Document text
RUDOLF STEINER GES AMTAUSGABE
SCHRIFTEN UND VORTRAGE
ZUR GESCHICHTE DER ANTHROPOSOPHISCHEN BE WEGUNG
UND DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VEROFFENTLICHUNGEN ZUR GESCHICHTE UND AUS
DEN INHALTEN DER ESOTERISCHEN LEHRTATIGKEIT
Bisher erschienene Bdnde
Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der
Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage GA 264
Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen
Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
Briefe, Dokumente und Vortrage GA 265
Aus den Inhalten der Esoterischen Stunden, Band I, II, III
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern aus den Jahren 1904-1909 GA 266/1
Gedachtnisaufzeichnungen von Teilnehmern aus den Jahren 1910-1922 GA 266/11
Esoterische Unterweisungen fur die erste Klasse der Freien Hoch-
schule fur Geisteswissenschaft am Goetheanum 1924 GA 270
Ergdnzende Veroffentlichungen
Die Tempellegende und die Goldene Legende
als symbolischer Ausdruck vergangener und zuktinftiger Entwickelungsgeheimnisse
des Menschen, Aus den Inhalten der Esoterischen Schule
Zwanzig Vortrage, gehalten in Berlin zwischen dem 23. Mai 1904
und dem 2. Januar 1906 GA 93
Grundelemente der Esoterik
Notizen von einem esoterischen Lehrgang in Form von 31 Vortragen,
gehalten in Berlin vom 26. September bis 5. November 1905 GA 93 a
Anweisungen fur eine esoterische Schulung
ehem. GA 245, jetzt Sonderausgabe mit Texten aus GA 264 bis 268
RUDOLF STEINER
Zur Geschichte und aus den Inhalten
der ersten Abteilung
der Esoterischen Schule
1904 - 1914
Briefe, Rundbriefe, Dokumente und Vortrage
1996
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1984
2. Auflage, neu durchgesehen und erweitert um den Anhang
Gesamtausgabe Dornach 1996
Sonstige Veroffentlichungen
Vortrag Berlin 29. 1. 1906 in «Ursprungsimpulse der
Geisteswissenschaft», GA 96
Vortrage Leipzig 25. 4. 1906 und Dusseldorf 7. 3. 1907 in
«Das christliche Mysterium», GA 97
Ansprache Berlin 15. 12. 1911 «Ein durch Rudolf Steiner
gegebener Zukunftsimpuls», private Vervielfaltigung, Dornach 1947, 1984
Aufsatz Berlin 1907 (o. M.) in «Luzifer-Gnosis», Nr. 33, Berlin 1907,
in «Luzifer-Gnosis», GA 34
Bibliographie-Nr. 264
Einbandgestaltung von Benedikt Marzahn
Die Zeichnungen auf den Seiten 203, 204, 349 und 350 sind iibertragen
nach den uberlieferten Unterlagen; alle iibrigen Zeichnungen sind nach
den Originalen Rudolf Steiners wiedergegeben.
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1984 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Satz: Kooperative Diirnau, Diirnau
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-2640-3
ZU DIESER AUSGABE
Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil der Gesamtausgabe der Werke
Rudolf Steiners, die sich in die drei groften Abteilungen Schriften - Vortrage
- kiinstlerisches Werk gliedert (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Rudolf Steiner (1861-1925) vertrat seine anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft von 1900 an bis zu seinem Tode durch Publikationen,
zahlreiche Vortrage und Vortragskurse. Auf Ersuchen von deutschen Theo-
sophen hatte er sein geisteswissenschaftliches Wirken im Zusammenhang
mit der 1875 von der Russin Helena Petrowna Blavatsky u.a. begriindeten
Theosophical Society begonnen, deren deutsche Sektion im Jahre 1902 mit
ihm als Generalsekretar begriindet und von ihm aufgebaut wurde. Als es
zehn Jahre spater (1912/13) aufgrund von schwerwiegenden Differenzen
mit der Zentralleitung in Indien zum Ausschlufi der deutschen Sektion kam,
verselbstandigte sich diese als Anthroposophische Gesellschaft.
Neben der Publikations- und Vortragstatigkeit lehrte Rudolf Steiner
auflerdem in seiner Esoterischen Schule. Diese bestand vom Jahre 1904 an
in drei Abteilungen, bis sie durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im
Sommer 1914 eingestellt wurde. Erst zehn Jahre spater wurde sie im Zusam-
menhang mit der notwendig gewordenen Neuordnung des ganzen anthro-
posophischen Lebens neu begriindet. Dem Verlangen der Zeit nach voller
Offentlichkeit entsprechend sollte sie nunmehr als «Freie Hochschule fur
Geisteswissenschaft am Goetheanum» mit drei esoterischen Klassen sowie
wissenschaftlichen und kunstlerischen Sektionen eingerichtet werden.^ Da
Rudolf Steiner jedoch schon im Herbst darauf schwer erkrankte und im
Friihjahr 1925 starb, hatte er nur noch die ersten Einrichtungen konkretisie-
ren konnen. Und so wurde die Einrichtung einer Freien Hochschule fur
Geisteswissenschaft der letzte entscheidende Schritt in seinem lebenslangen
Bemuhen, die moderne Initiationswissenschaft im offentlichen Kulturleben
zu verankern.
Mit der Verwaltung der stenographischen oder sonstigen Mitschriften
seiner vielen Vortrage und der fur die Herausgabe notwendigen Durch-
sicht der Texte hatte er von Anfang an Marie Steiner- von Sivers (1867-
1948) betraut und sie auch testamentarisch zur Erbin seines literarischen
1) Siehe «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien
Hochschule fur Geisteswissenschaft ...», GA 260a.
und kunstlerischen Nachlasses eingesetzt. Sie begriindete einige Jahre vor
ihrem Tode fur die Weiterfuhrung ihrer Aufgabe die «Rudolf Steiner-Nach-
lafiverwaltung», die vor allem die notwendige Rudolf Steiner-Gesamtausga-
be schaffen sollte. Nach den von ihr dafiir gegebenen Richtlinien ist auch
das esoterische Lehrgut in die Gesamtausgabe einzugliedern, mit dessen
Veroffentlichung sie selbst noch begonnen hatte. Entsprechende Dokumen-
tensammlungen erscheinen innerhalb der Reihe «Ver6ffentlichungen zur
Geschichte und aus den Inhalten der Esoterischen Lehrtatigkeit» (siehe die
Ubersicht auf Seite 2).
Die vorliegende Dokumentation bildet den Beginn dieser Reihe. Die
darin zusammengefafiten Dokumente sind zwar zahlreich, doch konnen
sie fur sich allein kein ganzheitliches Bild vermitteln. Darum war es,
entgegen der sonst geiibten Praxis kommentarloser Editionen innerhalb
der Gesamtausgabe, notwendig, sie durch entsprechende Kommentare mit
ihrem historisch-sachlichen Zusammenhang zu verbinden. Gleichwohl gilt
es zu beriicksichtigen, dafi das, was schriftlich erhalten geblieben ist, nur
einen Teil dieser Zusammenhange, hauptsachlich die geschichtlichen,
beleuchten kann, da das Hauptsachliche in der damaligen Esoterischen Schu-
le auf einem persdnlichen Lehrer-Schiiler-Verhaltnis beruhte.
In besonderem Mafie gilt fur diese Publikationen, was Rudolf Steiner
zur Beurteilung seiner urspriinglich nicht zum Druck bestimmten Ausfiih-
rungen als Urteils-Voraussetzung geltend machte: «mindestens die anthro-
posophische Erkenntnis des Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen
in der Anthroposophie dargestellt wird, und dessen, was als <anthroposo-
phische Geschichto in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.»
(In «Mein Lebensgang», siehe Seite 505 dieses Bandes).
Die Einfugungen in den Texten von Rudolf Steiner, die in runden Klam-
mern ( ) stehen, finden sich so in den Textunterlagen; Einfugungen des
Herausgebers stehen dagegen in eckigen Klammern [ ].
GA = Rudolf Steiner Gesamtausgabe
Fur die Anderungen gegeniiber der vorherigen Auflage siehe S. 496.
INHALT
Zur Einfiihrung:
Rudolf Steiners Stellung in der Geschichte der okkulten Bewegung:
Freie Esoterik - eine Frage der Methodik (Hella Wiesberger) 9
I
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
UND AUS DEM LEHRGUT DER ERSTEN ABTEILUNG
DER ESOTERISCHEN SCHULE
1904 - 1914
Vorbemerkungen des Herausgebers (Vom Aufbau / Die Regeln /
Das Lehrgut / Von der Lehrweise in der Esoterischen Schule) .... 21
Briefe an esoterische Schiiler mit Ubungen 37
Allgemeine Regeln der Schule 129
Individuell gegebene Ubungen 157
Aus dem Lehrgut iiber die Meister der Weisheit und des Zusammen-
klanges der Empfindungen 199
Anhang: Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der
Empfindungen im Werk Rudolf Steiners (Hella Wiesberger) 241
II
ZUR GESCHICHTE DER GLIEDERUNG
DER ESOTERIC SCHOOL OF THEOSOPHY
IN EINE OSTLICHE UND WESTLICHE SCHULE
IM JAHRE 1907
Vorbemerkungen des Herausgebers 263
Drei Briefe
im Zusammenhang mit dem sogenannten Fall Leadbeater, durch
den die Trennung von der Esoteric School of Theosophy eingeleitet
wurde 275
Elf Briefe und ein Aufsatz
im Zusammenhang mit der Wahl von Annie Besant, Leiterin der
Esoterischen Schule, zur Prasidentin der Theosophischen Gesell-
schaft, was zur Trennung von der Esoteric School fuhrte 287
Aus esoterischen Stunden iiber ostlichen und westlichen Okkultismus 321
III
DAS VERHALTNIS VON BEWEGUNG,
ESOTERISCHER SCHULE, GESELLSCHAFT
Vorbemerkungen des Herausgebers 345
Nachschriften und Notizen von sieben Vortragen und Ansprachen 353
IV
ANHANG
Vorbemerkungen des Herausgebers 439
A. Erlauterungen zu «Licht auf den Weg» von Mabel Collins .... 441
B. Erlauterungen zu «Die Stimme der Stille» von H. P. Blavatsky . . 453
C. Aus «Die Stimme der Stille» von H. P. Blavatsky 462
D. Zkat aus H. P. Blavatsky, E.S. Instruction No. Ill 467
E. Notizen zu Ausfuhrungen von C. A. Walleen 468
Schlufiwort des Herausgebers 469
Personenregister mit biographischen Angaben
zu den in den Texten von Rudolf Steiner genannten Namen 479
Verzeichnis der Briefe, Dokumente und Vortrage 497
Chronologisches Register der im Text nicht nachgewiesenen Vortrage 501
Aus Rudolf Steiners Autobiographic «Mein Lebensgang» 505
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 507
7,ur Einfiihrung
RUDOLF STEINERS STELLUNG
IN DER GESCHICHTE DER OKKULTEN BEWEGUNG
Freie Esoterik - eine Frage der Methodik
Rudolf Steiner ist der bahnbrechende Fuhrer geworden
auf dem Gebiete der Esoterik, auf dem durch ihn der
Mensch der Freiheit ubergeben werden sollte. ^
Als erster moderner Wissenschaftler des Ubersinnlichen war Rudolf Stei-
ner ganz auf sich gestellt, Stets lehrte er nur, was er aus personlicher Erfah-
rung geben und verantworten konnte. Seiner Zeit weit vorausschauend,
hatte er erkannt, dafi die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert nicht nur ein
neues Jahrhundert, sondern ein vollig neues Zeitalter einleket, in dem die
Menschheit sich mit sozialen Umwalzungen ungeahnten Ausmafies werde
konfrontiert sehen. Mit dem immer starker einsetzenden Individualbe-
wufksein werde ein ungeheures Ringen um Freiheit beginnen; durch die
immer lebensbeherrschender werdende agnostisch-pragmatische Denk-
weise der mechanisch-materialistischen Wissenschaften werden zwar grofie
technisch-wirtschaftliche Fortschritte erzielt werden, aber zugleich die
letzten Reste des altvererbten Wissens vom Zusammenhang mit der Welt
des Schopferisch-Geistigen als dem wahren Urgrund und Ziel alien Daseins
verlorengehen. Die unausbleibliche Folge davon miissen weltweite geistige
Verodung und das Gefuhl von Sinnlosigkeit des Lebens werden.
Aus dieser Einsicht gewann Rudolf Steiner die Uberzeugung, dafi die-
sem um des allgemeinen Fortschrittes notwendigen geschichtlichen Prozefi
nur durch eines begegnet werden konne: durch eine im modernen Indivi-
dualbewufksein wurzelnde, aber wiederum nach dem Schopferisch-
Geistigen orientierte neue Welt- und Lebensanschauung. Und so ent-
wickelte er aus seinem personlichen Erfahrungswissen von der iibersinnli-
chen Welt- und Lebensbestimmung die moderne Geisteswissenschaft
«Anthroposophie» und lebte und lehrte dem Geiste der neuen Zeit gemaft
nach dem Grundsatz: Freiheit durch modernen Wissenschaftsgeist auch
auf dem Gebiete des Ubersinnlichen, der Esoterik.
i) Marie Steiner, Vorwort zu Rudolf Steiner «Die Stufen der hoheren Erkenntnis», GA 12.
Mit dieser Grundintention bewirkte er zugleich einen Wendepunkt in
der Geschichte der okkulten Bewegung. Denn deren Weisheitsgut stammte
aus anderen Bewufkseinsquellen. Es ging zuriick auf die sogenannte Ur-
weisheit, die der Menschheit in Urwelttagen geoffenbart worden war und
ihr eine sehr weitgehende Beherrschung der materiellen Daseinskrafte er-
moglicht hatte. Solange der Mensch noch ohne Eigenverantwortlichkeit in
voller Ubereinstimmung mit den Intentionen der spirituellen Welten han-
delte, bildete diese Weisheit ein allgemeines Wissensgut. Als aber auf dem
Wege zur Personlichkeitsbildung der Egoismus auftrat und die selbstver-
standliche Verbindung mit den iibersinnlichen Welten mehr und mehr da-
hinschwand, muike das machtverleihende iibersinnliche Wissen vor Mifi-
brauch geschiitzt werden. Es wurde in die Mysterien zuruckgezogen. Von
da aus bestimmte es aber noch lange, bis in die Anfange der christlichen
Zeit hinein, das offentliche Kulturleben. Erst als durch das Christentum
und den heraufziehenden Intellektualismus sich das fortschrittliche Kultur-
bewufksein immer starker nur auf die Erkenntnis der materiellen Weltge-
setze richtete, verloren die alten Mysterien nach und nach ihre dominieren-
de Stellung und wurden schliefilich als offentliche Institutionen ausgerot-
tet. Seitdem konnte die alte Mysterienweisheit nur noch in geheimen en-
gen Zirkeln gepflegt werden. Dort war sie streng behiitet worden, bis im
19. Jahrhundert die Zeichen der Zeit forderten, dem ausschliefilich
materialistisch-agnostischen Kulturdenken einen spirituellen Gegenpol zu
schaffen.
Diese Aufgabe hatte eine Frage erzeugt, die zu einem schwerwiegenden
Problem fur die okkulte Bewegung des 19. Jahrhunderts geworden war. Es
war die Frage, ob unter diesen Umstanden das Weisheitsgut noch weiter-
hin geheimgehalten werden soli, oder ob es nicht richtiger ware, es zu po-
pularisieren. Diese Frage ruhrte so tief an den Lebensnerv der bisher geiib-
ten Arbeitsweise - da man ja seit altersher verpflichtet war, die hoheren
Wahrheiten nur an entsprechend Vorbereitete weiterzugeben, um sie vor
Mifibrauch zu schiitzen -, dafi man sich nicht sofort zu einer Popularisie-
rung entschlieften konnte. Man versuchte es mit der Kompromiftlosung,
zuerst einmal gewissermafien zu testen, wie das offentliche Bewufitsein auf
die Kunde von der Existenz geistiger Welten und Wesen uberhaupt rea-
gieren wurde. So kam es zu den Kundgebungen der spiritistisch-
mediumistischen Bewegung der vierziger bis siebziger Jahre des 19. Jahr-
hunderts. Das Ergebnis war allerdings anders als erwartet, doch war der
Damm der strengen Geheimhaltung durchbrochen und so wurde es nun
doch unumganglich, wenigstens die Grundwahrheiten zu popularisieren.
Dies geschah iiber die im Jahre 1875 durch die Russin Helena Petrowna
Blavatsky und den Amerikaner Henry Steel Olcott gegriindete Theosophi-
sche Gesellschaft.
Zwar hatten diese beiden Versuche zu aufsehenerregenden Bewegungen
gefiihrt, mufiten im tieferen Sinne aber doch als gescheitert gelten, vor-
nehmlich, weil das kulturbestimmende naturwissenschaftliche Denken den
medialen Weg als unwissenschaftlich ablehnte. Dies war insofern berech-
tigt, als der mediale Weg nicht nur ein Zuriickkehren zu fruheren Bewufit-
seinsstufen, sondern auch eine Beeintrachtigung des freien Selbstbestim-
mungsrechtes bedeutete. Andererseits war der Mediumismus die einzige
bis dahin bestehende Methode fur ubersinnliches Forschen. ^
Wahrend man so in der okkulten Bewegung noch am Ende des 19. Jahr-
hunderts diesem Dilemma gegentiberstand, war das Problem durch Rudolf
Steiner auf seinem ganz individuellen Geistesweg gelost worden. Dem
Ubersinnlichen nicht iiber die in den Geheimgesellschaften bewahrten tra-
ditionellen Lehren, sondern seit seiner Kindheit durch eigenes Erleben
ganz selbstverstandlich verbunden, und aufgrund seines naturwissenschaft-
lichen Bildungsganges auch die mechanisch-materialistische Denkweise der
Wissenschaften beherrschend, hatte er die entscheidende Erkenntnis ge-
wonnen, dafi sich ubersinnliches Wissen und Wesen nur dann heilsam mit
dem modernen Kulturbewufitsein werde verbinden lassen, wenn die Me-
thode ebensolche Sicherheit und Unabhangigkeit gewahren konne, wie
dies in der modernen Naturforschung der Fall ist.
Aufgrund dieser Erkenntnis hatte er es sich zu seiner ersten Aufgabe ge-
macht, eine ganz auf naturwissenschaftlichen Prinzipien beruhende Metho-
de fur ubersinnliches Forschen zu entwickeln. Auf dem Wege strenger
Selbstschulung vom sinnlichkeitserfiillten zum sinnlichkeitsfreien Denken
fand er die notwendige Wissenssicherheit iiber das Geistige als solches. Zu-
gleich entdeckte er die Freiheit als reales Erlebnis und als Trager des eigent-
lichen Sittlichen. So wurde ihm das sinnlichkeitsfreie Denken zum Ansatz-
punkt fur eine wissenschaftlich klare Verbindung zur ubersinnlichen Welt
und zu einer Wissenschaft der Freiheit als Grundlage eines «ethischen Indi-
vidualismus».
1) Eingehend dargestellt in «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Beziehung
zur Weltkultur», GA 254. Vgl. auch «Spirituelle Seelenlehre und Weltbetrachtung», GA 52.
Das konsequent weitergebildete Erleben vom Wesen des Ich fiihrte im
weiteren zur Erkenntnis des makrokosmischen Reprasentanten der Ich-
heit, des Christus-Geistes, dessen Natur sich in wahrer Freiheit und Liebe
offenbart. Somit hatte sich Rudolf Steiner auch einen Weg gebahnt zum
zeitgemaflen Verstandnis der beiden grolken christlichen Ideale, Freiheit
und Liebe, wie sie sich dann spater immer wieder von ihm dargelegt finden
als die Grundimpulse des Mittelpunktsereignisses der Menschheitsentwick-
lung, des Mysteriums von Golgatha und der damit zusammenhangenden
tiefsten Aufgabe der Menschheit: die Erde zu einem Kosmos der Freiheit
und Liebe zu gestalten (Dusseldorf, 18. April 1909).
Auf dieses Verhaltnis von Menschen-Ich und Welten-Ich weist die spate-
re Aufierung, daft der ethische Individualismus der «Philosophie der Frei-
heit* bereits auf den Christus-Impuls gebaut ist, auch wenn dies dort nicht
direkt ausgesprochen ist (Dornach, 24. Mai 1920), sowie die andere Aufie-
rung, daft es in der Gegenwart keinen anderen Weg gebe, «urspriingliche
Initiationsweisheit unmittelbar mitzuteilen, als wenn man die Gemein-
schaft mit dem Christus halt» (Stuttgart, 7. Marz 1920).
Aufgrund dieser Gemeinschaft mit der iiber das sinnlichkeitsfreie Den-
ken erreichten «Emanzipation des hoheren Menschheitsbewufkseins von
den Fesseln jeglicher Autoritat^ hatte sich Rudolf Steiner die Voraus-
setzung errungen fur eine gesunde Befreiung der Esoterik aus der Epoche
ihrer Bindung an besondere Kreise. Vermochte man friiher nur bei herab-
gedampftem Bewufitsein unter der Leitung eines geistigen Fiihrers, dessen
Autoritat bedingungslos anzuerkennen war, zu der Welt der geistigen Rea-
litaten vorzudringen, so vermag dies heute durch Rudolf Steiners Pionier-
tat jeder ernsthaft Strebende bei klarem Bewufksein und in freier Selbst-
verantwortung.
Die einzige damit verbundene Forderung, die jedoch ein jeder an sich
selbst zu stellen hat, ist seelisch-geistige Aktivitat. Sie ist nicht nur fur den
individuellen, sondern ebenso fur den allgemeinen Fortschritt unerlafilich,
sogar so weitgehend, dafi die Zivilisation untergehen mufi, wenn nicht je-
der Einzelne gewillt wird, durch die neuen Geist-Erkenntnisse der Zivilisa-
tion einen neuen Antrieb zu geben. Dies wurde von Rudolf Steiner schon
vor mehr als sechs Jahrzehnten ausgesprochen (Dornach, 2, Juli 1920).
Gerade durch diesen im Hinblick auf die soziale Mitverantwortlichkeit
zu aktivierenden Willen des Einzelnen unterscheidet sich die anthroposo-
l) Brief an Rosa Mayreder vom 14. Dezember 1893, in «Briefe II», Dornach 1953 (GA 39).
phisch orientierte Geisteswissenschaft aber auch grundsatzlich von der in
der okkulten Bewegung bewahrten alten Weisheit. Denn aus deren Vor-
stellungen, die hervorgegangen sind aus den Offenbarungen einer Mensch-
heitsepoche, die noch im Gruppenbewufitsein wurzelte, konnen keine
neuen tragenden Sozialimpulse mehr kommen. Andererseits ist ohne In-
itiationserkenntnis kein soziales Denken zu entwickeln. Darum versteht
sich die Anthroposophie aus sozialer Notwendigkeit als Instrument neuer
Geistesoffenbarungen, die mit dem Personlichkeitsbewufitsein rechnen.
Diese neuen Offenbarungen, wie sie insbesondere seit dem Ablauf des Kali
Yuga im Jahre 1899 eingesetzt haben, der Menschheit verstandlich zu ma-
chen und durch sie den Sinn des grofiten Menschheitsereignisses, des My-
steriums von Golgatha, neu zu erschliefien, war zu einer kulturgeschichtli-
chen Aufgabe geworden, der sich Rudolf Steiner stellte und von der er ein-
mal sagte: «Wer die Anthroposophie nicht in diesem Sinne versteht, der
versteht sie uberhaupt nicht. » (Dornach, 20. Dezember 1918). Darum ap-
pellierte er in der Zeit, in der er begonnen hatte, seine Sozialerkenntnisse
vorzutragen, an das Unterscheidungsvermogen in den eigenen Reihen, in-
dem er darauf aufmerksam machte:
«Wo redet man denn in einer wirklich modern eingreifenden Weise, so
dafi es der Wirklichkeit angepafit ist, iiber die brennenden Fragen der
Gegenwart? Aus den Ritualien und Vorschriften der einen oder anderen
Maurerei- oder Konfessionsgemeinschaft werden Sie diese Dinge nicht
herausfinden konnen. Da mochte man, dafi ein Unterscheidungsvermo-
gen Platz griffe!» (Dornach, 15. Dezember 1918).
In diesem selben Zusammenhang machte er auch geltend, dafi die von
ihm vertretene Geistesstromung nie von irgendeiner anderen abhangig
gewesen sei und dafi er darum auch niemandem gegeniiber verpflichtet sei,
etwas, wovon er selbst finde, dafi es in der Gegenwart gesagt werden solle,
zu verschweigen:
«Ein Gebot des Verschweigens gibt es bei demjenigen nicht, der nieman-
dem gegeniiber mit Bezug auf sein geistiges Gut verpflichtet ist. Das gibt
schon die Grundlage fur die Unterscheidung dieser Bewegung von ande-
ren Bewegungen. Denn wer jemals behaupten sollte, dafi dasjenige, was
innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft ver-
kiindet wird, anders verkiindet wird als im Sinne des in meiner «Theoso-
phie» stehenden Wortes, dafi ich rein personlich dafur eintrete, der mag
meinetwillen die Verhaltnisse nicht kennen und oftmals nicht dagewe-
sen sein, sondern sie von aufien ansehen, er verkiindet aber die Unwahr-
heit, aus Boswilligkeit oder nicht aus Boswilligkeit. Wer aber oftmals bei
uns war und anderes sagt, etwa irgendeine Vergangenheit oder einen Zu-
sammenhang dieser geistigen Bewegung mit einer anderen konstatiert,
wenn er die Verhaltnisse hier kennt, der lugt. Das ist es, um was es sich
handelt. Entweder wird er aus Unkenntnis der Verhaltnisse die Un-
wahrheit sagen oder es wird bei Kenntnis der Verhaltnisse gelogen. So
ist auch alle Gegnerschaft gegen diese Bewegung aufzufassen.
Deshalb mufi ich immer wieder betonen: Ich habe nur dasjenige zu
verschweigen, von dem ich weifi, dafi es der gegenwartigen Menschheit
wegen ihrer Unreife noch nicht mitgeteilt werden kann. Aber ich habe
nichts aus irgendeinem Grunde zu verschweigen, weil jemandem gegen-
iiber ein Gelobnis oder dergleichen abgelegt worden ware. Niemals ist in
diese Bewegung etwas eingeflossen, was von einer anderen Seite gekom-
men ware. Diese Bewegung war geistig nie abhangig von einer anderen;
die Zusammenhange waren nur aufiere.» (Dornach, 15. Dezember 1918).
Aufgrund dieser Aussage stellt sich die Frage, warum Rudolf Steiner sich
dann iiberhaupt an andere Bewegungen angeschlossen hat, wenn er sich
doch verpflichtet fuhlte, sowohl die alte Geheimhaltungspraxis wie auch
die alte Forschungsmethode abzulehnen?
Dieser Widerspruch lost sich nur, wenn die beiden Hauptgesetze des eso-
terischen Lebens berucksichtigt werden, denen Rudolf Steiner immer so weit
als nur irgend moglich nachzukommen suchte. Es sind dies die beiden Gebo-
te nach absoluter Wahrhaftigkeit und nach Aufrechterhaltung der Kontinui-
tat. Diese beiden Gesetze stellte Rudolf Steiner seinen esoterischen Schulern
immer wieder vor die Seele. ^ Er selbst folgte dem Gebot unbedingter Wahr-
haftigkeit, indem er nur lehrte, was er durch eigene Forschung fur wahr er-
kannt hatte, und dem Gebot der Kontinuitat, indem er nicht einfach etwas
volligNeues, Vollkommeneres an die Stellevon Unvollkommenerem setzte,
sondern iiberall an schon Bestehendes ankniipfte und es in ein Vollkommene-
res umzuwandeln suchte. Ihm bedeutete dies, den tiefsten christhchen Gedan-
ken, den der Auferstehung, im Bereiche der Vorstellungen lebendig zu ma-
chen. Wenn man so in sich das lebendige Fortleben der Gegenwart erlebe und
dadurch das Christus-Wort erfiille, nicht nur an die Leiber mit dem Blute,
i) Uberliefert von einem Angehorigen der esoterischen Arbeitskreise, von Adolf Arenson, in
einem Brief vom 24. Dezember 1926 an Albert Steffen.
sondern an die Seelen mit dem Geiste anzukniipfen, so konne dies ein Weg zur
Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha werden (Berlin, 24. April 1917).
Vieles wiirde nach Rudolf Steiners Uberzeugung gewonnen werden,
wenn in diesem Sinne die spater Lebenden sich an den Verstorbenen orien-
tieren wurden, urn dadurch die Kontinuitat in der Entwicklung bewufit
aufrechtzuerhalten. Er selbst habe, als er iiber Goethe schrieb, von seiner
eigenen Meinung vollig abgesehen und versucht, nur die Gedanken auszu-
driicken, die aus Goethe kommen konnten; er habe eine Erkenntnistheorie
der Goetheschen, nicht seiner Weltanschauung geschrieben. Ebenso wie in
die Gedankenwelt von Goethe, so sei er auch in die von Nietzsche und
Haeckel untergetaucht, da man zu wirklicher Erkenntnis nur gelangen
konne, wenn man nicht den eigenen Standpunkt absolut vertreten wolle,
sondern in fremde Geistesstromungen untertauche. Und erst, nachdem er
sich durch zwei Jahrzehnte hindurch bemiiht hatte, aus solcher Einsicht zu
wirken, um sich gewissermaften erst die Berechtigung zu erwerben, auf die
Lebenden wirken zu diirfen, trat er fur die offentliche Verbreitung der Gei-
steswissenschaft ein. Denn nun konnte niemand mehr mit Recht behaup-
ten, «dieser Okkultist spricht von der geistigen Welt, weil er die philoso-
phischen und naturwissenschaftlichen Errungenschaften der Zeit nicht
kennt». ^
Dieser fur das gewohnliche Denken und Empfinden so ungewohnliche
Weg Rudolf Steiners konnte von Gegnern iiberhaupt nicht, und sogar von
Freunden seiner geisteswissenschaftlichen Weltanschauung nur schwer ver-
standen werden. Weil er sich dieser Schwierigkeit bewufit war, bemuhte er
sich von Zeit zu Zeit immer wieder, wenigstens seinen anthroposophi-
schen Freunden klarzumachen, dafi die von ihm vertretene Geistesstro-
mung nie von einer anderen abhangig war und dafi gewisse Zusammenhan-
ge nur aufierliche gewesen waren. Er gebe zwar zu, dafi die Unterscheidung
aufgrund der historischen Vorgange erschwert sei. Doch wenn es auch au-
fierlich gesehen vielleicht gescheiter gewesen ware, die Anthroposophische
Gesellschaft ohne irgendeine Beziehung zu anderen Gesellschaften zu be-
grunden, so seien die Beziehungen doch schicksalsmafiig gerechtfertigt ge-
wesen (Dornach, 15. Dezember 1918).
Diese Bemerkung macht deutlich, dafi der seinerzeitige Anschluft an an-
dere Gesellschaften begriindet war in dem Spannungsverhaltnis der Polari-
1) Siehe die autobiographische Skizze von 1907 in «Briefwechsel und Dokumente 1901 -
1925», GA 262; ferner den Vortrag Zurich, 3. Dezember 1916.
tat Freiheit und Liebe in ihrer fiir das esoterische Leben geltenden Form
von Wahrhaftigkeit und Kontinuitat. Wahrheits- und Erkenntnisstreben
bedarf der Freiheit, gleichzeitig aber soil das als wahr Erkannte sich briider-
lich mit dem in der Welt schon Bestehenden verbinden. Es ist einleuch-
tend, daft selbst Rudolf Steiners starke Kraft den Pol eines freien wahrhafti-
gen Erkenntnislebens mit dem Pol der Kontinuitat als Briiderlichkeit nicht
immer auszugleichen vermochte. Dies war objektiv schon darum nicht
moglich, weil an dem Pol der Kontinuitat die Welt beteiligt ist und gerade
diese von ihm aufgrund seines Freiheits- und Liebe-Ideales in einem weit
iiber das Normale hinausgehenden Mafie respektiert worden ist. Jedoch
Briiderlichkeit auf Kosten der Wahrhaftigkeit zu pflegen war ihm nicht
moglich. Als dies in der Theosophischen Gesellschaft zum Problem gewor-
den war, kam es zur Trennung.
Nur wenn man Rudolf Steiners subtiles Verhalten gegeniiber den beiden
Polen des esoterischen Lebens nicht beriicksichtigt, kann das zu Miftver-
standnissen und Mifturteilen in bezug auf seine geistige Unabhangigkeit
fiihren. Aber iiber alle derartigen Tagesurteile hinweg wird sich immer
mehr die historische Bedeutung seiner Kulturtat erharten, die gerade darin
liegt, mit seiner Methode zur Erforschung der iibersinnlichen Wirklichkei-
ten eine Wissenschaft geschaffen zu haben, durch die Freiheit auch auf dem
Gebiete der Esoterik moglich wurde.
Hier konnte eingewendet werden, daft Rudolf Steiner mit seiner Esoteri-
schen Schule aber doch auch Geheimhaltung praktiziert habe. Dieser Ein-
wand ware jedoch nicht berechtigt. Denn fiir Rudolf Steiner hat es sich nie,
auch nicht in der Esoterischen Schule, um Geheimhaltung im ublichen Sin-
ne gehandelt. Ihm ging es stets nur um die Wahrung echt wissenschaftli-
chen Geistes, der im offentlichen Bildungsleben ganz selbstverstandlich be-
dingt, daft seridses Wissen nur stufenweise vermittelt werden kann. Zum
Beispiel kann niemandem hohere Geometrie vorgetragen werden, wenn er
nicht die Grundlagen kennt. Wahrend dies in bezug auf die Geometrie je-
dermann klar ist, herrscht in bezug auf die iibersinnlichen Erkenntnisse
der weitverbreitete Glaube, daft man auf diesem Gebiete ohne irgendwel-
che Voraussetzungen alles verstehen und beurteilen konne.
Einzig im Sinne dieses sachlich bedingten stufenweisen Lehrens gliederte
sich Rudolf Steiners Lehrtatigkeit von der vollig voraussetzungslosen of-
fentlichen zu derjenigen mit Voraussetzungen. Ihre gemeinsame Wurzel
hatten alle Lehrstufen in dem, was er vor dem offentlichen Beginn seiner
Wirksamkeit fur eine Wissenschaft des Ubersinnlichen als seine «Inaugura-
tionstat» bezeichnete:
«Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermoglicht, <Geistesschiiler> auf
die Bahn der Entwickelung zu bringen. Das wird meine Inaugurations-
tat allein bedeuten miissen».1)
Die Esoterische Schule diente dem insofern in besonderer Weise, weil
hier die Schiiler nach ihren individuellen Veranlagungen und Bediirfnissen
belehrt wurden. Doch bei der Neubegriindung der Esoterischen Schule als
«Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft» im Jahre 1924 wurde nun auch
der esoterische Unterricht streng methodisch und allgemein giiltig aufge-
baut. Allerdings konnte dies nur fiir die erste Klasse durchgefuhrt werden.
Das Versagen der physischen Krafte im Herbst 1924 machte es Rudolf Stei-
ner unmoglich, sein grofiangelegtes letztes Werk zu vollenden.
1) Brief vom 16. August 1902 an den damaligen Reprasentanten der deutschen Theosophen,
Wilhelm Hiibbe-Schleiden (in «Briefe II», bisher nur in Ausgabe Dornach 1953).
I
ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
UND AUS DEM LEHRGUT
DER ERSTEN ABTEILUNG
DER ESOTERISCHEN SCHULE
1904 - 1914
Vorbemerkungen des Herausgebers
Bei der Neubegriindung der Anthroposophischen Gesellschaft zu Weih-
nachten 1923/24 sprach Rudolf Steiner von seinem Plan, die neue esoteri-
sche Schule kiinftig als «Freie Hochschule fiir Geisteswissenschaft» mit drei
Klassen einzurichten und wies darauf hin, daft solche drei Klassen schon
friiher dagewesen seien, nur in einer etwas anderen Form. Es waren dies die
drei Arbeitskreise oder Abteilungen der Esoterischen Schule, wie sie von
1904 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 bestanden
hatten. Getreu dem Gebot, soweit wie nur moglich Kontinuitat zu wahren,
hatte er auch fiir diese Kreise an damals schon Bestehendes angekniipft, das
in der Richtung seiner eigenen Intentionen lag: fiir den ersten Kreis an die
Esoteric School of Theosophy der Theosophischen Gesellschaft, fiir den
zweiten und dritten Kreis, aus denen sich die erkenntniskultische Abtei-
lung bildete, an eine Gesellschaft mit maurerischen Kultformen.1*
Vom Aufbau
Die Esoteric School of Theosophy - abgekiirzt E.S.T. oder E.S. genannt -
war im Jahre 1888 durch H.P. Blavatsky eingerichtet worden und stand bis
zu ihrem Tode im Jahre 1891 unter ihrer alleinigen Leitung. Danach iiber-
nahmen zuerst Annie Besant und W. Q. Judge gemeinsam, ab 1 895 A. Besant
allein die Leitung.2) Die wenigen deutschen Theosophen, sofern sie esoteri-
sche Schulung suchten, waren dieser E.S. in London angeschlossen. Erst
durch Rudolf Steiner wurde zusammen mit der deutschen Gesellschaft auch
eine deutsche Esoterische Schule aufgebaut.
Uber den sukzessiven Aufbau des anfanglich an die E.S.T. angeschlosse-
nen ersten Kreises lafk sich heute noch folgendes rekonstruieren.
Am 20. Oktober 1902 wurde offiziell die deutsche Sektion der Theoso-
phischen Gesellschaft, Sitz Berlin, mit Rudolf Steiner als Generalsekretar
und Marie von Sivers als Sekretar begriindet. Annie Besant, eine der aktiv-
sten Reprasentanten der Theosophical Society und damalige Leiterin der
1) Siehe «Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskuJtischen Abteiung der Esoteri-
schen Schule*, GA 265.
2) Zur Entstehungsgeschichte der E.S.T. siehe die Vorbemerkungen zum zweiten Teil des
vorliegenden Bandes.
Esoteric School, kam nach Berlin und iiberbrachte die Stiftungsurkunde.
Bei dieser Gelegenheit liefi sich Rudolf Steiner von ihr in die E.S. aufneh-
men.1* Er berichtet dariiber in seinem «Lebensgang» (32. Kapitel) wie folgt:
«In diesem Zusammenhang mufi ich etwas besprechen, was von gegneri-
scher Seite, in einen Nebel von Mifiverstandnissen gehiillt, immer wie-
der vorgebracht wird. Aus inneren Griinden brauchte ich gar nicht dar-
iiber zu reden, denn es hat weder auf meinen Entwickelungsgang noch
auf meine offentliche Wirksamkeit einen Einflufi gehabt. Und gegen-
iiber allem, was ich hier zu schildern habe, ist es eine rein «private» An-
gelegenheit geblieben. Es ist meine Aufnahme in die innerhalb der Theo-
sophischen Gesellschaft bestehende «Esoterische Schule».
Diese «Esoterische Schule» ging auf H. P. Blavatsky zuriick. Diese
hatte fiir einen kleinen inneren Kreis der Gesellschaft eine Statte geschaf-
fen, in der sie mitteilte, was sie in der allgemeinen Gesellschaft nicht sa-
gen wollte. Sie hielt es wie andere Kenner der geistigen Welt nicht fiir
moglich, gewisse tiefere Lehren der Allgemeinheit mitzuteilen.
Nun hangt all das zusammen mit der Art, wie H. P. Blavatsky zu ih-
ren Lehren gekommen ist. Es gab ja immer eine Tradition iiber solche
Lehren, die auf alte Mystenen-Schulen zuriickgehen. Diese Tradition
wird in allerlei Gesellschaften gepflegt, die streng dariiber wachen, dafi
von den Lehren aus den Gesellschaften nichts hinausdringe.
Aber von irgendeiner Seite wurde es fiir angemessen gehalten, an
H. P. Blavatsky solche Lehren mitzuteilen. Sie verband dann, was sie da
erhielt, mit Offenbarungen, die ihr im eigenen Innern aufgingen. Denn
sie war eine menschliche Individualist, in der das Geistige durch einen
merkwurdigen Atavismus wirkte, wie es einst bei den Mysterien-Leitern
gewirkt hat, in einem Bewufitseinszustand, der gegeniiber dem moder-
nen von der Bewufitseinsseele durchleuchteten ein ins Traumhafte her-
abgestimmter war. So erneuerte sich in dem «Menschen Blavatsky»
etwas, das in uralter Zeit in den Mysterien heimisch war.
Fiir den modernen Menschen gibt es eine irrtumsfreie Moglichkeit,
zu entscheiden, was von dem Inhalte des geistigen Schauens weiteren
Kreisen mitgeteilt werden kann. Mit allem kann das geschehen, das der
Forschende in solche Ideen kleiden kann, wie sie der Bewufkseinsseele
eigen und wie sie ihrer Art nach auch in der anerkannten Wissenschaft
zur Geltung kommen.
1) Am 23. Oktober 1902. Marie von Sivers war schon friiher Mitglied der E.S.T. geworden.
Nicht so steht die Sache, wenn die Geist-Erkenntnis nicht in der Be-
wufkseinsseele lebt, sondern in mehr unterbewufken Seelenkraften. Die-
se sind nicht geniigend unabhangig von den im Korperlichen wirkenden
Kraften. Deshalb kann fiir Lehren, die so aus unterbewufken Regionen
geholt werden, die Mitteilung gefahrlich werden. Denn solche Lehren
konnen ja nur wieder von dem Unterbewufken aufgenommen werden.
Und Lehrer und Lernender bewegen sich da auf einem Gebiete, wo das,
was dem Menschen heilsam, was schadlich ist, sehr sorgfaltig behandelt
werden mufi.
Das alles kommt fiir Anthroposophie deshalb nicht in Betracht, weil
diese ihre Lehren ganz aus der unbewufken Region heraushebt.
Der innere Kreis der Blavatsky lebte in der «Esoterischen Schule»
fort. - Ich hatte mein anthroposophisches Wirken in die Theosophische
Gesellschaft hineingestellt. Ich mufke deshalb informiert sein iiber alles,
was in derselben vorging. Um dieser Information willen und darum,
weil ich fiir Vorgeschrittene in der anthroposophischen Geist-Erkennt-
nis selbst einen engeren Kreis fiir notwendig hielt, liefi ich mich in die
«Esoterische Schule» aufnehmen. Mein engerer Kreis sollte allerdings ei-
nen andern Sinn als diese Schule haben. Er sollte eine hohere Abteilung,
eine hohere Klasse darstellen fiir diejenigen, die geniigend viel von den
elementaren Erkenntnissen der Anthroposophie aufgenommen hatten. -
Nun wollte ich iiberall an Bestehendes, an historisch Gegebenes an-
kniipfen. So wie ich dies mit Bezug auf die Theosophische Gesellschaft
tat, wollte ich es auch gegeniiber der «Esoterischen Schule» machen.
Deshalb bestand mein «engerer Kreis* auch zunachst in Zusammenhang
mit dieser Schule. Aber der Zusammenhang lag nur in den Einrichtun-
gen, nicht in dem, was ich als Mitteilung aus der Geist-Welt gab. So
nahm sich mein engerer Kreis in den ersten Jahren aufterlich wie eine
Abteilung der «Esoterischen Schule» von Mrs. Besant aus. Innerlich war
er das ganz und gar nicht. Und 1907, als Mrs. Besant bei uns am theoso-
phischen Kongrefi in Miinchen war, horte nach einem zwischen Mrs.
Besant und mir getroffenen Ubereinkommen auch der aufSere Zusam-
menhang vollstandig auf.
DafS ich innerhalb der «Esoterischen Schule» der Mrs. Besant hatte et-
was Besonderes lernen konnen, lag schon deshalb aufter dem Bereich der
Moglichkeit, weil ich von Anfang an nicht an Veranstaltungen dieser
Schule teilnahm, aufkr einigen wenigen, die zu meiner Information, was
vorgeht, dienen sollten.
Es war ja in der Schule damals kein anderer wirklicher Inhalt als derje-
nige, der von H. P. Blavatsky herriihrt, und der war ja schon gedruckt. J)
Aufter diesem Gedruckten gab Mrs. Besant allerlei indische Ubungen
fur den Erkenntnisfortschritt, die ich aber ablehnte.
So war bis 1907 mein engererKreis in einem auf die Einrichtung beziigli-
chen Sinne in einem Zusammenhang mit dem, was Mrs, Besant als einen
solchen Kreis pflegte. Aber es ist ganz unberechtigt, aus diesen Tatsachen
heraus das zu machen, was Gegner daraus gemacht haben. Es wurde ge-
radezu die Absurditat behauptet, ich ware zu der Geist-Erkenntnis iiber-
haupt nur durch die esoterische Schule von Mrs. Besant gefiihrt worden.»
Die im erstenTeil dieses Bandes zusammengefalken Briefe dokumentieren,
dafi Rudolf Steiner unmittelbar nach der Begriindung der deutschen Sektion
um esoterische Anweisungen gebeten worden war, also noch bevor er im Jah-
re 1904 offiziell zum Arch- Warden (Landesleiter) der Esoteric School nomi-
niert wurde. Die von ihm fur notwendig erachtete und von seinen ersten Schii-
lern erhoffte Kreisbildung wird angedeutet im Brief an Marie von Sivers vom
16. April 1903, in dem es heifit: «Ohne einen Grundstock von wahren Theo-
sophen, die in fleifiigster Meditationsarbeit das Gegenwart-Karma verbes-
sern, wiirde dietheosophische Lehredoch nurhalbtaubenOhren gepredigt.»
(GA 262), sowie durch die Antwort auf eine entsprechende Frage von Mat-
hilde Scholl: «Es ware uberhaupt recht schon, wenn die neueren Mitglieder
der E.S. in Deutschland sich in irgendeiner Weise naher zusammenschliefien
wiirden. Wir brauchen das gerade in Deutschland. Denn die E.S. mufS die See-
le der Theosophischen Gesellschaft werden.» (Brief vom 1. Mai 1903, S. 43)
Ein Jahr nach dieser Aufierung, im Mai 1904, hielt sich Rudolf Steiner
zusammen mit Marie von Sivers eine Woche lang in London auf, um mit
Annie Besant seine Funktion in der E.S. zu regeln. Marie von Sivers war
bei seinen personlichen Unterredungen mit Annie Besant immer als Dol-
metscherin dabei. Mit einem Rundschreiben vom 10. Mai 1904 an alle Mit-
glieder der E.S. in Deutschland und Osterreich gab Annie Besant bekannt,
daft Rudolf Steiner autorisiert sei, als Arch-Warden fur Deutschland und
Osterreich zu wirken. Nach seinen Angaben war er auch fur die deutsche
Schweiz und Ungarn zustandig.2^ Das Rundschreiben Annie Besants vom
10. Mai 1904 lautete wortlich (siehe Faksimile auf Seite 26):
1) «Esoterik» (3. Band zu Blavatskys «GeheimIehre»), als nachgelassene Schriften herausgege-
ben von Annie Besant (1897)
2) Vergleiche unter «Regeln», Seite 144
To all members of the E.S. in Germany and Austria.
I hereby appoint Dr. Rudolf Steiner as Arch-Warden of the E.S. in Germa-
ny and the Austrian Empire, with full authority, as my representative, to
call meetings of the school, to organise groups and appoint Wardens, and
to do all else necessary for the welfare of the school, remaining in direct
communication with myself. Annie Besant.
(An alle Mitglieder der E.S. in Deutschland und Osterreich.
Ich ernenne hiermit Dr. Rudolf Steiner zum Erzlenker [Landesleiter] der
E.S. in Deutschland und Osterreich, mit voller Berechtigung, als mein Re-
prasentant Versammlungen der Schule abzuhalten, Gruppen zu organisie-
ren und Leiter zu ernennen und in direktem Einvernehmen mit mir selbst
alles Notwendige fiir das Wohlergehen der Schule zu tun. Annie Besant.)
Von London nach Berlin zuriickgekehrt, ging Rudolf Steiner neben sei-
nen Aktivitaten fur die offentliche Verbreitung der Geisteswissenschaft
und den Aufbau der Gesellschaft nun auch daran, seine Esoterische Schule
aufzubauen. Da er den Hauptakzent seiner Tatigkeit von Anfang an auf die
offentliche Arbeit legte, begann er damit, in der von ihm begriindeten und
herausgegebenen offentlichen theosophischen Zeitschrift «Luzifer-Gnosis»
den fiir das Abendland notwendigen christlich-rosenkreuzerischen Schu-
lungsweg in fortlaufenden Aufsatzen darzustellen: «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?» (Juni 1904 bis 1908, 1. Buchausgabe
1909). Aus diesem Juni-Monat des Jahres 1904 stammt auch das fruheste
Datum einer von ihm in seiner Funktion als Arch- Warden der E.S.T. vor-
genommenen E.S.-Veranstaltung. Es war in den Tagen des theosophischen
Kongresses in Amsterdam, der vom 18. bis 21. Juni 1904 wahrte, an dem
aufier Rudolf Steiner und Marie von Sivers auch einige deutsche Theoso-
phen teilnahmen; u.a. Mathilde Scholl aus Koln, Sophie Stinde und Pauline
von Kalckreuth aus Munchen, Giinther Wagner aus Lugano und dessen
Schwester Amalie Wagner aus Hamburg. Mathilde Scholl berichtet, daft
Amalie Wagner damals in die E.S. aufgenommen werden sollte und Rudolf
Steiner diese Aufnahme in ihrem Hotelzimmer veranstaltete. Dabei kann
es sich aber doch nur um eine Art Vorausnahme gehandelt haben, da die
offizielle E.S. -Arbeit erst nach dem Amsterdamer Kongrefi von Berlin aus
aufgebaut wurde. Dort fanden am 9. und 14. Juli 1904 die ersten esoterischen
Stunden statt; jedenfalls sind dies die beiden fruhesten bekannten Daten
von esoterischen Stunden in Berlin, und aus den vorhandenen Notizen ist
zu entnehmen, daft damals mit der E.S.-Arbeit in Berlin begonnen worden
dtJ€
31, 51, 3a*ne$' place,
sudjsa** *-" *****
ist. Aber auch diese Stunden miissen eigentlich noch zu den Vorstadien
gerechnet werden, die sich im Grunde genommen bis in den Herbst
1905 hinein erstreckten. Denn erst als damals auch die zweite und dritte
Abteilung eingerichtet wurden, war die Schule in ihrem vollen Umfang
gebildet.
Im Ferienmonat August des Jahres 1904 richtete Rudolf Steiner an ver-
schiedene auswartige Mitglieder personliche Briefe, durch die er sie in die
Schule aufnahm oder zum Eintreten einlud. Fur den Anfang September
war wieder eine E.S.-Versammlung geplant (laut Brief vom 29. August
1904 an Giinther Wagner); ob diese tatsachlich stattgefunden hat, ist aller-
dings nicht bekannt.
In der zweiten Halfte des September 1904 begleitete Rudolf Steiner An-
nie Besant auf deren Vortragsreise durch mehrere deutsche Stadte und gab
die von ihr in englisch gehaltenen offentlichen Vortrage auf deutsch wie-
der. Auf der letzten Station dieser Reise, in Koln, wo beide bei Mathilde
Scholl wohnten, fand nach deren Bericht auch eine Zusammenkunft der
E.S. -Mitglieder statt: «Mrs. Besant, Dr. Steiner, Fraulein von Sivers, Miss
Bright, Mr. Keightley, Mathilde Scholl in Mrs. Besants Zimmer. Ehe wir
das Zimmer verliefien, sprach Mrs. Besant mit Dr. Steiner iiber das Studien-
material fur Schiller der E.S. Sie empfahl Leadbeaters «The Christian
Creed». Hoflich, aber bestimmt, antwortete Dr. Steiner, er konne dieses
Buch fur seine Schuler nicht gebrauchen.»
In dem darauffolgenden Zeitraum bis Mai 1905 haben dann in Berlin ei-
nige wenige esoterische Stunden stattgefunden. Aber die erste offizielle
Orientierung durch den «seit langem vorbereiteten Rundbrief an die deut-
schen E.S.-Mitglieder» mit Regeln erfolgte erst Anfang Juni 1905.
Im Oktober 1905, als anlafilich der Generalversammlung der deutschen
Sektion und auf ausdriickliche Bitte Rudolf Steiners Mitglieder in grosserer
Zahl nach Berlin gereist kamen und die Schule um die erkenntniskultische,
respektive die zweite und dritte Abteilung erweitert wurde, fanden auch
mehrere E.S.-Stunden statt. Den Inhalt derjenigen vom 24. Oktober 1905
hat Rudolf Steiner fur Anna Wagner, die Frau von Giinther Wagner, die
aus Gesundheitsgriinden nicht hatte teilnehmen konnen, eigenhandig nie-
dergeschrieben.^ Es ist dies die einzige von seiner Hand aufgezeichnete
esoterische Stunde, abgesehen von dem kurzen brieflichen Resume der
Stunde vom 4. Oktober 1905 fur Adolf Kolbe in Hamburg. Alles, was sich
1) In «Aus den Inhalten der esoterischen Stunden», GA 266/1.
sonst an Aufzeichnungen von solchen Stunden erhalten hat, ist von Teil-
nehmern hinterher aus dem Gedachtnis festgehalten worden, da wahrend
der Stunden selbst nicht mitgeschrieben werden durfte.
Von dieser Herbstzeit des Jahres 1905 an fanden mehr und mehr esoteri-
sche Stunden nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen deutschen Stad-
ten und spater auch in anderen Landern statt, wo Schiiler Rudolf Steiners
in dieser Art arbeiteten. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Som-
mer 1914 wurde die esoterische Arbeit eingestellt, weil streng geschlosse-
nen Veranstaltungen mifitraut werden konnte, aber auch, weil in einer von
so starken Emotionen belasteten Zeit nicht esoterisch gearbeitet werden
konne. Erst zehn Jahre spater im Zusammenhang mit der Neubegriindung
der Anthroposophischen Gesellschaft wurde auch wiederum eine Esoteri-
sche Schule eingerichtet.
Die Regeln
Aus den entsprechenden Dokumenten geht hervor, dafl in der Aufbau-
zeit des ersten esoterischen Arbeitskreises «Regeln» gegeben wurden, die
sich an diejenigen der E.S.T. anlehnten. Letztere sollen ursprunglich sehr
streng gewesen, aber im Laufe der Zeit mehrfach modifiziert worden sein.
Zur Zeit von Rudolf Steiners Anschlufi konnte die Aufnahme nach zwei-
jahriger Mitgliedschaft in der T.S. beantragt werden. Die Schule war in
Grade gegliedert, die auf vier verschiedenen Wegen oder Methoden (Diszi-
plinen) erarbeitet werden konnten: einer allgemeinen, einer speziellen
Yoga-, einer christlich-gnostischen und einer pythagoraischen Disziplin.
Bevor man jedoch zur eigentlichen Schulung zugelassen wurde, mufke
man mindestens ein, spater zwei Jahre dem Priifungs- oder Horerorden
(englisch Probationary- oder Hearer-, indisch Shravaka-Orden) angehoren.
Bei der Aufnahme mufke ein schriftliches «Versprechen» gegeben werden,
die erhaltenen Papiere vertraulich zu behandeln und auf Aufforderung zu-
riickzugeben. Nach der vorgeschriebenen Priifungszeit konnte man in den
eigentlichen ersten Grad aufgenommen werden, sofern man gewillt war,
das schriftliche Gelobnis zu leisten, die Theosophie zum alles bestimmen-
den Faktor seines Lebens zu machen.
Da Rudolf Steiners erster esoterischer Arbeitskreis aufierlich dem Prii-
fungsorden der E.S.T., und zwar' inner halb der allgemeinen Disziplin -
daher in den ersten von ihm ausgegebenen Regeln die Bezeichnung
«Shravaka-Orden» - angeschlossen war, hatten auch seine Schuler das obli-
gatorische «Versprechen» zu geben, wie aus verschiedenen Briefen hervor-
geht. Davon unabhangig fiihrte er seinen Arbeitskreis vollig selbstandig.
Zum Beispiel gab es keine zu wahlenden Disziplinen, wenn auch in den
Briefen an Anna und Gunther Wagner vom 2. Januar 1905 die vier Diszi-
plinen erwahnt werden. Aber zu dieser Zeit war alles noch im Werden und
bald darauf war es offensichtlich selbstverstandlich geworden, sich nach
Rudolf Steiners Intentionen zu richten. So schrieb ihm beispielsweise am
23. Januar 1905 Mathilde Scholl, die durch seine Vermittlung im Mai 1904
von Annie Besant in den ersten Grad der E.S.T. in London aufgenommen
worden war, aber noch nicht dessen Instruktionen erhalten hatte: «Mir
personlich ist es nun iiberhaupt gar nicht wichtig, ob Mrs. Mead die Schrif-
ten schickt oder nicht, denn alles, was ich brauche, geben Sie mir und wird
mir gegeben und das ist so viel, dafi ich nur mit ehrfurchtsvollem Staunen
den Blick erheben kann zu all dem, was kommt.» Ahnliches spricht aus ei-
nem Brief von Gunther Wagner, der ihm am 3. April 1905 schrieb: «Vor
Monaten schon erhielt ich von Mrs. Oakley eine englische E.S.-Druck-
schrift, in der Mitteilungen iiber die vier Wege sind, die in der E.S. gemacht
wiirden, deren Sie auch in Ihrem werten lieben Schreiben an meine Frau
Erwahnung tun. Meine Frau und ich haben uns entschlossen, den <christli-
chen> Pfad zu gehen und fragen nun an, ob auch wir in Deutschland mit
dem 1. April beginnen sollen, wie dies dort in der englischen Druckschrift
angegeben wird. Wird eine deutsche Belehrung herausgegeben werden?
Wohl wahrscheinlich, da Sie doch nicht alien E.S.-Mitgliedern, die aus-
warts leben, schriftliche Instruktionen geben konnen. Ich wiirde auch gern
wissen, ob es fur Schuler ersten Grades (nach alter Einrichtung) andere
Vorschriften gibt als die in der englischen Druckschrift, oder ob alle von
jetzt an diesen folgen sollen. Meiner Frau schrieben Sie am 2. Januar vor,
vom 6. Januar etwa an vier Wochen die Ubungen durchzufuhren. Das hat
sie getan und fahrt damit auch jetzt noch fort, doch bittet auch sie um wei-
tere Instruktionen.* Diese Fragen wurden mit dem ersten E.S.-Rundbrief
vom 5. Juni 1905 und den im weiteren gegebenen Anweisungen mehr und
mehr beantwortet.
Soweit lafit sich der allmahliche Aufbau des ersten Kreises rekonstruie-
ren. Offen bleiben muE jedoch die Frage, wie es mit dem Gelobnis der
E.S.T. gehandhabt wurde, da Rudolf Steiners Schiiler ja nicht die Grade
der E.S.T. durchmachten und doch einige solche Gelobnisse vorliegen, die,
soweit sie datiert sind, aus dem Jahre 1906 stammen. Ob sie gegeben wur-
den bei der Aufnahme in den ersten Grad der erkenntniskultischen Abtei-
lung oder in anderem Zusammenhang, ist nicht bekannt. Jedenfalls schrieb
Rudolf Steiner in dem gleichen Jahre 1906 einem esoterischen Schiiler auch
dies: «Das Geheimhalten betrachten Sie bitte nicht als prinzipielle Ver-
pflichtung, sondern als temporare, durch die verworrenen gegenwartigen
Verhaltnisse in E.S. und T.S. bedingt. ...Ich ware selbst froh, wenn auch
dies nicht zu sein brauchte.» Mit dieser Aussage stimmt uberein, daft nichts
davon tiberliefert ist - obwohl der Schiilerkreis schon grofi geworden war
daft nach der im Mai 1907 erfolgten Trennung von der E. S.T. Rudolf Stei-
ner noch schriftliche Versprechen hatte geben lassen. Tatsachlich wurde
bei der Neubegriindung der Esoterischen Schule im Jahre 1924 mit Bezug
auf die Verpflichtung, das erhaltene Lehrgut vertraulich zu behandeln, nur
an das Verantwortungsbewufitsein des Einzelnen appelliert. In diesem Sin-
ne schrieb Marie Steiner nach Rudolf Steiners Tod: «Er war nicht der An-
sicht, daft man noch Esoterik treiben konne wie in friiheren Zeiten, in tief-
ster Abgeschlossenheit, mit streng bindenden Gelobnissen. Diese vertru-
gen sich nicht mehr mit dem Freiheitsgefuhl des Einzelnen. Vor das eigene
hdhere Ich muft die Seele treten und erkennen, was sie diesem Ich und der
geistigen Welt an ehrfurchtsvollem Schweigen schuldig ist.» ^
Das Lehrgut
Der Unterricht gliederte sich gewissermaften dreifach: in die fur alle Schii-
ler gleich geltenden Regeln und Ubungen; in die personlichen Ubungen; in
die esoterischen Stunden, in denen hauptsachlich auf Intimitaten des Schu-
lungsweges eingegangen und das Bewufttsein auf die groften Menschheitsleh-
rer, die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen,
als den eigentlichen Leitern der Schule gelenkt wurde. Lag doch das ideale Ziel
der Schulung darin, aus dem durch die Ubungen zu entwickelnden hdheren
Bewufttsein heraus nach und nach selbst Zugang zu den Meistern zu finden.
i) Vorwort zur Erstausgabe der Vortrage «Die karmischen Zusammenhange der anthroposo-
phischen Bewegung», Dornach 1926, neu abgedruckt in «Beitrage zur Rudolf Steiner Ge-
samtausgabe» Nr. 23 Weihnachten 1968.
Eine Hilfe auf diesem Wege sollten die Darstellungen von dem Wesen
und Wirken der Meister geben, wie sie in esoterischen Stunden vermittelt
wurden. Das Wenige, was davon iiberliefert wurde, ist in dem Abschnitt
liber die Meister zusammengefaik. Da Rudolf Steiner jedoch nicht nur in
esoterischen Stunden, sondern auch in den Vortragen fiir die Mitglieder
der Gesellschaft und sogar offentlich davon gesprochen hat, lafit sich von
dem Bild, das von den Meistern gezeichnet wurde, doch eine zureichende
Vorstellung gewinnen. Siehe hierzu den Versuch einer Uberschau im An-
hang zu dem Abschnitt «Aus dem Lehrgut iiber die Meister ...».
Das Wissen um die Meister war in der Theosophical Society und deren
Esoteric School seit ihrem Bestehen von grundlegender Bedeutung.0 Fiir
Rudolf Steiner selbst war die Existenz der Meister schon Jahrzehnte vor
seiner Verbindung mit der Theosophischen Gesellschaft personlich erlebte
Realitat. Das hat er mehrfach selbst bezeugt.2) Auch dafiir, dafi er von der
Notwendigkeit, die Wahrheiten des Okkultismus der Welt zu lehren,
durch seinen Meister iiberzeugt worden war, liegt sein personliches Zeug-
nis vor:
«... wenn der Meister mich nicht zu iiberzeugen gewufit hatte, dafi
trotz alledem [der Unreife der Zeit fiir die hohen Wahrheiten des
Okkultismus] die Theosophie unserem Zeitalter notwendig ist: ich hatte
auch nach 1901 nur philosophische Biicher geschrieben und literarisch
und philosophisch gesprochen.» (Brief vom 9. Januar 1905 an Marie
von Sivers, GA 262).
Und auch der Gesellschaft hatte er sich erst angeschlossen, nachdem er am
«Endpunkt einer langjahrigen inneren Entwickelung» gewuftt hatte, dafi
«die geistigen Krafte, denen ich dienen mufi, in der T.S. vorhanden sind.»3)
Wahrend jedoch in der T.S. von den Meistern immer nur als von den
«Meistern der Weisheit» gesprochen wurde, sprach er von ihnen als den
«Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen»
oder auch der «Menschheitsempfindungen», weil sie nicht nur einen hohen
1) Naheres dariiber in den Vorbemerkungen zum zweiten Teil.
2) Siehe die Aufzeichnungen fiir Edouard Schure und Briefe an Marie Steiner-von Sivers,
beides in «Briefwechsel und Dokumente . . .», GA 262; ferner den autobiographischen Vor-
trag Berlin, 4. Februar 1913 in «Beitrage zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft 83/84,
1984.
3) In einem Entwurf fiir ein erstes Rundschreiben an die deutschen theosophischen Logen im
Sommer 1902 vor der offiziellen Griindung der deutschen Sektion. In «Briefwechsel und
Dokumente ...», GA 262, Hinweis zu Seite 17.
Grad von Weisheit, sondern auch einen «unbegrenzten Quell von Men-
schenliebe» besitzen (Brief vom 2. August 1904, S. 62). Diese Nuance weist
wie alles bei ihm auf den Zentralpunkt seiner Geist-Erkenntnis: die einzig-
artige Bedeutung des Christus-Prinzipes fiir die ganze Menschheits- und Er-
denentwickelung. Ihm war Christus der Meister aller Meister und die
«Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen» die-
jenigen, die «in unmittelbarem Zusammenhang mit den Kraften der hohe-
ren Hierarchien stehen» (Vortrag Diisseldorf, 15. Juni 1915) und die begrif-
fen haben, «dafi der Fortschritt der Menschheit abhangt von dem Begreifen
des grofien Ereignisses von Golgatha» (Berlin, 22. Marz 1909).
Am aufklarendsten fiir Rudolf Steiners personliches Verhaltnis zu den
Meistern kann wohl gelten, was er in einer seiner allerersten offentlichen
Berliner Vortragsreihen geaufiert hat. Auf die Darstellung dieser hochent-
wickelten Individualitaten in Sinnetts «Geheimbuddhismus» verweisend,
versuchte er klarzumachen, daft fiir europaisches Denken der Meisterbegriff
nichts Absonderliches zu sein brauche, wenn beriicksichtigt werde, dafi es
auf der Stufenleiter der Entwicklung - vom wenigst Entwickeltert bis zum
Beispiel zu Goethe und dariiber hinaus - unendlich viele Moglichkeiten
gibt. Und dann folgen die in bezug auf ihn selbst so entscheidenden Worte:
«...dafi die sogenannten Meister fiir uns grofie Anreger sind - weiter
nichts -, grofie Anreger auf geistigen Gebieten. Allerdings geht deren
Entwickelung weit iiber das Mafi hinaus, das die landlaufige Kultur bie-
tet. Grofie Anreger sind sie uns; sie fordern aber nicht den Glauben an
irgendeine Autoritat, nicht den Glauben an irgendein Dogma. Sie appel-
lieren an nichts anderes als an die eigene menschliche Erkenntnis und ge-
ben Anleitung, durch bestimmte Methoden die Krafte und Fahigkeiten,
die in jeder Menschenseele liegen, zu entwickeln, urn zu den hoheren
Gebieten des Daseins hinaufzusteigen.» (Berlin, 13. Oktober 1904)
In dem darauffolgenden Vortrag charakterisiert er die Meister so, dafi
verstandlich werden kann, wie gerade von ihnen die menschliche Freiheit
in hochstem Mafte respektiert werde, so daft keinerlei Abhangigkeit entste-
hen konne. Niemand konne zum Beispiel durch die Regeln in «Wie erlangt
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» im Gegensatz zu vielem anderen,
was auf solchem Gebiete heute angepriesen wird, Schaden erleiden. Weil
aber so vieles angepriesen wird, was nicht nur wertlos, sondern auch schad-
lich sein kann, «haben die Meister die Erlaubnis gegeben zur Veroffentli-
chung solcher Regeln*. (Berlin, 15. Dezember 1904).
Nimmt man die verschiedenen Aufierungen iiber die Meister, so schei-
nen sie auf den ersten Blick hin einander zu widersprechen. Insbesondere
scheint das aus dem Vortrag Berlin, 13. Oktober 1904 Angefiihrte zu wi-
dersprechen dem, was in Briefen an esoterische Schiiler zu lesen ist: «Ich
kann und darf nur so weit fiihren, als der erhabene Meister, der mich selber
fiihrt, mir die Anleitung gibt» (Brief vom 11. August 1904); oder auch
wenn es heifit, dafS die theosophischen Lehren auf die Meister zuriickgehen:
«Wir sagen mit Recht, daft die Theosophie nicht durch dieses oder jenes
Buch, nicht durch diese oder jene Summe von Dogmen in die Welt ge-
kommen ist. Die Theosophie riihrt von jenen hohen Individualitaten
her, die wir die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der
Empfindungen nennen, da sie die Quellen des geistigen Lebens eroffnet
haben, das von da ab einstromen kann in die Menschen.»
(Berlin, 21. Juni 1909)
«Spirituelles Leben geht zuletzt zuriick auf diejenigen Quellen, die wir
bei jenen Individualitaten suchen, welche wir nennen die Meister der
Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. Bei ihnen fin-
den wir die Impulse, wenn wir sie richtig suchen, wie wir von Epoche zu
Epoche, von Zeitalter zu Zeitalter wirken sollen.»
(Berlin, 26. Dezember 1909)
Vertieft man sich jedoch in diese verschiedenen Aussagen, dann lost sich
der scheinbare Widerspruch zwischen ihnen auf. Es wird erkennbar, dafi
Rudolf Steiner selbst zu jenen Eingeweihten gehort, die die Impulse der
Meister mit ihren freien Denkkr'aften entgegennehmen und fur den Fort-
schritt der Menschheit auszuarbeiten haben. Die Welt des Ubersinnlichen
und somit auch der Meister hat ja ihre eigene Sprache. Sie offenbart sich in
Zeichen und Symbolen, deren Erforschung und Deutung nur durch beson-
dere Schulung moglich ist. Die Art der Ubersetzung, Deutung und Anwen-
dung der okkulten Offenbarungssprache hangt ganz von der Tiefe der Er-
kenntnisfahigkeit wie auch von dem moralischen Verantwortungsbewufit-
sein desjenigen ab, der sie vertritt. Rudolf Steiners Leistung fur den Kultur-
fortschritt liegt ganz offensichtlich darin, daft er die Zeichensprache des al-
lem Dasein zugrundeliegenden Schopferisch-Geistigen in die dem moder-
nen Bewufttsein gemafte Begriffssprache der Anthroposophie umzusetzen
vermochte. Diese personliche Tat hatte er in der Welt zu vertreten, ohne
sich auf die Autoritat der Meister berufen zu mussen. Wie er lehrte, hatte er
ganz personlich zu verantworten. Vielleicht liegt hier einer der Griinde,
weshalb er, je starker der Wissenschaftscharakter der Anthroposophie, ins-
besondere in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, herausgearbeitet wur-
de, von den Meistern in der intimen Weise der friiheren Jahre nicht mehr
gesprochen hat.
Von der Lehrweise in der Esoterischen Schule
Hatte Rudolf Steiner in dem obigen Sinn die Art, wie er seine iibersinnli-
chen Erkenntnisse offentlich lehrte, personlich zu verantworten, so gait das
nicht in gleicher Weise in bezug auf die Esoterische Schule. Er selbst hat aus-
gesprochen, dafS die Schule unter der unmittelbaren Leitung der Meister
stehe und deshalb als eine Grundverpflichtung der Schule gelten rmisse, dafi
alles, was durch sie hindurchfliefk, nur ausgehe von den Meistern der Weis-
heit und des Zusammenklanges der Empfindungen, wahrend die Grundver-
pflichtung fur die Schuler darin bestiinde, auf alles, was gelehrt wurde, die
ganze Vernunft anzuwenden und sich zu fragen, ob es verniinftig sei, die-
sen Weg zu gehen. (Esoterische Stunde Diisseldorf, 19. April 1909, S. 223).
Offenbar nicht immer, aber in gewissen esoterischen Stunden oder in ge-
wissen Momenten esoterischer Stunden sprach Rudolf Steiner so als unmit-
telbarer Bote der Meister. Ein Teilnehmer an der Dusseldorfer Stunde vom
19. April 1909 berichtet, dafi diese besondere Stunde mit den Worten be-
gonnen wurde: «Meine lieben Schwestern und Briider! Diese esoterische
Stunde ist eine solche, die nicht steht unter der Verantwortung desjenigen,
der da spricht!» Und das sei deshalb gesagt worden, weil in der darauffol-
genden Schilderung, wie einst Zarathustra von dem Sonnengeist einge-
weiht worden war, Rudolf Steiner in diesem Augenblicke selber Zarathu-
stra gewesen sei. Als ein gewaltiges Erlebnis hatte wahrgenommen werden
konnen, wie «unser grofier Lehrer, der uns das Ergebnis seiner Forschun-
gen mitgeteilt hatte, nun selber uns zeigte, wie ein alter Menschheitsfuhrer
und Lehrer sich inspirierend offenbaren konnte», wie Rudolf Steiner als er-
ster Mensch der Neuzeit durch eigene strenge Schulung nicht als Medium,
sondern als vollbewufiter Geistesforscher sich zu einem dienenden Werk-
zeug fur geistige Wesenheiten bilden konnte.1}
1) Elisabeth Vreede in einem in Stuttgart gehaltenen Vortrag vom 9. Juli 1930. Siehe Elisabeth
Vreede/ Thomas Meyer: Zur Bodhisattvafrage, Basel 1989.
Von dieser ganz besonderen Art und Weise, wie Rudolf Steiner in den
esoterischen Stunden als Bote der Meister erlebt werden konnte, haben nur
Wenige etwas iiberliefert. Einer kleidete seine Erinnerung in die Worte:
«Ich erinnere mich genau, wie Rudolf Steiner hereintrat. Er war es und er
war es nicht. Wenn er zu den esoterischen Stunden kam, sah er nicht aus
wie Rudolf Steiner, sondern nur wie sein Gehause. <Es sprechen aus mir
die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen>,
begann er. Es war stets feierlich. Man kann das gar nicht vergessen, den
Ausdruck seines Gesichtes.» ^
Ein anderer berichtet von dem tiefen Eindruck, als er zum erstenmal an
einer esoterischen Stunde teilnehmen konnte, mit den folgenden Worten:
«Alles safi schweigend. Als Rudolf Steiner eintrat, schien mir ein iiberirdi-
sches Licht auf seinem Antlitz nachzuleuchten, aus dessen Bereich er zu
uns kam - es schien nicht blofi so: es war an dem. Wie aus unmittelbarem
Wissen und Kennen sprach er von den groften Meistern, die iiber uns unser
Leben und Streben lenken: Kuthumi, Morya, Jesus und Christian Rosen-
kreutz - den «Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Emp-
findungen».
Es darf so viel gesagt werden, dafi die Weihe dieser Stunde unbeschreib-
lich schdn war. Hier erschien Rudolf Steiner ganz als der Bote einer hoheren
Welt. Der Eindruck ist unvergefilich.»2^
Am eingehendsten und in sprachlich subtiler Form schildert der bekannte
russische Dichter Andrej Belyj in seinem Erinnerungsbuch «Verwandeln
des Lebens» (Basel 1975), wie er es in der «Klasse des H6rens» als Aufgabe
erlebte, die Aufmerksamkeit zu schulen mehr fur das Wie als das Was.
Denn einen aufieren Unterschied zwischen den esoterischen und den ande-
ren Vortragen habe es nicht gegeben, da alles einen esoterischen Grundton
hatte, umso feiner, je popularer Rudolf Steiner gesprochen habe. Was aber
in den esoterischen Stunden konzentriert hatte erlebt werden konnen, das
sei gerade das gewesen, wie das Wie zum Was geworden und alles iiber-
strahlt habe.
1) Jenny Schirmer-Bey in «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrich-
ten fur deren Mitglieder», 1974, Nr. 35 vom 1. September 1974
2) Ludwig Kleeberg, « Wege und Worte», Stuttgart 1961
Briefe an esoterische Schiller
mit Ubungen
Der Brief vom 20. September 1907 wurde an den An-
fang gestellt, da er Grundsatzliches iiber esoterische
Schulung beinhaltet. Dann folgen in chronologischer
Reihenfolge die Briefe, die Rudolf Steiner als esoteri-
scher Lehrer geschrieben hat, soweit sie erhalten und
bekannt sind. Die Briefe an Mathilde Scholl wurden
vom Goetheanum zur Verfiigung gestellt.
Die in den Brief en angegebenen Zeiten fur den Beginn
der Meditation hangen mit den Mondphasen zusam-
men.
An Martha Langen in Eisenach iiber Grundsatzliches zur esoterischen Schulung
Berlin, 20. September 1907
Verehrte Frau Langen!
Erst heute kann ich Ihnen auf Ihren Brief antworten. 1} Allerdings
wiirde die Antwort in voller Ausdehnung nur miindlich gegeben
werden konnen; doch mochte ich Ihnen vorher schriftlich einige Be-
merkungen senden, damit Sie sehen, ob es sich gegenwartig fur Sie
als praktisch und wunschenswert betrachten lafk, etwa die Reise
nach Hannover zu machen.
Durch die Art, wie in unserer Zeit Theosophie verbreitet werden
mufi, machen sich nur zu leicht Mifiverstandnisse iiber deren
Grundlagen, zum Beispiel iiber den Okkultismus und seine Schu-
lung geltend. Ein solches Mifiverstandnis besteht zum Beispiel darin,
dafi die Theosophie einen jeden Menschen, der sie in irgendeiner
Form annimmt, auch zur okkulten Schulung drangen musse. Das ist
aber durchaus nicht der Fall. Aufgefunden konnen die okkulten
Wahrheiten nur von okkult Geschulten; verstanden konnen sie wer-
den durch den ganz gewohnlichen Menschenverstand. Und auch an-
gewendet konnen sie im Leben werden auf Grund eines solchen
durch die gewohnlichen Seelenkrafte erlangten Verstandnisses. Ich
selbst werde nie offentlich etwas lehren, was - wenn es durch okkul-
te Wege gefunden ist - nicht durch die gewohnlichen Seelenkrafte
begriffen werden konnte, wenn man diese nur anwenden will. Theo-
sophie ist unserem Zeitalter notwendig; und die Menschheit miifke
auf dem gegenwartigen Punkte ihrer Entwickelung in absolute
Odheit und allseitige Unfruchtbarkeit verfallen, wenn ihr die Theo-
sophie nicht als ein machtiger Kraftstrom zufliefien wiirde. Schlimm
aber ware es, wenn ein jeder Theosoph auch zum okkulten Schuler
werden wollte. Das ware - verzeihen Sie den trivialen Vergleich - ge-
rade so, wie wenn deswegen, weil alle Menschen Kleider brauchen,
auch ein jeder musse Schneider werden. Theosophie brauchen alle
J) Dieser Anfragebrief liegt nicht vor.
Menschen unter gewissen Voraussetzungen; esoterische Schulung
wenige.
Auf der andern Seite aber kann niemand diese Schulung verwei-
gert werden, wenn er sich dazu eignet. Denn wie viele sie auch su-
chen: gegenwartig werden es vorlaufig zu viele nicht sein. Also steht
in gewisser Beziehung der okkulten Schulung keines Menschen et-
was im Wege. Da nun unter solchen Umstanden viele heute die
Schulung anstreben, so konnen Mifiverstandnisse selbst unter Schii-
lern nicht ausbleiben. Heute denkt ein jeder, was fiir ihn gut ist,
miisse es auch fiir andere sein. So bilden sich allgemeine Ansichten
iiber die Schulung heraus, welche im Grunde so unrichtig wie nur
moglich sind. Der okkulte Lehrer ist naturlich genotigt zu sagen,
dafi der Weg, den ein in sexueller Beziehung asketischer Mensch
geht, anders ist, als derjenige, den ein Mensch geht, welcher sich in
dieser Beziehung der Aufgabe nicht entzieht, der Menschheit Dien-
ste zu leisten. Was von dem okkulten Lehrer in dieser Richtung ge-
sagt wird, das erfahrt dann bald die Umdeutung: die Askese sei eine
Bedingung okkulter Entwickelung. Wahr ist vielmehr etwas ganz
anderes. Die Askese in sexueller Beziehung erleichtert den okkulten
Pfad, macht ihn in einer gewissen Beziehung bequemer. Wer also
aus reinem Egoismus der Erkenntnis heraus vor allem «Schauen»
will, der kann sich versprechen, bald zu einem gewissen Ziele zu
kommen durch eine gewissen Askese nach dieser Richtung. Es kann
aber keine Verpflichtung zu einer solchen Askese geben, sondern nur
eine Berechtigung, die man sich erst erwerben mufi. Sie besteht ein-
zig darinnen, dafi man die Moglichkeit erlangt, der Menschheit ei-
nen vollgiiltigen Ersatz dafiir zu geben, wenn man sich der sonst vor-
liegenden Verpflichtung entzieht, Gelegenheit zur Verkorperung
von Seelen zu geben. Sie sehen also, dafi Askese in dieser Richtung
nicht Regel sein darf, sondern nur unter gewissen Voraussetzungen
manchem Okkultisten zugestanden werden kann.
Nach den Voraussetzungen, mit denen Sie an den Okkultismus
herantreten, werden Sie ja ohnedies leicht begreifen, dafi jede Art
von Egoismus, auch wenn er der verborgenste, maskierteste ist, in
der okkulten Schulung doch nicht weit kommen lafk. Naturlich
wird die Frau bald weiter sein, die sich ihren weiblichen Pflichten
nicht entzieht, wenn sie unter Voraussetzung derselben das richtige
tut, als diejenige, welche unbekiimmert um das Schicksal der
Menschheit in im Grunde doch egoistischer Entsagung nach «Er-
kenntnis» strebt.
Damk ist ja wohl ein grofterer Teil der Fragen Ihres Briefes beant-
wortet. Ablenken von seinen Lebensaufgaben kann die okkulte
Schulung niemand, wenn er nicht einen falschen Weg geht. Gewifi,
Sie konnen viele sogenannte «Schuler» finden, die Sie zu einem er-
spriefilichen Wirken unbrauchbar finden. Aber man bildet sich ein
falsches Urteil, wenn man diese «Schuler» vergleicht mit denen, wel-
che, ohne von Theosophie etwas wissen zu wollen, ihre Lebensauf-
gaben losen. Man mufite die ersteren nicht mit den letzteren verglei-
chen, sondern sich fragen: Wie unniitz waren diese erst ohne Theo-
sophie? Und beziiglich der zweiten ware die richtige Frage: Wie
wiirde der Inhalt ihres Wirkens erhoht, wenn sie ihrem Leben die
Theosophie, oder gar die Schulung einfiigen konnten?
Zu «iiben» ohne Anleitung konnte ich Ihnen auch nicht empfeh-
len. Uberreden, sich der «Schulung» anzuvertrauen, mochte ich nie-
mand. Bei jedem mufi es eigner, freier Entschluft sein.
Die Vorgange Ihres inneren und aufkren Lebens drangen Sie zu
dieser Schulung hin. Ihre Lebensaufgaben werden Sie gewifi mit Hil-
fe der Schulung leichter und sicherer losen konnen. Ihr Mann hat es
viel schwerer mit der Theosophie als Sie selbst. Das kann nur je-
mand beurteilen, der weifi, dafi gegenwartig eine gelehrte Bildung
geradezu uniiberwindliche innere Hindernisse gegeniiber den theo-
sophischen Wahrheiten aufturmt. Und vielleicht ist aber anderer-
seits nichts so sehr geeignet, diese Hindernisse zu iiberwinden, als
ein praktischer Beruf, wie [er] sich gerade Ihrem Mann gegenwartig
eroffnet.
Ihre Schulung wird nur die richtige sein, wenn sie Ihnen nichts
nimmt und zu dem, was Sie haben, manches hinzugibt: an Gesund-
heit, Kraft des Lebens, Sicherheit des Wirkens und innerem Frieden,
den der Mensch nicht um seinetwillen, sondern fur die Mitmen-
schen braucht. Kein Wirken dient der Menschheit, das nicht aus in-
nerem Frieden stammt. Jedes Wirken, das aus einer innerlich unbe-
friedigten Seek stammt, zerstort die gesunde Menschheitsentwicke-
lung, wo es auch immer statthat.
Wollen Sie es, nach diesen Bemerkungen, versuchen, so wird Ih-
nen jeder mogliche Anhalt von mir geboten werden. In Hannover
bin ich vom 21. September abends bis zum 4. Oktober. Wenn Sie
Ihre Anwesenheit daselbst per Karte anzeigen wollten, dann werde
ich alles einrichten fur eine griindliche Aussprache. Adresse: Dr. Ru-
dolf Steiner, z.Zt. Hannover, Ferdinandstrafie 11 bei Fleissner.
Griifien Sie herzlichst Ihren lieben Mann und seien Sie selbst
herzlichst gegriifk von
Dr. Rudolf Steiner
An Mathilde Scholl in Koln
Mathilde Scholl hatte am 11. Februar 1903 an Rudolf Steiner geschrieben:
. . . In Ankniipfung an unser Gesprach mochte ich nun Folgendes fragen.
Auf der Tafel XXVI des Leadbeaterschen Buches [«Man visible & invisi-
ble*] ist die Aura eines Schiilers des Buddha, eines Schiilers, der die vierte
Stufe auf dem Pfade, die Stufe eines Arhat erreicht hat. Die Aura ist kon-
zentrisch geordnet, die Farbenfolge von der Mitte an:
1) gelb = Intelligenz
2) rosa = Liebe
3) hellblau = Hingebung
4) griin = Mitgefuhl (Sympathie)
5) violett = Spiritualitat
alles dieses umgeben von einem regenbogenfarbigen oder vielmehr perl-
mutterfarbigen Strahlenkranz und durchstromt von lebenden Lichtstrah-
len, die von dem Korper des Arhat ausgehen. - Leadbeater sagt, an der Rei-
henfolge der Farben konne man die Art des Arhat, resp. auch des Meisters
erkennen.
Zu welcher Art oder Hierarchie konnte nun ein Wesen gehoren, bei des-
sen Aura vom Zentrum aus beginnend zunachst 1) hellblau = Hingebung
und dann 2) rosa = Liebe folgt. Die Anordnung ist ebenfalls konzen-
trisch, geradeso wie bei der abgebildeten Aura - doch waren keine anderen
Farben als hellblau und rosa sichtbar. [In einem Traumerlebnis.] Jedoch
erschien der physische Korper nur in Umrissen und durchsichtig, nicht pla-
stisch-und in demselben erschienen Zentren (gleich der Swastika odergleich
Radern) die sich in schnellster Bewegung um sich selbst drehten und Licht
ausstromten. Das Gesicht hatte die Ziige und den Ausdruck des Meisters M.
Wenn Sie mir sagen konnen und diirfen, wer dieses Wesen ist oder auf
welche Weise ich selbst eine Erklarung finden kann, ware ich gliicklich. ...
Sollte spater ein Zusammenschliefien der E.S. in Deutschland moglich
sein, wiirde ich mich freuen. Manche aufiere Dinge sind mir noch eine Hil-
fe. Z, B. ware es mir lieb, regelrechte Vorschriften zum Studium zu haben -
anfangs, also vor 2 1/2 Jahren, wurde auf der einen Instruktion angegeben,
welche Verse ich mir Abends einpragen sollte. Da aber dann keine weite-
ren Angaben kamen, nahm ich auf diese Weise die Bhagavad Gita durch -
und dann die «Stimme der Stille», bei der ich jetzt am Ende des 2. Buches
angelangt bin. Fur mich ware es eine Hilfe, nicht fuhrerlos meine Studien
zu machen und z.B. zu wissen, am Morgen bei der Meditation, daft viele ih-
re Gedanken mit mir auf dasselbe richten - zu wissen, dafi andere mit mir
dasselbe Buch studieren, und so manches andere...
Rudolf Steiner antwortete wie folgt:
Schlachtensee bei Berlin, 1. Mai 1903
Verehrtestes Fraulein Scholl!
Langst hatte ich Ihnen schreiben sollen. Allein die Verpflichtun-
gen beziiglich des «Luzifer» wirkten vorl'auf ig - zu allem ubrigen -
etwas druckend. Nun wird er endlich in ein paar Tagen herauskom-
men; und ich werde dann auch hoffentlich in ganz geregelte Tatig-
keit kommen. Jedenfalls werde ich in Hinkunft mit dem Antworten
nicht so lang warten, wie es bis jetzt - leider - der Fall war.
Erst lassen Sie mich auf Ihre Hauptfrage kommen. Die Aura, die
Sie beschreiben, ist mir nicht klar genug, um etwas Erhebliches dar-
uber sagen zu konnen. Sie sagen nichts von Strahlen, die von dem be-
schriebenen Wesen ausgehen. Nun sind bei einem vorgeschritteneren
i) Die von R.Steiner begriindete und redigierte Zeitschrift. Siehe GA 34.
Menschen im Kausalkdrper immer Strahlen vorhanden. Diese Strah-
len sind namlich der Ausdruck der aktiven Krafte, die der Mensch
seinem fortschreitenden Karma einfiigt. Es scheint also das, was Sie
beschreiben, nicht ein Kausalkorperbild zu sein. Nun will ich aber
durchaus nicht sagen, daft wir es in Ihrem Falle nicht mit einem ho-
her entwickelten Wesen zu tun haben. Dann aber konnte es sich nur
um die Projektion des Kausalkorpers in Mental-Materie handeln.
Und in diesem Falle verstehe ich die Svastiken nicht, die wieder auf
ein astrales Element deuten. Ich bitte Sie deswegen, mir etwas genau-
eres iiber die Sache noch zu schreiben. Ich mochte gerne, daft wir
dariiber klar wiirden. !)
Es ware uberhaupt recht schon, wenn die neueren Mitglieder der
E.S. in Deutschland sich in irgendeiner Weise naher zusammen-
schliefien wiirden. Wir brauchen das gerade in Deutschland. Denn
die E.S. mufi die Seele der Theosophischen Gesellschaft werden. In
Deutschland mufi sie das aus dem Grunde noch ganz besonders,
weil wir wohl noch lange auf tieferes, inneres Zusammenwirken nur
bei Einzelnen hoffen konnen und grofiere Kreise nur aufierlich sich
anschlieften werden. Aber die Einzelnen werden einen um so treue-
ren, sichereren und kraftvolleren Grundstock bilden. Und den brau-
chen wir, da bei uns so viel verfahren ist.
In Weimar ging alles recht gut. Wir haben nun auch dort eine Lo-
ge. Die Vortrage waren aufierordentlich gut besucht. - Nach Koln
mochte ich aus den allerverschiedensten Griinden gerne kommen,
1) Darauf antwortete Mathilde Scholl am 7. Mai 1903 noch folgendes: «...Meinen herzlichen
Dank fur die Beantwortung meiner Frage. Das Traumbild, welches ich Ihnen beschrieb,
strahlte allerdings Licht aus, und dieses Licht schien hervorzusprudeln aus den Swastiken,
die sich im Kopf und Oberkorper befanden. Uberhaupt waren nur Kopf und Oberkdrper
sichtbar und das nur in Umrissen. Das Wesen erschien nicht korperlich, sondern schien
nur eine Lichterscheinung zu sein. Der Eindruck aber war so stark, dafi ich im Traum
glaubte, mich diesem Wesen zu Fiissen zu werfen und besinnungslos zu werden. Beim Er-
wachen stand mir alles lebhaft vor Augen und ich fuhlte noch lange nachher die innere Er-
griffenheit. Nach einer Erklarung suchte ich in der ersten Zeit uberhaupt nicht. Durch das
Leadbeatersche Buch habe ich erst verstanden, wie es moglich ist, dafi man eine solche Far-
benanordnung sieht. Aber gem mochte ich wissen, wer dieses Wesen war, denn wenn es
auch die Ziige des Meisters M. zu haben schien, kann das ebensowohl auf meiner indivi-
duellen Stimmung wie auf Wirklichkeit beruht haben.» [Die Antwort auf diese Frage ist
nicht bekannt.]
um auch dort vorzutragen. Bitte, vielleicht konnen Sie dort ein we-
nig den Boden ebnen. Es hangt viel, sehr viel davon ab, daft wir neue
Zentren schaffen. Bisher haben fast alle deutschen Theosophen ei-
nen viel zu losen Zusammenhang mit der englischen Mutterbewe-
gung gesucht. Und nur aus dieser her am ^ in innigstem Zusammen-
hange mit ihr miissen wir jetzt wirken. Es war in Deutschland zu
viel Hang zur Dogmatik, zur blofi intellektuellen Erfassung der
Doktrinen vorhanden, wahrend fur die lebendige Spiritualitat kein
rechtes Verstandnis zu finden ist. Erst wenn wir dieses letztere
wecken, wenn wir das Auge dafiir eroffnen, daft fur den Fortgang
der theosophischen Stromung nicht blofi das Erlernen der Dogmen
(Hartmann), sondern der spirituellen Zusammengehorigkeit mit
den zentralen Individualitaten gehort, von denen die Weisheit
stammt, und bei denen sie ihre fortsprudelnde Quelle hat: - erst
dann konnen wir vorwarts kommen. - Wir miissen klarmachen -
nicht durch Worte, sondern durch Imponderabilien -, daft es sich
um eine fortlaufende Befruchtung der Trager der T.S. durch zentra-
le Individualitaten handelt. Ganz verstehen werden alle diese Dinge
doch nur die esoterisch arbeitenden; aber dafiir miissen diese auch in
klar bewulker und kraftsicherer Weise zusammenstehen und
weekend fur die andern sein.
Es war mir tief befriedigend, mit Ihnen in Diisseldorf einige Stun-
den haben zubringen zu konnen. Es ist das jene Befriedigung, die
wir haben, wenn wir den andern auf dem Wege sehen, auf dem stets
die Meilenzeiger «Vorwarts» stehen. Es gibt eben fur den Theoso-
phen ein Tor, durch das er nur einmal, d.h. hingehen soil, und das er
kein zweites Mai - zum Zuriick - betreten soli.
Wir haben in Deutschland ganz sichere Personlichkeiten nur vier
oder funf. Und deshalb miissen wir intensiv arbeiten. Tun wir das,
dann werden wir die Mittel und Wege finden, vorwarts zu dringen.
Finden wir diese Mittel und Wege in Deutschland nicht, dann wiir-
den wir wohl jetzt etwas unterlassen, was so schnell nicht wieder gut
gemacht werden kann.
Meine nachste exoterische Aufgabe ist, soviel ich nur kann, die
Lehre zu verbreiten.
Hoffentlich leben Sie sich, liebes, verehrtestes Fraulein Scholl, in
Koln gut ein und konnen dort fur unsere Sache und zu Ihrer Befrie-
digung wirken. Wie geht es Ihrer Pflegebefohlenen?
In der Hoffnung, bald wieder von Ihnen zu horen, bin ich herz-
lichst griifiend
ganz
Frl. von Sivers lafit herzlichste Grufie senden. Ihr Rudolf Steiner
An Gunther Wagner in Lugano
Gunther Wagner hatte am 14. Nov. 1903 an Rudolf Steiner geschrieben:
Geehrter Herr Doktor!
Eingeschlossen, respektive mit gleicher Post sende ich Ihnen das Manu-
skript des Leadbeaterschen Artikels «Unser Verhalten den Kindern gegen-
iiber», um den Sie mich bei Gelegenheit meiner Anwesenheit in Berlin ba-
ten, um ihn in dem «Luzifer» abzudrucken. ^
Es war mir sehr erfreulich, Sie bei der Jahresversammlung haben ken-
nenlernen zu konnen, und ich hoffe, dafi wir noch lange am gemeinsamen
Werke tatig sein und uns gegenseitig unterstiitzen werden.
Lieb ware es mir, wenn Sie mir eine spezielle Auskunft geben mochten:
Die Andeutung iiber ein Ratsel, das jede Rasse zu losen habe, war mir voll-
standig neu; in der «Secret Doctrine» habe ich nichts dariiber gefunden.
Wiirden Sie mir die vier Ratsel nennen konnen, die die vier ersten Rassen
(anscheinend doch) gelost haben? Auch H. P. B.'s Andeutung dariiber wiir-
de ich gern lesen, vielleicht geben Sie mir die genaue Stelle an.»2^
Inzwischen zeichnet hochachtungsvoll
Ihr Gunther Wagner
1) Erschienen in Nr. 7 vom Dezember 1903 der von Rudolf Steiner begriindeten und heraus-
gegebenen Zeitschrift «Luzifer». Zeitschrift fur Seelenleben und Geisteskultur - Theoso-
phie.
2) Die Frage bezieht sich auf Ausfiihrungen Rudolf Steiners bei der ersten Generalversamm-
lung der deutschen Sektion in Berlin am 18. Oktober 1903, an der Gunther Wagner teilge-
nommen hatte. Vgl. hierzu Seite 255 f. im Anhang zu «Die Meister der Weisheit und des
Zusammenklanges der Empfindungen» (Abschnitt «Rudolf Steiners Wirken und das fiinfte
der sieben grofien Geheimnisse des Lebens»).
Rudolf Steiner antwortete wie folgt:
Berlin, 24. Dezember 1903
Streng vertraulich!
Verehrter lieber Herr Wagner!
Seite 73 der (deutschen Ausgabe) «Geheimlehre» steht mit Bezug
auf Strophe I, 6 (Dzyan): «Von den sieben Wahrheiten oder Offen-
barungen sind uns blofi vier ausgehandigt, da wir noch in der vierten
Runde sind.» - Ich habe nun - als Sie in Berlin waren - im Sinne ei-
ner gewissen okkulten Tradition darauf hingedeutet, dafi die vierte
der oben gemeinten sieben Wahrheiten zuriickgeht auf sieben esoteri-
sche Wurzelwahrheiten, und dafi von diesen sieben Teilwahrheiten
(die vierte als das Ganze betrachtet) jeder Rasse eine - in der Regel -
ausgeliefert wird. Die fiinfte wird ganz offenbar werden, wenn die
fiinfte Rasse ihr Entwickelungsziel erreicht haben wird. Nun moch-
te ich Ihrer Frage entsprechen, so gut ich es kann. Gegenwartig liegt
die Sache so, dafi die vier ersten Teilwahrheiten Meditationssatze fiir
die Aspiranten der Mysterien bilden und dafi nichts weiter gegeben
werden kann als diese (symbolischen) Meditationssatze. Aus ihnen
geht dann fiir den Meditierenden auf okkultem Wege manches H6-
here hervor. Ich setze also die vier Meditationssatze - in deutsche
Sprache aus der symbolischen Zeichensprache iibertragen - hierher:
I. Sinne nach: wie der Punkt zur Sphare wird und doch er selbst
bleibt. Hast du erfafit, wie die unendliche Sphare doch nur
Punkt ist, dann komme wieder, denn dann wird dir Unendli-
ches in Endliches scheinen.
II. Sinne nach: wie das Samenkorn zur Ahre wird, und dann kom-
me wieder, denn dann hast du erfafit, wie das Lebendige in der
Zahl lebt.
III. Sinne nach: wie das Licht sich nach der Dunkelheit, die Hitze
nach der Kalte, wie das Mannliche nach dem Weiblichen sich
sehnt, dann komme wieder, denn dann hast du erfafk, welches
Antlitz dir der grofie Drache an der Schwelle weisen wird.
IV. Sinne nach: wie man in fremdem Hause die Gastfreundschaft
geniefit, dann komme wieder, denn dann hast du erfafit, was
dem bevorsteht, der die Sonne um Mitternacht sieht.
Nun ergibt sich, wenn die Meditation fruchtbar war, aus den vier
Geheimnissen das funfte. Lassen Sie mich vorldufig nur so viel sagen,
daft die Theosophie - die Teil-Theosophie, die etwa in der «Geheim-
lehre» und ihrer Esoterik Hegt - eine Summe von Teilwahrheiten
des funften ist. Eine Andeutung, wie man dariiber hinauskommt,
finden Sie in dem von Sinnett angefuhrten Briefe des Meisters K.H.,
[Kuthumi], der mit folgenden Worten beginnt: «Ich habe jedes Wort
zu lesen...». In der ersten (deutschen) Ausgabe der «Okkulten Welt»
stent er auf Seite 126 und 127.1}
Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, in dem Satze K.H.'s
(Seite 127) «Wenn die Wissenschaft gelernt haben wird, wie Ein-
driicke von Blattern ursprunglich auf Steinen zu Stande kommen...»,
in diesem Satze liegt fast das ganze funfte Geheimnis auf okkulte
Weise verborgen.
1) Der erwahnte Wortlaut aus «Die okkulte Welt» von A.P.Sinnett lautet:
«... Natiirlich wiinschte ich mehr hieriiber zu erfahren; war es ein Prozefi, vermittelst des-
sert die Gedanken schneller ausgedriickt werden konnten als durch die uns bekannten?
Und in bezug auf empfangene Briefe - wurden sie von dem okkulten Empfanger auf ge-
wohnliche Art gelesen, oder verstand er den Inhalt ohne dieses?
K.H.'s Antwort war: Ich habe jedes Wort zu lesen, das Sie schreiben, sonst wurde ich ei-
ne schone Unordnung machen. Und ob dies nun mit meinem physischen oder geistigen
Auge geschieht - beides erfordert gleich viel Zeit. Dasselbe kann ich von meinen Antwor-
ten sagen; denn ob ich sie diktiere oder prazipitiere, oder selbst schreibe, der Unterschied
in der dadurch gesparten Zeit ist sehr klein. Ich mufi sie erst iiberdenken, dann jedes Wort,
jeden Satz, sorgfaltig in meinem Gehirn photographieren, ehe es durch Prazipitation wie-
derholt werden kann. Ebenso wie beim Photographieren, das Fixieren von Bildern auf che-
misch praparierten Platten, eine vorherige Anordnung innerhalb des Brennpunktes des
darzustellenden Gegenstandes notig macht, - da sonst, wie oft an schlechten Photogra-
phien zu sehen ist, die Beine des Sitzenden aufier allem Verhaltnis mit dem Kopfe stehen
usw. - so auch miissen wir zuerst unsere Satze ordnen, und jeden Buchstaben, der auf dem
Papier erscheinen soli, unserem Geist einpragen, ehe er gelesen werden kann. Das ist fur
jetzt alles, was ich Ihnen sagen darf. Wenn die Wissenschaft mehr iiber das Geheimnis des
Litophyls (oder Lithobiblion) gelernt haben wird, und wie die Eindrucke von Blattern ur-
sprunglich auf Steinen zu Stande kommen, dann wird es mir moglich sein, Ihnen den Pro-
zefi klarer zu machen. Vor allem miissen Sie eines wissen und im Gedachtnis behalten:
- da6 wir nur der Natur folgen und sie in ihren Werken ganz genau kopieren.»
Zu diesen sogenannten prazipitierten Meisterbriefen siehe die Vorbemerkungen des
Herausgebers zur Trennung von der Esoteric School of Theosophy auf Seite 263 f.
Das ist alles, was ich zundchst iiber Ihre Fragen zu sagen vermag.
Weiteres vielleicht auf weitere Fragen.
Die vier obigen Satze sind das, was man lebendige Satze nennt,
d. h. sie keimen wahrend der Meditation und es wachsen aus ihnen
Sprossen der Erkenntnis.
Mit frohem Weihnachtsgruft in Treuen ganz Ihr
Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrasse 17
An Mathilde Scholl in Koln [Postkarte]
Berlin, 24. Dezember 1903
Verehrtestes Fraulein Scholl!
Herzlichsten Weihnachtsgrufi Ihnen dreien1* und die Nachricht,
dafi Sie Sonnabend erhalten die Diplome und die Exegese zu
«L.a.d.W.» [«Licht auf den Weg»]. Bitte noch bis dahin Geduld.
Schonsten Grufi
ganz Ihr
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
An Mathilde Scholl in Koln
Berlin, 28. Dezember 1903
Verehrtes liebes Fraulein Scholl!
Beifolgend den Anfang zur Interpretation von «Licht auf den
Weg».2) Diese soil den Weg geben, auf dem uber das Buch meditiert
werden soli. Ich setze baldigst fur Sie die Interpretation fort.
1) Gemeint sind Mathilde Scholls Freunde und Hausgenossen, Maud und Eugen Kunsder.
2) Siehe Anhang Seite 441.
Die Diplome sende ich spatestens morgen nach. Ich mochte, daft
dieser Brief sogleich an Sie abgeht.
Griifien Sie herzlichst Ihre lieben Hausgenossen [Kiinstlers]
und nehmen Sie selbst die
herzlichsten Griifie entgegen Ihres
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
An Clara Smits in Diisseldorf
Berlin, 28. Dezember 1903
Verehrteste gnadige Frau!
Sie haben wohl die Ubungen in der begonnenen Weise fortge-
setzt. Ich bitte Sie nun, auch im Monate Januar noch in ganz genau
derselben Weise zu verfahren, wie ich es in meinem letzten Briefe
beschrieben habe.1} Nur den Satz, den ich damals angegeben habe,
bitte ich Sie, durch den nachfolgenden zu ersetzen:
Ein jedes Wesen, dem du deine Liebe schenkst, eroffnet dir sein
Wesen; denn die Lieblosigkeit ist ein Schleier, der sich vor die Dinge
der Welt legt und sie verhiillt. - Soviel du Liebe ausstromst, so viel
Erkenntnis stromt dir zu.
*
Ich mochte zum Verstandnis dieses Meditationssatzes einiges hin-
zufugen. Es ist durchaus so, dafi uns so viel von Erkenntnis aus der
Welt zustromt, als wir selbst Liebe ausstromen. Allerdings diirfen
wir nicht glauben, dafi uns in jeder Entwickelungsphase des Lebens
alle Erkenntnis sogleich bewufit ist. Vieles ist zunachst unbewufit in
uns. Und deshalb bitte ich Sie, standhaft die Meditation fortzuset-
zen. Nur wenn wir das tun, und uns klar sind, dafi kein Tag verlo-
i) Dieser Brief liegt nicht vor.
ren ist, den wir ihr widmen, kommen wir vorwarts. Jeder Tag spei-
chert Erkenntnis in uns auf; und auch der kommt gewifi, der sie uns
dann in vollem Bewufitsein erscheinen laftt. - Die Satze, iiber die
wir meditieren, sind nicht Verstandessatze, die wir bloft begreifen
sollen; ich kann nur immer wieder und wieder sagen: es sind Satze,
die leben, und mit denen wir selbst leben sollen, wie wir mit Kin-
dern leben. Auch die Kinder kennen wir ja genau, und dennoch be-
schaftigen wir uns jeden Tag aufs neue mit ihnen. So soli es mit un-
seren Meditationssatzen sein.
Also alles andere bleibt auch im Januar in Ihrer Meditation so wie
es war; nur der Satz des Dezember wird durch den oben angegebe-
nen ersetzt. Ich bitte Sie, verehrteste gnadige Frau, immer alles so
fortzusetzen, wie einmal angegeben, bis ich Ihnen wieder schreibe.
Sie konnen sicher sein, daft Sie von Zeit zu Zeit den entsprechenden
Brief erhalten. Wenn es einmal ein paar Tage nach der erwarteten
Zeit geschieht, so schadet das nicht.
Es war mir sehr lieb, daft ich Sie auch das letzte Mai in Koln gese-
hen habe. Gerne hatte ich Sie damals nochmals aufgesucht - aber die
Zeit drangte so. Lohf hat nun die Aussicht eroffnet, daft sich in Diis-
seldorf wenigstens 6 Personen finden werden, mit denen er den
Zweig rekonstruieren kann. Es ware das sehr zu wiinschen. Von Ih-
nen, verehrteste Frau, weift ich, daft Sie das mogliche tun. Auch
weift ich, wie schwer alles ist. Aber unserem vereinigten Zusammen-
wirken muft gelingen, was die theosophische Bewegung von denen
verlangt, die ihre Bedeutung erkennen. Niemand kann sich dieser
Bewegung dann noch entziehen, wenn er ihre Bedeutung erkannt
hat.
Hoffentlich sehen wir uns auch recht bald wieder.
Herzlichst ganz Ihr
Dr. Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrasse 17
An Clara Smits in Dusseldorf
Berlin, 24. Februar 1904
Sehr verehrte Frau Smits!
In den nachsten Tagen hoffe ich Sie also zu sehen. Fraulein Scholl
schrieb mir, dafi Sie fur Montag in Dusseldorf einige Leute zusam-
menbringen wollen. Das wird schon sein, wenn es auch noch so we-
nige sind. Bitte nur eine geeignete Stunde zu wahlen. Ich richte mich
ganz danach, was Sie fur angemessen halten.
Es ist mir sehr lieb, Sie wegen Hirer Meditation wieder sprechen
zu konnen. Ich hoffe, es ist bis jetzt alles gut gegangen. Ich gebe Ih-
nen, wenn ich bei Ihnen sein werde, genaue Angaben iiber die Fort-
setzung.
Also auf Wiedersehen
ganz Ihr
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
An Doris und Franz Paulus in Stuttgart
Zurich, 14. April 1904
Verehrteste Frau und Herr Doktor!
Bevor der 16. heranruckt, mochte ich Ihnen noch einige Zeilen
iiber die nachsten Tage der Meditation schreiben. Ich bitte Sie also
den Teil, der in meinen Ausfiihrungen angezeigt ist, mit der «Stim-
me der Stille» so auszufullen, da$ Sie in den ersten vierzehn Tagen
die ersten beiden Satze der Schrift in dem Blickfeld des Bewulkseins
sein lassen. Ich meine (mit Auslassung des allerersten Satzes) die fol-
genden:
«Wer des Geistes Stimme aufier sich verstehen will, der mufi des
eigenen Geistes Wesen erst erleben -
Wenn der Suchende die Welt der Sinne nicht mehr allein horen
will, so mufi er den suchen, welcher diese Welt erzeugt, er mufi in
Gedanken leben, welche die Sinnenwelt zur Scheinwelt machen.»
Es kommt nicht darauf an, dafi man iiber diese Satze spekuliert,
sondern darauf, dafi man ein paar Minuten mit ihnen lebt. Dazu
mufi man sich ihren Inhalt vorher so angeeignet haben, dafi man ihn
mit einem geistigen Blicke iiberschauen, geistig vor sich hinstellen
[kann], und ohne da£ man iiber ihn spintisiert, hingebend auf sich
wirken lafit. Denn nur dadurch wird die Meditation fruchtbar, dafi
man die zu meditierenden Gedanken auf sich in voller Ruhe ein-
stromen lafk.
Sollte etwas nicht stimmen oder unklar sein, so bitte ich um dies-
beziigliche Fragen, die ich sogleich beantworten werde. Von Lugano
aus schreibe ich Ihnen die versprochene Interpretation der sieben
Stimmen, die ja erst in den zweiten vierzehn Tagen daran kommen
konnen. lJ
Desgleichen schreibe ich dann sogleich, wenn ich ankomme, iiber
die Bresch-Ausfiihrungen.2)
Heute mochte ich Ihnen beiden nur noch sagen, daft ich mit tief-
ster Befriedigung erfiillt worden bin durch die Neigung, die Sie fur
die Theosophie haben. Wenn man den Weltberuf der Theosophie
kennt, dann weifi man die Anteilnahme tieferer Naturen zu schat-
zen. Uber die Mitteilungen von Frau Doktor werde ich in den nach-
sten Tagen noch manches zu schreiben haben. In Miinchen war jede
Stunde ausgefiillt, und auch hier in Ziirich sind die Theosophen von
hier und der Umgebung versammelt. In kurzer Zeit aber geht der
Zug ab.
Also vorlaufig alles herzliche Ihnen beiden und Arensons
Adresse vorlaufig: von Ihrem
Dr. Rudolf Steiner n , ,ro .
i • t_t r^ -^i. wr Kudolr bteiner
bei Herrn Guntner Wagner
Lugano Castagnola (Schweiz)
1) Erfolgte mit Brief vom 11. August 1904.
2) Ob dies erfolgt ist, ist nicht bekannt.
An Doris und Franz Paulus in Stuttgart
Streng vertraulich.
London, 14. Mai 1904
Verehrteste Frau und Herr Doktor!
Vielfache Arbeit und Reisen haben es mir bis heute nicht moglich
gemacht, Ihre lieben Briefe ausfuhrlich zu beantworten. Ihr letztes
Schreiben ist mir besonders lieb, denn ich sehe, dafi Sie die Medita-
tionsarbeit fortgesetzt haben, und das bitte ich immer so zu halten.
Sie konnen versichert sein, daft Sie zur rechten Zeit immer von mir
das Notige erhalten. Ich mufite gerade wegen unserer esoterischen
Arbeit in Deutschland die letzten Tage in London hier bei unserem
spirituellen Oberhaupte Mrs. Besant zubringen, um von ihr voile
esoterische Autorisation fur alles zu erlangen, was ich auf diesem
Felde tue. Denn Sie konnen versichert sein, dafi im Esoterischen je-
de Anweisung, jeder Rat in der allersorgfaltigsten Weise und unter
wirklicher Leitung der groften spirituellen Fiihrer des Menschenge-
schlechtes gegeben werden. Zweifeln Sie nicht, dafi Sie iiber kurz
oder lang durch die Meditationsarbek selbst den Weg zu diesen Fuh-
rern finden werden. Wer erlebt hat, was ich erlebt habe, der darf so
sprechen. Ich bitte Sie nun, auch noch in den nachsten Wochen die
Teile der «Stimme» zu meditieren, welche den sieben Stimmen vor-
angehen. Ich werde unter Autorisation in den nachsten Tagen diese
sieben Stimmen interpretieren und Sie erhalten dann ein erstes
Exemplar der Interpretation. Es wird dann noch viel mehr Wert fiir
Sie haben, als wenn ich es Ihnen vor 14 Tagen noch ohne voile Au-
torisation gegeben hatte. Denn mein esoterisches Wirken hat erst in
den letzten Tagen noch die voile Weihe erhalten.
Nun wende ich mich zu Ihren Fragen, liebe Frau Doktor. Ware
ich nicht Esoteriker und stunde ich nicht im spirituellen Leben, so
wurde ich vielleicht sagen: Ihre Fragen in Stuttgart und spater die
brieflichen haben mich iiberrascht. Aber durch die genannten Ei-
genschaften war ich fur die Erkenntnis Ihres tiefen psychologischen
Blickes voll vorbereitet. Ich kann Ihnen nur sagen: Sie haben gute
psychische Gaben und eine schone Vorbedingung sowohl zur spiri-
tuellen Erkenntnis wie auch zum Wirken in der physischen Welt
von den spirituellen Planen aus. Was Sie erleben, zeigt einfach, daft
Sie Verbindung haben mit den spirituellen Machten der Welt, und
Ihre ganze Art zeigt wieder, daft Sie berufen sind, diese geistigen Ga-
ben in edler Art zur Hilf e fur die Menschen anzuwenden. Sie fragten
mich u.a. wiederholt, wer ich sei. Es wird wohl auch die Zeit kom-
men, in der wir dariiber sprechen konnen. Doch heute will ich Ih-
nen nur sagen, daft ich Berechtigung zu dem Glauben habe: Sie ha-
ben mir selbst in einem fruheren Leben einmal einen recht groften
Dienst geleistet. Mifiverstehen Sie mich nicht. Irrtiimer sind natur-
lich auch bei spirituellen Beobachtungen nicht ausgeschlossen. Ich
bin aber kein Mensch, der in Illusionen lebt. Ich bin auf den spiri-
tuellen Feldern einer derjenigen, die man vorsichtig, und wohl auch
«nuchtern» nennt. Deshalb darf ich von berechtigtem Glauben spre-
chen. Es hat in meinem fruheren Leben vor Jahrhunderten eine Per-
sonlichkeit die Rolle gespielt, daft sie mich einer gewissen Familien-
sphare entrift und mir die Wege damals moglich machte, die zu mei-
nem damaligen Berufe, einem katholischen Priester, notig waren. Es
waren Zeiten, in denen die Kirche noch nicht ganz verfallen war wie
heute. Sie bewiesen damals die Vorurteilslosigkeit, die mir auch heu-
te so groft an Ihnen erscheint. Sie haben sich damals wohl auch die
Bedingungen zu Ihrem heutigen Leben geschaffen. Das sind Andeu-
tungen, die ich Sie bitte so kritisch wie moglich aufzunehmen; aber
ich kann Ihnen nur sagen, daft ich sie mit Grund fur vollberechtigt
halte. Es wird Ihnen, wenn Ihnen plausibel erscheint, was ich sage,
auch klar sein, daft Sie zu psychischem Leben berufen sind. Er-
schrecken Sie vor dieser Veranlagung nicht. Solche Gaben miissen
wir als ein Heiligtum betrachten; wir miissen mit ihm leben, so ver-
traut, wie wir mit den Tischen und Personen unserer physischen
Umgebung leben. Wir miissen sie ganz objektiv hinnehmen, und
unser Selbstbewufttsein, unser «Ich» stets intakt und als festen Mit-
telpunkt erhalten.
Niemals diirf en wir uns unfrel machen lassen von solchen Einflus-
sen. Sie sind uns geschenkt; aber niemals mit der Absicht, uns zu
iiberwaltigen. Was auch kommen mag, halten Sie fest an dem
Grundsatz: alle Machte der Welt, physische wie geistige, sind in der
gegenwartigen Entwickelungsepoche der Welt dazu da, daft der
Mensch als freies, selbstbewufltes, denkendes, auf sich selbst gestiitz-
tes Wesen zunachst hier auf dieser Erde seine Aufgabe erfulle. Die
geistigen Machte und Einfliisse sollen ihn nur leiten, hier die rechten
Wege zu finden. Und insbesondere ist heute die Frau berufen, ihr
Selbst zu finden und geltend zu machen. Alles, was auf diesem Ge-
biete geschieht, wird zum Heile der Menschheit beitragen.
Ich bin am 17. Mai wohl wieder in Berlin und schreibe Ihnen
dann diesen Brief weiter.1* Fur heute sage ich Ihnen beiden noch
allerherzlichste Griifie von hier aus
in Treuen
ganz Ihr
Rudolf Steiner
An Adolf Arenson in Bad Cannstatt aus London, 14. Mai 1904
Dieser Brief ist nicht erhalten, jedoch die Antwort von Adolf Arenson vom 27.
Mai 1904:
Lieber Herr Doktor!
Ihre freundliche Mitteilung aus London hat mich sehr erfreut und be-
gliickt. Ich danke Ihnen fur Ihr Vertrauen zu mir - ganz gewift, ich werde
mich dessen wiirdig zeigen, auch wenn meine Meditationsversuche viel-
leicht nicht den Erwartungen entsprechen sollten. Das hangt zum Teil
nicht nur von meinem Willen ab; aber dafi diese tagliche Sammlung mei-
nen Charakter beeinflulk und mich strenger gegen mich selbst macht, das
empfinde ich schon jetzt. Ich fuhle einerseits meine Mangel empfindlicher
1) Brief vom 11. August 1904
als je, andererseits ist trotzdem mehr Ruhe in mir, weil ich mich auf richti-
gem Pfad weifi. ^
Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe. Herzlich und ergeben
Ihr Adolf Arenson.
An Mathilde Scholl in Koln
Berlin, 18. Mai 1904
Verehrtes liebes Fraulein Scholl!
Eben bin ich aus London zuriickgekommen. Auf der Herreise ha-
be ich noch in Hannover einen Vortrag gehalten.2)
Es obliegt mir nun vor allem, auf Ihre Meditationsarbeit einzuge-
hen. Ihr Brief vom 15. d.M.3) driickt eine Empfindung aus, die Sie ge-
geniiber Ihrem inneren Erfahren haben. Sie sagen: «ich bin nicht
mehr verzweifelt dariiber, wenn ich das geistige Leben zeitweise we-
niger stark empfinde.» Das ist die rechte Stimmung der Gelassenheit,
die den innerlich Arbeitenden immer mehr beherrschen mufi. Der
rechte Fortgang stellt sich immer mehr ein, je mehr man in die Stim-
mung kommt: alles in Stille und Ergebenbeit hinzunehmen, was sich
auch einstellen mag. Man mufi durchaus nichts erzwingen wollen,
sondern gelassen warten, was kommt. Wie es Ihnen auch selbst er-
1) Der Brief Rudolf Steiners enthielt offenbar die Mitteilung, dafi Adolf Arenson in die Esote-
ric School aufgenommen wird. Er hatte aber schon vorher von Rudolf Steiner Anweisun-
gen erhalten (siehe unter «Individuell gegebene Ubungen»), denn er schrieb ihm am 9. Mai
1904: «Unserer Verabredung gemafi berichte ich Ihnen heute, wie es mir mit meinen Medi-
tationsversuchen ergangen ist.» Und am Schlufi dieses Briefes heifk es: «Dann mochte ich
Sie bitten, mich der Esoteric Society vorzuschlagen; ich aufterte ja bei Ihrem Hiersein den
Wunsch, einzutreten. Ich weifi allerdings nicht, welche Bedingungen gestellt werden, auch
nicht, wozu es verpflichtet; aber was auch verlangt werde, ich fiihle, wenn auch nicht die
Kraft, so doch den ehrlichen Willen in mir, es unentwegt anzustreben. - Mufi ich direkt
um Aufnahme bitten? Ich wiirde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir auf diese Fragen
eine Zeile der Antwort zukommen lassen wiirden. In dankbarer Verehrung Ihr Adolf
Arenson.»
2) Am 15. Mai 1904 offentlich iiber «Geburt und Tod im Leben der Seele, ein Blick in die
theosophische Weltanschauung» (keine Nachschrift).
3) Dieser Brief liegt nicht vor.
scheinen mag: Sie sind weiter gekommen, und werden immer weiter
kommen. Ich habe in dieser Beziehung iiber Sie auch zu Frau Besant
gesprochen. Denn es war im wesentlichen meine Mission jetzt in
London, mit Frau Besant iiber die E.S. und ihre Aufgabe in
Deutschland zu sprechen. Nun konnte mich schon jetzt Frau Besant
zum «Arch- Warden of the E.S.» ernennen mit der Bestimmung, daft,
was ich tue, in ihrem eigenen Namen getan ist. Zu dem nachsten,
was ich nun mit ihr zu besprechen hatte, war, Sie wirklich als Mit-
glied «ersten Grades » in die Schule aufzunehmen. Ich werde Ihnen
nun in einigen Tagen die «Regeln» des «ersten Grades» senden, und
Sie werden mir dann sagen, wie Sie sich stellen. - Vorerst aber habe
ich Ihnen zu sagen, daft die Mitglieder der E.S. durch die Aufnahme
in den «ersten Grad» in wirkliche okkulte Verbindung mit dem spi-
rituellen Strom kommen, der von den Meistern ausgeht, und daft Ih-
nen das im Laufe der Zeit immer mehr und mehr - wenn auch viel-
leicht langsam - zum Bewufttsein kommt. Daft Sie die Stufe zur
Aufnahme erreicht haben, kann ich vor den «gesegneten Meistern»
voll vertreten. Was ich Ihnen mundlich mitzuteilen habe, teile ich
Ihnen mit, wenn wir uns nachstens treffen - wohl in Amsterdam.15
Der Erfolg der deutschen theosophischen Bewegung hangt davon
ab, daft wir einen Grundstock von solchen Theosophen haben, die
esoterisch arbeiten. Sie sind ausersehen, auch vor allem in dieser
Richtung zu helfen. Es sind ernste Worte, die ich an Sie richte, doch
sind Sie ja immer bereit, das Ernste auch ernst aufzunehmen.
Uber alles andere in dieser Richtung schreibe ich Ihnen nachstens
noch mehr.
Lassen Sie sich vor alien Dingen nicht schrecken durch Dinge,
wie die sind, die Sie, nach Ihrem Briefe, erlebt haben. Solches sind
Riickwirkungen (Reaktionen) des durch die Meditation engagierten
Astralkorpers auf den Ather- und dadurch auf den physischen Kor-
per. Was Sie sehen, sind zunachst physisch-atherische Vorgange, die
in Ihren eigenen physischen Organen mitbegrundet sind. Die Ursa-
cben dazu liegen in Ihrem Astralkorper, der durch die Meditation er-
1) Beim Kongrefi der Foderation europaischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft im
Juni 1904.
regt wird. Das alles wird iiberwunden. Und an die Stelle dieser Din-
ge tritt spater die Verkorperung wirklicher iibersinnlicher Erlebnis-
se. Es mufi eben alles durchgemacht werden. In Ruhe.
Das Diplom fur Frl. v. Dessauer lege ich bei1} - alles iibrige dar-
iiber erledigen Sie, bitte, mit Frl. von Sivers.
In Koln geht es also wohl gut vorwarts. - Es ware recht notwen-
dig, dafi auch in Dusseldorf der formelle ZusammenschlufS recht
bald erfolgte.
Griifien Sie aufs herzlichste Ihre Hausgenossen und seien Sie
selbst herzlichst gegriifit von
Inrem
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
An Mathilde Scholl in Koln
Mathilde Scholl hatte am 13. Juli 1904 an Rudolf Steiner geschrieben:
Eben schreibt mir Frau Lubke, daft sie in England das «pledge» unter-
schrieben habe und macht mich mit Besorgnis darauf aufmerksam, dafi ich
Sie bitten soil, mich doch auch gleich das «pledge» unterschreiben zu las-
sen, falls Sie mir die anderen Papiere auch noch nicht schicken konnten. Es
seien einige Anderungen in der Schule gemacht, iiber die sie aber mir nichts
Naheres mitteilen konne, ehe ich das «pledge» unterschrieben hatte.
Ich habe nun iiberhaupt nichts dariiber geauftert, dafi ich noch nicht un-
terschrieben hatte oder keine Papiere erhalten, weil ich das nicht fur so
wichtig hielt. Da Frau Lubke sich aber Sorgen deshalb zu machen scheint,
teile ich Ihnen dieses mit. Da Sie selbst und Mrs. Besant mich aufgenom-
men haben, halte ich dies allein fur wichtig. Meine Gesinnung kennen Sie
ja ganz und gar, gleichviel ob ich noch miindlich oder schriftlich ein beson-
deres Versprechen gebe. Sie wissen, dafi ich im Grunde zu allem bereit bin,
i) Bezieht sich auf die Mitgliedschaft in der Theosophischen Gesellschaft.
was man auch von mir verlangen konnte. Ich verstehe nicht, wie auftere
Veranderungen in der Schule den Grad der Entwickelung eines Menschen
beeinflussen konnten. - Doch mufi irgend etwas Ernstes und Wichtiges da-
bei sein, da Frau Liibke, deren rechte Hand unbrauchbar und in arztlicher
Behandlung ist, mir mit grofier Miihe mit der linken Hand schrieb. Ich bin
ihr gewifS dankbar dafiir, aber ich glaube, sie angstigt sich umsonst. Sie wer-
den ja sehen, was Sie tun wollen. . .
Rudolf Steiner antwortete wie folgt:
Berlin, 14. Juli 1904
Liebes Fraulein Scholl!
In der Anlage sende ich Ihnen die Pledge. Ich bitte, sie abzuschrei-
ben und mir Ihre Abschrift mit Ihrer Unterschrift zu senden zur
Weitergabe an Mrs. Besant. 1} Es ist in der Pledge enthalten, was die
Mitglieder der E.S. vereint. Selbstverstandlich gelten alle Verpflich-
tungen, die schon der Shravaka ubernommen hat, fort. Wenn Sie
mir die Pledge unterschrieben gesandt haben, sende ich Ihnen auch
provisorisch einige Papiere. Anderes kann jetzt augenblicklich noch
nicht gegeben werden, aber bald.
Wegen etwaiger Anderungen in der Schule angstigen Sie sich nur
ja nicht. Solche Dinge beziehen sich ja nie auf die innere Entwicke-
lung der einzelnen Mitglieder, sondern auf das Herabwirken der
i) Erfolgte am 15. Juli mit folgendem Begleitbrief:
«Einliegend sende ich Ihnen das «Versprechen». Ich gebe es gern und in jedem Punkt von
ganzem Herzen. Mochte es mir geKngen, es moglichst treu zu erfiillen.
Ich danke Ihnen sehr fiir Ihre freundlichen Worte. Viel Ruhe, Mut und Kraft schopfe ich
immer aus dem, was Sie mir sagen, ebenso aus dem, was Sie in Ihren Schriften sagen, so
jetzt aus dem letzten «Luzifer»-Heft. So sehr ich mich iiber jede Zeile von Ihnen freue und
so lieb es mir sein wird, die Fortsetzung der Exegese von «Licht auf den Weg» zu bekom-
men, so bitte ich Sie, diese doch nur dann zu schreiben, wenn Sie Zeit finden konnen, ohne
von der zu Ihrer Ruhe unbedingt notigen Zeit etwas darauf zu verwenden. Ihre Kraft mufi
uns vor allem erhalten bleiben. Darum sollten Sie sich auch physisch nur ja nicht uberar-
beiten. Wir machen uns alle Sorgen darum. Aber ich vertraue darauf, dafi Sie auch selbst
als notwendig ansehen, sich der Welt und uns zu erhalten. Wir wollen und miissen alle
noch so viel von Ihnen horen und lernen.»
Schule von den hoheren auf den physischen Plan vox und in der
Welt. Da mufi man naturlich immer beriicksichtigen, was der Welt
frommt. Sie, die Sie eine treue, hingebungsvolle Schulerin der E.S.
sind und die Sie sich durchaus auf dem rechten Wege befinden, wird
die Anderung iiberhaupt nicht erheblich beriihren. 15
Die einzelnen Punkte der Pledge sind notwendig zu halten, wenn
wir vorwarts kommen wollen auf dem okkulten Pfade. Es braucht
aber nichts pedantisch, nur alles streng genommen zu werden. Auf
die Gesinnung kommt es allein an. Wie man der theosophischen Be-
wegung eine Stiitze zu sein hat, dies kann man ganz selbst entschei-
den. Es kann durch Stellung, Lage, sogar notwendig sein, vor der
Welt nicht zu sagen, dafi man Theosoph ist. Wirkt man - noch so
still - aber ernstlich, so hat man sein Wort gelost.
Auf die Rede zu sehen, dafi man immer weniger und weniger an-
dere durch sie verletzt, kommt vieles an. Das fiihrt zur Offnung des
Tores, das von den Meistern abschliefit. Schwachen Anderer sollen
nie unseren Tadel - wenigstens nicht den unseres Herzens - finden,
sondern sie sollen auf jede Art von uns zu verstehen gesucht werden.
Das Studium iibernimmt jeder E.S. Schiiler als eine Pflicht.
Die Interpretation von «L. a. d. W.» [«Licht auf den Weg»] erhal-
ten Sie jetzt sicher bald.2) Alles andere beantworte ich auch sicher
noch diese Woche.
Herzlichst
ganz Ihr
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
1) Naheres nicht bekannt.
2) Siehe Brief vom 9. August 1904
An Amalie Wagner in Hamburg
Berlin, 2. August 1904
Verehrtes, liebes Fraulein Wagner!
Heute ist es mir moglich, Ihnen die ersten Mitteilungen beziiglich
der E.S. zukommen zu lassen. Das erste mufi sein, iiber die Bedeu-
tung der Schule zu sprechen. Die esoterische Schule ist eine okkulte
Einrichtung, das heifit, sie steht unter der Leitung von hochentwik-
kelten Individualitaten. Das sind Menschen, welche den Weg bereits
durchgemacht haben, welcher der Mehrzahl der Menschen noch be-
vorsteht. Solche hochentwickelten Individualitaten sind im Besitze
eines hohen Grades von Weisheit, sind ausgestattet mit einem unbe-
grenzten Quell von Menschenliebe und mit der Gabe, denjenigen zu
helfen, welche den Pfad der Vollkommenheit gehen wollen.
Diejenigen, welche in den Orden der Shravakas eintreten, ver-
pflichten sich zu nichts anderem als dazu, bewufit nach Kraften an
ihrer eigenen Vervollkommnung zu arbeiten, damit sie immer mehr
und mehr auch zu Dienern in der Vervollkommnung des ganzen
Menschengeschlechts werden. Jeder kann natiirlich nur so viel tun,
als in seinen Kraften liegt. Die Schule verlangt nichts. Sie will nur
die Mittel an die Hand geben, durch welche jeder sich so vervoll-
kommnen kann, wie es fur ihn selbst und fur die Menschheit not-
wendig ist. Und um solches zu erreichen, sind die genannten voll-
kommenen Individualitaten auf okkulte Art behilflich. Wer das
«Versprechen» unterschreibt, fiir den beginnt auf eine ihm vorlaufig
vielleicht ganz unbewuftte Art der EinfluiS dieser vollkommenen In-
dividualitaten. So arbeitet er einfach durch seine Zugehorigkeit zur
Schule fiir die ganze Menschheit. - Alle Verpflichtungen, die der S.
[Shravaka] ubernimmt, ubernimmt er nur gegen sich selbst. Denn
ohne die Einhaltung dieser Verpflichtungen ist es unmoglich, das ge-
steckte Ziel zu erreichen; und die Mitgliedschaft an der Schule ware
zwecklos.
Verehrtes Fraulein Wagner! Ich will Ihnen nun in aller Kiirze ge-
nau angeben, was zu tun ist. Beginnen konnen Sie mit allem erst am
18. August. Und zu diesem Zeitpunkt rrmfite ich Sie bitten, den An-
fang zu machen. Aus Griinden, die nur dem Okkultisten bekannt
sind, mufi der Anfang zu ganz bestimmten Zeiten gemacht werden.
Spater wird Ihnen das alles klar werden.
Dann ware folgendes zu tun. 1. Am Abend, bevor Sie sich zur
Ruhe begeben - am besten ganz vor dem Einschlafen - bitte ich Sie,
zuerst folgenden Satz in Gedanken - jeden Abend - zu wiederholen:15
Strahiender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Ather
1st das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen.
Dies Selbst bin Ich,
Ich bin dies Selbst.
Wenn Sie dies durchdacht haben, aber so durchdacht, dafi sich
kein fremder Gedanke in Ihr Bewufitsein drangt, wahrend Sie sich
diesen Satz vorhalten: dann verwenden Sie 4 - 5 Minuten darauf, ei-
ne Riickschau auf die Erlebnisse des Tages anzustellen. Da bitte ich
Sie, diese Erlebnisse des Tages vor Ihrer Seele kurz voriiberziehen zu
lassen und sich selbst klar zu machen, wie Sie sich zu diesen Ereig-
nissen stellen. Man beobachtet sich da selbst, und fragt sich, ob und
inwiefern man mit sich selbst einverstanden ist, was man besser hat-
te erleben konnen, was man besser hatte machen konnen. So wird
man sein eigener Beobachter. Der Sinn ist dabei der, dafi man sich
selbst von einem hoheren Gesichtspunkt aus beobachtet, und all-
mahlich so das «hohere Selbst» uber den Alltagsmenschen zum
Herrscher wird. Dabei sollte aber alles wegfallen, was der Sorge,
dem Kummer uber das Erlebte gleichkommt. Wir sollen lediglich
von unserm eigenen Leben lernen, es zur Lektion machen. Wir sol-
len nicht in Reue an die Vergangenheit denken - dazu ist den iibri-
gen Tag hindurch ja Zeit - sondern mutig diese Vergangenheit fur
die Zukunft benutzen. Dann lernen wir fur unser gegenwartiges per-
sonliches Dasein, und wir lernen vor allem fur die Zeit, die uber den
Tod hinaus liegt.
1) Siehe hierzu Seite 447.
63
Wenn man in dieser Art die Tagesriickschau vollbracht hat, dann
schlaft man ein mit dem Gedanken an die Menschen, die man lieb
hat und denen man helfen will. Es kann sich daran noch schliessen
die Vorstellung eines Lebensideals, mit dem man besonders ver-
wachsen ist.
Nun am Morgen. Moglichst bald nach dem Erwachen ist eine
kleine Meditation zu leisten. Sie besteht in folgendem:
1 . Wiedervorhalten obigen Gedankens: «Strahlender...»
2. Die eigentliche Meditation (6-8 Minuten)
Ich bitte Sie, dazu jeden Tag einen Satz zu nehmen aus der «Nach-
folge Christi» von Thomas a Kempis. Dies in folgender Weise.
Sie nehmen in den ersten 8 Tagen aus dem 3. Kapitel «Wohl dem,
den die Wahrheit...» Diesen Satz pragen Sie sich gut ein, so dafi er Ih-
nen ganz im Gedachtnis ist. Dann erfiillen Sie die angezeigten 6 bis 8
Minuten Ihr ganzes Bewufitsein mit diesem Satze. Es soil jeglicher
andere Gedanke ausgeschlossen sein. Wir erreichen dadurch, dafi
wir einen solchen spirituellen lebendigen Satz in unser ganzes We-
sen aufnehmen. Wir durchdringen uns mit ihm. Und er strahlt dann
iiber alles, was wir tun und sind, seine Kraft aus. Sie behalten densel-
ben Satz jeden Tag durch 8 Tage bei. Dann kommt der nachste Satz
und so fort.
Der dritte Teil der Morgenmeditation ist die Devotion zu dem,
was uns gottlich-heilig ist, zum Beispiel zu Christus. Das soli minde-
stens 4 bis 6 Minuten dauern und in hingebender Verehrung unseres
Heiligen Wesens bestehen.
Das sind zunachst alle Ubungen. Durch diese Ubungen wird es
den vollkommenen Wesen (Meistern) moglich, an uns heranzukom-
men, uns aufzunehmen in den Strom, der zur Vervollkommnung
fiihrt. Bezxiglich 6. der Regeln^ bemerke ich nur noch, dafi die einzi-
ge Ausnahme, in der ein Schluck Wein genommen werden darf, das
heilige Abendmahl ist; da ist die schadliche Wirkung nicht vorhan-
den, weil es sich um eine Zeremonie handelt. Diese Enthaltsamkeit
1) Dem Brief waren Regeln und ein Versprechen-Text beigefiigt, siehe Seite 139.
sonst sollte allerdings ganz streng geiibt werden. Es handelt sich
nicht darum, eine Pflicht gegenuber der Schule zu erfiillen, sondern
darum, die Vollkommenheit zu fordern. Insbesondere beim Shrava-
ka wird es gentigen, wenn im wesentlichen der Alkoholgenufi ver-
mieden wird. Doch besser ist auch hier besser.
Das Buch 3. schreibe ich nachstens.13 «Engel» ist der [Julius] Engel
in Berlin. Er hat die «Briefe, die mir geholfen haben» iibersetzt.2)
Ich bitte Sie aber, vorlaufig die Dinge, die da angegeben sind, nicht
zu iiben, sondern... [Schlufi des Briefes fehlt].
An Mathilde Scholl in Koln
Berlin, 9. August 1904
Verehrtes, liebes Fraulein Scholl!
Ich sende Ihnen anliegend, was Sie jetzt brauchen.35 Baldigst Fort-
setzung. Uber Herrn Kiinstlers Anfrage in einem sogleich folgenden
Brief.4)
Herzlichst
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
1) Vermutlich ist damit die «Geheimwissenschaft im Umrifi* als das dritte theosophische
Buch gemeint (1. Buch «Das Christentum als mystische Tatsache* (1902), 2. Buch «Theoso-
phie» (Mai 1904). Die «Geheimwissenschaft» war urspriinglich als zweiter Teil der «Theo-
sophie» geplant und seit 1905 als in Vorbereitung angekiindigt, konnte jedoch infolge der
Uberbeanspruchung erst Ende 1909 erscheinen.
2) «Briefe, die mir geholfen haben». Gesammelt von Jasper Niemand [Pseudonym fur
Julia Campbell Ver Plank, seit 1891 die Frau von Archibald Keightley]. Ubersetzung aus
dem Englischen von Julius Engel. Selbstverlag Charlottenburg o.J. Die englische Originalaus-
gabe erschien 1891. Neuausgabe «Letters That Have Helped Me» by William Q. Judge
(compiled by Jasper Niemand), Theosophical University Press, Pasadena, California. 1981).
3) Aus der Antwort von Mathilde Scholl vom 10. August 1904 geht hervor, daft es sich bei
der Beilage um eine Meditationsanweisung und um die Fortsetzung der Exegese von «Licht
auf den Weg» gehandelt hat, die er ihr in seinem Brief vom 28. Dezember 1903 versprochen
hatte. Siehe Anhang, Seite 445.
4) Die Anfrage Eugen Kiinstlers bezog sich auf die im September vorgesehene Vortragsreise
von Annie Besant. Rudolf Steiner antwortete ihm am 16. August 1904. Dieser Brief ist vor-
gesehen fur GA Nr. 263.
An Doris und Franz Paulus in Stuttgart
Berlin, 11. August 1904
Verehrteste Frau und Herr Doktor!
Sie haben mir, Hebe Frau Doktor, einen schonen poetischen Aus-
druck Ihrer Stimmung geschickt. Er ist mir sehr wertvoll. Er ist ja so
voll von den in den Tiefen Ihres Wesens auferstehenden mystischen
Gewalten, dafi ich nur bewahrheitet finden mufi, was ich vom An-
fang unserer Bekanntschaft an Ihnen sah: Sie haben grofle Krafte,
gnadige Frau, und Sie vermogen viel. Und in gar nicht zu ferner Zeit
wird sich Ihnen Ihre innere Fiille - zum Heil der Menschheit - auf
eine Ihnen uberraschende Weise offenbaren. Sie sind so lieb, mich in
Ihrem Briefe «Fuhrer» zu nennen. Ich kann und darf nur so weit
fuhren, als der erhabene Meister, der mich selbst fuhrt, mir die An-
leitung gibt. Ich folge ihm mit vollem Bewufitsein bei allem, was ich
Anderen sage. Und wenn Sie das anerkennen, so bitte folgen Sie mir
in Einem, vielmehr folgen Sie ihm: in Geduld. Die rechte Stimmung
ist die Geduld. Ich sage das nicht, weil ich ausdriicken will, da$ Sie,
verehrte Frau, diese Geduld nicht hatten, sondern weil wir uns im-
mer wieder und wieder diese Geduldsstimmung vorhalten mussen.
Sie sagen, in einem fruheren Briefe, dafi Sie nicht ausdriicken kon-
nen, was Sie bewegt. Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben:
das Ihnen ganz entsprechende Ausdrucksvermogen wird kommen.
Aber nochmals: Geduld. Die Stimmung des Wartens beschleunigt
unsere Schritte.
Sie meinen, wenn man in der Meditation die Worte, die eigentlich
selbstverstandlich sind, wiederhole, so sei das doch zwecklos. Das
aber ist nicht der Fall. Kame es auf das Wissen an, dann ware es
zwecklos. Aber es kommt eben darauf an, dafi man wieder und im-
mer wieder durch sich selbst erlebt, was man sein soil, und was man
selbsttatig aus sich machen soil. Sie finden dariiber Naheres in den
Zusatzen, die ich Ihnen zur «Stimme der Stille» versprochen habe
und Ihnen heute beilege. [Siehe Anhang, Seite 453]
Sehen Sie, verehrteste gnadige Frau, die innere Kraft wird nicht
dadurch gesammelt, dafi wir den Zwang hassen. Sondern dadurch,
dafi wir uns freiwillig, allerdings ganz freiwillig einen Zwang aufer-
legen. Bitte fassen Sie solche Formelvorlagen, wie ich sie Ihnen in
Stuttgart gegeben habe, nicht anders auf denn als Rat, und nur als
Rat. Aber es ist ein Rat, der auf der Erfahrung der Okkultisten vie-
ler langer Zeitraume beruht.
Deshalb mochte ich Sie, verehrteste Frau Doktor und auch Sie,
lieber Herr Doktor, bitten, in der Meditation so fortzufahren, wie
Sie begonnen haben. Die angefuhrte Formel miifite noch lange kurz,
aber allerdings kurz jeden Morgen durch Ihre Seele ziehen. Ich mei-
ne, Sie halten vielleicht zu lange gerade auf dieser Formel. Das ist
nicht notwendig. Aber bedenken Sie doch, dafi auch Adepten jeden
Morgen sich, wenn auch blitzschnell, diese Formel durch die Seele
ziehen lassen als eine fortwahrende Selbstmahnung, da$ das Leben
nie abgeschlossen sein darf, sondern jedes Selbst noch ein hoheres
Selbst gebaren muft.
Die ganze Meditationsarbeit wiirde demnach weiterhin bestehen
fur Sie beide:
1. Abends, vor der Ruhe, Lebensriickschau auf den Tag.
2. a) Morgens, durch die Seele gehen lassen der Formel fur das
hohere Selbst.!)
b) Meditation iiber «Licht auf den Weg».2) Von 8 zu 8 Tagen ei-
nen neuen Satz. Aber geduldig die 8 Tage bei Einem bleiben.
(Naheres dariiber in dem Beiliegenden).
c) Devotionelle Stimmung zu dem, was wir als das hochste, das
Gottliche verehren.
Schranken Sie, Frau Doktor, die Zeit so ein, wie Sie es dienlich
halten, wenn Sie noch eine besondere, von Ihnen beschriebene Me-
ditation vornehmen wollten. Das aber, was ich angegeben habe, ist
wirksam und fruchtbar und fuhrt hinan den Pfad der Erkenntnis.
1) «Strahlender als die Sonne ...», siehe Seite 447.
2) Offensichtlich ist dies ein Schreibfehler; aus dem Zusammenhang, auch mit den anderen
Briefen an Doris und Franz Paulus, mufi es «Stimme der Stille* heifSen.
Ob wir das, was wir wissen, als selbstverstandlich empfinden oder
nicht, davon hangt nichts ab, sondern dafi es durch unsere Seele geht.
Ihren Empfindungen von Ihrem Kennen inbezug auf mich diirfen
Sie trauen. Auch ich weifi, dafi Sie eine rege Phantasie haben. Aber
eine rege Phantasie als solche ist noch nicht unbedingt irrefuhrend.
Sie kann es sein; aber sie kann auch die Gelegenheitbringerin sein
fur den Zuflufi hoherer Erfahrungen. Und Sie sehen, liebste gnadige
Frau, wie Ihre Erfahrungen mit den meinen in gewisser Beziehung
zusammenstimmen. Davon habe ich Ihnen ein Vorlaufiges in mei-
nem Briefe aus London geschrieben. Ein weiteres schreibe ich Ihnen
bald. Und was mich betrifft, so weifi ich, dafi mir jede Phantastik so
feme wie moglich liegt; auch halte ich mich mit aller Kraft von jegli-
cher Phantastik ganz fern. Liebe Frau und Herr Doktor, glauben Sie
mir, was ich sage, entspringt in meiner Erfahrung ganz mit der
Strenge, die der Mathematiker sich auferlegt. Und ich habe, bevor
ich mich in die Theosophie gewagt habe, im gegenwdrtigen Leben al-
les daran gewendet, dafi keine Art von Phantastik mich verfuhren
kann. Darauf war mein Leben durch lange Jahre trainiert.
Den jungen Graser beschreiben Sie richtig. So zu sein, wie er ist,
ist gewifi nicht ohne Gefahr. Und Leute seiner Art sind symptoma-
tisch fur die Gegenwart. Ich habe ihn an Sie empfohlen, weil ich
weifi, wie Sie anders sind als Andere.
Was Sie iiber Deinhard und Bresch schreiben, ist gewifi richtig.
Doch seien wir nachsichtig. Beide Herren konnen eben nicht anders
sein, als es ihr Karma mit sich bringt. J) Halten wir zusammen, stiit-
zen wir uns auf das, was wir fur das Richtige ansehen und sehen wir
iiber die Schwachen der andern hinweg.
Es ist mir sehr, sehr lieb, dafi im September Mrs. Besant nach
Stuttgart kommt.
Vorlaufig Ihnen beiden alles Herzliche
von Ihrem
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
1) Zu Deinhard und Bresch siehe die Briefe an Marie Steiner-von Sivers vom 18. und 19. April
1903 in «Briefwechsel und Dokumente...», GA 262
Franz Paulus antwortete auf diesen Brief Rudolf Steiners am 30. November 1904:
In erster Linie mdchte ich Ihnen heute meinen Entschlufi kund tun, auf-
grund der uns von Ihnen eingehandigten «RegeIn» Zogling der E.S.T. zu
werden; ich werde daher, weiterer eventueller Weisungen von Ihnen har-
rend, morgen damit beginnen, taglich zu notieren, wie ich mich von der
Einhaltung der Regeln 1, 2, 3 befriedigt fuhle.l)
An Horst von Henning in Weimar
Berlin, 12. August 1904
Mein verehrter lieber Herr von Henning!
Verzeihen Sie die verspatete Antwort.2) Ich werde erst jetzt all-
mahlich aus der Arbeitslast herauskommen. Und kunftig sollen Sie
gewifi nicht mehr so lange zu warten brauchen. Ich war froh, Sie im
Bade zu wissen, und hoffe, dafi Ihre Erholung einen recht guten
Fortgang genommen hat. Praktische Meditationsarbeit wahrend ei-
ner Erholungszeit zu beginnen, ist nicht gut. Weder fur die Gesund-
heit, noch fur die Meditation. Raten kann ich Ihnen nur, wenn Sie
Meditation iiben wollen, sie wahrend der ganz gewdhnlichen Berufs-
tatigkeit zu beginnen. Denn Meditation soli keine Zeit rauben. Das
ist sogar Grundbedingung, wenn sie fruchtbar sein soli. Ich will Ih-
nen nun «im Vertrauen» (das heifk nur fur Sie) angeben, worin die
Meditation besteht. Abends vor dem Einschlafen, - ganz kurz, drei
bis vier Minuten - Riickschau auf das, was man den Tag iiber getan
hat und erlebt hat. Es kommt dabei darauf an, dafi man die wichtig-
sten Begebenheiten des Tages an sich voruberziehen lafk. Man fragt
1) Doris Paulus dagegen trat erst etwas spater der E.S.T. bei.
2) Die Karte, auf die hier geantwortet wird, liegt nicht vor.
sich dabei: Habe ich dieses Ereignis so mit beobachtendem Blicke
verfolgt, daft ich fur mein kunftiges Leben daraus lernen kann; und
wie hatte ich es tun miissen, um diesen Zweck zu erreichen? Oder
beziiglich einer Handlung, die man getan hat: Habe ich diese so
getan, daft ich jetzt, wo ich nicht mehr mitten darinnen stehe,
sondern mich betrachte, als ob ich ein anderer ware, mir noch recht
geben kann? Das alles soil so geschehen, daft man von sich selbst
lernt, daft man das Leben zu einer Lektion macht. Man erreicht
dadurch wirklich nach und nach die Erhebung zum «hoheren
Selbst», das iiber das niedere hinausgeht. Und - glauben Sie das der
okkulten Erfahrung - : nicht nur zur Erweiterung der menschlichen
Fahigkeiten, sondern auch zur Gesundung in jeder Beziehung tragt
das bei.
Dann am Morgen: Gleich nach dem Aufstehen. Bevor man Nah-
rung zu sich genommen hat, verwendet man ein paar Minuten - lan-
ger erst spater - zur eigentlichen Meditation. Wenn 1/4 Stunde
moglich ist, dann ist es besser. Sie besteht in einer Erhebung zum
«hoheren Selbst», wofur es eine ganz bestimmte Formel gibt, die
man in Gedanken vor sich hinsagt. Ich teile Ihnen diese Formel «im
Vertrauen» sofort mit, wenn Sie mir schreiben, daft Sie sie verwen-
den wollen, Dann schlieftt sich zwekens daran eine Konzentration,
bestehend in einem Leermachen des Bewufttseins von allem, was
uns das Leben des Alltags bringt. Da muft fur ein paar Minuten alles
aus dem Bewufitsein entschwinden, was uns sonst beschaftigt, auch
die Erinnerung an die Geschafte und Obliegenheiten des Alltags.
Dann lassen wir in dieses also entleerte Bewufttsein einen Satz aus ei-
ner inspirierten Schrift eintreten und geben uns ganz seinem Ein-
drucke hin. Wir spekulieren nicht iiber den Satz, wir leben mit ihm,
wie wir mit einem geliebten Kinde leben. Und wir behalten diesen
selben Satz dann wochenlang bei. Denn erst dann gibt er uns seine
Kraft her. Erst dann, nach Wochen, ersetzen wir ihn durch einen an-
dern Satz. So nehmen Meditierende zum Beispiel «Licht auf den
Weg» Satz fur Satz durch, was ihrer Meditation lange Inhalt gibt.
«Licht auf den Weg», «Die Stimme der Stille», «Bhagavad Gita» ge-
horen zu den besten Meditations biichern.
Der letzte Teil der Meditation ist dann das Erzeugen der devo-
tionellen Stimmung in sich gegeniiber dem, was Einem das Hoch-
ste, das Gottliche ist. Da kommt nicht diese oder jene Vorstellung
vom Gottlichen in Betracht, sondern diejenige, welche uns - nach
unserer Subjektivitat - wirklich intim ist. Dem Christen kann es
Christus, dem Hindu der «Meister», dem Mohammedaner «Moham-
med» sein, ja es kann sich ein moderner Wissenschafter in die «gott-
liche Natur» devotionell versenken. Es kommt auf das devotionelle
Gefuhl an, nicht auf die Vorstellung, die man sich vom «G6ttlichen»
macht.
Wenn Sie, mein lieber Herr von Henning, fortschreiten wollen in
der Entwickelung der mystischen Krafte, so kann ich Ihnen die We-
ge dazu noch weiter angeben. Ich sage Ihnen im Voraus, dafi da-
durch gewifi keine Gefahr in irgendwelcher Hinsicht verkniipft ist.
Und im Anschlusse an Ihre Frage und bei der Art, wie ich Sie kenne,
darf ich Ihnen sagen, dafi es einen «engen Kreis» gibt, in den ich Sie
aufnehmen darf, wenn Sie wollen. Sonst gibt es fur den Anfang keine
Verpflichtung, als die gegen sich selbst, die ich Ihnen schon in diesem
Briefe ausgesprochen habe. Nur noch die vollige Enthaltung von Al-
kohol kommt in Betracht. Die aber mull sein, weil sonst alle okkul-
te Arbeit unter gewohnlichen Umstanden umsonst ist. Wenn Sie al-
so Meditation suchen, dann schicke ich Ihnen die «Regeln» und Sie
konnen sich entscheiden. Wenn Sie aber ohne solchen Anschlufi
Meditation uben wollen, so stehe ich Ihnen auch ratend zur Seite;
nur bietet der Anschlufi an den «engeren esoterischen Kreis» zu-
gleich die okkulte Einschaltung, die an sich schon Hilfe und seeli-
schen Fortschritt bringt.
Damit mochte ich Ihre mir so willkommene Karte beantworten.
Wenn Sie den Anschlufi nicht wiinschen, dann bitte ich Sie iiber das
zu schweigen, was ich Ihnen geschrieben habe.
Herzliche Griisse von Ihrem
Dr. Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrasse 17
Horst von Hennings Antwort:
Weimar, 24. Oktober 1904
Mein lieber und verehrter Herr Dr.!
Wenn ich Ihnen erst heute, nach Verlauf von iiber zwei Monaten, fur
Ihr giitiges Schreiben danke, so geschieht dies nicht aus Tragheit oder Indif-
ferenz, sondern, weil ich gerade in letzter Zeit aufiergewohnlich mit Arbeit
iiberlastet war und mir zur Beantwortung Ihres so ernsten Briefes die not-
wendige Ruhe fehlte. Gleichzeitig fand ich auf diese Weise Zeit genug,
mich zu priifen und freue mich nun umsomehr, das, was ich Ihnen bei Ge-
legenheit Ihres letzten Hierseins infolge der besonderen Umstande nur an-
deuten konnte, nun schriftlich wiederholen zu konnen, namlich dafi ich
mich sehr freuen wiirde, wenn Sie mich als Ihren Schuler betrachten und
mich als solchen zur Aufnahme in den «engeren Kreis» vorbereiten woll-
ten, sofern Sie mich dessen fahig und wiirdig erachten. - Das mir von Ih-
nen entgegengebrachte Vertrauen hat mich begliickt und werde ich mich
redlich bemiihen, die mir durch den «Eintntt» etwa auferlegten Pflichten
zu erfullen und so bewuftt beizutragen zum Wohle meiner Mitmenschen. -
Es ist, wie ich Ihnen versichern kann, nicht der Wunsch nach personlichen
Vorteilen (auch nicht nach solchen geistiger Natur), der mich antreibt, den
Anschlufi an den esoterischen Kreis zu suchen, sondern die innere Uber-
zeugung, dafl die mir innewohnenden Eigenschaften mir die Pflicht aufer-
legen, diesen Weg zu beschreiten, wenn mir die Hand dazu freiwillig gebo-
ten wird, und ist es mir ernst mit meinem Entschlufi, geistig fortzuschrei-
ten, soweit dies in meinen Kraften steht.
Ich richte deshalb die herzliche Bitte an Sie: nehmen Sie meine Fiihrung
in Ihre Hande und geben Sie mir, was Sie mir nach Lage meiner Verhaltnis-
se und Fahigkeiten jeweilig geben zu diirfen glauben; an gutem Willen,
Dankbarkeit und Geduld soil es meinerseits nicht fehlen.
Unter treulichen Griifien
Ihr allzeit dankbar ergebener
Horst von Henning
An Eliza von Moltke in Bankau/ Oberschlesien
Eliza von Moltke schrieb am 20. Juli 1904:
Mein lieber Dr. Steiner!
Haben Sie mich ganz vergessen! Ich weifi, eine der Hauptsachen, die wir
Menschen anstreben miissen, ist Geduld und ich wiirde auch noch langer
geduldig gewartet haben, wenn ich nicht so sehr notig etwas geistige Hiilfe
brauchte - Sie wollten sich giitig meiner in dieser Beziehung annehmen,
mir Winke geben, wie ich mit mir arbeiten mufi, um das sehnlich gehoffte
Ziel einst zu erreichen: den Menschen zu helfen... Nun mochte ich aber so
sehr gern mit Erfolg an mir arbeiten, wie Sie es fiir richtig halten - und
wenn Sie die diesbeziiglichen Anweisungen erhalten haben, die Sie erst ein-
holen wollten auf dem hoheren Plan, dann seien Sie [so] gut und teilen Sie
es mir mit. . . .»
Auf diesen Brief antwortete Rudolf Steiner:
Berlin, 12., August 1904
Sehr verehrte, gnadige Frau!
Glauben Sie nicht, bitte, dafi ich in Zukunft Ihnen gegeniiber an
meinem Usus hangen werde, so wenig wie moglich Briefe zu schrei-
ben. Warum dieser erst so spat kommt, werde ich Ihnen einmal
mundlich sagen. Zukunftig werde ich Ihnen ganz regelmafiig schrei-
ben.
Das beifolgende Schriftstiick^ betrachten Sie, bitte, als ein ganz
vertrauliches. Ich bin in solchen Dingen nur Werkzeug von hoheren
Wesenheiten, die ich in Demut verehre. Nichts ist mein Verdienst;
nichts kommt dabei auf mich an. Das einzige, was ich mir selbst zu-
zuschreiben habe, ist, dafi ich eine strenge Trainierung durchge-
macht habe, die mich vor jeder Phantastik schutzt. Dies war fiir
mich Vorschrift. Denn, was ich erfahre auf geistigen Gebieten, ist
i) Liegt nicht vor.
dadurch frei von jeder Einbildung, von jeder Tauschung, von jedem
Aberglauben. Doch auch davon spreche ich heute zu wenigen. Die
Leute mogen mich fiir einen Phantasten halten; ich weifi Wahrheit
und Trug zu unterscheiden. Und ich weifi, dafi ich den Weg gehen
mufi, den ich gehe.
Wenn Sie die im beigelegten Schriftstuck vorgezeichneten Ubun-
gen zu den Ihrigen machen, verehrteste gnadige Frau, dann diirfen
Sie nicht vor dem 19. August, und nicht nach dem 3. September be-
ginnen. Das steht so, wie der Okkultist sagt, in «den Zeichen des
Himmels» geschrieben. Wollen Sie aber nicht zwischen dem 19. Au-
gust und dem 3. September beginnen, so ware fiir eine spatere Zeit
wieder notwendig, dafi Sie sich noch einmal mit mir verstandigten.
Zwischen dem 19. 8. und dem 3. 9. ist jeder Tag moglich.
Ich denke oft an die schonen Stunden, die ich in Ihrem Hause [in
Berlin] zubringen durfte. Ich habe ja auch Ihren Herrn Gemahl sehr
lieb gewonnen und hoffe viel auf seine spirituelle Zukunft. Manch-
mal gehen die Menschen besondere Wege; aber viele Wege fuhren
zur Erkenntnis. ^
Moge es Ihnen in Schlesien gut ergehen und Sie die innere Ruhe
haben, der Sie bedurfen.
In herzlicher Hochachtung
Ihr
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
i) Helmuth von Moltke war nicht Theosoph, fand aber spater ein tiefes Interesse an der Gei-
steswissenschaft Rudolf Steiners. Siehe die Gedenkworte zu Moltkes Tod vor dem Vortrag
Berlin, 20. Juni 1916, in «Unsere Toten», GA 261.
An Michael Bauer in Nurnberg
Michael Bauer hatte am 28. Juli 1904 offenbar aufgrund eines vorhergegangenen Ge-
spraches an Rudolf Steiner geschrieben:
Sehr verehrter Herr Doktor!
Ohne viel Umschweife will ich sagen, was mir lieb ware: ich mochte ei-
ne Zeitlang Ihr Schiiler sein und ware froh, wenn Sie mir eine Aufgabe ge-
ben wollten, wie sie fur mich not tut. Es griifit Sie in Liebe
Ihr Michael Bauer
Rudolf Steiner notierte am Rande: «beantw. mit Regeln 14. 8. 04».
Seine Antwort:
Berlin, 14. August 1904
Sehr verehrter, lieber Herr Bauer!
Auf Ihre lieben Zeilen darf ich Ihnen folgendes erwidern. Ihr Ver-
haltnis zur theosophischen Bewegung ist ein so intimes, dafi Sie in
Ihrem esoterischen Leben am besten Befriedigung finden werden,
wenn Sie sich der sogenannten «Esoterischen Schule» anschliessen.
Ich bitte Sie aber die Mitteilungen, die ich Ihnen daruber mache, als
nur fur Sie bestimmt und ganz vertraulich zu betrachten. Es wird
niemand aufgefordert, dieser okkulten Schule beizutreten. Aber wir
durfen dem, bei dem wir es moglich finden, Mitteilung von ihrem
Bestehen machen. Und eine solche Mitteilung will ich Ihnen ma-
chen. Finden Sie es nicht angemessen fiir sich, beizutreten, dann be-
trachten Sie die Mitteilungen als nicht gemacht, und schreiben mir
dies. Ich werde Ihnen dann auch sofort, ohne dafi Sie Mitglied der
Schule sind, das Notige fiir einen esoterischen Entwickelungsgang
angeben und alien Ihren Wiinschen entsprechen.
Zunachst finden Sie beiliegend die Regeln des sogenannten
Shravaka-Ordens, [siehe Seite 141]. Man mufi erst Shravaka (d.i. Zu-
horer wortlich) werden und den vorgeschriebenen Regeln folgen,
dann wird man zu den hoheren Graden befordert.
Sie werden ersehen, dafl die Einhaltung der «Regeln» fiir den An-
fang ganz leicht ist. Allerdings die genaue Einhaltung ist erforder-
lich, weil nur unter dieser Voraussetzung ein wirklicher Fortschritt
im spirituellen Leben moglich ist.
Sind Sie bereit, einzutreten, so bitte, schreiben Sie mir dies. Ich
sende Ihnen dann ein kurzes «Versprechen», durch das Sie Mitglied
werden und gebe Ihnen dann, etwa am 22. oder 23. September, alles
weitere an.
Ich mochte Ihnen nur noch Einiges iiber die Natur der Schule
schreiben. Sie wissen, dafi die «Theosophische Gesellschaft» in dem
Verhaltnisse zu unseren erhabenen Meistern steht, dafi diese die theo
sophischen Impulse an H. P. B. [H. P. Blavatsky] gegeben haben, es
ihr dann uberlassend, wie sie auf dem physischen Plane die Bewegung
gestalten will. Die «Theosophische Gesellschaft» wurde deswegen
von H. P. Blavatsky und Olcott 1875 gegriindet. Mit dieser hat nun
unsere okkulte Schule nichts offiziell zu tun. Denn sie ist eben eine
«okkulte». Sie ist direkt von den Meistern gegriindet und steht unter
der Fuhrung dieser Meister. Und der Theosophischen Gesellschaft
fliefit daher fortwahrend das wirklich lebendige Erkennen aus dieser
okkulten Schule zu. Nach und nach fiihren die Ubungen, welche die
Schule vorschreibt, zu der Erkenntnis der Meister. Das Haupt der
Schule war, so lange sie auf Erden weilte, H. P. Blavatsky. Jetzt ist es
Annie Besant. Innerhalb Deutschlands, Osterreichs und der deutsch-
sprechenden Schweiz ist mir die Fuhrung der Schule ubertragen.
Das alles soil, wie gesagt, kein Drangen sein, sondern nur eine auf
Vertrauen sich stiitzende Mitteilung. Treten Sie bei, so erwachst Ih-
nen keine Verpflichtung aufier der Einhaltung der Regeln. Konnen
Sie es nicht, dann schicken Sie mir die Regeln wieder zuriick. Und
ich beantworte Ihnen dann Ihren Brief in anderer Form, so daft Ihre
Wiinsche auch aufier der Schule befriedigt werden. Doch hat man
innerhalb der Schule ja die so notwendige Unterstutzung von den
hoheren Planen aus.
Wer in Deutschland Mitglied ist, schreibe ich Ihnen sofort, wenn
Sie mir Ihre Geneigtheit kundgeben. Ebenso alle Anweisungen zu
einer regelrechten Meditation, die okkultes Wissen vermittelt.
Annie Besant kann es moglich machen, im September in
Deutschland einige Vortrage zu halten. Da sie aber nur einige Tage
sich in Deutschland aufhalten kann, wird sie nur in Miinchen fur
Bayern vortragen konnen. Glauben Sie es mir, lieber Herr Bauer,
wenn es moglich gewesen ware, hatte ich auch in Niirnberg an einen
Vortrag Annie Besants gedacht. Es geht aber wegen der beschrank-
ten Zeit Frau Besants absolut nicht. Sie wird am 18. September in
Weimar, am 20. September in Miinchen sprechen; und ich gebe
mich der Hoffnung hin, dal5 Sie und Ihre Frau Gemahlin an einem
der Orte den Vortrag anhoren konnen.
Grii&en Sie Frau und Familie Herzlichst
ganz Ihr
Berlin W, Motzstrasse 17 Dr. Rudolf Steiner
An Mathilde Scholl in Koln
Berlin, 27. August 1904
Verehrtes, liebes Fraulein Scholl!
Ganz rasch mochte ich Ihnen vorlaufig auf Ihren Brief einiges
antworten.5) Falls Mr. Keightley nach Deutschland kommt, so kann
fur uns nur Eines mafigebend sein: die Sache so unbefangen wie
moglich anzusehen. Wer Mrs. Besant kennt, der weifi, wie sie sich in
einem solchen Falle verhalt. Sie lafit die Dinge geschehen, und ver-
traut auf die geistigen Krafte, die mit ihr sind. Und ich tue es nicht
anders. Diplomatisches Denken mufi uns, die wir nicht menschli-
chen Verstandeserwagungen, sondern den Meistern folgen, ganz
fern liegen. Wir fragen deshalb auch gar nicht «warum» in einem sol-
1) Mathilde Scholl hatte am 26. August geschrieben, wie besorgt sie sei, aus England zu erfah-
ren, dafi Keightley Annie Besant auf ihrer Deutschlandreise begleiten und ihre Vortrage
ubersetzen werde; dies erscheint auch in Rudolf Steiners Brief an Marie von Sivers vom 27.
August 1904 (in GA 262). Offenbar bestand gegenuber Keightley ein gewisses Mifitrauen,
vermutlich, weil er damals in seiner Eigenschaft als Generalsekretar der englischen (ehem.
europaischen) Sektion eine Bestrebung unterstiitzte, die eine unabhangige siiddeutsche Sek-
tion von der deutschen Sektion abspalten wollte (wie aus seinem Brief vom 7. 3. 1904 an
Rudolf Steiner hervorgeht).
chen Falle. Mrs. Besant hat nur einmal an Frl. v. Sivers geschrieben,
sie «erwarte mit Mr. Keightley» in Hamburg zusammenzutreffen.
Das ist alles. Und ich frage nicht nach anderem. Aber, liebes Frau-
lein Scholl: Eines ist notwendig, dafi wir, die urn Mrs. Besant, in der
nachsten Zeit fest und innig zusammenstehen. Was wir tun werden,
das wird sich in jedem einzelnen Fall ergeben. Ich bitte Sie nun
auch, nicht aus irgendwelchen Erwagungen zur Zeit von K's Anwe-
senheit von Frl. Link fernzubleiben, sondern so zu tun, wie Sie oh-
ne Rucksicht auf ihn getan hatten, und seine Anwesenheit als etwas
nicht weiter Verwunderliches anzusehen. 15
Bitte betrachten Sie diese Zeilen als Vertrauenssache. Sie miissen
kurz sein, wenn sie Sie morgen friih noch treffen sollen. In den Dis-
positionen fur das Datum usw. ist nichts mafigebend, als was zwi-
schen Ihnen und Frl. Sivers abgemacht worden ist.
Morgen weiteres. Ich mufi diese Zeilen in den Kolner Zug werfen.
Herzlich
Dr. Rudolf Steiner
An Mathilde Scholl in Koln
Berlin, 29. August 1904
Verehrtes liebes Fraulein Scholl!
Ihr Verhaltnis zu Annie Besant ist durchaus das richtige. So soil-
ten alle Theosophen zu ihr stehen. Aber man mufi ruhig bleiben
auch dann, wenn man die Erfahrung machen sollte, dafi andere
nicht so zu ihr stehen. Maya ist machtig, und mancher kommt gera-
de dadurch in eine schwierige Lage, dafi er von einem skheren Ge-
fiihl zu einem unsicheren Urteil vorriickt. Es kommt viel weniger
darauf an, dafi wir dem Unrichtigen widerstreben, als dafi wir selbst
1) Nach dem Brief von Mathilde Scholl vom 26. August war Frl. Link mit Keightley befreun-
det und bei dieser als Gast angemeldet.
dem Richtigen dienen. Ich weifi, daft auf die Dauer nichts passieren
kann, wenn wir in Annie Besants Namen das Richtige tun; zeitwei-
lig mag aber manches sich ereignen, was die Lage schwierig erschei-
nen lassen kann. Annie Besant ist der Bote der Meister.^ Sie hat
nicht notwendig, auf diplomatische Ziige sich einzulassen, kann es
als wahre Okkultistin auch gar nicht. Sie, liebes Fraulein Scholl,
konnen mir glauben, daft iiberall, wo ein Diplomatisieren sich gel-
tend macht, der Zusammenhang mit den Meistern nicht vorhanden
ist. Ich weifi, dafi es in Annie Besants Sinne ist, wenn wir uns, falls
Keightley kommt, ganz unbefangen verhalten, wie wenn wir seine
Anwesenheit als etwas ganz Selbstverstandliches hinnehmen wur-
den. Und innerlich auch miissen wir das tun. Ihre Beunruhigung hat
auch recht. Aber wir miissen selbst gegeniiber solchen Beunruhigun-
gen ruhig bleiben. Es gibt in Deutschland so viel, was aufierlich ge-
gen uns ist; aber storen wir unsere positiven Krafte nicht durch zu
grofie Rucksicht auf solche Gegnerschaft.
Es ist ein Gesetz des Okkultismus, daft diejenigen, welche in die
esoterische Stromung aufgenommen werden, starken Widerstanden
zunachst begegnen konnen. Es kann zu ihrer Priifung gehoren, daft
sie sich solchen Widerstanden gegeniiber aufrecht erhalten. Wer Ok-
kultist wird, der mufi in Kiirze Dinge absolvieren, die ihm sonst
vielleicht erst in mehreren Leben begegnet waren. Wenn er seiner
geraden Erkenntnis folgt, so wird er auch vorwarts schreiten. Er
mufi nur den ganzen Mut zu seiner Erkenntnis haben. Solch ganzer
Mut ist ein starker Probierstein. Viel hat der gewonnen, der wie Sie
unerschiitterlich an einem Menschen wie Annie Besant hangt. Sie
werden gerade durch dieses Verhaltnis die schonsten Fortschritte
machen.
Wenn es Menschen gibt, die nicht so zu Annie Besant stehen, so
fiigen sich diese selbst die schwerste Schadigung zu. Aber viele von
denen, die heute in dieser Beziehung irren, werden wieder zum rich-
tigen Urteil kommen.
i) Vgl. hierzu auf Seite 347 die Niederschrift fur Edouard Schure aus dem Jahre 1907.
Der Okkultist fragt in gewissen Dingen einfach nicht. So mochte
ich zum Beispiel nicht einmal mich in Gedanken viel mit der Tatsa-
che beschaftigen, dafi Keightley nach Deutschland kommt. Ich habe
von Frl. v. Sivers gehort, dalS Annie Besant den Satz schrieb: «Ich er-
warte, in Hamburg Mr. Keightley zu treffen». Und dann hat wohl
auch Frau Liibke an Frl. v. Sivers davon geschrieben. Frl. v. Sivers
fragte dann auch mich, wie ich mich dazu verhalte. Ich sagte ihr:
«gar nicht.»
Wenn Annie Besant die Ubersetzung ihrer Vortrage von Keight-
ley wunschen wird, so wollen wir sehen. Mir selbst hatte es ja als das
richtigste erschienen, wenn Frl. v. Sivers uberall ubersetzt hatte. a)
Ich kann Ihnen augenblicklich noch nicht die Fortsetzung des
letzten auf «Licht auf den Weg» beziiglichen Briefes senden. Aber
sicher noch in dieser Woche.2)
Griifien Sie Kiinstlers herzlich und seien Sie selbst herzlich ge-
grtilk
von Ihrem
Berlin W, Motzstrasse 17 Rudolf Steiner
An Gunther Wagner in Lugano
Berlin, 29. August 1904
Lieber verehrter Herr Wagner!
Als vor kurzem Fraulein Scholl die Frage stellte, ob die beiden auf
die christliche Frage beziiglichen Reden Annie Besants ubersetzt
werden sollen, habe ich nicht zuraten konnen. Fassen Sie, lieber
Herr Wagner, das nicht so auf, als wenn ich gegen das Ubersetzen
ware. Ich werde sogar mit Befriedigung begriifien, wenn wir wieder
eine Schrift von Annie Besant in deutscher Sprache erscheinen sehen
1) Das deutsche Referat ubernahm dann Rudolf Steiner.
2) Diese weitere Exegese ist offenbar nicht mehr erfolgt.
werden. Aber der Okkultist mufi streng unterscheiden zwischen di-
rektem Zuraten und dem, was ich soeben gekennzeichnet habe.
Wenn ich mich trivial ausdrucken darf, ich mochte mich in dieser
Frage «der Abstimmung enthalten*. Ich mochte aber in diesem Falle
durchaus, daft meine Meinung dabei ganz unberttcksichtigt bleibt. ^
Mifiverstehen Sie mich nicht, lieber Herr Wagner. Ich mochte
gerne, dafi Sie mich horen, wenn ich urteile; aber ich mochte auch
immer scharf bezeichnen, wann mein Urteil gar nicht in Betracht
kommen soil. Nur, wenn wir, die wir in der esoterischen Schule ver-
eint sind, uns so gegeniiberstehen, ist die voile Freiheit garantiert,
die der Okkultismus verlangt.
Nachstens sende ich Ihnen die Regeln der deutschen E.S. Da wer-
de ich auch noch auf die Bewegung zu Gunsten des Johannes-
Evangeliums Genaueres an Sie schreiben.2)
Vorlaufig bitte ich Sie, fiir die nachsten Wochen es mit Ihrer Stel-
lung in der E.S. zu halten wie bisher.
Ihre Schwester Amalie ist E.S.-Mitglied. Ihre andere wird es wohl
in wenigen Tagen sein.
In Nr. 15 von «Lucifer-Gnosis» bringe ich eine ausfuhrliche Be-
sprechung der «vier grofien Religionen».3) Ich hoffe, dafi dieses Buch
einen guten Weg machen wird. Es ist geeignet, viele Herzen zu ge-
winnen.
1) Wie aus zwei Briefen Gunther Wagners an Rudolf Steiner vom 1. und 2. September 1904
hervorgeht, bestand der Plan, die auf englisch vorliegende Broschure «Is Theosophy an-
tichristian?» von Annie Besant ins Deutsche zu iibersetzen und in Deutschland unter Geist-
lichen zu verbreiten. Offenbar konnte Rudolf Steiner sich mit dieser Absicht nicht be-
freunden.
2) Ein Brief daruber liegt nicht vor. Rudolf Steiner hatte im Juli 1904 in Berliner Zweigvor-
tragen - die Gunther Wagner mitgehort hatte - darauf hingewiesen, dafi aus dem Schofie
der Theosophischen Gesellschaft «eine Bewegung» herausgeboren wiirde, welche «ein wah-
res Verstandnis des Christentums bringen wird, das man nicht im gewohnlichen Sinne ha-
be* (11. Juli 1904). Und am 18. Juli 1904 wurde von einer «Johannes-Gesellschaft», einer
«Johannes-Evangelium-Abteilung» gesprochen, deren Aufgabe darin bestunde, in weite-
sten Kreisen bekanntzumachen, welche unausschopflichen Tiefen im Johannes-Evan-
gelium liegen. Wer wisse, was da zu suchen und zu lernen ist, diirfe «aus vollem Herzen
sich dieser Johannes-Evangelium-Abteilung anschliefien».
3) Vier Vortrage von Annie Besant, gehalten bei der 21. Jahresversammlung der Theosophi-
schen Gesellschaft in Adyar, ins Deutsche ubersetzt von Gunther Wagner, Verlag Max Alt-
mann, Leipzig 1904. Die Besprechung von Rudolf Steiner findet sich in GA Nr. 34,
«Luzifer-Gnosis».
Anfangs September wird wohl hier auch wieder eine E.S.-
Versammlung sein. Es wird sich dabei wahrscheinlich darum han-
deln, den E.S.-Mitgliedern von dem Wesen der «Meister» zu spre-
chen, und von der Hilfe, die sie den E.S.-Arbeitern gewahren. Am
12. September werde ich dann eine T.S. Versammlung halten, urn
auf Annie Besants Besuch vorzubereiten. Und dann wollen wir mit
unserer «Seele» den Weg durch Deutschland machen. Ich sehe dem
mit grofier Befriedigung entgegen. Am 25. September werde ich
dann in Dresden iiber «Theosophie und moderne Wissenschaft»
sprechen. - Ich weifi, dafi dieser Schritt viel mifiverstanden werden
wird. Aber ich habe keine andere Moglichkeit, als ihn zu tun. Mifi-
verstanden kann er werden; aber ungiinstig wirken - im hdhern Sin-
ne - kann er nicht.0
Es war mir sehr lieb, dafi Sie, lieber Herr Wagner, im Juli bei uns
gewesen sind. Hoffentlich sind Ihre liebe Frau und Sie wohl in Luga-
no wieder angekommen. Griifien Sie schonstens und empfangen Sie
herzlichsten Grufi
Ihres getreuen
Berlin W, Motzstrasse 17 Rudolf Steiner
An Giinther Wagner in Lugano
Berlin, 14. September 1904
Lieber Herr Wagner!
Es ist ja zweif ellos richtig, daft der Vortrag Annie Besants «Is Theo-
sophy antichristian» in Deutschland nicht in gleichem Sinne verstan-
den werden konnte wie in England, weil bei uns die Diskussion der
christlichen Grundfragen in den letzten Jahrzehnten in den Kreisen
der Theologen und denen der von ihnen geistig abhangigen Prediger
etc. einen ganz anderen Charakter angenommen hat als in England.
1) Am 25. 9. 1904 hat Rudolf Steiner iiber dieses Thema auf dem III. Allgemeinen Theosophi-
schen Kongrefi in Dresden gesprochen. Dieser wurde von den Hartmann-Leuten, die nicht
an Adyar angeschlossen waren, veranstaltet.
Von Seite unserer geistigen Ftthrer geht uns fortwahrend die Wei-
sung zu, mit Rucksicht auf die einzelnen Lander zu individualisie-
ren. Was nun insbesondere die christliche Propaganda durch uns be-
trifft, so soil sie so sein, daft sie nicht unter der Flagge «Theosophie»
geht. Sie soli von Theosophen ausgehen, aber nirgend das direkt sa-
gen. Christliche Mystik, Interpretation der christlichen Symbole
usw. soli betrieben werden. Es wird unsere Aufgabe gewift sein, Pre-
diger, sogar katholische Priester fur das esoterische Christentum zu
gewinnen. An diesen wird es dann sein, die Esoterik einstromen zu
lassen in ihre Lehren. Uns selbst wiirde man doch nur Opposition
machen, wenn wir direkt an die christlichen Kreise herantreten
wollten.
In Deutschland wiirde eine Auseinandersetzung dariiber, ob Theo-
sophie antichristlich sei oder nicht, nur neue Opposition gegen die
Theosophie erwecken. Es ist eine grofie Abneigung gegen alles, was
Theosophie heiftt, insbesondere in Pastorenkreisen. Und sie wachst
augenblicklich. Wenn Bresch die Dinge iibersetzt, so konnen wir
nichts machen. Denn er macht ja immer eine ganz bestimmte Oppo-
sition. Er hat sich zum Beispiel jetzt dagegen verwahrt, daft Annie
Besant nach Leipzig komme. Da konnen wir gar nichts machen; wir
mussen Bresch gewahren lassen. Es kommt aber darauf an, daft wir
selbst suchen, das Richtige zu tun.
Sehen Sie, lieber Herr Wagner, wir sollen auf der einen Seite ent-
schieden die Theosophie betonen und auf der anderen Seite, da, wo
dies nicht angeht, die Sache hoher stellen als den Namen und die
Form. Es wird uns bedeutet: «Seid Theosophen; wie Ihr es seid, das
miiftt Ihr selbst bestimmen.»
Ich sagte in meinem vorigen Briefe, ich «mochte mich der Ab-
stimmung enthalten». Der Grund fiir diesen Ausdruck war folgen-
der. Ich habe die Weisung, das christliche Element zu pflegen, und
in dem besonderen Falle konnte ich, was mir bedeutet wurde, nur so
interpretieren, daft der Vortrag nicht iibersetzt werden soil. Nun be-
ginnt aber erst die eigene Verstandesarbeit, und da fand ich genau
den Grund, den auch Sie angeben. Nachdem Sie ihn selbst ausspre-
chen, kann ich auch sagen, daft er auch fur mich gilt. Vorher konnte
ich nur sagen: ich kann nicht dafiir sein. Ich bin sicher, dafl Sie mich
verstehen werden.
Morgen werde ich Mrs. Besant empfangen - in Hamburg Frei-
tag wird sie dann in Berlin sein.
Herzlichst ganz
Ihr
Herzlichen Grufi an Ihre verehrte Frau Dr. Rudolf Steiner
An Giinther Wagner in Lugano
Gunther Wagner hatte am 13. Oktober 1904 an Rudolf Steiner geschrieben:
Heute komme ich, Sie zu fragen, ob Sie meine liebe Frau in die E.S. aufneh-
men wollen. Sie war langere Zeit schwankend, ob sie wohl wiirdig genug
sei, aber stets kam doch wieder der Wunsch durch, diese giinstige Chance,
auf ihrem Lebenswege weiter zu kommen, auch zu benutzen und so hat sie
mich gebeten, Sie um Rat zu fragen, ob Sie ihr zureden oder (unter der
Hand) abraten. Wenn Sie auch aufierlich sich nicht so gedrangt fiihlt, fiir
unser Streben das Wort zu nehmen, so weifi ich doch, dafi es ihr mit der
Herrschaft iiber sich selbst ernst ist. Ich mochte ihr daher gerne gonnen,
personlich in die engere innere Bewegung hineingezogen zu werden. Sie ist
schon seit 5 oder 6 Jahren Mitglied der T.S. Ihrer freundlichen Antwort se-
hen wir mit Spannung entgegen.
Mit bekannter Hochachtung
Gunther Wagner
Rudolf Steiner antwortete:
Miinchen-Stuttgart, 24. November 1904
Verehrter, lieber Herr Wagner!
Im Eisenbahnwagen mochte ich Ihnen vorlaufig nur schreiben,
dafi ich allernachstens Ihre Frage beziiglich Ihrer lieben Frau beja-
hend beantworten werde. Ich bin auf einer Vortragsrundreise, habe
in Nurnberg, Regensburg, Miinchen eine Reihe von Vortragen ge-
halten, gehe jetzt nach Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg, Koln und
Dusseldorf. Dann nach Leipzig, Hamburg. Ich werde Ihnen dariiber
und iiber Mehreres noch berichten.
In Berlin werde ich doch immer mehr entlastet, und dann - Sie
werden sehen - wird auch alle Korrespondenz endlich regelmafiig
werden.
Ihrer lieben Frau und Ihnen einstweilen herzlichste Grufie
ganz Ihr
Dr. Rudolf Steiner
An Glinther Wagner in Lugano
Berlin, 2. Januar 1905
Mein lieber Herr Wagner!
Beifolgend sende ich Ihnen den ersten E.S.-Brief an Ihre liebe
Frau. Ich bitte Sie, ihr alles zu sagen und mitzuteilen, was Sie fiir
richtig halten. Es liegt in der Natur der Sache, daft sich Gatten, die
beide zur E.S. gehoren, gegenseitig stiitzen und tragen.
Die offiziellen Regeln iiber die vier Disziplinen sende ich Ihnen
ehebaldigst.
Ihnen selbst werde ich auch bald iiber die E.S. schreiben. - Unsere
E.S.-Mitglieder sollen zunachst folgendes wissen:
«Die deutsche theosophische Bewegung ist von besonderer Wich-
tigkeit. Die Deutschen sind die Avantgarde der sechsten Unter-
rasse und werden sich dieser ihrer Sendung immer mehr bewufit
werden. Das sollen sie in aller Demut. Sie sollen sich vertiefen in
ihre eigenen Idealisten.»
Das ist Meisters Stimme. Und dazu: «Lest Euere grofien Idealisten:
J. G. Fichte, Jacob Bohme, besonders aber Angelus Silesius.»
Ich mache Sie im besonderen aufmerksam auf J. G. Fichtes «Be-
stimmung des Menschen». Es ist in Reclams Universalbibliothek zu
haben. Nicht theosophische Lehren sind darinnen; aber indem wir
solches lesen, formen wir unsere Gedankenformen im Sinne der
Esoterik, und die Lehren der Meister werden uns dadurch lebendi-
ger.
Vielen Dank fur die Ubersetzung des Besant'schen Mystik-
Aufsatzes. Er ist mir fur eines der nachsten «Lucifer»-Hefte recht
willkommen. l)
Morgen gehe ich nach Stuttgart, dann nach Munchen.
Herzlichst Ihr
Vom 6. bis 9. Januar ist meine Adresse: Rudolf Steiner
Munchen bei Frau Grafin Kalckreuth
Adalbertstrasse 55.
An Frau Anna Wagner in Lugano
Berlin, 2. Januar 1905
Meine sehr verehrte, Hebe Frau Wagner!
Nur kurz konnte ich Ihnen vor einigen Wochen die Mitteilung
machen, daft Ihre Zugehorigkeit zur Esoterischen Schule verwirk-
licht werden kann. Man tritt in diese Schule als «Shravaka», das ist
wortlich «Zuh6rer» oder «Schuler», ein.
Nun obliegt es mir zunachst, Ihnen von dem Wesen und der Be-
deutung der Schule zu sprechen. Sie wissen, dafi hinter der ganzen
theosophischen Bewegung hochentwickelte Wesen stehen, die wir
«Meister» oder «Mahatma» nennen. Diese erhabenen Wesenheiten
haben den Weg bereits zuriickgelegt, den die ubrige Menschheit
noch zu gehen hat. Sie wirken nun als die grofien «Lehrer der Weis-
heit und des Zusammenklangs der Menschheitsempfindungen». Sie
l) Im «Luzifer» doch nicht erschienen.
sind heute bereits tatig auf den hoheren Planen (Ebenen), zu denen
sich die iibrigen Menschen im Laufe nachster Entwicklungszeiten,
sogenannter «Runden», hinauforganisieren werden. Auf dem physi-
schen Plane wirken sie durch die von ihnen beauftragten «Boten»,
deren erster H. P. Blavatsky war, das heifit fiir die theosophische Be-
wegung erster. Eine aufiere Organisation oder Gesellschaft begriin-
den die Meister weder, noch stehen sie einer solchen vor. Die Theo-
sophische Gesellschaft ist zwar von ihren Begriindern (H. P. Blavats-
ky, Olcott u.a.) ins Leben gerufen, um das Werk der Meister auf
dem physischen Plan zu fordern, doch haben auf die Gesellschaft
selbst als solche diese Meister selbst nie einen Einfluft genommen.
Sie ist nach Wesen und Fuhrung das Werk von Menschen rein auf
dem physischen Plane.
Anders steht die Sache beziiglich der «Esoterischen Schule». Sie
ist von den Meistern selbst begriindet und steht unter der Leitung
der Meister. Alles, was der theosophischen Bewegung an Wissen
und Kraft zustromt, stromt ihr durch diese Schule zu. Die Angeho-
rigen machen ihre Probezeit durch und gelangen zuletzt zum unmit-
telbaren Verkehre mit den Erhabenen selbst. In welcher Zeit das be-
wirkt werden kann, das hangt naturlich ganz von diesen Angehori-
gen selbst ab. Zunachst kann jeder nicht mehr tun, als in treuer Hin-
gabe das Werk der Meister fordern.
Zum ersten «Haupt der Schule» wurde von den Meistern Frau
H. P. Blavatsky bestellt. Das gegenwartige Haupt ist unsere liebe,
hochverehrte Annie Besant.
Der Shravaka soli so weit kommen, da£ fur ihn Reinkarnation
und Karma nicht blofi Theorie, sondern Gewifiheiten des Lebens
sind, und weiter dazu, dafi er durch sich selbst die grofte Sendboten-
schaft von H. P. Blavatsky erkennt. Aufgedrangt wird keinem in der
Schule irgend etwas; nur angeregt wird zur Selbsterkenntnis. Nun
kann man den Weg des Shravakas auf vier Arten zurucklegen. Uber
diese vier Arten werden Sie ehebaldigst weitere Mitteilungen erhal-
ten. Dann bitte ich Sie, dieselben sorgfaltig mit Ihrem lieben Ge-
mahl durchzunehmen und mir zu sagen, welchen der vier Wege sie
zu wahlen gedenken.
Als zugehorig zur Schule konnen Sie sich schon jetzt betrachten,
wenn Sie an dem durch die Sternkonstellation bedingten Tage eine
Meditationstibung beginnen. Diese will ich Ihnen vorlaufig be-
schreiben. Modifiziert wird sie spater.
Vorlaufig hatte diese Ubung in folgendem zu bestehen:
1. Fruhmorgens, bevor eine andere Tagesarbeit begonnen wird,
womoglich vor dem Friihstiick, wenn das nur irgend mit den sonsti-
gen Familien- usw. Pflichten vereinbar ist, soil Folgendes geschehen:
I. Man soil vollstandig wach, innerlich ganz ruhig und gesammelt
werden. Keine aufieren Eindriicke sollen da Zugang gewinnen
zu unserem Inneren. Auch sollen wir die Erinnerung an alle all-
taglichen Erlebnisse unterdriicken. Haben wir so die vollstandi-
ge «innere Stille» hergestellt, so treten wir ein in die Erhebung
zu unserem hoheren Selbst.
Dies geschieht, indem wir intensiv in Gedanken uns die folgen-
de Formel vorhalten:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Ist das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen.
Dies Selbst bin Ich; Ich bin dies Selbst.
Darauf sollen etwa fiinf Minuten verwendet werden.
II. Dann folgt das stille, in sich versenkte Nachdenken iiber einen
Satz aus einer der inspirierten Schriften. Es wurde sich darum
handeln, dafi Sie sich in diesem Teile der Meditation vorlaufig
vier Wochen nachdenklich versenkten in den Satz:
«Die Standhaftigkeit steht hoher als aller Erfolg».
Diesen Satz haben uns die Meister gegeben, um uns vor allem
einzuscharfen, dafi wir niemals uns in unserem Tun durch ir-
gendeinen Mifierfolg ablenken oder entmutigen lassen. Hun-
dert Mifierfolge sollen uns nicht abhalten, das zu tun - zum
hunderteinten Male -, was wir als das Rechte erkannt haben.
III. Dann folgt, nachdem II. fiinf Minuten gedauert hat, die wieder
fiinf Minuten dauernde gebetartige Hingabe an das, was uns das
Hochste, das Gottliche ist. Es handelt sich nicht [darum], dies
oder jenes als gottlich anzusehen, sondern alle unsere Gedanken,
Gefiihle und unseren ganzen Willen auf das zu lenken, was wir
immer schon als das Gottliche angesehen haben. Das kann von
dem einen so, von dem anderen anders benannt werden. Nicht
darum handelt es sich, ob wir das, dem wir uns hingeben, Gott,
Christus oder den «Meister» nennen, sondern um die hingeben-
de (devotionelle) Stimmung selbst.
Damit ist die dreiteilige Morgenmeditation, welche fiinfzehn
Minuten dauert, erledigt.
2. Abends vor dem Einschlafen hat jeder Schiller einen Ruckblick
auf sein Leben wahrend des Tages zu werfen. Es kommt dabei nicht
darauf an, dafi wir moglichst viele Tagesereignisse an unserer Seele
voriiberziehen lassen, sondern darauf, dafi wir dies mit dem Wich-
tigsten tun. Wir fragen uns: Was konnen wir aus dem lernen, was
wir erlebt oder getan haben? So machen wir unser Leben zu einer
Lektion. Wir stellen uns selbst so gegeniiber, daft wir von jedem Tag
fur jeden Tag lernen. - Dadurch nehmen wir die Vergangenheit mit
himiber in die Zukunft und bereiten unsere Unsterblichkeit vor.
Dann schliefien wir etwa den Tag mit dem Gedanken an Hebe Mit-
menschen ab, die unserer guten Gedanken bediirfen.
Es macht bei dieser Abendiibung nichts, wenn der Schiiler darii-
ber einschlaft. Denn dann entschlaft er mit der Tendenz zur Auf-
wartssentwicklung. Und auch das ist gut. Nur die Morgenmedita-
tion mufi vom Anfang bis zum Ende in ganz wachem Zustande er-
folgen. Nur bkte ich Sie, die Abendriickschau riicklaufend zu ma-
chen, das heifit so, dafi Sie mit den Ereignissen am Abend beginnen,
dann zuruckgehen bis zum Morgen.
Den Anfang mit der Meditation konnen Sie an einem der Tage
machen, welche liegen zwischen dem 6. Januar und dem 20. Januar.
Nach diesem Tage kann nicht angef angen werden. Wenn Sie verhin-
dert waren, in dieser Zeit zu beginnen, dann konnten Sie erst wieder
anfangen zwischen dem 6. Februar und dem 18. Februar. Ich kann
Ihnen heute noch nicht sagen, warum das so ist. Doch wird eine
Zeit kommen, wo Ihnen das ganz selbstverstandlich sein wird.
Ich brauche Ihnen, da Sie Ihr Leben langst als Theosophin einge-
richtet haben, vorlaufig nichts weiteres zu sagen. Wein oder andere
Alkoholika verhindern die Entwicklung.
Wenn wir das vollziehen, was ich angegeben habe, dann finden
die «Erhabenen Meister» den Zugang zu unserer Seele. Diese kon-
nen uns helfen und wir nehmen unter ihrem gesegneten Einflufie zu
an Kraft, Wissen und Lebenszuversicht. Unsere liebe Annie Besant
betont immer wieder und wieder, die Esoterische Schule ist das
«Herz der theosophischen Bewegung». Und so ist es. Glauben Sie
mir das eine, liebste, verehrteste Frau Wagner: In dieser Schule han-
delt es sich viel weniger um Lernen und intellektuelle Arbeit, son-
dern um treue Hingabe an die theosophischen Ideale. Liebe zum gei-
stigen Leben und dadurch echte grofie Menschenliebe fuhrt dorthin,
wohin wir kommen sollen. Das Studium ist weiter nichts als ein
Mittel. Wir sollen es so weit treiben, als wir jeder konnen. Aber die
theosophische Gesinnung macht den echten E.S.-Schuler.
Und damit begrufie ich Sie zunachst als zu uns gehorig im Namen
der heiligen Meister, denen ich zu Fuften lege, was ich vermag, und
gegen deren Willen ich niemals im Leben bewufit etwas tun will.
Gesegnet seien sie, die Erhabenen.
In Herzlichkeit
ganz Ihr
Dr. Rudolf Steiner
Bitte ausdrucklichst: Fragen Sie mich um alles, was Sie in bezug
auf die E.S. zu wissen notig haben. Ich werde mir kiinftig eine Zeit
aussondern lediglich fur E.S.-Mitteilungen.
An Giinther Wagner in Lugano
Berlin, 24. Mai 1905
Mein lieber, verehrter Herr Wagner!
Seit lange hatte ich vor, Ihnen beziehungsweise auch Ihrer lieben
Frau zu schreiben; nun soil es aber wirklich in Kurze geschehen. Es
oblag mir in diesem Winter, das Wenige, was ich tun kann, zur Fe-
stigung der deutschen theosophischen Bewegung beizutragen. DalS
so viel zu tun ist, darunter mussen alle leiden. Jetzt bin ich dabei,
den seit lange vorbereiteten Rundbrief an die deutschen E.S.-
Mitglieder zu Ende zu fiihren.
Fur heute nur so viel, dafi ich vollig einverstanden bin, wenn Ihre
liebe Frau die Shravaka-Ubungen bei unserer lieben verehrten An-
nie Besant mitmacht.
In Herzlichkeit ganz Ihr
Dr. Rudolf Steiner
An Giinther Wagner in Lugano
Berlin, 23. Juli 1905
Verehrter lieber Herr Wagner!
An dem Schicksalsfall, der Ihre liebe Frau und Sie betroffen hat,
nehme ich rmt ganzer Seele Anteil, wenn ich auch erst heute im
Stande bin, Ihnen das brieflich auszudriicken. Meine Gedanken wei-
len oft bei Ihnen. Wir Theosophen mussen ja im Stande sein, auch
schwere Schicksalsfalle anders hinzunehmen, als wir das vor unserer
theosophischen Zeit konnten. Zwar wird niemals die Liebe und die
Teilnahme durch das theosophische Leben sich verringern konnen,
doch das Verstandnis und die Kraft, zu tragen, werden grofier. Wir
konnen durch die Theosophie nichts verlieren, aber wir gewinnen
sehr viel. Verlieren wiirden wir, wenn die Gefuhle, die zu den
schonsten des Lebens gehoren, nur im geringsten verblassen konn-
ten. Deshalb weifi ich, was Sie fiihlen, aus Ihrer edlen und herrlichen
Liebe heraus. Aber ich kenne Sie auch als einen wahren echten Theo-
sophen und weifi, dafi Ihnen die karmischen Zusammenhange keine
blofie Doktrin sind, sondern dafi Sie in ihnen leben. Aber einige Ge-
danken mochte ich gerade jetzt mit Ihnen tauschen, Man fafk so
leicht alles, was sich als ein Kettenglied in unser Karma eingliedert
auf wie eine karmische Verschuldung. Und das ist keineswegs im-
mer der Fall. So wahr Karma ein wahres alles umfassendes Gesetz
ist, so wahr ist es auch, daft karmische Falle sich als schlechthin erste
in unseren ursachlichen Zusammenhang einschieben konnen. Nicht
immer sind Falle, die uns treffen, Ausgleiche fur Vergangenes, oft
sind sie erste Posten in unserem Lebenskonto, die erst in der Zu-
kunft ihren entsprechenden Ausgleich finden. Wie ein Kaufmann
Posten zum ersten Male auf der einen Seite einzutragen hat, so ist es
auch mit den Posten unseres karmischen Kontobuches. Diese Ge-
danken durchzogen in den letzten Wochen immer dann meine See-
le, wenn ich die Gedanken hinlenkte nach Ihrem lieben Sitz in Lu-
gano, und diese Gedanken empfingen in meinem Sehfelde jenen
Charakter, der zeigt, daft Gedanken einer Realitat entsprechen. Sie
verstehen mich, indem ich Ihnen, verehrter lieber Herr Wagner, die-
ses innere Erlebnis - denn es ist ein solches - schreibe. Und viel-
leicht nehmen Sie nach Ihrem Ermessen auch als Realitat an, was fur
mich eine solche ist.
Gar sehr verlangt es mich, Sie beide wieder einmal begriiften zu
konnen. Ich hoffe, es wird doch bald auch sein konnen.
Die Londoner Kongreftfestlichkeiten, bei denen Sie leider nicht
sein konnten, sind vorbei.1} Es liegt in der Natur der Sache, daft sol-
che Festlichkeiten, selbst wenn sie von Theosophen veranstaltet
werden, nicht viel iiber Aufteres hinausgehen konnen. Doch meine
ich, daft, wer gewollt hat, doch auch von da Dinge zur Starkung fur
sein Gemiit und Herz hat mitnehmen konnen. Frau Besant z.B. hat
Vortrage gehalten, die voll des spirituellen Impulses waren. Zu-
1) Am 8., 9. und 10. Juli 1905 fand in London der 2. Kongrefi der Foderation europaischer Sek-
tionen der Theosophischen Gesellschaft statt. Rudolf Steiner sprach am 10. Juli iiber «Die
okkulten Grundlagen in Goethes Schaffen», in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35.
nachst am Donnerstag vor dem Kongrefi uber die «Schiilerschaft»
von H. P. B. mit Rucksicht auf manche Angriffe, die in der letzten
Zeit auf die grofie Begrunderin der theosophischen Bewegung gefal-
len sind. Es scheint mir doch sehr wichtig, dafi diese spirituell so
hochstehende Frau Besant so riickhaltlos immer wieder und wieder
darauf hinweist, wie H. P. B. fur sie nicht ein Mensch war wie ein
anderer Hervorragender, der in ihr Leben eingetreten ist, sondern -
wie sie sagte - der «Lichtbringer» schlechthin. Flecken, sagte sie, sol-
len nicht etwa abgeleugnet werden; aber es sind Flecken wie die Son-
nenflecken und diese sind eben nur da, wo Sonne ist. Ich fiihlte dabei
so recht die inneren Erfahrungen des eigenen Lebens in der letzten
Zeit nachklingen. Denn ich mufi sagen, je weiter ich selbst vorwarts
komme, desto mehr lerne ich die unermefiliche Kraft kennen, die
von H. P. B. ausstrahlt und desto mehr werde ich gewahr, dafi ich
selbst erst noch viel werde lernen mussen, um nur ein bifichen die
Tiefen von H. P. B.'s Schaffen und Wirken zu erkennen.
Dann war am Frekag die Convention der britischen Sektion.
Von dem da Vorgekommenen wird Sie interessieren, dafi Bertram
Keightley von dem Posten des Generalsekretars zuriickgetreten ist,
und dafi Miss Kate Spink an seine Stelle gekommen ist. Zunachst
geht Keightley auf vier Monate nach Indien, dann will er sich auf ei-
ne Art der theosophischen Bewegung widmen, die ihm moglich ge-
macht wird durch Entlastung von den offiziellen Obliegenheiten des
Generalsekretars.
Ferner war in dieser Zeit die Eroffnung der «Kunst- und kunstge-
werblichen Ausstellung» des Kongresses. Da waren neben weniger
bedeutenden, doch auch einige bemerkenswerte Sachen. Ich mochte
nur einige symbolische Bilder von einem Maler Russell erwahnen.
Dieser versucht innere Seelenvorgange durch symbolische Farben
auf dem Bilde (Sterne, Strahlen u.s.w., die von den Figuren ausge-
hen, symbolische Ausmalungen der aufieren Naturobjekte u.s.w.)
zu charakterisieren. Nun kann ich zwar sagen, dafi ich nirgends ein
wirkliches astrales Schauen den Bildern zuerkennen konnte, doch
war ich iiber den Versuch, den da ein doch immerhin begabter Ma-
ler macht, befriedigt.
Am Sonnabend morgens wurde mit einer Rede von Frau Besant
der eigentliche Kongrefi eroffnet. Es war einer jener grofien Urn-
blicke uber die Aufgaben und Ziele der theosophischen Bewegung,
wie sie Frau Besant bei solchen Gelegenheiten gibt. Es wird Sie in-
teressieren, dafi sie das Skulpturwerk eines italienischen Bildhauers
Ezechiel, einen «Christus» erwahnte, von dem sie sagte, dafi er die
Idee, die sie sich als Theosophin uber die Christus-Individualitat ma-
chen miisse, in Einigem entspreche. Auch wird fiir Sie von Interesse
sein, dafi Frau Besant bei dieser Gelegenheit auf Richard Wagner
hinwies, in dessen Tonen die Geheimnisse der astralen Welt horbar
seien. Mir war das ganz besonders bemerkenswert, denn ich habe ja
in diesem Friihling vor den Berliner Theosophen vier Vortrage uber
den spirituellen Gehalt in Richard Wagners Schaffen gehalten. 15
Auf die Eroffnungsrede von Frau Besant folgte etwas ungemein
mannigfaltiges. Denn die Abgesandten aller europaischen theoso-
phischen Gebiete hielten nun ihre Begriifiungsansprachen in ihrem
eigenen Idiom. So konnte man da nacheinander kurze Reden in fol-
genden Sprachen horen: Hollandisch, Schwedisch, Franzosisch,
Deutsch, Spanisch, Italienisch, Finnisch, Russisch, Ungarisch, In-
disch.
Am vorhergehenden Aben
…[truncated]