobachtung eine immer groBere Rolle spie- 
len muB in der Entwickelung der Medizin und nach der Zukunft hin. 

Diese Dinge sollten, wie gesagt, nur zu einer Art von Einleitung, 
von orientierender Einleitung dienen. Denn das, worauf es hier an- 
kam heute, das war, zu zeigen, daB die Medizin wiederum hinwen- 
den miisse ihren Blick auf dasjenige, was sich durch Chemie oder 
auch durch die gewohnliche vergleichende Anatomie nicht erreichen 
laBt, was nur erreicht werden kann, wenn man zu einer geisteswis- 
senschaftiichen Betrachtung der Tatsachen iibergeht. In bezug dar- 
auf gibt man sich ja heute noch mancherlei Irrtumern hin. Man 
denkt, daB es sich hauptsachlich darum handeln miisse, fiir eine 
Vergeistigung der Medizin an die Stelle der materiellen Mittel gei- 
stige zu setzen. Aber so berechtigt das auf gewissen Gebieten ist, 
so unberechtigt ist es in seiner Ganze. Denn es handelt sich vor 
alien Dingen auch darum, auf geistige Art zu erkennen, welcher 
Heilwert in einem materiellen Mittel stecken konnte, Geisteswis- 
senschaft also schon anzuwenden auf die Bewertung der materiellen 
Mittel. Das wird namentlich die Aufgabe sein desjenigen Teiles, 
den ich bezeichnet habe: die Moglichkeiten der Heilung durch die 
Erkenntnis der Beziehung des Menschen zu der iibrigen Welt auf- 
zusuchen. 

Ich mochte ja, daB die Dinge, die ich werde zu sagen haben iiber 
spezielle Heilprozesse, moglichst gut fundiert seien und moglichst 
alle darauf hintendieren, daB bei jeder einzelnen Krankheit eigentlich 
eine Anschauung gewonnen werden kann iiber den Zusammenhang 
des sogenannten abnormen Prozesses, der auch ein NaturprozeB 
sein muB, mit den sogenannten normalen Prozessen, die ja auch 
wiederum nichts anderes sind als Naturprozesse. Wo immer diese 
Frage, diese Fundamentalfrage aufgetaucht ist — das mochte ich nur 
gleichsam als einen kleinen Anhang bemerken -: Wie kommt man 
eigentlich damit zurecht, daB die Krankheitsprozesse doch auch 
Naturprozesse sind? — da sucht man sich so bald wie moglich immer 
wiederum um die Sache zu driicken. Interessant war mir zum Bei- 



Tafd i spiel ja, daJ3 Troxler, der in Bern gelehrt hat, sehr intensiv schon 
in der ersten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts darauf hin- 
gewiesen hat, daB man gewissermaBen die Normalitat der Krank- 
heit untersuchen miisse und daB man dadurch in einer Richtung 
gefiihrt wird, die zuletzt landet in der Anerkennung einer gewissen 
Welt, die mit der unseren verbunden ist und die nur wie durch 
unberechtigte Locher sich hereinschiebt in unsere Welt und daB 
man dadurch auf irgend etwas in bezug auf die Krankheitserschei- 
nungen kommen konne. Denken Sie sich — ich will das jetzt nur 
gewissermaBen grob schematisch andeuten — , es gabe so irgendeine 
Welt im Hintergrunde, die zu ihren Gesetzen die ganz berechtigten 
Dinge hatte, die bei uns die Krankheitserscheinungen bewirken, 
dann konnten durch gewisse Locher, durch die diese Welt herein- 
dringt in unsere, diese Gesetze, die in einer anderen Welt ganz be- 
rechtigt sind, bei uns Unheil anrichten. Auf dieses wollte Troxler 
hinarbeiten. Und so unklar und undeutlich er sich auch in mancher 
Beziehung ausgesprochen hat, so merkt man doch, wie er auf einem 
Wege in der Medizin war, der hinarbeitet gerade auf eine gewisse 
Gesundung der medizinischen Wissenschaft. 

Ich habe dann mit einem Freunde einmal nachgesucht, da der 
Troxler doch in Bern gelehrt hat, wie er angesehen war unter sei- 
nen Kollegen, was man aus seiner Anregung gemacht hat, und wir 
konnten in dem Lexikon, das viele Dinge verzeichnet aus der Ge- 
schichte der Universitat, bei Troxler nur herausfinden, daB er sehr 
viele Krache an der Universitat gemacht hat! Das war dasjenige, 
was behalten worden ist. Und liber seine wissenschaftliche Bedeu- 
tung konnte man gar nichts Besonderes herausfinden. 

Nun, ich wollte, wie gesagt, heute nur auf die Dinge hinweisen, 
und ich bitte Sie recht sehr, damit ich durchschieBen kann dasjenige, 
was ich darstellen will aus meinen Absichten heraus mit dem, was 
in Ihren Wiinschen liegt, mir bis morgen oder iibermorgen alle Ihre 
Wiinsche aufzuschreiben. Dann werde ich erst aus diesen Wiinschen 
heraus dem Vortragszyklus die notige Form geben. Ich glaube, so 
kommen wir dann am allerbesten zurecht. Ich bitte, das nur ganz 
ausgiebig zu machen. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 22. Marz 1920 



Wir werden von solchen Ausgangspunkten wie den gestern ge- 
wahlten weiterschreiten und allmahlich auch in das Wesen des 
Menschen weiter vordringen, indem wir aufmerksam werden auf 
gewisse Polaritaten, die da herrschen. Sie werden schon gestern 
bemerkt haben, daB wir genotigt sind, die noch bei dem Tier lasten- 
den Krafte zu einem Parallelogramm zu verbinden mit gewisser- 
maBen senkrecht gerichteten Kraften, und daB wir entsprechend 
ein Analogon dazu haben in der Muskelreaktion. Wenn diese bei- 
den Gedanken beim Stadium des menschlichen Knochensystems 
und des menschlichen Muskelsystems weiterverfolgt werden, wenn 
bei ihrer Verfolgung alles zu Hilfe genommen wird, was die Er- 
fahrung heute schon geben kann, so wird man wahrscheinlich aus 
der Knochen- und Muskellehre etwas ja bald fur die Medizin 
Bedeutsameres machen konnen, als man bisher gemacht hat. Ganz 
besonders schwierig wird aber die Verbindung der Menschen- 
erkenntnis mit dem, was die Medizin braucht, wenn heute aus- 
gegangen werden soil von der Herzlehre. Ich mochte sagen: Was 
sich bei der Knochen- und Muskellehre erst in der Anlage zeigt, 
ist bei der Anschauung, die sich herausgebildet hat iiber die Lehre 
vom Herzen, griindlich herausgekommen. Denn was hat man denn 
eigentlich so landlaufig von dem menschlichen Herzen — wir wol- 
len zunachst uns auf dieses beschranken — fur eine Ansicht? Man 
hat die Ansicht, daB es eine Art von Pumpe sei, welche das Blut 
in die verschiedenen Organe hineinpumpt. Man hat auch allerlei 
interessante mechanische Konstruktionen ausgedacht, welche dieses 
Pumpwerk «Herz» erklaren sollen. Nun widersprechen zwar diese 
mechanischen Konstruktionen durchaus der Embryologie, aber man 
ist nicht aufmerksam darauf geworden, diese mechanische Herz- 
theorie wirklich einmal fur fragwiirdig zu halten, sie noch einmal 
zu kontrollieren, wenigstens nicht sie zu kontrollieren in der land- 



laufigen Wissenschaft. Dasjenige — ich werde die Dinge zunachst 
skizzieren, und das, was wir in den nachsten Tagen uns vorfiihren 
werden, wird ja stiickweise immer eine Bestatigung dessen sein, 
was ich genotigt bin, zuerst als Gesichtspunkt anzugeben — , 
dasjenige, was man vor alien Dingen beriicksichtigen mufi 
bei der Herzanschauung, ist, dafi dieses Herz ganz und gar nicht 
ist, was man eine Art tatigen Organismus nennen kann. Denn 
die Herztatigkeit ist nicht eine Ursache, sondern sie ist eine 
Folge. Verstehen werden Sie diesen Satz nur dann, wenn Sie ins 
Auge fassen die Polaritat, die besteht zwischen all denjenigen 
Tatigkeiten im menschlichen Organismus, die zusammenhangen 
mit der Nahrungsaufnahme, mit der weiteren Verarbeitung der 
Nahrung, mit ihrer Uberleitung entweder direkt oder durch Ge- 
faBe ins Blut, denn Sie verfolgen, ich mochte sagen, von unten 
nach oben gehend, im Organismus die Nahrungsverarbeitung bis 
zu der Wechselwirkung, welche zunachst besteht zwischen dem 
Blute, das die Nahrung aufgenommen hat, und der Atmung, durch 
die die Atemluft aufgenommen wird. Wenn Sie sich die Vorgange, 
die dabei in Betracht kommen, ganz ordentlich ansehen — man 
braucht sie wirklich nur ordentlich anzusehen — , so werden 
Sie finden, daB ein gewisser Gegensatz besteht zwischen all dem, 
was im Atmungsprozesse liegt, und dem, was im weitesten Umfange 
im Verdauungsprozesse liegt. Es will da etwas sich ausgleichen. Es 
will da etwas, was, ich mochte sagen, zueinander hindurstet, sich an- 
einander sattigen. Man konnte selbstverstandlich auch andere Aus- 
driicke wahlen, allein, wir werden uns ja im Laufe der Zeit immer 
besser verstehen. Es findet eine Wechselwirkung statt, die zunachst 
besteht zwischen den fliissig gewordenen Nahrungsstoffen und zwi- 
schen dem, was luftformig von dem Organismus durch die Atmung 
aufgenommen wird. Diese Wechselwirkung, sie ist genau zu studie- 
ren. Diese Wechselwirkung besteht in ineinanderspielenden Kraf- 
ten. Und dasjenige, was da ineinanderspielt, das, mochte ich sagen, 
staut sich vor seinem gegenseitigen Ineinanderspiel im Herzen. Das 
entsteht als ein Stauorgan zwischen dem, was ich nun ferner nennen 
mochte die untere Betatigung des Organismus, Nahrungsaufnahme, 



Nahrungsverarbeitung, und den oberen Tatigkeiten des Organis- 
mus, zu deren unterster wiederum ich rechnen mochte die Atmung. 
Ein Stauorgan ist eingeschaltet, und das Wesentlichste dabei ist, daB 
die Herztatigkeit eine Folge der Wechselwirkung ist zwischen dem 
fliissig gewordenen Nahrungsstoff, also zwischen der Nahrungs- 
fliissigkeit und der von auBen aufgenommenen Luft. Alles dasjenige, 
was sich im Herzen ausdriickt, was man im Herzen beobachten 
kann, mufi als eine Folge betrachtet werden, zunachst im mecha- 
nischen Sinne. 

Der einzige hoffnungsvolle Anfang, der gemacht worden ist, 
wenigstens diese mechanische Grundlage der Herztatigkeit — mehr 
allerdings nicht — einmal ins Auge zu fassen, der ist gemacht wor- 
den von einem osterreichischen Arzte Dr. Karl Schmid, der Arzt 
in der ndrdlichen Steiermark war und der dariiber eine Veroffent- 
lichung hat erscheinen lassen in der « Wiener Medizinischen Wochen- 
schrift» 1892, Nr. 15-17, «Uber HerzstoB und Pulskurven». Es ist 
nicht sehr viel noch in dieser Abhandlung enthalten, aber man 
muB sich sagen, daB wenigstens da einmal jemand aus seiner medizi- 
nischen Praxis heraus bemerkt hat, daB man es nicht zu tun hat mit 
dem Herzen als mit einer gewohnlichen Pumpe, sondern mit dem 
Herzen als einem Stauapparat. Schmid denkt sich den ganzen Vor- 
gang der Herzbewegung und des Herzstofies wie die Tatigkeit des 
hydraulischen Widders, der durch die Stromungen in Bewegung 
gesetzt wird. Darinnen liegt das Wahre, was den Ausfuhrungen des 
Dr. Karl Schmid innewohnt. Aber man ist erst bei dem Mechani- 
schen, wenn man alles, was Herztatigkeit ist, auffafit als die 
Folge dieser ineinandergehenden — ich kann sie jetzt symbolisch 
Stromungen nennen — , der fliissigen Stromung und der luft- 
formigen Stromung. Denn letzten Endes, was ist das Herz? 
Letzten Endes ist das Herz namlich ein Sinnesorgan. Und wenn wir 
auch dasjenige, was die Sinnestatigkeit des Herzens ist, nicht unmit- 
telbar im BewuBtsein haben, wenn es auch zu den unterbewuBten 
Sinnestatigkeiten gehort, was im Herzen vorgeht, so ist deshalb 
doch das Herz dazu da, daB gewissermaBen die oberen Tatigkeiten 
wahrnehmen, empfinden konnen die unteren Tatigkeiten des Men- 



schen. So, wie Sie mit Ihren Augen wahrnehmen die auBeren 
Farbenvorgange, so nehmen Sie, aber allerdings im dumpfen Unter- 
bewuBtsein, durch das Herz wahr dasjenige, was in Ihrem Unter- 
leibe sich vollzieht. Ein Sinnesorgan zum inneren Wahrnehmen ist 
zuletzt das Herz. Als solches ist es anzusprechen. 

Nur dann versteht man die Polaritat im Menschen selbst, wenn 
man weiB, daB es sich handelt darum, daB der Mensch eigentlich 
ein solches dualgebautes Wesen ist, das von seiten seines Oberen 
wahrnimmt sein Unteres. Nun muB ich allerdings das Folgende 
hinzufiigen: Die unteren Tatigkeiten, also den einen Pol des ganzen 
Menschenwesens, haben wir allerdings gegeben, wenn wir Nah- 
rungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung im weiteren Sinne studieren 
bis zum Ausgleich mit der Atmung. Der Ausgleich mit der Atmung 
erfolgt dann mit einer rhythmischen Tatigkeit. Wir werden von der 
Bedeutung unserer rhythmischen Tatigkeit noch zu sprechen haben. 
Aber verschlungen mit der Atmungstatigkeit, dazugehorig zu der 
Atmungstatigkeit, miissen wir die Sinnes-Nerven-Tatigkeit ansehen, 
alles dasjenige, was sich bezieht auf die auBere Wahrnehmung und 
auf die Fortsetzung dieser auBeren Wahrnehmung, auf ihre Ver- 
arbeitung durch die Nerventatigkeit. Wenn Sie also auf der einen 
Seite sich vorstellen alles dasjenige, was zusammenhangend ist: 
Atmungstatigkeit, Sinnes-Nerven-Tatigkeit, so haben Sie gewisser- 
maBen den einen Pol der menschlichen Organisation. Wenn Sie 
zusammennehmen alles dasjenige, was auf der anderen Seite Nah- 
rungsaufnahme, Nahrungsverarbeitung, Stoffwechsel im gewohn- 
lichen Sinne des Wortes ist, so haben Sie den anderen Pol der Pro- 
zesse in der menschlichen Organisation. Das Herz ist im wesent- 
lichen dasjenige Organ, welches in seinen beobachtbaren Bewegun- 
gen der Ausdruck ist des Ausgleiches zwischen diesem Oberen und 
Unteren, welches psychisch oder vielleicht besser gesagt, unter- 
psychisch das Wahrnehmungsorgan ist, das vermittelt zwischen die- 
sen beiden Polen der menschlichen Organisation. Sie konnen alles 
dasjenige, was Ihnen Anatomie, Physiologie, Biologie bieten, stu- 
dieren auf dieses Prinzip hin, und Sie werden sehen, daB dadurch 
erst Licht kommt in die menschliche Organisation. Solange Sie nicht 



unterscheiden zwischen diesem Oberen und Unteren, das durch das 
Herz vermittelt ist, werden Sie den Menschen nicht verstehen kon- 
nen, denn es ist ein Grundunterschied zwischen alledem, was in der 
unteren Organisationstatigkeit des Menschen vorgeht, und dem, was 
in der oberen Organisationstatigkeit vorgeht. 

Will man in einer einfachen Weise diesen Unterschied aus- 
driicken, so konnte man etwa sagen: alles dasjenige, was im Unteren 
vorgeht, hat sein Negativ, sein negatives Gegenbild im Oberen. Es 
ist immer so, daB man zu allem, was mit dem Oberen zusammen- 
hangt, ein Gegenbild finden kann im Unteren. Nun ist aber das Be- 
deutsame dieses, daB eigentlich eine materielle Vermittlung zwi- 
schen diesem Oberen und Unteren nicht stattflndet, sondern ein 
Entsprechen. Man muB immer das eine im Unteren auf das andere im 
Oberen richtig zu beziehen verstehen, nicht darauf ausgehen, eine 
materielle Vermittlung zu wollen. Nehmen wir ein ganz einfaches 
Beispiel, nehmen wir den Hustenreiz und den wirklichen Husten, 
wie er zusammenhangt mit dem Oberen, also insofern er dem Obe- 
ren angehort, so werden wir dafiir das entsprechende Gegenbild im 
Unteren in der Diarrhoe haben. Wir finden immer ein entsprechen- 
des Gegenbild fiir ein Oberes in dem Unteren. Und nur dadurch 
kommt man recht auf ein Begreifen des Menschen, daB man diese 
Entsprechungen — es werden uns viele solche im Laufe der Betrach- 
tungen vor Augen treten — richtig ins Auge fassen kann. 

Nun besteht aber nicht bloB ein solches abstraktes Entsprechen, 
sondern es besteht zu gleicher Zeit im gesunden Organismus ein 
inniges Zusammengehoren des Oberen und des Unteren. Es besteht 
ein solches Zusammengehoren im gesunden Organismus, daB das 
Obere, irgendeine obere Tatigkeit, sei es eine Tatigkeit, die zusam- 
menhangt mit dem Atmen, sei es eine Tatigkeit, die zusammen- 
hangt mit dem Nerven-Sinnes-Apparat, irgendwie ein Unteres be- 
zwingen muB, mit einem Unteren in vollem Einklang sich abspielen 
muB. Und es besteht sofort — und das wird uns spater fiihren auf 
ein wirkliches Begreifen des Krankheitsprozesses — eine Unregel- 
maBigkeit im Organismus, wenn irgendwie die Vorherrschaft ge- 
winnt, die Oberherrschaft gewinnt ein Unteres, so daB es zu stark 



ist fur die entsprechende Tatigkeit im Oberen, oder ein Oberes, so 
daB es zu stark ist fur eine entsprechende Tatigkeit im Unteren. Es 
miissen sich immer die Tatigkeiten des Oberen zu den Tatigkeiten 
des Unteren so verhalten, daB sie in einer gewissen Weise einander 
entsprechen, daB sie einander bezwingen, daB sie so zueinander ver- 
laufen, wie sie, ich mochte sagen, zueinander orientiert sind. Da gibt 
es eine ganz bestimmte Orientierung. Sie ist individuell fur die ver- 
schiedenen Menschen, aber es gibt eine ganz bestimmte Orientie- 
rung des ganzen oberen Verlaufes der Prozesse zu dem ganzen un- 
teren Verlauf der Prozesse. 

Nun handelt es sich darum, daB man den Ubergang finden konne 
von diesem gesund wirkenden Organismus, in dem das Obere dem 
Unteren entspricht, zu dem kranken Organismus. Wenn man, ich 
mochte sagen, ausgeht von den Andeutungen des Kranken in dem, 
was der Paracelsus Archaeus genannt hat, was wir Atherleib nennen, 
oder wenn Sie es so frisieren wollen, daB es Ihnen von auBen, von 
den Leuten, die nichts wissen wollen von diesen Dingen, nicht iibel- 
genommen wird, so konnen Sie ja auch sagen, Sie wollen reden 
zunachst von den Andeutungen des Krankseins im Funktionellen 
oder Dynamischen, also von den Anfliigen, die gewissermaBen erst 
da sind zum Kranksein — wenn wir von diesen ausgehen, wenn wir 
davon reden, was sich zuerst im Atherleib oder im bloBen Funktio- 
nellen ankiindet, so kann man auch von einer Polaritat reden, aber 
einer Polaritat, die schon das Nicht-Entsprechende, die Unregel- 
m'aBigkeit in sich tragt. Und das entsteht auf die folgende Weise. 

Nehmen wir an, daB im Unteren, also im Nahrungsaufnehmen 
und im Verdauungsapparat im weiteren Sinne, praponderiert das- 
jenige, was die inneren chemischen oder auch organischen Krafte 
der aufgenommenen Nahrung sind. Im gesunden Organismus muB 
es so sein, daB alle diejenigen Krafte, welche in den Nahrungs- 
mitteln selber wrrken, welche den Nahrungsmitteln immanent 
sind, die wir also auBen im Laboratorium an den Nahrungs- 
mitteln untersuchen, durch das Obere uberwunden sind, daB sie fiir 
die Wirksamkeit des Inneren im Organismus gar nicht in Betracht 
kommen, daB da gar nichts von auBerer Chemie, von auBerer Dy- 



namik und dergleichen geschieht, sondern alles das ganz iiber- 
wunden ist. Aber es kann so kommen, daB das Obere nicht stark 
genug ist in seinem Entsprechen, um das Untere wirklich ganz zu 
durchfassen, um es gewissermaBen ganz zu durchkochen, ich konnte 
auch sagen, zu durchatherisieren, das wiirde etwas genauer gespro- 
chen sein, dann ist im menschlichen Organismus ein eigentlich 
nicht zu ihm gehoriger praponderierender Vorgang, der ein Vorgang 
ist, wie er sich sonst in der AuBenwelt abspielt, wie er sich nicht 
abspielen sollte im menschlichen Organismus. Es zeigt sich ein 
solcher Vorgang, weil nicht gleich der physische Leib voll ergriffen 
wird von solchen UnregelmaBigkeiten, zunachst in dem, was man 
eben das Funktionelle nennen konnte, in dem Atherleib, dem Ar- 
chaus. Wenn wir einen gebrauchlichen Ausdruck wahlen wollen, 
der nur genommen ist, ich mochte sagen, von bestimmten Formen 
dieser UnregelmaBigkeit, so miissen wir den Ausdruck Hysterie 
wahlen. Hysterie wollen wir wahlen als Ausdruck — wir werden 
spater noch sehen, daB der Ausdruck nicht schlecht gew'ahlt ist — , 
als Terminus fur das zu groBe Selbstandigwerden der Stoffwechsel- 
prozesse. Die eigentlich hysterischen Erscheinungen im engeren 
Sinne sind ja nichts anderes als ein Bis-zur-Kulmination-Treiben 
dieses unregelmaBigen StofTwechsels. In Wirklichkeit haben wir 
auch in dem bis zu den sexuellen Symptomen hinreichenden hyste- 
rischen Prozesse im wesentlichen nichts anderes vorliegen als solche 
UnregelmaBigkeiten des Stoffwechsels, die eigentlich AuBenprozesse 
sind ihrem Wesen nach, die nicht im menschlichen Organismus sein 
sollten, Prozesse also, denen gegeniiber sich das Obere zu schwach 
erweist, um sie zu bewaltigen. Das ist der eine Pol. 

Dann, wenn solche Erscheinungen mit dem hysterischen Charak- 
ter auftreten, dann haben wir es zu tun mit einem Zu-stark-Werden 
der auBermenschlichen Tatigkeit in den unteren Teilen der mensch- 
lichen Organisation. Aber es kann dieselbe UnregelmaBigkeit der 
Wechselwirkung auch eintreten dadurch, daB der obere ProzeB nicht 
richtig verlauft, daB er so in sich verlauft, daB er die obere Organi- 
sation zu stark in Anspruch nimmt. Er ist der entgegengesetzte, ge- 
wissermaBen das Negativ der unteren Prozesse, er nimmt die oberen 



Prozesse zu stark in Anspruch. Er hort gleichsam auf , bevor er sich 
durch das Herz vermittelt mit der unteren Organisation. Er ist also 
zu stark geistig, zu stark — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf 
- organisch intellektuell. Dann tritt der andere Pol dieser Unregel- 
maBigkeiten auf, die Neurasthenic Diese beiden, ich mochte sagen, 
noch im Funktionellen steckenden UnregelmaBigkeiten der mensch- 
lichen Organisation miissen vor alien Dingen ins Auge gefaBt wer- 
den. Denn sie sind gewissermaBen die Defekte, die sich ausdriicken 
im Oberen, ausdriicken im Unteren. Und man wird allmahlich ver- 
stehen miissen, wie die Polaritat in der menschlichen Organisation 
dem einen oder dem anderen Mangel unterliegt. Man hat also in 
der Neurasthenie ein Funktionieren des Oberen, das zu stark die 
Organe des Oberen in Anspruch nimmt, so daB dasjenige, was 
eigentlich, vermittelt durch das Herz von oben aus, im Unteren 
geschehen soil, schon im Oberen geschieht, schon da abgemacht 
wird, so daB die Tatigkeit nicht hinunterdringt, vermittelt durch 
die Stauung im Herzen, in die untere Stromung. Sie sehen auch, 
daB es wichtiger, viel wichtiger ist, ich mochte sagen, die auBere 
Physiognomie des Krankheitsbildes zu beobachten als durch die 
Autopsie die defekt gewordenen Organe. Denn was die Autopsie in 
den defekt gewordenen Organen zeigt, sind doch nur Folgeerschei- 
nungen. Das Wesentliche ist, das ganze Bild, die Physiognomie 
der Krankheit ins Auge zu fassen. Diese Physiognomie wird Ihnen 
immer geben in einer gewissen Weise ein nach der einen oder der 
anderen Richtung zunachst inklinierendes Bild nach dem Neurasthe- 
nischen oder nach dem Hysterischen. Aber natiirlich, man muB diese 
Ausdriicke erweitern gegeniiber dem gewohnlichen Wortgebrauch. 

Nun, hat man sich ein geniigendes Bild gemacht von diesem 
Zusammenwirken des Oberen und des Unteren, dann wird man 
von da ausgehend allmahlich erkennen, wie das, was zunachst nur 
funktionell vorliegt, also — wie wir sagen wiirden — im Atherischen 
sich abspielt, ergreift das Organisch-Physische, indem es gewisser- 
maBen in seinen Kraften dichter wird, und wie man davon sprechen 
kann, daB dasjenige, was zuerst nur als hysterische Andeutung vor- 
handen ist, in verschiedenen Unterleibserkrankungen gewisser- 



maBen physische Gestalt annehmen kann, wie nach der anderen 
Seite in Halskrankheiten, Kopfkrankheiten die Neurasthenie orga- 
nische Gestalt annehmen kann. Dieses, ich mochte sagen, Ab- 
dnicken dieser zunachst funktionellen physischen Erscheinungen im 
Neurasthenischen und Hysterischen zu studieren, das wird auBer- 
ordentlich wichtig sein fur die zukiinftige Medizin. Es wird die 
Folge der, ich mochte sagen, organisch gewordenen Hysterie sein: 
UnregelmaBigkeiten in dem ganzen Verdauungsvorgang, iiberhaupt 
in alien Vorgangen des Unterleibes. Aber dasjenige, was so in einem 
Organismus vorgeht, das wirkt doch wiederum auf den ganzen 
Organismus zuriick. Das darf nicht auBer acht gelassen werden, daB 
dasjenige, was als UnregelmaBigkeiten vor sich geht, wiederum auf 
den ganzen Organismus zuriickwirkt. 

Nun denken Sie sich einmal, so etwas, was, wenn man es zu- 
nachst im Funktionellen beobachten konnte, einfach eine hysteri- 
sche Erscheinung ware, kommt funktionell iiberhaupt nicht zum 
Ausdruck. Es kann das durchaus sein. Es kommt funktionell nicht 
zum Ausdruck. Der Atherleib driickt es sogleich in den physischen 
Leib hinem. Es erscheint auch nicht als eine ausgesprochene Er- 
krankung irgendwie in den Unterleibsorganen, aber es ist drinnen. 
Es ist also in den Unterleibsorganen, sagen wir, etwas, was wie ein 
Stempelabdruck der Hysterie ist. Dadurch, daB es sich in das Phy- 
sische hinein abgedriickt hat, kommt es nicht psychisch als hysteri- 
sche Erscheinung zum Vorschein, aber es ist auch noch nicht stark 
genug, um eine belastigende Krankheit, physische Krankheit zu 
sein. Aber es ist dann stark genug, um doch im ganzen Organismus 
zu wirken. Dann haben wir die eigentiimliche Erscheinung, daB so 
etwas, was, ich mochte sagen, schwebt zwischen Krankheit und 
Gesundheit, daB das vom Unteren aufs Obere hinaufwirkt, aufs 
Obere zuriickwirkt, das Obere gewissermaBen ansteckt und in sei- 
nem Negativ erscheint. Diese Erscheinung, wo gewissermaBen der 
erste physische Folgezustand des Hysterischen in seiner Wirkung 
auf die Gebiete erscheint, die sonst, wenn sie einseitig, unregel- 
maBig werden, der Neurasthenie unterliegen, diese Erscheinung, die 
gibt die Anlage zur Tuberkulose. 



Das ist ein interessanter Zusammenhang. Die Anlage zu Tuber- 
kulose ist eine Riickwirkung der Ihnen eben geschilderten Tatigkeit 
im Unteren auf das Obere. Diese ganz merkwiirdige Wechsel- 
wirkung, die da entsteht dadurch, da!3 ein nicht ganz auslaufender 
ProzeB, wie ich ihn geschildert habe, zuriickwirkt auf das Obere, 
gibt die Anlage zu Tuberkulose. Man wird nicht finden irgend 
etwas, was rationell der Tuberkulose beikommt, wenn man nicht 
auf diese, ich mochte sagen, Ur- Anlage des menschlichen Organismus 
zuriickgeht. Denn daB die Parasiten Platz greifen im menschlichen 
Organismus, das ist nur eine Folgeerscheinung jener Ur-Anlagen, 
von denen ich Ihnen jetzt eben gesprochen habe. Das widerspricht 
nicht der Tatsache, daB, wenn die notigen Voraussetzungen dazu 
da sind, so etwas wie die Tuberkulose ansteckend ist. Natiirlich 
miissen die notigen Voraussetzungen dazu dasein. Aber es ist schon 
so, daB bei einem furchtbar groBen Teile der heutigen Menschheit 
dieses Pradominierende der unteren organischen Tatigkeit leider 
vorliegt, so daB die Disposition zur Tuberkulose in einer erschrek- 
kenden Weise heute eigentlich ausgebreket ist. 

Nun, Ansteckung ist deshalb doch ein giiltiger Begriff auf die- 
sem Gebiete, denn derjenige, der in einem hoheren Grade tuberku- 
losekrank ist, wirkt schon auf seine Mitmenschen. Und wenn man 
dem ausgesetzt ist, in dem der Tuberkulosekranke drinnen lebt, so 
trkt eben das ein, daB, was sonst bloB Wirkung ist, wiederum zur 
Ursache werden kann. Ich versuche immer mit einem Vergleich, mit 
einer Analogie diese Beziehung zwischen dem primaren Entstehen 
einer Krankheit und der Ansteckung klarzumachen, indem ich etwa 
sage: Nehmen wir an, ich treffe auf der StraBe einen Freund, dessen 
menschliche Beziehungen mir sonst nicht naheliegen. Er kommt 
traurig, er hat einen Grund, traurig zu sein, denn es ist ihm ein 
Freund gestorben. Ich habe keine direkten Beziehungen zu dem 
Freunde, der ihm gestorben ist. Indem ich ihm aber begegne und er 
mir seine Traurigkeit meldet, werde ich mit ihm traurig. Er wird 
traurig durch die direkte Ursache, ich durch eine Ansteckung. Aber 
dabei bleibt es doch richtig, daB nur die gegenseitige Beziehung 
zwischen mir und ihm die Voraussetzung zu dieser Ansteckung ist. 



Also die beiden Begriffe: primares Entstehen und Ansteckung, 
haben durchaus ihre Berechtigung, und sie haben insbesondere bei 
der Tuberkulose eine starke Berechtigung. Nur sollte man sie im 
rationellen Sinne wirklich verwenden. Die Tuberkuloseanstalten 
sind ja manchmal gerade Brutanstalten fiir die Tuberkulose. Wenn 
man die Tuberkulosen schon zusammenpfercht in Tuberkulose- 
anstalten, so sollte man diese Tuberkuloseanstalten, soviel man 
kann, immer wiederum abbrechen und durch andere ersetzen. Nach 
einer bestimmten Zeit sollten Tuberkuloseanstalten eigentlich 
immer entfernt werden. Denn das ist das Eigentiimliche, daB die 
Tuberkulosen selber die allergroBte Anlage haben, angesteckt zu 
werden, das heiBt, daB ihre vielleicht sonst ausbesserbare Krankheit 
vielleicht schlimmer wird, wenn sie in der N'ahe von schwereren 
Tuberkulosekranken sind. Aber ich wollte ja vorlaufig zunachst nur 
auf das Wesen der Tuberkulose hinweisen. Wir sehen gerade bei 
der Tuberkulose als an einem Beispiel, wie gewissermaBen in- 
einandergreifen miissen die verschiedenen Prozesse am menschlichen 
Organismus, die ja, wie Sie sich denken konnen, immer unter dem 
Einflusse dieser Tatsache stehen miissen, daB wir es eben mit der 
oberen und mit der unteren Organisation zu tun haben, die einander 
so entsprechen, wie positives Bild und negatives Bild einander ent- 
gegengesetzt sind. Man kann an den, ich mochte sagen, ganz auf- 
falligsten Erscheinungen, welche die Tuberkulose zunachst vor- 
bereiten, indem eine solche Konstitution des Organismus vorhanden 
ist, wie ich sie dargelegt habe, in ihrem Verlaufe dann weiter stu- 
dieren, wie iiberhaupt das Krankheitswesen anzuschauen ist. 

Nehmen wir die gebrauchlichste Erscheinung eines Menschen, 
der etwa ein angehender Tuberkulosekranker ist, bei dem also die 
Tuberkulose eigentlich erst in der Zukunfr liegt, sich vorbereitet. Da 
werden wir vielleicht wahrnehmen, daB er hustet. Wir werden wahr- 
nehmen, daB er Hals-Brust-Schmerzen, vielleicht auch Gliedschmer- 
zen hat. Wir werden wahrnehmen gewisse Ermiidungszustande bei 
ihm, wir werden namentlich wahrnehmen NachtschweiBe. 

Was ist das alles? Wenn wir diese Erscheinungen uns vor Augen 
fiihren, was sind sie eigentlich alle? Dies alles, was ich Ihnen jetzt 



vorgefiihrt habe, ist zunachst etwas, was als Folge von den geschil- 
derten inneren unregelmaBigen Wechselwirkungen auftritt. Aber es 
ist zu gleicher Zeit ein Kampf, den der Organismus eingeht gegen 
dasjenige, was da als tiefere Grundlage vorliegt. Sehen Sie, Husten 

— betrachten wir solche einfache Dinge zunachst, wir werden schon 
audi zu den komplizierteren kommen — , Husten immer unter alien 
Umstanden zu bekampfen, ist ganz gewiB nicht gut. Manchmal 
kann es sogar der Organismus notig machen, vielleicht Husten 
kiinstlich hervorzurufen. Wenn die untere Organisation des Men- 
schen irgendwie so ist, daB sie von der oberen Organisation nicht 
bezwungen werden kann, dann ist das, was als Hustenreiz auftritt, 
eine gesunde Reaktion des menschlichen Organismus, um gewisse 
Dinge, die sonst eindringen, nicht eindringen zu lassen. Und unter 
alien Umstanden Husten einfach direkt zu unterbinden, kann unter 
Umstanden von Unheil sein, denn dann nimmt der Korper Schad- 
lichkeiten auf. Er hustet aus dem Grunde, weil er in dieser zeit- 
weiligen Disposition diese Schadlichkeiten nicht vertragen kann und 
sie sich fortschaffen will. Der Hustenreiz ist gerade die Anzeige 
dafur, daB irgend etwas im Organismus los ist, so daB die Notigung 
vorliegt, die entsprechenden Eindringlinge, die sonst ganz gut in 
den Organismus eindringen konnen, nicht eindringen zu lassen. 

Aber auch die anderen Erscheinungen, die wir angefuhrt haben, 
sind ein Wehren, ein Kampf des Organismus gegen dasjenige, was 
heraufzieht in der Tuberkuloseanlage. Halsschmerzen, Glieder- 
schmerzen zeigen einfach an, daB der Organismus diejenigen Pro- 
zesse nicht vor sich gehen laBt, die nicht bezwungen werden kon- 
nen als untere Prozesse von den oberen. Wiederum konnte es zum 
Beispiel, wenn rechtzeitig die Tuberkuloseanlage bemerkt wird, gut 
sein, den Organismus dadurch zu unterstiitzen, daB man Husten- 
reize in maBiger Art hervorruft, daB man insbesondere — wir wer- 
den sehen, wie man das machen kann, in den folgenden Vortragen 

— die Folgeerscheinungen hervorruft, ja auch durch eine gewisse 
Diat — man kann das, wie wir sehen werden — sogar die Miidig- 
keitserscheinungen hervorruft. Auch wenn zum Beispiel Abmage- 
rung eintritt, so ist das auch nur ein Abwehrmittel. Denn der Pro- 



zeB, der dann vor sich geht, wenn man nicht abmagert, ist viel- 
leicht gerade dasjenige im Unteren, was vom Oberen nicht bezwun- 
gen werden kann, so daB der Organismus sich dadurch wehrt, daB 
er abmagert, damit dasjenige, was nicht bezwungen werden kann, 
zeitweilig nicht da ist. 

Es ist also auBerordentlich wichtig, solche Dinge im einzelnen zu 
studieren, nicht etwa, wenn jemand einer Abmagerung unterliegt, 
ohne weiteres ihn einer Fettkur zu unterwerfen, denn diese Ab- 
magerung kann ihren sehr guten Sinn haben in dem, was sich 
gerade zeitweilig im Organismus ausdriickt. 

Und insbesondere sind sehr lehrreich, bei dem noch nicht Tuber- 
kulosekranken, bei dem aber die Tuberkulose in Aussicht steht, die 
NachtschweiBe. Denn die NachtschweiBe sind nichts anderes als 
eine wahrend des Schlafes vollzogene Tatigkeit des Organismus, 
die eigentlich im Wachen unter der vollen geistig-physischen Tatig- 
keit vor sich gehen sollte. Dasjenige, was eigentlich bei Tag bei 
vollem Wachen vor sich gehen sollte, das geht nicht vor sich und 
schafft sich seinen Ausdruck in der Nacht. Es ist eine Folgeerschei- 
nung und zu gleicher Zeit ein Abwehrmittel. Wahrend der Orga- 
nismus entlastet ist von seiner geistigen Tatigkeit, schafft er sich 
die Tatigkeit, die in dem NachtschweiBe zum Ausdruck kommt. 

Man muB allerdings, um diese Tatsache voll wiirdigen zu kon- 
nen, ein wenig wissen dariiber, daB alle Ausscheidungsvorgange, 
auch die SchweiBbildung, in innigem Zusammenhang stehen mit 
dem, was sonst seelische und geistige Tatigkeit in sich schlieBt. Die 
aufbauenden Prozesse, die eigentlichen vitalischen Aufbauungs- 
prozesse, sind namlich bloB die Grundlage des UnbewuBten. Das- 
jenige, was entspricht den wachen, bewuBten seelisch-organischen 
Tatigkeiten, das sind iiberall Ausscheidungsprozesse. Auch unserem 
Denken entsprechen nicht etwa Aufbauprozesse des Gehirns, son- 
dern Ausscheidungsprozesse, Abbauprozesse des Gehirns. Und das 
Auftreten von NachtschweiBen ist eben ein AusscheidungsprozeB, 
der eigentlich im normalen Leben parallel gehen miiBte einer 
geistig-seelischen Tatigkeit. Weil aber das Obere mit dem Unteren 
nicht in dem richtigen Wechselverhaltnis steht, so spart sich so 



etwas dann fur die Nacht auf, wo der Organismus entlastet ist von 
der geistig-seelischen Tatigkeit. 

So sehen Sie, wie ein sorgfaltiges Studieren aller Vorgange, die 
mit dem ganzen Wachsen und Werden des gesund-kranken mensch- 
lichen Organismus zusammenhangen, doch dazu fiihrt, daB man 
sagen kann: es besteht auch eine Wechselwirkung zwischen Krank- 
heitserscheinungen. Abmagern ist zunachst eine Krankheitserschei- 
nung. Aber in seiner Beziehung zur Tuberkuloseanlage, also zur 
schon doch etwas wirkenden Tuberkulose, ist das Abmagern etwas, 
was dazugehort. Und es besteht, ich mochte sagen, eine Organi- 
sation, eine ideelle Organisation der Krankheitserscheinungen. Eine 
Krankheitserscheinung gehort in gewissem Sinne zur anderen 
Krankheitserscheinung dazu. Das bedingt dann, daB es ganz ratio- 
nell ist, wenn durch andere Bedingungen des Organismus hervor- 
tritt so etwas wie eine Reaktion - bleiben wir bei der Tuberkulose- 
anlage -, der Organismus aber selbst nicht die Kraft hat, diese 
Reaktion hervorzurufen, daB man ihm zu Hilfe kommt und sie 
dann gerade hervorruft, daB man dann gerade der einen Krankheit 
die andere folgen laBt. Die alten Arzte haben dieses ausgesprochen 
als eine, ich mochte sagen, bedeutungsvolle Erziehungsregel fur 
den Arzt. Sie haben gesagt: Das ist das Gefahrliche beim Arzt- 
sein, daB er nicht bloB in der Lage sein muB, Krankheiten zu 
vertreiben, sondern auch Krankheiten hervorzurufen. — Und in 
demselben MaBe, als der Arzt Krankheiten heilen kann, kann er 
sie auch hervorrufen. So daB also die Alten, die noch etwas 
mehr gewuBt haben iiber solche Zusammenhange aus ihrem 
atavistischen Hellsehen heraus, in dem Arzt zu gleicher Zeit 
gesehen haben den, der, wenn er boswillig wird, die Menschen 
nicht nur gesund, sondern auch krank machen kann. Aber es 
hangt das zusammen mit der Notwendigkeit, gewisse Erkrankungs- 
zustande hervorzurufen, um sie in das rechte Verhaltnis zu 
anderen Erkrankungszustanden zu bringen. Aber es sind doch 
eben Krankheitszustande. Und all das: Husten, Halsschmerz, 
Brustschmerz, Abmagerungserscheinungen, Ermudungserscheinun- 
gen, NachtschweiBe, sind doch eben Krankheitserscheinungen. 



Man muB sie hervorrufen, aber sie sind doch eben Krankheits- 
erscheinungen. 

Das wird dazu fiihren, natiirlich leicht einzusehen, daB man nun 
doch, wenn man dann halb geheilt hat, das heiBt diese Krankheits- 
erscheinungen hervorgerufen hat, den Kranken nicht seinem Schick- 
sal iiberlassen kann, sondern daB dann die zweite Partie des Hei- 
lungsprozesses erst eintreten muB. Es muB dann wiederum dafiir 
gesorgt werden, daB nicht bloB diese Reaktionen da sind, nicht 
bloB dasjenige, was man hervorgerufen hat, um die Krankheit ab- 
zuwehren, sondern es muB dann dasjenige erfolgen, was wiederum 
die Reaktion heilt und den ganzen Organismus wieder auf den 
richtigen Weg bringt. Also man miiBte dafiir sorgen, daB zum Bei- 
spiel dann, wenn als natiirliche oder vielleicht auch kiinstlich her- 
vorgerufene Abwehr gegen die Tuberkuloseanlage Hustenreize her- 
vorgerufen worden sind, Halsschmerzen auftreten oder hervor- 
gerufen worden sind, man dafiir sorgt, daB der Verdauungs- 
prozeB, der dann stets etwas von Verstopfungen, Obstipationen 
aufweisen wird, in Ordnung kommt. Man wird das schon in irgend- 
einer Weise bemerken, daB dieser VerdauungsprozeB in einen 
AbfiihrprozeB, in eine Art Diarrhoe iibergefuhrt werden muB. Es 
ist immer notwendig, daB man den Hustenerscheinungen, auch den 
Halsschmerzen und dergleichen, solche Diarrhoeprozesse folgen 
lasse. Das weist eben darauf hin, wie man dasjenige, was einfach 
im Oberen auftritt, nicht als etwas fiir sich betrachten darf, wie 
man sehr haufig auch die Heilung desjenigen, was im Oberen auf- 
tritt, durch Vorgange im Unteren suchen muB, wenn auch keine 
materielle Vermittlung, sondern nur ein Entsprechen da ist. Das 
ist etwas, was vor alien Dingen beriicksichtigt werden miiBte. 

Ermiidungserscheinungen — ich mochte sie eben nicht bloB sub- 
jektive Ermiidungserscheinungen nennen, sondern schon ganz 
organisch bedingte Ermiidungserscheinungen, die eigentlich immer 
auf Pradominieren des Stoffwechsels beruhen — , wie sie stark auf- 
treten bei einem Stoffwechsel, der nicht von dem Oberen bezwun- 
gen wird, solche Ermiidungserscheinungen, weil sie nun wirklich 
bei Tuberkulose hervorgerufen werden miissen, miiBten hinterher 



in dem notigen Zeitpunkte dadurch bekampft werden, daB man 
durch eine entsprechende Diat dafiir sorgt — wir werden von dem 
Speziellen einer solchen Diat noch zu sprechen haben — , daB iiber- 
wiegende Verdauung stattfindet, daB also besser als gewohnlich 
von demselben Menschen verdaut wird, also ich mochte sagen, 
daB dasjenige, was leichter aufgearbeitet wird, durch den Ver- 
dauungsprozeB aufzuarbeiten ist. Abmagerung wird man spater 
durch eine Diat zu bekampfen haben, die eben wiederum zu einer 
gewissen Fettbildung fiihrt, zu etwas, was Einlagerung ist in die 
Organe, in die Organgewebe. Die NachtschweiBe muB man spater 
dadurch bekampfen, nachdem man sie zuerst geradezu hervor- 
gerufen hat, daB man versucht, dem Menschen anzuweisen eine 
Tatigkeit, in der er tatsachlich durch durchgeistigte Anstrengungen, 
also durch etwas, was durchdachte Anstrengungen sind, in SchweiB 
ger'at, so daB er wiederum einlauft in eine gesunde SchweiBbildung. 

Sie sehen, versteht man zuerst durch ein richtiges Auffassen der 
Herztatigkeit, wie Oberes und Unteres im Menschen korrespon- 
diert, versteht man dann das erste Auftreten, ich mochte sagen, die 
Anfliige des Krankseins im Funktionellen, im Atherischen, wie in 
der Neurasthenie und in der Hysterie, so kann man dazu iiber- 
gehen, auch dasjenige, was dann im Organischen, im Physischen sich 
abdriickt, zu verstehen, und man wird durch das Studium der 
Physiognomie des zusammengehorigen Krankheitsbildes dazu 
kommen — auch dasjenige, was man selbst erst hervorruft — , zuerst, 
ich mochte sagen, einen Verlauf der Krankheit nach einer Rich- 
tung, nach einem vielleicht sogar starker oder schwacher abgeleite- 
ten Kranksein hervorzurufen, um dann, wenn die Zeit dazu da ist, 
den ganzen ProzeB wiederum zum Gesund werden zuriickzufuhren. 

Natiirlich, die groBten Hindernisse fur eine schon damit ein 
wenig charakterisierte Behandlung sind ja erstens die Verhaltnisse, 
die sozialen Verhaltnisse. Daher ist Medizin durchaus auch eine 
soziale Frage. Auf der anderen Seite sind es die Kranken selbst, die 
die starksten Hindernisse bilden, denn die Kranken verlangen 
natiirlich zunachst, daB man irgend etwas, wie sie sagen, wegbringt. 
Aber, wenn man so direkt etwas, was sie haben, wegbringt, so 



kann es sehr leicht geschehen, daB man sie viel kranker macht, 
als sie schon sind. Das muB man auch beriicksichtigen, daB man 
sie viel kranker macht, als sie sind, aber sie miissen dann abwarten, 
bis man wiederum in der Lage ist, sie gesund zu machen. Aber 
dann sind sie einem wohl oftmals zumeist, wie viele von Ihnen 
mir Recht geben werden, davongelaufen! 

Das ist dasjenige, worauf gerade ein richtiges Betrachten des 
gesunden und kranken Menschen fiihrt, daB der Arzt auch die 
Nachkur durchaus in der Hand haben muB, wenn die ganze Kur 
iiberhaupt einen richtigen Wert haben soil. Auf solche Dinge muB 
eben einfach offentlich hingewirkt werden. In unserer Zeit des 
Autoritatsglaubens diirfte es nicht schwer sein, wenn solche Bewe- 
gungen nur eingeleitet wiirden, auf solche Notwendigkeiten hinzu- 
weisen. Aber naturlich sind es — verzeihen Sie, daB ich in Ihrer 
Gegenwart das sage — nicht immer bloB die Patienten, bloB die 
Verhaltnisse, manchmal auch die Herren Arzte, die es nicht oppor- 
tun finden, die Krankheit wirklich bis zu ihren letzten Auslaufern 
zu verfolgen, sondern mehr oder weniger damit zufrieden sind, 
wenn sie irgend etwas einfach weggebracht haben. 

Aber Sie werden sehen, wie uns nach und nach diese richtige 
Verfolgung der Stellung des Herzens im menschlichen Organismus 
in das Krankheitswesen hineinfiihrt. Nur werden Sie eben den 
radikalen Unterschied beachten miissen, der besteht zwischen den 
unteren organischen Tatigkeiten, die in einer gewissen Beziehung 
zwar dasjenige iiberwunden haben, was nur auBerliche chemische 
Tatigkeit ist, aber die eben doch noch in einer gewissen Weise 
auch ahnlich sind der oberen Tatigkeit, die ganz entgegengesetzt 
ist. Es ist auBerordentlich schwierig, diesen Dualismus im mensch- 
lichen Organismus geniigend zu definieren, weil unsere Sprache 
fast keine Mittel hat, um dasjenige, was den physischen und den 
organischen Prozessen entgegengesetzt ist, anzudeuten. Aber viel- 
leicht werden Sie mich gut verstehen — und ich scheue nicht davor 
zuriick, vielleicht bei einigen von Ihnen auch auf das oder jenes 
Vorurteil zu stoBen — , wenn ich durch folgende Analogie zunachst 
— wir werden ja iiber diese Dinge mehr zu sprechen haben — klar- 



machen mochte, wie eigentlich dieser Dualismus zwischen den 
unteren und den oberenProzessen ist. Wenn Sie sich die Eigenschaf ten 
irgendeines Stoffes denken, so wie diese Eigenschaften des Stoffes 
sind, die zur Wirksamkeit fuhren, wenn er uns in irgendeiner 
Weise vorliegt, so haben Sie zunachst dasjenige, was, wenn es vom 
Organismus iiberwunden wird, wie es bei der Verdauung geschieht, 
also aufgenommen wird in die untere menschliche Tatigkeit. Nun 
kann man aber auch, wenn ich so sagen darf, homoopathisieren. 
Man kann das Aggregieren, die Koh'arenz des Stoffes aufheben. Das 
geschieht, wenn man den Stoff in irgendeiner Weise verdiinnt, 
wenn man, wie gesagt, homoopathische Dosen macht. Sehen Sie, 
da tritt etwas zutage, was uberhaupt in unserer gegenwartigen 
Naturwissenschaft nicht ordentlich betrachtet wird, und die Men- 
schen sind so geneigt, alles abstrakt zu betrachten. Daher sagen 
sie, wenn wir hier eine Lichtquelle haben, dann breitet sich Licht 
nach alien Seiten aus, und sie stellen sich vor — sie stellen sich 
das auch vor von der Sonne — , daB sich das nach alien Seiten aus- 
breite und dann verschwinde in der Unendlichkeit. Das ist aber 
nicht wahr. Nirgends verschwindet eine solche Tatigkeit in der 
Unendlichkeit, sondern sie geht nur bis zu einer begrenzten Sphare, 
und dann schlagt sie wie elastisch zuriick, wenn auch die Qualitat, 
das Quale, oftmals verschieden ist von dem, was das Quale vom 
Hingange ist (siehe Zeichnung Seite 53). Es gibt in der Natur nur 
rhythmische Verlaufe, es gibt nicht in die Unendlichkeit verlaufende 
Verlaufe, es gibt nur dasjenige, was rhythmisch wiederum in sich 
selbst zuriickschlagt. 

Das ist nicht nur bei den quantitativen Ausbreitungen der Fall, 
sondern das ist auch bei den qualitativen Ausbreitungen der Fall. 
Wenn Sie anfangen, einen Stoff zu teilen, so hat er zunachst beim 
Ausgangspunkt Eigenschaften. Diese Eigenschaften nehmen nicht 
ins Unendliche ab, sondern, wenn man bei einem bestimmten 
Punkte angekommen ist, schlagen sie zuriick und werden die ent- 
gegengesetzten Eigenschaften. Und auf diesem inneren Rhythmus 
beruht auch dasjenige, was der Gegensatz ist zwischen unterer 
Organisation und oberer Organisation. Unsere obere Organisation 




Tafel 3 



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ist etwas Homoopathisierendes. Sie ist etwas, was in einer gewissen 
Weise dem gewohnlichen Verdauungsprozesse schnurstracks ent- 
gegengesetzt ist, das Gegenteil, das Negativ davon bildet. Und so 
konnte man sagen, daB, indem der homoopathische Apotheker die 
Verdunnungen herstellt, er eigentlich in Wirklichkeit die Eigen- 
schaften, die sich sonst auf die untere menschliche Organisation 
beziehen, zu ihr eine Beziehung haben, iiberleitet in Eigenschaften, 
die dann zu der oberen menschlichen Organisation eine Beziehung 
haben. Das ist ein sehr interessanter innerer Zusammenhang, und 
wir werden dann in den nachsten Tagen von diesem Zusammen- 
hang weiter sprechen. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 23-Marz 1920 



Ich werde alle die Wiinsche, die mir vorgelegt worden sind, im 
Laufe der Vortrage selbst verarbeiten. Es ist dazu natiirlich, da 
einiges in Wiederholung auftritt, notwendig, daB wenigstens bis 
zu einem gewissen Teile die Wiinsche alle beisammen sind, und 
dann ist es audi nicht einerlei, ob man die Dinge, die hier gefragt 
oder angedeutet sind, bespricht, bevor man eine gewisse Grund- 
lage geschaffen hat, oder nachher. Daher werde ich moglichst heute 
schon mit Beriicksichtigung dessen, was ich in Ihren Wiinschen 
bemerkt habe, noch versuchen, fiir alle folgenden Betrachtungen 
eine Grundlage zu schaffen. 

Sie haben gesehen, daB von mir versucht worden ist, fiir die 
erste Betrachtung von der Formung und inneren Wirksamkeit des 
Knochen- und Muskelsystems auszugehen, und daB wir gestern 
schon vorgedrungen sind wenigstens zunachst zur exempelartigen 
Betrachtung des Krankheitsprozesses und den Notwendigkeiten des 
Heilverfahrens und daB wir, um an einem Exempel die entspre- 
chende Betrachtung ankniipfen zu konnen, von der Zirkulation in 
dem Herzsystem ausgehen muBten. 

Nun mochte ich heute einiges auch noch prinzipiell Einleitendes 
ausfiihren iiber eine Anschauung, die man gewinnen kann aus 
einer tieferen Menschheitsbetrachtung iiber die Moglichkeit und 
das Wesen des Heilens uberhaupt. Auf Spezielles soil dann in den 
folgenden Betrachtungen eingegangen werden, aber ich mochte 
diese prinzipiellen Auseinandersetzungen vorausschicken. 

Wenn man sich vorstellt, wie eigentlich das heutige medizinische 
Studium geartet ist, so wird man doch wenigstens in der Haupt- 
sache finden, daB die Therapie neben der Pathologie einhergeht, 
ohne daB ein klar durchschaubarer Zusammenhang zwischen den 
beiden besteht. Insbesondere in der Therapie ist ja die bloBe empi- 
rische Methode vielfach heute das Alleinherrschende. Etwas Ratio- 



nelles, etwas, worauf man im Praktischen nun wirklich mit Prin- 
zipien aufbauen konnte, ist insbesondere in der Therapie kaum zu 
finden. Wir wissen, daB diese Mangel der medizinischen Denkweise 
im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts sogar zu der Schule des 
medizinischen Nihilismus gefiihrt haben, der alles auf die Dia- 
gnose legte und eigentlich damit zufrieden war, wenn Krankheiten 
erkannt wurden, und sich im allgemeinen recht skeptisch gegen- 
iiber irgendeiner Ratio in der Heilung verhalten hat. Nun miiBte 
man, wenn man rein, ich mochte sagen, vernunftgemaB Forde- 
rungen an das medizinische Wesen stellt, doch eigentlich sagen, 
es muB mit der Diagnose zusammen schon etwas gegeben sein, was 
auf die Heilung hinweist. Es darf nicht bloB ein auBerer Zusam- 
menhang zwischen Therapie und Pathologie herrschen. Man muB 
gewissermaBen das Wesen der Krankheit doch schon so erkennen 
konnen, daB man aus dem Wesen der Krankheit heraus sich eine 
Anschauung iiber den HeilungsprozeB bilden kann. 

Das hangt natiirlich zusammen mit der Frage: Inwiefern kann 
es iiberhaupt im ganzen Zusammenhang der Naturprozesse Heil- 
mittel und Heilprozesse geben? Es wird ja sehr haufig ein ganz 
interessanter Spruch von Paracelsus zitiert: Der Arzt miisse durch 
der Natur Examen gehen. Aber man kann nicht sagen, daB die 
neuere Paracelsus-Literatur gerade mit einem solchen Ausspruch 
viel anzufangen weiB, denn sie miiBte doch sonst darauf aus sein, 
der Natur selbst Heilungsprozesse abzulauschen. Nun gewiB, es 
wird das versucht, wenn Krankheitsprozesse vorliegen, gegen die 
sich die Natur selbst einen Rat schafft. Aber es geht doch wiederum 
darauf hinaus, die Natur in bezug auf ihre Heilverfahren auch nur 
gewissermaBen in Ausnahmefallen, wenn schon Schadigungen da 
sind und die Natur sich hilft, zu beobachten, wahrend eine wirk- 
liche Naturbeobachtung doch diejenige ist, daB man normale Pro- 
zesse beobachtet. Und die Frage miiBte entstehen: Gibt es denn 
eine Moglichkeit, normale Prozesse in der Natur zu beobachten^ 
gewissermaBen das, was man normale Prozesse nennt, um an ihnen 
irgend etwas von einer Anschauung iiber das Heilverfahren zu 
gewinnen? — Sie werden ja sogleich bemerken, daB das mit einer 



etwas bedenklichen Frage zusammenhangt. Man kann natiirlich in 
der Natur nur Heilungsprozesse beobachten in normaler Weise, 
wenn Krankheitsprozesse in der Natur normal vorhanden sind. 
Und die Frage tritt vor uns auf : Sind denn in der Natur als soldier 
schon Krankheitsprozesse vorhanden, so daB man durch der Natur 
Examen gehen kann und durch sie heilen lernen kann? — Der 
Beantwortung dieser Frage, die sich natiirlich erst im Laufe der 
Vortrage vollstandig geben lassen wird, werden wir uns aber heute 
wenigstens um ein Stuck zu nahern versuchen. Aber man kann 
dabei gleich sagen, daB eigentlich durch die naturwissenschaftliche 
Grundlegung der Medizin, wie sie heute iiblich ist, der Weg, der 
hier vorgezeichnet wird, iiberschuttet wird. Er laBt sich bei den 
gegenwartigen Voraussetzungen auBerordentlich schwer gehen, 
denn es ist sehr merkwiirdig, daB gerade die materialistische Ten- 
denz im neunzehnten Jahrhundert dazu gef iihrt hat, nun das nachste 
System, das ich hier dem Knochen-, Muskel- und Herzsystem an- 
fiigen muB, eigentlich in seinen Funktionen vollstandig zu ver- 
kennen, namlich das Nervensystem. 

Es ist nach und nach iiblich geworden, dem Nervensystem sozu- 
sagen alles Seelische aufzuhalsen und alles Seelisch-Geistige, das 
sich im Menschen vollzieht, in Parallelvorgange aufzulosen, die 
dann im Nervensystem zu finden sein sollen. Nun wissen Sie, daB 
ich Einspruch erheben muBte gegen diese Art von Naturbetrachtung 
in meinem Buche «Von Seelenratseln», in dem ich zunachst zu 
zeigen versuchte — und vieles, was beizubringen ist aus der Erfah- 
rung zur Erhartung dieser Wahrheiten, wird sich uns gerade bei die- 
sen Betrachtungen ergeben — , daB nur die eigentlichen Vorstellungs- 
prozesse mit dem Nervensystem zusammenhangen, wahrend nicht 
in indirekter, sondern in direkter Weise alle Gefuhlsprozesse zusam- 
menhangen mit den rhythmischen Vorgangen im Organismus. Der 
heutige Naturwissenschafter denkt eigentlich normalerweise so, daB 
Gefuhlsprozesse unmittelbar nichts mit dem rhythmischen System 
zu tun haben, sondern nur dadurch, daB sich diese rhythmischen 
Prozesse auf das Nervensystem iibertragen, denkt er, daB sich das 
Gefuhlsleben auch durch das Nervensystem auslebe. Und ebenso 



versuchte ich zu zeigen, daB das gesamte Willensleben direkt, nicht 
indirekt durch das Nervensystem, zusammenhangt mit dem Stoff- 
wechselsystem. So daB fur das Nervensystem auch in bezug auf die 
Willensprozesse nichts iibrigbleibt als die Wahrnehmung dieser 
Willensprozesse. Durch das Nervensystem wird nicht irgendein 
Wille in Szene gesetzt, sondern dasjenige, was durch den Willen 
geschieht in uns, wird wahrgenommen. Alles dasjenige, was da von 
mir geltend gemacht worden ist, kann durchaus belegt werden mit 
den entsprechenden Tatsachen der Biologie, wahrenddem die ent- 
gegengesetzte Anschauung von der alleinigen Zuordnung des 
Nervensystems zum Seelenleben eben gar nicht belegt werden kann. 
Ich mochte nur einmal sehen, wie bei vollig gesunder Vernunft die 
Tatsache, daB man einen sogenannten motorischen Nerv durch- 
schneidet, einen sensitiven Nerv durchschneidet, sie dann zusammen- 
wachsen lassen kann und daB dann daraus wiederum ein einheit- 
licher Nerv entsteht, in Zusammenhang gebracht werden sollte 
mit der anderen Annahme, daB es sensitive und motorische Nerven 
gebe. Die gibt es eben nicht, sondern dasjenige, was man motori- 
sche Nerven nennt, sind nichts anderes als sensitive Nerven, die 
die Bewegungen unserer Glieder wahrnehmen, also dasjenige, was 
im Stoffwechsel unserer Glieder vor sich geht, wenn wir wollen. 
Wir haben also auch in den motorischen Nerven in Wahrheit sensi- 
tive Nerven, die nur in uns selber wahrnehmen, wahrend die eigent- 
lich sensitiv genannten Nerven die AuBenwelt wahrnehmen. 

In dieser Richtung liegt etwas, was fur die Medizin von ungeheu- 
rer Bedeutung ist, was aber erst gewiirdigt werden kann, wenn man 
den Tatbestand selbst ordentlich ins Auge fassen wird. Denn gerade 
den Krankheitserscheinungen gegeniiber, von denen ich gestern zur 
Gewinnung des Beispiels der Tuberkulose ausgegangen bin, ist es 
ja schwer, mit der Teilung in sensitive und motorische Nerven aus- 
zukommen. Verniinftige Naturforscher haben daher schon ange- 
nommen, daB jeder Nerv eine Leitung habe nicht nur von der Peri- 
pherie nach innen oder umgekehrt, sondern immer auch eine Lei- 
tung von der Peripherie nach dem Zentrum, beziehungsweise von 
dem Zentrum nach der Peripherie. Ebenso wiirde dann jeder motori- 



sche Nerv zwei Leitungen haben, das heiBt: wenn man vom Nerven- 
system aus irgend etwas erklaren will, wie zum Beispiel die Hyste- 
rie, so hat man schon notig, zwei Leitungen, die zueinander im ent- 
gegengesetzten Sinne laufen, anzunehmen. Also man hat, sobald man 
auf Tatsachen eingeht, durchaus schon notig, solche Eigenschaften 
der Nerven anzunehmen, die eigentlich den Hypothesen iiber das 
Nervensystem vollstandig widersprechen. Dadurch, daB man so iiber 
das Nervensystem denken lernte, hat man eigentlich alles das zuge- 
schiittet, was man wissen sollte iiber dasjenige, was im Organismus 
sonst unter dem Nervensystem liegt, was zum Beispiel bei der Hysterie 
vorgeht. Wir haben es gestern charakterisiert durch Vorgange im 
Stoffwechsel, was zum Beispiel bei der Hysterie vorgeht und was durch 
die Nerven bloB wahrgenommen wird. Man hatte auf das sehen miis- 
sen. Statt dessen hat man die Hysterie nur gesucht in einer Art Er- 
schiitterbarkeit und Erschiitterung des Nervensystems allein und 
hat alles in das Nervensystem verlegt. 

Dadurch ist noch etwas anderes gekommen. Man kann ja nicht 
leugnen, daB unter den etwas ferneren Ursachen der Hysterie auch 
seelische Ursachen liegen, Kummer, auch erlittene Enttauschungen, 
irgendwelche erfiillbaren oder unerfiillbaren inneren Erregungen, die 
dann auslaufen in hysterische Erscheinungen. Damit, daB man gewis- 
sermaBen den ganzen iibrigen Organismus vom Seelenleben abge- 
trennt hat und nur das Nervensystem mit dem Seelenleben in einen 
eigentlichen direkten Zusammenhang bringt, ist man genotigt, alles 
auf das Nervensystem abzuladen. Dadurch kam eine Anschauung her- 
aus, die sich erstens dann nicht im allergeringsten eigentlich mehr 
mit den Tatsachen deckt und die zweitens gar keine Handhabe bie- 
tet, das Seelische noch heranzubringen an den menschlichen Orga- 
nismus. Man bringt es eigentlich nur heran an das Nervensystem. 
Man bringt es nicht heran an den ganzen menschlichen Organismus. 
Hochstens dadurch, daB man eben motorische Nerven erfindet, die 
es gar nicht gibt, und daB man von den Funktionen der motorischen 
Nerven dann eine Beeinflussung der Zirkulation und so weiter er- 
wartet, die nun immer im auBersten MaBe zum Hypothetischen 
gehort. 



Was ich da auseinandergesetzt habe, hat namentlich auch dahin 
gefiihrt, die gescheitesten Leute auf Irrpfade zu leiten, als so etwas 
auftauchte wie die Suggestion und die Hypnose. Da hat man es 
erleben konnen — es liegt jetzt schon wiederum etwas zuriick — , daB 
hysterische Damen die allergescheitesten Arzte irregefiihrt haben, 
an der Nase herumgefiihrt haben, weil man einfach hereingefallen 
ist auf alles mogliche, was solche Leute den Arzten vorgemacht 
haben, und nicht hat eingehen konnen auf dasjenige, was eigentlich 
im Organismus vorliegt. Es ist doch vielleicht nicht uninteressant, 
in diesem Zusammenhange darauf hinzuweisen — obwohl es sich 
dabei nicht um eine hysterische Dame, sondern um einen hysteri- 
schen Mann handelt — , in welchen Irrtum Schleich verfallen ist, 
verfallen muBte, der iiber solche Dinge ja eigentlich ganz gut nach- 
zudenken gewohnt war, als zu ihm als Arzt ein Mann kam, der 
sich mit der tintigen Feder in den Finger gestochen hatte und sagte, 
das werde ganz gewiB in der nachsten Nacht zum Tode fiihren, eine 
Blutvergiftung werde eintreten und der Arm miisse amputiert wer- 
den. Es ist selbstverstandlich, daB Schleich als Chirurg die Amputa- 
tion nicht vornehmen konnte. Er konnte den Mann nur beruhigen 
und die notigen Dinge machen, die da gemacht werden: Aus- 
saugung der Wunde und so weiter, aber er konnte selbstverstandlich 
ihm den Arm nicht abschneiden auf dessen bloBe Aussage hin, daB 
er in der nachsten Nacht eine Blutvergiftung haben werde. Der be- 
treffende Patient ging dann noch zu einer Autoritat, die ihm selbst- 
verstandlich den Arm auch nicht abschnitt. Aber Schleich wurde die 
Sache etwas unheimlich. Gleich am Morgen erkundigte er sich - 
der Patient war in der Nacht wirklich gestorben. Und Schleich kon- 
statierte: Tod durch Suggestion. 

Es liegt so nahe, es liegt so furchtbar nahe, zu konstatieren: Tod 
durch Suggestion. Aber bei einer Einsicht in die menschliche Wesen- 
heit geht es einfach nicht, diesen Tod durch Suggestion in dieser 
Weise zu denken, sondern es handelt sich darum, daB hier, wenn 
man Tod durch Suggestion diagnostiziert, sofort eine griindliche 
Verwechslung von Ursache und Wirkung eintritt. Es trat auch keine 
Blutvergiftung ein — das hat die Sektion ergeben — , sondern der 



BetrefTende starb, wie es schien, an einer Ursache, die den Arzten 
nicht bekanntgeworden ist, aber fiir jemanden, der die Sache durch- 
schauen kann, ganz unbedingt an einer Ursache, die tief im Organis- 
mus begriindet war. Und diese Ursache, die tief im Organismus be- 
griindet war, hat diesen Menschen schon am vorhergehenden Tag 
etwas tapperig und unsicher gemacht, so daB er sich, was man sonst 
nicht tut, mit der tintigen Feder in den Finger stach. Das war schon 
eine Folge seiner Tapperigkeit. Aber wahrend er auBerlich-physisch 
tapperig wurde, wurde sein inneres Schauvermogen etwas erhoht, 
und unter dem Einflusse der Krankheit hatte er eine prophetische 
Voraussicht seines in der Nacht eintretenden Todes. Dieser Tod 
hing nicht im geringsten zusammen mit dem, daB er sich mit der 
tintigen Feder in den Finger stach, sondern der Tod war die Ur- 
sache dessen, was er fiihlte dadurch, daB er die Todesursache in sich 
trug, und alles, was vor sich gegangen ist, ist eben nichts anderes 
als etwas, was ganz auBerlich zusammenhangt mit den eigentlichen 
inneren Prozessen, die den Tod herbeigefiihrt haben. Es ist gar keine 
Rede davon, daB hier «Tod durch Suggestion » eingetreten ist. Denn 
auch der Glaube und alles das, was der Mann hatte, hatte nichts zu 
tun mit der Herbeifiihrung seines Todes, sondern hatte tiefere Ur- 
sachen. Aber er sah den Tod voraus und interpretierte alles das- 
jenige, was geschah, in diese Voraussicht des Todes hinein. Sie sehen 
an diesem Beispiel zugleich, wie ungemein vorsichtig man sein 
muB, wenn man iiber die komplizierten Vorgange in der Natur ein 
sachgem'aBes Urteil gewinnen will. Man kann da nicht ausgehen 
von dem Allereinfachsten. 

Nun wird man aber die Frage aufwerfen miissen: Gibt uns die 
Sinneswahrnehmung und alles, was der Sinneswahrnehmung ahn- 
lich ist, einen Anhaltspunkt fiir, ich mochte sagen, die etwas anders 
gearteten Einfliisse, die von Heilmittein auf den menschlichen Orga- 
nismus ausgehen sollen? 

Nicht wahr, wir haben dreierlei Einflusse auf den menschlichen 
Organismus im Normalzustande: Erstens denjenigen durch die Sin- 
neswahrnehmungen, der sich dann im Nervensystem fortsetzt. Zwei- 
tens denjenigen durch das rhythmische System, das Atmen und die 



Zirkulation, und drittens denjenigen durch den Stoffwechsel. Diese 
drei normalen Beziehungen, die miissen irgendwelche Analoga ha- 
ben in den abnormen Beziehungen, die wir herstellen zwischen den 
Heilmitteln, die wir ja auch in irgendeiner Weise aus der auBeren 
Natur nehmen miissen, und dem menschlichen Organismus. Am 
deutlichsten tritt allerdings dasjenige, was zwischen der AuBenwelt 
und dem menschlichen Organismus geschieht, in dem EinfluB auf 
das Nervensystem auf. Wir miissen uns daher fragen: Wie konnen 
wir uns rationell einen Zusammenhang denken zwischen dem Men- 
schen selbst und dem, was auBermenschliche Natur ist und was wir 
verwenden wollen, sei es als Vorgange, sei es substantiell als Heil- 
mittel, zur menschlichen Heilung? Wir miissen eine Ansicht dar- 
iiber gewinnen, wie das Wechselverh'altnis des Menschen zur auBer- 
menschlichen Natur ist, aus der wir unsere Heilmittel nehmen. 
Denn selbst wenn wir Kaltwasserkuren anwenden, so wenden wir 
etwas AuBermenschliches an. Alles, was angewendet wird, ist an- 
gewendet vom AuBermenschlichen auf die menschlichen Prozesse, 
und wir miissen uns eine rationelle Ansicht dariiber verschaffen, 
wie der Zusammenhang zwischen dem Menschen und den auBer- 
menschlichen Prozessen ist. 

Da kommt man allerdings auf ein Kapitel, wo wiederum statt 
eines organischen Zusammenhanges in unserem gebrauchlichen 
medizinischen Studium das reine Aggregat herrscht. Der Medi- 
ziner hort zwar vorbereitende Naturwissenschaft vortragen, dann 
wird aber auf diese vorbereitende Naturwissenschaft das allgemeine 
und spezielle Pathologische, das allgemeine Therapeutische auf- 
gebaut und so weiter, und es ist nicht mehr viel zu vernehmen, 
wenn die eigentlichen medizinischen Vortrage anfangen, von dem, 
wie sich diese Prozesse, die in den eigentlich medizinischen Vor- 
tragen besprochen werden, und namentlich wie sich die HeilmaB- 
nahmen verhalten zu den Vorgangen in der auBeren Natur. Ich 
glaube, die durch die heutige medizinische Schulung gegangenen 
Arzte werden dies nicht nur auBerlich verstandesmaBig als einen 
Mangel empfinden, sondern sie werden es gar stark in der Emp- 
findung, die sich ihnen dann aufdrangt, wenn sie praktisch ein- 



greifen sollen in die Krankheitsprozesse, als ein Gefiihl in sich 
tragen, als ein gewisses Gefiihl der Unsicherheit, wenn das oder 
jenes verwendet werden soli. Es ist doch sehr selten eine wirkliche 
Erkenntnis der Beziehung des zu verwendenden Heilmittels zu 
dem, was im Menschen vorgeht, in Wirklichkeit vorhanden. Hier 
handelt es sich darum, daB geradezu durch die Natur der Sache 
selbst auf eine ganz notwendige Reform des medizinischen Stu- 
diums hingewiesen wird. 

Nun mochte ich heute zunachst da von ausgehen, an gewissen 
Prozessen der auBermenschlichen Natur anschaulich zu machen, 
wie verschieden in vieler Beziehung diese Prozesse von den Pro- 
zessen der menschlichen Natur sind. Ich mochte ausgehen von den 
Prozessen, die wir zunachst an niederen Tieren und Pflanzen be- 
obachten konnen, um von da aus dann den Weg zu jenen Pro- 
zessen zu finden, die hervorgerufen werden konnen durch das 
AuBermenschliche uberhaupt, das wir dem Pflanzenreich oder dem 
Tierreich und namenthch dem Mineralreich entnehmen. Aber wir 
werden uns dieser Charakteristik der reinen mineralischen Sub- 
stanzen erst nahern konnen, wenn wir eben von ganz elementaren 
naturwissenschaftlichen Vorstellungen ausgehen, dann zu dem auf- 
steigen, was zum Beispiel geschieht, wenn wir, sagen wir, Arsen 
oder Zinn oder irgend etwas anderes als Heilmittel in den mensch- 
lichen Organismus einfuhren. Da muB zunachst darauf hingewiesen 
werden, daB ganz anders, als das bei der menschlichen Natur selbst 
der Fall ist, die Wachsmmsmetamorphosen bei auBermenschlichen 
Wesen liegen. 

Wir werden nicht umhin konnen, das eigentliche Prinzip des 
Wachsens, des lebendigen Wachsens im Menschen irgendwie zu 
denken und es auch zu denken bei den auBermenschlichen Wesen- 
heiten. Aber die Differenz, die da auftritt, ist von einer grund- 
legenden Bedeutung. Betrachten Sie, zum Beispiel etwas sehr Nahe- 
liegendes, die gewohnliche sogenannte falsche Akazie, die Robinia 
pseudacacia. Wenn Sie dieser die Blatter an den Blattstielen ab- 
schneiden, so entsteht das Interessante, daB die Blattstiele durch 
eine Metamorphose etwas umgewandelt werden und daB dann 



diese umgewandelten knolligen Blattstiele die Funktion der Blatter 
ubernehmen. Da ist in einem hohen MaBe etwas tatig, was wir 
zunachst hypothetisch eine Kraft nennen wollen, die in der ganzen 
Pflanze steckt und die sich dann auBert, wenn wir die Pflanze ver- 
hindern, ihr normal ausgebildetes Organ fiir bestimmte Funktionen 
zu verwenden. DaB, ich mochte sagen, noch ein Rest von dem vor- 
handen ist, was da in ganz ausgesprochenem MaBe bei der ein- 
facher wachsenden Pflanze der Fall ist, das zeigt sich daran, daB, 
sagen wir, bei einem Menschen, der durch irgend etwas verhindert 
ist, den einen Arm oder die eine Hand zu irgendwelchen Funk- 
tionen zu gebrauchen, die andere kraftiger sich ausbildet, starker 
sich ausbildet und auch physisch groBer wird und so weiter. Wir 
miissen schon solche Dinge miteinander verbinden, denn das ist 
der Weg, der zur Erkenntnis der Moglichkeit einer Heilweise fiihrt. 

Nun, bei der auBermenschlichen Natur geht die Sache sehr weit. 
Man kann zum Beispiel folgendes beobachten: Nehmen wir an, 
es wachse eine Pflanze auf einem Bergabhange, so geschieht es, 
daB solche Pflanzen gewisse Blattstiele so entwickeln, daB sie die 
Blatter unausgebildet lassen; die bleiben weg. Dagegen biegt sich 



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der Blattstiel um und wird zum Stiitzorgan. Die Blatter verkummern 
(siehe Zeichnung Seite 63), der Blattstiel biegt sich um, wird zum 



Stiitzorgan, stiitzt sich auf: Pflanzen mit umgebildeten Blattstielen, 
bei denen die Blatter verkiimmern. Das weist auf innere Bildungs- 
krafte der Pflanze hin, die bewirken, daB die Pflanze in einer weit- 
gehenden Weise sich an die durch ihre Umgebung bedingte Lebens- 
weise anpassen kann. Nun, die Krafte, die dadrinnen wirksam sind, 
treten uns aber namentlich bei niederen Organismen in einer ganz 
interessanten Art entgegen. 

Wenn Sie zum Beispiel irgendeinen Embryo nehmen, der bis 
zum Gastrulastadium vorgeriickt ist, so konnen Sie die Gastrula 
zerschneiden, in der Mitte auseinanderschneiden, und jedes Stuck 
riindet sich wiederum und bildet in sich die Moglichkeit aus, die 
drei Stiicke von Vorder-, Mittel- und Enddarm fur sich auszubil- 
den. Wir schneiden also die Gastrula auseinander und finden, daB 
sich jedes Stuck so verhalt, wie sich das unzerschnittene Ganze 
verhalten haben wiirde. Sie wissen, daB man diesen Versuch aus- 
dehnen kann bis zu niederen Tieren, sogar Regenwiirmern, und 
daB, wenn man gewissen niederen Tieren Stiicke abschneidet, 
sich das wiederum erganzt, so daB es aus seinen inneren Bildungs- 
kraften her aus wiederum dasjenige bekommt, was wir ihm ab- 
geschnitten haben. Auf diese Bildungskrafte muB sachlich hin- 
gewiesen werden, nicht hypothetisch, indem man irgendeine Le- 
benskraft annimmt, sondern es muB sachlich auf diese Bildungs- 
krafte hingewiesen werden. Denn, wenn man genauer zusieht, wenn 
man wirklich verfolgt, was da eigentlich vorliegt, so sieht man zum 
Beispiel folgendes: Man sieht, daB, wenn man, sagen wir, einem 
Froschorganismus in einem sehr friihen Stadium etwas abschneidet, 
sich der iibrige Organismus, der abgeschnittene Organismus wieder 
ansetzt. Wer etwas materialistisch in seiner Denkweise geartet ist, 
der wird sagen: Nun ja, in der Wunde, da liegen Spannkrafte, und 
durch diese Spannkrafte in der Wunde setzt sich dasjenige, was da 
neuerdings wachst, an. — Aber das kann nicht so der Fall se'm. Denn 
ware das der Fall, daB wenn ich einen Organismus hier abschneide 
(siehe Zeichnung Seite 65) und sich hier an der Wunde Neues an- 
setzt durch die Spannkraft, die ja hier liegt — dann miiBte sich 
doch hier das ansetzen, was das nachste Stuck ware, also dasjenige, 



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was unmittelbar benachbart ist im vollkommenen Organismus. Das 
ist ja aber nicht der Fall in Wirklichkeit, sondern in der Wirklich- 
keit erscheinen, wenn man etwas abschneidet bei Froschlarven, End- 
organe, der Schwanz oder Kopf sogar, bei anderen Tieren Fiihl- 
faden, also diejenigen, die gar nicht hier angrenzen, sondern die- 
jenigen, die der Organismus zunachst braucht, wachsen da heraus. 
Es ist also ganz unmoglich, daB durch die unmittelbar hier inne- 
wohnenden Spannkrafte sich dasjenige hier ansetzt, was sich hier 
ausbiidet, sondern es ist notwendig, anzunehmen, daB bei diesen An- 
satzen der ganze Organismus in irgendeiner Weise beteiligt ist. 

So kann man wirklich dasjenige verfolgen, was in niederen 
Organismen vor sich geht. Sie konnen nun, da ich Ihnen den Weg 
angegeben habe, wie man so etwas verfolgt, wenn Sie das aus- 
dehnen iiber all die Erfahrungen, die bis heute in der Literatur 
verzeichnet sind, iiberall sehen, wie man nur auf diesem Wege 
iiberhaupt zu einer Anschauung iiber diese Sache kommt. Sie wer- 
den kaum einen anderen Gedanken hegen konnen als den: Beim 
Menschen ist das nun eben nicht so. — Es ware ja sehr niedlich, 
wenn man ihm einen Finger oder Arm abschneiden konnte und 
er den Finger oder Arm wieder ersetzen wiirde. Er tut es eben nicht. 
Es ist die Frage: Ja, wie ist es denn mit den Kraften, die nun ein- 



mal Wachstumsbildungskrafte sind und die sich hier ganz deutlich 
zeigen, wie ist es denn mit diesen Kraften im menschlichen Orga- 
nismus? Sind sie da verlorengegangen, sind sie da gar nicht vor- 
handen? 

Wer sachgemaB die Natur zu beobachten versteht, der weiB, 
daJ3 man nur auf diesem Wege iiberhaupt zu einer naturgemaBen 
Anschauung iiber den Zusammenhang des Geistigen und Physi- 
schen beim Menschen kommen kann. Beim Menschen sind nam- 
lich diese Krafte, die wir hier, ich mochte sagen, als plastische 
kennenlernen, die hier unmittelbar Formen aus der Substanz her- 
aus ausbilden, einfach herausgehoben aus den Organen und sind 
nur in dem, was bei ihm seelisch-geistig ist, vorhanden. Da sind 
sie namlich vorhanden. Dadurch, daB sie aus den Organen heraus- 
gehoben sind, daB sie nicht Bildungskrafte der Organe geblieben 
sind, hat sie der Mensch extra. Er hat sie in seinen geistig-seelischen 
Funktionen. Wenn ich denke oder fiihle, so denke ich und fiihle 
ich mit denselben Kraften, die da in dem niederen Tier oder in 
der Pnanzenwelt plastisch tatig sind. Ich konnte eben nicht den- 
ken, wenn ich nicht mit denselben Kraften, die ich aus der Materie 
herausgezogen habe, das Denken und das Fiihlen und das Wollen 
vollziehen wiirde. Schaue ich also auf die niederen Organismen 
hinaus, so muB ich mir sagen: Das, was da drinnen steckt, was die 
plastischen Krafte sind, das ist dasselbe, was ich auch in mir trage. 
Aber ich habe es aus meinen Organen herausgenommen, habe es 
fiir sich und denke und fiihle und will mit denselben Kraften, die 
da drauBen in der niederen Organismenwelt plastisch tatig sind. 

Wer nun ein Psychologe werden will mit Substanz in seinen 
psychologischen Aufstellungen, nicht mit bloBen Worten, wie man 
heute Psychologie konstruiert, der miiBte eigentlich die Denk- und 
Fiihl- und Willensprozesse so verfolgen, daB er in ihnen aufzeigt, 
nur eben geistig-seelisch verlaufend, dieselben Vorgange, die da 
unten in den plastischen Gestaltungen erscheinen. Sehen Sie nur 
einmal nach, wie wir innerlich in unserem seelischen ProzeB tat- 
sachlich das ausfiihren konnen, was wir im Organismus nicht mehr 
ausfiihren konnen: Gedankenreihen, die uns verlorengegangen 



sind, aus anderen heraus zu erganzen, und wie wir da so ahnlich 
verfahren, wie ich das hier gesagt habe, daB nicht das unmittelbar 
Angrenzende, sondern das weit davon Abliegende erscheint. 

Es besteht ein vollstandiger Parallelismus zwischen dem, was 
wir innerlich-seelisch erleben, und dem, was in der auBeren Welt 
gestaltende Naturkrafte, gestaltende Naturprinzipien sind. Ein voll- 
standiger Parallelismus besteht da. Auf diesen Parallelismus muB 
man hinweisen und zeigen, daB der Mensch in der AuBenwelt im 
Grunde genommen als Gestaltungsprinzipien das hat, was er inner- 
lich als sein seelisch-geistiges Leben aus seinem eigenen Organis- 
mus herausgenommen hat, was daher bei seinem eigenen Organis- 
mus nicht mehr der Materie, der Substanz zugrunde liegt. Aber 
nun, wir haben es nicht aus alien Teilen des Organismus gleich 
stark herausgenommen, wir haben es in verschiedener Weise her- 
ausgenommen. Und erst, wenn man gewissermaBen ausgeriistet 
ist mit solch einer Vorkenntnis, wie wir sie jetzt entwickelt haben, 
kann man an den menschlichen Organismus in entsprechender 
Weise herantreten. Denn betrachten Sie all dasjenige, was unser 
Nervensystem zusammensetzt, Sie werden das Eigentiimliche fin- 
den: gerade was man gewohnlich als Nervenzellen und dasjenige, 
was man als Nervengewebe und so weiter bezeichnet, das sind 
eigentlich Gebilde, verhaltnismaBig auf friihen Entwickelungs- 
stadien zuriickgeblieben, nicht sehr vorgeschrittene Zellgebilde 
sind das, so daB man sagen konnte: man miiBte eigentlich erwarten, 
daB gerade diese sogenannten Nervenzellen den Charakter friiherer 
primitiver Zellbildungen zeigen. Das tun sie in anderer Beziehung 
wiederum ganz und gar nicht, denn sie sind zum Beispiel nicht 
fortpflanzungsfahig. Nervenzellen, ebenso wie Blutzellen, sind un- 
teilbar, wenn sie ausgebildet sind, sie sind nicht fortpflanzungs- 
fahig. Es ist ihnen also in einem verhaltnismaBig friihen Stadium 
eine Fahigkeit, die den auBermenschlichen Zellen zukommt, ent- 
zogen; die ist ihnen entzogen. Sie bleiben auf einer friihen Ent- 
wickelungsstufe stehen, werden gewissermaBen auf dieser Entwik- 
kelungsstufe abgelahmt. Das, was in ihnen abgelahmt wird, das 
sondert sich ab als Seelisch-Geistiges. So daB wir in der Tat mit un- 



serem seelisch-geistigen Prozesse zuriickkehren zu dem, was einmal 
in der organischen Substanz sich gebildet hat, das wir aber nur da- 
durch erreichen, daB wir in uns die Nervensubstanz tragen, die wir 
in einem verhaltnismaBig friihen Stadium abtoten, ablahmen 
wenigstens. 

Auf diese Weise kann man sich dem eigentlichen Wesen der 
Nervensubstanz nahern. Man bekommt dann heraus, warum diese 
Nervensubstanz diese Eigentiimlichkeit an sich tragt, daB sie auf 
der einen Seite eigentlich ziemlich den primitiven Bildungen ahn- 
lich sieht, sogar in dem, was sie weiter ausbildet, den primitiven 
Bildungen ahnlich sieht, und doch dem dient, was man gewohn- 
lich beim Menschen das Hochste nennt, der geistigen Tatigkeit. 

Ich glaube — das ist nur ein Einschiebsel, das soil nicht zur 
eigentlichen Betrachtung gehoren — , daB schon die oberflachliche 
Betrachtung des menschlichen Hauptes, in dem der Mensch seine 
verschiedenen Nervenzellen umschlieBt, in diesem Umschlossen- 
sein von Zellen durch einen festen Panzer, eher erinnert an niedere 
Tiere als an hochentwickelte Tiere. Gerade unser Kopf erinnert 
eigentlich, ich mochte sogar sagen, an vorweltliche Tiere. Er er- 
scheint nur umgebildet. Und wenn wir von niederen Tieren spre- 
chen, so sagen wir gewohnlich: Die haben ein AuBenskelett, w'ah- 
rend die hoheren Tiere und der Mensch ein Innenskelett haben; 
aber nur unser Kopf, da, wo wir am hochsten entwickelt sind, hat 
ein AuBenskelett. Das ist immerhin etwas, was wenigstens eine 
Art Leitmotiv sein konnte fur das, was eben angefiihrt worden ist. 

Nun denken Sie sich nur, wenn wir dasjenige, was wir so un- 
serem Organismus entzogen haben, durch irgend etwas, das wir 
eine Krankheit nennen — ich werde noch genauer darauf zu spre- 
chen kommen — veranlaBt, ihm zufiihren — also denken Sie, diese 
Bildungskrafte, die in der auBermenschlichen Natur vorhanden 
sind, die wir unserem Organismus entzogen haben, weil wir sie fur 
das Geistig-Seelische verwenden, wenn wir diese dadurch, daB wir 
eine Pflanze oder so etwas verwenden, als Heilmittel dem Organis- 
mus wieder zufiihren, so verbinden wir den Organismus mit dem, 
was ihm zunachst fehlt. Wir kommen ihm zu Hilfe, indem wir 



ihm das zusetzen, was wir ihm erst dadurch, daB wir Mensch ge- 
worden sind, genommen haben. 

Sie sehen hier schon zunachst etwas aufdammern, was man als 
HeilprozeB bezeichnen kann: das Zuhilfenehmen derjenigen Krafte 
in der Natur drauBen, die wir als normaler Mensch nicht haben, 
wenn wir sie gebrauchen, damit irgend etwas in uns starker wird, 
als es beim normalen Menschen ist. Nehmen wir also, um einmal 
konkret zu sprechen, aber nur beispielsweise, irgendeines unserer 
Organe, sagen wir meinetwillen unsere Lunge oder so etwas; es 
wurde sich auch bei solchen Organen herausstellen, daB wir ihnen 
Bildungsprinzipien entnommen haben, um sie fur das Geistig- 
Seelische zu haben. Kommen wir nun gerade im Pflanzenreich auf 
diejenigen Krafte, die wir da aus der Lunge herausgenommen 
haben, und fiihren sie bei irgendeiner Stoning des Lungensystems 
dem Menschen zu, so kommen wir seiner Lungentatigkeit zu Hilfe. 
Sie sehen, es wurde die Frage entstehen: Welche Krafte in der 
auBermenschlichen Natur sind den Kraften ahnlich, die den 
menschlichen Organen zugrunde liegen, die aber zur geistig-seeli- 
schen Tatigkeit herausgezogen sind? — Sie sehen hier einen Weg, 
von der bloBen Probiermethode der Therapie zu einer Art Ratio 
in der Therapie zu kommen. 

Nun liegt aber neben den Irrtiimern, denen man sich hingegeben 
hat in bezug auf das Nervensystem, die Irrtiimer in bezug auf 
das Innermenschliche sind, ein sehr betrachtlicher Irrtum vor 
in bezug auf die auBermenschliche Natur, den ich heute nur an- 
deuten, spater aber noch n'aher ausfuhren will. Man ist allmahhch 
dazu gekommen im materialistischen Zeitalter, eine Art Evolution 
der auBeren Wesen zu denken von dem sogenannten Einfachsten 
bis zu dem Kompliziertesten hin. Man hat dann, nachdem man 
zuerst seine Betrachtung ausgedehnt hat iiber die niederen Orga- 
nismen, die Umwandelung der Formen studiert bis zu den kompli- 
ziertesten Organismen, dann auch ins Auge gefaBt das, was nicht 
Organismen sind, zum Beispiel das mineralische Reich. Das mine- 
ralische Reich hat man so ins Auge gefaBt, daB man sich gesagt 
hat: Das mineralische Reich ist eben einfacher als das Pflanzen- 



reich. — Das hat schlieBlich dazu gefiihrt, all die sonderbaren 
Fragen aufkommen zu lassen iiber die Entstehung des Lebens aus 
dem mineralischen Reich, iiber irgendein einmal vorhandenes 
Bedingtsein des Zusammenkommens der Substanzen aus ihrem 
bloBen unorganischen Agieren zu einem organischen Agieren. Die 
Generatio aequivoca ist dasjenige, was viele Diskussionen hervor- 
gerufen hat. 

Nun, einer unbefangenen Betrachtungsweise ergibt sich aber 
durchaus nicht das Richtige dieser Anschauung, sondern man muB 
sich sagen: In einer gewissen Weise laBt sich iiberhaupt ebenso, 
wie sich eine Art Evolution denken laBt von den Pflanzen hin 
durch die Tiere zum Menschen, wiederum eine Art Evolution 
denken von den Organismen, also von den Pflanzen hin zu den 
Mineralien, indem ihnen das Leben genommen wird. — Wie gesagt, 
ich will das heute nur andeuten, es wird in den folgenden Betrach- 
tungen deutlicher herauskommen. Man kommt nur zurecht, wenn 
man die Evolution gar nicht so denkt, daB man vom Mineral her- 
aufgeht iiber das Pflanzliche durch das Tierische zum Menschen, 
sondern wenn man den Ausgangspunkt in der Mitte nimmt und 
irgendwo eine Evolution denkt, die vom Pflanzlichen heraufgeht 
durch das Tierische zum Menschen, und eine andere Evolution, die 
hinuntergeht zum Mineralischen, wenn man also den Anfang nicht 
im Mineral setzt, sondern wenn man ihn mitten in die Natur hln- 
einsetzt, so daB das eine entsteht durch eine aufsteigende, das an- 
dere durch eine niedersteigende Evolution. Dadurch aber wird man 
dazu kommen, einzusehen, daB, indem man von der Pflanze zum 
Mineral hinuntergeht und namentlich, wie wir sehen werden, zu 
dem ganz besonders bedeutsamen Mineral, dem Metall, daB da in 
der niedergehenden Evolution Krafte auftreten konnen, die nun 
in einem ganz besonderen Verhaltnisse zu dem Spiegelbild, der auf- 
gehenden Evolution, stehen. 

Kurz, die Frage stellt sich uns vor die Seele: Was sind in den 
Mineralien fur ganz besondere Krafte vorhanden, die wir nur 
studieren konnen, wenn wir hier diese Bildungskr'afte, die wir an 
den niederen Organismen studiert haben, studieren? — Bei den 



Mineralien sehen wir sie auftreten in der Kristallisation. Die Kri- 
stallisation zeigt uns ganz entschieden etwas, was auftritt, wenn wir 
die niedergehende Evolution betrachten, was irgendwie nur im 
Zusammenhang stehen kann, aber nicht das gleiche ist, mit dem, 
was auftritt an Gestaltungskraften, wenn wir die aufsteigende Evo- 
lution betrachten. Fiihren wir daher dem Organismus dasjenige zu, 
was als Krafte in den Mineralien ist, so entsteht eine neue Frage. 
Wir haben antworten konnen auf eine ahnliche Frage: Wenn wir 
die bildenden Krafte, die wir durch das Geistig-Seelische unserer 
Organisation weggenommen haben, dem menschlichen Organismus 
aus dem pflanzlichen, tierischen Reiche zufiihren, so helfen wir 
dem Organismus. Was aber tritt ein, wenn wir die andersartigen 
Krafte, die in der absteigenden Evolution, also im Mineralreich 
liegen, nun dem menschlichen Organismus zufiihren wiirden? Das 
ist die Frage, die ich heute hinstellen will und die sich uns im 
Laufe der Betrachtungen eingehend beantworten soil. 

Nun aber, bei alledem sind wir ja noch nicht dahin gekommen, 
irgend etwas beitragen zu konnen im rechten Sinne zu der Frage, 
die wir heute an die Spitze der Betrachtung gestellt haben: ob wir 
der Natur nun selber einen HeilungsprozeB ablauschen konnen. Bei 
einer solchen Frage handelt es sich immer darum, daB man mit den 
richtigen Einsichten — und wir haben ja versucht, solche Einsichten 
wenigstens skizzenhaft uns zu verschaffen iiber solche Dinge — an 
die Natur herangeht, daB sich dann gewisse Vorgange in ihrer 
Wesenheit erst enthiillen. Darauf kommt es an. 

Nun, sehen Sie, gibt es im menschlichen Organismus zwei Pro- 
zesse — es gibt sie auch im Tierischen, aber das kann uns jetzt weni- 
ger interessieren — , die sich in gewissem Sinne, wenn wir sie aus- 
geriistet mit den Ideen, die wir jetzt gewonnen haben, betrachten, 
als entgegengesetzte Prozesse darstellen. Diese beiden entgegen- 
gesetzten Prozesse sind nicht ganz — ich betone das ausdriicklich und 
bitte das zu beachten, damit dies, was ich jetzt ausfuhre, nicht miB- 
verstanden werden konne — , aber bis zu einem hohen Grade polari- 
sche Prozesse. Und diese Prozesse sind: die Blutbildung und die 
Milchbildung, wie sie im menschlichen Organismus auftreten. Blut- 



bildung und Milchbildung — schon auBerlich unterscheiden sich die 
Blut- und Milchbildung in ganz wesentlicher Weise. Die Blut- 
bildung ist, ich mochte sagen, sehr stark in die verborgene Seite des 
menschlichen Organismus zuriickverlegt. Die Milchbildung ist 
etwas, was zuletzt mehr nach der Oberflache tendiert. Aber der 
wesentlichste Unterschied zwischen der Blutbildung und der Milch- 
bildung ist doch der, daB die Blutbildung sehr stark die Fahigkeit 
in sich tragt, selbst Bildungskrafte zu bilden, wenn wir den Men- 
schen selbst betrachten. Das Blut ist ja dasjenige, dem wir bildende 
Krafte zuschreiben miissen im ganzen Haushalt des menschlichen 
Organismus, wenn wir den philistrosen Ausdruck gebrauchen diir- 
fen. Das Blut hat also in einer gewissen Beziehung noch die Bil- 
dungskrafte, die wir hier in dem niederen Organismus wahrnehmen; 
die hat das Blut in sich. Aber gerade die neuere Wissenschaft konnte 
sich hier auf etwas sehr Wichtiges stiitzen, wenn sie das Blut be- 
trachtet, tut es aber bis heute nicht eigentlich in einem wirklich 
verniinftigen Sinn. Sie konnte sich darauf stiitzen, daB der Haupt- 
bestandteil des Blutes die roten Blutkorperchen sind, die wiederum 
nicht vermehrungsfahig sind, die wiederum die Eigentiimlichkeit 
haben, daB sie nicht vermehrungsfahig sind. Das haben sie mit den 
Nervenzellen gemeinschaftlich. Aber wenn man eine solche gemein- 
same Eigenschaft hervorhebt, so kommt es immer darauf an, ob der 
Grund, warum das ist, in beiden Fallen derselbe ist. Der Grund 
kann nicht derselbe sein, denn aus dem Blute haben wir nicht in 
demselben MaBe herausgenommen die Bildefahigkeit, wie wir sie 
aus der Nervensubstanz herausgenommen haben. Die Nerven- 
substanz, die ja gerade dem Vorstellungsleben zugrunde liegt, ent- 
behrt in einem hohen Grade die innere Bildungsfahigkeit. Die 
Nervensubstanz wird beim Menschen noch wahrend seines Lebens 
nach der Geburt weit hinaus von den auBeren Eindriicken ab- 
hangig nachgebildet. Also die innere Bildungsfahigkeit weicht da 
zuriick gegeniiber der Fahigkeit, sich den auBeren Einfliissen einfach 
anzupassen. Beim Blute ist das anders. Das Blut hat sich in hohem 
Grade die innere Bildungsfahigkeit bewahrt. Diese innere Bildungs- 
fahigkeit, sie ist ja, wie Sie aus den Tatsachen des Lebens wissen, 



auch in einem gewissen Sinne bei der Milch vorhanden. Denn ware 
sie bei der Milch nicht vorhanden, so wiirden wir nicht die Milch 
gerade als gesundes Nahrungsmittel den Sauglingen geben konnen. 
Dasjenige, was die Sauglinge brauchen, ist die Milch. Es ist in ihr eine 
ahnliche Bildefahigkeit wie im Blute. So daB also mit Bezug auf die 
Bildefahigkeit eine gewisse Ahnlichkeit besteht zwischen dem Blute 
und der Milch. 

Nun ist aber ein sehr betrachtlicher Unterschied. Die Milch, sie 
hat diese Bildefahigkeit. Sie hat aber etwas nicht, was das Blut zu 
seinem Bestande im hochsten MaBe braucht, wenigstens hat sie das 
nur in sehr geringem MaBe, in verschwindend geringem MaBe: 
Eisen, das einzige Metall im Grunde genommen im menschlichen 
Organismus, das in seinen Verbindungen im Menschen, im mensch- 
lichen Organismus selbst ordentliche Kristallisationsfahigkeit zeigt. 
Also wenn die Milch auch andere Metal le in geringen Mengen hat, 
so ist der Unterschied jedenfalls da, daB das Blut zu seinem Be- 
stande das Eisen braucht, ein ausgesprochenes Metall. Die Milch, 
die die Bildungsfahigkeit auch hat, braucht dieses Eisen nicht. Nun 
entsteht die Frage: Warum braucht das Blut das Eisen? 

Das ist eigentlich eine Kardinalfrage der ganzen medizinischen 
Wissenschaft. Das Blut braucht das Eisen namlich. Wir werden die 
Materialien schon herbeitragen zu diesen Tatsachen, die ich heute 
hingeworfen habe; ich will zunachst erharten, wie das Blut diejenige 
Substanz im menschlichen Organismus ist, die einfach durch ihre 
eigene Wesenheit krank ist und fortwahrend durch das Eisen geheilt 
werden muB. Das ist bei der Milch nicht der Fall. Ware die Milch 
in demselben Sinne krank wie das Blut, so wiirde die Milch in sol- 
dier Art, wie es geschieht, nicht ein Bildemittel sein konnen fur 
den Menschen selber, ein auBerlich ihm zugefiigtes Bildemittel sein 
konnen. 

Betrachtet man das Blut, so betrachtet man dasjenige, welches im 
Menschen einfach um der menschlichen Konstitution willen, um 
der Organisation willen fortwahrend etwas Krankes ist. Das Blut 
ist einfach durch seine eigene Wesenheit krank und muB fortwah- 
rend kuriert werden durch den Eisenzusatz. Das heiBt, wir haben in 



dem Prozesse, der in unserem Blute sich vollzieht, einen fortwah- 
renden HeilungsprozeB in uns. Will der Am durch der Natur Exa- 
men gehen, so muB er vor alien Dingen nicht einen schon abnormen 
ProzeB der Natur betrachten, sondern einen normalen ProzeB. Und 
der BlutprozeB ist sicher ein normaler, aber er ist zu gleicher Zeit 
ein solcher, wo fortwahrend die Natur selbst heilen muB, wo fort- 
wahrend die Natur durch das zugesetzte Mineral, durch das Eisen 
heilen muB. So daB wir, wenn wir uns dasjenige graphisch darstellen 
wollten, was mit dem Blute geschieht, sagen miissen: Dasjenige, was 
das Blut durch seine eigene Konstitution ohne das Eisen hat, ist eine 
Kurve oder eine Linie, die abwarts fiihrt und die ankommen wiirde 
zuletzt bei der vollstandigen Auflosung des Blutes (siehe Zeichnung 
Seite 74, rot), wahrend dasjenige, was das Eisen im Blute bewirkt, 
es fortwahrend aufwarts fiihrt, es fortwahrend heilt (gelbe Linie). 



Tafel 5 



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Wir haben in der Tat da einen ProzeB, der ein normaler ist und 
der zu gleicher Zeit ein solcher ist, der nachgebildet werden muB, 
wenn wir iiberhaupt an Heilungsprozesse denken wollen. Da kon- 
nen wir wirklich durch der Natur Examen gehen, denn da sehen 
wir, wie die Natur Prozesse vollfiihrt, indem sie dasjenige, was 
auBermenschlich ist, das Metall mit seinen Kraften, dem Mensch- 
lichen zufiihrt. Und wir sehen zu gleicher Zeit, wie dasjenige, was 
im Organismus unbedingt bleiben will, wie das Blut, geheilt werden 
muB, und wie das, was aus dem Organismus herausstrebt, wie die 
Milch, nicht geheilt zu werden braucht, wie sie, wenn sie Bilde- 
krafte enthalt, in gesunder Weise Bildekrafte in den anderen Orga- 
nismus iiberfuhren kann. Das ist eine gewisse Polaritat, und ich 
sage: eine gewisse, nicht eine ganze Polaritat zwischen dem Blute 



und der Milch, die aber ins Auge gefaBt werden muB, denn man 
kann daran eben sehr viel studieren. Da wollen wir dann morgen 
fortsetzen. 

Ich muBte dieses alles vorausschicken, weil ich an den Fragen 
gesehen habe, daB sie sich in ganz anderer Weise beantworten wer- 
den, wenn man eben die Begriffe, die Grundlagen fur die Beant- 
wortung hat. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 24 Marz 1920 



Die Auseinandersetzung gestern nachmittag hier war gewiB auBer- 
ordentlich interessant, doch im Zusammenhange mit der Frage, die 
ich eben jetzt hier sehe, bin ich genotigt, doch noch einmal, was ich 
ja schon getan habe, zu betonen, daB eine zulangliche Methode, um 
den Zusammenhang zwischen den einzelnen Heilmitteln und den 
einzelnen Krankheitserscheinungen aufzufinden, erst wird gegeben 
werden konnen, nachdem wir vorher in diesen Betrachtungen ge- 
wisse Vorfragen werden erledigt haben, die uns erst in den Stand 
setzen, die Tragweite von Erkenntnissen iiber den Zusammenhang 
zwischen dem Menschen und dem AuBermenschlichen zu ermessen, 
also auch jenem AuBermenschlichen, aus dem die Heilmittel ent- 
nommen werden. Insbesondere ist es nicht moglich, ohne Erledi- 
gung solcher Vorfragen iiber den Zusammenhang einzelner Heil- 
mittel mit einzelnen Organen zu sprechen, aus dem einfachen 
Grunde, weil dieser Zusammenhang kein vollstandig einfacher, son- 
dern ein etwas komplizierter ist und man seinen eigentlichen Sinn 
erst ermessen kann, wenn man eben gewisse Vorfragen, die wir 
heute und vielleicht auch noch zum Teil morgen werden zu erledi- 
gen haben, erledigt hat. Dann wird sich aber die Moglichkeit er- 
geben, wirklich einen konkreten Zusammenhang zwischen einzel- 
nen Heilmitteln und namentlich Heilverfahren und einzelnen 
Organerkrankungen auseinanderzusetzen. Im besonderen mochte 
ich aber gleich heute einleitungsweise noch etwas sagen, was 
ich Sie bitte, doch vorlaufig aus dem Grunde hinzunehmen, weil 
von da aus auf manches ein gewisses Licht fallen konnte. Und 
weil natiirlich solche Dinge zunachst schockieren, muB ich schon 
betonen, daB sie eben etwas schockierend sind. Ich mochte gerade 
in Ankniipfung an das gestern nachmittag hier Erorterte sagen, 
daB ich Sie bitten mochte, die andere Seite der Sache ins Auge 
zu fassen. 



Zu gewiB unserer tiefsten Befriedigung sind gestern hier zahl- 
reiche sehr lehrreiche Falle angefiihrt worden von ganz bcstimmten 
Heilungen. Nun kann ich Ihnen ein sehr einfaches Mittel angeben, 
wodurch diese Heilungen viel seltener und seltener werden wiirden. 
Aber nur aus dem Grunde mochte ich dieses Mittel angeben, damit 
Sie es nicht gerade gebrauchen — und es liegt so nahe, es zu gebrau- 
chen. Ich kann von diesem Mittel natiirlich nur in einem Kreise von 
anthroposophisch vorgebildeten Personlichkeiten sprechen. Dieses 
Mittel wiirde darinnen bestehen, daB Sie alle Hebel in Bewegung 
setzen wiirden, um die Ritterscbe Therapie zu einer allgemeinen 
Angelegenheit zu machen. Sie beriicksichtigen bei den Heilerfolgen 
nicht, daB Sie als einzelne Arzte dastehen. Ja, vielleicht mag gewiB 
der Einzelne sich dessen bewuBt sein, daB Sie als einzelne Arzte da- 
stehen, zu kampfen haben gegen die groBe Masse der anderen 
Arzteschaft und daB Sie in dem Augenblicke, wo Sie die Rittersche 
Therapie zu einer Universitatsangelegenheit machen, wo Sie durch- 
setzen wiirden, daB Sie nicht mehr in der Opposition standen, son- 
dern daB von — ich will gar nicht einmal sagen alien — , sondern von 
sehr vielen so geheilt werden wiirde, Sie die Erfahrung machen 
wiirden, daB Ihre Heilerfolge sich betrachtlich zuriickzogen. So 
sonderbar sind die Dinge im wirklichen Leben. Die Dinge sind 
namlich zuweilen ganz anders, als man sich sie vorstellt. Als einzelner 
Arzt hat man selbstverstandlich das groBte Interesse, den einzelnen 
Menschen zu heilen, und die moderne materialistische Medizin hat 
sich in dieser Weise sogar, ich mochte sagen, eine Art Rechtsgrund 
ausgesucht, um nur ja darauf losgehen zu miissen, den einzelnen 
Menschen zu heilen. Ja, aber dieser Rechtsgrund besteht darin, daB 
man sagt: Es gibt iiberhaupt keine Krankheiten, sondern kranke 
Menschen. Selbstverstandlich, wenn die Menschen auch in bezug 
auf die Krankheit so isoliert waren, wie das auBerlich aussieht heute, 
dann wiirde dieser Rechtsgrund ein wirklicher Grund sein. Aber das, 
was wirklich stattfindet, ist, daft die Menschen tatsachlich nicht so 
isoliert sind, dafi solche Dinge eine grofse Bedeutung haben, wie das 
gestern von Ihnen, Herr Dr. Ederle, Angefuhrte, dafi gewisse Krank- 
heitsspannungen ganze breite Territorien umfassen, und dafi Sie 



niemals konstatieren konnen, wenn Sie einen Einzelnen geheilt 
haben, wie vielen anderen Sie vielleicht die Krankheit in einem 
anderen Falle aufgehalst haben. Sie stellen sich nicht den ein- 
zelnen Krankheitsfall in den ganzen ProzeB hinein, und daher 
sind solche Dinge im einzelnen auBerordentlich frappierend. Aber 
derjenige, der das Ganze des Heiles der Menschheit im Auge hat, 
der muB, ich mochte sagen, doch aus einer anderen Ecke heraus 
sprechen. 

Das ist dasjenige, was eben notwendig macht, daB man nicht ein- 
seitig, bloB therapeutisch sich orientiert, sondern daB man die Thera- 
pie vollstandig herausarbeitet aus der Pathologic Das ist es gerade, 
was wir hier versuchen wollen, daB eine gewisse Ratio hineinkommt 
in dasjenige, was sonst doch nur ein empirisch-statistisches Den- 
ken ist. 

Nun wollen wir heute ausgehen von einer allbekannten Tatsache, 
die aber durchaus im Zusammenhange des naturwissenschaftlichen 
medizinischen Denkens nicht gewiirdigt wird und welche die Grund- 
lage abgeben kann fur eine Beurteilung des Verhaltnisses des Men- 
schen zu der auBermenschlichen Natur. Das ist die Tatsache, daB 
der Mensch als ein dreigliedriges Wesen, als Nerven-Sinneswesen, 
als Zirkulations wesen, als rhythmisches Wesen also, und als Stoff- 
wechselwesen, durch sein Stoffwechselwesen in einem negativen 
Verhaltnis steht zu dem, was drauBen in der Natur, in der Pflanzen- 
welt vorgeht. Sie wollen sich bitte die Tatsache vor die Seele riicken, 
daB drauBen in der Natur, wenn wir zunachst nur die Pflanzenwelt 
innerhalb dieser Natur beobachten, in der Flora sich die Tendenz 
bemerkbar macht, gewissermaBen den Kohlenstoff zu konzentrieren, 
den Kohlenstoff zur Grundlage der gesamten Flora zu machen. Wir 
sind umgeben, indem wir von Pflanzen umgeben sind, von Orga- 
nismen, von Formgebilden, deren Wesenheit auf der Konzentration 
des Kohlenstoff es beruht. Vergessen Sie nicht, daB dasjenige, was 
dieser Bildung zugrunde liegt, auch im menschlichen Organismus 
auftritt, daB aber der menschliche Organismus es in seinem Wesen 
hat, diese Bildung in der Bildung, gewissermaBen in einem weiter- 
gehenden Status nascendi, aufzuheben, zu zerstoren und die ent- 



gegengesetzte Bildung an deren Stelle zu setzen. Wir haben 
den Anfang dieses Prozesses in uns in dem, was ich in diesen 
Tagen den unteren Menschen genannt habe. Wir setzen den 
Kohlenstoff ab, beginnen gewissermafien aus unseren eigenen Kraf- 
ten heraus den ProzeB des Pflanzenwerdens und miissen uns, ver- 
anlaBt durch unsere obere Organisation, gegen dieses Pflanzen- 
werden wehren. Wir heben es auf, indem wir dem Kohlenstoff den 
Sauerstoff entgegensetzen, ihn zur Kohlensaure verarbeiten und 
dadurch in uns den entgegengesetzten ProzeB des Pflanzenwerdens 
ausbilden miissen. 

Auf diese Gegenprozesse gegen die auBere Natur bitte ich Sie 
uberall zu achten. Denn wenn Sie darauf achten, so werden Sie zu 
einem griindlicheren und griindlicheren Verstandnis des wirklichen 
Menschen kommen. Sie verstehen den Menschen als solchen nicht, 
wenn Sie ihn abwiegen — das nur symbolisch gesprochen fur das 
andere Untersuchen nach physikalischen Untersuchungsmetho- 
den — , Sie verstehen aber sofort etwas selbst iiber die Mechanik des 
Menschen, wenn Sie erwagen, daB das Gehirn sein bekanntes Ge- 
wicht hat von, sagen wir durchschnittlich 1300 Gramm, daB es 
aber nicht mit diesem Gewichte auf die untere Fiache des Schadels 
driicken kann, denn wir wiirden sofort alles das, was da an feinen 
Aderchen sich ausbreitet, zerdriickt bekommen, wenn wir das Ge- 
hirn driickend hatten mit seinem eigenen Gewicht. Das Gehirn 
driickt hochstens mit etwa zwanzig Gramm auf seine Unterlage. 
Das riihrt davon her, daB das Gehirn nach dem bekannten archime- 
disch-hydraulischen Prinzip einen Auftrieb erfahrt, indem es eigent- 
lich in Wirklichkeit im Gehirnwasser schwimmt, so daB die ganze 
iiberwiegende Masse des Gehirngewichtes einfach nicht wirkt, son- 
dern durch den Auftrieb aufgehoben wird. Wie da die Schwere 
iiberwunden wird und wir nicht in dem physischen Gewichte un- 
seres Organismus leben, sondern in der Aufhebung, in der dem 
physischen Gewicht entgegengesetzten Kraft, so ist es auch bei den 
anderen Prozessen des Menschen. Wir leben in der Tat nicht in 
dem, was die Physis mit uns macht, sondern in dem, was von der 
Physis aufgehoben wird. Und so leben wir auch in Wahrheit nicht 



in den Prozessen, welche wahrgenommen werden als Prozesse, die 
auch in der auBeren Natur sind, die im Pflanzenreiche ihre End- 
glieder erleben, sondern wir leben von der Aufhebung des Pflanzen- 
werdeprozesses. Das kommt natiirlich ganz wesentlich in Betracht, 
wenn wir die Briicke schlagen wollen zwischen dem menschlichen 
Organismus in seinem Kranksein und den Pflanzenheilmitteln. 

Nun konnte man, ich mochte sagen, diese Sache schon novelli- 
stisch ausfiihren. Man konnte sagen, wenn wir unseren Blick richten 
auf all das, was uns umgibt als schone Flora der Welt, so sind wir 
hoch erfreut, ganz hoch erfreut, mit Recht. Anders, wenn wir ein 
Schaf offnen und unmittelbar nach dem Offnen gleich von einer 
anderen Flora erfahren, die ganz entschieden auch ihre Entstehungs- 
ursache in ahnlicher Art hat, wie die Entstehungsursachen der auBe- 
ren Flora sind, wenn wir dadurch, daB wir ein Schaf offnen nach 
dem Tode, den ganzen Verwesungsgeruch des Inneren dieses Schafes 
auf uns zuduftend finden, da sind wir iiber die Entstehung der in- 
testinalen Flora, der Darmflora, ganz gewiB weniger erfreut. Und 
darauf ist es notig, sein Hauptaugenmerk zu richten. Denn da ist es 
handgreiflich, wie einfach dieselben Ursachen, die drauBen in der 
auBermenschlichen Natur die Flora in die Wege leiten, im Men- 
schen bekampft werden miissen, wie da die intestinale Darmflora 
nicht entstehen darf. Denn hier eroffnet sich ein auBerordentlich 
weites Forschungsgebiet, und jiingeren Medizinern, die noch im 
Studium sind, mochte ich es empfehlen, fur ihre Doktorarbeiten ja 
recht viel aus diesem Gebiete zu verwenden, vor alien Dingen viel 
aus diesem Gebiete der vergleichenden Forschung iiber die Darm- 
gestaltung bei den Formen der verschiedenen Tiere, iiber die Sauge- 
tiere herauf bis zum Menschen. Da wird sich ein auBerordentlich 
reiches Feld ergeben, denn auf diesem Gebiete ist noch vieles 
auBerordentlich Wichtige nicht erforscht. Versuchen Sie vor alien 
Dingen einmal, dahinter zu kommen, warum ein Schaf durch seine 
Darmflora, wenn wir es offnen, so furchtbaren Verwesungsgeruch 
ausduftet und warum das selbst bei den aasfressenden Vogeln nicht 
der Fall ist, die, wenn man sie offnet, verhaltnismaBig angenehm 
sogar riechen. 



In diesen Dingen liegt ungeheuer viel, was bis heute ganz und 
gar wissenschaftlich noch nicht durchgearbeitet ist. Es liegt ferner 
sehr viel auf diesem Gebiete fur eine Untersuchung der Darm- 
formen. Bedenken Sie einmal, daB das ganze Vogelgeschlecht einen 
wesentlichen Unterschied von dem Saugetiergeschlecht und auch 
von dem Menschen aufweist. Bei dem Vogelgeschlechte findet sich 
— und materialistische Arzte, wie zum Beispiel der Pariser Arzt 
Metschnikoff, haben die groBten Irrtumer gerade iiber diese Dinge 
gedacht — ein auBerordentlich kiimmerliches Entwickeln der Blase 
und des Dickdarms. Erst da, wo die Vogel zu Laufvogeln werden, 
sehen wir, daB sich die Dickdarmformen, auch gewisse Ausbuch- 
tungen in Blasenform ausbilden. So daB wir auf die wichtige Tat- 
sache hingewiesen werden, daB die Vogel nicht die Gelegenheit 
dazu haben, ihre Ausscheidungen abzulagern, eine Weile im Orga- 
nismus zu behalten, um sie dann bei willkiirlicher Gelegenheit 
auszuschalten, sondern es findet ein kontinuierliches Ausgleichen 
zwischen dem Aufnehmen und dem Ausscheiden statt. 

Es ist eine der oberflachlichsten Anschauungen, wenn man in der 
ganzen Flora und, wie wir sehen werden, auch in der Fauna, die 
im Darm auftritt, die iiberhaupt im menschlichen Organismus 
auftritt, so etwas sieht wie die Ursache des Krankseins. Es ist schon 
wirklich eigentlich schrecklich, wenn man heute an die Priifung 
der pathologischen Literatur herangeht und bei jedem Kapitel aufs 
neue darauf stoBt: fur diese Krankheit ist der Bazillus entdeckt, 
fur jene Krankheit ist der Bazillus entdeckt und so weiter. Das sind 
alles auBerordentlich interessante Tatsachen fiir die intestinale 
Botanik und Zoologie des menschlichen Organismus, aber fiir das 
Kranksein hat das keine andere Bedeutung als hochstens die eines 
Erkennungszeichens, eines Erkennungszeichens insofern namlich, 
als man sagen kann: Wenn die oder jene Krankheitsform zugrunde 
liegt, so ist im menschlichen Organismus die Gelegenheit geboten, 
daB sich diese oder jene interessanten kleinen Tier- oder kleinen 
Pflanzenformen auf einem solchen Unterboden entwickeln, aber 
sonst weiter nichts. Mit der wirklichen Krankheit hat diese Ent- 
wickelung der kleinen Fauna und kleinen Flora in einem sehr 



geringen Mal3e etwas zu tun, hochstens in einem indirekten MaBe. 
Denn sehen Sie, die Logik, die hier entfaltet wird innerhalb der 
heutigen Medizin, ist eine hochst eigentiimliche. Denken Sie ein- 
mal, Sie entdecken eine Landschaft, in welcher Sie eine groBe An- 
zahl vorziiglich genahrter und gut aussehender Kiihe finden. Werden 
Sie dann sagen: weil diese Kiihe irgendwie hereingeflogen sind, 
weil die Landschaft angesteckt worden ist durch diese Kiihe, ist 
das alles, was Sie da sehen, so wie es ist? Es wird Ihnen wohl kaum 
einf alien, nicht wahr, sondern Sie werden genotigt sein, zu unter- 
suchen, warum in dieser Landschaft fleiBige Leute sind, warum ein 
besonders geeigneter Boden fiir diese oder jene Tierpflege da ist, 
kurz, Sie werden wohl bei allem moglichen, was die Ursache sein 
kann, daB da gut gepflegte Kiihe sind, mit Ihren Gedanken Halt 
machen. Aber es wird Ihnen nicht einfallen, zu sagen: Dasjenige, 
was da geschieht, kommt davon her, daB die Landschaft angesteckt 
worden ist durch den Einzug von gut gepflegten Kiihen. — Nicht 
anders aber ist die Logik, welche die heutige medizinische Wissen- 
schaft mit Bezug auf Mikroben und dergleichen eigentlich ent- 
wickelt. Man sieht aus der Anwesenheit dieser interessanten Ge- 
schopfe nichts weiter, als daB ein guter Mutterboden da ist, und 
auf die Betrachtung dieses Mutterbodens hat man selbstverstand- 
lich die Aufmerksamkeit zu richten. DaB dann indirekt das eine 
oder das andere vorkommen kann, wenn man zum Beispiel nun 
sagt: Hier in dieser Gegend sind gut gepflegte Kiihe, geben wir ein 
paar mehr her, dann werden sich vielleicht einige Leute mehr noch 
dazu auf raff en, nun auch HeiBig zu sein. — Das kann natiirlich neben- 
bei eintreten. Es kann natiirlich geschehen, daB ein gut vorbereiteter 
Mutterboden durch den Einzug von Bazillen angeregt wird, seiner- 
seits nun auch in irgendwelche Krankheitsprozesse zu verfallen. 
Aber mit der eigentlichen Betrachtung des Krankseins hat diese 
gegenw'artige Betrachtung des Bazillenwesens in Wirklichkeit nicht 
das allergeringste zu tun. Wiirde man nur auf den Ausbau einer 
gesunden Logik Bedacht nehmen, so wiirde niemals eigentlich so 
etwas entstehen konnen wie das, was da zur Verheerung des gesunden 
Denkens gerade von offiziell betriebener Wissenschaft ausgeht. 



Dasjenige, was sehr in Betracht kommt, das ist, daB durch eine 
gewisse Beziehung des Oberen und Unteren im Menschen, wie ich 
sie in diesen Tagen charakterisiert habe, eben die Veranlassung 
gegeben werden kann, daB nicht das richtige Wechselverhaltnis 
besteht zwischen dem Oberen und dem Unteren. So daB also durch 
eine zu geringe Gegenwirkung des oberen Menschen in dem unte- 
ren Menschen Krafte tatig sein konnen, welche nicht aufhalten 
konnen den, ich mochte sagen, veranlagten und aufzuhaltenden 
VegetationsprozeB, den ProzeB des Pflanzenwerdens. Dann ist auch 
die Gelegenheit zur Entstehung einer reichlichen Darmflora ge- 
geben und dann wird die Darmflora zur Anzeige dafiir, daB eben 
der Unterleib des Menschen nicht in entsprechender Weise arbeitet. 

Nun besteht das Eigentiimliche, daB beim Menschen die Tatig- 
keiten, welche sich nach unteren Niveaus abspielen sollen, zuriick- 
gestaut werden, wenn sie sich dort nicht abspielen konnen. Wenn 
also im Unterleibe die Unmoglichkeit vorhanden ist, daB sich 
gewisse Prozesse, fur die dieser Unterleib organisiert ist, abspielen, 
so werden diese Prozesse zuriickgeschoben. Das mag manchem 
laienhaft ausgedriickt sein, ist aber wissenschaftlicher ausgedriickt 
als manches, was in den heute gebrauchlichen Pathologien steht. 
Es werden diese Prozesse, die sich regular in den unteren Teilen 
des Menschen abspielen sollen, zuriickgeschoben in die oberen Teile, 
und man hat den Ursprung sogar von Ausscheidungen der Lunge 
und anderer nach oben gelegener Teile wie Rippenfell und der- 
gleichen durchaus so zu verfolgen, daB man nachsieht, wie es sich 
mit den normalen oder abnormen Ausscheidungsprozessen des 
menschlichen Unterleibes verhalt. Das ist auBerordentlich wichtig, 
daB man dieses Zuriickschieben der organischen Prozesse durch den 
Unterleib nach dem Oberleib ordentlich ins Auge faBt, daB also 
vieles, was im Oberleibe vor sich gehen kann, nichts anderes als 
die zuriickgeschobenen Prozesse des Unterleibes sind. Wenn nicht 
das richtige Wechselverhaltnis zwischen dem oberen Menschen und 
dem unteren stattfindet, dann schieben sich diese Prozesse zuriick. 

Nun beachten Sie zu diesem hinzu etwas anderes. Sie wissen ja 
wohl aus der gewohnlichen Erfahrung, daB eine Tatsache besteht, 



wiederum eine Tatsache, die nur nicht geniigend ausgewertet wird, 
und auf das Auswerten dieser Tatsache kommt es bei einer gesun- 
den Wissenschaft an. Es besteht die Tatsache, daB in dem Augen- 
blicke, wo Sie Gedanken haben uber ein bestimmtes Organ, besser 
gesagt Gedanken, die mit irgendeinem bestimmten Organ zusam- 
menhangen, eine gewisse Tatigkeit dieses Organes auftritt. Studie- 
ren Sie — und hier ist wiederum reiches Gebiet fiir kiinftige Dok- 
tordissertationen — , studieren Sie einmal den Zusammenhang ge- 
wisser im Menschen auftretender Gedanken mit, sagen wir, der 
Speichelabsonderung, der Schleimabsonderung im Darm, der Ab- 
sonderung der Milch, der Absonderung des Urins, der Absonde- 
rung des Samens, studieren Sie, wie da auftreten gewisse Gedanken, 
deren Auftreten parallel geht mit diesen organischen Erscheinungen. 

Was haben Sie da fiir eine Tatsache vorliegend? Nicht wahr, in 
Ihrem Seelenleben treten die bestimmten Gedanken auf: organische 
Erscheinungen vollziehen sich als Parallelprozesse. Was heiBt das? 
Das, was in Ihren Gedanken auftritt, das ist ganz in den Organen 
darinnen. Wenn Sie also einen Gedanken haben und irgendeine 
parallelgehende Driisenabsonderung, so haben Sie die Tatigkeit, die 
dem Gedanken zugrunde liegt, die dem Denken zugrunde Hegt, 
herausgeholt aus der Druse. Sie verrichten sie abgesondert von der 
Druse, Sie iiberlassen die Druse ihrem eigenen Schicksal, und die 
Druse widmet sich ihrer eigenen Tatigkeit, sie sondert ab. Dieses 
Absondern ist verhindert, das heiBt dasjenige, was sonst von der 
Druse entlassen wird, bleibt mit der Druse vereinigt dadurch, daB 
der Gedanke es vereinigt hat. Sie haben also hier, ich mochte sagen, 
handgreiflich das Heraustreten der Bildetatigkeit aus dem Organ 
in den Gedanken hinein. Sie konnen sich sagen: H'atte ich nicht 
so gedacht, so hatte meine Druse nicht abgesondert. Das heiBt, ich 
habe die Kraft der Druse entzogen, habe sie in mein Seelenleben 
versetzt, diese Kraft, und die Druse sondert ab. — Da haben Sie 
im menschlichen Organismus selbst den offenkundigsten Beweis 
fiir das, was ich gesagt habe in den vorhergehenden Betrachtungen, 
daB dasjenige, was wir im Geistig-Seelischen erleben, eigentlich 
nichts anderes ist als die abgesonderten Bildungskrafte fiir das- 



jenige, was wir in der ubrigen Naturordnung vor uns haben. 
Was drauBen in der ubrigen Natur vor sich geht durch dasjenige, 
was sich in der auBeren Natur als auBere Flora gegeniiber unserer 
Darmflora parallel entwickelt, in dem stecken einfach drinnen die 
Bildungskrafte, die wir aus unserer Darmflora herausziehen. Sehen 
Sie drauBen auf die Flora der Berge, auf die Flora der Wiesen, so 
miissen Sie sich eigentlich sagen: Da drinnen stecken dieselben 
Krafte, die Sie in Ihren Gedanken entwickeln, wenn Sie im Vor- 
stellen, im Fiihlen leben. — Und Ihre Darmflora ist deshalb eine 
andere als die Flora drauBen, weil der Flora drauBen die Gedanken 
nicht weggenommen zu werden brauchen. Die bleiben in den 
Pflanzen drinnen stecken wie ihre Stengel, Blatter, Bliiten. Hier 
bekommen Sie einen Begriff von der Verwandtschaft desjenigen, 
was in den Bliiten, in den Blattern waltet, mit demjenigen, was 
in Ihnen selbst vorgeht, wenn Sie eine Darmflora entwickeln, der 
Sie nun nicht die Bildungskrafte lassen, sondern der Sie sie weg- 
nehmen, indem Sie, wenn Sie sie nicht wegnehmen wiirden, kein 
denkender Mensch w'aren. Sie nehmen Ihrer Darmflora das weg, 
was drauBen die Flora hat. 

Nicht minder ist es so der Fall bei der Fauna. Ebensowenig wie 
man ohne Einsicht in diese Dinge zu einem Zusammenhang zwi- 
schen dem Menschen und dem Pflanzenheilmittel kommen kann, 
ebensowenig kann man, ohne ein BewuBtsein davon, daB man als 
Mensch wegnimmt seiner eigenen Darmfauna die Krafte, die drau- 
Ben in der Tierwelt formgebend sind, einen richtigen Begriff be- 
kommen von der Anwendung der Heilsera. 

Sie sehen daraus, daB eine Ratio, eine Systematik dieser Dinge 
erst moglich ist, wenn man so den Zusammenhang des Menschen 
mit seiner Umgebung wirklich ins Auge faBt. Dann mochte ich Sie 
aber noch auf etwas aufmerksam machen, was auBerordentlich 
bedeutend ist. Ich weiB nicht, ob viele unter Ihnen sind, die noch 
miterlebt haben, wie auBerordentlich graBlich es geworden ist, als 
vor einiger Zeit die lacherlichsten Spuckverbote liberal 1 geherrscht 
haben. Durch diese Spuckverbote wollte man die Tuberkulose, wie 
Sie wissen, bekampfen. Nun, diese Spuckverbote sind aus dem 



Grunde lacherlich, weil jeder wissen sollte, daB schon das aller- 
gewbhnlichste diffuse Sonnenlicht in der kiirzesten Zeit die Bazil- 
len, die Tuberkelbazillen totet, so daB also, wenn Sie ein Sputum 
nach einiger Zeit, nach ganz kurzer Zeit untersuchen, keine Tuber- 
kelbazillen mehr drinnen sind. Das Sonnenlicht totet sofort diese 
Bazillen. So daB also, selbst wenn die Voraussetzung der gewohn- 
lichen Medizin richtig ware, selbst dann noch dieses Spuckverbot 
etwas auBerordentlich Lacherliches sein wiirde. Solche Verbote 
haben hochstens einen Sinn fiir die ganz gewohnliche Reinlichkeit, 
aber nicht fiir die Hygiene im weitesten Sinne. 

Aber fiir den, der nun wiederum anfangt, Tatsachen richtig zu 
werten, hat das eine sehr, sehr groBe Bedeutung, denn es weist uns 
ja darauf hin, daB der Angehorige der Tuberkel-Fauna oder -Flora, 
der Bazillus, am Sonnenlicht sich nicht halten kann. Er kann sich 
am Sonnenlicht nicht halten. Das paBt ihm nicht. Wann kann er 
sich halten? Wenn er im Innern des menschhchen Leibes ist. Und 
warum kann er sich da drinnen just halten? Nicht als ob er der 
eigentliche Schadiger ware, aber dasjenige, was da drinnen tatig 
ist, das ist das, was man aufsuchen muB. Und da beachtet man 
etwas nicht. Wir sind fortwahrend vom Licht umgeben, von dem 
Licht, das — wie Sie aus der Naturwissenschaft wohl behalten haben 
- die groBte Bedeutung fiir die Entwickelung der auBermensch- 
lichen Wesen hat, namentlich die groBte Bedeutung hat fiir die 
Entwickelung der gesamten auBermenschlichen Flora. Wir sind von 
diesem Lichte umgeben. An der Grenze zwischen uns und der 
AuBenwelt geschieht aber mit diesem Lichte, also mit etwas rein 
Atherischem, etwas sehr Bedeutsames: es wird umgewandelt. Und 
es muB umgewandelt werden. Sehen Sie, gerade so, wie der Pflan- 
zenwerdeprozeB vom Menschen aufgehalten wird, wie dieser Pflan- 
zenwerdeprozeB, ich mochte sagen, abgebrochen wird und wie ihm 
entgegengearbeitet wird durch den ProzeB der Entstehung der 
Kohlensaure, so wird auch dasjenige, was im Lichtleben ist, im 
Menschen abgebrochen. Suchen wir daher das Licht im Menschen, 
so muB es etwas anderes sein, so muB es eine Metamorphose des 
Lichtes sein. Wir finden in dem Augenblicke, wo wir die Grenze 



des Menschen nach innen iiberschreiten, eine Metamorphose des 
Lichtes. Das heiBt, der Mensch wandelt in sich nicht nur die ge- 
wohnlichen auBeren ponderablen Naturvorgange um, sondern der 
Mensch wandelt auch das Imponderable um, das Licht. Er macht 
es zu etwas anderem. Wenn sich nun der Tuberkelbazillus im 
Menschen wohl befindet, wahrend er am Sonnenlichte sofort kre- 
piert, so bezeugt eine solche Tatsache, wenn man sie richtig wertet, 
einfach, daB in dem Umwandelungsprodukt des Lichtes, das im 
Innern des Menschen auftritt, das Lebenselement dieses Bazillus 
schon ist, daB also, wenn er darinnen zu viel gedeiht, mit diesem 
umgewandelten Lichte es irgendwie nicht richtig stehen muB. Und 
Sie bekommen von da ausgehend eine Einsicht in die Tatsache, daB 
in den Ursachen der Tuberkulose es auch liegen muB, daB mit die- 
sem umgewandelten Lichte, mit dieser Metamorphose des Lichtes, 
in dem Menschen etwas vorgeht, was eigentlich nicht vorgehen 
sollte, sonst wiirde er nicht zu viel von den ja immer vorhandenen 
Tuber kelbazillen aufnehmen. Sie sind ja immer da, nur daB sie 
sonst in einer ungeniigenden Anzahl vorhanden sind; sie sind iiber- 
reichlich vorhanden, wenn der Mensch der Tuberkulose unterliegt. 
Sonst wiirde sich der Tuberkelbazillus nicht iiberall vorhanden 
zeigen, wenn nicht etwas Unnormales da ware in bezug auf die 
Entwickelung dieses metamorphosierten Sonnenlichtes. 

Nun wird es ja nicht schwer sein, wiederum durch eine ge- 
niigende Anzahl von Dissertationen und Privatdozentenabhand- 
lungen auf diesem Gebiete herauszubekommen — das empirische 
Material wird Ihnen nur so zufliegen fur die Dinge, die ich hier 
natiirlich nur als Gesichtspunkte geben kann — , daB dasjenige, was 
da eintritt, wenn der Mensch ein geeigneter Mutterboden fur die 
Tuberkelbazillen wird, darinnen besteht, daB der Mensch entweder 
nicht geniigend fahig ist, Sonnenlicht aufzunehmen, oder durch 
seine Lebensweise nicht geniigend bekommt, so daB nicht ein 
ordentlicher Ausgleich zwischen dem auf ihn eindringenden Son- 
nenlicht und seiner Verarbeitung des Sonnenlichtes zu einer Meta- 
morphose besteht, sondern daB er genotigt ist, Reserven zu holen 
aus dem immer in ihm aufgespeicherten metamorphosierten Licht. 



Das bitte ich Sie durchaus zu beriicksichtigen, daB der Mensch 
einfach dadurch, daB er Mensch ist, fortwahrend aufgespeichertes 
metamorphosiertes Licht in sich hat. Das ist notig zu seiner Orga- 
nisation. Vollzieht sich der WechselprozeB zwischen dem Menschen 
und dem auBeren Sonnenlicht nicht in der richtigen Weise, dann 
wird ebenso, wie bei der Abmagerung dem Korper Fett entnom- 
men wird, das er fur sich braucht, ihm unter solchen Einfliissen 
das metamorphosierte Licht entzogen. Und der Mensch steht in 
einem solchen Falle vor einem Dilemma, entweder sein Oberes 
erkranken zu machen oder seinem Unteren zu entziehen dasjenige, 
was er fur das Obere braucht, das heiBt: das Untere erkranken zu 
machen, indem er ihm das metamorphosierte Licht entzieht. 

Sie sehen daraus, daB der Mensch einfach zu seiner Organisation 
nicht nur die von auBen her kommenden und umgewandelten 
ponderablen Substanzen braucht, sondern daB eine richtige Be- 
trachtung des Menschen uns darauf hinweist, daB in ihm auch im- 
ponderable Substanzen, atherische Substanzen vorhanden sind, aber 
in Metamorphose. Daraus ersehen Sie aber, wie wir durch solche 
Grundlagen die Moglichkeit schaffen, gerade eine richtige An- 
schauung auszubauen fur die heilende Wirkung des Sonnenlichtes, 
zum Beispiel auf der einen Seite dadurch, daB wir den Menschen 
direkt dem Sonnenlichte aussetzen, um wiederum zu regulieren 
seinen in Unordnung gekommenen WechselprozeB mit dem um- 
gebenden Sonnenlicht, oder ihn andererseits auszusetzen innerlich 
solchen Substanzen, welche dasjenige ausgleichen, was sich in Un- 
regelmaBigkeit abspielt als Entziehen des metamorphosierten Lich- 
tes. Dieses Entziehen des metamorphosierten Lichtes muB man 
paralysieren mit dem, was aus den Heilmitteln kommen kann. Da 
konnen Sie hineinschauen in die menschliche Organisation. 

Nun besteht fur den, der iiberhaupt die Welt betrachten kann, 
das Eigentumliche, daB er — verzeihen Sie, wenn ich mich etwas 
undiplomatisch ausdriicke — nach einiger Zeit — es ist aber ganz 
objektiv, eigentlich ohne Sympathie und Antipathie gemeint, ob- 
wohl man scheinbar dem widersprechen konnte, was ich sage — 
eine gewisse Wut bekommt auf alles Mikroskopieren, auf alles 



Untersuchen im Kleinen, weil das Mikroskopieren eigentlich eher 
wegfiihrt von einer gesunden Auffassung des Lebens und seiner 
Storungen, als es zu ihr fiihren kann. Denn alle wirklichen Pro- 
zesse, die uns angehen im Menschen in seinem Gesund- und in 
seinem Kranksein, konnen wir viel besser studieren im Makro- 
skopischen als im Mikroskopischen. Wir miissen nur im Makro 
kosmos die Geiegenheiten aufsuchen, um diese Dinge zu studieren. 

Da bitte ich Sie zu beachten, daB das Vogelgeschlecht infolge 
seiner mangelhaften Harnblase und seines mangelhaften Dick- 
darms einen fortwahrenden kontinuierlichen Ausgleich hat zwi- 
schen Aufnehmen und Abscheiden. Der Vogel kann im Fluge 
abscheiden, er halt die Nahrungsiiberreste nicht in sich auf, er 
lagert das nicht ab. Er hat dazu keine Geiegenheiten. Und wiirde 
er sie ablagern, so ware es soglekh eine Krankheit, die ihn ruinie- 
ren wiirde. Insofern wir Menschen sind, physische Menschen sind, 
sind wir gewissermaBen — wie man entgegenkommend der heutigen 
Anschauung sagen kann - iiber den Vogel hinausgeschritten in 
seiner Entwickelung, wie man richtiger sagen konnte: unter den 
Vogel heruntergestiegen. Fiir den Vogel ist tatsachlich nicht notig, 
daB er jene starken Kampfe entwickelt gegen eine Darmflora, die 
in ihm gar nicht vorhanden ist, wie sie notig ist beim hoheren 
Tiere oder beim Menschen. Aber in bezug auf eine, ich mochte 
sagen, etwas hoher gelegene Tatigkeit bei uns, in bezug auf die 
Tatigkeit der Umwandelung des Atherischen zum Beispiel, was ich 
jetzt besprochen habe, der Umwandelung des Lichtes in seiner 
Metamorphose, da stehen wir auf dem Standpunkt des Vogels. Wir 
haben einen physischen Dickdarm und eine physische Blase, aber 
wir sind Vogel in bezug auf unseren Atherleib, was diese Organe 
anbetrifft. Die sind tatsachlich im Kosmos dynamisch nicht vor- 
handen. Da sind wir darauf angewiesen, daB wir unmittelbar, in- 
dem wir das Licht empfangen, es auch verarbeiten und die Aus- 
scheidungsprodukte wiederum abgeben. Und tritt da eine Stoning 
ein, so ist sie eine Stoning, der gar kein Organ entspricht, die wir 
also ohne Schadigung der Gesundheit nicht ohne weiteres ertragen 
konnen. So daB wir, wenn wir den Vogel mit seinem kleinen 



Gehirn betrachten, uns klar sein miissen, daJ3 er im Makrokos- 
mischen ein Abbild unserer feineren Organisation ist. Wollen Sie 
daher den Menschen studieren in bezug auf das, was als feinere 
Organisation sich abdriickt in seiner groberen Organisation, die 
unter den Vogel heruntergeschritten ist, dann miissen Sie eben 
makrokosmisch die Vorgange der Vogelwelt studieren. 

Nur mochte ich sagen — in der Klammer sei das bemerkt — : es 
ware tatsachlich sehr traurig um das Leben der Menschen bestellt, 
wenn sie in ihrem atherischen Organismus dieselbe Eigentiimlich- 
keit gegeniiber dem Vogelgeschlecht hatten, wie sie sie in ihrem 
physischen Organismus haben, da der atherische Organismus nicht 
in dieser Weise von der AuBenwelt abgeschlossen sein kann. Es 
wiirde bei der Ablagerung, sagen wir, des metamorphosierten Lich- 
tes, wenn es dafiir auch Geruchsorgane gabe, etwas ganz Furcht- 
bares herauskommen im Zusammenleben der Menschen. Doch, wie 
gesagt, das soil nur in Klammer bemerkt sein. Es wiirde das auf- 
treten, was wir erleben, wenn wir eben ein Schaf nach seinem Tode 
offnen und das Innere dann zu genieBen haben, wahrend wir tat- 
sachlich in bezug auf unser Atherisches als Menschen einander so 
gegeniiberstehen, daB es sich vergleichen iafit mit dem durchaus 
nicht unangenehmen Geruch, der zum Beispiel beim Offnen selbst 
eines aasfressenden Vogels — verhaltnismaBig, relativ ist alles - 
auftritt, gegeniiber dem Geruch, der auftritt, wenn wir namentlich 
einen Wiederkauer offnen, aber auch ein Tier, das erst die Anlage 
zum Wiederkauer hat, wie zum Beispiel das Pferd — es ist kein 
wirklicher Wiederkauer, aber es hat in seiner Organisation die An- 
lage zum Wiederkauer. 

Es handelt sich also darum, nun zu untersuchen die Entspre- 
chungen desjenigen, was in der auBeren Flora und Fauna vor sich 
geht, mit dem, was im menschlichen Organismus in der intesti- 
nalen Fauna und Flora vor sich geht, aber bekampft werden muB. 
Und wollen wir den Zusammenhang zwischen irgendeinem Heil- 
mittel und einem Organ feststellen, dann miissen wir von der all- 
gemeinen Charakteristik, die wir heute entwickelt haben, zu der 
besonderen Charakteristik der folgenden Vortrage iibergehen. 



Aber nun gehen Sie von hier aus, wie wir auf der einen Seite 
zu der Bekampfung gehen muBten der innermenschlichen, der in- 
testinalen Fauna und Flora, indem wir im ZirkulationsprozeB etwas 
entgegengesetzt finden ein Kampfen gegen das Entstehen des 
Pflanzenwerdens, nun iiber zu dem eigentlichen Nerven-Sinnes- 
menschen. Er ist doch viel bedeutender fur das Gesamtleben des 
Menschen, als man gewohnlich glaubt. Dadurch, daB man die 
Wissenschaft zu einer solchen Abstraktion erhoben hat, hat man 
gar nicht die Moglichkeit gehabt, das in der entsprechenden Weise 
zu beriicksichtigen, daB dieser Nerven-Sinnesmensch, durch den zum 
Beispiel das Licht und die mit ihm verbundene Warme eigentlich 
doch eindringt, mit dem inneren Leben innig zusammenhangt, weil 
die Imponderabilien, die da mit dem Lichte eindringen, in den 
Organen metamorphosiert werden miissen und die Imponderabilien 
ebenso organbildend sind wie dasjenige, was in dem ponderablen 
Reiche existiert. Man hat gar nicht beriicksichtigt, daB der Nerven- 
Sinnesmensch fur die Organisation des Menschen von besonderer 
Bedeutung ist. Aber wahrend wir, wenn wir tiefer hineinsteigen in 
den unteren Menschen, aus der Darmflora bildenden Kraft in die 
Darmfauna bildende Kraft hinuntersteigen, kommen wir, wenn wir 
mehr hinaufsteigen in den Menschen, aus der Region, wo bekampft 
wird die innere Flora, in das Gebiet, wo bekampft werden muB 
fortwahrend das Mineralischwerden des Menschen, ich mochte 
sagen, das Sklerotischwerden des Menschen. Sie konnen da, ich 
mochte sagen, schon auBerlich an der starkeren Verknocherung des 
Hauptes studieren, wie der Mensch, je mehr er sich nach oben ent- 
wickelt, durch seine Organisation eben zum Mineralischwerden 
neigt. 

Dieses Mineralischwerden, das hat aber fur die ganze Organi- 
sation des Menschen eine groBe Bedeutung; denn sehen Sie, hier 
ist es, wo man immer wiederum darauf aufmerksam machen muB 
— ich habe das sogar in offentlichen Vortragen schon getan — , 
daB man, wenn man den Menschen nun teilt in die drei Glieder: 
Kopfmensch, Rumpfmensch, GliedmaBenmensch, man ja doch 
wahrhaftig nicht denken soil, daB diese drei Glieder so nebenein- 



ander stehen und auBere raumliche Grenzen haben. Der Mensch 
ist natiirlich ganz Kopfmensch, qualitativ eingeteilt. Dasjenige, 
was Kopf ist, dehnt sich wiederum iiber den ganzen Menschen aus, 
ist nur hauptsachlich im Kopfe. Ebenso ist es mit den anderen, Zir- 
kulation, GliedmaBen und Stoffwechsel, es dehnt sich immer iiber 
den ganzen Menschen aus. So daB selbstverstandlich dasjenige, was 
fur den Kopf- oder Hauptesmenschen vorhanden sein muB, als 
Anlage im ganzen Menschen vorhanden ist, und diese Anlage des 
Mineralischwerdens im ganzen Menschen bekampft werden muB. 
Da liegt eben durchaus ein Gebiet, wo, wenn der heutige Mensch 
alte Werke aufschlagt, die noch aus atavistischem Hellsehen her- 
vorgegangen sind, er gar nichts mehr verstehen kann. Denn 
schlieBlich die wenigsten lesen heute noch was Ordentliches her- 
aus, wenn sie beim Paracelsus vom Salzprozesse lesen. Aber der 
SalzprozeB liegt auf dem Gebiete, das ich jetzt eben charakterisiere, 
geradeso wie der SchwefelprozeB auf dem Gebiete Uegt y das ich 
vorhin charakterisiert habe. 

Also es handelt sich darum, daB der Mensch in sich die Tendenz 
hat, sich zu miner alisieren. Nun, geradeso aber, wie gewissermaBen 
selbstandig werden kann dasjenige, was dem Fauna- und Flora- 
prozeB zugrunde liegt, so kann fur den ganzen Menschen diese 
Mineralisierungstendenz selbstandig werden. Dieser Mineralisie- 
rungstendenz, wie ist ihr entgegenzuarbeiten? Ihr ist nicht anders 
entgegenzuarbeiten als dadurch, daB man sie zersprengt, daB man 
in sie gewissermaBen fortwahrend kleine Keile hineintreibt. Und 
hier haben Sie das Gebiet, wo Sie betreten miissen den Ubergang 
von der Serumtherapie durch die Pflanzentherapie zu der Mineral- 
therapie, ohne die Sie doch nicht auskommen, weil Sie nur in den 
Beziehungen der Mineralien zu dem, was im Menschen selbst 
Mineral werden will, einen Anhaitspunkt haben, um all dasjenige 
zu unterstiitzen, was unterstiitzt werden muB in dem Kampfe des 
Menschen gegen die mineralisierende Tendenz, gegen das allge- 
meine Sklerotischwerden. Da konnen Sie nun nicht auskommen — 
und dieses Kapitel muB dann ausfiihrlich besprochen werden — , 
indem Sie einfach das Mineral in seinem auBeren Zustande in den 



menschlichen Organismus einfuhren. Da tritt dasjenige ein, was 
auf irgendein homoopathisches Prinzip in irgendeiner Form hin- 
weist, was darauf hinweist, daB gerade aus dem Mineralreich die- 
jenigen Krafte bloBgelegt werden miissen, welche der Wirksam- 
keit des auBeren Mineralreiches entgegengesetzt sind. 

Es ist ja aufmerksam darauf gemacht worden, und es ist richtig, 
daB man einfach den Blick hinzuwerfen braucht auf den ganz 
geringen mineralischen Gehalt mancher Quellen, die heilwirkend 
sind, und man hat in diesen Quellen einen Homoopathisierungs- 
prozeB, der ganz auffallig ist, der eben zeigt, daB tatsachlich in dem 
Augenblicke, wo man befreit den mineralischen Zusammenhang 
von den Kraften, die wir auBerlich iiberschauen, ganz andere Krafte 
herauskommen, die man erst besonders loslosen muB dadurch, daB 
man eben homoopathisiert. Doch dieses, wie gesagt, soil in einem 
besonderen Kapitel besprochen werden. Aber dasjenige, was ich 
Ihnen doch heute noch sagen mochte, das ist nun das Folgende. Wenn 
Sie wirklich das ausfiihren — den jiingeren Herren lege ich das 
besonders ans Herz — , daB Sie vergleichende Studien machen iiber 
die Umformung des ganzen Darmsystems, sagen wir, von den 
Fischen herauf iiber die Amphibien, Reptilien — besonders die 
Beziehungen der Amphibien, Reptilien in bezug auf das Darm- 
system sind auBerordentlich interessant — , hinauf zu dem Vogel auf 
der einen Seite, zu dem Saugetiere und dann bis herauf zum Men- 
schen auf der anderen Seite, so werden Sie finden, daB merkwiirdige 
Umformungen der Organe stattflnden, das Auftreten zum Beispiel 
der Blinddarme, desjenigen, was dann beim Menschen zum Blind- 
darm wird, bei niederen Saugetieren oder da, wo die Vogelorgani- 
sation etwas aus sich herausfallt und Blinddarmansatze beim Vogel 
auftreten; die ganze Art und Weise dann, wie sich aus dem bei den 
Fischen ja ganz und gar nicht vorhandenen Dickdarme — man kann 
nicht reden von einem Dickdarm bei den Fischen — , durch den 
Heraufgang durch sogenannte vollkommenere Ordnungen das er- 
gibt, was Dickdarm ist, was dann Blinddarme und beim Menschen 
Blinddarm ist — gewisse andere Tiere haben mehrere Blinddarme — : 
da finden Sie ein merkwurdiges Wechselverhaltnis. 



Auf dieses Wechselverhaltnis muBte eigentlich ein vergleichen- 
des Studium sehr scharf hinweisen. Sie konnen einfach auBerlich 
fragen — ja, Sie wissen, wie oft gefragt wird: Wozu ist denn nun 
uberhaupt so etwas, was sich dann nach auBen abschlieBt, wie der 
Blinddarm beim Menschen vorhanden? Es wird oftmals nach dieser 
Sache gefragt. Wenn man eine solche Frage aufwirft, so beachtet 
man gewohnlich das Folgende nicht: daB sich tatsachlich der 
Mensch als eine Dualitat offenbart und daB, was entsteht, auf der 
einen Seite im Unteren immer das Parallelorgan ist fur etwas, was 
entsteht im Oberen, daB im Oberen gewisse Organe nicht entstehen 
konnten, wenn sich nicht die Parallelorgane, gewissermaBen die 
entgegengesetzten Pole im Unteren entwickeln konnten. Und je 
mehr das Vorderhirn in der Tierreihe die Gestalt annimmt, welche 
es beim Menschen dann entwickeit, desto mehr gestaltet sich der 
Darm gerade nach der Seite hin aus, die zur Ablagerung der 
Nahrungsiiberreste fiihrt. Es ist ein inniger Zusammenhang zwi- 
schen der Darmbildung und der Gehirnbildung, und wiirde nicht 
im Laufe der Tierreihe Dickdarm, Blinddarm auftreten, so konnten 
auch nicht zuletzt denkende Menschen entstehen physischer Natur, 
weil der Mensch sein Gehirn, sein Denkorgan auf Kosten, durch- 
aus auf Kosten seiner Darmorgane hat. Und die Darmorgane sind 
die getreue Reversseite der Gehirnorgane. Damit Sie auf der einen 
Seite entlastet werden von physischer Tatigkeit fin* das Denken, 
miissen Sie auf der anderen Seite Ihren Organismus belasten mit 
demjenigen, wozu Veranlassung ist zur Belastung durch den aus- 
gebildeten Dickdarm und die ausgebildete Blase. So daB gerade die 
in der menschlichen physischen Welt vorkommende hochste geistig- 
seelische Tatigkeit, insoferne sie gebunden ist an eine vollkommene 
Ausbildung des Gehirnes, zugleich gebunden ist an die dazu geho- 
rige Ausbildung des Darmes. Das ist ein auBerordentlich bedeut- 
samer Zusammenhang, ein Zusammenhang, der auf das ganze 
Schaffen der Natur ungeheuer viel Licht wirft. Denn Sie konnen 
sich, wenn es auch etwas paradox klingt, nun sagen: Warum haben 
denn die Menschen einen Blinddarm? — Damit sie in entsprechen- 
der Weise menschlich denken konnen, konnen Sie sich zur Antwort 



geben. Derm dasjenige, was sich da im Blinddarm ausbildet, das 
hat sein Entgegengesetztes im menschlichen Gehirn. Alles auf der 
einen Seite entspricht dem anderen. 

Das sind Dinge, die man auf eine neue Art des Erkennens sich 
wiederum erobern muB. Wir konnen natiirlich heute nicht den 
alten Arzten nachplappern, die noch auf atavistischem Hellsehen 
gefuBt haben; denn wir wurden da nicht zu viel kommen. Aber 
wir miissen uns diese Dinge wieder erobern. Fur die Eroberung 
dieser Dinge ist zunachst die reine materialistische Ausbildung der 
Medizin, die solche Beziehungen iiberhaupt nicht sucht, eigentlich 
ein rechtes Hindernis. Fur die heutige Naturwissenschaft und Me- 
dizin ist halt das Gehirn ein Eingeweide und ist auch das, was im 
Unterleib ist, ein Eingeweide. DaB man da denselben Fehler macht 
eben, wie wenn man sagen wiirde: positive und negative Elektri- 
zitat sind halt dasselbe, sind Elektrizitat, das beachtet man gar 
nicht. Und es ist um so wichtiger, das zu beobachten, weil 
geradeso, wie zwischen positiver und negativer Elektrizitat Span- 
nung entsteht, die sich Ausgleiche sucht, fortwahrend im Men- 
schen Spannung vorhanden ist zwischen dem Oberen und dem 
Unteren. In der Beherrschung dieser Spannung liegt eigentlich 
dasjenige, was man vorzugsweise auf medizinischem Felde zu 
suchen hat. Diese Spannung, sie driickt sich auch aus — ich 
will das heute andeuten, Sie werden das in spateren Betrach- 
tungen hier weiter ausgefiihrt finden — in den Kraften, die auf 
zwei Organe konzentriert sind, in der Zirbeldriise und in der soge- 
nannten Schleimdriise. In der Zirbeldriise driicken sich alle die- 
jenigen Krafte aus, die die oberen Krafte sind, und stehen gespannt 
gegeniiber den Kraften der Schleimdriise, der Hypophysis cerebri, 
die die unteren Krafte sind. Da ist ein wirkliches Spannungsverhalt- 
nis. Wiirde man aus dem Gesamtbefinden des Menschen immer 
sich eine Ansicht bilden iiber dieses Spannungsverhaltnis, dann 
hatte man sehr gute Grundlagen fur den weiteren HeilungsprozeB. 

Davon wollen wir dann morgen weiter reden. Sie werden schon 
sehen, daB ich die Fragen alle hineinarbeite. Aber ich muB eben, 
wie schon gesagt, dazu Grundlagen schaffen. 



FUNFTER VORTRAG 
Dornach, 25-Marz 1920 



Indem wir in diesen Betrachtungen immer weiter vordringen zu 
jenem speziellen Gebiete, wo die Pathologic in die Therapie ein- 
dringen und zwischen beiden eine Briicke geschlagen werden soil, 
wird es notwendig sein, allerlei Dinge zu erwahnen, die gewisser- 
maBen fiir die Behandlung nur eine Art Ideal darstellen konnen 
und die nicht im vollen Umfange uberall verwertet werden kon- 
nen. Aber dennoch wird man, wenn man einen Uberblkk hat liber 
dasjenige, was alles in Betracht kame bei Krankenbehandlung, aus 
den Einzelheiten das eine oder das andere herausnehmen konnen 
und wenigstens wissen, wie man eben fragmentarische Befunde 
iiber die Krankheit zu bewerten hat. 

Vor alien Dingen ist es notwendig, den Blick darauf zu werfen, 
wie bedeutsam fiir die Behandlung auch des speziellsten Falles die 
Erkenntnis des gesamten Menschen, den man vor sich hat, ist. 
Diese Erkenntnis des gesamten Menschen sollte sich auf wichtigste 
Lebensmomente eigentlich immer erstrecken. Und da mir manch- 
mal Krankenbehandler Vertrauen geschenkt haben, mit mir iiber 
das oder jenes gesprochen haben, war ich zum Beispiel oftmals 
erstaunt, wenn ich gleich nach einigen Worten gefragt habe: Wie 
alt ist der Kranke eigentlich? — und der Krankenbehandler keine 
rechte Auskunf t dariiber geben konnte, das heiBt, sich nicht Rechen- 
schaft dariiber gegeben hat, wie alt der betreffende Kranke ist. Es 
ist, wie wir gerade in den nachsten Tagen sehen werden, etwas, 
was zum Wesentlkhsten gehort, daB man vor alien Dingen mit 
einer ziemlichen Genauigkeit iiber das Alter des Patienten sich 
unterrichte, denri die Therapie ist in hohem Grade von dem Alter 
des Patienten abhangig. Und wenn vorgestern hier von gewissen 
Dingen angefiihrt wurde, daB sie in einzelnen Fallen auBerordent- 
lich gut helfen, in anderen Fallen nicht, so liegt bei solchen Aus- 
spnichen die Frage auBerordentlich nahe: Wie hangt mit dem 



Nichthelfen das Lebensalter des betreffenden Patienten zusammen? 
- Dariiber, iiber die Wirkungsweise des Lebensalters, miiBten vor 
alien Dingen bei Heilmitteln ganz genaue Aufnahmen gemacht 
werden. 

Dann aber handelt es sich um folgendes: Man sollte immer 
genau ins Auge fassen, wie der betreffende Patient eigentlich ge- 
wachsen ist, ob er kurz und gedrungen oder lang und aufgeschos- 
sen ist, und es ist von einer groBen Bedeutung, schon aus diesem, 
dem Kurz- und Gedrungensein und dem Lang- und Aufgeschossen- 
sein, zu entnehmen, welche Krafte dasjenige hat, was wir den 
Atherleib im Menschen nennen. Es laBt sich — ich habe viel dar- 
iiber nachgedacht — nicht vermeiden, und Sie werden es wahrschein- 
lich auch gar nicht wiinschen, diese Ausdriicke, die nun schon ein- 
mal zur Realitat des Menschen gehoren, diese Ausdriicke « Ather- 
leib* und so weiter zu gebrauchen. Man konnte sie ja durch solche, 
die bei Nichtanthroposophen beliebter sind, ersetzen; allein, das 
werden wir vielleicht am Schlusse konnen. Jetzt wollen wir zur 
besseren Verstandigung daran festhalten, wo es notig ist, doch 
solche Ausdriicke zu gebrauchen. Den Atherleib also in seiner, ich 
mochte sagen, Intensitat des Wirkens kann man daraus beurteilen, 
wie gewachsen der betreffende Mensch ist. Aber man sollte sich 
auch womoglich — wie gesagt, ich will alles anfuhren; es ist nicht 
immer moglich, alles zu beriicksichtigen, da man einfach die Daten 
nicht bekommt, aber es ist gut, von allem zu wissen - vor alien 
Dingen erkundigen, ob im Jugendalter der Betreffende langsam 
oder schnell gewachsen ist, das heiBt, ob er lange klein geblieben 
ist oder ob er in verhaltnismaBig jungen Jahren schon hoch auf- 
geschossen war und spater dann mit dem Wachsen zuriickgeblieben 
ist. Alle diese Dinge weisen auf dasjenige hin, was man nennen 
konnte Verhalten des atherischen Leibes, also sagen wir der funk- 
tionellen AuBerungen des Menschen zu seinem physischen Leibe. 
Und das muB beriicksichtigt werden, wenn man ein Verhaltnis 
erkennen will zwischen dem Menschen und seinen Heilmitteln. 

Ferner ist es auch notwendig, das Verhaltnis des physischen und 
des atherischen Leibes zu den hoheren Gliedern der menschlichen 



Wesenheit zu erkennen, zu dem, was wk den astralischeti Leib, also 
das eigentlich Seelische, und das Ich, das eigentlich Geistige, 
nennen. Es ist notwendig, daB man das von dem Patienten heraus- 
bekommt. So zum Beispiel sollte man nicht vermeiden, die Frage 
an ihn zu stellen, ob er viel oder wenig Traumleben hat. Wenn ein 
Patient viel Traumleben hat, so ist das fur seine ganze {Constitu- 
tion auBerordentlich bedeutend, denn es bezeugt, daB der astralische 
Leib und das Ich eine Tendenz haben, eine eigene T'atigkeit zu ent- 
falten, also sich nicht allzu stark und nicht allzu eingehend mit dem 
physischen Leibe beschaftigen wollen, daB also die eigentlich 
menschlich-seelischen Bildungskrafte nicht in das Organsystem des 
Menschen einflieBen. 

Ferner sollte man sich, wenn das vielleicht auch unbehaglich ist, 
erkundigen dariiber, ob der betreffende Mensch beweglich, fleiBig 
ist oder ob er zur Tragheit neigt. Denn Personhchkeiten, welche 
zur Tragheit neigen, haben eine starke innere Beweglichkeit des 
astralischen Leibes und des Ich. Es kann das paradox erscheinen, 
aber diese Beweglichkeit wird ja nicht bewuBt, sie ist unbewuBt. 
Und daher, weil sie unbewuBt ist, ist der betreffende Mensch dann 
nicht etwa irgendwie im BewuBtsein fleiBig, sondern er ist im 
Ganzen trage. Denn das, was ich hier als das Gegenteil von Trag- 
heit bezeichne, ist die organische Fahigkeit, mit seinem hoheren 
Menschen in den niederen Menschen einzugreifen, also von sei- 
nem astralischen Leibe und von seinem Ich aus wirklich die 
Tatigkeit uberzuleiten auf den physischen Leib und den Atherleib. 
Und diese Fahigkeit ist beim Tragen eine sehr geringe. Der Trage 
ist eigentlich, geisteswissenschaftlich genommen, ein schlafender 
Mensch. 

Dann sollte man sich erkundigen dariiber, ob der betreffende 
Mensch kurzsichtig oder weitsichtig ist. Kurzsichtige Menschen sind 
solche, welche ebenfalls eine gewisse Zuriickhaltung ihres Ich und 
ihres astralischen Leibes haben gegeniiber dem physischen Leib, 
und die Kurzsichtigkeit ist gerade eines der wichtigsten Zeichen 
dafiir, daB man es mit einem Menschen, dessen Geistig-Seelisches 
nicht in das Leiblich-Physische eingreifen will, zu tun hat. 



Dann mochte ich auf etwas hinweisen, was vielleicht einmal 
ausfiihrbar sein konnte, was auBerordentlich wichtig ware fur die 
Krankenbehandlung und was, wie ich glaube, dann, wenn mehr 
soziales Gefiihl auch in die einzelnen Berufsstande einziehen wiirde, 
schon irgendeine praktische Bedeutung gewinnen konnte. Das ist: 
Es ware auBerordentlich wichtig, wenn Zahnarzte ihre Kenntnis 
vom Zahnsystem, Verdauungssystem und alledem, was damit zu- 
sammenhangt, in der Weise ausniitzen wiirden — natiirlich muB 
man die betreffenden Patienten dafiir gewinnen, aber wie gesagt, 
bei einigem sozialem Gefiihle lieBe sich das vielleicht erreichen — , 
daB sie gewissermaBen eine Art Schema ihren Patienten bei jeder 
Behandlung mitgeben, in dem sie notifizieren, wie sie die Wirk- 
samkeit alles dessen, was mit dem Zahnwuchs zusammenhangt, 
befunden haben, ob friihe Neigung zu Zahnkaries vorhanden ist 
und dergleichen, ob die Zahne sich bis in ein spateres Alter gut 
erhalten. Das ist, wie wir in den nachsten Tagen sehen werden, 
auBerordentlich bedeutsam fur die Beurteilung der Gesamtorgani- 
sation des Menschen. Und wiirde der Arzt, der einen einzelnen 
Krankheitsfall zu behandeln hat, solch eine Signatur, ich mochte 
sagen, Gesundheitssignatur des Menschen aus dem Zahnbefund 
bekommen, so wiirde ihm das ein auBerordentlich wichtiger An- 
haltspunkt sein konnen. 

Dann ware es auBerordentlich wichtig, bei den Patienten, wenn 
ich so sagen darf, ihre physischen Sympathien und Antipathien 
kennenzulernen. Besonders bedeutsam ist es, zu konstatieren, ob 
irgendein Mensch, den man zu behandeln hat, zum Beispiel gierig 
ist auf Salz oder gierig ist auf irgend etwas anderes. Man miiBte 
herausbekommen, nach welchen Nahrungsmitteln der Betreffende 
besonders g'mrig ist. Ist er gierig auf alles Salzartige, dann hat man 
es mit eineni Menschen zu tun, bei dem eine zu starke Verbindung 
des Ich und des astralischen Leibes mit dem physischen Leib und 
dem Atherleib vorhanden ist, bei dem gewissermaBen eine zu 
starke Affinitat des Geistig-Seelischen mit dem Physisch-Leiblichen 
vorliegt. Ebenso sprechen fiir eine solche starke Affinitat die durch 
auBere mechanische Vorgange, zum Beispiel durch schnelles Dre- 



hen des Korpers, hervorgerufenen Schwindelanfalle. Man sollte sich 
also iiberzeugen, ob der Mensch leicht Schwindelanfalle bekommt, 
wenn er mechanische Bewegungen seines Korpers ausfiihrt. 

Ferner sollte man sich immer unterrichten, und das ist ja wohl 
ziemlich allgemein bekannt, iiber die Storungen der Absonderung, 
iiber die gesamte Driisentatigkeit des Menschen, denn wo Storun- 
gen der Absonderungen vorliegen, liegt immer auch eine Stoning 
in dem Zusammenhalt des Ich und astralischen Leibes mit dem 
Atherleib und physischen Leib vor. 

So habe ich Ihnen einzelnes angegeben, was im Grunde genom- 
men immer zunachst gekannt werden miiBte, wenn man einem 
Patienten gegeniibertritt. Es ist einzelnes herausgegriffen, aber Sie 
werden ja sehen, in welcher Richtung die betreffenden Dinge 
gehen, insofern sie sich auf die Konstitution des Korpers selbst 
beziehen. Im Laufe der Zeit werden wir auch davon sprechen, wie 
man sich informieren soil iiber die Lebensweise, iiber die Mog- 
lichkeit, gesunde oder schlechte Luft zu atmen und so weiter. Das 
kann mehr bei der Besprechung der einzelnen Kapitel betrachtet 
werden. Nun, auf diese Weise wird man zunachst eine Art Einblick 
bekommen in die Art, wie der Mensch ist, den man zu behandeln 
hat. Denn nur dann, wenn man das weiB, wird man im speziellen 
in der Lage sein, festzustellen, wie man irgendein Heilmittel 
mischen soli. 

Nun mochte ich zunachst im allgemeinen darauf hinweisen, was 
ja schon aus einzelnen Betrachtungen der vorhergehenden Tage 
hervorgeht, daB eine innere Verwandtschaft des Menschen zu der 
ganzen auBermenschlichen Welt besteht. Geisteswissenschaftlich 
wird es oftmals so ausgesprochen, obwohl es zunachst abstrakt aus- 
gesprochen ist, daB der Mensch die iibrigen Reiche im Laufe der 
Entwickelung aus sich herausgesetzt hat und daB daher dasjenige, 
…[truncated]