Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern

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Steiner

Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GE SAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

VORTRAGE t)BER MEDIZIN 



RUDOLF STEINER 



Das Zusammenwirken 
von Arzten und Seelsorgern 

Pastoral-Medizinischer Kurs 



Elf Vortrage fur Arzte und Priester 
und eine Ansprache fur die Mediziner, 
gehalten in Dornach vom 8. bis 18. September 1924 

Mit Notizbucheintragungen zu den Vortragen 



1994 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Dr. med. Hans W. Zbinden 



1. Auflage, Dornach o. J. 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1973 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994 

Bibliographischer Nachweis der Auflagen siehe Seite 199 



Die Original-Wandtafelzeichnungen von 
Rudolf Steiner zu den Vortragen in diesem Band sind 
innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe 
«Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» 
Band XXIII 



Bibliographie-Nr. 318 

Einbandzeichen von Rudolf Steiner, Schrift von Benedikt Marzahn 
Zeichnungen im Text nach den Tafelzeichnungen Rudolf Steiners, 
ausgefuhrt von Benedikt Marzahn (siehe auch Seite 199) 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schwe 
© 1 994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Switzerland by Zbinden Druck und Verlag AG, Basel 

ISBN 3-7274-3181-4 



Zu den Veroffentlicbungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert 
sich in die drei groften Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst- 
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes). 

Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte 
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daft sie schriftlich festge- 
halten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck 
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend 
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und 
verbreitet wurden, sah er sich veranlaftt, das Nachschreiben zu 
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr 
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der 
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht 
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muft gegeniiber 
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksichtigt 
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden mussen, daft 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes 
findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere An- 
gaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Dornach, 8. September 1924 

Klare Trennung des priesterlichen vom arztlichen Beruf. - Histo- 
risches. Priesterliche Aspekte: die Seelsorge beim Gesunden und 
beim Kranken; Hygienische Bedeutung religios-kultusartiger Mafi- 
nahmen, Fasten, Askese u. a.; Frage der Heilwirkung des Sakramen- 
talismus. Verhalten von Arzt und Priester zum Seelenkranken. - 
Die dreifache Art therapeutischer Wirkungen. Therapie von Leben 
ins Bewufitsein, Sakramentalismus vom Bewufitsein ins Leben wir- 
kend; von der daraus moglichen Zusammenarbeit von Priester und 
Arzt, jeder aus seinem Fach. 

Zweiter Vortrag, 9. September 1924 

Die pathologischen Veranderungen des physischen Leibes. Verstand- 
nis des menschlichen Leibes durch plastisch-kunstlerische Betrach- 
tung, musikalische Betrachtung und durch Begreifen des Logos 
(Atherleib, Astralleib und Ich). Verschiedene Arten des Zusammen- 
spiels der Wesensglieder des Menschen und die dadurch hervorge- 
rufenen Ereignisse. Mehrere Stadien des geistigen Erlebens, dadurch 
Verstandnis fiir auftergewohnliche Personlichkeiten wie die hi. The- 
resia. Vom korrelativen Obergang dieser Lebensverhaltnisse in orga- 
nische Krankheitsprozesse. 

Dritter Vortrag, 10. September 1924 

Schilderung der sich steigernden Erlebnisse in den vier Stadien und 
ihre geisteswissenschaftlichen Ursachen. Wirkung solcher Vor- 
gange auf das Krankheitsleben: die hi. Theresia. Durch das Studium 
solcher Vorgange kann der Arzt zur Handhabung des Therapeuti- 
schen kommen. - Verflechtung mit dem Karma. Wie freier Wille 
und Verantwortlichkeit zu beurteilen sind. 

Vierter Vortrag, 11. September 1924 

Zur Beurteilung der Verantwortlichkeit und des freien Willens ist 
genaue Kenntnis der menschlichen nachgeburtlichen Entwicklung 
notig. Schilderung derselben mit Betrachtung vom Erbstrom und 
den Wesensgliedern. Das Kind nimmt wahr das Geistige in seiner 
natiirlichen und menschlichen Umgebung: die geistigen Wesenhei- 
ten. - Freiwerden von Bildekraften: Gedachtnisfahigkeit. Entwick- 
lung der Intelligenzkrafte. Sonnenkrafte in den ersten sieben Jah- 
ren = atherische Krafte korperbildend, Krafte des Mondes im zwei- 
ten Jahrsiebent: astralische Krafte, den fortpflanzungsfahigen Kor- 
per bildend. Sonnenkrafte im Seelisch-Geistigen. Planetarische 
Krafte leibbildend wirksam im dritten Jahrsiebent. Veranderung 



Anfang der zwanziger Jahre. Wirkung der Fixsternkrafte im vier- 
ten Jahrsiebent. Der auch in der Erhaltung des Leibes auf sich 
selbst gestellte von den kosmischen Kraften entlassene Mensch. Be- 
deutung dieses Punktes: Freiheit und Verantwortlichkeit. 

Funfter Vortrag, 12. September 1924 

Sonderbarkeiten des Bewufkseins, des Gedachtnisses, des Redens 
und des Willens und deren Ursachen im Zusammenspiel der Wesens- 
glieder. Patholog. Werden in drei Etappen. Pathol.: sich nicht ein- 
passen mit Willen in Welt. Schwachsinn, logikfreies Gedachtnis; 
Blodsinn, Paranoia. — Weiteres Stadium angeborener Schwachsinn. 
Zu friihes Hereinnehmen der Ichorganisation — Friihreife, erwor- 
bener Blodsinn, Gefahr der padagogischen Mifigriffe (Frobel) : Auf- 
treten der Sucht, nur sich selber zu folgen. 

Sechster Vortrag, 13. September 1924 

Anschauung der Krankheit vom Karma aus. Friiher: Krankheit 
entstammt der Siinde; jetzt: Siinde ist Folge krankhafter Organi- 
sation. Besprechung anhand eines konkreten Beispiels des Heruber- 
wirkens von Verhaltensweisen in die Lebens- und Organisationsge- 
staltung eines spateren Lebens. Friihere Inkarnation - Kopfgestal- 
tung. Leben zwischen Tod und neuer Geburt - Atmungssystem. Das 
Betrachten allgemeiner durch Karma hervorgerufener Verhaltnisse; 
das « Wie» in der Behandlung psychopathologischer Verhaltnisse : Das 
Entwickeln des geistigen Lebens an Tatsachen. - Heilen als Gottes- 
dienst. 

Siebenter Vortrag, 14. September 1924 

Unterschied von aufiermenschlichem und innermenschlichem Prozefi. 
Die Einatmung als menschliche Wesenheit aufbauend - Aktivitat des 
astralischen Leibes. Ausatmung-Aktivitat des Atherleibes. Im Schlaf 
Aktivitat kosmischer Astralitat. Nerven-Sinnesprozefi als verf einerte 
Atmung im Warmeelemente sich abspielend, bei dem die Ausatmung 
in die Einatmung gewohnlicher Art geht. Mit dem Warmeelement 
wird eingeatmet Licht, Chemismus, Vitalitat. - Nach dem andern 
Pol modifizierte aktivierte Ausatmung, die Krafte an Stoffwechsel 
abgibt. Mit Warmeelement eingeatmetes Licht wird Gedankentatig- 
keit. Karma von friiher - Karma fiir spater. 

Achter Vortrag, 15. September 1924 

Krafte des Weltenalls : Sonnen-, Mondenwirkung an der Pf lanze und 
planetarische Einfliisse. Erkennen des Sonnenlebens im Verhaltnis 
zum Menschenwesen; ein- und ausstromendes Karma - Sonnen- und 
Mondenwirkungen in ihrer Verbindung. - Die heilspendenden Ta- 
tigkeiten aus dieser Erkenntnis. 



Neunter Vortrag, 16. September 1924 120 

Entstehung krankmachender Ursachen im Schlaf - Aufsuchen der 
Heilmittel. Als Beispiel krankhafter Zustande der Somnambulismus. 
Tempelschlaf und Erkennen des Heilprozesses. Statt dessen durch- 
geistigte Beobachtung und Handhabung des Lebens fiir den Arzt. - 
Entsprechende Verhaltnisse fiir den Priester. - Bedeutung dieser Er- 
kenntnisse fiir Beurteilung von Materialismus und Spiritismus; Kul- 
turpathologie und -therapie. Krankheit und Krankheitsursache und 
wiederholte Erdenleben. 

Zehnter Vortrag, 17. September 1924 134 

Oberwindung der Passivitat des Denkens durch Erkennen der Stel- 
lung des Menschen im Kosmos. Das menschliche Ich zwischen dem 
Atmen eines Tages und eines platonischen Weltenjahres. Das Welten- 
jahr in seinem Verhaltnis zu den Atemrhythmen des Tages, eines 
Menschenlebens, des Wachens-Schlafensrhythmus. Winter- und Som- 
merkrafte im Makrokosmos als Schopfer von Sinnesnerven- bzw. 
Stoffwechselorganismus. Auffassung der Welt nach Mafi, Zahl und 
Gewicht, das Irrationale und der Weg zu seiner Erkenntnis, von der 
Nomia zur Sophia. 

Elfter Vortrag, 18. September 1924 151 

Alte Mysterienmedizin und deren Erneuerung in der Gegenwart. Die 
Zusammenfassung: Unternatur = Vater, Ubernatur = Geist, Mitte 
= Christus. Pathologie der sich entwickelnden Menschheit. Der Tod 
auf Golgatha: der Heilprozefi. Der Weg des Arztes. Der Weg des 



Priesters. 

Ansprache, 18. September 1924 164 

an die Mediziner (ohne Beisein der Priester) 

Notizbucheintragungen zu den Vortragen 169 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 199 

Hinweise zum Text 200 

Namenregister 201 

Rudolf Steiner uber die Vortragsnachschriften 203 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 205 



ERSTER VORTRAG 
Dornach, 8. September 1924 



Meine lieben Freunde! Wir haben in diesem Kurse zum erstenmal ver- 
einigt die Mitglieder zweier geistiger Wirkungskreise, und diese Ver- 
einigung bedeutet etwas ganz Besonderes. Daher wird schon heute not- 
wendig sein, dafi wir uns iiber den Sinn dieser Vereinigung zunachst 
aus dem, was in diesem Kurs den Inhalt bilden soli, verstandigen miis- 
sen. Zunachst mochte ich nur darauf aufmerksam machen, dafi dieser 
Kurs vielleicht wie kein anderer ein Beispiel dafur sein wird, wie durch 
die besondere Gestaltung des Geisteslebens in unserer Zeit alte Uber- 
lieferungen, altes Herkommen erneuert werden raufi, denn dasjenige, 
was unter dem Namen Pastoralmedizin gepf legt worden ist, hat eigent- 
lich im Grunde seinen Inhalt verloren. Wir werden das im Laufe der 
Betrachtungen sehen. Dagegen wird gerade aus den Untergriinden un- 
serer Zeit heraus sich ergeben eine ganz besonders bedeutungsvolle 
Aufgabe, die wiederum, indem sie zusammengefafit wird, in einer Be- 
trachtung den Namen Pastoralmedizin schon tragen darf. Wir haben 
strenge darauf gesehen, dafi im wesentlichen in diesem Kurs vereinigt 
seien wirkliche Theologen und solche Personlichkeiten, welche wirk- 
liche Arzte sind oder werden, Arzte in dem Sinn, dafi wir bei ihnen 
diesen Namen nach der Aufgabe der Medizinischen Sektion des Goe- 
theanums verantworten konnen. Wie dieser Sinn zu gestalten ist, das 
alles wird gerade in diesem Kurs zur Besprechung kommen. Einzelne 
Ausnahmen haben wir allerdings zugelassen, aber eben nur wenige, 
und diese sind gut begriindet innerhalb desjenigen, was Uberzeugung 
der medizinischen Sektion des Goetheanums ist. Es wird sich vor alien 
Dingen darum handeln, dafi Sie, liebe Freunde, sowohl von der theo- 
logischen wie von der medizinischen Seite her gerade iiber das in vollig 
klaren Begriffen leben, was im Sinne einer neuen Pastoralmedizin das 
Zusammenarbeiten der Theologen mit den Medizinern moglich macht. 
Es ist ja von einem solchen Zusammenarbeiten ofter gesprochen wor- 
den und es ist auch bemerklich gemacht worden, wie gerade die an- 
throposophische Bewegung auf eine Zusammenarbeit rechnen musse. 



Aber dabei sind doch Dinge zutage getreten, die gerade ihre Rekti- 
fizierung innerhalb dieses Kurses werden erfahren mussen. Es darf 
das Zusammenarbeiten, auf das hingewiesen worden ist, durchaus nicht 
so aufgefafit werden, meine lieben Freunde, als wenn damit gemeint 
ware ein Hineindilettantieren von der einen Seite in die andere Seite. 
Es kann sich durchaus nicht darum handeln, daft die Theologen Heiler 
werden, oder daft die Heiler irgendwie Theologen werden. Naturlich 
beide, insofern sie Heiler oder Theologen sind. Um ein Zusammen- 
arbeiten, um ein In-die-Hand-Arbeiten handelt es sich. Dagegen wird 
gerade dieser Kurs einen groften Wert darauf legen mussen, daft nun 
ja nicht etwa alles ins Chaotische dadurch verzerrt werde, daft, ich 
weift schon nicht zu was, der Theologe versucht, in alles mogliche 
Medizinische hinein zu dilettantieren, das doch nicht auf seinem Wege 
liegen kann. Und umgekehrt soil sich der Arzt in unserem Sinne be- 
wufit werden, welche Stellung er gegeniiber den Theologen einzuneh- 
men hat. Daft dies auf beiden Seiten, auf theologischer und medizi- 
nischer, vollig durchschaut wird, davon wird aufterordentlich viel ab- 
hangen. Nun, es ist das zutage getreten, daft zum Beispiel auch gemeint 
worden ist: Ja, der Theologe muft sich doch medizinische Kenntnisse 
aneignen. - Kenntnisse auf irgendeinem Gebiet kann man sich immer 
aneignen, es wird sogar immer gut sein, Kenntnisse sich anzueignen. 
Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daft wirklich klar und 
deutlich eingesehen wird: zum Arzt, zum Heiler gehort nach Denken, 
Fuhlen und Wollen des Menschen die spezifische arztliche Vorbildung, 
und es sollte niemand glauben, mit medizinischen Kenntnissen in die 
Welt eingreifen zu konnen, der nicht diese spezifische medizinische 
Vorbildung hat, auch wenn er Theologe ist. Und umgekehrt muft der 
Arzt einen ganz besonderen Begriff von seinem Beruf entwickeln und 
wird begreifen lernen mussen durch die Pastoralmedizin, daft ein We- 
sentliches damit gesagt ist, wenn gesagt wird: dem Priester gehort die 
Opferflamme, dem Arzt der Merkurstab. Und durch das Zusammen- 
wirken von Opferflamme und Merkurstab ist allein ein gedeihliches 
Wirken moglich. Man soil nicht mit der Opferflamme heilen und 
mit dem Merkurstab Kultus zelebrieren wollen. Aber man soil ein- 
sehen, daft beides Gottesdienst ist. Und je mehr man einsieht, daft bei- 



des Gottesdienst ist, desto besser wird das Zusammenarbeiten, wenn 
der Arzt Arzt, der Priester Priester bleibt, in entsprechender Weise 
heilsam in die Welt eingreifen. Es darf unsere anthroposophische Be- 
wegung nicht der Boden werden, auf dem alles chaotisch durcheinan- 
dergeworfen wird, denn dadurch wiirde der Ernst leiden, der Ernst, den 
wir gerade so stark innerhalb der anthroposophischen Bewegung pfle- 
gen sollten. Man kann durchaus allgemein wissen, wenn ich ein drasti- 
sches Beispiel gebrauche, was ungefahr geschieht, wenn eine Fufiope- 
ration vollzogen wird; aber man sollte nicht glauben, dafi man gleich 
eine Fufioperation vollziehen kann. So aber sollte man es halten mit 
allem Medizinischen. Anthroposophie darf vor alien Dingen nicht 
werden in irgendeiner Weise eine Propaganda fur Kurpfuscherei. Sie 
darf es auch nicht werden, indem etwa Theologen Kurpfuscher werden. 
Es mufi schon eben dies ganz deutlich klargelegt werden; und so wird 
dasjenige, was von der Medizinischen Sektion des Goetheanums aus- 
gehen wird, im allerstrengsten Ernste handhaben dasjenige, was den 
Menschen im anthroposophischen Sinne als Heiler vor die Welt hin- 
stellen kann, aber das mufi auch eine reale Einrichtung werden, und 
es wird notwendig sein, daft die Stellung desjenigen Arztes, der im 
Sinne der Medizinischen Sektion am Goetheanum wirken will, in ein- 
deutiger Weise zu dieser Sektion bestimmt wird. Es wird auch nicht 
anders gehen, als dafi diese Einrichtung eine ganz reale wird, so dafi 
es schon dahin kommen kann, daft in einem gewissen Sinne kiinftig 
Arzt ein solcher sein kann, der eben Arzt in der Richtung der Medizi- 
nischen Sektion am Goetheanum ist. Nun, meine lieben Freunde, da- 
mit wird auch gerechtfertigt sein, dafi wir vermieden haben, Heiler, 
die nicht Arzte sind, zu diesem Kurs zuzulassen. So daft diejenigen, 
die heute als Arzte hier sitzen, durchaus auch im Sinne der Welt die 
Arzteschaft in Anspruch nehmen konnen - im wesentlichen, geringe 
Ausnahmen abgerechnet. 

Damit haben wir uns vielleicht iiber den einen Punkt, meine lieben 
Freunde, verstandigt. Aber der Punkt wird, indem ich ihn zunachst 
andeutend, mehr verwaltungsmafiig besprochen habe, seiner Recht- 
fertigung nach, durchaus Gegenstand der Pastoralmedizin selber 
sein. Als vor einiger Zeit von theologischer Seite die Anregung aus- 



gegangen ist, fur die Theologen etwas Medizinisches zu bieten, da 
konnte ich nicht anders als diese Anregung beantworten damit, daft 
ich sagte: Nun, ich werde einen Kurs iiber pastorale Medizin halten, 
daran konnen ja die Theologen teilnehmen. Und so ist denn dieser 
Kurs iiber Pastoralmedizin von der Medizinischen Sektion des Goe- 
theanums veranstaltet, und die Theologen nehmen daran teil. Wir 
miissen iiber die ganze Struktur dieser Einrichtung hier vollig im kla- 
ren sein. 

Nun, meine lieben Freunde, Pastoralmedizin war zuletzt eigent- 
lich nicht ein Fach innerhalb der medizinischen Fakultat, sondern ei- 
gentlich innerhalb der theologischen Fakultat; und diese Pastoralme- 
dizin, die auf den theologischen Fakultaten gepflegt worden ist, ent- 
hielt eigentlich nichts spezifisch Medizinisches. Oder ich mochte fra- 
gen: Hat einer der akademisch gebildeten Arzte, die hier sind, inner- 
halb seines Fachstudiums auf der medizinischen Fakultat selbst Pasto- 
ralmedizin lernen konnen? Ich bitte, die Hand zu heben, wer es hat. 
Es kommt im Lektionskatalog der medizinischen Fakultat nicht vor, 
dagegen spielt es schon eine Rolle in katholisch-theologischen Fakul- 
taten. Innerhalb evangelischer Fakultaten spielt es kaum mehr eine 
Rolle, aber innerhalb der katholisch-theologischen Fakultat spielt die 
Pastoralmedizin eine Rolle, und das aus gutem Grunde. Nur enthalt 
sie nichts Medizinisches. Sie enthalt im wesentlichen Folgendes: Er- 
stens dasjenige, was der Seelsorger innerhalb der Seelsorge braucht, um 
seelsorgerisch wirken zu konnen, nicht nur bei denjenigen Menschen, 
die als Gesunde seiner Seelsorge anvertraut sind, sondern auch bei den- 
jenigen, die als Kranke seiner Seelsorge anvertraut sind. Aber fur die 
Seelsorge hat er zu wirken; und da ist schon eine Nuance verschieden, 
ob man fur die Seelsorge eines Kranken, besonders eines Schwerkran- 
ken zu wirken hat, oder ob man fur die Seelsorge eines Gesunden zu 
wirken hat. Da handelt es sich darum, wie man die Seelsorge zu ge- 
stalten hat bei Kranken, eventuell Schwerkranken, wie man sich da zu 
verhalten hat. Dagegen habe ich im Grunde genommen noch kein 
Buch iiber Pastoralmedizin kennengelernt, in dem nicht ausdriicklich 
und wiederholt gesagt wird, daft zu den ersten Pflichten des Seelsorgers 
dies gehort, daft er zunachst mit Rat und Tat beistehe, daft der rich- 



tige Arzt gefunden werde, dafi er aber ja sich zu enthalten habe jedes 
arztlichen Eingriffes. Ich berichte in diesem Falle. 

Ein zweites wesentliches Kapitel der Pastoralmedizin ist dieses, dafi 
die Fragen beantwortet werden, welche zusammenhangen mit dem 
Hygienischen von religios-kultusartigen Mafinahmen. Dafi also zum 
Beispiel fur den Laien das Gesundheitliche oder das Gesundheitsschad- 
liche des zeremoniell vorgeschriebenen Fastens besprochen wurde, oder 
auch, dafi dasjenige, was zu sagen war durch die arztliche Wissenschaft, 
sagen wir iiber die Einrichtung der Beschneidung, oder ahnliches. Fur 
den Priester selber - wir haben es eben hauptsachlich mit katholischen 
Fakultaten zu tun - ist auseinandergesetzt worden dasjenige, was in 
hygienisch-medizinischer Weise iiber die Askese zu sagen ist. Da ist 
gar mancherlei und viel zu sagen. 

Ein weiteres Kapitel sind gewisse Mafinahmen, welche innerhalb, 
sagen wir, einer Gemeinde, in der Priester und Arzt sind, zu ergreifen 
sind im Zusammenhang des Heilens und des Sakramentalismus. Wenn 
eine religiose Gemeinschaft von der Realitat der Sakramentwirkung 
ausgeht - wir werden gleich weiter dariiber zu sprechen haben -, so 
bedeutet das in der Tat etwas, was sich mit den Eingriffen, die durch 
die Heilmittel geschehen, begegnet, und wir haben in solchen Ein- 
richtungen, wie es zum Beispiel die heilige Ulung ist, etwas, was der 
Priester zu bestreiten hat, neben dem Arzt am Krankenbett. Wir ha- 
ben auf diesem Gebiete die Frage zu beantworten, respektive die bis- 
herige Pastoralmedizin beantwortet sie, welche Bedeutung der Emp- 
fang des Sakramentes des Abendmahles hat nach iiberstandener Krank- 
heit und dergleichen. Wenn Spirituelles in Betracht kommt, dann 
kommt durchaus das Zusammenwirken des Sakramentes mit dem Hei- 
lungsvorgang beim Menschen in Betracht. 

Ein weiteres Kapitel ist dasjenige - und das ist ein sehr ausfiihr- 
liches Kapitel innerhalb der Pastoralmedizin -, welches sich damit 
beschaftigt, wie sich der Seelsorger zu verhalten hat im Einklang mit 
dem Arzt beim Psychopathen, bei seelisch minderwertigen oder bei 
seelisch abnormen Personlichkeiten. Die Seelsorge wird modifiziert 
fiir solche psychopathische Menschen. Das war im wesentlichen die 
Aufgabe, welche sich die bisherige Pastoralmedizin gestellt hat, und 



welche in ziemlich ausfiihrlicher Weise unter fortwahrender Berufung 
auf die kirchenvaterlichen Stellen dariiber durch die Jahrhunderte hin- 
durch abgehandelt wurden. 

Das ist ein Gebiet, das ja uns, die wir innerhalb einer Erneuerung 
des Geisteslebens stehen, nicht in demselben Lichte erscheinen kann. 
Dafiir ergeben sich gerade aus den anthroposophischen Grundanschau- 
ungen heraus wichtige, sehr wichtige Aufgaben fiir eine neue Pastoral- 
medizin. Und inwiefern sich solche Aufgaben ergeben, wir konnen es, 
meine lieben Freunde, studieren, wenn wir die Sache von zwei Seiten 
her betrachten. Betrachten wir sie zunachst von der medizinischen Seite 
aus. 

Womit haben wir es bei der Therapie zu tun? Wir haben, wenn wir 
das Heilmittel oder den Heilprozefi auf den kranken Menschen ein- 
wirken lassen, es immer damit zu tun, dafi wir in der zu erzeugenden 
Wirkung einer Substanz oder eines Prozesses, eines physischen oder 
geistigen oder seelischen, da uberall iiber dasjenige hinausgehen, was 
der sogenannte normale Wechselverkehr des Menschen mit der Um- 
welt ist. Gleichgultig, welche Therapie wir anwenden, uberall ge- 
hen wir hinaus iiber dasjenige, was der Mensch im alltaglichen Leben, 
sei es bei der Nahrungsaufnahme, sei es beim Exponieren gegen- 
iiber Licht und Luft oder beim Exponieren seelischen Einfliissen ge- 
geniiber tut, uberall gehen wir iiber das hinaus in der Therapie. Selbst 
schon einen kleinen Schritt gehen wir hinaus, wenn wir die Diat fest- 
stellen, iiber das, was der Mensch in dem alltaglichen Wechselverkehr 
mit der Umwelt einhalt. Wir lassen die Heilmittel einwirken auf den 
Menschen. Ist das Heilmittel eine physische Substanz, so geht in der 
Folge der Einwirkung des Heilmittels ein anderer Vorgang vor sich 
als bei der blofien Nahrungsaufnahme. So ist es aber auch bei den an- 
deren therapeutischen Einwirkungen. Stets aber greifen wir mit einer 
therapeutischen Maftnahme in anderer Art auf den Menschen ein, als 
im Leben zunachst auf ihn eingegrif fen wird. Denn wie wird im Leben 
auf den Menschen eingegrif fen oder wie greift er selber ein? Meine 
lieben Freunde, wir haben mit Bezug auf dasjenige, was im Menschen 
Prozesse eingeht im Leben, oder eingehen kann, dreierlei zu unter- 
scheiden: Erstens dasjenige, was im Menschen so wirkt, wie in der 



aufieren Natur das Physikalisch-Chemische; zweitens dasjenige, was 
wirkt im Menschen nicht auf physikalisch-chemische, sondern auf vi- 
talistische Art. Wir haben zu sehen auf dasjenige, was im Leben wirkt, 
aber wir haben drittens zu sehen auf dasjenige, was unmittelbar ein- 
greift in die Region des Bewufttseins. 

1. Physikalisch-Chemisches Tafel 1* 

2. Leben 

3. Bewufitsein 

Hier miissen wir einen wichtigen Begriff feststellen. Im gewohnlichen 
Leben haben wir die drei Bewufkseinszustande des Wachens, Traumens 
und Schlafens. In dem Augenblick, wo wir mit einer wirklich thera- 
peutischen Maftnahme herankommen, greifen wir ein in das Bewuftt- 
sein. Wir greifen mehr oder weniger ein, je nachdem die therapeutische 
Mafinahme ist. Aber dieses Eingreifen geschieht niemals in einer so 
unmittelbaren Weise im sogenannten normalen Verlaufe des Lebens. 
Ifit der Mensch blofi, gibt er sich blofi der gewohnlichen Nahrungs- 
mittelaufnahme hin, dann laufen fort, wenn es sich eben um eine ge- 
wohnliche Nahrungsmittelaufnahme handelt, sein Wachen, Traumen, 
Schlafen in normaler Weise, hochstens daft man irgendwie mit der 
Diat eingreift - da ist aber schon die Grenze verschiebbar - auf den 
Organismus, um einen gesunderen Schlaf herbeizufuhren, als er vor- 
handen ist. Aber es beginnt da schon das Therapeutische. 

Ganz etwas anderes ist es, wenn der Mensch zum Beispiel im Fieber 
ist, durch irgendwelche Umstande, und Sie therapeutisch eingreifen. 
Wiirden Sie mit demselben Mittel, mit welchem Sie im Fieber therapeu~ 
tisch eingreifen, beim gesunden Menschen eingreifen, so wiirden Sie sei- 
nen Bewufitseinszustand andern. Sie miissen also arbeiten als Arzt mit 
demjenigen, was im Grunde genommen zu tun hat mit denBewufitseins- 
zustanden. Wahrend man sonst beim gewohnlichen Wechselverkehr 
des Menschen mit der Umwelt es zu tun hat mit dem Leben, hat man 
es zu tun in der Medizin mit dem Eingreifen in die Bewufitseinszu- 
stande. Sie konnen das iiberall bei jeder therapeutischen Mafinahme 
finden, und es ist das Spezifische einer therapeutischen Maftnahme, 



* 7.11 Hpn Tafpln sirhr anrVi S 1 



dafi sie in dasjenige eingreift, was irgendwie mit der Variabilitat der 
Bewufitseinszustande zu tun hat. Es gibt auch kein anderes wirksames 
Heilmittel als dasjenige, das so tief in die menschliche Wesenheit ein- 
greift, dafi es die menschliche Wesenheit ergreif t bis in diejenigen Quel- 
len hinein, aus denen die Bewufitseinszustande resultieren. Damit aber 
stellen Sie sich als Arzt, als Therapeut unmittelbar hinein in die gei- 
stige Weltordnung. Denn Veranderung der Bewufitseinszustande be- 
deutet, dafi Sie sich hineinstellen in die geistige Weltordnung. Und 
Sie ziehen immer, wenn Sie eine real wirksame Heilung haben, Sie 
ziehen immer gerade durch dieses Herandringen an die Bewufitseins- 
zustande, wenn auch im Unterbewufitsein, das Seelische im therapeu- 
tischen Prozefi heran. Sie bleiben nicht im Physischen. Die gewohnliche 
Nahrungsmittelaufnahme, das gewohnliche Atmen, die sonstigen Vor- 
gange bleiben im Physischen, und mittelbar wirken durch das Physische 
die hoheren Glieder des Menschen. Sie wirken auch und sie wirken 
durch das Physische; dagegen ziehen Sie das Seelische unmittelbar her- 
ein, wenn Sie arztlich wirken, wenn Sie therapeutisch wirken. So kon- 
nen wir sagen: der Arzt tritt heran, wenn er seinen Beruf rich tig ver- 
steht, unmittelbar ans Spirituelle. Es ist nur scheinbar, dafi uns die 
therapeutischen Mafinahmen als blofi physische oder biologische Pro- 
zesse erscheinen. Sind sie wirklich therapeutische Mafinahmen - sonst 
sind sie das niemals -, so ziehen sie immer das Seelische heran, wenn 
das auch zunachst fur das gewohnliche Bewufitsein unbewufit bleibt. 
Aber man sollte nur einmal, meine lieben Freunde, verfolgen, wenn 
wirklich durch einen therapeutischen Prozefi, sagen wir, unmittelbar 
das Fieber herabgesetzt ist, was da im Menschen vorgeht in Wirklich- 
keit. Da wird bis in das Innerste seines Wesens hineingewirkt, wie um- 
gekehrt der Krankheitsprozefi bis ins Innerste des Wesens hineinwirkt, 
die Prozesse im Menschen tiber das blofi Physische und Biologische hin- 
ausbringt. Das ist von der einen Seite. Wir sehen, wie ganz im wesent- 
lichen das Arztsein, das Heilen aus dem Physischen ins Spirituelle durch 
seine eigene Wesenheit hineinfiihrt. 

Nehmen wir ebenso ernst den Priesterberuf . Wenn der Priesterberuf 
nicht blofi ein Lehrberuf ist, sondern wenn er lebt im priesterlichen 
Wirken, dann ist er verbunden mit dem Kultus, und der Kultus schliefit 



in sich den Sakramentalismus. Aber der Sakramentalismus ist kein 
Symbolismus. Der Sakramentalismus -was ist er? Er besteht darin, dafi 
aufiere Vorgange geschehen. Diese aufieren Vorgange, die da gesche- 
hen, tragen etwas in sich, was nicht aufgeht in dem Chemischen oder 
Biologischen, was da geschieht, sondern was in sich schliefk Orientie- 
rungen, Richtungen, die dem Physischen, Biologischen einverleibt wer- 
den, und die im Spirituellen, im Geistigen ihren Urstand haben. Man 
vollzieht sinnliche Prozesse, in die Spirituelles hineinstromt im Sich- 
Vollziehen. Das geistig Wesenhafte geschieht im Kultus auf sinnen- 
fallige Art. Und dasjenige, was sich da vor den Glaubigen vollzieht, 
vollzieht sich ja zunachst vor dem Bewufksein und es darf sich nichts 
anderes vollziehen als dasjenige, was vor dem Bewufksein sich voll- 
zieht. Sonst ist es kein Kultus, kein Sakrament, sondern Suggestion. 
Der Sakramentalismus, der Kultus im rechten Sinne darf niemals etwas 
von Suggestion an sich haben, aber er hat urn so mehr das Spirituelle. 
Er spielt sich vor dem Bewufksein ab, wirkt aber hinein in das Leben. 

Der Mensch ifk nicht blofi beim Abendmahl die Substanz, die ihm 
gereicht wird; dann hatte man es nicht mit einem Sakrament zu tun. Es 
handelt sich auch nicht um ein Symbol, sondern es handelt sich um 
etwas, was in sein Leben eingreift, weil das Sakrament aus der Orien- 
tierung der geistigen Welt heraus vollzogen wird, zelebriert wird, so 
dafi man sagen kann: Therapie fuhrt das Leben hinein ins Bewufksein. 
Der Kultus mit dem Sakramentalismus fuhrt das Bewufksein hinein 
in das Leben. 

Therapie: Leben ► Bewufksein 

Kultus (Sakrament) : Bewufksein -> Leben 

Damit haben Sie die beiden polarischen Tatigkeiten: das therapeu- 
tische Wirken und das Zelebrieren; beide verhalten sich in der Tat po- 
larisch. Im therapeutischen Wirken wird aus dem Leben heraus in das 
Bewufksein hineingearbeitet und das Bewufksein wird zum Mithelfer, 
allerdings zu einem im gewohnlichen Bewufksein unbewufken Mit- 
helfer beim therapeutischen Prozefi. Beim Zelebrieren wird das Leben 
zum Mithelfer gemacht desjenigen, was vor dem Bewufksein sich voll- 



zieht. Beides, meine lieben Freunde, nicht blofi so schematisch, wie es 
jetzt vor Sie hingestellt ist, sondern tief innerlich geistig erfafit, bedarf 
in der Regel des ganzen Menschen, wenn es Beruf wird. Und nur, weil 
wir innerhalb unserer Zivilisation in der Therapie hinausgekommen 
sind aus dem Geistigen und in der Theologie hinausgekommen sind 
aus dem Konkreten, weil wir innerhalb unserer Zivilisation uns in der 
Therapie verirrt haben in den Materialismus und in der Theologie in 
die Abstraktion, ist heute das wahre Verhaltnis ganz und gar zuge- 
deckt. Aber dieses wahre Verhaltnis mufi wieder ergriindet werden, 
mufi wieder zur Wirksamkeit kommen. Es mufi wiederum ersichtlich 
werden, wie der Arzt schon fur die Diagnose braucht den geschulten 
Blick, der ihm einen biologischen oder sogar physischen Vorgang im 
menschlichen Organismus im Lichte spiritueller Prozesse - denn alle 
Prozesse im menschlichen Organismus sind spirituell - erscheinen lafit, 
so daft der Arzt den geschulten Blick schon bei der Diagnose braucht 
und noch mehr bei der Therapie fur das Aufleuchten des Geistigen 
im Physischen. 

Der Priester braucht den geschulten Blick fiir das Aufleuchten des 
physischen Bildes fiir einen geistigen Vorgang. Wiederum das Pola- 
rische. Aber Polaritaten miissen immer in der Welt zusammenwirken; 
auch diese beiden Polaritaten miissen zusammenwirken. Und wie sie 
zusammenwirken miissen, das wird gerade die Aufgabe sein, die inner- 
halb der Anthroposophie zu ergriinden ist, die aber auch innerhalb der 
Anthroposophie zur wirklichen Ausfiihrung kommt; so dafi denkbar 
ist, meine lieben Freunde, dafi aus diesem Zusammensein innerhalb des 
Kursus uber Pastoralmedizin tatsachlich fiir die Zukunft geschaffen 
werden kann der anthroposophische Arzt, der aus seinem Verhaltnis 
zur geistigen Welt in das rechte Verhaltnis zum Priester treten kann, 
der wiederum aus der Bewegung fiir christliche Erneuerung heraus- 
wachst. Es wird sich etwas ganz Spezielles ergeben fiir den Arzt und 
fiir den Priester, und daraus kann dann das rechte Zusammenarbeiten 
entstehen. 

Denn was kann in diesem Falle nur Zusammenarbeiten heifien, 
meine lieben Freunde? Zusammenarbeiten kann nicht heifien, dafi der 
Priester arztet dilettantisch und der Arzt priestert dilettantisch. Das 



kann es nicht heiften. Denn wenn das Zusammenarbeiten darin be- 
stiinde, daft der Priester ein biftchen etwas von Medizin weift, der Arzt 
etwas mitmacht vom Kultus der Priesterschaft, dann mochte ich wis- 
sen, warum sie zusammenarbeiten sollen. Denn wozu sollte sich denn 
der Arzt interessieren, der geschult ist, fur den priesterlich-arztlichen 
Dilettantismus? Es ist gar keine Veranlassung dazu. Und warum sollte 
denn fur irgend etwas Priesterliches in der Arzteschaft sich der Prie- 
ster anders interessieren, als wenn der Arzt einen Seelsorger braucht? 
Dagegen ist der Arzt ein tiichtiger Arzt, steht er drinnen im Medizi- 
nischen, ist der Priester der richtige Priester, dann konnen sie zusam- 
menarbeiten. Zusammenarbeiten heifit doch, daft man sich gegenseitig 
das gibt, in dem man tiichtig ist, nicht daft der eine in die Sphare des 
anderen eingreift. 

Gerade dadurch aber, daft ein solches Zusammenarbeiten statt- 
findet, gerade dadurch wird sich fur die Kultur ein Allerwich- 
tigstes ergeben, das ergeben, daft durch diesen herbeigefuhrten 
wechselseitigen Verkehr erst das wahre Verstandnis des Arztes 
fur den Priester, des Priesters fur den Arzt entsteht, so daft 
der Priester so viel weift vom Arzten, als ihm notig ist, der Arzt 
so viel weift vom Beruf und der Mission des Priesters, als ihm wieder 
notig ist. Es wird sich dann spater ergeben, inwieweit wiederum beide, 
Arzt und Priester, im Zusammenwirken mit dem Padagogen etwas 
Heilsames fiir die Menschheit wirken konnen. Aber das wird wieder 
eine besondere Aufgabe sein. Auch da wird es ein Zusammenwirken 
geben, gerade da in der mannigfaltigsten Weise, weil ja in der Tat Pad- 
agogik wieder etwas ist, was von einem anderen Gesichtspunkte aus 
zu betrachten ist. Der Priester kann nicht Arzt, der Arzt nicht Priester 
werden, insoferne sie Arzt oder Priester sind. Beide aber konnen in 
einem gewissen Sinne Padagogen sein, aber man mufi alle Arten dieses 
Zusammenwirkens in ganz konkreter Weise auffassen. Deshalb mochte 
ich Sie unter den Wahrheiten, die die Pastoralmedizin uberliefern soil, 
zunachst fiir heute bitten, auch diese zu zahlen, die in der Warnung 
vor dem chaotischen Ineinanderwerfen liegt, in dem Daraufbestehen, 
daft alles aus wirklichen sachlichen und fachlichen Grundlagen her- 
ausgearbeitet werde. Der Priester wird dem wirklichen Arzt dann 



ein wirklicher Heifer sein, wenn er dahin wirkt, dafi der arztliche Di- 
lettantismus zuriickgewiesen werde. Das wird mit zu seinen Aufgaben 
gehoren. Und der Arzt wird manches tun konnen, gerade am Kran- 
kenbett, um die Priesterwirkung da zur rechten Geltung zu bringen, 
wo sie oftmals in der allerrealsten Weise in das Leben einzugreifen 
hat: am Krankenbett. 

Wir werden morgen diese Betrachtungen fortsetzen. 



ZWEITER VORTRAG 
Dornach, 9. September 1924 



Meine lieben Freunde! Wenn man von den gemeinsamen Angelegen- 
heiten des Priesters und des Arztes spricht, so mufi der Blick zunachst 
auf Erscheinungen kommen im menschlichen Leben, die in der Tat 
leicht ins Pathologische hiniibergleiten, daher des Verstandnisses des 
Arztes bedurfen, die aber auf der anderen Seite wiederum in einer 
aufterordentlichen Weise in das Innere, ich mochte sagen, selbst in das 
Esoterische des religiosen Lebens hineinspielen. Wir miissen uns ja 
durchaus klar sein dariiber, daft eigentlich alle Zweige der mensch- 
lichen Erkenntnis iiber etwas Grobes wiederum hinauskommen miis- 
sen, das in der materialistischen Epoche in sie hineingekommen ist. Wir 
brauchen uns nur zu erinnern, wie doch jetzt in einer gewissen Grob- 
heit der Auffassung behandelt worden sind diejenigen Erscheinungen, 
die eine Zeitlang zusammengefafit wurden unter «Genialitat und 
Wahnsinn», grob behandelt worden sind von Lombroso und seiner 
Schule, aber auch von anderen. Wir konnen ebensogut aufmerksam 
machen nicht so sehr auf die Untersuchungen selbst - die haben ja 
ihre Verdienste -, aber auf die Anschauungsweise, die dadurch zutage 
trat, wir konnen ebenso aufmerksam machen auf dasjenige, was auf- 
getreten ist als Kriminalanthropologie und die Schadel untersuchte der 
Verbrecher. Die Gesinnungen, die dabei zutage traten, waren durch- 
aus nicht nur grob, sondern trugen einen gewissen Stempel einer aufter- 
ordentlich starken Philistrositat. Man kann schon sagen - und hier 
diirfen wir uns durchaus solcher Kategorien bedienen, denn es handelt 
sich um ein Grenzgebiet in der Pastoralmedizin -, man kann schon 
sagen, da taten sich im Grunde als Forscher und Denker die Philister 
zusammen, bildeten sich den Typus eines Normalmenschen heraus, der 
moglichst ein Philister war. Und was eben abliegt, das war patholo- 
gisch. Da das Genie nach der einen Seite, der Wahnsinn nach der an- 
deren Seite abwich, so war eben beides in irgendeiner Weise patho- 
logisch. Und da es fur den Einsichtigen ganz selbstverstandlich ist, dafi 
jede pathologische Eigentumlichkeit sich auch korperlich ausdriickt, 



so ist es ganz selbstverstandlich, dafi in korperlichen Merkmalen nach 
der einen oder anderen Richtung hin Zeichen gefunden werden kon- 
nen. Es handelt sich ja darum, diese Zeichen in der richtigen Weise zu 
durchschauen. Gewifi ist ein Ohrlappchen unter Umstanden aufier- 
ordentlich charakteristisch fiir eine psychologische Eigentiimlichkeit, 
weil solche psychologische Eigentiimlichkeiten doch zusammenhangen 
mit dem Karma, das aber aus friiheren Inkarnationen heriiberwirkt. 

Das, was die Krafte des Aufbaues des physischen Organismus sind, 
namentlich in den ersten sieben Lebensjahren, das sind dieselben Krafte, 
die spater zutage treten. Wir wachsen ja in den ersten sieben Lebens- 
jahren mit den Kraften, mit denen wir spater denken; und so ist es 
schon wichtig und bedeutsam, dafi man gerade, aber nun nicht in der 
hergebrachten, vor kurzem hergebrachten Weise, sondern in einer 
wirklich sachgemafien Art an gewisse Erscheinungen zunachst her- 
angeht. Weniger um sie als pathologisch anzusehen - ins Pathologische 
werden wir schon gefuhrt werden, gerade von diesen Erscheinungen 
aus -, als um von diesen Erscheinungen aus das menschliche Leben ein- 
sehen zu konnen. 

Stellen wir uns einmal ganz ernstlich, meine lieben Freunde, auf 
den Standpunkt, den uns Anthroposophie uber den Menschen gibt. 
Der Mensch tritt uns entgegen in seinem physischen Leib, der eine lange 
Entwickelung hinter sich hat, der als physischer Leib durch drei vor- 
bereitende Stadien, wie ich es beschrieben habe in meiner «Geheimwis- 
senschaft im Umrifi» gegangen ist, bevor er der Erdenleib wurde, der 
zu seinem Verstandnis wahrhaftig mehr braucht als dasjenige, was 
heute in Anatomie und Physiologie ihm entgegengebracht wird. Denn 
ich mochte auch hier darauf aufmerksam machen, dafi ja dieser phy- 
sische Leib des Menschen, so wie er heute ist, ein getreues Abbild ist 
des atherischen Leibes, der in seiner dritten Epoche ist, des astrali- 
schen Leibes, der in seiner zweiten Epoche ist, und auch bis zu einem 
gewissen Grade der Ich-Organisation, die der Mensch erst auf der Erde 
aufgenommen hat, die also in ihrer ersten Epoche ist. Das alles pragt 
sich wie Siegelabdriicke in dem physischen Leib des Menschen aus. Das 
macht den physischen Leib dann aufierordentlich kompliziert, so wie 
er uns heute entgegentritt. Er ist nur seiner rein mineralisch-physi- 



schen Beschaffenheit nach mit den Erkenntniskraften durchschaubar, 
mit den en man heute an ihn herantritt. Dasjenige, was der Atherleib 
in ihn einpragt, das ist gar nicht mit diesen Erkenntniskraften durch- 
schaubar. Es mufi mit den Augen des plastischen Kunstlers gesehen 
werden. Das mufi gesehen werden so, dafi man sich erwirbt Anschau- 
ungen, Bildgestaltungen, die aus den Kraften des Weltenalls heraus 
erfafit werden und die man wiedererkennt in den Formen des ganzen 
Menschen, wiedererkennt in den Formen der einzelnen Organe. 

Fernerhin ist dieser physische Mensch ein Abbild desjenigen, was in 
der Atmungs-Blutzirkulation ist. Die ganze Dynamik, die in der Blut- 
zirkulation und Atmungszirkulation wirkend webt, die ist aber musi- 
kalisch orientiert, die kann man nur verstehen, wenn man sie in musi- 
kalischen Formen denkt. Man kann sie nur verstehen, wenn man zum 
Beispiel so denkt, dafi man, sagen wir im Knochensystem sieht das- 
jenige, in das hineingeflossen sind die Bildekrafte, die dann im feineren 
in der Atmung und in der Zirkulation tatig sind, aber nach musika- 
lischen Gestaltungskraften. Wir konnen geradezu wahrnehmen, wie 
die Oktave ausgeht riickwarts von den Schulterblattern und den Kno- 
chen entlang geht, und dafi die Arme in ihrer Knochenformation nicht 
verstanden werden konnen aus einer mechanischen Dynamik heraus, 
sondern wenn man ihnen ein musikalisches Verstandnis entgegen- 
bringt. Da finden wir die Prim von den Schulterblattern bis zum An- 
satz der Oberarmknochen, wir finden die Sekund im Oberarmknochen, 
die Terz vom Ellenbogen bis zum Handgelenk. Wir finden da zwei 
Knochen, weil es zwei Terzen gibt, eine grofie und eine kleine und so 
weiter. Kurz, wenn wir dasjenige, was in der Atmung und Blutzirku- 
lation beherrscht ist vom astralischen Leib, im Abdruck im physischen 
Leibe wieder suchen, miissen wir musikalisches Verstandnis entgegen- 
bringen. 

Noch komplizierter ist das Verstandnis von der Ich-Organisation. 
Da ist es notig zu begreifen, was angedeutet ist im ersten Vers des 
Johannes-Evangeliums: «Im Urbeginne war das Wort ...» Was da als 
Verstandnis des Wortes gemeint ist im Konkreten, nicht im Abstrakten, 
wie es die Evangelien-Interpreten gewbhnlich geben, das, wieder an- 
gewandt im Konkreten auf den wirklichen Menschen, gibt dann ein 



Verstandnis von dem, wie die Ich-Organisation eingreift in den phy- 
sisch-menschlichen Leib. 

Sie sehen, wir miiftten noch mancherlei in unsere Studien aufneh- 
men, wenn diese Studien wirklich zum Verstandnis des Menschen fiih- 
ren sollten. Aber da es meine Uberzeugung ist, daft sowohl vom Me- 
dizin- wie vom Theologiestudium aufterordentlich viel ausgelassen 
werden konnte, so glaube ich, daft wenn man alles Wertvolle heraus- 
nehmen wiirde, die Zahl der Jahre, die heute zum Beispiel ein Medizin- 
student braucht, nicht verlangert, sondern gekiirzt werden konnte. 
Aber natiirlich denkt man heute, wo man materialistisch denkt: wenn 
man etwas Neues auf nimmt, stiickelt man ein halbes Jahr an die Kurse, 
die ohnehin schon vorhanden sind. 

Wenn man sich ernsthaft auf den Standpunkt stellt, den wir in der 
Anthroposophie einnehmen miissen, so stellt der Mensch sich uns ge- 
geniiber in seinem physischen, atherischen und astralischen Leibe und 
in seiner Ich-Organisation. Wahrend des Wachens sind diese vier Glie- 
der der menschlichen Organisation in inniger Verbindung. Wahrend 
des Schlafens stellt sich auf die eine Seite der physische Leib und der 
Atherleib, und entgegen auf die andere Seite die Ich-Organisation und 
der Astralleib. Wenn wir uns ernsthaft auf diesen Standpunkt stellen, 
dann werden wir uns ja sagen konnen, daft in der mannigfaltigsten 
Weise Unregelmaftigkeiten auftreten konnen in der Verbindung der 
Ich-Organisation, des astralischen Leibes mit dem atherischen Leibe 
und dem physischen Leibe und so weiter. Sehen Sie, es kann zum Bei- 
spiel dieses eintreten, sagen wir, ich wiirde - schematisch selbstver- 
standlich - hier den physischen Leib zeichnen, den Atherleib, den 

Tafd2 Astralleib, die Ich-Organisation (Tafel 2, links): so kann im wachen 
Zustande immer die sogenannte normale Beziehung herrschen zwischen 
diesen vier Gliedern der menschlichen Organisation. 

Es kann aber auch so sein, daft zunachst der physische Leib und der 
Atherleib in einer Art normalem Zusammenhang sind, daft auch noch 
der astralische Leib verhaltnismaftig drinnensitzt, daft aber die Ich- 
Organisation in einer gewissen Weise nicht ordentlich im astralischen 

Tafel 2 Leibe drinnensitzt (Tafel 2, Mitte). Wir haben dann eine Unregelma- 
ftigkeit, die uns zunachst in der wachen Organisation entgegentreten 



kann. Der Mensch kommt mit seiner Ich-Organisation nicht gut in 
seinen astralischen Leib hinein. Dadurch ist sein Empfindungsleben 
durchaus gestort. Er kann sogar sehr lebhaft Gedanken bilden, denn 
die Gedanken uberhaupt hangen von dem normalen Zusammenhang 
des astralischen Leibes mit den anderen Leibern ab. Aber ob mit diesen 
Gedanken auch die Sinnesempfindungen in der entsprechenden Weise 
erfafit werden, das hangt davon ab, dafi die Ich-Organisation normal 
mit den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit verbunden ist. 
Ist das nicht der Fall, hangt sozusagen die Ich-Organisation nicht 
ordentlich mit den anderen Gliedern der menschlichen Wesenheit zu- 
sammen, dann werden die Sinnesempfindungen verblassen. In dem- 
selben Mafie, in dem die Sinnesempfindungen verblassen, in demselben 
Mafie werden die Gedanken intensiver. Fast gespenstisch treten sie auf , 
nicht so rein, wie wir sie sonst haben. Das Seelenleben eines solchen 
Menschen verfliefit so, dafi seine Sinnesempfindungen etwas Ver- 
schwindendes, Nebelhaftes haben, dafiir aber die Gedanken etwas 
Lebendiges, Intensiviertes, Koloriertes haben, das fast den Eindruck 
schwacher Sinnesempfindungen hervorruft. 

Schlaft dann ein solcher Mensch, dann ist auch wahrend des Schla- 
fes die Sache so, dafi die Ich-Organisation nicht ordentlich im astra- 
lischen Leib drinnen ist. Die Folge davon ist, dafi jetzt aufierordentlich 
starke Erlebnisse mit den Feinheiten der aufierlichen Welt auftreten. 
Solch ein Mensch erlebt in demjenigen Teile der Welt, wo er eben ist, 
mit seinem Ich und seinem astralischen Leib, wenn er aufier dem 
physischen und atherischen Leib ist, die Feinheiten der Pflanzen, 
die Feinheiten des Obstgartens um sein Haus herum. Nicht das, was 
man bei Tage sieht, sondern die Feinheiten des Geschmacks der Apfel 
und dergleichen. Das ist schon so, dafi das erlebt wird. Und dazu ver- 
blafite Gedanken, die im astralischen Leibe nachwirkende Krafte dar- 
stellen, aus dem wachen Leben nachwirkende Krafte darstellen. 

Sehen Sie, es ist jetzt schwer, wenn man einen solchen Menschen 
vor sich hat, und man kann ihn in irgendeiner Variante in den mannig- 
faltigsten Lagen des Lebens vor sich haben, man kann ihn als Arzt 
vor sich haben, man kann ihn als Priester vor sich haben, sogar als 
ganze Kirche ihn vor sich haben. Er tritt einem in irgendeiner Form, 



meinetwegen in einem Dorfe entgegen. Der Arzt sagt heute, nament- 
lich wenn er ihn in irgendeinem Friihstadium des Lebens findet: Psycho- 
pathologische Minderwertigkeit. - Der Priester, namentlich wenn er 
ein gutgeschulter, sagen wir ein gutgeschulter Benediktiner ist - die 
Weltpriester in der katholischen Kirche sind zuweilen nicht so gut 
geschult aber wenn er ein gutgeschulter Benediktiner, Jesuit oder 
Barnabit oder dergleichen ist, dann weifi er auf esoterische Art, dafi 
man aus den Dingen, die da erzahlt werden von einem solchen Men- 
schen - fur den modernen Arzt ist es eine psychopathologische Min- 
derwertigkeit -, dafl man aus diesen Dingen, die da erzahlt werden, 
wenn man sie richtig interpretiert - trotzdem man einen Menschen vor 
sich hat, der hart an der Grenze stent zwischen Gesundheit und Krank- 
heit, dessen Nervensystem zum Beispiel durchaus in pathologischem 
Sinne aufgefafit werden kann wenn man einen solchen Menschen mit 
durchaus labilem Gleichgewicht in den zutage tretenden Seelenkraften 
vor sich hat, die ganz anders wirken als beim sogenannt normalen Men- 
schen, dann weifi man, dafi einem doch aus diesen Dingen, wenn man 
sie richtig interpretiert, echte Offenbarungen aus der geistigen Welt 
entgegenkommen konnen, wie schliefilich von dem Wahnsinnigen sel- 
ber - nur ist der Wahnsinnige nicht berufen dazu, sie zu interpretieren, 
sondern nur derjenige, der die ganze Sache durchschaut. Man kann ihn 
also als Arzt vor sich haben, und wir werden sehen, wie wir ihn in 
einem anthroposophischen Sinne arztlich anzuschauen haben. Man 
kann ihn als Priester vor sich haben, man kann ihn auch als Kirche 
vor sich haben. 

Nun kann es aber sein, dafi er sich sogar weiterentwickelt und dann 
kommt etwas ganz Besonderes heraus. Nehmen wir an, er entwickelt 
sich weiter, dieser Mensch. In einem gewissen Lebensalter ist er so, wie 
ich ihn gezeichnet habe. Nehmen wir an, er entwickelt sich weiter, es 
entsteht eine starkere Anziehung des nicht ganz im normalen Verhaltnis 
zu den anderen Gliedern stehenden Ichs, so dafi spater dieses zustande 
Tafel 2 kommt (Tafel 2, rechts). Wieder ist der physische und atherische Leib 
sozusagen normal in Verbindung, aber die Ich-Organisation zieht den 
astralischen Leib an sich, und der will jetzt auch nicht ganz drinnen 
sein. Jetzt ist die Ich-Organisation und der astralische Leib mehr an- 



einandergebunden und alle beide zusammen kommen nicht ordentlich 
in den physischen und den Atherleib hinein. Bei einem solchen Men- 
schen kann das Folgende eintreten. Wir gewahren an ihm, daft er nicht 
imstande ist, seinen physischen Leib und Atherleib ordentlich zu be- 
herrschen vom astralischen Leib und Ich aus. Er kann den Astralleib 
und die Ich-Organisation nicht richtig vorschieben in die aufteren 
Sinne. So daft alle Augenblicke ihn die Sinne verlassen, Uberhaupt 
die Sinnesempfindungen verblassen und er in eine Art Taumel-Traum- 
zustand kommt. Aber es konnen dann in der mannigfaltigsten Weise 
gerade die moralischen Impulse mit einer besonderen Starke auftre- 
ten. Sie konnen konfus auftreten, aber sie konnen auch in einer aufier- 
ordentlich kasuistisch groftartigen Weise auftreten, wenn die Organi- 
sation so ist. 

Und wiederum findet der Arzt da in diesem Falle, daft eigentlich 
wesentliche organische Veranderungen schon da sind in der Konsistenz 
der Sinnesorgane und der Nervensubstanz. Die beachtet er weniger; 
aber namentlich wird er finden, daft starke Abnormitaten in den fei- 
neren Driisen und in der Hormonbildung da sind, in denjenigen Drii- 
sen, die wir als Nebennieren bezeichnen, und in den Driisen, die hier 
am Halse als kleine Driisen in der Schilddruse versteckt sind. Nament- 
lich sind in einem solchen Fall Veranderungen der Hypophysis cerebri 
und Epiphysis cerebri da. Das wird schon mehr beachtet als die Ver- 
anderungen, die im Nervensystem und im ganzen Sinnessystem vor- 
handen sind. 

Der Priester kommt an einen solchen Menschen heran; dieser Mensch 
erzahlt ihm von dem, was er unter einer solchen Konstitution erlebt. 
Er erlebt unter einer solchen Konstitution etwa ein besonders starkes 
Sundengefuhl, ein verstarktes Sundengefuhl, als sonst Menschen ha- 
ben. Der Priester kann Mannigfaltiges lernen, und katholische Prie- 
ster tun das. Sie lernen gerade von solchen Menschen die extreme Aus- 
bildung dieses bei den anderen schwach entwickelten Sundengefuhls. 
Die Nachstenliebe kann bei einem solchen Menschen bis zu ungeheurer 
Intensitat anwachsen, so daft ein solcher Mensch gerade durch seine 
Nachstenliebe in mannigfaltige Note kommt, die er dem Priester dann 
beichtet. 



Aber es kann noch weitergehen. Es kann jetzt dazu kommen, daft 
der physische Leib verhaltnismaftig vereinsamt bleibt, daft der Ather- 
leib dauernd oder zeitweise nicht ganz hineingeht in den physischen 
Leib, daft dann der astralische Leib, der Atherleib und die Ich-Organi- 
sation nahe miteinander verbunden sind und die physische Organisa- 
Tafel3 tion drauften ist (Tafel 3). Man wird, wenn man sich heutiger mate- 
rialistischer Ausdriicke bedient — aber wir werden aus diesen heraus- 
wachsen im Laufe der Stunde -, einen solchen Menschen in den haufig- 
sten Fallen empfinden als einen hochgradig schwachsinnigen Menschen, 
der nach keiner Richtung hin, auch nicht nach der Willensrichtung 
vom Geistig-Seelischen aus, seine physischen Glieder beherrschen kann. 
Solch ein Mensch zieht gewissermaften die physische Organisation 
nach. Ist von vornherein der Mensch so organisiert, dann empfindet 
man ihn auch wirklich als schwachsinnig, weil der Mensch im gegen- 
wartigen Stadium der Erdentwickelung, wenn das alles, die Ich-Orga- 
nisation, die astralische Organisation und der Atherleib, so isoliert ist, 
und einsam der physische Leib nachgeschleppt wird, dann nicht wahr- 
nehmen kann, nicht tatig sein kann, sich nicht erleuchten kann an Ich- 
Organisation, astralischem Leib und Atherleib; so bleibt das dunkel, was 
er erlebt, und er geht wie betaubt in seinem physischen Leib herum. Es 
ist in hohem Grade Schwachsinn vorhanden, und man muft nachden- 
ken, in diesem Stadium, wie man in die physische Organisation die 
anderen Leiber hineinbringen kann. Da kann es sich um padagogische 
Maftregeln, aber auch durchaus um aufierlich therapeutische Maftnah- 
men handeln. Der Priester aber kann in den Fall kommen, daft er ganz 
uberrascht sein kann von dem, was ihm gerade ein solcher Mensch 
beichtet. Der Priester kann sich sehr gescheit fiihlen, aber durchgebil- 
dete Priester - es gibt solche wirklich im Katholizismus; man muft den 
Katholizismus nicht kleinlich beurteilen -, die passen schon auf , wenn 
ein solcher sogenannter Kranker zu ihnen kommt und zu ihnen sagt: 
Was du von der Kanzel verkiindest, es will doch nicht viel besagen. 
Das alles macht nichts aus, das reicht eigentlich nicht bis zur Woh- 
nung Gottes, das hat alles nur aufterlichen Wert. In Gott muft man 
wirklich mit seinem ganzen Menschen ruhen. - Das sagen solche Leute. 
In allem iibrigen Leben benehmen sie sich so, daft man sie fur hoch- 



gradig schwachsinnig halten kann, in der Unterredung mit den Prie- 
stern kommen sie zuweilen mit solchen Dingen. Sie pratendieren, das 
innere religiose Leben intimer zu kennen als die, die berufsmafiig da- 
von reden. Sie haben eine Verachtung fur den, der berufsmafiig davon 
redet und sie nennen das, was sie erleben, die «Ruhe in Gott». Und 
sehen Sie, wieder mufi es sich fiir den Priester darum handeln, Mittel 
und Wege zu finden, anzuknlipfen an dasjenige, was eigentlich ein 
solcher, man kann sagen Patient, man kann aber auch anders sagen, 
was ein solcher Mensch innerlich erlebt. 

Man mufi da ein feines Verstandnis dafiir haben, wie das Patholo- 
gische heruberspielt in allerlei Regionen, die den Menschen zunachst 
unf ahig machen, in der physisch-sinnlichen Welt die rechten Wege zu 
finden, die ihn unfahig machen in einer Weise, wie es das aufiere Le- 
ben von uns alien fordert, zu sein; und wir sind in einem gewissen 
Grade - es mufi so sein - alle fiir das aufiere Leben Philister. Aber 
solche Menschen sind nicht veranlagt dazu, auf Philisterwegen zu ge- 
deihen, sie gehen immer andere Wege. Man mufi als Priester ankniip- 
fen konnen mit demjenigen, was man selber zu geben hat, an das, was 
der andere da erlebt; sehr haufig sind es «die da». Das ist schon dasje- 
nige, was erfordert ein Verstandnis fiir den feinen Obergang vom 
Kranken ins Geistige. 

Aber die Sache kann viel weitergehen. Denken wir uns nun einmal 
folgendes: ein Mensch macht diesen ganzen Entwickelungsgang in ver- 
schiedenen Lebensaltern durch. In einem bestimmten Lebensalter ist 
er in diesem Zustand (Tafel 2, Mitte),wo die Ich-Organisation sich nur Tafel 2 
losgelost hat von den anderen. In einem weiteren Lebensalter riickt er 
zu diesem Zustand vor (Tafel 2, rechts), in einem weiteren zu diesem Tafel 2 
(Tafel 3). Er macht so etwas nur durch, wenn schon der erste Zustand, Tafel 3 
der noch der normale ist, vielleicht wahrend der Kindheit schon An- 
lagen zeigt, in ein labiles statt in ein stabiles Gleichgewicht der Glieder 
hineinzukommen. Wenn der Arzt nun iiber einen solchen Menschen 
kommt, der dazu berufen ist, diese ganzen vier Stadien durchzuma- 
chen - das erste hier etwas abnorm, die anderen aber in dem Sinne, wie 
ich sie schematisch aufgezeichnet habe -, wenn der Arzt uber einen 
solchen Menschen kommt, wird er finden: da ist ein aufierordentlich 



labiles Gleichgewicht vorhanden, da mull man etwas befestigen. Es lafk 
sich in der Regel nichts befestigen. Manchmal ist der Weg in einer 
aufierordentlich intensiven Weise vorgezeichnet; es lafit sich nichts be- 
festigen. Vielleicht, wenn der Arzt dann spater wieder an denselben 
Menschen herankommt, findet er, dafi sich der erste labile Zustand ver- 
wandelt hat in den anderen, wie ich ihn beschrieben habe mit dem 
Nebuloswerden der Sinnesempfindungen, den stark kolorierten Ge- 
danken. Spater findet er ein aufterordentlich starkes Siindenbewufit- 
sein wieder, wovon der Arzt natiirlich, weil jetzt die Sache beginnt, 
stark ins Seelische hinuberzuspielen, nicht gerne Notiz nimmt. Jetzt 
geht dann in der Regel das Leben einer solchen Personlichkeit erst recht 
an den Priester iiber, und namentlich, wenn es zum vierten Stadium 
kommt. 

Nun haben solche Menschen, die diese Stadien durchmachen - was 
mit ihrem Karma, mit ihren wiederholten Erdenleben zusammen- 
hangt -, rein innerlich intuitiv ausgebildet eine wunderbare Termino- 
logie. Sie konnen reden - namentlich wenn sie die Stadien hinterein- 
ander durchmachen, so dafi das erste Stadium nahezu normal war -, 
sie konnen reden in einer wunderbaren Weise iiber das, was sie erleben. 
Sie sagen zum Beispiel als ganz junger Mensch, wenn das labile Stadium 
mit siebzehn oder neunzehn Jahren auftritt: Der Mensch mufi sich 
selbst erkennen. - Und mit Intensitat fordern sie nach alien Rich- 
tungen von sich selbst die Selbsterkenntnis. Hier, wo die Ich-Organi- 
sation heraustritt, kommen sie von selbst auf das aktive meditative 
Leben. Sie nennen es sehr haufig «das tatige Gebet», was ein aktives 
Meditieren ist, und sind sehr dankbar, wenn ihnen irgendein geschul- 
ter Priester Vorschriften gibt iiber das Gebet. Sie gehen dann ganz auf 
in dem Gebet, erleben aber zu gleicher Zeit in diesem Gebet dasjenige, 
was sie jetzt anfangen, mit einer wunderbaren Terminologie zu bele- 
gen. Sie blicken zuriick auf ihr erstes Stadium und nennen das, was sie 
wahrnehmen: die erste Wohnung Gottes, weil sie dadurch, daft sie mit 
ihrem Ich nicht ganz untertauchen in die iibrigen Glieder, sich gewis- 
sermafien auch von innen beschauen, nicht blofi von aufien. Das ver- 
grofiert sich, wenn man von innen beschaut, das wird wie ein weiter 
Raum: die erste Wohnung Gottes. 



Das, was dann auftritt, was ich von einem gewissen Gesichtspunkte 
beschrieben habe, das wird reicher, es wird innerlich gegliedert; der 
Mensch sieht viel mehr von seinem Inneren: die zweite Wohnung Got- 
tes. Wenn das dritte Stadium eintritt, ist die innere Schau von einer 
aufierordentlichen Schonheit, und solche Menschen sagen sich: Ich sehe 
die dritte Wohnung Gottes mit ungeheuren Herrlichkeiten, mit den 
darin wandelnden geistigen Wesenheiten. - Es ist Innenschau, aber es 
ist eine machtige, grandiose Anschauung einer geistwebenden Welt. Die 
dritte Wohnung Gottes oder das Haus Gottes. Das ist in der Sprache 
verschieden. Kommen sie bei dem vierten Stadium an, dann wollen sie 
nicht mehr aufnehmen irgendwelche Ratschlage in bezug auf aktive 
Meditation, sondern sie bekommen gewohnlich die Ansicht, alles mufi 
ihnen durch Gnade selber gegeben werden. Sie miissen warten. Sie spre- 
chen vom passiven Gebet, von der passiven Meditation, die man nicht 
unternehmen darf, die eintreten mufi, wenn sie einem Gott geben will. 
Da mufi der Priester einen feinen Spiirsinn dafur haben, wenn das eine 
Stadium in das andere iibergeht. Dann reden diese Menschen von dem 
«Ruhegebet», wobei der Mensch gar nichts mehr tut, wobei er Gott in 
sich walten lafit. So erlebt er es in der vierten Wohnung Gottes. 

Der Priester kann unter Umstanden aus den Beschreibungen, die 
nun gegeben werden, aus dem, was nun, wenn wir arztlich reden, so ein 
«Patient» spricht, tatsachlich aufierordentlich viel Esoterisch-Theo- 
logisches lernen. Und ist er ein guter Interpret, so wird ihm das Theo- 
logische ungeheuer konkret, wenn er hinhorcht auf dasjenige, was ihm 
solche «Patienten» sagen - ich sage das unter Gansefiifichen -, zu sa- 
gen wissen. Vieles von dem, was namentlich in der katholischen Theo- 
logie gelehrt wird, in der pastoralen Theologie, es riihrt her von dem 
Verkehr von aufgeklarten, geschulten Beichtvatern mit Beichtkindern, 
die sich in dieser Richtung entwickeln. 

Die gewohnlichen Begriffe, die man hat iiber Gesundsein und 
Kranksein, horen auf, ihre Geltung, ihre Bedeutung zu haben. Steckt 
man eine Personlichkeit wie diese in ein Biiro, oder macht man sie zur 
gewohnlichen Ehefrau, wo sie das Kochen beaufsichtigen mufi oder 
sonst etwas im biirgerlichen Leben, so wird sie richtig wahnsinnig, und 
fuhrt sich eben so auf, aufierlich, dafi sie gar nicht anders aufgefafit 



werden kann als wahnsinnig. Bemerkt der Priester im rechten Moment, 
wohin der Weg geht, dirigiert er sie ins Nonnenhafte hinein; lafit er sie 
im entsprechenden Milieu leben, entwickeln sich die vier Stadien hin- 
tereinander, so dafi in der Tat der geschulte Beichtvater durch eine 
solche Patientin in einer ahnlichen Weise im modernen Stil hinein- 
schauen kann in die geistigen Welten wie der griechische Priester durch 
die Pythien, die ihm durch den Rauch, den Dunst der Erde alierlei 
iiber die geistige Welt kundgegeben haben, sich iiber die geistige Welt 
unterrichten liefien. Was hilft es viel, wenn heute einer eine Disserta- 
tion schreibt iiber das Pathologische der griechischen Pythien! Das kann 
man ganz gut, das wird richtig sein, auch exakt sein, aber es ist nichts 
damit getan in einem hoheren Sinne. Denn im Grunde genommen ist 
doch ungeheuer vieles von dem, was aus der griechischen Theologie im 
eminenten Sinne hineingeflossen ist in das ganze griechische Kultur- 
leben, entstanden unter den Offenbarungen der Pythien. Die Pythien 
waren in der Regel Personlichkeiten, die entweder bis zu diesem dritten 
Stadium oder gar bis zum vierten Stadium gekommen sind. Aber den- 
ken wir uns in einer spateren Zeit, eine Personlichkeit mache gerade 
unter der klugen Fiihrung von Beichtvatern diese Stadien so durch, 
dafi sie sich ungehindert hingeben kann ihren inneren Anschauungen, 
dann wird etwas aufierordentlich Wunderbares aus ihr, das deshalb 
doch in einem gewissen Grade pathologisch bleibt. Dann hat es nicht 
nur der Arzt, nicht nur der Priester, dann hat es die ganze Kirche da- 
mit zu tun und beschaftigt sich damit, dafi sie diese Personlichkeit nach 
dem Tode heilig spricht; und das ist die heilige Tberesia, die hat un- 
gefahr diesen Weg durchgemacht. 

Sehen Sie, meine lieben Freunde, an diesen Dingen mufi man sich 
heranschulen, wenn man dasjenige, was in der Verstandigung von Me- 
dizin und Theologie zur Einsicht in die menschliche Wesenheit fuhren 
mufi, wenn man in dem wirken will. Dann mufi man dazu kommen, 
iiber die gewohnlichen Begriffskategorien hinauszukommen, die da 
ihren Sinn verlieren, denn sonst kann man nicht mehr einen Heiligen 
von einem Narren, einen Wahnsinnigen von einem Genie unterschei- 
den, und gar nichts mehr unterscheiden, als wenn einer ein normaler 
Durchschnittsbiirger ist, von all den anderen. 



Das ist die Anschauung der menschlichen Wesenheit, die nun zu- 
nachst mit Verstandnis verfolgt werden mufi, die wirklich ins griind- 
lich Esoterische hineinfiihren kann, die aber ungeheuer aufklarend ist 
nicht nur iiber psychologische Abnormitaten, sondern die aufklarend 
wirken kann auch uber physische Abnormitaten, iiber physisches 
Kranksein. Denn damit solche Stadien eintreten, meine lieben Freunde, 
sind ja gewisse Voraussetzungen notig, Voraussetzungen, die in einer 
gewissen Konsistenz eines solchen Ichs, das nicht ganz hineingeht, und 
eines solchen Astralleibs liegen. Ist aber die Konsistenz nicht fein wie 
bei der heiligen Theresia, sondern grob, dann bildet sich folgendes. Bei 
der heiligen Theresia bildeten sich durch die Feinheit ihrer Ich-Organi- 
sation und die Feinheit ihres Astralleibes plastisch gewisse physische 
Organe, namentlich Unterleibsorgane, sehr an die Ich-Organisation 
und an den astralischen Leib. 

Aber es kann so eintreten, dafi die Ich-Organisation und der astra- 
lische Leib recht grob sind und dennoch diese Eigentiimlichkeit haben. 
Dann tritt noch immer die Moglichkeit auf, weil die Ich-Organisation 
und der Astralleib grob sind, dafi eine solche Personlichkeit ziemlich 
normal sein kann. Aber dann konnen die physischen Korrelate auftre- 
ten, und es ist nur eine physische Erkrankung da. Man mochte sagen: 
man kann die Konstitution haben der heiligen Theresia mit all dem 
Poetischen ihrer Offenbarungen auf der einen Seite und das physische 
Gegenbild in kranken Unterleibsorganen, die sich dann nicht zeigen 
in ihrem Ausleben in der Ich-Organisation und astralischen Organi- 
sation. 

Von all diesen Dingen mufi gesprochen werden. Alle diese Dinge 
miissen durchschaut werden, denn sie treten demjenigen, der Arzt- 
aufgaben hat, und auch demjenigen, der Priesteraufgaben hat, durch- 
aus entgegen, und er mufi ihnen gewachsen sein. Erst dann beginnt 
Theologisch-Religioses wirksam zu sein, wenn der Theologe solchen 
Erscheinungen gewachsen ist. Erst dann wird der Arzt zum Heiler der 
Menschen, wenn er auch solchen Erscheinungen gewachsen ist. 



DRITTER VORTRAG 
Dornach, 10. September 1924 



Meine lieben Freunde! Man sieht in die ganze Wesenheit des Menschen 
dann tief hinein, wenn man solche Betrachtungen, wie wir sie gestern 
angestellt haben, noch ein wenig fortsetzt. Insbesondere sieht man das 
Bedeutungsvolle des Oberganges von Gesundheit zur Krankheit gerade 
an solchen Erscheinungen. Deshalb mochte ich Ihnen die Erscheinung, 
die da steht zwischen gewissen pathologischen Wegen, die in der 
menschlichen Entwickelung eingeschlagen werden, und zwischen einer 
Art naturgemafier Einweihung als Entwickelungsstromung, die zwi- 
schen pathologischen Stromungen der menschlichen Natur und zwi- 
schen der Einweihungsstromung mitten drinnen liegt, und sowohl mit 
dem einen wie mit dem anderen verwandt ist, solche Entwickelung der 
menschlichen Wesenheit mochte ich Ihnen noch etwas auseinander- 
setzen. 

Typisch fur solche Entwickelungen sind solche Personlichkeiten, 
wie eben gerade die gestern erwahnte heilige Theresia. Man kann noch 
anderes beobachten, als ich gestern erwahnt habe, wenn man den 
Entwickelungsweg solcher Personlichkeiten beobachtet. Bei ihnen fin- 
det statt eine Art Hereintreten der geistigen Welt in den Wahrneh- 
mungshorizont des Menschen. Natiirlich ware die Schilderung schwie- 
rig, weil man die Worte, die man gebraucht, nicht eigentlich so hat in 
der gewohnlichen Sprache, daft sie diese abnormen Zustande ganz ge- 
nau charakterisieren. Aber es wird ja verstandlich sein dasjenige, was 
ich Ihnen zu sagen habe. Das, was hereintritt in den Gesichtskreis, 
wird in dem ersten Stadium von solchen Personlichkeiten genannt: der 
Eintritt in die erste Wohnung Gottes. In dem ersten Stadium wirkt 
das wie eine blofie «Anwesenheit». Solche Personen finden, dafi sie 
keine genauen Gesichte etwa haben von demjenigen, was sie als An- 
wesenheit irgendeiner geistigen Wesenheit erleben, sondern sie haben, 
namentlich wenn das Erlebnis zu Ende geht, ein deutliches Empfinden 
davon, dafi die betreffende Wesenheit da war, mit ihnen zusammen 
war. Das Zusammensein ganz im Allgemeinen gehalten, das ist das 



erste, und solange die betreffenden Personlichkeiten in diesem Stadium 
ihrer Entwickelung sind, werden sie sogar unwillig, wenn ihnen ein 
anderer von Visionen und Gesichten erzahlt, weil sie die Meinung ha- 
ben: ihr Erlebnis ist ein viel innigeres, ein vie! intimeres und wahreres. 
Sie sind in diesem Erlebnis so darinnen, daft sie die Empfindung ha- 
ben: Das Obersinnliche darf nicht bis zum Gesicht kommen, sondern 
es muft blofiwie ein allgemeines Erlebnis der Anwesenheitdastehen. Das 
ist das erste. 

Dann aber treten diese Personlichkeiten in das zweite Stadium ein. 
Da erzahlen sie nun schon von wirklich bildhaften Wahrnehmungen 
der anwesenden geistigen Wesenheiten. Namentlich erzahlen sie zu- 
nachst von Beriihrungsempfindungen, von geistiger Handauflegung 
oder selbst Stirnberiihrung und dergleichen, ohne daft zunachst eine 
an die Augenwahrnehmung erinnernde Vision da ist. Aber die Zu- 
stande steigern sich dann bis zu dieser an Augenwahrnehmung erin- 
nernden Vision. Sie konnen sich so steigern, daft eine solche Personlich- 
keit zum Beispiel Jesus wie in wirklicher Person vor sich sieht. Das ist 
in der Regel das zweite Stadium. Es ist das Eigentumliche, daft solche 
Personlichkeiten, wenn sie aus dem ersten in das zweite Stadium ein- 
treten, keine starke Empfindung davon haben, daft, wenn ihnen ein 
anderer von diesem zweiten Stadium erzahlt hat, sie fruher unwillig 
geworden sind. Diese scharfe erinnerungsgemafte Verbindung der zwei 
Stadien ist nicht da. Die Personlichkeiten leben ganz intensiv in den 
jeweiligen einzelnen Stadien. 

Bemerkenswert ist das dritte Stadium, das dann solche Personlich- 
keiten erleben. Dieses dritte Stadium erfahrt tatsachlich in der Schil- 
derung solcher Personen etwas nach alien Richtungen hin scharf Kolo- 
riertes. Diese Personlichkeiten erzahlen davon, wie sie, wenn das Er- 
lebnis kommt, ungeheuer Schmerzvolles durchmachen. So Schmerz- 
volles, daft ja in der Tat, wenn diese Personlichkeiten beobachtet wer- 
den konnen wahrend dieses Erlebnisses, das Schmerzerlebnis sich in 
derselben Weise auslebt als Stohnen und so weiter, wie sich Schmerzen, 
die im physischen Leib und atherischen Leib ihre Ursachen haben, eben 
im Leben aussprechen. Aber das Eigentumliche ist, daft diese Person- 
lichkeiten, sagen wir, dazu kommen, sich diesen Schmerz zu wiinschen 



und ihn als etwas betrachten, das sie haben wollen, weil sie als natur- 
gemaft ansehen, das Erlebnis in der richtigen Weise zu erlangen im 
Durchgang durch den Schmerz. 

Dann steigern sie sich dazu, daft sie den Schmerz innerlich verwan- 
deln. Das ist das ganz besonders interessante Stadium: es wird der 
Schmerz, indem er genau in der Tatsache so bleibt, wie er ist, zum Lust- 
gefiihl, bis zum Wonnegefuhl gesteigert. Das Erlebnis geht also so, daft 
der Schmerz eintritt, der objektive Bestand derselbe bleibt, aber jetzt 
geht es im Geistigen weiter. Wiirde man die Person gleich wieder heraus- 
versetzen aus dem Geistigen, wiirde sie den Schmerz so spiiren wie ein 
Kranker das tut; sie tut das auch, wenn sie wieder zuruckkommt aus 
dem Hb'chststadium des Erlebnisses. Aber in dem Hochststadium des 
Erlebnisses, wo sie nicht mehr das Gefiihl hat: die geistige Wesenheit 
kommt zu ihr, sondern sie hat sich erhoben in die geistige Welt, in die- 
sem Stadium verwandelt sich - man wiirde sagen: subjektiv, aber die 
Ausdriicke stimmen nicht ganz - der Schmerz bis ins Wonnegefuhl hin- 
ein. Und dann tritt die Verobjektivierung, die symbolische Verobjek- 
tivierung des Schmerzes ein. So daft eine solche Personlichkeit dann, 
wenn sie wieder zuruckkommt aus dem Erlebnis und die Erinnerung 
hat - und gerade bei diesem Hochsterlebnis ist zumeist eine deutliche 
Erinnerung vorhanden; es ist nicht eine Erinnerungslosigkeit, sondern 
zumeist eine sehr deutliche Erinnerung vorhanden -, so daft eine solche 
Personlichkeit schildert: Ein Seraphim oder ein Cherubim stand an der 
Seite von ihr, hatte ein Schwert, das stieft er ihr in die Eingeweide, das 
verursachte einen furchtbaren Schmerz; und indem er es herauszog, 
zog er die Eingeweide mit heraus, und gerade nachdem das eingetreten 
ware, dieses Herausziehen der Eingeweide, ware das hochst wonne- 
volle Erleben in der Gegenwart des Gottes erfolgt. 

Sehen Sie, so sind in der Regel die aufeinanderfolgenden Stadien. 
Wir konnen nun diese aufeinanderfolgenden Stadien recht genau ver- 
folgen mit demjenigen, was anthroposophische Erkenntnis ist. Denn, 
sehen Sie, das erste Stadium besteht ja darin, daft die Ich-Organisation, 
nachdem das Vorstadium, das ich gestern beschrieben habe, voriiber 
Tafel 2 ist, in der gestrigen Aufeinanderfolge der Zeichnungen also das zweite 
Mltte Stadium begonnen hat, daft die Ich-Organisation den astralischen Leib 



an sich zieht und mit ihm zusammen erlebt, ohne daft diese Verbin- 
dung von Ich-Organisation und astralischem Leib normal tief eingreift 
in den physischen Leib und in den Atherleib. So daft, was im gewohn- 
lichen Bewufitsein nie vorkommen kann, eigentlich bei solchen Per- 
sonen in einem halbwachen oder viertelswachen oder dreiviertelswachen 
Zustande ein Erleben da ist, das fur sich besteht, und in der Ich-Orga- 
nisation und im Astralleib verlauft, wahrend nebenhergeht in einer 
gewissen Selbstandigkeit das Erleben des atherischen und des physi- 
schen Leibes. Es gehen also parallel Erlebnisse: ein geistiges Erlebnis, 
das in der Ich-Organisation und im astralischen Leibe ablauft, und 
das nur begleitet wird vom Erleben des atherischen Leibes und des phy- 
sischen Leibes. Das ist im normalen Bewufttsein nie der Fall, weil im 
normalen Bewufitsein sehr intensiv alle vier Glieder der menschlichen 
Wesenheit verbunden sind, so daft es keine solche parallel ablaufenden 
Erlebnisse gibt. Da steht alles miteinander in Verbindung. In diesem 
Erleben ist im eminentesten Sinne die Art der Empfindung, die ganze 
Art des Erlebens so, daft der Mensch mit dem, was er erlebt, sich eins 
weifi. Er weifi zunachst als hauptsachlichstes Erlebnis das Einssein, 
denn der astralische Leib, wenn er an die Ich-Organisation herange- 
zogen wird und geistige Entitaten erlebt, dann erlebt er sie als An- 
wesenheit, es ist da. Ungefahr so erlebt man es, wie man den eigenen 
Leib erlebt. Man differenziert nicht in der Wahrnehmung, man erlebt 
ihn nicht als etwas Aufienstehendes, man erlebt sich eins, das ist das 
erste. Das ist das «Erlebnis der Anwesenheit». 

Nun gehen wir zum zweiten Stadium. Das wird dadurch interes- Tafel2 
sant, daft die betreffende Personlichkeit zuerst allerlei Beriihrungs- 
vorstellungen hat, die sehr leicht naturlich von der gewohnlichen Pa- 
thologie verwechselt werden konnen mit dem, was man da auch in 
der Psychiatrie kennt, aber doch nicht dasselbe sind. Dann steigern sie 
sich zu wirklichen Visionen. Es ist das dasjenige Stadium, wo nun Ich- 
Organisation und astralische Organisation auch noch den Atherleib 
nehmen, so daft ein Parallelerlebnis so ist, daft Ich-Organisation, astra- 
lische Organisation und Atherleib etwas herausgehoben aus dem phy- 
sischen Leib miteinander erleben, und parallel gehend der physische 
Leib seine Prozesse abspielen hat. Dadurch tritt etwas Besonderes ein. 



Wenn wir mit den Augen schauen im gewohnlichen Leben, ist der Vor- 
gang so, daft wir von auften, vom Licht gereizt werden, daft wir den 
Reiz weiter aufnehmen nach innen. Er geht dann bis zum atherischen 
Leib, der Reiz, und vom atherischen Leib aus schafft er das Bewuftt- 
seinserlebnis. So ist es zum Beispiel beim Auge auch. Wenn Sie sehen, 
wird der erste Reiz ausgeiibt, der auftere Reiz, der zunachst im Ich er- 
regt wird, in den astralischen Leib eindringt, bis zum Atherleib dringt, 
und der Atherleib ist es dann, der das ganze Bewufitseinserlebnis dem 
Menschen mitteilt, indem er gewissermaften nach alien Seiten stoftt an 
die physische Organisation. In diesem Stofien liegt das Bewufttseins- 
erlebnis. Das ist der genaue Vorgang. Der Vorgang beim Auge, sche- 
matisch dargestellt, wiirde etwa dieser sein (siehe Zeichnung) : der Reiz 



wird ausgeiibt, wirkt zunachst im Ich, geht iiber in den astralischen 
Leib, in den Atherleib, das, was im Atherleib wirkt, stoftt nach alien 
Seiten in das Physische hinein, das Physische stofk zuruck, und der 
Ruckstoft vom Physischen ist das eigentliche Augenerlebnis. Es ist ein 
fortwahrendes Spiel zwischen dem Atherleib und der Aderhaut, der 
Netzhaut. Dasjenige, was der Atherleib in der Aderhaut und in der 
Netzhaut tut, ist dasjenige, was im gewohnlichen Bewufttsein als 
Augenerlebnis eben erscheint. Ahnlich ist es bei jedem Sinneswahrneh- 
men. Fur den, der die Dinge durchschaut, ist jede Schilderung, die in 
den heutigen Psychologien steht oder gar in den Erkenntnistheorien, 
eine furchtbare Kinderei. 

Nun sehen Sie, bei solchen Personlichkeiten, wie ich sie Ihnen ge- 
schildert habe, wird ja der Atherleib unmittelbar ergriffen von dem 



4 




Erlebnis. Das Erlebnis sitzt im Ich, im astralischen Leib, im Ather- 
leib, stofit jetzt nicht an die Sinne, sondern stofit von innen an das- 
jenige, was Nerven-Sinnessystem ist, stofit eigentlich zuerst an das 
Driisensystem, dann an das Nervensystem und von da aus strahlt es 
erst in die Sinne ein, so daft die Sinne ganz in polarisch entgegengesetz- 
ter Weise ergriffen werden wie sonst im gewohnlichen Leben. Statt 
daft durch die Sinne das Bewufitseinserlebnis erregt wird, wird das 
Bewufitseinserlebnis koloriert, intensiviert, bildhaft gemacht, indem 
es von innen gegen die Sinne hin zustrahlt. Dadurch entstehen, in- 
dem gestrahlt wird, in den Empfindungsnerven Beriihrungsvorstel- 
lungen. Das steigert sich bis zur Vision. Sie sehen jetzt den ganzen in- 
neren Vorgang. 

Wenn die Entwickelung weitergeht, dann nimmt sie eben ihre Rich- 
tung weiter, dann will von einer ganz anderen Seite, als es sonst der 
Fall ist, Ich-Organisation, astralischer Leib und Atherleib den physi- 
schen Leib ergreifen, der nicht gewohnt ist, von innen heraus ergriffen 
zu werden, sondern der gewohnt ist, von auften her ergriffen zu wer- 
den. Er soil jetzt von innen ergriffen werden. Es soil derselbe Vorgang 
sich vollziehen mitten im Leben, der sich eigentlich nur vollzieht, wenn 
die geistig-seelische Organisation des Menschen aus der geistig-see- 
lischen Welt heruntersteigt in den physischen Leib drei Wochen nach 
der Empfangnis. Dieser Vorgang, der kann sich ja sonst nicht voll- 
ziehen im gewohnlichen Leben, weil der Atherleib verbunden ist mit 
dem physischen Leib. Jetzt ist der Atherleib herausgehoben von dem 
Ich-Organismus und vom astralischen Leib ergriffen. Man ist wie bei 
der Geburt, wo man von dem physischen Leib Besitz ergreift, und nun 
geht es weiter und man will diesen physischen Leib von einer ganz 
anderen Seite anfassen. Das tut weh. Denn eigentlich besteht auch in 
Krankheitsfallen jeder Schmerz darin, daft in einer anderen Richtung 
angefaftt wird der Korper als in der gewohnten Weise. Das aber ge- 
schieht in dem Augenblick, wo das dritte Stadium erreicht wird. Nun 
braucht es Sie nicht zu iiberraschen, daft dieses dritte Stadium sich 
verobjektiviert, daft es in den physischen Leib eindringt, der ihm Wi- 
derstand leistet, der ohne die regelrechte Initiation nicht so ergriffen 
werden kann, der durchaus, wenn nicht eine regelrechte Initiation da 



ist, eben Widerstand leistet und daher Schmerz verursacht. Er stofit 
im Schmerz zuriick dasjenige, was er erlebt. Das ist das erste Stadium 
des Erlebens, das da ist wiederum fur dieses dritte Stadium. Der phy- 
sische Leib leistet Widerstand, der Widerstand lebt sich aus im Schmerz. 
Was dringt durch den Schmerz ein? Durch den Schmerz dringt die 
wirkliche geistige Welt ein. Die kommt durch den Schmerz. Die geistige 
Welt kommt eben von der anderen Seite. Auf der Seite der gewohn- 
lichen Sinneswahrnehmung, des gewohnlichen Denkens liegt das Er- 
greifen der physischen Welt. Die geistige Welt wird in der entgegen- 
gesetzten Weise ergriffen. Der Weg zu ihr fiihrt durch den Schmerz. 
Aber in dem Augenblick, wo der physische Leib Widerstand leistet, 
ist allerdings der intensive Schmerz da, aber in dem Augenblick, wo 
der Schmerz ergriffen wird von der geistigen Welt, wo die geistige 
Welt eindringt, da verwandelt sich der Schmerz bis zu dem Wonne- 
gefiihl. Es ist schon so. Zunachst ist im Organismus der Schmerz da, 
aber in den Schmerz dringt die geistige Welt ein, durchstromt den 
Schmerz: ein Cherubim oder Seraphim erscheint - so ergibt sich die 
Imagination -, stofit sein Schwert hinein, zieht es heraus - das bedeu- 
tet, dafi man unabhangig wird vom physischen Leibe, so wie man ihn 
gewohnlich hat -, indem er die Gedarme mitzieht. Man erlebt nicht 
in den Gedarmen, sondern ist ubergegangen zum Erleben des Geisti- 
gen. Der physische Schmerz verwandelt sich in Wonne. Die Leute 
sprechen von der Gegenwart Gottes, oder wenn sie differenzieren, von 
der Gegenwart der geistigen Welt. 

Dieses letzte Stadium wird erlebt von solchen Personlichkeiten, 
welche in ihrem Atherleib stark genug sind, um den ganzen Vorgang 
ertragen zu konnen. Es kommt bei diesen Personlichkeiten die Sache 
eben deshalb, weil sie in ihrem Karma begriindet ist. Nehmen Sie zum 
Beispiel eine solche Personlichkeit wie die heilige Theresia. Sie kommt 
aus einer friiheren Inkarnation, in der ihre Seele ganz besonders stark 
geworden ist, sehr stark geworden ist. Sie verkorpert sich als heilige 
Theresia. Sie ergreift, bevor sie den physischen Leib ergreift bei der 
Inkarnation, in intensiver Weise den atherischen Leib. Der wird star- 
ker, innerlich qualitativ intensiver als bei gewohnlichen Menschen. 
Diesen innerlich verstarkten, innerlich qualitativ verstarkten atheri- 



schen Leib tragt sie an sich. Dieser qualitativ verstarkte atherische Leib, 
der tritt entsprechend aus dem physischen Leib heraus, er bindet sich 
stark an den astralischen Leib und an das Ich, weil die an sich auch 
wieder stark sind aus einer friiheren Inkarnation her. Und das ist ja 
der Grund, warum Krankheiten, wenigstens eine gewisse Sorte von 
Krankheiten entstehen, dafi der atherische Leib sich nicht halt an den 
Organen, wenn da die vitalisierenden Ernahrungskrafte drinnen sind 
in dem atherischen Leib. Es geschieht aber solchen Leuten in dem 
Augenblick, wo sie solche Erlebnisse haben vom Aspekt der physischen 
Menschenbeobachtung aus, wenn das Erleben in das dritte Stadium 
eintritt, dafi sie richtig krank werden. Aber der atherische Leib ist zur 
gleichen Zeit stark und bringt es noch zuwege, im Stadium nascendi des 
Krankwerdens die Krankheit wieder zu iiberwinden, so dafi der Pro- 
zefi, der sich da abspielt, ein Prozefl ist, wo im Status nascendi die 
Krankheit auftritt, aber zu gleicher Zeit die selbstwirkende Therapie 
innerlich von dem starken atherischen Leibe ausgeht. Der ganze Pro- 
zefi ist ein latentes Krankwerden und Heilen. Das ist etwas, was zum 
Interessantesten im Bereiche der Menschheitsentwickelung gehort. 

Gerade bei einer solchen Personlichkeit wie der heiligen Theresia 
sehen Sie im Endstadium ihrer Entwickelung ein fortwahrendes im 
Status nascendi eintretendes Kranksein und ein fortwahrendes Aus- 
heilen. Diese Wechselwirkung, dieser Pendelschlag, dieser wunderbare 
Pendelschlag zwischen Krankwerden und Ausheilen, der spielt sich na- 
tiirlich nicht in der physischen Welt ab, denn fur die ist er nicht ge- 
schaffen, sondern er spielt sich in der geistigen Welt ab. Nicht wahr, 
wenn der Atherleib geformt wird vor der Erdeninkarnation, dann be- 
kommt er seine Gestalt. In diesen Moment zuriickversetzt wird eine 
solche Personlichkeit wie die heilige Theresia. Aber indem sie hervor- 
ruft im Status nascendi den pathologischen Zustand, schwingt sie hin- 
auf in die Welt, in der sie vor der Geburt war, also in die geistige Welt 
hinein. Der Pendelschlag ist das Untertauchen in den physischen Leib, 
das Hinaufschlagen in die geistige Welt. Geistige Welt - physische 
Welt, geistige Welt - physische Welt, aber die physische Welt im po- 
larischen Gegensatz erlebend, wie man sie sonst erlebt, so wie man sie 
sonst nur erlebt beim Eintreten in die Inkarnation. Dieser innerliche 



Gesundungsprozeft, dieser vom Weltenall heraus sich vollziehende the- 
rapeutische Prozefi, der ist so etwas Intensives, dafi er in der Tat an- 
steckend wirken kann auf Kranke in der Nahe von solchen Personlich- 
keiten, wenn ihre Krankheit einigermafien in der Richtung liegt, in 
der sich die ganze Sache abspielt, so dafi in der Tat die wunderbarsten 
Heilungen in der Nahe solcher Personlichkeiten geschehen konnen. 

Ja, die Sache kann viel weitergehen, und in den alteren, besseren 
Zeiten der Kirche wurden diese Dinge, die spater ausgeartet sind in 
einen aberglaubischen Reliquiendienst, Zauberdienst, in einer feinsin- 
nigen esoterischen Weise beniitzt. Denn es ist schon so, daft in den 
besseren Zeiten der religiosen Entwickelung anschauliche, bis in das 
imaginative Schildern hinein anschauliche Biographien von solchen 
Personlichkeiten gegeben worden sind, an die Glaubigen herangebracht 
worden sind, so daft sie sich erfullen konnten mit dem ganzen Bild- 
haften solcher Personlichkeiten. Und da konnte es schon geschehen, 
ich will nicht sagen, daft es immer geschehen ist, aber es konnte ge- 
schehen, daft, wenn ein verstandiger Fiihrer in einer solchen Angele- 
genheit da war, er einfach einer Personlichkeit des gewohnlichen Le- 
bens, deren Krankheit sich nach einer gewissen Richtung hin entwik- 
kelte, diese intensiv imaginativ geschriebene Biographie in die Hand 
gab, vielleicht verstarkt durch sein eigenes Wort. Und dadurch konn- 
ten auch Heilungsprozesse sich vollziehen, so daft schon die Hinlen- 
kung von der Mentalitat solcher Personlichkeiten zum Leben eines 
solchen Heiligen therapeutische Bedeutung hat. 

Sehen Sie, es fiihren eben die Betrachtungen, die so tief in die 
menschliche Wesenheit hineingehen, immer aus dem gesunden Zu- 
stand in den kranken Zustand hiniiber, aber in den Zustand des iiber- 
sinnlichen Erlebens. Deshalb ist es ja so, daft wenn Sie irgendwie je- 
mandem raten, Ubungen zu machen, um irgendwie in die ubersinnliche 
Welt hineinzukommen, so miissen diese Obungen in der Richtung orien- 
tiert sein, dafi sie die Ich-Organisation, den astralischen Leib und den 
atherischen Leib verstarken, erkraftigen, damit in der Tat solch ein 
Prozefi, wie ich ihn geschildert habe als einen einfach durch das Karma 
der betreffenden Personlichkeit gegebenen, damit ein solcher Prozefi 
in der richtigen Weise sich vollziehen kann. Dasjenige, was eigentlich 



in der Initiation sich vollzieht, man kann es schon studieren, indem 
man solche hart an das Pathologische heranstreif ende Prozesse studiert. 
Daher ist es fiir den Arzt nicht von geringer Bedeutung, wenn er sich 
dazu herbeilafit, das Leben solcher Personlichkeiten zu studieren, denn 
er findet gerade in dem Leben solcher Personlichkeiten dasjenige, was 
man eigentlich nur durch ein Paradoxon ausdrucken kann. Er findet 
in dem Leben solcher Personlichkeiten das gesunde Gegenbild eines da 
oder dort auftretenden pathologischen Symptomkomplexes, und das 
ist fiir den Arzt das Allerfruchtbarste, zu schauen das gesunde Gegen- 
bild eines pathologischen Prozesses. Das ist dasjenige, was innerlich 
esoterisch am allermeisten hineinfuhrt in die Handhabung des Thera- 
peutischen. Kommt dann noch dazu die Erkenntnis etwa des Materiell- 
Substantiellen, das als Heilmittel auftreten kann in seiner Verwandt- 
schaft, in seiner Affinitat mit irgendwelchen Kraften des Atherleibes, 
die bei solchen abnormen Personlichkeiten in Selbstregulation tatig 
werden, lernt man also kennen, in welcher Weise der Atherleib der 
heiligen Theresia Krafte entwickelte, wenn im Status nascendi die 
Krankheit auftritt, und lernt man die gesundenden Krafte mit den 
spiefiigen im Antimon wirkenden Kraften kennen, dann hat man von 
der Natur selber abgelesen den therapeutischen Prozefi. 

Man mochte sagen, in der Betrachtung solcher Erlebnisse liegt das 
Merkwiirdige, das Paradoxe, daft man lernt die Krankheit anschauen 
von der anderen Seite, von der Seite, von der aus die Krankheiten die 
geistigen Wesenheiten handhaben, nicht der Mensch. Denn eine Hand- 
habung ist diejenige, welche die Menschen der Krankheit gegeniiber ent- 
wickeln; das ist die eine Handhabung. Das ist die von dem Aspekt der 
Erde aus. Sie besteht darin, daft wir wieder jenes Verhaltnis herbeifiih- 
ren durch die Therapie, welche die Krankheit aufhebt. Die geistigen 
Wesenheiten, die es mit dem Menschen zu tun haben, handhaben die 
Krankheiten anders. Sie arbeiten die Krankheit in das Netz des Karma 
hinein. Das ist ihr Geschaft. Allerdings ein Geschaft, welches nicht 
so nahe die Dinge aneinander fiigt, wie sie durch Pathologie hier auf 
Erden verbunden sind. Hier kann man nicht einen Menschen, der mit 
siebzehn Jahren krank wird, mit fiinfundvierzig Jahren heilen. Aber 
mit Bezug auf die Karmagestaltung ist es allerdings so, daft das, was in 



irgendeiner Inkarnation als Krankheitsprozefi verlauft - ob er geheilt 
wird oder nicht ins Karma verwoben wird, aber vielleicht in drei- 
tausend Jahren, denn die Zeit hat ganz andere Mafistabe innerhalb der 
geistigen Welt. Aber man lernt sehr viel an denjenigen Prozessen, wo 
das eintritt, was vom geistigen Gesichtspunkt aus gesehen in der gei- 
stigen Welt schon eintreten kann, dann aber auch herunterstrahlen 
kann in die physische Welt. 

Sehen Sie, nehmen Sie einen solchen Prozefl, wie ich ihn Ihnen eben 
angedeutet habe, der sich vielleicht in dem gewohnlichen Verlauf der 
Evolution in dreitausend Jahren vollzieht. Ich will durch diesen Strich 
andeuten, daft irgend etwas, was heute mit dem Menschen geschieht, 
von den geistigen Wesen so ausgestaltet wird, dafi das andere, was als 
Ausgleichendes dazugehort, in dreitausend Jahren eintritt. Das ist der 
normale Prozefi. Aber sehen Sie, im gewohnlichen Leben kennt man 
ja die Zeit nur sehr ungenau. Wie stellt man sich im gewohnlichen Le- 
ben die Zeit vor? Wie eine von der vergangenen Unendlichkeit durch 
die Gegenwart in die Zukunft hineinlaufende Linie. So ungefahr stellt 
man sich die Zeit vor, allerdings eine dicke Linie, nicht eine Linie, son- 
dern ein dickes Seil, denn sie enthalt alles, was man uberhaupt wahr- 
nimmt in der Welt, zugleich in jedem einzelnen Augenblick der Ge- 
genwart. Man stellt sie sich so vor, wenn man uberhaupt sich etwas 
vorstellt. Die meisten Menschen stellen sich das uberhaupt gar nicht 
vor. Geistig angesehen, ist die Sache nicht so. Und man lernt schwer 
Verstandnis finden fur geistige Verlaufe, die ja in alien physischen Ver- 
laufen drinnen sind, wenn man sich die Zeit nur so vorstellen kann. 



4 



3000 gahre 



Aber die Zeit ist in der Realitat nicht so, sondern der ganze Faden, den 
ich da an die Tafel gezekhnet habe, der kann verwickelt zu einem 
Knauel werden. In diesem Knauel ist die ganze Zeitlinie drinnen, die 
dreitausend Jahre sind in einem Knauel. Die Zeit kann sich verknaueln, 
und wenn sie sich fur irgendeine Evolution verknauelt, diese Zeit, dann 
kann der Knauel eben in einem Menschen leben. Bei der heiligen The- 
resia lebte eine verknauelte Zeit in dem irdischen Leben. Das ist eigent- 
lich das Mysterium, daft Dinge, die sonst in dem Karma weit ausein- 
anderriicken, zusammengeschoben werden. (Siehe Zeichnung.) Tafel 4 

Hier also sehen Sie, wenn man an eine solche Erscheinung heran- 
tritt, wie die innere geistige karmische Betrachtung an die auftere pa- 
thologisch-therapeutische Betrachtung sich anschliefit. Da aber sehen 
Sie, wie nun die priesterliche Behandlung des Menschen, der ja seinen 
Ausblick halten mufi nach den karmischen Zusammenhangen, nach 
dem Geistigen, wie die sich beruhren kann mit demjenigen, was nur 
vom medizinischen Standpunkt aus iiber diese Dinge allein durchschaut 
werden kann. Denn es gehort ja zum Durchschauen von solchen Din- 
gen nicht nur theoretisches Wissen, sondern Darinnenleben in den 
Dingen. Darinnenleben von der Seite, die sich eroffnet von dem Patho- 
logisch-Physiologischen aus, soli der Arzt. Darinnenleben in den Din- 
gen von der Seite, die sich vom theologisch-karmischen Standpunkt 
aus ergibt, soil der Priester. Und im Zusammenwirken wird sich dann 
Harmonie ergeben - das mull immer wieder beachtet werden -, nicht 
im dilettantischen Ineinandermischen. 

Sehen Sie, nun hangt mit diesen Dingen noch etwas anderes zu- 
sammen, namentlich fiir unsere Zeit. Sie wissen ja, meine lieben 
Freunde, wie sauer es wird einem Menschen, eine Idee zu begreifen, 
die eigentlich fiir den unbefangenen Menschen selbstverstandlich ist 
und welche geleugnet wird, weil der Intellekt von den Philosophen 
nicht heran kann: die Idee des freien Willens. Ich sagte iiber die Sin- 
nesempfindungen: die Dinge, die in den Physiologien und in den Psy- 
chologien stehen, nehmen sich dem gegemiber, der die Dinge durch- 
schaut, kindisch aus. Aber was iiber die Idee des freien Willens ge- 
schwatzt wird, erst recht. Denn Sie miissen bedenken, dafi der freie 
Willensentschlufi in jedem Augenblick ein Effekt der ganzen mensch- 



lichen Wesenheit ist; der ganzen menschlichen Wesenheit, wie sie sich ge- 
sund oder krank oder halbkrank oder iibergesund darlebt, in dem f reien 
Willensimpetus. Im freien Willensimpetus liegt der ganze Mensch dar- 
innen, aber mit alledem, was man am ganzen Menschen durchschauen 
kann, mit alien Komplikationen liegt er darinnen. Die menschliche 
Natur lernt man erst kennen, wenn man sie in dieser Komplikation 
erkennen lernt. Und sehen Sie, das, was bei abnormen Personlichkeiten 
nach der einen oder anderen Seite hin eine abnorme Schattierung an- 
nimmt, ist aufgehoben, zur Harmonie vereinigt in jedem Menschen. 
Es ist ein trivialer Ausspruch, aber er ist wahr: so wie der Mensch 
zuganglich ist fur den Cherubim, so ist er auch zuganglich fur den 
Teufel. Und auch diese Prozesse, wo der Mensch zuganglich ist fur den 
Teufel - wir werden sie noch studieren. Aber das alles ist auch im 
gewohnlichen Menschen, nur dafi die entgegengesetzten Tatigkeiten 
sich aufheben, weil sie sich nach den verschiedensten Richtungen gleich 
stark entwickeln. Wenn in jedem ein Engel ist, so ist auch in jedem ein 
Teufel. Aber wenn der Engel und Teufel gleich stark sind fur irgend 
etwas, dann heben sie sich auf . 




Nun betrachten Sie diese Waage (siehe Zeichnung). Es gibt einen 
Punkt, es ist dieser. Sie konnen hier Gewichte auflegen, das kann alles 
in Bewegung geraten. Das bleibt immer in Ruhe, das Hypomochlion, 



es wird nicht beriihrt von dem, was Sie links, von dem, was Sie rechts 
auflegen. Aber es mufi die Einrichtung getroffen werden, daft es nicht 
beriihrt zu werden braucht. Ein ahnliches geistiges Hypomochlion 
wird im Menschen bewirkt von den entgegengesetzten Kraften. Sie 
konnen daher studieren des Menschen Natur. Sie werden nirgends eine 
Veranlassung haben, den Menschen als freies Wesen zu statuieren, denn 
in der Natur des Menschen ist alles kausal bedingt. Studieren Sie mit 
materialistischer Gesinnung die Natur des Menschen: Sie kommen nicht 
zur Freiheitsidee, Sie kommen zur kausalen Bedingung. Sie konnen 
aber auch den Menschen geistig studieren. Sie kommen zur Determina- 
tion des Willens durch die Gottheit oder die geistigen Wesenheiten, aber 
Sie kommen nicht zur Freiheit des Willens. Sie konnen ein grobklot- 
ziger Materialist sein und die Freiheit leugnen und die Naturkausalitat 
des Willens studieren, Sie konnen ein feinsinniger Kopf sein wie Leib- 
niz und auf das Geistige sehen: Sie kommen zum Determinismus. Na- 
tiirlich, solange Sie die Waagschale mit dem Waagbalken hier studie- 
ren, kommen Sie nur zur Bewegung; solange Sie die Waagschale mit 
dem Waagbalken hier studieren, kommen Sie auch nur zur Bewegung. 
So ist es, wenn Sie den Menschen studieren nach der Natur, so ist es, 
wenn Sie den Menschen studieren nach dem Geist. Sie kommen nicht 
zur Freiheit. Sie liegt mitten drinnen im Gleichgewichtspunkt zwischen 
beiden. 

Das ist die Theorie. Aber die Praxis ist so, dafi Sie zu entscheiden 
haben bei einem Menschen, der vor Ihnen steht in einer schwierigen 
Lebenslage, ob Sie ihn verantwortlich machen konnen fiir seine Tat. 
Da wird die Frage praktisch, ob er seinen freien Willen handhaben kann 
oder nicht. Woran konnen Sie das entscheiden? Dadurch, dafi Sie zu 
beurteilen vermogen, ob seine geistige und physische Konstitution sich 
das Gleichgewicht halten. In beide Falle kann sowohl der Arzt wie der 
Priester kommen. Daher mufi zur Schulung des Arztes wie des Prie- 
sters gehoren ein Durchschauen jenes Zustandes, in dem der Mensch 
entweder im Gleichgewicht zwischen Geist und Natur ist, oder in dem 
dieses Gleichgewicht verschoben ist. 

Niemals kann iiber das Verantwortungsgefiihl einer menschlichen 
Persdnlichkeit anders entschieden werden als nach einer tiefen Er- 



kenntnis der menschlichen Wesenheit. Die Freiheitsfrage in Verbin- 
dung mit der Verantwortungsfrage ist eben eine denkbar tiefste. 

Daran wollen wir morgen ankniipfen und weiter fortsetzen. Wir 
werden sehen, was von der einen Seite ins Gesunde und von der an- 
deren Seite ins Pathologische hineinfuhrt. 



VIERTER VORTRAG 
Dornach, 11. September 1924 



Meine lieben Freunde! Wir werden heute in unserer Betrachtung ein 
Kapitel Anthroposophie einschieben, das sonst ja vor Laien nicht in 
einer solchen Ausfuhrlichkeit behandelt zu werden braucht, das wir 
aber, wenn wir fortsetzen wollen namentlich die Auseinandersetzun- 
gen von gesunder Verantwortlichkeit und krankhafter pathologischer 
Unverantwortlichkeit, wie sie fur den Arzt sowohl wie fur den Prie- 
ster wichtig zu erkennen sind, dann brauchen werden. 

Da ist vor alien Dingen von besonderer Bedeutung, dafi man hinein- 
schauen kann in die Frage: Was ist am Menschen eigentlich vererbt, 
was stammt alles aus der Vererbungslinie, und was ist nicht vererbt, 
sondern mufi auf andere Weise in die menschliche Wesenheit hinein- 
gebracht werden? - Dafi man diese beiden, man konnte sagen, In- 
gredienzien der menschlichen Wesenheit zu unterscheiden vermag, da- 
von hangt ungeheuer viel ab bei der Beurteilung des gesunden und des 
kranken Menschen. Wenn der Mensch aus geistig-iibersinnlichen Wel- 
ten in die sinnliche Welt hereintritt, das heifit, wenn die Verbindung 
desjenigen geschieht, was ihm gegeben wird als aus der Vererbung 
stammend, wenn er das verbindet mit dem, was er sich mitbringt aus 
fruheren Erdenleben und aus dem Aufenthalt zwischen Tod und neuer 
Geburt, dann sehen wir ja, wie sich der Mensch, zunachst als Kind, von 
Tag zu Tag, von Woche zu Woche entwickelt. Aber solange man nicht 
hinblickt auf den viergliedrigen Menschen nach physischem Leib, 
Atherleib, astralischem Leib und Ich-Organisation, so lange ist man 
nicht imstande, diese Entwickelung zu verstehen, weil man nicht durch- 
schauen kann, inwiefern die einzelnen Glieder der menschlichen We- 
senheit, die ja ganz verschiedenen Ursprungs sind, aus verschiedenen 
Wei ten herkommen, an dieser Entwickelung beteiligt sind. 

Der Mensch hat zunachst seinen physischen Organismus. Die auf- 
falligste Erscheinung an diesem physischen Organismus ist die, dafi er 
innerhalb desselben zunachst in dem ersten Abschnitt seines Lebens 
bis zum Zahnwechsel die ersten Zahne hat, die mit dem Zahnwechsel 



ausgewechselt werden. Nun ist die Auswechselung der Zahne ja nur, 
ich mochte sagen, das Extremste, was da am Menschen ausgewechselt 
wird. Denn in Wahrheit tragt der Mensch materiell dasjenige, was er 
als physischen Leib mit der Kindheit empfangt, mit der Geburt emp- 
fangen hat, nur bis zum Zahnwechsel mit sich. Wir streifen fortwah- 
rend aus unserer Form heraus die physische Materie ab. Der Vorgang 
ist allerdings komplizierter, als dafi man ihn einfach, wenn man exakt 
sein will, so vorstellen konnte, daft man sagt: Der Mensch stofit im 
Laufe von sieben bis acht Jahren seine samtliche physische Materie ab 
und erneuert sie. - Es ist etwas daran durchaus stimmend, aber man 
braucht nur auf den Zahnwechsel selbst hinzuschauen, dann wird man 
schon finden, dafi man sich das etwas modifiziert vorzustellen hat. 
Denn ware in dieser Abstraktheit die Sache richtig, miifiten wir immer 
nach sieben Jahren frische Zahne bekommen. Das ist aber nicht der 
Fall. Wir bekommen sie nur einmal. Nun sind aber die Zahne gerade 
zu demjenigen gehorig, was nach einmaliger Auswechselung eben nicht 
eine Erneuerung erfahrt. Sie sind im extremsten Sinne dazugehorig. 
Aber es ist ja der Lauf der Entwickelung des Menschen auf Erden iiber- 
haupt so, daft er sozusagen immer mehr und mehr, je alter er wird, von 
der alten physischen Materie etwas in sich behalt. Eine Auswechselung 
in sieben- bis achtjahrigen Zeitraumen der weitaus meisten Teile der 
physischen Materie findet schon statt, aber wir mussen unterscheiden 
am Menschen zwischen etwas, was immerhin zuruckbleibt; mit dem 
siebenten Jahre sind es nur die Zahne, die sich dann ansetzen und dann 
bleiben, aber nach weiteren rhythmischen Wiederholungen solcher 
Ubergangszeiten bleiben auch immer in der menschlichen Wesenheit 
Teile des Materiellen stehen, die nicht ausgewechselt werden, obwohl 
der grofite Teil des Menschen im Verlauf von sieben bis acht Jahren 
seine Materie durchaus auswechselt. So dafi also gesagt werden mufi 
radikal fiir die sieben ersten Lebensjahre ungefahr, dafi der Mensch 
die gesamte Materie, die er hat, wenn er geboren wird, abstreift, nichts 
von ihr zuriickbehalt, sondern nur die in ihnen wirkenden und wesen- 
den Krafte zuriickbehalt, die sich die ganz neu akquirierte Materie fiir 
die ersten sieben Lebensjahre so aneignen, dafi der Mensch die Erneue- 
rung seines physischen Leibes bis zu den Zahnen eben hat mit dem 



Zahnwechsel. Damit aber, meine lieben Freunde, wird auch verstand- 
lich, dafi das eigentliche Vererbungsprinzip, so wie es die heutige Na- 
turwissenschaft vorstellt, nur fiir die ersten sieben Lebensjahre gilt. 
Nur in diesen ersten sieben Lebensjahren ist die Sache so, daft der 
Mensch die Eigenschaften, die er in sich tragt, vererbt bekommt von 
Eltern und Voreltern. Es bildet der physische Leib fiir diese ersten sie- 
ben Lebensjahre gewissermaften eine Art Modell, nach dem der im 
Menschen arbeitende Kunstler, der da besteht nun in diesen Jahren aus 
Atherleib, Astralleib und Ich, einen neuen physischen Leib ausarbeitet. 
Das sehen wir ja gerade, wie miteinander arbeiten, ich mochte sagen, 
in kunstlerisch arbeitende Wechselwirkung treten dasjenige, was der 
Mensch sich hereinbringt aus geistigen Welten: seine Individualitat, 
seine Wesenheit und das, was er vererbt bekommt. Ist der Mensch eine 
starke Natur in bezug auf seine innere Individualitat, bringt er sich 
eine innerlich intensive, starke Astralitat und Ich-Wesenheit mit, die 
wiederum den atherischen Leib stark machen, dann werden wir einen 
Menschen aufspriefien sehen, der aus seinem Inneren heraus sich wenig 
an das Modell halt, sondern nur in den allgemeinen Formen sich an das 
Modell halt. Fiir denjenigen, der fiir wirkliche Gestaltungen einen Sinn 
hat, fiir den wird dann schon hervortreten, dafi ja natiirlich, weil das 
allgemein menschliche Modell eingehalten werden mufi, weil schon eine 
Affinitat zu der Menschenform vorhanden ist, die man vererbt be- 
kommt - Ziige davon bleiben iiber den Zahnwechsel hinaus -, aber fiir 
eine feinere Beobachtung ist es durchaus anschaulich, wie bei innerlich 
starken Individualitaten nach dem Zahnwechsel wesentliche Veran- 
derungen eintreten, die davon herriihren, dafi sich die starke Indivi- 
dualitat nur wenig an das Modell, das ihr durch die Vererbung iiber- 
liefert wird, halt. 

Wenn wir nachforschen bei einer solchen Individualitat wie die hier 
ofter genannte heilige Tberesia, so wiirde man wegen der schon gestern 
erwahnten starken Individualitat gerade bei solchen Naturen finden, 
wie sie in den ersten sieben Lebensjahren zwar sehr gleichen ihren 
Eltern, wie sie aber im neunten und zehnten Lebensjahre Formen an- 
nehmen, die einen iiberraschen, weil da sich erst die eigentliche Indi- 
vidualitat herausarbeitet. So daft Vererbung nur gilt fiir den ersten 



Lebensabschnitt im strengen Sinne des Wortes, und was spater als Ver- 
erbung erscheint, ist nicht Vererbung in Wirklichkeit, das mull er- 
kannt werden, das ist Arbeit nach dem Modell, das vererbt ist. Mehr 
oder weniger wird die Arbeit, die entsteht, dem Modell gleichen. Aber 
es ist nicht Vererbung, es ist den vererbten Merkmalen nachgebildet. 
Der blofte Naturwissenschafter, der findet, daft das weitergeht mit 
dem gewohnlichen Vererbungsprinzip. Derjenige, der in die Wesenheit 
des Menschen hineinschaut, weifi, daft ein qualitativ ganz Verschiede- 
nes auftritt fiir die Ahnlichkeit mit den Eltern nach dem Zahnwechsel 
als vor dem Zahnwechsel. Vor dem Zahnwechsel sind es wirklich die 
Krafte der Vererbung. Nach dem Zahnwechsel sind es die Krafte, 
die nach dem Modell arbeiten. Fiir eine exakte Anschauung darf man 
ebensowenig sagen, daft der Mensch dasjenige, was er zwischen sieben 
und vierzehn Jahren, also zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, 
an sich tragt, vererbt hat, wie man von jemandem, der in der Galerie 
sitzt und die Sixtinische Madonna portratiert, wie man von dem sagen 
darf, seine Portratmalerei hat durch Vererbung von der in der Galerie 
hangenden Madonna die Eigenschaft erhalten. So ist es schon, daft es 
fast geglaubt wird. 

Nun sehen Sie aber, an welcher Art von Arbeit in der Hauptsache 
der Atherleib sich beteiligt, welche Arbeit der Atherleib hat; denn 
wenig beteiligen sich in diesen Jahren bis zum Zahnwechsel noch der 
astralische Leib und die Ich-Organisation an der Arbeit. Er bildet einen 
neuen physischen Menschenleib nach dem Modell. Warum tut er das? 
Die Frage ist allerdings sonderbar gestellt, weil man solche Warum- 
Fragen der Natur gegeniiber nicht stellen kann. Es soil auch nur eine 
rhetorische Frage sein. Warum tut er das? Er tut das aus dem Grunde, 
weil er, wie der Mensch iiberhaupt in seiner ganzen Wesenheit in den 
ersten sieben Lebensjahren, noch nicht dazu veranlagt ist, eine andere 
Art von Eindriicken von der Aufienwelt zu empfangen als eine ganz 
besondere Art von Eindriicken. Und hier stofien wir auf ein sehr wich- 
tiges Geheimnis der menschlichen Entwickelung, auf ein Geheimnis, 
das die Frage beantwortet: Was nimmt denn das Kind eigentlich 
wahr? - Es liegt weit ab von den Vorstellungen, die man gegenwartig 
hat, das, was Antwort auf diese Fragen gibt. Aber Sie werden schon 



darauf kommen, was gemeint ist, wenn ich die Sache in der folgenden 
Weise darstelle. 

Der Mensch lebt, sagen wir, zwischen dem Tod und einer neuen 
Geburt beziehungsweise einer neuen Konzeption in der geistigen Welt 
(Tafel 5, oben). In dieser geistigen Welt ist er umgeben von ganz an- Tafel 5 
deren Realitaten, als sie hier in der physischen Welt zu finden sind. Es 
ist eine ganz andere Welt. Er tritt aus dieser Welt, deren Gesetzmafiig- 
keit wir andeuten mochten durch diese Linie (weift), er tritt aus dieser 
Welt herein in die physische Welt (gelb), setzt sein Leben in der phy- 
sischen Welt mit einem physischen Korper, den er empfangt, fort; aber 
in dieser physischen Welt wirken, allerdings verborgen durch das 
menschliche Sinnesanschauen, weiter dieselben Krafte, die hier (rot) 
sind. Wenn Sie einen Baum anschauen, meine lieben Freunde, so wir- 
ken darin dieselben geistigen Krafte, denen Sie gegenuberstehen zwi- 
schen Tod und neuer Geburt, nur sind sie verdeckt, verhiillt durch die 
physische Materie des Baumes. Oberall in der physischen Welt, in der 
wir sind zwischen Geburt und Tod, wirken die geistigen Krafte auch 
im Hintergrund der sinnlich-physischen Entitaten. So daft wir die 
Wirksamkeit der geistigen Welt uns hinein fortgesetzt denken in die 
Welt, die wir durchleben zwischen Geburt und Tod. Nun ist es in den 
ersten sieben Lebensjahren so, daft das Kind nichts anderes in Wahrheit 
mit seiner vollen Wesenheit vereinigen kann als dieses Geistige, in alien 
Farben, in alien Formen, in aller Warme, in aller Kalte. Das Kind 
nimmt eine Fortsetzung der geistigen Wirksamkeiten vollig wahr, wenn 
es hereintritt in die physische Welt, dann in immer schwacheren Gra- 
den bis zum Zahnwechsel. Eine Sinnesempfindung - man beachtet das 
nicht - ist etwas ganz anderes fur ein Kind als fur einen Erwachsenen. 
Eine Sinnesempfindung ist fur ein Kind etwas ganz Geistiges. Daher ist 
es auch, wenn das Kind - wie ich es in der Padagogik sage - einen jah- 
zornigen Vater neben sich hat, dafi es nicht mit Bewufitsein in die 
jahzornige Geste sieht, sondern das Moralische drinnen in der Geste, 
das geht in seinen Leib liber. So dafi das Kind in der Zeit, in der es mit 
den Kraften arbeitet, um sich seinen physischen Leib, der jetzt sein 
eigener ist, nach dem Modell zu erarbeiten, dafi es in dieser Zeit im 
Grunde genommen ganz orientiert ist hin auf die geistigen Unter- 



griinde, arbeitet aus der Geistigkeit heraus. Was heiftt das aber? Was 
wirkt denn da, wenn die Geistigkeit wirkt, in Wirklichkeit? Scheinbar 
wirken Farben, Formen, Warme, Kalte, Rauhigkeit und Glatte in den 
Sinnesempfindungen. Aber was wirkt denn in Wahrheit? In Wahrheit 
wirkt nur alles dasjenige, was in irgendeiner Art mit einer Ich-Natur 
etwas zu tun hat. Auf das Kind machen nur einen Eindruck verborgene 
geistige Wesenheiten, die mit einer Ich-Natur etwas zu tun haben, 
also vor alien Dingen geistige Wesenheiten der hoheren Hierarchien 
vom Menschen aufwarts, aber auch die Gruppenseelen der Tiere, die 
Gruppenseelen der Elementarwesen. Das alles wirkt in Wahrheit auf das 
Kind, und aus diesen geistigen Kraften, aus dieser grofiartigen geistigen 
Dynamik heraus formt es sich aus dem Modell seinen zweiten Leib, 
der nach und nach heranwachst, und der in dem Ausmaft, als der Zahn- 
wechsel sich vollzieht, als zweiter Leib da ist. Das ist erst der Leib, 
den sich der Mensch nach der Geburt als seinen eigenen ersten Leib 
aufbaut, und der herausgebaut ist als physischer Leib aus der geistigen 
Welt. 

Sehen Sie, in diesem Lebensalter haben wir also eine ganz besondere 
Art von Gesetzmafiigkeit in alledem, was im Kinde wirkt, in all der 
Ungeschicklichkeit, in all der Unorientiertheit, mit denen das Kind 
seelisch tatig ist, mit denen das Kind sich bewegt, die davon herriihren, 
daft ein fortwahrendes Anpassen stattfinden mufi an die physische 
Welt, da noch halb unbewuftt traumhaft um das Kind herum diejenige 
Welt ist, in der das Kind eigentlich noch darinnensteckt, die geistige 
Welt. Man wird einmal, wenn die Medizin ihre richtige Spiritualitat 
erlangt haben wird, in diesem Einander-Suchen der geistigen und phy- 
sischen Welt in den ersten sieben Lebensjahren, die wahren tieferen 
Ursachen der Kinderkrankheiten sehen, und wir werden manche Auf- 
klarung liber dasjenige erhalten, was gerade heute eigentlich, wenn 
man es nachpruft in den medizinischen Werken, nur Verbalerklarun- 
gen hat. Es sind nur Verbalerklarungen, formale Erklarungen, die aber 
in keine Realitat eigentlich hineinfuhren. 

Der Atherleib hat damit vollauf zu tun in den ersten sieben Lebens- 
jahren; er entwickelt daher ruhig jene Fahigkeiten, die er in den zwei- 
ten sieben Lebensjahren enthalt, selbstandige Fahigkeiten des Ather- 



leibes, die mehr nach dem Intellekt hingehenden Gedachtnisfahigkei- 
ten. Wer dafiir ein Auge hat, sieht die grofite Verwandlung im Seelen- 
leben, wenn der erste Lebensabschnitt von sieben Jahren in den zwei- 
ten iibergeht. Der Atherleib wird entlastet von seiner Arbeit, die er 
leisten mufite im vollen Sinn des Wortes in der Ausarbeitung des zwei- 
ten Leibes. Er wird entlastet; und wie er entlastet wird, man sieht es 
genau erst ein, wenn man eben weifi, dafi der Mensch nicht mit vier- 
zehn Jahren wieder Zahne bekommt, sondern dafi die bleiben, die er 
hat, dafi aber auch noch anderes bleibt in der physisch-materiellen 
Natur. Das, was da bleibt, was aber in den ersten Lebensjahren auch 
ersetzt werden mufi, das entlastet den Atherleib, wird frei im Ather- 
leib. Es ist quantitativ ein Kleines, qualitativ aber etwas ungeheuer 
Wichtiges. Das ist das, was dann als seelische Eigenschaften ungeheuer 
wirksam wird. Was der Mensch erspart dadurch, dafi er sich keine drit- 
ten Zahne anzuschaffen hat, dadurch, dafi er manches andere, was in 
derselben Weise von der Evolution behandelt wird wie die Zahne, 
nicht neu zu bilden hat, dadurch bleibt etwas iibrig vom Atherleib. Was 
da iibrig bleibt - in den ersten sieben Lebensjahren hineingeflossen ist 
in die physische Entwickelung -, bleibt jetzt iibrig von der physi- 
schen Entwickelung, wirkt rein seelisch, wie es ist seiner Wesenheit 
nach. Mit den Fahigkeiten, an die Sie in der Schule als Lehrer appellie- 
ren, die Sie ausbilden, hat das Kind die grofie Wandlung der Milch- 
zahne in die zweiten Zahne vollzogen und manches andere. Mit den 
Kraften, die das Kind erspart, weil es keine dritten Zahne zu bilden 
hat, mit denen fangt es an, die Fahigkeiten der Seele zu entwickeln. 
Das geschieht in den Tiefen der menschlichen Natur, so dafi das See- 
lische fur die ersten sieben Lebensjahre ganz drinnensteckt in der phy- 
sischen Entwickelung, die wir ebenso als geistig-seelisch wie als phy- 
sisch-leiblich aufzufassen haben. Wir sehen ein Geistiges wirksam in 
dem Leibe in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen, im vollsten 
Sinne des Wortes. 

Nun, wie nimmt sich das aber gegeniiber der allgemeinen Welt- 
evolution aus? Sehen Sie, innerhalb des Kosmos sind diejenigen Krafte, 
mit denen da die Seele in den ersten sieben Lebensjahren arbeitet, die 
Sonnenkrafte. Von der Sonne scheinen nicht nur die physisch-athe- 



rischen Sonnenstrahlen herab, sondern es scheinen von der Sonne in den 
physisch-atherischen Sonnenstrahlen Krafte herab, die identisch sind 
mit denjenigen, mit denen unser Atherleib in den ersten sieben Jahren 
seinen Leib erneuert: Sonnenentitat ist es, die da wirkt. Sehen Sie sich 
das Kind an, wie es sich nach dem Modell seinen physischen zweiten 
Leib arbeitet! Das sind lauter Krafte, die aus dem Sonnenschein ab- 
sorbiert sind. Verstehen mufi man das, wie sich der Mensch in den Kos- 
mos hineinstellt. Und wenn der Mensch in der Art, wie ich das ge- 
schildert habe, gewisse atherische Krafte freibekommt mit dem Zahn- 
wechsel, die dann wieder zuriickwirken auf die astralische Organisa- 
tion und Ich-Organisation, wird der Mensch zuganglich in der zweiten 
Epoche des Lebens fur das, was er gar nicht war in der ersten Epoche, 
er wird zuganglich fur die Mondenkrafte. 

Die Sonnenkrafte sind atherische Krafte in den ersten sieben Le- 
bensjahren, die Mondenkrafte, denen er zuganglich wird mit dem 
Zahnwechsel, die sind identisch mit den Kraften seines astralischen 
Leibes. So daft der Mensch eintritt mit dem Zahnwechsel von der 
Sonnensphare - in der er weiter auch drinnen bleibt, denn die bleibt 
wirksam - in die Mondensphare, und nun arbeitet er an sich zwischen 
dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife mit den Mondenkraften. 
Mit den Mondenkraften bildet er sich jetzt seinen zweiten eigenen, 
seinen dritten weltlichen Leib aus, in dem nicht so viel ausgewechselt 
wird wie in der ersten Lebensepoche, aber immerhin viel ausgewech- 
selt wird. Wiederum aber bleiben Krafte zuriick, jetzt astralischer Na- 
tur. Die verandern das Seelische so, wie sich das Seelische verandert um 
die Zeit der Geschlechtsreife. Die werden frei von der Arbeit am Leibe, 
so dafi der Mensch jetzt, wenn er in die Geschlechtsreife eintritt, in 
eine Lebensepoche, wo er im Seelischen dasjenige frei zeigt, womit er 
noch zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife innerhalb 
seines physischen Leibes zu arbeiten hat. 

So arbeiten wir in der ersten Lebensepoche ausschliefilich mit dem- 
jenigen, was uns von der Sonne zukommt, und wenn wir das Kind in 
der Schule haben zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, so sind 
es die Sonnenkrafte, die fur das Seelische frei geworden sind. Das ist 
ja das Grofie, das Gewaltige im Einsehen der menschlichen Entwicke- 



lung, daft man es beim Kinde zwischen Zahnwechsel und Geschlechts- 
reife, wenn man so seine Seele bildet, mit lauter Sonnenkraften zu tun 
hat. Die kindliche Seele ist ja so verwandt mit demjenigen, was im 
Sonnenschein lebt, daft einem das Herz aufgehen kann bei einer sol- 
chen Erkenntnis, eine solche Erkenntnis, die doch wirklich Licht ver- 
breitet iiber dasjenige, was zwischen Mensch und Kosmos vorgeht. 

Die Mondenkrafte, die werden in dieser zweiten Epoche des Le- 
bens noch zu dem Leiblichen verwendet, sind noch nicht frei gewor- 
den fur das Seelische. Sie werden frei mit der Geschlechtsreife, dann 
wirken sie an der Seele mit, und der Umschwung, der jetzt im See- 
lischen mit der Geschlechtsreife auftritt, ruhrt davon her, daft sich in 
das Seelische die Mondenkrafte hineinimpragnieren, so daft das, was 
der Mensch nach der Geschlechtsreife im Handeln ringsherum tut, ein 
Zusammenwirken ist zwischen Sonnen- und Mondenkraften. 

Damit sehen wir nach den Tiefen der menschlichen Entwickelung, 
und gewohnen uns ab, von der Vererbung in dem Sinne zu sprechen, 
wie es die grobe Naturwissenschaft tut, sehen aber auch nach der an- 
deren Seite, was in dem kindlichen Menschentun lebt. Im kindlichen 
Menschentun und im kindlichen Menschendenken lebt die Sonne. Die 
Sonne ist es ja, die uns vom Stein entgegenstrahlt, denn der hat keine 
Lichtkrafte, der reflektiert uns nur das Sonnenlicht. Das gibt der Na- 
turforscher zu, aber das ist das allergeringste, abstrakteste, meine lieben 
Freunde. Das Kind strahlt uns auch die Sonnenkrafte zurikk zwischen 
dem siebenten und vierzehnten Lebensjahr. So wie wir vom Stein an- 
sprechen konnen das Licht als das zuriickgestrahlte Licht der Sonne, 
diirfen wir das, was das Kind tut in seiner zweiten Lebensepoche, als 
Sonne bezeichnen. Sonne ist nicht blofi da, wo sie konzentriert er- 
scheint. Diese physikalische Ansicht, daft die Sonne bloft da ist (Ta- Tafels 
fel 5, links), gleicht der von einem Menschen, der in einem Topf eine 
Suppe sieht und in der Mitte ein Fettauge und meint, bloft das Fett- 
auge sei die Suppe. Ja, unsere physikalischen Anschauungen sind oft 
sehr kindisch, und wenn man sie enthullt, wie sie sind, dann lachen 
die Leute. Man mochte nur wiinschen, daft der Wirklichkeit gegeniiber 
mehr gelacht wird. Denn es ist wirklich sehr lacherbar, das, was man 
heute als Wissenschaft ansieht. Wenn man das Fettauge fur die Suppe 



halt, ist das dasselbe, wie wenn man die Sonne da oben fur das Fettauge 
des Sonnenscheins anschaut, wahrend sie als die Suppe die ganze Welt 
erfiillt. 

Damit eroffnen sich dann die Blicke hinein in den Zusammenhang 
wiederum zwischen den Mondenkraften und den Fortpflanzungskraf- 
ten. Denn die Fortpflanzungskrafte bilden auch nach und nach jetzt 
diesen zweiten eigenen Leib, der zwischen dem siebenten und vierzehn- 
ten Lebensjahre ausgebildet wird und fertig ist, wenn die Geschlechts- 
reife eintritt. So daft dasjenige, was sich der Mensch an Fortpflan- 
zungskraften in dieser Zeit einverleibt, eben Mondenwirkung ist. Die 
Fortpflanzungskrafte hangen durchaus mit den Mondenwirkungen zu- 
sammen, sind Ergebnisse der Mondenwirkungen. 

Nun kommt der Mensch dazu, sich den dritten eigenen Leib - den 
vierten nach der Aufierlichkeit betrachteten - zu bilden, nach der 
Geschlechtsreife bis zum Anfang der Zwanzigerjahre. Die Zeitab- 
schnitte werden in den spateren Jahren nicht mehr so streng wie fur 
die Abschnitte des Zahnwechsels und der Geschlechtsreife. Immer mehr 
bleibt von der Substanz zuriick, verfestigt sich im Menschen, wird 
Bleibegerust. Es wird wirklich vieles Bleibegeriist im Menschen nach 
und nach. Von den Knochen wird, je alter der Mensch wird, immer 
weniger Materie ausgesondert und erneuert. Auch im iibrigen Orga- 
nismus brauchen gewisse Teile langer zur Aussonderung als andere, 
und es ist ersichtlich, daft von den Zahnen es einfach gilt: Hat man sie 
einmal ein zweites Mai bekommen, so ist man, ob man sie spater noch 
hat, davon abhangig, wie lange das nun halt, wenn es fertig ist, so wie 
man von einem Messer, das man hat, abhangig ist davon, wie lange es 
halt. Das Messer kann seine Materie nicht erneuern. Zahne konnen 
sich auch nicht im wesentlichen erneuern. Gewifi, es ist alles im Flufi, 
es ist schon Erneuerung da, aber es geht eben in das Stadium des Nicht- 
erneuerns hinein, und so haben wir sie als dasjenige, was im wesent- 
lichen viel langsamer den Lebensprozefi vollzieht als der ubrige Mensch, 
viel langsamer in bezug auf die Intensitat, daher im umgekehrten Ver- 
haltnis schnell in bezug auf die Qualitat der Dauer, eben schadhaft 
werden, bevor die anderen Glieder der menschlichen Natur, die sich 
immer erneuern konnen, schadhaft werden konnen. Aber wenn die 



Zahne denselben Gesetzen ausgesetzt waren wie manche andere Teile 
der Menschennatur, dann konnte es keine Zahnarzte geben. Aber wenn 
die anderen Teile der Menschennatur denselben Gesetzen ausgesetzt 
waren wie die Zahne, wiirden wir alle recht jung sterben in unserer 
modernen Zivilisation. Und wahrscheinlich wiirde dieser Teil der 
Schweiz, von dem man sagt, daft die Zahnarzte sehr beschaftigt sind, 
weil die Zahne so leicht schadhaft werden, gar nicht so sehr bevolkert 
sein von Menschen, denn man wiirde ihn fur eine Statte friiher Sterb- 
lichkeit halten. So hiingen die Dinge zusammen. 

Nun sehen Sie, der Mensch ist also tatig in seinem Inneren in den 
ersten sieben Lebensjahren mit den Kraften der Sonne, in den zweiten 
sieben Lebensjahren mit den Kraften des Mondes. Die Sonnenkraft 
bleibt dabei, aber die Mondenkrafte mischen sich dazu. In den dritten 
sieben Lebensjahren, von der Geschlechtsreife bis hinein in die Zwan- 
zigerjahre, werden die viel feineren Krafte der iibrigen Planeten des 
Planetensystems in die menschliche Wesenheit hinein aufgenommen. 
Da treten in der menschlichen Wesenheit auf die anderen planetari- 
schen Krafte in dem Wachstumsprozeft, und weil diese schwacher, viel 
schwacher wirken als Sonne und Mond auf den Menschen, deshalb 
sind auch die Dinge, die der Mensch dann in sich aufnimmt, viel we- 
niger nach auften hin anschaulich. Wir merken nicht mehr so stark, 
wie im Anfang der Zwanzigerjahre - wahrenddem die planetarischen 
Krafte zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahr 
ungefahr noch im menschlichen Leibe zu tun haben — , wie im Beginn 
der Zwanzigerjahre diese Krafte anfangen nun im Seelisch-Geistigen 
zu wirken. Es sind die Planetenkrafte, die anfangen zu wirken im 
Seelisch-Geistigen, und derjenige, der Einsicht hat, der sieht dann den 
Menschen so an, dafi er in dieser merkwurdigen Umwandlung, die der 
Mensch erfahrt im Anfang der Zwanzigerjahre, merkt: bis daher haben 
eben nur Sonne und Mond aus dem menschlichen Tun gesprochen, 
jetzt modifizieren diese Sonnen- und Mondenwirksamkeit die plane- 
tarischen Krafte. Das grobe Verfahren der Menschen, das grobe Be- 
obachten hat sogar recht wenig Sinn dafiir, diese Umwandlung ins 
Auge zu fassen, aber sie ist da. 

Nun sehen Sie, es ist schon wahr, dafi fur den, der den Menschen 



betrachtet in bezug auf Gesundheit und Krankheit, die Erkenntnis die- 
ser Zusammenhange notwendig ist. Denn, was wissen wir denn eigent- 
lich vom Menschen, sagen wir in seinem elften oder zwolften Lebens- 
jahr, wenn wir da nicht wissen, daft die Mondenkrafte in ihm ar- 
beiten? 

Nun aber wird im Inneren die Frage entstehen: Wie geht es weiter? 
Der Mensch raufi spater auch, wenn auch die zu erneuernden Teile 
immer geringer werden, er mufi jetzt spater auch die Dinge erneuern. 
Nun sehen Sie, bis zum einundzwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahr 
wirkt ja aufeinanderfolgend Sonne, Mond, das Planetensystem in das 
menschliche Wachstum hinein. Dann wirken bis zum achtundzwanzig- 
sten Lebensjahr noch die Konstellationen der Fixsterne; das entzieht 
sich also schon sehr der Beobachtung. Erst mit der Mysterienweisheit 
schaut man das Hereinspielen des ganzen Fixsternhimmels in den Men- 
schen zwischen dem Anfang seiner Zwanzigerjahre und dem Ende 
seiner Zwanzigerjahre. Dann wird die Welt hart. Sie will nicht mehr 
hereinarbeiten in den Menschen; die Welt wird hart. Von diesem ei- 
gentumlichen Verhaltnis des Menschen zur Welt in seinem achtund- 
zwanzigsten, neunundzwanzigsten Lebensjahre, daft die Welt hart 
wird, weifi die heutige Wissenschaft kaum mehr etwas. Aristo teles 
lehrte es noch dem Alexander, indem er ihm sagte: Dann stofit man 
als Mensch an den Kristallhimmel; der ist hart. - Damit gewinnt der 
Kristallhimmel, der aufierhalb der Fixsternsphare ist, fur die mensch- 
liche Anschauung seine Bedeutung, seine Realitat. Damit fangt man 
an einzusehen, dafi der Mensch im Weltenall keine Krafte mehr findet, 
wenn er Ende der Zwanzigerjahre ist, um zu erneuern. Warum ster- 
ben wir denn nicht mit achtundzwanzig Jahren? Diese Welt, die uns 
umgibt, die lafk uns eigentlich mit achtundzwanzig Jahren sterben. 
Es ist wahr, wer den Zusammenhang des Menschen mit der Welt sieht, 
der schaut jetzt mit dem Bewufitsein in die Welt hinaus: O Welt, du 
erhaltst mich eigentlich nur bis zum Ende der Zwanzigerjahre! - Aber 
gerade indem man das einsieht, fangt man erst an, den Menschen 
recht zu verstehen in seiner Wesenheit. 

Denn was geschieht jetzt mit ihm, wenn ihn die Welt verlafit mit 
Bezug auf die Formkrafte, die er sich bildet? Was geschieht jetzt? Es 



geschieht folgendes in dem eigentiimlichen Augenblick, wo mit dem 
achtundzwanzigsten Jahr der Mensch anfangt deutlich zu zeigen, die 
alten Wachstumskrafte sind nun ganzlich verf alien. Manche Menschen 
fangen schon da an einzugehen; manche erhalten sich noch weiter die 
fortschwimmenden Wachstumskrafte. Aber selbst Goethe wurde schon 
kleiner, wenn er sich mafi im genaueren, als er begann, den zweiten 
Teil seines «Faust» wieder fortzusetzen. Damals wurde er aber ge- 
messen. Aber er wurde schon fruher zusammenfallend. Sehen Sie, von 
diesem Momente ab, wo uns die Welt verlafit, mussen wir aus den 
Kraften, die wir bis dahin aufgenommen haben, unsere eigene Erneue- 
rung besorgen. Da konnen wir allerdings, weil die zu erneuernden Teile 
immer weniger und weniger werden, nicht in demselben grandiosen 
Mafistabe arbeiten an unserer neuen Verleiblichung, wie das Kind arbei- 
tet bis auf die Zahne hin, wenn es nach dem Modell seinen ersten eigenen 
Leib sich bildet. Aber wir haben sehr viele Krafte in uns angesammelt 
von Sonne und Mond und Sternen, die wir brauchen, die wir in uns 
tragen, da wir vom achtundzwanzigsten Jahre an beginnen, die Er- 
neuerung unseres physischen materiellen Leibes zu besorgen. Da wer- 
den wir in bezug auf die Menschenwesenheit in ihrer Form der auf 
der Erde auf sich gestellte Mensch. Damit aber hat der Mensch, der 
auf der Erde ganz auf sich gestellte Mensch, indem er zueilt diesem Zeit- 
punkt und wiederum iiber ihn hinausschreitet, damit hat der Mensch 
in der Zeit einen Punkt, den er anstrebt, iiber den er hinauswachst, auf 
den ich Sie schon gestern von einem ganz anderen Aspekt aus auf- 
merksam machte (Tafel 5, Mitte). Der Mensch strebt, wenn ich das Tafels 
so zeichnen darf, von seiner Kindheit an, wo er aufnimmt viele Wel- 
tenkrafte, immer mehr und mehr einem solchen Punkte zu, der am 
Ende der Zwanzigerjahre liegt, wo er aufhort, aus Weltenkraften sein 
Wachstum zu besorgen. Was er weiter tut von da ab, das besorgt er 
aus den Kraften seines eigenen Leibes. Hier ist in der Mitte ein Punkt, 
wo der Mensch aufhort, kosmische Krafte in sich zu verarbeiten, wo 
er anfangt, aus seinem eigenen Leibe heraus sich die Krafte zu erarbei- 
ten. Nur scheidet sich das im wirklichen Leben nicht so stark wie hier 
in der schematischen Darstellung. 

Im Leben sind oftmals schon in der friihen Kindheit, ich mochte 



sagen, vorausgenommene Wirkungen aus dem eigenen Leibe vorhan- 
den. Dann merken wir das an pathologischen Erscheinungen des Kin- 
des, am Bruchigwerden der Knochen, namentlich aber an friihen Fett- 
bildungen der Kinder; aber dieser Zusammenhang steckt dahinter. In 
jedem Augenblicke seines Lebens strebt ja der Mensch entweder nach 
diesem Punkte hin, oder er strebt von diesem Punkte weg. Sie sehen 
leicht ein, das ist eine Art Nullpunkt, eine Art Hypomochlion, eine 
Art Nullpunkt, wo wir in der Zeit zwischen uns und der Welt stehen. 
Wir haben immer in unserer inneren Dynamik ein Hinstreben oder 
ein Wegstreben. Das, was da im Menschen stattfindet, indem er nach 
diesem Nullpunkt hinstrebt oder von ihm wegstrebt, ist ja ein Streben 
nach einer Null oder von einer Null. Es ist etwas, was wir tun nach 
einem Nichts hin. Wir streben nach dem, worin die Welt nicht mehr 
wirkt, worin der Mensch noch nicht wirkt. Zwischen beiden ist eine 
Art von Null. Wir haben da etwas in uns, was nach einem Nichts hin 
orientiert ist. Das macht, dafi wir f reie Wesen sind, Verantwortlichkeit 
haben. Das ist so in der menschlichen Konstitution begriindet, dafi wir 
verantwortliche freie Wesen sind, weil wir beim Ubergang von der 
Welt zu uns durch einen Nullpunkt durchgehen, wie der Waagebalken 
von rechts nach links, von links nach rechts durch einen Nullpunkt 
durchgeht, der nicht den Gesetzen folgt, denen die ubrige Waage aus- 
Tafel 5 gesetzt ist. Sie konnen sich denken, wenn Sie eine Waage haben (Tafel 
5, rechts), daft hier die mechanischen Gesetze gelten, die Sie lernen, 
hier die mechanischen Gesetze gelten und der Waage eine bestimmte 
Konfiguration geben, entweder so, dafi das oben ist, das unten oder 
umgekehrt. Das sind die Gesetze der Waage, des Hebels. Aber wenn 
Sie diesen Punkt nehmen - Sie konnen die Waage herumtragen, ihre 
ubrige Konfiguration durch die mechanischen Krafte ist iiberall die- 
selbe, wo Sie die Waage herumtragen -, der Punkt ist frei; den kon- 
nen Sie herumtragen, wie wenn er gar nicht mit einer Waage ver- 
bunden ware, die Waage bleibt ganz unberiihrt davon. So, wenn der 
Mensch sich ergreift mit seinem seelischen Erleben in dem Punkt, 
dem er zustrebt vorher, aber nachher mehr davon wegstrebt, so ist 
wirksam vorher die Welt, nachher er selber, der Mensch. Hier ist 
nichts wirksam. Aber in der Tendenz hin oder weg kann sich ausleben 



dasjenige im Menschen, was nicht von der Natur und was nicht von 
der Welt bestimmt ist, wo ein Hypomochlion sitzt, da ist der Ur- 
sprungspunkt seiner Freiheit. Da begreift man die Verantwortlich- 
keit. 

Man mufi also, will man zum Beispiel bei einem fiinfunddreifiig- 
jahrigen Menschen sachlich, nicht blofi in einer Laienhaftigkeit und aus 
Dilettantismus heraus, den Grad seiner Verantwortlichkeit feststellen 
konnen, sich fragen: Wirkt etwa zuviel heriiber von demjenigen, was 
sich abnorm ausgebildet hat bis zu dem Punkt Ende der Zwanziger- 
jahre, ist dieser Punkt mehr oder weniger nach der Jugend oder mehr 
nach dem Alter gerichtet? - Der Mensch ist voller Verantwortlichkeit, 
wenn dieser Punkt normal ist, wenn man das ganze menschliche Leben 
so beurteilen kann nach der Lebensaufierung des Menschen, dafi dieser 
Punkt normal ist. Liegt dieser Punkt zu stark nach der Jugend zuriick, 
das heifit, hort die Welt zu fruh auf, auf den Menschen zu wirken, 
dann mufi dieser Mensch gepnift werden daraufhin, ob er nicht leicht, 
wenn auch im leisen Grade, unter Zwangsideen leidet, ob er nicht leicht 
seelisch determiniert sein kann, so dafi man ihm nicht die voile Ver- 
antwortlichkeit zuschreiben kann fur seine Taten. 

Liegt dieser Punkt zu spat, wird man sich fragen miissen, ob der 
Mensch nicht durch seine innere Natur gehindert ist daran, die voile 
Freiheit der Seele zu entwickeln, ob er nicht physisch zu stark deter- 
miniert ist, und man ihm deshalb wieder nicht die voile Verantwort- 
lichkeit zuschreiben kann. 

Aber real berufen, zu beurteilen im feineren Sinn, ist der Arzt und 
der Priester, die wissen miissen, dafi man des Menschen Entwickelung 
so beurteilen kann, dafi man ungef ahr - wir werden weiter darauf ein- 
gehen, weil zur Pastoralmedizin auch eine tiefe Physiognomik ge- 
hort - aus seiner Statur sagen kann, ob er sich im Gleichgewicht dar- 
lebt, ob man sagen kann, bei ihm liegt das Lebenshypomochlion am 
rechten Fleck, das heifit am rechten Zeitpunkt, oder es ist frtiher oder 
spater. 

Das sind Dinge, die man in der alten Mysterienweisheit als sehr 
wichtig bei der Beurteilung des Lebens angesehen hat, das sind Dinge, 
die vergessen worden sind, die aber wieder hinein miissen in die Men- 



schenkunde, wenn die Menschenkunde im umfassenden Sinne beein- 
flussen soil und im richtigen Sinne medizinisch und pastoral wirken 
will. 

Morgen davon weiter. 



FttNFTER VORTRAG 
Dornach, 12. September 1924 



Meine lieben Freunde! Es handelt sich jetzt um die Erkenntnisse, die 
wir gewonnen haben auf der einen Seite durch die Betrachtung von 
Menschen, welche, ohne direkt eine Intuition zu haben, in Wahrneh- 
mung der geistigen Welt hineinwachsen und dadurch Zustande zeigen 
in ihrem ganzen menschlichen Habitus, die den Arzt leicht an Patho- 
logisches erinnern konnen, die aber im Grunde genommen doch etwas 
ganz anderes sind als pathologische Zustande allein. Schon aus dem 
Grunde, weil, wie wir gesehen haben, das Pathologische im Status nas- 
cendi bleibt und eine fortwahrende, vom Geiste ausgehende Heilungs- 
moglichkeit da ist, wie das bei solchen Personlichkeiten wie die heilige 
Tberesia, auch Mechthild von Magdeburg, aber auch bei mannlichen 
Visionaren durchaus der Fall ist. 

Nun haben wir, wenn wir diese Zustande betrachten, ein Heraus- 
fallen der Ich-Organisation aus der menschlichen Gesamtorganisation 
im ersten Stadium. Die Ich-Organisation zieht dann den astralischen 
Leib sehr an sich und sondert ihn in einem gewissen Sinne ab von der 
atherischen und physischen Organisation im Wachzustande. Was 
kommt dadurch zustande? Sie konnen leicht begreifen, meine lieben 
Freunde, dadurch kommt zustande, daft der Mensch in eine Art Traum- 
zustand verfallt. Wenn wir den menschlichen Habitus geisteswissen- 
schaftlich betrachten, der dadurch entsteht, dafi das Ich den astra- 
lischen Leib an sich heranzieht, ihn nicht ganz hineinlafit in den phy- 
sischen und atherischen Leib, entsteht eine Art von Traumzustand. 
Aber wieder dadurch, daft durch eine besondere karmische Dichtig- 
keit, wie ich betont habe, Ich und astralischer Leib dann stark sind, 
wird in den Traum hineingetragen eine Empfanglichkeit fiir die Wahr- 
nehmung der geistigen Welt. Der Traum ist umgewandelt in einen 
Zustand, der die Moglichkeit hat, wirklich in die geistige Welt hin- 
einzuschauen. Das ist der Zustand, wo der Betreffende dann das An- 
wesenheitsgefiihl von Wesenheiten der geistigen Welt hat. 

Nun konnen wir den entgegengesetzten Zustand aufsuchen, den 



polarisch entgegengesetzten Zustand. Dieser polarisch entgegengesetzte 
Zustand, er tritt dann ein, wenn der astralische Leib die Ich-Organisa- 
tion, die gerade schwach ist, zu stark hereinzieht. Dann tritt im Wach- 
zustande nicht eine Erhellung wie bei Visionaren von der Art der hei- 
ligen Theresia ein, sondern es tritt im Gegenteil im Wachzustande eine 
Abdampfung, eine Verdunkelung des Bewufkseins ein. Eine Abdamp- 
fung bis zum Traum tritt ein. 

Sehen Sie, solche Menschen, die in einem solchen Zustande sind, 
konnen wir nicht in der Weise kennenlernen, wie ich das fur die an- 
deren angedeutet habe. Menschen, die bis zu solchen Kulminations- 
stadien kommen wie die heilige Theresia oder Mechthild von Magde- 
burg, aber auch solche, die zahlreich sind, viel zahlreicher, als man 
glaubt, und das Anwesenheitsgefiihl von Geistigem haben, solche Per- 
sonlichkeiten lernt man, wenn man dazu die notige Anlage oder die 
entsprechenden Fahigkeiten ausgebildet hat, am besten dadurch ken- 
nen, dafi man sich ihre Zustande erzahlen lafit. Sie sprechen ja - ver- 
zeihen Sie, dafi ich das so sage - interessanter als die gewohnlichen Phi- 
lister des Tages. Ihre Erzahlungen sind viel interessanter und sie er- 
zahlen vor alien Dingen solches, das man nicht im Alltag haben kann. 
Also sie sind schon interessant, diese Leute, auch wenn sie im ersten 
Stadium stehen. Man lernt sie kennen dadurch, dafi man sich von ihnen 
erzahlen lafit. 

Die anderen, bei denen der Astralleib das Ich hereinzieht, bei denen 
bleibt es auch noch interessant, wenn man sich von ihnen erzahlen lafit, 
nur braucht man, um die ersteren zu verstehen, richtig die Seelen- 
vertiefung mehr des Priesters. Um die zweiten zu verstehen, die oft- 
mals nicht minder interessant sind, oftmals sogar noch interessanter 
als die gewohnlichen Visionare, die nicht so weit kommen, um die 
zweiten zu verstehen, gehort eigentlich die innere Gefiihlssphare des 
die Welt mit gutem Verstand, leidlicher Intuition auffassenden Arztes. 
Denn da handelt es sich darum, zu verstehen, was sie einem nicht er- 
zahlen, denn was sie einem erzahlen, das hat nicht viel Wert. Es han- 
delt sich darum, dasjenige, was sie sagen und tun, so aufzufassen, dafl 
man es in die richtige Perspektive gegeniiber der menschlichen Orga- 
nisation bringen kann. Solche Personlichkeiten zeigen, wenn man sie 



um etwas fragt, schon einen gewissen Grad von Stumpfheit, auch Un- 
willen, einem zu antworten. Sie fangen dann von etwas anderem zu 
reden an als von dem, was in der Frage liegt. Aber wenn man abfangt 
dasjenige, was sie von sich selbst aus sagen - es gibt auch unter ihnen 
solche, die fortwahrend schwatzen mochten -, wenn man abfangt das- 
jenige, was sie von sich selbst sagen, hat man zuweilen das Gefiihl, da ist 
ein innerer Quell fur das Sprechen, der ihnen auch eine besondere Art 
der Ideenassoziation gibt, wie das bei gewohnlichen Menschen nicht der 
Fall ist. Solche Menschen erzahlen einem, wenn man sie gehen lafit - 
man mufi sie nicht fragen, sondern man mufi aufschnappen, was sie 
wie zufallig erzahlen -, solche Menschen erzahlen einem: Ja, vor zehn 
Jahren, da war ich einmal bei einem Bauer. Die Bauerin hat mir Kaffee 
gegeben. Die Bauerin hat mir Kaffee gegeben in einer Tasse, wo aufien 
rote Rosen gemalt waren. Die Bauerin hat mir nicht gleich den Kaffee 
geben konnen, denn sie hat in der Kiiche den Zucker vergessen gehabt 
und mufite ihn erst holen. Dann hatte sie die Milch vergessen. Die 
mufite sie erst vom Keller herauf holen, und dann hat sie so etwas wie ein 
Achtelliter Milch in den Kaffee hineingegossen und dann hat sie ge- 
sagt: Mein Kaffee ist ein sehr guter; und da hab ich gesagt: Ja das glaube 
ich schon, Bauerin. - Und so fahrt er fort; er erzahlt Einzelheiten, die 
sich auf lang Vergangenes beziehen und in die unglaublichsten Details 
eingehen. Man kommt dann zu der Idee: Ach hatte ich doch nur auch 
ein so gutes Gedachtnis wie der. - Man vergifit ganz, daft wenn man 
ein solches Gedachtnis wie der hatte, dann ware man so wie der. Ja 
nun, ich erzahle die Dinge etwas typisch und typisch auch herausge- 
arbeitet. Sie mussen dann die entsprechenden leichteren Varianten, die 
im Leben einem dann begegnen, insbesondere dem Arzt begegnen, 
Sie mussen sich danach orientieren. Ich erzahle es als Extrem auf- 
fallig, damit Sie sehen, worauf es ankommt. 

Es kommt also dann, wenn der astralische Leib die Ich-Organi- 
sation so hereinzieht, eine Art von Kraft zustande, die wie automa- 
tisch im Gedachtnis aufgefafite Details gern wiedergibt, immer bereit 
ist, sie wiederzugeben, aber absieht davon, irgendeinen logischen Zu- 
sammenhang zu suchen, sondern sie hintereinander aufzahlt die Dinge, 
so daft man nicht recht einsieht, weshalb der Betreffende gerade in 



dem einen Moment auf das eine, in dem anderen Moment auf das an- 
dere verfallt. Es kann vorkommen, dafi der Betreffende erzahlt: Die 
Bauerin ist hinausgegangen und hat die Milch geholt; wahrend sie hin- 
ausging, da schaute ich in die Ecke des Zimmers, da war ein Madonnen- 
bild, das war dasselbe wie das, das ich vor dreifiig Jahren in einem 
Orte gesehen habe; da habe ich aber nicht einen Kaffee gekriegt, son- 
dern eine sehr gute Suppe. - Es kann sein, dafi er von der anderen Er- 
zahlung ganz abkommt, es kann sein, dafi er wieder darauf zuriick- 
kommt. Also man sieht, es ist ein nicht logisch, aber raumlich-zeitlich 
mit aufierordentlicher Treue und automatenhafter Sehnsucht, sich zu 
offenbaren, wirkendes Gedachtnis. Ein solches Gedachtnis hat er, ein 
Gedachtnis, bei dem man, wenn man noch naher darauf eingeht, etwas 
sehr Merkwiirdiges erblickt: man erblickt namlich dasjenige, worauf 
in noch tieferem Sinne die Sache beruht. Man merkt, er hat eine gewisse 
Freude an gewissen Wortklangen, die er sich angeeignet hat, als er 
die Dinge erlebt hat. Und nun merkt man, er hat eine Freude, diese 
Wortklange wieder hervorzubringen. Kurz, man merkt, es handelt sich 
dabei um ein Zuriickgehen auf die Sprache, die gedachtnismafiig fest- 
gehalten wird mit Ausschaltung der Gedanken - nicht mit volliger 
Ausschaltung der Gedanken, aber doch mit Ausschaltung der Ge- 
danken. 

Auf der anderen Seite merkt man auch eine Veranderung der Wil- 
lenssphare. Die mufi man ebenso beachten, denn dadurch wandert 
man allmahlich ab in richtige pathologische Zustande, die dann auch 
auftreten konnen und von denen wir dann zu sprechen haben. Man 
merkt das Folgende. Man mufi wieder achtgeben; denn irgendwie her- 
anzutreten an solche Menschen, sie zu veranlassen, dafi sie einem fol- 
gen sollen, dafi sie das oder jenes tun sollen, damit man an ihnen etwas 
sieht, das hilft nicht viel, denn sie werden sehr stark bockig, wollen sich 
nicht irgendwie fiigen, nicht Antwort geben auf Fragen, die man an 
sie stellt, wollen auch nicht irgend etwas ausfuhren. Aber wenn man 
mit Hilfe irgendeiner Art von aufien herangeholter Anamnese heran- 
geht, so dafi man die Dinge zusammentragt, die man aus der Um- 
gebung oder sonstwie erfahren kann, dann merkt man, wie solche 
Menschen zum Beispiel zu einer bestimmten Zeit des Jahres Willensan- 



regungen in sich empfangen, daft sie wandern miissen, dafi sie eine 
Gegend durchstreifen miissen. Oftmals ist es dieselbe Gegend im Jahr, 
die sie durchstreifen wollen, und der innere Willensimpuls wirkt da so 
stark, dafl man, wenn man nun negative Instanzen anwendet, um da- 
hinter zu kommen, wie es mit ihnen ist, zum Beispiel das Folgende 
merken kann. Man nehme einen Gourmand; es gibt auch solche unter 
den Leuten, die grofie Freude am Essen haben. Man fasse ihn ab wah- 
rend seiner Wanderung und setze ihm ganz aufierordentlich gute Mahl- 
zeiten, an denen er seine Riesenfreude hat, vor, Man kann es aber 
hochstens dahin bringen, daf$ er am ersten, zweiten Tag dableibt, wenn 
das abliegt von dem, was er gewollt hat, auf seiner Wanderung zu er- 
reichen. Er wird unruhig. Man kann sehen, er mochte die gute Kost 
haben, da er weifi, wenn er weitergeht, wenn er den nachsten besucht 
auf seiner Wanderung, der gibt ihm etwas Schauderhaftes, das weifi 
er ganz gut. Sein Erinnerungsvermogen ist grofiartig ausgebildet. Er 
wird unruhig, er will weg, denn er pafit sich nicht an mit seinen Wil- 
lensentschliissen an unmittelbar auflerliche Veranlassungen. So wie 
er sich auf der einen Seite nicht anpalk den unmittelbaren Sinnesein- 
driicken, sondern aus dem Sprachschatz heraus alles mogliche repro- 
duziert, so pafit er sich auf der anderen Seite nicht an der Eingliede- 
rung seines Willens-Gliedmaflensystems in das aufiere Verhaltnis des 
Lebens hinein. Er will nur dem eigenen Willensimpetus folgen, der ihn 
in einer ganz bestimmten Weise von innen leitet. Man sieht, er hat 
alles das verloren, und es ist nur in geringem Mafte vorhanden das, was 
von der Ich-Organisation abhangt, um den Menschen mit der Aufien- 
welt zu verbinden. Seine Sinne werden stumpf , sein Willensimpuls lafit 
ihn nicht sich recht hineinstellen in die Welt. Er will ihm folgen, was 
eben die Folge davon ist, dafi das Ich in den astralischen Leib hinunter- 
gezogen wird. 

Nun sehen Sie, solchen Menschen, ihnen konnte man, wenn unsere 
medizinische Auffassung und die hingebungsvolle Liebe der Theolo- 
gen zusammenwirken wiirden, solchen Menschen konnte man aufier- 
ordentlich viel helfen, nur nicht gerade durch eine augenblickliche 
Therapie, sondern auf folgende Weise. Bei solchen Menschen liegt 
namlich eine ganz bestimmte Tatsache vor. Wir betrachten, um auf 



diese Tatsache zu kommen, das Leben solcher Menschen zwischen dem 
Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Da wird man in der Regel, 
wenn man mit grobem Sinn diesen Menschen betrachtet, gar nichts 
Abnormes bemerken. Man wird sogar vielleicht seine Freude daran 
haben, wie altklug diese Menschen sind, wie gescheit, wie furchtbar 
gescheit, was sie fur kluge Antworten geben. Aber man sollte gerade 
aufmerksam sein auf dieses kluge Antwortgeben zwischen dem sieben- 
ten und vierzehnten Lebensjahr. Denn solche Menschen, die iiberklug 
in diesem Lebensalter sind, solche Menschen nehmen von dem, was sie 
in ihrer Entwickelung nach der Geschlechtsreife durchmachen sollen, 
etwas herein in die zweite Lebensepoche zwischen Zahnwechsel und 
Geschlechtsreife. Dadurch eben kommt das zustande, was ich eben 
beschrieben habe. Der astralische Leib, der erst nach der Geschlechts- 
reife das Ich hereinziehen soil, damit das Ich dann im Beginne der 
Zwanzigerjahre in seiner vollen Entfaltung erscheinen kann, er zieht 
schon vom Zahnwechsel ab oder vom neunten, zehnten, elften Jahr 
ab die Ich-Organisation herein, und wir bemerken diese abnorme Klug- 
heit und freuen uns zunachst daran. Aber nun, wenn die spateren Jahre 
kommen, achtzehntes, neunzehntes, zwanzigstes Jahr, da steckt dann 
die Ich-Organisation zu tief drinnen in dem astralischen Leib. Da ist 
der Zustand da, den ich beschrieben habe und dann treten die Erschei- 
nungen auf, die ich angefiihrt habe. Und so handelt es sich darum, daft 
nun so ein Mensch, der in dem charakterisierten Alter uns besorgt 
macht durch seine Uberklugheit, daft der eben in einer gewissen Weise 
behandelt werden mui Vor allem treten dann diejenigen Lagen ein - 
wir werden, nachdem wir das Charakteristikum gegeben haben, auch 
einige Andeutungen horen, was im einzelnen zu tun ist -, wo Arzt und 
Priester den Padagogen zu beraten haben, damit der verstehen kann, 
was er nun seinerseits fur das angedeutete Lebensalter zu tun hat. Zu- 
erst aber mochte ich die Charakteristik weiter fortsetzen. Es handelt 
sich jetzt darum, die Betrachtungen der letzten Tage miteinander zu 
verbinden. 

Nun kann aber auch das eintreten, daft der Atherleib seinerseits 
zu stark anzieht die Verbindung von astralischem Leib und Ich, daft 
furchtbar stark einschnappt in den physischen und Atherleib der astra- 



lische Leib und das Ich im Wachzustande. Dann entstehen die Zu- 
stande, die innerlich angeschaut sich so darstellen, daft das Astralische 
zuviel in den Organen drinnen ist, sich nicht richtig verbinden kann 
mit den Organen. Es ist der Zustand, der ebenso ein pathologisches 
Spiegelbild ist eines visionaren Zustandes, etwa wie bei der heiligen 
Theresia, wie der erste Zustand, den ich beschrieben habe, ein patho- 
logisches Spiegelbild ist des Zustandes, wo das Anwesenheitsgefiihl 
von geistigen Wesenheiten vorhanden ist. Wir haben auf der einen 
Seite ein Hineintragen des Wachschlafes in das helle Bewufitsein. Wir 
haben bei solchen Personlichkeiten, wie ich es geschildert habe, das 
Gegenteil: das Hinubertragen des Traumlebens in das Wachleben, mit 
diesen Begleiterscheinungen, von denen ich gesprochen habe. Weil es 
eigentlich ein Wachen ist, treten nicht Traume auf, sondern es tritt 
ein aktives Traumleben auf, das sich aufiert in jenem Sprechen, von 
dem wir gesprochen haben, und in jenem intimen ubertriebenen Nach- 
Innen-Kehren der Impulse des Willens. Das ist das pathologische Spie- 
gelbild des Traumes; Aktivitat ist darinnen, statt Passivitat, die im 
Traume lebt. 

Jetzt haben wir das Zweite. Wir haben das Hereinziehen von Ich 
und astralischer Organisation durch den Atherleib. Der Mensch 
schnappt ganz stark mit Ich und astralischem Leib und Atherleib in 
die physische Organisation ein, aber diese physische Organisation kann 
in den einzelnen Organen die Dinge nicht aufnehmen. Es bleibt un- 
versorgte Astralitat in alien moglichen Organen zuriick, die sich nicht 
recht mit den Organen verbindet. Es tritt das pathologische Spiegel- 
bild ein von dem, was wir kennengelernt haben als das zweite Stadium 
bei den anderen, jenes zweite Stadium, wo gewissermafien die Sinnes- 
empfindungen von innen angeregt werden, die Stromung von innen 
nach den Sinnen hingeht. Jetzt geht sie nach innen, nach den Organen 
beim Spiegelbild, jetzt ergreift sie die Organisation, es treten ein die- 
jenigen Zustande, die immer eintreten, wenn ein physisches Organ 
oder ein Atherorgan da ist und durchflutet wird vom astralischen Leib, 
von der Ich-Organisation, und diese sich nicht so verbinden konnen, 
dafi man etwa von einer gesattigten Verbindung des physischen Leibes 
mit dem Ather- und Astralleib sprechen kann. Es ist etwas iibrig in 



den Organen von den hoheren Organgliedern. Das, was sich sonst hin- 
einergiefk in die sinnesahnliche, in die sinnesmafiig kolorierte Vision, 
die Offenbarung sein kann der geistigen Welt, das ergiefit sich jetzt 
nach innen, will auffangen das Organ. Statt dafi es sonst, mehr aufier- 
lich, das Geistige gegeniiber dem Sinnlichen auffafit, ergiefit es sich 
nach innen, fangt auf das Organ, aufiert sich in Krampfzustanden, in 
all den Formen, die bei der eigentlichen oder maskierten Epilepsie 
auftreten, aufiert sich eben darin, dafi Ich-Organisation und astralische 
Organisation zu stark hinunterschnappen in die physische Organi- 
sation, die dann den Atherleib mit sich zur Verbindung hinreifit. Wir 
sehen jetzt durchaus die Moglichkeit, dafi der erste Zustand, den ich 
beschrieben habe, sich hineinentwickelt in diesen zweiten, und oftmals 
tritt gerade das im Leben ein, was verhindert werden sollte durch die 
Verbreitung einer echten Pastoralmedizin. Man bemerkt den ersten 
Zustand nicht, findet ihn interessant. Man bemerkt erst den zweiten 
Zustand, wenn er eintritt, wo Krampfe, epileptische Erscheinungen 
eintreten, wo dann aber nicht die Hypertrophic der Erinnerung in die 
Details, auch nicht die Hypertrophic des inneren Willensimpetus ein- 
tritt, sondern dadurch, dafi die astralische Organisation und die Ich- 
Organisation nach innen gestofien werden, durch das Nichtzusammen- 
stimmen der astralischen Organisation mit gewissen Organformen, 
jetzt Erinnerungs-Ausloschung eintritt. Statt dafi die Erinnerung wie 
im vorhergehenden Zustand an die Details anhaftet und die Details 
nur nicht beherrscht waren von Logik, sondern eine fortlaufende, in 
willkiirlichen Assoziationen sich abspielende Erinnerungsstromung da 
ist, eine logiklose Erinnerungsstromung, sehen wir jetzt unterbrochene 
Tafel6 Erinnerung; es bleiben Erinnerungsstellen aus. Es kann so weit gehen, 
dafi uns ein solcher Patient zeigt etwas wie zwei Arten von Bewufit- 
sein. Die Erinnerung heftet sich zum Beispiel an die oberen Organe - 
denn an der Erinnerung, an dem Gedachtnis ist der ganze Mensch be- 
teiligt -, haftet an die oberen Organe, bleibt aus fur die unteren Or- 
gane und umgekehrt. In dem anderen Teil der rhythmischen Abfolge - 
denn rhythmisch konnen solche Dinge abfolgen - ist es umgekehrt, die 
oberen Organe werden untatig bei der Erinnerung, die unteren Or- 
gane werden tatig, und so laufen zwei Bewufitseinsstromungen bei ei- 



nem solchen Menschen nebeneinander her. In dem einen Bewufttseins- 
zustand erinnert er sich immer an alles dasjenige, was in diesem Be- 
wufitseinszustand abgelaufen ist, im anderen erinnert er sich an das 
andere; aber er weifl nie in dem einen Bewufitseinszustand, was Inhalt 
des anderen Bewufltseinszustandes war. In diese Region geht es dann 
hinunter. 

Sehen Sie, da haben wir das Spiegelbild, das pathologische Spie- 
gelbild desjenigen, was, nun gebrauchen wir den Ausdruck, beim Hei- 
ligen, damit wir einen Terminus haben - die heutige Medizin hat 
keinen Terminus fur diesen Zustand -, was beim Heiligen im zweiten 
Zustand eintrat. Der bekommt eine Welt um sich, die visionar ist, aber 
einen geistigen Inhalt hat, er lebt sich in die geistige Welt hinaus, be- 
kommt innerliche Eindriicke von der geistigen Welt. Der andere, der 
Pathologische, ist, weil in seinem Karma eine schwache Individuality 
liegt, so, dalS er vom Korperlichen angezogen wird, er bekommt an- 
stelle der geisttragenden Visionen Krampfzustande, durchbrochene Be- 
wufttseinsvorstellungen, Inkoharenz des fortlaufenden Lebens und so 
weiter. 

Nun kann aber noch ein dritter Zustand eintreten. Das ist der, wo 
infolgeder karmischen Verhaltnisse der physische Leib nun auch schwa- 
cher geworden ist, wie die ganze andere Organisation schwach gewor- 
den ist, so daft die fruheren karmischen Krafte in den physischen Leib 
nicht geniigend hineinwirken. Sehen Sie, bei einem solchen Menschen 
wird nun nicht Ich-Organisation, astralische Organisation und Ather- 
leib durch den physischen Leib herangezogen, sondern es tritt etwas 
ganz anderes ein. Bei einem solchen Menschen tritt das ein, was ich in 
der folgenden Weise zu beschreiben habe. 

Nehmen Sie an, man wird nach der anderen Seite, nach der Seite 
der Sinne hin, also nach der Seite der Ich-Organisation hin versensi- 
tiviert; da ist man furchtbar empfindlich gegen all das, was durch die 
Sinne einfliefit, gegen lebhafte Farben, lebhafte Tone. Aber gerade 
das Entgegengesetzte tritt bei solchen Menschen ein, deren physischer 
Leib infolge karmischer Verhaltnisse schwach ist. Die werden von in- 
nen heraus nun nicht hyperempfindlich, sondern fiir ihren physischen 
Leib unempfindlich, dafiir aber nehmen sie mit Riesenstarke auf alles 



dasjenige von der anderen Seite, von der Willensseite her, was in der 
physischen Welt aufierhalb ist. Sie verfallen der Schwere, der Warme 
und Kalte. Das alles wirkt so, wie gar nicht auf organische Wesen, 
sondern wie auf unorganische Wesen, das unterdriickt dann die Aufie- 
rungen von astralischem Leib und Ich-Organisation. Sie sind von der 
Welt hingenommen, sie stellen sich durch den schwachen physischen 
Leib nicht mit entsprechender Intensitat der Auftenwelt gegeniiber, 
sie sind wie ein Glied der Aufienwelt, aber innerhalb des Physischen. 
Es ist das deutliche Gegenbild dessen, was wir als das dritte Stadium 
beim Heiligen beschrieben haben. Der Heilige geht durch den Schmerz, 
der sich in ihm in Lust verwandelt, iiber dazu, daft er die geistige Welt 
in ihrer reinen Geistigkeit erlebt. Er nennt das «die Ruhe in Gott» oder 
«die Ruhe im Geist». Derjenige, der sich so entwickelt, wie ich das be- 
schrieben habe, der ruht in den verborgenen okkulten Kraften der 
physischen Welt, die ihm aber nicht zum Bewufitsein kommen, er 
kommt nicht zu der Ruhe in Gott, nicht zur Ruhe im Geist, er kommt 
zur Ruhe in den okkulten Kraften der Welt, denen er sich gerade als 
Mensch in Selbstandigkeit gegeniiberstellen soli. Er entwickelt das 
Spiegelbild des dritten Zustandes des Heiligen, das pathologische Spie- 
gelbild, und das ist der Zustand des Blodsinns, in dem das Menschliche 
ausgeloscht ist, in dem der Mensch ruht in der aufieren Natur, das 
heifit in den verborgenen Kraften, aber nicht mehr sich menschlich 
aufiern kann, sondern nur in dem, was im Menschen naturgemafl voll- 
zogen wird, was im Menschen die Fortsetzung darstellt der aufieren 
Naturprozesse, der vegetabilischen Prozesse: Sich-Ernahren, die Nah- 
rungsmittel verarbeiten, und das Sich-Bewegen in der Richtung, wie 
die Nahrungsmittel in ihrer inneren Verarbeitung Impulse geben, das 
vollstandig wachende Schlafen, hingegeben an die Funktion der Kbr- 
pergestalt, die aber nicht uberwunden werden vom schwachen phy- 
sischen Leib, sondern ahnlich bleiben den Vorgangen der Aufienwelt, 
die, weil sie im Menschen wirken, menschenahnliche Impulse geben 
dem Menschen, der herausgestellt ist aus der Welt, weil er zu stark in 
die physische Welt hineingestellt ist. 

Wir haben es zu tun mit all dem, was das pathologische Spiegelbild 
der Ruhe in Gott ist. Wir haben es mit dem «Ruhen in der Natur» zu 



tun. Wir haben es mit den verschiedenen paranoischen Zustanden zu 
tun, mit demjenigen, was man im gewohnlichen Leben die Zustande 
des Blodsinns nennt, wahrend die vorhergehenden Zustande mehr die- 
jenigen des Schwachsinns sind. 

So sehen wir in die Stufenreihe beim Heiligen von den Anwesen- 
heitsgefuhlen gegeniiber Wesenheiten der geistigen Welt bis hinein zu 
dem sich selber Hineinversetzen in die geistige Welt im dritten Sta- 
dium. So sehen wir das pathologische Gegenbild von der psychopatho- 
logischen Minderwertigkeit, die wir im ersten Stadium verfolgen kon- 
nen. Ganz besonders dann konnen wir darauf aufmerksam werden auf 
die psychopathologische Minderwertigkeit, wenn sie sich so ausdriickt, 
wie ich das vorhin beschrieben habe: in abnormer Wanderlust, ver- 
bunden mit dem logikfremden Gedachtnis. Wir sehen das dann iiber- 
gehen in die Zustande des Wahnsinns, die aber durchaus den Men- 
schen zu gewissen Verrichtungen des aufleren Lebens geeignet machen 
konnen in dem Friihstadium. Wir sehen das dann iibergehen oftmals in 
den dritten Zustand, der auch schon von Anfang an vorhanden sein 
kann. 

Wir sehen, wie der zweite Zustand im wesentlichen darauf beruhen 
kann, daft wir gar nicht imstande sind, gewissen Zustanden zwischen 
Geburt und Zahnwechsel entgegenzutreten. Wenn Kinder in dieser 
ersten Lebensepoche nicht gerade eine iibergrofie Klugheit zeigen aber 
eine starke Lernbegierde, die sich erst zeigen sollten nach dem Zahn- 
wechsel, kurz, wenn diejenigen Eigenschaften, die, wie ich in den 
padagogischen Vortragen geschildert habe, eintreten im normalen Le- 
ben zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, schon deutlich da 
sind in der ersten Epoche, sollten wir besonders besorgt werden, soll- 
ten wir sinnen auf Mittel, die dasjenige, was jetzt pathologisch ist, be- 
heben konnen, psychische, spirituelle, physische Mittel. Wir werden 
davon noch sprechen. Aber das ist das, was im Zusammenhang mit 
diesen Erscheinungen studiert werden raufi, namlich, daft nicht herein- 
leuchten sollte in die erste Lebensepoche zwischen Geburt und Zahn- 
wechsel dasjenige, was in der zweiten Lebensepoche, wie ich es Ihnen 
gestern geschildert habe, herauskommen soil. 

Das dritte Stadium kann allerdings in zweifacher Weise sich ein- 



stellen. In den weitaus meisten Fallen bringt es sich der Mensch, wie 
Sie aus meinen Darstellungen ersehen haben, als sein Karma mit. Er 
tritt schon durch dasjenige, was er durchgemacht hat beim Aufsuchen 
der Zusammensetzung des Atherleibes, bevor er in den physischen 
Leib hereintritt, schon in einen abnormen Zustand ein. Er gestaltet 
sich einen Atherleib, der uberall nicht hinein will, der nicht hinein 
will in Herz und Magen in der richtigen Weise, sondern sie uberfluten 
will, der zu stark astralischen Leib und Ich-Organisation in die Organe 
hineintragt, und wir sehen auftreten schon bei der Geburt oder sich 
wenigstens bald nach der Geburt herausbilden die physiognomischen 
Deformationen, die uns besorgt machen konnen. Man nennt das ange- 
borenen Blodsinn. Den gibt es aber nicht. Es gibt nur einen karmischen 
Blodsinn, der mit der ganzen Schicksalslage des Menschen zusammen- 
hangt. Auch das werden wir genauer besprechen, damit man doch auch 
einsieht, wie eine Inkarnation, die in einer solchen geistigen Umnach- 
tung zugebracht werden kann, unter Umstanden sogar giinstig in das 
Karma des Menschen sich hineinstellen kann, wenn es auch ein Elend 
darstellt in der einen Inkarnation. Da beginnt die Notwendigkeit, die 
Dinge nicht blofi unter dem Gesichtspunkte des endlichen Lebens, 
sondern sub specie aeterni oder unter dem Gesichtspunkt des ewigen 
Lebens des Menschen anzusehen. Da tritt ein dasjenige, was eine ge- 
miitvolle und zu gleicher Zeit weise gewordene Caritas durchdringen 
soli. 

Auf der anderen Seite aber kann das zweite Stadium, das ich Ihnen 
geschildert habe, durchaus in das dritte ubergehen, und das zeigt sich 
dann, wenn schon in der ersten Lebensepoche des Menschen zwischen 
Geburt und Zahnwechsel nicht blofi die zweite Epoche hereinleuchtet, 
sondern schon die dritte, diejenige, in der der Mensch seine Ich-Or- 
ganisation hereinnehmen soil. Wenn uns ein Kind entgegentritt mit 
Eigenschaften im vierten, funften Lebensjahr, die oftmals das Ent- 
ziicken der Umgebung hervorrufen, weil man sagt: der redet oder 
tut wie ein Zwanzigjahriger - schlimm genug, wenn es so ist. Denn 
dann tritt eben dasjenige ein, dafi die Ich-Organisation zu friih sich 
entwickelt, den physischen Leib iiberwaltigt und schwach macht. Dann 
tritt nicht der karmisch vermittelte, sondern im Leben akquirierte 



Blodsinn ein, der sich karmisch erst spater ausgleichen kann; der Blod- 
sinn aber, er tritt im spateren Leben ein. Wenn wir mit verstandigem 
Sinn, mit einer guten Pastoralmedizin hinblicken auf das Leben, war- 
den wir ihn dadurch beherrschen lernen konnen, indem wir einfach die 
Erziehung in der richtigen Weise gestalten im Fruhstadium des Be- 
treffenden. 

Aber derjenige, der durch seinen inneren Beruf hingewiesen ist dar- 
auf, solche Dinge zu beobachten, er sollte sie nicht nur beobachten, 
insofern sie individuelle Einzelerscheinungen sind - da soli er na- 
turlich mit besonderer Liebe eingehen konnen -, er soil auch ein Ver- 
standnis entwickeln, wenn sie generelle Erscheinungen werden. Er soli 
ein Verstandnis entwickeln, wie manchmal diese Dinge herangezogen 
werden. 

Wir haben, meine lieben Freunde, gesehen, dafi manches in die Pad- 
agogik der fruheren Jahrzehnte eingezogen ist, was wir vom Stand- 
punkte einer gesunden Padagogik, wie sie die Waldorfschul-Padagogik 
sein will, gerade bekampfen, Dinge, die den Menschen aufierordent- 
lich lieb geworden sind. Auf das muft manchmal mit grausamer Harte 
in unserer Waldorfschul-Padagogik hingewiesen werden, zum Beispiel 
wie diese, ich habe darauf hingewiesen, nicht dem Leben, sondern dem 
Intellekt entnommenen Frobel-Arbeiten, die in den Kindergarten vor 
dem Zahnwechsel getrieben werden, die nicht Nachahmung des Le- 
bens, sondern ausgedachte Dinge sind, wie diese getrieben werden. Da 
ist es dann, dafi in das kindliche Lebensalter zwischen Geburt und 
Zahnwechsel hineingenommen wird dasjenige, was erst da sein sollte 
im zweiten Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. 
Es wird geradezu herangezogen dasjenige, was sich in den ersten Sta- 
dien des Pathologischen, wie ich es heute geschildert habe, dargestellt 
hat. Dann wird herangezogen ein Krankheitszustand schwacher Art, 
den man oftmals noch nicht als pathologisch anspricht, der auch besser 
nicht als pathologisch bezeichnet wird, damit man nicht alles patholo- 
gisch findet, der aber als Kulturerscheinung durchdrungen werden und 
verstanden werden mufi. Nicht einfach kritisiert werden soil, aber ver- 
standen werden soil, damit man in der rechten Weise sich zu ihm ver- 
halt. 



Was liegt vor? Da liegt vor falsche Erziehung in den ersten Kin- 
desjahren. Das zweite Lebensstadium wird hineingenommen in das 
erste, das Untersttitzen alles desjenigen, was automatisches Sprechen 
und was von innen heraus ohne Anpassung an die Umwelt angeregten 
Willen erzeugt. Nehmen Sie an, es ist ein bifichen von dem da, was 
ich fur das erste pathologische Stadium geschildert habe, ein Anflug, 
der dadurch erzeugt wird, daft die Erziehung in der Richtung, wie ich 
es Ihnen geschildert habe, falsch war. Was kommt dann? Wander- 
vogelgeliiste, eine nicht ganz als pathologisch zu bezeichnende, aber 
ein gewisses Charakteristikum tragende Sucht, nur sich selber zu fol- 
gen in einem gewissen Lebensalter, nicht mit der Welt zu rechnen: her- 
aus aus der Aufienwelt, wandern, Wandervogellust! Es hangt schon 
mit Zeiterscheinungen zusammen, die in einer, wenn ich so sagen darf, 
pathologischen Erziehung, oder wenigstens in einer Erziehung mit 
pathologischem Anflug urstanden. Das beobachten Sie jetzt. Beobach- 
ten Sie viele Angehorige der Jugend - ich will das nicht kritisieren, 
die Dinge sind voll berechtigt -, sie sind deshalb da, weil sie sich ver- 
binden mit dem, was mit dem Kali Yuga geschehen ist, weil eine Affi- 
nitat besteht zwischen dem in dieser Art leicht Pathologischen und 
dem, was das Kali Yuga erzeugt. Die Dinge gehoren alle zusammen, 
aber man mufi sie von diesen zwei Aspekten betrachten. Betrachten 
Sie das, so werden Sie leicht Anfluge dessen sehen, was ich beschrie- 
ben habe. In der Wanderlust driickt sich das deutlich aus, aber in ei- 
nem extremen Stadium. Horen Sie einmal zu den Gesprachen, man 
ist verzweifelt dariiber, wie wenig sie zuganglich sind fur das, was 
man ihnen sagt, und wie sie ewig Details wiederholen, die sie bezeich- 
nen als ihr «Erlebnis», sie kommen immer wieder und wieder auf das- 
selbe zuriick. Mifiverstehen Sie mich nicht, ich will nicht im geringsten 
das als etwas hinstellen, was nun im philistrosen Sinne beurteilt werden 
kann, aber ich will andeuten, wie solche Erscheinungen nur recht 
durchschaut werden konnen, wenn man jenes Verhaltnis, das ich Ihnen 
in diesen Tagen geschildert habe, recht ins Auge fafit, das da besteht 
darinnen, daft immer da ist eine Stufe hinein ins geistige Leben und des- 
sen polares Gegenbild in den eigenen Leib hinein. Eine weitere Stufe 
in die geistige Welt hinein beim Heiligen, eine weitere Stufe in den 



Leib hinein bis zu den Krampfen und der Epilepsie bei demjenigen, der 
pathologisch wird und so weiter. So ist die Verwandtschaft. Und wenn 
Sie bedenken, wie schon in der aufieren Elektrizitat und im aufteren 
Magnetismus der eine Pol immer von dem anderen abhangig ist, so 
werden Sie den labilen Zustand begreifen, der im Leben sein kann zwi- 
schen dem einen und dem anderen, der aber nicht mit so groben Tat- 
zen erfafit werden darf, wie es heute so vielfach von der materialisti- 
schen Weltanschauung geschieht, der aber mit der Feinheit erfafk wer- 
den mufi, dafi polare Gegensatze da sind und wieder die Anziehung 
des einen Poles und des anderen Poles, dann kommt man darauf, was 
vorliegen kann in dem einen Fall und was im anderen Fall. Man lernt 
erst dadurch in die menschliche Wesenheit hineinschauen. Da wollen 
wir morgen fortsetzen. 



SECHSTER VORTRAG 
Dornach, 13. September 1924 



Meine lieben Freunde! Wir haben betrachtet den Menschen im wesent- 
lichen, obwohl wir das andere haben hereinleuchten lassen, insofern 
er in seinem Erdenleben nach der einen oder anderen Seite hin sich aus 
dem, was man das Normale nennen kann, herausentwickelt nach dem 
Pathologischen hin, oder auch nach derjenigen Seite hin, die ihn in ein 
Verhaltnis bringt zur realen geistigen Welt. 

Wir wollen heute versuchen, iiber das einzelne menschliche Leben 
hinauszugehen, iiber das Leben des Menschen, insofern es ein einzel- 
nes Erdenleben darstellt, um zunachst an einem mehr oder weniger 
uberschaubaren Beispiel zu sehen, wie auch in solchen Zustanden, 
die, ich mochte sagen, in dem polarischen Gegensatz drinnenstehen 
zwischen dem Hineinreichen in die geistige Welt und dem Hinunter- 
reichen in das Korperliche, in das Naturhafte, um zu sehen, wie zu 
solchen Vorgangen steht dasjenige, was sich durch die wiederholten 
Erdenleben zieht. Denn es ist schon so: der Arzt braucht, wenn er 
seinen Beruf ausiiben will, nicht nur in aufterlicher Weise oder in ver- 
standesmaftiger Weise, sondern mit dem vollen Herzen, mit dem gan- 
zen Menschen, er braucht das Darinnenstehen in der geistigen Welt, 
das Anschauen der Welt vom Aspekt des Geistigen aus. Aber da nun 
einmal tatsachlich das Menschenwesen durch aufeinanderfolgende Er- 
denleben reicht, die Ursachen von einem Erdenleben auf geistige Art 
in das andere Erdenleben hiniibergehen, wirksam werden im Men- 
schen, so darf das Karma fiir uns keine Phrase bleiben, sondern wir 
mussen auch allmahlich einsehen, wie wir uns heilend zum Karma zu 
stellen haben. Dazu mussen wir vor alien Dingen seine Wirksamkeit 
mit Bezug auf das Pathologische und mit Bezug auf das Visionare 
durchschauen. 

Der Priester braucht, wenn er in der richtigen Weise auf die Er- 
scheinungen des Lebens eingehen will und fiir die Seelen, die ihm an- 
vertraut sind, sorgen will, ein richtiger Seelsorger sein will, er braucht 
auch das Hineinschauen in die Bedeutung des Geistigen fiir dasjenige, 



was einem im physischen Erdenleben entgegentritt. Nur dann wird er 
die Menschen auf Erden in richtiger Weise vom Gesichtspunkte des 
Geistigen behandeln konnen. 

Da fallt uns ja sogleich etwas auf, meine lieben Freunde, worauf 
man heute vom iiberlegenen, auf klarerischen Standpunkte aus, vielleicht 
mit einer gewissen Verachtlichkeit schauen kann, aber wiirden wir es 
tun, unsere Nachkommen in fernen Jahrhunderten wiirden es uns heim- 
zahlen. Denn sie wiirden es mit uns ebenso machen wie der Mensch, 
der heute in der sogenannten wissenschaftlichen Bildung darinnen lebt, 
es macht mit den Vorf ahren. Sie werden gleich einsehen, was ich meine. 

In bezug auf die Anschauung uber die Krankheiten hat sich im 
Laufe der Menschheitsentwickelung ein vollstandiger Umschwung 
vollzogen, und gerade Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts 
konnte einem dieser Umschwung besonders ins Auge fallen. Gehen Sie 
zuriick ein paar Jahrtausende in der Entwickelung der Menschheit, in 
altere Zeiten des Alten Testaments, so finden Sie uberall die Oberzeu- 
gung: die Krankheit kommt von der Siinde, die Krankheit hat ihre 
geistige Ursache zu allerletzt in der Siinde. Das wurde sehr ernst ge- 
nommen. Es mufke eine geistige Verirrung oder Verfehlung irgendwo 
vorliegen als eigentliche Ursache, wenn eine physische Erkrankung 
auftrat. Und diese Anschauung ging weiter. Diese Anschauung ging 
dahin, daft man sagte: Da in einem Menschen, bei dem irgendeine gei- 
stige Verfehlung oder Verirrung zugrunde liegt, die in ihm die Erschei- 
nung der Krankheit hervorruft, ist irgend etwas geistig Elementa- 
risches enthalten, was nicht in ihn hineingehort, er ist irgendwie beses- 
sen. - Jede Krankheit bedeutete ja eine Besessenheit mit Geistigem als 
Folge einer geistigen Verirrung oder Verfehlung in alteren Zeiten, und 
demgemafi war auch die Therapie eingerichtet. Sie war darauf ein- 
gerichtet, nach Mitteln zu sinnen, wie man dasjenige, was durch die 
geistige Verfehlung an fremder elementarer Geistigkeit in den Men- 
schen hineinkam, wie man das wieder herausbringt. Radikal war diese 
Anschauung, dafi man eine Krankheit nicht versteht, wenn man nicht 
ihre krankhafte Ursache weifi. 

Nun, nehmen Sie dasjenige, was in ganz folgerichtiger Entwicke- 
lung heraufgekommen ist und mehr oder weniger in der letzten Zeit, 



bevor dilettantisch die Psychoanalyse, die analytische Psychologie in 
so furchtbarer Weise eingegriffen hat, indem sie das genau Entgegen- 
gesetzte von dem, was da als Ansicht geherrscht hat, sagte: Jede Siinde 
hat in der Krankheit ihre Ursache. - Man war uberzeugt davon; wenn 
man irgendwo einen Verbrecher, einen Sunder hatte, wobei man den 
Begriff der Siinde ziemlich aufterlich nach dem Staatskodex definierte, 
wenn man irgendwo einen Verbrecher oder Sunder hatte, sah man, dafi 
man nur in irgendeiner Weise seines Gehirns habhaft werden konnte 
nach dem Tode, seines Schadels irgendwie habhaft werden konnte, 
seine physische Organisation untersuchen konnte. Man wiirde schon 
die Defekte, die Merkmale finden. Man hat sie auch in vieler Bezie- 
hung gefunden, und man ist ja in dieser Beziehung nicht gerade wenig 
weit gekommen. Tuchtige naturwissenschaftlich gebildete Leute sind 
zu der Ansicht gekommen, wenn der Mensch vollkommen organisch 
ausgebildet ist, siindigt er nicht. Er siindigt dadurch, dafi ein korper- 
licher Defekt irgendwo da ist: die Siinde kommt von der Krankheit. 
So geht die Entwickelung. Sie geht nicht in gerader Linie weiter, sie 
geht durch polarische Gegensatze; und gerade die Menschen, die nun 
zur letzteren Ansicht gekommen sind - es gesteht sich heute nicht jeder, 
aber es liegt vielfach zugrunde selbst bei denjenigen, die aufierlich 
nicht ganz auf dem Boden stehen -, diese Menschen sehen mit aller 
Verachtung zuriick nach denjenigen Zeiten, in denen man gesagt hat: 
Die Krankheit kommt von der Siinde. - Denn sie wissen, nach ihrer 
Meinung ist das richtig: die Siinde kommt von der Krankheit. Ebenso 
wissen sie, dafi man irgendeinen stoff lichen Prozefi im Kranken hat, 
den man bekampfen mufi, aufheben mulS, herausbringen mufi, wie 
man friiher eine geistige Elementarwelt herausbringen wollte. Fur den, 
der die Sache im grofien anschaut, unterscheidet sich das nicht im we- 
sentlichen, wie schliefilich, innerlich angeschaut, zwischen mancher 
Heilquelle, die die materialistische Medizin fur richtig anschaut, und 
Lourdes auch nicht ein sehr betrachtlicher Unterschied ist. Das eine 
ist geheiligt durch den kirchlichen, das andere durch den materialisti- 
schen Glauben. Diese Dinge mussen eben einfach unbefangen ange- 
schaut werden. 

Nun aber, wenn man in so, ich mochte sagen, kurzsinnigen Vor- 



stellungen sich bewegt, kann man doch nicht auf die realen Zusammen- 
hange kommen. Deshalb mochte ich Ihnen heute - und man sollte 
eigentlich immer von konkreten Dingen sprechen, wenn man von sol- 
chen Dingen spricht - einen konkreten Fall erzahlen, der Ihnen hohere 
Zusammenhange im Gesundheitsleben des Menschen klarlegen kann. 
Sehen Sie, es gibt einen Menschen im Verlauf des 19. Jahrhunderts. 
Wir werden ihn so, wie er im 19. Jahrhundert da war, spater kennen- 
lernen. Ich mochte Sie zuerst zu einer seiner friiheren Inkarnationen - 
ich mochte nicht sagen zu der unmittelbar vorhergehenden - fiihren, 
die fur seine Inkarnation im 19. Jahrhundert maflgebend war, wovon 
die Inkarnation im 19. Jahrhundert die wesentlichsten Folgen hatte. 
Da war er, dieser Mensch, in einer Gegend des siidlichen Orients, in 
Asien inkarniert, lebte in einer menschlichen Umgebung, wo die Men- 
schen aufierordentlich tierliebend waren. Sie wissen, dafi die orien- 
talischen Lehren in der Tierliebe etwas ungeheuer Ehrliches haben, 
sie ausdehnen dasjenige, was sie die Liebe zu den Menschen und zu 
den Dingen nennen, namentlich auf die Tiere. Es ist eben nament- 
lich in alteren Zeiten gewissen Menschen in solchen Gegenden absolut 
naturgemafi gewesen, die Tiere ungeheuer zu lieben und gewisse Tiere 
sehr gut zu behandeln. Dieser Mensch, den ich meine, der in einer frii- 
heren Inkarnation lebte in einer Umgebung, wo man sich so zur Tier- 
welt verhielt, er war kein Tierfreund. Er war, wohl bewirkt durch 
friihere Inkarnationen - die wollen wir nicht untersuchen -, jetzt 
mitten unter einer tierliebenden Bevolkerung ein Mensch, der aufier- 
ordentlich schlecht gewisse Tiere behandelte. Er qualte sie schon als 
Knabe, behandelte sie schlecht, qualte sie dann spater, indem er die 
Haustiere mit allerlei Qualereien belegte, kurz, er wurde im umfang- 
lichen Sinn ein Tierqualer. Das rief die starkste Entrusting hervor in 
der Umgebung, in der er lebte. Und er erlebte eigentlich viel an Kon- 
flikten zwischen seiner Sehnsucht, Tiere zu qualen, von der er nicht 
lassen konnte, die in ihm wie etwas war, was ein innerer Drang 
war - wir wiirden heute wiederum materialistisch gefarbt sagen: eine 
Perversitat des Willens -; dabei nahm er, und das war seine Eigen- 
tiimlichkeit damals, die spirituellen Lehren, welche die Bevolkerung 
in seiner Umgebung hatte, mit einer grofiartigen Empfanglichkeit 



auf, konnte sich ganz in sie hineinfinden, hatte einen feinen Sinn 
fiir alles das, was die Religion in jenen Gegenden lehrte. Aber er 
geriet gerade mit den religiosesten Leuten seiner Umgebung in furcht- 
barste Konflikte, weil er eben die Tiere qualte. Namentlich die Tiere 
qualte er, die er in seinem eigenen Haus hatte, zuerst bei seinen Ange- 
horigen, spater indem er selbst eine Art Feldbebauer war. Die Tiere, 
die ihm die nachsten Wesen waren, die die Orientalen ganz besonders 
gut behandeln, wie zur Familie gehorig behandeln, diese Tiere qualte 
er ungeheuer. 

Nun, wie gesagt, wir werden uns nicht aufhalten bei einer zwischen- 
liegenden Inkarnation, die in Betracht kommen konnte, sie hat nicht 
viel zu bedeuten fiir das folgende Leben dieses Menschen. Er lebte wie- 
der in unserem Zeitalter, im 19. Jahrhundert, in der ersten Halfte des 
19. Jahrhunderts. In dieser Inkarnation, die also im weiteren Sinn un- 
serer Zeit angehort, wurde er geboren als ein aufterordentlich angst- 
licher Mensch, der in seiner Angstlichkeit darauf angewiesen war, 
Tiere an sich zu ketten, namentlich Hunde an sich zu ketten. Man 
konnte schon sagen, es war ein krankhafter Zug in dieser wiederum 
nicht ganz normalen Neigung zu Tieren, die er nun entwickelte. Das 
alles bekam einen Zug von Krankhaftigkeit dadurch, daft er eigent- 
lich nicht eine besondere Liebe entwickelte zu den Hunden, wohl aber 
ein Gefiihl, daft er sie haben musse. Man sieht gerade an der Art, wie 
er sich mit Hunden einlieft, erstens etwas Phantastisches, wie wir gleich 
sehen werden, zweitens aber etwas, worin ein innerlicher karmischer 
Zwang von vorneherein sichtbar ist. Dabei wird der Mensch in dieser 
Inkarnation ein aufierordentlich begabter Mensch, der sich heriiber- 
tragt aus jener alten Inkarnation alles dasjenige, was er erlebt hat un- 
ter der orientalischen Bevolkerung an spirituellen Lehren, auch an 
spiritueller Religiositat. Das wird bei ihm nicht nur Gefiihl und Emp- 
findung, das wird bei ihm Lebenspraxis. Er kommt im Verlaufe seines 
Lebens nicht nur zu Phantasievorstellungen iiber das Geistige, sondern 
er kommt zu der Moglichkeit, in richtigen visionsartigen Imaginatio- 
nen, die sich ihm mit elementarischer Selbstverstandlichkeit ergeben, 
dichterisch zu bilden dasjenige, was physisch im Menschenleben da ist, 
und wo fortwahrend hineinspielen geistige, elementarische Wesenhei- 



ten. Das ist das eine. So daft wir sehen, er ist Dichter, ausgezeichneter 
Dichter. Er ist nicht nur ausgezeichneter Dichter, sondern man kann 
schon sagen, er ist gerade im Dramatischen derjenige Dichter, den 
wir auf dem Kontinent am ehesten vergleichen mochten mit Shake- 
speare. Es ist Ferdinand Raimund, Raimund mit seinen extravaganten 
Ziigen, mit seinem Riesentalent, der dramatische Dichtungen schreibt, 
welche zeigen, er hat das aus friiheren Inkarnationen heriibergebracht, 
Geistiges gestalten zu konnen, hineinstellen zu konnen ins Menschen- 
leben. Man sehe sich nur an: «Der Alpenkonig und der Menschen- 
feind* und soweiter,und mandarf ihn mit Shakespeare sogar darin ver- 
gleichen, daft er zugleich ein bedeutender Schauspieler ist, was auch da- 
von kommt, daft er den innerlichen Impetus hat, aus dem Geistigen 
heraus Triviales und Nichttriviales auf der Biihne zu gestalten. Er 
ist ein unvergleichlicher Schauspieler, voller Humor auf der Biihne, - 
im Leben ganz und gar unter der Einwirkung des anderen, was ihm her- 
iiberkommt aus der Tierqualerei, die er getrieben hat. So einheitlich 
ist hier das Pathologische und das Geniale untereinandergemischt, das 
Geniale, das ihn auf der einen Seite treibt, wirklich mit Shakespeare- 
scher Kraft und Gewalt und geistig-seelischer Dramatik zu schaffen 
und das auch auf der Biihne zu verkorpern, das Pathologische, das ihn 
auf der anderen Seite treibt, das Phantastische selbst in das aufterliche 
Leben hineinzutragen. Nun miissen wir uns einen besonderen Zug an- 
schauen bei dieser Individuality des Ferdinand Raimund. 

Sehen Sie, in der Tierqualerei, die ihm damals in einer Inkarnation 
ein Bediirfnis war, fiihlte er eine Art Wollust, das tat er gem, er qualte 
die Tiere aus innerer Lust. Daher kam er nicht wahrend des Erden- 
lebens zum Bewufttsein, daft das etwas Schlechtes sei. Aber nachdem er 
durch die Todespforte geschritten war, da kam er dazu. Nun, dasje- 
nige, was man durchlebt, indem man durch die Todespforte schreitet 
und dann weitergeht vom Tod zu einer neuen Geburt, das driickt sich 
aus zunachst in einem weiteren Sinne in der Kopf organisation. Da liegt 
dann das Moment, dasjenige, was man als Begabung mitbringt. Das 
hat er sich reichlich mitgebracht. Da lebt sich aber auch etwas aus, 
was im rhythmischen System, und namentlich im oberen rhythmischen 
System, im Atmungssystem, zutage tritt. Denn der Mensch ist ja so 



Tafel 7 




gebaut, wenn Sie sich den Menschen vorstellen schematisch (siehe 
Zeichnung): Stoffwechsel-Gliedmafiensystem, rhythmisches System, 
Nerven-Sinnessystem. Dann wirkt heriiber in das Nerven-Sinnessy- 
stem dasjenige, was aus friiheren Erdenleben kommt, in sein rhythmi- 
sches System dasjenige, was zwischen Tod und neuer Geburt ist, und 
dasjenige, was auf der Erde ist, wirkt einzig und allein im Stoffwech- 
sel-Gliedmafiensystem. 

Nun, alles dasjenige, was diese Individualitat, die da jetzt Ferdi- 
nand Raimund ist, erleben konnte an bitterer Reue, an aufklarender, 
tief niederschmetternder Einsicht nach dem Tode in jener friiheren In- 
karnation iiber seine Sehnsucht zur Tierqualerei, all das wirkte sich 
ja aus immer in den Zustanden zwischen Tod und einer neuen Ge- 
burt, und beeinflufite das rhythmische System. Es kam im rhythmischen 
System dadurch zum Ausdruck, dafi es bis ins Physische hineinwirkte. 
Denn in der Physis des Kopfes haben wir die Nachwirkung des vorigen 
Erdenlebens, in der Physis des rhythmischen Systems haben wir die 
Nachwirkung des Lebens zwischen Tod und einer neuen Geburt. 

In der Embryologie haben Sie diese Wahrheit zum Greifen nahe, 
auch aufierlich physisch-sinnlich. Bei dieser Individualitat des Ferdi- 
nand Raimund sehen wir namentlich in seinem Atemsystem, in dem 



oberen rhythmischen System, wie all die Reue, die bitteren Einsichten 
hineinwirken, die iiber ihn kommen, indem er aus dem maflgebenden 
vorigen Erdenleben heraus durch die Pforte des Todes schritt. Und 
er wird dadurch veranlafit, dasjenige auszubilden, was zu einer Art 
von Atemunregelmafiigkeit, zu geringer Aufnahme von Sauerstoff, zu 
starkem Durchdrungensein von Kohlensaure zu fiihren hat, Atmungs- 
unregelmafiigkeiten, die, physisch betrachtet, an sich alle Angstzu- 
stande herbeirufen, die aber die Trager sein konnen von Elementar- 
wesen der Angst. Alles dasjenige, was in Atmungsunregelmaftigkeiten 
lebt, was nicht die richtigen Mengen von Sauerstoff und Kohlensaure 
in dem Atmungsprozeft sein lafit, zieht Elementarwesen der Angst her- 
bei. Das konnen Sie gut verfolgen im «Alpenk6nig und Menschen- 
feind». Das war in Ferdinand Raimund ganz besonders gut ausge- 
bildet, er war sozusagen «disponiert», wenn wir den gelehrten Aus- 
druck gebrauchen wollen, sein Atmungssystem zum Trager zu machen 
von Elementarwesen der Angst. 

Solche Elementarwesen der Angst sind aber nicht aliein Elementar- 
wesen der Angst, sondern, wenn man zu gleicher Zeit eben sich auch 
das mitbringt, was Ferdinand Raimund im Kopfe hatte aus friiheren 
Erdenleben an psychisch-spirituellen Anschauungen, die seine Dramen 
so interessant machen, dann sieht man, wie durch das Hineinwirken 
dieser Angstdamonen, die auf diese Weise kommen, das Karma in 
einer ganz bestimmten Richtung lauft. Man sieht formlich, wie diese 
Angstdamonen zu einer Auswirkung, zu einer krankhaften Aus- 
wirkung im Sinne des Karma drangen. Sie giefien sich hinein, mochte 
ich sagen, in die phantasievollen Imaginationen bis ins Visionare sich 
hineinlebende Imaginationen - denn Raimunds Dramen liegt Visio- 
nares zugrunde -, sie giefien sich hinein in das Visionare und verur- 
sachen dadurch, dafi der Mensch auch im Leben etwas Phantastisches 
entwickelt. Und auf diese Weise stdlk eine Stromung im Karma durch, 
eine ungeheuer geniale Begabung, die sich auslebt. In einer besonderen 
Art geistigen Schaffens lebt die eine Stromung sich aus, die andere 
Stromung lebt parallel in einer Art Lebensphantasterei, die aber nicht 
sich aufierlich auslebt, sondern nach innen sieht, weil sie im rhyth- 
mischen System liegt, das ja das halb Innerliche ist, das aber in seinen 



unteren Organen sich wieder so auslebt, dafi es sich auf das aufiere Le- 
ben erstreckt, aber audi wieder nach dem Inneren zuriickschlagt, wo- 
durch seine geniale Individuality begleitet wurde von einem wirklich 
pathologischen Zug. Und dieser Zug, dieser pathologische Zug, der in 
Angstdamonen sich auslebte, der wurde das Vehikel fur das Ausleben 
des Karma. 

Man kann direkt ablesen das Karma Ferdinand Raimunds. Rai- 
mund ist genotigt, einen Hund zu halten. Er ist Phantast. Er tut, was 
andere Menschen nicht tun. Man kann das verstehen, kann auch durch- 
aus seine Sympathien dafur haben. Denn man kann schon sagen, meine 
lieben Freunde, ich habe mehr Sympathie als fur das Essen manches 
zum Kommerzienrat ernannten Burgerlichen an der Hoftafel, wenn 
ich wahrnehme, dafi Raimund aus einer phantastischen Laune heraus 
sich zu seinem Hund setzt und von der Mahlzeit seines Hundes sich 
etwas wegnimmt, um es zu verzehren. Das tut Raimund. Schauen Sie 
sich an, wie das Karma der Tierqualerei aus der friiheren Inkarnation 
hereinspielt. Sehen Sie sich an, wie einfach diese Tatsache, die umge- 
staltet ist aus der Reue nach dem Tode und der Tierqualerei von frii- 
her, wie eine phantastische Siihne sich vollzieht, aber diese phantastische 
Suhne vollzieht sich in einer noch viel herberen Art. Gleich nachher 
kommen die Angstdamonen und wirken mit in der Vollziehung des 
Karmas. Ferdinand Raimund wird iiberf alien von der Idee: der Hund 
ist wiitend, ich habe mit ihm gegessen, ich bin angesteckt von der 
Hundswut! - Nun sehen Sie, wie Raimund ganz niedergeschmettert 
ist. Wahrend er unter Umstanden das Genialste auf der Biihne tut - in 
dem Moment, wo er hinausgezogen ist aus dem Leben, von den Zwangs- 
ideen iiberfallen wird, ist ein Gefiihl da, er sei von der Hundswut an- 
gesteckt. 

Dann unternimmt er zum Beispiel eine Reise mit einem Freunde. 
Sie reisen von Wien nach Salzburg, da iiberfallt ihn diese Idee, er sei 
von der Hundswut angesteckt, er miisse gleich wieder zuriick nach 
Wien, um seine Heilung zu suchen. Es ist eine qualvolle Reise fiir ihn 
und fiir den Freund, wenn man die Reise verfolgt. Man sieht iiberall 
das Pathologische dem Genialen auf dem Fufie folgen. Nun, er wird 
sehr gut behandelt, Ferdinand Raimund, weil ihn die Leute aufier- 



ordentlich gern haben. Allmahlich kommt er ab von dieser Idee. Es ist 
wirklich etwas da wie eine Heilung durch das Leben, durch die Freude, 
durch all das Gute, was er von verschiedenen Seiten bekommt, was er 
nicht gern annimmt, weil er Hypochonder ist und bleibt, weil die 
Angstdamonen, wenn sie ihn nicht mit dem einen qualen, mit dem 
anderen qualen. So ist er immer hin und her pendelnd zwischen dem 
humoristischen Raimund und dem Hypochonder. Aber wenigstens 
kriegte er diese Idee los, dafl er wiitend ware. Sie hat jahrelang gedauert, 
diese Idee. Aber er bleibt an die Tiere gefesselt. Wieder hat er einen 
Hund nach zehn Jahren, und siehe da, als er mit dem Hunde spielt, 
beifit er ihn wirklich. Wieder tritt die Idee auf - kurioserweise ist es 
auch konstatiert worden, dafi der Hund an Hundswut litt, es war aber 
ganz unbedeutend -, Raimund stand da, er war gebissen von dem 
Hund, der hat Hundswut! Raimund fahrt nach Pottenstein, schiefit 
sich eine Kugel in den Kopf, die in die hintere Hohlung hinaufgeht 
und weit zuriick sitzt. Sie kann nicht operiert werden; Raimund stirbt 
an dem Schufi nach etwa drei Tagen. Sie sehen, die erste sozusagen 
«Wahnidee» hat er losbekommen, aber das Karma hat fortgewirkt. 

Es ist ein Fall, wo in seltener Art das Karma sich reinlich auswirkt; 
denn denken Sie nur einmal folgendes: Es ist subjektiv nicht ganz ein 
Selbstmord, denn Raimund hat nicht ganz die voile Verantwortlich- 
keit, es ist nicht subjektiv ein voller Selbstmord. Es ist objektiv auch 
kein voller Selbstmord, denn wenn gerade an der Stelle dazumal hatte 
operiert werden konnen, so ware Raimund gerettet worden. Aber man 
konnte dazumal nicht an der Stelle operieren, man mufite die Kugel 
drinnen lassen und das fiihrte nach drei Tagen zum Tode. Es ist kein 
reiner Selbstmord, weder subjektiv noch objektiv. Man kann also nicht 
sagen, dafi da sich irgend etwas anschliefit wegen Selbstmords im Kar- 
ma. Das Karma setzt sich nicht fort, es lebte sich aus mit dem, was er in 
diesem Leben erlebt hat bis zum Schlufipunkt, bis zu der Art, wie sich 
die selbstmorderische Absicht verwirklichte. Aber man sieht formlich 
heraufschlagen, deutlich erkennbar, das Karma aus dem friiheren Le- 
ben, sieht es so heriiberschlagen, dafi man sich nun sagen kann, wir 
haben folgendes gesehen. 

Wir haben gesehen, wie es Menschen gibt - die sind durch eine beson- 



dere karmische Veranlagung da, die wir nur fur das Erdenleben be- 
trachtet haben die veranlagt sind, dafi sie ihr Ich, ihren astralischen 
Leib, ihren Atherleib entweder sogleich oder stufenweise, etappenweise 
so haben, daft sie in die geistige Welt visionar hineinbrechen: die hei- 
lige Theresia, Mechthild von Magdeburg und viele andere. Wir haben 
solche Personlichkeiten, welche nach der einen Richtung hin, nach der 
Richtung nach dem Geistigen, eine Abnormitat zeigen. Wir haben bei 
denjenigen, die nach der einen Seite hin eine solche Abnormitat zeigen, 
nicht notig, auf die Einzelheiten des Karmas einzugehen. Natiirlich 
ist es karmisch veranlagt. Aber wir brauchen nicht auf die Einzelheiten 
des Karmas einzugehen. Denn man durchschaut den Fall in einem ein- 
zelnen Erdenleben. 

Ebenso auf der anderen Seite, die wir gestern betrachtet haben. 
Wir sehen, wie die Menschen sich abnorm hineinentwickeln in ihren 
physisch-atherischen Organismus und so mehr untertauchen in den 
physischen Leib und dann pathologisch werden, wie ich Ihnen gestern 
gezeigt habe, in drei Etappen. Das Pathologische ist in dem Karma 
veranlagt. Aber man braucht nur bis zu dem Allgemeinen zu gehen, 
daft bei solchen Personlichkeiten, wie die heilige Theresia, die Indivi- 
dualist in friiheren Erdenleben ganz besonders stark geworden ist, 
bei den Psychopathen oder pathologischen Personlichkeiten, die wir 
hier im Auge haben, besonders schwach sich ausgebildet hat, daher 
hereingezogen wird durch die niederen Glieder das Hohere. Man 
braucht wieder nur zu der allgemeinen Eigenschaft der Individuality 
zu gehen, nicht das Karma im einzelnen ins Auge zu fassen. 

Aber nun haben wir in Ferdinand Raimund eine eigentiimliche Per- 
sonlichkeit. Sie entwickelte sich nicht nach dem Visionaren allein, 
sondern gleichzeitig ist die andere Entwickelung da. Es sind beides 
polarische Gegensatze, die fortwahrend im Leben zusammenstofien. 
Beide sind in seiner Persdnlichkeit; das Pathologische und Geniale spie- 
len gerade in ihm auf der einen Seite wunderbar, auf der anderen Seite 
schreckhaft ineinander. Wir haben da notig, dann auf das Konkrete 
des Karmas einzugehen. Da mufi man schon einsehen, wie das Karma 
wirkt, beide Pole zu erzeugen und sie auch wiederum auseinanderzu- 
halten, zuweilen ineinander wirken zu lassen. Sie werden in Ferdinand 



Raimunds Dramen zahlreiche Stellen finden, denen gegeniiber Sie sich 
sagen konnen: Da drinnen wirkt ja zu gleicher Zeit seine geistige Schau, 
aber auch wirkt da hinein dasjenige, was von den Angstdamonen 
kommt. In der dramatischen Gestaltung sehen Sie es zuweilen. 

Sie sehen, wir kommen auf eine ganz selbstverstandliche Art, wenn 
wir in dieser Weise verfolgen menschliche Charaktere, in karmische 
Betrachtungen hinein und miissen daraus ersehen, wie einseitig es ei- 
gentlich ist, wenn man auf der einen Seite die abstrakte Lehre nimmt, 
die innerhalb gewisser Zivilisationsstromungen des Altertums vorhan- 
den war: Die Krankheit kommt von der Siinde -, es wirkt nur die 
abnorme Geistigkeit im Menschen. In dieser Abstraktheit lassen sich 
Dinge naturlich behaupten, bleiben Theorien auch dann, wenn man 
die Menschen darnach behandelt. Auch das andere ist eine abstrakte 
Einseitigkeit, wenn man sagt: Die Siinde kommt von der Krankheit -, 
und es sind physische Substanzen, physische Prozesse im Menschen- 
leben zu bekampfen. Man mufi auf das Konkrete eingehen, einmal auf 
das Konkrete der menschlichen Organisation, wie die hoheren Leiber 
zueinander stehen, ob sie voneinander angezogen werden, oder ob sie 
sich entfernen von den niederen, und man mufi auf entsprechende 
Weise sehen konnen in einem solchen Ineinanderwirken von Geniali- 
tat und Pathologischem, wie es bei Raimund der Fall ist, das Wirken 
von Karma. Denn wenn man sich fur solche Dinge ein Verstandnis 
aneignet, dann wird man schon im Leben finden die Moglichkeit, hin- 
zuzufiigen zu demjenigen, was man im physischen Heilungsprozefi lei- 
stet, das Wort, das man braucht als Erganzung des physischen Hei- 
lungsprozesses. Man wird durchaus dazu kommen, nicht in Befangen- 
heit blofi im physischen Heilungsprozefl das Um und Auf zu sehen, son- 
dern zu wissen, wie in manchen Fallen notwendig ist, das Moralische 
der Heilung hinzuzufiigen. Es braucht ja nicht darin zu bestehen, daft 
man philistroser Troster wird und an den Kranken herangeht mit aller- 
lei philistrosen Trostereien. Die wirken in der Regel wenig, denn dafiir 
haben die Kranken nicht viel iibrig, fur die Teetantentrostereien und 
gutmiitigen Pfeifenonkeltrostereien, dafiir haben die Kranken eigent- 
lich nicht sonderlich viel iibrig. Aber sie haben fiir das aufierordent- 
lich viel iibrig, was im natiirlichen Verhalten liegt, in dem, was im 



«Wie» des Aussprechens liegt, nicht in dem «Was». Da hinein findet 
man sich aber ganz instinktiv, wenn man eben geneigt ist, seine Welt- 
anschauung und Lebensauffassung und Lebensbetrachtung in solches 
Licht zu stellen, das mit den geistigen Zusammenhangen so sich ver- 
tragt, wie es sich vertragen kann, wenn man solche Beispiele, wie das 
angefiihrte, wirklich vollig ernst nehmen kann. 

Man kann ja nicht, meine lieben Freunde, das geistige Wirken nur 
in Tiraden sehen, nur im Reden aus religiosen Tiraden heraus, sondern 
das geistige Leben mufi an Tatsachen entwickelt werden. Denn wenn 
das geistige Leben in Tatsachen erfaflt wird, dann kann die Erfassung 
des geistigen Lebens in der notwendigen Menschenbehandlung erst an- 
gewendet werden. Dann kann es angewendet werden auf den gesunden 
und kranken Menschen. Namentlich bekommt man einen Instinkt fur 
die Orientierung irgendeines Krankheitszustandes, der so oder so auf- 
tritt. Wir werden sehen, das geht auch in physische Erkrankungen hin- 
ein, aber wir miissen uns erst den Weg bahnen, diese Dinge dann auch 
in den physischen Erkrankungen zu sehen. Da sehen Sie, da kommen 
Sie schon darauf, wenn Sie solche Dinge, die ja durch mancherlei Bei- 
spiele vermehrt werden konnten, studieren. Von diesem Gesichtspunkt 
aus ist es interessant, vieler Menschen Leben, die gerade geniale Naturen 
waren, nicht vom Standpunkt eines Erzphilisters, wie Lombroso es 
war, zu studieren. Das Ekelhafte an Lombrosos Theorie ist nicht seine 
grofie Genialitat, die ist ja da, aber das Ekelhafte ist, daft er ein Erz- 
philister ist, dafi man auf jeder Seite ein philistroses Urteil liest. Es ist 
schon so, dafi da die Wissenschaft wirklich einmal auf den Erzphilister 
gekommen ist. Wenn Sie die Dinge wirklich nicht vom Standpunkt des 
Erzphilisters nehmen, sondern sie nehmen vom Standpunkt des Durch- 
schauens der Welt, das heifit des sinnlich-geistigen Lebens, dann wird 
man, wenn man in seinem inneren Beruf den Trost braucht, den Trost 
der Religion oder das Sakrament heranbringen an den Kranken, die- 
ses Sakrament mit der richtigen spirituellen Aura darbieten. Aber 
ohne das dahinterliegende Verstandnis nicht. Ob man dem Kranken, 
dazu, dafi er genesen ist, dazu, daft er an der Genesung nicht seelisch 
Schaden nimmt, das Abendmahl in der richtigen Weise reicht, hangt 
davon ab, daft man fur solche Dinge Verstandnis hat. 



Sehen Sie, es hat schon einen Sinn - wir werden davon noch spre- 
chen dafi in Erganzung des physischen Heilungsprozesses fur ge- 
wisse Menschen das Abendmahl notig ist, wenn sie genesen sind, damit 
das, was im Karma in Unordnung gebracht ist, in Ordnung gebracht 
werde. Aber wenn man das nicht weifi, kann man das nicht in die 
Aura des Sakraments hineintragen. Aber auf der anderen Seite wird 
auch der Arzt, der diese Dinge durchschaut, der in der Krankheit das 
wirkende Karma sieht, der pflichtgemafi eingreift in den Heilungs- 
prozeft, sich in richtiger Weise hineinstellen konnen, wenn er welt- 
anschauungsgemafi mit dem ganzen Menschen diese Dinge durch- 
schaut. Aber dann wird etwas Objektives mit dem Arzt, mit dem 
Heiler vorgehen, wenn der Arzt mit seiner ganzen Seele sich wirkend 
weifi im Menschen mit den karmischen Prozessen. Dann wird seine 
Heilmission die andere Seite des Gottesdienstes, einen religiosen Zug 
bekommen, und er wird sich auffassen lernen als der Genosse des Prie- 
sters, als derjenige, der neben der Priesterschaft steht und die andere 
Seite des Gottesdienstes verrichtet; und Heilen wird Gottesdienst. 
Durch eine richtige anthroposophische Auffassung sind diejenigen 
Dinge, die die materialistische Weltanschauung aufgebracht hat im 
Naturdienst, das heifit Herumtanzen um das goldene Kalb, im hebra- 
ischen Sinne gesprochen, sind diese Dinge wieder zu verwandeln in 
Gottesdienst. Alles im Leben und Kunst und Religion verwandeln in 
Gottesdienst, das ist dasjenige, was schliefilich Aufgabe sein kann der 
umfassendsten Pastoralmedizin, die getrieben werden kann innerhalb 
der anthroposophischen Bewegung. Aber der Anfang muft gemacht 
werden, indem zunachst diese Pastoralmedizin wenigstens andeu- 
tungsweise hier ausgefuhrt wird fur diejenigen, von denen das Wirken 
fur die beiden Seiten des wahren Gottesdienstes aus den geistigen Un- 
tergriinden heraus hervorgehen mufi. 

Daher wird Pastoralmedizin zunachst fur Priester und fur Arzte 
vorgetragen innerhalb der anthroposophischen Bewegung, und diese 
werden dann die Moglichkeit finden, mit dem Wissen von Natur und 
Geist sie weiter zu verfolgen, aber auch gerade diejenigen Gebiete des 
Lebens, die innerhalb ihrer Mission liegen, damit zu penetrieren. 

Davon wollen wir morgen weiterreden. 



SIEBENTER VORTRAG 
Dornach, 14. September 1924 



Meine lieben Freunde! Wenn man nur mit den Mitteln, die man be- 
kommt durch die heutige Wissenschaft - gegen die ja naturlich in 
bezug auf ihre eigenen Leistungen, in bezug auf die Leistungen die- 
ser Wissenschaft nichts eingewendet werden soli, denn soweit sie mit 
ihren Methoden dringen kann, dringt sie ja in ausgezeichneter Weise 
in das ein, was ihr auf ihrem Wege eben werden kann -, wenn man nur 
mit diesen Mitteln zu tun hat, dann kann man eigentlich zu dem Ver- 
standnis des Menschen nicht kommen. Man kann deshalb nicht dazu 
kommen, weil ja im menschlichen Leben, so wie es nun einmal dasteht, 
Leiblich-Physisches, Seelisch-Geistiges ineinander verwoben ist. In 
das Leiblich-Physische hinein erstrecken sich die Erdenprozesse, rings- 
herum die Erdenprozesse der Gegenwart. Wir verfolgen dann mit der 
heutigen, gerade fur das Aufiermenschliche verhaltnismafiig gut arbei- 
tenden Wissenschaft die physikalisch-chemischen Prozesse der aufie- 
ren, aufiermenschlichen Natur, und wir geben uns da leicht der Vor- 
stellung hin: So wie diese chemischen Prozesse verlaufen im physika- 
lischen Kabinett, oder bei der Beobachtun
…[truncated]