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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
I
i
RUDOLF STEINER
Die geistige Vereinigung
der Menschheit
durch den Christus-Impuls
Dreizehn Vortrage, gehalten in
Berlin, Dornach, Basel und Bern
vom 19. Dezember 1915 bis 16. Januar 1916
1981
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlaflverwaltung
Die Herausgabe der 2. Auflage besorgte Ulla Trapp
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1968
2., neu durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1981
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in Zeitschriften
siehe zu Beginn der Hinweise
Bibliographie-Nr. 165
Einbandzeichen nach einer Zeichnung Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Assia Turgenieff. Schrift von B. Marzahn.
Zeichnungen im Text nach Stenogramm-Skizzen,
ausgefiihrt von Hedwig Frey
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1968 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Switzerland by Schuler AG, Biel
ISBN 3-7274-1650-5
Zu den Veroffentlkhungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und ver-
offentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900-1924 zahl-
reiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fiir die Mitglieder
der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft. Er selbst
wollte urspriinglich, dafl seine durchwegs frei gehalcenen Vortrage nicht
schrifdich festgehalten wiirden, da sie als «miindliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen* gedacht waren. Nachdem aber zunehmend un-
vollstandige und feblerhafte Horernachschriften angefertigt und verbrei-
tet wurden, sah er sich veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit die-
ser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestim-
mung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und
die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf
Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften
selbst korrigieren konnte, mufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun-
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hingenom-
men werden miissen, daft in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen
sich Fehlerhaftes findet.»
t)ber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlufi
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften auch
fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz-
ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer-
kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtansgabe be-
gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt-
ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text-
unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
I.
DER WEIHNACHTSGED ANKE UND DAS GEHEIMNIS DES ICH
VORTRAG, Berlin, 19. Dezember 1915 9
Der Baum des Kreuzes und die Goldene Legende. Das «Stehenbleiben»
des Ich in der geistigen Welt nach den ersten Kindheitsjahren. Das
Weihnachtsfest: Erinnerung an das Kindhafte, das Menschlich-Gott-
liche, von dem der Mensch sich entfernt hat. Entstehung der Krippen-
und Hirtenspiele.
II.
UBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE
VERKLUNGENE GEISTESSTROMUNG DER MENSCHHEIT
ERSTER VORTRAG, Dornach, 26. Dezember 1915 33
Kindliche Einfalt und okkulte Weisheit in den Weihnachtsspielen. Der
allmahliche Wandel in der volkstumlichen Darstellung der Jesusgeburt:
Aus profanen Anfangen entwickelt sich der Sinn fiir die Heiligkeit des
Weihnachtsgeschehens. Nachklange der urchristlichen Empfindung in
deutschen Weihnachtsliedern des Mittelalters.
ZwEITER VORTRAG, Dornach, 27. Dezember 1915 43
Die Ausmerzung des gnostischen Schrifttums durch die Kirchenvater.
Reste alten Wissens in der Pistis Sophia und im Buch Jeu: Sie bezeugen
das Vorhandensein spiritueller Quellen, die Jahrhunderte hindurch
verschiittet waren und durch die Geisteswissenschaft wieder erschlos-
sen werden. Haeckel als Nachfolger des Irenaus. Der 25. Dezember
als Geburtsfest des nathanischen Jesusknaben, der 6. Januar als Geburts-
fest des salomonischen Jesusknaben. Christgeburtsspiel und Drei-
konigsspiel.
DRITTER VORTRAG, Dornach, 28. Dezember 1915 60
Clemens von Alexandrien und Origenes; ihr Ringen mit der Frage der
Vereinigung der irdisch-historischen Personlichkeit des Jesus mit dem
kosmischen Geistwesen Ghristus. Die Lehren der Gnosis. Ausein-
anderfallen des Jesus- und des Christus-Verstandnisses in der nach-
christlichen Zeit und in der modernen Theologie. Das Phantom des
Gekreuzigten und die Kreuzesholzlegende. Zusammenwachsen der
Jesus-Idee mit der Christus-Idee im geisteswissenschaftlichen Sinne.
Wirte- und Hirtennatur im Menschen.
III.
VORTRAG, Basel, 28. Dezember 1915 81
Der Baum der Erkenntnis und der Weihnachtsbaum. Die Weihnachts-
stimmung in Stifters Novelle «Bergkristall».
IV.
NEUJAHRSBETRACHTUNGEN
ERSTER VORTRAG, Dornach, 31. Dezember 1915 90
Der Jahreslauf als Sinnbild des grofien Weltenjahres. Das mineralische
und das Pflanzenbewufitsein der Erde und ihre geistige Durchdringung
in der Silvesterzeit. Der Durchgang der Menschenseele durch die
astralische Welt im 6. vorchristlichen Jahrtausend - ein Welten-Erden-
neujahr - und die Wiederholung dieses Durchganges auf hoherer Stufe
nach zwolf Jahrtausenden, d. i. im 4. nachchristlichen Jahrtausend.
ZwEiTER VORTRAG, Dornach, 1. Januar 1916 100
Verwahrlostes Denken als Signatur unserer Zeit. Mauthners Theorie
der Zufallssinne und ihre weltanschauliche Konsequenz. Die Anteil-
nahme an den grofien Menschheitsfragen mufi den Vorrang vor per-
sonlichen Interessen haben.
DRITTER VORTRAG, Dornach, 2. Januar 1916 117
Das Wirken des Lichtathers im Atherleib des Menschen. Das Zustande-
kommen der Erinnerung: Wahrnehmen der inneren Bewegung des
Lichtleibes. Die Verkettung des Lichtleibes des Menschen mit dem
physischen Leib durch Ahriman. Ein Bruchstiick gnostischer Weisheit.
Der Machtanspruch des Materialismus.
V.
WANDLUNGEN DES MENSCHLICHEN EMPFINDUNGS-
UND GEDANKENELEMENTES VON DER VIERTEN ZUR
FUNFTEN KULTUREPOCHE
ERSTER VORTRAG, Dornach, 6. Januar 1916 131
Der Tantalus-Mythos als Schulfall der modernen Vererbungslehre.
Wiederaufleben des Griechentums in Goethes «Iphigenie».
ZWEITER VORTRAG, Dornach, 7. Januar 1916 144
Die an die Generationenfolge gebundene Schicksalsidee des Griechen-
tums und das individuelle Karmabewufksein der Zukunft. Tendenzen
der darwinistischen Weltanschauung und Gefahren beim Praktisch-
werden gegenwartiger materialistischer Theorien, insbesondere fiir die
Erziehung. Die heutige Kluft zwischen Wahrheit und Kunst. Die
Empfindung des heutigen Menschen fiir das Kiinstlerische in Musik,
Poesie, Malerei, Skulptur, Architektur. Notwendigkeit einer Wieder-
belebung der Kiinste.
VI.
DIE GEISTIGE VEREINIGUNG DER MENSCHHEIT
DURCH DEN CHRISTUS-IMPULS
VORTRAG, Bern, 9. Januar 1916 164
Die Verschiedenheit der Menschen in bezug auf die physische Gestalt.
Erdenkrafte bewirken Gleichheit der Formen. Kosmische Krafte
gestaiten den Atherleib und bewirken Verschiedenheit. Sieben Arten
menschlicher Atherleiber und ihr EinflulS auf die Formung der physi-
schen Leiber: sieben verschiedene Rassen. Das Nebeneinander der
verschiedenen Rassen als Ergebnis luziferisch-ahrimanischen Einflusses.
Die Gefahr des Auseinanderfallens der Menschheit in sieben Gruppen,
die sich nicht mehr verstehen; das Eintreten des Christus-Impulses in
den Atherleib des Menschen, um diese Gefahr zu uberwinden. Die
Mittelpunkts statue des Dornacher Baues weist auf den harmonisieren-
den Menschheitstypus der Zukunft.
VII.
DIE BEGRIFFSWELT UND IHR VERHALTNIS ZUR WIRKLICHKEIT
ERSTER VORTRAG, Dornach, 15. Januar 1916 187
Scholastik und Neuscholastik. Antonio Rosmini-Serbati, ein Geist-
sucher des 19. Jahrhunderts. Die Wiedergewinnung eines lebendigen
Begriffserlebens.
ZWEITER VORTRAG, Dornach, 16. Januar 1916 200
Die luziferisch infizierten Begriffe der Gnosis und ihr Zuriickdrangen
durch Tertullian. Wie sah der Gnostiker Marcion und wie sah Tertullian
die Verbindung des gottlichen Wesens Christus mit dem irdisch-
menschlichen Wesen Jesus? Das Credo. Die drei Prinzipien der Trinitat
und ihr getrenntes Fortleben in verschiedenen Stromungen der abend-
landischen Kultur.
Hinweise 229
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 237
Cbersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 239
DER WEIHNACHTSGEDANKE UND DAS GEHEIMNIS DES ICH
DER BAUM DES KREUZES UND DIE GOLDENE LEGENDE
ENTSTEHUNG DER KRIPPEN- UND HIRTENSPIELE
Berlin, 19. Dezember 1915
Wiederum wollen wir an diesem Tage mit besonders inniger Kraft
unseres Herzens zunachst derjenigen gedenken, die draufien stehen auf
jenen Feldern der Ereignisse und die heute hinleben miissen mit Seele
und Leben fur die groflen Aufgaben der Zeit:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi mit Eurer Madrt geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und f iir diejenigen, die in dieser Zeit der schweren Menschenauf gaben
schon durch die Pforte des Todes gegangen sind infolge dieser grofien
Anforderungen unserer Gegenwart, seien die Worte noch einmal in der
folgenden Form gesagt:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Dafi mit Eurer Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und der Geist, den wir suchen durch unsere geistigen Bestrebungen,
der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fort-
schritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der Geist,
dessen wir insbesondere heute zu gedenken haben, Er sei mit Euch und
Euren schweren Pflichten! -
Wir gedenken des aus den Tiefen der Geheimnisse der Erdenentwik-
kelung heraus tonenden Spruches:
Offenbarung des Gottlichen in den Hohen des Seins,
und Friede den Menschen auf Erden,
die von einem guten Willen durchdrungen sind.
Und wir miissen insbesondere beim Herannahen der Weihenacht in
diesem Jahr gedenken: Welche Empfindungen verbinden uns mit die-
sem Spruch und seinem tiefen Weltensinn? Jenem tiefen Weltensinn,
den unzahlige Menschen so empf inden, dafi das Wort Friede durch ihn
erklingt und tont, das Wort Friede in einer Zeit, in welcher dieser Friede
im weitesten Umkreis unser Erdensein meidet. Wie gedenken wir in
dieser Zeit der Weihnachtsworte?
Doch ein Gedanke ist es, der uns vielleicht im Zusammenhang mit
diesem durch die Welt tonenden Wahrspruche in dieser Gegenwart noch
tiefer beriihren mufi sogar als in andern Zeiten. Ein Gedanke! Feind-
lich stehen sich dieVolker gegeniiber. Blut, viel Blut trankt unsere Erde.
Unzahlige Tode haben wir um uns herum sehen miissen, fiihlen miissen
in dieser Zeit. Unendliches Leid webt um uns herum die Empfindungs-
und Gefuhlsatmosphare. Hafi und Abneigung durchschwirren den
geistigen Raum und konnten leicht zeigen, wie feme, ferne die Men-
schen in unserer Zeit noch sind von jener Liebe, von welcher verkunden
wollte derjenige, dessen Geburt die Weihenacht feiert. Ein Gedanke
aber tritt besonders hervor: Wir denken uns, wie Feind gegen Feind,
Gegner gegen Gegner stehen kann, wie Menschen sich gegenseitig den
Tod bringen konnen, und wie sie durch dieselbe Pforte des Todes gehen
konnen mit dem Gedanken an den gottlichen Lichtfiihrer, den Christus
Jesus. Wir gedenken, wie iiber die Erde hin, iiber welche sich ausbreiten
Krieg und Schmerzen und Uneinigkeit, einig sein konnen diejenigen,
die sonst so uneinig sind, indem sie in ihrem tiefsten Herzen ihren Zu-
sammenhang tragen mit dem, der in die Welt gegangen ist an jenem
Tage, den wir in der Weihenacht festlich begehen. Wir denken, wie sich
durch alle Feindschaft, durch alle Abneigung, durch alien Hafi hin-
durch in den menschlichen Seelen alliiberall eine Empfindung in diesen
Zeiten drangen kann, drangen kann mitten aus Blut und Hafi heraus:
der Gedanke des innigen Verbundenseins mit dem einen, mit dem, der
damit die Herzen geeint hat durch etwas, das hoher ist als alles das, was
die Menschen jemals auf der Erde wird trennen konnen. Und so ist dies
doch ein Gedanke von unendlicher Grofie, ein Gedanke von unend-
licher Tiefe der Empfindung, der Gedanke an den Christus Jesus, der
die Menschen eint, wie uneinig sie auch sein mogen in allem, was die
Welt angeht.
Wenn wir den Gedanken in dieser Art fassen, dann werden wir ihn
urn so tiefer fassen wollen gerade in unserer Gegenwart. Denn dann
werden wir ahnen, wieviel mit diesem Gedanken zusammenhangt von
dem, was grofi und stark und gewaltig werden mufi innerhalb der
menschlichen Entwickelung, damit vieles in anderer Weise errungen
werden kann von menschlichen Herzen, von menschlichen Seelen, was
jetzt noch auf so blutige Weise errungen werden mufi.
Dafi Er uns stark mache, dafi Er uns kraf tige, dafi Er uns lehre, iiber
die Erde hin, wirklich zu empfinden im wahrsten Sinne des Wortes
iiber alles Trennende hin den Weihenachts-Weihespruch: das ist das,
was sich derjenige, der sich wirklich mit dem Christus Jesus verbunden
fuhlt, in der Weihenacht immer aufs neue geloben mufi.
Es gibt innerhalb der Geschichte des Christentums eine Uberliefe-
rung, die wiederholt auftritt in den spateren Zeiten und ein Gebrauch
war in gewissen christlichen Gegenden durch Jahrhunderte hindurch.
In alten Zeiten schon wurden in verschiedensten Gegenden, zumeist
von den christlichen Kirchen aus, Darstellungen des Weihenachts-
geheimnisses den Glaubigen geboten. Gerade in diesen altesten Zeiten
wurde die Darstellung des Weihnachtsgeheimnisses begonnen mit einem
Vorlesen, ja zuzeiten sogar mit einem Darstellen der Schopfungsge-
schichte, der Geschichte der Schopfung, wie sie im Beginn der Bibel
dargestellt wird. Es wurde zuerst dargestellt, gerade um die Weih-
nachtszeit, wie aus den Tiefen des Weltenalls heraus das Weltenwort
ertont ist, wie aus dem Weltenwort heraus nach und nach die Schopfung
entstand, wie Luzifer an den Menschen herangetreten ist, wie die Men-
schen dadurch auf eine andere Weise das Erdendasein begonnen haben,
als das Dasein gewesen ware, das ihnen urspriinglich vor dem Heran-
treten Luzifers bestimmt war. Es wurde die ganze Versuchungsge-
schichte von Adam und Eva vorgefiihrt und dann gezeigt, wie gleich-
sam der alten vortestamentlichen Geschichte der Mensch einverleibt
worden ist. Dann wurde erst im weiteren Verlauf hinzugesetzt, was
mehr oder weniger ausfiihrlich in Spielen dargestellt worden ist, die
sich dann im 15.) 16., 17., 18. Jahrhundert in mitteleuropaischen Ge-
genden zu solchen Spielen entwickelt haben, wie wir ein kleines davon
jetzt eben gesehen haben.
Von dem, was aus einem unendlich grofien Gedanken heraus am
Weihnachts-Weihefest den Anfang des Alten Testamentes zusammen-
geschlossen hat mit der geheimnisvollen Geschichte des Mysteriums von
Golgatha, was aus diesem Gedanken heraus die beiden heiligen Ge-
schichten zusammengeschlossen hat, von dem ist nur wenig noch ge-
blieben, nur sozusagen das eine in der Gegenwart, dafi in unserem Ka-
lender vor dem Eintritt des Weihnachtstages der Tag von Adam und
Eva steht. Das hat in demselben Gedanken seinen Ursprung. Aber in
alteren Zeiten wurde auch fur die, welche aus tieferen Gedanken, aus
tieferen Empfindungen oder einer tieferen Erkenntnis heraus durch
diejenigen, die ihre Lehrer waren, das Weihnachtsgeheimnis und das
Geheimnis von Golgatha erfassen sollten, es wurde fur die immer wie-
derum dargestellt ein grofier, ein umfassender symbolischer Gedanke:
der Gedanke von dem Ursprung des Kreuzes. Der Gott, der den Men-
schen im Alten Testament vorgefiihrt wird, gibt den Menschen, die
durch Adam und Eva reprasentiert sind, das Gebot: Essen diirfen sie
von alien Friichten des Gartens, nur nicht von den Friichten, die am
Baume der Erkenntnis des Guten und Bosen wachsen. Weil sie davon
gegessen haben, wurden sie aus dem ursprunglichen Schauplatz ihres
Seins vertrieben.
Der Baum aber - das wurde nun in der verschiedensten Weise dar-
gestellt - kam auf irgendeine Art in die Geschlechterreihe, welche dann
die ursprunglichen Geschlechter waren, aus denen auch die korperliche
Hiille des Christus Jesus hervorgegangen ist. Und er kam so hin, dafi -
so wurde es in gewtssen Zeiten dargestellt -, als Adam, der siindige
Mensch, begraben worden ist, dieser Baum wiederum aus seinem Grabe
herauswuchs, der aus dem Paradiese entf ernt worden war. So sehen wir
den Gedanken angeregt: Adam ruht im Grabe, er, der Mensch, der
durch die Siinde gegangen ist, er, der Mensch, der durch Luzifer ver-
fiihrt worden ist, ruht im Grabe, er hat sich mit dem Erdenleibe ver-
einigt. Aber aus seinem Grabe erspriefit der Baum - der Baum, der jetzt
herauswachsen kann aus der Erde, mit der Adams Leib vereinigt wor-
den ist. Das Holz dieses Baumes geht weiter iiber auf die Geschlechter,
zu denen auch Abraham gehort, zu denen David gehort. Und aus dem
Holz dieses Baumes, der also im Paradiese gestanden hat, der wieder
herausgewachsen ist aus Adams Grab, aus dem Holze dieses Baumes
wurde das Kreuz gemacht, an dem der Christus Jesus gehangen hat.
Das ist der Gedanke, der immer wieder denen, die aus tieferen
Grundlagen heraus die Geheimnisse des Mysteriums von Golgatha ver-
stehen sollten, von ihren Lehrern klargemacht wurde. Es hat einen
tiefen Sinn, daft in alteren Zeiten - und der Sinn wird es uns gleich
zeigen, dafi es auch fur die Gegenwart noch gut ist - in solchen Bildern
tiefe Gedanken zum Ausdruck kamen.
Wir haben uns bekanntgemacht mit jenem Gedanken des Myste-
riums von Golgatha, der uns sagt: Das Wesen, das durch den Leib des
Jesus gegangen ist, das hat, was es der Erde bringen kann, iiber die
Erde ausgegossen, in die Erdenaura ergossen. Was der Christus in die
Erde gebracht hat, ist seither mit der ganzen Leiblichkeit der Erde ver-
bunden. Die Erde ist etwas anderes geworden seit dem Mysterium von
Golgatha. In der Erdenaura lebt das, was der Christus aus himm-
lischen Hohen auf die Erde heruntergebracht hat. Wenn wir im Zu-
sammenhang damit jenes alte Bild von dem Baume ins geistige Auge
fassen, so zeigt uns dieses Bild den ganzen Zusammenhang von einem
hoheren Gesichtspunkt aus: In den Menschen ist das luziferische Prin-
zip eingezogen, als der Mensch seinen Erdenanfang genommen hat. Der
Mensch, so wie er nun ist, in seiner Vereinigung mit dem luziferischen
Prinzip, gehort zu der Erde hinzu, er bildet einen Teil der Erde. Und
wenn wir seinen Leib in die Erde hineinlegen, so ist dieser Leib nicht
blofi das, als was ihn die Anatomie sieht, sondern dieser Leib ist zu
gleicherZeit die aufiereAbformung dessen,was innerhalb deslrdischen
der Mensch auch in seiner Innenheit ist. Uns kann es aus der geistigen
Wissenschaft heraus klar sein, dafi nicht nur das zu des Menschen
Wesenheit gehort, was durch die Pforte des Todes in die geistigen Wei-
ten eingeht, sondern dafi der Mensch durch sein ganzes Wirken, durch
seine ganzen Taten mit der Erde verbunden ist; wirklich gerade so ver-
bunden ist, wie jene Geschehnisse mit der Erde verbunden sind, die der
Geologe, der Mineraloge, der Zoologe und so weiter als zusammen-
hangend mit der Erde findet. Wenn der Mensch durch die Pforte des
Todes geht, so ist ja nur fiir die menschliche Individuality zunachst
abgeschlossen, was ihn an die Erde bindet. Aber unsere aufiere Form,
wir iibergeben sie in irgendeiner Art der Erde, sie geht in den Erden-
leib ein. Sie tragt in sich die Auspragung dessen, was die Erde dadurch
geworden ist, dafi Luzifer in die Erdenentwickelung eingetreten ist.
Was der Mensch auf der Erde leistet, tragt das luziferische Prinzip in
sich, der Mensch bringt dieses luziferische Prinzip in die Erdenaura
hinein. Aus des Menschen Taten, aus des Menschen Wirksamkeiten
entspringt, erbliiht nicht nur das, was urspriinglich mit dem Menschen
beabsichtigt war, aus des Menschen Taten entspringt das, was dem
Luziferischen beigemischt ist. Das ist in der Erdenaura. Und wenn wir
nun auf dem Grabe des von Luzifer verfiihrten Menschen Adam den
Baum sehen, der durch die luziferische Verfiihrung etwas anderes ge-
worden ist, als er urspriinglich war, den Baum der Erkenntnis des
Guten und des Bosen, so sehen wir alles das, was der Mensch dadurch
bewirkt hat, dafi er den ursprunglichen Stand verlassen hat, dafi er
durch die luziferische Verfiihrung ein anderer geworden ist und da-
durch etwas ihm vorher Nichtbestimmtes in die Erdenevolution her-
eingebracht hat.
Wir sehen den Baum herauswachsen aus dem, was der physische
Leib fiir die Erde ist, was in seiner Erdenform abgepragt worden ist,
was den Menschen auf der Erde in einer niedrigeren Sphare erscheinen
lafit, als er geworden ware, wenn er nicht durch die luziferische Ver-
fiihrung hindurchgegangen ware. Es wachst aus des Menschen ganzem
Erdendasein etwas heraus, was durch die luziferische Verfiihrung, Ver-
suchung in die Menschheitsentwickelung hineingekommen ist. Indem
wir die Erkenntnis suchen, suchen wir sie auf eine andere Art, als es uns
urspriinglich vorbestimmt war. Das aber lafit erscheinen, dafi das, was
aus unseren Erdentaten herauswachst, anders ist, als es nach der Gotter
urspriinglichem Ratschlufi sein konnte. Wir formen ein Erdendasein,
das nicht so ist, wie es nach der Gotter urspriinglichem Ratschlufi fiir
uns bestimmt war. Wir mischen dem ein anderes bei, von dem wir uns
ganz bestimmte Vorstellungen machen miissen, wenn wir es richtig ver-
stehen wollen. Wir miissen uns sagen: Ich bin hereingesetzt in die
Erdenentwickelung. Was ich der Erdenentwickelung durch meineTaten
gebe, das tragt Friichte. Das tragt Friichte der Erkenntnis, die mir da-
durch geworden ist, dafi mir die Erkenntnis des Guten und des Bosen
auf der Erde zuteil geworden ist. Diese Erkenntnis lebt in der Ent-
wickelung der Erde, diese Erkenntnis ist da. Aber indem ich diese Er-
kenntnis anschaue, wird sie mir zu etwas, was anders ist, als es hatte
ursprunglich sein sollen. Sie wird mir zu etwas, was ich anders machen
mufi, wenn der Erde Ziel und der Erde Aufgabe erreicht werden soil.
Ich sehe aus meinen Erdentaten etwas hervorwachsen, was anders wer-
den mufi. Es wachst der Baum hervor, der das Kreuz des Erdendaseins
wird, der Baum, der da dasjenige wird, zu dem der Mensch ein neues
Verhaltnis gewinnen mufi - denn das alte Verhaltnis lafit eben diesen
Baum erwachsen. Der Baum des Kreuzes, jenes Kreuzes, das erwachst
aus der luziferisch tingierten Erdenentwickelung, er wachst heraus aus
Adams Grab, aus derjenigen Menschlichkeit, die Adam nach der Ver-
suchung geworden ist. Der Baum der Erkenntnis mufi zum Kreuzes-
stamm werden, weil mit dem richtig erkannten Baum der Erkenntnis,
so wie er jetzt ist, der Mensch sich aufs neue verbinden mufi, um der
Erde Ziel und der Erde Aufgabe zu erreichen.
Fragen wir uns - und hier beruhren wir ein bedeutsames Geheimnis
der geistigen Wissenschaft -: Wie steht es denn eigentlich mit diesen
Gliedern, die wir als die Glieder der menschlichen Natur kennenge-
lernt haben? Nun, wir kennen als das zunachst hochste Glied der
menschlichen Natur unser Ich. Wir lernen unser Ich aussprechen zu
einer gewissen Zeit unseres Kindesalters. Wir gewinnen ein Verhaltnis
zu diesem Ich von der Zeit an bis zu der wir uns in spateren Jahren zu-
riickerinnern. Wir wissen es aus den verschiedensten geisteswissen-
schaftlichen Betrachtungen: bis zu dem Zeitpunkt hat das Ich selber
formend und gestaltend an uns gewirkt, bis zu dem Moment, da wir
ein bewufites Verhaltnis zu unserem Ich haben. Beim Kind ist dieses
Ich auch da, aber es wirkt in uns, es bildet in uns erst den Leib aus.
Zunachst schafft es mit iibersinnlichen Kraften der geistigen Welt.
Wenn wir durch die Empfangnis und die Geburt gegangen sind, schafft
es sogar noch einige Zeit, die Jahre dauert, an unserem Leibe, bis wir
unseren Leib als Werkzeug so haben, dafi wir uns bewulk als ein Ich er-
fassen konnen. Es ist ein tiefes Geheimnis mit diesem Hineintreten des
Ich in die menschliche Leibesnatur verbunden. Wir fragen den Men-
schen, wenn er uns entgegentritt: Wie alt bist du? - Er gibt uns als sein
Alter an die Jahre, die verflossen sind seit seiner Geburt. Wie gesagt,
wir beruhren hier ein gewisses Geheimnis der Geisteswissenschaft, das
uns im Laufe der nachsten Zeit immer klarer werden wird, das ich aber
heute nur erwahnen will, gleichsam mitteilen will. Was uns der Mensch
also als sein Alter angibt zu einer bestimmten Zeit seines Lebens, das
bezieht sich auf seinen physischen Leib. Er sagt uns nichts anderes als;
sein physischer Leib ist so und so lange in der Entwickelung gewesen
seit seiner Geburt. Das Ich macht diese Entwickelung dieses physischen
Leibes nicht mit. Das Ich bleibt stehen.
Und das ist das schwer zu fassende Geheimnis, dafi das Ich eigent-
lich in dem Zeitpunkte, bis zu dem wir uns zuriickerinnern, stehen-
bleibt. Es wird nicht mit dem Leibe geandert, es bleibt stehen. Gerade
dadurch haben wir es immer vor uns, dafi es uns, indem wir hinschauen,
unsere Erlebnisse entgegenspiegelt. Das Ich macht unsere Erdenwan-
derung nicht mit. Erst wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen
sind, miissen wir den Weg, den wir Kamaloka nennen, wiederum zu-
ruck machen bis zu unserer Geburt, um unser Ich wieder anzutreffen,
und es dann auf unserer weiteren Wanderung mitzunehmen. Der Kor-
per schiebt sich in den Jahren vor - das Ich bleibt zuriick, das Ich
bleibt stehen. Schwierig zu begreifen ist es aus dem Grunde, weil man
sich nicht vorstellen kann, dafi in der Zeit etwas stehenbleibt, wahrend
die Zeit wekerriickt. Aber es ist doch so. Das Ich bleibt stehen, und
zwar bleibt es aus dem Grunde stehen, weil dieses Ich eigentlich sich
nicht verbindet mit dem, was vom Erdendasein an den Menschen her-
ankommt, sondern weil es verbunden bleibt mit denjenigen Kraften,
die wir in der geistigen Welt die unsrigen nennen. Das Ich bleibt da,
das Ich bleibt im Grunde in der Form, wie es uns verliehen ist, wie wir
wissen, von den Geistern der Form. Dieses Ich wird in der geistigen
Welt gehalten. Es mufi in der geistigen Welt gehalten werden, sonst
konnten wir niemals als Menschen wahrend unserer Erdenentwicke-
lung der Erde urspriingliche Aufgabe und urspriingliches Ziei wieder
errekhen. Was der Mensch hier auf der Erde durch seine Adamsnatur
durchgemacht hat, wovon er eine Abpragung in das Grab tragt, wenn
er als Adam stirbt, das ist haftend am physischen Leibe, Atherleib und
Astralleib, kommt von diesem. Das Ich wartet, wartet mit alledem,
was in ihm ist, die ganze Zeit, die der Mensch auf der Erde durch-
macht, sieht nur hin auf die weitere Entwickelung des Menschen - wie
der Mensch es sich wieder holt, wenn er durch die Pforte des Todes
gegangen ist, indem er den Weg zuriick macht. Das heifit, wir bleiben -
in einem gewissen Sinne ist das gemeint - mit unserem Ich gewisser-
mafien in der geistigen Welt zuriick. Dessen soli sich die Menschheit
bewufit werden. Und sie konnte sich dessen nur dadurch bewufit wer-
den, dafi in einer gewissen Zeit aus jenen Welten, denen der Mensch
angehort, aus den geistigen Welten, der Christus herunterkam und sich
in dem Leibe des Jesus vorbereitete, in der Weise, wie wir es wissen -
doppelt — , das, was als Leib ihm auf der Erde dienen sollte.
Wenn wir uns recht verstehen, so schauen wir durch unser ganzes
Erdenleben hindurch immer auf unsere Kindheit hin. Da in unserer
Kindheit ist zuriickgeblieben das, was gerade unser Geistiges ist. Wir
schauen immer darauf hin, wenn wir die Sache richtig verstehen. Und
dazu sollte die Menschheit erzogen werden, hinzusehen auf das, zu dem
der Geist aus den Hohen sagen kann: «Lasset die Kindlein zu mir kom-
men!», nicht den Menschen, der mit der Erde verbunden ist, sondern
die Kindlein. Dazu sollte die Menschheit erzogen werden, indem ihr
das Fest der Weihenacht gegeben worden ist, indem es hinzugefugt
worden ist zu dem Mysterium von Golgatha, das sonst nur der Mensch-
heit verliehen zu werden brauchte in bezug auf die drei letzten Jahre
des Christus-Lebens, da der Christus in dem Leibe des Jesus von Naza-
reth war. Dieses Fest zeigt, wie der Christus sich den menschlichen Leib
in der Kindheit vorbereitet hat. Das ist das, was der Weihnachtsemp-
findung zugrunde liegen soil: zu wissen, wie der Mensch eigentlich
immer verbunden geblieben ist durch das, was in seinem Wachstum
zuriickbleibt, was in himmlischen Hohen bleibt, mit dem, was nun her-
einkommt. In der Kindesgestalt soil der Mensch an das Menschlich-
Gottliche, von dem er sich entfernt hat, indem er auf die Erde hinab-
stieg, das aber wiederum zu ihm gekommen ist, an dieses Kindhafte in
ihm sollte der Mensch erinnert werden. An denjenigen sollte er erinnert
werden, der ihm das Kindhafte wiedergebracht hat. Es war nicht ge-
rade leicht, aber gerade an der Art und Weise, wie sich dieses Welten-
kindesfest, das Weihnachtsfest, in die mitteleuropaischen Gegenden
hereinentwickelt hat, gerade daran sieht man die wunderbar wirkende,
tragende Kraft.
Was wir heute gesehen haben, war nur ein kleines der vielen Weih-
nachtsspiele. Es ist aus den alten Zeiten, von der Art des Weihnachts-
spieles, die ich ein wenig angedeutet habe, noch zuriickgeblieben eine
Anzahl der sogenannten Paradeisspiele, die man auch zu Weihnachten
auffiihrte, wo wirklich die Schopfungsgeschichte aufgefiihrt worden
ist. Es ist zuriickgeblieben dann die Verbindung mit dem Hirtenspiel,
mit dem Spiel der drei Konige, die ihre Geschenke darbringen. Vieles,
vieles von dem lebte in zahlreichen Spielen. Sie sind jetzt zum grofken
Teil verschwunden.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts etwa beginnt die Zeit, wo sie in
Bauerngegenden verschwinden. Aber wunderbar ist es zu sehen, wie sie
gelebt haben. Jener Karl Julius Scbrder, von dem ich Ihnen schon
ofters erzahlt habe,hatte in westungarischen Gegenden in den fiinfziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts solche Weihnachtsspiele gesammelt,
in der Preftburger Gegend herum, und weiter von Prefiburg nach Un-
garn herunter. Andere haben in andern Gegenden solche Weihnachts-
spiele gesammelt, aber das, was dazumal Karl Julius Schroer auffinden
konnte von den mit der Auffiihrung dieser Weihnachtsspiele verbun-
denen Gebrauchen, kann uns ganz besonders tief zu Herzen gehen.
Diese Weihnachtsspiele, sie waren da, handschriftlich, in gewissen
Familien des Dorfes Und wurden als etwas ganz besonders Heiliges ge-
halten. Aufgefiihrt wurden sie in der Weise, dafi man so eigentlich,
wenn der Oktober herankam, schon daran dachte, man miisse diese
Spiele zur Weihnachtszeit vor den Bauern des Ortes auffiihren. Dann
wurden die bravsten Burschen undMadchen ausgesucht, und die horten
auf in dieser Zeit, in der sie begannen sich vorzubereiten, Wein zu trin-
ken, Alkoholisches zu trinken. Sie durften, was ja sonst in solchen
Orten getan werden darf, nicht mehr raufen am Sonntag, sie durften
nicht mehr andere Ausschreitungen begehen. Sie mufiten wirklich, wie
man sagte, «ein heiliges Leben fuhren». Und so hatte man das Bewufit-
sein, dafi eine gewisse moralische Stimmung der Seele dazugehorte bei
denen, die sich in der Weihnachtszeit der Auffuhrung solcher Spiele
widmen sollten. Nicht aus dem ganz gewohnlichen Weltlichen heraus
sollten solche Spiele aufgefuhrt werden.
Dann wurden sie aufgefuhrt mit aller Naivitat, mit der Bauern so
etwas auffiihren konnen, aber es herrschte in der ganzen Auffuhrung
tiefster Ernst, unendlicher Ernst. Den Spielen, die dazumal Karl Julius
Schroer, friiher Weinhold und andere dann in den verschiedensten
Gegenden gesammelt haben, ist iiberall dieser tiefe Ernst eigen, mit
dem man sich dem Weihnachtsgeheimnis nahte. Aber das war nicht
immer so. Und wir brauchen gar nicht weiter zurvickzugehen als ein
paar Jahrhunderte, da finden wir das anders, und da tritt uns etwas
hochst Eigentiimliches entgegen. Gerade die Art und Weise, wie sich
diese Weihnachtsspiele namentlich in mitteleuropaischen Gegenden ein-
gebiirgert haben, wie sie entstanden und allmahlich geworden sind,
das zeigt uns, wie uberwaltigend gewirkt hat der Weihnachtsgedanke.
Er wurde nicht etwa gleich so aufgenommen, wie ich es jetzt geschildert
habe: dafi man mit heiliger Scheu, mit groftem Ernst, mit einem Be-
wufksein von der Bedeutung des Ereignisses, das in der Empfindung
lebte, sich dem genaht hatte. O nein! In vielen Gegenden hat das zum
Beispiel so begonnen, dafi man eine Krippe aufgestellt hat vor irgend-
einem Seitenaltar dieser oder jener Kirche — das war noch im 14., 15.
Jahrhundert, aber es geht auch schon in friihere Zeiten zuriick; man
stellte eine Krippe auf, das heifit also einen Stall, darin Ochs und Eselein
und das Kindlein und zwei Puppen, die Joseph und Maria darstellten.
So wurde zuerst mit naiver Plastik das getrieben. Dann wollte man mehr
Leben hineinbringen, aber zunachst von der Geistlichkeit aus. Es zogen
sich Priester an, der eine als Joseph, der andere als Maria, und die stell-
ten das dar - statt der Puppen spielten sie das. In der ersten Zeit stell-
ten sie die Sache sogar in der lateinischen Sprache dar, denn man hielt
in der alten Kirche sehr viel darauf, da man, wie es scheint, einen sehr
tiefen Sinn darin sah, dafi diejenigen, die zuschauten oder zuhorten,
moglichst gar nichts von der Sache verstanden, sondern nur die aufiere
Mimik sahen. Aber das liefien diese sich nicht mehr gef alien: sie wollten
auch etwas verstehen von demjenigen, was ihnen da vorgefuhrt wurde.
Und da ging man denn allmahlich dazu iiber, einige Teile daraus in die
entsprechende Sprache zu giefien, die gerade in den Gegenden ge-
sprochen worden war. Doch endlich erwachte das Gefuhl bei den Leu-
ten, mitzumachen, das selbst zu erleben. Aber fremd war es ihnen, recht
fremd war ihnen die Sache doch noch. Man mufi nur bedenken, daft
etwa noch im 12., 13. Jahrhundert jene Vertrautheit mit den heiligen
Geheimnissen, zum Beispiel der Weihenacht, nicht da war, die wir
heute als etwas Selbstverstandliches glauben. Man mufi bedenken, dafi
die Leute jahraus, jahrein die Messe horten, zu Weihnacht auch die
Messe, die um zwolf Uhr Mitternacht noch gehalten worden ist, aber
dafi sie nicht die Bibel vernahmen — die war nur fur die Priester zum
Lesen da — , dafi sie nur einzelne Brocken von der heiligen Geschichte
kannten. Und es war wirklich zugleich, um sie bekanntzumachen mit
dem, was einst vorgegangen war, dafi man es ihnen in dieser Weise zu-
nachst dramatisch durch die Priester vorfuhrte. Sie lernten es erst
auf diese Weise kennen.
Nun mufi man etwas sagen, wovon man recht sehr bitten mufl, es
nicht mifizuverstehen. Aber es kann dargestellt werden, weil es der
reinen geschichtlichen Wahrheit entspricht. Nicht dafi etwa gleich aus
irgendeiner Mysterienstimmung oder dergleichen der Anteil an diesen
Weihnachtsspielen hervorgegangen ware, so war es nicht, sondern die
Begierde, teilzunehmen an dem, was ihnen dargestellt worden ist, naher
dabeizusein, mitzutun, zu handeln: das brachte das Volk heran an die
Sache. Und man mufite ihnen endlich zugestehen, etwas mitzutun. Man
mulke es dem Volke verstandlicher machen. Mit diesem Verstandlicher-
machen ging es Schritt fur Schritt. Zum Beispiel davon verstanden die
Leute zuerst gar nichts, dafi da in einem Krippchen das Kindeiein liege.
Das hatten sie nie gesehen, ein Kindeiein in einem Krippelein. Ja,
friiher, wo sie nichts verstehen durften, da haben sie das hingenommen.
Aber jetzt, wo sie dabei sein wollten, sollte ihnen das ganz verstandlich
sein. Da wurde ihnen nur eine Wiege hingestellt. Und es begann der
Anteil der Leute dann, indem sie an der Wiege vorbeigingen, jeder trat
da auf und wiegte ein Weilchen das Kindelein, und ahnliche Teilnahme
entwickelte sich. Es gab sogar Gegenden, in denen die Sache so vor
sich ging, dafi man zunachst ganz ernst begann und als das Kind da
war, begannen alle einen ungeheuren Krakeel, und alle schrieen und
deuteten mit Tanzen und Schreien ihre Freude an, die sie jetzt dariiber
empfanden, dafi das Kindlein geboren ist. Es wurde durchaus in einer
Stimmung aufgenommen, die hervorging aus der Sucht, sich zu be-
wegen, aus der Sucht, eine Geschichte zu erleben. Aber in der Geschichte
steckte so Grofies, so Gewaltiges, daft aus dieser ganz profanen Stim-
mung - es war anfangs eine profane Stimmung - sich nach und nach
jene heilige Stimmung entwickelte, von der ich eben gesprochen habe.
Die Sache selbst gofi ihre Heiligkeit aus iiber eine Auf nahme, die durch-
aus anfangs nicht eine heilige genannt werden konnte. Gerade im Mit-
telalter mufite die heilige Weihnachtsgeschichte die Menschen erst er-
obern. Und sie eroberte sie bis zu dem Grade, dafi sie, wahrend sie ihre
Spiele auffiihrten, in einer so intensiven Weise sich moralisch vor-
bereiten wollten.
Was eroberte denn da die menschlichen Empfindungen, die mensch-
liche Seele? Der Hinblick auf das Kind, der Hinblick auf dasjenige,was
im Menschen heilig bleibt, wahrend seine ubrigen drei Leiber sich mit
dem Erdenwerden verbinden. Mochte selbst in gewissen Gegenden und
in gewissen Zeiten die Geschichte von Bethlehem groteske Formen an-
nehmen, es lag in der menschlichen Natur, diesen heiligen Hinblick auf
die Kindesnatur zu entwickeln, der mit dem zusammenhangt, was
gleich in die christliche Entwickelung von Anfang an eintrat: das Be-
wufitsein, wie das, was im Menschen stehenbleibt, wenn er seine Erden-
entwickelung antritt, eine neue Verbindung eingehen mufi mit dem,
was sich mit dem Erdenmenschen verbundeh hat. So dafi er der Erde
ubergibt das Holz, aus dem das Kreuz werden mufi, mit dem er eine
neue Verbindung eingehen mufi.
In den alteren Zeiten der mitteleuropaischen christlichen Entwicke-
lung war eigentlich nur der Ostergedanke volkstiimlich. Und erst in
der Weise, wie ich es geschildert habe, ist der Weihnachtsgedanke all-
mahlich hinzugekommen. Denn das, was im «Heliand» oder ahnlichen
Werken steht, das ist zwar von einzelnen gedichtet worden, aber durch-
aus nicht etwa volkstiimlich geworden.
Das Volkstiimliche der Weihenacht, das ist auf die Weise entstanden,
die ich eben geschildert habe, und die in wirklich grofSartiger Weise
zeigt, wie der Gedanke der Verbindung mit dem Kindlichen, dem rei-
nen, echten Kindlichen, das in einer neuen Gestalt erschienen ist in dem
Jesuskind, sich die Menschen erobert hat. Wenn wir diese Gewalt des
Gedankens damit zusammenbringen, daft dieser Gedanke in den Seelen
als der einzige zunachst in unserem Erdendasein leben kann, der alle
Menschen eint, so ist sie der rechte Christ-Gedanke. Und so wird der
Christ-Gedanke in uns grofi, so wird der Christ-Gedanke zu dem, was
allmahlich in uns erstarken mufi, wenn die Erdenweiterentwickelung
in der richtigen Weise geschehen soli. Bedenken wir doch, wie weit der
Mensch im gegenwartigen Erdendasein noch entfernt ist von dem, was
die Tiefen des Christus-Gedankens eigentlich in sich bergen.
In diesen Tagen - vielleicht werden Sie es gelesen haben - wird ein
Buch herausgegeben von Ernst Haeckel: «Ewigkeit, Weltkriegsgedan-
ken iiber Leben und Tod, Religion und Entwicklungslehre.» Ein Buch
von Ernst Haeckel ist ganz gewifi ein Buch, das aus ernster Wahrheits-
liebe hervorgegangen ist, ganz gewifi ein Buch, in dem ernsteste Wahr-
heit gesucht wird. Was das Buch bringen soil, von dem verlautet etwa
das Folgende: Es soli darauf hinweisen, was jetzt auf der Erde vorgeht,
wie die Volker miteinander im Kriege, wie sie miteinander im Hasse
leben, wie unzahlige Tode sich uns jeden Tag ergeben. Alle diese Ge-
danken, die sich dem Menschen so schmerzlich aufdrangen, erwahnt
auch Ernst Haeckel, selbstverstandlich immer mit dem Hintergrund,
die Welt so zu betrachten, wie er sie sehen kann von seinem Stand-
punkte aus - wir haben oftmals davon gesprochen, denn man kann
Haeckel, auch wenn man Geisteswissenschafter ist, als einen der grofi-
ten Forscher anerkennen von jenem Standpunkte aus, der, wie wir
wissen, auch zu anderem fuhren kann, der aber zu demjenigen fuhrt,
was man in den neueren Phasen der Haeckelschen Entwickelung beob-
achten kann. Nun macht sich Haeckel Weltkriegsgedanken. Auch er
sagt sich, wieviel Blut jetzt fliefit, wieviel Tode uns jetzt umgeben. Und
er fragt sich: Konnen da die Gedanken der Religion bestehen daneben?
Kann man irgendwie glauben - so fragt Haeckel -, dafi irgendeine
weise Vorsehung, ein gutiger Gott, die Welt regiert, wenn man sieht,
dafi taglich durch blofien Zufall, wie er sagt, so viele Menschen ihr
Leben enden, hinsterben durch gar keine solche Ursache, die nachweis-
bar in irgendeinem Zusammenhang stehen konnte mit irgendeiner wei-
sen Weltenregierung, sondern durch den Zufall, wie er sagt, dafi einen
diese oder jene Kugel trifft, dafi einer sich diesen oder jenen Unfall
zuzieht? Haben demgegeniiber alle diese Weisheitsgedanken; diese Vor-
sehungsgedanken einen Sinn? Miissen nicht gerade solche Ereignisse,
wie diese, beweisen, dafi der Mensch dabei stehenbleiben mufi, dafi er
eben nichts anderes ist als das, was uns die aufierliche, materialistisch
gedachte Entwickelungsgeschichte zeigt, und dafi im Grunde nicht eine
weise Vorsehung, sondern der Zufall alles Erdensein regiert? Kann man
demgegeniiber einen andern religiosen Gedanken haben, meint Haeckel,
als zu resignieren, sich zu sagen: Man gibt eben seinen Leib hin und
geht auf in dem ganzen All? - Aber wenn dieses All, fragt man weiter -
Haeckel stellt diese Frage nicht mehr -, nichts anderes ist als das Spiel
der Atome, lauft wirklich dieses Leben des Menschen in einen Sinn des
Erdendaseins aus? Wie gesagt, Haeckel stellt diese Frage nicht mehr,
aber er gibt in seinem Weihnachtsbuch eben die Antwort: Gerade sol-
che Ereignisse, wie sie uns jetzt so schmerzlich beriihren, gerade solche
Ereignisse zeigen, dafi man kein Recht hat zu glauben, eine giitige Vor-
sehung oder weise Weltenregierung oder irgend etwas dergleichen
durchwebe und durchlebe die Welt. Also Resignation, Sich-Hinein-
fmden darein, dafi es einmal so ist!
Auch ein Weihnachtsbuch! Ein Weihnachtsbuch, das sehr aufrichtig
und ehrlich gemeint ist. Aber dieses Buch wird auf einem bedeutsamen
Vorurteil beruhen. Es wird auf dem Vorurteil beruhen, dafi man nicht
auf geistige Art nach einem Sinn der Erde suchen darf, dafi es der
Menschheit untersagt ist, auf geistige Art nach einem Sinn zu suchen!
Wenn man nur den aufieren Verlauf der Ereignisse ansieht, so sieht man
diesen Sinn nicht. Dann ist es so, wie Haeckel meint. Und bei dem, dafi
dieses Leben keinen Sinn hat, miisse es bleiben - so meint Haeckel. Es
diirfe der Sinn nicht gesucht werden!
Wird nicht vielmehr der andere kommen und wird sagen: Wenn
wir unsere gegenwartigen Ereignisse nur immer so aufierlich ansehen,
wenn wir nur immer darauf hinweisen, dafi unzahlige Kugeln in der
jetzigen Zeit die Menschen treffen, wir nur so hinsehen auf sie und sich
kein Sinn ergibt, so zeigen sie uns gerade, dafi wir diesen Sinn tiefer
suchen miissen. Sie zeigen uns, dafi wir nicht einfach in dem, was jetzt
unmittelbar auf der Erde sich abspielt, den Sinn suchen diirfen und
glauben, dafi diese Menschenseelen vergehen mit dem Leiblichen, son-
dern daft wir suchen miissen, was sie nun beginnen, wenn sie durch die
Pforte des Todes gehen. Kurz, es kann ein anderer kommen, der da
sagt: Gerade weil sich im Aufieren kein Sinn findet, mufi der Sinn
aufier dem Aufieren gesucht werden, mufi der Sinn im Obersinnlichen
gesucht werden.
1st es damit viel anders als mit derselben Sache auf einem ganz
andern Gebiet? Haeckels Wissenschaft kann demjenigen, der so denkt,
wie Haeckel heute denkt, zu einer Ablehnung jedes Sinnes des Erden-
daseins werden. Sie kann dazu werden, daft man aus dem, was heute so
schmerzlich geschieht, beweisen will, daft das Erdenleben als solches
keinen Sinn hat. Aber wenn man sie in unserer Art erf afit - wir haben
das ofter getan -, dann wird gerade dieselbe Wissenschaft der Aus-
gangspunkt, um zu zeigen, welch tiefer, grofter Sinn in den Welten-
erscheinungen von uns entratselt werden kann. Aber dazu mufi Geisti-
ges in der Welt wirksam sein. Wir miissen uns mit Geistigem verbinden
konnen. Weil die Menschen noch nicht verstehen, auf den Gebieten der
Gelehrsamkeit jene Macht auf sich wirken zu lassen, die so wunderbar
die Herzen, die Seelen erobert hat, daft aus einer geradezu profanen
Auffassung eine heilige Auffassung entstand beim Hinschauen auf das
Weihnachtsgeheimnis, weil die Gelehrten das noch nicht erf assen kon-
nen, weil sie noch nicht den Christus-Impuls mit dem verbinden kon-
nen, was sie in der aufieren Welt sehen, ist es ihnen unmoglich, fur die
Erde einen Sinn, einen wirklichen Sinn zu finden.
Und so mufi man sagen: Die Wissenschaft mit alien ihren groften
Fortschritten, auf welche die Menschen heute mit Recht so stolz sind,
ist durch sich selber nicht in der Lage, zu einer den Menschen befrie-
digenden Anschauung zu fiihren. Sie kann, indem sie ihre Wege geht,
in derselben Weise zur Sinnlosigkeit wie zum Erdensinn fiihren, ganz
so wie auf einem andern Gebiet. Nehmen wir diese in den letzten Jahr-
hunderten, insbesondere im 19. Jahrhundert und bis heute so stolz ent-
wickelte aufiere Wissenschaft mit all ihren wunderbaren Gesetzen,
nehmen wir all dasjenige, was uns heute umgibt: Es ist von dieser Wis-
senschaft hervorgebracht. Wir brennen nicht mehr in derselben Weise
wie Goethe noch sein Nachtlicht, wir brennen Licht und erleuchten
unsere Raume in ganz anderer Weise. Und nehmen wir das alles, was
heute aus unserer Wissenschaft in unseren Seelen lebt: durch die grofien
Fortschritte der Wissenschaft, auf welche die Menschheit mit Recht
stolz ist, ist es entstanden. Aber diese selbe Wissenschaft, wie waltet
sie? Sie waltet segensreich, wenn der Mensch Segensreiches entwickelt.
Aber heute erzeugt sie, gerade weil sie eine so vollkommene Wissen-
schaft ist, die unbezwinglichen Mordinstrumente. Ihr Fortschritt dient
der Zerstorung ebenso wie dem Aufbau. Geradeso wie auf der einen
Seite die Wissenschaft, zu der sich Haeckel bekennt, zu Sinn und Un-
sinn fuhren kann, so kann die Wissenschaft, die so Grofies erreicht,
dienen dem Aufbau, dienen der Zerstorung. Und wenn es nur auf diese
Wissenschaft ankame, sie wiirde aus denselben Quellen heraus, aus
denen sie aufbaut, immer Furchtbareres und Furchtbareres an Zer-
storungswerken hervorbringen. Sie hat in sich nicht unmittelbar einen
Impuls, der die Menschheit vorwartsbringt. O wenn man das nur ein-
mal einsehen konnte, man wiirde diese Wissenschaft in der richtigen
Weise erst dann abschatzen konnen. Man wiirde erst dann wissen, dafi
in der Menschheitsentwickelung noch etwas anderes sein mufi als das,
was der Mensch durch diese Wissenschaft erreichen konnte! Diese Wis-
senschaft - was ist sie? Sie ist in Wirklichkeit nichts anderes als der
Baum, der aus dem Grabe Adams wachst, und die Zeit wird immer
naherriicken, wo die Menschen erkennen werden, dafi diese Wissen-
schaft der Baum ist, der aus dem Grabe Adams wachst. Und die Zeit
wird heranrucken,wo die Menschen erkennen werden, dafi dieser Baum
zum Holze werden mufi, der der Menschheit Kreuz ist, und der erst
dann zum Segen fuhren kann, wenn das daran gekreuzigt wird, was
sich in der richtigen Weise verbindet mit dem, was jenseits des Todes
liegt, aber schon im Menschen hier lebt: das, zu dem wir hinschauen in
der heiligen Weihenacht, wenn wir diese heilige Weihenacht in ihrem
Geheimnis in der richtigen Weise empfinden, das, was auf kindliche
Weise dargestellt werden kann, was aber die hochsten Geheimnisse
birgt. 1st es denn nicht eigentlich wunderbar, dafi in einfachster Art
dem Volke gesagt werden kann: Hinein kam das, was durch das Men-
schenleben auf der Erde waltet, das, was eigentlich nicht iiber die Kind-
heit hinausgehen darf ! Verwandt ist es mit dem, zu dem der Mensch als
einem Obersinnlichen gehort. Ist es nicht wunderbar, daft dieses im
eminentesten Sinne Ubersinnlich-Unsichtbare in so einfachem Bilde
den Menschenseelen so nahe kommen konnte - den einfachen Men-
schenseelen?
Diejenigen, die gelehrt sind, werden auch noch erst den Weg machen
miissen, den diese einfachen Menschenseelen gemacht haben. Es gab
auch eine Zeit, wo man nicht das Kind in der Wiege, nicht das Kind in
der Krippe darstellte, sondern wo man das Kind schlafend am Kreuz
dargestellt hat. Das Kind schlafend am Kreuz! Ein wunderbar tiefes
Bild, den ganzen Gedanken zum Ausdruck bringend, den ich heute vor
Ihren Seelen habe erstehen lassen wollen.
Und ist dieser Gedanke nicht im Grunde genommen recht einfach
zu sagen? Das ist er! Suchen wir einmal nach dem Ursprung derjenigen
Impulse, die heute so furchtbar in der Welt sich gegeniiberstehen! Wo
urstanden diese Impulse? Wo urstandet alles das, was heute derMensch-
heit das Leben so schwer macht, wo urstandet das? In alledem, was wir
in der Welt erst von dem Zeitpunkte an werden, bis zu dem wir uns
zuriickerinnern konnen. Gehen wir hinter diesen Zeitpunkt zuriick,
gehen wir hin bis zu dem Zeitpunkte, da wir gerufen werden als die
Kindlein, die in das Reich der Himmel eintreten konnen. Da urstandet
es, da liegt in den Menschenseelen nichts von dem, was heute in Streit
und Hader ist. So einfach kann der Gedanke ausgesprochen werden.
Aber geistig miissen wir heute darauf blicken, dafi es in der mensch-
lichen Seele solch ein Urstandiges gibt, das dennoch iiber alles Men-
schenstreiten, iiber alle Menschendisharmonie hinausgeht.
Wir haben oft gesprochen von den alten Mysterien, die in der
menschlichen Natur das erwecken wollten, was den Menschen in das
Obersinnliche hinaufschauen lafit, und wir haben davon gesprochen,
dafi das Mysterium von Golgatha, fur alle Menschen vernehmlich, das
iibersinnliche Geheimnis auf den Schauplatz der Geschichte gestellt
hat. Im Grunde genommen ist das, was uns mit dem wirklichen Chri-
stus-Gedanken verbindet, in uns dadurch da, wirklich dadurch da, dafi
wir doch Augenblicke in unserem Leben haben konnen, im wahren
Sinne jetzt, nicht im bildlichen Sinne, wo wir trotz alledem, was wir
in der aufieren Welt sind, lebendig machen konnen - indem wir zuriick-
gehen und uns zuriickfuhlen in den Kindesstandpunkt, indem wir hin-
schauen auf den Menschen, wie er sich entwickelt zwischen Geburt und
Tod, indem wir das in uns empfinden konnen -, das, was wir da als
Kind erhalten haben.
Ich habe letzten Donnerstag offentlich vorgetragen iiber Johann
Gottlieb Fichte. Ich hatte noch ein Wort sagen konnen - es hatte dazu-
mal nicht voll verstandlich werden konnen -, welches Aufklarung iiber
vieles gibt, was gerade in dieser, in eigentiimlicher Weise frommen
Gestalt lebte. Ich hatte sagen diirfen, warum er eigentlich so ganz be-
sonders geworden ist, wie er geworden ist, und ich hatte sagen miissen:
Weil er, trotzdem er alt geworden ist, sich, mehr als andere Menschen,
von der Kindlichkeit erhalten hat. Es ist mehr in solchen Menschen von
der Kindlichkeit als in andern Menschen. Sie werden weniger alt, solche
Menschen! Wirklich, von jenem in der Kindheit Vorhandenen bleibt
mehr in solchen Menschen als bei andern Menschen. Und das ist iiber-
haupt das Geheimnis vieler grower Menschen, dafi sie bis ins spateste
Alter in gewisser Weise Kinder bleiben konnen; noch wenn sie sterben,
als Kinder sterben, natiirlich nur teilgemaft ausgedriickt, da man ja mit
dem Leben zusammen sein mufi.
Zu dem in uns, was so als Kindlichkeit lebt, spricht das Weihnachts-
mysterium, spricht der Hinblick auf das gottliche Kind, das ausersehen
worden ist, den Christus aufzunehmen; zu dem wir hinblicken als zu
dem, iiber dem schon der Christus schwebt, der in Wirklichkeit zu der
Erde Heil durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist.
Machen wir uns das nur bewufit: Wenn wir die Abpragung unseres
hoheren Menschen, wenn wir unseren physischen Leib der Erde iiber-
geben, so ist das nicht ein blofi physischer Vorgang. Da geht auch etwas
geistig vor. Aber dieses Geistige geht nur dadurch in der richtigen
Weise vor, daft hineingef lossen ist in die Erdenaura die Christus-Wesen-
heit, die durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Wir sehen
dasjenige, was diese ganze Erde ist, nicht in ihrer Vollstandigkeit, wenn
wir nicht seit dem Mysterium von Golgatha verbunden mit der Erde
den Christus sehen, jenen Christus, an dem wir vorbeigehen konnen
wie an allem Obersinnlichen, wenn wir uns nur im materialistischen
Sinne ausgeriistet fiihlen; an dem wir aber nicht vorbeigehen konnen,
wenn die Erde fur uns einen wirklichen, einen wahren Sinn haben soli.
Daher liegt alles daran, dafi wir imstande sind, das in uns zu erwecken,
was uns den Ausblick in die geistige Welt erof fnet.
Machen wir fur uns die Weihnachtsfeier zu dem, was sie insbeson-
dere fur uns sein soli: zu einer Feier, die nicht blofi der Vergangenheit
dient, zu einer Feier, die auch der Zukunft dienen soil, jener Zukunft,
die da die Geburt des geistigen Lebens fiir die ganze Menschheit nach
und nach bringen soil. Wir aber woilen uns verbinden mit der prophe-
tischen Empfindung, mit dem prophetischen Vorgefiihl, dafi solches
Geborenwerden des geistigen Lebens gebracht werden mufi der Mensch-
heit, dafi hinwirken mufi iiber die Menschheitszukunft eine grofie
Weihenacht, ein Geborenwerden desjenigen, was in den Gedanken der
Menschen der Erde Sinn gibt. Jenen Sinn, den objektiv die Erde da-
durch erhalten hat, dafi sich die Christus- Wesenheit mit der Erdenaura
durch das Mysterium von Golgatha verbunden hat. Denken wir in der
Weihenacht daran, wie aus der Tiefe der Finsternis heraus das Licht
in die Menschenentwickelung einziehen mufi, das Licht des geistigen
Lebens. Vergehen mufite jenes alte Licht des geistigen Lebens, das vor
dem Mysterium von Golgatha, nach und nach verglimmend, da war,
und das wiedererstehen mufi, wiedergeboren werden mufi nach dem
Mysterium von Golgatha durch das Bewufitsein in der Menschenseele:
dafi diese Menschenseele zusammenhangt mit dem, was der Christus
der Erde durch das Mysterium von Golgatha geworden ist.
Wenn es immer mehr und mehr Menschen geben wird, die in einem
solchen geisteswissenschaftlichen Sinne die Weihnacht aufzufassen wis-
sen, dann wird diese Weihnacht eine Kraft in den Menschenherzen und
Menschenseelen entwickeln, die ihren Sinn hat in alien Zeiten: in den
Zeiten, in denen sich die Menschen den Gliicksgefuhlen, aber auch in
den Zeiten, in denen sich die Menschen jenem Schmerzgefuhl hingeben
mtissen, das uns heute durchdringen mufi, wenn wir an das grofte
Elend der Zeit denken.
Wie das Aufschauen zum Geistigen der Erde Sinn gibt, einer hat es
mit schonen Worten ausgesprochen, die ich Ihnen heute noch vorbrin-
gen will:
Was meinem Auge diese Kraft gegeben,
Dafi alle Mifigestalt ihm ist zerronnen,
Dafi ihm die Nachte werden heitre Sonnen,
Unordnung Ordnung und Verwesung Leben?
Was durch der Zeit, des Raums verworrnes Weben,
Mich sicher leitet hin zum ewgen Bronnen
Des Schonen, Wahren, Guten und der Wonnen,
Und drin vernichtend eintaucht all mein Streben?
Das ist's: seit in Urania's Aug', die tiefe,
Sich selber klare, blaue, stille, reine
Lichtflamm', ich selber still hineingesehen;
Seitdem ruht dieses Aug' mir in der Tiefe
Und ist in meinem Sein, - das ewig Eine,
Lebt mir im Leben, sieht in meinem Sehen.
Und in einer zweiten kleinen Dichtung:
Nichts ist, denn Gott, und Gott ist nichts, denn Leben,
Du weifiest, ich mit dir weifi im Verein;
Doch wie vermochte Wissen dazusein,
Wenn es nicht Wissen waV von Gottes Leben!
«Wie gern', ach! wollt' ich diesem hin mich geben,
Allein wo find ich's? Fliefit es irgend ein
Ins Wissen, so verwandelt's sich in Schein,
Mit ihm vermischt, von seiner Hull' umgeben.»
Gar klar die Hiille sich vor dir erhebet,
Dein Ich ist sie, es sterbe, was vernichtbar,
Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.
Durchschaue, was dies Streben iiberlebet,
So wird die Hiille dir als Hiille sichtbar,
Und unverschleiert siehst du gottlich Leben.
Allerdings, die Menschen wissen nicht immer, was sie gerade mit den-
jenigen machen sollen, die also sie hinweisen zum Schauen des Geisti-
gen, das der Erde Sinn gibt. Nicht nur die Materialisten wissen das
nicht. Die andern, die glauben, keine Materialisten zu sein, weil sie
immer «Gott, Gott, Gott» oder «Herr, Herr, Herr» sagen, auch die
wissen oftmals gerade aus diesen Fiihrern zum Geistigen nicht das
Rechte zu machen! Denn, was hatte man konnen machen mit einem
Menschen, der da sagt: Nichts, ist, denn Gott! Alles ist Gott! Oberall,
iiberall ist Gott! - Der suchte Gott in allem, der da sagte:
Durchschaue, was dies Streben iiberlebet,
So wird die Hiille dir als Hiille sichtbar,
Und unverschleiert siehst du gottlich Leben!
Ihn, der uberall gottlich Leben sehen will, ihn konnte man anklagen,
dafi er die Welt nicht zulaftt, dafi er die Welt ableugnet - einen Welt-
leugner konnte man ihn nennen! Seine Zeitgenossen haben ihn einen
Gottesleugner genannt und ihn deshalb von der Hochschule fortgejagt.
Denn die Worte, die ich Ihnen vorgelesen habe, sind von Johann Gott-
lieb Fichte. Gerade er ist ein Beispiel dafur, wie - wenn es fortlebt in
der menschlichen Seele durch das Erdensein hindurch, was in dem
Mysterium von Golgatha, was aber im Zusammenhang mit diesem
Mysterium von Golgatha im Weihnachtsgeheimnis als Impuls anTonen
der Seele angeschlagen werden kann - ein Weg damit eroffnet ist, auf
dem wir jenes Bewufitsein finden konnen, in dem zusammenfliefit unser
eigenes Ich mit dem Erden-Ich, denn dieses Erden-Ich ist der Christus,
durch das wir entwickeln etwas vom Menschen, das immer grofier und
grofier werden mufi, wenn die Erde jener Entwickelung entgegengehen
soil, fur die sie bestimmt war von Anbeginn.
So wollen wir insbesondere aus dem Geiste unserer Geist-Erkenntnis
heraus in diesem auch heute wiederum dargelegten Sinne den Weih-
nachtsgedanken in uns zum Impuls werden lassen, wollen versuchen,
dadurch, dafi wir zu diesem Weihnachtsgedanken hinaufschauen, aus
dem, was um uns herum vorgeht, nicht Unsinnigkeit der Erdenent-
wickelung zu schauen, sondern auch in Leid und Schmerz, auch in
Streit undHafi etwas zu schauen, was zuletzt derMenschheit vorwarts-
hilft, die Menschheit wirklich auch um ein Stiick vorwartsbringt.
Wichtiger als nach den Ursachen zu suchen, die ohnedies aus dem
Parteistreit heraus so leicht verdeckt werden konnen, wichtiger als
nach den Ursachen zu suchen fiir das, was heute geschieht, ist es, nach
den moglichen "Wirkungen hinzurichten den Blick, nach jenen Wirkun-
gen hin, die wir uns vorstellen miissen als heilsam, als heilbringend fiir
die Menschheit.
Diejenige Nation, dasjenige Volk wird das Rechte treffen, welches
in der Lage sein wird, aus dem, was aus dem blutgetrankten Boden her-
aus aufzuspriefien vermag, der Zukunft ein der Menschheit Heilsames
zu gestalten. Aber ein der Menschheit Heilsames wird nur entstehen,
wenn die Menschen den Weg zu den geistigen Welten hin finden; wenn
die Menschen nicht vergessen, dafi es nicht nur eine zeitliche, dafi es
geben mufi eine immer dauernde Weihenacht, ein immer dauerndes
Geborenwerden des Gottlich-Geistigen in dem physischen Erdenmen-
schen.
Diese Heiligkeit des Gedankens wollen wir insbesondere heute in
unsere Seele einschliefien, wollen sie behalten iiber die Zeit, die sich um
Weihnacht herum gruppiert, und die uns auch in ihrem aufieren Ver-
lauf ein Symbolum sein kann fiir die Lichtentwickelung. Finsternis,
Erdenfinsternis im hochsten Mafie, wie sie hier auf der Erde sein kann,
wird jetzt sein in diesen Tagen, in dieser Jahreszeit. Aber wenn die
Erde in dieser tiefsten aufieren Finsternis lebt, wir wissen, die Erdseele
erlebt ihr Licht, sie beginnt zu wachen im hochsten Mafie.
An die Weihnachtszeit schliefit sich die geistige Wachezeit an, und
mit dieser geistigen Wachezeit sollte sich das Andenken an das geistige
Erwachen durch den Christus Jesus fiir die Erdenentwickelung ver-
binden. Daher die Einsetzung des Weihenachts-Weihefestes gerade in
dieser Zeit.
Wir wollen in diesem kosmischen und zugleich irdisch-moralischen
Sinne den Weihnachtsgedanken mit unserer Seele verbinden und dann
gestarkt, gekraftigt gerade mit diesem Weihegedanken, so wie wir es
konnen, auf alles das hinschaueh, das Rechte wiinschend fiir den Fort-
gang der Ereignisse, aber auch fiir den Fortgang dessen das Richtige
wiinschend, was sich in den Taten der Gegenwart entwickelt.
Und indem wir das, was wir gerade aus diesem Weihnachtsfest an
Starkung in uns aufnehmen konnen, gleich beginnen in unseren Seelen
rege zu machen, sehen wir nochmals hin zu den schiitzenden Geistern
derjenigen, die auf schwerer Statte draufien einzutreten haben fiir die
grofien Zeitereignisse:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Dafi mit Eurer Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und fiir diejenigen, die in dieser Zeit der schweren Menschenaufgaben
schon durch die Pforte des Todes gegangen sind infolge der grofien An-
forderungen unserer Gegenwart, seien die Worte noch einmal in der
folgenden Form gesagt:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wachter,
Eure Schwingen mogen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Spharenmenschen,
Daft mit Eurer Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
Und der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist,
der Geist, der sich zu der Erde Heil und Fortschritt angekiindigt hat in
dem, was die Menschen immer mehr und mehr auch im Weihnachts-
mysterium verstehen werden, Er sei mit Euch und Euren schweren
Pflichten!
OBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE
VERKLUNGENE GEISTESSTROMUNG DER MENSCHHEIT
Erster Vortrag, Dornach, 26. Dezember 1915
Wir haben zwei Weihnachtsspiele an unserer Seele voruberziehen las-
sen. Wir diirfen vielleicht den Gedanken aufwerfen: 1st das eine Weih-
nachtsspiel und das andere Weihnachtsspiel in demselben Sinne der
grofien Menschheitsangelegenheit gewidmet, die uns in diesen Tagen so
lebendig vor der Seele steht? Grundverschieden, ganz verschieden sind
die beiden Spiele voneinander. Man kann sich kaum etwas Verschie-
deneres denken, das dem gleichen Gegenstande gewidmet ist, als die
beiden Spiele. Wenn wir das erste Spiel betrachten: es atmet in alien
seinen Teilen wunderbarste Einfachheit, kindliche Einfachheit. Seelen-
tiefe ist darinnen, aber iiberall durchatmet, durchlebt von kindlichster
Einfachheit. Das zweite Spiel bewegt sich auf den Hohen des aufieren
physischen Daseins. Gleich wird daran gedacht, dafi der Christus Jesus
als ein Konig in die Welt eintritt. Gegeniibergestellt wird er dem andern
Konig, dem Herodes. Dann wird gezeigt, dafi zwei Welten sich vor uns
auf tun: diejenige, die im guten Sinne die Menschheit weiterentwickelt,
die Welt, der der Christus Jesus dient, und die andere Welt, der Ahri-
man und Luzifer dienen, und die reprasentiert ist durch das teuflische
Element. Ein kosmisches, ein kosmisch-geistiges Bild im hochsten Sinne
des Wortes! Der Zusammenhang der Menschheitsentwickelung mit der
Sternenschrift tritt uns gleich vor die Augen. Nicht das einfache, pri-
mitive Hirten-Hellsehen, das einen «Himmelsschein» f indet, das man
in den einfachsten Verhaltnissen finden kann, sondern jene Entziffe-
rung der Sternenschrift, zu der alle Weisheit der vergangenen Jahr-
hunderte notwendig ist und aus der man entratselt, was da kommen
soil. Hereinleuchtet in unsere Welt dasjenige, was aus andern Welten
kommt. In den Traum- und Schlafzustanden wird dasjenige, was ge-
schehen soli, gelenkt und geleitet, kurz, iiberall Okkultismus und Magie
das ganze Spiel durchdringend.
Grundverschieden sind die beiden Spiele. Das erste tritt uns ent-
gegen, man darf wirklich sagen: in kindlicher Einfachheit und Einfalt.
Doch, wie unendlich mahnend ist es, wie unendlich fiihlsam. Aber
fassen wir zunachst einmal blolS den Hauptgedanken ins Auge. Die-
jenige menschliche Wesenheit, die das Gefafi fiir den Christus vor-
bereiten soil, tritt in die Welt herein. Ihr Eintritt in die Welt soli vor-
gefiihrt werden, vorgefuhrt werden dasjenige, was der Jesus ist fiir die
Menschen, in deren Daseinskreis er eintritt. Ja, meine lieben Freunde,
so ohne weiteres hat diese Idee, diese Vorstellung keineswegs diejenigen
Kreise erobert, innerhalb welcher dann mit Inbrunst, mit Hingebung
solche Spiele angehort worden sind wie dieses. Derjenige, von dem ich
Ihnen ofter gesprochen habe, Karl Julius Schrder, gehorte im 19. Jahr-
hundert zu den ersten Sammlern von Weihnachtsspielen. Er hat die
Weihnachtsspiele gesammelt in Westungarn, die Oberuf erer Spiele, von
Prefiburg ostwarts, und er hat die Art und Weise studieren konnen,
wie diese Spiele dort im Volke lebten und webten. Und das ist sehr, sehr
bezeichnend, wenn man so sieht, wie diese Spiele sich von Generation
zu Generation handschrif tlich vererbten, und wie sich, nicht etwa, wenn
Weihnachten nahe war, sondern wenn Weihnachten in der Zeit von
fern heranriickte, diejenigen, die im Dorfe hierfiir geeignet gefunden
wurden, vorbereiteten, um diese Spiele darzustellen. Dann sieht man,
wie innig verbunden mit dem Inhalt dieser Spiele das ganze Jahres-
kreislauf leben derjenigen Leute war, in deren Dorfkreisen solche Spiele
aufgefuhrt wurden. Die Zeit, in der zum Beispiel Schroer in der Mitte
des 19. Jahrhunderts diese Spiele dort gesammelt hat, war schon die
Zeit, in der sie anfingen in der Art auszusterben, wie sie gepflogen wor-
den sind bis dahin. Schon viele Wochen bevor Weihnachten heran-
riickte, muftten im Dorfe diejenigen Buben und Madchen zusammen-
gesucht werden, welche geeignet waren, solche Spiele darzustellen. Und
sie mufiten sich vorbereiten. Die Vorbereitung bestand aber nicht etwa
blofi im Auswendiglernen und im Einiiben desjenigen, was das Spiel
enthalt, um es darzustellen, sondern die Vorbereitung bestand darin,
dafi diese Buben und Madel die ganze Lebensweise, die aufiere Lebens-
weise anderten. Von der Zeit an, wo sie sich vorbereiteten, durften sie
nicht mehr Wein trinken, nicht mehr Alkohol zu sich nehmen. Sie
durften nicht mehr, wie es sonst auf dem Dorfe iiblich ist, am Sonntag
raufen. Sie mufiten sich ganz sittsam betragen, sie mufiten sanft und
mild werden, durften sich nicht mehr blutigschlagen und durf ten man-
cherlei anderes nicht, was sonst in Dorfern, besonders in jenen Zeiten,
ganz gang und gabe war. Da bereiteten sie sich durch die innere Stim-
mung der Seele auch moralisch vor. Und dann war es wirklich, wie
wenn sie etwas Heiliges herumtriigen im Dorfe, wenn sie ihre Spiele
auffuhrten.
Aber nur langsam und allmahlich kam das so. Gewifi, in vielen Dor-
fern Mitteleuropas war im 19. Jahrhundert solche Stimmung, war die
Stimmung, dafi man zu Weihnachten mit diesen Spieien etwas Heiliges
entgegennahm. Aber man kann nur noch vielleicht ins 18. Jahrhundert
zuriickgehen und noch ein bifichen weiter, und diese Stimmung wird
immer unheiliger - unheiliger. Diese Stimmung war nicht etwa von
Anfang an da, da diese Spiele in das Dorf kamen, durchaus nicht von
Anf ang an da, sondern sie stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus und
ein. Es gab schon Zeiten, man braucht nicht einmal gar so weit zuriick-
zugehen, da konnte man noch anderes finden. Da konnte man finden,
wie sich das Dorf, da oder dort in Mitteleuropa, versammelte, und wie
hereingebracht wurde eine Wiege, in der das Kind lag, in der ein Kind-
chen lag, keine Krippe, eine Wiege, in der das Kind lag, und dazu aller-
dings das schonste Madchen des Dorfes - schon mufite Maria sein! -,
aber ein hafilicher Joseph, ein urhafilich aussehender Joseph! Dann
wurde eine ahnliche Szene aufgefiihrt, wie Sie sie heute auch haben
sehen konnen. Aber vor alien Dingen: da verkiindet wurde, dafi der
Christus kommt, kam die ganze Gemeinde vor, und ein jeder trat auf
die Wiege. Vor alien Dingen wollte ein jeder auf die Wiege etwas ge-
treten und das Christkind auch geschaukelt haben, darum handelte es
sich alien, und sie machten einen ungeheuren Krakeel, der ausdriicken
sollte, dafi der Christ in die Welt gekommen ist. Und in manche solche
alteren Spiele ist eine furchterliche Verspottung des Joseph eingestreut,
der immer als ein tattelicher Greis in diesen Zeiten dargestellt worden
ist, den man auslachte.
Wie sind denn diese Spiele, die solcher Art waren, eigentlich in das
Volk gekommen? Nun, wir miissen uns naturlich erinnern, dafi die
erste Form der grofiten, gewaltigen Erdenidee, des Erscheinens des
Christus Jesus auf der Erde, die Idee des durch den Tod gegangenen
Heilands war, desjenigen, der durch den Tod das fur die Erde ge-
wonnen hat, was wir den Sinn der Erde nennen. Das Leiden des Christus
war es zunachst, das im ersten Christentum in die Welt gekommen ist.
Und dem leidenden Christus wurden ja die Opfer dargebracht in den
verschiedenen Handlungen, die im Kreislauf des Jahres sich vollzogen.
Aber nur ganz langsam und allmahlich eroberte sich das Kind die Welt.
Der sterbende Heiland eroberte sich zuerst die Welt, langsam und all-
mahlich erst das Kind. Wir diirfen nicht vergessen, dafi die Liturgie la-
teinisch war, daft die Leute nichts verstanden.Vom Mefiopfer,dasWeih-
nachten festgesetzt war, fing man allmahlich an, den Leuten — aufier
dem Mefiopfer, das zu Weihnachten dreimal gehalten wird - noch
etwas anderes zu zeigen. Vielleicht doch nicht so ganz mit Unrecht -
wenn auch nicht auf ihn selbst, so auf Anhanger von ihm -, wird die
Idee, in der Weihnachtsnacht das Jesus-Geheimnis den Glaubigen zu
zeigen, auf Franz von Assist zuriickgefiihrt, der aus einer gewissen
Opposition gegen die alten Kirchenformen und den alten Kirchengeist
iiberhaupt seine ganze Lehre und sein ganzes Wesen gehalten hat. Und
da sehen wir allmahlich, langsam, wie der glaubigen Gemeinde zu Weih-
nachten etwas geboten werden sollte, was mit dem groften Mysterium
der Menschheit, mit dem Herabkommen des Christus Jesus auf die
Erde zusammenhing. Zuerst stellte man eine Krippe auf und machte
blofi Figuren. Nicht durch Menschen stellte man es dar, sondern man
machte Figuren: das Kindlein und Joseph und Maria ~ aber plastisch.
Allmahlich ersetzte man das durch Priester, die sich verkleideten, und
die das in der einfachsten Weise darstellten. Und erst vom 13., 14. Jahr-
hundert ab begann innerhalb der Gemeinden aufierlich diejenige Stim-
mung, die man etwa dadurch bezeichnen konnte, dafi die Leute sich
sagten: Wir wollen auch etwas verstehen von dem, was wir da sehen,
wir wollen in die Sache eindringen. Und da fingen die Leute an, zuerst
einzelne Teile mitspielen zu diirfen in dem, was zuerst nur von der
Geistlichkeit gespielt war. Nun mufi man naturlich das Leben in der
Mitte des Mittelalters kennen, um zu begreifen, wie dasjenige, was mit
dem Heiligsten zusammenhing, zugleich in einer solchen Weise genom-
men wird, wie ich es angedeutet habe. Das war damals durchaus mog-
iich aus einem Entgegenkommen der Stimmung, dafi die Gemeinde des
Dorfes, die ganze Gemeinde, sagen konnte: Ich habe auch mit dem Fufi
an der Wiege, wo der Christus geboren worden ist, ein wenig geschau-
kelt! - aus dem Entgegenkommen dieser Stimmung. Es liefie sich in
diesem und in vielem andern ausdriicken, in dem Singen dabei, das sich
zum Teil bis zum Jodeln steigerte, in alldem, das sich begeben hatte.
Aber dasjenige, was in der Sache lebte, hatte in sich selber die Starke,
man mochte fast sagen, aus einem Profanen, aus einem Profanieren des
Weihnachtsgedankens, zum Heiligsten selber sich umzubilden. Und die
Idee des in der Welt erscheinenden Kindes eroberte sich das Allerhei-
ligste in den Herzen der einfachsten Menschen.
Das ist das Wunderbare gerade bei diesen Spielen, von deren Art
das erste eines war, dafi sie nicht einfach so da waren, wie sie jetzt uns
erscheinen, sondern so geworden sind: Frommheit in der Stimmung erst
entfaltend aus Unfrommheit heraus, durch die Gewalt desjenigen, was
sie darstellen! Das Kind mufite erst die Herzen erobern, mufite erst
Einlafi finden in die Herzen. Durch dieses, was in ihm selber heilig
war, heiligte es die Herzen, die ihm zuerst in Grobheit und in Unge-
zahmtheit begegneten. Das ist das Wunderbare in der Entwkkelungs-
geschichte dieser Spiele, wie iiberhaupt Stuck fiir Stuck das Christ-
Geheimnis die Herzen und die Seelen noch sich erobern hat miissen -
Stuck fiir Stuck. Und einiges von diesem Stuck fiir Stuck Eroberten
wollen wir uns dann noch morgen vor die Seele fiihren. Heute mochte
ich nur noch sagen: Nicht umsonst bemerkte ich, wie mahnend auch
das Einfachste in dem ersten Spiel dasteht - mahnend.
Wie gesagt, langsam und allmahlich trat dasjenige, was mit dem
Christus-Geheimnis in die Welt gekommen ist, in die Herzen und in die
Seelen der Menschen ein. Und es ist eigentlich so: Je weiter man in der
Uberlieferung der verschiedenen Christ-Geheimnisse zuriickgeht, desto
mehr sieht man, dafi die Ausdrucksform eine gehobene ist, eine geistig
gehobene. Ich mochte sagen, in ein «im Kosmischen Aussprechen»
kommt man hinein, je weiter man zuriickkommt. Wir haben schon
einiges davon in unsere Betrachtungen einfliefien lassen, und auch im
vorigen Weihnachtsvortrage hier habe ich gezeigt, wie die gnostischen
Ideen verwendet worden sind, um das tiefe Christus-Geheimnis zu
verstehen. Aber selbst wenn wir noch in den spateren Zeiten des Mittel-
alters dies oder jenes verfolgen, so f inden wir, wie noch in der Mitte des
Mittelalters gerade in den damaligen Weihnachtsdichtungen etwas von
dem vorhanden ist, was spater weggeblieben ist: eine Betonung des ur-
christlichen Gedankens, dafi der Christus hinuntersteigt aus Welten-
weiten, aus Geisteshohen. Wir finden es im 11., 12. Jahrhunderte, wenn
wir zum Beispiel ein solches Weihnachtslied vor unsere Seele fiihren:
Des menschgewordnen Gottessohnes Ehre
Verkiinden frohlich jauchzend Himmelsheere,
Und laut erschallet aus des Hirten Munde
Die frohe Kunde.
«Preis in der Hohe! und den Menschen Friede!»
So tonet es in feierlichem Liede;
Mit Staunen wird von Menschen heut' gesehen,
Was nie geschehen.
Der Himmel hell erglanzt im neuen Sterne;
Von ihm geleitet, kommen aus der Ferne
Die Weisen, und begriifien mit Entzucken,
Den sie erblicken.
Mit ihm ist neu die Wahrheit nun geboren.
Ersetzt ist, was durch Siinde war verloren;
Es bliihen herrlicher im Gnadenlichte
Des Segens Fruchte.
Der Vorzeit Ahndung hat sich nun erschlossen,
Seitdem der Erde diese Frucht entsprossen,
Die Leben und Erquickung uns gewahret,
Und ewig nahret.
Gekommen ist, in unser Fleisch gekleidet,
Der gute Hirt, der alle Volker weidet;
Gewohnt hat er, wie wir, in Pilgerhiitten,
Fur uns gelitten.
Heil nun der Erde, die sein Licht erblicket!
Durch ihn fur Zeit und Ewigkeit beglucket,
Weill* jeder ihm, dem Retter, Dank und Liebe
Mit reinem Triebe.
Hilf, Christus, selbst uns dein Gesetz vollbringen,
Lafi gute Taten uns durch dich gelingen,
Dafi einst bei dir des ew'gen Lebens Krone
Auch uns belohne!
So war der Ton, der herunterklang von denjenigen, die noch etwas ver-
standen hatten von der ganzen kosmischen Bedeutung des Christ-
Geheimnisses.
Oder ein anderes Weihnachtsgedicht auf das Weihnachtsfest gab es
aus der Mitte des Mittelalters, etwas spater als die Karolingerzeit:
Der Gottessohn, von Ewigkeit erzeugt, der unsichtbar und ohne
Ende,
Durch den des Himmels und der Erde Bau, und alles, was da wohnt,
erschaffen,
Durch den der Tage und der Stunden Lauf vorubergeht und wieder-
kehrt;
Den stets die Engel in der Himmelsburg in vollharmonischem
Gesange preisen,
Hat sich, von aller Erbschuld frei, mit schwachem Leib bekleidet,
Den aus Maria Er, der Jungfrau, nahm, die Schuld des ersten
Vaters Adam,
Sowie die Liisternheit der Mutter Eva zu vernichten.
Der heutige glorreiche Tag erhab'nen Glanzes zeugt, dafi nun der
Sohn,
Die wahre Sonne, durch des Lichtes Strahl die alte Finsternis der
Welt zerstreute.
Nun wird die Nacht erhellt vom Lichte jenes neuen Sternes,
Der einst den himmelskund'gen Blick der Magier in Staunen setzte,
Und sieh*, den Hirten leuchtet jener Schein, die da geblendet wurden
Vom hehren Glanz der himmlischen Bewohner.
O Gottesmutter, freue dich, die du bei der Geburt von einer
Engelschar,
Die Gottes Lob besingt, bedienet wirst.
O Christus, du des Vaters einz'ger Sohn, der unsertwegen die Natur
Des Menschen angenommen, so erquicke du die deinen, die hier
flehen.
O Jesus, hore mild die Bitten jener, derer du
Dich anzunehmen dich gewiirdigt hast,
Um sie, o Gottessohn, teilhaft zu machen deiner Gottheit.
Das ist der Ton, der, ich mochte sagen, von den Hohen der mehr theo-
logisch gefarbten Gelehrsamkeit hinuntertont ins Volk.
Nun horen wir auch ein wenig den Ton, der zur Weihnacht aus dem
Volk selbst erklang, wenn eine Seele sich fand, die des Volkes Empfin-
den wiedergab:
Er ist gewaltic unde stare,
der ze winnaht geborn wart:
Daz ist der heilige Krist.
ja lobt in allez daz dir ist
Niewan der tiefel eine
dur sinen gr6zen ubermuot
So wart ime diu helle ze teile.
In der helle ist michel unrat
swer da heimuote hat,
Din sunne schmet nie so licht,
der mane hilfet in niht,
Noh der liechte sterne,
ja miiet in allez daz er siht,
ja waer er da ze himel also gerne.
In himelrich ein hus stat,
ein guldin wee dar in gat,
Die siule die sint mermelin,
die zieret unser trehtin
Mit edeiem gesteine:
d& enkumt nieman in,
er ensi vor alien siinden als6 reine.
Swer gerne zuo der kilchen gat
und ane nit d& stat,
Der mac wol vr61ichen leben,
den wirt ze jungest gegeben
Der Engel gemeine,
wol im daz er ie wart:
ze himel ist daz Leben also reine.
Ich han gedienet lange
leider einem Manne
Der in der helle umbe gat
der briievet mine missetat,
Sin Ion der ist boese.
Hilf mich heiliger geist,
daz ich mich von siner vancnisse loese.
Das ist das Gebet, das der einfache Mensch sagte und verstand. Wir
haben den Herabklang gelesen, haben jetzt den Hinaufklang.
Ich will versuchen, dieses Weihnachtslied aus dem 12. Jahrhundert
etwas wiederzugeben, damit wir sehen, wie auch der einfache Mensch
die ganze Grofie des Christus fafite und in Zusammenhang mit dem
ganzen kosmischen Leben brachte:
Er ist gewaltig und stark, der zu Weihnacht geboren ward. Das ist
der Heilige Christ. Es lobt ihn alles, was da ist, nur nicht ganz allein
der Teufel, der durch seinen grofien Ubermut so war, dafi ihm die Holle
zuteil ward. In der Holle ist michel Unrat - michel ist das alte Wort
fur grofi, machtig in der Holle ist grofier Unrat. Wer da seine Hei-
mat hat, wer also in der Holle zu Hause ist, der mufi wahrnehmen: die
Sonne scheint da niemals nicht, der Mond hilf t, hellet niemandem, noch
die lichten Sterne. Da mufi jeder, der etwas sieht, sich sagen, wie schon
es ware, wenn er in den Himmel gehen konnte. Er ware ganz gern in
dem Himmel. Im Himmelreich steht ein Haus. Ein goldner Weg dazu
geht. Die Saulen sind Mermel, also von Marmor, geziert mit Edel-
gestein. Da aber kommt niemand hinein, als der von Siinden ganz rein
ist. Wer zu der Kirche geht und da ohne Neid steht, der mag wohl
hoheres Leben haben, denn es wird immer junges gegeben, das heiik,
wenn er zuletzt sein Leben geendet hat. Erinnern Sie sich, ich habe hier
einmal das Wort «jiingern» vom Atherleib eingefiihrt. Hier haben Sie
das in der Volkssprache sogar! Also wenn er «jung» ist gegeben der
Engelgemeinde, dafi wohl er darauf warten kann, denn im Himmel ist
das Leben rein. - Und nun sagt der, der also dieses Weihnachtslied
betet: Ich habe gefangen gedient leider einem Mann, der in der Holle
umgeht, der entwickelt hat meine gewisse Tat. Hilf mir, heiliger Christ,
dafi ich von seinem Gefangse gelost werde, das heifk: aus dem Gefang-
nis des Bosen gelost werde.
Also das ist in der Sprache des Volkes:
Er ist gewaltig und stark,
Der zur Winacht geboren ward . . .
UBER ALTE WEIHNACHTSSPI ELE UND EINE
VERKLUNGENE GEISTESSTRDMUNG DER MENSCHHE IT
Zweiter Vortrag, Dornack, 27. Dezember 1915
Ich machte Sie gestern darauf aufmerksam, wie die Tatsache der Jesus-
Geburt sich erst nach und nach die Herzen, die Seelen der Menschen
erobert hat, wie das Weihnachtsspiel, so wie wir es auf uns wirken
lassen konnten, sich im Grunde genommen erst allmahlich in dieser
edel-schonen Form und zu gleicher Zeit mit all der Weihestimmung
entwickelt hat, mit der es eingeflossen war wahrend der Zeiten, in
denen es gebliiht hat, wie man doch im Grunde genommen von den
ersten Formen dieses Weihnachtsspieles sagen kann: Die Leute ver-
suchten durchaus, aus einer ganz profanen Stimmung heraus, an dem
teilzunehmen, was das Volk jahrhundertelang in einer ihm unverstand-
lichen Weise gesehen hat. Das Christus-Kind hat sich erst nach und
nach die Herzen der Menschen erobert. Und es ging sogar recht lang-
sam, dieses Erobern der Herzen der Menschheit. Wenn wir im 8., 9., 10.,
1 1 . Jahrhundert sehen, daft dasjenige, was dann nach und nach die
Priester zuerst gespielt haben, heriibergezogen wird zu einer Teilnahme
des Volkes, so ist diese Teilnahme eben, so wie ich es Ihnen gestern an-
gedeutet habe, noch nicht von der edlen Form, die spater diese Weih-
nachtsspiele hatten, von denen wir eben zwei Beispiele kennengelernt
haben.
Aber ich versuchte Sie aufmerksam zu machen, daft diese zwei Spiele
ganz verschieden in ihrem Ursprunge sind, und daft man ihnen dies
deutlich ansieht. Das erste Spiel hat etwas Einfach-VolkstUmliches,
ganz so, daft man diesem Spiel ansieht: Die Hauptsache dabei ist, vor-
zustellen, wie das Kind, in dem der grofie Weltengeist dann spater ver-
korpert war und sich innerhalb des Erdenseins betatigte, wie dies Kind
in die Welt getreten ist, wie es auf genommen ist auf der einen Seite von
den Wirtsleuten, den beiden Wirten, auf der andern Seite von den Hir-
ten. Und im Grunde genommen tritt aus diesem Weihnachtsspiel, aus
dem ersten, das wir gestern gesehen haben, ganz besonders dies zutage,
wie verschieden die Aufnahme bei den Wirten und bei den Hirten war.
Das pragt sich uns ganz besonders daraus ein.
Ganz anders das andere Weihnachtsspiel. Da werden wir gleich
darauf gefiihrt, dafi weise Manner - was zugleich in dieser Zeit fiir die
Volker, die dabei in Betracht kommen, weise Konige waren, Magier -
in denSternen gelesen haben, welches bedeutsame Schicksal derMensch-
heit bevorsteht. Also wir sehen okkult alte Weisheit zugleich in die
Handlung des Spieles ausgegossen. Und wir sehen dann im weiteren
Verlaufe, wie dem Wesen, das nun im Sinne dieser okkulten Weisheit,
dieses aus den Sternen Erkundeten eintritt in das Erdengeschehen, ent-
gegentritt derjenige, an dessen Seite wir klar sehen das Bose, das zuriick-
gebliebene Prinzip, das teuflische, das ahrimanisch-luziferische Prin-
zip - Herodes. Wir sehen, wie das Christus-Prinzip und das luziferisch-
ahrimanische Prinzip einander gegeniibergestellt werden. Wir sehen
aber auch, wie in den Verlauf der Ereignisse hinein sich geltend macht
dasjenige, was aus geistigen Spharen heraus geoff enbart wird. Wie aus
geistigen Spharen heraus die Lenkung verkiindend, erscheinen die Engel
und leiten und lenken das Geschehen, so dafi dasjenige, was Herodes
will, nicht geschieht, dafi etwas anderes geschieht. Die Menschen wer-
den in ihrem Willen durchpulst von dem, was aus geistigen Welten
kommt. Also wir haben ein Spiel, das uns in bezug auf die in ihm
liegenden Krafte durchaus iiber das blofie Erdengeschehen hinausweist.
Wenn wir daran denken, wie diese beiden Spiele einander gegen-
iiberstehen, das eine von primitivem Volksanschauen durchtrankt, das
andere von einer Weisheit durchtrankt, die uns wirklich auf eine Ur-
weisheit der Erdenentwickelung zuriickweist, so werden wir dazu ge-
fiihrt, mancherlei Gedanken in uns aufsteigen zu lassen iiber dasjenige,
was im Laufe der Zeiten geschehen ist und was mit der ganzen Bedeu-
tung des Mysteriums von Golgatha fiir die Erdenentwickelung zusam-
menhangt. Bedenken wir einmal, dafi immerhin zur Zeit - im weiteren
Sinne zur Zeit -, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat,
in gewissen Kreisen eine tiefe, tiefe Weisheit iiber geistige Angelegen-
heiten vorhanden war. Man nennt dasjenige, was an solcher tiefen Weis-
heit vorhanden war, Gnosis. In der aufieren Welt, in dem Fortgang der
geistigen Kultur Europas, kann man geradezu sagen, dafi diese Gnosis,
dieses, was da als eine tiefgeistige Wissenschaft von den Geheimnissen
der geistigen Welt vorhanden war, innerhalb der Kultur Europas fur
die aufiere Welt verschwunden war, dafi man im 3., 4., 5., 6. Jahrhun-
dert innerhalb des geistigen Lebens wirklich noch recht wenig davon
geahnt hat, was in dieser Wissenschaft enthalten war. Diejenigen, die
etwas gewufit haben - ich meine diejenigen, die das gewuftt haben, was
man eben so einfach wissen konnte, wenn man christlicher Priester,
christlicher Gelehrter war -, die wuflten eigentlich von dieser Gnosis
dadurch, daft es Gegner dieser Gnosis in den ersten Jahrhunderten des
Christentums gegeben hat und diese Gegner die Gnosis bekampft haben.
Denken Sie sich einmal,wenn heute irgendwie zustande kommen wiirde,
dafi die samtlichen Bucher, die wir zu unserer Literatur zahlen, und alle
Zyklen, ausgemerzt wiirden, verbrannt wiirden, dafi nichts davon bliebe,
und nur dasjenige bliebe, was die Gegner geschrieben haben - und in
einigen Jahrhunderten wiirde jemand diese Bucher der Gegner, die da
blieben, in die Hand bekommen, und er wiirde sich daraus eine Vor-
stellung zu bilden haben von demjenigen, was in unseren Buchern ge-
schrieben stand: So war es mit der Gnosis!
Einer der bedeutendsten Kirchenschrif tsteller, die geschrieben haben,
war Irenaus, der Schuler des Bischofs Polykarp von Kleinasien, der
selber noch ein Apostelschiiler war. Irenaus hat aber als Gegner der
Gnosis geschrieben. Dasjenige, was die Gnostiker gelehrt haben, konnte
man im Laufe der Jahrhunderte nur dadurch erfahren, dafi man sah,
was Irenaus angefuhrt hat, was er in seinem Buche verzeichnet hat, um
es zu widerlegen. Also alles mufite man in Kauf nehmen von dieser
alten Weisheit, was dadurch bewirkt wird, dafi man diese Weisheit nur
von einem Gegner iiberliefert hatte. Sie sehen daraus, dafi eigentlich die
ganze Entwickelung des Abendlandes darauf angelegt war, dafi etwas,
was aus der alten Zeit heraufkam, ausgemerzt, richtig ausgemerzt wurde.
Aufierlich konnen Sie einfach an dieser Tatsache sehen, wie neu fur die
abendlandische Kultur der Anfang war, der mit dem Mysterium von
Golgatha gegeben war; wie es im Grunde genommen iiberall mit etwas
ganz Neuem anfing. Wirklich, ich mochte sagen, wie eine verschuttete
Stadt im Erdreich begraben ist, so begraben war das alte Schrifttum fur
dasjenige, was nun neu entstand aus den alten Kirchenvatern heraus
tiber Ambrosius, Augustin, Scotus Erigena und so weiter. Ein neuer
Anfang! Und wie wenn eine neue Stadt iiber einem scheinbar neuen
Boden sich erhebt, so erhob sich das Neue - eine neue Stadt, aber auf
einem Boden, in dem versunken ist, ohne dafi man ahnt, wie sie aus-
gesehen hat, die alte Stadt. So war es wirklich mit dem Gange der euro-
paischen Kultur. Daher ist auch zu ersehen, dafi in unserer Zeit, wenn
es wiederum geistige Vertiefung geben soil, die Notwendigkeit vorliegt,
dafi diese geistige Vertiefung aus der urspriinglichen Kraft der Men-
schen erreicht wird, dafi die Menschen selber wiederum finden, was sie
aufierlich, wenigstens innerhalb des Ganges der europaischen Geistes-
entwickelung, nicht iiberliefert erhalten haben. Und - davon kann ich
heute nicht sprechen, weil das zu weit fiihren wiirde - davon kann gar
keine Rede sein, daft etwa das Herbeiholen der morgenlandischen Ur-
kunden ein Ersatz sein konnte fur dasjenige, was an aufieren Urkunden
im abendlandischen Geistesleben verschwunden ist, aus dem einfachen
Grunde, weil die morgenlandischen Urkunden in der Tat etwas viel,
viel Primitiveres geben, als das war, was innerhalb der Welt geworden
ist, die sich iiber Kleinasien, iiber Nordafrika, iiber Siideuropa, auch
zum Teil sogar iiber Mitteleuropa erstreckte. Das, wozu sich da das gei-
stige Erkennen entwickelt hatte, war in den ersten Jahrhunderten der
christlichen Entwickelung griindlich ausgemerzt worden, das kam wirk-
lich nur durch die Bekampfungsschrif ten der Gegner auf die Nachwelt.
Nun haben wir in diesen Schriften, die da ausgemerzt worden sind,
nicht etwa blofi das Wissen, das geistige Wissen, welches sich bezogen
hat auf die geistigen Welten, abgesehen von dem Christus, sondern es ist
in diesen Schriften auch mit verlorengegangen die Anwendung der gan-
zen alten umfassenden Geistesweisheit auf das Mysterium des Christus
Jesus. Diese Gnostiker haben in ihrer Art begreifen wollen — wenn wir
sie Gnostiker nennen wollen -, was der Gang der Erdenentwickelung
ist, was der Christus fur eine Wesenheit ist. Es war damals noch nicht
die Zeit gekommen, die Sache in der Art zu begreifen, wie wir sie jetzt
wiederum begreifen, indem wir aus den urspriinglichen Geisteswelten
Wahrheiten herausholen, die nicht aufgeschrieben zu werden brauchen,
weil sie in der geistigen Welt unmittelbar in lebendiger Weise vorhan-
den sind. Die Kunde von dem Wesen des Christus Jesus so herauszu-
holen, war nicht moglich. Das ist erst in unsereV Zeit moglich. Aber in
der alteren Art wurden iiber den Christus gewisse Dinge gewufit in
einem Wissen, das eben wirklich verlorengegangen ist. Erst in der neue-
sten Zeit wurden einige sparliche Reste gefunden: die Pistis-Sophia-
Schrift, dann die Schrift iiber das «Geheimnis Jeu», die nunmehr so da
sind, wie wenn durch sie die Menschen auch auf aufierliche Weise auf-
merksam gemacht werden sollten, dafi das Christus- Wissen, das nun
auf unsere Art angestrebt wird, doch nicht so toricht ist, wie es die
Gegner unserer Bewegung hinstellen wollen. Das Buch des Jeu - es ist
von ihm wenig erhalten, in koptischer Schrift, aber das Wenige, das
erhalten ist, ist wie ein Hinweis darauf : Seht euch dasjenige an, was in
den Evangelien vorhanden ist das ist doch nicht das einzige, was das
Denken der Menschen in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ent-
wickelung erfiillt hat. Dieses Buch Jeu enthalt Mitteilungen dariiber,
wie der Christus nach der Auferstehung, nachdem er durch das Myste-
rium von Golgatha durchgegangen ist, zu denjenigen gesprochen hat,
die ihn dazumal verstehen konnten, die seine Jiinger geworden waren.
Das Merkwiirdige ist, dafl dieses Buch Jeu - das kleine Fragment meine
ich, das davon da ist - in einer ganz andern Weise als selbst das Johan-
nes-Evangelium deutlich iiber den Christus und das, was er ist, spricht.
Das Merkwiirdige ist, dafi in diesem Buch ein Wort immer wiederkehrt,
das uns deutlich besagt, es soil auf etwas aufmerksam gemacht werden.
Und dieses, auf was aufmerksam gemacht werden soil, mochte ich in
der folgenden Weise umschreibend erklaren. Nehmen Sie an, es hatte
jemand in der damaligen Zeit klarmachen wollen, wozu eigentlich der
Christus Jesus in die Erdenentwickelung eingetreten ist, er hatte so ge-
sprochen, er hatte gesagt zu denjenigen, die es verstehen konnen: Seht,
es kommt nun eine Zeit, wo die Menschen der Bewufitseinsseelen-
Entwickelung entgegengehen werden. Es kommt eine Zeit, wo die Men-
schen die Welt zu begreifen haben werden durch die aufieren, physi-
schen Organe, durch die Organe, die im wesentlichen im physischen
Leib verankert sind. Jene Zeit ist vorbei, in welcher die Menschen Ur-
offenbarungen durch urspriinglich primitives Hellsehen gehabt haben.
Die Zeit ist vorbei, wo die Menschen etwas gewufit haben nicht blofi
dadurch, dafi sie ihren physischen Leib mit seinen Werkzeugen in An-
wendung gebracht haben, sondern dadurch, dafi sie ihren Atherleib
unabhangig vom physischen Leib zu Erkenntnissen verwenden konn-
ten. Die Menschen werden jetzt nur ihren physischen Leib als Werk-
zeug verwenden miissen. Aber man wird in der Zukunft auch etwas
wissen konnen von dem, was bisher nur durch den Atherleib gewufit
worden ist. In der aufieren Welt wird es nur ein Wissen geben, das an
den dem Tod unterliegenden physischen Leib gebunden ist. Aber das
Wissen iiber die geistige Welt kann man nicht haben durch die Werk-
zeuge, die an den physischen Leib gebunden sind. Da mufi ein Heifer
kommen, der bei den Menschen dasjenige anfacht, was nur der Ather-
leib wissen kann. Da mufi einer kommen, der nicht das Tote des phy-
sischen Leibes anfacht, sondern der anfacht das Lebendige im Menschen,
das Atherisch-Lebendige, der mit dem Lebendigen ist, der mit dem ist,
was auf der Erde nicht irdisch an dem Menschen ist. Es mufi einer da
sein, der herausreifit aus diesem tragen, toten physischen Leib jenen
Verstand, der die geistige Welt verstehen kann, jenen Verstand, der im
Menschen ist und der mit dem Himmel verbunden ist - jenen Verstand,
der nicht von der Welt gekreuzigt werden kann, weil er dem Himmel
angehort, der selber die Welt kreuzigt, das heifit: der die Welt iiber-
windet.
Vorstellen mufi man sich, dafi die Menschen also friiher, als sie den
Christus noch nicht in seiner wahren Wesenheit sehen konnten, wie er
durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, sich mit dem Ather-
leib in primitivem Hellsehen mit der geistigen Welt verbunden gefiihlt
haben. Wie der physische Leib immer verharteter und verharteter ge-
worden ist und eben dadurch zum Instrument geworden ist; wie einer
kommen mufite, eben der Christus, um herauszuholen aus dem tragen
Instrument des physischen Leibes das Lebendige. Das mufi man sich
vorstellen.
Und nun betrachten wir dieses Buch Jeu: Wie der Christus, nach-
dem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, zu denjenigen
spricht, die gelernt haben, sich an ihn zu halten, an die Weisheit, die in
seinen Worten enthalten ist, zu halten: «Ich habe euch geliebt und euch
das Leben zu geben gewiinscht.» Wir horen es aus dem Satze heraus:
«und euch das Leben zu geben gewunscht», er hat gewunscht, diesen
tragen physischen Leib herauszuholen aus seiner Tragheit und das zu
geben, was nur der atherische Leib geben kann.
« Jesus der Lebendige, ist die Erkenntnis der Wahrheit.» Der Leben-
dige - also derjenige, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen
ist, spricht, indem er sich hinstellt als der Vertreter des Lebendigen.
Dann geht der Text weiter: «Dies ist das Buch von der Erkenntnis
des unsichtbaren Gottes vermittels der verborgenen Mysterien», also
derjenigen Mysterien, die im Menschen verborgen sind, «die den Weg
zum auserwahlten Wesen des Menschen zeigen, in der Stille hinfiihrend
zum Leben des Weltenvaters, in der Ankunft des Erlosers, des Erretters
der Seelen, die das Wort des Lebens, das hoher ist denn alles Leben, in
sich aufnehmen werden, in der Erkenntnis Jesu, des Lebendigen, der
durch den Vater aus dem Lichtaon in der Allheit des Pleroma», also
anderer Aonen, aller der geistigen Wesen, «herausgekommen ist, in der
Lehre, aufkr der es keine andere gibt, die Jesus, der Lebendige, seinen
Aposteln gelehrt hat, indem er sagte: Dies ist die Lehre, in der die ge-
samte Erkenntnis ruht.»
So also haben wir uns vorzustellen, dafi der Auferstandene, der
durch das Mysterium von Golgatha Gegangehe, zu den Jungern, die
gelernt haben zu ihm zu gehoren, spricht.
« Jesus, der Lebendige, hub an und sprach zu seinen Aposteln : <Selig
ist der, welcher die Welt gekreuzigt hat und nicht die Welt hat ihn
kreuzigen lassen> », der also im Menschen dasjenige erfassen kann, was
nicht iiberwunden wird von der Materie, von der aufieren physischen
Materie.
«Die Apostel antworteten einstimmig, indem sie sagten: <Herr, so
lehre uns diese Art des Kreuzigens der Welt, damit sie uns nicht kreu-
zige, und wir zugrunde gehen und unser Leben verlieren konnten.>
Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Der die Welt gekreu-
zigt hat, ist derjenige, welcher mein Wort gefunden hat und es nach
dem Willen dessen, der mich gesandt hat, erfullt hat.>
Und die Apostel antworteten, indem sie sagten: <Sprich zu uns,
Herr, auf dafi wir dich horen. Wir sind dir gefolgt mit ganzem Herzen,
haben Vater und Mutter verlassen, haben Weinberge und Acker ver-
lassen, haben Giiter verlassen, haben die Herrlichkeit des aufieren
Konigs verlassen und sind dir gefolgt, damit du uns das Leben deines
Vaters, der dich gesandt hat, lehrest.> »
Und auf diese Auf forderung der Apostel erwiderte nun der Christus
Jesus, der Lebendige, dasjenige, was er ihnen zu sagen hat: « Christus,
der Lebendige, antwortete und sprach: <Das Leben meines Vaters ist
dies, daft ihr aus der Menschenwesenheit jenes Verstehens eure Seele
empfanget, die nicht irdisch ist>».
Also das will der Lebendige, daft diejenigen, die seine Jiinger sind,
verstehen lernen, daft es im Menschen ein Verstandnis der geistigen
Dinge gibt, das sich losreifien kann von dem physischen Leib, das nicht
irdisch ist. Wenn sie das in sich rege machen, dann verstehen sie in
Wahrheit sein Wort.
« <Dies Wesen aller Seelen, das verstandlich wird durch das, was ich
euch im Verlauf meines Wortes sage. Und daft ihr es vollendet und vor
dem Archon>», vor dem Wesen dieses Aons, dieses Zeitalters, «<und
seinen Nachstellungen> », des ahrimanisch-luzif erischen Wesens, « <und
seinen Nachstellungen, die kein Ende haben, damit ihr vor denen ge-
rettet werdet. Ihr aber,meine Jiinger, beeilet euch,mein Wort sorgfaltig
bei euch aufzunehmen, auf daft ihr es erkennt, damit der Archon dieses
Aons>», also Ahriman-Luzifer, «<mit euch nicht streite, weil er keine
seiner Befehle in mir finden kann>», der also seine Befehle aufterhalb
desjenigen findet, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist,
« <damit ihr selbst, o meine Apostel, mein Wort in bezug auf mich er-
fiillet und ich selbst euch frei mache, und ihr durch die Freiheit, an der
kein Makel ist, heilig werdet. Wie der Geist des Heiligen Geistes heilig
ist, so werdet auch ihr durch die Freiheit des Geistigen, des Heiligen
Geistes, heilig werden.>
Es antworteten alle Apostel einstimmig, Matthaus und Johannes,
Philippus und Bartholomaus und Jakobus, indem sie sagten: <0 Jesus,
du Lebendiger, dessen Giite ausgebreitet ist iiber die, welche seine Weis-
heit und seine Gestalt in der Erleuchtung gefunden haben, o Licht, das
in dem Lichte, das uns unsere Herzen erleuchtet hat, wie wir das Licht
des Lebens empfangen, o wahrer Logos, daft durch die Gnosis uns die
wahre Erkenntnis dessen wurde, aus Lebendigem gelehrt.>
Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Selig ist der Mensch,
der dies erkannt hat und den Himmel nach unten gefiihrt hat>», das
heifit, der sich bewufit geworden ist, dafi in ihm etwas ist, das nicht zu-
sammenhangt mit diesem irdischen Leib, sondern das zusammenhangt
mit den Wesenheiten der Himmel, und der das, was in ihm mit dem Him-
mel verbunden ist, was oben ist, unten einfiihrt in das Erdengeschehen.
«<Selig ist der Mensch, der dies erkannt hat und den Himmel nach
unten gefiihrt und die Erde getragen und zum Himmel geschickt hat> »,
dasjenige, was in ihm irdisch ist, verbunden hat mit dem, was in ihm
himmlisch ist, damit er, wenn er durch die Pforte des Todes geht, mit
den Friichten des Irdischen, durch das Himmlische die Erde zum Him-
mel wieder fuhren kann.
«Es antworteten die Apostel, indem sie sagten: < Jesus, du Leben-
diger, erklare uns, in welcher Weise man den Himmel nach unten fuhrt.
Denn wir sind dir gefolgt, damit du uns das wahre Licht lehrest.>
Und Jesus, der Lebendige, antwortete und sprach: <Das Wort, das
im Himmel existiert> », also er meint das, was man als Weisheit, als Er-
kenntnis haben kann, unabhangig von der physischen Wesenheit des
Menschen. « <Das Wort, das im Himmel existiert, bevor die Erde ent-
stand, jene Erde, welche man Welt nennt. Ihr aber, wenn ihr meinWort
erkennt, werdet den Himmel nach unten fuhren, und das Wort wird in
euch wohnen. Der Himmel ist das unsichtbareWbrt des Vaters.Wenn ihr
aber dies erkennt, werdet ihr den Himmel nach unten fuhren. Die Erde
zum Himmel zu schicken werde ich euch zeigen, wie es ist, damit ihr es
erkennt; die Erde zum Himmel zu schicken, ist: der Horer des Wortes
der Erkenntnis, der aufgehort hat, Verstand eines Erdenmenschen nur
zu sein, sondern Himmelsmensch geworden ist>», der also losgerissen
hat sein Verstehen in sich von dem 'duBeren physischen Leib, der aufge-
hort hat, Erdenmensch zu sein und Himmelsmensch geworden ist. Sein
Verstand hat aufgehort, irdisch zu sein; er ist himmlisch geworden.
«<Deswegen werdet ihr vor dem Archon dieses Aon>», vor ahrima-
nisch-luziferischem Wesen, <gerettet werden>».
Sie sehen ein Stuck, das geblieben ist, wieder aufgefunden worden
ist, und das die Menschen aufmerksam machen konnte, welch unend-
lich tiefes Wissen man einmal in den ersten christlichen Jahrhunderten
verbunden hat mit dem Geheimnis des Mysteriums von Golgatha. Die
Theologen in der Gegenwart werden in der Regel recht wild,wenn man
irgendwie auf diese oder andere ahnliche Schrif ten aufmerksam machen
will. Dafi sie bestehen, geben sie zu, gewifi. Aufierlich, historisch, be-
handeln sie sie und geben Ausgaben von ihnen heraus. Aber sie sind
iiberzeugt davon, diese normalen Theologen der Gegenwart, dafi diese
Schriften bis zu einem gewissen Grade mit Recht vergessen worden
sind, weil sie doch nur allerlei phantastische Hirngespinste enthalten,
mit denen sich der vernunftige Mensch der Gegenwart nicht rnehr be-
fassen soli; daft dies einem aufgeklarten Geiste nicht mehr angemessen
ist. Aber in gewissem Sinne sind das Hinweise darauf , dafi wir mit dem,
was wir nunmehr aus dem Born, aus dem Quell der geistigen Welten
herausholen, doch an etwas ankniipfen, was in der Erdenentwickelung
schon da war, was nur eine Zeitlang unterirdisch fortfliefien mufite,
wie gewisse Wasser in den Alpen unterirdisch fortfliefien, nachdem sie
eine Weile oberirdisch waren; dann verschwinden sie in die Tiefen hin-
ein und erscheinen spater wieder. So war das Geisteswissen durch die
Jahrhunderte wie in unterirdischen Welten fortgeflossen und soil jetzt
wiederum herauskommen. Damit diejenigen, die gar nicht an solcheUr-
sprunglichkeiten des Erfliefiens von spirituellen Quellen in das Erden-
dasein glauben konnen, auch aufierlich einen Hinweis bekommen, hat
die Geschichte einige Stiicke, einige Fetzen einer reichen alten Literatur
erhalten, die ausgebreitet war, die grofi und gewaltig war, und die
eigentlich wirklich nur gekannt ist in den Gegenschriften, zum Beispiel
denen des Irenaus und ahnlicher Leute, die sie nur widerlegen wollten.
So miissen wir sagen: Unter aufierordentlich schwierigen Verhalt-
nissen hat sich das Geheimnis von Golgatha hereingelebt in die abend-
landische Kultur. Und das erste war das Ergebnis des gewaltigen Wor-
tes des Paulus, das ihm erflossen ist aus seiner Erscheinung von Damas-
kus: das Geheimnis von dem Tode, von dem Durchgang durch das
Mysterium von Golgatha. Daran knupften sich dann jene weitgehenden
Diskussionen uber die Art und Weise, wie der Christus mit dem Jesus
verbunden war, wie die gottliche und Menschennatur miteinander ver-
bunden waren, wie die drei Veranschaulichungsformen des Gottlichen,
die als die drei Personen in die abendlandische christliche Kulturent-
wickelung eintreten, sich zueinander verhalten und dergleichen. Man
kann sagen: Dasjenige, was menschliche Weisheit war, ging zuriick,
Auch diese Kraft desWissens ging zuriick. Es war eine ungeheuer starke
Weisheitskraft, die in jenen Menschen vorhanden war, die zu solchem
kommen konnten, wie das ist, was ich Ihnen eben vorgelesen habe -
eine starke Weisheitskraft. Es ging ganz, ganz zuriick. Und man horte
viel lieber hin auf solche, die sagen konnten: Der Jesus, der Christus
war da in Person auf der Erde; man weifi das, dafi er da war, denn ich
habe den Polykarp gekannt, und der Polykarp hat die Jesus-Schiiler
gekannt! - Da war eine unmittelbar personlicheOberlieferung. Es fangt
an auf eine gewisse Art der Glaube an nur dasjenige, was physisch da
war, an die physische Fortentwickelung. Indem allmahlich die geistige
Weisheit versickert, kommt der Glaube an das blofi Physische herauf .
Man kann sagen: Etwa Irenaus - was war er fur ein Geist? Er war ein
Geist, der sagte: Da hat es Gnostiker gegeben: diese behaupten, etwas
zu wissen durch einen Verstand, der unabhangig wirken kann vom
physischen Leib. Das alles ist Unrecht, das alles ist, wie man damals
sagte, ketzerisch, daran diirfen die Menschen nicht glauben. Und er
widerlegt es. Solche Widerleger fanden sich immer mehr und mehr,
immer weiter und weiter. Und es blieb selbstverstandlich die Gewalt
des Mysteriums von Golgatha, die Gewalt derTatsache, die Gewalt der
Uberlieferung. Durch das, was man iiberliefert hatte, was als Tatsache
wirkte, pflanzte sich jetzt das Christentum fort. Was sich als Wissen-
schaf t fortpf lanzte, das versickerte eigentlich. Und der Nachfolger des
Irenaus in unserer Zeit bekampft wiederum alles dasjenige, was also
aus einem wirklichen Wissen der geistigen Welt kommt. Wer ist der
Vorlaufer und wer ist der Nachfolger? Irenaus, der Bischof von Lyon,
der die Gnostiker bekampfte; und der Irenaus unserer Zeit, der Bischof
der Materie von Jena, ist Ernst Haeckel ~ der Nachfolger des Irenaus.
Das ist Entwickelungslinie, meine lieben Freunde! Das andere sind nur
Anachronismen, denn aus demselben Geiste heraus wirkt auch die Ab-
lehnung des Ernst Haeckel. In bezug auf die Denkweise ist eine gerade
Fortpflanzungslinie von Irenaus, dem Bischof von Lyon, bis zu Ernst
Haeckel. Diese Dinge mufi man nur objektiv historisch nehmen, nicht
mit irgendeinem Gefiihl von kritischer Sympathie oder Antipathie,
sondern ganz objektiv historisch.
Wenn wir uns diesen ganzen Gang der Geistesentwickehmg vor-
stellen, dann bekommen wir ein Gefiihl fur etwas, was hier von einer
andern Seite auch schon beriihrt worden ist: dafiir, dafi eigentlich dieser
christlichen Entwickelung gar nicht entgegenkam das, was die Men-
schen verstehen konnten. Das Verstehen, das geistige Auffassen soil erst
jetzt kommen. Denn die Menschen hatten die Kraft verloren, so etwas
zu verstehen, was nur geistig zu verstehen ist, wie das Mysterium von
Golgatha. Das, wodurch sich das Mysterium von Golgatha die Mensch-
heit eroberte, das war nicht durch den Verstand, sondern das war durch
die Tatsache. Und diese Tatsache wirkte eigentlich auch in einer ganz
sonderbaren Weise.
Jetzt ist eigentlich von dieser Sache nur noch ein ganz schwacher
Nachklang vorhanden. Allein in den ersten Jahrhunderten, wenn man
vorbrachte die Erzahlung von dem Erscheinen des Christus auf der
Erde zu Weihnachten, dann las man zunachst die ersten Kapitel der
Schopfungsgeschichte vor. Man brachte unmittelbar in Zusammenhang
mit dem Weihnachtsmysterium die Schopfungsgeschichte, den Anfang
der Bibel. Jetzt ist nur noch eines im Zusammenhang damit geblieben:
Wenn Sie den Kalender ansehen, haben Sie am 25. Dezember das Christ-
fest, am 24. Adam und Eva. DafS das in unmittelbarem Zusammenhang
im Kalender erscheint, ist der letzte Rest dessen, was im Bewufttsein
vorhanden war: dafi man zusammen dachte, als das Weihnachtsfest
einmal fur eine bestimmte Jahreszeit festgestellt war, die Schopfungs-
geschichte mit dem Weihnachtsmysterium. Aber nicht nur, dafi man
aufierlich zuerst die Schopfungsgeschichte vorbrachte und dann das
Weihnachtsmysterium, sondern es wurde auch immer wieder und wie-
derum aufmerksam gemacht auf eine der tiefsten Sagen, welche den
Zusammenhang der Welt, des Erdenanfanges, mit dem Mysterium von
Golgatha darstellen wollten. Darauf aufmerksam wurde gemacht, wie,
als Adam aus dem Paradiese vertrieben worden war, der Baum, durch
den er sich versiindigt hatte, der Baum der Erkenntnis des Guten und
des Bosen, auch vom Paradies entfernt worden war; wie Friichte, Keime
dieses Baumes, gepflanzt wurden auf das Grab des Adam, und heraus-
wuchs dieser Baum. Und dann kam das Holz dieses Baumes, des Para-
diesbaumes, von Geschlecht zu Geschlecht bis hinunter in die Zeit, da
der Christus auf Erden erschien. Und dann wurde aus diesem Holz, aus
dem Holze, das nur eben wieder gewachsen war aus dem Grabe, welches
das Grab Adams war, aus diesem Holz heraus wurde das Kreuz ge-
zimmert, an dem der Erloser hing.
Diese Sage von dem Zusammenhang des Weltenanfangs mit dem My-
sterium von Golgatha wurde in f riiheren Jahrhunderten den Menschen,
die so etwas verstehen konnten, immer wiederholt. Es wurde ihnen also
gesagt: Der Baum des Paradieses, an dem sich der Mensch versiindigt
hatte, wurde iiber das Paradies herausgeworfen, und Keime kamen in
das Erdreich, das auf jenem Grabe des Adam war. Und aus diesen Kei-
men entstand wiederum der Baum, an dem im Paradiese die Menschen
sich versiindigt haben. Und dieses Holz von dem Baume wurde von
Geschlecht zu Geschlecht gegeben und kam dann auf mancherlei Um-
wegen in die Zeit des Mysteriums von Golgatha, und das Kreuz, auf
dem der Christus gehangen hat, ist aus diesem Holz gemacht.
In dieser Sage sind also auch die Zusammenhange zwischen dem
Erdenanfange und dem Mysterium von Golgatha enthalten. Aber die
Dinge sind so miteinander verbunden, so innig miteinander verbunden,
da£ es gewisse Spiele gibt, welche nicht blofi Christus-Spiele sind, die
zu Weihnachten aufgefiihrt worden sind, sondern Paradeisspiele; Para-
deisspiele, wo direkt das Geheimnis von Adam und Eva und dem Siin-
denfall den Leuten vorgestellt wurde, wenn Weihnachten, oder besser
gesagt, wenn das Erscheinungsfest, die Heiligen Drei Konige, am 6. Ja-
nuar heranriickte.
Bedenken Sie einmal, meine lieben Freunde, auf welche tief geistigen
Tatsachen wir da gefiihrt werden. Wir denken an die luziferisch-ahri-
manische Verfuhrung des Menschen, dasjenige, was aus den Menschen
geworden war durch die ahrimanisch-luziferische Verfuhrung, denken
uns dies reprasentiert durch die Gestalt Adams, der der Versuchung
unterlegen ist. Wenn wir diese ahrimanisch-luziferische Verfuhrung
voll verstehen, miissen wir notwendigerweise denken, dafi die Erden-
entwickelung eine ganz andere geworden ware, wenn die luziferisch-
ahrimanische Verfuhrung nicht an den Menschen herangetreten ware,
ganz anders geworden ware. Aber diese luziferisch-ahrimanische Ver-
fuhrung hat nur eine Bedeutung fur das Erdenleben im physischen Leib.
Sie kann also nur eine Bedeutung gewinnen von dem Moment an, wo
wir aus der geistigen Welt heraus durch die Geburt, oder sagen wir,
durch die Empfangnis ins Erdenleben hereintreten. Fur das Leben
zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kann nicht die luziferisch-
ahrimanische Verfuhrung diese Bedeutung haben, denn sie hat die Be-
deutung hier im Erdenleben herinnen.
Wenn wir daher das Kind hereintreten sehen in das Erdenleben, so
empfinden wir richtig, wenn wir sagen: Du erscheinst, du Seele, die du
hier im Fleische bist, du erscheinst heraus aus einer Weltensphare, die
noch unberiihrt ist von luziferisch-ahrimanischem Wesen. Du trittst
erst ein, indem du mit dem Fleische immer mehr und mehr zusammen-
wachsen wirst in das luziferisch-ahrimanische Wesen.
Und konnen wir so auf das Kind hinschauen, so schauen wir mit der
Empfindung von einem geistigen Weltengeheimnis auf das Kind. So
wie der Mensch in die Erdenentwickelung eintritt, ist er schon vor-
bestimmt durch seine friiheren Inkarnationen, mit dem Fleische zu-
sammenzuwachsen. Aber empfinden sollten die Menschen einmal, was
es heifk, in die Erde einzutreten, ohne vorbestimmt zu sein fiir irdisches
Leben. Dafi dieser Gedanke erwachen sollte in den Menschen, der Ge-
danke iiber das, was da eigentlich im Menschen wohnt als eine Wesen-
heit, durch die er mit dem Himmlischen, mit dem Sonnenhaften ver-
bunden ist, daft das erwacht in den Menschen, dazu eroberte sich das
Christus-Kind die geistige Menschheitsentwickelung. Und dieses Chri-
stus-Kind eroberte sich die geistige Menschheitsentwickelung eben so,
wie es sie sich erobern konnte.
Es waren im Grunde genommen in der ganzen christlichen Ent-
wickelung zwei Stromungen. Wir konnen diese zwei Stromungen sehr
gut begreifen. Durch zwei Leiber trat der Christus zunachst in die
Welt ein: durch den nathanischen Jesus und durch den salomonischen
Jesus. Durch den nathanischen Jesus trat er ein, ich mochte sagen, wie
durch das Erden-Kind. Sehen Sie nur, wie ich es dargestellt habe in
den Zyklen und auch in der «Geistigen Fuhrung des Menschen und
der Menschheit». Durch den nathanischen Jesus trat der Christus in
die Erde so ein, daft dieser nathanische Jesus eine Wesenheit war, wie
bewahrt von der bisherigen Erdenentwickelung, wie die Substanz vom
Erdenanfange her. Der salomonische Jesus aber: eine durch viele, viele
Erdeninkarnationen hindurchgegangene Hinaufentwickelung. Zwei
Wege also, die dann auf die Art, wie ich es dargestellt habe, zusammen-
treffen sollten.
Aber nun denken Sie sich das alles geschehen in einer Zeit, in der die
Geistesweisheit abstirbt, in der keine Moglichkeit ist, das zu begreifen.
Diese unendliche Tiefe tritt ein, dafi zwei Jesusknaben da sind, durch
die der Christus in die Welt hereinkommen soil. Jenes unendlich Tiefe
tritt ein, welches uns die Leute, die von der ganzen Sache nichts ver-
stehen, trotzdem sie amtlich dazu berufen sind, heute verlastern und
verketzern. Jenes tritt ein, was nur durch jene Weisheit hatte verstan-
den werden konnen, die ausgemerzt worden ist. Was Wunder, dafi diese
Tatsache eben in einer Weise eingetreten ist, die erst nach und nach
wiederum durch unsere Wissenschaft verstanden werden kann. Daher
war zuerst folgendes Bestreben. Als noch mehr von der alten Weisheit
wenigstens nachsickerte, so tropfchenweise nachsickerte, wollte man
noch mehr Wert legen auf die Erscheinung des Christus Jesus auf der
Erde, auf das Eintreten in die grofien Weltereignisse, und da hatte man
am «Dreik6nigsfest» das Erscheinungsfest des Herrn festgesetzt, das
der 6.Januar ist. Das hangt mehr mit dem salomonischen Jesus zu-
sammen, mit demjenigen Jesus, der als ein Konig eingetreten ist, der aus
koniglichem Geschlecht eingetreten ist. Den begriff man auch mehr
durch dasjenige, was koniglich-magische Weisheit war. Dagegen der
andere, der nathanische Jesus, der eigentlich nichts von dem, was auf
der Erde geschehen war, in seiner Substanz an sich hatte, wurde so recht
auf diese tiefe Winterzeit verlegt, die jetzt das Weihnachtsfest ist. Die
Menschen haben nicht begriff en, dafi das zusammengehort, haben sogar
die Geburtsdaten auseinandergeholt. Denn in alteren Jahrhunderten
wird durchaus auch am 6.Januar wieder das Geburtsfest des Jesus
empfunden. Aber dafi zwei Geburtsfeste empfunden wurden - das ist
dem ganz erklarlich, der von zwei Jesusknaben sprechen kann. Sogar
die Art und Weise, wie man iiber den Jesus gedacht hat, ist eigentlich
in zwei Fassungen vorhanden. Die eine bezieht sich mehr auf den Jesus,
der hereintrat, ohne dafi er vorher mit dem in Zusammenhang getreten
ist, was durch Nationen und Stande und Rasse menschliche Differen-
zierungen auf der Erde hervorgerufen hat: der Jesus, der eintreten
kann, verstanden durch das einfachste Volksempfinden — der Lukas-
Jesus, der nathanische Jesus. Der andere Jesus, der salomonische Jesus,
mehr zu begreifen durch dasjenige, was himmlische Weisheit ist, durch
eine Weisheit, durch die so durchsickert dasjenige, was von der alten
magischen Weisheit so tropfchenweise geblieben ist.
Man empfindet gar nicht unrichtig, wenn man sich sagt: Wir haben
zunachst das erste Jesus-Spiel gesehen, dieses einfache Jesus-Spiel, auf
das gar nicht anwendbar sind die alten Uberbleibsel von der magischen
Weisheit: das ist der nathanische Jesusknabe. In dem andern waltet die
Weisheit darinnen, die man noch hatte: jener Jesus, der aus koniglichem
Geblut in die Welt eingezogen ist - das zweite Spiel, das auf uns gewirkt
hat. Gewufk haben die Menschen nichts davon, aber nachgewirkt haben
die beiden Jesusknaben, indem die Menschen so grundverschiedene
Spiele davon gemacht haben.
So wollte ich zunachst Andeutungen geben, wie das Paradeisspiel
mit dem Weihnachtsspiel zusammenwuchs, so dafi das Ganze eine Be-
deutung hat. Wir werden morgen noch davon sprechen. Heute mochte
ich Ihnen aber nur das Wort noch einmal ans Herz legen, das ich gestern
am Schlusse ausgesprochen habe und auch im Verlaufe der Betrach-
tungen, dafi diese Weihnachtsspiele zugleich - in gewissem Sinne selbst
das einfachste - doch eine Mahnung sind. Und eine Mahnung waren sie
auch fur alle diejenigen, die zuhorten.
Wiederum soil dasjenige, was wir zu wollen haben, eine Art Welten-
weihnacht in geistiger Beziehung sein. Der Christus soil wiederum,
wenigstens fur das menschliche Verstandnis, auf geistige Art geboren
werden. Dieses ganze Wirken innerhalb der Geisteswissenschaft ist
eigentlich eine Art Weihnachtsfest, ein Geborenwerden des Christus in
der menschlichen Weisheit. Es f ragt sich nur, ob die Menschen zahlreich
sich einfinden, die nun verstehen konnen. Ja, ich mochte sagen, man
konnte so manchen von den Bauern horen, der da safi, wenn solch ein
Weihnachtsspiel, wie das gestrige erste, aufgefuhrt worden ist in frii-
heren Jahrhunderten. Da kam die ganze Gemeinde herein und nun
safien die Bauern da. Nun war es so: Da sagte manchmal einer von den
Bauern zu dem andern: Jetzt sag mer amol, bist du eigentlich a Wirt
oder bist du a Hirt? - Da wurde der nachdenklich, ob er ein Wirt oder
ein Hirt ist. Aber ich denke, man konnte gegeniiber dem, was in der
neueren Wissenschaft von dem Christus vorhanden ist, auch Menschen
fragen: Bist du ein Wirt oder bist du ein Hirt? Denn man hort die
Wirte ganz lebhaft wettern und sagen: Was wollt ihr hier vor meiner
Tike? Weg mit euch, sucht irgendwo anders eine Herberge, nicht bei
uns! - Die andern sind die Hirten. Da ist auch noch ein Skeptiker
drunter, der Mops, der auch den Schein nicht begreifen will, aber doch
durch einen gewissen Wahrheitssinn sich durch den Koridan mitfuhren
lafit. Ich denke schon, es konnte uns zum Nachdenken anregen die
Frage und die Antwort in der Seele, mit denen manche friiher hinaus-
gegangen sind, nachdem sie das Weihnachtsspiel eben angesehen hatten,
die Bauern im 16., 17., 18. Jahrhundert: Na, sag mer amol, bist du nu
eigentlich a Wirt, oder bist du a Hirt? - Hoffen wir, meine lieben
Freunde, da£ nach und nach auf unsere Art recht viele Hirten ent-
stehen, damit die Wirte, die ja zahlreich zu vernehmen sind, allmahlich
zum Verstummen gebracht werden.
UBER ALTE WEIHNACHTSSPIELE UND EINE
VERK LUNGE NE GEISTESSTRDMUNG DER MENSCHHE IT
Dritter Vortrag, Dornacb, 28. Dezember 191 5
Auf eine wichtige Tatsache versuchte ich gestern in dem ganzen Zu-
sammenhang des Christus-Problemes hinzuweisen, auf eine Tatsache,
die etwas zweifellos Oberraschendes hat: auf die Tatsache, dal5 ein
ganzes breites Weisheitsgut eigentlich verschwunden ist, nur gekannt
wird heute in wenigen Fragmenten, in wenigen Oberresten, wovon
einiges aus einem der Uberreste gestern hier vorgebracht worden ist,
namlich der Anfang des Buches Jeu. Nun miissen wir uns fragen: Kann
ein Weisheitsgut, das vorhanden war, so ohne weiteres verschwinden?
Kann es fur ein solches Verschwinden nur aufiere Griinde geben? Ich
habe einen Vergleich gebraucht: Ich habe gesagt, dafi der Fall denkbar
ware, dafi alles dasjenige, was von uns nun gedruckt und geblieben ist,
verbrannt wiirde, nur die gegnerischen Schriften blieben, aus denen
man dann spater nachkonstruieren konnte, was von uns gesagt worden
ist. Nun gewifi, der Fall konnte eintreten. Aber so ganz ohne weiteres
kann diese Hypothese eigentlich doch nicht aufgestellt werden. Denn
denken Sie einmal, es wiirden wirklich die Schriften alle verschwinden,
so wiirden noch viele von uns da sein - wenigstens kann man das an-
nehmen die wissen, was in diesen Schriften steht, und die, ohne dafi
sie die gegnerischen Schriften brauchen, die Sache weiter mitteilen
konnten, und so wtirde sich doch wohl konnen das Weisheitsgut fort-
pflanzen. Damit die Sache vollstandig verschwande, ware schon not-
wendig, dafi in einer gewissen Weise nach und nach auch die Fahig-
keiten verschwinden, um die Sache zu verstehen, die Sache zu behalten,
um sie von Generation zu Generation fortzupflanzen. Das mufi aber
dazumal geschehen sein. Es mufi sich dazumal in einer gewissen Weise
das vollzogen haben, dafi die Menschen die Fahigkeit verloren haben,
so etwas zu verstehen, wie es die Gnosis des Valentinus ist, wie es der
Inhalt der Pistis-Sophia-Schrift, wie es der Inhalt des Buches Jeu ist
und so weiter. Und das ist auch wirklich so gewesen. Wir miissen uns
durchaus vorstellen, dafi sich auf der breiten Grundlage jenes alten
Erbgutes, das sich in alteren Zeiten ausgelebt hat als das primitivste
Hellsehen, dann allmahlich abgebliiht und abgedammert ist, auch ein
hoheres Erkennen ausgebildet hat, ein hoheres Wissen, Geistwissen, das
allerdings nur bei wenigen, in den Mysterien Ausgebildeten, gepflegt
wurde, aber das doch im weiteren Umkreis vorhanden war. Und wir
miissen uns weiter vorstellen, dafi durch das allmahliche Lahmwerden
der Fahigkeiten, solches zu begreifen, die ganze Sache nicht nur ins
Vergessen, sondern ins Verschwinden gekommen ist. Die Menschen
haben einfach nicht mehr die Fahigkeit gehabt, innerhalb der abend-
landischen Kultur so etwas zu verstehen. Dadurch konnte allein das,
was Weisheitsgut war, verlorengehen. So dafi wir wirklich sagen kon-
nen: Indem wir auf die Zeit blicken, die dem Mysterium von Golgatha
unmittelbar vorangegangen und nachgefolgt ist, sehen wir auf eine Zeit
hin, wo im weitesten Umfange alte Fahigkeiten verschwinden und ganz
aus dem Frischen, aus dem Neuen heraus gearbeitet wird. Man kann
schon sagen: Es gab, als es so in der Menschheitsentwickelung gegen das
Mysterium von Golgatha zuging, ein Herabdammern, ein Verschwin-
den einer ganz eigenen Anschauung und Denkweise, die geistiger Art
war, durch die man hatte das Hereinkommen des Christus in die Welt
als eines Geistwesens begreifen konnen.
Also gerade zu der Zeit, in welcher der Christus sich mit der Erden-
entwickelung verbindet, verschwindet das Wissen, durch das im eigent-
lichen, tieferen Sinne die Natur und Wesenheit dieses Christus hatte
begriffen werden konnen. Das ist eine wichtige Tatsache. Ich habe auch
schon bei verschiedenen Stellen unserer Betrachtungen auf eines, was
sehr bedeutsam ist, hingewiesen. Ich habe gesagt: Die Christus- Verkiin-
digung als solche ist nicht etwas, was etwa mit dem Ereignis von Gol-
gatha so ganz neu ist. Nein, in den Mysterien wurde schon von dem
Christus als dem Kommenden gesprochen. Es gab Lehren in den My-
sterien, dafi der Christus kommen werde. Man fafite diese Christus-
Wesenheit so auf, wie es eben im Sinne der verschwundenen Geistes-
weisheit ist. Aber diese Mysterien waren allmahlich zerfallen, so dafi
gerade, als der Christus kam, die Zeit herannahte, in der man am wenig-
sten als Mensch geeignet war, iiber diesen Christus zu sprechen. Das
siehx man nicht nur an allem, worauf ich jetzt schon hingedeutet habe,
sondern das sieht man auch an dem, was iibriggeblieben ist bei Men-
schen, die sich nun wie aus dem Frischen, aus dem Neuen heraus eine
Vorstellung des Christus-Geheimnisses machen wollen.
Da haben wir gleich in den ersten Jahrhunderten der christlichen
Entwickelung solche grofien Geister, wie zum Beispiel Clemens von
Alexandrien und Origenes, zwei eminente Geister. Wenn man sie von
einem gewissen Standpunkte aus charakterisieren will, diesen Clemens
von Alexandrien, der also auf die Gnostiker f olgte, als die Gnosis schon
herabgedammert war, ebenso Origenes, dann mufi man sagen, sie be-
streben sich, zu erkennen : Wie ist es denn eigentlich mit diesem Myste-
rium von Golgatha? Wir haben es auf der einen Seite zu tun mit dem
Christus - das wufiten sie noch. Dieser Christus kann nur als ein Geist-
wesen begrif fen werden, das mit dem Geistigen, mit den iibersinnlichen
Impulsen zu tun hat. Dieser Christus steigt herunter aus kosmischen
Geistregionen. - Sie wulken nicht mehr ordentlich, wie die alte Gnosis
den Christus hat begreifen konnen, aber sie wulken, er mufi mit geisti-
gen Fahigkeiten als ein Geistwesen begriffen werden. Das wufiten sie
von dem Christus. Auf der andern Seite war ihnen der Jesus eine histo-
rische Personlichkeit. Eine geschichtliche Tatsache war ihnen das Er-
scheinen des Jesus. Es war vor so und so viel Jahren, sagten sie sich, in
einem gewissen Teile Vorderasiens eine Personlichkeit geboren worden,
Jesus, die der Christus-Trager war, ein Mensch, in dem der Gott an-
wesend war. Das wurde fur sie die Ratselfrage. Wir haben es zu tun in
der geschichtlichen Entwickelung mit einer historischen Personlichkeit,
so sagten sie sich, wir haben es zu tun im Geistbegreifen mit dem
Christus. Wie sollte man sich das Vereinigtsein der beiden denken?
Und bei so eminenten, bei so grofien Geistern, wie Clemens von
Alexandrien, wie Origenes es sind, sehen wir ein Ringen, ein Kamp-
fen damit: begreifen zu konnen, wie der Christus in dem Jesus ist,
darin ist.
Wenn wir zunachst auf Clemens von Alexandrien hinsehen, welcher
der Katechetenschule von Alexandrien vorstand, wo diejenigen aus-
gebildet wurden, die zu christlichen Lehrern gehalten und gemacht wer-
den sollten, wenn wir hinsehen auf diese bedeutsame Personlichkeit, so
f inden wir unter dem, was diese Personlichkeit lehrt, etwa das Folgende.
Clemens von Alexandrien sagte sich: Der Christus gehort unter die-
jenigen Krafte, die schon bei der Schopfung der Erde tatig waren,
selbstverstandlich, er gehort der geistigen Welt an. Er ist durch den
Leib des Jesus von Nazareth in die Erdenentwickelung eingetreten. -
So also richtete Clemens von Alexandrien seinen Blick zunachst auf den
Christus als das Geistwesen, suchte ihn zu begreifen in Geistregionen.
Nun wuftte Clemens von Alexandrien auch das Folgende, was wir auch
ofter schon betont haben. Er wuftte, der Christus war fur die Menschen
eigentlich immer da, aber nicht in der Erdenregion, sondern diejenigen
konnten nur zu ihm gelangen, die Krafte in sich entwickelten durch die
Mysterien, vermoge welcher sie herauskommen konnten aus dem Leibe.
Wenn sie, die Menschen, aus dem Leibe herauskamen durch die Myste-
rienkrafte und in die geistigen Regionen hineinkamen, so erkannten sie
den Christus und sie empfanden ihn als denjenigen, der da kommen
werde. Das wuftte Clemens von Alexandrien. Er wuftte, daft in den
alten Mysterien von dem Christus als dem Kommenden, der noch nicht
mit der Erdenentwickelung vereinigt ist, gesprochen worden ist. Das
driickte er so aus: Gewift, die Menschen wurden dazu inspiriert, den
Christus zu erwarten. Und er ging so weit, daft er sagte: Namentlich
an zwei Punkten der geistigen Menschheitsentwickelung wurde das
gepflegt, was vorbereiten konnte fur das Herabkommen des Christus.
Clemens von Alexandrien sagte: Auf der einen Seite wurde es gepflegt
durch Moses und die Propheten. Was durch Moses und die Propheten
in die Welt kam, sagte er, das war eine Vorbereitung. Die Menschen
sollten zuerst dasjenige erfahren, was durch Moses und die Propheten
kam, damit sie dann mit Hilfe eines eigenen Empfindens ein Gefiihl
dafiir haben konnen: Wir haben den Christus. Das sollten sie gerade
vorstellen. Also von der alten gnostischen Weisheit wuftte er nichts,
oder wenigstens, er wandte sie nicht an. Aber von dem, was in die
menschlichen Fahigkeiten gekommen ist durch Moses und die Pro-
pheten, von dem sagte er, daft es «Vorbereitung» ist. Und dann - das
ist sehr bedeutsam - als ein Zweites, was vorbereiten sollte neben Moses
und den Propheten, fuhrte Clemens von Alexandrien die griechische
Philosophic an: Plato und Aristoteles - die griechische Philosophic Er
sagte gleichsam: Moses und die Propheten und die griechische Philo-
sophic sind dazu dagewesen, um die Menschen vorzubereiten auf das
Ereignis, auf die Tatsache des Mysteriums von Golgatha.
Und wiederum Origenes sagte sich: Wir haben es zu tun mit dem
Christus: mit dem Christus, der als Geistwesen von geistigen Kraften
verstanden werden kann, wir haben es zu tun mit dem historischen
Jesus, mit jenerPersonlichkeit,die einmal als eine wirkliche, der Sinnen-
welt angehorige Personlichkeit da war. Wie kommen die zwei zusam-
men - der Gott mit dem Menschen? Wie entsteht der Gottmensch? -
Und Origenes machte sich eine Theorie zurecht. Er sagte sich: So ohne
weiteres kann der Gott nicht in dem physischen Menschen wohnen,
sondern es mufite zuerst in dem Jesus eine besondere Seele sein, damit
diese Seele vermitteln kann den Gott mit dem Menschen, also den Gott
als reines Geisteswesen mit dem physischen Menschen. Da fugte er die
Seele hinein. — Und so unterschied er im Christus Jesus den Gott, das
reine Pneumawesen, das reine Geistwesen, dann die Psyche, die Seele,
und den physischen Leib des Jesus von Nazareth. Er suchte sich also
eine Vorstellung zu bilden, wie der Christus in dem Jesus von Nazareth
sein konnte. Er hatte nicht mehr die alte Gnosis, um das Verweilen des
Christus auf der Erde und das Verbinden des Christus mit der Erden-
evolution sich vorzustellen. Man mufite aus dem Frischen, aus dem
Neuen heraus arbeiten. Man strengte sich an, um das zu erreichen. Also
gerade als der Christus als reales Wesen sich mit der Erdenentwicke-
lung vereinigt hatte, hatten die Menschen die grofiten Schwierigkeiten,
diese Tatsache iiberhaupt zu verstehen. Die Fahigkeiten waren im aller-
geringsten Mafie vorhanden.
Und warum das war, davon hatte Clemens von Alexandrien auch
noch wenigstens eine Spur von Verstandnis. Er sagte sich: Wodurch
sind denn diese alten Mysterienleute inspiriert worden? Dadurch, sagte
sich Clemens von Alexandrien, sind diese alten Mysterienleute inspiriert
worden, dafi der Christus auch auf sie gewirkt hat, aber iiberirdisch,
wenn sie aus sich herausgekommen sind. Das geschah dadurch, wie
Clemens von Alexandrien es ganz deutlich ausspricht, dafi er ihnen die
Engel geschickt hat. So dafi Clemens von Alexandrien es geradezu aus-
sprach: Wenn im Alten Testament von dem Erscheinen eines Engels
geredet ist, so bedeutete das: der Christus schickt diesen Engel. Ja,
Clemens von Alexandrien lafit es ausdrucklich durchmerken: Wenn
Jahve im brennenden Dornbusch dem Moses erscheint, so ist es auch
eigentlich der Christus, der da erscheint, der erscheint durch die irdisch-
seelisch-geistige Erscheinung. So daft Clemens von Alexandrien das aus-
drucklich ausspricht: Im Altertum, vor dem Mysterium von Golgatha,
ist der Christus durch die Engel den Menschen erschienen. "Wenn sie sich
fahig machen konnten, die Botschaft der Engel zu vernehmen, dann
standen sie eigentlich dem Christus selbst als Entkorperte, initiierte
Entkorperte der hoherenWelt gegeniiber.
Also so weit ging noch Clemens von Alexandrien. Und dann sagte
er - das ist wiederum bei ihm noch enthalten -: Im Fortschritt der Zeit-
entwickelung ist der Christus iibergegangen von der Engelnatur zur
Sohnnatur. Er ist Sohn geworden. Er konnte sich fruher manifestieren,
of f enbaren durch die Engel oder als Engel, als eine Fulle von Engeln, als
viele Engel. Wenn er dem einen erscheinen wollte als der Engel, wenn er
andern erscheinen wollte als anderer Engel, so ist er durch viele Gestal-
ten erschienen. Dann erschien er durch die eine Gestalt: der Sohn.
Da tritt ein sehr wichtiges Element auf. Beachten Sie das wohl, das
ist aufierordentlich wichtig! Clemens von Alexandrien steht noch auf
dem Standpunkt, daft er sagt: Der Christus war schon da vor dem
Mysterium von Golgatha in den Geistregionen. Er war so weit, daft er
sich durch Engel, durch Boten kundgeben konnte. Aber er kam weiter,
er kam dazu, sich als Sohn ausleben zu konnen. Das ist aufierordentlich
wichtig.
Was tritt denn da eigentlich ein in das menschliche Verstandnis? -
Wenn wir diese ganze alte Gnosis durchgehen, so hat sie eine Eigen-
tiimlichkeit. Wenn ich Ihnen zum Beispiel ein Schema von dieser Gnosis
aufzeichnen wollte, konnte ich folgendes sagen: Diese Gnosis stellt sich
eine Person der Evolution vor, die ausging von dem Vater, dem Ur-
vater, von der sogenannten Stille oder <nyrj 9 von dem Urgeist. Da gaben
diese alten Gnostiker dreiftig verschiedene solche Stufen an. Die nann-
ten sie Aonen. Also dreifiig konnte ich hier angeben. Nun gewisser-
mafien eine zweite Stromung; wahrend die erste Stromung geistig ist,
gaben sie eine zweite Stromung an, die seelisch ist. Innerhalb dieser
Stromung kannten sie die zwei Hauptursprungsaonen in dem Christus
und in der Sophia. Dann kamen wiederum eine Anzahl von Aonen.
Und eine dritte Stromung gaben sie an: den Demiurg mit der Materie.
Und diese fanden sich zusammen und bildeten den Menschen.
Solche Schemen kann man aus der Vorstellungsweise machen, die
diese Gnostiker hatten. Diese Vorstellungen sind nicht ganz unwirklich,
nicht ganz irreal, denn der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Als ich
einmal vorgetragen habe, wie viele sieben Teile es im Menschen gibt -
Sie haben es in einem der Norweger Zyklen enthalten, ich glaube, er
heifit «Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philo-
sophie» -, da waren unsere lieben Freunde ganz betroffen, wie viel,
viel Unterschiedlichkeiten eigentlich im Menschen aufgesucht werden
mussen. Diese Unterschiedlichkeiten erinnern an dasjenige, was die
Gnostiker von ihrem Standpunkte aus schon gewufit haben. Aber wenn
man an diese Gnosis herantritt, immer ist eins darin: es spielt darin
wenig derZeitbegriff, Man kann durch Raumesschemen das Gnostische
ausdriicken. Der Zeitbegriff spielt keine besondere Rolle, wenigstens
durchdringt man ihn nicht verstandnisvoll. Und insoferne ist doch nun
ein Fortschritt von der Gnosis zu Clemens von Alexandrien. Wenn auch
die ganze umfassende Fiille der Geistesweisheit verlorengegangen ist,
war dennoch ein Fortschritt zu Clemens von Alexandrien, indem er den
Zeitbegriff in die Entwickeiung des Christus hineinbrachte und sagte:
Der Christus gab sich fruher, konnte sich friiher kundgeben durch
Engel, dann als Sohn, indem er selber fortgeschritten war. Entwicke-
iung kam hinein, das ist das Bedeutsame. Man kann es nicht oft genug
betonen, dafi dazu die abendlandische Kulturentwickelung da war, den
Zeitbegriff dann in die Weltanschauung in der richtigen Weise hinein-
zubringen, den Entwickelungsgedanken in der richtigen Weise zu ver-
stehen. Das ist so wichtig, das ist von durchgreifender Wichtigkeit, hin-
zuschauen auf die Entwickeiung und zu sehen, wie der Christus sich
urspriinglich nur durch die Engel kundgeben konnte, und dann, nach-
dem er durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, als Sohn er-
scheint. Durch die Engel ist er der Botschafter von etwas, was aufier-
halb der Welt ist und die Welt allerdings durchdringt, was aber, wenn
es erkannt werden soli, von aufierhalb der Welt her erkannt werden
mufi: Bote. Spater, als er als Sohn erscheint, durchdringt er alles. Wie
der Sohn eines Blutes ist, eins mit dem Vater ist innerhalb der physi-
schen Welt, so ist der Geist-Sohn eines Wesens vorzustellen mit dem
Vater in der geistigen Welt. Sohn sein ist etwas anderes, als blofi Engel
sein. Wenn also diese Wesenheit sich als Sohn off enbart, ist es ein Fort-
schritt gegeniiber der friiheren Offenbarung, wo er sich nur als Engel,
als Bote, offenbaren konnte.
Man hatte also im Christlichen eine Art weitergehenden Verstand-
nisses, als noch das Verstandnis war innerhalb der alten Gnosis. Aber
man brauchte, ich mochte sagen, die Nachwirkungen der Gnosis noch,
um auch nur das zu sagen, was Clemens von Alexandrien sagte. Als die
Gnosis allmahlich ganz verschwand, konnte man auch das nicht mehr
sagen, was Clemens und was Origenes sagten. Man kam immer mehr
dazu, sich hineinzufinden in jene Impulse, die die Impulse der spateren
Zeit waren, in die rein materialistischen Impulse. Und so kam es, dafi
die Lehre des Origenes verdammt wurde. Sie wurde fur ketzerisch er-
klart. Das Element, das es ausmachte, dafi sie fur ketzerisch erklart
wurde, besteht namentlich darinnen, dafi man verzichten wollte auf
ein solches, vom Menschen selber und seinen Kraften herkommendes
Verstehen der Sache. Man fiihlte: das kann nicht mehr da sein. Wie
erscheint uns die Sache aber jetzt? Wie mufi sie uns erscheinen? Wir
sehen doch, dafi eine alte Geistesweisheit sich auf dem Boden des alten
Hellsehens ausgebreitet hatte. Das war da, es verschwindet allmahlich.
Innerhalb dieser Geistesweisheit war, wenn auch auf ein aufierirdisches
Wesen sich beziehend, eine Weisheit iiber den Christus da. Gerade als
der Christus auf die Erde hinuntergestiegen war, war dies verschwun-
den. Der wirkliche Christus war mit der Erde verbunden. Das Wissen
von dem Christus war verschwunden in der Zeit. Da haben Sie noch
einen Fall im Grofien, den ich Sie bitte, nur richtig anzuschauen. Wir
konnen iiber die damals bekannte Erde hin den Blick richten, iiber die
Erde vor dem Mysterium von Golgatha. Je weiter wir zuriickgehen,
desto mehr Wissen von dem Christus finden wir, wenn es auch der
Christus ist, der in iibersinnlichen Regionen gedacht werden mufi. Aber
es ist ein Wissen, das nur durch Engel vermittelt werden kann. Das ist
Evolution. Dieses Wissen, diese Vorstellung von dem Christus ist auf
viele Menschen verteilt. Es lebte der Christus als der Inspirator vieler
Menschen: Evolution.
Dieses Wissen geht langsam zuriick, verschwindet, dampft sich ab,
und in dem einen Wesen, in dem Jesus von Nazareth, konzentriert sich
alles das, was friiher verteilt war. Denken Sie sich innerhalb der Evolu-
tion einen Tropfen der Christus-Innerlichkeit bei einem der Mysterien-
priester, einem zweiten, dritten, vierten und so weiter, bei jedem der
Mysterieneingeweihten wiirde man finden: er hat etwas von dem Chri-
stus in sich, wenn er mit seinem Geist aus seinem Leibe herausgeht. Der
Christus ist vervielfaltigt in ihnen. Das verschwindet alles. Und an
einer einzigen Stelle, in dem Leib des Jesus von Nazareth, zieht sich das
alles zusammen, was da verteilt war: Involution.
Gerade das, was alien andern entzogen war, erschien in dem einen
Leib. Und so sehen wir, so mufi von der Erde verschwinden, was ver-
teilt war, was in Evolution lebte, indem es sich auf den einen Punkt,
auf den Leib des Jesus von Nazareth, konzentrierte. Das ist diese wich-
tige Tatsache. Innerhalb der bedeutsamsten Involution hort die Evolu-
tion auf. Jetzt beginnt also die Zeit, wo der Christus mit der Erde lebt,
aber das Christus- Wissen nicht in der Erde lebt, das Christus-Wissen
sich erst wiederum entwickeln raufi.
Nun sind die grofien Schwierigkeiten da, wir haben sie schon an-
gedeutet: Auf der einen Seite hat man den Jesus, auf der andern Seite
hat man den Christus. Und denken Sie, dafi man die alte Weisheit von
dem Zusammenhang im Menschen iiberhaupt doch verloren hat. Die
ganze Zeit hat nichts davon gewufit, was es mit dem Menschen eigent-
lich fur eine Bewandtnis hat. Jetzt erst wiederum gliedern wir den
Menschen in physischen Leib, Atherleib, Empfindungsseele und so wei-
ter. Damit fangen wir erst wiederum an. Wir unterscheiden im einzel-
nen Menschen jetzt wiederum das Physisch-Irdische, das in der Ver-
erbungslinie fortgeht, und das hohere Geistige, das aus geistigen Welten
wieder hinunterstieg. Das hat Origenes nicht gewufit, das hat Clemens
von Alexandrien nicht gewufit. Sie wufiten nicht Bescheid iiber das
Geistig-Seelische und Leibliche des einzelnen Menschen, der auf der
Erde wandelt. Daher ergab sich fiir sie die Schwierigkeit, die einzelnen
Glieder der Christus Jesus- Wesenheit zu verstehen. Das Wissen vom
Menschen war verlorengegangen, daher diese Schwierigkeit, den Gott-
menschen zu verstehen. Und so fiel das Wissen vom Jesus und das
Wissen vom Christus immer mehr und mehr auseinander. Und es ist
unendlich wichtig, damit man unsere Zeit verstehen kann, wie dies
gleichsam auf die Zeit wiederum wirkt, insofern als in ihr dasjenige er-
scheinen mufi, was unsere Geisteswissenschaft enthalt. Es ist ungeheuer
wichtig, gerade auf dieses Auseinanderf alien des Jesus und des Christus
hinzublicken. Das ist eine ungemein ernste, eine ungemein wichtige An-
gelegenheit. Und sie tritt uns so vielfach entgegen.
Diese Weihnachtsspiele, wir haben sie an uns voriibergehen sehen.
Wir fuhlten bei dem einen Weihnachtsspiel noch etwas nach von dem
Christus: bei dem zweiten; die reine Jesus-Gestalt bei dem ersten, bei
dem einfach-primitiven. Man kann sagen: allmahlich hat sich das Jesus-
Kind, also der Ausgangspunkt des Jesus, die Gemiiter der Menschen
erobert. In der Mitte des Mittelalters beginnt das erst, dafi man auf das
Kind hinblickt. Vorher haben die Christen an dem Mefiopfer teilge-
nommen, sie haben von dem Mysterium gehort, dafi der Christus durch
den Tod gegangen ist, die Paulinische Lehre und so weiter. Aber die
Bibel war nicht popular, die Bibel war ja nur in den Handen der Prie-
ster. Die Glaubigen hatten an dem Mefiopfer teilzunehmen, das ihnen
noch dazu in der lateinischen Sprache geboten wurde. Aber eine Teil-
nahme an den Vorgangen der heiligen Handlung gab es nicht. Und das-
jenige, was in den Evangelien enthalten ist, eroberte sich erst nach und
nach die Gemiiter, die Seelen. Und so konnten erst wirklich von der
Mitte des Mittelalters ab solche Spiele, solche Darstellungen des Er-
scheinens des Jesus und so weiter den Leuten geboten werden. Heute
hat man eigentlich die Vorstellung: Das Mysterium von Golgatha war,
und von da ab hatten die Menschen etwas von diesem Mysterium von
Golgatha gewufit. Ja, was sie wufiten, war, dafi eben der Christus am
Kreuze gestorben ist. Vorziiglich das Osterereignis haben die Leute
empfunden. Aber das Weihnachtsereignis war ganz unbekannt, das
schlich sich erst ganz langsam und allmahlich in die Gemiiter, in die
Herzen der Menschen hinein. Das war die aufiere Seite, wie man im
Bilde kennenlernte, was in Palastina geschehen war. Erst nach und
nach, durch die dramatische Vorf uhrung, machte man sich Vorstellun-
gen von dem, was da geschehen war in Palastina. Es war die Seite des
Jesus-Geheimnisses. Es war in derselben Zeit, bedenken Sie doch, dafi
es in derselben Zeit war, als auf der andern Seite in der Mystik Tauler,
Meister Eckhart und die andern den Christus wiederum gesucht haben,
durch Mystik den Christus gesucht haben. So daft wir auf der einen
Seite haben das erste Aufgehen der Weihnachtsspiele: der Jesus wird
gesucht so aufterlich wie moglich, namlich in unmittelbar aufierer Dar-
stellung - der Jesus wird gesucht - und die Mystiker suchen den Chri-
stus, sie suchen die Seele so weit zu entwickeln, dafi sie den Christus in
sich aufgehen sehen, den ganz umgestalteten, ganz weltfernen, rein
geistigen Christus suchen sie in der Seele zu erfahren. Die Mystik auf
der einen Seite, die Weihnachtsspiele auf der andern Seite - der Jesus
und der Christus auf zwei verschiedenen, weit auseinanderliegenden
Wegen zu gleicher Zeit gesucht! Was bei Origenes eine theoretische
Schwierigkeit war, das Nichtzusammenbringen-Konnen des Christus
mit dem Jesus, da tritt es uns entgegen in den Dorfern draufien. Bei dem
Volk wird der Jesus in der Kindheitsform gezeigt. Die tiefen Mystiker
suchen den Christus, indem sie ihre eigene Seele bis zum innerlichen
Erfuhlen, fast bis zum innerlichen Ertasten des Christus fiihren wollen.
Aber wo ist eine Verbindung? Wo ist sie, diese Verbindung? Die Dinge
gehen nebeneinander. Denken Sie, wie weit das abliegt, was der ein-
fache Mensch, das einfache Auge sieht in den Weihnachtsspielen, von
der tiefsinnigen Mystik eines Meister Eckhart oder eines Johannes
Tauler. Aber die Anfange der Weihnachtsspiele fallen in die Zeit hin-
ein. Die Mystik lebt sich auch weiter fort.
Und in unserer Zeit heute - denken Sie, was fvir viele Theologen das
ganze Mysterium von Golgatha geworden ist! Nehmen Sie an: Die-
jenigen, die fortgeschrittenste Theologen sind, auf was sehen denn die
eigentlich? Sie sehen darauf, dafi einmal im Beginne unserer Zeitrech-
nung in Nazareth oder Bethlehem oder irgendwo ein auserlesener
Mensch geboren worden ist, auserlesen ganz besonders dazu, des Men-
schen Zusammenhang mit der geistigen Welt nach und nach in sich zu
erfuhlen, ein edler Mensch - der edelste Mensch, ein so edler Mensch,
dafi man schon sagen kann, er war fast - und sogar - nicht wahr, da
hapert die Geschichte ein bifichen! Man weifi sich da nicht zurechtzu-
finden, was man nun noch sagen soil dazu, daft er im Laufe des Chri-
stentums doch ganz als ein Gott aufgefafit war. Und da windet man
sich und dreht sich, und da kommen all die Euckenismen und Harnack-
ismen, die so - ja, man kann es nicht fassen, aber man will auf irgend-
eine Weise gescheit sein und doch eine Moglichkeit haben, den Jesus als
irgend etwas, Christus als irgendeinen Christus auf zuf assen. Nun, und da
nimmt man die Evangelien vor. Zwar, man geniert sich als ein moder-
ner Mensch, die Wunder zuzugeben. Man streicht also, was man strei-
chen kann, und konstruiert heraus so etwas hochst Natiirliches, etwas,
was nach verntinftigen Griinden geschehen sein kann. Und dann geht
es zu dem Ereignis von Jerusalem, zu dem Kreuzestod. Bis zum Sterben,
da geht es nun noch, Aber bis zur Auferstehung, da geht es nicht, da
versteigt man sich dann zu solchen Dingen, wie sich zum Beispiel
Harnack versteigt, so daft er sagt: Ja, diese Auferstehung, dieses Grab,
aus dem der Christus Jesus auferstanden sein soil - das Ostergeheimnis,
ja, ja, das Ostergeheimnis: man mufi sich schon einmal durchringen zu
der Erkenntnis, daft von dem Garten an der Schadelstatte dieses Oster-
geheimnis ausgegangen ist; auferstanden ist dort das Ostergeheimnis -
der Gedanke der Auferstehung ist von dort gekommen, und an den
miissen wir uns halten und im ubrigen nicht dahin sehen, was da eigent-
lich geschehen ist; die Meinung von der Auferstehung ist ausgegangen
von dort.
Nicht wahr, das ist etwas! Lesen Sie «Das Wesen des Christentums»
von Harnack, da finden Sie diesen eigentiimlichen Auferstehungs-
gedanken! Ich habe in einer Versammlung des Giordano Bruno- Vereins
in einer Stadt einmal darauf hingewiesen und gesagt: Es ist doch ein
sonderbarer Gedanke, daft man mit der Auferstehung so fertig werden
will, daft man sagt, man wolle nicht ruhren an dem, was da eigentlich
geschehen ist, sondern wolle hinweisen darauf, daft der Auferstehungs-
glaube, der Glaube an das Ostergeheimnis von jenem Grabe heraus-
gestiegen ist. - Da sagte mir jemand: Das kann nicht bei Harnack
stehen! Das ist ja schon fast katholisch, das ist katholischer Aberglaube.
Das ist so, als ob man noch glauben sollte, daft der heilige Rock von
Trier etwas bedeute! Das ist Aberglaube, das kann nicht bei Harnack
stehen. - Ja, es steht halt eben doch bei Harnack, und ich konnte nichts
anderes tun - ich hatte das Buch nicht zur Hand als dem betref fen-
den Herrn am nachsten Tag eine Karte schreiben, dafi es auf Seite so
und so viel steht. Es sind das Dinge, die ins Schwierige hinein verlaufen.
Man koramt da nicht zurecht, wenn man von dem Jesus zu dem Chri-
stus den Weg finden soli. Einer sagte mir einmal: Wir konnen mit einer
Christologie nichts mehr anfangen, wir modernen Theologen, wir
konnen eigentlich nur noch eine Jesulogie brauchen. - Er sagte es,
nicht ich: Schade, dafi der Name Jesuiten schon vergeben ist, denn
eigentlich muSte man die Bekenner der modernen Theologie « Jesuiten»
nennen. ~ Bitte, nicht ich sagte es, sondern ein Bekenner der modernen
Theologie!
Ja nun, das ist eine Seite in der Geschichte. Die andere Seite ist diese,
dafi eine Anzahl von modernen Theologen wiederum sich mehr an den
Christus halt. Sie nehmen die Evangelien vor. Sie nehmen gewisse Aus-
sp niche in den Evangelien nicht so, wie die, von denen ich jetzt eben
erzahlt habe, dasjenige nehmen, was man als verniinftiger Mensch in
der Welt von einem Menschen glauben kann, wenn er auch ein gott-
licher Mensch ist. Aber da ist man sich nicht klar, wenn man einen
«gottlicher Mensch» nennt, wie weit man gehen soli mit der Anwen-
dung des Gottlichen: Edler Mensch, aber mehr als Sokrates - aber, na,
es geht nicht recht. Nun, das sind die einen, die Jesulogen, denn Theo-
logen, das ist nun schon ein schwer auf sie anzuwendendes Wort. Theo-
logie wiirde Gottesweisheit heifien. Das «G6ttliche» soil aber gerade
hier weggestrichen werden. Dann sind die andern; die nehmen die Aus-
spriiche nun etwas ernster. Die finden bei gewissen Aussprikhen: Das
geht doch nicht, daft man den, der sie getan hat, nur als einen gewohn-
lichen Menschen auffafk. Nicht wahr, es sind Ausspriiche in den Evan-
gelien, die nun sich einfach nicht so ohne weiteres auf ehrliche Art
einem Menschen, einem blofien Menschen in den Mund legen lassen.
Und aufierdem nehmen sie die Auferstehungsgeschichte ernst und so
weiter. Die machen sich nun zu Christologen im Gegensatz zu den
Jesulogen.
Aber nun kommen diese zu etwas anderem. Lesen Sie das Buch «Ecce
Deus» und andere Biicher, da kommen Sie darauf, dafi Sie sich sagen:
Wenn man die Evangelien ehrlich liest, kann man nicht sagen, dafi in
den Evangelien von einem Menschen die Rede ist. Es ist von einem Gott
die Rede, von einem wirklichen, richtigen Gott. - Es verlieren diese
Leute wiederum den Jesus. Und sie verlieren ihn sehr stark, denn sie
sagen jetzt: In den Evangelien ist iiberall von einem Gott die Rede;
aber der Gott kann doch nicht existiert haben, den kann es doch nicht
gegeben haben, also miissen wir den Christus beibehalten. Der Christus
ist etwas, wovon die Leute gesprochen haben, aber was nicht auf der
Erde gelebt hat. Christologie ohne Jesulogie, das ist die andere Rich-
tung. Aber zusammenkommen konnen die beiden Richtungen nicht.
Und so ist es heute schon wirklich: Diejenigen, die von dem Christus
sprechen, haben den Jesus verloren, und diejenigen, die von dem Jesus
sprechen, haben den Christus verloren. Der Christus ist ein unwirk-
licher Gott geworden, und der Jesus ist ein unwirklicher Mensch ge-
worden. Auf dieser Bahn mufi es unbedingt weitergehen, wenn nichts
hinzukommt.
Das, was hinzukommt, mufi die Geisteswissenschaft sein, die wie-
derum begreifen kann, wie der Christus im Jesus gelebt hat. Und das ist
im Grunde genommen gerade einer der wichtigsten Punkte der geistes-
wissenschaftlichen Lehre, dafi sie fuhren kann zu einem Begreifen, wie
der Christus auf demUmweg durch die zwei Jesusse wirklich dasWesen
werden konnte, das in den Mittelpunkt der Erdenentwickelung der
Menschheit sich hineinstellte, weil diese Geisteswissenschaft wiederum
eine Anschauung hat davon, was der Mensch ist, wie im Menschen sich
Geistiges, Seelisches und Leibliches zusammenfiigt. So kann man auf-
bauend auf diesem auch erst wiederum begreifen, wie der Christus mit
dem Jesus zusammenkommt. Das ist natttrlich kompliziert und nicht
einfach zu verstehen, aber es ist zu verstehen. Und so sehen Sie, wie aus
dem Urspriinglichen heraus dasjenige, was fur die Menschheit ver-
lorengegangen ist, wiederum hergestellt werden mufi durch die Geistes-
wissenschaft, auch m bezug auf das Verstandnis des Mysteriums von
Golgatha. Als der Christus m der Welt erschienen ist, war das Ver-
standnis fur ihn nicht moglich. Dieses Verstandnis mufi erst nach und
nach erworben werden. Was er gewirkt hat, hat er in derTatsachlichkeit
gewirkt. Aber die Ansatzpunkte sind iiberall da. Und auch aus dem
einfachstenWeihnachtsspiel heraus lassen sich Ansatzpunkte finden.
Was wird denn hingestellt? Hingestellt wird besonders da deutlich,
wo noch die Paradeisspiele in Betracht kommen, hingestellt wird, wie
ein Mensch in die Welt hereintritt, von dem, nur durch dasjenige, was
nebenbei geschieht, klar wird: es ist der Jesus. Der Mensch tritt als
Kind in die Welt herein. Ich sagte: Das Paradeisspiel war damit ver-
bunden - der Anfang der Erdenentwickelung -, mit dem Mysterium
von Golgatha. Warum das? Da miissen wir in Betracht ziehen, dafi im
Beginne der Erdenentwickelung der Mensch der luziferischen Ver-
suchung ausgesetzt worden ist. Dadurch ist er ein anderes Wesen ge-
worden, als er im regularen Fortschritt geworden ware. Wenn wir also
den Adam, symbolisch gesprochen, aufter dem Paradiese vor uns haben,
so ist er ein anderes Wesen, als wozu er bestimmt war vor der luziferi-
schen Versuchung. Wodurch tritt das denn zutage? Steilen Sie sich vor:
Luzifer ware nicht an den Menschen herangekommen, der Mensch
wiirde ohne den luziferischen Impuls leben, dann wiirde er im Ather-
leibe ganz anders leben. Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes
geht und seinen Atherleib noch hat, und ihn dann abstreift, so bleibt da
dieser Atherleib, aber in diesem Atherleib ist abgedruckt dasjenige, was
der Mensch tut und denkt durch die luziferische Verfuhrung. Nicht
wahr, der Mensch stirbt, geht also durch die Pforte des Todes. Der
physische Leib wird den Elementen iibergeben. Nach einigen Tagen
lost sich der Atherleib von derWesenheit des Menschen los. Der Mensch
geht dann seine weiteren Wege. Aber in diesem Atherischen ist drinnen
dasjenige, wozu dieser Atherleib geworden ist dadurch, dafS der Mensch
denkt und fiihlt und handelt, so wie er nach der luziferischen Ver-
suchung denken und fiihlen und handeln mufi. Also nun steilen Sie sich
die Erde vor. Hinein in die Erde kommt der menschliche physische
Leib, er wird den Elementen der Erde iibergeben. Aber sein Atherleib,
der bleibt mit der Erde verbunden. Da haben wir die Atherleiber der
Menschen, die sind nun einmal da in der Erdenatmosphare. Sie sind
anders, als sie waren, wenn nicht die luziferische Versuchung gekom-
men ware. Auf diese Atherleiber bezieht sich naturlich alles, was ich
sonst iiber die Atherleiber gesagt habe. Aber auch dasjenige bezieht sich
darauf, was ich heute andeute, so dafi wir sagen konnen: Ein Mensch
wird in die Erde eingebettet. Dasjenige, was er auf der Erde zuriick-
lalk, was sein Atherleib geworden ist wahrend des Lebens, ist diirrer,
verholzter, als es ware, wenn die luzif er ische Versuchung nicht gekom-
men ware. Verholzter, diirrer - es ist dieser Unterschied wirklich vor-
handen. Denken Sie sich, es ware nie die luziferische Versuchung ge-
kommen, dann wiirde der Mensch bei seinem Tode einen viel «ge-
jiingerteren» Atherleib hinterlassen, gleichsam einen viel griineren
Atherleib. Er lafit einen viel diirreren, ausgetrockneteren Atherleib
durch die luziferische Versuchung zuriick, als er ohne die luziferische
Versuchung zuriicklassen wiirde. Es ist schon ausgedriickt in der Le-
gende, dafi aus dem Grabe Adams der verholzte Paradiesesbaum her-
auswachst. Aber das, was da in der Erde lebt, lebte vor dem Mysterium
von Golgatha in dem luziferisch infizierten Atherleib. Das war gerade
das Element, wo hinein erlosend der Leib des Jesus von Nazareth sich
begab, als Phantom, wie ich einmal durch die Karlsruher Vortrage an-
gedeutet hatte. Also nun stellen Sie sich das Grab Adams vor: Adam als
physischer Leib den Elementen der Erde ubergeben, aus dem Grabe
Adams heraus den verholzten Atherleib, der der Reprasentant des-
jenigen ist, was am Menschen luziferisch infiziert ist und ubrigbleibt
nach dem Tode. Das ist zu gleicher Zeit das Holz, an dem der Mensch
gekreuzigt werden kann. Und es entsteht diese Kreuzigung in dem
Zuriickbleiben des Phantoms von dem Jesus von Nazareth nach dem
Mysterium von Golgatha, das sich gerade mit dessen Hilfe mit der
Erde verbindet. Das ist ausgedriickt in der Legende, indem gesagt wird:
Dieses Holz ging von Generation zu Generation und es bildete wieder-
um das Holz des Kreuzes von Golgatha. Dieses Bild ist das Bild, das
einer wirklichen Tatsache entspricht, namlich das, dafi durch die Kreu-
zigung das Phantom des Jesus von Nazareth sich vereinigte mit dem,
was in der Erde atherisch lebte von all den luziferisch infizierten Ather-
leibern, die natiirlich ausgestreut waren und sich verdunnt und auf-
gelost hatten, aber eben in ihren Kraften da waren. Es ist eine sehr
bedeutende, eine ganz unendlich tiefe, die Erdengeheimnisse beleuch-
tende Tatsache, die wir dabei hier ins Auge zu fassen haben.
Aber wodurch wird denn der Mensch verwandt mit diesem luzi-
ferisch infizierten Atherleib? Dadurch, dafi er sich hereinlebt in die
physische Welt, wo er zum Kinde wird. Da ist es natiirlich noch nicht,
wo er zum Kinde wird. Daher sieht man wirklich den luziferfreien
Menschen,wenn man das Kind mit dem richtigen Gefiihle ansieht,wenn
es in die Welt hereinkommt. Und ist man imstande, das Kind mit dem
richtigen Gefiihle anzusehen, wie es hereinkommt in die Welt, so sieht
man schon den Menschen mit seiner Christus-Verwandtheit an. Das ist
das Gefiihl, das erreicht werden sollte bei denen, denen der Jesus im
Weihnachtsspiel iibergeben wurde: zu empfinden das, was ich an-
gedeutet habe gleich auf den ersten Seiten der kleinen Schrift iiber den
Fortschritt der Menschen und der Menschheit, wo ich von den drei
ersten Jahren gesprochen habe, von diesem Hereintreten. Denn wenn
dies, was da den Menschen durchsetzt, in der Mitte seines Lebens ihn
durchdringen kdnnte - ich habe es darin angedeutet -, dann wiirde man
eine Vorstellung von der Art und Weise haben, wie der Christus in dem
Jesus gelebt hat. Dieses Hinblickenkonnen auf dasjemge,was noch nicht
luziferisch infiziert ist in dem Kinde, das ist dasjenige, was gerade im
Weihnachtsspiel vor sich gehen kann.
Und denken Sie, was das alles schliefilich ist. Es ist eigentlich etwas
Ungeheures, wenn man so hinschaut auf das Kind. Ich habe in dieser
kleinen Schrift darauf aufmerksam gemacht, wie wir in der Jugend
gescheiter sind, wenn auch unbewufk gescheiter, weil wir unseren Leib
erst nach und nach aufbauen miissen, was wir spater nicht mehr kon-
nen. Man ist gescheiter, man ist viel weiser, als man spater ist, in dem
inneren Durchdringen des Menschen, der menschlichen Wesenheit, aber
man hat noch nicht Luziferisches. Indem man so innerlich arbeitet,
wenn man Kind ist, bis zu dem Zeitpunkte hin, bis zu dem man sich
spater zuriickerinnert, arbeitet man an der feinen Ausziselierung seines
Leibes. Man arbeitet da nach unendlich weisheitsvollen Gesetzen, von
denen man spater in dem luziferisch-ahrimanisch durchsetzten Wissen
niemals eine Ahnung bekommen kann. Wenn man darinnen in dieser
Wesenheit arbeitet, ist man noch f rei von allem, in das man spater hin-
einkommt, indem man mit dem Leib zusammen die Welt erlebt. Man
ist f rei von alien Unterschieden, selbst von dem grofien Unterschied des
Mannlichen und Weiblichen. Man ist als Kind noch nicht im Mann-
lichen und Weiblichen darin lebend. Man ist noch nicht in einem
Standes-, Rassenunterschiede darin, ist noch nicht in einem nationalen
Unterschiede darin. Man ist Mensch, blofier Mensch. Man ist real in
dem darin, worin selbst diejenigen einmal gelebt haben, die sich jetzt
durch das, was sie erst aufierlich erleben, durch Hafi, im Kriege gegen-
uberstehen. Dafi man sich in der Welt hassend als verschiedenen Natio-
nen angehorig gegeniibersteht, das wird erst durch diejenigen Krafte
entwickelt, in die man sich mit dem physischen Leib zusammen hinein-
lebt. Das Kind lebt, bevor es sich mit dem physischen Leib zusammen-
gelebt hat, noch in dem darin, das jenseits von Nationen- und Standes-
unterschieden ist. Es lebt drinnen in dem, in dem nun wirklich die See-
len leben konnen, wo sie auch geboren sind auf der Erde. Denken Sie
doch, die Menschen konnen sich furchtbar bekampf end, wiitig bekamp-
fend gegenuberstehen, sich gegenseitig totschiefien - und diejenigen, die
sich gegenseitig totschiefien, in dem gemeinschaftlichen Christus kon-
nen sie durch die Pforte des Todes durchgehen, in dem, worinnen sie
sind, wenn sie noch nicht mit den Unterschieden der Menschen behaftet
sind. Was sich hassend gegeniibersteht, das erwirbt sich der Mensch erst
im physischen Leib, das hat nichts zu tun mit dem, was aufierhalb des
physischen Leibes ist. Viel, viel hat die Gegenwart zu lernen, gerade die
Gegenwart, indem sie sich wiederum zuriickfindet zu der Verehrung
des Jesus in der Zeit, wo er dargestellt wird als Kind, da er noch nicht
eingetreten ist in dasjenige, was die Menschen differenziert und sie
gegenseitig zu Streit und Hader bringt. Erst durch dasjenige, was der
Mensch erlebt, wenn er etwas anderes wird, als das Kind ist, von dem
zu Weihnachten gesprochen wird, erst durch das entsteht Krieg und
Streit. Dasjenige, was zu Weihnachten gespielt wird, ist der Mensch,
wirklich als in Verbindung stehend mit den kosmischen Machten, aber
so, dafi in einzigartiger Gestalt aufierlich auf dem physischen Plan sich
offenbart, was nicht eingeht in Streit, was in gleicher Weise diejenigen
in ihrem Herzen tragen konnen, die sich aufierlich bis auf den Tod
bekampfen.
Es liegt eine ungeheure Tiefe darin, dafi gerade in Ankniipfung an
den nathanischen Jesusknaben diese Seite vor dieMenschheit hingestellt
wird, so dafi sich der Mensch beriihrt mit jener Seite, durch die er in die
Welt hereintritt ohne den Schatten einer Differenziertheit, indem er
noch nicht in Nationen, in andere Unterschiede eingetreten ist, in jene
Unterschiede, in die er erst eintritt durch das Zusammenleben mit dem
Leib. Es beriihrt sich auf der einen Seite die Jesus-Idee, die sich nur voll
ausleben kann in dem Jesus-Kinde, mit der Christus-Idee, die sich aus-
lebt, wenn man wieder rein erfassen kann in dem Jesus zwischen dem
dreifiigsten und dreiunddreifiigsten Jahre dasjenige, was nun auch gei-
stig ist, das Christus-Wesen. In doppelterWeise, durch den nathanischen
und durch den salomonischen Jesus, ist vorbereitet worden ein Leib, der
nun abseits stehen kann von alldem, was sich durch die Menschen diffe-
renziert. Und nur in einem solchen Leibe kann sich der Christus offen-
baren.
So sehen wir in unserem geisteswissenschaftlichen Sinne ahnlich, wie
ich es in dem Biichelchen iiber den Fortschritt des Menschen und der
Menschheit angegeben habe, die Jesus-Idee, sehen wir die Christus-Idee
zusammenwachsen. Das ist das grofite, das bedeutsamste Bedurfnis in
unserer Zeit. Die Menschen hatten bisher nur eine Weihnacht und nur
ein Ostern, aber diese gehorten nicht zusammen. Denn das Ostern ist
ein Christus-Fest, das Weihnachten ist ein Jesus-Fest. Zusammen fiihren
das Ostern und Weihnachten nur dann, wenn man verstehen kann, wie
der Christus und der Jesus zusammengehoren. Und die Brticke zwischen
Weihnachten und Ostern wird die Geisteswissenschaft schlagen. Und
aus dem einfachen Hirtenspiel wird eine Briicke hiniibergeschlagen zu
dem feinsten Verstandnis, das gewonnen werden kann, wenn wir die
Geisteswissenschaft so weit treiben, dafi wir durch sie den Christus fin-
den. Nur mussen wir die Fahigkeit haben, mit der Gesinnung der Hir-
ten zu gehen, nicht mit der Gesinnung der Wirte. Der Gegensatz zwi-
schen dem Materialismus und dem Spiritualismus wird in wunderbarer
Weise kontrastiert in den «Wirten» und den «Hirten». Und im Grunde
genommen ist das die grofie Frage in unserer Zeit, ob die Leute Wirte
sein wollen oder Hirten sein wollen. Ein grofier Teil der Ereignisse
unserer Zeit riihrt davon her, dafi die Leute Wirte sind. Das Wirtesein
ist ausgebreitet in der Welt. Hirten zu sein, mussen wir wiederum ver-
suchen, Hirten zu werden. Da werden sich allerdings auch noch unter
den Hirten gar manche Zweifler finden, und wenn der eine sagt: Ich
glaube, ich sehe dort einen Schein, das heifit, ich vernehme etwas Gei-
stiges -, so wird der andere noch immer lange kommen und wird sagen:
Das ist alles nur Phantasterei. - Gewifi,aber wenn der Mensch nur jetzt
die Seiten in sich entwickeln kann, welche nicht auf dem f ufien, was auf
der Erde erworben ist, sondern den Zusammenhang finden kann mit
dem, was der Mensch doch in seiner inneren Wesenheit aus dem Geisti-
gen, Himmlischen herausgebracht hat, dann wird er ein Hirte sein kon-
nen. Die Menschen stehen heute gar zu sehr in dem Haus darinnen, in
dem sie dasjenige haben, was der Wirt hat, dasjenige, was hereinge-
bracht worden ist aus dem, was aus der Erde ist. Das kann auch nur mit
irdischen Werten bemessen werden. Diejenigen aber, die noch einen
gewissen Zusammenhang mit dem haben, was geistig die Welt durch-
wallt und durchpulst, die die Hirtennatur noch in sich bewahrt haben,
die sollen die Wege finden, finden konnen, dafi man im Grunde ge-
nommen mit aufierem Wissen auch nur den aufieren Schein findet. Man
wird anf angen allmahlich, Weihnachten zu verstehen, wenn man unter-
scheiden lernen wird die Wirtenatur und die Hirtennatur, und wenn
man wissen wird, wieviel von Wirtenatur in unserer Zeit ist. Aber iiber
ein Kleines wird man sich allerdings hinweghelfen miissen. Selbstver-
standlich mufi man unterscheiden zwischenWirten- und Hirtennaturen,
sind wir doch umgeben von lauter Wirten, ist man doch iiberall, wohin
man kommt, von lauter Wirten umgeben und fuhlt sich dabei so recht
als ein Hirte. Selbstverstandlich fuhlt man sich immer als ein Hirte!
Uber das mufi man schon hinwegkommen, dafi man mindestens auch
ein bifichen f orscht nach dem Wirtsleuteelement, das man in sich selber
tragt, und sich nicht gar zu sehr als Hirte ansieht. Sich fragen wird
man manchmal miissen: Sehe ich schon den Schein, der da kommen soli
und ankiindigen dasjenige, was durch die neueGeisteswissenschaft kom-
men soil? - Pflegen wird man miissen alles dasjenige, was in uns leben-
dig machen kann die Empfindungen: in dieser neuen Geistesrichtung
Weihnachten in seinem Herzen feiern zu konnen, aus der Finsternis
heraus das Licht zu suchen, aber in ihm suchen und wirklich suchen
wollen, richtig suchen wollen, und indem man sucht, auch wirklich das
Gefiihl haben, dafi es mit einem Male nicht abgemacht ist, und dafi man
immer wieder kommen mufi, wie es die Hirten getan haben, die auch
versprechen, dafi sie wiederkommen; dafi sie es mit einem Male nicht
abgemacht sein lassen wollen.
Ja,vieles ist noch zu lernen gerade von diesem einfachen Weihnachts-
spiel, und deshalb ist es, denke ich, gut, dafi man auch diese einfachste
Form, das Weihnachtsmysterium zu empfinden in diesen einfachen
Formen, jetzt unter uns ein bifichen pflegt. Denn mancherlei schwere
Kampfe werden gerade dem geisteswissenschaftlichen Streben in der
kommenden Zeit entgegentreten, und nur diejenigen, welche wirklich
gelernt haben, an der geistigen Erfassung des Weihnachtsgeheimnisses
Hirten zu werden mit aller Demut der Hirten, aber auch mit allem
weisen Suchen des mit der Welt in Treue verbundenen Hirten, werden
den Weg finden. Schreiben wir uns das zu dieser Weihnachtszeit in die
Herzen, in die Seelen ein, damit wir immer mehr und mehr suchende
Hirten werden und in der Zeit lernen, das Heilige in der innersten See-
lenstimmung des Menschen zu suchen, wie es gefunden worden ist aus
der profanen Stimmung heraus, wie ich es Ihnen charakterisiert habe,
als wie mehr aus einer Faschings-, nicht aus einer heiligen Unterhaltung
heraus die weihevollste Form des Weihnachtsspiels auch nach und nach
entstand.
Versuchen wir in Ankniipfung gerade an dasjenige, was uns die
Weihnachtsspiele zeigten, das Geistige zu suchen, dann werden wir es
im richtigen Sinne als Hirten finden, nicht als Wirte, die schon ver-
loren haben - so meint es symbolisch das Weihnachtsspiel - den Zu-
sammenhang mit dem Weihnachtskind. Und unsere Zeit hat das sehr
notwendig, recht sehr notwendig, unsere Zeit, in der der Materialismus
so weite, weite Gebiete der aufieren Welt, des inneren menschlichen
Fiihlens erworben hat, und in dem es einer spirituellen Weltauffassung
so schwierig ist, auch nur gegeniiber den mifibrauchten Worten, mit
denen man sich ausspricht, die rechten Worte zu finden, zu sagen das,
was die rechten Worte sind.
DER BAUM DER ERKENNTNIS UND DER WEIHNACHTSBAUM
DIE WEIHNACHTSSTIMMUNG IN STIFTERS NOVELLE
«BERGKRI STALL*
Basel, 28. Dezember 191$
Von dem innigen Verwachsensein des Weihnachtsfestes mit der Geist-
natur haben Sie soeben gehort. Es ist wahr, dieser Gedanke darf beson-
ders tief und besonders warm unsere geisteswissenschaftlichen Arbeits-
zweige durchdringen beim Anblicke des lichterbesetzten Baumes in der
finsteren Wintermitte, Winternacht. Von all den Symbolen, welche aus
einem gewissen elementarischen, nicht aus einem oberflachlich liegen-
den Bewufitsein heraus in das Geistesleben eingetreten sind, ist eigent-
lich der Weihnachtsbaum eines der jiingsten. Wenn wir urn etwa zwei-
hundert Jahre zuriickgehen in der Zeit der Entwickelung des europa-
ischen Geisteslebens, so finden wir den Weihnachtsbaum hochstens ganz
vereinzelt da und dort auftreten. Er ist noch nicht alt als Weihnachts-
symbol. Mit diesem Gedanken, daft der Weihnachtsbaum, der die Freude,
den Impuls der Dankbarkeit des kindlichen Herzens erregt, eines der
jiingsten christlichen Symbole ist, vereinigt sich bei uns wohl leicht der
andere Gedanke, dafi uns in vielen unserer Zweige dieser Weihnachts-
baum unendlich lieb geworden ist, und dafi wir ihn dann, wenn wir in
unseren Zweigen das Weihnachtsfest feiern, nicht missen mochten.
Wahrhaftig, dieser Weihnachtsbaum hangt zusammen, trotzdem er -
aber aus unterbewufiten Tiefen des menschlichen Herzens - sich erst
spat zum christlichen Weihnachtssymbolum umgestaltet hat, mit tiefen
Empfindungen und Gefiihlen iiber das Wesen und die Bedeutung der
Weihenacht. Im Mittelalter ist es iiblich geworden, dafi um die Weih-
nachts-, um die Neujahrs-, um die Dreikonigszeit Weihnachtsfestspiele
aufgefuhrt wurden. Bauern, die sich lange darauf vorbereiteten, stell-
ten, indem sie in den Dorfern herumgingen, die Geburt des Christus
dar. Sie stellten dar die Erscheinung der drei Konige, der drei Magier
vor dem eben geborenen Christus. Sie stellten aber auch dar im soge-
nannten Paradeisspiele dasjenige, was im ersten Buch Moses als die
Schopfung unserer Erdenwelt geschildert wird, diejenige Szene, die uns
so gewaltig aufhellend, die Geheimnisse unserer eigenen Seele ent-
hiillend, oftmals vor Augen treten mufi, die Szene am Erdenanfang, in
die hinein die bedeutungsvollen Worte tonten: Ihr sollt essen von alien
Baumen des Gartens, aber nicht essen sollt ihr vom Baum der Erkennt-
nis des Guten und des Bosen. - Jetzt ist nur noch als Erinnerung an die
innere Verbindung des Erdenschopf ungsanfanges mit dem Weihnachts-
fest das geblieben, dafi unser Kalender am 24. Dezember «Adam und
Eva» aufweist und am 25. das Geburtsfest des Christus Jesus.
Und dennoch, man kann - wie gesagt, nicht aus einem Gedanken
heraus, sondern aus einem Gef iihl heraus - nicht umhin, zu empfinden :
Ist nicht vielleicht aus dunklen Untergriinden des menschlichen, christ-
lich fuhlenden Herzens heraus der Impuls entstanden, am Geburtstage
des Christus Jesus aufzustellen jenen uralten Weltenbaum, den Baum
von der Mitte des Paradieses, von dem eigentlich nicht hatte gegessen
werden sollen? Das Paradeisspiel wurde aufgefuhrt. Geblieben sein
konnte von der Erinnerung an das Paradies der Paradiesesbaum, und
vereinigt sein konnte der Paradiesesbaum mit den Gefuhlen, die wir
haben konnen iiber die Geburt des Christus Jesus.
Nicht Theorien will ich hier entwickeln, dazu ist der Festestag heute
nicht da. GewiiR, man kann anderes sagen iiber die Griinde des Auf-
kommens des Weihnachtsbaumes, aber aus dem Gefuhle heraus, wie es
sich uns ergeben konnte, indem wir neben ihm stehen, indem wir auf-
leuchten lassen in unserer Seele gerade diejenigen Empfindungen, die
uns an diesem Feste verbinden mit den kindlichsten Empfindungen des
Menschen, aus diesem Gefuhle heraus mochte man im Anschauen des
Weihnachtsbaumes sprechen, weil man an ihm etwas sieht wie eine Er-
neuerung des Paradiesesbaumes. Wie ein heidnisches Symbolum nimmt
sich ja dieser Weihnachtsbaum eigentlich nicht aus, auch nicht wie ein
nordisch-heidnisches Symbolum. Wenn unsere Erde sich mit Schnee be-
deckt, wenn die Eiszapfen von den Dachrandern der Hauser und iiber
die Baume hin hinunterhangen und die Menschen sich hereinfluchten
aus denjenigen Gebieten der Erde, wo durch Monate hindurch das Grim
und die bunte Blumenwelt das Auge entziickt, die Fruchte sich dar-
geboten haben, die fur des Menschen Notdurft notig sind, wenn der
Mensch sich hereinfluchten mufi aus alldem, was draufien, zunachst
wenigstens, nach seiner Empfindung fiir ihn da ist, mit dern er sich zu
beschaftigen, womit er zu leben hat die Friihlingszeit, die Sommerszeit
hindurch, wenn er sich hereinfliichten mufi in jene Stuben, durch die
der Schnee hereinschaut, die Eiszapfen hereinschauen, und von innen
aus sie erwarmen mufi, dann empfand der Heide wohl etwas von dem,
was werden konnte aus der Welt, wenn diese Welt sich selbst iiberlassen
ist. Den grofien Winter am Ende des Erdenseins empfand der Heide,
wenn er so verlassen war von den Geistern der Natur, von alldem, was
er als Gnomen, Undinen und Sylphen fuhlte, wenn er fliehen mufite
in die Ofenwarme herein, fliehen mufite von dem, was ihn verlassen
machte von seiner geliebten Natur, und er nur durch eine geringfiigige
Offnung dasjenige erblickte, worin man nicht sein konnte. Wenn er
diese Verlassenheit erleben konnte, so fuhlte er in dieser Winterzeit ins
Unendliche ausgebreitet, alles uberschwemmend, alles iibertonend, das
Ende des Erdendaseins, den groften Weltenwinter.
Der Christ wiirde ihm geantwortet haben, wiederum vielleicht nicht
aus einem theoretischenVerstandnis,aber aus einemGefiihlsverstandnis
heraus: Du magst recht haben, so ware es mit der Erde gekommen,
wenn der Baum seine Wirksamkeit hatte entfalten mussen, von dem die
Menschen unerlaubterweise durch luziferische Verfuhrung genossen
haben die Frucht der Erkenntnis des Guten und des Bosen. Und wenn
man so denkt an die Erdenentwickelung mit diesem Erdenziel nach
der Verlassenheit und Einsamkeit des Winters, nach der Kalte und dem
Froste, auch in bezug auf das Seelische, das allem Irdischen bevorstehen
wiirde, und wenn man es ankmipfen kann an dieFolge derluziferischen
Verfuhrung, an die Wirkungen des Genusses vom Baume der Erkennt-
nis des Guten und des Bosen, dann kann man auf der andern Seite so
recht fiihlen, was der Christ-Gedanke eigentlich zu bedeuten hat.
Eher, vor dem Christ-Gedanken, kam der Ostergedanke dem Men-
schen der christlichen Entwickelung zum Bewufitsein, jener Gedanke,
von dem durch die Ostersymbole so bedeutsam erzahlt wird, wodurch
derMensch befreitworden ist von all dem, was in der luziferischen Ver-
fiihrung ist. Das Grofiartige des Erlebens des Ostergedankens kann
durchbeben, durchwehen die Seele in der Fruhlingszeit mit der auf-
wachenden Natur. Aber ein anderes ist es mit dem Weihnachtsgedan-
ken, dieser andern Seite des Christ-Gedankens. Zum Verstandnis des
Ostergedankens ist schon einiges notwendig, das man an Erkenntnis
vorausbekommen haben mufi. Den Weihnachtsgedanken verstehen
fiihlend, ich mochte sagen, die kleinsten Kinder. Und was ist denn
eigentlich dieser Weihnachtsgefuhls-Gedanke, wenn man ihn so er-
forscht in den Kindern, die gerufen werden, nachdem der Weihnachts-
baum gerichtet ist, die Lichter angezundet, die Geschenke ringsherum
gelegt sind, was ist denn dieser Weihnachtsgefuhls-Gedanke, wenn dann
die Kinder hingefuhrt werden zum Weihnachtsbaum, wenn sie die
Gaben empfangen, wenn ihnen gesagt wird, das habe ihnen der Heilige
Christ gebracht - was ist denn das Wesentliche?
Die Kinder wissen es vielleicht nicht, sie fiihlen es aber unbewufit in
jenen Griinden, die so tief in des Menschen Seele sitzen, dafi man sie
eben nicht immer zum Bewulksein rufen kann. Was ist denn eigentlich
dieses Wesentliche, wenn man so recht erforscht, was da eigentlich in
den Kindern lebt - man tut es gewohnlich nicht -, aber wenn man er-
forscht, was in den Kindern lebt, wenn sie zum Weihnachtsbaum ge-
rufen werden und horen, diese Geschenke habe ihnen das iiberirdische
Wesen gebracht? Es sind keine solchen Geschenke, die sie selber draufien
pfliicken konnen am Bache, in der Sommer-, in der Fruhlingszeit, nein,
das ist ihnen aus Uberirdischem geworden. Was ist es, was dann in den
Kindern lebt? Ich meine, man kann sagen, gerade wenn man tief
forscht in den Herzen der Kinder mit denjenigen Augen, die man die
Seheraugen nennen kann, die man sich nach und nach erwirbt: das Be-
deutsamste, das intensivste Gefiihl, das da in den kindlichen Herzen
unbewufit lebt, ist eine ganz unendlich tief gehende Dankbarkeit. Und
man empfindet dann, wenn man sich hineinfuhlt, etwas wie den Ge-
danken, der aus lost dieses Gefiihl der Dankbarkeit: Warum greift
denn diese Dankbarkeit so Platz in den Herzen, in den Seelen der Kin-
der? Warum denn? - Weil eigentlich sich dieses Herz wieder im tief-
sten Unterbewufiten sagt: Dankbar miissen wir Menschenkinder sein,
dafi wir nicht verlassen geblieben sind, dafi ein Wesen sich uns geneigt
hat aus Geisteshohen herunter, das Wohnung hat nehmen wollen inner-
halb des menschlichen Erdendaseins; daft auf jener Erde, die dunkel
hatte bleiben miissen infolge der Paradiesesversuchung, die erkalten
und erstarren hatte miissen als die grofie Winterzeit, hereingetreten ist
in dieses zur Erstarrung sich vorbereitende Dasein das Wesen, das man
alljahrlich aufs neue hereintreten sieht in die Zeit, die uns auch wirk-
lich schon symbolisch andeutet dieses Erdenende in dem Froste des
Winters, in dem Dunkel, in dem Finstern des Winters. Dankbar miis-
sen wir sein dem Weltengeiste, der herabgestiegen ist, sich vereinigt hat
mit der Erdenentwickelung der Menschen, so daft wir nicht zu f iirchten
brauchen, daft der grofte Winter kommt, sondern hoffen diirfen, daft
dann, wenn durch den aufieren natiirlichen Gang der Erde der grofie
Winter in seinem Erden-Kosmos-Froste folgen wiirde, da sein wird
dasjenige Wesen, das sich uns in Kindesform alljahrlich nahert und die
Erde verjiingt, daft sie nicht erstarrt hinausgetragen wird zu ihrem
weiteren Dasein im Kosmos. Daher die unendliche Warme, die gerade
von diesem Weihnachtsfeste ausgeht. Und daher, ich mochte sagen,
dieser eigentumlich beweisende Charakter des Weihnachtsfestes. Das
Weihnachtsfest hat etwas Christ-Beweisendes.
Man kann dem Weihnachtsfeste gegeniiber empfinden, daft das, was
es darstellen will,wahr ist, dadurch, daft, sobald nur derGedanke dieses
Weihnachtsfestes in der Menschen-Kindesseele erfaftt ist, er sogleich in
seiner ganzen Bedeutung dieses Kinderherz, diese kindliche Seele des
Menschen auch ergreift und wirklich alles Kindliche in dem Menschen
erfaftt, gleichgiiltig ob dieses Kindliche im Kindesalter oder noch im
spatesten Alter sich geltend macht. Gerade Menschen, die so recht fiih-
len konnen auf der einen Seite die auftere Natur mit all ihrer Friih-
lings- und Sommerschonheit, die auch empfinden konnen diese eigen-
tiimliche Verlassenheit der Winterzeit, die fiihlen konnen die Weihe-
stimmung der Weihnachtszeit, die fiihlen auch dieses Beweisende des
Weihnachtsfestes.
Ein Dichter, der sich Zeit seines Lebens immer eingelassen hat in eine
bis ins Kleinste gehende Naturbetrachtung, hat in einer seiner Dich-
tungen auch iiber das Weihnachtsfest herrlich schon gesprochen, der
Dichter, von dem die Worte stammen: Da sagen die Menschen, ein Ge-
witter ist groftartig, der Sturm sei groftartig, ein Erdbeben, ein Vulkan-
ausbruch konne groftartig sein - ich finde: groftartig ist das Marien-
kaferchen, das iiber das Blatt lauft, wenn man es nur in seiner richtigen
Wesenheit erfiihlen kann. - So ungefahr hat der Dichter Adalbert
Stijter gesprochen. Und aus dieser seiner Bekanntschaft mit dem Gro-
fien im Kleinen der Natur, mit dem, was geistig alle Natur durchzieht,
ist auch seine schone Weihnachtserzahlung hervorgegangen, die in
ihrem Grundton das Beweisende des Weihnachtsfestes eigentlich webt
und lebt.
Wir werden durch den Dichter in ein einsames Alpental gefuhrt,
das ein Nachbartal hat. In beiden Talern sind Dorfer. Wie es in den
Alpen ist - wenigstens in f riiheren Zeiten war kommen die Bewohner
des einen Tals mit den Bewohnern des andern Tals wenig zusammen.
Da aber stellt sich heraus, dafS sich ein Bewohner - ein Schuster ist es -
aus dem einen Tal mit einer Bewohnerin des andern Tals verheiratet.
Wie eine Fremde wird diejenige angesehen, die nur eine kurze Strecke
weiter ubers Gebirge hiniiber geboren ist. Kinder bekommen sie. Die
Grofieltern sind driiben im andern Alptal. Der Grofivater ist auf den
Schwiegersohn nicht gut zu sprechen, daher sieht er sich wenig nach
den Kindern um, aber die Grofimutter ist friiher ofter heriibergekom-
men. Aber als die Kinder ein wenig herangewachsen, obwohl noch klein
waren, war die Grofimutter schon alt, konnte nicht mehr so oft her-
iiberkommen. Da besuchten sie denn die Kinder. Einmal wurden sie
hiniibergesandt, es war gerade am sogenannten Heiligen Abend, in das
andere Alptaldorf, bei einem Wetter, das durchaus ungefahr lich war.
Sie gingen dahin. Sie hatten wohl, da sie noch ganz junge Kinder waren,
nur wenige Male mit einigem Bewufitsein in der nachtlichen Stille der
Alpenhiitte vor dem Christbaum gestanden und einige Worte gehort
von dem Christ-Geheimnis, weniges nur gehort. Nun wurden sie also,
als sie noch verhaltnismafiig kleine Kinder waren, entlassen. Sie sollten
die GrolSmutter besuchen. Man konnte hoffen, daf$ das Wetter giinstig
bliebe. Sie gingen hin zur Grofimutter in das Nachbardorf. Die Grofi-
mutter gab ihnen ihre Geschenke mit, sie ermahnte sie, ja recht vor-
sichtig nach Hause zu gehen. Aber siehe da, Schneefall kam. Sie muft-
ten iiber das Gebirge hiniiber nach dem andern Tal. Sie verloren den
Weg, sie fanden ihn nicht wieder. Sie verirrten sich. Der Knabe, der
etwas grofier war, nahm sich innig des kleinen Madchens an. Sie kamen
sogar iiber Gletscher. Sie konnten sich nur dadurch aufrechthalten, dafi
sie von der Grofimutter etwas Kaffee mitbekommen hatten, den sie
auspackten. Der Knabe hatte einmal gehort, dafi man durch Kaffee
das Erfrieren verhindern konne. Ja, sie konnten den Weg nach Hause
nicht finden. Die Nacht wurde immer finsterer, und sie waren hoch
oben mitten in Eis und Schnee, so da$, als um Mitternacht iiberall die
Weihnachtsglocken erklangen, sie das nicht einmal horen konnten. So
machten sie die Weihnachtsnacht durch, wahrend unten im Dorfe
selbstverstandlich nicht nur die Eltern, sondern das ganze Dorf Furcht
und Angst ergriffen hatte. Man war ausgezogen, die Kinder zu suchen.
Die Kinder aber waren oben in der Einsamkeit. Sie mufiten warten,
indem sie sich warmhielten durch alles, was sie in ihrer kleinen Klug-
heit schon kannten, mufiten warten, bis allmahlich der Morgen kam.
Da hatten sie, wie das zunachst beschrieben wird, unter sich den Schnee
und das Eis, iiber sich die Sterne. Es kam dann, indem sie auf die Berge
hinblickten, gegen Morgen eine wunderbare Helle iiber die Berge. Nun,
man fand dann die Kinder, brachte sie halb erstarrt nach Hause, steckte
sie ins Bett. Den Weihnachtsabend hatten sie versaumt, aber es wurde
ihnen dann die Weihnachtsbescherung am Tag darauf . Zunachst mufi-
ten sie aber erst aus der Erstarrung herauskommen und wurden daher
ins Bett gesteckt. Die Mutter - ich erzahle all die verschiedenen Szenen
nicht, die nun gerade von diesem Dichter wirklich in einer Menschen-
herzen aufs tiefste ergreifenden Weise geschildert sind — setzt sich an
das Bett des kleinen Madchens hin, lafit sich erzahlen, was die Kinder
Furchtbares erlebt haben. Dann sagt das kleine Madchen, das, wie
gesagt, nur einige Male wenige Worte von der ganzen Bedeutung des
Christ-Festes gehort haben wird: Mutter, wie wir da oben waren und
es so, so kalt war, und wir nichts sahen als Schnee und Sterne, da
schaute ich in die Sterne, und weifit du, Mutter, was ich da gesehen
habe, wie ich hinauf schaute in den Himmel? Da sah ich den Heiligen
Christ!
Ich sagte, eine solche Dichtung hat etwas Beweisendes, weil sie be-
zeugt, wie innig sich verwebt, auch wenn der Mensch noch wenig ge-
hort hat von dem Christ-Gedanken, auf naturgemafie, elementarische
Weise der Christ-Gedanke mit diesem menschlichen Herzen. Daher
mulS er tief im menschlichen Herzen begrtindet sein. In jedem Lebens-
alter, in dem kindlichsten Alter versteht man ihn ja. Der Dichter Adal-
bert Stifter hat wahr gesprochen. Man versteht ihn so, dafi man in der
Sternenschrift schon als ganz kleines Kind zu lesen vermag, wie der
Heilige Christ spricht. Es ist wirklich zusammenhangend mit der Dank-
barkeit gegeniiber der Weltentatsache, dafi ein Gott hat herabsteigen
woilen auf die Erde, damit die Menschen mit der Erdenentwickekmg
nicht einsam seien. Der Einsamkeit hat uns entrissen der gottliche Hei-
fer. Das empfindet das Kind. Und dieses Gefiihl der Dankbarkeit
gegeniiber den Weltenmachten, das so tief sitzen kann, das ist jenes un-
endlich warme Gefiihl, das die Herzen der Menschen durchgliiht in
der Weihnachts-Weihenacht; das macht auf geistige Art das Leben in
der Weihnachts-Weihenacht so warm in der Kalte des Winters, das
macht das Leben in der Weihnachts-Weihenacht so licht im Winter-
dunkel, wenn die Sonne am tiefsten steht.
Und wir, die wir Erkenntnis suchen, wir miissen sie doch auf andere
Weise suchen, als sie so ist, wie sie von dem Versucher hervorgegangen
ist. Und Erkenntnis suchen wir doch. Ja, geistige Erkenntnis suchen
wir. Wert mufi uns sein der Baum der Erkenntnis; er ist es wohl auch
fur uns, wenn wir richtig empfinden: der Baum der Erkenntnis. Aber
wir lassen uns ihn nicht reichenvon luziferischenMachten. Wir nehmen
ihn entgegen von dem Christus, der herunterstieg auf die Erde. Denn
so darf er entgegengenommen werden von dem menschlichen Herzen,
dem menschlichen Gemiite, dem menschlichen Erkenntnisstreben, die-
ser Baum der Erkenntnis, so darf er entgegengenommen werden, wenn
ihn der Christus uns reicht. Was Luzifer dem Menschen nicht reichen
sollte, das reicht der Christus dem Menschen. Und so erneuert sich der
Baum des Paradieses: Er wird zum Christbaum. Was als Versuchung
Luzifer dem Menschen reichte, das reicht als Aussohnung der Christus
den Menschen wiederum. Und so wird selbst der reifste Gedanke des
Erkenntnisstrebens angegliedert an den kindlichen Gedanken desWeih-
nachtsbaumes. Wie das Kind dasjenige entgegennimmt, von dem es
sonst gesehen hat, woher es kommt, an Gaben der Natur, an Gaben der
Gesellschaft, wie es das entgegennimmt als Heilige Gabe am Weih-
nachtsabend, so denken wir, wie wir dasjenige, was uns heilig und wert
ist, die Gabe vom Baum der Erkenntnis, entgegennehmen von dem
Christus, der seine Impulse mit den Erdenimpulsen hat vereinigen
wollen.
Verstehen werden wir, rege zu machen gerade im Sinne unserer
Weltanschauung jene warme Dankbarkeit gegeniiber dem Christus-
Wesen, das hat auf die Erde kommen wollen, um die Menschen zu be-
freien von der Einsamkeit, die symbolisiert ist in der Winterfinsternis
und in der Winterkalte, wahrend auf der andern Seite symbolisiert ist
die geistige Warme, der der Mensch teilhaftig werden kann mit den
geistigen Machten in dem, was an wahrer Warme von jenem Bewufit-
sein ausstrahlt, das wir in unser Herz eindringen lassen konnen von
unserem Geiste aus, wenn wir im rechten Sinne verstehen das Symbo-
lum des Weihnachtsbaumes, des erneuerten Baumes der Erkenntnis, des
Baumes der Erkenntnis, der gereicht wird von dem Christus Jesus,
wenn wir dieses die Weltenkalte erwarmende Weihnachtssymbolum zu
unserer Seele, zu unserem Herzen sprechen lassen.
NEUJAHRSBETRACHTUNGEN
Erster Vortrag, Dornach, 31. Dezember 1915
Manches, das man von den Geheimnissen der geistigen Welt mitteilen
will, mufi man zunachst bildhaft andeuten, oder wir konnten sagen,
halb bildhaft andeuten, wobei dann die Bilder aber durchaus real,
wirklich gemeint sind. Bildlich solches anzudeuten, wie ich heute gerne
mochte, zu Ihrer weiteren Meditation in Ihrem eigenen Gemiite, ist
deshalb notig, weil, wollte man nicht in Bildern, sondern in Begriffen
sprechen, man lange Ausfiihrungen wiirde machen miissen. Aber jeder
kann gewissermaften auf das Tiefere selbst kommen, der dasjenige, was
ich heute sagen werde, ein wenig in seinem Gemiite gegenwartig sein
laiSt und gewissermafien dariiber meditiert.
Wir gehen alljahrlich um diese Zeit aus einem Zeitabschnitt in den
andern. Gewifi, das kann zunachst scheinen wie eine bequeme Eintei-
lung der Zeitenfolge. Das ist es aber nicht, denn aus einem tieferen In-
stinkte heraus folgten die Menschen, die die Zeiteinteilung zu machen
hatten, gewissen grofien Gesetzen des Zeitenlaufes. Dieses Fest des
Oberganges von einem Jahr in das andere wird ja bei uns - und ich
spreche natiirlich von unseren Gegenden - begangen in der tiefen Win-
terzeit, in jener Zeit, in welcher die Pflanzen ihr Wachstum, ihr Blii-
hen, ihr Friichtetragen eingestellt haben. Nur gewisse Waldbaume
tragen ihr, wie man sagt, ewiges Griin durch die Winterweifie hindurch.
Die Sonne entfaltet ihre geringste Kraft.
Wir wissen, dafi hineinverwoben ist in all dasjenige Geschehen, das
sich vor unseren Sinnen abspielt, geistiges Geschehen. Wir wissen, dafi
wir, wenn wir durch den Wald gehen, nicht nur die Waldesbaume mit
ihren griinen Nadeln oder mit ihren Blattern um uns herum haben, son-
dern dafi in den geheimnisvollen Untergriinden des Daseins Geist- und
Seelenwesenheit waltet und wirkt. Wir haben uns schon hineingefun-
den, dasjenige, was von den ganz gescheiten Menschen in unserer Zeit
als ein kindlicher Aberglaube angesehen wird, gerade als auf das Wahr-
haft-Wirkliche deutend zu empfinden.
Und so sind wir uns denn klar, dafi allem Sinnlichen, ob es nun f este
Dinge sind, oder ob es Geschehnisse sind, die mit den Sinnen beobachtet
werden konnen, geistiges Walten und Werden zugrunde liegt. Und so
sehen wir denn zunachst einmal hin auf die unlebendige, wie man sagt,
unorganische Erde, auf alles dasjenige, was auf unserer Erde als mine-
ralisches Reich ist; schauen hin auf alles Leblose. Dieses Leblose ist fiir
den aufieren Materialisten ein blofies Lebloses. Fiir uns gehort zu jedem
Leblosen ein Seelisches und Geistiges, so dafi wir audi sprechen konnen
von einem Seelischen und Geistigen unserer ganzen sogenannten unbe-
lebten, unorganischen, rein mineralischen Erde. Allerdings, wenn wir
von diesem Erdenbewufitsein sprechen, so sehen wir in dem Geologisch-
Mineralogischen zunachst nicht einmal dasjenige, was sich vergleichen
lafit beim Menschen mit den Muskeln und mit dem Blut, sondern nur
das Knochengeriiste, namlich das Feste der Erde, so dafi wir, wenn wir
von diesem Erdenbewufitsein sprechen, dieses Erdenbewufitsein ver-
bunden zu denken haben mit der ganzen Erde, zu der nicht nur das
Knochengeriiste, sondern auch Wasser, Luft und so weiter gehort, was
Muskeln und Blut entspricht. Die ganze Erde hat Bewufitsein, ein Be-
wufitsein, das zu ihrem mineralischen Reiche gehort. Wir wollen uns
nicht beschaftigen mit der Veranderung dieses Bewufitseins der Erde
fiir eine bestimmte Gegend im Laufe des Jahres, sondern wir wollen
uns nur einmal in unser Gemiit einftihren die Vorstellung, dafi diese
ganze Erde ihr Bewufitsein hat. Und jetzt wenden wir den Blick von
der ganzen mineralischen Erde ab zu dem, was aus der Erde spriefit
und sprofit als Pflanzenwelt.
Diese Pflanzenwelt miissen wir, wenn wir sie im Sinne der Geistes-
wissenschaft anschauen, zunachst betrachten alseinselbstandigesWesen
gegeniiber unserer Erde. Und dafi die Gesamtheit des Pflanzenseins ein
selbstandiges Wesen gegeniiber der Erde ist, das tritt einem erst so
recht hervor, wenn man auf das Bewufitsein dieser beiden Wesenheiten
sieht. Wir konnen sprechen von einem Bewufitsein der gesamten mine-
ralischen Erde. Wir konnen aber auch sprechen von einem Bewufitsein
der gesamten Pflanzenwelt, die sich auf der Erde entwickelt. Die Ge-
setze dieses Bewufitseins sind allerdings andere als die Gesetze des
menschlichen Bewufitseins. Wenn wir vom pflanzlichen Bewufitsein
sprechen, so konnen wir immer nur von einer bestimmten Gegend
sprechen, weil das Bewufitsein sich andert nach den Gegenden der
Erde.
Wir als Menschen beachten nicht, dafi eigentlich ein gewisser Paral-
lelismus besteht zwischen unserem Bewulksein und dem Bewulksein
zum Beispiel der Pflanzenwelt der ganzen Erde, weil wir zwar in unser
voiles Bewulksein hinaufnehmen unser Tagesbewufitsein, nicht aber
unser Nachtbewulksein. Wir sagen einfach zur Vereinfachung unserer
Betrachtungen: Wahrend unseres Tagwachens ist unser Ich und unser
astralischer Leib in unserem physischen Leib drinnen. Ich habe aber
schon darauf aufmerksam gemacht: Das bezieht sich eigentlich nur
auf unser Blut und unser Nervensystem, nicht auf unsere iibrigen Sy-
steme. Wenn namlich Ich und astralischer Leib aus unserem Kopf
gleichsam heraufien sind, so sind sie in unserem iibrigen Organismus um
so starker drinnen.
Es ist ganz parallel damit, dafi zum Beispiel, wenn auf der einen
Seite der Erde Winter ist, auf der andern Seite Sommer ist. Auch da ist
nur eine Umwandlung des Bewufitseins. Das ist aber auch bei uns. Nur
beachten wir es deshalb nicht, weil bei uns Menschen nicht die beiden
Bewufitseine die gleiche Helligkeit haben. Bei uns sind sie verschieden
stark. Das Nachtbewulksein ist ein abgedampftes Bewulksein, fur uns
praktisch gar kein Bewulksein, und das Tagesbewufksein ist ein voiles
Bewulksein unserer andern Seite. Unsere niedere Natur wacht in der
Nacht, wenn wir mit unserer hoheren Natur schlafen, geradeso wie
es bei der Erde ist: wenn auf der einen Seite Winter ist, ist auf der
andern Seite Sommer. Wenn auf der einen Seite Wachzustand ist, ist
auf der andern Seite Schlafzustand und umgekehrt.
So, wie ich es jetzt ausgefuhrt habe und wie wir es schon ofters aus-
gefuhrt haben, gilt die Sache eigentlich nur bezuglich der Pflanzen-
welt. Die Pflanzenwelt schlaft fur uns wahrend des Hochsommers,
gerade wahrend sie sprofit und spriefit. Wahrend sie ihr Physisches
im aufiersten Mafie entfaltet, schlaft sie. Und sie wacht vollbewulk
zu jener Zeit, wenn sie aufierlich physisch keine Entwickelung durch-
macht, sondern ihre physische Entwickelung zuriickgeht; dann wacht
die Pflanzenwelt. So dafi wir von alien Pflanzen auf der Erde als
einem Ganzen sprechen und diesem Ganzen der Pflanzenwelt kommt
ja ein Bewufitsein zu.
Wenn wir von diesem Bewufitsein sprechen, das also ein zweites Be-
wufitsein ist, welches das mineralische Bewufitsein der Erde durch-
dringt, wennn wir von diesem Pflanzenbewufitsein sprechen, so konnen
wir im eigentlichen Sinne sagen: Dieses Pflanzenbewufitsein ist fur
unsere Gegenden schlafend im Hochsommer, wachend in der finstern
Winterzeit.
Jetzt aber, um diese Zeit, tritt auch etwas anderes ein. Sehen Sie,
die beiden Bewufitseine, also dieses gesamte Erdenbewufitsein, das zur
mineralischen Erde gehort, und das gesamte Pflanzenbewufitsein, die
sind getrennt, die sind das ganze Jahr hindurch zwei Wesenheiten.
Nun aber sind sie nicht nur zwei Wesenheiten, sondern sie durchdrin-
gen sich, so dafi das eine von dem andern durchdrungen ist in dieser
Zeit, in der wir jetzt stehen. Da, wo sich das eine Jahr in das andere
hiniiberentwickelt, da haben unsere mineralischen Dinge und Vorgange
der Erde und die gesamte Pflanzenwelt ein Bewufitsein, das heifit, ihre
zwei Bewufitseine durchdringen sich.
Welcher Art ist nun das mineralische Bewufitsein der Erde, das wir
heute, wie gesagt, in seinem Unterschiede nicht so betrachten wollen
wie das Pflanzenbewufitsein, das wir als wachend in der Winterzeit,
als schlafend in der Sommerzeit auffassen wollen, welches ist nun das
Eigentiimliche des mineralischen Bewufitseins, des Bewufitseins des
grofien Erdenwesens? Der Mensch, der nur auf seine physischen Sinne
beschrankt ist und beschrankt ist auf den Verstand, den er als zuge-
horig den physischen Sinnen betrachtet,kannvon diesem grofien Erden-
bewufitsein zunachst nichts wissen. Aber Geisteswissenschaft kann uns
belehren, was eigentlich dieses Erdenbewufitsein denkt, so denkt, wie
wir die Minerale, die Pflanzen, Tiere, Luft, Fliisse, Berge und so weiter
denken. Wie wir denken mit unserem gewohnlichen Tagesbewufitsein
das, was um uns herum ist, so denkt auch die Erde. Aber was denkt sie
mit ihrem Bewufitsein? Fragen wir uns heute einmal: Was denkt die
Erde mit ihrem Bewufitsein?
Die Erde denkt mit ihrem Bewufitsein den ganzen zunachst zur Erde
gehorigen Himmelsraum. Wie wir mit unseren Augen hinausschauen
auf die Baume, auf die Steine, so schaut die Erde mit ihrem Bewufitsein
hinaus in die Himmelsraume und denkt alles dasjenige, was in den
Sternen vorgeht. Die Erde ist ein Wesen, welches nachdenkt iiber die
Vorgange der Sterne.
Also in dem mineralischen Bewulksein ist im Grunde genommen
das Geheimnis des ganzen Kosmos als Gedanke enthalten. Wahrend
wir Menschen so oberflachlich iiber die Erde gehen und nur nachden-
ken iiber die Steine, auf die wir stofien, oder iiber manches andere, was
unsere Sinne umgibt, denkt die Erde mit dem Bewufitsein, das wir
durchschreiten, indem wir durch den Raum gehen, iiber den Kosmos
drauften nach. Sie hat wahrhaftig umfassendere, grofiere Gedanken
als wir. Und es ist im Grunde genommen ungeheuer erhebend, wenn
man weifi: Du gehst nicht bloft durch die Luft, du gehst durch die Ge-
danken der Erde.
Und jetzt blicken wir wiederum auf das andere, auf das Pflanzen-
bewufitsein. Die Pflanzen konnen nicht so viel denken wie die Erde.
Das Bewufitsein, das denkende Bewufitsein der Pflanzenwelt, der ge-
samten Pflanzenwelt, nicht der einzelnen Pf lanze, ist viel eingeschrank-
ter. Es umfafk einen geringeren Umkreis der Erde das ganze Jahr hin-
durch, nur nicht
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