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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
vortrAge uber das soziale leben
und die dreigliederung des sozialen organismus
2>u den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen-
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861—1925) geschriebenen
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo-
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ursprtinglich, dafi seine
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit-
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan-
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach-
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen-
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich-
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen,
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler-
haftes findet.»
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
RUDOLF STEINER
Gedankenfreiheit
und soziale Krafte
Die sozialen Forderungen der Gegenwart
und ihre praktische Verwirklichung
Sechs offentliche Vortrage mit einem Schlufiwort,
gehalten zwischen dem 26. Mai und 30. Dezember 1919
in Ulm, Berlin und Stuttgart
1985
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Wolfram Groddeck
1 . Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1971
2. Auflage (photomechanischer Nachdruck)
Gesamtausgabe Dornach 1985
Einzelausgabe
Berlin, 15. September 1919, vierter Vortrag in
«Die Ratsel unserer Zeit», Berlin 1923
Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 167
Bibliographie-Nr. 333
Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany bei Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-3330-2
INHALT
Die dreifache Gestalt der sozialen Frage
Ulm, 26. Mai 1919 7
Wissenschaft im Dienst der Obrigkeit. Der Ruf nach den Menschen-
rechten. Die doppelte Begrenzung des Wirtschaftslebens durch die
Naturgrundlage und das Rechtsgebiet. Lebenspraxis aus Einsicht in die
sozialen Notwendigkeiten
SchlulWort zum Vortrag Ulm, 26. Mai 1919 31
Die Erkenntnis des ubersinnlichen Menschenwesens und die Auf-
gabe unseres Zeitalters
Ulm,22.Julil919 39
Ausbildung eines leibfreien Denkens. Das Geheimnis der Beziehung
von Mensch zu Mensch. Die Menschheit vor der Wahl zwischen
sozialem Chaos und Freiheit des Geistes
Die Verwirklichung der Ideale Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit
durch soziale Dreigliederung
Berlin, 15. September 1919 65
Der eigendiche Hintergrund der sozialistischen Theorien. Durch Ver-
staadichung ist die soziale Frage nicht zu losen. Goetheanismus als
Gegenpol zum Amerikanismus
Geisteswissenschaft, Gedankenfreiheit und soziale Krafte
Stuttgart, 19. Dezember 1919 . 93
Der Goetheanumbau als kiinstlerischer Ausdruck geisteswissenschaftli-
cher Gesinnung. Irrwege naturwissenschafdicher Vorstellungsart. Die
Ursache des Bruchs zwischen Glauben und Wissen. Die wahre Aufgabe
der Deutschen
Die Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens der Gegenwart
Stuttgart, 27. Dezember 1919 121
Nietzsche iiber die Exstirpation des deutschen Geistes. David Friedrich
Straufi - der Verneiner der religiosen Phrase. Das dekadente Geistes-
leben des Ostens und das mechanistische Element der westlichen Zivili-
sation. Hamerlings Homunkulus als Typus des seelenlosen Egoisten.
Der neue Weg zu Christus
Geist-Erkenntnis als Tatengrundlage
Stuttgart, 30. Dezember 1919 143
Die Zukunftsaufgabe goetheanistischer Wissenschaft und Weltanschau-
ung. Geschichtliche Grundlagen des Intellektualismus. Die verlorenge-
gangene Anschauung vom Wesen des Menschen. Notwendigkeit eines
spirituellen Einschlags in das menschliche Willens- und Tatenleben
Hinweise
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe
167
175
DIE DREIFACHE GESTALT DER SOZIALEN FRAGE
Ulm, 26. Mai 1919
Wie an anderen Orten Wurttembergs und der Schweiz werde ich mir
gestatten, auch hier iiber die einschneidendste, wichtigste Frage der Ge-
genwatt zu sprechen, iiber die soziale Frage, und zwar in Ankniipfung
an dasjenige, was erschienen ist in dem Aufruf, der vor einiger Zeit
durch die deutschen Lande ging, «An das deutsche Volk und an die
Kulturwelt». Der Aufruf, der fur die Dreigliederung des sozialen Or-
ganismus eintritt, diirfte den meisten von Ihnen vor Augen gekommen
sein. Die weiteren Ausfuhrungen desjenigen, was in einem solchen Auf-
ruf selbstverstandlich nur kurz angedeutet werden konnte, sind in mei-
nem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwen-
digkeiten der Gegenwart und Zukunft » gegeben. Einzelnes von dem,
was von diesem Aufruf gesagt werden muB, gestatten Sie mir, Ihnen
am heutigen Abend zu skizzieren.
Die soziale Frage - das ergibt sich wohl jeder Menschenseele, die
wachend den Zeitereignissen gegemibersteht - ist dasjenige, was sich
in einer ganz neuen Gestalt aus den gewaltigen, erschiitternden Ereig-
nissen der Weltkriegskatastrophe heraus ergeben hat. Zwar ist die so-
genannte soziale Frage oder soziale Bewegung, so wie wir heute von
ihr sprechen, rnindestens mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Aber wer
dasjenige, was heute sich als gewaltige geschichtliche Welle ankiindigt,
ins Auge faBt und diese Dinge miteinander vergleicht, darf dennoch
sagen : Diese soziale Frage hat inunserer Gegenwart eine vollig neue Ge-
stalt angenommen, eine Gestalt, an der niemand voriibergehen diirfte.
Wie oft hat man im Laufe der letzten vier bis funf Jahre das Wort ge-
hort: In dieser schrecklichen Weltkriegskatastrophe liegt etwas, wie es
die Menschen nicht erlebt haben, seit es iiberhaupt das gibt, was man
Geschichte nennt. Aber noch wenig, wahrhaftig recht wenig hort man
heute, wo diese Weltkriegskatastrophe in eine Krisis eingetreten ist, von
der Notwendigkeit sprechen, daB zur Wieder ordnung des Lebens nun
auch ganz neue Impulse notwendig seien ; daB ein volliges Umdenken
und Umlernen notwendig ist - obwohl eigentlich schon auBerlich die
Notwendigkeit dieses Umdenkens und Umlernens einzusehen ist. Denn
die alten Gedanken haben uns gerade in jene furchtbare Menschheits-
katastrophe hineingefiihrt. Neue Gedanken, neue Impulse miissen uns
wieder hinausfuhren. Und wo jene Impulse zu suchen sind, das zeigt
eine wirklich eindringliche Beobachtung desjenigen, was als soziale
Forderungen aus immer mehr Menschengemutern heraus ertont, und
an dem voriiberzugehen eigentlich nur dem moglich ist, der seine Zeit
verschlaft; der die Ereignisse abwartet, bis gewissermaBen der alte Bau
wesenlos zusammenbricht.
Soziale Fragen stellt man sich heute vielfach als etwas hochst Nahe-
liegendes, zuweilen hochst Einfaches vor. Wer nicht aus grauen Theo-
rien, auch nicht aus einzelnen personlichen Forderungen heraus, son-
dern aus einer wirklich verbreiterten Erfahrung uber die Lebensnot-
wendigkeiten der Gegenwart und Zukunft urteilt, muB in dieser sozia-
len Frage etwas sehen, in das viele Krafte zusammenflieBen, die sich in
der Menschheitsentwicklung heraufentwickelt und, man kann schon
sagen, in einer gewissen Weise sich selbst ihrer Vernichtung entgegen-
gefuhrt haben. Wer diese Lebensbedingungen uberschaut, dem er-
scheint die soziale Frage in einer dreifachen Gestalt. Sie erscheint ihm
als eine Frage des Geisteslebens, zweitens als eine Frage des Rechts-
lebens, und drittens als eine Frage des Wirtschaftslebens. Nun haben es
die letzten Jahrhunderte, und insbesondere das 19. Jahrhundert, auch
die verflossenen zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, mit sich ge-
bracht, daB man glaubt, fast alles, was zur sozialen Frage gehort, auf
dem wirtschaftlichen Gebiet suchen zu miissen. Die Griinde, warum
man so wenig klar sieht, liegen eben darin, daB man meint, man miisse
sich nur auf wirtschaftlichem Gebiete zurechtfinden, dann wiirden alle
iibrigen von selber folgen. Es wird schon notwendig sein, daB die ersten
Teile meiner heutigen Betrachtung einem Gebiete des Lebens gewidmet
sind, von dem die Leute weder von links noch von rechts auch jetzt
noch als einem sozial wichtigen Gebiete mit sich reden lassen wollen,
namlich dem Gebiete des geistigen Lebens.
Die Forderungen, die man die sozialen nennt, gehen ja von der brei-
ten Masse des Proletariats aus, das den dreifachen Leidensweg bis zu
den Zustanden der Gegenwart durchgemacht hat, von dem wir nach-
her sprechen wollen. Und dieses Proletariat ist durch das Herauf kom-
men der neuen Technik und des seelenverodenden Kapitalismus sowie
durch die iibrigen Kulturverhaltnisse fast ganz in das blofie Wirtschafts-
leben hineingedrangt worden. Aus dem Wirtschaftsleben heraus ent-
standen auch die Forderungen des Proletariats. Daher nimmt die soziale
Frage der Gegenwart, weil sie zunachst aus dem Proletariat auftaucht,
ihre wirtschaftliche Form an. Aber sie ist nicht eine bloC wirtschaftliche
Frage. Schon die einfache Feststellung, wie unzulanglich die altherge-
brachten Gedanken sind gegemiber den heute laut sprechenden Tat-
sachen, kann dariiber belehren, daB wir es innerhalb der sozialen Be-
wegung nicht allein mit einer Wirtschafts- und Rechtsfrage, sondern
vor alien Dingen mit einer Geistesfrage zu tun haben.
Wir stehen iiber einen groBen Teil der zivilisierten Welt hinweg vor
einer lauter sprechenden sozialen Tats ache. Soziale Parteimeinungen,
Parteiprogramme, wir haben sie gehabt, sie sind hervorgebracht. Alle
Gedanken, alle Parteimeinungen erweisen sich jetzt, da man den Tat-
sachen gegeniibersteht, als unzulanglich. Heute handelt es sich nicht
darum, alte Parteimeinungen fortzusetzen, sondern heute handelt es
sich darum, sich den Tatsachen unmittelbar und ganz ernsthaftig, mit
Wirklichkeitssinn gegeniiberzustellen.
Sehen wir doch zuerst einmal, wie sich in der neueren Zeit das Leben
der Menschen, das dann in die Katastrophe eingelaufen ist, entwickelt
hat. Da haben wir vor alien Dingen den Blick auf die tiefe, schier un-
uberbriickbar erscheinende Kluft zu werfen, die zwischen dem Prole-
tariat und dem Nichtproletariat besteht. Wenn wir auf das Kulturleben
dieses Nichtproletariats sehen, was tritt uns da entgegen? Ganz gewiB
ist dieses Kulturleben als em ungeheurer Fortschritt im Laufe der neue-
ren Zeit reichlich gepriesen worden. Immer wieder konnte man es ho-
ren, wie in dieser neueren Zeit die Verkehrsmittel die Menschen iiber
weite Gebiete der Erde hingebracht haben, die in alteren Zeiten, wenn
man sie prophetisch geschildert hatte, als eine Utopie verschrien wor-
den waxen. Der Gedanke - so hat man immer wiederum gepredigt und
gelobhudelt - eilt mit Blitzesschnelle iiber feme Lander und Meere und
so weiter. Man ist nicht miide geworden, immer wieder den Fortschritt
zu preisen. Aber heute gilt es, zu all dem eine andere Betrachtung hinzu-
zufiigen. Heute gilt es zu fragen : Unter welchen Bedingungen ist dieser
Fortschritt entstanden? Er konnte nur dadurch entstehen, daB er sich
auf einem Unterbau breitester Menschheitsmassen auf baute, die nicht
teilnehmen konnten an alle dem, was man an dieser Kultur so gelobt
hat, aufbaute auf dem Unterbau breiter Menschenmassen, die ihre Ar-
beit tun muBten fur diese Kultur von wenigen, die in der Form, wie sie
geschaffen worden ist, nur dadurcb da sein konnte, daft diese Massen
keinen Anteil an ihr hatten. Nun sind diese breiten Massen herange-
wachsen, sind zu sich selbst gekommen und fordern mit Recht ihren
Anteil. Ihre Forderungen sind zugleich die groBen, geschichtlichen
Forderungen der Gegenwart fur jeden, der seine Zeit wirklich versteht.
Und wenn heute der Ruf nach Sozialisierung des Wirtschaftslebens
ertont, so erkennt derjenige, der seine Zeit versteht, in diesem Ruf nicht
etwa bloB die Forderungen einer Menschenklasse, sondern zugleich
eine geschichtliche Forderung des Menschenlebens der Gegenwart.
Eine Eigentumlichkeit der fiihrenden Menschenklassen, welche die
Teilnehmer der so vielfach gelobten Kultur waren, ist die, daB sie im
Laufe der neueren Zeit fast jede Gelegenheit versaumt haben, daB sie
jenen Gelegenheiten sich nicht gewachsen gezeigt haben, die Kluft zwi-
schen ihnen und den immer mehr mit ihren berechtigten Forderungen
hervortretenden Massen des Proletariats irgendwie zu uberbriicken.
Gerade an den Gedanken hat es gefehlt, die in das menschliche, soziale
Leben hatten hineinflieBen miissen, um diese Kluft zu iiberbriicken. Es
ist schon eine Eigentumlichkeit dieses neueren Geisteslebens, das man
so vielfach gepriesen hat, daB es dem wahren, wirklichen Leben immer
fremder geworden ist. Der Einzelne verfolgt nur dasjenige Leben, das
ihn unmittelbar umspannt. Fiir die breiten Kreise fanden sich keine um-
fassenden Gedanken aus unserem Geistesleben, aus unserer Schulbil-
dung heraus. Dafiir ein Beispiel, das von den verschiedensten Gesichts-
punkten her nicht verzehnfacht, sondern verhundertfacht und mehr
werden konnte.
Im Beginn des Jahrhunderts hat ein Regierungsrat Kolb sein Schick-
sal in einer merkwiirdigen Weise in die Hand genommen. Ich erwahne
gerne diesen Regierungsrat Kolb aus dem Grunde, weil es aller Ehren
wert ist, wie er sein Schicksal in die Hand genommen hat, und weil ich
dabei auch nicht notig habe, in irgendeiner Weise etwas Abtragliches
zu sagen, was ich nicht ger ne tue. Kolb hat in einem Augenblick seines
Lebens etwas getan, was nicht viele andere Regierungsrate tun. Die an-
deren lassen sich meist pensionieren, wenn sie nicht mehr ihren Dienst
tun wollen; er aber verabschiedete sich von seinem Amte, ging nach
Amerika, und lieB sich als gewohnlicher Arbeiter einstellen, zuerst in
einer Brauerei, dann in einer Fahrradfabrik. Aus den Erfahrungen her-
aus, die dieser Regierungsrat hatte, schrieb er dann ein Buch: « Als Ar-
beiter in Amerika ».
In diesem Buche findet sich ein merkwiirdiger Satz. Da heiBt es etwa :
«Wenn ich friiher auf der StraJBe einem Menschen begegnete, der nicht
arbeitete, dann sagte ich: Warum arbeitet der Lump nicht? Jetzt wuBte
ich es anders. Und jetzt weiB ich auch fiber manches andere noch etwas
anderes; jetzt weiB ich, daB selbst die schrecklichsten Hantierungen des
Lebens sich in den Studierstuben noch recht gut ausnehmen.» Das ist
ein die sozialen Verhaltnisse der Zek tief kennzeichnendes Bekenntnis.
Ein Mann, der aus unserem Geistesleben hervorgegangen ist, dem
durch viele Jahre Menschenschicksal iibertragen war - durch so viele
Jahre, als notwendig sind, um es zum Regierungsrat zu bringen der
kennt nichts von menschlicher Arbeit, das heiBt, er kennt nichts vom
menschlichen Leben. Er muB erst sich selber ein Schicksal bereiten, um
etwas zu wissen vom Leben, das er regieren sollte, in dem er aus den
fuhrenden Klassen heraus tatig sein sollte. Er muB erst, um von diesem
Leben etwas zu wissen, sich als Arbeiter einstellen lassen und kommt
dann zu ganz anderen Lebensanschauungen.
Weist dieses Beispiel, das wahrhaftig vervielfaltigt werden konnte,
nicht darauf hin, wie unser Geistesleben, aus dem die fuhrenden Men-
schen hervorgehen, dem Leben der breiten Massen fremd geworden
ist? Die breiten Massen haben an der Notwendigkeit ihres Leibes und
ihrer Seele gesehen, wie die fuhrenden Klassen das Wirtschaftsleben
leiten. Sie haben gesehen, daB da etwas nicht stimmt, daB diese fuhren-
den Klassen nicht den notigen Geist haben, um das Wirtschaftsleben zu
leiten. Heute entsteht die Frage: Was muB da anders werden?
Und in mancher anderen Beziehung kann man noch sehen, wie fremd
die fiihrende Klasse im Laufe der letzten Jahrhunderte dem geworden
ist, was hatte geschehen miissen, um nicht in eine Katastrophe hinein-
zutreiben. Man sprach gewiB in ernstester, wiirdigster Meinung inner-
halb der leitenden Kreise von allem moglichen Schonen, von Nachsten-
liebe, von Bniderlichkeit unter den Menschen, von der Art und Weise,
wie der Mensch iiberhaupt gut sein miisse, und dergleichen. Aber man
hatte keine Beziehung zum wirklichen Leben. Man brachte es hoch-
stens einmal zu Enqueten. Eine solche Enquete von der Mitte des 19.
Jahrhunderts ist heute gar nicht so unwesentlich. Sie wurde von der
englischen Regierung dazumal bei den Betriebsleitungen in den Berg-
werken angeregt. Da sollten die Menschen, die in ihren gutgeheizten
Zimmern iiber das menschliche Dasein redeten, einmal erfahren, bei
was fur Kohlen sie von diesem Gutsein redeten. Sie sollten erfahren,
daB diese Kohlen, bei denen sie iiber ihre fortgeschrittene Moral, iiber
ihr fortgeschrittenes Geistesleben redeten, aus Bergschachten herauf-
geholt sind, in die man neun-, elf-, dreizehnjahrige Kinder vor Tag hin-
einschickte, vor Aufgang der Sonne, die erst bei Nacht wieder herauf-
kamen, so daB die armen Kinder das Licht der Sonne fast me sahen. Es
lieB sich gut reden iiber das menschliche Gutsein und iiber die Nachsten-
liebe bei den Kohlen, die auf diese Weise zutage gefordert wurden. Und
Ahnliches konnte viel erzahlt werden. Und gefragt muC werden: Sind
aus solchen Anlassen heraus bei den fiihrenden Kreisen der Menschheit
die Impulse entstanden, wirklich einzugreifen in das soziale Leben?
Mancher wird mir heute erwidern: Ja, es ist doch vieles besser gewor-
den. Dem aber werde ich sagen: Was besser geworden ist, ist nicht
besser geworden durch die Initiative der fiihrenden Klasse, sondern
durch den schweren Kampf derjenigen, die unter diesen Verhaltnissen
gelitten haben.
Das sind Dinge, auf die heute das Auge gelenkt werden muB. Man
muB die Augen darauf richten, was der Arbeiter, der vom Morgen bis
zum Abend arbeitet, hochstens von auBen sieht, wenn er an unseren
Hochschulen, an unseren Mittelschulen vorbeigeht. Er kennt ja nur, was
in den Volksschulen vorgeht, und auch da nur dasjenige, was er eben er-
leben kann. Er weiB nicht, wie die Ziele der Volksschule von oben her-
unter bestimmt werden, er sieht nur, daB aus diesen Anstalten nicht die-
jenigen hervorgehen, welche heute das Wirtschaftsleben leiten konnen.
Hier liegt die erste Gestalt der sozialen Frage. Wir haben trotz alien
Lobhudeleien unseres Geisteslebens kein Geistesleben, das den groBen
Aufgaben der Zeit gewachsen ist.
Schauen wir in das Wirtschaftsleben hinein. Als die sodale Bewegung
herauf kam, horte man sehr haufig von seiten der leitenden Kreise diese
soziale Bewegung mit denWorten abtun : Die wollen teilen. Was kommt
denn aber bei der Teilung heraus? Da kriegt jeder nur sehr wenig. -
Dann verstummte dieser Einwand; denn das ist auf der einen Seite sehr
wahr, auf der anderen Seite sehr dumm. In der letzten Zeit taucht er
wieder immer mehr auf. Aber es kommt nicht auf diese Dinge an. Wer
heute in die besondere Struktur unseres Wirtschaftslebens hineinsieht,
weiB, daB das leibliche und seelische Elend der breiten Massen des Pro-
letariats aus ganz anderen Untergrunden heraus gekommen ist. Er weiB,
daB eine ungeniigende Ausbildung des Geisteslebens nicht verstanden
hat, ein immer mehr um sich greifendes technisches Getriebe im Wirt-
schaftsleben wirklich in eine solche Gestalt zu bringen, daB jeder
Mensch darin ein menschenwiirdiges Dasein haben konnte.
GewiB, man hat mit Recht vielfach darauf hingewiesen, daB die mo-
derne soziale Bewegung durch die moderne Technik, durch die Ma-
schinen, durch den seelenverodenden Kapitalismus heraufgekommen
ist. Aber man hat vergessen, daB alles dasjenige, was so heraufgekom-
men ist, nicht beherrscht werden konnte von dem Geistesleben, wie es
sich entwickelt hat.
Warum ist das so gekommen? Zugleich mit der Maschine, mit dem
Industrialismus, mit dem Kapitalismus ist ein bestimmtes Bestreben
iiber die Menschheit gekommen, das sich darin ausdruckt, daB man
einen Fortschritt darin sah, das Geistesleben womoglich vom Staat auf-
saugen zu lassen. Verstaatlichung des Geisteslebens, das wurde als gro-
Ber Fortschritt angesehen. Und heute begegnet man noch immer den
scharfsten Vorurteilen, wenn man irgend etwas einwendet gegen diese
Verstaatlichung des Geisteslebens. Diejenigen, welche mit ihren Sym-
pathien in diesem heutigen Geistesleben darinnenstehen, weisen mit
einem gewissen Hochmut darauf hin, wie man mit dem Geiste viel wei-
ter gekommen sei, als im alten, dunklen IVIittelalter. Nun gewifi, das
Mittelalter wollen wir nicht wieder herauf haben. Nicht zuriick, son-
dern vorwarts wollen wir schreiten. Aber eine andere Frage muB doch
aufgeworfen werden. Man sagt, im Mittelalter habe das Geistesleben,
insbesondere die Wissenschaft, der Theologie oder der Kirche die
Schleppe nachgetragen. Heute muB man fragen: Wem tragt denn das
gegenwartige Geistesleben die Schleppe nach - oder vielleicht noch
etwas anderes? Dafur wiederum ein Beispiel, das aber nicht nur ver-
hundertfacht, sondern vertausendfacht werden konnte. Wiederum darf
ich von einem Menschen sprechen, den ich hoch schatze, weil er nach
meiner Uberzeugung ein bedeutender Naturforscher war. Er war zu
glekher Zeit Generalsekretar einer gelehrten Gesellschaft, die an der
Spitze des deutschen Geisteslebens marschiert. In einer seiner wohlge-
lungenen Reden wollte er zum Ausdruck bringen, was diese deutschen
Gelehrten, die die groBe Ehre haben, Mitglieder der Berliner Akademie
der Wissenschaften zu sein, sich als ihre hochste Ehre anrechnen. Wenn
so etwas geschildert wird, mochte man freilich auf eine historische Tat-
sache hinweisen, die nicht unbetrachtlich ist. Diese Berliner Akademie
war ja immer etwas, was gewissermaBen die Impulse des Hohenzollern-
tums geistig zum Ausdruck bringen konnte. Ein Hohenzoller des 18.
Jahrhunderts stand einmal vor der Notwendigkeit, seiner Akademie
der Wissenschaften einen Prasidenten vorzusetzen - ich erzahle Ihnen
kein Marchen, sondern eine historische Tatsache -, und er glaubte,
diese Akademie der Wissenschaften am meisten zu ehren, indem er ihr
zum Prasidenten seinen Hofnarren gab. Aber der groBe Gelehrte vom
Ende des 19. Jahrhunderts sagt, daB die gelehrten Herren der Berliner
Akademie es sich zur hochsten Ehre anrechnen, die wissenschaftliche
Schutztruppe der Hohenzollern zu sein.
Man muB auf solche Dinge als auf Symptome der Zeit hinschauen.
Man muB darauf hinschauen, was das Geistesleben in der Abhangigkeit
von der Staatsgewalt und der mit ihr verbundenen kapitalistischen Ge-
walt geworden ist. Denn wenn man nicht aus irgendwelchen Vorurtei-
len, sondern aus den Lebensnotwendigkeiten heraus, aus der Wirklich-
keit heraus innere Impulse fassen kann, dann wird man, alien Vorur-
teilen der Zeit zuwider, sich sagen: Dem Geistesleben kann nur seine
Kraft werden, wenn es vom Staatsleben wieder losgelost wird, wenn es
ganz auf sich selbst gestellt wird. Was im Geistesleben lebt, insbeson-
dere das Schulwesen, muB seiner Selbstverwaltung iibergeben werden,
von der obersten Spitze der Verwaltung des Geisteslebens bis zum
Lehrer der untersten Schulstufe. In der Verwaltung des Geisteslebens
kann nichts anderes maBgebend sein als die Krafte dieses Geisteslebens
selbst. Diejenigen, die in diesem Geistesleben tatig sind und es innerlich
miterleben, miissen aus sich selbst heraus die Korperschaft bilden,
welche dieses Geistesleben verwaltet und ganz auf eigene FuBe stellt.
Das ist der erste Punkt desjenigen, was hier die Dreigliederung des
gesunden sozialen Organismus genannt wird. Ein solches Geistesleben
wird in ganz anderer Weise zum Leben in Beziehung stehen konnen als
das unsoziale Geistesleben, in das wir uns allmahlich hineingefunden
haben, und aus dem herauszukommen, wie es scheint, wir gar kein Be-
diirfnis haben.
Jemand, der wirklich Erfahrung auf diesem Gebiet hat, darf wohl
iiber dieses Gebiet eben aus seiner Erfahrung heraus sprechen. Ich war
jahrelang Lehrer an der in Berlin von Liebknecht gegrundeten Arbei-
terbildungsschule. Ich weiB also, wie man die Quellen eines Geistes-
lebens findet, das nicht Reservat einer bevorzugten Klasse ist und ein
Luxus-Geistesleben darstellt, sondern aus dem heraus man zu alien
Menschen sprechen kann, die den Drang haben, sich fur Seele und Leib
ein menschenwurdiges Dasein zu erringen. Und ich weiB aus dieser
meiner Lebenspraxis heraus noch ein anderes. Ich weiB, wie die Arbeiter
mich verstanden haben, immer besser verstanden haben, wenn ich zu
ihnen aus einem freien Geistesleben heraus gesprochen habe, das fur
alle Menschen da ist, nicht fur eine bevorzugte Klasse. Weil die Arbei-
ter glaubten, man miisse das oder jenes mitmachen, kamen dann auch
Zeiten, in denen ich veranlaBt wurde, die Arbeiter durch Museen oder
ahnliche Einrichtungen zu fuhren, durch Statten, wo die Zeugnisse
einer Kultur zu sehen waren, die nur fur wenige da war, die nicht eine
Volkskultur, ein Volks-Geistesleben darstellt. Da sah ich, wie auch im
Geistig-Seelischen die Kluft vorhanden war und wie die Leute im
Grunde genommen nicht wirklich innerlich in sich aufnehmen konn-
ten, was auf dem Boden einer Kultur fiir wenige entstanden war. Da
liegt ein Irrtum, dem sich heute noch viele hingeben. Man glaubt, man
treibe Volksbildung, wenn man der groBen Masse Brocken von dem
hinwkft, was auf Universitaten, auf Mittelschulen und anderen Lehr-
anstalten aus unserer Kultur heraus entstanden ist, was nur aus den so-
zialen Empfindungen weniger herausgeboren ist. Was hat man alles
getan, urn solche Volksbildung zu treiben! Volksbibliotheken, Volks-
hochschulen, Volkstheater und so weiter. Niemals kommt man iiber
den Irrtum hinaus, der darin besteht, daB man glaubt, man konne das,
was aus dem Empfindungskreise einer sich absondernden Minderheit
geistig geboren ist, in die breiten Massen hineintragen. Nein, die Zeit
fordert ein Geistesleben, das in sozialer Weise alle umfaBt. Das kann
abet nur dann entstehen, wenn diejenigen, die daran teilnehmen sollen,
auch mit ihrem ganzen Empfindungsleben, mit alien ihr en sozialen Un-
tergriinden, mit denen, die dieses Geistesleben hervorbringen, eine Ein-
heit bilden; wenn man ihnen nicht Brocken hinwirft, sondern wenn
durch die ganze Volksmasse einheitlich geistig gearbeitet wird. Dazu
aber bedarf es der Befreiung des Geisteslebens von staatlichem und
kapitalistischem Zwang. Selbstverstandlich kann ich in einem kurzen
Vortrag nicht alles dasjenige anfuhren - nicht einmal das alles, was in
meinem Buche iiber diese Kernpunkte der sozialen Frage stent was
nur zu sagen ware iiber die Notwendigkeit, dieses Geistesleben, insbe-
sondere das Schulwesen, herauszuholen aus dem Staats- und aus dem
Wirtschaftsleben und es auf sich selbst zu stellen. Aber das ist die erste
Forderung fur die Dreigliederung des sozialen Organismus : Ein Gei-
stesleben, das aus sich selbst heraus sich entwickelt.
Man braucht sich nicht vor einem solchen Geistesleben zu furchten.
Man braucht nicht einmal sich zu furchten, wenn man eine schlechte
Meinung von den Menschen hat, viellekht dahingehend, daB sie in den
alten Analphabeten-Zustand zuriickfallen werden, oder dergleichen,
wenn die Eltern wlederum frei sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken
oder sie drauBen zu lassen, ohne staatlichen Zwang. Nein, gerade das
Proletariat wird immer mehr wissen, was es der Schulbildung verdankt.
Und es wird seine Kinder nicht aus der Schule drauBen lassen, auch
wenn es nicht gezwungen sein wird, die Kinder in die Schule zu
schicken, sondern sie aus freiem Willen hineinzuschicken hat. Und ins-
besondere braucht der Bekenner der Einheitsschule sich nicht zu furch-
ten, daB die Schule durch ein freies Geistesleben gestort wird. Es wird
nichts anderes entstehen konnen als die Einheitsschule, wenn das freie
Geistesleben gefordert wird.
Das zunachst uber dasjenige, was zu der Abgliederung des Geistes-
lebens vom Staats- und Wirtschaftsleben zu sagen ist.
Das zweite Gebiet des Lebens, das man betrachten muB, wenn man
die heutige soziale Frage studieren will, ist das Rechtsleben. Die Men-
schen haben die verschiedensten Ansichten entwickelt uber dieses
Rechtsleben. Wer aber dieses Rechtsleben gerade aus der Wirklichkeit
heraus betrachten und zu empfinden vermag, sagt sich: Uber das
Recht irgendwelche Definitionen, irgendwelche gelehrten Dinge auf-
zustellen, ist geradeso, wie wenn man iiber das, was blaue und was rote
Farbe ist, allerlei gelehrte Anweisungen geben wollte. Uber blaue und
rote Farbe kann man mit jedem reden, der ein gesundes Auge hat. t)ber
das RechtsbewuBtsein, iiber dasjenige Recht, das jedem Menschen zu-
kommt, weil er Mensch ist, laBt sich mit jeder wachen Menschenseele
reden. Und mit wachen Menschenseelen, mit immer wacheren Men-
schenseelen hat man es bei dem modernen Proletariat zu tun.
Mit Bezug auf diese Rechtsgrundlage des Lebens hat allerdings die
neuere Menschheit, insoferne sie den leitenden Kreisen angehort, eine
merkwiirdige Erfahrung gemacht. Diese leitenden Kreise konnten ja
nicht anders, als eine gewisse Demokratie iiber das Leben zu verbreiten.
Sie brauchten, um ihre kapitalistischen Interessen in Szene zu setzen,
ein geschicktes Proletariat, ein Proletariat, das gewisse Krafte der Seele
ausgebildet erhielt. Das alte patriarchalische Leben konnte man im mo-
dernen, kapitalistischen Wirtschaftsleben nicht brauchen. Nun stellte
sich aber etwas hochst Unangenehmes fiir solche einseitige, kapitali-
stische Demokratie heraus. Die Menschenseele hat namlich die Eigen-
tiimlichkeit, wenn man einzelne Fahigkeiten und Krafte in ihr ent-
wickelt, daB dann andere von selbst zum Vorschein kommen. So wollte
die fuhrende Menschheit vorzugsweise nur jene Seelenkrafte sich ent-
wickeln lassen, welche die Arbeiter geschickt machen, in den Fabriken
zu arbeiten. Doch stellte es sich von selbst ein, daB die Seelen aus den
alten patriarchalischen Verhaltnissen erwachtcn, und daB in ihnen be-
sondets das BewuBtsein der Menschenrechte erwachte. Und dann sahen
sie hinein in den modernen Staat, welcher das Recht verkorpern sollte.
Sie fragten sich: 1st das der Boden, auf dem das Recht wirklich bluht?
Und was fanden sie? Statt Menschenrechten Klassenvorrechte und
Klassenbenachteiligungen. Und daraus entstand dasjenige, was man
den modernen Klassenkampf des Proletariats nennt, hinter dem sich
nicht mehr und nicht weniger verbirgt, als die groBe, berechtigte For-
derung eines menschenwiirdigen Daseins fur alle Menschen.
Das ist die zweite Gestalt der sozialen Frage, die Rechtsfrage. Was
sie bedeutet, erkennt man nicht, wenn man nicht auf die dritte Gestalt
hinsieht, auf die Wirtschaftsfrage. In das Wirtschaftsleben hinein haben
sich zwei Dinge ergossen, die schlechterdings nicht in das Wirtschafts-
leben hineingehoren. Das ist das Kapital, und das ist die menschliche
Arbeitskraft, wahrend in das Wirtschaftsleben bloB dasjenige hinein-
gehort, was sich auf dem Warenmarkt abspielt. Ich denke, daB die letz-
ten Jahre und insbesondere die Gegenwart die Menschen sehr deutlich
dariiber belehren konnten, daB das Allerwichtigste in der proletarischen
sozialen Bewegung der proletarische Mensch selbst ist. Uber den pro-
letarischen Menschen aber kann heute, so wie die Dinge einmal sind,
wahrhaftig nicht derjenige urteilen, der sich, weil die Zeiten das heute
schon einmal nahelegen, dazu bequemt, aus mancherlei Vorstellungen
heraus iiber das Proletariat zu reden. Nein, iiber diese Dinge kann nur
derjenige urteilen, den sein Schicksal dahingebracht hat, mit dem Pro-
letariat zu denken, und mit dem Proletariat zu fiihlen. Man muB selber
gesehen haben, wie durch Jahrzehnte hindurch die proletarische Welt
in den Stunden, die des Abends der harten Arbeit abgerungen werden
konnten, zusammenkam, um sich zu unterrichten iiber die Wirtschafts-
bewegung der neuen Zeit, iiber die Bedeutung von Arbeit, von Kapital,
iiber die Bedeutung von Warenkonsum und Produktion ; man muB ge-
sehen haben, welch ungeheures Bildungsbediirfnis in den proletari-
schen Menschen der Hauptsache nach sich entwickelt, wahrend, jen-
seits der Kluft, innerhalb der hoheren Klassen die Menschen ihre Thea-
ter besuchten und manch anderen Betatigungen sich hingaben, und es
hochstens dazu brachten, sich einmal von der Buhne herunter das Pro-
letarierelendanzuschauen.Da entwickelte sich derproletarische Mensch ;
er entwickelte sich gerade aus seinem Geistesleben heraus. Und wer heute
sagt, die proletarische Frage sei eine bloBe Brot- und Magenfrage, dem
muB schon die Antwort gegeben werden : Schade genug, daB es so ge-
kommen ist, daft die proletarische Frage zur Brotfrage geworden ist,
daB man nicht friiher auf etwas anderes hingesehen hat, namlich darauf,
daB in dem Proletarier aus seinem ganzen Streben her aus die Forderung
nach einem menschenwurdigen Dasein entsprungen ist, nach einem
Dasein, in dem er Leib und Seele nicht verkiimmern zu lassen braucht.
Denn alle proletarischen Forderungen sind schlieBHch aus dieser her-
vorgegangen, nicht aus einer bloBen Brot- und Magenfrage. Aber wah-
rend so der Proletarier zur Selbstbesinnung zu kommen versuchte,
wahrend er auf die Wirtschaftsformen der neueren Zeit einging, ent-
wickelte sich in ihm das BewuBtsein, wie er eigentlich als Mensch in
diesem Menschenleben darinsteht. Er konnte von seinem Gesichts-
punkte aus auf die Fiihrung des Lebens von seiten der fuhrenden Kreise
hinschauen. Da sagte man ihm, die Geschichte ware gottliche Weltord-
nung oder moralische Weltordnung, oder die Weltordnung der Idee.
Er sah nur, daB die leitenden Kreise innerhalb ihrer Weltordnung so
lebten, wie ihnen der Mehrwert zu leben gestattete, den er hervorzu-
bringen hatte. Deshalb schlugen die Worte des Kommunistischen Ma-
nifestes so tief in die Proletariergemuter ein und brachten diese zum
BewuBtsein ihrer Lage. Trotz aller Fortschritte der neueren Zeit, trotz
aller sogenannten neueren Freiheit ist der Proletarier dazu verurteilt,
seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt wie eine Ware zu verkaufen
und kaufen zu lassen. Daraus entstand die Forderung: Die Zeiten sind
voriiber, in denen der Mensch einen Teil von sich noch verkaufen lassen
darf oder kaufen lassen darf. Sein Gefuhl, das er vielleicht nicht immer
in deutliche Worte bringen konnte, leitete den Proletarier auf alte Zei-
ten zuruck, auf die Zeiten der Leibeigenschaft. Und er sah, wie aus die-
sen alten Zeiten der Ankauf seiner Arbeitskraft geblieben ist. Denn
nichts anderes als dieses liegt im Lohnverhaltnis. Da sagte er sich: Auf
den Warenmarkt gehoren Waren. Die Waren tragt man zum Markte,
verkauft sie und geht mit dem Erlos wieder zuruck. Dem Arbeit-
geber muB ich meine Arbeitskraft verkaufen, aber ich kann nicht zu
ihm gehen und sagen: Da hast du meine Arbeitskraft fur so und so
viel Geld, dann gehe ich weg; ich muB mich selbst ausliefern! - Se-
hen Sie, als Mensch muB man mitgehen mit seiner Arbeitskraft. Das
ist dasjenige, was der Proletarier als ein menschenunwurdiges Dasein
empfindet.
Da tritt die groBe Frage auf: Was hat zu geschehen, damit Arbeits-
kraft fernerhin keine Ware sein konne? Die Menschen heute, insofern
sie den leitenden, fiihrenden Kreisen angehoren, machen sich im
Grunde genommen iiber Arbeitskraft recht wenig Gedanken. Diese
Leute machen ihr Portemonnaie auf, bezahlen mit so und so hohen
Geldscheinen. Ob sie iiberhaupt dariiber nachdenken, daB in dem, was
sie da als Geldscheine hingeben, was sie vielleicht auch in der Art von
Coupons abschneiden, beschlossen liegt, so und soviel Arbeitskraft des
Proletariats in Anspruch zu nehmen, das ist die groBe Frage. Jedenfalls
geben sie sich nicht Gedanken hin, die stark genug sind, um einzugrei-
fen in das soziale Leben.
Worum es sich handelt, ist eben, daB die menschliche Arbeitskraft
nicht im Preise mit irgendeiner Ware verglichen werden kann; daB die
menschliche Arbeitskraft etwas ganz anderes ist als die Ware. Diese
menschliche Arbeitskraft muB heraus aus dem WirtschaftsprozeB. Und
sie kommt nicht anders heraus, als wenn man das Wirtschaftsleben als
ein Glied des sozialen Organismus betrachtet, abgegliedert von dem
eigentlichen Rechts- oder Staatsorganismus, von dem politischen Or-
ganismus. Dann kann das eintreten, was ich Ihnen durch einen Ver-
gleich klarmachen mochte. Das Wirtschaftsleben grenzt auf der einen
Seite an die Naturgrundlage. Man kann in einem geschlossenen Wirt-
schaftsgebiet nicht in beliebiger Weise darauf loswirtschaften. Durch
technische Mittel kann man den Boden verwerten oder dergleichen.
Aber in gewissen Grenzen muB man sich der Naturgrundlage fugen.
Denken Sie sich eine Anzahl GroBgrundbesitzer , also in ihrer Art eben-
falls Kapitalisten, die sagen wiirden : Wenn wir bei dieser Bilanz bleiben
oder gar eine bessere haben wollen, dann miissen wir hundert Regen-
tage im Sommer haben, dazwischen Tage mit Sonnenschein und so wei-
ter. Naturlich ein vollstandiges Blech, aber es macht uns darauf auf-
merksam, wie man auf der einen Seite die Naturgrundlage nicht andern
kann ; wie wir nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus verlangen konnen,
daB die Naturkrafte so oder so im Boden drunten das Weizenkorn zu-
bereiten. Wir miissen uns den Naturkraften fiigen, sie stehen neben dem
Wirtschaftsleben da. Auf der anderen Seite muB das Wirtschaftsleben
begrenzt sein von dem Rechtsleben, das heiBt : Ebensowenig wie die
Naturkrafte von derKonjunktur auf dem Warenmarktabhangen, eben-
sowenig darf die menschliche Arbeitskraft von der Konjunktur auf
dem Warenmarkt abhangen. Wie eine Naturkraft muB aus dem Wirt-
schaftsleben die menschliche Arbeitskraft herausgenommen und auf
den Rechtsboden gestellt werden. Wenn sie auf den Rechtsboden ge-
stellt ist, dann wird auf diesem Rechtsboden sich alles dasjenige ent-
wickeln konnen, in dem ein Mensch dem anderen gleich ist, in dem sich
nur wirkliche Menschenrechte entwickeln, in dem sich auch das Ar-
beitsrecht entwickeln kann. MaB und Art und Zeit der Arbeit wird fest-
gestellt sein, bevor der Arbeiter in den WirtschaftsprozeB eintritt. Dann
wird er als ein freier Mensch demjenigen gegeniiberstehen, der dann,
wie man gleich sehen wird, nicht der Kapitalist, sondern der Arbeits-
leiter, der geistige Mitarbeiter sein wird.
Mag man auch noch so gute Worte sprechen iiber den sogenannten
Arbeitsvertrag - solange er ein Lohnvertrag ist, wird daraus immer
nur die Unbefriedigtheit des Arbeiters hervorgehen konnen. Erst dann,
wenn nicht mehr iiber Arbeitskraft Vertrage abgeschlossen werden
konnen, sondern lediglich iiber die gemeinsame Produktion des Ar-
beitsleiters und des Handarbeiters, wenn lediglich iiber das gemein-
same Erzeugnis ein Vertrag abgeschlossen werden kann, wird daraus
ein menschenwurdiges Dasein fur alle Teile hervorgehen. Dann wird
der Arbeiter dem Arbeitsleiter gegeniiberstehen als der freie Gesell-
schafter. Das ist es, was der Arbeiter im Grunde genommen erstrebt,
wenn er sich auch heute noch nicht ganz klare Vorstellungen davon
machen kann. Das ist es, was in der eigentlichen wirtschaftlichen Frage
des Proletariats, in der eigentlichen wirtschaftlichen Forderung liegt:
Befreiung der Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf, Feststellung
des Rechtes der Arbeitskraft innerhalb des zweiten Gliedes des drei-
gliedrigen sozialen Organismus, des Rechtsbodens.
Und auf diesem Rechtsboden muB noch ein anderes eine neue Ge-
stalt bekommen. Das ist gerade dasjenige, gegeniiber dessen Neuge-
staltung die heutigen Menschen noch ganz, ganz verdutzte Gesichter
machen. namlich die Neugestaltung des Kapitals. Mit Bezug auf das
Privateigentum denken heute die Menschen wenigstens bis zu einem
gewissen Grade sozial, und zwar auf dem Gebiet, das ihnen das minder
schwierigste zu sein scheint, auf dem geistigen Gebiete. Denn auf gei-
stigem Gebiete gilt, wenigstens dem Prinzip nach, etwas Soziales in
bezug auf das Eigentum. Was jemand hervorbringt, und wenn er ein
noch so gescheiter Mensch, ein noch so begabter Mensch ist - gewiB,
seine Fahigkeiten bringt er durch die Geburt mit, das steht auf einem
anderen Blatt -, aber dasjenige, was wir sozial Wertvolles leisten, auch
geistig, wir leisten es dadurch, daB wir innerhalb der Gesellschaft ste-
hen, durch die Gesellschaft. Das wird auf geistigem Gebiete dadurch
anerkannt, daB wenigstens dem Prinzip nach - die Zeit konnte noch
verkiirzt werden - von dem, was man geistig hervorbringt, wovon
einem auch die NutznieBung zukommt, von dem dreiBigsten Jahre
nach dem Tode an nichts mehr den Erben gehort. Die Zeit konnte kur-
zer werden, aber es ist wenigstens im Prinzip anerkannt, daB das, was
geistiges Eigentum ist, das Eigentum der Allgemeinheit in dem Augen-
blick werden muB, da der Einzelne mit seinen individuellen Fahigkeiten
nicht mehr dabei ist, um es zu verwalten. Nicht darf das geistige Eigen-
tum in einer beliebigen Weise an diejenigen iibergehen, die dann mit
dieser Hervorbringung nichts mehr zu tun haben.
Nun sagen Sie heute, es sei eine geschichtliche Forderung, daB es mit
dem materiellen Kapital in der Zukunft ahnlich werden muB ! Sagen
Sie das heute den Menschen, die innerhalb der kapitalistischen Erzie-
hung stehen, dann werden Sie sehen, was sie fur verdutzte Gesichter
machen! Dennoch ist eine der wichtigsten Forderungen der Gegen-
wart, daB das Kapital fortan nicht mehr in derselben Weise in den Ge-
sellschaftsprozeB hineingestellt wird, wie es heute darin steht. Es han-
delt sich darum, daB in der Zukunft zwar jeder aus seinen individuellen
Fahigkeiten heraus in die Lage kommen muB, dasjenige zu verwalten,
was Produktionsmittel auf einem bestimmten Gebiete sind. Und Pro-
duktionsmittel ist eigentlich das Kapital. Daran hat der Arbeiter selbst
das groBte Interesse, daB ein guter geistiger Leiter da ist als Verwalter;
denn dadurch kann man auch am besten seine Arbeit anwenden. Der
Kapitalist ist dann eben das funfte Rad am Wagen, er ist gar nicht notig.
Das ist es, was man einsehen muB. Es ist also notwendig, daB in der
Zukunft die Produktionsmittel in einem bestimmten Wirtschaftszweig
oder auch fiir einen Kulturzweck aufgebracht werden; nachdem aber
die individuellen Fahigkeiten des Menschen oder der Menschengrup-
pen, welche die Produktionsmittel aufgebracht haben, nicht mehr das
personliche Eigetitum rechtfertigen, miissen diese Produktionsmittel
so, wie ich es in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage»
dargestellt habe, nun wiederum auf ganz andere iibergehen, nicht auf
die Erben, sondern auf ganz andere, die nun die groBten Fahigkeiten
wiederum haben, diese Produktionsmittel nur im Dienst der Allgemein-
heit zu verwalten.
Wie das Blut im menschlichen Leibe zkkuliert, so werden in der Zu-
kunft die Produktionsmittel, also das Kapital, zirkulieren in der Allge-
meinheit des sozialen Organismus. Wie sich das Blut nicht anstauen
darf im gesunden Organismus, sondern durch den ganzen Leib gehen
muB, alles befruchten muB, so darf in der Zukunft das Kapital sich nicht
an irgendeiner Stelle als Privateigentum anhaufen. Wenn es seinen
Dienst an der einen Stelle getan hat, muB es vielmehr an denjenigen
iibergehen, der es am besten verwaltet. So wird das Kapital derjenigen
Funktion entkleidet, welche heute gerade zu den groBten sozialen Scha-
den gefuhrt hat.
Die ganz gescheiten Leute, die vom kapitalistischen Standpunkt aus
sprechen, sagen aber mit Recht: Alles Wirtschaften besteht darin, daB
vorhandene Giiter hingegeben werden, damit man kiinftig Giiter er-
halten kann. - Das ist ganz richtig; aber wenn auf diese Weise gewirt-
schaftet werden soil - daB namlich durch das Vergangene die Keime
gelegt werden fur die Wirtschaft der Zukunft, so daB die Wirtschaft
nicht abstirbt -, dann muB das Kapital an demjenigen teilnehmen, was
die Eigenschaften der Giiter sind. Wiederum gibt es heute hochst ver-
dutzte Gesichter, wenn man von diesen Forderungen der Zukunft
spricht. Wirkliche Giiter haben indessen die Eigentiimlichkeit, daB sie
verbraucht werden. Beim Verbrauch gehen sie allmahlich den Weg alles
Lebendigen. Unsere bisherige Wirtschaftsordnung hat das Kapital da-
hin gebracht,, diesen Weg des Lebendigen nicht zu gehen. Man braucht
bloB Kapital zu habenj dann ist dieses Kapital herausgerissen aus dem
Schicksal von allem anderen, was im WiftschaftsprozeS darinsteht.
Schon Aristoteles hat gesagt, das Kapital sollte keine Jungen bekom-
men, aber es bekommt nicht nut Junge, sondetn die Jungen wach-
sen heran, bis sie gtoB sind; man kann die Anzahl der Jahte angeben,
bis das Kapital sich verdoppelt, wenn es nur sich selbst iiberlassen ist.
Andere Giiter, fiir die aber das Kapital nur als Reprasentant dastehen
sollte, haben die Eigentiimlichkeit, daB sie sich entweder abnutzen oder
nicht mehr gebraucht werden konnen, wenn sie nicht zur rechten Zeit
in Gebrauch genommen werden. Dem Kapital muB die Eigenschaft
aufgedriickt werden, insofern es Geldkapital ist, daB es an dem Schick-
sal aller anderen Giiter teilnimmt. Wahrend unser gegenwartiges Wirt-
schaftsleben darauf sieht, daB das Kapital sich in einer gewissen Zeit
verdoppelt, wiirde ein gesundes Wirtschaftsleben es dahinbringen, daB
das bloBe Geldkapital in derselben Zeit verschwinden wiirde, nicht
mehr da sein wiirde. Es ist heute noch etwas Horribles, wenn man den
Leuten sagt, nach fiinfzehn Jahren sollen sie nicht das Doppelte haben,
sondern nach einer angemessenen Zeit soil das, was Geldkapital ist,
nicht mehr da sein, weil dasjenige, was in diesem Kapital steckt, an det
Abniitzung teilnehmen muB. GewiB kann dabei auf manches, was im
Sparen liegt oder dergleichen, Riicksicht genommen werden.
So stehen wir heute nicht vor kleinen Abrechnungen, sondern vor
groBen Abrechnungen. Und wir miissen den Mut haben, zu diesen
groBen Abrechnungen uns zu bekennen. Sonst wird die soziale Ord-
nung, oder besser gesagt, die soziale Unordnung, das soziale Chaos,
iiber uns hereinbrechen. Dariiber machen sich die Menschen heute we-
nig Begriffe, daB sie im Grunde genommen auf einem Vulkan tanzen.
Es liegt mehr in ihrem Interesse, das Alte so leicht fortzusetzen, wah-
rend die Zeit von uns fordert, nicht nur manche Einrichtungen umzu-
andern, sondern bis in unsere Denkgewohnheiten hinein umzudenken
und umzulernen.
Wenn die Arbeitskraft und das Kapital herausgeholt werden aus dem
WirtschaftsprozeB, wo dann das Kapital der Allgemeinheit zuflieBt und
die Arbeitskraft zuriickgegeben wird dem Recht des freien Menschen,
dann steht im WirtschaftsprozeB nur Warenkonsum, Warenzirkula-
tion, Warenproduktion darin. Dann hat man im WirtschaftsprozeB bloB
mit Werten von Waren zu tun. Und dann wird innerhalb dieses Wirt-
schaftsprozesses, der nun als Glied des gesunden sozialen Organismus
auf sich selbst gestellt ist, dasjenige entstehen konnen, wovon man dann
sagen kann : Es wird nicht bloB produziert, um zu produzieren, sondern
es wird produziert, um zu konsumieren. Da werden dann jene Genos-
senschaften, jene Assoziationen entstehen, die gebildet sind aus den
Berufsstanden, aber die namentlich gebildet sind aus den Konsumenten,
mit den Produzenten zusammen. Da wird aus diesen Korporationen
heraus das entstehen, was heute dem Zufall des Warenmarktes anver-
traut ist. Heute entscheidet etwas, was dem Menschendenken, dem
Menschenurteil auf dem Warenmarkt ganz entzogen ist: Angebot und
Nachfrage. In der Zukunft muB die Korporation dasjenige entscheiden,
was aus dem Warenmarkt heraus die Preisbildung, die Wertbildung der
Giiter bedingt. Auf diesem Wege allein wird ein Mensch so viel hervor-
bringen, daB das Hervorgebrachte den Wert all der Waren hat, die er
fur seine Bediirfnisse braucht, bis er eine gleiche Ware neuerdings her-
vorgebracht hat. Das wird ein gerechtes Wirtschaftsleben sein. Das
wird ein Wirtschaftsleben sein, s in dem nicht der Preis der einen Waren-
gattung in unverhaltnismaBiger Art uberwiegt die Preise der anderen
Warenarten. Heute, da der Lohn noch im WirtschaftsprozeB enthalten
ist und der Arbeiter nicht der freie Gesellschafter des geistigen Leiters
ist, heute steht die Sache noch so, daB innerhalb des Wirtschaftspro-
zesses der Arbeiter auf der einen Seite immer wieder um die Erhohung
seines Lohnes kampfen muB; auf der anderen Seite wird dadurch, daB
da ein Loch zugemacht wird, ein anderes aufgemacht : Der Lohn wird
hoher, die Lebensmittel werden teurer und so weiter. Das geschieht nur
in einem WirtschaftsprozeB, der verunreinigt wird von Kapital- und
Lohnverhaltnissen. In einem WirtschaftsprozeB, in dem die Korpora-
tionen, die Genossenschaften, die Warenwerte bestimmen, und zwar
nicht nach Angebot und Nachfrage, die dem Zufall unterworfen sind,
sondern aus Vernunft heraus, in einem solchen WirtschaftsprozeB allein
kann jeder Mensch ein menschenwiirdiges Dasein finden. Nach einem
solchen WirtschaftsprozeB sehnen sich im Grande die Proletaricrmas-
sen; das ist ihre wahre Fordemng im Wirtschaftsleben.
Auf einzelnen Gebieten sieht man diese Forderung heute schon kla-
rer ein. Nehmen Sie zurn Beispiel die Frage nach den Betriebsraten, die
jetzt durch Gesetze so verschandelt worden ist. Wenn die Betriebsrate
das werden sollen, was der Pr oletarier wirklich verlangt, so diirfen sie
nicht nach jeder Richtung hin, geradeso wie friiher das Geistesleben,
bloB die Schleppe des Staates nachtragen, sondern dann mussen sie in-
nerhalb des Wirtschaftslebens eine soziale, wirklich gedeihliche Tatig-
keit entwickeln konnen. Dazu muB das Wirtschaftsleben aber auf seinen
eigenen Boden gestellt werden, dazu muB ein anderes kommen als diese
Betriebsrate, dazu mussen noch Verkehrsrate und andere Rate kom-
men; diese mussen aus dem Wirtschaftsleben heraus erstehen, und sie
werden Verfassungen schaffen aus wirtschaftlichen Erfahrungen heraus .
Ich weiB, daB heute sehr viele Leute sagen: Es herrscht doch gar
nicht die Bildung innerhalb des wirtschaftlichen Lebens, um zu dem zu
kommen, wozu man kommen will. So reden die Leute, die immer von
Idealen deshalb reden, damit sie in der Wirklichkeit das Mogliche nicht
durchzufuhren brauchen. So reden die Leute, fur dieldeale etwas sind,
dem man nicht zustreben soil, damit sie nicht ndtig haben, das Aller-
nachste anzustreben. Derjenige, der weiG, daB das Erfahrungswissen,
das aus der Praxis heraus kommt, unendlich mehr wert ist als alles das-
jenige, was von oben heruntergetragen werden kann, der weiB auch,
daB solche Betriebsrateschaft nicht nur fur einzelne Betriebe aufgestellt
sein darf, sondern zwischenbetrieblich sein muB. Die Betriebsrate mus-
sen die einzelnen Betriebe mit den ganz andersartigen Betrieben ver-
binden, die Verbindung vermitteln, sie mussen sich zur Betriebsrate-
schaft, zur Verkehrsrateschaft, zur Wirtschaftsrateschaft ausbilden.
Wenn das aus dem Boden des Wirtschaftslebens herauswachst, dann
wird man zu dem kommen, daB diese Rate nicht zur bloBen Dekoration
da sind, sondern daB sie zum menschlichen Faktor werden, zu den Ge-
stalten des Wirtschaftslebens selbst. Das ist aber dasjenige, was not-
wendig ist.
Wahrhaftig nicht aus irgendeiner Klugelei, nicht aus einer grauen
Theorie ist dasjenige entstanden, was ich die Dreigliederung des sozia-
len Organismus nenne, sondern aus einer wirklichen Beobachtung der
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft. Und es ist
wirklich schade, daB sich heute so wenig Menschen finden, welche im-
stande sind, aus dem bisherigen Geistesleben heraus auf diese Lebens-
not, auf die Wirklichkeit selbst ihre Augen zu richten. Die Leute ver-
leumden heute das, was gerade das Praktische ist, indem sie sagen: Das
ist Ideologic, das ist Utopie. Was liegt da eigentlich zugrunde? Da sagen
die einen: Die Sozialisierung der Produktionsmittel ist notwendig. Das
sage ich auch. Aber ich sage auch: Notwendig ist, den Weg zu wissen,
auf dem man dazu kommt. Ich habe heute nur skizzenhaft angedeutet,
was ich meine. Wir brauchen heute nicht bloB Ziele, sondern auch die
Wege und den Mut zu den Wegen. Viele Leute sagen mir, daB das
schwer verstandlich ist, was ich sage. - Nun, notwendig ist allerdings
zum Verstehen dessen, was ich sage, mehr als was man heute gewohn-
lich zum Verstehen aufwenden will. Notwendig ist, hineinzuschauen
in das wirkliche Leben, nicht aus irgendwelchen subjektiven Forderun-
gen heraus das Leben zu beurteilen. Notwendig ist, daB man sich auch
aufschwinge, den inneren Mut aufzubringen, radikal in gewissen
Dingen zu denken, wie unsere Zeit es von jedem wachen Menschen
fordert.
Ich habe allerdings in den letzten vier bis fiinf Jahren erlebt, daB die
Menschen Dinge verstanden haben, die ich nicht verstanden habe. Sie
haben sich sogar solche Dinge, die sie vorgaben zu verstehen, wenn sie
von gewissen Orten herkamen, in schone Rahmen hineingetan, damit
sie sie immer anschauen konnten. Dinge, die vom groBen Hauptquar-
tier und dergleichen herkamen, aber es muBte allerdings das Verstehen
erst befohlen werden. Befehlen kann man niemand das Verstehen des-
sen, was aus innerem Lebensmut heraus verstanden werden soli. Jetzt
ist die Zeit gekommen, wo die Menschen sich das Verstehen nicht mehr
sollten befehlen lassen, sondern wo sie imstande sein rmissen, aus den
Lebenserfahrungen heraus, aus der vorurteilslosen Lebensbeobachtung
heraus ein wirktfches Urteil zu gewinnen iiber dasjenige, was notwendig
ist, ehe es zu spat ist.
Aber man macht heute sonderbare Erfahrungen. Ich erzahle nicht
gerne personliche Dinge, aber heute sind es diese personlichen Dinge,
die das Leben beherrschen. Ich war im April 1914 genotigt, in einer
kleineren Versammlung in Wien - und absichtlich in Wien, Sie wissen,
die Weltkriegskatastrophe ist von Osterreich ausgegangen - mein Ur-
teil iiber die soziale Lage au szu sprecb.en ? damals nicht nur die soziale
Lage des Proletariats, sondern die soziale Frage von ganz Europa. Ich
deutete darauf hin, daB die soziale Lage in Europa zu einer Geschwiir-
bildung hin tendiert, und in der Tat ist ja daraus dann der Weltkrieg
entstanden. - Ich war genotigt, mein Urteil dariiber etwa in die Worte
zusammenzufassen - im April 19 14, halten Sie den Zeitpunkt fest -:
Wer in unsere sozialen VerMltnisse hineinschaut, wie sie sich allmah-
lich herausgebildet haben, der kann nur zu einer groBen Kultursorge
kommen, denn er sieht, wie sich im sozialen Leben ein Karzinom ent-
wickelt, eine Art Krebskrankheit, die in der furchtbarsten Weise in der
nachsten Zeit zum Ausbruch kommen muB.
So muBte ich damals auf dasjenige hinweisen, in das der Weltkapita-
lismus die Menschen in der nachsten Zeit hineintrieb. Wer das damals
sagte, wurde selbstverstandlich fiir ekien unpraktischen Idealisten, fiir
einen Utopisten, einen Ideologen verschrien, denn die Praktiker spra-
chen damals ganz anders. Wie sprachen die Praktiker iiber die allge-
meine Weltlage? Die sprachen nicht von Krebskrankheit. Die sprachen
etwa so wie der deutsche AuBerirninister im Fruhjahr 1914 zu den er-
leuchteten Herren des Deutschen Reichstages - erleuchtet werden sie
ja gewesen sein, denn sie waren doch berufen worden -: Wir gehen
friedlichen Zeiten entgegen, denn die allgemeine Entspannung macht
erfreuliche Fortschritte. Wir stehen im besten Verhaltnis zu RuBland;
das Petersburger Kabinett hort nicht auf die Pressemeute. Mit England
sind aussichtsvolle Verhandlungen angekniipft, welche wohl in nach-
ster Zeit zugunsten des Weltfriedens zum AbschluB kommen werden.
Wie die beiden Regierungen iiberhaupt so stehen, daB sich die Bezie-
hungen immer inniger und inniger gestalten werden. - So sprach der
Praktiker, der nicht Idealist gescholten wurde. Und die allgemeine Ent-
spannung machte solche Fortschritte, daB das folgte, was wir alle so
leidvoll erlebt haben. Es konnen einen schon besondere Empfindungen
ankommen, wenn man dann so etwas hort, wie es kurzlich auf der
Volkerbund-Konferenz zu horen war, wo die Leute iiber alles mogliche
sprachen aus den alten Denkgewohnheiten heraus. Nur dariiber spra-
chen sie nicht in einer irgendwie sachgemaBen Weise, was die groBte
Bewegung der Gegenwart ist, iiber die soziale Bewegung, die doch
allein fahig ist, einen wirklichen Volkerbund zu begriinden.
Dann bekommt man manchmal aus den alten Denkgewohnheiten
heraus von sehr gescheiten Leuten ganz besondere Antwor ten. Neulich
in Bern antwortete mir ein sehr gescheiter Herr - ich will niemals die
Gescheitheit der Leute verkennen -: Ich kann mir nicht denken, daB
bei einer Dreigliedemng etwas besonderes herauskommt, das muB doch
alles eine Einheit sein. Recht kann doch nicht bloB auf politischem Bo-
den entstehen, und so weiter. - Notwendig ist eben, daB auf dem Boden
des Rechtes das Recht sich entwickelt, dann hat auch das Wirtschafts-
leben das Recht, dann hat das Geistesleben das Recht. Und wenn man
sagt, daB die Einheit des sozialen Organismus zerschnitten wird, so sage
ich: Nicht darum handelt es sich fur mich! Es geht nicht darum, den
Gaul zu zerschneiden, sondern darum, den Gaul auf seine vier Beine zu
stellen. Nicht darum handelt es sich, den sozialen Organismus zu zer-
schneiden, sondern darum, ihn auf seine drei gesunden Beine zu stellen,
auf ein gesundes Rechtsleben, ein gesundes Wirtschaftsleben und ein
gesundes Geistesleben. Dann entwickelt sich schon diese Einheit, die
man heute als einen Gotzen anbetet als Einheitsstaat, den man aber
gleich verlassen muB, wenn man den Sozialismus will.
Durch mehr als ein Jahrhundert haben die Menschen immer wieder-
um gesprochen von dem groBen sozialen Ideal der Menschheit, von den
groBten sozialen Impulsen: Gleichheit, Freiheit, Briiderlichkeit. Ge-
wiB, es haben sehr gescheite Leute des 19. Jahrhunderts immer wieder
bewiesen, daB diese Ideale nicht zu verwirklichen seien, weil man sie
nur unter der Hypnose des Einheitsstaates gesehen hat; daher riihrt der
Widerspruch. Heute aber ist die Zeit, da diese Ideale verwirklicht wer-
den miissen, da diese drei Impulse des sozialen Lebens ergrhTen werden
miissen. Und sie konnen nur verwirklicht werden im dreigliedrigen
sozialen Organismus. Im Geistesleben, das auf seinem eigenen Boden
stehen soil, miissen die individuellen Fahigkeiten als auf dem Boden der
Freiheit entwickelt werden. Auf dem Gebiete des Rechtes muB das-
jenige herrsehen, worin jeder Mensch jedem anderen Menschen gleich
ist, woriiber Gleiches jeder miindig gewordene Mensch durch
sich selbst oder durch seinen Vertreter sein Verhaltnis zu anderen Men-
schen regeln kann, auch das Arbeits verhaltnis. Und auf dem Boden des
Wirtschaftslebens muB jene wahre Briiderlichkeit herrsehen, die nur in
Genossenschaften, sei es in Konsumentenschaften oder in Produzen-
tenschaften, erbliihen kann.
In dem dreigliedrigen sozialen Organismus werden herrschen Frei-
heit, Gleichheit, Briiderlichkeit, weil er drei GHeder hat : Freiheit auf
dem Boden des Geisteslebens, Gleichheit auf dem demokratischen Bo-
den des Rechtslebens, Briiderlichkeit auf dem Boden des Wirtschafts-
lebens.
Ich konnte Ihnen heute nur von einzelnen Gesichtspunkten her das-
jenige andeuten, was das Notwendige ist zu bedenken in der heutigen
so tiefernsten Zeit; was das Notwendigste ist zu bedenken, wenn man
ernsthaftig Hand anlegen will, um herauszukommen aus Wirrnis und
Chaos, um nicht tiefer hineinzukommen in Wirrnis und Chaos. Not-
wendig ist heute, nicht bloB an kleine Anderungen zu denken, sondern
den Mut aufzubringen, sich zu gestehen, daB heute groBe Abrechnun-
gen fallig sind. Wer wirklich mit wacher Seele das anschauen kann, was
heute erst im Anfang steht, muB sich sagen: Wir werden nicht lange
Zeit zum Oberlegen haben. Deshalb ergreifen wir lieber einen Weg, der
jeden Tag begonnen werden kann. Und jeden Tag begonnen werden
kann dasjenige, was durch den dreigliedrigen sozialen Organismus ge-
geben ist. Nur derjenige, der weiter hineinsegeln will in jene Praxis, die
uns die Weltkatastrophe gebracht hat, wird das, was wirklich praktdsch
ist, einen unpraktischen Idealismus nennen wollen.
Soil Heilsames geschehen im sozialen Leben, so wird es notwendig
sein, daB man griindlich abkommt von jener aberglaubischen Vergot-
terung der Praxis, die nichts anderes ist als brutaler menschlicher Egois-
mus. Man wird sich bekennen miissen zu jenem Idealismus, der kein
einseitiger Idealismus ist, sondern wahre Lebenspraxis. Wer es ehrlich
meint mit unserer Zeit, wird sich heute die Frage stellen : Wie komme
ich auf den Weg zum Heilmittel fur dasjenige, was uns als soziale Scha-
den entgegentritt? Und zu wiinschen ware es, daB immer mehr Men-
schen auf diesen Weg kamen, ehe es zu spat ist. Und es konnte sehr bald
zu spat sein.
Schlufiwort
Nach einet Diskussion, in der iiberwiegend Partei- und Gewerkschaftsfunktionare gespro-
chen hatten, ergrifF Rudolf Steinef nochmals das Wort:
Es ware mir ja allerdings Keber gewesen, wenn von seiten der Redner
auf die Dinge, die ich vorgebracht habe, eingegangen worden ware.
Man konnte dann die Diskussion zu etwas Fruchtbarem gestalten. Das
ist nun nicht geschehen. Ich werde daher nur noch auf einzelnes hin-
weisen und aufmerksam machen konnen.
Von einigen Rednern wurde gesagt, daB in meinen Betrachtungen
nichts Neues vorgebracht worden sei. Nun, ich kenne sehr genau die
Entwicklung der sozialen Bewegung. Und wer behauptet, das Wesent-
liche von dem, was heute aus den Erfahrungen gerade der ganzen Neu-
gestaltung der sozialen Lage durch die Weltkatastrophe vorgebracht
worden ist, sei nicht etwas Neues, der sollte sich bewuBt werden, daB
er etwas absolut Unrichtiges sagt. In Wirklichkeit liegt ein ganz anderer
Tatbestand vor : Die Redner haben das Neue nicht gehort. Sie haben
sich darauf beschrankt, die paar Sachen zu horen, die selbstverstand-
Hch, weil sie richtig sind, als Kritik der ublichen Gesellschaftsordnung
vorgebracht wurden. Sie sind gewohnt seit vielen Jahren, dies und das
als Schlagwort zu horen: das haben sie gehort. Aber alles, was dazwi-
schen gesagt worden ist von der Dreigliederung des sozialen Organis-
mus, von dem, was durch diese Dreigliederung an wirklicher Soziali-
sierung nach jeder Seite hin erreicht werden kann, von dem haben eben
die Redner absolut nichts gehort. Und daher haben sie vermutlich auch
in ihren Diskussionen so sehr iiber dasjenige, was sie nicht gehort ha-
ben, geschwiegen. Ich begreife das. Ich begreife es aber auch, daB dann
naturlich eine fruchtbare Diskussion eigentlich aus einer solchen Sache
nicht herauskommen kann.
Wir haben zum Beispiel einen Redner gehort, der gerade so, wie wenn
er die letzten fiinf bis sechs Jahre nicht erlebt hatte, sich iiber die alten
Theorien ausgelassen hat, die soundso viel Mai vor dieser Katastrophe
abgehandelt worden sind. Er hat brav alle die Theorien vom Mehrwert
und so welter, die ja ganz gewiB richtig sind, die aber unzahlige Male
vorgebracht wurden, wieder vorgebracht. Er hat nur verges sen, daB
wir heute in einer ganz, ganz anderen Zeit leben. Er hat vergessen,
daB zum Beispiel sehr angesehene SoziaHstenftihrer noch wenige
Monate vor der deutschen Kapitulation gesagt haben: Wenn diese
Weltkriegskatastrophe voriiber ist, dann wird die deutsche Regierung
sich zu dem Proletariat ganz anders stellen mussen als vorher. Die deut-
schen Machthaber werden in ganz anderer Weise das Proletariat bei
alien Regierungshandlungen, in alien Gesetzgebungen berucksichtigen
mussen als vorher. - Man hat von sozialistischer Seite aber auch ge-
sagt: Es werden die soziaiistischen Parteien beriicksichtigt werden
mussen.
Nun, es ist anders gekommen. Die Machthaber sind in den Abgrund
versenkt worden, die Parteien waren da. Sie stehen heute vor einer ganz
anderen Weltlage. Vor dieser neuen Weltlage muBte man aber neue Ge-
danken nicht einfach iiberhoren, und bloB die Parteien horen, die natiir-
lich, weil sie immer schon gegolten haben, solange es eine soziale Be-
wegung gibt, sondern man muBte die Fahigkeit sich erwerben, einzu-
gehen auf dasjenige, was gerade fur die heutige Zeit unmittelbar das
Notwendigste ist. Sonst stehen wir vor der groBen Gefahr, die im
Grunde genommen in der alten ublichen Weltordnung immer da war:
Wenn etwas kam, was auf Tatsachen hinschaute, was der Wirklichkeit
entnommen war, erklarte man es als Ideologic; erklarte man: das ist
Philosophic, das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun, und man bahne
dadurch die Wege der Reaktion. Es wiirde das Schlirnmste sein, wenn
die sozialistische Partei in eine Art von reaktionarer Erstarrung ver-
fallen wiirde, wenn sie nicht fahig ware, fortzuschreiten mit den so laut
sprechenden Tatsachen.
Das ist es, worauf es heute ankommt. Marxhat ein schones Wort ge-
pragt, nachdem er die Marxisten kennengelernt hatte - es geht das ja
vielen Leuten so, die sich bemiihen, etwas wirklich Neues in die Welt
zu bringen - : Was mich anbetriflt, ich bin kein Marxist. - Und Marx hat
jederzeit gezeigt - ich erinnere nur an die Vorgange von 70/71 wie er
von diesen Vorgangen gelernt hat. Er hat jederzeit gezeigt, daB er im-
stande ist, mit der fortschreitenden Zeit zu gehen. Er wiirde heute ganz
gewiB, da die Zeit dazu reif ist, die Moglichkeit linden, gerade in der
Dreigliederung des sozialen Organismus die wirkliche Losung der so-
zialen Frage zu erkennen. Immerfort wird von neuen Wegen geredet,
und wenn ein neuer Weg gezeigt wird, zu dem allerdings ein wirklicher
Mut gehort, dann wird gesagt: Es ist kein Weg gezeigt, es ist nur ein
Ziel gezeigt. Da mochte man doch fragen : Hat jemand schon an diesen
Weg gedacht, der notwendig macht, daB eine Art Liquidationsregie-
rung eintritt? Das ist dasjenige, was in der Tat den Leuten sehr unge-
wohnt ist fur ihre Denkgewohnheiten. Die alten Regierungen, auch die
sozialistische Regierung denkt an nichts anderes, als daB sie die schone,
brave Fortsetzung dessen sein wird, was die Regierung friiher war. Was
wir notig haben, ist, daB diese Regierung nur die Initiative in der Mitte
behalt, die Aufsicht iiber den Sicherheitsdienst, Hygiene und derglei-
chen, und daB sie links und rechts Liquidationsregierung wird : namlich
das Geisteslebenfrei lassend, so daB es in selbstandige Verwaltung iiber-
geht, das Wirtschaftsleben auf eigene FiiBe stellend.
Das ist keine Theorie, keine Philosophie, das ist der Hinweis auf
etwas, was getan werden muB. Und damit das getan werde, dazu gehort
zuerst Verstandnis von seiner Notwendigkeit. Dazu gehort, daB man
ablaBt allmahlich von der alten Gewohnheit, nur hinhoren zu wollen
auf das, was einem gerade selber beliebt, und nicht hinhoren zu wollen
auf dasjenige, was einem unbekannt ist.
Wenn Redner auftreten, welche sich in merkwurdiger Weise in prak-
tische Widersprxiche verwickeln und das nicht merken, so zeigen sie
schon, wie eigentlich unmoglich ein praktischer Weg gefunden werden
kann. Ein Redner hat es heute fertiggebracht, zu sagen : Wirklich poli- *
tische Macht ruht auch heute auf den wirtschaftlichen Unterlagen. Und
dann hat er, nachdem er etwas hinzugefugt hat - man merkt es dann
nicht mehr so -, gesagt: Das erste ist, daB wir die politische Macht er-
ringen, um die wirtschaftliche Macht zu erobern. - Man dekkmiert also
auf der einen Seite : Wer die wirtschaftliche Macht hat, hat auch die po-
litische Macht. Und gleich hinterher nach ein paar Satzen sagt man : Wir
miissen erst die politische Macht haben, dann bekommen wir auch die
wirtschaftliche Macht. Mit solchen Rednern wird man allerdings keine
praktischen Wege gehen konnen. Einen praktischen Weg kann man nur
gehen, wenn man imstande ist, gerade zu denken, und sich nicht die
Wege des Denkens zu verwirren.
Man wird nicht weiterkommen mit einem starren Festhalten an ir-
gendwelchen Einwanden, wie : Der Hang zur Bequemlichkeit macht es
notwendig, daB die Menschen zur Einheitsschule ge^wungen werden.
Alle diejenigen, die in friiheren Zeiten Machthaber waren, haben
ahnliche Dinge vorgebracht. Man hat Leute in der Regierung gese-
hen, die wahrhaftig nicht gescheiter waren als die Regierten. Aber die
Redeweise haben sie noch immer zustande gebracht: Wenn wir die
Leute nicht zwingen, das oder das zu tun, dann tun sie es freiwillig
nicht.
Es ist eine eigenartige Erscheinung, daB nunmehr auch auf soziali-
stischem Boden derlei Dinge zum Vorschein kommen. Da ware gerade
das jenige erforderlich, worum es sich in Wirklichkeit handelt : die Mog-
lichkeit, den Sinn aufzuschlieBen fur das Notwendige, nicht haften zu
bleiben an lange eingetrichterten Theorien und dergleichen. Das ist es
doch, was immer wiederum gefordert wird. Wenn man sagt : die Macht
muB errungen werden!, so meint man doch eine graue Theorie. Denn
wenn man die Macht errungen hat, dann muB man auch wissen,
was man mit dieser Macht tut. Auf eine andere Weise kommt man
nicht vorwarts, Erringen Sie die Macht - wenn Sie in der Macht ste-
hen, und Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, dann ist die ganze Macht
fur die Katz. Es handelt sich darum, daB man gerade bevor man zur
Macht kommt, klar und deutlich weiB, was man mit der Macht anzu-
fangen hat.
Wenn auf der einen Seite gesagt worden ist : nachdem die Revolution
vom 9. November gelungen ist -, so konnte man ebensogut sagen, sie
ist miBlungen. Und wenn auf der anderen Seite gesagt wird: das Aus-
land sieht die Revolution als Schwindel an -, so ist das eben aus dem
Grunde der Fall, weil die Macht errungen worden ist und die Besitzer
der Macht nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Es muB nun
aber endlich gewuBt werden, was mit der Macht angefangen werden
soil. Wenn aber jeder bei den alten Parteimeinungen bleibt, dann mag
er nach Einigkeit rufen. Es gibt eine Methode, zur Einigkeit aufzufor-
dern, das ist die, wirklich zu sehen, wo die Schaden sind. Auf diese
Weise sucht der Dreigliederungsimpuls Einigkeit zu bringen. Es ist
einfach objektiv eine Verleumdung, zu sagen, es solle eineneuePartei
oder eine neue Sekte gegriindet werden. Unsinn ist das. Und wenn die
Resolution von zahlreichen Vet sammlungen angenommen worden ist,
so bin ich vollstandig beruhigt, daB dieser Resolution niemals entspro-
chen wird. Wiirde ihr entsprochen, dann wiirde das zur Folge haben,
daB den gegenwartigen Machthabern sehr bald der Stuhl vor die Ture
gesetzt wiirde. Da braucht keine Furcht zu bestehen, daB da irgendwie
eine Einigkeit gestort werden konnte. Aber es gibt eine andere Me-
thode, die Einigkeit zu zerstoren : Auf seinen Prinzipien zu beharren
und dann zu sagen : Wenn Ihr nicht mir folgt, dann sind wir eben nicht
einig. Das ist auch eine Methode, Einigkeit zu predigen, wobei man
eigentlich meint: Einig konnen wir nur werden, wenn ihr mir folgt.
Das meinen heute eigentlich doch recht viele.
Wie gesagt, es tut mir leid, auf Einzelheiten deshalb nicht eingehen
zu konnen, weil eigentlich kein einziger der Diskussionsredner wirk-
lich solche Dinge beruhrt hat, die in meinem Vortrage vorgebracht
worden sind. Es ist sogar zum SchluB noch gesagt worden, ich hattc
philosophiert. Mit einem solchen Philosophieren, wie es dieser Diskus-
sionsredner getan hat, kann man ja allerdings alles eine brotlose Philo-
sophic nennen. Aber ob man just mit einem solchen Philosophieren,
wie es der letzte Redner entwickelt hat, auf dasjenige kommt, was wirk-
lich helfen kann, das ist doch sehr stark die Frage.
Was in diesem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist, es ist
zuerst als Impuls gegeben worden wahrend dieser furchtbaren Kriegs-
katastrophe, als ich glaubte, daB die rechte Zeit gekommen sei. Damals,
als wir noch lange nicht das Ungetum des Brest-Litowsker Friedens
hatten, erschien es mir gerade als das Richtige, wenn, im Gegensatz zu
alledem, was dann wirklich geschehen ist, von diesem Dreigliederungs-
Impuls ausgehend, nach dem Osten himiber ein Ausgleich gesucht wor-
den ware. Es hat dies niemand verstanden. Daher ist dasjenige gekom-
men, was nachher durch den Brest-Litowsker Frieden ausgelost wurde.
Es kommt heute wirklich darauf an, daB sich Menschen finden, die es
nicht so machen wie alle diejenigen, zu denen wahrend des Krieges von
dieser Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen wurde, da-
mals natiirlich mit Bezug auf die AuBenpolitik.
In den nachsten Tagen wird eine Broschiire iiber die Schuld am
Kriege erscheinen. Da wird die Welt erfahren, was eigentlich in den
letzten Tagen des Juli und den ersten Tagen des August 19 14 innerhalb
Deutschlands vorgegangen ist. Man wird dann sehen, wie das groBe
Ungluck dadurch hereingebrochen ist, da6 man nicht selbst gedacht
hat, daB man hat die Obrigkeit denken lassen, daB man zufrieden war,
wenn die Obrigkeit dachte. Das ist dasjenige, was dazumal, statt zu
einer vemunfidgen Politik zu fiihren, dazu gefiihrt hat, daB die Politik
am 26. Juli an dem Nullpunkt ihrer Entwicklung angekommen war.
Diese Dinge muB die Welt einmal kennenlernen. Sie wird sie in den
nachsten Tagen kennenlernen durch die Memoiren des wichtigsten
Menschen, der in diesen Tagen damals, im Juli/August 19 14, mit tatig
war. Da wird man sehen, was alles dadurch versaumt worden ist, daB
nur die einen gedacht haben in ihrer Art, die die Obrigkeit waren, und
daB die anderen im Grunde genommen sich ihre Uberzeugungen be-
fehlen lieBen.
Nun, wir haben die Sache ja oftmals gehort. Auf die Kriegsgewinnler
sind die Revolutionsgewinnler gefolgt. Aber es ist auch noch eine an-
dere Folge gekommen. Auf die Kriegsschwatzer folgten die Revolu-
tionsschwatzer. Und es verhalten sich ungefahr die Revolutionsschwat-
zer zu den Kriegsschwatzern wie die Revolutionsgewinnler zu den
Kriegsgewinnlern.
Wir miissen eben iiber die Schwatzereien hinauskommen. Und wir
miissen dariiber hinauskommen, daB wir uns durchaus politisch nicht
fiihren lassen von irgendwelcher Obrigkeit, ob es nun sozialistische
oder andere Personlichkeiten sind. Wir miissen dazu kommen, urteils-
fahige Menschen zu werden. Diese urteilsfahigen Menschen konnen
wir nicht werden, wenn wir alles hinwegwischen, was sich wirklich auf
die Forderung des Tages stiitzen kann.
Ich gehe nicht auf derlei Dinge ein, die hervorgebracht wurden und
die nichts anderes sind als absolute Entstellung desjenigen, was meine
Betrachtungen durchdrungen hat. DaB ich die Gegensatze mit Wohl-
wollen iiberbriicken will, das sind objektive Verleumdungen. Ich habe
durchaus nicht von einer Uberbriickung der Gegensatze durch Wohl-
wollen gesprochen. Ich habe von Einrichtungen gesprochen, die her-
beigefuhrt werden sollen. Was hat denn die Verselbstandigung des
Geisteslebens, des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens mit Wohlwollen
zu tun ? Das hat etwas zu tun mit der objektiven Schilderung desjenigen,
was da kommen soli.
Ich bin mit jedem einverstanden, der da von spricht, daB man zunachst
die Macht haben will, aber ich bin mir auch durchaus dariiber klar, daB
derjenige, der die Macht hat, mit dieser Macht etwas anzufangen wis sen
muB. Und wollen wir nur vorwartsstiirmen und die unaufgeklarte
Masse zuriicklassen, dann werden wir nicht nur in dieselben Zustande,
sondern in viel schlimmere Zustande hineinsegeln, als schon da waren.
Man kann irgend etwas anderes philosophisch finden und sich selber
ungeheuer praktisch vorkommen, wenn man sagt : Die Franzosen sind
ausgepowert, sie konnen uns kein Brot geben, England ist auch durch
den Krieg ausgemergelt und kann uns kein Brot geben, Amerika ist fur
uns zu teuer. Aber aus RuBland konnen wir Brot bekommen ! - Nun,
vorlaufig haben die Englander - das konnen Sie trotz aller falschen Be-
richte vermuten - viel mehr Brot als die Russen selber. DaB wir von
RuBland Brot zu erwarten hatten, das ist eine Behauptung, die sich auf
keine sachlichen Untergriinde stiitzt.
Worauf es ankommt, das ist, daB wir nun wirklich die Lage so auf-
fassen, wie sie ist. DaB wir uns sagen: Wir waren nicht imstande, mit
dem alten Geistesleben zu sozialisieren, wir brauchen ein neues Geistes-
leben. Das kann aber nur das vom Rechtsstaat losgeloste Geistesleben
sein. Wir brauchen einen Boden, auf dem die Arbeitskraft den Kampfen
entzogen wird. Das kann nur der selbstandige Rechtsstaat sein. Und
wir brauchen einen Ausgleich des Warenwertes, das kann nur auf dem
Boden des selbstandigen Wirtschaftslebens geschehen. Das sind Dinge,
die man wirklich wollen kann. Das sind Dinge, die nicht bloB revolu-
tionare Phrasen sind. Das sind Dinge, die doch, wenn man den Mut
hat sie herbeizufuhren, wahrhaftig einen ganz anderen Zustand der
Welt herbeibrineen wollen, als er ietzt ist.
Ich glaube, wenn Sie geniigend dariiber nachdenken, was in der Drei-
gliederung des sozialen Organisnras liegt, werden Sie darauf kommen.
Und die Einfiihrung ist in verhaltnismaBig kurzer Zeit moglich. Nun,
und wenn dieser gesunde dreigliedrige Organismus da sein wird, dann
werden unsere Verhaltnisse recht sehr revolutionieft sein. Wenn die
Welt ubergehen wird zu dieser Einfuhrung des dreigliedrigen sozialen
Organismus, dann brauchen wir nicht zu «donnern» von Weltrevolu-
tion, denn sie vollzieht sich dann in sachlicher Weise. Das Donnern da-
von, das Auffbrdern zum Sturm macht es nicht aus. Sondern das macht
es aus, daB wir Keimgedanken finden, welche sich zu wirklichen sozia-
len Friichten entwickeln konnen.
Wir haben heute allerdings nicht notwendig, daB viel geschwatzt
wird, aber daB wir uns uber dasjenige verstandigen, was zu geschehen
hat. Nicht mit Ideologien, mit Utopien oder Philosophien haben wir es
im dreigliedrigen sozialen Organismus zu tun, sondern mit etwas, was
getan werden kann, das ein Plan zu einem wirklichen Tun ist, nicht eine
Beschreibung eines zukiinftigen Zustandes, sondern ein Plan zur Ar-
beit. Man braucht zu jedem Haus einen Plan, man braucht ihn zur so-
zialen Neugestaltung. Dazu werden diejenigen nicht fiihren, welche
immerzu zuriickschrauben, seien es Sozialisten oder sonstige Leute,
sondern nur die, die geneigt sind, wirklich vorwartszudringen. Ich
fiirchte, daB diejenigen, die heute «nichts Neues, sondern nur Altes»
gehort haben, uns nicht heraus-, sondern hineinfiihren in das Chaos.
Wk wollen heute einmal Ernst machen in der Aufnahme desjenigen,
das so ungewohnt ist, so neu ist, daB man es nicht einmal hort, wenn es
gesagt wird, sondern seine eigenen Phrasen wiederum findet. Es sind
heute neue Denkgewohnheiten notwendig, ein Umdenken ist notwen-
dig. An neue Denkgewohnheiten, an neue Denkrichtungen muB die
Menschheit appellieren, ehe es zu spat ist. Und noch einmal sage ich
es : Wenn die Menschheit nicht diesen inneren Mut hat, so konnte es
sehr leicht bald zu spat sein.
DIE ERKENNTNIS DES OBERSINNLICHEN MENSCHENWESENS
UND DIE AUFGABE UNSERES ZEITALTERS
Ulm, 22.Juli 19 1 9
Wenn der Mensch die gegenwartige Not, das gegenwartige Elend an-
blickt, fragt er nach den Ursachen, und zumeist wird er diese Ursachen
in auBeren Verhaltnissen suchen. Er wird zunachst den Blick auf die
schmerzensreichen Jahre, vier bis fiinf Jahre, die vergangen sind, zu-
riickwenden. Er wird vielleicht auch nach und nach aufmerksam, daB
dasjenige, was in den letzten vier bis fiinf Jahren so leidvoll durchlebt
worden ist, in einer langen Zeit, durch Jahrzehnte, ja wohl durch Jahr-
hunderte der neueren Menschheitsentwicklung sich vorbereitet hat,
wie etwa ein Gewitter sich vorbereitet durch die Schwiile des ganzen
Tages, ohne daB sein Entstehen bemerkt wird, und das sich dann ent-
ladt. Aber selbst diejenigen Menschen, welche in dieser Art weiter zu-
riickschauen zu Ursachen und Veranlassungen unserer gegenwartigen
Not und unseres Elends in diesem Zeitalter, sie werden mehr oder
weniger auf auBere Verhaltnisse hinschauen. Sie werden auch an AuBe-
res denken, wenn es sich darum handelt, aus der Wirrnis und dem Chaos
dieses unseres Zeitalters herauszukommen, an auBere MaBnahmen und
Einrichtungen.
GewiB, bis zu einem hohen Grade hat man mit dieser Anschauung
recht. Inwiefern man damit Recht hat, habe ich ja selbst nach meiner
Uberzeugung in dem Vortrage auszusprechen versucht, den ich vor
einigen Wochen hier in Ulm iiber soziale Fragen halten durfte. Aber
es gibt noch eine andere Seite der Betrachtungsart iiber diese Dinge.
Man braucht nur auf etwas aufmerksam zu werden, das in unserer Ge-
genwart in bezug auf das innere menschliche Leben, das menschliche
Seelenleben eine bedeutungsvolle Zeiterscheinung ist. Wir streben im
Sinne desjenigen, was ich gerade andeutete, mit Recht nach einer so-
zialeren Gestaltung der auBeren Lebensverhaltnisse, als sie der Mensch-
heit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten beschieden war. Aber ist
es denn nicht bemerklich, daB wir aus einer ganz merkwiirdigen
menschlichen Seelenverfassung heraus zu dieser sozialeren Gestaltung
streben? Bemerken wir es denn nicht, daB im Grunde genommen die
menschlichen Seelen in der Gegenwart iiberall durchsetzt sind mit anti-
sozialen Trieben, mit antisozialen Instinkten, mit einer geringen Mog-
lichkeit, sich gegenseitig zu verstehen? Und aus diesen antisozialen
Seelenverfassungen heraus, und um so mehr, als sie vorhanden sind,
miissen wir nach einer sozialeren Gestaltung des auBeren Lebens stre-
ben, als dasjenige war, welches in den drei bis vier letzten Jahrhunder-
ten die antisozialen Triebe unseres heutigen Menschenlebens heran-
gezogen hatte. Wenn man die Frage nach dieser Seite hin betrachtet,
dann lindet man, wie diese antisozialen Triebe der Gegenwart eigent-
lich damit zusammenhangen, daB wir den Weg zum innersten Wesens-
kern des Menschen selber verloren haben, den Weg zu jenem innersten
Wesenskern, den eigentlich, wenn auch mehr oder weniger hell, oder
bloB instinktiv, dunkel, jeder Mensch in sich ahnt : das ubersinnliche
Menschenwesen. So sonderbar es klingt, die Menschen wissen heute
nicht genau, sie bringen es sich nicht zum BewuBtsein, wonach ihr tie-
feres, dunkles Seelenwesen diirstet. Es diirstet nach einer Erkenntnis
des iibersinnlichen Wesenskernes des Menschen. Und in den Schwie-
rigkeiten, welche gerade unser Zeitalter findet, vorzudringen zu einer
befriedigenden Erkenntnis iiber dieses innerste Menschenwesen - in
diesen Schwierigkeiten liegt viel begriindet von dem, was sich dann
auBerlich ausdriickt in Wirrnis und Chaos, so wenig das die Menschen
auch heute noch zugeben wollen. Viele Menschen finden allerdings,
daB die Frage, von der ich hier spreche, ihre Beantwortung in einer
ganz anderen Weise finden soli, als sie sie durch dasjenige finden wird,
was ich heute abend zu Ihnen zu sprechen haben werde.
Da ich diese Frage vom Standpunkt der anthroposophischen Gei-
steswissenschaft aus zu erortern habe, werde ich nicht in der Lage sein,
sie in jener bequemen Art zu erledigen, die heute von vielen Menschen
angestrebt wird, die heute in den weitesten Kreisen der Menschheit
beliebt ist. Wenn heute den Menschen von den Mondbergen und von
der Art und Weise gesprochen wird, wie man durch physikalische In-
strumente, durch physikalische MaBnahmen sich iiber die Mondberge
unterrichtet, da glaubt der Mensch daran, daB die Aneignung des Wis-
sens von den Mondbergen kompliziert sein darf. Da uberwindet sich
der Mensch, und er gibt zu, daft man nicht auf ganz bequeme Weise zu
der Erkenntnis, sagen wir, der Mondberge oder der Jupitermonde
oder dergleichen vordringen konne. Wenn es sich aber um die iiber-
sinnliche Welt handelt, wenn es sich um das geistige Dasein des Men-
schen selber handelt, da verhalten sich die weitesten Kreise heute noch
durchaus anders. Da findet man es zu schwierig, wenn in der Weise
gesprochen wird, wie ich heute zu Ihnen werde sprechen miissen. Da
sagen heute noch die weitesten Kreise: Besser als dieses scheinbar
WissenschaftUche 1st das kindliche Bekenntnis oder der kindliche Bibel-
glaube, um zu den ubersinnlichen Welten zu kommen. - Man pocht auf
dasjenige, was man ja doch nur bequem findet, auf die kindliche Ein-
falt des Bekenntnisglaubens oder des Bibelglaubens, wenn es sich um
das Hochste handelt, wonach der Mensch auf seinem Seelenwege stre-
ben kann, und man weist dasjenige ab, was den Menschen diesen Weg
nicht in so bequemer Weise fuhrt. Aber die Menschen sehen eben heute
noch nicht gewisse innere Zusammenhange, die bestehen zwischen die-
sem Streben nach bequemenGeisteswegen und zwischen unseren anti-
sozialen Trieben und den Schwierigkeiten, aus diesen antisozialen Trie-
ben herauszukommen. Wiirde man einsehen, welche Zusammenhange
bestehen zwischen dem, was von gewisser Seite immer wiederum den
Menschen gesagt worden ist und woran sie geglaubt haben : Ihr konnt auf
dem Wege kindlicher, einfaltiger Glaubensbekenntnisse die Wege zum
Ubersinnlichen suchen-, wiirde man einsehen, welcher Zusammenhang
zwischen diesem Behaupten und diesem Glauben besteht und zwischen
dem, was sich heute an antisozialen Trieben auBert, dann wiirde man aller-
dings anders denken lernen iiber dasjenige, was die weitesten Kreise heu-
te als einen «bequemen Weg in die ubersinnlichen Welten » finden.
Aber nicht aus irgendeiner geistigen Schrulle heraus zeigt heute Gei-
steswissenschaft dem modernen Menschen andere Wege, sondern sie
zeigt diese Wege, weil sie dies als eine Verpflichtung gegemiber dem
empfindet, was Zeitbediirfnisse und was Zeitaufgaben der gegenwarti-
gen Menschheit smd. Wiirde sich diese gegenwartige Menschheit ganz
genau im Innersten selbst erkennen, dann wiirde sie sich sagen : Im Hin-
biick auf das iibersinnliche Streben kann man nicht mehr befnedigt
sein mit den alten Wegen. Dies lebt heute als Sehnsucht in vielen See-
len, und dieser Sehnsucht will anthroposophisch orientierte Geistes-
wissenschaft entgegenkommen.
Der Mensch fragt wohl heute, wie gesagt, mehr oder weniger deut-
lich oder auch mehr oder weniger unbewuBt nach den Beziehungen
zwischen Seele und Leib ; wenn er nicht gar schon so weit gekommen
ist, daB er alles Seelische ableugnet, weil ihm auf diese Frage immer
wiederum Zweifel aufgestiegen sind, an denen er miide geworden ist.
Aber was weiB im Grunde genommen der heutige Mensch von Seele
und Leib? Den Leib beobachtet er so, daB er dabei seine Sinne, den
auBeren physischen Verstand anwendet oder daB er fur dasjenige, was
er so durch die Sinne und den Verstand nicht unmittelbar kennen ler-
nen kann, seine Zuflucht zu der Naturwissenschaft nimmt, die ihm
durch ihre Untersuchungen sagen soil, welches die Gesetze sind, wel-
ches das innere Wesen dieses menschlichen physischen Leibes ist. Auf
der anderen Seite nimmt der Mensch innerlich dasjenige wahr, was er
sein Denken, sein Fiihlen, sein Wollen nennt. Das wird fur ihn eine
innere Erfahrung. An dieses Denken, Fiihlen und Wollen kniipft er
auch wohl bestimmte innere Sehnsuchten, Wiinsche und HofFnungen,
knupft er den Glauben, daB dieses in Denken, Fiihlen und Wollen le-
bende Innere nicht nur jene voriibergehende Bedeutung fur die Welt
habe, welche das Leben des physischen Leibes hat. Aber dann kommt
fur den Menschen die Frage, welche die groBen Zweifel gebiert, die
Frage : Welches ist das Verhaltnis desjenigen, was ich innerlich seelisch
als Denken, Fiihlen und Wollen in mir selbst wahrnehme, zu demjeni-
gen, was ich auBerlich an mir und an anderen sehe als den auBeren phy-
sischen Leib, dessen Gesetze und Wesenheit mir die Naturwissenschaft
erklaren will? Und wenn der Mensch selber sich nicht auf klaren kann
iiber dieses Verhaltnis des Seelischen zum Leiblichen, dann fragt er
wohl an bei denen, die aus gewissen wissenschaftlichen Untergriinden
heraus die MogHchkeit haben, iiber dieses Verhaltnis tiefer nachzufor-
schen. Und siehe da, der heutige Mensch, der so sehr darauf aus ist, sich
alles von der wissenschaftlichen Autoritat erklaren zu lassen, muB dann
feststellen, daB er in dieser Frage wenig durch die von ihm so gesuchten
Wissenschafter gefordert werden kann. Nimmt er irgend etwas zur
Hand, worin sich die Forscher auf diesem Gebiet ausgesprochen haben,
so wird er in der Regel finden, daB sie iiber diese Frage ebenso Unge-
wisses sagen, wie er in sich selber tragt. Alle moglichen Hypothesen,
alle moglichen Vermutungen findet man. Aber etwas, was den Men-
schen so ergreift, daB er, wenn er nur ohne Vorurteil wirklich Stellung
dazu nimmt, einen Eindruck der Wahrheit bekommen konnte, das
wird heute wenig gefunden. Das zu finden, setzt sich die anthroposo-
phisch orientierte Geisteswissenschaft zur Aufgabe.
Aber man kann nicht auf denselben Wegen, auf denen man zur auBe-
ren Wissenschaft kommt, auch zu dem vorriicken, von dem ich Ihnen
als einer Geisteswissenschaft, als einer wirklichen Geisteswissenschaft
nunmehr zu sprechen habe. Stellen Sie sich einmal vor, jemand wiirde
Ihnen von den Forschungswegen erzahlen, die er im chemischen oder
im physikalischen Laboratorium, in der KUnik zur Erforschung der
auBeren Natur beschritten hat. Sie wiirden von einem solchen Forscher,
der mit einem gewissen Recht glauben kann, auf seinem Gebiet zum
Fachmann geworden zu sein, in der Regel horen, daB er mit einer ge-
wissen Ruhe, mit einem gewissen inneren gleichmiitigen Seelenge-
stimmtsein seine Forschungswege gegangen ist. Es ist nicht viel Auf-
regendes auf den heutigen Forschungswegen zu finden.
Von solcher Ruhe, von solcher inneren gleichmiitigen Seelenstim-
mung kann Ihnen nun derjenige nicht erzahlen, der Ihnen etwas von
seinem Wege mitteilen will, auf dem er zu den Erkenntnissen iiber die
iibersinnliche Menschenwesenheit gelangt ist. Soil er Ihnen von dem
sprechen, was er durchgemacht hat, um zu diesen Erkenntnissen zu
kommen, so wird er Ihnen sprechen miissen von inneren Oberwindun-
gen, von inneren Seelenkampfen, von schweren Abmuhungen, von
einem wiederholten Stehen an Abgrunden des Zweifels. Er wird Ihnen
zu erzahlen haben von dem, was er im reichlichen Mafie hat iiberwin-
den miissen, was er hat durchmachen miissen, um zu dem zu kommen,
was AufschluB gibt iiber den eigentlichen iibersinnlichen menschlichen
Wesenskern. Derm man gelangt eigentlich erst dann auf den Weg zur
Erkenntnis der iibersinnlichen Menschenwesenheit, wenn man sich so
einlebt in alles, was ich schon angedeutet habe : wenn Zweifel aufstei-
gen bei der Frage nach der Beziehung zwischen Leib und Seele, so daB
man etwas empfindet, was eigentlich nur hervorgehen kann aus einer
gewissen intellektuellen Bescheidenheit - wahrend die meisten Men-
schen heute in solchen Dingen ganz und gar nicht eine intellektuelle
Bescheidenheit, sondern im Gegenteil furchtbarsten intellektuellen
Hochmut haben.
Strengt man sich aber wirklich an mit dem gewohnlichen Denken,
mit all den gewohnlichen Seelenkraften, die man sonst im Leben hat,
urn an diese Fragen nach dem Wesen von Seele und Leib heranzukom-
men, dann merkt man nach und nach, daB man eben bescheiden sein
muB, daB man mit dem gewohnlichen Menschendenken nicht an diese
Fragen heran kann. Und man gelangt allmahlich durch inneres Erleben,
durch inneres Erfahren dahin, daB man sich sagt: Es geht dir mit die-
sem gewohnlichen Menschendenken und Menschenempfinden gegen-
iiber dem Ubersinnlichen so, wie es dem funf jahrigen Kinde mit seinen
Fahigkeiten geht, wenn es zum Beispiel, sagen wir, einen Band lyri-
scher Gedichte in der Hand halt. Dieses Kind kann mit dem Gedicht-
band nicht etwas anfangen, was der Wesenheit dieses lyrischen Ge-
dichtbandes entspricht. Wir miissen erst seine Fahigkeiten weiterent-
wickeln, dann kann es dasjenige mit dem Gedichtband anfangen, was
dem Wesen dieses Gedichtbandes entspricht. So muB man sich sagen
gegeniiber den Denkfahigkeiten, die man fur das gewohnliche Leben
hat, gegeniiber den Erkenntniskraften, die man fiir dieses gewohnliche
Leben hat: Du kannst mit ihnen nicht das eigentliche Wesen der Welt
und deines eigenen Daseins erkennen; du stehst diesem Wesen der
Welt und diesem Wesen deines eigenen Daseins zunachst so gegeniiber,
daB du damit sowenig anfangen kannst wie ein funf jahriges Kind mit
einem lyrischen Gedichtband.
Erst wenn man diese Stimmung in seiner Seele entwickelt hat, wenn
man sich die intellektuelle Bescheidenheit erobert hat, so daB man sich
sagt: Du darfst nicht stehenbleiben bei der Art, wie du jetzt denken
kannst, wie du jetzt empfinden und wollen kannst erst dann steht
man am Ausgangspunkt des Weges in die ubersinnlichen Welten hin-
ein. Denn wer iiber die ubersinnlichen Welten etwas zu sagen hat, muB
nicht nur iiber etwas anderes sprechen als die gewohnliche auBere Sin-
neswelt, sondern er muB in anderer Art sprechen. Das heiBt aber : Gei-
stesforscher kann man nur werden, wenn man zunachst dasjenige, was
man fur das gewohnliche, alltagliche Leben und fur die gewohnliche
Wissenschaft an Denk- und Erkenntnisfahigkeiten hat, selbst in die
Hand nimmt. Wie das Kind durch andere erzogen wird, wie dem
Kinde durch andere seine Fahigkeiten entwickelt werden, so muB man
seine inneren Seelenfahigkeiten, zunachst seine Denkfahigkeit, selber
in die Hand nehmen und weiterentwickeln von dem Standpunkte aus,
zu dem das Denken von selbst im Leben kommt.
In meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel-
ten?» habe ich alle Einzelheiten beschrieben - jene systematisch zu
gliedernden Einzelheiten, durch die der Mensch seine Denkfahigkeit
selbst in die Hand nehmen kann, durch die er dieses Denken weiter-
entwickeln kann gegenuber dem Standpunkt, auf dem es im gewohn-
lichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft steht.
Heute abend werde ich Ihnen wegen der Kiirze der Zeit nur das
Prinzipielle der Sache vortragen konnen. Ich werde Ihnen nur zeigen
konnen, wie man dieses Denken weiterentwickelt, wie man es selbst in
die Hand nimmt und immer weiter bringt. Dazu ist eine Vorbedingung
folgendes : Wenn man sich uber das auBere leibliche Wesen des Men-
schen auf klaren will, so sagte ich vorhin, fragt man bei der Naturwis-
senschaft an. Nun soil diese Naturwissenschaft nicht herabgesetzt wer-
den. Der Geistesforscher erkennt die groBen Triumphe der Natur-
wissenschaft in der neueren Zeit voll an, so wie sie der Naturforscher
nur irgend selber anerkennen kann. Er erkennt diese Naturwissen-
schaft als berechtigt an, er ist ein um so besserer Geistesforscher, je bes-
ser er den Wert und die Bedeutung der Naturwissenschaft zu wiirdigen
versteht. Allein, gerade darum muB auch das andere gesagt werden:
Fragt man bei dieser Naturwissenschaft an, so stellt sie einen zunachst
an Erkenntnisgrenzen. Sie wissen wohl alle, daB gerade die besonnenen
Naturforscher von solchen Erkenntnisgrenzen sprechen. Gewisse Be-
griffe, gewisse Vorstellungen werden vor den Menschen hingestellt,
der nach dem Wesen der Dinge, nach Kraft, StofF usw. fragt. Diese Be-
grifFe andern sich von Zeit zu Zeit, aber immer stehen gewisse Grenzen
da, von denen der Naturforscher sagt : Uber diese Grenzen kannst du
nicht hinauskommen. Der Naturforscher tut recht in seinem Gebiet,
wenn er bei diesen Grenzen stehenbleibt. Der Geistesforscher kann
dies nicht tun. Aber, er darf auch nicht durch irgendwelche bloBen
Spekulationen, durch bloBes Phantasieren iiber diese Grenzen hinaus-
kommen wollen.
Indem der Geistesforscher an dasjenige herantritt, was die Natur-
wissenschaft nicht erkennen kann und wo sie die Grenzpfahle fur das
Erkennen einrammt, da beginnen fur ihn, fur den Geistesforscher, die
groBen inneren Seelenkampfe. Der Geistesforscher muB innerlich mit
dem kampfen, was der Naturforscher als feste GrenzbegrifFe hinstellt.
Und da wird dieses Kampfen zu einem ersten groBen Erlebnis. Er
iiberwindet kampfend im inneren Erleben diese Grenzen, und indem
er sie iiberwindet, geht ihm mit den Erfahrungen eine Erkenntnis auf,
die wichtig, grundlegend wichtig ist fur alles, was hinfiihren soil zur
Erkenntnis der ubersinnlichen Menschennatur. Indem er sich diesem
Kampfe mit den Grenzen der Naturerkenntnis hingibt, geht ihm auf,
wie eigentiimlich die menschliche Wesenheit dem Leben angepaBt ist.
Denn der Geistesforscher muB sich aus seiner Erfahrung heraus fragen :
Was hindert dich denn, in das Innere der Natur rein auf naturfor-
scherische Art hineinzuschauen? - Da entdeckt er das hochst Merk-
wurdige, ich mochte sagen, das erschutternd Merkwiirdige: Wenn die
Natur durchsichtig ware, so daB sie uns nicht Grenzen hinstellte, dann
wiirden wir Menschen in unserem Leben zwischen Geburt und Tod
eine Eigenschaft nicht besitzen, die wir fiir das soziale Dasein in diesem
Leben unbedingt notwendig haben. Wenn der Mensch in das innere
Wesen der Natur hineinschauen konnte, so miX^te er die Seelenkraft
der Liebe entbehren! Alles, was wir Liebe von Mensch zu Mensch nen-
nen, was wir Liebe und bruderliche Gesinnung von Mensch zu Mensch
nennen, was in der Seele aufgliiht, wenn wir dem anderen Menschen
sozial entgegentreten, das konnten wir nicht haben, wenn die Natur
uns nicht Grenzen fiir unser Naturerkennen setzte.
Das ist eine Wahrheit, die man nicht logisch beweisen kann. Gerade
so wenig wie man logisch beweisen kann, daB es einen Walfisch gibt,
oder daB es einen Walfisch nicht gibt - man kann sich nur durch den
Augenschein uberzeugen -, so kann man nicht beweisen, daB man die
Liebe entbehren muBte, wenn die Naturerkenntnis keine Grenzen
hatte. Aber als eine Erfahrung ergibt es sich dem, der wirklich sich hin-
einr ingt in die geistige Erkenntnis. Da sieht man, welche Geheimnisse
unser menschliches Dasein bit gt. Ein solches Geheimnis ist es, daB der
Mensch die begrenzte Naturerkenntnis dadurch bezahlen muB, daB er
Liebe entwickelt. Und umgekehrt: er muB seine Liebefahigkeit damit
bezahlen, daB er zunachst keine unbegrenzte Naturerkenntnis hat.
Aber das zeigt uns auch, was derjenige zu iiberwinden hat, der nun
wirklich hineindringen will in die geistige Welt, welcher der Mensch
selbst mit seinem innersten Wesenskern angehort. Das ist eines der
Grundprinzipien fur die Wege hinauf zum iibersinnlichen Menschen
und zur iibersinnlichen Welt iiberhaupt, daB man die Liebefahigkeit,
die Hingabe an alle Wesen der Welt noch groBer macht, als sie im ge-
wohnlichen Leben zwischen Geburt und Tod ist, damit man nicht die
Liebe verliert, wenn man nun versucht, sein Denken immer mehr so
auszugestalten, daB es anders wird, als es im gewdhnlichen Leben ist.
Eine Vorbereitung muB es sein fur den geistigen Erkenntnisweg, sich
noch viel, viel liebefahiger zu machen, als man es fur das gewdhnliche
soziale Leben zu sein hat. Man merkt namlich allmahlich, daB man in
seiner ganzen, vollen Menschennatur die Welt eigentlich nur kennen-
lernt, solange man im physischen Leibe ist, durch die Liebe, durch
keine andere Forschungsmethode.
Aber wenn man in die geistige Welt hineindringen will, so muB man
zu gleicher Zeit das Denken selber hoher ausbilden, als es sich in der
menschlichen Natur von selbst ausbildet. Das erreicht man dadurch,
daB man gewisse innere Seelenverrichtungen, gewisse innere Seelen-
tatigkeiten, die man im Leben sonst nur nebenbei anwendet, nun ganz
systematisch anwendet, indem man sich dazu zwingt. Ich kann Ihnen
heute nur in einem kleinen Ausschnitt sagen, was Sie in meinem Buche
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? » ausfiihrlich ge-
schildert finden, aber ich kann wenigstens andeuten, worauf diese
Hoherentwicklung des menschlichen Denkens beruht.
Sie wissen, wenn uns etwas von auBen irgendwie anregt, so werden
wir darauf aufmerksam. Wir horen einen Ton, wir haben ein Interesse
fiir dasjenige, was in der Richtung dieses Tones vorgeht. Interesse fur
etwas haben, Aufmerksamkeit auf etwas wenden, das skid also innere
Seelenbetatigungen, welche beim Menschen in der Regel von der
AuBenwelt her angeregt werden. Worauf es beim Betreten des geisti-
gen Erkenntnisweges ankommt, das ist, da6 wir solche Krafte, wie die
Krafte, die zur Aufmerksamkeit, zum Interesse-Haben fiihren, will-
kiirlich in uns anwenden, indem wir uns zum Beispiel recht, recht lange,
wie man sagt, in der Meditation einer Vorstellung hingeben, indem wir
die Seele ganz hineinlegen in diese Vorstellung. Da verliert sich im ge-
wohnlichen, natiirlichen Gang des Lebens die Aufmerksamkeit, das
Interesse an dieser Vorstellung. Wenn man sich aber willkurlich mit
der ganzen Seele in eine solche Vorstellung hineinlebt, darin stehen-
bleibt, so, daB man von innen die Aufmerksamkeit erhalt, die zu er-
loschen droht, daB man das Interesse von innen erhalt, wenn es zu er-
loschen droht, durch die Lange, mit der man sich der Vorstellung hin-
gibt - und wenn man das immer weiter tut, dann erkraftet man das
Denken; das Denken wird etwas ganz anderes, als es friiher war. Dann
kommt man in der Tat zu einem Denken, das voll innerer Tatigkeit ist,
bei dem man sich aber auch anstrengen muB, wie man sich bei einer
auBeren Handarbeit anstrengen muB. Man kommt zu einem Denken,
das sich zum gewohnlichen Denken verhalt, wie sich das gewohnliche
Denken zum Denken des fiinf jahrigen Kindes verhalt, etwa gegenuber
den lyrischen Gedichten. Aber man kommt zu einem solchen Denken,
von dem man sich sagt: hat man es erreicht, dann hatte man an dieses
Erreichen-Miissen eine innere Kraftanstrengung zu wenden, die wirk-
lich das Korperliche, das dabei auch mittatig ist, so mitgenommen hat,
daB man es wie eine Ermiidung durch harte auBere Arbeit verspiirt, der
man sich jahrelang hingegeben hat. Lernt man erkennen, daB man sich
im Seelischen etwas erarbeiten kann, das solche Anstrengung kostet
wie meinetwillen das Holzhacken, dann kommt man dazu, in seiner
Seele zu erfassen das lebendige Denken, wahrend das gewohnliche
Denken mehr die auBeren Erscheinungen, die auBeren Erlebnisse nur
begleitet. Denken Sie einmal, wie Sie eigentlich im gewohnlichen Le-
ben denken : Sie verrichten Ihre Arbeit im gewohnlichen Leben, und
das Denken lauft so traumerisch neben diesem auBeren Leben einher.
Strengen Sie dieses Denken einmal an, indem Sie ein schwieriges Buch
lesen, so merken Sie: Gerade wenn das Denken innerlich aktiv sein
will, muB es ermuden wie eine andere Tatigkeit. Aber das, was da von
innen her in Tatigkeit entwickelt wird, das muB mit dem Denken im-
mer weiter und weiter getrieben werden. Wenn das immer weiter ge-
trieben wird, dann merkt man, daB mit dem Denken eine groBe Ver-
anderung vor sich geht. Dann lernt man etwas erkennen, von dem man
fruher keine Ahnung hatte: Man lernt erkennen, daB man in einem
Denken lebt, von dem das gewohnliche Denken nur wie ein Spiegel-
bild, wie ein Abbild ist : Man lernt ein Denken kennen, das innerlich
lebt, ein Denken, welches ganz unabhangig ist von dem Werkzeug des
Gehirns, von dem Werkzeug des Leibes. So grotesk, so paradox, viel-
leicht toll das der gegenwartigen Menschheit noch erscheint: der
Mensch kann auf diesem Wege, den Sie in dem Buche «Wie erlangt man
Erkenntnisse der hoheren Welten? » beschrieben finden, da2u kommen,
ganz genau zu wissen : Indem du denkst, die Seelentatigkeit des Den-
kens entwickelst, lebst du auBerhalb des Leibes mit deinem Denken,
wahrend das gewohnliche Denken an das Instrument des Leibes, an
das Nervensystem gebunden ist. Man lernt aber auch genau erkennen,
wie wenig das innere Seelenwesen, das man so erfaBt in seinem Denken,
an das Instrument des Gehirnes gebunden ist. Denn man entwickelt ja
nicht erst dieses innere Seelenwesen, sondern man lernt es nur kennen.
Ich spreche Ihnen nicht von etwas, was heute neu entwickelt wird, son-
dern von der Erkenntnis des ubersinnlichen Menschen. Man lernt er-
kennen, welch groBem Irrtum sich die gewohnliche Naturwissenschaft
und die auBere populare Anschauung iiber das Denken hingeben, ge-
rade in unserem materialistischen Zeitalter.
Da sagt dieses naturwissenschaftliche Denken: Das Gehirn ist das
Instrument des Denkens. Aber das ist ein solcher Irrtum, wie es ein
Irrtum ware, wenn Sie sehen wiirden: in einem aufgeweichten Feld-
weg sind Wagenspuren, sind Spuren von menschlichen Tritten; und
wenn Sie dariiber nachdenken wiirden - so nehmen wir jetzt an -, wie
von unten her, von der Erde her Krafte spielen, die die Wagenspuren
oder die Spuren der menschlichen Tritte bewirkt haben. Das ware
selbstverstandlich eine Torheit. Sie konnen aus dem Gefiige der Erde
selbst heraus nicht sehen, wie die Furchen entstanden sind. Sie miissen
sich klar sein, daB da ein Wagen gefahren ist, daB Menschen mit den
FiiBen dariiber gegangen sind, daB sich das eingedriickt hat. So kom-
men Sie auf den Irrtum der Naturwissenschaft gegeniiber dem mensch-
lichen Seelenleben, wenn Sie das von dem Leibe unabhangige Denken
wirklich kennenlernen. Da lernen Sie kennen, daB dasjenige, was als
Nervenfurchen im Gehirn ist, nicht Krafte im Gehirn drinnen selber
hat, welche das Seelische hervorbringen; sondern Sie lernen erkennen,
daB alle diese Furchen eingetrieben sind - wie die Furchen in der wei-
chen Erde durch Wagen und FuBtritte eingetrieben sind -, daB einge-
graben sind diese Furchen durch die vom Leibe unabhangige Seelenta-
tigkeit. Und Sie begreifen jetzt auch den Irrtum, der in der Naturwissen-
schaft entstehen kann. Fur all das, was da eingegraben wird, entstehen
solche Spurenim Gehirn; Sie konnen alle verfolgen; aber das ist nicht
aus dem Leibe heraus entstanden, es ist in den Leib hineingegraben.
Es ist aber nicht immer leicht zu erfassen, dieses tatige Wesen. Um
auch nur einen kurzen Blick in dieses vom Leibe unabhangige mensch-
liche Denken zu erhalten, braucht man namlich das, was man Geistes-
gegenwart nennen konnte, denn es halt nicht lange an, ein solches Hin-
einblitzen des Geistigen in unsere gewohnliche Anschauung. Man kann
sich gut vorbereiten - Sie werden auch dariiber in meinem Buche «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» gesprochen linden -,
indem man im gewohnlichen Leben schon dasjenige entwickelt, was
man Geistesgegenwart nennen kann, rasche Orientierung uber Situa-
tionen und die Moglichkeit, rasch in einer Situation zu handeln. Wenn
man nun diese Eigenschaft immer mehr und mehr ausbildet, so bereitet
man sich vor, das zu sehen, was aus der geistigen, der ubersinnlichen
Welt heraus erscheinen kann, und was der Mensch sonst deshalb nicht
sieht, weil er, wahrend es auftritt, nicht dazukommt, so schnell die not-
wendige Geistesgegenwart aufzubringen; weil er nicht dazukommt,
es anzuschauen, bevor es voriiber ist. Aber lernt man auf diese Weise
wirklich in die geistige Welt hineinschauen, lernt man erkennen, was
da an dem Menschen lebt und auf diese Weise durch das entwickelte
Denken erfaBt werden kann, dann sieht man eben nicht bloB in das
gewohnliche menschliche Leben des Alltags hinein, sondern dann er-
gibt sich einem eine ganz andere Perspektive.
Eines hat diese geistige Erkenntnis nicht : Sie ist nicht im gewohn-
lichen Sinne erinnerbar. Derjenige, der Ihnen etwas aus der geistigen
Welt erzahlen will, muB immer wiederum die Bedingungen herstellen,
sie anzuschauen. Er kann das nicht einfach so machen, daB er ein Ge-
dachtnis fiir seine friihere Geistesschau entwickelt. Aber wenn jene
geistige Erkenntnis auch, ich mochte sagen, wie ein fliichtiger Traum,
der bald vergessen wird, rasch voriibergeht, so enthalt sie in sich selber
eine bedeutungsvolle Erinnerung. Und an diesem Punkte muB man
etwas sagen, was die Menschen der Gegenwart ganz selbstverstandlich
hochst eigentiimlich beriihren muB. Aber es hat die Menschen doch
ganz gewiB auch eigentiimlich beruhrt, als ihnen davon gesprochen
wurde, daB da oben nicht bloB leuchtende Punkte sind, sondern un-
zahlige Welten im Raume verteilt sind! Sowenig das die Menschen vor
Jahrhunderten sogleich glauben wollten, aber sich daran doch so ge-
wdhnt haben, daB es heute fiir sie eine Selbstverstandlichkeit ist, so
wird zwar heute noch ungewohnt erscheinen, was der Geistesforscher
als seine Erfahrung hinstellt durch sein enrwickeltes Denken, es wird
aber eine selbstverstandliche Erkenntnis der nachsten Jahrhunderte
sein miissen. Und eine Aufgabe unserer Zeit wird sein, daB die Men-
schen Verstandnis entwickeln fiir solche Erweiterung des mensch-
lichen Erkennens und der menschlichen Anschauung. In dem Augen-
blick, da der Mensch ein innerlich lebendiges Denken hat und weiB,
daB er mit diesem Denken unabhangig vom Leibe ist, schaut er zuriick -
wahrend er die gewohnliche Erinnerung in diesem Augenblick nicht
haben kann - auf das geistig-seelische Leben, das er in einer rein geisti-
gen Welt durchlebt hat, bevor er durch die Geburt oder die Empfang-
nis sich mit dem physischen Menschenleibe vereinigt hat und dadurch
aus einer geistigen Welt in die sinnliche Welt herabgestiegen ist. Es er-
weitert sich der Blick iiber das Leben hinaus, das man seit der Geburt
durchlebt; es erweitert sich das Leben hinein in die Anschauung der
geistigen Welt, aus der wir zu unserem physischen Dasein herunter-
gestiegen sind.
Eine neue Bedeutung erhalt dadurch auch unser ganzes soziales Men-
schenleben. Wir treten im sozialen Leben in Beziehung zu diesem oder
jenem Menschen. Zu einem Menschen tritt eine schnelle Sympathie
auf, mit dem anderen finden wir uns nicht so schneil sympathisch ver-
eint. Die mannigfaltigsten Beziehungen entstehen zu den anderen Men-
schen hier in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Lernt man als
Geistesforscher das Leben so erkennen, wie ich es eben angedeutet
habe, dann findet man : dasjenige, was einen anzieht bei dem einen Men-
schen, was einen mehr oder weniger befremdet bei einem anderen Men-
schen, kurz : was an Beziehungen zu den anderen Menschen auftritt,
es ist das Ergebnis dessen, was wir mit den anderen Seelen in einer an-
deren Welt durchlebt haben, bevor wir und bevor sie zu diesem physi-
schen Dasein herabgestiegen sind. Alles, was wir in der physischen
Welt erleben, es wird uns zum Abbild von Erlebnissen in der geistigen
Welt. So wird aus menschlich-seelischer Anstrengung in unserem
Zeitalter auferstehen konnen das Hineinschauen in die geistige Welt
von dieser physischen Welt aus.
Es mag heute noch viele Menschen geben, welche sich in eine solche
Anschauung nicht hineinfinden konnen. Allein, iiber solche Menschen
kann man so seine Gedanken haben. Als die erste Eisenbahn in Deutsch-
land gebaut wurde, rief man ein Arztekollegium und andere Gelehrte
zusammen : sie sollten entscheiden, ob man Eisenbahnen bauen solle
oder nicht. Da haben diese gelehrten Herren das Urteil abgegeben, man
solle doch Eisenbahnen nicht bauen, denn das Fahren wiirde gesund-
heitsschadlich sein, und es wurden nur Narren sein, die darin fahren
wollten. Man miisse jedenfalls eine hohe Bretterwand aufrichten, da-
mit diejenigen, an denen die Eisenbahn vorbeifahre, nicht Gehirn-
erschiitterung kriegten. - Heute gibt es Menschen, die, bildlich ge-
sprochen, glauben, man bekomme Gehirnerschutterung, wenn der
Geistesforscher von den Erkenntnissen der ubersinnlichen Welt redet.
Aber die Zeitentwicklung wird iiber diese Vorurteile hinwegschreiten,
wie sie \iber andere Vorurteile hinweggeschritten ist.
Was ich Ihnen geschildert habe, das ist die eine Art, wie man aus der
physischen Welt in die iiberphysische Welt hiniiberkommt. Man muB
kampfen mit den Grenzen der Naturerkenntnis. Man muB aber noch
an eine andere Grenze kommen, wenn man in die geistige Welt hinein-
kommen und AufschluB iiber die iibersinnliche Menschenwesenheit
bekommen will. Man muB, wie man an die Grenzen der auBeren Natur-
erkenntnis kommt, an die Grenzen der Erkenntnis des eigenen Wesens
kommen.
Sehr viele Menschen, die daran verzweifeln, daB ihnen fur ihr inneres
Seelenleben Befriedigung durch ihre alten religiosen Uberlieferungen
werden kann, greifen zur sogenannten Mystik, indem sie glauben,
wenn sie sich in ihre Seele innerlich immer defer und tiefer versenken,
werde ihnen das innere Seelenleben, die menschliche Natur aufgehen.
Viele Menschen glauben, daB mystisch heraufquellen kann, was ihre
wahre Menschenwesenheit ist. Der Geistesforscher muB auch diese
Grenze kennenlernen. Er muB Mystiker sein konnen, wie er Natur-
erkenntnis entwickeln soli. Aber er darf ebensowenig, wie er bei der
Naturerkenntnis stehenbleiben kann, bei der Mystik stehenbleiben.
Er muB lernen, wie man durch die bloBe Mystik zu nichts anderem
kommt als zu Illusionen iiber die ubersinnliche Menschenwesenheit,
nicht aber zu einer wirklichen Erkenntnis dieser ubersinnlichen Men-
schenwesenheit. Wer ein wahrer Geistesforscher ist, ist wahrhaftig
kein Illusionar. Er gibt sich keinen Tauschungen dariiber hin, was er
als Wirklichkeit anzuerkennen hat. Deshalb geht er auch nicht, wie der
gewohnliche Mystiker, darauf aus, allerlei Phantastisches aus dem ei-
genen Innern heraufzuzaubern. Nein, da weiB er eines wiederum: In-
dem er mit dem eigenen Innern kampft, indem er da seine tJberwindung
durchlebt, weiB er, daB das, was die Mystiker finden, im Grunde ge-
nommen nichts anderes ist als dasjenige, was seit der Geburt einmal
Eindruck auf ihre Seelen gemacht hat. Sie haben es vielleicht nur dun-
kel aufgenommen, es ist nicht ganz klar zu ihrer Wahrnehmung ge-
kommen, es ist aber doch im Gedachtnis sitzengeblieben.
Schon die naturwissenschaftliche Forschung hat hier ganz schone
Beobachtungen gemacht. Ich will Ihnen eine kurz mitteilen, die in der
naturwissenschaftlichen Literatur verzeichnet ist, die man aber ver-
hundertfachen, vertausendfachen konnte. Ein Naturforscher geht ein-
mal am Schaufenster einer Buchhandlung vorbei. Dabei fallt sein Blick
auf ein Buch. Und wahrend er den Buchtitel anschaut, muB er lachen.
Denken Sie sich nur, ein Naturforscher muB lachen, wenn er einen
ernsten Buchtitel sieht! Er kann sich nicht erklaren, waram er lachen
muB. Nun macht er die Augen zu, weil er glaubt, er komme eher darauf,
wenn er nicht durch den auBeren Eindruck abgelenkt wird. Indem er
die Augen zumacht, hort er in der Feme, was er vorher, solange er ab-
gelenkt worden war, nicht gehort hatte, eine Drehorgel. Und indem er
weiterforscht, ergibt sich ihm, daB die Drehorgel eine Melodie spielt,
nach der er friiher einmal getanzt hat. Damals hat das keinen starken
Eindruck auf ihn gemacht, die Tanzerin hat ihn mehr interessiert, oder
auch die Tanzschritte. Der Eindruck der Melodie selbst war damals
schwach, aber doch stark genug, um im spateren Leben wieder aufzu-
treten, als der Forscher die gleiche Melodie von der Drehorgel her hort !
Solche Dinge und ihre Wesenheit kennt der Geistesforscher sehr
genau, denn er gibt sich keinen Illusionen hin. Er weiB : Wenn mancher
Mystiker davon spricht, daB er in seinem Innern den gottlichen Men-
schen erlebe, daB er etwas erlebe, was ihn mit seinem Ewigen zusam-
menbringt, dann sind es «die Tone der Drehorgel »: Er hat einmal et-
was aufgenommen, das hat sich umgestaltet - denn solche Dinge ge-
stalten sich um -, das steigt als Reminiszenz herauf. Sie finden auf dem
Wege der gewohnlichen Mystik nichts anderes, als was Sie einmal auf-
genommen haben, und Sie konnen sich da den furchtbarsten Illusionen
hingeben, indem Sie bloBer Mystiker sein wollen.
Gerade liber diese Grenze muB der Geistesforscher hinwegkommen.
Man lemt wiederum durch Erfahrung kennen, was sich nicht «lo-
gisch » beweisen laBt, was sich aber fur den Geistesforscher als eine er-
lebte Erkenntnis, eine erlebte Erfahrung ergibt: man lernt erkennen,
daB man durch innerliches Hineinschauen in sich sich nicht erkennen
lernen darf. Denn es wurde einem wiederum eine menschliche Seelen-
kraft fehlen, die man fur das gewohnliche Leben haben muB, wenn
man innerlich sich durchschauen konnte. Konnte man sich innerlich
durchschauen, so wiirde man im gewohnlichen Leben nicht haben
konnen die Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedachtnisses. Und
daB diese Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedachtnisses gesund
ist, davon hangt ab, daB wir uberhaupt in unserem Seelenleben gesund
sind. Ist unser Gedachtnis, unsere Erinnerung gestort, ist das Ich ge-
stort, so tritt eine furchtbare Seelenkrankheit auf. So daB wir sagen
miissen: Wie der Mensch, damit er die Liebe hat, Grenzen im Natur-
erkennen haben muB, so muB er, damit er Gedachtnis hat, in die Un-
moglichkeit versetzt sein, durch bloBe innere Anschauung zur hoheren
menschlichen Wesenheit zu kommen.
Aber man kann nun wiederum dafur sor gen, daB diese Erinnerungs-
fahigkeit fester in der menschlichen Natur sitzt als im gewohnlichen
Leben, was ebenfalls durch solche Ubungen geschehen kann, wie ich
sie in dem genannten Buch beschrieben habe. Wenn man an jedem
Abend die t)bung macht, daB man seine Tageserlebnisse durchgeht,
diese sich ganz klar bildlich vorstellt, so daB man sein Tagesleben im-
mer iibungsgemaB uberschaut, dann setzt sich alles GedachtnismaBige
fester in der Seele, als es sonst der Fall ist. Und dann kann man es ver-
suchen, trivial ausgedriickt, jene t)bung zu machen, die darin besteht,
daB man die Zucht seiner Gewohnheiten, die Zucht seines eigenen Ich
bewuBt in die Hand nimmt. Bedenken Sie nur, wie wir uns von acht zu
acht Tagen, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu
Jahrzehnt andern! Schauen Sie sich selber an, wie Sie in Ihrer Seelen-
verfassung heute sind, und vergleichen Sie es damit, wie Sie vor zehn,
vor zwanzig Jahren waren. Sie werden sehen, daB der Mensch eine
Entwicklung durchmacht. Aber der Mensch entwickelt sich unbewuBt,
das Leben entwickelt ihn.
Wie man zu einem bewuBten Hinauf heben des Denkens iibergehen
kann, wie ich es geschildert habe, so kann man zu einer bewuBten
Selbstzucht iibergehen, indem man immer merkt: Du machst das oder
jenes schlecht, du muBt vom Leben lernen. So kann man seine Willens-
entwicklung in die Hand nehmen, wie man die Gedankenentwicklung
in die Hand genommen hat. Nimmt man so die Willensentwicklung in
die Hand, dann entwickelt sich wiederum etwas, was einem sozusagen
durchleuchtet den sonst dunklen Willen, in dem man sich im gewohn-
lichen Leben befindet : Man empfindet alles dasjenige, was man als Wil-
len empfindet, von Gedanken durchsetzt. Man ist gewissermaBen der
Zuschauer seines eigenen Wollens und Tuns. Kommt man dazu, so
greif bar, geistig-seelisch greif bar der Zuschauer seines eigenen Wol-
lens und Tuns zu sein, dann trifft das, was man da als eine hohere Wil-
lensfahigkeit er halt, mit dem zusammen, was sich friiher als Gedanken-
tatigkeit entwickelt hat. Und jetzt tritt eine andere Fahigkeit ein: jetzt
erblickt man im eigenen menschlichen Wesen etwas, was einem so un-
abhangig von aller leiblichen Tatigkeit erscheint, daB man weiB : Was
du so in dir tragst, das tragst du hinaus durch den Tod in die geistige
Welt. Durch die Willenskultur lernt man das geistige Leben, das der
Mensch durchlebtnachdemTode, kennen, wieman dutch die Gedanken-
kultur das geistige Leben kennenlernt, das der Mensch vor der Geburt
oder Empfangnis erlebt hat. Sie sehen, Geistesforschung kann nicht in
gewohnlicher Weise von der iibersinnlichen Menschenwesenheitreden,
sondern sie muB erzahlen, wie man die Erfahrung macht, daB man das
vor und nach dem Tode liegende Leben des Menschen anschauen kann.
Indem man so in die Welt, in die eigene menschliche Wesenheit ein-
dringt, tritt einem wiederum das soziale Leben in einer neuen Gestalt
entgegen. Man beobachtet, wie man mit anderen Menschen zusammen
das oder jenes erlebt, wie man mit anderen Menschen in Beziehungen
tritt, wie man mit anderen Menschen befreundet oder durch andere
Verhaltnisse in der Welt verbunden oder wieder getrennt wird. Man
lernt erkennen, daB alles, was sich so in der physisch-sinnlichen Welt
abspielt, nur der Anfang von etwas ist, was sich weiterentwickelt, in-
dem wir durch die Pforte des Todes schreiten. Die Beziehungen der
Seele, die sich hier zwischen Mensch und Mensch ankniipfen, finden
ihre Fortsetzung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schrei-
tet. Das Leben, das sich an den Tod angliedert, wird eine ganz konkrete
Wirklichkeit, indem wir uns denjenigen Menschen, denen wir uns ver-
bunden wissen hier durch unsere Beziehungen im sinnlichen Leben,
auch verbunden wissen iiber den Tod hinaus.
Das sind Dinge, die heute den Menschen noch sonderbar erscheinen,
die aber von den Aufgaben unserer Zekkultur bewaltigt werden miis-
sen. Werden sie das, dann wird noch etwas ganz anderes vor den Men-
schen hintreten. Dann wird der Mensch dasjenige in einem ganz an-
deren Licht erkennen, was er heute seine eigene Menschheitsentwick-
lung nennt, was er heute die Geschichte nennt. Entwickelt man solche
Fahigkeiten wie diejenigen, von denen ich gesprochen habe, dann
schaut man auch in das Geschichtliche bei der Menschheit anders hin-
ein, als es die Fable convenue angibt, die man heute Geschichte nennt
und die in der Zukunft etwas ganz anderes werden muB. Ich will Ihnen
am Ende meiner Auseinandersetzungen ein Beispiel geben, um Ihnen
zu zeigen, wie der Mensch der Zukunft in die geschichtliche Entwick-
lung der Menschheit selber hineindringen muB.
Man merkt es gewohnlich nicht, aber es ist an einem gewissen histo-
rischen Punkte der neueren Zeit eine groBe Wende fur die Mensch-
heitsentwicklung eingetreten. Das war in der Mitte des 15. Jahrhun-
derts. Man sagt so gewohnlich, die Natur mache keine Spriinge. Es ist
das ein Ausspruch, an den allgemein geglaubt wird, obwohl er falsch
ist. Die Natur macht fortwahrend Spriinge. Betrachten Sie die Ent-
wicklung einer Pflanze, wie sich aus einem Blatt die Blume mit Staub-
gefaBen und Stempel, und zuletzt die Frucht entwickelt ! So macht auch
das geschichtliche Leben Spriinge. Und ein solcher Sprung, den man
nur nicht bemerkt, weil man die Geschichte so auBerlich betrachtet,
ist in der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts eingetreten. Das erweiterte mensch-
liche Schauen, das iiberwindet, so wie es die Erlebnisse zwischen Ge-
burt und Tod iiberwindet, auch dasjenige, was sich nur in der auBeren
Geschichte, in den auBeren Tatsachen darstellt, und es sieht hinein in
den Geist des geschichtlichen Wirkens. Und so zeigt sich dieser An-
schauung, daB wir seit der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts in dem Zeitalter
leben, das noch lange andauern wird, das ein anderes Zeitalter abloste,
das im 8. Jahrhundert vor Christus begonnen und das bis in die Mitte
des 1 5 . Jahrhunderts gedauert hat. In dieses Zeitalter, vom 8. Jahrhun-
dert vor Christus bis zum 1 5 . Jahrhundert unserer Zeitrechnung, fallt
alles dasjenige hinein, was die ausgezeichnete griechische Kultur mit
ihrer Schonheit war, was als die romische Kultur da war, und die Nach-
wirkung des Griechentums und des Romertums. Und seit der Mitte
des 15. Jahrhunderts haben wir, wie ich es gleich nachher charakteri-
sieren werde, unsere neuzeitliche Kultur mit der neuzeitlichen Mensch-
heit.
Wodurch unterscheiden sich diese beiden Kulturen? Sie unterschei-
den sich durch etwas, was der Mensch in der gegenwartigen Zeit noch
nicht sehen und anerkennen will. Vor dem 1 5 . Jahrhundert, bis zuriick
zu dem 8. Jahrhundert vor Christi Geburt, war der Mensch in einer
ganz anderen Art entwicklungsfahig als heute. Ich kann Ihnen das auf
folgende Weise klarmachen. Denken Sie einmal, wie der Mensch in den
Jahren ist, bevor er seinen Zahnwechsel gegen das siebente Jahr durch-
macht, und wie das Epoche macht in seinem Leben S Sie konnen dariiber
das Nahere nachlesen in der kleinen Schrift iiber «Die Erziehung des
Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Sie werden
sehen, was das fur den genaueren Beobachter der menschlichen Natur
eigentlich in Wirklichkeit bedeutet, was das Kind mit dem Zahnwech-
sel durchmacht. Da ist ein Parallelismus vorhanden zwischen der auBe-
ren Leibesentwicklung und der inneren Seelenentwicklung. Dann ist
wiederum ein nachster Entwicklungspunkt in der Zeit der Geschlechts-
reife, im vierzehnten, funfzehnten Jahr. Dann wird der Parallelismus
zwischen Leib und Geist weniger deutlich, aber er dauert fur die gegen-
wartige Menschheit doch ungefahr bis zum siebenundzwanzigsten
Jahr. Im siebenundzwanzigsten Jahr hort man auf, diesen Zusammen-
hang zwischen der geistig-seelischen Entwicklung und der leiblichen
Entwicklung stark zu empfinden. Dieses Merkwiirdige, daB der
Mensch im siebenundzwanzigsten Lebensjahr seine leiblich-korper-
hafte Entwicklung abschlieBt, ist erst seit der Mitte des i5.Jahrhun-
derts hervorgetreten. Das war anders in dem vorhergehenden Zeit-
raum. Was hier durch Geistesforschung erkannt werden kann, ist eine
unendlich bedeutungsvolle menschliche Entwicklungswahrheit. In
der Griechenzeit, in der Romerzeit stand der Mensch so in seiner Ent-
wicklung darin, daB er bis zum dreiunddreiBigsten, zum funfund-
dreiBigsten Jahr hin einen Parallelismus seiner korperlichen und seiner
geistig-seelischen Entwicklung hatte. Der Grieche entwickelte der-
artige Eigenschaften, wenn auch nicht in solcher Starke, wie es der
Zahnwechsel und die Geschlechtsreife sind, bis in seine DreiBigerjahre
hinein. Das machte jene merkwiirdige Harmonie des Seelischen und
des Leiblichen in den Griechen aus. Das ist der Fortgang, den die
Menschheitsgeschichte zeigt, daB wir immer weniger der Jugendjahre
haben, immer weniger das haben, was uns in den friiheren Jahren
emanzipierte von dem Korperlich-Leiblichen. Das bedingt aber auch
eine ganz andere Stellung des SeeHsch-Geistigen zum Weltenwesen
beim Menschen. In dem langen Zeitraum vom 8. vorchristlichen bis
zum 15. nachchristlichen Jahrhundert entwickelte der Mensch mehr
einen instinktiven Verstand, ein instinktives Gemiitsleben. Alles, was
in diesem Zeitraum lebt, ist durchsetzt von diesem instinktiven Ver-
standes- und Gemiitsleben. Aber seit der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts
entwickelte der Mensch ein bewuBteres Verstandesleben und ein be-
wuBteres Gemiitsleben und damit die Forderung, sich auf die freie
Personlichkeit zu stellen. Diese Forderung der menschlichen Natur,
sich auf die freie Personlichkeit zu stellen, entwickelt sich erst in der
Geschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.
Damit aber ist auch erklarlich, wie die groBen Ereignisse in die
Menschheitsentwicklung anders hineinfallen, je nachdem sie in der
einen oder anderen Epoche auftreten. In diejenige Epoche, die der
unseren vorangegangen ist, in welcher der Mensch bis in die DreiBiger-
jahre hinein korperlich entwicklungsfahig geblieben ist, in das erste
Drittel dieser Epoche hinein fiel das groBte Ereignis der Erdenent-
wicklung, dasjenige Ereignis, das der Erdenentwicklung eigentlich erst
den richtigen Sinn gibt, das Ereignis des Mysteriums von Golgatha,
die Begriindung des Christentums. Im ersten Drittel des griechisch-
lateinischen Zeitalters spielt sich dasjenige ab, was wie das Mittel-
punktsereignis der ganzen menschheitlichen Erdenentwicklung ist.
So wie es sich dazumal in die Menschheit hineingestellt hat, konnte es
nur naiv von der Menschheit begriffen werden in dem Zeitalter, in dem
instinktive Verstandeskrafte und instinktive Gemutskrafte da waren.
Aus diesen instinktiven Kraften heraus haben sich in jenem Zeitraum
die Menschen in der rechten Weise zu dem groBen Ereignis stellen kon-
nen, weil sie sich noch nicht bewuBt, sondern naiv verhalten haben. Sie
haben sich gesagt : Da geschieht nicht bloB etwas, was durch Menschen
getan wird, da ist ein Ubermenschliches in die irdische Entwicklung
hereingebrochen. Der Christus, das ubermenschliche Wesen, hat sich
verbunden mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Was auf Golgatha
geschehen ist, ist seinen physischen Tatsachen nach nur der auBere
Ausdruck fur etwas Obersinnliches, das sich in der Erdenentwicklung
abgespielt hat.
In jenem Zeitalter also konnte man das instinktiv begreifen. Das ist
anders e-eworden seit der Mitte des 1 % . Tahrhunderts. Seit der Mitte des
1 5 . Jahrhunderts hat sich der instinktive V erstand, die instinktive Ge-
miitskraft verwandelt in bewuBten Verstand, in bewuBte Gemuts-
krafte. Das gab die Moglichkeit, die Naturwissenschaft bis zu der hohen
Stufe, zu der sie gekommen ist, auszubilden, aber auch die auBere indu-
strielle Entwicklung, auch den Materialismus des Zeitalters, der als
eine Beigabe da sein muBte, um die freie Personlichkeit auf die Spitze
zu stellen. Aber aus diesem Materialismus muB wieder herausgekom-
men werden, indem in einer neuen Art, wie ich es heute geschildert
habe, der Weg in die geistige Welt hinein gesucht wird. Materialistisch
ist das Zeitalter geworden in der Epoche, in der sich die BewuBtseins-
seele des Menschen aus der friiheren instinktiven Seele entwickelt hat.
Da ist zu dem auBeren Materialismus auch der Materialismus der Theo-
logie aufgetreten. Bedenken Sie, wie in weiten Kreisen selbst die Theo-
logie, die Religionsanschauung vom Materialismus erfaBt worden ist,
wie der Mensch des BewuBtseinszeitalters unfahig wurde, in dem Er-
eignis von Golgatha ein tJbersinnliches zu erkennen, wie er immer
mehr und mehr dazu kam, es in die Sinnlichkeit herabzuziehen; wie er
endlich stolz darauf wurde, wie selbst zahlreiche Theologen stolz dar-
auf wurden, nicht mehr in dem Christus die iibersinnliche Wesenheit
zu sehen, die in den Leib eines Menschen auf die Erde herabgestiegen
ist, sondern nur zu sehen den « schlichten Mann aus Nazareth », der
zwar etwas groBer ist als andere Menschen, aber doch bloB ein Mensch
ist. DaB in dem Mysterium von Golgatha, in dem Tod und der Aufer-
stehung Christi, die groBte Tatsache der Welt- und Menschheitsent-
wicklung vor uns steht, das ging dem materialistischen Zeitalter bis
jetzt nicht auf. Die Religion selber wurde vermaterialisiert. Der
schlichte Bekenntnisglaube wird nicht imstande sein, diese Vermateria-
lisierung der Religion aufzuhalten. Aufgehalten werden kann sie nur
durch die bewuBte Geist-Erkenntnis, von der ich heute gesprochen
habe. Sie wird sich wiederum erheben zu der Erkenntnis, daB in dem
Jesus von Nazareth ein uberirdisches, ein iibersinnliches Wesen lebte,
das sich seit jener Zeit mit der Menschheitsentwicklung vereinigt hat.
Das Mysterium von Golgatha wird durch die anthroposophisch orien-
tierte Geisteswissenschaft wiederum in den Gesichtskreis der mensch-
lichen Anschauungen hineingestellt werden; jetzt aber so hmeingestellt
werden, daB es der Engherzigkeit der einzelnen Konfessionen ent-
hoben wird.
Was sich als geistige Anschauung des ubersinnlichen Menschen ent-
wickeln wird, so wie ich es heute dargestellt habe, das wird moglich
machen, daB es in jedem Menschen iiber die ganze Erde hin ohne Ras-
sen- und Volksunter schiede lebt. Von da aus wird aber auch der Weg
zum Mysterium von Golgatha gefunden werden, und alle Menschen
iiber die ganze Erde hin werden dieses Christus-Ereignis verstehen, be-
greifen lernen. Man schwarmt in unserer Zeit - man tut das so leicht -
vom sogenannten Volkerbund; man schwarmt von diesem Volker-
bund in der utopistischen Weise, wie er in dem so abstrakt denkenden
Kopfe des Woodrow Wilson entstanden ist. In dieser Weise wird er nicht
entstehen konnen. Er braucht Wirklichkeitsgrundlagen, und diese
miissen vom Innersten der Seele des Menschen ausgehen. Das ist die
Aufgabe der heutigen Zeit. Nur in dieser Fahigkeit der Seele, die auf
den Weg zur Erkenntnis des ubersinnlichen Menschen fuhrt und die
die Menschen der ganzen Erde eint, nur durch eine solche Erkenntnis,
die das Christus-Ereignis anschauen kann als ein ubersinnliches Ereig-
nis, nur in einem solchen Impuls, der iiber die Volker hin wirkt, der
durch die Volker iiber alle Grenzen hiniiberwirkt, liegt die reale Kraft
fur einen kiinftigen wahren Volkerbund iiber die Erde hin. So muB das
Christentum seine neuen Wurzeln in die menschliche Kultur einschla-
gen.
Das zeigt Ihnen die andere Seite zu dem, was ich im vorigen Vortrag
hier sagen durfte. Das zeigt Ihnen diejenige Seite, die dem menschli-
chen inneren Seelenleben entspricht, die in dem Menschen wiederum
soziale Triebe entfachen wird, wenn sie ihn erfiillen wird. Zu der Ent-
gegennahme dieser Geisteswissenschaft braucht man keinen Autori-
tatsglauben, wie zu der Entgegennahme des anderen Wissenschaft-
lichen, was herausgetragen wird, sagen wir, von der Sternwarte iiber
Astronomie, von der Medizin iiber die Beschaffenheit der physischen
Menschennatur. Das muB auf Autoritat hin angenommen werden,
wenn man nicht selber Astronom oder Physiologe und so weiter wer-
den will. Was Ihnen aber der Geistesforscher sagt, das brauchen Sie
nicht auf Autoritat hin zu glauben. Sie brauchen auch nicht selbst ein
Geistesforscher zu sein, wie Sie nicht Maler zu sein brauchen, um die
Schonheit eines Bildes zu finden. Sie konnen die Geisteswissenschaft
durch Ihren gesunden Menschenver stand aufnehmen, ohne selbst Gei-
stesforscher zu sein, wenn man nur die Vorurteile, die aus dem heuti-
gen Materialismus heraus sich entwickelt haben, hinwegraumt. Weil
alles Geisteswissenschaftliche in den Untergriinden der menschlichen
Seele veranlagt ist, kann man es ohne Autoritatsglauben einsehen. Und
dieses Einsehen, dieses Vertrauen-Haben zu den Offenbarungen der
Geisteswissenschaft, das ist etwas, was sich in die Aufgaben unseres
Zeitalters hineinleben muB. Dann wird dieses Zeitalter eine Erneuerung
erfahren. Dann wird diesem Zeitalter das Ferment gegeben werden zu
dem, was als auBere Einrichtung eines Neuauf baus eine entsprechende
Rolle wird spielen miissen.
Denn was sehen wir, indem wir so recht das Wesen der gegenwarti-
gen Zeit zu verstehen suchen? Ich mochte sagen: Zwei Wege sehen
wir, der eine links, der andere rechts. Der eine gibt uns die Moglich-
keit, stehenzubleiben bei denjenigen Anschauungen, die die bloBe
Naturwissenschaft gebracht hat, und von dieser Anschauung, die die
Naturwissenschaft gebracht hat, nun auch uberzugehen zu den sozialen
Anschauungen; also von dem Glauben auszugehen, man konne mit
demselben Ideenvermogen, mit dem man die Natur begreift, auch das
soziale Leben begreifen. Das haben Karl Marx und Friedrich Engels
getan, das tun Lenin und Trot^kij. Deshalb kommen sie zu ihren Wegen.
Das sehen die Menschen heute noch nicht ein, daB die Naturwissen-
schaft auf der einen Seite steht, und daB ihre letzten Konsequenzen in
dem sozialen Chaos, im sozialen Niedergang zum Ausdruck kommen.
Der furchtbare Glaube, der im Osten Europas jetzt alle wirkliche
menschliche Kultur vernichten will, dieser furchtbare Glaube des Le-
nin und Trotzkij, er geht hervor aus dem anderen Glauben, daB man
die Wege der naturwissenschaftlichen Erkenntnis auch im sozialen
Leben gehen musse. Was ist denn geschehen unter dem EinfluB dieses
neueren materialistisch-naturwissenschaftlichen Glaubens? Es ist das
geschehen, daB unser ganzes Geistesleben mechanisiert worden ist. Da-
durch aber, daB unser Geistesleben sich nicht mehr erhebt zu Gedanken
iiber den iibersinnlichen Menschen, daB es sich mechanisiert an der
auBeren mechanistischen Naturanschauung, dadurch werden zu glei-
cher Zeit die Seelen vegetarisiert, pnanzenahrdich, schlafrig gemacht.
So sehen wir, daB wir neben dem mechanisierten Geist eine vegetari-
sierte Seele im modernen Kulturleben haben. Aber wenn die Seele
nicht durchwarmt ist vom Geiste, wenn der Geist nicht durchleuchtet
ist von dem ubersinnlichen Erkennen, dann entwickeln sich im Leibe
die tierischen Eigenschaften, die heute in den antisozialen Trieben le-
ben und die im Osten von Europa zum Henker der Kultur werden
wollen. Dann entwickelt sich unter dem Vorgehen, sozialisieren zu
wollen, das Allerantisozialste; dann wird das leibliche Leben neben
dem mechanisierten Geiste, der vegetarisierten Seele, animalisiert. Die
wildesten Instinkte und Triebe tr eten als historische Forderungen auf.
Das ist der Weg, der links geht.
Der andere Weg, der rechts geht, ist der, der sich in der heute mit-
geteilten Weise hineinfindet in die Anschauung des ubersinnlichen
Menschen, der ubersinnlichen Welt, der auch die Entwicklung des
Menschen im ubersinnlichen Lichte schaut, der hinaufdringt zum
wirklich freien Geiste.
Aus den Ideen, aus denen ich die Freiheit des menschlichen Fort-
schritts schildern wollte in meinem Buche «Die Philosophic der Frei-
heit », wollte ich den Grund legen zu demjenigen, das der Mensch er-
leben kann als BewuBtsein seiner wirklichen inneren Freiheit durch das
Ergreifen des geistigen Lebens. Nur der Geist, der den Menschen
durchdringt, kann wahrhaftig frei werden. Derjenige Geist, der nur
die Natur durchdringt und alles soziale Leben nach dem Muster der
neueren Naturwissenschaft formen wollte, wird mechanistisch unfrei.
Und die Seele, die nur von diesem Geiste durchdrungen ist, schlaft wie
die Pflanze. Diejenige Seele, die durchwarmt wird von dem wahren
pulsierenden Wollen der Geist-Erkenntnis der ubersinnlichen Men-
schennatur, diese Seele tritt vor den anderen Menschen im sozialen
Leben hin, sie lernt im anderen Menschen den ubersinnlichen Men-
schen schatzen. Sie lernt das Gottliche im Urbild in jedem Menschen
schauen. Sie lernt soziales Fiihlen jedem Menschen gegeniiber. Sie lernt,
wie mit Bezug auf diese innerste Seele alle Menschen hier auf der Erde
gleich sind. Und in dieser vom Geiste durchwarmten Seele kann sich,
auf dem anderen Wege rechts, Gleichheit entwickeln. Und werden die
Leiber durchtrankt und durchgeistigt von dem ubersinnlichen Be-
wuBtsein, werden sie durchwarmt, werden sie veredelt von dem, was
die Seele aufnimmt, indem sie erweckt wird durch den Geist, nicht
vegetarisiert bleibt, dann werden die Leiber auch nicht animalisiert ;
dann werden die Leiber so, daB sie das entwickeln, was man imweitesten
Umfang echte Liebe nennen kann. Dann, dannweiB der Mensch, daB er
in seinen Erdenleib als iibersinnliches Wesen einzieht, daB er in diesen
Leib einzieht, um die Liebe in diesem Leibe zu entwickeln, um zu dem
Geiste hin die Liebe zu entwickeln. Dann weiB er, daB im Erdenleibe
Briiderlichkeit sein muB, sonst kann in der unbriiderlichen Menschheit
der Einzelne nicht ein ganzer, ein voller Mensch sein.
So ftihrt uns die Fortsetzung des alten Weges zur Mechanisierung
des Geistes, zur Vegetarisierung der Seele, zur Animalisierung des Lei-
bes. So fuhrt uns der Weg, der durch Geistes wissenschaft gezeigt wer-
den soli, zu den wahren sozialen Tugenden, aber zu den sozialen Tu-
genden, die vom Geiste durchleuchtet, von der Seele durchwarmt sind;
die von dem veredelten Menschenleibe ausgefuhrt werden.
So fiihrt uns die geistige Erkenntnis des iibersinnlichen Menschen
dazu, auf der Erde in einem schonen Neubau der Zukunft zu begriin-
den: Freiheit im Geistesleben. Der durchgeistigte Mensch wird ein
freier Mensch sein. Gleichheit im geistdurchwarmten Seelenleben : Die
Seele, die den Geist in sich aufnimmt, wird die andere Seele, die ihr im
sozialen Leben entgegentritt, als ihr gleich, wahrhaftig wie in einem
groBen Geheimnis erfassen und behandeln. Und der veredelte Leib,
der durch den Geist und die Seele veredelte Leib, er wird zum Ausiiber
wahrster, echtester Menschenliebe, der wahren Briiderlichkeit. So wird
die soziale Menschenordnung in Freiheit, Gleichheit und Briiderlich-
keit durch die richtige Erfassung von Leib, Seele und Geist erfolgen
konnen.
DIE VERWIRKLI CHUNG DER IDEALE FREIHEIT, GLEICHHEIT,
BRUDERLICHKEIT DURCH SOZIALE DREIGLIEDERUNG
Berlin, ij. September 191 9
Das ist ja zweifellos, daft durch die Weltkriegskatastrophe und alles,
was mit derselben in schreckvoller Weise zusammenhangt, die soziale
Frage fur die Menschheit der Gegenwart ein neues Gesicht ange-
nommen hat. Freilich sehen noch keineswegs Kreise, die weit genug
sind, in wiinschenswerter Art diese Veranderung des Antlitzes der
sozialen Frage. Aber sie ist da, und sie wird sich immer mehr und mehr
geltend machen.
Diejenigen Menschen, welche den herrschenden, den fuhrenden
Kreisen bis in unsere Gegenwart herein angehorten, werden durch die
Macht der Tatsachen sich gezwungen sehen, nicht mehr gegeniiber der
sozialen Frage stehenzubleiben bei der Ausgestaltung einzelner Ge-
danken und MaBnahmen, die durch dasjenige herausgefordert sind,
was gerade auf dem einen oder anderen Betriebsgebiete, innerhalb des
einen oder anderen Kreises des Proletariats sich abspielt. Diese Kreise
werden gezwungen werden, in umfassender Art ihre Gedanken und die
Richtungen Hires Wollens auf die soziale, ais die bedeutungsvollste
Frage im Leben der gegenwartigen Menschen und im Leben der
nachsten Zukunft zu wenden. Wird so der Mensch der bisher fuhrenden
Klassen nur dann seine Zeit verstehen, wenn er in dem eben angedeu-
teten Sinne in sein ganzes Denken, Fiihlen und Wollen eine neue Ge-
stalt der sozialen Frage aufzunehmen in der Lage sein wird, so wird es
auf der anderen Seite aber auch fur die breiten Mas sen des Proletariats
notwendig sein, eine wesentliche Anderung ihrer Einstellung zur
sozialen Frage zu bewirken.
Durch mehr als ein halbes Jahrhundert haben die breitesten Massen
des Proletariats soziale und sozialistische Ideen ergriffen. Wir haben
ge sehen - wenigstens diejenigen Menschen, die nicht schlafend die
letzten Jahrzehnte miterlebt haben -, welche Wandlungen die soziale
Frage innerhalb der Reihen des Proletariats durchgemacht hat. Man
hat sehen konnen, welche Gestalt sie in dem Augenblick angenommen
hatte, als die Schreckenskatastrophe, die man einen «Weltkrieg» nennt,
ausgebrochen ist. Dann kam das vorlaufige Ende dieser furchtbaren
Katastrophe. Das Proletariat sah sich in einer neuen Lage. Es sah sich
jetzt nicht mehr wie friiher bloB in eine gesellschaftliche Ordnung ein-
gespannt, welche, wenigstens fur Mittel- und Osteuropa, von den alten
regierenden Machten beherrscht wurde. Dieses Proletariat selber war
in einem weitgehenden MaBe aufgerufen, nunmehr an der Neugestal-
tung der sozialen Einrichtung der Menschheit zu arbeiten. Und gerade
dieser Tatsache, dieser vollig neuen geschichtlichen Tatsache gegen-
iiber erlebten wir etwas ungemein Tragisches.
Die Ideen, denen sich das Proletariat durch Jahrzehnte, man darf
sagen, mit seinem Herzblut hingegeben hatte, erwiesen sich als nicht
tragfahig jetzt, da sie in ihre Verwirklichung eintreten sollten! Und
jetzt erlebten wir einen groBen geschichtlichen Widerspruch, eigent-
lich Widerstreit. Wir erlebten, wie die Tatsachen selber, die weltge-
schichtlichen Tatsachen, die sich um uns herum abspielten, zum groBen
Lehrmeister der Menschheit werden konnten. Wir erlebten, wie
diese Tatsachen auf der einen Seite zeigten, daB die bisher fiihrenden
leitenden Kreise im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte keine
Ideen entwickelt hatten, welche richtunggebend sein konnen und konn-
ten fiir das, was sich namentlich in wirtschaftlichen, aber auch in an-
deren sozialen Tatsachen des menschlichen Erlebens abspielte. Das
Merkwiirdige erlebte man, daB diejenigen, welche innerhalb der Tat-
sachenwelt die Macht hatten zu handeln, zu wirken, sich dazu gebracht
hatten, die Tatsachen wie von selbst sich ablaufen zu lassen. Die Ge-
danken, die Ideen waren zu kurzmaschig geworden, um noch die Tat-
sachen in sich einbeziehen zu konnen. Die Tatsachen des Lebens waren
den Menschen iiber den Kopf gewachsen. Dies zeigte sich ganz be-
sonders schon durch lange Zeiten hindurch im Wirtschaftsleben, wo
der Wettstreit auf dem sogenannten «freien Wirtschaftsmarkt» als
einzigen Antrieb in der Regelung der Wirtschaft « Profit » und ahn-
liches zuriickgelassen hatte, wo nicht die Ideen wirkten, die das Wirt-
schaftsleben einzig und allein nach den Fragen der Giitererzeugung, des
Giiterumlaufs und des Giiterverbrauchs gestalteten, sondern dasjenige,
was aus dem Zufall des freien Marktes fortwahrend in Krisen hinein-
fuhren konnte. Und sehen kann, wer nur sehen will, wie zuletzt dadurch,
da8 der soziale Betrieb dieser gedankenlos abrollenden Tatsachen sich
uber die groBen Staatsimperien ausgedehnt hatte, auch die Angelegen-
heiten dieser grofien Staatsimperien ins Rollen kamen, ohne daB die
Menschen durch ihre Gedanken imstande waren, die rollenden Tat-
sachen irgendwie zu meistern oder zu ihrer Orientierung irgend etwas
zu tun.
Gerade solchen Dingen gegeniiber sollte der Mensch der Gegen-
wart nachdenklich werden. Er sollte sich vor die geistigen Augen fuh-
ren konnen, daB es heute in der Tat notwendig ist, tiefer in das Men-
schengetriebe hineinzuschauen, um so etwas wie die soziale Frage
anders zu begreifen, als es gewohnlich geschieht. Es ist ja handgreif lich,
wie die Gedanken gegeniiber den rollenden Tatsachen zu kurz ge-
worden sind. Aber die Menschen wollen solche Dinge nicht sehen. Sie
haben sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte angewohnt,
Geschaftsroutine, ofFentliche Routine fur «Lebenspraxis » zu nehmen.
Sie haben sich angewohnt, jeden, der etwas hinausschaut und aus einem
t)berblick uber die Dinge urteilen kann, fur einen Utopisten oder un-
praktischen Idealisten zu halten. Ich darf, um das, was ich eben gesagt
habe, nur etwas zu illustrieren, von einer scheinbar personlichen Be-
merkung ausgehen. Aber diese personliche Bemerkung ist nicht per-
sonlich gemeint. Denn heute, wo das Schicksal des Einzelnen so eng mit
dem allgemeinen Schicksal der Menschheit verstrickt ist, konnen nur
ehrlich gemeinte Tatsachen, die selbst beobachtet sind, hinreichend
illustrativ wirken fiir das, was im offentHchen Leben die Impulse, die
Antriebe sind.
Im Fruhfriihling des Jahres 19 14 war ich in einer Vortragsserie, die
ich in Wien uber geisteswissenschaftliche Gegenstande gehalten habe,
damals, Monate vor dem Ausbruch des sogenannten Weltkrieges, ge-
notigt, vor einer kleinen Versammlung - hatte ich dasselbe vor einer
groBeren gesagt, sie hatte mich selbstverstandlich ausgelacht - das-
jenige zusammenzufassen, was sich mir als Ansicht iiber das soziale
Werden der gegenwartigen Verhaltnisse bilden muBte. Ich sagte da-
mals : Fiir den, der mit wachem Seelenauge iiberblickt, was in unserem
offentlichen Leben innerhalb der zivilisierten Welt geschieht, zeige sich
dies durchsetzt wie von einer sozialen Geschwiirbildung, einer schwe-
ren sozialen Krankheit, einer Art sozialer Krebsbildung. Und was so
schleichende Krankheit innerhalb unseres Wirtschaftslebens, aber auch
innerhalb unseres ganzen sozialen Lebens ist, das miisse in der nachsten
Zeit in einer furchtbaren Katastrophe zum Ausdruck kommen.
Nun, was war man im FruMriihling 1914, wenn man von einer bevor-
stehenden Katastrophe sprach aus den Ereignissen heraus, die sich
gewissermaBen unter der Oberflache der Dinge abspielten? Man war
ein «unpraktischer Idealist » - wenn einem die Leute nicht sagen woll-
ten, da6 man ein Narr ist. Was ich damals sagen muBte, kontrastiert
allerdings mit dem, was in jener Zeit und sogar noch etwas spater die
sogenannten «Praktiker» sagten, jene verantwortlichen Praktiker, die
Routiniers waren, statt Praktiker zu sein, die aber hochmutig auf jeden
herunterschauten, der aus irgendeiner Ideenerkenntnis die Zeitge-
schichte zu erfassen versuchte. Was sagten jene Praktiker iiber die da-
rnalige Zeit? Einer jener Praktiker, der sogar AuBenrninister eines
rnitteleuropaischen Staates war, verkiindete den erleuchteten Vertre-
tern seines Volkes kurz darauf, die allgemeine Entspannung der poli-
tischen Lage mache erfreuliche Fortschritte, so daB man sich in der
nachsten Zeit auf einen friedlichen Zustand innerhalb der europaischen
Volker gefaBt machen durfe. Er fiigte hinzu: Unsere freundnachbar-
lichen Verhaltnisse zu Petersburg stehen aufs allerbeste, denn dank der
Bemiihungen der Regierungen kiimmert sich das Petersburger Kabi-
nett nicht um die Auslassungen der Pressemeute, und unsere freund-
schaftlichen Beziehungen zu Petersburg werden sich auch fur die Zu-
kunft so gestalten, wie sie bisher waren. Und unsere Unterhandlungen
mit England hoffen wir zu einem solchen AbschluB zu bringen, daB
auch zu England in der nachsten Zeit schon die allerbesten Beziehungen
vorhanden sein werden. - Der das sagte, war ein « Praktiker ». Was der
andere sagte, war «graue Theorie»I
An unzahligen Beispielen konnte man die Anschauungen, besser
gesagt, die Einsichten in die Tatsachen von seiten der Praktiker im
Beginne jener Zeit, die so schreckensvoll fur die Menschheit geworden
ist, charakterisieren. Es ist ja in der Tat sehr lehrreich, die Tatsachen
sprechen deutlich, wenn man sieht, daB solche Praktiker von dem Frie-
den redeten - und die nachsten Monate diesen Frieden so brachten, daB
durch einige Jahre hindurch die zivilisierten Volker sich damit be-
schaftigten, zehn bis zwolf Millionen Menschen, gering gerechnet, tot-
zuschlagen und dreimal soviel zu Kriippeln zu machen. Ich will diese
Dinge nicht der Aufwarmung von Sensationen willen erwahnen. Ich
muB sie erwahnen, weil sich daran zeigt, wie die Gedanken der Menschen
kurzmaschig geworden sind und nicht mehr ausreichen, um die Tat-
sachen zu meistern. Man wird diese Vorgange etst dann im richtigen
Lichte sehen, wenn man in den Tatsachen den groBen Lehrmeister
dafiir anerkennen wird, daB wir notig haben, um zur Wiedergesundung
unserer sozialen Verhaltnisse zu kommen, nicht an kleine Umwand-
lungen von diesen oder jenen Einrichtungen zu denken, sondern an ein
groBes Umlernen und Umdenken, nicht an eine kleine Abrechnung,
sondern an eine groBe Abrechnung mit dem Alten, das morsch und faul
ist und nicht mehr hineinmiinden darf in das, was fur die Zukunft ge-
schehen soli.
Was man so fur die groBen Angelegenheiten der Menschheit sagen
kann, konnte man auch fur das Rechts- oder Wirtschaftsleben im eln-
zelnen sagen. Uberall wird so geredet, daB die Gedanken nicht aus-
reichen, um die Tatsachen zu meistern. Daher kann man sagen, die
bisher leitenden fiihrenden Kreise haben die Praxis, ihnen fehlen aber
fur diese Praxis die notigen wirksamen lebenspraktischen Ideen und
Gedanken. Und diesen fiihrenden Kreisen steht gegeniiber die groBe
Masse des Proletariats. Dieses Proletariat hat sich in einer, man darf
sagen, strammen Schulung der marxistischen Gedanken herangebildet
durch mehr als ein halbes Jahrhundert. Aber heute ist es nicht etwa
richtig, herumzuschauen bei den proletarischen Massen, um sich zu
informieren, wie sie denken. Es ist verhaltnismaBig leicht, sogar manch-
mal recht, recht leicht, sachgemaB dasjenige zu widerlegen, was die
proletarischen Massen und ihre Fuhrer iiber wirtschaftliche Angelegen-
heiten denken. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt
es an, daB es cine geschichtliche Tatsacheist, daB durch die Seelen, durch
die Herzen der proletarischen Massen die Niederschlage von dem ge-
gangen slnd, was aus intensiv wirkenden Gedanken sich herausge-
bildet hat, man mochte schon sagen, als eine proletarische Theorie.
Aber diese Theorie, die jetzt, nachdem das Alte zusammengebrochen
war, sich wahrhaftig schon mehr hatte bewahren konnen, als sie sich
gegeniiber der Lebenspraxis bewahrt hat, diese Theorie zeigt eine ganz
besondere Eigentumlichkeit, die begreif lich ist. Derm so wie die Dinge
in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit durch den Ein-
fluB der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der neueren Technik
im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte, insbesondere aber des
neunzehnten, sich herausgebildet haben, wurde das Proletariat immer
mehr und mehr eingespannt blo6 in das wirtschaftliche Leben; aber so
eingespannt, da8 jeder einzelne Angehorige dieses Proletariats eine
sehr eng umgrenzte Arbeit zu leisten hatte. Diese eng umgrenzte Arbeit
war im Grunde genommen alles, was er von dem immer umfassender
werdenden Wirtschaftsleben real sah. Was Wunder, daB der Proletarier
erlebte - erlebte an dem Schicksal seines Leibes und seiner Seele -, wie
sich das neuere Wirtschaftsleben unter dem EinfluB von Technik und
Privatkapital entwickelte, daB er aber die Triebrader und Triebfedern,
die in diesem Wirtschaftsleben wirkten, nicht iiberschauen konnte ! Er
war sozusagen der Arbeitende an diesem Wirtschaftsleben, aber er war
durch seine soziale Position verhindert, sachgemaB hineinzuschauen in
die Ordnung dieses Wirtschaftslebens, in die Art, wie dieses Wirt-
schaftsleben verwaltet wird. Und nur allzu begreif lich ist es, daB sich
durch solche Tatsachen etwas herausbildete, dessen Friichte nun eben
da sind. Es bildete sich wie aus unterbewuBten, instinktiven Trieben
und Forderungen des Proletariats eine weitgehende proletarische so-
zialistische Theorie heraus, die aber im Grunde genommen sowohl von
den wirtschaftHchen wie von den anderen sozialen Tatsachen sehr,
sehr weit entfernt ist, weil ja der Proletarier keinen Einblick in die
eigentlichen Triebrader und Triebfedern der wirtschaftlichen und an-
deren sozialen Tatsachen gewinnen konnte und daher hinnehmen
muBte, was ihm auch in einseitiger Weise durch den Marxismus ge-
bracht wurde. Und so finden wir, daB im Laufe von Jahrzehnten Dinge
sich tief einfraBen in das Gemiit der proletarischen Menschen, Dinge,
die im Grunde genommen, im wesentlichen, so tief wie nur moglich
berechtigt sind, die aber an den Tatsachen vollig vorbeigehen.
Ich mochte ein Beispiel nennen. Wie stark hat in der Agitation, die
sich uber das Proletariat aus den theoretischen Anschauungen seiner
Fiihrer heraus ergossen hat, zum Beispiel das Wort gewirkt: Es darf
in der Zukunft nicht mehr produziert werden, um zu produzieren. Es
darf nur produziert werden, um zu konsumieren! - GewiB, ein treffen-
des Wort, ein Wort, das - was nicht von vielen Schlagworten der Ge-
genwart gesagt werden kann - sogar «wahr» ist, aber ein Wort, das
ein wesenloses Abstraktum wird und einem entschlupft, wenn man es
mit praktischem Sinn, mit wirklicher Einsicht in die Wirtschaftsver-
haltnisse durchdenkt. Denn der Praxis kommt es darauf an: Wie
macht man die Dinge ? Der Praxis gegeniiber ist nichts getan, wenn man
bloB die Forderung erhebt : man solle nur produzieren, um zu konsu-
mieren. Das ist etwas, was die Vorstellung vor die Seele ruft, wie schon
das Wirtschaftsleben sein konnte, wenn nicht mehr der Profit herrschte,
sondern stets nur der Ausblick auf den Konsum. Aber es liegt gar nichts
in diesem Satz, was irgendwie darauf hinwiese, wie nun die Struktur des
Wirtschaftslebens gestaltet werden solle, damit die Empfindung, die in
diesen Worten sich ausdriickt, wirklich Platz greifen konne. Und so ver-
halt es sich mit vielen der Worte - wir werden noch mancherlei beriih-
ren die manchmal tiefen Wahrheiten entstammen, die aber Agitations-
undParteischlagworte des Proletariats geworden sind. Sie sindAbstrak-
tionen geworden und nehmen sich wie utopistische Hinweisungen auf
eine unbestimmte Zukunft aus. Und wer es mit dem Proletariat ganz
ehrlich meint, muB sich sagen : So lebt dieses arme Proletariat, das heute
seine berechtigten Forderungen erhebt, in solchen Anschauungen, von
denen zu sagen ist, daft sie zwar eine Theorie sind, aber fernstehen den
Tatsachen des Lebens - well der Proletarier aus diesen Tatsachen her-
ausgerissen und an einen abgesonderten Ort hingestellt worden ist, wo
er immer nur eine ganz einzelne Ecke des Lebens iibersah.
Das ist der Widerstreit, auf den ich habe hinweisen wollen, der sich
ausdriickt auf der einen Seite in der Verfassung der leitenden fuhrenden
Kreise, welche die Macht uber die Tatsachen haben, aber keine Ideen,
um diese Tatsachen zu beherrschen, - und auf der anderen Seite in dem
Proletariat, welches Ideen bekommen hat, aber mit diesen Ideen als
ganz abstrakten Ideen feme den Tatsachen steht, fremd den Tatsachen
gegeniibersteht.
Wenn man so etwas, wie ich es jetzt gesagt habe, durch einige Worte
charakterisiert, weist man auf in der Geschichte wirkende Krafte und
Impulse hin, die im Grunde genommen bedeutungsvoller sind als
irgend etwas, was sich bisher im geschichtlichen Ablauf der Mensch-
heit vollzogen hat. Worte wie die von der «ideenlosen Praxis der fuh-
renden Kreise» und der «unpraktischen Theorie des Proletariats »
wagt man nur richtig, wenn man ein Gefiihl hat fur das, was so furcht-
bar lebendig, so einander zerstorend durch die gegenwartigen Ent-
wicklungsstromungen der Menschheit flutet. Die Tatsache, daI3 ein
solcher Gegensatz zwischen der Seelenverfassung der leitenden fiih-
renden Kreise und derjenigen des Proletariats vorhanden ist, fuhrt dazu
und fuhrte dazu, daB heute eine tiefe Kluft besteht zwischen allem, was
Denken, Empfinden, Wollen und Handeln der leitenden fuhrenden
Kreise ist, und zwischen dem, was Sehnsuchten, Wunsche, Willensim-
pulse des Proletariats sind. Man versteht nicht einmal richtig, was
eigentlich heute aus den Tiefen werden sollte, was aus dem Proletariat
als die Forderung der Zeit einem entgegentont! Wenn einem aus pro-
letarischen Kireisen die Lehre vom Mehrwert, die eben angedeutete
Lehre, man sofle nur produzieren, um zu konsumieren, die Lehre von
der Umwandlung des Privateigentums in Gemeineigentum entgegen-
klingt, so versteht man diese Dinge gewiB dem Wortlaute nach. Aber
dieser Wortlaut der proletarischen Wunsche und Anschauungen - was
1st er denn eigentlich? Ist er das, was den biirgerlich fuhrenden leiten-
den Kreisen Veranlassung geben sollte, diese proletarischen Theorien,
wenn sie ausgesprochen werden, logisch zu kritisieren? Es gibt nichts
Naiveres in der Gegenwart, als wenn von proletarischer Seite her die
Lehre vom Mehrwert ertont und dann irgendein Syndikus oder Direk-
tor einer Aktiengesellschaft das Selbstverstandliche sagt, daB der Mehr-
wert, aus den Banknoten und so weiter zusammengerechnet, so niedrig
ist, daB, wenn man ihn aufteilen wollte, fiir den Einzelnen nichts her-
auskommen wiirde. Es ist das Allernaivste, so sich zu verhalten zum
Beispiel der Theorie des Mehrwertes gegeniiber. Denn was da die Her-
ren an «Rechnung» leisten, ist ja ganz selbstverstandlich, dagegen ist
durchaus nichts einzuwenden. Aber um diese Dinge handelt es sich gar
nicht. Denn wenn man das, was unmittelbar in den Worten der prole-
tarischen Theorien gesagt wird, in dieser Weise «widerlegen» will,
dann ist das gerade so, als wenn man in einem Zimmer am Thermo-
meter sieht, es zeigt so und so viele Grade, und dann, wenn einem die
Anzahl der Grade nicht paBt, wenn sie zu niedrig oder zu hoch sind,
etwa mit einer kleinen Flamme das Thermometer hohersteigen lassen
wollte. Dadurch, daB man sich damit beschaftigt, das Thermometer zu
korrigieren, beschaftigt man sich wahrhaftig nicht mit dem, was da
wohl als Ursachen zugrunde liegt. Was heute proletarische Theorien
sind, wortlich zu nehmen und zu widerlegen, das ist naiv. Denn die
proletarischen Theorien sind nichts weiter als - wollte ich gelehrt spre-
chen, so wiirde ich sagen - ein Exponent von etwas, das viel tiefer liegt,
als dort, wo man es jetzt sucht. Ebenso wie das Thermometer die Tem-
peratur eines Zimmers anzeigt, aber sie nicht selbst macht, so sind die
proletarischen Theorien etwas, um wie an einem Instrument, an einem
Zeichen zu erkennen, was in dieser Weise in der sozialen Frage in der
Gegenwart und in der nachsten Zukunft lebt. Und da macht man es
sich in der Regel allzu bequem. Da betrachtet man diese Frage bloB als
eine Wirtschaftsfrage, weil sie einem zuerst entgegengetreten ist als
eine wirtschaftliche aus den Forderungen des Proletariats heraus, das
eben eingeschnurt war in das Wirtschaftsleben in der Zeit des Privat-
kapitalismus und der Technik. Und man sah nicht, was eigentlich hinter
all den Auffassungen steckt, die sich bei den proletarischen Theorien
auf Kapital, auf Arbeit und auf Ware beziehen. Der Proletarier erlebt
das gesamte Gebiet des menschlichen Lebens auf dem Felde des Wirt-
schaftlichen. Daher riickt sich ihm die soziale Frage ganz in eine wirt-
schaftliche Perspektive.
Wer Gelegenheit hat, sich einen weiteren Blick anzueignen, sollte
sehen, wie deutlich voneinander zu unterscheiden sind drei Lebensge-
biete, auf denen sich uns drei der Kernpunkte der sozialen Frage zeigen.
Wer gelernt hat, nicht nur iiber das Proletariat zu denken - vielleicht
erst jetzt zu denken, nachdem die Revolution gekommen ist -, wer ge-
lernt hat durch sein Lebensschicksal, nicht bloB iiber das Proletariat zu
denken und iiber dasselbe zu empfinden, sondern mit demselben zu
denken und zu empfinden, der kann von dem, was in den Worten liegt,
die, ich mochte sagen, als Kernwotte durch alle soziaiistischen Theo-
rien Ziehen, auf das hinschauen, was in den Tiefen der Besten der Pro-
letarier vorgeht. Was sind denn solche Kernworte?
Da haben wir erstens das Kernwort vom Mehrwert, auf das ich
schon hingewiesen habe. Man muB nur mit vielen Proletariern als
Mensch zu Mensch verkehrt haben, und man muB gesehen haben, wie
in die Gemiiter der Proletarier dieses Wort vom Mehrwert eingeschla-
gen hat. Und auf dieses Einschlagen kommt es an, nicht auf die theore-
tische Bewahrheitung. Wer, gleich mir, in den Jahren, in weichen sich
gerade einschneidend Dinge abspielten innerhalb der sozialen Bewe-
gung der neueren Zeit, hier in Berlin gewirkt hat an der von Wilhelm
Liebknecht, dem alten Liebknecht begriindeten Arbeiterbildungsschule,
der weiB einiges mehr iiber diese Frage, die eben angedeutet worden
ist, mehr aus der Lebenspraxis heraus als vielleicht Gewerkschaftsfuhrer
und namentlich als - wie soil ich mich nun aussprechen, damit ich nicht
verletze? Man hat mit Recht gesagt: es gab «Kriegsgewinnler» und
nach dem Kriege «Revolutionsgewinnler » ; mir ist es immer so vorge-
kommen: es gab «Kriegsschwatzer » und nach dem Kriege - «Revo-
lutionsschwatzer»! Aber was man unter Mehrwert verstand, das war,
daB man sagte : Der Proletarier arbeitet werktatig, er bringt diese oder
jene Produkte hervor. Der Unternehmer dagegen bringt diese Pro-
dukte auf den Markt, und er gibt dem Arbeiter so viel als notig ist, da-
mit der Arbeiter sein Leben erhalten kann, denn sonst konnte er auch
nicht fur den Unternehmer arbeiten, - das iibrige ist Mehrwert. GewiB,
mit diesem Mehrwert verhalt es sich durchaus so, wie heute etwa
Walther Rathenau dariiber spricht - ich will gar nichts iiber diesen viel
verleumdeten Mann sagen -, aber in bezug auf die soziale Frage be-
findet er sich in den groBten Irrtumern. Es ist durchaus so, daB dieser
Mehrwert, wenn man ihn verteilen wiirde, den Angehorigen der brei-
ten proletarischen Massen keine Aufbesserung bringen wiirde. Aber
durch Rechnungsoperationen, die etwa in der Luft herumschwirren,
kommt man den Dingen auch nicht bei. Man muB vielmehr diesen
Mehrwert in der richtigen Weise in bezug auf seine soziale Bedeutung
abfangen. Sollte dieser Mehrwert denn wirklich so wenig vorhanden
sein, wie zum Beispiel Rathenau «richtig » errechnet ? Nein ! Denn dann
gabe es in Berlin keine Theater, keine Hochschulen, keine Gymnasien,
alles das nicht, was man Kulturleben, was man Geistesleben der
Menschheit nennt. Das alles ist ja in Wahrheit zum groBten Teile von
dem sogenannten Mehrwert erhalten. Datum handelt es sich aber gar
nicht, wie dieser Mehrwert in der Ware und in der Geldzirkulation an
die Oberflache getrieben wird, sondern darum, daB in dem, was nur
mit dem Schlag worte Mehrwert besprochen wird, sich ausdruckt die gan-
ze Beziehung des neuzeitlichen Geisteslebens zu der breiten Masse des
nichtan diesem Geistesleben unmittelbar teilnehmen konnendenVolkes.
Wer jahrelang unter Arbeitern gelehrt hat und sich bemiiht hat, vor
ihnen das zu lehren, was unmittelbar aus der allgemeinen menschlichen
Empfindung herausdrangt, was gesprochen ist von Mensch zu Mensch,
der weiB, was fur einen Charakter eine Geistesbildung haben muB, die
allgemein menschlich sein soli, und wie sich diese Geistesbildung von
der jenigen unterscheidet, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahr-
hunderte gerade unter dem EinfluB der privatkapitalistischen und der
technischen Wirtschaftsordnung herausgebildet hat. Wenn ich wieder
personlich reden darf - das Personliche illustriert das Allgemeine so
darf ich vielleicht sagen : Ich wuBte, wenn ich in Wochen, Stunden, vor
den Proletariern sprach, da spreche ich so, daB in den Seelen verwandte
Saiten erklingen; da empfangen diese Menschen ein Wissen, eine Er-
kenntnis, mit der sie gehen konnen, die sie aufnehmen konnen. Aber
dann kamen auch die jenigen Zeiten, in denen auch der Proletarier die
Mode erfullen muBte, an der «Bildung» teilzunehmen - an der jenigen
Bildung, welche in geistiger Beziehung das Ergebnis der herrschenden,
fuhrenden Kultur war. Da muBte man diese Proletarier in die Museen
fuhren, muBte ihnen zeigen, was aus der Empfindungsweise der herr-
schenden, burgerlich fuhlenden Menschenklasse hervorgegangen ist.
Ja, da wuBte man - wenn man ehrlich war, wuBte man das, wenn man
nicht ehrlich war, sagte man sich allerlei Phrasen von Volksbildung und
dergleichen vor Das alles ergibt keine Briicke zwischen der Geistes-
kultur und der Geistesbildung der leitenden fuhrenden Kreise und dem,
was Geistessehnsucht und Geistesbediirfnis des Proletariats ist. Denn
Kunst, Wissenschaft, Religion kann man nur verstehen, wenn sie aus
Menschenkreisen hervorgehen, mit denen man auf gleichem sozialen
Boden steht, so daB man mit ihnen die gleichen sozialen Empfindungen
und Gefuhle teilen kann -, nicht wenn ein RiB geht zwischen denjeni-
gen, welche dieBildung geniefien sollen, und denjenigen, welche diese
Bildung wirklich genieBen konnen. Da empfand man eine tiefe Kultur-
liige. Und heute darf wahrhaftig nicht wohlwollend Dunkel iiber diese
Dinge verbreitet werden, sondern heute mussen sie klar gesehen wer-
den. Da empfand man diese tiefe Kulturluge, die darin bestand, daB
man allerlei Volkshochschulen oder Bildungsschulen errichtete und
den Leuten eine Bildung mitteilen wollte, die iiber keine Briicke zu
ihnen gehen konnte. Da stand dann der Proletarier auf der einen Seite
des Abgrundes, sah hiniiber auf das, was an Kunst, an Sitte, Religion,
Wissenschaft erzeugt wurde von den leitenden fuhrenden Kreisen, ver-
stand es nicht, hielt es fur etwas, was nur - wie ein Luxus - diese leiten-
den fuhrenden Kreise angeht. Da sah dann das Proletariat die Verwen-
dung, die Verwirklichung des Mehrwertes, indem es das Wort vom
Mehrwert aussprach. Dieses Proletariat fuhlte etwas ganz anderes, als
was in dieser Thermometersprache vom Mehrwert gesagt wurde. Es
fuhlte : Da ist ein Geistesleben, das erzeugt wird durch unsere Hervor-
bringungen, durch unsere Arbeit; das produzieren wir, von dem sind
wir aber ausgeschlossen!
So muB die Sache vom Mehrwert angesehen werden, wenn sie nicht
theoretisch - wenn sie lebensvoll, wenn sie so angesehen wird, wie sie
wirklich im Leben darinsteht. Da sehen wir dann auch das, was die
erste Kernfrage der umfassenden sozialen Frage ist : da sehen wir den
geistigen Teil der sozialen Frage. Da sehen wir, wie in derselben Zeit,
in welcher in den letzten drei bis vier Jahrhunderten neuere Technik,
neuere Wissenschaft und zugleich privatkapitalistische Wirtschafts-
form heraufkamen, auch ein Geistesleben heraufgekommen ist, das
immer mehr und mehr nur dasjenige wird, was in den Seelen jener Men-
schen leben soil, die durch eine tiefe Kluft getrennt sind von den groBen
breiten Massen, fur deren Bildung sie in unzulanglicher Weise sorgen,
von deren Bildung sie sich abtrennen. Daher sieht man mit so bluten-
dem Herzen darauf hin, wenn man erfahrt, wie man gutmeinend und
gutwillig in diesen leitenden fuhrenden Kreisen sich in gutgeheizten
Spiegelzimmern unterhielt iiber die Art, wie man briiderlich ist mit
alien Menschen, iiber die Art, wie man alle Menschen lieben solle, wie
man sich unterhielt von alien christlichen Tugenden - bei einer Ofen-
warme, die erzeugt war durch diejenigen Kohlen, welche heraufbe-
fordert wurden aus den Kohlenschachten, in die hinuntergelassen wur-
den neunjahrige, elf jahrige, ckeizehnjahrige Kinder, welche buchstab-
lich-fur die Mitte des 19. Jahrhunderts war es buchstablich so; spater
ist es nicht durch das Verdienst der herrschenden leitenden Kreise besser
geworden, sondern durch die Forderungen des Proletariats - vor dem
Aufgange der Sonne in die Schachte hinunterwandern muBten und
erst nach dem Untergange der Sonne wieder herauf kommen konnten,
so daB diese armen Kinder die ganze Woche hindurch das Sonnen-
licht nicht sahen.
Man glaubt heute, diese Dinge werden gesagt, um aufzuhetzen.
Nein I Sie rmissen gesagt werden, um darauf riinzuweisen, wie sehr sich
das, was Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte ist, abge-
trennt hat von dem wirklichen Leben der Menschen. Man hat reden
konnen - abstrakt - von Moral, von Tugend, von Religion, ohne daB
das wirkliche tatige praktische Leben irgendwie beriihrt wurde von
diesem Gerede von Bruderlichkeit und Nachstenliebe, von Christen-
tum und so weiter. Das ist es denn, was vor uns hinstellt als einen ab-
gesonderten Kernpunkt der sozialen Frage die Geistesfrage. Wir
blicken da auf den ganzen Umfang des Geisteslebens, insbesondere des
Geisteslebens mit Bezug auf den Menschen der Gegenwart und der
nachsten Zukunft, das sich abspielt auf dem Gebiete der Erziehung und
des Unterrichtswesens. Es ist einmal so gekommen, daB im Laufe der
letzten drei bis vier Jahrhunderte durch die Art, wie die einzelnen
fiarstlichen Territorien sich zu den einzelnen Wirtschafts-National-
staaten gestaltet haben, das Geistesleben in seinen wichtigeren ofFent-
licheren Teilen von der Staatsordnung aufgenommen worden ist. Und
heute ist man stolz darauf, daB man von seiten der Wissenschaft, von
seiten des Geisteslebens iiberhaupt, das Unterrichts- und Erziehungs-
wesen - gewiB mit Recht - der mittelalterlichen Zugehorigkeit zur
Religion, zur Theoiogie entrissen hat, Man ist recht stolz darauf und
hat es immer wieder wiederholt: Im Mittelalter war es so, daB das
Geistesleben, das Wissenschaftsleben der Theoiogie, der Kirche die
Schleppe nachgetragen hat. GewiB, diese Zeiten sollen nicht wieder
zuriickgewiinscht werden; wir wollen nicht riickwarts, wir wollen vor-
warts. Aber heute ist schon wieder eine andere Zeit. Heute darf nicht
bloB in Hochmut darauf hingewiesen werden, wie im Mittelalter das
Geistesleben der Kirche die Schleppe nachgetragen hat. Heute muB
auf etwas anderes hingewiesen werden. Nehmen wir ein Beispiel zur
Illustration, das uns hier nicht so feme liegt.
Ein sehr bedeutender naturforschender Gelehrter, den ich sehr achte
- durchaus werden diese Dinge nicht zur Verkleinerung der Menschen
gesagt -, der zugleich Sekretar der Berliner Akademie der Wissen-
schaften war, er sprach dariiber, wie diese Berliner Akademie zu dem
offentlichen Staatswesen stand. Der Herr sagte damals in einer wohl-
gefiigten Rede : die Mitglieder dieser gelehrten Akademie rechneten es
sich zu ihrer ganz besonderen Ehre, die wissenschaftliche Schutztruppe
der Hohenzollern zu sein. Das ist nur ein Beispiel von solchen, die man
nicht hundertfaltig, sondern tausend- und abertausendfaltig anfuhren
konnte, welches die Frage auf die Lippen bringt: Was ist heute an der
Stelle dessen, wo in alten Zeiten das Geistesleben der Kirche die Schlep-
pe nachgetragen hat? Wem tragt heute das Geistesleben die Schleppe
nach? Das war nicht einmal so schlimm in der jiingsten Vergangenheit,
wie es werden rmiBte, wenn wahrhaftig staatliche Ordnungen eintreten
wiirden, unter denen das furchtbare Unterrichtsregiment sich auftun
konnte, welches im Osten Europas sich aufgetan hat, und was hinlang-
lich beweist, daB es den Tod aller Kultur bringen wiirde. Sie miissen
nicht nur in die Vergangenheit, sondern vor allem in die Zukunft
schauen und miissen sagen : Es ist die Zeit herangeriickt, wo das Gei-
stesleben als ein selbstandiges Glied des sozialen Organismus wird
auftreten miissen, wo es auf Selbstverwaltung wird gestellt werden
miissen.
Man begegnet, indem man so etwas ausspricht, heute unzahligen
Vorurteilen. Man wird geradezu als ein verriickter Mensch angesehen,
wenn man heute nicht hinweisen kann auf den groBen Segen, der in der
Verstaatlichung des Unterrichts- und Erziehungswesens liegt. Aber
das Heil, das gesucht werden muB, es wird erst gefunden werden, wenn
vom Lehrer der untersten Schulstufen an bis hinauf zu dem Unterrich-
tenden an den Hochschulen das gesamte Unterrichts- und Erziehungs-
wesen und das mit ihm zusammenhangende Geistesleben in Selbst-
verwaltung gestellt ist - nicht in die Verwaltung des Staates! Das
gehort zu den groBen Abrechnungen, die heute gepflogen werden
miissen.
Der Kreis von Menschen, der mir zuerst Freundlichkeit erwiesen hat,
als es sich darum handelte, den Impuls der Dreigliederung der Gegen-
wart einzuverleiben, dieser Kreis ist derjenige, dem jetzt auch in Stutt-
gart die erste wirkliche freie Einheitsschule entspringt. An die Waldorf-
Astoria-Fabrik soil sich angliedern zunachst eine Muster-Einheits-
schule, die gestellt sein soli auf jene Padagogik und Didaktik, auf
jene Erziehlehre, welche aus nichts anderem entspringt als aus der
wirklichen und wahren Erkenntnis des werdenden Menschen. Der
ist zwischen dem siebenten und funfzehnten Lebensjahre kein an-
derer, welcher Klasse und welchem Stande er auch angehort. Aber ihn
muB man erst kennenlernen, wenn man ihn unterrichten und erziehen
will.
Da ich derjenige war, der in Stuttgart den vorbereitenden Kursus
fur die an dieser Waldorf-Schule wirkende Lehrerschaft zu halten hatte,
so kamen mir auch diejenigen Dinge in die Hand, die heute wie eine
Selbstverstandlichkeit hingenommen werden. Man ahnt gar nicht, was
darin liegt, daB diese Dinge wie eine Selbstverstandlichkeit hingenom-
men werden! Aber sie haben sich eigentlich erst in den letzten Jahr-
zehnten herausgebildet. Man darf bei einer solchen Gelegenheit - da
die Dinge, die Gegenstand der Lebenspraxis sind, zugleich Gegenstand
der Lebenserfahrung sein miissen - darauf hinweisen, daB man das,
was man sagt, nicht aus dem Leichtsinn eines Jugendlebens sagt, son-
dern es sich erst auszusprechen getraut, wenn man, wie ich, ein sechstes
Lebensjahrzehnt fast vollendet hat. Da erinnert man sich daran, wie
die Lehrplane friiher noch kurz waren und wie das, was Gegenstand
des Unterrichtes sein sollte, vertreten wurde durch die Vortrage, durch
die Bucher und Erfahrungen derjenigen, die im lebendigen Erziehungs-
wesen darin standen, die aus dem Geiste herausschopften. Heute aber
hat man nicht einen kurzen Lehrplan - heute hat man dicke Bucher,
in denen nicht nur steht, man solle in dem einen Schuljahr dieses, in
dem andern Schuljahr jenes durchnehmen, sondcrn in denen auch vor-
geschrieben ist, wie man die Dinge behandeln soli. Was Gegenstand der
freien Lehre sein sollte, das soli Gegenstand werden und ist schon
Gegenstand geworden des «Verordnungsblattes ». Ehe man nicht ein
deutliches, hinlangliches Gefiihl von dem haben wird, was an Unsozia-
lem in diesen Dingen steckt, eher wird man nicht reif sein, mitzuarbei-
ten an der wirklichen Gesundung der Menschheit. In der Aufrichtung
des freien, vom Staate unabhangigen Geisteslebens liegt daher der erste
Kernpunkt der sozialen Frage. Da ist das erste der drei selbstandigen
Glieder des dreigliederigen sozialen Organismus zu errichten. Wenn
man heute diese Dinge vertritt, wenn man darauf hinweist, wie es wohl
sein kann, da8 zukiinftig niemand innerhalb des geistigen Gliedes des
sozialen Organismus verwalten wird als der, welcher auch tatigen An-
teil am geistigen Leben nimmt, dann wird das mit Bezug auf den Unter-
richt wenig verwandt sein mit dem Unterricht im heutigen Einheits-
staat. Das ganze Leben wird wie in einer Musterrepublik dastehen.
Jeder wird nicht bloB nach den Forderungen einer Verordnung unter-
richten, sondern aus dem Geiste schopfen, was dem Unterricht und der
Erziehung frommt. Man wird nicht bloB zu fragen haben, was die
Berechtigungen des Menschen fur den Sozialismus im dreizehnten oder
siebzehnten Jahre sind, wohl aber : Was liegt im Wesen des Menschen
selbst begrundet, damit es herausgeholt werden kann aus dem werden-
den Menschen, so daB er, wenn er diese Krafite losgelost erhalten hat
aus der Tiefe seines Wesens, nicht als willensschwacher, gebrochener
Mensch dasteht, wie heute so viele, sondern so dasteht, daB er seinem
Schicksal gewachsen ist und auch mitarbeiten kann an dem, was seine
Aufgaben im Leben sind. Das weist auf das erste Glied in der Drei-
gliederung des sozialen Organismus hin.
Man wird allerdings, wenn man diese Gedanken ausspricht, zuerst
mit einer Frage, mit einem Einwand abgefunden, wie ich es in einer
suddeutschen Stadt erlebte. Da antwortete mir nach einem Vortrage,
in der Diskussion, ein Hochschulprofessor ungefahr in folgender
Weise: Wir Deutschen werden in der Zukunft ein armes Volk sein.
Der Mann dort will das Geistesleben selbstandig machen. Das arme
Volk wird das selbstandige Geistesleben nicht bezahlen konnen, denn
es wird kein Geld haben. Man wird also nach dem Staatssackel greifen
miissen, wird doch aus den Steuern das Unterrichtswesen bezahlen
miissen, und wie soil es dann selbstandig werden, wie soli es da nicht
das Aufsichtsrecht des Staates iiber sich gestellt haben miissen, da es
vom Staate erhalten werden muB ? - Ich konnte darauf nur erwidern, daB
es mir sehr sonderbar vorkomme, wenn der Professor glaube, daB das,
was man als Steuern aus der Staatskasse nimmt, irgendwie da heraus-
wachst, und daB es in Zukunft nicht von dem «armen Volke» genom-
men wird. Aber was einem am meisten begegnet, das ist die Gedanken-
losigkeit auf alien Gebieten. Dem muB entgegengestellt werden ein
wirkliches, in die Tatsachen des Lebens hineinschauendes, praktisches
Denken. Das wird auch praktische Lebensprogramme bringen kon-
nen, die zu verwirklichen sind.
Und wie das Geistesleben, das Unterrichts- und Erziehungswesen
verselbstandigt werden muB, so auf der anderen Seite das Wirtschafts-
leben. Es ist sehr merkwiirdig, wie in der neueren Zeit aus der Tiefe
der Menschennatur heraus zwei Forderungen aufgestiegen sind: die
nach Demokratie und die nach Sozialismus. Beide, Demokratie und
Sozialismus, widersprechen einander. Vor der Weltkriegskatastrophe
hat man diese zwei widersprechenden Impulse zusammengeschweiBt
und sogar einePartei, die Sozialdemokratie, danachbenannt. Holzernes
Eisen ist ungefahr dasselbe. Beide, Sozialismus und Demokratie, wider-
sprechen sich, beide sind aber ganz aufrichtige und ehrliche Forderun-
gen der neueren Zeit. Nun ist die Weltkriegskatastrophe an uns vor-
iibergezogen, hat ihre Ergebnisse gebracht, und nun horen wir, wie
die soziale Forderung auftritt und nichts wissen will von einem demo-
kratischen Parlament. Wie die soziale Forderung wiederum theoretisch,
ohne eine Ahnung zu haben, wie die Tatsachen eigentlich sind, mit
Schlagworten ganz abstrakter Art auftritt wie «Erringung der politi-
schen Macht », «Diktatur des Proletariats » und dergleichen, das kommt
allerdings aus den Untergriinden des sozialistischen Empflndens her-
vor, beweist aber, daB man jetzt darauf gekommen ist, daB auch das
sozialistische Empfinden dem demokratischen Empfinden wider-
spricht. Die Zukunft, die den Wirklichkeiten des Lebens, nicht den
Schlagworten Rechnung zu tragen hat, sie wird erkennen miissen, wie
der sozialistisch Fiihlende Recht hat, wenn er sozusagen etwas Un-
heimliches bei «Demokratie» empfindet, und wie anderseits der demo-
kratisch Fiihlende Recht hat, wenn er das Fur chtbarste empfindet bei
den Worten «Diktatur des Proletariats ».
Wie liegen auf diesem Gebiete eigentlich die Tatsachen ? Da brauchen
wir nur das Wirtschaftsleben im Zusammenhange mit dem Staatsleben
gerade so zu betrachten, wie wir eben vorher das Geistesleben im Zu-
sammenhange mit dem Staatsleben betrachtet haben. Es war wiederum
das Vorurteil der Menschen der neueren Zeit, insbesondere derjenigen,
die glaubten, recht fortschrittlich zu denken, daB der Staat immer mehr
und mehr zum Wirtschafter werden sollte. Post, Telegraph, Eisenbahn
und so weiter wurden in Staatsverwaltung gestellt, und bald wollte
man liber immer weitere Wirtschaftsgebiete die Staatsverwaltung aus-
dehnen. Das ist eine weite und umfassende Sache, die ich jetzt mit
einigen Worten beriihre, und ich muB mich leider - weil ich angewiesen
bin, diese Dinge in einem kurzen Vortrage zu entwickeln - der Gefahr
aussetzen, daB das, was in sehr sachlichen Worten dargelegt wird und
mit unzahligen Beispielen aus der neueren Geschichte belegt werden
konnte, als Dilettantismus hingestellt wiirde. Das ist es aber durchaus
nicht. Aber was hier wie ein Vorurteil der Fortgeschrittensten ist, das
wird sich gerade dann, wenn man den Sozialismus ernst nimmt, in
seiner wahren Gestalt zeigen. Und es wird sich in seiner wahren Gestalt
zeigen, wenn man ferner ernst nehmen wird ein Wort, welches aus
seinen lichtesten Augenblicken heraus Friedrich Engels in seiner Schrift
«Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft»,
ausgesprochen hat. Er sagt ungefahr : Oberschaut man das Staatsleben,
wie es sich in die Gegenwart herein entwickelt hat, so findet man, daB
es die Bewirtschaftung der Produktionszweige, die Leitung der Waren-
zirkulation, umfaBt. Aber indem der Staat gewirtschaftet hat, hat er
zugleich iiber Menschen regiert. Er gab die Gesetze, nach denen sich
zu verhalten haben - ob in ihren wirtschaftlichen Handlungen oder
auBerhalb derselben - diejenigen Menschen, die im Wirtschaftsleben
drinnen stehen. Dieselbe Instanz wirtschaftete - und gab die Gesetze
fur das Verhalten der Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnen
stehen. Das muB in Zukunft anders werden.
Dies hat Engels ganz richtig erkannt. In Zukunft darf auf dem Bo-
den, auf dem gewirtschaftet wird, nicht mehr regiert werden iiber Men-
schen, meinte Engels ; sondern es darf auf diesem Boden nur verwaltet
werden, was Produktion ist, und es darf auf ihm nur geleitet werden,
was Warenzirkulation ist. Das war eine richtige Anschauung - aber
eine halbe Wahrheit oder eigentlich nur eine Viertelswahrheit, Denn
wenn das, was an Gesetzen verwirklicht ist auf diesem Wirtschafts-
gebiete, das bisher mit dem Staatsleben zusammenfiel, herausgenom-
men wird aus der Wirtschaftsverwaltung und Wirtschaftsleitung, muB
es seinen eigenen Platz erhalten - allerdings nicht einen Platz, von dem
aus die Menschen zentralistisch regiert werden, sondern den Platz, wo
sie sich selber demokratisch regieren.
Das heiBt : Die beiden Impulse, Demokratie und Sozialismus, weisen
darauf hin, daB zwei voneinander getrennte Gebiete neben dem selb-
standigen Geistesglied des sozialen Organismus noch dastehen miissen
in dem gesamten sozialen Organismus, namlich das, was bleibt von
dem ehemaligen Staate. Es ist das die Verwaltung des Wirtschaftlichen
und die des offentlichen Rechtes oder mit anderen Worten alles dessen,
woriiber jeder Mensch urteilsfahig ist, wenn er miindig geworden ist.
Denn was liegt in der Forderung nach Demokratie? Es liegt darin,
daB die neuere Menschheit geschichtlich reif werden will dafiir, auf
dem freien Staatsboden, auf dem freien Rechtsboden gesetzmaBig das-
jenige zu verwalten, worm alle Menschen einander gleich sind, wor-
iiber also jeder miindig gewordene Mensch neben jedem anderen miin-
dig gewordenen Menschen mittelbar oder unmittelbar - mittelbar
durch Vertretung, unmittelbar durch irgendein Referendum - ent-
scheiden kann. So miissen wir in Zukunft einen selbstandigen Rechts-
boden haben, der die Fortsetzung des alten Macht- und Gewaltstaates
sein wird, und der erst der wahre Rechtsstaat sein wird. Niemals wird
ein wahrer Rechtsstaat anders entstehen, als daB in ihm nur diejenigen
Angelegenheiten durch Gesetze geregelt werden, iiber die jeder miin-
dig gewordene Mensch urteilsfahig ist, und zu diesen Angelegenheiten
gehort wieder etwas, woriiber das Proletariat viel gesprochen hat, wo
aber seine Worte wieder genommen werden miissen als das soziale
Thermometer. Denn wieder hat in das Gemiit des Proletariats tief ein-
geschlagen ein Wort von Karl Marx: Es gibt ein menschenunwiirdiges
Dasein, wenn der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft
wie eine Ware verkaufen muB. Denn wie man eine Ware bezahlt mit
dem Warenpreis, so bezahlt man die Arbeitskraft wie gleichwertig mit
der Ware durch den Lohn, durch den Preis fur die Ware Arbeitskraft!
Das war ein Wort, nicht so sehr bedeutungsvoll in der Entwicklung
der neueren Menschheit durch seinen sachlichen Inhalt, als durch das
blitzartige Einschlagen in das Proletariat, jenes blitzartige Einschlagen,
von dem sich die fiihrenden Kreise eigentlich keine Vorstellung
machen. Und woher riihrt dies Ganze? Es riihrt davon her, daB in den
Wirtschaftskreislauf, das heiBt in die Warenerzeugung, in die Waren-
zirkulation und Warenkonsumation, die einzig in den Wirtschaftskreis-
lauf hineingehoren, in chaotischer, in unorganischer Weise auch hinein-
gestellt ist die Regelung der Arbeit nach MaB, nach Zeit, nach Charak-
ter usw. Und nicht eher wird Heil auf diesem Gebiete, bis aus dem Wirt-
schaftskreislauf Charakter, MaB und Zeit der menschlichen Arbeit
herausgehoben ist, ob sie geistige, ob sie physische Arbeit ist. Denn
die Regelung der Arbeitskraft gehort nicht in das Wirtschaftsleben
hinein, wo derjenige, welcher der wirtschaftlich Machtigere ist, eben
auch die Macht hat, die Art der Arbeit dem wirtschaftlich Schwachen
aufzudrangen. Die Regelung der Arbeit von Mensch zu Mensch, was
ein Mensch fur den anderen arbeitet, das gehort geregelt auf dem
Rechtsboden, da, wo jeder miindig gewordene Mensch jedem andern
miindig gewordenen Menschen als gleicher gegeniibersteht. Wieviel
ich fur den andern zu arbeiten habe, dariiber durfen nicht wirtschaft-
liche Voraussetzungen entscheiden, sondern einzig und allein das, was
in dem zukiinftigen Staate, der der Rechtsstaat ist, gegemiber dem
heutigen Machtstaat, sich entwickeln wird.
Auch da begegnet man wieder einem Biindel von Vorurteilen, indem
man dergleichen ausspricht. Heute ist es billig, wenn die Leute sagen:
Solange die Wirtschaftsordnung durch die Vethaltnisse des freien
Marktes gegeben ist, solange wird es selbstverstandlich sein, daB die
Arbeit von der Produktion abhangt, davon, wie die Waren bezahlt wer-
den. Wer aber glaubt, daB es so bleiben miisse, sieht nicht ein, wie ge-
schichtlich ganz andere Forderungen heraufziehen. In Zukunft wird
man sagen miissen : Wie toricht ware es, wenn die Menschen, die irgend-
einen Betriebszweig zu verwalten haben, sich zusammensetzten und
die Kontobiicher des Jahres 191 8 nahmen und sagten: Da haben wir
so und soviel erzeugt, wir miissen in diesem Jahre auch soviel erzielen.
Jet2t ist es September, wir brauchen also, um das zu erreichen, noch
so und so viele Tage, wo es regnet, und so und soviele, wo Sonnen-
schein sein muB, und so weiter. - Man kann nicht der Naturgrundlage
vorschreiben, daB sie sich nach den Preisen richten soil, sondern man
muB die Preise nach der Naturgrundlage einrichten. Auf der einen
Seite wird das Wirtschaftsleben an die Naturgrundlage grenzen, auf
der anderen Seite an den Rechtsstaat, wo auch die Arbeit geregelt wer-
den wird. Da wird aus rein demokratischen Grundlagen heraus fest-
zustellen sein, wie lange der Mensch zu arbeiten habe, und danach
werden sich die Preise bestimmen - das heiBt nach den Naturgrund-
lagen, so wie heute nach den Naturgrundlagen die Preise in der Land-
wirtschaft bestimmt werden. Es handelt sich nicht darum, daB man
liber die Verbesserung kleiner Einrichtungen nachdenkt; es handelt
sich darum, daB man umdenken und umlernen muB, Erst wenn auf dem
selbstandig demokratischen Gemeinboden, wo der eine Mensch dem
andern als Miindiggewordener, als Gleicher dem Gleichen gegeniiber-
steht, iiber die Arbeitskraft geurteilt wird, und wenn der Mensch als
freier Mensch diese Arbeit in das selbstandige Wirtschaftsleben hinein-
tragt, wo nicht Arbeitsvertrage, sondern Vertrage iiber die Erzeugung
geschlossen werden, erst dann wird aus dem Wirtschaftsleben weichen,
was heute Unruhe erzeugend darin ist. Das muB durchschaut werden.
In der Kiirze dieser Zeit kann ich diese Dinge nur andeuten. Ich
wiirde sehr gern einen Zyklus von Vortragen halten, aber das geht dies-
mal nicht. Ich muB aber noch darauf hinweisen, wie sich das dritte
Glied, das Wirtschaftsleben, in dem dreigliederigen sozialen Organis-
mus gestaltet, wie es in die Zukunft hineinragen soli.
In diesem Wirtschaftsleben darf nicht, wie bisher, darin sein:
Kapitalverwaltung, Bodenverwaltung, Produktionsmittelverwaltung
- das ist iibrigens Kapitalverwaltung -, Arbeitsverwaltung, sondern
lediglich darf in ihm sein Verwaltung der Warenerzeugung, des Waren-
umlaufs und des Warenverbrauchs. Und gleichsam die Urzelle dieses
Wirtschaftslebens, das nur auf Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit ge-
griindet sein soli, die Preisbildung, wie wird sie sich vollziehen miissen ?
Nicht durch den Zufall des sogenannten freien Marktes, wie es bisher
in der Volkswirtschaft und in der Weltwirtschaft der Fall war ! So wird
sie sich vollziehen miissen, daB auf dem Boden von Assoziationen, die
sachgemaB zwischen den einzelnen Produktionszweigen und den Kon-
sumgenossenschaften entstehen, durch Menschen, die sachkundig und
fachtiichtig aus diesen Genossenschaften hervorgehen, organisch das
erreicht werde, verniinftig erreicht werde, was heute krisenhaft der
Zufall des Marktes hervorbringt. Es wird in der Zukunft, wenn die
Feststellung von Art und Charakter der menschlichen Arbeitskraft in
den Rechtsstaat fallt, ungefahr innerhalb des Wirtschaftslebens sich zu-
tragen miissen, daB der Mensch fur irgend etwas, was er arbeitend voll-
bringt, so viel an Austauschwerten erhalt, daB er seine Bediirfnisse da-
durch befriedigen kann, bis er ein gleiches Produkt wieder hervorge-
bracht hat.
Grob, dilettantisch, oberflachlich gesprochen, ware das eben Gesagte
durch folgendes Beispiel erlautert, aber diese Erlauterung wird heute
geniigen: Wenn ich ein Paar Stiefel hervorbringe, so muB ich durch
den gegenseitig fixierten Wert in der Lage sein, durch die Herstellung
dieses Paares Stiefel so viele Giiter einzutauschen, als ich brauche, um
damit meine Bediirfnisse zu befriedigen, bis ich wieder ein Paar Stiefel
hervorgebracht haben werde. Und Einrichtungen miissen vorhanden
sein, welche innerhalb der Gesellschaft zu regeln haben die Bediirfnisse
fur Witwen, Waisen, fur Invalide und Kranke, fur die Erziehung und
dergleichen. DaB aber solche Regulierung der Preisbildung, was einzig
und allein Sache einer wirtschaftlichen Sozialisierung sein wird, statt-
finden kann, das wird davon abhangen, daB sich Korperschaften bil-
den - seien sie gewahlt, seien sie designiert aus den Assoziationen der
Produktionszweige in Verbindung mit den Konsumentengenossen-
schaften -, welche berufen sind, im lebendigen Leben die gerechten
Preise zu vermitteln.
Das kann nur dadurch geschehen, daB das ganze Wirtschaftsleben -
allerdings nicht in Form einer Moellendorffschen Planwirtschaft, son-
dern in einer lebendigen Form - so geordnet wird, daB zum Beispiel
folgendes beriicksichtigt wird : Nehmen wir an, irgendein Artikel habe
die Tendenz, zu teuer zu werden. Was bedeutet das? Es wird zu wenig
von diesem Artikel erzeugt; es miissen nach den Produktionszweigen
Arbeiter durch Vertrage hingeleitet werden, welche diesen Artikel er-
zeugen konnen. Wird andererseits ein Artikel zu billig, so miissen Be-
triebe stillgelegt werden und die Arbeiter davon abgezogen werden
und durch Regelung in andere Betriebe hineinkommen. Wenn so etwas
ausgesprochen wird, dann bezeichnen das die Leute heute als schwierig.
Wer das aber als schwierig ablehnt, um bei kleinen Verbesserungen der
sozialen Verhaltnisse stehen zu bleiben, der sollte auch wissen, daB er
damit auch bei den heutigen Verhaltnissen bleiben wird.
Das zeigt Ihnen, wie durch Assoziationen, die rein aus den Wirt-
schaftskraften selbst gebildet sind, das Wirtschaftsleben auf sich selbst
gestellt werden soil, wie das Wirtschaftsleben, iiber welches heute der
Staat seine Fittiche ausgedehnt hat, in der Tat nur von den wirtschaf-
tenden Kraften selbst verwaltet werden soil, und zwar so, daB innerhalb
dieser Verwaltung des Wirtschaftslebens die Initiative des Einzelnen
moglichst gewahrt werde. Das kann nicht durch eine Planwirtschaft,
nicht durch Aufrichtung einer Gemeinbewirtschaftung der Produk-
tionsmittel, sondern einzig und allein durch Assoziationen der freien
Produktionszweige und durch Ubereinkommen dieser Assoziationen
mit den Konsumgenossenschaften geschehen.
Das ist der furchtbare Irrtum, daB die Verstaatlichung, die bisher
von den fuhrenden, leitenden Kreisen in die Wege geleitet worden ist,
bis zum Extrem getrieben werden soil, daB iiber das ganze Staatsleben,
den Rahmen dieses Staatslebens benutzend, Genossenschaften sich
ausdehnen sollen, wodurch man alien Zusammenhang einer solchen
Planwirtschaft mit den auBeren Wirtschaftskraften untergraben wiirde;
wahrend jene Assoziationen, die von der Dreigliederung gemeint sind,
gerade darauf ausgehen, die voile freie Initiative des Wirtschaftenden
festzuhalten, offenzuhalten alles, was einen geschlossenen Wirtschafts-
korper mit dem auBeren Wirtschaftskorper verbindet.
Allerdings wird manches auch recht sehr anders ausschauen. zum
Beispiel etwas, worauf ich durch ein Gleichnis nur hindeuten kann.
Es verlangt die sozialistische Theorie die Auf hebung des Privateigen-
tums, wie man sagt - lauter Worte, unter denen sich ein sachkundiger
Mensch nichts vorstellen kann - und Uberfuhrung des Privateigentums
in Gemeineigentum. Aber das heiBt ja gar nichts. Was etwas heiBen
kann, das kann ich Ihnen in folgender Weise im Bilde sagen. Heute
sind die Menschen beispielsweise sehr stolz auf ihre Philosophen. Aber
liber eines denken die Menschen ziemlich richtig, wenigstens sobald
es sich um geistige Hervorbringungen handelt; wahrend sie es auf dem
Gebiete des Materiellen nicht dazu bringen, in gleicher Weise gesund
zu denken. Denn wie denkt man uber das geistige Eigentum? So denkt
man, daB man bei dem, was man geistig erwirbt, dabei sein muB. Man
kann nicht gut sagen: Was ich als geistiges Eigentum hervorbringe,
das solle durch Gemeinwirtschaft oder durch genossenschaftliches Be-
wirtschaften hervorgebracht werden. Das wird man schon dem Ein-
zelnen iiberlassen miissen. Denn es wird am besten dadurch hervor-
gebracht, daB der Einzelne mit seinen Fahigkeiten und Talenten dabei
ist, und nicht, wenn er davon getrennt wird. Aber man denkt doch
sozial, indem das, was man geistig hervorbringt, dreiBig Jahre nach
dem Tode des Schaffenden - es konnte vielleicht die Zeit viel verkiirzt
werden - nicht mehr den Erben gehort, sondern demjenigen, der es
wieder am besten der Allgemeinheit zuganglich machen kann. Das
findet man selbstverstandlich, weil die Menschen heute das, was sie als
Geistiges empfinden, nicht als etwas Besonderes schatzen. Aber die
Menschen machen keinen Versuch, darauf einzugehen, wenn man da-
von spricht, daB das physische Privateigentum in derselben Weise be-
handelt werden sollte, daB es nur solange im Privatbesitz sein sollte,
als man mit seinen Fahigkeiten dabei sein kann, dann aber iibergehen
sollte -jetzt nicht an diese wesenlose Allgemeinheit, die Korruptionen
und so weiter furchtbarster Art hervorbringen wiirde, sondern an den-
jenigen, der wieder seinerseits die besten Fahigkeiten hat und die Sache
in den Dienst der Allgemeinheit stellen wiirde.
Wo man unbefangen denkt, zeigen sich solche Dinge schon. Wir
haben es unternommen, eine Hochschule fur Geisteswissenschaft, das
Goetheanum, in Dornach bei Basel in der Schweiz zu begriinden. Wir
nennen es Goetheanum seit dem Zeitpunkt, wo die Welt «verwood-
rowwilsont » wird, wo es notig wird, daB der Deutsche zeige, daB er
ein Geistesleben vor den ganzen Erdkreis kiihn hinstellen wird.
Goetheanum im Auslande als Vertreter des deutschen Geisteslebens
- anders als es der Chauvinismus macht! Aber ich will jetzt etwas
anderes hervorheben. Sie wird gebaut, diese Hochschule der Geistes-
wissenschaft, und sie wird jetzt verwaltet von denjenigen Menschen,
welche die Fahigkeiten dazu haben, diese Sache ins Leben zu rufen. Wem
wird sie gehoren, wenn diese jetzigen Menschen nicht mehr unter den
Lebenden sind? Durch Erbschaft wird sie an niemanden -iibergehen,
sondern sie wird an den iibergehen, der sie wieder am besten im Dienste
der Menschheit verwalten kann. Sie gehort eigentlich niemandem.
Denkt man wirtschaftlich sozial, so entstehen schon diejenigen
Dinge, die entstehen mussen, wenn Heilsames in der Zukunft gesche-
hen soil. Das Weitere iiber die Zirkulation des Privateigentums habe
ich ausgefuhrt in der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage»,
wo ich gezeigt habe, wie der soziale Organismus gegliedert werden
muB in seine selbstandigen und als solche zusammenwirkenden drei
Glieder: in die geistige Organisation mit Selbstverwaltung aus den
Untergriinden eines freien Geisteslebens heraus, in die staatlich-poli-
tisch-rechtliche Organisation mit demokratischer Verwaltung, gestellt
auf das Urteilen eines jeden miindig gewordenen Menschen, und in
ein Wirtschaftsleben, das lediglich gestellt sein soil in das Urteil der
sachkundigen und fachtiichtigen einzelnen Personen und Korpora-
tionen und ihren Assoziationen.
Das scheint so neu zu sein, daB mir, seit ich diese Sachen in Deutsch-
land vertrete, auch einmal von jemandem folgendes unterbreitet wor-
den ist : Du zerteilst da den Staat, der ein Einheitliches sein muB, in drei
Telle. - Ich konnte darauf nur erwidern, ob ich denn den Gaul in drei
oder vier Teile zerteile, wenn ich sage : er muB auf seinen vier Beinen
stehen. Oder wird jemand behaupten, daB ein Gaul nur eine Einheit ist,
wenn er auf einem Bein steht? Ebenso wenig wird jemand behaupten
diirfen, daB das soziale Leben, wenn es eine Einheit sein soli, zusam-
menflieBen muB in einer abstrakten Einheit. Man wird sich in Zukunft
nicht mehr hypnotisieren lassen mussen von dem abstrakten Einheits-
staat, man wird wissen mussen, daB er dreigegliedert werden muB, in
drei Glieder, auf denen er stehen kann : in ein sich selbstverwaltendes
freies Geistesgebiet, in eine Rechtsorganisation mit demokratischer
Gesetzgebung, in eine Wirtschaftsorganisation mit rein sachkundiger
und fachtiichtiger Wirtschaftsverw
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