Gedankenfreiheit und soziale Kräfte

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Rudolf Steiner

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge uber das soziale leben 
und die dreigliederung des sozialen organismus 



2>u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861—1925) geschriebenen 
und veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 
bis 1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie 
auch fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthropo- 
sophischen Gesellschaft. Er selbst wollte ursprtinglich, dafi seine 
durchwegs frei gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten 
wiirden, da sie als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mit- 
teilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstan- 
dige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet 
wurden, sah er sich veranlafit, das Nachschreiben zu regeln. Mit 
dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die 
Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nach- 
schriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht der 
Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen 
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi gegen- 
iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriicksich- 
tigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, 
dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehler- 
haftes findet.» 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner 
Gesamtausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen 
Bestandteil dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich 
nahere Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



RUDOLF STEINER 



Gedankenfreiheit 
und soziale Krafte 

Die sozialen Forderungen der Gegenwart 
und ihre praktische Verwirklichung 



Sechs offentliche Vortrage mit einem Schlufiwort, 
gehalten zwischen dem 26. Mai und 30. Dezember 1919 
in Ulm, Berlin und Stuttgart 



1985 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe besorgte Wolfram Groddeck 



1 . Auflage in dieser Zusammenstellung 
Gesamtausgabe Dornach 1971 

2. Auflage (photomechanischer Nachdruck) 
Gesamtausgabe Dornach 1985 

Einzelausgabe 

Berlin, 15. September 1919, vierter Vortrag in 
«Die Ratsel unserer Zeit», Berlin 1923 

Veroffentlichungen in Zeitschriften siehe Seite 167 



Bibliographie-Nr. 333 

Zeichen auf dem Einband nach einer Originalzeichnung von Rudolf Steiner 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1971 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany bei Greiserdruck, Rastatt 

ISBN 3-7274-3330-2 



INHALT 



Die dreifache Gestalt der sozialen Frage 

Ulm, 26. Mai 1919 7 

Wissenschaft im Dienst der Obrigkeit. Der Ruf nach den Menschen- 
rechten. Die doppelte Begrenzung des Wirtschaftslebens durch die 
Naturgrundlage und das Rechtsgebiet. Lebenspraxis aus Einsicht in die 
sozialen Notwendigkeiten 

SchlulWort zum Vortrag Ulm, 26. Mai 1919 31 

Die Erkenntnis des ubersinnlichen Menschenwesens und die Auf- 
gabe unseres Zeitalters 

Ulm,22.Julil919 39 



Ausbildung eines leibfreien Denkens. Das Geheimnis der Beziehung 
von Mensch zu Mensch. Die Menschheit vor der Wahl zwischen 
sozialem Chaos und Freiheit des Geistes 

Die Verwirklichung der Ideale Freiheit, Gleichheit, Briiderlichkeit 

durch soziale Dreigliederung 

Berlin, 15. September 1919 65 

Der eigendiche Hintergrund der sozialistischen Theorien. Durch Ver- 
staadichung ist die soziale Frage nicht zu losen. Goetheanismus als 
Gegenpol zum Amerikanismus 

Geisteswissenschaft, Gedankenfreiheit und soziale Krafte 

Stuttgart, 19. Dezember 1919 . 93 

Der Goetheanumbau als kiinstlerischer Ausdruck geisteswissenschaftli- 
cher Gesinnung. Irrwege naturwissenschafdicher Vorstellungsart. Die 
Ursache des Bruchs zwischen Glauben und Wissen. Die wahre Aufgabe 
der Deutschen 



Die Weltbilanz des Geistes- und Seelenlebens der Gegenwart 

Stuttgart, 27. Dezember 1919 121 

Nietzsche iiber die Exstirpation des deutschen Geistes. David Friedrich 
Straufi - der Verneiner der religiosen Phrase. Das dekadente Geistes- 
leben des Ostens und das mechanistische Element der westlichen Zivili- 
sation. Hamerlings Homunkulus als Typus des seelenlosen Egoisten. 
Der neue Weg zu Christus 



Geist-Erkenntnis als Tatengrundlage 

Stuttgart, 30. Dezember 1919 143 

Die Zukunftsaufgabe goetheanistischer Wissenschaft und Weltanschau- 
ung. Geschichtliche Grundlagen des Intellektualismus. Die verlorenge- 
gangene Anschauung vom Wesen des Menschen. Notwendigkeit eines 
spirituellen Einschlags in das menschliche Willens- und Tatenleben 



Hinweise 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 



167 
175 



DIE DREIFACHE GESTALT DER SOZIALEN FRAGE 



Ulm, 26. Mai 1919 

Wie an anderen Orten Wurttembergs und der Schweiz werde ich mir 
gestatten, auch hier iiber die einschneidendste, wichtigste Frage der Ge- 
genwatt zu sprechen, iiber die soziale Frage, und zwar in Ankniipfung 
an dasjenige, was erschienen ist in dem Aufruf, der vor einiger Zeit 
durch die deutschen Lande ging, «An das deutsche Volk und an die 
Kulturwelt». Der Aufruf, der fur die Dreigliederung des sozialen Or- 
ganismus eintritt, diirfte den meisten von Ihnen vor Augen gekommen 
sein. Die weiteren Ausfuhrungen desjenigen, was in einem solchen Auf- 
ruf selbstverstandlich nur kurz angedeutet werden konnte, sind in mei- 
nem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwen- 
digkeiten der Gegenwart und Zukunft » gegeben. Einzelnes von dem, 
was von diesem Aufruf gesagt werden muB, gestatten Sie mir, Ihnen 
am heutigen Abend zu skizzieren. 

Die soziale Frage - das ergibt sich wohl jeder Menschenseele, die 
wachend den Zeitereignissen gegemibersteht - ist dasjenige, was sich 
in einer ganz neuen Gestalt aus den gewaltigen, erschiitternden Ereig- 
nissen der Weltkriegskatastrophe heraus ergeben hat. Zwar ist die so- 
genannte soziale Frage oder soziale Bewegung, so wie wir heute von 
ihr sprechen, rnindestens mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Aber wer 
dasjenige, was heute sich als gewaltige geschichtliche Welle ankiindigt, 
ins Auge faBt und diese Dinge miteinander vergleicht, darf dennoch 
sagen : Diese soziale Frage hat inunserer Gegenwart eine vollig neue Ge- 
stalt angenommen, eine Gestalt, an der niemand voriibergehen diirfte. 

Wie oft hat man im Laufe der letzten vier bis funf Jahre das Wort ge- 
hort: In dieser schrecklichen Weltkriegskatastrophe liegt etwas, wie es 
die Menschen nicht erlebt haben, seit es iiberhaupt das gibt, was man 
Geschichte nennt. Aber noch wenig, wahrhaftig recht wenig hort man 
heute, wo diese Weltkriegskatastrophe in eine Krisis eingetreten ist, von 
der Notwendigkeit sprechen, daB zur Wieder ordnung des Lebens nun 
auch ganz neue Impulse notwendig seien ; daB ein volliges Umdenken 
und Umlernen notwendig ist - obwohl eigentlich schon auBerlich die 



Notwendigkeit dieses Umdenkens und Umlernens einzusehen ist. Denn 
die alten Gedanken haben uns gerade in jene furchtbare Menschheits- 
katastrophe hineingefiihrt. Neue Gedanken, neue Impulse miissen uns 
wieder hinausfuhren. Und wo jene Impulse zu suchen sind, das zeigt 
eine wirklich eindringliche Beobachtung desjenigen, was als soziale 
Forderungen aus immer mehr Menschengemutern heraus ertont, und 
an dem voriiberzugehen eigentlich nur dem moglich ist, der seine Zeit 
verschlaft; der die Ereignisse abwartet, bis gewissermaBen der alte Bau 
wesenlos zusammenbricht. 

Soziale Fragen stellt man sich heute vielfach als etwas hochst Nahe- 
liegendes, zuweilen hochst Einfaches vor. Wer nicht aus grauen Theo- 
rien, auch nicht aus einzelnen personlichen Forderungen heraus, son- 
dern aus einer wirklich verbreiterten Erfahrung uber die Lebensnot- 
wendigkeiten der Gegenwart und Zukunft urteilt, muB in dieser sozia- 
len Frage etwas sehen, in das viele Krafte zusammenflieBen, die sich in 
der Menschheitsentwicklung heraufentwickelt und, man kann schon 
sagen, in einer gewissen Weise sich selbst ihrer Vernichtung entgegen- 
gefuhrt haben. Wer diese Lebensbedingungen uberschaut, dem er- 
scheint die soziale Frage in einer dreifachen Gestalt. Sie erscheint ihm 
als eine Frage des Geisteslebens, zweitens als eine Frage des Rechts- 
lebens, und drittens als eine Frage des Wirtschaftslebens. Nun haben es 
die letzten Jahrhunderte, und insbesondere das 19. Jahrhundert, auch 
die verflossenen zwei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, mit sich ge- 
bracht, daB man glaubt, fast alles, was zur sozialen Frage gehort, auf 
dem wirtschaftlichen Gebiet suchen zu miissen. Die Griinde, warum 
man so wenig klar sieht, liegen eben darin, daB man meint, man miisse 
sich nur auf wirtschaftlichem Gebiete zurechtfinden, dann wiirden alle 
iibrigen von selber folgen. Es wird schon notwendig sein, daB die ersten 
Teile meiner heutigen Betrachtung einem Gebiete des Lebens gewidmet 
sind, von dem die Leute weder von links noch von rechts auch jetzt 
noch als einem sozial wichtigen Gebiete mit sich reden lassen wollen, 
namlich dem Gebiete des geistigen Lebens. 

Die Forderungen, die man die sozialen nennt, gehen ja von der brei- 
ten Masse des Proletariats aus, das den dreifachen Leidensweg bis zu 
den Zustanden der Gegenwart durchgemacht hat, von dem wir nach- 



her sprechen wollen. Und dieses Proletariat ist durch das Herauf kom- 
men der neuen Technik und des seelenverodenden Kapitalismus sowie 
durch die iibrigen Kulturverhaltnisse fast ganz in das blofie Wirtschafts- 
leben hineingedrangt worden. Aus dem Wirtschaftsleben heraus ent- 
standen auch die Forderungen des Proletariats. Daher nimmt die soziale 
Frage der Gegenwart, weil sie zunachst aus dem Proletariat auftaucht, 
ihre wirtschaftliche Form an. Aber sie ist nicht eine bloC wirtschaftliche 
Frage. Schon die einfache Feststellung, wie unzulanglich die altherge- 
brachten Gedanken sind gegemiber den heute laut sprechenden Tat- 
sachen, kann dariiber belehren, daB wir es innerhalb der sozialen Be- 
wegung nicht allein mit einer Wirtschafts- und Rechtsfrage, sondern 
vor alien Dingen mit einer Geistesfrage zu tun haben. 

Wir stehen iiber einen groBen Teil der zivilisierten Welt hinweg vor 
einer lauter sprechenden sozialen Tats ache. Soziale Parteimeinungen, 
Parteiprogramme, wir haben sie gehabt, sie sind hervorgebracht. Alle 
Gedanken, alle Parteimeinungen erweisen sich jetzt, da man den Tat- 
sachen gegeniibersteht, als unzulanglich. Heute handelt es sich nicht 
darum, alte Parteimeinungen fortzusetzen, sondern heute handelt es 
sich darum, sich den Tatsachen unmittelbar und ganz ernsthaftig, mit 
Wirklichkeitssinn gegeniiberzustellen. 

Sehen wir doch zuerst einmal, wie sich in der neueren Zeit das Leben 
der Menschen, das dann in die Katastrophe eingelaufen ist, entwickelt 
hat. Da haben wir vor alien Dingen den Blick auf die tiefe, schier un- 
uberbriickbar erscheinende Kluft zu werfen, die zwischen dem Prole- 
tariat und dem Nichtproletariat besteht. Wenn wir auf das Kulturleben 
dieses Nichtproletariats sehen, was tritt uns da entgegen? Ganz gewiB 
ist dieses Kulturleben als em ungeheurer Fortschritt im Laufe der neue- 
ren Zeit reichlich gepriesen worden. Immer wieder konnte man es ho- 
ren, wie in dieser neueren Zeit die Verkehrsmittel die Menschen iiber 
weite Gebiete der Erde hingebracht haben, die in alteren Zeiten, wenn 
man sie prophetisch geschildert hatte, als eine Utopie verschrien wor- 
den waxen. Der Gedanke - so hat man immer wiederum gepredigt und 
gelobhudelt - eilt mit Blitzesschnelle iiber feme Lander und Meere und 
so weiter. Man ist nicht miide geworden, immer wieder den Fortschritt 
zu preisen. Aber heute gilt es, zu all dem eine andere Betrachtung hinzu- 



zufiigen. Heute gilt es zu fragen : Unter welchen Bedingungen ist dieser 
Fortschritt entstanden? Er konnte nur dadurch entstehen, daB er sich 
auf einem Unterbau breitester Menschheitsmassen auf baute, die nicht 
teilnehmen konnten an alle dem, was man an dieser Kultur so gelobt 
hat, aufbaute auf dem Unterbau breiter Menschenmassen, die ihre Ar- 
beit tun muBten fur diese Kultur von wenigen, die in der Form, wie sie 
geschaffen worden ist, nur dadurcb da sein konnte, daft diese Massen 
keinen Anteil an ihr hatten. Nun sind diese breiten Massen herange- 
wachsen, sind zu sich selbst gekommen und fordern mit Recht ihren 
Anteil. Ihre Forderungen sind zugleich die groBen, geschichtlichen 
Forderungen der Gegenwart fur jeden, der seine Zeit wirklich versteht. 
Und wenn heute der Ruf nach Sozialisierung des Wirtschaftslebens 
ertont, so erkennt derjenige, der seine Zeit versteht, in diesem Ruf nicht 
etwa bloB die Forderungen einer Menschenklasse, sondern zugleich 
eine geschichtliche Forderung des Menschenlebens der Gegenwart. 

Eine Eigentumlichkeit der fiihrenden Menschenklassen, welche die 
Teilnehmer der so vielfach gelobten Kultur waren, ist die, daB sie im 
Laufe der neueren Zeit fast jede Gelegenheit versaumt haben, daB sie 
jenen Gelegenheiten sich nicht gewachsen gezeigt haben, die Kluft zwi- 
schen ihnen und den immer mehr mit ihren berechtigten Forderungen 
hervortretenden Massen des Proletariats irgendwie zu uberbriicken. 
Gerade an den Gedanken hat es gefehlt, die in das menschliche, soziale 
Leben hatten hineinflieBen miissen, um diese Kluft zu iiberbriicken. Es 
ist schon eine Eigentumlichkeit dieses neueren Geisteslebens, das man 
so vielfach gepriesen hat, daB es dem wahren, wirklichen Leben immer 
fremder geworden ist. Der Einzelne verfolgt nur dasjenige Leben, das 
ihn unmittelbar umspannt. Fiir die breiten Kreise fanden sich keine um- 
fassenden Gedanken aus unserem Geistesleben, aus unserer Schulbil- 
dung heraus. Dafiir ein Beispiel, das von den verschiedensten Gesichts- 
punkten her nicht verzehnfacht, sondern verhundertfacht und mehr 
werden konnte. 

Im Beginn des Jahrhunderts hat ein Regierungsrat Kolb sein Schick- 
sal in einer merkwiirdigen Weise in die Hand genommen. Ich erwahne 
gerne diesen Regierungsrat Kolb aus dem Grunde, weil es aller Ehren 
wert ist, wie er sein Schicksal in die Hand genommen hat, und weil ich 



dabei auch nicht notig habe, in irgendeiner Weise etwas Abtragliches 
zu sagen, was ich nicht ger ne tue. Kolb hat in einem Augenblick seines 
Lebens etwas getan, was nicht viele andere Regierungsrate tun. Die an- 
deren lassen sich meist pensionieren, wenn sie nicht mehr ihren Dienst 
tun wollen; er aber verabschiedete sich von seinem Amte, ging nach 
Amerika, und lieB sich als gewohnlicher Arbeiter einstellen, zuerst in 
einer Brauerei, dann in einer Fahrradfabrik. Aus den Erfahrungen her- 
aus, die dieser Regierungsrat hatte, schrieb er dann ein Buch: « Als Ar- 
beiter in Amerika ». 

In diesem Buche findet sich ein merkwiirdiger Satz. Da heiBt es etwa : 
«Wenn ich friiher auf der StraJBe einem Menschen begegnete, der nicht 
arbeitete, dann sagte ich: Warum arbeitet der Lump nicht? Jetzt wuBte 
ich es anders. Und jetzt weiB ich auch fiber manches andere noch etwas 
anderes; jetzt weiB ich, daB selbst die schrecklichsten Hantierungen des 
Lebens sich in den Studierstuben noch recht gut ausnehmen.» Das ist 
ein die sozialen Verhaltnisse der Zek tief kennzeichnendes Bekenntnis. 
Ein Mann, der aus unserem Geistesleben hervorgegangen ist, dem 
durch viele Jahre Menschenschicksal iibertragen war - durch so viele 
Jahre, als notwendig sind, um es zum Regierungsrat zu bringen der 
kennt nichts von menschlicher Arbeit, das heiBt, er kennt nichts vom 
menschlichen Leben. Er muB erst sich selber ein Schicksal bereiten, um 
etwas zu wissen vom Leben, das er regieren sollte, in dem er aus den 
fuhrenden Klassen heraus tatig sein sollte. Er muB erst, um von diesem 
Leben etwas zu wissen, sich als Arbeiter einstellen lassen und kommt 
dann zu ganz anderen Lebensanschauungen. 

Weist dieses Beispiel, das wahrhaftig vervielfaltigt werden konnte, 
nicht darauf hin, wie unser Geistesleben, aus dem die fuhrenden Men- 
schen hervorgehen, dem Leben der breiten Massen fremd geworden 
ist? Die breiten Massen haben an der Notwendigkeit ihres Leibes und 
ihrer Seele gesehen, wie die fuhrenden Klassen das Wirtschaftsleben 
leiten. Sie haben gesehen, daB da etwas nicht stimmt, daB diese fuhren- 
den Klassen nicht den notigen Geist haben, um das Wirtschaftsleben zu 
leiten. Heute entsteht die Frage: Was muB da anders werden? 

Und in mancher anderen Beziehung kann man noch sehen, wie fremd 
die fiihrende Klasse im Laufe der letzten Jahrhunderte dem geworden 



ist, was hatte geschehen miissen, um nicht in eine Katastrophe hinein- 
zutreiben. Man sprach gewiB in ernstester, wiirdigster Meinung inner- 
halb der leitenden Kreise von allem moglichen Schonen, von Nachsten- 
liebe, von Bniderlichkeit unter den Menschen, von der Art und Weise, 
wie der Mensch iiberhaupt gut sein miisse, und dergleichen. Aber man 
hatte keine Beziehung zum wirklichen Leben. Man brachte es hoch- 
stens einmal zu Enqueten. Eine solche Enquete von der Mitte des 19. 
Jahrhunderts ist heute gar nicht so unwesentlich. Sie wurde von der 
englischen Regierung dazumal bei den Betriebsleitungen in den Berg- 
werken angeregt. Da sollten die Menschen, die in ihren gutgeheizten 
Zimmern iiber das menschliche Dasein redeten, einmal erfahren, bei 
was fur Kohlen sie von diesem Gutsein redeten. Sie sollten erfahren, 
daB diese Kohlen, bei denen sie iiber ihre fortgeschrittene Moral, iiber 
ihr fortgeschrittenes Geistesleben redeten, aus Bergschachten herauf- 
geholt sind, in die man neun-, elf-, dreizehnjahrige Kinder vor Tag hin- 
einschickte, vor Aufgang der Sonne, die erst bei Nacht wieder herauf- 
kamen, so daB die armen Kinder das Licht der Sonne fast me sahen. Es 
lieB sich gut reden iiber das menschliche Gutsein und iiber die Nachsten- 
liebe bei den Kohlen, die auf diese Weise zutage gefordert wurden. Und 
Ahnliches konnte viel erzahlt werden. Und gefragt muC werden: Sind 
aus solchen Anlassen heraus bei den fiihrenden Kreisen der Menschheit 
die Impulse entstanden, wirklich einzugreifen in das soziale Leben? 
Mancher wird mir heute erwidern: Ja, es ist doch vieles besser gewor- 
den. Dem aber werde ich sagen: Was besser geworden ist, ist nicht 
besser geworden durch die Initiative der fiihrenden Klasse, sondern 
durch den schweren Kampf derjenigen, die unter diesen Verhaltnissen 
gelitten haben. 

Das sind Dinge, auf die heute das Auge gelenkt werden muB. Man 
muB die Augen darauf richten, was der Arbeiter, der vom Morgen bis 
zum Abend arbeitet, hochstens von auBen sieht, wenn er an unseren 
Hochschulen, an unseren Mittelschulen vorbeigeht. Er kennt ja nur, was 
in den Volksschulen vorgeht, und auch da nur dasjenige, was er eben er- 
leben kann. Er weiB nicht, wie die Ziele der Volksschule von oben her- 
unter bestimmt werden, er sieht nur, daB aus diesen Anstalten nicht die- 
jenigen hervorgehen, welche heute das Wirtschaftsleben leiten konnen. 



Hier liegt die erste Gestalt der sozialen Frage. Wir haben trotz alien 
Lobhudeleien unseres Geisteslebens kein Geistesleben, das den groBen 
Aufgaben der Zeit gewachsen ist. 

Schauen wir in das Wirtschaftsleben hinein. Als die sodale Bewegung 
herauf kam, horte man sehr haufig von seiten der leitenden Kreise diese 
soziale Bewegung mit denWorten abtun : Die wollen teilen. Was kommt 
denn aber bei der Teilung heraus? Da kriegt jeder nur sehr wenig. - 
Dann verstummte dieser Einwand; denn das ist auf der einen Seite sehr 
wahr, auf der anderen Seite sehr dumm. In der letzten Zeit taucht er 
wieder immer mehr auf. Aber es kommt nicht auf diese Dinge an. Wer 
heute in die besondere Struktur unseres Wirtschaftslebens hineinsieht, 
weiB, daB das leibliche und seelische Elend der breiten Massen des Pro- 
letariats aus ganz anderen Untergrunden heraus gekommen ist. Er weiB, 
daB eine ungeniigende Ausbildung des Geisteslebens nicht verstanden 
hat, ein immer mehr um sich greifendes technisches Getriebe im Wirt- 
schaftsleben wirklich in eine solche Gestalt zu bringen, daB jeder 
Mensch darin ein menschenwiirdiges Dasein haben konnte. 

GewiB, man hat mit Recht vielfach darauf hingewiesen, daB die mo- 
derne soziale Bewegung durch die moderne Technik, durch die Ma- 
schinen, durch den seelenverodenden Kapitalismus heraufgekommen 
ist. Aber man hat vergessen, daB alles dasjenige, was so heraufgekom- 
men ist, nicht beherrscht werden konnte von dem Geistesleben, wie es 
sich entwickelt hat. 

Warum ist das so gekommen? Zugleich mit der Maschine, mit dem 
Industrialismus, mit dem Kapitalismus ist ein bestimmtes Bestreben 
iiber die Menschheit gekommen, das sich darin ausdruckt, daB man 
einen Fortschritt darin sah, das Geistesleben womoglich vom Staat auf- 
saugen zu lassen. Verstaatlichung des Geisteslebens, das wurde als gro- 
Ber Fortschritt angesehen. Und heute begegnet man noch immer den 
scharfsten Vorurteilen, wenn man irgend etwas einwendet gegen diese 
Verstaatlichung des Geisteslebens. Diejenigen, welche mit ihren Sym- 
pathien in diesem heutigen Geistesleben darinnenstehen, weisen mit 
einem gewissen Hochmut darauf hin, wie man mit dem Geiste viel wei- 
ter gekommen sei, als im alten, dunklen IVIittelalter. Nun gewifi, das 
Mittelalter wollen wir nicht wieder herauf haben. Nicht zuriick, son- 



dern vorwarts wollen wir schreiten. Aber eine andere Frage muB doch 
aufgeworfen werden. Man sagt, im Mittelalter habe das Geistesleben, 
insbesondere die Wissenschaft, der Theologie oder der Kirche die 
Schleppe nachgetragen. Heute muB man fragen: Wem tragt denn das 
gegenwartige Geistesleben die Schleppe nach - oder vielleicht noch 
etwas anderes? Dafur wiederum ein Beispiel, das aber nicht nur ver- 
hundertfacht, sondern vertausendfacht werden konnte. Wiederum darf 
ich von einem Menschen sprechen, den ich hoch schatze, weil er nach 
meiner Uberzeugung ein bedeutender Naturforscher war. Er war zu 
glekher Zeit Generalsekretar einer gelehrten Gesellschaft, die an der 
Spitze des deutschen Geisteslebens marschiert. In einer seiner wohlge- 
lungenen Reden wollte er zum Ausdruck bringen, was diese deutschen 
Gelehrten, die die groBe Ehre haben, Mitglieder der Berliner Akademie 
der Wissenschaften zu sein, sich als ihre hochste Ehre anrechnen. Wenn 
so etwas geschildert wird, mochte man freilich auf eine historische Tat- 
sache hinweisen, die nicht unbetrachtlich ist. Diese Berliner Akademie 
war ja immer etwas, was gewissermaBen die Impulse des Hohenzollern- 
tums geistig zum Ausdruck bringen konnte. Ein Hohenzoller des 18. 
Jahrhunderts stand einmal vor der Notwendigkeit, seiner Akademie 
der Wissenschaften einen Prasidenten vorzusetzen - ich erzahle Ihnen 
kein Marchen, sondern eine historische Tatsache -, und er glaubte, 
diese Akademie der Wissenschaften am meisten zu ehren, indem er ihr 
zum Prasidenten seinen Hofnarren gab. Aber der groBe Gelehrte vom 
Ende des 19. Jahrhunderts sagt, daB die gelehrten Herren der Berliner 
Akademie es sich zur hochsten Ehre anrechnen, die wissenschaftliche 
Schutztruppe der Hohenzollern zu sein. 

Man muB auf solche Dinge als auf Symptome der Zeit hinschauen. 
Man muB darauf hinschauen, was das Geistesleben in der Abhangigkeit 
von der Staatsgewalt und der mit ihr verbundenen kapitalistischen Ge- 
walt geworden ist. Denn wenn man nicht aus irgendwelchen Vorurtei- 
len, sondern aus den Lebensnotwendigkeiten heraus, aus der Wirklich- 
keit heraus innere Impulse fassen kann, dann wird man, alien Vorur- 
teilen der Zeit zuwider, sich sagen: Dem Geistesleben kann nur seine 
Kraft werden, wenn es vom Staatsleben wieder losgelost wird, wenn es 
ganz auf sich selbst gestellt wird. Was im Geistesleben lebt, insbeson- 



dere das Schulwesen, muB seiner Selbstverwaltung iibergeben werden, 
von der obersten Spitze der Verwaltung des Geisteslebens bis zum 
Lehrer der untersten Schulstufe. In der Verwaltung des Geisteslebens 
kann nichts anderes maBgebend sein als die Krafte dieses Geisteslebens 
selbst. Diejenigen, die in diesem Geistesleben tatig sind und es innerlich 
miterleben, miissen aus sich selbst heraus die Korperschaft bilden, 
welche dieses Geistesleben verwaltet und ganz auf eigene FuBe stellt. 

Das ist der erste Punkt desjenigen, was hier die Dreigliederung des 
gesunden sozialen Organismus genannt wird. Ein solches Geistesleben 
wird in ganz anderer Weise zum Leben in Beziehung stehen konnen als 
das unsoziale Geistesleben, in das wir uns allmahlich hineingefunden 
haben, und aus dem herauszukommen, wie es scheint, wir gar kein Be- 
diirfnis haben. 

Jemand, der wirklich Erfahrung auf diesem Gebiet hat, darf wohl 
iiber dieses Gebiet eben aus seiner Erfahrung heraus sprechen. Ich war 
jahrelang Lehrer an der in Berlin von Liebknecht gegrundeten Arbei- 
terbildungsschule. Ich weiB also, wie man die Quellen eines Geistes- 
lebens findet, das nicht Reservat einer bevorzugten Klasse ist und ein 
Luxus-Geistesleben darstellt, sondern aus dem heraus man zu alien 
Menschen sprechen kann, die den Drang haben, sich fur Seele und Leib 
ein menschenwurdiges Dasein zu erringen. Und ich weiB aus dieser 
meiner Lebenspraxis heraus noch ein anderes. Ich weiB, wie die Arbeiter 
mich verstanden haben, immer besser verstanden haben, wenn ich zu 
ihnen aus einem freien Geistesleben heraus gesprochen habe, das fur 
alle Menschen da ist, nicht fur eine bevorzugte Klasse. Weil die Arbei- 
ter glaubten, man miisse das oder jenes mitmachen, kamen dann auch 
Zeiten, in denen ich veranlaBt wurde, die Arbeiter durch Museen oder 
ahnliche Einrichtungen zu fuhren, durch Statten, wo die Zeugnisse 
einer Kultur zu sehen waren, die nur fur wenige da war, die nicht eine 
Volkskultur, ein Volks-Geistesleben darstellt. Da sah ich, wie auch im 
Geistig-Seelischen die Kluft vorhanden war und wie die Leute im 
Grunde genommen nicht wirklich innerlich in sich aufnehmen konn- 
ten, was auf dem Boden einer Kultur fiir wenige entstanden war. Da 
liegt ein Irrtum, dem sich heute noch viele hingeben. Man glaubt, man 
treibe Volksbildung, wenn man der groBen Masse Brocken von dem 



hinwkft, was auf Universitaten, auf Mittelschulen und anderen Lehr- 
anstalten aus unserer Kultur heraus entstanden ist, was nur aus den so- 
zialen Empfindungen weniger herausgeboren ist. Was hat man alles 
getan, urn solche Volksbildung zu treiben! Volksbibliotheken, Volks- 
hochschulen, Volkstheater und so weiter. Niemals kommt man iiber 
den Irrtum hinaus, der darin besteht, daB man glaubt, man konne das, 
was aus dem Empfindungskreise einer sich absondernden Minderheit 
geistig geboren ist, in die breiten Massen hineintragen. Nein, die Zeit 
fordert ein Geistesleben, das in sozialer Weise alle umfaBt. Das kann 
abet nur dann entstehen, wenn diejenigen, die daran teilnehmen sollen, 
auch mit ihrem ganzen Empfindungsleben, mit alien ihr en sozialen Un- 
tergriinden, mit denen, die dieses Geistesleben hervorbringen, eine Ein- 
heit bilden; wenn man ihnen nicht Brocken hinwirft, sondern wenn 
durch die ganze Volksmasse einheitlich geistig gearbeitet wird. Dazu 
aber bedarf es der Befreiung des Geisteslebens von staatlichem und 
kapitalistischem Zwang. Selbstverstandlich kann ich in einem kurzen 
Vortrag nicht alles dasjenige anfuhren - nicht einmal das alles, was in 
meinem Buche iiber diese Kernpunkte der sozialen Frage stent was 
nur zu sagen ware iiber die Notwendigkeit, dieses Geistesleben, insbe- 
sondere das Schulwesen, herauszuholen aus dem Staats- und aus dem 
Wirtschaftsleben und es auf sich selbst zu stellen. Aber das ist die erste 
Forderung fur die Dreigliederung des sozialen Organismus : Ein Gei- 
stesleben, das aus sich selbst heraus sich entwickelt. 

Man braucht sich nicht vor einem solchen Geistesleben zu furchten. 
Man braucht nicht einmal sich zu furchten, wenn man eine schlechte 
Meinung von den Menschen hat, viellekht dahingehend, daB sie in den 
alten Analphabeten-Zustand zuriickfallen werden, oder dergleichen, 
wenn die Eltern wlederum frei sind, ihre Kinder zur Schule zu schicken 
oder sie drauBen zu lassen, ohne staatlichen Zwang. Nein, gerade das 
Proletariat wird immer mehr wissen, was es der Schulbildung verdankt. 
Und es wird seine Kinder nicht aus der Schule drauBen lassen, auch 
wenn es nicht gezwungen sein wird, die Kinder in die Schule zu 
schicken, sondern sie aus freiem Willen hineinzuschicken hat. Und ins- 
besondere braucht der Bekenner der Einheitsschule sich nicht zu furch- 
ten, daB die Schule durch ein freies Geistesleben gestort wird. Es wird 



nichts anderes entstehen konnen als die Einheitsschule, wenn das freie 
Geistesleben gefordert wird. 

Das zunachst uber dasjenige, was zu der Abgliederung des Geistes- 
lebens vom Staats- und Wirtschaftsleben zu sagen ist. 

Das zweite Gebiet des Lebens, das man betrachten muB, wenn man 
die heutige soziale Frage studieren will, ist das Rechtsleben. Die Men- 
schen haben die verschiedensten Ansichten entwickelt uber dieses 
Rechtsleben. Wer aber dieses Rechtsleben gerade aus der Wirklichkeit 
heraus betrachten und zu empfinden vermag, sagt sich: Uber das 
Recht irgendwelche Definitionen, irgendwelche gelehrten Dinge auf- 
zustellen, ist geradeso, wie wenn man iiber das, was blaue und was rote 
Farbe ist, allerlei gelehrte Anweisungen geben wollte. Uber blaue und 
rote Farbe kann man mit jedem reden, der ein gesundes Auge hat. t)ber 
das RechtsbewuBtsein, iiber dasjenige Recht, das jedem Menschen zu- 
kommt, weil er Mensch ist, laBt sich mit jeder wachen Menschenseele 
reden. Und mit wachen Menschenseelen, mit immer wacheren Men- 
schenseelen hat man es bei dem modernen Proletariat zu tun. 

Mit Bezug auf diese Rechtsgrundlage des Lebens hat allerdings die 
neuere Menschheit, insoferne sie den leitenden Kreisen angehort, eine 
merkwiirdige Erfahrung gemacht. Diese leitenden Kreise konnten ja 
nicht anders, als eine gewisse Demokratie iiber das Leben zu verbreiten. 
Sie brauchten, um ihre kapitalistischen Interessen in Szene zu setzen, 
ein geschicktes Proletariat, ein Proletariat, das gewisse Krafte der Seele 
ausgebildet erhielt. Das alte patriarchalische Leben konnte man im mo- 
dernen, kapitalistischen Wirtschaftsleben nicht brauchen. Nun stellte 
sich aber etwas hochst Unangenehmes fiir solche einseitige, kapitali- 
stische Demokratie heraus. Die Menschenseele hat namlich die Eigen- 
tiimlichkeit, wenn man einzelne Fahigkeiten und Krafte in ihr ent- 
wickelt, daB dann andere von selbst zum Vorschein kommen. So wollte 
die fuhrende Menschheit vorzugsweise nur jene Seelenkrafte sich ent- 
wickeln lassen, welche die Arbeiter geschickt machen, in den Fabriken 
zu arbeiten. Doch stellte es sich von selbst ein, daB die Seelen aus den 
alten patriarchalischen Verhaltnissen erwachtcn, und daB in ihnen be- 
sondets das BewuBtsein der Menschenrechte erwachte. Und dann sahen 
sie hinein in den modernen Staat, welcher das Recht verkorpern sollte. 



Sie fragten sich: 1st das der Boden, auf dem das Recht wirklich bluht? 
Und was fanden sie? Statt Menschenrechten Klassenvorrechte und 
Klassenbenachteiligungen. Und daraus entstand dasjenige, was man 
den modernen Klassenkampf des Proletariats nennt, hinter dem sich 
nicht mehr und nicht weniger verbirgt, als die groBe, berechtigte For- 
derung eines menschenwiirdigen Daseins fur alle Menschen. 

Das ist die zweite Gestalt der sozialen Frage, die Rechtsfrage. Was 
sie bedeutet, erkennt man nicht, wenn man nicht auf die dritte Gestalt 
hinsieht, auf die Wirtschaftsfrage. In das Wirtschaftsleben hinein haben 
sich zwei Dinge ergossen, die schlechterdings nicht in das Wirtschafts- 
leben hineingehoren. Das ist das Kapital, und das ist die menschliche 
Arbeitskraft, wahrend in das Wirtschaftsleben bloB dasjenige hinein- 
gehort, was sich auf dem Warenmarkt abspielt. Ich denke, daB die letz- 
ten Jahre und insbesondere die Gegenwart die Menschen sehr deutlich 
dariiber belehren konnten, daB das Allerwichtigste in der proletarischen 
sozialen Bewegung der proletarische Mensch selbst ist. Uber den pro- 
letarischen Menschen aber kann heute, so wie die Dinge einmal sind, 
wahrhaftig nicht derjenige urteilen, der sich, weil die Zeiten das heute 
schon einmal nahelegen, dazu bequemt, aus mancherlei Vorstellungen 
heraus iiber das Proletariat zu reden. Nein, iiber diese Dinge kann nur 
derjenige urteilen, den sein Schicksal dahingebracht hat, mit dem Pro- 
letariat zu denken, und mit dem Proletariat zu fiihlen. Man muB selber 
gesehen haben, wie durch Jahrzehnte hindurch die proletarische Welt 
in den Stunden, die des Abends der harten Arbeit abgerungen werden 
konnten, zusammenkam, um sich zu unterrichten iiber die Wirtschafts- 
bewegung der neuen Zeit, iiber die Bedeutung von Arbeit, von Kapital, 
iiber die Bedeutung von Warenkonsum und Produktion ; man muB ge- 
sehen haben, welch ungeheures Bildungsbediirfnis in den proletari- 
schen Menschen der Hauptsache nach sich entwickelt, wahrend, jen- 
seits der Kluft, innerhalb der hoheren Klassen die Menschen ihre Thea- 
ter besuchten und manch anderen Betatigungen sich hingaben, und es 
hochstens dazu brachten, sich einmal von der Buhne herunter das Pro- 
letarierelendanzuschauen.Da entwickelte sich derproletarische Mensch ; 
er entwickelte sich gerade aus seinem Geistesleben heraus. Und wer heute 
sagt, die proletarische Frage sei eine bloBe Brot- und Magenfrage, dem 



muB schon die Antwort gegeben werden : Schade genug, daB es so ge- 
kommen ist, daft die proletarische Frage zur Brotfrage geworden ist, 
daB man nicht friiher auf etwas anderes hingesehen hat, namlich darauf, 
daB in dem Proletarier aus seinem ganzen Streben her aus die Forderung 
nach einem menschenwurdigen Dasein entsprungen ist, nach einem 
Dasein, in dem er Leib und Seele nicht verkiimmern zu lassen braucht. 
Denn alle proletarischen Forderungen sind schlieBHch aus dieser her- 
vorgegangen, nicht aus einer bloBen Brot- und Magenfrage. Aber wah- 
rend so der Proletarier zur Selbstbesinnung zu kommen versuchte, 
wahrend er auf die Wirtschaftsformen der neueren Zeit einging, ent- 
wickelte sich in ihm das BewuBtsein, wie er eigentlich als Mensch in 
diesem Menschenleben darinsteht. Er konnte von seinem Gesichts- 
punkte aus auf die Fiihrung des Lebens von seiten der fuhrenden Kreise 
hinschauen. Da sagte man ihm, die Geschichte ware gottliche Weltord- 
nung oder moralische Weltordnung, oder die Weltordnung der Idee. 
Er sah nur, daB die leitenden Kreise innerhalb ihrer Weltordnung so 
lebten, wie ihnen der Mehrwert zu leben gestattete, den er hervorzu- 
bringen hatte. Deshalb schlugen die Worte des Kommunistischen Ma- 
nifestes so tief in die Proletariergemuter ein und brachten diese zum 
BewuBtsein ihrer Lage. Trotz aller Fortschritte der neueren Zeit, trotz 
aller sogenannten neueren Freiheit ist der Proletarier dazu verurteilt, 
seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt wie eine Ware zu verkaufen 
und kaufen zu lassen. Daraus entstand die Forderung: Die Zeiten sind 
voriiber, in denen der Mensch einen Teil von sich noch verkaufen lassen 
darf oder kaufen lassen darf. Sein Gefuhl, das er vielleicht nicht immer 
in deutliche Worte bringen konnte, leitete den Proletarier auf alte Zei- 
ten zuruck, auf die Zeiten der Leibeigenschaft. Und er sah, wie aus die- 
sen alten Zeiten der Ankauf seiner Arbeitskraft geblieben ist. Denn 
nichts anderes als dieses liegt im Lohnverhaltnis. Da sagte er sich: Auf 
den Warenmarkt gehoren Waren. Die Waren tragt man zum Markte, 
verkauft sie und geht mit dem Erlos wieder zuruck. Dem Arbeit- 
geber muB ich meine Arbeitskraft verkaufen, aber ich kann nicht zu 
ihm gehen und sagen: Da hast du meine Arbeitskraft fur so und so 
viel Geld, dann gehe ich weg; ich muB mich selbst ausliefern! - Se- 
hen Sie, als Mensch muB man mitgehen mit seiner Arbeitskraft. Das 



ist dasjenige, was der Proletarier als ein menschenunwurdiges Dasein 
empfindet. 

Da tritt die groBe Frage auf: Was hat zu geschehen, damit Arbeits- 
kraft fernerhin keine Ware sein konne? Die Menschen heute, insofern 
sie den leitenden, fiihrenden Kreisen angehoren, machen sich im 
Grunde genommen iiber Arbeitskraft recht wenig Gedanken. Diese 
Leute machen ihr Portemonnaie auf, bezahlen mit so und so hohen 
Geldscheinen. Ob sie iiberhaupt dariiber nachdenken, daB in dem, was 
sie da als Geldscheine hingeben, was sie vielleicht auch in der Art von 
Coupons abschneiden, beschlossen liegt, so und soviel Arbeitskraft des 
Proletariats in Anspruch zu nehmen, das ist die groBe Frage. Jedenfalls 
geben sie sich nicht Gedanken hin, die stark genug sind, um einzugrei- 
fen in das soziale Leben. 

Worum es sich handelt, ist eben, daB die menschliche Arbeitskraft 
nicht im Preise mit irgendeiner Ware verglichen werden kann; daB die 
menschliche Arbeitskraft etwas ganz anderes ist als die Ware. Diese 
menschliche Arbeitskraft muB heraus aus dem WirtschaftsprozeB. Und 
sie kommt nicht anders heraus, als wenn man das Wirtschaftsleben als 
ein Glied des sozialen Organismus betrachtet, abgegliedert von dem 
eigentlichen Rechts- oder Staatsorganismus, von dem politischen Or- 
ganismus. Dann kann das eintreten, was ich Ihnen durch einen Ver- 
gleich klarmachen mochte. Das Wirtschaftsleben grenzt auf der einen 
Seite an die Naturgrundlage. Man kann in einem geschlossenen Wirt- 
schaftsgebiet nicht in beliebiger Weise darauf loswirtschaften. Durch 
technische Mittel kann man den Boden verwerten oder dergleichen. 
Aber in gewissen Grenzen muB man sich der Naturgrundlage fugen. 
Denken Sie sich eine Anzahl GroBgrundbesitzer , also in ihrer Art eben- 
falls Kapitalisten, die sagen wiirden : Wenn wir bei dieser Bilanz bleiben 
oder gar eine bessere haben wollen, dann miissen wir hundert Regen- 
tage im Sommer haben, dazwischen Tage mit Sonnenschein und so wei- 
ter. Naturlich ein vollstandiges Blech, aber es macht uns darauf auf- 
merksam, wie man auf der einen Seite die Naturgrundlage nicht andern 
kann ; wie wir nicht aus dem Wirtschaftsleben heraus verlangen konnen, 
daB die Naturkrafte so oder so im Boden drunten das Weizenkorn zu- 
bereiten. Wir miissen uns den Naturkraften fiigen, sie stehen neben dem 



Wirtschaftsleben da. Auf der anderen Seite muB das Wirtschaftsleben 
begrenzt sein von dem Rechtsleben, das heiBt : Ebensowenig wie die 
Naturkrafte von derKonjunktur auf dem Warenmarktabhangen, eben- 
sowenig darf die menschliche Arbeitskraft von der Konjunktur auf 
dem Warenmarkt abhangen. Wie eine Naturkraft muB aus dem Wirt- 
schaftsleben die menschliche Arbeitskraft herausgenommen und auf 
den Rechtsboden gestellt werden. Wenn sie auf den Rechtsboden ge- 
stellt ist, dann wird auf diesem Rechtsboden sich alles dasjenige ent- 
wickeln konnen, in dem ein Mensch dem anderen gleich ist, in dem sich 
nur wirkliche Menschenrechte entwickeln, in dem sich auch das Ar- 
beitsrecht entwickeln kann. MaB und Art und Zeit der Arbeit wird fest- 
gestellt sein, bevor der Arbeiter in den WirtschaftsprozeB eintritt. Dann 
wird er als ein freier Mensch demjenigen gegeniiberstehen, der dann, 
wie man gleich sehen wird, nicht der Kapitalist, sondern der Arbeits- 
leiter, der geistige Mitarbeiter sein wird. 

Mag man auch noch so gute Worte sprechen iiber den sogenannten 
Arbeitsvertrag - solange er ein Lohnvertrag ist, wird daraus immer 
nur die Unbefriedigtheit des Arbeiters hervorgehen konnen. Erst dann, 
wenn nicht mehr iiber Arbeitskraft Vertrage abgeschlossen werden 
konnen, sondern lediglich iiber die gemeinsame Produktion des Ar- 
beitsleiters und des Handarbeiters, wenn lediglich iiber das gemein- 
same Erzeugnis ein Vertrag abgeschlossen werden kann, wird daraus 
ein menschenwurdiges Dasein fur alle Teile hervorgehen. Dann wird 
der Arbeiter dem Arbeitsleiter gegeniiberstehen als der freie Gesell- 
schafter. Das ist es, was der Arbeiter im Grunde genommen erstrebt, 
wenn er sich auch heute noch nicht ganz klare Vorstellungen davon 
machen kann. Das ist es, was in der eigentlichen wirtschaftlichen Frage 
des Proletariats, in der eigentlichen wirtschaftlichen Forderung liegt: 
Befreiung der Arbeitskraft aus dem Wirtschaftskreislauf, Feststellung 
des Rechtes der Arbeitskraft innerhalb des zweiten Gliedes des drei- 
gliedrigen sozialen Organismus, des Rechtsbodens. 

Und auf diesem Rechtsboden muB noch ein anderes eine neue Ge- 
stalt bekommen. Das ist gerade dasjenige, gegeniiber dessen Neuge- 
staltung die heutigen Menschen noch ganz, ganz verdutzte Gesichter 
machen. namlich die Neugestaltung des Kapitals. Mit Bezug auf das 



Privateigentum denken heute die Menschen wenigstens bis zu einem 
gewissen Grade sozial, und zwar auf dem Gebiet, das ihnen das minder 
schwierigste zu sein scheint, auf dem geistigen Gebiete. Denn auf gei- 
stigem Gebiete gilt, wenigstens dem Prinzip nach, etwas Soziales in 
bezug auf das Eigentum. Was jemand hervorbringt, und wenn er ein 
noch so gescheiter Mensch, ein noch so begabter Mensch ist - gewiB, 
seine Fahigkeiten bringt er durch die Geburt mit, das steht auf einem 
anderen Blatt -, aber dasjenige, was wir sozial Wertvolles leisten, auch 
geistig, wir leisten es dadurch, daB wir innerhalb der Gesellschaft ste- 
hen, durch die Gesellschaft. Das wird auf geistigem Gebiete dadurch 
anerkannt, daB wenigstens dem Prinzip nach - die Zeit konnte noch 
verkiirzt werden - von dem, was man geistig hervorbringt, wovon 
einem auch die NutznieBung zukommt, von dem dreiBigsten Jahre 
nach dem Tode an nichts mehr den Erben gehort. Die Zeit konnte kur- 
zer werden, aber es ist wenigstens im Prinzip anerkannt, daB das, was 
geistiges Eigentum ist, das Eigentum der Allgemeinheit in dem Augen- 
blick werden muB, da der Einzelne mit seinen individuellen Fahigkeiten 
nicht mehr dabei ist, um es zu verwalten. Nicht darf das geistige Eigen- 
tum in einer beliebigen Weise an diejenigen iibergehen, die dann mit 
dieser Hervorbringung nichts mehr zu tun haben. 

Nun sagen Sie heute, es sei eine geschichtliche Forderung, daB es mit 
dem materiellen Kapital in der Zukunft ahnlich werden muB ! Sagen 
Sie das heute den Menschen, die innerhalb der kapitalistischen Erzie- 
hung stehen, dann werden Sie sehen, was sie fur verdutzte Gesichter 
machen! Dennoch ist eine der wichtigsten Forderungen der Gegen- 
wart, daB das Kapital fortan nicht mehr in derselben Weise in den Ge- 
sellschaftsprozeB hineingestellt wird, wie es heute darin steht. Es han- 
delt sich darum, daB in der Zukunft zwar jeder aus seinen individuellen 
Fahigkeiten heraus in die Lage kommen muB, dasjenige zu verwalten, 
was Produktionsmittel auf einem bestimmten Gebiete sind. Und Pro- 
duktionsmittel ist eigentlich das Kapital. Daran hat der Arbeiter selbst 
das groBte Interesse, daB ein guter geistiger Leiter da ist als Verwalter; 
denn dadurch kann man auch am besten seine Arbeit anwenden. Der 
Kapitalist ist dann eben das funfte Rad am Wagen, er ist gar nicht notig. 
Das ist es, was man einsehen muB. Es ist also notwendig, daB in der 



Zukunft die Produktionsmittel in einem bestimmten Wirtschaftszweig 
oder auch fiir einen Kulturzweck aufgebracht werden; nachdem aber 
die individuellen Fahigkeiten des Menschen oder der Menschengrup- 
pen, welche die Produktionsmittel aufgebracht haben, nicht mehr das 
personliche Eigetitum rechtfertigen, miissen diese Produktionsmittel 
so, wie ich es in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» 
dargestellt habe, nun wiederum auf ganz andere iibergehen, nicht auf 
die Erben, sondern auf ganz andere, die nun die groBten Fahigkeiten 
wiederum haben, diese Produktionsmittel nur im Dienst der Allgemein- 
heit zu verwalten. 

Wie das Blut im menschlichen Leibe zkkuliert, so werden in der Zu- 
kunft die Produktionsmittel, also das Kapital, zirkulieren in der Allge- 
meinheit des sozialen Organismus. Wie sich das Blut nicht anstauen 
darf im gesunden Organismus, sondern durch den ganzen Leib gehen 
muB, alles befruchten muB, so darf in der Zukunft das Kapital sich nicht 
an irgendeiner Stelle als Privateigentum anhaufen. Wenn es seinen 
Dienst an der einen Stelle getan hat, muB es vielmehr an denjenigen 
iibergehen, der es am besten verwaltet. So wird das Kapital derjenigen 
Funktion entkleidet, welche heute gerade zu den groBten sozialen Scha- 
den gefuhrt hat. 

Die ganz gescheiten Leute, die vom kapitalistischen Standpunkt aus 
sprechen, sagen aber mit Recht: Alles Wirtschaften besteht darin, daB 
vorhandene Giiter hingegeben werden, damit man kiinftig Giiter er- 
halten kann. - Das ist ganz richtig; aber wenn auf diese Weise gewirt- 
schaftet werden soil - daB namlich durch das Vergangene die Keime 
gelegt werden fur die Wirtschaft der Zukunft, so daB die Wirtschaft 
nicht abstirbt -, dann muB das Kapital an demjenigen teilnehmen, was 
die Eigenschaften der Giiter sind. Wiederum gibt es heute hochst ver- 
dutzte Gesichter, wenn man von diesen Forderungen der Zukunft 
spricht. Wirkliche Giiter haben indessen die Eigentiimlichkeit, daB sie 
verbraucht werden. Beim Verbrauch gehen sie allmahlich den Weg alles 
Lebendigen. Unsere bisherige Wirtschaftsordnung hat das Kapital da- 
hin gebracht,, diesen Weg des Lebendigen nicht zu gehen. Man braucht 
bloB Kapital zu habenj dann ist dieses Kapital herausgerissen aus dem 
Schicksal von allem anderen, was im WiftschaftsprozeS darinsteht. 



Schon Aristoteles hat gesagt, das Kapital sollte keine Jungen bekom- 
men, aber es bekommt nicht nut Junge, sondetn die Jungen wach- 
sen heran, bis sie gtoB sind; man kann die Anzahl der Jahte angeben, 
bis das Kapital sich verdoppelt, wenn es nur sich selbst iiberlassen ist. 
Andere Giiter, fiir die aber das Kapital nur als Reprasentant dastehen 
sollte, haben die Eigentiimlichkeit, daB sie sich entweder abnutzen oder 
nicht mehr gebraucht werden konnen, wenn sie nicht zur rechten Zeit 
in Gebrauch genommen werden. Dem Kapital muB die Eigenschaft 
aufgedriickt werden, insofern es Geldkapital ist, daB es an dem Schick- 
sal aller anderen Giiter teilnimmt. Wahrend unser gegenwartiges Wirt- 
schaftsleben darauf sieht, daB das Kapital sich in einer gewissen Zeit 
verdoppelt, wiirde ein gesundes Wirtschaftsleben es dahinbringen, daB 
das bloBe Geldkapital in derselben Zeit verschwinden wiirde, nicht 
mehr da sein wiirde. Es ist heute noch etwas Horribles, wenn man den 
Leuten sagt, nach fiinfzehn Jahren sollen sie nicht das Doppelte haben, 
sondern nach einer angemessenen Zeit soil das, was Geldkapital ist, 
nicht mehr da sein, weil dasjenige, was in diesem Kapital steckt, an det 
Abniitzung teilnehmen muB. GewiB kann dabei auf manches, was im 
Sparen liegt oder dergleichen, Riicksicht genommen werden. 

So stehen wir heute nicht vor kleinen Abrechnungen, sondern vor 
groBen Abrechnungen. Und wir miissen den Mut haben, zu diesen 
groBen Abrechnungen uns zu bekennen. Sonst wird die soziale Ord- 
nung, oder besser gesagt, die soziale Unordnung, das soziale Chaos, 
iiber uns hereinbrechen. Dariiber machen sich die Menschen heute we- 
nig Begriffe, daB sie im Grunde genommen auf einem Vulkan tanzen. 
Es liegt mehr in ihrem Interesse, das Alte so leicht fortzusetzen, wah- 
rend die Zeit von uns fordert, nicht nur manche Einrichtungen umzu- 
andern, sondern bis in unsere Denkgewohnheiten hinein umzudenken 
und umzulernen. 

Wenn die Arbeitskraft und das Kapital herausgeholt werden aus dem 
WirtschaftsprozeB, wo dann das Kapital der Allgemeinheit zuflieBt und 
die Arbeitskraft zuriickgegeben wird dem Recht des freien Menschen, 
dann steht im WirtschaftsprozeB nur Warenkonsum, Warenzirkula- 
tion, Warenproduktion darin. Dann hat man im WirtschaftsprozeB bloB 
mit Werten von Waren zu tun. Und dann wird innerhalb dieses Wirt- 



schaftsprozesses, der nun als Glied des gesunden sozialen Organismus 
auf sich selbst gestellt ist, dasjenige entstehen konnen, wovon man dann 
sagen kann : Es wird nicht bloB produziert, um zu produzieren, sondern 
es wird produziert, um zu konsumieren. Da werden dann jene Genos- 
senschaften, jene Assoziationen entstehen, die gebildet sind aus den 
Berufsstanden, aber die namentlich gebildet sind aus den Konsumenten, 
mit den Produzenten zusammen. Da wird aus diesen Korporationen 
heraus das entstehen, was heute dem Zufall des Warenmarktes anver- 
traut ist. Heute entscheidet etwas, was dem Menschendenken, dem 
Menschenurteil auf dem Warenmarkt ganz entzogen ist: Angebot und 
Nachfrage. In der Zukunft muB die Korporation dasjenige entscheiden, 
was aus dem Warenmarkt heraus die Preisbildung, die Wertbildung der 
Giiter bedingt. Auf diesem Wege allein wird ein Mensch so viel hervor- 
bringen, daB das Hervorgebrachte den Wert all der Waren hat, die er 
fur seine Bediirfnisse braucht, bis er eine gleiche Ware neuerdings her- 
vorgebracht hat. Das wird ein gerechtes Wirtschaftsleben sein. Das 
wird ein Wirtschaftsleben sein, s in dem nicht der Preis der einen Waren- 
gattung in unverhaltnismaBiger Art uberwiegt die Preise der anderen 
Warenarten. Heute, da der Lohn noch im WirtschaftsprozeB enthalten 
ist und der Arbeiter nicht der freie Gesellschafter des geistigen Leiters 
ist, heute steht die Sache noch so, daB innerhalb des Wirtschaftspro- 
zesses der Arbeiter auf der einen Seite immer wieder um die Erhohung 
seines Lohnes kampfen muB; auf der anderen Seite wird dadurch, daB 
da ein Loch zugemacht wird, ein anderes aufgemacht : Der Lohn wird 
hoher, die Lebensmittel werden teurer und so weiter. Das geschieht nur 
in einem WirtschaftsprozeB, der verunreinigt wird von Kapital- und 
Lohnverhaltnissen. In einem WirtschaftsprozeB, in dem die Korpora- 
tionen, die Genossenschaften, die Warenwerte bestimmen, und zwar 
nicht nach Angebot und Nachfrage, die dem Zufall unterworfen sind, 
sondern aus Vernunft heraus, in einem solchen WirtschaftsprozeB allein 
kann jeder Mensch ein menschenwiirdiges Dasein finden. Nach einem 
solchen WirtschaftsprozeB sehnen sich im Grande die Proletaricrmas- 
sen; das ist ihre wahre Fordemng im Wirtschaftsleben. 

Auf einzelnen Gebieten sieht man diese Forderung heute schon kla- 
rer ein. Nehmen Sie zurn Beispiel die Frage nach den Betriebsraten, die 



jetzt durch Gesetze so verschandelt worden ist. Wenn die Betriebsrate 
das werden sollen, was der Pr oletarier wirklich verlangt, so diirfen sie 
nicht nach jeder Richtung hin, geradeso wie friiher das Geistesleben, 
bloB die Schleppe des Staates nachtragen, sondern dann mussen sie in- 
nerhalb des Wirtschaftslebens eine soziale, wirklich gedeihliche Tatig- 
keit entwickeln konnen. Dazu muB das Wirtschaftsleben aber auf seinen 
eigenen Boden gestellt werden, dazu muB ein anderes kommen als diese 
Betriebsrate, dazu mussen noch Verkehrsrate und andere Rate kom- 
men; diese mussen aus dem Wirtschaftsleben heraus erstehen, und sie 
werden Verfassungen schaffen aus wirtschaftlichen Erfahrungen heraus . 

Ich weiB, daB heute sehr viele Leute sagen: Es herrscht doch gar 
nicht die Bildung innerhalb des wirtschaftlichen Lebens, um zu dem zu 
kommen, wozu man kommen will. So reden die Leute, die immer von 
Idealen deshalb reden, damit sie in der Wirklichkeit das Mogliche nicht 
durchzufuhren brauchen. So reden die Leute, fur dieldeale etwas sind, 
dem man nicht zustreben soil, damit sie nicht ndtig haben, das Aller- 
nachste anzustreben. Derjenige, der weiG, daB das Erfahrungswissen, 
das aus der Praxis heraus kommt, unendlich mehr wert ist als alles das- 
jenige, was von oben heruntergetragen werden kann, der weiB auch, 
daB solche Betriebsrateschaft nicht nur fur einzelne Betriebe aufgestellt 
sein darf, sondern zwischenbetrieblich sein muB. Die Betriebsrate mus- 
sen die einzelnen Betriebe mit den ganz andersartigen Betrieben ver- 
binden, die Verbindung vermitteln, sie mussen sich zur Betriebsrate- 
schaft, zur Verkehrsrateschaft, zur Wirtschaftsrateschaft ausbilden. 
Wenn das aus dem Boden des Wirtschaftslebens herauswachst, dann 
wird man zu dem kommen, daB diese Rate nicht zur bloBen Dekoration 
da sind, sondern daB sie zum menschlichen Faktor werden, zu den Ge- 
stalten des Wirtschaftslebens selbst. Das ist aber dasjenige, was not- 
wendig ist. 

Wahrhaftig nicht aus irgendeiner Klugelei, nicht aus einer grauen 
Theorie ist dasjenige entstanden, was ich die Dreigliederung des sozia- 
len Organismus nenne, sondern aus einer wirklichen Beobachtung der 
Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft. Und es ist 
wirklich schade, daB sich heute so wenig Menschen finden, welche im- 
stande sind, aus dem bisherigen Geistesleben heraus auf diese Lebens- 



not, auf die Wirklichkeit selbst ihre Augen zu richten. Die Leute ver- 
leumden heute das, was gerade das Praktische ist, indem sie sagen: Das 
ist Ideologic, das ist Utopie. Was liegt da eigentlich zugrunde? Da sagen 
die einen: Die Sozialisierung der Produktionsmittel ist notwendig. Das 
sage ich auch. Aber ich sage auch: Notwendig ist, den Weg zu wissen, 
auf dem man dazu kommt. Ich habe heute nur skizzenhaft angedeutet, 
was ich meine. Wir brauchen heute nicht bloB Ziele, sondern auch die 
Wege und den Mut zu den Wegen. Viele Leute sagen mir, daB das 
schwer verstandlich ist, was ich sage. - Nun, notwendig ist allerdings 
zum Verstehen dessen, was ich sage, mehr als was man heute gewohn- 
lich zum Verstehen aufwenden will. Notwendig ist, hineinzuschauen 
in das wirkliche Leben, nicht aus irgendwelchen subjektiven Forderun- 
gen heraus das Leben zu beurteilen. Notwendig ist, daB man sich auch 
aufschwinge, den inneren Mut aufzubringen, radikal in gewissen 
Dingen zu denken, wie unsere Zeit es von jedem wachen Menschen 
fordert. 

Ich habe allerdings in den letzten vier bis fiinf Jahren erlebt, daB die 
Menschen Dinge verstanden haben, die ich nicht verstanden habe. Sie 
haben sich sogar solche Dinge, die sie vorgaben zu verstehen, wenn sie 
von gewissen Orten herkamen, in schone Rahmen hineingetan, damit 
sie sie immer anschauen konnten. Dinge, die vom groBen Hauptquar- 
tier und dergleichen herkamen, aber es muBte allerdings das Verstehen 
erst befohlen werden. Befehlen kann man niemand das Verstehen des- 
sen, was aus innerem Lebensmut heraus verstanden werden soli. Jetzt 
ist die Zeit gekommen, wo die Menschen sich das Verstehen nicht mehr 
sollten befehlen lassen, sondern wo sie imstande sein rmissen, aus den 
Lebenserfahrungen heraus, aus der vorurteilslosen Lebensbeobachtung 
heraus ein wirktfches Urteil zu gewinnen iiber dasjenige, was notwendig 
ist, ehe es zu spat ist. 

Aber man macht heute sonderbare Erfahrungen. Ich erzahle nicht 
gerne personliche Dinge, aber heute sind es diese personlichen Dinge, 
die das Leben beherrschen. Ich war im April 1914 genotigt, in einer 
kleineren Versammlung in Wien - und absichtlich in Wien, Sie wissen, 
die Weltkriegskatastrophe ist von Osterreich ausgegangen - mein Ur- 
teil iiber die soziale Lage au szu sprecb.en ? damals nicht nur die soziale 



Lage des Proletariats, sondern die soziale Frage von ganz Europa. Ich 
deutete darauf hin, daB die soziale Lage in Europa zu einer Geschwiir- 
bildung hin tendiert, und in der Tat ist ja daraus dann der Weltkrieg 
entstanden. - Ich war genotigt, mein Urteil dariiber etwa in die Worte 
zusammenzufassen - im April 19 14, halten Sie den Zeitpunkt fest -: 
Wer in unsere sozialen VerMltnisse hineinschaut, wie sie sich allmah- 
lich herausgebildet haben, der kann nur zu einer groBen Kultursorge 
kommen, denn er sieht, wie sich im sozialen Leben ein Karzinom ent- 
wickelt, eine Art Krebskrankheit, die in der furchtbarsten Weise in der 
nachsten Zeit zum Ausbruch kommen muB. 

So muBte ich damals auf dasjenige hinweisen, in das der Weltkapita- 
lismus die Menschen in der nachsten Zeit hineintrieb. Wer das damals 
sagte, wurde selbstverstandlich fiir ekien unpraktischen Idealisten, fiir 
einen Utopisten, einen Ideologen verschrien, denn die Praktiker spra- 
chen damals ganz anders. Wie sprachen die Praktiker iiber die allge- 
meine Weltlage? Die sprachen nicht von Krebskrankheit. Die sprachen 
etwa so wie der deutsche AuBerirninister im Fruhjahr 1914 zu den er- 
leuchteten Herren des Deutschen Reichstages - erleuchtet werden sie 
ja gewesen sein, denn sie waren doch berufen worden -: Wir gehen 
friedlichen Zeiten entgegen, denn die allgemeine Entspannung macht 
erfreuliche Fortschritte. Wir stehen im besten Verhaltnis zu RuBland; 
das Petersburger Kabinett hort nicht auf die Pressemeute. Mit England 
sind aussichtsvolle Verhandlungen angekniipft, welche wohl in nach- 
ster Zeit zugunsten des Weltfriedens zum AbschluB kommen werden. 
Wie die beiden Regierungen iiberhaupt so stehen, daB sich die Bezie- 
hungen immer inniger und inniger gestalten werden. - So sprach der 
Praktiker, der nicht Idealist gescholten wurde. Und die allgemeine Ent- 
spannung machte solche Fortschritte, daB das folgte, was wir alle so 
leidvoll erlebt haben. Es konnen einen schon besondere Empfindungen 
ankommen, wenn man dann so etwas hort, wie es kurzlich auf der 
Volkerbund-Konferenz zu horen war, wo die Leute iiber alles mogliche 
sprachen aus den alten Denkgewohnheiten heraus. Nur dariiber spra- 
chen sie nicht in einer irgendwie sachgemaBen Weise, was die groBte 
Bewegung der Gegenwart ist, iiber die soziale Bewegung, die doch 
allein fahig ist, einen wirklichen Volkerbund zu begriinden. 



Dann bekommt man manchmal aus den alten Denkgewohnheiten 
heraus von sehr gescheiten Leuten ganz besondere Antwor ten. Neulich 
in Bern antwortete mir ein sehr gescheiter Herr - ich will niemals die 
Gescheitheit der Leute verkennen -: Ich kann mir nicht denken, daB 
bei einer Dreigliedemng etwas besonderes herauskommt, das muB doch 
alles eine Einheit sein. Recht kann doch nicht bloB auf politischem Bo- 
den entstehen, und so weiter. - Notwendig ist eben, daB auf dem Boden 
des Rechtes das Recht sich entwickelt, dann hat auch das Wirtschafts- 
leben das Recht, dann hat das Geistesleben das Recht. Und wenn man 
sagt, daB die Einheit des sozialen Organismus zerschnitten wird, so sage 
ich: Nicht darum handelt es sich fur mich! Es geht nicht darum, den 
Gaul zu zerschneiden, sondern darum, den Gaul auf seine vier Beine zu 
stellen. Nicht darum handelt es sich, den sozialen Organismus zu zer- 
schneiden, sondern darum, ihn auf seine drei gesunden Beine zu stellen, 
auf ein gesundes Rechtsleben, ein gesundes Wirtschaftsleben und ein 
gesundes Geistesleben. Dann entwickelt sich schon diese Einheit, die 
man heute als einen Gotzen anbetet als Einheitsstaat, den man aber 
gleich verlassen muB, wenn man den Sozialismus will. 

Durch mehr als ein Jahrhundert haben die Menschen immer wieder- 
um gesprochen von dem groBen sozialen Ideal der Menschheit, von den 
groBten sozialen Impulsen: Gleichheit, Freiheit, Briiderlichkeit. Ge- 
wiB, es haben sehr gescheite Leute des 19. Jahrhunderts immer wieder 
bewiesen, daB diese Ideale nicht zu verwirklichen seien, weil man sie 
nur unter der Hypnose des Einheitsstaates gesehen hat; daher riihrt der 
Widerspruch. Heute aber ist die Zeit, da diese Ideale verwirklicht wer- 
den miissen, da diese drei Impulse des sozialen Lebens ergrhTen werden 
miissen. Und sie konnen nur verwirklicht werden im dreigliedrigen 
sozialen Organismus. Im Geistesleben, das auf seinem eigenen Boden 
stehen soil, miissen die individuellen Fahigkeiten als auf dem Boden der 
Freiheit entwickelt werden. Auf dem Gebiete des Rechtes muB das- 
jenige herrsehen, worin jeder Mensch jedem anderen Menschen gleich 
ist, woriiber Gleiches jeder miindig gewordene Mensch durch 

sich selbst oder durch seinen Vertreter sein Verhaltnis zu anderen Men- 
schen regeln kann, auch das Arbeits verhaltnis. Und auf dem Boden des 
Wirtschaftslebens muB jene wahre Briiderlichkeit herrsehen, die nur in 



Genossenschaften, sei es in Konsumentenschaften oder in Produzen- 
tenschaften, erbliihen kann. 

In dem dreigliedrigen sozialen Organismus werden herrschen Frei- 
heit, Gleichheit, Briiderlichkeit, weil er drei GHeder hat : Freiheit auf 
dem Boden des Geisteslebens, Gleichheit auf dem demokratischen Bo- 
den des Rechtslebens, Briiderlichkeit auf dem Boden des Wirtschafts- 
lebens. 

Ich konnte Ihnen heute nur von einzelnen Gesichtspunkten her das- 
jenige andeuten, was das Notwendige ist zu bedenken in der heutigen 
so tiefernsten Zeit; was das Notwendigste ist zu bedenken, wenn man 
ernsthaftig Hand anlegen will, um herauszukommen aus Wirrnis und 
Chaos, um nicht tiefer hineinzukommen in Wirrnis und Chaos. Not- 
wendig ist heute, nicht bloB an kleine Anderungen zu denken, sondern 
den Mut aufzubringen, sich zu gestehen, daB heute groBe Abrechnun- 
gen fallig sind. Wer wirklich mit wacher Seele das anschauen kann, was 
heute erst im Anfang steht, muB sich sagen: Wir werden nicht lange 
Zeit zum Oberlegen haben. Deshalb ergreifen wir lieber einen Weg, der 
jeden Tag begonnen werden kann. Und jeden Tag begonnen werden 
kann dasjenige, was durch den dreigliedrigen sozialen Organismus ge- 
geben ist. Nur derjenige, der weiter hineinsegeln will in jene Praxis, die 
uns die Weltkatastrophe gebracht hat, wird das, was wirklich praktdsch 
ist, einen unpraktischen Idealismus nennen wollen. 

Soil Heilsames geschehen im sozialen Leben, so wird es notwendig 
sein, daB man griindlich abkommt von jener aberglaubischen Vergot- 
terung der Praxis, die nichts anderes ist als brutaler menschlicher Egois- 
mus. Man wird sich bekennen miissen zu jenem Idealismus, der kein 
einseitiger Idealismus ist, sondern wahre Lebenspraxis. Wer es ehrlich 
meint mit unserer Zeit, wird sich heute die Frage stellen : Wie komme 
ich auf den Weg zum Heilmittel fur dasjenige, was uns als soziale Scha- 
den entgegentritt? Und zu wiinschen ware es, daB immer mehr Men- 
schen auf diesen Weg kamen, ehe es zu spat ist. Und es konnte sehr bald 
zu spat sein. 



Schlufiwort 



Nach einet Diskussion, in der iiberwiegend Partei- und Gewerkschaftsfunktionare gespro- 
chen hatten, ergrifF Rudolf Steinef nochmals das Wort: 

Es ware mir ja allerdings Keber gewesen, wenn von seiten der Redner 
auf die Dinge, die ich vorgebracht habe, eingegangen worden ware. 
Man konnte dann die Diskussion zu etwas Fruchtbarem gestalten. Das 
ist nun nicht geschehen. Ich werde daher nur noch auf einzelnes hin- 
weisen und aufmerksam machen konnen. 

Von einigen Rednern wurde gesagt, daB in meinen Betrachtungen 
nichts Neues vorgebracht worden sei. Nun, ich kenne sehr genau die 
Entwicklung der sozialen Bewegung. Und wer behauptet, das Wesent- 
liche von dem, was heute aus den Erfahrungen gerade der ganzen Neu- 
gestaltung der sozialen Lage durch die Weltkatastrophe vorgebracht 
worden ist, sei nicht etwas Neues, der sollte sich bewuBt werden, daB 
er etwas absolut Unrichtiges sagt. In Wirklichkeit liegt ein ganz anderer 
Tatbestand vor : Die Redner haben das Neue nicht gehort. Sie haben 
sich darauf beschrankt, die paar Sachen zu horen, die selbstverstand- 
Hch, weil sie richtig sind, als Kritik der ublichen Gesellschaftsordnung 
vorgebracht wurden. Sie sind gewohnt seit vielen Jahren, dies und das 
als Schlagwort zu horen: das haben sie gehort. Aber alles, was dazwi- 
schen gesagt worden ist von der Dreigliederung des sozialen Organis- 
mus, von dem, was durch diese Dreigliederung an wirklicher Soziali- 
sierung nach jeder Seite hin erreicht werden kann, von dem haben eben 
die Redner absolut nichts gehort. Und daher haben sie vermutlich auch 
in ihren Diskussionen so sehr iiber dasjenige, was sie nicht gehort ha- 
ben, geschwiegen. Ich begreife das. Ich begreife es aber auch, daB dann 
naturlich eine fruchtbare Diskussion eigentlich aus einer solchen Sache 
nicht herauskommen kann. 

Wir haben zum Beispiel einen Redner gehort, der gerade so, wie wenn 
er die letzten fiinf bis sechs Jahre nicht erlebt hatte, sich iiber die alten 
Theorien ausgelassen hat, die soundso viel Mai vor dieser Katastrophe 
abgehandelt worden sind. Er hat brav alle die Theorien vom Mehrwert 
und so welter, die ja ganz gewiB richtig sind, die aber unzahlige Male 
vorgebracht wurden, wieder vorgebracht. Er hat nur verges sen, daB 



wir heute in einer ganz, ganz anderen Zeit leben. Er hat vergessen, 
daB zum Beispiel sehr angesehene SoziaHstenftihrer noch wenige 
Monate vor der deutschen Kapitulation gesagt haben: Wenn diese 
Weltkriegskatastrophe voriiber ist, dann wird die deutsche Regierung 
sich zu dem Proletariat ganz anders stellen mussen als vorher. Die deut- 
schen Machthaber werden in ganz anderer Weise das Proletariat bei 
alien Regierungshandlungen, in alien Gesetzgebungen berucksichtigen 
mussen als vorher. - Man hat von sozialistischer Seite aber auch ge- 
sagt: Es werden die soziaiistischen Parteien beriicksichtigt werden 
mussen. 

Nun, es ist anders gekommen. Die Machthaber sind in den Abgrund 
versenkt worden, die Parteien waren da. Sie stehen heute vor einer ganz 
anderen Weltlage. Vor dieser neuen Weltlage muBte man aber neue Ge- 
danken nicht einfach iiberhoren, und bloB die Parteien horen, die natiir- 
lich, weil sie immer schon gegolten haben, solange es eine soziale Be- 
wegung gibt, sondern man muBte die Fahigkeit sich erwerben, einzu- 
gehen auf dasjenige, was gerade fur die heutige Zeit unmittelbar das 
Notwendigste ist. Sonst stehen wir vor der groBen Gefahr, die im 
Grunde genommen in der alten ublichen Weltordnung immer da war: 
Wenn etwas kam, was auf Tatsachen hinschaute, was der Wirklichkeit 
entnommen war, erklarte man es als Ideologic; erklarte man: das ist 
Philosophic, das hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun, und man bahne 
dadurch die Wege der Reaktion. Es wiirde das Schlirnmste sein, wenn 
die sozialistische Partei in eine Art von reaktionarer Erstarrung ver- 
fallen wiirde, wenn sie nicht fahig ware, fortzuschreiten mit den so laut 
sprechenden Tatsachen. 

Das ist es, worauf es heute ankommt. Marxhat ein schones Wort ge- 
pragt, nachdem er die Marxisten kennengelernt hatte - es geht das ja 
vielen Leuten so, die sich bemiihen, etwas wirklich Neues in die Welt 
zu bringen - : Was mich anbetriflt, ich bin kein Marxist. - Und Marx hat 
jederzeit gezeigt - ich erinnere nur an die Vorgange von 70/71 wie er 
von diesen Vorgangen gelernt hat. Er hat jederzeit gezeigt, daB er im- 
stande ist, mit der fortschreitenden Zeit zu gehen. Er wiirde heute ganz 
gewiB, da die Zeit dazu reif ist, die Moglichkeit linden, gerade in der 
Dreigliederung des sozialen Organismus die wirkliche Losung der so- 



zialen Frage zu erkennen. Immerfort wird von neuen Wegen geredet, 
und wenn ein neuer Weg gezeigt wird, zu dem allerdings ein wirklicher 
Mut gehort, dann wird gesagt: Es ist kein Weg gezeigt, es ist nur ein 
Ziel gezeigt. Da mochte man doch fragen : Hat jemand schon an diesen 
Weg gedacht, der notwendig macht, daB eine Art Liquidationsregie- 
rung eintritt? Das ist dasjenige, was in der Tat den Leuten sehr unge- 
wohnt ist fur ihre Denkgewohnheiten. Die alten Regierungen, auch die 
sozialistische Regierung denkt an nichts anderes, als daB sie die schone, 
brave Fortsetzung dessen sein wird, was die Regierung friiher war. Was 
wir notig haben, ist, daB diese Regierung nur die Initiative in der Mitte 
behalt, die Aufsicht iiber den Sicherheitsdienst, Hygiene und derglei- 
chen, und daB sie links und rechts Liquidationsregierung wird : namlich 
das Geisteslebenfrei lassend, so daB es in selbstandige Verwaltung iiber- 
geht, das Wirtschaftsleben auf eigene FiiBe stellend. 

Das ist keine Theorie, keine Philosophie, das ist der Hinweis auf 
etwas, was getan werden muB. Und damit das getan werde, dazu gehort 
zuerst Verstandnis von seiner Notwendigkeit. Dazu gehort, daB man 
ablaBt allmahlich von der alten Gewohnheit, nur hinhoren zu wollen 
auf das, was einem gerade selber beliebt, und nicht hinhoren zu wollen 
auf dasjenige, was einem unbekannt ist. 

Wenn Redner auftreten, welche sich in merkwurdiger Weise in prak- 
tische Widersprxiche verwickeln und das nicht merken, so zeigen sie 
schon, wie eigentlich unmoglich ein praktischer Weg gefunden werden 
kann. Ein Redner hat es heute fertiggebracht, zu sagen : Wirklich poli- * 
tische Macht ruht auch heute auf den wirtschaftlichen Unterlagen. Und 
dann hat er, nachdem er etwas hinzugefugt hat - man merkt es dann 
nicht mehr so -, gesagt: Das erste ist, daB wir die politische Macht er- 
ringen, um die wirtschaftliche Macht zu erobern. - Man dekkmiert also 
auf der einen Seite : Wer die wirtschaftliche Macht hat, hat auch die po- 
litische Macht. Und gleich hinterher nach ein paar Satzen sagt man : Wir 
miissen erst die politische Macht haben, dann bekommen wir auch die 
wirtschaftliche Macht. Mit solchen Rednern wird man allerdings keine 
praktischen Wege gehen konnen. Einen praktischen Weg kann man nur 
gehen, wenn man imstande ist, gerade zu denken, und sich nicht die 
Wege des Denkens zu verwirren. 



Man wird nicht weiterkommen mit einem starren Festhalten an ir- 
gendwelchen Einwanden, wie : Der Hang zur Bequemlichkeit macht es 
notwendig, daB die Menschen zur Einheitsschule ge^wungen werden. 
Alle diejenigen, die in friiheren Zeiten Machthaber waren, haben 
ahnliche Dinge vorgebracht. Man hat Leute in der Regierung gese- 
hen, die wahrhaftig nicht gescheiter waren als die Regierten. Aber die 
Redeweise haben sie noch immer zustande gebracht: Wenn wir die 
Leute nicht zwingen, das oder das zu tun, dann tun sie es freiwillig 
nicht. 

Es ist eine eigenartige Erscheinung, daB nunmehr auch auf soziali- 
stischem Boden derlei Dinge zum Vorschein kommen. Da ware gerade 
das jenige erforderlich, worum es sich in Wirklichkeit handelt : die Mog- 
lichkeit, den Sinn aufzuschlieBen fur das Notwendige, nicht haften zu 
bleiben an lange eingetrichterten Theorien und dergleichen. Das ist es 
doch, was immer wiederum gefordert wird. Wenn man sagt : die Macht 
muB errungen werden!, so meint man doch eine graue Theorie. Denn 
wenn man die Macht errungen hat, dann muB man auch wissen, 
was man mit dieser Macht tut. Auf eine andere Weise kommt man 
nicht vorwarts, Erringen Sie die Macht - wenn Sie in der Macht ste- 
hen, und Sie wissen nicht, was Sie tun sollen, dann ist die ganze Macht 
fur die Katz. Es handelt sich darum, daB man gerade bevor man zur 
Macht kommt, klar und deutlich weiB, was man mit der Macht anzu- 
fangen hat. 

Wenn auf der einen Seite gesagt worden ist : nachdem die Revolution 
vom 9. November gelungen ist -, so konnte man ebensogut sagen, sie 
ist miBlungen. Und wenn auf der anderen Seite gesagt wird: das Aus- 
land sieht die Revolution als Schwindel an -, so ist das eben aus dem 
Grunde der Fall, weil die Macht errungen worden ist und die Besitzer 
der Macht nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Es muB nun 
aber endlich gewuBt werden, was mit der Macht angefangen werden 
soil. Wenn aber jeder bei den alten Parteimeinungen bleibt, dann mag 
er nach Einigkeit rufen. Es gibt eine Methode, zur Einigkeit aufzufor- 
dern, das ist die, wirklich zu sehen, wo die Schaden sind. Auf diese 
Weise sucht der Dreigliederungsimpuls Einigkeit zu bringen. Es ist 
einfach objektiv eine Verleumdung, zu sagen, es solle eineneuePartei 



oder eine neue Sekte gegriindet werden. Unsinn ist das. Und wenn die 
Resolution von zahlreichen Vet sammlungen angenommen worden ist, 
so bin ich vollstandig beruhigt, daB dieser Resolution niemals entspro- 
chen wird. Wiirde ihr entsprochen, dann wiirde das zur Folge haben, 
daB den gegenwartigen Machthabern sehr bald der Stuhl vor die Ture 
gesetzt wiirde. Da braucht keine Furcht zu bestehen, daB da irgendwie 
eine Einigkeit gestort werden konnte. Aber es gibt eine andere Me- 
thode, die Einigkeit zu zerstoren : Auf seinen Prinzipien zu beharren 
und dann zu sagen : Wenn Ihr nicht mir folgt, dann sind wir eben nicht 
einig. Das ist auch eine Methode, Einigkeit zu predigen, wobei man 
eigentlich meint: Einig konnen wir nur werden, wenn ihr mir folgt. 
Das meinen heute eigentlich doch recht viele. 

Wie gesagt, es tut mir leid, auf Einzelheiten deshalb nicht eingehen 
zu konnen, weil eigentlich kein einziger der Diskussionsredner wirk- 
lich solche Dinge beruhrt hat, die in meinem Vortrage vorgebracht 
worden sind. Es ist sogar zum SchluB noch gesagt worden, ich hattc 
philosophiert. Mit einem solchen Philosophieren, wie es dieser Diskus- 
sionsredner getan hat, kann man ja allerdings alles eine brotlose Philo- 
sophic nennen. Aber ob man just mit einem solchen Philosophieren, 
wie es der letzte Redner entwickelt hat, auf dasjenige kommt, was wirk- 
lich helfen kann, das ist doch sehr stark die Frage. 

Was in diesem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist, es ist 
zuerst als Impuls gegeben worden wahrend dieser furchtbaren Kriegs- 
katastrophe, als ich glaubte, daB die rechte Zeit gekommen sei. Damals, 
als wir noch lange nicht das Ungetum des Brest-Litowsker Friedens 
hatten, erschien es mir gerade als das Richtige, wenn, im Gegensatz zu 
alledem, was dann wirklich geschehen ist, von diesem Dreigliederungs- 
Impuls ausgehend, nach dem Osten himiber ein Ausgleich gesucht wor- 
den ware. Es hat dies niemand verstanden. Daher ist dasjenige gekom- 
men, was nachher durch den Brest-Litowsker Frieden ausgelost wurde. 
Es kommt heute wirklich darauf an, daB sich Menschen finden, die es 
nicht so machen wie alle diejenigen, zu denen wahrend des Krieges von 
dieser Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen wurde, da- 
mals natiirlich mit Bezug auf die AuBenpolitik. 

In den nachsten Tagen wird eine Broschiire iiber die Schuld am 



Kriege erscheinen. Da wird die Welt erfahren, was eigentlich in den 
letzten Tagen des Juli und den ersten Tagen des August 19 14 innerhalb 
Deutschlands vorgegangen ist. Man wird dann sehen, wie das groBe 
Ungluck dadurch hereingebrochen ist, da6 man nicht selbst gedacht 
hat, daB man hat die Obrigkeit denken lassen, daB man zufrieden war, 
wenn die Obrigkeit dachte. Das ist dasjenige, was dazumal, statt zu 
einer vemunfidgen Politik zu fiihren, dazu gefiihrt hat, daB die Politik 
am 26. Juli an dem Nullpunkt ihrer Entwicklung angekommen war. 
Diese Dinge muB die Welt einmal kennenlernen. Sie wird sie in den 
nachsten Tagen kennenlernen durch die Memoiren des wichtigsten 
Menschen, der in diesen Tagen damals, im Juli/August 19 14, mit tatig 
war. Da wird man sehen, was alles dadurch versaumt worden ist, daB 
nur die einen gedacht haben in ihrer Art, die die Obrigkeit waren, und 
daB die anderen im Grunde genommen sich ihre Uberzeugungen be- 
fehlen lieBen. 

Nun, wir haben die Sache ja oftmals gehort. Auf die Kriegsgewinnler 
sind die Revolutionsgewinnler gefolgt. Aber es ist auch noch eine an- 
dere Folge gekommen. Auf die Kriegsschwatzer folgten die Revolu- 
tionsschwatzer. Und es verhalten sich ungefahr die Revolutionsschwat- 
zer zu den Kriegsschwatzern wie die Revolutionsgewinnler zu den 
Kriegsgewinnlern. 

Wir miissen eben iiber die Schwatzereien hinauskommen. Und wir 
miissen dariiber hinauskommen, daB wir uns durchaus politisch nicht 
fiihren lassen von irgendwelcher Obrigkeit, ob es nun sozialistische 
oder andere Personlichkeiten sind. Wir miissen dazu kommen, urteils- 
fahige Menschen zu werden. Diese urteilsfahigen Menschen konnen 
wir nicht werden, wenn wir alles hinwegwischen, was sich wirklich auf 
die Forderung des Tages stiitzen kann. 

Ich gehe nicht auf derlei Dinge ein, die hervorgebracht wurden und 
die nichts anderes sind als absolute Entstellung desjenigen, was meine 
Betrachtungen durchdrungen hat. DaB ich die Gegensatze mit Wohl- 
wollen iiberbriicken will, das sind objektive Verleumdungen. Ich habe 
durchaus nicht von einer Uberbriickung der Gegensatze durch Wohl- 
wollen gesprochen. Ich habe von Einrichtungen gesprochen, die her- 
beigefuhrt werden sollen. Was hat denn die Verselbstandigung des 



Geisteslebens, des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens mit Wohlwollen 
zu tun ? Das hat etwas zu tun mit der objektiven Schilderung desjenigen, 
was da kommen soli. 

Ich bin mit jedem einverstanden, der da von spricht, daB man zunachst 
die Macht haben will, aber ich bin mir auch durchaus dariiber klar, daB 
derjenige, der die Macht hat, mit dieser Macht etwas anzufangen wis sen 
muB. Und wollen wir nur vorwartsstiirmen und die unaufgeklarte 
Masse zuriicklassen, dann werden wir nicht nur in dieselben Zustande, 
sondern in viel schlimmere Zustande hineinsegeln, als schon da waren. 

Man kann irgend etwas anderes philosophisch finden und sich selber 
ungeheuer praktisch vorkommen, wenn man sagt : Die Franzosen sind 
ausgepowert, sie konnen uns kein Brot geben, England ist auch durch 
den Krieg ausgemergelt und kann uns kein Brot geben, Amerika ist fur 
uns zu teuer. Aber aus RuBland konnen wir Brot bekommen ! - Nun, 
vorlaufig haben die Englander - das konnen Sie trotz aller falschen Be- 
richte vermuten - viel mehr Brot als die Russen selber. DaB wir von 
RuBland Brot zu erwarten hatten, das ist eine Behauptung, die sich auf 
keine sachlichen Untergriinde stiitzt. 

Worauf es ankommt, das ist, daB wir nun wirklich die Lage so auf- 
fassen, wie sie ist. DaB wir uns sagen: Wir waren nicht imstande, mit 
dem alten Geistesleben zu sozialisieren, wir brauchen ein neues Geistes- 
leben. Das kann aber nur das vom Rechtsstaat losgeloste Geistesleben 
sein. Wir brauchen einen Boden, auf dem die Arbeitskraft den Kampfen 
entzogen wird. Das kann nur der selbstandige Rechtsstaat sein. Und 
wir brauchen einen Ausgleich des Warenwertes, das kann nur auf dem 
Boden des selbstandigen Wirtschaftslebens geschehen. Das sind Dinge, 
die man wirklich wollen kann. Das sind Dinge, die nicht bloB revolu- 
tionare Phrasen sind. Das sind Dinge, die doch, wenn man den Mut 
hat sie herbeizufuhren, wahrhaftig einen ganz anderen Zustand der 
Welt herbeibrineen wollen, als er ietzt ist. 

Ich glaube, wenn Sie geniigend dariiber nachdenken, was in der Drei- 
gliederung des sozialen Organisnras liegt, werden Sie darauf kommen. 
Und die Einfiihrung ist in verhaltnismaBig kurzer Zeit moglich. Nun, 
und wenn dieser gesunde dreigliedrige Organismus da sein wird, dann 
werden unsere Verhaltnisse recht sehr revolutionieft sein. Wenn die 



Welt ubergehen wird zu dieser Einfuhrung des dreigliedrigen sozialen 
Organismus, dann brauchen wir nicht zu «donnern» von Weltrevolu- 
tion, denn sie vollzieht sich dann in sachlicher Weise. Das Donnern da- 
von, das Auffbrdern zum Sturm macht es nicht aus. Sondern das macht 
es aus, daB wir Keimgedanken finden, welche sich zu wirklichen sozia- 
len Friichten entwickeln konnen. 

Wir haben heute allerdings nicht notwendig, daB viel geschwatzt 
wird, aber daB wir uns uber dasjenige verstandigen, was zu geschehen 
hat. Nicht mit Ideologien, mit Utopien oder Philosophien haben wir es 
im dreigliedrigen sozialen Organismus zu tun, sondern mit etwas, was 
getan werden kann, das ein Plan zu einem wirklichen Tun ist, nicht eine 
Beschreibung eines zukiinftigen Zustandes, sondern ein Plan zur Ar- 
beit. Man braucht zu jedem Haus einen Plan, man braucht ihn zur so- 
zialen Neugestaltung. Dazu werden diejenigen nicht fiihren, welche 
immerzu zuriickschrauben, seien es Sozialisten oder sonstige Leute, 
sondern nur die, die geneigt sind, wirklich vorwartszudringen. Ich 
fiirchte, daB diejenigen, die heute «nichts Neues, sondern nur Altes» 
gehort haben, uns nicht heraus-, sondern hineinfiihren in das Chaos. 

Wk wollen heute einmal Ernst machen in der Aufnahme desjenigen, 
das so ungewohnt ist, so neu ist, daB man es nicht einmal hort, wenn es 
gesagt wird, sondern seine eigenen Phrasen wiederum findet. Es sind 
heute neue Denkgewohnheiten notwendig, ein Umdenken ist notwen- 
dig. An neue Denkgewohnheiten, an neue Denkrichtungen muB die 
Menschheit appellieren, ehe es zu spat ist. Und noch einmal sage ich 
es : Wenn die Menschheit nicht diesen inneren Mut hat, so konnte es 
sehr leicht bald zu spat sein. 



DIE ERKENNTNIS DES OBERSINNLICHEN MENSCHENWESENS 
UND DIE AUFGABE UNSERES ZEITALTERS 

Ulm, 22.Juli 19 1 9 

Wenn der Mensch die gegenwartige Not, das gegenwartige Elend an- 
blickt, fragt er nach den Ursachen, und zumeist wird er diese Ursachen 
in auBeren Verhaltnissen suchen. Er wird zunachst den Blick auf die 
schmerzensreichen Jahre, vier bis fiinf Jahre, die vergangen sind, zu- 
riickwenden. Er wird vielleicht auch nach und nach aufmerksam, daB 
dasjenige, was in den letzten vier bis fiinf Jahren so leidvoll durchlebt 
worden ist, in einer langen Zeit, durch Jahrzehnte, ja wohl durch Jahr- 
hunderte der neueren Menschheitsentwicklung sich vorbereitet hat, 
wie etwa ein Gewitter sich vorbereitet durch die Schwiile des ganzen 
Tages, ohne daB sein Entstehen bemerkt wird, und das sich dann ent- 
ladt. Aber selbst diejenigen Menschen, welche in dieser Art weiter zu- 
riickschauen zu Ursachen und Veranlassungen unserer gegenwartigen 
Not und unseres Elends in diesem Zeitalter, sie werden mehr oder 
weniger auf auBere Verhaltnisse hinschauen. Sie werden auch an AuBe- 
res denken, wenn es sich darum handelt, aus der Wirrnis und dem Chaos 
dieses unseres Zeitalters herauszukommen, an auBere MaBnahmen und 
Einrichtungen. 

GewiB, bis zu einem hohen Grade hat man mit dieser Anschauung 
recht. Inwiefern man damit Recht hat, habe ich ja selbst nach meiner 
Uberzeugung in dem Vortrage auszusprechen versucht, den ich vor 
einigen Wochen hier in Ulm iiber soziale Fragen halten durfte. Aber 
es gibt noch eine andere Seite der Betrachtungsart iiber diese Dinge. 
Man braucht nur auf etwas aufmerksam zu werden, das in unserer Ge- 
genwart in bezug auf das innere menschliche Leben, das menschliche 
Seelenleben eine bedeutungsvolle Zeiterscheinung ist. Wir streben im 
Sinne desjenigen, was ich gerade andeutete, mit Recht nach einer so- 
zialeren Gestaltung der auBeren Lebensverhaltnisse, als sie der Mensch- 
heit in den letzten drei bis vier Jahrhunderten beschieden war. Aber ist 
es denn nicht bemerklich, daB wir aus einer ganz merkwiirdigen 
menschlichen Seelenverfassung heraus zu dieser sozialeren Gestaltung 



streben? Bemerken wir es denn nicht, daB im Grunde genommen die 
menschlichen Seelen in der Gegenwart iiberall durchsetzt sind mit anti- 
sozialen Trieben, mit antisozialen Instinkten, mit einer geringen Mog- 
lichkeit, sich gegenseitig zu verstehen? Und aus diesen antisozialen 
Seelenverfassungen heraus, und um so mehr, als sie vorhanden sind, 
miissen wir nach einer sozialeren Gestaltung des auBeren Lebens stre- 
ben, als dasjenige war, welches in den drei bis vier letzten Jahrhunder- 
ten die antisozialen Triebe unseres heutigen Menschenlebens heran- 
gezogen hatte. Wenn man die Frage nach dieser Seite hin betrachtet, 
dann lindet man, wie diese antisozialen Triebe der Gegenwart eigent- 
lich damit zusammenhangen, daB wir den Weg zum innersten Wesens- 
kern des Menschen selber verloren haben, den Weg zu jenem innersten 
Wesenskern, den eigentlich, wenn auch mehr oder weniger hell, oder 
bloB instinktiv, dunkel, jeder Mensch in sich ahnt : das ubersinnliche 
Menschenwesen. So sonderbar es klingt, die Menschen wissen heute 
nicht genau, sie bringen es sich nicht zum BewuBtsein, wonach ihr tie- 
feres, dunkles Seelenwesen diirstet. Es diirstet nach einer Erkenntnis 
des iibersinnlichen Wesenskernes des Menschen. Und in den Schwie- 
rigkeiten, welche gerade unser Zeitalter findet, vorzudringen zu einer 
befriedigenden Erkenntnis iiber dieses innerste Menschenwesen - in 
diesen Schwierigkeiten liegt viel begriindet von dem, was sich dann 
auBerlich ausdriickt in Wirrnis und Chaos, so wenig das die Menschen 
auch heute noch zugeben wollen. Viele Menschen finden allerdings, 
daB die Frage, von der ich hier spreche, ihre Beantwortung in einer 
ganz anderen Weise finden soli, als sie sie durch dasjenige finden wird, 
was ich heute abend zu Ihnen zu sprechen haben werde. 

Da ich diese Frage vom Standpunkt der anthroposophischen Gei- 
steswissenschaft aus zu erortern habe, werde ich nicht in der Lage sein, 
sie in jener bequemen Art zu erledigen, die heute von vielen Menschen 
angestrebt wird, die heute in den weitesten Kreisen der Menschheit 
beliebt ist. Wenn heute den Menschen von den Mondbergen und von 
der Art und Weise gesprochen wird, wie man durch physikalische In- 
strumente, durch physikalische MaBnahmen sich iiber die Mondberge 
unterrichtet, da glaubt der Mensch daran, daB die Aneignung des Wis- 
sens von den Mondbergen kompliziert sein darf. Da uberwindet sich 



der Mensch, und er gibt zu, daft man nicht auf ganz bequeme Weise zu 
der Erkenntnis, sagen wir, der Mondberge oder der Jupitermonde 
oder dergleichen vordringen konne. Wenn es sich aber um die iiber- 
sinnliche Welt handelt, wenn es sich um das geistige Dasein des Men- 
schen selber handelt, da verhalten sich die weitesten Kreise heute noch 
durchaus anders. Da findet man es zu schwierig, wenn in der Weise 
gesprochen wird, wie ich heute zu Ihnen werde sprechen miissen. Da 
sagen heute noch die weitesten Kreise: Besser als dieses scheinbar 
WissenschaftUche 1st das kindliche Bekenntnis oder der kindliche Bibel- 
glaube, um zu den ubersinnlichen Welten zu kommen. - Man pocht auf 
dasjenige, was man ja doch nur bequem findet, auf die kindliche Ein- 
falt des Bekenntnisglaubens oder des Bibelglaubens, wenn es sich um 
das Hochste handelt, wonach der Mensch auf seinem Seelenwege stre- 
ben kann, und man weist dasjenige ab, was den Menschen diesen Weg 
nicht in so bequemer Weise fuhrt. Aber die Menschen sehen eben heute 
noch nicht gewisse innere Zusammenhange, die bestehen zwischen die- 
sem Streben nach bequemenGeisteswegen und zwischen unseren anti- 
sozialen Trieben und den Schwierigkeiten, aus diesen antisozialen Trie- 
ben herauszukommen. Wiirde man einsehen, welche Zusammenhange 
bestehen zwischen dem, was von gewisser Seite immer wiederum den 
Menschen gesagt worden ist und woran sie geglaubt haben : Ihr konnt auf 
dem Wege kindlicher, einfaltiger Glaubensbekenntnisse die Wege zum 
Ubersinnlichen suchen-, wiirde man einsehen, welcher Zusammenhang 
zwischen diesem Behaupten und diesem Glauben besteht und zwischen 
dem, was sich heute an antisozialen Trieben auBert, dann wiirde man aller- 
dings anders denken lernen iiber dasjenige, was die weitesten Kreise heu- 
te als einen «bequemen Weg in die ubersinnlichen Welten » finden. 

Aber nicht aus irgendeiner geistigen Schrulle heraus zeigt heute Gei- 
steswissenschaft dem modernen Menschen andere Wege, sondern sie 
zeigt diese Wege, weil sie dies als eine Verpflichtung gegemiber dem 
empfindet, was Zeitbediirfnisse und was Zeitaufgaben der gegenwarti- 
gen Menschheit smd. Wiirde sich diese gegenwartige Menschheit ganz 
genau im Innersten selbst erkennen, dann wiirde sie sich sagen : Im Hin- 
biick auf das iibersinnliche Streben kann man nicht mehr befnedigt 
sein mit den alten Wegen. Dies lebt heute als Sehnsucht in vielen See- 



len, und dieser Sehnsucht will anthroposophisch orientierte Geistes- 
wissenschaft entgegenkommen. 

Der Mensch fragt wohl heute, wie gesagt, mehr oder weniger deut- 
lich oder auch mehr oder weniger unbewuBt nach den Beziehungen 
zwischen Seele und Leib ; wenn er nicht gar schon so weit gekommen 
ist, daB er alles Seelische ableugnet, weil ihm auf diese Frage immer 
wiederum Zweifel aufgestiegen sind, an denen er miide geworden ist. 
Aber was weiB im Grunde genommen der heutige Mensch von Seele 
und Leib? Den Leib beobachtet er so, daB er dabei seine Sinne, den 
auBeren physischen Verstand anwendet oder daB er fur dasjenige, was 
er so durch die Sinne und den Verstand nicht unmittelbar kennen ler- 
nen kann, seine Zuflucht zu der Naturwissenschaft nimmt, die ihm 
durch ihre Untersuchungen sagen soil, welches die Gesetze sind, wel- 
ches das innere Wesen dieses menschlichen physischen Leibes ist. Auf 
der anderen Seite nimmt der Mensch innerlich dasjenige wahr, was er 
sein Denken, sein Fiihlen, sein Wollen nennt. Das wird fur ihn eine 
innere Erfahrung. An dieses Denken, Fiihlen und Wollen kniipft er 
auch wohl bestimmte innere Sehnsuchten, Wiinsche und HofFnungen, 
knupft er den Glauben, daB dieses in Denken, Fiihlen und Wollen le- 
bende Innere nicht nur jene voriibergehende Bedeutung fur die Welt 
habe, welche das Leben des physischen Leibes hat. Aber dann kommt 
fur den Menschen die Frage, welche die groBen Zweifel gebiert, die 
Frage : Welches ist das Verhaltnis desjenigen, was ich innerlich seelisch 
als Denken, Fiihlen und Wollen in mir selbst wahrnehme, zu demjeni- 
gen, was ich auBerlich an mir und an anderen sehe als den auBeren phy- 
sischen Leib, dessen Gesetze und Wesenheit mir die Naturwissenschaft 
erklaren will? Und wenn der Mensch selber sich nicht auf klaren kann 
iiber dieses Verhaltnis des Seelischen zum Leiblichen, dann fragt er 
wohl an bei denen, die aus gewissen wissenschaftlichen Untergriinden 
heraus die MogHchkeit haben, iiber dieses Verhaltnis tiefer nachzufor- 
schen. Und siehe da, der heutige Mensch, der so sehr darauf aus ist, sich 
alles von der wissenschaftlichen Autoritat erklaren zu lassen, muB dann 
feststellen, daB er in dieser Frage wenig durch die von ihm so gesuchten 
Wissenschafter gefordert werden kann. Nimmt er irgend etwas zur 
Hand, worin sich die Forscher auf diesem Gebiet ausgesprochen haben, 



so wird er in der Regel finden, daB sie iiber diese Frage ebenso Unge- 
wisses sagen, wie er in sich selber tragt. Alle moglichen Hypothesen, 
alle moglichen Vermutungen findet man. Aber etwas, was den Men- 
schen so ergreift, daB er, wenn er nur ohne Vorurteil wirklich Stellung 
dazu nimmt, einen Eindruck der Wahrheit bekommen konnte, das 
wird heute wenig gefunden. Das zu finden, setzt sich die anthroposo- 
phisch orientierte Geisteswissenschaft zur Aufgabe. 

Aber man kann nicht auf denselben Wegen, auf denen man zur auBe- 
ren Wissenschaft kommt, auch zu dem vorriicken, von dem ich Ihnen 
als einer Geisteswissenschaft, als einer wirklichen Geisteswissenschaft 
nunmehr zu sprechen habe. Stellen Sie sich einmal vor, jemand wiirde 
Ihnen von den Forschungswegen erzahlen, die er im chemischen oder 
im physikalischen Laboratorium, in der KUnik zur Erforschung der 
auBeren Natur beschritten hat. Sie wiirden von einem solchen Forscher, 
der mit einem gewissen Recht glauben kann, auf seinem Gebiet zum 
Fachmann geworden zu sein, in der Regel horen, daB er mit einer ge- 
wissen Ruhe, mit einem gewissen inneren gleichmiitigen Seelenge- 
stimmtsein seine Forschungswege gegangen ist. Es ist nicht viel Auf- 
regendes auf den heutigen Forschungswegen zu finden. 

Von solcher Ruhe, von solcher inneren gleichmiitigen Seelenstim- 
mung kann Ihnen nun derjenige nicht erzahlen, der Ihnen etwas von 
seinem Wege mitteilen will, auf dem er zu den Erkenntnissen iiber die 
iibersinnliche Menschenwesenheit gelangt ist. Soil er Ihnen von dem 
sprechen, was er durchgemacht hat, um zu diesen Erkenntnissen zu 
kommen, so wird er Ihnen sprechen miissen von inneren Oberwindun- 
gen, von inneren Seelenkampfen, von schweren Abmuhungen, von 
einem wiederholten Stehen an Abgrunden des Zweifels. Er wird Ihnen 
zu erzahlen haben von dem, was er im reichlichen Mafie hat iiberwin- 
den miissen, was er hat durchmachen miissen, um zu dem zu kommen, 
was AufschluB gibt iiber den eigentlichen iibersinnlichen menschlichen 
Wesenskern. Derm man gelangt eigentlich erst dann auf den Weg zur 
Erkenntnis der iibersinnlichen Menschenwesenheit, wenn man sich so 
einlebt in alles, was ich schon angedeutet habe : wenn Zweifel aufstei- 
gen bei der Frage nach der Beziehung zwischen Leib und Seele, so daB 
man etwas empfindet, was eigentlich nur hervorgehen kann aus einer 



gewissen intellektuellen Bescheidenheit - wahrend die meisten Men- 
schen heute in solchen Dingen ganz und gar nicht eine intellektuelle 
Bescheidenheit, sondern im Gegenteil furchtbarsten intellektuellen 
Hochmut haben. 

Strengt man sich aber wirklich an mit dem gewohnlichen Denken, 
mit all den gewohnlichen Seelenkraften, die man sonst im Leben hat, 
urn an diese Fragen nach dem Wesen von Seele und Leib heranzukom- 
men, dann merkt man nach und nach, daB man eben bescheiden sein 
muB, daB man mit dem gewohnlichen Menschendenken nicht an diese 
Fragen heran kann. Und man gelangt allmahlich durch inneres Erleben, 
durch inneres Erfahren dahin, daB man sich sagt: Es geht dir mit die- 
sem gewohnlichen Menschendenken und Menschenempfinden gegen- 
iiber dem Ubersinnlichen so, wie es dem funf jahrigen Kinde mit seinen 
Fahigkeiten geht, wenn es zum Beispiel, sagen wir, einen Band lyri- 
scher Gedichte in der Hand halt. Dieses Kind kann mit dem Gedicht- 
band nicht etwas anfangen, was der Wesenheit dieses lyrischen Ge- 
dichtbandes entspricht. Wir miissen erst seine Fahigkeiten weiterent- 
wickeln, dann kann es dasjenige mit dem Gedichtband anfangen, was 
dem Wesen dieses Gedichtbandes entspricht. So muB man sich sagen 
gegeniiber den Denkfahigkeiten, die man fur das gewohnliche Leben 
hat, gegeniiber den Erkenntniskraften, die man fiir dieses gewohnliche 
Leben hat: Du kannst mit ihnen nicht das eigentliche Wesen der Welt 
und deines eigenen Daseins erkennen; du stehst diesem Wesen der 
Welt und diesem Wesen deines eigenen Daseins zunachst so gegeniiber, 
daB du damit sowenig anfangen kannst wie ein funf jahriges Kind mit 
einem lyrischen Gedichtband. 

Erst wenn man diese Stimmung in seiner Seele entwickelt hat, wenn 
man sich die intellektuelle Bescheidenheit erobert hat, so daB man sich 
sagt: Du darfst nicht stehenbleiben bei der Art, wie du jetzt denken 
kannst, wie du jetzt empfinden und wollen kannst erst dann steht 
man am Ausgangspunkt des Weges in die ubersinnlichen Welten hin- 
ein. Denn wer iiber die ubersinnlichen Welten etwas zu sagen hat, muB 
nicht nur iiber etwas anderes sprechen als die gewohnliche auBere Sin- 
neswelt, sondern er muB in anderer Art sprechen. Das heiBt aber : Gei- 
stesforscher kann man nur werden, wenn man zunachst dasjenige, was 



man fur das gewohnliche, alltagliche Leben und fur die gewohnliche 
Wissenschaft an Denk- und Erkenntnisfahigkeiten hat, selbst in die 
Hand nimmt. Wie das Kind durch andere erzogen wird, wie dem 
Kinde durch andere seine Fahigkeiten entwickelt werden, so muB man 
seine inneren Seelenfahigkeiten, zunachst seine Denkfahigkeit, selber 
in die Hand nehmen und weiterentwickeln von dem Standpunkte aus, 
zu dem das Denken von selbst im Leben kommt. 

In meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Wel- 
ten?» habe ich alle Einzelheiten beschrieben - jene systematisch zu 
gliedernden Einzelheiten, durch die der Mensch seine Denkfahigkeit 
selbst in die Hand nehmen kann, durch die er dieses Denken weiter- 
entwickeln kann gegenuber dem Standpunkt, auf dem es im gewohn- 
lichen Leben und in der gewohnlichen Wissenschaft steht. 

Heute abend werde ich Ihnen wegen der Kiirze der Zeit nur das 
Prinzipielle der Sache vortragen konnen. Ich werde Ihnen nur zeigen 
konnen, wie man dieses Denken weiterentwickelt, wie man es selbst in 
die Hand nimmt und immer weiter bringt. Dazu ist eine Vorbedingung 
folgendes : Wenn man sich uber das auBere leibliche Wesen des Men- 
schen auf klaren will, so sagte ich vorhin, fragt man bei der Naturwis- 
senschaft an. Nun soil diese Naturwissenschaft nicht herabgesetzt wer- 
den. Der Geistesforscher erkennt die groBen Triumphe der Natur- 
wissenschaft in der neueren Zeit voll an, so wie sie der Naturforscher 
nur irgend selber anerkennen kann. Er erkennt diese Naturwissen- 
schaft als berechtigt an, er ist ein um so besserer Geistesforscher, je bes- 
ser er den Wert und die Bedeutung der Naturwissenschaft zu wiirdigen 
versteht. Allein, gerade darum muB auch das andere gesagt werden: 
Fragt man bei dieser Naturwissenschaft an, so stellt sie einen zunachst 
an Erkenntnisgrenzen. Sie wissen wohl alle, daB gerade die besonnenen 
Naturforscher von solchen Erkenntnisgrenzen sprechen. Gewisse Be- 
griffe, gewisse Vorstellungen werden vor den Menschen hingestellt, 
der nach dem Wesen der Dinge, nach Kraft, StofF usw. fragt. Diese Be- 
grifFe andern sich von Zeit zu Zeit, aber immer stehen gewisse Grenzen 
da, von denen der Naturforscher sagt : Uber diese Grenzen kannst du 
nicht hinauskommen. Der Naturforscher tut recht in seinem Gebiet, 
wenn er bei diesen Grenzen stehenbleibt. Der Geistesforscher kann 



dies nicht tun. Aber, er darf auch nicht durch irgendwelche bloBen 
Spekulationen, durch bloBes Phantasieren iiber diese Grenzen hinaus- 
kommen wollen. 

Indem der Geistesforscher an dasjenige herantritt, was die Natur- 
wissenschaft nicht erkennen kann und wo sie die Grenzpfahle fur das 
Erkennen einrammt, da beginnen fur ihn, fur den Geistesforscher, die 
groBen inneren Seelenkampfe. Der Geistesforscher muB innerlich mit 
dem kampfen, was der Naturforscher als feste GrenzbegrifFe hinstellt. 
Und da wird dieses Kampfen zu einem ersten groBen Erlebnis. Er 
iiberwindet kampfend im inneren Erleben diese Grenzen, und indem 
er sie iiberwindet, geht ihm mit den Erfahrungen eine Erkenntnis auf, 
die wichtig, grundlegend wichtig ist fur alles, was hinfiihren soil zur 
Erkenntnis der ubersinnlichen Menschennatur. Indem er sich diesem 
Kampfe mit den Grenzen der Naturerkenntnis hingibt, geht ihm auf, 
wie eigentiimlich die menschliche Wesenheit dem Leben angepaBt ist. 
Denn der Geistesforscher muB sich aus seiner Erfahrung heraus fragen : 
Was hindert dich denn, in das Innere der Natur rein auf naturfor- 
scherische Art hineinzuschauen? - Da entdeckt er das hochst Merk- 
wurdige, ich mochte sagen, das erschutternd Merkwiirdige: Wenn die 
Natur durchsichtig ware, so daB sie uns nicht Grenzen hinstellte, dann 
wiirden wir Menschen in unserem Leben zwischen Geburt und Tod 
eine Eigenschaft nicht besitzen, die wir fiir das soziale Dasein in diesem 
Leben unbedingt notwendig haben. Wenn der Mensch in das innere 
Wesen der Natur hineinschauen konnte, so miX^te er die Seelenkraft 
der Liebe entbehren! Alles, was wir Liebe von Mensch zu Mensch nen- 
nen, was wir Liebe und bruderliche Gesinnung von Mensch zu Mensch 
nennen, was in der Seele aufgliiht, wenn wir dem anderen Menschen 
sozial entgegentreten, das konnten wir nicht haben, wenn die Natur 
uns nicht Grenzen fiir unser Naturerkennen setzte. 

Das ist eine Wahrheit, die man nicht logisch beweisen kann. Gerade 
so wenig wie man logisch beweisen kann, daB es einen Walfisch gibt, 
oder daB es einen Walfisch nicht gibt - man kann sich nur durch den 
Augenschein uberzeugen -, so kann man nicht beweisen, daB man die 
Liebe entbehren muBte, wenn die Naturerkenntnis keine Grenzen 
hatte. Aber als eine Erfahrung ergibt es sich dem, der wirklich sich hin- 



einr ingt in die geistige Erkenntnis. Da sieht man, welche Geheimnisse 
unser menschliches Dasein bit gt. Ein solches Geheimnis ist es, daB der 
Mensch die begrenzte Naturerkenntnis dadurch bezahlen muB, daB er 
Liebe entwickelt. Und umgekehrt: er muB seine Liebefahigkeit damit 
bezahlen, daB er zunachst keine unbegrenzte Naturerkenntnis hat. 

Aber das zeigt uns auch, was derjenige zu iiberwinden hat, der nun 
wirklich hineindringen will in die geistige Welt, welcher der Mensch 
selbst mit seinem innersten Wesenskern angehort. Das ist eines der 
Grundprinzipien fur die Wege hinauf zum iibersinnlichen Menschen 
und zur iibersinnlichen Welt iiberhaupt, daB man die Liebefahigkeit, 
die Hingabe an alle Wesen der Welt noch groBer macht, als sie im ge- 
wohnlichen Leben zwischen Geburt und Tod ist, damit man nicht die 
Liebe verliert, wenn man nun versucht, sein Denken immer mehr so 
auszugestalten, daB es anders wird, als es im gewdhnlichen Leben ist. 
Eine Vorbereitung muB es sein fur den geistigen Erkenntnisweg, sich 
noch viel, viel liebefahiger zu machen, als man es fur das gewdhnliche 
soziale Leben zu sein hat. Man merkt namlich allmahlich, daB man in 
seiner ganzen, vollen Menschennatur die Welt eigentlich nur kennen- 
lernt, solange man im physischen Leibe ist, durch die Liebe, durch 
keine andere Forschungsmethode. 

Aber wenn man in die geistige Welt hineindringen will, so muB man 
zu gleicher Zeit das Denken selber hoher ausbilden, als es sich in der 
menschlichen Natur von selbst ausbildet. Das erreicht man dadurch, 
daB man gewisse innere Seelenverrichtungen, gewisse innere Seelen- 
tatigkeiten, die man im Leben sonst nur nebenbei anwendet, nun ganz 
systematisch anwendet, indem man sich dazu zwingt. Ich kann Ihnen 
heute nur in einem kleinen Ausschnitt sagen, was Sie in meinem Buche 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? » ausfiihrlich ge- 
schildert finden, aber ich kann wenigstens andeuten, worauf diese 
Hoherentwicklung des menschlichen Denkens beruht. 

Sie wissen, wenn uns etwas von auBen irgendwie anregt, so werden 
wir darauf aufmerksam. Wir horen einen Ton, wir haben ein Interesse 
fiir dasjenige, was in der Richtung dieses Tones vorgeht. Interesse fur 
etwas haben, Aufmerksamkeit auf etwas wenden, das skid also innere 
Seelenbetatigungen, welche beim Menschen in der Regel von der 



AuBenwelt her angeregt werden. Worauf es beim Betreten des geisti- 
gen Erkenntnisweges ankommt, das ist, da6 wir solche Krafte, wie die 
Krafte, die zur Aufmerksamkeit, zum Interesse-Haben fiihren, will- 
kiirlich in uns anwenden, indem wir uns zum Beispiel recht, recht lange, 
wie man sagt, in der Meditation einer Vorstellung hingeben, indem wir 
die Seele ganz hineinlegen in diese Vorstellung. Da verliert sich im ge- 
wohnlichen, natiirlichen Gang des Lebens die Aufmerksamkeit, das 
Interesse an dieser Vorstellung. Wenn man sich aber willkurlich mit 
der ganzen Seele in eine solche Vorstellung hineinlebt, darin stehen- 
bleibt, so, daB man von innen die Aufmerksamkeit erhalt, die zu er- 
loschen droht, daB man das Interesse von innen erhalt, wenn es zu er- 
loschen droht, durch die Lange, mit der man sich der Vorstellung hin- 
gibt - und wenn man das immer weiter tut, dann erkraftet man das 
Denken; das Denken wird etwas ganz anderes, als es friiher war. Dann 
kommt man in der Tat zu einem Denken, das voll innerer Tatigkeit ist, 
bei dem man sich aber auch anstrengen muB, wie man sich bei einer 
auBeren Handarbeit anstrengen muB. Man kommt zu einem Denken, 
das sich zum gewohnlichen Denken verhalt, wie sich das gewohnliche 
Denken zum Denken des fiinf jahrigen Kindes verhalt, etwa gegenuber 
den lyrischen Gedichten. Aber man kommt zu einem solchen Denken, 
von dem man sich sagt: hat man es erreicht, dann hatte man an dieses 
Erreichen-Miissen eine innere Kraftanstrengung zu wenden, die wirk- 
lich das Korperliche, das dabei auch mittatig ist, so mitgenommen hat, 
daB man es wie eine Ermiidung durch harte auBere Arbeit verspiirt, der 
man sich jahrelang hingegeben hat. Lernt man erkennen, daB man sich 
im Seelischen etwas erarbeiten kann, das solche Anstrengung kostet 
wie meinetwillen das Holzhacken, dann kommt man dazu, in seiner 
Seele zu erfassen das lebendige Denken, wahrend das gewohnliche 
Denken mehr die auBeren Erscheinungen, die auBeren Erlebnisse nur 
begleitet. Denken Sie einmal, wie Sie eigentlich im gewohnlichen Le- 
ben denken : Sie verrichten Ihre Arbeit im gewohnlichen Leben, und 
das Denken lauft so traumerisch neben diesem auBeren Leben einher. 
Strengen Sie dieses Denken einmal an, indem Sie ein schwieriges Buch 
lesen, so merken Sie: Gerade wenn das Denken innerlich aktiv sein 
will, muB es ermuden wie eine andere Tatigkeit. Aber das, was da von 



innen her in Tatigkeit entwickelt wird, das muB mit dem Denken im- 
mer weiter und weiter getrieben werden. Wenn das immer weiter ge- 
trieben wird, dann merkt man, daB mit dem Denken eine groBe Ver- 
anderung vor sich geht. Dann lernt man etwas erkennen, von dem man 
fruher keine Ahnung hatte: Man lernt erkennen, daB man in einem 
Denken lebt, von dem das gewohnliche Denken nur wie ein Spiegel- 
bild, wie ein Abbild ist : Man lernt ein Denken kennen, das innerlich 
lebt, ein Denken, welches ganz unabhangig ist von dem Werkzeug des 
Gehirns, von dem Werkzeug des Leibes. So grotesk, so paradox, viel- 
leicht toll das der gegenwartigen Menschheit noch erscheint: der 
Mensch kann auf diesem Wege, den Sie in dem Buche «Wie erlangt man 
Erkenntnisse der hoheren Welten? » beschrieben finden, da2u kommen, 
ganz genau zu wissen : Indem du denkst, die Seelentatigkeit des Den- 
kens entwickelst, lebst du auBerhalb des Leibes mit deinem Denken, 
wahrend das gewohnliche Denken an das Instrument des Leibes, an 
das Nervensystem gebunden ist. Man lernt aber auch genau erkennen, 
wie wenig das innere Seelenwesen, das man so erfaBt in seinem Denken, 
an das Instrument des Gehirnes gebunden ist. Denn man entwickelt ja 
nicht erst dieses innere Seelenwesen, sondern man lernt es nur kennen. 
Ich spreche Ihnen nicht von etwas, was heute neu entwickelt wird, son- 
dern von der Erkenntnis des ubersinnlichen Menschen. Man lernt er- 
kennen, welch groBem Irrtum sich die gewohnliche Naturwissenschaft 
und die auBere populare Anschauung iiber das Denken hingeben, ge- 
rade in unserem materialistischen Zeitalter. 

Da sagt dieses naturwissenschaftliche Denken: Das Gehirn ist das 
Instrument des Denkens. Aber das ist ein solcher Irrtum, wie es ein 
Irrtum ware, wenn Sie sehen wiirden: in einem aufgeweichten Feld- 
weg sind Wagenspuren, sind Spuren von menschlichen Tritten; und 
wenn Sie dariiber nachdenken wiirden - so nehmen wir jetzt an -, wie 
von unten her, von der Erde her Krafte spielen, die die Wagenspuren 
oder die Spuren der menschlichen Tritte bewirkt haben. Das ware 
selbstverstandlich eine Torheit. Sie konnen aus dem Gefiige der Erde 
selbst heraus nicht sehen, wie die Furchen entstanden sind. Sie miissen 
sich klar sein, daB da ein Wagen gefahren ist, daB Menschen mit den 
FiiBen dariiber gegangen sind, daB sich das eingedriickt hat. So kom- 



men Sie auf den Irrtum der Naturwissenschaft gegeniiber dem mensch- 
lichen Seelenleben, wenn Sie das von dem Leibe unabhangige Denken 
wirklich kennenlernen. Da lernen Sie kennen, daB dasjenige, was als 
Nervenfurchen im Gehirn ist, nicht Krafte im Gehirn drinnen selber 
hat, welche das Seelische hervorbringen; sondern Sie lernen erkennen, 
daB alle diese Furchen eingetrieben sind - wie die Furchen in der wei- 
chen Erde durch Wagen und FuBtritte eingetrieben sind -, daB einge- 
graben sind diese Furchen durch die vom Leibe unabhangige Seelenta- 
tigkeit. Und Sie begreifen jetzt auch den Irrtum, der in der Naturwissen- 
schaft entstehen kann. Fur all das, was da eingegraben wird, entstehen 
solche Spurenim Gehirn; Sie konnen alle verfolgen; aber das ist nicht 
aus dem Leibe heraus entstanden, es ist in den Leib hineingegraben. 

Es ist aber nicht immer leicht zu erfassen, dieses tatige Wesen. Um 
auch nur einen kurzen Blick in dieses vom Leibe unabhangige mensch- 
liche Denken zu erhalten, braucht man namlich das, was man Geistes- 
gegenwart nennen konnte, denn es halt nicht lange an, ein solches Hin- 
einblitzen des Geistigen in unsere gewohnliche Anschauung. Man kann 
sich gut vorbereiten - Sie werden auch dariiber in meinem Buche «Wie 
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» gesprochen linden -, 
indem man im gewohnlichen Leben schon dasjenige entwickelt, was 
man Geistesgegenwart nennen kann, rasche Orientierung uber Situa- 
tionen und die Moglichkeit, rasch in einer Situation zu handeln. Wenn 
man nun diese Eigenschaft immer mehr und mehr ausbildet, so bereitet 
man sich vor, das zu sehen, was aus der geistigen, der ubersinnlichen 
Welt heraus erscheinen kann, und was der Mensch sonst deshalb nicht 
sieht, weil er, wahrend es auftritt, nicht dazukommt, so schnell die not- 
wendige Geistesgegenwart aufzubringen; weil er nicht dazukommt, 
es anzuschauen, bevor es voriiber ist. Aber lernt man auf diese Weise 
wirklich in die geistige Welt hineinschauen, lernt man erkennen, was 
da an dem Menschen lebt und auf diese Weise durch das entwickelte 
Denken erfaBt werden kann, dann sieht man eben nicht bloB in das 
gewohnliche menschliche Leben des Alltags hinein, sondern dann er- 
gibt sich einem eine ganz andere Perspektive. 

Eines hat diese geistige Erkenntnis nicht : Sie ist nicht im gewohn- 
lichen Sinne erinnerbar. Derjenige, der Ihnen etwas aus der geistigen 



Welt erzahlen will, muB immer wiederum die Bedingungen herstellen, 
sie anzuschauen. Er kann das nicht einfach so machen, daB er ein Ge- 
dachtnis fiir seine friihere Geistesschau entwickelt. Aber wenn jene 
geistige Erkenntnis auch, ich mochte sagen, wie ein fliichtiger Traum, 
der bald vergessen wird, rasch voriibergeht, so enthalt sie in sich selber 
eine bedeutungsvolle Erinnerung. Und an diesem Punkte muB man 
etwas sagen, was die Menschen der Gegenwart ganz selbstverstandlich 
hochst eigentiimlich beriihren muB. Aber es hat die Menschen doch 
ganz gewiB auch eigentiimlich beruhrt, als ihnen davon gesprochen 
wurde, daB da oben nicht bloB leuchtende Punkte sind, sondern un- 
zahlige Welten im Raume verteilt sind! Sowenig das die Menschen vor 
Jahrhunderten sogleich glauben wollten, aber sich daran doch so ge- 
wdhnt haben, daB es heute fiir sie eine Selbstverstandlichkeit ist, so 
wird zwar heute noch ungewohnt erscheinen, was der Geistesforscher 
als seine Erfahrung hinstellt durch sein enrwickeltes Denken, es wird 
aber eine selbstverstandliche Erkenntnis der nachsten Jahrhunderte 
sein miissen. Und eine Aufgabe unserer Zeit wird sein, daB die Men- 
schen Verstandnis entwickeln fiir solche Erweiterung des mensch- 
lichen Erkennens und der menschlichen Anschauung. In dem Augen- 
blick, da der Mensch ein innerlich lebendiges Denken hat und weiB, 
daB er mit diesem Denken unabhangig vom Leibe ist, schaut er zuriick - 
wahrend er die gewohnliche Erinnerung in diesem Augenblick nicht 
haben kann - auf das geistig-seelische Leben, das er in einer rein geisti- 
gen Welt durchlebt hat, bevor er durch die Geburt oder die Empfang- 
nis sich mit dem physischen Menschenleibe vereinigt hat und dadurch 
aus einer geistigen Welt in die sinnliche Welt herabgestiegen ist. Es er- 
weitert sich der Blick iiber das Leben hinaus, das man seit der Geburt 
durchlebt; es erweitert sich das Leben hinein in die Anschauung der 
geistigen Welt, aus der wir zu unserem physischen Dasein herunter- 
gestiegen sind. 

Eine neue Bedeutung erhalt dadurch auch unser ganzes soziales Men- 
schenleben. Wir treten im sozialen Leben in Beziehung zu diesem oder 
jenem Menschen. Zu einem Menschen tritt eine schnelle Sympathie 
auf, mit dem anderen finden wir uns nicht so schneil sympathisch ver- 
eint. Die mannigfaltigsten Beziehungen entstehen zu den anderen Men- 



schen hier in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Lernt man als 
Geistesforscher das Leben so erkennen, wie ich es eben angedeutet 
habe, dann findet man : dasjenige, was einen anzieht bei dem einen Men- 
schen, was einen mehr oder weniger befremdet bei einem anderen Men- 
schen, kurz : was an Beziehungen zu den anderen Menschen auftritt, 
es ist das Ergebnis dessen, was wir mit den anderen Seelen in einer an- 
deren Welt durchlebt haben, bevor wir und bevor sie zu diesem physi- 
schen Dasein herabgestiegen sind. Alles, was wir in der physischen 
Welt erleben, es wird uns zum Abbild von Erlebnissen in der geistigen 
Welt. So wird aus menschlich-seelischer Anstrengung in unserem 
Zeitalter auferstehen konnen das Hineinschauen in die geistige Welt 
von dieser physischen Welt aus. 

Es mag heute noch viele Menschen geben, welche sich in eine solche 
Anschauung nicht hineinfinden konnen. Allein, iiber solche Menschen 
kann man so seine Gedanken haben. Als die erste Eisenbahn in Deutsch- 
land gebaut wurde, rief man ein Arztekollegium und andere Gelehrte 
zusammen : sie sollten entscheiden, ob man Eisenbahnen bauen solle 
oder nicht. Da haben diese gelehrten Herren das Urteil abgegeben, man 
solle doch Eisenbahnen nicht bauen, denn das Fahren wiirde gesund- 
heitsschadlich sein, und es wurden nur Narren sein, die darin fahren 
wollten. Man miisse jedenfalls eine hohe Bretterwand aufrichten, da- 
mit diejenigen, an denen die Eisenbahn vorbeifahre, nicht Gehirn- 
erschiitterung kriegten. - Heute gibt es Menschen, die, bildlich ge- 
sprochen, glauben, man bekomme Gehirnerschutterung, wenn der 
Geistesforscher von den Erkenntnissen der ubersinnlichen Welt redet. 
Aber die Zeitentwicklung wird iiber diese Vorurteile hinwegschreiten, 
wie sie \iber andere Vorurteile hinweggeschritten ist. 

Was ich Ihnen geschildert habe, das ist die eine Art, wie man aus der 
physischen Welt in die iiberphysische Welt hiniiberkommt. Man muB 
kampfen mit den Grenzen der Naturerkenntnis. Man muB aber noch 
an eine andere Grenze kommen, wenn man in die geistige Welt hinein- 
kommen und AufschluB iiber die iibersinnliche Menschenwesenheit 
bekommen will. Man muB, wie man an die Grenzen der auBeren Natur- 
erkenntnis kommt, an die Grenzen der Erkenntnis des eigenen Wesens 
kommen. 



Sehr viele Menschen, die daran verzweifeln, daB ihnen fur ihr inneres 
Seelenleben Befriedigung durch ihre alten religiosen Uberlieferungen 
werden kann, greifen zur sogenannten Mystik, indem sie glauben, 
wenn sie sich in ihre Seele innerlich immer defer und tiefer versenken, 
werde ihnen das innere Seelenleben, die menschliche Natur aufgehen. 
Viele Menschen glauben, daB mystisch heraufquellen kann, was ihre 
wahre Menschenwesenheit ist. Der Geistesforscher muB auch diese 
Grenze kennenlernen. Er muB Mystiker sein konnen, wie er Natur- 
erkenntnis entwickeln soli. Aber er darf ebensowenig, wie er bei der 
Naturerkenntnis stehenbleiben kann, bei der Mystik stehenbleiben. 
Er muB lernen, wie man durch die bloBe Mystik zu nichts anderem 
kommt als zu Illusionen iiber die ubersinnliche Menschenwesenheit, 
nicht aber zu einer wirklichen Erkenntnis dieser ubersinnlichen Men- 
schenwesenheit. Wer ein wahrer Geistesforscher ist, ist wahrhaftig 
kein Illusionar. Er gibt sich keinen Tauschungen dariiber hin, was er 
als Wirklichkeit anzuerkennen hat. Deshalb geht er auch nicht, wie der 
gewohnliche Mystiker, darauf aus, allerlei Phantastisches aus dem ei- 
genen Innern heraufzuzaubern. Nein, da weiB er eines wiederum: In- 
dem er mit dem eigenen Innern kampft, indem er da seine tJberwindung 
durchlebt, weiB er, daB das, was die Mystiker finden, im Grunde ge- 
nommen nichts anderes ist als dasjenige, was seit der Geburt einmal 
Eindruck auf ihre Seelen gemacht hat. Sie haben es vielleicht nur dun- 
kel aufgenommen, es ist nicht ganz klar zu ihrer Wahrnehmung ge- 
kommen, es ist aber doch im Gedachtnis sitzengeblieben. 

Schon die naturwissenschaftliche Forschung hat hier ganz schone 
Beobachtungen gemacht. Ich will Ihnen eine kurz mitteilen, die in der 
naturwissenschaftlichen Literatur verzeichnet ist, die man aber ver- 
hundertfachen, vertausendfachen konnte. Ein Naturforscher geht ein- 
mal am Schaufenster einer Buchhandlung vorbei. Dabei fallt sein Blick 
auf ein Buch. Und wahrend er den Buchtitel anschaut, muB er lachen. 
Denken Sie sich nur, ein Naturforscher muB lachen, wenn er einen 
ernsten Buchtitel sieht! Er kann sich nicht erklaren, waram er lachen 
muB. Nun macht er die Augen zu, weil er glaubt, er komme eher darauf, 
wenn er nicht durch den auBeren Eindruck abgelenkt wird. Indem er 
die Augen zumacht, hort er in der Feme, was er vorher, solange er ab- 



gelenkt worden war, nicht gehort hatte, eine Drehorgel. Und indem er 
weiterforscht, ergibt sich ihm, daB die Drehorgel eine Melodie spielt, 
nach der er friiher einmal getanzt hat. Damals hat das keinen starken 
Eindruck auf ihn gemacht, die Tanzerin hat ihn mehr interessiert, oder 
auch die Tanzschritte. Der Eindruck der Melodie selbst war damals 
schwach, aber doch stark genug, um im spateren Leben wieder aufzu- 
treten, als der Forscher die gleiche Melodie von der Drehorgel her hort ! 

Solche Dinge und ihre Wesenheit kennt der Geistesforscher sehr 
genau, denn er gibt sich keinen Illusionen hin. Er weiB : Wenn mancher 
Mystiker davon spricht, daB er in seinem Innern den gottlichen Men- 
schen erlebe, daB er etwas erlebe, was ihn mit seinem Ewigen zusam- 
menbringt, dann sind es «die Tone der Drehorgel »: Er hat einmal et- 
was aufgenommen, das hat sich umgestaltet - denn solche Dinge ge- 
stalten sich um -, das steigt als Reminiszenz herauf. Sie finden auf dem 
Wege der gewohnlichen Mystik nichts anderes, als was Sie einmal auf- 
genommen haben, und Sie konnen sich da den furchtbarsten Illusionen 
hingeben, indem Sie bloBer Mystiker sein wollen. 

Gerade liber diese Grenze muB der Geistesforscher hinwegkommen. 
Man lemt wiederum durch Erfahrung kennen, was sich nicht «lo- 
gisch » beweisen laBt, was sich aber fur den Geistesforscher als eine er- 
lebte Erkenntnis, eine erlebte Erfahrung ergibt: man lernt erkennen, 
daB man durch innerliches Hineinschauen in sich sich nicht erkennen 
lernen darf. Denn es wurde einem wiederum eine menschliche Seelen- 
kraft fehlen, die man fur das gewohnliche Leben haben muB, wenn 
man innerlich sich durchschauen konnte. Konnte man sich innerlich 
durchschauen, so wiirde man im gewohnlichen Leben nicht haben 
konnen die Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedachtnisses. Und 
daB diese Kraft der Erinnerung, die Kraft des Gedachtnisses gesund 
ist, davon hangt ab, daB wir uberhaupt in unserem Seelenleben gesund 
sind. Ist unser Gedachtnis, unsere Erinnerung gestort, ist das Ich ge- 
stort, so tritt eine furchtbare Seelenkrankheit auf. So daB wir sagen 
miissen: Wie der Mensch, damit er die Liebe hat, Grenzen im Natur- 
erkennen haben muB, so muB er, damit er Gedachtnis hat, in die Un- 
moglichkeit versetzt sein, durch bloBe innere Anschauung zur hoheren 
menschlichen Wesenheit zu kommen. 



Aber man kann nun wiederum dafur sor gen, daB diese Erinnerungs- 
fahigkeit fester in der menschlichen Natur sitzt als im gewohnlichen 
Leben, was ebenfalls durch solche Ubungen geschehen kann, wie ich 
sie in dem genannten Buch beschrieben habe. Wenn man an jedem 
Abend die t)bung macht, daB man seine Tageserlebnisse durchgeht, 
diese sich ganz klar bildlich vorstellt, so daB man sein Tagesleben im- 
mer iibungsgemaB uberschaut, dann setzt sich alles GedachtnismaBige 
fester in der Seele, als es sonst der Fall ist. Und dann kann man es ver- 
suchen, trivial ausgedriickt, jene t)bung zu machen, die darin besteht, 
daB man die Zucht seiner Gewohnheiten, die Zucht seines eigenen Ich 
bewuBt in die Hand nimmt. Bedenken Sie nur, wie wir uns von acht zu 
acht Tagen, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu 
Jahrzehnt andern! Schauen Sie sich selber an, wie Sie in Ihrer Seelen- 
verfassung heute sind, und vergleichen Sie es damit, wie Sie vor zehn, 
vor zwanzig Jahren waren. Sie werden sehen, daB der Mensch eine 
Entwicklung durchmacht. Aber der Mensch entwickelt sich unbewuBt, 
das Leben entwickelt ihn. 

Wie man zu einem bewuBten Hinauf heben des Denkens iibergehen 
kann, wie ich es geschildert habe, so kann man zu einer bewuBten 
Selbstzucht iibergehen, indem man immer merkt: Du machst das oder 
jenes schlecht, du muBt vom Leben lernen. So kann man seine Willens- 
entwicklung in die Hand nehmen, wie man die Gedankenentwicklung 
in die Hand genommen hat. Nimmt man so die Willensentwicklung in 
die Hand, dann entwickelt sich wiederum etwas, was einem sozusagen 
durchleuchtet den sonst dunklen Willen, in dem man sich im gewohn- 
lichen Leben befindet : Man empfindet alles dasjenige, was man als Wil- 
len empfindet, von Gedanken durchsetzt. Man ist gewissermaBen der 
Zuschauer seines eigenen Wollens und Tuns. Kommt man dazu, so 
greif bar, geistig-seelisch greif bar der Zuschauer seines eigenen Wol- 
lens und Tuns zu sein, dann trifft das, was man da als eine hohere Wil- 
lensfahigkeit er halt, mit dem zusammen, was sich friiher als Gedanken- 
tatigkeit entwickelt hat. Und jetzt tritt eine andere Fahigkeit ein: jetzt 
erblickt man im eigenen menschlichen Wesen etwas, was einem so un- 
abhangig von aller leiblichen Tatigkeit erscheint, daB man weiB : Was 
du so in dir tragst, das tragst du hinaus durch den Tod in die geistige 



Welt. Durch die Willenskultur lernt man das geistige Leben, das der 
Mensch durchlebtnachdemTode, kennen, wieman dutch die Gedanken- 
kultur das geistige Leben kennenlernt, das der Mensch vor der Geburt 
oder Empfangnis erlebt hat. Sie sehen, Geistesforschung kann nicht in 
gewohnlicher Weise von der iibersinnlichen Menschenwesenheitreden, 
sondern sie muB erzahlen, wie man die Erfahrung macht, daB man das 
vor und nach dem Tode liegende Leben des Menschen anschauen kann. 

Indem man so in die Welt, in die eigene menschliche Wesenheit ein- 
dringt, tritt einem wiederum das soziale Leben in einer neuen Gestalt 
entgegen. Man beobachtet, wie man mit anderen Menschen zusammen 
das oder jenes erlebt, wie man mit anderen Menschen in Beziehungen 
tritt, wie man mit anderen Menschen befreundet oder durch andere 
Verhaltnisse in der Welt verbunden oder wieder getrennt wird. Man 
lernt erkennen, daB alles, was sich so in der physisch-sinnlichen Welt 
abspielt, nur der Anfang von etwas ist, was sich weiterentwickelt, in- 
dem wir durch die Pforte des Todes schreiten. Die Beziehungen der 
Seele, die sich hier zwischen Mensch und Mensch ankniipfen, finden 
ihre Fortsetzung, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schrei- 
tet. Das Leben, das sich an den Tod angliedert, wird eine ganz konkrete 
Wirklichkeit, indem wir uns denjenigen Menschen, denen wir uns ver- 
bunden wissen hier durch unsere Beziehungen im sinnlichen Leben, 
auch verbunden wissen iiber den Tod hinaus. 

Das sind Dinge, die heute den Menschen noch sonderbar erscheinen, 
die aber von den Aufgaben unserer Zekkultur bewaltigt werden miis- 
sen. Werden sie das, dann wird noch etwas ganz anderes vor den Men- 
schen hintreten. Dann wird der Mensch dasjenige in einem ganz an- 
deren Licht erkennen, was er heute seine eigene Menschheitsentwick- 
lung nennt, was er heute die Geschichte nennt. Entwickelt man solche 
Fahigkeiten wie diejenigen, von denen ich gesprochen habe, dann 
schaut man auch in das Geschichtliche bei der Menschheit anders hin- 
ein, als es die Fable convenue angibt, die man heute Geschichte nennt 
und die in der Zukunft etwas ganz anderes werden muB. Ich will Ihnen 
am Ende meiner Auseinandersetzungen ein Beispiel geben, um Ihnen 
zu zeigen, wie der Mensch der Zukunft in die geschichtliche Entwick- 
lung der Menschheit selber hineindringen muB. 



Man merkt es gewohnlich nicht, aber es ist an einem gewissen histo- 
rischen Punkte der neueren Zeit eine groBe Wende fur die Mensch- 
heitsentwicklung eingetreten. Das war in der Mitte des 15. Jahrhun- 
derts. Man sagt so gewohnlich, die Natur mache keine Spriinge. Es ist 
das ein Ausspruch, an den allgemein geglaubt wird, obwohl er falsch 
ist. Die Natur macht fortwahrend Spriinge. Betrachten Sie die Ent- 
wicklung einer Pflanze, wie sich aus einem Blatt die Blume mit Staub- 
gefaBen und Stempel, und zuletzt die Frucht entwickelt ! So macht auch 
das geschichtliche Leben Spriinge. Und ein solcher Sprung, den man 
nur nicht bemerkt, weil man die Geschichte so auBerlich betrachtet, 
ist in der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts eingetreten. Das erweiterte mensch- 
liche Schauen, das iiberwindet, so wie es die Erlebnisse zwischen Ge- 
burt und Tod iiberwindet, auch dasjenige, was sich nur in der auBeren 
Geschichte, in den auBeren Tatsachen darstellt, und es sieht hinein in 
den Geist des geschichtlichen Wirkens. Und so zeigt sich dieser An- 
schauung, daB wir seit der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts in dem Zeitalter 
leben, das noch lange andauern wird, das ein anderes Zeitalter abloste, 
das im 8. Jahrhundert vor Christus begonnen und das bis in die Mitte 
des 1 5 . Jahrhunderts gedauert hat. In dieses Zeitalter, vom 8. Jahrhun- 
dert vor Christus bis zum 1 5 . Jahrhundert unserer Zeitrechnung, fallt 
alles dasjenige hinein, was die ausgezeichnete griechische Kultur mit 
ihrer Schonheit war, was als die romische Kultur da war, und die Nach- 
wirkung des Griechentums und des Romertums. Und seit der Mitte 
des 15. Jahrhunderts haben wir, wie ich es gleich nachher charakteri- 
sieren werde, unsere neuzeitliche Kultur mit der neuzeitlichen Mensch- 
heit. 

Wodurch unterscheiden sich diese beiden Kulturen? Sie unterschei- 
den sich durch etwas, was der Mensch in der gegenwartigen Zeit noch 
nicht sehen und anerkennen will. Vor dem 1 5 . Jahrhundert, bis zuriick 
zu dem 8. Jahrhundert vor Christi Geburt, war der Mensch in einer 
ganz anderen Art entwicklungsfahig als heute. Ich kann Ihnen das auf 
folgende Weise klarmachen. Denken Sie einmal, wie der Mensch in den 
Jahren ist, bevor er seinen Zahnwechsel gegen das siebente Jahr durch- 
macht, und wie das Epoche macht in seinem Leben S Sie konnen dariiber 
das Nahere nachlesen in der kleinen Schrift iiber «Die Erziehung des 



Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Sie werden 
sehen, was das fur den genaueren Beobachter der menschlichen Natur 
eigentlich in Wirklichkeit bedeutet, was das Kind mit dem Zahnwech- 
sel durchmacht. Da ist ein Parallelismus vorhanden zwischen der auBe- 
ren Leibesentwicklung und der inneren Seelenentwicklung. Dann ist 
wiederum ein nachster Entwicklungspunkt in der Zeit der Geschlechts- 
reife, im vierzehnten, funfzehnten Jahr. Dann wird der Parallelismus 
zwischen Leib und Geist weniger deutlich, aber er dauert fur die gegen- 
wartige Menschheit doch ungefahr bis zum siebenundzwanzigsten 
Jahr. Im siebenundzwanzigsten Jahr hort man auf, diesen Zusammen- 
hang zwischen der geistig-seelischen Entwicklung und der leiblichen 
Entwicklung stark zu empfinden. Dieses Merkwiirdige, daB der 
Mensch im siebenundzwanzigsten Lebensjahr seine leiblich-korper- 
hafte Entwicklung abschlieBt, ist erst seit der Mitte des i5.Jahrhun- 
derts hervorgetreten. Das war anders in dem vorhergehenden Zeit- 
raum. Was hier durch Geistesforschung erkannt werden kann, ist eine 
unendlich bedeutungsvolle menschliche Entwicklungswahrheit. In 
der Griechenzeit, in der Romerzeit stand der Mensch so in seiner Ent- 
wicklung darin, daB er bis zum dreiunddreiBigsten, zum funfund- 
dreiBigsten Jahr hin einen Parallelismus seiner korperlichen und seiner 
geistig-seelischen Entwicklung hatte. Der Grieche entwickelte der- 
artige Eigenschaften, wenn auch nicht in solcher Starke, wie es der 
Zahnwechsel und die Geschlechtsreife sind, bis in seine DreiBigerjahre 
hinein. Das machte jene merkwiirdige Harmonie des Seelischen und 
des Leiblichen in den Griechen aus. Das ist der Fortgang, den die 
Menschheitsgeschichte zeigt, daB wir immer weniger der Jugendjahre 
haben, immer weniger das haben, was uns in den friiheren Jahren 
emanzipierte von dem Korperlich-Leiblichen. Das bedingt aber auch 
eine ganz andere Stellung des SeeHsch-Geistigen zum Weltenwesen 
beim Menschen. In dem langen Zeitraum vom 8. vorchristlichen bis 
zum 15. nachchristlichen Jahrhundert entwickelte der Mensch mehr 
einen instinktiven Verstand, ein instinktives Gemiitsleben. Alles, was 
in diesem Zeitraum lebt, ist durchsetzt von diesem instinktiven Ver- 
standes- und Gemiitsleben. Aber seit der Mitte des 1 5 . Jahrhunderts 
entwickelte der Mensch ein bewuBteres Verstandesleben und ein be- 



wuBteres Gemiitsleben und damit die Forderung, sich auf die freie 
Personlichkeit zu stellen. Diese Forderung der menschlichen Natur, 
sich auf die freie Personlichkeit zu stellen, entwickelt sich erst in der 
Geschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. 

Damit aber ist auch erklarlich, wie die groBen Ereignisse in die 
Menschheitsentwicklung anders hineinfallen, je nachdem sie in der 
einen oder anderen Epoche auftreten. In diejenige Epoche, die der 
unseren vorangegangen ist, in welcher der Mensch bis in die DreiBiger- 
jahre hinein korperlich entwicklungsfahig geblieben ist, in das erste 
Drittel dieser Epoche hinein fiel das groBte Ereignis der Erdenent- 
wicklung, dasjenige Ereignis, das der Erdenentwicklung eigentlich erst 
den richtigen Sinn gibt, das Ereignis des Mysteriums von Golgatha, 
die Begriindung des Christentums. Im ersten Drittel des griechisch- 
lateinischen Zeitalters spielt sich dasjenige ab, was wie das Mittel- 
punktsereignis der ganzen menschheitlichen Erdenentwicklung ist. 
So wie es sich dazumal in die Menschheit hineingestellt hat, konnte es 
nur naiv von der Menschheit begriffen werden in dem Zeitalter, in dem 
instinktive Verstandeskrafte und instinktive Gemutskrafte da waren. 
Aus diesen instinktiven Kraften heraus haben sich in jenem Zeitraum 
die Menschen in der rechten Weise zu dem groBen Ereignis stellen kon- 
nen, weil sie sich noch nicht bewuBt, sondern naiv verhalten haben. Sie 
haben sich gesagt : Da geschieht nicht bloB etwas, was durch Menschen 
getan wird, da ist ein Ubermenschliches in die irdische Entwicklung 
hereingebrochen. Der Christus, das ubermenschliche Wesen, hat sich 
verbunden mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Was auf Golgatha 
geschehen ist, ist seinen physischen Tatsachen nach nur der auBere 
Ausdruck fur etwas Obersinnliches, das sich in der Erdenentwicklung 
abgespielt hat. 

In jenem Zeitalter also konnte man das instinktiv begreifen. Das ist 
anders e-eworden seit der Mitte des 1 % . Tahrhunderts. Seit der Mitte des 

1 5 . Jahrhunderts hat sich der instinktive V erstand, die instinktive Ge- 
miitskraft verwandelt in bewuBten Verstand, in bewuBte Gemuts- 
krafte. Das gab die Moglichkeit, die Naturwissenschaft bis zu der hohen 
Stufe, zu der sie gekommen ist, auszubilden, aber auch die auBere indu- 
strielle Entwicklung, auch den Materialismus des Zeitalters, der als 



eine Beigabe da sein muBte, um die freie Personlichkeit auf die Spitze 
zu stellen. Aber aus diesem Materialismus muB wieder herausgekom- 
men werden, indem in einer neuen Art, wie ich es heute geschildert 
habe, der Weg in die geistige Welt hinein gesucht wird. Materialistisch 
ist das Zeitalter geworden in der Epoche, in der sich die BewuBtseins- 
seele des Menschen aus der friiheren instinktiven Seele entwickelt hat. 
Da ist zu dem auBeren Materialismus auch der Materialismus der Theo- 
logie aufgetreten. Bedenken Sie, wie in weiten Kreisen selbst die Theo- 
logie, die Religionsanschauung vom Materialismus erfaBt worden ist, 
wie der Mensch des BewuBtseinszeitalters unfahig wurde, in dem Er- 
eignis von Golgatha ein tJbersinnliches zu erkennen, wie er immer 
mehr und mehr dazu kam, es in die Sinnlichkeit herabzuziehen; wie er 
endlich stolz darauf wurde, wie selbst zahlreiche Theologen stolz dar- 
auf wurden, nicht mehr in dem Christus die iibersinnliche Wesenheit 
zu sehen, die in den Leib eines Menschen auf die Erde herabgestiegen 
ist, sondern nur zu sehen den « schlichten Mann aus Nazareth », der 
zwar etwas groBer ist als andere Menschen, aber doch bloB ein Mensch 
ist. DaB in dem Mysterium von Golgatha, in dem Tod und der Aufer- 
stehung Christi, die groBte Tatsache der Welt- und Menschheitsent- 
wicklung vor uns steht, das ging dem materialistischen Zeitalter bis 
jetzt nicht auf. Die Religion selber wurde vermaterialisiert. Der 
schlichte Bekenntnisglaube wird nicht imstande sein, diese Vermateria- 
lisierung der Religion aufzuhalten. Aufgehalten werden kann sie nur 
durch die bewuBte Geist-Erkenntnis, von der ich heute gesprochen 
habe. Sie wird sich wiederum erheben zu der Erkenntnis, daB in dem 
Jesus von Nazareth ein uberirdisches, ein iibersinnliches Wesen lebte, 
das sich seit jener Zeit mit der Menschheitsentwicklung vereinigt hat. 
Das Mysterium von Golgatha wird durch die anthroposophisch orien- 
tierte Geisteswissenschaft wiederum in den Gesichtskreis der mensch- 
lichen Anschauungen hineingestellt werden; jetzt aber so hmeingestellt 
werden, daB es der Engherzigkeit der einzelnen Konfessionen ent- 
hoben wird. 

Was sich als geistige Anschauung des ubersinnlichen Menschen ent- 
wickeln wird, so wie ich es heute dargestellt habe, das wird moglich 
machen, daB es in jedem Menschen iiber die ganze Erde hin ohne Ras- 



sen- und Volksunter schiede lebt. Von da aus wird aber auch der Weg 
zum Mysterium von Golgatha gefunden werden, und alle Menschen 
iiber die ganze Erde hin werden dieses Christus-Ereignis verstehen, be- 
greifen lernen. Man schwarmt in unserer Zeit - man tut das so leicht - 
vom sogenannten Volkerbund; man schwarmt von diesem Volker- 
bund in der utopistischen Weise, wie er in dem so abstrakt denkenden 
Kopfe des Woodrow Wilson entstanden ist. In dieser Weise wird er nicht 
entstehen konnen. Er braucht Wirklichkeitsgrundlagen, und diese 
miissen vom Innersten der Seele des Menschen ausgehen. Das ist die 
Aufgabe der heutigen Zeit. Nur in dieser Fahigkeit der Seele, die auf 
den Weg zur Erkenntnis des ubersinnlichen Menschen fuhrt und die 
die Menschen der ganzen Erde eint, nur durch eine solche Erkenntnis, 
die das Christus-Ereignis anschauen kann als ein ubersinnliches Ereig- 
nis, nur in einem solchen Impuls, der iiber die Volker hin wirkt, der 
durch die Volker iiber alle Grenzen hiniiberwirkt, liegt die reale Kraft 
fur einen kiinftigen wahren Volkerbund iiber die Erde hin. So muB das 
Christentum seine neuen Wurzeln in die menschliche Kultur einschla- 
gen. 

Das zeigt Ihnen die andere Seite zu dem, was ich im vorigen Vortrag 
hier sagen durfte. Das zeigt Ihnen diejenige Seite, die dem menschli- 
chen inneren Seelenleben entspricht, die in dem Menschen wiederum 
soziale Triebe entfachen wird, wenn sie ihn erfiillen wird. Zu der Ent- 
gegennahme dieser Geisteswissenschaft braucht man keinen Autori- 
tatsglauben, wie zu der Entgegennahme des anderen Wissenschaft- 
lichen, was herausgetragen wird, sagen wir, von der Sternwarte iiber 
Astronomie, von der Medizin iiber die Beschaffenheit der physischen 
Menschennatur. Das muB auf Autoritat hin angenommen werden, 
wenn man nicht selber Astronom oder Physiologe und so weiter wer- 
den will. Was Ihnen aber der Geistesforscher sagt, das brauchen Sie 
nicht auf Autoritat hin zu glauben. Sie brauchen auch nicht selbst ein 
Geistesforscher zu sein, wie Sie nicht Maler zu sein brauchen, um die 
Schonheit eines Bildes zu finden. Sie konnen die Geisteswissenschaft 
durch Ihren gesunden Menschenver stand aufnehmen, ohne selbst Gei- 
stesforscher zu sein, wenn man nur die Vorurteile, die aus dem heuti- 
gen Materialismus heraus sich entwickelt haben, hinwegraumt. Weil 



alles Geisteswissenschaftliche in den Untergriinden der menschlichen 
Seele veranlagt ist, kann man es ohne Autoritatsglauben einsehen. Und 
dieses Einsehen, dieses Vertrauen-Haben zu den Offenbarungen der 
Geisteswissenschaft, das ist etwas, was sich in die Aufgaben unseres 
Zeitalters hineinleben muB. Dann wird dieses Zeitalter eine Erneuerung 
erfahren. Dann wird diesem Zeitalter das Ferment gegeben werden zu 
dem, was als auBere Einrichtung eines Neuauf baus eine entsprechende 
Rolle wird spielen miissen. 

Denn was sehen wir, indem wir so recht das Wesen der gegenwarti- 
gen Zeit zu verstehen suchen? Ich mochte sagen: Zwei Wege sehen 
wir, der eine links, der andere rechts. Der eine gibt uns die Moglich- 
keit, stehenzubleiben bei denjenigen Anschauungen, die die bloBe 
Naturwissenschaft gebracht hat, und von dieser Anschauung, die die 
Naturwissenschaft gebracht hat, nun auch uberzugehen zu den sozialen 
Anschauungen; also von dem Glauben auszugehen, man konne mit 
demselben Ideenvermogen, mit dem man die Natur begreift, auch das 
soziale Leben begreifen. Das haben Karl Marx und Friedrich Engels 
getan, das tun Lenin und Trot^kij. Deshalb kommen sie zu ihren Wegen. 
Das sehen die Menschen heute noch nicht ein, daB die Naturwissen- 
schaft auf der einen Seite steht, und daB ihre letzten Konsequenzen in 
dem sozialen Chaos, im sozialen Niedergang zum Ausdruck kommen. 
Der furchtbare Glaube, der im Osten Europas jetzt alle wirkliche 
menschliche Kultur vernichten will, dieser furchtbare Glaube des Le- 
nin und Trotzkij, er geht hervor aus dem anderen Glauben, daB man 
die Wege der naturwissenschaftlichen Erkenntnis auch im sozialen 
Leben gehen musse. Was ist denn geschehen unter dem EinfluB dieses 
neueren materialistisch-naturwissenschaftlichen Glaubens? Es ist das 
geschehen, daB unser ganzes Geistesleben mechanisiert worden ist. Da- 
durch aber, daB unser Geistesleben sich nicht mehr erhebt zu Gedanken 
iiber den iibersinnlichen Menschen, daB es sich mechanisiert an der 
auBeren mechanistischen Naturanschauung, dadurch werden zu glei- 
cher Zeit die Seelen vegetarisiert, pnanzenahrdich, schlafrig gemacht. 
So sehen wir, daB wir neben dem mechanisierten Geist eine vegetari- 
sierte Seele im modernen Kulturleben haben. Aber wenn die Seele 
nicht durchwarmt ist vom Geiste, wenn der Geist nicht durchleuchtet 



ist von dem ubersinnlichen Erkennen, dann entwickeln sich im Leibe 
die tierischen Eigenschaften, die heute in den antisozialen Trieben le- 
ben und die im Osten von Europa zum Henker der Kultur werden 
wollen. Dann entwickelt sich unter dem Vorgehen, sozialisieren zu 
wollen, das Allerantisozialste; dann wird das leibliche Leben neben 
dem mechanisierten Geiste, der vegetarisierten Seele, animalisiert. Die 
wildesten Instinkte und Triebe tr eten als historische Forderungen auf. 
Das ist der Weg, der links geht. 

Der andere Weg, der rechts geht, ist der, der sich in der heute mit- 
geteilten Weise hineinfindet in die Anschauung des ubersinnlichen 
Menschen, der ubersinnlichen Welt, der auch die Entwicklung des 
Menschen im ubersinnlichen Lichte schaut, der hinaufdringt zum 
wirklich freien Geiste. 

Aus den Ideen, aus denen ich die Freiheit des menschlichen Fort- 
schritts schildern wollte in meinem Buche «Die Philosophic der Frei- 
heit », wollte ich den Grund legen zu demjenigen, das der Mensch er- 
leben kann als BewuBtsein seiner wirklichen inneren Freiheit durch das 
Ergreifen des geistigen Lebens. Nur der Geist, der den Menschen 
durchdringt, kann wahrhaftig frei werden. Derjenige Geist, der nur 
die Natur durchdringt und alles soziale Leben nach dem Muster der 
neueren Naturwissenschaft formen wollte, wird mechanistisch unfrei. 
Und die Seele, die nur von diesem Geiste durchdrungen ist, schlaft wie 
die Pflanze. Diejenige Seele, die durchwarmt wird von dem wahren 
pulsierenden Wollen der Geist-Erkenntnis der ubersinnlichen Men- 
schennatur, diese Seele tritt vor den anderen Menschen im sozialen 
Leben hin, sie lernt im anderen Menschen den ubersinnlichen Men- 
schen schatzen. Sie lernt das Gottliche im Urbild in jedem Menschen 
schauen. Sie lernt soziales Fiihlen jedem Menschen gegeniiber. Sie lernt, 
wie mit Bezug auf diese innerste Seele alle Menschen hier auf der Erde 
gleich sind. Und in dieser vom Geiste durchwarmten Seele kann sich, 
auf dem anderen Wege rechts, Gleichheit entwickeln. Und werden die 
Leiber durchtrankt und durchgeistigt von dem ubersinnlichen Be- 
wuBtsein, werden sie durchwarmt, werden sie veredelt von dem, was 
die Seele aufnimmt, indem sie erweckt wird durch den Geist, nicht 
vegetarisiert bleibt, dann werden die Leiber auch nicht animalisiert ; 



dann werden die Leiber so, daB sie das entwickeln, was man imweitesten 
Umfang echte Liebe nennen kann. Dann, dannweiB der Mensch, daB er 
in seinen Erdenleib als iibersinnliches Wesen einzieht, daB er in diesen 
Leib einzieht, um die Liebe in diesem Leibe zu entwickeln, um zu dem 
Geiste hin die Liebe zu entwickeln. Dann weiB er, daB im Erdenleibe 
Briiderlichkeit sein muB, sonst kann in der unbriiderlichen Menschheit 
der Einzelne nicht ein ganzer, ein voller Mensch sein. 

So ftihrt uns die Fortsetzung des alten Weges zur Mechanisierung 
des Geistes, zur Vegetarisierung der Seele, zur Animalisierung des Lei- 
bes. So fuhrt uns der Weg, der durch Geistes wissenschaft gezeigt wer- 
den soli, zu den wahren sozialen Tugenden, aber zu den sozialen Tu- 
genden, die vom Geiste durchleuchtet, von der Seele durchwarmt sind; 
die von dem veredelten Menschenleibe ausgefuhrt werden. 

So fiihrt uns die geistige Erkenntnis des iibersinnlichen Menschen 
dazu, auf der Erde in einem schonen Neubau der Zukunft zu begriin- 
den: Freiheit im Geistesleben. Der durchgeistigte Mensch wird ein 
freier Mensch sein. Gleichheit im geistdurchwarmten Seelenleben : Die 
Seele, die den Geist in sich aufnimmt, wird die andere Seele, die ihr im 
sozialen Leben entgegentritt, als ihr gleich, wahrhaftig wie in einem 
groBen Geheimnis erfassen und behandeln. Und der veredelte Leib, 
der durch den Geist und die Seele veredelte Leib, er wird zum Ausiiber 
wahrster, echtester Menschenliebe, der wahren Briiderlichkeit. So wird 
die soziale Menschenordnung in Freiheit, Gleichheit und Briiderlich- 
keit durch die richtige Erfassung von Leib, Seele und Geist erfolgen 
konnen. 



DIE VERWIRKLI CHUNG DER IDEALE FREIHEIT, GLEICHHEIT, 
BRUDERLICHKEIT DURCH SOZIALE DREIGLIEDERUNG 

Berlin, ij. September 191 9 

Das ist ja zweifellos, daft durch die Weltkriegskatastrophe und alles, 
was mit derselben in schreckvoller Weise zusammenhangt, die soziale 
Frage fur die Menschheit der Gegenwart ein neues Gesicht ange- 
nommen hat. Freilich sehen noch keineswegs Kreise, die weit genug 
sind, in wiinschenswerter Art diese Veranderung des Antlitzes der 
sozialen Frage. Aber sie ist da, und sie wird sich immer mehr und mehr 
geltend machen. 

Diejenigen Menschen, welche den herrschenden, den fuhrenden 
Kreisen bis in unsere Gegenwart herein angehorten, werden durch die 
Macht der Tatsachen sich gezwungen sehen, nicht mehr gegeniiber der 
sozialen Frage stehenzubleiben bei der Ausgestaltung einzelner Ge- 
danken und MaBnahmen, die durch dasjenige herausgefordert sind, 
was gerade auf dem einen oder anderen Betriebsgebiete, innerhalb des 
einen oder anderen Kreises des Proletariats sich abspielt. Diese Kreise 
werden gezwungen werden, in umfassender Art ihre Gedanken und die 
Richtungen Hires Wollens auf die soziale, ais die bedeutungsvollste 
Frage im Leben der gegenwartigen Menschen und im Leben der 
nachsten Zukunft zu wenden. Wird so der Mensch der bisher fuhrenden 
Klassen nur dann seine Zeit verstehen, wenn er in dem eben angedeu- 
teten Sinne in sein ganzes Denken, Fiihlen und Wollen eine neue Ge- 
stalt der sozialen Frage aufzunehmen in der Lage sein wird, so wird es 
auf der anderen Seite aber auch fur die breiten Mas sen des Proletariats 
notwendig sein, eine wesentliche Anderung ihrer Einstellung zur 
sozialen Frage zu bewirken. 

Durch mehr als ein halbes Jahrhundert haben die breitesten Massen 
des Proletariats soziale und sozialistische Ideen ergriffen. Wir haben 
ge sehen - wenigstens diejenigen Menschen, die nicht schlafend die 
letzten Jahrzehnte miterlebt haben -, welche Wandlungen die soziale 
Frage innerhalb der Reihen des Proletariats durchgemacht hat. Man 
hat sehen konnen, welche Gestalt sie in dem Augenblick angenommen 



hatte, als die Schreckenskatastrophe, die man einen «Weltkrieg» nennt, 
ausgebrochen ist. Dann kam das vorlaufige Ende dieser furchtbaren 
Katastrophe. Das Proletariat sah sich in einer neuen Lage. Es sah sich 
jetzt nicht mehr wie friiher bloB in eine gesellschaftliche Ordnung ein- 
gespannt, welche, wenigstens fur Mittel- und Osteuropa, von den alten 
regierenden Machten beherrscht wurde. Dieses Proletariat selber war 
in einem weitgehenden MaBe aufgerufen, nunmehr an der Neugestal- 
tung der sozialen Einrichtung der Menschheit zu arbeiten. Und gerade 
dieser Tatsache, dieser vollig neuen geschichtlichen Tatsache gegen- 
iiber erlebten wir etwas ungemein Tragisches. 

Die Ideen, denen sich das Proletariat durch Jahrzehnte, man darf 
sagen, mit seinem Herzblut hingegeben hatte, erwiesen sich als nicht 
tragfahig jetzt, da sie in ihre Verwirklichung eintreten sollten! Und 
jetzt erlebten wir einen groBen geschichtlichen Widerspruch, eigent- 
lich Widerstreit. Wir erlebten, wie die Tatsachen selber, die weltge- 
schichtlichen Tatsachen, die sich um uns herum abspielten, zum groBen 
Lehrmeister der Menschheit werden konnten. Wir erlebten, wie 
diese Tatsachen auf der einen Seite zeigten, daB die bisher fiihrenden 
leitenden Kreise im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte keine 
Ideen entwickelt hatten, welche richtunggebend sein konnen und konn- 
ten fiir das, was sich namentlich in wirtschaftlichen, aber auch in an- 
deren sozialen Tatsachen des menschlichen Erlebens abspielte. Das 
Merkwiirdige erlebte man, daB diejenigen, welche innerhalb der Tat- 
sachenwelt die Macht hatten zu handeln, zu wirken, sich dazu gebracht 
hatten, die Tatsachen wie von selbst sich ablaufen zu lassen. Die Ge- 
danken, die Ideen waren zu kurzmaschig geworden, um noch die Tat- 
sachen in sich einbeziehen zu konnen. Die Tatsachen des Lebens waren 
den Menschen iiber den Kopf gewachsen. Dies zeigte sich ganz be- 
sonders schon durch lange Zeiten hindurch im Wirtschaftsleben, wo 
der Wettstreit auf dem sogenannten «freien Wirtschaftsmarkt» als 
einzigen Antrieb in der Regelung der Wirtschaft « Profit » und ahn- 
liches zuriickgelassen hatte, wo nicht die Ideen wirkten, die das Wirt- 
schaftsleben einzig und allein nach den Fragen der Giitererzeugung, des 
Giiterumlaufs und des Giiterverbrauchs gestalteten, sondern dasjenige, 
was aus dem Zufall des freien Marktes fortwahrend in Krisen hinein- 



fuhren konnte. Und sehen kann, wer nur sehen will, wie zuletzt dadurch, 
da8 der soziale Betrieb dieser gedankenlos abrollenden Tatsachen sich 
uber die groBen Staatsimperien ausgedehnt hatte, auch die Angelegen- 
heiten dieser grofien Staatsimperien ins Rollen kamen, ohne daB die 
Menschen durch ihre Gedanken imstande waren, die rollenden Tat- 
sachen irgendwie zu meistern oder zu ihrer Orientierung irgend etwas 
zu tun. 

Gerade solchen Dingen gegeniiber sollte der Mensch der Gegen- 
wart nachdenklich werden. Er sollte sich vor die geistigen Augen fuh- 
ren konnen, daB es heute in der Tat notwendig ist, tiefer in das Men- 
schengetriebe hineinzuschauen, um so etwas wie die soziale Frage 
anders zu begreifen, als es gewohnlich geschieht. Es ist ja handgreif lich, 
wie die Gedanken gegeniiber den rollenden Tatsachen zu kurz ge- 
worden sind. Aber die Menschen wollen solche Dinge nicht sehen. Sie 
haben sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte angewohnt, 
Geschaftsroutine, ofFentliche Routine fur «Lebenspraxis » zu nehmen. 
Sie haben sich angewohnt, jeden, der etwas hinausschaut und aus einem 
t)berblick uber die Dinge urteilen kann, fur einen Utopisten oder un- 
praktischen Idealisten zu halten. Ich darf, um das, was ich eben gesagt 
habe, nur etwas zu illustrieren, von einer scheinbar personlichen Be- 
merkung ausgehen. Aber diese personliche Bemerkung ist nicht per- 
sonlich gemeint. Denn heute, wo das Schicksal des Einzelnen so eng mit 
dem allgemeinen Schicksal der Menschheit verstrickt ist, konnen nur 
ehrlich gemeinte Tatsachen, die selbst beobachtet sind, hinreichend 
illustrativ wirken fiir das, was im offentHchen Leben die Impulse, die 
Antriebe sind. 

Im Fruhfriihling des Jahres 19 14 war ich in einer Vortragsserie, die 
ich in Wien uber geisteswissenschaftliche Gegenstande gehalten habe, 
damals, Monate vor dem Ausbruch des sogenannten Weltkrieges, ge- 
notigt, vor einer kleinen Versammlung - hatte ich dasselbe vor einer 

groBeren gesagt, sie hatte mich selbstverstandlich ausgelacht - das- 
jenige zusammenzufassen, was sich mir als Ansicht iiber das soziale 
Werden der gegenwartigen Verhaltnisse bilden muBte. Ich sagte da- 
mals : Fiir den, der mit wachem Seelenauge iiberblickt, was in unserem 
offentlichen Leben innerhalb der zivilisierten Welt geschieht, zeige sich 



dies durchsetzt wie von einer sozialen Geschwiirbildung, einer schwe- 
ren sozialen Krankheit, einer Art sozialer Krebsbildung. Und was so 
schleichende Krankheit innerhalb unseres Wirtschaftslebens, aber auch 
innerhalb unseres ganzen sozialen Lebens ist, das miisse in der nachsten 
Zeit in einer furchtbaren Katastrophe zum Ausdruck kommen. 

Nun, was war man im FruMriihling 1914, wenn man von einer bevor- 
stehenden Katastrophe sprach aus den Ereignissen heraus, die sich 
gewissermaBen unter der Oberflache der Dinge abspielten? Man war 
ein «unpraktischer Idealist » - wenn einem die Leute nicht sagen woll- 
ten, da6 man ein Narr ist. Was ich damals sagen muBte, kontrastiert 
allerdings mit dem, was in jener Zeit und sogar noch etwas spater die 
sogenannten «Praktiker» sagten, jene verantwortlichen Praktiker, die 
Routiniers waren, statt Praktiker zu sein, die aber hochmutig auf jeden 
herunterschauten, der aus irgendeiner Ideenerkenntnis die Zeitge- 
schichte zu erfassen versuchte. Was sagten jene Praktiker iiber die da- 
rnalige Zeit? Einer jener Praktiker, der sogar AuBenrninister eines 
rnitteleuropaischen Staates war, verkiindete den erleuchteten Vertre- 
tern seines Volkes kurz darauf, die allgemeine Entspannung der poli- 
tischen Lage mache erfreuliche Fortschritte, so daB man sich in der 
nachsten Zeit auf einen friedlichen Zustand innerhalb der europaischen 
Volker gefaBt machen durfe. Er fiigte hinzu: Unsere freundnachbar- 
lichen Verhaltnisse zu Petersburg stehen aufs allerbeste, denn dank der 
Bemiihungen der Regierungen kiimmert sich das Petersburger Kabi- 
nett nicht um die Auslassungen der Pressemeute, und unsere freund- 
schaftlichen Beziehungen zu Petersburg werden sich auch fur die Zu- 
kunft so gestalten, wie sie bisher waren. Und unsere Unterhandlungen 
mit England hoffen wir zu einem solchen AbschluB zu bringen, daB 
auch zu England in der nachsten Zeit schon die allerbesten Beziehungen 
vorhanden sein werden. - Der das sagte, war ein « Praktiker ». Was der 
andere sagte, war «graue Theorie»I 

An unzahligen Beispielen konnte man die Anschauungen, besser 
gesagt, die Einsichten in die Tatsachen von seiten der Praktiker im 
Beginne jener Zeit, die so schreckensvoll fur die Menschheit geworden 
ist, charakterisieren. Es ist ja in der Tat sehr lehrreich, die Tatsachen 
sprechen deutlich, wenn man sieht, daB solche Praktiker von dem Frie- 



den redeten - und die nachsten Monate diesen Frieden so brachten, daB 
durch einige Jahre hindurch die zivilisierten Volker sich damit be- 
schaftigten, zehn bis zwolf Millionen Menschen, gering gerechnet, tot- 
zuschlagen und dreimal soviel zu Kriippeln zu machen. Ich will diese 
Dinge nicht der Aufwarmung von Sensationen willen erwahnen. Ich 
muB sie erwahnen, weil sich daran zeigt, wie die Gedanken der Menschen 
kurzmaschig geworden sind und nicht mehr ausreichen, um die Tat- 
sachen zu meistern. Man wird diese Vorgange etst dann im richtigen 
Lichte sehen, wenn man in den Tatsachen den groBen Lehrmeister 
dafiir anerkennen wird, daB wir notig haben, um zur Wiedergesundung 
unserer sozialen Verhaltnisse zu kommen, nicht an kleine Umwand- 
lungen von diesen oder jenen Einrichtungen zu denken, sondern an ein 
groBes Umlernen und Umdenken, nicht an eine kleine Abrechnung, 
sondern an eine groBe Abrechnung mit dem Alten, das morsch und faul 
ist und nicht mehr hineinmiinden darf in das, was fur die Zukunft ge- 
schehen soli. 

Was man so fur die groBen Angelegenheiten der Menschheit sagen 
kann, konnte man auch fur das Rechts- oder Wirtschaftsleben im eln- 
zelnen sagen. Uberall wird so geredet, daB die Gedanken nicht aus- 
reichen, um die Tatsachen zu meistern. Daher kann man sagen, die 
bisher leitenden fiihrenden Kreise haben die Praxis, ihnen fehlen aber 
fur diese Praxis die notigen wirksamen lebenspraktischen Ideen und 
Gedanken. Und diesen fiihrenden Kreisen steht gegeniiber die groBe 
Masse des Proletariats. Dieses Proletariat hat sich in einer, man darf 
sagen, strammen Schulung der marxistischen Gedanken herangebildet 
durch mehr als ein halbes Jahrhundert. Aber heute ist es nicht etwa 
richtig, herumzuschauen bei den proletarischen Massen, um sich zu 
informieren, wie sie denken. Es ist verhaltnismaBig leicht, sogar manch- 
mal recht, recht leicht, sachgemaB dasjenige zu widerlegen, was die 
proletarischen Massen und ihre Fuhrer iiber wirtschaftliche Angelegen- 
heiten denken. Aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf kommt 
es an, daB es cine geschichtliche Tatsacheist, daB durch die Seelen, durch 
die Herzen der proletarischen Massen die Niederschlage von dem ge- 
gangen slnd, was aus intensiv wirkenden Gedanken sich herausge- 
bildet hat, man mochte schon sagen, als eine proletarische Theorie. 



Aber diese Theorie, die jetzt, nachdem das Alte zusammengebrochen 
war, sich wahrhaftig schon mehr hatte bewahren konnen, als sie sich 
gegeniiber der Lebenspraxis bewahrt hat, diese Theorie zeigt eine ganz 
besondere Eigentumlichkeit, die begreif lich ist. Derm so wie die Dinge 
in der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit durch den Ein- 
fluB der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und der neueren Technik 
im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte, insbesondere aber des 
neunzehnten, sich herausgebildet haben, wurde das Proletariat immer 
mehr und mehr eingespannt blo6 in das wirtschaftliche Leben; aber so 
eingespannt, da8 jeder einzelne Angehorige dieses Proletariats eine 
sehr eng umgrenzte Arbeit zu leisten hatte. Diese eng umgrenzte Arbeit 
war im Grunde genommen alles, was er von dem immer umfassender 
werdenden Wirtschaftsleben real sah. Was Wunder, daB der Proletarier 
erlebte - erlebte an dem Schicksal seines Leibes und seiner Seele -, wie 
sich das neuere Wirtschaftsleben unter dem EinfluB von Technik und 
Privatkapital entwickelte, daB er aber die Triebrader und Triebfedern, 
die in diesem Wirtschaftsleben wirkten, nicht iiberschauen konnte ! Er 
war sozusagen der Arbeitende an diesem Wirtschaftsleben, aber er war 
durch seine soziale Position verhindert, sachgemaB hineinzuschauen in 
die Ordnung dieses Wirtschaftslebens, in die Art, wie dieses Wirt- 
schaftsleben verwaltet wird. Und nur allzu begreif lich ist es, daB sich 
durch solche Tatsachen etwas herausbildete, dessen Friichte nun eben 
da sind. Es bildete sich wie aus unterbewuBten, instinktiven Trieben 
und Forderungen des Proletariats eine weitgehende proletarische so- 
zialistische Theorie heraus, die aber im Grunde genommen sowohl von 
den wirtschaftHchen wie von den anderen sozialen Tatsachen sehr, 
sehr weit entfernt ist, weil ja der Proletarier keinen Einblick in die 
eigentlichen Triebrader und Triebfedern der wirtschaftlichen und an- 
deren sozialen Tatsachen gewinnen konnte und daher hinnehmen 
muBte, was ihm auch in einseitiger Weise durch den Marxismus ge- 
bracht wurde. Und so finden wir, daB im Laufe von Jahrzehnten Dinge 
sich tief einfraBen in das Gemiit der proletarischen Menschen, Dinge, 
die im Grunde genommen, im wesentlichen, so tief wie nur moglich 
berechtigt sind, die aber an den Tatsachen vollig vorbeigehen. 
Ich mochte ein Beispiel nennen. Wie stark hat in der Agitation, die 



sich uber das Proletariat aus den theoretischen Anschauungen seiner 
Fiihrer heraus ergossen hat, zum Beispiel das Wort gewirkt: Es darf 
in der Zukunft nicht mehr produziert werden, um zu produzieren. Es 
darf nur produziert werden, um zu konsumieren! - GewiB, ein treffen- 
des Wort, ein Wort, das - was nicht von vielen Schlagworten der Ge- 
genwart gesagt werden kann - sogar «wahr» ist, aber ein Wort, das 
ein wesenloses Abstraktum wird und einem entschlupft, wenn man es 
mit praktischem Sinn, mit wirklicher Einsicht in die Wirtschaftsver- 
haltnisse durchdenkt. Denn der Praxis kommt es darauf an: Wie 
macht man die Dinge ? Der Praxis gegeniiber ist nichts getan, wenn man 
bloB die Forderung erhebt : man solle nur produzieren, um zu konsu- 
mieren. Das ist etwas, was die Vorstellung vor die Seele ruft, wie schon 
das Wirtschaftsleben sein konnte, wenn nicht mehr der Profit herrschte, 
sondern stets nur der Ausblick auf den Konsum. Aber es liegt gar nichts 
in diesem Satz, was irgendwie darauf hinwiese, wie nun die Struktur des 
Wirtschaftslebens gestaltet werden solle, damit die Empfindung, die in 
diesen Worten sich ausdriickt, wirklich Platz greifen konne. Und so ver- 
halt es sich mit vielen der Worte - wir werden noch mancherlei beriih- 
ren die manchmal tiefen Wahrheiten entstammen, die aber Agitations- 
undParteischlagworte des Proletariats geworden sind. Sie sindAbstrak- 
tionen geworden und nehmen sich wie utopistische Hinweisungen auf 
eine unbestimmte Zukunft aus. Und wer es mit dem Proletariat ganz 
ehrlich meint, muB sich sagen : So lebt dieses arme Proletariat, das heute 
seine berechtigten Forderungen erhebt, in solchen Anschauungen, von 
denen zu sagen ist, daft sie zwar eine Theorie sind, aber fernstehen den 
Tatsachen des Lebens - well der Proletarier aus diesen Tatsachen her- 
ausgerissen und an einen abgesonderten Ort hingestellt worden ist, wo 
er immer nur eine ganz einzelne Ecke des Lebens iibersah. 

Das ist der Widerstreit, auf den ich habe hinweisen wollen, der sich 
ausdriickt auf der einen Seite in der Verfassung der leitenden fuhrenden 
Kreise, welche die Macht uber die Tatsachen haben, aber keine Ideen, 
um diese Tatsachen zu beherrschen, - und auf der anderen Seite in dem 
Proletariat, welches Ideen bekommen hat, aber mit diesen Ideen als 
ganz abstrakten Ideen feme den Tatsachen steht, fremd den Tatsachen 
gegeniibersteht. 



Wenn man so etwas, wie ich es jetzt gesagt habe, durch einige Worte 
charakterisiert, weist man auf in der Geschichte wirkende Krafte und 
Impulse hin, die im Grunde genommen bedeutungsvoller sind als 
irgend etwas, was sich bisher im geschichtlichen Ablauf der Mensch- 
heit vollzogen hat. Worte wie die von der «ideenlosen Praxis der fuh- 
renden Kreise» und der «unpraktischen Theorie des Proletariats » 
wagt man nur richtig, wenn man ein Gefiihl hat fur das, was so furcht- 
bar lebendig, so einander zerstorend durch die gegenwartigen Ent- 
wicklungsstromungen der Menschheit flutet. Die Tatsache, daI3 ein 
solcher Gegensatz zwischen der Seelenverfassung der leitenden fiih- 
renden Kreise und derjenigen des Proletariats vorhanden ist, fuhrt dazu 
und fuhrte dazu, daB heute eine tiefe Kluft besteht zwischen allem, was 
Denken, Empfinden, Wollen und Handeln der leitenden fuhrenden 
Kreise ist, und zwischen dem, was Sehnsuchten, Wunsche, Willensim- 
pulse des Proletariats sind. Man versteht nicht einmal richtig, was 
eigentlich heute aus den Tiefen werden sollte, was aus dem Proletariat 
als die Forderung der Zeit einem entgegentont! Wenn einem aus pro- 
letarischen Kireisen die Lehre vom Mehrwert, die eben angedeutete 
Lehre, man sofle nur produzieren, um zu konsumieren, die Lehre von 
der Umwandlung des Privateigentums in Gemeineigentum entgegen- 
klingt, so versteht man diese Dinge gewiB dem Wortlaute nach. Aber 
dieser Wortlaut der proletarischen Wunsche und Anschauungen - was 
1st er denn eigentlich? Ist er das, was den biirgerlich fuhrenden leiten- 
den Kreisen Veranlassung geben sollte, diese proletarischen Theorien, 
wenn sie ausgesprochen werden, logisch zu kritisieren? Es gibt nichts 
Naiveres in der Gegenwart, als wenn von proletarischer Seite her die 
Lehre vom Mehrwert ertont und dann irgendein Syndikus oder Direk- 
tor einer Aktiengesellschaft das Selbstverstandliche sagt, daB der Mehr- 
wert, aus den Banknoten und so weiter zusammengerechnet, so niedrig 
ist, daB, wenn man ihn aufteilen wollte, fiir den Einzelnen nichts her- 
auskommen wiirde. Es ist das Allernaivste, so sich zu verhalten zum 
Beispiel der Theorie des Mehrwertes gegeniiber. Denn was da die Her- 
ren an «Rechnung» leisten, ist ja ganz selbstverstandlich, dagegen ist 
durchaus nichts einzuwenden. Aber um diese Dinge handelt es sich gar 
nicht. Denn wenn man das, was unmittelbar in den Worten der prole- 



tarischen Theorien gesagt wird, in dieser Weise «widerlegen» will, 
dann ist das gerade so, als wenn man in einem Zimmer am Thermo- 
meter sieht, es zeigt so und so viele Grade, und dann, wenn einem die 
Anzahl der Grade nicht paBt, wenn sie zu niedrig oder zu hoch sind, 
etwa mit einer kleinen Flamme das Thermometer hohersteigen lassen 
wollte. Dadurch, daB man sich damit beschaftigt, das Thermometer zu 
korrigieren, beschaftigt man sich wahrhaftig nicht mit dem, was da 
wohl als Ursachen zugrunde liegt. Was heute proletarische Theorien 
sind, wortlich zu nehmen und zu widerlegen, das ist naiv. Denn die 
proletarischen Theorien sind nichts weiter als - wollte ich gelehrt spre- 
chen, so wiirde ich sagen - ein Exponent von etwas, das viel tiefer liegt, 
als dort, wo man es jetzt sucht. Ebenso wie das Thermometer die Tem- 
peratur eines Zimmers anzeigt, aber sie nicht selbst macht, so sind die 
proletarischen Theorien etwas, um wie an einem Instrument, an einem 
Zeichen zu erkennen, was in dieser Weise in der sozialen Frage in der 
Gegenwart und in der nachsten Zukunft lebt. Und da macht man es 
sich in der Regel allzu bequem. Da betrachtet man diese Frage bloB als 
eine Wirtschaftsfrage, weil sie einem zuerst entgegengetreten ist als 
eine wirtschaftliche aus den Forderungen des Proletariats heraus, das 
eben eingeschnurt war in das Wirtschaftsleben in der Zeit des Privat- 
kapitalismus und der Technik. Und man sah nicht, was eigentlich hinter 
all den Auffassungen steckt, die sich bei den proletarischen Theorien 
auf Kapital, auf Arbeit und auf Ware beziehen. Der Proletarier erlebt 
das gesamte Gebiet des menschlichen Lebens auf dem Felde des Wirt- 
schaftlichen. Daher riickt sich ihm die soziale Frage ganz in eine wirt- 
schaftliche Perspektive. 

Wer Gelegenheit hat, sich einen weiteren Blick anzueignen, sollte 
sehen, wie deutlich voneinander zu unterscheiden sind drei Lebensge- 
biete, auf denen sich uns drei der Kernpunkte der sozialen Frage zeigen. 
Wer gelernt hat, nicht nur iiber das Proletariat zu denken - vielleicht 
erst jetzt zu denken, nachdem die Revolution gekommen ist -, wer ge- 
lernt hat durch sein Lebensschicksal, nicht bloB iiber das Proletariat zu 
denken und iiber dasselbe zu empfinden, sondern mit demselben zu 
denken und zu empfinden, der kann von dem, was in den Worten liegt, 
die, ich mochte sagen, als Kernwotte durch alle soziaiistischen Theo- 



rien Ziehen, auf das hinschauen, was in den Tiefen der Besten der Pro- 
letarier vorgeht. Was sind denn solche Kernworte? 

Da haben wir erstens das Kernwort vom Mehrwert, auf das ich 
schon hingewiesen habe. Man muB nur mit vielen Proletariern als 
Mensch zu Mensch verkehrt haben, und man muB gesehen haben, wie 
in die Gemiiter der Proletarier dieses Wort vom Mehrwert eingeschla- 
gen hat. Und auf dieses Einschlagen kommt es an, nicht auf die theore- 
tische Bewahrheitung. Wer, gleich mir, in den Jahren, in weichen sich 
gerade einschneidend Dinge abspielten innerhalb der sozialen Bewe- 
gung der neueren Zeit, hier in Berlin gewirkt hat an der von Wilhelm 
Liebknecht, dem alten Liebknecht begriindeten Arbeiterbildungsschule, 
der weiB einiges mehr iiber diese Frage, die eben angedeutet worden 
ist, mehr aus der Lebenspraxis heraus als vielleicht Gewerkschaftsfuhrer 
und namentlich als - wie soil ich mich nun aussprechen, damit ich nicht 
verletze? Man hat mit Recht gesagt: es gab «Kriegsgewinnler» und 
nach dem Kriege «Revolutionsgewinnler » ; mir ist es immer so vorge- 
kommen: es gab «Kriegsschwatzer » und nach dem Kriege - «Revo- 
lutionsschwatzer»! Aber was man unter Mehrwert verstand, das war, 
daB man sagte : Der Proletarier arbeitet werktatig, er bringt diese oder 
jene Produkte hervor. Der Unternehmer dagegen bringt diese Pro- 
dukte auf den Markt, und er gibt dem Arbeiter so viel als notig ist, da- 
mit der Arbeiter sein Leben erhalten kann, denn sonst konnte er auch 
nicht fur den Unternehmer arbeiten, - das iibrige ist Mehrwert. GewiB, 
mit diesem Mehrwert verhalt es sich durchaus so, wie heute etwa 
Walther Rathenau dariiber spricht - ich will gar nichts iiber diesen viel 
verleumdeten Mann sagen -, aber in bezug auf die soziale Frage be- 
findet er sich in den groBten Irrtumern. Es ist durchaus so, daB dieser 
Mehrwert, wenn man ihn verteilen wiirde, den Angehorigen der brei- 
ten proletarischen Massen keine Aufbesserung bringen wiirde. Aber 
durch Rechnungsoperationen, die etwa in der Luft herumschwirren, 
kommt man den Dingen auch nicht bei. Man muB vielmehr diesen 
Mehrwert in der richtigen Weise in bezug auf seine soziale Bedeutung 
abfangen. Sollte dieser Mehrwert denn wirklich so wenig vorhanden 
sein, wie zum Beispiel Rathenau «richtig » errechnet ? Nein ! Denn dann 
gabe es in Berlin keine Theater, keine Hochschulen, keine Gymnasien, 



alles das nicht, was man Kulturleben, was man Geistesleben der 
Menschheit nennt. Das alles ist ja in Wahrheit zum groBten Teile von 
dem sogenannten Mehrwert erhalten. Datum handelt es sich aber gar 
nicht, wie dieser Mehrwert in der Ware und in der Geldzirkulation an 
die Oberflache getrieben wird, sondern darum, daB in dem, was nur 
mit dem Schlag worte Mehrwert besprochen wird, sich ausdruckt die gan- 
ze Beziehung des neuzeitlichen Geisteslebens zu der breiten Masse des 
nichtan diesem Geistesleben unmittelbar teilnehmen konnendenVolkes. 

Wer jahrelang unter Arbeitern gelehrt hat und sich bemiiht hat, vor 
ihnen das zu lehren, was unmittelbar aus der allgemeinen menschlichen 
Empfindung herausdrangt, was gesprochen ist von Mensch zu Mensch, 
der weiB, was fur einen Charakter eine Geistesbildung haben muB, die 
allgemein menschlich sein soli, und wie sich diese Geistesbildung von 
der jenigen unterscheidet, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahr- 
hunderte gerade unter dem EinfluB der privatkapitalistischen und der 
technischen Wirtschaftsordnung herausgebildet hat. Wenn ich wieder 
personlich reden darf - das Personliche illustriert das Allgemeine so 
darf ich vielleicht sagen : Ich wuBte, wenn ich in Wochen, Stunden, vor 
den Proletariern sprach, da spreche ich so, daB in den Seelen verwandte 
Saiten erklingen; da empfangen diese Menschen ein Wissen, eine Er- 
kenntnis, mit der sie gehen konnen, die sie aufnehmen konnen. Aber 
dann kamen auch die jenigen Zeiten, in denen auch der Proletarier die 
Mode erfullen muBte, an der «Bildung» teilzunehmen - an der jenigen 
Bildung, welche in geistiger Beziehung das Ergebnis der herrschenden, 
fuhrenden Kultur war. Da muBte man diese Proletarier in die Museen 
fuhren, muBte ihnen zeigen, was aus der Empfindungsweise der herr- 
schenden, burgerlich fuhlenden Menschenklasse hervorgegangen ist. 
Ja, da wuBte man - wenn man ehrlich war, wuBte man das, wenn man 
nicht ehrlich war, sagte man sich allerlei Phrasen von Volksbildung und 
dergleichen vor Das alles ergibt keine Briicke zwischen der Geistes- 
kultur und der Geistesbildung der leitenden fuhrenden Kreise und dem, 
was Geistessehnsucht und Geistesbediirfnis des Proletariats ist. Denn 
Kunst, Wissenschaft, Religion kann man nur verstehen, wenn sie aus 
Menschenkreisen hervorgehen, mit denen man auf gleichem sozialen 
Boden steht, so daB man mit ihnen die gleichen sozialen Empfindungen 



und Gefuhle teilen kann -, nicht wenn ein RiB geht zwischen denjeni- 
gen, welche dieBildung geniefien sollen, und denjenigen, welche diese 
Bildung wirklich genieBen konnen. Da empfand man eine tiefe Kultur- 
liige. Und heute darf wahrhaftig nicht wohlwollend Dunkel iiber diese 
Dinge verbreitet werden, sondern heute mussen sie klar gesehen wer- 
den. Da empfand man diese tiefe Kulturluge, die darin bestand, daB 
man allerlei Volkshochschulen oder Bildungsschulen errichtete und 
den Leuten eine Bildung mitteilen wollte, die iiber keine Briicke zu 
ihnen gehen konnte. Da stand dann der Proletarier auf der einen Seite 
des Abgrundes, sah hiniiber auf das, was an Kunst, an Sitte, Religion, 
Wissenschaft erzeugt wurde von den leitenden fuhrenden Kreisen, ver- 
stand es nicht, hielt es fur etwas, was nur - wie ein Luxus - diese leiten- 
den fuhrenden Kreise angeht. Da sah dann das Proletariat die Verwen- 
dung, die Verwirklichung des Mehrwertes, indem es das Wort vom 
Mehrwert aussprach. Dieses Proletariat fuhlte etwas ganz anderes, als 
was in dieser Thermometersprache vom Mehrwert gesagt wurde. Es 
fuhlte : Da ist ein Geistesleben, das erzeugt wird durch unsere Hervor- 
bringungen, durch unsere Arbeit; das produzieren wir, von dem sind 
wir aber ausgeschlossen! 

So muB die Sache vom Mehrwert angesehen werden, wenn sie nicht 
theoretisch - wenn sie lebensvoll, wenn sie so angesehen wird, wie sie 
wirklich im Leben darinsteht. Da sehen wir dann auch das, was die 
erste Kernfrage der umfassenden sozialen Frage ist : da sehen wir den 
geistigen Teil der sozialen Frage. Da sehen wir, wie in derselben Zeit, 
in welcher in den letzten drei bis vier Jahrhunderten neuere Technik, 
neuere Wissenschaft und zugleich privatkapitalistische Wirtschafts- 
form heraufkamen, auch ein Geistesleben heraufgekommen ist, das 
immer mehr und mehr nur dasjenige wird, was in den Seelen jener Men- 
schen leben soil, die durch eine tiefe Kluft getrennt sind von den groBen 
breiten Massen, fur deren Bildung sie in unzulanglicher Weise sorgen, 
von deren Bildung sie sich abtrennen. Daher sieht man mit so bluten- 
dem Herzen darauf hin, wenn man erfahrt, wie man gutmeinend und 
gutwillig in diesen leitenden fuhrenden Kreisen sich in gutgeheizten 
Spiegelzimmern unterhielt iiber die Art, wie man briiderlich ist mit 
alien Menschen, iiber die Art, wie man alle Menschen lieben solle, wie 



man sich unterhielt von alien christlichen Tugenden - bei einer Ofen- 
warme, die erzeugt war durch diejenigen Kohlen, welche heraufbe- 
fordert wurden aus den Kohlenschachten, in die hinuntergelassen wur- 
den neunjahrige, elf jahrige, ckeizehnjahrige Kinder, welche buchstab- 
lich-fur die Mitte des 19. Jahrhunderts war es buchstablich so; spater 
ist es nicht durch das Verdienst der herrschenden leitenden Kreise besser 
geworden, sondern durch die Forderungen des Proletariats - vor dem 
Aufgange der Sonne in die Schachte hinunterwandern muBten und 
erst nach dem Untergange der Sonne wieder herauf kommen konnten, 
so daB diese armen Kinder die ganze Woche hindurch das Sonnen- 
licht nicht sahen. 

Man glaubt heute, diese Dinge werden gesagt, um aufzuhetzen. 
Nein I Sie rmissen gesagt werden, um darauf riinzuweisen, wie sehr sich 
das, was Geistesleben der letzten drei bis vier Jahrhunderte ist, abge- 
trennt hat von dem wirklichen Leben der Menschen. Man hat reden 
konnen - abstrakt - von Moral, von Tugend, von Religion, ohne daB 
das wirkliche tatige praktische Leben irgendwie beriihrt wurde von 
diesem Gerede von Bruderlichkeit und Nachstenliebe, von Christen- 
tum und so weiter. Das ist es denn, was vor uns hinstellt als einen ab- 
gesonderten Kernpunkt der sozialen Frage die Geistesfrage. Wir 
blicken da auf den ganzen Umfang des Geisteslebens, insbesondere des 
Geisteslebens mit Bezug auf den Menschen der Gegenwart und der 
nachsten Zukunft, das sich abspielt auf dem Gebiete der Erziehung und 
des Unterrichtswesens. Es ist einmal so gekommen, daB im Laufe der 
letzten drei bis vier Jahrhunderte durch die Art, wie die einzelnen 
fiarstlichen Territorien sich zu den einzelnen Wirtschafts-National- 
staaten gestaltet haben, das Geistesleben in seinen wichtigeren ofFent- 
licheren Teilen von der Staatsordnung aufgenommen worden ist. Und 
heute ist man stolz darauf, daB man von seiten der Wissenschaft, von 
seiten des Geisteslebens iiberhaupt, das Unterrichts- und Erziehungs- 
wesen - gewiB mit Recht - der mittelalterlichen Zugehorigkeit zur 
Religion, zur Theoiogie entrissen hat, Man ist recht stolz darauf und 
hat es immer wieder wiederholt: Im Mittelalter war es so, daB das 
Geistesleben, das Wissenschaftsleben der Theoiogie, der Kirche die 
Schleppe nachgetragen hat. GewiB, diese Zeiten sollen nicht wieder 



zuriickgewiinscht werden; wir wollen nicht riickwarts, wir wollen vor- 
warts. Aber heute ist schon wieder eine andere Zeit. Heute darf nicht 
bloB in Hochmut darauf hingewiesen werden, wie im Mittelalter das 
Geistesleben der Kirche die Schleppe nachgetragen hat. Heute muB 
auf etwas anderes hingewiesen werden. Nehmen wir ein Beispiel zur 
Illustration, das uns hier nicht so feme liegt. 

Ein sehr bedeutender naturforschender Gelehrter, den ich sehr achte 
- durchaus werden diese Dinge nicht zur Verkleinerung der Menschen 
gesagt -, der zugleich Sekretar der Berliner Akademie der Wissen- 
schaften war, er sprach dariiber, wie diese Berliner Akademie zu dem 
offentlichen Staatswesen stand. Der Herr sagte damals in einer wohl- 
gefiigten Rede : die Mitglieder dieser gelehrten Akademie rechneten es 
sich zu ihrer ganz besonderen Ehre, die wissenschaftliche Schutztruppe 
der Hohenzollern zu sein. Das ist nur ein Beispiel von solchen, die man 
nicht hundertfaltig, sondern tausend- und abertausendfaltig anfuhren 
konnte, welches die Frage auf die Lippen bringt: Was ist heute an der 
Stelle dessen, wo in alten Zeiten das Geistesleben der Kirche die Schlep- 
pe nachgetragen hat? Wem tragt heute das Geistesleben die Schleppe 
nach? Das war nicht einmal so schlimm in der jiingsten Vergangenheit, 
wie es werden rmiBte, wenn wahrhaftig staatliche Ordnungen eintreten 
wiirden, unter denen das furchtbare Unterrichtsregiment sich auftun 
konnte, welches im Osten Europas sich aufgetan hat, und was hinlang- 
lich beweist, daB es den Tod aller Kultur bringen wiirde. Sie miissen 
nicht nur in die Vergangenheit, sondern vor allem in die Zukunft 
schauen und miissen sagen : Es ist die Zeit herangeriickt, wo das Gei- 
stesleben als ein selbstandiges Glied des sozialen Organismus wird 
auftreten miissen, wo es auf Selbstverwaltung wird gestellt werden 
miissen. 

Man begegnet, indem man so etwas ausspricht, heute unzahligen 
Vorurteilen. Man wird geradezu als ein verriickter Mensch angesehen, 
wenn man heute nicht hinweisen kann auf den groBen Segen, der in der 
Verstaatlichung des Unterrichts- und Erziehungswesens liegt. Aber 
das Heil, das gesucht werden muB, es wird erst gefunden werden, wenn 
vom Lehrer der untersten Schulstufen an bis hinauf zu dem Unterrich- 
tenden an den Hochschulen das gesamte Unterrichts- und Erziehungs- 



wesen und das mit ihm zusammenhangende Geistesleben in Selbst- 
verwaltung gestellt ist - nicht in die Verwaltung des Staates! Das 
gehort zu den groBen Abrechnungen, die heute gepflogen werden 
miissen. 

Der Kreis von Menschen, der mir zuerst Freundlichkeit erwiesen hat, 
als es sich darum handelte, den Impuls der Dreigliederung der Gegen- 
wart einzuverleiben, dieser Kreis ist derjenige, dem jetzt auch in Stutt- 
gart die erste wirkliche freie Einheitsschule entspringt. An die Waldorf- 
Astoria-Fabrik soil sich angliedern zunachst eine Muster-Einheits- 
schule, die gestellt sein soli auf jene Padagogik und Didaktik, auf 
jene Erziehlehre, welche aus nichts anderem entspringt als aus der 
wirklichen und wahren Erkenntnis des werdenden Menschen. Der 
ist zwischen dem siebenten und funfzehnten Lebensjahre kein an- 
derer, welcher Klasse und welchem Stande er auch angehort. Aber ihn 
muB man erst kennenlernen, wenn man ihn unterrichten und erziehen 
will. 

Da ich derjenige war, der in Stuttgart den vorbereitenden Kursus 
fur die an dieser Waldorf-Schule wirkende Lehrerschaft zu halten hatte, 
so kamen mir auch diejenigen Dinge in die Hand, die heute wie eine 
Selbstverstandlichkeit hingenommen werden. Man ahnt gar nicht, was 
darin liegt, daB diese Dinge wie eine Selbstverstandlichkeit hingenom- 
men werden! Aber sie haben sich eigentlich erst in den letzten Jahr- 
zehnten herausgebildet. Man darf bei einer solchen Gelegenheit - da 
die Dinge, die Gegenstand der Lebenspraxis sind, zugleich Gegenstand 
der Lebenserfahrung sein miissen - darauf hinweisen, daB man das, 
was man sagt, nicht aus dem Leichtsinn eines Jugendlebens sagt, son- 
dern es sich erst auszusprechen getraut, wenn man, wie ich, ein sechstes 
Lebensjahrzehnt fast vollendet hat. Da erinnert man sich daran, wie 
die Lehrplane friiher noch kurz waren und wie das, was Gegenstand 
des Unterrichtes sein sollte, vertreten wurde durch die Vortrage, durch 
die Bucher und Erfahrungen derjenigen, die im lebendigen Erziehungs- 
wesen darin standen, die aus dem Geiste herausschopften. Heute aber 
hat man nicht einen kurzen Lehrplan - heute hat man dicke Bucher, 
in denen nicht nur steht, man solle in dem einen Schuljahr dieses, in 
dem andern Schuljahr jenes durchnehmen, sondcrn in denen auch vor- 



geschrieben ist, wie man die Dinge behandeln soli. Was Gegenstand der 
freien Lehre sein sollte, das soli Gegenstand werden und ist schon 
Gegenstand geworden des «Verordnungsblattes ». Ehe man nicht ein 
deutliches, hinlangliches Gefiihl von dem haben wird, was an Unsozia- 
lem in diesen Dingen steckt, eher wird man nicht reif sein, mitzuarbei- 
ten an der wirklichen Gesundung der Menschheit. In der Aufrichtung 
des freien, vom Staate unabhangigen Geisteslebens liegt daher der erste 
Kernpunkt der sozialen Frage. Da ist das erste der drei selbstandigen 
Glieder des dreigliederigen sozialen Organismus zu errichten. Wenn 
man heute diese Dinge vertritt, wenn man darauf hinweist, wie es wohl 
sein kann, da8 zukiinftig niemand innerhalb des geistigen Gliedes des 
sozialen Organismus verwalten wird als der, welcher auch tatigen An- 
teil am geistigen Leben nimmt, dann wird das mit Bezug auf den Unter- 
richt wenig verwandt sein mit dem Unterricht im heutigen Einheits- 
staat. Das ganze Leben wird wie in einer Musterrepublik dastehen. 
Jeder wird nicht bloB nach den Forderungen einer Verordnung unter- 
richten, sondern aus dem Geiste schopfen, was dem Unterricht und der 
Erziehung frommt. Man wird nicht bloB zu fragen haben, was die 
Berechtigungen des Menschen fur den Sozialismus im dreizehnten oder 
siebzehnten Jahre sind, wohl aber : Was liegt im Wesen des Menschen 
selbst begrundet, damit es herausgeholt werden kann aus dem werden- 
den Menschen, so daB er, wenn er diese Krafite losgelost erhalten hat 
aus der Tiefe seines Wesens, nicht als willensschwacher, gebrochener 
Mensch dasteht, wie heute so viele, sondern so dasteht, daB er seinem 
Schicksal gewachsen ist und auch mitarbeiten kann an dem, was seine 
Aufgaben im Leben sind. Das weist auf das erste Glied in der Drei- 
gliederung des sozialen Organismus hin. 

Man wird allerdings, wenn man diese Gedanken ausspricht, zuerst 
mit einer Frage, mit einem Einwand abgefunden, wie ich es in einer 
suddeutschen Stadt erlebte. Da antwortete mir nach einem Vortrage, 
in der Diskussion, ein Hochschulprofessor ungefahr in folgender 
Weise: Wir Deutschen werden in der Zukunft ein armes Volk sein. 
Der Mann dort will das Geistesleben selbstandig machen. Das arme 
Volk wird das selbstandige Geistesleben nicht bezahlen konnen, denn 
es wird kein Geld haben. Man wird also nach dem Staatssackel greifen 



miissen, wird doch aus den Steuern das Unterrichtswesen bezahlen 
miissen, und wie soil es dann selbstandig werden, wie soli es da nicht 
das Aufsichtsrecht des Staates iiber sich gestellt haben miissen, da es 
vom Staate erhalten werden muB ? - Ich konnte darauf nur erwidern, daB 
es mir sehr sonderbar vorkomme, wenn der Professor glaube, daB das, 
was man als Steuern aus der Staatskasse nimmt, irgendwie da heraus- 
wachst, und daB es in Zukunft nicht von dem «armen Volke» genom- 
men wird. Aber was einem am meisten begegnet, das ist die Gedanken- 
losigkeit auf alien Gebieten. Dem muB entgegengestellt werden ein 
wirkliches, in die Tatsachen des Lebens hineinschauendes, praktisches 
Denken. Das wird auch praktische Lebensprogramme bringen kon- 
nen, die zu verwirklichen sind. 

Und wie das Geistesleben, das Unterrichts- und Erziehungswesen 
verselbstandigt werden muB, so auf der anderen Seite das Wirtschafts- 
leben. Es ist sehr merkwiirdig, wie in der neueren Zeit aus der Tiefe 
der Menschennatur heraus zwei Forderungen aufgestiegen sind: die 
nach Demokratie und die nach Sozialismus. Beide, Demokratie und 
Sozialismus, widersprechen einander. Vor der Weltkriegskatastrophe 
hat man diese zwei widersprechenden Impulse zusammengeschweiBt 
und sogar einePartei, die Sozialdemokratie, danachbenannt. Holzernes 
Eisen ist ungefahr dasselbe. Beide, Sozialismus und Demokratie, wider- 
sprechen sich, beide sind aber ganz aufrichtige und ehrliche Forderun- 
gen der neueren Zeit. Nun ist die Weltkriegskatastrophe an uns vor- 
iibergezogen, hat ihre Ergebnisse gebracht, und nun horen wir, wie 
die soziale Forderung auftritt und nichts wissen will von einem demo- 
kratischen Parlament. Wie die soziale Forderung wiederum theoretisch, 
ohne eine Ahnung zu haben, wie die Tatsachen eigentlich sind, mit 
Schlagworten ganz abstrakter Art auftritt wie «Erringung der politi- 
schen Macht », «Diktatur des Proletariats » und dergleichen, das kommt 
allerdings aus den Untergriinden des sozialistischen Empflndens her- 
vor, beweist aber, daB man jetzt darauf gekommen ist, daB auch das 
sozialistische Empfinden dem demokratischen Empfinden wider- 
spricht. Die Zukunft, die den Wirklichkeiten des Lebens, nicht den 
Schlagworten Rechnung zu tragen hat, sie wird erkennen miissen, wie 
der sozialistisch Fiihlende Recht hat, wenn er sozusagen etwas Un- 



heimliches bei «Demokratie» empfindet, und wie anderseits der demo- 
kratisch Fiihlende Recht hat, wenn er das Fur chtbarste empfindet bei 
den Worten «Diktatur des Proletariats ». 

Wie liegen auf diesem Gebiete eigentlich die Tatsachen ? Da brauchen 
wir nur das Wirtschaftsleben im Zusammenhange mit dem Staatsleben 
gerade so zu betrachten, wie wir eben vorher das Geistesleben im Zu- 
sammenhange mit dem Staatsleben betrachtet haben. Es war wiederum 
das Vorurteil der Menschen der neueren Zeit, insbesondere derjenigen, 
die glaubten, recht fortschrittlich zu denken, daB der Staat immer mehr 
und mehr zum Wirtschafter werden sollte. Post, Telegraph, Eisenbahn 
und so weiter wurden in Staatsverwaltung gestellt, und bald wollte 
man liber immer weitere Wirtschaftsgebiete die Staatsverwaltung aus- 
dehnen. Das ist eine weite und umfassende Sache, die ich jetzt mit 
einigen Worten beriihre, und ich muB mich leider - weil ich angewiesen 
bin, diese Dinge in einem kurzen Vortrage zu entwickeln - der Gefahr 
aussetzen, daB das, was in sehr sachlichen Worten dargelegt wird und 
mit unzahligen Beispielen aus der neueren Geschichte belegt werden 
konnte, als Dilettantismus hingestellt wiirde. Das ist es aber durchaus 
nicht. Aber was hier wie ein Vorurteil der Fortgeschrittensten ist, das 
wird sich gerade dann, wenn man den Sozialismus ernst nimmt, in 
seiner wahren Gestalt zeigen. Und es wird sich in seiner wahren Gestalt 
zeigen, wenn man ferner ernst nehmen wird ein Wort, welches aus 
seinen lichtesten Augenblicken heraus Friedrich Engels in seiner Schrift 
«Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft», 
ausgesprochen hat. Er sagt ungefahr : Oberschaut man das Staatsleben, 
wie es sich in die Gegenwart herein entwickelt hat, so findet man, daB 
es die Bewirtschaftung der Produktionszweige, die Leitung der Waren- 
zirkulation, umfaBt. Aber indem der Staat gewirtschaftet hat, hat er 
zugleich iiber Menschen regiert. Er gab die Gesetze, nach denen sich 
zu verhalten haben - ob in ihren wirtschaftlichen Handlungen oder 
auBerhalb derselben - diejenigen Menschen, die im Wirtschaftsleben 
drinnen stehen. Dieselbe Instanz wirtschaftete - und gab die Gesetze 
fur das Verhalten der Menschen, die im Wirtschaftsleben drinnen 
stehen. Das muB in Zukunft anders werden. 

Dies hat Engels ganz richtig erkannt. In Zukunft darf auf dem Bo- 



den, auf dem gewirtschaftet wird, nicht mehr regiert werden iiber Men- 
schen, meinte Engels ; sondern es darf auf diesem Boden nur verwaltet 
werden, was Produktion ist, und es darf auf ihm nur geleitet werden, 
was Warenzirkulation ist. Das war eine richtige Anschauung - aber 
eine halbe Wahrheit oder eigentlich nur eine Viertelswahrheit, Denn 
wenn das, was an Gesetzen verwirklicht ist auf diesem Wirtschafts- 
gebiete, das bisher mit dem Staatsleben zusammenfiel, herausgenom- 
men wird aus der Wirtschaftsverwaltung und Wirtschaftsleitung, muB 
es seinen eigenen Platz erhalten - allerdings nicht einen Platz, von dem 
aus die Menschen zentralistisch regiert werden, sondern den Platz, wo 
sie sich selber demokratisch regieren. 

Das heiBt : Die beiden Impulse, Demokratie und Sozialismus, weisen 
darauf hin, daB zwei voneinander getrennte Gebiete neben dem selb- 
standigen Geistesglied des sozialen Organismus noch dastehen miissen 
in dem gesamten sozialen Organismus, namlich das, was bleibt von 
dem ehemaligen Staate. Es ist das die Verwaltung des Wirtschaftlichen 
und die des offentlichen Rechtes oder mit anderen Worten alles dessen, 
woriiber jeder Mensch urteilsfahig ist, wenn er miindig geworden ist. 
Denn was liegt in der Forderung nach Demokratie? Es liegt darin, 
daB die neuere Menschheit geschichtlich reif werden will dafiir, auf 
dem freien Staatsboden, auf dem freien Rechtsboden gesetzmaBig das- 
jenige zu verwalten, worm alle Menschen einander gleich sind, wor- 
iiber also jeder miindig gewordene Mensch neben jedem anderen miin- 
dig gewordenen Menschen mittelbar oder unmittelbar - mittelbar 
durch Vertretung, unmittelbar durch irgendein Referendum - ent- 
scheiden kann. So miissen wir in Zukunft einen selbstandigen Rechts- 
boden haben, der die Fortsetzung des alten Macht- und Gewaltstaates 
sein wird, und der erst der wahre Rechtsstaat sein wird. Niemals wird 
ein wahrer Rechtsstaat anders entstehen, als daB in ihm nur diejenigen 
Angelegenheiten durch Gesetze geregelt werden, iiber die jeder miin- 
dig gewordene Mensch urteilsfahig ist, und zu diesen Angelegenheiten 
gehort wieder etwas, woriiber das Proletariat viel gesprochen hat, wo 
aber seine Worte wieder genommen werden miissen als das soziale 
Thermometer. Denn wieder hat in das Gemiit des Proletariats tief ein- 
geschlagen ein Wort von Karl Marx: Es gibt ein menschenunwiirdiges 



Dasein, wenn der Arbeiter auf dem Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft 
wie eine Ware verkaufen muB. Denn wie man eine Ware bezahlt mit 
dem Warenpreis, so bezahlt man die Arbeitskraft wie gleichwertig mit 
der Ware durch den Lohn, durch den Preis fur die Ware Arbeitskraft! 

Das war ein Wort, nicht so sehr bedeutungsvoll in der Entwicklung 
der neueren Menschheit durch seinen sachlichen Inhalt, als durch das 
blitzartige Einschlagen in das Proletariat, jenes blitzartige Einschlagen, 
von dem sich die fiihrenden Kreise eigentlich keine Vorstellung 
machen. Und woher riihrt dies Ganze? Es riihrt davon her, daB in den 
Wirtschaftskreislauf, das heiBt in die Warenerzeugung, in die Waren- 
zirkulation und Warenkonsumation, die einzig in den Wirtschaftskreis- 
lauf hineingehoren, in chaotischer, in unorganischer Weise auch hinein- 
gestellt ist die Regelung der Arbeit nach MaB, nach Zeit, nach Charak- 
ter usw. Und nicht eher wird Heil auf diesem Gebiete, bis aus dem Wirt- 
schaftskreislauf Charakter, MaB und Zeit der menschlichen Arbeit 
herausgehoben ist, ob sie geistige, ob sie physische Arbeit ist. Denn 
die Regelung der Arbeitskraft gehort nicht in das Wirtschaftsleben 
hinein, wo derjenige, welcher der wirtschaftlich Machtigere ist, eben 
auch die Macht hat, die Art der Arbeit dem wirtschaftlich Schwachen 
aufzudrangen. Die Regelung der Arbeit von Mensch zu Mensch, was 
ein Mensch fur den anderen arbeitet, das gehort geregelt auf dem 
Rechtsboden, da, wo jeder miindig gewordene Mensch jedem andern 
miindig gewordenen Menschen als gleicher gegeniibersteht. Wieviel 
ich fur den andern zu arbeiten habe, dariiber durfen nicht wirtschaft- 
liche Voraussetzungen entscheiden, sondern einzig und allein das, was 
in dem zukiinftigen Staate, der der Rechtsstaat ist, gegemiber dem 
heutigen Machtstaat, sich entwickeln wird. 

Auch da begegnet man wieder einem Biindel von Vorurteilen, indem 
man dergleichen ausspricht. Heute ist es billig, wenn die Leute sagen: 
Solange die Wirtschaftsordnung durch die Vethaltnisse des freien 
Marktes gegeben ist, solange wird es selbstverstandlich sein, daB die 
Arbeit von der Produktion abhangt, davon, wie die Waren bezahlt wer- 
den. Wer aber glaubt, daB es so bleiben miisse, sieht nicht ein, wie ge- 
schichtlich ganz andere Forderungen heraufziehen. In Zukunft wird 
man sagen miissen : Wie toricht ware es, wenn die Menschen, die irgend- 



einen Betriebszweig zu verwalten haben, sich zusammensetzten und 
die Kontobiicher des Jahres 191 8 nahmen und sagten: Da haben wir 
so und soviel erzeugt, wir miissen in diesem Jahre auch soviel erzielen. 
Jet2t ist es September, wir brauchen also, um das zu erreichen, noch 
so und so viele Tage, wo es regnet, und so und soviele, wo Sonnen- 
schein sein muB, und so weiter. - Man kann nicht der Naturgrundlage 
vorschreiben, daB sie sich nach den Preisen richten soil, sondern man 
muB die Preise nach der Naturgrundlage einrichten. Auf der einen 
Seite wird das Wirtschaftsleben an die Naturgrundlage grenzen, auf 
der anderen Seite an den Rechtsstaat, wo auch die Arbeit geregelt wer- 
den wird. Da wird aus rein demokratischen Grundlagen heraus fest- 
zustellen sein, wie lange der Mensch zu arbeiten habe, und danach 
werden sich die Preise bestimmen - das heiBt nach den Naturgrund- 
lagen, so wie heute nach den Naturgrundlagen die Preise in der Land- 
wirtschaft bestimmt werden. Es handelt sich nicht darum, daB man 
liber die Verbesserung kleiner Einrichtungen nachdenkt; es handelt 
sich darum, daB man umdenken und umlernen muB, Erst wenn auf dem 
selbstandig demokratischen Gemeinboden, wo der eine Mensch dem 
andern als Miindiggewordener, als Gleicher dem Gleichen gegeniiber- 
steht, iiber die Arbeitskraft geurteilt wird, und wenn der Mensch als 
freier Mensch diese Arbeit in das selbstandige Wirtschaftsleben hinein- 
tragt, wo nicht Arbeitsvertrage, sondern Vertrage iiber die Erzeugung 
geschlossen werden, erst dann wird aus dem Wirtschaftsleben weichen, 
was heute Unruhe erzeugend darin ist. Das muB durchschaut werden. 

In der Kiirze dieser Zeit kann ich diese Dinge nur andeuten. Ich 
wiirde sehr gern einen Zyklus von Vortragen halten, aber das geht dies- 
mal nicht. Ich muB aber noch darauf hinweisen, wie sich das dritte 
Glied, das Wirtschaftsleben, in dem dreigliederigen sozialen Organis- 
mus gestaltet, wie es in die Zukunft hineinragen soli. 

In diesem Wirtschaftsleben darf nicht, wie bisher, darin sein: 
Kapitalverwaltung, Bodenverwaltung, Produktionsmittelverwaltung 
- das ist iibrigens Kapitalverwaltung -, Arbeitsverwaltung, sondern 
lediglich darf in ihm sein Verwaltung der Warenerzeugung, des Waren- 
umlaufs und des Warenverbrauchs. Und gleichsam die Urzelle dieses 
Wirtschaftslebens, das nur auf Sachkenntnis und Fachtiichtigkeit ge- 



griindet sein soli, die Preisbildung, wie wird sie sich vollziehen miissen ? 
Nicht durch den Zufall des sogenannten freien Marktes, wie es bisher 
in der Volkswirtschaft und in der Weltwirtschaft der Fall war ! So wird 
sie sich vollziehen miissen, daB auf dem Boden von Assoziationen, die 
sachgemaB zwischen den einzelnen Produktionszweigen und den Kon- 
sumgenossenschaften entstehen, durch Menschen, die sachkundig und 
fachtiichtig aus diesen Genossenschaften hervorgehen, organisch das 
erreicht werde, verniinftig erreicht werde, was heute krisenhaft der 
Zufall des Marktes hervorbringt. Es wird in der Zukunft, wenn die 
Feststellung von Art und Charakter der menschlichen Arbeitskraft in 
den Rechtsstaat fallt, ungefahr innerhalb des Wirtschaftslebens sich zu- 
tragen miissen, daB der Mensch fur irgend etwas, was er arbeitend voll- 
bringt, so viel an Austauschwerten erhalt, daB er seine Bediirfnisse da- 
durch befriedigen kann, bis er ein gleiches Produkt wieder hervorge- 
bracht hat. 

Grob, dilettantisch, oberflachlich gesprochen, ware das eben Gesagte 
durch folgendes Beispiel erlautert, aber diese Erlauterung wird heute 
geniigen: Wenn ich ein Paar Stiefel hervorbringe, so muB ich durch 
den gegenseitig fixierten Wert in der Lage sein, durch die Herstellung 
dieses Paares Stiefel so viele Giiter einzutauschen, als ich brauche, um 
damit meine Bediirfnisse zu befriedigen, bis ich wieder ein Paar Stiefel 
hervorgebracht haben werde. Und Einrichtungen miissen vorhanden 
sein, welche innerhalb der Gesellschaft zu regeln haben die Bediirfnisse 
fur Witwen, Waisen, fur Invalide und Kranke, fur die Erziehung und 
dergleichen. DaB aber solche Regulierung der Preisbildung, was einzig 
und allein Sache einer wirtschaftlichen Sozialisierung sein wird, statt- 
finden kann, das wird davon abhangen, daB sich Korperschaften bil- 
den - seien sie gewahlt, seien sie designiert aus den Assoziationen der 
Produktionszweige in Verbindung mit den Konsumentengenossen- 
schaften -, welche berufen sind, im lebendigen Leben die gerechten 
Preise zu vermitteln. 

Das kann nur dadurch geschehen, daB das ganze Wirtschaftsleben - 
allerdings nicht in Form einer Moellendorffschen Planwirtschaft, son- 
dern in einer lebendigen Form - so geordnet wird, daB zum Beispiel 
folgendes beriicksichtigt wird : Nehmen wir an, irgendein Artikel habe 



die Tendenz, zu teuer zu werden. Was bedeutet das? Es wird zu wenig 
von diesem Artikel erzeugt; es miissen nach den Produktionszweigen 
Arbeiter durch Vertrage hingeleitet werden, welche diesen Artikel er- 
zeugen konnen. Wird andererseits ein Artikel zu billig, so miissen Be- 
triebe stillgelegt werden und die Arbeiter davon abgezogen werden 
und durch Regelung in andere Betriebe hineinkommen. Wenn so etwas 
ausgesprochen wird, dann bezeichnen das die Leute heute als schwierig. 
Wer das aber als schwierig ablehnt, um bei kleinen Verbesserungen der 
sozialen Verhaltnisse stehen zu bleiben, der sollte auch wissen, daB er 
damit auch bei den heutigen Verhaltnissen bleiben wird. 

Das zeigt Ihnen, wie durch Assoziationen, die rein aus den Wirt- 
schaftskraften selbst gebildet sind, das Wirtschaftsleben auf sich selbst 
gestellt werden soil, wie das Wirtschaftsleben, iiber welches heute der 
Staat seine Fittiche ausgedehnt hat, in der Tat nur von den wirtschaf- 
tenden Kraften selbst verwaltet werden soil, und zwar so, daB innerhalb 
dieser Verwaltung des Wirtschaftslebens die Initiative des Einzelnen 
moglichst gewahrt werde. Das kann nicht durch eine Planwirtschaft, 
nicht durch Aufrichtung einer Gemeinbewirtschaftung der Produk- 
tionsmittel, sondern einzig und allein durch Assoziationen der freien 
Produktionszweige und durch Ubereinkommen dieser Assoziationen 
mit den Konsumgenossenschaften geschehen. 

Das ist der furchtbare Irrtum, daB die Verstaatlichung, die bisher 
von den fuhrenden, leitenden Kreisen in die Wege geleitet worden ist, 
bis zum Extrem getrieben werden soil, daB iiber das ganze Staatsleben, 
den Rahmen dieses Staatslebens benutzend, Genossenschaften sich 
ausdehnen sollen, wodurch man alien Zusammenhang einer solchen 
Planwirtschaft mit den auBeren Wirtschaftskraften untergraben wiirde; 
wahrend jene Assoziationen, die von der Dreigliederung gemeint sind, 
gerade darauf ausgehen, die voile freie Initiative des Wirtschaftenden 
festzuhalten, offenzuhalten alles, was einen geschlossenen Wirtschafts- 
korper mit dem auBeren Wirtschaftskorper verbindet. 

Allerdings wird manches auch recht sehr anders ausschauen. zum 
Beispiel etwas, worauf ich durch ein Gleichnis nur hindeuten kann. 
Es verlangt die sozialistische Theorie die Auf hebung des Privateigen- 
tums, wie man sagt - lauter Worte, unter denen sich ein sachkundiger 



Mensch nichts vorstellen kann - und Uberfuhrung des Privateigentums 
in Gemeineigentum. Aber das heiBt ja gar nichts. Was etwas heiBen 
kann, das kann ich Ihnen in folgender Weise im Bilde sagen. Heute 
sind die Menschen beispielsweise sehr stolz auf ihre Philosophen. Aber 
liber eines denken die Menschen ziemlich richtig, wenigstens sobald 
es sich um geistige Hervorbringungen handelt; wahrend sie es auf dem 
Gebiete des Materiellen nicht dazu bringen, in gleicher Weise gesund 
zu denken. Denn wie denkt man uber das geistige Eigentum? So denkt 
man, daB man bei dem, was man geistig erwirbt, dabei sein muB. Man 
kann nicht gut sagen: Was ich als geistiges Eigentum hervorbringe, 
das solle durch Gemeinwirtschaft oder durch genossenschaftliches Be- 
wirtschaften hervorgebracht werden. Das wird man schon dem Ein- 
zelnen iiberlassen miissen. Denn es wird am besten dadurch hervor- 
gebracht, daB der Einzelne mit seinen Fahigkeiten und Talenten dabei 
ist, und nicht, wenn er davon getrennt wird. Aber man denkt doch 
sozial, indem das, was man geistig hervorbringt, dreiBig Jahre nach 
dem Tode des Schaffenden - es konnte vielleicht die Zeit viel verkiirzt 
werden - nicht mehr den Erben gehort, sondern demjenigen, der es 
wieder am besten der Allgemeinheit zuganglich machen kann. Das 
findet man selbstverstandlich, weil die Menschen heute das, was sie als 
Geistiges empfinden, nicht als etwas Besonderes schatzen. Aber die 
Menschen machen keinen Versuch, darauf einzugehen, wenn man da- 
von spricht, daB das physische Privateigentum in derselben Weise be- 
handelt werden sollte, daB es nur solange im Privatbesitz sein sollte, 
als man mit seinen Fahigkeiten dabei sein kann, dann aber iibergehen 
sollte -jetzt nicht an diese wesenlose Allgemeinheit, die Korruptionen 
und so weiter furchtbarster Art hervorbringen wiirde, sondern an den- 
jenigen, der wieder seinerseits die besten Fahigkeiten hat und die Sache 
in den Dienst der Allgemeinheit stellen wiirde. 

Wo man unbefangen denkt, zeigen sich solche Dinge schon. Wir 
haben es unternommen, eine Hochschule fur Geisteswissenschaft, das 
Goetheanum, in Dornach bei Basel in der Schweiz zu begriinden. Wir 
nennen es Goetheanum seit dem Zeitpunkt, wo die Welt «verwood- 
rowwilsont » wird, wo es notig wird, daB der Deutsche zeige, daB er 
ein Geistesleben vor den ganzen Erdkreis kiihn hinstellen wird. 



Goetheanum im Auslande als Vertreter des deutschen Geisteslebens 
- anders als es der Chauvinismus macht! Aber ich will jetzt etwas 
anderes hervorheben. Sie wird gebaut, diese Hochschule der Geistes- 
wissenschaft, und sie wird jetzt verwaltet von denjenigen Menschen, 
welche die Fahigkeiten dazu haben, diese Sache ins Leben zu rufen. Wem 
wird sie gehoren, wenn diese jetzigen Menschen nicht mehr unter den 
Lebenden sind? Durch Erbschaft wird sie an niemanden -iibergehen, 
sondern sie wird an den iibergehen, der sie wieder am besten im Dienste 
der Menschheit verwalten kann. Sie gehort eigentlich niemandem. 

Denkt man wirtschaftlich sozial, so entstehen schon diejenigen 
Dinge, die entstehen mussen, wenn Heilsames in der Zukunft gesche- 
hen soil. Das Weitere iiber die Zirkulation des Privateigentums habe 
ich ausgefuhrt in der Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage», 
wo ich gezeigt habe, wie der soziale Organismus gegliedert werden 
muB in seine selbstandigen und als solche zusammenwirkenden drei 
Glieder: in die geistige Organisation mit Selbstverwaltung aus den 
Untergriinden eines freien Geisteslebens heraus, in die staatlich-poli- 
tisch-rechtliche Organisation mit demokratischer Verwaltung, gestellt 
auf das Urteilen eines jeden miindig gewordenen Menschen, und in 
ein Wirtschaftsleben, das lediglich gestellt sein soil in das Urteil der 
sachkundigen und fachtiichtigen einzelnen Personen und Korpora- 
tionen und ihren Assoziationen. 

Das scheint so neu zu sein, daB mir, seit ich diese Sachen in Deutsch- 
land vertrete, auch einmal von jemandem folgendes unterbreitet wor- 
den ist : Du zerteilst da den Staat, der ein Einheitliches sein muB, in drei 
Telle. - Ich konnte darauf nur erwidern, ob ich denn den Gaul in drei 
oder vier Teile zerteile, wenn ich sage : er muB auf seinen vier Beinen 
stehen. Oder wird jemand behaupten, daB ein Gaul nur eine Einheit ist, 
wenn er auf einem Bein steht? Ebenso wenig wird jemand behaupten 
diirfen, daB das soziale Leben, wenn es eine Einheit sein soli, zusam- 
menflieBen muB in einer abstrakten Einheit. Man wird sich in Zukunft 
nicht mehr hypnotisieren lassen mussen von dem abstrakten Einheits- 
staat, man wird wissen mussen, daB er dreigegliedert werden muB, in 
drei Glieder, auf denen er stehen kann : in ein sich selbstverwaltendes 
freies Geistesgebiet, in eine Rechtsorganisation mit demokratischer 



Gesetzgebung, in eine Wirtschaftsorganisation mit rein sachkundiger 
und fachtiichtiger Wirtschaftsverw
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