Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

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Rudolf Steiner

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RUDOLF  STEINER  GES AMTAUSGABE 


SCHRIFTEN  UND  VORTRAGE 
ZUR  GESCHICHTE  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  BE WEGUNG 
UND  DER  ANTHROPOSOPHISCHEN  GESELLSCHAFT 


RUDOLF  STEINER  GESAMTAUSGABE 


VEROFFENTLICHUNGEN  ZUR  GESCHICHTE  UND  AUS 
DEN  INHALTEN  DER  ESOTERISCHEN  LEHRTATIGKEIT 

Bisher  erschienene  Bdnde 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  ersten  Abteilung  der 
Esoterischen  Schule  1904  bis  1914 

Briefe,  Rundbriefe,  Dokumente  und  Vortrage  GA  264 

Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  erkenntniskultischen 
Abteilung  der  Esoterischen  Schule  1904  bis  1914 

Briefe,  Dokumente  und  Vortrage  GA  265 

Aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Stunden,  Band  I,  II,  III 

Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern  aus  den  Jahren  1904-1909  GA  266/1 
Gedachtnisaufzeichnungen  von  Teilnehmern  aus  den  Jahren  1910-1922  GA  266/11 

Esoterische  Unterweisungen  fur  die  erste  Klasse  der  Freien  Hoch- 
schule  fur  Geisteswissenschaft  am  Goetheanum  1924  GA  270 


Ergdnzende  Veroffentlichungen 
Die  Tempellegende  und  die  Goldene  Legende 

als  symbolischer  Ausdruck  vergangener  und  zuktinftiger  Entwickelungsgeheimnisse 
des  Menschen,  Aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Schule 

Zwanzig  Vortrage,  gehalten  in  Berlin  zwischen  dem  23.  Mai  1904 

und  dem  2.  Januar  1906  GA  93 

Grundelemente  der  Esoterik 

Notizen  von  einem  esoterischen  Lehrgang  in  Form  von  31  Vortragen, 

gehalten  in  Berlin  vom  26.  September  bis  5.  November  1905  GA  93  a 

Anweisungen  fur  eine  esoterische  Schulung 

ehem.  GA  245,  jetzt  Sonderausgabe  mit  Texten  aus  GA  264  bis  268 


RUDOLF  STEINER 


Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten 
der  ersten  Abteilung 
der  Esoterischen  Schule 
1904  -  1914 


Briefe,  Rundbriefe,  Dokumente  und  Vortrage 


1996 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlaftverwaltung 
Die  Herausgabe  besorgte  Hella  Wiesberger 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1984 
2.  Auflage,  neu  durchgesehen  und  erweitert  um  den  Anhang 
Gesamtausgabe  Dornach  1996 


Sonstige  Veroffentlichungen 

Vortrag  Berlin  29.  1.  1906  in  «Ursprungsimpulse  der 
Geisteswissenschaft»,  GA  96 

Vortrage  Leipzig  25.  4. 1906  und  Dusseldorf  7.  3.  1907  in 
«Das  christliche  Mysterium»,  GA  97 

Ansprache  Berlin  15. 12. 1911  «Ein  durch  Rudolf  Steiner 
gegebener  Zukunftsimpuls»,  private  Vervielfaltigung,  Dornach  1947,  1984 

Aufsatz  Berlin  1907  (o.  M.)  in  «Luzifer-Gnosis»,  Nr.  33,  Berlin  1907, 
in  «Luzifer-Gnosis»,  GA  34 


Bibliographie-Nr.  264 

Einbandgestaltung  von  Benedikt  Marzahn 
Die  Zeichnungen  auf  den  Seiten  203,  204,  349  und  350  sind  iibertragen 
nach  den  uberlieferten  Unterlagen;  alle  iibrigen  Zeichnungen  sind  nach 
den  Originalen  Rudolf  Steiners  wiedergegeben. 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1984  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Satz:  Kooperative  Diirnau,  Diirnau 
Printed  in  Germany  by  Greiserdruck,  Rastatt 

ISBN  3-7274-2640-3 


ZU  DIESER  AUSGABE 


Der  vorliegende  Band  bildet  einen  Bestandteil  der  Gesamtausgabe  der  Werke 
Rudolf  Steiners,  die  sich  in  die  drei  groften  Abteilungen  Schriften  -  Vortrage 
-  kiinstlerisches  Werk  gliedert  (siehe  die  Ubersicht  am  Schlufi  des  Bandes). 

Rudolf  Steiner  (1861-1925)  vertrat  seine  anthroposophisch  orientierte 
Geisteswissenschaft  von  1900  an  bis  zu  seinem  Tode  durch  Publikationen, 
zahlreiche  Vortrage  und  Vortragskurse.  Auf  Ersuchen  von  deutschen  Theo- 
sophen  hatte  er  sein  geisteswissenschaftliches  Wirken  im  Zusammenhang 
mit  der  1875  von  der  Russin  Helena  Petrowna  Blavatsky  u.a.  begriindeten 
Theosophical  Society  begonnen,  deren  deutsche  Sektion  im  Jahre  1902  mit 
ihm  als  Generalsekretar  begriindet  und  von  ihm  aufgebaut  wurde.  Als  es 
zehn  Jahre  spater  (1912/13)  aufgrund  von  schwerwiegenden  Differenzen 
mit  der  Zentralleitung  in  Indien  zum  Ausschlufi  der  deutschen  Sektion  kam, 
verselbstandigte  sich  diese  als  Anthroposophische  Gesellschaft. 

Neben  der  Publikations-  und  Vortragstatigkeit  lehrte  Rudolf  Steiner 
auflerdem  in  seiner  Esoterischen  Schule.  Diese  bestand  vom  Jahre  1904  an 
in  drei  Abteilungen,  bis  sie  durch  den  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  im 
Sommer  1914  eingestellt  wurde.  Erst  zehn  Jahre  spater  wurde  sie  im  Zusam- 
menhang mit  der  notwendig  gewordenen  Neuordnung  des  ganzen  anthro- 
posophischen  Lebens  neu  begriindet.  Dem  Verlangen  der  Zeit  nach  voller 
Offentlichkeit  entsprechend  sollte  sie  nunmehr  als  «Freie  Hochschule  fur 
Geisteswissenschaft  am  Goetheanum»  mit  drei  esoterischen  Klassen  sowie 
wissenschaftlichen  und  kunstlerischen  Sektionen  eingerichtet  werden.^  Da 
Rudolf  Steiner  jedoch  schon  im  Herbst  darauf  schwer  erkrankte  und  im 
Friihjahr  1925  starb,  hatte  er  nur  noch  die  ersten  Einrichtungen  konkretisie- 
ren  konnen.  Und  so  wurde  die  Einrichtung  einer  Freien  Hochschule  fur 
Geisteswissenschaft  der  letzte  entscheidende  Schritt  in  seinem  lebenslangen 
Bemuhen,  die  moderne  Initiationswissenschaft  im  offentlichen  Kulturleben 
zu  verankern. 

Mit  der  Verwaltung  der  stenographischen  oder  sonstigen  Mitschriften 
seiner  vielen  Vortrage  und  der  fur  die  Herausgabe  notwendigen  Durch- 
sicht  der  Texte  hatte  er  von  Anfang  an  Marie  Steiner- von  Sivers  (1867- 
1948)  betraut  und  sie  auch  testamentarisch  zur  Erbin  seines  literarischen 


1)  Siehe  «Die  Konstitution  der  Allgemeinen  Anthroposophischen  Gesellschaft  und  der  Freien 
Hochschule  fur  Geisteswissenschaft ...»,  GA  260a. 


und  kunstlerischen  Nachlasses  eingesetzt.  Sie  begriindete  einige  Jahre  vor 
ihrem  Tode  fur  die  Weiterfuhrung  ihrer  Aufgabe  die  «Rudolf  Steiner-Nach- 
lafiverwaltung»,  die  vor  allem  die  notwendige  Rudolf  Steiner-Gesamtausga- 
be  schaffen  sollte.  Nach  den  von  ihr  dafiir  gegebenen  Richtlinien  ist  auch 
das  esoterische  Lehrgut  in  die  Gesamtausgabe  einzugliedern,  mit  dessen 
Veroffentlichung  sie  selbst  noch  begonnen  hatte.  Entsprechende  Dokumen- 
tensammlungen  erscheinen  innerhalb  der  Reihe  «Ver6ffentlichungen  zur 
Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  Esoterischen  Lehrtatigkeit»  (siehe  die 
Ubersicht  auf  Seite  2). 

Die  vorliegende  Dokumentation  bildet  den  Beginn  dieser  Reihe.  Die 
darin  zusammengefafiten  Dokumente  sind  zwar  zahlreich,  doch  konnen 
sie  fur  sich  allein  kein  ganzheitliches  Bild  vermitteln.  Darum  war  es, 
entgegen  der  sonst  geiibten  Praxis  kommentarloser  Editionen  innerhalb 
der  Gesamtausgabe,  notwendig,  sie  durch  entsprechende  Kommentare  mit 
ihrem  historisch-sachlichen  Zusammenhang  zu  verbinden.  Gleichwohl  gilt 
es  zu  beriicksichtigen,  dafi  das,  was  schriftlich  erhalten  geblieben  ist,  nur 
einen  Teil  dieser  Zusammenhange,  hauptsachlich  die  geschichtlichen, 
beleuchten  kann,  da  das  Hauptsachliche  in  der  damaligen  Esoterischen  Schu- 
le  auf  einem  persdnlichen  Lehrer-Schiiler-Verhaltnis  beruhte. 

In  besonderem  Mafie  gilt  fur  diese  Publikationen,  was  Rudolf  Steiner 
zur  Beurteilung  seiner  urspriinglich  nicht  zum  Druck  bestimmten  Ausfiih- 
rungen  als  Urteils-Voraussetzung  geltend  machte:  «mindestens  die  anthro- 
posophische  Erkenntnis  des  Menschen,  des  Kosmos,  insofern  sein  Wesen 
in  der  Anthroposophie  dargestellt  wird,  und  dessen,  was  als  <anthroposo- 
phische  Geschichto  in  den  Mitteilungen  aus  der  Geist-Welt  sich  findet.» 
(In  «Mein  Lebensgang»,  siehe  Seite  505  dieses  Bandes). 

Die  Einfugungen  in  den  Texten  von  Rudolf  Steiner,  die  in  runden  Klam- 
mern  (  )  stehen,  finden  sich  so  in  den  Textunterlagen;  Einfugungen  des 
Herausgebers  stehen  dagegen  in  eckigen  Klammern  [  ]. 

GA  =  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe 


Fur  die  Anderungen  gegeniiber  der  vorherigen  Auflage  siehe  S.  496. 


INHALT 


Zur  Einfiihrung: 

Rudolf  Steiners  Stellung  in  der  Geschichte  der  okkulten  Bewegung: 
Freie  Esoterik  -  eine  Frage  der  Methodik  (Hella  Wiesberger)   9 

I 

ZUR  ENTSTEHUNGSGESCHICHTE 
UND  AUS  DEM  LEHRGUT  DER  ERSTEN  ABTEILUNG 
DER  ESOTERISCHEN  SCHULE 
1904  -  1914 

Vorbemerkungen  des  Herausgebers  (Vom  Aufbau  /  Die  Regeln  / 


Das  Lehrgut  /  Von  der  Lehrweise  in  der  Esoterischen  Schule)  ....  21 

Briefe  an  esoterische  Schiiler  mit  Ubungen   37 

Allgemeine  Regeln  der  Schule   129 

Individuell  gegebene  Ubungen   157 

Aus  dem  Lehrgut  iiber  die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammen- 

klanges  der  Empfindungen   199 

Anhang:  Die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der 

Empfindungen  im  Werk  Rudolf  Steiners  (Hella  Wiesberger)   241 


II 

ZUR  GESCHICHTE  DER  GLIEDERUNG 
DER  ESOTERIC  SCHOOL  OF  THEOSOPHY 
IN  EINE  OSTLICHE  UND  WESTLICHE  SCHULE 

IM  JAHRE  1907 


Vorbemerkungen  des  Herausgebers   263 

Drei  Briefe 

im  Zusammenhang  mit  dem  sogenannten  Fall  Leadbeater,  durch 
den  die  Trennung  von  der  Esoteric  School  of  Theosophy  eingeleitet 
wurde   275 


Elf  Briefe  und  ein  Aufsatz 

im  Zusammenhang  mit  der  Wahl  von  Annie  Besant,  Leiterin  der 
Esoterischen  Schule,  zur  Prasidentin  der  Theosophischen  Gesell- 
schaft,  was  zur  Trennung  von  der  Esoteric  School  fuhrte   287 

Aus  esoterischen  Stunden  iiber  ostlichen  und  westlichen  Okkultismus  321 

III 

DAS  VERHALTNIS  VON  BEWEGUNG, 
ESOTERISCHER  SCHULE,  GESELLSCHAFT 

Vorbemerkungen  des  Herausgebers   345 

Nachschriften  und  Notizen  von  sieben  Vortragen  und  Ansprachen  353 

IV 

ANHANG 

Vorbemerkungen  des  Herausgebers   439 

A.  Erlauterungen  zu  «Licht  auf  den  Weg»  von  Mabel  Collins  ....  441 

B.  Erlauterungen  zu  «Die  Stimme  der  Stille»  von  H.  P.  Blavatsky  .  .  453 

C.  Aus  «Die  Stimme  der  Stille»  von  H.  P.  Blavatsky   462 

D.  Zkat  aus  H.  P.  Blavatsky,  E.S.  Instruction  No.  Ill   467 

E.  Notizen  zu  Ausfuhrungen  von  C.  A.  Walleen   468 

Schlufiwort  des  Herausgebers   469 

Personenregister  mit  biographischen  Angaben 

zu  den  in  den  Texten  von  Rudolf  Steiner  genannten  Namen   479 

Verzeichnis  der  Briefe,  Dokumente  und  Vortrage   497 

Chronologisches  Register  der  im  Text  nicht  nachgewiesenen  Vortrage  501 

Aus  Rudolf  Steiners  Autobiographic  «Mein  Lebensgang»   505 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe   507 


7,ur  Einfiihrung 

RUDOLF  STEINERS  STELLUNG 
IN  DER  GESCHICHTE  DER  OKKULTEN  BEWEGUNG 

Freie  Esoterik  -  eine  Frage  der  Methodik 

Rudolf  Steiner  ist  der  bahnbrechende  Fuhrer  geworden 
auf  dem  Gebiete  der  Esoterik,  auf  dem  durch  ihn  der 
Mensch  der  Freiheit  ubergeben  werden  sollte.  ^ 

Als  erster  moderner  Wissenschaftler  des  Ubersinnlichen  war  Rudolf  Stei- 
ner ganz  auf  sich  gestellt,  Stets  lehrte  er  nur,  was  er  aus  personlicher  Erfah- 
rung  geben  und  verantworten  konnte.  Seiner  Zeit  weit  vorausschauend, 
hatte  er  erkannt,  dafi  die  Wende  des  19.  zum  20.  Jahrhundert  nicht  nur  ein 
neues  Jahrhundert,  sondern  ein  vollig  neues  Zeitalter  einleket,  in  dem  die 
Menschheit  sich  mit  sozialen  Umwalzungen  ungeahnten  Ausmafies  werde 
konfrontiert  sehen.  Mit  dem  immer  starker  einsetzenden  Individualbe- 
wufksein  werde  ein  ungeheures  Ringen  um  Freiheit  beginnen;  durch  die 
immer  lebensbeherrschender  werdende  agnostisch-pragmatische  Denk- 
weise  der  mechanisch-materialistischen  Wissenschaften  werden  zwar  grofie 
technisch-wirtschaftliche  Fortschritte  erzielt  werden,  aber  zugleich  die 
letzten  Reste  des  altvererbten  Wissens  vom  Zusammenhang  mit  der  Welt 
des  Schopferisch-Geistigen  als  dem  wahren  Urgrund  und  Ziel  alien  Daseins 
verlorengehen.  Die  unausbleibliche  Folge  davon  miissen  weltweite  geistige 
Verodung  und  das  Gefuhl  von  Sinnlosigkeit  des  Lebens  werden. 

Aus  dieser  Einsicht  gewann  Rudolf  Steiner  die  Uberzeugung,  dafi  die- 
sem  um  des  allgemeinen  Fortschrittes  notwendigen  geschichtlichen  Prozefi 
nur  durch  eines  begegnet  werden  konne:  durch  eine  im  modernen  Indivi- 
dualbewufksein  wurzelnde,  aber  wiederum  nach  dem  Schopferisch- 
Geistigen  orientierte  neue  Welt-  und  Lebensanschauung.  Und  so  ent- 
wickelte  er  aus  seinem  personlichen  Erfahrungswissen  von  der  iibersinnli- 
chen  Welt-  und  Lebensbestimmung  die  moderne  Geisteswissenschaft 
«Anthroposophie»  und  lebte  und  lehrte  dem  Geiste  der  neuen  Zeit  gemaft 
nach  dem  Grundsatz:  Freiheit  durch  modernen  Wissenschaftsgeist  auch 
auf  dem  Gebiete  des  Ubersinnlichen,  der  Esoterik. 


i)  Marie  Steiner,  Vorwort  zu  Rudolf  Steiner  «Die  Stufen  der  hoheren  Erkenntnis»,  GA  12. 


Mit  dieser  Grundintention  bewirkte  er  zugleich  einen  Wendepunkt  in 
der  Geschichte  der  okkulten  Bewegung.  Denn  deren  Weisheitsgut  stammte 
aus  anderen  Bewufkseinsquellen.  Es  ging  zuriick  auf  die  sogenannte  Ur- 
weisheit,  die  der  Menschheit  in  Urwelttagen  geoffenbart  worden  war  und 
ihr  eine  sehr  weitgehende  Beherrschung  der  materiellen  Daseinskrafte  er- 
moglicht  hatte.  Solange  der  Mensch  noch  ohne  Eigenverantwortlichkeit  in 
voller  Ubereinstimmung  mit  den  Intentionen  der  spirituellen  Welten  han- 
delte,  bildete  diese  Weisheit  ein  allgemeines  Wissensgut.  Als  aber  auf  dem 
Wege  zur  Personlichkeitsbildung  der  Egoismus  auftrat  und  die  selbstver- 
standliche  Verbindung  mit  den  iibersinnlichen  Welten  mehr  und  mehr  da- 
hinschwand,  muike  das  machtverleihende  iibersinnliche  Wissen  vor  Mifi- 
brauch  geschiitzt  werden.  Es  wurde  in  die  Mysterien  zuruckgezogen.  Von 
da  aus  bestimmte  es  aber  noch  lange,  bis  in  die  Anfange  der  christlichen 
Zeit  hinein,  das  offentliche  Kulturleben.  Erst  als  durch  das  Christentum 
und  den  heraufziehenden  Intellektualismus  sich  das  fortschrittliche  Kultur- 
bewufksein  immer  starker  nur  auf  die  Erkenntnis  der  materiellen  Weltge- 
setze  richtete,  verloren  die  alten  Mysterien  nach  und  nach  ihre  dominieren- 
de  Stellung  und  wurden  schliefilich  als  offentliche  Institutionen  ausgerot- 
tet.  Seitdem  konnte  die  alte  Mysterienweisheit  nur  noch  in  geheimen  en- 
gen  Zirkeln  gepflegt  werden.  Dort  war  sie  streng  behiitet  worden,  bis  im 
19.  Jahrhundert  die  Zeichen  der  Zeit  forderten,  dem  ausschliefilich 
materialistisch-agnostischen  Kulturdenken  einen  spirituellen  Gegenpol  zu 
schaffen. 

Diese  Aufgabe  hatte  eine  Frage  erzeugt,  die  zu  einem  schwerwiegenden 
Problem  fur  die  okkulte  Bewegung  des  19.  Jahrhunderts  geworden  war.  Es 
war  die  Frage,  ob  unter  diesen  Umstanden  das  Weisheitsgut  noch  weiter- 
hin  geheimgehalten  werden  soli,  oder  ob  es  nicht  richtiger  ware,  es  zu  po- 
pularisieren.  Diese  Frage  ruhrte  so  tief  an  den  Lebensnerv  der  bisher  geiib- 
ten  Arbeitsweise  -  da  man  ja  seit  altersher  verpflichtet  war,  die  hoheren 
Wahrheiten  nur  an  entsprechend  Vorbereitete  weiterzugeben,  um  sie  vor 
Mifibrauch  zu  schiitzen  -,  dafi  man  sich  nicht  sofort  zu  einer  Popularisie- 
rung  entschlieften  konnte.  Man  versuchte  es  mit  der  Kompromiftlosung, 
zuerst  einmal  gewissermafien  zu  testen,  wie  das  offentliche  Bewufitsein  auf 
die  Kunde  von  der  Existenz  geistiger  Welten  und  Wesen  uberhaupt  rea- 
gieren  wurde.  So  kam  es  zu  den  Kundgebungen  der  spiritistisch- 
mediumistischen  Bewegung  der  vierziger  bis  siebziger  Jahre  des  19.  Jahr- 
hunderts. Das  Ergebnis  war  allerdings  anders  als  erwartet,  doch  war  der 
Damm  der  strengen  Geheimhaltung  durchbrochen  und  so  wurde  es  nun 


doch  unumganglich,  wenigstens  die  Grundwahrheiten  zu  popularisieren. 
Dies  geschah  iiber  die  im  Jahre  1875  durch  die  Russin  Helena  Petrowna 
Blavatsky  und  den  Amerikaner  Henry  Steel  Olcott  gegriindete  Theosophi- 
sche  Gesellschaft. 

Zwar  hatten  diese  beiden  Versuche  zu  aufsehenerregenden  Bewegungen 
gefiihrt,  mufiten  im  tieferen  Sinne  aber  doch  als  gescheitert  gelten,  vor- 
nehmlich,  weil  das  kulturbestimmende  naturwissenschaftliche  Denken  den 
medialen  Weg  als  unwissenschaftlich  ablehnte.  Dies  war  insofern  berech- 
tigt,  als  der  mediale  Weg  nicht  nur  ein  Zuriickkehren  zu  fruheren  Bewufit- 
seinsstufen,  sondern  auch  eine  Beeintrachtigung  des  freien  Selbstbestim- 
mungsrechtes  bedeutete.  Andererseits  war  der  Mediumismus  die  einzige 
bis  dahin  bestehende  Methode  fur  ubersinnliches  Forschen.  ^ 

Wahrend  man  so  in  der  okkulten  Bewegung  noch  am  Ende  des  19.  Jahr- 
hunderts  diesem  Dilemma  gegentiberstand,  war  das  Problem  durch  Rudolf 
Steiner  auf  seinem  ganz  individuellen  Geistesweg  gelost  worden.  Dem 
Ubersinnlichen  nicht  iiber  die  in  den  Geheimgesellschaften  bewahrten  tra- 
ditionellen  Lehren,  sondern  seit  seiner  Kindheit  durch  eigenes  Erleben 
ganz  selbstverstandlich  verbunden,  und  aufgrund  seines  naturwissenschaft- 
lichen  Bildungsganges  auch  die  mechanisch-materialistische  Denkweise  der 
Wissenschaften  beherrschend,  hatte  er  die  entscheidende  Erkenntnis  ge- 
wonnen,  dafi  sich  ubersinnliches  Wissen  und  Wesen  nur  dann  heilsam  mit 
dem  modernen  Kulturbewufitsein  werde  verbinden  lassen,  wenn  die  Me- 
thode ebensolche  Sicherheit  und  Unabhangigkeit  gewahren  konne,  wie 
dies  in  der  modernen  Naturforschung  der  Fall  ist. 

Aufgrund  dieser  Erkenntnis  hatte  er  es  sich  zu  seiner  ersten  Aufgabe  ge- 
macht,  eine  ganz  auf  naturwissenschaftlichen  Prinzipien  beruhende  Metho- 
de fur  ubersinnliches  Forschen  zu  entwickeln.  Auf  dem  Wege  strenger 
Selbstschulung  vom  sinnlichkeitserfiillten  zum  sinnlichkeitsfreien  Denken 
fand  er  die  notwendige  Wissenssicherheit  iiber  das  Geistige  als  solches.  Zu- 
gleich  entdeckte  er  die  Freiheit  als  reales  Erlebnis  und  als  Trager  des  eigent- 
lichen  Sittlichen.  So  wurde  ihm  das  sinnlichkeitsfreie  Denken  zum  Ansatz- 
punkt  fur  eine  wissenschaftlich  klare  Verbindung  zur  ubersinnlichen  Welt 
und  zu  einer  Wissenschaft  der  Freiheit  als  Grundlage  eines  «ethischen  Indi- 
vidualismus». 


1)  Eingehend  dargestellt  in  «Die  okkulte  Bewegung  im  19.  Jahrhundert  und  ihre  Beziehung 
zur  Weltkultur»,  GA  254.  Vgl.  auch  «Spirituelle  Seelenlehre  und  Weltbetrachtung»,  GA  52. 


Das  konsequent  weitergebildete  Erleben  vom  Wesen  des  Ich  fiihrte  im 
weiteren  zur  Erkenntnis  des  makrokosmischen  Reprasentanten  der  Ich- 
heit,  des  Christus-Geistes,  dessen  Natur  sich  in  wahrer  Freiheit  und  Liebe 
offenbart.  Somit  hatte  sich  Rudolf  Steiner  auch  einen  Weg  gebahnt  zum 
zeitgemaflen  Verstandnis  der  beiden  grolken  christlichen  Ideale,  Freiheit 
und  Liebe,  wie  sie  sich  dann  spater  immer  wieder  von  ihm  dargelegt  finden 
als  die  Grundimpulse  des  Mittelpunktsereignisses  der  Menschheitsentwick- 
lung,  des  Mysteriums  von  Golgatha  und  der  damit  zusammenhangenden 
tiefsten  Aufgabe  der  Menschheit:  die  Erde  zu  einem  Kosmos  der  Freiheit 
und  Liebe  zu  gestalten  (Dusseldorf,  18.  April  1909). 

Auf  dieses  Verhaltnis  von  Menschen-Ich  und  Welten-Ich  weist  die  spate- 
re  Aufierung,  daft  der  ethische  Individualismus  der  «Philosophie  der  Frei- 
heit* bereits  auf  den  Christus-Impuls  gebaut  ist,  auch  wenn  dies  dort  nicht 
direkt  ausgesprochen  ist  (Dornach,  24.  Mai  1920),  sowie  die  andere  Aufie- 
rung,  daft  es  in  der  Gegenwart  keinen  anderen  Weg  gebe,  «urspriingliche 
Initiationsweisheit  unmittelbar  mitzuteilen,  als  wenn  man  die  Gemein- 
schaft  mit  dem  Christus  halt»  (Stuttgart,  7.  Marz  1920). 

Aufgrund  dieser  Gemeinschaft  mit  der  iiber  das  sinnlichkeitsfreie  Den- 
ken  erreichten  «Emanzipation  des  hoheren  Menschheitsbewufkseins  von 
den  Fesseln  jeglicher  Autoritat^  hatte  sich  Rudolf  Steiner  die  Voraus- 
setzung  errungen  fur  eine  gesunde  Befreiung  der  Esoterik  aus  der  Epoche 
ihrer  Bindung  an  besondere  Kreise.  Vermochte  man  friiher  nur  bei  herab- 
gedampftem  Bewufitsein  unter  der  Leitung  eines  geistigen  Fiihrers,  dessen 
Autoritat  bedingungslos  anzuerkennen  war,  zu  der  Welt  der  geistigen  Rea- 
litaten  vorzudringen,  so  vermag  dies  heute  durch  Rudolf  Steiners  Pionier- 
tat  jeder  ernsthaft  Strebende  bei  klarem  Bewufksein  und  in  freier  Selbst- 
verantwortung. 

Die  einzige  damit  verbundene  Forderung,  die  jedoch  ein  jeder  an  sich 
selbst  zu  stellen  hat,  ist  seelisch-geistige  Aktivitat.  Sie  ist  nicht  nur  fur  den 
individuellen,  sondern  ebenso  fur  den  allgemeinen  Fortschritt  unerlafilich, 
sogar  so  weitgehend,  dafi  die  Zivilisation  untergehen  mufi,  wenn  nicht  je- 
der Einzelne  gewillt  wird,  durch  die  neuen  Geist-Erkenntnisse  der  Zivilisa- 
tion einen  neuen  Antrieb  zu  geben.  Dies  wurde  von  Rudolf  Steiner  schon 
vor  mehr  als  sechs  Jahrzehnten  ausgesprochen  (Dornach,  2,  Juli  1920). 

Gerade  durch  diesen  im  Hinblick  auf  die  soziale  Mitverantwortlichkeit 
zu  aktivierenden  Willen  des  Einzelnen  unterscheidet  sich  die  anthroposo- 


l)  Brief  an  Rosa  Mayreder  vom  14.  Dezember  1893,  in  «Briefe  II»,  Dornach  1953  (GA  39). 


phisch  orientierte  Geisteswissenschaft  aber  auch  grundsatzlich  von  der  in 
der  okkulten  Bewegung  bewahrten  alten  Weisheit.  Denn  aus  deren  Vor- 
stellungen,  die  hervorgegangen  sind  aus  den  Offenbarungen  einer  Mensch- 
heitsepoche,  die  noch  im  Gruppenbewufitsein  wurzelte,  konnen  keine 
neuen  tragenden  Sozialimpulse  mehr  kommen.  Andererseits  ist  ohne  In- 
itiationserkenntnis  kein  soziales  Denken  zu  entwickeln.  Darum  versteht 
sich  die  Anthroposophie  aus  sozialer  Notwendigkeit  als  Instrument  neuer 
Geistesoffenbarungen,  die  mit  dem  Personlichkeitsbewufitsein  rechnen. 
Diese  neuen  Offenbarungen,  wie  sie  insbesondere  seit  dem  Ablauf  des  Kali 
Yuga  im  Jahre  1899  eingesetzt  haben,  der  Menschheit  verstandlich  zu  ma- 
chen  und  durch  sie  den  Sinn  des  grofiten  Menschheitsereignisses,  des  My- 
steriums  von  Golgatha,  neu  zu  erschliefien,  war  zu  einer  kulturgeschichtli- 
chen  Aufgabe  geworden,  der  sich  Rudolf  Steiner  stellte  und  von  der  er  ein- 
mal  sagte:  «Wer  die  Anthroposophie  nicht  in  diesem  Sinne  versteht,  der 
versteht  sie  uberhaupt  nicht. »  (Dornach,  20.  Dezember  1918).  Darum  ap- 
pellierte  er  in  der  Zeit,  in  der  er  begonnen  hatte,  seine  Sozialerkenntnisse 
vorzutragen,  an  das  Unterscheidungsvermogen  in  den  eigenen  Reihen,  in- 
dem  er  darauf  aufmerksam  machte: 

«Wo  redet  man  denn  in  einer  wirklich  modern  eingreifenden  Weise,  so 
dafi  es  der  Wirklichkeit  angepafit  ist,  iiber  die  brennenden  Fragen  der 
Gegenwart?  Aus  den  Ritualien  und  Vorschriften  der  einen  oder  anderen 
Maurerei-  oder  Konfessionsgemeinschaft  werden  Sie  diese  Dinge  nicht 
herausfinden  konnen.  Da  mochte  man,  dafi  ein  Unterscheidungsvermo- 
gen Platz  griffe!»  (Dornach,  15.  Dezember  1918). 

In  diesem  selben  Zusammenhang  machte  er  auch  geltend,  dafi  die  von 
ihm  vertretene  Geistesstromung  nie  von  irgendeiner  anderen  abhangig 
gewesen  sei  und  dafi  er  darum  auch  niemandem  gegeniiber  verpflichtet  sei, 
etwas,  wovon  er  selbst  finde,  dafi  es  in  der  Gegenwart  gesagt  werden  solle, 
zu  verschweigen: 

«Ein  Gebot  des  Verschweigens  gibt  es  bei  demjenigen  nicht,  der  nieman- 
dem gegeniiber  mit  Bezug  auf  sein  geistiges  Gut  verpflichtet  ist.  Das  gibt 
schon  die  Grundlage  fur  die  Unterscheidung  dieser  Bewegung  von  ande- 
ren Bewegungen.  Denn  wer  jemals  behaupten  sollte,  dafi  dasjenige,  was 
innerhalb  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswissenschaft  ver- 
kiindet  wird,  anders  verkiindet  wird  als  im  Sinne  des  in  meiner  «Theoso- 
phie»  stehenden  Wortes,  dafi  ich  rein  personlich  dafur  eintrete,  der  mag 


meinetwillen  die  Verhaltnisse  nicht  kennen  und  oftmals  nicht  dagewe- 
sen  sein,  sondern  sie  von  aufien  ansehen,  er  verkiindet  aber  die  Unwahr- 
heit,  aus  Boswilligkeit  oder  nicht  aus  Boswilligkeit.  Wer  aber  oftmals  bei 
uns  war  und  anderes  sagt,  etwa  irgendeine  Vergangenheit  oder  einen  Zu- 
sammenhang  dieser  geistigen  Bewegung  mit  einer  anderen  konstatiert, 
wenn  er  die  Verhaltnisse  hier  kennt,  der  lugt.  Das  ist  es,  um  was  es  sich 
handelt.  Entweder  wird  er  aus  Unkenntnis  der  Verhaltnisse  die  Un- 
wahrheit  sagen  oder  es  wird  bei  Kenntnis  der  Verhaltnisse  gelogen.  So 
ist  auch  alle  Gegnerschaft  gegen  diese  Bewegung  aufzufassen. 

Deshalb  mufi  ich  immer  wieder  betonen:  Ich  habe  nur  dasjenige  zu 
verschweigen,  von  dem  ich  weifi,  dafi  es  der  gegenwartigen  Menschheit 
wegen  ihrer  Unreife  noch  nicht  mitgeteilt  werden  kann.  Aber  ich  habe 
nichts  aus  irgendeinem  Grunde  zu  verschweigen,  weil  jemandem  gegen- 
iiber  ein  Gelobnis  oder  dergleichen  abgelegt  worden  ware.  Niemals  ist  in 
diese  Bewegung  etwas  eingeflossen,  was  von  einer  anderen  Seite  gekom- 
men  ware.  Diese  Bewegung  war  geistig  nie  abhangig  von  einer  anderen; 
die  Zusammenhange  waren  nur  aufiere.»  (Dornach,  15.  Dezember  1918). 

Aufgrund  dieser  Aussage  stellt  sich  die  Frage,  warum  Rudolf  Steiner  sich 
dann  iiberhaupt  an  andere  Bewegungen  angeschlossen  hat,  wenn  er  sich 
doch  verpflichtet  fuhlte,  sowohl  die  alte  Geheimhaltungspraxis  wie  auch 
die  alte  Forschungsmethode  abzulehnen? 

Dieser  Widerspruch  lost  sich  nur,  wenn  die  beiden  Hauptgesetze  des  eso- 
terischen  Lebens  berucksichtigt  werden,  denen  Rudolf  Steiner  immer  so  weit 
als  nur  irgend  moglich  nachzukommen  suchte.  Es  sind  dies  die  beiden  Gebo- 
te  nach  absoluter  Wahrhaftigkeit  und  nach  Aufrechterhaltung  der  Kontinui- 
tat.  Diese  beiden  Gesetze  stellte  Rudolf  Steiner  seinen  esoterischen  Schulern 
immer  wieder  vor  die  Seele.  ^  Er  selbst  folgte  dem  Gebot  unbedingter  Wahr- 
haftigkeit, indem  er  nur  lehrte,  was  er  durch  eigene  Forschung  fur  wahr  er- 
kannt  hatte,  und  dem  Gebot  der  Kontinuitat,  indem  er  nicht  einfach  etwas 
volligNeues,  Vollkommeneres  an  die  Stellevon  Unvollkommenerem  setzte, 
sondern  iiberall  an  schon  Bestehendes  ankniipfte  und  es  in  ein  Vollkommene- 
res umzuwandeln  suchte.  Ihm  bedeutete  dies,  den  tiefsten  christhchen  Gedan- 
ken,  den  der  Auferstehung,  im  Bereiche  der  Vorstellungen  lebendig  zu  ma- 
chen.  Wenn  man  so  in  sich  das  lebendige  Fortleben  der  Gegenwart  erlebe  und 
dadurch  das  Christus-Wort  erfiille,  nicht  nur  an  die  Leiber  mit  dem  Blute, 


i)  Uberliefert  von  einem  Angehorigen  der  esoterischen  Arbeitskreise,  von  Adolf  Arenson,  in 
einem  Brief  vom  24.  Dezember  1926  an  Albert  Steffen. 


sondern  an  die  Seelen  mit  dem  Geiste  anzukniipfen,  so  konne  dies  ein  Weg  zur 
Erkenntnis  des  Mysteriums  von  Golgatha  werden  (Berlin,  24.  April  1917). 

Vieles  wiirde  nach  Rudolf  Steiners  Uberzeugung  gewonnen  werden, 
wenn  in  diesem  Sinne  die  spater  Lebenden  sich  an  den  Verstorbenen  orien- 
tieren  wurden,  urn  dadurch  die  Kontinuitat  in  der  Entwicklung  bewufit 
aufrechtzuerhalten.  Er  selbst  habe,  als  er  iiber  Goethe  schrieb,  von  seiner 
eigenen  Meinung  vollig  abgesehen  und  versucht,  nur  die  Gedanken  auszu- 
driicken,  die  aus  Goethe  kommen  konnten;  er  habe  eine  Erkenntnistheorie 
der  Goetheschen,  nicht  seiner  Weltanschauung  geschrieben.  Ebenso  wie  in 
die  Gedankenwelt  von  Goethe,  so  sei  er  auch  in  die  von  Nietzsche  und 
Haeckel  untergetaucht,  da  man  zu  wirklicher  Erkenntnis  nur  gelangen 
konne,  wenn  man  nicht  den  eigenen  Standpunkt  absolut  vertreten  wolle, 
sondern  in  fremde  Geistesstromungen  untertauche.  Und  erst,  nachdem  er 
sich  durch  zwei  Jahrzehnte  hindurch  bemiiht  hatte,  aus  solcher  Einsicht  zu 
wirken,  um  sich  gewissermaften  erst  die  Berechtigung  zu  erwerben,  auf  die 
Lebenden  wirken  zu  diirfen,  trat  er  fur  die  offentliche  Verbreitung  der  Gei- 
steswissenschaft  ein.  Denn  nun  konnte  niemand  mehr  mit  Recht  behaup- 
ten,  «dieser  Okkultist  spricht  von  der  geistigen  Welt,  weil  er  die  philoso- 
phischen  und  naturwissenschaftlichen  Errungenschaften  der  Zeit  nicht 
kennt».  ^ 

Dieser  fur  das  gewohnliche  Denken  und  Empfinden  so  ungewohnliche 
Weg  Rudolf  Steiners  konnte  von  Gegnern  iiberhaupt  nicht,  und  sogar  von 
Freunden  seiner  geisteswissenschaftlichen  Weltanschauung  nur  schwer  ver- 
standen  werden.  Weil  er  sich  dieser  Schwierigkeit  bewufit  war,  bemuhte  er 
sich  von  Zeit  zu  Zeit  immer  wieder,  wenigstens  seinen  anthroposophi- 
schen  Freunden  klarzumachen,  dafi  die  von  ihm  vertretene  Geistesstro- 
mung  nie  von  einer  anderen  abhangig  war  und  dafi  gewisse  Zusammenhan- 
ge  nur  aufierliche  gewesen  waren.  Er  gebe  zwar  zu,  dafi  die  Unterscheidung 
aufgrund  der  historischen  Vorgange  erschwert  sei.  Doch  wenn  es  auch  au- 
fierlich  gesehen  vielleicht  gescheiter  gewesen  ware,  die  Anthroposophische 
Gesellschaft  ohne  irgendeine  Beziehung  zu  anderen  Gesellschaften  zu  be- 
grunden,  so  seien  die  Beziehungen  doch  schicksalsmafiig  gerechtfertigt  ge- 
wesen (Dornach,  15.  Dezember  1918). 

Diese  Bemerkung  macht  deutlich,  dafi  der  seinerzeitige  Anschluft  an  an- 
dere  Gesellschaften  begriindet  war  in  dem  Spannungsverhaltnis  der  Polari- 


1)  Siehe  die  autobiographische  Skizze  von  1907  in  «Briefwechsel  und  Dokumente  1901  - 
1925»,  GA  262;  ferner  den  Vortrag  Zurich,  3.  Dezember  1916. 


tat  Freiheit  und  Liebe  in  ihrer  fiir  das  esoterische  Leben  geltenden  Form 
von  Wahrhaftigkeit  und  Kontinuitat.  Wahrheits-  und  Erkenntnisstreben 
bedarf  der  Freiheit,  gleichzeitig  aber  soil  das  als  wahr  Erkannte  sich  briider- 
lich  mit  dem  in  der  Welt  schon  Bestehenden  verbinden.  Es  ist  einleuch- 
tend,  daft  selbst  Rudolf  Steiners  starke  Kraft  den  Pol  eines  freien  wahrhafti- 
gen  Erkenntnislebens  mit  dem  Pol  der  Kontinuitat  als  Briiderlichkeit  nicht 
immer  auszugleichen  vermochte.  Dies  war  objektiv  schon  darum  nicht 
moglich,  weil  an  dem  Pol  der  Kontinuitat  die  Welt  beteiligt  ist  und  gerade 
diese  von  ihm  aufgrund  seines  Freiheits-  und  Liebe-Ideales  in  einem  weit 
iiber  das  Normale  hinausgehenden  Mafie  respektiert  worden  ist.  Jedoch 
Briiderlichkeit  auf  Kosten  der  Wahrhaftigkeit  zu  pflegen  war  ihm  nicht 
moglich.  Als  dies  in  der  Theosophischen  Gesellschaft  zum  Problem  gewor- 
den  war,  kam  es  zur  Trennung. 

Nur  wenn  man  Rudolf  Steiners  subtiles  Verhalten  gegeniiber  den  beiden 
Polen  des  esoterischen  Lebens  nicht  beriicksichtigt,  kann  das  zu  Miftver- 
standnissen  und  Mifturteilen  in  bezug  auf  seine  geistige  Unabhangigkeit 
fiihren.  Aber  iiber  alle  derartigen  Tagesurteile  hinweg  wird  sich  immer 
mehr  die  historische  Bedeutung  seiner  Kulturtat  erharten,  die  gerade  darin 
liegt,  mit  seiner  Methode  zur  Erforschung  der  iibersinnlichen  Wirklichkei- 
ten  eine  Wissenschaft  geschaffen  zu  haben,  durch  die  Freiheit  auch  auf  dem 
Gebiete  der  Esoterik  moglich  wurde. 

Hier  konnte  eingewendet  werden,  daft  Rudolf  Steiner  mit  seiner  Esoteri- 
schen Schule  aber  doch  auch  Geheimhaltung  praktiziert  habe.  Dieser  Ein- 
wand  ware  jedoch  nicht  berechtigt.  Denn  fiir  Rudolf  Steiner  hat  es  sich  nie, 
auch  nicht  in  der  Esoterischen  Schule,  um  Geheimhaltung  im  ublichen  Sin- 
ne  gehandelt.  Ihm  ging  es  stets  nur  um  die  Wahrung  echt  wissenschaftli- 
chen  Geistes,  der  im  offentlichen  Bildungsleben  ganz  selbstverstandlich  be- 
dingt,  daft  seridses  Wissen  nur  stufenweise  vermittelt  werden  kann.  Zum 
Beispiel  kann  niemandem  hohere  Geometrie  vorgetragen  werden,  wenn  er 
nicht  die  Grundlagen  kennt.  Wahrend  dies  in  bezug  auf  die  Geometrie  je- 
dermann  klar  ist,  herrscht  in  bezug  auf  die  iibersinnlichen  Erkenntnisse 
der  weitverbreitete  Glaube,  daft  man  auf  diesem  Gebiete  ohne  irgendwel- 
che  Voraussetzungen  alles  verstehen  und  beurteilen  konne. 

Einzig  im  Sinne  dieses  sachlich  bedingten  stufenweisen  Lehrens  gliederte 
sich  Rudolf  Steiners  Lehrtatigkeit  von  der  vollig  voraussetzungslosen  of- 
fentlichen zu  derjenigen  mit  Voraussetzungen.  Ihre  gemeinsame  Wurzel 
hatten  alle  Lehrstufen  in  dem,  was  er  vor  dem  offentlichen  Beginn  seiner 


Wirksamkeit  fur  eine  Wissenschaft  des  Ubersinnlichen  als  seine  «Inaugura- 
tionstat»  bezeichnete: 

«Ich  will  auf  die  Kraft  bauen,  die  es  mir  ermoglicht,  <Geistesschiiler>  auf 
die  Bahn  der  Entwickelung  zu  bringen.  Das  wird  meine  Inaugurations- 
tat  allein  bedeuten  miissen».1) 

Die  Esoterische  Schule  diente  dem  insofern  in  besonderer  Weise,  weil 
hier  die  Schiiler  nach  ihren  individuellen  Veranlagungen  und  Bediirfnissen 
belehrt  wurden.  Doch  bei  der  Neubegriindung  der  Esoterischen  Schule  als 
«Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft»  im  Jahre  1924  wurde  nun  auch 
der  esoterische  Unterricht  streng  methodisch  und  allgemein  giiltig  aufge- 
baut.  Allerdings  konnte  dies  nur  fiir  die  erste  Klasse  durchgefuhrt  werden. 
Das  Versagen  der  physischen  Krafte  im  Herbst  1924  machte  es  Rudolf  Stei- 
ner  unmoglich,  sein  grofiangelegtes  letztes  Werk  zu  vollenden. 


1)  Brief  vom  16.  August  1902  an  den  damaligen  Reprasentanten  der  deutschen  Theosophen, 
Wilhelm  Hiibbe-Schleiden  (in  «Briefe  II»,  bisher  nur  in  Ausgabe  Dornach  1953). 


I 


ZUR  ENTSTEHUNGSGESCHICHTE 
UND  AUS  DEM  LEHRGUT 
DER  ERSTEN  ABTEILUNG 
DER  ESOTERISCHEN  SCHULE 
1904  -  1914 


Vorbemerkungen  des  Herausgebers 


Bei  der  Neubegriindung  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  zu  Weih- 
nachten  1923/24  sprach  Rudolf  Steiner  von  seinem  Plan,  die  neue  esoteri- 
sche  Schule  kiinftig  als  «Freie  Hochschule  fiir  Geisteswissenschaft»  mit  drei 
Klassen  einzurichten  und  wies  darauf  hin,  daft  solche  drei  Klassen  schon 
friiher  dagewesen  seien,  nur  in  einer  etwas  anderen  Form.  Es  waren  dies  die 
drei  Arbeitskreise  oder  Abteilungen  der  Esoterischen  Schule,  wie  sie  von 
1904  bis  zum  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  im  Sommer  1914  bestanden 
hatten.  Getreu  dem  Gebot,  soweit  wie  nur  moglich  Kontinuitat  zu  wahren, 
hatte  er  auch  fiir  diese  Kreise  an  damals  schon  Bestehendes  angekniipft,  das 
in  der  Richtung  seiner  eigenen  Intentionen  lag:  fiir  den  ersten  Kreis  an  die 
Esoteric  School  of  Theosophy  der  Theosophischen  Gesellschaft,  fiir  den 
zweiten  und  dritten  Kreis,  aus  denen  sich  die  erkenntniskultische  Abtei- 
lung  bildete,  an  eine  Gesellschaft  mit  maurerischen  Kultformen.1* 


Vom  Aufbau 

Die  Esoteric  School  of  Theosophy  -  abgekiirzt  E.S.T.  oder  E.S.  genannt  - 
war  im  Jahre  1888  durch  H.P.  Blavatsky  eingerichtet  worden  und  stand  bis 
zu  ihrem  Tode  im  Jahre  1891  unter  ihrer  alleinigen  Leitung.  Danach  iiber- 
nahmen  zuerst  Annie  Besant  und  W.  Q.  Judge  gemeinsam,  ab  1 895  A.  Besant 
allein  die  Leitung.2)  Die  wenigen  deutschen  Theosophen,  sofern  sie  esoteri- 
sche  Schulung  suchten,  waren  dieser  E.S.  in  London  angeschlossen.  Erst 
durch  Rudolf  Steiner  wurde  zusammen  mit  der  deutschen  Gesellschaft  auch 
eine  deutsche  Esoterische  Schule  aufgebaut. 

Uber  den  sukzessiven  Aufbau  des  anfanglich  an  die  E.S.T.  angeschlosse- 
nen  ersten  Kreises  lafk  sich  heute  noch  folgendes  rekonstruieren. 

Am  20.  Oktober  1902  wurde  offiziell  die  deutsche  Sektion  der  Theoso- 
phischen Gesellschaft,  Sitz  Berlin,  mit  Rudolf  Steiner  als  Generalsekretar 
und  Marie  von  Sivers  als  Sekretar  begriindet.  Annie  Besant,  eine  der  aktiv- 
sten  Reprasentanten  der  Theosophical  Society  und  damalige  Leiterin  der 


1)  Siehe  «Zur  Geschichte  und  aus  den  Inhalten  der  erkenntniskuJtischen  Abteiung  der  Esoteri- 
schen Schule*,  GA  265. 

2)  Zur  Entstehungsgeschichte  der  E.S.T.  siehe  die  Vorbemerkungen  zum  zweiten  Teil  des 
vorliegenden  Bandes. 


Esoteric  School,  kam  nach  Berlin  und  iiberbrachte  die  Stiftungsurkunde. 
Bei  dieser  Gelegenheit  liefi  sich  Rudolf  Steiner  von  ihr  in  die  E.S.  aufneh- 
men.1*  Er  berichtet  dariiber  in  seinem  «Lebensgang»  (32.  Kapitel)  wie  folgt: 

«In  diesem  Zusammenhang  mufi  ich  etwas  besprechen,  was  von  gegneri- 
scher  Seite,  in  einen  Nebel  von  Mifiverstandnissen  gehiillt,  immer  wie- 
der  vorgebracht  wird.  Aus  inneren  Griinden  brauchte  ich  gar  nicht  dar- 
iiber zu  reden,  denn  es  hat  weder  auf  meinen  Entwickelungsgang  noch 
auf  meine  offentliche  Wirksamkeit  einen  Einflufi  gehabt.  Und  gegen- 
iiber  allem,  was  ich  hier  zu  schildern  habe,  ist  es  eine  rein  «private»  An- 
gelegenheit  geblieben.  Es  ist  meine  Aufnahme  in  die  innerhalb  der  Theo- 
sophischen  Gesellschaft  bestehende  «Esoterische  Schule». 

Diese  «Esoterische  Schule»  ging  auf  H.  P.  Blavatsky  zuriick.  Diese 
hatte  fiir  einen  kleinen  inneren  Kreis  der  Gesellschaft  eine  Statte  geschaf- 
fen,  in  der  sie  mitteilte,  was  sie  in  der  allgemeinen  Gesellschaft  nicht  sa- 
gen  wollte.  Sie  hielt  es  wie  andere  Kenner  der  geistigen  Welt  nicht  fiir 
moglich,  gewisse  tiefere  Lehren  der  Allgemeinheit  mitzuteilen. 

Nun  hangt  all  das  zusammen  mit  der  Art,  wie  H.  P.  Blavatsky  zu  ih- 
ren  Lehren  gekommen  ist.  Es  gab  ja  immer  eine  Tradition  iiber  solche 
Lehren,  die  auf  alte  Mystenen-Schulen  zuriickgehen.  Diese  Tradition 
wird  in  allerlei  Gesellschaften  gepflegt,  die  streng  dariiber  wachen,  dafi 
von  den  Lehren  aus  den  Gesellschaften  nichts  hinausdringe. 

Aber  von  irgendeiner  Seite  wurde  es  fiir  angemessen  gehalten,  an 
H.  P.  Blavatsky  solche  Lehren  mitzuteilen.  Sie  verband  dann,  was  sie  da 
erhielt,  mit  Offenbarungen,  die  ihr  im  eigenen  Innern  aufgingen.  Denn 
sie  war  eine  menschliche  Individualist,  in  der  das  Geistige  durch  einen 
merkwurdigen  Atavismus  wirkte,  wie  es  einst  bei  den  Mysterien-Leitern 
gewirkt  hat,  in  einem  Bewufitseinszustand,  der  gegeniiber  dem  moder- 
nen  von  der  Bewufitseinsseele  durchleuchteten  ein  ins  Traumhafte  her- 
abgestimmter  war.  So  erneuerte  sich  in  dem  «Menschen  Blavatsky» 
etwas,  das  in  uralter  Zeit  in  den  Mysterien  heimisch  war. 

Fiir  den  modernen  Menschen  gibt  es  eine  irrtumsfreie  Moglichkeit, 
zu  entscheiden,  was  von  dem  Inhalte  des  geistigen  Schauens  weiteren 
Kreisen  mitgeteilt  werden  kann.  Mit  allem  kann  das  geschehen,  das  der 
Forschende  in  solche  Ideen  kleiden  kann,  wie  sie  der  Bewufkseinsseele 
eigen  und  wie  sie  ihrer  Art  nach  auch  in  der  anerkannten  Wissenschaft 
zur  Geltung  kommen. 

1)  Am  23.  Oktober  1902.  Marie  von  Sivers  war  schon  friiher  Mitglied  der  E.S.T.  geworden. 


Nicht  so  steht  die  Sache,  wenn  die  Geist-Erkenntnis  nicht  in  der  Be- 
wufkseinsseele  lebt,  sondern  in  mehr  unterbewufken  Seelenkraften.  Die- 
se sind  nicht  geniigend  unabhangig  von  den  im  Korperlichen  wirkenden 
Kraften.  Deshalb  kann  fiir  Lehren,  die  so  aus  unterbewufken  Regionen 
geholt  werden,  die  Mitteilung  gefahrlich  werden.  Denn  solche  Lehren 
konnen  ja  nur  wieder  von  dem  Unterbewufken  aufgenommen  werden. 
Und  Lehrer  und  Lernender  bewegen  sich  da  auf  einem  Gebiete,  wo  das, 
was  dem  Menschen  heilsam,  was  schadlich  ist,  sehr  sorgfaltig  behandelt 
werden  mufi. 

Das  alles  kommt  fiir  Anthroposophie  deshalb  nicht  in  Betracht,  weil 
diese  ihre  Lehren  ganz  aus  der  unbewufken  Region  heraushebt. 

Der  innere  Kreis  der  Blavatsky  lebte  in  der  «Esoterischen  Schule» 
fort.  -  Ich  hatte  mein  anthroposophisches  Wirken  in  die  Theosophische 
Gesellschaft  hineingestellt.  Ich  mufke  deshalb  informiert  sein  iiber  alles, 
was  in  derselben  vorging.  Um  dieser  Information  willen  und  darum, 
weil  ich  fiir  Vorgeschrittene  in  der  anthroposophischen  Geist-Erkennt- 
nis selbst  einen  engeren  Kreis  fiir  notwendig  hielt,  liefi  ich  mich  in  die 
«Esoterische  Schule»  aufnehmen.  Mein  engerer  Kreis  sollte  allerdings  ei- 
nen andern  Sinn  als  diese  Schule  haben.  Er  sollte  eine  hohere  Abteilung, 
eine  hohere  Klasse  darstellen  fiir  diejenigen,  die  geniigend  viel  von  den 
elementaren  Erkenntnissen  der  Anthroposophie  aufgenommen  hatten.  - 
Nun  wollte  ich  iiberall  an  Bestehendes,  an  historisch  Gegebenes  an- 
kniipfen.  So  wie  ich  dies  mit  Bezug  auf  die  Theosophische  Gesellschaft 
tat,  wollte  ich  es  auch  gegeniiber  der  «Esoterischen  Schule»  machen. 
Deshalb  bestand  mein  «engerer  Kreis*  auch  zunachst  in  Zusammenhang 
mit  dieser  Schule.  Aber  der  Zusammenhang  lag  nur  in  den  Einrichtun- 
gen,  nicht  in  dem,  was  ich  als  Mitteilung  aus  der  Geist-Welt  gab.  So 
nahm  sich  mein  engerer  Kreis  in  den  ersten  Jahren  aufterlich  wie  eine 
Abteilung  der  «Esoterischen  Schule»  von  Mrs.  Besant  aus.  Innerlich  war 
er  das  ganz  und  gar  nicht.  Und  1907,  als  Mrs.  Besant  bei  uns  am  theoso- 
phischen  Kongrefi  in  Miinchen  war,  horte  nach  einem  zwischen  Mrs. 
Besant  und  mir  getroffenen  Ubereinkommen  auch  der  aufSere  Zusam- 
menhang vollstandig  auf. 

DafS  ich  innerhalb  der  «Esoterischen  Schule»  der  Mrs.  Besant  hatte  et- 
was  Besonderes  lernen  konnen,  lag  schon  deshalb  aufter  dem  Bereich  der 
Moglichkeit,  weil  ich  von  Anfang  an  nicht  an  Veranstaltungen  dieser 
Schule  teilnahm,  aufkr  einigen  wenigen,  die  zu  meiner  Information,  was 
vorgeht,  dienen  sollten. 


Es  war  ja  in  der  Schule  damals  kein  anderer  wirklicher  Inhalt  als  derje- 
nige,  der  von  H.  P.  Blavatsky  herriihrt,  und  der  war  ja  schon  gedruckt. J) 
Aufter  diesem  Gedruckten  gab  Mrs.  Besant  allerlei  indische  Ubungen 
fur  den  Erkenntnisfortschritt,  die  ich  aber  ablehnte. 

So  war  bis  1907  mein  engererKreis  in  einem  auf  die  Einrichtung  beziigli- 
chen  Sinne  in  einem  Zusammenhang  mit  dem,  was  Mrs,  Besant  als  einen 
solchen  Kreis  pflegte.  Aber  es  ist  ganz  unberechtigt,  aus  diesen  Tatsachen 
heraus  das  zu  machen,  was  Gegner  daraus  gemacht  haben.  Es  wurde  ge- 
radezu  die  Absurditat  behauptet,  ich  ware  zu  der  Geist-Erkenntnis  iiber- 
haupt  nur  durch  die  esoterische  Schule  von  Mrs.  Besant  gefiihrt  worden.» 

Die  im  erstenTeil  dieses  Bandes  zusammengefalken  Briefe  dokumentieren, 
dafi  Rudolf  Steiner  unmittelbar  nach  der  Begriindung  der  deutschen  Sektion 
um  esoterische  Anweisungen  gebeten  worden  war,  also  noch  bevor  er  im  Jah- 
re  1904  offiziell  zum  Arch- Warden  (Landesleiter)  der  Esoteric  School  nomi- 
niert  wurde.  Die  von  ihm  fur  notwendig  erachtete  und  von  seinen  ersten  Schii- 
lern  erhoffte  Kreisbildung  wird  angedeutet  im  Brief  an  Marie  von  Sivers  vom 
16.  April  1903,  in  dem  es  heifit:  «Ohne  einen  Grundstock  von  wahren  Theo- 
sophen,  die  in  fleifiigster  Meditationsarbeit  das  Gegenwart-Karma  verbes- 
sern,  wiirde  dietheosophische  Lehredoch  nurhalbtaubenOhren  gepredigt.» 
(GA  262),  sowie  durch  die  Antwort  auf  eine  entsprechende  Frage  von  Mat- 
hilde  Scholl:  «Es  ware  uberhaupt  recht  schon,  wenn  die  neueren  Mitglieder 
der  E.S.  in  Deutschland  sich  in  irgendeiner  Weise  naher  zusammenschliefien 
wiirden.  Wir  brauchen  das  gerade  in  Deutschland.  Denn  die  E.S.  mufS  die  See- 
le  der  Theosophischen  Gesellschaft  werden.»  (Brief  vom  1.  Mai  1903,  S.  43) 

Ein  Jahr  nach  dieser  Aufierung,  im  Mai  1904,  hielt  sich  Rudolf  Steiner 
zusammen  mit  Marie  von  Sivers  eine  Woche  lang  in  London  auf,  um  mit 
Annie  Besant  seine  Funktion  in  der  E.S.  zu  regeln.  Marie  von  Sivers  war 
bei  seinen  personlichen  Unterredungen  mit  Annie  Besant  immer  als  Dol- 
metscherin  dabei.  Mit  einem  Rundschreiben  vom  10.  Mai  1904  an  alle  Mit- 
glieder der  E.S.  in  Deutschland  und  Osterreich  gab  Annie  Besant  bekannt, 
daft  Rudolf  Steiner  autorisiert  sei,  als  Arch-Warden  fur  Deutschland  und 
Osterreich  zu  wirken.  Nach  seinen  Angaben  war  er  auch  fur  die  deutsche 
Schweiz  und  Ungarn  zustandig.2^  Das  Rundschreiben  Annie  Besants  vom 
10.  Mai  1904  lautete  wortlich  (siehe  Faksimile  auf  Seite  26): 


1)  «Esoterik»  (3.  Band  zu  Blavatskys  «GeheimIehre»),  als  nachgelassene  Schriften  herausgege- 
ben  von  Annie  Besant  (1897) 

2)  Vergleiche  unter  «Regeln»,  Seite  144 


To  all  members  of  the  E.S.  in  Germany  and  Austria. 
I  hereby  appoint  Dr.  Rudolf  Steiner  as  Arch-Warden  of  the  E.S.  in  Germa- 
ny and  the  Austrian  Empire,  with  full  authority,  as  my  representative,  to 
call  meetings  of  the  school,  to  organise  groups  and  appoint  Wardens,  and 
to  do  all  else  necessary  for  the  welfare  of  the  school,  remaining  in  direct 
communication  with  myself.  Annie  Besant. 

(An  alle  Mitglieder  der  E.S.  in  Deutschland  und  Osterreich. 
Ich  ernenne  hiermit  Dr.  Rudolf  Steiner  zum  Erzlenker  [Landesleiter]  der 
E.S.  in  Deutschland  und  Osterreich,  mit  voller  Berechtigung,  als  mein  Re- 
prasentant  Versammlungen  der  Schule  abzuhalten,  Gruppen  zu  organisie- 
ren  und  Leiter  zu  ernennen  und  in  direktem  Einvernehmen  mit  mir  selbst 
alles  Notwendige  fiir  das  Wohlergehen  der  Schule  zu  tun.  Annie  Besant.) 

Von  London  nach  Berlin  zuriickgekehrt,  ging  Rudolf  Steiner  neben  sei- 
nen  Aktivitaten  fur  die  offentliche  Verbreitung  der  Geisteswissenschaft 
und  den  Aufbau  der  Gesellschaft  nun  auch  daran,  seine  Esoterische  Schule 
aufzubauen.  Da  er  den  Hauptakzent  seiner  Tatigkeit  von  Anfang  an  auf  die 
offentliche  Arbeit  legte,  begann  er  damit,  in  der  von  ihm  begriindeten  und 
herausgegebenen  offentlichen  theosophischen  Zeitschrift  «Luzifer-Gnosis» 
den  fiir  das  Abendland  notwendigen  christlich-rosenkreuzerischen  Schu- 
lungsweg  in  fortlaufenden  Aufsatzen  darzustellen:  «Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Welten?»  (Juni  1904  bis  1908,  1.  Buchausgabe 
1909).  Aus  diesem  Juni-Monat  des  Jahres  1904  stammt  auch  das  fruheste 
Datum  einer  von  ihm  in  seiner  Funktion  als  Arch- Warden  der  E.S.T.  vor- 
genommenen  E.S.-Veranstaltung.  Es  war  in  den  Tagen  des  theosophischen 
Kongresses  in  Amsterdam,  der  vom  18.  bis  21.  Juni  1904  wahrte,  an  dem 
aufier  Rudolf  Steiner  und  Marie  von  Sivers  auch  einige  deutsche  Theoso- 
phen  teilnahmen;  u.a.  Mathilde  Scholl  aus  Koln,  Sophie  Stinde  und  Pauline 
von  Kalckreuth  aus  Munchen,  Giinther  Wagner  aus  Lugano  und  dessen 
Schwester  Amalie  Wagner  aus  Hamburg.  Mathilde  Scholl  berichtet,  daft 
Amalie  Wagner  damals  in  die  E.S.  aufgenommen  werden  sollte  und  Rudolf 
Steiner  diese  Aufnahme  in  ihrem  Hotelzimmer  veranstaltete.  Dabei  kann 
es  sich  aber  doch  nur  um  eine  Art  Vorausnahme  gehandelt  haben,  da  die 
offizielle  E.S. -Arbeit  erst  nach  dem  Amsterdamer  Kongrefi  von  Berlin  aus 
aufgebaut  wurde.  Dort  fanden  am  9.  und  14.  Juli  1904  die  ersten  esoterischen 
Stunden  statt;  jedenfalls  sind  dies  die  beiden  fruhesten  bekannten  Daten 
von  esoterischen  Stunden  in  Berlin,  und  aus  den  vorhandenen  Notizen  ist 
zu  entnehmen,  daft  damals  mit  der  E.S.-Arbeit  in  Berlin  begonnen  worden 


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ist.  Aber  auch  diese  Stunden  miissen  eigentlich  noch  zu  den  Vorstadien 
gerechnet  werden,  die  sich  im  Grunde  genommen  bis  in  den  Herbst 
1905  hinein  erstreckten.  Denn  erst  als  damals  auch  die  zweite  und  dritte 
Abteilung  eingerichtet  wurden,  war  die  Schule  in  ihrem  vollen  Umfang 
gebildet. 

Im  Ferienmonat  August  des  Jahres  1904  richtete  Rudolf  Steiner  an  ver- 
schiedene  auswartige  Mitglieder  personliche  Briefe,  durch  die  er  sie  in  die 
Schule  aufnahm  oder  zum  Eintreten  einlud.  Fur  den  Anfang  September 
war  wieder  eine  E.S.-Versammlung  geplant  (laut  Brief  vom  29.  August 
1904  an  Giinther  Wagner);  ob  diese  tatsachlich  stattgefunden  hat,  ist  aller- 
dings  nicht  bekannt. 

In  der  zweiten  Halfte  des  September  1904  begleitete  Rudolf  Steiner  An- 
nie Besant  auf  deren  Vortragsreise  durch  mehrere  deutsche  Stadte  und  gab 
die  von  ihr  in  englisch  gehaltenen  offentlichen  Vortrage  auf  deutsch  wie- 
der. Auf  der  letzten  Station  dieser  Reise,  in  Koln,  wo  beide  bei  Mathilde 
Scholl  wohnten,  fand  nach  deren  Bericht  auch  eine  Zusammenkunft  der 
E.S. -Mitglieder  statt:  «Mrs.  Besant,  Dr.  Steiner,  Fraulein  von  Sivers,  Miss 
Bright,  Mr.  Keightley,  Mathilde  Scholl  in  Mrs.  Besants  Zimmer.  Ehe  wir 
das  Zimmer  verliefien,  sprach  Mrs.  Besant  mit  Dr.  Steiner  iiber  das  Studien- 
material  fur  Schiller  der  E.S.  Sie  empfahl  Leadbeaters  «The  Christian 
Creed».  Hoflich,  aber  bestimmt,  antwortete  Dr.  Steiner,  er  konne  dieses 
Buch  fur  seine  Schuler  nicht  gebrauchen.» 

In  dem  darauffolgenden  Zeitraum  bis  Mai  1905  haben  dann  in  Berlin  ei- 
nige  wenige  esoterische  Stunden  stattgefunden.  Aber  die  erste  offizielle 
Orientierung  durch  den  «seit  langem  vorbereiteten  Rundbrief  an  die  deut- 
schen  E.S.-Mitglieder»  mit  Regeln  erfolgte  erst  Anfang  Juni  1905. 

Im  Oktober  1905,  als  anlafilich  der  Generalversammlung  der  deutschen 
Sektion  und  auf  ausdriickliche  Bitte  Rudolf  Steiners  Mitglieder  in  grosserer 
Zahl  nach  Berlin  gereist  kamen  und  die  Schule  um  die  erkenntniskultische, 
respektive  die  zweite  und  dritte  Abteilung  erweitert  wurde,  fanden  auch 
mehrere  E.S.-Stunden  statt.  Den  Inhalt  derjenigen  vom  24.  Oktober  1905 
hat  Rudolf  Steiner  fur  Anna  Wagner,  die  Frau  von  Giinther  Wagner,  die 
aus  Gesundheitsgriinden  nicht  hatte  teilnehmen  konnen,  eigenhandig  nie- 
dergeschrieben.^  Es  ist  dies  die  einzige  von  seiner  Hand  aufgezeichnete 
esoterische  Stunde,  abgesehen  von  dem  kurzen  brieflichen  Resume  der 
Stunde  vom  4.  Oktober  1905  fur  Adolf  Kolbe  in  Hamburg.  Alles,  was  sich 


1)  In  «Aus  den  Inhalten  der  esoterischen  Stunden»,  GA  266/1. 


sonst  an  Aufzeichnungen  von  solchen  Stunden  erhalten  hat,  ist  von  Teil- 
nehmern  hinterher  aus  dem  Gedachtnis  festgehalten  worden,  da  wahrend 
der  Stunden  selbst  nicht  mitgeschrieben  werden  durfte. 

Von  dieser  Herbstzeit  des  Jahres  1905  an  fanden  mehr  und  mehr  esoteri- 
sche  Stunden  nicht  nur  in  Berlin,  sondern  auch  in  anderen  deutschen  Stad- 
ten  und  spater  auch  in  anderen  Landern  statt,  wo  Schiiler  Rudolf  Steiners 
in  dieser  Art  arbeiteten.  Nach  Ausbruch  des  Ersten  Weltkrieges  im  Som- 
mer  1914  wurde  die  esoterische  Arbeit  eingestellt,  weil  streng  geschlosse- 
nen  Veranstaltungen  mifitraut  werden  konnte,  aber  auch,  weil  in  einer  von 
so  starken  Emotionen  belasteten  Zeit  nicht  esoterisch  gearbeitet  werden 
konne.  Erst  zehn  Jahre  spater  im  Zusammenhang  mit  der  Neubegriindung 
der  Anthroposophischen  Gesellschaft  wurde  auch  wiederum  eine  Esoteri- 
sche Schule  eingerichtet. 


Die  Regeln 

Aus  den  entsprechenden  Dokumenten  geht  hervor,  dafl  in  der  Aufbau- 
zeit  des  ersten  esoterischen  Arbeitskreises  «Regeln»  gegeben  wurden,  die 
sich  an  diejenigen  der  E.S.T.  anlehnten.  Letztere  sollen  ursprunglich  sehr 
streng  gewesen,  aber  im  Laufe  der  Zeit  mehrfach  modifiziert  worden  sein. 
Zur  Zeit  von  Rudolf  Steiners  Anschlufi  konnte  die  Aufnahme  nach  zwei- 
jahriger  Mitgliedschaft  in  der  T.S.  beantragt  werden.  Die  Schule  war  in 
Grade  gegliedert,  die  auf  vier  verschiedenen  Wegen  oder  Methoden  (Diszi- 
plinen)  erarbeitet  werden  konnten:  einer  allgemeinen,  einer  speziellen 
Yoga-,  einer  christlich-gnostischen  und  einer  pythagoraischen  Disziplin. 
Bevor  man  jedoch  zur  eigentlichen  Schulung  zugelassen  wurde,  mufke 
man  mindestens  ein,  spater  zwei  Jahre  dem  Priifungs-  oder  Horerorden 
(englisch  Probationary-  oder  Hearer-,  indisch  Shravaka-Orden)  angehoren. 
Bei  der  Aufnahme  mufke  ein  schriftliches  «Versprechen»  gegeben  werden, 
die  erhaltenen  Papiere  vertraulich  zu  behandeln  und  auf  Aufforderung  zu- 
riickzugeben.  Nach  der  vorgeschriebenen  Priifungszeit  konnte  man  in  den 
eigentlichen  ersten  Grad  aufgenommen  werden,  sofern  man  gewillt  war, 
das  schriftliche  Gelobnis  zu  leisten,  die  Theosophie  zum  alles  bestimmen- 
den  Faktor  seines  Lebens  zu  machen. 


Da  Rudolf  Steiners  erster  esoterischer  Arbeitskreis  aufierlich  dem  Prii- 
fungsorden  der  E.S.T.,  und  zwar' inner halb  der  allgemeinen  Disziplin  - 
daher  in  den  ersten  von  ihm  ausgegebenen  Regeln  die  Bezeichnung 
«Shravaka-Orden»  -  angeschlossen  war,  hatten  auch  seine  Schuler  das  obli- 
gatorische  «Versprechen»  zu  geben,  wie  aus  verschiedenen  Briefen  hervor- 
geht.  Davon  unabhangig  fiihrte  er  seinen  Arbeitskreis  vollig  selbstandig. 
Zum  Beispiel  gab  es  keine  zu  wahlenden  Disziplinen,  wenn  auch  in  den 
Briefen  an  Anna  und  Gunther  Wagner  vom  2.  Januar  1905  die  vier  Diszi- 
plinen erwahnt  werden.  Aber  zu  dieser  Zeit  war  alles  noch  im  Werden  und 
bald  darauf  war  es  offensichtlich  selbstverstandlich  geworden,  sich  nach 
Rudolf  Steiners  Intentionen  zu  richten.  So  schrieb  ihm  beispielsweise  am 
23.  Januar  1905  Mathilde  Scholl,  die  durch  seine  Vermittlung  im  Mai  1904 
von  Annie  Besant  in  den  ersten  Grad  der  E.S.T.  in  London  aufgenommen 
worden  war,  aber  noch  nicht  dessen  Instruktionen  erhalten  hatte:  «Mir 
personlich  ist  es  nun  iiberhaupt  gar  nicht  wichtig,  ob  Mrs.  Mead  die  Schrif- 
ten  schickt  oder  nicht,  denn  alles,  was  ich  brauche,  geben  Sie  mir  und  wird 
mir  gegeben  und  das  ist  so  viel,  dafi  ich  nur  mit  ehrfurchtsvollem  Staunen 
den  Blick  erheben  kann  zu  all  dem,  was  kommt.»  Ahnliches  spricht  aus  ei- 
nem  Brief  von  Gunther  Wagner,  der  ihm  am  3.  April  1905  schrieb:  «Vor 
Monaten  schon  erhielt  ich  von  Mrs.  Oakley  eine  englische  E.S.-Druck- 
schrift,  in  der  Mitteilungen  iiber  die  vier  Wege  sind,  die  in  der  E.S.  gemacht 
wiirden,  deren  Sie  auch  in  Ihrem  werten  lieben  Schreiben  an  meine  Frau 
Erwahnung  tun.  Meine  Frau  und  ich  haben  uns  entschlossen,  den  <christli- 
chen>  Pfad  zu  gehen  und  fragen  nun  an,  ob  auch  wir  in  Deutschland  mit 
dem  1.  April  beginnen  sollen,  wie  dies  dort  in  der  englischen  Druckschrift 
angegeben  wird.  Wird  eine  deutsche  Belehrung  herausgegeben  werden? 
Wohl  wahrscheinlich,  da  Sie  doch  nicht  alien  E.S.-Mitgliedern,  die  aus- 
warts  leben,  schriftliche  Instruktionen  geben  konnen.  Ich  wiirde  auch  gern 
wissen,  ob  es  fur  Schuler  ersten  Grades  (nach  alter  Einrichtung)  andere 
Vorschriften  gibt  als  die  in  der  englischen  Druckschrift,  oder  ob  alle  von 
jetzt  an  diesen  folgen  sollen.  Meiner  Frau  schrieben  Sie  am  2.  Januar  vor, 
vom  6.  Januar  etwa  an  vier  Wochen  die  Ubungen  durchzufuhren.  Das  hat 
sie  getan  und  fahrt  damit  auch  jetzt  noch  fort,  doch  bittet  auch  sie  um  wei- 
tere  Instruktionen.*  Diese  Fragen  wurden  mit  dem  ersten  E.S.-Rundbrief 
vom  5.  Juni  1905  und  den  im  weiteren  gegebenen  Anweisungen  mehr  und 
mehr  beantwortet. 

Soweit  lafit  sich  der  allmahliche  Aufbau  des  ersten  Kreises  rekonstruie- 
ren.  Offen  bleiben  muE  jedoch  die  Frage,  wie  es  mit  dem  Gelobnis  der 


E.S.T.  gehandhabt  wurde,  da  Rudolf  Steiners  Schiiler  ja  nicht  die  Grade 
der  E.S.T.  durchmachten  und  doch  einige  solche  Gelobnisse  vorliegen,  die, 
soweit  sie  datiert  sind,  aus  dem  Jahre  1906  stammen.  Ob  sie  gegeben  wur- 
den  bei  der  Aufnahme  in  den  ersten  Grad  der  erkenntniskultischen  Abtei- 
lung  oder  in  anderem  Zusammenhang,  ist  nicht  bekannt.  Jedenfalls  schrieb 
Rudolf  Steiner  in  dem  gleichen  Jahre  1906  einem  esoterischen  Schiiler  auch 
dies:  «Das  Geheimhalten  betrachten  Sie  bitte  nicht  als  prinzipielle  Ver- 
pflichtung,  sondern  als  temporare,  durch  die  verworrenen  gegenwartigen 
Verhaltnisse  in  E.S.  und  T.S.  bedingt.  ...Ich  ware  selbst  froh,  wenn  auch 
dies  nicht  zu  sein  brauchte.»  Mit  dieser  Aussage  stimmt  uberein,  daft  nichts 
davon  tiberliefert  ist  -  obwohl  der  Schiilerkreis  schon  grofi  geworden  war 
daft  nach  der  im  Mai  1907  erfolgten  Trennung  von  der  E.  S.T.  Rudolf  Stei- 
ner noch  schriftliche  Versprechen  hatte  geben  lassen.  Tatsachlich  wurde 
bei  der  Neubegriindung  der  Esoterischen  Schule  im  Jahre  1924  mit  Bezug 
auf  die  Verpflichtung,  das  erhaltene  Lehrgut  vertraulich  zu  behandeln,  nur 
an  das  Verantwortungsbewufitsein  des  Einzelnen  appelliert.  In  diesem  Sin- 
ne  schrieb  Marie  Steiner  nach  Rudolf  Steiners  Tod:  «Er  war  nicht  der  An- 
sicht,  daft  man  noch  Esoterik  treiben  konne  wie  in  friiheren  Zeiten,  in  tief- 
ster  Abgeschlossenheit,  mit  streng  bindenden  Gelobnissen.  Diese  vertru- 
gen  sich  nicht  mehr  mit  dem  Freiheitsgefuhl  des  Einzelnen.  Vor  das  eigene 
hdhere  Ich  muft  die  Seele  treten  und  erkennen,  was  sie  diesem  Ich  und  der 
geistigen  Welt  an  ehrfurchtsvollem  Schweigen  schuldig  ist.»  ^ 


Das  Lehrgut 

Der  Unterricht  gliederte  sich  gewissermaften  dreifach:  in  die  fur  alle  Schii- 
ler gleich  geltenden  Regeln  und  Ubungen;  in  die  personlichen  Ubungen;  in 
die  esoterischen  Stunden,  in  denen  hauptsachlich  auf  Intimitaten  des  Schu- 
lungsweges  eingegangen  und  das  Bewufttsein  auf  die  groften  Menschheitsleh- 
rer,  die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen, 
als  den  eigentlichen  Leitern  der  Schule  gelenkt  wurde.  Lag  doch  das  ideale  Ziel 
der  Schulung  darin,  aus  dem  durch  die  Ubungen  zu  entwickelnden  hdheren 
Bewufttsein  heraus  nach  und  nach  selbst  Zugang  zu  den  Meistern  zu  finden. 

i)  Vorwort  zur  Erstausgabe  der  Vortrage  «Die  karmischen  Zusammenhange  der  anthroposo- 
phischen  Bewegung»,  Dornach  1926,  neu  abgedruckt  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner  Ge- 
samtausgabe»  Nr.  23  Weihnachten  1968. 


Eine  Hilfe  auf  diesem  Wege  sollten  die  Darstellungen  von  dem  Wesen 
und  Wirken  der  Meister  geben,  wie  sie  in  esoterischen  Stunden  vermittelt 
wurden.  Das  Wenige,  was  davon  iiberliefert  wurde,  ist  in  dem  Abschnitt 
liber  die  Meister  zusammengefaik.  Da  Rudolf  Steiner  jedoch  nicht  nur  in 
esoterischen  Stunden,  sondern  auch  in  den  Vortragen  fiir  die  Mitglieder 
der  Gesellschaft  und  sogar  offentlich  davon  gesprochen  hat,  lafit  sich  von 
dem  Bild,  das  von  den  Meistern  gezeichnet  wurde,  doch  eine  zureichende 
Vorstellung  gewinnen.  Siehe  hierzu  den  Versuch  einer  Uberschau  im  An- 
hang  zu  dem  Abschnitt  «Aus  dem  Lehrgut  iiber  die  Meister  ...». 

Das  Wissen  um  die  Meister  war  in  der  Theosophical  Society  und  deren 
Esoteric  School  seit  ihrem  Bestehen  von  grundlegender  Bedeutung.0  Fiir 
Rudolf  Steiner  selbst  war  die  Existenz  der  Meister  schon  Jahrzehnte  vor 
seiner  Verbindung  mit  der  Theosophischen  Gesellschaft  personlich  erlebte 
Realitat.  Das  hat  er  mehrfach  selbst  bezeugt.2)  Auch  dafiir,  dafi  er  von  der 
Notwendigkeit,  die  Wahrheiten  des  Okkultismus  der  Welt  zu  lehren, 
durch  seinen  Meister  iiberzeugt  worden  war,  liegt  sein  personliches  Zeug- 
nis  vor: 

«...  wenn  der  Meister  mich  nicht  zu  iiberzeugen  gewufit  hatte,  dafi 
trotz  alledem  [der  Unreife  der  Zeit  fiir  die  hohen  Wahrheiten  des 
Okkultismus]  die  Theosophie  unserem  Zeitalter  notwendig  ist:  ich  hatte 
auch  nach  1901  nur  philosophische  Biicher  geschrieben  und  literarisch 
und  philosophisch  gesprochen.»  (Brief  vom  9.  Januar  1905  an  Marie 
von  Sivers,  GA  262). 

Und  auch  der  Gesellschaft  hatte  er  sich  erst  angeschlossen,  nachdem  er  am 
«Endpunkt  einer  langjahrigen  inneren  Entwickelung»  gewuftt  hatte,  dafi 
«die  geistigen  Krafte,  denen  ich  dienen  mufi,  in  der  T.S.  vorhanden  sind.»3) 
Wahrend  jedoch  in  der  T.S.  von  den  Meistern  immer  nur  als  von  den 
«Meistern  der  Weisheit»  gesprochen  wurde,  sprach  er  von  ihnen  als  den 
«Meistern  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen» 
oder  auch  der  «Menschheitsempfindungen»,  weil  sie  nicht  nur  einen  hohen 

1)  Naheres  dariiber  in  den  Vorbemerkungen  zum  zweiten  Teil. 

2)  Siehe  die  Aufzeichnungen  fiir  Edouard  Schure  und  Briefe  an  Marie  Steiner-von  Sivers, 
beides  in  «Briefwechsel  und  Dokumente  . . .»,  GA  262;  ferner  den  autobiographischen  Vor- 
trag  Berlin,  4.  Februar  1913  in  «Beitrage  zur  Rudolf  Steiner  Gesamtausgabe»,  Heft  83/84, 
1984. 

3)  In  einem  Entwurf  fiir  ein  erstes  Rundschreiben  an  die  deutschen  theosophischen  Logen  im 
Sommer  1902  vor  der  offiziellen  Griindung  der  deutschen  Sektion.  In  «Briefwechsel  und 
Dokumente  ...»,  GA  262,  Hinweis  zu  Seite  17. 


Grad  von  Weisheit,  sondern  auch  einen  «unbegrenzten  Quell  von  Men- 
schenliebe»  besitzen  (Brief  vom  2.  August  1904,  S.  62).  Diese  Nuance  weist 
wie  alles  bei  ihm  auf  den  Zentralpunkt  seiner  Geist-Erkenntnis:  die  einzig- 
artige  Bedeutung  des  Christus-Prinzipes  fiir  die  ganze  Menschheits-  und  Er- 
denentwickelung.  Ihm  war  Christus  der  Meister  aller  Meister  und  die 
«Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen»  die- 
jenigen,  die  «in  unmittelbarem  Zusammenhang  mit  den  Kraften  der  hohe- 
ren  Hierarchien  stehen»  (Vortrag  Diisseldorf,  15.  Juni  1915)  und  die  begrif- 
fen  haben,  «dafi  der  Fortschritt  der  Menschheit  abhangt  von  dem  Begreifen 
des  grofien  Ereignisses  von  Golgatha»  (Berlin,  22.  Marz  1909). 

Am  aufklarendsten  fiir  Rudolf  Steiners  personliches  Verhaltnis  zu  den 
Meistern  kann  wohl  gelten,  was  er  in  einer  seiner  allerersten  offentlichen 
Berliner  Vortragsreihen  geaufiert  hat.  Auf  die  Darstellung  dieser  hochent- 
wickelten  Individualitaten  in  Sinnetts  «Geheimbuddhismus»  verweisend, 
versuchte  er  klarzumachen,  daft  fiir  europaisches  Denken  der  Meisterbegriff 
nichts  Absonderliches  zu  sein  brauche,  wenn  beriicksichtigt  werde,  dafi  es 
auf  der  Stufenleiter  der  Entwicklung  -  vom  wenigst  Entwickeltert  bis  zum 
Beispiel  zu  Goethe  und  dariiber  hinaus  -  unendlich  viele  Moglichkeiten 
gibt.  Und  dann  folgen  die  in  bezug  auf  ihn  selbst  so  entscheidenden  Worte: 

«...dafi  die  sogenannten  Meister  fiir  uns  grofie  Anreger  sind  -  weiter 
nichts  -,  grofie  Anreger  auf  geistigen  Gebieten.  Allerdings  geht  deren 
Entwickelung  weit  iiber  das  Mafi  hinaus,  das  die  landlaufige  Kultur  bie- 
tet.  Grofie  Anreger  sind  sie  uns;  sie  fordern  aber  nicht  den  Glauben  an 
irgendeine  Autoritat,  nicht  den  Glauben  an  irgendein  Dogma.  Sie  appel- 
lieren  an  nichts  anderes  als  an  die  eigene  menschliche  Erkenntnis  und  ge- 
ben  Anleitung,  durch  bestimmte  Methoden  die  Krafte  und  Fahigkeiten, 
die  in  jeder  Menschenseele  liegen,  zu  entwickeln,  urn  zu  den  hoheren 
Gebieten  des  Daseins  hinaufzusteigen.»  (Berlin,  13.  Oktober  1904) 

In  dem  darauffolgenden  Vortrag  charakterisiert  er  die  Meister  so,  dafi 
verstandlich  werden  kann,  wie  gerade  von  ihnen  die  menschliche  Freiheit 
in  hochstem  Mafte  respektiert  werde,  so  daft  keinerlei  Abhangigkeit  entste- 
hen  konne.  Niemand  konne  zum  Beispiel  durch  die  Regeln  in  «Wie  erlangt 
man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  im  Gegensatz  zu  vielem  anderen, 
was  auf  solchem  Gebiete  heute  angepriesen  wird,  Schaden  erleiden.  Weil 
aber  so  vieles  angepriesen  wird,  was  nicht  nur  wertlos,  sondern  auch  schad- 
lich  sein  kann,  «haben  die  Meister  die  Erlaubnis  gegeben  zur  Veroffentli- 
chung  solcher  Regeln*.  (Berlin,  15.  Dezember  1904). 


Nimmt  man  die  verschiedenen  Aufierungen  iiber  die  Meister,  so  schei- 
nen  sie  auf  den  ersten  Blick  hin  einander  zu  widersprechen.  Insbesondere 
scheint  das  aus  dem  Vortrag  Berlin,  13.  Oktober  1904  Angefiihrte  zu  wi- 
dersprechen dem,  was  in  Briefen  an  esoterische  Schiiler  zu  lesen  ist:  «Ich 
kann  und  darf  nur  so  weit  fiihren,  als  der  erhabene  Meister,  der  mich  selber 
fiihrt,  mir  die  Anleitung  gibt»  (Brief  vom  11.  August  1904);  oder  auch 
wenn  es  heifit,  dafS  die  theosophischen  Lehren  auf  die  Meister  zuriickgehen: 

«Wir  sagen  mit  Recht,  daft  die  Theosophie  nicht  durch  dieses  oder  jenes 
Buch,  nicht  durch  diese  oder  jene  Summe  von  Dogmen  in  die  Welt  ge- 
kommen  ist.  Die  Theosophie  riihrt  von  jenen  hohen  Individualitaten 
her,  die  wir  die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der 
Empfindungen  nennen,  da  sie  die  Quellen  des  geistigen  Lebens  eroffnet 
haben,  das  von  da  ab  einstromen  kann  in  die  Menschen.» 

(Berlin,  21.  Juni  1909) 

«Spirituelles  Leben  geht  zuletzt  zuriick  auf  diejenigen  Quellen,  die  wir 
bei  jenen  Individualitaten  suchen,  welche  wir  nennen  die  Meister  der 
Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen.  Bei  ihnen  fin- 
den  wir  die  Impulse,  wenn  wir  sie  richtig  suchen,  wie  wir  von  Epoche  zu 
Epoche,  von  Zeitalter  zu  Zeitalter  wirken  sollen.» 

(Berlin,  26.  Dezember  1909) 

Vertieft  man  sich  jedoch  in  diese  verschiedenen  Aussagen,  dann  lost  sich 
der  scheinbare  Widerspruch  zwischen  ihnen  auf.  Es  wird  erkennbar,  dafi 
Rudolf  Steiner  selbst  zu  jenen  Eingeweihten  gehort,  die  die  Impulse  der 
Meister  mit  ihren  freien  Denkkr'aften  entgegennehmen  und  fur  den  Fort- 
schritt  der  Menschheit  auszuarbeiten  haben.  Die  Welt  des  Ubersinnlichen 
und  somit  auch  der  Meister  hat  ja  ihre  eigene  Sprache.  Sie  offenbart  sich  in 
Zeichen  und  Symbolen,  deren  Erforschung  und  Deutung  nur  durch  beson- 
dere  Schulung  moglich  ist.  Die  Art  der  Ubersetzung,  Deutung  und  Anwen- 
dung  der  okkulten  Offenbarungssprache  hangt  ganz  von  der  Tiefe  der  Er- 
kenntnisfahigkeit  wie  auch  von  dem  moralischen  Verantwortungsbewufit- 
sein  desjenigen  ab,  der  sie  vertritt.  Rudolf  Steiners  Leistung  fur  den  Kultur- 
fortschritt  liegt  ganz  offensichtlich  darin,  daft  er  die  Zeichensprache  des  al- 
lem  Dasein  zugrundeliegenden  Schopferisch-Geistigen  in  die  dem  moder- 
nen  Bewufttsein  gemafte  Begriffssprache  der  Anthroposophie  umzusetzen 
vermochte.  Diese  personliche  Tat  hatte  er  in  der  Welt  zu  vertreten,  ohne 
sich  auf  die  Autoritat  der  Meister  berufen  zu  mussen.  Wie  er  lehrte,  hatte  er 


ganz  personlich  zu  verantworten.  Vielleicht  liegt  hier  einer  der  Griinde, 
weshalb  er,  je  starker  der  Wissenschaftscharakter  der  Anthroposophie,  ins- 
besondere  in  den  Jahren  nach  dem  Ersten  Weltkrieg,  herausgearbeitet  wur- 
de,  von  den  Meistern  in  der  intimen  Weise  der  friiheren  Jahre  nicht  mehr 
gesprochen  hat. 

Von  der  Lehrweise  in  der  Esoterischen  Schule 

Hatte  Rudolf  Steiner  in  dem  obigen  Sinn  die  Art,  wie  er  seine  iibersinnli- 
chen  Erkenntnisse  offentlich  lehrte,  personlich  zu  verantworten,  so  gait  das 
nicht  in  gleicher  Weise  in  bezug  auf  die  Esoterische  Schule.  Er  selbst  hat  aus- 
gesprochen,  dafS  die  Schule  unter  der  unmittelbaren  Leitung  der  Meister 
stehe  und  deshalb  als  eine  Grundverpflichtung  der  Schule  gelten  rmisse,  dafi 
alles,  was  durch  sie  hindurchfliefk,  nur  ausgehe  von  den  Meistern  der  Weis- 
heit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen,  wahrend  die  Grundver- 
pflichtung fur  die  Schuler  darin  bestiinde,  auf  alles,  was  gelehrt  wurde,  die 
ganze  Vernunft  anzuwenden  und  sich  zu  fragen,  ob  es  verniinftig  sei,  die- 
sen  Weg  zu  gehen.  (Esoterische  Stunde  Diisseldorf,  19.  April  1909,  S.  223). 

Offenbar  nicht  immer,  aber  in  gewissen  esoterischen  Stunden  oder  in  ge- 
wissen  Momenten  esoterischer  Stunden  sprach  Rudolf  Steiner  so  als  unmit- 
telbarer  Bote  der  Meister.  Ein  Teilnehmer  an  der  Dusseldorfer  Stunde  vom 
19.  April  1909  berichtet,  dafi  diese  besondere  Stunde  mit  den  Worten  be- 
gonnen  wurde:  «Meine  lieben  Schwestern  und  Briider!  Diese  esoterische 
Stunde  ist  eine  solche,  die  nicht  steht  unter  der  Verantwortung  desjenigen, 
der  da  spricht!»  Und  das  sei  deshalb  gesagt  worden,  weil  in  der  darauffol- 
genden  Schilderung,  wie  einst  Zarathustra  von  dem  Sonnengeist  einge- 
weiht  worden  war,  Rudolf  Steiner  in  diesem  Augenblicke  selber  Zarathu- 
stra gewesen  sei.  Als  ein  gewaltiges  Erlebnis  hatte  wahrgenommen  werden 
konnen,  wie  «unser  grofier  Lehrer,  der  uns  das  Ergebnis  seiner  Forschun- 
gen  mitgeteilt  hatte,  nun  selber  uns  zeigte,  wie  ein  alter  Menschheitsfuhrer 
und  Lehrer  sich  inspirierend  offenbaren  konnte»,  wie  Rudolf  Steiner  als  er- 
ster  Mensch  der  Neuzeit  durch  eigene  strenge  Schulung  nicht  als  Medium, 
sondern  als  vollbewufiter  Geistesforscher  sich  zu  einem  dienenden  Werk- 
zeug  fur  geistige  Wesenheiten  bilden  konnte.1} 


1)  Elisabeth  Vreede  in  einem  in  Stuttgart  gehaltenen  Vortrag  vom  9.  Juli  1930.  Siehe  Elisabeth 
Vreede/ Thomas  Meyer:  Zur  Bodhisattvafrage,  Basel  1989. 


Von  dieser  ganz  besonderen  Art  und  Weise,  wie  Rudolf  Steiner  in  den 
esoterischen  Stunden  als  Bote  der  Meister  erlebt  werden  konnte,  haben  nur 
Wenige  etwas  iiberliefert.  Einer  kleidete  seine  Erinnerung  in  die  Worte: 

«Ich  erinnere  mich  genau,  wie  Rudolf  Steiner  hereintrat.  Er  war  es  und  er 
war  es  nicht.  Wenn  er  zu  den  esoterischen  Stunden  kam,  sah  er  nicht  aus 
wie  Rudolf  Steiner,  sondern  nur  wie  sein  Gehause.  <Es  sprechen  aus  mir 
die  Meister  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Empfindungen>, 
begann  er.  Es  war  stets  feierlich.  Man  kann  das  gar  nicht  vergessen,  den 
Ausdruck  seines  Gesichtes.»  ^ 

Ein  anderer  berichtet  von  dem  tiefen  Eindruck,  als  er  zum  erstenmal  an 
einer  esoterischen  Stunde  teilnehmen  konnte,  mit  den  folgenden  Worten: 

«Alles  safi  schweigend.  Als  Rudolf  Steiner  eintrat,  schien  mir  ein  iiberirdi- 
sches  Licht  auf  seinem  Antlitz  nachzuleuchten,  aus  dessen  Bereich  er  zu 
uns  kam  -  es  schien  nicht  blofi  so:  es  war  an  dem.  Wie  aus  unmittelbarem 
Wissen  und  Kennen  sprach  er  von  den  groften  Meistern,  die  iiber  uns  unser 
Leben  und  Streben  lenken:  Kuthumi,  Morya,  Jesus  und  Christian  Rosen- 
kreutz  -  den  «Meistern  der  Weisheit  und  des  Zusammenklanges  der  Emp- 
findungen». 

Es  darf  so  viel  gesagt  werden,  dafi  die  Weihe  dieser  Stunde  unbeschreib- 
lich  schdn  war.  Hier  erschien  Rudolf  Steiner  ganz  als  der  Bote  einer  hoheren 
Welt.  Der  Eindruck  ist  unvergefilich.»2^ 

Am  eingehendsten  und  in  sprachlich  subtiler  Form  schildert  der  bekannte 
russische  Dichter  Andrej  Belyj  in  seinem  Erinnerungsbuch  «Verwandeln 
des  Lebens»  (Basel  1975),  wie  er  es  in  der  «Klasse  des  H6rens»  als  Aufgabe 
erlebte,  die  Aufmerksamkeit  zu  schulen  mehr  fur  das  Wie  als  das  Was. 
Denn  einen  aufieren  Unterschied  zwischen  den  esoterischen  und  den  ande- 
ren  Vortragen  habe  es  nicht  gegeben,  da  alles  einen  esoterischen  Grundton 
hatte,  umso  feiner,  je  popularer  Rudolf  Steiner  gesprochen  habe.  Was  aber 
in  den  esoterischen  Stunden  konzentriert  hatte  erlebt  werden  konnen,  das 
sei  gerade  das  gewesen,  wie  das  Wie  zum  Was  geworden  und  alles  iiber- 
strahlt  habe. 


1)  Jenny  Schirmer-Bey  in  «Was  in  der  Anthroposophischen  Gesellschaft  vorgeht.  Nachrich- 
ten  fur  deren  Mitglieder»,  1974,  Nr.  35  vom  1.  September  1974 

2)  Ludwig  Kleeberg,  « Wege  und  Worte»,  Stuttgart  1961 


Briefe  an  esoterische  Schiller 
mit  Ubungen 


Der  Brief  vom  20.  September  1907  wurde  an  den  An- 
fang  gestellt,  da  er  Grundsatzliches  iiber  esoterische 
Schulung  beinhaltet.  Dann  folgen  in  chronologischer 
Reihenfolge  die  Briefe,  die  Rudolf  Steiner  als  esoteri- 
scher  Lehrer  geschrieben  hat,  soweit  sie  erhalten  und 
bekannt  sind.  Die  Briefe  an  Mathilde  Scholl  wurden 
vom  Goetheanum  zur  Verfiigung  gestellt. 

Die  in  den  Brief  en  angegebenen  Zeiten  fur  den  Beginn 
der  Meditation  hangen  mit  den  Mondphasen  zusam- 
men. 


An  Martha  Langen  in  Eisenach  iiber  Grundsatzliches  zur  esoterischen  Schulung 


Berlin,  20.  September  1907 

Verehrte  Frau  Langen! 

Erst  heute  kann  ich  Ihnen  auf  Ihren  Brief  antworten. 1}  Allerdings 
wiirde  die  Antwort  in  voller  Ausdehnung  nur  miindlich  gegeben 
werden  konnen;  doch  mochte  ich  Ihnen  vorher  schriftlich  einige  Be- 
merkungen  senden,  damit  Sie  sehen,  ob  es  sich  gegenwartig  fur  Sie 
als  praktisch  und  wunschenswert  betrachten  lafk,  etwa  die  Reise 
nach  Hannover  zu  machen. 

Durch  die  Art,  wie  in  unserer  Zeit  Theosophie  verbreitet  werden 
mufi,  machen  sich  nur  zu  leicht  Mifiverstandnisse  iiber  deren 
Grundlagen,  zum  Beispiel  iiber  den  Okkultismus  und  seine  Schu- 
lung geltend.  Ein  solches  Mifiverstandnis  besteht  zum  Beispiel  darin, 
dafi  die  Theosophie  einen  jeden  Menschen,  der  sie  in  irgendeiner 
Form  annimmt,  auch  zur  okkulten  Schulung  drangen  musse.  Das  ist 
aber  durchaus  nicht  der  Fall.  Aufgefunden  konnen  die  okkulten 
Wahrheiten  nur  von  okkult  Geschulten;  verstanden  konnen  sie  wer- 
den durch  den  ganz  gewohnlichen  Menschenverstand.  Und  auch  an- 
gewendet  konnen  sie  im  Leben  werden  auf  Grund  eines  solchen 
durch  die  gewohnlichen  Seelenkrafte  erlangten  Verstandnisses.  Ich 
selbst  werde  nie  offentlich  etwas  lehren,  was  -  wenn  es  durch  okkul- 
te  Wege  gefunden  ist  -  nicht  durch  die  gewohnlichen  Seelenkrafte 
begriffen  werden  konnte,  wenn  man  diese  nur  anwenden  will.  Theo- 
sophie ist  unserem  Zeitalter  notwendig;  und  die  Menschheit  miifke 
auf  dem  gegenwartigen  Punkte  ihrer  Entwickelung  in  absolute 
Odheit  und  allseitige  Unfruchtbarkeit  verfallen,  wenn  ihr  die  Theo- 
sophie nicht  als  ein  machtiger  Kraftstrom  zufliefien  wiirde.  Schlimm 
aber  ware  es,  wenn  ein  jeder  Theosoph  auch  zum  okkulten  Schuler 
werden  wollte.  Das  ware  -  verzeihen  Sie  den  trivialen  Vergleich  -  ge- 
rade  so,  wie  wenn  deswegen,  weil  alle  Menschen  Kleider  brauchen, 
auch  ein  jeder  musse  Schneider  werden.  Theosophie  brauchen  alle 


J)  Dieser  Anfragebrief  liegt  nicht  vor. 


Menschen  unter  gewissen  Voraussetzungen;  esoterische  Schulung 
wenige. 

Auf  der  andern  Seite  aber  kann  niemand  diese  Schulung  verwei- 
gert  werden,  wenn  er  sich  dazu  eignet.  Denn  wie  viele  sie  auch  su- 
chen:  gegenwartig  werden  es  vorlaufig  zu  viele  nicht  sein.  Also  steht 
in  gewisser  Beziehung  der  okkulten  Schulung  keines  Menschen  et- 
was  im  Wege.  Da  nun  unter  solchen  Umstanden  viele  heute  die 
Schulung  anstreben,  so  konnen  Mifiverstandnisse  selbst  unter  Schii- 
lern  nicht  ausbleiben.  Heute  denkt  ein  jeder,  was  fiir  ihn  gut  ist, 
miisse  es  auch  fiir  andere  sein.  So  bilden  sich  allgemeine  Ansichten 
iiber  die  Schulung  heraus,  welche  im  Grunde  so  unrichtig  wie  nur 
moglich  sind.  Der  okkulte  Lehrer  ist  naturlich  genotigt  zu  sagen, 
dafi  der  Weg,  den  ein  in  sexueller  Beziehung  asketischer  Mensch 
geht,  anders  ist,  als  derjenige,  den  ein  Mensch  geht,  welcher  sich  in 
dieser  Beziehung  der  Aufgabe  nicht  entzieht,  der  Menschheit  Dien- 
ste  zu  leisten.  Was  von  dem  okkulten  Lehrer  in  dieser  Richtung  ge- 
sagt  wird,  das  erfahrt  dann  bald  die  Umdeutung:  die  Askese  sei  eine 
Bedingung  okkulter  Entwickelung.  Wahr  ist  vielmehr  etwas  ganz 
anderes.  Die  Askese  in  sexueller  Beziehung  erleichtert  den  okkulten 
Pfad,  macht  ihn  in  einer  gewissen  Beziehung  bequemer.  Wer  also 
aus  reinem  Egoismus  der  Erkenntnis  heraus  vor  allem  «Schauen» 
will,  der  kann  sich  versprechen,  bald  zu  einem  gewissen  Ziele  zu 
kommen  durch  eine  gewissen  Askese  nach  dieser  Richtung.  Es  kann 
aber  keine  Verpflichtung  zu  einer  solchen  Askese  geben,  sondern  nur 
eine  Berechtigung,  die  man  sich  erst  erwerben  mufi.  Sie  besteht  ein- 
zig  darinnen,  dafi  man  die  Moglichkeit  erlangt,  der  Menschheit  ei- 
nen  vollgiiltigen  Ersatz  dafiir  zu  geben,  wenn  man  sich  der  sonst  vor- 
liegenden  Verpflichtung  entzieht,  Gelegenheit  zur  Verkorperung 
von  Seelen  zu  geben.  Sie  sehen  also,  dafi  Askese  in  dieser  Richtung 
nicht  Regel  sein  darf,  sondern  nur  unter  gewissen  Voraussetzungen 
manchem  Okkultisten  zugestanden  werden  kann. 

Nach  den  Voraussetzungen,  mit  denen  Sie  an  den  Okkultismus 
herantreten,  werden  Sie  ja  ohnedies  leicht  begreifen,  dafi  jede  Art 
von  Egoismus,  auch  wenn  er  der  verborgenste,  maskierteste  ist,  in 
der  okkulten  Schulung  doch  nicht  weit  kommen  lafk.  Naturlich 


wird  die  Frau  bald  weiter  sein,  die  sich  ihren  weiblichen  Pflichten 
nicht  entzieht,  wenn  sie  unter  Voraussetzung  derselben  das  richtige 
tut,  als  diejenige,  welche  unbekiimmert  um  das  Schicksal  der 
Menschheit  in  im  Grunde  doch  egoistischer  Entsagung  nach  «Er- 
kenntnis»  strebt. 

Damk  ist  ja  wohl  ein  grofterer  Teil  der  Fragen  Ihres  Briefes  beant- 
wortet.  Ablenken  von  seinen  Lebensaufgaben  kann  die  okkulte 
Schulung  niemand,  wenn  er  nicht  einen  falschen  Weg  geht.  Gewifi, 
Sie  konnen  viele  sogenannte  «Schuler»  finden,  die  Sie  zu  einem  er- 
spriefilichen  Wirken  unbrauchbar  finden.  Aber  man  bildet  sich  ein 
falsches  Urteil,  wenn  man  diese  «Schuler»  vergleicht  mit  denen,  wel- 
che, ohne  von  Theosophie  etwas  wissen  zu  wollen,  ihre  Lebensauf- 
gaben losen.  Man  mufite  die  ersteren  nicht  mit  den  letzteren  verglei- 
chen,  sondern  sich  fragen:  Wie  unniitz  waren  diese  erst  ohne  Theo- 
sophie? Und  beziiglich  der  zweiten  ware  die  richtige  Frage:  Wie 
wiirde  der  Inhalt  ihres  Wirkens  erhoht,  wenn  sie  ihrem  Leben  die 
Theosophie,  oder  gar  die  Schulung  einfiigen  konnten? 

Zu  «iiben»  ohne  Anleitung  konnte  ich  Ihnen  auch  nicht  empfeh- 
len.  Uberreden,  sich  der  «Schulung»  anzuvertrauen,  mochte  ich  nie- 
mand. Bei  jedem  mufi  es  eigner,  freier  Entschluft  sein. 

Die  Vorgange  Ihres  inneren  und  aufkren  Lebens  drangen  Sie  zu 
dieser  Schulung  hin.  Ihre  Lebensaufgaben  werden  Sie  gewifi  mit  Hil- 
fe  der  Schulung  leichter  und  sicherer  losen  konnen.  Ihr  Mann  hat  es 
viel  schwerer  mit  der  Theosophie  als  Sie  selbst.  Das  kann  nur  je- 
mand  beurteilen,  der  weifi,  dafi  gegenwartig  eine  gelehrte  Bildung 
geradezu  uniiberwindliche  innere  Hindernisse  gegeniiber  den  theo- 
sophischen  Wahrheiten  aufturmt.  Und  vielleicht  ist  aber  anderer- 
seits  nichts  so  sehr  geeignet,  diese  Hindernisse  zu  iiberwinden,  als 
ein  praktischer  Beruf,  wie  [er]  sich  gerade  Ihrem  Mann  gegenwartig 
eroffnet. 

Ihre  Schulung  wird  nur  die  richtige  sein,  wenn  sie  Ihnen  nichts 
nimmt  und  zu  dem,  was  Sie  haben,  manches  hinzugibt:  an  Gesund- 
heit,  Kraft  des  Lebens,  Sicherheit  des  Wirkens  und  innerem  Frieden, 
den  der  Mensch  nicht  um  seinetwillen,  sondern  fur  die  Mitmen- 
schen  braucht.  Kein  Wirken  dient  der  Menschheit,  das  nicht  aus  in- 


nerem  Frieden  stammt.  Jedes  Wirken,  das  aus  einer  innerlich  unbe- 
friedigten  Seek  stammt,  zerstort  die  gesunde  Menschheitsentwicke- 
lung,  wo  es  auch  immer  statthat. 

Wollen  Sie  es,  nach  diesen  Bemerkungen,  versuchen,  so  wird  Ih- 
nen  jeder  mogliche  Anhalt  von  mir  geboten  werden.  In  Hannover 
bin  ich  vom  21.  September  abends  bis  zum  4.  Oktober.  Wenn  Sie 
Ihre  Anwesenheit  daselbst  per  Karte  anzeigen  wollten,  dann  werde 
ich  alles  einrichten  fur  eine  griindliche  Aussprache.  Adresse:  Dr.  Ru- 
dolf Steiner,  z.Zt.  Hannover,  Ferdinandstrafie  11  bei  Fleissner. 

Griifien  Sie  herzlichst  Ihren  lieben  Mann  und  seien  Sie  selbst 
herzlichst  gegriifk  von 

Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 

Mathilde  Scholl  hatte  am  11.  Februar  1903  an  Rudolf  Steiner  geschrieben: 

. . .  In  Ankniipfung  an  unser  Gesprach  mochte  ich  nun  Folgendes  fragen. 
Auf  der  Tafel  XXVI  des  Leadbeaterschen  Buches  [«Man  visible  &  invisi- 
ble*] ist  die  Aura  eines  Schiilers  des  Buddha,  eines  Schiilers,  der  die  vierte 
Stufe  auf  dem  Pfade,  die  Stufe  eines  Arhat  erreicht  hat.  Die  Aura  ist  kon- 
zentrisch  geordnet,  die  Farbenfolge  von  der  Mitte  an: 

1)  gelb         =  Intelligenz 

2)  rosa        =  Liebe 

3)  hellblau    =  Hingebung 

4)  griin        =        Mitgefuhl  (Sympathie) 

5)  violett     =  Spiritualitat 

alles  dieses  umgeben  von  einem  regenbogenfarbigen  oder  vielmehr  perl- 
mutterfarbigen  Strahlenkranz  und  durchstromt  von  lebenden  Lichtstrah- 
len,  die  von  dem  Korper  des  Arhat  ausgehen.  -  Leadbeater  sagt,  an  der  Rei- 
henfolge  der  Farben  konne  man  die  Art  des  Arhat,  resp.  auch  des  Meisters 
erkennen. 

Zu  welcher  Art  oder  Hierarchie  konnte  nun  ein  Wesen  gehoren,  bei  des- 
sen  Aura  vom  Zentrum  aus  beginnend  zunachst  1)  hellblau  =  Hingebung 
und  dann  2)  rosa  =  Liebe  folgt.  Die  Anordnung  ist  ebenfalls  konzen- 
trisch,  geradeso  wie  bei  der  abgebildeten  Aura  -  doch  waren  keine  anderen 


Farben  als  hellblau  und  rosa  sichtbar.  [In  einem  Traumerlebnis.]  Jedoch 
erschien  der  physische  Korper  nur  in  Umrissen  und  durchsichtig,  nicht  pla- 
stisch-und  in  demselben  erschienen  Zentren  (gleich  der  Swastika  odergleich 
Radern)  die  sich  in  schnellster  Bewegung  um  sich  selbst  drehten  und  Licht 
ausstromten.  Das  Gesicht  hatte  die  Ziige  und  den  Ausdruck  des  Meisters  M. 

Wenn  Sie  mir  sagen  konnen  und  diirfen,  wer  dieses  Wesen  ist  oder  auf 
welche  Weise  ich  selbst  eine  Erklarung  finden  kann,  ware  ich  gliicklich.  ... 

Sollte  spater  ein  Zusammenschliefien  der  E.S.  in  Deutschland  moglich 
sein,  wiirde  ich  mich  freuen.  Manche  aufiere  Dinge  sind  mir  noch  eine  Hil- 
fe.  Z,  B.  ware  es  mir  lieb,  regelrechte  Vorschriften  zum  Studium  zu  haben  - 
anfangs,  also  vor  2  1/2  Jahren,  wurde  auf  der  einen  Instruktion  angegeben, 
welche  Verse  ich  mir  Abends  einpragen  sollte.  Da  aber  dann  keine  weite- 
ren  Angaben  kamen,  nahm  ich  auf  diese  Weise  die  Bhagavad  Gita  durch  - 
und  dann  die  «Stimme  der  Stille»,  bei  der  ich  jetzt  am  Ende  des  2.  Buches 
angelangt  bin.  Fur  mich  ware  es  eine  Hilfe,  nicht  fuhrerlos  meine  Studien 
zu  machen  und  z.B.  zu  wissen,  am  Morgen  bei  der  Meditation,  daft  viele  ih- 
re  Gedanken  mit  mir  auf  dasselbe  richten  -  zu  wissen,  dafi  andere  mit  mir 
dasselbe  Buch  studieren,  und  so  manches  andere... 

Rudolf  Steiner  antwortete  wie  folgt: 

Schlachtensee  bei  Berlin,  1.  Mai  1903 

Verehrtestes  Fraulein  Scholl! 

Langst  hatte  ich  Ihnen  schreiben  sollen.  Allein  die  Verpflichtun- 
gen  beziiglich  des  «Luzifer» wirkten  vorl'auf  ig  -  zu  allem  ubrigen  - 
etwas  druckend.  Nun  wird  er  endlich  in  ein  paar  Tagen  herauskom- 
men;  und  ich  werde  dann  auch  hoffentlich  in  ganz  geregelte  Tatig- 
keit  kommen.  Jedenfalls  werde  ich  in  Hinkunft  mit  dem  Antworten 
nicht  so  lang  warten,  wie  es  bis  jetzt  -  leider  -  der  Fall  war. 

Erst  lassen  Sie  mich  auf  Ihre  Hauptfrage  kommen.  Die  Aura,  die 
Sie  beschreiben,  ist  mir  nicht  klar  genug,  um  etwas  Erhebliches  dar- 
uber  sagen  zu  konnen.  Sie  sagen  nichts  von  Strahlen,  die  von  dem  be- 
schriebenen  Wesen  ausgehen.  Nun  sind  bei  einem  vorgeschritteneren 


i)  Die  von  R.Steiner  begriindete  und  redigierte  Zeitschrift.  Siehe  GA  34. 


Menschen  im  Kausalkdrper  immer  Strahlen  vorhanden.  Diese  Strah- 
len  sind  namlich  der  Ausdruck  der  aktiven  Krafte,  die  der  Mensch 
seinem  fortschreitenden  Karma  einfiigt.  Es  scheint  also  das,  was  Sie 
beschreiben,  nicht  ein  Kausalkorperbild  zu  sein.  Nun  will  ich  aber 
durchaus  nicht  sagen,  daft  wir  es  in  Ihrem  Falle  nicht  mit  einem  ho- 
her  entwickelten  Wesen  zu  tun  haben.  Dann  aber  konnte  es  sich  nur 
um  die  Projektion  des  Kausalkorpers  in  Mental-Materie  handeln. 
Und  in  diesem  Falle  verstehe  ich  die  Svastiken  nicht,  die  wieder  auf 
ein  astrales  Element  deuten.  Ich  bitte  Sie  deswegen,  mir  etwas  genau- 
eres  iiber  die  Sache  noch  zu  schreiben.  Ich  mochte  gerne,  daft  wir 
dariiber  klar  wiirden. !) 

Es  ware  uberhaupt  recht  schon,  wenn  die  neueren  Mitglieder  der 
E.S.  in  Deutschland  sich  in  irgendeiner  Weise  naher  zusammen- 
schliefien  wiirden.  Wir  brauchen  das  gerade  in  Deutschland.  Denn 
die  E.S.  mufi  die  Seele  der  Theosophischen  Gesellschaft  werden.  In 
Deutschland  mufi  sie  das  aus  dem  Grunde  noch  ganz  besonders, 
weil  wir  wohl  noch  lange  auf  tieferes,  inneres  Zusammenwirken  nur 
bei  Einzelnen  hoffen  konnen  und  grofiere  Kreise  nur  aufierlich  sich 
anschlieften  werden.  Aber  die  Einzelnen  werden  einen  um  so  treue- 
ren,  sichereren  und  kraftvolleren  Grundstock  bilden.  Und  den  brau- 
chen wir,  da  bei  uns  so  viel  verfahren  ist. 

In  Weimar  ging  alles  recht  gut.  Wir  haben  nun  auch  dort  eine  Lo- 
ge.  Die  Vortrage  waren  aufierordentlich  gut  besucht.  -  Nach  Koln 
mochte  ich  aus  den  allerverschiedensten  Griinden  gerne  kommen, 


1)  Darauf  antwortete  Mathilde  Scholl  am  7.  Mai  1903  noch  folgendes:  «...Meinen  herzlichen 
Dank  fur  die  Beantwortung  meiner  Frage.  Das  Traumbild,  welches  ich  Ihnen  beschrieb, 
strahlte  allerdings  Licht  aus,  und  dieses  Licht  schien  hervorzusprudeln  aus  den  Swastiken, 
die  sich  im  Kopf  und  Oberkorper  befanden.  Uberhaupt  waren  nur  Kopf  und  Oberkdrper 
sichtbar  und  das  nur  in  Umrissen.  Das  Wesen  erschien  nicht  korperlich,  sondern  schien 
nur  eine  Lichterscheinung  zu  sein.  Der  Eindruck  aber  war  so  stark,  dafi  ich  im  Traum 
glaubte,  mich  diesem  Wesen  zu  Fiissen  zu  werfen  und  besinnungslos  zu  werden.  Beim  Er- 
wachen  stand  mir  alles  lebhaft  vor  Augen  und  ich  fuhlte  noch  lange  nachher  die  innere  Er- 
griffenheit.  Nach  einer  Erklarung  suchte  ich  in  der  ersten  Zeit  uberhaupt  nicht.  Durch  das 
Leadbeatersche  Buch  habe  ich  erst  verstanden,  wie  es  moglich  ist,  dafi  man  eine  solche  Far- 
benanordnung  sieht.  Aber  gem  mochte  ich  wissen,  wer  dieses  Wesen  war,  denn  wenn  es 
auch  die  Ziige  des  Meisters  M.  zu  haben  schien,  kann  das  ebensowohl  auf  meiner  indivi- 
duellen  Stimmung  wie  auf  Wirklichkeit  beruht  haben.»  [Die  Antwort  auf  diese  Frage  ist 
nicht  bekannt.] 


um  auch  dort  vorzutragen.  Bitte,  vielleicht  konnen  Sie  dort  ein  we- 
nig  den  Boden  ebnen.  Es  hangt  viel,  sehr  viel  davon  ab,  daft  wir  neue 
Zentren  schaffen.  Bisher  haben  fast  alle  deutschen  Theosophen  ei- 
nen  viel  zu  losen  Zusammenhang  mit  der  englischen  Mutterbewe- 
gung  gesucht.  Und  nur  aus  dieser  her  am  ^  in  innigstem  Zusammen- 
hange  mit  ihr  miissen  wir  jetzt  wirken.  Es  war  in  Deutschland  zu 
viel  Hang  zur  Dogmatik,  zur  blofi  intellektuellen  Erfassung  der 
Doktrinen  vorhanden,  wahrend  fur  die  lebendige  Spiritualitat  kein 
rechtes  Verstandnis  zu  finden  ist.  Erst  wenn  wir  dieses  letztere 
wecken,  wenn  wir  das  Auge  dafiir  eroffnen,  daft  fur  den  Fortgang 
der  theosophischen  Stromung  nicht  blofi  das  Erlernen  der  Dogmen 
(Hartmann),  sondern  der  spirituellen  Zusammengehorigkeit  mit 
den  zentralen  Individualitaten  gehort,  von  denen  die  Weisheit 
stammt,  und  bei  denen  sie  ihre  fortsprudelnde  Quelle  hat:  -  erst 
dann  konnen  wir  vorwarts  kommen.  -  Wir  miissen  klarmachen  - 
nicht  durch  Worte,  sondern  durch  Imponderabilien  -,  daft  es  sich 
um  eine  fortlaufende  Befruchtung  der  Trager  der  T.S.  durch  zentra- 
le  Individualitaten  handelt.  Ganz  verstehen  werden  alle  diese  Dinge 
doch  nur  die  esoterisch  arbeitenden;  aber  dafiir  miissen  diese  auch  in 
klar  bewulker  und  kraftsicherer  Weise  zusammenstehen  und 
weekend  fur  die  andern  sein. 

Es  war  mir  tief  befriedigend,  mit  Ihnen  in  Diisseldorf  einige  Stun- 
den  haben  zubringen  zu  konnen.  Es  ist  das  jene  Befriedigung,  die 
wir  haben,  wenn  wir  den  andern  auf  dem  Wege  sehen,  auf  dem  stets 
die  Meilenzeiger  «Vorwarts»  stehen.  Es  gibt  eben  fur  den  Theoso- 
phen ein  Tor,  durch  das  er  nur  einmal,  d.h.  hingehen  soil,  und  das  er 
kein  zweites  Mai  -  zum  Zuriick  -  betreten  soli. 

Wir  haben  in  Deutschland  ganz  sichere  Personlichkeiten  nur  vier 
oder  funf.  Und  deshalb  miissen  wir  intensiv  arbeiten.  Tun  wir  das, 
dann  werden  wir  die  Mittel  und  Wege  finden,  vorwarts  zu  dringen. 
Finden  wir  diese  Mittel  und  Wege  in  Deutschland  nicht,  dann  wiir- 
den  wir  wohl  jetzt  etwas  unterlassen,  was  so  schnell  nicht  wieder  gut 
gemacht  werden  kann. 

Meine  nachste  exoterische  Aufgabe  ist,  soviel  ich  nur  kann,  die 
Lehre  zu  verbreiten. 


Hoffentlich  leben  Sie  sich,  liebes,  verehrtestes  Fraulein  Scholl,  in 
Koln  gut  ein  und  konnen  dort  fur  unsere  Sache  und  zu  Ihrer  Befrie- 
digung  wirken.  Wie  geht  es  Ihrer  Pflegebefohlenen? 

In  der  Hoffnung,  bald  wieder  von  Ihnen  zu  horen,  bin  ich  herz- 
lichst  griifiend 

ganz 

Frl.  von  Sivers  lafit  herzlichste  Grufie  senden.       Ihr  Rudolf  Steiner 


An  Gunther  Wagner  in  Lugano 

Gunther  Wagner  hatte  am  14.  Nov.  1903  an  Rudolf  Steiner  geschrieben: 

Geehrter  Herr  Doktor! 

Eingeschlossen,  respektive  mit  gleicher  Post  sende  ich  Ihnen  das  Manu- 
skript  des  Leadbeaterschen  Artikels  «Unser  Verhalten  den  Kindern  gegen- 
iiber»,  um  den  Sie  mich  bei  Gelegenheit  meiner  Anwesenheit  in  Berlin  ba- 
ten,  um  ihn  in  dem  «Luzifer»  abzudrucken.  ^ 

Es  war  mir  sehr  erfreulich,  Sie  bei  der  Jahresversammlung  haben  ken- 
nenlernen  zu  konnen,  und  ich  hoffe,  dafi  wir  noch  lange  am  gemeinsamen 
Werke  tatig  sein  und  uns  gegenseitig  unterstiitzen  werden. 

Lieb  ware  es  mir,  wenn  Sie  mir  eine  spezielle  Auskunft  geben  mochten: 
Die  Andeutung  iiber  ein  Ratsel,  das  jede  Rasse  zu  losen  habe,  war  mir  voll- 
standig  neu;  in  der  «Secret  Doctrine»  habe  ich  nichts  dariiber  gefunden. 
Wiirden  Sie  mir  die  vier  Ratsel  nennen  konnen,  die  die  vier  ersten  Rassen 
(anscheinend  doch)  gelost  haben?  Auch  H.  P.  B.'s  Andeutung  dariiber  wiir- 
de  ich  gern  lesen,  vielleicht  geben  Sie  mir  die  genaue  Stelle  an.»2^ 

Inzwischen  zeichnet  hochachtungsvoll 

Ihr  Gunther  Wagner 


1)  Erschienen  in  Nr.  7  vom  Dezember  1903  der  von  Rudolf  Steiner  begriindeten  und  heraus- 
gegebenen  Zeitschrift  «Luzifer».  Zeitschrift  fur  Seelenleben  und  Geisteskultur  -  Theoso- 
phie. 

2)  Die  Frage  bezieht  sich  auf  Ausfiihrungen  Rudolf  Steiners  bei  der  ersten  Generalversamm- 
lung  der  deutschen  Sektion  in  Berlin  am  18.  Oktober  1903,  an  der  Gunther  Wagner  teilge- 
nommen  hatte.  Vgl.  hierzu  Seite  255  f.  im  Anhang  zu  «Die  Meister  der  Weisheit  und  des 
Zusammenklanges  der  Empfindungen»  (Abschnitt  «Rudolf  Steiners  Wirken  und  das  fiinfte 
der  sieben  grofien  Geheimnisse  des  Lebens»). 


Rudolf  Steiner  antwortete  wie  folgt: 


Berlin,  24.  Dezember  1903 

Streng  vertraulich! 

Verehrter  lieber  Herr  Wagner! 

Seite  73  der  (deutschen  Ausgabe)  «Geheimlehre»  steht  mit  Bezug 
auf  Strophe  I,  6  (Dzyan):  «Von  den  sieben  Wahrheiten  oder  Offen- 
barungen  sind  uns  blofi  vier  ausgehandigt,  da  wir  noch  in  der  vierten 
Runde  sind.»  -  Ich  habe  nun  -  als  Sie  in  Berlin  waren  -  im  Sinne  ei- 
ner  gewissen  okkulten  Tradition  darauf  hingedeutet,  dafi  die  vierte 
der  oben  gemeinten  sieben  Wahrheiten  zuriickgeht  auf  sieben  esoteri- 
sche  Wurzelwahrheiten,  und  dafi  von  diesen  sieben  Teilwahrheiten 
(die  vierte  als  das  Ganze  betrachtet)  jeder  Rasse  eine  -  in  der  Regel  - 
ausgeliefert  wird.  Die  fiinfte  wird  ganz  offenbar  werden,  wenn  die 
fiinfte  Rasse  ihr  Entwickelungsziel  erreicht  haben  wird.  Nun  moch- 
te  ich  Ihrer  Frage  entsprechen,  so  gut  ich  es  kann.  Gegenwartig  liegt 
die  Sache  so,  dafi  die  vier  ersten  Teilwahrheiten  Meditationssatze  fiir 
die  Aspiranten  der  Mysterien  bilden  und  dafi  nichts  weiter  gegeben 
werden  kann  als  diese  (symbolischen)  Meditationssatze.  Aus  ihnen 
geht  dann  fiir  den  Meditierenden  auf  okkultem  Wege  manches  H6- 
here  hervor.  Ich  setze  also  die  vier  Meditationssatze  -  in  deutsche 
Sprache  aus  der  symbolischen  Zeichensprache  iibertragen  -  hierher: 
I.  Sinne  nach:  wie  der  Punkt  zur  Sphare  wird  und  doch  er  selbst 
bleibt.  Hast  du  erfafit,  wie  die  unendliche  Sphare  doch  nur 
Punkt  ist,  dann  komme  wieder,  denn  dann  wird  dir  Unendli- 
ches  in  Endliches  scheinen. 

II.  Sinne  nach:  wie  das  Samenkorn  zur  Ahre  wird,  und  dann  kom- 
me wieder,  denn  dann  hast  du  erfafit,  wie  das  Lebendige  in  der 
Zahl  lebt. 

III.  Sinne  nach:  wie  das  Licht  sich  nach  der  Dunkelheit,  die  Hitze 
nach  der  Kalte,  wie  das  Mannliche  nach  dem  Weiblichen  sich 
sehnt,  dann  komme  wieder,  denn  dann  hast  du  erfafk,  welches 
Antlitz  dir  der  grofie  Drache  an  der  Schwelle  weisen  wird. 


IV.  Sinne  nach:  wie  man  in  fremdem  Hause  die  Gastfreundschaft 
geniefit,  dann  komme  wieder,  denn  dann  hast  du  erfafit,  was 
dem  bevorsteht,  der  die  Sonne  um  Mitternacht  sieht. 

Nun  ergibt  sich,  wenn  die  Meditation  fruchtbar  war,  aus  den  vier 
Geheimnissen  das  funfte.  Lassen  Sie  mich  vorldufig  nur  so  viel  sagen, 
daft  die  Theosophie  -  die  Teil-Theosophie,  die  etwa  in  der  «Geheim- 
lehre»  und  ihrer  Esoterik  Hegt  -  eine  Summe  von  Teilwahrheiten 
des  funften  ist.  Eine  Andeutung,  wie  man  dariiber  hinauskommt, 
finden  Sie  in  dem  von  Sinnett  angefuhrten  Briefe  des  Meisters  K.H., 
[Kuthumi],  der  mit  folgenden  Worten  beginnt:  «Ich  habe  jedes  Wort 
zu  lesen...».  In  der  ersten  (deutschen)  Ausgabe  der  «Okkulten  Welt» 
stent  er  auf  Seite  126  und  127.1} 

Ich  kann  Ihnen  nur  die  Versicherung  geben,  in  dem  Satze  K.H.'s 
(Seite  127)  «Wenn  die  Wissenschaft  gelernt  haben  wird,  wie  Ein- 
driicke  von  Blattern  ursprunglich  auf  Steinen  zu  Stande  kommen...», 
in  diesem  Satze  liegt  fast  das  ganze  funfte  Geheimnis  auf  okkulte 
Weise  verborgen. 


1)  Der  erwahnte  Wortlaut  aus  «Die  okkulte  Welt»  von  A.P.Sinnett  lautet: 

«...  Natiirlich  wiinschte  ich  mehr  hieriiber  zu  erfahren;  war  es  ein  Prozefi,  vermittelst  des- 
sert die  Gedanken  schneller  ausgedriickt  werden  konnten  als  durch  die  uns  bekannten? 
Und  in  bezug  auf  empfangene  Briefe  -  wurden  sie  von  dem  okkulten  Empfanger  auf  ge- 
wohnliche  Art  gelesen,  oder  verstand  er  den  Inhalt  ohne  dieses? 

K.H.'s  Antwort  war:  Ich  habe  jedes  Wort  zu  lesen,  das  Sie  schreiben,  sonst  wurde  ich  ei- 
ne schone  Unordnung  machen.  Und  ob  dies  nun  mit  meinem  physischen  oder  geistigen 
Auge  geschieht  -  beides  erfordert  gleich  viel  Zeit.  Dasselbe  kann  ich  von  meinen  Antwor- 
ten  sagen;  denn  ob  ich  sie  diktiere  oder  prazipitiere,  oder  selbst  schreibe,  der  Unterschied 
in  der  dadurch  gesparten  Zeit  ist  sehr  klein.  Ich  mufi  sie  erst  iiberdenken,  dann  jedes  Wort, 
jeden  Satz,  sorgfaltig  in  meinem  Gehirn  photographieren,  ehe  es  durch  Prazipitation  wie- 
derholt  werden  kann.  Ebenso  wie  beim  Photographieren,  das  Fixieren  von  Bildern  auf  che- 
misch  praparierten  Platten,  eine  vorherige  Anordnung  innerhalb  des  Brennpunktes  des 
darzustellenden  Gegenstandes  notig  macht,  -  da  sonst,  wie  oft  an  schlechten  Photogra- 
phien  zu  sehen  ist,  die  Beine  des  Sitzenden  aufier  allem  Verhaltnis  mit  dem  Kopfe  stehen 
usw.  -  so  auch  miissen  wir  zuerst  unsere  Satze  ordnen,  und  jeden  Buchstaben,  der  auf  dem 
Papier  erscheinen  soli,  unserem  Geist  einpragen,  ehe  er  gelesen  werden  kann.  Das  ist  fur 
jetzt  alles,  was  ich  Ihnen  sagen  darf.  Wenn  die  Wissenschaft  mehr  iiber  das  Geheimnis  des 
Litophyls  (oder  Lithobiblion)  gelernt  haben  wird,  und  wie  die  Eindrucke  von  Blattern  ur- 
sprunglich auf  Steinen  zu  Stande  kommen,  dann  wird  es  mir  moglich  sein,  Ihnen  den  Pro- 
zefi  klarer  zu  machen.  Vor  allem  miissen  Sie  eines  wissen  und  im  Gedachtnis  behalten: 
-  da6  wir  nur  der  Natur  folgen  und  sie  in  ihren  Werken  ganz  genau  kopieren.» 

Zu  diesen  sogenannten  prazipitierten  Meisterbriefen  siehe  die  Vorbemerkungen  des 
Herausgebers  zur  Trennung  von  der  Esoteric  School  of  Theosophy  auf  Seite  263  f. 


Das  ist  alles,  was  ich  zundchst  iiber  Ihre  Fragen  zu  sagen  vermag. 
Weiteres  vielleicht  auf  weitere  Fragen. 

Die  vier  obigen  Satze  sind  das,  was  man  lebendige  Satze  nennt, 
d.  h.  sie  keimen  wahrend  der  Meditation  und  es  wachsen  aus  ihnen 
Sprossen  der  Erkenntnis. 

Mit  frohem  Weihnachtsgruft  in  Treuen  ganz  Ihr 

Rudolf  Steiner 

Berlin  W,  Motzstrasse  17 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln  [Postkarte] 

Berlin,  24.  Dezember  1903 

Verehrtestes  Fraulein  Scholl! 

Herzlichsten  Weihnachtsgrufi  Ihnen  dreien1*  und  die  Nachricht, 
dafi  Sie  Sonnabend  erhalten  die  Diplome  und  die  Exegese  zu 
«L.a.d.W.»  [«Licht  auf  den  Weg»].  Bitte  noch  bis  dahin  Geduld. 

Schonsten  Grufi 
ganz  Ihr 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 

Berlin,  28.  Dezember  1903 

Verehrtes  liebes  Fraulein  Scholl! 

Beifolgend  den  Anfang  zur  Interpretation  von  «Licht  auf  den 
Weg».2)  Diese  soil  den  Weg  geben,  auf  dem  uber  das  Buch  meditiert 
werden  soli.  Ich  setze  baldigst  fur  Sie  die  Interpretation  fort. 

1)  Gemeint  sind  Mathilde  Scholls  Freunde  und  Hausgenossen,  Maud  und  Eugen  Kunsder. 

2)  Siehe  Anhang  Seite  441. 


Die  Diplome  sende  ich  spatestens  morgen  nach.  Ich  mochte,  daft 
dieser  Brief  sogleich  an  Sie  abgeht. 

Griifien  Sie  herzlichst  Ihre  lieben  Hausgenossen  [Kiinstlers] 

und  nehmen  Sie  selbst  die 
herzlichsten  Griifie  entgegen  Ihres 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Clara  Smits  in  Diisseldorf 

Berlin,  28.  Dezember  1903 

Verehrteste  gnadige  Frau! 

Sie  haben  wohl  die  Ubungen  in  der  begonnenen  Weise  fortge- 
setzt.  Ich  bitte  Sie  nun,  auch  im  Monate  Januar  noch  in  ganz  genau 
derselben  Weise  zu  verfahren,  wie  ich  es  in  meinem  letzten  Briefe 
beschrieben  habe.1}  Nur  den  Satz,  den  ich  damals  angegeben  habe, 
bitte  ich  Sie,  durch  den  nachfolgenden  zu  ersetzen: 

Ein  jedes  Wesen,  dem  du  deine  Liebe  schenkst,  eroffnet  dir  sein 
Wesen;  denn  die  Lieblosigkeit  ist  ein  Schleier,  der  sich  vor  die  Dinge 
der  Welt  legt  und  sie  verhiillt.  -  Soviel  du  Liebe  ausstromst,  so  viel 
Erkenntnis  stromt  dir  zu. 

* 

Ich  mochte  zum  Verstandnis  dieses  Meditationssatzes  einiges  hin- 
zufugen.  Es  ist  durchaus  so,  dafi  uns  so  viel  von  Erkenntnis  aus  der 
Welt  zustromt,  als  wir  selbst  Liebe  ausstromen.  Allerdings  diirfen 
wir  nicht  glauben,  dafi  uns  in  jeder  Entwickelungsphase  des  Lebens 
alle  Erkenntnis  sogleich  bewufit  ist.  Vieles  ist  zunachst  unbewufit  in 
uns.  Und  deshalb  bitte  ich  Sie,  standhaft  die  Meditation  fortzuset- 
zen.  Nur  wenn  wir  das  tun,  und  uns  klar  sind,  dafi  kein  Tag  verlo- 


i)  Dieser  Brief  liegt  nicht  vor. 


ren  ist,  den  wir  ihr  widmen,  kommen  wir  vorwarts.  Jeder  Tag  spei- 
chert  Erkenntnis  in  uns  auf;  und  auch  der  kommt  gewifi,  der  sie  uns 
dann  in  vollem  Bewufitsein  erscheinen  laftt.  -  Die  Satze,  iiber  die 
wir  meditieren,  sind  nicht  Verstandessatze,  die  wir  bloft  begreifen 
sollen;  ich  kann  nur  immer  wieder  und  wieder  sagen:  es  sind  Satze, 
die  leben,  und  mit  denen  wir  selbst  leben  sollen,  wie  wir  mit  Kin- 
dern  leben.  Auch  die  Kinder  kennen  wir  ja  genau,  und  dennoch  be- 
schaftigen  wir  uns  jeden  Tag  aufs  neue  mit  ihnen.  So  soli  es  mit  un- 
seren  Meditationssatzen  sein. 

Also  alles  andere  bleibt  auch  im  Januar  in  Ihrer  Meditation  so  wie 
es  war;  nur  der  Satz  des  Dezember  wird  durch  den  oben  angegebe- 
nen  ersetzt.  Ich  bitte  Sie,  verehrteste  gnadige  Frau,  immer  alles  so 
fortzusetzen,  wie  einmal  angegeben,  bis  ich  Ihnen  wieder  schreibe. 
Sie  konnen  sicher  sein,  daft  Sie  von  Zeit  zu  Zeit  den  entsprechenden 
Brief  erhalten.  Wenn  es  einmal  ein  paar  Tage  nach  der  erwarteten 
Zeit  geschieht,  so  schadet  das  nicht. 

Es  war  mir  sehr  lieb,  daft  ich  Sie  auch  das  letzte  Mai  in  Koln  gese- 
hen  habe.  Gerne  hatte  ich  Sie  damals  nochmals  aufgesucht  -  aber  die 
Zeit  drangte  so.  Lohf  hat  nun  die  Aussicht  eroffnet,  daft  sich  in  Diis- 
seldorf  wenigstens  6  Personen  finden  werden,  mit  denen  er  den 
Zweig  rekonstruieren  kann.  Es  ware  das  sehr  zu  wiinschen.  Von  Ih- 
nen, verehrteste  Frau,  weift  ich,  daft  Sie  das  mogliche  tun.  Auch 
weift  ich,  wie  schwer  alles  ist.  Aber  unserem  vereinigten  Zusammen- 
wirken  muft  gelingen,  was  die  theosophische  Bewegung  von  denen 
verlangt,  die  ihre  Bedeutung  erkennen.  Niemand  kann  sich  dieser 
Bewegung  dann  noch  entziehen,  wenn  er  ihre  Bedeutung  erkannt 
hat. 

Hoffentlich  sehen  wir  uns  auch  recht  bald  wieder. 

Herzlichst  ganz  Ihr 
Dr.  Rudolf  Steiner 

Berlin  W,  Motzstrasse  17 


An  Clara  Smits  in  Dusseldorf 


Berlin,  24.  Februar  1904 

Sehr  verehrte  Frau  Smits! 

In  den  nachsten  Tagen  hoffe  ich  Sie  also  zu  sehen.  Fraulein  Scholl 
schrieb  mir,  dafi  Sie  fur  Montag  in  Dusseldorf  einige  Leute  zusam- 
menbringen  wollen.  Das  wird  schon  sein,  wenn  es  auch  noch  so  we- 
nige  sind.  Bitte  nur  eine  geeignete  Stunde  zu  wahlen.  Ich  richte  mich 
ganz  danach,  was  Sie  fur  angemessen  halten. 

Es  ist  mir  sehr  lieb,  Sie  wegen  Hirer  Meditation  wieder  sprechen 
zu  konnen.  Ich  hoffe,  es  ist  bis  jetzt  alles  gut  gegangen.  Ich  gebe  Ih- 
nen,  wenn  ich  bei  Ihnen  sein  werde,  genaue  Angaben  iiber  die  Fort- 
setzung. 

Also  auf  Wiedersehen 
ganz  Ihr 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Doris  und  Franz  Paulus  in  Stuttgart 

Zurich,  14.  April  1904 

Verehrteste  Frau  und  Herr  Doktor! 

Bevor  der  16.  heranruckt,  mochte  ich  Ihnen  noch  einige  Zeilen 
iiber  die  nachsten  Tage  der  Meditation  schreiben.  Ich  bitte  Sie  also 
den  Teil,  der  in  meinen  Ausfiihrungen  angezeigt  ist,  mit  der  «Stim- 
me  der  Stille»  so  auszufullen,  da$  Sie  in  den  ersten  vierzehn  Tagen 
die  ersten  beiden  Satze  der  Schrift  in  dem  Blickfeld  des  Bewulkseins 
sein  lassen.  Ich  meine  (mit  Auslassung  des  allerersten  Satzes)  die  fol- 
genden: 

«Wer  des  Geistes  Stimme  aufier  sich  verstehen  will,  der  mufi  des 
eigenen  Geistes  Wesen  erst  erleben  - 


Wenn  der  Suchende  die  Welt  der  Sinne  nicht  mehr  allein  horen 
will,  so  mufi  er  den  suchen,  welcher  diese  Welt  erzeugt,  er  mufi  in 
Gedanken  leben,  welche  die  Sinnenwelt  zur  Scheinwelt  machen.» 

Es  kommt  nicht  darauf  an,  dafi  man  iiber  diese  Satze  spekuliert, 
sondern  darauf,  dafi  man  ein  paar  Minuten  mit  ihnen  lebt.  Dazu 
mufi  man  sich  ihren  Inhalt  vorher  so  angeeignet  haben,  dafi  man  ihn 
mit  einem  geistigen  Blicke  iiberschauen,  geistig  vor  sich  hinstellen 
[kann],  und  ohne  da£  man  iiber  ihn  spintisiert,  hingebend  auf  sich 
wirken  lafit.  Denn  nur  dadurch  wird  die  Meditation  fruchtbar,  dafi 
man  die  zu  meditierenden  Gedanken  auf  sich  in  voller  Ruhe  ein- 
stromen  lafk. 

Sollte  etwas  nicht  stimmen  oder  unklar  sein,  so  bitte  ich  um  dies- 
beziigliche  Fragen,  die  ich  sogleich  beantworten  werde.  Von  Lugano 
aus  schreibe  ich  Ihnen  die  versprochene  Interpretation  der  sieben 
Stimmen,  die  ja  erst  in  den  zweiten  vierzehn  Tagen  daran  kommen 
konnen. lJ 

Desgleichen  schreibe  ich  dann  sogleich,  wenn  ich  ankomme,  iiber 
die  Bresch-Ausfiihrungen.2) 

Heute  mochte  ich  Ihnen  beiden  nur  noch  sagen,  daft  ich  mit  tief- 
ster  Befriedigung  erfiillt  worden  bin  durch  die  Neigung,  die  Sie  fur 
die  Theosophie  haben.  Wenn  man  den  Weltberuf  der  Theosophie 
kennt,  dann  weifi  man  die  Anteilnahme  tieferer  Naturen  zu  schat- 
zen.  Uber  die  Mitteilungen  von  Frau  Doktor  werde  ich  in  den  nach- 
sten  Tagen  noch  manches  zu  schreiben  haben.  In  Miinchen  war  jede 
Stunde  ausgefiillt,  und  auch  hier  in  Ziirich  sind  die  Theosophen  von 
hier  und  der  Umgebung  versammelt.  In  kurzer  Zeit  aber  geht  der 
Zug  ab. 

Also  vorlaufig  alles  herzliche  Ihnen  beiden  und  Arensons 

Adresse  vorlaufig:  von  Ihrem 

Dr.  Rudolf  Steiner  n   ,  ,ro  . 

i  •  t_t       r^  -^i.    wr  Kudolr  bteiner 

bei  Herrn  Guntner  Wagner 

Lugano  Castagnola  (Schweiz) 


1)  Erfolgte  mit  Brief  vom  11.  August  1904. 

2)  Ob  dies  erfolgt  ist,  ist  nicht  bekannt. 


An  Doris  und  Franz  Paulus  in  Stuttgart 
Streng  vertraulich. 


London,  14.  Mai  1904 


Verehrteste  Frau  und  Herr  Doktor! 

Vielfache  Arbeit  und  Reisen  haben  es  mir  bis  heute  nicht  moglich 
gemacht,  Ihre  lieben  Briefe  ausfuhrlich  zu  beantworten.  Ihr  letztes 
Schreiben  ist  mir  besonders  lieb,  denn  ich  sehe,  dafi  Sie  die  Medita- 
tionsarbeit  fortgesetzt  haben,  und  das  bitte  ich  immer  so  zu  halten. 
Sie  konnen  versichert  sein,  daft  Sie  zur  rechten  Zeit  immer  von  mir 
das  Notige  erhalten.  Ich  mufite  gerade  wegen  unserer  esoterischen 
Arbeit  in  Deutschland  die  letzten  Tage  in  London  hier  bei  unserem 
spirituellen  Oberhaupte  Mrs.  Besant  zubringen,  um  von  ihr  voile 
esoterische  Autorisation  fur  alles  zu  erlangen,  was  ich  auf  diesem 
Felde  tue.  Denn  Sie  konnen  versichert  sein,  dafi  im  Esoterischen  je- 
de  Anweisung,  jeder  Rat  in  der  allersorgfaltigsten  Weise  und  unter 
wirklicher  Leitung  der  groften  spirituellen  Fiihrer  des  Menschenge- 
schlechtes  gegeben  werden.  Zweifeln  Sie  nicht,  dafi  Sie  iiber  kurz 
oder  lang  durch  die  Meditationsarbek  selbst  den  Weg  zu  diesen  Fuh- 
rern  finden  werden.  Wer  erlebt  hat,  was  ich  erlebt  habe,  der  darf  so 
sprechen.  Ich  bitte  Sie  nun,  auch  noch  in  den  nachsten  Wochen  die 
Teile  der  «Stimme»  zu  meditieren,  welche  den  sieben  Stimmen  vor- 
angehen.  Ich  werde  unter  Autorisation  in  den  nachsten  Tagen  diese 
sieben  Stimmen  interpretieren  und  Sie  erhalten  dann  ein  erstes 
Exemplar  der  Interpretation.  Es  wird  dann  noch  viel  mehr  Wert  fiir 
Sie  haben,  als  wenn  ich  es  Ihnen  vor  14  Tagen  noch  ohne  voile  Au- 
torisation gegeben  hatte.  Denn  mein  esoterisches  Wirken  hat  erst  in 
den  letzten  Tagen  noch  die  voile  Weihe  erhalten. 

Nun  wende  ich  mich  zu  Ihren  Fragen,  liebe  Frau  Doktor.  Ware 
ich  nicht  Esoteriker  und  stunde  ich  nicht  im  spirituellen  Leben,  so 
wurde  ich  vielleicht  sagen:  Ihre  Fragen  in  Stuttgart  und  spater  die 
brieflichen  haben  mich  iiberrascht.  Aber  durch  die  genannten  Ei- 


genschaften  war  ich  fur  die  Erkenntnis  Ihres  tiefen  psychologischen 
Blickes  voll  vorbereitet.  Ich  kann  Ihnen  nur  sagen:  Sie  haben  gute 
psychische  Gaben  und  eine  schone  Vorbedingung  sowohl  zur  spiri- 
tuellen Erkenntnis  wie  auch  zum  Wirken  in  der  physischen  Welt 
von  den  spirituellen  Planen  aus.  Was  Sie  erleben,  zeigt  einfach,  daft 
Sie  Verbindung  haben  mit  den  spirituellen  Machten  der  Welt,  und 
Ihre  ganze  Art  zeigt  wieder,  daft  Sie  berufen  sind,  diese  geistigen  Ga- 
ben in  edler  Art  zur  Hilf e  fur  die  Menschen  anzuwenden.  Sie  fragten 
mich  u.a.  wiederholt,  wer  ich  sei.  Es  wird  wohl  auch  die  Zeit  kom- 
men,  in  der  wir  dariiber  sprechen  konnen.  Doch  heute  will  ich  Ih- 
nen nur  sagen,  daft  ich  Berechtigung  zu  dem  Glauben  habe:  Sie  ha- 
ben mir  selbst  in  einem  fruheren  Leben  einmal  einen  recht  groften 
Dienst  geleistet.  Mifiverstehen  Sie  mich  nicht.  Irrtiimer  sind  natur- 
lich  auch  bei  spirituellen  Beobachtungen  nicht  ausgeschlossen.  Ich 
bin  aber  kein  Mensch,  der  in  Illusionen  lebt.  Ich  bin  auf  den  spiri- 
tuellen Feldern  einer  derjenigen,  die  man  vorsichtig,  und  wohl  auch 
«nuchtern»  nennt.  Deshalb  darf  ich  von  berechtigtem  Glauben  spre- 
chen. Es  hat  in  meinem  fruheren  Leben  vor  Jahrhunderten  eine  Per- 
sonlichkeit  die  Rolle  gespielt,  daft  sie  mich  einer  gewissen  Familien- 
sphare  entrift  und  mir  die  Wege  damals  moglich  machte,  die  zu  mei- 
nem damaligen  Berufe,  einem  katholischen  Priester,  notig  waren.  Es 
waren  Zeiten,  in  denen  die  Kirche  noch  nicht  ganz  verfallen  war  wie 
heute.  Sie  bewiesen  damals  die  Vorurteilslosigkeit,  die  mir  auch  heu- 
te so  groft  an  Ihnen  erscheint.  Sie  haben  sich  damals  wohl  auch  die 
Bedingungen  zu  Ihrem  heutigen  Leben  geschaffen.  Das  sind  Andeu- 
tungen,  die  ich  Sie  bitte  so  kritisch  wie  moglich  aufzunehmen;  aber 
ich  kann  Ihnen  nur  sagen,  daft  ich  sie  mit  Grund  fur  vollberechtigt 
halte.  Es  wird  Ihnen,  wenn  Ihnen  plausibel  erscheint,  was  ich  sage, 
auch  klar  sein,  daft  Sie  zu  psychischem  Leben  berufen  sind.  Er- 
schrecken  Sie  vor  dieser  Veranlagung  nicht.  Solche  Gaben  miissen 
wir  als  ein  Heiligtum  betrachten;  wir  miissen  mit  ihm  leben,  so  ver- 
traut,  wie  wir  mit  den  Tischen  und  Personen  unserer  physischen 
Umgebung  leben.  Wir  miissen  sie  ganz  objektiv  hinnehmen,  und 
unser  Selbstbewufttsein,  unser  «Ich»  stets  intakt  und  als  festen  Mit- 
telpunkt  erhalten. 


Niemals  diirf  en  wir  uns  unfrel  machen  lassen  von  solchen  Einflus- 
sen.  Sie  sind  uns  geschenkt;  aber  niemals  mit  der  Absicht,  uns  zu 
iiberwaltigen.  Was  auch  kommen  mag,  halten  Sie  fest  an  dem 
Grundsatz:  alle  Machte  der  Welt,  physische  wie  geistige,  sind  in  der 
gegenwartigen  Entwickelungsepoche  der  Welt  dazu  da,  daft  der 
Mensch  als  freies,  selbstbewufltes,  denkendes,  auf  sich  selbst  gestiitz- 
tes  Wesen  zunachst  hier  auf  dieser  Erde  seine  Aufgabe  erfulle.  Die 
geistigen  Machte  und  Einfliisse  sollen  ihn  nur  leiten,  hier  die  rechten 
Wege  zu  finden.  Und  insbesondere  ist  heute  die  Frau  berufen,  ihr 
Selbst  zu  finden  und  geltend  zu  machen.  Alles,  was  auf  diesem  Ge- 
biete  geschieht,  wird  zum  Heile  der  Menschheit  beitragen. 

Ich  bin  am  17.  Mai  wohl  wieder  in  Berlin  und  schreibe  Ihnen 
dann  diesen  Brief  weiter.1*  Fur  heute  sage  ich  Ihnen  beiden  noch 
allerherzlichste  Griifie  von  hier  aus 

in  Treuen 
ganz  Ihr 

Rudolf  Steiner 


An  Adolf  Arenson  in  Bad  Cannstatt  aus  London,  14.  Mai  1904 

Dieser  Brief  ist  nicht  erhalten,  jedoch  die  Antwort  von  Adolf  Arenson  vom  27. 
Mai  1904: 

Lieber  Herr  Doktor! 

Ihre  freundliche  Mitteilung  aus  London  hat  mich  sehr  erfreut  und  be- 
gliickt.  Ich  danke  Ihnen  fur  Ihr  Vertrauen  zu  mir  -  ganz  gewift,  ich  werde 
mich  dessen  wiirdig  zeigen,  auch  wenn  meine  Meditationsversuche  viel- 
leicht  nicht  den  Erwartungen  entsprechen  sollten.  Das  hangt  zum  Teil 
nicht  nur  von  meinem  Willen  ab;  aber  dafi  diese  tagliche  Sammlung  mei- 
nen  Charakter  beeinflulk  und  mich  strenger  gegen  mich  selbst  macht,  das 
empfinde  ich  schon  jetzt.  Ich  fuhle  einerseits  meine  Mangel  empfindlicher 


1)  Brief  vom  11.  August  1904 


als  je,  andererseits  ist  trotzdem  mehr  Ruhe  in  mir,  weil  ich  mich  auf  richti- 
gem  Pfad  weifi.  ^ 

Das  ist  alles,  was  ich  Ihnen  zu  sagen  habe.  Herzlich  und  ergeben 

Ihr  Adolf  Arenson. 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 

Berlin,  18.  Mai  1904 

Verehrtes  liebes  Fraulein  Scholl! 

Eben  bin  ich  aus  London  zuriickgekommen.  Auf  der  Herreise  ha- 
be ich  noch  in  Hannover  einen  Vortrag  gehalten.2) 

Es  obliegt  mir  nun  vor  allem,  auf  Ihre  Meditationsarbeit  einzuge- 
hen.  Ihr  Brief  vom  15.  d.M.3)  driickt  eine  Empfindung  aus,  die  Sie  ge- 
geniiber  Ihrem  inneren  Erfahren  haben.  Sie  sagen:  «ich  bin  nicht 
mehr  verzweifelt  dariiber,  wenn  ich  das  geistige  Leben  zeitweise  we- 
niger  stark  empfinde.»  Das  ist  die  rechte  Stimmung  der  Gelassenheit, 
die  den  innerlich  Arbeitenden  immer  mehr  beherrschen  mufi.  Der 
rechte  Fortgang  stellt  sich  immer  mehr  ein,  je  mehr  man  in  die  Stim- 
mung kommt:  alles  in  Stille  und  Ergebenbeit  hinzunehmen,  was  sich 
auch  einstellen  mag.  Man  mufi  durchaus  nichts  erzwingen  wollen, 
sondern  gelassen  warten,  was  kommt.  Wie  es  Ihnen  auch  selbst  er- 

1)  Der  Brief  Rudolf  Steiners  enthielt  offenbar  die  Mitteilung,  dafi  Adolf  Arenson  in  die  Esote- 
ric School  aufgenommen  wird.  Er  hatte  aber  schon  vorher  von  Rudolf  Steiner  Anweisun- 
gen  erhalten  (siehe  unter  «Individuell  gegebene  Ubungen»),  denn  er  schrieb  ihm  am  9.  Mai 
1904:  «Unserer  Verabredung  gemafi  berichte  ich  Ihnen  heute,  wie  es  mir  mit  meinen  Medi- 
tationsversuchen  ergangen  ist.»  Und  am  Schlufi  dieses  Briefes  heifk  es:  «Dann  mochte  ich 
Sie  bitten,  mich  der  Esoteric  Society  vorzuschlagen;  ich  aufterte  ja  bei  Ihrem  Hiersein  den 
Wunsch,  einzutreten.  Ich  weifi  allerdings  nicht,  welche  Bedingungen  gestellt  werden,  auch 
nicht,  wozu  es  verpflichtet;  aber  was  auch  verlangt  werde,  ich  fiihle,  wenn  auch  nicht  die 
Kraft,  so  doch  den  ehrlichen  Willen  in  mir,  es  unentwegt  anzustreben.  -  Mufi  ich  direkt 
um  Aufnahme  bitten?  Ich  wiirde  Ihnen  sehr  dankbar  sein,  wenn  Sie  mir  auf  diese  Fragen 
eine  Zeile  der  Antwort  zukommen  lassen  wiirden.  In  dankbarer  Verehrung  Ihr  Adolf 
Arenson.» 

2)  Am  15.  Mai  1904  offentlich  iiber  «Geburt  und  Tod  im  Leben  der  Seele,  ein  Blick  in  die 
theosophische  Weltanschauung»  (keine  Nachschrift). 

3)  Dieser  Brief  liegt  nicht  vor. 


scheinen  mag:  Sie  sind  weiter  gekommen,  und  werden  immer  weiter 
kommen.  Ich  habe  in  dieser  Beziehung  iiber  Sie  auch  zu  Frau  Besant 
gesprochen.  Denn  es  war  im  wesentlichen  meine  Mission  jetzt  in 
London,  mit  Frau  Besant  iiber  die  E.S.  und  ihre  Aufgabe  in 
Deutschland  zu  sprechen.  Nun  konnte  mich  schon  jetzt  Frau  Besant 
zum  «Arch- Warden  of  the  E.S.»  ernennen  mit  der  Bestimmung,  daft, 
was  ich  tue,  in  ihrem  eigenen  Namen  getan  ist.  Zu  dem  nachsten, 
was  ich  nun  mit  ihr  zu  besprechen  hatte,  war,  Sie  wirklich  als  Mit- 
glied  «ersten  Grades »  in  die  Schule  aufzunehmen.  Ich  werde  Ihnen 
nun  in  einigen  Tagen  die  «Regeln»  des  «ersten  Grades»  senden,  und 
Sie  werden  mir  dann  sagen,  wie  Sie  sich  stellen.  -  Vorerst  aber  habe 
ich  Ihnen  zu  sagen,  daft  die  Mitglieder  der  E.S.  durch  die  Aufnahme 
in  den  «ersten  Grad»  in  wirkliche  okkulte  Verbindung  mit  dem  spi- 
rituellen  Strom  kommen,  der  von  den  Meistern  ausgeht,  und  daft  Ih- 
nen das  im  Laufe  der  Zeit  immer  mehr  und  mehr  -  wenn  auch  viel- 
leicht  langsam  -  zum  Bewufttsein  kommt.  Daft  Sie  die  Stufe  zur 
Aufnahme  erreicht  haben,  kann  ich  vor  den  «gesegneten  Meistern» 
voll  vertreten.  Was  ich  Ihnen  mundlich  mitzuteilen  habe,  teile  ich 
Ihnen  mit,  wenn  wir  uns  nachstens  treffen  -  wohl  in  Amsterdam.15 
Der  Erfolg  der  deutschen  theosophischen  Bewegung  hangt  davon 
ab,  daft  wir  einen  Grundstock  von  solchen  Theosophen  haben,  die 
esoterisch  arbeiten.  Sie  sind  ausersehen,  auch  vor  allem  in  dieser 
Richtung  zu  helfen.  Es  sind  ernste  Worte,  die  ich  an  Sie  richte,  doch 
sind  Sie  ja  immer  bereit,  das  Ernste  auch  ernst  aufzunehmen. 

Uber  alles  andere  in  dieser  Richtung  schreibe  ich  Ihnen  nachstens 
noch  mehr. 

Lassen  Sie  sich  vor  alien  Dingen  nicht  schrecken  durch  Dinge, 
wie  die  sind,  die  Sie,  nach  Ihrem  Briefe,  erlebt  haben.  Solches  sind 
Riickwirkungen  (Reaktionen)  des  durch  die  Meditation  engagierten 
Astralkorpers  auf  den  Ather-  und  dadurch  auf  den  physischen  Kor- 
per.  Was  Sie  sehen,  sind  zunachst  physisch-atherische  Vorgange,  die 
in  Ihren  eigenen  physischen  Organen  mitbegrundet  sind.  Die  Ursa- 
cben  dazu  liegen  in  Ihrem  Astralkorper,  der  durch  die  Meditation  er- 


1)  Beim  Kongrefi  der  Foderation  europaischer  Sektionen  der  Theosophischen  Gesellschaft  im 
Juni  1904. 


regt  wird.  Das  alles  wird  iiberwunden.  Und  an  die  Stelle  dieser  Din- 
ge  tritt  spater  die  Verkorperung  wirklicher  iibersinnlicher  Erlebnis- 
se.  Es  mufi  eben  alles  durchgemacht  werden.  In  Ruhe. 


Das  Diplom  fur  Frl.  v.  Dessauer  lege  ich  bei1}  -  alles  iibrige  dar- 
iiber  erledigen  Sie,  bitte,  mit  Frl.  von  Sivers. 

In  Koln  geht  es  also  wohl  gut  vorwarts.  -  Es  ware  recht  notwen- 
dig,  dafi  auch  in  Dusseldorf  der  formelle  ZusammenschlufS  recht 
bald  erfolgte. 

Griifien  Sie  aufs  herzlichste  Ihre  Hausgenossen  und  seien  Sie 
selbst  herzlichst  gegriifit  von 

Inrem 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 

Mathilde  Scholl  hatte  am  13.  Juli  1904  an  Rudolf  Steiner  geschrieben: 

Eben  schreibt  mir  Frau  Lubke,  daft  sie  in  England  das  «pledge»  unter- 
schrieben  habe  und  macht  mich  mit  Besorgnis  darauf  aufmerksam,  dafi  ich 
Sie  bitten  soil,  mich  doch  auch  gleich  das  «pledge»  unterschreiben  zu  las- 
sen,  falls  Sie  mir  die  anderen  Papiere  auch  noch  nicht  schicken  konnten.  Es 
seien  einige  Anderungen  in  der  Schule  gemacht,  iiber  die  sie  aber  mir  nichts 
Naheres  mitteilen  konne,  ehe  ich  das  «pledge»  unterschrieben  hatte. 

Ich  habe  nun  iiberhaupt  nichts  dariiber  geauftert,  dafi  ich  noch  nicht  un- 
terschrieben hatte  oder  keine  Papiere  erhalten,  weil  ich  das  nicht  fur  so 
wichtig  hielt.  Da  Frau  Lubke  sich  aber  Sorgen  deshalb  zu  machen  scheint, 
teile  ich  Ihnen  dieses  mit.  Da  Sie  selbst  und  Mrs.  Besant  mich  aufgenom- 
men  haben,  halte  ich  dies  allein  fur  wichtig.  Meine  Gesinnung  kennen  Sie 
ja  ganz  und  gar,  gleichviel  ob  ich  noch  miindlich  oder  schriftlich  ein  beson- 
deres  Versprechen  gebe.  Sie  wissen,  dafi  ich  im  Grunde  zu  allem  bereit  bin, 

i)  Bezieht  sich  auf  die  Mitgliedschaft  in  der  Theosophischen  Gesellschaft. 


was  man  auch  von  mir  verlangen  konnte.  Ich  verstehe  nicht,  wie  auftere 
Veranderungen  in  der  Schule  den  Grad  der  Entwickelung  eines  Menschen 
beeinflussen  konnten.  -  Doch  mufi  irgend  etwas  Ernstes  und  Wichtiges  da- 
bei  sein,  da  Frau  Liibke,  deren  rechte  Hand  unbrauchbar  und  in  arztlicher 
Behandlung  ist,  mir  mit  grofier  Miihe  mit  der  linken  Hand  schrieb.  Ich  bin 
ihr  gewifS  dankbar  dafiir,  aber  ich  glaube,  sie  angstigt  sich  umsonst.  Sie  wer- 
den  ja  sehen,  was  Sie  tun  wollen. . . 


Rudolf  Steiner  antwortete  wie  folgt: 

Berlin,  14.  Juli  1904 

Liebes  Fraulein  Scholl! 

In  der  Anlage  sende  ich  Ihnen  die  Pledge.  Ich  bitte,  sie  abzuschrei- 
ben  und  mir  Ihre  Abschrift  mit  Ihrer  Unterschrift  zu  senden  zur 
Weitergabe  an  Mrs.  Besant. 1}  Es  ist  in  der  Pledge  enthalten,  was  die 
Mitglieder  der  E.S.  vereint.  Selbstverstandlich  gelten  alle  Verpflich- 
tungen,  die  schon  der  Shravaka  ubernommen  hat,  fort.  Wenn  Sie 
mir  die  Pledge  unterschrieben  gesandt  haben,  sende  ich  Ihnen  auch 
provisorisch  einige  Papiere.  Anderes  kann  jetzt  augenblicklich  noch 
nicht  gegeben  werden,  aber  bald. 

Wegen  etwaiger  Anderungen  in  der  Schule  angstigen  Sie  sich  nur 
ja  nicht.  Solche  Dinge  beziehen  sich  ja  nie  auf  die  innere  Entwicke- 
lung der  einzelnen  Mitglieder,  sondern  auf  das  Herabwirken  der 

i)  Erfolgte  am  15.  Juli  mit  folgendem  Begleitbrief: 

«Einliegend  sende  ich  Ihnen  das  «Versprechen».  Ich  gebe  es  gern  und  in  jedem  Punkt  von 
ganzem  Herzen.  Mochte  es  mir  geKngen,  es  moglichst  treu  zu  erfiillen. 
Ich  danke  Ihnen  sehr  fiir  Ihre  freundlichen  Worte.  Viel  Ruhe,  Mut  und  Kraft  schopfe  ich 
immer  aus  dem,  was  Sie  mir  sagen,  ebenso  aus  dem,  was  Sie  in  Ihren  Schriften  sagen,  so 
jetzt  aus  dem  letzten  «Luzifer»-Heft.  So  sehr  ich  mich  iiber  jede  Zeile  von  Ihnen  freue  und 
so  lieb  es  mir  sein  wird,  die  Fortsetzung  der  Exegese  von  «Licht  auf  den  Weg»  zu  bekom- 
men,  so  bitte  ich  Sie,  diese  doch  nur  dann  zu  schreiben,  wenn  Sie  Zeit  finden  konnen,  ohne 
von  der  zu  Ihrer  Ruhe  unbedingt  notigen  Zeit  etwas  darauf  zu  verwenden.  Ihre  Kraft  mufi 
uns  vor  allem  erhalten  bleiben.  Darum  sollten  Sie  sich  auch  physisch  nur  ja  nicht  uberar- 
beiten.  Wir  machen  uns  alle  Sorgen  darum.  Aber  ich  vertraue  darauf,  dafi  Sie  auch  selbst 
als  notwendig  ansehen,  sich  der  Welt  und  uns  zu  erhalten.  Wir  wollen  und  miissen  alle 
noch  so  viel  von  Ihnen  horen  und  lernen.» 


Schule  von  den  hoheren  auf  den  physischen  Plan  vox  und  in  der 
Welt.  Da  mufi  man  naturlich  immer  beriicksichtigen,  was  der  Welt 
frommt.  Sie,  die  Sie  eine  treue,  hingebungsvolle  Schulerin  der  E.S. 
sind  und  die  Sie  sich  durchaus  auf  dem  rechten  Wege  befinden,  wird 
die  Anderung  iiberhaupt  nicht  erheblich  beriihren. 15 

Die  einzelnen  Punkte  der  Pledge  sind  notwendig  zu  halten,  wenn 
wir  vorwarts  kommen  wollen  auf  dem  okkulten  Pfade.  Es  braucht 
aber  nichts  pedantisch,  nur  alles  streng  genommen  zu  werden.  Auf 
die  Gesinnung  kommt  es  allein  an.  Wie  man  der  theosophischen  Be- 
wegung  eine  Stiitze  zu  sein  hat,  dies  kann  man  ganz  selbst  entschei- 
den.  Es  kann  durch  Stellung,  Lage,  sogar  notwendig  sein,  vor  der 
Welt  nicht  zu  sagen,  dafi  man  Theosoph  ist.  Wirkt  man  -  noch  so 
still  -  aber  ernstlich,  so  hat  man  sein  Wort  gelost. 

Auf  die  Rede  zu  sehen,  dafi  man  immer  weniger  und  weniger  an- 
dere  durch  sie  verletzt,  kommt  vieles  an.  Das  fiihrt  zur  Offnung  des 
Tores,  das  von  den  Meistern  abschliefit.  Schwachen  Anderer  sollen 
nie  unseren  Tadel  -  wenigstens  nicht  den  unseres  Herzens  -  finden, 
sondern  sie  sollen  auf  jede  Art  von  uns  zu  verstehen  gesucht  werden. 

Das  Studium  iibernimmt  jeder  E.S.  Schiiler  als  eine  Pflicht. 

Die  Interpretation  von  «L.  a.  d.  W.»  [«Licht  auf  den  Weg»]  erhal- 
ten  Sie  jetzt  sicher  bald.2)  Alles  andere  beantworte  ich  auch  sicher 
noch  diese  Woche. 

Herzlichst 
ganz  Ihr 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


1)  Naheres  nicht  bekannt. 

2)  Siehe  Brief  vom  9.  August  1904 


An  Amalie  Wagner  in  Hamburg 


Berlin,  2.  August  1904 

Verehrtes,  liebes  Fraulein  Wagner! 

Heute  ist  es  mir  moglich,  Ihnen  die  ersten  Mitteilungen  beziiglich 
der  E.S.  zukommen  zu  lassen.  Das  erste  mufi  sein,  iiber  die  Bedeu- 
tung  der  Schule  zu  sprechen.  Die  esoterische  Schule  ist  eine  okkulte 
Einrichtung,  das  heifit,  sie  steht  unter  der  Leitung  von  hochentwik- 
kelten  Individualitaten.  Das  sind  Menschen,  welche  den  Weg  bereits 
durchgemacht  haben,  welcher  der  Mehrzahl  der  Menschen  noch  be- 
vorsteht.  Solche  hochentwickelten  Individualitaten  sind  im  Besitze 
eines  hohen  Grades  von  Weisheit,  sind  ausgestattet  mit  einem  unbe- 
grenzten  Quell  von  Menschenliebe  und  mit  der  Gabe,  denjenigen  zu 
helfen,  welche  den  Pfad  der  Vollkommenheit  gehen  wollen. 

Diejenigen,  welche  in  den  Orden  der  Shravakas  eintreten,  ver- 
pflichten  sich  zu  nichts  anderem  als  dazu,  bewufit  nach  Kraften  an 
ihrer  eigenen  Vervollkommnung  zu  arbeiten,  damit  sie  immer  mehr 
und  mehr  auch  zu  Dienern  in  der  Vervollkommnung  des  ganzen 
Menschengeschlechts  werden.  Jeder  kann  natiirlich  nur  so  viel  tun, 
als  in  seinen  Kraften  liegt.  Die  Schule  verlangt  nichts.  Sie  will  nur 
die  Mittel  an  die  Hand  geben,  durch  welche  jeder  sich  so  vervoll- 
kommnen  kann,  wie  es  fur  ihn  selbst  und  fur  die  Menschheit  not- 
wendig  ist.  Und  um  solches  zu  erreichen,  sind  die  genannten  voll- 
kommenen  Individualitaten  auf  okkulte  Art  behilflich.  Wer  das 
«Versprechen»  unterschreibt,  fiir  den  beginnt  auf  eine  ihm  vorlaufig 
vielleicht  ganz  unbewuftte  Art  der  EinfluiS  dieser  vollkommenen  In- 
dividualitaten. So  arbeitet  er  einfach  durch  seine  Zugehorigkeit  zur 
Schule  fiir  die  ganze  Menschheit.  -  Alle  Verpflichtungen,  die  der  S. 
[Shravaka]  ubernimmt,  ubernimmt  er  nur  gegen  sich  selbst.  Denn 
ohne  die  Einhaltung  dieser  Verpflichtungen  ist  es  unmoglich,  das  ge- 
steckte  Ziel  zu  erreichen;  und  die  Mitgliedschaft  an  der  Schule  ware 
zwecklos. 

Verehrtes  Fraulein  Wagner!  Ich  will  Ihnen  nun  in  aller  Kiirze  ge- 
nau  angeben,  was  zu  tun  ist.  Beginnen  konnen  Sie  mit  allem  erst  am 


18.  August.  Und  zu  diesem  Zeitpunkt  rrmfite  ich  Sie  bitten,  den  An- 
fang  zu  machen.  Aus  Griinden,  die  nur  dem  Okkultisten  bekannt 
sind,  mufi  der  Anfang  zu  ganz  bestimmten  Zeiten  gemacht  werden. 
Spater  wird  Ihnen  das  alles  klar  werden. 

Dann  ware  folgendes  zu  tun.  1.  Am  Abend,  bevor  Sie  sich  zur 
Ruhe  begeben  -  am  besten  ganz  vor  dem  Einschlafen  -  bitte  ich  Sie, 
zuerst  folgenden  Satz  in  Gedanken  -  jeden  Abend  -  zu  wiederholen:15 

Strahiender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Feiner  als  der  Ather 
1st  das  Selbst, 

Der  Geist  in  meinem  Herzen. 
Dies  Selbst  bin  Ich, 
Ich  bin  dies  Selbst. 

Wenn  Sie  dies  durchdacht  haben,  aber  so  durchdacht,  dafi  sich 
kein  fremder  Gedanke  in  Ihr  Bewufitsein  drangt,  wahrend  Sie  sich 
diesen  Satz  vorhalten:  dann  verwenden  Sie  4  -  5  Minuten  darauf,  ei- 
ne  Riickschau  auf  die  Erlebnisse  des  Tages  anzustellen.  Da  bitte  ich 
Sie,  diese  Erlebnisse  des  Tages  vor  Ihrer  Seele  kurz  voriiberziehen  zu 
lassen  und  sich  selbst  klar  zu  machen,  wie  Sie  sich  zu  diesen  Ereig- 
nissen  stellen.  Man  beobachtet  sich  da  selbst,  und  fragt  sich,  ob  und 
inwiefern  man  mit  sich  selbst  einverstanden  ist,  was  man  besser  hat- 
te  erleben  konnen,  was  man  besser  hatte  machen  konnen.  So  wird 
man  sein  eigener  Beobachter.  Der  Sinn  ist  dabei  der,  dafi  man  sich 
selbst  von  einem  hoheren  Gesichtspunkt  aus  beobachtet,  und  all- 
mahlich  so  das  «hohere  Selbst»  uber  den  Alltagsmenschen  zum 
Herrscher  wird.  Dabei  sollte  aber  alles  wegfallen,  was  der  Sorge, 
dem  Kummer  uber  das  Erlebte  gleichkommt.  Wir  sollen  lediglich 
von  unserm  eigenen  Leben  lernen,  es  zur  Lektion  machen.  Wir  sol- 
len nicht  in  Reue  an  die  Vergangenheit  denken  -  dazu  ist  den  iibri- 
gen  Tag  hindurch  ja  Zeit  -  sondern  mutig  diese  Vergangenheit  fur 
die  Zukunft  benutzen.  Dann  lernen  wir  fur  unser  gegenwartiges  per- 
sonliches  Dasein,  und  wir  lernen  vor  allem  fur  die  Zeit,  die  uber  den 
Tod  hinaus  liegt. 


1)  Siehe  hierzu  Seite  447. 


63 


Wenn  man  in  dieser  Art  die  Tagesriickschau  vollbracht  hat,  dann 
schlaft  man  ein  mit  dem  Gedanken  an  die  Menschen,  die  man  lieb 
hat  und  denen  man  helfen  will.  Es  kann  sich  daran  noch  schliessen 
die  Vorstellung  eines  Lebensideals,  mit  dem  man  besonders  ver- 
wachsen  ist. 

Nun  am  Morgen.  Moglichst  bald  nach  dem  Erwachen  ist  eine 
kleine  Meditation  zu  leisten.  Sie  besteht  in  folgendem: 

1 .  Wiedervorhalten  obigen  Gedankens:  «Strahlender...» 

2.  Die  eigentliche  Meditation  (6-8  Minuten) 

Ich  bitte  Sie,  dazu  jeden  Tag  einen  Satz  zu  nehmen  aus  der  «Nach- 
folge  Christi»  von  Thomas  a  Kempis.  Dies  in  folgender  Weise. 

Sie  nehmen  in  den  ersten  8  Tagen  aus  dem  3.  Kapitel  «Wohl  dem, 
den  die  Wahrheit...»  Diesen  Satz  pragen  Sie  sich  gut  ein,  so  dafi  er  Ih- 
nen  ganz  im  Gedachtnis  ist.  Dann  erfiillen  Sie  die  angezeigten  6  bis  8 
Minuten  Ihr  ganzes  Bewufitsein  mit  diesem  Satze.  Es  soil  jeglicher 
andere  Gedanke  ausgeschlossen  sein.  Wir  erreichen  dadurch,  dafi 
wir  einen  solchen  spirituellen  lebendigen  Satz  in  unser  ganzes  We- 
sen  aufnehmen.  Wir  durchdringen  uns  mit  ihm.  Und  er  strahlt  dann 
iiber  alles,  was  wir  tun  und  sind,  seine  Kraft  aus.  Sie  behalten  densel- 
ben  Satz  jeden  Tag  durch  8  Tage  bei.  Dann  kommt  der  nachste  Satz 
und  so  fort. 

Der  dritte  Teil  der  Morgenmeditation  ist  die  Devotion  zu  dem, 
was  uns  gottlich-heilig  ist,  zum  Beispiel  zu  Christus.  Das  soli  minde- 
stens  4  bis  6  Minuten  dauern  und  in  hingebender  Verehrung  unseres 
Heiligen  Wesens  bestehen. 

Das  sind  zunachst  alle  Ubungen.  Durch  diese  Ubungen  wird  es 
den  vollkommenen  Wesen  (Meistern)  moglich,  an  uns  heranzukom- 
men,  uns  aufzunehmen  in  den  Strom,  der  zur  Vervollkommnung 
fiihrt.  Bezxiglich  6.  der  Regeln^  bemerke  ich  nur  noch,  dafi  die  einzi- 
ge  Ausnahme,  in  der  ein  Schluck  Wein  genommen  werden  darf,  das 
heilige  Abendmahl  ist;  da  ist  die  schadliche  Wirkung  nicht  vorhan- 
den,  weil  es  sich  um  eine  Zeremonie  handelt.  Diese  Enthaltsamkeit 


1)  Dem  Brief  waren  Regeln  und  ein  Versprechen-Text  beigefiigt,  siehe  Seite  139. 


sonst  sollte  allerdings  ganz  streng  geiibt  werden.  Es  handelt  sich 
nicht  darum,  eine  Pflicht  gegenuber  der  Schule  zu  erfiillen,  sondern 
darum,  die  Vollkommenheit  zu  fordern.  Insbesondere  beim  Shrava- 
ka  wird  es  gentigen,  wenn  im  wesentlichen  der  Alkoholgenufi  ver- 
mieden  wird.  Doch  besser  ist  auch  hier  besser. 

Das  Buch  3.  schreibe  ich  nachstens.13  «Engel»  ist  der  [Julius]  Engel 
in  Berlin.  Er  hat  die  «Briefe,  die  mir  geholfen  haben»  iibersetzt.2) 
Ich  bitte  Sie  aber,  vorlaufig  die  Dinge,  die  da  angegeben  sind,  nicht 
zu  iiben,  sondern...  [Schlufi  des  Briefes  fehlt]. 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 


Berlin,  9.  August  1904 

Verehrtes,  liebes  Fraulein  Scholl! 

Ich  sende  Ihnen  anliegend,  was  Sie  jetzt  brauchen.35  Baldigst  Fort- 
setzung.  Uber  Herrn  Kiinstlers  Anfrage  in  einem  sogleich  folgenden 
Brief.4) 

Herzlichst 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


1)  Vermutlich  ist  damit  die  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi*  als  das  dritte  theosophische 
Buch  gemeint  (1.  Buch  «Das  Christentum  als  mystische  Tatsache*  (1902),  2.  Buch  «Theoso- 
phie»  (Mai  1904).  Die  «Geheimwissenschaft»  war  urspriinglich  als  zweiter  Teil  der  «Theo- 
sophie»  geplant  und  seit  1905  als  in  Vorbereitung  angekiindigt,  konnte  jedoch  infolge  der 
Uberbeanspruchung  erst  Ende  1909  erscheinen. 

2)  «Briefe,  die  mir  geholfen  haben».  Gesammelt  von  Jasper  Niemand  [Pseudonym  fur 
Julia  Campbell  Ver  Plank,  seit  1891  die  Frau  von  Archibald  Keightley].  Ubersetzung  aus 
dem  Englischen  von  Julius  Engel.  Selbstverlag  Charlottenburg  o.J.  Die  englische  Originalaus- 
gabe  erschien  1891.  Neuausgabe  «Letters  That  Have  Helped  Me»  by  William  Q.  Judge 
(compiled  by  Jasper  Niemand),  Theosophical  University  Press,  Pasadena,  California.  1981). 

3)  Aus  der  Antwort  von  Mathilde  Scholl  vom  10.  August  1904  geht  hervor,  daft  es  sich  bei 
der  Beilage  um  eine  Meditationsanweisung  und  um  die  Fortsetzung  der  Exegese  von  «Licht 
auf  den  Weg»  gehandelt  hat,  die  er  ihr  in  seinem  Brief  vom  28.  Dezember  1903  versprochen 
hatte.  Siehe  Anhang,  Seite  445. 

4)  Die  Anfrage  Eugen  Kiinstlers  bezog  sich  auf  die  im  September  vorgesehene  Vortragsreise 
von  Annie  Besant.  Rudolf  Steiner  antwortete  ihm  am  16.  August  1904.  Dieser  Brief  ist  vor- 
gesehen  fur  GA  Nr.  263. 


An  Doris  und  Franz  Paulus  in  Stuttgart 


Berlin,  11.  August  1904 

Verehrteste  Frau  und  Herr  Doktor! 

Sie  haben  mir,  Hebe  Frau  Doktor,  einen  schonen  poetischen  Aus- 
druck  Ihrer  Stimmung  geschickt.  Er  ist  mir  sehr  wertvoll.  Er  ist  ja  so 
voll  von  den  in  den  Tiefen  Ihres  Wesens  auferstehenden  mystischen 
Gewalten,  dafi  ich  nur  bewahrheitet  finden  mufi,  was  ich  vom  An- 
fang  unserer  Bekanntschaft  an  Ihnen  sah:  Sie  haben  grofle  Krafte, 
gnadige  Frau,  und  Sie  vermogen  viel.  Und  in  gar  nicht  zu  ferner  Zeit 
wird  sich  Ihnen  Ihre  innere  Fiille  -  zum  Heil  der  Menschheit  -  auf 
eine  Ihnen  uberraschende  Weise  offenbaren.  Sie  sind  so  lieb,  mich  in 
Ihrem  Briefe  «Fuhrer»  zu  nennen.  Ich  kann  und  darf  nur  so  weit 
fuhren,  als  der  erhabene  Meister,  der  mich  selbst  fuhrt,  mir  die  An- 
leitung  gibt.  Ich  folge  ihm  mit  vollem  Bewufitsein  bei  allem,  was  ich 
Anderen  sage.  Und  wenn  Sie  das  anerkennen,  so  bitte  folgen  Sie  mir 
in  Einem,  vielmehr  folgen  Sie  ihm:  in  Geduld.  Die  rechte  Stimmung 
ist  die  Geduld.  Ich  sage  das  nicht,  weil  ich  ausdriicken  will,  da$  Sie, 
verehrte  Frau,  diese  Geduld  nicht  hatten,  sondern  weil  wir  uns  im- 
mer  wieder  und  wieder  diese  Geduldsstimmung  vorhalten  mussen. 

Sie  sagen,  in  einem  fruheren  Briefe,  dafi  Sie  nicht  ausdriicken  kon- 
nen,  was  Sie  bewegt.  Ich  kann  Ihnen  nur  die  Versicherung  geben: 
das  Ihnen  ganz  entsprechende  Ausdrucksvermogen  wird  kommen. 
Aber  nochmals:  Geduld.  Die  Stimmung  des  Wartens  beschleunigt 
unsere  Schritte. 

Sie  meinen,  wenn  man  in  der  Meditation  die  Worte,  die  eigentlich 
selbstverstandlich  sind,  wiederhole,  so  sei  das  doch  zwecklos.  Das 
aber  ist  nicht  der  Fall.  Kame  es  auf  das  Wissen  an,  dann  ware  es 
zwecklos.  Aber  es  kommt  eben  darauf  an,  dafi  man  wieder  und  im- 
mer  wieder  durch  sich  selbst  erlebt,  was  man  sein  soil,  und  was  man 
selbsttatig  aus  sich  machen  soil.  Sie  finden  dariiber  Naheres  in  den 
Zusatzen,  die  ich  Ihnen  zur  «Stimme  der  Stille»  versprochen  habe 
und  Ihnen  heute  beilege.  [Siehe  Anhang,  Seite  453] 


Sehen  Sie,  verehrteste  gnadige  Frau,  die  innere  Kraft  wird  nicht 
dadurch  gesammelt,  dafi  wir  den  Zwang  hassen.  Sondern  dadurch, 
dafi  wir  uns  freiwillig,  allerdings  ganz  freiwillig  einen  Zwang  aufer- 
legen.  Bitte  fassen  Sie  solche  Formelvorlagen,  wie  ich  sie  Ihnen  in 
Stuttgart  gegeben  habe,  nicht  anders  auf  denn  als  Rat,  und  nur  als 
Rat.  Aber  es  ist  ein  Rat,  der  auf  der  Erfahrung  der  Okkultisten  vie- 
ler  langer  Zeitraume  beruht. 

Deshalb  mochte  ich  Sie,  verehrteste  Frau  Doktor  und  auch  Sie, 
lieber  Herr  Doktor,  bitten,  in  der  Meditation  so  fortzufahren,  wie 
Sie  begonnen  haben.  Die  angefuhrte  Formel  miifite  noch  lange  kurz, 
aber  allerdings  kurz  jeden  Morgen  durch  Ihre  Seele  ziehen.  Ich  mei- 
ne,  Sie  halten  vielleicht  zu  lange  gerade  auf  dieser  Formel.  Das  ist 
nicht  notwendig.  Aber  bedenken  Sie  doch,  dafi  auch  Adepten  jeden 
Morgen  sich,  wenn  auch  blitzschnell,  diese  Formel  durch  die  Seele 
ziehen  lassen  als  eine  fortwahrende  Selbstmahnung,  da$  das  Leben 
nie  abgeschlossen  sein  darf,  sondern  jedes  Selbst  noch  ein  hoheres 
Selbst  gebaren  muft. 

Die  ganze  Meditationsarbeit  wiirde  demnach  weiterhin  bestehen 
fur  Sie  beide: 

1.  Abends,  vor  der  Ruhe,  Lebensriickschau  auf  den  Tag. 

2.  a)  Morgens,  durch  die  Seele  gehen  lassen  der  Formel  fur  das 

hohere  Selbst.!) 

b)  Meditation  iiber  «Licht  auf  den  Weg».2)  Von  8  zu  8  Tagen  ei- 
nen neuen  Satz.  Aber  geduldig  die  8  Tage  bei  Einem  bleiben. 
(Naheres  dariiber  in  dem  Beiliegenden). 

c)  Devotionelle  Stimmung  zu  dem,  was  wir  als  das  hochste,  das 
Gottliche  verehren. 

Schranken  Sie,  Frau  Doktor,  die  Zeit  so  ein,  wie  Sie  es  dienlich 
halten,  wenn  Sie  noch  eine  besondere,  von  Ihnen  beschriebene  Me- 
ditation vornehmen  wollten.  Das  aber,  was  ich  angegeben  habe,  ist 
wirksam  und  fruchtbar  und  fuhrt  hinan  den  Pfad  der  Erkenntnis. 


1)  «Strahlender  als  die  Sonne ...»,  siehe  Seite  447. 

2)  Offensichtlich  ist  dies  ein  Schreibfehler;  aus  dem  Zusammenhang,  auch  mit  den  anderen 
Briefen  an  Doris  und  Franz  Paulus,  mufi  es  «Stimme  der  Stille*  heifSen. 


Ob  wir  das,  was  wir  wissen,  als  selbstverstandlich  empfinden  oder 
nicht,  davon  hangt  nichts  ab,  sondern  dafi  es  durch  unsere  Seele  geht. 

Ihren  Empfindungen  von  Ihrem  Kennen  inbezug  auf  mich  diirfen 
Sie  trauen.  Auch  ich  weifi,  dafi  Sie  eine  rege  Phantasie  haben.  Aber 
eine  rege  Phantasie  als  solche  ist  noch  nicht  unbedingt  irrefuhrend. 
Sie  kann  es  sein;  aber  sie  kann  auch  die  Gelegenheitbringerin  sein 
fur  den  Zuflufi  hoherer  Erfahrungen.  Und  Sie  sehen,  liebste  gnadige 
Frau,  wie  Ihre  Erfahrungen  mit  den  meinen  in  gewisser  Beziehung 
zusammenstimmen.  Davon  habe  ich  Ihnen  ein  Vorlaufiges  in  mei- 
nem  Briefe  aus  London  geschrieben.  Ein  weiteres  schreibe  ich  Ihnen 
bald.  Und  was  mich  betrifft,  so  weifi  ich,  dafi  mir  jede  Phantastik  so 
feme  wie  moglich  liegt;  auch  halte  ich  mich  mit  aller  Kraft  von  jegli- 
cher  Phantastik  ganz  fern.  Liebe  Frau  und  Herr  Doktor,  glauben  Sie 
mir,  was  ich  sage,  entspringt  in  meiner  Erfahrung  ganz  mit  der 
Strenge,  die  der  Mathematiker  sich  auferlegt.  Und  ich  habe,  bevor 
ich  mich  in  die  Theosophie  gewagt  habe,  im  gegenwdrtigen  Leben  al- 
les  daran  gewendet,  dafi  keine  Art  von  Phantastik  mich  verfuhren 
kann.  Darauf  war  mein  Leben  durch  lange  Jahre  trainiert. 

Den  jungen  Graser  beschreiben  Sie  richtig.  So  zu  sein,  wie  er  ist, 
ist  gewifi  nicht  ohne  Gefahr.  Und  Leute  seiner  Art  sind  symptoma- 
tisch  fur  die  Gegenwart.  Ich  habe  ihn  an  Sie  empfohlen,  weil  ich 
weifi,  wie  Sie  anders  sind  als  Andere. 

Was  Sie  iiber  Deinhard  und  Bresch  schreiben,  ist  gewifi  richtig. 
Doch  seien  wir  nachsichtig.  Beide  Herren  konnen  eben  nicht  anders 
sein,  als  es  ihr  Karma  mit  sich  bringt. J)  Halten  wir  zusammen,  stiit- 
zen  wir  uns  auf  das,  was  wir  fur  das  Richtige  ansehen  und  sehen  wir 
iiber  die  Schwachen  der  andern  hinweg. 

Es  ist  mir  sehr,  sehr  lieb,  dafi  im  September  Mrs.  Besant  nach 
Stuttgart  kommt. 

Vorlaufig  Ihnen  beiden  alles  Herzliche 
von  Ihrem 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


1)  Zu  Deinhard  und  Bresch  siehe  die  Briefe  an  Marie  Steiner-von  Sivers  vom  18.  und  19.  April 
1903  in  «Briefwechsel  und  Dokumente...»,  GA  262 


Franz  Paulus  antwortete  auf  diesen  Brief  Rudolf  Steiners  am  30.  November  1904: 

In  erster  Linie  mdchte  ich  Ihnen  heute  meinen  Entschlufi  kund  tun,  auf- 
grund  der  uns  von  Ihnen  eingehandigten  «RegeIn»  Zogling  der  E.S.T.  zu 
werden;  ich  werde  daher,  weiterer  eventueller  Weisungen  von  Ihnen  har- 
rend,  morgen  damit  beginnen,  taglich  zu  notieren,  wie  ich  mich  von  der 
Einhaltung  der  Regeln  1,  2,  3  befriedigt  fuhle.l) 


An  Horst  von  Henning  in  Weimar 

Berlin,  12.  August  1904 

Mein  verehrter  lieber  Herr  von  Henning! 

Verzeihen  Sie  die  verspatete  Antwort.2)  Ich  werde  erst  jetzt  all- 
mahlich  aus  der  Arbeitslast  herauskommen.  Und  kunftig  sollen  Sie 
gewifi  nicht  mehr  so  lange  zu  warten  brauchen.  Ich  war  froh,  Sie  im 
Bade  zu  wissen,  und  hoffe,  dafi  Ihre  Erholung  einen  recht  guten 
Fortgang  genommen  hat.  Praktische  Meditationsarbeit  wahrend  ei- 
ner  Erholungszeit  zu  beginnen,  ist  nicht  gut.  Weder  fur  die  Gesund- 
heit,  noch  fur  die  Meditation.  Raten  kann  ich  Ihnen  nur,  wenn  Sie 
Meditation  iiben  wollen,  sie  wahrend  der  ganz  gewdhnlichen  Berufs- 
tatigkeit  zu  beginnen.  Denn  Meditation  soli  keine  Zeit  rauben.  Das 
ist  sogar  Grundbedingung,  wenn  sie  fruchtbar  sein  soli.  Ich  will  Ih- 
nen nun  «im  Vertrauen»  (das  heifk  nur  fur  Sie)  angeben,  worin  die 
Meditation  besteht.  Abends  vor  dem  Einschlafen,  -  ganz  kurz,  drei 
bis  vier  Minuten  -  Riickschau  auf  das,  was  man  den  Tag  iiber  getan 
hat  und  erlebt  hat.  Es  kommt  dabei  darauf  an,  dafi  man  die  wichtig- 
sten  Begebenheiten  des  Tages  an  sich  voruberziehen  lafk.  Man  fragt 


1)  Doris  Paulus  dagegen  trat  erst  etwas  spater  der  E.S.T.  bei. 

2)  Die  Karte,  auf  die  hier  geantwortet  wird,  liegt  nicht  vor. 


sich  dabei:  Habe  ich  dieses  Ereignis  so  mit  beobachtendem  Blicke 
verfolgt,  daft  ich  fur  mein  kunftiges  Leben  daraus  lernen  kann;  und 
wie  hatte  ich  es  tun  miissen,  um  diesen  Zweck  zu  erreichen?  Oder 
beziiglich  einer  Handlung,  die  man  getan  hat:  Habe  ich  diese  so 
getan,  daft  ich  jetzt,  wo  ich  nicht  mehr  mitten  darinnen  stehe, 
sondern  mich  betrachte,  als  ob  ich  ein  anderer  ware,  mir  noch  recht 
geben  kann?  Das  alles  soil  so  geschehen,  daft  man  von  sich  selbst 
lernt,  daft  man  das  Leben  zu  einer  Lektion  macht.  Man  erreicht 
dadurch  wirklich  nach  und  nach  die  Erhebung  zum  «hoheren 
Selbst»,  das  iiber  das  niedere  hinausgeht.  Und  -  glauben  Sie  das  der 
okkulten  Erfahrung  -  :  nicht  nur  zur  Erweiterung  der  menschlichen 
Fahigkeiten,  sondern  auch  zur  Gesundung  in  jeder  Beziehung  tragt 
das  bei. 

Dann  am  Morgen:  Gleich  nach  dem  Aufstehen.  Bevor  man  Nah- 
rung  zu  sich  genommen  hat,  verwendet  man  ein  paar  Minuten  -  lan- 
ger  erst  spater  -  zur  eigentlichen  Meditation.  Wenn  1/4  Stunde 
moglich  ist,  dann  ist  es  besser.  Sie  besteht  in  einer  Erhebung  zum 
«hoheren  Selbst»,  wofur  es  eine  ganz  bestimmte  Formel  gibt,  die 
man  in  Gedanken  vor  sich  hinsagt.  Ich  teile  Ihnen  diese  Formel  «im 
Vertrauen»  sofort  mit,  wenn  Sie  mir  schreiben,  daft  Sie  sie  verwen- 
den  wollen,  Dann  schlieftt  sich  zwekens  daran  eine  Konzentration, 
bestehend  in  einem  Leermachen  des  Bewufttseins  von  allem,  was 
uns  das  Leben  des  Alltags  bringt.  Da  muft  fur  ein  paar  Minuten  alles 
aus  dem  Bewufitsein  entschwinden,  was  uns  sonst  beschaftigt,  auch 
die  Erinnerung  an  die  Geschafte  und  Obliegenheiten  des  Alltags. 
Dann  lassen  wir  in  dieses  also  entleerte  Bewufttsein  einen  Satz  aus  ei- 
ner inspirierten  Schrift  eintreten  und  geben  uns  ganz  seinem  Ein- 
drucke  hin.  Wir  spekulieren  nicht  iiber  den  Satz,  wir  leben  mit  ihm, 
wie  wir  mit  einem  geliebten  Kinde  leben.  Und  wir  behalten  diesen 
selben  Satz  dann  wochenlang  bei.  Denn  erst  dann  gibt  er  uns  seine 
Kraft  her.  Erst  dann,  nach  Wochen,  ersetzen  wir  ihn  durch  einen  an- 
dern  Satz.  So  nehmen  Meditierende  zum  Beispiel  «Licht  auf  den 
Weg»  Satz  fur  Satz  durch,  was  ihrer  Meditation  lange  Inhalt  gibt. 
«Licht  auf  den  Weg»,  «Die  Stimme  der  Stille»,  «Bhagavad  Gita»  ge- 
horen  zu  den  besten  Meditations biichern. 


Der  letzte  Teil  der  Meditation  ist  dann  das  Erzeugen  der  devo- 
tionellen  Stimmung  in  sich  gegeniiber  dem,  was  Einem  das  Hoch- 
ste,  das  Gottliche  ist.  Da  kommt  nicht  diese  oder  jene  Vorstellung 
vom  Gottlichen  in  Betracht,  sondern  diejenige,  welche  uns  -  nach 
unserer  Subjektivitat  -  wirklich  intim  ist.  Dem  Christen  kann  es 
Christus,  dem  Hindu  der  «Meister»,  dem  Mohammedaner  «Moham- 
med»  sein,  ja  es  kann  sich  ein  moderner  Wissenschafter  in  die  «gott- 
liche  Natur»  devotionell  versenken.  Es  kommt  auf  das  devotionelle 
Gefuhl  an,  nicht  auf  die  Vorstellung,  die  man  sich  vom  «G6ttlichen» 
macht. 

Wenn  Sie,  mein  lieber  Herr  von  Henning,  fortschreiten  wollen  in 
der  Entwickelung  der  mystischen  Krafte,  so  kann  ich  Ihnen  die  We- 
ge  dazu  noch  weiter  angeben.  Ich  sage  Ihnen  im  Voraus,  dafi  da- 
durch  gewifi  keine  Gefahr  in  irgendwelcher  Hinsicht  verkniipft  ist. 
Und  im  Anschlusse  an  Ihre  Frage  und  bei  der  Art,  wie  ich  Sie  kenne, 
darf  ich  Ihnen  sagen,  dafi  es  einen  «engen  Kreis»  gibt,  in  den  ich  Sie 
aufnehmen  darf,  wenn  Sie  wollen.  Sonst  gibt  es  fur  den  Anfang  keine 
Verpflichtung,  als  die  gegen  sich  selbst,  die  ich  Ihnen  schon  in  diesem 
Briefe  ausgesprochen  habe.  Nur  noch  die  vollige  Enthaltung  von  Al- 
kohol  kommt  in  Betracht.  Die  aber  mull  sein,  weil  sonst  alle  okkul- 
te  Arbeit  unter  gewohnlichen  Umstanden  umsonst  ist.  Wenn  Sie  al- 
so Meditation  suchen,  dann  schicke  ich  Ihnen  die  «Regeln»  und  Sie 
konnen  sich  entscheiden.  Wenn  Sie  aber  ohne  solchen  Anschlufi 
Meditation  uben  wollen,  so  stehe  ich  Ihnen  auch  ratend  zur  Seite; 
nur  bietet  der  Anschlufi  an  den  «engeren  esoterischen  Kreis»  zu- 
gleich  die  okkulte  Einschaltung,  die  an  sich  schon  Hilfe  und  seeli- 
schen  Fortschritt  bringt. 

Damit  mochte  ich  Ihre  mir  so  willkommene  Karte  beantworten. 
Wenn  Sie  den  Anschlufi  nicht  wiinschen,  dann  bitte  ich  Sie  iiber  das 
zu  schweigen,  was  ich  Ihnen  geschrieben  habe. 

Herzliche  Griisse  von  Ihrem 
Dr.  Rudolf  Steiner 

Berlin  W,  Motzstrasse  17 


Horst  von  Hennings  Antwort: 


Weimar,  24.  Oktober  1904 


Mein  lieber  und  verehrter  Herr  Dr.! 

Wenn  ich  Ihnen  erst  heute,  nach  Verlauf  von  iiber  zwei  Monaten,  fur 
Ihr  giitiges  Schreiben  danke,  so  geschieht  dies  nicht  aus  Tragheit  oder  Indif- 
ferenz,  sondern,  weil  ich  gerade  in  letzter  Zeit  aufiergewohnlich  mit  Arbeit 
iiberlastet  war  und  mir  zur  Beantwortung  Ihres  so  ernsten  Briefes  die  not- 
wendige  Ruhe  fehlte.  Gleichzeitig  fand  ich  auf  diese  Weise  Zeit  genug, 
mich  zu  priifen  und  freue  mich  nun  umsomehr,  das,  was  ich  Ihnen  bei  Ge- 
legenheit  Ihres  letzten  Hierseins  infolge  der  besonderen  Umstande  nur  an- 
deuten  konnte,  nun  schriftlich  wiederholen  zu  konnen,  namlich  dafi  ich 
mich  sehr  freuen  wiirde,  wenn  Sie  mich  als  Ihren  Schuler  betrachten  und 
mich  als  solchen  zur  Aufnahme  in  den  «engeren  Kreis»  vorbereiten  woll- 
ten,  sofern  Sie  mich  dessen  fahig  und  wiirdig  erachten.  -  Das  mir  von  Ih- 
nen entgegengebrachte  Vertrauen  hat  mich  begliickt  und  werde  ich  mich 
redlich  bemiihen,  die  mir  durch  den  «Eintntt»  etwa  auferlegten  Pflichten 
zu  erfullen  und  so  bewuftt  beizutragen  zum  Wohle  meiner  Mitmenschen.  - 
Es  ist,  wie  ich  Ihnen  versichern  kann,  nicht  der  Wunsch  nach  personlichen 
Vorteilen  (auch  nicht  nach  solchen  geistiger  Natur),  der  mich  antreibt,  den 
Anschlufi  an  den  esoterischen  Kreis  zu  suchen,  sondern  die  innere  Uber- 
zeugung,  dafl  die  mir  innewohnenden  Eigenschaften  mir  die  Pflicht  aufer- 
legen,  diesen  Weg  zu  beschreiten,  wenn  mir  die  Hand  dazu  freiwillig  gebo- 
ten  wird,  und  ist  es  mir  ernst  mit  meinem  Entschlufi,  geistig  fortzuschrei- 
ten,  soweit  dies  in  meinen  Kraften  steht. 

Ich  richte  deshalb  die  herzliche  Bitte  an  Sie:  nehmen  Sie  meine  Fiihrung 
in  Ihre  Hande  und  geben  Sie  mir,  was  Sie  mir  nach  Lage  meiner  Verhaltnis- 
se  und  Fahigkeiten  jeweilig  geben  zu  diirfen  glauben;  an  gutem  Willen, 
Dankbarkeit  und  Geduld  soil  es  meinerseits  nicht  fehlen. 

Unter  treulichen  Griifien 

Ihr  allzeit  dankbar  ergebener 
Horst  von  Henning 


An  Eliza  von  Moltke  in  Bankau/ Oberschlesien 
Eliza  von  Moltke  schrieb  am  20.  Juli  1904: 

Mein  lieber  Dr.  Steiner! 

Haben  Sie  mich  ganz  vergessen!  Ich  weifi,  eine  der  Hauptsachen,  die  wir 
Menschen  anstreben  miissen,  ist  Geduld  und  ich  wiirde  auch  noch  langer 
geduldig  gewartet  haben,  wenn  ich  nicht  so  sehr  notig  etwas  geistige  Hiilfe 
brauchte  -  Sie  wollten  sich  giitig  meiner  in  dieser  Beziehung  annehmen, 
mir  Winke  geben,  wie  ich  mit  mir  arbeiten  mufi,  um  das  sehnlich  gehoffte 
Ziel  einst  zu  erreichen:  den  Menschen  zu  helfen...  Nun  mochte  ich  aber  so 
sehr  gern  mit  Erfolg  an  mir  arbeiten,  wie  Sie  es  fiir  richtig  halten  -  und 
wenn  Sie  die  diesbeziiglichen  Anweisungen  erhalten  haben,  die  Sie  erst  ein- 
holen  wollten  auf  dem  hoheren  Plan,  dann  seien  Sie  [so]  gut  und  teilen  Sie 
es  mir  mit.  . . .» 


Auf  diesen  Brief  antwortete  Rudolf  Steiner: 

Berlin,  12.,  August  1904 

Sehr  verehrte,  gnadige  Frau! 

Glauben  Sie  nicht,  bitte,  dafi  ich  in  Zukunft  Ihnen  gegeniiber  an 
meinem  Usus  hangen  werde,  so  wenig  wie  moglich  Briefe  zu  schrei- 
ben.  Warum  dieser  erst  so  spat  kommt,  werde  ich  Ihnen  einmal 
mundlich  sagen.  Zukunftig  werde  ich  Ihnen  ganz  regelmafiig  schrei- 
ben. 

Das  beifolgende  Schriftstiick^  betrachten  Sie,  bitte,  als  ein  ganz 
vertrauliches.  Ich  bin  in  solchen  Dingen  nur  Werkzeug  von  hoheren 
Wesenheiten,  die  ich  in  Demut  verehre.  Nichts  ist  mein  Verdienst; 
nichts  kommt  dabei  auf  mich  an.  Das  einzige,  was  ich  mir  selbst  zu- 
zuschreiben  habe,  ist,  dafi  ich  eine  strenge  Trainierung  durchge- 
macht  habe,  die  mich  vor  jeder  Phantastik  schutzt.  Dies  war  fiir 
mich  Vorschrift.  Denn,  was  ich  erfahre  auf  geistigen  Gebieten,  ist 


i)  Liegt  nicht  vor. 


dadurch  frei  von  jeder  Einbildung,  von  jeder  Tauschung,  von  jedem 
Aberglauben.  Doch  auch  davon  spreche  ich  heute  zu  wenigen.  Die 
Leute  mogen  mich  fiir  einen  Phantasten  halten;  ich  weifi  Wahrheit 
und  Trug  zu  unterscheiden.  Und  ich  weifi,  dafi  ich  den  Weg  gehen 
mufi,  den  ich  gehe. 

Wenn  Sie  die  im  beigelegten  Schriftstuck  vorgezeichneten  Ubun- 
gen  zu  den  Ihrigen  machen,  verehrteste  gnadige  Frau,  dann  diirfen 
Sie  nicht  vor  dem  19.  August,  und  nicht  nach  dem  3.  September  be- 
ginnen.  Das  steht  so,  wie  der  Okkultist  sagt,  in  «den  Zeichen  des 
Himmels»  geschrieben.  Wollen  Sie  aber  nicht  zwischen  dem  19.  Au- 
gust und  dem  3.  September  beginnen,  so  ware  fiir  eine  spatere  Zeit 
wieder  notwendig,  dafi  Sie  sich  noch  einmal  mit  mir  verstandigten. 
Zwischen  dem  19.  8.  und  dem  3. 9.  ist  jeder  Tag  moglich. 

Ich  denke  oft  an  die  schonen  Stunden,  die  ich  in  Ihrem  Hause  [in 
Berlin]  zubringen  durfte.  Ich  habe  ja  auch  Ihren  Herrn  Gemahl  sehr 
lieb  gewonnen  und  hoffe  viel  auf  seine  spirituelle  Zukunft.  Manch- 
mal  gehen  die  Menschen  besondere  Wege;  aber  viele  Wege  fuhren 
zur  Erkenntnis.  ^ 

Moge  es  Ihnen  in  Schlesien  gut  ergehen  und  Sie  die  innere  Ruhe 
haben,  der  Sie  bedurfen. 

In  herzlicher  Hochachtung 
Ihr 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


i)  Helmuth  von  Moltke  war  nicht  Theosoph,  fand  aber  spater  ein  tiefes  Interesse  an  der  Gei- 
steswissenschaft  Rudolf  Steiners.  Siehe  die  Gedenkworte  zu  Moltkes  Tod  vor  dem  Vortrag 
Berlin,  20.  Juni  1916,  in  «Unsere  Toten»,  GA  261. 


An  Michael  Bauer  in  Nurnberg 

Michael  Bauer  hatte  am  28.  Juli  1904  offenbar  aufgrund  eines  vorhergegangenen  Ge- 
spraches  an  Rudolf  Steiner  geschrieben: 

Sehr  verehrter  Herr  Doktor! 

Ohne  viel  Umschweife  will  ich  sagen,  was  mir  lieb  ware:  ich  mochte  ei- 
ne  Zeitlang  Ihr  Schiiler  sein  und  ware  froh,  wenn  Sie  mir  eine  Aufgabe  ge- 
ben  wollten,  wie  sie  fur  mich  not  tut.  Es  griifit  Sie  in  Liebe 

Ihr  Michael  Bauer 

Rudolf  Steiner  notierte  am  Rande:  «beantw.  mit  Regeln  14.  8. 04». 
Seine  Antwort: 

Berlin,  14.  August  1904 

Sehr  verehrter,  lieber  Herr  Bauer! 

Auf  Ihre  lieben  Zeilen  darf  ich  Ihnen  folgendes  erwidern.  Ihr  Ver- 
haltnis  zur  theosophischen  Bewegung  ist  ein  so  intimes,  dafi  Sie  in 
Ihrem  esoterischen  Leben  am  besten  Befriedigung  finden  werden, 
wenn  Sie  sich  der  sogenannten  «Esoterischen  Schule»  anschliessen. 
Ich  bitte  Sie  aber  die  Mitteilungen,  die  ich  Ihnen  daruber  mache,  als 
nur  fur  Sie  bestimmt  und  ganz  vertraulich  zu  betrachten.  Es  wird 
niemand  aufgefordert,  dieser  okkulten  Schule  beizutreten.  Aber  wir 
durfen  dem,  bei  dem  wir  es  moglich  finden,  Mitteilung  von  ihrem 
Bestehen  machen.  Und  eine  solche  Mitteilung  will  ich  Ihnen  ma- 
chen.  Finden  Sie  es  nicht  angemessen  fiir  sich,  beizutreten,  dann  be- 
trachten Sie  die  Mitteilungen  als  nicht  gemacht,  und  schreiben  mir 
dies.  Ich  werde  Ihnen  dann  auch  sofort,  ohne  dafi  Sie  Mitglied  der 
Schule  sind,  das  Notige  fiir  einen  esoterischen  Entwickelungsgang 
angeben  und  alien  Ihren  Wiinschen  entsprechen. 

Zunachst  finden  Sie  beiliegend  die  Regeln  des  sogenannten 
Shravaka-Ordens,  [siehe  Seite  141].  Man  mufi  erst  Shravaka  (d.i.  Zu- 
horer  wortlich)  werden  und  den  vorgeschriebenen  Regeln  folgen, 
dann  wird  man  zu  den  hoheren  Graden  befordert. 

Sie  werden  ersehen,  dafl  die  Einhaltung  der  «Regeln»  fiir  den  An- 
fang  ganz  leicht  ist.  Allerdings  die  genaue  Einhaltung  ist  erforder- 


lich,  weil  nur  unter  dieser  Voraussetzung  ein  wirklicher  Fortschritt 
im  spirituellen  Leben  moglich  ist. 

Sind  Sie  bereit,  einzutreten,  so  bitte,  schreiben  Sie  mir  dies.  Ich 
sende  Ihnen  dann  ein  kurzes  «Versprechen»,  durch  das  Sie  Mitglied 
werden  und  gebe  Ihnen  dann,  etwa  am  22.  oder  23.  September,  alles 
weitere  an. 

Ich  mochte  Ihnen  nur  noch  Einiges  iiber  die  Natur  der  Schule 
schreiben.  Sie  wissen,  dafi  die  «Theosophische  Gesellschaft»  in  dem 
Verhaltnisse  zu  unseren  erhabenen  Meistern  steht,  dafi  diese  die  theo 
sophischen  Impulse  an  H.  P.  B.  [H.  P.  Blavatsky]  gegeben  haben,  es 
ihr  dann  uberlassend,  wie  sie  auf  dem  physischen  Plane  die  Bewegung 
gestalten  will.  Die  «Theosophische  Gesellschaft»  wurde  deswegen 
von  H.  P.  Blavatsky  und  Olcott  1875  gegriindet.  Mit  dieser  hat  nun 
unsere  okkulte  Schule  nichts  offiziell  zu  tun.  Denn  sie  ist  eben  eine 
«okkulte».  Sie  ist  direkt  von  den  Meistern  gegriindet  und  steht  unter 
der  Fuhrung  dieser  Meister.  Und  der  Theosophischen  Gesellschaft 
fliefit  daher  fortwahrend  das  wirklich  lebendige  Erkennen  aus  dieser 
okkulten  Schule  zu.  Nach  und  nach  fiihren  die  Ubungen,  welche  die 
Schule  vorschreibt,  zu  der  Erkenntnis  der  Meister.  Das  Haupt  der 
Schule  war,  so  lange  sie  auf  Erden  weilte,  H.  P.  Blavatsky.  Jetzt  ist  es 
Annie  Besant.  Innerhalb  Deutschlands,  Osterreichs  und  der  deutsch- 
sprechenden  Schweiz  ist  mir  die  Fuhrung  der  Schule  ubertragen. 

Das  alles  soil,  wie  gesagt,  kein  Drangen  sein,  sondern  nur  eine  auf 
Vertrauen  sich  stiitzende  Mitteilung.  Treten  Sie  bei,  so  erwachst  Ih- 
nen keine  Verpflichtung  aufier  der  Einhaltung  der  Regeln.  Konnen 
Sie  es  nicht,  dann  schicken  Sie  mir  die  Regeln  wieder  zuriick.  Und 
ich  beantworte  Ihnen  dann  Ihren  Brief  in  anderer  Form,  so  daft  Ihre 
Wiinsche  auch  aufier  der  Schule  befriedigt  werden.  Doch  hat  man 
innerhalb  der  Schule  ja  die  so  notwendige  Unterstutzung  von  den 
hoheren  Planen  aus. 

Wer  in  Deutschland  Mitglied  ist,  schreibe  ich  Ihnen  sofort,  wenn 
Sie  mir  Ihre  Geneigtheit  kundgeben.  Ebenso  alle  Anweisungen  zu 
einer  regelrechten  Meditation,  die  okkultes  Wissen  vermittelt. 

Annie  Besant  kann  es  moglich  machen,  im  September  in 
Deutschland  einige  Vortrage  zu  halten.  Da  sie  aber  nur  einige  Tage 


sich  in  Deutschland  aufhalten  kann,  wird  sie  nur  in  Miinchen  fur 
Bayern  vortragen  konnen.  Glauben  Sie  es  mir,  lieber  Herr  Bauer, 
wenn  es  moglich  gewesen  ware,  hatte  ich  auch  in  Niirnberg  an  einen 
Vortrag  Annie  Besants  gedacht.  Es  geht  aber  wegen  der  beschrank- 
ten  Zeit  Frau  Besants  absolut  nicht.  Sie  wird  am  18.  September  in 
Weimar,  am  20.  September  in  Miinchen  sprechen;  und  ich  gebe 
mich  der  Hoffnung  hin,  dal5  Sie  und  Ihre  Frau  Gemahlin  an  einem 
der  Orte  den  Vortrag  anhoren  konnen. 

Grii&en  Sie  Frau  und  Familie  Herzlichst 

ganz  Ihr 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 

Berlin,  27.  August  1904 

Verehrtes,  liebes  Fraulein  Scholl! 

Ganz  rasch  mochte  ich  Ihnen  vorlaufig  auf  Ihren  Brief  einiges 
antworten.5)  Falls  Mr.  Keightley  nach  Deutschland  kommt,  so  kann 
fur  uns  nur  Eines  mafigebend  sein:  die  Sache  so  unbefangen  wie 
moglich  anzusehen.  Wer  Mrs.  Besant  kennt,  der  weifi,  wie  sie  sich  in 
einem  solchen  Falle  verhalt.  Sie  lafit  die  Dinge  geschehen,  und  ver- 
traut  auf  die  geistigen  Krafte,  die  mit  ihr  sind.  Und  ich  tue  es  nicht 
anders.  Diplomatisches  Denken  mufi  uns,  die  wir  nicht  menschli- 
chen  Verstandeserwagungen,  sondern  den  Meistern  folgen,  ganz 
fern  liegen.  Wir  fragen  deshalb  auch  gar  nicht  «warum»  in  einem  sol- 


1)  Mathilde  Scholl  hatte  am  26.  August  geschrieben,  wie  besorgt  sie  sei,  aus  England  zu  erfah- 
ren,  dafi  Keightley  Annie  Besant  auf  ihrer  Deutschlandreise  begleiten  und  ihre  Vortrage 
ubersetzen  werde;  dies  erscheint  auch  in  Rudolf  Steiners  Brief  an  Marie  von  Sivers  vom  27. 
August  1904  (in  GA  262).  Offenbar  bestand  gegenuber  Keightley  ein  gewisses  Mifitrauen, 
vermutlich,  weil  er  damals  in  seiner  Eigenschaft  als  Generalsekretar  der  englischen  (ehem. 
europaischen)  Sektion  eine  Bestrebung  unterstiitzte,  die  eine  unabhangige  siiddeutsche  Sek- 
tion  von  der  deutschen  Sektion  abspalten  wollte  (wie  aus  seinem  Brief  vom  7.  3.  1904  an 
Rudolf  Steiner  hervorgeht). 


chen  Falle.  Mrs.  Besant  hat  nur  einmal  an  Frl.  v.  Sivers  geschrieben, 
sie  «erwarte  mit  Mr.  Keightley»  in  Hamburg  zusammenzutreffen. 
Das  ist  alles.  Und  ich  frage  nicht  nach  anderem.  Aber,  liebes  Frau- 
lein  Scholl:  Eines  ist  notwendig,  dafi  wir,  die  urn  Mrs.  Besant,  in  der 
nachsten  Zeit  fest  und  innig  zusammenstehen.  Was  wir  tun  werden, 
das  wird  sich  in  jedem  einzelnen  Fall  ergeben.  Ich  bitte  Sie  nun 
auch,  nicht  aus  irgendwelchen  Erwagungen  zur  Zeit  von  K's  Anwe- 
senheit  von  Frl.  Link  fernzubleiben,  sondern  so  zu  tun,  wie  Sie  oh- 
ne  Rucksicht  auf  ihn  getan  hatten,  und  seine  Anwesenheit  als  etwas 
nicht  weiter  Verwunderliches  anzusehen. 15 

Bitte  betrachten  Sie  diese  Zeilen  als  Vertrauenssache.  Sie  miissen 
kurz  sein,  wenn  sie  Sie  morgen  friih  noch  treffen  sollen.  In  den  Dis- 
positionen  fur  das  Datum  usw.  ist  nichts  mafigebend,  als  was  zwi- 
schen  Ihnen  und  Frl.  Sivers  abgemacht  worden  ist. 

Morgen  weiteres.  Ich  mufi  diese  Zeilen  in  den  Kolner  Zug  werfen. 

Herzlich 
Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Mathilde  Scholl  in  Koln 

Berlin,  29.  August  1904 

Verehrtes  liebes  Fraulein  Scholl! 

Ihr  Verhaltnis  zu  Annie  Besant  ist  durchaus  das  richtige.  So  soil- 
ten  alle  Theosophen  zu  ihr  stehen.  Aber  man  mufi  ruhig  bleiben 
auch  dann,  wenn  man  die  Erfahrung  machen  sollte,  dafi  andere 
nicht  so  zu  ihr  stehen.  Maya  ist  machtig,  und  mancher  kommt  gera- 
de  dadurch  in  eine  schwierige  Lage,  dafi  er  von  einem  skheren  Ge- 
fiihl  zu  einem  unsicheren  Urteil  vorriickt.  Es  kommt  viel  weniger 
darauf  an,  dafi  wir  dem  Unrichtigen  widerstreben,  als  dafi  wir  selbst 


1)  Nach  dem  Brief  von  Mathilde  Scholl  vom  26.  August  war  Frl.  Link  mit  Keightley  befreun- 
det  und  bei  dieser  als  Gast  angemeldet. 


dem  Richtigen  dienen.  Ich  weifi,  daft  auf  die  Dauer  nichts  passieren 
kann,  wenn  wir  in  Annie  Besants  Namen  das  Richtige  tun;  zeitwei- 
lig  mag  aber  manches  sich  ereignen,  was  die  Lage  schwierig  erschei- 
nen  lassen  kann.  Annie  Besant  ist  der  Bote  der  Meister.^  Sie  hat 
nicht  notwendig,  auf  diplomatische  Ziige  sich  einzulassen,  kann  es 
als  wahre  Okkultistin  auch  gar  nicht.  Sie,  liebes  Fraulein  Scholl, 
konnen  mir  glauben,  daft  iiberall,  wo  ein  Diplomatisieren  sich  gel- 
tend  macht,  der  Zusammenhang  mit  den  Meistern  nicht  vorhanden 
ist.  Ich  weifi,  dafi  es  in  Annie  Besants  Sinne  ist,  wenn  wir  uns,  falls 
Keightley  kommt,  ganz  unbefangen  verhalten,  wie  wenn  wir  seine 
Anwesenheit  als  etwas  ganz  Selbstverstandliches  hinnehmen  wur- 
den.  Und  innerlich  auch  miissen  wir  das  tun.  Ihre  Beunruhigung  hat 
auch  recht.  Aber  wir  miissen  selbst  gegeniiber  solchen  Beunruhigun- 
gen  ruhig  bleiben.  Es  gibt  in  Deutschland  so  viel,  was  aufierlich  ge- 
gen  uns  ist;  aber  storen  wir  unsere  positiven  Krafte  nicht  durch  zu 
grofie  Rucksicht  auf  solche  Gegnerschaft. 

Es  ist  ein  Gesetz  des  Okkultismus,  daft  diejenigen,  welche  in  die 
esoterische  Stromung  aufgenommen  werden,  starken  Widerstanden 
zunachst  begegnen  konnen.  Es  kann  zu  ihrer  Priifung  gehoren,  daft 
sie  sich  solchen  Widerstanden  gegeniiber  aufrecht  erhalten.  Wer  Ok- 
kultist  wird,  der  mufi  in  Kiirze  Dinge  absolvieren,  die  ihm  sonst 
vielleicht  erst  in  mehreren  Leben  begegnet  waren.  Wenn  er  seiner 
geraden  Erkenntnis  folgt,  so  wird  er  auch  vorwarts  schreiten.  Er 
mufi  nur  den  ganzen  Mut  zu  seiner  Erkenntnis  haben.  Solch  ganzer 
Mut  ist  ein  starker  Probierstein.  Viel  hat  der  gewonnen,  der  wie  Sie 
unerschiitterlich  an  einem  Menschen  wie  Annie  Besant  hangt.  Sie 
werden  gerade  durch  dieses  Verhaltnis  die  schonsten  Fortschritte 
machen. 

Wenn  es  Menschen  gibt,  die  nicht  so  zu  Annie  Besant  stehen,  so 
fiigen  sich  diese  selbst  die  schwerste  Schadigung  zu.  Aber  viele  von 
denen,  die  heute  in  dieser  Beziehung  irren,  werden  wieder  zum  rich- 
tigen Urteil  kommen. 


i)  Vgl.  hierzu  auf  Seite  347  die  Niederschrift  fur  Edouard  Schure  aus  dem  Jahre  1907. 


Der  Okkultist  fragt  in  gewissen  Dingen  einfach  nicht.  So  mochte 
ich  zum  Beispiel  nicht  einmal  mich  in  Gedanken  viel  mit  der  Tatsa- 
che  beschaftigen,  dafi  Keightley  nach  Deutschland  kommt.  Ich  habe 
von  Frl.  v.  Sivers  gehort,  dalS  Annie  Besant  den  Satz  schrieb:  «Ich  er- 
warte,  in  Hamburg  Mr.  Keightley  zu  treffen».  Und  dann  hat  wohl 
auch  Frau  Liibke  an  Frl.  v.  Sivers  davon  geschrieben.  Frl.  v.  Sivers 
fragte  dann  auch  mich,  wie  ich  mich  dazu  verhalte.  Ich  sagte  ihr: 
«gar  nicht.» 

Wenn  Annie  Besant  die  Ubersetzung  ihrer  Vortrage  von  Keight- 
ley wunschen  wird,  so  wollen  wir  sehen.  Mir  selbst  hatte  es  ja  als  das 
richtigste  erschienen,  wenn  Frl.  v.  Sivers  uberall  ubersetzt  hatte. a) 

Ich  kann  Ihnen  augenblicklich  noch  nicht  die  Fortsetzung  des 
letzten  auf  «Licht  auf  den  Weg»  beziiglichen  Briefes  senden.  Aber 
sicher  noch  in  dieser  Woche.2) 

Griifien  Sie  Kiinstlers  herzlich  und  seien  Sie  selbst  herzlich  ge- 
grtilk 

von  Ihrem 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Rudolf  Steiner 


An  Gunther  Wagner  in  Lugano 

Berlin,  29.  August  1904 

Lieber  verehrter  Herr  Wagner! 

Als  vor  kurzem  Fraulein  Scholl  die  Frage  stellte,  ob  die  beiden  auf 
die  christliche  Frage  beziiglichen  Reden  Annie  Besants  ubersetzt 
werden  sollen,  habe  ich  nicht  zuraten  konnen.  Fassen  Sie,  lieber 
Herr  Wagner,  das  nicht  so  auf,  als  wenn  ich  gegen  das  Ubersetzen 
ware.  Ich  werde  sogar  mit  Befriedigung  begriifien,  wenn  wir  wieder 
eine  Schrift  von  Annie  Besant  in  deutscher  Sprache  erscheinen  sehen 


1)  Das  deutsche  Referat  ubernahm  dann  Rudolf  Steiner. 

2)  Diese  weitere  Exegese  ist  offenbar  nicht  mehr  erfolgt. 


werden.  Aber  der  Okkultist  mufi  streng  unterscheiden  zwischen  di- 
rektem  Zuraten  und  dem,  was  ich  soeben  gekennzeichnet  habe. 
Wenn  ich  mich  trivial  ausdrucken  darf,  ich  mochte  mich  in  dieser 
Frage  «der  Abstimmung  enthalten*.  Ich  mochte  aber  in  diesem  Falle 
durchaus,  daft  meine  Meinung  dabei  ganz  unberttcksichtigt  bleibt.  ^ 

Mifiverstehen  Sie  mich  nicht,  lieber  Herr  Wagner.  Ich  mochte 
gerne,  dafi  Sie  mich  horen,  wenn  ich  urteile;  aber  ich  mochte  auch 
immer  scharf  bezeichnen,  wann  mein  Urteil  gar  nicht  in  Betracht 
kommen  soil.  Nur,  wenn  wir,  die  wir  in  der  esoterischen  Schule  ver- 
eint  sind,  uns  so  gegeniiberstehen,  ist  die  voile  Freiheit  garantiert, 
die  der  Okkultismus  verlangt. 

Nachstens  sende  ich  Ihnen  die  Regeln  der  deutschen  E.S.  Da  wer- 
de  ich  auch  noch  auf  die  Bewegung  zu  Gunsten  des  Johannes- 
Evangeliums  Genaueres  an  Sie  schreiben.2) 

Vorlaufig  bitte  ich  Sie,  fiir  die  nachsten  Wochen  es  mit  Ihrer  Stel- 
lung  in  der  E.S.  zu  halten  wie  bisher. 

Ihre  Schwester  Amalie  ist  E.S.-Mitglied.  Ihre  andere  wird  es  wohl 
in  wenigen  Tagen  sein. 

In  Nr.  15  von  «Lucifer-Gnosis»  bringe  ich  eine  ausfuhrliche  Be- 
sprechung  der  «vier  grofien  Religionen».3)  Ich  hoffe,  dafi  dieses  Buch 
einen  guten  Weg  machen  wird.  Es  ist  geeignet,  viele  Herzen  zu  ge- 
winnen. 

1)  Wie  aus  zwei  Briefen  Gunther  Wagners  an  Rudolf  Steiner  vom  1.  und  2.  September  1904 
hervorgeht,  bestand  der  Plan,  die  auf  englisch  vorliegende  Broschure  «Is  Theosophy  an- 
tichristian?»  von  Annie  Besant  ins  Deutsche  zu  iibersetzen  und  in  Deutschland  unter  Geist- 
lichen  zu  verbreiten.  Offenbar  konnte  Rudolf  Steiner  sich  mit  dieser  Absicht  nicht  be- 
freunden. 

2)  Ein  Brief  daruber  liegt  nicht  vor.  Rudolf  Steiner  hatte  im  Juli  1904  in  Berliner  Zweigvor- 
tragen  -  die  Gunther  Wagner  mitgehort  hatte  -  darauf  hingewiesen,  dafi  aus  dem  Schofie 
der  Theosophischen  Gesellschaft  «eine  Bewegung»  herausgeboren  wiirde,  welche  «ein  wah- 
res  Verstandnis  des  Christentums  bringen  wird,  das  man  nicht  im  gewohnlichen  Sinne  ha- 
be* (11.  Juli  1904).  Und  am  18.  Juli  1904  wurde  von  einer  «Johannes-Gesellschaft»,  einer 
«Johannes-Evangelium-Abteilung»  gesprochen,  deren  Aufgabe  darin  bestunde,  in  weite- 
sten  Kreisen  bekanntzumachen,  welche  unausschopflichen  Tiefen  im  Johannes-Evan- 
gelium  liegen.  Wer  wisse,  was  da  zu  suchen  und  zu  lernen  ist,  diirfe  «aus  vollem  Herzen 
sich  dieser  Johannes-Evangelium-Abteilung  anschliefien». 

3)  Vier  Vortrage  von  Annie  Besant,  gehalten  bei  der  21.  Jahresversammlung  der  Theosophi- 
schen Gesellschaft  in  Adyar,  ins  Deutsche  ubersetzt  von  Gunther  Wagner,  Verlag  Max  Alt- 
mann,  Leipzig  1904.  Die  Besprechung  von  Rudolf  Steiner  findet  sich  in  GA  Nr.  34, 
«Luzifer-Gnosis». 


Anfangs  September  wird  wohl  hier  auch  wieder  eine  E.S.- 
Versammlung  sein.  Es  wird  sich  dabei  wahrscheinlich  darum  han- 
deln,  den  E.S.-Mitgliedern  von  dem  Wesen  der  «Meister»  zu  spre- 
chen,  und  von  der  Hilfe,  die  sie  den  E.S.-Arbeitern  gewahren.  Am 
12.  September  werde  ich  dann  eine  T.S.  Versammlung  halten,  urn 
auf  Annie  Besants  Besuch  vorzubereiten.  Und  dann  wollen  wir  mit 
unserer  «Seele»  den  Weg  durch  Deutschland  machen.  Ich  sehe  dem 
mit  grofier  Befriedigung  entgegen.  Am  25.  September  werde  ich 
dann  in  Dresden  iiber  «Theosophie  und  moderne  Wissenschaft» 
sprechen.  -  Ich  weifi,  dafi  dieser  Schritt  viel  mifiverstanden  werden 
wird.  Aber  ich  habe  keine  andere  Moglichkeit,  als  ihn  zu  tun.  Mifi- 
verstanden  kann  er  werden;  aber  ungiinstig  wirken  -  im  hdhern  Sin- 
ne  -  kann  er  nicht.0 

Es  war  mir  sehr  lieb,  dafi  Sie,  lieber  Herr  Wagner,  im  Juli  bei  uns 
gewesen  sind.  Hoffentlich  sind  Ihre  liebe  Frau  und  Sie  wohl  in  Luga- 
no wieder  angekommen.  Griifien  Sie  schonstens  und  empfangen  Sie 
herzlichsten  Grufi 

Ihres  getreuen 

Berlin  W,  Motzstrasse  17  Rudolf  Steiner 


An  Giinther  Wagner  in  Lugano 

Berlin,  14.  September  1904 

Lieber  Herr  Wagner! 

Es  ist  ja  zweif ellos  richtig,  daft  der  Vortrag  Annie  Besants  «Is  Theo- 
sophy  antichristian»  in  Deutschland  nicht  in  gleichem  Sinne  verstan- 
den  werden  konnte  wie  in  England,  weil  bei  uns  die  Diskussion  der 
christlichen  Grundfragen  in  den  letzten  Jahrzehnten  in  den  Kreisen 
der  Theologen  und  denen  der  von  ihnen  geistig  abhangigen  Prediger 
etc.  einen  ganz  anderen  Charakter  angenommen  hat  als  in  England. 

1)  Am  25.  9.  1904  hat  Rudolf  Steiner  iiber  dieses  Thema  auf  dem  III.  Allgemeinen  Theosophi- 
schen  Kongrefi  in  Dresden  gesprochen.  Dieser  wurde  von  den  Hartmann-Leuten,  die  nicht 
an  Adyar  angeschlossen  waren,  veranstaltet. 


Von  Seite  unserer  geistigen  Ftthrer  geht  uns  fortwahrend  die  Wei- 
sung  zu,  mit  Rucksicht  auf  die  einzelnen  Lander  zu  individualisie- 
ren.  Was  nun  insbesondere  die  christliche  Propaganda  durch  uns  be- 
trifft,  so  soil  sie  so  sein,  daft  sie  nicht  unter  der  Flagge  «Theosophie» 
geht.  Sie  soli  von  Theosophen  ausgehen,  aber  nirgend  das  direkt  sa- 
gen.  Christliche  Mystik,  Interpretation  der  christlichen  Symbole 
usw.  soli  betrieben  werden.  Es  wird  unsere  Aufgabe  gewift  sein,  Pre- 
diger,  sogar  katholische  Priester  fur  das  esoterische  Christentum  zu 
gewinnen.  An  diesen  wird  es  dann  sein,  die  Esoterik  einstromen  zu 
lassen  in  ihre  Lehren.  Uns  selbst  wiirde  man  doch  nur  Opposition 
machen,  wenn  wir  direkt  an  die  christlichen  Kreise  herantreten 
wollten. 

In  Deutschland  wiirde  eine  Auseinandersetzung  dariiber,  ob  Theo- 
sophie  antichristlich  sei  oder  nicht,  nur  neue  Opposition  gegen  die 
Theosophie  erwecken.  Es  ist  eine  grofie  Abneigung  gegen  alles,  was 
Theosophie  heiftt,  insbesondere  in  Pastorenkreisen.  Und  sie  wachst 
augenblicklich.  Wenn  Bresch  die  Dinge  iibersetzt,  so  konnen  wir 
nichts  machen.  Denn  er  macht  ja  immer  eine  ganz  bestimmte  Oppo- 
sition. Er  hat  sich  zum  Beispiel  jetzt  dagegen  verwahrt,  daft  Annie 
Besant  nach  Leipzig  komme.  Da  konnen  wir  gar  nichts  machen;  wir 
mussen  Bresch  gewahren  lassen.  Es  kommt  aber  darauf  an,  daft  wir 
selbst  suchen,  das  Richtige  zu  tun. 

Sehen  Sie,  lieber  Herr  Wagner,  wir  sollen  auf  der  einen  Seite  ent- 
schieden  die  Theosophie  betonen  und  auf  der  anderen  Seite,  da,  wo 
dies  nicht  angeht,  die  Sache  hoher  stellen  als  den  Namen  und  die 
Form.  Es  wird  uns  bedeutet:  «Seid  Theosophen;  wie  Ihr  es  seid,  das 
miiftt  Ihr  selbst  bestimmen.» 

Ich  sagte  in  meinem  vorigen  Briefe,  ich  «mochte  mich  der  Ab- 
stimmung  enthalten».  Der  Grund  fiir  diesen  Ausdruck  war  folgen- 
der.  Ich  habe  die  Weisung,  das  christliche  Element  zu  pflegen,  und 
in  dem  besonderen  Falle  konnte  ich,  was  mir  bedeutet  wurde,  nur  so 
interpretieren,  daft  der  Vortrag  nicht  iibersetzt  werden  soil.  Nun  be- 
ginnt  aber  erst  die  eigene  Verstandesarbeit,  und  da  fand  ich  genau 
den  Grund,  den  auch  Sie  angeben.  Nachdem  Sie  ihn  selbst  ausspre- 
chen,  kann  ich  auch  sagen,  daft  er  auch  fur  mich  gilt.  Vorher  konnte 


ich  nur  sagen:  ich  kann  nicht  dafiir  sein.  Ich  bin  sicher,  dafl  Sie  mich 
verstehen  werden. 

Morgen  werde  ich  Mrs.  Besant  empfangen  -  in  Hamburg  Frei- 
tag  wird  sie  dann  in  Berlin  sein. 

Herzlichst  ganz 
Ihr 

Herzlichen  Grufi  an  Ihre  verehrte  Frau  Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Giinther  Wagner  in  Lugano 

Gunther  Wagner  hatte  am  13.  Oktober  1904  an  Rudolf  Steiner  geschrieben: 

Heute  komme  ich,  Sie  zu  fragen,  ob  Sie  meine  liebe  Frau  in  die  E.S.  aufneh- 
men  wollen.  Sie  war  langere  Zeit  schwankend,  ob  sie  wohl  wiirdig  genug 
sei,  aber  stets  kam  doch  wieder  der  Wunsch  durch,  diese  giinstige  Chance, 
auf  ihrem  Lebenswege  weiter  zu  kommen,  auch  zu  benutzen  und  so  hat  sie 
mich  gebeten,  Sie  um  Rat  zu  fragen,  ob  Sie  ihr  zureden  oder  (unter  der 
Hand)  abraten.  Wenn  Sie  auch  aufierlich  sich  nicht  so  gedrangt  fiihlt,  fiir 
unser  Streben  das  Wort  zu  nehmen,  so  weifi  ich  doch,  dafi  es  ihr  mit  der 
Herrschaft  iiber  sich  selbst  ernst  ist.  Ich  mochte  ihr  daher  gerne  gonnen, 
personlich  in  die  engere  innere  Bewegung  hineingezogen  zu  werden.  Sie  ist 
schon  seit  5  oder  6  Jahren  Mitglied  der  T.S.  Ihrer  freundlichen  Antwort  se- 
hen  wir  mit  Spannung  entgegen. 

Mit  bekannter  Hochachtung 
Gunther  Wagner 


Rudolf  Steiner  antwortete: 

Miinchen-Stuttgart,  24.  November  1904 

Verehrter,  lieber  Herr  Wagner! 

Im  Eisenbahnwagen  mochte  ich  Ihnen  vorlaufig  nur  schreiben, 
dafi  ich  allernachstens  Ihre  Frage  beziiglich  Ihrer  lieben  Frau  beja- 


hend  beantworten  werde.  Ich  bin  auf  einer  Vortragsrundreise,  habe 
in  Nurnberg,  Regensburg,  Miinchen  eine  Reihe  von  Vortragen  ge- 
halten,  gehe  jetzt  nach  Stuttgart,  Karlsruhe,  Heidelberg,  Koln  und 
Dusseldorf.  Dann  nach  Leipzig,  Hamburg.  Ich  werde  Ihnen  dariiber 
und  iiber  Mehreres  noch  berichten. 

In  Berlin  werde  ich  doch  immer  mehr  entlastet,  und  dann  -  Sie 
werden  sehen  -  wird  auch  alle  Korrespondenz  endlich  regelmafiig 
werden. 

Ihrer  lieben  Frau  und  Ihnen  einstweilen        herzlichste  Grufie 

ganz  Ihr 

Dr.  Rudolf  Steiner 


An  Glinther  Wagner  in  Lugano 

Berlin,  2.  Januar  1905 

Mein  lieber  Herr  Wagner! 

Beifolgend  sende  ich  Ihnen  den  ersten  E.S.-Brief  an  Ihre  liebe 
Frau.  Ich  bitte  Sie,  ihr  alles  zu  sagen  und  mitzuteilen,  was  Sie  fiir 
richtig  halten.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daft  sich  Gatten,  die 
beide  zur  E.S.  gehoren,  gegenseitig  stiitzen  und  tragen. 

Die  offiziellen  Regeln  iiber  die  vier  Disziplinen  sende  ich  Ihnen 
ehebaldigst. 

Ihnen  selbst  werde  ich  auch  bald  iiber  die  E.S.  schreiben.  -  Unsere 
E.S.-Mitglieder  sollen  zunachst  folgendes  wissen: 

«Die  deutsche  theosophische  Bewegung  ist  von  besonderer  Wich- 
tigkeit.  Die  Deutschen  sind  die  Avantgarde  der  sechsten  Unter- 
rasse  und  werden  sich  dieser  ihrer  Sendung  immer  mehr  bewufit 
werden.  Das  sollen  sie  in  aller  Demut.  Sie  sollen  sich  vertiefen  in 
ihre  eigenen  Idealisten.» 

Das  ist  Meisters  Stimme.  Und  dazu:  «Lest  Euere  grofien  Idealisten: 
J.  G.  Fichte,  Jacob  Bohme,  besonders  aber  Angelus  Silesius.» 


Ich  mache  Sie  im  besonderen  aufmerksam  auf  J.  G.  Fichtes  «Be- 
stimmung  des  Menschen».  Es  ist  in  Reclams  Universalbibliothek  zu 
haben.  Nicht  theosophische  Lehren  sind  darinnen;  aber  indem  wir 
solches  lesen,  formen  wir  unsere  Gedankenformen  im  Sinne  der 
Esoterik,  und  die  Lehren  der  Meister  werden  uns  dadurch  lebendi- 
ger. 

Vielen  Dank  fur  die  Ubersetzung  des  Besant'schen  Mystik- 
Aufsatzes.  Er  ist  mir  fur  eines  der  nachsten  «Lucifer»-Hefte  recht 
willkommen. l) 

Morgen  gehe  ich  nach  Stuttgart,  dann  nach  Munchen. 

Herzlichst  Ihr 

Vom  6.  bis  9.  Januar  ist  meine  Adresse:  Rudolf  Steiner 

Munchen  bei  Frau  Grafin  Kalckreuth 
Adalbertstrasse  55. 


An  Frau  Anna  Wagner  in  Lugano 

Berlin,  2.  Januar  1905 

Meine  sehr  verehrte,  Hebe  Frau  Wagner! 

Nur  kurz  konnte  ich  Ihnen  vor  einigen  Wochen  die  Mitteilung 
machen,  daft  Ihre  Zugehorigkeit  zur  Esoterischen  Schule  verwirk- 
licht  werden  kann.  Man  tritt  in  diese  Schule  als  «Shravaka»,  das  ist 
wortlich  «Zuh6rer»  oder  «Schuler»,  ein. 

Nun  obliegt  es  mir  zunachst,  Ihnen  von  dem  Wesen  und  der  Be- 
deutung  der  Schule  zu  sprechen.  Sie  wissen,  dafi  hinter  der  ganzen 
theosophischen  Bewegung  hochentwickelte  Wesen  stehen,  die  wir 
«Meister»  oder  «Mahatma»  nennen.  Diese  erhabenen  Wesenheiten 
haben  den  Weg  bereits  zuriickgelegt,  den  die  ubrige  Menschheit 
noch  zu  gehen  hat.  Sie  wirken  nun  als  die  grofien  «Lehrer  der  Weis- 
heit  und  des  Zusammenklangs  der  Menschheitsempfindungen».  Sie 


l)  Im  «Luzifer»  doch  nicht  erschienen. 


sind  heute  bereits  tatig  auf  den  hoheren  Planen  (Ebenen),  zu  denen 
sich  die  iibrigen  Menschen  im  Laufe  nachster  Entwicklungszeiten, 
sogenannter  «Runden»,  hinauforganisieren  werden.  Auf  dem  physi- 
schen  Plane  wirken  sie  durch  die  von  ihnen  beauftragten  «Boten», 
deren  erster  H.  P.  Blavatsky  war,  das  heifit  fiir  die  theosophische  Be- 
wegung  erster.  Eine  aufiere  Organisation  oder  Gesellschaft  begriin- 
den  die  Meister  weder,  noch  stehen  sie  einer  solchen  vor.  Die  Theo- 
sophische Gesellschaft  ist  zwar  von  ihren  Begriindern  (H.  P.  Blavats- 
ky, Olcott  u.a.)  ins  Leben  gerufen,  um  das  Werk  der  Meister  auf 
dem  physischen  Plan  zu  fordern,  doch  haben  auf  die  Gesellschaft 
selbst  als  solche  diese  Meister  selbst  nie  einen  Einfluft  genommen. 
Sie  ist  nach  Wesen  und  Fuhrung  das  Werk  von  Menschen  rein  auf 
dem  physischen  Plane. 

Anders  steht  die  Sache  beziiglich  der  «Esoterischen  Schule».  Sie 
ist  von  den  Meistern  selbst  begriindet  und  steht  unter  der  Leitung 
der  Meister.  Alles,  was  der  theosophischen  Bewegung  an  Wissen 
und  Kraft  zustromt,  stromt  ihr  durch  diese  Schule  zu.  Die  Angeho- 
rigen  machen  ihre  Probezeit  durch  und  gelangen  zuletzt  zum  unmit- 
telbaren  Verkehre  mit  den  Erhabenen  selbst.  In  welcher  Zeit  das  be- 
wirkt  werden  kann,  das  hangt  naturlich  ganz  von  diesen  Angehori- 
gen  selbst  ab.  Zunachst  kann  jeder  nicht  mehr  tun,  als  in  treuer  Hin- 
gabe  das  Werk  der  Meister  fordern. 

Zum  ersten  «Haupt  der  Schule»  wurde  von  den  Meistern  Frau 
H.  P.  Blavatsky  bestellt.  Das  gegenwartige  Haupt  ist  unsere  liebe, 
hochverehrte  Annie  Besant. 

Der  Shravaka  soli  so  weit  kommen,  da£  fur  ihn  Reinkarnation 
und  Karma  nicht  blofi  Theorie,  sondern  Gewifiheiten  des  Lebens 
sind,  und  weiter  dazu,  dafi  er  durch  sich  selbst  die  grofte  Sendboten- 
schaft  von  H.  P.  Blavatsky  erkennt.  Aufgedrangt  wird  keinem  in  der 
Schule  irgend  etwas;  nur  angeregt  wird  zur  Selbsterkenntnis.  Nun 
kann  man  den  Weg  des  Shravakas  auf  vier  Arten  zurucklegen.  Uber 
diese  vier  Arten  werden  Sie  ehebaldigst  weitere  Mitteilungen  erhal- 
ten.  Dann  bitte  ich  Sie,  dieselben  sorgfaltig  mit  Ihrem  lieben  Ge- 
mahl  durchzunehmen  und  mir  zu  sagen,  welchen  der  vier  Wege  sie 
zu  wahlen  gedenken. 


Als  zugehorig  zur  Schule  konnen  Sie  sich  schon  jetzt  betrachten, 
wenn  Sie  an  dem  durch  die  Sternkonstellation  bedingten  Tage  eine 
Meditationstibung  beginnen.  Diese  will  ich  Ihnen  vorlaufig  be- 
schreiben.  Modifiziert  wird  sie  spater. 

Vorlaufig  hatte  diese  Ubung  in  folgendem  zu  bestehen: 

1.  Fruhmorgens,  bevor  eine  andere  Tagesarbeit  begonnen  wird, 
womoglich  vor  dem  Friihstiick,  wenn  das  nur  irgend  mit  den  sonsti- 
gen  Familien-  usw.  Pflichten  vereinbar  ist,  soil  Folgendes  geschehen: 

I.  Man  soil  vollstandig  wach,  innerlich  ganz  ruhig  und  gesammelt 
werden.  Keine  aufieren  Eindriicke  sollen  da  Zugang  gewinnen 
zu  unserem  Inneren.  Auch  sollen  wir  die  Erinnerung  an  alle  all- 
taglichen  Erlebnisse  unterdriicken.  Haben  wir  so  die  vollstandi- 
ge  «innere  Stille»  hergestellt,  so  treten  wir  ein  in  die  Erhebung 
zu  unserem  hoheren  Selbst. 

Dies  geschieht,  indem  wir  intensiv  in  Gedanken  uns  die  folgen- 
de  Formel  vorhalten: 

Strahlender  als  die  Sonne 
Reiner  als  der  Schnee 
Ist  das  Selbst, 

Der  Geist  in  meinem  Herzen. 

Dies  Selbst  bin  Ich;  Ich  bin  dies  Selbst. 

Darauf  sollen  etwa  fiinf  Minuten  verwendet  werden. 

II.  Dann  folgt  das  stille,  in  sich  versenkte  Nachdenken  iiber  einen 
Satz  aus  einer  der  inspirierten  Schriften.  Es  wurde  sich  darum 
handeln,  dafi  Sie  sich  in  diesem  Teile  der  Meditation  vorlaufig 
vier  Wochen  nachdenklich  versenkten  in  den  Satz: 

«Die  Standhaftigkeit  steht  hoher  als  aller  Erfolg». 
Diesen  Satz  haben  uns  die  Meister  gegeben,  um  uns  vor  allem 
einzuscharfen,  dafi  wir  niemals  uns  in  unserem  Tun  durch  ir- 
gendeinen  Mifierfolg  ablenken  oder  entmutigen  lassen.  Hun- 
dert  Mifierfolge  sollen  uns  nicht  abhalten,  das  zu  tun  -  zum 
hunderteinten  Male  -,  was  wir  als  das  Rechte  erkannt  haben. 


III.  Dann  folgt,  nachdem  II.  fiinf  Minuten  gedauert  hat,  die  wieder 
fiinf  Minuten  dauernde  gebetartige  Hingabe  an  das,  was  uns  das 
Hochste,  das  Gottliche  ist.  Es  handelt  sich  nicht  [darum],  dies 
oder  jenes  als  gottlich  anzusehen,  sondern  alle  unsere  Gedanken, 
Gefiihle  und  unseren  ganzen  Willen  auf  das  zu  lenken,  was  wir 
immer  schon  als  das  Gottliche  angesehen  haben.  Das  kann  von 
dem  einen  so,  von  dem  anderen  anders  benannt  werden.  Nicht 
darum  handelt  es  sich,  ob  wir  das,  dem  wir  uns  hingeben,  Gott, 
Christus  oder  den  «Meister»  nennen,  sondern  um  die  hingeben- 
de  (devotionelle)  Stimmung  selbst. 

Damit  ist  die  dreiteilige  Morgenmeditation,  welche  fiinfzehn 
Minuten  dauert,  erledigt. 

2.  Abends  vor  dem  Einschlafen  hat  jeder  Schiller  einen  Ruckblick 
auf  sein  Leben  wahrend  des  Tages  zu  werfen.  Es  kommt  dabei  nicht 
darauf  an,  dafi  wir  moglichst  viele  Tagesereignisse  an  unserer  Seele 
voriiberziehen  lassen,  sondern  darauf,  dafi  wir  dies  mit  dem  Wich- 
tigsten  tun.  Wir  fragen  uns:  Was  konnen  wir  aus  dem  lernen,  was 
wir  erlebt  oder  getan  haben?  So  machen  wir  unser  Leben  zu  einer 
Lektion.  Wir  stellen  uns  selbst  so  gegeniiber,  daft  wir  von  jedem  Tag 
fur  jeden  Tag  lernen.  -  Dadurch  nehmen  wir  die  Vergangenheit  mit 
himiber  in  die  Zukunft  und  bereiten  unsere  Unsterblichkeit  vor. 
Dann  schliefien  wir  etwa  den  Tag  mit  dem  Gedanken  an  Hebe  Mit- 
menschen  ab,  die  unserer  guten  Gedanken  bediirfen. 

Es  macht  bei  dieser  Abendiibung  nichts,  wenn  der  Schiiler  darii- 
ber  einschlaft.  Denn  dann  entschlaft  er  mit  der  Tendenz  zur  Auf- 
wartssentwicklung.  Und  auch  das  ist  gut.  Nur  die  Morgenmedita- 
tion mufi  vom  Anfang  bis  zum  Ende  in  ganz  wachem  Zustande  er- 
folgen.  Nur  bkte  ich  Sie,  die  Abendriickschau  riicklaufend  zu  ma- 
chen, das  heifit  so,  dafi  Sie  mit  den  Ereignissen  am  Abend  beginnen, 
dann  zuruckgehen  bis  zum  Morgen. 

Den  Anfang  mit  der  Meditation  konnen  Sie  an  einem  der  Tage 
machen,  welche  liegen  zwischen  dem  6.  Januar  und  dem  20.  Januar. 
Nach  diesem  Tage  kann  nicht  angef  angen  werden.  Wenn  Sie  verhin- 
dert  waren,  in  dieser  Zeit  zu  beginnen,  dann  konnten  Sie  erst  wieder 


anfangen  zwischen  dem  6.  Februar  und  dem  18.  Februar.  Ich  kann 
Ihnen  heute  noch  nicht  sagen,  warum  das  so  ist.  Doch  wird  eine 
Zeit  kommen,  wo  Ihnen  das  ganz  selbstverstandlich  sein  wird. 

Ich  brauche  Ihnen,  da  Sie  Ihr  Leben  langst  als  Theosophin  einge- 
richtet  haben,  vorlaufig  nichts  weiteres  zu  sagen.  Wein  oder  andere 
Alkoholika  verhindern  die  Entwicklung. 

Wenn  wir  das  vollziehen,  was  ich  angegeben  habe,  dann  finden 
die  «Erhabenen  Meister»  den  Zugang  zu  unserer  Seele.  Diese  kon- 
nen  uns  helfen  und  wir  nehmen  unter  ihrem  gesegneten  Einflufie  zu 
an  Kraft,  Wissen  und  Lebenszuversicht.  Unsere  liebe  Annie  Besant 
betont  immer  wieder  und  wieder,  die  Esoterische  Schule  ist  das 
«Herz  der  theosophischen  Bewegung».  Und  so  ist  es.  Glauben  Sie 
mir  das  eine,  liebste,  verehrteste  Frau  Wagner:  In  dieser  Schule  han- 
delt  es  sich  viel  weniger  um  Lernen  und  intellektuelle  Arbeit,  son- 
dern  um  treue  Hingabe  an  die  theosophischen  Ideale.  Liebe  zum  gei- 
stigen  Leben  und  dadurch  echte  grofie  Menschenliebe  fuhrt  dorthin, 
wohin  wir  kommen  sollen.  Das  Studium  ist  weiter  nichts  als  ein 
Mittel.  Wir  sollen  es  so  weit  treiben,  als  wir  jeder  konnen.  Aber  die 
theosophische  Gesinnung  macht  den  echten  E.S.-Schuler. 

Und  damit  begrufie  ich  Sie  zunachst  als  zu  uns  gehorig  im  Namen 
der  heiligen  Meister,  denen  ich  zu  Fuften  lege,  was  ich  vermag,  und 
gegen  deren  Willen  ich  niemals  im  Leben  bewufit  etwas  tun  will. 
Gesegnet  seien  sie,  die  Erhabenen. 

In  Herzlichkeit 
ganz  Ihr 

Dr.  Rudolf  Steiner 

Bitte  ausdrucklichst:  Fragen  Sie  mich  um  alles,  was  Sie  in  bezug 
auf  die  E.S.  zu  wissen  notig  haben.  Ich  werde  mir  kiinftig  eine  Zeit 
aussondern  lediglich  fur  E.S.-Mitteilungen. 


An  Giinther  Wagner  in  Lugano 


Berlin,  24.  Mai  1905 

Mein  lieber,  verehrter  Herr  Wagner! 

Seit  lange  hatte  ich  vor,  Ihnen  beziehungsweise  auch  Ihrer  lieben 
Frau  zu  schreiben;  nun  soil  es  aber  wirklich  in  Kurze  geschehen.  Es 
oblag  mir  in  diesem  Winter,  das  Wenige,  was  ich  tun  kann,  zur  Fe- 
stigung  der  deutschen  theosophischen  Bewegung  beizutragen.  DalS 
so  viel  zu  tun  ist,  darunter  mussen  alle  leiden.  Jetzt  bin  ich  dabei, 
den  seit  lange  vorbereiteten  Rundbrief  an  die  deutschen  E.S.- 
Mitglieder  zu  Ende  zu  fiihren. 

Fur  heute  nur  so  viel,  dafi  ich  vollig  einverstanden  bin,  wenn  Ihre 
liebe  Frau  die  Shravaka-Ubungen  bei  unserer  lieben  verehrten  An- 
nie Besant  mitmacht. 

In  Herzlichkeit  ganz  Ihr 
Dr.  Rudolf  Steiner 

An  Giinther  Wagner  in  Lugano 

Berlin,  23.  Juli  1905 

Verehrter  lieber  Herr  Wagner! 

An  dem  Schicksalsfall,  der  Ihre  liebe  Frau  und  Sie  betroffen  hat, 
nehme  ich  rmt  ganzer  Seele  Anteil,  wenn  ich  auch  erst  heute  im 
Stande  bin,  Ihnen  das  brieflich  auszudriicken.  Meine  Gedanken  wei- 
len  oft  bei  Ihnen.  Wir  Theosophen  mussen  ja  im  Stande  sein,  auch 
schwere  Schicksalsfalle  anders  hinzunehmen,  als  wir  das  vor  unserer 
theosophischen  Zeit  konnten.  Zwar  wird  niemals  die  Liebe  und  die 
Teilnahme  durch  das  theosophische  Leben  sich  verringern  konnen, 
doch  das  Verstandnis  und  die  Kraft,  zu  tragen,  werden  grofier.  Wir 
konnen  durch  die  Theosophie  nichts  verlieren,  aber  wir  gewinnen 
sehr  viel.  Verlieren  wiirden  wir,  wenn  die  Gefuhle,  die  zu  den 
schonsten  des  Lebens  gehoren,  nur  im  geringsten  verblassen  konn- 


ten.  Deshalb  weifi  ich,  was  Sie  fiihlen,  aus  Ihrer  edlen  und  herrlichen 
Liebe  heraus.  Aber  ich  kenne  Sie  auch  als  einen  wahren  echten  Theo- 
sophen  und  weifi,  dafi  Ihnen  die  karmischen  Zusammenhange  keine 
blofie  Doktrin  sind,  sondern  dafi  Sie  in  ihnen  leben.  Aber  einige  Ge- 
danken  mochte  ich  gerade  jetzt  mit  Ihnen  tauschen,  Man  fafk  so 
leicht  alles,  was  sich  als  ein  Kettenglied  in  unser  Karma  eingliedert 
auf  wie  eine  karmische  Verschuldung.  Und  das  ist  keineswegs  im- 
mer  der  Fall.  So  wahr  Karma  ein  wahres  alles  umfassendes  Gesetz 
ist,  so  wahr  ist  es  auch,  daft  karmische  Falle  sich  als  schlechthin  erste 
in  unseren  ursachlichen  Zusammenhang  einschieben  konnen.  Nicht 
immer  sind  Falle,  die  uns  treffen,  Ausgleiche  fur  Vergangenes,  oft 
sind  sie  erste  Posten  in  unserem  Lebenskonto,  die  erst  in  der  Zu- 
kunft  ihren  entsprechenden  Ausgleich  finden.  Wie  ein  Kaufmann 
Posten  zum  ersten  Male  auf  der  einen  Seite  einzutragen  hat,  so  ist  es 
auch  mit  den  Posten  unseres  karmischen  Kontobuches.  Diese  Ge- 
danken  durchzogen  in  den  letzten  Wochen  immer  dann  meine  See- 
le,  wenn  ich  die  Gedanken  hinlenkte  nach  Ihrem  lieben  Sitz  in  Lu- 
gano, und  diese  Gedanken  empfingen  in  meinem  Sehfelde  jenen 
Charakter,  der  zeigt,  daft  Gedanken  einer  Realitat  entsprechen.  Sie 
verstehen  mich,  indem  ich  Ihnen,  verehrter  lieber  Herr  Wagner,  die- 
ses innere  Erlebnis  -  denn  es  ist  ein  solches  -  schreibe.  Und  viel- 
leicht  nehmen  Sie  nach  Ihrem  Ermessen  auch  als  Realitat  an,  was  fur 
mich  eine  solche  ist. 

Gar  sehr  verlangt  es  mich,  Sie  beide  wieder  einmal  begriiften  zu 
konnen.  Ich  hoffe,  es  wird  doch  bald  auch  sein  konnen. 

Die  Londoner  Kongreftfestlichkeiten,  bei  denen  Sie  leider  nicht 
sein  konnten,  sind  vorbei.1}  Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  daft  sol- 
che Festlichkeiten,  selbst  wenn  sie  von  Theosophen  veranstaltet 
werden,  nicht  viel  iiber  Aufteres  hinausgehen  konnen.  Doch  meine 
ich,  daft,  wer  gewollt  hat,  doch  auch  von  da  Dinge  zur  Starkung  fur 
sein  Gemiit  und  Herz  hat  mitnehmen  konnen.  Frau  Besant  z.B.  hat 
Vortrage  gehalten,  die  voll  des  spirituellen  Impulses  waren.  Zu- 


1)  Am  8.,  9.  und  10.  Juli  1905  fand  in  London  der  2.  Kongrefi  der  Foderation  europaischer  Sek- 
tionen  der  Theosophischen  Gesellschaft  statt.  Rudolf  Steiner  sprach  am  10.  Juli  iiber  «Die 
okkulten  Grundlagen  in  Goethes  Schaffen»,  in  «Philosophie  und  Anthroposophie»,  GA  35. 


nachst  am  Donnerstag  vor  dem  Kongrefi  uber  die  «Schiilerschaft» 
von  H.  P.  B.  mit  Rucksicht  auf  manche  Angriffe,  die  in  der  letzten 
Zeit  auf  die  grofie  Begrunderin  der  theosophischen  Bewegung  gefal- 
len  sind.  Es  scheint  mir  doch  sehr  wichtig,  dafi  diese  spirituell  so 
hochstehende  Frau  Besant  so  riickhaltlos  immer  wieder  und  wieder 
darauf  hinweist,  wie  H.  P.  B.  fur  sie  nicht  ein  Mensch  war  wie  ein 
anderer  Hervorragender,  der  in  ihr  Leben  eingetreten  ist,  sondern  - 
wie  sie  sagte  -  der  «Lichtbringer»  schlechthin.  Flecken,  sagte  sie,  sol- 
len  nicht  etwa  abgeleugnet  werden;  aber  es  sind  Flecken  wie  die  Son- 
nenflecken  und  diese  sind  eben  nur  da,  wo  Sonne  ist.  Ich  fiihlte  dabei 
so  recht  die  inneren  Erfahrungen  des  eigenen  Lebens  in  der  letzten 
Zeit  nachklingen.  Denn  ich  mufi  sagen,  je  weiter  ich  selbst  vorwarts 
komme,  desto  mehr  lerne  ich  die  unermefiliche  Kraft  kennen,  die 
von  H.  P.  B.  ausstrahlt  und  desto  mehr  werde  ich  gewahr,  dafi  ich 
selbst  erst  noch  viel  werde  lernen  mussen,  um  nur  ein  bifichen  die 
Tiefen  von  H.  P.  B.'s  Schaffen  und  Wirken  zu  erkennen. 

Dann  war  am  Frekag  die  Convention  der  britischen  Sektion. 
Von  dem  da  Vorgekommenen  wird  Sie  interessieren,  dafi  Bertram 
Keightley  von  dem  Posten  des  Generalsekretars  zuriickgetreten  ist, 
und  dafi  Miss  Kate  Spink  an  seine  Stelle  gekommen  ist.  Zunachst 
geht  Keightley  auf  vier  Monate  nach  Indien,  dann  will  er  sich  auf  ei- 
ne  Art  der  theosophischen  Bewegung  widmen,  die  ihm  moglich  ge- 
macht  wird  durch  Entlastung  von  den  offiziellen  Obliegenheiten  des 
Generalsekretars. 

Ferner  war  in  dieser  Zeit  die  Eroffnung  der  «Kunst-  und  kunstge- 
werblichen  Ausstellung»  des  Kongresses.  Da  waren  neben  weniger 
bedeutenden,  doch  auch  einige  bemerkenswerte  Sachen.  Ich  mochte 
nur  einige  symbolische  Bilder  von  einem  Maler  Russell  erwahnen. 
Dieser  versucht  innere  Seelenvorgange  durch  symbolische  Farben 
auf  dem  Bilde  (Sterne,  Strahlen  u.s.w.,  die  von  den  Figuren  ausge- 
hen,  symbolische  Ausmalungen  der  aufieren  Naturobjekte  u.s.w.) 
zu  charakterisieren.  Nun  kann  ich  zwar  sagen,  dafi  ich  nirgends  ein 
wirkliches  astrales  Schauen  den  Bildern  zuerkennen  konnte,  doch 
war  ich  iiber  den  Versuch,  den  da  ein  doch  immerhin  begabter  Ma- 
ler macht,  befriedigt. 


Am  Sonnabend  morgens  wurde  mit  einer  Rede  von  Frau  Besant 
der  eigentliche  Kongrefi  eroffnet.  Es  war  einer  jener  grofien  Urn- 
blicke  uber  die  Aufgaben  und  Ziele  der  theosophischen  Bewegung, 
wie  sie  Frau  Besant  bei  solchen  Gelegenheiten  gibt.  Es  wird  Sie  in- 
teressieren,  dafi  sie  das  Skulpturwerk  eines  italienischen  Bildhauers 
Ezechiel,  einen  «Christus»  erwahnte,  von  dem  sie  sagte,  dafi  er  die 
Idee,  die  sie  sich  als  Theosophin  uber  die  Christus-Individualitat  ma- 
chen  miisse,  in  Einigem  entspreche.  Auch  wird  fiir  Sie  von  Interesse 
sein,  dafi  Frau  Besant  bei  dieser  Gelegenheit  auf  Richard  Wagner 
hinwies,  in  dessen  Tonen  die  Geheimnisse  der  astralen  Welt  horbar 
seien.  Mir  war  das  ganz  besonders  bemerkenswert,  denn  ich  habe  ja 
in  diesem  Friihling  vor  den  Berliner  Theosophen  vier  Vortrage  uber 
den  spirituellen  Gehalt  in  Richard  Wagners  Schaffen  gehalten. 15 

Auf  die  Eroffnungsrede  von  Frau  Besant  folgte  etwas  ungemein 
mannigfaltiges.  Denn  die  Abgesandten  aller  europaischen  theoso- 
phischen Gebiete  hielten  nun  ihre  Begriifiungsansprachen  in  ihrem 
eigenen  Idiom.  So  konnte  man  da  nacheinander  kurze  Reden  in  fol- 
genden  Sprachen  horen:  Hollandisch,  Schwedisch,  Franzosisch, 
Deutsch,  Spanisch,  Italienisch,  Finnisch,  Russisch,  Ungarisch,  In- 
disch. 

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