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? I f b
GOETHES WELTANSCHAUUNG.
GOETHES
WELTANSCHAUUNG.
Von
RUDOLF STEINER.
WEIMAB
VERLAG VON EMIL KELBER
1897.
Alle Rechte vorbehalten.
Vorrede.
Die Gedanken, die ich in diesem Buche mitteile,
sollen die Grundstimmung festhalten, die ich in der
Weltanschauung Goethes beobachtet habe. Im Lauf
vieler Jahre habe ich immer wieder und wieder das
Bild dieser Weltanschauung betrachtet. Besonderen
Reiz hatte es für mich, nach den Offenbarungen zu
sehen, welche die Natur über ihr Wesen und ihre
Gesetze den feinen Sinnes- und Geistesorganen Goethes
gemacht hat. Ich lernte begreifen, warum Goethe
diese Offenbarungen als so hohes Glück empfand, dafs
er sie zuweilen höher schätzte als seine Dichtungs-
gabe. Ich lebte mich in die Empfindungen ein, die
durch Goethes Seele zogen, wenn er sagt, dafs „wir
durch nichts so sehr veranlafst werden über uns selbst
zu denken, als wenn wir höchst bedeutende Gegen-
stände, besonders entschiedene Naturscenen nach langen
Zwischenräumen endlich wiedersehen und den zurück-
gebliebenen Eindruck mit der gegenwärtigen Ein-
wirkung vergleichen. Da werden wir denn im Ganzen
bemerken, dafs das Object immer mehr hervortritt,
VI Vorrede.
dafs, wenn wir uns früher an den Gegenständen em-
pfanden, Freud und Leid, Heiterkeit und Verwirrung
auf sie übertrugen, wir nunmehr bei gebändigter
Selbstigkeit ihnen das gebürende Recht widerfahren
lassen, ihre Eigenheiten zu erkennen und ihre Eigen-
schaften, sofern wir sie durchdringen, in einem höhern
Grade zu schätzen wissen. Jene Art des Anschauens
gewährt der künstlerische Blick, diese eignet sich dem
Naturforscher, und ich mufste mich, zwar anfangs nicht
ohne Schmerzen, zuletzt doch glücklich preisen, dafs,
indem jener Sinn mich nach und nach zu verlassen
drohte, dieser sich in Aug und Geist desto kräftiger
entwickelte."
Die Eindrücke, welche Goethe von den Erschei-
nungen der Natur empfangen hat, mufs man kennen,
wenn man den vollen Gehalt seiner Dichtungen ver-
stehen will. Die Geheimnisse, die er dem Wesen und
Werden der Schöpfung abgelauscht hat, leben in seinen
künstlerischen Erzeugnissen und werden nur dem-
jenigen offenbar, der hinhorcht auf die Mitteilungen,
die der Dichter über die Natur macht. Niemand kann
in die Tiefen der Goetheschen Kunst hinuntertauchen,
dem Goethes Naturbeobachtungen unbekannt sind.
Solche Empfindungen drängten mich zu der Be-
schäftigung mit Goethes Naturstudien. Sie liefsen zu-
nächst die Ideen reifen, die ich vor mehr als zehn
Jahren in Kürschners „Deutscher Nationallitteratur"
mitteilte. Was ich damals in dem ersten anfieng, habe
ich ausgebaut in den drei folgenden Bänden der natur-
wissenschaftlichen Schriften Goethes, von denen der
letzte in diesen Tagen vor die Oeffentlichkeit tritt.
Dieselben Empfindungen leiteten mich, als ich vor
Vorrede. vil
mehreren Jahren die schöne Aufgabe übernahm, einen
Teil der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes für
die grofse Weimarische Goethe-Ausgabe zu besorgen.
Was ich an Gedanken zu dieser Arbeit mitgebracht
und was ich während derselben ersonnen habe, bildet
den Inhalt des vorliegenden Buches. Ich darf diesen
Inhalt als erlebt im vollsten Sinne des Wortes be-
zeichnen. Von vielen Ausgangspuncten aus habe ich
mich den Ideen Goethes zu nähern gesucht. Allen
Widerspruch, der in mir gegen Goethes Anschauungs-
weise schlummerte, habe ich aufgerufen, um gegen-
über der Macht dieser einzigen Persönlichkeit die
eigene Individualität zu wahren. Und je mehr ich
meine eigene, selbst erkämpfte Weltanschauung aus-
bildete, desto mehr glaubte ich Goethe zu verstehen.
Ich versuchte ein Licht zu finden, das auch die Räume
in Goethes Seele durchleuchtet, die ihm selbst dunkel
geblieben sind. Zwischen den Zeilen seiner Werke
wollte ich lesen, was mir ihn ganz verständlich machen
sollte. Die Kräfte seines Geistes, die ihn beherrschten,
deren er sich aber nicht selbst bewufst wurde, suchte
ich zu entdecken. Die wesentlichen Charakterzüge
seiner Seele wollte ich durchschauen.
Unsere Zeit liebt es die Ideen da, wo von psycho-
logischer Betrachtung einer Persönlichkeit die Rede
ist, in einem mystischen Halbdunkel zu lassen. Die
gedankliche Klarheit in solchen Dingen wird gegen-
wärtig als nüchterne Verstandesweisheit verachtet.
Man glaubt tiefer zu dringen, wenn man von mysti-
schen Abgründen des Seelenlebens, von dämonischen
Gewalten innerhalb der Persönlichkeit spricht. Ich
mufs gestehen, dafs mir diese Schwärmerei für mysti-
VIII Vorrede.
sehe Psychologie als Oberflächlichkeit erscheint. Sie
ist bei Menschen vorhanden, in denen der Inhalt der
Ideenwelt keine Empfindungen erzeugt. Sie können
in die Tiefen dieses Inhaltes nicht hinabsteigen, sie
fühlen die Wärme nicht, die von ihm ausströmt. Des-
halb suchen sie diese Wärme in der Unklarheit. Wer
im Stande ist, sich einzuleben in die hellen Sphären
der reinen Gedankenwelt, der empfindet in ihnen das,
was er sonst nirgends empfinden kann. Persönlich-
keiten wie die Goethes kann man nur erkennen, wenn
man die Ideen, von denen sie beherrscht sind, in ihrer
lichten Klarheit in sich aufzunehmen vermag. Wer
die Mystik in der Psychologie liebt, wird vielleicht
meine Betrachtungsweise kalt finden. Ob es aber
meine Schuld ist, dafs ich das Dunkle und Unbestimmte
nicht mit dem Tiefsinnigen für ein und dasselbe halten
kann? So rein und klar, wie mir die Ideen erschienen
sind, die in Goethe als wirksame Kräfte gewaltet haben,
versuche ich sie darzustellen. Vielleicht findet auch
mancher die Linien, die ich gezogen habe, die Farben,
die ich aufgetragen habe, zu einfach. Ich meine aber,
dafs man das Grofse am besten charakterisiert, wenn
man es in seiner monumentalen Einfachheit darzu-
stellen versucht. Die kleinen Schnörkel und Anhängsel
verwirren nur die Betrachtung. Nicht auf nebensäch-
liche Gedanken, zu denen er durch dieses oder jenes
Erlebnis von untergeordneter Bedeutung veranlafst
worden ist, kommt es mir bei Goethe an, sondern auf
die Grundrichtung seines Geistes. Mag dieser Geist
auch da und dort Seitenwege einschlagen reine Haupt-
tendenz ist immer zu erkennen. Und sie habe ich
verfolgt. Wer da meint, dafs die Regionen, durch die
Vorrede. ix
ich gegangen bin, eisig sind, der hat sein Herz zu
Hause gelassen.
Will man mir den Vorwurf machen, dafs ich nur
diejenigen Seiten der Goetheschen Weltanschauung
schildere, auf die mich mein eigenes Denken und Em-
pfinden weist, so kann ich nichts erwidern, als dafs
ich eine fremde Persönlichkeit nur so ansehen will, wie
sie mir nach meiner eigenen Wesenheit erscheinen mufs.
Die Objectivität derjenigen Darsteller, die sich selbst
verleugnen wollen, wenn sie fremde Ideen schildern,
schätze ich nicht hoch. Ich glaube, sie kann nur matte
und farbenblasse Bilder malen. Ein Kampf liegt jeder
wahren Darstellung einer fremden Weltanschauung zu
Grunde. Und der völlig Besiegte wird nicht der beste
Darsteller sein. Die fremde Macht mufs Achtung er-
zwingen ; aber die eigenen Waffen müssen ihren Dienst
tun. Ich habe deshalb rückhaltlos ausgesprochen, dafs
nach meiner Ansicht die Goethesche Denkweise Grenzen
hat. Dafs es Erkenntnisgebiete gibt, die ihr ver-
schlossen geblieben sind. Ich habe gezeigt, welche
Richtung die Beobachtung der Welterscheinungen
nehmen mufs, wenn sie in die Gebiete dringen will,
die Goethe nicht betreten hat, oder auf denen er,
wenn er sich in sie begeben hat, unsicher herum-
geirrt ist. So interessant es ist, einem grofsen Geiste
auf seinen Wegen zu folgen; ich möchte jedem nur
so weit folgen, als er mich selbst fördert. Denn nicht
die Betrachtung, die Erkenntnis, sondern das Leben,
die eigene Tätigkeit ist das Wertvolle. Der reine
Historiker ist ein schwacher, ein unkräftiger Mensch.
Die historische Erkenntnis raubt die Energie und
Spannkraft des eigenen Wirkens. Wer alles verstehen
Vorrede.
will, wird selbst wenig sein. Was fruchtbar ist, allein
ist wahr, hat Goethe gesagt. Soweit Goethe für unsere
Zeit fruchtbar ist, soweit soll man sich in seine Ge-
danken- und Empfindungswelt einleben. Und ich
glaube, aus der folgenden Darstellung wird hervor-
gehen, dafs unzählige noch ungehobene Schätze in
dieser Gedanken- und Empfindungswelt verborgen
liegen. Ich habe auf die Stellen hingedeutet, an denen
die moderne Wissenschaft hinter Goethe zurückge-
blieben ist. Ich habe von der Armut der gegen-
wärtigen Ideenwelt gesprochen und ihr den Reichtum
und die Fülle der Goetheschen entgegengehalten. In
Goethes Denken sind Keime, welche die moderne
Naturwissenschaft zur Reife bringen sollte. Für sie
könnte dieses Denken vorbildlich sein. Sie hat einen
gröfseren Beobachtungsstoff als Goethe. Aber sie hat
diesen Stoff nur mit spärlichem und unzureichendem
Ideengehalt durchsetzt. Ich hoffe, dafs aus meinen
Ausführungen hervorgeht, wie wenig Eignung die
moderne naturwissenschaftliche Denkweise dazu be-
sitzt, Goethe zu kritisieren, und wie viel sie von ihm
lernen könnte.
Rudolf Steiner.
Inhalt.
Seite
Vorrede III
Einleitung , 1
Goethes Stellung inner halb der abendländischen
Gedankenentwicklung 5
Goethe und Schiller 7
Die platonische Weltanschauung 10
Die Folgen der platonischen Weltanschauung ... 16
Goethe und die platonische Weltansicht 27
Persönlichkeit und Weltanschauung 45
Die Metamorphose der Welterscheinungen .... 61
Die Anschauungen über Natur und Entwicklung
der Lebewesen 85
Die Metamorphosenlehre 87
Die Betrachtung der Farbenwelt 147
Die Erscheinungen der Farbenwelt 149
Gedanken über Entwicklungsgeschichte der
Erde und Lufterscheinungen 183
Gedanken über Entwicklungsgeschichte der Erde . . 185
Betrachtungen über atmosphärische Erscheinungen . 193
Goethe und Hegel 197
Namen-Register 205
GOETHES
WELTANSCHAUUNG.
Von
RUDOLF STEINER.
WEIMAB
VERLAG VON EMIL FELBER
1897.
Alle Rechte vorbehalten.
mM
•-25-
Einleitung.
Will man Goethes Weltanschauung verstehen, so
darf man sich nicht damit begnügen, hinzuhorchen, was
er selbst in einzelnen Aussprüchen über sie sagt. In
kristallklaren Sätzen den Kern seines Wesens auszu-
sprechen, lag nicht, in seiner Natur. Er hatte eine
gewisse Scheu davor, das Lebendige, die Wirklichkeit
in einem durchsichtigen Gedanken festzuhalten. Sein
Innenleben, seine Beziehungen zur Aufsenwelt, seine
Beobachtungen über die Dinge und Ereignisse waren
zu reich, zu erfüllt von zarten Bestandteilen, von
intimen Elementen, um von ihm selbst in einfache
Formeln gebracht zu werden. Er spricht sich aus,
wenn ihn dieses oder jenes Erlebnis dazu drängt.
Aber er sagt immer zu viel oder zu wenig. Die leb-
hafte Anteilnahme an allem, was an ihn herankommt,
bestimmt ihn oft, schärfere Ausdrücke zu gebrauchen,
als es seine Gesamtnatur verlangt. Sie verführt ihn
ebenso oft, sich unbestimmt zu äufsern, wo ihn sein
Wesen zu einer bestimmten Meinung nötigen könnte.
Er ist immer ängstlich, wenn es sich darum handelt,
Steiner, Goethes Weltanschauung. 1
Eigentümlichkeit Goethescher Aussprüche.
zwischen zwei Ansichten zu entscheiden. Er will
sich die Unbefangenheit nicht dadurch rauben, dafs
er seinen Gedanken eine scharfe Richtung giebt. Er
beruhigt sich bei dem Gedanken: „Der Mensch ist
nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl
aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich so-
dann in der Grenze des Begreiflichen zu halten." Ein
Problem, das der Mensch gelöst zu haben glaubt, ent-
zieht ihm die Möglichkeit, tausend Dinge klar zu
sehen, die in den Bereich dieses Problemes fallen. Er
achtet auf sie nicht mehr, weil er über das Gebiet
aufgeklärt zu sein glaubt, in das sie fallen. Goethe
möchte lieber zwei Meinungen über eine Sache haben,
die einander entgegengesetzt sind, als e i n e bestimmte.
Denn jedes Ding scheint ihm eine Unendlichkeit ein-
zuschliefsen, der man sich von verschiedenen Seiten
nähern mufs, um von ihrer ganzen Fülle etwas wahr-
zunehmen. „Man sagt, zwischen zwei entgegen-
gesetzten Meinungen liegt die Wahrheit mitten inne.
Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Un-
schaubare, das ewig thätige Leben, in Ruhe gedacht."
Goethe will seine Gedanken lebendig erhalten, damit
er in jedem Augenblicke sie umwandeln kann, wenn
die Wirklichkeit ihn dazu veranlafst. Er will nicht
recht haben ; er will stets nur aufs „Rechte losgehen".
In zwei verschiedenen Zeitpunkten spricht er sich über
dieselbe Sache verschieden aus. Eine feste Theorie,
die ein für allemal die Gesetzmäfsigkeit einer Reihe
von Erscheinungen zum Ausdruck bringen will, ist
ihm widerlich.
Wenn man dennoch die Einheit seiner An-
schauungen überschauen will, so mufs man weniger
Eigentümlichkeit Goethescher Aussprüche.
auf seine Worte hören als auf seine Lebensführung
sehen. Man mufs sein Verhältnis zu den Dingen
belauschen, wenn er ihrem Wesen nachforscht und
dabei das ergänzen, was er selbst nicht sagt. Man
mufs auf das Innerste seiner Persönlichkeit eingehen,
das sich zum gröfsten Teile hinter seinen Aufse-
rungen verbirgt. Was er sagt, mag sich oft wider-
sprechen ; was er lebt, gehört immer einem widerspruch-
losen Ganzen an. Hat er seine Weltanschauung auch
nicht in einem geschlossenen System aufgezeichnet;
er hat sie in einer geschlossenen Persönlichkeit dar-
gelebt. Wenn wir auf sein Leben sehen, so lösen sich
alle Widersprüche in seinem Reden. Er hat über die
Natur dies und jenes gesagt. In einem festgefügten Ge-
dankengebäude hat er seine Naturanschauung niemals
niedergelegt. Aber wenn wir seine einzelnen Ge-
danken auf diesem Gebiete überblicken, so schliefsen
sie sich von selbst zu einem Ganzen zusammen. Man
kann sich eine Vorstellung davon machen, welches
Gedankengebäude entstanden wäre, wenn er seine An-
sichten im Zusammenhang vollständig dargestellt hätte.
Ich habe mir vorgesetzt, in dieser Schrift zu schildern,
wie Goethes Persönlichkeit in ihrem innersten Wesen
geartet gewesen sein mufs, um über die Erscheinungen
der Natur solche Gedanken äufsern zu können, wie er
sie in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten nieder-
gelegt hat. Dafs manchem von dem, was ich sagen
werde, Goethesche Sätze entgegengehalten werden
können, die ihm widersprechen, weifs ich. Es handelt
sich mir aber in dieser Schrift nicht darum, eine
Entwicklungsgeschichte seiner Aussprüche zu geben,
sondern darum, die Grundlagen seiner Persönlichkeit
1*
Aufgabe dieser Schrift.
darzustellen, die ihn zu seinen tiefen Einsichten in
das Schaffen und Wirken der Natur führten. Nicht
aus den zahlreichen Sätzen, in denen er Konzessionen
an andere Denkweisen macht, oder in denen er sich
der Formeln bedient, welche der eine oder der andere
Philosoph gebraucht hat, lassen sich diese Grundlagen
erkennen. Aus den Aufserungen zu Eckermann könnte
man sich einen Goethe konstruieren, der nie die Meta-
morphose der Pflanzen hätte schreiben können. An
Zelter hat Goethe manches Wort gerichtet, das ver-
führen könnte, auf eine wissenschaftliche Gesinnung
zu schliefsen, die seinen grofsen Gedanken über die
Bildung der Tiere widerspricht. Ich gebe zu, dafs in
Goethes Persönlichkeit auch Kräfte gewirkt haben, die
ich nicht berücksichtigt habe. Aber diese Kräfte
treten zurück hinter den eigentlich bestimmenden, die
seiner Weltanschauung das Gepräge geben. Diese be-
stimmenden Kräfte so scharf zu charakterisieren, als
mir möglich ist, habe ich mir zur Aufgabe gestellt.
Goethes Stellung innerhalb der abendländischen
Gedankenentwickelung.
^P'
^fi.;?
ii-t^f
Goethe und Schiller.
Goethe erzählt von einem Gespräch, das sich einst-
mals zwischen ihm und Schillern entspann, nachdem
beide einer Sitzung der naturforschenden Gesellschaft
in Jena beigewohnt hatten. Schiller zeigte sich wenig
befriedigt von dem, was in der Sitzung vorgebracht
worden war. Eine zerstückelte Art, die Natur zu be-
trachten, war ihm entgegengetreten. Und er be-
merkte, dafs eine solche den Laien keineswegs an-
muten könne. Goethe erwiderte, dafs sie „den Einge-
weihten selbst vielleicht unheimlich bliebe, und dafs
es noch eine andere Weise geben könne, die Natur
nicht gesondert und vereinzelt, sondern sie wirkend
und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend
darzustellen". Und nun entwickelte Goethe die grofsen
Ideen, die ihm über die Pflanzennatur aufgegangen
waren. Er zeichnete „mit manchen charakteristischen
Federstrichen eine symbolische Pflanze" vor Schillers
Augen. Diese symbolische Pflanze sollte die Wesen-
heit ausdrücken, die in jeder einzelnen Pflanze lebt,
was für besondere Formen diese auch annimmt. Sie
sollte das successive Werden der einzelnen Pflanzen-
8 • Goethe und Schiller.
teile, ihr Hervorgehen auseinander und ihre Verwandt-
schaft untereinander zeigen. Über diese symbolische
Pflanzengestalt schrieb Goethe am 17. April 1787 in
Palermo die Worte nieder: „Eine solche mufs es doch
geben; woran würde ich sonst erkennen, dafs dieses
oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht
alle nach einem Muster gebildet wären." Die Vor-
stellung einer plastisch-ideellen Form, die dem Geiste
sich offenbart, wenn er die Mannigfaltigkeit der
Pflanzengestalten überschaut und ihr Gemeinsames be-
achtet, hatte Goethe in sich ausgebildet. Schiller be-
trachtete dieses Gebilde, das nicht in einer einzelnen,
sondern in allen Pflanzen leben sollte, und sagte kopf-
schüttelnd: „Das ist keine Erfahrung, das ist eine
Idee." Wie aus einer fremden Welt kommend, er-
schienen Goethe diese Worte. Er war sich bewufst,
dafs er zu seiner symbolischen Gestalt durch dieselbe
Art naiver Wahrnehmung gelangt war wie zu der
Vorstellung eines Dinges, das man mit Augen sehen
und mit Händen greifen kann. Wie die einzelne
Pflanze, so war für ihn die symbolische oder ürpflanze
ein objektives Wesen. Nicht einer willkürlichen Spe-
kulation, sondern unbefangener Beobachtung glaubte
er sie zu verdanken. Er konnte nichts entgegnen
als: „Das kann mir sehr lieb sein, wenn ich Ideen
habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen
sehe." Und er war ganz unglücklich, als SchiUer
daran die Worte knüpfte : „Wie kann jemals eine Er-
fahrung gegeben werden, die einer Idee angemessen
sein sollte. Denn darin besteht das Eigentümliche
der letzteren, dafs ihr niemals eine Erfahrung kon-
gruieren könne."
Erfahrung und Ideenwelt.
Zwei entgegengesetzte Weltanschauungen stehen
in diesem Gespräche einander gegenüber. Gk)ethe sieht
in der Idee eines Dinges ein Element, das in dem-
selben unmittelbar gegenwärtig ist, in ihm wirkt und
schafft. Ein einzelnes Ding nimmt, nach seiner An-
sicht, bestimmte Formen aus dem Grunde an, weil die
Idee sich in dem gegebenen Falle in einer besonderen
Weise ausleben mufs. Es hat für Goethe keinen Sinn
zu sagen, ein Ding entspricht der Idee nicht. Denn
das Ding kann nichts anderes sein, als das, wozu es
die Idee gemacht hat. Anders denkt Schiller. Ihm
sind Ideenwelt und Erfahrungswelt zwei getrennte
Eeiche. Der Erfahrung gehören die mannigfaltigen
Dinge und Ereignisse an, die den Eaum und die Zeit
erfüllen. Ihr steht das Reich der Ideen gegenüber,
als eine andersgeartete Wirklichkeit, dessen sich die
Vernunft bemächtigt. Von zwei Welten fliefsen dem
Menschen seine Erkenntnisse zu, von aufsen durch
Beobachtung und von innen durch das Denken. Für
Goethe giebt es nur eine Quelle der Erkenntnis, die
Erfahrungswelt, in welcher die Ideenwelt einge-
schlossen ist.
Schillers Anschauung ist hervorgegangen aus der
Philosophie seiner Zeit. Die grundlegenden Vorstel-
lungen, welche dieser Philosophie ihr Gepräge gegeben
haben, und welche treibende Kräfte der ganzen abend-
ländischen Geistesbildung geworden sind, mufs man
im griechischen Altertume suchen. In einem verhäng-
nisvollen Augenblicke bemächtigte sich eines griechi-
schen Denkers ein Mifstrauen in die menschlichen
Sinnesorgane. Er fing an zu glauben, dafs diese
Organe dem Menschen nicht die Wahrheit überliefern
10 Sinnes Wahrnehmung als Trugbild.
sondern dafs sie ihn täuschen. Er verlor das Vertrauen
zu dem, was die naive, unbefangene Beobachtung dar-
bietet. Er fand, dafs das Denken über die wahre
Wesenheit der Dinge andere Aussagen mache als die
Erfahrung. Es wird schwer sein zu sagen, in welchem
Kopfe sich dieses Mifstrauen zuerst festsetzte. Man be-
gegnet ihm in der eleatischen Philosophenschule, deren
erster Vertreter der um 570 v. Chr. zu Kolophon ge-
borene Xenophanes ist. Als die wichtigste Persön-
lichkeit dieser Schule erscheint Parmenides. Denn er
hat mit einer Schärfe wie niemand vor ihm behauptet,
es gäbe zwei Quellen der menschlichen Erkenntnis.
Er hat erklärt, dafs die Eindrücke unserer Sinne Trug
und Täuschung seien, und dafs der Mensch zu der
Erkenntnis des Wahren nur durch das reine Denken,
das auf die Erfahrung keine Rücksicht nimmt, ge-
langen könne. Damit hat er den auf ihn folgenden
Philosophen eine Entwicklungskrankheit eingeimpft,
an der die wissenschaftliche Bildung noch heute leidet.
Die platonische Weltanschauung.
Mit der ihm eigenen bewunderungswerten Kühn-
heit spricht Plato dieses Mifstrauen in die Erfahrung
aus. „Die Dinge dieser Welt, welche unsere Sinne
wahrnehmen, haben gar kein wahres Sein: sie
werden immer, sind aber nie. Sie haben nur
ein relatives Sein, sind insgesamt nur in und durch
Piatos Irrtum. H
ihr Verhältnis zu einander; man kann daher ihr
ganzes Dasein ebensowohl ein Nichtsein
nennen. Sie sind folglich auch nicht Objekte einer
eigentlichen Erkenntnis. Denn nur von dem, was an
und für sich und immer auf gleiche Weise ist, kann
es eine solche geben ; sie hingegen sind nur das Objekt
eines durch Empfindung veranlafsten Dafürhaltens.
So lange wir nur auf ihre Wahrnehmung beschränkt
sind, gleichen wir Menschen, die in einer finsteren
Höhle so fest gebunden säfsen, dafs sie auch den Kopf
nicht drehen könnten und nichts sähen, als beim
Lichte eines hinter ihnen brennenden Feuers, an der
Wand ihnen gegenüber die Schattenbilder wirk-
licher Dinge, welche zwischen ihnen und dem
Feuer vorübergeführt würden, und auch sogar von
einander, ja jeder von sich selbst, eben nur die
Schatten an jener Wand. Ihre Weisheit
aber wäre, die aus Erfahrung erlernte
Reihenfolge jener Schatten vorherzusagen."
In zwei Teile reifst die platonische Anschauung die
Vorstellung des Weltganzen auseinander, in die Vor-
stellimg einer Scheinwelt und in eine andere der Ideen-
welt, der allein wahre, ewige Wirklichkeit entsprechen
soll. „Was allein wahrhaft seiend genannt werden
kann, weil es immer ist, aber nie wird, noch vergeht :
das sind die realen Urbilder jener Schattenbilder: es
sind die ewigen Ideen, die Urformen aller Dinge.
Ihnen kommt keine Vielheit zu; denn jedes ist seinem
Wesen nach nur eines, indem es das Urbild selbst
ist, dessen Nachbilder oder Schatten alle ihm gleich-
namige, einzelne, vergängliche Dinge derselben Art
sind. Ihnen kommt auch kein Entstehen und Ver-
12 Idee und Wahrnehmung.
gehen zu; denn sie sind wahrhaft seiend, nie aber
werdend, noch untergehend wie ihre hinschwindenden
Nachbilder. Von ihnen allein daher giebt es eine
eigentliche Erkenntnis, da das Objekt einer solchen
nur das sein kann, was immer und in jedem Betracht
ist, nicht das, was ist, aber auch wieder nicht ist, je
nachdem man es ansieht."
Die Unterscheidung von Idee und Wahrnehmung
hat nur eine Berechtigung, wenn von der Art ge-
sprochen wird, wie die menschliche Erkenntnis zu-
stande kommt. Der Mensch mufs die Dinge auf zwei-
fache Art zu sich sprechen lassen. Einen Teil ihrer
Wesenheit sagen sie ihm freiwillig. Er braucht nur
hinzuhorchen. Dies ist der ideenfreie Teil der Wirk-
lichkeit. Den andern aber mufs er ihnen entlocken.
Er mufs sein Denken in Bewegung setzen, dann er-
füllt sich sein Inneres mit den Ideen der Dinge. Im
Innern der Persönlichkeit ist der Schauplatz, auf dem
auch die Dinge ihr ideelles Innere enthüllen. Da
sprechen sie aus, was der äufseren Anschauung ewig
verborgen bleibt. Das Wesen der Natur kommt hier
zu Worte. Aber es liegt nur an der menschlichen
Organisation, dafs durch den Zusammenklang von zwei
Tönen die Dinge erkannt werden müssen. In der
Natur ist ein Erreger da, der beide Töne hervorbringt.
Der unbefangene Mensch horcht auf den Zusammen-
klang. Er erkennt in der ideellen Sprache seines
Innern die Aussagen, die ihm die Dinge zukommen
lassen. Nur wer die Unbefangenheit verloren hat, der
deutet die Sache anders. Er glaubt, die Sprache seines
Inneren komme aus einem andern Reich als die Sprache
der äufseren Anschauung. Plato ist es zum Bewufst-
Abendländische Weltanschauungen. 13
sein gekommen, dafs er auf zwei Wegen von den
Dingen Kunde erhält ; aber er hat nicht erkannt, dafs
es dieselben Dinge sind, die auf den beiden Wegen
ihre Mitteilungen senden. Er hat damit dem abend-
ländischen Denken eine Aufgabe gestellt, die voll-
kommen überflüssig war. Durch Jahrhunderte hin-
durch wurde unendlicher Scharfsinn auf die Frage
verwendet: wie verhalten sich die im Innern des
Menschen offenbar werdenden Ideen zu den Dingen der
äufseren Wahrnehmung ? Ein grofser Teil des Inhalts
aUer auf die platonische folgenden Philosophieen besteht
aus Lösungsversuchen dieser gar nicht vorhandenen
Frage. Was das gesunde menschliche Empfinden in
jedem Augenblicke lehrt: wie die Sprache der An-
schauung und die des Denkens sich verbinden, um die
voUe Wirklichkeit zu offenbaren, das wurde von den
grübelnden Denkern nicht beachtet. Statt hinzusehen,
wie die Natur zu dem Menschen spricht, bildeten sie
künstliche Begriffe über das Verhältnis von Ideenwelt
und Erfahrung aus. Um die Sehkraft für dieses Ver-
hältnis ganz zu lähmen, verband sich mit dem Plato-
nismus das Christentum. Dieses religiöse Bekenntnis
mit seinem Jenseitsglauben und seiner Verachtung der
Sinnenwelt ist nur eine volkstümliche Form des Plato-
nismus. Es macht eine nach menschlichem Bilde ge-
dachte persönliche Wesenheit zum Urheber der Welt.
Die christlichen Kirchenväter versetzen einfach die
platonische Ideenwelt in den Geist dieses persönlichen
Gottes. In diesem Geiste sind die Urbilder, die Muster
aller Dinge enthalten, und Gott hat die Welt nach
diesen Urbüdern geschaffen und regiert sie ihnen ge-
mäfs. Die Welt ist nur der unvollkommene Abglanz
14 Das Christentum.
der in Gott ruhenden vollkommenen Ideenwelt. Der
wahrhaft Fromme soll sich nicht viel mit diesem Ab-
glanz beschäftigen; er soll seine Empfindung, sein Ge-
fühl zu Gott erheben. „Ohne jedes Schwanken wollen
wir glauben, dafs die denkende Seele nicht wesens-
gleich sei mit Gott, denn dieser gestattet keine Ge-
meinschaft , dafs aber die Seele erleuchtet werden
könne durch Teilnahme an der Gottesnatur," sagt der
Kirchenvater Augustinus. Ebensowenig gesteht er der
Gesamtnatur irgendwelche göttliche Wesenheit zu.
Aber die Wahrheit sucht er nur bei Gott. Frechheit
ist es, nach seiner Ansicht, zu glauben, dafs die Natur
oder die menschliche Seele göttlich sei. Nicht durch
Beobachtung der irdischen Dinge, sondern durch Ver-
senken in die überirdische göttliche Wesenheit wird
die vernünftige Seele vollkommen. In dieser Lehre
der Kirchenväter wird der Sprache des menschlichen
Innern ein allem natürlichen Empfinden fremder Ur-
sprung angedichtet. Nicht aus den Dingen soll diese
Sprache kommen, sondern aus dem Geiste des jenseitigen
Gottes. Die platonische Vorstellungsart hielt sich
mehr im abstrakten Elemente des Denkens auf. Das
Ungesunde derselben wäre leichter überwunden worden,
wenn nicht die platonischen Begriffe durch das Christen-
tum das Empflndungs- und Gemütsleben ergriffen
hätten. Dieses Gemütsleben der abendländischen
Menschheit ist auf diese Weise geradezu nach der
falschen Eichtung hin umorganisiert worden. Was
Plato nur gedacht hat, das haben die Kirchenväter dem
Gemüte eingepflanzt. Was aber in dem Gemüte wurzelt,
das ist viel schwerer auszurotten, als was blofs im
Verstände ruht. Deshalb ist es bis heute noch nicht
Das Christentum. 15
gelungen, die christlich-platonische unnatürliche An-
sicht über die Wirklichkeit innerhalb der abendländi-
schen Bildung zu überwinden.
Die Folgen der platonischen Weltanschauung.
Vergeblich hat sich Aristoteles gegen die plato-
nische Spaltung der Weltvorstellung aufgelehnt. Er
sah in der Natur ein einheitliches Wesen, das die
Ideen ebenso enthält, wie die durch die Sinne wahr-
nehmbaren Dinge und Erscheinungen. Nur im mensch-
lichen Geiste können die Ideen ein selbständiges Da-
sein haben. Aber in dieser Selbständigkeit kommt
ihnen keine Wirklichkeit zu. Blofs die Seele kann
sie abtrennen von den wahrnehmbaren Dingen, mit
denen zusammen sie die Wirklichkeit ausmachen.
Hätte die abendländische Philosophie an die richtig
verstandene Anschauung des Aristoteles angeknüpft, so
wäre sie bewahrt geblieben vor den Irr- und Schleich-
wegen, die sie gewandelt ist.
Aber dieser richtig verstandene Aristoteles war
der christlichen Denkweise unbequem. Mit einer Natur-
auffassung, welche das höchste wirksame Prinzip in
die Erfahrungswelt verlegt, weifs das Christentum
nichts anzufangen. Die christlichen Philosophen und
Theologen deuteten deshalb den Aristoteles um. Sie
legten seinen Ansichten einen Sinn unter, der geeignet
war, dem christlichen Dogma zur logischen Stütze zu
16 Das Christentum.
dienen. Nicht suchen sollte der Geist in den Dingen
die schaffenden Ideen. Die Wahrheit ist ja den Men-
schen von Gott in Form der Offenbarung mitgeteilt.
Nur bestätigen sollte die Vernunft, was Gott ge-
offenbart hat. Die aristotelischen Sätze wurden von
den christlichen Denkern des Mittelalters so gedeutet,
dafs die religiöse Heilswahrheit durch sie ihre philo-
sophische Bekräftigung erhielt. Nach der Auffassung
Thomas' von Aquino, des bedeutendsten christlichen
Denkers, enthält die Offenbarung die höchsten Wahr-
heiten, die Heilslehre der heiligen Schrift ; aber es ist
der Vernunft möglich, in aristotelischer Weise in die
Dinge sich zu vertiefen und deren Ideengehalt aus
ihnen herauszuholen. Die Offenbarung steigt so tief
herab und die Vernunft kann sich so weit erheben,
dafs die Heilslehre und die menschliche Erkenntnis
an einer Grenze in einander übergehen. Die Art des
Aristoteles, in die Dinge einzudringen, dient also für
Thomas dazu, bis zu dem Gebiete der Offenbarung zu
kommen.
Als mit Bacon von Verulam und Descartes eine
Zeit anhob, in welcher der Wille sich geltend machte,
die Wahrheit durch die eigene Kraft der menschlichen
Persönlichkeit zu suchen, waren die Denkgewohnheiten
so verdorben, dafs alles Streben zu nichts anderem führte
als zur Aufstellung von Ansichten, die trotz ihrer schein-
baren Unabhängigkeit von der platonischen und christ-
lichen Vorstellungswelt, doch nichts waren als neue
Formen derselben. Auch Bacon und Descartes haben
den bösen Blick für das Verhältnis von Erfahrung und
Bacons Weltansicht. 17
Idee als Erbstück einer entarteten Philosophie mitbe-
kommen, Bacon hatte nur Sinn und Verständnis für
die Einzelheiten der Natur. Durch Sammeln des-
jenigen, was durch die räumliche und zeitliche
Mannigfaltigkeit als Gleiches oder Ahnliches sich hin-
durchzieht, glaubte er zu allgemeinen Eegeln über das
Naturgeschehen zu kommen. Goethe spricht über ihn
das treffende Wort: „Denn ob er auch darauf hin-
deutet, man solle die Partikularien nur deswegen
sammeln, damit man aus ihnen wählen, sie ordnen und
endlich zu Universalien gelangen könne, so behalten
doch bei ihm die einzelnen Fälle zu viele
E e c h t e , und ehe man durch Induktion, selbst die-
jenige, die er anpreist, zur Vereinfachung und zum
Abschlufs gelangen kann, geht das Leben weg, und
die Kräfte verzehren sich." Für Bacon sind diese allge-
meinen Regeln Mittel, durch welche es der Vernunft
möglich ist, das Gebiet der Einzelheiten bequem zu
überschauen. Aber er glaubt nicht, dafs diese Regeln
in dem Ideengehalte der Dinge begründet und wirklich
schaffende Kräfte der Natur sind. Deshalb sucht er
auch nicht unmittelbar in der Einzelheit die Idee auf,
sondern abstrahiert sie aus einer Vielheit von Einzel-
heiten. Wer nicht daran glaubt, dafs in dem einzelnen
Dinge die Idee lebt, kann auch keine Neigung haben,
sie in demselben zu suchen. Er nimmt das Ding so
hin, wie es sich der blofsen äufseren Anschauung dar-
bietet. Bacons Bedeutung ist darin zu suchen, dafs er
auf die durch Plato und das Christentum herabgewür-
digte äufsere Anschauungswelt hinwies. Dafs er be-
tonte, in ihr sei eine Quelle der Wahrheit. Er war
aber nicht im Stande der Ideenwelt in gleicher Weise
Steiner, Goethes Weltanschauung. 2
18 Descartes.
ZU ihrem Eechte gegenüber der Anschauungswelt zu
verhelfen. Er erklärte das Ideelle für ein subjek-
tives Element im menschlichen Geiste. Seine Denk-
weise ist umgekehrter Piatonismus. Plato sieht nur
in der Ideenwelt, Bacon nur in der ideenlosen Wahr-
nehmungswelt die Wirklichkeit. In Bacons Auffassung
liegt der Ausgangspunkt jener Denkergesinnung, von
welcher die Naturforscher bis in die Gegenwart be-
herrscht sind. Sie leidet an einer falschen Ansicht
über das ideelle Element der Erfahrungswelt.
Von anderen Gesichtspunkten aus, aber nicht
minder beeinflufst durch Piatos Denkungsarten, stellte
drei Jahrhunderte nach Bacon Descartes seine Be-
trachtungen an. Auch er krankt an der Erbsünde
des abendländischen Denkens, an dem Mifstrauen gegen-
über der unbefangenen Beobachtung der Natur. Der
Zweifel an der Existenz und Erkennbarkeit der Dinge
ist der Anfang seines Forschens. Nicht auf die Dinge
richtet er den Blick, um Zugang zur Gewifsheit zu er-
langen, sondern eine ganz kleine Pforte, einen Schleich-
weg im vollsten Sinne des Wortes sucht er auf. In
das intimste Gebiet des Denkens zieht er sich zurück.
Alles, was ich bisher als Wahrheit geglaubt habe,
kann falsch sein, sagt er sich. Was ich gedacht habe,
kann auf Täuschung beruhen. Aber die eine That-
sache bleibt doch bestehen, dals ich über die Dinge
denke. Auch wenn ich Lug und Trug denke, so
denke ich doch. Und wenn ich denke, so existiere ich
auch. Ich denke, also bin ich. Damit glaubt Des-
Descartes. 19
cartes einen festen Ausgangspunkt für alles weitere
Nachdenken gewonnen zu haben. Er fragt sich weiter :
giebt es nicht in dem Inhalte meines Denkens noch
anderes, das auf ein wahrhaftes Sein hindeutet? Und
da findet er die Idee Gottes, als eines allervoUkommen-
sten Wesens. Da der Mensch selbst unvollkommen ist :
wie kommt die Idee eines allervollkommensten Wesens
in seine Gedankenwelt? Ein unvollkommenes Wesen
kann eine solche Idee unmöglich aus sich selbst er-
zeugen. Denn das vollkommenste, das es zu denken
vermag, ist eben ein unvollkommenes. Es mufs also
diese Idee von dem vollkommensten Wesen selbst in
den Menschen gelegt sein. Also mufs auch Gott
existieren. Wie aber soll ein vollkommenes Wesen
uns eine Täuschung vorspiegeln ? Die Aufsenwelt, die
sich uns als wirklich darstellt, mufs deshalb auch
wirklich sein. Sonst wäre sie ein Trugbild, das uns
die Gottheit vormachte. Auf diese Weise sucht Des-
cartes das Vertrauen zur Wirklichkeit zu gewinnen,
das ihm wegen ererbter Empfindungen zuerst fehlte.
Auf einem äufserst künstlichen Wege sucht er die
Wahrheit. Einseitig vom Denken geht er aus. Nur
dem Denken gesteht er die Kraft zu, Überzeugung
hervorzubringen. Über die Beobachtung kann nur
eine Überzeugung gewonnen werden, wenn sie durch
das Denken vermittelt wird. Die Folge dieser An-
sicht war, dafs es das Streben der Nachfolger Des-
cartes wurde, den ganzen Umfang der Wahrheiten,
die das Denken aus sich heraus entwickeln und be-
weisen kann, festzustellen. Die Summe aller Erkennt-
nisse aus reiner Vernunft wollte man finden. Von den
einfachsten unmittelbar klaren Einsichten wollte man
2*
20 Spinoza.
ausgehen, und fortschreitend den ganzen Kreis des
reinen Denkens durchwandern. Nach dem Muster der
Euclidischen Geometrie sollte dieses System aufgebaut
werden. Denn man war der Ansicht, auch diese gehe
von einfachen, wahren Sätzen aus und entwickle durch
blofse Schlufsfolgerung, ohne Zuhilfenahme der Beob-
achtung, ihren ganzen Inhalt. Ein solches System
reiner Vernunftwahrheiten zu liefern, hat Spinoza in
seiner „Ethik" versucht. Eine Anzahl von Vorstel-
lungen: Substanz, Attribut, Modus, Denken, Aus-
dehnung u. s. w. nimmt er vor und untersucht rein
verstandesmäfsig die Beziehungen und den Inhalt dieser
Vorstellungen. In dem Gedankengebäude soll das
Wesen der Wirklichkeit sich aussprechen. Spinoza
betrachtet nur die Erkenntnis, die durch diese wirk-
lichkeitsfremde Thätigkeit zu Stande kommt, als eine
solche, die dem wahren Wesen der Welt entspricht;
die adäquate Ideen liefert. Die aus der Sinneswahr-
nehmung entsprungenen Ideen sind ihm inadäquat, ver-
worren und verstümmelt. Es ist leicht einzusehen,
dafs auch in dieser Vorstellungswelt die platonische
Auffassungsweise von dem Gegensatz der Wahrneh-
mungen und der Ideen nachwirkt. Die Gedanken, die un-
abhängig von der Wahrnehmung gebildet werden, sind
allein das Wertvolle für die Erkenntnis. Spinoza geht
noch weiter. Er dehnt den Gegensatz auch auf das
sittliche Empfinden und Handeln der Menschen aus.
Unlustempfindungen können nur aus Ideen entspringen,
die von der Wahrnehmung stammen; solche Ideen er-
zeugen die Begierden und Leidenschaften im Menschen,
deren Sklave er werden kann, wenn er sich ihnen hin-
giebt. Nur was aus der Vernunft entspringt, erzeugt
David Hume. 21
unbedingte Lustempfindungen. Das höchste Glück des
Menschen ist daher, sein Leben in den Vernunftideen,
die Hingabe an die Erkenntnis der reinen Ideenwelt.
Wer überwunden hat, was aus der Wahmehmungs-
welt stammt, und nur noch in der reinen Erkenntnis
lebt, empfindet die höchste Seligkeit.
Nicht ganz ein Jahrhundert nach Spinoza tritt
der Schotte David Hume mit einer Denkweise auf,
die wieder aus der Wahrnehmung allein die Erkennt-
nis entspringen läfst. Nur einzelne Dinge in Eaum
und Zeit sind gegeben. Das Denken verknüpft die
einzelnen Wahrnehmungen, aber nicht, weil in diesen
selbst etwas liegt, was dieser Verknüpfung entspricht,
sondern weil sich der Verstand daran gewöhnt hat,
die Dinge in einen Zusammenhang zu bringen. Der
Mensch ist gewohnt, zu sehen, dafs ein Ding auf ein
anderes der Zeit nach folgt. Er bildet sich die Vor-
stellung, dafs es folgen müsse. Er macht das erste
zur Ursache, das zweite zur Wirkung. Der Mensch
ist ferner gewohnt, zu sehen, dafs auf einen Gedanken
seines Geistes eine Bewegung seines Leibes folgt. Er
erklärt sich dies dadurch, dafs er sagt, der Geist habe
die Leibesbewegung bewirkt. Denkgewohnheiten,
nichts weiter sind die menschlichen Ideen. Wirklich-
keit haben nur die Wahrnehmungen.
Die Vereinigung der verschiedensten durch die
Jahrhunderte hindurch zum Dasein gelangten Denk-
richtungen ist die Kant'sche Weltanschauung. Auch
Kant fehlt die natürliche Empfindung für das Ver-
22 Kants Weltanschauung.
hältnis von Wahrnehmung und Idee. Er lebt in philo-
sophischen Vorurteilen, die er durch Studium seiner Vor-
gänger in sich aufgenommen hat. Das eine dieser
Urteile ist, dafs es notwendige Wahrheiten gebe, die
durch reines, von aller Erfahrung freies Denken er-
zeugt werden. Der Beweis davon ist, nach seiner An-
sicht, durch die Existenz der Mathematik und der
reinen Physik erbracht, die solche Wahrheiten ent-
halten. Ein anderes seiner Vorurteile besteht darin,
dafs er der Erfahrung die Fähigkeit abspricht, zu
gleich notwendigen Wahrheiten zu gelangen. Das
Mifstrauen gegenüber der Wahrnehmungswelt ist auch
in Kant vorhanden. Zu diesen seinen Denkgewohn-
heiten tritt bei Kant der Einflufs Humes hinzu. Er
giebt Hume Recht in Bezug auf die Behauptung, dafs
die Ideen, in die das Denken die einzelnen Wahr-
nehmungen zusammenfafst, nicht aus der Erfahrung
stammen. Sondern dafs das Denken sie zur Erfahrung
hinzufügt. Diese drei Vorurteile sind die Wurzeln
des Kantschen Gedankengebäudes. Der Mensch be-
sitzt notwendige Wahrheiten. Sie können nicht aus
der Erfahrung stammen, weil diese keine solchen dar-
bietet. Dennoch wendet sie der Mensch auf die Er-
fahrung an. Er verknüpft die einzelnen Wahrneh-
mungen diesen Wahrheiten gemäfs. Sie stammen aus
dem Menschen selbst. Es liegt in seiner Natur, dafs
er die Dinge in einen solchen Zusammenhang bringt,
der den durch reines Denken gewonnenen Wahrheiten
entspricht. Kant geht nun noch weiter. Er schreibt
auch den Sinnen die Fähigkeit zu, das was ihnen von
Aufsen gegeben wird, in eine bestimmte Ordnung zu
bringen. Auch diese Ordnung fliefst nicht mit den
Kants Weltanschauung. 23
Eindrücken der Dinge von Aufsen ein. Die räumliche
und die zeitliche Ordnung erhalten die Eindrücke
erst durch die sinnliche Wahrnehmung. Raum und
Zeit gehören nicht den Dingen an. Der Mensch ist
so organisiert, dafs er, wenn die Dinge auf seine Sinne
Eindrücke machen, diese in räumliche oder zeitliche
Zusammenhänge bringt. Nur Eindrücke, Empfindungen
erhält der Mensch von Aufsen. Die Anordnung der-
selben im Raum und in der Zeit, ihre Zusammenfassung
zu Ideen ist sein eigenes Werk. Aber auch die
Empfindungen sind nichts, was aus den Dingen stammt.
Nicht die Dinge nimmt der Mensch wahr, sondern nur die
Eindrücke, die sie auf ihn ausüben. Ich weifs nichts
von einem Dinge, wenn ich eine Empfindung habe.
Ich kann nur sagen : ich bemerke das Auftreten einer
Empfindung bei mir. Durch welche Eigenschaften das
Ding befähigt ist, in mir die Empfindungen hervor-
rufen, darüber kann ich nichts erfahren. Der Mensch
hat es, nach Kants Meinung, nicht mit den Dingen
an sich zu thun, sondern nur mit den Eindrücken,
die sie auf ihn machen und mit den Zusammenhängen,
in die er selbst diese Eindrücke bringt. Nicht objektiv
von Aufsen aufgenommen, sondern nur auf äufsere
Veranlassung hin, subjektiv von innen erzeugt, ist die
Erfahrungswelt. Das Gepräge, das sie trägt, geben
ihr nicht die Dinge, sondern die menschliche Organi-
sation. Sie ist folglich als solche unabhängig von dem
Menschen gar nicht vorhanden. Von diesem Stand-
punkte aus ist die Annahme notwendiger, von der
Erfahrung unabhängiger Wahrheiten möglich. Denn
diese Wahrheiten beziehen sich blofs auf die Art, wie
der Mensch von sich selbst aus seine Erfahrungswelt
24 Kants Weltanschauung.
bestimmt Sie enthalten die Gesetze seiner Organisa-
tion. Sie haben keinen Bezug auf die Dinge an sich
selbst Kant hat also einen Ausweg gefunden, der es
ihm gestattet, bei seinem Vorurteile stehen zu bleiben,
dafs es notwendige Wahrheiten gebe, die für den In-
halt der Erfahrungswelt gelten, ohne doch daraus zu
stammen. Allerdings mufste er, um diesen Ausweg
zu finden, sich zu der Ansicht entschliefsen, dafs der
menschliche Geist unfähig sei, irgend etwas über die
Dinge an sich zu wissen. Er mufste alles Erkennen
auf die Erscheinungswelt einschränken, welche die
menschliche Organisation aus sich herausspinnt infolge
der von den Dingen verursachten Eindrücke. Aber
was kümmerte Kant das Wesen der Dinge an sich,
wenn er nur die ewigen, notwendig-giltigen Wahr-
heiten in dem Sinne retten konnte, wie er sich die-
selben vorstellte. Der Piatonismus hat in Kant eine
böse Frucht hervorgebracht. Plato hat sich von der
Wahrnehmung abgewendet und den Blick auf die
ewigen Ideen gerichtet, weil ihm jene das Wesen der
Dinge nicht auszusprechen schien. Kant aber ver-
zichtet darauf, dass die Ideen eine wirkliche Einsicht
in das Wesen der Welt eröffnen, wenn ihnen nur die
Eigenschaft des Ewigen und Notwendigen verbleibt.
Plato hält sich an die Ideenwelt, weil er glaubt, dafs
das wahre Wesen der Welt ewig, unzerstörbar, un-
wandelbar sein mufs, und er diese Eigenschaften nur
den Ideen zusprechen kann. Kant ist zufrieden, wenn
er nur diese Eigenschaften von den Ideen behaupten
kann. Sie brauchen dann gar nicht mehr das Wesen
der Welt auszusprechen.
Kants Weltanschauung. 25
Zu den philosophischen Vorurteilen Kants kamen
seine religiösen. Das Christentum kann sich nicht be-
gnügen mit den beiden Elementen der Wirklichkeit,
mit der Wahrnehmung und den Ideen. Es braucht
eine jenseitige Welt, ein göttliches Wesen. In Kant
lebten die christlichen Empfindungen. In ihm lebte
der Glaube an Gott. Zugleich aber sah er ein, dafs
alle Beweise, die seine Vorgänger vorgebracht hatten,
um das Dasein Gottes zu beweisen, Sophistereien sind.
Er erkannte, dafs es keinen Weg giebt, um aus dem
reinen Denken heraus zu der Überzeugung von diesem
Dasein zu gelangen. Das Natürliche wäre nun ge-
wesen, auf den Gottesbegriff bei Erklärung der Welt
ganz zu verzichten und zu untersuchen, was sich aus
Wahrnehmung und Denken allein ergibt. Dies war
Kant wegen seiner christlichen Gesinnung nicht mög-
lich. Er wollte den Gottesbegriff und auch andere
christliche Glaubensvorstellungen den Menschen er-
halten, obgleich ihm klar war, dafs die Vernunft mit
ihnen nichts zu thun hat. Dies konnte er erreichen,
wenn er der Vernunft die Fähigkeit absprach, über
das wahre Wesen des Daseins Aufklärung zu geben.
Die Dinge an sich sind dem menschlichen Erkennen
unzugänglich. Folglich gehören der Gottesbegriff und
die anderen christlichen Vorstellungen nicht in den
Bereich dessen, was mit der Vernunft zu umfassen ist.
Die Beweise für die religiösen Wahrheiten müssen
scheitern, nicht weil diese Wahrheiten nicht bestehen,
sondern weil das menschliche Erkennen nicht bis zu
ihnen hinanreicht. Kant wollte diese Wahrheiten vor
den Anfechtungen der Vernunft ein für alle mal be-
wahren. Nicht um das religiöse Dogma zu zerstören,
26 Kants Weltanschauung:.
hat Kant sein Gedankengebäude aufgestellt, sondern
um es fester zu begründen. Die Kantsche Philosophie
ist keine Feindin, sondern die beste Freundin der
christlichen und jeder Religion. In dem Gebiete der
Dinge an sich können sich Wesen aller Arten befinden.
Die Erkenntnis kann nichts darüber ausmachen. Und
wenn der Glaube kommt und erklärt, er habe Gründe
das dem Wissen unbekannte Gebiet mit diesen oder
jenen Wesenheiten erfüllt zu denken, so kann keine
Vernunft dagegen etwas einwenden.
Nicht durch Hinwegräumung alter Irrtümer, nicht
durch eine freie, ursprüngliche Vertiefung in die Wirk-
lichkeit ist die Kantsche Weltanschauung entstanden,
sondern durch logische Verschmelzung anerzogener und
ererbter philosophischer und religiöser Vorurteile. Sie
konnte nur aus einem Geiste entspringen, in dem der
Sinn für das lebendige Schaifen innerhalb der Natur
unentwickelt geblieben ist. Und sie konnte nur auf
solche Geister wirken, die an dem gleichen Mangel
litten. Aus dem weitgehenden Einflüsse, den Kants
Denkweise auf seine Zeitgenossen ausübte, ist zu er-
sehen, wie stark diese in dem Banne platonischer Vor-
stellungen standen.
27
Goethe und die platonische Weltansioht.
Ich habe die Gedankenentwickelung von Piatos
bis zu Kants Zeit geschildert, um zeigen zu können,
welche Eindrücke Goethe empfangen mufste, wenn er
sich an die Philosophen wandte, um sein so starkes
Erkenntnisbedürfnis zu befriedigen. Auf die unzähligen
Fragen, zu denen ihn seine Natur drängte, fand er in
den Philosophien keine Antworten. Ja, es zeigte sich,
so oft er sich in die Weltanschauung eines Philosophen
vertiefte, ein Gegensatz zwischen der Richtung, die
seine Fragen einschlugen und der Gedankenwelt, bei
der er sich Rat holen wollte. Der Grund liegt darin,
dafs die platonische Trennung von Idee und Erfahrung
seiner Natur zuwider war. Wenn er die Natur be-
obachtete, so brachte sie ihm die Ideen entgegen. Er
konnte sie deshalb nur ideenerfüllt denken. Eine Ideen-
w^elt, welche die Dinge der Natur nicht durchdringt,
ihr Entstehen und Vergehen, ihr Werden und Wachsen
nicht hervorbringt, ist ihm ein kraftloses Gedankenge-
spinnst. Das logische Fortspinnen von Gedankenreihen,
ohne Versenkung in das wirkliche Leben und Schaffen
der Natur erscheint ihm unfruchtbar. Denn er fühlt
sich mit der Natur innig verwachsen. Er betrachtet
sich als ein lebendiges Glied der Natur. Was in seinem
Geiste entsteht, das hat, nach seiner Ansicht die Natur
in ihm entstehen lassen. Der Mensch soll sich nicht
in eine Ecke stellen und glauben, dafs er da aus sich
heraus ein Gedankengewebe spinnen könne, das über
28 Goethes Künstlernatur.
das Wesen der Dinge aufklärt. Er soll den Strom
des Weltgeschehens beständig durch sich durchfliefsen
lassen. Dann wird er fühlen, dafs die Ideenwelt nichts
anderes ist, als die schaffende und thätige Gewalt der
Natur. Er wird nicht über den Dingen stehen wollen,
um über sie nachzudenken, sondern er wird sich in
ihre Tiefen eingraben und aus ihnen herausholen, was
in ihnen lebt und wirkt.
Zu solcher Denkweise führte Goethe seine Künstler-
natur. Mit derselben Notwendigkeit, mit der eine
Blume blüht, fühlte er seine dichterischen Erzeugnisse
aus seiner Persönlichkeit herauswachsen. Die Art,
wie der Geist in ihm das Kunstwerk hervorbrachte,
schien ihm nicht verschieden von der zu sein, wie die
Natur ihre Geschöpfe erzeugt. Und wie im Kunst-
werke das geistige Element von der geistlosen Materie
nicht zu trennen ist, so war eg ihm auch unmöglich
bei einem Dinge der Natur die Wahrnehmung ohne
die Idee vorzustellen. Fremd blickte ihn daher eine
Anschauung an, die in der Wahrnehmung nur etwas
Unklares, Verworrenes erblickte und die Ideenwelt ab-
gesondert, gereinigt von aller Erfahrung betrachten
wollte. Er fühlte in jeder Weltanschauung, in der
platonische Gedankenelemente lebten , etwas natur-
widriges. Deshalb konnte er bei den Philosophen nicht
finden, was er bei ihnen suchte. Er suchte die Ideen,
die in den Dingen leben, und die alle Einzelheiten der
Erfahrung als hervorwachsend aus einem lebendigen
Ganzen erscheinen lassen, und die Philosophen lieferten
ihm Gedankenhülsen, die sie nach logischen Grund-
sätzen zu Systemen verbunden hatten. Immer wieder
fand er sich auf sich selbst zurückgewiesen, wenn er
Kunst und Natur. 29
bei Andern Aufklärung suchte über die Rätsel, die
ihm die Natur aufgab.
Es gehört zu den Dingen, an denen Goethe vor
seiner italienischen Reise gelitten hat, dafs sein Er-
kenntnisbedürfnis keine Befriedigung finden konnte.
In Italien konnte er sich eine Ansicht bilden über die
Triebkräfte, aus denen die Kunstwerke hervorgehen.
Er erkannte, dafs in den vollendeten Kunstwerken
das enthalten ist, was die Menschen als Göttliches, als
Ewiges verehren. Nach dem Anblicke von künstleri-
schen Schöpfungen, die ihn besonders interessieren,
schreibt er die Worte nieder: „Die hohen Kunstwerke
sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen
nach wahren und natürlichen Gesetzen hervor-
gebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete
fällt zusammen; da ist Notwendigkeit, da ist
Gott." Die Kunst der Griechen entlockt ihm den
Ausspruch: „Ich habe die Vermutung, dafs die Griechen
nach den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur
selbst verfährt und denen ich auf der Spur bin." Was
Plato in der Ideenwelt zu finden glaubte, was die
Philosophen Goethe nie nahe bringen konnten, das
blickt ihm aus den Kunstwerken Italiens entgegen.
In der Kunst offenbart sich für Goethe zuerst das in
vollkommener Gestalt, was er als die Grundlage der
Erkenntnis ansehen kann. Er erblickt in der künst-
lerischen Produktion eine Art und höhere Stufe des
Naturwirkens; künstlerisches Schaffen ist ihm ge-
steigertes Naturschaffen. Er hat das in seiner Cha-
30 Kunst und Erkenntnis.
rakteristik Winkelmanns später ausgesprochen. „In-
dem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist,
so sieht er sich wieder als eine ganze Natur an, die
in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat.
Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Voll-
kommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ord-
nung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich
endlich zur Produktion des Kunstwerkes
erhebt." Nicht auf dem Wege logischer Schlufs-
folgerung, sondern durch Betrachtung des Wesens der
Kunst gelangt Goethe zu seiner Weltanschauung. Und
was er in der Kunst gefunden hat, das sucht er auch
in der Natur.
Die Thätigkeit, durch die sich • Goethe in den Be-
sitz einer Naturerkenntnis setzt, ist nicht wesentlich
von der künstlerischen verschieden. Beide gehen in
einander über und greifen über einander. Der Künstler
mufs, nach Goethes Ansicht, gröfser und entschiedener
werden, wenn er zu seinem „Talente noch ein unter-
richteter Botaniker ist, wenn er, von der Wurzel an,
den Einflufs der verschiedenen Teile auf das Gedeihen
und den Wachstum der Pflanze, ihre Bestimmung und
wechselseitige Wirkung erkennt, wenn er die succes-
sive Entwicklung der Blumen, Blätter, Befruchtung,
Frucht und des neuen Keimes einsieht und überdenkt.
Er wird alsdann nicht blofs durch die Wahl aus den
Erscheinungen seinen Geschmack zeigen, sondern er
wird uns auch durch eine richtige Darstellung der
Eigenschaften zugleich in Verwunderung setzen und
belehren." Das Kunstwerk ist demnach um so voll-
kommener, je mehr in ihm dieselbe Gesetzmäfsigkeit
zum Ausdruck kommt, die in dem Naturwerke ent-
Kunst und Erkenntnis. 31
halten ist, dem es entspricht. Es giebt nur ein ein-
heitliches Reich der Wahrheit, und dieses umfafst
Kunst und Natur. Daher kann auch die Fähigkeit
des künstlerischen Schaffens von der des Naturerkennens
nicht wesentlich verschieden sein. Vom Stil des
Künstlers sagt Goethe, dafs er „auf den tiefsten
Grundfesten der Erkenntnis ruhe, auf dem Wesen
der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren
und greifbaren Gestalten zu erkennen". Die aus
platonischen Vorstellungen hervorgegangene Weltbe-
trachtung zieht eine scharfe Grenzlinie zwischen
Wissenschaft und Kunst. Die künstlerische Thätig-
keit läfst sie auf der Phantasie, auf dem Gefühle be-
ruhen; die wissenschaftlichen Ergebnisse sollen das
Resultat einer Phantasie-freien Begriffsentwicklung
sein. Goethe stellt sich die Sache anders vor. Für
ihn ergiebt sich, wenn er das Auge auf die Natur
richtet, eine Summe von Ideen; aber er findet, dafs in
dem einzelnen Erfahrungsgegenstande der ideelle Be-
standteil nicht abgeschlossen ist; die Idee weist über das
Einzelne hinaus auf verwandte Gegenstände, in denen
sie auf ähnliche Weise zur Erscheinung kommt. Der
philosophierende Beobachter hält diesen ideellen Be-
standteil fest und bringt ihn in seinen Gedanken-
werken unmittelbar zum Ausdrucke. Auch auf den
Künstler wirkt dieses Ideelle. Aber es treibt ihn, ein
Werk zu gestalten, in dem die Idee nicht blofs wie in
einem Naturwerke wirkt, sondern zur gegenwärtigen
Erscheinung wird. Was in dem Naturwerke bloss
ideell ist und sich dem geistigen Auge des Beobachters
enthüllt, das wird in dem Kunstwerke real, wird wahr-
nehmbare Wirklichkeit. Der Künstler verwirklicht
32 Künstler und Denker.
die Ideen der Natur. Er braucht sich aber diese
nicht in Form der Ideen zum Bewusstsein zu bringen.
Wenn er ein Ding oder ein Ereignis betrachtet, so ge-
staltet sich in seinem Geiste unmittelbar ein anderes,
das in realer Erscheinung enthält was jene nur als
Idee. Der Künstler liefert Bilder der Naturwerke,
welche deren Ideengehalt in einen Wahrnehmungs-
gehalt umsetzen. Der Philosoph zeigt, wie sich die
Natur der denkenden Betrachtung darstellt ; der
Künstler zeigt, wie die Natur aussehen würde, wenn
sie ihre wirkenden Kräfte nicht blofs dem Denken,
sondern auch der Wahrnehmung offen entgegenbrächte.
Es ist eine und dieselbe Wahrheit, die der Philosoph
in Form des Gedankens; der Künstler in Form des
Bildes darstellt. Beide unterscheiden sich nur durch
ihre Ausdrucksmittel.
Die Einsicht in das wahre Verhältnis von Idee
und Erfahrung, die sich Goethe in Italien angeeignet
hat, ist nur die Frucht aus dem Samen, der in seiner
Naturanlage verborgen war. Die italienische Reise
brachte ihm jene Sonnenwärme, die geeignet war, den
Samen zur Reife zu bringen. In dem Aufsatz „die
Natur", der 1782 im Tiefurter Journal erschienen ist,
und der Goethe zum Urheber hat (vgl. meinen Nach-
w^eis von Goethes Urheberschaft im VII. Bande der
Schriften der Goethe-Gesellschaftj, finden sich schon
die Keime der späteren Goetheschen Weltanschauung.
Was hier dunkle Empfindung ist, wird später klarer
deutlicher Gedanke. „Natur! Wir sind von ihr um-
Goethe in Italien. 33
geben und umschlungen — unvermögend, aus ihr
herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hinein-
zukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns
in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit
uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme ent-
fallen .... Gedacht hat sie (die Natur) und siiint
beständig; aber nicht als ein ^lensch, sondern als
Natur ... Sie hat keine Sprache noch Rede, aber s i e
schafft Zungen und Herzen, durch die sie
fühlt und spricht .... Ich sprach nicht von ihr.
Nein, was wahr ist und falsch ist, alles hat sie ge-
sprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Ver-
dienst! — " Als Goethe diese Sätze niederschrieb, war
ihm noch nicht klar, wie die Natur durch den Menschen
ihre ideelle Wesenheit ausspricht; dafs es aber die
Stimme der Natur ist, die im Geiste ertönt, das
fühlte er.
In Italien fand Goethe die geistige Atmosphäre,
in der sich seine Erkenntnisorgane ausbilden konnten,
wie sie es ihren Anlagen gemäfs mufsten, wenn er zur
vollen Befriedigung kommen sollte. In Rom hat er
,.über Kunst und ihre theoretischen Forderungen mit
Moriz viel verhandelt"; auf der Reise hat sich in
ihm bei Beobachtung der Pflanzenmetamorphose eine
naturgemäfse Methode ausgebildet, die sich später für
die Erkenntnis der ganzen organischen Natur fruchtbar
erwiesen hat. „Denn als die Vegetation mir Schritt für
Schritt ihr Verfahren vorbildete, konnte ich nicht
irren, sondern mufste, indem ich sie gewähren liels,
die Wege und Mittel anerkennen, wie sie den einge-
Steiner, Goethes Weltanschauung. ^
34 Goethe und die Philosophen.
hülltesten Zustand zur Vollendung nach und nach ge-
währen liefs." A\'enige Jahre nach seiner Bückkehr
aus Italien gelang es ihm, auch für die Betrachtung
der unorganischen Natur ein aus seinen geistigen Be-
dürfnissen geborenes Verfahren zu finden. „Bei physi-
schen Untersuchungen drängte sich mir die Über-
zeugung auf, dafs bei aller Betrachtung der Gegen-
stände die höchste Pflicht sei, jede Bedingung, unter
welcher ein Phänomen erscheint, genau aufzusuchen
und nach möglichster Vollkommenheit der Phänomene
zu trachten; weil sie doch zuletzt sich aneinanderzu-
reihen, oder vielmehr übereinand erzugreifen genötigt
sind, und vor dem Anschauen des Forschers auch eine
Art Organisation bilden, ihr inneres Gesamtleben mani-
festieren müssen."
Goethe fand nirgends Aufklärung. Er mufste
sich selbst aufklären. Er suchte den Grund dafür
und glaubte ihn darin zu finden, dafs er für Philo-
sophie im eigentlichen Sinne kein Organ hätte. Er
ist aber darin zu suchen, dafs die platonische Denk-
weise, die alle ihm zugänglichen Philosophien be-
herrschte, seiner gesunden Naturanlage widersprach.
In seiner Jugend hatte er sich wiederholt an Spinoza
gewandt. Er gesteht sogar, dafs dieser Philosoph auf
ihn immer eine „friedliche Wirkung" hervorgebracht
habe. Diese beruht darauf, dass Spinoza das Weltall
als eine grofse Einheit ansieht, und alles Einzelne
mit Notwendigkeit aus dem Ganzen hervorgehend sich
denkt. Wenn sich Goethe aber auf den Inhalt der
Spinozistischen Philosophie einliefs, so fühlte er doch,
dafs dieser ihm fremd blieb. „Denke man aber nicht,
dafs ich seine Schriften hätte unterschreiben und mich
Goethe und Spinoza. 35
dazu buchstäblich bekenuen mögen. Denn dafs nie-
mand den andern versteht, dafs keiner bei denselben
Worten dasselbe, was der andere denkt, dafs ein Ge-
spräch, eine Lektüre bei verschiedenen Personen ver-
schiedene Gedankenfolgen aufregt, hatte ich schon
allzudeutlich eingesehen, und man wird dem Verfasser
von Werther und Faust wohl zutrauen, dafs er
von solchen Mifsverständnissen tief durchdrungen, nicht
selbst den Dünkel gehegt, einen Mann vollkommen zu
verstehen, der als Schüler von Descartes, durch mathe-
matische und rabbinische Kultur sich zu dem Gipfel
des Denkens hervorgehoben, der bis auf den heutigen
Tag- noch das Ziel aller spekulativen Bemühungen zu
sein scheint." Nicht der Umstand, dafs Spinoza durch
Descartes geschult worden ist, auch nicht der, dafs er
durch mathematische und rabbinische Kultur sich zu
dem Gipfel des Denkens erhoben hat, machte ihn für
Goethe unverständlich, sondern seine wirklichkeits-
fremde, rein logische Art, die Erkenntnisse zu be-
handeln. Goethe konnte sich dem reinen erfahrungs-
freien Denken nicht hingeben, weil er es nicht zu
trennen vermochte von der Gesamtheit des Wirklichen.
Er wollte nicht einen Gedanken blofs logisch an den
andern angliedern. Vielmehr erschien ihm eine solche
Gedankenthätigkeit von der wahren Wirklichkeit abzu-
lenken. Er mufste den Geist in die Erfahrung ver-
senken, um zu den Ideen zu kommen. Die Wechsel-
wirkung von Idee und Wahrnehmung war ihm ein
geistiges Atemholen. „Durch die Pendelschläge wird
die Zeit, durch die W^echselbewegung von Idee und
Erfahrung die sittliche und wissenschaftliche Welt
regiert." Im Sinne dieses Satzes die Welt und ihre
3*
36 Natur und Idee.
Erscheinungen zu betrachten, schien Goethe natur-
gemäfs. Denn für ihn gab es keinen Zweifel darüber,
dafs die Natur dasselbe Verfahren beobachtet : dafs sie
„eine Entwicklung aus einem lebendigen geheimnisvollen
Ganzen" zu den mannigfaltigen besonderen Erschei-
nungen hin ist, die den Raum und die Zeit erfüllen.
Das geheimnisvolle Ganze ist die Welt der Idee. „Die
Idee ist ewig und einzig; dafs wir auch den Plural
brauchen, ist nicht wohlgethan. Alles, was wir ge-
wahr werden und wovon wir reden können, sind nur
Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus,
und insofern ist die Idee selbst ein Begriff." Das
Schaffen der Natur geht aus dem Ganzen, das ideeller
Art ist, ins Einzelne, das als Eeelles der Wahrneh-
mung gegeben ist. Deshalb soll der Beobachter: „das
Ideelle im Reellen anerkennen und sein jeweiliges
Mifsbehagen mit dem Endlichen durch Erhebung ins
Unendliche beschwichtigen". Goethe ist überzeugt
davon, dafs „die Natur nach Ideen verfahre, ingleichen
dafs der Mensch in allem, was er beginnt, eine Idee
verfolge". Wenn es dem Menschen wirklich gelingt
sich zu der Idee zu erheben, und von der Idee aus
die Einzelheiten der Wahrnehmung zu begreifen, so
vollbringt er dasselbe, was die Natur vollbringt, indem
sie ihre Geschöpfe aus dem geheimnisvollen Ganzen
hervorgehen läfst. Solange der Mensch das Wirken
und Schaffen der Idee nicht fühlt, bleibt sein Denken
von der lebendigen Natur abgesondert. Er mufs das
Denken als eine blofs subjektive Thätigkeit ansehen,
die ein abstraktes Bild von der Natur entwerfen kann.
Sobald er aber fühlt, wie die Idee in seinem Innern
lebt und thätig ist, betraclitet er sich und die Natur
Goethe und Kant. 37
als Ein Ganzes, und was als Subjektives in seinem
Innern erscheint das gilt ihm zugleich als objektiv;
er weifs, dafs er der Natur nicht mehr als Fremder
gegenübersteht, sondern er fühlt sich verwachsen mit
dem Ganzen derselben. Das Subjektive ist objektiv ge-
worden ; das Objekte von dem Geiste ganz durchdrungen.
Goethe ist der Meinung; der Grundirrtum Kants be-
stehe darin, dafs dieser „das subjektive Erkenntnis-
vermögen selbst als Objekt betrachtet und den Punkt,
wo subjektiv und objektiv zusammentreffen, zwar scharf
aber nicht ganz richtig sondert." (Weimarische Aus-
gabe, 2. x\bteilung. Band XI S. 376.) Das Erkenntnis-
vermögen erscheint dem Menschen nur so lange als sub-
jektiv, als er nicht beachtet, dafs die Natur selbst es
ist, die durch dasselbe spricht. Subjektiv und objektiv
treffen zusammen, wenn die objektive Ideenwelt im
Subjekte auflebt, und in dem Geiste des Menschen
dasjenige lebt, was in der Natur selbst thätig ist.
Wenn das der Fall ist, dann hört aller Gegensatz von
subjektiv und objektiv auf. Dieser Gegensatz hat
nur eine Bedeutung, solange der ]VIensch ihn künst-
lich aufrecht erhält, solange er die Ideen als seine
Gedanken betrachtet, durch die das Wesen der Natur
abgebildet wird, in denen es nicht aber selbst wirksam ist.
Kant und die Kantianer hatten keine Ahnung davon, dafs
in den Ideen der Vernunft das Wesen, das Ansich der
Dinge unmittelbar gegenwärtig ist. Für sie ist alles
Ideelle ein blofs Subjektives. Deshalb kamen sie zu
der Meinung, das Ideelle könne nur dann notwendig
gültig sein, wenn auch dasjenige, auf das es sich be-
zieht, die Erfahrungswelt, nur subjektiv ist. Mit
Goethes Anschauungen steht die Kantsche Denkweise
38 Goethe und Kant.
in einem scharfen Gegensatz. Es giebt zwar einzelne
Aufserungen Goethes, in denen er von Kants An-
sichten in einer anerkennenden Art spricht. Er er-
zählt, dafs er manchem Gespräch über diese Ansichten
beigewohnt habe. „Mit einiger Aufmerksamkeit konnte
ich bemerken, dafs die alte Hauptfrage sich erneuere,
wieviel unser Selbst und wieviel die Aulsenwelt zu
unserm geistigen Dasein beitrage. Ich hatte beide
niemals gesondert, und wenn ich nach meiner
Weise über Gegenstände philosophierte, so that ich es
mit unbewufster Naivität und glaubte wirklich, ich
sähe meine Meinungen vor Augen. Sobald aber jener
Streit zur Sprache kam, mochte ich mich gern auf
diejenige Seite stellen, welche dem Menschen am
meisten Ehre macht, und gab allen Freunden voll-
kommen Beifall, die mit Kant behaupteten: wenn
gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung an-
gehe, so entspringe sie darum doch nicht eben alle aus
der Erfahrung." Die Idee stammt auch, nach Goethes
Ansicht, nicht aus dem Teile der Erfahrung, Avelcher der
blofsen Wahrnehmung durch die Sinne des Menschen
sich darbietet. Die Vernunft, die Phantasie müssen
sich bethätigen, müssen in das Innere der '\\'esen
dringen, um sich der ideellen Elemente des Daseins
zu bemächtigen. Insofern hat der Geist des ^Menschen
Anteil an dem Zustandekommen der Erkenntnis.
Goethe meint, es mache dem Menschen Ehre, dals in
seinem Geiste die höhere Wirklichkeit, die den Sinnen
nicht zugänglich ist, zur Erscheinung komme; Kant
dagegen spricht der Erfahrungswelt den Charakter der
höheren Wirklichkeit ab, weil sie Bestandteile ent-
hält, die aus dem Geiste stammen. Nur wenn er die
Goethe und Kant. 39
Kantschen Sätze erst im Sinne seiner Weltanschauung
umdeutete, konnte Goethe sich zustimmend zu ihnen
verhalten. Die Grundlagen der Kantschen Denkweise
widersprechen Goethes ^^>.sen aufs schärfste. Wenn
dieser den Widerspruch nicht scharf genug betonte, so
liegt das wohl nur darin, dafs er sich auf diese Grund-
lagen nicht einliefs, weil sie ihm zu fremd waren.
„Der Eingang (der Kritik der reinen Vernunft) war
es, der mir gefiel ins Labyrinth selbst konnte ich
mich nicht wagen: bald hinderte mich die Dichtungs-
gabe, bald der Menschenverstand, und ich fühlte mich
nirgends gebessert." Über seine Gespräche mit den
Kantianern mulste sich Goethe eingestehen : „Sie hörten
mich wohl, konnten mir aber nichts erwidern, noch
irgend förderlich sein. Mehr als einmal begegnete es
mir, dafs einer oder der andere mit lächelnder Be-
wunderung zugestand: es sei freilich ein Analogon
Kantscher Vorstellungsart, aber ein seltsames." Es
war, wie ich gezeigt, auch kein Analogon, sondern
das entschiedenste Gegenteil der Kantschen Vor-
stellungsart.
Es ist interessant zu sehen, wie Schiller sich
über den Gegensatz der Goetheschen Denkweise und
seiner eigenen aufzuklären sucht. Er empfindet das
Ursprüngliche und Freie der Goetheschen Weltan-
schauung. Aber er kann die platonischen Gedanken-
elemente aus seinem eigenen Geiste nicht entternen.
F,Y kann sich nicht zu der Einsicht erheben, dafs
Idee und Wahrnehmung in der Wirklichkeit nicht ge-
trennt vorhanden sind, sondern nur künstlich von
40 Schiller über Goethe.
dem durch Plato verführten Verstand getrennt ge-
dacht werden. Deshalb stellt er der Goetheschen
Geistesart, die er als eine intuitive bezeichnet, die
eigene als spekulative gegenüber und behauptet dafs
beide, wenn sie nur kraftvoll genug wirken, zu einem
gleichen Ziele führen müssen. Von dem intuitiven
Geiste nimmt Schiller an, dafs er sich an das Empi-
rische, Individuelle halte und von da aus zu dem Ge-
setze, zu der Idee aufsteige. Falls ein solclier Geist
genialisch ist, wird er in dem Empirischen das Not-
wendige, in dem Individuellen die Gattung erkennen.
Der spekulative Geist dagegen soll den umgekehrten
Weg machen. Ihm soll zuerst das Gesetz, die Idee
gegeben sein, und von ihr soll er zum Empirischen
und Individuellen herabsteigen. Ist ein solcher Geist
genialisch, so wird er zwar immer nur Gattungen im
Auge haben, aber mit der Möglichkeit des Lebens
und mit gegründeter Beziehung auf wirkliche Objekte.
Die Annahme einer besonderen Geistesart, der speku-
lativen gegenüber der intuitiven, beruht auf dem
Glauben, dafs der Ideenwelt ein abgesondertes, von
der Wahrnehmungswelt getrenntes Dasein zukomme.
Wäre dies der Fall, dann könnte es einen Weg geben,
auf dem der Inhalt der Ideen in den Geist käme,
auch wenn ihn dieser nicht in der Erfahrung auf-
suchte. Ist aber die Ideenwelt mit der Erfahrungs-
wirklichkeit untrennbar verbunden, sind beide nur als
Ein Ganzes vorhanden, so kann es nur eine intuitive
Erkenntnis, die in der Erfahrung die Idee aufsucht
und mit dem Individuellen zugleich die Gattung er-
fafst, geben. In Wahrheit giebt es auch keinen rein
^<pekulativen Geist im Sinne Schillers. Denn die Gat-
Schiller über Goethe. 41
tungen existieren nur innerhalb der Sphäre, der auch
die Individuen angehören; und der Geist kann sie
anderswo gar nicht finden. Hat ein sogenannter
spekulativer Geist wirklich Gattungsideen, so stammen
diese aus der Beobachtung der wirklichen Welt. Wenn
das lebendige Gefühl für diesen Ursprung, für den not-
wendigen Zusammenhang des Gattungsmäfsigen mit
dem Individuellen verloren geht, dann entsteht die
Meinung, solche Ideen können in der Vernunft auch
ohne Erfahrung entstehen. Die Bekenner dieser Mei-
nung bezeichnen eine Summe von abstrakten Gattungs-
ideen als Inhalt der reinen Vernunft, weil sie die
Fäden nicht sehen, mit denen diese Ideen an die Er-
fahrung gebunden sind. Eine solche Täuschung ist am
leichtesten bei den allgemeinsten, umfassendsten Ideen
möglich. Da solche Ideen weite Gebiete der Wirklich-
keit umspannen, so ist in ihnen manches ausgetilgt oder
abgeblafst, was den zu diesem Gebiete gehörigen Indi-
vidualitäten zukommt. Man kann eine Anzahl solcher
allgemeiner Ideen durch Überlieferung in sich auf-
nehmen und dann glauben, sie seien dem Menschen
angeboren, oder man habe sie aus der reinen Vernunft
herausgesponnen. Ein Geist, der einem solchen Glauben
verfällt, kann sich als spekulativ ansehen. Er wird
aus seiner Ideenwelt aber nie mehr herausholen können,
als diejenigen hineingelegt haben, von denen er sie
überliefert erhalten hat. Wenn Schiller meint, dafs
der spekulative Geist, wenn er genialisch ist, „zwar
immer nur Gattungen, aber mit der Möglichkeit des
Lebens und mit gegründeter Beziehung auf wirkliche
Objekte" erzeugt (vergl. Schillers Brief an Goethe vom
23. August 1794), so ist er im Irrtum. Ein wirklich
42 Schiller über Goethe.
spekulativer Geist, der nur in Gattungsbegriffen lebte,
könnte in seiner Ideenwelt keine andere gegründete
Beziehung zur Wirklichkeit finden, als diejenige, die
schon in ihr liegt. FAn Geist, der Beziehungen zur
"Wirklichkeit hat und sich dennoch als spekulativ be-
zeichnet, ist in einer Täuschung über seine eigene
Wesenheit befangen. Diese Täuschung kann ihn dazu
verführen, seine Beziehungen zur Wii'klichkeit , zum
unmittelbaren Leben zu vernachlässigen. Er wird
glauben der unmittelbaren Beobachtung entraten zu
können, weil er andere Quellen der Wahrheit zu haben
meint. Die Folge davon ist immer, dafs die Ideenwelt
eines solchen Geistes einen matten abgeblafsten Cha-
rakter trägt. Die frischen Farben des Lebens werden
seinen Gedanken fehlen. Wer im Bunde mit der
Wirklichkeit leben will, wird aus einer solchen Ge-
dankenwelt nicht viel gewinnen können. Nicht als
eine Geistesart, die neben der intuitiven als gleich-
berechtigt anzusehen ist, kann die spekulative gelten,
sondern als eine verkümmerte, an Leben verarmte
Denkart. Der intuitive Geist hat es nicht blofs mit
Individuen zu thun, er sucht nicht in dem Empiri-
schen den Charakter der Notwendigkeit auf. Sondern
wenn er sich der Natur zuwendet, vereinigen sich bei
ihm Wahrnehmung und Idee unmittelbar zu einer
Einheit. Beide werden ineinander geschaut und als
Ganzheit empfunden. Er kann zu den allgemeinsten
"Wahrheiten, zu den höchsten Abstraktionen aufsteigen:
das unmittelbar wirkliche Leben wird in seiner Ge-
dankenwelt immer zu erkennen sein. Solcher Art war
Goethes Denken. Heinroth hat in seiner Anthropo-
logie ein treffliches Wort über dieses Denken ge-
Ge^eustäudliches Denken. 43
sprocheu, das Goethe im höchsten Grade gefiel, weil
es ihn über seine Natur aufklärte. ..Herr Dr. Hein-
roth spricht von meinem Wesen und Wirken günstig,
ja er bezeichnet meine Verfahrungsart als eine eigen-
tümliche: dafs nämlich mein Denkvermögen gegen-
ständlich thätig sei, womit er aussprechen will,
dafs mein Denken sich von den Gegenständen nicht
sondere; dafs die Elemente der Gegenstände, die
Anschauungen in dasselbe eingehen und von ihm auf
das innigste durchdrungen werden; dafs mein An-
schauen selbst ein Denken, mein Denken ein An-
schauen sei." Im Grunde schildert Heinroth nichts
als die Art, wie sich jedes gesunde Denken zu den
Gegenständen verhält. Jede andere Verfahrungsart
ist eine Abirrung von dem naturgemäfsen Wege.
Wenn in einem Menschen die Anschauung überwiegt,
dann bleibt er an dem Individuellen hängen ; er kann
nicht in die tieferen Gründe der Wirklichkeit ein-
dringen; wenn das abstrakte Denken in ihm über-
wiegt, dann erscheinen seine Begriffe unzureichend,
um die lebendige Fülle des Wirklichen zu verstehen.
Das Extrem der ersten Abirrung stellt den rohen
Empiriker dar, der mit den individuellen Tatsachen
sich begnügt; das Extrem der andern Abirrung ist in
dem Philosophen gegeben, der die reine Vernunft an-
betet und der nur denkt, ohne ein Gefühl davon zu
haben, dafs Gedanken ihrem Wiesen nach an An-
schauungen gebunden sind. In einem schönen Bilde
schildert Goethe das Gefühl des Denkers, der zu den
höchsten Wahrheiten aufsteigt, ohne die Empfindung
für die lebendige Erfahrung zu verlieren. Er schreibt
im Anfang des Jahres 1784 einen Aufsatz über den
44 I^as Gefühl für die Wahrheit.
Granit. Er versetzt sich auf einen aus diesem Gestein
bestehenden Gipfel, wo er sich sagen kann: „Hier
ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu
den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere
Schicht, keine aufgehäufte, zusammengeschwemmte
Trümmer haben sich zwischen dich und den festen
Boden der Urwelt gelegt ; du gehst nicht me in jenen
fruchtbaren Thälern über ein anhaltendes Grab, diese
Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts
Lebendiges verschlungen; sie sind vor allem Leben
und über alles Leben. Li diesem Augenblicke, da die
Innern anziehenden und bewegenden Kräfte der Erde
gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Ein-
flüsse des Himmels mich näher umschweben, werde
ich zu höheren Betrachtungen der Natur hinaufge-
stimmt, und wie der Menschengeist alles belebt, so
wird auch ein Gleichnis in mir rege, dessen Erhaben-
heit ich nicht widerstehen kann. So einsam, sage ich
zu mir selber, indem ich diesen ganz nackten Gipfel
hinabsehe und kaum am Fufse ein gering wachsendes
Moos erblicke, so einsam, sage ich, wird es dem
Menschen zu Mute, der nur den ältesten, ersten,
tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele
eröffnen will. Ja, er kann zu sich sagen: Hier auf
dem ältesten, ewigen Altare, der unmittelbar auf die
Tiefe der Schöpfung gebaut ist, l)ring ich dem Wesen
aller Wesen ein Opfer. Ich fühle die ersten, festesten
Anfänge unsers Daseins, ich überschaue die Welt, ihre
schrofferen und gelinderen Thäler und ihre fernen
fruchtbaren Weiden, meine Seele wird über sich selbst
und über alles erhaben und sehnt sich nach dem
nähern Himmel. Aber bald ruft die brennende Sonne
Wesen der Erkenntnis. 45
Durst und Hunger, seine menschlichen Bedürfnisse,
zurück. Er sieht sich nach jenen Thäleriv
um, über die sich sein Geist schon hinwegschwang."
Solchen Enthusiasmus der Erkenntnis, solche Empfin-
dungen für die ältesten, festen Wahrheiten kann nur
derjenige in sich entwickeln, der immer und immer
wieder aus den Regionen der Ideenwelt den Weg
zurückfindet zu den unmittelbaren Anschauungen.
Persönlichkeit und Weltanschauung.
Die Aufsenseite der Natur lernt der Mensch durch
die Anschauung kennen; ihre tiefer liegenden Trieb-
kräfte enthüllen sich in seinem eigenen Innern als
subjektive Erlebnisse. In der philosophischen Welt-
betrachtung und im künstlerischen Empfinden und Her-
vorbringen durchdringen die subjektiven Erlebnisse
die objektiven Anschauungen. Das wird wieder ein
Ganzes, was sich in zwei Teile spalten mufste, um in
den menschlichen Geist einzudringen. Der Mensch
befriedigt seine höchsten geistigen Bedürfnisse, wenn
ei' der objektiv angeschauten Welt einverleibt, was sie
in seinem Innern ihm als ihre tieferen Geheimnisse
offenbart. Erkenntnisse und Kunsterzeugnisse sind
nichts anderes, als von menschlichen inneren Erleb-
nissen erfüllte Anschauungen. In dem einfachsten
Urteile über ein Ding oder Ereignis der Aussen weit
können ein menscliliches Seelenerlebnis und eine äufsere
46 Wahrnehmung: und Erkenntnis.
Anschauung im innigen Bunde miteinander gefunden
werden. Wenn ich sage : ein Körper stofst den andern,
so habe ich bereits ein inneres Erlebnis auf die Aufsen-
welt übertragen. Ich sehe einen Körper in Bewegung ;
er trifft auf einen andern ; dieser kommt infolgedessen
auch in Bewegung. Mit diesen Worten ist der Inhalt
der Wahrnehmung erschöpft. Ich bin aber dabei
nicht beruhigt. Denn ich fühle: es ist in der ganzen
Erscheinung noch mehr vorhanden, als was die blofse
Wahrnehmung liefert. Ich greife nach einem inneren
Erlebnis, das mich über die Wahrnehmung aufklärt.
Ich weifs, dafs ich selbst durch Anwendung von
Kraft, durch Stofsen, einen Körper in Bewegung ver-
setzen kann. Dieses Erlebnis übertrage ich auf die
Erscheinung und sage: der eine Körper stofst den
andern. „Der Mensch begreift niemals, wie anthro-
pomorphisch er ist" (Goethe, Sprüche in Prosa. Natio-
nal-Litt. Goethes Werke, Band 36,2. S. 353). Es giebt
Menschen, die aus dem Vorhandensein dieses subjek-
tiven Bestandteiles in jedem Urteile über die Auisen-
welt die Folgerung ziehen, dafs der objektive Wesens-
kern der Wirklichkeit dem Menschen unzugänglich
sei. Sie glauben, der Mensch verfälsche den unmittel-
baren, objektiven Thatbestand der Wirklichkeit, wenn
er seine subjektiven Erlebnisse in sie hineinlegt. Sie
sagen: weil der Mensch sich die Welt nur durch die
Brille seines subjektiven Lebens vorstellen kann, ist
alle seine Erkenntnis nur eine subjektive, beschränkt-
menschliche. Wem es aber zum Bewufstsein kommt,
was im Innern des Menschen sich offenbart, der wird
nichts mit solchen unfruchtbaren Behauptungen zu
thun haben wollen. Er weifs, dafs AVahrheit eben
Wahrnehniiiu«»' und Erkenntnis. 47
dadurch zustande kommt, dass Wahrnehmung^ und Idee
sich im menschlichen Erkenntnisprozefs durchdringen.
Ihm ist klar, dais in dem Subjektiven das eigentlichste
und tiefste Objektive lebt. ,.Wenn die gesunde Natur
des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in
der AVeit als in einem grofsen, schönen würdigen
Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein
reines, freies Entzücken gew^ährt, dann würde das
Weltall, wenn es sich selbst empfinden
könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauch-
zen und den Gipfel des eigenen Werdens
und Wesens bewundern. (Goethes Werke,
Deutsche Nat.-Litt. Band 27, S. 42.) Die der blofsen
Anschauung zugängliche Wirklichkeit ist nur die eine
Hälfte der ganzen Wirklichkeit; der Inhalt des
menschlichen Geistes ist die andere Hälfte. Träte nie
ein Mensch der Welt gegenüber, so käme diese zweite
Hälfte nie zur lebendigen Erscheinung, zum vollen
Dasein. Sie wirkte zwar als verborgene Kräftewelt;
aber es wäre ihr die Möglichkeit entzogen, sich in
einer eigenen Gestalt zu zeigen. Man möchte sagen,
ohne den Menschen würde die Welt ein unwahres
Antlitz zeigen. Sie w^äre so, wie sie ist, durch ihre
tieferen Kräfte, aber diese tieferen Kräfte blieben
selbst verhüllt durch das. was sie wirken. Im Men-
schengeiste werden sie aus ihrer Verzauberung erlöst.
Der Mensch ist nicht blofs dazu da, um sich von der
fertigen Welt ein Bild zu machen; nein, er wirkt
selbst mit an dem Zustandekommen dieser W^elt.
48 Menschliche Individualität und Erkenntnis.
Verschieden gestalten sich die subjektiven Erleb-
nisse bei verschiedenen Menschen. Für diejenigen,
welche nicht an die objektive Natur der Innenwelt
glauben, ist das ein Grund mehr, dem Menschen das
Vermögen abzusprechen, in das Wesen der Dinge zu
dringen. Denn wie kann Wesen der Dinge sein, was
dem einen so, dem andern anders erscheint. Für den-
jenigen, der die wahre Natur der Innenwelt durch-
schaut, folgt aus der Verschiedenheit der Innenerleb-
nisse nur, dafs die Natur ihren reichen Inhalt auf ver-
schiedene Weise aussprechen kann. Dem einzelnen
Menschen erscheint die Wahrheit in einem individuellen
Kleide. Sie pafst sich der Eigenart seiner Persön-
lichkeit an. Besonders für die höchsten, dem Men-
schen wichtigsten Wahrheiten gilt dies. Um sie zu
gewinnen, überträgt der Mensch seine geistigsten, in-
timsten Erlebnisse auf die angeschaute Welt und mit
ihnen zugleich das Eigenartigste seiner Persönlichkeit.
Es giebt auch allgemeingültige W^ahrheiten, die jeder
Mensch aufnimmt, ohne ihnen eine individuelle Fär-
bung zu geben. Dies sind aber die oberflächlichsten,
die trivialsten. Sie entsprechen dem allgemeinen
Gattungscharakter der Menschen, der bei allen der
gleiche ist. Gewisse Eigenschaften, die in allen Men-
schen gleich sind, erzeugen über die Dinge auch
gleiche Urteile. In der Art, wie die Menschen die
Dinge nach Mals und Zahl ansehen, unterscheiden sie
sich nicht. Deshalb gelten für alle die gleichen mathe-
matischen Wahrheiten. In den Eigenschaften aber,
in denen sich die Einzelpersönlichkeit von dem allge-
meinen Gattungscharakter abhebt, liegt auch der
(irund zu den individuellen Ausgestaltungen der Wahr-
Individuelle Wahrheiten. 49
heit. Nicht darauf kommt es an, dafs in dem einen
Menschen die Wahrheit anders erscheint als in dem
andern, sondern darauf, dafs alle zum Vorschein kommen-
den individuellen Gestalten einem einzigen Ganzen an-
gehören, der einheitlichen ideellen Welt. Die Wahr-
heit spricht im Innern der einzelnen Menschen ver-
schiedene Sprachen und Dialekte; in jedem grofsen
Menschen spricht sie eine eigene Sprache, die nur dieser
Einen Persönlichkeit zukommt. Aber es ist immer die
eine Wahrheit, die da spricht. „Kenne ich mein Ver-
hältnis zu mir selbst und zur Aufsenwelt, so heifs ichs
Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit
haben, und es ist doch immer dieselbige." Dies ist Goethes
Meinung. Nicht ein starres, totes Begriffssystem ist
die Wahrheit, das nur einer einzigen Gestalt fähig ist ;
sie ist eine lebendiges Meer, in welchem der Geist des
Menschen lebt, und das Wellen der verschiedensten
Gestalt an seiner Oberfläche zeigen kann. „Die Theorie
an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns
an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben
macht," sagt Goethe. Er schätzt keine Theorie, die ein
für allemal abgeschlossen sein will, und in dieser Gestalt
eine ewige Wahrheit darstellen soll. Er will leben-
dige Begriffe, durch die der Geist des Einzelnen nach
seiner individuellen Eigenart die Anschauungen zu-
sammenfafst. Die Wahrheit erkennen heifst ihm,
in der Wahrheit leben. Und in der Wahrheit
leben ist nichts anderes, als bei der Betrachtung
jedes einzelnen Dinges hinzusehen, welches innere
Erlebnis sich einstellt, wenn man diesem Dinge
gegenübersteht. Eine solche Ansicht von dem mensch-
lichen Erkennen kann nicht von Grenzen des Wissens,
S t e i u e r , Goethes Weltanschauung. 4
50 Keine Grenzen des Erkenneus.
nicht von einer Eingeschränktheit desselben durch
die Natur des Menschen sprechen. Denn die Fragen,
die sich, nach dieser Ansicht, das Erkennen vorlegt,
entspringen nicht aus den Dingen; sie sind dem
Menschen auch nicht von irgend einer andern aufser-
halb seiner Persönlichkeit gelegenen Macht auferlegt.
Sie entspringen aus der Natur der Persönlichkeit
selbst. Wenn der ]Vrensch den Blick auf ein Ding
richtet, dann entsteht in ihm der Drang, mehr zu
sehen, als ihm in der A\'ahrnehmung entgegentritt.
Und soweit dieser Drang reicht, soweit reicht sein
Erkenntnisbedürfnis. Woher stammt dieser Drang?
Doch nur davon, dafs ein inneres Erlebnis sich in der
Seele angeregt fühlt, mit der Wahrnehmung, eine Ver-
bindung einzugehen. Sobald die Verbindung vollzogen
ist, ist auch das Erkenntnisbedürfnis befriedigt. Er-
kennen wollen ist eine Forderung der menschlichen
Natur und nicht der Dinge. Diese können dem Men-
schen nicht mehr über ihr ^^'esen sagen, als er ihnen
abfordert. Wer von einer Beschränktheit des Erkennt-
nisvermögens spricht, der weifs nicht, woher das Er-
kenntnisbedürfnis stammt. Er glaubt, der Inhalt der
Wahrheit liege irgendwo aufbewahrt, und in dem
Menschen lebe nur der unbestimmte Wunsch, den Zu-
gang zu dem Aufbewahrungsorte zu finden. Aber es
ist das Wesen der Dinge selbst, das sich aus dem
Innern des Menschen herausarbeitet und dahin strebt,
wohin es gehört: zu der Wahrnehmung. Nicht nach
einem Verborgenen strebt der Mensch im Erkenntnis-
prozefs, sondern nach der Ausgleichung zweier Kräfte,
die von zwei Seiten auf ihn wirken. Man kann wohl
sagen, ohne den Menschen gäbe es keine Erkenntnis
Wege zur Erkenntnis. 5X
des Iniiern der Dinge, denn ohne ihn wäre nichts da,
wodurch dieses Innere sich aussprechen könnte. Aber
man kann nicht sagen, es gibt im Innern der Dinge
etwas, das dem Menschen unzugänglich ist. Dafs an
den Dingen noch etwas anderes vorhanden ist, als
was die Wahrnehmung liefert, weifs der Mensch nur,
weil dieses andere in seinem eigenen Innern lebt.
Von einem weiteren unbekannten Etwas der Dinge
sprechen, heifst Worte über etwas machen, was nicht
vorhanden ist.
Die Naturen, die nicht zu erkennen vermögen, dafs
es die Sprache der Dinge ist, die im Innern des Men-
schen gesprochen wird, sind der Ansicht, alle Wahr-
heit müsse von aufsen in den Menschen eindringen.
Solche Naturen halten sich entweder an die blofse Wahr-
nehmung und glauben, allein durch Sehen, Hören,
Tasten, durch Auf lesung der geschichtlichen Vorkomm-
nisse und durch Vergleichen, Zählen, Kechnen, Waagen
des aus der Tatsachenwelt Aufgenommenen die Wahr-
heit erkennen zu können; oder sie sind der Ansicht,
dafs die Wahrheit nur zu dem Menschen kommen
könne, wenn sie ihm durch ein übermenschliches Wiesen
offenbart werde, oder endlich, sie w^oUen durch
Kräfte besonderer Natur, durch Ekstase oder mysti-
sches Schauen in den Besitz der höchsten Einsichten
kommen, die ihnen, nach ihrer Ansicht, die dem Den-
ken zugängliche Ideenwelt nicht darbieten kann. Den
Oflfenbarungsgläubigen und den Mystikern reihen sich
noch die Metaphysiker an. Diese suchen zwar durch
4*
52 Tatsachenfanatiker.
das Denken sich Begriffe von der Wahrheit zu bilden.
Aber sie suchen den Inhalt für diese Begriffe nicht
in der menschlichen Ideenwelt, sondern in einer hinter
den Dingen liegenden zweiten Wirklichkeit. Sie mei-
nen, durch reine Begriffe über einen solchen Inhalt
entweder etwas Sicheres ausmachen zu können, oder
wenigstens durch Hypothesen sich Vorstellungen von
ihm bilden zu können. Ich spreche hier zunächst von
der zuerst angeführten Art von Menschen, von den
Tatsachenfanatikern. Ihnen kommt es zuweilen zum
Bewufstsein, dafs in dem Zählen und Rechnen bereits
eine Verarbeitung des Anschauungsinhaltes mit Hilfe
des Denkens stattfindet. Dann aber sagen sie, die
Gedankenarbeit sei blofs das Mittel, durch das der
Mensch den Zusammenhang der Tatsachen zu erkennen
bestrebt ist. Was aus dem Denken bei Bearbeitung
der Aufsenwelt fliefst, gilt ihnen als blofs subjektiv;
als objektiven Wahrheitsgehalt, als wertvollen Er-
kenntnisinhalt sehen sie nur das an, was mit Hilfe
des Denkens von aussen an sie herankommt. Sie
fangen zwar die Tatsachen in ihre Gedankennetze
ein, lassen aber nur das Eingefangene als objektiv
gelten. Sie übersehen, dafs dieses Eingefangene durch
das Denken eine Auslegung, Zurechtrückung, eine
Interpretation erfahrt, die es in der blofsen Anschau-
ung nicht hat. Die Mathematik ist ein Ergebnis
reiner Gedankenprozesse, ihr Inhalt ist ein geistiger,
subjektiver. Und der Mechaniker, der die Naturvor-
gänge in mathematischen Zusammenhängen vorstellt,
kann dies nur unter der Voraussetzung, dafs diese Zu-
sammenhänge in dem Wesen dieser Vorgänge begründet
sind. Das heifst aber nichts anderes als: in der An-
Tatsachenfanatiker. 53
schauung ist eine mathematische Oi'dnung verborgen,
die nur derjenige sieht, der die mathematischen Ge-
setze in seinem Geiste ausbildet. Zwischen den mathe-
matischen Eaum- und Zahlenvorstellungen und den
intimsten, geistigsten Erlebnissen ist aber kein Art-,
sondern nur ein Gradunterschied. Und mit demselben
Eechte wie die Ergebnisse der mathematischen For-
schung kann der Mensch andere innere Erlebnisse,
andere Gebiete seiner Ideenwelt auf die Anschauungen
übertragen. Nur scheinbar stellt der Tatsachenfana-
tiker rein äussere Vorgänge fest. Er denkt zumeist
über die Natur seiner Ideenwelt und ihren Charakter,
als subjektives Erlebnis, nicht nach. Auch sind seine
inneren Erlebnisse inhaltsarme, blutleere Abstraktionen,
die von dem kraftvollen Tatsacheninhalt verdunkelt
werden. Die Täuschung, der er sich hingiebt, kann
nur so lange bestehen, als er auf der untersten Stufe
der Naturinterpretation stehen bleibt, solange er blofs
zählt, wägt, berechnet. Auf den höheren Stufen
drängt sich die wahre Natur der Erkenntnis bald auf.
Man kann es aber an den Tatsachenfanatikern be-
obachten, dass sie sich vorzüglich an die unteren
Stufen halten. Sie gleichen dadurch einem Aesthetiker,
der ein Musikstück blofs darnach beurteilen will, was
an ihm berechnet und gezählt werden kann. Sie
wollen die Erscheinungen der Natur von dem Men-
schen absondern. Nichts Subjektives soll in die Be-
obachtung einfliefsen. Goethe verurteilt dieses Ver-
fahren mit den Worten: „Der Mensch an sich
selbst, insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient,
ist der gi^öfste und genaueste physikalische Apparat,
den es geben kann, und das ist eben das gröfste Un-
54 Tatsachenfanatiker.
heil der neuereu Physik, dafs mau die Experimente
gleichsam vom Menschen abgesondert hat, und blofs
in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur
erkennen, ja, was sie leisten kann, dadurch beschrän-
ken und beweisen will." Es ist die Angst vor
dem Subjektiven, die zu solcher Verfahrungsweise
führt, und die aus einer Verkennung der wahrhaften
Natur desselben herrührt. „Dafür steht ja aber der
Mensch so hoch, dafs sich das sonst Undarstellbare in
ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle
mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des
Musikers? Ja man kann sagen, was sind die elemen-
taren Erscheinungen der Natur selbst gegen den
Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren
mufs, um sie sich einigermafsen assimilieren zu können ?
(Goethes Werke. Deutsche Nat.-Litt. Band 36,2 S. 351.)
Nach Goethes Ansicht soll der Naturforscher nicht
allein darauf aufmerksam sein, wie die Dinge erscheinen,
sondern wie sie erscheinen würden, wenn alles, was in
ihnen als ideelle Triebkräfte wirkt, auch wirklich zur
äufseren Erscheinung käme. Erst wenn sich der leib-
liche und geistige Organismus des Menschen den Er-
scheinungen gegenüberstellt, dann enthüllen sie ihr
Inneres.
*
Wer mit freiem, offenem Beobachtungsgeist und
mit einem entwickelten Innenleben, in dem die Ideen
der Dinge sich offenbaren, an die Erscheinungen her-
antritt, dem enthüllen diese, nach Goethes Meinung,
alles, was an ihnen ist. Goethes Weltanschauung ent-
gegengesetzt ist daher diejenige, Avelche das Wesen
Goethes Erkenntnisart. 55
der Dinge nicht innerhalb der Erfahrungswirklich-
keit, sondern in einer hinter derselben liegenden
zweiten Wirklichkeit sucht. Ein Bekenner einer
solchen Weltanschauung trat Goethe in Fr. H. Jacobi
entgegen. Er macht seinem Unwillen in einer Be-
merkung der Tag- und Jahreshefte (zum Jahre 1811)
Luft: „Jacobi von den göttlichen Dingen machte mir
nicht wohl ; wie konnte mir das Buch eines so herzlich
geliebten Freundes willkommen sein, worin ich die
These durchgeführt sehen sollte: die Natur verberge
(Tott! Mufste bei meiner reinen, tiefen, angeborenen
und geübten Anschauungsweise, die mich Gott in der
Natur, die Natur in Gott zu sehen unverbrüchlich ge-
lehrt hatte, so dafs diese Vorstellungsart den Grund
meiner ganzen Existenz ausmachte, mufste nicht ein so
seltsamer, einseitig beschränkter Ausspruch mich dem
Geiste nach, von dem edelsten Manne, dessen Herz
ich verehrend liebte, für ewig entfernen^*. Goethes
Anschauungsweise gibt ihm die Sicherheit, dafs er in
der ideellen Durchdringung der Natur das ewig Ge-
setzmäfsige in ihr unmittelbar anschaut. Und dieses
ewig Gesetzmäfsige ist ihm mit dem Göttlichen iden-
tisch. Wenn das Göttliche hinter den Naturdingen
sich verbergen würde und doch das schöpferische Ele-
ment in ihnen bildete, könnte es nicht angeschaut
werden ; der Mensch mufste an dasselbe glauben. In
einem Briefe an Jacobi nimmt Goethe sein Schauen
gegenüber dem Glauben in Schutz: ,,Gott hat Dich
mit der Metaphysik gestraft und Dir einen
Pfahl ins Fleisch gesetzt, mich mit der Physik ge-
segnet. Ich halte mich an die Gottesverehrung des
Atheisten (Spinoza) und überlasse Euch alles, was
56 Goethes Erkeniitnisart.
ihr Eeligion heifst und heifsen mögt. Du hältst aufs
Glauben an Gott; ich aufs Schauen.^* Wo dieses
Schauen aufhört, da hat der menschliche Geist nichts
zu suchen. In den Sprüchen in Prosa lesen wir : „Der
Mensch ist wirklich in die Mitte einer wirklichen
Welt gesetzt und mit solchen Organen begabt, dafs
er das Wirkliche und nebenbei das Mögliche erkennen
und hervorbringen kann. Alle gesunden Menschen
haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Da-
seienden um sich her. Indessen giebt es auch einen
hohlen Fleck im Gehirn, d. h. eine Stelle, wo
sich kein Gegenstand abspiegelt, wie denn auch im
Auge selbst ein Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird
der Mensch auf diese Stelle besonders aufmerksam,
vertieft er sich darin, so verfällt er in eine Geistes-
krankheit, ahnet hier Dinge einer andern
AVeit, die aber eigentlich Undinge sind und
weder Gestalt noch Begrenzung haben, sondern als
leere Nacht-Räumlichkeiten ängstigen und
den, der sich nicht losreifst, mehr als gespensterhaft
verfolgen. (Goethes Werke, Deutsche Nationallitteratur
Band 36,2. S. 458.) Aus derselben Gesinnung heraus
ist der Ausspruch: „Das Höchste wäre, zu begreifen,
dafs alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue
des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chro-
matik. Man suche nur nichts hinter den
Phänomenen; sie selbst sind die Lehre.''
Kant spricht dem Menschen die Fähigkeit ab, in
das Gebiet der Natur einzudringen, in dem ihre
schöpferischen Kräfte unmittelbar anschaulich
werden. Nach seiner Meinung sind die Begriffe ab-
strakte Einheiten, in die der menschliche Verstand die
Goethes Erkenntnisart. 57
mannigfaltigen Einzellieiten der Natur zusammenfafst,
die aber nichts zu tluin haben mit der lebendigen
Einheit, mit dem schaffenden Ganzen der Natur, aus
der diese Einzelheiten wirklich hervorgehen. Der
Mensch erlebt in dem Zusammenfassen nur eine sub-
jektive Operation. Er kann seine allgemeinen Be-
griffe auf die empirische Anschauung beziehen; aber
diese Begriffe sind nicht in sich lebendig, produktiv,
so dafs der Mensch das Hervorgehen des Individuellen
aus ihnen anschauen könnte. Eine tote, blofs im
Menschen vorhandene Einheit sind für Kant die Be-
griffe. „Unser Verstand ist ein Vermögen der Begriffe,
d. i. ein diskursiver Verstand, für den es freilich zu-
föllig sein mufs, welcherlei und wie verschieden das
Besondere sein mag, das ihm in der Natur gegeben
werden kann und was unter seine Begriffe gebracht
werden kann." Dies ist Kants Charakteristik des
Verstandes (§ 77 der Kritik der Urteilskraft). Aus
ihr ergiebt sich folgendes mit Notwendigkeit : „Es liegt
der Vernunft unendlich viel daran, den Mechanismus
der Natur in ihren Erzeugungen nicht fallen zu lassen
und in der Erklärung derselben nicht vorbei zu gehen ;
weil ohne diesen keine Einsicht in die Natur der
Dinge erlangt werden kann. Wenn man uns gleich
einräumt: dafs ein höchster Architekt die Formen
der Natur, so wie sie von jeher da sind, unmittelbar
geschaffen, oder die, so sich in ihrem Laufe kontinuir-
lich nach eben demselben Muster bilden, prädeterminirt
habe, so ist doch dadurch unsere Erkenntnis der Natur
nicht im mindesten gefördert; weil wir jenes
Wesens Handlungsart und die Ideen des-
selben, welche die Prinzipien der Möglichkeit der
58 Goethes Erkeiintnisart.
Xaturwesen enthalten sollen, gar nicht kennen,
und von demselben als von oben herab die Natur nicht
erklären können" (§ 78 der Kritik der Urteilskraft).
Goethe ist der Überzeugung, dafs der Mensch in seiner
Ideenwelt die Handlungsart des schöpferischen Natur-
wesens unmittelbar erlebt. „Wenn wir ja im Sitt-
lichen, durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterb-
lichkeit uns in eine obere Eegion erheben und an das
erste Wesen annähern sollen: so dürft es wohl im
Intellektuellen derselbe Fall sein, dafs wir
uns, durch das Anschauen einer immer
schaffen den Natur, zur geistigen Teilnahme
an ihren Produktionen würdig machten/*
Ein wirkliches Hineinleben in das Schaifen und A^^alten
der Natur ist für Goethe die Erkenntnis des Menschen.
Ihr ist es gegeben: „zu erforschen, zu erfahren, wie
Natur im Schaffen lebt".
Es widerspricht dem Geist der Goetheschen Welt-
anschauung, von Wesenheiten zu sprechen, die aufser-
halb der dem menschlichen Geiste zugänglichen Er-
fahrungs- und Ideenwelt liegen und die doch die
Gründe dieser Welt enthalten sollen. Alle Metaphysik
^\ird von dieser Weltanschauung abgelehnt. Es gibt
keine Fragen der Erkenntnis, die, richtig gestellt,
nicht auch beantw^ortet werden können. Wenn die
Wissenschaft zu irgend einer Zeit über ein gewisses
Erscheinungsgebiet nichts ausmachen kann, so liegt
das nicht an der Natur des menschlichen (Geistes,
sondern an dem zufälligen Umstände, dafs die Er-
fahrung über dieses Gebiet zu dieser Zeit noch nicht
vollständig vorliegt. Hypothesen können nicht über
Dinge aufgestellt werden, die aufserhalb des Gebietes
Goethe und die Mystik. 59
möglicher Erfahrung liegen, sondern nur über solche,
die einmal in dieses Gebiet eintreten können. Eine
Hypothese kann immer nui^ besagen: es ist wahr-
scheinlich, dafs innerhalb eines Erscheinungsgebietes
diese oder jene Erfahrung gemacht werden wird.
Über Dinge und Vorgänge, die nicht innerhalb des
Feldes der Beobachtung liegen, kann innerhalb dieser
Denkungsart gar nicht gesprochen werden. Die An-
nahme eines „Dinges an sich", das die Wahrnehmungen
in dem Menschen bewirkt, aber nie selbst wahrge-
nommen werden kann, ist eine unstatthafte Hypothese.
„Hypothesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude
aufführt, und die man abträgt, wenn das Gebäude fertig
ist; sie sind dem Arbeiter unentbehrlich; nur mufs er
das Gerüste nicht für das Gebäude ansehen." Einem
Erscheinungsgebiete gegenüber, für das alle Wahr-
nehmungen vorliegen und das ideell durchdrungen ist,
erklärt sich der menschliche Geist befriedigt. Er
hat alles, w^as er für eine Erklärung braucht.
Die befriedigende Grundstimmung, die Goethes
Weltanschauung für ihn hat, ist derjenigen ähnlich,
die man bei den Mystikern beobachten kann. Die
Mystik geht darauf aus, in der menschlichen Seele den
Urgrund der Dinge, die Gottheit, zu finden. Der
Mystiker ist gerade so wie Goethe davon überzeugt,
da ('s ihm in inneren Erlebnissen das Wesen der Welt
offenbar werde. Nur gilt ihm die Versenkung in die
Ideenwelt nicht als das innere Erlebnis, auf das es
ankommt. Über die klaren Ideen der Vernunft hat
60 Goethe uud die Mystik.
er ungefähr dieselbe Ansicht wie Kant. Sie stehen für
ihn aufserhalb des schaffenden Ganzen der Natur und
gehören nur dem menschlichen Verstände an. Der
Mystiker sucht deshalb zu den höchsten Erkenntnissen
durch Erweckung besonderer Kräfte zu gelangen. Er
sucht durch Entwicklung ungewöhnlicher Zustände,
z. B. durch Ekstase, zu einem Schauen höherer Art zu
gelangen. Er tötet die sinnliche Beobachtung und das
vernunftgemäfse Denken in sich ab, und sucht sein
Gefühlsleben zu steigern. Dann meint er in sich die
wirkende Gottheit unmittelbar zu fühlen. Er glaubt
in Augenblicken, in denen ihm das gelingt, Gott lebe
in ihm. Eine ähnliche Empfindung ruft auch die
Goethesche Weltanschauung in dem hervor, der sich
zu ihr bekennt. Nur schöpft sie ihre Erkenntnisse
nicht aus Erlebnissen, die nach Ertötung von Beob-
achtung und Denken eintreten, sondern eben aus
diesen beiden Thätigkeiten. Sie flüchtet nicht zu ab-
normen Zuständen des menschlichen Geisteslebens,
sondern sie ist der Ansicht, dafs die gewöhnlichen
naiven Verfahrungsarten des Geistes einer solchen
Vervollkommnung fähig sind, dafs der Mensch das
Schaffen der Natur in sich erleben kann. „Es sind
am Ende doch nur, wie mich dünkt, die praktischen
und sich selbst rektifizierenden Operationen des ge-
meinen Menschenverstandes, der sich in einer höheren
Sphäre zu üben wagt." (Vergl. Goethe Werke in der
Weimarischen Ausgabe. 2. Abt., Band HS. 41.) In
eine Welt unklarer Empfindungen und Gefühle ver-
senkt sich der Mystiker; in die klare Ideenwelt ver-
senkt sich Goethe. Die Mystiker verachten die Klarheit
der Ideen. Sie halten diese Klarheit für oberflächlich.
Das Gefühl für die Ideen. 61
Sie ahnen nicht, was Menschen empfinden, welche die
Gabe haben, sich in die belebte Welt der Ideen zu ver-
tiefen. Es friert den Mystiker, wenn er sich der
Ideenwelt hingibt. Er sucht einen Weltinhalt, der
AVärme ausströmt. Aber der, welchen er findet, klärt
über die Welt nicht auf. Er besteht nur in sujektiven
Erregungen, in verworrenen Vorstellungen. Wer von
der Kälte der Ideenwelt spricht, der kann Ideen nur
denken, nicht erleben. Wer das wahrhafte Leben in
der Ideenwelt lebt, der fühlt in sich das Wesen der Welt
in einer Wärme wirken, die mit nichts zu vergleichen
ist. Er fühlt das Feuer des Weltgeheimnisses in sich
auflodern. So hat Goethe empfunden, als ihm die An-
schauung der wirkenden Natur in Italien aufging.
Damals wufste er, wie jene Sehnsucht zu stillen ist, die
er in Frankfurt seinen Faust mit den Worten aus-
sprechen läfst:
„Wo fal's' ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lehens,
An denen Himmel und Erde hängt,
Dahin die welke Brust sich drängt — ".
Die Metamorphose der Weltersoheinungen.
Den höchsten Grad der Eeife erlangte Goethes
Weltanschauung, als ihm die Anschauung der zwei
grofsen Triebräder der Natur: die Bedeutung der Be-
griffe von Polarität und von Steigerung aufgieng.
62 Metamorphose der Weltvorgänge.
(Vergl. den Aufsatz : Erläuterung zu dem Aufsatz „die
Natur". Deutsche Nationallitteratur. Goethes Werke
Band 34 S. 63 f.) Die Polarität ist den Erscheinungen
der Natur eigen, insofern wir sie materiell denken.
Sie besteht darin, dafs sich alles Materielle in zwei
entgegengesetzten Zuständen äufsert, wie der Magnet
in einem Nordpol und einem Südpol. Diese Zustände
der Materie liegen entweder offen vor Augen, oder sie
schlummern in dem Materiellen und können durch ge-
eignete Mittel in demselben erweckt werden. Die
Steigerung kommt den Erscheinungen zu, insofern wir
sie geistig denken. Sie kann beobachtet werden bei
den Naturvorgängen, die unter die Idee der Entwick-
lung fallen. Auf den verschiedenen Stufen der Ent-
wicklung zeigen diese Vorgänge die ihnen zu Grunde
liegende Idee mehr oder weniger deutlich in ihrer
äusseren Erscheinung. In der Frucht ist die Idee der
Pflanze, das vegetabilische Gesetz, nur undeutlich in
der Erscheinung ausgeprägt. Die Idee, die der Geist
erkennt, und die Wahrnehmung sind einander unähnlich.
„In den Blüten tritt das vegetabilische Gesetz in seine
höchste Erscheinung, und die Eose wäre nur wieder
der Gipfel dieser Erscheinung." In der Heraus-
arbeitung des Geistigen aus dem Materiellen durch
die schaffende Natur besteht das, was Goethe Steige-
rung nennt. Die Natur ist „in immerstrebendem Auf-
steigen" begriffen, heifst, sie sucht Gebilde zu schaffen,
die, in aufsteigender Ordnung, die Ideen der Dinge
auch in der äufseren Erscheinung immer mehr zur
Darstellung bringen. Goethe ist der Ansicht, dafs „die
Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo
dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die
Metamorphose der Weltvorgän^e. 63
Augen stellt". Die Natur kann Erscheinungen
hervorbringen, von denen sich die Ideen für ein grofses
Gebiet verwandter Vorgänge unmittelbar ablesen lassen.
Es sind die Erscheinungen, in denen die Steigerung
ihr Ziel erreicht hat, in denen die Idee unmittelbare
Wahrnehmung wird. Der schöpferische Geist der Natur
tritt hier an die Oberfläche der Dinge; was an den
grob-materiellen Erscheinungen nur dem Denken er-
fafsbar ist, was nur mit geistigen Augen geschaut werden
kann : das wird in den gesteigerten dem leiblichen Auge
sichtbar. AUes Sinnliche ist hier auch geistig und alles
Geistige sinnlich. Durchgeistigt denkt sich Goethe die
ganze Natur. Ihre Formen sind dadurch verschieden, dafs
der Geist in ihnen mehr oder weniger auch äufserlich
sichtbar wird. Eine tote geistlose Materie kennt Goethe
nicht. Als solche erscheinen diejenigen Dinge, in denen
sich der Geist der Natur eine seinem ideellen Wesen
unähnliche äufsere Form gibt. Weil ein Geist in der
Natur und im menschlichen Innern wirkt, deshalb
kann der Mensch sich zur Teilnahme an den Pro-
duktionen der Natur erheben. „Vom Ziegelstein, der
dem Dache entstürzt, bis zum leuchtenden Geistes-
blitz, der dir aufgeht und den du mitteilst" gilt für
Goethe alles im Weltall als Wirkung, als Manifesta-
tion Eines schöpferischen Geistes. „Alle Wirkungen,
von welcher Art sie seien, die wir in der Erfahrung
bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen,
gehen ineinander über; sie undulieren von der ersten
bis zur letzten." „Ein Ziegelstein löst sich vom Dache
los: wir nennen dies im gemeinen Sinne zufällig;
er trifl't die Schultern eines Vorübergehenden, doch
wohl mechanisch; allein nicht ganz mechanisch, er
(54 Metamorphose der Welt Vorgänge.
folgt den Gesetzen der Schwere, und so wirkt er
physisch. Die zemssenen Lebensgeföfse geben so-
gleich ihre Funktion auf; im Augenblicke wirken die
Säfte c h e m i s c h , die elementaren Eigenschaften treten
hervor. Allein das gestörte organische Leben wider-
setzt sich eben so schnell und sucht sich herzustellen ;
indessen ist das menschliche Ganze mehr oder weniger
bewufstlos und psychisch zerrüttet. Die sich
wiedererkennende Pei^on fühlt sich ethisch im tief-
sten verletzt; sie beklagt ihre gestörte Thätigkeit,
von welcher Art sie auch sei, aber ungern ergäbe der
Mensch sich in Geduld. Eeligiös hingegen wird
ihm leicht, diesen Fall einer höheren Schickung zuzu-
schreiben, ihn als Bew^ahrung vor gröfserem Übel, als
Einleitung zu höherem Guten anzusehen. Dies reicht
hin für den Leidenden; aber der Genesende erhebt
sich genial, vertraut Gott und sich selbst und fühlt
sich gerettet, ergreift auch wohl das Zufallige, wendets
zu seinem Vorteil, um einen ewig frischen Lebens-
kreis zu beginnen." Als Modifikationen des Geistes
erscheinen Goethe alle Weltwirkungen, und der Mensch,
der sich in sie vertieft und sie beobachtet von der Stufe
des Zufälligen bis zu der des Genialen, durchlebt die
Metamorphose des Geistes von der Gestalt, in der sich
dieser in einer ihm unähnlichen äufseren Erscheinung
darstellt, bis zu der, wo er in seiner ihm ureigensten
Form erscheint. Einheitlich wirkend sind im Sinne
der Goetheschen Weltanschauung alle schöpferischen
Kräfte. Ein Ganzes, das sich in einer Stufenfolge von
verwandten Mannigfaltigkeiten offenbart, sind sie.
Goethe war aber nie geneigt, die Einheit der Welt
sich als einförmig vorzustellen. Oft verfallen die
Mechaiiistisclie Weltanschauuiiof. 65
Anhänger des Einheitsgedankens in den Fehler, die
Gesetzmäfsigkeit, die sich auf einem Erscheinungs-
gebiete beobachten läfst, auf die ganze Natur auszu-
dehnen. In diesem Falle ist z. B. die mechanistische
A^'eltanschauung. Sie hat ein besonderes Auge und
Verständnis für das, was sich mechanisch erklären
läfst. Deshalb erscheint ihr das Mechanische als das
einzig Naturgemäfse. Sie sucht auch die Erschei-
nungen der organischen Natur auf mechanische Ge-
setzmäfsigkeit zurückzuführen. Ein Lebendiges ist
ihr nur eine complicierte Form des Zusammenwirkens
mechanischer Vorgänge. In besonders abstofsender
Form fand Goethe eine solche Weltanschauung in
Holbachs „Systeme de la nature" ausgesprochen, das
ihm in Strafsburg in die Hände fiel. „Eine Materie
sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her
bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts
und links und nach allen Seiten, ohne weiteres, die
unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen.
Dies alles wären wir sogar zufrieden gewesen, wenn
der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie
die Welt vor unsern Augen aufgebaut hätte. Aber
er mochte von der Natur so wenig wissen als wir;
denn indem er einige allgemeine Begriffe hinge-
pfahlt, verläfst er sie sogleich, um dasjenige, was
höher als die Natur, oder was als höhere Natur in der
Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar be-
wegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur
zu verwandeln, und glaubt dadurch recht viel ge-
wonnen zu haben" (Dichtung und Wahrheit 11. Buch).
In ähnlicher Weise hätte sich Goethe geäufsert, wenn
er den Satz du Bois-Eeymonds (Grenzen des Natur-
steiner, Goethes Weltanschauung. 5
66 Einheit der Natiir.
erkennens S. 13) hätte hören können: „Naturerkennen
ist Zurückfährung der Veränderungen in der Körper-
welt auf Bewegungen von Atomen, die durch deren
von der Zeit unabhängige Centralkräfte bewirkt werden,
oder Auflösung der Naturvorgänge in Mechanik
der Atome." Goethe dachte sich die Arten von
Naturwirkungen mit einander verwandt und in ein-
ander übergehend; aber er wollte sie nie auf eine
einzige Art zurückführen. Er trachtete nicht nach
einem abstrakten Prinzip, auf das alle Naturerschei-
nungen zurückgeführt werden sollen, sondern nach Be-
obachtung der charakteristischen Art, wie sich die
schöpferische Natur in jedem einzelnen ihrer Erschei-
nungsgebiete durch besondere Formen ihrer allgemeinen
Gesetzmäfsigkeit offenbart. Nicht eine Gedankenform
wollte er sämtlichen Naturerscheinungen aufzwangen^
sondern durch Einleben in verschiedene Gedanken-
formen wollte er sich den Geist so lebendig und bieg-
sam erhalten, wie die Natur selbst ist. Wenn die
Empfindung von der grofsen Einheit alles Naturwirkens
in ihm mächtig war, dann war er Pantheist. „Ich
für mich kann bei den mannigfaltigen Eichtungen meines
Wesens, nicht an einer Denkweise genug haben; als
Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist als
Naturforscher, und eines so entschieden als das andere.
Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit als
sittlicher Mensch, so ist dafür auch schon gesorgt."
(An Jacobi, 6. Jan. 1813). Als Künstler wandte sich
Goethe an jene Naturerscheinungen, in denen die Idee
in unmittelbarer Anschauung gegenwärtig ist. Das
Einzelne erschien hier unmittelbar göttlich; die Welt
als eine Vielheit göttlicher Individualitäten. Als Natur-
Kunst und Natur. 67
forscher mufste Goethe auch in den Erscheinungen,
deren Idee nicht in ihrem individuellen Dasein sicht-
bar wird, die Kräfte der Natur verfolgen. Als Dichter
konnte er sich bei der Vielheit des Göttlichen be-
ruhigen; als Naturforscher mufste er die einheitlich
wirkenden Naturideen suchen. „Das Gesetz, das in
die Erscheinung tritt, in der gröfsten Freiheit, nach
seinen eigensten Bedingungen, bringt das Objektiv-
Schöne hervor, welches freilich würdige Subjekte finden
mufs, von denen es aufgefafst wird." Dieses Objektiv-
Schöne im einzelnen Geschöpf will Goethe als Künstler
anschauen; aber als Naturforscher will er „die Gesetze
kennen, nach welchen die allgemeine Natur handeln
will." Polytheismus ist die Denkweise, die in dem
Einzelnen ein Geistiges sieht und verehrt; Pantheis-
mus die andere, die den Geist des Ganzen erfafst.
Beide Denkweisen können nebeneinander bestehen ; die
eine oder die andere macht sich geltend, je nachdem
der Blick auf das Naturganze gerichtet ist, das Leben
und Folge ist aus einem Mittelpunkte, oder auf die-
jenigen Individuen, in denen die Natur in einer Form
vereinigt, was sie in der Eegel über ein ganzes Eeich
ausbreitet. Solche Formen entstehen, wenn z. B. die
schöpferischen Naturkräfte nach „tausendfältigen
Pflanzen" noch eine machen, worin „alle übrigen ent-
halten", oder „nach tausendfältigen Tieren ein Wesen,
das sie alle enthält: den Menschen."
Goethe macht einmal die Bemerkung: „Wer meine
Schriften und mein Wesen überhaupt verstehen ge-
5*
68 Freiheit und Naturgesetz.
lernt, wird doch bekennen müssen, dafs er eine ge-
wisse innere Freiheit gewonnen." (Unterhaltungen
mit dem Kanzler von Müller, 5. Jan. 1831.) Damit
hat er auf die wirkende Kraft hingedeutet, die sich
in allem menschlichen Erkenntnisstreben geltend macht.
Solange der Mensch dabei stehen bleibt, die Gegen-
stände um sich her wahrzunehmen und ihre Gesetze
als ihnen eingepflanzte Prinzipien zu betrachten, von
denen sie beherrscht werden, hat er das Gefühl, dafs
sie ihm als unbekannte Mächte gegenüberstehen, die
auf ihn wirken und ihm die Gedanken ihrer Gesetze
aufdrängen. Er fühlt sich den Dingen gegenüber un-
frei; er empfindet die Gesetzmäfsigkeit der Natur als
starre Notwendigkeit, der er sich zu fügen hat. Erst
wenn der Mensch gew^ahr wird, dafs die Naturkräfte
nichts anderes sind als Formen des Geistes, der in
ihm selbst wirkt, geht ihm die Einsicht auf, dafs er
der Freiheit teilhaftig ist. Die Naturgesetzlichkeit
wird nur so lange als Zwang empfunden, so lange
man sie als fremde Gewalt ansieht. Lebt man sich
in ihre Wesenheit ein, so empfindet man sie als Kraft,
die man auch selbst in seinem Innern bethätigt; man
empfindet sich als produktiv mitwirkendes Element
beim Werden und Wesen der Dinge. Man ist Du und
Du mit aller Werdekraft. Man hat in sein eigenes
Thun das aufgenommen, was man sonst nur als äufseren
Antrieb empfindet. Dies ist der Befreiungsprozefs,
den im Sinne der Goetheschen Weltanschauung der
Erkenntnisakt bewirkt. Klar hat Goethe die Ideen
des Naturwirkens angeschaut, als sie ihm aus den
italienischen Kunstwerken entgegenblickten. Eine klare
Empfindung hatte er auch von der befreienden Wir-
Selbstbeobachtiiiiir. 69
kung, die das Innehaben dieser Ideen auf den Mensclien
ausübt. Eine Folge dieser Empfindung ist seine
Schilderung derjenigen Erkenntnisart, die er als die
der umfassenden Geister bezeichnet. „Die Um-
fassenden, die man in einem stolzern Sinne die Er-
schaffenden nennen könnte, verhalten sich im höchsten
Sinne produktiv; indem sie nämlich von Ideen aus-
gehen, sprechen sie die Einheit des Ganzen schon
aus, und es ist ge wissermafsen nachher die
Sache der Natur sich in diese Idee zu fügen."
Zu der unmittelbaren Anschauung des Befreiungsaktes
hat es aber Goethe nie gebracht. Diese Anschauung
kann nur derjenige haben, der sich selbst bei seinem
Erkennen belauscht. Goethe hat zwar die höchste
Erkenntnisart ausgeübt ; aber er hat diese Erkenntnis-
art nicht an sich beobachtet. Gesteht er doch selbst:
,.Wie hast du's denn so weit .i>el)raclit ?
Sie sagen, du habest es gut vollbracht!"
Mein Kind! Ich hab' es klug gemacht;
Icli habe nie über das Denken gedacht.
Aber so wie die schöpferischen Naturkräfte „nach
tausendfältigen Pflanzen" noch eine machen, worin
,.alle übrigen enthalten" sind, so bringen sie auch
nach tausendfältigen Ideen noch eine hervor, worin
die ganze Ideenw^elt enthalten ist. Und diese Idee
erfafst der Mensch, w^enn er über sein Denken nach-
denkt. Eben weil Goethes Denken stets mit den
Gegenständen der Anschauung erfüllt war, weil sein
Denken ein Anschauen, sein Anschauen ein Denken
war: deshalb konnte er nicht dazu kommen, das Den-
ken selbst zum Gegenstande des Denkens zu machen.
70 Selbstbeobachtung.
Die Idee der Freiheit gewinnt man aber nur durch
die Anschauung des Denkens. An dem Zustande-
kommen aller übrigen Anschauungen ist der Mensch
unbeteiligt. In ihm leben die Ideen dieser Anschau-
ungen auf. Diese Ideen würden aber nicht da sein,
wenn in ihm nicht die produktive Kraft vorhanden
wäre, sie zur Erscheinung zu bringen. Wenn auch
die Ideen der Inhalt dessen sind, was in den Dingen
wirkt; zum erscheinenden Dasein kommen sie durch
die menschliche Thätigkeit. Die eigene Natur der
Ideenwelt kann also der Mensch nur erkennen, wenn
er seine Thätigkeit anschaut. Bei jeder anderen An-
schauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das
Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung
aufserhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee
ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern ent-
halten. Er hat den ganzen Prozefs restlos in seinem
Innern gegenwärtig. Die Anschauung erscheint nicht
mehr von der Idee hervorgebracht ; denn die Anschau-
ung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich
selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der
Freiheit. Bei der Beobachtung des Denkens durch-
schaut der Mensch das Weltgeschehen. Er hat hier
nicht nach einer Idee dieses Geschehens zu forschen;
denn dieses Geschehen ist die Idee selbst. Der
Mensch, der diese in sich selbst ruhende Thätigkeit
anschaut, fühlt die Freiheit. Goethe hat diese Em-
pfindung zwar erlebt, aber nie in der höchsten Form.
Er übte in seiner Naturbetrachtung eine freie Thätig-
keit; aber sie wurde ihm nie gegenständlich. Er hat
nie hinter die Kulissen des menschlichen Erkennens
geschaut, und deshalb die Idee des Weltgeschehens
Selbstbeobachtung. 71
in dessen ureigenster Gestalt, in seiner höchsten Meta-
morphose nie in sein Bewufstsein aufgenommen. So-
bald der Mensch zur Anschauung dieser Metamorphose
gelangt, bewegt er sich sicher im Reich der Dinge.
Er hat in dem Mittelpunkte seiner Persönlichkeit den
wahren Ausgangspunkt für alle Weltbetrachtung ge-
wonnen. Er wird nicht mehr nach unbekannten Grün-
den, nach göttlichen Ursachen der Dinge forschen; er
weifs, dafs das höchste Erlebnis, dessen er fähig ist, in
der Selbstbetrachtung der eigenen Wesenheit besteht.
Wer ganz durchdrungen ist von den Gefühlen, die dieses
Erlebnis hervorruft, der wird die wahrsten Verhältnisse
zu den Dingen gewinnen. Bei wem das nicht der Fall
ist, der wird die höchste Form des Daseins anderswo
suchen, und, da er sie in der Erfahrung nicht finden
kann, in einem unbekannten Gebiet der Wirklichkeit
vermuten. Seine Betrachtung der Dinge wird etwas
Unsicheres bekommen; er wird sich bei der Beant-
wortung der Fragen, die ihm die Natur stellt, fort-
während auf ein Unerforschliches berufen. Weil Goethe
durch sein Leben in der Ideenwelt ein Gefühl hatte
von dem festen Mittelpunkt innerhalb der Persönlich-
keit, ist es ihm gelungen innerhalb bestimmter Grenzen
im Naturbetrachten zu sicheren Begriffen zu kommen.
Weil ihm aber die unmittelbare Anschauung des inner-
sten Erlebnisses abging, tastet er aufserhalb dieser
Grenzen unsicher umher. Er redet aus diesem Grunde
davon, dafs der Mensch nicht geboren sei, die „Pro-
bleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo
das Problem angeht, und sich sodann in der Grenze
des Begreif fichen zu halten." Er sagt: „Kant hat
unstreitig am meisten genützt, indem er Grenzen zog,
72 Selbstbeobachtung.
wie weit der menschliche Geist zu dringen fähig sei,
und dafs er die unauflöslichen Probleme liegen liefs."
Hätte ihm die Anschauung des höchsten Erlebnisses
Sicherheit in der Betrachtung der Dinge gegeben, so
hätte er auf seinem Wege mehr gekonnt als „durch ge-
regelte Erfahrung zu einer Art von bedingter Zuver-
lässigkeit gelangen". Statt geradewegs durch die Er-
fahrung durchzuschreiten in dem Bewufstsein, dafs das
Wahre nur eine Bedeutung hat, insoweit es von der
menschlichen Natur gefordert wird, gelangt er doch
zu der Ubel*zeugung, dafs „ein höherer Einflufs
,die Standhaften, die Thätigen, die Verständigen, die
Geregelten und Kegelnden, die Menschlichen, die
Frommen" begünstige und dafs sich „die moralische
Weltordnung" am schönsten da zeige, wo sie „dem
Guten, dem wacker Leidenden mittelbar zu Hilfe
kommt."
Weil Goethe das innerste menschliche Erlebnis
nicht kannte, w^ar es ihm unmöglich, zu den Gedanken
über die sittliche Weltordnung zu gelangen, die zu
seiner Naturanschauung notwendig gehören. Die Ideen
der Dinge sind der Inhalt des in den Dingen Wirk-
samen und Schaffenden. Die sittlichen Ideen erlebt
der Mensch unmittelbar in der Ideenform. Wer zu
erleben imstande ist, wie in der Anschauung der Ideen-
welt das Ideelle sich selbst zum Inhalt wird, sich ]nit
sich selbst erfüllt, der ist auch in der Lage, die Pro-
duktion des Sittlichen innerhalb der menschlichen
Natur zu erleben. Wer die Naturideen nur in ihrem
Verhältnis zu der Anschauungswelt kennt, der wird
ri'sprung des Sittlichen. 73
auch die sittlichen Begriffe auf etwas ihnen Aufseres
beziehen wollen. Er wird eine ähnliche Wirklich-
keit für diese Begriffe suchen, wie sie für die ans
der Erfahrung gewonnenen Begriffe vorhanden., ist.
Wer aber Ideen in ihrer eigensten Wesenheit anzu-
schauen vermag, der wird bei den sittlichen gewahr,
dafs nichts Aufseres ihnen entspricht, dafs sie un-
mittelbar als Ideen produziert werden. Ihm ist klar,
dafs Aveder ein göttlicher Wille, noch eine sittliche
Weltordnung wirksam sind, um diese Ideen zu erzeugen.
Denn es ist in ihnen nichts von einem Bezug auf
solche Gewalten zu bemerken. Alles w^as sie aus-
sprechen, ist in ihrer reinen Ideenform auch einge-
schlossen. Nur durch ihren eigenen Inhalt wirken sie
auf den Menschen als sittliche Mächte. Kein katego-
rischer Imperativ steht mit der Peitsche hinter ihnen
und drängt den Menschen, ihnen zu folgen. Der
Mensch empfindet, dafs er sie selbst hervorgebracht
hat und liebt sie, wie man sein Kind liebt. Die Liebe
ist das Motiv des Handelns. Die Lust am eigenen
Erzeugnis ist der Quell des Sittlichen.
Es gibt Menschen, die keine sittlichen Ideen zu
produzieren vermögen. Sie nehmen diejenigen anderer
Menschen durch Überlieferung in sich auf. Und wenn
sie kein Anschauungsvermögen für Ideen als solche
haben, erkennen sie den menschlichen Ursprung des
Sittlichen nicht. Sie suchen ihn in einem über-
menschlichen , göttlichen Willen. Oder sie glauben,
dafs eine aufserhalb des Menschen bestehende objek-
tive sittliche Weltordnung bestehe, aus der die mora-
lischen Ideen stammen. In dem Gewissen des Men-
schen wird oft das Sprachorgan dieser Weltordnung
74 Ursprung des Sittlichen.
gesucht. Wie in seiner übrigen Weltanschauung ist
Goethe auch in seinen Gedanken über den Ursprung
des Sittlichen unsicher. Auch hier treibt sein Gefühl
für das Ideengemäfse Sätze hervor, die den Forde-
rungen seiner Natur gemäfs sind. „Pflicht: wo man
liebt, was man sich selbst befiehlt." Nur wer die
Gründe des Sittlichen rein in dem Inhalt der sitt-
lichen Ideen sieht, sollte sagen: „Lessing, der mancher-
lei Beschränkung unwillig fühlte, läfst eine seiner
Personen sagen: Niem^and mufs müssen. Ein
geistreicher, frohgesinnter Mann sagte: Wer will,
der mufs. Ein dritter, freilich ein Gebildeter, fügte
hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so
glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens
und Müssens abgeschlossen zu haben. Aber im Durch-
schnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen,
von welcher Art sie auch sei, sein Thun und Lassen;
deswegen auch nichts schrecklicher ist, als die Un-
wissenheit handeln zu sehen." Dafs in Goethe ein
Gefühl für die echte Natur des Sittlichen herrscht,
welches sich nur nicht zur klaren Anschauung erhebt,
zeigt folgender Ausspruch: „Der Wille mufs, um voll-
kommen zu werden, sich im Sittlichen dem Gewissen,
das nicht irrt, fügen . . . Das Gewissen bedarf keines
Ahnherrn, mit ihm ist alles gegeben; es hat nur
mit der eigenen innern Welt zu thun." Das Gewissen
bedarf keines Ahnherrn, kann nur heifsen : der Mensch
findet in sich keinen sittlichen Inhalt ursprünglich
vor; er gibt sich ihn selbst. Diesen Aussprüchen
stehen andere gegenüber, die den Ursprung des Sitt-
lichen in ein Gebiet aufserhalb des Menschen verlegen :
„Der Mensch, wie sehr ihn auch die Erde anzieht mit
Selbstbeobachtung. 75
ihren tausend und abertausend Erscheinungen, hebt
doch den Blick sehnend zum Himmel auf, weil er tief
und klar in sich fühlt, dafs er ein Bürger jenes gei-
stigen Eeiches sei, woran wir den Glauben nicht ab-
zulehnen, noch aufzugeben vermögen." „Was gar
nicht aufzulösen ist, überlassen wir Gott als dem all-
bedingenden und allbefreienden Wesen."
Für die Betrachtung der innersten Menschennatur,
für die Selbstbeschauung fehlt Goethe das Organ.
„Hierbei bekenne ich, dafs mir von jeher die grofse
und so bedeutend klingende Aufgabe: erkenne dich
selbst, immer verdächtig vorkam, als eine List ge-
heim verbündeter Priester, die den Menschen durch
unerreichbare Forderungen verwirren und von der
Thätigkeit gegen die Aufsenwelt zu einer innern fal-
schen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch
kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die
er nur in sich und sich nur in ihr gewahr wird. Jeder
neue Gegenstand; wohl beschaut, schliefst ein neues
Organ in uns auf." Davon ist gerade das Umgekehrte
wahr: der Mensch kennt die Welt nur, insofern er
sich kennt. Denn in seinem Innern offenbart sich in
ureigenster Gestalt, was in den Aufsendingen nur im
Abglanz, im Beispiel, Symbol als Anschauung vor-
handen ist. Wovon der Mensch sonst nur als von
einem Unergründlichen, Unerforschlichen , Göttlichen
sprechen kann: das tritt ihm in der Selbstauschauung
in wahrer Gestalt vor Augen. W^eil er in der Selbst-
anschauung das Ideelle in unmittelbarer Gestalt sieht,
76 Selbstbeobachtung:.
gewinnt er die Kraft und Fähigkeit, dieses Ideelle auch
in aller äufseren Erscheinung, in der ganzen Natur
aufzusuchen und anzuerkennen. Wer den Augenblick
der Selbstanschauung erlebt hat, denkt nicht mehr
daran, hinter den Erscheinungen einen verborgeneu
Gott zu suchen; er ergreift das Göttliche in seinen
verschiedenen Metamorphosen in der Natur. Goethe
bemerkt in Beziehung auf Schelling: „Ich würde ihn
öfters sehen, wenn ich nicht noch auf poetische Mo-
mente hoffte, und die Philosophie zerstört bei mir die
Poesie, und das wohl deshalb, weil sie mich ins Objekt
treibt, indem ich mich nie rein spekulativ erhalten
kann, sondern gleich zu jedem Satze eine Anschauung
suchen mufs und deshalb gleich in die Natur hinaus
fliehe." Die höchste Anschauung, die Anschauung der
Ideenwelt selbst, hat er eben nicht finden können. Sie
kann die Poesie nicht zerstören, denn sie befreit den
Geist nur von allen Vermutungen, dafs in der Natur
ein Unbekanntes, Unergründliches sein könne. Dafür
aber macht sie ihn fähig, sich unbefangen, ganz den
Dingen hinzugeben; denn sie gibt ihm die Über-
zeugung, dafs aus der Natur alles zu entnehmen ist,
was der Geist von ihr nur wünschen kann.
Die höchste Anschauung befreit aber den Menschen-
geist auch von allem Abhängigkeitsgefühl. Er fühlt
sich durch ihren Besitz souverän im Reiche der sitt-
lichen Weltordnung. Er w^eifs, dafs die Triebkraft,
die alles hervorbringt, in seinem Innern als sein eigener
Wille wirkt, und dafs die höchsten Entscheidungen
über Sittliches in ihm selbst liegen. Denn diese
höchsten Entscheidungen fliefsen aus der Welt der
sittlichen Ideen, die der Mensch selbst produziert.
Freiheit des Mensehen. 77
Mag der Mensch im einzelnen sich beschränkt fühlen,
mag er auch von tausend Dingen abhängig sein; im
ganzen gibt er sich sein sittliches Ziel und seine
sittliche Eichtung. Das Wirksame aller übrigen Dinge
kommt im Menschen als Idee zur Erscheinung; das
Wirksame im Menschen ist die Idee, die er selbst her-
vorbringt. In jeder einzelnen menschlichen Indivi-
dualität vollzieht sich der Prozefs, der im Ganzen der
Natur sich abspielt: die Schöpfung eines Tatsäch-
lichen aus der Idee heraus. Und der Mensch selbst
ist der Schöpfer. Denn auf dem Grunde seiner Per-
sönlichkeit lebt die Idee, die sich selbst einen In-
halt gibt. Über Goethe hinausgehend, mufs man
seinen Satz erweitern, die Natur sei „in dem Eeichtum
der Schöpfung so grofs, nach tausendfältigen Pflanzen
eine zu machen, worin alle übrigen enthalten sind,
und nach tausendfältigen Tieren ein Wesen, das sie
alle enthält, den Menschen^'. Die Natur ist in ihrer
Schöpfung so grofs, dafs sie den Prozefs, durch den
sie frei aus der Idee heraus alle Geschöpfe hervor-
bringt, in jedem Menschenindividuum wiederholt, in-
dem die sittlichen Handlangen aus dem ideellen Grunde
der Persönlichkeit entspringen. Was der Mensch auch
als objektiven Grund seines Handelns empfindet, es ist
alles nur Umschreibung und zugleich Verkennung seiner
eigenen Wesenheit. Sich selbst realisiert der Mensch in
seinem sittlichen Handeln. In lapidaren Sätzen hat Max
Stirner diese Erkenntnis in seiner Schrift „Der Ein-
zige und sein Eigentum" ausgesprochen. „Eigner bin
ich meiner Gewalt, und ich bin es dann, wenn ich mich
als Einzigen weifs. Im Einzigen kehrt selbst der
Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus
78 Freiheit des Menschen.
welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über
mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das
Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der
Sonne dieses Bewusstseins. Steir ich auf mich, den
Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem ver-
gänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich
selbst verzehrt, und ich darf sagen: ich hab' mein Sach'
auf Nichts gestellt." Aber zugleich darf ich, wie
Faust zu Mephistopheles sagen: „In deinem Nichts
hoff' ich das All zu finden", denn in meinem Innern
wohnt in individueller Bildung die Wirkungskraft,
durch welche die Natur das All schafft. So lange der
Mensch in sich diese Wirkungskraft nicht geschaut
hat, wird er sich ihr gegenüber erscheinen wie Faust
dem Erdgeist gegenüber. Sie wird ihm stets die
Worte zurufen: „Du gleichst dem Geist, den du be-
greifst, nicht mir!" Erst die Anschauung des tiefsten
Innenlebens zaubert diesen Geist hervor, der von sich
sagt:
In Lebensfluten, im Thatensturm
WaU' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben.
So schaff ich am sausenden AVebstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Ich habe in meiner „Philosophie der Freiheit"
(Weimar, Emil Felbers Verlag 1894) darzustellen ver-
sucht, wie die Erkenntnis, dafs der Mensch in seinem
Tun auf sich selbst gestellt ist, hervorgeht aus dem
Freiheit des Menschen. 79
innersten Erlebnis, aus der Anschauung der eigenen
Wesenheit. Stirner hat bereits 1844 die Ansicht ver-
teidigt, dafs der Mensch, wenn er sich wahrhaft ver-
steht, nur in sich selbst den Grund für seine Wirk-
samkeit sehen könne. Bei ihm geht aber diese Er-
kenntnis nicht aus der Anschauung des innersten Er-
lebnisses, sondern aus dem Gefühle der Freiheit und
Ungebundenheit gegenüber allen. Zwang heischenden
Weltmächten hervor. Stirner bleibt bei der Forde-
rung der Freiheit stehen ; ich versuche das Leben in
der Freiheit zu schildern, indem ich zeige, was der
Mensch erblickt, wenn er auf den Grund seiner
Seele sieht Goethe ist bis zu der Anschauung der
Freiheit nicht gekommen, weil er eine Abneigung
gegen die Selbsterkenntnis hatte. Wäre das nicht
der Fall gewesen, so hätte die Erkenntnis des Menschen
als einer freien, auf sich selbst gegründeten Persön-
lichkeit die Spitze seiner Weltanschauung bilden müssen.
Die Keime zu dieser Erkenntnis treten uns bei ihm
überall entgegen; sie sind zugleich die Keime seiner
Naturansicht.
Innerhalb seiner eigentlichen Naturstudien spricht
Goethe nirgends von unerforschlichen Gründen, von
verborgenen Triebkräften der Erscheinungen. Er be-
gnügt sich damit, die Erscheinungen in ihrer Folge
zu beobachten und sie mit Hilfe derjenigen Elemente
zu erklären, die sich den Sinnen und dem Geiste bei
der Beobachtung offenbaren. Am 5. Mai 1786 schreibt
er in diesem Sinne an Jacobi, dafs er den Mut habe.
80 Gottes- und UnHter])li('hkeits<>laul)e.
sein „ganzes Leben der Betrachtung der Dinge zu
widmen, die er reichen" und von deren Wesenheit er
sich „eine adäquate Idee zu bilden hoffen kann", ohne
sich im mindesten zu bekümmern, wie weit er kommen
werde, und was ihm zugeschnitten ist. Wer sich dem
Göttlichen in dem einzelnen Naturdinge zu nähern
glaubt, der braucht sich nicht mehr eine besondere
Vorstellung von einem Gotte zu bilden, der aufser
und neben den Dingen existiert. Nur wenn Goethe
das Gebiet der Natur verlässt, dann hält auch sein
Gefühl für die Wesenheit der Dinge nicht mehr
stand. Dann führt ihn der Mangel an menschlicher
Selbsterkenntnis zu Behauptungen, die weder mit
seiner ihm angeborenen Denkweise, noch mit der
Richtung seiner Naturstudien zu vereinigen sind. Wer
Neigung hat, sich auf solche Behauptungen zu berufen ,
der mag annehmen, dafs Goethe an einen persönlichen
Gott und eine individuelle Fortdauer des Individuums ge-
glaubt habe. Mit seinen Naturstudien steht ein solcher
Glaube im Widerspruch. Sie hätten nie die Eichtung
nehmen können, die sie genommen haben, wenn sich
Goethe bei ihnen von diesem Glauben hätte bestimmen
lassen. Es wird Aufgabe einer besonderen Schrift sein,
die psychologischen Gründe blofszulegen, die Goethe
trotz der Eichtung seiner Naturstudien zu Aussprüchen
führten, die auf einen bei ihm vorhandenen Glauben
an einen persönlichen Gott und an eine individuelle
Fortdauer deuten. Als die Naturstudien in Goethes
Lebensführung zurücktraten, nahm er christliche und
selbst mystische Elemente in sein Vorstellungsleben
auf. Und mit zunehmendem Alter nahmen auch diese
Elemente an Bedeutung für seine Weltanschauung zu
Entwicklung Goethes. 81
Hier habe ich mir weder die Aufgabe gestellt, die
aufsteigende Entwicklung Goethes zu zeigen, die
darin besteht, dafs sein eigenes Wesen den Einflufs
der christlich-religiösen und philosophisch-platonischen
Vorstellungen, die in seiner Jugend an ihn herantraten,
allmählich überwand und sich selbst herausarbeitete;
noch wollte ich die absteigende Entwicklung charakte-
risieren, die ihn wieder zu christlichen und mystischen
Vorstellungen hinführte. Er selbst sah die Änderung
der Weltanschauung als Folge der verschiedenen Lebens-
alter an. Als Förster die Ansicht aussprach, die Lösung
des Faust-Problems werde sich aus dem Worte er-
geben: „Ein guter Mensch in seinem dunkelen Drange
ist sich des rechten Weges wohl bewufst" entgegnete
Goethe: „Das wäre ja Aufklärung; Faust endet als
Greis, und im Greisenalter werden wir Mystiker"
(aus Försters Nachlafs S. 216). Und in den Prosa-
sprüchen lesen wir: „Jedem Alter des Menschen ant-
wortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint
als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem
Dasein der Birnen und Apfel als von dem seinigen.
Der Jüngling, von inneren Leidenschaften bestürmt,
mufs auf sich selbst merken, sich vorfühlen, er wird
zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Sceptiker
zu werden, hat der Mann alle Ursache; er thut wohl
zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke gewählt
hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im
Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich
zu erhalten, damit er nicht nachher sich über eine
falsche Wahl zu betrüben habe. Der Greis jedoch
wird sich immer zum M^^sticismus bekennen; er sieht,
dafs so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das
Steiner, Goethes Weltanschauung. 6
82 Entwicklung Goethes.
Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl,
Glück und Unglück stellen sich unerwartet ins gleiche ;
so ist es, so war es, und das hohe Alter beruhigt sich
in dem: der da ist, der da war und der da sein wird"
(vergl. Goethes Werke ein Kürschners Deutscher Nat.-
Litt. Band 36,2).
Ich habe in dieser Schrift die Weltanschauung
Goethes im Auge, aus der seine Einsichten in das
Leben der Natur hervorgewachsen sind und welche die
treibende Kraft in ihm war von der Entdeckung des
Zwischenknochens beim Menschen bis zur Vollendung
der Farbenlehre. Und ich glaube gezeigt zu haben,
dafs diese Weltanschauung vollkommener der Gesamt-
persönlichkeit Goethes entspricht, als die Ansichten
seiner Jugend- und auch die seiner Altersepoche. Ich
glaube, Goethe hat in seinen Naturstudien, wenn auch
nicht geleitet von einer klaren, ideengemäfsen Selbst-
erkenntnis, so doch von einem richtigen Gefühle, eine
freie aus dem wahren Verhältnis der menschlichen
Natur zur Aufsenwelt fliefsende Verfahrungsweise be-
obachtet. Goethe ist sich selbst darüber klar, dafs
in seiner Denkweise etwas Unvollendetes liegt: „Ich
war mir edler, grofser Zwecke bewufst, konnte aber
niemals die Bedingungen begreifen, unter
denen ich wirkte; was mir mangelte, merkte ich
wohl, was an mir zu viel sei, gleichfalls; deshalb
unterliefs ich es nicht, mich zu bilden, nach aufsen
und von innen. Und doch blieb es beim Alten. Ich
verfolgte jeden Zweck mit Ernst, Gewalt und Treue;
dabei gelang mir oft, widerspenstige Bedingungen
vollkommen zu überwinden, oft aber auch scheiterte
ich daran, weil ich nachgeben und umgehen nicht
Entwicklung Goethes. 83
lernen konnte. Und so ging mein Leben hin unter
Thun und Geniefsen, Leiden und Widerstreben, unter
Liebe, Zufriedenheit, Hafs und Mifsfallen Anderer.
Hieran spiegele sich, dem das gleiche Schicksal ge-
worden!"
6*
Die Anschauungen über Natur und Entwicklung
der Lebewesen.
Die Metamorphosenlehre.
Man kann Goethes Verhältnis zu den Naturwissen-
schaften nicht verstehen, wenn man sich blofs an die
Einzelentdeckungen hält, die er gemacht hat. Ich
sehe als leitenden Gesichtspunkt für die Betrachtung
dieses Verhältnisses die Worte an, die Goethe am
18. August 1787 von Italien aus an Knebel gerichtet
hat: ;;Nach dem, was ich bei Neapel, in Sizilien von
Pflanzen und Fischen gesehen habe, w^ürde ich, wenn
ich zehn Jahre jünger wäre, sehr versucht sein, eine
Eeise nach Indien zu machen, nicht um Neues zu
entdecken, sondern um dasEntdeckte nach
meiner Art anzusehen." Auf die Art, wie Goethe
die ihm bekannten Naturerscheinungen in einer seiner
Denkungsart gemäfsen Naturansicht zusammengefafst
hat, scheint es mir anzukommen. Wenn alle die Einzel-
entdeckungen, die ihm gelungen sind, schon vor ihm
gemacht gewesen wären, und er uns nichts als seine
Natur ansieht gegeben hätte, so schmälerte dies
die Bedeutung seiner Naturstudien nicht im geringsten.
Ich bin mit du Bois-Eeymond einer Meinung darüber,
dafs „auch ohne Goethes Beteiligung die Wissenschaft
heute so weit wäre, wie sie ist", dafs „die ihm ge-
88 Goethes Einzelentdeckungen.
lungenen Schritte früher oder später andere gethan
hätten." (Goethe und kein Ende S. 31). Ich kann
diese Worte nur nicht, wie es du Bois-Eeymond tut,
auf den ganzen Umfang von Goethes naturwissenschaft-
lichen Arbeiten beziehen. Ich beschränke sie auf die
in ihrem Verlaufe gemachten Einzelentdeckungen.
Keine einzige derselben würde uns wahrscheinlich
heute fehlen, wenn Goethe sich nie mit Botanik, mit
Anatomie u. s. w. beschäftigt hätte. Seine Natur-
ansicht aber ist ein Ausflufs seiner Persönlichkeit ; kein
Anderer hätte zu ihr kommen können. Ihn interessierten
auch nicht die Einzelentdeckungen. Sie drängten sich
ihm während seiner Studien von selbst auf, weil über
die Tatsachen, die sie betreffen, zu seiner Zeit An-
sichten Geltung hatten, die unvereinbar mit seiner
Art, die Dinge anzusehen, waren. Hätte er mit dem,
was die Naturwissenschaft ihm überlieferte, seine An-
schauung aufbauen können: so würde er sich nie mit
Detailstudien beschäftigt haben. Er mufste ins Einzelne
gehen, weil das, was ihm über das Einzelne von den
Naturforschern gesagt wurde, seinen Forderungen nicht
entsprach. Und nur wie zufällig ergaben sich bei
diesen Detailstudien die Einzelentdeckungen. Ihn be-
schäftigte zunächst nicht die Frage: ob der Mensch
wie die übrigen Tiere einen Zwischenkieferknochen
in der oberen Kinnlade habe. Er wollte den Plan
entdecken, nach dem die Natur die Stufenfolge der
Tiere und auf der Höhe dieser Stufenfolge den Men-
schen bildet. Das gemeinsame Urbild, das allen Tier-
gattungen und zuletzt in seiner höchsten Vollkommen-
heit auch der Menschengattung zu Grunde liegt, wollte
er finden. Die Naturforscher sagten ihm: es besteht
Ansicht über das Wesen des Organismus. 89
ein Uuterschied im Bau des tierischen und des mensch-
lichen Körpers. Die Tiere haben in der oberen Kinn-
lade den Zwischenknochen, der Mensch hat ihn nicht.
Seine Ansicht war, dafs sich der menschliche Bau nur
dem Grade der Vollkommenheit nach von dem tierischen
unterscheiden könne, nicht aber in Einzelheiten. Denn,
wenn das letztere der Fall wäre, könnte nicht ein
gemeinsames Urbild der tierischen und der mensch-
lichen Organisation zu Grunde liegen. Er konnte mit
der Behauptung der Naturforscher nichts anfangen.
Deshalb suchte er nach dem Zwischenknochen beim
Menschen und fand ihn. Ahnliches ist bei allen seinen
Einzelentdeckungen zu beobachten. Sie sind ihm nie
Selbstzweck. Sie müssen gemacht werden, um seine
Vorstellungen über die Naturerscheinungen als be-
rechtigt erscheinen zu lassen.
Im Gebiete der organischen Naturerscheinungen
ist das Bedeutsame in Goethes Ansicht die Vorstellung,
die er vom Wesen des Lebens ausbildete. Nicht
auf die Betonung der Tatsache, dafs Blatt, Kelch,
Krone u. s. w. Organe an der Pflanze sind, die mit ein-
ander identisch sind, und sich aus einem gemeinschaft-
lichen Grundgebilde entwickeln, kommt es an. Sondern
darauf, welche Vorstellung Goethe von dem Ganzen
der Pflanzennatur als einem Lebendigen hatte und
wie er sich das Einzelne aus diesem Ganzen hervor-
gehend dachte. Seine Idee von dem Wesen des
Organismus ist seine ureigenste zentrale Ent-
deckung im Gebiete der Biologie zu nennen. Dafs
sich in der Pflanze, in dem Tiere etwas anschauen
lasse, was der blofsen Sinnenbeobachtuug nicht zu-
gänglich ist, war Goethes Grundüberzeugung. Was
90 Ansicht über das Wesen des Organismus.
das leibliche Auge an dem Organismus beobachten
kann, scheint Goethe nur die Folge zu sein des leben-
digen Ganzen durcheinander wirkender Bildungs-
gesetze, die dem geistigen Auge allein zugänglich
sind. Was er mit dem geistigen Auge an der Pflanze,
an dem Tier erschaut, das hat er beschrieben. Nur
wer ebenso wie er zu sehen fähig ist, kann seine
Idee von dem Wesen des Organismus nachdenken.
Wer bei dem stehen bleibt, was die Sinne und das
Experiment liefern, der kann Goethe nicht verstehen.
Wenn wir seine beiden Gedichte lesen „die Metamor-
phose der Pflanzen" und „die Metamorphose der Tiere",
so scheint es zunächst, als ob die Worte uns nur von
einem Glied des Organismus zum andern führten, als
ob blofs äufserlich Tatsächliches verknüpft werden
sollte. Wenn wir uns aber durchdringen mit dem,
was Goethe als Idee des Lebewesens vorschwebt,
dann fühlen wir uns in die Sphäre des Lebendig-
Organischen versetzt, und aus einer centralen Vor-
stellung wachsen die Vorstellungen über die einzelnen
Organe hervor.
Als Goethe anfieng selbständig über die Erschei-
nungen der Natur nachzusinnen, nahm vor allem
Andern der Begriff des Lebens seine Aufmerk-
samkeit in Anspruch. In einem Briefe aus der Strafs-
burger Zeit vom 14. Juli 1770 schreibt er von einem
Schmetterling: „Das arme Tier zittert im Netz, streift
sich die schönsten Farben ab; und wenn man es ja
unversehrt erwischt, so steckt es doch endlich steif
Mechanismus und Organismus. 91
und leblos da; der Leichnam ist nicht das ganze Tier,
es gehört noch etwas dazu, noch ein Hauptstück und
bei der Gelegenheit, wie bei jeder andern, ein haupt-
sächliches Hauptstück: das Leben." — Dafs ein
Organismus nicht wie ein totes Naturprodukt betrachtet
werden kann, dafs noch mehr darin steckt als die
Kräfte, die auch in der unorganischen Natur leben,
war Goethe von vornherein klar. Wenn du Bois-
Eeymond meint, dafs „die rein mechanische Welt-
konstruktion, welche heute die Wissenschaft aus-
macht, dem Weimarschen Dichterfürsten nicht minder
verhafst gewesen wäre, als einst Friederikens Freund
das Systeme de la natur", so hat er unzweifelhaft
Recht ; und nicht minder hat er Recht mit den andern
Worten: von dieser Weltkonstruktion, die „durch die
Urzeugung an die Kant-Laplacesche Theorie grenzt,
von der Entstehung des Menschen aus dem Chaos
durch das von Ewigkeit zu Ewigkeit mathe-
matisch bestimmte Spiel der Atome, von dem
eisigen Weltende — von diesen Bildern, welche unser
Geschlecht so unfühlend ins Auge fafst, wie es sich
an die Schrecknisse des Eisenbahnfahrens gewöhnte —
hätte Goethe sich schaudernd abgewandt (Goethe
und kein Ende S. 35 f.). Gewifs hätte er sich
schaudernd abgewandt, weil er einen höhern Begriflf
des Lebendigen suchte und ihn auch fand als den
eines komplizierten, mathematisch bestimmten Mecha-
nismus. Nur wer unfähig ist, einen solchen höhern
Begriflf zu fassen und das Lebendige mit dem Mecha-
nischen identifiziert, weil er am Organismus nur das
Mechanische zu sehen vermag, der wird sich für die
mechanische Weltkonstruktion und ihr Spiel der
92 Wesen des Organismus.
Atome erwärmen und unfiihlend die Bilder ins Auge
fassen, die du Bois-Reymond entwirft. Wer aber den
Begriff des Organischen im Sinne Goethes in sich auf-
nehmen kann, der wird über seine Berechtigung ebenso-
wenig streiten wie über das Vorhandensein des Mecha-
nischen. Man streitet ja auch nicht mit dem Farben-
blinden über die Farben weit. Alle Anschauungen, welche
das Organische sich mechanisch vorstellen, verfallen
dem Richterspruch, den Goethe seinen Faust sagen
läfst :
„Wer wiU was Lebendiges erkennen und beschreiben
Sucht erst den Geist herauszutreiben;
Dann hat er die Teile in der Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band."
Die Möglichkeit, sich intimer mit dem Leben
der Pflanzen zu beschäftigen, fand sich für Goethe,
als ihm der Herzog Karl August am 21. April
1776 einen Garten schenkte. Auch durch die Streif-
züge im Thüringerwald, auf denen er die Lebens-
erscheinungen der niederen Organismen beobachten
konnte, wird Goethe angeregt. Moose und Flechten
nehmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Am
31. Oktober bittet er Frau von Stein um Moose von
allen Sorten, womöglich mit den Wurzeln und feucht,
damit er sie benützen könne, um die Fortpflanzung
zu beobachten. Es ist wichtig, im Auge zu behalten,
dafs Goethe sich im Anfange seiner botanischen Studien
mit den niederen Pflanzenformen beschäftigte. Denn
er hat später bei der Konzeption seiner Idee der
Wesen des Organismus. 93
Urpflanze nur die höheren Pflanzen berücksichtigt.
Dies kann also nicht davon herrühren, dafs ihm das
Gebiet der niederen fremd war, sondern davon, dafs
er die Geheimnisse der Pflanzennatur an den höheren
deutlicher ausgeprägt glaubte. Er wollte die Idee
der Natur da aufsuchen, wo sie sich am klarsten off'en-
bart und dann von dem Vollkommenen zum Unvoll-
kommenen herabsteigen, um dieses aus jenem zu be-
greifen. Nicht das Zusammengesetzte wollte er durch
das Einfache erklären; sondern jenes mit einem Blick
aus wirkendes Ganzes überschauen und dann das Ein-
fache und Unvollkommene als einseitige Ausbildung
des Zusammengesetzten und Vollkommenen erklären.
Wenn die Natur fähig ist, nach unzähligen Pflanzen-
formen noch eine zu machen, die sie alle enthält, so
mufs auch dem Geiste beim Anschauen dieser voll-
kommenen Form das Geheimnis der Pflanzenbildung
in unmittelbarer Anschauung aufgehen, und er wird
dann leicht das an dem Vollkommenen Beobachtete
auf das Unvollkommene anwenden können. Umgekehrt
machen es die Naturforscher, die das Vollkommene
nur als eine mechanische Summe der einfachen Vor-
gänge ansehen. Sie gehen von diesem Einfachen aus
und leiten das Vollkommene von demselben ab.
Als sich Goethe nach einem wissenschaftlichen
Führer für seine botanischen Studien umsah, konnte
er keinen andren finden als Linne. Wir erfahren
von seiner Beschäftigung mit Linne zuerst aus den
Briefen an Frau von Stein vom Jahre 1782. Wie
ernst es Goethe mit seinen naturwissenschaftlichen
Bestrebungen war, geht aus dem Interesse hervor, das
er an Linnes Schriften genommen hat. Er gesteht,
94 Goethe uncl Linne.
dafs nach Shakespeare und Spinoza auf ihn die gröfste
Wirkung von Linne ausgegangen ist. Aber wie wenig
konnte ihn Linne befriedigen. Goethe wollte die ver-
schiedenen Pflanzenformen beobachten, um das Gemein-
same, das in ihnen lebt, zu erkennen. Er wollte
wissen, was alle diese Gebilde zu Pflanzen macht.
Und Linne hatte sich damit begnügt, die mannig-
faltigsten Pflanzenformen in einer bestimmten Ordnung
nebeneinander zu stellen und zu beschreiben. Hier stiefs
Goethes naive, unbefangene Naturbeobachtung in einem
einzelnen Falle auf die durch den Piatonismus beein-
flufste Denkweise der Wissenschaft. Diese Denkweise
sieht in den einzelnen Formen Verwirklichungen ur-
sprünglicher, nebeneinander bestehender platonischer
Ideen oder Schöpfungsgedanken. Goethe sieht in dem
einzelnen Gebilde nur eine besondere Ausgestaltung
eines ideellen Urwesens, das in allen Formen lebt.
Jene Denkweise will möglichst genau die einzelnen
Formen unterscheiden, um die Vielgliedrigkeit der
Ideenformen, oder des Schöpfungsplanes zu erkennen;
Goethe will die Vielgliedrigkeit des Besonderen aus der
ursprünglichen Einheit erklären. Dafs vieles in mannig-
faltigen Formen da ist, ist für jene Denkungsart ohne
weiteres klar, denn schon die idealen Urbilder sind für
sie das Mannigfaltige. Für Goethe ist das nicht klar,
denn das Viele gehört nach seiner Ansicht nur zusammen,
wenn sich Eines darin offenbart. Goethe sagt deshalb,
was Linne „mit Gewalt auseinander zu halten suchte,
m niste, nach dem innersten Bedürfnis meines Wesens,
zur Vereinigung anstreben". Linne nimmt die vor-
handenen Formen einfach hin, ohne darnach zu fragen,
wie sie aus einer Grundform geworden sind: „Spezies
Goethe und Rousseau. 95
zählen wir so viele, als verschiedene Formen im Prinzip
geschaffen worden sind:" dies ist sein Grundsatz.
Goethe sucht im Pflanzenreich das Wirksame, das
durch Spezifizierung der Grundform das Einzelne schafft.
Ein naiveres Verhältnis zur Pflanzenwelt als bei
Linne fand Goethe bei Rousseau. Am 16. Juni 1782
schi-eibt er an Karl August: „In Rousseaus Werken
finden sich allerliebste Briefe über die Botanik, worin
er diese Wissenschaft auf das fafslichste und zierlichste
einer Dame vorträgt. Es ist recht ein Muster, wie
man unterrichten soll und eine Beilage zum Emil.
Ich nehme daher Anlafs, das schöne Reich der Blumen
meinen schönen Freundinnen aufs neue zu empfehlen."
In seiner „Geschichte meines botanischen Studiums"
legt Goethe dar, was ihn zu Rousseaus botanischen
Ideen hingezogen hat: „Sein Verhältnis zu Pflanzen-
freunden und Kennern, besonders zu der Herzogin von
Portland, mag seinen Scharfblick mehr in die Breite
gewiesen haben, und ein Geist wie der seinige, der
den Nationen Ordnung und Gesetz vorzuschreiben sich
berufen fühlt, mufste doch zu der Vermutung ge-
langen, da fs in de mun er mefslichenPfl anzen-
reiche keine so grofse Mannigfaltigkeit
der Formen erscheinen könnte, ohne dafs
ein Grundgesetz, es sei noch so verborgen,
sie wieder sämtlich zur Einheit zurück-
brächte." Ein solches Grundgesetz, das die Mannig-
faltigkeit zur Einheit zurückbringt, von der sie ur-
sprünglich ausgegangen ist, sucht auch Goethe.
Zwei Schriften vom Freiherrn von Gleichen, ge-
nannt Rufswurm, fielen damals in Goethes geistigen
Horizont. Sie behandeln beide das Leben der Pflanze
96 Gleichen-EuXswunns Schriften.
in einer Weise, die für ihn fruchtbar werden konnte:
„Das Neueste aus dem Eeiche der Pflanzen" (Nürn-
berg 1764) und „Auserlesene mikroskopische Ent-
deckungen bei den Pflanzen" (Nürnberg 1777 — 81).
Sie beschäftigen sich mit den Befruchtungsvorgängen
der Pflanzen. Blütenstaub, Staubläden und Stempel
sind in ihnen sorgfältig beschrieben und in gut aus-
geführten Tafeln die Vorgänge bei der Befruchtung
dargestellt. Goethe macht nun selbst Versuche, um
die von Gleichen-Rufswurm beschriebenen Ergebnisse
mit eigenen Augen zu beobachten. Er schreibt am
12. Januar 1785 an Frau von Stein; „Mein Mikro-
skop ist aufgestellt, um die Versuche des Gleichen,
genannt Rufswurm, mit Frühlingsantritt nachzube-
obachten und zu kontrollieren." Zur selben Zeit
studiert er die Wesenheit des Samens, wie aus einem
Bericht an Knebel vom 2. April 1785 hervorgeht:
„Die Materie vom Samen habe ich durchgedacht,
so weit meine Erfahrungen reichen." Diese Beob-
achtungen Goethes erscheinen erst im rechten Lichte*
wenn man berücksichtigt, dafs er schon dazumal nicht
bei ihnen stehen geblieben ist, sondern eine Gesamtan-
schauung der Naturvorgänge zu gewinnen suchte, der
sie zur Stütze und Bekräftigung dienen sollten. Am
8. April desselben Jahres meldet er Knebel, dafs er
nicht nur Thatsaclien beobachtet, sondern auch
„hübsche Kombinationen" über diese That-
saclien gemacht habe.
*
Der Mensch und die Tiere. 97
Von wesentlichem Einflufs auf die Ausbildung
der Ideen Goethes über organische Naturwirkungen
war der Anteil, den er an Lavaters grofsem Werke:
„Physiognomische Fragmente zur Beförderung der
]\Ienschenkenntnis und Menschenliebe", nahm, das in
den Jahren 1775 bis 1778 erschienen ist. Er hat selbst
Beiträge zu diesem AVerke geliefert. In der Art, wie
er sich in diesen Beiträgen ausspricht, ist seine spätere
Weise, das Organische anzusehen, schon vorgebildet.
Lavater blieb dabei stehen, die Gestalt des mensch-
lichen Organismus als Ausdruck der Seele zu be-
handeln. Er wollte aus den Formen der Körper die
Charaktere der Seelen deuten. Goethe fleug bereits da-
mals an, die äufsere Gestalt um ihrer selbst willen
zu betrachten, ihre eigene Gesetzmäfsigkeit und Bil-
dungskraft zu studieren. Er beschäftigt sich zugleich
mit den Schriften des Aristoteles über die Physio-
gnomik und versucht es, auf Grundlage des Studiums
der organischen Gestalt, den Unterschied des Menschen
von den Tieren festzustellen. Er flndet diesen in dem
durch das Ganze des menschlichen Baues bedingten
Hervortreten des Kopfes, in der vollkommenen Aus-
bildung des menschlichen Gehirns, zu dem alle Teile
wie zu einem Organ hindeuten, auf das sie gestimmt
sind. Im Gegenteil ist bei dem Tiere der Kopf an
den Rückgrat blofs angehängt, das Gehirn, das Rücken-
mark haben nicht mehr Umfang als zur Auswirkung
der untergeordneten Lebensgeister und zur Leitung
der blofs sinnlichen Verrichtungen unbedingt notwendig
ist. Goethe sucht schon damals den Unterschied
des Menschen von den Tieren nicht in irgend einem
Einzelnen, sondern in dem verschiedenen Grade der
Steiner, Goethes Weltanschauung. 7
98 Bau des tierischen Organismus.
Vollkommenheit, den das gleiche Grundgebilde in dem
einen oder andern Falle erreicht. Es schwebt ihm
bereits das Bild eines Typus vor, der sowohl bei den
Tieren wie beim Menschen sich findet, der bei den
ersteren so ausgebildet ist, dafs der ganze Bau den
animalischen Funktionen dient, während bei letzterem
der Bau das Grundgerüste für die Entwicklung des
Geistes abgibt.
Aus solchen Betrachtungen heraus erwächst Goethes
SpezialStudium der Anatomie. Am 22. Januar 1776
berichtet er an Lavater: „Der Herzog hat mir sechs
Schädel kommen lassen, habe herrliche Bemerkungen
gemacht, die Euer Hochwürden zu Diensten stehen,
wenn dieselben Sie nicht ohne mich fanden." Im
Tagebuche Goethes lesen war unter dem 15. Oktober
1781, dafs er in Jena mit dem alten Einsiedel Ana-
tomie trieb, und in demselben Jahre fing er an, sich
von Loder in diese Wissenschaft genauer einführen zu
lassen. Er erzählt davon in Briefen an Frau von Stein
vom 29. Oktober 1781 und an den Herzog vom 4. No-
vember. Er hat auch die Absicht, den jungen Leuten
an der Zeichenakademie „das Skelett zu erklären und
sie zur Kenntnis des menschlichen Körpers anzuführen"
— „Ich thue es," sagt er, „um meinet- und ihretwillen ;
die Methode; die ich gewählt habe, wird sie diesen
Winter über völlig mit den Grundsäulen des Körpers
bekannt machen." Er hat, wie aus dem Tagebuch
zu ersehen, diese Vorlesungen auch gehalten. Auch
mit Loder hat er in dieser Zeit über den Bau des
menschlichen Körpers manches Gespräch geführt. Und
wieder ist es seine allgemeine Naturansicht, die als
treibende Kraft und als eigentliches Ziel dieser Studien
Bau des Menschen. 99
erscheint. Er behandelt „die Knochen als einen Text,
woran sich alles Leben und alles Menschliche an-
hängen läfst" (Briefe an Lavater und Merck vom
14. November 1781). Vorstellungen über das Wirken
des Organischen, über den Zusammenhang der mensch-
lichen Bildung mit der tierischen beschäftigen damals
seinen Geist. Dafs der menschliche Bau nur die höchste
Stufe des tierischen ist, und dafs er durch diesen
vollkommeneren Grad des Tierischen die sittliche Welt
aus sich hervorbringt, ist eine Idee, die bereits in der
Ode „das Göttliche" vom Jahre 1782 niedergelegt ist.
Edel sei der Mensch
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.
Nach ewigen, ehmen,
Grofsen Gesetzen
Müssen wir alle
Unsers Daseins
Kreise vollenden.
Die „ewigen, ehrnen Gesetze" wirken im Menschen
gerade so wie in der übrigen Organismen weit ; sie er-
reichen in ihm nur eine Vollkommenheit, durch die
es ihm möglich ist „edel, hilfreich und gut" zu sein.
Während in Goethe sich solche Ideen immer mehr
festsetzten, arbeitete Herder an seinen „Ideen zu einer
Philosophie der Geschichte der Menschheit". Alle
Gedanken dieses Buches wurden von den beiden durch-
gesprochen. Goethe war von Herders Auffassung
7*
100 Mensch und Tier.
der Natur befriedigt. Sie fiel mit seinen eigenen Vor-
stellungen zusammen. „Herders Schrift macht wahr-
scheinlich, dafs wir erst Pflanzen und Tiere waren . . .
Goethe grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen
und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen
ist, wird äufserst interessant," schreibt am 1. Mai
1784 Frau von Stein an Knebel. Wie sehr man be-
rechtigt ist, von Herders Ideen auf die Goethes zu
schliefsen, zeigen die Worte, die Goethe am 8. Dezember
1783 an Knebel richtet: „Herder schreibt eine Philo-
sophie der Geschichte, wie Du Dir denken kannst,
von Grund aus neu. Die ersten Kapitel haben wir
vorgestern zusammen gelesen, sie sind köstlich." Sätze
wie die folgenden liegen ganz in Goethes Denkrichtung.
„Das Menschengeschlecht ist der grofse Zusammen-
flufs niederer organischer Kräfte." „Und so können
wir annehmen, dafs der Mensch ein Mittel-
geschöpf unter den Tieren, d. i. die aus-
gearbeitete Form sei, in der sich die Züge
aller Gattungen um ihn her im feinsten In-
begriff sammeln."
Mit solchen Vorstellungen war allerdings die An-
sieht der damaligen Anatomen nicht zu vereinigen,
dafs der kleine Knochen, den die Tiere in der oberen
Kinnlade haben, der Zwischenkiefer, der die oberen
Schneidezähne enthält, dem Menschen fehle. Sömme-
ring, einer der bedeutendsten Anatomen der damaligen
Zeit, schrieb am 8. Oktober 1782 an Merck: „Ich
wünschte, dass Sie Blumenbach nachsähen, wegen
des ossis intermaxillaris , der ceteris paribus der
einzige Knochen ist, den alle Tiere vom Affen an,
selbst der Orang-Utang eingeschlossen, haben, der
Zwischenknochen. 101
sich hingegen nie beim Menschen findet; wenn Sie
diesen Knochen abrechnen, so fehlt Ihnen nichts,
um nicht alles vom Menschen auf die Tiere trans-
ferieren zu können. Ich lege deshalb einen Kopf
von einer Hirschkuh bei, um Sie zu überzeugen, dafs
dieses os intermaxillare (wie es Blumenbach) oder os
incisivum (wie es Camper nennt) selbst bei Tieren
vorhanden ist, die keine Schneidezähne haben." Das
war die allgemeine Meinung der Zeit. Auch der be-
rühmte Camper, für den Merck und Goethe die innigste
Verehrung hatten, bekannte sich zu ihr. Der Um-
stand, dafs der Zwischenknochen beim Menschen
links und rechts mit den Oberkieferknochen ver-
wachsen ist, ohne dafs bei einem normal gebildeten
Individuum eine deutliche Grenze zu sehen ist, hat
zu dieser Ansicht geführt. Hätten die Gelehrten Recht
gehabt mit derselben, dann wäre es unmöglich, ein
gemeinsames Urbild für den Bau des tierischen und
menschlichen Organismus aufzustellen ; eine Grenze
zwischen den beiden Formen müfste angenommen
werden. Der Mensch wäre nicht nach dem Urbilde
geschaffen, das auch den Tieren zu Grunde liegt.
Dieses Hindernis seiner Weltanschauung mufste Goethe
hinwegräumen. Es gelang ihm im Frühling 1784 in
Gemeinschaft mit Loder. Nach seinem allgemeinen
Grundsatze, dafs die Natur kein Geheimnis habe, was
„sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter
nackt vor Augen stellt", gieng Goethe vor. Er
fand bei einzelnen abnorm gebildeten Schädeln die
Grenze zwischen Ober- und Zwischenkiefer wirklich
vorhanden. Freudig berichtet er von dem Fund am
27. März an Herder und Frau von Stein. An Herder
102 Mensch und Tier.
schreibt er: „Es soll Dich auch herzlich freuen; denn
es ist wie der Schlufsstein zum Menschen,
fehlt nicht, ist auch da! Aber wie!" „Ich habe mirs
auch in Verbindung gedacht mit Deinem
Ganzen, wie schön es da wird." Und als Goethe
die Abhandlung, die er über die Sache geschrieben
hat, im November 1784 an Knebel schickt, deutet er
die Bedeutung, die er der Entdeckung für seine
ganze Vorstellungswelt beilegt, mit den Worten an:
„Ich habe mich enthalten, das Resultat, worauf schon
Herder in seinen Ideen deutet, schon jetzt merken zu
lassen, dafs man nämlich den Unterschied des
Menschen vom Tier in nichts Einzelnem
finden könne." Goethe konnte erst Vertrauen zu
seiner Naturansicht gewinnen, als die irrtümliche
Ansicht über das fatale Knöchelchen beseitigt war. Er
gewann allmählich den Mut, seine Ideen über die Art, wie
die Natur, mit einer Hauptform gleichsam spielend,
das mannigfaltige Leben hervorbringt, „auf alle Reiche
der Natur, auf ihr ganzes Reich" auszudehnen. In
diesem Sinne schreibt er im Jahre 1786 an Frau von
Stein.
Immer lesbarer wird Goethe das Buch der Natur,
nachdem er den einen Buchstaben richtig entziffert hat.
„Mein langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt
wirkts auf einmal und meine stille Freude ist unaus-
sprechlich," schreibt er der Frau von Stein am 15. Mai
1785. Er hält sich jetzt auch bereits für fähig, eine
kleine botanische Abhandlung für Knebel zu schreiben.
Die Reise, die er 1785 nach Karlsbad mit diesem zu-
Beobachtung niederer Organismen. 103
samnien unternimint, wird zu einer förmlichen botani-
schen Studienreise. Nach der Rückkehr werden mit
Hilfe Linnes die Eeiche der Pilze, Moose, Flechten
und Algen durchgegangen. Er teilt am 9. November
der Frau von Stein mit: „Ich lese Linne fort, ich
mufs wohl, ich habe kein anderes Buch bei mir; es
ist die beste Art, ein Buch gewissenhaft zu lesen, die
ich öfter praktizieren mufs, da ich nicht leicht ein
Buch auslese. Das ist nicht zum Lesen, sondern zur
Eekapitulation gemacht und that mir die trefiflichsten
Dienste, da ich über die meisten Punkte selbst ge-
dacht hatte." Während dieser Studien bekommt auch
die Grundform, aus welcher die Natur alle mannig-
faltigen Pflanzengebilde herausarbeitet, einzelne, wenn
auch noch nicht deutliche Umrisse in seinem Geiste.
In einem Briefe an die Frau von Stein vom 9. Juli
1786 sind die Worte enthalten: „Es ist ein Gewahr-
werden der Form, mit der die Natur gleichsam nur
immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben
hervorbringt."
Im April und Mai 1786 beobachtete Goethe durch
das Mikroskop die niederen Organismen, die sich in
Aufgüssen verschiedener Substanzen (Pisangmark, Kak-
tus, Trüffeln, Pfefferkörnern, Thee, Bier u. s. w.) ent-
wickeln. Er notiert sorgfältig die Vorgänge, die er an
diesen Lebewesen beobachtet und verfertigt Zeichnungen
dieser organischen Formen (vergl. Goethes naturwissen-
schaftliche Schriften in der Weimarer Goethe- Ausgabe;
2. Abteilung, Band 7 S. 289—309). Man kann auch
104 Mkroskopische Beobachtungen.
aus diesen Notizen ersehen, dafs Goethe der Erkenntnis
des Lebens nicht durch solche Beobachtung niederer
und einfacher Organismen näher zu kommen sucht.
Es ist ganz offenbar, dafs er die wesentlichen Züge
der Lebensvorgänge an den höheren Organismen ebenso
zu erfassen glaubt wie an den niederen. Er ist der
Ansicht, dafs sich an dem Infusionstierchen dieselbe
Art von Gesetzmäfsigkeit wiederholt, die das Auge des
Geistes an dem Hund wahrnimmt. Die Beobachtung
durch das Mikroskop lehrt nur Vorgänge kennen, die
im Kleinen das sind, was das unbewaffnete Auge im
Grofsen sieht. Sie bietet eine Bereicherung der sinn-
lichen Erfahrung. Einer höheren Art des An-
schauens, nicht einer Verfolgung der den Sinnen zu-
gänglicheu Vorgänge bis in ihre kleinsten Bestandteile,
offenbart sich das Wesen des Lebens. Goethe sucht
dieses Wesen durch die Betrachtung der höheren
Pflanzen und Tiere zu erkennen. Er würde diese Er-
kenntnis ohne Zweifel in derselben A\>ise gesucht haben,
auch wenn zu seiner Zeit die Pflanzen- und Tieranatomie
schon ebenso weit vorgeschritten gewesen wäre, wie sie
gegenwärtig ist. Wenn Goethe die Zellen, aus denen sich
der Pflanzen- und Tierkörper aufbaut, hätte beobachten
können, so würde er erklärt haben, dafs sich an diesen
elementaren organischen Formen dieselbe Gesetzmäfsig-
keit zeigt, die auch am Zusammengesetzten wahrzu-
nehmen ist. Er hätte sich durch dieselben Ideen, durch
die er sich die Lebensvorgänge der höheren Organis-
men erklärte, auch die Erscheinungen an diesen kleinen
Wesen begreiflich gemacht.
Goethe in Italien. 105
Den lösenden Gedanken des Eätsels, das ihm die
organische Bildung und Umbildung aufgegeben hat,
findet Goethe erst in Italien. Am 3. September verläfst
er Karlsbad. In wenigen, aber bedeutsamen Sätzen
schildert er in seiner „Geschichte meines botanischen
Studiums" (Goethes Werke in Kürschners Nat-Litt.
Band 33 S. 61 ff.) die Gedanken, welche die Beobachtung
der Pflanzenwelt in ihm aufregt bis zu dem Augenblicke,
da ihm in Sizilien eine klare Vorstellung darüber sich
offenbart, wie es möglich ist, dafs den Pflanzenformen
,.bei einer eigensinnigen, generischen und spezifischen
Hartnäckigkeit eine glückliche Mobilität und Bieg-
samkeit verliehen ist, um in so viele Bedingungen, die
über den Erdkreis auf sie einwirken, sich zu fügen
und darnach bilden und umbilden zu können". Beim
Übergang über die Alpen, im botanischen Garten von
Padua und an andern Orten zeigte sich ihm das
..AVechselhafte der Pflanzengestalten". „AVenn in der
tiefern Gegend Zweige und Stengel stärker und
massiger waren, die Augen näher aneinander standen
und die Blätter breit wären, so wurden höher ins
Gebirg hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen
rückten auseinander, sodafs von Knoten zu Knoten ein
gröfserer Zwischenraum stattfand und die Blätter sich
lanzenförmiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer
AVeide und einer Gentiana und überzeugte mich, dafs
es nicht etwa verschiedene Arten wären. Auch am
AValchensee bemerkte ich längere und schlankere
Binsen als im Unterlande" (ital. Reise 8. Sept.).
Am 8. Oktober findet er in Venedig am Meere ver-
schiedene Pflanzen, an denen ihm die Wechselbeziehung
des Organischen zu seiner Umgebung besonders au-
106 Pflanzeustudien in Italien.
scliaulich wird. „Sie sind alle zugleich mastig und
streng, saftig und zäh, und es ist offenbar, dafs das
alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige Luft
ihnen diese Eigenschaft gibt ; sie strotzen von Säften
wie Wasserpflanzen, sie sind fett und zäh wie Berg-
pflanzen; wenn ihre Blätterenden eine Neigung zu
Stacheln haben, wie Disteln tun, sind sie gewaltig
spitz und stark. Ich fand einen solchen Busch Blätter ;
er erschien mir wie unser unschuldiger Huflattig, hier
aber mit scharfen Waffen bewaffnet, und das Blatt
wie Leder, so auch die Samenkapseln, die Stiele, alles
mastig und fett" (ital. Reise). Im botanischen Garten
zu Padua bekommt der Gedanke in Goethes Geiste
eine bestimmtere Gestalt, wie man sich alle Pflanzen-
gestalten vielleicht aus einer entwickeln könne (ital.
Reise, 27. Sept.); im November teilt er Knebel mit:
„So freut mich doch mein bischen Botanik erst recht
in diesem Lande, wo eine frohere, weniger unter-
brochene Vegetation zu Hause ist. Ich habe schon
recht artige, ins allgemeine gehende Bemerkungen
gemacht, die auch Dir in der Folge angenehm sein
werden." Am 25. März 1787 kommt ihm „eine gute
Erleuchtung über botanische Gegenstände". Er bittet
„Herdern zu sagen, dafs er mit der Urpflanze bald
zu Stande sei". Nur fürchtet er, dafs ..niemand die
übrige Pflanzenwelt darin wird erkennen wollen"
(ital. Reisej. Am 17. April geht er mit dem „festen,
ruhigen Vorsatz, seine dichterischen Träume fortzu-
setzen, nach dem öffentlichen Garten". Allein ehe er
sichs versieht, erhascht ihn das Pflanzenwesen wie ein
Gespenst. „Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in
Kübeln und Töpfen, ja die gröfste Zeit des Jahres nur
Pflanzenstudieu in Italien. 107
hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier
froh und frisch unter freiem Himmel, und indem sie
ihre Bestimmung erfüllen, werden sie uns deutlicher.
Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes,
fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht
unter dieser Schar die ürpflanze ent-
decken könnte? Eine solche mufs es denn
dochgebenrworan würdeich sonsterkennen,
dafs dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze
sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster
gebildet wären?" Er bemüht sich die abweichen-
den Gestalten zu unterscheiden, aber immer wieder
werden seine Gedanken zu dem einen Urbild, das
ihnen allen zu Grunde liegt, hingelenkt (ital. Reise,
17. April 1787). Goethe legt sich ein botanisches
Tagebuch an, in dem er alle während der Reise über
das Pflanzenreich gemachten Erfahrungen und Re-
flexionen einzeichnet (vergl. Goethes Werke in der
Weimarischen Ausgabe , 2. Abt., Band 7 S. 273 ff.).
Diese Tagebuchblätter zeigen, wie unermüdlich er
damit beschäftigt ist, Pflanzeuexemplare ausfindig zu
machen, die geeignet sind, auf die Gesetze des Wachs-
tums und der Fortpflanzung hinzuleiten. Glaubt er
irgend einem Gesetze auf der Spur zu sein, so stellt
er es zunächst in hypothetischer Form auf, um es sich
dann im Verlauf seiner weiteren Erfahrungen be-
stätigen zu lassen. Die Vorgänge der Keimung, der
Befruchtung, des Wachstums notiert er sorgfältig.
Dafs das Blatt das Grundorgan der Pflanze ist, und
dafs die Formen aller übrigen Pflanzenorgane am
besten zu verstehen sind, wenn man sie als um-
gewandelte Blätter betrachtet, leuchtet ihm immer
108 Pflanzenstudien in Italien.
mehr ein. Er schreibt in das Tagebuch : „Hypothese :
Alles ist Blatt und durch diese Einfachheit wird die
gröfste Mannigfaltigkeit möglich." Und am 17. Mai
teilt er Herder mit: „Ferner mufs ich Dir vertrauen,
dafs ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und
Organisation ganz nahe bin, und dafs es das Ein-
fachste ist, was nur gedacht werden kann. Unter
diesem Himmel kann man die schönsten Beobachtungen
machen. Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt, habe
ich ganz klar und zweifellos gefunden, alles übrige
sehe ich auch schon im ganzen, und nur noch einige
Punkte müssen bestimmter werden. Die Urpflanze
wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um
welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem
Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann
noch Pflanzen ins unendliche erfinden, die konsequent
sein müssen, das heilst, die, wenn sie auch nicht exi-
stieren, doch existieren könnten, und nicht etwa male-
rische oder dichterische Schatten und Scheine sind, son-
dern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben.
Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige
anwenden lassen." .... „Vorwärts und rückwärts ist
die Pflanze immer nur Blatt, mit dem künftigen Keime
so unzertrennlich vereint, dafs man eins ohne das
andere nicht denken darf. Einen solchen Begriff zu
fassen, zu ertragen, ihn in der Natur aufzufinden, ist
eine Aufgabe, die uns in einen peinlich süfsen Zu-
stand versetzt" (ital. Reise).
Wesen des Lebens. 109
Goethe nimmt zur Erklärung der Lebenserschei-
nungen einen Weg, der gänzlich verschieden ist von
denen, welche die Naturforscher gewöhnlich gehen.
Diese scheiden sich in zwei Parteien. Es gibt Ver-
teidiger einer in den organischen Wesen wirkenden
Lebenskraft, die gegenüber anderen Naturursachen eine
besondere, höhere Kräfteform darstellt. Wie es Schwer-
kraft, chemische Anziehung und Abstofsung, Magnetis-
mus u. s. w. gibt, so soll es auch eine Lebenskraft geben,
welche die Stoffe des Organismus in eine solche Wechsel-
wirkung bringt, dafs dieser sich erhalten, wachsen,
ernähren und fortpflanzen kann. Die Naturforscher,
welche dieser Meinung sind, sagen : in dem Organismus
wirken dieselben Kräfte wie in der übrigen Natur;
aber sie wirken nicht wie in einer leblosen Maschine.
Sie werden von der Lebenskraft gleichsam eingefangen
und auf eine höhere Stufe des Wirkens gehoben. Den
Bekennern dieser Meinung stehen andere Naturforscher
gegenüber, welche glauben, dafs in den Organismen
keine besondere Kraft wirke. Sie halten die Lebens-
erscheinungen für komplizierte chemische und physi-
kalische Vorgänge und geben sich der Hoffnung hin,
dafs es einst vielleicht gelingen werde, einen Organis-
mus ebenso durch Zurückführung auf unorganische
Kraft Wirkungen zu erklären wie eine Maschine. Die
erstere Ansicht wird als Vitalismus, die andere als
Mechanismus bezeichnet. Von beiden ist die Goethesche
Auffassungsweise durchaus verschieden. Dafs in dem
Organismus noch etwas anderes wirksam ist als die
Kräfte der unorganischen Natur, erscheint ihm selbst-
verständlich. Zur mechanischen Auffassung der Lebens-
erscheinungen kann er sich nicht bekennen. Ebenso-
110 Wesen des Lebens.
wenig sucht er, um die Wirkungen im Organismus zu
erklären, nach einer besonderen Lebenskraft. Er ist
überzeugt, dafs zur Erfassung der Lebensvorgänge
eine Anschauung gehört, die anderer Art ist als die-
jenige, durch welche die Erscheinungen der unorga-
nischen Natur wahrgenommen werden. Wer zur An-
nahme einer Lebenskraft sich entschliefst, der sieht
zwar ein, dafs die organischen Wirkungen nicht me-
chanistisch sind, aber es fehlt ihm zugleich die Fähig-
keit, jene andere Art der Anschauung in sich auszu-
bilden, durch die ihm das Organische erkennbar werden
könnte. Die Vorstellung der Lebenskraft bleibt dunkel
und unbestimmt. Ein neuerer Anhänger des Vitalis-
mus, Gustav Bunge, meint: „In der kleinsten Zelle —
da stecken schon alle Eätsel des Lebens drin, und bei
der Erforschung der kleinsten Zelle — da sind wir
mit den bisherigen Hilfsmitteln bereits an der Grenze
angelangt" (Vitalismus und Mechanismus, Leipzig
1886, S. 17). Es ist durchaus im Sinne der Goethe-
schen Denkweise, darauf zu antworten: Dasjenige An-
schauungsvermögen, welches nur das Wesen der un-
organischen Erscheinungen erkennt, ist mit seinen
Hilfsmitteln an der Grenze angelangt. Dieses wird
aber nie innerhalb seines Bereiches Mittel finden, die
zur Erklärung des Lebens der kleinsten Zelle geeignet
sein können. Wie zur Wahrnehmung der Farben-
erscheinungen das Auge gehört, so gehört zur Auf-
fassung des Lebens die Fähigkeit, in dem Sinnlichen
ein übersinnliches unmittelbar anzuschauen. Dieses
übersinnliche wird demjenigen immer entschlüpfen,
der nur die Sinne auf die organischen Formen richtet.
Goethe sucht die sinnliche Anschauung der Pflanzen-
Wesen des Lebens. Hl
gestalten auf eine höhere Art zu beleben und sich
die sinnliche Form einer übersinnlichen Urpflanze
vorzustellen (vergl. Geschichte meines botanischen
Studiums in Kürschners Nat. Litt. , Goethes Werke,
Band 33 S. 80). Der Vitalist nimmt seine Zuflucht
zu dem inhaltleeren Begriff der Lebenskraft, weil
er das, was seine Sinne im Organismus nicht wahr-
nehmen können, überhaupt nicht sieht. Goethe
sieht das Sinnliche von einem Übersinnlichen so
durchdrungen, wie eine gefärbte Fläche von der
Farbe.
Die Anhänger des Mechanismus sind der Ansicht,
dafs es einmal gelingen könne, lebende Substanzen auf
künstlichem Wege aus unorganischen Stoffen herzu-
stellen. Sie sagen, vor noch nicht vielen Jahren wurde
behauptet, dafs es im Organismus Substanzen gebe,
die nicht auf künstlichem Wege, sondern nur durch
die Wirkung der Lebenskraft entstehen können. Gegen-
wärtig ist man bereits im stände, einige dieser Sub-
stanzen künstlich im Laboratorium zu erzeugen. Ebenso
könne es dereinst möglich sein, aus Kohlensäure, Am-
moniak, Wasser und Salzen ein lebendiges Eiweifs
herzustellen, welches die Grundsubstanz der einfach-
sten Organismen ist. Dann, meinen die Mechanisten,
werde unbestreitbar erwiesen sein, dafs Leben nichts
weiter ist als eine Kombination unorganischer Vor-
gänge, der Organismus nichts weiter als eine auf
natürlichem Wege entstandene Maschine.
Vom Standpunkte der Goetheschen Weltanschauung
ist darauf zu erw^idern: die Mechanisten sprechen in
einer Weise von Stoffen und Kräften, die durch keine
Erfahrung gerechtfertigt ist. Und man hat sich an
112 Wesen des Lel)eiis.
diese Weise, zu sprechen, so gewöhnt, das es sehr
schwer wird, diesen Begiiffen gegenüber die reinen
Aussprüche der Erfahrung geltend zu machen. Man
betrachte aber doch einen Vorgang der Aufsenwelt
unbefangen. Man nehrae ein Quantum Wasser von
einer bestimmten Temperatur. Wodurch weifs man
etwas von diesem AVasser? Man sieht es an und
bemerkt, dafs es einen Eaum einnimmt und zwischen
bestimmten Grenzen eingeschlossen ist. Man steckt
den Finger oder ein Thermometer hinein, und findet
es mit einem bestimmten Grade von Wärme behaftet.
Man drückt gegen seine Oberfläche und erfährt, dafs
es flüssig ist. Das sind Aussprüche, welche die Sinne
über den Zustand des Wassers machen. Nun erhitze
man das Wasser. Es wird sieden und zuletzt sich in
Dampf verwandeln. Wieder kann man sich durch die
Wahrnehmung der Sinne von den Beschaffenheiten
des Körpers, des Dampfes, in den sich das Wasser
verwandelt hat, Kenntnis verschaffen. Statt das
Wasser zu erhitzen, kann man es dem elektrischen
Strom unter gewissen Bedingungen aussetzen. Es ver-
wandelt sich in zwei Körper, Wasserstoff und Sauer-
stoff. Auch über die Beschaffenheit dieser beiden
Körper kann man sich durch die Aussagen der Sinne
belehren. Man nimmt also in der Körperwelt Zu-
stände wahr und beobachtet zugleich, dafs diese Zu-
stände unter gewissen Bedingungen in andere über-
gehen. Über die Zustände unterrichten die Sinne.
AVenn man noch von etwas anderem als von Zuständen,
die sich verwandeln, spricht, so beschränkt man sich
nicht mehr auf den reinen Tatbestand, sondern man
fügt zu demselben Begriffe hinzu. Sagt man, der
Stoffe und Kräfte. 113
Sauerstoff und der Wasserstoff, die sich durch den
elektrischen Strom aus dem Wasser entwickelt haben
seien schon im Wasser enthalten gewesen, nur so innig
mit einander verbunden, dafs sie in ihrer Selbständig-
keit nicht wahrzunehmen waren, so hat man zu der
Wahrnehmung einen Begriff hinzugefügt, durch den
man sich das Hervorgehen der beiden Körper aus dem
einen erklärt. Und wenn man weitergeht und be-
hauptet, Sauerstoff und Wasserstoff seien Stoffe, was
man schon durch die Namen tut, die man ihnen beilegt,
so hat man ebenfalls zu dem Wahrgenommenen einen
Begriff hinzugefügt. Denn tatsächlich ist in dem
Räume, der vom Sauerstoff eingenommen wird, nur
eine Summe von Zuständen wahrzunehmen. Zu diesen
Zuständen denkt man den Stoff hinzu, an dem sie
haften sollen. Was man von dem Sauerstoff und dem
Wasserstoff im Wasser schon vorhanden denkt, das
Stoffliche, ist ein Gedachtes, das zu dem Wahr-
nehmungsinhalt hinzugefügt ist. Wenn man Wasser-
stoff und Sauerstoff durch einen chemischen Prozefs
zu Wasser vereinigt, so kann man beobachten, dafs
eine Summe von Zuständen in eine andere übergeht.
Wenn man sagt: es haben sich zwei einfache Stoffe
zu einem zusammengesetzten vereinigt, so hat man
eine begriffliche Auslegung des Beobachtungsinhaltes
versucht. Die Vorstellung „Stoff'* erhält ihren Inhalt
nicht aus der Wahrnehmung, sondern aus dem Denken.
Ein ähnliches wie vom „Stoffe" gilt von der „Kraft".
Man sieht einen Stein zur Erde fallen. Was ist der
Inhalt der Wahrnehmung. Eine Summe von Sinnes-
eindrücken, Zuständen, die an aufeinanderfolgenden
Orten auftreten. Man sucht sich diese Veränderung in
Steiner, Goethes Weltanschauung. 8
114 Stoffe und Kräfte.
der Sinneswelt zu erklären, und sagt: die Erde ziehe
den Stein an. Sie habe eine „Kraft", durch die sie
ihn zu sich hinzAvingt. Wieder hat unser Geist eine
Vorstellung zu dem Tatbestande hinzugefügt und der-
selben einen Inhalt gegeben, der nicht aus der Wahr-
nehmung stammt. Nicht Stoffe und Kräfte nimmt man
wahr, sondern Zustände und deren Übergänge in ein-
ander. Man erklärt sich diese Zustandsänderungen
durch Hinzufügung von Begriffen zu den Wahr-
nehmungen.
Man nehme einmal an, es gebe ein Wesen, das
Sauerstoff und Wasserstoff wahrnemen könnte, nicht
aber Wasser. Wenn wir vor den Augen eines solchen
Wesens den Sauerstoff und Wasserstoff zu Wasser
vereinigten, so verschwänden vor ihm die Zustände,
die es an den beiden Stoffen wahrgenommen hat, in
Nichts. Wenn wir ihm nun die Zustände auch be-
schrieben, die wir am Wasser wahrnehmen : es könnte
sich von ihnen keine Vorstellung machen. Das be-
weist, dafs in den Wahrnehmungsinhalten des Sauer-
stoffs und des Wasserstoffs nichts liegt, aus dem
der AVahrnehmungsinhalt W^asser abzuleiten ist. Ein
Ding entsteht aus zwei oder mehreren andern heifst:
es haben sich zwei oder mehrere Wahrnehmungs-
inhalte in einen zusammenhängenden, aber den ersteren
gegenüber durchaus neuen, verwandelt.
AVas wäre also erreicht, wenn es gelänge, Kohlen-
säure, Ammoniak, Wasser und Salze künstlich zu einer
lebenden Eiweifssubstanz im Laboratorium zu ver-
einigen? Man wüfste, dafs die Wahrnehmungsinhalte
der vielerlei Stoffe sich zu einem Wahrnehmungs-
inhalt vereinigen können. Aber dieser Wahmehmungs-
Urpflanze. 115
Inhalt ist aus jenen durchaus nicht abzuleiten. Der
Zustand des lebenden Eiweifses kann nur an diesem
selbst beobachtet, nicht aus den Zuständen der Kohlen-
säure, des Ammoniaks, des Wassers und der Salze
herausentwickelt werden. Im Organismus hat man
^twas von den unorganischen Bestandteilen, aus denen
€r aufgebaut werden kann, völlig verschiedenes vor
sich. Die sinnlichen Wahrnehmungsinhalte verwandeln
sich bei der Entstehung des Lebewesens in sinnlich-
übersinnliche. Und wer nicht die Fähigkeit hat, sich
sinnlich-übersinnliche Vorstellungen zu machen, der
kann von dem Wesen eines Organismus ebensowenig
etwas wissen, wie jemand vom Wasser etwas er-
fahren könnte, wenn ihm die sinnliche Wahrnehmung
-desselben unzugänglich wäre.
Die Keimung, das Wachstum, die Umwandlung
der Organe, die Ernährung und Fortpflanzung des
Organismus sich als sinnlich-übersinnlichen Vorgang
vorzustellen, war Goethes Bestreben bei seinen Studien
über die Pflanzen- und die Tierwelt. Er bemerkte,
dafs dieser sinnlich-übersinnliche Vorgang in der Idee
bei allen Pflanzen derselbe ist, und dafs er nur in
der äufseren Erscheinung verschiedene Formen
annimmt. Dasselbe konnte Goethe für die Tierwelt
feststellen. Hat man die Idee der sinnlich - über-
sinnlichen Urpflanze in sich ausgebildet, so wird man
sie in allen einzelnen Pflanzenformen wiederfinden.
Die Mannigfaltigkeit entsteht dadurch, dafs das der
Idee nach Gleiche in der Wahmehmungswelt in ver-
8*
116 Urpflanze.
schiedenen Gestalten existieren kann. Der einzelne
Organismus besteht aus Organen, die auf ein Grund-
organ zurückzuführen sind. Das Grundorgan der
Pflanze ist das Blatt mit dem Knoten, an dem es sich
entwickelt. Dieses Organ nimmt in der äufseren Er-
scheinung verschiedene Gestalten an : Keimblatt, Laub-
blatt, Kelchblatt, Kronenblatt u. s. w. „Es mag die
Pflanze sprossen, blühen oder Früchte tragen, so sind
es doch immer nur dieselbigen Organe, welche
in vielfaltigen Bestimmungen und unter oft ver-
änderten Gestalten die Vorschrift der Natur erfüllen."
Um ein vollständiges Bild der Urpflanze zu er-
halten, mufste Goethe die Formen im allgemeinen
verfolgen, welche das Grundorgan im Fortgang des
Wachstums einer Pflanze von der Keimung bis zur
Samenreife durchmacht. Im Anfang ihrer Entwick-
lung ruht die ganze Pflanzengestalt in dem Samen.
In diesem hat die Urpflanze eine Gestalt angenommen^
durch die sie ihren ideellen Inhalt gleichsam in der
äufseren Erscheinung verbirgt.
„Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes
Vorbild
Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt,
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farb-
los;
Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend.
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht."
(Goethes Werke in Kürschners Nat. Litt. Band 33 S. 103).
ürpflanze. 117
Aus dem Samen entwickelt die Pflanze die ersten
Organe, die Kotyledonen, nachdem sie „i^^^^ Hüllen
mehr oder weniger in der Erde" zurückgelassen und „die
Wurzel in den Boden" befestigt hat. Und nun folgt
im weiteren Verlauf des Wachstums Trieb auf Trieb ;
Knoten auf Knoten türmt sich übereinander, und an
jedem Knoten findet sich ein Blatt. Die Blätter er-
scheinen in verschiedenen Gestalten. Die unteren
noch einfach, die oberen mannigfach gekerbt, ein-
geschnitten , aus mehreren Blättchen zusammenge-
setzt. Die Ürpflanze breitet auf dieser Stufe der Ent-
wicklung ihren sinnlich-übersinnlichen Inhalt im Eaume
als äufsere sinnliche Erscheinung aus. Goethe stellt
sich vor, dafs die Blätter ihre fortschreitende Aus-
bildung und Verfeinerung dem Lichte und der Luft
schuldig sind. „Wenn wir jene in der verschlossenen
Samenhülle erzeugten Kotyledonen, mit einem rohen
Safte nur gleichsam ausgestopft, fast gar nicht oder
nur grob organisiert und ungebildet finden, so zeigen
sich uns die Blätter der Pflanzen, welche unter dem
Wasser wachsen, gi^öber organisiert als andere, der
freien Luft ausgesetzte; ja, sogar entwickelt dieselbige
Pflanzenart glättere und weniger verfeinerte Blätter,
wenn sie in tiefen, feuchten Orten wächst, da sie hin-
gegen, in höhere Gegenden versetzt, rauhe, mit Haaren
versehene, feiner ausgebildete Blätter hervorbringt"
(Goethes Werke, Nat.-Litt. Band 33 S. 25 f.). In
der zweiten Epoche des Wachstums zieht die Pflanze
wieder in einen engeren Eaum zusammen, was sie vor-
her ausgebreitet hat.
118 ürpflanze.
„Mäfsiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäfse,
Und gleich zeigt die Gestalt zartere Wirkungen an.
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke,
Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus.
Blattlos aber und schnell hebt sich der zartere Stengel,
Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne
Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin.
Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch sich,
Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläfst."
Im Kelch zieht sich die Pflanzengestalt zusammen ;
in der Blumenkrone breitet sie sich wieder aus. Nun
folgt die nächste Zusammenziehung in den Staub-
gefäfsen und dem Stempel, den Organen der Fort-
pflanzung. Die Bildungskraft der Pflanze entwickelte
in den vorhergehenden Wachstumsperioden in einerlei
Organen als Trieb, das Grundgebilde zu wiederholen.
Dieselbe Kraft verteilt sich auf dieser Stufe der Zu-
sammenziehung auf zwei Organe. Das Getrennte sucht
sich wieder zusammenzufinden. Dies geschieht im
Befruchtungsvorgang. Der in dem Staubgefäfs vorhan-
dene männliche Blütenstaub vereinigt sich mit der
weiblichen Substanz, die im Stempel enthalten ist; und
damit ist der Keim zu einer neuen Pflanze gegeben.
Goethe nennt die Befruchtung eine geistige Anasto-
mose und sieht in ihr nur eine andere Form des Vor-
gangs, der in der Entwicklung von einem Knoten zum
andern stattfindet. „An allen Körpern, die wir lebendig
nennen, bemerken wir die Kraft, ihresgleichen her-
vorzubringen. Wenn wir diese Kraft geteilt gewahr
werden, bezeichnen wir sie unter dem Namen der
beiden Geschlechter" (Weimarische Goethe -Ausgabe,
2. Abteil, Band 6 S. 361). Von Knoten zu Knoten bringt
Urpflanze. 119
die Pflanze ihresgleichen hervor. Denn Knoten und
Blatt sind die einfache Form der Urpflanze. In dieser
Form heifst die Hervorbringung Wachstum. Ist die
Fortpflanzungskraft auf zwei Organe verteilt, so spricht
man von zwei Geschlechtern. Auf diese Weise glaubt
Goethe die Begriffe von Wachstum und Zeugung ein-
ander näher gerückt zu haben. In dem Stadium der
Fruchtbildung erlangt die Pflanze ihre letzte Aus-
dehnung ; in dem Samen erscheint sie wieder zusammen-
gezogen. In diesen sechs Schritten vollendet die Natur
einen Kreis von Pflanzenentwicklung, und sie beginnt
den ganzen Vorgang wieder von vorne. In dem
Samen sieht Goethe nur eine andere Form des Auges,
das sich an den Laubblättern entwickelt. Die aus den
Augen sich entfaltenden Seitenzweige sind ganze
Pflanzen, die, statt in der Erde, auf einer Mutter-
pflanze stehen. Die Vorstellung von dem sich stufen-
weise, wie auf einer „geistigen Leiter" vom Samen
bis zur Frucht sich umbildenden Grundorgan ist die
Idee der Urpflanze. Gleichsam um die Verwandlungs-
fähigkeit des Grundorgans für die sinnliche Anschauung
zu beweisen, läfst die Natur unter gewissen Bedingungen
auf einer Stufe statt des Organs, das nach dem regel-
mäfsigen Wachstumsverlaufe entstehen sollte, ein an-
deres sich entwickeln. Bei den gefüllten Mohnen z. B.
treten an der Stelle, wo die Staubgefäfse enstehen
sollten, Blumenblätter auf. Das Organ, das der Idee
nach zum Staubgefäfs bestimmt war, ist ein Blumen-
blatt geworden. In dem Organ, das im regelmäfsigen
Fortgang der Pflanzenentwicklung eine bestimmte
Form hat, ist die Möglichkeit enthalten, auch eine
andere anzunehmen.
120 Urpflanze.
Als Illustration seiner Idee von der Urpflanze be-
trachtet Goethe das Bryophyllum calycinum, die ge-
meine Keim-Zumpe j eine Pflanzenart, die von den
Molukkeninseln nach Kalkutta und von da nach
Europa gekommen ist Aus den Kerben der fetten
Blätter dieser Pflanzen entwickeln sich frische Pflänz-
chen, die, nach ihrer Ablösung, zu vollständigen Pflan;zen
auswachsen. Goethe sieht in diesem Vorgang sinn-
lich-anschaulich dargestellt, dafs in dem Blatte
eine ganze Pflanze der Idee
…[truncated]